Luther und die Furchtreue

Zum Reformationstag mal ein Beitrag über eine von Luthers frühen Lehren, die er von anderen spätmittelalterlichen Theologen übernahm und die seinen Weg fort von der katholischen Orthodoxie förderte: Seine Ablehnung der attritio, der sog. Furchtreue.

Dazu der Kontext: Die katholische Theologie unterscheidet zwischen Furchtreue (attritio) und Liebesreue / vollkommener Reue (contritio). Letztere meint eine Reue, die aus wirklicher Liebe zu Gott kommt, mit ersterer ist eine Reue gemeint, die eher aus Furcht vor Gottes Strafe kommt. (Allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun, aber ich will auch nicht in die Hölle kommen, also beichte ich xyz eben“, sondern eher „Ja, ich weiß schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Hauptmotivation, zur Beichte zu gehen, ist im Moment gerade eher Angst vor der Hölle“.) Tatsächlich lehrt die Kirche, dass die Furchtreue in der Beichte für die Vergebung der Sünden genügt. Sie ist nicht ideal; aber sie ist keine Sünde, und sie ist schon mal ein Anfang. Im Katechismus heißt es dazu:

„1451 Unter den Akten des Pönitenten steht die Reue an erster Stelle. Sie ist „der Seelenschmerz und der Abscheu über die begangene Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, fortan nicht zu sündigen“ (K. v. Trient: DS 1676).

1452 Wenn die Reue aus der Liebe zu Gott, der über alles geliebt wird, hervorgeht, wird sie „vollkommene“ oder „Liebesreue“ [contritio] genannt. Eine solche Reue läßt die läßlichen Sünden nach; sie erlangt auch die Vergebung der Todsünden, wenn sie mit dem festen Entschluß verbunden ist, sobald als möglich das sakramentale Bekenntnis nachzuholen [Vgl. K. v. Trient: DS 1677]

1453 Die sogenannte „unvollkommene Reue“ [attritio] ist ebenfalls ein Geschenk Gottes, ein Anstoß des Heiligen Geistes. Sie erwächst aus der Betrachtung der Abscheulichkeit der Sünde oder aus der Furcht vor der ewigen Verdammnis und weiteren Strafen, die dem Sünder drohen [Furchtreue]. Eine solche Erschütterung des Gewissens kann eine innere Entwicklung einleiten, die unter dem Wirken der Gnade durch die sakramentale Lossprechung vollendet wird. Die unvollkommene Reue allein erlangt noch nicht die Vergebung der schweren Sünden; sie disponiert jedoch dazu, sie im Bußsakrament zu erlangen [Vgl. K. v. Trient: DS 1678; 1705].“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P4J.HTM)

Luther war jetzt, zusammen mit anderen Theologen seiner Zeit, der Meinung, dass die Furchtreue eben nie genüge, dass sie schlecht sei. Luther war ja ein eher strenger Mensch, gegen sich selbst und in seiner Theologie; er war schließlich auch gegen den Ablass, weil ihm diese Praxis zu lax war: Damit kommen die Gläubigen ganz einfach um richtige Buße herum. (Zum Ablass und Ablassmissbräuchen an sich ein anderes Mal; ich verweise alle, bei denen da noch Unklarheiten bestehen, erst mal anderswohin zu einer sehr guten Erklärung: https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/07/11/ablass-teil-1-kaputte-fenster-und-martin-luther/) Daher hieß ja auch die erste seiner 95 Thesen: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ usw. [Matth. 4,17], hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ (http://www.luther.de/leben/anschlag/95thesen.html) Eine Geldspende oder ein Gebet genügen nicht; das ganze Leben muss eine Buße sein. Ihr macht es den Gläubigen zu leicht. Und zu den 95 Thesen gehören eben auch diese:

„30. Keiner ist der Echtheit seiner Reue gewiß, viel weniger, ob er völligen Erlaß (der Sündenstrafe) erlangt hat.“

„31. So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablaß, nämlich außerordentlich selten.“

„35. Nicht christlich predigen die, die lehren, daß für die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.“ (Die Übersetzung auf dieser Seite ist schlecht; im lateinischen Original steht für „Reue“ „contritio“, also „Liebesreue“, vgl. http://www.luther.de/95th-lat.html Das kommt davon, wenn man sich nicht mehr mit mittelalterlichen theologischen Fachbegriffen auskennt.)

Das mit der Ablehnung der Furchtreue klingt erstmal nicht so schlecht, oder? Man sollte lieber Gott lieben als Angst haben. Ganz richtig, nur: Wenn man noch Angst hat, ist das keine Sünde. Wenn Gott oder die Engel in der Bibel sprechen „Fürchtet euch nicht“, dann ist das kein Gebot à la „Wenn ihr jetzt noch Angst habt, sündigt ihr“, sondern es ist eine Beruhigung: Ihr braucht keine Angst zu haben. Luther machte sich selbst, der er sehr wohl Angst hatte, Probleme, weil er sich dann nie sicher sein konnte, ob seine Reue in der Beichte genug war, ob sie wirklich Liebesreue war. Und das ist doch ein Teufelskreis: Ich muss Gott lieben, sonst vergibt Er mir nicht, aber diese Liebe darf nicht durch die Angst davor, dass Er mir nicht vergeben wird, motiviert sein. Was ist das Resultat? Ich habe Angst vor Gott. Man sollte wirkliche Reue haben, ja, man sollte sich auch um wirkliche Reue bemühen, wenn man gleichzeitig noch Angst hat, aber Gott nimmt auch unvollkommene Bemühungen an, Er sieht jede Kleinigkeit. „Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Matthäus 10,42)

Ja, die kirchliche Lehre macht es den Menschen gewissermaßen leicht: Gott nimmt unsere Unvollkommenheiten an, wenn wir seine Sakramente empfangen, und kann uns dann auch mit der Zeit zu wirklicher Liebesreue führen. Das ist gut biblisch: Auch der verlorene Sohn im Gleichnis kam zu seinem Vater hauptsächlich deshalb zurück, weil er Hunger hatte, und fand so zur wirklichen Einsicht und Reue.

