Wie man das Gehirn überlistet: Nur ein paar unsortierte Gedanken zu Psychopharmaka und Verhaltenstherapie

Ich habe ja hier schon ein paar Mal erwähnt, dass ich mit verschiedenen Ängsten und Zwängen kämpfe, deswegen im Sommer ein paar Wochen in einer Psychosomatischen Klinik war (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/12/bericht-aus-der-irrenanstalt/), und jetzt noch in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung bin. Was mich in den letzten Wochen überrascht hat, ist, wie gut die Therapie mittlerweile vorangeht; das heißt, speziell die „Hausaufgaben“, die ich jede Woche bekomme.

Wahrscheinlich würden sie ohne das Medikament, das ich in der Klinik bekommen habe und seitdem jeden Tag einnehme, nicht so gut funktionieren; ich merke, dass es mein Gehirn ruhiger und klarer werden lässt, und das ist wunderbar. Es macht das Durchdenken der Lage und das Reagieren auf sie in Angstsituationen leichter. Es gibt sicher Leute, die mit überdosierten, süchtig machenden, bei ihnen nicht wirkenden oder mit Nebenwirkungen für sie einhergehenden Psychopharmaka Probleme haben, aber ich persönlich bin inzwischen einfach nur noch dankbar für die Existenz dieser Medikamente. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die Leute heute tendenziell eher zu vorsichtig dabei sind, sie mal auszuprobieren, als dass sie sie sich zu schnell verschreiben lassen. Hat vielleicht mit dieser gewissen modischen Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun, die Leute auch homöopathische Medikamente kaufen und Impfungen ablehnen lässt. Schließlich kann die Schulmedizin ja nicht alles wissen, oder?! Oh, sie weiß immerhin einiges, habe ich gemerkt, und sie auch nicht automatisch gefährlich, weil das ja irgendwas mit „Chemie“ zu tun haben wird. (Wenn ein Spiegelei gebraten wird, hat das übrigens auch was mit Chemie zu tun. Und wenn ein homöopathisches Medikament hergestellt wird, sind da auch chemische Stoffe beteiligt, bei Arnica-Kügelchen etwa Saccharose, auch Haushaltszucker genannt (und sonst nichts). (Aber die Unsinnigkeit der Homöopathie ist ein Thema für ein anderes Mal…)) Also, alles in allem: Klare Empfehlung für Psychopharmaka, wenn man sie braucht! Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie – bitte wirklich – Ihren Arzt oder Apotheker.

Jetzt zur Therapie. Ich tue mir mittlerweile leichter dabei, nicht mehr (so oft) wütend auf mich zu werden, weil ich einfach nur blöd bin und mich bescheuert verhalte und nichts hinkriege, was normale Leute hinkriegen. Vielleicht ist es auch hier einfach das Medikament, das mich ein bisschen ruhiger, müder und gleichgültiger macht, vielleicht ist mein Unterbewusstsein aber auch tatsächlich dabei, was zu kapieren. Jedenfalls funktioniert die Verhaltenstherapie vor allem mit Geduld, und da muss ich eben akzeptieren, dass ich Geduld haben muss. Kleine Schritte. Eine naheliegende, erträgliche Angstsituation angehen, und das jeden oder fast jeden Tag. Nach einer Woche eine kleine Steigerung. Weiter jeden Tag üben. Nach einer Woche die nächste kleine Steigerung. Und ja, ich rede hier von kleinen Sachen, die normale Leute wirklich selbstverständlich jeden Tag hinkriegen. Aber hey – ich darf trotzdem zufrieden sein, wenn ich’s schaffe, wo ich’s vorher nicht geschafft hätte. Wenn man sich dann sagt „Das war ja gar nichts, jetzt schau mal, dass es ordentliche weitere Fortschritte gibt, dann darfst du dir vielleicht irgendwann selber ein ‚Ausreichend‘ geben“, hilft das auch nichts dabei, weiter Fortschritte zu machen. Wenn man die Übungen in kleinen Schritten angeht, tritt jedenfalls irgendwann ein ganz wunderbarer Gewöhnungseffekt ein, den ich zurzeit gerade an mir merke. Wir wissen ja, der Mensch gewöhnt an sich an alles. Was man die letzten sechs Tage lang gemacht hat, verliert schließlich seinen Schrecken.

Wobei das hier auch wieder nicht ganz so einfach ist: Man sollte sich vor der Übung auch selber klarmachen, dass xyz vernünftig betrachtet eigentlich völlig ungefährlich ist, man sich also ruhig dafür entscheiden kann, es zu machen; wenn man sich vorher in Panik hineinsteigert, sich dann doch – eigentlich gegen seinen Willen – von anderen dazu überreden lässt, es zu probieren, und hinterher dann höchstens das Gefühl hat, dass man vielleicht diesmal zufällig gerade noch der Gefahr entronnen ist, wird der Gewöhnungseffekt doch erheblich behindert. Vielleicht kann man hier den Begriff „Autosuggestion“ verwenden, auch wenn ich nicht weiß, ob die Psychologen den dafür hernehmen. Um solche Autosuggestion hinzukriegen, ist es natürlich sinnvoll, sich über die reale Gefährlichkeit der gefürchteten Dinge vorher genau zu informieren. Dann kann man sich nämlich praktisch mit Gewissheit selber einreden, nein, keine Angst, die Wahrscheinlichkeit ist 99,996%, dass nichts passieren wird. Und ja, die 0,004% Restwahrscheinlichkeit muss man einfach aushalten lernen. Absolute Sicherheit wird es nicht geben, da hilft nichts. (Das ist auch eine Wahrheit, die mir die katholische Theologie schon seit Jahren einzuhämmern scheint. Absolute Sicherheit – vor Leid, vor Enttäuschungen durch andere, etc. – kann man sich als Mensch in dieser Welt durch alle Vorsichtsmaßnahmen nicht selbst erarbeiten. Aber Sicherheit ist auch nicht das höchste Gut in dieser Welt oder das Ziel des menschlichen Lebens. (Mann, wie einen die Wahrheit in gewissen Augenblicken ankotzen kann.))

