„Wächter der Tradition“ oder auch nicht

Am 16. Juli ist ein neues Motu Proprio von Papst Franziskus erschienen, und wer sich denkt, das lässt schon das Schlimmste vermuten, dem sei gesagt: Ja.

„Traditionis Custodes“, „Wächter der Tradition“ sind die ersten Worte des Textes, und der ganze Text bleibt ein zynisches Reinwürgen, ein einziger Schlag in die Magengrube. (Allerdings ist es auch bisher ein Reinwürgen mit begrenztem Erfolg geblieben, aber dazu nachher).

Erst mal zum Inhalt. Franziskus nimmt hier Summorum Pontificum zurück, das Motu Proprio von Benedikt XVI. aus dem Jahr 2007, mit dem die Zelebration der alten Messe allen Priestern erlaubt wurde, und geht eigentlich noch ein gutes Stück dahinter zurück. Der instabile liturgische Friede der letzten Jahre, der darin bestand, von der „ordentlichen“ und der „außerordentlichen“ Form des römischen Ritus zu reden, die beide Ausdrucksformen desselben Glaubens seien und nebeneinander bestehen sollten, wird gleich in Art. 1. aufgekündigt:

„Die von den heiligen Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. in Übereinstimmung mit den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils promulgierten liturgischen Bücher sind die einzige Ausdrucksform der Lex orandi des Römischen Ritus.“

Eigentlich erstaunlich: Hier wird gesagt, dass etwas, das jahrtausendelang ziemlich unverändert den Glauben ausgedrückt hat (die alte Messe), ihn jetzt nicht mehr ausdrücken dürfe. (Im Begleitbrief zum Motu Proprio heißt es dazu „Als die zum Ökumenischen Konzil versammelten Bischöfe eine Erneuerung dieses Ritus gefordert haben, wollten sie nicht seine Würde und seine Größe in Abrede stellen. Ihre Absicht war, dass die ‚Gläubigen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysteriums wohl verstehen lernen und so die heilige Handlung bewusst, fromm und tätig mitfeiern‘.“ Wirklich ein erstaunlicher Zynismus gegenüber den Gläubigen, die die heilige Handlung in der alten Messe viel bewusster mitfeiern können, und eine erstaunliche Frechheit, zu behaupten, die Gläubigen hätten zuvor in der Messe alle Außenstehende sein müssen.) Es war zwar immer ein bisschen gekünstelt, die neue Messe als eine legitime, einfach etwas andere Form zu sehen – sie war immer nur eine zusammengestutzte, aufs Allernötigste begrenzte Form der alten Messe, weder ketzerisch noch besonders ausdrucksvoll und gut -, aber es ist schon ein bisschen lächerlich, sie als die Form zu bezeichnen, die die größere Andacht bewirkt, angesichts dessen, wie viel herausgestrichen und banalisiert wurde.

In Art. 2 wird dann wieder dem Diözesanbischof die Zuständigkeit dafür zugewiesen, die Feier der alten Messe zu regeln. Dabei freilich soll er auch gewisse römische Vorgaben aus Art. 3 beachten. Er habe:

„sicherzustellen, dass diese Gruppen [die die alte Messe feiern] nicht die Gültigkeit und die Legitimität der Liturgiereform, der Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Lehramtes der Päpste ausschließen“

In diesem eigentlich (für Franziskus‘ Verhältnisse) erstaunlich klar und knapp formulierten Dokument ein recht schwammiger Absatz. Wenn jemand sagt „akzeptierst du das Konzil und das Lehramt der letzten Päpste?“ kann erstens gemeint sein „hältst du es für ein gültiges Konzil und diese Päpste für legitime Päpste?“. Diese Frage sollte m. W. jeder Katholik bejahen. Die Gültigkeit von Konzilien und Pontifikaten sind mit der Lehre eng verbundene Tatsachen, und Gott gibt uns auch die Sicherheit, dass allgemein anerkannte Päpste und Konzilien gültig sind. (Zum Thema Sicherheit bei der Gültigkeit von Pontifikaten mehr hier.) Aber wie auch immer: Die allermeisten Tradis werden diese Frage ohne große Probleme eindeutig mit „Ja“ beantworten. Es könnte aber zweitens gemeint sein „hältst du jedes Wort, jeden Halbsatz und jede Fußnote in den Dokumenten des Konzils und der letzten Päpste für wahr?“. Auf diese Frage muss man nun nicht mit einem uneingeschränkten Ja antworten. Man kann die Dinge nicht einfach in Bausch und Bogen verurteilen, aber man kann sehr wohl der Meinung sein, dass in den nicht unfehlbaren Teilen Dinge falsch formuliert, missverständlich, zweideutig oder auch mal einfach falsch sein könnten – zumindest da, wo sie früheren Dokumenten des Lehramts widersprechen, denn ganz ohne Grund sollte man diese Dokumente auch nicht angreifen. Diese Meinung vertrete z. B. ich, die Piusbruderschaft, zumindest große Teile der „gemäßigteren“ Tradis in FSSP-Richtung, und auch manche konservative Novus-Ordo-Katholiken. Selbst wer noch die Konzilsdokumente verteidigt, was viele Konservative tun, wird zumindest mit einer gewissen Fußnote in Amoris Laetitia seine Probleme haben. Es könnte aber auch noch drittens gemeint sein „hältst du alle Neuerungen, die sich auf die Stoßrichtung des Konzils und der neueren Päpste berufen, für ganz toll?“ und hier kann jeder Katholik getrost „nein“ sagen, und alle Tradis und konservative Novus-Ordo-Katholiken werden das tun. Im Zuge der nachkonziliaren Reformen wurde bekanntlich auch vieles in einer Weise umgesetzt, die den zurückhaltend formulierten Konzilsdokumenten eindeutig widerspricht. (Aber als ob es etwas bringen würde, darauf hinzuweisen!)

Ähnlich sieht es mit der Frage nach der Legitimität der Liturgiereform aus. Sie ist eine rein gesetzliche Änderung und damit nicht unfehlbar. Und was soll man jetzt akzeptieren? Dass in der neuen Messe keine Häresie ausgedrückt wird? Das akzeptiert auch die Piusbruderschaft. Soll man sie für genauso gut wie die alte Messe halten, nur eben nicht nach dem eigenen Geschmack, soll man finden, dass die Reform eine gute Idee war und den Menschen geholfen hat? Das muss kein Katholik finden. Jeder Katholik kann z. B. der Meinung sein, dass hier eine Verstümmelung der Liturgie passiert ist, die dazu beigetragen hat, die Leute aus den Kirchen zu treiben, indem sie ihnen den Eindruck gab, jetzt werde hier ein anderer Glaube verkündet und es wäre eh nichts, was die Kirche verkünde, fest und sicher. Dafür kann man nicht zum Häretiker erklärt werden.

Und dieser Art. 3 § 1 bietet jetzt eine leichte Handhabe dafür, gegen Tradis vorzugehen, die solche für Katholiken völlig erlaubten Meinungen vertreten.

Außerdem hat der Bischof nach Art. 3 § 2:

„einen oder mehrere Orte zu bestimmen, wo die Gläubigen, die zu diesen Gruppen gehören, sich zur Eucharistiefeier versammeln können (jedoch nicht in den Pfarrkirchen und ohne neue Personalpfarreien zu errichten)“

Mit anderen Worten, wenn die FSSP bisher in der Pfarrkirche zelebriert hat, soll sie daraus vertrieben werden und sich irgendwo eine andere Bleibe suchen. So verringert man natürlich auch die „Gefahr“, dass neugierige Gläubige aus der Novus-Ordo-Pfarrei einfach mal reinschauen. Kirchliche Einheit? Nein, man sperrt die eine Gruppe eben aus. Neue Personalpfarreien sollen die Tradis auch nicht bekommen; sie sollen also ausnahmsweise schon mal die Messe für Leute feiern dürfen, die dazu kommen, aber ihre Gläubigen nicht in der Form eigener Pfarreien organisieren dürfen. (Eine Personalpfarrei ist eine Pfarrei, in der die Zugehörigkeit nicht über den Wohnort bestimmt ist wie bei einer Territorialpfarrei, sondern über Merkmale der Personen.)

Der Bischof habe außerdem:

„am angegebenen Ort die Tage zu bestimmen, an denen die Feier der Eucharistie unter Verwendung des vom heiligen Johannes XXIII. 1962 promulgierten Römischen Messbuchs möglich ist. Bei diesen Feiern sollen die Lesungen in der Volkssprache vorgetragen werden, wobei die Übersetzungen der Heiligen Schrift zu verwenden sind, die von den jeweiligen Bischofskonferenzen für den liturgischen Gebrauch approbiert wurden“

Der Bischof könnte also nach diesem Motu Proprio auch bestimmen, dass die alte Messe z. B. nicht sonntags gefeiert werden dürfe und die Gläubigen damit nach Möglichkeit an den Sonntagen in den Novus Ordo zwingen. Was die Lesungen angeht: Ich finde es tatsächlich am besten, wie ich es bei der alten Messe bisher immer erlebt habe: Der Priester trägt zuerst feierlich gegenüber Gott die heiligen Worte aus der Schrift auf Latein am Altar vor, und dann werden sie noch einmal auf der Landessprache (in einer älteren Übersetzung) von der Kanzel aus vorgelesen, bevor die Predigt kommt. So leidet weder die Heiligkeit noch die Verständlichkeit. Jetzt soll die Lesung sofort in der Landessprache vorgetragen werden, und das in manchmal neueren, zweifelhaften Übersetzungen.

Dann habe der Bischof:

„einen Priester zu ernennen, der als Beauftragter des Bischofs mit der Zelebration und der pastoralen Sorge für diese Gruppen von Gläubigen betraut wird. Der Priester soll für diese Aufgabe geeignet sein, eine Kompetenz im Hinblick auf den Gebrauch des Missale Romanum vor der Reform von 1970 besitzen, eine derartige Kenntnis der lateinischen Sprache haben, die es ihm erlaubt, die Rubriken und die liturgischen Texte vollständig zu verstehen, von einer lebendigen pastoralen Liebe und einem Sinn für die kirchliche Gemeinschaft beseelt sein. Es ist nämlich erforderlich, dass dem beauftragten Priester nicht nur die würdige Feier der Liturgie, sondern auch die pastorale und spirituelle Sorge um die Gläubigen am Herzen liegt

Mit anderen Worten, die Tradis sollen einen Aufpasser bekommen, der schaut, dass sie nicht zu aufsässig werden, und darum wird ein gewisses Blabla mit Schlagworten von wegen „würdig“, „pastoral“ usw. gemacht.

Der Bischof habe auch:

„in den Personalpfarreien, die zum Wohl dieser Gläubigen kanonisch errichtet worden sind, eine entsprechende Überprüfung in Bezug auf deren tatsächliche Nützlichkeit für das geistliche Wachstum durchzuführen und zu bewerten, ob sie beizubehalten sind oder nicht“

„deren tatsächliche Nützlichkeit für das geistliche Wachstum“ – so etwas zu hören, während Tradipfarreien wachsen und gedeihen und in Novus-Ordo-Pfarreien der Altersdurchschnitt bei ca. 75 liegt, ist schon etwas zynisch. Hier wird eben ein leichter Vorwand geschaffen, unliebsame Personalpfarreien loszuwerden.

