Die 68er-Bewegung: Am Ende nur Fehler und Verbrechen

Eine Rezension zu Bettina Röhls Buch „‚Die RAF hat euch lieb‘: Die Bundesrepublik im Rausch von 68 – eine Familie im Zentrum der Bewegung“.*

 

Über die 68er, die RAF/“Baader-Meinhof-Gruppe“ und von der RAF besonders über Ulrike Meinhof wurden ja schon einige Bücher geschrieben; das Buch der Journalistin Bettina Röhl ist in zweierlei Weise besonders: Erstens, sie war als Ulrike Meinhofs Tochter als Kind von der Gründung der RAF persönlich betroffen; zweitens, sie nimmt eine grundsätzlich kritische Haltung zur 68er-Bewegung ein. Letzteres unterscheidet sie von Autoren wie Stefan Aust („Der Baader-Meinhof-Komplex“) oder gar Jutta Ditfurth („Ulrike Meinhof. Die Biographie“), die ja aus einer sehr linken Perspektive schreibt und Ulrike Meinhof schon mal öffentlich unter feministischen Vorbildern erwähnt:

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Zurück zu diesem Buch: „Die RAF hat euch lieb“ ist eigentlich die Fortsetzung zu Frau Röhls „So macht Kommunismus Spaß! – Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte konkret“ und beginnt im Frühling 1968, als Ulrike Meinhof, zu dieser Zeit eine relativ bekannte und engagierte linke Journalistin Mitte dreißig, sich von ihrem notorisch untreuen Mann Klaus Rainer Röhl (dem Herausgeber der linken Zeitschrift konkret) scheiden lässt und mit ihren fünfeinhalbjährigen Zwillingstöchtern Bettina und Regine vom Hamburg nach Westberlin zieht, und endet 1974 bei ihrer Zeit in der Untersuchungshaft, bevor sie aus der Einzelhaft in Köln-Ossendorf nach Stuttgart-Stammheim verlegt wird, wo sie wieder mit den anderen RAF-Terroristen zusammenkommen, wo der Prozess gegen sie geführt werden, und wo sie 1976 Selbstmord begehen wird.

 

Auf ungefähr 600 Seiten wird Meinhofs Leben in Berlin 1968-1970 beschrieben, wo sie sich weiter radikalisiert, ihr Gang in den Untergrund anlässlich der Baader-Befreiung 1970, die Ausbildung in einem palästinensischen Terrorcamp, der RAF-Terror bis 1972, und die erste Zeit der Haft bis 1974. Es hilft vielleicht, wenn man sich schon ein bisschen mit Meinhofs früherem Leben auskennt; wie sie sich von der evangelischen Christin zur Kommunistin wandelte, wie sie Klaus Rainer Röhl heiratete, wer ihre Pflegemutter Renate Riemeck war usw.; und damit, was überhaupt so die politischen Debatten dieser Zeit waren – aber ich glaube, man wird auch so keine großen Schwierigkeiten haben (ich habe vor mehreren Jahren Alois Prinz‘ Biographie „Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof“ in der 9.oder 10. Klasse als Schullektüre gelesen, was ganz hilfreich war).

Das Buch ist keine Meinhof-Biographie; eher geht es um den Kontext von 1968 und den linken Terrorismus, und in diesem Kontext um Ulrike Meinhof und ihre Familie. In den Text sind drei Essays von Bettina Röhl eingebettet: einer am Anfang über die Bundesrepublik vor 1968, einer in der Mitte über den Erfolg der 68er und einer etwas weiter hinten über Meinhof als linke Ikone.

Im ersten Essay macht die Autorin deutlich, wie gut der Zustand der BRD in den 50ern und 60ern tatsächlich war – vor allem in Bezug auf die Wirtschaft und den weit verbreiteten Wohlstand, aber auch in Bezug auf Sicherheit, Sozialstaat, Rechtsstaat, Kultur; sie bemerkt auch eine gewisse Liberalisierung schon ohne 68. (Wie man die bewertet, ist freilich Ansichtssache.)

Danach, im langen Teil I („Auf dem Höhepunkt von 68″), schreibt sie über Ulrike Meinhofs Zeit in Westberlin ab März 1968, wo Meinhof Anschluss an die Neue Linke dort – die sog. Außerparlamentarische Opposition (APO), den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) – suchte; es geht um die großen Demonstrationen und Kongresse mit Leuten wie Rudi Dutschke, wo es z. B. gegen das militärische Eingreifen der USA im Vietnamkrieg oder den persischen Schah oder den Springer-Verlag („BILD“, „Welt“) und ähnliche Themen ging. Wobei, so groß waren sie im Vergleich nicht: Eine große Demonstration in Berlin fand 12.000 Teilnehmer, und ein paar Tage später gingen 80.000 Berliner gegen die Neue Linke auf die Straße. Es handelte sich, wie Frau Röhl deutlich macht, um eine kleine Minderheit, die aber eine ziemliche Medienpräsenz fand und bald ziemlich ernst genommen wurde.

Die Autorin dokumentiert an dieser Stelle sehr gut die Seiten der 68er, die heute nicht mehr so sehr betont werden: Vor allem die riesige Begeisterung für Mao Zedong, dessen Rote Garden die Bevölkerung in China damals auf unglaubliche Weise terrorisierten (diese Passagen sind besonders interessant), die Begeisterung für weitere Diktatoren und Terrorgruppen der Dritten Welt, außerdem die völlig fehlenden konkreten Vorstellungen davon, was man denn in der Bundesrepublik revolutionieren müsse (irgendwie müsse es mit Enteignungen und Sozialismus funktionieren), und ihr nebulöses Geschwafel von der Schaffung eines „Neuen Menschen“; oder auch die Tatsache, dass die Aufarbeitung der Naziverbrechen gar nicht wirklich in ihrem Fokus war, wie später oft behauptet. Außerdem geht sie z. B. auf ihren – noch immer nachwirkenden – doch sehr einseitigen Blick auf den Vietnamkrieg ein, wo sie sich einfach auf die Seite des grausamen Aggressors Nordvietnam stellten. Sie zeigt sehr gut, wie sich die Neue Linke weigerte, das zu sehen, was sie nicht sehen wollte (v. a. das Elend in China unter Mao).

Sie macht auch deutlich, wie hilflos und milde der westdeutsche Staat von da an immer öfter gegenüber linker Gewalt reagierte: Etwa bei einer Massenamnestie von 1970 für Verbrechen, die mit unter acht Monaten Haft bestraft worden waren, und die speziell für die oft ziemlich randalierenden Studenten geschaffen worden war. Linke Gewalt wurde zur kleingeredeten und für viele zur gerechtfertigten Gewalt; das zeigte sich auch bei den Bombenanschlägen der „Tupamaros West-Berlin“ um Dieter Kunzelmann aus der Kommune 1 (z. B. einem versuchten Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin; aus dem sog. Antizionismus der Neuen Linken wurde schon bald tätlicher Antisemitismus), und der Kaufhausbrandstiftung durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein, die später zu zentralen Figuren der RAF wurden.

In dieser Zeit wollte Meinhof auch ihre Töchter im revolutionären Sinn umerziehen. Frau Röhls Schilderungen haben hier etwas sehr Ironisches:

„Niemand sollte uns mehr zwingen, ins Bett zu gehen. Eine gewisse Verdrecktheit war angesagt. Wir sollten laut, rücksichtslos, aggressiv auftreten, Nachbarn stören und auf keinen Fall ‚Bitte‘ oder ‚Danke‘ sagen.
 Ich sollte nicht mehr mit Puppen spielen, was mir ganz und gar missfiel. […]
 Das war jetzt das Diktat der Mutter im Befreiungskampf. Ich war, obschon noch keine sechs Jahre alt, auch wenn ich nicht alles verstand oder, besser gesagt, gar nichts verstand, fassungslos. Ich kämpfte plötzlich um meine Kleider, ich kämpfte um meine Haare, ich kämpfte um mein früheres kleines Leben, das mir sehr gut gefallen hatte. Und ich bekam einen Wutanfall nach dem anderen, die einen irrsinnig heftigen Widerstand bei ihr erzeugten und ein endloses, erschöpfendes und ziemlich autoritäres Diskutieren und Erklären, bis ich vor Erschöpfung umfiel. Ob ich es nun wohl endlich verstanden hätte, dass Kleider und Schmuck repressiv seien und Mädchen zu Puppen machten!“ (S. 121)

Ulrike Meinhof zeigte sich auch sonst nicht als die beste Mutter; ihre Kinder waren z. B. ständig zu spät und ohne Pausenbrot und anständige Ausstattung in der Schule, nachdem sie im Herbst 1968 in einer Privatschule eingeschult worden waren. In dieser Zeit lernte sie auch einen neuen Partner kennen, Peter Homann, ein ehemaliger Kunststudent, der ebenfalls zur sozialistischen Szene in Berlin gehörte, der zu ihr zog und sich besser um die Zwillinge kümmerte, und von dem Frau Röhl viele Aussagen in ihr Buch aufgenommen hat. (Sie bringt etliche lange Zitate aus Interviews mit Zeitzeugen, was sehr interessant ist.)

Während sie in Berlin lebte, schrieb Ulrike Meinhof außerdem weiter für konkret und startete auch einige Versuche, die Zeitschrift ihres Exmannes mit ihren Leuten zu übernehmen; als das nicht gelang, kündigte sie und organisierte dann noch eine Besetzung des Verlags und einen Überfall ihrer Leute auf das Wohnhaus von Klaus Rainer Röhl. Ihre Beziehung zu ihrem Exmann war überhaupt nicht die beste: ihrem Scheidungsanwalt gegenüber verbreitete sie Lügen über Klaus Rainer Röhl, sie hetzte Bettina und Regine gegen ihn auf, verhinderte seine Besuche und fing schließlich seine Briefe an die Kinder ab. Auch wenn Röhl durchaus nicht immer sympathisch und oft etwas eigen wirkt: Meinhof macht hier erst recht nicht den besten Eindruck.

Zudem schrieb sie in dieser Zeit das Drehbuch für ein Fernsehspiel über Heimkinder, und verschiedene Linke aus APO-Kreisen – u. a. Baader; die Kaufhausbrandstifter waren auf freiem Fuß, während ihre Revision lief – aus Frankfurt und aus Berlin fuhren auch tatsächlich zu Heimen für schwer erziehbare Jugendliche und brachten einige dazu, aus dem Heimen zu fliehen, woraufhin sie in deren WGs aufgenommen wurden. Besonders gut durchdacht war das nicht; Frau Röhl zitiert die spätere RAF-Terroristin Astrid Proll: „Und in allen Wohngemeinschaften gab es Streit mit den zum Teil kriminellen Jugendlichen, die alles klauten, asozial waren und nicht mehr wussten, wo es langging. Eine Diskussion lief an. Die Frage wurde diskutiert, ob man die Jugendlichen zu Revolutionären erziehen oder sie für ein normales Leben fit machen sollte. Baader wollte sie kriminalisieren. Gudrun und Andreas waren die ‚Stars‘, sie fuhren mit einem dicken Mercedes herum, nahmen reichlich Drogen, vor allem Haschisch und LSD.“ (S. 212f.) Trotzdem schafften die Leute um Baader es sogar, für ihre ‚Lehrlingskollektive‘ Subventionen vom Jugendamt zu bekommen.

An diesem Buch zeigt sich beispielhaft, wie die totale linke Politisierung ein Familienleben ruinieren konnte (alles war für Meinhof in dieser Zeit politisch und sie muss dabei anscheinend ziemlich unglücklich gewesen sein; es ist krass, wie sie z. B. in ihrem Osterurlaub 1969 Peter Homann als Faschist beschimpfte, weil er mit ihren Kindern Sheriff und Banditen spielte); und wie die versuchte Auflösung aller Strukturen durch die 68er oft einfach nicht funktionierte (z. B. bei den Heimkindern um Baader).

Dann kommt Frau Röhls zweiter Essay: „Der Triumph von 68“. Sie dokumentiert hier, wie Ende 1968, nach dem Attentat auf Dutschke, bei der engagierten Minderheit der neulinken Dauerprotestierer irgendwie „die Luft raus“ war und sie sich weiter zersplitterten, obwohl sie sich gerade da in der Gesellschaft durchzusetzen begannen und ihre Ideen sich weiter verbreiteten, v. a. nachdem Willy Brandt 1969 Kanzler wurde. Sie schreibt:

„Fast alle wollten nun mitmachen, wollten jetzt links sein, bald wollte jeder in der Gesellschaft beweisen, dass er irgendwie auch etwas links war und jedenfalls ‚Verständnis‘ für die guten Ziele der APO hatte. In einer Umfrage des Allensbacher Instituts erklärten zwischen 60 und 70 Prozent der Schüler und Studenten, dass sie Rudi Dutschke, der immerhin das System, die Bundesrepublik Deutschland, abschaffen wollte und von ‚Stadtguerilla‘ gesprochen hatte, gut fänden.
[…]
Der Staat, was immer das im 68er-Verständnis, in den nebulösen Abstrakta von ‚Repression‘, ‚Imperialismus‘ und dergleichen gewesen sein mag, hat damals verloren, das ist meine These. Er ist seither ein verdächtiger Staat, und das alleine ist bereits die Niederlage: Der Staat ist seit dem Paradigmenwechsel von 68 ein zutiefst im Kern bemakelter, ein im Mark erschütterter Staat. Ihm wurde damals eine enorme Bringschuld au
fgebürdet und nur eine extrem eingeschränkte Grundlegitimation zugestanden.“ (S. 249f.)

Es wird hier auch deutlich, wie diese linken Studenten eigentlich wenig wirklich (selbst aus ihrer Sicht) Konstruktives machen wollten, wie es ihnen langweilig wurde, als sie bei der Mehrheit beliebter wurden und nicht mehr so sehr Avantgarde spielen konnten. Sie hatten sich auf Revolution festgelegt; und jetzt sollte es plötzlich ohne Revolution gehen?!

Die Bewegung zersplitterte sich zwar, wurde aber zahlenmäßig groß und erlangte die Deutungshoheit; ihr wurde wenig entgegengesetzt. Über die Protestmode schreibt Frau Röhl:

„68, das heißt: Protestkultur statt Kultur. Protestpolitik statt Politik, heißt Protestjournalismus statt Journalismus, heißt Protestjustiz statt Justiz. Nur dass, wenn Protest Mainstream ist, wenn Protest Regierung und Opposition gleichzeitig ist, Subkultur und Hochkultur, vom Protest nichts übrig bleibt; dass dann linker Protest der aalglatteste, angepassteste, opportunistischste Mainstream und kein echter Protest mehr, nur noch Attitüde ist.“ (S. 255)

Nach diesem Essay kommt Teil II: „Die Entstehung der RAF“. Interessanterweise schreibt Frau Röhl hier zunächst wenig über Andreas Baader und Gudrun Ensslin und mehr über Horst Mahler, einen Berliner Anwalt und Begründer des „Sozialistischen Anwaltskollektivs“ (zusammen mit u. a. dem späteren Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele). Mahler wollte eine Stadtguerilla aufbauen, sprach dafür einige Leute im SDS-Umfeld an und war zentral an der Gründung der RAF beteiligt, wurde aber dann später früh festgenommen.

Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren inzwischen abgetaucht, um ihre Haftstrafe nach der erfolglosen Revision nicht absitzen zu müssen, und zogen im Februar 1970 zu Ulrike Meinhof und ihren Kindern. Frau Röhl beschreibt sie: „Er schrie und pöbelte herum. Baader benahm sich, wie man sich vielleicht den Zuhälterkönig einer kleineren deutschen Großstadt vorstellt. […] Ensslin machte hier und da ihre Statements und war ähnlich aufgekratzt wie Baader, was vermutlich an den Aufputschmitteln und sonstigen Drogen lag, die sie nahmen. […] Auch sie sah und hörte uns Kinder nicht. Das war neu. Alle anderen Genossen, die wir bis dahin gekannt hatten, hatten sich mindestens den Anschein einer gewissen Kinderfreundlichkeit gegeben.“ (S. 276-278) Meinhof fand Baader offenbar sehr interessant; die Beziehung zu Homann ging zu Ende. Die Meinhofsche Wohnung wurde zum Treffpunkt der Linksradikalen, die von der „Stadtguerilla“ redeten; Meinhof war die Agitation durch Journalismus und Film jetzt zu wenig geworden, zu einer Art Heuchelei: Es musste etwas Richtiges passieren – aka Gewalt.

Dann wurde Andreas Baader doch noch festgenommen und hätte seine – ziemliche kurze – restliche Strafe absitzen müssen. Aus irgendeinem Grund wollte man ihn befreien, wofür ein fingierter Vertrag mit einem linken Verlag für ein Buchprojekt mit Baader und der Journalistin Meinhof abgeschlossen wurde, wegen dem Baader Ausgang für die Recherche in einer Bibliothek bewilligt wurde. (Das Ganze war im Mai 1970.) In dieser Bibliothek setzten die bewaffneten Befreierinnen Gudrun Ensslin, Irene G., Ingrid Schubert und ein Helfer namens Jürgen B. die Baader begleitenden Polizisten außer Gefecht und ein Angestellter namens Georg Linke wurde lebensgefährlich angeschossen, bevor sie mit Baader aus dem Fenster sprangen – Ulrike Meinhof hinterher – und in bereitgestellten Fluchtautos, von zwei Frauen namens Astrid Proll und Hanna K. gefahren, flüchteten.

Frau Röhl vertritt hier die von ihr gut begründete These, dass Meinhofs Mitabtauchen von ihr geplant war; dass sie nicht, wie manche meinten, nur quasi aus Versehen oder in einer Augenblicksentscheidung mitkam, statt, wie es ursprünglich gedacht gewesen wäre, scheinbar verdattert zurückzubleiben.

„Alles spricht dafür, dass Meinhof selber ganz dringend gemeinsam mit der Gruppe in den gemeinsamen Untergrund abtauchen wollte, dass sie in einem effektvollen Sprung die Welten wechseln wollte. […] Etliche Terroristen haben mir von diesem Reiz erzählt, von dieser Flucht vor den Sachzwängen des Lebens. Und die große Revolution, das große Ziel, das Phantasma, das alles legitimiert, verdrängt die eigenen täglichen Probleme, die allerdings, wer hätte das gedacht, im Untergrund binnen kürzester Zeit wie ein Bumerang doppelt und zehnfach zurückkehren. […]
In ihrem solidarischen Abtauchen in den Untergrund lag wahrscheinlich auch etwas Anbiederndes, sie wollte die Wärme einer Gruppe, ein Gruppengefühl, die Solidarität einer Familie, das Ideal, durch die Illegalität zusammengeschweißt zu werden. Und ganz wichtig für
Meinhof, dass sie, wie sie es oft zum Ausdruck brachte, sich selber immer wieder durch gemeinsame Taten revolutionieren konnte und nicht heimlich doch verbürgerlichte.“ (S. 310f.)

Die werdenden Terroristen verbargen sich zuerst bei Freunden und reisten dann mit gefälschten Pässen über Ostberlin nach Jordanien in ein Ausbildungslager der Fatah, die sich in ihrem Kampf gegen Israel mit vielen Linken weltweit verbündete. Auch Homann, der sich geweigert hatte, sich bei der Baader-Befreiung zu beteiligen, und noch versuchte, Ulrike Meinhof zu überreden, sich der Polizei zu stellen (aber nicht selbst die Polizei rief) ging mit, weil er fälschlicherweise statt Jürgen B. gesucht wurde und vielleicht auch, weil er sich irgendwie für Meinhof verantwortlich fühlte; auch Horst Mahler und andere kamen. Bevor sie nach Jordanien ging, sprach Ulrike Meinhof eine Art Manifest der RAF auf Tonband, das dem Spiegel zugespielt wurde und das er tatsächlich veröffentlichte; der Anfang einer Gier der Medien nach RAF-Geschichten. So erreichte die RAF die „intellektuellen Linken“, an die sie sich wenden wollte: Die müssten endlich etwas tun, sich bewaffnen, statt nur reden, proklamierte Meinhof. Dabei betrieb sie die totale Entmenschlichung der Gegner, d. h. der Polizisten. („Das ist ein Problem, und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“) Viele Kampfgenossen bekam sie dadurch zwar nicht; aber berühmt wurde sie allerdings.

Und da waren dann noch Meinhofs Töchter, die jetzt gerade erst sieben Jahre alt waren. Da sie auf ihren Exmann einen extremen Hass hegte und sich auch mit ihrer Pflegemutter zerstritten hatte, fragte Meinhof, bevor sie in den Untergrund ging, eine Zeitlang im Bekanntenkreis herum, wer vielleicht ihre Kinder nehmen könnte; am Tag der Baaderbefreiung ließ sie ihre Kinder zunächst von ihren Verbündeten Jan-Carl Raspe und Marianne Herzog bei einem befreundeten Ehepaar, den Holtkamps, in Hannover unterbringen. Als ein Gericht eilig Klaus Rainer Röhl das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die verschwundenen Kinder zusprach und Holtkamps merkten, dass er bemerkt hatte, wo sie waren, ließ die RAF sie von Marianne Herzog, Monika Berberich und Hanna K. nach Sizilien verschleppen, in ein Barackenlager für Erdbebenopfer, wo einige kommunistische Genossen aktiv waren. (Röhl hatte seinen Bruder nach Hannover geschickt, um die Kinder zu finden, der zu spät ankam.) Herzog und Berberich fuhren abrupt wieder aus Sizilien ab; die zurückgelassene Hanna K., die eigentlich nur als Fahrerin hatte fungieren sollen, blieb eine Zeitlang mit den Zwillingen dort und wurde nach sechs Wochen von vier Hippies abgelöst; dann ging sie kurz nach Jordanien, reiste aber schnell entsetzt wieder ab und seilte sich von der entstehenden RAF ab. Regine und Bettina blieben insgesamt mehrere Monate in Sizilien, den ganzen Sommer über (eine Erklärung erhielten sie nicht), während ihre Mutter und deren Freunde bei der Fatah das Schießen und Handgranatenwerfen lernten.

In diesem Ausbildungslager wurden Baader und Ensslin, die sich auf brutale Weise durchsetzen konnten, zu den Anführern der RAF.

Peter Homann, der von Anfang an nicht richtig dazugehört hatte, wurde bald verdächtigt, möglicherweise zum Verräter werden zu können und die ganze Gruppe, inklusive Meinhof, beschloss ihn zu liquidieren; nur die Palästinenser schützten ihn vor den eigenen Genossen. Er konnte im Gegenzug für Versprechen gegenüber den Palästinensern getrennt von den anderen nach Deutschland zurückreisen. Er hatte auch gehört, wie die Gruppe einen Plan geschmiedet hatte, Meinhofs Kinder in ein Waisenlager der Fatah zu geben; in Deutschland, wo er sich bei palästinensischen Kontaktleuten melden sollte, erfuhr er, dass Bettina und Regine tatsächlich dorthin kommen sollten, sprach dann mit dem jungen Journalisten Stefan Aust, den er von konkret kannte, und nahm Kontakt zu Hanna K. auf, durch die er den Kontakt nach Sizilien bekam. Aust fuhr dorthin (Homann wurde immer noch polizeilich gesucht), um die Kinder zu holen und brachte sie ihrem Vater zurück. Kurze Zeit später traf Ulrike Meinhof – allein, mit gefälschtem syrischem Pass – in  dem sizilianischen Barackenlager ein; ihre Kinder waren weg. Für Regine und Bettina, die einem ziemlich entsetzlichen Schicksal gerade noch entkommen waren, ging in Hamburg eine anscheinend ziemlich unbeschwerte Kindheit weiter, in der ihre Mutter praktisch keine Rolle spielte.

Die Autorin erwähnt noch die ersten Banküberfälle der RAF und die Festnahme der ersten Mitglieder – darunter Mahler –; dann beginnt Teil III: „Mythos Meinhof“, der sich mit der Zeit nach 1970 befasst.

Die Taten der RAF – die Bombenanschläge auf amerikanische Soldaten, die Morde an Polizisten usw. – werden nicht im Detail beschrieben, auch wenn die Autorin Wert darauf legt, kurz auf die einzelnen Todesopfer einzugehen. „Die Taten der RAF“, schreibt Frau Röhl, „also der von den Beamten gemeinte Baader-Meinhof-Komplex, ist dagegen nur eine mittelinteressante Story, ein mittelinteressanter Krimi mit unheimlichen Längen. Die Reaktion der Gesellschaft und der Politik auf die RAF – das ist das spannende Thema.“ (S. 464) Es geht also hier mehr um Leute wie den zuständigen BKA-Kommissar Alfred Klaus, der sich bemühte, sich in das Denken der Terroristen hineinzuversetzen und psychologische Gründe für ihre Taten zu finden; Klaus Rainer Röhl, der fest überzeugt war, dass seine Exfrau, an der er irgendwie noch hing, von anderen in den Terrorismus hineingezogen worden war und diese Sicht weithin propagierte; Renate Riemeck, die in konkret empathisch und ganz auf kommunistischer Basis an ihre Ziehtochter appellierte, vernünftig zu werden; Heinrich Böll, der im Spiegel die Gewalttaten der RAF herunterspielte und Gnade für Meinhof forderte; oder auch um die ganze lächerliche Diskussion in der Bundesrepublik darüber, ob man in diesem Fall von Bandenkriminalität denn wirklich von der „Baader-Meinhof-Bande“ sprechen dürfte oder nicht eher „Gruppe“ sagen müsse.

In Teil III ist auch der dritte Essay der Autorin eingebettet, über die Ikone Meinhof, die wesentlich bekannter wurde als andere linksextreme Terroristen. Frau Röhl schreibt: „Meinhof besetzt viel zu singulär das Terrorfeld in den Köpfen vieler Menschen, und dies, ohne dass sie als echte ‚Terroristin‘ empfunden wird. So wie sie in den Köpfen vorkommt, verdrängt sie jedoch vor allem ihre Opfer regelrecht aus dem öffentlichen Bewusstsein.“ (S. 501)

Auf den letzten hundert Seiten wird Meinhofs erste Zeit im Gefängnis, in Isolationshaft, beschrieben, es wird beschrieben, wie Angehörige und Anwälte erfolglos versuchten, sie zu deradikalisieren. Jetzt entstand wieder ein kleiner Briefwechsel mit ihren Töchtern, und es gab ein paar wenige Besuche im Gefängnis; aber dann bricht Meinhof den Kontakt wieder ab, auch zu ihren anderen Verwandten. (Der Titel des Buches, „Die RAF hat euch lieb“, stammt aus einem von Meinhofs Briefen an Bettina und Regine.) Im Gefängnis schrieb Ulrike Meinhof auch eine jubelnde Erklärung zum Mord an den israelischen Sportlern durch palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München 1972, die sie ihrem Anwalt schickte, und veranstaltete, wie andere RAF-ler, Hungerstreiks, um gegen die Isolationshaft zu protestieren, womit sie in der Gesellschaft einiges an Sympathie einheimsen konnten. Frau Röhl wertet hier die Akte von Meinhofs Anwalt Heinrich Hannover detailliert aus, was ziemlich spannend ist; interessant ist dabei auch, wie Meinhofs Briefe an ihren Anwalt immer verworrener werden.

Das Buch endet, wie gesagt, 1974; eine Fortsetzung wäre sicher ebenfalls noch lesenswert.

 

Ulrike Meinhof kommt in diesem Buch negativer herüber als in Prinz‘ „Lieber wütend als traurig“ (mit anderen Büchern kann ich es ja nicht direkt vergleichen). Ihre Rachsucht gegenüber ihrem Exmann, ihr oft unverschämtes und immer forderndes Verhalten z. B. gegenüber ihren Anwälten (bei ihrer Scheidung wie nach ihrer Festnahme als Terroristin) oder gegenüber Klaus Rainer Röhl bei den Verhandlungen über ihre Honorare und Vertragsbedingungen bei konkret, ihr mangelndes Interesse an ihren Kindern, ihre (mindestens passive, vielleicht aber auch sehr aktive) Beteiligung am Mordplan gegenüber Peter Homann, ihr völlig fehlendes Unrechtsbewusstsein wegen der Morde an Polizisten und amerikanischen Soldaten; alle diese unsympathischen Seiten werden hier deutlicher. Erschreckend war eine Stelle in einem Interview mit Peter Homann, in dem Homann erzählt (das war vor der Gründung der RAF):

„In dieser Zeit bat sie mich, während wir am Abend wieder mal viel zu viel Wein getrunken hatten, nach Hamburg zu fahren und heimlich nachts die Schrauben der Autoreifen an Klaus Röhls Auto, ein weißer Mercedes, zu lockern, damit er sich am nächsten Tag totfahren würde. Sie meinte das ganz im Ernst. Sie bat mich, das für sie zu tun. Und ich erschrak unheimlich.
 Ich sagte zu ihr: Also jetzt, Ulrike, bist du verrückt geworden, das mache ich nicht, das geht zu weit. Da sagte sie: Ach so, und ich dachte, das würdest du für mich tun. Ich habe lange überlegt, ob ich das irgendjemandem erzähle, aber es zeigt, wie weit damals ihr Hass ging.“ (S. 234)

Mir ist außerdem aufgefallen, dass Frau Röhl ab und zu Hintergrundinfos bringt, die Aussagen der RAF-Terroristen, die bei Alois Prinz unhinterfragt dastehen, als falsch entlarven. Z. B. schrieb Meinhof in einem Brief Ende 1968 an Freunde über die Zwillinge: „In den Herbstferien waren sie bei ihrem Pappi in Hamburg und haben Terror gemacht. Da standen 6 Marmeladen auf dem Tisch, ‚alle zu 6 Mark‘ – und dann ist meine Schwiegermutter fast in Ohnmacht gefallen, weil sie erklärten, sechs genügten nicht, unter acht fingen sie nicht an zu essen. Ich habe denen gesagt, wenn ihr nichts anderes anzubieten habt als Marmeladen, dürft ihr euch nicht wundern – wenn ihr Konsumterror macht, dürft ihr euch nicht wundern, wenn die Kinder auch Konsumterror machen.“ Prinz erwähnt diese Aussage in seiner Biographie. Frau Röhl schreibt, dass ihre Mutter sich die Geschichte schlichtweg zusammenfantasiert hatte, nachdem die Zwillinge ihr erzählt hatten, dass ihr Vater (der gern einen großen Wirbel veranstaltete und seine Kinder verwöhnte) mit ihnen zu einem Feinkostgeschäft gefahren war und acht oder zehn Marmeladensorten für sie ausgesucht hatte (was ihnen gefallen hatte).

Es kommen praktisch unglaubliche Details aus der RAF-Geschichte zutage: Frau Röhl hat z. B. recherchiert, wie sich Meinhofs Anwälte in Berlin tatsächlich noch einen Sorgerechtsstreit mit Klaus Rainer Röhl um die Zwillinge lieferten, nachdem Meinhof schon abgetaucht war und die Kinder in Sizilien waren: Meinhof beabsichtige, ihre Kinder zu ihrer Schwester zu geben „bis die gegen sie angeblich vorliegenden Verdachtsmomente der Begehung strafbarer Handlungen entkräftet sind und sie in ihre Wohnung nach Berlin zurückkehren kann“, hieß es in einem von Hans-Christian Ströbele unterzeichneten Antrag (S. 396), also solle man ihr das Sorgerecht, das sie seit der Scheidung hatte, doch bitte lassen.

Dass Meinhof ihre Mutterrolle schon vor der RAF-Zeit nicht allzu gut ausfüllte, wird deutlich. Die Autorin erwähnt auch dieses Videointerview, das Meinhof kurz vor ihrem Gang in den Untergrund gab und in dem sie traurig darüber redet, wie schwer es sei, alleinerziehend und gleichzeitig politisch aktiv zu sein, und am Ende ein bisschen kryptisch über das Verlassen der Familie redet:

Frau Röhl urteilt:

„Meinhof fabuliert über die klugen alleinerziehenden Frauen, zu denen sie sich selber zählt, die es unheimlich schwer hätten, politisch zu arbeiten, der Kinder wegen. Sie verschweigt, dass sie neben unserer Schule einen Kinderladen in Anspruch nahm, dass sie ganz viele dienstbare Geister um sich hatte, an die sie ihre Mutteraufgaben delegierte. Und sie verschweigt, dass sie seit der Geburt von uns Zwillingen immer Hauspersonal beschäftigt hatte, was sie jetzt aus ideologischen, nicht etwa aus finanziellen Gründen ablehnte. […]
 Und die erfahrene Journalistin, die schon mehrfach im Fernsehen aufgetreten war, also wusste, wie man auftritt und wie man wirkt, inszenierte sich für diese Filmsequenz ganz bewusst als eine Frau, die droht kaputtzugehen. Der 68-Revoluzzer mit Weltgeltungsanspruch wollte das Bild des an der Welt Verzweifelnden abgeben, der sich für die Menschheit opfert, Äußerlichkeiten nicht mehr wahrnimmt und so sensibel ist, dass man ihm das ‚Nicht-mehr-aushalten-Können‘, das ‚innere Weinen und Schreien‘ sofort und unmittelbar ansieht. […]
 Das Video ist ein mittelmäßig gelungenes Buhlen um Sympathie und Verständnis un gleichzeitig auch eine Abschiedsbotschaft.“ (S. 289f.)

Über das Problem von Meinhof mit ihren Kindern urteilt Frau Röhl schlicht:

„Eine Mutter ist Mutter, weil sie Kinder hat. Das ist die Definition. Wenn eine Mutter mit ihren Kindern Probleme hat, dann hat sie Probleme, die Kinder haben originär keins. Wenn eine Mutter ihre Kinder loswerden will, ist das ihr Problem, nicht das Problem der Kinder. Und vor allem: Die Kinder an sich sind kein Problem. Sie haben vielleicht eins mit ihrer Mutter, die ein Mutterproblem hat, mit einer Mutter, die eine Problemmutter ist. […]
Fakt ist:  Meinhof war eine Frau, die ihre Mutterrolle nie gefunde
n hat; zwischen partiellem Überengagement und aversivster Ablehnung schwankte sie hin und her und wusste nicht, wie sie es ihrer Umwelt verkaufen sollte, dass sie sich ihrer Kinder entledigen wollte. Vermutlich wusste sie auch vor sich selbst nicht, wie sie ihre Abstoßungsreaktionen erklären sollte.
Die Idee, dass Kinder ihre Mütter am Leben hinderten, am Beruf, an der Selbstverwirklichung, an der sexuellen Erfüllung oder eben auch an der revolutionären Selbstverwirklichung, lag damals schwer im Trend, ein Trend, der sich in den extremen Kommunen wie zum Beispiel der Otto-Mühl-Kommune, aber auch bei den Sannyasins fortsetzte. Auch dort war es Programm, dass Kinder für die Selbstverwirklichung vor allem der Frau gezielt und bewusst von ihren Müttern getrennt, verlassen, zurückgelassen oder sogar weggegeben wurden. Es galt teilweise als fortschrittlich, die überkommene Mutterbindung brutal zu brechen und zu überwinden, um auch die Kinder zu selbstständigen neuen Menschen zu erziehen.“
(S. 291f.)

Dass sich Meinhof immer weniger für ihre Kinder interessierte, wird immer wieder an Details deutlich; am entsetzlichsten zu lesen sind aber die Passagen über die Pläne der RAF, sie in dem Waisenlager der Fatah unterzubringen. Es ist krass, wie auch mehrere ehemalige RAF-ler sich der Autorin gegenüber über dieses Thema äußerten; wie z. B. Monika Berberich in einem Interview aus dem Jahr 1995 gegenüber Bettina Röhl versuchte, Meinhofs Taten herunterzuspielen und zu rechtfertigen:

„Monika Berberich: Ja, sie ist davon ausgegangen, dass ihr ’ne Menge Positives in eurem Leben schon mitgekriegt habt, und dass ihr zu zweit wart, war auch total wichtig. Und es war zuerst nicht die Überlegung, dass sie euch gleich gar nicht mehr sieht. Erst in dem Moment ist das eine Überlegung geworden, wo klar war, dass euer Vater versucht mit allen Mitteln, euch zu kriegen, denn – das vergess ich nicht…
Bettina Röhl: Was meinst du?
Monika Berberich: Willst du das wirklich genau wissen? Weil sie ihn für ein Schwein gehalten hat, und zwar im buchstäblichen Sinne.
Bettina Röhl: Ein bisschen genauer bitte.
Monika Berberich: Sie meinte, er wird sich auf die eine oder andere Weise irgendwie an euch vergreifen, und es gab schon Zeichen dafür.
Bettina Röhl: Also sexueller Missbrauch?
Monika Berberich: Ja – ja, jetzt vielleicht nicht im allerschlimmsten Sinne, aber..
Bettina Röhl: Hm.“ (S.379)

Oder wie Horst Mahler ihr gegenüber sagte „Sie wollte nicht, dass ihr in einem bürgerlichen Leben bei eurem Vater verkommt“ (S. 378).

Oder Manfred Grashof in einem Interview von 1999:

„Manfred Grashof: […] da kann ich sagen, ich hab dafür plädiert, dass ihr in ein Camp kommt, da kannst du mich jetzt hassen […], weil, das war für mich die einfachste und die plausibelste und die richtigste Lösung. […] es gab da auch Schulen, die hatten dann auch so eine Jugendorganisation, das war dann natürlich total militärisch, die jungen Löwen, na ja, Jungs und Mädchen zusammen, ab einem gewissen Alter, also es gab da soziale Strukturen, die nicht irgendwie behauptet waren, sondern die real existierten. […]
[…]
Bettina Röhl: Und hattest du auch die Idee, eventuell deine Tochter……?
Manfred Grashof: Na ja, die ging zur Schule, die war zu dem Zeitpunkt […] schon längst bei meinen Eltern und, also ich hatte ja eigentlich nicht so die Veranlassung, da das Mädchen zu kidnappen, um es dann in den Libanon oder sonst wohin […] zu bringen.“ (S. 383-385)

Nochmal im Klartext: Es ging darum, zwei siebenjährige Mädchen bei Fremden aus einer Terrororganisation in einem arabischen Kriegsgebiet zurückzulassen.

