Psychologie der Beichte

Der katholische Psychiater Raphael Bonelli über Psychologie und Beichte: Was sind Unterschiede, was Gemeinsamkeiten, wofür ist das eine da, wofür das andere, welche psychologische Wirkung hat die Beichte? Sehr Interessantes über das Gleichnis vom Verlorenen Sohn, Selbstbetrug und Selbsterkenntnis, usw.

Ein paar Zitate:

„Die Psyche ist das, was zwischen dem Körper und der Seele ist. […] Und die Psyche ist abhängig vom Körper, im Sinn, dass sie abhängig ist vom Gehirn. Die Psyche hat Depressionen; das hat nicht die Seele, das ist eine psychische Funktion. Das ist sozusagen die Befindlichkeit. […] in der Seele, oder auch im Herzen, entscheidet sich der Mensch dazu, eine gute oder eine schlechte Tat zu tun. Aber mit der Psyche ist er depressiv, oder manisch, oder schizophren, oder sonst irgendwas. […] Es gibt depressive Heilige. Und es gibt glückliche Verbrecher. Ja, die gibt’s. Es muss nicht jeder, der was Schlechtes macht, gleich auch unglücklich sein. […] Das Seelenheil ist nicht die Befindlichkeit.“

„Und da fällt mir auf, dass dieses schwindende Selbstvertrauen der Priester […] auch damit zusammenhängt, dass sie diese Würde nicht mehr ausstrahlen können, diese Väterlichkeit. […] Ein Priester muss ein Auftreten haben, dass man normalerweise den Affekt hat, ‚Wow, bei dem würd ich gerne beichten‘. […] Und das kriegt der originelle Messgestalter nicht hin, oder der coole Junggeselle, oder der, der sich bemüht, dass alle wissen, dass er eh ganz normal ist. Der ist dann so normal, dass man sagt, also, das wär mir peinlich, wenn der jetzt meine Sünden erfährt. […] Wenn der Priester krampfhaft versucht, ganz normal zu sein, dann nimmt er sich, was er eigentlich hat.“

„Eltern sind super. Eltern sind an allem schuld. […] Ein Drama ist zum Beispiel diese schizophrenogene Mutter, die die Psychoanalytiker erfunden haben, also d. h. die Mutter, die schuld ist an der Schizophrenie des Kindes. Ich hab Mütter schon so heulen sehen […] Da gibt’s Selbstmorde deswegen, wegen der schizophrenogenen Mutter. Gott sei dank haben die Analytiker in der Zwischenzeit diese Hypothese wieder fallen lassen.  Aber in den Köpfen vieler Leute spukt das noch herum, dass die Eltern an allem Möglichen schuld sind. […] Dieses Wort ‚ekklesiogene Neurose‘ sagt ja auch, ich kann nichts dafür, die böse Kirche macht mich kaputt. Diese Fremdbeschuldigung […] ist etwas, was die Menschen extrem unfrei macht, weil dadurch kommst du ja gar nicht mehr raus.“

„Und dann gibt’s noch etwas, das in der Gesellschaft, und besonders in der Psychotherapie sehr präsent ist, und zwar das Selbstwertgefühl. Jeder von ihnen hat eins und alle sind zu weit unten. […] Ich hör das ständig, in allen psychologischen Gutachten steht ‚Patient hat eine Selbstwertproblematik‘, das klingt besonders g’scheit, und das stimmt auch manchmal, aber das stimmt nicht immer. […] In vielen Psychotherapien – jetzt nicht in der Verhaltenstherapie, aber in vielen Psychotherapieformen – ist die Hebung des Selbstwertgefühls die Lösung für alles. Und eigentlich muss man sich ja auch fragen: ‚tschuldigung, es muss ja auch noch was mit der Wahrheit zu tun haben. […] Wir bewegen uns genau in die Richtung einer Gesellschaft, die sich für extrem super hält, und alle, die sich nicht für extrem super halten, die sind schon krank. Die brauchen mehr Selbstwertgefühl. Und gesund sind sie, wenn sie sich super finden. […] Was die Kirche da anzubieten hat, das nennt man Gotteskindschaft. Das ist eine Stabilität zwischen: Ich bin zwar nicht der Allerbeste […] aber andererseits bin ich nicht der letzte Dreck. Weil die Alternative für ein agnostisches Wesen ist: entweder ich bin der Beste oder ich bin gar nichts.“