Was ist zum heutigen Tag sonst noch zu sagen: Na ja, Gebete und Ablässe für Luthers Seelenheil werden ihm vielleicht jetzt eher recht sein als noch zu seinen Lebzeiten. Und viel Spaß für Halloween heute Abend!

In meinen Tabletten ist Rattengift, und außerdem komme ich in die Hölle

Oder jedenfalls will mein Gehirn mir das manchmal einreden.

Na ja, so ganz richtig ist das nicht. Mein Gehirn arbeitet eher mit „könnte“s und „hätte“s und „vielleicht“s. Zum Beispiel heute Morgen. Ich stehe auf, hole wie immer mein Medikament, das ich für eine chronische Krankheit brauche (mein Psycho-Medikament nehme ich abends), und bevor ich die Kapsel schlucken will, kommt plötzlich der Gedanke „Was, wenn da Gift drin ist? Was, wenn ein böser Mitarbeiter in der Pharmafabrik Gift in Tabletten füllt? Oder durch ein Versehen bei der Produktion was falsch gelaufen ist und ich jetzt Rattengift schlucke?“ Es fühlt sich an wie eine böse Vorahnung, eine, der man besser folgen sollte, wie die Leute, die Vorahnungen hatten, nicht auf die Titanic zu gehen. Ich schlucke die Kapsel trotzdem schnell runter, und dann beginne ich, Panik zu bekommen. Jetzt ist das Ding im Magen. Jetzt kann ich nichts mehr tun. Jetzt bin ich hilflos. Ich versuche, mich mit Musik abzulenken; beginne dann, Vergiftungserscheinungen und Erste-Hilfe-Maßnahmen im Internet zu recherchieren. Versuche, mich mit Facebook abzulenken. Suche noch einmal eine Seite über Vergiftungen her. Ich fühle mich einerseits panisch und aufgedreht, andererseits irgendwie gelähmt. Als ich mich nach einer halben Stunde, und dann nach einer Stunde, körperlich immer noch normal fühle, kann ich mich etwas mehr beruhigen, ziehe mir rasch etwas über, und komme zu spät zur Kirche.

Klinge ich verrückt? Ich fühle mich manchmal so. Als würde ich langsam vollständig den Verstand verlieren. Nein, ich rechne, vernünftig betrachtet, nicht wirklich damit, mit meinen Tabletten Gift zu schlucken; aber solche fixen Ideen setzen sich fest, und das Blöde ist, ich kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, dass kein Verrückter in der Medikamentenfabrik Gift in die Kapseln gefüllt hat. (Solche Vorstellungen kommen seit dem Fall des Erpressers mit dem Ethylenglykol öfter in meinen Kopf; vorher waren es eher andere Zwangsgedanken. Sobald das Brot vom Bäcker etwas anders schmeckt als sonst, bekomme ich Angst.) Hier gibt es nur Wahrscheinlichkeiten, auch wenn die noch so hoch sind.

Ebenso wie vor Giften und Ähnlichem habe ich immer wieder Angst vor der Hölle (und in weniger schlimmem Maße auch vor dem Fegefeuer). Ab und zu kommt dieses entsetzliche Gefühl: Ich kann nicht aus diesem Leben raus. Ich kann mich nicht einfach nicht-existent machen. Ich kann nicht einfach in eine Traumwelt verschwinden. Ich stecke in genau diesem Leben fest, und irgendwann werde ich sterben, und ich weiß nicht wann, und ich weiß nicht, was danach kommt – bzw. für mich kommt. Ich kann mich auch hier bis zu einem gewissen Grad mit Vernunftargumenten beruhigen: Gott ist gnädig. Gott ist gnädig. Aber ich kenne Gott nicht wirklich – nicht in dem Sinne, wie ihn die kennen, die schon tot sind, oder die Engel – und ich habe Angst. Angst, alles falsch zu machen, Angst, nicht zu genügen. Es ist dieses schreckliche, lähmende Gefühl, einer unsicheren Welt ausgeliefert zu sein, von der man so vieles nicht weiß, mit der man nicht klarkommt, und für die man zu schwach ist. Ich bin halt nicht unbedingt immer eine vorbildliche Christin.

Oh, wie gut ich Martin Luther verstehen kann.

Jetzt, zum Reformationsjahr und zum kurz bevorstehenden Reformationstag, bekommt Luther sowohl Lobeshymnen für die Auslösung einer Bewegung gegen die Kirche, mit deren Anliegen sich heute kaum noch einer auskennt, als auch Kritik und Verurteilungen wegen seines Judenhasses, seiner Hetze gegen die aufständischen Bauern, und allen seinen anderen unangenehmen Eigenschaften. Ich habe Mitleid mit ihm. Er tut mir so leid. Ich kann seine Verzweiflung, seine Entscheidung, auf die eine Karte des Fiduzialglaubens zu setzen, die er endlich für einen verlässlichen und sicheren Ausweg hielt, irgendwie nachvollziehen. Dieses Gefühl: Und am Ende werde ich doch alles falsch gemacht haben. Ich hätte es besser machen können. Ich habe mir selbst was vorgemacht. Ich war kein guter Christ. Ich habe Gott nicht wirklich geliebt. Wie kann ich nur entkommen? Wie kann ich sicher wissen, erlöst zu sein?

Luthers Ängste verschwanden nicht nachhaltig durch sein Turmerlebnis. Trotzdem blieb „sola fide“ und „sola gratia“ sein Rettungsanker, auf den er setzte, und als es nötig wurde, überwarf er sich deswegen eben mit der Kirche. Luther ist für mich eine tragische Gestalt. Das Schlimme ist, dass seine Ideen vom Ansatz her ja sehr richtig waren; er hat sie zu weit getrieben und verdreht, aber er hat nicht mit falschen Ideen begonnen. Wir können nicht aus uns selbst heraus genügen, Gott liebt uns trotzdem, Gott ist gnädig.

