Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2a: Rahab

Heute Teil 2 meiner Rezension zu dem Sammelband „Saat des Segens“ von Francine Rivers, zu Band 2, der als Einzelband unter dem Titel „Frau des Glaubens – Rahab“ (Originaltitel: „Unashamed“) erschienen ist und bei mir „Rahab – Zukunft und Hoffnung“ heißt. (Wohl eine Anspielung auf Jer 29,11 – „Denn ich, ich kenne die Gedanken, die ich für euch denke – Spruch des HERRN – , Gedanken des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“ -, ein extrem beliebter Vers für Grußkarten und Instagramposts in evangelikalen Kreisen.) Die Rezension zu diesem Band habe ich auf zwei Posts aufgeteilt, weil er so viel Stoff abgegeben hat.

Der Band ist nicht der schlechteste der Reihe. Aus der Geschichte um Rahab hätte etwas Ordentliches werden können. Wohlgemerkt: hätte.

Ich war ein wenig gespannt auf diese Geschichte, weil sie mich selber mal sehr fasziniert hat – zugegebenermaßen in meiner bibelkritischen Phase mit zwölf, als ich das Alte Testament furchtbar brutal fand. Das ist ja ein Problem, das man am besten nicht einfach ignorieren sollte, wenn man einen Roman schreibt, der zur Zeit der Landnahme spielt. Hier wird eine Stadt (Jericho) erobert und fast die ganze Bevölkerung abgeschlachtet, und die, die das tun, sind die Guten der Geschichte. Einige Leser werden Probleme damit haben.

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(Rahab und die beiden Spione, links; die einstürzenden Mauern Jerichos, rechts; franz. Buchillustration aus dem 15. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Die biblische Welt, vor allem die des Alten Testaments, ist uns ja auch erst einmal relativ fremd. Und die Aufgabe eines guten Autors wäre es jetzt, die Leser in diese Fremdheit eintauchen zu lassen, sie sie wirklich spüren zu lassen (so, wie man sie auch beim Lesen der Bibel selbst spürt), statt zu versuchen, sie zu überspielen. (Einen hervorragenden Job macht bei so einer  Aufgabe übrigens C. S. Lewis in seinem Roman „Du selbst bist die Antwort“ („Till we have faces“), der eine Nacherzählung der Sage von Amor und Psyche ist und in der vorchristlichen Antike irgendwo nördlich von Griechenland spielt. Muss man unbedingt mal gelesen haben. Werbeblock Ende.) Aber dafür muss der Autor sich erst einmal richtig in die Denkweise seiner Figuren einfühlen können, sich ihrer nie ausgesprochenen Grundannahmen bewusst werden. Mrs. Rivers kratzt hier nur an der Oberfläche.

Die Geschichte befindet sich in der Bibel in den ersten paar Kapiteln des Buches Josua; Rahab selber taucht in Kapitel 2 und dann wieder am Ende von Kapitel 6 auf. Sie ist eine Dirne aus Jericho, die zwei israelitische Spione versteckt, die Josua ausgesandt hat, und die daher zusammen mit ihrer Familie am Leben gelassen wird, als die Israeliten später Jericho erobern. Mrs. Rivers hat sich eigentlich keine schlechte Hintergrundgeschichte für sie ausgedacht. Ihre Rahab kommt aus einfachen Verhältnissen und wurde als junges Mädchen in den Harem des Stadtfürsten von Jericho gerufen, um als seine Geliebte zu dienen;  nachdem der König genug von ihr hatte, erreichte sie, da sie nicht ohne irgendetwas dastehen wollte, dass er ihr ein Haus in der Stadtmauer nahe beim Tor einrichtete, von wo aus sie seitdem die Leute beobachten und als Hure Kunden bedienen konnte (z. B. Boten aus anderen Städten), denen sie für den König nützliche Informationen entlocken konnte. So lebt sie zu Beginn des Buches seit zwölf Jahren; und obwohl sie ein bequemes Leben und bescheidenen Wohlstand erreicht hat, hasst sie ihr Leben und fühlt sich wie in einem Gefängnis.

Hier im ersten Kapitel, als die Autorin Rahabs Lebensgeschichte ausbreitet – übrigens, ohne sich die Mühe zu machen, die Informationen irgendwie in Gespräche o. Ä. einzubetten, das Ganze wird einfach rückblickend erzählt, während Rahab an ihrem Fenster sitzt und nachdenkt – findet sich übrigens eine Stelle, die ein gutes Beispiel für das ist, was ich oben gemeint habe; die Autorin bringt die Fremdheit von Rahabs Welt nicht gut herüber: „Hatte sie nicht ein gutes, ja beneidenswertes Leben? Der König achtete sie, die Männer begehrten sie, und sie konnte sich ihre Kunden aussuchen. So manche Frau in der Stadt neidete ihr ihre Unabhängigkeit. Sie wussten nicht, wie das war, benutzt und entmenschlicht zu werden.“ (S. 126) Jetzt mal abgesehen davon, dass so manche  Frau in dieser Stadt eine Sklavin oder Nebenfrau sein und ein solches Gefühl sehr wohl kennen wird: Das Wort „entmenschlicht“ passt hier nicht. Es setzt ein Konzept von Menschenwürde voraus, das die Kanaaniter noch nicht kannten. Die historische Rahab hätte vielleicht ein solches unangenehmes Gefühl gehabt, es aber nicht in diese Worte gefasst.

Doch Rahab hat auch vom Gott der Israeliten gehört, die schon auf der anderen Seite des Jordan kampieren:

„Aber sie hatte andere Pläne, andere Träume und Hoffnungen.

Und sie hingen alle an dem Gott da draußen, dem Einen, der die Macht hatte, seine Erwählten zu retten. Schon als junges Mädchen, als sie die Geschichten zum ersten Mal gehört hatte, hatte sie tief in ihrem Inneren gewusst, dass er ein wahrer Gott war, ja der einzige. Wenn er sein Volk über den Jordan brachte, würde er diese Stadt packen und zerschmettern, wie er alle seine Feinde zerschmettert hatte.

Das Ende der Welt, wie sie sie kannte, war in Sicht.

Wir werden alle sterben! Warum sieht das niemand? Sind sie denn alle blind und taub für das, was in den letzten vierzig Jahren geschehen ist? […]

Sie hatte Angst vor dem Tod – aber noch stärker war die tiefe Sehnsucht, ein Teil davon zu sein, zu diesem Gott gehören zu dürfen. Sie kam sich wie ein kleines Mädchen vor, das sich danach sehnt, von den starken Armen ihres Vaters aus Not und Gefahr gerettet zu werden.“ (S. 126f.)

Sie hat u. a. von einem Ägypter, dessen Vater noch die Zeit der Plagen erlebt hat, von der Macht des israelitischen Gottes gehört, und hat auch den König davor gewarnt, der ihr aber nicht zugehört hat und das alles für Ammenmärchen hält.

Vergleichen wir das mal mit der biblischen Darstellung. Die biblische Rahab sagt später zu den beiden Spionen:

„Ich habe erfahren, dass der HERR euch das Land gegeben hat und dass uns Furcht vor euch befallen hat und alle Bewohner des Landes aus Angst vor euch vergehen. Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser des Roten Meeres euretwegen austrocknen ließ, als ihr aus Ägypten ausgezogen seid. Wir haben auch gehört, was ihr mit Sihon und Og, den beiden Königen der Amoriter jenseits des Jordan, gemacht habt: Ihr habt den Bann an ihnen vollzogen. Als wir das hörten, zerschmolz unser Herz und jedem stockte euretwegen der Atem; denn der HERR, euer Gott, ist Gott droben im Himmel und hier unten auf der Erde. Nun schwört mir beim HERRN, dass ihr der Familie meines Vaters Gnade erweist, wie ich sie euch erwiesen habe, und gebt mir ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr meinen Vater und meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was ihnen gehört, am Leben lasst und dass ihr uns vor dem Tod bewahrt!“ (Jos 2,9-13)

In Mrs. Rivers‘ Darstellung schmilzt den Bewohnern Jerichos nicht angesichts der Macht Gottes das Herz und stockt ihnen nicht der Atem; im Gegenteil, außer Rahab sind sie alle relativ gelassen, vertrauen auf den Schutz durch ihre Stadtmauern und geben nicht viel auf den israelitischen Gott. Sie stehen hier natürlich für moderne Ungläubige. Nur leider entspricht das halt nicht der Bibel.

Außerdem lässt die Autorin Rahab ganz ähnliche Bedenken gegen die kanaanitischen Götter hegen wie Tamar in Band 1: Sie sind „von Menschenhänden gemachte Steinfiguren“ (S. 129) und sie verlangen Kinderopfer. Okay, wenn ich einen Roman über das Thema schreiben würde, würde ich wohl auch an prominenter Stelle die Kinderopfer erwähnen, um darzustellen, was für Leutet die Kanaaniter eigentlich waren. Aber auch hier wirkt Rahab irgendwie zu sehr über ihrer Kultur stehend, zu unabhängig. „Als ob ein ermordetes Kind jemals Glück bringen konnte!“ (S. 132), denkt sie sich; hat ihre Kultur ihr tatsächlich nicht mal Zweifel eingeredet, ob das nicht vielleicht doch manchmal notwendig sein oder helfen könnte, wenn man einen entsprechenden Gott besänftigen will?

Rahab bewundert Gott dafür, dass er ausgerechnet ein versklavtes Volk erwählt und befreit hat und wünscht sich, Jericho verlassen und sich den Israeliten anschließen zu können; allerdings fürchtet sie auch, dass der König dann ihre Familie bestrafen lassen könnte. Und sie hält es auch für unmöglich, dass ihre Familie mit ihr gehen würde: „Ihr Vater glaubte jedes Wort aus dem Mund des Königs; er war es nicht gewohnt, selbstständig zu denken.“ (S. 129) Höre ich hier ein mahnendes „Glaubt nicht alles, was die Regierung und die Mainstreammedien euch erzählen!“ heraus? Rahab hofft außerdem tatsächlich, dass die Israeliten Kundschafter schicken und sie sie erkennen und ihnen helfen kann. Mit ihren Vorausdeutungen ist Mrs. Rivers nicht unbedingt subtil.

In dieser ersten Szene passiert nicht mehr, als dass Rahab, wie gesagt, nachdenklich an ihrem Fenster sitzt, sich vom Hauptmann der Stadtwache verabschiedet, der die Nacht bei ihr verbracht hat, und ein paar Worte mit Männern unter ihrem Fenster wechselt.

Mrs. Rivers hat die für einen spannend sein sollenden Frauenroman naheliegende Entscheidung getroffen, Rahab mit einem der beiden Spione zusammenkommen zu lassen, was die bibelkundige Leserin weiß, sobald die nächste Szene im Lager der Israeliten beginnt. Salmon – Rahabs Zukünftiger, wie wir aus Mt 1,5 schließen können – trainiert zusammen mit seinem Freund Ephraim für den Kampf. Auch hier bekommen wir in dieser ersten Szene erst einmal einige Einblicke in Salmons Erinnerungen und Gedanken, um die Vorgeschichte zu verstehen.

Salmon denkt daran, wie die Israeliten die letzten Jahrzehnte in der Wüste umhergezogen sind, weil sie damals vor vierzig Jahren nicht darauf vertrauen wollten, dass sie das Land erobern könnten (vgl. Num 13-14):

„Salmon war noch nicht auf der Welt gewesen, als Gott das Volk in die Wüste geschickt hatte, aber er war im Schatten dieser Konsequenz aufgewachsen. Wie oft hatte er es gehört, das ‚Hätten wir nur…‘ seines Vaters. ‚Wenn wir nur Josua und Kaleb geglaubt hätten… Hätten wir Gott nur gehorcht, dann würden wir jetzt nicht wie verirrte Schafe durch die Wüste wandern…‘ Wenn es möglich gewesen wäre, Gott mit Jammern zu zermürben – Salmons Vater hätte es geschafft.

Salmon verzog unwillkürlich das Gesicht bei der Erinnerung an das Selbstmitleid seines Vaters, das so stark nach dem alten, rebellischen Unglauben roch. Barmherziger Gott, betete er, bewahre mich davor, auch so zu denken. Mache mich zu dem Mann, als den du mich gedacht hast – einen Mann voller Gehorsam und Entschlossenheit.

Aber es war einfach, über die Fehler der anderen die Nase zu rümpfen. Und hochmütig. Salmon wusste, dass er nicht besser war als der Mann, der ihn gezeugt hatte. Die große Gefahr war, zu weit nach vorne zu schauen. Er musste warten, so wie Josua wartete. Der Herr würde sprechen, wenn der rechte Zeitpunkt da war. Und wenn er redete, hatte Salmon nur die Wahl zwischen Gehorsam und Ungehorsam.“ (S. 134f.)

In der nächsten Szene kommt Josua in Salmons Zelt und fragt ihn, ob er bereit ist, einen gefährlichen Auftrag zu übernehmen. Salmon erklärt sich natürlich sofort bereit und Josua erklärt, dass es darum geht, Jerichos Verteidigungsanlagen und die Stimmung der Menschen dort auszukundschaften. Er lässt Salmon amoritische Kleider und ein Schwert da. „Die Kleider mussten von der Leiche eines getöteten Feindes stammen, denn Salmon sah einen Blutfleck. Er würde vorsichtig sein müssen, wenn er dieses Gewand trug, am besten einen Mantel darüber tragen. Jeder, der den Blutfleck sah, würde ahnen, dass der vorherige Besitzer des Gewandes eines gewaltsamen Todes gestorben war – keine gute Voraussetzung, um unauffällig zu sein.“ (S. 137) Und Kleider kann man natürlich nicht waschen. Für den Job als Spion scheint Salmon eher mäßig geeignet.

Jedenfalls schwimmen Salmon und Ephraim in der nächsten Nacht über den Jordan – d. h., schwimmen können sie als in der Wüste Aufgewachsene eigentlich nicht richtig, aber sie sagen sich, dass sie auf Gott vertrauen müssten und schaffen es irgendwie hinüber – und machen sich auf nach Jericho. Das nächste Kapitel beginnt wieder bei Rahab, die aus ihrem Fenster blickt und die beiden sich dem Stadttor nähernden scheinbaren amoritischen Soldaten beobachtet:

„Aber als sie näher kamen, sah sie, dass sie keinerlei Gepäck dabei hatten, dafür aber die Stadtmauern mit sichtlichem Interesse musterten und sich eifrig gestikulierend unterhielten. Jetzt waren sie fast unterhalb von ihr. Ihre Gesichter waren merkwürdig ernst. Aber das Auffälligste war, dass sie sich keinen Deut für sie zu interessieren schienen. Es gab keinen Soldaten, der nicht ständig Ausschau nach Frauen wie Rahab hielt. […] Vor allem die Amoriter, deren Geilheit sprichwörtlich war.

Ah, jetzt hatten sie sie doch gesehen. ‚Seid gegrüßt, hübschen Freunde!‘ rief sie, ihnen zuwinkend. Sie wandten ihre Gesichter ab. Seltsam.“ (S. 142)

Nicht, dass hier noch jemand denkt, anständige israelitische Spione wären aus gewöhnlichen Gründen bei einer Prostituierten gelandet!

Rahab jedenfalls wird misstrauisch. „Jetzt riss ein Windstoß das Obergewand des Größeren auf. Er zog es hastig wieder zu, aber nicht schnell genug für Rahab. Ein Blutfleck. Aha.“ (S. 143) Schlechteste. Spione. Ever.

Jetzt ist sie sich sicher, israelitische Kundschafter vor sich zu haben. „Ihr wurde mulmig. Wussten die beiden denn nicht, in welcher Gefahr sie waren? Bildeten sie sich wirklich ein, die Torwächter würden sich von ihrer Verkleidung täuschen lassen?“ (S. 144) Sie versucht, die Aufmerksamkeit der beiden zu erregen, und ruft ihnen schließlich zu, sie wisse, was sie wollten, und „Der Jordan ist tief um diese Jahreszeit, nicht wahr?“ (S. 144) Salmon reagiert darauf jetzt doch. Sie ruft, sie werde im Tor auf die beiden warten, rennt hinunter, und verwickelt dort unten erst einmal den Hauptmann, der in der letzten Nacht bei ihr war, einen Mann namens Kabul, in ein Gespräch. Er bemerkt schließlich dennoch, dass sie sich für die beiden amoritischen Soldaten zu interessieren scheint, die jetzt zum Tor gekommen sind, und auch er wird misstrauisch – es seien gefährliche Zeiten, sagt er zu Rahab, das könnten Spione sein, sie hätten so ungewöhnlich kurzes Haar. (Außerdem werden sie so beschrieben, dass sie „sich so auffällig darum bemühten, unauffällig zu erscheinen“ (S. 146). Allerschlechteste. Spione. Ever.) Rahab sagt ihm, er solle noch etwas warten, bevor er zum König schicken lasse, sie wolle sehen, ob sie etwas aus den beiden herausbekommen könnte, falls es Spione seien, er solle ihr eine Stunde Zeit geben; sie würde sie mit Wein abfüllen und ihnen Informationen entocken und er könne dann etwas von der Belohnung haben, die der König ihr geben würde. Er geht darauf ein.

Salmon und Ephraim gelangen also in die Stadt, gehen mit Rahab mit, und in ihrem Haus angekommen, konfrontiert sie sie sofort mit ihrem Wissen, dass sie hebräische Spione seien und lässt sie sich auf dem Dach verstecken. Ein wenig Romantik bekommen wir auch schon. „Sie sah Salmon an, und er fand, dass sie die schönsten Augen hatte, die er je gesehen hatte. Kein Wunder, dass Josua und Kaleb sie so oft vor den fremden Frauen gewarnt hatten.“ (S. 148) Hach.

In ihrem Versteck auf dem Dach streiten die zwei sich ein wenig; der nervöse Ephraim meint, sie hätten diese Hure sofort umbringen und verschwinden sollen, statt sich auf ihrem Dach zu verstecken, und äußert sich abfällig über ihre Tätigkeit. Salmon beruhigt ihn wieder. „Sei ruhig! Wir sind genau dort, wo Gott uns hingestellt hat.“ (S. 149)

Als die Soldaten wiederkommen, begrüßt Rahab sie mit einem „Wärt ihr nur eher gekommen!“ (S. 150) und sagt ihnen, die beiden Männer wären schon wieder gegangen und hätten die Stadt verlassen; sie könnten sie sicher noch erwischen. Kabul wird nicht misstrauisch und marschiert wieder ab.

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(Rahab hilft den beiden Spionen, aus einer Kinderbibel von 1897. Gemeinfrei.)

Rahab geht zu den beiden aufs Dach. Hier sagt sie jetzt doch so etwas Ähnliches, wie in der Bibel steht („Ich weiß, dass Gott der Herr euch dieses Land gegeben hat. Alle zittern vor euch“ (S. 152) usw.), und bittet sie, sie und ihre Familie bei der Eroberung Jerichos zu verschonen. Die beiden versprechen es. Die erleichterte Rahab lädt sie ein, es sich gemütlich zu machen und etwas zu essen, aber Ephraim lehnt sofort ab. Salmon dagegen ist neugierig, was es mit ihr auf sich hat, und lässt sich auf ein Gespräch darüber ein, wie es dazu kommt, dass sie an Gott glaubt. Dabei sagt Rahab auch über die anderen Bewohner Jerichos: „Ja. Sie haben Angst vor euch, wie vor jedem anderen Eroberer. Aber sie begreifen nicht, dass es euer Gott ist, der euch den Sieg gibt.“ (S. 153) Ah ja, so hat sich das vorher nicht angehört.

Zwischen Salmon und Rahab entwickelt sich schon etwas: „Es war überdeutlich, dass sie ihm gefiel. Und ihr ging es andersherum genauso.“ (S. 154) Rahab erklärt, wie gern sie zum Volk der beiden gehören würde. Doch halt! Die Israeliten haben da gewisse Gesetze.

„Salmon sah sie einen Augenblick lang an und sagte dann leise. ‚Es gibt zum Beispiel Gesetze gegen Unzucht und Ehebruch.‘

‚Ephraim fuhr fort: ‚Prostitution ist nicht erlaubt. Wer das missachtet, ist des Todes.‘

Rahab erinnerte sich, wie sie sich aus ihrem Fenster gelehnt und die beiden angesprochen hatte, wie bei Hunderten anderen schon, und die Röte schoss ihr ins Gesicht. Sie ekelte sich plötzlich vor sich selbst. Kein Wunder, dadss die Israeliten so gezögert hatten und ihr Essen nicht wollten.

‚Ich habe mir meinen Beruf nicht ausgesucht‘, sagte sie rasch. ‚Mein Vater brachte mich zum König, als ich noch ein Kind war und…‘ Sie unterbrach sich, als sie Salmons Gesichtsausdruck sah. War es wirklich so wichtig, wie sie zu dem geworden war, was sie war? Dass sie ein Mädchen gewesen war, das keine Wahl hatte – war das eine Entschuldigung dafür, dass sie als erwachsene Frau ihren Beruf beibehalten und sich damit ihre Taschen gefüllt hatte? […] ‚Wenn euer Gott es so hasst, dann höre ich auf.'“ (S. 154f.)

Dass das Gesetz des Mose (zu dessen „schwierigen“ Stellen ich übrigens hier mal was geschrieben habe, wenn es jemanden interessieren sollte) Prostitution mit der Todesstrafe belege, stimmt schlicht nicht. Darin gibt es Gesetze zu Unzucht und Ehebruch, durchaus. Das sechste Gebot lautet „Du sollst nicht die Ehe brechen“. Dann gibt es folgendes Gesetz zur Verführung eines Mädchens: „Wenn jemand ein noch nicht verlobtes Mädchen verführt und bei ihm schläft, dann soll er das Brautgeld zahlen und sie zur Frau nehmen.Weigert sich aber ihr Vater, sie ihm zu geben, dann hat er ihm so viel zu zahlen, wie der Brautpreis für eine Jungfrau beträgt.“ (Ex 22,15f.) Ähnliche Gesetze stehen in Dtr 22, wo es um Ehebruch, Unzucht mit einer bereits Verlobten (was wie Ehebruch zählt), und Vergewaltigung/Verführung einer noch nicht Verlobten geht, und eine Faustregel für die Unterscheidung von Vergewaltigung und konsensualer Unzucht gegeben wird. Es gilt: Todesstrafe für Ehebruch; keine Todesstrafe, sondern Schadensersatz des Mannes an der Frau bei vorehelicher Verführung/Vergewaltigung, entweder durch Heirat oder durch Geld. Allerdings gibt es da auch ein Gesetz, das die Todesstrafe für eine Frau festlegt, bei der der Mann erst irgendwann nach der Eheschließung gemerkt hat, dass sie nicht mehr Jungfrau war, als sie ihn geheiratet hat – vielleicht deshalb, weil er getäuscht wurde, vielleicht steht da auch die Befürchtung dahinter, sie könnte schon bei der Heirat von einem anderen schwanger gewesen sein und ihm ein Kuckuckskind ins Haus gebracht haben, grundsätzlich heißt es im Text einfach: „denn sie hat eine Schandtat in Israel begangen, indem sie in ihrem Vaterhaus Unzucht trieb.“ (Auch eine falsche Beschuldigung wegen vorehelichen Verkehrs soll hier übrigens bestraft werden.) Dann wären da die Bestimmungen von Lev 18 und 20, die Ehebruch, Inzest, homosexuelle Unzucht (interessanterweise nur unter Männern), Verkehr mit einer menstruierenden Frau (wegen der kultischen Reinheit) und Bestialität unter Todesstrafe stellen.*  Zwar heißt es in Lev 19,29 auch noch „Entweih nicht deine Tochter, indem du sie als Hure preisgibst, damit das Land nicht der Hurerei verfällt und voller Blutschande wird!“, aber hier ist keine Strafe vorgeschrieben. Die Tempelprostitution wird auch verboten. „Unter den Frauen Israels soll es keine Geheiligte geben und unter den Männern Israels soll es keinen Geheiligten geben. Du sollst weder Dirnenlohn noch Hundegeld in den Tempel des HERRN, deines Gottes, bringen. Kein Gelübde kann dazu verpflichten; denn auch diese beiden Dinge sind dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel.“ (Dtr 23,18f.) Aber Rahab ist ja keine Tempelprostituierte, und auch hier: keine konkrete Strafe. Lev 21,7 legt zwar bzgl. der Priester fest: „Sie dürfen weder eine Dirne noch eine Entweihte noch eine Frau heiraten, die ihr Mann verstoßen hat; denn der Priester ist seinem Gott geheiligt.“ Aber gerade das impliziert ja, dass Dirnen (die nicht einen Mann heirateten, dem sie vorschwindelten, Jungfrau zu sein) nicht mit dem Tod bestraft wurden, sondern relativ unbehelligt in Israel lebten.

Mrs. Rivers, das mit dem Bibellesen üben wir noch mal! Natürlich stimmt es, dass Unzucht nicht gern gesehen war, aber bei normaler, heterosexueller, nicht-ehebrecherischer, nicht-inzestuöser, nicht gegen Reinheitsbestimmungen verstoßender Unzucht/Prostitution war man mit den Strafen nicht so streng wie bei anderen Formen.

Nachdem sie noch mit Rahab verabredet haben, dass sie ein rotes Seil aus dem Fenster hängen lassen soll, damit sie erkennen können, welches Haus sie verschonen müssen, lassen Salmon und Ephraim sich an eben diesem Seil aus dem Fenster hinunter.

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(Rahab und die beiden Gesandten Josuas, von einem unbekannten Maler, Italien, 17. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Sie gehen dann auf Rahabs Rat hin in die nahen Berge und verstecken sich dort drei Tage, bis nicht mehr nach ihnen gesucht wird.

Rahab währenddessen schließt sich vor allen ab. „Sie erklärte ihm [Kabul], dass sie sich nicht gut fühle. Das war keine Lüge. Ihr war wirklich schlecht – wegen ihm, wegen des Lebens, das sie führte, wegen der Erkenntnis, dass bald alle in dieser Stadt tot sein würden.“ (S. 158) Der König hat sie zwar wegen der Spione befragt, ihre Lügen aber geglaubt; diese Szene bekommen wir übrigens nicht mit, sondern bloß rückblickend in zwei Sätzen zusammengefasst. Mrs. Rivers ist schon etwas faul; man erfährt auch nicht mehr viel über die Zustände in der Stadt oder irgendwelche anderen Einwohner Jerichos – abgesehen von Rahabs Familie, die sie jetzt kontaktiert.

Ihr Vater ist ein nicht besonders wohlhabender Bauer, und sie hat zwei Brüder und zwei Schwestern, die alle verheiratet sind und Kinder haben. Sie lädt zunächst ihren Vater und ihre beiden Brüder Mizraim und Jobab zu sich ein, um ihnen zu erklären, was sie getan hat. Zuerst sind vor allem ihre Brüder alles andere als erfreut. Rahab hält ihnen eine ausführliche Predigt: „‚Wir sind all die Jahre vor den Baalen niedergefallen und haben gedacht, sie seien die Herren des Landes. Aber das Land gehört dem Gott da draußen, und er wird es sich nehmen!‘ Sie lachte tonlos. ‚Bildet ihr euch ein, uns könne nichts passieren, weil wir den Götzenbildern Opfer gebracht haben, die wir uns selbst gemacht haben? […] Alles gehört ihm, und er kann dieses Land und alles, was darin ist, geben wem er will.'“ (S. 162) Ich wünschte, Andersgläubige würden öfter durch bloßes Hörensagen so akkurate theologische Kenntnisse erwerben, und dann auch noch gleich den Jargon übernehmen („Götzenbilder“). Die Autorin lässt Rahab ihre Überzeugung folgendermaßen begründen:

„‚Jedes Mal, wenn ich etwas über ihn [Gott] vernommen habe, habe ich eine… Gewissheit gespürt. Ich kann es nicht erklären, aber ich weiß, dass dies Gott ist – der einzige Gott. Und ich habe beschlossen, meinen Glauben und meine Hoffnung auf ihn zu setzen.‘ Sie lehnte sich zurück und sah die anderen an. ‚Ihr müsst selbst entscheiden, ob ihr das Leben oder den Tod wählen wollt.‘

‚Wir wählen das Leben‘, antwortete ihr Vater.“ (S. 163f.)

Die Einwände von Rahabs Brüdern in diesem Gespräch bewegen sich alle auf der Ebene von „Was, wenn der König das herausfindet“, „Unsere Mauern sind doch stark“, Woher willst du wissen, dass du diesen Spionen vertrauen kannst“ – kein einziger moralischer Einwand im Sinne von „Wir müssen für unser Volk kämpfen“ taucht auf. Das könnte zwar irgendwo Sinn machen – wenn man weiß, dass man sowieso verlieren wird, ist auch die Pflicht zum Kampf nicht mehr so wirklich da -, aber dennoch hat es etwas Unrealistisches. So ganz unproblematisch ist Rahabs Handeln ja aus kanaanitischer Sicht nicht – sehr untertrieben ausgedrückt.

Denken wir uns mal eine moderne Parallele; nehmen wir dafür einen Krieg, bei dem es für alle einsichtig und unumstritten ist, wer die Guten und wer die Bösen sind. Sagen wir, eine Deutsche hilft im Zweiten Weltkrieg englischen Spionen und erfährt durch sie von einem bevorstehenden Bombenangriff auf ihre Stadt, sodass sie und ihre Familie diese rechtzeitig verlassen und den Bomben entgehen können. (Irgendwie gefällt mir das Beispiel, denn auch hier muss der Bombenangriff speziell nicht moralisch gerechtfertigt sein, auch wenn die Kriegserklärung der Engländer an Deutschland das grundsätzlich war – genauso, wie es bei Rahabs Geschichte grundsätzlich egal ist, ob man die Bibel so interpretiert, dass Gott eindeutig direkt selber befohlen habe, alle Kanaaniter inklusive Frauen, Kinder, Alte auszurotten, oder die Israeliten das auf dieser Stufe der Offenbarung halt so verstanden hätten.**) Auch in diesem Fall würden die Angehörigen dieser „Verräterin“ ihr vermutlich erst mal vorhalten, sie habe ihr Volk verraten, und sie müssten für Deutschland kämpfen, usw.

Am Ende dieses Gesprächs kommt eine etwas lächerliche Stelle. Rahabs Bruder fragt:

„Wir sind zwanzig Menschen, Rahab. Wie willst du uns alle unterbringen – uns und den Proviant, den wir [gemeint: während der Belagerung] brauchen werden?“ (S. 164)

Weil es ja offensichtlich so schwierig ist, zwanzig Menschen in einem Haus unterzubringen! Die Antwort lautet:

„Oh, Mizraim, du sorgst dich um so viele Dinge – darum, was du essen und wo du schlafen wirst. Aber nur eins ist wirklich wichtig: Folge den Anweisungen! Wenn du überleben willst, pack deine Sachen und komm in mein Haus.“ (Ebd.)

Man könnte es auch ein bisschen unauffälliger machen, als Rahab ein zusammengestoppeltes Zitat aus der Bergpredigt (Mt 6,25.31) und der Marta-und-Maria-Geschichte (Lk 10,41f.) in den Mund zu legen. Mrs. Rivers nimmt ihren Predigtauftrag wirklich sehr ernst.

Aber zurück zu Salmon und Ephraim. Die beiden haben es zurück ins israelitische Lager geschafft und erstatten Josua und Kaleb Bericht. Sie stellen fest, dass ihr Bericht eigentlich gar nicht mehr nötig war; in der Zwischenzeit hat Gott bereits zu Josua gesprochen und alles ist entschieden; sie werden in drei Tagen den Jordan überqueren. Salmon jedoch ist nicht etwa enttäuscht deswegen: „Er hatte den Eindruck, dass er und Ephraim aus einem ganz anderen Grund nach Jericho gesandt worden waren, einem Grund, den nur der Herr selbst gekannt hatte. Vielleicht hatten sie Rahab finden und die Tür zu ihrer Rettung öffnen sollen.“ (S. 167) Als sie von Rahab erzählen, erklären sich Josua und Kaleb einverstanden mit der Abmachung.

„Josuas Augen wurden schmaler. ‚Und habt ihr diesen Eid geschworen?‘

Salmon spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Hatte er vielleicht eigenmächtig gehandelt und den Willen Gottes übertreten? ‚Wenn ich falsch gehandelt habe, bete ich darum, dass Gott, der Herr, allein mich zu Rechenschaft ziehen und diese Frau nicht bestrafen wird. Ja, wir haben vor dem Herrn, unserem Gott, geschworen, dass jeder, der in Rahabs Haus ist, verschont wird.‘

‚Dann wird es so sein‘, sagte Josua.“ (S. 166)

Schön gesagt. Kaleb trägt Salmon und Ephraim auf, bei der Eroberung für die Sicherheit von Rahab und ihrer Familie zu sorgen.

Nachdem Josua und Ephraim gegangen sind, spricht Salmon noch weiter mit Kaleb über Rahab:

„‚Sie will eine der Unseren werden.‘ Salmon überlegte kurz. Doch, es war das Beste, wenn er seine Gefühle vor Kaleb offenlegte und um Rat bat. ‚Und ich… ich möchte diese Frau in mein Zelt führen.'“ (S. 167)

Na, das geht ja mal wirklich fix.

Kaleb ist erst ein bisschen skeptisch, rät von Eile ab.