Geduld, kleine Schritte, die man wirklich hinkriegen kann. Regelmäßigkeit, Planung. Autosuggestion, eine eigene Entscheidung treffen, sich der anerkanntermaßen unvernünftigen Angst zu stellen. Restwahrscheinlichkeit aushalten. Alles eigentlich im Prinzip recht simpel. (In der Theorie.)

Ich glaube, ich habe inzwischen auch mehr oder weniger akzeptiert, dass die Ängste auch durch diese Therapie nicht einfach verschwinden werden, sondern dass ich eher Mechanismen lerne, mit ihnen umzugehen, wie die Therapeutin mir klar gemacht hat, und dass manche Dinge immer anstrengend sein werden. Ich erwarte eigentlich auch nicht mehr, irgendwann „ganz normal“, ganz gesund, zu sein, aber ich will das Zeug zumindest einigermaßen unter Kontrolle haben. Und da bin ich mittlerweile optimistischer als etwa noch im Sommer, dass das funktionieren kann. Ich bin jetzt sicher noch nicht so weit, dass ich zufrieden mit dem Ergebnis wäre, aber ich habe gemerkt, dass ich anscheinend tatsächliche, anhaltende Fortschritte machen kann, und nicht immer wieder zurückfalle, wie ich vorher oft das Gefühl hatte. Das ist doch schon mal etwas. Ich hoffe nur, dass es so bleibt. Sicherheit gibt es nicht…

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Bericht aus der Irrenanstalt

Ich befinde mich inzwischen seit vier Wochen in einer Psychosomatischen Klinik, und werde noch weitere zwei Wochen hier sein. Da dachte ich mir, ich gebe meinen Lesern mal einen kurzen exklusiven Lagebericht.

Die Klinik, in der ich bin, gehört zu den hiesigen Bezirkskliniken und unterscheidet sich in der Praxis wahrscheinlich nicht allzu sehr von der standardmäßigen Psychiatrie, abgesehen davon, dass es hier keine Abteilung für die schwereren Fälle wie Psychosen und Schizophrenien gibt, keine geschlossene Abteilung für die akut Selbstmordgefährdeten, und keine forensische (ebenfalls geschlossene) für die Straftäter. Das hier ist eine kleinere Klinik für die leichteren Fälle: Angststörungen, Zwangsstörungen, Burnout, Depressionen, usw.

Das Gebäude ist schön gelegen, hell und modern eingerichtet, es gibt einen großen Garten mit Bäumen und Blumenbeeten, Liegestühlen und Sonnenschirmen, und einer großen Terrasse. Das Essen ist wirklich gut, abgesehen vielleicht von den kleinen Portionen in Plastikpäckchen abgepacktem Honig, die es beim Frühstücksbuffet gibt. Untergebracht ist man in hübsch ausgestatteten Einzel- oder Zweierzimmern (ja, ja, auch in solchen Kliniken macht sich unser Krankenkassensystem bemerkbar). Es gibt einen Fitnessraum und einen Sportraum, weil, wie ich hier erfahren habe, Sport als gutes Antidepressivum wirken soll, eine Bibliothek, aus der ich dieses großartige Werk der hohen Literatur her habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/07/26/ein-bisschen-scheiterhaufen-muss-sein/), einen Fernsehraum, eine Lounge mit Kaffeeautomat, Heißwasserautomat, Obstkorb und Süßigkeiten, und sogar einen Saunabereich (Sauna ist nicht meins, aber das hat schon irgendwie was, oder?). Oh, und es gibt eine Kapelle im obersten Stock, in der leider nie Gottesdienste stattzufinden scheinen, sondern höchstens die Gesangsgruppe, wenn der Gruppenraum zu klein für die Anzahl der Teilnehmer ist, die aber sehr schön eingerichtet ist und wunderschöne Kreuzwegstationen enthält. Ich werde hier mal noch Fotos nachliefern.

Die meisten der Patienten, ich auch, bekommen von den Ärzten Psychopharmaka verschrieben – in so geringer Dosis wie möglich. Es handelt sich um keine Wunderpillen und keine persönlichkeitsverändernden Mittel, mein Medikament wirkt etwas beruhigend und stimmungsaufhellend, und hat die einzige Nebenwirkung, dass ich etwas müder bin als zuvor.