Ich habe einen Vorschlag für den Reformationstag. Ein Rosenkranzgesätz für Martin Luthers Seelenheil. Ich hoffe sehr, dass er jetzt im Himmel ist. Dass er jetzt Frieden gefunden hat.

Gott liebt uns. Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte. Er will uns bei sich haben. Und mit alltäglichen Unsicherheiten muss man leben lernen. Und vielleicht sollte ich mal die Dosis bei meinem Psycho-Medikament steigern, wie der Arzt mir vorgeschlagen hat.

Ja, falsche Theologie richtet Schaden an: Gedanken zu William Cowper und zu einem neuen Buchprojekt

Wer schon länger auf meinem Blog mitliest, hat vielleicht mitbekommen, dass ich hobbymäßig Kurzgeschichten, aber auch Romane schreibe; mit einer Fantasy-Trilogie, in der es u. a. um Schuld und Erbarmen und deren späte Nachwirkungen geht, bin ich halb fertig und habe im Moment mehr Ideen für Vorgeschichten, als ich gerade bearbeiten kann. Dann arbeite ich noch an einer Art von pseudo-historischem Jugendbuch (bewusst pseudo-historisch, meine ich damit; ich habe u. a. ein langes Vorwort geschrieben, in dem ich dem Leser die Geschichte meines fiktiven europäischen Landes bis zur Gegenwart darlege), in dem ich Elemente verschiedener Märchen, u. a. „Rapunzel“ und „Dornröschen“, vermische. In den letzten Wochen habe ich angefangen, an einem neuen Roman zu arbeiten, mit dem es recht gut voran geht. Dieser Roman spielt in der Gegenwart im ländlichen Oklahoma; oberflächlich gesehen geht es einfach um das Entkommen aus einer Sekte, um das Aufdecken von Morden in dieser Sekte, ein bisschen Romantik in Maßen kommt auch noch dazu; ein gutes Rezept für einen normalen Jugendroman (meine beiden Protagonistinnen, Schwestern, sind 15 und 17 Jahre alt), glaube ich. Aber es geht auch noch um andere Dinge: Um Gott, um Verzweiflung und Angst vor der Hölle, um das Ausnutzen von Hoffnung auf den Himmel, um das Wesen der Erlösung, um den Wert von Gehorsam, und um das Wesen des Guten selbst.

Ich wollte schon lange etwas schreiben, in dem der Calvinismus Thema wäre, genau genommen die grausame calvinistische Erlösungslehre: Gott erwählt die einen und verwirft die anderen, und wir können nichts dazu zu tun, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen, ob durch Glauben oder Werke, Gott berücksichtigt das nicht; wir haben Seine Auswahl, die scheinbar keinen erkennbaren Kriterien folgt, zu akzeptieren. So etwas wie einen freien Willen haben wir auch nicht. Calvin war besorgt um Gottes Souveränität, und um die herauszustreichen, machte er Gott zum Tyrannen. Wir verdienen Gottes Gnade nicht, argumentierte er, also können wir uns auch nicht beschweren, wenn Er sie uns nicht gibt (und wenn Er sie dafür anderen gibt, ist das Seine Sache, das darf Er ja machen; wir verdienen sie trotzdem immer noch nicht). Schön, schön; Calvin, der Jurist, ist innerhalb seines Denkrahmens nicht direkt unlogisch, er beschreibt hier rechtliche Rahmenbedingungen, die es einem absoluten Herrscher freistellen, seine Gnaden auszuteilen oder auch nicht. Bloß ist sein Denkrahmen leider der falsche; er fragt nicht, bevor er darüber nachdenkt, wie Gott sich verhält, wer Gott eigentlich ist. Was er nicht beschreibt, ist die Liebe eines Vaters zu allen Seinen Kindern. Ich denke, es ist nicht allzu schwer, zu erkennen, wieso diese spezielle Ketzerei eben keine metaphysische Akademikerspekulation ist, damals erst recht nicht, aber heute auch nicht: Damit hat Calvin schon Leute, die ihm seine entsetzliche Lehre nicht abnahmen, in den Atheismus, aber auch Leute, die sie ihm abnahmen, in den Wahnsinn getrieben. (Ich halte den Atheismus ja für weniger schlimm als den Calvinismus. Ich halte so gut wie alles für weniger schlimm als den Calvinismus.)

Das bekannteste Beispiel dafür ist William Cowper, ein bekannter englischer Dichter der Frühromantik des 18. Jahrhunderts. Cowper litt schon früh an episodisch wiederkehrenden Depressionen und versuchte ein paar Mal, Selbstmord zu begehen, woraufhin er einige Zeit in einer Anstalt verbrachte; dann fand er Trost im Glauben und schloss sich der neu entstandenen evangelikalen Erweckungs-Bewegung und auch der (eng mit dieser verbundenen) Abolitionismus-Bewegung gegen die Sklaverei im Britischen Empire an. Er schrieb wunderschöne Gedichte (er hatte dabei auch Humor) und wunderschöne religiöse Hymnen. Aber seine psychischen Probleme waren nicht gelöst, und 1773 hatte er dann einen Traum, nach dem er glaubte, er gehörte zu denen, die Gott verdammt hätte. „Es ist aus mit dir, du bist verloren“, hatte er gehört, oder so etwas in der Art. Er hörte danach nicht auf, fest an Gott zu glauben, auch nicht, weiter die Ideen des calvinistischen Evangelikalismus zu verbreiten. Aber er betrat nie mehr eine Kirche und sprach nie mehr ein Gebet. Er akzeptierte, dass Gott ein guter, gnädiger Gott für andere war, dass er selbst aber verloren war, und er verzweifelte daran. Ein paar Mal schien er wieder ein klein wenig Hoffnung zu schöpfte, aber die meiste Zeit verbrachte er in Dunkelheit und Depression. Sein Traum muss ein extrem prägendes Erlebnis gewesen sein. Er schrieb Gedichte und übersetzte Homer, er erlitt mehrere weitere Zusammenbrüche und unternahm mehrere weitere erfolglose Selbstmordversuche. Im Jahr 1800 starb er in völliger Verzweiflung und erwartete dabei wohl dieselbe Hölle, die sein Leben oft gewesen war. Ich denke mal, wir können optimistisch sein, dass er etwas Besseres gefunden hat.

