Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 6a: Die Rolle Roms – Stadt des Martyriums von Petrus und Paulus

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich: Apg 28,16-31; 1 Petr 5,13; Joh 21,18f.

 

Heute geht es um Rom insofern, als die Stadt der Ort des Martyriums von Petrus und Paulus war. In der Bibel kommt beides nicht mehr vor; die Apostelgeschichte endet kurz nach der Ankunft des Apostels Paulus in Rom. Darüber, wo genau Petrus missionierte, nachdem er Jerusalem verließ, erfährt man in der Apostelgeschichte nicht viel, aber am Ende des 1. Petrusbriefs schreibt Petrus „Es grüßt euch die mitauserwählte Gemeinde in Babylon“ (1 Petr 5,13), was ein Deckname für Rom gewesen sein müsste. Aber natürlich schreibt Petrus auch nichts über sein eigenes Martyrium; nur am Ende des Johannesevangeliums wird es in einer Vorhersage Jesu angedeutet, allerdings nur das Martyrium selbst (das zur Zeit der Abfassung des letzten Evangeliums schon geschehen sein dürfte), ohne Ortsangabe (s. Joh 21,18f.). Daher jetzt zu den etwas späteren Quellen.

Der Kirchenhistoriker Eusebius berichtet um 300 n. Chr. über das Martyrium Petri; er zitiert dabei den Bericht eines Christen namens Gaius, der unter Zephyrinus, der von 198 bis 217 n. Chr. Papst war, in Rom lebte, sowie Dionysius, der um 170 n. Chr. Bischof von Korinth war:

„Da er [Nero] sich nun unter den schlimmsten Gottesfeinden besonders hervortun wollte, ließ er sich dazu verleiten, die Apostel hinzurichten. Wie berichtet wird, wurde Paulus eben in Rom unter Nero enthauptet und Petrus gekreuzigt. Dieser Bericht wird bestätigt durch die noch bis heute erhaltenen Namen Petrus und Paulus in den römischen Zömeterien [Friedhöfen, Katakomben] sowie durch einen kirchlich glaubwürdigen Mann, namens Gaius, der unter dem römischen Bischof Zephyrinus lebte und in einem schriftlich überlieferten Dialog mit Proklus, dem Haupte der phrygischen Sekte, über die Stätte, wo die heiligen Leiber der genannten Apostel ruhen, sagt: ‚Ich kann die Siegeszeichen der Apostel zeigen. Du magst auf den Vatikan gehen oder auf die Straße nach Ostia, du findest die Siegeszeichen der Apostel, welche diese Kirche gegründet haben.‘ Daß beide Apostel zu gleicher Zeit den Martertod erlitten haben, behauptet Dionysius, Bischof  von Korinth, in einem Schreiben an die Römer. Er sagt: ‚Durch eure große Sorgfalt habt ihr die von Petrus und Paulus in Rom und Korinth angelegte Pflanzung miteinander verbunden. Denn beide haben in unserer Stadt Korinth die Pflanzung begonnen und uns in gleicher Weise in Italien gelehrt und zu gleicher Zeit den Martertod erlitten.‘ Durch dieses Zeugnis möge meine Erzählung noch mehr beglaubigt werden.“ (Eusebius, Kirchengeschichte II,25)

Um 200 n. Chr. standen also schon länger Gräber, kleine Gedenkstätten, für die Apostel in Rom. („Siegeszeichen“ sagte man, da man das Martyrium als Sieg über den Teufel, als endgültiges Durchhalten, als Eintritt in den Himmel, sah.) Der Vatikan war ein Hügel, der zu dieser Zeit noch außerhalb der eigentlichen Stadt lag. Gaius‘ Bericht passt genau zu den archäologischen Funden; unter dem Petrusgrab im Petersdom wurde bei Ausgrabungen eine antike Ädikula, eine Art kleiner Schrein, aus dem 2. Jahrhundert, gefunden, und daneben eine mit christlichen Graffiti bedeckte Wand, in der in einer mit Marmor ausgekleideten Öffnung Gebeine eines alten Mannes aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. lagen. Um das Petrusgrab herum fanden sich weitere christliche Gräber. Das Petrusgrab fand also früh Verehrung und die römischen Christen bauten erste kleine Gedenkzeichen dort und begruben ihre Toten bei Petrus.


(Rekonstruktion des Bereichs um das Petrusgrab; die Ädikula steht an der roten Wand. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Mogadir.)

Auch im Paulusgrab in St. Paul vor den Mauern hat man Knochen gefunden, die ins 1. oder 2. Jahrhundert datiert wurden.

Schon ein Stück vorher berichtet Eusebius, wie Petrus nach Rom gekommen sei und was dann passiert sei:

„So sehr erleuchtete das Licht der Religion die Herzen der Zuhörer des Petrus, daß sie sich nicht damit begnügen wollten, ihn ein einziges Mal nur gehört zu haben, sie wollten von der Lehre seiner göttlichen Predigt auch Aufzeichnungen besitzen. Daher wandten sie sich mit verschiedenen Bitten an Markus, den Verfasser des Evangeliums, den Begleiter des Petrus, er möchte ihnen schriftliche Erinnerungen an die mündlich vorgetragene Lehre hinterlassen. Und sie standen nicht eher von den Bitten ab, als bis sie den Mann gewonnen hatten. So wurden sie die Veranlassung zum sog. Markusevangelium. Nachdem Petrus durch eine Offenbarung des Geistes von dem Vorfalle Kenntnis erhalten hatte, soll er sich über den Eifer der Leute gefreut und die Schrift für die Lesung in den Kirchen bestätigt haben. Klemens hat diese Tatsache im sechsten Buche seiner Hypotyposen berichtet, und mit ihm stimmt Bischof Papias von Hierapolis überein. Petrus gedenkt des Markus in seinem ersten Briefe, den er in Rom selbst verfaßt haben soll was er selbst andeutet, indem er diese Stadt bildlich Babylon nennt, wenn er sagt: ‚Es grüßt Euch die miterlesene Gemeinde in Babylon und Markus, mein Sohn.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte II,15)

Es gibt aber auch schon frühere Zeugnisse:

Bischof Ignatius von Antiochia erwähnt beide Apostel ca. 107 n. Chr. in einem Brief, den er an die römische Gemeinde vorausschickt, während er auf dem Weg zu seinem Prozess in Rom ist:

„Nicht wie Petrus und Paulus befehle ich euch. Jene waren Apostel, ich bin ein Verurteilter; jene waren frei, ich bin bis zur Stunde ein Sklave. Aber wenn ich gelitten habe, werde ich Freigelassener Jesu Christi sein und werde in ihm auferstehen, ein Freier. Jetzt lerne ich, in den Fesseln wunschlos zu sein.“ (Brief des Ignatius an die Römer 4,3)

Offensichtlich waren also die Apostel bei der römischen Gemeinde gewesen („Nicht wie Petrus und Paulus befehle ich euch“).

Der römische Bischof Clemens erwähnt Petrus und Paulus (und nur sie von den neueren Märtyrern!) in einem Brief  an die Korinther schon ca. im Jahr 95. Auch wenn er nicht direkt sagt, dass sie in Rom zu Märtyrern wurden, passt das gut dazu; sie waren offensichtlich wichtige Beispiele für die römische Gemeinde.

„Aber, um mit den alten Beispielen aufzuhören, wollen wir nun auf die Kämpfer der neuesten Zeit kommen; wir wollen die hervorstechendsten Beispiele unseres Zeitalters herausgreifen. Wegen Eifersucht und Neid haben die größten und gerechtesten Männer, Säulen waren sie, Verfolgung und Kampf bis zum Tode getragen. Stellen wir uns die guten Apostel vor Augen: einen Petrus, der wegen ungerechter Eifersucht nicht ein oder zwei, sondern vielerlei Mühseligkeiten erduldet hat und, nachdem er so sein Zeugnis (für Christus) abgelegt hatte, angelangt ist an dem ihn gebührenden Orte der Herrlichkeit. Wegen Eifersucht und Streit hat Paulus den Beweis seiner Ausdauer erbracht. Siebenmal gefesselt, vertrieben, gesteinigt, Herold (des Evangeliums) im Osten und Westen, holte er sich den herrlichen Ruhm seines Glaubens. Er hatte Gerechtigkeit der ganzen Welt gelehrt, war bis in den äußersten Westen vorgedrungen und hatte vor den Machthabern sein Zeugnis abgelegt, so wurde er weggenommen von dieser Welt und ging ein in den heiligen Ort, das größte Beispiel der Geduld.“ (1. Clemensbrief 5)

Dann gibt es noch ein paar Quellen. In der Petrusoffenbarung (einer Schrift wohl aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, die sich als von Petrus verfasste Schrift ausgab und hauptsächlich von Himmel und Hölle handelt) sagt Jesus gegen Ende zu Petrus:

„Ich habe es, Petrus, zu dir geredet und dir kundgetan. Gehe hinaus also und wandere also in die Stadt des Westens in den Weinberg, den ich dir sagen werde“ (Petrusoffenbarung 14, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 480)

Mit der „Stadt des Westens“ wird wahrscheinlich Rom gemeint gewesen sein. Der Fälscher ging also davon aus, dass die Leute wussten, dass Petrus in Rom gewesen war und fügte das ein, damit seine Schrift glaubwürdig wirken würde.

Dann berichten die Petrusakten (vor 190 n. Chr.), eine teilweise wohl eher legendarische und auch etwas seltsame Erzählung, bei der man aber davon ausgehen kann, dass sie zumindest auf gewissen Tatsachen beruht, die in der kollektiven Erinnerung der Christen präsent waren (z. B. dass Petrus in Rom war und dort hingerichtet wurde), über das Martyrium Petri:

„Petrus aber weilte in Rom und freute sich mit den Brüdern in dem Herrn und dankte Tag und Nacht für die Menge, die täglich zu dem heiligen Namen durch die Gnade des Herrn hinzugeführt wurden. Es kamen aber auch die vier Konkubinen des Präfekten Agrippa zu Petrus, Agrippina, Nikaria, Euphemia und Doris. Als diese die Predigt von der Keuschheit hörten und alle Worte des Herrn, wurden sie in ihrer Seele getroffen; sie verabredeten untereinander, keusch zu bleiben (und sich) vom Lager des Agrippa (fernzuhalten), wurden aber von diesem bedrängt. Agrippa war nun in Verlegenheit und war ungehalten über sie – denn er liebte sie sehr; darum ließ er sie beobachten und schickte (Leute, um festzustellen), wohin sie gingen und erfährt, daß sie zu Petrus (gingen). Als sie nun (wieder zurück) kamen, sagte er zu ihnen: ‚Jener Christ hat euch gelehrt, nicht mit mir zusammenzukommen; wisset, ich werde auch euch vernichten und jenen lebendig verbrennen.‘ Diese nun nahmen es auf sich, alle Übel von Agrippa zu ertragen, (sie wollten aber) sich nur nicht mehr von heftiger Leidenschaft hinreißen lassen, gestärkt durch die Kraft Jesu.

Eine Frau aber, die von besonderer Schönheit war, die Gattin des Albinus, eines Freundes des Kaisers, Xantippe mit Namen, kam zusammen mit den anderen Matronen zu Petrus und versagte sich dem Albinus. Jener nun, voller Wut und von Liebe zu Xantippe entbrannt, wunderte sich, daß sie nicht mehr mit ihm zusammen auf demselben Lager schlafen wolle, und er wurde wild wie ein Tier und wollte des Petrus habhaft werden; denn er erkannte, daß er (Petrus) schuld sei an der Trennung (der Frau) vom Bett. Aber auch viele andere Frauen wurden von der Predigt über die Keuschheit ergriffen und trennten sich von ihren Männern, und (manche) Männer trennten ihr Lager von dem der eigenen Frauen, weil sie rein und unberührt Gott dienen wollten. Es entstand nun in Rom ein gewaltiger Aufruhr und Albinus berichtete seine Erlebnisse dem Agrippa, indem er zu ihm sprach: ‚Entweder schaffe du mir Recht von Petrus, der meine Frau von mir getrennt hat oder ich werde mir selber Recht schaffen.‘ Und Agrippa erklärte, er habe dasselbe von hm erlitten, da er die Konkubinen [von ihm] getrennt habe. Und Albinus sprach zu ihm: ‚Worauf wartest du noch, Agrippa? Wir wollen ihn fangen und als unnützen Menschen töten, damit wir unsere Frauen wiederbekommen und damit wir auch jenen Recht schaffen, die ihn nicht töten können, deren Frauen er auch abspenstig gemacht hat.

Während sie so überlegten, schickte Xantippe, die die Beratung ihres Mannes mit Agrippa in Erfahrung gebracht hatte, und ließ dem Petrus sagen, er solle Rom verlassen. Und die übrigen Brüder forderten ihn gemeinsam mit Marcellus auf, wegzugehen. Petrus aber sagte zu ihnen: ‚Sollen wir entlaufen, Brüder?‘ Sie aber sagten zu ihm: ‚Nein, sondern da du noch dem Herrn dienen kannst, (sollst du weggehen).‘ Er ließ sich aber von den Brüdern überreden und verließ allein (die Stadt) und sagte dabei: ‚Keiner von euch soll mit mir hinweggehen, sondern ich will allein weggehen, nachdem ich mein Aussehen verändert habe.‘ Als er aber zum Tore hinausging, sah er den Herrn nach Rom hineinkommen. Und er sah ihn und sprach: ‚Herr, wohin (gehst) du hier?‘ Und der Herr sagte zu ihm: ‚Ich gehe nach Rom hinein, um gekreuzigt zu werden.‘ Und Petrus sprach zu ihm: ‚Herr, wiederum wirst du gekreuzigt?‘ Er sagte zu ihm: ‚Ja, Petrus, wiederum werde ich gekreuzigt.‘ Da kam Petrus zu sich und sah den Herrn in den Himmel fahren; er kehrte nach Rom zurück, freute sich und pries den Herrn, weil er selbst gesagt hatte: ‚Ich werde gekreuzigt.‘ Das sollte an Petrus geschehen.

Er ging nun wieder zu den Brüdern hinauf und erzählte ihnen, was ihm erschienen war. Sie aber trauerten in ihrer Seele, weinten und sagten: ‚Wir beschwören dich Petrus; denke an uns, die Jüngeren!‘ Und Petrus sagte zu ihnen: ‚Wenn es der Wille des Herrn ist, so geschieht es, auch wenn wir nicht wollen. Euch aber vermag der Herr im Glauben an ihn zu stärken, und er wird (euch) auf ihn gründen und in ihm ausbreiten, (euch), die er selbst gepflanzt hat, damit auch ihr andere durch ihn pflanzt. Ich aber widerstehe nicht, solange mich der Herr am Leben lassen will; und wiederum, wenn er mich hinwegnehmen will, jauchze ich und freue mich.‘ Während Petrus so redete und die Brüder alle weinten, siehe, da ergriffen ihn vier Soldaten und führten ihn vor Agrippa. Und dieser befahl in seiner Krankheit, ihn wegen Gottlosigkeit zu kreuzigen. Es lief nun die ganze Menge der Brüder zusammen, Reiche und Arme, Waisen und Witwen, Niedrige und Mächtige; sie wollten Petrus sehen und ihn hinwegreißen. Das Volk aber schrie unbändig und einstimmig: ‚Was hat Petrus Unrechtes getan, Agrippa? Was hat er Böses getan? Sage es den Römern!‘ Und andere sagten: ‚(Es ist zu fürchten,) daß der Herr auch uns verderbe, wenn dieser stirbt.‘ Und als Petrus an den Ort (der Hinrichtung) gekommen war, beruhigte er die Menge und sagte: ‚Ihr Männer, die ihr für Christus Kriegsdienst leistet, ihr Männer, die ihr auf Christus hofft, gedenket der Zeichen und Wunder, die ihr durch mich (geschehen) gesehen habt; denket an Gottes Mitleid, wie viele Heilungen er euretwegen vollbracht hat. Erwartet ihn, der kommen wird und jedem nach seinen Taten vergilt. Und nun zürnet Agrippa nicht; denn er ist ein Diener der Kraft seines Vaters. Und dieses geschieht jedenfalls, da mir der Herr offenbart hat, was geschehen soll. Aber was zögere ich und gehe nicht an das Kreuz?‘

Als er aber hinzukam und bei dem Kreuze stand, begann er zu sprechen: ‚O Name des Kreuzes, verborgenes Geheimnis; o unaussprechliche Gnade, die mit dem Namen des Kreuzes ausgesprochen ist; o Natur des Menschen, die von Gott nicht getrennt werden kann; o unsagbare und unzertrennbare Liebe, die von unreinen Lippen nicht bekannt werden kann; ich erfasse dich jetzt am Ende, da ich mich von hier löse. Ich will dich bekannt machen, wie du bist. Ich will das meiner Seele einst verschlossene und verborgene Geheimnis des Kreuzes nicht verschweigen. Das Kreuz sei euch, die ihr auf Christus hofft, nicht das, was sichtbar erscheint; denn etwas anderes als das Sichtbare ist dieses (Leiden) gemäß dem Leiden Christi. Und jetzt vor allem, da ihr, die ihr zu hören vermögt, (es hören) könnt von mir, der ich in der letzten Stunde und am Ende meines Lebens stehe, höret: von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern, von allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist. Verschließet diese eure Augen, verschließet diese eure Ohren, (haltet euch fern) von den Dingen, die sichtbar erscheinen! Und ihr werdet das, was Christus betrifft und das ganze Geheimnis eures Heils erkennen. Und dies sei euch, die ihr es hört, gesag, als wäre es nicht gesagt. Die Stunde aber (ist da) für dich, Petrus, deinen Leib denen, die ihn nehmen wollen, hinzugeben. Nehmt ihr also hin, deren Beruf es ist. Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders! Und warum, das werde ich den Hörenden sagen.‘

Als sie ihn nun in der Art, wie er es gefordert hatte, aufgehängt hatten, begann er wieder zu reden: ‚Ihr Männer, die ihr zum Hören berufen seid, vernehmt, was ich gerade jetzt, während ich (am Kreuz) hänge, euch verkündigen werde! Erkennet das Geheimnis der ganzen Schöpfung und den Anfang aller Dinge, wie er war. Denn der erste Mensch, dessen Art ich in (meiner) Gestalt trage, mit dem Kopf nach unten gestürzt, zeigte eine Entstehungsart, die ehemals nicht so war; denn sie war tot, da sie keine Bewegung hatte. Als er nun herabgezogen wurde, er, der auch seinen Ursprung auf die Erde warf, hat er das Ganze der Anordnung festgestellt, aufgehängt nach Art der Berufung, bei der er das Rechte als Linkes und das Linke als Rechtes gezeigt hat, und hat alle Zeichen der Natur geändert, (nämlich) das Nichtschöne als schön zu betrachten und das wirklich Schlechte als Gutes. Darüber sagt der Herr im Geheimnis: ‚Wenn ihr nicht das Rechte macht wie das Linke und das Linke wie das Rechte und das Obere wie das Untere und das Hintere wie das Vordere, so werdet ihr das Reich (Gottes) nicht erkennen.‘ Dieses Verständnis nun habe ich zu euch gebracht, und die Art, in der ihr mich hängen seht, ist die Abbildung jenes Menschen, der zuerst zur Entstehung kam. Ihr nun, meine Geliebten, die ihr es jetzt hört und die ihr hören werdet, müßt ablassen von dem ersten Irrtum und wieder zurückkehren. Denn es sollte sich geziemen, an das Kreuz Christi zu kommen, der da ist einzig und allein das ausgebreitete Wort, von dem der Geist sagt: ‚Denn was ist Christus anders als das Wort, der Schall Gottes?‘ damit Wort sei dieses aufrechtstehende Holz, an dem ich gekreuzigt bin; der Schall aber ist der Querbalken, (nämlich die) Natur des Menschen; der Nagel aber, der an dem geraden Holz den Querbalken in der Mitte festhält, ist die Bekehrung und Buße des Menschen.

Da du mir nun dieses kundgetan und offenbart hast, o Wort des Lebens, wie von mir jetzt das Holz genannt worden ist, so danke ich dir, nicht mit diesen Lippen, die angenagelt sind, auch nicht mit der Zunge, durch die Wahrheit und Lüge hervorgeht, auch nicht mit diesem Worte, das von der Kunst irdischer Natur hervorgebracht wird, sondern mit jener Stimme danke ich dir, o König, die durch Schweigen vernommen wird, die nicht im Offenbaren gehört wird, die nicht durch die Organe des Körpers hervorgeht, die nicht in fleischliche Ohren eingeht, die nicht vom vergänglichen Wesen gehört wird, die nicht in der Welt ist und auf der Erde ertönt, auch nicht in Büchern geschrieben wird, auch nicht dem einen gehört, dem anderen nicht, sondern mit dieser (Stimme), Jesus Christus, danke ich dir: Mit dem Schweigen der Stimme, der der Geist in mir, der dich liebt und mit dir spricht und dich sieht, begegnet. Du bist nur dem Geist erkennbar. Du bist mir Vater, du mir Mutter, du mir Bruder, du Freund, du Diener, du Haushalter. Du (bist) das All, und das All (ist) in dir; und du (bist) das Sein, und es gibt nichts anderes, was ist, außer dir allein. Zu ihm fliehet nun auch ihr, Brüder, und lernt, daß ihr euer Wesen in ihm habt, und ihr werdet dann das erlangen, von dem er zu euch sagt: ‚Was weder ein Auge gesehen hat, noch ein Ohr gehört hat, noch in ein Menschenherz gekommen ist.‘ Wir bitten nun um das, was du uns zu geben versprochen hast, unbefleckter Jesus; wir loben dich, wir danken dir und bekennen dich, indem wir – noch schwache Menschen – dich preisen. Denn du allein bist Gott und kein anderer, dem der Ruhm sei jetzt und in alle Ewigkeiten. Amen.‘

Als aber die herumstehende Menge mit lautem Schall das Amen rief, da übergab zugleich mit diesem Amen Petrus dem Herrn den Geist. Als aber Marcellus sah, daß der selige Petrus seinen Geist aufgegeben hatte, nahm er, ohne jemanden um Rat zu fragen, was auch nicht angegangen wäre, ihn mit eigenen Händen vom Kreuze herab und badete ihn in Milch und Wein. Und er zerrieb sieben Pfund Mastix und weitere fünfzig Pfund Myrrhe und Aloe und Gewürz und salbte seinen Leichnam und füllte einen sehr teuren steinernen Trog mit attischem Honig und setzte ihn in seinem eigenen Grabmal bei. Petrus aber trat zu Marcellus bei Nacht und sagte: ‚Marcellus, hast du den Herrn sagen hören: ‚Laßt die Toten von den eigenen Toten begraben werden‘?‘ Als aber Marcellus (das) bejaht hatte, sagte Petrus zu ihm: ‚Das nun, was du an den Toten gewandt hast, hast du verloren. Denn du hast, obgleich du lebendig bist, wie ein Toter für einen Toten gesorgt.‘ Marcellus aber, aus dem Schlaf erwacht, erzählte die Erscheinung des Petrus den Brüdern und war zusammen mit denen, die von Petrus im Glauben an Christus gestärkt worden waren, wodurch er auch selbst noch viel mehr Stärkung fand bis zur Wiederkunft des Paulus in Rom.

Als aber Nero später erfuhr, daß Petrus aus dem Leben geschieden war, tadelte er den Praefekten Agrippa, daß er getötet worden sei, ohne daß seine Meinung eingeholt worden wäre. Denn er hatte gewünscht, ihn mit kräftiger Strafe und härter zu züchtigen. Petrus hatte nämlich auch einige von seinen Dienern zu Jüngern und ihm abspenstig gemacht. Darum war er sehr zornig und redete einige Zeit nicht mit Agrippa. Er suchte nämlich alle Brüder, die von Petrus zu Jüngern gemacht worden waren zu vernichten. Und eines Nachts sieht er einen, der ihn schlägt und (zu ihm) sagt: ‚Nero, du kannst jetzt nicht die Diener Christi verfolgen oder verderben. Laß darum deine Hände von ihnen!‘ Und darum geriet Nero infolge eines solchen Gesichtes in große Furcht und ließ ab von den Jüngern in jener Zeit, in der auch Petrus aus dem Leben geschieden war. Und es waren im übrigen die Brüder einmütig beisammen, freuten sich und jauchzten in dem Herrn und priesen den Gott und Heiland unseres Herrn Jesu Christi mit dem Heiligen Geiste, dem die Ehre (sei) in alle Ewigkeiten. Amen.“ (Petrusakten 33(4)-41(12), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, Seite 218-221)

Ein paar Dinge fallen hier auf:

Ein Zitat, das Petrus hier Jesus zuschreibt, erinnert an eine Stelle im gnostisch beeinflussten Thomasevangelium, einer Sammlung von angeblichen Jesusworten aus dem 2. Jahrhundert, die Jesus sagen lässt:

„Wenn ihr die zwei zu einem macht und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das Untere, – und zwar damit ihr das Männliche und das Weibliche zu einem einzigen macht, auf daß das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich sein wird – wenn ihr Augen macht anstelle eines Auges und eine Hand anstelle einer Hand und einen Fuß anstelle eines Fußes, eine Gestalt anstelle einer Gestalt, dann werdet ihr eingehen in [das Königreich].“ (Thomasevangelium 22)

Man kann also auch bei den Petrusakten von einer gewissen gnostischen Beeinflussung ausgehen; dazu passen Petrus‘ teilweise sehr seltsame Rede und evtl. die Ablehnung nicht nur der Unzucht, sondern sogar der Ehe weiter vorne im Text.

