Dinge, die keine Sünden sind

Es ist keine Sünde, fett zu sein.

Es ist keine Sünde, Süßes zu essen.*

Es ist keine Sünde, Fleisch zu essen.*

Es ist keine Sünde, Zigaretten zu rauchen.*

Es ist keine Sünde, World of Warcraft zu spielen.*

Es ist keine Sünde, keinen Sport zu machen.

Es ist keine Sünde, hässlich zu sein.

Es ist keine Sünde, alt zu sein.

Es ist keine Sünde, krank zu sein.

Es ist keine Sünde, psychisch gestört zu sein.

Es ist keine Sünde, behindert zu sein.

Es ist keine Sünde, dumm zu sein.

Es ist keine Sünde, ungebildet zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Spießer mit Bausparvertrag und Doppelhaushälfte zu sein.

Es ist keine Sünde, Hausfrau zu sein.

Es ist keine Sünde, mehr als zwei, drei Kinder zu haben. (Tatsächlich ist es sogar sehr vorbildlich. Wir zahlen mal eure Rente!)**

Es ist keine Sünde, Hartz-IV-Empfänger zu sein.

Es ist keine Sünde, ein niedriges Selbstbewusstsein zu haben.

Es ist keine Sünde, unbeliebt zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Opfer zu sein.

 

Die Ansprüche der Welt sind dieser Tage hoch, und sie ist nicht immer barmherzig; nicht selten bestraft sie die, die ihnen nicht genügen, mit Acht und Bann.

Ich finde es bemerkenswert, dass die meisten derzeit beliebten Schimpfwörter – fett, dumm, hässlich, krank, gestört, behindert, Opfer – alle Dinge bezeichnen, die eigentlich keinen Anlass zu einer Beschimpfung bieten. Kein Mensch kann etwas dafür, dass er zur Fettleibigkeit neigt, oder dass er einen niedrigen IQ hat, oder dass er Pickel und abstehende Ohren hat, oder dass er eine Zwangsstörung oder das Downsyndrom hat; man kann Fetten, Dummen, Hässlichen, Gestörten und Behinderten kein moralisches Fehlverhalten vorwerfen. Schon gar nicht kann man es jemandem vorwerfen, ein Opfer geworden zu sein (wie denn auch?). In manchen Fällen erkennt die Welt das theoretisch zwar irgendwo noch mit Lippenbekenntnissen an, z. B. bei Behinderten (Downsyndrom-Kinder werden zwar, wenn man sie rechtzeitig entdeckt, in über 90% der Fälle noch rasch beseitigt, ehe sie geboren werden können, aber wenn sie doch mal das Licht der Welt erblicken sollten, wird den Kameraden im Kindergarten immerhin erklärt, dass man Behinderte nicht beleidigen solle, und keine Vorurteile und so), aber in anderen Fällen gibt es nicht einmal das.

Bei Dicken und Hässlichen zum Beispiel sieht es schon ganz anders aus. Ich bin durchaus froh, dass ich in dieser Hinsicht positive Gene mitbekommen habe. Wenn man dick ist, weiß man gleich, welchen Eindruck man schon auf den ersten Blick bei manchen entsprechend gesonnenen Fremden hinterlassen wird: faul, verfressen, undiszipliniert, asozial. Dass Dicksein nicht unbedingt von maßlosem Pommes- und Colakonsum verursacht wird, dass es Menschen gibt, die Pommes und Cola in Unmengen verzehren könnten, ohne ihre dürre Figur zu verlieren, während andere fett bleiben würden, auch wenn sie sich nur von Gemüsesuppe ernähren würden, dass es auch für dicke Menschen genau genommen keine moralische Verpflichtung gibt, so viel Sport zu machen und so lange extreme Diäten zu halten, bis sie auf Normalgewicht sind (falls das für sie überhaupt möglich sein sollte, was gerade bei kranken Menschen nicht immer der Fall ist) – das zählt alles nicht. Dick ist asozial und faul; wer dick ist, ist selber schuld und hat nicht den Respekt verdient, den man normalen Menschen entgegenbringen kann. Dasselbe gilt für Hässliche im Allgemeinen, besonders – aber eindeutig nicht nur! – für hässliche Frauen. Wenn sie sich nur gesund ernähren und sich eine andere Gesichtscreme kaufen würde, würden ihre Pickel schon verschwinden; wenn sie nur lernen würde, sich ordentlich zu schminken, sich ein paar neue Klamotten und ein Anti-Schuppen-Shampoo besorgen würde, würde sie schon besser aussehen; wenn sie sich nur etwas anstrengen und öfter mal zum Friseur gehen würde, würde sie das Gewicht, das sie in ihren Schwangerschaften gewonnen hat, schon noch verlieren und man würde ihre grauen Haare nicht mehr sehen – aber sie kümmert sich ja nicht darum, sie vernachlässigt sich selbst, also ist sie auch selber schuld, wenn man sie für das asoziale Wesen hält, das sie ist.