Schon während seines Lebens fühlte Cowper sich so verloren, dass er Gedichte wie das folgende schrieb, in dem er die gegenwärtige Hölle als beinahe schlimmer erscheinen lässt als die, die er erwartet:

 

Hatred and vengeance, my eternal portion,

Scarce can endure delay of execution,

Wait, with impatient readiness, to seize my

                           Soul in a moment.

 

Damned below Judas: more abhorred than he was,

Who for a few pence sold his holy master.

Twice betrayed, Jesus me, the last delinquent,

                           Deems the profanest.

 

Man disavows, and Deity disowns me:

Hell might afford my miseries a shelter;

Therefore hell keeps her ever-hungry mouths all

                           Bolted against me.

 

Hard lot! encompassed with a thousand dangers;

Weary, faint, trembling with a thousand terrors,

I’m called, if vanquished, to receive a sentence

                           Worse than Abiram’s.

 

Him the vindictive rod of angry justice

Sent quick and howling to the centre headlong;

I, fed with judgment, in a fleshly tomb, am

                           Buried above ground.

 

„Kaum kann [ich] den Aufschub der Hinrichtung erwarten […] erschöpft, ohnmächtig, zitternd vor tausend Schrecken […] über der Erde begraben.“ Das schreckliche Urteil soll endlich kommen.

Cowpers letztes Gedicht war „The Castaway“ – der Verworfene, der Weggeworfene -, welches mit folgender Strophe endet:

 

No voice divine the storm allay’d,

         No light propitious shone;

When, snatch’d from all effectual aid,

         We perish’d, each alone:

But I beneath a rougher sea,

And whelm’d in deeper gulfs than he.

 

In meinem Roman kommt eine Cowper in seiner Verzweiflung ähnliche Figur vor, die ältere der beiden Schwestern, bloß wird ihr ihre Verdammnis von der Sekte, zu der ihre Familie gehört, eingeredet, da der Sektenführer erkennen will, wer verworfen und wer erwählt ist. Sie lebt (anders als ihre Schwester, der, obwohl sie als erwählt gilt, Zweifel an der Sekte kommen) in derselben sturen, hoffnungslosen Treue wie Cowper zu einem Gott, der ihr nichts bringt und den sie nur fürchten kann. Für sie wird die ganze Sache dann ziemlich kompliziert, als die Sektenführer im Lauf des Buches anfangen, davon zu reden, dass ein besonderer Einsatz für die Sekte (z. B. durch einen Meineid vor Gericht zu ihren Gunsten) vielleicht doch auch wieder ein Zeichen der Erwählung sein könnte… (Womit wir theologisch bei einer verdrehten Werkgerechtigkeit par excellence wären.) Es gibt schließlich ein gutes Ende für sie.

Ich meine, ja, es gibt schon gewisse Unterschiede zwischen dem allgemein hoffnungsvollen Glauben, den im 18. Jahrhundert z. B. ein bekehrter Sklavenhändler wie John Newton (Cowpers Pastor, der sich immer bemühte, ihm zu helfen, und der übrigens auch der Autor von „Amazing Grace“ ist) bei Erweckungsgottesdiensten in englischen Kleinstädten verkündete, und dem Glauben meiner Sekte, den ich mir aus den schlimmsten Randerscheinungen des US-amerikanisch-protestantischen Spektrums zusammengeklaubt habe. (Da findet sich Entsetzliches, nicht nur in Bezug auf die Rechtfertigungslehre. Man google bloß mal „Christian Patriarchy“. Darüber muss ich auch mal was schreiben.) Aber beiden gemein ist die calvinistische Lehre: Wenn Gott mich verdammt hat, lässt sich nichts mehr daran ändern. Egal, was ich tue, es ist gleichgültig. Und dieser Glaube schadet. Ja, Cowper hatte schon vorher psychische Probleme; aber durch eine solche Lehre konnten sie doch nur schlimmer werden. Die völlige Verzweiflung, in die er verfiel, wäre bei einem Glauben an einen gnädigen und gerechten Gott, der allen seinen Geschöpfen seine Gnade anbietet, wie wir Katholiken glauben, schon rein logisch gar nicht möglich gewesen. Cowper glaubte an einen willkürlichen Gott, dessen Entscheidungen niemand verstehen und niemand in Frage stellen kann; also konnte er logischerweise auch an seine eigene unabänderliche Verdammnis glauben. (Ja, die Calvinisten bezeichnen ihren Gott auch als gerecht und gnädig. Ich weiß. Aber: Worte haben eine gewisse Bedeutung und ich weigere mich, sie willkürlich mit einer anderen, undefinierten zu füllen.)

Ideas have consequences. Cowper tut mir so leid, und ich bewundere sein Leben, wenn ich ehrlich sein soll. Aber er hätte vielleicht nicht so schlimm leiden müssen, wie er litt, wenn Calvin nicht gewesen wäre.

Nach den ganzen entsetzlichen Gedichten möchte ich mit einem hoffnungsvollen Zitat enden: Kanon 17 aus dem „Dekret über die Rechtfertigung“ des Konzils von Trient, also eine unfehlbare kirchliche Verurteilung einer Lehre:

„Wer sagt, die Gnade der Rechtfertigung werde nur den zum Leben Vorherbestimmten zuteil, alle übrigen aber, die gerufen werden, würden zwar gerufen, aber nicht die Gnade empfangen, da sie ja durch die göttliche Macht zum Bösen vorherbestimmt seien: der sei mit dem Anathema belegt.“

Wieso glauben die Leute immer, Ketzerei würde ohne Grund verurteilt werden?

