Von Abtreibung und Sklaverei

Mir ist in letzter Zeit immer mehr aufgefallen, wie ähnlich die heutige Debatte ums Thema Abtreibung (wenn denn mal eine Debatte zugelassen wird) tatsächlich der Debatte ums Thema Sklaverei ähnelt – d. h. der Debatte um dieses Thema im 18. und 19. Jahrhundert, vor allem in den USA, wo damals die Sklaverei in den Südstaaten erlaubt und in den Nordstaaten verboten war.

 

Es gäbe da zunächst mehrere noch relativ oberflächliche, äußerliche Gemeinsamkeiten:

1) Es handelt sich um ein Unrecht, das von unzähligen Privatleuten begangen wird; niemand wird dazu gezwungen, sich daran zu beteiligen, und der Staat befiehlt es nicht, sondern erlaubt es nur.

  • „Du bist gegen die Sklaverei? Du musst keine Sklaven halten; wenn du welche gekauft, geerbt oder geschenkt bekommen hast, kannst du sie freilassen.“
  • „Du bist gegen Abtreibung? Du musst ja nicht abtreiben.“

2) Die Kirchen sind gespalten in ihrer Position zu dieser Praxis:

  • Es gab einige protestantische Gruppen, die sehr klar gegen die Sklaverei kämpften (besonders die Quäker und Methodisten), viele, die es für ein gutes Werk hielten, Sklaven freizulassen, aber Sklavenhalter nicht direkt verurteilten, und manche, die die Sklaverei klar befürworteten. Die Southern Baptists spalteten sich 1845 von den Northern Baptists ab, weil sie die Sklaverei für absolut rechtmäßig hielten und weil sie, anders als bisher, auch Sklavenhalter zum Predigerdienst zulassen wollten. Einige Katholiken, darunter auch einige Kleriker, in den US-amerikanischen Südstaaten versuchten sich damit herauszureden, dass die wiederholten päpstlichen Verurteilungen nur den Sklavenhandel, nicht das Sklavenhalten an sich betreffen würden. Es gab bibelbasierte Argumente für die Sklaverei, etwa dieses: Im Buch Genesis verflucht Noah die Nachkommen seines Sohnes Ham und unter den Nachkommen Hams werden afrikanische Völker genannt, also sind die Schwarzen verflucht und müssen den Weißen dienen. (Ernsthaft, das war ein oft gebrauchtes Argument damals.) Andere Prediger argumentierten mit der Bibel gegen die Sklaverei.
  • Das katholische Lehramt und die meisten evangelikalen Kirchen sind klar gegen Abtreibung, aber liberale protestantische Kirchen sind entweder nur sehr gemäßigte Abtreibungsgegner (sehen Abtreibung also ethisch als falsch, meinen aber, sie sollte rechtlich erlaubt sein, oder sehen sie als notwendiges Übel) oder sogar ausdrücklich pro-choice. Pro-Choicer und moderate Abtreibungsgegner gibt es auch unter dissidenten Katholiken; in Deutschland etwa bei Donum Vitae (einer Schwangerenberatungsorganisation, die Scheine ausstellt, die zur Abtreibung berechtigen), in den USA bei Catholics for choice. Auch bei christlichen Abtreibungsbefürwortern werden biblische Argumente eingeführt: Etwa, dass eine aus Fahrlässigkeit verursachte Verletzung einer Frau, die zu einer Fehlgeburt führt, nach dem Gesetz des Mose geringer bestraft werde als Mord an Geborenen. (Ernsthaft.)

(Karikatur auf einem Briefumschlag aus den Nordstaaten aus der Bürgerkriegszeit. Ein Kleriker aus den Südstaaten wird bei seiner Bibelauslegung vom Teufel inspiriert.)

3) Es gibt viele gemäßigte Gegner der Praxis, die ungern mit den radikalen Gegnern in einen Topf geworfen werden wollen und sich für Kompromisslösungen aussprechen, die meistens im Endeffekt auf die Beibehaltung des status quo hinauslaufen. Sie sehen das Unrecht als eine Art notwendiges Übel. Außerdem legen sie Wert darauf, nicht als zu fokussiert auf dieses eine Thema herüberzukommen; andere Fragen sind wichtiger.