Außerdem fällt auf, dass die beiden Episoden, die heute noch am bekanntesten sind, hier anders gedeutet werden als man es sonst oft hört. Die Worte Jesu an Petrus werden hier nicht als Zurechtweisung wegen seiner Flucht, sondern einfach als Voraussage seines Martyriums, bei dem Jesus in ihm leiden wird, präsentiert. (Vgl. das Wort Jesu an den Christenverfolger Saulus: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“, wo Jesus sich mit Seiner Kirche identifiziert.) Dann die Tatsache, dass Petrus kopfüber gekreuzigt wurde: Man hört gerne, er wollte kopfüber gekreuzigt werden, weil er sich nicht würdig fühlte, auf dieselbe Weise zu sterben wie sein Herr. Hier hat es einen anderen Grund.


(Filippino Lippi, Kreuzigung Petri. Gemeinfrei)

Aber hätte nicht Konstantin das Christentum verfälschen können?

Ich habe schon darüber geschrieben, wieso es abwegig ist, wenn Leute Paulus für einen Verfälscher der „Botschaft Jesu“ erklären wollen; aber es steht ja noch ein anderer als möglicher Verfälscher des reinen Urchristentums hoch im Kurs: Kommen wir also jetzt zu Kaiser Konstantin.

Konstantin_mit_Christogramm2
(Konstantin auf einer Silbermünze, mit Christusmonogramm XP am Helmbusch, geprägt ca. 313 n. Chr.)

Hier sieht die Behauptung etwa so aus: Konstantin änderte das Christentum, als er es legalisierte, damit es besser mit heidnischen Vorstellungen zusammenpasste (womit man mehr Anhänger gewann) und damit es sich als Religion für die Mächtigen eignete; diese Theorie findet sich nicht nur bei Nichtchristen, sondern auch bei den antikatholischen Evangelikalen, von denen sie ursprünglich kommt. Hier gibt es folgende Probleme:

1. Was genau soll Konstantin getan haben?

Dieser Punkt erklärt sich von selbst.

Meistens haben Leute nicht mal irgendwelche konkreten Vorstellungen davon. Manchmal haben sie die vage Idee, irgendetwas wäre beim Konzil von Nicäa geändert worden. Konstantin hatte dieses Konzil einberufen, aber die Ergebnisse hatten die Bischöfe beschlossen; Konstantin war auch kein großer Theologe und interessierte sich hauptsächlich dafür, dass irgendwelche Ergebnisse herauskamen. Und was waren diese Ergebnisse? Vor allem betraf es den Streit um den Arianismus (dazu unten), weshalb man ein anti-arianisches Glaubensbekenntnis beschloss; und sonst? Eine Zusammenfassung der Konzilsentscheidungen gibt es hier; da sind so spektakuläre Sachen dabei wie Regelungen dazu, wie viele Bischöfe einen neuen Bischof weihen sollen, dass Neubekehrte nicht zu schnell zum Priester geweiht werden sollen, oder wie lange Christen Buße tun sollen, die während einer Verfolgung vom Glauben abgefallen sind. Außerdem wurde Klerikern verboten, mit einer Frau zusammenzuleben, mit der sie nicht verwandt o. Ä. sind; was schon während der Zeit der letzten Christenverfolgung die Synode von Elvira (ca. 306 n. Chr.) festgelegt hatte. Zinswucher wurde auch verurteilt, der althergebrachte Vorrang der Metropolitanbischöfe bestätigt, es wurden Bedingungen festgelegt für Leute, die von verschiedenen Abspaltungen zur Kirche zurückkehren wollten (z. B. Novatianer). Usw.

Zur Bibel wurde, entgegen anderslautender Gerüchte, nichts beschlossen.

2. Wo sehen wir irgendetwas von irgendwelchen Änderungen in den Quellen?

Wir haben eine enorme Masse an Quellen zum vorkonstantinischen Christentum, die zeigen, dass es genau die Sorte Christentum war, die laut evangelikalen (und ab und zu atheistischen) Verschwörungstheoretikern der böse Kaiser Konstantin eingeführt haben soll. Nehmen wir zunächst mal die völlig unumstrittenen archäologischen Quellen her:

Das Spottkreuz vom Palatin, ein in eine Wand geritztes Kreuz, das einen Gekreuzigten mit Eselskopf zeigt und daneben die Worte „Alexamenos betet seinen Gott an“, beweist, dass die Christen in Rom im 2. Jahrhundert den Gekreuzigten als Gott anbeteten.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c2/Jesus_graffito.jpg

Ein Papyrus mit einem Mariengebet von ca. 250 n. Chr. (Rylands Papyrus Nr. 470) zeigt, dass die Marien- und Heiligenverehrung bereits bestand und Maria als „Gottesgebärerin“ bezeichnet wurde. Der Text darauf lautet in deutscher Übersetzung:

„Unter deinem Mitleid suchen wir Schutz, Gottesgebärerin. Unsere Bitten verschmähe nicht in Schwierigkeiten, sondern rette uns aus der Gefahr, einzig heilige, einzig gesegnete.“

Wir haben hier also eine frühe Version des berühmten Gebets „Sub tuum praesidium“.

In der Hauskirche in Dura Europos in Syrien (232/33 erbaut) gibt es Fresken in einem Taufraum (Baptisterium), die die Wunder Jesu zeigen; Wunderglaube und Sakramente findet man hier also. Hier etwa der Gang Jesu über das Wasser; Jesus (rechts unten) zieht den versinkenden Petrus heraus:

Die Aberkiosinschrift, eine leicht verschlüsselte Grabinschrift eines Bischofs vom Ende des 2. Jahrhunderts, erwähnt die Eucharistie, die hl. Jungfrau, und eine besondere Stellung der Kirche von Rom.

Das waren nur ein paar Beispiele; dazu kommt eine enorme Masse an Schriftquellen aus den ersten drei Jahrhunderten, die so ziemlich jeden, aber auch wirklich jeden, Punkt der katholischen Lehre belegen; Texte wie der Clemensbrief, die Didache, die Ignatiusbriefe, der Brief Polykarps von Smyrna, der Hirte des Hermas, der Barnabasbrief, diverse Märtyrerakten und Apostelakten, die Werke von Justin dem Märtyrer,  Irenäus von Lyon, Aristides, Athenagoras, Theophilus von Antiochia, Tertullian, Origenes, Hippolyt von Rom, Clemens von Alexandria, Cyprian von Karthago, Gregorius Thaumaturgus; freilich haben wir von manchen davon erst spätere Abschriften, aber das ist bei Cicero, Platon oder Cäsar erst recht der Fall, und die wissenschaftliche Textkritik kann Fälschungen und wahre Schriften zumindest halbwegs unterscheiden.

Was die Bibel angeht, die Konstantin manchen zufolge gefälscht haben soll, haben wir von ihr seit langem mehr als genug vorkonstantinische Manuskripte, die mit den nachkonstantinischen übereinstimmen. Hier etwa Papyrus 52, ein Schnipsel, der von ca. 125 n. Chr. stammt, und ein paar Zeilen aus dem Johannesevangelium enthält:

Etwas später, z. B. aus dem dritten Jahrhundert, hat man natürlich sehr viel vollständigere Abschriften.

3. Wieso sollten die Christen da mitspielen?

Gerade eben (die schlimmste Verfolgung bisher hatte unter Konstantins Vorgänger Diokletian stattgefunden) hatten sie sich für die Weigerung, auch nur einen Deut von ihrer Religion abzuweichen, foltern und töten lassen, und plötzlich gaben sie sie ohne Murren preis? Die Sache war ja die, dass ihre Verfolger vorher von ihnen gar nicht verlangt hätten, ihre Religion aufzugeben oder abzuändern; sie hätten nur kurz den Götterbildern opfern müssen und wären dann in Ruhe gelassen worden. Wenn Konstantin versucht hätte, ihre Religion völlig umzugestalten, wäre das ein sehr viel größerer Affront gewesen.

Wer solche Behauptungen aufstellt, hat meistens auch keine Ahnung von den tatsächlichen religiösen Konflikten im 4. Jahrhundert, in denen die Kaiser mitmischten: Stichwort Arianismus.

Im 4., 5., 6. Jahrhundert, als immer mehr Theologen die Detailfragen der christlichen Religion durchdachten, gab es sehr leidenschaftlich geführte Debatten in der Kirche darum, wie genau es sich mit der Dreifaltigkeit verhielt, wie Jesu Verhältnis zu Gottvater war, wie sich göttliche und menschliche Natur in Jesus verhielten, und dergleichen. Eine der Ketzereien, die am meisten Anhänger gewann und dem katholischen Glauben am meisten entgegengesetzt war, war die Anfang des 4. Jahrhunderts aufgekommene Theorie des Priesters Arius (daher Arianismus; mit Ariern im rassischen oder linguistischen Sinn hat das Wort nichts zu tun), dass Jesus „wesensähnlich“, aber nicht „wesensgleich“ mit Gott dem Vater sei; griechisch „homoi-ousios“ statt „homo-ousios“. Das klingt erst einmal nach einem sehr geringen Unterschied, ist aber ein sehr großer: Für Arius war Jesus ein Geschöpf. Ein überweltliches Geschöpf, größer als alle Engel, gottähnlich, vor allen anderen Geschöpfen von Gott erschaffen, und dann später Mensch geworden, aber eben doch ein Geschöpf, nicht ungeschaffen und aus sich selbst heraus bestehend, nicht Gott. Die katholische Seite dagegen bestand darauf, dass Jesus wirklich Gott war, eins mit Gott dem Vater, und dass es keine Zeit gegeben hatte, zu der Er nicht gewesen war, dass Gott selbst Mensch geworden war, um die Menschen zu erlösen, und das keinem Ihm untergeordneten Geschöpf überlassen hatte.

Und diese katholische Vorstellung von der Göttlichkeit Jesu war eben keine neue Erfindung des frühen 4. Jahrhunderts; das glaubte man auch schon im 1. und 2. Jahrhundert. (Wobei ein paar Theologen sich nicht recht im klaren waren, ob er nun einen Beginn in der Zeit hatte oder von Ewigkeit her war; das muss man zugunsten des Arianismus sagen.)

Auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325, dem ersten der großen gesamtkirchlichen Konzilien (lokale Bischofssynoden hatte es schon viele gegeben, aber jetzt, wo das Christentum legalisiert war, ließen sich größere Konzilien leichter organisieren) setzte sich die katholische Seite durch: Der Sohn ist wesensgleich, homo-ousios, mit dem Vater. Bei diesem Konzil war Kaiser Konstantin anwesend, später favorisierte er jedoch arianische Bischöfe und ließ sich vor seinem Tod von einem arianischen Bischof taufen. Insgesamt war er allerdings kein fanatisch auf einer Seite stehender Kaiser, und er lebte nach Nicäa sowieso nur noch ein Dutzend Jahre. Die Arianer, wie schon angedeutet, gaben nach Nicäa nicht auf, sondern versuchten immer noch, Kirchenleute und Kaiser auf ihre Seite zu ziehen, zwischenzeitlich mit großem Erfolg; der Bischof Athanasius von Alexandria, der den katholischen Glauben am meisten verteidigte, wurde mehrmals von arianischen Kaisern verbannt. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts gewann die katholische Seite wieder die Oberhand, aber die arianische Sekte hielt sich neben ihr noch lange; ganze Völker wie die Goten nahmen das Christentum zunächst in der arianischen Variante an. Und auch, als diese Angelegenheit mehr oder weniger geklärt war, gab es große Konflikte um andere Häresien: Monophysitismus (in Ägypten und Äthiopien sind heute noch die meisten Christen Monophysiten), Monotheletismus, Nestorianismus, Modalismus, Sabellianismus, usw. usf.

Was lernen wir aus alldem? Über diese Streitigkeiten wissen wir relativ genau Bescheid, und wir wissen auch, dass die Kaiser zwar immer wieder eine Seite favorisierten, aber höchstens mit solchen Mitteln wie der Verbannung von Klerikern und der Konfiszierung von Kirchengebäuden; Häretiker wurden nicht hingerichtet (den ersten Ausnahmefall, gegen den Papst und Bischöfe lautstark protestierten, gab es Jahrzehnte nach Konstantin) und die Erinnerung an ihre Häresien konnte sicherlich nicht ausgelöscht werden. Die Kaiser waren zwar oft Anhänger einer Richtung, aber nie Begründer; die eigentlichen Streitparteien waren Kleriker (und das Kirchenvolk nahm auch sehr rege Anteil). Nichts davon passt zu den Verschwörungstheorien um Konstantin.

Bild

(Meme auf Twitter gefunden.)

4.Wie soll Konstantin es getan haben?

Wer so redet, schreibt den römischen Kaisern für gewöhnlich eine Machtfülle zu, die sie schlicht nicht hatten. Die Durchsetzung der Gesetze war in Antike, Mittelalter und sogar noch der Frühen Neuzeit sehr viel lückenhafter und unberechenbarer als heute. Es gab oft gar keine regulären Polizeitruppen; Verbrechen wurden oft nur geahndet, wenn ein Ankläger jemanden vor Gericht brachte, und auch dann nicht immer. Oft gab es nicht einmal die Intention, alle Übeltäter zu fassen.

Ein Beispiel aus der Zeit der Christenverfolgungen: Der christliche Theologe Tertullian, der in der Großstadt Karthago in Nordafrika lebte und dort um 220 n. Chr. starb, schreibt während einer Christenverfolgung:

„Eure Grausamkeit ist unser Ruhm, Siehe, ob wir nicht, gerade weil wir dergleichen dulden, darauf allein losgehen, zu beweisen, daß wir diese Dinge nicht fürchten, sondern sie sogar von freien Stücken fordern. Als Arrius Antoninus in Asien eine heftige Verfolgung betrieb, stellten sich sämtliche Christen der Stadt vor seinem Tribunal auf und bildeten einen Trupp. Darauf ließ er einige abführen und sagte zu den übrigen: ‚Elende, wenn ihr sterben wollt, so habt ihr ja Abgründe und Stricke.‘ Falls es uns einfiele, das auch hier zu tun, was würdest du anfangen, wenn so viele tausend Menschen, so viele Männer und Frauen, Personen jedes Geschlechtes, jedes Alters, jedes Standes sich dir darbieten würden? Wie viele Scheiterhaufen, welche Menge von Schwertern würdest du nötig haben! Was würde Karthago selbst zu leiden haben, da es von dir dezimiert werden müßte, wenn ein jeder welche von seinen Verwandten, von seinen Hausgenossen darunter erblicken würde, wenn man da auch vielleicht sogar Männer von deinem Range, Matronen und gerade die angesehensten Personen, auch Verwandte oder Freunde deiner Freunde erblicken würde?! Schone also deiner, wenn du unser nicht schonen willst! Schone Karthagos, wenn du deiner nicht schonst! Schone der Provinz, in der ein jeder, nachdem man deine Absicht erkannt hat, tückischen Anklagen der Soldaten oder seiner Feinde verfallen ist!

Wir haben niemand zum Meister als Gott allein. Dieser steht vor dir und läßt sich nicht verbergen, und zwar ein Gott, dem du nichts anhaben kannst. Diejenigen aber, welche du für deine Meister hältst, sind nur Menschen, und sie werden einst auch sterben. Diese unsere Genossenschaft aber wird darum nicht zugrunde gehen. Du weißt, daß sie dann mehr gedeiht, wenn sie niedergemetzelt zu werden scheint. Denn jeder, der eine solche Dulderkraft gesehen hat, der wird, wie von einem Stachel getrieben, veranlaßt, zu untersuchen, um was es sich eigentlich handle, und wenn er die Wahrheit erkannt hat, so geht er sofort denselben Weg.“ (Tertullian, An Scapula 5)

Diese Behörden statuierten oft nur ein Exempel und beließen es dabei.

5. Auch nach der Konstantinischen Wende waren die Bischöfe nicht unbedingt brave Marionetten der Kaiser.

Als Beispiel kann man den hl. Bischof Ambrosius von Mailand nennen, der Kaiser Theodosius (der immerhin, was Konstantin noch nicht getan hatte, das Christentum zur Staatsreligion erhoben hatte) den Zugang zur Kirche verweigerte und ihn zwang, Buße zu tun, nachdem er beim Massaker von Thessaloniki im Jahr 390 mehrere tausend Menschen hatte niedermetzeln lassen.

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(Der hl. Ambrosius verbietet Kaiser Theodosius den Eintritt in die Kirche, Jules Eugene Lenepveu.)

Mir kommt es manchmal sogar so vor, als hätten die Christen vor Konstantin mehr Wert darauf gelegt, zu betonen, dass sie (abgesehen davon, dass sie nicht zu heidnischen Opfern bereit waren, auch wenn man sie folterte und auf den Scheiterhaufen brachte) sehr brave Bürger waren, und später erst mehr Kritik an den Kaisern gewagt.

6. Das Christentum war keine rein römische Angelegenheit.

Bekanntermaßen war eins der ersten christlichen Königreiche neben Rom Äthiopien – bzw. das damalige Reich Aksum, dessen König Ezana Mitte des 4. Jahrhunderts konvertierte. Außerdem lebten Christen in Armenien, Persien, Arabien, sogar in Indien (die sog. Thomaschristen). Bald zerfiel die Autorität des römischen Reiches im Westen, und auch in den neuen Barbarenkönigreichen breitete sich das Christentum aus, ebenso wie z. B. in Irland, wo die Römer nie hingekommen waren. Welche Kontrolle übte ein römischer Kaiser über Äthiopier, Inder und Iren aus? Gar keine, aber der Glaube dort unterschied sich nicht wesentlich von dem im Römischen Reich.

Mit anderen Worten: Die Konstantin-Theorie ist genauso Wunschdenken wie die Paulus-Theorie.

PS: Mir ist der Gedanke gekommen, dass wirklich mal jemand ein Lied über protestantische Populär-Kirchengeschichte mit dem Refrain „When in doubt, blame Constantine“ auf die Melodie von Tom Lehrers „When in doubt, send the marines“ [dies ist kein Tom-Lehrer-Endorsement] dichten müsste.

Aber hätte nicht Paulus das Christentum verfälschen können?

Wenn es darum geht, was man über Jesus wissen kann, ist ein Eindruck weit verbreitet: Dass man eigentlich kaum was wissen könnte. Jesus – eine schattenhafte Gestalt, die hinter Mythen und Propaganda verschwindet. Manche wollen ihn zu einem Weltuntergangsprediger, zu einem Moralphilosophen oder gar zu einem jüdisch-nationalistischen Zeloten (lol) machen.

Das ist eigentlich eine seltsame Sichtweise; denn über Jesus haben wir bessere Informationen als über die allermeisten antiken Personen. Wir haben vier frühe Biographien über Ihn (die Evangelien, deren Genre dem der antiken Vita entspricht, die von Herkunft, Taten, Tod und Nachleben großer Männer berichtete) und zahlreiche Briefe von mehreren Seiner Anhänger; dazu kommen Erwähnungen bei Leuten, die nicht Seine Anhänger waren, wie dem römischen Historiker Tacitus und dem jüdischen Historiker Flavius Josephus. Aus deren Berichten kann man freilich nicht viel mehr erfahren als dass Jesus in Judäa unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, dass Er die Gruppe der Christen begründete, dass Er ein großer Mann gewesen sein soll, der Wunder vollbracht haben sollte, und den die Christen für den Messias hielten.

Viele meinen dann, es wäre sinnlos, sich die Zeugnisse der Christen für genauere Informationen anzusehen; das wäre ja eh nicht glaubwürdig, weil es eben parteiisch sei. Das ist allein schon aus Historikersicht Unsinn; so etwas wie eine nicht parteiische Quelle gibt es nicht, das trifft auch auf Tacitus etc. zu.

Aber vor allem muss man sich ja fragen: Wieso wurden Matthäus, Lukas, Markus, Johannes, Paulus, Jakobus usw. zu Anhängern Jesu? Was brachte sie zu ihren Überzeugungen?

Da ist ein Mann, der eine neue Bewegung begründet, von Leuten, die sich für ihre Überzeugungen sogar umbringen lassen und die ihn extrem verehren; also kann Er offensichtlich nur ein unbedeutender Wanderprediger gewesen sein, über den sich nix Genaues nicht sagen lässt und in den nur alles hineinprojiziert wurde.

Bei den Leuten, die sich tatsächlich daran machen, zu belegen, wieso die biblischen Berichte über Jesus und/oder der Glaube der Kirche verfälscht sein sollen, gibt es ja so einige Theorien, und als Verfälscher besonders hoch im Kurs stehen eine sehr frühe und eine eher späte Gestalt im antiken Christentum: Der Apostel Paulus (gest. um 64) und Kaiser Konstantin (gest. 337). In beiden Fällen ist die Annahme nicht nur falsch, sondern völlig abwegig.

Heute zunächst mal nur zu Paulus.

Grabplatte mit Petrus und Paulus aus der Hippolyt-Katakombe in Rom, 4. Jh. Gemeinfrei.

Wie allgemein bekannt ist, war Paulus von Tarsus, auch unter dem Namen Saulus bekannt, ein strenggläubiger Jude, der Christen verfolgte, und sich dann nach einer Vision, in der Jesus ihn fragte „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“, bekehrte und taufen ließ. Er unternahm dann einige Missionsreisen im ganzen Mittelmeerraum, gründete zahlreiche Gemeinde, und wurde schließlich in Rom geköpft.

Die Behauptung ist nun z. B.: Die Vorstellung, dass Jesus für die Sünden der Menschen gestorben und dass Er nicht nur ein Mensch, sondern als Gottes Sohn eins mit Gott sei, stammt nicht von Jesus oder denen, die ihn kannten, sondern wurde erst von Paulus erdacht. Immer wieder werden auch von Christen, die an die Erlösung durch den Kreuzestod und an die Göttlichkeit Jesu glauben, andere unbeliebte Lehren als paulinische Erfindung gedeutet. Hier finden sich mehrere offensichtliche Probleme:

1. Wieso sollte Paulus sich das ausdenken? Wo ist sein Motiv? Woher kam so eine Idee?

Die Juden waren strenge Monotheisten. Kein Jude wäre einfach so auf die Idee gekommen, einen Prediger, auch einen offensichtlich heiligen Propheten, einfach so auf eine Stufe mit Gott zu stellen; dafür musste dieser Mensch schon ein sehr außergewöhnlicher gewesen sein und Anlass dazu gegeben haben. Paulus selbst hatte die Christen für diese mutmaßliche Blasphemie noch verfolgt.

2. Am wichtigsten: Wieso sollten die anderen Christen sich das gefallen lassen?

Paulus kam verspätet zum Christentum. Er war kein Jünger Jesu gewesen. Er schreibt selbst, dass er die Kirche verfolgt hatte, und war laut Lukas‘ Apostelgeschichte ein bekannter und ein eifriger Christenverfolger. Welche Gruppe lässt sich von einem frisch bekehrten Feind ihren ganzen Glauben umstülpen?

Als Paulus zum Christentum kam, war die Kreuzigung Jesu schon einige Jahre her, und Jesu Jünger – nicht nur die Zwölf, sondern hunderte und bald tausende – hatten Ihn weiterhin verehrt, nachdem das Grab leer gewesen und der Auferstandene ihnen erschienen war.

(Und wenn Jesus mächtig genug ist, um von den Toten aufzuerstehen, sollte Er auch mächtig genug sein, um Seine Kirche in der Wahrheit zu bewahren, aber das nur anbei.)

3. Wie wurden die anderen Gemeinden auf Linie gebracht?

Paulus reiste nicht überall hin; er kam nie nach Alexandria oder Karthago, beispielsweise. In Rom bestand eine Gemeinde, ehe er es überhaupt betrat.

4. Was ist mit den nicht-paulinischen Texten im NT?

Das Neue Testament besteht aus 27 Schriften, von denen höchstens 14 vom Apostel Paulus stammen. (Ob der Hebräerbrief von ihm stammt oder nicht, war immer schon umstritten, und einige Exegeten wollen mehrere der anderen Briefe nicht als echt paulinisch gelten lassen, aber diese Frage ist hier unerheblich.) Damit hätten wir also mindestens (!) 13 Schriften, die nicht von Paulus stammen, darunter alle Evangelien und die Apostelgeschichte. Nun kann man sagen, dass, wenn es korrekt ist, das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte einem Begleiter des Paulus, nämlich Lukas, zuzuschreiben, man diese beiden noch einklammern sollte; aber auch dann hätten wir noch das Markusevangelium (und Markus gilt als Begleiter des Apostels Petrus), das Matthäusevangelium, das Johannesevangelium, die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes, die beiden Petrusbriefe, den Jakobusbrief und den Judasbrief. Ich will mich hier gar nicht auf Streitigkeiten um die genaue Zuschreibung einlassen, und darüber, ob die Überlieferung bzgl. der Autoren verlässlich ist; klar ist jedenfalls, dass das alles keine paulinischen Schriften sind, und nicht aus dem Umfeld des Paulus stammen. Sie unterscheiden sich in der Schreibweise und im Fokus von seinen Briefen. Und gerade sie enthalten deutlich mehr über „den historischen Jesus“ als die Paulusbriefe. Die ersten Evangelien – Markus, Matthäus – wurden ohne Bezug zu Paulus geschrieben, und aller Wahrscheinlichkeit nach etwa zur selben Zeit wie seine Briefe, sind also nicht erst irgendwann später unter deren Einfluss entstanden.

(Lukas beendete seine Apostelgeschichte höchstwahrscheinlich Anfang der 60er, da er sie abrupt abbricht, als Paulus als Gefangener in Rom ist, und dessen Martyrium, immerhin ein sehr wichtiges Ereignis für die antike Christenheit, nicht mehr erwähnt; sein Evangelium schrieb er zuvor, also vielleicht um 60. Nach den klassischen Theorien war Matthäus das erste Evangelium, nach den neueren Theorien Markus; in jedem Fall war es nicht Lukas, der in seinem Vorwort auch die Schriften anderer über Jesu Leben erwähnt. Markus und Matthäus müssten also in die 50er oder vorher datieren.)