„Kaleb schüttelte den Kopf, halt amüsiert, halb sorgenvoll. ‚Es sind immer die heidnischen Frauen, die unsere Männer von Gott wegziehen.‘

‚Rahab ist keine Heidin!‘

‚Sie ist eine Kanaaniterin.‘

‚Diese Frau hat mehr Glauben an den Tag gelegt als mein Vater und meine Mutter. Aber zählen wir doch gleich alles auf, was gegen sie spricht: Sie ist älter als ich, und sie hat sich ihr Brot als Hure verdient.‘

In Kalebs Augen war ein merkwürdiges Leuchten. ‚Und eine solche Frau willst du dir zur Ehefra wählen?‘

‚Rahab ist tatsächlich etwas Besonderes.‘

Kaleb schürte das Feuer mit einem Stock. ‚Vielleicht ist sie nur eine raffinierte Lügnerin, die ihr eigenes Volk verrät, um ihre Haut zu retten.‘

‚Aber wer ist ihr Volk?‘

Kaleb hob seine Hand, wie um Salmons Worte wegzuwischen. Salmon sprach rasch weiter. ‚Du und Josua, ihr habt mich gelehrt, in allem nach Gottes Willen zu fragen. Hilf mir, ihn zu finden, was diese Frau angeht!‘

Kaleb atmete langsam aus und rieb sich mit beiden Händen über sein Gesicht. ‚Josua hat dir bereits seine Anweisungen gegeben. Du wirst für die Sicherheit dieser Frau und all derer sorgen, die zu ihr gehöre. Und wenn du willst, wird sie als Kriegsbeute dir gehören.'“ (S. 168)

Kriegsbeute? Wie kommen wir jetzt aufs Thema Kriegsbeute? Rahab ist eine Verbündete, mit der es eine friedliche Vereinbarung gab, in der nie von „Kriegsbeute“ die Rede war!

„Salmons Herz schlug heftig. Es fühlte sich an, als habe Kaleb ihm gerade ein kostbares Geschenk überreicht, so kühl seine Worte auch klangen.

Der  Ältere ließ seine Hände sinken. ‚Du solltest sie und ihre Familie allerdings zunächst draußen vor dem Lager lassen. Vielleicht will sie gehen und die Ihren mitnehmen.‘

‚Sie möchte eine von uns werden.‘

‚Wie kannst du da so sicher sein?‘

Salmon hockte sich hin. ‚Ich habe ihre Augen gesehen und ihre Worte gehört.'“ (S. 168f.)

Er erklärt seine Überzeugung, dass Gott ihn und Ephraim nach Jericho geschickt hat, damit Rahab gerettet wird. Kaleb warnt ihn davor, Gott seine eigenen Wünsche in den Mund zu legen. Aber Salmon hat noch mehr Argumente parat:

„‚Seit ich ein kleiner Junge war, hast du mich die Wahrheit gelehrt und sie vor meinen Augen ausgelebt. Eines ist mir immer ganz klar gewesen: Gott hat uns nicht aus Ägypten befreit, weil wir so gut gewesen wären oder die Freiheit verdient hätten, sondern er hat uns aus Gnade gerettet.‘ Salmon breitete seine Hände aus. ‚Und will der Herr seine Gnade nicht jedem geben, der sich danach sehnt, zu ihm zu gehören? Ich habe diese Sehnsucht in Rahabs Augen gesehen, ich habe sie davon reden gehört. Sie glaubt, dass der Herr Gott ist, und sie hat ihre Treue zu ihm darin gezeigt, dass sie uns das Leben gerettet hat.'“ (S. 169)

Denken Sie dran, meine Damen, sola gratia und sola fide!

Kaleb mahnt wieder zur Geduld. Der verliebte Salmon unterbreitet ihm noch eine ziemliche Schnapsidee: „Wenn jemand in der Stadt herausfindet, dass sie Ephraim und mir geholfen hat, bleibt sie vielleicht nicht lange genug am Leben, dass wir sie retten können. Ob ich wohl zurückgehen sollte?“ (S. 170) Jemand müsste Salmon mal erklären, dass das wohl viel eher irgendjemand herausfinden würde, wenn er noch einmal versuchen würde, in die Stadt und zu Rahab zu kommen, und sich dabei vor allem noch einmal so blöd anstellen würde. Das Spionagehandwerk hat der junge Mann echt nicht drauf. Kaleb tut das nicht, sondern sagt ihm einfach, Gott werde Rahab retten, wenn das Sein Plan sei. Salmon bittet um Vergebung für seinen Unglauben. Aber noch einmal versucht er, Kalebs Segen für seine Pläne zu bekommen:

„‚Dann wärst du also nicht dagegen, dass ich Rahab in mein Zelt führe?‘

Kaleb sah ihn halb mitleidig an. ‚Es wäre weise, wenn du erst einmal abwartest, was sie darüber denkt. Wenn Gott sie aus Jericho errettet, wird sie zu entscheiden haben, was sie mit dem Leben anfängt, dass [sic] er ihr geschenkt hat.‘ Er zwinkerte Salmon zu. ‚Wenn sie so klug ist, wie du sagst, wird sie vielleicht einem älteren Mann den Vorzug geben.

Salmon lachte, alle Anspannung auf einmal wie weggeblasen. Hatte Kaleb ihn nur testen wollen? ‚Vorhin hast du gesagt, dass sie mir als Kriegsbeute gehört.‘

Kaleb lachte mit. ‚Ja, das stimmt, aber eine Frau mit so viel Glauben und Mut wird ihren eigenen Kopf haben.'“ (S. 171)

Ähm, dann hätten wir das Thema Kriegsbeute auch einfach weglassen können.

„Er legte eine Hand auf Salmons Schulter, sein Blick wurde wieder ernst. ‚Wenn der Kampf vorbei ist, wird Josua über ihr Schicksal entscheiden, und ihre Gründe werden auf die Probe gestellt werden.‘ Er ließ ihn los. ‚Wenn sie so ist, wie du sagst, brauchst du dich nicht um das Ergebnis zu sorgen.‘

Salmon war nicht zufrieden. Er hatte eine eindeutige Antwort gewollt und stattdessen die Anweisung bekommen zu warten.

Würde Rahab sich als die Frau erweisen, für die er sie hielt? Wenn nicht, würde ihm die Aufgabe zufallen, dafür zu sorgen, dass sie sich von Israel fernhielt.“ (Ebd.)

Und damit endet das Kapitel. Hat diese Liebe eine Chance? Sie werden es erfahren…

 

* „Ihr sollt nicht tun, was man in Ägypten tut, wo ihr gewohnt habt; ihr sollt nicht tun, was man in Kanaan tut, wohin ich euch führe. Ihre Satzungen sollt ihr nicht befolgen. […] Niemand von euch darf sich einer Blutsverwandten nähern, um ihre Scham zu entblößen. Ich bin der HERR. [Bestimmungen über die Grade der Verwandtschaft, die Inzest zu einem Verbrechen machen.] Die Scham einer Frau und gleichzeitig die ihrer Tochter darfst du nicht entblößen; weder die Tochter ihres Sohnes noch die Tochter ihrer Tochter darfst du nehmen, um ihre Scham zu entblößen. Sie sind leiblich verwandt, es wäre Blutschande. Du darfst neben einer Frau nicht auch noch deren Schwester heiraten; du würdest sie zur Nebenbuhlerin machen, wenn du zu Lebzeiten der einen die Scham der anderen entblößt. Einer Frau, die wegen ihrer Regel unrein ist, darfst du dich nicht nähern, um ihre Scham zu entblößen. Mit der Frau deines Mitbürgers darfst du nicht schlafen; du würdest durch sie unrein. Von deinen Nachkommen darfst du keinen hingeben, um ihn für Moloch hinübergehen zu lassen. Du darfst den Namen deines Gottes nicht entweihen. Ich bin der HERR. Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel. Keinem Vieh darfst du beiwohnen; du würdest dadurch unrein. Keine Frau darf vor ein Vieh hintreten, um sich mit ihm zu begatten; das wäre eine schandbare Tat. Ihr sollt euch nicht durch all das verunreinigen; denn durch all das haben sich die Nationen verunreinigt, die ich vor euch vertreibe.“ (Lev 18,3.6.17-24) „Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin. Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Schläft einer mit seiner Schwiegertochter, so haben beide den Tod verdient. Sie haben eine schändliche Tat begangen, ihr Blut kommt auf sie selbst. Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Heiratet einer eine Frau und ihre Mutter, so ist das Blutschande. Ihn und die beiden Frauen soll man verbrennen, damit es keine Blutschande unter euch gibt. Ein Mann, der einem Tier beiwohnt, hat den Tod verdient und das Tier sollt ihr töten. Nähert sich eine Frau einem Tier, um sich mit ihm zu begatten, dann sollst du die Frau und das Tier töten. Sie haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Nimmt einer seine Schwester, eine Tochter seines Vaters oder eine Tochter seiner Mutter und sieht ihre Scham und sie sieht die seine, so ist es eine Schandtat. Sie sollen vor den Augen der Angehörigen ihres Volkes ausgemerzt werden. Er hat die Scham seiner Schwester entblößt; er muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit einer Frau während ihrer Regel schläft und ihre Scham entblößt, hat ihre Blutquelle aufgedeckt und sie hat ihre Blutquelle entblößt; daher sollen beide aus ihrem Volk ausgemerzt werden. Die Scham der Schwester deiner Mutter oder der Schwester deines Vaters sollst du nicht entblößen; denn wer seine eigene Verwandte entblößt, muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit seiner Tante schläft, hat die Scham seines Onkels entblößt. Sie müssen die Folgen ihrer Sünde tragen; sie sollen kinderlos sterben. Nimmt einer die Frau seines Bruders, so ist das Befleckung. Er hat die Scham seines Bruders entblößt; sie sollen kinderlos bleiben.“ (Lev 20,10-21)

** Ich habe hier mal eher für letzteres plädiert – grob gesagt, mit der „Das-ist-Altes-Testament“-Begründung – und würde das immer noch für eine mögliche Interpretation halten, neige aber selber inzwischen eher zu ersterem. Grundsätzlich gilt ja: Das Leben ist ein ungeschuldetes Geschenk von Gott, weshalb Er es uns prinzipiell nehmen kann, und prinzipiell auch andere dazu delegieren kann, es zu nehmen (selbst, wenn wir annehmen, dass Er das selten tun wird); natürlich kann Gott nichts in sich Böses tun oder befehlen – z. B. Folter oder Lüge – aber jemanden zu töten ist nichts in sich Böses, sondern nur etwas, zu dem Menschen unter normalen Umständen kein Recht haben, weil wir nicht Gott spielen dürfen. Und schließlich werden die unschuldigen Kanaaniter, die bei der Landnahme getötet wurden, inzwischen im Himmel sein. (Oder höchstens vielleicht noch im Fegefeuer. Bitte alle mal ein Ave Maria für sie beten.) Prinzipiell sah es nach dem Auszug aus Ägypten so aus: Gott wollte Seinem aus der Sklaverei befreiten heimatlosen Volk eine Heimat geben; in dem ihnen versprochenen Land saßen noch die Kanaaniter, die, nun, ein wirklich ziemlich verkommenes Volk waren, mit Kinderopfern und Tempelprostitution und Totenbeschwörung zur Wahrsagerei und was weiß ich noch allem. Gott wusste, dass die Israeliten, wenn sie z. B. nur einen Teil des Gebiets erobern, mit einigen kanaanitischen Städten Frieden schließen, Kriegsgefangene am Leben lassen und als Sklaven halten, Götzenbilder als Beute rauben würden usw., sich wohl zumindest teilweise auch von kanaanitischen religiösen Vorstellungen anstecken lassen würden („vielleicht gibt es Baal und Moloch ja doch, seien wir mal lieber vorsichtig, und bringen ihnen die Opfer dar, die sie fordern“). Deshalb befahl Er vielleicht tatsächlich direkt den „Bann“ (oder die „Vernichtungsweihe“ oder wie das in verschiedenen Bibelübersetzungen so heißt) – alle töten, auch die Frauen, auch die Kinder, selbst das Vieh, alles niederbrennen, keine Beute übrig lassen. Das führten die Israeliten übrigens laut den biblischen Schriften nicht immer so vorschriftsmäßig aus – und das Ergebnis war genau diese Ansteckung mit dem Heidentum. Ein Paradebeispiel dafür ist König Saul (vgl. 1 Sam 15, und das folgende Debakel mit seinen Taten etwa in 1 Sam 28 und 1 Sam 31). Ich will hier auch noch einen Kommentar, der hier mal bei mir von Nepomuk hinterlassen wurde, zitieren: „Ich kann natürlich nicht ausschließen, daß Gott gewissermaßen ‚Hintergedanken‘ hatte, die z. B. so gelautet hätten haben können (der Herr möge entschuldigen, daß ich das in saloppe Worte kleide): ‚Hm, Ich hab jetzt unter anderem zwei Möglichkeiten. Die Kanaaniter müssen, so wie sie jetzt sind, irgendwie weg; das steht fest. Nach Lage der Dinge wird Mein Volk hier einfallen, ein riesiges Gemetzel unter ihnen anrichten, sich mords gegen sie und gegen Mich versündigen, und ein riesiges Gemetzel unter sich selbst anrichten, der Verteilung der Beute wegen – oder Ich befehl‘ ihnen *gleich*, die Stämme und insbesondere ihren ganzen Besitz zu vernichten – *Ich* darf das ja – und das erspart zum einen die Sünden, die sie bei ihrem Gemetzel sonst begehen würden, und zum anderen den Zwist hernach wegen der Beute.‘ (Jetzt, wo ich das so formuliere, kommt mir das sogar wahrscheinlich vor.)“  Wie gesagt: Man kann diese alttestametlichen Stellen auch noch anders lesen, aber das ist so die direkte, naheliegende Lesart.

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Der Monogenismus und die Genforschung – Oder: Stammen wir von einem Adam und einer Eva ab?

Ich habe vor längerer Zeit ausführlich darüber geschrieben, wie sich die biblische Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte mit der Evolutionstheorie vereinbaren lässt. Das ist im Allgemeinen ein alter Hut; auf ein spezielles Problem bin ich dabei aber nicht eingegangen, deswegen hole ich das heute nach: Ist es aus wissenschaftlicher Sicht – insbesondere aus Sicht der Genforschung – möglich, dass wir von nur einem ursprünglichen Menschenpaar abstammen? Oder muss die Population von Frühmenschen, die erstmals genuin „menschlich“ im philosophischen Sinn gewesen ist, größer gewesen sein? Was würde dann aus Adam, Eva und einem historischen Sündenfall? Dazu möchte ich einfach einen Auszug aus dem Aufsatz „Science, Theology and Monogenesis“ von Kenneth W. Kemp, der 2011 im American Catholic Philosophical Quarterly, Band 85, Nr. 2, erschienen ist und hier im Original heruntergeladen werden kann (es lohnt sich, ihn ganz zu lesen!), hier übersetzen:

Theologen, die die Frage des Ursprungs der Menschheit diskutierten, unterschieden traditionell drei logischerweise mögliche Alternativen. Diese Alternativen können verdeutlicht werden, indem man zwei Fragen unterscheidet.

Die erste lautet, ob der Mensch an einem Ort oder unabhängig voneinander an mehreren verschiedenen Orten entstand. Diese zwei möglichen Darstellungen der Anthropogenese nennen sich Monophyletismus und Polyphyletismus.

Die monophyletische Antwort auf die erste Frage bringt eine zweite Frage auf: Gab es ein einziges ursprüngliches Menschenpaar, von dem alle späteren Menschen abstammen, oder kann der Ursprung der menschlichen Rasse nur zu einer ursprünglichen Gruppe von mehr als zwei Personen zurückverfolgt werden? Diese Alternativen nennen sich „Monogenismus“ und „Polygenismus“.

 Die traditionelle christliche Präferenz des Monogenismus (und die folgende völlige Ablehnung des Polyphyletismus) hatte zwei Gründe. Für einige Christen beruht die Verteidigung der These direkt auf einigen Passagen der Schrift. In der katholischen Tradition wurde allerdings die Betonung viel mehr darauf gelegt, dass der Monogenismus die einzige Sicht sei, die mit der Lehre von der Erbsünde vereinbar sei.

[…]

Eine Darlegung der Erbsündenlehre kann mit dem beginnen, was G. K. Chesterton einmal „den einzigen Teil der christlichen Theologie, der wirklich bewiesen werden kann“ genannt hat, nämlich:

(P1) Alle Menschen leben jetzt in einem Zustand der Erbsünde – sie leiden an einer Schwierigkeit, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden, einer Neigung zu Ungerechtigkeit, Schwäche angesichts des schwierigen Guten, und Konkupiszenz.

Aber die Lehre sagt etwas mehr als das. „Die menschliche Rasse“, wie Kardinal Newman es ausgedrückt hat, „ist verwickelt in eine fürchterliche ursprüngliche Katastrophe. Sie ist nicht mehr im Einklang mit den Absichten ihres Schöpfers.“ Das Herzstück der Lehre kommt also in der Erklärung von P1:

(P2) Gott beabsichtigte, dass der Mensch in einem Zustand der ursprünglichen Gerechtigkeit leben sollte.

(P3) Die ersten menschlichen Wesen zerstörten Gottes Absicht durch einen frei gewählten Akt, die Ursünde.

Sowohl P1 als auch P3 werden „original sin“ [im Deutschen unterscheidet man Erbsünde und Ursünde] genannt, wobei sie im Lateinischen mit mit den Ausdrücken peccatum originale originans für P3 und peccatum originale originatum für P1 unterschieden werden. Was genau ist der Zusammenhang zwischen der Ursünde unserer Vorfahren und dem Zustand der Erbsünde, in dem wir uns alle (sogar Kinder, die zu jung sind, um jemals eine eigene persönliche Sünde begangen zu haben) wiederfinden?

Der locus classicus zu dieser Frage ist der Römerbrief des heiligen Paulus (bei 5,12) […].

Diese Stelle betont klar den Schaden, den Adams Sünde uns allen angetan hat. Das heißt, sie postuliert eine historisch reale Ursünde (peccatum originale originans), um den Zustand der Erbsünde (peccatum originale originatum) zu erklären, der jeden Menschen vom ersten Augenblick seiner Existenz an befällt. Was auch immer man von dieser Stelle hält, die Lehre der Kirche wurde klar beim Konzil von Trient (1545-1563) ausgedrückt – die Schuld dieser Sünde wird von uns allen geerbt. [In der dt. Übersetzung des Dekrets heißt es genau genommen: „‚Wer behauptet, die Übertretung Adams habe nur ihm und nicht seiner Nachkommenschaft geschadet‘, die von Gott empfangene Heiligkeit und Gerechtigkeit, die er verloren hat, habe er nur für sich und nicht auch für uns verloren; oder er habe, befleckt durch die Sünde des Ungehorsams, ’nur den Tod‘ und die Strafen ‚des Leibes auf das ganze menschliche Geschlecht übertragen, nicht aber auch die Sünde, die der Tod der Seele ist‘: der sei mit dem Anathema belegt, ‚da er dem Apostel widerspricht, der sagt: ‚Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen, und durch die Sünde der Tod, und so ging der Tod auf alle Menschen über; in ihm haben alle gesündigt‘ [Röm 5,12]‘.“] Das Konzil sagt weiterhin:

„diese Sünde Adams, die ihrem Ursprung nach eine ist und, durch Fortpflanzung, nicht durch Nachahmung übertragen [wird], [wohnt] allen – einem jeden eigen – inne[…]“

Das gibt uns, was wir brauchen, um die Kraft des Arguments von [Papst] Pius [XII. in Humani Generis 37, dass der Polygenismus nicht mit dem katholischen Glauben vereinbar sei] zu sehen. Wenn:

(P4) „ihrem Ursprung nach eine“ bedeutet „als eine Tat begangen“; und

(P5) „durch Fortpflanzung“ bedeutet „durch biologische Abstammung“; und

(P6) der Ursprung des Menschen polygenetisch (oder polyphyletisch) wäre;

würde daraus folgen, dass

(P7) Adams Zeitgenossen (und vielleicht einige ihrer Nachkommen) Menschen frei von Erbsünde gewesen wären.

Da die Ablehnung von P7 klar vom Konzil von Trient beabsichtigt ist, und P4 und P5 immer vernünftige Interpretationen dessen zu sein schienen, was die tridentinischen Väter meinten, lehnte Papst Pius P6 als unvereinbar mit der Erbsündenlehre ab.

Theologische Schlussfolgerung. Diese katholische Darstellung der Erbsünde also, wenn nicht der Text von Genesis 2-4, schien für viele eine monogenetische Darstellung der Ursprünge der menschlichen Rasse zu erfordern.

[Es werden naturwissenschaftliche Argumente für den Monophyletismus und gegen den Monogenismus angeführt; so ganz geklärt scheint die Frage nicht zu sein, aber die Indizien deuten offenbar auf Monophyletismus und Polygenismus hin.]

[Es werden Ideen liberaler Theologen zur Neuinterpretation der Erbsündenlehre vorgestellt, um sie mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu vereinbaren.]

Natürlich, wenn eine dieser revisionistischen Deutungen der Erbsünde haltbar wäre, würde das Problem verschwinden. Ich beabsichtige nicht, hier im Detail zu zeigen, dass sie falsch sind. Ich werde meine Besorgnis über diese Herangehensweisen darauf beschränken, zu erwähnen, dass sie das rechtgläubige Verständnis (wenn nicht die Praxis als solche) der Kindertaufe in Frage stellen. […]

Es genügt für meine Zwecke, zu zeigen, dass diese neuen Deutungen nicht nötig sind, um die Fakten der Paläoanthropologie anzunehmen. Sie müssen, wenn sie das können, durch andere Gründe überzeugen.

Eine Unterscheidung und ein Fazit. Zum Glück ist eine andere Lösung möglich. Der Grund dieser Lösung wurde von Andrew Alexander CJ gelegt, der vor einigen Jahren die Idee verteidigte, dass „während es wahr ist, dass alle Menschen von Adam abstammen, die Rasse dennoch einen breiten Ursprung hat“. Was Alexanders Analyse zu Grunde liegt, ist eine Unterscheidung, die er nie in genau diesen Begriffen trifft, zwischen dem Menschen als theologischer Spezies und dem Menschen als biologischer Spezies. Man sollte von diesen beiden unterscheiden, was Alexander nicht tut, was man die philosophische Spezies nennen könnte.

Die biologische Spezies ist die Population von Individuen, die sich miteinander fortpflanzen können.

Die philosophische Spezies ist das vernunftbegabte Wesen, d. h. eine natürliche Art, die durch die Fähigkeit zum konzeptionellen Denken, Urteilen, Vernunftüberlegungen und freien Entscheidungen charakterisiert ist. Der hl. Thomas von Aquin legt dar, dass eine bestimmte Art von Körper für Vernunftaktivität notwendig, aber nicht ausreichend sei. Vernunftaktivität erfordert darüber hinaus die Präsenz einer rationalen Seele, etwas, das mehr als die Kraft irgendeines körperlichen Organs ist, und das daher nur, in jedem einzelnen Fall, durch ein schöpferisches Wirken Gottes entstehen kann.

Die theologische Spezies ist, in Erweiterung dessen, die Ansammlung der Individuen, die für die Ewigkeit bestimmt sind. Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt: „Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen.“ Die menschliche Vernunftbegabung ist vermutlich eine notwendige Bedingung für eine solche Freundschaft. Es ist allerdings nicht klar, ob das Angebot einer solchen Freundschaft eine logische Konsequenz der Vernunftbegabung ist. Vermutlich ist das Angebot (ein Angebot, das in sich die Spezies theologisch distinkt macht) ein separater, freier Akt Gottes, vielleicht von seiner Gutheit gefordert, aber nicht in irgendeinem strikteren Sinne notwendig. In jedem Fall sind die beiden menschlichen Attribute zumindest dem Konzept nach voneinander unterscheidbar.

Die Unterscheidung zwischen dem biologischen Spezieskonzept und dem theologischen ist wichtig, da sie nicht notwendigerweise deckungsgleich sind. Zwei Individuen, eins im theologischen Sinne menschlich und das andere nicht, würden solange Mitglieder derselben biologischen Spezies bleiben, wie sie miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen könnten. Während es mit Sicherheit ein theologischer Irrtum wäre, irgendwelche jetzt lebenden Mitglieder der biologischen Spezies von der philosophischen oder theologischen Spezies ausschließen zu wollen (d. h. zu behaupten, dass ihnen vernunftbegabte Seelen fehlen würden, oder dass sie nicht unter denen wären, denen Gott seine Freundschaft angeboten hat), kann es keinen theologischen Einwand gegen die Behauptung geben, dass ein (oder zwei) Mitglieder einer prähistorischen, biologisch (d. h. genetisch) menschlichen Spezies ausreichend verschieden von den anderen gemacht wurden, dass sie eine neue theologische Spezies darstellen, z. B. indem ihnen vernunftbegabte Seelen und ein ewiges Schicksal gegeben wurden.

[…]

Diese Darstellung kann mit einer Population von ungefähr 5000 Hominiden beginnen [eine Zahl, die von manchen Genforschern genannt wird], Wesen, die in vielerlei Hinsicht wie Menschen sind, aber denen die Fähigkeit zum intellektuellen Denken fehlt.

Aus dieser Population erwählt Gott zwei und stattet sie mit einem Intellekt aus, indem er ihnen rationale Seelen schafft, und gibt ihnen zum selben Zeitpunkt jene übernatürlichen Gaben, die die ursprüngliche Gerechtigkeit ausmachen. Nur Wesen mit rationalen Seelen (mit oder ohne die übernatürlichen Gaben) sind wahrhaft Menschen. Die beiden ersten theologisch menschlichen Wesen missbrauchen allerdings ihren freien Willen, um eine Sünde (die Ursünde) zu begehen, verlieren dabei die übernatürlichen Gaben, allerdings nicht das Angebot der göttlichen Freundschaft, wodurch sie theologisch (nicht nur philosophisch) von ihren lediglich biologisch menschlichen Vorfahren und Vettern unterschieden bleiben. Diese ersten wahren Menschen haben auch Nachkommen, die sich zu einem gewissen Grad weiterhin gemeinsam mit den nicht-vernunftbegabten Hominiden fortpflanzen, unter denen sie leben. Wenn Gott jedes Individuum, das auch nur einen einzigen menschlichen Vorfahren hat, mit einem eigenen Intellekt ausstattet, würden eine leidliche Rate des reproduktiven Erfolgs und ein leidlicher selektiver Vorteil leicht innerhalb von drei Jahrhunderten eine nicht-vernunftbegabte Hominidenpopulation von 5000 Individuen mit einer philosophisch (und, wenn die zwei Konzepte deckungsgleich sind, theologisch) menschlichen Population ersetzen. Während diesem Prozess würden alle theologisch menschlichen Wesen von einem einzigen menschlichen Paar abstammen (in dem Sinne, dass sie dieses Paar unter ihren Vorfahren hätten), ohne dass es je eine Flaschenhals-Situation [biologischer Fachbegriff aus dem ausgelassenen Textteil; steht für eine vorübergehende starke Reduzierung einer Population (z. B. durch Naturkatastrophen), die danach wieder wächst] in der menschlichen Spezies gegeben hätte.

[…]

Diese Theorie ist monogetisch, was die theologisch menschlichen Wesen angeht, aber polygenetisch in Bezug auf die biologische Spezies. Somit löst die Unterscheidung den Widerspruch auf.

Einwände und Antworten darauf. Lassen Sie mich kurz vier Fragen ansehen, alles Quellen möglicher Einwände.

Erstens, beleidigt diese Idee fromme Ohren? Natürlich mag es eine Folgerung aus meiner Sicht sein, dass unsere frühesten Vorfahren Sünder waren, weil sie sich weiterhin gemeinsam mit jenen vormenschlichen Wesen fortpflanzten, die, wenn sie auch nicht einer anderen biologischen Spezies angehörten, auch nicht im vollen Sinne Menschen waren. Diese Sünde wäre eher wie Promiskuität – unpersönliche sexuelle Handlungen – als wie Bestialität gewesen. Aber die Idee, dass unsere ersten Vorfahren Sünder waren, kann kaum ein Einwand gegen diese Theorie sein. Es ist eine Idee, die von allen vier großen Episoden der menschlichen Frühgeschichte aus Genesis gestützt wird – dem Sündenfall, Kains Mord an Abel, der Flut und dem Turmbau zu Babel.

[…]

Der vorrangige Zweck dieses Aufsatzes war es, zu zeigen, dass es keinen wirklichen Widerspruch zwischen einer theologisch konservativen (monogenetischen) Darstellung der Anthropogenese und den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Evolutionsbiologie und modernen Genetik gibt. […] Manchmal müssen Widersprüche nicht durch die Ablehnung einer der scheinbar widersprüchlichen Theorien gelöst werden, sondern durch die Anerkennung einer solchen vorher übersehenen Unterscheidung.“

File:Lucas Cranach d.Ä. - Adam und Eva im Paradies (1531, Gemäldegalerie, Berlin).jpg

(Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva im Paradies, 1531; Quelle: Wikimedia Commons)

Über schwierige Bibelstellen, Teil 21: Wunder und Dämonenaustreibungen

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

 

Die Bibel berichtet immer wieder von Wundern; hier stechen besonders die Evangelien mit ihren Berichten von Wunderheilungen durch Jesus heraus. (Dazu Totenerweckungen, Dämonenaustreibungen, Brotvermehrungen, das Weinwunder zu Kana, der Gang auf dem Wasser… ach ja, und Seine eigene Auferstehung.) Hier stellen sich mehrere Fragen. Zunächst einmal gibt es Menschen, die ganz grundsätzlich davon ausgehen, dass Wunder nicht geschehen können. Dann stellt sich aber auch die Frage: Wenn Wunder geschehen können, wieso sind sie dann so ungleich, so scheinbar ungerecht verteilt? Wieso wird einzelnen Menschen ein Wunder durch Gott zuteil, und anderen nicht?

 

Zur ersten Frage zuerst: Die Ansicht, dass Wunder nicht geschehen könnten, ist keine naturwissenschaftlich begründete Überzeugung, sondern ein philosophisches Dogma. Die Naturwissenschaft geht einfach davon aus, dass die Welt nach immer gleichen Regeln funktioniert und führt dann Experimente durch, um herauszufinden, was genau diese Regeln sind, was wir aufgrund dieser Regeln erwarten können, wenn wir etwas tun, usw. Man stößt auf Dinge, die man nicht versteht (z. B. Krankheiten mit unentdeckter Ursache), ist sich aber von vornherein sicher, dass sie nach bestimmten Regeln funktionieren müssen, und forscht dann so lange, bis man diese herausgefunden hat. Dass die Welt nach immer gleichen Regeln funktioniert, ist also eine philosophische Grundüberzeugung, die der Naturwissenschaft vorausgeht und ihr zugrunde liegt – und die übrigens gerade auch zum Christentum gehört. Wir glauben schließlich an einen vernünftigen Schöpfergott, der eine geordnete Welt eingerichtet hat; das macht Naturwissenschaft möglich. Der Glaube etwa der antiken Griechen, wonach jede Naturerscheinung die direkte Manifestation eines Gottes sei (wenn es auf dem Meer einen Sturm gibt, ist Poseidon sauer, wenn es blitzt, steckt Zeus dahinter), würde keine solche Forschung zulassen. Aber wir sind ja Christen und keine Heiden.

Aber wie sieht es dann mit den Wundern aus? Na ja, ich klaue mir mal einen Vergleich von den Deisten (der so seine Tücken hat*, aber hier trotzdem ganz nützlich ist): Gott ist wie ein Uhrmacher, der eine Welt einrichtet, die dann nach bestimmten Regeln vor sich hin läuft. Jedoch würde nichts den Uhrmacher daran hindern, noch einmal in die fertige Uhr einzugreifen – z. B. die Zeiger für eine halbe Stunde anzuhalten und sie dann hinterher so weit vorzustellen, dass die Uhr wieder die richtige Zeit anzeigt. Wenn man – quasi als Naturwissenschaftler – das Räderwerk studiert hätte, könnte man voraussagen, welche Zeit die Uhr soundsoviele Stunden und Minuten in der Zukunft oder der Vergangenheit anzeigen wird oder angezeigt hat – es sei denn jedoch, der Uhrmacher hätte irgendwann eingegriffen und die Zeiger umgestellt oder angehalten. Wenn der Naturwissenschaftler darauf stoßen würde, dass die Uhr eine unpassende Zeit anzeigt, müsste er im Endeffekt sagen „Durch die Funktionsweise des Räderwerks nicht erklärbar“, was einen Eingriff von außen als einzige andere Möglichkeit offenlassen würde.

Nun ist das, wie gesagt, kein perfekter Vergleich; bei einer Uhr bringt es nichts, sie einfach mal anzuhalten. Ein anderer Vergleich wäre vielleicht ein Sparkonto, auf dem seit Jahren ein bestimmtes Vermögen vorhanden ist, das sich nach dem immer gleichen Zinssatz vermehrt. Mithilfe der Rechenregeln kann man die Höhe des Vermögens voraus- bzw. zurückberechnen. Das funktioniert erst dann nicht mehr, wenn von außen jemand etwas einzahlt – z. B. ein netter Onkel, der ein Geldgeschenk macht – oder etwas abhebt.

Regel Nummer 20 Wenn wir davon ausgehen, dass ein allmächtiger Schöpfer der Welt existiert, können wir nicht ausschließen, dass Er durch außergewöhnliche Zeichen, Wunder genannt, in die Welt eingreift.

Ein solcher Eingriff lässt sich per definitionem nicht mit den Naturgesetzen vorhersagen oder erklären, genau darum geht es ja. Und das haben nicht erst die Menschen der Neuzeit entdeckt, als die Naturgesetze besser erforscht wurden. Auch den antiken Juden war sehr wohl klar, dass es gewisse Gesetzlichkeiten in der Natur gibt – z. B. dass Jungfrauen nicht schwanger werden. Wieso wollte Joseph sich wohl in aller Stille von Maria scheiden lassen? Weil er genau wusste, dass Jungfrauen für gewöhnlich nicht schwanger werden. Der Engel erklärte ihm dann, dass ein Wunder geschehen war, etwas, das durch die Naturgesetze nicht erklärt werden kann, und Joseph akzeptierte diese Erklärung (immerhin kam sie, wie gesagt, von einem Engel).