Es spricht nichts dagegen, wenn man sich selbst dafür entscheiden will, Gewicht zu verlieren oder mehr auf sein Aussehen zu achten. Aber es ist keine moralische Pflicht.

Leider ist es eben so: Die Welt legt großen Wert darauf, gegenüber wirklichen Sünden ihre Nachsicht und Toleranz zu erklären, aber sie kommt ohne Sünden nicht aus, also muss sie irgendeinen Ersatz finden, den sie rigoros verurteilen kann; und den findet sie manchmal leider an den scheußlichsten Stellen. Irgendetwas muss sie verurteilen; und wenn sie Ehebruch und Lügen und das Töten störender Menschen nicht mehr verurteilen will, verurteilt sie eben Fettsein, Dummheit und Krankheit, oder irgendwelche Nachlässigkeiten wie das Zigarettenrauchen oder vergessenes Beinerasieren. (Anmerkung: Ich persönlich kann den Gestank von Zigaretten übrigens nicht ausstehen; aber ich kann das Rauchen nicht zur Sünde erklären, solange die Kirche das nicht tut, und das tut sie nicht, solange es nicht maßlos wird. Mein persönlicher Geschmack ist nicht aussschlaggebend dafür, was Sünde ist und was nicht.)

So gesehen bin ich wirklich froh, katholisch zu sein. Die katholische Kirche hält bloß solche Dinge wie Habgier, Arroganz, Lieblosigkeit, Heuchelei, Selbstsucht, Neid, Mord, Unzucht, Stehlen und Lügen für Sünden. Sie ist milde und nachsichtig gegenüber allen Unvollkommenheiten und schiebt einem nicht die Verantwortung für Schicksalsschläge zu, und sie verlangt auch nicht, auf gewöhnliche Vergnügungen und Zerstreuungen zu verzichten. Was sie verlangt? Nicht Perfektion, sondern Liebe. Sie verlangt nicht, die Welt zu retten, indem man sich einer rigorosen Mangelernährung unterwirft, und sie stellt auch nicht das unmenschliche Gebot auf, nie zum Opfer von Genen und Krankheiten und Unfällen und mangelnden Chancen und anderen Menschen zu werden.

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deuteronomium 30,11-14)

Ach ja, es ist übrigens auch keine Sünde, Katholik zu sein, auch wenn uns die Welt das ebenfalls gerne mal einreden möchte. Nicht mal dann, wenn man zu diesen dogmatischen, mittelalterlichen Katholiken gehört, die tatsächlich jeden Sonntag – oder Gott bewahre, noch öfter – in die Kirche rennen (wie pharisäerhaft!) und auch noch jeden Tag beten (haben die eigentlich nichts Besseres zu tun?).

Kurz gesagt: Wie wäre es, wenn wir alle einfach mal etwas freundlicher und respektvoller einander gegenüber wären?

 

* In Maßen, versteht sich. Maßlosigkeit in allen Dingen wird irgendwann zur Sünde, egal, ob es sich um den Verzehr von Schokolade, Aktivität auf Facebook oder das ehrgeizige Training für den nächsten Marathon (bei Maßlosigkeit in diesem Fall schadet man sich selbst) handelt. Selbst das Lesen der Werke des heiligen Thomas könnte irgendwann maßlos werden, wenn man darüber Dinge wie Essen, Schlafen und das Helfen beim Abwasch vergäße.