Ausgangspunkt einer These von der paulinischen Verfälschung müsste sein, dass man deutliche Unterschiede zwischen dem, was man von Jesus wissen oder vermuten kann, und dem, was man von Paulus wissen oder vermuten kann, feststellt. Vergleichen wir daher mal die Quellen, die wir von Paulus haben, d. h. die ihm zugeschriebenen Briefe, mit denen, in denen Aussagen Jesu wiedergegeben werden, d. h. den Evangelien (keine vollständige Auflistung!).

Hier eine kleine Tabelle.

ThemaJesusPaulus
Erlösung durch den Kreuzestod, AuferstehungJesus kündigt in den synoptischen Evangelien dreifach Sein Leiden, Seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung an (Mt 16,21-26; Mt 17,22f.; Mt 20,17-19; Lk 9,22f.; Lk 9,43-45; Lk 18,31-34; Mk 8,31-34; Mk 9,30-32; Mk 10,32-34).

An anderen Stellen macht Er auch den Zweck dieses Leidens deutlich (z. B. Mt 20,28: „Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“; Joh 3,14-17: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“)

Sein Leiden ist beabsichtigt: „Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.“ (Joh 10,17f.)

Er sagt, dass durch Sein Leiden die Schrift erfüllt wird, z. B. in Mt 26,53-56 und Lk 24,25-27.45-47.

Die Evangelisten widmen der Kreuzigung und Auferstehung alle mehrere Kapitel.
Paulus spricht sehr oft vom Kreuz, der Erlösung, der Auferstehung – z. B. in 1 Kor 1,18-2,16, 1 Kor 15, Röm 4,24f., Röm 5-6, 2 Kor 5,14-21, Gal 1,1-5, Eph 2, 1 Thess 1,10. Da gibt es so wunderschöne Stellen wie etwa Kol 2,13-15: „Ihr wart tot infolge eurer Sünden und euer Fleisch war unbeschnitten; Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben. Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat. Die Fürsten und Gewalten hat er entwaffnet und öffentlich zur Schau gestellt; durch Christus hat Gott über sie triumphiert.“ Oder 1 Thess 9f.: „Denn Gott hat uns nicht für das Gericht seines Zorns bestimmt, sondern dafür, dass wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, die Rettung erlangen. Er ist für uns gestorben, damit wir vereint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schlafen.“
Jesus als Sohn Gottes, selbst Gott, eins mit Gott dem Vater und dem Heiligen GeistJesus sagt:

Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ (Joh 8,58) Man beachte hier: Nicht „war ich“, sondern „bin ich“. Das ewige zeitlose Sein ist nicht nur das Wesen Gottes, sondern „Ich bin“ ist auch die Bedeutung des Gottesnamens Jahwe.

„Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30)

„Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand erkennt, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand erkennt, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Lk 10,22)

„Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.“ (Mt 28,18)

Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“(Johannes 16,28)

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. […] Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!“ (Joh 14,6-7.9-11)

Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war! […] Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. […] Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!“ (Johannes 17,5.10-11)

Er antwortet laut Matthäus auf die Frage des Hohenpriesters, ob er der Christus, der Sohn Gottes ist: „Du hast es gesagt“ (Mt 26,64) Bei Markus sagt er „Ich bin es“ (Mk 14,62), bei Lukas „Ihr sagt es – ich bin es“ (Lk 22,70).

Er beansprucht z. B. in Mk 2,2-12 und Mt 9,6 die Vollmacht, Sünden zu vergeben (bzw. dann später diese Macht an andere als Seine Stellvertreter, die Apostel, weiterzugeben (Joh 20,22f.)), also etwas, das Gott allein zukommt.

Für sich selbst beansprucht Er Sündenlosigkeit: „Wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen?“ (Joh 8,46)

Man nehme außerdem die Reaktionen der Menschen auf Ihn: „Und es geschah, als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ (Mt 7,28f.)

Thomas sagt nach Seiner Auferstehung zu Ihm: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28)

Bei der Verklärung Jesu (Mt 17,5; Mk 9,2-8; Lk 9,35) und bei Seiner Taufe (Mt 3,17; Mk 1,11; Lk 3,22) nennt Gott selbst Ihn Seinen geliebten/auserwählten Sohn.

Selbst ein Römer bezeugt das: „Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Mk 15,39)

Ebenso Johannes der Täufer: „Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.“ (Joh 1,34)

Der Johannesprolog (Joh 1,1-18) macht den Glauben an die Göttlichkeit Jesu sehr deutlich: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. […] Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,1.18)

Er ließ es bei vielen Gelegenheiten zu, dass man Ihn „Herr“ nannte, s. z. B. Mt 8,2f.
Paulus schreibt u. a. folgendes über Jesus:

„Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,6-11)

„Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Er ist vor aller Schöpfung und in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.“ (Kol 1,12-20)

„Dadurch sollen sie getröstet werden, verbunden in der Liebe, um die tiefe und reiche Einsicht zu erlangen und das Geheimnis Gottes zu erkennen, das Christus ist. In ihm sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen.“ (Kol 2,2f.)

„Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Durch ihn seid auch ihr davon erfüllt; denn er ist das Haupt aller Mächte und Gewalten.“ (Kol 2,9f.)

„Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit“ (1 Tim 2,5f.)
Gottes- und NächstenliebeJesus macht deutlich, dass alle Gebote aus dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe resultieren und die Liebe das Höchste ist in Mt 22,34-40; Mk 12,28-34; Joh 13,34f.; Joh 15,12-17 (vgl. auch die Goldene Regel in Mt 7,12).Paulus macht deutlich, dass alle Gebote aus dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe resultieren und die Liebe das Höchste ist in Röm 13,8-10, 1 Kor 13, Kol 3,14, 1 Thess 4,9f.
Ehescheidung und EhelosigkeitJesus verurteilt die Ehescheidung mit Wiederheirat und rät zur Ehelosigkeit für die, die es fassen können, in Mt 19. (Vgl. zu Jesus und der Ehescheidung auch noch Mk 10,1-12; Lk 16,18; Mt 5,31f.)Paulus verurteilt die Ehescheidung und rät zur Ehelosigkeit für die, die es fassen können, in 1 Kor 7.
Staat, SteuernJesus fordert zum Gehorsam gegenüber den staatlichen Autoritäten und insbesondere zum Zahlen der Steuern auf in Mt 22,15-22; Mk 12,13-17; Lk 20,20-26.Paulus fordert zum Gehorsam gegenüber den staatlichen Autoritäten und insbesondere zum Zahlen der Steuern auf in Röm 13,1-7.
SexualmoralJesus vertritt eine strenge Sexualmoral; auch schmutzige Gedanken beurteilt er als Sünde. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5,27f.)

Er lehnt nicht nur Ehebruch ab, sondern auch „Unzucht“ ganz allgemein; in einer Aufzählung der Sünden nennt Er beides getrennt: „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Lästerungen.“ (Mt 15,19) Vgl. auch die Parallelstelle in Mk 7,21f.: „Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft.“
Paulus sieht die Unzucht (außerehelichen Sex) als Sünde gegen den eigenen Körper, der ein Tempel Gottes sein soll. „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1 Kor 6,13-20)

Er zählt „Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung“ zu den Werken des Fleisches (Gal 5,19). Er sieht sie als schwere Sünden, die vom Himmel ausschließen: „Von Unzucht aber und Unreinheit jeder Art oder von Habgier soll bei euch, wie es sich für Heilige gehört, nicht einmal die Rede sein. Auch Sittenlosigkeit und albernes oder zweideutiges Geschwätz schicken sich nicht für euch, sondern vielmehr Dankbarkeit. Denn das sollt ihr wissen: Kein unzüchtiger, schamloser oder habgieriger Mensch – das heißt kein Götzendiener – erhält ein Erbteil im Reich Christi und Gottes.“ (Eph 5,3-5)

Er schreibt: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung – dass ihr die Unzucht meidet, dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ (1 Thess 4,3-5)
Wiederkunft ChristiJesus spricht vom Weltgericht und Seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten z. B. in Mt 24-25 (und in mehreren Gleichnissen in den vorangehenden Kapiteln); Mk 13; Lk 21; Lk 17,22-36; Mt 13,40-43; Lk 12,35-48.Paulus spricht von der Wiederkunft Christi z. B. in 1 Thess 4,13-5,9; 2 Thess 1,6-10; 2 Thess 2,1-12; 1 Tim 6,14-16; 2 Tim 4,1.
HölleJesus warnt vor der Hölle, dem Ort, an dem „Heulen und Zähneknirschen“ herrscht, z. B. in Mt 8,12; Mt 13,41-42.49-50; Mt 22,13; Mt 24,51; Mt 25,30; Mt 5,29f.; Mk 9,42-48; Lk 13,22-30; Lk 14,24. Er beschreibt die Hölle auch im Gleichnis von Lazarus und dem Reichen in Lk 16,19-31.Paulus warnt vor der Hölle z. B. in 2 Thess 1,5-10; Gal 5,21; Gal 6,8; Eph 5,5f.
KircheJesus gibt schon vor Seiner Kreuzigung und Auferstehung Seinen Jüngern Anweisungen für den Aufbau Seiner Kirche.

Zu Petrus sagt Er: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,18f.)

Zu allen 12 Aposteln sagt Er: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 18,15-18)

Zu den 72 Jüngern sagt Er: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.“ (Lk 10,16)

Nach Seiner Auferstehung gibt Er den 12 die Vollmacht zur Sündenvergebung an Seiner Stelle: „Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Joh 20,21-23)
Paulus nennt die Kirche „Säule und Fundament der Wahrheit“ (1 Tim 3,15).

Er spricht über die Einsetzung, Aufgaben und Eignung von Bischöfen und Diakonen z. B. in 1 Tim 3,1-13; 1 Tim 4,14; 1 Tim 5,17-22; 2 Tim 1,6; Tit 1,5-9.
Rechtfertigungslehre; Gnade, Glaube, WerkeJesus spricht von der Wichtigkeit des Glaubens z. B. in Joh 3,17f.: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.“ oder Mk 16,15f: „Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.“, oder auch in Mt 8,10 und Mt 9,22. In Joh 6,47 sagt Er: „Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben.“ Außerdem sagt Er: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ (Joh 11,25f.)

Er preist oft den Glauben derer, denen Er hilft (z. B. in Mk 5,34; Lk 7,9; Lk 17,19) und sagt zu Seinen Jüngern „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort! und er wird wegrücken.“ (Mt 17,20)

Er betont außerdem aber sehr oft, dass jeder nach seinen Werken gerichtet wird; z. B. in Mt 7,21-23: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten gewirkt? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Gesetzlosen!“

Oder auch Mt 16,27: „Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und dann wird er jedem nach seinen Taten vergelten.“

In Mt 19,17 sagt Er: „Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote!“

In Mt 25 wird das Heil als davon abhängig dargestellt, ob man etwas für „einen meiner geringsten Brüder getan“ (Mt 25,40) hat oder nicht.

Vgl. auch Lk 10,25-28: „Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!“

In Joh 5,29 sagt Jesus: „Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, werden zum Gericht auferstehen.“
Paulus spricht von der Notwendigkeit von Gottes Gnade und dem Glauben z. B. in Röm 3-6, Röm 10,8-13, Gal 2-3, Eph 2,8, Phil 3,9, Tit 3,5; 2 Tim 1,9f. („Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Taten, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde; jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart.“)

Über den allgemeinen Heilswillen Gottes sagt er: „er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4) und „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ (Tit 2,11).

(Über die Kraft des Glaubens meint er: „Alles vermag ich durch den, der mich stärkt.“ (Phil 4,13))

Über die Notwendigkeit, den Glauben zu bewahren, sagt er: „Jetzt aber hat er euch durch den Tod seines sterblichen Leibes versöhnt, um euch heilig, untadelig und schuldlos vor sich hintreten zu lassen. Doch müsst ihr im Glauben bleiben, fest und in ihm verwurzelt, und ihr dürft euch nicht von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt, abbringen lassen.“ (Kol 1,22f.)

Von den Werken und der Möglichkeit, das Heil durch schwere Sünden zu verlieren, spricht er z. B. in 1 Kor 10,12 („Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt.“), 2 Kor 5,10 („Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.“), Gal 6,8f. („Denn wer auf sein eigenes Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten. Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist.“), 2 Tim 2,11f. („Wenn wir nämlich mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben; wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen; wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen.“)

Er stellt den Weg des Christen mehrfach als Kampf oder Wettkampf dar, der gewonnen werden will, vgl. Eph 6,10-18, 1 Tim 6,12, 2 Tim 4,7f. oder auch Phil 3,11-14: „So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“

Das Zusammenwirken von Gottes Gnade und den eigenen Bemühungen fasst er so zusammen: „Wirkt mit Furcht und Zittern euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt zu seinem Wohlgefallen.“ (Phil 2,12f.)

Über die verlorenen Seelen sagt er: „denn sie haben sich der Liebe zur Wahrheit verschlossen, durch die sie gerettet werden sollten“ (2 Thess 2,10)
Mosaisches Gesetz: Speisegebote, Sabbat etc.Jesus erklärt sich zum Herrn über den Sabbat (Mt 12,8; Mk 2,28; Lk 6,5) und heilt am Sabbat (s. z. B. Mt 12,9-14; Mk 3,1-6; Lk 6,6-11; Lk 13,10-17; Lk 14,1-6; Joh 9). Er sagt über die Speisegebote: „Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“ (Mt 15,11) An der Parallelstelle in Mk heißt es: „Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage! Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes. Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Versteht ihr nicht, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein.“ (Mk 7,14-19)Paulus erklärt, dass das Mosaische Gesetz nicht mehr gilt, z. B. in Gal 4 oder ausführlich im Römerbrief.
EucharistieDie Einsetzung der Eucharistie wird berichtet in Mt 26,26-29; Mk 14,22-25 und Lk 22,14-20. Außerdem spricht Jesus über die Eucharistie in Joh 6. Ein Ausschnitt: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6,51-58)Paulus schreibt über die Eucharistie in 1 Kor 10,16f. („Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“) und 1 Kor 11,23-29 („Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt.“)
TaufeJesus trägt seinen Jüngern auf, zu taufen: Mt 28,19f.; Mk 16,16.

Schon vorher taufen Seine Jünger: „Darauf kam Jesus mit seinen Jüngern nach Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte.“ (Joh 3,22) „Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes – allerdings taufte nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger – ; daraufhin verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.“ (Joh 4,1-3)
Paulus schreibt über die Taufe folgendes:

„Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. Ihr wart tot infolge eurer Sünden und euer Fleisch war unbeschnitten; Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben.“ (Kol 2,12f.)

„Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln. Wenn wir nämlich mit der Gestalt seines Todes verbunden wurden, dann werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein.“ (Röm 6,3-5)

„Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.“ (1 Kor 12,13)

Er erwähnt sie auch in Tit 3,5 (hier nennt er sie das „Bad der Wiedergeburt“).
Auferstehung der TotenJesus erklärt in Mt 22,23-33, Mk 12,18-27 und Lk 20,27-40 den Sadduzäern, dass es eine Auferstehung der Toten geben und wie sie aussehen wird.Paulus macht in 1 Kor 15 deutlich, dass es eine Auferstehung der Toten geben wird; auch in Phil 3,20f. und 1 Thess 4,13-18 erwähnt er sie.
MartyriumJesus kündigt seinen Jüngern das Martyrium an, z. B. in Mt 10 (Mt 10,17-18.21-22.28-33: „Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis. […] Der Bruder wird den Bruder dem Tod ausliefern und der Vater das Kind und Kinder werden sich gegen die Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet. […] Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“)

Vgl. auch Mk 8,34-38; Mk 13,9-13; Lk 12,1-12; Lk 21,12-19; Joh 15,18-25.

Außerdem Joh 16,2f.: „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten. Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.“
Paulus wurde zum Märtyrer. Er erwähnt auch in seinen Briefen die gegenwärtige Gefahr und die bereits von ihm erduldeten Leiden. „Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.“ (Röm 8,36) „Sie sind Diener Christi – jetzt rede ich ganz unvernünftig – , ich noch mehr: Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die vierzig Hiebe weniger einen; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, viele durchwachte Nächte, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Nacktheit.“ (2 Kor 11,23-27) Vgl. auch 2 Kor 4,7-18 und 2 Kor 6,4-10.

Er schrieb einige seiner Briefe aus dem Gefängnis, s. z. B. Phil 1,13-14 „Denn im ganzen Prätorium und bei allen Übrigen ist offenbar geworden, dass ich meine Fesseln um Christi willen trage, und die meisten der Brüder sind durch meine Gefangenschaft zuversichtlich geworden im Glauben an den Herrn und wagen umso kühner, das Wort furchtlos zu sagen.“

Auch seine Gemeinden hatten es nicht immer leicht: „Denn, Brüder und Schwestern, ihr seid dem Beispiel der Gemeinden Gottes in Judäa gefolgt, die in Christus Jesus sind. Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von den Juden.“ (1 Thess 2,14) Vgl. auch 2 Thess 1,4.
Nicht-christliche JudenJesus trauert darum, dass viele Juden Ihn nicht anerkennen z. B. in Lk 13,34f.; Lk 19,41f. und Mt 23,37f.Paulus trauert darum, dass viele Juden Jesus nicht anerkennen in Röm 9-11.
FeindesliebeJesus fordert zur Feindesliebe auf in Mt 5,38-48 und Lk 6,27-35.Paulus fordert zur Feindesliebe auf in Röm 12,14-21 und 1 Thess 5,15.
Gebet, weltliche Sorgen, innerer FriedeJesus betont die Wichtigkeit des vertrauensvollen Gebets z. B. in Mt 7,7-11; Mk 11,24; Lk 11,5-13; Lk 18,1-8; Joh 15,7; und sagt Seinen Anhängern, dass sie sich keine Sorgen um Weltliches zu machen brauchen, z. B. in Mt 6,19-34 und Lk 12,22-34. (Vgl. auch Lk 10,41f.: Die Geschichte von Maria und Marta.) Er verheißt ihnen Seinen Frieden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ (Joh 14,27)Paulus betont die Wichtigkeit des vertrauensvollen Gebets und sagt den Christen, dass sie sich keine Sorgen um Weltliches zu machen brauchen, z. B. in Phil 4,6 und 1 Thess 5,17. Die Christen werden inneren Frieden finden: „Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,7) „Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen.“ (Kol 3,15)
Weltlich kluge Menschen und das EvangeliumJesus sagt „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.“ (Mt 11,25) Vgl. auch Lk 10,21.Paulus schreibt: „Seht doch auf eure Berufung, Brüder und Schwestern! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.“ (1 Kor 1,26-29)
Falsche Propheten bzw. FalschlehrerJesus warnt vor falschen Propheten und Irrlehrern z. B. in Mt 24,24f.; Mk 13,6.22.Paulus warnt vor falschen Propheten und Irrlehrern z. B. in Gal 1,6-9; Kol 2,8-23; 1 Tim 1,3-7; 1 Tim 4,1-5; 1 Tim 6,3-10; Tit 1,10-16; Tit 3,9-11.
ReichtumJesus ermuntert den reichen Jüngling, der mehr tun will als nur die allgemeinen Gebote zu erfüllen, seinen Reichtum an die Armen zu verteilen und sagt, dass es Reiche schwer haben werden, in den Himmel zu kommen (Mt 19,16-26; Mk 10,17-28; Lk 18,18-27).

Er sagt „Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt.“ (Lk 12,15) und erzählt ein Gleichnis über einen reichen Mann, der nur an seinen irdischen Besitz denkt, aber plötzlich sterben muss (Lk 12,16-21).

Er mahnt Seine Jünger: „Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst!“ (Lk 12,33)

Er sagt außerdem „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. […] Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen.“ (Lk 6,20.24).

Über den richtigen Umgang mit Geld sagt Er: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben? Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Lk 16,10-13)

Vgl. auch das Gleichnis von Lazarus und dem Reichen in Lk 16,19-31.

Dann wäre da die Geschichte mit dem korrupten Zöllner Zachäus, bei dem Er einkehrt und der sich dann bekehrt, und zwar nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet, aber viele Almosen gibt und Unrecht wiedergutmacht: „Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lk 19,8-10)
Paulus ermahnt Reiche dazu, freigiebig zu sein und ihren Reichtum zu teilen und sich nicht darauf zu verlassen, sondern auf Gott (1 Tim 6,17-19: „Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen! Sie sollen wohltätig sein, reich werden an guten Werken, freigebig sein und, was sie haben, mit anderen teilen. So sammeln sie sich einen Schatz als sichere Grundlage für die Zukunft, um das wahre Leben zu erlangen.“).

Er stellt die Habgier an mehreren Stellen als schwere Sünde dar und vergleicht sie auch mit Götzendienst, s. z. B. Eph 5,3.5: „Von Unzucht aber und Unreinheit jeder Art oder von Habgier soll bei euch, wie es sich für Heilige gehört, nicht einmal die Rede sein. […] Denn das sollt ihr wissen: Kein unzüchtiger, schamloser oder habgieriger Mensch – das heißt kein Götzendiener – erhält ein Erbteil im Reich Christi und Gottes.“
Jesus reconstruction test phases from Turin Shroud.jpg
Rekonstruktion des Gesichts Jesu nach dem Turiner Grabtuch. Gemeinfrei.

Manche sehen einen Unterschied bei der Rechtfertigungslehre. Wenn man z. B. die Aussagen „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten gewirkt? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Gesetzlosen!“ (Mt 7,21-23; man beachte: „ihr Gesetzlosen“) und „denn wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus – und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden. […] Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“ (Röm 10,9.13) einander gegenüberstellt, wirken sie erst einmal widersprüchlich.

Aber oben in der Tabelle wurde schon deutlich, dass Jesus und Paulus eben beide den Glauben und die Werke betonen. Sie sagen auch beide, dass die Erlösung etwas ist, das von Gott kommt, ohne die Sühne durch den Kreuzestod Jesu wäre nichts gegangen. Zuerst kommt die Gnade Gottes, die in den Menschen wirkt und sie ruft; dann sollen sie darauf antworten. Erstens, wenn sie von Jesus erfahren – also wirklich merken, wer und wie Er ist, nicht nur Seinen Namen irgendwann mal gehört haben -, mit dem Glauben an Ihn; wer Ihn dann bewusst ablehnt, lehnt Gott ab. Aber es gehören auch Werke dazu, der Mensch muss sich auch praktisch bewähren. Ohne Werke ist der Glaube tot.

Die zitierten Stellen meinen einfach folgendes: Wer glaubt, der wird gerettet werden, aber es muss ein wirklicher Glaube sein, aus dem auch Werke folgen; ein Pseudoglaube, ein toter Glaube, nützt nichts.

Es gibt sicher Einzelfragen, über die Jesus spricht und Paulus nicht; oder über die Paulus spricht und Jesus nicht (z. B. die Götzenopferfleischfrage, die irgendwann in den christlichen Gemeinden aufkam; vgl. Röm 14). Das sind aber eher konkrete, praktische Randfragen. Wenn Paulus über Spendensammlungen oder seine Reisepläne spricht: Was ist daran aufsehenerregend? In den Evangelien kommt manches vor, über das Paulus nicht ausführlich spricht, einfach weil die Evangelien auch Ereignisse berichten, nicht nur Jesu Lehre weitergeben: Da wären die vielen Stellen, an denen Heilungen, Totenerweckungen und Dämonenaustreibungen berichtet werden, die Taufe und Verklärung Jesu, die Tempelreinigung, die Hinrichtung von Johannes dem Täufer, die Segnung der Kinder usw. usf. Paulus wiederholt das alles in seinen Briefen nicht; dazu hat er auch keinen Anlass.

Manche Leute konstruieren andere Unterschiede, die nicht da sind. Z. B. ging Jesus während Seines irdischen Lebens nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 10,6), aber nach Seiner Auferstehung sandte Er Seine Jünger ausdrücklich zu allen Völkern, also den Heiden (s. z. B. Mt 28,19: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“, oder Mk 16,15: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“; vgl. auch Lk 24,47), um deren Missionierung sich Paulus so verdient machte. Das jesuanische Christentum war keine rein auf Juden begrenzte Religion und schloss sehr wohl auch die Heiden ein, genau wie das paulinische.

Ist Paulus irgendwie „politisch nützlicher“? Oben wurde demonstriert, dass Jesus und Paulus beide gleich gehorsam bzw. ungehorsam gegenüber dem Staat waren: Man gehorcht an sich und zahlt seine Steuern, erkennt die Autorität des Staates als legitim an, aber wenn der Staat etwas verlangt, das Sünde ist, ist man bereit, sich für seine Überzeugungen umbringen zu lassen.

Was ist mit dem Thema Sklaverei? Paulus erwähnt es an mehreren Stellen: Er zählt Sklavenhändler zu den Gottlosen (1 Tim 1,10), fand nichts daran, Sklavenbesitzer in die Kirche aufzunehmen, lehrte, dass Sklaven ihren Herren gehorchen und Herren ihre Sklaven gerecht behandeln sollen, da es vor Gott kein Ansehen der Person gebe (vgl. Eph 6,5-9), die Freilassung von Sklaven behandelt er als gutes Werk (Phlm), aber verlangt sie nicht kategorisch von jedem, der Christ werden will. Das entspricht ziemlich genau der Position, die die Kirche in ihrer Geschichte eingenommen hat: Die (gewaltsame) Versklavung von Menschen wird scharf verurteilt; der Sklavenhandel sehr stark kritisiert und man will ihn einschränken oder ganz abschaffen; die Sklaverei als bereits bestehender Zustand wird nicht als ideal gesehen und Sklaven werden als Menschen mit gewissen Grundrechten gesehen, die freilich in ihrer Arbeit nicht frei sind, aber eben z. B. nicht straflos getötet oder vergewaltigt werden dürfen und das Recht haben, eine Familie zu gründen; Sklavenbesitzer werden an sich nicht aus der Kirche ausgeschlossen, aber die Freilassung von Sklaven als gutes Werk gesehen; gewaltsame Sklavenaufstände begrüßt man definitiv nicht, aber sonstige Maßnahmen zur Abschaffung oder Linderung der Sklaverei absolut, wobei gerade einige frühe Theologen in der Antike die Sklaverei eher noch als eine nicht zu ändernde Folge des Sündenfalls sahen; im Hoch- und Spätmittelalter und der Neuzeit stellte sich die Kirche in der Praxis stärker dagegen als noch in Antike und Frühmittelalter. Und diese ganze Position (von dem abgesehen, dass manche sich anfangs keine generelle Abschaffung der Sklaverei vorstellen konnten) hat nun mal ihre guten Gründe. (Mehr zu Bibel und Kirche und der Sklaverei hier; außerdem ein (wahrscheinlich oberflächlicher und unvollständiger; es ist Wikipedia) Überblick über Maßnahmen gegen die Sklaverei im Lauf der Geschichte, die v. a. ab dem Mittelalter getroffen wurden, hier.)