Wenn ein Wunder naturwissenschaftlich erklärbar wäre, wäre es kein Wunder.** Ein Wunder ist gerade etwas naturwissenschaftlich nicht Erklärbares, das sich nur durch einen übernatürlichen Eingriff erklären lässt. Nur deshalb können Wunder überhaupt Zeichen Gottes sein.

Okay, könnte man sagen, Wunder sind für Gott also möglich. Aber ist denn die Vorstellung, dass Gott eine Welt erschafft, um dann immer wieder an ihr herumzudoktern und ihre Regeln außer Kraft zu setzen, Gott angemessen? Darauf gibt es zweierlei Entgegnungen:

Zunächst einmal hat Gott bestimmten Geschöpfen in seiner Welt (Engeln, Menschen) auch einen freien Willen gegeben und die haben damit die Welt aus ihrer ursprünglichen Bahn gebracht. Die Welt ist also keine perfekt vor sich hin laufende Maschine mehr, sondern eine kaputte, die Reparaturmaßnahmen erfordert.

Dann gehört zu diesen Reparaturmaßnahmen auch, dass Gott sich den Menschen offenbart. Dabei ist es angemessen, dass Er ihnen zeigt, dass wirklich Er es ist, und kein Scharlatan oder Verrückter. Das geht am besten durch Dinge, die einem Scharlatan oder Verrückten nicht möglich wären – Wunder. Das im NT verwendete Wort für „Wunder“ bedeutet übrigens eigentlich „Zeichen“.

Soweit dazu, was Gott tun könnte und was Ihm angemessen wäre. Wenn wir nun wissen wollen, ob Gott in der Praxis tatsächlich Wunder tut, müssen wir einfach auf konkrete Berichte schauen. Gibt es glaubwürdige Hinweise darauf, dass früher Dinge geschehen sind, die naturwissenschaftlich nicht erklärbar sind, oder dass solche Dinge heute noch geschehen? Die gibt es offensichtlich – ich nenne nur mal exemplarisch das 1917 von 30.000 Menschen beobachtete Sonnenwunder in Fatima und die von einer unabhängigen Ärztekommission geprüften Heilungen in Lourdes. Wenn wir in die Bibel schauen, berichten die Evangelien von Jesus unzählige Wunder; dazu kommt natürlich Seine Auferstehung, auf der der ganze christliche Glaube aufbaut. Ich will mich nicht lange bei den Belegen für einzelne Wunder aufhalten, nur so viel zur Auferstehung: Das leere Grab wurde von niemandem geleugnet und wir haben die Berichte von den Erscheinungen des Auferstandenen vor bis zu 500 Menschen gleichzeitig (vgl. 1 Korinther 15,6). Die Apostel hätten nichts davon gehabt, sich so etwas auszudenken; im Gegenteil, sie starben den Märtyrertod für ihren Glauben. Aber zu alldem ein anderes Mal ausführlicher…

 

Aber dann wäre ja noch die Frage: Sind Wunder denn nicht sehr ungerecht verteilt? Okay, Jesus heilte offenbar alle, die zu Ihm kamen (zumindest ist nicht überliefert, dass Er irgendjemandem eine Heilung verweigerte), aber Er konnte auch nicht überall sein. Jemand, der zu Seiner Zeit in Alexandria oder Ephesos lebte, hatte offenbar Pech. Und schauen wir auf die Situation heute – so viele Kranke pilgern nach Lourdes, und so wenige kommen von dort geheilt zurück.

Hierzu ist eine Stelle aus dem Lukasevangelium interessant. Hier predigt Jesus in der Synagoge in Nazareth, seiner Heimatstadt, nachdem er schon anderswo, z. B. in Kafarnaum, aufgetreten ist und Wunder getan hat: „Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.“ (Lukas 4,25-30)

Regel Nummer 21 Niemand hat einen Anspruch auf ein göttliches Wunder.

Es stimmt nun mal leider: Die Wege des Herrn sind unergründlich. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des HERRN. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Jesaja 55,8f.) Wir können nicht wissen, wieso Gott in der einen Situation eingreift und in der anderen nicht, dazu ist unsere Perspektive einfach zu begrenzt auf unsere Erlebnisse, unsere Zeit, unsere irdische Welt. Gott sieht das Gesamtbild und weiß, welche Auswirkungen es insgesamt hat, wenn jemand z. B. geheilt oder nicht geheilt wird. Das Leid hat einen Sinn (worüber ein anderes Mal ausführlich zu reden wäre; aber auch der Gottmensch Jesus selbst hat gelitten); und dass Gott in manchen Fällen auf die Bitten der Menschen hin beschließt, es auf außergewöhnliche Art und Weise zu lindern, muss auch einen Sinn haben.

 

Dann stellt sich noch die Frage nach einer speziellen Art von Wundern: Exorzismen, d. h. Dämonenaustreibungen. Immer wieder wird in den Evangelien davon erzählt, dass Jesus Besessenen half:

  • „Man brachte alle Kranken mit den verschiedensten Gebrechen und Leiden zu ihm, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte, und er heilte sie.“ (Matthäus 4,24)
  • „Dann brachte man zu ihm einen Besessenen, der blind und stumm war. Er heilte ihn, sodass der Stumme wieder reden und sehen konnte.“ (Matthäus 12,22)
  • „In ihrer Synagoge war ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da drohte ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.“ (Markus 1,23-28)
  • „Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm sogleich von den Gräbern her ein Mensch entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er hauste in den Grabstätten. Nicht einmal mit einer Kette konnte man ihn bändigen. Schon oft hatte man ihn mit Fußfesseln und Ketten gebunden, aber er hatte die Ketten zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabstätten und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von Weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten es in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war, bekleidet und bei Verstand. Da fürchteten sie sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen, wie es mit dem Besessenen und den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat! Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten.“ (Markus 5,1-20)
  • „Als sie [Jesus, Petrus, Jakobus und Johannes] zu den anderen Jüngern zurückkamen, sahen sie eine große Menschenmenge um sie versammelt und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Sobald die Leute Jesus sahen, liefen sie in großer Erregung auf ihn zu und begrüßten ihn. Er fragte sie: Warum streitet ihr mit ihnen? Einer aus der Menge antwortete ihm: Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem stummen Geist besessen; immer wenn der Geist ihn überfällt, wirft er ihn zu Boden und meinem Sohn tritt Schaum vor den Mund, er knirscht mit den Zähnen und wird starr. Ich habe schon deine Jünger gebeten, den Geist auszutreiben, aber sie hatten nicht die Kraft dazu. Da sagte er zu ihnen: O du ungläubige Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir! Und man führte ihn herbei. Sobald der Geist Jesus sah, zerrte er den Jungen hin und her, sodass er hinfiel und sich mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzte. Jesus fragte den Vater: Wie lange hat er das schon? Der Vater antwortete: Von Kind auf; oft hat er ihn sogar ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Doch wenn du kannst, hilf uns; hab Mitleid mit uns! Jesus sagte zu ihm: Wenn du kannst? Alles kann, wer glaubt. Da rief der Vater des Knaben: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als Jesus sah, dass die Leute zusammenliefen, drohte er dem unreinen Geist und sagte: Ich befehle dir, du stummer und tauber Geist: Verlass ihn und kehr nicht mehr in ihn zurück! Da zerrte der Geist den Knaben hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Er lag da wie tot, sodass alle Leute sagten: Er ist gestorben. Jesus aber fasste ihn an der Hand und richtete ihn auf und er erhob sich. Jesus trat in das Haus und seine Jünger fragten ihn, als sie allein waren: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? Er antwortete ihnen: Diese Art kann nur durch Gebet ausgetrieben werden.“ (Markus 9,14-29)
  • Jesus trägt auch den Jüngern auf: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!“ (Matthäus 10,8)
  • „Und er setzte zwölf ein, damit sie mit ihm seien und damit er sie aussende, zu verkünden und mit Vollmacht Dämonen auszutreiben.“ (Markus 3,14f.)
  • Er spricht auch über die Dämonen: „Als die Pharisäer das hörten, sagten sie: Nur mit Hilfe von Beelzebul, dem Herrscher der Dämonen, treibt er die Dämonen aus. Doch Jesus wusste, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird veröden und eine Stadt und eine Familie, die in sich gespalten ist, wird keinen Bestand haben. Wenn also der Satan den Satan austreibt, dann ist Satan in sich selbst gespalten. Wie kann sein Reich dann Bestand haben? Und wenn ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben dann eure Söhne sie aus? Deswegen werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber im Geist Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen. Wie kann einer in das Haus des Starken eindringen und ihm den Hausrat rauben, wenn er nicht zuerst den Starken fesselt? Erst dann kann er sein Haus plündern.“ (Matthäus 12,24-29)
  • Und: „Wenn ein unreiner Geist aus einem Menschen ausfährt, durchwandert er wasserlose Gegenden, um eine Ruhestätte zu suchen, findet aber keine.Dann sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe. Und er kommt und findet es leer, sauber und geschmückt. Dann geht er und nimmt sieben andere Geister mit sich, die noch schlimmer sind als er selbst. Sie ziehen dort ein und lassen sich nieder. Und die letzten Dinge jenes Menschen werden schlimmer sein als die ersten. Dieser bösen Generation wird es genauso gehen.“ (Matthäus 12,43-45)

Über Besessenheit hört man heute oft: Na ja, damals konnten die Menschen das eben noch nicht unterscheiden; sie hielten schwere psychische Erkrankungen oder Epilepsie für Besessenheit durch unreine Geister – aber die gibt es ja gar nicht.

Nun, sicher war das medizinische Wissen vor zweitausend Jahren noch nicht so groß wie heute. Sicher kann damals mal jemand Epilepsie für Besessenheit gehalten haben. Aber das heißt nicht, dass es gar keine Besessenheit gab. Auch heute noch, wo kirchliche Exorzisten (Priester, die von Bischöfen beauftragt sind, Befreiungsgebete über Menschen zu sprechen, die von dämonischer Besessenheit oder Bedrängung betroffen sind) genau prüfen, ob eine natürliche Erklärung möglich ist, sprich, statt einer Besessenheit oder Bedrängung eine physische oder psychische Erkrankung vorliegt, gibt es immer noch Fälle, in denen das keine ausreichende Erklärung ist. Solche Fälle sind selten; Exorzisten berichten, dass die wenigsten Menschen, die zu ihnen kommen, tatsächlich besessen sind (http://www.kath.net/news/62886 ; https://www.catholicnewsagency.com/news/us-exorcists-demonic-activity-is-on-the-rise-45102 („I’ve only seen three possessions in the last three years“)), aber es gibt sie.

Wir als Christen wissen durch Gottes Offenbarung, dass es rein geistige Geschöpfe gibt, die unsterblich, sehr intelligent (nicht allwissend!) und sehr mächtig (nicht allmächtig!) sind. Diese Geschöpfe nennen wir Engel. Sie haben einen freien Willen wie wir, können sich also für Gott oder gegen Ihn entscheiden, und einige von ihnen haben sich unwiderruflich von Ihm abgewandt; sie nennt man die gefallenen Engel oder Dämonen. Die Dämonen versuchen nun auch, andere Geschöpfe, nämlich die Menschen, von Gott, den sie hassen, abzubringen – in der Regel durch geistige Versuchungen; schließlich sind sie geistige Wesen, und das ist das eigentlich Gefährliche an ihnen. Der einzige Weg, auf dem sie uns ganz von Gott  abbringen können, ist, indem sie uns dazu bringen, Sünden zu begehen. Aber gelegentlich schaffen sie es offenbar auch, eine andere Art von Einfluss über einen Menschen zu gewinnen – z. B. dann, wenn der sich durch okkulte Praktiken (Totenbeschwörung, Geisterbefragung, automatisches Schreiben, solche Dinge) selbst für den Einfluss von Geistern geöffnet hat. (Da kommen nicht immer die, die man rufen möchte.)

Man kann, wenn man will, annehmen, dass zu Jesus auch mal Menschen gebracht wurden, von denen man glaubte, dass sie besessen wären, denen aber in Wahrheit etwas anderes fehlte (Epilepsie, Psychose), und dass Er sie vielleicht einfach heilte, ohne die Leute langwierig über ihren Irrtum aufzuklären. Die Evangelisten berichten an einigen Stellen einfach kurz, dass Er viele Besessene und Kranke heilte, ohne  ins Detail zu gehen. Aber Er ging ganz offensichtlich sehr wohl davon aus, dass dämonische Besessenheit möglich war, und bei einigen Geschichten, die ausführlich erzählt sind, befahl Er ganz klar Dämonen, einen Menschen zu verlassen. Er trug Seinen Jüngern auf, Dämonen auszutreiben. Er sprach darüber, wie Dämonen sich verhalten – dass es Unsinn sei, zu sagen, Er treibe Dämonen mit anderen Dämonen aus; dass Dämonen, wenn sie mal einen Menschen verlassen, keinen besseren finden, und dann bei ihrer Rückkehr merken, dass er noch immer ihrem Einfluss offen steht, gerne mit mehreren anderen Dämonen zurückkommen. Letzteres könnte man, wenn man wollte, noch bildlich auslegen, aber insgesamt kommt man nicht drum herum: Jesus ging davon aus, dass Dämonen existieren, und dass dämonische Besessenheit existiert.

Wir haben dann zwei Möglichkeiten: Auch davon auszugehen, dass Dämonen existieren und dass dämonische Besessenheit existiert, oder zu sagen, dass Jesus sich geirrt hat. Wäre es möglich, dass Jesus sich hier geirrt hat? Er hatte immerhin auch eine menschliche Natur, wäre es daher möglich, davon auszugehen, dass Er in seiner menschlichen Natur falsche Annahmen Seiner Zeitgenossen übernahm? Nun, Er hatte eine menschliche Natur, aber menschliche und göttliche Natur sind in Ihm nicht getrennt (auch nicht vermischt, aber… es ist kompliziert). Wie genau Jesu menschliche Seele es erlebte, mit dem allwissenden göttlichen Logos verbunden zu sein: darauf habe ich keine ausgefeilten Antworten, und man könnte sicher ewig darüber diskutieren und spekulieren. Aber sie waren (und sind) jedenfalls verbunden. Daher sehe ich nicht, wie man logischerweise sagen könnte, Jesus hätte sich in einer solchen Sache geirrt und selbst nicht mitbekommen, was Er bei „Dämonenaustreibungen“ eigentlich tat.

Eine Frage bliebe noch: Es wird in den Evangelien vereinzelt auch von Kindern erzählt, die besessen sind. Da wäre die Tochter der heidnischen Frau aus Matthäus 15,21-28 bzw. Markus 7,24-30 (deren genaues Alter allerdings nicht klar wird; sie könnte auch schon ein Teenager gewesen sein), und insbesondere der Junge, von dem sein Vater sagt, er hätte das schon „von Kind auf“ (Markus 9,21; griechisch „ek paidióthen“, „von Kindheit ab“). Aber ein Kind hat vermutlich nicht freiwillig und bewusst an irgendwelchen okkulten Ritualen teilgenommen – können Dämonen also auch „einfach so“ Menschen auf diese Weise bedrängen? Unter Umständen kann das durch Gottes Zulassung anscheinend möglich sein (so wie auch schwere Krankheiten Unschuldige treffen; hier möchte ich auch darauf hinweisen, dass Besessenheit nicht das Seelenheil angreift!). Auch aus dem Leben einiger Heiliger und Seliger (z. B. der sel. Angela von Foligno) wird berichtet, dass sie zwar nicht besessen waren, aber von Dämonen auf außergewöhnliche Weise bedrängt wurden, was sie selbst als Prüfung durch Gott sahen. Insgesamt ist es so etwas aber sicher, noch mehr als dämonische Besessenheit im Allgemeinen, sehr selten.

 

* Die wichtigste dieser Tücken: Die Welt ist nicht einmal von Gott eingerichtet worden, sodass sie dann für sich existieren würde, ohne ihn weiterhin zu benötigen, wie es mit einer Maschine und ihrem Erbauer der Fall ist; sie ist eher in der Weise von Ihm abhängig, wie eine Schaukel, die an einem Ast hängt, von diesem Ast abhängig ist, oder ein Haus, das auf einem bestimmten Fundament gebaut ist, von diesem Fundament.

** Edit: Jedenfalls nicht im strengen Sinne. Gott lenkt auch das gewöhnliche Schicksal der Welt durch indirekte Ursachen, die wir naturwissenschaftlich erklären können, und da kann es auch mal zu einem unwahrscheinlichen, aber nicht naturgesetzlich unerklärbaren Ereignis kommen, das z. B. auf ein Gebet eines Menschen hin passiert, und das wir dann als „wundersam“ bezeichnen würden.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 20: Die Forderungen der Bergpredigt

„Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin! Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel! Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm! Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab!

 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?

 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“ (Matthäus 5,38-48)

 

Über solche Forderungen der Bergpredigt wurde in zweitausend Jahren Kirchengeschichte viel geschrieben und viel gestritten. Die andere Wange hinhalten, Feindesliebe, „Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ – die Reformatoren, allen voran Luther, hielten diese Forderungen für so unerfüllbar, dass sie erklärten, dass Jesu Worte hier nur dazu da seien, uns vor Augen zu führen, dass wir sie nicht erfüllen könnten. Er sagt uns, wir sollen vollkommen sein, damit wir beim Versuch, es zu sein, erkennen, wie unvollkommen wir sind.

Der hl. Thomas von Aquin, knapp drei Jahrhunderte vorher, sah das anders. Gegen die Ansicht, niemand könnte in diesem Leben Vollkommenheit erreichen, erklärte er mit völliger Selbstverständlichkeit*:

„Sed contra est quia lex divina non inducit ad impossibile.“ – „Dagegen steht, dass das göttliche Gesetz nicht das Unmögliche verlangt.“ (Summa Theologiae II/II 184,2; http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel700-2.htm; die dt. Übersetzung auf dieser Seite kommt mir übrigens wenig wortgetreu vor, hier gibt es eine bessere englische Übersetzung: http://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS184.html#SSQ184OUTP1)

Thomas sagte, dass die Vollkommenheit in der Liebe bestehe, und unterschied dann verschiedene Arten der Vollkommenheit – eine Vollkommenheit, die nur Gott möglich ist (so zu lieben, wie es tatsächlich angemessen ist); eine Vollkommenheit, die die Seelen im Himmel haben (so zu lieben, wie es ihnen mit ihren begrenzten Kräften als Geschöpfe überhaupt möglich ist); und eine Vollkommenheit, die den Menschen auf Erden möglich ist, und die darin besteht, die Hindernisse, die der Liebe entgegenstehen, aus ihrem Leben wegzuräumen. (Diese Vollkommenheit ist auf zwei Arten möglich: Erstens, das, was wirklich der Liebe entgegensteht (Todsünden) zu beseitigen, und zweitens, das Übrige, was einen auch noch dabei behindert, ganz auf Gott ausgerichtet zu sein, zu beseitigen.) Diese dritte Art der Vollkommenheit, sagt er, ist den Menschen auf Erden möglich.

Man könnte diese Stelle auch etwas anders interpretieren und einfach sagen, Jesus gibt uns, wenn Er uns sagt „Seid also vollkommen“, das Ziel vor, das wir anstreben müssen; dieses moralische Ziel braucht es, so, wie man sich auch beim Rechnen vornehmen muss, bei jeder einzelnen Rechnung richtig zu rechnen; und man kann theoretisch dahin gelangen, auch wenn man in der Praxis wohl nicht dahin gelangen wird, so, wie man sicher auch mal einen Rechenfehler machen wird. Trotzdem braucht es dieses klare Ziel; es wäre falsch, zu sagen „Man muss ja nicht immer das Richtige machen“, so, wie es falsch wäre, zu sagen „Man muss ja nicht immer richtig rechnen“.

 

Aber dann stellt sich ja nicht nur die Frage nach der Erfüllbarkeit, sondern auch die nach der Richtigkeit solcher Vorschriften. Kommen wir von „Seid also vollkommen“ zu „wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“. Ist es denn richtig, ist es gerecht, wenn man immer die andere Wange hinhalten soll, immer klein beigeben soll, denen, die einen ungerecht behandeln, ihren Willen lassen soll? Schließlich ist Gerechtigkeit auch ein unerlässlicher Wert, sie wird auch zu den vier Kardinaltugenden gerechnet und ist eine zentrale Eigenschaft Gottes. Insbesondere die Psalmen rühmen Gott als den gerechten Richter, der den Unterdrückten Recht verschaffen wird. Muss man wirklich alles mit sich machen lassen? Verbietet Jesus hier Notwehr? Verbietet Er jede Art von „vergeltender“ Gerechtigkeit (inklusive etwa Strafen für Mobbing in der Schule, oder Strafen für Raubüberfälle durch den Staat)?

Nein, ich denke, das tut Er nicht; aber was will Er dann?

Es kennt wahrscheinlich jeder irgendwelche schwierigen Menschen. Ich habe eine etwas schwierige Beziehung zu jemandem aus meiner Familie; das ist schon lange so; wir haben heute immerhin nicht mehr so viel Kontakt wie früher. Jedenfalls haben wir uns schon ziemlich heftig gestritten. Die eine tut irgendetwas, die andere ist deswegen empört und wird zickig, die eine beleidigt sie auf passiv-aggressive Art, die andere beleidigt zurück, die eine wird noch beleidigender, die andere schreit sie an, die eine provoziert die andere, indem sie noch irgendetwas tut, die andere provoziert zurück… und das Ende ist nie schön. Ich denke, ich kann sagen, dass sie sich oft unvernünftig verhält, wenn ihr etwas gerade nicht passt; aber wenn ich immer reagiere, indem ich mein Recht einfordere oder Wiedergutmachung für etwas will, das sie getan hat, kommen wir auch nicht weiter; da habe ich genügend schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn ich dagegen diejenige bin, die einen Schritt auf sie zugeht oder einfach mal etwas kommentarlos hinnimmt (was ich oft nicht hinkriege), wird es manchmal besser. Dann beruhigt sich die Situation eher, man kann miteinander reden und kommt eventuell zu einer vernünftigen Lösung. Da kennt wahrscheinlich jeder ähnliche Situationen.

Paulus macht Jesu Aussage im Römerbrief deutlicher: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes; denn es steht geschrieben: Mein ist die Vergeltung, ich werde vergelten, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute! (Römer 12,17-21)

Es geht darum, das Böse durch das Gute zu besiegen, indem man jemandem, der es mit seinem Verhalten gerade nicht verdient hat, etwas Gutes tut, und ihn so vielleicht zum Nachdenken und zur Einsicht bringt. Man soll souverän reagieren und nicht selbst aggressiv werden. Jemand, der einem das Hemd wegnimmt, und dem man es dann nicht wegreißt, sondern ihm auch noch den Mantel reicht, wird vielleicht beschämt das Hemd wieder zurückgeben.

Das funktioniert nicht immer und es gibt Situationen, in denen man sich anders verhalten kann/sollte/muss. Man muss nicht alles mit sich machen lassen; wenn man z. B. in einer Partnerschaft permanent schlecht behandelt wird, ohne dass der Partner sich ändern würde, ist es eindeutig das Beste, sich der Situation zu entziehen; man tut jemandem langfristig nichts Gutes, wenn man seine Sünden einem gegenüber ständig duldet und/oder entschuldigt. Es gibt auch alltägliche Situationen, da hilft es mehr, jemanden direkter zu konfrontieren, als ihm auf die obige Weise entgegenzukommen. Und die Kirche hat aufgrund dieser Stelle nie die Notwehr oder gerechte Strafen verboten.

Eine Sache ist auch sehr wichtig: Notwehr, wenn man selbst angegriffen wird, ist erlaubt, aber nicht verpflichtend; Nothilfe, wenn andere angegriffen werden, kann dagegen unter Umständen sehr wohl eine Pflicht sein (es ist zwar nicht nötig, aber auch nicht unmoralisch, sich nicht zu wehren, wenn man selbst zusammengeschlagen wird; aber wenn man jemand anderem, der zusammengeschlagen wird, nicht helfen würde, wäre das schlichtweg feige und falsch). Und insbesondere Autoritäten sind dazu da, die Gerechtigkeit durchzusetzen. Wenn Anna-Lena ihrer kleinen Schwester Marie-Louise ihre Legosteine wegnimmt, hat die Mutter, zu der Marie-Louise läuft, dafür zu sorgen, dass Anna-Lena die Steine zurückgibt und sich entschuldigt (mindestens; bei wiederholtem gemeinen Verhalten sollten Disziplinarmaßnahmen folgen). Sie hat nicht zu Marie-Louise zu sagen, dann soll sie doch ihrer Schwester was abgeben. Barmherzigkeit geht über die Gerechtigkeit hinaus; aber sie bedeutet nicht Ungerechtigkeit, vor allem nicht von oben herab verordnete Ungerechtigkeit. Im Idealfall würde Marie-Louise vielleicht am Ende sagen „Hier kannst du doch ein paar abhaben“ – aber das wäre dann Marie-Louises Sache. Und ja, Marie-Louise hat ein Recht darauf, Gerechtigkeit einzufordern (wenn auch kein Recht darauf, ihrer Schwester z. B. aus Rache eine reinzuhauen).** Es gibt Dinge, die in der Bibel sehr empfohlen werden, die verdienstvoll und oft praktisch sind, aber nicht in jeder Situation anwendbar und allgemein verpflichtend sind.

In einem Moraltheologie-Handbuch aus den 50ern habe ich übrigens diese Stelle zur Erläuterung der Bibelstelle gefunden: „Die Mahnung des Herrn, dem Feinde, der uns auf die eine Wange schlägt, auch noch die andere hinzuhalten [Lk 6,27ff.], verlangt immer die innere Fassung und geduldige Gesinnung der Liebe, die äußere Bereitschaft und Verwirklichung dieser Hochforderung aber nur, wenn dies zur Bekehrung des Feindes notwendig oder wenigstens nützlich sein kann. Keineswegs aber wäre dies gefordert oder auch nur erlaubt, wenn dadurch nur die Frechheit und Unversöhnlichkeit des Feindes bestärkt würde.“ (Bernhard Häring, Das Gesetz Christi, 5. Aufl., Freiburg im Breisgau 1958, S. 834f.)

Der Heiland hat übrigens auch nicht alles Unrecht in der Welt einfach hingenommen; gegen die Händler im Tempel ist Er recht rabiat vorgegangen: „Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ (Johannes 2,15f.) Für seine Gegner hatte Er manchmal scharfe Worte übrig. Paulus versuchte selbstverständlich, sich mit juristischen Mitteln gegen seine ungerechte Gefangenschaft zu wehren, indem er also z. B. darauf bestand, als römischer Bürger in Rom gerichtet zu werden (was übrigens nach hinten losging – „Und Agrippa sagte zu Festus: Dieser Mensch könnte freigelassen werden, wenn er nicht an den Kaiser appelliert hätte“ (Apostelgeschichte 26,32)). Und dann sollten wir auch das Alte Testament berücksichtigen, das schließlich noch immer seine Gültigkeit hat. Sicher, man kann an vielen einzelnen Stellen anführen, dass eine Begebenheit, die in einer Geschichte erzählt wird, nicht haargenau nach Gottes Willen passiert sein muss, aber nehmen wir mal die Bücher der Makkabäer als Beispiel: In beiden Büchern ist das Hauptthema, um das sich alles dreht, der Aufstand gegen die griechischen Unterdrücker, die die jüdische Religion verfolgen; und man müsste diese Bücher schon sehr verdrehen, um zu sagen, der ganze Aufstand wäre gegen den Willen Gottes gewesen.

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind keine Gegensätze, sondern sollten zusammengebracht werden; die Gerechtigkeit aufgrund einer falsch verstandenen Barmherzigkeit ganz abschaffen zu wollen, würde nur zu Ungerechtigkeit führen (siehe Marie-Louise). Jesus sagt auch nicht, dass „Auge um Auge“ ein absolut böses Prinzip ist***; Er will aber offensichtlich sagen, dass es gut ist, es unter Umständen mal beiseite zu stellen, über die reine Gerechtigkeit hinauszugehen und barmherzig zu sein, auch wenn jemandem die Barmherzigkeit nicht zusteht. Das ist in unserer Welt einfach deshalb sinnvoll, weil wir alle uns gegenseitig oft genug verletzen und Barmherzigkeit nötig haben.

Die allgemeine Vorschrift zur Feindesliebe nun bedeutet an sich sowieso noch keinen Verzicht auf Notwehr oder gerechte Strafen. Sie bedeutet, den Feind als Menschen, als von Gott geliebtes Geschöpf, anzuerkennen, und grundsätzlich das Gute für ihn zu wollen, also etwa auch darauf zu hoffen, dass man einmal mit ihm gemeinsam im Himmel sein wird, und dafür zu beten. Sie kann durchaus zusammengehen mit dem Wunsch, dass ein Feind, der, sagen wir mal, einen betrogen oder ausgeraubt hat, ins Gefängnis kommt, damit a) die Gerechtigkeit erfüllt ist und b) er zur Einsicht kommt und sich bessert. Der hl. Johannes Paul II. besuchte seinen Attentäter im Gefängnis, wollte aber nicht, dass der nicht ins Gefängnis kommt, soweit ich weiß.

Häring schreibt übrigens über die Feindesliebe:

Die Feindesliebe ist ein verpflichtendes Gebot.

Schon im AT ist sie wiederholt eingeschärft [Lev 19,17; Job 31,29f.; Spr 25,21; Sirach 28,1-10]. Herrliche Beispiele der Feindesliebe sind der ägyptische Josef gegenüber seinen Brüdern, und David gegenüber Saul. Es steht im AT nirgends ‚Du sollst deinen Feind hassen’ (vergleiche Mt 5,43), aber die Rabbiner hatten die Stellen des AT, die die Feindesliebe aussprechen, als bloßen Rat hingestellt, so daß sie zur Erklärung kamen: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben, deinen Feind magst du hassen!’ […]

Die Hauptpflichten, die das Gebot der Feindesliebe an uns stellt, sind vor allem folgende:

1) Man muß immer wieder von Herzen verzeihen, auch wenn der Beleidiger nicht um Verzeihung bittet. […]

2) Man darf die Wiedergutmachung an Ehre, beziehungsweise gutem Namen und an zeitlichen Gütern verlangen, aber in ständiger Hut vor dem Geist des Hasses und der Rachsucht. […]

3) Man muß alles Gute am Feinde gern anerkennen und ihm aufrichtig alles Gute, besonders das ewige Heil wünschen. […]

4) Die wohlwollende Gesinnung muß man wenigstens durch die gewöhnlichen, allen Menschen geschuldeten Zeichen der Achtung und Liebe erweisen […]

5) Der Beleidigte muß unter allen Umständen um die innere Bereitschaft ringen, dem Feinde in der Not zu helfen (so verlangt es schon das AT Exodus 23,4f.) und ihm auch besondere Zeichen der Liebe zu erweisen, wenn dies zur Rettung seiner Seele notwendig sein sollte. […]

6) Der Beleidiger oder Hauptschuldige ist zwar auf Grund der Gerechtigkeit zuerst verpflichtet, sich um die Versöhnung zu bemühen […]. Jedoch auf Grund des Gebotes der Feindesliebe muß sich auch der Beleidigte die Beilegung der Feindschaft nach Möglichkeit und zur rechten Zeit angelegen sein lassen.“ (Das Gesetz Christi, S. 837-840)

 

* An dieser Stelle noch ein Dankeschön an meinen Leser Nepomuk für den Hinweis auf die Stelle in der Summa!

** C. S. Lewis führt in einem Buch über die Psalmen übrigens ein ganz ähnliches Beispiel an (wobei es da erst um einen anderen Aspekt der Gerechtigkeit geht) und schreibt am Ende: „Noch schlimmer wär’s, wenn sie [die Eltern] sagen wollten, Tommy solle den Bleistift, ob er ihm nun gehöre oder nicht, Karl überlassen, weil er damit seinen guten Charakter unter Beweis stelle. Das mag wahr sein, aber es wäre eine Wahrheit zur Unzeit. Liebe sollte nicht gefordert werden, wo Gerechtigkeit versagt wird. Wahrscheinlich würde es Tommy für den Rest seines Lebens die Überzeugung einpflanzen, daß Liebestätigkeit nur eine scheinheilige Ausrede sei, um Diebstahl zu entschuldigen und ungerechte Bevorzugung zu beschönigen.“ (C. S. Lewis, Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen, Zürich u. Düsseldorf 1999, S. 45)

*** Dieses Prinzip stellt eigentlich nur exemplarisch die (noch nicht von der Barmherzigkeit abgemilderte) Gerechtigkeit heraus; wirklich böse wäre das Prinzip des Lamech: „Lamech sagte zu seinen Frauen: Ada und Zilla, hört auf meine Stimme, ihr Frauen Lamechs, horcht meiner Rede! Ja, einen Mann erschlage ich für meine Wunde und ein Kind für meine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach.“ (Genesis 4,23f.)

Über schwierige Bibelstellen, Nachträge zu Teil 19 – weitere irritierende Aussagen Jesu

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

 

Und wieder mal was vergessen. Mir ist nach der Veröffentlichung meines letzten Artikels aufgefallen, dass ich nicht alle Stellen berücksichtigt hatte, die man berücksichtigen könnte, also bin ich die Evangelien noch einmal ganz genau durchgegangen. Et voilà.

(Zu Markus 9,1 / Matthäus 16,28 / Lukas 9,27 („Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn in seinem Reich kommen sehen“) siehe außerdem den ersten Kommentar unter Teil 19: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-19-irritierende-aussagen-und-taten-jesu-einige-gesammelte-stellen/ und zum Gleichnis mit den Talenten siehe diesen Artikel hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/11/20/ueber-fehlinvestitionen-risiken-und-vorsicht-nach-dem-massstab-des-himmelreiches/ Speziell zu den Kindheitsgeschichten, zur Bergpredigt, zum Thema Wunder und Dämonenaustreibungen, und zu moderner Kritik am Johannesevangelium werde ich außerdem in den folgenden Artikeln noch kommen.)