Zuletzt habe der Bischof:

„dafür Sorge zu tragen, die Bildung neuer Gruppen nicht zu genehmigen“

Spätestens hier wird es klar: Der Papst ist erschrocken über das Wachstum der Tradis und will sie jetzt so lange im Würgegriff halten, bis sie ausgestorben sind. Noch ein paar Ausnahmeerlaubnisse für die alte Messe, vorübergehend, am Ende soll nur der Novus Ordo übrig bleiben.

Artikel 4 geht in dieselbe Richtung:

„Die Priester, die nach der Veröffentlichung dieses Motu Proprio geweiht werden und beabsichtigen, nach dem Missale Romanum von 1962 zu zelebrieren, müssen eine formale Anfrage an den Diözesanbischof richten, der vor der Erteilung der Genehmigung den Apostolischen Stuhl konsultiert.“

Also doch keine so vollkommene Zuständigkeit des Diözesanbischofs; Rom kann neugeweihten Priestern einfach verweigern, die alte Messe zu feiern, selbst wenn der Bischof es erlauben würde. Aber auch für bereits geweihte Priester gibt es gemäß Art. 5 keine so wirkliche Sicherheit:

„Die Priester, die schon nach dem Missale Romanum von 1962 zelebrieren, sollen vom Diözesanbischof die Genehmigung erbitten, weiterhin von dieser Befugnis Gebrauch zu machen.“

Art. 6 legt fest:

„Die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens, die seinerzeit von der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei errichtet wurden, gehen in die Zuständigkeit der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und der Gesellschaften apostolischen Lebens über.“

Man will keine dauerhaft neben den Novus-Ordo-Gemeinschaften bestehenden traditionellen Orden, sie sollen eingegliedert werden und wahrscheinlich in absehbarer Zeit die neue Messe übernehmen. Nicht nur Summorum Pontificum wird zurückgenommen, nicht einmal mehr die Garantien von Ecclesia Dei von 1988 sollen gelten.

Hostilevado (Schumacher, Katholisches Religionsbüchlein) 001.jpg
Elevation der Hostie, aus einem Volkschullehrbuch von 1920.

In einem Begleitbrief erklärt Franziskus seine Gründe für das Motu Proprio. Die Erlaubnis zur Feier der alten Messe sei bisher nur gegeben worden, um denen, die noch an der alten Messe hingen, die Einheit mit der Kirche zu erleichtern, aber die Tradis hätten sich als Spalter, die das 2. Vatikanum ablehnten und damit am Heiligen Geist zweifelten, gezeigt. Gründe, die alte Messe vorzuziehen, werden nicht anerkannt: „Wer mit Andacht nach der vorherigen Form der Liturgie zelebrieren möchte, wird keine Schwierigkeiten haben, im gemäß der Absicht des Zweiten Vatikanischen Konzils erneuerten Römischen Messbuch alle Elemente des Römischen Ritus zu finden, besonders den Römischen Kanon, der eines der charakteristischsten Elemente darstellt.“

Eine Stelle klingt schon extrem zynisch: „Bei dieser Entscheidung ermutigt mich die Tatsache, dass auch der heilige Pius V. nach dem Konzil von Trient alle Riten außer Kraft gesetzt hat, die nicht ein nachgewiesenes Alter für sich in Anspruch nehmen konnten, und für die ganze lateinische Kirche ein einziges Missale Romanum vorgeschrieben hat.“ Pius V. hat kleine Neuerungen abgeschafft, also muss man jetzt eine extreme Neuerung zur einzig gültigen Form erheben?

Dass die neue Messe bald die einzige Messe sein soll, wird hier sehr deutlich gemacht:

„Es ist vor allem Eure Aufgabe, darauf hinzuarbeiten, dass man zu einer einheitlichen Zelebrationsform zurückkehrt, und in jedem einzelnen Fall die Realitäten der Gruppen zu überprüfen, die nach diesem Missale Romanum zelebrieren.

Die Anweisungen, wie in den Diözesen vorzugehen ist, werden hauptsächlich von zwei Grundsätzen geleitet: Einerseits gilt es, für das Wohl derer zu sorgen, die in der vorhergehenden Zelebrationsform verwurzelt sind und Zeit brauchen, um zum Römischen Ritus zurückzukehren, wie er von den Heiligen Paul VI. und Johannes Paul II promulgiert wurde.“

Man erlaubt ein wenig Zeit, um zum neuen Ritus „zurückzukehren“ – und das war es dann schon. „Traditionis Custodis“ ist eine Regelung, die das kontrollierte Aussterben der Tradis einleiten soll. Aber eine Regelung, die zu spät kommt.

Da wäre erst einmal die erstaunlich postive Reaktion der Bischöfe zu nennen: Bis jetzt hört man vor allem, dass die Bischöfe bisher bestehende Gemeinschaften bestehen lassen wollen (und das sogar aus so absolut verlotterten Diözesen wie Rottenburg-Stuttgart!), oder dass sie das Motu Proprio erst noch studieren müssten. Auch in solchen Hochburgen der Tradition wie Frankreich und den USA sieht es zumindest nach Bestandsschutz aus und zumindest einige Bischöfe unterstützen die Tradis sogar aus offensichtlicher Sympathie. Natürlich gibt es auch ein paar andere Reaktionen – die Bischöfe Costa Ricas verbieten schon mal im Vorhinein alle Bemühungen um die alte Messe, die es bei ihnen vielleicht geben könnte -, aber diese Reaktionen sind nicht so häufig, wie man zuerst erwartet haben könnte.

Die alte Messe ist inzwischen normalisierter geworden, und hat sich weiter verbreitet. Vielleicht wollen manche Bischöfe einfach keinen Wirbel und lassen die Dinge deshalb wenigstens erst mal so, wie sie sind. Vielleicht wollen sie auch nicht, dass frustierte FSSP-Messbesucher zur FSSPX abwandern. Es fragt sich, mit wie vielen Bischöfen Franziskus sich tatsächlich beraten hat, wie er in der Einleitung seines Motu Proprio behauptet.

Bzgl. der alten Messe gab es ja seit der Liturgiereform mehrere Perioden in der Kirche:

1970-1988: Die neue Messe ist eingeführt worden; die alte nicht so wirklich offiziell abgeschafft, aber gilt als abgeschafft. Pfarrer, Ordensgemeinschaften und die neu gegründete Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX), die die alte Messe feiern, werden teilweise zuerst toleriert, dann mit Sanktionen belegt, und machen oft einfach unerlaubterweise weiter. Es gibt aber erst einmal relativ wenige von ihnen.

1988-2007: Nachdem Erzbischof Lefebvre, der Gründer der Piusbruderschaft, zusammen mit einem brasilianischen Bischof unerlaubterweise vier Weihbischöfe geweiht hat, werden die sechs Bischöfe für automatisch exkommuniziert erklärt und den Gläubigen wird noch strikter als bisher verboten, an den Messen der FSSPX teilzunehmen. Dafür gibt es ein leichtes Entgegenkommen gegenüber einigen Priestern, die Lefebvres Schritt nicht mitgehen wollen und die Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) gründen, und ein paar kleineren Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften bekommen gemäß Ecclesia Dei die beschränkte Erlaubnis, die alte Messe zu feiern (wobei die Diözesanbischöfe sie noch behindern können), halten sich mit Kritik an der nachkonziliaren Entwicklung mehr zurück und beharren auf der „Hermeneutik der Kontinuität“. Sie sind jetzt der vatikanischen Kommission Ecclesia Dei unterstellt.

2007-2021: Benedikt XVI. erklärt in Summorum Pontificum, dass die alte Messe nie verboten war und neben der neuen Messe bestehen soll; grundsätzlich hat jeder Priester die Erlaubnis, sie zu feiern; die FSSP wächst, und auch mehr Diözesanpriester feiern zumindest neben der neuen auch die alte Messe.

Es ist für einen Bischof jetzt nicht mehr so leicht, die alte Messe zu behindern wie, sagen wir, 1980; das macht die Reaktion der Bischöfe verständlich. Trotzdem; mit einigen Schwierigkeiten mehr werden viele zu rechnen haben, zumindest wenn bisher unentschlossene Bischöfe das Motu Proprio ausreichend „studiert“ haben, oder es darum geht, für neugeweihte Priester eine Zelebrationserlaubnis zu bekommen.

Und die sonstigen Reaktionen? Ich habe von Freunden gehört, dass sie jetzt entschlossener sind, immer zur alten Messe zu gehen, oder dass sie jetzt die FSSPX besser verstehen – also das Gegenteil von dem, was Franziskus bewirken wollte. Man ist schon lange genug teilweise am Rand gestanden und jetzt bereit für ein bisschen mehr Gegenwind von einem Papst, zumindest von diesem Papst, der schon lange gezeigt hat, dass er uns hasst, während man Benedikt und Johannes Paul II. noch einiges zugute halten musste. Man lässt sich nicht mehr so leicht einschüchtern, weil man mittlerweile gewöhnt ist, sowieso nur noch ärgerlich auf Pius XIII. zu warten.

Die FSSPX selber fühlt sich bestätigt und fordert die Gläubigen, die die alte Messe entdeckt haben, auf, sich klarzumachen, wie wichtig sie ist. Papst Franziskus vertritt eigentlich aufs Klarste das, was sie von Rom immer wieder befürchtet hat und weswegen sie sich den Anweisungen der Päpste verweigert hat, nämlich das Ziel, die alte Messe ganz zu unterdrücken. Jetzt zeigt sich: Diese Einstellung war zwar bei Benedikt XVI. irgendwann nicht mehr da, aber auf jeden Fall ist sie bei Franziskus wieder aufgetaucht.

Die FSSP verhehlt ihre Empörung darüber, dass sie, obwohl sie immer die „Hermeneutik der Kontinuität“ vertreten hat und den Bischöfen gehorsam war, jetzt angegriffen wird, nicht sehr. („Die Petrusbruderschaft erkennt sich in keiner Weise in den vorgebrachten Kritikpunkten wieder. […] In diesem Zusammenhang möchten wir einerseits unsere unerschütterliche Treue zum Nachfolger Petri bekräftigen und andererseits zum Ausdruck bringen, dass wir unseren Konstitutionen und unserem Charisma treu bleiben und den Gläubigen weiterhin dienen wollen, wie wir es seit unserer Gründung getan haben. Wir hoffen, auf das Verständnis der Bischöfe zählen zu können, deren Autorität wir immer respektiert und denen gegenüber wir uns stets loyal verhalten haben.„) Wobei hier auch nicht ganz klar wird, zu wie viel Gehorsam sie weiterhin bereit ist, wenn Bischöfe sie jetzt behindern wollen.

(Ich weiß ja nicht, wie es kommen wird, aber es wäre schön, wenn sich angesichts dessen, dass man jetzt gemeinsam an den Rand gedrängt wird, FSSPX und FSSP wieder annähern würden.)

Denn eins ist ja klar: Dieses Motu Proprio ist absolut illegal. Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz; ein Gesetz, das dem Gemeinwohl widerspricht, hat keine Gesetzeskraft, und das hier widerspricht ihm eindeutig, indem es die Messe abschaffen will, die Gott objektiv mehr ehrt und vielen Gläubigen hilft, und indem es die anständig ausgebildeten Priester in ihrer Seelsorge behindern will.