Aber wir waren bei Paulus und Jesus: Und hier gibt es keinen Widerspruch, denn Jesus sagt schlicht gar nichts zum Thema Sklaverei. Er benutzt sie vielleicht mal bei einem Vergleich in seinen Gleichnissen, aber das ist keine Aussage über die Sklaverei. In seinen überlieferten Aussagen findet man weder eine Billigung noch eine Verurteilung. Er war kein Sklavenbesitzer wie Propheten aus anderen Religionen (z. B. Mohammed), und er rief zu keiner Sklavenrevolte auf.

Was ist mit dem Umgang mit Frauen? Paulus schreibt, dass Ehefrauen sich ihren Männern unterordnen sollen, s. Eph 5,21-33: „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Furcht Christi! Ihr Frauen euren Männern wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort! So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Indessen sollt auch ihr, jeder Einzelne, seine Frau lieben wie sich selbst, die Frau aber ehre ihren Mann.“ Vgl. dazu auch Kol 3,18f., Tit 2,3-5. In 1 Kor 11 sagt Paulus, dass der Mann das Haupt der Frau ist und in 1 Kor 14,33-35, dass die Frauen in der Versammlung, d. h. beim Gottesdienst, schweigen sollen. In 1 Tim 2,11-14 schreibt er: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“ (Zur Frage, wie diese Stellen zu verstehen sind, hier.)

Jesus hatte Frauen unter seinen Anhängern, die Er auch schätzte, von denen einige unter Seinem Kreuz standen oder später zu Seinem Grab gingen. Er wählte allerdings keine Frau in den Zwölferkreis. Über Gehorsam in der Ehe sagt er schlicht und einfach nichts. Das einzige, was über Jesu Verhalten zu Familienstrukturen generell gesagt wird, ist, dass Er als Kind Seinen Eltern gehorsam war (Lk 2,51).

Mit anderen Worten: Am ehesten kann man einen Widerspruch in der Rechtfertigungslehre deklarieren, aber auch dazu muss man einige Stellen ignorieren; Jesus und Paulus lassen sich auch hier gut vereinen. Eine gewisse Plausibilität hätte es auch noch, zu sagen „Aber Jesus hätte feministischer als Paulus sein können, was die Beteiligung der Frauen in den Gemeinden und ihre Stellung in der Ehe angeht“, aber das ist eben Spekulation; Jesus widerspricht Paulus‘ Sicht nirgends. Ansonsten kommt man nicht umhin, eine sehr deutliche Übereinstimmung zuzugeben.

Mit anderen Worten: Die ganze Theorie ist Wunschdenken.

Skrupel vs. Gewissen

Eine Falle für Skrupulanten, die ihre Skrupulosität überwinden wollen, kann der Gedanke sein: Gut, das und das scheint nach der Lehre der Kirche prinzipiell keine Sünde zu sein. Aber irgendwie kommen mir doch Bedenken, dass es in meinem Fall wegen dieser und jener Umstände falsch sein könnte. Und sollte man nicht nach katholischer Lehre auch auf sein Gewissen hören – auch dann, wenn es etwas verbietet, das nicht so eindeutig allgemein verboten ist?

Immerhin sagt auch der Apostel Paulus in Römer 14, dass man nicht gegen das Gewissen handeln soll – auch wenn das Essen von Götzenopferfleisch, worum es in diesem Fall geht, tatsächlich nicht schlimm ist. „Wer aber Zweifel hat, wenn er etwas isst, der ist gerichtet, weil er nicht aus der Überzeugung des Glaubens handelt. Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde.“ (Römer 14,23)

Nun: Paulus sagt tatsächlich, dass man nicht gegen das Gewissen handeln darf. Aber dann sagt er eben nicht, dass es nicht noch besser wäre, wenn diejenigen, die eine falsche Vorstellung vom Richtigen und Falschen, ein falsch geformtes Gewissen, haben, das einfach korrigieren. Das Gewissen muss man formen; das sagt die Kirche auch. Man sollte schon lernen, was richtig und was falsch und was moralisch neutral ist, um sich kein unnötiges schlechtes Gewissen zu machen (oder umgekehrt zu arg lax zu werden). Und wenn jemand dann gelernt hat, dass es (z. B.) keine Sünde ist, Götzenopferfleisch zu essen, dann spricht sein Gewissen auch nicht mehr dagegen. Bei Skrupulanten ist es zudem oft so, dass man eigentlich irgendwo schon weiß, dass das und das nicht Sünde ist, dann aber doch die krankhaften Zweifel kommen.

Und Skrupel sind eben nicht die Stimme des Gewissens. Das Gewissen sieht man in der Vernunft, in dem vernunftgeleiteten Urteil am Werk, dass diese und jene harmlose Handlung nicht Sünde ist. Der Zwangsgedanke, der dann sofort hineingrätscht und fragt „Aber wenn doch?“ ist nicht die Stimme des Gewissens, sondern eine Krankheit. Deshalb hilft es auch, sich auf das Gewissen eines Beichtvaters zu verlassen, das hoffentlich gesund ist und nicht von Zwangsgedanken bedrängt und verwirrt wird.

„Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde“ – ja, aber die Bekämpfung der Skrupel und der Gehorsam gegenüber dem Beichtvater, wenn man einen hat, geschehen „aus Glauben“.

Zu Gaudete

Ein Gastbeitrag von Nepomuk in Form einer Predigt zum Gaudete-Sonntag:

Freut euch allezeit im Herrn! Noch einmal sage ich: freut euch. (Phil 4,4)

Den heutigen Sonntag nennt man Gaudete, das heißt „Freut euch!“. Das kam im Introitus. Das kam in der Lesung. Und jetzt kommt’s auch in der Predigt schon wieder. Natürlich muß es hier um die Freude gehen.

Man könnte an dieses Thema naiv herangehen und sagen: freuen, das tun wir Christen uns ja sowiesó. Könnte man. Aber es wäre naiv. Man könnte dann noch naiver auf irgendwelche Statistiken eingehen, die irgendwie (vermutlich) nahelegen würden, daß die Gläubigen fröhlicher durchs Leben gehen als die Ungläubigen; wahrscheinlich ist das auch so. Ich habe die statistische Lage nicht geprüft, aber ich meine mich zu erinnern, daß es das immer heißt. Ich weiß freilich – offen gestanden – nicht, wie die Statistiker, wenn es diese Statistiken überhaupt gibt, zu ihren Ergebnissen kommen. Ob das irgendwelche Fragebögen sind? Wie aussagekräftig das ist? Hat einer geantwortet, wie er antworten soll, weil er weiß, daß er eigentlich Grund zur Freude hat? Damit müßte man sich wenndann im Detail beschäftigen; letztlich ist es aber, so denke ich, nicht so wichtig. Eines heißt es jedenfalls, die Gläubigen begehen seltener Selbstmord als die Ungläubigen. Aber liegt das daran, daß sie sich mehr freuen – oder doch ganz banal daran, daß sie an der moralischen Pflicht festhalten, aus ihrem Leben gerade dann nicht zu flüchten, wenn es wirklich unangenehm wird? (Natürlich ist die Pflicht eine des Naturrechts; de facto hält das aber wohl nur noch der Gläubige hoch.)

Man könnte an das Thema auch moralisierend herangehen; dann kommt in der Regel relativ bald der Spruch von Friedrich Nietzsche: „Erlöster müßten mir die Christen aussehen […] wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Ich will keinen Hehl daraus machen, daß ich von diesem Sprüchlein – das nebenbei Nietzsche tatsächlich einmal gesagt hat, das in gefühlten 95 % aller Fälle, in denen es heute zitiert wird, aber von eifrigen Christen zitiert wird, immer beflissen, einander zu ermahnen: was, wenn wegen eines unterlassenen Lächelns ein Mensch sich nicht bekehrt, will jemand diese Verantwortung tragen usw.? – in dieser Verwendung nicht allzuviel halte.

Es gibt eine Pflicht, sich zu freuen; der Apostel schreibt das ja ausdrücklich. Ich komme darauf auch gleich zu sprechen. Aber einstweilen – diese gibt es, weil wir tatsächlich Grund zur Freude haben! Aber einen Atheisten mit Hang zur Verrücktheit, wie Nietzsche es war, der von unserem Glauben keine Ahnung, bloß oberflächliche Kenntnisse hat, der insbesondere von den Dingen, die dem Gläubigen auch tatsächlich schwer zu ertragen werden, denn es gibt sie, keine Ahnung hat, der ist der allerletzte, der uns zu sagen hätte, was unser Gefühl zu tun und zu lassen hat! Als ob die Freudigkeit oder fehlende Freudigkeit der Christen, von denen doch ohnehin klar ist, daß sie zum einen sündigen und zum anderen auch, wo das, was sie tun, immerhin keine Sünde ist, eher selten dem Bild des zum einen völlig perfekten, zum anderen „geisterfüllt“ (oder was man so nennt) auf Wolke sieben schwebenden „erlösten“ Menschen nahekommt. Das geht Nietzsche einen feuchten Dreck an!

Übrigens ist dieser auf Wolke sieben schwebende Charismatiker, dem wir sein Glück durchaus gönnen wollen, für den Katholiken entgegen der von gewissen religiösen Revival- und Pfingst- und wie-sie-nicht-alle-heißen-Bewegungen kolportierten Vorstellungen durchaus auch nicht das Ideal. Es gibt ja diese Vorstellung, der Heilige bekehre sich einmal in einer großen Bekehrungsaktion, und dann habe er natürlich hier und da die eine oder andere Anfechtung, aber im großen und ganzen sei er im Frieden. – Wie gesagt, wenn das dem einen oder anderen so geht, dann sei ihm das gegönnt. Aber es ist definitiv nicht der typische Lebenslauf der großen katholischen Heiligen; und wohl auch nicht der meisten ein paar Niveaus drunter anzusiedelnden Katholiken. Mit der Bekehrung, sei es daß sie durch ein plötzliches Ereignis kommt, sei es (was trotz aller das Gegenteil behauptenden Neuprotestanten durchaus möglich ist) daß ein als Kind Getaufter wirklich von Kindesbeinen an in den Glauben hineinwächst und natürlich für seine Sünden Buße tun, eine „typische“ Bekehrung aus dem Bilderbuch vom Unglauben zum Glauben aber gar nicht ablegen muß – damit jedenfalls geht der Glaubensweg erst so richtig los; geht auch der Kampf los; geht auch der Lauf, von dem der hl. Paulus schreibt, los. Der in diesen Tagen seinen Geburtstag für den Himmel feiernde Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz hat daran keinen Zweifel gelassen: auf diesem Weg kann es auch zu sogenannten Trockenheiten kommen, in denen der Mensch glaubt, aber die Tröstungen des Glaubens gar nicht spürt; und die hl. Mutter Teresa von Kalkutta hat nach ihrer ewigen Profeß fast das ganze weitere Leben das Martyrium einer solchen Trockenheit erdulden müssen.

Gerade in ebenso einer „Trockenheit“, können wir glaubich sagen, befand im Evangelium des vergangenen Sonntags sich ein anderer großer Heiliger, ein anderer hl. Johannes, eben der hl. Johannes der Täufer, von dem auch heute, wenngleich in anderem Zusammenhang das Evangelium berichtet.

Er sitzt da da, im Gefängnis, in das ihn sein konsequentes Eintreten für die Wahrheit und die rechte Moral – wofür übrigens? Dafür, daß er Herodes darauf hingewiesen hatte, daß geschiedene Leute nicht heiraten dürfen – gebracht hat; und jetzt sitzt er da. Auf Christus hat er hingewiesen; im heutigen Evangelium haben wir von seiner Prophetie gehört, die auf Christus verweist. Unmittelbar danach wird im Johannesevangelium berichtet, daß Christus zu Johannes kam und Johannes den Geist auf ihn herabkommen sah (es muß das bei der Taufe Christi gewesen sein, von der die Synoptiker berichten), und jetzt identifiziert Johannes ihn: Das ist er.

Im Evangelium vom letzten Sonntag ist wie gesagt einige Zeit vergangen; Johannes sitzt im Gefängnis und schickt Boten zu Christus: „Bist Du es denn jetzt, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Glaubensfreude? Auf den ersten Blick Fehlanzeige.

(Nebenbei bemerkt haben sich nicht wenige Kirchenväter gedacht, ein Prophet irrt sich nicht und zweifelt auch an seiner Prophetie nicht; Johannes habe daher gar nicht an Christus gezweifelt, aber seine Jünger hätten es, und um diesen, nicht seinen eigenen, Zweifeln Ruhe zu verschaffen, habe er seine Jünger zu Christus geschickt, daß Er sie selber stille. So oder so: die Zweifel waren jedenfalls in der Welt.)

Christus antwortet darauf nach ein paar Sätzen, auf die ich noch eingehe, mit dem Lob des Hl. Johannes, als wollte er es den von dem protestantischen Gerede über die Stärke des Glaubensgefühls als Gradmesser der Festigkeit des Glaubens verunsicherten Menschen von heute ins Stammbuch schreiben, daß dieser Zweifel, ob ihn der hl. Johannes nun hatte oder ob es nur der seiner Jünger war, mit dem er sich aber in dem Fall unzweideutig solidarisierte, nicht heißt, daß einer ein schlechter Christ sei.

Auch in einem der beeindruckendsten Bücher des Alten Testaments, im Buch Ijob, von dem man bitte nicht einfach eine Zusammenfassung lese, sondern das man von vorn bis hinten durchlesend auf sich einwirken lassen sollte, wird Ijob nicht für die Klage getadelt, zu der er kein Recht habe. Man wird sich erinnern (weil man vielleicht doch schon eine Zusammenfassung gelesen hat): Ijob verliert alles, was er auf der Erden hat, auch seine Gesundheit und liegt da in Schmerzen und klagt, warum ihm das passiere, er habe es doch nicht verdient. (So ganz grob.) Drei Freunde sind da, Elifas, Bildad und Zofar, die sagen ihm dann, er müsse ganz einfach ein Sünder sein und außerdem stehe es ihm keineswegs zu, mit Gott zu rechten, er habe sich seiner Majestät einfach zu unterwerfen. (So ganz grob.) Im Grunde also predigen sie die Haltung, die heute der Islam einnimmt – wenn der auch sonst bisweilen schlecht informierte deutsche Denker Oswald Spengler behauptet, Ijob (und nicht die drei Freunde) sei der Prototyp des Moslems, dann stimmt das nicht. Nichtsdestoweniger ist die Rede der drei auch nicht ganz falsch, wenn sie auch hernach dafür getadelt werden. Nachher erscheint ein jüngerer Mann namens Elihu, der differenzierte Theologie betreibt; das ist schon hilfreicher, und er wird dafür nicht getadelt. Dann aber kommt die Hauptsache, dann tritt Gott selbst auf den Plan. Und was der nur überfliegende Leser ebenfalls für einen Tadel von seiten Gottes halten würde,

„Wer ist es, der den Plan verdunkelt / mit Worten, denen die Erkenntnis mangelt?
Umgürte Deine Lenden wie ein Mann; / ich will dich fragen, Du belehre mich!
Wo warst Du denn, als ich die Erde gründete? / Sag an, wenn Du so große Einsicht hast!“
und dann geht es so eine Weile weiter und dann kommt:
„und wer hat ihren Eckstein eingefügt,
als all die Morgensterne jauchzten / und alle Gottessöhne jubelten?“

– das ist gar kein Tadel. Gott beschreibt dann geradezu detailverliebt die Schönheit und den Detailreichtum Seiner Schöpfung, und wie Chesterton bemerkt, wird klar, daß die Gottessöhne wirklich etwas zu jubeln hatten, und daß Gott Hagelkörner aufbewahrt
„für den Tag des Kampfes und der Schlacht“,
und daß die Frevler (und nicht Ijob!) von der Erde geschüttelt werden würden.

Die Antwort Ijobs darauf scheint für viele oberflächliche Leser die Grundaussage des Buches zu sein:

„Sieh, zu gering bin ich. Was soll ich Dir erwidern? / Ich lege meine Hand auf meinen Mund.
Einmal hab‘ ich geredet, tu’s nicht wieder / sogar ein zweitesmal, doch fahre ich nicht fort.“

Auch die Haltung ist, versteht sich, nicht ganz falsch. Aber Grundaussage des Buches? Nichts dergleichen. Jetzt, wo, wenn das stimmte, Gott doch zufrieden sein müßte, jetzt gerade ändert sich auf einmal der Tonfall; jetzt kommt noch eine zweite Rede Gottes, und jetzt kommt Gott wirklich fast ein wenig zornig herüber!

„Willst du wirklich mir mein Recht zunichte machen/ mich schuldig sprechen, daß Du Recht behältst?“
Jetzt kommt die zweite Rede Gottes von seiner Hoheit und seiner Majestät, jetzt treten Nilpferd und Walfisch auf und so weiter. Und am Ende sagt Ijob dann:
„Ich weiß nun, daß Du alles kannst / und kein Gedanke Dir unmöglich ist.
Wer ist es, der den Rat verdunkelt ohne Einsicht? / So sprach ich im Unverstand von dem  / was mir zu wunderbar und unbegreiflich war.
So höre doch, ich will nun reden! / Ich will Dich fragen, Du belehre mich!
Vom Hörensagen nur hab ich von Dir gewußt / jetzt aber hat mein Auge Dich geschaut.
Drum leiste Widerruf ich und bereue / in Staub und Asche.“

„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt / selbst wenn er sich als Letzter aus dem Staub erhebt“, hatte er vorher mitten in seiner Klage gesagt. Und er hatte Recht.

Johannes ließ anfragen: „Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So höre denn, ich will nun reden: ich will Dich fragen, Du belehre mich! Und Christus antwortet: „Berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird das Evangelium verkündet. Und selig, der an mir keinen Anstoß nimmt.“

Das ist der Grund für unsere christliche Freude, daß unser Erlöser lebt und sich aus dem Staub erhoben hat.

Johannes fragte in einer Zeit der Unsicherheit, der Buße – er war ja Bußprediger – des Advents, der violetten Gewänder, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Ijob fragte in seiner persönlichen Unsicherheit, seiner Klage, seinem Leiden – in einer Zeit der violetten Gewänder, des Advents, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Und sie erhielten beide Antwort: Mit der Ankunft Gottes in diese Welt.

Darin freilich ist Johannes Ijob voraus: Dem Ijob erschien Gott, um ihn zu trösten: letztlich, um ihn damit zu trösten, daß Er da ist, daß die ganze Problemlage tatsächlich eine zum Himmel schreiende Problemlage ist und daß der Himmel antworten wird. Christus, Gott selbst, der Menschgewordene, ist die Antwort des Himmels – Er wird die Sünden der Welt – und damit letztlich auch die Sündenfolgen – hinwegnehmen. Johannes durfte mit den Worten „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt“ auf ihn hinweisen (wieder: unmittelbar im Anschluß an das Evangelium von heute) – nachdem er es, bevor ihm gesagt wurde, daß Er es sei („auch ich kannte ihn nicht“ würde er sagen; persönlich kannte er Ihn schon, Er war sein Cousin, aber er wußte nicht, daß Er es sei), schon als adventlicher Prophet verkündet hatte.

Er, Christus, ist der Grund für unsere Freude; und deswegen hat der Herr Zelebrant heute ein rosanes Gewand an als aufgehelltes Violett.

Und was folgt nun für unser Verhalten daraus? Nein, nicht, daß wir nicht klagen dürften. Auch Ijob durfte. Auch Johannes durfte. Wohl aber wird man ganz pragmatisch sagen: wir sollten es damit nicht übertreiben.

Der Hl. Thomas von Aquin lehrt an einer Stelle, wenn uns die Traurigkeit übermannt, dann solle man ein heißes Bad nehmen (oder so ähnlich): Zur Freude gehört schon auch, daß wir uns nicht alleweil der Trübsal hingeben – und wenn so banale gewissermaßen „Techniken“ wie Baden, Duschen, lautes Singen von von rechter Fröhlichkeit erfüllten Liedern, zum Beispiel von religiösen, aber auch, anstatt dauerndem Vor-sich-hin-Gegrummel die Klage wirklich einmal auszusprechen, laut hinauszuschreien, zu weinen etc. – auch wenn es paradox klingt, aber das hilft in der Regel, zur Freude zurückzufinden – uns dabei helfen, dann können wir diese auch hernehmen. „Durch die äußeren Formen [gemeint: des katholischen Ritus] werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“, heißt es in der Erklärung der Alten Messe von Pater Martin Ramm; das ist das schlagende Argument gegen den von protestantischer und anderer Seite vorgebrachten Vorwurf, wir würden nur auf Äußerlichkeiten setzen; und was für den Ritus gilt, das gilt auch außerhalb.

Machen wir uns nichts vor! Aber scheuen wir uns auch nicht, die Haltung, die wir eigentlich in unserem Herzen, oder, wenn für jemanden das Wort „Herz“ zu sehr nach „Gefühl“ klingt: durchaus auch in unserem Kopfe, haben, laut zu äußern auch in der Hoffnung, daß wir unser eigenes Gemüt damit erst noch so überzeugen. Wie es die hl. Mutter Teresa gehandhabt hat: sie hat immer gelächelt – weil sie wußte, es gibt Grund zum Lächeln. Das war nicht unehrlich. Auch wenn das Lächeln mühevolle Arbeit war.

Und dann, klar, tun wir, wie der Hl. Paulus gesagt hat. „Euer gütiges Wesen sollen alle Menschen erfahren.“ Freude auszustrahlen ist selbst schon ein Akt der Gütigkeit; er macht den Mitmenschen das Leben angenehmer. Und so wie wir angelegt sind, wird zumeist nur mit Freude im Herzen es gelingen, Großes zu leisten, sei es in der Nächstenliebe, sei es anderweitig. „Du wirst es nicht zu Tücht’gem bringen / bei deines Grames Träumereien, / die Tränen lassen nichts gelingen; / wer schaffen will, muß fröhlich sein. // Wohl Keime wecken mag der Regen, / der in die Scholle niederbricht, / doch golden Korn und Erntesegen / reift nur heran bei Sonnenlicht.“ So, mit Recht, Theodor Fontane.

Und das geht ja auch. Denn, so Paulus: „Um nichts macht euch Sorgen; laßt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen durch Bitten und Flehen – mit Dank! – vor Gott kund werden.“

Das ist der nächste praktische Hinweis: Scheuen wir uns nicht, unseren Herrgott mit Bittgebeten zu bestürmen! Wir wissen ja, daß er uns gibt, was wir brauchen.

Und vergessen wir das Dankgebet nicht. Denn was wir brauchen könnten, ist allenfalls ein kleiner Tropfen in dem Meer von dem, was er uns schon gegeben hat in der Schöpfung; was Er uns zuteil hat werden lassen in der Erlösung, in der Gnade, in Jesus Christus; und vor allem, um den Dank mit dem Gloria zu sagen: in bezug auf Seine eigene große Herrlichkeit: denn Er, das vollkommene Gute und die Ewige Schönheit, íst:

und wenn das für einen kein Grund zur Freude ist, dann ist er entweder seines Verstandes nichtmächtig oder ein Trottel.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 18: Der Töpfer und der Ton – was sagt Paulus über Prädestination?

[Dieser Teil wurde nach der ursprünglichen Veröffentlichung noch einmal generalüberholt.]

Und noch einmal die obligatorische Klarstellung: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber. („Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.))