(Im selben Interview erzählt Grashof auf Nachfrage noch, wie das Camp mit den Waisenlagern kurze Zeit später bei einem Bombenangriff des israelischen und jordanischen Militärs zerstört wurde.)

Die Autorin urteilt: „Auch Mahler, Baader, Ensslin hatten Kinder in unserem Alter, und auch sie sahen ‚eigentlich nicht so die Veranlassung‘, ihre Kinder zu ‚kidnappen‘ und in ein Waisenlager in den Nahen Osten zu bringen. Der Kinderirrsinn, der tätliche Hass auf ihren Exmann sowie die Tatsache, dass sie dem Plan, Peter Homann zu liquidieren, schweigend zugestimmt hatte oder gar diejenige war, die den Liquidierungsplan durch ihren Verdacht befördert hatte, war ganz offenkundig eine Meinhof’sche Besonderheit.“ (S. 385)

Frau Röhl berichtet in diesem Zusammhang auch, wie Mahler und Baader später, als die Zwillinge wieder bei ihrem Vater waren, noch bei Hanna K. mit Pistolen auftauchten, sie bedrohten und erfahren wollten, wo die Kinder waren, wie sie auch bereit gewesen wären, Homann und Aust zu erschießen, und dann doch von ihren Plänen abließen, wie ernst es mit der Verschleppung der Mädchen also war und was ihre Befreier riskierten; und sie berichtet, wie RAF-Apologeten später oft versuchten, die Pläne mit der Verschleppung nach Jordanien herunterzuspielen (z. B. Jutta Ditfurth in ihrer Meinhof-Biographie), oder sie zumindest rasch übergingen.

„Meinhof hat ihre Kinder nicht ‚verlassen‘, wie es immer so schön traurig heißt“, urteilt Frau Röhl. „Im Gegenteil, sie hat ihre Kinder mit in ihren Abgrund reißen wollen. […]
 Ich begreife Meinhofs sogenannten Sprung aus dem Fenster des Instituts für Sozialforschung am 14. Mai 1970 als den ersten Akt ihres sich lang hinziehenden Selbstmords.“ (S. 456f.)

Ulrike Meinhof muss offenbar ein sehr unglücklicher Mensch gewesen sein, mit dem Wunsch, so radikal wie nur möglich zu sein, aber gleichzeitig auch mit sehr unangenehmen Seiten und absurden Rationalisierungsstrategien.

Weitere interessante Punkte:

Es tauchen immer wieder bekannte Namen im linksextremen Umfeld, aus dem die RAF entstand, auf: Hans Magnus Enzensberger, Johannes Rau, Heinrich Böll, und viele mehr. Die Anwälte der RAF, wie Otto Schily und Hans-Christian Ströbele waren deutliche Sympathisanten und Helfer ihrer Mandanten, oft Freunde, die sie von früher kannten, und sie wurden später erfolgreich in der deutschen Gesellschaft. Es wird dokumentiert, wie viele der RAF in den frühen 70ern halfen, wie gut gerade Ulrike Meinhof in der Gesellschaft vernetzt war, bei wie vielen Leuten sie, während sie im „Untergrund“ war, auftauchen und Unterkunft, Geld und sogar Pässe bekommen konnte, ohne dass jemand die Polizei rief. Man bekommt eine Ahnung, wie weit der absurde Hass der Linken auf die Polizei ging; lieber half man Terroristen, als die Polizei zu holen.

Man merkt Frau Röhl immer wieder einen gerechtfertigten Ärger über die selektive Geschichtsrezeption der Alt-68er an, aber dabei bleibt sie gerecht und klar. Sie schreibt ziemlich pragmatisch; manchmal vielleicht etwas sehr pragmatisch. Wo man vielleicht noch mehr ideologische Kritik an  den theoretischen Prinzipien des Linksextremismus üben könnte, und andererseits deutlicher anerkennen könnte, dass der Wunsch nach Radikalität, den damals so viele irgendwie romantisch fanden, doch auf irgendeiner guten Wurzel basieren musste (ich meine hier weniger die Terroristen als vielmehr ihre Fans – wie sehr fehlten vielen Leuten Radikalität und Prinzipientreue, wenn sie meinten, wenigstens das bei der blödsinnigen Zerstörungswut dieser Terroristen zu finden?) kanzelt sie das Ganze ab und zu einfach mit dem Hinweis auf den fehlenden wirtschaftlichen Sachverstand der Neuen Linken ab (was ja auch berechtigt ist).

Sie hat übrigens auch ein paar klare Worte übrig für das ideologiegeleitete Interesse mancher Journalisten usw. an ihrem Leben und dem ihrer Schwester:

Was für ein Roman, was für eine schöne dramatische Geschichte: zwei blonde Mädchen mit der Kalaschnikow in der Hand, das war das Bild, das sich viele Menschen von meiner Schwester und mir machten. In etlichen Theaterstücken und Filmen wurden meine Schwester und ich tatsächlich so dargestellt. Dass wir längst wieder ein normales Leben führten und mit dem Terror von Meinhof gar nicht in Berührung kamen, ja, dass es uns gut, sogar ganz hervorragend ging, dass wir unser eigenes Leben fröhlich und interessiert lebten, passte nicht in die gierigen Journalistengeschichten der Tragödie von den ‚armen Kinder‘, die von der guten, armen tollen Terroristin für die Revolution geopfert worden wären. Es nervt, kann ich nur sagen! […] Und wenn man nicht dem Bild entsprach, waren viele beleidigt oder etwas böse. Haben die Kinder denn gar keine Gefühle für ihre Mutter? Dann sind sie eiskalt und gefühlsmäßig abgestumpft, wie eigentlich doch alle Nachgeborenen nach 68, oberflächlich und vielleicht auch etwas dumm und ohne Empathie für die große Revolutionsidee.“ (S. 493f.)

„Ulrike Meinhof hat vor 42 Jahren entschieden, ohne Reue und ohne Versöhnung mit der Gesellschaft aus dem Leben zu gehen. Und doch wünschen sich immer wieder so viele Menschen eine große Versöhnungsgeschichte: Die Opfer der RAF sollen den RAF-Tätern vergeben, der Staat soll sich mit der RAF aussöhnen, und immer wieder riefen mich Filmleute an, sie wollten so gerne die Geschichte schreiben, wie sich eine Ulrike Meinhof, die doch irgendwie heimlich überlebt hätte, nun – so der Plot – mit ihrer Tochter, einer fiktiven Bettina Röhl, träfe, auseinandersetzte und schließlich versöhnte. Die ‚Tochter‘ sollte der Mutter ganz fürchterliche Vorwürfe machen und mindestens genauso schlimm oder noch schlimmer sein als ihre Mutter. Ich habe diese Filmanliegen, bei denen ich auch noch am Drehbuch mitwirken sollte, abgelehnt, aber dann erschien tatsächlich im Jahr 2009, ohne mein Mittun, der grässliche Kitsch ‚Es kommt der Tag‘ mit Iris Berben als leidende, uneinsichtige RAF-Mutti und Katharina Schüttler in der Rolle der unversöhnlichen, rachsüchtigen erwachsenen Tochter. So viel zur Fiktion!
 Die Wirklichkeit ist doch viel besser.“

(Im Anschluss beschreibt sie, wie Hanna K., die an ihrer Rettung aus Sizilien beteiligt war und deren Nachnamen sie bisher nicht gekannt hatte, ihr 2007 eine E-Mail schrieb und wie sie und Hanna einander kennenlernten und Hanna die Patentante ihrer Tochter wurde; womit sie das Buch abschließt.)

Bettina Röhl hat eine einfache These: Die Neue Linke hatte sich verrannt, es wäre besser, wenn es diese Bewegung nie gegeben hätte, und Ulrike Meinhof war auf einem zerstörerischen und selbstzerstörerischen Trip. Dass sie damit bei den Nachfolgern der 68er – die, wie sie es gut beschreibt, immer noch höchstens Detailkritik aus den eigenen Reihen zulassen wollen, nie grundsätzliche Kritik von außen – nicht gut ankommt, ist nicht erstaunlich.

Fazit: Ein sehr informatives und empfehlenswertes Buch.

Wer noch ein paar Infos will, hier ein interessantes Interview mit Bettina Röhl:

 

* Alle Zitate aus der 3. Auflage, Heyne-Verlag 2018.

Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2b: Rahab

So, jetzt weiter mit Francine Rivers‘ Roman um Rahab.

Die erste Szene des nächsten Kapitel beginnt bei Rahab in Jericho, die Vorräte für eine längere Belagerung anlegt und ihrem Vater und ihren Brüdern weiterhin predigt, nicht auf den König zu setzen, sondern auf Gott. Dann wechselt der Schauplatz und wir sind bei Salmon im Lager der Israeliten. Das Manna, das Gott regnen lässt, wird allmählich weniger, und Salmon denkt gleichzeitig mit Vorfreude an das Gelobte Land und mit Wehmut an sein bisheriges Leben in der Wüste:

„O Gott, lass uns treu bleiben!, betete er. Lass uns nicht wieder so unmündig wie quengelnde Kinder werden! Lass die Siege, die du uns schenken wirst, uns nicht zu Kopfe steigen. Die Sünden unserer Väter sind uns stets bewusst. Wenn sie nur ein für alle Mal ausgelöscht werden könnten, sodass wir so vor dir stehen können wie eins Adam und Eva, als du sie erschaffen hast…“ (S. 174f.)

Salmon ist halt der ideale Protochrist.

Nun brechen die Israeliten das Lager bei Schittim ab und ziehen zum Jordan. Dort weicht der Fluss vor der Bundeslade zurück und sie ziehen hinüber und richten zum Andenken zwei Steinmale mit Steinen aus dem Fluss auf.

Von Jericho aus sieht man die Israeliten den Fluss durchqueren; auch Rahab sieht es aus ihrem Fenster. „Angst, Begeisterung und Ehrfurcht durchfluteten sie. Sie lachte und weinte gleichzeitig, ihr Herz hämmerte, und sie lehnte sich so weit aus dem Fenster, dass sie fast hinausfiel. Ein Wunder. Sie sah ein Wunder!“ (S 178) Die Menschen, die wie Rahabs Familie vor den Stadtmauern Jerichos wohnen, kommen jetzt entsetzt zur Stadt gelaufen, und am Tor entsteht Gedränge und Panik, Rahab sieht, wie ihre Mutter sich verzweifelt abmüht, einige Bündel mitzuschleppen, und ist wütend, dass sie sie nicht einfach fallenlässt. Aber schließlich findet sich doch ihre gesamte Familie in ihrem Haus ein. Rahabs Vater ist entsetzt: „‚So etwas hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht vorstellen können.‘ Er ballte die Fäuste, sein ganzer Körper steif vor Angst. ‚Noch nie habe ich solch einen furchtbaren Gott gesehen!'“ (S. 181) Rahab beruhigt ihn wieder.

Doch noch geht es nicht mit der Eroberung los. Im Lager der Israeliten werden erst noch alle Männer und Jungen beschnitten, die während der Zeit in der Wüste geboren sind. (Vgl. Jos 5,4-6: „Josua nahm die Beschneidung vor, weil das ganze Volk, das aus Ägypten ausgezogen war, das heißt die Männer, alle Krieger, nach ihrem Auszug aus Ägypten auf dem Weg durch die Wüste gestorben waren. Als das Volk auszog, waren alle beschnitten. Alle aber, die nach dem Auszug aus Ägypten unterwegs in der Wüste geboren wurden, hatte man nicht beschnitten. Denn vierzig Jahre lang wanderten die Israeliten durch die Wüste.“) Und dann wird noch das Passahfest gefeiert; Salmon feiert mit seinen Geschwistern. Sein Bruder Aminadab erzählt den Kindern die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und daraus ergibt sich ein Streit über Rahab:

„‚Ganz Ägypten wurde schwer geschlagen, weil das Herz des Pharaos verhärtet war‘, erklärte Aminadab. ‚Er hatte weder Erbarmen mit Israel noch mit seinem eigenen Volk.‘

‚Einige von ihnen sind mit uns gezogen‘, warf Naschon ein.

Aminadabs Augen blitzten. ‚Ja, aber die meisten starben in der Wüste, weil sie ihre Götzen nicht aufgeben konnten.‘ Er sah Salmon an. ‚Sie führen unser Volk in die Irre.‘

‚Salmon errötete heftig. Alle im Raum hatten von Rahab gehört. ‚Unser eigenes Herz ist es, das uns in die Irre führt‘ sagte er leise. ‚Gott sagt: ‚Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.‘

‚Ich kenne das Gesetz‘, sagte Aminadab.

‚Rahab kennt nicht den Buchstaben des Gesetzes, aber sie gehorcht ihm dennoch, weil ihr Herz Gott erkannt hat.‘

Amindadab ließ sich nicht besänftigen. ‚Es ist nicht gut, wenn wir Fremde unter uns haben. Sie bringen ihre falschen Götter mit und verursachen Unruhe!‘

‚Das stimmt‘, sagte Salmon. ‚Aber wenn sie ihre falschen Götter ablegen und den Herrn lieben, sind sie keine Fremden mehr.‘

Aminadabs Augen blitzten wieder. ‚Und wie willst du wissen, ob sie es ehrlich meint? Wie kannst du einer Frau glauben, die sich anderen Göttern hingegeben hat – ganz zu schweigen von anderen Männern?‘

‚Wer?‘ meldete sich ein Kind, doch niemand reagierte.

‚So wie unsere Väter und Mütter sich dem Goldenen Kalb hingegeben haben?‘ Salmon hatte jetzt Mühe, seinen Zorn zu zügeln. ‚Du vergisst ja schnell unsere eigene Schwäche und siehst nur die der anderen, die nicht den Segen der Gegenwart Gottes gehabt haben!'“ (S. 191f.)

Blitzende Augen. Das ist so eine dieser Phrasen aus dem Standartrepertoire von Romanautoren, die ich gerne verschwinden lassen würde. Wie soll ’n das aussehen, Augen sind keine Blitzgeräte.

Aminadab behauptet, Rahab am Leben zu lassen wäre eine Gefahr für sie, während Salmon weiter darauf besteht, dass Gott Rahab retten wolle und auch die Israeliten Seiner Gnade und Auserwählung nicht würdig gewesen seien. Der Herr hat uns errettet. Der Herr hat uns zu seinem Volk gemacht. Unsere Erlösung gründet nicht darauf, wer wir sind, sondern darauf, wer er ist.“ (S. 193) Mrs. Rivers sollte wirklich lieber Predigten als Romane schreiben, die Rhetorik passt schon mal. (Ehrlich, für eine Sonntagspredigt in der Kirche wäre das kein schlechter Anfang.)

In der Zwischenzeit bei Rahab. Rahab zerstört eine tönerne Götterfigur, die ihre Schwester Hagri mit in ihr Haus gebracht hat und predigt ihr wütend, dass diese keine Macht habe.

„‚Wenn dieses Ding Macht hätte, hätte es sich dann von mir aus dem Fenster werfen lassen? Benutze doch mal deinen Kopf, Hagri. Glaubst du im Ernst, so ein Götze kann uns etwas antun? Das ist eine Tonfigur, sonst nichts. Es gibt nur einen Gott, und er ist der Gott des Himmels und der Erde. Der Gott, der vor ein paar Tagen den Jordan zurückgedrängt hat! Hast du das so schnell vergessen? Wirf dich vor ihm nieder!‘

Ihre Eltern und Geschwister standen da und starrten sie mit offenem Mund an. Sie war so wütend, dass sie zitterte, aber sie merkte, dass sie mit Schreien nichts erreichen würde.

 Sie zwang sich, ruhiger zu sprechen. ‚Unsere einzige Hoffnung ist der Gott der Hebräer. Wir müssen uns von allem trennen, was ihn beleidigt. Habt ihr noch andere Götzenfiguren dabei?‘ Sie sahen sie stumm an, und sie platzte fast. ‚Kommt, zeigt mir alles! Zeigt mir, was für Scheußlichkeiten ihr noch mit in mein Haus gebracht habt!‘

Sie begannen zögernd, ihre Sachen hervorzuholen. Waheb, Hagris Mann, legte einen mit Ton gefüllten Totenschädel, in dessen Augenhöhlen Muschelschalen lagen, auf den Tisch. ‚Mein Vater‘, erklärte er. ‚Er war ein weiser Mann.‘

‚Weise und tot.‘

‚Unsere Ahnen geben uns Hilfe und Rat!‘

‚Wozu? Damit wir so werden wie sie? Glaubst du, dieser Totenschädel voll Dreck kann dir sagen, wie du dem kommenden Gericht entfliehen kannst? Wirf ihn weg!‘

‚Das ist mein Vater!‘

‚Dein Vater ist tot, Waheb. Warum habt ihr seinen Kopf nicht mit ihm begraben?'“ (S. 184f.)

Rahab droht schließlich sogar, Waheb und seine Familie hinauszuwerfen, wenn sie den Schädel nicht zerstören, und weist noch einmal auf das echte göttliche Wunder am Jordan hin, das sie gesehen haben. Schließlich gibt Waheb nach, und Rahabs Vater bringt dann auch noch seine Frau dazu, den Götzenschrein und die Ahnenschädel, die sie mitgebracht hat – das war in den schweren Bündeln – auszupacken.

„Rahab schauderte. Sie erinnerte sich noch gut daran, welche Angst die Totenschädel ihrer Ahnen mit ihren leeren Augen ihr als Kind eingejagt hatten. Sie hatten einen Ehrenplatz in der Hütte ihres Vaters gehabt – gruselige Erinnerungen an vergangene Generationen.

‚Können wir nicht wenigstens den Schrein behalten?‘ fragte ihre Mutter.

‚Warum?‘, sagte Rahab.

‚Er ist kostbar. Dies ist Elfenbein, und diese Steine hier…'“ (S. 187)

Äh, was? Ich dachte, das soll eine arme Bauernfamilie sein. Rahab jedenfalls schert sich nicht um das Elfenbein, das ihre Familie unlogischerweise besitzt:

„‚Er würde uns nur an die Götzen erinnern, die darin gewesen sind.‘

Ihr Vater warf den Schrein aus dem Fenster hinaus. Er prallte auf, und die steinerne Statue in ihm rollte heraus und den Wall hinunter. Als Nächstes warf ihr Vater die Schädel hinunter. Einer nach dem anderen krachten sie auf die Steine.“ (Ebd.)

Während Rahabs Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Kostbarkeiten ja sehr lobenswert ist und Nekromantie jetzt auch nicht gerade toll ist, ist das hier trotzdem schlicht und ergreifend Leichenschändung. Wieso die Schädel nicht im Hinterhof begraben, oder so? Wahebs Instinkt, seinen toten Vater ehren zu wollen, indem er die Leiche ehrt, ist eben gerade nicht falsch, sondern sehr richtig; erst dann, wenn man Leichenteile als Glücksbringer verwendet oder Totengeister zur Zukunftsweissagung heraufbeschwören will (wie das etwa Saul in 1 Sam 28 tut), wird es falsch. Mrs. Rivers, die als Christin schon die Hoffnung auf die Auferstehung des Leibes kennen sollte, sollte das eigentlich sehr genau wissen, und selbst in alttestamentlichen Zeiten, als man diese Hoffnung noch nicht hatte, wusste man, dass ein Körper nicht einfach nur eine wertlose äußere Hülle für die Seele war (wie einige spätere griechische Philosophen glaubten), sondern wirklich zu einem Menschen gehörte und Achtung verdiente.

Aber gut. Protestanten haben ja ein seltsames Verhältnis zu den Toten. Sie halten es ja auch jetzt noch für Nekromantie, Seelen im Himmel um ihre Fürsprache bei Gott zu bitten, und das nach dem Abstieg Christi ins Totenreich und der Befreiung der Seelen aus demselben.

(Christliche Eschatologie ist ein bisschen komplizierter als „nach dem Tod ist die Seele im Himmel“, ja.)

Auch Rahab spürt, wie Salmon, eine Sehnsucht nach Reinigung von Schuld: „Was hatte sie nicht alles für unsichtbare Götzen und Talismane gehabt  ihr Streben nach Geld und Sicherheit; ihre Fähigkeit, innerlich aus ihrem Körper herauszutreten, während unzählige Männer ihn benutzten; ihre Bereitschaft, einem König zu dienen, der sein Volk als seinen persönlichen Besitz betrachtete. Oh, wenn sie nur noch einmal von vorn anfangen, ein neues Geschöpf werden könnte! Wenn sie nur gereinigt werden könnte von all dem Schmutz, sodass sie in Dankbarkeit und ohne Scham vor diesem Gott niederfallen konnte!“ (Ebd.)

Sie und ihre Familie hören die Geräusche des Festes aus dem Lager der Israeliten, und während der Angriff noch auf sich warten lässt, werden Rahabs Angehörige nervös. Ob die Israeliten überhaupt angreifen werden, nachdem sie die Mauern gesehen haben? Oder sollten sie vielleicht doch versuchen, aus der Stadt zu fliehen, bevor der Angriff kommt? Rahabs Mutter regt sich darüber auf, dass Rahab ständig über Gott redet. Alle sind eben nervös und hocken zu eng aufeinander. Spannenderes passiert bei ihnen dann auch nicht mehr. Tatsächlich hätte man in die Geschichte – deren Ende die Leserinnen ja eh schon kennen – an dieser Stelle noch ein bisschen zusätzliche Spannung bringen können, z. B. indem ein Mann der Stadtwache entdeckt, dass Rahabs Familie Götterstatuen zerstört hat und sie für diesen gefährlichen Frevel beim König anzeigt; oder der König Rahabs männliche Angehörige auf die Stadtmauern holen will, damit sie bei der Verteidigung Jerichos helfen; oder der König Rahab das Angebot schickt, während der Belagerung in seinen Palast zu kommen, damit sie dort sicherer ist; oder oder oder… Aber gut, das wäre vielleicht auch etwas viel dichterische Freiheit.

Wir bekommen noch eine kurze Szene, die auf folgender Bibelstelle beruht: „Als Josua bei Jericho war und die Augen erhob, schaute er und siehe: Ein Mann stand vor ihm, mit einem gezückten Schwert in der Hand. Josua ging auf ihn zu und fragte ihn: Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden? Er antwortete: Nein, ich bin der Anführer des Heeres des HERRN. Ich bin soeben gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, um ihm zu huldigen, und fragte ihn: Was befiehlt mein Herr seinem Knecht? Der Anführer des Heeres des HERRN antwortete Josua: Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort, wo du stehst, ist heilig. Und Josua tat es.“ (Jos 5,13-15)

Rahab sieht beim ersten Morgenlicht aus dem Fenster und sieht einen alten Mann – Josua -, der seltsamerweise „[i]n Bogenschützenreichweite von der Stadtmauer“ steht, und dann, als sie ein zweites Mal hinsieht, einen jüngeren Mann, einen Soldaten, bei ihm. Sie beobachtet, wie Josua niederfällt und seine Schuhe auszieht. Nachdem sie kurz vom Fenster weggegangen ist, um ihren Bruder Mizraim zu holen, ist der jüngere Mann wieder fort, als sie zurückkehrt, und der alte kehrt ins israelitische Lager zurück. Sie ahnt, dass es nun losgehen wird mit der Eroberung.

Im nächsten Kapitel ist es dann tatsächlich allmählich so weit. Die Israeliten ziehen, wie ihnen geboten wurde, schweigend und die sieben Widderhörner blasend mit der Bundeslade um Jericho. Rahab hat schon davon gehört, was die Bundeslade ist, und erklärt es ihrer Familie – und auch, dass man Gott nicht beherrschen könnte, indem man die Bundeslade erbeuten würde, weil Gott sich nicht darin einsperren ließe. Wie schon mal gesagt: Wenn die Leute sich öfter so akkurates theologisches Wissen durch Hörensagen erwerben würden, wäre es wirklich schön. Zum Erstaunen der Bewohner Jerichos ziehen die Israeliten wieder ab, nachdem sie die Stadt umrundet haben.

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(James Tissot, The Seven Trumpets of Jericho, Gemeinfrei.)

„‚Sie gehen wieder! Sie gehen wieder!‘, kamen die Schreie von der Mauer, als die israelitische Armee zurück in die Ebene marschierte. Die Soldaten Jerichos riefen und lachten und johlten.

Rahab zuckte zusammen, als sie die Spottrufe hörte, mit denen sie die fortmarschierende Armee und ihren Gott bedachten. Wussten diese Männer nicht, dass sie ihre Eroberer verspotteten? Sie hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Wie sie sich schämte über ihr Volk, über seinen Hochmut, über seine Verachtung vor dem allmächtigen Gott. Wenn sie nur ein bisschen Verstand gehabt hätten, sie hätten Boten mit Geschenken zu den Israeliten geschickt! Der König selbst wäre hinausgegangen, um dem Gott Israels seine Aufwartungen [sic] zu machen! Das Volk hätte die Tore Jerichos geöffnet und den Herrn des Himmels und der Welt willkommen geheißen. Doch stattdessen hatten diese stolzen, dummen Menschen die Stadt verriegelt und verrammelt und zu einem Grab gemacht.“ (S. 200)

Nun ja. Ich will jetzt wirklich nicht die Jerichoaner zu den Guten erklären – für die Gründe siehe den ersten Teil dieser Rezension – aber aus ihrer Sicht ist es doch nicht unlogisch, dass sie noch hoffen, dass ihre Götter doch noch etwas gegen diesen israelitischen Gott ausrichten werden, auch wenn der gerade erst den Jordan aufgehalten hat, und dass sie sich nicht einfach ihren Feinden ergeben wollen. Sie sind, wie gesagt, nicht die Guten der Geschichte, aber sie handeln auch nicht uneingeschränkt frei. (An dieser Stelle nochmal ein allgemeiner Aufruf zu einem Ave Maria für Jerichos Tote.)

Rahabs Familie meint zuerst wie alle anderen, die Israeliten würden nun endgültig abziehen, doch Rahab wankt nicht in ihrer Überzeugung, dass sie zurückkehren würden.

Und natürlich kehren sie an den nächsten Tagen zurück und marschieren wieder und wieder um die Stadt. Hier bekommen wir wieder Salmons Perspektive, der mitmarschiert, zu Rahabs Fenster hinaufsieht und sehnsüchtig und besorgt an sie denkt, während die Soldaten Jerichos die israelitische Armee verspotten. Und dann kommt am siebten Tag ein anderer Marschbefehl als zuvor:

„Heute also würde der Kampf beginnen. Heute würde er sich einen Weg in die Stadt bahnen, Rahab finden und sie und die Ihren in Sicherheit bringen, bevor das Gericht über sie kam.

Denn heute würde Jericho fallen!“ (S. 205)

Diesmal ziehen die Israeliten nicht nur ein, sondern sieben Mal um die Stadt. Rahab ist aufgeregt, als sie merkt, dass sie nicht nach einer Runde wieder abziehen, und fordert ihre Familie auf, sich festlich anzuziehen. „Sollten wir unsere Befreier mit staubigen Gesichtern und schmutzigen Kleidern begrüßen? […] Heute ist der Tag unserer Erlösung!“ (S. 206) Echt jetzt. Dass an diesem Tag all ihre Nachbarn der Tod erwartet, scheint Rahab inzwischen nicht mehr zu kümmern.

Es geht mir hier nicht um Schuld oder Verbrechen. Das ist – siehe Teil a – ein komplizierteres Thema. Aber sie scheint all das nicht einmal als etwas Tragisches, Betrauernswertes zu sehen. Ich nehme es den Russen, die im 2. Weltkrieg meinen Großonkel getötet haben, auch nicht übel, was sie getan haben – sie haben einen gerechten Verteidigungskrieg geführt –, aber trotzdem kann ich es schlimm finden.

Die Reaktion von Rahabs Familie? Stöhnen und genervte Hinweise darauf, dass sie das auch schon die vorigen Tage gesagt habe. Auch hier keine Trauer.

Wir sind wieder draußen bei den Israeliten. Josua befiehlt, nach der siebten Runde ein Kampfgeschrei zu erheben, die Stadt zu stürmen und als Opfer für den Herrn völlig zu zerstören, nur die metallenen Geräte in den Schatz des Herrn zu bringen und die Dirne Rahab zu verschonen. Die Mauern stürzen ein, wie wir alle wissen, nachdem sie das Kriegsgeschrei erhoben haben, und die Israeliten erstürmen die Stadt.

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(James Tissot, The Taking of Jericho, Gemeinfrei.)

Rahab verliert auch jetzt, wo ihr  halbes Haus einstürzt, nicht den Mut. „‚Stellt euch alle hinter mich, schnell!‘, schrie sie über den Lärm hinweg. ‚Habt keine Angst, steht fest!'“ (S. 208)

Josua schickt Salmon und Ephraim zu  Rahabs Haus:

„Er sprang über die Trümmer, das Schwert in der Hand, und machte einen gegnerischen Soldaten nieder, der versuchte, der entfesselten Gottesarmee zu entkommen. […] Er trat durch die Öffnung in der Mauer. Ja, da stand sie und hinter ihr über ein Dutzend weiterer Menschen. Ihre Arme waren ausgestreckt, als wolle sie ihre Familie beschirmen. Ihr schönes Gesicht war blass, aber ihre Augen leuchteten.“ (S. 208f.)

Salmon und Ephraim bringen alle schnell aus der Stadt, wobei wir einen flüchtigen Eindruck von dem Chaos bekommen, das dort herrscht. („Gegenüber auf der Straße brannte ein Haus. Die Leichen von Rahabs Nachbarn lagen in der Tür. Aus dem Stadtzentrum kamen Schreie.“ (S. 209)) Jericho geht in Flammen auf, während Rahabs Familie zu einem Platz außerhalb des israelitischen Lagers gebracht wird.

„Rahab saß zitternd da, die Knie an die Brust gezogen. Erschöpfung, Erleichterung über ihre Rettung und eine abgrundtiefe Traurigkeit stritten in ihr. All diese Menschen – tot, weil sie ihr Vertrauen auf von Menschen errichtete Mauern gesetzt hatten und nicht auf den lebendigen Gott, der die Steine geschaffen hatte. Die Geschichten über Israel hatten sie doch genauso gehört wie sie. Warum hatten sie nur nicht glauben wollen? […]

Rahab ließ ihren Kopf auf die Knie sinken. Sie wollte nicht, dass Salmon oder Ephraim ihre Tränen sahen. Womöglich würden sie sie falsch verstehen und denken, dass sie über die gefallene Stadt trauerte oder nicht dankbar war, dass sie ihren Eid gehalten hatten. Ihr Herz war voll Dankbarkeit gegenüber Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde, der diese Menschen an ihr Versprechen gebunden hatte. Sie und alle ihre Lieben waren am Leben und in Sicherheit.

Aber sie hatte auf mehr gehofft. Oh, auf so viel mehr.“ (S. 210f.)

Ihre Familie ist froh um ihre Rettung und ihr Vater dankt Rahab für ihre Weisheit, aber:

„Keiner ihrer Angehörigen würde ihren Schmerz verstehen. Selbst jetzt, nach allem, was sie gehört und gesehen hatten, teilten sie nicht ihren Glauben und die Sehnsucht ihres Herzens nach Gott. […]

Ihre Schultern bebten; sie schlug die Hände vor den Mund, um ihr Schluchzen zu unterdrücken.

‚Weinst du um die Gefallenen, Rahab?‘

‚Nein‘, sagte sie rau.

Sie weinte, weil ihr Traum, dem wahren Gott nachzufolgen, dabei war, zu Staub zu zerfallen. Sie hatten sie nicht mitgenommen in das Lager Israels.“ (S. 212)

Am nächsten Tag kommen aus dem Lager der Israeliten Josua, Salmon und Ephraim zu ihnen. Hier stellt sich heraus, dass Rahabs Vater Abjasaf Josua schon einmal gesehen hat – vor vierzig Jahre, als der in Moses‘ Auftrag das Land erkundet hat.

„‚Du und ich, wir sind uns vor vielen Jahren hier in diesem Palmenhain begegnet‘, sagte Rahabs Vater. ‚Ich wusste, dass du wiederkommen würdest.‘

‚Ich erinnere mich an dich, Abjasaf.'“ (S. 213)

Mehr erfährt man seltsamerweise nicht über diese Begegnung; man würde glauben, dass die Autorin noch die Gelegenheit nutzen möchte, mehr aus der Figur von Rahabs Vater oder der von Josua zu machen, aber das tut sie nicht.

(Ich habe keine Bibelstelle gefunden, auf der diese Geschichte beruhen könnte. In Numeri 13 steht nichts dergleichen.)

Josua garantiert für ihr Leben und fragt, wohin sie gehen wollen; Abjasaf sagt, wenn sie es sich aussuchen könnten, würden sie gern in ihr altes Haus außerhalb der zerstörten Stadt zurückkehren.

In der Bibel heißt es hier bloß: „Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, und holten Rahab, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Brüder und alles, was ihr gehörte; sie führten ihre ganze Verwandtschaft heraus und wiesen ihnen einen Platz außerhalb des Lagers Israels an. Die Stadt aber und alles, was darin war, brannte man nieder; nur das Silber und Gold und die Geräte aus Bronze und Eisen brachte man in den Schatz im Haus des HERRN. Die Dirne Rahab und die Familie ihres Vaters und alles, was ihr gehörte, ließ Josua am Leben. So wohnt ihre Familie bis heute mitten in Israel; denn Rahab hatte die Boten versteckt, die Josua ausgesandt hatte, um Jericho auskundschaften zu lassen.“ (Jos 6,23-25)

Aber weil Rahab ja mit Salmon zusammenkommen muss, lässt Mrs. Rivers sie jetzt noch Josua darum bitten, ins Volk Israel aufgenommen zu werden. Josua sagt zunächst nur „Wenn Rahab hierbleiben will, so darf sie das tun“ (S. 215), nimmt sie aber nicht ins Lager mit.

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(Illustration von 1891, die Rahab, ihre Familie, Josua und die israelitischen Krieger nach der Eroberung Jerichos zeigt. Gemeinfrei.)

Rahab streitet sich noch mit ihrer Familie, bevor diese abzieht; ihr Vater sagt, der Gott, der Jericho zerstört habe, sei nicht der ihrige, und gerade einem so mächtigen Gott gehe man lieber aus dem Weg. Hier wird es interessant. Mrs. Rivers hat sich ja bisher kaum mit der Tatsache aufgehalten, dass „dieser Gott ist ein wirklicher, mächtiger Gott, mit dem wir rechnen müssen“ für die Leute damals nicht automatisch hieß „dieser Gott ist ein guter Gott, dem wir nahe sein wollen“. Aber auch hier scheint sie keine wirkliche Antwort darauf zu haben. Rahab führt nichts in Bezug auf Gottes Güte und Gerechtigkeit an – spricht nicht über seine gerechten Gebote und Gesetze, seine Liebe zu den Armen und Versklavten (gerade die Bücher Exodus und Deuteronomium gäben da ja einiges an Stoff her) -, sondern fragt nur:

„‚Und wie willst du das machen, Vater? Wo kannst du dich vor ihm verstecken?‘

Er sah einen Augenblick unsicher aus, dann sagte er. ‚Wir werden still für uns unter den Palmen wohnen, wie Josua es uns erlaubt hat. Wir werden uns abseits halten und die Israeliten nicht stören. Auf diese Weise werden wir Frieden haben mit dem Volk Israel und mit seinem Gott.“ (S. 216f.)

Abjasaf tut mir irgendwie leid.

Während ihre Familie abzieht, lässt Josua Rahab noch einige Tage vor dem Lager warten. Als sie vier Tage lang treu dort ausharrt, darf Salmon schließlich zu ihr gehen. Er wechselt nur wenige Worte mit ihr – wobei sie ihre Entschlossenheit deutlich macht, bei den Israeliten zu bleiben -, bevor er ihr seinen  Heiratsantrag macht. Sie ist zuerst ganz verdattert: Was, dieser junge Mann will ausgerechnet eine Hure heiraten? Sie lehnt zunächst ab und sagt ihm, in ein paar Tagen werde er froh darüber sein. Aber er lässt nicht locker:

„Als ich dich das erste Mal in der Mauer von Jericho sah, sah ich nur eine Hure. Aber als ich in dein Haus kam und du mit uns geredet hast, da sah ich, was du wirklich bist – eine Frau voller Weisheit, eine Frau, die des Ruhmes würdig ist. […] Von dem Augenblick an, in dem du deinen Glauben an Gott erklärt hast, habe ich dich geliebt.“ (S. 219)

Rosamunde Pilcher auf Evangelikal. – Salmon wird sogar zum Propheten:

„Von dir werden Propheten kommen… wer weiß, vielleicht sogar der Messias.“ (S. 219f.)

Rahab ist überwältigt:„Sie schluckte, sprachlos vor der Güte Gottes. Erst hatte er ihr das Leben gerettet, und jetzt schenkte er ihr einen Mann Gottes als Ehemann. Einen Ehemann! Das hätte sie sich nie träumen lassen.“ (S. 220) Und so endet das Buch. „Salmon hob ihr Bündel auf, nahm ihre Hand und führte sie nach Hause.“ (S. 221)

Was die Botschaften des Buches angeht, so ist außer einer etwas verworrenen Vorstellung davon, was Gottvertrauen eigentlich bedeutet (wieviel Vorausplanung und Eigeninitiative ist jetzt noch gleich Sünde?) nicht viel Schlimmes dabei. Na gut: Die wirklich schlimm stereotype Liebe auf den ersten Blick. Die zwei sehen gewisse Anzeichen dafür, dass die jeweils andere Person gläubig ist, finden sie attraktiv, und mehr müssen sie nicht voneinander wissen. Es ist mir wirklich schleierhaft, wieso die Autorin sich die zwei nicht nach der Eroberung Jerichos erst mal richtig kennenlernen gelassen hat.

Im nächsten Teil zu Ruth.

Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 1: Tamar

Man soll ja nicht immer nur die anderen kritisieren, sondern auch mal die Fehler der eigenen Seite anschauen. Also dachte ich mir, nach einer ausführlichen genervten Rezension zu einem feministisch-antichristlichen Roman könnte ich mich auch mal über einen christlich-antifeministischen lustig machen.

