Über schwierige Heilige: Der sel. Pius IX. und der Mortara-Fall

(Grundsätzliches zu „schwierigen“ Heiligen hier; hier und hier die anderen beiden Teile zu speziellen „schwierigen“ Heiligen.)

Heute zum (voraussichtlich) letzten problematischen Heiligen, den ich anschauen will – d. h. diesmal nur zu einem Seligen. Nicht nur mit Pius V., sondern auch mit einem seiner gleichnamigen Nachfolger haben manche Probleme, nämlich mit dem sel. Pius IX.; u. a. wegen der Angelegenheit um Edgardo Mortara, wegen der insbesondere jüdische Gruppen gegen seine Seligsprechung im Jahr 2000 protestierten.

Pius IX., der von 1846 bis 1878 regierte, war ein Papst, der zuerst als moderat liberal bekannt war, dann aber, als er einen deutlicheren Eindruck vom Liberalismus hatte (genauer: als 1848/49 im Kirchenstaat ein gewaltsamer Putschversuch der italienischen Nationalliberalen unternommen wurde und er zeitweise aus Rom fliehen musste), in eine sehr konservative Richtung umschwenkte. Er war der letzte Papst, der als weltlicher Herrscher über den Kirchenstaat regierte; in seine Zeit fiel nicht nur dieser niedergeschlagene Putschversuch, sondern auch zwei Jahrzehnte später die gewaltsame Eroberung Roms durch das Königreich Piedmont im Herbst 1870. Von ihm stammt der berühmte Syllabus Errorum, eine zusammenfassende Verurteilung vieler moderner Ideologien. Unter ihm fand das 1. Vatikanische Konzil statt, das 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes auch ohne Konzil (bei der Verkündigung von Dogmen natürlich, nicht bei allem, was er sagt, auch wenn manche Nichtkatholiken das nicht wissen) zum Dogma erklärte; und schon 1854 erklärte er die Unbefleckte Empfängnis Mariens (also ihre Freiheit von der Erbsünde von Beginn ihres Lebens, d. h. ihrer Empfängnis, an; hier ist nicht die jungfräuliche Empfängnis Jesu gemeint) zum Dogma. Er legte sich im Kulturkampf der 1870er mit dem deutschen Reichskanzler Bismarck an, der sich daran machte, die Kirche, die er als Feindin der deutschen Nation sah, zu bekämpfen und z. B. Ordensleute ausweisen und Priester für politische Predigten einsperren ließ. Für Pius IX. war klar: Keine Kompromisse mit Nationalliberalen und Protestanten, kein Einknicken vor der Welt.

Unter Katholiken war er sehr beliebt, und als gütiger und heiligmäßiger Papst bekannt. Aber sogar die antiklerikale deutsche Zeitschrift „Die Gartenlaube“ schrieb 1867 über ihn: „Was man ihm sonst auch vorwerfen möge, so lassen sich ihm doch die mildesten echt christlichen Tugenden mit der würdevollsten Einfachheit verbunden, nicht abstreiten, die ihn im Verein mit vielem Unglück zu einer wirkliche Theilnahme erweckenden Erscheinung machen.“ (Diese Zeitschrift war so antiklerikal, dass sie im selben Artikel munkelte, dass die Kirche quasi am Ende und Pius IX. „aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte Nachfolger Petri auf dem apostolischen Stuhle sein dürfte“.)

(Pius IX. Gemeinfrei.)

Sein Antiliberalismus ist eigentlich genug, um ihn bei vielen unbeliebt zu machen, zumindest bei Nichtkatholiken; aber nun, wie gesagt, noch zum Mortara-Fall, einer Sorgerechtsangelegenheit aus den 1850ern, die damals für einen großen Skandal sorgte und heute noch so bekannt ist, dass Steven Spielberg einen Film dazu plant. Erst einmal möglichst ausführlich die Fakten des Falls; weitere Kommentare dann unten.

Edgardo Levi Mortara war ein jüdischer Junge aus Bologna, das, als er dort am 21. August 1851 geboren wurde, noch zum Kirchenstaat gehörte; seine Eltern Salomone und Marianna Mortara, deren neuntes Kind er war, besaßen ein kleines Geschäft. Sie hatten eine katholische Dienstmagd namens Anna Morisi eingestellt, und als er etwas über ein Jahr alt  war, erkrankte Edgardo schwer und stand kurz vor dem Tod, weshalb Anna ihn, als seine Eltern gerade nicht im Zimmer waren, heimlich taufte, damit er nicht ungetauft starb. Völlig überraschend erholte Edgardo sich wieder.

Taufen kleiner Kinder gegen den Willen der Eltern waren (und sind) kirchenrechtlich an sich zwar gültig, aber immer unerlaubt gewesen – außer in Todesgefahr, dann sind sie auch erlaubt. (Auf Taufen von Kindern, die nicht in Todesgefahr waren, gegen den Willen der Eltern standen im Kirchenstaat früher übrigens auch staatliche Strafen; im 16. Jahrhundert jedenfalls hieß es hohe Geldstrafe oder Galeere; wie es im 19. Jahrhundert aussah, weiß ich allerdings nicht.) Der Kirchenstaat hatte außerdem ein Gesetz, das Juden eigentlich verbot, katholische Dienstboten einzustellen, das genau solche Situationen wie Edgardos verhindern sollte. Heutzutage heißt es im Kirchenrecht, sprich im CIC von 1983:

Can. 868 — § 1. Damit ein Kind erlaubt getauft wird, ist erforderlich:

1° die Eltern oder wenigstens ein Elternteil bzw. wer rechtmäßig ihre Stelle einnimmt, müssen zustimmen;

2° es muß die, begründete Hoffnung bestehen, daß das Kind in der katholischen Religion erzogen wird; wenn diese Hoffnung völlig fehlt, ist die Taufe gemäß den Vorschriften des Partikularrechts aufzuschieben; dabei sind die Eltern auf den Grund hinzuweisen:

„Can. 868 — § 2. In Todesgefahr wird ein Kind katholischer, ja sogar auch nichtkatholischer Eltern auch gegen den Willen der Eltern erlaubt getauft.“

Anna Morisi hielt die Taufe zuerst geheim. Ein paar Jahre später erkrankte Edgardos kleiner Bruder Aristide ebenfalls, und als Freundinnen ihr sagten, sie solle Aristide doch die Nottaufe spenden, weigerte sie sich und erklärte, dass sie nicht wollte, dass sich ein Fall wie Edgardos wiederholte. (Aristide starb; ungetauft.) Ihre erschrockenen Freundinnen rieten ihr, ihrem Beichtvater davon zu erzählen, dass Edgardo getauft war, statt es weiter geheim zu halten, was Anna tat, und mit ihrem Einverständnis wandte er sich an die Autoritäten im Kirchenstaat. Der Fall wurde nach Rom gemeldet, und zuerst vergingen ein paar Monate, in denen nachgeforscht wurde, ob die Taufe sicher gültig gewesen war.

Als die Gültigkeit feststand, war für Pius IX. (der sich mit dem Fall persönlich befasste) klar, dass Edgardo christlich erzogen werden musste. Getauft war getauft, ein getauftes Kind gehörte Gott, war ein Mitglied der Kirche, hatte das Recht auf eine christliche Erziehung, und die Kirche war für es verantwortlich – so sah der Papst es. Laut den Gesetzen des Kirchenstaats durften christliche Kinder nicht von Nichtchristen erzogen werden.

Dass die Kirche eine gewisse Verantwortung gegenüber allen Getauften hat, eine katholische Erziehung, wenn möglich, zu vermitteln, gilt übrigens auch heute; noch mal der CIC:

„Can. 217 — Da ja die Gläubigen durch, die Taufe zu einem Leben nach der Lehre des Evangeliums berufen sind, haben sie das Recht auf eine christliche Erziehung, durch die sie in angemessener Weise zur Erlangung der Reife der menschlichen Person und zugleich zur Erkenntnis des Heilsgeheimnisses und zu einem Leben danach angeleitet werden.“

Und:

„Can. 794 — § 1. In besonderer Weise kommt der Kirche Pflicht und Recht zur Erziehung zu; denn ihr ist es von Gott aufgetragen, den Menschen zu helfen, daß sie zur Fülle des christlichen Lebens zu gelangen vermögen.

§ 2. Pflicht der Seelsorger ist es, alles zu tun, damit alle Gläubigen eine katholische Erziehung erhalten.“

Ein gewisser Pater Feletti, der in Bologna zuständig war, ging mehrmals zu Edgardos Eltern und berichtete ihnen von Edgardos Taufe; er schlug ihnen (wie es die Anweisung von Pius IX. war) vor, ihren Sohn auf päpstliche Kosten in ein katholisches Internat in Bologna zu geben, wo er bis zu seiner Volljährigkeit christlich erzogen werden würde, sie ihn aber jederzeit besuchen könnten. Seine Eltern waren am Boden zerstört und weigerten sich, Edgardo in eine christliche Schule zu geben; nachvollziehbarerweise; sie waren schließlich fromme Juden. Erneut auf Anweisung aus Rom informierte Pater Feletti sie, dass die Kirche auf jeden Fall für eine christliche Erziehung Edgardos sorgen würde; allerdings gaben sie weiter nicht nach. Im Juni 1858 – Edgardo war noch nicht ganz sieben Jahre alt – gab Pius IX. deshalb Anweisung, ihn aus seiner Familie zu holen und nach Rom zu bringen.

Edgardo hat sich später öfter über seine Geschichte geäußert (die hier verwendeten Zitate wurden von mir aus englischen Übersetzungen weiter ins Deutsche übersetzt; es kann also sein, dass sie an einzelnen Stellen nicht so akkurat sind, wie es ideal wäre); in einer Aussage berichtet er über sein Eintreffen in Rom (später komme ich noch auf andere Äußerungen zu der Trennung direkt):

„Die Beamten brachten mich nach Rom und präsentierten mich Seiner Heiligkeit Pius IX., der mich mit großer Freundlichkeit empfing und sich zu meinem Adoptivvater erklärte, was er wirklich war, indem er sogar für meine Ausbildung sorgte und meine Zukunft sicherte. Er vertraute mich dem Domherrn Enrico Sarra an, dem Rektor des Instituts der Neophyten [Neugetauften] von St. Maria von den Bergen, geleitet von den Töchtern des Heiligen Herzens. [Das war ein Institut, in dem konvertierte Juden aufgenommen wurden.]