Da muss man sich auch keine Sorgen machen, zum Schismatiker zu werden. Ungehorsam ist etwas anderes als Schisma; wenn der Papst einem sagt „hol meine Schuhe“, und man gehorcht nicht, ist man auch noch kein Schismatiker, sondern einfach ungehorsam. Schismatiker ist man, wenn man sich grundsätzlich vom Papst trennen will, grundsätzlich seine Autorität nicht anerkennt. Und bloßer Ungehorsam kann manchmal gerechtfertigt sein. (Das Gegenargument „wenn du selber entscheidest, wann du gehorchen willst, gehorchst du ja nicht wirklich“ ist Unsinn. Im Normalfall zu gehorchen und in Ausnahmefällen nicht, ist natürlich Gehorsam, es ist nur kein blinder Gehorsam. Wenn jemand, der keine Befehlsgewalt hat, mir etwas sagt, das gut und nützlich wäre, muss ich nicht auf ihn hören, weil ich meine Freiheit habe; beim Papst muss ich es grundsätzlich, auch wenn ich etwas anderes vielleicht für nützlicher halten würde oder gerade keine Lust darauf habe. Aber wenn ich einen guten Grund habe, darf ich ungehorsam sein.) Wenn etwas Schädliches, Lächerliches, Entwürdigendes oder Sündhaftes befohlen wird, überschreitet der Papst schlichtweg seine Befehlsgewalt. Man sagt auch nicht, Kinder dürften einem Vater, der sie misshandelt, nie ungehorsam sein. Von einem solchen Vater muss man sich auch manchmal ein Stück weitentfernen, ohne dabei zu leugnen, dass er der eigene Vater ist. Und genau das ist die Situation, in der wir uns jetzt befinden, und man muss sich auch nicht Leuten unterwerfen, die diese Misshandlungen ermöglichen oder schönreden.

Der Papst kann jemanden nicht gegen seinen Willen zum Schismatiker machen. Wenn er sagen würde, „Zenzi, mach jetzt 50 Liegestütze, sonst bist du nicht mehr katholisch“, könnte ich ihm den Vogel zeigen und weggehen, und wäre noch genauso katholisch wie vorher. (Wobei ich dem Papst vermutlich nicht den Vogel zeigen würde, sondern etwas respektvoller Nein sagen würde.)

Es kann sein, dass es sich manchmal als taktisch klüger erweise, in einzelnen Dingen zu gehorchen (z. B. gegenüber einem Bischof, der einem gegenüber halbwegs freundlich eingestellt ist), aber das ist eine Frage der Taktik, nicht der moralischen Verpflichtung.

Eins zeigt dieses Motu Proprio aber auch: Benedikts Rücktritt war ein Fehler. Auch wenn er meinte, es wäre das Richtige, er hätte uns nicht verlassen dürfen mit der Aussicht darauf, einen möglicherweise schlechten Papst zu bekommen. Und er hätte Jorge Bergoglio nie zum Kardinal machen dürfen. Jede Art von Häme wäre hier furchtbar; mir tut Benedikt einfach nur leid, wenn er jetzt hören muss, wie Franziskus sein Werk zerstört.

Aber wir werden das überleben. Es werden sich Möglichkeiten finden. Und irgendwann vielleicht doch noch Pius XIII.

Schlecht und in sich schlecht

„Das ist ja nicht in sich schlecht“ tröstet man sich als Katholik manchmal. Eine schöne Gelegenheit zu solchen Selbsttröstungen bieten z. B. Entscheidungen von Papst Franziskus. Er macht zwar viel, was einem sauer aufstößt, aber soll man nicht lieber den Mund halten und gehorchen, weil, es ist ja normalerweise nicht in sich schlecht? Und dann muss man es wohl akzeptieren.

Aber „in sich schlecht“ ist eben gerade nicht die einzige Art von „schlecht“. Es gibt Dinge, die ihrem Wesen nach (in sich) schlecht sind, und Dinge, die es nur durch die Umstände sind. Einen unschuldigen Menschen direkt zu töten ist in sich schlecht, aber Todesstrafe, Krieg und Notwehr nicht. Trotzdem wäre es sehr schlecht, die Todesstrafe für Falschparken zu verhängen; einen Krieg anzufangen, weil einem die Nase des Präsidenten des Nachbarlandes nicht gefällt; oder in Notwehr gegen einen Freund, der einem in betrunkenem Zustand aus Ärger einen leichten Schlag gegen den Arm versetzt hat, zur Pistole zu greifen und ihn zu erschießen. Eine Lüge ist in sich schlecht, während es nicht in sich schlecht ist, die Wahrheit zu verheimlichen. Es wäre aber sehr schlecht, jemandem zu verheimlichen, dass er nur noch zwei Monate zu leben hat, oder dass man weiß, dass seine Frau ihn betrügt, weil er ein Recht hätte, das zu erfahren; das wäre auch eine größere Sünde als eine kleine Lüge darüber, wieso man fünf Minuten zu spät zu einer Verabredung gekommen ist.

„In sich schlecht“ und „durch die Umstände schlecht“ bezeichnet die Art, nicht die Größe der Sünde. Wenn etwas in sich schlecht ist, macht das die Entscheidung schlicht sehr einfach; bei Abtreibungen z. B. brauchen wir gar nicht erst zu diskutieren anfangen, ein unschuldiges Kind zu töten ist immer falsch. Aber auch bei schwierigeren Entscheidungen, wo man auf Angemessenheit, auf Verhältnismäßigkeit schauen muss, und die Tugend der Klugheit stärker zur Anwendung bringen muss, kann man nicht einfach willkürlich irgendwas tun. Ist dieser konkrete Krieg gerechtfertigt? Sollte man in diesem oder jenem Land einen Mindestlohn einführen, damit der nach der katholischen Soziallehre notwendige gerechte Familienlohn gesichert ist, und wenn ja, wie hoch? Wie hält man es mit der Einwanderungspolitik, wie mit dem Umweltschutz? Da gibt es überall vernünftige Kriterien, und rechtgläubige Katholiken, die einigermaßen vernünftig und sorgfältig nachdenken und genug wahre Informationen haben, sollten in ihren praktischen Schlussfolgerungen am Ende nicht zu extrem weit auseinanderliegen.

Natürlich kann einer mal zu wenige Informationen über die konkrete Lage haben, oder einzelne Dinge anders gewichten, oder irgendwo einen Irrtum in seinen Schlussfolgerungen haben. Man sollte bei Klugheitsfragen auch nicht panisch werden. Manchmal muss man sich im Zweifelsfall nach Faustregeln richten und das besser scheinende wählen, auch wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, weil man sich für irgendetwas entscheiden muss.

Aber mir geht es hier darum, dass man auf Bedenken anderer Leute nicht einfach mit „Das ist nicht in sich schlecht, das kann grundsätzlich erlaubt sein, also halt die Klappe und kritisier es nicht“ reagieren kann.

Als Beispiel: Papst Franziskus hat jetzt das Kirchenrecht dahingehend geändert, dass auch Frauen das Amt des Akolythen und Lektors übertragen werden kann.

[Das heißt übrigens nicht, dass es vorher illegal war, dass Frauen in der Messe die Lesungen vortrugen, denn das geht auch ohne das offizielle Amt des Lektors. Hier ein bisschen Kirchenrechtsgeschichte: Die drei höheren Weihen (Diakon, Priester, Bischof) sind göttlichen Rechts und existieren seit den Zeiten der Apostel. Ein wenig später (schon im 3. Jahrhundert liest man solche Titel) wurden die vier niederen Weihen eingeführt, die nur kirchlichen Rechts sind: Das waren Ostiarier (Türhüter), Exorzist, Lektor, Akolyth (Ministrant). Die niederen Weihen wurden von Paul VI. vor ein paar Jahrzehnten abgeschafft, aber die Beauftragung zum Amt des Lektors und Akolythen (keine Weihe mehr) ist immer noch ein Teil des Werdegangs von Priesterseminaristen. Allerdings konnten die Aufgaben, die zu diesen Ämtern gehörten, auch da schon von normalen Laien übernommen werden – den gewöhnlichen Ministranten und den Leuten, die die Lesungen in der Messe vortragen. Was sich jetzt geändert hat, ist, dass auch Frauen dieses offizielle Amt bekommen können, statt nur als quasi „Notlösung“ vorzulesen.]

Es ist also (da so etwas kirchlichen, nicht göttlichen Rechts ist) nicht in sich schlecht, Frauen als Lektor oder Akolyth zu beauftragen, aber es ist aus den Umständen schlecht: Weil es selbstverständlich allgemein als allmähliches Nachgeben der Kirche auf dem Weg zum Frauenpriestertum gedeutet werden wird.

Ähnliches gilt für so vieles andere, was seit ca. sechs Jahrzehnten in der Kirche vor sich geht. Es war nicht in sich schlecht, z. B. bei der Liturgiereform etliche sehr schöne Gebete aus der Messe zu werfen oder zu verflachen, das Latein als heilige Liturgiesprache aufzugeben und die Orientierung des Priesters, der sich gemeinsam mit dem Volk zum Hochaltar Richtung Osten wandte, mit der Orientierung Richtung Volk zu vertauschen. Nicht in sich falsch; aber es sandte das Signal, dass irgendwas in der Kirche bisher ganz furchtbar falsch gemacht worden war, man jetzt alles anders machen sollte, und dass man im Grunde nicht mehr dasselbe glauben durfte, was man vor der Erleuchtung durch das 2. Vatikanum geglaubt hatte.

Und damit sandte es – genau wie Franziskus‘ Aktionen jetzt – die Botschaft, die Kirche wäre eben nicht so unveränderlich, wie sie sich gegeben habe, wäre nicht wirklich die Kirche Gottes, der Papst nicht wirklich der Stellvertreter Christi. Und wenn der jetzige Papst was ganz anderes lehrt als Papst Gregor der Große oder Papst Bonifaz VIII., wieso sollte man dann der Kirche überhaupt vertrauen? So werden sich auch Leute abwenden, die sich vielleicht für die Kirche interessiert hätten, gerade weil sie so unmodern ist und sich nicht angepasst hat, und die dann von Kirchenleuten wie dem Papst selbst davon überzeugt worden sind, dass sie es wohl doch nicht ist.

Natürlich kann jeder, der sich gut informiert, wissen, dass die eigentlichen Dogmen eben nie geändert wurden, und schwerwiegende Unklarheiten, Halbherzigkeiten und Missbräuche vonseiten der Hierarchie nichts dran ändern; dass die päpstliche Unfehlbarkeit, wie sie das 1. Vatikanische Konzil definiert hat, eben nur bedeutet, dass der Papst kein falsches Dogma verkünden, und nicht, dass er sonst nichts falsch machen kann. Aber genau darum geht es: Jeder, der sich aus eigenem Antrieb aus gut katholischen Quellen informiert. Wer nicht viel vom Katholizismus weiß, und nur am Rande in den Nachrichten oder der Zeitung was mitkriegt, oder vielleicht mal auf eine offizielle Bistumsseite oder in die durchschnittlich liberale Kirchenzeitung schaut, wenn er sich doch dafür interessiert, was wird der denken?

Auch Dinge, die nur durch die Umstände schlecht sind, darf man kritisieren – vor allem, wenn es wirklich sehr deutlich zu sehen ist, dass die Umstände es schlecht machen.

Von Synkretismus und der Amazonassynode

Update: Möglicherweise ist das Bischof-Kräutler-Zitat (er habe nie einen Indio getauft) nicht authentisch.