** Hierzu vielleicht noch eine interessante Anekdote: Als meine Mutter gerade mit ihrem vierten (und letzten) Kind schwanger geworden war, erzählte meine Großmutter ihren Arbeitskollegen davon. Dann hörte sie einen dieser Kollegen fragen: „Ja, sind die denn asozial?“ Wir reden hier, nebenbei bemerkt, von einem verheirateten Paar mit Eigenheim – der Mann in Vollzeit beschäftigt und gut bezahlt, die Frau damals Hausfrau und Mutter – die nur das Verbrechen begangen hatte, zusätzlich zu den drei bereits vorhandenen Kindern noch ein viertes zu erwarten. Das ist schon einige Jahre her, und ich weiß nicht, ob die Vorurteile immer noch so stark sind, aber sie sind definitiv da. Vier Kinder markieren gerade so die Grenze, glaube ich – drei sind noch akzeptabel, und fünf bedeuten auf jeden Fall schon eine „Großfamilie“, bei der irgendetwas nicht stimmen kann.

Macht man was falsch, wenn es einem gut geht?

Hier ein wunderbarer Artikel von the one and only Simcha Fisher zum Thema „Sieht Gott uns gerne leiden?“ http://www.simchafisher.com/2017/02/15/does-god-get-off-on-seeing-us-suffer/ Bitte lesen!

Ich habe bei mir selber gemerkt – und andere Skrupulanten kennen das Gefühl wahrscheinlich auch – dass es leicht passieren kann, dass ich, wenn ich es gerade bequem habe und alles gut läuft, automatisch, ohne weitere Gründe dafür, das Gefühl bekomme, dass ich irgendetwas falsch machen muss. Als Christin ist man ja schließlich zur Heiligkeit gerufen – wie uns immer wieder gesagt wird –; und kann das denn irgendwie nach Heiligkeit aussehen, wenn man nichts Besonderes macht, vielleicht sogar lange geschlafen und sich sein Lieblingsessen gekocht hat und einfach nur ein neues Buch liest oder einen Film anschaut oder über irgendwelche Youtube-Videos lacht – anstatt sich mit, was weiß ich, Fasten, Beten, Werken heldenhafter Nächstenliebe zu beschäftigen? Müsste ein richtiger Christ nicht zwangsläufig alle möglichen Werke tun und Schwierigkeiten und Leiden und Anfeindungen auf sich nehmen? (Auch wenn man im Moment keine ganz genaue Vorstellung davon hat, was man konkret genau jetzt zu tun hätte oder tun könnte.)

Wie so oft steckt in diesem falschen Gefühl ein Korn Wahrheit: Es ist etwas Gutes, besonderen Einsatz für eine gute Sache zu zeigen, und das Richtige zu tun kann manchmal schwierig sein. Aber das muss es nicht zwangsläufig sein. Manchmal macht es einen sogar glücklich. Und in manchen Dingen ist ein vernünftiges Mittelmaß, das einem nicht radikal genug für ein richtiges christliches Leben vorkommt, manchmal auf lange Sicht sogar das Beste (wenn man sich z. B. nie Ferien gönnt, hat man irgendwann keine Energie mehr für das, was man außerhalb der Ferien tut); es kann moralisch falsch sein, sich unbedachterweise zu viel auf einmal aufhalsen zu wollen.