Ein paar Tage nach meiner Ankunft in Rom erhielt ich religiöse Unterweisung, und die Taufzeremonien wurden von Cardinal Ferretti vervollständigt, einem Neffen Seiner Heiligkeit. Das führte einige in einen historischen Fehler: dass ich nach der Trennung von meiner Familie in Rom getauft worden wäre – wie von De Cesare in einem seiner Werke erzählt.“

Edgardo berichtet, wie er seine Eltern das nächste Mal sah:

„Acht Tage später erschienen meine Eltern beim Institut der Neophyten, um die komplexen Prozeduren in die Wege zu leiten, mich zurück in die Familie zu holen. Da sie völlige Freiheit besaßen, mich zu sehen und mit mir zu sprechen, blieben sie einen Monat lang in Rom und kamen mich jeden Tag besuchen. Es ist nicht nötig, zu erwähnen, dass sie mit allen Mitteln versuchten, mich zurückzubekommen – Umarmungen, Tränen, Bitten und Versprechen. Trotz all dessen zeigte ich nie den geringsten Wunsch, zu meiner Familie zurückzukehren, eine Tatsache, die ich selbst nicht verstehe, außer wenn ich auf die Macht der übernatürlichen Gnade schaue.

An dieser Stelle will ich eine Geschichte erzählen, die die Macht dieser Gnade zeigt. Nachdem ich in Alatri [einer Kleinstadt bei Rom, wo Edgardo in dieser Zeit eine kurze Zeit verbrachte] dem Domherrn Vincenzo Sarra (in dessen Haus ich übernachtete) bei der Messe gedient hatte, erschienen meine Eltern plötzlich an der Tür, als ich mit dem Priester zur Sakristei zurückkehrte. Anstatt mich in ihre Arme zu werfen, wie es natürlich gewesen wäre, trat ich zurück, sehr überrascht, und versteckte mich unter der Kasel des Priesters. Wegen dieses Ereignisses gerieten die Leute von Alatri in Wut über meine Eltern, und der Bischof hielt es für das Beste, mich acht Tage lang in seinem Palast zu beherbergen, auch, um eine Entführung durch meine Eltern zu verhindern. Sie überzeugten sich von der Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen und hielten es für vernünftiger, nach Bologna zurückzukehren.“

Über sein Verhältnis zu Pius IX. sagt er:

„Der Heilige Vater Pius IX. wollte, wie ich ihn sagen hörte, mich den Jesuiten anvertrauen, und mich in die Schule für den Adel geben, aber nachdem er sich den Fall besser überlegt hatte, gab er mich in die Schule von St. Peter in den Ketten auf dem Esquilinischen Hügel, geleitet von den Augustiner-Chorherren vom Lateran, um der säkularen Presse keinen Vorwand zur Kontroverse zu liefern. [Der Kommentar zu den Jesuiten bezieht sich darauf, dass dieser Orden als Inbegriff des papsttreuen Katholizismus galt und unter Kirchenfeinden und Nichtkatholiken unzählige Verschwörungstheorien über ihn im Umlauf waren.] Ich wurde von Rektor Sarra am 8. Dezember 1858 dorthin gebracht. Ich wurde seiner Heiligkeit dann bei den Weihnachtsfeierlichkeiten präsentiert, wie es danach jedes Mal getan wurde, da es meine Pflicht war, dem Pontifex den kindlichsten Dank zu sagen für die Geschenke, die er mir regelmäßig schickte, und für die vielen offenen Zeichen väterlicher Güte.

Jeden Monat schickte er einen päpstlichen Angestellten, um die Summe von dreißig Scudos für meinen Unterhalt abzuliefern. Er zeigte mir immer die väterlichsten Beweise der Zuneigung, gab mir weise und nützliche Lektionen, und, wobei er mich zärtlich segnete, sagte mir oft, dass ich ihn viele Schmerzen und Tränen gekostet hatte. Wenn er mich auf einem Gang traf, rief er mich. Wie ein guter Vater spielte er auch mit mir, versteckte mich unter seinem großen roten Umhang, und fragte dann im Scherz, wo der Junge war. Dann nahm er den Umhang weg und zeigte mich den Umstehenden. ‚Da ist er ja!‘ […]

Einmal zeigte ich Seiner Heiligkeit meine Gefühle der kindlichen Ergebenheit mit einer Dichtung, und Pius IX. erinnerte an den berühmten Vorfall mit mir mit energischen und bewegenden Worten. ‚Mein Sohn‘, sagte er, ‚du bist mir sehr lieb, und ich habe viel für dich gelitten.‘

Dann, wobei er sich zu den Leuten um ihn umwandte, fügte er diese exakten Worte hinzu: ‚Die Großen und Geringen wollten mir dieses Kind nehmen, und beschuldigten mich, barbarisch und erbarmungslos zu sein. Sie klagen um seine Eltern und bedenken nicht, dass ich auch ein Vater bin. Keiner fühlt mit mir in der Mitte meiner schmerzhaften Prüfungen, während sie in Russland so viele meiner geliebten Kinder entführen (meine lieben Polen).‘ Er schloss: ‚Ich hatte das Recht und die Pflicht, das zu tun, was ich für diesen Jungen getan habe, und wenn es nötig wäre, würde ich es wieder tun.‘

Ich erinnere mich an eine sehr charakteristische Begrüßung durch den Diener Gottes [d. h. Pius IX., der zu dieser Zeit den Titel „Diener Gottes“ trug, und noch kein Seliger war]. Als er mich mit meinen Freunden knien sah, sagte er, lächelnd: ‚Zu Ihren Diensten, Mortara.‘ Und es war ein wirklicher Dienst, der mir von diesem Mann erwiesen wurde, der sich offiziell ‚Servus servorum Dei‘ [Diener der Diener Gottes, ein päpstlicher Titel] nannte.

Pius IX. hatte immer das Interesse eines Vaters an meinem Fortschritt in der Frömmigkeit und dem Unterricht. Ich habe bereits erwähnt, dass er es nie versäumte, mir sehr nützliche Lektionen zu geben, jedes Mal, wenn ich ihm präsentiert wurde. Als ich ein junger Schüler war, war er eines Tages erfreut darüber, dass ich einige Passagen aus dem Italienischen ins Lateinische und umgekehrt übersetzte. Er billigte meine Entscheidung, in den Orden der Augustinerchorherren vom Lateran einzutreten, als ich noch ziemlich jung war, und erlaubte mir gerne, seinen Namen anzunehmen. ‚Wir hoffen‘, sagte er zum Generaldirektor des Ordens, ‚dass wir einen weiteren Pater Pio haben werden‘. (Er bezog sich auf den Passionisten Pater Pio, der ein paar Jahre zuvor im Ruf der Heiligkeit gestorben war.) Als ich ihm präsentiert wurde, nachdem ich die zeitlichen Gelübde abgelegt hatte, erinnerte er mich daran, dass der hl. Franz von Sales Klöster mit Hospitälern verglichen hatte, in denen es drei Klassen von Personen gibt: die Kranken, die Genesenden und die Gesunden. Er ermutigte mich, zur dritten Klasse zu gehören.

Er sagt hier auch mehr über die enormen diplomatischen Schwierigkeiten, die Pius IX. wegen seinem Fall bekam, und den großen Skandal, für den er in Europa und darüber hinaus sorgte:

„In der Zwischenzeit wurde in den Medien in Europa, und man könnte sagen, in der ganzen Welt, ein großer Schrei erhoben über die Entführung des Knaben Mortara, die so berühmt wurde wie der ‚Raub der Sabinerinnen‘. In kleinen Gruppen, in Dörfern und Cafés redete niemand über etwas anderes, und schließlich kam im königlichen Theater von Paris eine Tragödie auf die Bühne mit dem Titel ‚Le petit Mortara‘ [Der kleine Mortara]. Die jüdische Gemeinde von Alessandria (Piedmont) appellierte an alle Synagogen der Welt und organisierte eine regelrechte Kampagne gegen den Papst und die römische Kirche, und wandte sich an die staatlichen Mächte und bat sie, diplomatisch zu intervenieren und Einspruch zu erheben. Tatsächlich wurden Protestnoten geschickt; die heftige und leidenschaftliche Kontroverse, die alle Feinde des Papsttums und der römischen Kirche vereinte, hielt sechs Monate an.

Es bestand allerdings kein Mangel an tapferen Seelen im katholischen Lager, die den hochherzigen Pius IX. mit heroischem Mut und bewundernswerter Standhaftigkeit verteidigten – er selbst sagte in der Mitte dieses wütenden Sturms dass er, wie unser göttlicher Erlöser, ruhig schlief: ‚Ipse vero dormiebat.‘ […]

Was ich zum Verhältnis Pius‘ IX. zu den Regierungen sagen kann, ist, dass Pius IX., als er die Tatsache meiner Trennung von meiner Familie publik machte, sich in sehr ernste diplomatische und offizielle Probleme mit Frankreich verwickelt fand (s. ‚Les mélanges‘ von Luigi Veuillot, aus dem ich selbst davon erfuhr).

Zur Bestätigung dessen, was ich sage, kann ich die Worte hinzufügen, die ich von den Lippen General Latours, eines hohen Staatsbeamten Napoleons III., hörte. Ich fragte ihn: ‚Wie drückte sich der Kaiser über meinen Fall aus?‘

Er erzählte mir, dass der Kaiser sagte: ‚Wie ist das möglich? Ich habe meine Soldaten in Rom, und er tut mir solche ‚bêtises‘ [Dummheiten] an.‘ [Frankreich war damals militärische Schutzmacht des Kirchenstaates, auch wenn Napoleon III. kein großer Kirchenfreund war und den Papst letztendlich im Stich ließ.]

Wie der gefeierte Kontroversialist Veuillot sagte, wobei er auf diese Probleme Bezug nahm: ‚Der Fall des kleinen Mortara war wie ein Schuss, der abgegeben wurde, um für Konflikt zu sorgen, und ein nicht gerade ehrlicher Vorwand, um die Entwicklung der römischen Frage zu beschleunigen.‘ Der Syllogismus war tatsächlich offensichtlich: Der Mortara-Fall wäre nicht geschehen ohne die weltliche Macht [des Papstes]; darum ist es nötig, diese Macht abzuschaffen. Das war dem Pontifex wohlbekannt, und es resultierte in respektlosen an ihn gerichteten Scheltworten und Drohungen. Trotz dessen blieb er fest und beständig, und wiederholte gelegentlich sein hehres ’non possumus‘ [wir können nicht], vor dem alle menschliche Macht schwand.

Am Ende war das das Dilemma: ‚Bring den Jungen zurück oder wir können nicht für die Sicherheit des Papstes in seinem Staat garantieren.‘ Ich weiß, dass er einmal rief, dass ihn nicht einmal alle Bajonette der Welt zwingen könnten, den Jungen zurückzubringen.