Fassen wir gewisse Ereignisse bei der Amazonassynode in Rom mal zusammen:

  • In den Vatikanischen Gärten findet am 4. Oktober in Anwesenheit des Papstes ein komisches Ritual statt, das viele Katholiken ziemlich irritiert. Dabei werfen sich Leute vor zwei Holzfiguren auf den Boden, die nackte schwangere Frauen darstellen (und nicht besonders hübsch gemacht sind, freundlich ausgedrückt). Der Papst sitzt dabei, legt seine Notizen für eine Ansprache beiseite, und spricht nur ein Vaterunser; außerdem segnet er eine der Statuen, die man ihm bringt. Das Ganze wirkt auf viele neopagan und synkretistisch, das Wort Götzendienst macht die Runde, die Statuen seien möglicherweise Darstellungen der „Pachamama“, „Mutter Erde“ (eigentlich eine Gottheit aus den Anden, nicht dem Amazonasgebiet). Liberalere Stimmen in den katholischen Medien und sozialen Medien behaupten, die Figuren hätten den Besuch Marias bei Elisabeth dargestellt, der Titel „Unsere Liebe Frau von Amazonien“ schwirrt herum.
  • Am 16. Oktober widerspricht bei einer Pressekonferenz ein Vatikansprecher, Giacomo Costa. Es sei nicht die Jungfrau Maria, wer hätte gesagt, es wäre die Jungfrau Maria? Es gäbe hier nichts zu wissen, es sei eine weibliche Figur, die das Leben repräsentiere, „weder heidnisch noch heilig“ (obwohl man sich vor ihr auf den Boden geworfen hat wie Muslime beim Gebet??) . Auch laut einem weiteren Pressesprecher, Ruffini, repräsentierten die Figuren „das Leben“, nicht die Gottesmutter.
  • Am 21. Oktober taucht ein Video auf, das zeigt, wie zwei Personen die Holzfiguren aus der römischen Kirche, in der sie inzwischen stehen, mitnehmen und in den Tiber werfen. Auf liberaler Seite ein Riesenaufschrei: Respektlosigkeit, Rassismus gegenüber den Indigenen. Auf konservativer und traditionalistischer Seite zum Teil Jubel, zum Teil ein paar Vorbehalte (wie: die hätten das nicht anonym machen sollen, das löst das eigentliche Problem nicht, man dürfe nicht stehlen (obwohl das ja definitiv nicht unter die Definition von Diebstahl fällt, die im Katechhismus steht*)…)
  • Am 25. Oktober meldet sich der Papst selbst zu Wort. Die Figuren seien wiedergefunden worden und befänden sich bei der Polizei; er entschuldige sich als Bischof der Diözese für den Diebstahl. Das Erstaunliche: Der Papst selbst nennnt die Dinger „Pachamama-Statuen“. (Manche postulieren, er habe sie ja bestimmt nur so genannt, weil sie unter diesem Namen in den Medien bekannt geworden seien.) Außerdem sagt er, der Polizeichef habe vorgeschlagen, sie bei der Abschlussmesse der Synode aufzustellen, wozu er sagt, man werde sehen, er delegiere das an den Staatssekretär.
  • Am 26. Oktober steht eine der Figuren in der Synodenhalle.

Screenshot (1456).png

(Hier im Bild unten mittig im Boot.)

Ich will gar nicht wissen, wie es morgen weitergeht.

Was soll man dazu noch sagen?

Erstens, ja, „das Leben“ oder die „Mutter Erde“ auf diese Weise darzustellen und anzubeten ist absolut antichristlich. Das ist Pantheismus (Vergöttlichung der nur von Gott geschaffenen Welt) und Götzendienst. Da hilft auch nicht der Einwand, auch in älteren Kirchen fände man allegorische Frauengestalten, die z. B. die Gerechtigkeit darstellen. Vor diesen Statuen wirft man sich nicht nieder und bringt man keine Gaben dar. Das tut man nur vor Wesen, die wirklich ansprechbar sind und einem Bitten gewähren können. Die Erde/Natur kann das nicht; und sie ist übrigens auch nicht perfekt, sondern gefallen und enthält ziemlich viel Brutalität – Tod, Schmerzen, Parasitismus, das Recht des Stärkeren… (Einen solchen Vorgang könnte man vielleicht eher noch mit dem „Kult der Vernunft“ bei der Französischen Revolution vergleichen als mit normalen Statuen der Iustitia oder Prudentia, und selbst dieser Vergleich ist schief.) Selbst wenn man argumentieren wollte, es ginge nur um Verehrung, wie bei den Heiligen, nicht um Anbetung, wie bei Gott, zieht das nicht, weil man die Erde nicht auf diese Weise verehren kann – und der Vorgang sah schon sehr nach Anbetung aus. Ja, es gab schon manchmal Unklarheiten, ob eine Tradition in einem heidnischen Land wirklich Götzendienst ist oder ob Christen sie – vielleicht abgewandelt – übernehmen können, wie bei dem Streit um die chinesischen Riten (ob chinesische Christen sich weiterhin vor den Bildern ihrer Ahnen verbeugen dürften). Aber das Verbeugen vor den Ahnenbildern konnte einfach als Erfüllung des Gebots „Ehre Vater und Mutter“ gesehen werden und wurde von vielen Chinesen so gesehen, und es war in der Kirche immer klar, dass ein wirklicher Kult gar nicht gehen würde. Hier wollen manche nicht mal die Frage zulassen, ob das Ganze  evtl. problematisch sein könnte.

Zweitens muss man schließlich auch den Kontext sehen. In Lateinamerika haben Synkretismus, Pan- und Polytheismus und weiße und schwarze Magie eine gewisse Tradition und kommen in letzter Zeit stärker wieder (auch in neu erfundenen Varianten), während die Menschen der Kirche davonlaufen. (Im Vergleich dazu ist der dortige starke Zulauf zu den Evangelikalen und Pfingstkirchen ja noch weniger schlimm.) Alles deutet darauf hin, dass die Gruppe REPAM sich hier ein neues „Mutter-Erde-Bild“ zusammenerfunden hat, das auf diversen idealisierten heidnischen Traditionen basiert (und in das jeder diverse Vorstellungen hineindeuten kann).

Drittens, alle Äußerungen vonseiten des Vatikans und der vorrangigen Synodenorganisatoren lassen darauf schließen, dass sie wirklich nichts gegen einen solchen Pantheismus haben, dass sie kein Problem mit einem synkretistischen Naturkult haben und keinen Widerspruch darin sehen, eine personifizierte „Mutter Erde“ an die Seite von Gott dem Vater zu stellen, was zumindest gravierendes schuldhaftes Unwissen über ihre eigene Religion zeigt. Schon das Instrumentum Laboris geht in diese Richtung. Zuallermindest im Sinn von „Lass sie doch machen, zu erwarten, dass sie das aufgeben, wäre mangelnder Respekt vor ihrer Kultur“, eher noch im Sinn einer Faszination damit, weil diese Bischöfe und nicht-missionierenden Missionare wie Kräutler (seit Jahrzehnten Bischof am Amazonas; „Ich habe noch keinen Indio getauft und werde auch keinen taufen“ [Update: Möglicherweise ist das Zitat falsch]) mit ihrem eigenen katholischen Glauben wohl nicht mehr viel anfangegn können, und nicht glauben, dass er wirklich ein Geschenk und eine befreiende Wahrheit für jeden Menschen wäre.

(In Wirklichkeit ist es ja ziemlich rassistisch, zu glauben, manche Menschengruppen könnten Christus (oder Seine Ratschläge) nicht kapieren.)

Viertens, die Gruppe, die die Figuren hergebracht und die Rituale veranstaltet hat, geht nicht an die Presse und äußert sich nicht. Das könnte sie mit hundertprozentiger Sicherheit; man würde ihnen die Mikrofone sofort unter die Nase halten. Sie könnten sich auch an die Synodenväter wenden oder ein eigenes Youtubevideo machen. Wenn es Marienstatuen wären, kann man wohl annehmen, dass sie sich geäußert hätten.

Fazit: Der Papst macht sich offensichtlich keine Sorgen darum, dass er Leute dazu verführt, Synkretismus und Pantheismus für gut zu halten, und Gott beleidigt, indem er das Aufstellen offensichtlicher Idole an geweihten Plätzen duldet. Dem Auftrag, die Brüder zu stärken, ist er ja noch nie besonders gut nachgekommen – aber ein neuer Tiefpunkt ist das.

Und wie immer gibt es immer noch Katholiken, die alle anderen Katholiken, die es wagen, deswegen Kritik oder auch nur Fragen zu äußern, für das eigentliche Problem halten. Aber das ist ja ein typisches Problem, wenn man einen missbräuchlichen Vater hat: Man will nicht wahrhaben, wie schlecht er einen wirklich behandelt, und die Geschwister dürfen es deswegen nicht aussprechen.

Und leider bleibt uns immer noch keine andere Möglichkeit, als auf Pius XIII. zu warten. Naja, oder vielleicht doch mal das ein oder andere Idol in einen Fluss zu werfen, wenn sich einer traut. Oder vielleicht doch in den Holzofen, dann kann man es nicht mehr herausholen.

Update 1: Die Figuren wurden während der Abschlussmesse immerhin in der Synodenaula gelassen, nicht im Peterdom aufgestellt.

Update 2: Ein gutes Beispiel für die verworrenen Gedanken liberaler Katholiken bietet der Journalist und Papstbiograph Austen Ivereigh, der die Aktion mit den Statuen allen Ernstes damit verteidigt, dass hier kein Götzendienst (Anbetung eines geschaffenen Dings – Statuen) betrieben worden sei, sondern nur Götzendienst (Anbetung eines geschaffenen Dings – Erde).

Screenshot (1503).png

*Der Katechismus definiert den Diebstahl so: „Das siebte Gebot untersagt den Diebstahl, der darin besteht, daß man sich fremdes Gut gegen den vernünftigen Willen des Besitzers widerrechtlich aneignet.“ Es ist kein vernünftiger Wunsch, Götzen zu besitzen (im Gegenteil, der Besitz schadet einem eher), geschweige denn sie in eine Kirche zu stellen. Wenn der Nachbar einem ein Schild mit Beleidigungen in den Garten stellen würde, wäre es kein Diebstahl, es wegzuwerfen, und es wäre auch kein Diebstahl, dem dementen zittrigen Opa sein Jagdgewehr wegzunehmen, damit er sich nicht in den Fuß schießt.

Zu Franziskus und McCarrick

Ich habe weder die Zeit noch die Lust, viel über die neuen Enthüllungen zu schreiben. Trotzdem ein paar Gedanken, weil es vielleicht notwendig ist.

Erstmal die groben Fakten:

Der ehemalige Nuntius für die USA, Erzbischof Carlo Maria Vigano, behauptet, Papst Benedikt habe Kardinal McCarrick (der damals schon aus Altersgründen nicht mehr Erzbischof war), 2008 oder 2009 gewisse Sanktionen auferlegt, nachdem er von McCarricks Missbrauch von Seminaristen erfahren hatte (der Missbrauch von Jugendlichen war offenbar noch nicht bekannt); McCarrick habe ein zurückgezogenes Leben in Gebet und Buße führen sollen und z. B. nicht mehr reisen oder öffentlich die Messe feiern dürfen. Papst Franziskus habe gleich zu Beginn seines Pontifikats davon erfahren und die Sanktionen trotzdem aufgehoben und McCarrick zu einem seiner engen Berater gemacht. Auch einige US-Bischöfe – wie Kardinal Wuerl – hätten von alldem gewusst und McCarrick unterstützt.

Papst Franziskus weigert sich, sich dazu irgendwie zu äußern.

Ein ehemaliger Berater der Nuntiatur bestätigt einige Anschuldigungen.

Ein paar wenige Bischöfe verlangen Antworten und Ermittlungen, Franziskus‘ größte Fans – Austen Ivereigh, Father James Martin SJ usw. – demonstrieren in der Zwischenzeit auf Twitter, dass so ein kleiner Skandal sie in ihrer Papsttreue nicht anficht.