Sag nicht: Meine Sünde kommt von Gott

„Sag nicht: Meine Sünde kommt von Gott. Denn was er hasst, das tut er nicht. Sag nicht: Er hat mich zu Fall gebracht. Denn er hat keine Freude an schlechten Menschen. Verabscheuungswürdiges hasst der Herr; alle, die ihn fürchten, bewahrt er davor. Er hat am Anfang den Menschen erschaffen und ihn der Macht der eigenen Entscheidung überlassen. [Er gab ihm seine Gebote und Vorschriften.] Wenn du willst, kannst du das Gebot halten; Gottes Willen zu tun ist Treue. Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt; streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt. Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil. Überreich ist die Weisheit des Herrn; stark und mächtig ist er und sieht alles. Die Augen Gottes schauen auf das Tun des Menschen, er kennt alle seine Taten. Keinem gebietet er zu sündigen und die Betrüger unterstützt er nicht.“ (Jesus Sirach 15,11-20)

So langsam verstehe ich, wieso die Reformatoren dieses Buch aus der Bibel geschmissen haben.

(Vgl hier Luthers Ansichten zum freien Willen: https://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Martin_Luther_unfreier_Willen.htm Und hier Calvins: http://www.calvinismus.ch/institutio/gottes-wirken-schafft-nicht-eine-moglichkeit-die-wir-ausnutzen-konnen-sondern-wirklichkeit-der-wir-nichts-hinzutun-konnen-institutio-2-03-10-2/ , http://www.calvinismus.ch/institutio/die-lehre-vom-freien-willen-ist-stets-in-gefahr-gott-die-ehre-zu-rauben/ , http://www.calvinismus.ch/institutio/dass-der-mensch-notwendig-aber-ohne-zwang-sunder-ist-begrundet-keine-lehre-vom-freien-willen-institutio-2-02-07/  Fröhliches Reformationsjubiläum! (Ich habe einfach zu lange schon auf Lutherbashing verzichtet, oder?))

Vorsatz zum nächsten 1. April:

Meinen Aprilscherzbeitrag (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/04/01/zum-reformationsjahr-vatikan-hebt-verbot-von-luther-schriften-auf/) vorher planen und nicht wieder erst abends um halb elf posten.

Die Ironie mit der Piusbruderschaft kam aber schon rüber, oder?

 

PS: Und keine Sorge, der Index ist tatsächlich ganz und gar aufgehoben. Jeder darf die reformatorischen Schriften lesen, auch der Katholik. Ich würde es sogar sehr empfehlen. Hier (eine kleine Auswahl) :

https://www.luther2017.de/de/martin-luther/texte-quellen/lutherschrift-von-der-freiheit-eines-christenmenschen/

https://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Martin_Luther_unfreier_Willen.htm

http://gutenberg.spiegel.de/buch/martin-luther-sonstige-texte-270/1

http://gutenberg.spiegel.de/buch/von-der-babylonischen-gefangenschaft-der-kirche-269/1

http://gutenberg.spiegel.de/buch/predigten-durch-ein-jahr-271/1

http://www.calvin-institutio.de/display_dokument.php?elementId=2

 

Zum Reformationsjahr: Vatikan hebt Verbot von Luther-Schriften auf

Anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums hat die Kongregation für die Glaubenslehre das in der Bulle „Exsurge Domine“ (1520) und im Dekret über die Rechtfertigung des Konzils von Trient (1545-1563) ausgesprochene Verbot sämtlicher Schriften des Reformators und ehemaligen Augustinermönchs Martin Luther (1483-1546) aufgehoben. „Wir sehen die Aufhebung des Verbots, Luthers Schriften zu lesen oder zu verbreiten, als wichtigen Schritt für die Ökumene“, sagte Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Kongregation, auf dessen Initiative die Aufhebung des Verbots zurückgeht, auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz des Heiligen Stuhls am Morgen.

Obwohl der Index der verbotenen Bücher, der sämtliche Schriften auflistete, die Katholiken nicht zu lesen erlaubt waren, bereits 1967 abgeschafft wurde, hatten Verbote einzelner Bücher, die vor der Einführung des Index (1559) erlassen worden waren, bisher weiterhin Geltung – darunter auch Schriften der bedeutendsten Reformatoren wie Martin Luther, Johannes Calvin und Huldrych Zwingli. Nebst anderen sind auch Calvins und Zwinglis Schriften durch den neuen Erlass offiziell erlaubt worden. „Bis jetzt waren nicht nur Katholiken daran gehindert, Luthers 95 Thesen, seine Abhandlungen ‚Von der Freiheit eines Christenmenschen‘, ‚Vom unfreien Willen‘, ‚An den christlichen Adel deutscher Nation‘, usw. oder auch Calvins ‚Institutio‘ zu lesen“, so Müller weiter. „Auch für Nichtkatholiken waren sie angesichts der strengen Position des Vatikans in dieser Frage oft schwer zu bekommen. Man bedenke, welches Gewicht kirchliche Verbote immer noch haben. Wir wissen, wie nahezu unmöglich es in Ländern mit nennenswertem katholischen Bevölkerungsanteil ist, etwa Kondome oder die Anti-Baby-Pille käuflich zu erwerben. Ebenso war es bisher in Bezug auf die Schriften der Reformatoren.“ Das soll sich laut dem Kardinal nun jedoch ändern.