Im Jahr 1870 eroberten, wie oben schon erwähnt, die Truppen des Königreiches Piedmont den letzten Rest des Kirchenstaats (einen Teil hatten sie schon vorher kassiert) und annektierten ihn, und Pater Pio Maria Mortara schreibt über diese Zeit:

Die väterliche Sorge des Heiligen Vaters offenbarte sich besonders bei der Gelegenheit der politischen Ereignisse des Jahres 1870. Nachdem die piedmontesischen Truppen in diesen Tagen der Anarchie, die der Formierung der neuen Regierung vorangingen, in Rom eingezogen waren, wandte sich ein Mob, den die Polizei unfähig war zu kontrollieren, Richtung St. Peter in den Ketten, um mich zu entführen, nachdem sie schon den Neophyten Coen aus der Schule der Piaristen entrissen hatten. Allerdings erfolgte das glücklicherweise nicht. Pius IX., besorgt über mein Schicksal, fragte mehrere Male, ob ich aus Rom heraus gebracht worden war. Als er dann über meine Flucht informiert wurde, sagte er diese exakten Worte: ‚Wir danken dem Herrn, dass Mortara geflohen ist.‘

Der Segen Pius‘ IX. begleitete mich bei allem. Vor allem gab er mir die Kraft und den Mut, mich nicht den Appellen und Drohungen der liberalen Autoritäten zu beugen, die mich zwingen wollten, trotz meiner Ordensgelübde, zu meiner Familie zurückzukehren, der Gefahr ausgesetzt, eidbrüchig oder sogar zum Apostaten zu werden. Tatsächlich kam Herr Berti, der Polizeipräfekt, zu St. Peter in den Ketten, schalt mich und bat mich, die Öffentlichkeit zufriedenzustellen, die verärgert war über die ‚Exzesse der theokratischen Macht‘, indem ich zu meiner Familie zurückkehrte. Ich bemerkte, dass es nicht der Ort für solche Zufriedenstellung war, da ich gerade erst meinem Vater in Rom [wo er zu dieser Zeit war] alle Beweise meiner zärtlichsten kindlichen Zuneigung gegeben hatte. ‚Sei das, wie es sei‘, antwortete der Präfekt, ‚für Ihr eigenes Wohl und das Ihrer Gemeinschaft, befehle ich Ihnen, zu Ihrer Familie zurückzukehren.‘

Die Polizei verfolgte jeden meiner Schritte, und jede Nacht platzierten sie Wachposten nahe beim Konvent, um eine Flucht zu verhindern. Um mich vor diesen Belästigungen zu schützen, wurde mir geraten, seine Exzellenz General Lamormora aufzusuchen, damals Statthalter von König Victor Emmanuel in Rom. Ich suchte um die Audienz nach, die sofort gestattet wurde. Seine Exzellenz empfing mich auf die höflichste Weise. Nachdem ich ihm den Fall erklärt hatte, sagte er zu mir:
‚Aber was wollen sie dann von Ihnen?‘
‚Die Polizei‘, antwortete ich, ‚will mich zwingen, zu meiner Familie zurückzukehren.‘
‚Aber wie alt sind Sie?‘ fragte er mich.
‚Neunzehn, Exzellenz.‘
‚Dann sind Sie frei‘, sagte er. ‚Tun Sie, was Sie wollen.‘
‚Aber Exzellenz, mir wird mit Repressalien gedroht.‘
‚In diesem Fall, kommen Sie zu mir und ich werde Sie schützen.‘

Trotz dessen und obwohl Kardinal Antonelli gesagt hatte, dass er es nicht für nötig hielt, sahen meine Ordensoberen Komplikationen voraus und entschieden, mich ins Ausland zu schicken. Was Kardinal Antonelli angeht, möchte ich bemerken, dass er, als meine Mutter kurz nach meiner Trennung von meiner Familie zu ihm kam, zu ihr sagte, um sie zu trösten: ‚Meine Dame, sie haben Ihnen das Kind weggenommen; versuchen Sie, ihn zurückzubekommen.‘

Am 22. Oktober 1870, um 10 Uhr abends, begleitet von einem anderen Mönch – und wir beide in Zivilkleidung – ging ich durch den Garten der Pfarrei hinaus, und um der Beobachtung durch die Wachposten zu entgehen, ging ich zum Zentralbahnhof, wo mein Mentor mir sagte, dass er meinen Vater gesehen habe. Tief bewegt betete ich in meinem Herzen zu Gott, dass er mir diese Begegnung ersparen würde, und mein Gebet wurde erhört. Ohne Zwischenfall nahm ich den Zug nach Falconara-Bologna.

Als wir am Bahnhof in Foligno ankamen, stiegen wir aus, um uns im Restaurant zu stärken. Einige Jugendliche saßen vor uns, und aus den roten Bändern, die sie trugen, schloss ich, dass sie zur Garibaldi-Fraktion gehörten. Sie sprachen miteinander über die kürzliche Flucht des jungen Mortara, die wie für gewöhnlich den Jesuiten zugeschrieben wurde. Um die Wahrheit zu sagen, ich zitterte wie Espenlaub. Mein Begleiter allerdings sprach mit ihnen so geschickt, ohne die Fassung zu verlieren, dass sie das Gesprächsthema wechselten und nicht weiter an den Entflohenen dachten, der seine Flucht in Ruhe nach Bressanone [Brixen] (im österreichischen Tirol) fortsetzte, wo ich die großzügigste Gastfreundschaft bei den Brüdern der Pfarrei von Nova Cella [Neustift] fand. In der Zwischenzeit schürte die liberale Presse Wut gegen den Klerus, und vor allem gegen die Jesuiten, die sie beschuldigten, mich mit ihrem papalistischen Fanatismus beeinflusst und die Flucht bewirkt zu haben, was in einem Affront gegen meine Familie resultierte.

Um auf diese unbegründeten Anschuldigungen zu antworten, schrieb ich eine Widerrede, die im katholischen Journal de Bruxelles veröffentlicht und in anderen katholischen und säkularen Zeitungen weiter abgedruckt wurde. So verbreitete sich die Nachricht, dass ich mich angeblich in Brüssel aufhielte, während ich mich in Ruhe theologischen Studien im diözesanen Seminar von Brixen widmete. Der Pontifex vergaß seinen Adoptivsohn nicht und mehrere Male sandte er mir seinen Segen durch den Generaldirektor des Ordens, wenn er meine Nachrichten mit Grüßen und Glückwünschen empfing.

In Neustift legte Edgardo – d. h. inzwischen Pio Maria – am 31. Dezember 1871, also mit zwanzig Jahren, seine ewigen Gelübde ab.

Außerdem schreibt er über seine Beziehung zu seiner Familie:

Sie werden wissen wollen, wie meine Beziehung zu meinen Eltern aussah, nachdem sie Alatri verließen. Ich hörte nichts weiter von ihnen, obwohl ich ihnen mehrmals Briefe mit dringlichen Bitten betreffs der Religion schrieb, und sie von der Wahrheit des katholischen Glaubens zu überzeugen versuchte. Sie dachten, dass diese Briefe, nichtsdestotrotz sie Ausdruck meiner sehr großen persönlichen Überzeugung waren, nicht ausschließlich mein Werk sein konnten, also blieben sie ohne Antwort. Erst im Mai 1867, als ich ein Novize war, erhielt ich meinen ersten Brief von meinen Eltern, in dem sie, nachdem sie mich ihrer unvergänglichen Zuneigung versicherten, bemerkten, dass sie nicht auf meine Briefe geantwortet hatten, weil sie nur meinen Namen und die Unterschrift enthielten. Sie hofften nun allerdings, dass ich mit ihnen ‚ohne Überwachung‘ korrespondieren könnte.

Das erste Mal, dass ich meinen Vater wiedersah, war in Rom Anfang Oktober 1870. Dieses erste Treffen war außerordentlich herzlich. Er setzte seine Besuche in St. Peter in den Ketten häufiger und für längere Zeiträume fort, und als er mir vor seiner Rückkehr nach Florenz (damals die Hauptstadt des Königreichs) Lebewohl sagte, nahm er freudig die Andenken und Geschenke für meine Brüder an. Ich dachte, dass mein Vater Rom verlassen hätte. Allerdings schrieben die Zeitungen ein paar Tage nach diesem letzten Treffen, dass der Vater des jungen Mortara (dessen Spitzname Momolo war) in Rom war und bei der Regierung Versuche machte, seinen Sohn zurückzubekommen. Das Ergebnis dieser Neuigkeit war, dass Berti sich für den Fall zu interessieren begann, der Besuch bei General Lamarmora, und meine Flucht aus Rom.“

Und über die Zeit, als er Priester wurde (mit zweiundzwanzigeinhalb wurde er geweiht; mit Sondererlaubnis, weil er noch nicht das Mindestalter erreicht hatte), schreibt er:

Die väterliche Zuneigung Pius‘ IX. mir gegenüber blieb unverändert bis zum Tod. Nach der Aufhebung der Klöster [gemeint sind wohl die Klöster in Italien] schickte er mich sofort zu dem berühmten und heiligen Bischof von Poitiers, Luigi Eduardo Pie, der 1880 starb. (Er wurde 1879 von Leo XIII. zum Kardinal ernannt.) Um den Wunsch des Heiligen Vaters zu erfüllen, fasste er den Plan einer [Ordens-]Niederlassung in seiner Diözese, was er dann 1873 in die Tat umsetzte. Pius IX. sandte dem Bischof einen Brief mit Glückwünschen, in dem er, unter anderen Dingen, seine Befriedigung darüber ausdrückte, zu wissen, dass sein Adoptivsohn nun in dieser Diözese war. (Siehe „Werke von Kardinal Pie“, Poitiers, Audin-Verlag.)

Bei den ‚ad limina‘-Besuchen dieses Bischofs fragte der Pontifex oft nach dem Fortschritt seines Schützlings und wann er Priester werden würde. Als der Bischof antwortete, dass ich noch immer ziemlich jung war, sagte Pius IX.: ‚Gut, dann werden wir ihm eine anständige Dispens für sein Alter zugestehen.‘ Tatsächlich erhielt ich, als diese Frage angegangen wurde, Dispens für zwanzig Monate. Da ich aufgrund von zu viel Arbeit an Nervenschwäche litt, war ich gezwungen, alle Beschäftigung beiseite zu lassen und mich körperlichen Übungen zu widmen. Das war eine große Prüfung für mich. Als Pius IX. durch Bischof Pie davon hörte, sandte er mir seinen besonderen Segen, und forderte mich zu Geduld und Erholung auf. An dem glücklichen Tag meiner ersten Messe ehrte er mich mit einem persönlich unterzeichneten Brief, den ich als eine wertvolle Reliquie behalten habe. In dem Brief drückte er seine Zufriedenheit darüber aus, mich zum Dienst am Altar aufsteigen zu sehen. Er bat mich, vor allem für ihn zu beten und bis an die Grenzen meiner Kraft für die Ehre Gottes und das Wohl der Seelen zu wirken.