Tja. So langsam hat man den Eindruck, dass der Papst nicht nur ein neuer Honorius I., sondern auch ein neuer Alexander VI. ist – alles in allem ein manipulativer, korrupter Mensch, der sich gerne als Heiliger feiern lässt, diejenigen kaltstellt, die ihm nicht genehm sind, und hintenrum alles Mögliche vertuscht.

Ein paar Dinge, die man im Hinterkopf behalten sollte.

  • Gott wird alle Verantwortlichen früher oder später zur Rechenschaft ziehen, und das könnte für einige nicht schön werden – nach dem, was wir bis jetzt wissen oder annehmen können, zumindest.
  • Es ist gut, wenn der ganze Dreck endlich ans Licht kommt. Es muss verhindert werden, dass es so weitergeht.
  • Die Anschuldigungen sind zwar noch nicht genau bewiesen, fügen sich aber passgenau in das Bild ein, das Franziskus in den letzten Jahren abgegeben hat. Er hat schon zu Beginn seines Pontifikats Missbrauchstäter begnadigt; da konnte man ihm noch gut gemeinte, wenn auch falsch verstandene Barmherzigkeit unterstellen; als er die Anschuldigungen gegen den chilenischen Bischof Juan Barros als Verleumdungen abgetan hat, wurde das schon schwieriger. Und nun also McCarrick.
  • Man muss Vigano nicht mögen, man muss ihm nicht mal glauben, dass er gute Motive hat, um die Anschuldigungen, die er vorbringt, für glaubwürdig zu halten.
  • Ja, Papst Franziskus ist immer noch Papst. Auch wenn es nicht so einfach ist, sich wieder an schlechte Päpste zu gewöhnen – bzw. an einen gleich so extrem schlechten.
  • Wir hatten schon andere manipulative, korrupte Päpste und die Kirche hat es überlebt, weil Gott seine Kirche nicht von Päpsten kaputt machen lässt.
  • Der Papst kann nicht gerichtet werden – aber er könnte zurücktreten. Oder umkehren, Buße tun und in Zukunft Korruption und Vertuschung nicht nur selber bleiben lassen, sondern sie überall bekämpfen. Haha, just kidding. Wahrscheinlich wird er probieren, das Ganze auszusitzen. Mal sehen, wie lange das noch klappt.

Die Anschuldigungen sind sehr detailliert und betreffen zahlreiche Männer aus Franziskus‘ innerem Kreis. Heute tue ich mal etwas, das ich noch nie getan habe: Ich empfehle meinen Lesern, einer Empfehlung von Papst Franziskus zu folgen: Lest das alles selber. Hier gibt es die elf Seiten in englischer Übersetzung. UPDATE: Hier die deutsche Übersetzung.

(John Martin, Die Zerstörung von Sodom und Gomorrha, 1852; Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Zu guter letzt eine der vielen Bibelstellen, die sich einige unserer Kirchenmänner um ihrer eigenen Seele willen zu Herzen nehmen sollten:

„Meine Hand wird gegen die Propheten sein, die nichtige Visionen haben und falsche Orakel verkünden. Sie gehören nicht in die Gemeinschaft meines Volkes und sollen nicht im Verzeichnis des Hauses Israel verzeichnet sein; sie werden nicht in das Land Israel kommen. Dann werdet ihr erkennen, dass ich GOTT, der Herr, bin.
 Gerade deshalb, weil sie mein Volk in die Irre führen und Heil verkünden, wo es kein Heil gibt, weil das Volk eine Mauer aufrichtet und jene sie mit Tünche bestreichen,
 deshalb sag denen, die sie mit Tünche bestreichen: Sie wird einstürzen. Es kommt ein Wolkenbruch und ihr, ihr Hagelsteine, sollt herabfallen und ein Sturmwind bricht los
 und siehe, schon stürzt die Mauer ein. Wird man dann nicht zu euch sagen: Wo ist jetzt die Tünche, die ihr aufgetragen habt?
 Darum – so spricht GOTT, der Herr: Ich lasse in meinem Zorn einen Sturmwind losbrechen, in meinem Groll wird ein Wolkenbruch kommen, in meinem Zorn ein verheerender Hagelschlag.
 Ich reiße die Mauer ein, die ihr mit Tünche bestrichen habt, ich lasse sie zu Boden stürzen und ihr Fundament wird bloßgelegt. Und wenn sie einstürzt, werdet ihr darin umkommen. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin.
 Ich vollende meinen Zorn an der Mauer und an denen, die sie mit Tünche bestrichen haben, und ich sage euch: Die Mauer ist weg und weg sind die, die sie bestrichen haben,
 die Propheten Israels, die über Jerusalem prophezeien und ihm eine Heilsvision schauen, obwohl es kein Heil gibt – Spruch GOTTES, des Herrn.“
(Ezechiel 13,9-16)

[Kurzes Update: Ich möchte mich dafür entschuldigen, Verleumdungen über Alexander VI. zu leichtfertig geglaubt zu haben.]

Ich hab noch mal nachgedacht…

In diesem Beitrag hier habe ich die Meinung geäußert, es wäre klüger gewesen, anstatt mit der correctio filialis noch einen weiteren Einspruch gegen durch Amoris Laetitia begünstigte Irrlehren zu erheben, einfach zu schweigen, den Streit nicht weiter anzufachen, und auf Klarheit unter dem nächsten Papst zu warten, da Franziskus keine geben wird. Ehrlich gesagt sind mir inzwischen Zweifel an dieser Meinung gekommen.

Das Problem ist einfach, dass sich ja nicht alle Wiederverheiratet-Geschiedenen bis zum nächsten Konklave in Luft auflösen, und auch die neuen Scheidungen und Wiederverheiratungen werden nicht ausbleiben. Damit müssen die Seelsorger jetzt umgehen. Bringt es dann wirklich was, das Problem in der Öffentlichkeit totzuschweigen und als Seelsorger einfach zu versuchen, es im eigenen Wirkungskreis weiter mit der alten Praxis zu halten? Es wurden ja unter einzelnen Bischöfen schon Seelsorger wegen einer solchen Einstellung gemaßregelt oder entlassen, und manche Bischofskonferenzen haben offizielle Richtlinien erlassen, die der Interpretation von AL folgen, dass nicht enthaltsam lebende Wiederverheiratet-Geschiedene nicht unbedingt von der Kommunion wegbleiben müssten. In der Öffentlichkeit ist schon längst der Eindruck da, dass sich die Kirche hier geändert hat, dass Franziskus endlich für die überfällige, den armen unterdrückten Katholiken so lange verwehrte Barmherzigkeit gesorgt hat. Bald wird er schon auch noch den Zölibat abschaffen, Frauen weihen, und alle Protestanten zur gemeinsamen Kommunion einladen. Sicher, wenn man immer wieder Klarheit vom Papst fordert, und immer wieder kommt nur Schweigen, dann wird die Öffentlichkeit noch eher meinen, dass der Papst eindeutig die alte Praxis unter seinen Vorgängern ablehnt. Und die ganzen Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Fraktionen in der Kirche werden durch immer neue Proteste auch nicht unbedingt besser.

Aber wäre es besser, gar nichts zu tun? Eine falsche Praxis ohne Widerspruch einschleichen zu lassen, in der Hoffnung, dass sich schon irgendwann wieder alles richten wird, unterm nächsten Papst? Ich bin mir nicht mehr sicher. Vielleicht sollte man das Thema nicht einfach auf sich beruhen lassen. Immerhin hat Kardinal Müller jetzt, nach der correctio, schon vorgeschlagen, eine Disputation über dieses Thema abhalten zu lassen, auch wenn noch in den Sternen steht, ob jemals etwas daraus werden wird (Papst Franziskus ist ja nicht unbedingt bekannt dafür, mit Kardinal Müller einer Meinung zu sein und auf seine Ratschläge zu hören). Auch Kardinal Burke ist wieder im Vatikan, vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass der Papst seine stellenweise rabiate Personalpolitik lockern und seine konservativeren Kritiker eher wieder anhören wird. Ob die inzwischen sechs Initiativen von Theologen und Kardinälen, um Klarheit über AL zu fordern, damit etwas zu tun haben? Keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht auch überhaupt nicht.

Wir, die Schafe in der Kirche, haben jedenfalls an sich das Recht, von unseren Hirten zu erwarten, dass sie uns richtig führen. Dass sie unsere Anliegen achten, dass sie auf unsere Gewissensfragen eingehen, dass sie, anstatt jeden, der wissen will, was jetzt moralisch verpflichtend ist und was nicht, mit „Du Pharisäer!“ abzufertigen, auf solche Fragen klare Antworten geben. Wir haben ein Recht darauf, dass sie das, was Christus ihnen anvertraut hat, den Glauben in seiner ganzen Fülle (denn auseinandergerissen und stückhaft macht er keinen Sinn), bewahren. Wir haben nicht nur Pflichten ihnen gegenüber, wir haben auch Rechte. Dem Papst gehorsam zu sein, das heißt nicht, dass es Majestätsbeleidigung ist, ihn in irgendeiner Weise zu kritisieren. Eine solche Einstellung sollte man wahrscheinlich genausowenig einreißen lassen wie eine falsche Einstellung zur Bedeutung der ehelichen Treue. Vielleicht ist es allein deswegen schon besser, die Diskussionen innerhalb der Kirche, so sinnlos oder unangenehm sie manchmal werden, nicht einfach abbrechen zu wollen.

Oder was meint ihr? Was wäre das Klügere hier?

Lasst es bleiben

Man kann dem Papst so viele Fragen zu Amoris Laetitia stellen, wie man will, er wird nicht antworten. Ja, die Leute wollen Klarheit. Ja, sie wollen wissen, was jetzt eigentlich Sache ist, was der Papst zu dem Thema jetzt eigentlich denkt. Und der Papst hält uns dafür für legalistische Pharisäer und ignoriert uns. Das mag uns aufregen, und wir mögen uns ziemlich ungerecht behandelt und vorverurteilt vorkommen, aber es ist jedenfalls seine Überzeugung. Und, Leute, wir sind hier nicht bei Benedikt XVI. Franziskus ist ein autoritärer Mensch, der macht, was er für richtig hält, auch wenn er dabei von anderen als unhöflich wahrgenommen wird, und der nicht einmal Kardinälen, die ihm Anfragen gestellt haben, eine Audienz gewährt hat. Auf dieses neue Papier von irgendwelchen Theologen wird er erst recht nicht eingehen. Es bringt nichts und es schafft nur noch mehr Streit und beleidigende Online-Diskussionen und gegenseitige Vorwürfe zwischen der einen Katholiken-Fraktion und der anderen. Die Veröffentlichung war kontraproduktiv. Mir wäre auch Klarheit lieber, aber die werden wir unter diesem Papst nicht kriegen.

Tipp: Nicht mehr über das Thema reden als nötig, abwarten bis zum nächsten Papst, und dann wieder fragen. Lasst es bleiben.