  • „Die Sklaverei sollte nicht auf weitere neu erschlossene und gegründete Staaten im Westen ausgeweitet werden. Vielleicht könnte sie auch nach und nach abgeschafft werden. Wenn die Schwarzen erst einmal wirklich zivilisiert sind. Aber wir können sie auf keinen Fall jetzt einfach so abschaffen, das gäbe wirtschaftliches Chaos, Gewalt und Aufruhr. Und reden wir lieber über wichtigere Themen, wie Wirtschaft und Immigration.“
  • „Spätabtreibungen sind jetzt nicht so gut, und eine verpflichtende Beratung vor einer Abtreibung und ein Werbeverbot sollten wir vielleicht auch haben. Wir haben hier doch einen mühsam ausgehandelten Kompromiss erreicht, den wir nicht schon wieder in Frage stellen sollten. Aber man kann Abtreibungen nun mal nicht ganz verbieten. Und reden wir lieber über wichtigere Themen, wie Wirtschaft und Immigration.“

4) Die Bewegung gegen diese Praxis legt Wert auf friedliche Mittel; sehr vereinzelt gibt es unter ihnen gewaltbereite Personen, auf die die Gegenseite sofort anspringt und die sie als typisch darstellen will.

  • Bestes Beispiel bei den Abolitionisten ist John Brown. Wenn ich mir den Wikipedia-Artikel so durchlese, der und seine Leute waren ja schon brutaler als selbst die radikalisiertesten Abtreibungsgegner (und deutlich beliebter bei den Abolitionisten als jene bei Lebensrechtlern).
  • Bei den Lebensrechtlern hätten wir Leute in den USA, die auf Abtreibungsärzte geschossen haben (in den letzten Jahrzehnten gab es dort laut Wikipedia insgesamt 11 Todesopfer).

5) In dieser Bewegung gibt es ein paar bekehrte ehemalige Täter, die eine wichtige Rolle spielen:

  • John Newton (1725-1807) war ein englischer Sklavenhändler, der seinen Beruf aufgab, Pastor wurde und sich in England für das Verbot des Sklavenhandels einsetzte. Er verfasst übrigens das Lied „Amazing Grace“.
  • Bernard Nathanson (1926-2011) war Arzt und einer der Mitbegründer der National Abortion Rights Action League (NARAL), die in den USA für die Legalisierung der Abtreibung eintrat; nachdem die Legalisierung erreicht war, leitete er eine der größten Abtreibungskliniken der USA. Ihm kamen schließlich doch ethische Zweifel; nachdem er eine Abtreibung auf Ultraschall aufgenommen hatte, lehnte er Abtreibungen endgültig ab. Er gab diese Ultraschallaufnahmen in einem Film mit dem Titel „The silent scream“ (Der stumme Schrei) heraus und wurde zum Lebensrechtler; dabei sprach er auch sehr offen über die Taktiken, die NARAL im Kampf für die Legalisierung der Abtreibung verwendet hatte (etwa gefälschte Statistiken über die Zahl illegaler Abtreibungen und der Frauen, die dabei starben). Später konvertierte er zur katholischen Kirche. Norma McCorvey (1947-2017), wegen der (unter dem Pseudonym Jane Roe) im Prozess Roe v. Wade vor dem Obersten Gerichtshof der USA Abtreibung 1973 für legal erklärt wurde, wurde später ebenfalls Lebensrechtlerin und katholisch. Abby Johnson (geb. 1980) leitete eine Abtreibungsklinik der Organisation Planned Parenthood; auch für sie führte eine Ultraschallaufnahme einer Abtreibung zur Bekehrung. Sie ist jetzt ebenfalls Lebensrechtlerin und hat eine Organisation gegründet, die Angestellten in der Abtreibungsindustrie beim Austieg helfen soll, And Then There Were None. Auch sie wurde katholisch.

 

 

6) Aber auch ehemalige Opfer kämpfen gegen diese Praxis:

  • Olaudah Equiano alias Gustavo Vassa (1745-1797) war ein Opfer des transatlantischen Sklavenhandels; er konnte sich freikaufen, zog nach England, veröffentlichte dort seine Autobiographie und trat zusammen mit Leuten wie John Newton, William Wilberforce und Granville Sharp für die Abschaffung der Sklaverei im Britischen Empire ein. Frederick Douglass (1817/18-1895) war Sklave in den Südstaaten der USA, entkam in den Norden, und wurde einer der bekanntesten Aktivisten der dortigen Abolitionismusbewegung; auch er veröffentlichte eine Autobiographie. Harriet Tubman (ca. 1820-1913) floh ebenfalls aus den Südstaaten, kehrte zurück, um anderen Sklaven bei der Flucht zu helfen, und arbeitete im Bürgerkrieg als Kundschafterin für die Unionsarmee.