Was die Therapien angeht, da gibt es pro Woche 50 Minuten Einzelgespräch mit einem Psychotherapeuten; der Fokus liegt auf den Gruppenveranstaltungen. Zusätzlich zur normalen Gruppentherapie gibt es Gruppen, die sich auf bestimmte Probleme konzentrieren (z. B. Ängste), oder die mit bestimmten Methoden arbeiten (Musiktherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie, Ergotherapie). Für diese Gruppen wird man je nach Bedarf von seinem Therapeuten eingeteilt. Es kann in den Gruppensitzungen um ganz verschiedene Themen gehen: Selbstwert und Selbstannahme, sozial angemessenes Verhalten, richtige Kommunikation, Autonomie, den Angstkreislauf, die Reaktion des Körpers auf psychische Probleme, Techniken für die Vorbereitung auf Panikattacken oder andere Krisen…

Ich habe mal einen Bericht über eine Jugendpsychiatrie gesehen, in der nachts alle zwei Stunden kurz jemand ins Zimmer gesehen hat und in der man sein Handy nur für eine Stunde am Tag bekommen hat. Hier ist das nicht so; vielleicht, weil das hier eine Einrichtung für Erwachsene ist, vielleicht, weil Kliniken das unterschiedlich handhaben, vielleicht, weil in dieser Psychiatrie Patienten mit weniger gravierenden Krankheiten sind als in jener. Ein paar Dinge sind hier anders als in der tpyischen Reha-Klinik, in die man nach einem Bandscheibenvorfall eingewiesen wird, das schon. Zum Beispiel sollen Besucher nicht mit auf die Zimmer kommen, weil die ein geschützter, privater Raum für den anderen Zimmergenossen sein sollen, wo nicht plötzlich die ganze Verwandtschaft des einen Zimmergenossen drin stehen soll. Setzt man sich mit seinen Besuchern eben in die Lounge oder auf die Terrasse.

Und ja, wir laufen hier alle frei herum. Wenn man die Klinik für länger als eine Stunde verlässt, soll man sich in eine Liste eintragen, und am Wochenende, wenn keine Therapien stattfinden, hat man sich morgens nach dem Frühstück kurz beim Pflegepersonal zu melden, um Bescheid zu geben, wie es einem geht und was man für den Tag geplant hat. That’s it. Letztens hat ein Therapeut in einer meiner Gruppen mal von einem Tag der offenen Tür erzählt, der kurz vor der Eröffnung der Klinik stattgefunden hat (die noch nicht lange her ist). Offenbar haben Leute aus dem Dorf damals tatsächlich gefragt, ob die Patienten denn hier alle frei herumlaufen dürfen. Ja, doch, das dürfen wir. Zwischen den Therapien gehen die Leute hier gerne mal ins Dorf runter, einkaufen oder in ein Café. Viele nutzen den Samstag- oder Sonntagnachmittag, um ein paar Stunden nach Hause zu ihrer Familie zu fahren oder einen Ausflug in der Umgebung zu machen; andere bleiben in der Klinik und setzen sich mit einem Buch auf einen Liegestuhl draußen. Besuch kann man hier übrigens auch jederzeit bekommen, und wenn man den Aufenthalt aus welchem Grund auch immer beenden möchte, kann man vorzeitig entlassen werden. (Zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen werden kann man nur im Fall akuter Selbst- oder Fremdgefährdung – also nicht, wenn man sich z. B. mal denkt, man würde eigentlich gerne sterben, sondern eher, wenn die Polizei einen gerade so noch davon abhalten konnte, von einer Brücke zu springen -, und dann würde man nicht in diese Einrichtung hier eingewiesen werden.)

Die Patienten hier sind sehr unterschiedlich. Eine alleinerziehende Lehrerin, eine Rentnerin, ein Schreiner, eine Verkäuferin Mitte zwanzig, eine junge Schwangere… alles dabei. Die allermeisten haben Familie, viele der älteren Patienten haben einen Ehepartner und eigene Kinder. Der Altersdurchschnitt liegt vermutlich bei vierzig oder fünfzig, aber es sind auch mehrere jüngere Leute in meinem Alter hier, und ein paar ältere über sechzig.

Den meisten hier würde man es, wenn man sie auf der Straße sähe, nie ansehen, dass sie psychische Probleme haben. Ja, auch Leute, die an Depressionen oder Panikattacken leiden, können äußerlich gepflegt sein, lächeln und fröhliche Gespräche führen. Es geht ihnen auch nicht pausenlos schlecht.

Bei ein paar wenigen Patienten merkt man es eher, dass es ihnen nicht gut geht: Sie bewegen sich sehr langsam, sprechen kaum, sehen meistens so aus, als ob sie gerade geweint oder schlecht geschlafen hätten, oder sitzen beim Essen im Speisesaal meistens lieber allein. Natürlich hat jeder hier so seine Krankheit. Und hier kann man sich mit Menschen unterhalten, die das verstehen, also gibt es öfter mal Gespräche darüber, dass man in dieser Nacht bloß mit einem abhängig machenden Beruhigungsmittel schlafen konnte (zu meinem großen Glück etwas, womit ich noch nie Probleme hatte!), oder dass man Konzentrationsprobleme hat, oder dass man vorhin in der und der Gruppe eine Panikattacke hatte, oder dass einem diese oder jene ganz normale Alltagsaufgabe schwerfällt. In gewisser Weise hilft es, zu merken, dass man nicht allein ist mit Problemen solcher Art – auch wenn es natürlich an sich nicht gerade toll ist, dass noch mehr Leute dieselben Probleme erleben müssen. Aber hier gibt es jedenfalls viel Verständnis. (Natürlich redet man auch nicht nur über seine Krankheiten. Ich habe hier auch schon Gespräche über Altgriechisch, die Kreuzzüge, Häkeltechniken und Berufspläne geführt.)