 

1) Keine Eide?

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Matthäus 5,33-37)

Die Schwierigkeit besteht hier darin, dass die Kirche das Schwören von Eiden immer erlaubt hat, während Jesus es zu verbieten scheint; tatsächlich wurden Sekten wie die Anabaptisten des 16. Jahrhunderts dafür verurteilt, dass sie Eide grundsätzlich ablehnten.

Aber Jesus verbietet hier das Schwören von Eiden nicht ganz und gar; er kritisiert das leichtfertige Schwören und sagt, dass man nicht nur dann die Wahrheit sagen soll, wenn man schwören muss. Er kritisiert die Einstellung, ohne Eid wäre es nicht so wichtig, bei der Wahrheit zu  bleiben: Ein Ja soll immer ein Ja und ein Nein immer ein Nein sein. Man soll keinen Eid brauchen, um wahrhaftig zu sein. Aber wenn doch einmal (etwa vom Staat) ein Eid verlangt wird, wäre es nicht gegen Christi Lehre, ihn zu leisten.

 

2) Keine Ehrentitel?

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ (Matthäus 23,8-10)

Aufgrund dieser Stelle lehnen einige protestantische Gruppierungen den Titel „Heiliger Vater“ für den Papst oder den Titel „Pater“ für Ordenspriester als unbiblisch ab. Allerdings haben selbst sie nichts gegen die Anrede „Vater“ für den eigenen leiblichen Vater, oder den Titel „Lehrer“ für Schullehrer. Was genau meint Jesus nun hier?

Die Verse drum herum sind aufschlussreich. Vorher heißt es: „Alles, was sie [die Schriftgelehrten und Pharisäer] tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern und die Ehrensitze in den Synagogen und wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und die Leute sie Rabbi nennen.“ (Matthäus 23,5-79 Und hinterher: „Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Matthäus 23,11f.) Was Jesus hier kritisiert, ist, sich etwas auf seine Ehrentitel einzubilden und auf ihnen zu bestehen. Zudem wird an dieser Stelle klar gemacht, dass alle irdischen Väter, Lehrer und anderen Autoritäten ihre Autorität nur von Gott, dem wahren Vater, Lehrer und Meister haben, und daher keine absoluten Autoritäten sind. Vor Gott sind wir alle Brüder (und Schwestern, ja). Um das klarzumachen, wählt Jesus übertreibende Worte, so wie Er, um die Schwere der Sünde klarzumachen, in der Bergpredigt sagt „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“ (Matthäus 5,29), ohne damit die Leute animieren zu wollen, sich tatsächlich zu verstümmeln. Wir dürfen Seine Worte nicht ignorieren, aber wir müssen sie eben in ihrem Kontext sehen.

Tatsächlich wäre die völlige Ablehnung von Titeln wie „Vater“ und „Lehrer“ unbiblisch:

  • In einem Gebet der Urgemeinde heißt es: „du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt“ (Apostelgeschichte 4,24).
  • Paulus schreibt über Abraham: „Er ist unser aller Vater.“ (Römer 4,16)
  • Und er sieht sich selbst als geistlichen Vater der Christen von Korinth und von Timotheus: „Nicht um euch zu beschämen, schreibe ich das, sondern um euch als meine geliebten Kinder zu ermahnen. Hättet ihr nämlich auch unzählige Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus habe ich euch durch das Evangelium gezeugt. Darum ermahne ich euch: Haltet euch an mein Vorbild! Deswegen habe ich Timotheus zu euch geschickt, mein geliebtes und treues Kind im Herrn. Er wird euch erinnern an meine Wege in Christus Jesus, wie ich sie überall in jeder Gemeinde lehre.“ (1 Korinther 4,14-17)
  • Auch Johannes redet die Adressaten seines ersten Briefs als „Meine Kinder“ (1 Johannes 2,1) an.
  • Der Titel „Lehrer“ wird in den frühen Gemeinden oft verwendet: „Und er setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer“ (Epheser 4,11), „So hat Gott in der Kirche die einen erstens als Apostel eingesetzt, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Machttaten zu wirken, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede“ (1 Korinther 12,28), „Nicht viele von euch sollen Lehrer werden, meine Brüder und Schwestern. Ihr wisst, dass wir im Gericht strenger beurteilt werden“ (Jakobus 3,1).
  • Paulus sagt sogar von sich selbst, dass er „als Lehrer der Völker im Glauben und in der Wahrheit“ (1 Timotheus 2,7) eingesetzt wurde.

 

3) Verweigerung der Sündenvergebung?

„Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Johannes 20,21-23)

Wir Katholiken gehen bekanntlich davon aus, dass die Vollmacht der Apostel zur Sündenvergebung auch auf deren Nachfolger, die Bischöfe, und deren Beauftragte, die Priester, übergegangen ist, und dass sie im Sakrament der Beichte ausgeübt wird. Wenn der Priester die Absolution spricht, vergibt Gott die Sünden. Soweit klar; wenn Gott Sünden vergeben kann, kann Er diese Vollmacht auch an menschliche Beauftragte delegieren, wenn Er das will. Aber was mich (und da bin ich wohl nicht die Einzige) beim Lesen dieser Stelle früher sehr irritiert hat, ist nicht das „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen“, sondern das „denen ihr sie behaltet, sind sie behalten“; sprich, dass Menschen von Gott nicht nur die Vollmacht bekommen, Sünden zu vergeben, sondern auch die Vollmacht, diese und jene Sünde da nicht zu vergeben.

Aber hier geht es eben nicht um eine Erlaubnis zur Willkür, um eine Erlaubnis, diese Sünde da einfach zu erlassen und jene Sünde da einfach nicht, weil es einem gerade so passt; so darf Autorität in der Kirche nie ausgeübt werden (wie Jesus an anderen Stellen sehr deutlich macht), und das macht auch das Kirchenrecht klar. „Can. 980 — Wenn der Beichtvater keinen Zweifel an der Disposition des Pönitenten hat und dieser um die Absolution bittet, darf diese weder verweigert noch aufgeschoben werden.“ (Codex des Kanonischen Rechtes, http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3G.HTM)

Aber es gibt Fälle, in denen Joh 20,23 Anwendung finden kann; es gibt Fälle, in denen Priester die Absolution verweigern können bzw. sogar sollen; wenn der Pönitent eben keine rechte „Disposition“ hat, d. h. etwa, wenn er nicht vorhat, eine Sünde in Zukunft bleiben zu lassen. Daher können z. B. Wiederverheiratete-Geschiedene keine Absolution erhalten, wenn sie nicht vorhaben, die Sünde des Ehebruchs in Zukunft aufzugeben (d. h. zumindest enthaltsam zu leben). Für die Absolution sind immer Reue und der Vorsatz, in Zukunft keine schweren Sünden mehr zu begehen, nötig; wenn das nicht da ist, kann der Priester sie verweigern.

Zudem kann die Kirche aufgrund ihrer Vollmacht zur Sündenvergebung auch weitere Kriterien für sie aufstellen; so hat sie z. B. bei einzelnen, sehr schweren Sünden geregelt, dass nur Bischöfe oder sogar nur der Papst sie vergeben können (in so einem Fall würde dann der örtliche Priester an den Vatikan schreiben), um den Christen deren Schwere bewusst zu machen. Beispiele: „Can. 1367 — Wer die eucharistischen Gestalten wegwirft oder in sakrilegischer Absicht entwendet oder zurückbehält, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu […]“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P52.HTM), d. h. die Strafe tritt automatisch, ohne die Notwendigkeit einer Urteilsverhängung, ein, und kann nur vom Papst aufgehoben werden; „Can. 1370 — § 1. Wer physische Gewalt gegen den Papst anwendet, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu […]“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P53.HTM) Es gibt auch noch ein paar weitere kirchenrechtliche Einschränkungen der Vollmacht zur Absolution in Sonderfällen; etwa diese hier: „Can. 977 — Die Absolution des Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs ist ungültig, außer in Todesgefahr.“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3G.HTM) D. h. ein Priester darf nicht seine Geliebte lossprechen; wenn ihr die Affäre leid tut und sie sie beichten will, muss sie zu einem anderen Priester gehen. In der Praxis werden solche Regelungen für die meisten Christen wahrscheinlich keine Rolle spielen; aber es macht durchaus Sinn, dass es sie gibt, und dass die Kirche das Recht hat, sie aufzustellen.

Aber was, wenn doch einmal ein Priester, Bischof oder Papst ungerechterweise die Absolution verweigern sollte? Weil er einfach fies ist und jemandem nicht glauben will, dass der sich bessern will, zum Beispiel? Nun, dann wird Gott die Ungerechtigkeit der Menschen nicht Seine Gerechtigkeit torpedieren lassen; eine Vollmacht zum willkürlichen „Sünden-Behalten“ hat Er nicht erteilt. Gott ist nicht absolut an Seine Sakramente gebunden. (Das gilt ja auch in anderen Zusammenhängen: So wird Gott zum Beispiel auch jemandem die Sünden vergeben, der seine Sünden noch beichten wollte, aber nicht mehr dazu gekommen ist, weil er vorher von einem Auto überfahren wurde.)

 

4) Will Jesus nicht bekannt werden?

In den Evangelien gibt es zahlreiche Stellen, an denen Jesus anderen verbietet, über Ihn als Messias und Sohn Gottes zu reden:

  • „Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu sagen, dass sie wussten, wer er war.“ (Markus 1,32-34)
  • „Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will – werde rein! Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg, wies ihn streng an und sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung dar, was Mose festgesetzt hat – ihnen zum Zeugnis. Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.“ (Markus 1,40-45)
  • „Denn er heilte viele, sodass alle, die ein Leiden hatten, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren. Wenn die von unreinen Geistern Besessenen ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Er aber gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten.“ (Markus 3,10-12)
  • „Als die Sonne unterging, brachten die Leute ihre Kranken, die alle möglichen Gebrechen hatten, zu Jesus. Er legte jedem von ihnen die Hände auf und heilte sie. Von vielen fuhren auch Dämonen aus und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Da drohte er ihnen und ließ sie nicht reden; denn sie wussten, dass er der Christus war.“ (Lukas 4,40f.)
  • „Da brachten sie zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es. Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.“ (Markus 7,32-37)
  • „Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Und Jesus sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie antworteten: Ja, Herr. Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll euch geschehen. Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber wies sie streng an: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren. Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend.“ (Matthäus 9,27-31)
  • „Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Auf dem Weg fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten. Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus! Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen.“ (Markus 8,27-30)
  • „Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.“ (Matthäus 16,20)

Etwas mehr Aufschluss geben zwei dieser Stellen:

  • „Als Jesus das erfuhr, ging er von dort weg. Viele folgten ihm nach und er heilte sie alle. Er gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten, damit erfüllt werde, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe. Ich werde meinen Geist auf ihn legen und er wird den Völkern das Recht verkünden. Er wird nicht streiten und nicht schreien und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er dem Recht zum Sieg verholfen hat. Und auf seinen Namen werden die Völker ihre Hoffnung setzen.“ (Matthäus 12,15-21)
  • Nach der Verklärung wendet Jesus sich an Petrus, Johannes und Jakobus: „Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.“ (Markus 9,9)

Jesus ist vor allem zu Beginn Seines Auftretens noch eher zurückhaltend. Dem Aussätzigen, den Er heilt, trägt Er auf, ganz nach Vorschrift das Reinigungsopfer darzubringen und seine Heilung vom Priester bestätigen zu lassen; das soll den Leuten nicht nur die Heilung nachweisen, damit der Aussätzige wieder normal in der Gesellschaft leben kann, Jesus will hier auch zeigen, dass Er kein Feind des mosaischen Gesetzes ist, sondern sich sozusagen an die Regeln hält. (So sagt Er ja auch in der Bergpredigt, Er sei nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen.) Er will nicht, dass überall von Seinen Heilungen geredet wird; und Er will – noch – nicht, dass Seine Jünger Seinen Anspruch als Messias weithin verbreiten oder die Dämonen Ihn als Sohn Gottes bezeichnen. Er lässt die Leute teilweise noch im Unklaren. Erst, als das Passahfest und damit Sein Tod näher rücken, wird Er deutlicher; so zum Beispiel bei Seinem Einzug in Jerusalem, als Er, wie von Sacharja prophezeit, auf einem Esel in die Stadt reitet. Das hat Gründe: Er will nicht, dass die Leute ihn gleich in der Rolle des messianischen Königs sehen, der den Aufstand gegen die Römer führen soll. Eine Stelle im Johannesevangelium macht das sehr deutlich: „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein. (Johannes 6,14f.) Jesus geht absichtlich immer wieder weg, wenn die Menschenmassen kommen; Er verbreitet nicht selbst den Anspruch, der Messias zu sein, auch wenn Er nicht leugnet, dass Er es ist. Er will nicht als politischer Messias gesehen werden. Er wartet und lässt die Leute erst einmal sehen, was für eine Art von Messias Er ist, damit sie Ihn nicht missverstehen. Im Endeffekt braucht es Seinen Tod am Kreuz und Seine Auferstehung, bis sie ganz verstehen können, wer Er ist; deshalb sollen Seine Jünger erst nach der Auferstehung alles verkünden, was sie über Ihn wissen; im Nachhinein sieht man klarer.

„A premature assertion of his own claim would it seems certain, have led to a crown in Galilee, a shower of stones in Judea. The nation, then, must be left to learn its own lesson.“ (Ronald Knox, The belief of Catholics, Kapitel 8; http://www.ewtn.com/library/CHRIST/BELIEF.txt)

„Ein verfrühtes Vorbringen seines eigenen Anspruches hätte, das erscheint sicher, zu einer Krone in Galiläa, zu einem Steinehagel in Judäa geführt. Das Volk musste daher dazu gebracht werden, seine Lektion selbst zu lernen.“

Zwei Bibelstellen, die in diesem Zusammenhang noch interessant sind:

  • „Weil Jesus schon nahe bei Jerusalem war, meinten die Menschen, die von alldem hörten, das Reich Gottes werde sofort erscheinen. Daher erzählte er ihnen ein weiteres Gleichnis. Er sagte: Ein Mann von vornehmer Herkunft wollte in ein fernes Land reisen, um die Königswürde für sich zu erlangen und dann zurückzukehren.“ (Lukas 19,11f.)
  • „Danach zog Jesus in Galiläa umher; denn er wollte sich nicht in Judäa aufhalten, weil die Juden ihn zu töten suchten. Das Laubhüttenfest der Juden war nahe. Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier fort und zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Taten sehen, die du vollbringst! Denn niemand wirkt im Verborgenen, wenn er öffentlich bekannt sein möchte. Wenn du dies tust, offenbare dich der Welt! Auch seine Brüder glaubten nämlich nicht an ihn. Jesus sagte zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht gekommen, für euch aber ist immer die rechte Zeit. Euch kann die Welt nicht hassen, mich aber hasst sie, weil ich bezeuge, dass ihre Taten böse sind. Geht ihr nur hinauf zum Fest; ich gehe nicht zu diesem Fest hinauf, weil meine Zeit noch nicht erfüllt ist. Das sagte er zu ihnen und er blieb in Galiläa. Als aber seine Brüder zum Fest hinaufgegangen waren, zog auch er hinauf, jedoch nicht öffentlich, sondern im Verborgenen. Die Juden suchten beim Fest nach ihm und sagten: Wo ist er? Und in der Volksmenge wurde viel über ihn hin und her geredet. Die einen sagten: Er ist ein guter Mensch. Andere sagten: Nein, er führt das Volk in die Irre. Aber niemand redete öffentlich über ihn aus Furcht vor den Juden.“ (Johannes 7,1-13)

 

5) Scheidung im Fall von Ehebruch?

„Da kamen Pharisäer zu ihm, um ihn zu versuchen, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang männlich und weiblich erschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Sie sagten zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, der Frau eine Scheidungsurkunde zu geben und sie aus der Ehe zu entlassen? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch gestattet, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. (Matthäus 19,3-9)

Vers 9 wird von konservativen Protestanten für gewöhnlich so verstanden, dass Ehescheidung und Wiederheirat nicht legitim sind – außer jedoch, der erste Partner hat einen betrogen („obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“). Dann kann man sich scheiden lassen und sich selbst jemand anderen suchen. Die katholische Kirche lehnt diese Interpretation ab und hat das auf dem Konzil von Trient auch dogmatisch verankert. Die Ehe ist und bleibt immer unauflöslich: Kan. 7. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie lehrte und lehrt, gemäß der Lehre des Evangeliums und des Apostels könne das Band der Ehe wegen Ehebruchs eines der beiden Gatten nicht aufgelöst werden, und keiner von beiden, nicht einmal der Unschuldige, der keinen Anlaß zum Ehebruch gegeben hat, könne, solange der andere Gatte lebt, eine andere Ehe schließen, und derjenige, der eine Ehebrecherin entläßt und eine andere heiratet, und diejenige, die einen Ehebrecher entläßt und einen anderen heiratet, begingen Ehebruch: der sei mit dem Anathema belegt.“ (Quelle: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, lt.-dt., hrsg. v. Heinrich Denzinger u. Peter Hünermann, 42. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009.)

An anderen Stellen, an denen im Neuen Testament von Scheidung und Wiederheirat die Rede ist, wird keine derartige Ausnahme angedeutet. Bei Markus heißt es: „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen? Damit wollten sie ihn versuchen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ (Markus 10,2-12) Auch bei Lukas heißt es schlicht und einfach: „Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; auch wer eine Frau heiratet, die von ihrem Mann entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“ (Lukas 16,18) Und Paulus schreibt: „Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“ (1 Korinther 7,10f.) Wir wissen nicht, ob das Matthäusevangelium überhaupt schon geschrieben war, als Paulus den ersten Brief an die Korinther schrieb, und auch nicht, ob, falls ja, die Korinther es schon kannten; insofern kann man sich doch fragen, wieso der Apostel eine solche mutmaßliche Ausnahme bei Jesu Scheidungs-und-Wiederheirats-Verbot nicht erwähnt, die für seine Adressaten schließlich von Bedeutung sein könnte.

Matthäus’ „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“ wurde katholischerseits manchmal so interpretiert: Bei Ehebruch darf man sich vom Ehepartner trennen, aber wieder heiraten darf man trotzdem nicht. Diese Interpretation macht für mich aus mehreren Gründen keinen Sinn. Zunächst einmal gibt es laut katholischer Lehre auch noch andere gute Gründe für eine „Trennung an Tisch und Bett“ ohne Wiederheirat; wenn ein Ehepartner einen schlecht behandelt, aber nicht betrügt, muss man deshalb nicht bei ihm bleiben. Auch das wurde auf dem Konzil von Trient in den Kanones verankert: Kan. 8. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie erklärt, eine Trennung zwischen den Gatten in bezug auf Bett bzw. in bezug auf Zusammenwohnen, auf bestimmte oder unbestimmte Zeit, sei aus vielen Gründen möglich: der sei mit dem Anathema belegt.“ Dann sollte man sich den Text anschauen: Hier ist gar nicht von Ehebruch die Rede.

Sondern eben von „Unzucht“, im griechischen Original „porneia“. Dieser Begriff ist weiter gefasst als „Ehebruch“ („moicheia“); er schließt voreheliche Beziehungen, Konkubinat, Prostitution, homosexuelle Beziehungen, inzestuöse Beziehungen etc. ein. Auch Ehebruch, ja, aber nicht vorrangig. Am Ende desselben Verses verwendet Jesus ausdrücklich das Verb „moichaomai“ (in der dritten Person: „moichatai“) für „ehebrechen“, „Ehebruch begehen“. Wenn Er „Ehebruch“ meint, sagt Er offensichtlich Ehebruch; zuvor sagt Er „Unzucht“.

Außerdem heißt es hier nicht „obwohl sie nicht Unzucht begangen hat“, sondern „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“; wörtlich „me epi porneia“, was ich vielleicht so ungefähr mit „außer bei Unzucht“ oder „außer wegen Unzucht“ übersetzen würde („me“ ist ein Wort für „nicht“ (das nur in bestimmten grammatikalischen Kontexten verwendet wird), „epi“ eine Präposition, die in allen möglichen Situationen verwendet wird und „auf“, „bei“, „an“, „mit“, „zu“, „wegen“, „um … willen“, „während“ und noch einiges andere heißen kann).

Also: Sprachlich gesehen macht folgende Deutung des Satzes Sinn: Jesus stellt klar, dass jemand, der sich von seiner Frau scheiden lässt und eine andere heiratet, Ehebruch begeht – anders sieht es lediglich „im Fall von Unzucht“ aus, d. h. wenn die Beziehung, in der er sich befindet, gar keine Ehe ist, sondern wenn er etwa mit seiner Geliebten zusammenlebt (ja, doch, „eheähnliche Lebensgemeinschaften“ gab’s in der Antike auch). Eine Beziehung, die eigentlich „Unzucht“ ist, kann man lösen und eine andere eingehen. Vielleicht bezieht Jesus sich hier auf nach der Tora verbotene Verwandtenehen, oder auf Ehen, die schon Zweitehen nach Scheidung sind (ich muss spontan an Herodes und Herodias denken), oder auf eheähnliche Verhältnisse, wie sie vermutlich bei Römern und Griechen häufiger bestanden (jetzt fallen mir Augustinus vor seiner Bekehrung und seine langjährige Lebensgefährtin ein). Die meisten Autoren des NT, die Jesu Gebote zu Scheidung und Wiederheirat überliefern, machen sich nicht die Mühe, diesen Zusatz aufzuschreiben; Matthäus lässt ihn vielleicht der Vollständigkeit halber stehen.

 

6) Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

„Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46)

Dieser Ruf Jesu am Kreuz, kurz vor Seinem Tod, wird außer bei Matthäus auch noch bei Markus überliefert, und er hat die Leute schon oft irritiert. Wie kann Jesus, der eines Wesens mit dem Vater ist, von Gott verlassen sein?

Zum Verständnis der Stelle sollte man zunächst wissen: Jesus betet hier den ersten Vers von Psalm 22, den man unbedingt ganz kennen muss:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?

Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.

Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.

Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

Wälze die Last auf den HERRN! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat!

Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, der mich anvertraut der Brust meiner Mutter.

Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott.

Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und kein Helfer ist da!

Viele Stiere haben mich umgeben, Büffel von Baschan mich umringt.

Aufgesperrt haben sie gegen mich ihren Rachen, wie ein reißender, brüllender Löwe.

Hingeschüttet bin ich wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder, mein Herz ist geworden wie Wachs, in meinen Eingeweiden zerflossen.

Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.

Denn Hunde haben mich umlagert, eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.

Ich kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und starren mich an.

Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.

Du aber, HERR, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!

Entreiß mein Leben dem Schwert, aus der Gewalt der Hunde mein einziges Gut!

Rette mich vor dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der Büffel! – Du hast mir Antwort gegeben.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.

Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.

Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.

Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.

Alle Enden der Erde sollen daran denken und sich zum HERRN bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen.

Denn dem HERRN gehört das Königtum; er herrscht über die Nationen.

Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat,

Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird.

Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.“

(Psalm 22,2-32)

Es ist wichtig, auch das Ende dieses Psalms zu kennen. Dann sollte man wissen:

“The signal feature in the sufferings of Our Lord revealed in this Psalm was His desolation and solitude. The Divine Son called His Father ‘My God’ – in contrast to the prayer which taught men to say ‘Our Father Who art in heaven.’ It was not that His human nature was separated from His Divine nature; that was impossible. It was rather that just as the sun’s light and heat can be hidden at the base of a mountain by intervening clouds, though the peak is bathed in sunlight, so too, in taking upon Himself the sins of the world He willed a kind of withdrawal of His Father’s face and all Divine consolation. Sin has physical effects, and these He bore by having His hands and feet pierced; sin has mental effects which He poured forth in the Garden of Gethsemane; sin also has spiritual effects such as a sense of abandonment, separation from God, loneliness. This particular moment He willed to take upon Himself that principal effect of sin which was abandonment.

Man rejected God; so now He willed to feel that rejection.” (Fulton Sheen, Life of Christ, S. 551f.)

„Das besondere Merkmal der Leiden unseres Herrn, das sich in diesem Psalm offenbart, war Seine Trostlosigkeit und Einsamkeit. Der göttliche Sohn nannte Seinen Vater ‚Mein Gott’ – im Gegensatz zu dem Gebet, das die Menschen lehrte, zu sagen ‚Vater unser, der du bist im Himmel’. Es war nicht so, dass Seine menschliche Natur von Seiner göttlichen Natur getrennt gewesen wäre; das war unmöglich. Es war eher, dass, so wie Licht und Hitze der Sonne am Fuß eines Berges von dazwischentretenden Wolken versteckt sein können, obwohl der Gipfel in Sonnenlicht gebadet ist, Er so auch eine Art von Rückzug vom Angesicht Seines Vaters und allem göttlichen Trost wollte, als Er die Sünden der Welt auf sich nahm. Die Sünde hat physische Effekte, und diese trug Er, indem Seine Hände und Füße durchbohrt wurden; die Sünde hat geistige Effekte, die Er im Garten von Gethsemane zeigte; die Sünde hat auch seelische Effekte wie einen Sinn der Verlassenheit, der Trennung von Gott, der Einsamkeit. In diesem bestimmten Moment wollte Er diesen Haupteffekt der Sünde, der die Verlassenheit ist, auf sich nehmen.

Der Mensch wies Gott zurück; also wollte Er nun diese Zurückweisung fühlen.“

Jesus hat sich so weit mit uns sündigen Menschen gemein gemacht, dass Er alle Folgen der Sünde, auch das schreckliche Gefühl des Abgeschnittenseins von Gott, in Seinem Leiden auf sich nahm.

 

7) Hatte Jesus Geschwister?

Der Vollständigkeit halber noch kurz zu dieser Stelle (und ähnlichen) : „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ (Markus 6,3)

Die Stellen, an denen Brüder und Schwestern Jesu erwähnt werden, werden zwar oft erklärt, aber wenn ich schon bei den Evangelien bin, will ich sie doch nicht auslassen: Mit den Brüdern und Schwestern können auch (beispielsweise) Cousins und Cousinen gemeint sein; im jüdischen Sprachgebrauch wurden auch alle möglichen Verwandten als „Brüder“ und „Schwestern“ bezeichnet. Im Buch Genesis sagt Abraham zu seinem Neffen Lot: „Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder.“ (Genesis 13,8) Im Buch Tobit sagt Tobias: „Asarja, mein Bruder, sprich bitte zu Raguël, dass er mir Sara, meine Schwester, gebe!“ (Tobit 7,9) Gemeint ist: zur Ehefrau gebe. Tobias ist hier ein Verwandter von Sara, was bedeutet, dass er auch ein bevorzugter Heiratskandidat für sie ist, aber er ist eben nicht ihr Bruder. (Wie genau ihre Eltern verwandt sind, erfährt man nicht.) Auch später, nach der Hochzeit, sagt Tobias noch einmal, hier jetzt zu Sara: „Schwester, steh auf, lass uns beten und unseren Herrn bitten, er möge Erbarmen und Rettung über uns walten lassen!“ (Tobit 8,4) Auf die Interpretation der „Brüder“ und „Schwestern“ als Cousins, Cousinen oder anderweitige Verwandte deutet auch die Tatsache hin, dass Jesus am Kreuz seine Mutter seinem Lieblingsjünger anvertraut, was nicht nötig gewesen wäre, wenn sie noch weitere Söhne gehabt hätte. „Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Johannes 19,26f.)

 

8) Besitzlosigkeit

„Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ (Lukas 14,33)

Heißt das, wer als Christ noch etwas besitzt, kann kein wirklicher Christ sein?

Erst einmal zum Originaltext. Mein Griechisch-Wörterbuch – leider kein vollständiges Wörterbuch, sondern nur der Anhang zu meinem griechischen NT – hat für „apotassomai“ „Abschied nehmen, aufgeben“; „tassomai“ (eine Form von „tasso“) wird übersetzt mit „anordnen, bestimmen, befehlen; einsetzen, anstellen; (einer Autorität) unterstellen, unterordnen“. Die Vorsilbe „apo“ hat etwa die Bedeutung „von, weg von“ – insofern könnte man „apotassomai“ vielleicht auch mit „wegstellen“, „beiseitestellen“, „hintanstellen“, „wegtun“ übersetzen.

Man muss also seinen Besitz aufgeben, wegstellen, von ihm Abschied nehmen. Was sagen andere Bibelstellen noch zum Thema Besitz?

Da wäre diese bekannte Stelle mit dem reichen Jüngling: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer in das Himmelreich kommen. Nochmals sage ich euch: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Als die Jünger das hörten, gerieten sie ganz außer sich vor Schrecken und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich. Da antwortete Petrus: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen? Jesus erwiderte ihnen: Amen, ich sage euch: Wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet auch ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben erben. Viele Erste werden Letzte sein und Letzte Erste.“ (Matthäus 19,16-30)

Zunächst trägt Jesus dem jungen Mann bloß auf, sich an die allgemein bekannten Gebote zu halten; erst, als der noch einmal nachfragt, was er noch darüber hinaus tun kann, fügt der Herr hinzu: „Wenn du vollkommen sein willst, geh verkauf deinen Besitz…“ Da jedoch wird der junge Mann durch die Anhänglichkeit an sein Vermögen davon abgehalten, die Sache durchzuziehen, und Jesus stellt fest, dass es für einen Reichen schwer ist, ins Himmelreich zu gelangen. Von sich aus wäre Jesus mit dem Halten der Zehn Gebote zufrieden gewesen; der junge Mann wollte noch mehr für Gott tun – aber dann wird es kritisch, wenn er von diesem hehren Ziel nur durch die Liebe zum Besitz abgehalten wird.

Eine interessante Geschichte ist auch die von Zachäus. Nachdem Jesus bei ihm, dem reichen, korrupten Beamten, eingekehrt ist, sagt Zachäus: „Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ (Lukas 19,8) Und Jesus ist sehr zufrieden: Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Zachäus ist bereit, umstandslos auf einen beträchtlichen Teil seines Vermögens zu verzichten und vergangenes Unrecht vielfach wiedergutzumachen; aber er gibt tatsächlich nicht sein gesamtes Vermögen, und auch nicht seinen einträglichen Beruf, auf, um von nun an Jesus nachzufolgen.

Ich denke, insgesamt sagen diese Stellen aus: Ja, man muss als Christ bereit sein, den eigenen Besitz hintanzustellen, und, wenn es nötig sein sollte, auf ihn zu verzichten, sprich, man muss innerlich von ihm Abschied nehmen. Es braucht eine innere Unabhängigkeit; es ist immer falsch, am Besitz zu hängen. Aber nicht jeder einzelne Mensch ist dazu berufen, tatsächlich ohne jeden eigenen Besitz zu leben – so wie nicht jeder dazu berufen ist, ehelos zu leben, obwohl der Herr auch diese Lebensform sehr empfohlen hat. Ein anderes Beispiel: Es gab Menschen, die berief der Herr, ihm direkt nachzufolgen (wie etwa die Zwölf); aber es passierte auch einmal, dass Er etwas anderes zu jemandem sagte, der Ihm nachfolgen wollte: „Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat!“ (Markus 5,18f.) Auch andere seiner Anhänger behielten ihr normales Leben bei, ohne dass das irgendwie kritisiert wird, etwa die drei Geschwister Lazarus, Maria und Martha in Betanien. In ähnlicher Weise verhält es sich vielleicht mit der Besitzlosigkeit. Noch ein Beispiel: Alle Christen sollen bereit sein zum Martyrium, aber nicht von jedem erfordert es die Situation, zum Märtyrer zu werden. So sollte auch der Christ, der sich nicht zum Armutsgelübde berufen fühlt, bereit sein, im Notfall seinen Besitz aufzugeben.

 

9) Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter

„Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein. Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig! Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig! Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ (Lukas 16,1-9)

Dieses Gleichnis hat mich früher ein wenig irritiert: Wieso lobt Jesus hier einen Betrüger? Aber die Lösung ist eigentlich nicht schwer; sie liegt in Vers 8: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.“ „Die Kinder dieser Welt“ ist kein positiver Begriff; natürlich ist der Verwalter unehrlich. Aber er wendet wenigstens seinen Verstand auf und macht sich Gedanken – wenn auch nur darüber, wie er für sich das Beste herausschlagen kann. „Die Kinder des Lichts“ dagegen machen sich offenbar weniger Gedanken und Mühe, wenn es um ihre (wichtigeren, besseren) Angelegenheiten geht. Ein moderner, etwas banaler Vergleich: Weltliche Filmproduzenten bekommen oft grandiose Filme hin, und ihr Ziel ist es lediglich, Geld zu machen. Dezidiert christliche Filme von kleinen, christlichen Produktionsfirmen sind dagegen oft eher von… na ja… minderer Qualität. Ausnahmen gibt es („Die Passion Christi“ von Mel Gibson, zum Beispiel), aber wenn man etwa Filme von Pureflix („God’s not dead“, „God’s not dead II“ und dergleichen) anschaut… über die verliere ich mal keinen weiteren Kommentar.

Der letzte Satz – „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ – wird klarer, wenn man die Verse danach anschaut: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben?“ (Lukas 16,10-12) Das Geld in dieser Welt ist ungerecht verteilt, aber man soll mit dem, was man eben zufällig hat, auf kluge Weise Gutes tun, um sich Gott sozusagen „zum Freund zu machen“, damit man „in die ewigen Wohnungen aufgenommen“ wird, so wie der unehrliche Verwalter sich Freunde macht, damit die ihn aufnehmen, wenn die Zeit kommt und er entlassen wird.

 

10) Ist der Messias nicht der Sohn Davids?