 

Noch eins am Ende. Ich habe ein bisschen hin und her überlegt, ob ich das hier überhaupt veröffentlichen soll – Achtung vor unserem Heiligen Vater und so. Ich bin bis jetzt zu keinem rechten Ergebnis in der Frage gekommen, was genau die Achtung vor ihm verlangt, ob wir unseren Ärger mit einigen seiner Handlungen manchmal auch einfach lieber für uns behalten und für ihn beten – und das nicht unbedingt in der „Lieber Gott, bitte mach, dass dieser Idiot sich endlich bekehrt!“-Art – sollten. Aber ich denke mal, es ist manchmal auch ganz gut, wenn wir als „konservative“ Benedikt-Katholiken uns ein bisschen über unsere Frustrationen mit dieser fruchtlosen Debatte um AL und dem Schweigen des Papstes austauschen, anstatt die Frustrationen bloß innerlich weiter zu hegen und zu pflegen. Und es muss auch in Ordnung sein, die Wahrheit über die Situation in der Kirche anzuerkennen und nicht jedes Wort des Papstes so lange schönreden und bejubeln zu müssen, bis ganz sicher niemand mehr etwas daran kritisieren kann. Solange natürlich, wie niemandem hier böse Absichten unterstellt werden. Nein, ich will dem Papst hier auch nichts unterstellen. Wenn er sich im Recht und seine Kritiker so sehr im Unrecht sieht, dass man sie nicht mal beachten muss, dann kann ich das kritisieren, aber er sieht es eben ehrlich so und verhält sich entsprechend seiner Art. Ich kann nicht in ihn hineinsehen. Na ja. Warten wir also, bis Franziskus sich hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft entschließt, auch die Ruhe des Rentner-Lebens zu genießen, und entspannen uns bis dahin.

Ähm, ne, das ist nicht romantisch

Eine unvollständige Liste von Liebesfilm- und Liebesromanklischees, die sich niemals hätten etablieren dürfen:

1) Den falschen Partner vor dem Altar stehen lassen, um zum richtigen zu rennen

Auch wenn zwei Drittel aller Romantic Comedies auf diese Szene nicht mehr verzichten mögen: Das ist nicht romantisch! Aus dem einfachen Grund, dass es ziemlich fies gegenüber dem stehengelassenen Partner ist. Ist jemand, der sich so gegenüber jemand anderem aufführt, mit dem er eine längerfristige Beziehung geführt hat, wirklich ein begehrenswerter Partner, den man unbedingt nehmen muss, wenn er/sie noch in Smoking/Hochzeitskleid angerannt kommt? Für mich klingt das eher nach wankelmütig und unberechenbar. Wenn einem wirklich erst vor dem Altar bewusst wird, dass diese Ehe eine ganz arg schlechte Idee wäre, dann würde ich dessen Denk- und Urteilsvermögen irgendwie anzweifeln. Hat er seinen Partner bis jetzt nicht gekannt? Und muss ich noch erwähnen, dass es ganz besonders keine gute Idee ist, Braut oder Bräutigam stehen zu lassen, weil man in den letzten paar Tagen jemanden kennengelernt hat, zu dem es eben einfach eine ganz besondere Verbindung gibt – Liebe auf den ersten Blick? Das klingt nach einer ebenso tragfähigen Beziehung wie das andere Klischee, „Wieder mit dem Exfreund zusammenkommen, den man nach langen Jahren zum ersten Mal wiedertrifft“. Vermutlich gab es Gründe, aus denen man mit dem Ex nicht mehr zusammen ist. Und selbst wenn das schlechte Gründe gewesen sein sollten, konnte man nicht früher drauf kommen? Leute, bitte: Verlobungen kann man lösen, bevor die Hochzeitsgäste anreisen, die Tische gedeckt sind und der Pfarrer bereit steht.

Aber mei. Wenigstens hat dieses Klischee dem nächsten eine Sache voraus: Es ist immer noch bloß eine Sache der Filme.

2) Öffentliche Heiratsanträge

Die sind zu meinem Entsetzen etwas, das sich nicht mehr nur in Filmen findet. Tut mir leid, aber Heiratsanträge macht man nicht im Restaurant, und nicht vor einem extra engagierten Streicherquartett, und erst recht nicht vor einem gefüllten Footballstadium. Und man stellt sie auch nicht auf Youtube, damit jeder bewundern darf, was man sich Tolles für seine Liebste ausgedacht hat. Das ist kein romantisches Setting, sondern ein sehr, sehr… unangenehmes.

Da gibt es nämlich vor allem ein klitzekleines Problemchen: Was, wenn sie, na ja… „Nein“ sagen möchte? Oder: „Ich glaube, dass wir noch warten sollten“. Oder: „Das kommt jetzt etwas überraschend…“ Tja, wenn die Welt zuschaut, während er auf die Knie fällt und die kleine quadratische Schachtel herauszieht, bleibt ihr leider nur eine Möglichkeit:

  • Verzückt die Hände vor den Mund schlagen.
  • „Ja! Ja, ich will dich heiraten!“ (Entweder hauchen oder rufen.)
  • Sich den Ring anstecken lassen.
  • Nachdem er aufgestanden ist: Leidenschaftlicher Kuss.

Oder so ähnlich.

Ich bin ja ein tendenziell unromantischer Mensch. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn es keinen Antrag mit Ringschächtelchen und Kniefall gibt, sondern man einfach gemeinsam bespricht, wie weit die Beziehung ist. Aber wer Kniefall und Diamantring mag, gerne. Vielleicht ist man sich auch zu absolut-hundert-Prozent sicher, dass sie annehmen wird. Aber dann muss man das trotzdem nicht vor der neugierigen Familie am Nachbartisch und den versammelten Kellnerinnen erledigen. Ist für alle Beteiligten besser. Heiratsanträge sind was Privates.

Ein besonders erschreckendes Beispiel: Dieser Antrag eines venezolanischen Politikers an seine Freundin vor dem Papst:

Sind wir hier bei Germanys-next-most-romantic-proposal? Und ernsthaft: Was macht man bei so was, wenn man ablehnen möchte?

3) Stalking und Kontrolle

I’m looking at you, Twilight.

Ich weiß gar nicht, was ich an den Büchern mal so gut fand. (Die Filme fand ich schon immer entsetzlich. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Kristen Stewart und Robert Pattinson. Erstere kennt nur einen Gesichtsausdruck – bekifft – und Letzterer ist zu absichtsvoll gruselig und braunhaarig für seine Rolle.) Ich mochte „Seelen“ zwar schon immer lieber als Twilight, aber, na ja, wie blödsinnig manches in diesen Büchern ist, fällt einem erst auf, wenn man genauer drüber nachdenkt.

Ein Beispiel: Wenn der Junge aus dem Biologiekurs, den du vor ein paar Tagen oder Wochen kennengelernt hast und mit dem du noch nicht mal zusammen bist, sich nachts ohne dein Wissen in dein Zimmer schleicht und dich beim Schlafen beobachtet, dann würde jeder normale Mensch das eher, na ja, gruselig finden. Und zwar unabhängig davon, ob dieser Junge ein Vampir ist.

Und man folgt dem Mädel, in das man sich verliebt hat, auch nicht heimlich, wenn sie in die Nachbarstadt zum Shopping fährt. Sie hat siebzehn Jahre ohne dich überlebt. (Ja, in dem Fall war es ein glücklicher Zufall, dass jemand da war, aber das ändert am Prinzip nichts.) Und man verbietet ihr auch nicht, ihre Freunde zu treffen, nachdem man dann mit ihr zusammen bist. Dass die Werwölfe sind, ist keine Entschuldigung – jedenfalls, wenn du ein Vampir ist, dann hat das nämlich was von Doppelmoral.

In der Praxis wäre so was keine gesunde Beziehung.

4) Selbstmord nach dem (vermeintlichen oder echten) Tod des/der Geliebten

Ebenfalls (bloß als vermeintlicher Tod und versuchter Selbstmord) in der Twilight-Serie zu finden, aber bekanntermaßen auch schon bei „Romeo und Julia“. Wenn Romeo etwas Hilfe von der Notfallseelsorge gekriegt hätte, hätten beide ein Happy End bekommen können. Aber ne. Wieso ist das eigentlich Shakespeare’s beliebtestes Stück? „Macbeth“ ist so viel besser. Wahrscheinlich könnte ich das auch noch über sämtliche seiner anderen Stücke sagen, wenn wir in Englisch noch etwas anderes als „Romeo and Juliet“ und „Macbeth“ gelesen hätten.

„Ohne dich kann ich nicht leben.“ – Doch. Kann man. Muss man vermutlich irgendwann auch. Bei zwei Leuten ist es relativ wahrscheinlich, dass einer vor dem anderen stirbt. Und, na ja, so was wie Trennungen gibt es auch. Das kann ein psychisch gesunder* Mensch überleben. Auch wenn es nie schön ist.

So, jetzt habe ich hier mal die ganzen Gedanken von einer, die nicht so viel mit Romantik und so anfangen kann, auf die Welt losgelassen. Ob man’s glaubt oder nicht, ich lese tatsächlich gerne Jane Austen. Aber bitte verschont mich mit der nächsten Braut, die aus der Kirche rennt, und Heiratsanträgen vor dem Papst.

* Nichts gegen psychisch Kranke, ich bin auch psychisch krank. Ich meine ja nur, Verzweiflungstaten aus Trauer sollte man sich nicht zum Vorbild nehmen.

Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

Ein Problem, das ich mit unserem derzeitigen Papst, wie er manchmal erscheint, oder zumindest mit manchen seiner Anhänger, habe, ist ihre gewissermaßen selektive Barmherzigkeit. (Ich weiß nicht, ob alles oder auch nur ein größerer Teil dessen, was ich in diesem Artikel beschreibe, auf Papst Franziskus persönlich zutrifft, aber es geht mir auch nicht vorrangig um ihn oder irgendeine andere Person, sondern um ein allgemeines Phänomen. Hier also der offizielle Disclaimer: Dieser Artikel hier ist eigentlich nicht als Papstkritik im strengen Sinne gemeint, er kritisiert eher ein Phänomen, das besonders unter dem derzeitigen Papst wieder stärker aufgelebt ist, das aber nicht gerade neu ist.)

Wie gesagt: Selektive Barmherzigkeit. Was ich damit meine, ist Folgendes:

Man redet von Armut, Demut und Barmherzigkeit. Man tritt ganz betont schlicht auf, damit andere sehen, dass man den alten Prunk der Kirchenfürsten verabscheut. Man zeigt sich bestimmten Sünden gegenüber, die in der Welt beliebt sind, barmherzig, nicht verurteilend, manchmal verständnisvoll, manchmal auch verharmlosend. Andere Sünden dagegen verurteilt man mit den schärfsten Worten, die man finden kann. Ersteres sind meistens die Sünden des Fleisches, letzteres bestimmte Sünden des Geistes. Man betont, wie viel Gutes auch in vor- / außerehelichen Beziehungen zu finden sei, während es ja auch Ehen gäbe, in denen keine gute Beziehung zwischen den Partnern bestehe, und man predigt darüber, wie grauenvoll es sei, sich z. B. wegen seines Glaubens für besser als andere Menschen zu halten, oder wie schlimm Heuchelei sei. Die Lieblingsstelle in der Bibel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Besser ein barmherziger Samariter sein als ein gleichgültiger Priester oder Levit; besser ein moralischer Atheist sein als ein heuchlerischer Katholik. Man setzt sich selbst mit dem Heiland gleich, der gegen den Legalismus und die Rigidität der Schriftgelehrten und Pharisäer auftritt und für die Armen, Gebeugten, Ausgestoßenen einsteht.