Das Ganze hier dauert für gewöhnlich sechs Wochen und wird ab und zu um zwei oder drei Wochen verlängert. Das Konzept ist, die Patienten für eine begrenzte Zeit aus dem Alltag herauszunehmen und sie in dieser Zeit intensiv mit Therapien zu begleiten, damit sie dann wieder ins normale Leben zurückgehen können. Einige sind nach ihrer Entlassung noch eine Zeitlang krankgeschrieben und für gewöhnlich macht man mit ambulanter Therapie weiter.

Der Weg in die Klinik war übrigens ziemlich einfach. Die Psychotherapeutin schlägt eine stationäre Therapie vor, man ringt sich schließlich dazu durch, fragt bei der Klinik an, in die man möchte, bekommt einen Brief, wann der nächste Platz frei ist (ein paar Wochen später), telefoniert noch ein paar Mal mit der Rezeption, holt sich eine Einweisung vom Hausarzt, und fährt dann an dem entsprechenden Termin hin. (Bei akuten psychiatrischen Erkrankungen wird der Weg wohl anders und schneller verlaufen.) In den ersten Tagen hat man dann die Aufnahmegespräche mit den Ärzten und den Psychotherapeuten, d. h., man muss zwei oder drei Mal seine Krankengeschichte erzählen und wird solche Dinge gefragt, wie, hat man schon einmal ein Psychopharmakum genommen, hat man schon einmal an Selbstmord gedacht, leidet man an Schlafstörungen, oder hört man manchmal Stimmen. (Ja, auch so etwas kann einem „normalen Menschen“ passieren. Mir zum Glück noch nicht, aber das ist gar nicht mal so selten, wie man glauben könnte.) Man wird von einem anderen Patienten, der sich als „Pate“ dazu bereiterklärt hat, durchs Haus geführt, und die Kunst-, Musik-, Ergo- und Sporttherapeuten geben allen Neulingen eine kurze Einführung in das, was sie so machen. Wenn alles das dann durch ist, erstellt der zuständige Therapeut einen Wochenplan für einen und es geht mit den normalen Therapien – wie oben beschrieben – weiter.

Ich habe den Eindruck, dass diese Therapien, und nicht zuletzt auch mein neues Medikament, mir inzwischen schon geholfen haben, und bin mal gespannt, wie es dann in zwei Wochen mit mir weitergehen wird, wenn ich wieder draußen sein werde.

Und das war’s auch schon! Interessanteres oder Spektakuläreres habe ich nicht zu berichten.

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Eine Blume in einem der Blumenbeete im Garten der Klinik. Keine Ahnung, was für eine. Sie hat mir einfach gefallen.

 

Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts aus Sicht eines Menschen mit Todeswunsch

Sie ist schlecht, schlecht, schlecht. Das denke ich.

Sehen Sie, ich bin depressiv, seit einiger Zeit. Man könnte außerdem sagen, ich leide an einer unheilbaren Krankheit – damit meine ich nicht meine Depression, sondern eine körperliche Krankheit, die die Depression mit bedingt hat. (Wenn es einem schlecht geht, ist man nie gut drauf.) Oh, ich meine keine tödliche Krankheit. Ich meine eine unheilbare – d. h. eine chronische, die ich bis zu meinem Lebensende, bis zu dem es statistisch gesehen durchaus noch 60 Jahre dauern könnte, nicht loswerden werde, jedenfalls nicht nach dem heutigen Stand der Medizin. Im Alltag sehr störend, aber sicher nicht tödlich.

Und, wie gesagt, ich bin depressiv. Zu meiner Depression gehört auch ein gewisser Todeswunsch. Ich habe keine Selbstmordpläne, sehen Sie, ich plane, mich nicht umzubringen – es besteht noch kein Grund, mich stationär behandeln zu lassen. (Ich habe mir übrigens inzwischen psychologische Hilfe gesucht, keine Angst.) Aber der Gedanke an den Tod hat für mich überhaupt nichts Beängstigendes an sich, im Gegenteil. Wenn ich einen Unfall haben und sofort sterben könnte – oh, das wäre schön. Na ja, es gibt da natürlich auch noch so Ängste, was das Jenseits angeht, die ich auch noch habe, aber sagen wir mal, wenn ich frisch von der Beichte einen Unfall haben könnte, das Fegefeuer dann nicht zu lang ausfiele, und so – oh, das wäre schön. Ich sehne mich nach Ruhe, ich sehne mich nach Schlaf, ich sehne mich nach Frieden und nach Sicherheit.

Klar, es gibt manche Dinge, die dann schade wären. Ich könnte manche Dinge nicht mehr vollenden, die ich angefangen habe – hatte ich schon mal erwähnt, dass ich Hobbyschriftstellerin bin und im Moment an einer Roman-Trilogie arbeite, die ich erst halb fertig habe, und die ich gerne irgendwann ganz fertig hätte und auch versuchsweise mal an einen Verlag schicken wollen würde? Es gibt noch andere Dinge. Und meine Familie wäre da natürlich. Das ist auch einer der wichtigsten Gründe, wieso ich mich nicht töten werde – ich will das meiner Familie nicht antun.