Müller hegt angesichts seines Schritts große Erwartungen für den interkonfessionellen Dialog. „Noch ist die Ansicht, Martin Luther habe irgendetwas mit Meinungs- und Religionsfreiheit, Menschenrechten, Demokratie und Moderne zu tun gehabt, erstaunlich weit verbreitet“, meint der Kardinal. „Gleichzeitig denkt man, die Kirche habe seine ihr gefährlichen Thesen unterdrückt, um das gemeine Volk in Dummheit und Ohnmacht zu halten und es weiter mit dem Ablasshandel ausbeuten zu können. Überlegen Sie nur, wie schnell sich das ändern würde, wenn alle Protestanten und alle mit dem Protestantismus sympathisierenden Katholiken Luthers Schriften lesen würden. Wir könnten uns vor Konvertiten kaum noch retten! Was Luther allein über die menschliche Vernunft schrieb, die er als ‚in allen Worten und Werken Gottes blind, taub, töricht, gottlos und gotteslästerlich‘ bezeichnete, oder auch über den freien Willen (ich zitiere: ‚So ist der menschliche Wille […] wie ein Lasttier; wenn Gott darauf sitzt, will er und geht er, wohin er will […] Wenn der Satan darauf sitzt, will er und geht er, wohin Satan will. Und es liegt nicht in seiner freien Wahl, zu einem von den beiden Reitern zu laufen und ihn zu suchen, sondern die Reiter selbst kämpfen darum, ihn festzuhalten und ihn in Besitz zu nehmen.‘), oder auch über die aufständischen Bauern im Bauernkrieg, die Juden, oder Frauen, die sich ihren Ehemännern verweigern – wer kann sich bessere Werbung für uns vorstellen? Die Kongregation ist der Überzeugung, dass die Einheit der Christenheit durch die Rückkehr einer großen Menge der Protestanten zur heiligen Mutter Kirche in Reichweite liegen könnte, sobald diese Leute merken, dass es Luther darum ging, dass gute Werke nicht nötig sind, um in den Himmel zu kommen, sondern dass allein Gottes Gnade vorherbestimmt, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt (wie auch Calvin dann bekanntlich ganz ausdrücklich lehrte), und an keiner Stelle um Religionsfreiheit oder Meinungspluralismus oder irgendetwas in der Art. Ob unsere Hoffnung gerechtfertigt ist, wird die Zeit zeigen.“ Auch Papst Franziskus setze große Hoffnungen in das neue Konzept, so Müller.

Kritik erntete der Schritt der Glaubenskongregation u. a. von der Piusbruderschaft. „Es ist nach den allgemeinen Prinzipien der katholischen Morallehre nie gerechtfertigt, Schlechtes zu tun, damit Gutes daraus entsteht“, so Generaloberer Fellay. „Luther war dem Heiligen Stuhl ungehorsam und wurde dafür exkommuniziert. Es ist eine Schande für alle, die der katholischen Tradition treu sind, dass seine Schriften nun erlaubt sein sollen, auch wenn das für die Kirche am Ende von Vorteil sein könnte. Hier können wir Roms Entscheidung wieder einmal weder nachvollziehen noch akzeptieren.“

Basisausrüstung zur Häresiebekämpfung für das Jubiläumsjahr 2017

Eine andere Bloggerin hat bereits mehrfach zu gegenreformatorischem Engagement anlässlich des Reformationsjahres aufgerufen (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/11/16/sola-scriptura-warmtippen-gegen-das-reformationsjubilaeum-1/ , https://maryofmagdala.wordpress.com/2017/02/07/soll-das-jetzt-das-ganze-jahr-lang-so-weitergehen/ ), und ich schließe mich der Taskforce Fatima natürlich gerne an. Hier versorge ich meine Leser also gern mit ein paar Argumenten, die zur einfachen Grundausstattung zur Bekämpfung von Häresie und Schisma im reformatorischen Bereich gehören:

 

1) Protestanten kann man leicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie glauben an sola scriptura? Okay:

Matthäus 16,18f.: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“

1 Timotheus 3,15: „Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Hauswesen Gottes verhalten muss, das heißt in der Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule und das Fundament der Wahrheit ist.

Johannes 6,55: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank.“

Lukas 1,46.48: „Da sagte Maria: […] Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“

Das Beste zum Schluss:

Jakobus 2,24: „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.“

Daraus folgt selbstverständlich: Papsttum, Bedeutung der Kirche, Transsubstantiation, Marienverehrung und Zusammenwirken von Glaube & Werken – das ist alles ganz offensichtlich GANZ UND GAR unbiblisch. (Ich kann auch nur einen kleinen Grundbestand an Bibelzitaten aus dem Gedächtnis auf Kapitel oder sogar Vers genau angeben, aber gelegentlich ist es wirklich ganz nützlich, sich manches zu merken – natürlich nicht nur in Bezug auf gegenreformatorische Argumente.)

[Ach ja: in der Lutherbibel von 2017 wird das griechische „ekklesia“ in den beiden ersten Stellen übrigens beide Male mit „Gemeinde“ statt „Kirche“ wiedergegeben. In 1 Tim 3,15 heißt es außerdem, die „Gemeinde“ sei „ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit“, während sie Joh 6,55 übersetzt haben mit „Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank“ (was irgendwie einen anderen Beiklang hat als „das ist richtige, wirkliche Nahrung“, und mehr in die Interpretationsrichtung geht „das ist die eigentlich wichtige, geistliche Speise“). In beiden Fällen steht im griechischen Original kein Artikel; das Altgriechische hat übrigens keine unbestimmten Artikel, sondern hätte nur bestimmte. Bei Johannes heißt es wörtlich „alethes estin brosis“, „ist wahre Speise“ („eine / die wahre Speise“? nicht völlig eindeutig). Im Timotheusbrief steht „[hetis estin ekklesia theou zontos,] stylos kai hedraioma tes aletheias“, „[die die Kirche des lebendigen Gottes ist,] Säule und Fundament (oder: Pfeiler und Grundfeste) der Wahrheit“ („eine / die Säule und ein / das Fundament (oder: ein / der Pfeiler und eine / die Grundfeste) der Wahrheit.“?). Da muss der Übersetzer jetzt irgendwie selber anhand des Kontexts schauen, wie er das in der Übersetzung mit den Artikeln hält. Im Jakobusbrief z. B. haben sie dagegen fast wortgleich mit der Einheitsübersetzung übersetzt: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“]