Datei:Frederick Douglass um 1850.jpg

  • Beim Kampf für das Lebensrecht von Ungeborenen sind Überlebende von Spätabtreibungen dabei: In den USA gäbe es Gianna Jessen, auf deren Leben der Film und das Buch „October Baby“ basieren, oder Melissa Ohden, die das „Abortion Survivors Network“ (Netzwerk für Überlebende von Abtreibung) gegründet hat. In Deutschland engagieren sich Pflegefamilie und Unterstützer von Tim, auch bekannt als das „Oldenburger Baby“, der 1997 eine Spätabtreibung wegen einer Downsyndromdiagnose schwer verletzt überlebte und im Januar 2019 starb, für den Lebensschutz.

Gianna Jessen at the Alliance Defense Fund.jpg

(Gianna Jessen bei einem Vortrag.)

 

Aber die Gemeinsamkeiten, auf die es eigentlich ankommt, gibt es bei den Argumenten, die für diese Praxis angeführt werden. Am Ende läuft alles auf zwei hinaus:

1) Diese Menschen mögen zwar biologisch gesehen Individuen der Spezies Mensch sein, aber sie sind weniger weit entwickelt als andere Menschen, und daher weniger wert und sollten nicht dieselben Rechte haben.

  • Bei Schwarzen wurde das sowohl wissenschaftlich als auch kulturell begründet: Sie seien nun mal als Rasse nicht für die Freiheit geeignet, zu wenig intelligent und zu wenig eigenverantwortlich. Sie hätten kleinere Gehirne, hätten eine andere evolutionäre Entwicklung durchgemacht als die weiße Rasse. Sie hätten bis vor wenigen Generationen noch wie Wilde im Dschungel gelebt und auch die zivilisatorische Entwicklung des weißen Mannes nicht mitgemacht. Das ließe sich nicht einfach so aufholen.
  • Bei Ungeborenen läuft es meistens entweder auf das „Zellklumpen“- oder auf das Hilflosigkeitsargument hinaus. „Embryonen/Föten sind noch keine voll entwickelten Menschen. Sie sind nicht selbst überlebensfähig.“

File:Human fetus 10 weeks - therapeutic abortion.jpg

(Ein Mensch am ersten Tag seines Lebens, in der 8. Woche, und in der 19. Woche. Bildquellen: Wikimedia Commons sowie hier.)

2) Die Rechte anderer Menschen über diese Menschen zählen mehr:

  • Das Argument bei Sklavereibefürwortern war ein zweifaches: Erstens war man der Meinung, dass die einzelnen Sklavenbesitzer, die ihr Eigentum gesetzmäßig erworben hatten, nicht einfach enteignet werden könnten. Zweitens war man nicht einfach „pro-slavery“, sondern für „states‘ rights“, d. h. für die Rechte der einzelnen Bundesstaaten, zu entscheiden, ob sie die Sklaverei erlauben wollten oder nicht. Wahlfreiheit.
  • Auch bei Abtreibungsbefürwortern geht es um die Wahlfreiheit, diesmal die der Mutter des Kindes: Sie sind „pro-choice“. Es ist das Recht der Mutter, zu entscheiden, was sie mit ihrem Körper tut (bzw. dann mit dem Kind in ihrem Körper).

(Karikatur aus den Südstaaten. Die Zentralregierung unter Abraham Lincoln steigt aus der Asche der Rechte der einzelnen Staaten, der Verfassung, der Wirtschaft, der freien Presse usw. auf. Bildquelle hier.)