Ach, wem will ich hier was vormachen. Die Autorin besagten Romans ist evangelikal, und wer mich kennt, weiß, dass die Evangelikalen zu meinen Lieblingsgegnern zählen. (Nach Luther und Calvin.)

Wie auch immer, ich dachte, es könnte Spaß machen und vielleicht auch ein paar Leser interessieren, mal anzuschauen, wie ein schlechter christlicher (evangelikaler) Roman ausschauen kann. Es ist ja unter der neueren christlichen Literatur, die es so auf dem Markt gibt, gar nicht mal so wenig schlechtes Zeug dabei; Autoren in diesem Genre scheinen nicht selten entweder zu meinen, dass a) man das mit einem christlichen Publikum ja machen könne, weil das eh nicht viel Auswahl an weltanschaulich passender Unterhaltung hat und eh alles kaufen wird, was angeboten wird, oder b) es vor allem auf die transportierte Botschaft ankomme und man lieber darauf schauen anstatt an der künstlerischen Qualität arbeiten müsse.* Ausgesucht habe ich mir dafür „Saat des Segens“ von Francine Rivers: ein Sammelband aus fünf Romanen, in denen es jeweils um eine der Frauen geht, die in Jesu Stammbaum im Matthäusevangelium auftauchen – Tamar, Rahab, Ruth, Batseba, und natürlich seine Mutter Maria. Mrs. Rivers ist in amerikanischen christlichen Kreisen ziemlich bekannt; vor ihrer Bekehrung 1986 schrieb sie Liebesromane, und danach machte sie mit Liebesromanen auf Christlich weiter, von denen die meisten auch ins Deutsche übersetzt worden sind. Auf ihrer Webseite schreibt sie über ihre Ambitionen:

“Ich sehne mich danach, dass der Herr meine Geschichten benutzt, damit die Leute nach Seinem Wort, der Bibel, dürsten. Ich hoffe, dass das Lesen meiner Geschichten in dir einen Hunger auf das gelesene Wort [vielleicht ein Tippfehler auf der Webseite; statt „read Word“ könnte auch „real Word“ gemeint sein], Jesus Christus, das Brot des Lebens, erweckt. Ich bete, dass du meine Bücher beendest und dann die Bibel mit einer neuen Begeisterung und Vorfreude auf eine wirkliche Begegnung mit dem Herrn selbst aufschlägst. Mögest du die Schrift aus purer Freude, in Gottes Gegenwart zu sein, erforschen.

Geliebter, ergib dich mit ganzem Herzen Jesus Christus, der dich liebt. Wenn du aus dem tiefen Brunnen der Schrift trinkst, wird der Herr dich beleben und reinigen, dich formen und dich neu schaffen durch Sein Lebendes Wort. Denn die Bibel ist der wahrhafte Odem Gottes, der ewiges Leben denen gibt, die ihn suchen.“

Ich habe einen ihrer Romane mit dem Titel „Redeeming Love“, eine Nacherzählung der Geschichte des Propheten Hoesea, vor einigen Jahren im englischen Original gelesen und mochte ihn damals irgendwie, auch wenn mir ein Detail schon problematisch vorkam**; wieder daran erinnert habe ich mich, als ich vor einiger Zeit auf feministischen Blogs auf (nicht mal völlig zu Unrecht) sehr kritische Rezensionen gestoßen bin. „Saat des Segens“ habe ich mir dann vor kurzem bestellt, weil das Thema der Romane sehr interessant klang – und ich irgendwie gespannt war, was man bei einer evangelikalen Autorin, die über die allerseligste Jungfrau schreibt, wohl bekommen würde (ich verrate schon mal: es wird schlimmer als befürchtet). Und, wie gesagt, in der Hoffnung auf Stoff für den Blog.

Nacherzählungen biblischer Geschichten sind an sich ja etwas sehr Spannendes. Und sie sind schwierig hinzubekommen – weil man irgendwie Gott als handelnde Person hineinbringen muss; weil man dem Bibeltext treu bleiben will, aber es sich auch komisch anhört, wenn man einfach wörtlich abschreibt; weil man, wenn es um die frühen Bücher des Alten Testaments geht, so wenig über die Zeit weiß; weil man Menschen aus einer anderen Epoche der Offenbarungsgeschichte nicht einfach das eigene heutige Glaubensverständnis unterstellen darf. Spoiler: Francine Rivers bekommt diese Aufgabe nicht hin.

Wie gesagt, der Zusammenhang zwischen den fünf Büchern besteht darin, dass nur genau diese fünf Frauen in Jesu Stammbaum bei Matthäus auftauchen: „Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar. Perez zeugte den Hezron, Hezron zeugte den Aram, Aram zeugte den Amminadab, Amminadab zeugte den Nachschon, Nachschon zeugte den Salmon. Salmon zeugte den Boas mit der Rahab. Boas zeugte den Obed mit der Rut. Obed zeugte den Isai, Isai zeugte David, den König. David zeugte den Salomo mit der Frau des Urija. (…) Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird.“ (Mt 1,3-6.16) Auf Englisch sind die Bücher unter dem Titel „Lineage of Grace“ (etwa: Abstammungslinie der Gnade) erschienen.

Tamars Geschichte findet sich in der Bibel in Genesis 38. In meinem Sammelband ist dieses Buch überschrieben mit „Tamar – Der Gott, der mich segnet“; als Einzelband ist es unter dem Titel „Unveiled – Tamar“ bzw. auf Deutsch „Frau der Hoffnung – Tamar“ erschienen. Die biblische Erzählung ist relativ knapp, Mrs. Rivers hat hier also Gelegenheit, die Details relativ frei auszugestalten. (Bitte die Bibelgeschichten selber noch mal nachlesen, wenn man sie noch nicht kennt.)

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(Tammar, Dr. Lidia Kozenitzky.)

Das Buch beginnt, als die vierzehnjährige Tamar sieht, wie Juda sich mit einem mit Geschenken beladenen Esel ihrem Vaterhaus nähert. (Ihr Vater ist ein wohlhabender kanaanitischer Bauer.) Sie gerät in Panik, weil sie schon befürchtet, dass Juda sie als Braut für seinen ältesten Sohn Er bekommen möchte, von dem sie viel Schlechtes gehört hat – und so geschieht es auch. Tamar wird geholt und ihre Mutter und Schwestern schmücken sie, damit sie sich gut vor Juda präsentiert. Ihre Mutter predigt ihr noch, dass so nun mal der Lauf der Welt sei und sie sich einer Heirat fügen müsse, falls Juda sich mit ihrem Vater einig werden sollte. „Sie packte Tamars Schulter. ‚Sei eine gute Tochter und gehorche ohne Widerworte. Werde eine gute Ehefrau, die viele Söhne bekommt. Tu das, und du wirst Ehre ernten und wenn du Glück hast, wird dein Mann dich lieben. Und auch wenn keine Liebe zwischen euch wächst, wird deine Zukunft doch in den Händen deiner Söhne sicher sein; wenn du alt bist, werden sie für dich sorgen, so wie deine Brüder für mich sorgen werden. Die einzige Befriedigung, die eine Frau in dieser Welt bekommen kann, ist viele Söhne zu bekommen und die Familie ihres Mannes aufzubauen.’“ (S. 17) Tamar nimmt sich, wie das rechtliche Buch zeigt, diese Ermahnung zu Herzen.

Tamars Vater Zimran hat seine eigenen Gründe, seine Tochter mit Judas Sohn verheiraten zu wollen; er fühlt sich von den Hebräern bedroht, auch wenn Juda seine Leute verlassen, eine kanaanitische Frau geheiratet und sich unter Kanaanitern niedergelassen hat. Die Kanaaniter erinnern sich noch gut daran, wie Juda und seine Brüder Jahre vorher die Sichemiter überlistet und niedergemetzelt haben als Rache für die Vergewaltigung ihrer Schwester durch den Sohn des Stadtfürsten von Sichem (vgl. Gen 34). Zimran will also mit einer Heirat den Frieden zwischen seiner Sippe und der Judas sichern.

Die Geschichte wird nicht nur aus Tamars Sicht erzählt, sondern immer wieder auch aus der Judas. So auch gleich hier am Anfang. Man erfährt seine Motive, eine Braut für seinen Ältesten zu suchen:

„Ihre Augen waren dunkel, aber nicht hart, ihre Haut rein und leuchtend. Ein solches Mädchen konnte vielleicht das verbogene Herz seines Sohnes anrühren und ihn von seinen krummen Wegen abbringen. Ob sie wohl den Mut hatte, den es brauchte, um Ers Respekt zu gewinnen? (…) Sie würde stark und widerstandsfähig sein müssen.

Juda wusste, dass er selbst sein Maß Schuld daran trug, dass sein Sohn so missraten war. Er hätte seiner Frau nie freie Hand bei der Erziehung seiner Söhne geben dürfen. Er hatte gedacht, dass völlige Freiheit sie glücklich und stark machen würde. Und sie waren auch glücklich – solange alles nach ihrem Willen ging. Und stark genug, ihre Fäuste zu benutzen, wenn es nicht danach ging. Sie waren stolz und arrogant und kannten keine Grenzen. Hätte er nur öfter die Rute benutzt!“ (S. 21)

Also, kurz gesagt, Juda hatte Pech mit seinen Söhnen und seinen gewissermaßen „antiautoritären“ Erziehungsmethoden (die übrigens etwas aus der Zeit gefallen wirken), konnte sich nie durchsetzen und will jetzt die Verantwortung für seine Fehler auf ein vierzehnjähriges Mädchen abschieben. Er reflektiert an dieser Stelle auch die Fehler bei der Wahl seiner Frau:

„Es war die pure Lust gewesen, die ihn dazu gebracht hatte, die Mutter des Jungen zu heiraten. Schönheit war ein Fallstrick für einen Mann, und ungezügelte Leidenschaft verbrannte den Verstand. Der Charakter einer Frau war das Wichtigste. Juda wusste, dass er besser daran getan hätte, der Sitte zu folgen und seinen Vater die Frau für ihn aussuchen zu lassen. Jetzt zahlte er bitter für seine Eile und Starrsinnigkeit damals.“ (S. 24)

Ah… ja. Wir sollten hier nicht vergessen, dass die Autorin ihr Buch nicht nur als Geschichte, sondern – s. o. – vor allem als Predigt schreibt. Es gibt da ja durchaus so Tendenzen in gewissen amerikanischen „fundamentalistischen“ Kreisen, arrangierte Ehen zu verherrlichen und selber „parent-led courtship“ (d. h. Kennenlernen unter den Augen der Eltern, Heirat nur mit deren Zustimmung) zu praktizieren. Der Witz ist natürlich, dass Juda die Frau für seinen Sohn auch nur aufgrund eines sehr oberflächlichen Eindrucks auswählt und kaum Worte mit ihr wechselt.

„Es reichte nicht, dass eine Frau die Leidenschaft ihres Mannes anfachte. Sie musste auch stark sein, aber gleichzeitig bereit, sich zu fügen. Eine störrische Frau war ein Fluch für einen Mann.“ (S. 24.)

Okay… ist wohl mehr oder weniger Standardpredigt bei konservativen Protestanten.

Ansonsten erfährt man in diesem Kapitel auch noch, wie sehr Juda von der Erinnerung an das geplagt wird, was er und seine Brüder einst seinem jüngeren Bruder Joseph angetan haben – wie sie ihn nach Ägypten verkauft und ihrem Vater weisgemacht haben, er sei tot.

Aber weiter im Text. Juda und Zimran werden sich einig, Juda lässt die Brautgeschenke da, und Tamar muss ihn gleich zurück zu sich nach Hause begleiten. Eine Dienerin, ihre frühere Amme Aksa, kommt mit ihr. Als sie ankommen – Juda lebt hier interessanterweise in einem Steinhaus, nicht in Zelten –, ist Er mit seinen Freunden unterwegs und Judas Frau Batsuba reagiert abschätzig und wenig einladend auf ihre neue Schwiegertochter. Tamar versucht zunächst noch, sich selbst Mut zu machen: „Während sie so dasaß und wartete, befahl sie sich selbst, all das Schlimme zu vergessen, das sie über Er gehört hatte. Vielleicht hatten die Menschen, die so schlecht über ihn sprachen, unlautere Motive gehabt. Nein, sie würde ihn so achten, wie es einem Ehemann gebührte; und auf seine Wünsche eingehen. Wenn der Gott von Ers Vater gnädig auf sie herabsah, würde sie Er Söhne schenken, und dies schon bald, und sie würde sie zu starken, ehrlichen Männern erziehen, die treu und verlässlich waren. Ja, falls Er dies wünschte, würde sie sogar den Gott Judas anbeten und ihre Söhne dazu erziehen, ihn zu ehren und nicht die Götter ihres Vaters. Aber ihr Herz zitterte, und mit jeder Stunde wuchs ihre Angst.“ (S. 29) Als ihr Bräutigam schließlich, betrunken und zusammen mit seinen betrunkenen Freunden, wiederkommt, heißt auch er sie nicht gerade herzlich willkommen.

„Es lag Stolz in der Art, wie er seinen Kopf hielt, Grausamkeit im Schwung seines Mundes, Gleichgültigkeit in seinen Gesten. Er ergriff nicht ihre Hand.

‚Ist das also die Frau, die du für mich ausgesucht hast, Vater.’

Sein Tonfall ließ Tamar frösteln.“ (S. 29f.)

Ich finde es ja etwas nervig, wenn man den Bösen immer gleich ansieht, dass sie die Bösen sind. So einfach ist das im realen Leben ja nicht.

Er jedenfalls behandelt Tamar in den folgenden Monaten grausam, lässt seine Wut an ihr aus, schlägt sie, und ist nie mit ihr zufrieden. Außerdem ist er faul und nicht für die Arbeit bei Judas Herden zu gebrauchen. Tamar hat es auch sonst nicht einfach: Ihre Schwiegermutter hat es besonders auf sie abgesehen. Ständig herrscht Unfriede zwischen Er und Onan oder zwischen den Söhnen und ihrer Mutter. Juda schreitet nicht ein und flieht zu seinen Schafen und Ziegen, wenn er nur kann. Auch der schlechte Einfluss von Ers und Onans Freunden wird immer wieder ausgebreitet; auch das natürlich als Mahnung für die Mütter von Söhnen im Teenageralter, die das Buch lesen könnten.

Tamar sehnt sich danach, endlich schwanger zu werden: „Sie sehnte sich mehr nach einem Kind als alle anderen, mehr auch als ihr Mann, dessen Wunsch nach einem Sohn nur eine Erweiterung seines Stolzes war als ein echtes Bedürfnis, eine Familie zu gründen. Mit einem Sohn würde Tamar endlich etwas gelten in diesem Haus – und sie würde sich nicht mehr so grenzenlos einsam fühlen.“ (S. 35)

Mehr oder weniger als Ursache allen Übels stellt die Autorin Batsuba dar: „War Batsuba wirklich blind für das, was sie in diesem Haus anrichtete? Dauernd brachte sie den Sohn gegen den Vater und Bruder gegen Bruder auf. Über alles und jedes stritt sie mit Juda, und das vor ihren Söhnen, wie um ihnen zu demonstrieren, wie sie es sich möglichst mit allen verdarb und das Schlechteste für die Familie tat. Kein Wunder, dass ihre Schwiegermutter unglücklich war. Und der Rest des Hauses mit ihr.“  (S. 37) Also, meine Damen, streitet euch nicht vor den Kindern mit euren Männern! (An sich ja kein schlechter Ratschlag. Mrs. Rivers ist halt nur sehr überdeutlich mit ihren Predigten.) Tamar währenddessen versucht, gehorsam zu sein und sich einzufügen. Auch in religiösen Dingen wird sie als Gegenbild zu Batsuba präsentiert. Batsuba verlässt sich auf die kanaanitischen Götterbilder, während Tamar irgendwie fasziniert von Judas Gott ist, der vor wenigen Generationen die beiden Städte Sodom und Gomorra zerstört haben soll. Ihr Schwiegervater allerdings spricht nicht viel über diesen Gott. Das Problem hier ist, dass Mrs. Rivers den religiösen Konflikt sehr vereinfacht und teilweise falsch darstellt.

Als Batsuba sich darüber beschwert, dass ihr Mann immer, nachdem er seinen alten Vater besucht habe, tagelang vor sich hinbrüte, sich betränke und davon spräche, dass die Hand Gottes auf ihm läge, entwickelt sich ein Streitgespräch zwischen ihr und Tamar:

„Batsuba erhob sich und begann, hin- und herzulaufen. ‚Wie kann der Mann nur so blöd sein und an einen Gott glauben, den es gar nicht gibt?’

‚Vielleicht gibt es ihn doch.’

Batsuba warf ihr einen finsteren Blick zu. ‚Und wo ist er dann, bitte sehr? Hat dieser Gott einen Tempel, in dem er wohnt, und Priester, die ihm dienen? Er hat noch nicht einmal ein Zelt!’ Sie trat an ihren Schrein. ‚Das hier – das sind richtige Götter!’ Sie ließ die Finger über eine der Statuen gleiten. ‚Man kann sie sehen und anfassen. Diese Götter hier, die kanaanitischen, machen unser Land und unsere Frauen fruchtbar.’ Ihre Augen glitzerten kalt. ‚Wenn du mehr Ehrfurcht vor ihnen hättest, wäre dein Bauch vielleicht nicht mehr so flach!’

Tamar spürte den Stich, aber diesmal ließ sie ihn nicht tief eindringen. ‚Hat Judas Gott nicht Sodom und Gomorra zerstört?’

Batsuba lachte spöttisch auf. ‚Ja, so heißt es, aber ich glaube das nicht.’ Sie funkelte Tamar an. ‚Würdest du deine Söhne vor einem Gott knien lassen, der ganze Städte auslöscht?’

‚Wenn Juda es will.’“ (S. 37f.)

In diesem Gespräch sagt Batsuba auch noch: „Die Götter haben mich mit drei guten Söhnen gesegnet, und ich habe sie in der wahren Religion erzogen, wie jede gute Mutter es tun würde.“ (S. 39)

Tamar gibt den Versuch, mit ihrer Schwiegermutter zu streiten, schließlich auf, macht sich aber noch ihre eigenen Gedanken. Sie denkt mit Mitleid an ihre ältere Schwester, die als Tempelprostituierte in den Baalstempel in Timna gegeben wurde. „Diese Götter und der Glaube an sie machten einfach keinen Sinn. Ihre halbherzigen Versuche, sie zu verehren, erfüllten sie nur mit einer eigenartigen Mischung aus Widerwillen und Scham.“ (S. 39) Und: „Wenn die Götter der Kanaaniter so mächtig waren, warum hatten sie dann die Menschen von Sodom und Gomorra nicht beschützt? Ein Dutzend Götter musste doch wohl stärker sein als einer – wenn es denn Götter waren. Nein, sie waren nichts als Steine, Holzstücke und Tonklumpen, die Menschenhände bearbeitet hatten!“ (S. 40)

So. Jetzt erst mal stop. Von vorn:

Die Heiden unterschieden nicht zwischen „wahren“ und falschen Göttern, sondern zwischen ihren Göttern und denen anderer Völker/Städte/Sippen/Zuständigkeitsbereiche. Ihre Götter waren mehr so etwas wie bei uns Christen die Schutzengel und die Dämonen. Die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Göttern kam erst durch den Glauben Israels auf; der Ägyptologe Jan Assmann hat sie die „Mosaische Unterscheidung“ genannt. Judas kanaanitische Frau hätte nicht von den „wahren“ Göttern gesprochen.

Dementsprechend war das Problem, wenn die Israeliten sich mit Heiden vermischten und heidnische Götter verehrten, auch nicht, dass sie dann Jahwe für einen falschen Gott gehalten und ganz aufgehört hätten, Ihn zu verehren. Ne; sie wollten nur auf Nummer sicher gehen und andere Götter auch noch verehren; sie hatten nicht andere Götter statt Ihm, sondern neben Ihm. Dagegen richtet sich das Erste Gebot. Aus dem späteren Israel sind Inschriften erhalten, in denen von „Jahwe und seiner Aschera“ die Rede ist (Aschera war eine kanaanitische Fruchtbarkeitsgöttin, die auch in dem Gespräch zwischen Batsuba und Tamar erwähnt wird); hier war das Problem gerade das: Jahwe wurden Götter an die Seite gestellt. (Diese Inschriften sind Jahrhunderte bis ein Jahrtausend jünger als die Zeit, in der diese Geschichte spielt, aber für die Zeit, als Gott gerade erst begonnen hatte, sich den Patriarchen zu offenbaren, gilt das Gesagte ja noch erst recht.)

Es wirkt außerdem unglaubwürdig, dass Tamar sich schon so für den Gott ihres Schwiegervaters interessiert, obwohl sie eigentlich nichts über Ihn weiß – außer, dass Er zwei Städte zerstört hat. Sie scheint noch nicht einmal genau zu wissen, ob Er denn dafür einen gerechten Anlass hatte. Umgekehrt wirkt es nicht sehr glaubwürdig, dass Batsuba fragt: „Würdest du deine Söhne vor einem Gott knien lassen, der ganze Städte auslöscht?“ Die Kanaaniter gingen nicht davon aus, dass die Götter vollkommen gut seien. Für die Heiden machte es Sinn, gerade den Göttern Opfer zukommen zu lassen, von denen man befürchtete, dass sie nicht besonders gut waren, sondern launenhaft und gefährlich. Wesentlich realistischer wäre es gewesen, wenn Batsuba Jahwe vorsichtshalber zusammen mit ihren anderen Göttern verehrt hätte (und sich dabei vielleicht auch ein fassbares Götterbild für Ihn gemacht hätte), um nicht seinen Zorn zu erregen. Batsuba steht hier für moderne Ungläubige, die fragen: Wollt ihr echt an einen Gott glauben, der Städte zerstört und Kinder umgebracht haben soll? Aber das fragen die ja nur, weil Juden und Christen seit Jahrtausenden darauf bestehen, dass Gott vollkommen gut und gerecht ist. Und so macht es zwar auch Sinn, dass Tamar rituellen Geschlechtsverkehr im Tempel abstoßend findet, aber keinen Sinn, dass sie daraus schließt, Baal und Aschera könnte es vielleicht gar nicht geben.

Es wird noch „besser“:

„Vielleicht gab es überhaupt keinen wahren Gott.

Aber auch gegen diesen Gedanken rebellierte ihr Herz. Die ganze Welt um sie herum – der Himmel, die Erde, der Wind und der Regen – sagte ihr, dass da etwas sein musste. Vielleicht war der hebräische Gott dieses Etwas. Ein Schild gegen Feinde. Eine Zuflucht im Sturm. Eine sichere Burg… Wie sie sich danach sehnte, einen solchen Gott zu kennen.“ (S. 40)

Das sind fast wörtliche Psalmenzitate. Gleich fängt sie noch an, Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu singen.

Wenig später findet Tamar dann auch eine Gelegenheit, Juda über seinen Gott auszufragen.

„‚Und wo ist er?’

‚Wo er will. Überall.’ Juda zuckte die Achseln. ‚Ich kann dir nicht erklären, was ich selbst nicht verstehe.’ Seine Brauen zogen sich zusammen, als blickte er in eine weite Ferne. ‚Manchmal will ich nicht wissen…’

(…)

‚Und hat er je mit dir geredet?’

‚Nein, und ich hoffe, er wird es nie tun.’

‚Warum?’

‚Weil ich weiß, was er sagen würde.’ Juda seufzte schwer und warf das Brot auf das Tablett.

‚Jeder Gott verlangt Opfer. Welches Opfer verlangt deiner?’

‚Gehorsam.’ Er winkte ungeduldig mit der Hand. ‚Aber jetzt hast du genug gefragt. Gönn mir etwas Ruhe!’“ (S. 44f.)

Mrs. Rivers scheint davon auszugehen, die Kanaaniter hätten gemeint, die Götter würden nur in den Götterstatuen wohnen und seien nicht auch um sie herum (z. B. im Wind, in der Erde) präsent; so einfach war es dann doch nicht. Bei der Sache mit den Opfern spielt sie wohl auf Stellen wie 1 Sam 15,22 („Samuel aber sagte: Hat der HERR an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des HERRN? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern.“) oder Hos 6,6 („Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“) an; aber so ganz passt das irgendwie auch nicht. Erstens sind das spätere Stellen, und zweitens gab es ja trotzdem Opfer bei den Israeliten. Abraham, Isaak und Jakob errichteten Gott immer wieder Altäre und brachten auch Schlachtopfer dar; z. B. heißt es in der Bibel nur drei Kapitel weiter vorn: „Gott sprach zu Jakob: Steh auf, zieh nach Bet-El hinauf und lass dich dort nieder! Errichte dort einen Altar dem Gott, der dir auf der Flucht vor deinem Bruder Esau erschienen ist!“ (Gen 35,1) Wobei man „Gott will vor allem Gehorsam“ evtl. auch aus der Geschichte mit der Beinahe-Opferung Isaaks herauslesen könnte; oder vielleicht bezieht die Autorin sich auch auf den Bundesschluss mit Abraham in Gen 17: „Geh vor mir und sei untadelig!“ (Gen 17,1) (wo allerdings auch die Beschneidung befohlen wird).

Wieder geht es weiter mit Juda und seinen Gewissensbissen:

„Manchmal dachte er an die alten Tage mit seinen kanaanitischen Gefährten zurück. Hira, sein Freund aus Adullam, hatte die passende Lebensphilosophie parat gehabt. ‚Iss, mein Bruder, trink, und freu dich des Lebens! Und wenn die Leidenschaft brennt, dann fach die Flamme noch an.’“ (S. 47) Diese Stelle erinnert mich stark an verschiedene biblische Beschreibungen der „Frevler“, aber mir fällt gerade keine genaue Stelle ein.

„Was Juda auch tat, sein Leben stank nach kalter Asche. Er konnte den Folgen seiner Taten nicht entfliehen. Es war zu spät, um seinen Bruder zu suchen und zu retten, zu spät, ihn vor einem Leben zu bewahren, das schlimmer war als der Tod, zu spät, die Sünde ungeschehen zu machen, die Judas eigenes Leben vergiftete. Die Sünde, die er begangen hatte, war so scheußlich, so unvergebbar, dass er mit ihrer Schwärze auf seiner Seele in den Scheol hinabfahren würde.“ (S. 47f.)

Was für ein Käse. Der Glaube an eine Auferstehung der toten Gerechten kam erst deutlich später auf – das findet sich vielleicht in Büchern aus der hellenistischen Zeit wie den Makkabäerbüchern (die die Protestanten übrigens aus der Bibel geworfen haben). In den frühen Büchern des AT ist der Scheol, eine dunkle Unterwelt wie der Hades, aber nicht unbedingt ein Ort der Qualen, der Aufenthaltsort für alle Toten. Die alttestamentlichen Hebräer hatten noch keine Offenbarung über ein Gericht nach dem Tod, sondern glaubten nur daran, dass Gott im Diesseits lohnen und strafen würde.

Schließlich ordnet Juda an, ein Festmahl vorzubereiten, bei dem er mit seinen Söhnen über ihre Zukunft sprechen will. Als die Familie bei Tisch sitzt, verkündet er, dass er noch nicht entschieden habe, wer sein Erbe sein werde.

„‚Ich bin dein Erbe’ presste Er hervor. ‚Ich bin der Erstgeborene!’

Juda sah ihn ruhig an, seine Augen kühl. ‚Wer mein Erbe wird, bestimme ich. Wenn ich will, kann ich auch alles einem Diener vermachen.’

‚Wie kannst du auch nur an so etwas denken?’ kreischte Batsuba.

Juda ignorierte sie. Seine Augen waren weiter auf seinen Ältesten geheftet. ‚Die Schafe leiden unter dir, statt zu gedeihen. Und deine Frau ebenso.’“ (S. 51)

Er ist ganz und gar nicht erfreut, stößt offene Drohungen aus („Onan ist besser mit den Schafen, schön, aber ich bin besser mit dem Schwert!“, S. 52), und ruft schließlich die Götter Kanaans an, ihm zu helfen: „Ich gelobe hiermit, dass ich meine erste Tochter dem Tempel in Timna opfern werde und meinen ersten Sohn dem Feuer des Moloch!“ (Ebd.) Tamar ist entsetzt über diesen Schwur, und schreit „Nein!“ aber… im selben Moment erleidet Er einen urplötzlichen Herzanfall oder etwas in der Art und ist nach wenigen Augenblicken tot. Ein Problem gelöst, gewissermaßen.

Ach ja, zur Erinnerung, die ganze bisherige Handlung (abgesehen von der Vorgeschichte von Judas Familie) umfassen in der Bibel nur zwei Verse: „Juda nahm für seinen Erstgeborenen Er eine Frau namens Tamar. Aber Er, der Erstgeborene Judas, missfiel dem HERRN und so ließ ihn der HERR sterben.“ (Gen 38,7f.) Jetzt kann es dann langsam mit dem zentralen Konflikt der biblischen Geschichte losgehen: Tamar (die übrigens sehr beeindruckt durch den mutmaßlichen Machterweis des Hebräer-Gottes an ihrem Mann ist) steht als kinderlose Witwe nicht besonders gut da, aber damals gab es ja den Brauch der Schwagerehe, auch Leviratsehe genannt: Ein Bruder – oder evtl. ein anderweitiger Verwandter des Verstorbenen, s. das Buch Ruth – konnte dessen Witwe heiraten; der erste Sohn aus dieser Verbindung galt dann rechtlich als Sohn des Verstorbenen, damit dessen Name weiterlebte. Im nächsten Kapitel wird deutlich, dass Tamar hofft, dass Juda ihr nach der Trauerzeit seinen zweiten Sohn Onan zum Mann geben wird; und das tut Juda letztlich auch, obwohl seine Frau überzeugt ist, Tamar hätte einen bösen Zauber auf Er gelegt und wäre die Schuldige an dessen Tod.

Onan unterscheidet sich etwas von seinem Bruder, hat aber im Großen und Ganzen auch keinen besseren Charakter. Er ist klüger und ehrgeiziger, als Er es gewesen ist, und war immer neidisch auf seinen älteren Bruder – und auch begierig nach dessen Frau. Aber er will seinem Bruder ganz sicher keinen Nachkommen verschaffen, der dann dessen Erbteil bekommen würde, und greift daher in der Hochzeitsnacht auf eine Verhütungsmethode zurück, die damals schon zur Verfügung stand, nämlich den coitus interruptus. Mrs. Rivers setzt in ihrer Erzählung bei dem Streit zwischen Tamar und Onan hinterher ein:

„Sie hatte gewusst, dass er von der gierigen Sorte war, aber diese schreiende Ungerechtigkeit hatte sie nicht erwartet. ‚Du willst nicht nur deinen Erbteil, sondern Ers noch dazu!‘

‚Und warum nicht? Ich habe dafür gearbeitet.‘

‚Du hast deinen eigenen Erbteil. Du hast kein Recht auf Ers; er gehört seinem Sohn.‘

Onan grinste. ‚Welchem Sohn?‘

Wütende Tränen stiegen in ihre Augen. ‚Das kannst du nicht machen, Onan! Ich bin keine Hure!‘

‚Jetzt sei doch vernünftig, Tamar. Wer hat sich denn um die Herden gekümmert – Er oder ich? Habe ich dich geschlagen und beschimpft? War Er auch nur einmal freundlich zu dir? Was hat mein Bruder dir je Gutes getan?‘

‚Darum geht es doch gar nicht! Er war der älteste Sohn deines Vaters, der Erstgeborene. Du musst deine Pflicht gegenüber deinem Bruder erfüllen, oder seine Linie wird aussterben. Was meinst du, was Juda davon halten wird, wenn ich ihm sage, was du heute getan hast?‘

‚Dann sag’s ihm besser nicht.‘

‚Ich will bei dieser Sache nicht mitmachen! Was für eine Zukunft habe ich, wenn du deinen Kopf durchsetzt?‘

‚Die Zukunft, die ich dir biete.‘

‚Ich soll also einem Mann vertrauen, der seinem eigenen Bruder den Erben versagt?'“ (S. 65)

Ich muss sagen, ich habe Onan nicht immer so ganz verstanden – solange Tamar kein Kind für Er geboren hat, kann sie ja auch kein weiteres Kind gebären, das dann Onans Erbe wäre; und dass ein Mann dieser Zeit willentlich ganz auf eigene Kinder verzichtet, ist schwer vorstellbar. Kinder waren ja nicht nur nötig, um einen später zu versorgen, sondern waren auch ein Zeichen der Ehre, führten den eigenen Namen weiter (weshalb es ja ein schlimmes Vergehen war, sie seinem Bruder zu versagen). Aber vielleicht hoffte Onan ja darauf, später noch eine zweite Frau zu heiraten, die dann nur Kinder bekommen würde, die rechtlich auch als seine zählen würden.

Tamar wendet sich tatsächlich an ihren Schwiegervater, aber der will sich nicht einmischen und rät ihr, es bei Onan mit „den Waffen einer Frau“ (S. 69) zu versuchen. Tamar ist absolut sauer. An dieser Stelle denkt die Autorin sich einen „kanaanitischen Brauch“ aus, um den Rest der Geschichte noch etwas plausibler zu machen:

„Sie schluckte heftig, ihre Wangen brannten. ‚Wenn dir das lieber ist, kannst du auch dem kanaanitischen Brauch folgen und diese Pflicht selbst erfüllen.‘

Sein [Judas] Kopf fuhr hoch. Ihr Vorschlag widerte ihn sichtlich genauso an wie sie selbst. ‚Ich bin ein Hebräer und kein Kanaaniter.‘

‚Ich wollte dich nicht beleidigen.'“ (S. 70f.)

Das Gespräch mit Juda führt also zu nichts. In der nächsten Nacht tut Onan wieder das Gleiche – und schon am Morgen darauf ist er tot.

Wie zu erwarten schreit Batsuba Zeter und Mordio. Juda brütet einige Zeit lang stumm vor sich hin und gibt schließlich dem Drängen seiner Frau in gewisser Weise nach:

„Juda wusste, dass es Gott gewesen war, der Er und Onan getötet hatte. Wenn er Tamars Bitte erfüllt und Onan wegen seiner Sünde zur Rede gestellt hätte, vielleicht… Juda verwarf den Gedanken sofort wieder. Selbst wenn es Gott gewesen war, der seine Söhne weggenommen hatte – dieses Mädchen war ein schlechtes Omen. Seit er sie ins Haus geholt hatte, hatte er nichts als Ärger mit ihr gehabt. Vielleicht würe er endlich etwas Frieden finden, wenn er sie wieder los war.

Schela war der einzige Sohn, der ihm noch geblieben war. Batsuba hatte recht; er musste ihn schützen.“ (S. 75f.)

Er lässt Tamar schließlich rufen und sagt ihr, Schela – der zwei Jahre älter ist als sie – wäre noch zu jung zum Heiraten; sie solle ins Haus ihres Vaters zurückkehren und dort leben, bis er sie wieder holen lasse. Sie ist verzweifelt und nimmt ihm nicht wirklich ab, dass er sein Versprechen ernst meint, aber ihr bleibt nichts anderes übrig, als zusammen mit Aksa zu ihrer Familie zurückzukehren. Ihr Vater ist alles andere als begeistert, sie wiederzusehen und meint, sie würde seiner Familie Unglück bringen. In den nächsten paar Jahren hat sie es bei ihrer Familie schwer, gibt sich aber nach außen hin überzeugt, dass Juda sie noch holen lassen werde, und versucht auch, sich selbst davon zu überzeugen.

Auch Judas Familie ergeht es nicht besser: Seine Viehherden werden vom Unglück heimgesucht und seine Frau ist immer noch besessen von dem Gedanken daran, dass Tamar am Tod ihrer beiden Söhne schuld sei, betet zu ihren Göttern um Rache und liegt ihm damit in den Ohren, dass er Tamar nicht gleich noch getötet hat. Sie wird dann auch krank, was die Autorin als Resultat ihrer Sünden darstellt. „Dann wurde Batsuba krank, als die Unzufriedenheit sich wie ein Gift in ihren Körper fraß.“ (S. 85) Diese Darstellung finde ich gar nicht unproblematisch. Im evangelikalen Bereich findet sich ja die Ansicht, dass Krankheiten von Sünden wie Bitterkeit und Unzufriedenheit her kämen, gar nicht mal so selten; und auch wenn so etwas (damit kenne ich mich nicht aus) vielleicht manchmal tatsächlich zu Krankheiten beitragen könnte, ist es doch nicht so gut, Kranken das Gefühl zu geben, sie wären an ihrer Krankheit wahrscheinlich selber schuld; und das widerspräche ja auch der Bibel (Joh 9).

Sechs Jahre nach Onans Tod sieht Tamar, die mit ihrer Mutter auf dem Markt in der nahen Stadt Stoffe verkauft, zufällig Schela, der sich zusammen mit einem kanaanitischen Freund betrunken zwischen den Ständen hindurchdrängt und der sie nicht erkennt – und der inzwischen ganz deutlich erwachsen geworden ist. Endlich muss sie sich eingestehen, dass Juda tatsächlich sein Wort gebrochen hat. Kurz darauf erfährt sie auch durch Zufall, dass Batsuba gestorben ist; man hat ihr keine Nachricht geschickt und sie nicht geholt, um sie mit dem Rest der Familie zu betrauern. Ihre Mutter spricht mit ihr darüber:

„‚Hast du gar nichts dazu zu sagen? Dieser elende Kerl hat dich verraten!‘

‚Genug!‘ Tamar funkelte ihre Mutter an. ‚Ich werde nicht gegen Juda oder seine Söhne sprechen. Ich werde dem Haus meines Mannes treu bleiben, egal, wie sie mich behandeln. Oder wie ihr mich behandelt.‘ Sie wünschte sich, ihre Gedanken genauso gut zügeln zu können wie ihre Zunge.

‚Wir geben dir zu essen.‘

‚Von dem ich mir jeden Bissen verdienen muss.‘

‚Dein Vater sagt, du sollst nach Kesib gehen und im Tor ausrufen, dass dir Unrecht geschehen ist.‘

Ihr Vater wusste also alles. Die Demütigung war komplett. Tamar drückte ihre Stirn gegen die Flanke der Ziege, der Schmerz zu tief für Tränen.