Jetzt aber zu der fraglichen Bibelstelle. Im Römerbrief heißt es:

„Es ist aber keineswegs so, dass Gottes Wort hinfällig geworden ist. Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel; auch sind nicht alle, weil sie Nachkommen Abrahams sind, deshalb schon seine Kinder, sondern es heißt: In Isaak wird dir Nachkommenschaft berufen. Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt; denn es ist eine Verheißung, wenn gesagt wird: Um diese Zeit werde ich kommen, dann wird Sara einen Sohn haben. So war es aber nicht nur bei ihr, sondern auch bei Rebekka, die von einem einzigen Mann empfangen hatte, von unserem Vater Isaak; denn ihre Kinder waren noch nicht geboren und hatten weder Gutes noch Böses getan; damit aber Gottes freie Wahl und Vorherbestimmung gültig bleibe, nicht abhängig von Werken, sondern von ihm, der beruft, wurde ihr gesagt: Der Ältere muss dem Jüngeren dienen; wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst. Was sollen wir nun sagen? Handelt Gott ungerecht? Keineswegs! Denn zu Mose sagt er: Ich schenke Erbarmen, wem ich will, und erweise Gnade, wem ich will. Also kommt es nicht auf das Wollen und Laufen des Menschen an, sondern auf den sich erbarmenden Gott. Denn in der Schrift wird zum Pharao gesagt: Eben dazu habe ich dich bestimmt, dass ich an dir meine Macht zeige und dass auf der ganzen Erde mein Name verkündet wird. Er erbarmt sich also, wessen er will, und macht verstockt, wen er will. Nun wirst du einwenden: Wie kann er dann noch anklagen, wenn niemand seinem Willen zu widerstehen vermag? O Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es geschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht? Ist nicht vielmehr der Töpfer Herr über den Ton? Kann er nicht aus derselben Masse ein Gefäß herstellen zu ehrenhaftem, ein anderes zu unehrenhaftem Gebrauch? Wie aber, wenn Gott in der Absicht, seinen Zorn zu zeigen und seine Macht zu erweisen, die zur Vernichtung bereiteten Gefäße des Zorns mit großer Langmut ertragen hat, auch um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens zu erweisen, die er zuvor zur Herrlichkeit bestimmt hat? Sie hat er auch berufen, das sind wir, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie gerufen werden: Söhne des lebendigen Gottes. Und Jesaja ruft über Israel aus: Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer – nur der Rest wird gerettet werden. Denn der Herr wird handeln, indem er sein Wort auf der Erde erfüllt und durchsetzt. Ebenso hat Jesaja vorhergesagt: Hätte nicht der Herr Zebaoth uns Nachkommenschaft übrig gelassen, wir wären wie Sodom geworden, wir wären Gomorra gleich. Was sollen wir nun sagen? Heiden, die nicht der Gerechtigkeit nachjagten, haben Gerechtigkeit empfangen, die Gerechtigkeit aber aus Glauben. Israel aber, das dem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat das Gesetz nicht erreicht. Warum? Weil es ihm nicht um die Gerechtigkeit aus Glauben, sondern um die Gerechtigkeit aus Werken ging. Sie stießen sich am Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht: Siehe, ich richte in Zion einen Stein auf, an dem man anstößt, einen Fels, an dem man zu Fall kommt. Und wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.“ (Römer 9,6-32)

Die Lieblingsstelle aller Calvinisten.

Die interpretieren sie folgendermaßen: Gott hat die einen Menschen für den Himmel vorherbestimmt und die anderen für die Hölle (sog. „doppelte Prädestination“); er verursacht auch, dass Erstere die Gebote halten und Letztere sündigen – Gefäße des Zorns und so. Das hat keinen besonderen Grund – der Wille des Herrn ist unergründlich –, Gott will halt einfach seine Souveränität und Macht und Herrlichkeit zeigen und an irgendwem muss er ja auch seinen Zorn über die Sünde erweisen. Die Menschen sind alle vollkommen verdorben, vollkommen unfähig zum Guten, und eigentlich alle auf dem Weg in die Hölle, aber weil Gott gnädig ist, pickt er ein paar heraus, die er erlöst, deren sündigen Willen er mit seiner Gnade überwältigt und aufs Gute ausrichtet und die er für den Himmel vorherbestimmt; die anderen bekommen eben die harte Gerechtigkeit zu spüren und brauchen sich mal nicht zu beschweren, dass sie in die Hölle kommen und ewige Qualen erleiden (obwohl sie ja keinen freien Willen hatten und ihre Vergehen nicht hätten vermeiden können). (Eine mildere, eher augustinische als calvinistische Interpretation wäre, dass Gott die Sünden der Verworfenen nicht direkt verursacht, sondern eben aus den Menschen, die alle aus freiem Willen sündigen, manche entsprechend der Gerechtigkeit und andere entsprechend der Gnade behandelt.)

Nun ist an dieser Interpretation nicht alles falsch; die Menschen sind ziemlich verdorben und – auch wenn sie sehr unterschiedliche Höllenkreise verdienen würden, und das durch ihren freien Willen – können an sich nichts tun, um sich gerecht zu machen und die übernatürliche Gemeinschaft mit Gott selber zu erlangen. Auch richtig: Gott schuldet einem die Gnade nicht, Gnade ist immer ungeschuldet. Aber heißt das, Gott bestimmt manche Leute wirklich für die Hölle und gibt ihnen keine zweite Chance?

Ein erstes Problem mit dieser Interpretation ergibt sich, wenn man den Rest des Römerbriefs selbst ansieht. Nur ein paar Kapitel vor dieser Stelle verwirft Paulus die Idee, dass Gott Lieblinge habe. Nein: Er urteile über sie gemäß ihrer Taten.

„Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt? Weil du aber starrsinnig bist und dein Herz nicht umkehrt, sammelst du Zorn gegen dich für den Tag des Zornes, den Tag der Offenbarung von Gottes gerechtem Gericht. Er wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen: Denen, die beharrlich Gutes tun und Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit erstreben, gibt er ewiges Leben, denen aber, die selbstsüchtig sind und nicht der Wahrheit gehorchen, sondern der Ungerechtigkeit, widerfährt Zorn und Grimm. Not und Bedrängnis wird das Leben eines jeden Menschen treffen, der das Böse tut, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen; doch Herrlichkeit, Ehre und Friede werden jedem zuteil, der das Gute tut, zuerst dem Juden, aber ebenso dem Griechen; denn es gibt bei Gott kein Ansehen der Person.“ (Röm 2,4-11)

Das gilt nicht nur für den Römerbrief, sondern für die gesamte Bibel. So gut wie immer, wenn es da um Gottes Gericht geht, wird davon ausgegangen, dass Gott alle Menschen dazu bringen will, umzukehren, und es an ihnen ist, ob sie es tun. Sowohl Gottes allgemeiner Heilswille als auch die Abhängigkeit der Erlösung von den Entscheidungen der einzelnen Menschen werden immer wieder betont:

  • „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen […].Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Timotheus 2,1.3f.) Diese Stelle ist vom selben Paulus wie der Römerbrief.
  • Auch wieder von Paulus: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ (Titus 2,11)
  • Von Petrus: „Der Herr der Verheißung zögert nicht, wie einige meinen, die von Verzögerung reden, sondern er ist geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle zur Umkehr gelangen.“ (2 Petrus 3,9)
  • In den Evangelien gäbe es das Gleichnis vom verlorenen Schaf: „Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lukas 15,3-7)
  • Oder man nehme das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32), wo es vom Sohn abhängt, ob er zurückkehrt.
  • Oder Jesu Beschreibung des Weltgerichts: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,31-46)
  • „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Matthäus 7,21)
  • Da wäre die klassische Stelle im Johannesevangelium, die so gerne zitiert wird: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. Denn darin besteht das Gericht: Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“ (Johannes 3,16-21)
  • Auch die Offenbarung des Johannes hat etwas dazu zu sagen: „Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; und ein anderes Buch, das Buch des Lebens, wurde geöffnet. Die Toten wurden gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war, nach ihren Taten.Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Taten.“ (Offenbarung 20,12f.)
  • Bereits das Alte Testament ist wunderbar klar: „Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben. […] Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Weg, ihr vom Haus Israel – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, kehrt euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Schuld zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr denn sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt! (Ezechiel 18,26-28.30-32)

Ich denke, diese Stellen genügen fürs erste; ich könnte noch unzählige weitere anführen. Wenn man den Kontext der gesamten Bibel kennt (und einzelne Bibelstellen müssen immer in diesem Kontext gelesen werden), ist es praktisch unmöglich, an eine Prädestination im calvinistischen Sinne zu glauben. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden; wenn sie nicht gerettet werden, dann liegt das daran, dass sie selber nicht umkehren wollten. Man kann jetzt sagen, dass Gott manchen Menschen nicht die nötige Gnade gegeben hat, weil Er im Voraus wusste, dass sie sie nicht nutzen würden, o. Ä., aber eine wirkliche Prädestination zur Hölle einfach so? Weniger.

Gut. Wie sollen wir dann Römer 9 interpretieren?

Dazu muss man auf den Kontext dieser Stelle schauen: Worum geht es hier eigentlich?

Paulus behandelt in den Kapiteln 9-11 des Römerbriefs die Frage, wieso die Mehrheit der Juden zu seiner Zeit (noch) nicht Christen geworden sind. Er behandelt die Frage, wieso sie nicht zur Kirche gehören – ausdrücklich nicht die Frage ihrer Erlösung. Und hier schreibt er, dass Gott die einen Menschen dazu berufen hat, äußerlich zur Kirche zu gehören, und die anderen nicht, so, wie er im Alten Bund Jakob als Stammvater Seines auserwählten Volkes berufen hat und nicht Esau. Aber die äußere Zugehörigkeit zur Kirche ist eben nicht gleichbedeutend mit der Erlösung; erstens kann auch jemand, der in diesem Leben zur Kirche gehört, verlorengehen, zweitens kann auch jemand, der nicht zur Kirche gehört, gerettet werden. Es ist zwar nicht so, dass es da keinen Zusammenhang gäbe – wer sich sicher ist, dass der katholische Glaube wahr ist, muss schon katholisch werden, das fordert Gott allerdings -, aber es ist eben nicht dasselbe, und hier spricht Paulus nur über die Zugehörigkeit zur Kirche.

Er hält die Juden, über die er spricht, nicht für ewig verworfen, wie absolut deutlich wird, wenn man nur ein wenig weiter liest. Direkt zu Beginn von Kapitel 10 heißt es:

„Brüder und Schwestern, ich wünsche von ganzem Herzen und bete zu Gott, dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer haben für Gott, aber ohne Erkenntnis.“ (Röm 10,1f.)

Diese Juden können noch gerettet werden, und es hängt von ihnen selbst ab. Paulus sagt dann auch, dass die Erlösung durch Jesus kommt, wobei er aber auch schreibt:

„Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet? […] So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft aber im Wort Christi. Aber, so frage ich: Haben sie etwa nicht gehört? Ja doch: In die ganze Welt ist ihr Schall gedrungen und bis an die Enden der Erde ihre Worte. Aber ich frage: Hat etwa Israel nicht verstanden?“ (Röm 10,15.17-20)

D. h. er geht hier auch davon aus, dass jemand schuldlos wäre, der die Botschaft noch nicht gehört oder sie nicht verstanden hätte. Dann sagt er zwar, dass die Juden diese Botschaft eigentlich schon gehört haben, aber irgendwie verstockt und blind sind und sie nicht einsehen wollen (vgl. das Ende von Kapitel 10 und den Beginn von Kapitel 11). Am Ende aber schreibt er:

„Nun frage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs!“ (Röm 11,1)

D. h. Gott hat nicht deshalb zugelassen (es ist hier übrigens auch immer wichtig, an den Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem nur indirekt zulassenden Willen Gottes zu denken), dass sie jetzt vorläufig „verstockt“ sind, damit sie am Ende verloren gehen. Sondern:

„Vielmehr kam durch ihren Fehltritt das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. Wenn aber ihr Fehltritt Reichtum für die Welt bedeutet und ihre geringe Zahl Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr ihre Vollzahl! Euch aber, den Heiden, sage ich: Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst, weil ich hoffe, die Angehörigen meines Volkes eifersüchtig zu machen und wenigstens einige von ihnen zu retten. […] Wenn aber einige Zweige herausgebrochen wurden, du aber als Zweig vom wilden Ölbaum mitten unter ihnen eingepfropft wurdest und damit Anteil erhieltest an der kraftvollen Wurzel des edlen Ölbaums, so rühme dich nicht gegen die anderen Zweige! Wenn du dich aber rühmst, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Nun wirst du sagen: Die Zweige wurden doch herausgebrochen, damit ich eingepfropft werde. Gewiss, wegen des Unglaubens wurden sie herausgebrochen. Du aber stehst durch den Glauben. Sei daher nicht überheblich, sondern fürchte dich! Hat nämlich Gott die Zweige, die von Natur zum edlen Baum gehören, nicht verschont, so wird er auch dich nicht verschonen. Siehe nun die Güte Gottes und seine Strenge! Die Strenge gegen jene, die gefallen sind, Gottes Güte aber gegen dich, sofern du in seiner Güte bleibst; sonst wirst auch du herausgehauen werden. Ebenso werden auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, wieder eingepfropft werden; denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen. Wenn du nämlich aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest, dann werden erst recht sie als die von Natur zugehörigen Zweige ihrem eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden. Denn ich will euch, Brüder und Schwestern, nicht in Unkenntnis über dieses Geheimnis lassen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Vollzahl der Heiden hereingekommen ist, und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion der Retter, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen.“ (Röm 11-14.17-26)

D. h. im Klartext: Gott hat zugelassen, dass die Juden, nachdem sie selber durch ihren eigenen Unglauben schuldig geworden und vom richtigen Weg abgekommen sind, quasi noch blinder geworden sind und sich in ihrem Unglauben verschanzt haben, und hat dann bewirkt, dass jetzt stattdessen viele neue Bekehrte von den Heiden in die Kirche aufgenommen werden. Paulus sagt, dass Gott so handelt, damit die Juden am Ende, nachdem so viele von den Heiden zum Gott Israels kommen, doch noch sehen, dass Jesus der Messias sein muss.

(Das passt übrigens auch gut mit dem Blick der ein wenig späteren Kirche auf das Judentum zusammen: Der hl. Justin der Märtyrer (gest. ca. 165) beispielsweise argumentiert in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon wiederholt, dass Tryphon doch sehen müsste, dass die Prophezeiungen des AT, laut denen die anderen Völker durch den Messias ebenfalls zu Gott kommen sollten, sich seit dem Kommen Jesu erfüllt hätten.)

Die Juden sind der ursprüngliche, von Gott gepflanzte Ölbaum; die Judenchristen sind die Zweige, die darin bleiben, die Juden, die Jesus nicht annehmen, die aus dem Ölbaum entfernten Zweige; die Heidenchristen die wilden, aufgepfropften Zweige. Aber das alles ist noch nicht endgültig. Die entfernten Zweige können wieder aufgepfropft werden; die aufgepfropften können auch noch herausgehauen werden. Dass jemand zum Ölbaum gehört, sagt noch nichts über die letztliche Erlösung.

Das Ganze betrifft natürlich nicht nur die damalige Zeit. Wir wissen auch nicht, wieso Gott heute zulässt, dass der eine zur Kirche findet und der andere nicht. Röm 9 sagt jetzt: Der, der Christ ist, braucht sich nichts darauf einzubilden; er ist da durch Gottes Gnade; und er muss auch nicht fragen, wieso Gott es nur zugelassen hat, dass andere (noch) nicht zur Kirche gefunden haben, Gott hat schon Seine Gründe. Und das alles entscheidet noch nicht über das endgültige Schicksal im Jenseits. Die einen werden in diesem Leben zur vollen Gemeinschaft mit der Kirche berufen, die anderen nicht; na und? Sie können alle am Ende im Himmel sein.

Einen sehr interessanten ausführlicheren Kommentar zu diesem Teil des Römerbriefs und zu den paar anderen Stellen, die Calvinisten (und im Lauf der Kirchengeschichte auch manche katholische Theologen) gelegentlich noch für eine solche Prädestinationslehre angeführt haben, hat Father William Most (leider auf Englisch).

Über schwierige Bibelstellen, Teil 17: 1 Korinther 7 – von den ehelichen Pflichten und dem Vorrang der Jungfräulichkeit

[Dieser Artikel wurde nach der Veröffentlichung noch einmal überarbeitet. Kommentare können sich auf die ursprüngliche Version beziehen.]

Und wieder zur Erinnerung: „Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber.

Im 1. Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus:

„Nun zu dem aber, was ihr geschrieben habt: Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt. 

Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot. Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! 

Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser. (1 Korinther 7,1-9.25-38)

Hier gibt es zwei Aussagen, die den heutigen Leser stören könnten:

  • Die Ehe ist nur ein Zugeständnis für die, die nicht enthaltsam leben können und ist minderwertig gegenüber der Jungfräulichkeit?
  • Das mit den, wie man so sagte, „ehelichen Pflichten“ – Sex als „Pflicht“?

Zum ersten Thema: Es ist wichtig, genau zu lesen, was Paulus schreibt.

Zunächst einmal spricht in einigen seiner Briefe – der 2. Korintherbrief ist das beste Beispiel – sehr persönlich zu seinen Gemeinden; auch hier spricht er wieder darüber, was seine persönliche Idealvorstellung wäre, was er aber nicht zu einem allgemeinen Gebot erklären kann (und auch gar nicht dazu erklären will) : „Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ 

Dann ist es wichtig, zu sehen, dass er keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will à la „Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…“. Nein, wenn er sagt, „Heiratest du aber, so sündigst du nicht“ oder „Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut“ oder „Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat“, dann meint er es. Was nicht Sünde ist, darf man tun; hier lässt Gott einem jede Freiheit, und nimmt es nicht übel, wenn man sich für das an sich „Minderwertigere“ entscheidet.

Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht „schlecht“, wie das Wort heute oft verwendet wird, sondern „wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem“. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.

Und was ist mit den Versen Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.“? Heißt das, man kann als Verheirateter nicht so gut dem Herrn dienen wie als Unverheirateter?

Man kann als Verheirateter sehr gut dem Herrn dienen, manchmal wohl auch besser als mancher Unverheiratete; vor allem natürlich indirekt, indem man sich um die einem anvertrauten Menschen und seine anderen weltlichen Aufgaben kümmert. Aber ja, das gottgeweihte Leben ist an sich ein direkterer Dienst; und man hat ohne Familie allein schon mehr Zeit für Gebet, karitative Aufgaben etc. (Allerdings ist das gottgeweihte Leben auch die Berufung, die zu allen Zeiten weniger Christen betraf als die typischen Laienberufungen. So, wie es mehr Hausärzte als Neurochirurgen braucht, braucht es in der Kirche auch mehr Laien.)

Und Paulus spricht auch die ganzen Alltagssorgen an, die mit einer Familie kommen, und den Wunsch, dem Partner zu gefallen, was alles (z. B. auch bei Menschen mit nichtchristlichen Partnern) vielleicht dazu führen kann, dass jemand den Glauben vernachlässigt. Der Apostel meint hier schlicht und einfach, dass es mit weniger weltlichen Sorgen einfacher ist, sich auf Gott zu konzentrieren – was auch Jesus im Gleichnis vom Sämann in gewisser Weise anspricht: „In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken es und es bleibt ohne Frucht.“ (Matthäus 13,22). Das ist eine Erkenntnis, die nicht dazu führen muss, dass jeder Christ sich sämtliche weltlichen Sorgen sparen soll – das wäre weder möglich noch sinnvoll –, sondern dazu, dass die, die aufgrund ihrer Lebensumstände viele weltliche Sorgen haben, besonders darauf achten sollten, Gott im Alltag nicht zu vergessen.

Sowohl die Ehe als auch das gottgeweihte Leben haben ihre eigenen Schwierigkeiten, aber sie haben eben beide auch ihre ganz praktischen Vorteile; in der Ehe ist es leichter, sich an das sechste Gebot zu halten, wie Paulus hier erwähnt, im gottgeweihten Leben ist es leichter, sich auf Gott zu konzentrieren. (Das gilt wohl vor allem, seitdem wir Klostergemeinschaften mit festem Tagesablauf aus Gebet und Arbeit haben.)

Dann zum zweiten Thema: Die ehelichen Pflichten. Nun könnte man es hier einfach komisch finden, ehelichen Sex im Sinne gegenseitiger Pflichten regeln zu wollen; man könnte in der Kritik aber auch noch weitergehen und sagen (was manche Kritiker des Christentums tun), dass, wenn man ein solches Konzept annehmen würde, man Vergewaltigung in der Ehe nicht mehr wirklich verurteilen könnte. Wenn die Frau ihre Pflicht gegenüber dem Mann erfüllen muss, na…

Dieser Kritik liegt allerdings eine grundsätzlich falsche Vorstellung von dem Begriff „Pflicht“ zugrunde. Wenn jemand eine Pflicht mir gegenüber hat, dann heißt das eben nicht, dass ich ihn automatisch dazu zwingen darf, sie zu erfüllen. Im Kirchenrecht (in Canon 1151 des Codex des Kanonischen Rechts) heißt es zum Beispiel auch: „Die Ehegatten haben die Pflicht und das Recht, das eheliche Zusammenleben zu wahren“; aber das bedeutet nicht, dass eine Frau, deren Mann sie verlassen will, das Recht hat, ihn in der Wohnung einzusperren. Er tut in diesem Beispiel vielleicht etwas Falsches (wobei er auch zulässige Gründe haben kann); aber das heißt nicht, dass sie mit Gewalt und Zwang reagieren darf. Im Bereich der Sexualität, der Menschen noch persönlicher betrifft und wo Gewalt, Zwang und Manipulation noch mehr verletzen, gilt das umso mehr.

Dann sollte man beachten, dass der katholischen Moraltheologie nach grundsätzlich keine positive Pflicht vollkommen ausnahmslos gilt. Positive Pflichten (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, im Unterschied zu Geboten wie „Du sollst nicht morden“, die eine Unterlassung befehlen) müssen für den jeweiligen Menschen erst einmal erfüllbar sein; und auch dann, wenn sie theoretisch erfüllbar sind, kann es der Situation angemessene Entschuldigungsgründe geben. Wenn man z. B. beim oben erwähnten Canon bleibt, heißt der zweite Teil des Satzes: „…außer ein rechtmäßiger Grund entschuldigt sie davon“. (Mögliche rechtmäßige Gründe für eine Trennung vom Ehepartner werden dann in den nächsten Canones aufgeführt (Ehebruch, oder „Wenn einer der Gatten eine schwere Gefahr für Seele oder Leib des anderen Gatten oder der Kinder herbeiführt oder auf andere Weise das gemeinschaftliche Leben unerträglich macht“).) Genauso kann es auch einige legitime Gründe geben, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen. Die Forderung oder sogar die Bitte, der andere solle diese Pflichten erfüllen, kann sogar selbst Sünde, im Extremfall sogar schwere Sünde sein.*

Übrigens war es in der Antike tatsächlich nicht so, dass mit der Vorstellung von den ehelichen Pflichten hauptsächlich die Frauen auf Linie gebracht werden sollten – eher war die Vorstellung verbreiteter, Frauen bräuchten Sex und die Männer müssten ihnen gegenüber die Pflicht erfüllen (einerseits wegen der biologischen Triebe, aber andererseits auch, weil sie ein Recht auf Kinder hätten, die sie im Alter versorgen konnten). Daher zum Beispiel die alttestamentliche Regelung „Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie [eine erste Frau, die ursprünglich als Sklavin gekauft wurde] in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen“ (Exodus 21,10). Die Vorstellung drehte sich eher in der Neuzeit, wo die Ansicht populärer wurde, dass hauptsächlich die Männer von den Frauen die Erfüllung der ehelichen Pflichten bräuchten. Paulus hält offensichtlich beide Ansichten für zu einseitig; jedenfalls ist der Text hier geprägt von Gegenseitigkeit: „Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.“

Die schlimmsten Einwände wären damit abgehakt. Aber trotzdem bleibt noch das Argument: Was soll diese Vorstellung überhaupt? Wieso Pflicht? Sollte es hier nicht um Liebe gehen?

Die Art, wie Paulus sich ausdrückt, ist natürlich heute sehr ungewohnt. Man könnte die Aussage des Apostels aber auch ganz einfach verstehen als „bestraf deinen Partner nicht ohne Grund mit Liebesentzug“. Ihm geht es hier auch um so etwas wie normale Beziehungspflege und Rücksichtnahme (er redet ja auch von Dingen wie „gegenseitige[m] Einverständnis“) – und natürlich sorgt er sich um die „Gefahr der Unzucht“. Und dann spielt da natürlich die Vorstellung hinein, dass man in der Ehe, wo man „ein Fleisch“ ist, in gewissem Sinne nicht mehr „sich selbst gehört“ – diese Vorstellung von „Ich bin jetzt dein“ ins Praktische übersetzt. Das gilt auch für andere Situationen: Wenn man verheiratet ist, lebt man eben nicht nur für sich selbst, sondern wenn der Partner z. B. Probleme hat, unterstützt man ihn, wenn er Erfolg hat, freut man sich mit ihm, etc. Man nimmt an ihm Anteil und geht auf seine Gefühle ein.

Wenn der Partner weiß, dass man für seine Liebesbedürfnisse da ist (außer, wenn es einem z. B. gerade schlecht geht), und er oder sie nicht ewig verhandeln muss, dann lässt sich viel Frustration vermeiden, man fühlt sich stärker aneinander gebunden; und der oder die andere versucht dann auch nicht, einen zum Sex zu überreden, wenn es eben doch mal wirklich nicht passt, weil er oder sie weiß, dass man normalerweise für ihn da ist. Es geht ja hier auch nicht nur um Körperliches, sondern auch um emotionale Bedürfnisse.

(Freilich ist auch das Ziel, dass derjenige, der den größeren Sexualtrieb hat, nicht zum Ersatz in Sünden wie Selbstbefriedigung verfällt, legitim. Natürlich wäre das keine Entschuldigung für Selbstbefriedigung, aber viele Menschen sind nun mal gerade in diesem Bereich ziemlich anfällig, das Falsche zu tun.)

Und dann sollte man die grundsätzliche Vorstellung loswerden, dass Liebe und Pflicht miteinander unvereinbar wären. Wir sollen Gott lieben: Trotzdem redet man beim Besuch der Messe von der „Sonntagspflicht“. Natürlich geht man idealerweise nicht nur deshalb zur Sonntagsmesse, weil es Pflicht ist; aber manchmal, wenn man sich am Sonntagmorgen eher nach Ausschlafen fühlt, bietet der Gedanke an die von der Kirche festgeschriebene Sonntagspflicht die restliche benötigte Motivation. Und wenn man dann da ist, ist die Messe jedes Mal – na ja, einfach die Messe, wunderschön. Auch in einer Beziehung geht es nicht immer ohne Pflichten – ganz allgemein gesprochen. Natürlich liebt man sich, aber manchmal tut man etwas für den Partner auch eher deshalb, weil es so ausgemacht war und man in einer Beziehung eben etwas füreinander tut, als weil man sich gerade so liebevoll fühlt. Und oft bringt gerade das dann wieder stärkere Liebe hervor.