„Da fragte er sie: Wie kann man behaupten, der Christus sei der Sohn Davids? Denn David selbst sagt im Buch der Psalmen: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten, bis ich dir deine Feinde als Schemel unter die Füße lege! David nennt ihn also Herr. Wie kann er dann sein Sohn sein?“ (Lukas 20,41-44)

Lehnt Jesus hier den Titel „Sohn Davids“ für sich ab? Heißt das, wir dürfen Ihn nicht mehr so nennen, wie wir es manchmal, auch in offiziellen kirchlichen Gebetstexten, tun?

Ich denke nicht. Eher denke ich, Er stellt hier eine ernst gemeinte Frage an die Schriftgelehrten, mit denen Er sich gerade unterhält, um sie zum Nachdenken über den Messias zu bringen (er selbst kennt die Antwort ja). Er erhält jedoch keine Antwort; im vorigen Vers heißt es schon: „Und man wagte nicht mehr, ihn etwas zu fragen.“ (Lukas 20,40) Aber vielleicht hätte Er gerne eine Antwort gehabt.

Vielleicht könnte man als Antwort sagen: Der Messias ist gleichzeitig Sohn Davids, in dem Sinne, dass Er sein entfernter Nachkomme ist; aber Er steht natürlich auch über David und ist damit dessen „Herr“. So, wie Jesus sich auch als „Menschensohn“ bezeichnet, aber gleichzeitig der Herr der Menschen ist.

 

11) Die Jünger sollen Schwerter kaufen?

Bei Lukas’ Schilderung des Letzten Abendmahls findet sich diese Stelle: „Dann sagte Jesus zu ihnen: Als ich euch ohne Geldbeutel aussandte, ohne Vorratstasche und ohne Schuhe, habt ihr da etwa Not gelitten? Sie antworteten: Nein. Da sagte er zu ihnen: Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen und ebenso die Tasche. Wer dies nicht hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich ein Schwert kaufen. Denn ich sage euch: An mir muss sich erfüllen, was geschrieben steht: Er wurde zu den Gesetzlosen gerechnet. Denn alles, was über mich gesagt ist, geht in Erfüllung. Da sagten sie: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!“ (Lukas 22,35-38)

Jesus erteilt den Jüngern hier Anweisungen, wie sie nach Seinem Tod (und Seiner Auferstehung und Himmelfahrt) bei der Mission vorgehen sollen. Anders als zu dem einen Zeitpunkt, als Er sie zuvor in Paaren ausgesandt hat, um das Reich Gottes zu verkünden, Krankheiten zu heilen und Dämonen auszutreiben (vgl. Matthäus 10,5-15), sollen sie nicht mehr ohne Ausrüstung losziehen; sie sollen jetzt Vorratstasche, Geldbeutel und Schwert mitnehmen. Vorratstasche und Geldbeutel: Sie können vielleicht nicht mehr so oft auf die Gastfreundschaft der Leute zählen und müssen besser vorsorgen; auch anlässlich der Tatsache, dass die Mission nach Ostern auf die Heiden ausgeweitet werden wird, nachdem sie zuvor nur in jüdischen Gebieten (bei den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, Matthäus 10,6) unterwegs gewesen waren. Und wozu das Schwert? Vielleicht ganz banal, um sich auf dem Weg gegen Straßenräuber und wilde Tiere verteidigen zu können; das würde erklären, wieso das Schwert noch wichtiger ist als der Mantel. Und wie hängt das dann mit dem Vers darüber zusammen, dass Jesus zu den Gesetzlosen gerechnet wird? Vielleicht bedeutet diese Aussage einfach, dass Seine Jünger in Zukunft oft allein reisen oder auf der Straße übernachten müssen werden (statt sich Gruppen anschließen zu können und in Häuser aufgenommen zu werden), weil sie nicht auf die Unterstützung der Leute zählen können werden. Paulus schreibt später von sich selbst: „Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder.“ (2 Korinther 11,26) Reisen waren damals nicht ungefährlich; ein Schwert kann da nützlich gewesen sein.

Als die Jünger dann darauf hinweisen, dass da zwei Schwerter sind, sagt Jesus „Es ist genug!“ (so die wörtlichere Übersetzung; sprich: „Genug von dem Thema, mehr muss dazu nicht mehr gesagt werden!“) und beendet die Anweisungen für die Zeit nach Seiner Passion und geht zum Ölberg.

Dass das Schwert nicht gegen sonstige Gegner eingesetzt werden soll, zeigt sich jedenfalls noch im selben Kapitel, als Jesus dann festgenommen wird: „Als seine Begleiter merkten, was bevorstand, fragten sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Und einer von ihnen schlug auf den Diener des Hohepriesters ein und hieb ihm das rechte Ohr ab. Da sagte Jesus: Lasst es! Nicht weiter! Und er berührte das Ohr und heilte den Mann.“ (Lukas 22,49-51) Bei Matthäus wird Jesus noch deutlicher: „Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so geschehen muss?“ (Matthäus 26,52-54) Zusätzlich könnte man andere Stellen in den Evangelien aufzählen, aus denen klar wird, dass die Jünger auf Verfolgung nicht mit Gewalt antworten sollen, etwa Matthäus 5,38-48 und Matthäus 10,16-39. Offensichtlich verstanden die ersten Christen das auch; laut Apostelgeschichte reagierten weder die Urgemeinde in Jerusalem noch Paulus noch irgendwelche anderen Christen mit Gewalt auf Verfolgung. Sie flohen in andere Gegenden; sie wurden von Engeln aus dem Gefängnis befreit; sie ertrugen die Strafen; sie versuchten, sich mit dem Appell an römische Rechtsprinzipien zu verteidigen; jedenfalls griffen sie nicht zum Schwert.

Übrigens wurde die Stelle „Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!“ im Mittelalter gern allegorisch interpretiert: Jesus sagt, dass genau zwei Schwerter genug sind; das bedeutet, dass es auf Erden genau zwei Gewalten geben soll, nämlich die weltliche Gewalt des Staates und die geistliche Gewalt der Kirche (Zwei-Schwerter-Lehre). Doch, ja, solches Zeug las man damals in Bibeltexte. Von wegen wortwörtliche Interpretation.

 

12) „Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen […] Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. […] Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn ausliefern würde. Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.“ (Johannes 6,37.44.64f.)

Diese Stelle hat mich früher gestört, weil sie sich anhört, als ob Gott einige Leute zu sich zöge und andere nicht, und letztere dann gar nicht zu Jesus kommen könnten – ohne selbst jedoch daran schuld zu sein.

Nun, es ist eine theologische Binsenweisheit, dass der Mensch Gottes Gnade braucht, um zu Ihm zu kommen; wir sind gefallene Geschöpfe. Jeder, der zu Gott kommt, tut das unter dem Einfluss Seiner Gnade, und dafür können wir dankbar sein. Dann stellt sich nur noch die Frage: Was ist mit den Menschen, die nicht zu Gott kommen?

a) Hat Gott denen aus grundloser Willkür keine Gnade gegeben?

b) Hat Gott denen Gnade gegeben, aber sie haben sie zurückgewiesen?

c) Hat Gott denen keine Gnade gegeben, weil Er wusste, dass sie sie zurückweisen würden?

Logischerweise akzeptabel wären b) und c); die Verse 64-65 scheinen auf c) hinzudeuten. Auf jeden Fall muss man einen solchen Text im Kontext der anderen biblischen Texte lesen, die klarmachen, dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Timotheus 2,4).

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 19: Irritierende Aussagen und Taten Jesu – einige gesammelte Stellen

[Dieser Teil wurde noch einmal überarbeitet. Alle Teile hier.]

 

Ab und an stößt man in der Bibel auch auf Aussagen oder Taten Jesu, die einen irritiert oder erschrocken zurücklassen – und die Schwierigkeit hier besteht eben darin, dass es um Jesus geht, den Sohn Gottes selbst, der sich nicht einmal irren geschweige denn sündigen kann, wie etwa Petrus, Paulus oder König David. Daher hier ein paar Erklärungsansätze zu einigen bekannten solchen Stellen. (Zu einigen gibt es mehrere mögliche Erklärungen; ich bringe hier die, die mir am logischsten erscheinen.)

 

1) Die Lästerung des Heiligen Geistes:

„Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben werden. Auch wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.“ (Matthäus 12,31f.)

Die klassische Stelle, um Bibelleser zu verwirren.

Daher gleich in aller Deutlichkeit: Es gibt keine Sünde, die bei Reue und dem Vorsatz zur Besserung nicht vergeben werden könnte. Daran lässt die beständige Lehre der Kirche gar keinen Zweifel.

Was ist aber dann gemeint? Es geht um Menschen, die „etwas gegen den Heiligen Geist sag[en]“ (wörtlich: gegen den Heiligen Geist reden), also den Heiligen Geist zurückweisen; d. h. das innerliche Wirken Gottes, Gottes Gnade zurückweisen. Wenn jemand sich äußerlich als Gegner Jesu aufführt – noch nicht so schlimm, vielleicht „weiß er nicht, was er tut“. Der Heilige Geist aber steht immer für Gottes inneres Wirken im Menschen, und wenn jemand das zurückweist, dann kann ihm nicht vergeben werden, weil er sich eben in einem Zustand befindet, in dem er Gottes Vergebung nicht zulässt – einem Zustand der „Unbußfertigkeit“, mit einem älteren Ausdruck. Die Zurückweisung oder „Lästerung“ des Heiligen Geistes besteht gerade in innerlicher Gottferne, darin, nicht bereuen zu wollen, nicht das Gute tun zu wollen, sich um vergangene Sünden nicht zu kümmern, etc. Hier fehlen gerade die Reue und der Vorsatz zur Besserung, die die Vergebung der Sünden sonst möglich machen.

 

2) Will Jesus die Leute verwirren?

„Da traten die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen. An ihnen erfüllt sich das Prophetenwort Jesajas: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile. Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören. Denn, amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Matthäus 13,10-17)

Ähnlich Markus 4,10-12: „Als er mit seinen Begleitern und den Zwölf allein war, fragten sie ihn nach dem Sinn seiner Gleichnisse. Da sagte er zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; für die aber, die draußen sind, geschieht alles in Gleichnissen; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird.“

Die zugehörige Jesaja-Stelle, aus der Jesus hier zitiert, lautet: „Da hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich sagte: Hier bin ich, sende mich! Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Verfette das Herz dieses Volkes, mach schwer seine Ohren, verkleb seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht, mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und es sich nicht bekehrt und sich so Heilung verschafft.“ (Jesaja 6,8-10)

Will Jesus hier, dass das Himmelreich exklusiv ein paar wenigen Auserwählten vorbehalten bleibt? Will Er, dass einige Menschen nicht „geheilt“ werden? Sicher nicht.

Die sinnvollste Erklärung, die ich zu dieser Stelle gefunden habe, ist die folgende: Jesus spricht in seinen öffentlichen Reden in Gleichnissen, weil er die Leute dazu bringen will, wirklich zu seinen Jüngern zu werden und sich die genaueren Erklärungen für die auf Anhieb nicht einfach so verständlichen Gleichnisse anzuhören, die er im kleineren Kreis gibt. („Die Jünger“ meint übrigens bei weitem nicht nur „die Zwölf“; an einer anderen Stelle ist z. B. von 72 anderen Jüngern mit einer speziellen Sendung die Rede, an einer weiteren Stelle werden einige Frauen genannt.) Jesus will die, „die draußen sind“, dazu bringen, eben nicht bloß draußen, nicht bloß mehr oder weniger interessierte Zuhörer zu bleiben. Man soll sich entscheiden, ob man ganz zu Christus gehören will.

In diesem Sinne: „wer hat, dem wird gegeben“ bedeutet: Wenn man einmal angefangen hat, auf Gott zu hören und das Gute zu tun, wird es einem mit der Zeit immer leichter fallen. Wenn man dagegen anfängt, seine Augen und Ohren zu verschließen, wird es immer schwerer, sie wieder zu öffnen. Wenn man sich in seinen schlechten Gewohnheiten oder Vorurteilen versteift, fällt es einem nach und nach schwerer, sie wieder zu hinterfragen oder abzulegen. Davor warnt Jesus hier: „wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“.

Hier wird zudem eine ähnliche Sprache verwendet wie z. B. bei der Geschichte vom Exodus, als davon die Rede ist, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtet – d. h., genau genommen ist dort abwechselnd die Rede davon, dass Gott sein Herz verhärtet und dass der Pharao sein Herz selbst verhärtet, ebenso, wie es auch hier in Matthäus 13,15 heißt: „Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile.“ Die Leute selbst verschließen hier ihre Augen und Ohren, um nicht zu sehen und zu hören, weil sie sich nicht bekehren wollen. In Matthäus 13,13 heißt es: „Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen.“ Die griechische Präposition „hóti“ wird hier mit „weil“ und in anderen Übersetzungen (z. B. Zürcher Bibel) mit „dass“ wiedergegeben; sie kann tatsächlich beides heißen. Wenn man „weil“ übersetzt, stellt sich die Sache eher so dar: Jesus sieht, dass die Menschen schon nicht hören und sehen wollen, stellt sich darauf ein und erzählt ihnen – vielleicht beim ersten Hören nicht ganz verständliche, aber zum Nachdenken anregende – Gleichnisse, die sie dazu bringen sollen, tiefer zu bohren.

Aber, zurück zum Vergleich mit dem Pharao; es gibt ja auch die Formulierungen, in denen Gott bzw. der Prophet Jesaja Augen und Ohren verschließt. Hier muss man wie immer beachten: In der Bibel wird oft etwas als von Gott verursacht dargestellt, wenn Er es in Wahrheit bloß zulässt (da zum Beispiel vom Autor der Stelle betont wird, dass Gott das Schicksal der ganzen Welt in der Hand hält und nichts gegen Seinen Willen (Seine Zulassung) geschehen kann). Regel Nummer 14: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes. Gott lässt es zu, dass die Menschen ihre Augen verschließen, aber Er will es nicht und verursacht es nicht direkt.

Außerdem zu beachten: Gerade bei Jesaja spricht Gott auch etwa so wie in Offenbarung 22,11f. („Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht, der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit. Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht.“). Gott kündigt Jesaja einfach an, dass seine Predigt nicht zur Bekehrung des Volkes führen wird, sondern dazu, dass die Leute ihre Augen nur noch fester verschließen werden. Ja, dann verstopft doch Augen und Ohren!

Zu dieser Stelle schreibt übrigens schon der hl. Clemens von Alexandria: „‚Deshalb‘, so sagt der Herr, ‚rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie mit sehenden Augen nicht sehen und mit hörenden Ohren nicht hören und nicht verstehen‘, womit nicht gesagt ist, daß der Herr das Nichtverstehen bei ihnen herbeiführt (denn solches zu denken, wäre nicht recht), sondern daß er das bei ihnen vorhandene Nichtverstehen in prophetischer Weise aufzeigte und kundtat, daß sie das Gesagte nicht verstehen würden.“ (Stromateis I,2,3)

 

3) Jesus und die Kanaaniterin:

„Jesus ging weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“ (Matthäus 15,21-28)

Wenn diese Stelle im Sonntagsevangelium drankommt, bekommt man immer mal wieder eine Predigt zu hören, nach der Jesus selbst noch Vorurteile gegenüber der Kanaaniterin gehabt hätte, von ihr dann eines Besseren belehrt worden sei und gemerkt hätte, dass auch Kanaaniter bewundernswerten Glauben haben könnten und dass Seine eigene Sendung nicht nur Seinem eigenen Volk galt. Diese Erklärung ist natürlich von vornherein auszuschließen. Erstens war Jesus ohne Sünde, ergo auch ohne Vorurteile und Gleichgültigkeit gegenüber Kanaanitern. Zweitens können wir aufgrund der Einheit der göttlichen und der menschlichen Natur in Ihm davon ausgehen, dass Er selbst in Seiner menschlichen Natur Seine Sendung gut genug verstand, um zu wissen, dass sie auch den Heiden galt – wenn Er sich auch vor Ostern hauptsächlich an die Juden wandte und die Heiden eher erst nach Ostern und Pfingsten eine größere Rolle in der Kirche bekamen; die Juden sind nun mal das auserwählte Volk.

Eine andere Interpretation, die mehr Sinn macht, ist: Jesus erteilt hier seinen Jüngern eine Lehre, um deren Vorurteilen gegenüber den heidnischen Völkern etwas entgegenzusetzen. Man sieht, dass sie sich nicht wirklich für die Frau interessieren; sie wollen nur, dass sie aufhört, ihnen hinterher zu schreien und bitten Jesus deshalb, sich um ihr Anliegen zu kümmern. Jesus gibt als Antwort zunächst eine sicherlich auch unter einigen der Jünger verbreitete Ansicht wieder: Der Messias sei aber doch nur zu Israel gesandt; es sei doch nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Als die Kanaaniterin dann aber unbeirrt, demütig und glaubensfest antwortet: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ hat Jesus den Jüngern demonstriert, wie groß ihr Glaube ist; er heilt ihre Tochter.

Ein Vergleich mit König Salomo und seinem sprichwörtlich gewordenen salomonischen Urteil bietet sich an. Zur Erinnerung die Stelle:

„Damals kamen zwei Dirnen und traten vor den König. Die eine sagte: Bitte, Herr, ich und diese Frau wohnen im gleichen Haus und ich habe dort in ihrem Beisein geboren. Am dritten Tag nach meiner Niederkunft gebar auch diese Frau. Wir waren beisammen; kein Fremder war bei uns im Haus, nur wir beide waren dort. Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht; denn sie hatte im Schlaf auf ihm gelegen. Sie stand mitten in der Nacht auf, nahm mir mein Kind weg, während deine Magd schlief, und legte es an ihre Seite. Ihr totes Kind aber legte sie an meine Seite. Als ich am Morgen aufstand, um mein Kind zu stillen, war es tot. Als ich es aber am Morgen genau ansah, war es nicht mein Kind, das ich geboren hatte. Da rief die andere Frau: Nein, mein Kind lebt und dein Kind ist tot. Doch die erste entgegnete: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. So stritten sie vor dem König. Da begann der König: Diese sagt: Mein Kind lebt und dein Kind ist tot! und jene sagt: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. Und der König fuhr fort: Holt mir ein Schwert! Man brachte es vor den König. Nun entschied er: Schneidet das lebende Kind entzwei und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen! Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind und tötet es nicht! Doch die andere rief: Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es! Da befahl der König: Gebt jener das lebende Kind und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter. Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten mit Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, dass die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach.“ (1 Könige 3,16-28)

Ich denke, man kann getrost davon ausgehen, dass König Salomo nicht vorhatte, das Kind in zwei Hälften zu schneiden und erst durch die Bitte der wahren Mutter davon abgehalten wurde. Er hatte schlichtweg vor, die Reaktionen der beiden Frauen auf seinen Lösungsvorschlag zu testen.

[Zu einer anderen möglichen Interpretation dieser Stelle: Siehe die Kommentare.]

 

4) Die Verfluchung des Feigenbaums (und die Schweine bei Gerasa):

„Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger. Da sah er von Weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es. […] Als sie am nächsten Morgen an dem Feigenbaum vorbeikamen, sahen sie, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war. Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt. Jesus sagte zu ihnen: Habt Glauben an Gott! Amen, ich sage euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer! und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen. Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ (Markus 11,12-14.20-24)

Hier stellen sich zweierlei Probleme:

Erstens: Radikale Umweltschützer könnten sich aufregen, dass Jesus ein Lebewesen absterben lässt (wenn auch in diesem Fall kein fühlendes Lebewesen). Ein ähnliches Problem würde sich für sie übrigens bei der Geschichte mit dem Besessenen von Gerasa stellen: „Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm sogleich von den Gräbern her ein Mensch entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er hauste in den Grabstätten. Nicht einmal mit einer Kette konnte man ihn bändigen. Schon oft hatte man ihn mit Fußfesseln und Ketten gebunden, aber er hatte die Ketten zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabstätten und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von Weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten es in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war, bekleidet und bei Verstand. Da fürchteten sie sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen, wie es mit dem Besessenen und den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat! Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten.“ (Markus 5,1-20) Wieso lässt Jesus zweitausend Schweine ertrinken? Hier einfach die Erinnerung an Regel Nr. 15: Gott ist der Herr über alles Leben. Er lässt auch zu, dass das Leben von Tieren und Pflanzen auf andere Weise zu Ende geht.

Ein zweiter, allgemeiner Einwand: Jesus wird wütend auf einen Baum, weil der keine Früchte trägt? Noch dazu, wenn gar nicht Erntezeit ist? Dieser Einwand ist sehr rasch erledigt: Es handelt sich bei diesem Wunder nicht um eine wütende Reaktion darauf, dass Er nichts zu essen findet, sondern schlichtweg um eine Art „Lehrwunder“ für seine Jünger. Einerseits demonstriert Er an dem Baum, was die Kraft des Glaubens ausrichtet (s. Verse 20-24); andererseits wirkt das Ganze wie eine Illustration zu einem Seiner Gleichnisse, das Lukas überliefert hat: „Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Winzer: Siehe, jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Winzer erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen!“ (Lukas 13,6-9) Gott kommt, um zu inspizieren, ob es gute Früchte gibt oder nicht; es gibt keine, also zieht Er die Konsequenzen. Hier wird schlichtweg das göttliche Gericht an einem Beispiel demonstriert.

 

5) Wann ist der Jüngste Tag?

„Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. So erkennt auch ihr, wenn ihr das alles seht, dass das Ende der Welt nahe ist. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matthäus 24,32-36)

Das eine Problem hier ist: Wie kann es sein, dass der Sohn „jenen Tag und jene Stunde“ nicht kennt, wenn wir glauben, dass er „wahrer Gott und wahrer Mensch“ und „eines Wesens mit dem Vater“ ist? Hier zitiere ich ganz einfach mal Joseph Ratzinger:

„Das Problem der Bedeutung des Verses Mt 24, 36 (Was jenen Tag und jene Stunde angeht, so kennt sie niemand, nicht einmal die Engel des Himmels, nicht einmal der Sohn, sondern allein der Vater) wird seit den Väterzeiten unter Dogmatikern und Exegeten heftig diskutiert. Im Laufe der Zeit haben sich zwei Hauptantworten herauskristallisiert:

1. Allen Lösungen ist die durch das Dogma verbürgte Erkenntnis gemeinsam, dass in Christus zwischen seinem menschlichen und göttlichen Wissen unterschieden werden muss. Christus war nicht nur der gleichwesentliche Sohn des ewigen Vaters, sondern ebenso sehr voller, gleichwesentlicher Mensch mit uns, der, wie die Dogmen des 5. und 7. Jahrhunderts herausgestellt haben, auch einen eigenen menschlichen Verstand und menschlichen Willen und so auch eine menschliche Weise des Wissens besaß. Klar ist weiterhin, dass sich die Aussage Mt 24, 36 auf das menschliche, nicht auf das göttliche Wissen Jesu bezieht. Umstritten ist allein die Frage, wie sich menschliches und göttliches Wissen in Jesus zueinander verhalten. Die Theologie des Mittelalters kam diesbezüglich zu der Meinung, dass beiderlei Wissen sich so eng durchdringe, dass Jesus auch als Mensch an der göttlichen Allwissenheit Anteil habe. Um dennoch das Problem von Mt 24,36 und ähnlichen Versen lösen zu können, unterscheidet man dann zwischen mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen. Zwar habe Jesus für sich selbst kraft seiner Anteilnahme am Ewigen Wort alles Wirkliche geschaut, aber er sei mit einem festumrissenen Offenbarungsauftrag in diese Welt getreten und zu diesem Offenbarungsauftrag gehörte nicht das Datum des Jüngsten Tages. So konnte er mit Recht in Bezug auf das ihm zur Mitteilung zur Verfügung stehende Wissen sagen, dass es Zeit und Stunde des Weltendes nicht umfasse. Das Wissen darüber wird gleichsam nicht freigegeben, es gehörte nicht zum göttlichen Offenbarungsbestand.

2. Moderne Deutungen gehen noch einen Schritt weiter. Sie sagen, dass Jesus mit dem Grunde seiner menschlichen Seele immer eingetaucht war in das göttliche Wort, mit dem er ja eine Person bildete, dass aber diese Verbindung, die den Grund seines Seins prägte, nicht auch sein menschliches Bewusstsein mit allen Details der göttlichen Allwissenheit erfüllte, sondern es nur so weit durchdrang, soweit dies für seinen Offenbarungsauftrag nötig war. Auf diese Weise wird es möglich, ein echtes menschliches Wissen und Wachsen bei Jesus anzunehmen, ohne dass man seine seinsmäßige Einheit mit der zweiten Person der Trinität in Frage stellt. Das Gesamtbild der Evangelien, die uns Jesu wahre Menschlichkeit so unmittelbar erleben lassen, wird auf diese Weise verständlicher. Nach dieser Auslegung konnte Jesus mit vollem Recht sagen, dass er, obgleich vom Grunde seines Seins her der „Sohn“, dennoch das Datum des Letzten Tages nicht wisse, weil der göttliche Grund seines Seins seinen menschlichen Verstand nicht darüber belehrte. Wie Sie sehen, ist diese Lösung mit der Unterscheidung von mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen zwar verwandt, aber sie streift den etwas fiktiven Charakter dieses Gedankens ab und versucht, ebenso dem vollen Ernst der Gottessohnschaft Jesu wie dem vollen Ernst des biblischen Wortes gerecht zu werden.“

(Quelle hier.)

Jesu menschliche Natur spielt auch für die Erklärung anderer Bibelstellen eine Rolle, z. B. wenn es in Lukas‘ Kindheitsgeschichte heißt „seine Weisheit nahm zu“ (Lukas 2,52). Als Mensch entwickelte sich Jesus auch in Bezug auf Verstand und Bewusstsein ebenso wie andere Menschen nach und nach.

Das zweite Problem ist: Wie kann Jesus gleichzeitig sagen, dass Er den Tag nicht kennt, und zuvor, dass „diese Generation“ nicht vergehen wird, bis das alles geschieht? Und… das Ende der Welt kam schließlich auch nicht zur Zeit „dieser Generation“. Irrte Jesus hier also?

Es gibt mehrere mögliche Erklärungen:

Erstens: Das Wort, das hier mit „Generation“ übersetzt wird, heißt „geneá“ und kann auch „Geschlecht“ bedeuten; es ist also nicht eindeutig zeitlich gemeint. Jesus könnte zum Beispiel auch im übertragenen Sinne Menschen nach der Art seiner Zeitgenossen gemeint haben. Wenn er an anderen Stellen von „dieser Generation / diesem Geschlecht“ spricht, hat das in der Regel eine negative Konnotation:

  • „Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. Denn Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er hat einen Dämon. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen.“ (Matthäus 11,16-19)
  • „Er antwortete ihnen: Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden außer das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. Die Männer von Ninive werden beim Gericht mit dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie sind auf die Botschaft des Jona hin umgekehrt. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin des Südens wird beim Gericht gegen diese Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie kam vom Ende der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.“ (Matthäus 12,39-42)
  • „Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommt.“ (Markus 8,38)

Es könnte also zum Beispiel die Art von Menschen gemeint sein, die dieselben negativen Eigenschaften besitzen wie die hier kritisierten.

Eine andere Übersetzungsmöglichkeit wäre, „geneá“ als „Geschlecht“ zu verstehen, es aber im ethnischen Sinn auf das jüdische Volk zu beziehen, das nicht vergehen wird, bevor das Weltende kommt.

Eine weitere Interpretation wäre folgende: Jesus kündigt in seiner langen Rede über die Endzeit nicht nur das Jüngste Gericht an, sondern beginnt schon mit der Zerstörung des Tempels, die 70 n. Chr. passieren sollte (vgl. Matthäus 24,1-2). Dann kündigt Er im weiteren Verlauf von Kapitel 24 eine längere Zeit an, die man noch nicht für die direkte Endzeit halten soll: „Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin der Christus! und sie werden viele irreführen. Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. Denn Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. Dann wird man euch der Not ausliefern und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst. Und viele werden zu Fall kommen und einander ausliefern und einander hassen. Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet werden. Und dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden – zum Zeugnis für alle Völker; dann erst kommt das Ende. (Matthäus 24,4-14) In dieser Zeit befinden wir uns offensichtlich immer noch.

Es ist also möglich, dass Jesus „diese Generation“ im zeitlichen Sinne verstand, den Satz aber auf den Anfang all der zusammenhängenden Ereignisse ab der Zerstörung des Tempels bezog. 70 n. Chr. war „diese Generation“ noch nicht vergangen.

Hier möchte ich noch einen Kommentara einfügen, den Nepomuk unter dem ursprünglichen Artikel hinterlassen hat:

„In ähnlichem Zusammenhang, vielleicht sogar an dieser Stelle, heißt es: ‚Einige von euch werden den Tod nicht schmecken, ehe sie nicht den Menschensohn in seiner Herrlichkeit gesehen haben.‘ [Markus 9,1; Matthäus 16,28]

Und nun?

Nun, weiterlesen hilft manchmal. Der unmittelbar nächste Abschnitt beschreibt nämlich genau die Verklärung. Für mich die bei weitem einfachste Erklärung.“

 

6) Jesus und Seine Familie:

„Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. […] Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Markus 3,21.31-35)

Hier stellen sich zwei Fragen: Erstens: Wieso ist Maria (die dem katholischen Glauben nach ohne Sünde war) bei den Angehörigen mitgekommen, die Jesus für verrückt hielten und Ihn von Seiner Sendung abbringen wollten? Zweitens: Wieso verhält Jesus sich so abweisend gegenüber Seiner Familie, bevor man Ihm überhaupt gesagt hat, was sie wollen? Sollte die Familie nicht etwas Wichtiges sein?

Zu erstens: Zunächst einmal muss es nicht so gewesen sein, dass Maria dasselbe dachte wie der Rest der Familie; das wird hier jedenfalls nicht ausdrücklich gesagt. Sie kann deshalb mitgekommen sein, weil sie einfach sehen wollte, was Jesus nun eigentlich tat, als sich sein Ruf als Wundertäter und möglicher Messiaskandidat im Land verbreitete. Oder vielleicht, um einen mildernden Einfluss auf die Brüder (Vettern) auszuüben, die Jesus zur Rede stellen wollten? Dass sie die Verwandtschaft begleitete, als die Jesus aufsuchen wollte, ist jedenfalls ganz logisch.

Zu zweitens: Die leibliche Familie hatte zu Jesu Zeit eine enorme Bedeutung; Er jedoch stellt sich diesem Verständnis immer wieder entgegen:

  • „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Matthäus 10,35-39)
  • „Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sagte zu ihm: Herr, lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben. Jesus erwiderte: Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben!“ (Matthäus 8,21f.)
  • „Es geschah aber: Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat! Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ (Lukas 11,27f.)

Jesus leugnet nicht, dass die Familie gut und wichtig ist; aber Er stellt heraus, dass es etwas noch Wichtigeres gibt, das man auf keinen Fall vergessen darf. Es gibt eine Loyalität, die steht höher als die zur Familie, und das ist die zu Gott. Und es gibt auch eine umfassende Familie, eine Gemeinschaft aller, die „den Willen Gottes tu[n]“ – alle Christen gehören zu Jesu Familie. Jesus leugnet nicht, dass Seine leiblichen Verwandten Seine Familie sind; Er sagt, dass andere es auch sind. Er sagt, dass Blutsverwandtschaft nicht das Entscheidende ist, was damals wichtig war, herauszustellen.

 

7) Jesus und Seine Mutter:

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“ (Johannes 2,1-12)

Hier fällt auf: Jesus lässt sich von Seiner Mutter überreden; Er ändert praktisch Seine Meinung, nachdem Er zuerst darauf bestanden hat, dass Seine „Stunde“ noch nicht gekommen ist. (Übrigens, eine Klarstellung noch: Die Anrede „Frau“ ist hier nicht unhöflich; dass es uns so vorkommt, liegt nur an der Begrenztheit von Übersetzungen aus dem Altgriechischen.) Ich möchte hier zunächst einmal Fulton Sheen zitieren:

“In order to understand His meaning more fully, consider the words, ‘My Hour is not yet come.’ The ‘Hour’ obviously refers to His Cross. Whenever the word ‘Hour’ is used in the New Testament, it is used in relation to His Passion, death and glory. […] At Cana, Our Lord was referring to Calvary and saying that the time appointed for beginning the task of Redemption was not yet at hand. His mother was asking for a miracle; He was implying that a miracle worked as a sign of His Divinity would be the beginning of His Death. The moment He showed Himself before men as the Son of God, He would draw down upon Himself their hatred, for evil can tolerate mediocrity, but not supreme goodness. […]

There were, in His life, two occasions when His human nature seemed to show an unwillingness to take on His burden of suffering. In the Garden, He asked His Father if it be possible to take away His chalice of woe. But He immediately afterward acquiesced in His Father’s will: ‘Not My will, but Thine be done.’ The same apparent reluctance was also manifested in the face of the will of His mother. Cana was a rehearsal for Golgotha. He was not questioning the wisdom of beginning His Public Life and going to death at this particular point in time; it was rather a question of submitting His reluctant human nature to obedience to the Cross. There is a striking parallel between His Father’s bidding Him to His public death and His mother’s bidding Him to His public life. Obedience triumphed in both cases; at Cana, the water was changed into wine; at Calvary, the wine was changed into blood.” (Fulton Sheen, Life of Christ, S. 88-90)

„Um besser zu verstehen, was Er meint, betrachte die Worte ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen’. Die ‚Stunde’ bezieht sich offensichtlich auf Sein Kreuz. Immer, wenn das Wort ‚Stunde’ im Neuen Testament gebraucht wird, wird es in Beziehung zu Seinem Leiden, Seinem Tod und Seiner Verherrlichung gebraucht. […] In Cana verwies unser Herr auf Kalvaria und sagte, dass die Zeit, die dafür bestimmt war, die Aufgabe der Erlösung zu beginnen, noch nicht da war. Seine Mutter bat um ein Wunder; Er implizierte, dass ein Wunder, das als ein Zeichen Seiner Göttlichkeit gewirkt werden würde, der Beginn Seines Todes sein würde. In dem Augenblick, in dem Er sich vor den Menschen als der Sohn Gottes zeigte, würde Er ihren Hass auf sich ziehen, denn das Böse kann die Mittelmäßigkeit dulden, aber nicht die höchste Gutheit. […]

Es gab in Seinem Leben zwei Gelegenheiten, bei denen Seine menschliche Natur eine Unwilligkeit zu zeigen schien, Seine Last des Leidens auf sich zu nehmen. Im Garten bat Er Seinen Vater, ob es möglich wäre, Seinen Kelch des Leidens wegzunehmen. Aber gleich danach ergab Er sich in den Willen des Vaters: ‚Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.’ Dasselbe scheinbare Widerstreben zeigte sich auch gegenüber dem Willen Seiner Mutter. Kana war eine Probe für Golgotha. Er hinterfragte nicht die Weisheit dahinter, zu genau diesem Zeitpunkt Sein öffentliches Leben zu beginnen und auf den Tod zuzugehen; es war eher eine Frage davon, Seine widerstrebende menschliche Natur dem Gehorsam zum Kreuz zu unterwerfen. Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Bitte Seines Vaters an Ihn zu Seinem öffentlichen Tod und die Bitte Seiner Mutter an Ihn zu Seinem öffentlichen Leben. Der Gehorsam triumphierte in beiden Fällen; in Cana wurde das Wasser in Wein verwandelt; auf Kalvaria wurde der Wein in Blut verwandelt.“

Diese Stelle zeigt zudem ganz wunderbar, weshalb wir die Gottesmutter verehren und sie bitten: „Bitte für uns.“ Weil es etwas bringt. Weil ihr Sohn (auch jetzt immer noch) eben ihr Sohn ist und sich von ihr auch mal überreden lässt. Ich habe hier ausführlicher zum Bittgebet geschrieben: Manchmal wartet Gott eben darauf, dass wir fragen. Wir Menschen haben wirkliche Macht, etwas in der Welt zu verändern, und zwar entweder durch direkte Taten, oder durch Bittgebete, die Gott dann erfüllen kann oder nicht. Gott hat eine wirkliche Beziehung zu Seinen Geschöpfen, und lässt sich von ihnen sogar gewissermaßen beeinflussen (nicht, dass das nicht schon im Plan vorgesehen wäre – schließlich ist Gott außerhalb der Zeit und allwissend).