‚Und das hättest du schon längst tun sollen!‘ Ihre Mutter ließ nicht locker. ‚Es ist dein gutes Recht! Willst du für den Rest deines Lebens hier sitzen und nichts tun? Wer wird für dich sorgen, wenn du alt wirst? Was soll aus dir werden, wenn du nicht mehr arbeiten kannst?‘ Sie kniete sich neben Tamar und nahm ihren Arm. ‚Sag den Stadtältesten, wie dieser Hebräer dich behandelt und uns gedemütigt hat! Sie sollen alle erfahren, dass Juda wortbrüchig ist!‘

Tamar sah sie an. ‚Ich kenne den Mann besser als du, Mutter. Er wird mich nicht segnen, wenn ich ihn vor ganz Kesib und Adullam bloßstelle! Wenn ich den Namen meines Schwiegervaters schlechtmache, wird er mir dann wohl Gnade zeigen und mir Schela geben?'“ (S. 92f.)

Die Idee davon, Juda im Tor zur Rede zu stellen, hat die Autorin wohl aus den späteren Bestimmungen des Gesetzes des Mose über die Schwagerehe: „Wenn zwei Brüder zusammenwohnen und der eine von ihnen stirbt und keinen Sohn hat, soll die Frau des Verstorbenen nicht die Frau eines fremden Mannes außerhalb der Familie werden. Ihr Schwager soll sich ihrer annehmen, sie heiraten und die Schwagerehe mit ihr vollziehen. Der erste Sohn, den sie gebiert, soll den Namen des verstorbenen Bruders weiterführen. So soll dessen Name in Israel nicht erlöschen. Wenn der Mann aber seine Schwägerin nicht heiraten will und seine Schwägerin zu den Ältesten ans Tor hinaufgeht und sagt: Mein Schwager will dem Namen seines Bruders in Israel keinen Bestand sichern und hat es deshalb abgelehnt, mit mir die Schwagerehe einzugehen!, wenn die Ältesten seiner Stadt ihn dann vorladen und zur Rede stellen, er aber bei seiner Haltung bleibt und erklärt: Ich will sie nicht heiraten!, dann soll seine Schwägerin vor den Augen der Ältesten zu ihm hintreten, ihm den Schuh vom Fuß ziehen, ihm ins Gesicht spucken und ausrufen: So behandelt man einen, der seinem Bruder das Haus nicht baut. Ihm soll man in Israel den Namen geben: Barfüßerhaus.“ (Dtr 25,5-10)

Ich muss sagen, die biblische Geschichte an sich gefällt mir besser als Mrs. Rivers‘ Interpretation von Tamars Motiven. Ich fürchte, Leserinnen, die in missbräuchlichen Beziehungen/Familien stecken, könnten bei diesem Buch genau die falschen Lektionen mitnehmen. Sei immer brav und gehorsam gegenüber deinem Mann, auch wenn er dich brutal misshandelt, so gewinnst du ihn vielleicht für dich; und auch wenn das nicht klappt, sei trotzdem brav und gehorsam. Und rede nie nach außen hin schlecht über die Familie, auch wenn sie dir Unrecht antun, das du sogar gerichtlich verfolgen lassen könntest, sonst werden sie dich erst recht nicht mehr annehmen.

Schließlich wird Tamar von ihrer Mutter, die ihr sagt, dass Juda zum Schafschurfest nach Timna gehen werde, auf eine Idee gebracht. Sie nimmt am nächsten Tag Kleider, die ihre Mutter genäht hat, um sie ihrer Schwester nach Timna in den Tempel zu schicken, verkleidet sich damit und setzt sich (während die übrige Familie denkt, sie wäre bei der Arbeit auf einem entfernten Feld) in einen kleinen Hain bei einer Wegkreuzung bei Enajim. Als sie schließlich Juda und seinen Freund Hira aus Adullam näherkommen sieht, zeigt sie sich, und tatsächlich halten die beiden die geschmückte und verschleierte Tamar für eine Prostituierte, und sie muss nicht einmal besondere Verführungskünste aufwenden, um Juda für sich zu gewinnen. Sie bringt ihn sogar dazu, ihr sein Siegel zu überlassen (als Pfand für einen jungen Ziegenbock, den er ihr als Bezahlung zu schicken verspricht). Während Hira weitergeht, geht Juda mit ihr in den Hain.

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(Jacopo da Ponte, Tamar und Juda, 2. Hälfte 16. Jh. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Als Juda hinterher schläft, verschwindet Tamar schnell und zieht sich ihre Witwenkleider wieder an; das Siegel behält sie versteckt bei sich. Juda versucht später, der Prostituierten durch Hira den Ziegenbock schicken zu lassen, um sein Siegel wiederzubekommen, aber natürlich findet der sie nicht. Tamar stellt währenddessen fest, dass sie, wie sie gehofft hat, tatsächlich schwanger geworden ist, was sie sorgfältig geheimhält.

Als sie etwa im dritten Monat ist und gerade auf dem Feld arbeitet, kommt Aksa (der sie sich schon anvertraut hat), zu ihr gelaufen und erzählt ihr panisch, ihr Vatere wüsste von ihrer Schwangerschaft; eine andere Dienerin hätte ihren Bauch gesehen und sie hätte es ihm sagen müssen. Da kommen auch schon ihre Brüder und zerren Tamar mit sich; ihr Vater ist außer sich vor Zorn und tritt auf sie ein; aber auch Tamar ist jetzt zornig und schreit, Zimran hätte kein Recht, über sie zu richten, sie würde zu Judas Haus gehören. Und tatsächlich lässt Zimran zu Juda schicken, um ihm das Urteil über Tamar zu überlassen.- und Juda reagiert nicht besonders nett:

„Wenn er jetzt gnädig war und sie am Leben ließ, würde dieses Kind – egal, wer sein Vater war – ein Mitglied seines Hauses werden! Das durfte nicht geschehen; er würde es nicht zulassen.

Doch in die Wut mischte sich auch eine hinterlistige Befriedigung. Tamar gab ihm eine Gelegenheit, sie endgültig loszuwerden! Sie hatte sich auf die schändlichste Art gegen sein Haus versündigt, und es war sein gutes Recht, sie zu richten. Schade nur, dass Batsuba das nicht mehr erleben durfte. […]

‚Verbrennt sie! Sie soll im Feuer sterben!‘ rief er.

Noch bevor Zimrans Diener wieder durch die Tür hinaus war, wusste Juda, dass das Blatt sich endlich gewendet hatte. Morgen schon könnte er eine Frau für Schela suchen. Es war Zeit, dass er für den Fortbestand seiner Familie sorgte.“ (S. 106f.)

Als Tamar den Diener zurückkommen hört und erfährt, welche Nachricht er bringt, schickt sie schnell Aksa mit dem Siegel zu Juda. Mir ist nicht ganz klar, wieso sie es nicht schon vorher getan hat; in dem Buch hat Mrs. Rivers die Entfernung bis zu Judas Haus mit immerhin einer halben Tagesreise angegeben, was in so einem Notfall ganz schön weit ist. Als ihr Vater und ihre Brüder kommen, um das Urteil auszuführen, setzt Tamar sich zur Wehr und verlangt, sie sollen sie zu Juda bringen; sollte der das Urteil selbst vollziehen! Währenddessen erreicht Aksa Juda und richtet ihm Tamars Botschaft aus: „Der Mann, dem dieses Siegel und dieser Stock gehören, ist der Vater meines Kindes. Erkennst du sie wieder?“ (S. 109) Und Juda wird klar, was passiert ist.

„Ihm wurde kalt, dann heiß. Scham überflutete ihn. Sein Abenteuer war nicht im Verborgenen geschehen. Nichts war im Verborgenen geschehen. Gott hatte alles gesehen. Seine Haut kribbelte, seine Nackenhaare standen ihm zu Berge.

‚Wann wirst du tun, was recht ist, Juda?‘

Die Worte waren wie ein Flüstern in seinen Ohren. Einst hatte Tamar sie zu ihm gesagt, aber jetzt war die Stimme eine andere – leise und schrecklich, die in die letzten Winkel seines Herzens drang.“ (S. 109)

Juda rennt los und trifft Zimran und dessen Söhne, die Tamar mitschleppen, auf dem Weg. Ihn überkommt Reue für sein Verhalten Tamar gegenüber und er gesteht, dass das Kind von ihm ist.  Hier hat Mrs. Rivers sich nicht mehr viel Mühe mit der Szene gemacht; Zimrans Reaktion wird in nur ein paar Sätzen beschrieben: „‚Ich… gut, dann… nimm sie. Mach mit ihr, was du willst.‘ Zimran drehte sich zögernd um und ging fort. Juda sah, wie er den Kopf schüttelte. Seine Söhne folgten ihm.“ (S. 111) Juda bittet Tamar um Vergebung und nimmt sie mit zu sich und ist von da an nur noch der fürsorgliche Schwiegervater für sie.

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(Jacopo da Ponte, Tamar wird zum Scheiterhaufen geführt, 1566/67. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Auch religiös kommt jetzt alles in Ordnung:

„Er ging zu seinen Herden und wählte das beste Schaf aus, das er finden konnte, ein fehlerloses männliches Lamm. Er bekannte seine Sünden vor Gott und vergoss das Blut des Tieres zur Sühne, dann fiel er vor dem Gott Abrahams Isaaks und Jakobs nieder und bat um Vergebung und Heilung.

In dieser Nacht hatte Juda keine Albträume. Zum ersten Mal seit wie vielen Jahren? Er wusste es nicht.“ (S. 112)

Tamar lässt Batsubas Götterbilder zerstören und bringt schließlich auch die abergläubische Aksa dazu, von den alten Göttern abzulassen, indem sie droht, sie ansonsten wegzuschicken. Dann werden Tamars Zwillinge Perez und Serach geboren; ein seltsames Detail, das sich nicht in der Bibel findet, ist mir bei der Szene aufgefallen:

„Aksa hatte schon viele Male bei Geburten in Zimrans Haus geholfen, doch noch nie hatte sie eine so schwere Geburt erlebt. Dass Tamar trotzdem nicht jammerte, machte ihre Liebe zu ihr noch größer. Die Stunden vergingen und Tamar schwitzte und litt. Sie biss fest auf einen Lederriemen, um nicht zu schreien.

‚Schrei ruhig, Tamar, das hilft!‘

‚Nein, dann hört es Juda und macht sich Sorgen.‘

‚Er ist doch die Ursache deiner Schmerzen! Lass es ihn hören! Batsuba hat bestimmt so laut geschrien, dass man es bis nach Jerusalem gehört hat!‘

‚Ich bin nicht Batsuba!'“ (S. 114)

Was soll dieser Unsinn? Will die Autorin tatsächlich sagen, eine Frau sollte bei einer Geburt am besten nicht schreien, weil das eine Botschaft an den Kindsvater wäre, dass sie ihm die Schhuld an ihren Schmerzen gibt? Geburten sind ja nicht eh schon schwer genug, da kann man ruhig noch zusätzlichen Druck machen, wie die Mutter am besten mit ihren Schmerzen umgehen soll.

Nach der Geburt kehrt die Familie zu den Zelten Jakobs zurück, statt weiter unter den Kanaanitern zu leben, und in einem Epilog wird noch knapp berichtet, wie Juda und seine Brüder später Joseph in Ägypten wiederbegegnen. Was ich etwas schade finde: Man erfährt nicht mehr, was aus Schela wird, sprich, ob er sich bessert oder weiterhin in die Fußstapfen seiner großen Brüder tritt. Der Epilog endet mit:

„Auf dem Sterbebett versammelte Jakob seine Söhne um sich und gab jedem von ihnen einen Segen. Den größten bekam Juda: Nie würde das Zepter aus seiner Hand weichen, und von ihm und den Söhnen, die Tamar ihm geboren hatte, würde einst der Verheißene kommen – der Messias.

Bis zu seinem letzten Erdentag blieb Juda seinem Versprechen an Tamar treu. Obwohl er sie liebte, schlief er nie wieder mit ihr.

Und auch mit keiner anderen Frau.“ (S. 117)

Das Buch ist genau wie die restlichen vier der Reihe relativ kurz; um die 100 Seiten. Immer wieder denkt man sich, es wäre interessant gewesen, ein paar mehr Details oder bessere Beschreibungen der Häuser, Städte und Landschaften zu bekommen. Trotzdem ist die Erzählgeschwindigkeit noch in Ordnung – jedenfalls im Vergleich zu einigen der anderen Bücher. Tamars Geschichte umfasst in der Bibel ja auch nur ein Kapitel. Die Nebenfiguren – wie Tamars Familienmitglieder – werden nicht wirklich lebendig und die „Bösen“ (Er, Onan, deren Freunde, Hira aus Adullam) sind deutlich zu klischeehaft geraten; gerade die Art, wie sie sprechen, wirkt oft seltsam. Die – vergleichsweise – beste Figur ist noch Juda, aber das ist nicht das Verdienst der Autorin: bei ihm hatte sie einfach am meisten Stoff zu verwerten. Die Regel „show, don’t tell“ missachtet sie gerne mal und ihr Schreibstil ist nicht gerade herausragend. Besonders, wenn sie irgendwelche religiösen Erkenntnisse Tamars oder Judas herüberbringen will, wirkt es einfach zu bemüht bedeutungsschwanger. Immerhin schafft sie es teilweise nicht schlecht, ihren Leserinnen damalige Denkweisen zu erklären – der Gedankengang „ich habe ein Recht auf Sex von meinem Schwager, damit ich ein Kind kriege, das den Namen meines Mannes weiterführt“ ist ja doch eher gewöhnungsbedürftig.

 

Im nächsten Teil dann zu Rahab und der Eroberung Jerichos!

 

* Ich schreibe ja selber hobbymäßig Romane und gelegentlich mal Kurzgeschichten und weiß sehr gut, dass es nicht so einfach ist, gut zu schreiben, aber solange man nichts Passables zustande bringt, macht man auch kein Geld damit, Leute. Solange übt man halt weiter.

** Die Ehe zwischen den beiden Hauptfiguren in diesem Buch ist eigentlich eine Zwangsehe, die nach katholischem Kirchenrecht eindeutig ungültig wäre und nicht mal besonders viel Sinn im Plot macht. (Das Ganze spielt in Kalifornien im 19. Jahrhundert. Der Protagonist, dem Gottes Stimme gesagt, hat, dass er die Protagonistin heiraten soll, nimmt sie aus dem Bordell, in dem sie arbeiten musste, mit, nachdem sie dort fast totgeschlagen wurde, und aus irgendeinem Grund lässt er dann auch noch schnell einen Prediger kommen und eine Trauungszeremonie durchführen, bei der sie kaum bei Bewusstsein ist und auch nur mit „Warum nicht?“ statt mit „ja“ antwortet, bevor er mit ihr auf seine Farm zurückkehrt. Das macht zwar aus Sicht der Autorin Sinn – dann hat sie die zwei für den Rest der Handlung aneinandergekettet – aber aus der Sicht der Figuren gibt es keine  Gründe dafür, und es lässt den Protagonisten nicht unbedingt toll aussehen. Vielleicht sehen wir hier noch ein Überbleibsel aus Mrs. Rivers‘ säkularer Schriftstellerkarriere – auch in säkularen Schundromanen finden sich die zwei füreinander Bestimmten gerne mal in irgendwelchen Zwangssituationen, aus denen sie nicht so leicht herauskönnen und in denen sie miteinander auskommen müssen -, vielleicht ist es aber auch ein Resultat falscher protestantischer Theologie über die Mensch-Gott-Beziehung (unwiderstehliche Gnade). (Den ausführlichen Exkurs dazu, was der Sündenfall in Beziehungen zwischen Mann und Frau ruiniert hat, und den dazu, was in der protestantischen Theologie alles so falsch läuft, hebe ich mir jetzt mal für ein anderes Mal auf.))

Die Päpstin, Teil 5: Die Autorin kennt das Wort „Nonne“!

Als Johanna in dem Boot gefunden wird, ist sie so krank, dass sie gar nicht mitbekommt, wer genau sie findet; erst eine Woche später wacht sie wieder in einem wohlhabend eingerichteten Raum bei einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter auf. Glücklicherweise stellt sich heraus, dass der junge Mann Arn ist, Magaldis’ ältester Sohn, der dank Johanna einige Jahre in der Klosterschule verbracht hat und inzwischen Gutsverwalter bei einem Grafen ist. Arn ist ihr immer noch zutiefst dankbar für das, was sie für ihn getan hat. Seine Mutter ist durch den Verkauf ihres speziellen Schimmelkäses, den Johanna damals vor ein paar Jahren dem Kloster empfohlen hat, inzwischen wieder zu Wohlstand gelangt und hat außerdem in zweiter Ehe einen wohlhabenden Bauern geheiratet. Arn und seine Frau Bona pflegen Johanna gesund; sie haben, als sie sie versorgt haben, natürlich entdeckt, dass sie eine Frau ist, aber beide scheinen ihr ihre Verkleidung nicht im Geringsten übel zu nehmen:

„‚Demnach wissen die Brüder immer noch nicht, daß Ihr eine Frau seid’, sagte Arn nachdenklich, als Johanna geendet hatte. ‚Wir dachten schon, daß man Eure wahre Identität entdeckt hat und daß Ihr deshalb fliehen mußtet. – Möchtet Ihr denn ins Kloster zurück? Ich würde Euch diese Möglichkeit niemals versperren. Eher würde ich auf der Folterbank sterben, als daß jemand auch nur ein Wort über Euer Geheimnis aus mir herausbekommt!’

Johanna lächelte. Arns männlichem Erscheinungsbild zum Trotz hatte er noch sehr viel von dem kleinen Jungen, als den sie ihn gekannt hatte.

‚Zum Glück’, sagte sie, ‚gibt es keinen Grund für ein solches Opfer. Ich bin rechtzeitig entkommen, und die Bruderschaft hat keinen Grund, mich zu verdächtigen. Aber… ich weiß nicht, ob ich ins Kloster zurückkehren möchte.’“ (S. 323)

Johanna verbringt einige Zeit bei Arn und Bona und ihrer kleinen Tochter Arnalda, der sie Unterricht erteilt. Sie will eigentlich nicht ins Kloster zurück; da ist die bleibende Gefahr, dass die anderen Mönche irgendwann ihre Identität entdecken könnten, und da ist Abt Rabanus:

„Er hatte ihr schon Probleme genug bereitet – und Gott allein wußte, welche Schwierigkeiten und Strafen sie noch erwarteten, falls sie ins Fuldaer Kloster zurückkehrte.

Außerdem drängte es Johanna nach Veränderung, nach neuen Ufern. In der Klosterbibliothek zu Fulda gab es kein Buch, das sie nicht schon gelesen hatte. Sie kannte jeden noch so kleinen Riß in der Wand des Schlafsaals. Und es lag Jahre zurück, daß sie morgens mit dem herrlichen Gefühl gespannter Erwartung erwacht war, daß irgend etwas Neues und Interessantes geschah. Sie sehnte sich danach, eine größere, weitere Welt zu erforschen.“ (S. 324f.)

Den Gedanken, zu Gerold zu gehen, verwirft sie: „Bestimmt war Gerold wieder verheiratet, und da wäre ihm ihr plötzliches Wiederauftauchen alles andere als willkommen. Außerdem hatte sie vor langer Zeit ein anderes Leben für sich selbst gewählt – ein Leben, in dem für die Liebe eines Mannes kein Platz war.“ (S. 325)

Ich möchte kurz daran erinnern, dass Johanna in einem Benediktinerkloster sowohl das Gelübde der Enthaltsamkeit als auch das Gelübde der stabilitas loci (Ortsbeständigkeit) abgelegt hat; sie hat sowohl geschworen, ehelos zu leben, als auch, ihr Leben lang in diesem Kloster zu bleiben.

Nachdem sie sich von ihrer Krankheit erholt hat, bietet Arn ihr an, dass sie auf dem Gut bei seiner Familie bleiben könnte – entweder als Frau oder in ihrer Verkleidung –, aber Johanna lehnt ab. Sie will stattdessen auf eine Pilgerreise nach Rom gehen; wir kommen dem Zielpunkt des Buches also allmählich näher. Zum Abschied schenkt sie der wissbegierigen kleinen Arnalda ihren Anhänger mit dem Bild der heiligen Katharina.

Es geht im Jahr 844 in Rom am päpstlichen Hof weiter. Anastasius, der ebenso wie Johanna inzwischen dreißig Jahre alt ist, hat sich weiter die Karrieleiter hoch gearbeitet und schreibt außerdem an einem großen Werk über das Wirken der Päpste, dem Liber Pontificalis. (Dazu, was an Anastasius’ Leben historisch richtig ist, in einem späteren Teil.) Papst Gregor IV. liegt auf dem Sterbebett und Anastasius’ Vater hat bereits durch „eine geschickte Verbindung von Diplomatie, Bestechung und Drohung“ (S. 332) arrangiert, wer zum nächsten Papst gewählt werden soll: Ein Kardinal namens Sergius, „der schwache und korrupte Abkömmling einer adeligen römischen Familie“ (ebd.). Der Plan ist, dass Sergius Anastasius später zum Bischof von Castellum ernennen soll, sodass der bei der nächsten Papstwahl, wenn er das Mindestalter erreicht hat, auf den Stuhl Petri aufsteigen kann.

Johanna lebt derweil in Borgo, dem römischen Viertel der Ausländer, an der Scola Anglorum, liest in der dazugehörigen Kirche die Messe, praktiziert im dazugehörigen Hospital als Arzt, und studiert in der Bibliothek die Bücher. Ihre Dienste als Arzt sind in Rom gefragt, „zumal die medizinische Wissenschaft nirgendwo sonst auf der Welt so weit fortgeschritten war wie im Frankenreich“ (S. 336). Aha. Ich hätte eher auf Byzanz oder so getippt. Sie führt jedenfalls ein angenehmes, ungebundenes Leben, das perfekt zu ihr passt.

Doch dann wird Papst Sergius krank.

Die römischen Ärzte sind alle einfach blöd (natürlich), und behandeln ihn nur mit Reliquien, Gebeten, Aderlässen und Brechmitteln, ohne dass sie ihm damit helfen können. Nun sind da zwei Männer, die aus unterschiedlichen Gründen nicht wollen, dass Sergius schon stirbt: Anastasius, der noch immer nicht das Mindestalter für die eigene Wahl zum Papst erreicht hat, und Benedikt, Sergius’ intriganter Bruder, der sich seit Sergius’ Wahl viel Macht an der Kurie hat verschaffen können. Anastasius schlägt Benedikt also vor, diesen ausländischen Arzt Johannes Anglicus kommen zu lassen, von dem man in Rom so viel hört, und so wird Johanna zu Sergius gerufen. Sie erkennt, dass er an der Gicht leidet, gibt ihm ein Heilmittel und verordnet ihm eine strenge Diät, und bald bessert sich sein Zustand.

Sergius ist meiner Ansicht nach die erste erträgliche Figur in diesem Roman. Er ist ein Papst, der sein Amt eigentlich gut ausfüllen will, sich aber leicht von seinem machtgierigen Bruder ausnützen und beiseitedrängen lässt; ihm ist die Keuschheit sehr wichtig, aber dafür verfällt er immer wieder der Völlerei, was ihm große Gewissensbisse verursacht; er kann mal aufbrausend sein, ist aber insgesamt vernünftig und freundlich. Johanna, die zu seinem Leibarzt ernannt wird, nimmt ihn als „gespaltenen Geist“ wahr: „Johanna erkannte bald, daß zwei Seelen in Sergius’ Brust wohnten – die eines zügellosen, vulgären und gemeinen Flegels und die eines kultivierten, intelligenten und freundlichen Mannes. (…) Doch in seinem Fall war es der Wein, der die Spaltung und Verwandlung hervorrief. In nüchternem Zustand war der Heilige Vater sanft und freundlich; hatte er jedoch getrunken, wurde er zu einem wahren Teufel.“ (S. 354)

Eine Stelle ist hier ganz interessant. Während Johanna das erste Mal bei Sergius ist, fragt er sie nach ihrem Beinamen, und sie erzählt ihm, dass ihr Vater aus England stammt und Missionar bei den Sachsen war:

„‚Die Sachsen.’ Sergius machte ein finsteres Gesicht. ‚Ein gottloses Volk.’

Mutter. In Johanna stieg die altvertraute Woge aus Liebe, Zärtlichkeit und Trauer auf. ‚Die meisten Sachsen sind jetzt Christen’, sagte sie herb, ‚jedenfalls, soweit man Menschen mit Feuer und Schwert vom wahren Glauben überzeugen kann.’

Sergius betrachtete sie mit scharfem Blick. ‚Seid Ihr etwa nicht der Meinung, daß die Kirche den Auftrag hat, die Heiden zu bekehren?’

‚Welchen Wert hat ein Versprechen, wenn es unter Zwang gegeben wurde? Wenn ein Mensch gefoltert wird, kann es sein, daß er alles sagt, was seine Peiniger hören wollen, nur um den Qualen ein Ende zu machen.’

‚Das ändert nichts daran, daß unser Herr Jesus uns geboten hat, in Frieden hinzugehen, allen Völkern im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die frohe Botschaft zu verkünden und die Menschen zu taufen.’

‚Das stimmt’, räumte Johanna ein. ‚Aber…’ Sie hielt inne. Du tust es schon wieder! schalt sie sich. Wieder einmal ließ sie sich in ein unvernünftiges, unter Umständen gefährliches Streitgespräch verwickeln. Und diesmal mit keinem Geringerem als dem Papst.

‚Ja?’ sagte Sergius. ‚Nur weiter.’

‚Verzeiht mir, Heiligkeit. Eure Gesundheit ist noch angeschlagen.’

‚Nicht so sehr, daß ich keinen vernünftigen Gedanken fassen könnte’, erwiderte Sergius ungeduldig. ‚Sprecht weiter.’

‚Na ja’, Johanna wählte ihre Worte mit Bedacht, ‚bedenkt einmal die Reihenfolge des Gebots, das Jesus erteilt hat. Zuerst die Völker lehren und dann taufen. Christus hat uns nicht dazu ermahnt, das Sakrament der Taufe zu spenden, bevor der Glaube wahrhaftig in den Herzen der Menschen ist. Und bei Jesus ist von Feuer und Schwert als Instrumenten der Bekehrung und Mission nicht die Rede.’

Sergius betrachtete Johanna interessiert. ‚Ihr argumentiert geschickt. Wo habt Ihr studiert?’“ (S. 351)

Meine Güte! Als ob es für einen mittelalterlichen Theologen originell gewesen wäre, gegen Zwangsbekehrungen zu sein. Als ob der selige Alkuin gegenüber Karl dem Großen nicht dasselbe gesagt hätte. Als ob einer von Sergius’ Nachfolgern, Nikolaus I., nicht im Jahr 866 an die Bulgaren geschrieben hätte:

„In bezug auf diejenigen aber, die sich weigern, das Gut des Christentums anzunehmen, […] können Wir Euch nichts anderes schreiben, als daß Ihr sie zum rechten Glauben mehr durch Ermahnungen, Ermunterungen und Belehrung als durch Gewalt überzeugen sollt, daß sie eitel denken. […] Ferner darf ihnen, damit sie glauben, keinesfalls Gewalt angetan werden. Denn alles, was nicht aus eigener Absicht kommt, kann nicht gut sein [angeführt wird Ps 54,8; 119,108; 28,7]; Gott gebietet nämlich, daß freiwilliger Gehorsam, und nur von Freiwilligen geleistet werde: Denn hätte er Gewalt anwenden wollen, hätte seiner Allmacht keiner widerstehen können.“ (Papst Nikolaus’ Brief an die Bulgaren ist übrigens eine wahre Fundgrube: Darin spricht er sich z. B. auch gegen die Folter aus und erklärt, dass eine Ehe nur durch das Einverständnis von Braut und Bräutigam zustande kommt.)

Als ob die Ablehnung von Zwangstaufen im 9. Jahrhundert irgendetwas Neues, Unkonventionelles, potentiell Ketzerisches gewesen wäre!

Als es Sergius besser geht, animiert Johanna ihn, wieder selbst den Versammlungen des päpstlichen Hofes vorzustehen, statt diese Aufgabe Benedikt zu überlassen. Dabei wirft Sergius Benedikts korrupte Geschäfte durcheinander: Da ist etwa ein Kaufmann namens Mamertus, der ein altes, heruntergekommenes Waisenhaus nahe dem Lateran renovieren und zur Pilgerherberge umfunktionieren will; er hat Benedikt schon eine großzügige „Spende“ gegeben, damit er die Waisen hinauswerfen und das Gebäude bekommen kann; Sergius entscheidet jedoch, dass die Waisen bleiben sollen und das Waisenhaus mithilfe von Mamertus Spende für sie wieder instand gesetzt wird. Dabei scheint die Autorin zu glauben, bei Pilgerherbergen handle es sich um großen Gewinn abwerfende Luxushotels; so lässt sie Mamertus sagen: „Aber die neue Pilger-Unterkunft würde zum Stolz Roms, Heiligkeit! Jeder Graf, jeder Herzog, ja, selbst Kaiser und Könige würden dort mit Freuden schlafen!“ (S. 357)

Benedikt jedenfalls ist ganz und gar nicht mehr angetan von diesem neuen Leibarzt seines Bruders, der ihm seine Geschäfte zunichte macht, und schmiedet Pläne, ihn loszuwerden. Johanna wird bald darauf zu einer reichen jungen Dame in Trastevere gerufen, die angeblich krank sei. Zunächst wundert sie sich nicht; ihre Dienste sind im römischen Adel inzwischen sehr gefragt. Doch als sie zu ihrer Patientin, einer sehr attraktiven jungen Frau namens Marioza, kommt, ist diese kerngesund und versucht, sie zu verführen. Als ihre Bemühungen ohne Erfolg bleiben, reißt sie kurzerhand ihr Kleid auf, packt Johanna und drückt deren Kopf an ihre Brust, und im selben Moment stürmen päpstliche Gardisten herein, die Johanna, angeblich auf frischer Tat ertappt, festnehmen.

An dieser Stelle fällt Johanna ein, wer Marioza sein kann: „Benedicte! dachte Johanna. Das muß die Marioza sein, die gefeiertste Kurtisane Roms, die beinahe schon sagenhafte hetaera. Es hieß, daß einige der mächtigsten Männer der Heiligen Stadt zu ihren Kunden zählten.“ (S. 363) Ehe sie von den Gardisten weggeführt wird, wendet Johanna sich noch einmal an Marioza: „Ich weiß nicht, weshalb Ihr das tut oder für wen, aber ich gebe Euch einen guten Rat, Marioza: Macht Euer Glück nicht von der Gefälligkeit der Männer abhängig, denn sie werden sich als so flüchtig erweisen wie Eure Schönheit.“ (S. 363f.) Okay, das ist ja mal kein allzu schlechter Rat.

Auf dem Rückweg zum Lateranpalast denkt Johanna sich folgendes:

„Obwohl sie allen Grund gehabt hätte, konnte sie Marioza nicht hassen. Hätte das Schicksal sie selbst nicht auf einen anderen Weg geführt, wäre auch sie vielleicht zur Prostituierten geworden. In den Straßen Roms wimmelte es von Frauen, die ihren Körper für den Preis einer Mahlzeit anboten. Viele waren ursprünglich als fromme Pilgerinnen oder sogar als Nonnen in die Stadt gekommen, standen dann aber plötzlich ohne Unterkunft da und hatten nicht die finanziellen Mittel für die Reise zurück in die Heimat. Deshalb hatten sie, der Not gehorchend, zur schnellsten und einfachsten Möglichkeit des Broterwerbs gegriffen.

Von der Sicherheit der Kanzel aus wetterte der Klerus gegen diese ‚Handlangerinnen des Teufels’. Es sei besser, keusch zu sterben, erklärten die Priester, als in Sünde zu leben. Aber diese Leute, sagte sich Johanna, hatten nie am eigenen Leibe erfahren, was Hunger ist.“ (S. 364)

Hier haben wir den Beweis, der bisher gefehlt hat: In der Welt von „Die Päpstin“ existieren Nonnen. Donna W. Cross kennt den Begriff „Nonne“ und ihr ist bewusst, dass es zur Handlungszeit ihres Buches welche gab. Na also.

Irmengard

(Heilige Irmengard vom Chiemsee (nach 830-866). Die heilige Irmengard war eine Tochter Ludwigs des Deutschen und damit eine Enkelin Karls des Großen; sie war zuerst im Kloster Buchau und später in Frauenchiemsee Äbtissin. Bildquelle hier.)

Der ganze Absatz ist natürlich wieder mal Blödsinn. Man konnte sehr wohl ohne Geld auf Pilgerfahrt gehen; man musste eben zu Fuß gehen und nachts in Klöstern unterkommen; jedes Kloster nahm Pilger auf und stellte ihnen eine Mahlzeit und ein Bett zur Verfügung. Zudem wären gerade Frauen wohl kaum allein auf Pilgerreisen gegangen; allein schon aus Sicherheitsgründen schloss sich jeder Pilger mit etwas Verstand einer Pilgergruppe an (so hat es auch Johanna auf ihrer Reise nach Rom gehalten). Keine Äbtissin hätte eine einzelne Nonne allein nach Rom geschickt.

Übrigens kann ich persönlich mir, ganz unabhängig von irgendwelchen Moralfragen, vorstellen, dass das Leben einer Prostituierten auch nicht unbedingt angenehmer ist als das Hungern. Aber gut, ich kenne nur den Hunger, der davon kommt, dass man wegen einer chronischen Krankheit tagelang sehr wenig essen kann, und nicht den, bei dem man fürchten muss, zu verhungern, wenn man nicht bald etwas zu essen auftreibt; das mag schon noch ein gewisser Unterschied sein.

Jedenfalls nutzt Benedikt, der Marioza angeheuert hat, diesen Vorwand, um Johanna in den Kerker werfen zu lassen; Sergius bekommt sie gar nicht mehr zu Gesicht, sodass sie sich nicht gegen die falschen Anschuldigungen verteidigen kann.

Dann kommt ihr jedoch Sergius’ Krankheit zu Hilfe. Seine Gicht verschlimmert sich, weil er sich wieder falsch ernährt, und schließlich erleidet er einen Schock und sein Zustand verschlechtert sich dramatisch, als ihm eine schlimme Nachricht überbracht wird: Kaiser Lothar nähert sich mit einer Armee.

„Nach der Wahl Sergius’ zum Oberhaupt der christlichen Kirche hatte die Stadt Rom ihn sofort feierlich zum Papst geweiht, ohne das erforderliche Einverständnis des Kaisers einzuholen. Dies aber war ein Bruch eines seit dem Jahre 824 bestehenden Abkommens, welches Lothar das Recht des kaiserlichen jussio gewährte – dem Einverständnis mit der Wahl des Papstes vor dessen Weihe. Dennoch war Sergius’ ‚eigenmächtige’ Papstweihe weithin begrüßt worden; man betrachtete diesen Schritt als stolze Wiederbehauptung römischer Unabhängigkeit gegenüber der fernen fränkischen Krone. Andererseits war es ein eindeutiger und absichtlicher Affront Lothar gegenüber, wenngleich das jussio einen eher symbolischen denn faktischen Charakter besaß: Noch nie hatte der Kaiser einer Papstwahl seine Zustimmung verweigert, und niemand hätte je damit gerechnet, daß Lothar nun so nachdrücklich auf dieses Recht pochen würde.“ (S. 372) Es kommen schreckliche Berichte von den Plünderungen und Gräueltaten, die Lothars Armee auf ihrem Weg nach Rom anrichtet, und Flüchtlinge aus dem Norden strömen nach Rom.

Sergius ist also schwer krank und verzweifelt. Sein Bruder kommt auf die Idee, dem Kaiser 50.000 Gold-solidi überbringen zu lassen, um ihn zu beschwichtigen; Sergius stimmt zu; aber Benedikt verschwindet kurzerhand selbst mit den Geldtruhen und einigen Begleitern aus Rom. Sergius’ Haushofmeister Arighis weiß sich schließlich nicht mehr anders zu helfen und holt den Arzt Johannes Anglicus aus dem Kerker. Johanna kann dem kranken Papst klarmachen, dass sie ein Opfer von Benedikts Intrigen geworden ist.

„Sergius schwieg für längere Zeit. Schließlich sagte er mit schwankender Stimme zu Johanna: ‚Wenn das stimmt, ist Euch bitteres Unrecht geschehen.’ Verzweifelt wandte er den Blick ab. ‚Daß Lothar gegen Rom zieht, ist Gottes gerechte Strafe für all meine Sünden!’

‚Würde Gott Euch bestrafen wollen, könnte er es sich einfacher machen’, sagte Johanna. ‚Warum sollte er das Leben tausender Unschuldiger opfern, wo er Euch mit einem Schlag zerschmettern könnte?’

Sergius blickte sie erstaunt an. Wie bei vielen Mächtigen, war ihm angesichts der maßlosen Überschätzung der eigenen Bedeutung dieser Gedanke offenbar noch gar nicht gekommen.“ (S. 379)

Johanna versucht, Sergius zu überzeugen, dass Lothars Kommen keine Strafe, sondern eine Prüfung sei, und er für die Menschen von Rom stark sein müsse. Er ist jedoch verzweifelt:

„‚Was macht es schon aus, ob ich stark bin oder nicht?’ sagte Sergius hoffnungslos. ‚Wir können Lothars Heer nicht standhalten. Da müßte schon ein Wunder geschehen.’

‚Dann’, sagte Johanna geheimnisvoll, ‚laßt uns dieses Wunder bewirken.’“ (Ebd.)