Aber wenn das Schreiben und diese Dinge nicht wären, wenn ich keine Familie hätte, und vor allem, wenn es nicht vor Gott falsch wäre (was es aber leider ist), ein tödliches Medikament zu nehmen – dann würde ich das gerne tun. Das wäre schön. Ich hoffe immer wieder, dass ich nicht mehr so arg lange leben muss. Ja, mit Anfang zwanzig. (Viel Glück dabei.)

Na ja, da ich so denke, könnte man nun ja meinen, ich würde die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts pro Sterbehilfe begrüßen. Das tue ich nicht. Sehen Sie, ich habe meine fünf Sinne noch so weit zusammen, dass ich weiß, dass ich psychisch krank bin. Wenn ich noch kränker wäre, wäre das vielleicht nicht mehr der Fall, aber ich würde noch mehr leiden, und vielleicht nach Sterbehilfe verlangen. Und ich will nicht, dass man mir in einem solchen Fall eine Giftspritze verabreichen würde. Das heißt, ich will es in gewissem Sinne schon – ich fände es schön; ich finde den Gedanken sogar schrecklich, Leid ausgeliefert zu sein, dem andere Menschen nicht abhelfen werden, auch wenn ich sie darum verzweifelt bitten würde. Aber ich lehne es rational als falsch ab. Man müsste mir in so einem Fall auf andere Weise helfen. (Zum Beispiel damit, meine körperliche Krankheit ernst zu nehmen, wobei Ärzte nicht immer vorne mit dabei sind.)

Zuallererst liegt der Grund für meine Einstellung natürlich in meinem Glauben. Ich glaube, dass es einen Sinn haben muss, wieso Gott mir dieses Leben, das ich nicht wirklich mag, sondern eher ertrage, noch zumutet. Ich habe Angst vor meinem weiteren Leben, und ich mag es nicht besonders, aber ich sehe rein rational, dass es einen Sinn haben muss. Ich glaube, dass auch Leiden einen Sinn haben muss, dass Gott, der selber so gelitten hat, einen Sinn daraus entstehen lassen kann, auch wenn es schrecklich ist, und dass ich nicht das Recht habe, „Gott zu spielen“, und mich selbst zu schädigen oder zu töten. Dass ich mir auch selbst die Liebe schuldig bin, die ich allen Menschen schulde – liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich will außerdem nicht, dass geistig gesunde Menschen leidende Menschen töten oder ihnen zum Selbstmord verhelfen, um ihretwillen – ich will nicht, dass sie diese Schuld auf sich laden. Ich würde nicht wollen, dass jemand mir zum Sterben „verhilft“; er würde damit eine schwere Schuld auf sich laden, und das will ich nicht.

Dann ist da natürlich noch die theoretische Möglichkeit – an die ich zwar im Moment nicht wirklich glaube, aber sei’s drum – dass es im Lauf der Zeit wieder besser werden könnte. Dass man eine Medizin gegen meine Krankheit findet, dass meine Depression irgendwann weggeht (ja, Depressionen kann man behandeln). Jedenfalls bin ich durchaus ganz froh, dass ich von meinem Umfeld nicht einfach zu hören kriege „Dann kannst du dich ja umbringen“, sondern dass man mir hilft, mit meiner Krankheit umzugehen und meine Depression loszuwerden. Vielleicht werde ich irgendwann einmal auch wirklich froh sein, noch am Leben zu sein.

Dann sind da noch andere, mehr allgemeine Gründe. Was würde geschehen, wenn Sterbehilfe normal würde? Ganz einfach, das, was in den Niederlanden geschieht. Es würde erwartet werden, sie in Anspruch zu nehmen, vor allem von alten, dementen oder von behinderten Menschen, die bloß noch Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Sie denken, ich übertreibe? Dann überlegen Sie mal, wieso Rentner die Niederlande verlassen. Der Druck würde steigen. Man würde sich weniger darum kümmern, Behandlungsmethoden zu finden, ordentliche Mittel zur Schmerzbekämpfung und so weiter, man würde die Palliativmedizin zurückschrauben, die Suizidprävention natürlich erst recht.