 

8) Hält sich Jesus selbst gar nicht für Gott?

 „Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott.” (Markus 10,17f.)

Zu dieser Stelle ein Zitat von Ronald Knox:

“So, for that matter, is the well-known rejoinder, ’Why dost thou call me good? None is good, save God’ – a rejoinder which is exquisitely flat and meaningless if it be taken as a serious statement, full of significance when you realise that it was uttered in irony.” (Ronald Knox, The belief of Catholics, Kapitel 8.)

„Ebenso, übrigens, ist es bei der wohlbekannten Erwiderung ‚Wieso nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott’ – eine Erwiderung, die ausnehmend inhaltsleer und bedeutungslos ist, wenn man sie als ernsthafte Aussage versteht, voller Bedeutung, wenn man begreift, dass sie ironisch ausgesprochen wurde.“

Mit anderen Worten: Die Verehrung für ihn als „guten Meister“ weist tatsächlich auf seine Göttlichkeit hin. Wie es Nepomuk in den Kommentaren besser als ich hier ausgedrückt hat: „Vielleicht hat Er so etwas wie eine göttliche Verehrung *tatsächlich* in den Augen des Fragenden gelesen und dann nachgefragt: ‚Warum, genau, nennst du mich eigentlich gut? Willst du damit sagen, daß ich Gott bin, der allein gut ist? [Wenn dem so wäre, dann hättest du pfeilgerad ins Schwarze getroffen!]'“

(Eine andere, oft gehörte Interpretation wäre einfach, dass Jesus hier in Seiner menschlichen Natur spricht. Mir gefällt Knox’ Interpretation besser.)

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 18: Der Töpfer und der Ton – was sagt Paulus über Prädestination?

[Dieser Teil wurde nach der ursprünglichen Veröffentlichung noch einmal generalüberholt.]

 

Und noch einmal die obligatorische Klarstellung: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber. („Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.))

 

Jetzt aber zu der fraglichen Bibelstelle. Im Römerbrief heißt es:

„Es ist aber keineswegs so, dass Gottes Wort hinfällig geworden ist. Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel; auch sind nicht alle, weil sie Nachkommen Abrahams sind, deshalb schon seine Kinder, sondern es heißt: In Isaak wird dir Nachkommenschaft berufen. Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt; denn es ist eine Verheißung, wenn gesagt wird: Um diese Zeit werde ich kommen, dann wird Sara einen Sohn haben. So war es aber nicht nur bei ihr, sondern auch bei Rebekka, die von einem einzigen Mann empfangen hatte, von unserem Vater Isaak; denn ihre Kinder waren noch nicht geboren und hatten weder Gutes noch Böses getan; damit aber Gottes freie Wahl und Vorherbestimmung gültig bleibe, nicht abhängig von Werken, sondern von ihm, der beruft, wurde ihr gesagt: Der Ältere muss dem Jüngeren dienen; wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst. Was sollen wir nun sagen? Handelt Gott ungerecht? Keineswegs! Denn zu Mose sagt er: Ich schenke Erbarmen, wem ich will, und erweise Gnade, wem ich will. Also kommt es nicht auf das Wollen und Laufen des Menschen an, sondern auf den sich erbarmenden Gott. Denn in der Schrift wird zum Pharao gesagt: Eben dazu habe ich dich bestimmt, dass ich an dir meine Macht zeige und dass auf der ganzen Erde mein Name verkündet wird. Er erbarmt sich also, wessen er will, und macht verstockt, wen er will. Nun wirst du einwenden: Wie kann er dann noch anklagen, wenn niemand seinem Willen zu widerstehen vermag? O Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es geschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht? Ist nicht vielmehr der Töpfer Herr über den Ton? Kann er nicht aus derselben Masse ein Gefäß herstellen zu ehrenhaftem, ein anderes zu unehrenhaftem Gebrauch? Wie aber, wenn Gott in der Absicht, seinen Zorn zu zeigen und seine Macht zu erweisen, die zur Vernichtung bereiteten Gefäße des Zorns mit großer Langmut ertragen hat, auch um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens zu erweisen, die er zuvor zur Herrlichkeit bestimmt hat? Sie hat er auch berufen, das sind wir, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie gerufen werden: Söhne des lebendigen Gottes. Und Jesaja ruft über Israel aus: Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer – nur der Rest wird gerettet werden. Denn der Herr wird handeln, indem er sein Wort auf der Erde erfüllt und durchsetzt. Ebenso hat Jesaja vorhergesagt: Hätte nicht der Herr Zebaoth uns Nachkommenschaft übrig gelassen, wir wären wie Sodom geworden, wir wären Gomorra gleich. Was sollen wir nun sagen? Heiden, die nicht der Gerechtigkeit nachjagten, haben Gerechtigkeit empfangen, die Gerechtigkeit aber aus Glauben. Israel aber, das dem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat das Gesetz nicht erreicht. Warum? Weil es ihm nicht um die Gerechtigkeit aus Glauben, sondern um die Gerechtigkeit aus Werken ging. Sie stießen sich am Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht: Siehe, ich richte in Zion einen Stein auf, an dem man anstößt, einen Fels, an dem man zu Fall kommt. Und wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.“ (Römer 9,6-32)

Die Lieblingsstelle aller Calvinisten.

Die interpretieren sie folgendermaßen: Gott hat die einen Menschen für den Himmel vorherbestimmt und die anderen für die Hölle (sog. „doppelte Prädestination“); er verursacht auch, dass Erstere die Gebote halten und Letztere sündigen – Gefäße des Zorns und so. Das hat keinen besonderen Grund – der Wille des Herrn ist unergründlich –, Gott will halt einfach seine Souveränität und Macht und Herrlichkeit zeigen und an irgendwem muss er ja auch seinen Zorn über die Sünde erweisen. Die Menschen sind alle vollkommen verdorben, vollkommen unfähig zum Guten, und eigentlich alle auf dem Weg in die Hölle, aber weil Gott gnädig ist, pickt er ein paar heraus, die er erlöst, deren sündigen Willen er mit seiner Gnade überwältigt und aufs Gute ausrichtet und die er für den Himmel vorherbestimmt; die anderen bekommen eben die harte Gerechtigkeit zu spüren und brauchen sich mal nicht zu beschweren, dass sie in die Hölle kommen und ewige Qualen erleiden (obwohl sie ja keinen freien Willen hatten und ihre Vergehen nicht hätten vermeiden können).

Ein erstes Problem mit dieser Interpretation ergibt sich, wenn man den Rest des Römerbriefs selbst ansieht. Nur ein paar Kapitel vor dieser Stelle verwirft Paulus die Idee, dass Gott Lieblinge habe. Nein: Er urteile über sie gemäß ihrer Taten.

„Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt? Weil du aber starrsinnig bist und dein Herz nicht umkehrt, sammelst du Zorn gegen dich für den Tag des Zornes, den Tag der Offenbarung von Gottes gerechtem Gericht. Er wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen: Denen, die beharrlich Gutes tun und Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit erstreben, gibt er ewiges Leben, denen aber, die selbstsüchtig sind und nicht der Wahrheit gehorchen, sondern der Ungerechtigkeit, widerfährt Zorn und Grimm. Not und Bedrängnis wird das Leben eines jeden Menschen treffen, der das Böse tut, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen; doch Herrlichkeit, Ehre und Friede werden jedem zuteil, der das Gute tut, zuerst dem Juden, aber ebenso dem Griechen; denn es gibt bei Gott kein Ansehen der Person.“ (Röm 2,4-11)

Das gilt nicht nur für den Römerbrief, sondern für die gesamte Bibel. So gut wie immer, wenn es da um Gottes Gericht geht, wird davon ausgegangen, dass Gott alle Menschen dazu bringen will, umzukehren, und es an ihnen ist, ob sie es tun. Sowohl Gottes allgemeiner Heilswille als auch die Abhängigkeit der Erlösung von den Entscheidungen der einzelnen Menschen werden immer wieder betont:

  • „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen […].Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Timotheus 2,1.3f.) Diese Stelle ist vom selben Paulus wie der Römerbrief.
  • Auch wieder von Paulus: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ (Titus 2,11)
  • Von Petrus: „Der Herr der Verheißung zögert nicht, wie einige meinen, die von Verzögerung reden, sondern er ist geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle zur Umkehr gelangen.“ (2 Petrus 3,9)
  • In den Evangelien gäbe es das Gleichnis vom verlorenen Schaf: „Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lukas 15,3-7)
  • Oder man nehme das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32), wo es vom Sohn abhängt, ob er zurückkehrt.
  • Oder Jesu Beschreibung des Weltgerichts: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,31-46)
  • „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Matthäus 7,21)
  • Da wäre die klassische Stelle im Johannesevangelium, die so gerne zitiert wird: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. Denn darin besteht das Gericht: Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“ (Johannes 3,16-21)
  • Auch die Offenbarung des Johannes hat etwas dazu zu sagen: „Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; und ein anderes Buch, das Buch des Lebens, wurde geöffnet. Die Toten wurden gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war, nach ihren Taten.Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Taten.“ (Offenbarung 20,12f.)
  • Bereits das Alte Testament ist wunderbar klar: „Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben. […] Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Weg, ihr vom Haus Israel – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, kehrt euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Schuld zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr denn sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt! (Ezechiel 18,26-28.30-32)

Ich denke, diese Stellen genügen fürs erste; ich könnte noch unzählige weitere anführen. Wenn man den Kontext der gesamten Bibel kennt (und einzelne Bibelstellen müssen immer in diesem Kontext gelesen werden), ist es praktisch unmöglich, an eine Prädestination im calvinistischen Sinne zu glauben. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden; wenn sie nicht gerettet werden, dann liegt das daran, dass sie selber nicht umkehren wollten. Gut. Wie sollen wir dann Römer 9 interpretieren?

Dazu muss man auf den Kontext dieser Stelle schauen: Worum geht es hier eigentlich?

Paulus behandelt in den Kapiteln 9-11 des Römerbriefs die Frage, wieso die Mehrheit der Juden zu seiner Zeit (noch) nicht Christen geworden sind. Er behandelt die Frage, wieso sie nicht zur Kirche gehören – ausdrücklich nicht die Frage ihrer Erlösung. Und hier schreibt er, dass Gott die einen Menschen dazu berufen hat, äußerlich zur Kirche zu gehören, und die anderen nicht, so, wie er im Alten Bund Jakob als Stammvater Seines auserwählten Volkes berufen hat und nicht Esau. Aber die äußere Zugehörigkeit zur Kirche ist eben nicht gleichbedeutend mit der Erlösung; erstens kann auch jemand, der in diesem Leben zur Kirche gehört, verlorengehen, zweitens kann auch jemand, der nicht zur Kirche gehört, gerettet werden. Es ist zwar nicht so, dass es da keinen Zusammenhang gäbe – wer sich sicher ist, dass der katholische Glaube wahr ist, muss schon katholisch werden, das fordert Gott allerdings -, aber es ist eben nicht dasselbe, und hier spricht Paulus nur über die Zugehörigkeit zur Kirche.

Er hält die Juden, über die er spricht, nicht für ewig verworfen, wie absolut deutlich wird, wenn man nur ein wenig weiter liest. Direkt zu Beginn von Kapitel 10 heißt es:

„Brüder und Schwestern, ich wünsche von ganzem Herzen und bete zu Gott, dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer haben für Gott, aber ohne Erkenntnis.“ (Röm 10,1f.)

Diese Juden können noch gerettet werden, und es hängt von ihnen selbst ab. Paulus sagt dann auch, dass die Erlösung durch Jesus kommt, wobei er aber auch schreibt:

„Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet? […] So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft aber im Wort Christi. Aber, so frage ich: Haben sie etwa nicht gehört? Ja doch: In die ganze Welt ist ihr Schall gedrungen und bis an die Enden der Erde ihre Worte. Aber ich frage: Hat etwa Israel nicht verstanden?“ (Röm 10,15.17-20)

D. h. er geht hier auch davon aus, dass jemand schuldlos wäre, der die Botschaft noch nicht gehört oder sie nicht verstanden hätte. Dann sagt er zwar, dass die Juden diese Botschaft eigentlich schon gehört haben, aber irgendwie verstockt und blind sind und sie nicht einsehen wollen (vgl. das Ende von Kapitel 10 und den Beginn von Kapitel 11). Am Ende aber schreibt er:

„Nun frage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs!“ (Röm 11,1)

D. h. Gott hat nicht deshalb zugelassen (es ist hier übrigens auch immer wichtig, an den Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem nur indirekt zulassenden Willen Gottes zu denken), dass sie jetzt vorläufig „verstockt“ sind, damit sie am Ende verloren gehen. Sondern:

„Vielmehr kam durch ihren Fehltritt das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. Wenn aber ihr Fehltritt Reichtum für die Welt bedeutet und ihre geringe Zahl Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr ihre Vollzahl! Euch aber, den Heiden, sage ich: Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst, weil ich hoffe, die Angehörigen meines Volkes eifersüchtig zu machen und wenigstens einige von ihnen zu retten. […] Wenn aber einige Zweige herausgebrochen wurden, du aber als Zweig vom wilden Ölbaum mitten unter ihnen eingepfropft wurdest und damit Anteil erhieltest an der kraftvollen Wurzel des edlen Ölbaums, so rühme dich nicht gegen die anderen Zweige! Wenn du dich aber rühmst, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Nun wirst du sagen: Die Zweige wurden doch herausgebrochen, damit ich eingepfropft werde. Gewiss, wegen des Unglaubens wurden sie herausgebrochen. Du aber stehst durch den Glauben. Sei daher nicht überheblich, sondern fürchte dich! Hat nämlich Gott die Zweige, die von Natur zum edlen Baum gehören, nicht verschont, so wird er auch dich nicht verschonen. Siehe nun die Güte Gottes und seine Strenge! Die Strenge gegen jene, die gefallen sind, Gottes Güte aber gegen dich, sofern du in seiner Güte bleibst; sonst wirst auch du herausgehauen werden. Ebenso werden auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, wieder eingepfropft werden; denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen. Wenn du nämlich aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest, dann werden erst recht sie als die von Natur zugehörigen Zweige ihrem eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden. Denn ich will euch, Brüder und Schwestern, nicht in Unkenntnis über dieses Geheimnis lassen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Vollzahl der Heiden hereingekommen ist, und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion der Retter, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen.“ (Röm 11-14.17-26)

D. h. im Klartext: Gott hat zugelassen, dass die Juden, nachdem sie selber durch ihren eigenen Unglauben schuldig geworden und vom richtigen Weg abgekommen sind, quasi noch blinder geworden sind und sich in ihrem Unglauben verschanzt haben, und hat dann bewirkt, dass jetzt stattdessen viele neue Bekehrte von den Heiden in die Kirche aufgenommen werden. Paulus sagt, dass Gott so handelt, damit die Juden am Ende, nachdem so viele von den Heiden zum Gott Israels kommen, doch noch sehen, dass Jesus der Messias sein muss.

(Das passt übrigens auch gut mit dem Blick der ein wenig späteren Kirche auf das Judentum zusammen: Der hl. Justin der Märtyrer (gest. ca. 165) beispielsweise argumentiert in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon wiederholt, dass Tryphon doch sehen müsste, dass die Prophezeiungen des AT, laut denen die anderen Völker durch den Messias ebenfalls zu Gott kommen sollten, sich seit dem Kommen Jesu erfüllt hätten.)

Die Juden sind der ursprüngliche, von Gott gepflanzte Ölbaum; die Judenchristen sind die Zweige, die darin bleiben, die Juden, die Jesus nicht annehmen, die aus dem Ölbaum entfernten Zweige; die Heidenchristen die wilden, aufgepfropften Zweige. Aber das alles ist noch nicht endgültig. Die entfernten Zweige können wieder aufgepfropft werden; die aufgepfropften können auch noch herausgehauen werden. Dass jemand zum Ölbaum gehört, sagt noch nichts über die letztliche Erlösung.

Das Ganze betrifft natürlich nicht nur die damalige Zeit. Wir wissen auch nicht, wieso Gott heute zulässt, dass der eine zur Kirche findet und der andere nicht. Röm 9 sagt jetzt: Der, der Christ ist, braucht sich nichts darauf einzubilden; er ist da durch Gottes Gnade; und er muss auch nicht fragen, wieso Gott es nur zugelassen hat, dass andere (noch) nicht zur Kirche gefunden haben, Gott hat schon Seine Gründe. Und das alles entscheidet noch nicht über das endgültige Schicksal im Jenseits. Die einen werden in diesem Leben zur vollen Gemeinschaft mit der Kirche berufen, die anderen nicht; na und? Sie können alle am Ende im Himmel sein.

Einen sehr interessanten ausführlicheren Kommentar zu diesem Teil des Römerbriefs und zu den paar anderen Stellen, die Calvinisten (und im Lauf der Kirchengeschichte auch manche katholische Theologen) gelegentlich noch für eine solche Prädestinationslehre angeführt haben, hat Father William Most (leider auf Englisch).

 

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 17: 1 Korinther 7 – von den ehelichen Pflichten und dem Vorrang der Jungfräulichkeit

[Dieser Artikel wurde nach der Veröffentlichung noch einmal überarbeitet. Kommentare können sich auf die ursprüngliche Version beziehen.]

 

Und wieder zur Erinnerung: „Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber.

 

Im 1. Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus:

„Nun zu dem aber, was ihr geschrieben habt: Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt. 

Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot. Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! 

Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser. (1 Korinther 7,1-9.25-38)

 

Hier gibt es zwei Aussagen, die den heutigen Leser stören könnten:

  • Die Ehe ist nur ein Zugeständnis für die, die nicht enthaltsam leben können und ist minderwertig gegenüber der Jungfräulichkeit?
  • Das mit den, wie man so sagte, „ehelichen Pflichten“ – Sex als „Pflicht“?

 

Zum ersten Thema: Es ist wichtig, genau zu lesen, was Paulus schreibt.

Zunächst einmal spricht in einigen seiner Briefe – der 2. Korintherbrief ist das beste Beispiel – sehr persönlich zu seinen Gemeinden; auch hier spricht er wieder darüber, was seine persönliche Idealvorstellung wäre, was er aber nicht zu einem allgemeinen Gebot erklären kann (und auch gar nicht dazu erklären will) : „Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ 

Dann ist es wichtig, zu sehen, dass er keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will à la „Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…“. Nein, wenn er sagt, „Heiratest du aber, so sündigst du nicht“ oder „Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut“ oder „Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat“, dann meint er es. Was nicht Sünde ist, darf man tun; hier lässt Gott einem jede Freiheit, und nimmt es nicht übel, wenn man sich für das an sich „Minderwertigere“ entscheidet.

Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht „schlecht“, wie das Wort heute oft verwendet wird, sondern „wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem“. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.

Und was ist mit den Versen Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.“? Heißt das, man kann als Verheirateter nicht so gut dem Herrn dienen wie als Unverheirateter?

Man kann als Verheirateter sehr gut dem Herrn dienen, manchmal wohl auch besser als mancher Unverheiratete; vor allem natürlich indirekt, indem man sich um die einem anvertrauten Menschen und seine anderen weltlichen Aufgaben kümmert. Aber ja, das gottgeweihte Leben ist an sich ein direkterer Dienst; und man hat ohne Familie allein schon mehr Zeit für Gebet, karitative Aufgaben etc. (Allerdings ist das gottgeweihte Leben auch die Berufung, die zu allen Zeiten weniger Christen betraf als die typischen Laienberufungen. So, wie es mehr Hausärzte als Neurochirurgen braucht, braucht es in der Kirche auch mehr Laien.)

Und Paulus spricht auch die ganzen Alltagssorgen an, die mit einer Familie kommen, und den Wunsch, dem Partner zu gefallen, was alles (z. B. auch bei Menschen mit nichtchristlichen Partnern) vielleicht dazu führen kann, dass jemand den Glauben vernachlässigt. Der Apostel meint hier schlicht und einfach, dass es mit weniger weltlichen Sorgen einfacher ist, sich auf Gott zu konzentrieren – was auch Jesus im Gleichnis vom Sämann in gewisser Weise anspricht: „In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken es und es bleibt ohne Frucht.“ (Matthäus 13,22). Das ist eine Erkenntnis, die nicht dazu führen muss, dass jeder Christ sich sämtliche weltlichen Sorgen sparen soll – das wäre weder möglich noch sinnvoll –, sondern dazu, dass die, die aufgrund ihrer Lebensumstände viele weltliche Sorgen haben, besonders darauf achten sollten, Gott im Alltag nicht zu vergessen.

Sowohl die Ehe als auch das gottgeweihte Leben haben ihre eigenen Schwierigkeiten, aber sie haben eben beide auch ihre ganz praktischen Vorteile; in der Ehe ist es leichter, sich an das sechste Gebot zu halten, wie Paulus hier erwähnt, im gottgeweihten Leben ist es leichter, sich auf Gott zu konzentrieren. (Das gilt wohl vor allem, seitdem wir Klostergemeinschaften mit festem Tagesablauf aus Gebet und Arbeit haben.)

 

Dann zum zweiten Thema: Die ehelichen Pflichten. Nun könnte man es hier einfach komisch finden, ehelichen Sex im Sinne gegenseitiger Pflichten regeln zu wollen; man könnte in der Kritik aber auch noch weitergehen und sagen (was manche Kritiker des Christentums tun), dass, wenn man ein solches Konzept annehmen würde, man Vergewaltigung in der Ehe nicht mehr wirklich verurteilen könnte. Wenn die Frau ihre Pflicht gegenüber dem Mann erfüllen muss, na…

Dieser Kritik liegt allerdings eine grundsätzlich falsche Vorstellung von dem Begriff „Pflicht“ zugrunde. Wenn jemand eine Pflicht mir gegenüber hat, dann heißt das eben nicht, dass ich ihn automatisch dazu zwingen darf, sie zu erfüllen. Im Kirchenrecht (in Canon 1151 des Codex des Kanonischen Rechts) heißt es zum Beispiel auch: „Die Ehegatten haben die Pflicht und das Recht, das eheliche Zusammenleben zu wahren“; aber das bedeutet nicht, dass eine Frau, deren Mann sie verlassen will, das Recht hat, ihn in der Wohnung einzusperren. Er tut in diesem Beispiel vielleicht etwas Falsches (wobei er auch zulässige Gründe haben kann); aber das heißt nicht, dass sie mit Gewalt und Zwang reagieren darf. Im Bereich der Sexualität, der Menschen noch persönlicher betrifft und wo Gewalt, Zwang und Manipulation noch mehr verletzen, gilt das umso mehr.

Dann sollte man beachten, dass der katholischen Moraltheologie nach grundsätzlich keine positive Pflicht vollkommen ausnahmslos gilt. Positive Pflichten (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, im Unterschied zu Geboten wie „Du sollst nicht morden“, die eine Unterlassung befehlen) müssen für den jeweiligen Menschen erst einmal erfüllbar sein; und auch dann, wenn sie theoretisch erfüllbar sind, kann es der Situation angemessene Entschuldigungsgründe geben. Wenn man z. B. beim oben erwähnten Canon bleibt, heißt der zweite Teil des Satzes: „…außer ein rechtmäßiger Grund entschuldigt sie davon“. (Mögliche rechtmäßige Gründe für eine Trennung vom Ehepartner werden dann in den nächsten Canones aufgeführt (Ehebruch, oder „Wenn einer der Gatten eine schwere Gefahr für Seele oder Leib des anderen Gatten oder der Kinder herbeiführt oder auf andere Weise das gemeinschaftliche Leben unerträglich macht“).) Genauso kann es auch einige legitime Gründe geben, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen. Die Forderung oder sogar die Bitte, der andere solle diese Pflichten erfüllen, kann sogar selbst Sünde, im Extremfall sogar schwere Sünde sein.*

Übrigens war es in der Antike tatsächlich nicht so, dass mit der Vorstellung von den ehelichen Pflichten hauptsächlich die Frauen auf Linie gebracht werden sollten – eher war die Vorstellung verbreiteter, Frauen bräuchten Sex und die Männer müssten ihnen gegenüber die Pflicht erfüllen (einerseits wegen der biologischen Triebe, aber andererseits auch, weil sie ein Recht auf Kinder hätten, die sie im Alter versorgen konnten). Daher zum Beispiel die alttestamentliche Regelung „Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie [eine erste Frau, die ursprünglich als Sklavin gekauft wurde] in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen“ (Exodus 21,10). Die Vorstellung drehte sich eher in der Neuzeit, wo die Ansicht populärer wurde, dass hauptsächlich die Männer von den Frauen die Erfüllung der ehelichen Pflichten bräuchten. Paulus hält offensichtlich beide Ansichten für zu einseitig; jedenfalls ist der Text hier geprägt von Gegenseitigkeit: „Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.“

Die schlimmsten Einwände wären damit abgehakt. Aber trotzdem bleibt noch das Argument: Was soll diese Vorstellung überhaupt? Wieso Pflicht? Sollte es hier nicht um Liebe gehen?

Die Art, wie Paulus sich ausdrückt, ist natürlich heute sehr ungewohnt. Man könnte die Aussage des Apostels aber auch ganz einfach verstehen als „bestraf deinen Partner nicht ohne Grund mit Liebesentzug“. Ihm geht es hier auch um so etwas wie normale Beziehungspflege und Rücksichtnahme (er redet ja auch von Dingen wie „gegenseitige[m] Einverständnis“) – und natürlich sorgt er sich um die „Gefahr der Unzucht“. Und dann spielt da natürlich die Vorstellung hinein, dass man in der Ehe, wo man „ein Fleisch“ ist, in gewissem Sinne nicht mehr „sich selbst gehört“ – diese Vorstellung von „Ich bin jetzt dein“ ins Praktische übersetzt. Das gilt auch für andere Situationen: Wenn man verheiratet ist, lebt man eben nicht nur für sich selbst, sondern wenn der Partner z. B. Probleme hat, unterstützt man ihn, wenn er Erfolg hat, freut man sich mit ihm, etc. Man nimmt an ihm Anteil und geht auf seine Gefühle ein.

Und dann sollte man die grundsätzliche Vorstellung loswerden, dass Liebe und Pflicht miteinander unvereinbar wären. Wir sollen Gott lieben: Trotzdem redet man beim Besuch der Messe von der „Sonntagspflicht“. Natürlich geht man idealerweise nicht nur deshalb zur Sonntagsmesse, weil es Pflicht ist; aber manchmal, wenn man sich am Sonntagmorgen eher nach Ausschlafen fühlt, bietet der Gedanke an die von der Kirche festgeschriebene Sonntagspflicht die restliche benötigte Motivation. Und wenn man dann da ist, ist die Messe jedes Mal – na ja, einfach die Messe, wunderschön. Auch in einer Beziehung geht es nicht immer ohne Pflichten – ganz allgemein gesprochen. Natürlich liebt man sich, aber manchmal tut man etwas für den Partner auch eher deshalb, weil es so ausgemacht war und man in einer Beziehung eben etwas füreinander tut, als weil man sich gerade so liebevoll fühlt. Und oft bringt gerade das dann wieder stärkere Liebe hervor.

Pater Martin Ramm FSSP erklärt bezüglich der katholischen Liturgie: „Durch die äußeren Formen werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“; und das gilt nicht nur für die Liturgie, sondern für das ganze Leben. Auch andere Gesten der Dankbarkeit, Freundschaft, familiären oder ehelichen Liebe drücken die innere Disposition aus, helfen aber oft auch, sie zu bewirken, sie zu verstärken oder sie zu erneuern. Wenn man jemandem dankt, jemandem ein Geschenk macht, jemandem freundliche Gesten entgegenbringt, wird man merken, dass man denjenigen mit der Zeit mehr mag oder liebt als vorher. Wenn ein Mann aus Pflichtgefühl heraus seiner Frau Rosen zum Hochzeitstag kauft und sie ihm aus Pflichtgefühl an diesem Tag sein Lieblingsessen kocht**, macht das beiden ihre Liebe wieder neu bewusst. Wenn die Frau zu ihm im Vorhinein sagen würde „du sollst mir nur ein Geschenk machen, wenn du es auch wirklich willst, nicht, weil du dich verpflichtet fühlst!“ ist das, na ja, meistens nicht übermäßig hilfreich. Er fühlt sich vermutlich indirekt unter Druck gesetzt, und wenn er unsensibel ist und sich gerade nicht besonders liebevoll fühlt und es unterlässt, wird sie sich vermutlich ziemlich beleidigt fühlen. Klarheit bei den gegenseitigen Ansprüchen ist meistens besser – und etwas „nur“ aus Pflichtgefühl zu tun, ohne aktuell viele Emotionen aufzubringen, ist auch nichts Anrüchiges.

Langer Rede, kurzer Sinn: Pflicht und Pflichtgefühl sind nichts Schlechtes; und sie können die innere Liebe bewahren und stärken helfen. Die Annahme, dass Liebe und Pflicht Gegensätze wären, ist schlicht falsch.

 

* Ein Handbuch der katholischen Moraltheologie von 1930 beispielsweise gibt als mögliche Entschuldigungsgründe dafür, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen, an: Der andere Partner hat Ehebruch begangen; der Mann vernachlässigt schuldhaft seine Pflicht, für den Lebensunterhalt der Familie (und damit auch möglicher neu entstehender Kinder) zu sorgen; der andere Partner ermangelt gerade des Vernunftgebrauchs (Trunkenheit, ernsthafte psychische Krankheit); oder stellt völlig unmäßig häufige Forderungen; oder es besteht eine schwere Gefahr für Gesundheit oder Leben (z. B. wenn die Frau krank ist und sich schonen muss, oder vor relativ kurzer Zeit erst geboren hat, oder wenn der andere Partner eine ansteckende Geschlechtskrankheit hat, die übertragen werden könnte); oder man tut es im Interesse des Seelenheils des anderen (womit v. a. gemeint ist, dass man weiß, dass derjenige künstliche Verhütungsmethoden verwendet). Dasselbe Buch urteilt, schon die Forderung oder Bitte an den anderen Partner, die „ehelichen Pflichten“ zu erfüllen, sei schwere Sünde bei direkter Lebensgefahr oder sehr kurz nach einer Geburt; und bei entfernter Lebensgefahr oder Gesundheitsschädigung bräuchte es einen guten Grund, damit sie keine Sünde sei. (Vgl.: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.)

** Heteronormativität und Romantisierung der Vergangenheit auf immer.

Gute Neuigkeiten zur neuen Einheitsübersetzung!

In der revidierten EÜ ist 1 Kor 7,21 endlich richtig übersetzt! „Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; aber wenn du frei werden kannst, mach lieber Gebrauch davon!“ Was hab ich hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/09/28/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-15-sklaverei-und-kindererziehung-und-ungerechte-regierungen-in-der-bibel/ ) gesagt?

Ich glaube, ich mag die neue EÜ.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 16: Was in den Apostelbriefen (und in der Genesis) über (Ehe)Frauen und die Rolle der Frau in der Kirche gesagt wird

[Der Artikel wurde noch einmal nachbearbeitet; Kommentare können sich auf den ursprünglichen Text beziehen.]

– Dieser Teil ist recht lang geraten, da es um mehrere zusammenhängende Themen geht und ich die wichtigsten Einwände und Argumente abhaken wollte, und darf gern in mehreren Etappen gelesen werden. –

 

„Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Eins sollte klargestellt werden, bevor ich mit meinen Exegese-Versuchen beginne: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt die Bibel selbst.

Manchmal gibt es auch mehrere mögliche Interpretationen zu seinen (und anderen biblischen) Aussagen; und manchmal ist es leichter zu sagen, welche Interpretationen falsch sind, als zu sagen, welche richtig sind.