Mrs. Fisher nimmt hier zwei Beispiele: Die Entscheidung, (vorerst oder endgültig) keine weiteren Kinder mehr zu bekommen (ja, wir reden von NFP, nicht der Pille oder Ähnlichem – alles gut katholisch), und die Entscheidung, nicht zur Sonntagsmesse zu gehen, wenn man krank ist. Sie geht darauf ein, dass es von vornherein nicht immer die beste und selbstloseste Entscheidung sein muss, ja noch ein Kind zu bekommen oder sich ja in die Kirche zu schleppen, solange es noch irgendwie geht – im ersten Fall, wenn man sich dann z. B. nicht mehr so um die schon vorhandenen Kinder kümmern könnte, wie die es bräuchten, im zweiten Fall, wenn man etwas Ansteckendes hat, das für Menschen mit schwachem Immunsystem, die man in der Kirche träfe, gefährlich sein könnte (was bei einer Grippe etwa der Fall ist). Dann spricht sie ein weiteres grundsätzliches Problem bei dieser Denkweise an (Übersetzung von mir):

 

Der „Leid=Heiligkeit“-Zugang geht davon aus, dass Gott nur wirklich zufrieden ist, wenn wir die ganze Zeit schreckliche Schmerzen leiden, und dass der einzige Weg, um zu wissen, ob wir wirklich Gott folgen, ist, ob wir zusammenbrechen. Wenn das Leben erträglich ist, müssen wir etwas falsch machen. […]

 So.

 Ist.

 Gott.

 Nicht.

 Er hasst uns nicht. Er ist nicht darauf aus, uns dranzukriegen. Er brennt nicht darauf, uns zwischen den Schraubstöcken des Folterinstruments zappeln zu sehen, das Er „Moral“ nennt. Ich weiß, dass das 21. Jahrhundert nicht voll von Katholiken ist, die zu streng mit sich sind, aber es ist auch nicht voll von Katholiken, die wirklich auf Christus als Quelle der Liebe und des Trostes in unseren Sorgen schauen.

 Gott ist kein Sadist. Gott genießt es nicht, zu sehen, dass wir uns quälen. Er lässt es manchmal zu, dass wir in Leid geraten […] Aber wenn wir in dunkle Zeiten geraten, dann springt Er zu uns nach unten in diese Grube, um uns zu helfen, unseren Weg hinaus zu graben, um uns zu helfen, stärker zu werden, und um uns Gesellschaft zu leisten, während wir dort sind. Er steht nicht am Rand und schaut spottend und johlend hinunter, während wir uns unten vor Schmerzen winden. Er ist das Lamm, das geschlachtet wurde, nicht der Ausbildungsfeldwebel, der das Leiden genießt.

 Wir müssen bereit sein, zu leiden, aber wir sind nicht verpflichtet, Leid zu suchen. Wir sind nicht verpflichtet, unser eigenes Leid ständig anzukurbeln.

 Wir sind verpflichtet, die Liebe zu suchen. Wir sind verpflichtet, unser Sehnen, Gott in allem und jedem zu sehen, ständig anzukurbeln.

 Und rate mal? Manchmal sieht Gott nach Freude aus. Manchmal sieht Gott nach Frieden aus. Manchmal sieht Gott nach Besonnenheit aus. Manchmal sieht Gott sogar nach Behaglichkeit aus.

 Also sei gehorsam, bete oft, und such Gott und Seine Liebe in Gehorsam, anstatt dich auf die Regeln an sich zu fokussieren. […]

 Überdenke deine Entscheidungen noch einmal, falls nötig. Aber nimm nicht automatisch an, dass die Sache, die dir zusagt, Gott enttäuschen muss. Gehorsam bringt nicht immer Schmerz. Manchmal bringt er Erleichterung. Sei zufrieden damit, geliebt zu werden.

 

Wenn man immer alles perfekt machen will, ist das Ergebnis oft nicht, dass alles perfekt wird. Sondern dass man an der Aufgabe verzweifelt und am Ende mutlos aufgibt. Angst und selbsterzeugter Druck stammen nicht von Gott.