Als Krönung seiner väterlichen Güte mir gegenüber hinterließ Pius IX. mir eine Lebensrente von 300 Lire im Jahr aus seinem Privatvermögen. Das Kapitel dieser Rente, das heißt, 7000 Lire, wurde dem Oberhaupt meines Ordens von Seiner Heiligkeit Leo XIII. übergeben. Ich sah Pius IX. nie wieder. Nach 1878 ging ich bei vielen meiner Besuche in der Ewigen Stadt zum Campo-Verano-Friedhof und warf mich tief bewegt auf dem Grab meines erhabenen Vaters und Beschützers nieder, gegenüber dem meine Dankbarkeit keine Grenzen kennt, und den ich immer für einen weisen und heiligen Pontifex halten werde. In seinem Epitaph lädt er die Gläubigen ein, für ihn zu beten: ‚Orate pro eo.‘ Ich bekenne, dass, wenn immer ich diese Worte las, ich in meinem Herzen sagte, ‚Heiliger Pius, bete für mich.‘ […]

Ich ersehne die Seligsprechung und Heiligsprechung des Dieners Gottes sehr. […]

Ich bin fest überzeugt, nicht nur wegen dessen, was ich dargelegt habe, sondern wegen des ganzen Lebens meines erhabenen Beschützers und Vaters, dass der Diener Gottes ein Heiliger ist. Ich habe die fast instinktive Überzeugung, dass er eines Tages zur Ehre der Altäre erhoben werden wird. […] Ich bete zu Gott durch die Fürsprache seines Dieners, Erbarmen mit mir zu haben und mir meine Sünden zu vergeben, und mich in seiner Gegenwart im Paradies glücklich sein zu lassen.“

Diese Aussagen machte Pater Pio Maria Mortara als Zeuge im Seligsprechungsprozess für Pius IX.

Affaire Mortara. Edgardo Mortara

(Pater Pio Maria Mortara. Bildquelle hier.)

Pius IX. war an sich nicht judenfeindlich eingestellt; Pater Pio Maria sagt des weiteren:

„Selbst meine Mutter war überzeugt von seiner Güte. Als sie mir von ihrem Leben und den Anstrengungen erzählte, die sie unternommen hatte, um mich zurück in ihr Heim zu bekommen, sagte sie, dass, wenn sie es geschafft hätte, eine Audienz beim Heiligen Vater zu erhalten, sie ihren Sohn zurückbekommen hätte. Sie fügte hinzu: ‚Pius IX. ist so gütig.‘

Dazu, dass er die Tore zum Ghetto entfernen ließ, erinnere ich mich vage daran, dass der Diener Gottes auch die Vorschrift entfernte, dass Juden einen Ausweis oder erkennbare Kleidung tragen mussten, die sie als Juden kenntlich machte.'“

Sabatino Scazzocchio, Sekretär der jüdischen Gemeinde von Rom zur Zeit von Edgardos Trennung von seiner Familie, schrieb an Edgardos Vater Salomone Mortara nach dessen erstem Besuch in Rom:

„Über Edgardo kann ich Ihnen nichts sagen, außer dass er vollkommen gesund ist. Was den Fall angeht, habe ich keine andere Alternative als Ihnen gegenüber zu wiederholen, was Signor Alatri und wir alle jetzt schon tausend Mal gesagt haben: nämlich, dass das indiskrete Geschwätz so vieler Zeitungen, die aus jedem möglichen Ereignis Brennstoff für politische Leidenschaften beziehen, die Angelegenheit vergiftet hat. Indessen, wenn sie es uns überlassen hätten, uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern, hätte die gesetzmäßige Vorgehensweise, die nach unserem Grundsatz immer befolgt worden ist, uns vielleicht erlaubt, unser ersehntes Ziel zu erreichen, angesichts des gütigen und mildtätigen Charakters von ihm, der auf dem Thron sitzt [d. h. Pius IX.]. Sicherlich kann sie nicht in diesen Schuldzuweisungen gegenüber dem Journalismus Trost für ihren ungemeinen Kummer finden, aber ich kann mir nicht helfen, den Worten Luft zu machen, die sich an meine Seele klammern und sie mit Bitterkeit und Zorn bewässern.“ (Zitiert in: Vittorio Messori (Hrsg.): Kidnapped by the Vatican? The unpublished memoirs of Edgardo Mortara, S. 11)*

(Die römische Gemeinde beteiligte sich dementsprechend auch nicht wirklich an der Kampagne um Edgardo; hier war die Gemeinde in Alessandria führend.)

Sowohl Edgardos Mutter als auch Scazzocchio irrten sich ziemlich sicher, wenn sie meinten, mit einer persönlichen Audienz beim Papst oder ohne die politische Ausschlachtung des Falls durch die Presse hätte Pius IX. nachgegeben; dazu war er seinen Prinzipien zu treu. Aber es sagt doch etwas aus, dass sie in dieser Weise über ihn dachten.

Der italienische Historiker Vittori Messori, der Pater Pio Marias Memoiren herausgegeben hat, erwähnt in seiner Einleitung dazu (aus der ich auch dieses Zitat habe) ein weiteres Zitat von Scazzocchio, das belegt, dass Edgardo tatsächlich schon kurz nach seiner Ankunft in Rom am christlichen Glauben hing und das nicht nur eine spätere Rückprojektion seinerseits war:

„Schon am 11. August 1858, also nur etwas mehr als anderthalb Monate nach der Trennung des Jungen von seiner Familie, schreibt der Sekretär der römischen jüdischen Gemeinde, Sabatino Scazzocchio, den wir schon getroffen haben, den Eltern in Bologna, dass das erste Hindernis, dem sie sich gegenüberstellen müssen würden, unvorhersehbarerweise ‚der Widerstand, den Edgardo gegenüber der Rückkehr zur Ausübung unserer Religion zeigt‘ war.“ (S. 28)

Diese Memoiren, die Messori vor nicht allzu langer Zeit herausgegeben hat, verfasste Pater Pio Maria Mortara 1888; zu dieser Zeit war er in Spanien mit einigen anderen Augustiner-Chorherren vom Lateran mit der Gründung einer neuen Ordensniederlassung mitsamt einem Kleinen Seminar beschäftigt. Er schrieb sie, um den ständigen Gerüchten um sein Leben entgegenzutreten und seiner eigenen Perspektive Gehör zu verschaffen. Sie sind nicht allzu lang, aber natürlich ausführlicher als seine spätere Aussage im Seligsprechungsprozess; daher hier jetzt noch ein paar Zitate aus diesen Memoiren, um ergänzende Fakten, die in der oben zitierten Zeugenaussage nicht vorkommen, für die daran Interessierten zusammenzutragen. Pater Pio Maria spricht hier von sich in der dritten Person.

Über seine Trennung von seiner Familie schreibt er:

„Um zu unserer Geschichte zurückzukehren: Eines Tages im Juni 1858 wachte Edgardo zwischen zwei Wachposten auf, die spät nachts am Haus seines Vaters aufgetaucht waren, um zu verhindern, dass der Junge weggebracht wurde, während Vorbereitungen für die Trennung getroffen wurden.

Man kann sich das Entsetzen des armen kleinen Geschöpfes leicht vorstellen, als er sich von den Wachen flankiert sah, da er immer große Furcht beim Anblick eines Soldaten gezeigt hatte. Die Soldaten, die die Familienmitglieder in der konziliantesten und freundlichsten Weise, die möglich war, behandelten, verließen Edgardo nicht einen Augenblick lang; sie begleiteten ihn in jeden Raum des Hauses, in den er gehen musste. In diesen Tagen hatte sich die Mutter, Marianna, in ein Haus auf dem Land zurückgezogen, während Edgardo mit seinem Vater und den anderen Geschwistern geblieben war.

Schließlich kam der endgültige Befehl aus Rom. Am 24. Juni, bei Anbruch der Nacht, kamen der Polizeichef und zwei Wachen zu Pferd zum Haus der Mortaras, um zuzusehen, dass die Trennung vor Tagesanbruch geschah.

Die Mutter, Marianna, war zuvor nach Hause zurückgekommen, um das Kind ein letztes Mal zu umarmen. […]

Schließich kam der Zeitpunkt der Trennung. Der Vater protestierte wieder vehement gegen die Tat, die er als barbarisch beschrieb, während die Mutter in Seufzen, Tränen und durchdringende Schreie ausbrach. Die Mutter war wahrhaft in einem bemitleidenswerten Zustand; als sie Edgardo ein letztes Mal umarmte, war sie völlig in Tränen gebadet. Sie erlag der Heftigkeit ihres Kummers, wurde ohnmächtig und fiel zu Boden. Ihr Mann und die anderen Kinder hoben sie auf. Jeder schluchzte bitterlich.

Edgardo erinnert sich nicht, viel geweint zu haben. Er erinnert sich an die folgende Tatsache. Als ihn eine der Wachen auf die Arme nahm, um ihn zu der Kutsche zu tragen, die vor der Haustür wartete, fragte er mit schlichtem Freimut: ‚Und werdet ihr jetzt meinen Kopf abschneiden?‘ Nach ein paar gütigen Worten von der Wache beruhigte er sich und leistete keinen Widerstand.

Sie setzten ihn zwischen drei Wachposten in die Kutsche; berittene Gendarmen bildeten die Eskorte. Sie breiteten einen Mantel über ihn, damit er sich ausruhen konnte. Die Nacht war tatsächlich sehr kühl. Nachdem er das Haus seines Vaters verlassen hatte, und sah, dass er unter Soldaten und Fremden war, begann das Kind zu weinen. Er rief laut, und schrie nach seinen Eltern.

Die Wachen sprachen freundlich mit ihm; sie gaben ihm kleine Kuchen und Schokolade. Eine große Ruhe, ein tiefer, friedlicher Schlaf folgte auf diese ersten verstörenden Momente.

Den Wachen war befohlen worden, Uniformen zu tragen, um Respekt für die Obrigkeit zu gebieten und sich gegen mögliche Unruhen zu verteidigen. Nachdem sie den Ort der Trennung verlassen hatten, an den Stadttoren, verließen die Wachen in Uniform Edgardo. Nur ein Korporal, der Zivilkleidung trug, blieb bei ihm, aus Rücksicht auf das natürliche Unbehagen, das das Kind gegenüber allem Militärischen empfand. Der Reisegefährte hatte strikte Befehle, das Kind mit großer Güte und Freundlichkeit zu behandeln, es mit allen Arten von Aufmerksamkeiten und Fürsorge zu überhäufen, und er tat dies sehr gewissenhaft. […]

Zwei sehr fromme Damen, die mit ihm reisten, merkten bald, was passiert war. Sie boten an, ihn mit den Grundlagen der christlichen Lehre bekannt zu machen. Edgardo nahm das gern an und lernte, das Vaterunser und das Gegrüßet seist du Maria aufzusagen, das Kreuzzeichen zu machen, und Maria, die Allerseligste, anzurufen. (S. 84-86)

Edgardo erwähnt in diesen Memoiren auch, dass er in die Schule der Augustinerchorherren vom Lateran gegeben wurde, weil er diesen Wunsch aussprach, als er sie in der Kirche sah, wo er mit den Schwestern des Rektors Enrico Sarra, der sich in dieser ersten Zeit um ihn kümmerte, zur Messe ging.

Über seine religiöse Erziehung bei seinen Eltern schreibt er:

„Der kleine Junge wusste kaum, dass es Christen gab, über die zu Hause nie gesprochen wurde, weder im Guten noch im Schlechten.

Überdies lernte Edgardo seit seiner frühesten Kindheit von seiner Mutter, einer Frau, die sehr fromm in ihrem Glauben war, die ersten Grundlagen der mosaischen Religion. Er betete jeden Tag mit ihr, wobei er die üblichen Gebete auf Hebräisch sprach.