Johanna hat einen Plan für Lothars Ankunft entwickelt. Zunächst einmal schickt man ihm eine festliche Abordnung entgegen: „Lothar hatte weder der Stadt Rom noch dem Papst seine Feindschaft auf irgendeine förmliche Weise erklärt; deshalb hatte man den Plan gefaßt, ihm einen festlichen Empfang zu bereiten, wie er einer Persönlichkeit von so außerordentlichem Rang zustand; sämtliche Würdenträger der Stadt sollten dem Kaiser ihre Reverenz erweisen. Vielleicht entwaffnete diese für Lothar unerwartete Begrüßung den Kaiser lange genug, so daß der zweite Teil von Johannas Plan wirken konnte.“ (S. 379f.) Tatsächlich folgen Lothar und seine Soldaten der Abordnung friedlich bis zum Petersdom, vor dem der dank Johanna wieder einigermaßen gesunde Sergius wartet. Und als Lothar und eine Gruppe seiner Soldaten dann die Stufen zum Petersdom hinaufsteigen, schwingen die offenen Türen wie von Geisterhand zu – was einen ziemlichen Eindruck auf die Franken macht, den der Papst noch zu verstärken weiß. „Sergius sprach fränkisch, um sicherzugehen, daß Lothars Soldaten ihn verstanden. ‚Hütet euch vor der Hand Gottes’, rief er mit Donnerstimme, ‚die euch den Weg zum heiligsten aller Altäre versperrt hat!’“ (S. 382) Als Lothar, der selber erschrocken ist und dem angesichts des Entsetzens seiner Soldaten nichts anderes übrig bleibt, Sergius mit einem Friedenskuss begrüßt, schwingen die Türen wieder nach außen auf.

Das Ganze war natürlich ein Trick – eine hydraulische Vorrichtung, die Johanna bereits einmal vor Jahren zusammen mit Gerold nach einer Vorlage in einem antiken Manuskript gebaut hat. Als Johanna die Türen aufgehen sieht, tauchen all ihre schmerzlichen Erinnerungen an Gerold plötzlich wieder auf…

Und somit muss auch Gerold mal wieder auftauchen, aber dazu dann im nächsten Teil.

Die Päpstin, Teil 1: Der böse Patriarch, die schöne Heidin, die weise Kräuterfrau und der tolerante Philosoph

Ich hatte hier ja angekündigt, mal wieder einen (pseudo-)historischen Roman mit Kirchenbezug anzuschauen und eine gewisse Auswahl zur Verfügung gestellt; entschieden habe ich mich jetzt sowohl für „Die Päpstin“ (bitteschön, Ulrich) als auch für die „Die Ikone des Kaisers“ (bitteschön, Nepomuk); heute erst mal zur Päpstin.

Donna Woolfolk Cross‘ Roman mit dem Originaltitel „Pope Joan“ wurde 1996 veröffentlicht und 2009 verfilmt. Er beruht auf der Legende von einer „Päpstin Johanna“, die aus dem 13. Jahrhundert stammt; diese Päpstin sollte im 9. Jahrhundert gelebt haben und wurde i. d. R. mit Johannes VIII. identifiziert. (Dass sich hinter der Legende keine historische Wahrheit verbirgt, sollte bekannt sein. Vielleicht schreibe ich am Ende meiner Rezension noch etwas über die ursprüngliche mittelalterliche Legende, die ja eigentlich nicht so feministisch gemeint war wie der Roman.)

(Darstellung der Päpstin Johanna, hier als „Johannes der sibend“, d. h. „der siebente“ bezeichnet, in der Schedelschen Weltchronik von 1493; Quelle: Wikimedia Commons.)

Das Buch beginnt bei Johannas Geburt in einem kleinen Ort namens Ingelheim im Frankenreich im Jahr 814. Der Prolog wird aus der Sicht der Hebamme Hrotrud geschildert, die an einem kalten Wintertag zum Haus des Dorfpriesters gerufen wird, dessen Frau einen Monat zu früh mit ihrem dritten Kind in den Wehen liegt. (Im Frühmittelalter gab es tatsächlich häufiger verheiratete Priester und sogar Bischöfe, obwohl es schon in der Antike Beschlüsse zum Klerikerzölibat gegeben hatte; erst im Zuge der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts setzte  man den Zölibat wieder strenger durch. Das Thema wird auch im Prolog kurz erörtert: „Zuerst hatte es für ziemlichen Wirbel gesorgt, daß ein Priester sich eine Frau genommen hatte. Einige Leute sagten, es würde gegen das Gesetz verstoßen; denn der Kaiser habe eine Verordnung erlassen, die es Männern der Kirche untersagte, sich Frauen zu nehmen. Andere jedoch erklärten, so könne es nicht sein; denn es liege ja auf der Hand, daß ein Mann ohne Frau allen Arten sündhafter Verlockungen und verderbten Lastern ausgesetzt wäre.“ (S. 8.)) Der Priester wird als „ein dunkelhaariger Mann mit dichten, buschigen Augenbrauen, die ihm einen ständigen Ausdruck von Strenge verliehen“ beschrieben – und es wird gleich klar, dass er der Böse ist. Als Hrotrud seiner Frau Gudrun ein Schmerzmittel geben will, damit sie sich entspannen kann, wirft er es ins Feuer:

„Der Dorfpriester machte ein düsteres Gesicht. Er nahm Hrotrud das Bilsenkraut aus der Hand, umrundete die Trennwand und warf das  Kraut ins Herdfeuer, wo es zischend verbrannte. ‚Du versündigst dich gegen Gott, Weib.‘

Hrotrud konnte  es nicht fassen. Da hatte es sie Wochen anstrengender Suche gekostet, um diese kleine Menge der kostbaren Medizin zu sammeln, und nun so etwas! Sie wandte sich dem Dorfpriester zu und wollte ihrem Zorn Luft machen, hielt dann aber inne, als sie den harten, kalten Blick in seinen Augen sah.

‚Zur Frau sprach der Herr: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären‘, sagte er und klopfte zur Bekräftigung seiner Worte mit der Hand auf den Einband des Buches [seiner Bibel]. ‚So steht es geschrieben. Eine solche Medizin ist gottlos!'“ (S. 10)

Ich warte schon gespannt auf die Szene, in der der Dorfpriester den Ingelheimer Bauern unter Berufung auf den anderen Teil des Fluches aus dem Buch Genesis den Gebrauch von Pflügen und anderem den Ackerbau erleichternden Gerät verbietet. (Zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes wirst du essen. Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst; denn von ihm bist du genommen, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ (Genesis 3,17-19)) Vermutlich warte ich vergeblich. Ernsthaft, wie kommt die Autorin auf solche Ideen?

Im Prolog erfährt man auch schon etwas über Johannas familiären Hintergrund. Ihr Vater ist ein ursprünglich aus England stammender Missionar, und auch ihre Mutter kommt von weit her:

„Wie lange war es jetzt her, dass der Dorfpriester diese sächsische Frau mit nach Ingelheim gebracht hatte? Zehn Winter? Elf? Nach fränkischen Maßstäben war Gudrun schon damals nicht mehr jung gewesen – sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig vielleicht – ; aber wunderschön mit ihrem langen, weißgoldenen Haar und den blauen Augen der alienigenae [lateinisch für „Ausländer“, „Fremde“]. Gudrun hatte ihre ganze Familie bei dem Massaker in Verden an der Aller verloren. Tausende von Sachsen waren an jenem Tag lieber gestorben, als die Wahrheit Unseres Herrn Jesus Christus als ihren Glauben anzunehmen. Verrückte Barbaren, dachte Hrotrud. Das wäre mir nicht passiert. Sie hätte auf alles geschworen, auf das zu schwören man von ihr verlangt hätte – und so würde sie auch heute noch halten, sollten die Barbaren jemals wieder über das Frankenreich hinwegfegen. Sie würde auf sämtliche fremden und schrecklichen Götter schwören, die von diesen Schlächtern angebetet wurden. Was machte das schon aus? Wer wusste denn, was im Innern eines Menschen wirklich vor sich ging? Eine Hebamme und Kräuterfrau behielt nicht nur ihre Geheimnisse, sondern auch ihre Meinung für sich.“ (S. 11f.)

Okay, Hrotrud ist mir schon mal genauso unsympathisch wie Hernando aus „Die Pfeiler des Glaubens“. Sie bezieht sich übrigens auf die Sachsenkriege unter Karl dem Großen.

Wie auch immer, das Kind wird trotz einiger Komplikationen schließlich geboren, und zur großen Enttäuschung des Vaters ist es ein Mädchen. Er geht sogar so weit, es „eine Strafe Gottes. Eine Strafe für meine Sünden – und die ihren [Gudruns]“ (S. 15) zu nennen. Am Ende des Prologs kann die Autorin es nicht lassen, ihn auch noch „Durch eine Frau entstand die Sünde“ (S. 16; nach Sirach 25,24) zitieren zu lassen. So, nachdem wir Genesis und Sirach hatten, fehlen jetzt nur noch 1 Timotheus 2,11-15, 1 Korinther 14,33-35, und vielleicht Epheser 5,22-33, 1 Korinther 11,3-16 und 1 Petrus 3,1-7. Das sollte doch bald abzuhandeln sein.

Es geht dann weiter, als Johanna fünf Jahre alt ist; die nächsten paar Kapitel folgen ihr über die nächsten Jahre ihrer Kindheit. Gleich das erste Kapitel zeigt erneut die Brutalität ihres Vaters: Als er mitbekommt, wie ihre Mutter Johanna heimlich Geschichten über die sächsischen Götter – Wotan usw. – erzählt, schlägt er Gudrun, beschimpft sie und bedroht sie, zwingt sie, auf Sächsisch zu sagen, dass sie dem Teufel und den sächsischen Göttern widersagt, und schneidet ihr langes blondes Haar ab, weil sie es gerade offen getragen hat, was er sonst nicht erlaubt. („Das Haar einer Frau, sagte der Dorfpriester, ist das Netz, in dem der Teufel die Seele eines Mannes fängt.“, S. 19.)

Johanna hat bereits zwei ältere Brüder, Matthias und Johannes, und der ältere, Matthias, erklärt ihr nach diesem Vorfall, dass ihre Mutter früher eine Heidin gewesen sei und man nicht an fremde Götter glauben und auch nicht von ihnen sprechen dürfe, weil es sie gar nicht gebe.

„‚Ja‘, unterbrach Matthias die kleine Schwester. ‚Mama mußte zum Wohl ihrer Seele bestraft werden. Und sie hat ihrem Ehemann nicht gehorcht, und auch das ist ein Verstoß gegen Gottes Gesetz.‘

‚Warum?‘

‚Weil es so in der Heiligen Schrift steht‘, erwiderte Matthias und zitierte: ‚Denn der Gatte ist der Beherrscher des Weibes; deshalb sollen die Weiber sich in allen Dingen dem Manne unterwerfen.‘

‚Warum?‘

‚Wa-warum?‘ Matthias war perplex. Diese Frage hatte ihm noch niemand gestellt. ‚Na ja, ich nehme an, weil… weil Frauen von Natur aus den Männern unterlegen sind. Männer sind größer, stärker und klüger.'“ (S. 24)

Okay, Epheser 5,23f. hätten wir damit. Um ein bisschen pingelig zu sein: In der Vulgata steht „caput“, was besser mit „Haupt“ als mit „Beherrscher“ übersetzt wird, und der Mittelteil dieser Verse wird von Matthias ausgelassen, („denn der Mann ist das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen.“) (ganz abgesehen von den Versen drumherum).

Matthias ist allgemein sehr freundlich zu seiner Schwester und die wissbegierige Johanna kann ihn etwas später dazu überreden (obwohl er zuerst auch der Meinung ist, dass das für Mädchen nichts sei), ihr im Geheimen Lesen, Schreiben und Latein beizubringen, was er von seinem Vater lernt. Sie überzeugt ihn mithilfe der Legende von der heiligen Katharina von Alexandria, die sehr gelehrt gewesen und 50 heidnische Philosophen in einem Disput besiegt haben soll, bevor sie das Martyrium erlitt, dass daran nichts Schlimmes sein könne, wenn ein Mädchen etwas lernt. Als Johanna rasche Fortschritte bei ihren geheimen Studien macht, schenkt Matthias ihr einen selbstgeschnitzten Anhänger an einer Halskette, der die heilige Katharina darstellt.

Doch dann erkrankt Matthias an einem Fieber und stirbt nach kurzer Zeit. Die hochfliegenden Pläne des Priesters für seinen älteren Sohn (er wollte ihn an die Palastschule in Aachen schicken, damit er dort ausgebildet und später auch Kleriker werden könnte) werden nun auf den nächsten Sohn, Johannes übertragen, der sich mit dem Lesen und dem Latein allerdings deutlich schwerer tut und Angst davor hat, dorthin geschickt zu werden. Als Johanna auf die Idee kommt, ihrem Vater vorzuschlagen, dass sie in Matthias‘ Fußstapfen treten könnte und ihm zeigt, dass sie in der Bibel lesen kann,  rastet er aus, schlägt sie und wirft ihr vor, an Matthias‘ Tod schuld zu sein; Gott hat seiner Meinung nach ihren Bruder für ihre für ein Mädchen widernatürliche Wissbegier bestraft.

Eine Stelle hier ist vielleicht noch interessant: Kurz nach Matthias‘ Tod zwingt der Vater die beiden Kinder, stundenlang auf der Gebetbank zu knien, um Buße zu tun, und Johanna betrachtet dabei das Kruzifix, das ihr Vater aus England mitgebracht hat:

„Doch trotz aller Ausdruckskraft war die Gestalt grotesk. Johanna wußte, dass sie angesichts des Opfers Christi von Liebe und Ehrfurcht erfüllt sein sollte; statt dessen fühlte sie sich von dem Anblick abgestoßen. Verglichen mit den schönen und starken Göttern ihrer Mutter sah diese Gestalt häßlich, zerbrochen und besiegt aus.“

Und das ist der Punkt, liebe Johanna. Ein Opfer sieht nicht schön aus.

(Vielleicht interessiert es auch jemanden, dass ihre Mutter ihr unter anderem davon erzählt hat, wie Wotan eins seiner Augen opferte, um aus der Quelle der Weisheit trinken zu dürfen, das nur am Rande.)

Einige Zeit später kommt ein Gelehrter, der auf dem Weg zur Domschule von Mainz ist, in Ingelheim vorbei und kehrt als Gast im Haus des Priesters ein. Aeskulapius ist Grieche und musste wegen der Auseinandersetzungen um den Ikonoklasmus aus Konstantinopel fliehen. Als Johanna ihn bei einem Gespräch mit ihrem Vater sagen hört, dass das logische Nachdenken von Gott gewollt sei und nicht von ihm fortführen könne („Ein fester Glaube braucht keine Furcht; denn falls es Gott gibt, kann die Vernunft uns nur zu ihm führen. Cogito, ergo Deus est, sagte der heilige Augustin. Ich denke, also gibt es Gott.„, S. 46) ist sie sehr erleichtert, weil sie das als Beweis dafür nimmt, dass sie nicht an Matthias‘ Tod schuld gewesen sein könne. „Heute Abend, als sie Aeskulapius zuhörte, hatte Johanna entdeckt, daß ihre Liebe zum Wissen weder sündhaft noch wider die Natur war, sondern eine unmittelbare Folge der dem Menschen von Gott geschenkten Fähigkeit, logisch und vernunftbestimmt zu denken. Ich denke, also gibt es Gott. Im Herzen spürte Johanna die Wahrheit, die in diesem Zitat lag.“ (S. 47) Gut; ihr Vater wollte ihr ja nur einreden, dass es für Frauen widernatürlich sei, zu viel zu lernen, was sie schon lange durch die Geschichte von der heiligen Katharina widerlegt hätte – aber egal. Aeskulapius wirkt jedenfalls recht sympathisch. Im Gespräch wendet er offenbar gern die sokratische Methode der Maieutik („Hebammenkunst“) an, um den Gesprächspartner durch gezieltes Nachfragen dazu zu bringen, selbst die Wahrheit zu erkennen.

Bevor der Gast wieder geht, will der Priester ihm noch seinen Sohn präsentieren, in der Hoffnung, dass Johannes an der Domschule in Mainz aufgenommen werden könnte. Aber Johannes versagt kläglich, als er über die lateinische Grammatik des Donatus ausgefragt wird und verhaspelt sich, als er aus dem Rätselkatechismus des Alkuin aufsagen soll. Als Johannes bei einer Frage einfach nicht mehr weiterweiß, platzt Johanna schließlich mit der Antwort heraus. Ihr Vater ist wütend, aber Aeskulapius befragt sie weiter, lässt sie aus der Bibel vorlesen und sie erklären, was das Gleichnis vom Senfkorn bedeuten könnte. Er ist beeindruckt von ihrer Intelligenz. Er erklärt ihrem Vater, dass Johannes es vielleicht zu einem Geistlichen niederen Ranges bringen könnte, aber nicht weiter, dass Johanna aber außergewöhnlich begabt sei und er ihr Tutor werden möchte.

„‚Natürlich nicht an der scola‘, fuhr Aeskulapius fort, ‚denn das würde man ihr nicht gestatten. Aber ich werde es so einrichten, daß ich alle zwei Wochen hierherkommen kann. Und ich werde ihr Bücher besorgen, damit sie in der Zwischenzeit ihren Studien nachgehen kann.'“ (S. 53)

Das ist natürlich völliger Unsinn. Im 9. Jahrhundert pendelte man nicht einfach mal so regelmäßig allein von Mainz nach Ingelheim, wenn man nicht musste. Laut Google Maps sind das zwar bloß 15km, was man damals in ein paar Stunden schaffte, aber hatte Aeskulapius auf seinen langen Reisen denn nie Probleme mit Wegelagerern und dergleichen? Und wie kommt er auf die Idee, dass er einfach Bücher aus der Dombibliothek in irgendein Dorf mitnehmen und an ein Kind verleihen dürfte? Noch Jahrhunderte später waren Bücher so teuer, dass sie in Bibliotheken angekettet wurden, damit sie nicht gestohlen werden konnten; erst recht während der Karolingischen Renaissance, wo sich die Kultur (im Westen) gerade erst von den Wirren der Völkerwanderungszeit erholte. Realistisch wäre es gewesen, wenn Aeskulapius Johannas Vater vorgeschlagen hätte, sie zur Erziehung in ein Nonnenkloster zu geben, vielleicht in eins der Benediktinerinnen. Nun waren die meisten Nonnen im Frankenreich vielleicht nicht so gelehrt wie ein Philosoph aus Konstantinopel; aber sie hätten Johanna durchaus einiges beibringen können, die Bildungsreform Karls des Großen hatte auch Einfluss auf die Frauenklöster. Das Buch hätte so weitergehen können, dass Johanna Nonne wird, später mal Novizenmeisterin oder Äbtissin, seltene Handschriften sammelt, Mädchen in Latein und den sieben freien Künsten unterrichtet, Heilkräuter züchtet, medizinische, theologische und philosophische Werke verfasst, und zur Ratgeberin eines Fürsten wird. Oder so. Solche Frauen gab es im Mittelalter tatsächlich (im Gegensatz zu Päpstinnen).

(Die hl. Hildegard von Bingen diktiert ihrem Schreiber Vollmar eine göttliche Eingebung; Miniatur aus dem Rupertsberger Codex; Quelle: Wikimedia Commons)

Wie auch immer. Ihr Vater will nur zulassen, dass Aeskulapius sie unterrichtet, wenn er auch Johannes unterrichtet, und Aeskulapius gibt schließlich nach.

An dieser Stelle wird ein kurzes Kapitel eingeschoben, das in Rom am päpstlichen Hof spielt und wohl die Intrigen und die Korruption dort illustrieren soll. Ein adeliger römischer Junge namens Anastasius bekommt mit, wie sein Onkel Theodorus, einer der Würdenträger des Papstes, von der päpstlichen Miliz ermordet wird. (Erwähnenswert ist hier auch folgende Stelle, die vermutlich die Rückständigkeit des Mittelalters zeigen soll, aber eher das oberflächliche Geschichtswissen der Autorin zeigt: „Vor Anastasius, an einer Wand der Großen Halle, hing eine riesige mappa mundi, eine mit Anmerkungen versehene Wandkarte, auf der die ganze Welt abgebildet war, und zwar in ihrer tatsächlichen Form: als flache Scheibe, die von den Meeren umgeben war.“ (S. 56f.) Tatsächlich wusste man das ganze Mittelalter über, dass die Erde eine Kugel war; die Existenz flacher Weltkarten widerlegt das ebensowenig, wie flache Karten in unseren Atlanten zeigen, dass wir an eine flache Erde glauben. Inwiefern einem zehnjährigen Jungen die Gestalt der Erde damals bewusst war, weiß ich natürlich nicht; aber dennoch ist diese Stelle irreführend.)

(Schematische Darstellung des Weltalls, mit der Erdkugel in der Mitte und den Himmelssphären um sie herum, im Hildegardis-Codex)

Nach diesem kurzen Einschub geht es bei Johanna weiter. Aeskulapius kommt wie versprochen alle zwei Wochen, um die Kinder zu unterrichten. Aber hier zeichnet sich schon ein neuer Konflikt ab: Johannas Mutter ist ganz und gar nicht begeistert davon, was da geschieht.

„Offensichtlich entging Gudruns Haltung auch Aeskulapius nicht; doch führte er ihre Ablehnung darauf zurück, daß der Unterricht Johanna davon abhielt, ihren häuslichen Arbeiten nachzukommen. Johanna aber kannte den wirklichen Grund für Gudruns Unmut: Ihre Studien waren ein Verrat an jener Welt, die sie allein mit der Mutter teilte – die Welt der Sachsengötter und der uralten Geheimnisse dieses Volkes. Indem Johanna die lateinische Sprache lernte und christliche Texte studierte, entfremdete sie sich der einen Hälfte ihres Selbst, ihrer Herkunft, und verbündete sich mit jenen Dingen, die ihre Mutter haßte wie sonst nichts auf der Welt: dem christlichen Gott, der ihre Heimat und ihre Familie zerstört hatte. Und – was noch wichtiger war -, Johanna verbündete sich mit dem Dorfpriester, der für dies alles stand.

In Wahrheit aber beschäftigte Johanna sich vor allem mit vorchristlichen, klassischen Texten. Aeskulapius bewunderte und schätzte die ‚heidnischen‘ Schriften des Cicero, Seneca, Lucanus und Ovid, die von den meisten Gelehrten seiner Zeit als Irrlehren und Ketzerei betrachtet wurden. Er lehrte Johanna, Griechisch zu lesen und sich mit den uralten Texten des Menander und Homer zu beschäftigen, deren Dichtkunst der Dorfpriester schlichtweg als ‚heidnische Blasphemie‘ betrachtete. Johanna dagegen hatte sich noch nie die Frage gestellt, ob Homers Texte  mit den Grundsätzen der christlichen Lehre vereinbar waren oder nicht. Aeskulapius hatte sie gelehrt, die gedankliche Klarheit und den Stil zu schätzen – und eben darin zeigte sich Gott; denn Homers Werke waren von göttlicher Schönheit.“ (S. 64)

Das halte ich für unglaubwürdig, mit Verlaub. Ein Kind – gerade ein kluges Kind – würde einem Lehrer sehr wohl die Frage stellen: Ist das denn jetzt wirklich passiert? Oder sind das bloß Märchen? Dürfen wir die lesen? Oder dienen wir damit den heidnischen  Göttern, um die es da geht? Aeskulapius würde ihr wohl mit Nein, ja, ja, nein antworten (bzw. sie zu diesen Antworten hinführen), und die Sache wäre erledigt, aber es ist unglaubwürdig, dass sie die Fragen nicht stellt.

Ein weiterer Kritikpunkt: Es wird nie so ganz klar, was genau Johanna an ihrem Unterricht fasziniert. Sicher, viele verschiedene Fächer und Werke können faszinieren, aber man wüsste doch gern Genaueres darüber, was sie am liebsten lernt. Die meisten Leute interessieren sich weniger für Wissen und Bücher im Allgemeinen, sondern mehr für dieses Thema oder dieses Buch. Ich war auch immer wissbegierig und besserwisserisch und konnte mit der Schule mehr anfangen als andere Kinder, und als ich ein Kind war, habe ich mich mal für Dinosaurier begeistert, dann für Vulkane, dann für die Kinderbibel, aber eben immer eher für konkretes Wissen als für Wissen an sich. Und  als in der sechsten Klasse die griechischen Sagen durchgenommen wurden, habe ich sie daheim auch mal in einer relativ ausführlichen Version gelesen, und fand sie ganz in Ordnung, wenn auch nicht so spannend wie andere Bücher, und mochte dabei Hektor und Kassandra besonders, und Penelope und Telemachos eigentlich auch, und konnte Paris und Helena nicht leiden. Was fasziniert Johanna denn an der Ilias oder der Odyssee?, frage ich mich. Mit welcher Seite im Trojanischen Krieg fiebert sie mit? Ist sie auch gespannt, ob es Penelope gelingen wird, die Freier hinzuhalten, bis ihr verschollener Mann zurückkehrt? Was hält sie von all den Göttern, die sich in den Krieg einmischen? Ist sie manchmal gelangweilt, wenn sie zur griechischen Grammatik mit ihren hunderttausend Zeitformen zurückkehren soll, statt zu erfahren, wie es mit Odysseus‘ Irrfahrten weitergeht? Hat sie um ihn gebangt, als die Zyklopen vorkamen? Gibt es Stellen bei Cicero oder Lucanus, die ihr weniger gefallen als andere? Mag sie Ovids Metamorphosen? Wenn sie mit Matthias die Bibel gelesen hat, was hat ihr daran gefallen? Wollte sie den Herrn Jesus kennenlernen? Seine Gleichnisse und Reden ergründen? Wollte sie wissen, wie die Apostel lebten und den Glauben verbreiteten? War sie vielleicht fasziniert von Martha und Maria aus Betanien, da Jesus Maria in Schutz nahm, als sie lieber Ihm zuhörte, statt mit ihrer Schwester die Hausarbeit zu tun? Oder fühlte sie mit Jairus mit, als dessen kleine Tochter im Sterben lag und dann tatsächlich starb, als er noch dabei war, Jesus zu holen, der sie dann aber sogar von den Toten auferweckte? Grauste es sie, als sie von den Leiden Jesu las? Was fasziniert Johanna? Will sie mehr über Gott erfahren? Über den Aufbau der Welt? Über die Heiligen? Mag sie Geschichten lieber, oder eher Rätsel, oder logische Disputationen? An diesem Punkt der Handlung erfährt man darüber gar nichts.

Dann noch ein Wort zum Thema Ketzerei, Heidentum und Blasphemie. Zunächst mal nehme ich nicht an, dass die meisten Gelehrten dieser Zeit tatsächlich die heidnischen Schriftsteller verachteten. Laut Wikipedia (ja, ja, ich weiß, es ist Wikipedia) waren während der Karolingischen Bildungsreform besonders nachgefragt „Ovid und Vergil, daneben wurden unter anderem Sallust, Quintus Curtius Rufus, Sueton und Horaz wieder zunehmend gelesen“; und in Aeskulapius‘ Heimat, dem Byzantinischen Reich, gehörten die Werke Homers ganz selbstverständlich zu einer anständigen Bildung. Man schätzte antike Autoren, auch wenn diese Christus noch nicht gekannt hatten. Natürlich gab es auch Christen, die alles Heidnische ablehnten; aber nicht so viele, wie es hier dargestellt wird.

Im Übrigen sind Ketzerei, Heidentum und Blasphemie ganz unterschiedliche Dinge, auch wenn manche Leute, wie Donna Woolfolk Cross, diese Begriffe nie auseinanderhalten können:

Ketzerei / Irrlehre / Häresie: Ein Ketzer / Irrlehrer / Häretiker ist ein Christ, der einzelne christliche Lehren verdreht. Wenn ein getaufter Christ leugnet, dass Gott dreifaltig ist, wird er zum Ketzer; die Leugnung der Dreifaltigkeit ist Ketzerei. Die meisten Ketzer in der Geschichte waren Theologen, so etwa Luther. Homer konnte noch gar kein Ketzer sein, weil er kein Christ war, ebenso Cicero.

Heidentum: Sammelbegriff für alle vorchristlichen Religionen außer dem Judentum. Heidnisch sind etwa die römische, griechische, sächsische, hinduistische, aztekische, oder keltische Mythologie.

Blasphemie: Gotteslästerung. Eine Sünde, aber keine, die unbedingt eine falsche Lehre über Gott beinhaltet.

Und noch eine Sache: Könnten wir bitte endlich den Namen von Johannas Vater erfahren? Es nervt, ihn immer bloß „der Dorfpriester“ nennen zu müssen.

Jetzt aber weiter im Text. An einem der Tage, an denen Aeskulapius kommt, findet im Dorf eine Hexenprobe statt: Hrotrud, die Hebamme, die inzwischen alt und steif geworden ist und sich ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit dem Verkauf von Heilkräutern verdient, wird verdächtigt, dem Müller Arno eine Krankheit angehext zu haben. Sie wird daher von den Dorfleuten, die der Priester anführt, in den Dorfteich geworfen:

„Falls die gefesselte Hrotrud zur Oberfläche des Teiches aufstieg und auf ihm trieb, hatte das vom Dorfpriester gesegnete Wasser sie zurückgewiesen, womit Hrotrud als Zauberin und Hexe entlarvt und auf der Stelle verbrannt wurde. Ging sie jedoch unter, war ihre Unschuld bewiesen, und sie war gerettet.“ (S. 69)

Hrotrud geht natürlich unter; aber als man sie wieder herauszieht, ist sie schon tot und hat nichts mehr davon. Johanna hat den Eindruck, dass ihr Vater direkt enttäuscht ist, dass Hrotruds Unschuld bewiesen wurde. Später bei ihrem Unterricht spricht sie mit Aeskulapius über die Hexenprobe, und er bringt sie darauf, dass man mit einem Prozess mit Beweisen, Zeugenbefragungen und einer nach logischen Prinzipien durchgeführten Untersuchung ohne eine solche Probe Hrotruds Unschuld hätte beweisen können.

Nun stimmt es, dass Hexenprozesse nicht erst zur Zeit des Hexenwahns in der Frühen Neuzeit neu erfunden wurden; es ist auch nicht unglaubwürdig, dass es sie in der karolingischen Zeit gelegentlich gab, angesichts der Tatsache, dass sich die Bischöfe auf der Synode von Paderborn im Jahr 785 dazu gedrängt sahen, zu beschließen, dass, wer vom Teufel verleitet nach Art der Heiden behaupte, dass es Hexen gäbe, und diese verbrenne, selbst mit dem Tod bestraft werden sollte. (Auch den Sachsen wurde übrigens von Karl dem Großen die Hexenverfolgung untersagt.) Was somit allerdings unglaubwürdig ist, ist, dass ausgerechnet Johannas Vater diese Hexenprobe anführt. Er ist kein ungebildeter fränkischer Bauernsohn, der ein paar Worte Latein gelernt hat und schnell mal geweiht wurde; er ist extra als Missionar von England gekommen und war auf weiten Missionsreisen unterwegs; er war auch schon in dem berühmten Kloster Lindisfarne und besitzt selbst mindestens drei Bücher (Bibel, Rätselkatechismus des Alkuin, lateinische Grammatik des Donatus); sprich, er hat offenbar eine gewisse theologische Bildung, und hat Kontakte zu Bischöfen; er müsste also schon einmal von der Synode von Paderborn gehört haben, und er ist schließlich entschieden gegen alles Heidnische; wieso also nicht gegen den Hexenglauben?

Und was tut eigentlich der Bischof von Ingelheim, während das Ganze sich abspielt? Es gibt ein paar merkwürdige Andeutungen im Buch, die auf die Existenz eines Bischofs von Ingelheim hinweisen. Johanna hat ihr Wissen über die heilige Katharina aus einer Predigt des Bischofs; und schon im Prolog heißt es: „Vom Bischof abgesehen, dessen Haus aus Stein errichtet war, besaß niemand in Ingelheim ein schöneres Zuhause.“ (S. 9) Und an einer einzigen Stelle wird Johannas Vater nicht als „der Dorfpriester“, sondern „der Domherr“ (S. 48) bezeichnet.

Was kann nun dahinter stecken? Laut Wikipedia war Ingelheim zwar Königspfalz und Karl der Große kam drei- oder viermal dorthin; davon, dass es auch Bischofssitz gewesen wäre, steht in der Internetenzyklopädie allerdings nichts, und die Handlung macht insgesamt mehr Sinn, wenn man davon ausgeht, dass der nächste Bischof erst in Mainz sitzt. Der Bischof taucht weiter nirgends auf, obwohl man diese Figur gut hätte verwenden können, um entweder einen Kontrast zu Johannas Vater aufzubauen (was sich dank der Katharina-Geschichte angeboten hätte) oder den Eindruck vom Klerus als dem bösen Patriarchat zu verstärken. Ich vermute, dass die Autorin zunächst einen Bischof in Ingelheim haben wollte, bevor ihr dann aufgefallen ist, dass es da keinen gab (oder dass er doch nicht in ihr Schema passte), und dass sie vergessen hat, ihn an allen Stellen aus dem Manuskript zu tilgen. Gerade die Bezeichnung des Priesters als „Domherr“ macht eben gar keinen Sinn – wo ein Domherr ist, da sind mehrere, und dieser Priester wird offensichtlich als der einzige Dorfpfarrer, nicht als einer von mehreren Priestern an einer Bischofskirche gezeigt. Angesichts der Formulierungen im Buch macht auch die mögliche Deutung, dass er Pfarrer in einem Dorf nahe bei dem Bischofssitz Ingelheim sein könnte, keinen Sinn. Alles in allem sehen wir hier also wohl einfach schlampige Arbeit der Autorin. (Jeder Bibelexeget, der was auf sich hält, würde diese Widersprüche freilich so deuten, dass dem Buch zwei verschiedene Texte von verschiedenen Autoren zugrundeliegen müssen, die in einem jahrhundertelangen komplizierten Redaktionsprozess zusammengefügt und mehr oder weniger harmonisiert wurden. Sorry, ich muss gerade eine Exegese-Hausarbeit schreiben und bin genervt über die Spekulationen in der Sekundärliteratur.)

Aeskulapius wird schließlich vom Bischof von Mainz entlassen und beschließt, nach Athen zu gehen, wo er eine Stelle als Hauslehrer bei einem befreundeten Händler annehmen soll. Beim Abschied schenkt er Johanna eine von ihm selbst geschriebene Abschrift von Homers Werken auf Griechisch und in lateinischer Übersetzung. Als ihr Vater das Buch, in dem sie nachts liest, einige Zeit später entdeckt, hält er die für ihn unlesbaren griechischen Buchstaben zunächst für Hexenwerk, und obwohl Johanna ihm klarmachen kann, dass die zweite Hälfte auf Latein ist und er somit sehen kann, dass es nur Dichtkunst ist, verlangt er, dass sie – weil der Text heidnisch sei – das Pergament freischabt. Als sie sich weigert, gerät er in Rage und schlägt sie fast tot.

„Tagelang war die Geschichte von Johannas Prügelstrafe im Dorf in aller Munde. Der Dorfpriester hatte die eigene Tochter mit der Gerte so schrecklich zugerichtet, daß es sie um ein Haar das Leben gekostet hätte, erzählte man sich; der Dorfpriester hätte das Mädchen tatsächlich totgeschlagen, hätten die Schreie seiner Frau nicht die Aufmerksamkeit einiger Dorfbewohner erregt. Es hatte dreier kräftiger Männer bedurft, um den Dorfpriester von dem Kind fortzuzerren.

Doch es lag nicht an der Grausamkeit der Schläge, daß die Leute über diese Sache redeten. Solche Dinge waren an der Tagesordnung. Hatte der Hufschmied nicht seine Frau zu Boden geschlagen und ihr so lange ins Gesicht getreten, bis sämtliche Knochen gebrochen waren, weil er ihre Nörgeleien satt hatte? Das arme Wesen war für den Rest seines Lebens entstellt; aber dagegen konnte man nun mal nichts machen. Ein Mann war Herr im eigenen Hause, und niemand stellte diese Tatsache in Frage. […]

Nein, was die Bürger Ingelheims viel mehr interessierte, war die Tatsache, dass der Dorfpriester die Beherrschung verloren hatte. Ein derart gewalttätiger Ausbruch war bei einem Mann Gottes etwas Unerwartetes, ja, Unziemliches, und deshalb – was Wunder – zerrissen die Leute sich die Mäuler darüber. […] Es war schon eine seltsame, lustige Sache.“ (S. 85)

Johanna ist einige Zeit ohne Bewusstsein, ihre Wunden entzünden sich und sie leidet an einem Fieber; aber schließlich wacht sie wieder auf und wird gesund. Ihre Mutter, die irgendwo stolz auf sie ist, pflegt sie gesund und will sie wieder für sich gewinnen: „Überlasse Dinge wie Bücher der Dummheit der Priester. Wir haben unsere eigenen Geheimnisse, nicht wahr, meine kleine Wachtel? Wir werden sie wieder miteinander teilen, so, wie es früher gewesen ist.“ (S. 87f.) Ihr Vater hat inzwischen selbst die Pergamentseiten leergeschabt.

Johanna baut nun tatsächlich wieder ein engeres Verhältnis zu ihrer Mutter auf, und bringt sie schließlich dazu, ihr zu erzählen, wie es gekommen ist, dass sie ihren Vater geheiratet hat. Gudrun erzählt von der Hungersnot nach den Sachsenkriegen, und davon, wie dann die Missionare kamen:

„‚Sie waren anders als die anderen; sie trugen keine Schwerter oder sonstige Waffen, und sie behandelten uns wie Menschen, nicht wie Vieh. Sie gaben uns Nahrungsmittel als Gegenleistung für unser Versprechen, ihnen zuzuhören, wenn sie das Wort des christlichen Gottes predigten.‘

‚Sie haben Nahrung gegen den Glauben eingetauscht?‘ sagte Johanna. ‚Das ist aber eine jämmerliche Art und Weise, die Seelen der Menschen zu gewinnen.‘

‚Ich war jung und für Eindrücke empfänglich. Vor allem aber war ich halb tot vor Hunger, Elend und Angst. Ihr christlicher Gott muß größer und stärker sein als alle unsere Götter zusammen, dachte ich. Wie sonst hätten die Franken uns besiegen können? Dein Vater hat sich meiner ganz besonders angenommen. Er habe große Hoffnungen, was mich angeht, sagte er; denn obwohl ich als Heidin geboren sei, besäße ich die Fähigkeit, den wahren Glauben zu begreifen. Aber so, wie er mich anschaute, wußte ich, daß er mich begehrte. Als er mich dann fragte, ob ich mit ihm fortgehen wollte, habe ich ja gesagt. Für mich war es die einzige Hoffnung auf ein Weiterleben in einer Welt, die gestorben war.‘ Ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab. ‚Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, was für einen schrecklichen Fehler ich begangen hatte.'“ (S. 89)

Gudrun warnt Johanna davor, dieselben Fehler zu machen wie sie: „Falls du jemals glücklich sein möchtest, dann merk dir meine Worte, Tochter: Gib dich niemals einem Mann hin.“ (S. 90) Und Johanna verspricht es: „‚Das werde ich nicht tun, Mama‘, versprach sie feierlich, ‚das werde ich niemals tun.'“ (Ebd.)