Ein Rat für Perfektionisten

Wieder einmal möchte ich Franz von Sales (aus der „Philothea“) zu Wort kommen lassen:

 

„So sehr das Licht unseren Augen schön erscheint und so sehr sie sich danach sehnen, es blendet sie doch, wenn wir lang im Dunkeln waren. Wenn man in ein fremdes Land kommt, brauchen wir einige Zeit, bis wir uns an sein Volk gewöhnt haben, so höflich und freundlich es auch sein mag. So ist es auch im geistlichen Leben. […]

 Glaube mir: Wenn du fest bleibst, wirst du bald so viele Freuden des Herzens, ein so tiefes Glück empfinden, dass du bekennen musst: die Welt ist Bitterkeit im Vergleich mit diesen süßen Freuden und ein Tag des frommen Lebens ist mehr wert als tausend Jahre verweltlichten Lebens (Ps 84,11).

 Der Berg der christlichen Vollkommenheit kommt dir aber so hoch vor. ‚Mein Gott’, sagst du, ‚wie kann ich denn da hinaufsteigen?’ Mut! Wenn die Bienlein Gestalt anzunehmen beginnen, können sie noch nicht zu den Blumen fliegen, um Honig zu sammeln; während sie sich aber vom Honig ernähren, den die großen Bienen gesammelt haben, bekommen sie allmählich Flügel, werden kräftig und können über Land fliegen. So sind auch wir noch klein in der Frömmigkeit, wir vermögen noch nicht unserem Wunsch zu folgen und zum Gipfel der christlichen Vollkommenheit zu fliegen, aber wir beginnen, uns allmählich umzuformen durch unsere Wünsche und Entschlüsse, die Flügel beginnen zu wachsen und es ist zu hoffen, dass auch wir eines Tages fliegen können wie die Bienen. Bis dahin leben wir vom Honig der Lehren, die fromme Menschen uns überliefert haben. Beten wir zu Gott, dass er uns Schwingen gebe gleich denen der Tauben, damit wir nicht nur fliegen können in diesem zeitlichen Leben, sondern auch Ruhe finden im künftigen Leben der Ewigkeit.“

Franz von Sales über geduldige Bekehrung

Hier mal wieder ein Tipp vom hl. Franz von Sales aus dem Kapitel über die Läuterung der Seele in der „Philothea“ (Hervorhebungen von mir):

 

Der hl. Paulus wurde in einem Augenblick und vollständig geläutert; ebenso die hl. Katharina von Genua, Magdalena, Pelagia und einige andere. Eine derart plötzliche Läuterung ist ein Wunder und in der Gnadenordnung so außergewöhnlich, wie etwa die Erweckung eines Toten in der Ordnung der Natur; wir dürfen sie also nicht anstreben. Gewöhnlich geschieht die Genesung des Leibes wie der Seele nur allmählich, Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe, mit großem Aufwand an Mühe und Zeit.

 Die Engel auf der Jakobsleiter haben Flügel, sie fliegen aber nicht, sondern steigen die Stufen auf und ab, eine nach der anderen. Eine Seele, die von der Sünde zur Frömmigkeit emporsteigt, wird mit der Morgenröte verglichen (Spr 4,18), die nicht plötzlich, sondern nur allmählich die Finsternis vertreibt. Eine Heilung, die nur langsam vor sich geht, bezeichnet der Volksmund als die sicherste. Die Krankheiten der Seele wie des Leibes kommen wie zu Pferd im Galopp, ziehen aber zu Fuß und im Schritt ab.

 Bei diesem Beginnen musst du also Mut und Geduld haben. Wie bedauernswert sind doch Menschen, die nach anfänglichem Bemühen um die Frömmigkeit merken, dass sie noch mit verschiedenen Unvollkommenheiten behaftet sind, darüber unruhig, verwirrt und mutlos werden und nahe daran sind, alles aufzugeben und sich wieder der Sünde zu überlassen!

 Andererseits ist für manche Menschen eine entgegengesetzte Versuchung gefährlich; sie reden sich selbst ein, dass sie schon vom ersten Tag an von allen Unvollkommenheiten frei seien; sie glauben fertig zu sein, ehe sie richtig angefangen haben; sie setzen zum Flug an, bevor ihnen Flügel gewachsen sind. In welcher Gefahr eines Rückfalls schweben doch solche Menschen, weil sie sich zu früh den Händen des Arztes entzogen haben! „Steh nicht auf, bevor es Tag geworden“, sagt der Prophet; „steh erst auf, nachdem du ausgeruht“ (Ps 127,2). Er hielt sich selbst daran; da er schon gewaschen und gereinigt war, betete er darum, es noch mehr zu werden (Ps 51,4).