In der jüdischen Schule, die Edgardo besuchte, als er noch sehr jung war, war er mit der Geschichte des mosaischen Glaubens und des Talmuds bekannt gemacht worden, und mit der Sprache Palästinas. […] Er bekam für seinen frühzeitigen Eifer viele Geschenke, Süßigkeiten und Spielsachen.

Was natürlich daraus hervorging und sich im Grunde seines Herzens zeigte, war eine sehr erhabene Vorstellung von Gott, begleitet von einem Gefühl tiefen Respekts und exzessiver Furcht.“ (S. 101f.)

Dann, nach seiner Reise nach Rom:

„Seit diesen glücklichen Momenten ist Edgardo ein Christ gewesen. Es ist, als ob er so geboren wäre. Er gehört, mit aller Kraft seiner Seele, an die mütterliche Brust der Kirche, seiner Adoptivmutter. Er will katholische Kirchen besuchen, mit der Kirche beten. Er beginnt schon, für seine Eltern zu beten, für die er immer eine sehr kindliche, sehr zärtliche Zuneigung bewahren wird. (S. 105)

Aus seiner weiteren Kindheit erzählt er:

„Wenn der junge Edgardo in der Öffentlichkeit war, in großen Menschenmengen, zeigte der Papst immer großes Unbehagen, da er fürchtete, dass ’sie ihn rauben könnten‘, wie er es schlicht ausdrückte. Das verursachte häufige Witze unter Edgardos Mitschülern und Freunden, die manchmal über die naive Unschuld des Kindes lachten, das Angst davor hatte, ‚geraubt‘ zu werden, als ob er ‚eine wertvolle Sache‘ wäre (wie sie belustigt zu sagen pflegten).

Das Gefühl von Angst und Verlegenheit war augenfällig bei Edgardo, besonders bei den sehr häufigen Siuationen, in denen Ausländer aus jeder Nation, angezogen durch Neugier, ‚den kleinen Mortara‘ sehen wollten, und speziell wenn die Klasse des Kollegs, zu dem er gehörte, durch das Ghetto, das heißt den jüdischen Distrikt, ging.“ (S. 107)

Diese Ängste waren nicht ganz unbegründet; Messori schreibt in seiner Einleitung:

„[D]er Mortara-Fall veranlasste die Gründung der immer noch existierenden Alliance Israélite Universelle, der ersten jüdischen Organisation zur Selbstverteidigung mit globaler Perspektive. Diese Organisation handelte schnell und entschieden, wenn man bedenkt, dass sie – in Zusammenarbeit mit Archives Israélites, einer der wichtigsten jüdischen Zeitungen – eine Belohnung von 20.000 Francs, ein wahres Vermögen, auslobte für jeden, der ein bewaffnetes Eindringen in Rom organisieren würde, um das Kind aus den Fängen seines Entführers zu befreien.“ (S. 17)

Pater Pio Maria erwähnt auch, dass er, als 1867 wieder eine regelmäßige briefliche Korrespondenz mit seiner Familie begann,  die nachträgliche Zustimmung seines Vaters zu seinem Ordenseintritt einholen musste (in diesem Jahr, mit 16, wie es das Mindestalter gerade so zuließ, legte er seine zeitlichen Gelübde ab) und sie erhielt:

„Die Eltern allerdings waren völlig in Unkenntnis davon, was geschehen war. Mit Blick auf die jüngste Gesetzgebung, sehr günstig für die elterlichen Rechte, aber nachteilig für die persönliche Freiheit und das göttliche Gesetz, war es zwingend erforderlich, die nachträgliche Zustimmung des Vaters zu erhalten, um die Entscheidung, die Edgardo getroffen hatte, sich ganz Gott zu weihen, zu bestätigen und zu genehmigen.

Dem stand allerdings die sine-qua-non-Bedingung entgegen, von Beginn der Familienkorrespondenz an festgesetzt, dass ‚wir nie über irgendetwas sprechen werden, das die Religion betrifft‘.

Es war daher notwendig, zuerst die Erlaubnis zu erlangen, das Thema anzusprechen. Edgardo bat seinen Vater darum. Er stimmte zu, nachdem er korrekterweise erfahren hatte, dass es nicht darum ging, über die Religion zu diskutieren, sondern nur darum, ein Geheimnis anzuvertrauen. Der junge Mann erzählte seinen Eltern die Nachricht über die Art und das Wesen des Standes, in den er gerade eingetreten war. […] Er sagte, dass er bei dieser Entscheidung einer festen und freien Bewegung seines Willens gefolgt war, ohne Beeinflussung durch irgendeine Art von Druck oder Zwang. Er berichtete, dass, auch wenn er auf der Grundlage dieser freien Wahl allen materiellen Besitztümern entsagt hatte, und sich ganz Gott geweiht hatte, dies ihn nicht daran hinderte, als ein guter Sohn, mit seiner ganzen Seele seine lieben Eltern und Familie zu lieben, und Anteil an ihrem wahren Glück zu nehmen.

Auf all das antworteten seine Eltern, dass, ‚wenn das seine Entscheidung war, und er sie in Freiheit getroffen hatte, sie keine Einwände hatten, und völlig zufriedengestellt waren.'“ (S. 112f.)

Es wurde in den Briefen auch davon gesprochen, dass seine Familie ihn besuchen könnte, aber:

„Trotz wiederholter Versicherungen und Ankündigungen setzten sie allerdings nie ein Datum für den Besuch fest, was Edgardo sehr verwirrte, der nichts mehr wünschte als seine umgehende Verwirklichung.“ (S. 114)

Dann kam 1870 die Eroberung des Kirchenstaates, Pater Pio Maria beschreibt, wie er im Kloster stundenlang die Kampfgeräusche hörte, und wie dann die weiße Flagge über dem Petersdom wehte. „Sein [Pius‘ IX.] edelmütiges Herz konnte nicht länger zulassen, dass die tapferen Helden, die ihn verteidigten, für ihn ihr Blut vergossen und für ihn starben. Die Flagge, die über dem Vatikan wehte, setzte den Kämpfen ein Ende. Aber das heißt nicht, dass der Papst sich dem Prinzip ‚Macht vor Recht‘ und der brutalen Theorie des ‚fait accompli‘ unterwarf.“ (S. 115) Kurz danach besuchten sein Vater und ein Bruder ihn erstmals, der Rest wurde oben schon erzählt; er floh nach Tirol.

Dort blieb er zwei Jahre (unter falschem Namen), dann kam er nach Frankreich; als dort die ausländischen Ordensleute ausgewiesen wurden, ging er kurz zurück nach Italien (inkognito, da er sich dem Militärdienst entzogen hatte, und blieb bei Bekannten, da die italienischen Orden inzwischen vom Staat enteignet worden waren), wo er eine Zeit lang ziemlich krank war, dann ging er kurz zurück nach Tirol, dann, wie oben erwähnt, nach Spanien. 1891 konnte er erstmals offen nach Italien zurückkehren,  da die Sache mit dem Militärdienst verjährt war. Er kam in den nächsten Jahren in einem großen Teil Europas herum – Spanien, England, Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, hauptsächlich, um zu predigen und Spenden für seinen Orden zu sammeln (für die neue Niederlassung in Spanien, und für die unterdrückten Ordensbrüder in Italien), obwohl er immer noch häufig krank war. Er sprach neben Italienisch auch Deutsch, Französisch, Spanisch, Baskisch und Englisch, zusätzlich zu Latein, Griechisch, Hebräisch, und muss ein guter Prediger und Seelsorger gewesen sein; u. a. trat er übrigens beim Deutschen Katholikentag 1893 in Würzburg auf.

Hier findet man übrigens auch autobiographische Notizen von ihm, wo er noch mehr von seinem späteren Leben erzählt (auf Deutsch; allerdings enthält der Text ein paar kleinere Unstimmigkeiten, z. B. was Edgardos Alter bei seiner Taufe angeht; vielleicht Fehler des Setzers oder des Übersetzers, falls der Text nicht ursprünglich auf Deutsch geschrieben wurde) und seine beiden Reden vom Katholikentag, in denen er die deutschen Katholiken für diese Veranstaltung, für ihre Papsttreue und ihre Einigkeit z. B. bei der Sozialen Frage sehr lobt; außerdem sagt er dabei u. a.:

„Es genügt nicht, im Privatleben ein Christ zu sein, das Übernatürliche der Kirche muß sich geltend machen im christlichen Leben, in der Schule, in der Bildung der Jugend, überhaupt im öffentlichen Leben des Menschen. Und gerade diesem Übernatürlichen habe ich es zu verdanken, daß ich durch die Gnade Gottes bin, was ich bin. Der Betonung dieses übernatürlichen Rechts der Kirche, wie es Pius IX. so hervorhebt, habe ich es zu verdanken, daß ich heute ein Christ, ein Katholik bin, daß ich der katholischen Kirche angehöre [Stürmischer Beifall!], daß ich ein Religiose, ein bescheidener Sohn des heiligen Augustin als regulierter Chorherr vom Lateran bin, daß ich die Ehre habe, der Katholikenversammlung der deutschen Nation beizuwohnen. [Lebhafter Beifall!]“

Pio Edgardo Mortara

(Pater Pio Maria in späteren Jahren.)

Er wurde fast neunzig und starb 1940 in Belgien. Messori schreibt im Vorwort zu den Memoiren über sein Leben:

„Sein Leben war so erbaulich, dass seine Ordensoberen, nachdem sie den Ruf der Heiligkeit, der den Verstorbenen umgab, und die Pilgerreisen der Gläubigen zu seinem Grab anerkannten, sich entschlossen, den Prozess zu seiner Seligsprechung einzuleiten. Aber der Wirbelsturm des 2. Weltkriegs vereitelte diese Pläne. Es gibt allerdings manche, die vorschlagen, die Prozedur neu zu beginnen. […]

Der Priester starb, kurz bevor er neunzig geworden wäre, am 11. März 1940 in der Abtei von Bouhay in Belgien, einem Land, in das ein paar Wochen später die Deutschen einmarschieren würden. […]

In seinen letzten Lebensjahren hatte Pater Mortara den Wunsch ausgedrückt, sein langes Leben in seiner Heimat Italien zu beenden, die er sehr liebte, auch wenn er aus ihr hatte fliehen müssen, um der ‚Befreiung‘ zu gehen, die die Piedmonteser ihm aufzwingen wollten, als sie mit Kanonendonner in Rom einzogen. Seine Mitbrüder trafen daher 1939 Vorbereitungen für den Transport des kranken alten Mannes in eines ihrer Häuser in Genua, aber der Ausbruch der Kampfhandlungen durchkreuzte auch diesen Plan.“ (S. 2)

 

So viel zu ihm persönlich; über das weitere Schicksal seiner Familie schreibt Pater Pio Maria in seinen Memoiren:

„Was die Mortara-Familie angeht, müssen wir berichten, dass die berühmte Entführung nicht ihren Ruin verursachte, sie nicht in die Armut sank, im Gegensatz zu dem, was die Feinde der Kirche und der weltlichen Macht des Papstes gerne wiederholen, um diese Vorwände zu benutzen, um ihn zu zerstören. [Hier ist gemeint, dass manche verbreiteten, die Mortaras könnten sich wegen ihrer Bemühungen, ihren Sohn wiederzubekommen, nicht mehr um ihren Lebensunterhalt kümmern.] Stattdessen war die Trennung der Beginn, wenn nicht direkt von Reichtum, dann doch zumindest eines Wohlstandes, den sie zuvor nicht genossen hatten. Tatsächlich wurden Signor und Signora Mortara großzügige Spenden geschickt […]. Der Name Mortara erlangte unerwartete Berühmtheit. […]

Von den elf Kindern, Frucht der Verbindung von Signor und Signora Mortara, lebten zwei nur ein paar Monate. Riccardo, der älteste, trat der Armee bei und wurde ein Offizier. Dann kehrte er zu seiner Familie zurück.