 

2) Eigentlich braucht man aber gar nicht so sehr in das Gezänk um einzelne Bibelstellen einzusteigen. Stattdessen ist es von vornherein immer noch die sinnvollste Strategie, einfach zu fragen:

a) „Wo steht sola scriptura in der Bibel?“ (Antwort: Nirgends. In der Schrift gibt es mehrere Stellen, an denen von der Wichtigkeit und Nützlichkeit der Schrift gesprochen wird, aber dort wird nie davon gesprochen, dass die Schrift allein zählt und die Kirche etwa nicht – und wenn etwa in den Paulusbriefen von der Schrift die Rede ist, ist damit übrigens das Alte Testament gemeint, da das Neue gerade erst in diesem Moment geschrieben wurde und noch keineswegs kanonisiert war.)

b) „Wenn es da nicht steht, woher kommt das Prinzip dann?“ (Antwort: Von Dr. Luther. Welche Autorität hatte Dr. Luther?)

c) „Woher wissen wir überhaupt, welche Bücher zur Schrift gehören?“ (Der Kanon wurde schließlich auf den Konzilien der katholischen Kirche festgelegt. Und Dr. Luther entfernte sieben Bücher – Judit, Tobit, Baruch, Jesus Sirach, Weisheit, 1 und 2 Makkabäer – und Teile der Bücher Daniel und Ester aus diesem Kanon. (Es handelt sich dabei um den sog. Deuterokanon, Texte, die ursprünglich auf Griechisch statt wie der Rest des AT auf Hebräisch geschrieben wurden.) Woher wissen Protestanten, dass sein Kanon richtig ist? (Hier noch ein paar Informationen zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/reason-1-to-reject-the-reformation-the-canon-of-scripture/ , http://shamelesspopery.com/is-scripture-self-attesting/ ))

d) „Nach welchem Prinzip richteten sich die ersten Christen, um zu wissen, was die christliche Lehre ist, als noch umstritten war, ob z. B. die Offenbarung des Johannes (drin) oder der Barnabasbrief (nicht drin) zur Schrift gehören? Hätten sie sich damals überhaupt schon nach dem Prinzip sola scriptura richten können?“ (Ich denke, die Antwort darauf ist offensichtlich.)

e) „Wenn sich zwei Protestanten in ihrer Bibelinterpretation nicht einig sind – wer entscheidet dann, wer von ihnen recht hat?“

Das Prinzip „Allein die Schrift“ ist ganz offensichtlich in sich unlogisch. Das ist der Grund, wieso wir die Autorität von Konzilien und Päpsten zur Klärung von Streitfragen brauchen.

 

3) Ein bisschen Geschichtswissen kann auch ganz hilfreich sein:

a) Einerseits ist Geschichtswissen in Bezug auf die frühe Kirche sehr nützlich. Nur wer keine Ahnung von Kirchengeschichte hat, stellt sich unter der Urkirche etwas Protestantisches vor. Man denke allein an den 1. Clemensbrief: Ein Brief des Römischen Bischofs (für dieses Amt wurde später die Bezeichnung „Papst“ üblich) an die Gemeinde in Korinth, in dem die Kirche von Rom besondere Autorität über die Kirchen anderenorts beansprucht (in Korinth gab es einige Streitigkeiten). Der Brief wird auf kurz vor 100 n. Chr. datiert; damals war wahrscheinlich sogar noch der Apostel Johannes am Leben. Zu anderen Beispielen in einem eigenen Beitrag mal.

b) Andererseits ist auch Geschichtswissen über Luther und die Reformation – die man besser als die Kirchenspaltung bezeichnen sollte – nicht schlecht: Luthers Antijudaismus, seine Befürwortung von Hexenprozessen, sein Aufruf, die aufständischen Bauern im Bauernkrieg totzuschlagen, und sein allgemeiner Hang dazu, jeden aufs Wüsteste zu beschimpfen, der es wagte, anderer Meinung zu sein als er, wurden wohl schon oft genug breitgetreten, dass ich hier eigentlich nichts mehr dazu wiederholen muss; aber auch andere Aspekte dieser Zeit verdienen Beachtung: Vor allem der allgemeine Fanatismus und die Kriege, die innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte nach 1517 folgten, stechen ins Auge. Werden wir in 10 Jahren auch dem sacco di Roma (der Plünderung Roms) von 1527 gedenken, am besten mit einer reuevollen Entschuldigung des EKD-Ratsvorsitzenden? (Ja, ich weiß, dass nicht der persönlich Rom geplündert hat. Aber hey, der hl. Papst Johannes Paul II. hat auch keine Scheiterhaufen angezündet, und war sich trotzdem für große Gesten zur Anerkennung historischer Schuld nicht zu schade.) Im Heiligen Römischen Reich gab es den Bauernkrieg von 1525 und den Schmalkaldischen Krieg von 1546-47. Die französischen Religionskriege am Ende des 16. Jahrhunderts waren nicht weniger grausam, in England oder anderen Ländern lief auch nicht alles friedlich ab; und schließlich führte das Ganze in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648); zumindest für das Heilige Römische Reich wahrscheinlich die schlimmste Katastrophe nach der großen Pestwelle von 1348/49, würde ich vermuten. Vielleicht wird hier langsam klar, wieso Ketzerei damals so gefürchtet war: Sie führte zu Aufruhr, Bürgerkrieg und Krieg, bitteschön. Ketzerei war das, was heute „Volksverhetzung“ ist. Ach ja, und 1529 standen übrigens auch noch die Osmanen unter Sultan Süleyman vor Wien, und ein geeintes Vorgehen der Christenheit zur Verteidigung gegen irgendwelche äußeren Feinde war inmitten der ganzen inneren Konflikte dann auch keine so einfache Sache mehr (hier ein Beitrag zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/revisiting-the-reformation-pope-a-defense-of-pope-leo-x/ ). Ketzerei bedrohte für die Menschen damals ganz real das Überleben der Christenheit. Man könnte sich auch noch andere historische Fakten in Erinnerung rufen: Dass es auch vor Luther schon einige Ansätze zur Kirchenreform gab (genau im Jahr 1517 endete gerade das 5. Laterankonzil, bitteschön!) und dass überall unumstritten war, dass Reformbedarf da war. Dass der Ablasshandel zwar ein Skandal, aber kein Verkauf von Sündenvergebung war – Sünden werden in der Beichte vergeben, nicht durch Ablässe. Dass Luther nicht als Ketzer verdammt wurde, sobald er es wagte, seine 95 Thesen zu äußern, sondern erst 1521 (also vier Jahre später) exkommuniziert wurde, nach ausführlichen Unterredungen und Streitgesprächen mit Kardinal Cajetan und dem Theologen Johannes Eck in den Jahren zuvor. Dass die Reformation in den reformierten Gebieten nicht dazu führte, dass die Kirchenoberen alle fromm und gut wurden, sondern dazu, dass die in der Regel nicht so frommen und guten weltlichen Herren nun auch zur Obrigkeit in kirchlichen Dingen wurden (Heinrich VIII., anyone?), und dass ihnen die Reformation neben diesem allgemeinen Machtzuwachs auch die Gelegenheit bot, die Klöster aufzulösen und deren Besitz zu konfiszieren, sprich, auch einen greifbaren finanziellen Gewinn.