Aber weil diese Argumente ihre offensichtlichen Schwächen haben, werden sie oft noch durch folgende unterstützt:

3) Diese Praxis sei nun einmal nötig:

  • „Ohne Sklaverei kommt die Wirtschaft in den Südstaaten nicht aus.“
  • „Wenn Frauen sexuell selbstbestimmt sein sollen, und dann selbst entscheiden sollen, ob sie Mutter sein wollen oder ob sie z. B. ihr Studium zuerst beenden wollen, muss Abtreibung möglich sein.“

4) Diese Praxis sei auch für die Opfer das Beste (wobei die Opfer selbst natürlich nicht gefragt werden, ob sie das auch so sehen):

  • „Wir können besser für die Schwarzen sorgen als sie selbst; sie sind für diese Verantwortung, die die Freiheit mit sich bringt, einfach nicht geeignet. Überhaupt, sie waren immer zufrieden, solange ihr Abolitionisten sie nicht gegen uns aufgehetzt habt.“ Um einen gewissen Eindruck zu dieser Einstellung zu vermitteln, hier einmal eine Stelle aus der Südstaatenpropagandaschmonzette „Vom Winde verweht“. Hier befinden wir uns in der Zeit nach dem Bürgerkrieg, als der Süden vom Norden besetzt ist und die Sklaven schon freigelassen sind: „Die früheren Sklaven waren jetzt die Herren, und mit Hilfe der Sieger standen die Niedrigsten und Unwissendsten obenan. Die Besseren von ihnen, die die Freilassung verschmähten, hatten ebenso schwer zu leiden wie ihre weißen Herren. […] Mit Hilfe der gewissenlosen Abenteurer, die in der Freilassungsbehörde saßen, und unterstützt durch den Haß der Nordstaaten, der in seinem Fanatismus fast etwas Religiöses hatte, fanden sich die früheren Ackerknechte plötzlich im Besitz der Macht. Sie benahmen sich dabei so, wie es von Köpfen niedrigsten Verstandes zu erwarten war. Gleich Affen und kleinen Kindern, die man auf Kostbarkeiten losläßt, von deren Wert sie keinen Begriff hatten, kamen sie außer Rand und Band, sei es aus viehischer Zerstörungswut, sei es einfach aus Unwissenheit. […] Geblendet von solchen Märchen, erblickten sie in der neuen Freiheit ein unaufhörliches Fest, ein tägliches Gelage, einen Karneval der Faulheit, der Dieberei und der Frechheit. Vom Lande strömten sie in Scharen in die Stadt, und in den ländlichen Bezirken lag die Feldarbeit danieder. […] In den schmutzigen Hütten, in denen sie zusammengepfercht hausten, brachen Blattern, Typhus und Tuberkulose aus. In früheren Zeiten waren sie gewohnt gewesen, in Krankheitsfällen von ihrer Herrin gepflegt zu werden; jetzt wußten sie sich nicht zu helfen. Früher hatten sie die Fürsorge für ihre Alten und Kleinen ihren Besitzern überlassen, jetzt fühlten sie sich für ihre Hilfsbedürftigen nicht verantwortlich. Die Freilassungsbehörde aber steckte viel zu tief in der Politik, um einzuspringen, wo früher die Plantagenbesitzer für sie gesorgt hatten.“ (S. 573f.)*
  • „Sollte ein Kind etwa ungeliebt und ungewollt auf die Welt kommen? Es wird doch nur leiden. Oder denken wir an behinderte Kinder – sie leiden doch nur. Dieses Leid kann man mit Abtreibungen verhindern.“

5) Gesetze gegen diese Praxis würden den Zustand nicht besser machen bzw. würden nicht wirklich etwas ändern:

  • „Auch wenn man die Sklaverei abschaffen würde, wäre das Leben der Schwarzen nicht besser, im Gegenteil, sie hätten dann niemanden mehr, der für sie sorgt, wenn sie alt und krank sind. Außerdem können sie mit der Freiheit nicht umgehen.“
  • „Wenn man Abtreibungen verbietet, gehen die Frauen eben zu Engelmacherinnen ohne medizinische Ausbildung. Man kann Abtreibungen mit Verboten nicht verhindern; man sorgt damit nur dafür, dass Frauen sterben.“

6) Zu schlechter letzt wird „argumentiert“ mit der angeblichen oder tatsächlichen Heuchelei, Ahnungslosigkeit und mangelnden Empathie der Gegner der Praxis. Weil man die Praxis selbst nicht mehr verteidigen kann, wird auf Whataboutism ausgewichen:

  • „Ach, ihr sorgt euch angeblich so um die Negersklaven bei uns im Süden, aber was ist mit der Lohnsklaverei im Norden? Gegen die will die republikanische Partei überhaupt nichts unternehmen. Tatsächlich geht es unseren Sklaven wesentlich besser als den Arbeitern in den Fabriken von New York oder Chicago, die jederzeit auf die Straße gesetzt werden können und unter furchtbaren Arbeitsbedingungen leiden. Und überhaupt: Ihr tut, als würdet ihr euch wahnsinnig um die Schwarzen sorgen, aber würdet ihr denn für sie sorgen, wenn plötzlich die Sklaverei abgeschafft wäre? In Wahrheit seht ihr auch nur auf sie herab; bei uns werden sie in ihrer Rolle als Diener geachtet und gut behandelt. Ihr wollt euch bloß besonders moralisch vorkommen.“ Als Beispiel hierzu nochmal eine Stelle aus „Vom Winde verweht“. Hier hat die unsympathische Hauptfigur Scarlett O’Hara widerwillig mit den Frauen der Yankee-Offiziere zu tun, die Atlanta besetzen: „Für diese Frauen der Yankees war ‚Onkel Toms Hütte‘ eine Offenbarung, die nur der Bibel nachstand, und sie wollten wissen, wieviel Bluthunde jeder Südstaatler zum Aufspüren seiner entlaufenen Sklaven hielte. Sie wollten Scarlett nicht glauben, als sie ihnen erzählte, daß sie in ihrem Leben nur einen einzigen Bluthund gesehen habe, und das sei ein sanfter, kleiner Hund und keinesfalls eine riesige und wilde Dogge gewesen. Dann wollten sie über das fürchterliche glühende Eisen Auskunft haben, mit dem die Pflanzer die Gesichter ihrer Sklaven brandmarkten, über die Knuten, mit denen sie sie zu Tode peitschten, und außerdem bezeugten sie nach Scarletts Gefühl ein geradezu widerwärtiges Interesse an den sexuellen Verhältnissen der Sklaven. Besonders zuwider war ihr dies angesichts der ungeheuren Zunahme an Mulattenkindern in Atlanta, seitdem die Yankees sich in der Stadt niedergelassen hatten.“ (S. 588) Nachdem eine der Frauen ihr gesagt hat, sie könnte keinem schwarzen Kindermädchen trauen; erklärt hat, sie hätte eigentlich auch kein Interesse an der Freiheit der Schwarzen gehabt; und Scarletts schwarzen Kutscher beleidigt hat, denkt Scarlett sich: „Sie wissen nicht, daß Neger behutsam behandelt werden wollen wie Kinder, geleitet, gelobt, gestreichelt, ausgescholten. Sie verstehen nichts von den Negern und von den Beziehungen zwischen ihnen und uns. Und doch haben sie den Krieg geführt, um sie zu befreien, und nachdem sie sie befreit haben, wollen sie nichts mit ihnen zu tun haben, höchstens, um die Südstaatler mit ihnen zu terrorisieren. Sie mögen sie nicht, sie trauen ihnen nicht, sie begreifen sie nicht, und doch erheben sie ständig ein Geschrei, wir im Süden verständen nicht, sie zu behandeln.“ (S. 591f.)
  • „Die selbsternannten ‚Lebensschützer‘ sorgen sich angeblich wahnsinnig um Föten, aber wenn ihnen Kinder tatsächlich wichtig wären, würden sie etwas gegen Kinderarmut unternehmen. Sobald die Kinder geboren sind, interessiert ihr euch nicht mehr für sie. Adoptiert doch Kinder, wenn ihr etwas für Kinder tun wollt. Ihr habt sowieso keine Ahnung davon, welche Umstände eine Frau zu einem Schwangerschaftsabbruch bewegen. Keine Frau macht sich diese Entscheidung leicht!“

Man will den Gegnern der Praxis nicht einmal fehlgeleiteten Idealismus unterstellen; es müssen vage definierte finstere Absichten und blinder Hass (auf die Lebensweise in den Südstaaten bzw. auf Frauen) sein. (Südstaatler bzw. Frauen, die auch dagegen sind, werden tunlichst ignoriert oder zu Verrätern erklärt.)

(Marsch für das Leben in Berlin. Bildquelle hier.)

Hier wird eins klar: Wenn die Argumente Nr. 1 und 2 fallen, sind die Argumente Nr. 3, 4, 5 und vor allem 6 hinfällig und können diese Praxis nicht mehr rechtfertigen.