Nach dem Tod des Vaters, Salomone, erwarb Augusto einen Doktortitel in der Rechtswissenschaft. Die anderen drei Brüder arbeiteten in verschiedenen Bereichen des Handels und der Industie. Die drei Schwestern gingen, nachdem sie ihre Ausbildung beendet hatten, anständige Ehen ein.

1872 erhielt Don Pio die überaus traurige Nachricht vom Tod seines geliebten Vaters, der sich unter Umständen ereignete, die zu schmerzhaft und unerfreulich sind, um sie auf diesen Seiten zu berichten. Möge die unendliche, unerschöpfliche Güte Gottes geruhen, auf ihn mit Liebe und Barmherzigkeit zu blicken!“ (S. 148f.)

Mit den schmerzhaften Umständen meint Pater Mortara hier, dass sein Vater in einem Mordprozess wegen des Todes einer Dienstmagd angeklagt war und einige Monate in Untersuchungshaft verbrachte, aber letztlich freigesprochen wurde, und wenig später starb. Über seine Mutter schreibt er:

„Die trauernde ältere Mutter lebt noch und hat fast das Alter von siebzig erreicht. Sie ist sehr streng und gewissenhaft in ihrer jüdischen Religion und will das Gesetz des Mose in ihrer Familie beachtet sehen. Sie ist voll der Empfindungen des grenzenlosen Vertrauens in Gott, dessen Namen sie immer im Mund führt. In Bezug auf die Religion sind ihre drei Töchter, Erminia, Ernesta und Imelda, wahre Abbilder ihrer Mutter.

Als Folge der politischen Ereignisse, die 1870 stattfanden, und der kritischen und delikaten Situation, in der sich Don Pio befand, endete die Korrespondenz mit seiner Familie. Er konnte sie erst 1876 wieder aufnehmen. Seitdem ist zwischen Don Pio und allen seinen Geschwistern, aber besonders zwischen ihm und seiner geliebten, verehrten Mutter, deren Porträt er immer in Sichtweite behält, eine zärtliche, kindliche, herzliche Korrespondenz ausgetaucht worden.

Diese arme Dame, die in dem berühmten Mortara-Fall die Frau des Leidens war und immer sein wird, wird von allen ihren Kindern verehrt und liebt sie alle zutiefst, aber hat eine Vorliebe, wie es natürlich ist, für ihren ‚Sohn des Kummers‘, Edgardo. Er hat ihr ungewollt viele Tränen und viel Bitterkeit verursacht. […]

In den dreißig Jahren, die er von zu Hause fort verbracht hat, hat Don Pio seine geliebte Mutter nur zweimal getroffen, auf eine kurze, flüchtige Weise, während seines erzwungenen Exils in fremden Ländern. Sie scheint nur an ihn zu denken. Sie ist auch sehr unglücklich, weil ihre Gesundheit nicht sehr robust ist. Sie wünscht, dass sie Flügel hätte, um zu ihrem geliebten Sohn zu fliegen, und wartet, wie sie sagte, auf einen  Tag, der kommen möge, an dem Gott ‚ihr helfen und ihr Seine Gunst zeigen‘ möge.

Mehr als einmal hat der Priester versucht, zu seiner Mutter über Jesus zu sprechen, und ihr unglückliches Herz in Berührung mit dem des geliebten Erlösers zu bringen. Die Frau allerdings begann zu weinen, und was kann man zu einer weinenden Mutter sagen? Welche andere Antwort kann man geben als respektvolles Schweigen? […]

Viele Male, unfähig, zu seiner Mutter über Ihn zu sprechen, spricht er zu Ihm über seine Mutter, ganz besonders, wenn er das Heilige Opfer des Altares darbringt und die reine, heilige und makellose Opfergabe in seinen Handen hält und auf seine Lippen legt. […]

Ah, Don Pio lebt von der Hoffnung und weiß, dass Hoffnung nie völlig enttäuscht wird: spes non confundit.

Don Pio hofft, dass der gute Glaube und die natürliche Frömmigkeit seiner Mutter sie retten werden, wie sie die gute Kanaaniterin retteten.“ (S. 149-151)

Seine Mutter starb letztlich im jüdischen Glauben.

Famille Mortara

(Von links nach rechts: Ricardo Mortara (Pater Pio Marias älterer Bruder), seine Mutter Marianna Mortara, und Pater Pio Maria Mortara. Bildquelle hier.)

 

Wie es mit anderen Beteiligten weiterging:

Schon 1859 wurde, wie erwähnt, ein großer Teil des Kirchenstaats, darunter auch Bologna, von den Piedmontesern besetzt; Pater Pio Maria schreibt über das weitere Schicksal des alten Dominikanerpaters Feletti von der Inquisition in Bologna (ja, so hieß diese Behörde noch, auch wenn es im Kirchenstaat schon eine ganze Weile keine Häretikerverbrennungen mehr gegeben hatte):

„Bei diesem Anlass wurde der hochwürdige Pater Feletti, immer noch Vorsitzender der Inquisition, in seinem Zimmer festgenommen, während er um drei Uhr morgens in seinem Bett war. Er wurde sicherheitshalber ins Gefängnis gebracht, angeklagt und beschuldigt als derjenige, der unmittelbar und direkt für die Entführung des Mortara-Kindes verantwortlich gewesen war. Ein Prozess wurde angesetzt, aber der erwähnte Priester wurde freigesprochen und nach drei Monaten Haft freigelassen. Die Darstellung seines vom Gericht gestellten Anwalts triumphierte, wonach Pater Feletti nicht verantwortlich war, da er nichts getan hatte als die strengen Befehle seiner rechtmäßigen Obrigkeit, des römischen Pontiex, auszuführen, der hauptsächlich verantwortlich für die Entführung war. In Rom umarmte Pater Feletti mit großer Freude und Tränen in  den Augen das Mortara-Kind, für dessen ewiges Heil er so viel gelitten hatte, und er  zeigte immer eine besondere Zuneigung zu ihm. Pater Mortara wird diesen ehrenwerten Ordensmann immer in guter Erinnerung behalten, der einer derer war, die direkter bei der geistlichen Wiedergeburt und Erneuerung seiner Seele eingriffen.“ (S. 84)

Über Anna Morisi schreibt er:

„Was die gute Anna Morisi angeht, die das Mortara-Kind  taufte, habe ich schon vorher geschrieben, wenn ich nicht irre, dass, als die Entführung auf ausdrückliche Anordnung von Pius IX. stattfand, das arme Mädchen in Schwierigkeiten war und Bologna verlassen musste, um gewaltsamer Belästigung und Vergeltung zu entgehen.

In dem Verfahren, das 1860 gegen den hochwürdigen Pater Feletti, Vorsitzender der Inquisition in Bologna, stattfand […], wurde es verzeichnet, dass Anna Morisi zu ihrem Geburtsort, Tossignano, in der Nähe von Bologna, zurückgekehrt war. Dort ließ sie sich nieder, nachdem sie kirchlich geheiratet hatte.

Der Pontifex Pius IX. sprach mehr als einmal in Edgardos Gegenwart über das Mädchen. Vermutlich versäumte es der gute Papst nicht, Anteil an ihrer kompromittierten Zukunft zu nehmen und schickte ihr etwas Unterstützung.

Pater Mortara verlor dann völlig die Spur der Morisi.“ (S. 148)

Er schreibt an mehreren Stellen, dass er sie im geistlichen Sinne als seine Mutter betrachtete.

 

Über die Prinzipien, die seinen Fall betreffen, schreibt Pater Pio Maria Mortara:

„Die katholische Religion ist die eine wahre, übernatürliche Religion; sie ist eine Gesellschaft einer höheren Ordnung, wesensmäßig unterschieden von der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Mortaras bekennen die jüdische Religion, die mit ihr unvereinbar und von der Geschichte überholt ist.

Folglich ist die elterliche Autorität von Signor und Signora Mortara vermindert, versehrt und nicht im vollen Besitz ihrer Rechte, noch kennt sie ihre Pflichten. Ihre Pflicht ist es, die wahre, christliche Religion anzunehmen und ihre Kinder in ihr zu erziehen. Das ist eine unausweichliche, absolute Pflicht, bei der es moralisch nicht möglich ist, sich gegen sie zu stellen.

Die Mortaras sind allerdings frei, und Gott achtet ihre Freiheit und will und befiehlt, dass die Menschen sie achten. Daher wird niemand die Mortaras zwingen, ihre Religion aufzugeben, um die katholische Religion anzunehmen, und niemals, niemals dachte die Kirche daran, sie mit Gewalt aufzuzwingen.

Daher folgen die Kinder der Mortaras […] ihren Eltern auf demselben fehlgeleiteten, irrigen Weg. Bis sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind, werden sie zwangsläufig Juden sein, und niemandem wird es erlaubt sein, ihnen irgendwelche anderen Glaubenslehren aufzuzwingen.

Sobald sie allerdings das Alter des Vernunftgebrauchs und den vollen Gebrauch ihrer moralischen Fähigkeiten erreicht haben, werden sie fähig sein, sich umstimmen zu lassen, und können von der Wahrheit angezogen werden, ohne dass die heiligen Rechte der menschlichen Freiheit verletzt werden.

Nichtsdestotrotz betraf der berühmte Mortara-Fall nicht ein jüdisches Kind, sondern ein schon getauftes Kind, eins, das in articulo mortis getauft worden war, als es an dem Punkt war, seinen letzten Atemzug zu tun. […]

An der Schwelle des Todes, wenn der Organismus sich verwandelt, auseinanderfällt und zerstört wird, hört das Kind auf, zu seinen Eltern zu gehören. Dieses versehrte, gebrochene Wesen gehört jetzt der Ewigkeit und Gott, und steuert auf sie zu. […]

Nun, genau in dieser sehr ernsten und schrecklichen Notsituation, als er kurz davor ist, in die Ewigkeit einzugehen, nimmt Gottes unendliche Güte die Seele dieses Kindes, das jetzt aufgegeben ist, in Besitz.

Wer hat sich hier eingemischt, wer die heilige Macht der Freiheit entweiht; wer hat dem Willen dieses Kindes Gewalt angetan?