 

So, das jetzt so weit ganz grob zum Thema sola scriptura und einigen historischen Mythen. Zu ein paar weiteren Mythen über die lutherische und auch die calvinistische Häresie werde ich dann im Lauf dieses Jahres noch öfters mal kommen.

Jedenfalls, wie vielleicht hier schon deutlich geworden ist, eins sollte man meiner Meinung nach in diesem Jahr nicht tun: Feiern. (D. h. Weihnachten und Ostern und Geburtstage und Namenstage und alles andere, was sich so findet, natürlich schon. Bloß das Reformationsjubiläum nicht!) Auch aus evangelischer Sicht finde ich es übrigens fraglich, ob es hier tatsächlich so viel zu feiern gibt. 150 Jahre Religionskriege vielleicht? Luther hat die Kirche nicht, wie er ursprünglich wollte, nach seinen Ideen umformen können (zum Glück, aus katholischer Sicht); wo liegt hier also selbst aus Sicht der Protestanten der große Triumph? Die Kirche wurde gespalten. Wir Katholiken sind uns sicher mit den Lutheranern nicht einig, wer da schuld dran war (außer, dass keine Seite ganz schuldlos war, auch wenn eine Seite theologisch gesehen gänzlich im Recht war), aber ich denke, man sollte sich doch wenigstens einigen können, dass 500 Jahre Kirchenspaltung eher ein Anlass zur Trauer als zum Feiern sind. Hey, ich erwarte ja nicht gleich, dass Margot Käßmann in Sack und Asche nach Rom pilgert und vom Papst die Absolution erbittet (wobei – eigentlich wäre das schon keine schlechte Idee… 😉 ), aber wenigtens könnte man seinem Bedauern über die Kirchenspaltung Ausdruck geben, anstatt von uns Katholiken zu erwarten, dass wir den ganzen Schmarrn auch noch mit feiern sollen. Und was die katholische Seite angeht, solche Aktionen wie Rosenkränze für Luthers Seelenheil (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/01/25/ich-weiss-ja-nicht-was-ihr-naechstes-jahr-so-so-macht/ ) wären anlässlich des Reformationsjubiläums natürlich nie verkehrt. Wir sollten ja immer versöhnungsbereit sein.

Aber ich sehe auf jeden Fall nicht ein, was ich hier zu feiern hätte.

Kurze Frage

Kurze Frage: Wie kann es sein, dass in der Tagesschau im BR in der Berichterstattung zum Reformationsjahrestag ernsthaft der Satz vorkommt: „…der Ablasshandel, mit dem sich die Gläubigen von ihren Sünden freikaufen konnten“?

Ich meine, ernsthaft! Wie kann es sein, dass ein sich als seriös verstehender öffentlich-rechtlicher Sender, und zwar auch noch einer aus dem irgendwann früher mal katholischen Bayern, nicht in der Lage ist, zu recherchieren, was etwas, das er für seine Zuschauer definieren will, IST? Wie kann es sein, dass Leute so wenig Ahnung auch nur von den Begriffen haben, um die es damals überhaupt ging, und sich dann nicht einmal mehr die Mühe machen, sie eventuell mal zu googeln, ehe sie darüber reden? Wie kann es sein, dass man nicht einmal den Unterschied zwischen Beichte und Ablass kennt, wenn man erklären will, worum es in der Reformation ging? Ich meine, hm, wenn jemand Ablass (den es immer noch gibt!!) und Ablassmissbrauch nicht auseinanderhalten könnte, könnte man ja in der heutigen Zeit eventuell noch nachsichtig sein, aber…! Ich meine…!

So. Ich beruhige mich mal wieder. Und verweise auf eine schöne Erklärung einer konvertierten Protestantin dazu, was Ablass eigentlich ist. Zwar glaube ich nicht, dass die BR-Redakteure meinen Blog lesen werden, aber, na ja, kann man nichts machen. Jetzt also bitte hier weiterlesen: https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/07/11/ablass-teil-1-kaputte-fenster-und-martin-luther/

(Und hier noch mal die Originalquellen, Codex des Kanonischen Rechts und Katechismus der Katholischen Kirche – letzterer leider nur auf Englisch:

http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3I.HTM

http://www.vatican.va/archive/ENG0015/__P4G.HTM

)

[Update: Eine wunderbare Erklärung des Ablasses findet sich auch auf dem Cathwalk: https://thecathwalk.net/2016/10/31/der-ablass-den-gibts-doch-gar-nicht-mehr-ein-kommentar-zum-reformationsfest/ ]