Pater Martin Ramm FSSP erklärt bezüglich der katholischen Liturgie: „Durch die äußeren Formen werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“; und das gilt nicht nur für die Liturgie, sondern für das ganze Leben. Auch andere Gesten der Dankbarkeit, Freundschaft, familiären oder ehelichen Liebe drücken die innere Disposition aus, helfen aber oft auch, sie zu bewirken, sie zu verstärken oder sie zu erneuern. Wenn man jemandem dankt, jemandem ein Geschenk macht, jemandem freundliche Gesten entgegenbringt, wird man merken, dass man denjenigen mit der Zeit mehr mag oder liebt als vorher. Wenn ein Mann aus Pflichtgefühl heraus seiner Frau Rosen zum Hochzeitstag kauft und sie ihm aus Pflichtgefühl an diesem Tag sein Lieblingsessen kocht**, macht das beiden ihre Liebe wieder neu bewusst. Wenn die Frau zu ihm im Vorhinein sagen würde „du sollst mir nur ein Geschenk machen, wenn du es auch wirklich willst, nicht, weil du dich verpflichtet fühlst!“ ist das, na ja, meistens nicht übermäßig hilfreich. Er fühlt sich vermutlich indirekt unter Druck gesetzt, und wenn er unsensibel ist und sich gerade nicht besonders liebevoll fühlt und es unterlässt, wird sie sich vermutlich ziemlich beleidigt fühlen. Klarheit bei den gegenseitigen Ansprüchen ist meistens besser – und etwas „nur“ aus Pflichtgefühl zu tun, ohne aktuell viele Emotionen aufzubringen, ist auch nichts Anrüchiges.

Langer Rede, kurzer Sinn: Pflicht und Pflichtgefühl sind nichts Schlechtes; und sie können die innere Liebe bewahren und stärken helfen. Die Annahme, dass Liebe und Pflicht Gegensätze wären, ist schlicht falsch.

* Ein Handbuch der katholischen Moraltheologie von 1930 beispielsweise gibt als mögliche Entschuldigungsgründe dafür, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen, an: Der andere Partner hat Ehebruch begangen; der Mann vernachlässigt schuldhaft seine Pflicht, für den Lebensunterhalt der Familie (und damit auch möglicher neu entstehender Kinder) zu sorgen; der andere Partner ermangelt gerade des Vernunftgebrauchs (Trunkenheit, ernsthafte psychische Krankheit); oder stellt völlig unmäßig häufige Forderungen; oder es besteht eine schwere Gefahr für Gesundheit oder Leben (z. B. wenn die Frau krank ist und sich schonen muss, oder vor relativ kurzer Zeit erst geboren hat, oder wenn der andere Partner eine ansteckende Geschlechtskrankheit hat, die übertragen werden könnte); oder man tut es im Interesse des Seelenheils des anderen (womit v. a. gemeint ist, dass man weiß, dass derjenige künstliche Verhütungsmethoden verwendet). Dasselbe Buch urteilt, schon die Forderung oder Bitte an den anderen Partner, die „ehelichen Pflichten“ zu erfüllen, sei schwere Sünde bei direkter Lebensgefahr oder sehr kurz nach einer Geburt; und bei entfernter Lebensgefahr oder Gesundheitsschädigung bräuchte es einen guten Grund, damit sie keine Sünde sei. (Vgl.: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.)

** Heteronormativität und Romantisierung der Vergangenheit auf immer.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 16: Was in den Apostelbriefen (und in der Genesis) über (Ehe)Frauen und die Rolle der Frau in der Kirche gesagt wird

[Der Artikel wurde noch mehrmals nachbearbeitet; Kommentare können sich auf den ursprünglichen Text beziehen.]

– Dieser Teil ist recht lang geraten, da es um mehrere zusammenhängende Themen geht und ich die wichtigsten Einwände und Argumente abhaken wollte, und darf gern in mehreren Etappen gelesen werden. –

 

„Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Ich wiederhole noch mal: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt die Bibel selbst.

 

(I) Die Stellen

Heute kommt einmal hauptsächlich das Neue Testament dran, nämlich diese  Stellen aus den Apostelbriefen:

  • „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. (Epheser 5,21-33)
  • „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie!“ (Kolosser 3,18f.)
  • „Ebenso seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem Verhalten, nicht verleumderisch und nicht trunksüchtig; sie müssen fähig sein, das Gute zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ (Titus 2,3-5)
  • „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit. Auch sollen die Frauen sich anständig, bescheiden und zurückhaltend kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt. (1 Timotheus 2,8-15)
  • „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. Nicht auf äußeren Schmuck sollt ihr Wert legen, auf Haartracht, Gold und prächtige Kleider, sondern was im Herzen verborgen ist, das sei euer unvergänglicher Schmuck: ein sanftes und ruhiges Wesen. Das ist wertvoll in Gottes Augen. So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. Sara gehorchte Abraham und nannte ihn ihren Herrn. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet. Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ (1 Petrus 3,1-7)
  • „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ (1 Korinther 14,33-35)
  • „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe. Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen. Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben. Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinden Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.“ (1 Korinther 11,1-16)

Ich habe hier einiges zusammengeworfen. Wenn man es auseinandersortiert, ergeben sich grob die folgenden Punkte:

  • Unterordnung der Frau in der Ehe
  • Bedeutung des Kindergebärens für die Frau
  • Stellung der Frau in der Gemeinde
  • Kopfbedeckungen beim Gottesdienst
  • Generelle Stellung der Frau (mit Bezug auf die Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte)

(II) Das Kindergebären: Textanalyse

Zuerst zu einer relativ einfach gelösten Stelle: „Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt.“ (1 Timotheus 2,15) Wie bitte, man kommt nur durchs Kinderkriegen in den Himmel? Natürlich nicht. Hier hilft der Urtext.

Im griechischen Original heißt der erste Teil des Satzes: „Sothesetai de dia tes teknogonias“. Wörtlich übersetzt: „Sie wird gerettet werden aber durch das Kinderkriegen“; das Wort für „durch“, „dia“, ist allerdings, wie viele griechische Präpositionen, mehrdeutig. Es kann „durch“, „mittels“, „wegen“ heißen, aber auch „um … willen“; oder sogar „während“. „Aber sie wird um des Kindergebärens willen gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“, oder „Aber sie wird, während sie Kinder gebärt, gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“ – das klingt schon ein bisschen anders, mehr so, als wäre das Kindergebären ein wichtiges mögliches gutes Werk im Leben, nicht das einzige, ohne das man nicht in den Himmel kommt. Im Englischen würde man so einen Satz vielleicht ähnlich ambivalent formulieren mit „But she will be saved having children, if she…“. Man soll in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führen, und zum Weg der Heiligung kann auch das Gebären von Kindern und die Sorge für sie gehören. Das ist ja immerhin für die Mehrheit der Menschen ein ziemlich wichtiger Teil ihres Lebens und ihrer Verantwortlichkeiten, und kann einen wirklich zu einem besseren Menschen machen.

Die Übersetzung mit „während“ bietet allerdings auch eine völlig andere Auslegung, als man zuerst annehmen würde: Möglicherweise könnte Paulus sich hier gegen gnostische Lehren gewandt haben, die die Ehe und das Kinderkriegen verurteilten, da sie die irdische Welt grundsätzlich ablehnten. Da ist der christliche Weg familienfreundlicher: Kinder stehen der Heiligkeit nicht im Weg. Es ist gut, Kinder zu kriegen, weil es gut ist, mehr von Gottes Geschöpfen in die Welt zu setzen. Eine Frau, die Mutter ist/wird, kann (an die Gnostiker gerichtet: trotzdem) heilig werden, wenn sie Hoffnung, Nächstenliebe etc. zeigt.

Dann ist es, wenn man den Kontext aller Paulusbriefe kennt, sowieso von vornherein ausgeschlossen, dass Paulus das Kindergebären als heilsnotwendig betrachten könnte. In 1 Korinther 7,25-40 wirbt er dafür, unverheiratet zu bleiben, und zwar bei Männern und Frauen; und wenn man sich an die christliche Sexualethik hält, kann man dann logischerweise auch keine Kinder bekommen.

So weit, so gut; aber was ist nun mit den anderen Aussagen, bei denen verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für Präpositionen nicht als Erklärung genügen? Können wir die als „historisch bedingt“ beiseite schieben?

Spoiler: Eigentlich nein. Es kommt eben darauf an, sie zu verstehen – und ein bisschen offen für sie zu sein und sie zu akzeptieren. Ich muss sagen, dass ich damit auch größere Probleme hatte, bis ich mehr verinnerlicht hatte, dass heutige Maßstäbe manchmal einfach falsch sein können, und es sinnvoll ist, sich etwas erst mal genau anzusehen, statt es beleidigt zu ignorieren.

 

(III) „Die Frau aber ist der Abglanz des Mannes…“

Behandeln wir die Themen nacheinander, und fangen wir mit einer der für neue Bibelleser unverständlichsten Stellen an: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. […] Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ (1 Korinther 11,3.7-9)

Diese Verse werden natürlich relativiert durch das, was dahinter kommt („Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.“ (1 Korinther 11,11f.)), aber bleiben wir erst einmal bei ihnen stehen.

Hier finden sich natürlich Anklänge an die Schöpfungsgeschichte; und eine Sache klingt schon einmal ziemlich auffällig. In Genesis 1,27 heißt es ja ausdrücklich: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Will Paulus jetzt im Gegensatz dazu die Frau nicht als direktes Abbild Gottes zählen lassen?

Die Lösung für diesen scheinbaren Konflikt liegt in Vers 3 der Paulus-Stelle: Hier wird Gott (Vater) als das „Haupt Christi“ bezeichnet, und Christus wiederum als Haupt des Mannes, und der dann wiederum als Haupt der Frau. Man hat also eine solche Stufenleiter im Kopf:

Gott (Vater)

I

Christus

I

Mann

I

Frau

Und wenn man Ahnung von Theologie hat, wird einem dieses Schema irgendwie schief vorkommen. Theologisch korrekt dargestellt müsste es eher so aussehen:

Gott (Vater) – Christus

____________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Mann – Frau

Oder für die ganz theologisch Korrekten unter uns:

Gott Vater – Gott Sohn (Christus) – Gott Heiliger Geist

_______________________________________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Engel

I

Menschen (Mann – Frau)

I

Tiere

I

Pflanzen

I

Leblose Materie

In der Trinitätstheologie lehnen wir den sog. „Subordinatianismus“ klar ab: Der Sohn ist nicht weniger Gott als der Vater, Er ist Ihm „wesensgleich“, nicht geringer als Er (für den Heiligen Geist gilt das Gleiche).

Aber: Trotzdem heißt es im Großen Glaubensbekenntnis, dass der Sohn vom Vater „gezeugt“ ist und der Heilige Geist aus beiden „hervorgeht“. Nun bedeutet die „Zeugung“ des Sohnes wiederum nicht, dass es einmal eine Zeit gab, in der Er nicht existierte und der Vater allein war; es handelt sich um eine „ewige Zeugung“, eine Art ewige Abhängigkeit, könnte man vielleicht sagen, des Sohnes vom Vater, oder ein ewiges Hervorgehen des einen aus dem anderen. Was genau das jetzt bedeutet – gute Frage, bitte an bessere Theologen richten. Jedenfalls nimmt der Vater trotz aller Gleichrangigkeit der drei göttlichen Personen immer noch eine Art höhere Stellung, sozusagen als „Erster unter Gleichen“, unter ihnen ein – in der Bibel ist an manchen Stellen vom Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater die Rede, aber an keiner Stelle vom Gehorsam des Vaters gegenüber dem Sohn.

In der obersten Stufenleiter, also der aus der Paulusstelle, haben wir zwischen Christus und dem Mann den Sprung von ungeschaffenem Gott zu Geschöpf. Also könnte man vielleicht sagen, dass, eine Stufe weiter oben, auch innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit im Verhältnis von Gott Vater zu Christus wiederum das Verhältnis von Gott zur Schöpfung gewissermaßen analog „nachgestellt“ ist – oder besser genau andersherum: dass das Verhältnis zwischen Gott Vater und Gott Sohn durch das Erschaffen von Geschöpfen in dem Verhältnis der „gesamten“ Dreifaltigkeit zur Schöpfung nachstellt wird. Und dann könnte man weiter sagen, dass dasselbe Verhältnis innerhalb der Schöpfung dann wieder in gewisser Weise nachgestellt wird zwischen Mann und Frau – es ist nachgestellt, nicht real, aber diese Nachstellung ist auch nicht unwichtig. (Einer ähnlichen Interpretation folgt übrigens auch C. S. Lewis in dem sehr empfehlenswerten Buch „Was man Liebe nennt“ (Originaltitel: „The four loves“).)

Man könnte in dieser Analogie noch weitergehen und die Familie (Mann, Frau und Kinder, die aus beiden „hervorgehen“) mit der Dreifaltigkeit inklusive dem „hervorgehenden“ Heiligen Geist vergleichen, aber der Einfachheit halber lasse ich den Heiligen Geist und die Kinder hier außen vor.

Das passt natürlich auch zu der Aussage der bekanntesten Paulus-Stelle zum Thema „Haupt“ und „Unterordnung“ in der Ehe, nämlich Epheser 5: Die Ehe soll sein wie die Beziehung zwischen Christus und der Kirche – man könnte mit einer gewissen Erweiterung sagen, wie die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung.

Zu diesem Aspekt möchte ich einen Freund mit folgender Aussage zitieren, die die Angelegenheit gut zusammenfasst: „Nach den plausiblen Erklärungen der Theologen symbolisiert die Frau die Schöpfung Gottes und der Mann den Schöpfer. Das heißt aber, dass die Frau die Aufgabe hat, etwas zu symbolisieren, was sie tatsächlich ist – weswegen das Wort ‚Seele’ (und das Wort ‚Kirche’) auch in allen relevanten Sprachen weiblich ist, auch die des Mannes, und auch der Mann in unserem schönen deutschen Lied (manche Dinge konntense, die Protestanten) Christus als ‚mein Heiland und mein Bräutigam’ anspricht. Der Mann hat etwas zu symbolisieren, was er nicht ist, was merklich schwerer ist und vielleicht letztlich etwas damit zu tun hat, dass die Frauen religiöser sind.“

Paulus trifft die Aussage „Der Mann ist das Haupt der Frau“ und begründet sie mit Genesis 2: „Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ Er behandelt die Rippengeschichte hier als real; aber es ist relativ egal, ob diese Geschichte je real geschehen ist oder nicht, sie steht da und sagt irgendetwas aus, und Paulus behandelt sie erst einmal als real, um auf ihre Aussagen zu kommen. Aus der Erzählung, dass Adam zuerst geschaffen wurde und Eva aus einem seiner Körperteile (Symbolebene), schließt Paulus also, dass der Mann, in der Ehe jedenfalls, das Haupt der Frau ist (Realitätsebene). Natürlich ist damit nicht gemeint, dass Frauen nicht um ihrer selbst willen als Person geschaffen wären, sondern ausschließlich als Hilfe für einen Ehemann (diese Interpretation kann man allein schon deshalb ausschließen, weil für Frauen wie für Männer laut Paulus selbst und dementsprechend laut katholischer Kirche die höchste Berufung das ehelose Leben ist; das Christentum hat von Anfang an auch in einer Kultur, in der unverheiratete oder unfruchtbare Frauen wenig galten, gerade solche Frauen geachtet und viele davon zu Heiligen erhoben). Aber es bedeutet eben schon, dass die Frau in der Menschheitsgeschichte von Anfang an in einem stärkeren Abhängigkeits- und Unterordnungsverhältnis zum Mann ist als er zu ihr. (Und das ist von Gott gewollt. Mehr unten dazu, was das bedeutet.)

Wenn in Genesis davon die Rede ist, dass Gott für Adam eine „Hilfe […], die ihm entspricht“ (Genesis 2,18) machen will, dass Er eine seiner Rippen nimmt und daraus Eva formt, und dass Adam sich dann freut und spricht „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Genesis 2,23), dann muss das hier verwendete Wort für „Hilfe“/„Helfer“/„Gehilfin“, „ezer“, auch nicht „Dienstmädchen“ heißen. Dieses Wort wird in der Bibel z. B. auch verwendet, wenn davon die Rede ist, dass Gott eine Hilfe für den Menschen ist. Natürlich stehen Frauen ziemlich weit unter Gott; aber es geht darum, dass eine Hilfe für jemand anderen etwas Wichtiges und Gutes ist.

(Sie hat übrigens an anderer Stelle für die damalige Zeit ungewohnte Anklänge: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Zu der Zeit, als das geschrieben wurde, verließen eben nicht Mann und Frau ihre Ursprungsfamilien und hingen einander an und bildeten eine eigene neue Familie, sondern die Frau verließ ihre Familie und schloss sich der Sippe ihres Mannes an, wo sie dann auch unter der Fuchtel der Schwiegereltern stand.)

Langer Rede, kurzer Sinn: Aus dieser Paulusstelle ergibt sich, dass der Ehemann das „Haupt“ der Ehefrau in dem Sinne ist, wie Gott der Vater das „Haupt“ Jesu Christi ist. Die Analogien mit Gott Vater, Christus, der Kirche etc. werden hier und auch in Epheser 5 allerdings so sehr betont, dass man sie nicht einfach als wenig relevante, zufällige Vergleiche beiseite schieben kann. Nein, wir Christen müssen immer – bis zu einem gewissen Grad – „Gender Essentialists“ sein, d. h. wir glauben, dass das biologische Geschlecht, das der Schöpfergott uns mitgegeben hat, etwas ist, das auch die Seele betrifft, dass es wirkliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Geschlechtsunterschiede nicht alle einfach nur gesellschaftliche Konstrukte sind (oft ergeben sich gesellschaftliche Konstrukte auch aus grundlegenden Unterschieden) – und dass das dann auch eine Implikation für eine Art Hierarchie in der Ehe hat. Und das Christentum ist letzten Endes eben doch eine patriarchalische Religion.

(IV) Ein kurzer Exkurs: Zur Erschaffung Evas aus der Rippe Adams

Die Rippengeschichte hat im Lauf der Kirchengeschichte übrigens verschiedene Auslegungen bekommen, die durchaus miteinander kompatibel sein können und denen man folgen kann oder auch nicht. Hier als Beispiele zwei Stellen von bekannten Heiligen (Hervorhebungen von mir):

Der hl. Franz von Sales liest zwei verschiedene Dinge in dieses Bild hinein: „Bewahrt also euren Frauen eine zarte, beständige und herzliche Liebe, ihr Ehemänner! Deshalb wurde ja die Frau aus nächster Herzensnähe des ersten Menschen genommen, damit sie von ihm herzlich und zärtlich geliebt werde. Die körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau darf in euch keinerlei Geringschätzung entstehen lassen, sondern ein gütiges und liebevolles Verständnis. Gott hat sie so geschaffen, dass sie von euch abhängig sei, euch Achtung und Ehrfurcht entgegenbringe, dass sie zwar eure Gefährtin sei, ihr aber zugleich ihr Haupt und Vorgesetzter. Ihr Frauen, liebt euren Mann, den Gott euch gegeben hat, zärtlich und herzlich, gleichzeitig aber voll Achtung und Hochschätzung! Gott hat ihn deswegen kräftiger und euch überlegen geschaffen; er wollte, dass die Frau vom Mann abhängig ist, als Gebein von seinem Gebein, als Fleisch aus seinem Fleisch [vgl. Gen 2,23]. Nach Gottes Plan wurde die Frau aus seinem Leib unterhalb des Armes entnommen, um damit zu zeigen, dass der Mann seine Hand über sie halten und sie führen soll.Die Heilige Schrift empfiehlt immer wieder diese Unterordnung der Frau unter den Mann, sie macht diese Unterordnung aber zu einer liebevollen; die Frau soll sich in Liebe fügen, der Mann aber seine Autorität mit inniger, zärtlicher Güte ausüben. Der hl. Petrus sagt: ‚Ihr Männer, seid verständig gegen eure Frauen; sie sind die schwächeren Geschöpfe, erweist ihnen Achtung’ [1 Petr 3,7].“ (Franz von Sales, Anleitung zum frommen Leben, 3. Teil, Kap. 38, erstmals veröffentlicht 1609)

Und der hl. Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: „1. Dies war ein äußeres Zeichen dafür, wie Mann und Weib in besonderer Weise verbunden sein sollen. Denn das Weib soll nicht den Mann beherrschen; deshalb ist sie nicht aus einem Teile des Kopfes geformt worden. Sie soll aber auch nicht vom Manne wie eine Sklavin gehalten werden; deshalb ist sie nicht aus einem Teile der Füße geformt worden. 2. Das Sakrament sollte versinnbildet werden; denn aus der Seitenwunde Christi am Kreuze flossen die Sakramente, d. h. Wasser und Blut, woraus die Kirche geformt worden.“ (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I 92/3, verfasst zwischen 1265 und 1273)

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(Erschaffung Evas aus der Rippe Adams. Bildquelle hier.)

(V) „Haupt“ und „Unterordnung“: Historisch bedingt?

So, jetzt haben wir also immer noch die Aussage, der Mann sei in der Ehe auf irgendeine Weise das Haupt der Frau und sie solle sich ihm „unterordnen“.

Manche Theologen haben versucht, die Sache einfach so zu lösen, dass sie sagen, für diese Stellen gelte dasselbe wie für die Sklaverei-Stellen in den Apostelbriefen: Paulus und Petrus geben hier Anweisungen dazu, wie man sich in einer ungerechten Beziehung, die in der damaligen Gesellschaft nun mal so existierte und sich nicht so einfach ändern ließ (das Christentum war keine Religion der Mächtigen, und viele Christinnen hatten heidnische Ehemänner), verhalten soll. (Vgl. Teil 15.) Diese Auslegung scheint sich mit der Petrusbriefstelle vereinbaren zu lassen: „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.“

Sie scheint sich auch deswegen anzubieten, weil die Anweisungen an Frauen und Sklaven oft an ein und derselben Stelle stehen. Direkt nach der berühmten Epheser-5-Stelle über das Verhältnis zwischen Eheleuten kommen die Regeln für Kinder und Sklaven, also den Rest des Haushalts: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn! Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.“ (Epheser 6,1-9)

Gerade diese Stelle zeigt aber auch die Begrenztheit dieses Ansatzes: Denn das Gebot für die Kinder, die Eltern zu ehren, ist ein zeitloses Gebot, das sogar in den zehn Geboten auftaucht, anders als die Anweisungen an die Sklaven – hier werden also zeitlose und zeitbedingte Gebote zusammengeworfen; sie stehen nur beieinander, weil es um die Ordnung des damaligen Haushalts geht, zu dem sowohl Kinder als auch Sklaven gehören konnten. Was gilt für die Anweisungen an Ehefrauen? Sind die zeitlos oder zeitbedingt?

Nun ja, aus den oben erklärten Stellen ergibt sich schon, dass das alles nicht nur zeitbedingt sein kann. Bestenfalls kann man diese Frage mit einem „teils – teils“ beantworten. Ehen hatten damals unbestreitbar manchmal etwas Ungerechtes. Die Frauen waren oft viel jünger als ihre Männer (Mädchen konnten ab einem Alter von 12 Jahren verheiratet werden) und sie hatten auch nicht viel dazu zu sagen, wen sie heirateten; vielleicht als unabhängige Witwen eher, wenn sie sich ein zweites Mal verheiraten wollen, aber für eine erste Ehe in ihrer Jugend weniger. Es ist nicht so, dass junge Männer nie von Eltern oder Vormündern in arrangierte Ehen gezwungen worden wären, aber das macht die damalige Situation auch nicht besser, und im Allgemein war sie ungerecht gegenüber den Frauen. Dazu kam die sehr mächtige Stellung des römischen pater familias. Also, ja, es macht schon irgendwo Sinn, zu sagen, dass die Apostel hier auch dazu raten, sich den Verhältnissen, in denen man sich befindet, zu fügen, vor allem, da die Christen damals sowieso schief angesehen waren, und nicht noch mehr als Leute gelten wollten, die gesellschaftliche Regeln umwarfen.

Dagegen kann man aber wieder einwenden: Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war damals auch ungerecht. Der Familienvater hatte nach dem römischen Gesetz sogar das Recht, zu entscheiden, ob ein Neugeborenes ausgesetzt werden sollte; er konnte seine Kinder auch in die Sklaverei verkaufen; und natürlich seine zwölfjährigen Töchter verheiraten. Aber das heißt nicht, dass das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ in einer gerechten Gesellschaft bedeutungslos werden würde. Auch in einer solchen Gesellschaft sollten Kinder ihre Eltern respektieren, ihnen einen gewissen Gehorsam entgegenbringen, solange sie selber minderjährig sind, und sie versorgen, wenn sie (die Eltern) alt geworden sind. Wenn man das übertragen möchte, könnte man sagen, die Aussage, dass der Mann das „Haupt“ der Frau sein soll, bliebe auch für gerechtere Gesellschaften gültig – vielleicht etwas anders und etwas abgemilderter.

Hier könnte man einwenden, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern grundsätzlich anders ist als das zwischen Eheleuten: Solange Kinder noch Kinder sind, haben sie einfach nicht die Lebenserfahrung, Kraft, Intelligenz, rechtlichen Möglichkeiten usw., um für sich selbst zu sorgen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen; und deshalb sind ihre Eltern zu ihrem eigenen Schutz für sie verantwortlich. Kinder werden natürlich erwachsen und dann können sie ihre Entscheidungen selbst treffen; dann bleibt das vierte Gebot zwar noch in der Bedeutung bestehen, den Eltern mit Respekt und Dankbarkeit für das, was sie für einen getan haben, zu begegnen und sie zu versorgen (bei diesem Gebot ist nicht nur daran gedacht, minderjährigen Kindern Gehorsam einzuschärfen, sondern auch erwachsene Kinder zu ermahnen, sich um alte Eltern zu kümmern und sie zu achten), aber im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern steht man nie einfach auf ein und derselben Stufe.