„Dann schafft man es [durch regelmäßiges Beichten], dass die eigene Tat nicht mehr schicksalhaft erlebt wird, also als etwas, das einfach so passiert, sondern dass eine rationale Steuerung und Beurteilung möglich ist. Und das macht dann ein gesundes Selbstbewusstsein. Also nicht ein übersteigertes, narzisstisches, sondern ein gesundes Bewusstsein der Gotteskindschaft. Und dadurch wird man auch dankbar gegenüber einem großen Gott, der verzeiht. Der muss nicht verzeihen, weil ich so super bin […], sondern der verzeiht, weil er so gütig ist. Dann versteht man auch erst die Barmherzigkeit Gottes so richtig. Und dann kommt eine echte Freude auf.“

Wenn man nichts richtig machen kann

Ich habe in meinen Beiträgen zur Skrupulosität [beginnend hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-1-was-skrupulositaet-ist/ ] ja gesagt, dass Skrupulanten nicht die besseren Christen sind. Auch anderswo kann man manchmal Ähnliches lesen: Dass Skrupulanten von einer gewissen Selbstsucht geleitet ihres eigenen Heils unbedingt sicher sein wollen, dass in ihrem Perfektionismus ein gewisser versteckter Stolz da ist, dass sie manchmal kleinlich auf die Erfüllung der unwichtigsten Gebote achten und die wichtigeren übersehen, dass ihnen das Vertrauen auf Gott fehlt, dass sie stur sein können und die Hilfe und die Anweisungen eines Beichtvaters oft nicht annehmen wollen usw.

Das alles ist nicht falsch (sonst hätte ich ja selber nicht auch so was in der Art erwähnt, nicht wahr). Aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass es nicht immer hilfreich und ermutigend ist, solche Ermahnungen zu hören oder zu lesen. Manchmal reagiert man dann einfach nur noch trotzig und wütend. Man macht es sich eh nicht leicht – man tut, was man kann – man versucht, immer alles perfekt zu machen – und dann bekommt man gesagt, dass es immer noch nicht reicht. Egal was man tut, man kann scheinbar nichts recht machen. Man ist wütend auf Gott und wütend auf die Kirche und will sich irgendwo verkriechen und in Selbstmitleid versinken.

Leute, so müssen wir nicht reagieren.

Zum einen ist das nicht das ganze Bild. Ja, wir haben keine absolut reine und vorbildliche und vollkommen uneigennützige Liebe zu Gott und dem Nächsten, aber es ist – ich schreibe nur, was ich ebenfalls bei Theologen und Psychologen gelesen habe – bei Skrupulanten oft viel ehrlicher guter Wille da, auch der Wunsch, wirklich zu lieben. Es ist viel ehrliches Verantwortungsgefühl da, auch wenn es fehlgeleitet und überzogen ist. Wir sind sicherlich nicht die schlechtesten Christen auf dieser Welt, und selbstgerechte Pharisäer sind wir eigentlich auch nicht.

Zum anderen müssen wir einfach lernen, es nicht als existenzielle Bedrohung anzusehen, eigene Fehler anzuerkennen und anzunehmen. Wir können es Gott gar nie recht machen. Das ist eine Tatsache. Hängt mit solchen Sachen wie Erbsünde zusammen – wir wollen doch nicht der Häresie des Pelagius nachfolgen, oder? Wir müssen von der Vorstellung wegkommen, dass wir uns selbst vor Gott gerecht machen könnten. Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott weiß, dass wir nie perfekt sein werden, und dass er uns trotzdem seine Gnade schenken will.