Wer schon mal von der Legende der Päpstin gehört hat, weiß vielleicht, dass es anders kommen wird; aber hier mache ich jetzt erst einmal einen Punkt. Im nächsten Teil dann dazu, wie es kommt, dass Johanna Ingelheim verlässt!

Divine Renovation: Eine praktische Anleitung für katholische Pfarreien

Nachdem ich mir „Die Benedikt-Option“ (okay) und „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ (nein, danke) angeschaut habe, heute mal noch eine Rezension zu einem dritten Buch mit einem Konzept dafür, wie die Kirche in Zukunft agieren könnte, um weiter zu bestehen (oder zu wachsen): „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert. Von einer bewahrenden zu einer missionarischen Kirchengemeinde“ von James Mallon, einem kanadischen Priester aus Halifax.

Father Mallons Buch wurde 2014 auf Englisch veröffentlicht und 2017 ins Deutsche übersetzt. Er berichtet darin, kurz gesagt, über sein Konzept für die Erneuerung von Pfarreien, das er anhand seiner (sehr erfolgreichen) Erfahrungen in der Pfarrei St. Benedict in Halifax entwickelt hat. Father Mallon ist inzwischen Bischofsvikar für Pfarreierneuerung in der Diözese Halifax-Yarmouth und auch ein international gefragter Redner; er hat u. a. auf der MEHR 2018 gesprochen und auch schon Vorträge bei Veranstaltungen in den Bistümern Augsburg und Passau gehalten.

Das Buch macht schon einen sympathischen Eindruck, sobald man es aufschlägt: Zuerst kommt da ein Vorwort von Bischof Stefan Oster von Passau und einem seiner Diözesanpriester für die deutsche Ausgabe (ich bin sehr angetan von Bischof Oster), und dann ein Hinweis, dass die Übersetzer darauf verzichtet haben, „um die Lesbarkeit zu verbessern“, „neben der männlichen jeweils auch die weibliche Form anzuführen, wenn sie gedanklich mitgemeint ist“.* Jetzt aber zum eigentlichen Inhalt!

In den ersten vier Kapiteln beschreibt Father Mallon sowohl die Aufgabe der Kirche, die aus ihrer grundsätzlich missionarischen Identität resultiere, als auch die gegenwärtige Krise. Die Schwierigkeit heutzutage sei, dass die uns umgebende Kultur Kirchenbesuch und Glaube nicht mehr stütze, also genüge nicht mehr, was man in vergangenen Zeiten getan hatte, um den Glauben weiterzugeben (z. B. sein Kind auf eine katholische Schule zu schicken und es am Sonntag in die Kirche mitzunehmen); man müsse zielbewusster vorgehen. (Was mir übrigens sehr positiv aufgefallen ist: Father Mallon stellt im dritten Kapitel ausführlich klar, dass man sehr wohl darum klagen und trauern dürfe, was aus den alten Zeiten verloren gegangen ist – er zitiert ausführlich aus dem Buch der Klagelieder –, auch wenn man dann vorangehen und auf Gott hoffen müsse.)

Der Auftrag der Kirche ist es Father Mallons  Ansicht nach vor allem, „Jünger zu machen“. Hier bezieht er sich auf den Missionsauftrag Jesu im Matthäusevangelium, der wörtlich übersetzt lautet: „Hingehend also macht alle Völker zu meinen Jüngern, sie taufend auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, sie lehrend, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Matthäus 28,19f.) In diesem Satz ist also das Verb „macht zu Jüngern“ (matheteusate) den anderen Verben (gehen, lehren, taufen) grammatikalisch übergeordnet, und für Father Mallon sollte das Jünger-machen demnach im Zentrum der kirchlichen Aktivität stehen. Was sind Jünger? „Jünger zu sein bedeutet also, Lernender zu sein. Ein Jünger Jesu Christi zu sein bedeutet demnach, sich in einem lebenslangen Prozess des Lernens von und über Jesus, den Meister und Lehrer, zu befinden.“ (S. 34) Er schreibt weiter: „Die einzig derzeit mögliche Lösung liegt darin, zu dem zurückzukehren, was Jesus vor 2.000 Jahren von uns verlangt hat – nicht nur Gläubige zu machen oder ‚praktizierende Katholiken’, sondern Jünger.“ (S. 35f.) Die Leute müssten wirklich die Frohbotschaft von Gottes Liebe kennenlernen und eine persönliche Beziehung zu Jesus finden, und so könnten sie dann auch von Jüngern zu Aposteln werden (d. h. ihrerseits die Frohbotschaft weitergeben).

Das Ganze ist in einem Tonfall gehalten, der einen manchmal an Evangelikale erinnert. Auf diesen absehbaren Vorwurf geht der Autor im zweiten Kapitel ein, das einen Überblick über lehramtliche Aussagen der letzten fünfzig Jahre zur Neuevangelisierung gibt. „Vielleicht kommt unser Widerwille, uns einer solchen Ausdrucksweise [d. h. Ausdrücken wie ‚persönliche Beziehung zu Jesus’ oder ‚persönliche Begegnung mit Jesus’, von deren Auftauchen in kirchlichen Dokumenten etwa ab Papst Benedikt XVI. zuvor die Rede war] zu bedienen, daher, dass uns in der heutigen Kultur jeder Individualismus verdächtig scheint. Möglicherweise ist unserer geistlichen Tradition dieser Begriff fremd, die Tatsache jedoch, dass ein Mensch eine Begegnung mit dem lebendigen Gott hat, ist uns keineswegs fremd. Sie ist im Herzen unserer mystischen katholischen Tradition.“ (S. 49f.)

Father Mallon spricht in diesem Kapitel auch ein eher unbekanntes Dokument an, das 2007 von den lateinamerikanischen Bischöfen in dem mexikanischen Heiligtum Aparecida veröffentlicht wurde, und hier sieht man vielleicht auch einen weiteren Grund für die sprachliche Nähe zum Evangelikalismus, den sich Father Mallon an vielen Stellen zum Vorbild nimmt. In Lateinamerika machen bekanntlich die Freikirchen der Kirche immer größere Konkurrenz, und als Gründe führt das Aparecida-Dokument u. a. an, dass laut Umfragen viele zu den Freikirchen abgefallene Katholiken den Glauben in der katholischen Kirche als etwas Unpersönliches, rein Theoretisches erlebt hätten, und erstmals bei den Evangelikalen eine persönliche Bekehrung und eine persönliche Begegnung mit Jesus erlebt hätten – dass also, kurz gesagt, die pastorale/spirituelle Praxis in ihren Pfarreien nicht so aussah, wie sie sollte, was ihnen größere Probleme machte als irgendwelche lehrmäßigen Angelegenheiten.

Ausgehend vom Aparecida-Dokument stellt Father Mallon ein Schema auf, wie Neuevangelisierung in vier Schritten funktionieren soll:

  • Vor-Evangelisierung (Öffnen: Beziehung, Dazugehören, Einladen, Gebet, Lebenszeugnis)
  • Evangelisierung (Bekehrung: Verkündigung, Begegnung, Persönliche Beziehung)

Dann kommt eine persönliche Entscheidung für ein Leben mit Gott, und es geht weiter mit der nächsten Stufe:

  • Jüngerschaft (Reifen: Katechese, Sakramente, Zurüsten, Erneuern)
  • Apostolat (Dienen: Hinausgehen: Evangelisierung und soziale Gerechtigkeit)

D. h. jemand öffnet sich erst für eine Kirche, die er als einladend erlebt, ihm wird dann die Grundbotschaft des Evangeliums verkündet („Erstverkündigung“), er widmet sein Leben Gott, reift danach noch weiter als Christ, und dient dann auch seinerseits anderen und verkündet ihnen die Botschaft.

Hier kommt mir – auch wenn ich gegen andere typisch evangelikale Ausdrücke überhaupt nichts habe – die Ausdrucksweise übrigens doch etwas zu evangelikal vor. Die evangelikale Vorstellung ist ja die: Erlöst wird man an genau dem Punkt einer solchen Entscheidung für Gott – dann reift man auch noch weiter als Christ, ja, aber das Entscheidende ist gemacht und das zukünftige Heil, das Gott einem versprochen hat, kann auch nicht wieder verloren gehen. Für uns Katholiken ist die Heiligung aber eher ein andauernder Weg, ist Bekehrung nach Sünden immer und immer wieder notwendig, muss man die Entscheidung für Gott immer neu treffen. Ich weiß auch nicht, ob man bei jedem Christen einen solchen klaren Punkt auf seinem Glaubensweg festmachen, an dem er sagt: So, ab jetzt lebe ich für Gott! Manchmal ist es ein allmählicher Prozess – und manchmal gibt es wieder Rückschläge. Freilich ist es gut, wenn man jemanden dazu führen kann, dass er bewusst die Entscheidung trifft, von nun an als Christ leben zu wollen.

Da Father Mallon ja nicht die evangelikale Erlösungslehre (die die Erlösung mit einer solchen Entscheidung identifiziert) teilt, könnte das Buch einem gelegentlich auch fast „weltlich“ vorkommen – in dem Sinne, dass Father Mallon sich darauf konzentriert, wie die Leute auf Erden zu guten Jüngern werden, aber wenig über den Umgang mit den geistlichen Gefahren auf ihrem Weg sagt, und das Wort „Seelenheil“ so gut wie nicht vorkommt. Auch die Beichte, mit der man wieder von Sünden gereinigt wird, wird kaum erwähnt. Klassischerweise beginnen katholische Katechismen mit der Aussage, dass das Ziel unseres Lebens ist, Gott zu erkennen, zu lieben und einmal bei Ihm im Himmel zu sein; der dritte Punkt scheint in „Divine Renovation“ ein bisschen herauszufallen. Sicher; der Autor geht auf viele Punkte ein und man kann nicht immer alles erwähnen; vielleicht hat er das Thema „Seelenheil“ auch einfach für zu selbstverständlich und zu innerlich verwoben mit dem irdischen Leben als Christ gehalten, um es ausdrücklich anzusprechen. Aber ich hätte es gut gefunden, wenn er noch ein paar Ideen dazu eingefügt hätte, wie man die Leute z. B. an die regelmäßige Beichte heranführt. Das ist ja nicht gerade einfach, da es deutlich mehr Überwindung kostet, in einem Beichtstuhl einem anderen Menschen seine Sünden zu bekennen, als sich sonntags um zehn in eine Kirchenbank zu setzen.

Als ein Problem, das der Erneuerung der Kirche im Weg steht, sieht Father Mallon übrigens eine Art Klerikalismus, den er folgendermaßen beschreibt: „Klerikalismus ist nichts anderes als die Vereinnahmung dessen, was eigentlich jedem Getauften zukommt, durch die Kaste der Kleriker. […] Priester und Ordensschwestern werden zu Super-Christen, die außergewöhnliche Kräfte haben, das zu tun, was gewöhnliche Christen nicht tun können. Diese Überhöhung hat zwei Folgen: Isolierung der Priester und Ordensleute und mangelnde Reife der Getauften. […] In einem solchen System können wir die Priester und Schwestern und ihre großartige Arbeit hochhalten und sie aus einer gewissen Entfernung beklatschen Das gibt Sicherheit und muss auch so sein, solange der durchschnittliche Laie seine eigene Unreife für normal und akzeptabel hält. In dieser Isolation darf der Priester niemals irgendeine menschliche Schwäche zeigen, sonst ist das Spiel aus.“ (S. 97f.) Kurz gesagt, Klerikalismus schadet (unterforderten) Laien ebenso wie (überfordertem & überschätztem) Klerus und verdunkelt den allgemeinen Ruf zur Heiligkeit.

Kommen wir jetzt zum Herzstück des Buches, dem 140 Seiten langen fünften Kapitel: „Das Fundament legen: Wie die Kultur der Pfarrgemeinden verwandelt werden kann.“ Hier beschreibt Father Mallon planvoll und detailliert, welche Maßnahmen eine Pfarrei treffen kann, um „Jünger zu machen“. Er stellt anfangs klar, dass sich das, worauf eine Pfarrei wirklich Wert legt, nicht darin zeige, wovon am meisten geredet werde, sondern darin, wofür das Geld ausgegeben und die Zeit aufgewendet werde; auf das Jahresbudget und auf den Kalender des Pfarrers muss man schauen, wenn man etwas verändern will. Außerdem zieht sich ein grundsätzliches Prinzip für den Umgang mit dem Priestermangel, der in immer größeren Pfarreien resultiert, durch sämtliche Pläne: Der Pfarrer soll sich auf seine zentralen priesterlichen Aufgaben konzentrieren, die da laut dem Codex des Kanonischen Rechts sind: lehren, leiten, heiligen (d. h. die Sakramente spenden); er soll also predigen, eine gute Gesamtleitung über die Pfarrei ausüben, die Messe feiern, Beichten hören, taufen, die Krankensalbung spenden etc.; alle anderen Aufgaben aber sollen an fähige haupt- oder ehrenamtliche Laien delegiert werden, die Verantwortung tragen können. Ein Pfarrer mit mehreren Tausend Gemeindemitgliedern kann nicht jedes einzelne kennen und ihm beratend zur Seite stehen – aber es gibt Laien, die das auch können.

Er führt in diesem Kapitel insgesamt zehn Punkte an. Die ersten vier davon befassen sich mit dem Sonntagsgottesdienst:

1. Der Vorrang des Wochenendes

Da die Sonntagsmesse die Veranstaltung ist, bei der die meisten aktiven Gemeindemitglieder zusammenkommen, solle man auch ausreichend Zeit in sie investieren, was ihre Vorbereitung und „Inszenierung“ anbelangt. Father Mallon zeigt sich ziemlich genervt von 50-Minuten-Messen und von Gläubigen, die sich über zu lange Predigten beschweren oder gleich nach der Kommunion die Kirche verlassen, weil sie es nicht erwarten können, nach Hause zu kommen. Nun finde ich, dass es schon gute Gründe geben kann, aus denen manche Leute kurze Messen vorziehen (z. B. Eltern mit kleinen Kindern, die noch eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne haben), aber insgesamt ist ja nichts dagegen zu sagen, auch mal eine längere Messe zu feiern.

2. Gastfreundschaft

Auch hier bezieht sich Father Mallon vor allem auf die Gottesdienste, speziell auf den Eindruck, den Neuankömmlinge und Zufallsgäste haben, wenn sie in einer Pfarrei an der Sonntagsmesse teilnehmen. „Wie willkommen fühlt sich jemand, der nicht aussieht wie wir, nicht so klingt wie wir, sich nicht so kleidet wie wir und nicht so riecht wie wir? Wie fühlt sich jemand, der mit einer Geisteskrankheit kämpft, wenn er unsere Kirche betritt?“ (S. 135) Er appelliert hier sowohl an die einzelnen Gemeindemitglieder, auch mal jemandem in der Kirchenbank Platz zu machen und ihm ein Lächeln zu schenken, als auch an die Pfarreien, ordentlich geputzte Toiletten zu haben und z. B. einen Willkommensstand mit ausreichend Infomaterial im Eingangsbereich, an dem auch Freiwillige nach der Messe bereitstehen, um Auskünfte zu geben. Außerdem spricht er davon, wie ein Priester bei Anlässen, zu denen viele nicht-praktizierende Katholiken auftauchen, z. B. bei Begräbnissen, denen, die mit der Liturgie nicht vertraut sind, weiterhelfen kann, indem er an passenden Stellen der Messe kurze Erklärungen dazu einfügt, was als nächstes passiert.

3. Aufbauende Musik

Father Mallon plädiert dafür, in der Messe verschiedene Musikstile zuzulassen – solange nur die Texte nicht häretisch sind und die Qualität hoch ist. Besonders warme Worte findet er für Praise&Worship (Lobpreismusik): „So richtig und passend die verschiedenen Liedarten auch sind, so bin ich doch der Meinung, dass Loblieder den Ehrenplatz haben sollten. Sie haben die stärkste Verwandlungskraft, denn sie schlagen uns nicht nur vor zu beten, sie rufen uns nicht nur zum Gebet auf oder sagen uns, wie wunderbar es ist zu beten, sondern sie sind selbst Gebet.“ (S. 148)

4. Predigten

Father Mallon ist für etwas längere, sprich 15-20minütige, Predigten, die die Lesungen des Tages auslegen, das Gewissen und den Willen (nicht nur das Hirn) ansprechen, und immer auch die sog. „Erstverkündigung“ enthalten sollen: „Jede Predigt, gleich vor welcher Hörerschaft – ob am Sonntag oder Wochentag, bei Hochzeit oder Begräbnis – sollte Jesus Christus verkündigen, sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung und das neue Leben, das man in ihm durch ein Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe finden kann.“ (S. 160) Außerdem gibt er weitere praktische Tipps für die Predigtvorbereitung.

Die nächsten sechs Punkte befassen sich mit dem Rest des Gemeindelebens.

5. Echte Gemeinschaft

Der Autor hebt hervor, dass es in den Gemeinden echte Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft geben müsse, statt dass nur Individuen einmal die Woche zur selben Veranstaltung auftauchen. „Die meisten Menschen heute fühlen sich nicht genötigt, nach der Wahrheit zu suchen. Sie sind an einer Lehre oder einem Angebot, das zu einer systematischen, umfassenden Weltsicht führt, weitgehend uninteressiert. […] Das mag für manche unter uns traurig sein, aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das unsere neue Realität ist. […] Glaubensüberzeugungen werden nicht mit Predigten und durch Lehre verändert, sondern indem man Vertrauen aufbaut durch Beziehungen, durch Anteilnahme, durch Zugehörigkeit.“ (S. 179) Er macht verschiedene Vorschläge für Aktionen, die die Gemeinschaft stärken, darunter die bereits oft von ihm erwähnten Alphakurse, bei denen an zehn Abenden (einmal wöchentlich) ein gemeinsames Essen, danach ein Vortrag über ein zentrales Glaubensthema (z. B. „Ist Jesus auferstanden?“) und dann Austausch in Kleingruppen stattfindet. Außerdem schlägt er z. B. einen Gebetsdienst für Gottesdienstbesucher nach der Messe vor: „Jede Woche gibt es Teams, die in der Sakramentskapelle mit denjenigen beten, die das Gebet wünschen.“ (S. 191)

Anschließend geht er auch auf Analysen des Marktforschungsinstituts Gallup zur Struktur von gesunden Organisationen ein. Diese Analysen teilen Mitglieder von Organisationen in drei Gruppen ein: Engagierte, Nicht-Engagierte, und aktiv Nicht-Engagierte. „Engagierte Pfarreimitglieder werden als solche beschrieben, die total begeistert von ihrer Pfarrgemeinde sind. Sie haben das Gefühl, dass diese sie wirklich etwas angeht und sie identifizieren sich auch mit ihren Plänen. Engagierte Angehörige dienen mehr, geben mehr und sind viel bereiter, andere in ihre Kirche einzuladen. Nicht-engagierte Mitglieder sind im Allgemeinen zufrieden mit ihrer Pfarrgemeinde, aber sie tendieren dazu, passiv zu sein und sich nicht einzubringen. Die letzte Kategorie sind die aktiv Nicht-Engagierten. Das sind jene, die zutiefst unzufrieden damit sind, wie die Dinge laufen, sie wollen keinerlei Wandel und sind in der Regel negative und destruktive Teilnehmer.“ (S. 193f.) Die Ergebnisse einer ersten Umfrage in St. Benedict hätten ergeben, dass man 24% zu den Engagierten, 47% zu den Nicht-Engagierten, und 29% zu den aktiv Nicht-Engagierten zählen könnte. Idealerweise läge das Verhältnis von Engagierten zu aktiv Nicht-Engagierten jedoch bei 4:1. Zweieinhalb Jahre später sei das Ergebnis immerhin schon 41 : 44 : 15 gewesen. „Drei Jahre nach Umsetzung der auf Engagement und Zugehörigkeit basierenden Strategie in St. Benedict hat sich die Zahl der Erwachsenen, die an Evangelisierungs-Programmen und an der Glaubensunterweisung teilnehmen, verdreifacht. Die Anzahl jener Pfarrangehörigen, die Dienste übernommen haben, hat sich verdoppelt und unsere wöchentliche Kollekte ist von durchschnittlich 10.000$ pro Wochenende auf 20.000$ bis 21.000$ angewachsen. Und dabei ist die durchschnittliche Zahl der Messbesucher ungefähr gleich geblieben. Viele Neue sind dazugekommen, aber genauso viele sind auch weggegangen. Gesund wird man durch Wachstum und durch Schrumpfung.“ (S. 196) In den nächsten Punkten wird die Strategie noch genauer erläutert:

6. Klare Erwartungen

Eine Pfarrei brauche nicht nur eine gute Willkommenskultur, sondern auch Erwartungen gegenüber ihren Mitgliedern: „Eine hohe Willkommenskultur und eine hohe Erwartungshaltung sind tatsächlich eine respektvollere Reaktion auf Menschen, denn wir sagen ihnen: ‚Wir glauben, dass Gott in dir und durch dich wirken wird. Wir erwarten das und du solltest dasselbe tun.’“ (S. 198f.) Die Erwartungen, die die Pfarrei St. Benedict an ihre neuen Mitglieder stelle, seien folgende fünf: Jedes Mitglied soll am Sonntag zu einer Messe kommen, einmal im Jahr an einem Glaubensseminar teilnehmen, um seinen eigenen Glauben zu stärken, einmal im Jahr eine Aufgabe in der Pfarrei übernehmen, um anderen zu dienen, die Gemeinschaft mit den anderen Mitgliedern pflegen, und die Pfarrei finanziell unterstützen (in Kanada gibt es keine Kirchensteuer). Father Mallon fordert hier auch, dass man auch darauf sehen müsse, dass die besonders engagierten Mitglieder, die sich oft alles Mögliche aufbürden lassen, nicht nur Dinge für andere tun, sondern auch Gelegenheiten haben, ihren eigenen Glauben in Glaubenskursen etc. zu stärken.

Man muss die Leute natürlich auch dazu bewegen, sich bei einem konkreten Kurs anzumelden, sich bei einem Dienst einzubringen oder zu spenden, also veranstaltet die Pfarrei St. Benedict drei Initiativen im Jahr: Im September werden an mehreren Sonntagen nacheinander Glaubenskurse, Buchklubs o. Ä. in der Predigt vorgestellt und Broschüren dazu verteilt und die Gläubigen können sich eintragen; im Januar passiert dasselbe bzgl. der Dienste in der Pfarrei, und im Mai wird das Budget vorgestellt und erklärt, damit die Leute wissen, wofür sie spenden und wofür noch Geld benötigt wird. Der Autor betont, dass es für jedes Pfarreimitglied einen möglichen Dienst gäbe: „Wir haben sogar einen Dienst für ans Haus gefesselte und kranke Menschen entwickelt, der ‚Gesellschaft der Seligen Therese Neumann’ heißt. Dort können sich Menschen, die ihr Haus nicht verlassen können, eintragen und ihre Gebete und unvermeidlichen Leiden Gott aufopfern als eine Art Fürbitte für die Erneuerung der Pfarrgemeinde. Im Gegenzug informiert sie ein monatlicher Newsletter darüber, was in der Pfarrgemeinde geschieht, und stellt dort auch besondere Intentionen vor, für die sie von daheim aus für die Pfarrgemeinde beten können.“ (S. 210)

Insgesamt kann ich dazu sagen: Es kommt mir wie eine gute Herangehensweise hervor; das Minimum sollte die Leute nicht überfordern, und kann ihnen sehr auf ihrem Glaubensweg weiterhelfen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass bei den fünf Mindestanforderungen einerseits noch etwas mehr dabei wäre, und andererseits ein paar Dinge unterschieden werden würden. Es gibt schließlich die fünf Kirchengebote: An Sonntagen und gebotenen Feiertagen die Messe besuchen, die Kirche finanziell unterstützen, einmal jährlich beichten, mindestens zu Ostern und in Todesgefahr die Kommunion empfangen, die Fast- und Abstinenztage einhalten. Die letzten drei Gebote werden von Father Mallon nicht erwähnt. Es wäre meiner Ansicht nach besser, wenn die Pfarrei St. Benedict den Leuten vermitteln würde, dass die fünf Kirchengebote für alle Katholiken verpflichtend sind, und die Pfarrei es außerdem gern sähe (es aber nicht zu einer strengen Verpflichtung machen kann), wenn ihre Mitglieder einen Dienst im Jahr übernehmen, an einem Glaubenskurs im Jahr teilnehmen und sich als Teil der Gemeinschaft verstehen würden. Besonders auf die regelmäßige Beichte könnte mehr Wert gelegt werden.

7. Dienen mithilfe unserer Stärken

Für die Dienste sei es wichtig, dass die Leute ihre individuellen Fähigkeiten kennen, wobei auch Tests wie der „Stärkenfinder“ von Gallup helfen könnten.

8. Die Bildung kleiner Gemeinschaften

In einer großen Pfarrei kann der Priester nicht alle kennen und an ihren persönlichen Problemen Anteil nehmen; und Glaubenskurse sind meistens auf einige Wochen begrenzt und lösen sich dann wieder auf. Die Lösung sind für Father Mallon Kontaktgruppen mit 25-35 Mitgliedern. Den Teilnehmern an Glaubenskursen wie dem Alphakurs wird angeboten, Kontaktgruppen beizutreten, die sich jede Woche in Privathäusern treffen. „Einige der derzeitigen zehn Gruppen sind altersspezifisch, einige sind generationsübergreifend und einige sind familienfreundlich, wo Eltern mit ihren Kindern zusammenkommen.“ (S. 225) In solchen Kontaktgruppen wird über verschiedene Glaubensthemen gesprochen, die Leiter werden entsprechend geschult, und jeder Teilnehmer hält auch einmal ein eigenes Referat.

9. Die Erfahrung des Heiligen Geistes

Die Leute sollten die Möglichkeit haben, das Wirken des Heiligen Geistes in ihrem eigenen Leben zu erfahren. Father Mallon betont, dass wir nicht nur an Jesus und Gottvater glauben, sondern auch an den Heiligen Geist, und auch zu Ihm beten sollten. Dieser Punkt bleibt allgemein etwas unspezifisch, finde ich.

10. Eine einladende Kirche werden

Die Leute sollten sich trauen, ihre Familienmitglieder, Freunde, Kollegen und Nachbarn zum Sonntagsgottesdienst, zu einem Alphakurs, einem Gebetsfrühstück oder einem Konzert einzuladen.

Während es in Kapitel 5 um diejenigen geht, die immerhin bereits in den Gottesdienst kommen oder die man mit einer Einladung zum Alphakurs erreichen kann, befasst sich Kapitel 6 mit den Unengagierten, die zur Pfarrei kommen, weil sie ein Sakrament verlangen, also eine Taufe, Erstkommunion, Firmung oder Hochzeitsfeier. Hier stellt sich das altbekannte Problem, etwa bei der Firmung, die für viele Jugendliche das letzte Mal ist, dass sie eine Kirche betreten: „Wie lange können Priester und Gemeinde froh und innig die Firmung als Vervollständigung der christlichen Initiation feiern und dabei nur zu gut wissen, dass die meisten der neu Initiierten in ihren Köpfen gerade den Entlassungsschein aus der Kirche erhalten haben? Noch schlimmer ist, dass die Jugendlichen wissen, dass wir es wissen, und schlimmer noch, wissen, dass wir wissen, dass sie es wissen. Unsere Integrität als Kirche steht auf dem Spiel.“ (S. 264) Father Mallon betont, dass man sich nicht nur Gedanken darüber machen solle, ob jemand ein Sakrament gültig, sondern auch, ob er es fruchtbar empfinge. Er schreibt: „Ich bin der festen Meinung, dass wir grundsätzlich die Bitte um ein Sakrament nie mit ‚Nein’ beantworten dürfen. Sonst schneiden wir die Chance für Bekehrung und Veränderung schon in ihren Anfängen ab. Dennoch wirft das die Frage auf, was es bedeutet, hier ‚Ja’ zu sagen. Ja darf nicht heißen, nur einen Termin auszumachen, den Papierkram zu erledigen und kurzen Ehevorbereitungsunterricht zu geben.“ (S. 254)

Man kann zwei hauptsächliche Prinzipien in der Herangehensweise von St. Benedict finden: Erstens werden die Eltern stärker in die Erstkommunion- und Firmvorbereitung ihrer Kinder eingebunden. Father Mallon hat erkannt: „Und sobald die Kinder merken, dass, was sie empfangen, ihren Eltern wenig bedeutet, bringt auch ihr eigener Glaube wenig Frucht.“ (S 270f.) So sollen Eltern, die ihre Kinder zur Erstkommunion anmelden, regelmäßig mit ihrer Familie zur Messe kommen und dann ebenso wie ihre Kinder einen Glaubenskurs, einen Erstbeichtkurs und einen Erstkommunionkurs absolvieren, bevor sie für das Sakrament zugelassen werden. Zweitens soll, wie hieran schon deutlich wird, in der Vorbereitung nicht nur die Bedeutung des Sakraments erklärt werden, sondern auch die „Erstverkündigung“ stattfinden; auch Brautpaare etwa sollen nicht nur einen Ehevorbereitungskurs machen, sondern auch einen Glaubenskurs.

Das Kapitel enthält noch weitere Konzepte (z. B. dass Erstkommunion und Firmung nicht strikt an ein bestimmtes Alter gebunden sein müssen, dass Taufen auch im Kreis der ganzen Gemeinde in einer Sonntagsmesse stattfinden können, dass man von engagierten Pfarreimitgliedern, die schon ihr drittes Kind zur Taufe bringen, nicht das gleiche Vorbereitungsprogramm verlangen muss wie von einem Paar, das man noch nie gesehen hat, usw.); aber diese beiden Punkte sind wohl die wichtigsten: Auch Erstverkündigung statt „nur“ Katechese über das Sakrament, und Einbeziehung der ganzen Familie, wenn es um Sakramente für die Kinder geht. Die Folgen: „Die jährlichen Zahlen der Firmungen sind etwa auf 40% zurückgegangen, aber die Zahl der Jugendlichen, die dann ihren Glauben in der Kirche weiterleben, liegt bei etwa 80%. Das ist ein radikaler Umbruch verglichen mit der Situation wenige Jahre zuvor, als 75% der Gefirmten verschwanden und nie wieder gesehen wurden.“ (S. 280f.) Bei den Taufen seien die Zahlen etwa um die Hälfte gesunken, aber zwei Drittel der Familien blieben danach der Kirche treu.

Im siebten Kapitel geht es dann um die Leitung der Pfarrei. Der Autor beklagt, dass Seminaristen kaum etwas über Führungsqualitäten lernen, und auch, dass sie später oft nicht die Gelegenheit haben, eine Pfarrei länger zu führen, sprich, dass Pfarrer oft schon nach wenigen Jahren versetzt werden, bevor sie wirkliche Veränderungen anstoßen können: „Wenn wir die Gaben der Hirten verteilen und sie ständig versetzen, dann erhalten wir bestenfalls mittelmäßige Gemeinden. Wenn wir es möglich machen, dass Pfarrer in Pfarreien, die großen Einfluss ausüben können, Reformen durchführen dürfen, dann schaffen wir wenigstens für einige Gemeinden die Möglichkeit, gesund und stark zu werden.“ (S. 304) Er betont, dass Leiter ihre eigenen Schwächen kennen müssen, auch, um zu wissen, was sie delegieren müssen, und dass sie (unter Beteiligung der einflussreichen Laien der Pfarrei) eine übergreifende Vision für ihre Pfarrei entwickeln sollen; außerdem geht er ausführlich auf die Rolle von Gremien, von ehrenamtlichen Helfern und hauptamtlichen Mitarbeitern und die konstruktive Zusammenarbeit eines Teams ein.

Besonders positiv fällt an diesem Buch die starke Praxisorientierung und Detailgenauigkeit auf. Immer wieder gibt es sehr konkrete Beispiele z. B. für die Möglichkeiten der Gottesdienstgestaltung. Außerdem finde ich es sehr gut, wie Father Mallon betont, dass die Leute erst einmal die Grundsätze des Glaubens kennenlernen müssen („Erstverkündigung“), bevor man darauf aufbauen kann; Wissen über einzelne Details, ohne das Gesamtbild, ohne Begegnung mit dem liebenden Gott, reicht nicht. Viele seiner Vorschläge bauen außerdem auf biblischen Vorbildern oder lehramtlichen Dokumenten auf, sind also gut fundiert. Außerdem findet Father Mallon, was man hierzulande selten findet, einen Weg, praktische Vorschläge für den Umgang mit dem Priestermangel zu machen, ohne endlos über notwendige Pfarreienzusammenlegungen zu lamentieren, oder eine Laienkirche vorzuschlagen, die keine Priester mehr braucht.

Es hat einzelne Dinge gegeben, die mir an dem Buch weniger gefallen haben. Die 2014-typische Franziskus-Begeisterung, die gelegentlich durchscheint, ist einfach nicht meins. Dann sind da einzelne Stellen, die man kritisieren könnte – etwa, wenn Father Mallon auf S. 130 die Kasuisten der alten Zeiten dafür kritisiert, dass sie die Frage „Wieviel von einer Messe darf ich versäumen,wenn sie dennoch gültig sein soll?“ diskutiert haben. (Das taten diese Kasuisten nämlich nicht unbedingt, weil sie einem legalistischen Minimalismus verfallen gewesen wären, sondern weil Menschen gelegentlich durch diverse Umstände in die Lage kommen konnten, dass sie bereits einen Teil der Messe versäumt hatten, und sich dann fragten, ob sie jetzt noch eine andere Messe besuchen müssten, oder später, ob, wenn sie das nicht getan hatten, es eine Sünde gewesen war; die Kasuistik stand in solchen Fällen mit konkreten Ratschlägen zur Seite.) Ein gravierenderer Fehler zeigt sich auf S. 262, wo er die Kindertaufe als, historisch betrachtet, eine „Ausnahme“ bezeichnet: „Es ist eine Tatsache, dass Säuglinge in der frühen Kirche getauft wurden. […] Die Norm war pastoral und theologisch immer noch die Taufe Erwachsener. Kinder wurden getauft als eine Erweiterung des Glaubens, den die Eltern bekannten und lebten, die ihre Kinder mitbrachten. […] Biblisch gesehen war die Taufe eine Antwort des erwachsenen Glaubens. Über Jahrhunderte jedoch änderte sich die Praxis und es entstand eine Tauftheologie, die nicht mehr in Verbindung stand zu Umkehr und persönlichem Glauben […].“ Das ist ein falscher Blickwinkel, finde ich. Die antike Situation, dass die Erwachsenen alle erst noch bekehrt werden mussten, war die Ausnahme. Die Normalität – so, wie es eigentlich sein sollte – ist die mittelalterliche Situation, in der die Erwachsenen alle schon gläubig waren und jedes neugeborene Kind gleich in den Gottesbund aufgenommen wurde, d. h. in der Familie Gottes aufwachsen konnte.

Aber insgesamt muss ich dieses Buch sehr loben. Es ist besonders für Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiter und in Pfarreien engagierte Laien zu empfehlen. Es muss nicht jede Pfarrei alle darin enthaltenen Ideen übernehmen, aber sicher kann jede irgendetwas mitnehmen. Wenn ich Rod Drehers „Die Benedikt-Option“ eine 2- und Erik Flügges „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ eine 5 geben würde, würde ich sagen, dass „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert“ eine 1- verdient.

 

* KEIN BINNEN-I, KEIN UNTERSTRICH, KEIN GENDERSTERN!

Eine Kirche für viele Individualisten, die es nicht so genau wissen wollen

Ich hatte ja nicht sehr hohe Erwartungen an das dünne Büchlein „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ von Erik Flügge. Aber es ist eher noch schlechter, als ich erwartet hatte. Es liest sich von der ersten Seite ab so, wie man es von Flügges Opus gewohnt ist: arrogant und der Inhalt eine Mixtur aus einer Menge Unsinn und ein paar originellen, sinnvolle Gedanken. Oder genau genommen, einem originellen, sinnvollen Gedanken. „Eine Kirche für viele“ bringt eine praktische Idee vor, die die Kirche voranbringen soll, nämlich regelmäßige Hausbesuche bei allen ihren Mitgliedern.

Fangen wir am Anfang an. Flügge beklagt, dass der „heilige Rest“, definiert als die 10% der Kirchenmitglieder, die sich in den Pfarreien, Verbänden usw. engagieren und zum Gottesdienst erscheinen, alle Ressourcen verheizen würden. Die Kirche gebe ihre Kirchensteuereinnahmen für den Unterhalt von Kirchen und Gemeindehäusern aus, für Seniorenkränzchen und Pfarrfeste; und was hätten die 90% nicht Engagierten davon? Um die würde man sich gar nicht kümmern, sondern bloß ihr Geld nehmen.

Diese Kritik setzt so sehr an völlig falschen Punkten an, dass ich gar nicht recht weiß, wo ich bei meiner Erwiderung anfangen soll. Wirft man es den 10% jetzt vor, dass sie nicht gleichgültig gegenüber der Kirche sind? Zum Pfarrfest und zur Messe kann schließlich jeder erscheinen, der möchte. So ein bisschen ist Flügge das auch bewusst: Nachdem er sich seitenweise über den Egoismus des heiligen Rests ausgelassen hat, beruhigt er seine Leser schließlich dahingehend, dass er diese Christen natürlich individuell alle als sehr selbstlos und engagiert ansehe; es sei nur ein struktureller Egoismus da, der jedes Mal protestiere, wenn man irgendeinem Programm, das nur dem heiligen Rest nütze, das Geld streichen wolle (vgl. S. 22f.).