Ehepartner sind meistens grob im selben Altersbereich – zumindest müssen sie beide erwachsen sein, und die Frau kann auch mal älter sein als der Mann –, ihr Verhältnis ist also ein wesentlich egalitäreres. Frauen haben auch durchschnittlich etwa denselben IQ als Männer, anders als griechische Philosophen wie Aristoteles und auch christliche Theologen wie Thomas von Aquin und Franz von Sales noch meinten. [Interessanterweise gibt es allerdings tatsächlich gewisse statistische Unterschiede beim IQ: Männer sind häufiger als Frauen entweder Genies oder Idioten, während sich die Frauen stärker im Mittelfeld drängen. Das erklärt freilich den Eindruck früherer Generationen, dass Männer gescheiter wären, weil die gescheitesten Personen dann eben häufiger Männer sind.]

Der erste Petrusbrief ermahnt die Männer gegenüber ihren Frauen zur Rücksicht, da die „der schwächere Teil“ seien; was genau kann damit gemeint sein? Na ja, zum ersten die simple Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt körperlich schwächer sind (und zwar sind fast alle Frauen schwächer als fast alle Männer). Dann die gewichtige Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären und stillen und dadurch mit vielen Nachteilen klarkommen müssen, die Männer nicht haben, und deshalb auch mal Unterstützung brauchen. (Passend dazu: Das hier verwendete griechische Wort für „schwach“ kann auch die Bedeutung „krank“ haben.) „Schwächer“ ist hier keine Beleidigung, sondern die Feststellung einer Tatsache. Und diese Tatsache bleibt auch noch in Zeiten von rechtlicher Gleichberechtigung, allgemeiner Krankenversicherung, Elternzeit und Kinderkrippen wahr. Ja, wir Frauen haben einfach gewisse biologische Nachteile gegenüber dem anderen Geschlecht. Das ist so, und das kann man nicht einfach aus der Welt schaffen.

 

(VI) „Haupt“ und „Unterordnung“: Bedeutung in der Bibel

An dieser Stelle ist es vielleicht erst einmal angebracht, sich noch einmal genau anzusehen, was Paulus dem „Haupt“ in der Ehe aufträgt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.“ (Epheser 5,26-29) Liebe, Hingabe und Fürsorge nach dem Vorbild des leidenden und sterbenden Christus ist hier gemeint; das passt zu der Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse, die dieser Christus selber gepredigt hat: „Da rief Jesus sie [die Jünger] zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,25-28) Autorität soll Anlass zu Fürsorge und Aufopferung sein, nicht zum eigenen Nutzen.

Ich möchte hier noch die Gedanken einer anderen Bloggerin anführen, die das Patriarchat (im Sinne eines schützenden, fürsorglichen Patriarchats nach dem Vorbild des heiligen Josef) hier verteidigt:

 „Denn was uns blüht, wenn dieses Prinzip völlig abgelehnt statt korrigiert wird, sehen wir in der nordwesteuropäischen Gesellschaft: Eine vaterlose Gesellschaft, in der die Frau tatsächlich kaum weniger zum Objekt degradiert wird, als in einer, die das Patriarchat in erster Linie als Herrschaft des Mannes definiert, eine Gesellschaft, in der die Verantwortung füreinander nicht mehr gelehrt und nicht mehr praktiziert wird, in der die Partnerschaft zwischen Mann und Frau nur mehr ein Pakt zur eigennützigen Bereicherung am jeweils Anderen gerät, und in der Tugenden wie Ritterlichkeit, Zuvorkommenheit und Hingabe nicht mehr existent sind.

 Wir sehen die Konsequenzen auch konkret in den Abtreibungszahlen: Schon die Verhütungsmentalität lädt letztendlich die Verantwortung bei der Frau ab, die sich entweder schädliche und gesundheitsgefährdende Substanzen zuführen muss, um bloß immer verfügbar zu sein, oder aber sich bei Versagen anderer Verhütungsmethoden dem ‚Schlamassel’ nicht selten allein stellen soll, inklusive der schweren psychischen und körperlichen Folgen, die eine Abtreibung mit sich bringt. Dementsprechend sind die meisten Abtreibungen nicht Resultat eines Verbrechens oder einer medizinischen Indikation, sondern der schlichten Verweigerung des Mannes, Verantwortung zu übernehmen und Stabilität zu bieten, was der Frau erlauben würde, ihrer Mutterschaft ohne existenzielle Ängste entgegenzusehen, auch, wenn es nicht dem ursprünglich angepeilten ‚Lebensplan’ entspricht. Während die Frau also chronisch überbelastet wird, weil kein positiv konnotiertes Vaterbild tradiert wird, wird der Mann zur Taten- und Bedeutungslosigkeit verdammt: Er darf nicht schützen noch sorgen, nicht die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen. Dass er dann nicht einsieht, anderweitig Verantwortung zu übernehmen, verwundert nicht.

 Ich möchte noch weiter gehen, auch, wenn ich den folgenden Punkt nicht erschöpfend behandeln kann: In einer nicht patriarchalen Gesellschaft (oder einer, die es werden will), tritt Machtmissbrauch seitens des Mannes ebenso zum Nachteil der Frau auf, wie in einer einseitig patriarchalen – er kann aber nun nicht mehr als missbräuchlich gekennzeichnet werden und wird lediglich als Macht’gebrauch’ charakterisiert werden können, da es ja eine positive Formulierung von Pflichten, die das Patriarchat dem Mann auferlegt, nicht mehr gibt! […]

 In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Festtag des Heiligen Josef, den die katholische Kirche u.a. mit dem Titel ‚Zierde des häuslichen Lebens’ ehrt – klingt nicht gerade männlich-brutal-patriarchal, sondern vielmehr zart und liebevoll.“

Diese Verteidigung baut auf dem Prinzip aus dem Petrusbrief auf: Die Frau ist einfach in manchen Situationen schwächer, besonders aber, wenn es ums Kinderkriegen geht: Da braucht man oft Unterstützung und Fürsorge durch einen Mann.

Das Neue Testament definiert die Aufgabe eines „Hauptes“ als Dienst und Verantwortung. Ein solches „Haupt“ zu haben heißt aber auch, dass man auch bereit sein muss, Leitung anzunehmen und nicht alles selber regeln zu wollen.

Was ist denn ein Familienoberhaupt? Jemand, der diktatorisch alle Entscheidungen trifft, ohne jemanden zu fragen, oder jemand, der die Gesamtverantwortung, die Verantwortung für die äußeren Angelegenheiten übernimmt, während die Frau schon genug mit Schwangerschaften und kleinen Kindern zu tun hat? (Zur Klarstellung: Ja, ich weiß, dass manche Ehepaare unfruchtbar sind. Und, dass die Phase der Schwangerschaften und Kleinkindbetreuung, für die nun mal von Natur aus (auch für letztere: Stillen) eher die Frau verantwortlich ist, nicht ewig dauert. Aber für die meisten Ehepaare, vor allem für katholische Ehepaare, für die gewollte Kinderlosigkeit keine Option ist, ist sie doch da, und sie war vor zweitausend Jahren noch belastender als heute.)

Irgendwie will man als Frau doch auch gern, dass der Mann Verantwortung und, ja, Führung übernehmen kann, wenn nötig. Ich denke, das kann schon darauf hindeuten, dass die Bibel hier nicht ganz falsch liegt. Das heißt nicht, dass Respekt, Kompromisse und Kommunikation deswegen ausfallen sollten.

File:Brooklyn Museum - The Betrothal of the Holy Virgin and Saint Joseph (Fiançailles de la sainte vierge et de saint Joseph) - James Tissot - overall.jpg
(James Tissot, Verlobung der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Joseph. Gemeinfrei.)

 

(VII) Aber ist ein „Haupt“ jetzt wirklich notwendig?

Feministinnen würden hier natürlich einwenden: Wieso eine Verpflichtung zur Unterstützung und Fürsorge mit der Vorstellung eines Familienoberhaupts, dem man sich unterordnen muss, koppeln? Alle diese Prinzipien dazu, was Autorität bedeuten soll, kann man sehr gut auf notwendige Autorität anwenden – die Autorität eines Staates, die Autorität in einer Firma, die Autorität von Eltern; aber ist denn in einer Ehe irgendeine Art von Autorität überhaupt notwendig? Funktioniert es nicht wunderbar, wenn zwei erwachsene Menschen einfach eine gleichrangige Partnerschaft eingehen, in der sie Kompromisse eingehen, bedeutende Entscheidungen nur gemeinsam treffen und keiner sich irgendwie unterordnen muss – oder in der sich beide mal den Bedürfnissen des jeweils anderen unterordnen?

Nun ja: Eine solche Partnerschaft kann lange funktionieren. Eine Frage ist dann freilich: Was tun, wenn doch einmal eine Meinungsverschiedenheit auftritt, in der man einfach zu keinem Kompromiss findet? Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, sich nicht verschieben lässt, und sich Mann und Frau nicht einigen können?

C. S. Lewis schreibt in „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“):

 „Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muss es überhaupt ein ‚Haupt’ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muss der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, dass dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

 Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muss mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muss einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

 Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren lässt!’ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, dass sie ja auch die Hosen anhat. Irgendetwas Unnatürliches muss an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen lässt.

 Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, dass der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewusst als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muss letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im Allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, dass diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

 Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, dass er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Dass er immer beschwichtigen muss?“

Ja, es sollte ein Oberhaupt geben. Das ist einerseits in Konfliktsituationen wichtig; oft wird man zwar einfach alles durchsprechen, die Argumente des anderen anhören, und dann sehen, wer Recht hatte oder wo man Kompromisse eingehen kann, aber es kann eben auch sein, dass einer ein Machtwort sprechen muss. Aber es ist nicht nur für Konfliktsituationen da. Es ist generell dafür da, dass einer die äußere Verantwortung, die Gesamtverantwortung hat. 

(Das kann sich auch auf die praktische Rollenverteilung auswirken. Auch wenn es der Ordnung in der Ehe nicht grundsätzlich widerspricht, wenn Männer Hausmänner sind und Frauen arbeiten gehen, sind statistisch gesehen tatsächlich die Ehen mit der „klassischen Rollenverteilung“ (Hausfrau + Alleinverdiener) am glücklichsten. Frauen haben es nun mal lieber als Männer, sich das Zuhause schön einzurichten, während Männer lieber das Gefühl haben, für ihre Familie zu sorgen.)

Ein weiterer Gedanke von C. S. Lewis könnte auch weiterhelfen. An einer Stelle in „Was man Liebe nennt“ schreibt er: „Die wirkliche Gefahr liegt nicht darin, dass die Männer zu eifrig nach [der „Dornenkrone“ in der Ehe] greifen, sondern dass sie es zulassen oder fördern, wenn ihre Frauen sie sich anmaßen.“ Ich weiß nicht, ob dieser Satz außerhalb des Kontextes vielleicht frauenfeindlich klingt; aber was Lewis’ Vorstellung hier ist, erschließt sich besser, wenn man das ganze Buch und auch seine anderen Werke (z. B. den Science-Fiction-Roman „Perelandra“) gelesen hat: Mit Frauen, die sich in dieser Hinsicht falsch verhalten, meint er Frauen, die der Versuchung (ich glaube, das ist eine, die für unser Geschlecht gar nicht mal so untypisch ist – nach meinem persönlichen Bekanntenkreis zu schließen) verfallen, für ihre Familie die gesamte Verantwortung übernehmen zu wollen; alle Pflichten, alle Verantwortung dafür, dass für die Kinder und die Zukunft und den Haushalt gesorgt ist (und und und), und die sich dabei unnötig und zum Unbehagen aller Angehörigen aufreiben, und diese Angehörigen „zu ihrem eigenen Besten“ herumkommandieren oder immer wieder in eine bestimmte Richtung stupsen; alles in dem behaglichen Bewusstsein, dass sie nur für die anderen leben, und ohne ihre Mühe gar nichts laufen würde, und die dann unzufrieden werden, weil andere ihre Mühen nicht so zu schätzen wissen, wie sie es ihrer Meinung nach sollten. Man könnte argumentieren, dass Männer sich genauso verhalten könnten; richtig, aber meiner Erfahrung nach ist das wesentlich seltener der Fall. Männer sind gemütlicher veranlagt und machen die Dinge nicht unnötig kompliziert.

Ich möchte an dieser Stelle zuletzt noch einmal einen Gedanken eines Freundes zum Thema „Ihr Männer, liebt eure Frauen! Ihr Frauen, ehrt eure Männer!“ zitieren: „Genau. Denn ehren tun die Männer, wenn sie nicht ganz degeneriert sind oder ausnahmsweise aus der Art schlagen, ihre Frauen sowieso; und manchmal auch andere Frauen. An das Lieben muß man sie vielleicht erinnern. Die Frauen – nun, ich bin keine Frau, aber vielleicht lieben sie die Männer in den meisten Fällen ohne große Mühe? Aber daß die Frau für ihren Mann außer Liebe auch Respekt übrig hat, das ist vielleicht nicht so selbstverständlich.“ In diesem Sinne könnte man auch sagen, die Bibel erinnert die Leute hier auch an das, was sie eher vernachlässigen.

(VIII) Noch etwas zum Thema Gehorsam und Unterordnung an sich

Ich glaube, die größte Schwierigkeit für heutige Christinnen bei diesen Stellen liegt darin, dass man Konzepte wie Gehorsam, Unterordnung, Hierarchie prinzipiell als etwas moralisch Anrüchiges wahrnimmt. Dass man meint, wer untergeordnet sei, müsse auch unterdrückt sein; wer Macht habe, müsse diese Macht auch missbrauchen. Das ist, das muss man klar sagen, der katholischen Religion entgegengesetzt. Bei uns geht es ständig um Dienen, Gehorsam und Unterordnung, und das ist grundsätzlich nichts Degradierendes. Priester versprechen Bischöfen Gehorsam, auch Laien müssen ihren Bischöfen in einigen Dingen gehorchen, Nonnen und Mönche versprechen Äbtissinnen und Äbten Gehorsam, und der Papst hat Autorität über die ganze Kirche, kann von niemandem kirchenrechtlich belangt werden, und über ihm steht nur noch Gott. (Umgekehrt wird er allerdings auch „Diener der Diener Gottes“ genannt, und am Gründonnerstag waschen die in der Hierarchie Höherstehenden unter ihnen Stehenden die Füße – was zu der oben angesprochenen Umkehr der Bedeutung von Hierarchien durch Jesus gehört.)

Nichtkatholiken oder liberale Katholiken würden darauf antworten, dass sie dann eben dieses grundsätzliche katholische Konzept ablehnen. Aber damit hätten sie schlicht Unrecht. Eine herrschaftsfreie Welt kann es gar nicht geben, und sie ist nicht einmal erstrebenswert. Wenn man versucht, Hierarchien abzuschaffen, entstehen immer informelle Hierarchien, die, gerade weil sie undefiniert und nicht offiziell anerkannt sind, viel unterdrückerischer sein können. Anarchie führt zur willkürlichen Herrschaft derer, die sich durchsetzen wollen und können; bestes Beispiel sind anarchistische Kommunen.

Gerade früher kam mir das Wort „Unterordnung“ selber ein bisschen beängstigend vor. Aber wenn es einem beängstigend vorkommt, liegt das einfach daran, dass man mit einer „untergeordneten“ Position in irgendeiner Hinsicht reflexhaft Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Entrechtung, Sklaverei verbindet – lustigerweise, weil einem das von unserer heutigen Obrigkeit in Schulen, Unis, Medien usw., die sich selbst nicht Obrigkeit nennen will, so eingeredet worden ist.

Jetzt mal ernsthaft: So sieht nicht einmal ein vertraglich geregeltes Arbeitsverhältnis zwischen Abteilungsleiter und normalem Angestellten aus (und wenn, dann sollte der Abteilungsleiter schnellstens gefeuert werden), geschweige denn eine irgendwie normal geartete lebenslange Verbindung zu einem geliebten Partner, mit dem man „ein Fleisch“ sein soll. Stellt man sich unter einem „Oberhaupt“eher einen gierigen Sklavenhalter mit absoluter Macht vor, oder so etwas wie den Vereinsvorstand des Schützenvereins, der sich mit den Mitgliedern arrangieren muss, und hauptsächlich dafür zuständig ist, die Ansprache am Weihnachtsfest zu halten, zu allen wöchentlichen Treffen zu erscheinen, und die älteren Mitglieder zu ihren 80. Geburtstagen zu besuchen, weswegen keiner das Amt übernehmen will?

Hierarchie bedeutet übersetzt nicht „Unterdrückung“, sondern „heilige Ordnung“. Wie unterdrückt fühlt man sich z. B. vom eigenen Ortsbischof? Hierarchie sorgt auch für Sicherheit; für klar verteilte Verantwortung. In einer hierarchisch geordneten Gesellschaft ist klar, wer das letzte Wort hat und damit Uneinigkeiten beenden kann, und dann auch Verantwortung für das Ergebnis trägt; an wen sich jemand wenden kann, der sein Recht haben will oder dem jemand anderes Unrecht tut; usw. Unterordnung bedeutet auch nie bedingungslose Unterordnung. Sie bedeutet auch Schutz, und dass man sich einer Leitung anvertrauen kann.

Es ist auch in keiner Weise etwas Ehrenrühriges, zu gehorchen und seine eigenen Vorstellungen unterordnen zu können. Mönche und Nonnen legen nicht ohne Grund ein Gehorsamsgelübde ab: Es hilft einem, Christus ähnlicher zu werden und nicht so sehr auf den eigenen Willen fokussiert zu sein.

Zu diesem ganzen Thema hat Pater Edmund Waldstein OCist einmal sehr Erhellendes geschrieben (hier eher auf die staatliche Sphäre bezogen).

[An dieser Stelle: Was ist denn mit einer weiteren Stelle in der Bibel, in der von der „Herrschaft“ des Mannes über die Frau die Rede ist? „Zur Frau sprach er [Gott]: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.“ (Genesis 3,16) Die hier angesprochene Herrschaft kann man entweder so verstehen, dass ein Herrschaftsverhältnis, das nun mal gerade in der gefallenen Welt nötig ist, vorausgesagt wird, oder als Teil des Fluchs, der als Folge der Erbsünde über die Menschheit kam. Rein vom Text her betrachtet ist es kein Befehl, sondern eine Vorhersage. Man kann es auch als ungerechte Herrschaft verstehen, die ebenso wenig schön ist wie Schmerzen beim Gebären, als etwas, das man bekämpfen darf, wie auch die Dornen und Disteln aus der Vorhersage an Adam (Vers 17); man kann hier z. B. an von sie misshandelnden Männern abhängige Frauen denken. Man kann es allerdings auch als Herrschaft im positiven Sinne verstehen, als etwas manchmal Anstrengendes, aber auch Gutes und Heilsames, wie die Arbeit, die Adam tun müssen wird.]

(IX) Das Thema Kopfbedeckungen, und: Was sagt die Kirche zu all diesen Stellen?

Als Katholiken interpretieren wir die Bibel bekanntlich im Rahmen des kirchlichen Lehramtes; also hier endlich ein Blick darauf, was die Kirche zu alldem geäußert hat.

Beim Beispiel der Kopfbedeckungen kann man sehen, dass diese Stelle wohl in gewissem Sinne „historisch bedingt“ ist: Die Kirche verlangt keine Kopfbedeckungen für Frauen während der Messe mehr, also kann es sich nicht um ein völlig unumstößliches göttliches Gesetz gehandelt haben. Allerdings war es bis etwa zum 2. Vatikanum für Frauen allgemein üblich, zum Kirchgang Hut, Kopftuch oder – in Südeuropa – Mantilla zu tragen, und manche (v. a. in Tradikreisen) tun es auch heute wieder, und für Männer ist es jetzt noch eine Sache der Höflichkeit, beim Betreten einer Kirche Hut oder eine Mütze abzunehmen – obwohl beides seit dem neuen CIC von 1983 nicht mehr vorgeschrieben ist. Hier handelt es sich offensichtlich um ein sinnvolles, aber nicht in Stein gemeißeltes Symbol, wie Händeschütteln zur Begrüßung oder Essen mit Messer und Gabel. Zu Paulus’ Zeiten war es auch eine Sache der Schicklichkeit für Frauen, außerhalb des Hauses eine Kopfbedeckung zu tragen; und im Kontext der Liturgie hat das für ihn auch eine symbolische Bedeutung.

Und was sagt das Lehramt zu den anderen Punkten? Der Katechismus der Katholischen Kirche hat hier oder hier etwa Allgemeines zum Verhältnis von Mann und Frau zu sagen, schweigt aber dezent zum biblischen Thema „Unterordnung“. Zu den Geschlechterrollen in der Ehe sagt er etwa nur:

„2333 […] Die leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von Mann und Frau gelebt werden.(KKK, Nr. 2333.)

Zu diesem Thema muss man in spezielleren Texten suchen. In einer älteren Enzyklika von Pius XI. findet sich diese erhellende Stelle:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.’

 Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

 Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.

 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau drückt Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., mit folgenden Worten tiefer Weisheit aus: ‚Der Mann ist der Herr in der Familie und das Haupt der Frau. Sie aber, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein ist, soll dem Mann untertan sein und gehorchen, nicht nach Art einer Dienerin, sondern einer Gefährtin. Dann wird die Leistung des Gehorsams weder ihrer Ehre noch ihrer Würde zu nahe treten. In dem aber, der befiehlt, wie in der, die gehorcht, in ihm als dem Abbild Christi, in ihr als dem der Kirche, soll die Gottesliebe Maß und Art von Amt und Pflicht beider bestimmen.’“ (Pius XI., Casti Connubii, 1930)

Bei Pius wird auch klar: Es handelt sich hier um gegenseitige Pflichten: Jeder hat seine Verantwortung zu erfüllen, und wenn das in der Praxis dann mal anders verteilt werden muss als im Modell, weil einer seinen Teil nicht erfüllen will oder auch nicht erfüllen kann (z. B. aufgrund schwerer Krankheit), dann muss man sich anders behelfen. Aber es sind trotzdem reale, wichtige Rollen, die normalerweise so und so verteilt sein sollen.

Ich habe auf amerikanischen feministischen Seiten, die ich früher ab und zu (teils aus Gründen der Feindbeobachtung) gelesen habe, einmal eine bestimmte Kritik an der Lehre von „Frau bringt Unterordnung, Mann bringt Liebe“ gelesen: Das würde die Pflichten ungleich verteilen; wenn die Frau ihren Teil nicht erfüllt, aber der Mann sie immer noch lieben soll, wäre das keine so große Belastung für ihn, wie es für die Frau wäre, wenn er sie nicht liebt, sie sich ihm aber immer noch unterordnen soll. Aber hier wird das fundamentalistisch-evangelikale Modell „Du musst immer sofort und ohne Widerspruch gehorchen, wenn dein Mann dir etwas befiehlt, auch wenn er dich nicht liebt, dich schlecht behandelt oder völlig verrückt ist, dann wird am Ende alles gut, Gott will es so!“, wie es die Christian Patriarchy-Bewegung vertritt, kritisiert. Nein, wir Katholiken glauben eben ganz klar nicht daran, dass Unterordnung oder Gehorsam unabhängig davon sein sollten, ob der Mann die Frau liebt, ob er sie gut oder schlecht behandelt – oder, ganz allgemein gesprochen, ob eine Autorität ihre jeweiligen Pflichten erfüllt oder nicht. Eine Autorität kann ihr Recht auf Gehorsam auch verlieren.

Man sollte, alles in allem, auch nicht vergessen, dass die Analogie zu der Christus-Kirche-Beziehung nur das ist: Eine Analogie. Der Mann ist nicht Christus und die Frau nicht die Kirche. Sie sind zwei normale menschliche Personen.

Johannes Paul II. spielt dieses Thema in einer neueren Enzyklika eher etwas herunter:

„Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung [der Erklärung dazu, dass und wie genau die Männer ihre Frauen lieben sollen] und der Feststellung, daß ‚sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau’ (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein ‚gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann ‚Haupt’ der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um ‚sich für sie’ hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus – Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese ‚Unterordnung’ in der Beziehung Gatte – Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum ‚Alten’ ganz offensichtlich ein ‚Neues’ dar: Es ist das ‚Neue’ des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses ‚Neue’ zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das ‚Alte’, das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.

 Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das ‚Neue’, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige ‚Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: ‚In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (…)’, sondern auch: ‚Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie’ (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?

 Die Herausforderung des ‚Ethos’ der Erlösung hingegen ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die ‚Unterordnung’ der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung’ beider ‚in der Ehrfurcht vor Christus’ gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.“ (Mulieris Dignitatem 24)

Auch er sagt allerdings nicht, dass die Unterordnung der Frau gar nicht da sein soll, und dass der Mann nicht das Haupt wäre, sondern betont eher die dienende Funktion eines Oberhauptes. Und letztlich muss man leider schon sagen, dass auch eine Enzyklika etwas zu sehr herunterspielen kann, um gewissen Sensibilitäten so weit wie irgend möglich entgegenzukommen; und von der Kirche wurde die weiter oben von Pius XI. erklärte Lehre eben konstant über 2000 Jahre hinweg gelehrt.

Also, zusammengefasst: Ja, es ergibt sich offensichtlich aus den Bibeltexten, den lehramtlichen Schreiben und der dahinterstehenden Theologie, dass die Männer in der Ehe eine gewisse Autorität als Familienoberhaupt haben, und dass die Frauen – im Normalfall – nicht die Leitung der Familie übernehmen sollten. Wie sich das im Alltag zeigt, kann unterschiedlich aussehen. Eine Frau muss ihrem Mann allerdings nicht gehorchen, wenn er etwas absolut Unvernünftiges, Ruinöses, Missbräuchliches oder Sündhaftes von ihr verlangen sollte.