 

(I) Die Stellen

Heute kommt einmal hauptsächlich das Neue Testament dran, nämlich diese  Stellen aus den Apostelbriefen:

  • „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. (Epheser 5,21-33)
  • „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie!“ (Kolosser 3,18f.)
  • „Ebenso seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem Verhalten, nicht verleumderisch und nicht trunksüchtig; sie müssen fähig sein, das Gute zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ (Titus 2,3-5)
  • „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit. Auch sollen die Frauen sich anständig, bescheiden und zurückhaltend kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt. (1 Timotheus 2,8-15)
  • „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. Nicht auf äußeren Schmuck sollt ihr Wert legen, auf Haartracht, Gold und prächtige Kleider, sondern was im Herzen verborgen ist, das sei euer unvergänglicher Schmuck: ein sanftes und ruhiges Wesen. Das ist wertvoll in Gottes Augen. So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. Sara gehorchte Abraham und nannte ihn ihren Herrn. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet. Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ (1 Petrus 3,1-7)
  • „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ (1 Korinther 14,33-35)
  • „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe. Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen. Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben. Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinden Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.“ (1 Korinther 11,1-16)

Ich habe hier einiges zusammengeworfen. Wenn man es auseinandersortiert, ergeben sich grob die folgenden Punkte:

  • Unterordnung der Frau in der Ehe
  • Bedeutung des Kindergebärens für die Frau
  • Stellung der Frau in der Gemeinde
  • Kopfbedeckungen beim Gottesdienst
  • Generelle Stellung der Frau (mit Bezug auf die Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte)

 

(II) Das Kindergebären: Textanalyse

Zuerst zu einer relativ einfach gelösten Stelle: „Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt.“ (1 Timotheus 2,15) Wie bitte, man kommt nur durchs Kinderkriegen in den Himmel? Natürlich nicht. Hier hilft der Urtext.

Im griechischen Original heißt der erste Teil des Satzes: „Sothesetai de dia tes teknogonias“. Wörtlich übersetzt: „Sie wird gerettet werden aber durch das Kinderkriegen“; das Wort für „durch“, „dia“, ist allerdings, wie viele griechische Präpositionen, mehrdeutig. Es kann „durch“, „mittels“, „wegen“ heißen, aber auch „um … willen“; oder sogar „während“. „Aber sie wird um des Kindergebärens willen gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“, oder „Aber sie wird, während sie Kinder gebärt, gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“ – das klingt schon ein bisschen anders, mehr so, als wäre das Kindergebären ein mögliches gutes Werk im Leben, nicht das sine qua non. Im Englischen würde man so einen Satz vielleicht ähnlich ambivalent formulieren mit „But she will be saved having children, if she…“. Ich denke, dass der Fokus hier vor allem auf dem zweiten Teil des Satzes liegt: Man soll in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führen. Und zum Weg der Heiligung kann auch das Gebären von Kindern und die Sorge für sie gehören.

Aber vor allem die Übersetzung mit „während“ bietet auch eine völlig andere Auslegung, als man zuerst annehmen würde: Laut einer Fußnote in der Einheitsübersetzung könnte Paulus sich hier gegen gnostische Lehren gewandt haben, die die Ehe und das Kinderkriegen verurteilten, da sie die irdische Welt grundsätzlich ablehnten. Da ist der christliche Weg familienfreundlicher: Kinder stehen der Heiligkeit nicht im Weg. Es ist gut, Kinder zu kriegen, weil es gut ist, mehr von Gottes Geschöpfen in die Welt zu setzen. Eine Frau, die Mutter ist/wird, kann (an die Gnostiker gerichtet: trotzdem) heilig werden, wenn sie Hoffnung, Nächstenliebe etc. zeigt.

Dann ist es, wenn man den Kontext aller Paulusbriefe kennt, sowieso von vornherein ausgeschlossen, dass Paulus das Kindergebären auf irgendeine Art und Weise als heilsnotwendig betrachten könnte. In 1 Korinther 7,25-40 wirbt er dafür, unverheiratet zu bleiben, und zwar bei Männern und Frauen; und wenn man sich an die christliche Sexualethik hält, kann man dann logischerweise auch keine Kinder bekommen.

So weit, so gut; aber was ist nun mit den anderen Aussagen, bei denen verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für Präpositionen nicht als Erklärung genügen? Können wir die als „historisch bedingt“ beiseite schieben?

 

(III) „Die Frau aber ist der Abglanz des Mannes…“

Nun ja, das kommt darauf an. Behandeln wir die Themen nacheinander, und fangen wir mit einer der nervigsten und unverständlichsten Stellen an: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. […] Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ (1 Korinther 11,3.7-9)

Diese Verse werden natürlich deutlich relativiert durch das, was dahinter kommt („Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.“ (1 Korinther 11,11f.)), aber bleiben wir erst einmal bei ihnen stehen.

Hier finden sich natürlich Anklänge an die Schöpfungsgeschichte; und eine Sache klingt schon einmal ziemlich auffällig. In Genesis 1,27 heißt es ja ausdrücklich: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Paulus aber scheint, im Gegensatz zu dieser sehr klaren Stelle (und im Gegensatz zum Katechismus, s. u.), die Frau nicht als direktes Abbild Gottes zählen lassen zu wollen.

Die Lösung für diesen scheinbaren Konflikt liegt in Vers 3 der Paulus-Stelle: Hier wird Gott (Vater) als das „Haupt Christi“ bezeichnet, und Christus wiederum als Haupt des Mannes, und der dann wiederum als Haupt der Frau. Man hat also eine solche Stufenleiter im Kopf:

Gott (Vater)

I

Christus

I

Mann

I

Frau

Und jedem, der die geringste Ahnung von Theologie hat, wird dieses Schema irgendwie schief vorkommen. Theologisch korrekt dargestellt müsste es eher so aussehen:

Gott (Vater) – Christus

____________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Mann – Frau

Oder für die ganz theologisch Korrekten unter uns:

Gott Vater – Gott Sohn (Christus) – Gott Heiliger Geist

_______________________________________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Engel

I

Menschen (Mann – Frau)

I

Tiere

I

Pflanzen

I

Leblose Materie

In der Trinitätstheologie lehnen wir den sog. „Subordinatianismus“ klar ab: Der Sohn ist nicht weniger Gott als der Vater, Er ist Ihm „wesensgleich“, nicht geringer als Er (für den Heiligen Geist gilt das Gleiche).

Aber: Trotzdem heißt es im Großen Glaubensbekenntnis, dass der Sohn vom Vater „gezeugt“ ist und der Heilige Geist aus beiden „hervorgeht“. Nun bedeutet die „Zeugung“ des Sohnes wiederum nicht, dass es einmal eine Zeit gab, in der Er nicht existierte und der Vater allein war; es handelt sich um eine „ewige Zeugung“, eine Art ewige Abhängigkeit, könnte man vielleicht sagen, des Sohnes vom Vater, oder ein ewiges Hervorgehen des einen aus dem anderen. Was genau das jetzt bedeutet – gute Frage, bitte an bessere Theologen richten. Jedenfalls nimmt der Vater trotz aller Gleichrangigkeit der drei göttlichen Personen immer noch eine Art höhere Stellung, sozusagen als „Erster unter Gleichen“, unter ihnen ein – in der Bibel ist an manchen Stellen vom Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater die Rede, aber an keiner Stelle vom Gehorsam des Vaters gegenüber dem Sohn.

In der obersten Stufenleiter, also der aus der Paulusstelle, haben wir zwischen Christus und dem Mann den Sprung von ungeschaffenem Gott zu Geschöpf. Also könnte man vielleicht sagen, dass, eine Stufe weiter oben, auch innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit im Verhältnis von Gott Vater zu Christus wiederum das Verhältnis von Gott zur Schöpfung gewissermaßen analog „nachgestellt“ ist – oder besser genau andersherum: dass das Verhältnis zwischen Gott Vater und Gott Sohn durch das Erschaffen von Geschöpfen in dem Verhältnis der „gesamten“ Dreifaltigkeit zur Schöpfung nachstellt wird. Und dann könnte man weiter sagen, dass dasselbe Verhältnis innerhalb der Schöpfung dann wieder in gewisser Weise nachgestellt wird zwischen Mann und Frau – es ist nachgestellt, nicht real. (Einer ähnlichen Interpretation folgt übrigens auch C. S. Lewis in dem sehr empfehlenswerten Buch „Was man Liebe nennt“ (Originaltitel: „The four loves“).)

Man könnte in dieser Analogie noch weitergehen und die Familie (Mann, Frau und Kinder, die aus beiden „hervorgehen“) mit der Dreifaltigkeit inklusive dem „hervorgehenden“ Heiligen Geist vergleichen, aber der Einfachheit halber lasse ich den Heiligen Geist und die Kinder hier außen vor.

Das passt natürlich auch zu der Aussage der bekanntesten Paulus-Stelle zum Thema „Haupt“ und „Unterordnung“ in der Ehe, nämlich Epheser 5: Die Ehe soll sein wie die Beziehung zwischen Christus und der Kirche – man könnte mit einer gewissen Erweiterung sagen, wie die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung.

Zu diesem Aspekt möchte ich einen Freund mit folgender Aussage zitieren, die die Angelegenheit gut zusammenfasst: „Nach den plausiblen Erklärungen der Theologen symbolisiert die Frau die Schöpfung Gottes und der Mann den Schöpfer. Das heißt aber, dass die Frau die Aufgabe hat, etwas zu symbolisieren, was sie tatsächlich ist – weswegen das Wort ‚Seele’ (und das Wort ‚Kirche’) auch in allen relevanten Sprachen weiblich ist, auch die des Mannes, und auch der Mann in unserem schönen deutschen Lied (manche Dinge konntense, die Protestanten) Christus als ‚mein Heiland und mein Bräutigam’ anspricht. Der Mann hat etwas zu symbolisieren, was er nicht ist, was merklich schwerer ist und vielleicht letztlich etwas damit zu tun hat, dass die Frauen religiöser sind.“

Paulus trifft die Aussage „Der Mann ist das Haupt der Frau“ und begründet sie mit Genesis 2: „Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ Er behandelt die Rippengeschichte hier als real; aber es ist relativ egal, ob diese Geschichte je real geschehen ist oder nicht, sie steht da und sagt irgendetwas aus, und Paulus behandelt sie erst einmal als real, um auf ihre Aussagen zu kommen. Aus der Erzählung, dass Adam zuerst geschaffen wurde und Eva aus einem seiner Körperteile (Symbolebene), schließt Paulus also, dass der Mann, in der Ehe jedenfalls, das Haupt der Frau ist (Realitätsebene). Natürlich ist damit nicht gemeint, dass Frauen nicht um ihrer selbst willen als Person geschaffen wären, sondern ausschließlich als Hilfe für einen Ehemann (diese Interpretation kann man allein schon deshalb ausschließen, weil für Frauen wie für Männer laut Paulus selbst und dementsprechend laut katholischer Kirche die höchste Berufung das ehelose Leben ist).

Ich habe übrigens einmal einen Aufsatz einer Historikerin gelesen, in dem sie die These aufstellte, dass viele junge Frauen, die in der Antike, auch gegen den Willen ihrer Eltern, zum Christentum konvertierten und sich Christus weihten, auch davon angezogen wurden, dass sie in dieser Religion und in dieser Stellung als Personen geachtet wurden, nicht nur als Anhängsel eines Ehemannes. Als ich das damals gelesen habe, habe ich mir noch gedacht: Was soll der Unsinn, Mädchen wie die heilige Agnes wollten einfach Christus dienen, nicht besonders emanzipiert sein. Grundsätzlich glaube ich auch, dass ich damit richtig lag; aber ganz Unrecht hatte diese Historikerin vielleicht auch nicht. Als Frau geachtet zu werden, obwohl man keinen Mann und keine Kinder hatte, das muss etwas Anziehendes gewesen sein; dass man für den christlichen Gott auch so wertvoll war, war etwas Besonderes.

Wenn wir übrigens die originalen Genesis-Verse ansehen, in denen davon die Rede ist, dass Gott für Adam eine „Hilfe […], die ihm entspricht“ (Genesis 2,18) machen will, dass Er eine seiner Rippen nimmt und daraus Eva formt, und dass Adam sich dann freut und spricht „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Genesis 2,23), dann können wir festhalten, dass das hier verwendete Wort für „Hilfe“ oder „Helfer“ oder „Gehilfin“, „ezer“, keinesfalls automatisch „untergeordnetes Dienstmädchen“ heißt. Dieses Wort wird in der Bibel z. B. auch verwendet, wenn davon die Rede ist, dass Gott eine Hilfe für den Menschen ist – worauf sich übrigens auch der Katechismus bezieht (s. u.). Die Genesis-Geschichte sagt vor allem aus, dass Mann und Frau aufeinander hingeordnet sind: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.

(Sie hat übrigens an anderer Stelle für die damalige Zeit auch emanzipatorische Anklänge: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Zu der Zeit, als das geschrieben wurde, verließen eben nicht Mann und Frau ihre Ursprungsfamilien und hingen einander an und bildeten eine eigene neue Familie, sondern die Frau verließ ihre Familie und schloss sich der Sippe ihres Mannes an, wo sie dann auch unter der Fuchtel der Schwiegereltern stand.)

Langer Rede, kurzer Sinn: Aus dieser Paulusstelle ergibt sich, dass der Ehemann das „Haupt“ der Ehefrau nur in dem Sinne sein kann, wie Gott der Vater das „Haupt“ Jesu Christi ist. Die Analogien mit Gott Vater, Christus, der Kirche etc. werden hier und auch in Epheser 5 allerdings so sehr betont, dass man sie wohl nicht einfach als wenig relevante, zufällige Vergleiche beiseite schieben kann. Nein, wir Christen müssen immer – bis zu einem gewissen Grad – „Gender Essentialists“ sein, d. h. wir glauben, dass das biologische Geschlecht, das unser Schöpfergott uns mitgegeben hat, etwas ist, das auch die Seele betrifft, dass es wirkliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Geschlechtsunterschiede nicht alle einfach ausschließlich gesellschaftliche Konstruktionen sind – und dass das dann auch eine Implikation für eine Art Hierarchie in der Ehe hat.

 

(IV) Ein kurzer Exkurs: Zur Erschaffung Evas aus der Rippe Adams

Die Rippengeschichte hat im Lauf der Kirchengeschichte übrigens verschiedene Auslegungen bekommen, die durchaus miteinander kompatibel sein können und denen man folgen kann oder auch nicht. Hier als Beispiele zwei Stellen von bekannten Heiligen (Hervorhebungen von mir):

Der hl. Franz von Sales liest zwei verschiedene Dinge in dieses Bild hinein: „Bewahrt also euren Frauen eine zarte, beständige und herzliche Liebe, ihr Ehemänner! Deshalb wurde ja die Frau aus nächster Herzensnähe des ersten Menschen genommen, damit sie von ihm herzlich und zärtlich geliebt werde. Die körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau darf in euch keinerlei Geringschätzung entstehen lassen, sondern ein gütiges und liebevolles Verständnis. Gott hat sie so geschaffen, dass sie von euch abhängig sei, euch Achtung und Ehrfurcht entgegenbringe, dass sie zwar eure Gefährtin sei, ihr aber zugleich ihr Haupt und Vorgesetzter. Ihr Frauen, liebt euren Mann, den Gott euch gegeben hat, zärtlich und herzlich, gleichzeitig aber voll Achtung und Hochschätzung! Gott hat ihn deswegen kräftiger und euch überlegen geschaffen; er wollte, dass die Frau vom Mann abhängig ist, als Gebein von seinem Gebein, als Fleisch aus seinem Fleisch [vgl. Gen 2,23]. Nach Gottes Plan wurde die Frau aus seinem Leib unterhalb des Armes entnommen, um damit zu zeigen, dass der Mann seine Hand über sie halten und sie führen soll.Die Heilige Schrift empfiehlt immer wieder diese Unterordnung der Frau unter den Mann, sie macht diese Unterordnung aber zu einer liebevollen; die Frau soll sich in Liebe fügen, der Mann aber seine Autorität mit inniger, zärtlicher Güte ausüben. Der hl. Petrus sagt: ‚Ihr Männer, seid verständig gegen eure Frauen; sie sind die schwächeren Geschöpfe, erweist ihnen Achtung’ [1 Petr 3,7].“ (Franz von Sales, Anleitung zum frommen Leben, 3. Teil, Kap. 38, erstmals veröffentlicht 1609)

Und der hl. Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: „1. Dies war ein äußeres Zeichen dafür, wie Mann und Weib in besonderer Weise verbunden sein sollen. Denn das Weib soll nicht den Mann beherrschen; deshalb ist sie nicht aus einem Teile des Kopfes geformt worden. Sie soll aber auch nicht vom Manne wie eine Sklavin gehalten werden; deshalb ist sie nicht aus einem Teile der Füße geformt worden. 2. Das Sakrament sollte versinnbildet werden; denn aus der Seitenwunde Christi am Kreuze flossen die Sakramente, d. h. Wasser und Blut, woraus die Kirche geformt worden.“ (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I 92/3, verfasst zwischen 1265 und 1273)

(Erschaffung Evas. Dom von Orvieto. Bildquelle hier.)

 

 

(V) „Haupt“ und „Unterordnung“: Historisch bedingt?

So, jetzt haben wir also immer noch die Aussage, der Mann sei in der Ehe auf irgendeine Weise das Haupt der Frau und sie solle sich ihm „unterordnen“.

Manche Theologen haben versucht, die Sache einfach so zu lösen, dass sie sagen, für diese Stellen gelte dasselbe wie für die Sklaverei-Stellen in den Apostelbriefen: Paulus und Petrus geben hier Anweisungen dazu, wie man sich in einer ungerechten Beziehung, die in der damaligen Gesellschaft nun mal so existierte und sich nicht so einfach ändern ließ (das Christentum war keine Religion der Mächtigen, und viele Christinnen hatten heidnische Ehemänner), verhalten soll. Sie raten sowohl Frauen als auch Sklaven, sich unterzuordnen, und mahnen die Männer und die Herren dann zu Liebe bzw. gerechter Behandlung. Diese Taktik der Apostel hat pragmatische Gründe, die in einer gerechteren Gesellschaft wegfallen sollten. (Vgl. Teil 15.) Diese Auslegung scheint besonders durch die Petrusbriefstelle nahegelegt zu werden: „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.“

Sie bietet sich auch deswegen an, weil die Anweisungen an Frauen und Sklaven oft an ein und derselben Stelle stehen. Direkt nach der berühmten Epheser-5-Stelle über das Verhältnis zwischen Eheleuten kommen die Regeln für Kinder und Sklaven, also den Rest des Haushalts: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn! Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.“ (Epheser 6,1-9)

Gerade diese Stelle zeigt aber auch schon die Begrenztheit dieses Ansatzes: Denn das Gebot für die Kinder, die Eltern zu ehren, ist ein zeitloses Gebot, das sogar in den zehn Geboten auftaucht, anders als die Anweisungen an die Sklaven – hier werden also zeitlose und zeitbedingte Gebote zusammengeworfen; sie stehen nur beieinander, weil es um die Ordnung des damaligen Haushalts geht, zu dem sowohl Kinder als auch Sklaven gehören konnten. Was gilt für die Anweisungen an Ehefrauen? Sind die zeitlos oder zeitbedingt?

Nun ja, aus den oben erklärten Stellen ergibt sich schon, dass das alles nicht nur zeitbedingt sein kann. Ich denke aber, man kann diese Frage trotzdem mit einem „teils – teils“ beantworten. Ehen hatten damals unbestreitbar etwas Ungerechtes. Die Frauen waren oft viel jünger als ihre Männer (Mädchen konnten ab einem Alter von 12 Jahren verheiratet werden) und sie hatten auch nicht viel dazu zu sagen, wen sie heirateten; vielleicht als unabhängige Witwen eher, wenn sie sich ein zweites Mal verheiraten wollen, aber für eine erste Ehe in ihrer Jugend weniger. Es ist nicht so, dass junge Männer nie von Eltern oder Vormündern in arrangierte Ehen gezwungen worden wären, aber das macht die damalige Situation auch nicht besser, und im Allgemein war sie ziemlich ungerecht gegenüber den Frauen. Dazu kam die mächtige Stellung des römischen pater familias, die grundsätzliche Erwartung an Ehefrauen, ihrem Mann zu gehorchen, die in der damaligen Kultur selbstverständlich verankert war, ebenso wie die Vorstellung, dass Frauen weniger intelligent, emotionaler, hysterischer, unbeherrschter wären als Männer (man lese Aristoteles oder andere Griechen zu diesem Thema). Also, ja, es macht schon irgendwo Sinn, zu sagen, dass Paulus hier einfach dazu rät, sich den unvollkommenen Verhältnissen, in denen man sich befindet, zu fügen, vor allem, da die Christen damals sowieso schief angesehen waren, und nicht noch mehr als Leute gelten wollten, die gesellschaftliche Regeln umwarfen.

Aber andererseits: Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war damals auch ungerecht. Harte körperliche Züchtigung, war normal; und der Familienvater hatte nach dem römischen Gesetz sogar das Recht, zu entscheiden, ob ein Neugeborenes ausgesetzt werden sollte; er konnte seine Kinder auch in die Sklaverei verkaufen; und natürlich seine zwölfjährigen Töchter verheiraten. Aber das heißt nicht, dass das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ in einer gerechten Gesellschaft bedeutungslos werden würde. Auch in einer solchen Gesellschaft sollten Kinder ihre Eltern respektieren, ihnen einen gewissen Gehorsam entgegenbringen, solange sie selber minderjährig sind, und sie versorgen, wenn sie (die Eltern) alt geworden sind. Wenn man das übertragen möchte, könnte man sagen, die Aussage, dass der Mann das „Haupt“ der Frau sein soll, bliebe auch für gerechtere Gesellschaften gültig, bloß etwas anders, und etwas abgemilderter.

Hier könnte man einwenden, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern grundsätzlich anders ist als das zwischen Eheleuten: Solange Kinder noch Kinder sind, haben sie einfach nicht die Lebenserfahrung, Kraft, Intelligenz, rechtlichen Möglichkeiten usw., um für sich selbst zu sorgen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen; und deshalb sind ihre Eltern zu ihrem eigenen Schutz für sie verantwortlich. Wenn ich erkenne, dass jemand anders es ziemlich sicher besser weiß als ich, dann folge ich dessen Entscheidungen klugerweise auch, und deswegen sollte man auch als Fünfjährige folgen, wenn die Mutter sagt, dass man zuerst links und rechts schaut, bevor man über die Straße geht, oder als Vierzehnjährige, wenn man um zwölf Uhr daheim sein und keinen Alkohol trinken soll. Kinder werden natürlich erwachsen und dann können sie ihre Entscheidungen selbst treffen; dann bleibt das vierte Gebot zwar noch in der Bedeutung bestehen, den Eltern mit Respekt und Dankbarkeit für das, was sie für einen getan haben, zu begegnen und sie zu versorgen (es ist übrigens gut möglich, dass bei diesem Gebot ursprünglich eher daran gedacht war, erwachsene Kinder zu ermahnen, sich um alte Eltern zu kümmern und sie zu achten, als minderjährigen Kindern einzuschärfen, ihren Eltern zu gehorchen), aber im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern steht man nie einfach auf ein und derselben Stufe.

Ehepartner dagegen sind meistens grob im selben Altersbereich – zumindest müssen sie beide erwachsen sein, und die Frau kann auch mal älter sein als der Mann –, ihr Verhältnis ist also ein wesentlich egalitäreres. Wir wissen spätestens seitdem Frauen dieselbe Bildung erhalten wie Männer, dass die einen nicht durchschnittlich dümmer sind als die anderen, wie Aristoteles, und sogar noch Thomas von Aquin und Franz von Sales, meinten. [Interessanterweise gibt es allerdings anscheinend tatsächlich gewisse statistische Unterschiede beim IQ: Männer sind häufiger als Frauen entweder Genies oder Idioten, während der IQ vieler Frauen sich stärker im Mittelfeld konzentriert. Irrelevanter Exkurs Ende.] Deren epochenbedingte Vorurteile kann man entschuldigen, aber man muss sie ja nicht übernehmen. Und auch die Bibel sagt nirgendwo etwas von geringerer Intelligenz.

Der erste Petrusbrief ermahnt zwar die Männer gegenüber ihren Frauen zur Rücksicht, da die „der schwächere Teil“ seien; aber was genau kann damit gemeint sein? Na ja, zum einen die simple Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt körperlich schwächer sind. Dann die gewichtige Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären und stillen und dadurch mit vielen Nachteilen klarkommen müssen, die Männer nicht haben, und deshalb auch mal Unterstützung brauchen. (Passend dazu: Das hier verwendete griechische Wort für „schwach“ kann auch die Bedeutung „krank“ haben.) Dann vielleicht auch die Tatsache, dass Frauen zu Petrus’ Zeiten weniger rechtliche und berufliche Möglichkeiten hatten als Männer. „Schwächer“ ist hier keine Beleidigung, sondern die Feststellung einer Tatsache. Und diese Tatsache bleibt zum Teil auch noch in Zeiten von rechtlicher Gleichberechtigung, allgemeiner Krankenversicherung, Elternzeit und Kinderkrippen wahr. Ja, wir Frauen haben einfach gewisse biologische Nachteile gegenüber dem anderen Geschlecht, und that sucks. Aber es ist halt so, und das kann man nicht einfach aus der Welt schaffen.

 

(VI) „Haupt“ und „Unterordnung“: Bedeutung in der Bibel

An dieser Stelle ist es vielleicht erst einmal angebracht, sich noch einmal genau anzusehen, was Paulus dem „Haupt“ in der Ehe aufträgt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.“ (Epheser 5,26-29) Liebe, Hingabe und Fürsorge nach dem Vorbild des leidenden und sterbenden Christus ist hier gemeint; das passt zu der Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse, die dieser Christus selber gepredigt hat: „Da rief Jesus sie [die Jünger] zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,25-28) Autorität soll Anlass zu Fürsorge und Aufopferung sein, nicht zum eigenen Nutzen. Am Anfang der Epheser-Stelle ist dementsprechend auch von gegenseitiger Unterordnung die Rede („Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“).

Ich möchte hier noch die Gedanken einer anderen Bloggerin anführen, die das Patriarchat (im Sinne eines schützenden, fürsorglichen Patriarchats nach dem Vorbild des heiligen Josef) hier verteidigt:

 „Denn was uns blüht, wenn dieses Prinzip völlig abgelehnt statt korrigiert wird, sehen wir in der nordwesteuropäischen Gesellschaft: Eine vaterlose Gesellschaft, in der die Frau tatsächlich kaum weniger zum Objekt degradiert wird, als in einer, die das Patriarchat in erster Linie als Herrschaft des Mannes definiert, eine Gesellschaft, in der die Verantwortung füreinander nicht mehr gelehrt und nicht mehr praktiziert wird, in der die Partnerschaft zwischen Mann und Frau nur mehr ein Pakt zur eigennützigen Bereicherung am jeweils Anderen gerät, und in der Tugenden wie Ritterlichkeit, Zuvorkommenheit und Hingabe nicht mehr existent sind.

 Wir sehen die Konsequenzen auch konkret in den Abtreibungszahlen: Schon die Verhütungsmentalität lädt letztendlich die Verantwortung bei der Frau ab, die sich entweder schädliche und gesundheitsgefährdende Substanzen zuführen muss, um bloß immer verfügbar zu sein, oder aber sich bei Versagen anderer Verhütungsmethoden dem ‚Schlamassel’ nicht selten allein stellen soll, inklusive der schweren psychischen und körperlichen Folgen, die eine Abtreibung mit sich bringt. Dementsprechend sind die meisten Abtreibungen nicht Resultat eines Verbrechens oder einer medizinischen Indikation, sondern der schlichten Verweigerung des Mannes, Verantwortung zu übernehmen und Stabilität zu bieten, was der Frau erlauben würde, ihrer Mutterschaft ohne existenzielle Ängste entgegenzusehen, auch, wenn es nicht dem ursprünglich angepeilten ‚Lebensplan’ entspricht. Während die Frau also chronisch überbelastet wird, weil kein positiv konnotiertes Vaterbild tradiert wird, wird der Mann zur Taten- und Bedeutungslosigkeit verdammt: Er darf nicht schützen noch sorgen, nicht die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen. Dass er dann nicht einsieht, anderweitig Verantwortung zu übernehmen, verwundert nicht.

 Ich möchte noch weiter gehen, auch, wenn ich den folgenden Punkt nicht erschöpfend behandeln kann: In einer nicht patriarchalen Gesellschaft (oder einer, die es werden will), tritt Machtmissbrauch seitens des Mannes ebenso zum Nachteil der Frau auf, wie in einer einseitig patriarchalen – er kann aber nun nicht mehr als missbräuchlich gekennzeichnet werden und wird lediglich als Macht’gebrauch’ charakterisiert werden können, da es ja eine positive Formulierung von Pflichten, die das Patriarchat dem Mann auferlegt, nicht mehr gibt! […]

 In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Festtag des Heiligen Josef, den die katholische Kirche u.a. mit dem Titel ‚Zierde des häuslichen Lebens’ ehrt – klingt nicht gerade männlich-brutal-patriarchal, sondern vielmehr zart und liebevoll.“

Diese Verteidigung baut auf dem Prinzip aus dem Petrusbrief auf: Die Frau ist einfach in manchen Situationen schwächer, besonders aber, wenn es ums Kinderkriegen geht: Da braucht man oft Unterstützung und Fürsorge durch einen Mann.

An dieser Stelle: Was ist denn mit einer weiteren Stelle in der Bibel, in der von der „Herrschaft“ des Mannes über die Frau die Rede ist? „Zur Frau sprach er [Gott]: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.“ (Genesis 3,16) Die hier angesprochene Herrschaft ist ganz offensichtlich ein Teil des Fluchs, der als Folge der Erbsünde über die Menschheit kam. Rein vom Text her betrachtet ist es kein Befehl, sondern eine Vorhersage. Hier ist von ungerechter Herrschaft die Rede: Man kann sich im zweiten Teil des Satzes die von sie misshandelnden Männern abhängigen Frauen direkt vorstellen. Die Herrschaft aus Genesis 3,16 ist etwas, das es in der Welt nicht geben sollte, und das man bekämpfen darf und sollte, genauso wie Schmerzen, Dornen und Disteln (vgl. Vers 17, die Worte an Adam). Wenn das nicht so wäre, müssten wir auch alle unsere Schmerzmittel, Unkrautvernichter und Traktoren wegwerfen. Die Bibel erkennt also an, dass es eine schlechte Art der Herrschaft von Männern über Frauen gibt – und die gab und gibt es in der Welt leider zuhauf.

Kommen wir daher wieder zu den anderen Stellen und der Ausgangsthese zurück: Das Neue Testament definiert die Aufgabe eines „Hauptes“ als Dienst und Verantwortung.

Was ist denn ein Familienoberhaupt? Jemand, der diktatorisch alle Entscheidungen trifft, ohne jemanden zu fragen, oder jemand, der die Verantwortung für die äußeren Angelegenheiten übernimmt, während die Frau schon genug mit Schwangerschaften und kleinen Kindern zu tun hat? (Zur Klarstellung: Ja, ich weiß, dass manche Ehepaare unfruchtbar sind. Und, dass die Phase der Schwangerschaften und Kleinkindbetreuung, für die nun mal von Natur aus (auch für letztere: Stillen) eher die Frau verantwortlich ist, nicht ewig dauert. Aber für die meisten Ehepaare, vor allem für katholische Ehepaare, für die gewollte Kinderlosigkeit keine Option ist, ist sie doch da, und sie war vor zweitausend Jahren noch belastender als heute.)

Irgendwie will man als Frau doch auch gern, dass der Mann Verantwortung und, ja, auch mal Führung übernehmen kann, wenn nötig. Ich denke, das kann schon darauf hindeuten, dass die Bibel hier nicht ganz falsch liegt. Das heißt nicht, dass Respekt, Kompromisse und Kommunikation deswegen ausfallen sollten.

File:Brooklyn Museum - The Betrothal of the Holy Virgin and Saint Joseph (Fiançailles de la sainte vierge et de saint Joseph) - James Tissot - overall.jpg

(James Tissot, Verlobung der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Joseph. Gemeinfrei.)

 

(VII) Aber ist ein „Haupt“ jetzt wirklich notwendig?

Okay, aber man könnte wieder einwenden: Wieso eine Verpflichtung zur Unterstützung und Fürsorge mit der Vorstellung eines Familienoberhaupts, dem man sich unterordnen muss, koppeln? Alle diese Prinzipien dazu, was Autorität bedeuten soll, kann man sehr gut auf notwendige Autorität anwenden – die Autorität eines Staates, die Autorität in einer Firma, die Autorität von Eltern; aber ist denn in einer Ehe irgendeine Art von Autorität überhaupt notwendig? Funktioniert es nicht wunderbar, wenn zwei erwachsene Menschen einfach eine gleichrangige Partnerschaft eingehen, in der sie Kompromisse eingehen, bedeutende Entscheidungen nur gemeinsam treffen und keiner sich irgendwie unterordnen muss – oder in der sich beide mal den Bedürfnissen des jeweils anderen unterordnen?

Nun ja: Eine solche Partnerschaft kann lange gut funktionieren. Es ist auch gut, wenn eine Ehe so funktioniert. Die Frage ist dann nur: Was tun, wenn doch einmal eine Meinungsverschiedenheit auftritt, in der man einfach zu keinem Kompromiss findet? Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, sich nicht verschieben lässt, und sich Mann und Frau nicht einigen können?

C. S. Lewis schreibt in „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“):

 „Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muss es überhaupt ein ‚Haupt’ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muss der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, dass dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

 Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muss mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muss einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

 Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren lässt!’ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, dass sie ja auch die Hosen anhat. Irgendetwas Unnatürliches muss an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen lässt.

 Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, dass der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewusst als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muss letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im Allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, dass diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

 Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, dass er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Dass er immer beschwichtigen muss?“

Man könnte also in Lewis’ Sinne für eine Art „Minimallösung“ plädieren: Ja, es sollte ein Oberhaupt geben, für den Zweifelsfall, aber das ist im Alltag gar nicht so wichtig. Auch die bekannte katholische Bloggerin Simcha Fisher plädiert für eine ähnliche „Minimallösung“ (Übersetzung und Hervorhebungen von mir; man beachte bei der Lektüre, dass christliche Kreise in Amerika im Allgemeinen, auch geprägt durch den dort weit verbreiteten protestantischen Fundamentalismus, sehr viel extremere Einstellungen haben können als die in Europa):

 „Epheser 5,22! Epheser 5,22! Lasst uns alle in Panik ausbrechen über Epheser 5,22!

 Ne. Ich habe keine Angst mehr davor. Aber es ist auch keine so große Sache, wie ich dachte. […]

 Am Anfang, als ich geheiratet hatte, wollte ich unbedingt in die perfekte katholische Beziehung eintauchen. […] Er würde mir befehlen, etwas zu tun, und ich würde ihm gehorchen, und wie. […] Also wartete ich. Und verflucht noch mal, er erwartete nie von mir, ihm zu gehorchen. Sicher, er erwartete Dinge von mir – manche vernünftig, andere unvernünftig. Wir waren gerade erst verheiratet, und wir hatten vieles herauszufinden. Aber im Allgemeinen kam die Angelegenheit des Gehorsams einfach nicht auf. Ich hatte Angst, dass das bedeutete, dass wir eine geistlich minderwertige Ehe führten – dass wir uns mit einer Art zweitklassigem modernen System behalfen, das uns durch die Jahre bringen würde, aber das uns von… irgendetwas abhielt. Ich weiß nicht mal, was.

 Woher kam diese Vorstellung? […] In vielen katholischen Kreisen wird der Gehorsam der Ehefrau als das zentrale Merkmal der Ehe dargestellt – wichtiger als das Gebet, wichtiger als persönliche Entwicklung irgendeiner Art, wichtiger als die Sorge um die Kinder, wichtiger als alles. […] Ohne den Gehorsam der Ehefrau haben wir Chaos, haben wir die Verweiblichung der Männer, haben wir Scheidungen und Bitterkeit und Elend jeder Art. […]

 Als mein Mann und ich geheiratet haben, waren wir beide jung, und er hätte bereitwillig zugegeben, dass er nicht mehr Lebenserfahrung oder Weisheit oder Insiderwissen über irgendetwas hatte als ich. Er ist besser bei manchen Dingen; ich bin besser bei anderen. Es gibt Dinge, bei denen wir beide schlecht sind, und uns gegenseitig zur Rechenschaft ziehen müssen. […]

 Wir haben viel gestritten, und tun das manchmal immer noch; aber allmählich haben wir angefangen zu begreifen, dass, wenn wir uns über etwas uneinig sind, es normalerweise daran liegt, dass wir einander nicht zuhören, oder noch nicht glauben, dass der jeweils andere wirklich etwas verstanden hat, das wir nicht verstanden haben. Normalerweise, wenn wir wirklich anfangen, zuzuhören (und manchmal müssen wir denselben Streit immer wieder durchmachen, bevor wir uns wirklich gegenseitig hören können), wird es tatsächlich sehr offensichtlich, dass einer von uns Recht hat und der andere falsch liegt. Und dann wird es sehr einfach, zu wissen, was zu tun ist: Man tut das Richtige. Wir haben zusammen genug Mist durchgemacht, um zu wissen, dass keiner von uns sich wirklich angestrengt um etwas bemühen wird, das schlecht für die Familie wäre. Wenn er etwas wirklich, wirklich will, vertraue ich darauf, dass er einen Grund hat; und umgekehrt genauso. […]

 Autoritäre Ehemänner weisen oft auf Maria und Joseph hin, um ‚Er entscheidet, sie fügt sich’ als das wahre katholische Modell hinzustellen. Aber was wissen wir tatsächlich über den heiligen Joseph? Hauptsächlich, dass a) er komplett dabei versagt hat, seine Rechte durchzusetzen und diese scheinbar ungehorsame, scheinbar sündhafte, scheinbar rebellische Göre von einem Mädchen loszuwerden, die plötzlich ohne seine Genehmigung schwanger war, und sich stattdessen b) um Frau und Kind gekümmert hat.

 Und was ist mit der Idee, dass ein Mann seine Frau lieben sollte, wie Christus die Kirche liebt? Was wissen wir über Christus? Hauptsächlich, dass er gedient und gegeben und gedient und gegeben hat, und dass er für sie gestorben ist, und dass er dann ins Leben zurückgekehrt ist, sodass er noch mehr dienen und geben konnte. Das wissen wir.

 In unserer Ehe ist Gehorsam ein Notfallwerkzeug. Mein Mann gebraucht es, wenn ich wirklich verrückt bin: wenn ich außer mir bin, oder erschöpft, oder zu überwältigt von Schuld und Selbstzweifeln, um klar zu denken. Dann beansprucht er seine Autorität und besteht darauf… sich um mich zu kümmern. […]

 Rigide Geschlechterrollen sind dem Gesetz der Liebe untergeordnet. […]“

Ein weiterer Gedanke von C. S. Lewis könnte auch weiterhelfen. An einer Stelle in „Was man Liebe nennt“ schreibt er: „Die wirkliche Gefahr liegt nicht darin, dass die Männer zu eifrig nach [der „Dornenkrone“ in der Ehe] greifen, sondern dass sie es zulassen oder fördern, wenn ihre Frauen sie sich anmaßen.“ Ich weiß nicht, ob dieser Satz außerhalb des Kontextes vielleicht frauenfeindlich klingt; aber was Lewis’ Vorstellung hier ist, erschließt sich besser, wenn man das ganze Buch und auch seine anderen Werke (z. B. den Science-Fiction-Roman „Perelandra“) gelesen hat: Mit Frauen, die sich in dieser Hinsicht falsch verhalten, meint er Frauen, die der Versuchung (ich glaube, das ist eine, die für unser Geschlecht gar nicht mal so untypisch ist – nach meinem persönlichen Bekanntenkreis zu schließen) verfallen, für ihre Familie die gesamte Verantwortung übernehmen zu wollen; alle Pflichten, alle Verantwortung dafür, dass für die Kinder und die Zukunft und den Haushalt gesorgt ist (und und und), und die sich dabei unnötig und zum Unbehagen aller Angehörigen aufreiben, und diese Angehörigen „zu ihrem eigenen Besten“ herumkommandieren oder immer wieder in eine bestimmte Richtung stupsen; alles in dem behaglichen Bewusstsein, dass sie nur für die anderen leben, und ohne ihre Mühe gar nichts laufen würde, und die dann unzufrieden werden, weil andere ihre Mühen nicht so zu schätzen wissen, wie sie es ihrer Meinung nach sollten. Man könnte argumentieren, dass Männer sich genauso verhalten könnten; richtig, aber meiner Erfahrung nach ist das zumindest seltener der Fall. Männer sind gemütlicher veranlagt (und das meine ich sowohl im positiven Sinne von „unkomplizierter“ als auch im negativen Sinne von „fauler“).

Ich möchte an dieser Stelle zuletzt noch einmal einen Gedanken eines Freundes zum Thema „Ihr Männer, liebt eure Frauen! Ihr Frauen, ehrt eure Männer!“ zitieren: „Genau. Denn ehren tun die Männer, wenn sie nicht ganz degeneriert sind oder ausnahmsweise aus der Art schlagen, ihre Frauen sowieso; und manchmal auch andere Frauen. An das Lieben muß man sie vielleicht erinnern. Die Frauen – nun, ich bin keine Frau, aber vielleicht lieben sie die Männer in den meisten Fällen ohne große Mühe? Aber daß die Frau für ihren Mann außer Liebe auch Respekt übrig hat, das ist vielleicht nicht so selbstverständlich.“ In diesem Sinne könnte man auch sagen, die Bibel erinnert die Leute an das, was sie eher vernachlässigen.

 

 

(VIII) Noch etwas zum Thema Gehorsam und Unterordnung an sich

Ich glaube, die größte Schwierigkeit für heutige Christ(inn)en bei diesen Stellen liegt darin, dass man Konzepte wie Gehorsam, Unterordnung, Hierarchie prinzipiell als etwas moralisch Anrüchiges wahrnimmt. Dass man meint, wer untergeordnet sei, müsse auch unterdrückt sein; wer Macht habe, müsse diese Macht auch missbrauchen. Das ist, das muss man klar sagen, der katholischen Religion entgegengesetzt. Bei uns geht es ständig um Dienen, Gehorsam und Unterordnung, und das ist grundsätzlich nichts Degradierendes. Priester versprechen Bischöfen Gehorsam, auch Laien müssen ihren Bischöfen in einigen Dingen gehorchen, Nonnen und Mönche versprechen Äbtissinnen und Äbten Gehorsam, und der Papst hat Autorität über die ganze Kirche, kann von niemandem kirchenrechtlich belangt werden, und über ihm steht nur noch Gott. (Umgekehrt wird er allerdings auch „Diener der Diener Gottes“ genannt, und am Gründonnerstag waschen die in der Hierarchie Höherstehenden unter ihnen Stehenden die Füße – was zu der oben angesprochenen Umkehr der Bedeutung von Hierarchien durch Jesus gehört.)

Nichtkatholiken oder liberale Katholiken würden darauf antworten, dass sie dann eben dieses grundsätzliche katholische Konzept ablehnen. Aber damit hätten sie schlicht Unrecht. Eine herrschaftsfreie Welt kann es gar nicht geben, und sie ist nicht einmal erstrebenswert. Wenn man versucht, Hierarchien abzuschaffen, entstehen immer informelle Hierarchien, die, gerade weil sie undefiniert und nicht offiziell anerkannt sind, viel unterdrückerischer sein können. Anarchie führt zur willkürlichen Herrschaft derer, die sich durchsetzen wollen und können; bestes Beispiel sind anarchistische Kommunen.

Ich muss zugeben, manchmal kommt mir das Wort „Unterordnung“ selbst noch ein bisschen beängstigend vor. Aber wenn es einem beängstigend vorkommt, liegt das wohl einfach daran, dass man mit einer „untergeordneten“ Position in irgendeiner Hinsicht reflexhaft Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Entrechtung, Sklaverei verbindet – lustigerweise, weil einem das von unserer heutigen Obrigkeit in Schulen, Unis, Medien usw., die sich selbst nicht Obrigkeit nennen will, so eingeredet worden ist.

Jetzt mal ernsthaft: So sieht nicht einmal ein vertraglich geregeltes Arbeitsverhältnis zwischen Abteilungsleiter und normalem Angestellten aus (und wenn, dann sollte der Abteilungsleiter schnellstens gefeuert werden), geschweige denn eine irgendwie normal geartete lebenslange Verbindung zu einem geliebten Partner, mit dem man „ein Fleisch“ sein soll. Stellt man sich unter einem „Oberhaupt“eher einen gierigen Sklavenhalter mit absoluter Macht vor, oder so etwas wie den Vereinsvorstand des Schützenvereins, der sich mit den Mitgliedern arrangieren muss, und hauptsächlich dafür zuständig ist, die Ansprache am Weihnachtsfest zu halten, zu allen wöchentlichen Treffen zu erscheinen, und die älteren Mitglieder zu ihren 80. Geburtstagen zu besuchen, weswegen keiner das Amt übernehmen will?

Hierarchie bedeutet übersetzt nicht „Unterdrückung“, sondern „heilige Ordnung“. Wie unterdrückt fühlt man sich z. B. vom eigenen Ortsbischof? Hierarchie sorgt auch für Sicherheit; für klar verteilte Verantwortung. In einer hierarchisch geordneten Gesellschaft ist klar, wer das letzte Wort hat und damit Uneinigkeiten beenden kann, und dann auch Verantwortung für das Ergebnis trägt; an wen sich jemand wenden kann, der sein Recht haben will oder dem jemand anderes Unrecht tut; usw. Unterordnung bedeutet auch nie bedingungslose Unterordnung.

Es ist auch in keiner Weise etwas Ehrenrühriges, zu gehorchen und seine eigenen Vorstellungen unterordnen zu können. Mönche und Nonnen legen nicht ohne Grund ein Gehorsamsgelübde ab: Es hilft einem, Christus ähnlicher zu werden und nicht so sehr auf den eigenen Willen fokussiert zu sein.

Zu diesem ganzen Thema hat Pater Edmund Waldstein OCist einmal sehr Erhellendes geschrieben (hier eher auf die staatliche Sphäre bezogen).

 

(IX) Das Thema Kopfbedeckungen, und: Was sagt die Kirche zu all diesen Stellen?

Als Katholiken interpretieren wir die Bibel bekanntlich im Rahmen des kirchlichen Lehramtes; also hier endlich ein Blick darauf, was die Kirche zu alldem geäußert hat.

Beim Beispiel der Kopfbedeckungen kann man sofort sehen, dass diese Stelle in gewissem Sinne „historisch bedingt“ gewesen sein muss: Die Kirche verlangt keine Kopfbedeckungen für Frauen während der Messe mehr, also kann es sich nicht um ein völlig unumstößliches göttliches Gesetz gehandelt haben. Allerdings war es bis etwa zum 2. Vatikanum für Frauen allgemein üblich, zum Kirchgang Hut, Kopftuch oder – in Südeuropa – Mantilla zu tragen, und manche (v. a. in Tradikreisen) tun es auch heute wieder, und für Männer ist es jetzt noch eine Sache der Höflichkeit, beim Betreten einer Kirche Hut oder eine Mütze abzunehmen – obwohl beides seit dem neuen CIC von 1983 nicht mehr vorgeschrieben ist. Hier handelt es sich offensichtlich um ein sinnvolles, aber nicht in Stein gemeißeltes Symbol, wie Händeschütteln zur Begrüßung oder Essen mit Messer und Gabel. Zu Paulus’ Zeiten war es auch eine Sache der Schicklichkeit für Frauen, außerhalb des Hauses eine Kopfbedeckung zu tragen; und im Kontext der Liturgie hat das für ihn auch eine symbolische Bedeutung.

Auch zu den anderen Punkten hat das kirchliche Lehramt etwas zu sagen, zum Beispiel hier im Katechismus zur Schöpfungsgeschichte, zur Gleichheit von Mann und Frau und zur Ehe im Allgemeinen:

369 Mann und Frau sind erschaffen, das heißt gottgewollt in vollkommener Gleichheit einerseits als menschliche Personen, andererseits in ihrem Mannsein und Frausein. ‚Mann sein’ und ‚Frau sein’ ist etwas Gutes und Gottgewolltes: beide, der Mann und die Frau, haben eine unverlierbare Würde, die ihnen unmittelbar von Gott, ihrem Schöpfer zukommt [Vgl. Gen 2,7.22.]. Beide, der Mann und die Frau, sind in gleicher Würde ‚nach Gottes Bild’. In ihrem Mannsein und ihrem Frausein spiegeln sie die Weisheit und Güte des Schöpfers wider.

 370 Gott ist keineswegs nach dem Bild des Menschen. Er ist weder Mann noch Frau. Gott ist reiner Geist, in dem es keinen Geschlechtsunterschied geben kann. In den ‚,Vollkommenheiten’ des Mannes und der Frau spiegelt sich jedoch etwas von der unendlichen Vollkommenheit Gottes wider: die Züge einer Mutter [Vgl. Jes 49,14-15; 66,13; Ps 131,2-3.]und diejenigen eines Vaters und Gatten [Vgl. Hos 11,1-4; Jer 3,4-19.].

 371 Miteinander erschaffen, sind der Mann und die Frau von Gott auch füreinander gewollt. Das Wort Gottes gibt uns das durch verschiedene Stellen der Heiligen Schrift zu verstehen: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch alleinbleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht’ (Gen 2, 18). Keines der Tiere kann für den Menschen eine solche Entsprechung sein (Gen 2,19-20). Die Frau, die Gott aus einer Rippe des Mannes ‚baut’ und dem Mann zuführt, läßt diesen, über die Gemeinschaft mit ihr beglückt, voll Bewunderung und Liebe ausrufen: ‚Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!’ (Gen 2,23). Der Mann entdeckt die Frau als ein anderes Ich, als Mitmenschen.

 372 Der Mann und die Frau sind ‚füreinander’ geschaffen, nicht als ob Gott sie nur je zu einem halben, unvollständigen Menschen gemacht hätte. Vielmehr hat er sie zu einer personalen Gemeinschaft geschaffen, in der die beiden Personen füreinander eine ‚Hilfe’ sein können, weil sie einerseits als Personen einander gleich sind (‚Bein von meinem Bein’) und andererseits in ihrem Mannsein und Frausein einander ergänzen. In der Ehe vereint Gott sie so eng miteinander, daß sie, ‚nur ein Fleisch bildend’ (Gen 2,24), das menschliche Leben weitergeben können: ‚Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde!’ (Gen 1,28). Indem sie das menschliche Leben ihren Kindern weitergeben, wirken Mann und Frau als Gatten und Eltern auf einzigartige Weise am Werk des Schöpfers mit [Vgl. GS 50,1.].(Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 369-372.)

„1605 Die Heilige Schrift sagt, daß Mann und Frau füreinander geschaffen sind: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt’ (Gen 2,18). Die Frau ist ‚Fleisch von seinem Fleisch’ [Vgl. Gn 2,23], das heißt: sie ist sein Gegenüber, ihm ebenbürtig und ganz nahestehend. Sie wird ihm von Gott als eine Hilfe [Vgl. Gn 2,18. 20] gegeben und vertritt somit Gott, in dem unsere Hilfe ist [Vgl. Ps 121,2]. ‚Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch’ (Gen 2,24). Daß dies eine unauflösliche Einheit des Lebens beider bedeutet, zeigt Jesus selbst, denn er erinnert daran, was ‚am Anfang’ der Plan Gottes war: ‚Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins’ (Mt 19,6). (KKK, Nr. 1605.)

„2333 […] Die leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von Mann und Frau gelebt werden.(KKK, Nr. 2333.)

Zum Thema Unterordnung in der Ehe muss man in spezielleren Texten suchen; der Katechismus als Zusammenfassung der Kirchenlehre schweigt sich dazu leider aus (es sei denn, man zählt knappe Hinweise auf die Gleichrangigkeit und Verschiedenheit von Mann und Frau).

In einer älteren Enzyklika von Pius XI. findet sich diese Stelle:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.’

 Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

 Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.

 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau drückt Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., mit folgenden Worten tiefer Weisheit aus: ‚Der Mann ist der Herr in der Familie und das Haupt der Frau. Sie aber, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein ist, soll dem Mann untertan sein und gehorchen, nicht nach Art einer Dienerin, sondern einer Gefährtin. Dann wird die Leistung des Gehorsams weder ihrer Ehre noch ihrer Würde zu nahe treten. In dem aber, der befiehlt, wie in der, die gehorcht, in ihm als dem Abbild Christi, in ihr als dem der Kirche, soll die Gottesliebe Maß und Art von Amt und Pflicht beider bestimmen.’“ (Pius XI., Casti Connubii, 1930)

Bei Pius wird auch klar: Es handelt sich hier um gegenseitige Pflichten: Jeder hat seine Verantwortung zu erfüllen, und wenn das in der Praxis dann mal anders verteilt werden muss als im Modell, weil einer seinen Teil nicht erfüllen will oder auch nicht erfüllen kann (z. B. aufgrund schwerer Krankheit), dann muss man sich anders behelfen.

Ich habe auf amerikanischen feministischen Seiten, die ich ab und zu (teils aus Gründen der Feindbeobachtung, teils aus Interesse) lese, einmal eine bestimmte Kritik an der Lehre von „Frau bringt Unterordnung, Mann bringt Liebe“ gelesen: Das würde die Pflichten ungleich verteilen; wenn die Frau ihren Teil nicht erfüllt, aber der Mann sie immer noch lieben soll, wäre das keine so große Belastung für ihn, wie es für die Frau wäre, wenn er sie nicht liebt, sie sich ihm aber immer noch unterordnen soll. Aber hier wird das fundamentalistisch-evangelikale Modell „Du musst immer sofort und ohne Widerspruch gehorchen, wenn dein Mann dir etwas befiehlt, auch wenn er dich nicht liebt, dich schlecht behandelt oder völlig verrückt ist, dann wird am Ende alles gut, Gott will es so!“, wie es die Christian Patriarchy-Bewegung vertritt, kritisiert. Nein, wir Katholiken glauben eben ganz klar nicht daran, dass Unterordnung oder Gehorsam unabhängig davon sein sollten, ob der Mann die Frau liebt, ob er sie gut oder schlecht behandelt – oder, ganz allgemein gesprochen, ob eine Autorität ihre jeweiligen Pflichten erfüllt oder nicht.

Man sollte, alles in allem, auch nicht vergessen, dass die Analogie zu der Christus-Kirche-Beziehung nur das ist: Eine Analogie. Der Mann ist nicht Christus und die Frau nicht die Kirche. Sie sind zwei normale menschliche Personen.

Der heilige Johannes Paul II. hebt in einer Enzyklika etwas mehr hervor, was an dieser Stelle historisch bedingt ist, und ist darauf bedacht, sie in den rechten Kontext zu setzen:

„Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung [der Erklärung dazu, dass und wie genau die Männer ihre Frauen lieben sollen] und der Feststellung, daß ‚sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau’ (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein ‚gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann ‚Haupt’ der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um ‚sich für sie’ hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus – Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese ‚Unterordnung’ in der Beziehung Gatte – Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum ‚Alten’ ganz offensichtlich ein ‚Neues’ dar: Es ist das ‚Neue’ des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses ‚Neue’ zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das ‚Alte’, das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.

 Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das ‚Neue’, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige ‚Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: ‚In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (…)’, sondern auch: ‚Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie’ (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?

 Die Herausforderung des ‚Ethos’ der Erlösung hingegen ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die ‚Unterordnung’ der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung’ beider ‚in der Ehrfurcht vor Christus’ gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.“ (Mulieris Dignitatem 24)

Aber letztlich setzt er diese Stelle eben auch nur in den rechten Kontext und sagt nicht, jedenfalls nicht deutlich, die Frauen müssten sich eigentlich überhaupt nicht unterordnen; und letztlich kann ja auch eine bisherige Lehre der Kirche (die nicht nur von Pius XI., sondern auch den Päpsten vor ihm, vertreten wurde) nicht einfach umgekehrt werden.

 

Also, zusammengefasst: Ja, es ergibt sich offensichtlich aus den Bibeltexten, den lehramtlichen Schreiben und der dahinterstehenden Theologie, dass die Männer in der Ehe eine gewisse Autorität als Familienoberhaupt haben, und dass die Frauen – im Normalfall – nicht die Leitung der Familie übernehmen sollten. Ich denke allerdings auch nicht, dass das Thema für die durchschnittliche christliche Familie im Alltag eine große Rolle spielen wird (oder sollte). Eine Frau muss ihrem Mann außerdem offensichtlich nicht gehorchen, wenn er etwas absolut Unvernünftiges, Ruinöses, Missbräuchliches oder Sündhaftes von ihr verlangen sollte.

 

(X) Frauen in der Kirche

Kommen wir jetzt von der Ehe zur Rolle der Frauen in der Kirche. Da hätten wir diese berühmte Stelle aus 1 Korinther 14: „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ Nun ist es so, dass im NT schon Frauen erwähnt werden, die öffentlich beten oder prophetisch reden: In 1 Korinther 11,5, also im selben Brief, eben an der Stelle, wo Paulus über die Schicklichkeit von Kopftüchern redet, heißt es: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt.“ Dabei geht es offensichtlich um den Kontext der Liturgie; Frauen mussten also nicht zwangsläufig die ganze Zeit über in der Gemeinde still sein; hier wird unterschieden. Und in der Apostelgeschichte heißt es über einen Diakon namens Philippus: „Er hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen.“ (Apostelgeschichte 21,9.) Hier wird der genaue Kontext nicht angegeben, aber jedenfalls waren diese Mädchen auch in der Öffentlichkeit nicht immer still, sondern es war ihnen erlaubt, prophetisch zu reden.

Der gesamte Kontext für solche Stellen ist folgender: Wir reden von einer Zeit, in der auch Laien oft noch – auch im Gottesdienst – spontan laut beteten, in Zungen redeten oder prophezeiten. (Ich könnte jetzt darüber reden, dass ich ganz froh bin, dass das inzwischen, jedenfalls in der Liturgie, eingeschränkt ist, da ich nicht so ganz überzeugt bin, dass an den meisten solchen Phänomenen, zumindest den heutigen nach der apostolischen Zeit, etwas dran ist, aber meine Skepsis gegenüber der Charismatischen Bewegung ist hier nicht das Thema.) Aber was Paulus in 1 Korinther 14 bemängelt, geht offenbar darüber hinaus: Vielleicht gab es speziell in dieser Gemeinde Probleme mit speziellen Frauen, die in der Liturgie dazwischenriefen, es besser wissen wollten als der Bischof, wenn der predigte, o. Ä. Und wenn es dann ganz allgemein heißt, dass es den Frauen „in allen Gemeinden der Heiligen“ nicht gestattet ist, „zu reden“, dann ist hier offensichtlich das offizielle Lehren im Auftrag der Kirche, das Predigen, gemeint: Also ein Dienst des geweihten Priesters. Hier geht es um den Unterschied zwischen Laien und Priestern. Und Priester können eben nur Männer sein. Frauen dürfen nicht in der Liturgie predigen, da sie keine Priester sein können.

Dafür gibt es verschiedene Begründungen, die die meisten Katholiken vermutlich kennen. Hier die zwei wichtigsten:

1) Jesus will es halt so. Jesus hat nur Männer in den Kreis der Zwölf berufen; deren Nachfolger sind die Bischöfe, und deren Helfer sind die Priester und Diakone. Wenn Jesus einen Sinn dahinter gesehen hat, keine Frauen zu berufen, nicht einmal eine unter zwölf (und in anderen Dingen hielt er sich nicht immer an die Konventionen seiner Zeit, z. B., als er sich mit Samariterinnen und Prostituierten abgab, also können wir nicht argumentieren, dass er keine Frau hätte berufen können), dann können wir darauf vertrauen, dass es da einen Sinn gibt.

2) Priester sind bei uns nicht nur Prediger, wie bei den Protestanten, sondern eben Priester, d. h. sie repräsentieren Gott in heiligen Riten. Christus handelt durch sie, wenn sie in persona Christi bei der Eucharistie die Wandlung vollziehen oder in der Beichte Sünden vergeben. Christus war ein Mann und wir haben ein männliches Gottesbild (auch wenn Gott natürlich weder Mann noch Frau ist); das liegt daran, dass ein männliches Gottesbild („Vater unser“) eher dazu geeignet ist, den über der Welt stehenden Schöpfergott zu symbolisieren, während Religionen mit weiblichen Göttern und Priesterinnen eher zu einer Art Naturanbetung der „Mutter Erde“ tendieren (s. auch die obige Erklärung zu „Der Mann ist das Haupt der Frau“). Der Priester repräsentiert Christus als den Bräutigam, das bei der Eucharistie anwesende Volk die Kirche als Seine Braut.

Und auch das Predigen, im Sinne der offiziellen Verkündigung der Kirchenlehre, gehört zunächst zum Dienst des Christus vertretenden Priesters. Nicht so ausschließlich wie z. B. die Feier der Eucharistie; aber auch die Verkündigung geht eben letztlich von der Christus vertretenden Kirchenhierarchie aus, auch wenn auch Laien als Katecheten, Religionslehrer oder Theologieprofessoren beauftragt werden können (und hier auch Frauen eingesetzt werden können); und daher ist die Verkündigung im Kontext der Liturgie ausschließlich dem Klerus vorbehalten.

Tendenziell noch härter klingt zu diesem Thema die Stelle aus dem 1. Timotheusbrief: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“

Einige Christen von der protestantischen Christian-Patriarchy-Bewegung legen diese Stelle tatsächlich so aus, dass Frauen generell keine Männer irgendetwas (Theologisches) lehren dürfen; also dürfen Frauen ihrer Meinung nach z. B. auch keine Vorträge vor einem gemischten Publikum in der Gemeinde halten. Sonntagsschullehrerinnen gehen gerade noch, denn die lehren nur Kinder, aber sobald die Jungs über achtzehn sind, ist definitiv Schluss. Jüngere Frauen dürfen natürlich von älteren Frauen etwas gelehrt werden, weil, Titus 2,3-5, aber Männer lehren, das geht nicht. (Das habe ich mir nicht ausgedacht. Man lese zum Beispiel diesen interessanten Artikel einer Bloggerin dieser Bewegung, in dem sie vehement erklärt, dass sie mit ihrem Blog keine Männer lehre. Solche Ansichten sind in freikirchlich-evangelikalen Kreisen einflussreicher, als man manchmal erwarten würde; vgl. auch hier auf einer deutschen Seite: Frauen sollen keine Art von geistiger/geistlicher (der Autor des Textes scheint diese beiden Begriff nicht auseinanderhalten zu können) Autorität über irgendwelche Männer ausüben.)

Gut: Wir Katholiken können das Lehren jetzt wieder auf den Klerus beziehen und damit Theologieprofessorinnen, Kirchenlehrerinnen und dergleichen erlauben; dass Frauen in der Ehe nicht über ihre Männer herrschen sollten und wie das zu verstehen ist, wurde oben schon erklärt – dann fragt sich an dieser Stelle noch, wie war das noch gleich mit Adam und Eva?

 

(XI) Ist Eva die Hauptschuldige am Sündenfall?

Paulus’ Interpretationen des Alten Testaments wirken manchmal tatsächlich ein bisschen schwerer verständlich als das AT selbst. Am Genesis-Bericht über den Sündenfall wäre eigentlich selbst aus Sicht von Feministinnen an sich nicht so viel auszusetzen: Ja, Eva ist die erste, die von der Frucht isst, aber Adam tut im Endeffekt dasselbe, und seine Entschuldigung, bloß von Eva verführt worden zu sein, hat doch etwas von einer Ausrede, ebenso wie Evas Entschuldigung, bloß von der Schlange verführt worden zu sein. Trotzdem präzisiert der Bericht hier, wer zuerst von der Schlange angesprochen wurde: Vielleicht wurde Eva wirklich überredet und wollte das mit der Erkenntnis von Gut und Böse unbedingt ausprobieren, und Adam machte wider besseres Wissen auf ihr Drängen hin einfach mit? Oder so ähnlich. Über Adam heißt es nur: „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Genesis 3,6) – sein Problem scheint eher zu sein, dass er einfach Eva nachgibt, als dass er sich von den falschen Versprechungen der Schlange einlullen hat lassen. Vielleicht wird das so dargestellt, weil der Verfasser beobachtet hat, dass Frauen im Allgemeinen, wenn sie etwas Falsches tun, sich eher vorher einreden müssen, dass es notwendig oder gut ist – und dabei auch sehr kreativ werden können und leichter falsche Erklärungen annehmen. Ich spekuliere ja nur. Beides falsch, aber auf unterschiedliche Weise.

Oder vielleicht war es eben einfach historisch so, dass in diesem Fall die eine angefangen und der andere dann erst mitgemacht hat, und der Verfasser der Genesis wusste das durch Gottes spezielle Offenbarung. (Ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass der Sündenfall ein reales Ereignis irgendwann in der Menschheitsgeschichte war – auch wenn wir nicht denken, dass sich im Jahr 4004 v. Chr. zwei Menschen im Gebiet des heutigen Irak mit einer Schlange unterhalten und einen Apfel gegessen haben.)

Interessanterweise wird übrigens – bei Paulus an anderer Stelle und bei Theologen wie Thomas von Aquin – immer Adam als der eigentlich Verantwortliche für den Sündenfall genannt, wenn es darum geht, wer der Menschheit nun die Erbsünde vererbt hat: Eva hat mit der Sache angefangen, aber letztlich trug die eigentliche Verantwortung ihr Mann. Allerdings spricht das wohl eher für die Überzeugung besagter Theologen, dass Adam – der erste Mann – einfach das Oberhaupt des Menschengeschlechts war, und Eva eben nicht.

Na ja. Zurück zu „Nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot“. Wie gesagt, da kann man eigentlich zur Erklärung ganz einfach sagen „War da halt so“, und Paulus zieht diese historische Tatsache (oder diese symbolische Geschichte, wenn jemand Genesis anders interpretieren möchte) dann offenbar als historische / symbolische Begründung dafür heran, dass Frauen nicht zum Klerus gehören oder ihre Männer unter dem Pantoffel haben sollten. Die Formulierungen hier klingen für unsere Ohren nicht so schön, das stimmt, aber zum Glück wissen wir Katholiken dank unserem Lehramt, wie wir das nicht verstehen sollen. Also, ja, es ist okay, wenn irgendein Mann von einer Frau mal etwas lernt. Und ein Geschlecht ist auch nicht an sich sündhafter als das andere oder so etwas – beide haben den gleichen freien Willen und die gleichen Gebote bekommen. Oder haben wir weniger weibliche Heiligen als männliche? So etwas wäre ein Hinweis darauf, dass Frauen eher zur Sünde neigen würden als Männer, nicht eine obskure Paulusstelle. Ich denke, auch dieses Thema ist wieder einmal wunderbar dazu geeignet, zu demonstrieren, wieso wir ein Lehramt brauchen, das falschen Bibelinterpretationen einen Riegel vorschiebt.

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(Vojtech Klimkovic, Adam und Eva. Gemeinfrei.)

 

Das war es wohl. Ja, unsere Religion hat etwas Patriarchales an sich; aber das sollten wir nie in einem falschen Sinn verstehen; genauso, wie wir die Tatsache, dass es in der Kirche eine Hierarchie gibt, nicht falsch verstehen sollten.

Ach ja, und, Gratulation an alle, die bis hierher gelesen haben! (Hier noch ein Link für alle, die noch mehr lesen wollen.)