 Das Bemühen um die Reinigung unserer Seele kann und soll nur mit unserem Leben ein Ende finden. Regen wir uns also nicht auf über unsere Unvollkommenheiten: unsere Vollkommenheit besteht eben darin, dass wir die Unvollkommenheiten bekämpfen. Wir können sie aber nicht bekämpfen, wenn wir sie nicht sehen; wir können sie nicht überwinden, wenn wir ihnen nicht begegnen. Unser Sieg besteht nicht darin, dass wir sie nicht wahrnehmen, sondern darin, dass wir uns ihnen nicht beugen. Der aber beugt sich ihnen nicht, der sie unangenehm empfindet. Zur Übung der Demut müssen wir wohl manchmal in diesem geistlichen Kampf verwundet werden; besiegt wären wir aber erst dann, wenn wir das Leben oder den Mut verloren hätten. Unvollkommenheiten und lässliche Sünden zerstören nicht das geistliche Leben; es geht nur durch die Todsünde verloren. Eines ist also notwendig: den Mut nicht verlieren! „Befreie mich, Herr, von Feigheit und Mutlosigkeit“ (Ps 55,17f), betete David. Es ist ein Glück für uns, dass wir in diesem Krieg immer Sieger sind, solange wir nur kämpfen wollen.

Wenn man nichts richtig machen kann

Ich habe in meinen Beiträgen zur Skrupulosität [beginnend hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-1-was-skrupulositaet-ist/ ] ja gesagt, dass Skrupulanten nicht die besseren Christen sind. Auch anderswo kann man manchmal Ähnliches lesen: Dass Skrupulanten von einer gewissen Selbstsucht geleitet ihres eigenen Heils unbedingt sicher sein wollen, dass in ihrem Perfektionismus ein gewisser versteckter Stolz da ist, dass sie manchmal kleinlich auf die Erfüllung der unwichtigsten Gebote achten und die wichtigeren übersehen, dass ihnen das Vertrauen auf Gott fehlt, dass sie stur sein können und die Hilfe und die Anweisungen eines Beichtvaters oft nicht annehmen wollen usw.

Das alles ist nicht falsch (sonst hätte ich ja selber nicht auch so was in der Art erwähnt, nicht wahr). Aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass es nicht immer hilfreich und ermutigend ist, solche Ermahnungen zu hören oder zu lesen. Manchmal reagiert man dann einfach nur noch trotzig und wütend. Man macht es sich eh nicht leicht – man tut, was man kann – man versucht, immer alles perfekt zu machen – und dann bekommt man gesagt, dass es immer noch nicht reicht. Egal was man tut, man kann scheinbar nichts recht machen. Man ist wütend auf Gott und wütend auf die Kirche und will sich irgendwo verkriechen und in Selbstmitleid versinken.

Leute, so müssen wir nicht reagieren.

Zum einen ist das nicht das ganze Bild. Ja, wir haben keine absolut reine und vorbildliche und vollkommen uneigennützige Liebe zu Gott und dem Nächsten, aber es ist – ich schreibe nur, was ich ebenfalls bei Theologen und Psychologen gelesen habe – bei Skrupulanten oft viel ehrlicher guter Wille da, auch der Wunsch, wirklich zu lieben. Es ist viel ehrliches Verantwortungsgefühl da, auch wenn es fehlgeleitet und überzogen ist. Wir sind sicherlich nicht die schlechtesten Christen auf dieser Welt, und selbstgerechte Pharisäer sind wir eigentlich auch nicht.

Zum anderen müssen wir einfach lernen, es nicht als existenzielle Bedrohung anzusehen, eigene Fehler anzuerkennen und anzunehmen. Wir können es Gott gar nie recht machen. Das ist eine Tatsache. Hängt mit solchen Sachen wie Erbsünde zusammen – wir wollen doch nicht der Häresie des Pelagius nachfolgen, oder? Wir müssen von der Vorstellung wegkommen, dass wir uns selbst vor Gott gerecht machen könnten. Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott weiß, dass wir nie perfekt sein werden, und dass er uns trotzdem seine Gnade schenken will.