Flügge erzählt, wie er manchmal an seiner Kirche verzweifeln könne, die sich gar nicht für ihn interessiere – aber er bleibt ihr trotzdem (erstmal) noch treu:

 „Meine Kirche, die bedeutet mir etwas. Das Christentum in unserer Welt halte ich für bereichernd. Die Gesamtorganisation Kirche mag ich, weil sie mich biografisch prägte. Aber immer, wenn ich ihr real begegne, regt ihr Desinteresse an 90 Prozent ihrer Mitglieder mich furchtbar auf. Ich habe ein paar Mal darüber nachgedacht, auszutreten. Weil es am kirchlichen Leben so gar nichts gibt, was mit meinem Leben in Verbindung steht. Noch tue ich es nicht. Aus Verbundenheit – weil diese Kirche mir mal Heimat war. Aber wie lange mag es noch dauern, bis die Erinnerung daran verblasst? […] Wissen Sie, ich habe dieses Christentum noch nicht aufgegeben. Ich glaube noch daran, dass es bestehen kann. Weil das Christentum vielleicht die faszinierendste unter allen Religionen ist. Die eine Religion, die nicht den Sieger feiert, sondern den Gekreuzigten.“ (S. 10f.) (Die letzten zwei Sätze bilden eine dieser Stellen, an denen man ihm mal zustimmen kann.)

Flügge sieht sich nicht als Glied der Kirche, sondern als ihr Kunde.  Man merkt ihm nicht das geringste Bewusstsein dafür an, dass er auch Verantwortung als Teil der Kirche trägt. Er redet wie ein Ehemann, der selbst nichts für die Beziehung zu seiner Frau tut, aber lamentiert, dass sie nichts für ihn tue; noch wolle er sich jedoch noch nicht scheiden lassen, weil er sich ja noch an die alten Zeiten mit ihr erinnere, eine Chance wolle er ihr noch geben… Er zählt sich auch selbst zu den Un-Engagierten:

„Mein Name ist Erik Flügge und ich bin einer von den 90 Prozent. Jeden Monat frage ich mich: Was passiert eigentlich mit meinen Kirchensteuergeldern? Wahrscheinlich viel – nur halt nichts für mich. Das ist nicht schlimm, denn andere könnten es nötiger haben, dass die Kirche sich um sie kümmert. Aber nicht mal ‚Danke’ wird mir gesagt dafür, dass ich Monat für Monat mit meiner Kirchensteuer mitfinanziere, was andere Leute nutzen. Was wird denn an Gemeindeleben finanziert? Gemeindehäuser. Ach je. Klar, auch ich könnte in ein muffiges Gemeindehaus gehen, um am Seniorennachmittag teilzunehmen – nur will ich das nicht. Mir bedeutet das Gemeindehaus gar nichts. […] Mir bedeutet das Pfarramt gar nichts.“ (S. 9)

Es gibt allerdings Leute, die das Pfarramt brauchen; zum Beispiel solche, die heiraten oder ihre Kinder taufen lassen wollen. Das könnte auch Erik Flügge noch passieren. Und ja, Senioren verdienen die Seniorennachmittage.

Aber vor allem: Wenn er irgendeine andere Gruppe oder Veranstaltung in seiner Pfarrei organisieren wollte, die Leute wie ihn selbst ansprechen würde: Ich bin mir relativ sicher,  dass die Pfarrei da entgegenkommend wäre und Räume zur Verfügung stellen und vielleicht auch im Pfarrbrief dafür werben würde. Aber, wie gesagt, er scheint sich nicht als Mitglied, sondern ausschließlich als Kunde der Kirche zu sehen.

Sein verquerer Blick auf die 90% und die 10% wird besonders deutlich, als er gegen Ende des Buches versucht, das Gleichnis vom verlorenen Sohn neu zu deuten:

„9 von 10 Söhnen sind gegangen. Sie sind nicht ausgetreten, gehören noch zur Familie, aber sie kommen nicht mehr, um am Leben der Gemeinde teilzuhaben.

 Nicht die anderen sind verlorene Söhne, sondern die Aktiven in den Gemeinden sind es. Die haben das Erbe genommen und es verprasst. Verprasst für Orgeln und Kirchenbauten, Küchen im Gemeindehaus und Fachstellen. Langsam wird das Leben in den Gemeinden knapp. Immer weniger ist los und das frustriert. Das Gemeindeleben fühlt sich hohl an ohne die Familie, die wir irgendwo zurückgelassen haben. Der letzte Rest Gemeindeleben ist viel zu oft so frustrierend wie das Schweinehüten. Die Aktiven in der Kirche sind der verlorene Sohn, der in der Ferne wehmütig an den eigenen Vater denkt. Sie sind diejenigen, die aufbrechen und zurückkommen in der Hoffnung, dass sie fröhlich empfangen werden.“ (S. 64)

An dieser, äh, sagen wir mal, kreativen Auslegung stört weniger die beabsichtigte Aussage, als dass das Ganze einfach keinen Sinn macht. Ist der Vater auf einmal ausgezogen und der Mehrheit der Söhne hinterhergegangen, als entsprechend viele weg waren, so dass der letzte verbliebene Sohn jetzt fern von ihm ist? Und was ist mit den 9 Söhnen geschehen, das sie zu nicht-mehr-verlorenen Söhnen gemacht hat? Flügge hätte das Gleichnis z. B. auch folgendermaßen umdeuten können: „Der ältere Sohn soll nicht nur den väterlichen Hof verwalten, sondern sich aktiv auf die Suche nach seinem Bruder machen, so, wie es der Hirt im Gleichnis vom verlorenen Schaf tut.“ Das wäre immerhin logisch gewesen – aber Flügge scheint einfach gerne den Provokateur zu spielen, auch wenn es dann nicht mehr logisch ist.

Kommen wir jetzt zu Flügges praktischen Vorschlägen. Er rechnet vor, dass, wenn man die ganzen Einnahmen, die einer Pfarrei zustehen, nicht in kirchliche Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser stecken würde, sondern nur in Personal, man in einer durchschnittlich großen Pfarrei 30 Leute einstellen könnte (Büromiete und Betriebsausflug eingerechnet); diese Angestellten hätten für jeden Haushalt der Pfarrei mehr als einen Arbeitstag Zeit pro Jahr – und damit mehr als genug Zeit für Hausbesuche. „30 Personen, die sich keine andere Aufgabe geben, als Menschen zu besuchen. Ein Besuch für jeweils zwei Stunden und das sechs Stunden am Tag, also drei Besuche pro Mitarbeiter pro Tag. […] Bei 5000 Haushalten bedeutet das, dass man über acht Mal pro Jahr die Mitglieder besuchen könnte. […] Man könnte über Gott und die Welt sprechen und vielleicht genau das werden, wofür sich viel zu viele Menschen heute Therapeuten suchen: ein Seelsorger.“ (S. 20) Das ist natürlich schon allein deshalb eine Milchmädchenrechnung, weil man die 30 Angestellten, die einigermaßen theologisch ausgebildet sein und sich einigermaßen mit der Mission der Kirche identifizieren müssten, irgendwo herbekommen müsste – und so viele junge Leute, die nach dem Abi was studieren wollen, mit dem sie „irgendwas mit Menschen“ machen können, und noch dazu mit der Kirche was anfangen können, finden sich dann doch nicht. (Tatsächlich gibt Flügge am Ende des Buches auch zu, dass es sich um keine realistische Kalkulation handelt: „Niemand wird alle bestehenden Strukturen in der Kirche auflösen. Nirgendwo werden 30 Personen in einer Gemeinde mit nur 5000 Haushalten eingesetzt werden. Aber der Gedanke hilft. Eine Maximalprojektion nennt man das, ein radikales Gedankenspiel ‚Was wäre, wenn?’“ (S. 59f.))

An sich ist der Grundgedanke, mit Hausbesuchen auf die Leute zuzugehen, natürlich nicht schlecht – er ist sogar sehr sinnvoll. Und er ist deutlich besser als gewisse andere Ideen zur „Erneuerung“ der Kirche, die seit Jahrzehnten herumgeistern, was Flügge auch erkannt hat:

 „Denn Frauenpriestertum, Zölibat und Sexualmoral, das alles finde ich nicht sonderlich spannend. Tot gekaut und ausgelutscht sind diese Fragen.“ (S. 24) Er beschreibt an dieser Stelle eine Veranstaltung bei einer evangelischen Landeskirche, an der er einmal teilnahm, bei der über Strukturen der Jugendarbeit diskutiert wurde. „Der ganze Diskurs drehte sich nur um Rückzug, Rückbau oder Werbung für bestehende Angebote. In der Landeskirche, in der ich zu Besuch war, sind Frauen selbstverständlich Pfarrerinnen, der Landesbischof steht zusammen mit seiner ganzen Synode für eine moderne Sexualmoral und zölibatär ging es echt nicht zu. […] Trotzdem liegt auch diese Kirche im Sterben.“ (S. 25)

Als er bei dieser Veranstaltung seine Idee mit den Hausbesuchen aufgebracht habe, hätten die anderen ihm am Ende zustimmen müssen:

 „Sofort meldete sich ein Pfarrer zu Wort. Er sagte, das hier käme ihm doch alles wie die Zeugen Jehovas vor. Die meisten Leute wollen doch gar nichts von ihrer Kirche wissen. Er könne das mit Gewissheit sagen, denn er habe schon einmal ein Jahr lang Hausbesuche gemacht. […]

 Ich stellte eine schnelle Rückfrage: ‚Wie lief’s denn?’ Seine Antwort: ‚Ich würde sagen, nur rund ein Drittel wollte reden.’

 Wow, nur ein Drittel aller Kirchenmitglieder wollte reden? Übrigens nicht kurz, sondern über eine Stunde lang, berichtete der Pfarrer. ‚Nur’ ein Drittel?

 Was dann passierte, war wirklich spannend. Dieser Pfarrer, der zuvor am Tag schon öfters davon gesprochen hatte, dass er in Bezug auf die Frage nach der Zukunft der Kirche resigniert habe, erzählte uns von seiner Erfahrung bei diesen Hausbesuchen. Dass das gute Gespräche gewesen seien. Manchmal über Probleme, manchmal nur über die Kirche und Gespräche, die immer weiter führten. Er erinnerte sich, dass er damals sogar aufgeschrieben habe, dass die Kirche mehr Kontakte suchen sollte. Dass er selbst eine Empfehlung geschrieben hätte, mehr Hausbesuche zu machen, nur dass der keiner gefolgt sei. Irgendwie wäre es am Ende wieder der gleiche Trott gewesen und der frustriere zutiefst.

 Wir debattierten weiter. […] Irgendwann meldete sich der Pfarrer nochmals zu Wort. ‚Ich ärgere mich. Ich nehme das jetzt zurück. Das ist nicht falsch mit den Hausbesuchen. Das ist richtig. Ich hab das für richtig gehalten und weiß, dass das richtig ist. Und jetzt war ich nur dagegen, weil es unsere Strukturen angreift. Aber ich bin dafür. Ich nehme das zurück. Ich will das zurücknehmen. Das ist richtig!’“ (S. 26-28)

Flügge hat auch noch ein paar detailliertere Ideen: „Im Idealfall bricht nicht nur hauptamtliches Personal auf zu den anderen Gemeindemitgliedern, sondern die aktiven Teile der Kirchengemeinde kommen gleich mit. […] Der erste Schritt dabei muss gar nicht der sein, an einer Haustüre zu klingeln. Der erste und vielleicht einfachste Schritt kann in einer Gruppe von Leuten erledigt werden, die sich im Gemeindehaus treffen. Diese können Postkarten zu Ostern schreiben. Von Hand und einfach eine nach der anderen an jedes Gemeindemitglied. Ein kleiner Gruß von den Aktiven in der Kirchengemeinde an alle anderen. Der Text für solch eine Karte ist nicht schwer zu finden. Er könnte lauten wie dieser: ‚Ostern ist das wichtigste Fest für uns Christen. Wir feiern, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und hoffen deshalb darauf, dass auch wir von den Toten auferstehen. Sie sind Mitglied in unserer Kirche und darum wollen wir Ihnen mit dieser Karte Hoffnung machen. Wir glauben, dass sie auferstehen werden. Herzliche Grüße von Ihrer Kirchengemeinde. Schön, dass Sie bei uns Mitglied sind!’“ (S. 68f.)

Ich halte Postkarten und Hausbesuche auch für eine gute Idee. Postkarten (auch wenn die nicht unbedingt alle von Hand geschrieben sein müssten, und man vielleicht einen etwas gelungeneren Text als den von Flügge vorgeschlagenen darauf drucken könnte) wecken bei den Leuten schon mal das Bewusstsein dafür, dass sie ja doch noch Kirchenmitglieder sind; Hausbesuche sind ein niederschwelliges Kontaktangebot, bei dem sich Leute, die daran interessiert sind, ihre persönlichen Probleme oder auch ihre Kirchenkritik von der Seele reden können und hoffentlich auf einen guten Gesprächspartner treffen und so vielleicht wieder Interesse am Glauben bekommen. Es gibt ja auch schon Projekte, die genau in diese Richtung gehen; ein mir bekanntes Beispiel wäre etwa die „Missionarische Woche“ im Bistum Augsburg. Auf der Bistumswebseite heißt es dazu:

„Angeregt durch die ‚Misiones’ der Schönstatt-Bewegung 2013 in Dillingen hat das Institut für Neuevangelisierung, gemeinsam mit dem Bischöflichen Jugendamt und ‚Basical’ die ‚Missionarische Woche’ entwickelt, die 2015 in der PG Vöhringen/Iller, 2016 in der PG Breitenthal, 2017 in der PG Wallerstein und 2018 in der PG Pöttmes stattfand. […]

 Eine Missionarische Woche ist ein besonderes Ereignis für eine Pfarrei(engemeinschaft) und bietet zahllose Chancen, das Evangelium in Ihrem Ort zum Tagesgespräch zu machen.

 Tagsüber gehen junge Leute in der Regel zu zweit von Haus zu Haus, klingeln, geben einen Gruß der Pfarrei ab, bieten ein Gespräch über Fragen des Glaubens an und werben für das abwechslungsreiche Abendprogramm. Durch die gründliche und transparente Vorbereitung ist diese Aktion in der Öffentlichkeit einigermaßen bekannt und die Menschen vor Ort sind bereits im Voraus herausgefordert, sich Gedanken zu machen, wie sie reagieren wollen, wenn die Missionare vor der Türe stehen.

 Die jungen Missionare werden vorher kompetent geschult, wie sie

  • glaubwürdig von ihrem Glauben reden,
  • einfühlsam auf ihre Gesprächspartner eingehen,
  • freundlich das Evangelium Jesu Christi weitersagen,
  • angemessen auf Kritik reagieren,
  • auf Wunsch anteilnehmend für und mit den Besuchten beten.

Was sie NICHT tun, ist:

  • auswendig gelernte Gesprächsimpulse abspulen,
  • moralischen Druck ausüben,
  • Expertenantworten geben,
  • glänzende Versprechungen machen,
  • Drohungen verbreiten.

 Die jungen Missionare wohnen während der Missionarischen Woche vor Ort in Gastfamilien.

 Tagsüber finden Haus- und Schulbesuche statt.

 Für die Abende wird gemeinsam mit der gastgebenden Pfarrei ein abwechslungsreiches Programm vorbereitet (z.B. Vorträge, Gruppenstunden, Chöre, Gesprächsrunden, Konzerte, festliche Sondergottesdienste, Abend der Versöhnung, Pfarrfamilienabend).

 Die Missionare unter sich pflegen während dieser Woche ein intensives geistliches Leben, geprägt von gemeinsamen Gebetszeiten, Eucharistischer Anbetung und der Feier der Hl. Messe.

 Die Missionarische Woche wird bis auf weiteres in der ersten Fastenwoche und in der ersten Schulwoche nach den Sommerferien angeboten.

 Bewerben kann sich für dieses Projekt jede Pfarrei(engemeinschaft) im Bistum Augsburg. […]

 Wenn du selbst als Missionar bei der Missionarischen Woche mitmachen möchtest, dann melde dich doch einfach beim Bischöflichen Jugendamt oder beim Institut für Neuevangelisierung (Andreas Theurer, 0821/3166-2950 oder Katharina Weiß -2930)!

 Wir freuen uns auf dich!

 Nähere Auskünfte und Beratung bei Andreas Theurer

Wenn man Hausbesuche macht, stellt sich grundsätzlich die Frage: Wozu will man die Leute erreichen? Ist es mit Hausbesuchen getan, oder will man sie noch zu etwas anderem führen? Die „Missionarische Woche“ zeigt ganz klar, dass die Hausbesuche nicht alles sind, sondern nur ein Teil der Seelsorge. Bei Flügge sieht es anders aus: Er zeigt nicht das geringste Interesse an irgendwelchen Vorträgen, Gottesdiensten, Konzerten, Familienabenden oder Abenden der Versöhnung, zu denen man die Leute einladen könnte. Kirchengebäude und Pfarrheime tauchen in „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ nur als Ballast auf, der zur Geldverschwendung beiträgt.

Aber wenn man die Leute in der Pfarrei mit der Individualseelsorge erreicht hat, will man sie dann nicht auch noch zu irgendeiner Gemeinschaft führen? Zur gemeinschaftlichen Verehrung Gottes, zum Empfang der Gnade durch die heiligen Sakramente? Zählt die Gemeinschaft der Kirche hier gar nichts? Im Gebet des Herrn heißt es mit guten Gründen „Vater unser“, nicht „mein Vater“. Christen, die immer nur in ihren Häusern bleiben und ab und zu mal vom Pastoralreferenten oder Pfarrer besucht werden und über ihre Anliegen und Probleme reden können, aber dann nicht dazu bewegt werden, auch in der Sonntagsmesse, und vielleicht noch beim Pfarrfest oder beim Glaubenskurs oder bei der Eucharistischen Anbetung, aufzutauchen – was sind das für Christen? Genauer: Wenn man ihnen die Möglichkeit zum Leben in der Gemeinschaft der Kirche nimmt, nimmt man ihnen dann nicht gerade die Möglichkeit, überhaupt Christen zu sein?

Und genau deshalb sind eben die Kirchengebäude, und zwar idealerweise die lokalen Kirchengebäude, so wichtig. Sie sind auch wichtig, weil sie geheiligte Orte sind, an denen das heilige Messopfer dargebracht wird, und sie bieten eben auch einen Versammlungsort für die Gemeinschaft der Gläubigen.

Flügges Entwurf passt in eine individualistische Dienstleistungsgesellschaft, aber leider nicht in die Kirche Gottes.

Er beschäftigt sich am Ende des Buches noch genauer mit der Frage, wozu er die Leute erreichen möchte, wie die Gespräche aussehen sollten:

 „In der Kirche sprechen wir ständig über den Wert von Glaubenszeugnissen. Besonders gerne wollen wir sie selbst abgeben. Viel wichtiger wäre es allerdings, wenn wir uns auf die Suche machen würden nach den Zeugnissen von Menschen, die kaum noch glauben oder anders. Vielleicht erkannten sie eine Seite von Gott, die wir stets übersahen in all unseren Ritualen, geprägten Formen und tradierten Gebeten. Vielleicht offenbarte Gott sich mal wieder in der Fremde statt im Gotteshaus. […]

 Ich muss ein bisschen schmunzeln bei der Vorstellung, dass bei mir mein Pfarrer klingelt und an der Türe sagt: ‚Entschuldigen Sie bitte, Herr Flügge, wir kennen uns nicht. Ich bin der Pfarrer Ihrer Gemeinde und ich wollte Sie mal fragen, wie Gott so ist.’ Ich glaube an dieser Frage hätte ich wirklich Spaß. Ich gebe zu, ich wäre auch heillos mit der Beantwortung überfordert. Aber genau das ist doch der Charme. Ich muss nicht wieder jemandem zuhören, der mir erzählt, was in irgendeinem katholischen Dogma steht, sondern ich bin selbst herausgefordert, Gott eine Stimme zu geben. Ich muss nicht wieder von irgendeinem Protestanten Bibelstellen heruntergerattert bekommen, sondern bin selbst in der Pflicht.

 Erwarten Sie bitte nicht, dass ich die Antwort weiß, wenn Sie bei mir klingeln. Ganz ehrlich, ich weiß die Antwort nicht! Aber genau die Tatsache, dass ich sie nicht abschließend und absolut weiß, hilft doch meinem Gesprächspartner weiter. Wer bei mir klingelt, weiß schon vorab, dass ich keine neue Wahrheit zu berichten habe, dass aber vielleicht genau das, was ich von Gott zu berichten habe, das Verständnis des Fragenden von Gott erweitert. Wer mich fragt, wie ich Gott kenne, wird seinen Glauben sicherlich nicht verlieren, aber im besten Fall seinen eigenen durch Abgrenzung on mir stärken oder durch meine Perspektive erweitern. Beides wäre schön.“ (S. 65-67)

Flügge hat leider den Sinn des Christentums nicht verstanden.

Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion: Gott zeigt uns, wie Er ist, Er zeigt uns Dinge von sich, auf die wir selber nicht oder nur sehr schwer gekommen wären. Wer diese Botschaft von Gott erhalten hat, soll sie anderen weiter sagen. Selbstverständlich hat jeder Mensch in seinem Leben wertvolle Erfahrungen gemacht; aber wenn es darum geht, eine ganz bestimmte Frohe Botschaft weiterzugeben, dann muss man einfach diese Botschaft kennen, da helfen alle anderen Erfahrungen nichts.

Und, mal ehrlich, Flügge überschätzt die Leute hier auch teilweise. Es gibt auch Menschen, die sich bisher überhaupt nur  wenige Gedanken über Gott gemachthaben, und andere, deren Gedanken weniger von eigenen Überlegungen und Erfahrungen, und mehr von Fernsehserien und Leitartikeln, vom „Wort zum Sonntag“ und Kalendern mit Dorothee-Sölle-Zitaten geprägt sind. Aber egal, wie viele kluge Gedanken sich Menschen von sich aus machen, auf manche Dinge kommt man einfach nicht von selbst. Manchmal ist es das Klügste, anzuerkennen, dass man nicht alles weiß und sich auch mal belehren lassen kann. Das habe ich selber immer wieder festgestellt. Die Heiligen und Theologen und Philosophen der letzten 2000 Jahre Kirchengeschichte haben so viele geniale Erkenntnisse zu lehren, auf die ich selber nie gekommen wäre. Soll man die einfach ignorieren?

Hier passt sehr gut ein Ausschnitt aus dem 1. Kapitel von Ronald Knox‘ Buch „The belief of Catholics“ von 1927 (Übersetzung von mir; Quelle hier) :

„Es ist die gemeinsame Annahme all dieser modernen Propheten, welcher Schule auch immer sie angehören, dass die religiöse Wahrheit etwas noch nicht Festgelegtes ist, etwas, das nach und nach durch einen langsamen Prozess des Experimentierens und der Forschung entdeckt wird. Sie brüsten sich mit ihrer Unentschiedenheit; sie führen eine Parade ihrer Uneinigkeiten auf; das zeigt (so sagen sie) einen gesunden Geist der furchtlosen Forschung, diese Freiheit vom Albdruck der Tradition. Solche Empfindungen rufen, wie ich glaube, kein Echo des Applauses außerhalb ihrer eigenen unmittelbaren Zirkel hervor. Das ungute Gefühl bleibt dem durchschnittlichen Bürger, dass ‚die Pfarrer ihr eigenes Geschäft nicht verstehen‘; dass Uneinigkeiten zwischen Sekte und Sekte mehr, nicht weniger erbaulich sind, wenn jede Seite sich beeilt, zu erklären, dass die Uneinigkeit nur Äußerlichkeiten statt Essentielles betrifft; dass, wenn das Christentum sich nach zwanzig Jahrhunderten noch im Prozess der Erarbeitung befindet, es eine ungewöhnlich schwer zu fassende Sache sein muss.“

Flügge unterstellt seine Sicht auf das Christentum auch den frühen Christen, die erst noch einiges von den Heiden hätten lernen müssen, weil sie sich bei einigen Dingen bezüglich ihres eigenen Glaubens geirrt hätten:

Konfrontiert zu sein mit dem Scheitern des eigenen Glaubens angesichts der Realität, ist nichts Ungewöhnliches. Es begleitet das Christentum von Anfang an. Als die kleine jüdische Sekte der Christen auf die Griechen traf, die sie mit ihrer bestechend scharfen Logik konfrontierten, musste das Christentum sich neu ausrichten. […] Denn die Griechen fragten kritisch, wie denn zusammenzubringen sei, dass der eine Gott befiehlt, keine Götter neben sich zu haben und die Christen dennoch zu ihrem Messias Jesus Christus beten. Waren da plötzlich zwei Götter?“ (S. 52f.)

Er hält die frühen Christen schon für sehr blöd, was? Merken selber gar nicht, was sie eigentlich glauben. Ich kann mir nicht helfen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Flügge irgendwelche frühchristlichen Werke gelesen hat. Und dieses Bild von einem Glauben, der sich erst noch entwickeln muss – nicht im Sinne von John Henry Newman, dass man ihn tiefer versteht, sondern in dem Sinne, dass das Verständnis sich in grundlegenden Dingen ändert – entspricht einfach nicht dem christlichen Glauben.

Das Bistum Augsburg hat im Vergleich dazu eine Ahnung davon, worum es bei der Seelsorge geht:

„Warum überhaupt ‚missionieren’?

  • Weil Jesus selbst seinen Nachfolgern den Auftrag dazu gab (z.B. Mt 28,16-20).
  • Weil die frohmachende Gute Botschaft (=Evangelium) von Jesus Christus, der den Menschen das Heil bringt und sie mit Gott versöhnt, es wert ist, jedem Menschen gesagt zu werden.
  • Weil die meisten Menschen von dieser Guten Botschaft nur erfahren werden, wenn sie ihnen jemand in persönlicher Begegnung weitersagt.
  • Weil das 2. Vatikanische Konzil alle Gläubigen daran erinnerte, dass sie die Aufgabe haben, das Christus-Zeugnis im Alltag in ihrer Umgebung zu leben und ihren Mitmenschen weiterzugeben. Das ist in erster Linie gemeint mit ‚Priestertum aller Glaubenden’ und mit ‚Laienverantwortung’!“

Zuletzt noch etwas zum Co-Autor des Buches. Der Großteil der 78 Seiten stammt von Flügge, aber in der Mitte stecken ein paar Seiten von David Holte, der auf Flügges Wunsch seine Erfahrungen mit seinem Austritt aus der evangelischen Kirche beigesteuert hat. Holtes Stil ist etwas besser als Flügges, aber viel Interessantes erfährt man auf diesen paar Seiten auch nicht. Ein paar Auszüge:

„Eigentlich komisch: Ich bin getauft und zumindest meine Mutter hat mir stets christliche Werte vermittelt. Eigentlich gehöre ich doch zur Zielgruppe der Kirche. Wieso konnte sie meinen Austritt nicht verhindern?

 Vielleicht hätte eine kleine Geste gereicht. Denn: ich hatte von meiner Kirche schlicht seit Ewigkeiten nichts gehört. Klar, ich hätte mich auch darum bemühen können. Aber weshalb, wenn sich auch diese Kirche nicht um mich bemüht? Nicht einmal ein kleines Zeichen, dass die überhaupt wissen, dass ich noch da bin. Vielleicht hätte es auch gereicht, wenn jemand nach meinem Austritt einfach mal angerufen hätte, um mich zu fragen, was denn da los war.“ (S. 33)

„Wir alle haben Zweifel, Fragen oder benötigen Sinnbilder für schwierige Situationen. Ich glaube, dass eine Person, die sich wahrhaftig mit Glaubensfragen auseinandergesetzt hat, ein spannender Gesprächspartner sein kann. Irgendwas muss die Kirche ja zu bieten haben, immerhin gibt es sie schon seit zwei Jahrtausenden.

 […] Ich will als Mitglied ernst genommen werden. Ich will eine offene, leicht zugängliche Organisation, die mir in meinen Lebenssituationen hilft. Ich will mitbestimmen, was mit meinem Geld passiert. Ich will Diskussionen über aktuelle, relevante Fragen führen – gerne auch über Glaube und Gott. Was wäre dafür nötig gewesen? Ein, zwei persönliche Kontakte, vielleicht ein tiefergehendes Gespräch. Das hätte wohl gereicht. Schade eigentlich.“ (S. 40f.)

Holtes kundenmäßige Anspruchshaltung, die er mit Flügge teilt, macht ihn zwar auch nicht unbedingt sympathisch, aber die Aussage, dass die Kirche – die ja einen Missionsauftrag erhalten hat – aktiv zu denen gehen muss, die von ihr weggedriftet sind, wenn sie sie noch erreichen will, kann man ja trotzdem mitnehmen.

Abschließend: Ja, ein paar sinnvolle praktische Ideen stecken in dem Buch, die man auch hätte in einem rechtgläubigen Rahmen vorbringen können. Aber die Art, wie sich Flügge seine „Kirche für viele“ vorstellt, wie seine Hausbesuche konkret aussehen sollen… da soll eine Kirche von Individualisten entstehen, die sich alle ihren eigenen Glauben suchen, aber dabei auch nichts so Genaues wissen. Dieser Glaube muss sich erst formen – und kann sich auch in der Zukunft zu etwas ganz anderem formen, als er bisher war. Wer braucht einen solchen Glauben?

Ankündigungen, eine Leserbefragung und ein „Best of“

Ankündigungen in eigener Sache:

Nachdem ich ausführlich über die Benedikt-Option geschrieben habe, möchte ich mir bald auch andere aktuelle Erscheinungen darüber, wie die Zukunft der Kirche funktionieren könnte, anschauen, namentlich „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert: Von einer bewahrenden zu einer missionarischen Kirchengemeinde“ von dem kanadischen katholischen Priester James Mallon und „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ von Erik Flügge und David Holte. An ersteres habe ich hohe Erwartungen; bei letzterem regt mich ehrlich gesagt schon der Titel auf (obwohl tatsächlich auch ein paar gute Ideen drinstecken könnten). Ich bin mal gespannt – stay tuned!

Außerdem dachte ich, es könnte auch mal wieder Spaß machen, mich ein wenig über einen pseudo-historischen Roman mit Kirchenbezug lustig zu machen, und das dabei transportierte Geschichtsbild genauer anzuschauen. Da ich mich im Moment noch nicht recht entscheiden kann zwischen den Büchern, die meine Familie daheim hat und die mir geeignet scheinen, wollte ich meine Leser mal fragen, welches sie denn am meisten interessieren würde:

  • „Der Kinderpapst“ von Peter Prange. Es geht um Benedikt IX., der zwischen 1032 und 1048 dreimal (!) das Papstamt bekleidete und einzelnen Quellen zufolge beim ersten Mal erst 12 Jahre alt gewesen sein soll (andere Quellen geben ein anderes Alter an). Ich habe es irgendwann mal geschenkt bekommen und dachte mir immer, dass das Thema interessant, das Buch aber vermutlich blöd wäre.
  • „Die Ikone des Kaisers“ von Andreas Knapp. Dieser Roman handelt von der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453. Auch ein altes Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk, und die Beschreibung hört sich eigentlich interessant an, aber der letzte Satz davon klang für mich so dämlich, dass er mir ursprünglich die Lust auf das Buch verdorben hat: „Inmitten der dramatischen Kämpfe findet auch ein geistiges Ringen von höchster Aktualität statt: Darf der Mensch im Namen Gottes Krieg führen?“ Meine Güte, die Griechen verteidigten sich einfach gegen Angreifer! (Okay, man kann hoffen, dass der Satz sich auf die Osmanen beziehen soll.)
  • „Der schwarze Mönch“ von Harald Parigger. Ein Jugendbuch, das eins meiner Geschwister mal als Schullektüre gelesen hat. Es handelt vom Kinderkreuzzug von 1212. Ich habe es mal durchgeblättert, und anscheinend gibt es irgendwelche interreligiösen Verwicklungen mit Kindern, die insgeheim jüdisch sind, und der jugendliche Anführer des Kinderkreuzzugs ist der Schurke der Geschichte.
  • „Im Namen der Königin“ von Maiken Nielsen. Auch ein Jugendbuch, das kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges spielt, und das ich vor Jahren gelesen habe, an das ich aber nur noch verschwommene Erinnerungen habe. Die Protagonistin hat ihr Gedächtnis verloren, und als sie – verletzt und in Jungenkleidern – in einer Hütte auf Rügen aufwacht, weiß sie nicht einmal, was ein Kruzifix, das an der Wand hängt, sein soll. Das Buch spielt hauptsächlich in Schweden, glaube ich, und es kommen dann auch noch andere Jugendliche vor, die alle unterschiedliche religiöse Identitäten haben, und die sich dann für irgendeine Mission zusammentun, oder so etwas.
  • „Die Rebellin“, auch von Peter Prange. Es hat zwar keinen wirklichen Kirchenbezug, aber die Analyse könnte trotzdem ganz interessant werden; es scheint ein gutes Beispiel für einen klassischen „Reiche junge Frau verliebt sich in armen Mann und muss dann ihrem Vater trotzen“-Roman zu sein. Die Beschreibung jedenfalls hört sich so an, als müsste das Mädel in seinem bisherigen Leben sein Zimmer nicht verlassen haben; anscheinend ist es wirklich etwas völlig Neues für Emily, dass es im London des Jahres 1851 Armut gibt.
  • „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett. Mein Vater hat es gelesen und es hat ihm gefallen, glaube ich. Es geht um die Schicksale von mehreren mittelalterlichen Menschen, die irgendetwas mit dem Bau einer Kathedrale zu tun haben.
  • Oder soll ich mich vielleicht doch noch an „Die Päpstin“ von Donna W. Cross wagen? Hm. Meine Mutter hat es im Regal stehen – allerdings nie gelesen, soweit ich weiß – und es stand auch in der Bibliothek der Psychosomatischen Klinik, in der ich letzten Sommer war, und damals habe ich mir mal aus Neugier die ersten zwanzig oder dreißig Seiten angetan. Es ist ziemlich over the top; Johannas Vater, ein mit einer heidnischen Sächsin verheirateter fränkischer Dorfpriester, ist eine extreme Karikatur eines bösen frauenfeindlichen christlichen Patriarchen.
  • Ich hatte früher auch mal noch ein Jugendbuch, in dem ein Junge aus unserer Zeit ins Granada des Jahres 1492 reist, sich mit einer spanischen Prinzessin anfreundet, und von der Inquisition gefangen genommen und gefoltert wird, weil er eine Packung Ketchup dabei hat und der Prinzessin zeigt, dass man das essen kann, und sie es für Blut hält, weil Tomaten, die aus der Neuen Welt stammen, in Spanien noch nicht bekannt sind, oder irgendetwas in der Art. Doch, das Buch war wirklich so albern. Ich glaube, ich habe es für irgendeinen Flohmarkt in der Schule weggegeben, als ich fünfzehn oder sechzehn war und mit pseudohistorischer Kirchenfeindlichkeit nichts mehr anfangen konnte. Oder vielleicht habe ich es auch weggeworfen, weil es mir gar zu blöd war. Ich habe den Titel jetzt im Internet wiedergefunden („Alhambra“ von Kirsten Boie.) und habe ein bisschen in der Leseprobe gelesen. Himmel, die ersten zwei Kapitel sind schon so doof… Außerdem hält es die Autorin anscheinend für eine wahnsinnig originelle Idee, ein Zitat aus „Nathan der Weise“ vor den Anfang des Buches zu stellen. Ich glaube, wenn meine Leser dafür votieren, würde ich es mir noch mal bestellen, auch wenn ich nicht garantieren würde, dass ich wirklich bis zum Ende durchhalten könnte.

Also, ich würde mich über eure Meinungen in den Kommentaren freuen!

Jetzt zum nächsten Punkt: Im August wird es schon zwei Jahre her sein, dass ich zu bloggen angefangen habe und inzwischen habe ich über 250 Artikel veröffentlicht; heute also, weil es gerade passt, mal ein „Best of“ von „Nolite Timere“:

Zu den insgesamt beliebtesten Artikeln auf meinem Blog gehören (neben der vor kurzem veröffentlichten Besprechung der Benedikt-Option):

Viel gelesen wurde natürlich auch meine Reihe über die schwierigen Bibelstellen und meine Reihe über Skrupulosität

Einige der mir persönlich liebsten Artikel, denen ich noch eine weitere Verbreitung wünschen würde, wären z. B. die folgenden:

Dann wäre da natürlich noch meine neue Reihe „Aus dem Denzinger“, in der ich von Päpsten oder Konzilien herausgegebene Dokumente aus den letzten zweitausend Jahren zusammenstelle, u. a. zu Themen wie Zwangstaufen, Folter, Gottesurteile, Ehen ohne Einverständnis der Eltern, Zölibat oder Evolution:

Und das war’s für heute; wie gesagt, ich freue mich auf Kommentare!

Die Benedikt-Option: Ich bin positiv überrascht

Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, Rod Drehers „Die Benedikt-Option“ fertig zu lesen, nachdem mir das Buch vor zwei Wochen geliefert wurde, und ich muss sagen: es ist deutlich besser, als ich erwartet hätte.

Für alle, denen dieses Thema bisher entgangen sein sollte: Drehers Buch, das den Untertitel „Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft“ trägt, ist in den USA schon im März 2017 erschienen („The Benedict Option: A strategy for Christians in a post-Christian nation“) und hat dort für viel Aufsehen und lebhafte Diskussionen gesorgt; hierzulande hat sich innerhalb des letzten Jahres vor allem der Blogger und Publizist Tobias Klein (sehr lesenswerter Blog) daran gemacht, Drehers Buch bekannt zu machen, und hat es schließlich für den katholischen fe-Verlag übersetzt. (Auf Amazon findet sich die dt. Ausgabe hier.) Ich hatte anfangs bei dem, was ich so über das Buch gelesen habe, einen sehr gemischten Eindruck; vieles kam mir komisch oder alarmistisch oder übertrieben vor. Aber man soll seine Vorurteile ja überprüfen, also hab ich mir die deutsche Übersetzung gleich mal bestellt, als sie dann erschienen ist. Und, wie gesagt, ich wurde positiv überrascht.