Und damit tut man – wenn auch vielleicht unbewusst – ganz genau dasselbe wie das, wofür der Heiland die Pharisäer kritisiert hat: Man sichert sich den Beifall der Welt. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Matthäus 6,5)

Ich meine, Leute, bitte: Die ausgestoßenen Sünder unserer Zeit sind nicht wiederverheiratete Geschiedene. Es sind dicke, alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, oder AfD-Wähler, oder auch religiöse Fundamentalisten, sagen wir mal, in der Nachbarschaft umherwandernde Zeugen Jehovas – Leute dieser Art. Ausgestoßene Sünder sind diejenigen, die tatsächlich in der Öffentlichkeit und in den Medien schlecht wegkommen, ob nun zu Recht (wie in den Evangelien die Ehebrecherin) oder zu Unrecht (wie in den Evangelien die verschiedenen Leprakranken). (Natürlich kann es je nach speziellem Milieu noch zusätzlich ganz unterschiedliche Ausgestoßene oder Verachtete geben: Fleischesser, Flüchtlinge, Katholiken, Juden, Schulmediziner, Feministinnen, Machos, Trump-Wähler, Clinton-Wähler, Klimaskeptiker, Esoteriker, Hausfrauen, und so ziemlich alles, was es gibt, können dazu gehören.)

Und wenn man barmherzig sein will (was man sollte) : auch Unbarmherzigkeit gegenüber Pharisäern ist Unbarmherzigkeit, ob man sie nun bloß für Pharisäer hält oder ob sie es wirklich sind.

Das Problem ist eben: Kein Mensch, der heute hier auf Erden lebt, ist der Heiland. Daher kann auch kein Mensch anderen Menschen ins Herz schauen und endgültig sagen, ob sie nun arrogante Pharisäer sind oder nicht, und erst recht nicht, ob sie sich nicht vielleicht, wenn sie es sind, und wissen, dass sie es manchmal sind, eigentlich gerne bessern wollen.

Diese Art von selektiver Barmherzigkeit ist sicher oft gut gemeint und entwickelt sich dann nur falsch. Aber falsch entwickeln, das muss man sagen, das tut sie sich leider häufig.

Wir alle brauchen eben Barmherzigkeit.

Ein paar Gedanken über die „liberale“ Auslegung von Amoris Laetitia

Die liberale Auslegung von Amoris Laetitia (wiederverheiratet Geschiedene können „in bestimmten Fällen“ die Kommunion empfangen, auch wenn sie nicht enthaltsam leben) ist unlogisch. Sie macht in sich keinen Sinn. Ob sie streng genommen häretisch ist (oder bloß „Häresie begüngstigend“, „nach Häresie schmeckend“, „Ärgernis erregend“ oder was auch immer, um in der Sprache der Lehrverurteilungen früherer Jahrhunderte zu reden), darüber kann man trefflich streiten (ich würde sie nicht streng genommen häretisch nennen – sie ist ja sowieso mehr pastoral als lehrmäßig). Aber sie ist unlogisch und auch pastoral gesehen nicht hilfreich.

Folgende Punkte sollten für jeden Katholiken außer Frage stehen:

  • Eine gültige, sakramentale, vollzogene Ehe ist unauflöslich. Hat Jesus so gesagt. Und hat das Konzil von Trient dogmatisch definiert. Isso.
  • Ehebruch, d. h. Geschlechtsverkehr mit einer anderen Person als dem eigenen Ehepartner, ist Sünde. Und zwar schwere Sünde, da direkt durch das 6. Gebot von Gott verboten. („Du sollst nicht die Ehe brechen.“) Ach ja, und die Zehn Gebote sind übrigens keine willkürlichen Anweisungen, sondern Gebote, die zum Leben führen, die mit Gottes Gnade erfüllbar sind, und von denen niemand, auch Gott selbst nicht, dispensieren könnte.
  • Wenn man eine schwere Sünde begangen hat, beichtet man sie erst, bevor man wieder zur Kommunion geht. Dazu gehört auch, sich vorzunehmen, sie in Zukunft nicht mehr zu begehen. Wenn man nicht vorhat, sein Leben in irgendeiner Weise zu ändern, ist offensichtlich keine Reue vorhanden, die Beichte also ungültig. (Das heißt nicht, dass es nicht sein kann, dass man, wenn man eine Sünde beichtet, trotzdem weiß, dass man sie früher oder später mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit wieder begehen wird. Manche Menschen neigen dazu, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen und zu prahlen, andere werden schnell ungeduldig und unfreundlich, andere vernachlässigen ständig das Gebet; und diese Fehler zu besiegen ist für einen eine langwierige, schwierige Angelegenheit. Ich beichte jedes Mal so ziemlich dasselbe, und das tun wohl die allermeisten Katholiken. Aber der Punkt ist: Solange man sich jedes Mal wieder vornimmt, es in Zukunft besser zu machen – d. h. solange man nach einem Fall wieder aufsteht, auch wenn man weiß, dass man gleich wieder fallen wird, anstatt einfach am Boden sitzen zu bleiben und sich zu sagen, es bringt eh nichts, Gott fordert eben zu viel –, ist das absolut in Ordnung. Gott will vor allem unser redliches Bemühen. Es kann auch einmal sein, dass es einem schwer fällt, schwere Sünden (wie Ehebruch) aufzugeben anstatt bloß lässliche (wie eine kleine gewohnheitsmäßige Prahlerei oder Unfreundlichkeit). Aber ehrlich versuchen muss man es trotzdem, und wenn es nicht geklappt hat, dann bereut man, beichtet, und versucht es nochmal. Der ehrliche Wille, eine Sünde aufzugeben, ist unerlässlich. Sicher kann es auch mal Situationen geben, in denen man ratlos ist und nicht weiß, wie man auf irgendeine Weise Sünde vermeiden kann (in der Moraltheologie nennt man so etwas ein „perplexes Gewissen“), aber in solchen Fällen gibt es immer mögliche Lösungen, auch wenn man sie vielleicht manchmal nicht sehen kann; Gott lässt uns nie nur die Wahl zwischen Sünde und Sünde.)
  • Die Regelung, dass nur die, die sich in einem zumindest einigermaßen objektiv richtigen Verhältnis mit Gott befinden, die Kommunion empfangen dürfen, besteht deshalb, weil es sich bei diesem Sakrament um die Vereinigung mit Jesus Christus handelt, Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens. Wie will man sich mit Christus vereinigen, wenn man beabsichtigt, weiterhin gegen Seinen Willen zu handeln? Kann ein Mafiosi die Kommunion empfangen, wenn er nicht vorhat, seine Geschäfte in Zukunft zu lassen? Oder ein Abtreibungsarzt? Oder jemand, der seine Frau verprügelt, seine Kinder vernachlässigt, seine Angestellten ausbeutet, oder seinen Lebensunterhalt durch professionelle Betrügereien verdient? Das ist ein Widerspruch in sich. Die Kommunion sollte ein Ausdruck der Liebe sein, und wenn man mit seinen Taten und seinem Willen zu Christus „Nein“ sagt, was ist das dann für eine Liebe zu Ihm?
  • Im Zweifelsfall, ob eine Ehe gültig ist, ist sie gültig. In einem Annullierungsverfahren ist das Eheband sozusagen der Angeklagte, und das Prinzip „Im Zweifelsfall für den Angeklagten“ gilt auch im Kirchenrecht. Das ist kein Dogma, aber trotzdem ein sinnvolles Prinzip des Kirchenrechts, an das man sich als Katholik einfach zu halten hat. Gehorsam und so. (In der Diskussion wird gelegentlich der konstruierte Fall erwähnt, dass Betroffene sich „sicher sind“, dass ihre erste Ehe ungültig war, das aber im Annullierungsverfahren nicht beweisen konnten. Mal abgesehen davon, dass eine subjektive Sicherheit nicht immer den Tatsachen entsprechen muss: Selbst wenn die erste Ehe tatsächlich ungültig war, ist die jetzige Beziehung immer noch eine Beziehung ohne kirchliche Trauung – also keine Ehe, also immer noch Sünde.)

Wie gesagt: Das alles sollte außer Frage stehen. Eigentlich. Tun wir mal so, als würden tatsächlich alle Katholiken diese grundlegenden Prinzipien akzeptieren, über die nicht diskutiert werden kann, und fragen wir uns dann, ob es Fälle geben kann, in denen man als „Wiederverheirateter“ guten Gewissens die Kommunion empfangen kann, wenn man nicht mit seinem jetzigen Partner enthaltsam lebt (also in seinem Tun anerkennt, dass diese Beziehung keine Ehe ist und man noch durch das Eheband an einen anderen Menschen gebunden ist).

Amoris Laetitia geht nun an dieser einen umstrittenen und unklaren Stelle offenbar auf die unbestrittene Tatsache ein, dass objektiv schwer sündhafte Taten nicht immer subjektiv schwer sündhaft sind (sie sind es z. B. nicht im Fall von Unwissenheit, Sucht, Handlungen unter Zwang etc., d. h. damit eine Tat tatsächlich schwer sündhaft ist, muss nicht nur die Tat selbst wirklich schlecht sein, sondern sie muss auch mit voller Zustimmung aus freiem Willen und in dem Wissen, dass sie wirklich schlecht ist, begangen werden). Das ist eine Binsenweisheit, die jeder Katholik kennen sollte. Bei Selbstmord zum Beispiel wird das in vielen Fällen der Fall sein (Einschränkung der Willensfreiheit durch psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen). Es kann auch in vielen Fällen bei wiederverheiratet Geschiedenen der Fall sein, die nie wirklich erklärt bekommen haben, wieso die Kirche an die Unauflöslichkeit der Ehe glaubt, und was so schlecht an Scheidung und einer neuen Heirat ist; wir sind alle geprägt von einer Kultur, die der ehelichen Treue oft genug völliges Unverständnis entgegenbringt. Aber: Was hat das mit dieser Situation zu tun?

Wenn, sagen wir mal, ein wiederverheiratet Geschiedener, der vielleicht seine erste Ehe nur kirchlich geschlossen hat, weil man das eben so machte und er eben von seiner Taufe als kleines Kind an Mitglied in dieser Kirche war, sich dann scheiden hat lassen und wieder standesamtlich geheiratet hat, und jetzt ernsthaft zu seinem Glauben gefunden hat und mit dem Pfarrer über seine Situation spricht, dann kann der Pfarrer ihn, wenn er sich darüber beunruhigt, schon damit beruhigen, dass sein bisheriges Leben vielleicht nicht unbedingt schwer sündhaft gewesen sein muss, weil er es ja nicht besser wusste. Aber soll er ihm dann auch sagen, er könne einfach so weiterleben wie bisher – er wisse es ja nicht besser? Tut mir leid, aber das macht keinen Sinn, denn jetzt weiß er es besser. Hier ist AL leider unklar und vage.

Ich möchte hier Pater Edmund Waldstein zitieren, der es besser ausgedrückt hat, als ich es kann, und als Priester die Sache auch konkreter von der pastoralen Seite her beurteilen kann (Übersetzung von mir):

Ja, es ist notwendig, die verschiedenen Grade der Schuld zu unterscheiden – besonders in Bezug auf konkrete Handlungen in der Vergangenheit, für die man jetzt eine Buße auftragen muss (zum Beispiel) – aber es ist höchst töricht und kontraproduktiv, einen geringen Grad subjektiver Schuld für objektiv schlechte Handlungen vorherzusagen, die jemand in der Zukunft begehen will. Wenn jemand zu mir in den Beichtstuhl kommt und sagt, dass er beabsichtigt, weiterhin objektiv ehebrecherische Handlungen zu begehen, dann ist es schlimmer als sinnlos, ihm zu sagen, dass er sich damit wahrscheinlich keiner Todsünde schuldig machen wird, dass mildernde Umstände wahrscheinlich das volle Wissen oder die freie Zustimmung verhindern werden. Was eine solche Person braucht, ist Klarheit, um ihr zu helfen, zur Reue zu finden.