Das ist nicht so leicht; aber man muss wirklich erst einmal erkennen, dass das eigene unterbewusste Denken verkehrt ist. Raphael Bonelli, ein katholischer Psychiater aus Wien, schildert Perfektionisten folgendermaßen:

 

Der Perfektionist ist ein Kind einer leistungsfixierten Zeit: In ihm baut sich ein innerer Druck aus Unzufriedenheit, Selbstverachtung und Verbitterung auf. Unter diesem leidet er und diesen gibt er auch an seine Umgebung weiter. Das Bessere ist für ihn der Feind des Guten: Nichts ist so gut, als dass es nicht noch besser sein könnte.

 […]

 Ein Wesensmerkmal des Perfektionismus ist das krankhaft überzogene Leistungsdenken, bei dem nur zählt, wer Tadelloses, Bewundernswertes und Außergewöhnliches vorzuweisen hat. Häufig ist Perfektionismus von einer irrationalen Angst vor Ablehnung begleitet, der Angst, nicht gut genug zu sein, den Ansprüchen nicht zu genügen, und von einer ängstlichen Besorgtheit um den eigenen Ruf. Der Perfektionist ist ein unsicherer Mensch. Er sehnt sich unbewusst nach einer bombensicheren Unantastbarkeit. Er hält sich ständig einen inneren Spiegel vor und überlegt, wie er vor sich und anderen dasteht, was er von sich halten darf. Perfektion ist bei ihm nur Mittel zum Zweck: eine Fassade, die er aufrichtet, eine Maske, hinter der er sich versteckt.

 […] Dem Perfektionismus liegt eine unfreie, neurotische Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit zugrunde, die die Seele erstarren lässt wie die Maus vor der Schlange. (Raphael M. Bonelli: Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss wird, S. 12f.)

 

Wir müssen lernen, uns ein wenig leichter zu nehmen. Auch mal über uns selber lachen zu können. Und das wird nur funktionieren, wenn wir unsere Angst vor Gott verlieren.

Ich persönlich habe manchmal große Angst vor Gott. Gott kann man nicht kontrollieren, und man kann nicht mit Ihm verhandeln, und man kann nicht wissen, was Er über einen denkt. Gott steht man vollkommen ohnmächtig gegenüber. Wenn ich daran denken muss, Ihm irgendwann einmal nach meinem Tod direkt gegenüberzutreten, dann würde ich mich manchmal am liebsten unter der Bettdecke verkriechen und heulen. Manchmal mache ich das auch; inzwischen vielleicht etwas seltener. Aber ich weiß auch, dass mich das nicht weiterbringt. Mein Tod kommt trotzdem irgendwann – der Statistik nach zwar noch nicht so bald, aber irgendwann kommt er. Und deshalb habe ich nur diese eine Möglichkeit: ganz auf Gottes Gnade zu vertrauen. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Es ist ganz einfach kein anderer Weg vorhanden. Und irgendwann einmal werde ich hoffentlich verstehen, dass das auch gut so ist. (Im Moment hab ich noch so meine Probleme damit, das innerlich zu akzeptieren.)

Manchmal gibt es Momente, in denen man sich klar wird, dass man für Gott wichtig sein muss. Ich denke, wir müssen gar nicht selbstmitleidig sein, wenn wir merken, dass Gott schon mit uns mitfühlt; dann haben wir das nicht mehr nötig. Er sieht doch, wenn es uns schlecht geht, und es ist Ihm nicht egal. Und wenn einem das klar wird, dann tut sich vielleicht so nach und nach der Weg zur Freiheit der Kinder Gottes auf. Dann können wir, wie es Zacharias, der Vater Johannes des Täufers sagt, „ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit, vor seinem Angesicht all unsre Tage“ (Lk 1,74-75).

 

Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! (Römer 8,15)