Alle ‚Schuld‘, wenn es ‚Schuld‘ gibt, liegt bei Gott. Es gibt keinen Zweifel, dass Gottes Rechte denen der elterlichen Autorität übergeordnet sind, der in diesem Fall selbst bloß scheinbare Rechte fehlen. […]

Das Dilemma ist eindeutig. Er wird […] ein erzwungener Apostat, ein tyrannisierter Sohn werden, der nie erfährt, was er ist. […] Oder aber er wird erfahren, was er ist, und wird sich weigern, zu der göttlichen Religion zu gehören, in die Gott ihn aufgenommen hat, und wird frei, willentlich abtrünnig sein; und das wäre ein schreckliches Verbrechen.

Oder aber er wird erfahren, was er ist, und wird Gott folgen wollen, der ihn wie Abraham ruft und ihn einlädt, sein Land und seine Vorväter zu verlassen. Was werden seine Eltern dann tun? Die Feder wagt nicht, es zu berichten, aber die Vorstellungskraft erahnt es und zuckt alarmiert zurück. (S. 159-162)

Nun könnte man sagen: Pius IX. sagte doch selbst, dass in sog. „unüberwindlicher Unwissenheit“ gefangene Nichtkatholiken, die gute Menschen sind, durch Gottes Gnade in den Himmel kommen können; und wenn das für gewöhnliche Juden, Muslime oder Protestanten aus Unwissenheit gilt, müsste es doch auch für Apostaten aus Unwissenheit gelten, auch wenn Apostasie prinzipiell schlimmer ist als Unglaube. Das ist sicherlich so; aber beim Mortara-Fall ging es dem Papst eben wohl einfach um das Prinzip: Ein katholisch getauftes Kind muss katholisch erzogen werden.

 

Abschließende Bemerkungen:

Der Fall wird oft als „Entführung“ Edgardos bezeichnet. Tatsächlich ist das kein besonders sinnvoller Vergleich. Man kann ihn viel mehr damit vergleichen, dass ein Jugendamt aus fester Überzeugung, das Beste für ein Kind zu tun, es aus seiner Familie holt und in eine gute Pflegefamilie gibt, die es selbst dann nicht mehr verlassen will, während seine Eltern, die es lieben, es natürlich unbedingt zurückhaben wollen.

Tatsächlich achtete der Kirchenstaat die Rechte von Eltern, die seine Prinzipien nicht anerkannten, deutlich mehr, als das einige heutige Staaten tun. Der deutsche Staat will ja schon mal die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ (Olaf Scholz) erobern und Eltern, die ihre Kinder auch nur im Homeschooling unterrichten wollen, diese Kinder entziehen. In Norwegen ist es deutlich schlimmer: Hier nimmt das Jugendamt (Barnevernet) Kinder bei den geringsten Anschuldigungen aus ihren Familien (vor allem bei ausländischen Familien), verbietet oft fast völlig den Kontakt zu den Eltern, versucht nicht, Familien wieder zusammenzubringen, und seine Entscheidungen können praktisch nicht angefochten werden. In Kanada können Eltern ihre Kinder weggenommen werden, wenn sie deren Geschlechtsdysphorie nicht bestärken und ihnen keine Pubertätsblocker (mit möglicherweise gravierenden, nicht genau erforschten langfristigen medizinischen Folgen) als Vorbereitung zur Geschlechtsumwandlung verabreichen lassen wollen. In England haben Gerichte in den letzten Jahren in mehreren Fällen (Alfie Evans, Charlie Gard, Tafida Raqeeb) den Tod von kranken Kindern durch Abbruch der Versorgung mit Wasser, Nahrung oder Sauerstoff oder durch Abbruch der medizinischen Behandlung gegen den Willen ihrer Eltern angeordnet, haben mit Polizeigewalt verhindert, dass man sie in ein ausländisches Krankenhaus gebracht hätte, wo man sie weiter versorgt hätte, und eine englische Richterin wollte schon einmal eine Frau mit einer Lernbehinderung gegen ihren Willen zu einer Abtreibung zwingen.

Auch gegenüber der jüdischen Religion hat man heute nicht immer Respekt; es gibt ja in letzter Zeit genügend Leute, die die Beschneidung am liebsten illegal machen würden, also jüdischen Eltern verbieten wollen würden, ihre Söhne überhaupt in ihre Religion aufzunehmen, was der Kirche nie in den Sinn gekommen ist.

Wenn sich also jemand über den Mortara-Fall beschweren will, dann vielleicht nicht gerade die heutige Welt; das ist dann doch etwas heuchlerisch.

Auch damals im 19. Jahrhundert hatte der Protest schon etwas Heuchlerisches; ich möchte noch einmal Messori zitieren:

„Während wir beim Thema Heuchelei sind: Wie Pius IX. selbst mit Bitterkeit bemerkte (es gibt auch Spuren von Bitterkeit in Mortaras Autobiographie) : während die ganze Welt sich wegen des kleinen Jungen aus Bologna empörte, setzte der Zar an, einen der monströsesten Akte des kulturellen Genozids auszuführen – der auf völliges Schweigen der europäischen Mächte traf. In einem Versuch, mit Polens Irredentismus fertig zu werden, sequestrierten die Russen die Söhne der führenden katholischen Familien, um sie zu verschleppen und in Internaten, die vom orthodoxen Klerus geführt wurden, aufzuziehen.

Die menschliche ‚Beute‘, die der Zar, als der oberste Repräsentant der Nationalkirche, wünschte, war weiter angewachsen als Ergebnis des russischen Gesetzes, das vorschrieb, das im Fall einer Mischehe zwischen katholischen und orthodoxen Partnern die Söhne von den orthodoxen Priestern getauft und in deren Glauben erzogen werden müssten, selbst wenn beide Eltern dagegen waren.“ (S. 57)

Der sel. Pius IX. jedenfalls war zutiefst überzeugt, im Mortara-Fall das Richtige zu tun; das, denke ich, ist offensichtlich, auch für Leute, die den Preis für zu hoch und seine Entscheidung nicht für gerechtfertigt halten wollen. Und letztlich ist es doch erstaunlich, was durch die Gnade Gottes – der auch auf krummen Linien gerade schreiben kann – aus Edgardo Mortara wurde.

 

* Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf: Vittorio Messori (Hrsg.): Kidnapped by the Vatican? The unpublished memoirs of Edgardo Mortara, Ignatius Press, San Francisco 2017.

Kommen die Heiden in die Hölle, wenn wir sie nicht missionieren? Pius IX. vs. Leo Bigger vs. Rolf Krüger

„Uns und Euch ist bekannt, daß diejenigen, die an unüberwindlicher Unkenntnis in bezug auf unsere heiligste Religion leiden und die, indem sie das natürliche Gesetz und seine Gebote, die von Gott in die Herzen aller eingemeißelt wurden, gewissenhaft beachten und bereit sind, Gott zu gehorchen, ein sittlich gutes und rechtes Leben führen, durch das Wirken der Kraft des göttlichen Lichtes und der göttlichen Gnade das ewige Leben erlangen können, da Gott, der die Gesinnungen, Herzen, Gedanken und Eigenschaften aller völlig durchschaut, erforscht und erkennt, in seiner höchsten Güte und Milde keineswegs duldet, daß irgendjemand mit ewigen Qualen bestraft werde, der nicht die Strafwürdigkeit einer willentlichen Schuld besitzt.“

(Pius IX., „Quanto conficiamur moerore“, 1863)

 

Gestern bin ich mal wieder auf einen der vielen verschnupften Kommentare vonseiten der liberalen Christen zur MEHR und zum dort vorgestellten Mission Manifest gestoßen; dieser hier stammt von Rolf Krüger (https://www.aufnkaffee.net/2018/01/der-elefant-im-christlichen-raum/). Und er wirft tatsächlich interessante Grundsatzfragen zum Thema Mission auf.

Gleich mal vorweg meine Einstellung zur MEHR und zum Mission Manifest: Ich konnte aus privaten Gründen nicht nach Augsburg fahren, hätte mir die Veranstaltung aber gerne mal angesehen, hab’s geschmacklich nicht soo arg mit Charismatik und Lobpreis, fand Johannes Hartl bei einem Vortrag, bei dem ich ihn schon live erlebt habe, inhaltlich ziemlich gut, und finde es toll, wie das Gebetshaus und die MEHR das ins Zentrum stellen, was zählt. Jesus. Nähe zu Jesus durchs Gebet. Weitergabe des Glaubens an Jesus. Ja, genau, und das heißt Mission – am Mission Manifest kann man sicher an ein paar Details herumkritteln (wollen die wirklich behaupten, dass die Chancen der Mission nie und nirgends größer waren?), aber die Grundrichtung ist doch selbstverständlich für jeden Christen. Natürlich geben wir die frohe Botschaft weiter, die wir empfangen haben. Wenn unsere Vorgängergenerationen das nicht getan hätten, würden wir heute noch Thor oder Jupiter anbeten – und da ist mir Jesus doch lieber.

Rolf Krüger sieht das anders. Ihm geht es um die Verbreitung der Ideen von Liebe, Versöhnung und Überwindung von Gewalt an sich: „Ziel von Mission ist dann nicht ein Religionswechsel, sondern ein Gesinnungswechsel.“ Natürlich ist das Blödsinn – der zudem verkennt, dass Religion und Gesinnung nicht einfach voneinander getrennt werden können (welche Gesinnung schreibt z. B. der Hinduismus gegenüber den unteren Kasten vor?) – , aber Krügers Gründe hören sich in diesem Artikel nicht ganz so blödsinnig an. Er reagiert konkret auf die Erlösungslehre des freikirchlichen Pastors Leo Bigger, der auch auf der MEHR aufgetreten ist (und der übrigens wegen seiner prosperity-gospel-Predigten auch unter Freikirchlern kritisiert wird). Diese Erlösungslehre ist im evangelikalen Bereich ziemlich häufig anzutreffen; Krüger beschreibt Biggers Rede nach der Vorstellung des Mission Manifest folgendermaßen:

„Ziel und Sinn von Mission sei es, die Menschen vor der Hölle zu warnen, der ewigen Strafe Gottes für alle Unbekehrten. Biggers erster ‚eigener Bekehrter‘, so erzählt er stolz, kniete schluchzend auf dem Boden des für ihn unerwartet menschenleeren Band-Proberaums, in der verzweifelten Überzeugung, alle anderen seien entrückt worden und er selbst würde jetzt im ewigen Feuer landen.

Das hatte ihm Bigger nämlich kurz zuvor erzählt und hinzugefügt: ‚Hoffentlich hast du dann noch die Gelegenheit, dich zu Jesus zu bekehren!‘ Also fiel der sich zurückgelassen Geglaubte auf die Knie und bekehrte sich. So fanden ihn Bigger und die anderen Bandmitglieder dann auch, als sie vom Kaffeetrinken zurück kamen.