Das ist nicht so leicht; aber man muss wirklich erst einmal erkennen, dass das eigene unterbewusste Denken verkehrt ist. Raphael Bonelli, ein katholischer Psychiater aus Wien, schildert Perfektionisten folgendermaßen:

 

Der Perfektionist ist ein Kind einer leistungsfixierten Zeit: In ihm baut sich ein innerer Druck aus Unzufriedenheit, Selbstverachtung und Verbitterung auf. Unter diesem leidet er und diesen gibt er auch an seine Umgebung weiter. Das Bessere ist für ihn der Feind des Guten: Nichts ist so gut, als dass es nicht noch besser sein könnte.

 […]

 Ein Wesensmerkmal des Perfektionismus ist das krankhaft überzogene Leistungsdenken, bei dem nur zählt, wer Tadelloses, Bewundernswertes und Außergewöhnliches vorzuweisen hat. Häufig ist Perfektionismus von einer irrationalen Angst vor Ablehnung begleitet, der Angst, nicht gut genug zu sein, den Ansprüchen nicht zu genügen, und von einer ängstlichen Besorgtheit um den eigenen Ruf. Der Perfektionist ist ein unsicherer Mensch. Er sehnt sich unbewusst nach einer bombensicheren Unantastbarkeit. Er hält sich ständig einen inneren Spiegel vor und überlegt, wie er vor sich und anderen dasteht, was er von sich halten darf. Perfektion ist bei ihm nur Mittel zum Zweck: eine Fassade, die er aufrichtet, eine Maske, hinter der er sich versteckt.

 […] Dem Perfektionismus liegt eine unfreie, neurotische Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit zugrunde, die die Seele erstarren lässt wie die Maus vor der Schlange. (Raphael M. Bonelli: Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss wird, S. 12f.)

 

Wir müssen lernen, uns ein wenig leichter zu nehmen. Auch mal über uns selber lachen zu können. Und das wird nur funktionieren, wenn wir unsere Angst vor Gott verlieren.

Ich persönlich habe manchmal große Angst vor Gott. Gott kann man nicht kontrollieren, und man kann nicht mit Ihm verhandeln, und man kann nicht wissen, was Er über einen denkt. Gott steht man vollkommen ohnmächtig gegenüber. Wenn ich daran denken muss, Ihm irgendwann einmal nach meinem Tod direkt gegenüberzutreten, dann würde ich mich manchmal am liebsten unter der Bettdecke verkriechen und heulen. Manchmal mache ich das auch; inzwischen vielleicht etwas seltener. Aber ich weiß auch, dass mich das nicht weiterbringt. Mein Tod kommt trotzdem irgendwann – der Statistik nach zwar noch nicht so bald, aber irgendwann kommt er. Und deshalb habe ich nur diese eine Möglichkeit: ganz auf Gottes Gnade zu vertrauen. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Es ist ganz einfach kein anderer Weg vorhanden. Und irgendwann einmal werde ich hoffentlich verstehen, dass das auch gut so ist. (Im Moment hab ich noch so meine Probleme damit, das innerlich zu akzeptieren.)

Manchmal gibt es Momente, in denen man sich klar wird, dass man für Gott wichtig sein muss. Ich denke, wir müssen gar nicht selbstmitleidig sein, wenn wir merken, dass Gott schon mit uns mitfühlt; dann haben wir das nicht mehr nötig. Er sieht doch, wenn es uns schlecht geht, und es ist Ihm nicht egal. Und wenn einem das klar wird, dann tut sich vielleicht so nach und nach der Weg zur Freiheit der Kinder Gottes auf. Dann können wir, wie es Zacharias, der Vater Johannes des Täufers sagt, „ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit, vor seinem Angesicht all unsre Tage“ (Lk 1,74-75).

 

Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! (Römer 8,15)