 

(X) Frauen in der Kirche

Kommen wir jetzt von der Ehe zur Rolle der Frauen in der Kirche. Da hätten wir diese berühmte Stelle aus 1 Korinther 14: „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“

Nun ist es so, dass im NT schon Frauen erwähnt werden, die öffentlich beten oder prophetisch reden: In 1 Korinther 11,5, also im selben Brief, eben an der Stelle, wo Paulus über die Schicklichkeit von Kopftüchern redet, heißt es: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt.“ Und in der Apostelgeschichte heißt es über einen Diakon namens Philippus: „Er hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen.“ (Apostelgeschichte 21,9.) Hier wird der genaue Kontext nicht angegeben, aber jedenfalls redeten diese Jungfrauen offenbar auch zu einer gewissen Öffentlichkeit.

(Der gesamte Kontext für solche Stellen ist folgender: Wir reden von einer Zeit, in der auch Laien oft noch  spontan laut beteten, in Zungen redeten oder prophezeiten. (Ich könnte jetzt darüber reden, dass ich ganz froh bin, dass das inzwischen, jedenfalls in der Liturgie, eingeschränkt ist, da ich nicht so ganz überzeugt bin, dass an den meisten solchen Phänomenen, zumindest den heutigen nach der apostolischen Zeit, etwas dran ist, aber meine Skepsis gegenüber der Charismatischen Bewegung ist hier nicht das Thema.)) 

Wenn es dann ganz allgemein heißt, dass es den Frauen „in allen Gemeinden der Heiligen“ nicht gestattet ist, „zu reden“, dann ist hier wohl einerseits mal das offizielle Lehren im Auftrag der Kirche, das Predigen, gemeint: Also ein Dienst des geweihten Priesters.

Hier geht es teilweise einfach um den Unterschied zwischen Laien und Priestern.  (Dafür, dass nur Männer Priester sein können, gibt es verschiedene Begründungen, die die meisten Katholiken vermutlich kennen. Hier die zwei wichtigsten: 1) Jesus will es halt so. Jesus hat nur Männer in den Kreis der Zwölf berufen; deren Nachfolger sind die Bischöfe, und deren Helfer sind die Priester und Diakone. Wenn Jesus einen Sinn dahinter gesehen hat, keine Frauen zu berufen, nicht einmal eine unter zwölf (und in anderen Dingen hielt er sich nicht immer an die Konventionen seiner Zeit, z. B., als er sich mit Samariterinnen und Prostituierten abgab, also können wir nicht argumentieren, dass er keine Frau hätte berufen können), dann können wir darauf vertrauen, dass es da einen Sinn gibt. 2) Priester sind bei uns nicht nur Prediger, wie bei den Protestanten, sondern eben Priester, d. h. sie repräsentieren Gott in heiligen Riten. Christus handelt durch sie, wenn sie in persona Christi bei der Eucharistie die Wandlung vollziehen oder in der Beichte Sünden vergeben. Christus war ein Mann und wir haben ein männliches Gottesbild (auch wenn Gott natürlich weder Mann noch Frau ist); das liegt daran, dass ein männliches Gottesbild („Vater unser“) eher dazu geeignet ist, den über der Welt stehenden Schöpfergott zu symbolisieren, während Religionen mit weiblichen Göttern und Priesterinnen eher zu einer Art Naturanbetung der „Mutter Erde“ tendieren (s. auch die obige Erklärung zu „Der Mann ist das Haupt der Frau“). Der Priester repräsentiert Christus als den Bräutigam, das bei der Eucharistie anwesende Volk die Kirche als Seine Braut.)

Auch das Predigen, im Sinne der offiziellen Verkündigung der Kirchenlehre, gehört zunächst zum Dienst des Christus vertretenden Priesters. Nicht so ausschließlich wie z. B. die Feier der Eucharistie; aber auch die Verkündigung geht eben letztlich von der Christus vertretenden Kirchenhierarchie aus, auch wenn auch Laien als Katecheten, Religionslehrer oder Theologieprofessoren beauftragt werden können (und hier auch Frauen eingesetzt werden können); und daher ist die Verkündigung im Kontext der Liturgie ausschließlich dem Klerus vorbehalten.

Aber dennoch: Macht Paulus nicht noch einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Laien?

(XI) Eva und der Sündenfall

Da wäre ja auch noch die Stelle aus dem 1. Timotheusbrief: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“

Einfach ignorieren kann man das nicht; das ist Heilige Schrift. Und der Sündenfall lief nun mal so ab, dass zuerst Eva verführt wurde. Und Paulus sagt hier offensichtlich, dass Frauen demnach generell leichter zu verführen wären und sich deshalb eher unterordnen müssten.

Und wenn man „verführen“ im Sinn von täuschen versteht, stimmt das nun mal einfach. Frauen neigen mehr zur Verträglichkeit und dazu, Konflikte zu vermeiden, während Männer sich weniger leicht beeindrucken lassen und öfter gerade bewusst dagegen sind. Beide Eigenschaften können sich positiv oder negativ auswirken; mit beiden Eigenschaften kann man zu unterschiedlichen Sünden verführt werden und sich unterschiedlichen Sünden entgegenstellen, aber auf Führungspositionen wirken sich die weiblichen Eigenschaften tendentiell schlechter aus. Weil man, auch wenn man ursprünglich weiß, dass jemand nicht vertrauenswürdig ist, dem vielleicht doch mal zuhören will, „auch die andere Seite sehen“ will, und sich nicht so leicht damit tut, etwas als Unsinn oder Lüge zu verlachen und lieber doch sagt „irgendeinen Punkt hat der ja“. Es hat schon seinen Grund, wieso eher Frauen zu Esoterik und „Alternativmedizin“ neigen als Männer. (Dazu passt auch die oben erwähnte Petrusstelle: Frauen können auch in diesem Sinne „schwächer“ sein als Männer.)

Beim Sündenfall war es wohl so, dass Eva, die sich dazu bringen ließ, der Schlange zuzuhören, wirklich überredet wurde; Adam machte dann wohl wider besseres Wissen mit, weil seine Frau es wollte. Über ihn heißt es nur: „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Genesis 3,6) – sein Problem scheint eher zu sein, dass er einfach Eva nachgibt, als dass er sich von den falschen Versprechungen der Schlange einlullen hat lassen. Ich denke, es ist so, dass Frauen im Allgemeinen, wenn sie etwas Falsches tun, sich eher vorher einreden müssen, dass es notwendig oder gut ist, und dabei auch sehr kreativ werden können und leichter falsche Erklärungen annehmen. Beides falsch, aber auf unterschiedliche Weise.

Interessanterweise wird übrigens – bei Paulus an anderer Stelle und bei Theologen wie Thomas von Aquin – immer Adam als der eigentlich Verantwortliche für den Sündenfall genannt, wenn es darum geht, wer der Menschheit nun die Erbsünde vererbt hat: Eva hat mit der Sache angefangen, aber letztlich trug die eigentliche Verantwortung ihr Mann. Das spricht freilich einfach für die Überzeugung besagter Theologen, dass Adam – der erste Mann – einfach das Oberhaupt des Menschengeschlechts war, und Eva eben nicht.

Und das zeigt eben, was beim Sündenfall auch noch falsch lief: Eine Verkehrung der Geschlechterrollen. Adam wird passiv, versucht nicht, seine Frau vor der Schlange zu warnen oder zu schützen oder ihr etwas entgegenzusetzen, und damit handelt er falsch, gibt seine Rolle als Oberhaupt ab.

Schon Aristoteles (der freilich auch frauenfeindliche Äußerungen getätigt hat, die man nicht übernehmen muss) hat Männern den öffentlichen und Frauen den privaten Raum zugeordnet. Das passt auch: Verträglichkeit und der Wunsch nach Harmonie tun der Familie gut, wo man miteinander auskommen muss, und Prinzipienfestigkeit und Dagegensein sind eher in der Öffentlichkeit mal nötig, wo man mit Fremden oder fremden Gruppen zu tun hat, die einen nicht unbedingt so respektieren, wie es Familienmitglieder immerhin meistens noch tun.

Das heißt nicht, dass es keine Frauen gäbe, die für Führungsrollen geeignet wären; es handelt sich hier um Tendenzen. Außerdem gibt es auch so etwas wie delegierte Führungsrollen. In der Kirche geht die grundsätzliche Macht vom rein männlichen Klerus aus und muss das auch, aber der kann auch Aufgaben an Laien delegieren, auch an Frauen – z. B. das Lehren als Religionslehrerin oder Theologieprofessorin. Die brauchen freilich weiterhin den Klerus als Orientierungspunkt. Was das öffentliche Beten, prophetische Reden etc. angeht, so sollte es auch eher die Ausnahme als die Regel sein, wie aus der Zusammenschau der Paulusstellen klar wird – und vor allem sollte es im Einklang mit dem Klerus erfolgen, nicht gegen ihn. Auch in der Familie hat nicht nur der Vater die Führungsrolle, sondern die Mutter hat auch eine eigenständige Autorität gegenüber den Kindern, freilich dem Vater untergeordnet, wie z. B. eine Gemeinde in vielen Dingen eigenständig, aber auch in gewissem Maß der Landesregierung untergeordnet ist. Was ist mit der Politik? Nun, ich denke, hier sollte es tatsächlich auch so sein, dass tendentiell die meisten Ämter von Männern eingenommen werden. (Dafür kann man nicht nur christliche Prinzipien anführen, sondern auch die einfache Tatsache, dass es keine anständigen politischen Debatten mehr im Bundestag gibt, und z. B. die bisherigen Verteidigungsministerinnen eher suboptimal waren. (Entschuldigung.)) Aber hier kann es sicher auch Frauen geben, die eben doch für die Politik geeignet ist; ich denke an Frauen wie Ellen Ammann. In Kirche und Familie, wo es darum geht, dass Männer Christus nachstellen sollen, können Frauen nie einfach die Aufgaben von Männern übernehmen (sondern höchstens eine Art Ersatz sein, wenn z. B. eine Frau nach dem Tod ihres Mannes als Familienoberhaupt fungieren muss, oder Frauen Gebet und Caritas in Gemeinden organisieren, in die kaum je ein Priester kommen kann), aber in der Politik sind Staatsoberhäupter und Abgeordnete nicht „in persona Christi“; daher kann es hier einige Ausnahmen geben.

Einige Christen von der protestantischen Christian-Patriarchy-Bewegung legen die Timotheus-Stelle tatsächlich so aus, dass Frauen generell keine Männer irgendetwas (Theologisches) lehren dürfen; also dürfen Frauen ihrer Meinung nach z. B. auch keine Vorträge vor einem gemischten Publikum in der Gemeinde halten. Sonntagsschullehrerinnen gehen gerade noch, denn die lehren nur Kinder, aber sobald die Jungs über achtzehn sind, ist definitiv Schluss. Jüngere Frauen dürfen natürlich von älteren Frauen etwas gelehrt werden, weil, Titus 2,3-5, aber Männer lehren, das geht nicht. (Man lese zum Beispiel diesen interessanten Artikel einer Bloggerin dieser Bewegung, in dem sie vehement erklärt, dass sie mit ihrem Blog keine Männer lehre. Solche Ansichten sind in freikirchlich-evangelikalen Kreisen einflussreicher, als man manchmal erwarten würde; vgl. auch hier auf einer deutschen Seite.) Das entspricht nicht der katholischen Lehre.

Also: Ja, es ist okay, wenn irgendein Mann von einer Frau mal etwas lernt, ja, auch Frauen können gut dazu geeignet sein, zu lehren, Vorträge zu halten, Führungspositionen einzunehmen, etc., aber wenn zu viele Frauen auf höheren Positionen sind und die allgemeine Meinung prägen können, ist das nicht gut.

Ein Geschlecht ist nicht an sich sündhafter als das andere oder so etwas – beide haben den gleichen freien Willen und die gleichen Gebote bekommen. Wir haben nicht weniger weibliche als männliche Heilige. Aber die Geschlechter sind auf unterschiedliche Weise sündhaft, und es ist leider eine Tatsache, dass Frauen leichter zu täuschen sind.

Da muss man nicht geschockt oder beleidigt reagieren. Es ist doch so: Über typische Männerfehler zu reden ist völlig normal. Wieso sollte man also nicht auch über typische Frauenfehler reden dürfen?

Das war es wohl. Ja, unsere Religion ist patriarchal; das sollten wir nie in einem falschen Sinn verstehen, genauso, wie wir die Tatsache, dass es in der Kirche eine Hierarchie gibt, nicht falsch verstehen sollten; aber das Christentum ist und bleibt eine patriarchale Religion, und das ist gut so.

Ach ja, und, Gratulation an alle, die bis hierher gelesen haben! (Hier noch ein Link für alle, die noch mehr lesen wollen.)

Jesus Christus und der Sinn des Kreuzes

„Every other person who ever came into this world came into it to live. He came into it to die. Death was a stumbling block to Socrates – it interrupted his teaching. But to Christ, death was the goal and fulfillment of His life, the gold that He was seeking. Few of His words or actions are intelligible without references to His Cross. He presented Himself as a Savior rather than merely as a Teacher. It meant nothing to teach men to be good unless He also gave them the power to be good, after rescuing them from the frustration of guilt.“

(Jede andere Person, die jemals in diese Welt kam, kam in sie, um zu leben. Er kam in sie, um zu sterben. Der Tod war ein Hindernis für Sokrates; er unterbrach sein Lehren. Aber für Christus war der Tod das Ziel und die Erfüllung Seines Lebens, der Schatz, den er suchte. Wenige seiner Worte oder Taten sind verständlich ohne Bezugnahme auf Sein Kreuz. Er präsentierte sich eher als ein Erlöser denn bloß als ein Lehrer. Es bedeutete nichts, die Menschen zu lehren, gut zu sein, wenn Er ihnen nicht auch die Kraft gab, gut zu sein, nachdem Er sie von der Frustration der Schuld gerettet hatte.)

(Fulton Sheen, Life of Christ)

Das Kreuz scheint einerseits allgegenwärtig zu sein – in Klassenzimmern, an Straßen, auf Friedhöfen, in den Kirchen – aber gleichzeitig wird es in der Regel übersehen. Es ist so allgegenwärtig, dass man es oft kaum noch bemerkt. Und selbst wenn man es bemerkt, weiß man oft nicht mehr, was es eigentlich bedeutet. Klar, Jesus ist am Kreuz gestorben, schade, ja, aber er ist dann ja wieder auferstanden oder so… Nun, darin erschöpft sich der Sinn des Kreuzes nicht, auch wenn man, wie ich, sich beinahe ein Jahrzehnt lang katholischem Religionsunterricht unterziehen kann, ohne etwas darüber beigebracht zu bekommen, dass Jesu Tod kein bedauerlicher Unfall war.

Der Sinn des Kreuzes ist dieser: Gott (genauer: die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit) hat menschliche Natur angenommen – wirklich menschliche Natur, Körper und Seele, Er ist nicht bloß in menschlicher Gestalt erschienen, sondern Mensch geworden, ohne dabei jedoch irgendetwas von seiner göttlichen Natur zu verlieren – und hat sich von den Menschen töten lassen, um den Preis für ihre Sünden zu bezahlen.

„Sünde“ ist nicht die Übertretung irgendeines willkürlichen Kirchengebotes. Sünde meint Schuld, Verletzung, eine Verletzung, die da ist und nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Wenn man durch Lügen, Neid oder Gleichgültigkeit das Verhältnis zu Familie oder Freunden zerstört hat, dann ist das erstmal kaputt. Wenn man betrunken Auto gefahren ist und jemanden dabei totgefahren hat, ist der tot. Wenn man jemanden, den man nicht leiden kann, durch Verachtung oder Mobbing verletzt hat, ist diese Verletzung da. Da ist eine Schuld, die bezahlt, die gesühnt werden muss, und die wir aus eigener Kraft nicht sühnen können. Und deswegen hat Gott  das selbst für uns übernommen. „Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach“, schreibt Paulus, „durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat.“ (Kol 2,14)

Gott ist gerecht; Er kann Unrecht nicht einfach zulassen und schönreden. Aber Er ist auch gnädig, und liebt auch den, der Unrecht tut; an Seiner Liebe kann sich durch nichts etwas ändern. Und deshalb hat Er selbst uns eine Möglichkeit des Auswegs aus dem Kreislauf von Schuld und Sünde – denn Sünde trägt oft genug die Züge von Sucht – geebnet.

Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben.
Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.
Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt.
Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar?
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.

Diese Zeilen sind eine Prophezeiung über den Messias beim Propheten Jesaja (Jes 52,13-53,12). Man spricht hier auch vom Vierten Lied vom Gottesknecht. Dieser stellvertretend leidende Gottesknecht zeigte sich schließlich Jahrhunderte nach Jesaja in Jesus Christus.

 „Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit“, schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief.Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (1 Kor 1,22-24)
 Christus ist für uns gestorben, und durch die Taufe bekommen wir Anteil an Seinem Opfer! Durch die Taufe werden wir von aller Schuld erlöst und Ihm ähnlich gemacht und bekommen Seine Gnade, um ein neues Leben zu leben; nicht mehr nur als Geschöpf, sondern als Kind Gottes. Jesus ist der Sohn Gottes, alle Getauften Seine Adoptivgeschwister. „Wir verkündigen“, schreibt Paulus weiter hinten in diesem Brief, „wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9)

Nach seinem stellvertretenden Tod ist Christus auferstanden: Weil die Liebe den Tod besiegt.

In „Der König von Narnia“ stirbt der Löwe Aslan einen solchen stellvertretenden Tod wie Christus, und auch ihn kann der Tod nicht festhalten. „Wenn sich einer, der nichts verbrochen hat, freiwillig für einen Schuldigen opfert, dann bricht der Steintisch entzwei und der Tod weicht zurück“, sagt Aslan zu Lucy und Suse, als er vom Tod zurückgekehrt ist.

PS: Fulton Sheens Buch, aus dem ich oben zitiert habe, ist übrigens sehr, sehr, sehr empfehlenswert. Je mehr ich von Fulton Sheen lese, desto begeisterter bin ich. Es gibt es übrigens auch auf Deutsch, Titel: „Das Leben Jesu“ – die Übersetzung ist allerdings nicht sehr gut.

Die allumfassende Kirche, Teil 2: Die Gemeinschaft der Heiligen

Alle Teile hier.

Im ersten Teil dieser Reihe ging es um eine erste Bedeutung der Katholizität der Kirche (katholisch, altgriechisch katholikos, bedeutet, wie gesagt, allumfassend): Sie ist universal in Bezug auf Länder, Völker und Nationen. Sie ist es aber auch – und das ist mindestens ebenso wichtig – in Bezug auf Epochen und Zeiten.

Es ist Unsinn, von der Kirche zu fordern, sie solle sich einer bestimmten Zeit (zum Beispiel der, die jetzt gerade da ist) anpassen; dadurch würde sie ihre Universalität aufgeben. Petrus und Paulus, Athanasius von Alexandria und Benedikt von Nursia, Hildegard von Bingen und Katharina von Siena, Thomas Morus und Kateri Tekakwitha gehören ebenso zur katholischen Kirche wie Max Meier und Chantal Müller aus Obereischheim. Sicher verwirklicht sich der katholische Glaube in jeder Zeit und in jedem Menschen anders; aber er bleibt trotzdem immer im Kern gleich. Paulus schreibt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20) und „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8). Daraus folgt logisch, dass alle Christen aller Epochen etwas gemeinsam haben müssen – denn in uns allen lebt derselbe Christus.

C. S. Lewis (1898-1963), einer meiner Lieblingsschriftsteller, spricht in „Surprised by joy“ davon, dass er während seiner Zeit als Atheist unter einer Art von „chronologischem Snobismus“ litt, und in einem Essay, den ich leider gerade nicht finden kann, spricht er eine Art von verbreitetem chronologischem Provinzialismus an. Wir halten unsere Zeit für allen anderen überlegen – „mittelalterlich“ ist ein Synonym für „schlecht“ geworden –, haben aber gleichzeitig so gut wie keine Ahnung von diesen anderen Zeiten, vor allem davon, wie die Menschen in diesen anderen Zeiten gedacht haben und ob uns das etwas sagen könnte. Wir lesen nicht das, was sie damals geschrieben haben, sondern bestenfalls, was andere heute über sie schreiben; und das ist nichts anderes als chronologischer Provinzialismus, als denkerische Enge.

Diese allgemein übliche Verachtung der Vergangenheit betrifft nicht ausschließlich die christliche Vergangenheit. In längst vergangenen Tagen – selbst noch in Lewis’ Tagen – war es in höheren Schulen einmal üblich, Platon und Vergil zu lesen in der Annahme, dass die einem eventuell noch was zu sagen haben könnten. Heute kann man froh sein, wenn Neuntklässler aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung behalten, wann der Zweite Weltkrieg stattgefunden hat. (Ja, ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, die sich endlos darüber aufregen könnten, dass meine Generation dank der großartigen innovativen „entrümpelnden“ Lehrpläne unserer Kultusministerien kein historisches Wissen und im Übrigen auch nahezu keine Ahnung von Grammatik und Rechtschreibung mehr hat. Meistens habe ich zwar Besseres zu tun, aber gelegentlich muss man das mal sagen dürfen. So!) Und obwohl die antiken heidnischen Philosophen in Abgrenzung vom christlichen Erbe gerne mal öffentlich gelobt werden, sind die einzigen, die sie (wenn auch immer noch recht selten) tatsächlich lesen, meistens die Christen. Ich spreche aus Erfahrung: In den Altgriechischkursen an den Unis sitzen nun einfach so gut wie ausschließlich Theologiestudenten.

Selbst wenn ein Historiker heute mal Platon – oder vielleicht sogar einen christlichen Philosophen wie Boethius oder Thomas von Aquin – liest, dann selten mit der Frage im Hinterkopf: Hatte er Recht? Was hat mir das zu sagen?

Ich will schon wieder Lewis zitieren, der in seinen berühmten „Screwtape letters“ (deutsch: „Dienstanweisungen für einen Unterteufel“) den höhergestellten Teufel Screwtape an seinen Neffen Wormwood schreiben ließ:

Es mag nun erwidert werden, dass einige dieser zudringlichen menschlichen Schriftsteller, vorab Boethius, diese Geheimnis preisgegeben haben. Aber dank dem intellektuellen Klima, das uns in Westeuropa endlich zu schaffen gelungen ist, brauchst Du dich um diese Gefahr nicht groß zu sorgen. Nur die Gelehrten lesen alte Bücher. Wir aber haben diese Gelehrten so geschult, dass sie unter allen Menschen am wenigsten geeignet sind, sich die Weisheit aus den Büchern der Alten anzueignen. Wir haben das erreicht, indem wir ihnen „den geschichtswissenschaftlichen Standpunkt“ unauslöschlich eingeprägt haben. Der „geschichtswissenschaftliche Standtpunkt“ bedeutet kurz gefasst dies: Wenn ein Gelehrter irgendeiner Aussage eines früheren Autors begegnet, dann ist die eine Frage, die er nie stellen wird, die, ob sie wahr ist. Er fragt, wer den antiken Verfasser beeinflusst hat, wie diese Aussage mit dem übereinstimmt, was er in anderen Büchern sagt, und welche Entwicklungsphase des Schreibenden oder der allgemeinen Geschichte des Denkens erläutert wird und wieweit sie spätere Denker beeinflusst haben und wie oft sie falsch verstanden worden sind (besonders von den eigenen Kollegen des Gelehrten), welche Richtung die allgemeine Kritik in dieser Frage im Laufe der letzten zehn Jahre eingeschlagen hat und welches der „gegenwärtige Stand der Frage“ ist. Die Schriften des alten Verfassers als mögliche Quelle der Erkenntnis anzusehen, zu erwarten, dass das, was sie sagen, möglicherweise die eigenen Gedanken oder das eigene Handeln ändern könnte – das würde als äußerst einfältig abgewiesen.

G. K. Chesterton (1874-1936) hat Tradition einmal als „Demokratie für die Toten“ bezeichnet. Eine solche Art der Demokratie, in der auch die Toten Stimmrecht haben, macht natürlich dann besonderen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass die Toten noch leben. Die Christen vergangener Epochen gehören zur Kirche wie wir, und zwar aus dem einfachen Grund, dass zwar ihre Epochen vergangen sein mögen, aber sie nicht.

Im Credo bekennen wir unseren Glauben an die „Gemeinschaft der Heiligen“. Hier wird das Wort „Heilige“ im Sinn des Paulus verwendet, der seine Briefe mit „an die Heiligen in XYZ“ begann: Heilige – Geheiligte durch die Taufe und den Glauben – sind in diesem Sinne alle Christen. Wir bilden eine Gemeinschaft. Und zu der gehören nicht nur die Christen auf der Erde, sondern auch die, die bereits tot und bei Gott sind (= die im Himmel) bzw. vor ihrem endgültigen Eintritt in die Gemeinschaft mit Gott noch eine Läuterungszeit durchmachen (= die im Fegefeuer, lateinisch Purgatorium (Reinigungsort)). Deshalb beten wir zu denen im Himmel um Fürsprache, und leisten selber Fürsprache für die im Fegefeuer; bei denen auf der Erde geht beides, wir können für andere und andere für uns beten.

Für diese drei Bereiche der Kirche verwendete man klassischerweise die Begriffe:

  • ecclesia militans: streitende (d. h. kämpfende) Kirche (auf der Erde)
  • ecclesia patiens: leidende Kirche (im Fegefeuer) und
  • ecclesia triumphans: triumphierende Kirche (im Himmel“).

Im Moment sind wir noch bei der kämpfenden Kirche auf dem Schlachtfeld; aber wir hoffen darauf, mal zur siegreichen, triumphierenden Kirche im Angesicht Gottes zu gehören.

PS: Und ja, hier ist mit „Kämpfen“ traditionellerweise immer so was wie Kampf gegen die Sünde gemeint, das Schlechte in einem selber. Ja, auch das Schlechte da draußen in der Welt, aber anfangen muss man in sich selber, da gibt’s auch genug Schlechtes.