Ein paar Sachen vorweg. Mit Drehers Stil werde ich mich wohl nicht mehr anfreunden (ist einfach Geschmackssache), einzelne Punkte in seinem Buch sehe ich kritisch, und den Titel halte ich für nicht besonders gelungen. Der Untertitel drückt den Inhalt des Buches klar aus, aber der eigentliche Titel ist ein wenig irreführend. Dreher hält seine Ideen nicht für eine Option unter vielen, sondern für eine Strategie, auf die die Christenheit als Ganzes nicht wird verzichten können, wenn der Glaube überleben soll. Das kann man ihm allerdings irgendwo nachsehen, da seine Idee ein ziemlich breites Konzept ist, unter dem sich ganz verschiedene Initiativen und Gruppen wiederfinden könnten.

Die Grundidee des Buches ist einfach: Wir brauchen starke christliche Parallelgesellschaften [ich bitte zu  beachten, dass ich diesen Begriff in keiner Weise negativ meine], um den Glauben in einer glaubensfeindlichen Umgebung zu bewahren, ihn authentisch zu leben und ihn an die nächste Generation weiterzugeben. Damit sind keineswegs zwangsläufig autarke Landkommunen gemeint. Die kommen am Rande vor (dazu später), aber es geht sehr viel mehr um Pfarrgemeinden, christliche Schulen, Studentenverbindungen, berufliche Netzwerke und natürlich die kleinere Gemeinschaft der Familie. Dieser Grundidee kann man kaum widersprechen, und der Autor gibt so einige nützliche Impulse für die praktische Umsetzung. Er hat seine „Option“ nach dem hl. Benedikt von Nursia, dem Vater des abendländischen Mönchtums, benannt und nimmt immer wieder Bezug auf klösterliche Praktiken, die man in veränderter Form auch als Laie anwenden könnte.

Luftaufnahme des Stiftes Heiligenkreuz

(Das Stift Heiligenkreuz bei Wien, zu dem auch die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. gehört und das sich sehr um die Neuevangelisierung bemüht, wäre sicher ein gutes Beispiel für eine Benedikt-Options-Gemeinschaft.)

Hier mal eine genauere Beschreibung des Inhalts:

Im ersten Kapitel beschreibt Dreher die Bedrohung, die Individualismus und  Säkularismus für unsere Religion darstellen würden. Die Christen im Westen seien nicht auf den Zusammenbruch des Christentums vorbereitet, obwohl er sich schon klar abzeichne. Viele gäben sich noch immer der Illusion hin, die Kultur sei mit konservativen (lies: republikanischen) politischen Initiativen gegen Abtreibung und Homo-Ehe zu retten. Dreher schreibt natürlich aus der US-amerikanischen Perspektive; und in den USA spielt das Christentum bekanntlich noch eine größere Rolle in Gesellschaft und Politik als in Europa, wo die Meinung, der Westen sei noch überwiegend christlich oder man könne ein „christliches Abendland“ auf kurze Sicht wiederherstellen, vermutlich weniger verbreitet ist.

Dreher schreibt:

„Heute können wir sehen, dass wir an allen Fronten verloren haben, und dass die rasanten und unerbittlichen Ströme des Säkularismus unsere schwachen Barrieren überwältigt haben. Ein feindseliger säkularer Nihilismus hat die Oberhand, und die gesamte Kultur hat sich entschieden gegen traditionsorientierte Christen gewendet. Wir reden uns ein, dass diese Entwicklungen von einer kleinen linksgerichteten Elite betrieben werden – weil wir die Wahrheit nicht ertragen können: Der Mainstream der Gesellschaft unterstützt diese Entwicklungen, wenn nicht aktiv, dann zumindest passiv.“ (S. 25f.)

Folglich sollte man lieber eine Arche bauen, statt erfolglos die Flut zu bekämpfen, lautet Drehers Plan. Das sei nicht nur nötig, um sich selbst vor der Welt zu schützen:

„Es geht nicht nur um unser eigenes Überleben. Wenn wir für die Welt das sein wollen, von dem Christus will, dass wir es seien, dann werden wir mehr Zeit abseits von der Welt verbringen müssen, in tiefem Gebet und umfangreichem spirituellen ‚Training’ – ebenso, wie Jesus sich zum Gebet in die Wüste zurückzog, ehe Er die Menschen lehrte. Wir können der Welt nicht geben, was wir selbst nicht haben.“ (S. 41)

Dreher gibt die Schuld am Zusammenbruch des Glaubens im Westen einem Pseudo-Glauben namens „Moralisch-therapeutischer Deismus“ (MTD), der die wirkliche Religion der meisten Amerikaner sei. Die Existenz von MTD wurde 2005 von den Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton postuliert. Ihnen zufolge hat MTD folgende fünf Glaubenssätze:

„Ein Gott existiert, der die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über das Leben der Menschen auf der Erde wacht.

Gott will, dass die Menschen gut, freundlich und fair miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.

Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein.

Es ist nicht nötig, Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen.

Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.“ (S.27f.)

Das Problematische an dieser Darstellung ist meiner Ansicht nach: MTD ist schlichtweg laxes Christentum. Ach, wenn doch nur die Mehrheit der Leute wirklich glauben würde, dass ein Gott die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über uns wacht! Ich finde es ehrlich gesagt seltsam, dass Dreher sich hier auf MTD bezieht; in Kapitel 2 stellt er eine viel treffendere Diagnose des derzeitigen Zustandes: Die Menschen haben den Glauben daran verloren, dass die Welt wirklich von Gott geordnet ist. Sie hätten den Glauben an folgende, im Mittelalter selbstverständliche Grundpfeiler verloren:

„Die Welt und alle Dinge in ihr sind Teil eines von Gott eingerichteten und mit Sinn erfüllten harmonischen Ganzen – und alle Dinge sind Zeichen, die auf Gott hindeuten.

Die Gesellschaftsordnung ist in dieser höheren Ordnung verwurzelt.

Die Welt ist aufgeladen mit spiritueller Kraft.“ (S. 52)

Kapitel 2 („Die Wurzeln der Krise“) ist überhaupt sehr gelungen. Hier stellt Dreher dar, wie nach und nach, durch die spätmittelalterliche Philosophie des Nominalismus, den Renaissance-Humanismus, die Reformation und die ihr folgende Kirchenspaltung, den Aufschwung der Nationalstaaten, das neue Machbarkeitsdenken im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts, die Ablehnung von Offenbarungsreligionen durch die Aufklärer, die Industrielle Revolution und die ihr folgende Entwurzelung der Menschen, und zuletzt die sexuelle Revolution, das Denken im Lauf der letzten sieben Jahrhunderte immer individualistischer und relativistischer wurde. (Mir meine Wahrheit, dir deine Wahrheit – was ist schon die Wahrheit?)

Eine ausführliche Würdigung dieses Kapitels, mit ein paar Ergänzungen und ein klein wenig Kritik, kommt noch in einem eigenen Blogpost; aber eins möchte ich hier gleich anmerken. Dreher, der in einer protestantischen Familie aufgewachsen ist, sich als Erwachsener nach einer Zeit der Kirchenferne dem Katholizismus zuwandte, und zuletzt im Zuge des Missbrauchsskandals zur Orthodoxie konvertierte, hat sein Buch ausdrücklich ökumenisch ausgerichtet. Er zitiert Katholiken, Orthodoxe, Presbyterianer, Southern Baptists… Aber seine Idee funktioniert im Rahmen des Protestantismus letztlich nicht. Das heißt, Parallelgesellschaften aufbauen kann an sich natürlich jede Religion, aber Dreher zieht viele seiner konkreten Ideen dazu, wie die christlichen Parallelgesellschaften denn aussehen sollen, aus dem Ordensleben und dem katholischen Mittelalter, und hier ergeben sich immer wieder klare Widersprüche zur Gestalt des Protestantismus, v. a. zu evangelikalen Erweckungsbewegungen.

Und, wie gesagt, in Kapitel 2 beklagt Dreher unter anderem die Folgen der Reformation. Das Problem ist nach seiner Darstellung, dass die heilige Ordnung, die Einheit der Christenheit, die universelle Überzeugung von den christlichen Wahrheiten, die im Mittelalter existierte, verloren ging. Er stellt, auch wenn er der Reformation nur einen kurzen Abschnitt widmet und auf die problematischen Aspekte des Gottesbildes der Reformatoren überhaupt nicht eingeht, ganz gut das zentrale Problem heraus, für das sie sorgte:

„Dies [der sola-scriptura-Grundsatz] warf unvermeidlicherweise die Frage auf: Wessen Auslegung der Schrift? Keiner der Reformatoren befürwortete eine private Schriftauslegung, aber es fehlte ihnen an einem überzeugenden Instrumentarium, um festzulegen, wessen Interpretation die richtige war. So stellten die Reformatoren bald fest, dass das Abschütteln der Autorität Roms ein Problem gelöst, gleichzeitig aber ein anderes geschaffen hatte. Wie der Historiker Brad Gregory es formuliert: ‚Weil Christen sich uneinig darüber waren, was sie zu glauben und zu tun hatten, waren sie sich auch uneinig darüber, worin die Früchte eines christlichen Lebens überhaupt bestanden.’ Und so ist es bis heute.“ (S. 61)

Die Benedikt-Option legt dem Leser die Rückkehr zu einer quasi-mittelalterlichen Lebensweise nahe, und das ist total sympathisch; aber das alles macht im Endeffekt nur im Katholizismus oder noch in der Orthodoxie Sinn. Wenn wir zurück ins Mittelalter wollen, müssen wir hinter die Reformation zurück. Dreher stellt im ersten Kapitel MTD als Gegensatz zu „historischer, biblisch fundierter Rechtgläubigkeit“ dar; aber inwiefern soll ein konservativer Presbyterianer oder Baptist bitteschön rechtgläubig sein? Er folgt Ideen, die seit höchstens 500 Jahren in Umlauf sind, und ist damit dem Prinzip nach ebenso modernistisch wie irgendwelche Anglikaner oder Methodisten, die Christus nur für einen Menschen mit einer besonderen Gottesbeziehung halten und zweifach geschiedene lesbische Pfarrerinnen haben.

Dreher stellt an späterer Stelle, bei einem Abschnitt zur Zusammenarbeit über Konfessionsgrenzen hinweg, klar, dass seiner Meinung nach die „verschiedenen christlichen Konfessionen […] wohlgemerkt nicht ihre lehrmäßigen Differenzen verleugnen [sollten]“ (S. 220), gleichzeitig spielt er diese Differenzen jedoch herunter. Er zitiert gleich darauf den Gründer eines ökumenischen Lesekreises:

„‚Wenn wir Christen überleben wollen, wenn wir etwas bewirken wollen, müssen wir in der Lage sein, uns gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Ein konfessionsübergreifendes Verständnis von Rechtgläubigkeit ist unverzichtbar’, betont Doom.“ (S. 221)

Wie genau diese Rechtgläubigkeit definiert sein soll, wird freilich nicht klar; es ist auch unmöglich, sie zu definieren; es bleibt letztlich nichts anderes als „das, was schon länger als 50 Jahre da ist* und sich ‚bibeltreu’ nennt“.

Übrigens versucht Dreher an mehreren Stellen im Buch, seinen Lesern klassisch katholische bzw. orthodoxe Dinge schmackhaft zu machen: Eine Liturgie, in der man nicht nur dasitzt und eine Predigt anhört, sondern auch kniet, aufsteht, Weihrauch schwenkt, kurz, den Körper und die Sinne ins Gebet einbezieht; Fasten; die Schriften der antiken Kirchenväter. Er geht dabei auch auf einen leichten Trend der letzten Jahre in evangelikalen Kreisen ein, solche Dinge mehr zu würdigen.

File:Messe solennelle d'action de grâce pour les 25 ans de la FSSP (10892923415).jpg

(Hochamt in der außerordentlichen Form anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Priesterbruderschaft St. Petrus, Quelle: Wikimedia Commons)

Das ist mein Hauptkritikpunkt bei diesem Buch: Die Benedikt-Option ist zu ökumenisch und damit gewissermaßen widersprüchlich. Jetzt aber weiter im Text.

In Kapitel 3 geht es dann um eine Reise des Autors nach Norcia (das ehemalige Nursia), den Herkunftsort des hl. Benedikt, seinen Besuch in einem dortigen Kloster und seine Ideen dazu, wie sich Impulse aus der benediktinischen Ordensregel von Laien umsetzen lassen. Ich muss sagen, am Anfang war ich ein bisschen überrascht darüber, dass Dreher nicht nach Montecassino zu dem Kloster gereist ist, das der hl. Benedikt gegründet hat – das in seinem Herkunftsort entstand wohl erst ein paar Jahrhunderte später – aber das liegt vielleicht einfach daran, dass viele der Benediktiner in Norcia Amerikaner sind, mit denen  Dreher sich natürlich leichter austauschen konnte, oder möglicherweise auch daran, dass diese Gemeinschaft „traditioneller“ nach der Benediktsregel lebt als die heutigen Mönche in Montecassino? Egal. Die Prinzipien jedenfalls, die Dreher herausgearbeitet hat, sind folgende:

  • Ordnung
  • Gebet
  • Arbeit
  • Askese
  • Beständigkeit
  • Gemeinschaft
  • Gastfreundschaft
  • Ausgewogenheit

Ich muss sagen, ich liebe es, wie hier die Ordnung, in der alles im richtigen Maß seinen richtigen Platz hat, betont wird. Man beginnt direkt, sich nach dem geordneten Leben in einem mittelalterlichen Benediktinerinnenkloster zu sehnen, in dem man seine Tage mit Stundengebet, Unkrautjäten, Kartoffelschälen und lectio divina verbringen kann. Also, ich jedenfalls. Irgendwie.

Im 4. Kapitel geht es um „Eine neue Form christlicher Politik“. Kurz gesagt ist Dreher der Ansicht, dass Christen sich eher auf die lokale Basisarbeit als die große Politik konzentrieren sollten. Mit einer Ausnahme: Den Einsatz für Religionsfreiheit. An dieser Stelle halte ich ihn ausnahmsweise mal für eher naiv als alarmistisch. Den meisten Leuten bedeutet Religionsfreiheit nicht unbedingt viel, auch wenn sie offiziell in irgendwelchen Verfassungen drin steht; wenn sie eine religiöse Lehre oder Praxis für schädlich halten, werden sie mit Appellen an Freiheitsrechte nur eine gewisse Zeit lang davon abzuhalten sein, gegen die betreffende Religion vorzugehen (man sehe sich nur Äußerungen in den sozialen Medien zum Thema Kopftuch- oder Beschneidungsverbot an). Es ist wichtig, dass wir uns die Freiheit bewahren, christliche Gemeinschaften bilden zu können usw., aber ich halte den Einsatz dafür nicht für mehr oder weniger aussichtsreich als, sagen wir mal, den Einsatz gegen die Einführung aktiver Sterbehilfe.

In Kapitel 5 („Eine Kirche für alle Jahreszeiten“) geht es dann um das kirchliche Leben, d. h. das Leben innerhalb einer Pfarrei oder einer Freikirche. Hier plädiert Dreher, wie bereits erwähnt, dafür, die christliche Vergangenheit wiederzuentdecken, z. B. indem man in Studienkreisen Schriften der Kirchenväter liest – ein toller Ratschlag. (Ein bisschen appeacement gegenüber den protestantischen Lesern muss aber sein: „Es mag verständlich sein, dass Protestanten misstrauisch gegenüber vorreformatorischen theologischen Werken des zweiten Jahrtausends sind, aber die Schriften der frühen Kirchenväter sind eine Goldmine spiritueller und theologischer Weisheit.“ (S. 170)) Man sollte den „Sinn für Liturgie zurückgewinnen“ (S. 171), außerdem etwas Askese betreiben (z. B. an festgesetzten Tagen fasten), durch „Güte und Schönheit“ (S. 190), also Werke der Nächstenliebe (z. B. Hilfe für kranke Gemeindemitglieder) und christliche Kunst, evangelisieren, und die Gemeinde sollte die „kirchliche Disziplin festigen“ (S. 187), d. h. Kirchenmitglieder müssen wegen schlimmer Sünden ermahnt und ggf. auch aus der Gemeinde ausgeschlossen werden.

„Der Grundgedanke dabei [bei der Kirchendisziplin der frühen Kirche] war weder Gemeinheit noch Selbstgerechtigkeit, sondern Verantwortlichkeit. Zudem konnte die Kirche – als eine Gemeinschaft, die ihre Mitglieder anleitet und formt – ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn sie nicht in der Lage war, in ihren Reihen Ordnung aufrechtzuerhalten.“ (S. 188)

Hier könnte es aber wieder ein wenig knifflig werden, dank der schon kritisierten ökumenischen Ausrichtung. Mit protestantischer Kirchendisziplin ist das meiner Meinung nach nämlich so eine Sache. Sie neigt dazu, entweder zu strikt oder zu lax zu sein, und ihr fehlen oft die klaren Prinzipien. Im Katholizismus haben wir das universal geltende Kirchenrecht, das z. B. festlegt, wer zur Kommunion gehen darf. Auch hier hat sich eine Laxheit eingeschlichen, die eigentlich nicht da sein sollte (Leute im Stand der Todsünde gehen einfach trotzdem zur Kommunion), aber die Prinzipien wären klar und es muss nicht jede Pfarrei das Rad neu erfinden. Bei den Protestanten ist es schwieriger.

In diesem Abschnitt wird das Beispiel einer Gemeinde der Southern Baptists angeführt, deren Mitglieder bei ihrem Eintritt eine Vereinbarung unterzeichnen müssen, die ihre Pflichten gegenüber der Gemeinde festlegt, und auch das Recht der Gemeinde, sie, wenn sie auf Abwegen sind, zu Umkehr und Buße anzuhalten und ggf. auszuschließen. In dieser Gemeinde gab es ein Ehepaar, „das sich nach vier Jahrzehnten Ehe scheiden lassen wollte. Ein Beratungsgespräch mit den Pastoren, um ihnen zu helfen, ihre Ehe zu retten, lehnten sie ab. Ebenso wiesen sie Hilfsangebote von Freunden und anderen Gemeindemitgliedern zurück. Monatelange Bemühungen der Pastoren, die zerrüttete Ehe des Paares zu heilen, endeten in einer Sackgasse: Die Eheleute wollten einfach nicht kooperieren. Schließlich wurde eine Gemeindeversammlung einberufen, bei der beschlossen wurde, sie auszuschließen.“ (S. 189f.) Nun ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Kirche hier im Recht war und das Paar hätte versuchen sollen, seine Ehe zu bewahren; es ist aber auch möglich, dass die Eheleute gute Gründe für eine Trennung hatten (z. B. anhaltender Ehebruch durch einen der zwei, den sich der andere nicht mehr gefallen lassen wollte; dass sie dann beide nicht unbedingt mit der Gemeinde darüber hätten reden wollen, wäre verständlich). Und eine Trennung und weltliche Scheidung allein ist noch kein Ehebruch, wie eine Wiederheirat nach der Scheidung es wäre; eine Trennung/Scheidung ist nicht automatisch Sünde, sondern nur je nach den Umständen. Insofern frage ich mich schon, ob es gerechtfertigt ist, Mitglieder wegen einer Scheidung an sich, ohne zweite Beziehung, und ohne dass den Pastoren die genauen Hintergründe bekannt sind, aus der Gemeinde auszuschließen.

Aber an sich stimmt es natürlich: Man braucht in der Kirche gewisse moralische und lehrmäßige Standards, und wenn z. B. ein Priester offen Häresie lehrt oder ein Diakon in wilder Ehe lebt, kann das nicht einfach so zugelassen werden, weil die Standards sonst schnell verschwinden.

Kapitel 6 nennt sich „Die Idee eines christlichen Dorfes“ und Dreher beginnt mit dem Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen“. Er erwähnt die orthodoxen Juden und ihren Fokus auf die Gemeinschaft von Familie und Synagoge als Vorbild. Zu den Strategien, um seine Kinder christlich zu erziehen gehöre: ein lebendiges Familienleben, in dem das Heim beinahe eine Art Kloster ist, in dem es regelmäßige gemeinsame Gebetszeiten gibt, der Sonntagsgottesdienst Sportveranstaltungen vorgezogen wird und schädliche Einflüsse, z. B. durch zu viel Internet und Fernsehen, beschränkt werden. Ich finde es hier schön, wie Dreher betont, dass es in einer Familie wichtig ist, sich gegenseitig um Verzeihung bitten zu können; auch wenn es den Gehorsam gegenüber den Eltern brauche, müssten auch die Eltern ihren Kindern zeigen, dass sie sich bei ihnen entschuldigen könnten und ihnen zuhörten. Außerdem betont er noch einmal die Gastfreundschaft. Man müsste den Kindern zudem klar machen, dass es nichts Schlimmes ist, nicht so zu sein wie die anderen, und man sollte sich auch Gedanken darüber machen, mit welchen Gleichaltrigen sie ihre Zeit verbringen.

„Harris [die Psychologin Judith Rich Harris] verweist auf das Beispiel von Immigranten und deren Kindern. Zahlreiche Studien zeigen auf, dass, so stark die Herkunftskultur auch sein mag, die erste Generation der Nachkommen fast immer die Werte der Mehrheitsgesellschaft in der neuen Heimat übernimmt. […] ‚Kulturen werden nicht von Eltern an Kinder weitergegeben; die Kinder von Einwanderereltern nehmen die Kultur ihrer Altersgruppe an.’“ (S. 207)

Hier finde ich in Bezug auf die Situation in Deutschland übrigens das Beispiel der Muslime interessant: Zwar gibt es viele junge Muslime, die sich der säkularen deutschen Gesellschaft angepasst haben, aber es gibt auch sehr viele, die sogar noch traditionsbewusster, religiöser und stolzer auf ihre Herkunft sind als ihre Eltern. Wenn man häufig in einer Moschee mit gleichaltrigen Gleichgesinnten und überzeugenden Predigern zusammenkommt, scheint das einen großen Einfluss zu haben. In Sachen „Parallelgesellschaften aufbauen“ könnten wir von den Muslimen schon was lernen. (Ja, muslimische Parallelgesellschaften haben ihre schlechten Seiten. Weil der Islam eine falsche Religion ist, nicht weil es Parallelgesellschaften sind.)

(Eucharistische Anbetung bei einem Prayerfestival der Jugend 2000; Bildquelle hier.)

Am Ende warnt Dreher davor, die Familie zum Götzen zu machen – sie sei kein „Zweck in sich selbst“, sondern „ein Mittel zum Zweck der Vereinigung mit Gott“ (S. 209). Die Familie sollte nicht tyrannisch und paranoid gegenüber der Außenwelt werden und damit die Kinder vom Glauben forttreiben.

Außerdem geht er darauf ein, welche Vorteile es habe, in räumlicher Nähe zur Kirche zu leben, und häufig an Bibelstudien, Gebetskreisen, Lesezirkeln usw. teilzunehmen; auch die Kirchengemeinde solle man aber nicht zum Götzen machen und nicht zu sehr von der Außenwelt abschotten.

An diesem Kapitel stört mich ein wenig, dass Dreher nicht allzu konkret wird: Wie viel Kontakt zu Nichtgläubigen sollte man den Kindern jetzt erlauben? Außerdem fände ich es noch wichtig, zu erwähnen, dass man eigentlich einen gewissen Kontakt zur Außenwelt herstellen muss, allein schon, um die Kinder daran zu gewöhnen, dass es Menschen gibt, die anders denken (und wie sie denken), weil sie irgendwann mit denen in Kontakt kommen werden.

In Kapitel 7 geht es um Bildung. Dreher kritisiert das öffentliche Schulsystem und viele christliche Schulen, die auch keine entschieden christliche Bildung bieten würden. Das heutige Bildungswesen schaue nur auf Zweckmäßigkeit: Den Kindern muss das beigebracht werden, was sie später mal im Job brauchen werden, Erziehung zur Tugend wird vernachlässigt. Er stellt zwei Alternativen vor: Heimunterricht – der in Deutschland freilich keine Alternative ist, da seit 1938 verboten** – und, worauf er den Fokus legt, „klassisch-christliche Schulen“, d. h. Privatschulen, die klassische Bildung – Geschichte, klassische Literatur, usw. – mit religiöser Bildung verbinden und dabei folgendem Konzept folgen:

„Üblicherweise beginnt die Laufbahn eines Schülers an einer klassischen Schule mit der sogenannten Grammatikschule, in der es vor allem darum geht, grundlegende Fakten über die Welt zu lernen und sich ins Gedächtnis einzuprägen. Die zweite Stufe der klassischen Schulbildung ist die Logikschule, die etwa der 6.-8. Klasse entspricht und in der die Schüler lernen, Fakten zu analysieren und ihre Bedeutung zu erkennen. Die dritte und letzte Stufe ist die Rhetorikschule, die abstraktes Denken, Dichtung und die Fähigkeit zum klaren Selbstausdruck in den Mittelpunkt stellt.“ (S. 256f.)

Offensichtlich sind in den USA schon einige solche Privatschulen von Eltern oder Kirchen gegründet worden; theoretisch wäre so etwas Ähnliches sicher auch in Deutschland möglich.

Dann geht der Autor auch auf die Wichtigkeit von Studentengemeinschaften an den Universitäten ein, und ich muss sagen, hier habe ich mich absolut wiedergefunden. Ich habe die ersten paar Semester meines Studiums in einem kirchlichen Studentenwohnheim gewohnt, wo im selben Gebäude die Katholische Hochschulgemeinde untergebracht war. Sicher sind deutsche Hochschulgemeinden nicht immer häresiefreie Zonen; aber man sucht sich ja selbst aus, zu welchen Veranstaltungen man geht, und ich kann sagen, dass es etwas sehr Schönes ist, eine Kapelle direkt im Haus zu haben, in der einmal die Woche Messfeier ist, einmal im Monat Eucharistische Anbetung, und alle zwei Wochen Taizé-Andacht.

Zusätzlich zu normalen Hochschulgemeinden und von Studenten gegründeten christlichen Netzwerken, die geistliche Begleitung, Vorträge, Bibelkreise usw. anbieten, stellt Dreher auch gemeinschaftliche Wohnprojekte christlicher Studenten vor, z. B. ein Haus an der Universität von Virginia, in dem ca. 20 junge Männer zusammenleben:

„Die Hausregel entwickelte sich im Laufe der Zeit. Sie probierten verschiedene Dinge aus. Ein gemeinsames Morgengebet erwies sich als schwer durchzuhalten, aber als Abendgebet funktionierte es besser. Sie führten eine Art gegenseitiger Beichte ihrer Sünden gegenüber der Gemeinschaft ein, mit dem Ziel, einander gegenseitig in ihren persönlichen Schwierigkeiten helfen zu können. (‚Wir nannten es ursprünglich nicht Beichte’, sagt Speers. ‚Wir nannten es Rechenschaft. Das klang für Evangelikale weniger anrüchig.’) Außerdem verlangte die Hausregel kontinuierliche gemeinschaftliche Pflege theologischer Studien und Diskussionen.

Es gab auch einige wenige, aber strenge Verbote: Keine Mädchen in Privaträumen bei verschlossenen Türen. Kein Alkohol außer in den Räumen derer, die alt genug waren, um legal Alkohol trinken zu dürfen. Einige Männer, die mit Pornographiesucht zu kämpfen hatten, ließen ihre Laptops im Gemeinschaftsraum zurück, um nicht in Versuchung geführt zu werden.“ (S. 270f.)

Hier zeigt sich für mich wieder, dass solche Wohngemeinschaften eine zweischneidige Sache sein können: Das mit dem Abendgebet beispielsweise klingt toll. Das mit der öffentlichen Beichte (ohne ein bindendes Beichtgeheimnis) könnte dagegen sehr problematisch werden. Bei dem absoluten Verbot, Mädchen mit aufs Zimmer zu nehmen, weiß ich nicht recht, was ich davon halten soll.

In Kapitel 8 geht es um das Thema Arbeit. Der Autor konzentriert sich hauptsächlich auf die Gefahr, dass Christen am Arbeitsplatz gezwungen werden könnten, gegen ihr Gewissen zu handeln (sich also z. B. an der Ausrichtung einer Schwulenhochzeit zu beteiligen; in den USA wurden Bäcker und Floristen ja schon zu extrem hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie eine solche Beteiligung verweigert hatten). Aber er geht auch auf den grundsätzlichen Sinn der Arbeit ein: Sie sollte einen sinnvollen Zweck in Gottes Ordnung erfüllen und zu Seiner größeren Ehre getan werden; und sie sollte nicht zum alleinigen Lebensinhalt werden. Hier lobt er übrigens die deutschen Ladenschlussgesetze, die Familienbetrieben das Leben erleichtern und dafür sorgen würden, dass die Deutschen ein ausgewogeneres Leben führen können als die Amerikaner.

Aber zurück zu möglichen Gewissenskonflikten am Arbeitsplatz. Dreher ist der Ansicht, dass man unterscheiden müsste, ob etwas wirklich nicht mit dem eigenen Gewissen vereinbar sei oder doch, um nach Möglichkeit in seinem Arbeitsumfeld Frieden halten zu können. Er führt das Negativbeispiel eines Staatsbediensteten aus Illinois an, der sich weigerte, sich ein Schulungsvideo über LGBT-Diversität anzusehen (er hätte nur das Video ansehen müssen, keine pro-LGBT-Erklärung abgeben müssen). Am Ende stellt er klare Kriterien auf:

„Ein christlicher Arzt muss es immer und überall ablehnen, unschuldiges Leben zu töten. Abtreibung und Euthanasie sind vollkommen indiskutabel. […] Und schließlich ist kein Job, so harmlos er erscheinen mag, es wert, ihn zu behalten, wenn er einem abverlangt, etwas dezidiert Unchristliches und Wahrheitswidriges aktiv zu unterstützen.“ (S. 294f.)

Dreher warnt, dass Christen sich in Zukunft vielleicht genauer überlegen müssten, welche Berufe sie ergreifen, und rät, dass sie eigene unternehmerische Tätigkeit und Handwerk und Industrie wieder entdecken sollten; außerdem sollte man christliche Netzwerke aufbauen und andere christliche Unternehmen unterstützen.

Kapitel 9 widmet sich dem Thema Sex; hier spricht der Autor z. B. darüber, dass Eltern sich selbst um die Sexualerziehung ihrer Kinder kümmern müssten, dass man jungen Christen vermitteln müsse, wieso die christliche Sexualmoral Sinn macht, und dass man vor allem Pornographie bekämpfen müsse.

In Kapitel 10 geht es um Technologie und hier wird klar: Dreher sieht das Internet als sehr problematisch, zum Beispiel, weil es den Leuten die Fähigkeit nimmt, sich zu konzentrieren, und ihnen eine Wunschwelt zeigt, in der „man sich mit nichts auseinandersetzen muss, was man sich nicht selbst ausgesucht hat. […] Man kann planlos von Seite zu Seite schlittern, flüchtig in soziale Netzwerke hineinschnuppern und sich wieder aus ihnen ausklinken, ganz nach Belieben.“ (S. 354) Er warnt besonders davor, Kindern Smartphones in die Hände zu geben, nicht zuletzt auch wegen der Gefahr, dass sie im Internet auf Pornographie treffen. Aber er kritisiert nicht nur übermäßigen Internetkonsum, sondern auch ganz grundsätzlich eine technokratische Mentalität, die sagt „Wenn wir es tun können, müssen wir auch die Freiheit haben, es zu tun!“ (S. 349), z. B., wenn es um die Fortpflanzungsmedizin geht. Ich muss sagen, beim Internet bin ich weniger kritisch als er – immerhin hat es mir sehr dabei geholfen, Informationen über den Katholizismus zu finden, und lässt mich jetzt meine Gedanken vor Publikum ausbreiten! –, aber hier kann ich ihm zustimmen.

So. Das war jetzt eine lange Inhaltszusammenfassung; jetzt noch ein paar allgemeine Anmerkungen:

Es gab immer wieder Stellen, an denen ich mir gedacht habe: Ja, ganz genau so ist es! Ganz genau so. Etwa, wenn Dreher darüber spricht, auf welche Weise der Glaube schon über ein, zwei Generationen verloren gehen kann (wenn ich meine Großeltern, die jeden Sonntag in die Kirche gehen bzw. gingen, und meine Geschwister, die vermutlich noch irgendwie an einen Gott glauben, vergleiche, kann ich diese Entwicklung gut nachvollziehen).

Es ist auch sehr interessant und inspirierend, wie der Autor uns immer wieder die Dissidenten im Ostblock als Vorbilder zeigt. Es ist auch ermutigend: So schlimm wie sie werden wir es auf absehbare Zeit nicht haben – und sie haben manchmal so einiges geschafft, gerade im katholischen Polen.

(Der hl. Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch in Polen nach seiner Papstwahl; Quelle: Wikimedia Commons)

Zuletzt noch zu der Art von christlichen Laiengemeinschaften, an die die Leute (z. B. amerikanische Journalisten, die das Buch im letzten Frühjahr rezensiert haben) bei der Benedikt-Option anscheinend als erstes denken, obwohl sie im Buch gar keine so große Rolle spielen, wie ich erwartet hätte. An verschiedenen Stellen erwähnt Dreher Beispiele für solche Gemeinschaften, z. B. die amerikanische „Alleluia Community“, eine „Laiengemeinschaft charismatischer Katholiken und Protestanten“ (S. 213), oder die italienische „Tipi Loschi“, die er als besonders vorbildhaft hervorhebt. Tipi Loschi, eine Gemeinschaft mit 200 Mitgliedern, die dem Vorbild des sel. Pier Giorgio Frassati nacheifert, ist eine Vereinigung von Familien, die eine nach Chesterton benannte Schule und verschiedene Kooperativen, die wohltätigen Zwecken dienen, betreibt, und die eng mit dem Kloster in Norcia verbunden ist. Mir wird aus dem Buch nicht ganz klar, wie genau die Familien in der „Alleluia Community“ und in „Tipi Loschi“ leben; es hört sich nicht so an, als ob es sich um wirkliche Kommunen wie bei den Zwölf Stämmen oder irgendwelchen Hippie-Sekten der 70er handeln würde, sondern eher nach einem Leben in enger Nachbarschaft und mit vielen gemeinschaftlichen Veranstaltungen und gemeinsam betriebenen Institutionen. Die „Alleluia Community“ jedenfalls hört sich für mich dennoch eher zu eng gestrickt an, als dass ich (die ich von Natur aus kein sehr geselliger Mensch bin) mich da wohlfühlen könnte.

(„In Übereinstimmung mit den Beobachtungen Pater Martins sagt sie, das Geschenk der Gemeinschaft bestehe darin, eine Sozialstruktur auszubilden, in der es Christen leichter gemacht wird, Gottes Stimme zu hören und auf sie zu antworten, und in der andere Mitglieder sie zur Verantwortung ziehen, wenn sie vom geraden Weg abkommen. So nah mit anderen zusammenzuleben, kann die Geduld strapazieren, räumt Rachel ein – aber für sie und ihre Familie hat es sich als gut erwiesen.“ (S. 214))

Der Autor schlägt auch vor, dass Kirchengemeinden nach Geschlechtern getrennte Wohngemeinschaften für junge Singles gründen könnten; bei Ehepaaren und Familien mit Kindern geht er anscheinend schon eher davon aus, dass die für sich leben und sich in Pfarrgemeinden, Schulen usw. einbringen werden.

Er geht sowohl auf die Chancen als auch auf die Gefahren bei solchen Gemeinschaften wie der „Alleluia Community“ oder „Tipi Loschi“ ein; an einer Stelle schreibt er:

„Die wohl gefährlichste Versuchung für eng gestrickte Gemeinschaften ist der Drang, ihre Mitglieder übermäßig zu kontrollieren und allzu streng zu bevormunden, wenn sie von einem gewissen Reinheitsstandard abweichen.“ (S. 223)

Mir fehlen hier ein bisschen die konkreten Standards – wann ist eine Gemeinschaft zu streng oder zu abgeschottet? – und vielleicht auch die konkreten möglichen Vorsichtsmaßnahmen gegen solche Gefahren (z. B. wären klare Regeln wie die benediktinische Ordensregel vermutlich eine gute Idee); aber er erwähnt als grobe Regel immerhin, dass man z. B. auch Freundschaften außerhalb der Gemeinschaft knüpfen sollte, damit man sich nicht einbildet, alle Menschen dort draußen wären verdorben.

Mein Fazit: Das Buch ist lesenswert und gibt einige gute Impulse für ein christliches Leben. (Enthusiastischer wird’s leider nicht – aber ich fand’s alles in allem gut.)

 

* Ich sage ausdrücklich „50 Jahre“, weil gewisse in konservativen evangelikalen Kreisen verbreitete Ideen wie die von der „Entrückung“ (rapture) in der Endzeit oder die Akzeptanz der künstlichen Empfängnisverhütung noch nicht besonders alt sind.

** Zumindest in den allermeisten Fällen. Ich kannte tatsächlich mal eine Familie, die ihre Kinder zu Hause unterrichtete und dafür, soweit ich mich erinnere, eine Sondergenehmigung hatte. Soweit ich mich erinnere, kamen sie aus Baden-Württemberg und waren evangelisch. Meine Familie hat sie in einem Feriendorf im Schwarzwald getroffen, als ich ungefähr sechs oder sieben war, und meine Geschwister und ich haben öfter mit den drei Töchtern gespielt; zwischen der ältesten und meiner älteren Schwester ergab sich dann eine Brieffreundschaft. Ich weiß noch, dass wir es komisch fanden, dass das einzige außerhäusliche Hobby unserer neuen Freundinnen ein kirchlicher Chor war, und ihr Lieblingsfilm ein Pferdefilm aus den 50ern. Jedenfalls war es eine nette Familie. An viel mehr erinnere ich mich nicht.