Eine lustige Geschichte, wenn sie nicht so traurig wäre. Denn sie zeigt: Für einen Teil der Christen ist sogar Angst ein probates Mittel für die Mission. Oder Winkelzüge wie zum Beispiel, mit jemandem nur deshalb freundschaftlichen Kontakt aufzubauen, um irgendwann Gespräche über den Glauben zu führen. […]

Es gibt die geretteten Jesus-Nachfolger, die nach dem Tod in den Himmel zu Gott kommen, und die Verlorenen anderen Menschen, deren Seelen ewig gequält oder ausgelöscht werden. Und deshalb ist es überlebenswichtig für jeden Menschen, von Jesus zu hören und bewusst Christ zu werden.

Mission ist also die Verbreitung der Informationen über Jesus mit dem Ziel, möglichst viele Menschen vor der ewigen Verdammnis zu retten.

Für viele evangelikale Christen funktioniert die Erlösung folgendermaßen: Christus bietet sie an und der Einzelne muss mit dem Glauben auf dieses Angebot antworten (sola fide – Werke zählen nicht!). Dazu muss er an einem bestimmten Punkt seines Lebens die persönliche Entscheidung treffen, sein Leben von nun an Jesus zu übergeben. Das geht am besten mit einem Gebet, das bestimmte Dinge enthalten muss: Ich erkenne an, dass ich ein Sünder bin, dass ich mich nicht selbst retten kann, und dass Jesus gestorben ist, um mich zu retten, und ich lade Ihn ein, „in mein Herz zu kommen“. Oder so ähnlich. Vor allem im amerikanischen Raum finden sich zahlreiche vorformulierte Versionen des „Sinner’s Prayer“. Von da an ist man erlöst und diese Erlösung kann nicht mehr verloren gehen. (Wenn man später doch vom Glauben abfallen sollte, war man nie wirklich erlöst und hat das Gebet damals eben nicht ernst gemeint.) Um die Zugehörigkeit zu Jesus öffentlich zu bezeugen, kann man sich dann noch taufen lassen, aber die Taufe ist nur noch ein zusätzliches Zeichen, das nichts bewirkt. (Eine Säuglingstaufe ist sinnlos.) Alle, die in ihrem Leben keine solche Bekehrung erfahren haben, gehen verloren, denn nur durch Jesus kommt man zu Gott.

Was die „Entrückung“ (englisch „rapture“) angeht, von der der Artikel spricht: Das ist eine relativ neue theologische Idee im evangelikalen Raum, die sich ab dem 19. Jahrhundert ausgebreitet hat; sie gehört zum sog. Dispensationalismus. Knapp gesagt besagt diese Lehre, dass, bevor Christus am Jüngsten Tag wiederkehren wird, eine siebenjährige Zeit der Plagen kommen wird (Dispensationalisten haben detaillierte Zeittafeln erstellt, auf denen steht, wann der Antichrist auftreten wird, wer wann gegen wen Krieg führen wird, welche Verfolgungen und Naturkatastrophen wann kommen werden, und manchmal beobachten sie auch, ob der Antichrist schon dabei sein könnte, sich die Weltherrschaft zu erarbeiten – Obama stand für diesen Posten einmal hoch im Kurs), dass aber vor oder während (da ist man sich nicht ganz einig) der Zeit der Plagen die Christen noch in den Himmel entrückt werden werden, damit ihnen das Schlimmste erspart bleibt. Der Rest der Welt kann sich dann immerhin während der Plagenzeit noch bekehren. Die meisten Dispensationalisten erwarten die Entrückung in naher Zukunft, und aus dieser Idee heraus sind auch Romane wie die „Left Behind“-Reihe entstanden, nach der dann auch Filme gedreht wurden, an denen u. a. Kirk Cameron mitgewirkt hat:

Besonders gut sind die alle nicht.

Jedenfalls, die Einstellung „Schau, dass du dich schnell bekehrst, bevor noch die Entrückung geschieht oder du von einem Bus überrollt wirst“ scheint im evangelikalen Raum relativ präsent zu sein.

Im Katholizismus ist es etwas komplizierter; auch da ist man der Meinung, dass man es nicht aus Desinteresse und moralischer Faulheit aufschieben sollte, über sein Leben und die Wahrheit nachzudenken; auch wenn das „Bekehre dich, ehe es zu spät ist“-Motiv in katholischen Predigten heute eher selten auftaucht, ist es doch ein traditionell katholisches Motiv. Aber: Für uns Katholiken ist das mit der Erlösung komplizierter.

Gott will allen Menschen die Vergebung ihrer Sünden schenken, und die Erlösung geschieht durch die Taufe, die Er als Mittel dafür eingesetzt hat, uns Seine Gnade zu vermitteln. Auch kleine Kinder können schon in den Gottesbund aufgenommen werden; ab dem Alter von sieben Jahren ist eine eigene Entscheidung für die Taufe notwendig; und dazu gehört Reue über die vergangenen Sünden. Man kann das Heil durch schwere Sünden wieder verlieren, was dann Reue und Bekenntnis (Beichte) nötig macht. In diesem Sinne nehmen Taufe und Beichte in der katholischen Kirche einen ähnlichen Stellenwert ein wie bei den Evangelikalen das Sündergebet. Aber: Jemand, der bei seinem Tod nicht getauft oder nach einer Todsünde nicht mehr zur Beichte gekommen ist, kommt eben nicht automatisch in die Hölle. Schon in der Antike gab es das Konzept der „Begierdetaufe“: Von Katechumenen, die sich auf ihre Taufe vorbereitet hatten, aber vorher gestorben waren, nahm man  an, dass Gott ihren Wunsch zur Taufe genauso werten würde wie eine durchgeführte Taufe. „Der Wille zählt fürs Werk.“ Das Gleiche gilt für jemanden, der sagen wir mal, auf dem Weg zur Beichte überfahren wird. Dieses Konzept lässt sich erweitern auf diejenigen Menschen, denen einfach nicht bewusst ist, dass die katholische Taufe zum Heil notwendig ist. Mit anderen Worten: Gott will das Heil aller Menschen und lässt niemanden ohne persönliche schwere Schuld verlorengehen; es kann schwere Schuld sein, wenn einem Wahrheit und Moral egal sind, aber wenn jemand nach der Wahrheit sucht und dabei auf die falsche Fährte gerät, wird der gerechte Gott es ihm selbstverständlich nicht anrechnen. Pius IX. sprach hier von „unüberwindlicher Unwissenheit“, Karl Rahner später von „anonymen Christen“. Manche Leute befinden sich im Zustand dieser Unwissenheit, weil sie gar keine Ahnung vom Christentum haben, andere, weil man ihnen Vorurteile über die Kirche glaubhaft nahegebracht hat, andere vielleicht aus wieder anderen Gründen; im Endeffekt kennt nur Gott das Herz eines jeden Menschen.

Das bedeutet, dass Katholiken nicht ganz so sehr auf Bekehrungen drängen müssen wie Evangelikale, da wir auf Gottes Güte vertrauen dürfen – mit anderen Worten, dass man Menschen z. B. Zeit lassen kann, sich vom katholischen Glauben zu überzeugen. Wieso sollte man Leute drängen, eine Religion anzunehmen, bevor sie sie geprüft haben? Daher auch die von der Kirche vorgeschriebene Vorbereitungszeit vor Erwachsenentaufen. Es bedeutet auch, dass man als Katholik keine solche Dringlichkeit fühlen muss, den Nachbarn auf Gedeih und Verderb zu bekehren, weil der ja ohne eine persönliche Entscheidung für Jesus sicher in der Hölle landen würde; den Katholiken wird kein falsches schlechtes Gewissen wegen ihres mangelnden Einflusses auf andere eingeredet. Es bedeutet, dass Menschen, die sich für das Christentum interessieren, keine Angst vor Gott gemacht wird, damit sie ja jetzt sofort Christ werden – die Geschichte von oben ist wirklich nicht sehr schön, und ich weiß nicht, ob so eine Bekehrung zu einer gesunden Gottesbeziehung führt. Es bedeutet auch, dass interessierte Nichtchristen nicht abgestoßen werden von einem solchen auf Panikmache bauenden Glauben. Das mag ich so am Katholizismus: Es wird nicht geduldet, dass Gottes Gerechtigkeit, Güte und Gnade geschmälert werden.

Hier zeigt sich eben ein Problem bei der Ökumene mit den glaubenseifrigen Freikirchlern: Okay, sie ist nicht immer so anstrengend wie die nervigen offiziellen Termine mit den EKD-lern, aber es gibt doch, na ja, gewisse Differenzen, die einen größeren Unterschied ausmachen, als man auf den ersten Blick meinen würde. Und zwar nicht erst, wo es um Freikirchler geht, die der Meinung sind, dass Katholiken keine Christen sind und der Vatikan die Hure Babylon ist. Ketzer sind se halt alle noch, und wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu nachlässig gegenüber ihren Ketzereien werden.

Aber das alles kann man kaum als Argument gegen Mission hindrehen. Mission bedeutet eben ein Mitteilen der guten Nachricht, der befreienden Wahrheit über den einzigen Gott. Was kann dagegen sprechen, diese Botschaft an möglichst viele Menschen weiterzugeben? „Gott wird jemanden nicht dafür bestrafen, dass die Mission ihn nicht erreicht hat“ ist keine Begründung dafür, die Mission sein zu lassen, genausowenig wie „Du wirst nicht bestraft werden, wenn du wegen einer Krankheit nicht in die Schule kommen konntest“ ein Argument dafür ist, das Schwänzen zu ermutigen und die Anwesenheit nicht mehr zu kontrollieren. (Über den Sinn und Unsinn verschiedener Missionsmethoden kann man sich dann unterhalten…)

Rolf Krüger macht hier eine blödsinnige Dichotomie auf zwischen den Christen, die Mission wollen, weil die Leute sonst alle in die Hölle kommen, und denen, die lieber den respektvollen interreligiösen Dialog pflegen, ohne dabei den Versuch zu unternehmen, jemanden von der Wahrheit ihrer Religion zu überzeugen. Er stellt es so dar, als ob es ersteren um die Rettung des Menschen vor göttlicher Strafe ginge und letzteren um die Rettung des Menschen vor sich selbst (durch die Verbreitung der Idee von Liebe und Vergebung, der „Idee, für die Jesus steht“) – als ob die Hölle nicht gerade das wäre, was der Mensch sich selbst einbrockt und woraus Gott ihn retten will. Dass der Mensch vor sich selbst gerettet werden muss, da sind sich alle einig – Uneinigkeit besteht nur da, wo es drum geht, ob ein Religionswechsel [wenn man um die Wahrheit jener Religion weiß] dafür notwendig ist. Rolf Krüger betrachtet den christlichen Glauben nur als nette, nicht wirklich notwendige Zugabe zu dem eigentlich Wichtigen, und das ist einfach nicht so – erstens mal kann die Wahrheit nie unwichtig sein, zweitens fällt ohne sie die Idee von Liebe und Versöhnung irgendwann auseinander (z. B. wenn Menschen nicht bewusst ist, dass ihre Verbrechen ihnen von Gott vergeben werden können).