Und Sterbehilfe würde auch für Menschen wie mich nach und nach normal werden. Ich bin „unheilbar krank“, ich leide (auch psychisch, was ebenso real ist wie physisch; und ja, es haben in anderen Ländern schon Menschen wegen psychischer Krankheiten Sterbehilfe erhalten). Wer kann sagen, dass mein Leiden nicht genug ist, um zu zählen? Überhaupt – wieso muss man leiden, um einen selbstbestimmten Tod sterben zu dürfen, wenn die Selbstbestimmung so wichtig ist – ja, angeblich sogar im Grundgesetz garantiert? (Nebenbei, diese Auslegung des Grundgesetzes ist aus meiner Sicht lachhaft. (Und ja, ich habe keine Ahnung von Jura.) Die dort garantierte Selbstbestimmung ist bekanntlich nicht absolut, und wenn sie es nicht ist, dann können Richter, solange das gesetzlich nicht geregelt ist, auch nicht einfach erklären, dass sie zwangsläufig das Recht auf Selbsttötung umfasst, vor allem nicht in dem Sinne, dass der Staat dabei behilflich sein muss. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Verfasser des Grundgesetzes auch nur daran gedacht hätten, dass Hilfe durch das Gesundheitssystem zum Selbstmord unter das Selbstbestimmungsrecht fallen könnte? A propos Verfassungsrecht: Wer hat diesen Richtern, anstelle z. B. des gewählten Parlaments, die Vollmacht gegeben, solche Entscheidungen zu treffen?) Wenn diese Selbstbestimmung so wichtig wäre – wie könnte man es dann noch rechtfertigen, Menschen, die sich ritzen, oder magersüchtige Mädchen, die sich halb zu Tode hungern, oder Menschen, die drohen, sich umzubringen, in eine Psychiatrie einweisen zu lassen? Eine solche Behandlung hilft und tut gut, ich weiß das von Bekannten, die selbst schon eine Zeitlang stationär behandelt wurden (ich selber musste noch nicht in die Psychiatrie, und mir persönlich wäre es auch lieber, das zu vermeiden, aber nicht, weil ich Vorurteile gegen ein „Irrenhaus“ habe, sondern weil ich lieber daheim bei meiner Familie sein will und aus anderen persönlichen Gründen; aber die Psychiatrie ist an sich etwas sehr Gutes, wo sich um einen gekümmert wird, und ich kann mir gut vorstellen, dass es für andere psychisch kranke Menschen sogar eine Erleichterung ist, wenn man ihnen vorschlägt, ob nicht ein stationärer Aufenthalt für einige Wochen ihnen vielleicht helfen würde). Aber wie könnte man es rechtfertigen, Menschen ins BKH einweisen zu lassen, wenn Selbstbestimmung alles ist? Die Antwort muss lauten, sie darf nicht alles sein.

Die Rede von der Selbstbestimmung ist ein Mythos, sehen Sie. Die allermeisten Selbstmörder sind depressiv. Sie sind nicht selbstbestimmt. Ein Verwandter von mir ist vor ein paar Jahren durch Selbstmord ums Leben gekommen. Ich weiß noch, dass auf seiner Beerdigung (der aus Indien stammende Dorfpfarrer sagte in der Messe kein Wort über seine Todesursache, und auch niemand von der Verwandtschaft erwähnte etwas davon) seine Chefin am Grab, als alle noch anstanden, um Weihwasser aus dem kleinen danebenstehenden Becken auf den Sarg zu spritzen und sich dabei zu bekreuzigen, wenn sie an der Reihe waren, wie man das eben bei Beerdigungen so macht, als sie an der Reihe war, kurz so etwas sagte, wie, dass er bis zuletzt selbstbestimmt gewesen sei. Sie hielt das wohl für irgendwie tröstlich oder so. Wie bitte?, dachte ich mir schon damals. Mein Verwandter war nicht selbstbestimmt gewesen, er war nicht selbstbestimmt gestorben. Er hatte offensichtlich an einer schweren Depression gelitten, die er vor der Welt verborgen hatte, er hatte es nicht mehr geschafft, sein Haus auch nur ein bisschen in Ordnung zu halten, und schließlich hatte er sich erhängt, weil er seinen psychischen Schmerz nicht mehr ausgehalten haben muss. Das hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun, gar nichts.

Kann ich meine Leser an dieser Stelle bitten, ein kurzes Gebet für meinen Verwandten zu sprechen? Ich bete auch immer wieder für ihn, und ich hoffe, dass er jetzt dort ist, wo alle Schmerzen und alle Leiden ein Ende haben, wo alle Tränen abgewischt werden, wo der Tod nicht mehr sein wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.

Ich hoffe, dass ich auch irgendwann dort sein werde, aber jetzt ist meine Zeit wohl noch nicht gekommen, und es ist nicht an mir, zu entscheiden, wann sie gekommen ist. Ich will irgendwann bei Jesus sein, aber dann, wenn Er es für richtig hält, nicht dann, wenn ich es für richtig halte.

 

Falls das hier jemand liest, der selber Selbstmordgedanken hat: Hier ist die Telefonnummer der Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de/); dort muss 24 Stunden am Tag jemand zu erreichen sein, selbstverständlich anonym, und selbstverständlich auch für Leute ohne jede Kirchenzugehörigkeit: 0800 111 0 111 Es gibt auf deren Internetseite auch Mailberatung und Chatberatung. Und hier ist eine Seite, die bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz hilft, und einige Informationen zur Psychotherapie bietet: http://www.psychotherapiesuche.de/ Nicht die Hoffnung verlieren! Man kann was machen, und schon Reden hilft oft, wirklich; und Psychotherapie ist übrigens auch nicht zwangsläufig nur Psychoanalyse („Hat es vielleicht ein Kindheitstrauma ausgelöst, dass Sie als Baby einmal nicht ordentlich gewickelt wurden?“ Sorry, ich habe gewisse Vorurteile gegen Psychoanalyse; ich weiß, dass sie nicht zwangsläufig so ist. Aber jedenfalls, es gibt auch Psychotherapieformen, die meiner persönlichen Ansicht nach wesentlich besser helfen als Psychoanalyse. Verhaltenstherapie zum Beispiel.) Mich darf man übrigens auch gerne über die „Contact“-Seite kontaktieren, auch wenn ich als Laiin wohl nicht wirklich helfen kann. Normalerweise schaffe ich es, wenigstens regelmäßig daran zu denken, meine E-Mails nachzuschauen…

 

PS: Es wäre nett, wenn ihr diesen Beitrag teilen könntet.