 

Noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Die Befreiung muss hauptsächlich von den Unterdrückern, Profiteuren der Unterdrückung und Unbeteiligten kommen, nicht von den Opfern. Im Lauf der Weltgeschichte hatten Sklavenrevolten selten Erfolg (Ausnahme: Haiti); der Weg zur Abschaffung der Sklaverei ging letztlich vor allem über das schlechte Gewissen Freier. Bei Ungeborenen ist es natürlich noch krasser: Hier haben die Opfer einfach keine Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen.

 

Ein Ausblick: Was verhalf der Anti-Sklaverei-Bewegung letzten Endes zum Erfolg? Zum Beispiel die Hartnäckigkeit einiger Abolitionisten. William Wilberforce brachte zwischen 1789 und 1807 fast jedes Jahr eine Gesetzesvorlage im britischen Parlament zum Verbot des Sklavenhandels im Britischen Empire ein, bis er endlich Erfolg hatte – einen solchen Einsatz würde man sich einmal bei den Christdemokraten für das Leben wünschen. In einigen Ländern funktionierte tatsächlich eine stufenweise Abschaffung. Im Britischen Empire folgte dem Verbot des Sklavenhandels 1807 das völlige Verbot der Sklaverei 1823; in Brasilien wurde 1850 der Import von Sklaven verboten, 1871 wurden mit dem „Gesetz des freien Bauches“ die von Sklavinnen geborenen Kinder für frei erklärt, 1888 die Sklaverei ganz abgeschafft. In vielen europäischen Ländern (Großbritannien, Frankreich, etc.) bestanden schon vorher Gesetze, die die Sklaverei im Mutterland verboten und nur in den Kolonien erlaubten.

In den USA sah es etwas anders aus. Während auch in den Südstaaten im 18. Jahrhundert viele noch der Ansicht gewesen waren, die Sklaverei könne irgendwann in der Zukunft abgeschafft werden, radikalisierten sich die Ansichten der Weißen dort im 19. Jahrhundert drastisch – was vielleicht eine Reaktion auf die erstarkende Anti-Sklaverei-Bewegung im Norden war, die besonders nach Erscheinen des Romans „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe (1852) an Fahrt aufnahm. Ein Beispiel dieser Radikalisierung bietet der Senator und ehemalige Vizepräsident John C. Calhoun, der schon 1837 in einer Rede verkündete, die Sklaverei sei nicht nur ein geringeres Übel:

„Ich halte daran fest, dass, im gegenwärtigen Zustand der Zivilisation, da zwei Rassen unterschiedlichen Ursprungs, unterschieden durch Hautfarbe, und andere körperliche, sowie auch intellektuelle, Unterschiede, zusammengebracht worden sind, die Beziehung, die jetzt zwischen beiden in den sklavenhaltenden Staaten existiert, anstatt eines Übels ein Gut ist – ein positives Gut. […] Ich kann wahrhaftig sagen, dass in wenigen Ländern so viel dem Arbeiter zugeteilt wird, und ihm so wenig abverlangt wird, oder wo ihm mehr gütige Zuwendung in Krankheit oder den Schwächen des Alters zuteil wird. Vergleichen Sie seine Situation mit den Bewohnern der Armenhäuser in den zivilisierteren Teilen Europas – sehen Sie sich den kranken, und den alten und schwachen Sklaven, auf der einen Seite, an, in der Mitte von Familie und Freunden, unter der gütigen beaufsichtigenden Sorge seines Herrn und seiner Herrin, und vergleichen Sie das mit dem einsamen und elenden Zustand des Armen im Armenhaus.“ (Übersetzung von mir.)

Letztlich wurden die Südstaatler dann bekanntlich zu so fanatischen Sklavereibefürwortern, dass sie sich von den USA abspalteten, um die Einschränkung ihrer „Rechte“ zu verhindern, und die „Konföderierten Staaten“ gründeten. Noch klarer sagte es der Vizepräsident dieser Konföderation 1861, kurz nach ihrer Gründung:

„Unsere neue Regierung ist auf genau gegensätzlichen Ideen gegründet; ihr Fundament ist gelegt, ihr Eckstein ruht auf der großen Wahrheit, dass der Neger dem weißen Mann nicht ebenbürtig ist; dass Sklaverei, Unterordnung unter die überlegene Rasse, sein natürlicher und normaler Zustand ist. Diese unsere neue Regierung ist die erste in der Geschichte der Welt, die auf dieser großen physischen, philosophischen und moralischen Wahrheit beruht. Diese Wahrheit brauchte lange in der Geschichte ihrer Entwicklung, wie alle anderen Wahrheiten in den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft.“ (Übersetzung von mir.)