Aber was sagt der Heilige Vater? An einer Stelle sagt er das Folgende: „Viele, welche die von der Kirche angebotene Möglichkeit, ‚wie Geschwister’ zusammenzuleben, kennen und akzeptieren, betonen, dass in diesen Situationen, wenn einige Ausdrucksformen der Intimität fehlen, ‚nicht selten die Treue in Gefahr geraten und das Kind in Mitleidenschaft gezogen werden [kann].’“ (AL, Fußnote 329). Das ist die Art von Entschuldigung, die ich oft im Beichtstuhl höre. Nach meiner Erfahrung ist die schlimmste Antwort auf solche Ausreden, Ausflüchte zu machen oder um den heißen Brei herumzureden. Was sie in aller Klarheit hören müssen, ist, dass man nie eine in sich schlechte Tat begehen kann, damit Gutes daraus entsteht. Vor kurzem brachte jemand genau diese Entschuldigung in der Beichte vor, und ich zögerte ein bisschen, bevor ich antwortete, aber als ich ihr mit ein bisschen Beklemmung eine klare Antwort gab, war sie sehr dankbar – es war wirklich ein Moment der Gnade. Der Heilige Vater stimmt der obigen Entschuldigung nicht ausdrücklich zu, aber sicherlich scheint der natürliche Eindruck, den man aus der Art, wie er sie zitiert, erhält, zu sein, dass er ihr zustimmt, und ich fürchte, dass es das ist, wie Menschen, die nach Entschuldigungen suchen, es aufnehmen werden.

An einer anderen Stelle schreibt er: „Ein Mensch kann, obwohl er die Norm genau kennt, große Schwierigkeiten haben ‚im Verstehen der Werte, um die es in der sittlichen Norm geht’, oder er kann sich in einer konkreten Lage befinden, die ihm nicht erlaubt, anders zu handeln und andere Entscheidungen zu treffen, ohne eine neue Schuld auf sich zu laden.“ (AL, 301) Wiederum, man kann das über bestimmte Handlungen in der Vergangenheit sagen, aber wenn jemand seine ganze zukünftige Lebensweise bedenkt, ist es sehr gefährlich, so etwas zu sagen. Wir wissen, dass es nie notwendig ist, eine Handlung zu begehen, die in sich schlecht ist; Gott gibt uns immer einen Ausweg. Natürlich kann man vorhersehen, dass es wahrscheinlich ist, dass man in einer bestimmten Situation in eine Sünde fallen wird, die zur Gewohnheit geworden ist, aber man kann niemals beabsichtigen, weiterhin Handlungen zu begehen, die objektiv schlecht sind. Wie ist es möglich für jemanden in einer solchen Situation, ehrlich Gott als sein letztes Ziel, höchstes Gut und größtes Glück zu suchen? Man muss diese Art der Argumentation nur auf andere Arten der Sünde anwenden, um zu sehen, wie absurd sie ist. Der Heilige Vater ist immer sehr beredt in seiner Verurteilung von Sünden gegen die Armen gewesen. Bedenken Sie den Fall eines Priesters, der zu einem Kapitalisten, der seinen Arbeitern den gerechten Lohn vorenthält, sagen würde „Sie sind wahrscheinlich im Stand der Gnade, da Sie, obwohl Sie die Forderungen des Evangeliums kennen, nicht fähig sind, ihre inneren Werte zu verstehen.“ Was würde der Heilige Vater zu einem solchen Priester sagen? Er wäre entsetzt, und sehr zu Recht. Ein solcher Priester sollte sagen, was der Heilige Vater selbst sagt: „dadurch, dass sie sich immer hermetischer vor Christus verschließen, der im Armen weiter an die Tür ihres Herzens klopft, [verurteilen sie sich] am Ende […] selbst dazu […], in jenem ewigen Abgrund der Einsamkeit zu versinken, den die Hölle darstellt.“ (Papst Franziskus, Botschaft zur Fastenzeit 2016) Das ist es, was auch Menschen, die beabsichtigen, ein Leben des kontinuierlichen Ehebruchs zu leben, hören müssen.

Also denke ich, zu sagen, dass Personen, die die Forderungen des Evangeliums kennen, beabsichtigen können, weiterhin Handlungen zu begehen, die ihm in schwerwiegender Weise entgehen stehen, bedeutet, solchen Personen ihre Würde als moralfähige Subjekte abzusprechen, die Kraft der synderesis [Gewissen] in ihren Herzen zu leugnen, und ihnen eine Ausrede an die Hand zu geben, um sich selbst in diesem Leben und dem kommenden unglücklich zu machen.

(Quelle hier. Pater Waldstein geht übrigens zuerst auch noch auf die sehr wichtige grundsätzliche Frage ein, in welchen Dingen man als Katholik anderer Meinung sein darf als der Papst.)

Es ist wirklich eine Entwürdigung der wiederverheiratet Geschiedenen, ihnen nicht zuzutrauen, um der Liebe zu Christus willen ihr Leben auf Ihn auszurichten.

Am lächerlichsten in der ganzen Diskussion finde ich es irgendwie immer, wenn angedeutet wird, „früher“ sei das ja alles schön und gut gewesen, aber „heute“ könnten die Menschen eine so strenge Moral einfach nicht mehr fassen, man müsse sich an die moralischen Fähigkeiten der Menschen anpassen und schauen, womit sie zurechtkämen, oder so.

Na ja. Mir wäre nicht bekannt, dass sich die hormonelle Verfasstheit des homo sapiens in den vergangenen paar Generationen dementsprechend verändert hätte, dass er „heute“ nicht mehr in der Lage ist, Triebe zu kontrollieren, mit denen er „früher“ noch spielend fertig wurde. Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber die Ehelehre der Kirche war zu allen Zeiten auch oft schon unbeliebt, wenn auch nicht immer so unbeliebt wie heute. Herodes Antipas heiratete seine Schwägerin Herodias, die sich von seinem Bruder Philippus getrennt hatte, Johannes der Täufer sagte zu ihm „Du hattest nicht das Recht, sie zur Frau zu nehmen“, und das Ergebnis war, dass Herodes Johannes auf Herodias’ Betreiben hin köpfen ließ. Papst Nikolaus der Große (Papst 858-867) musste dem Frankenkönig Lothar II. entgegentreten, der sich von seiner Frau Theutberga scheiden lassen und seine Mätresse Waldrada heiraten wollte. Der König brachte sogar ein Regionalkonzil in Metz dazu, sich auf seine Seite zu stellen – Nikolaus annullierte dessen Beschlüsse und exkommunizierte beteiligte Bischöfe, und Lothar ließ dann sogar Rom belagern; aber Nikolaus blieb fest. Heinrich VIII. erklärte sich selbst zum Oberhaupt der Kirche von England, weil die Kirche festgestellt hatte, dass seine Ehe mit Katharina von Aragon gültig war (während er selbst sich „sicher war“, dass sie ungültig war, und unbedingt Anne Boleyn heiraten wollte), und die Kirche gab dennoch nicht nach; sie gab lieber England verloren, als eine einzige Frau im Stich zu lassen. Auch im 18. und 19. Jahrhundert wurde die katholische Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe oft genug angegriffen. Das ist alles nichts Neues.

Ich erinnere mich, dass ich mich nicht lange nach Erscheinen von AL einmal mit einem Priester unterhalten habe, und das Gespräch dabei auf dieses Thema kam. Ich sagte etwas in der Art, dass es ja, wenn es keine anderen Lösungen für die Situation gäbe, immer noch theoretisch möglich sei, in der zweiten Beziehung enthaltsam zu leben, was ja niemandem unmöglich sei. Er gab mir so halb Recht, sagte aber dann irgendsoetwas wie, na ja, wir beide (er und ich) seien ja vielleicht nicht so triebgesteuert, aber andere Menschen täten sich da vielleicht schwerer – ich weiß den genauen Wortlaut wirklich nicht mehr, aber ich glaube, das Wort „triebgesteuert“ kam tatsächlich vor. Es war wirklich unfreiwillig komisch. Und unfreiwillig herablassend gegenüber den Menschen, um die es ging. Ich glaube schon, dass er es vollkommen ernst meinte; ich halte ihn für einen Priester, der selbst ganz selbstverständlich den Zölibat einhält, gleichzeitig aber besorgt um die „Barmherzigkeit“ gegenüber Menschen in „irregulären Situationen“ ist, und beides nicht unbedingt logisch zusammengebracht hat. Ich halte es nämlich für unwahrscheinlich, dass er oder ich fundamental andere „Triebe“ haben als andere Mitglieder unserer Spezies.

Es ist klar, dass es schwierige Situationen im Leben gibt. Das Leben ist voll von Dilemmata, Fehlern und imperfekten Alternativen. Es ist nur so, dass es die Sache nie besser macht, wenn man sich die Wirklichkeit anders zurechtlegt, als sie ist.

Ich mache mir keine soo furchtbaren Sorgen wegen der momentanen Streitereien um AL. Die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe wird nicht geändert werden, da passt der Heilige Geist schon auf. Aber unkluge und unlogische pastorale Handhabungen von Situationen bestimmter Menschen, falsche oder wenig hilfreiche Äußerungen von Theologen, einzelnen Bischöfen und (vielleicht) sogar dem Papst, wenn er nicht unfehlbar spricht, könnte es trotzdem durchaus noch geben. Eine allgemeine Verwirrung zur Lehre der Kirche und zur Frage der pastoralen Handhabung könnte es geben – die ist ja wohl schon teilweise da. Irgendwann wird sich das dann schon wieder legen, aber die Situation im Moment ist tatsächlich nicht so gut – vor allem, seitdem Papst Franziskus auf die Dubia keine Antwort gegeben hat, wofür ich mir beim besten Willen keinen Grund vorstellen kann.

Ach ja, eins noch: Eigentlich klar sollte übrigens auch sein, dass man unklare Stellen in lehramtlichen Texten im Licht klarer Stellen in anderen lehramtlichen Texten interpretiert… also kann man auch einfach einen Blick in den Katechismus werfen, wenn man wissen will, wie irgendeine Sache aussieht, anstatt sich über die Interpretation einer bestimmten Fußnote in einem 300-seitigen Text (wieso werden päpstliche Schreiben eigentlich immer länger und länger?) zu streiten.

Über den „inneren Wert“ der Unauflöslichkeit der Ehe, soweit wie ich ihn so begriffen habe, habe ich übrigens auch hier schon etwas geschrieben. Ich denke irgendwie, die ganze Debatte geht auch ein bisschen in die falsche Richtung. Das grundlegende Problem ist ja, dass viele Menschen einfach nicht verstehen, was überhaupt so schlimm daran sein soll, wenn man sich trennt, wenn man sich nicht mehr versteht, und dann einen neuen Partner findet. Sprich, die Fokussierung auf den Kommunionempfang ist falsch; es geht darum, den Sinn, den Wert in lebenslanger Treue in guten wie in schlechten Tagen wieder erkennbar zu machen. Es geht um die Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe an sich. Da müssen wir als Katholiken wirklich wieder besser erkennbar machen, wieso wir eigentlich daran glauben, und wieso das so wichtig ist.

So, das waren soweit meine Gedanken zu Amoris Laetitia. Ich gehöre ja nicht zu denen, die pastorale Verantwortung tragen (zum Glück, könnte ich sagen), und so werde ich mich dann mal wieder interessanteren Themen zuwenden. Schwierigen Bibelstellen. St. Edmund Campion. Kinderbüchern. Guter Musik. Whatever.