Psychologie der Beichte

Der katholische Psychiater Raphael Bonelli über Psychologie und Beichte: Was sind Unterschiede, was Gemeinsamkeiten, wofür ist das eine da, wofür das andere, welche psychologische Wirkung hat die Beichte? Sehr Interessantes über das Gleichnis vom Verlorenen Sohn, Selbstbetrug und Selbsterkenntnis, usw.

Ein paar Zitate:

„Die Psyche ist das, was zwischen dem Körper und der Seele ist. […] Und die Psyche ist abhängig vom Körper, im Sinn, dass sie abhängig ist vom Gehirn. Die Psyche hat Depressionen; das hat nicht die Seele, das ist eine psychische Funktion. Das ist sozusagen die Befindlichkeit. […] in der Seele, oder auch im Herzen, entscheidet sich der Mensch dazu, eine gute oder eine schlechte Tat zu tun. Aber mit der Psyche ist er depressiv, oder manisch, oder schizophren, oder sonst irgendwas. […] Es gibt depressive Heilige. Und es gibt glückliche Verbrecher. Ja, die gibt’s. Es muss nicht jeder, der was Schlechtes macht, gleich auch unglücklich sein. […] Das Seelenheil ist nicht die Befindlichkeit.“

„Und da fällt mir auf, dass dieses schwindende Selbstvertrauen der Priester […] auch damit zusammenhängt, dass sie diese Würde nicht mehr ausstrahlen können, diese Väterlichkeit. […] Ein Priester muss ein Auftreten haben, dass man normalerweise den Affekt hat, ‚Wow, bei dem würd ich gerne beichten‘. […] Und das kriegt der originelle Messgestalter nicht hin, oder der coole Junggeselle, oder der, der sich bemüht, dass alle wissen, dass er eh ganz normal ist. Der ist dann so normal, dass man sagt, also, das wär mir peinlich, wenn der jetzt meine Sünden erfährt. […] Wenn der Priester krampfhaft versucht, ganz normal zu sein, dann nimmt er sich, was er eigentlich hat.“

„Eltern sind super. Eltern sind an allem schuld. […] Ein Drama ist zum Beispiel diese schizophrenogene Mutter, die die Psychoanalytiker erfunden haben, also d. h. die Mutter, die schuld ist an der Schizophrenie des Kindes. Ich hab Mütter schon so heulen sehen […] Da gibt’s Selbstmorde deswegen, wegen der schizophrenogenen Mutter. Gott sei dank haben die Analytiker in der Zwischenzeit diese Hypothese wieder fallen lassen.  Aber in den Köpfen vieler Leute spukt das noch herum, dass die Eltern an allem Möglichen schuld sind. […] Dieses Wort ‚ekklesiogene Neurose‘ sagt ja auch, ich kann nichts dafür, die böse Kirche macht mich kaputt. Diese Fremdbeschuldigung […] ist etwas, was die Menschen extrem unfrei macht, weil dadurch kommst du ja gar nicht mehr raus.“

„Und dann gibt’s noch etwas, das in der Gesellschaft, und besonders in der Psychotherapie sehr präsent ist, und zwar das Selbstwertgefühl. Jeder von ihnen hat eins und alle sind zu weit unten. […] Ich hör das ständig, in allen psychologischen Gutachten steht ‚Patient hat eine Selbstwertproblematik‘, das klingt besonders g’scheit, und das stimmt auch manchmal, aber das stimmt nicht immer. […] In vielen Psychotherapien – jetzt nicht in der Verhaltenstherapie, aber in vielen Psychotherapieformen – ist die Hebung des Selbstwertgefühls die Lösung für alles. Und eigentlich muss man sich ja auch fragen: ‚tschuldigung, es muss ja auch noch was mit der Wahrheit zu tun haben. […] Wir bewegen uns genau in die Richtung einer Gesellschaft, die sich für extrem super hält, und alle, die sich nicht für extrem super halten, die sind schon krank. Die brauchen mehr Selbstwertgefühl. Und gesund sind sie, wenn sie sich super finden. […] Was die Kirche da anzubieten hat, das nennt man Gotteskindschaft. Das ist eine Stabilität zwischen: Ich bin zwar nicht der Allerbeste […] aber andererseits bin ich nicht der letzte Dreck. Weil die Alternative für ein agnostisches Wesen ist: entweder ich bin der Beste oder ich bin gar nichts.“

„Dann schafft man es [durch regelmäßiges Beichten], dass die eigene Tat nicht mehr schicksalhaft erlebt wird, also als etwas, das einfach so passiert, sondern dass eine rationale Steuerung und Beurteilung möglich ist. Und das macht dann ein gesundes Selbstbewusstsein. Also nicht ein übersteigertes, narzisstisches, sondern ein gesundes Bewusstsein der Gotteskindschaft. Und dadurch wird man auch dankbar gegenüber einem großen Gott, der verzeiht. Der muss nicht verzeihen, weil ich so super bin […], sondern der verzeiht, weil er so gütig ist. Dann versteht man auch erst die Barmherzigkeit Gottes so richtig. Und dann kommt eine echte Freude auf.“

Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 6: Skrupulosität aus psychologischer Sicht

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/

 

Auch die Psychologie hat sich des Themas Skrupulosität inzwischen angenommen. Man hüte sich vor der Annahme, Psychologen seien immer noch auf dem Stand Sigmund Freuds, was ihre Ansichten zur Religion angeht. Tatsächlich hat die Psychologie der letzten Jahre und Jahrzehnte das Thema Zwangsstörungen eingehend wissenschaftlich erforscht und dabei festgestellt, dass die Seelenführer der alten Zeiten gar nicht mal daneben lagen mit ihren Einsichten. Die Wissenschaft ist auf unserer Seite. Das ist richtige Wissenschaft doch sowieso.

Heutige Therapeuten respektieren die Religion ihrer Klienten in aller Regel, oder sie sollten es wenigstens tun. Seriöse Publikationen behaupten nicht, dass Religion oder Moral Zwangsstörungen auslöse (außer, in einem bestimmten religiösen Umfeld herrscht eine ängstliche Überbetonung des absolut korrekten Einhaltens der Gebote), und es ist anerkanntermaßen nicht Aufgabe eines Therapeuten, Wertmaßstäbe für eine andere Person festzulegen. Derer muss sich der Klient selbst – evtl. in Absprache mit einem Geistlichen seiner Religion – klar werden. Aufgabe eines Therapeuten ist es dann, dabei zu helfen, die Skrupel loszuwerden, da sie eben gerade nicht den eigenen Wertmaßstäben entsprechen. Skrupulosität ist eine psychische Krankheit, und wenn eine Krankheit entsprechend belastend wird, geht man zum Arzt. Eine Psychotherapie kann deshalb in einigen Fällen sehr hilfreich sein. Es gibt übrigens auch hilfreiche Anleitungen zur Selbsthilfe bei Zwangsstörungen zu kaufen.

Man sollte, wenn nötig, jedenfalls keine Angst davor haben, sich auch einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. Weder wird ein guter Therapeut einem einreden wollen, die Kirche zu verlassen, noch wird er durch die Schilderung der Skrupel einen schlechten Eindruck von der Kirche bekommen, an dem man dann schuld wäre. (Er sollte im Studium schon von religiösen Neurosen gehört haben. Und seinen eigenen möglichen Einfluss zum Schaden seiner Mitmenschen muss man auch nicht immer gar so hoch einschätzen. Die anderen Leute können selber denken und an die denkt Gott auch. (Das ist eine allgemeine Regel, die Skrupulanten vor allem dann beherzigen sollten, wenn es um die „correctio fraterna“, die brüderliche Zurechtweisung geht. Wenn wir denken, andere kommen sicher in die Hölle, weil wir sie nicht auf dieses oder jenes hingewiesen haben, überschätzen wir uns.))

Es ist erwiesen, dass bei Zwangsstörungen eine Verhaltenstherapie am besten hilft. Das heißt, es wird nicht analysiert, woher Ängste und Zwänge kommen, sondern es wird einfach daran gearbeitet, das tägliche Verhalten zu ändern. Dabei muss man üben, seine Ängste zu konfrontieren, ohne dann zu einer Zwangshandlung Zuflucht zu nehmen. Das heißt, man muss, wenn man zum Beispiel fürchtet, durch Händeschütteln gefährliche Bakterien an andere zu übertragen und hier die Möglichkeit einer Todsünde sieht, gerade mit Absicht möglichst vielen Menschen in der Kirche die Hand zum Friedensgruß reichen und danach zur Kommunion gehen, auch wenn das skrupulöse Gewissen einem einreden will, man sei nun nicht mehr im Stand der Gnade. Und dann darf man hinterher nicht zur Beichte gehen oder irgendwelche Gebete verrichten, um die doppelte Sünde (Bakterienübertragung und sakrilegische Kommunion), die man sich nun einbildet, wieder loszuwerden. Stattdessen wartet man einige Wochen bis zur nächsten Beichte und erwähnt dann nur die sicheren Sünden – und die beiden eingebildeten nicht.

Das kostet Überwindung. Skrupulosität ist schwieriger zu besiegen als andere Zwangsstörungen, glaube ich – erstens, weil man nicht irgendein Unglück, sondern ein moralisches Fehlverhalten fürchtet, und zweitens, weil die möglichen Konsequenzen (Hölle) so schlimm sind, dass man sich sagt, man geht lieber auf Nummer sicher, egal was ein Therapeut oder ein Familienmitglied oder auch der Pfarrer sagt. Es schadet doch nichts, wenn man zur Beichte geht… nur… nur vorsichtshalber; lieber kommt man mit der Skrupulosität aus, als dass man die ewige Verdammnis riskiert. Sagt man sich. Aber das ist Unsinn. Und Skrupulosität schadet sehr wohl. Man muss sich das klarmachen, sich Ziele setzen, und konkrete Übungen angehen. Regelmäßig. Immer wieder. Am besten mit jemandem, der es einem nicht durchgehen lässt, sich gehen zu lassen. Dabei wird man entdecken, dass die Angst und Unruhe, die man bei den Übungen erlebt und die einen zu Zwangshandlungen drängt, nicht ewig dauert. Wenn man sie lange genug aushält, verschwindet sie von selbst. Das ist das Erfolgsrezept der Verhaltenstherapie.