Rassenbasierte Sklaverei als Kulminationspunkt des Fortschritts!

Weil im Norden auch die moderaten Sklavereigegner sowie diejenigen, die die Sklaverei nie interessiert hatte, die Union zusammenhalten wollten, war nun der Anlass zum Bürgerkrieg da; irgendwann während des Krieges wurden dann vom Norden auch noch die Sklaven für frei erklärt, während man schon mal dabei war. Ein brutaler und, wie soll man sagen, nicht unbedingt idealer Ausgang.

Auch heute sind ja die Abtreibungsbefürworter dabei, sich zu radikalisieren – in Deutschland treten etwa die Jusos für ein Recht auf Abtreibung in allen neun Monaten der Schwangerschaft ein; in den USA heißt es nicht mehr, Abtreibung solle „safe, legal and rare“ sein, sondern „Shout your abortion!“. Aus einer tragischen Entscheidung, die der Gesetzgeber erlauben soll, weil sie sich sowieso nicht verhindern lässt, wird eine befreiende Entscheidung einer emanzipierten Frau, die nicht hinterfragt werden darf und auf die sie stolz sein soll. Wer weiß, vielleicht überspannen die „Pro-Choicer“ den Bogen mehr und mehr, und mehr gemäßigte Abtreibungsgegner und bisher dem Theme gegenüber gleichgültige Menschen wachen auf, wie damals die Menschen in den Nordstaaten allmählich aufgewacht sind. Und vielleicht kann es dann ja (friedliche) Veränderungen geben.

 

Zuletzt: Wie ging es dann nach dem Ende der Sklaverei weiter?

Wie von den Sklavereibefürwortern vorausgesagt worden war, die Situation der Schwarzen war nicht von jetzt auf gleich super. Sie bekamen kein Land o. Ä. und waren oft von extremer Armut betroffen. Und sobald die Südstaaten die nördlichen Besatzungstruppen wieder los waren, führten sie die Rassentrennung ein, bemühten sich, die Schwarzen am Wählen zu hindern, dazu kamen Lynchmorde durch den Ku-Klux-Klan. Die Bürgerrechtsbewegung kam erst ein Jahrhundert später, und auch nach dem Ende der Rassentrennung in den 1960ern war nicht jeder Rassismus weg.

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(Wahlplakat der Demokraten, 1876. Bildquelle hier.)

Die weißen Südstaatler trauerten ihrem „lost cause“ noch lange nach und verherrlichten den Süden vor dem Bürgerkrieg, wozu sie auch technisch sehr gute Werke wie etwa den Stummfilm „Die Geburt einer Nation“ (1915) oder „Vom Winde verweht“ (1936 als Buch erschienen, 1939 verfilmt) produzierten. Die Deutungshoheit der Sklavereibefürworter war noch nicht gebrochen, als die Sklaverei gesetzlich abgeschafft wurde. Das hat verständliche Gründe: Es handelt sich um ein Unrecht, an dem unzählige Personen beteiligt waren, ohne dass etwa ein Diktator sie dazu gezwungen hätte, das in der Öffentlichkeit stattfand, anstatt versteckt zu werden wie manche Kriegsverbrechen, das demokratisch legitimiert war, dem die Mehrheit der Bevölkerung zustimmte. Sich einzugestehen, dass es ein Unrecht gewesen war, hätte für einen Südstaatler bedeutet, das ganze eigene Leben und das der Angehörigen und Freunde in Frage zu stellen.

Aber die ehemaligen Sklaven waren kein Eigentum mehr und konnten nicht mehr nach Belieben eines anderen von ihrer Familie wegverkauft werden. Sie hatten ein Recht auf Freiheit. Besser als vorher, oder etwa nicht? Wer weiß, vielleicht werden ebenso einmal die Ungeborenen wieder ein Recht auf Leben haben.

 

 

* Ich zitiere aus der Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach, erschienen im C. A. Koch’s Verlag.

Die Pfeiler des Glaubens, Teil 2: Zurückgelassene Kinder, geraubte Kinder, befreite Sklaven und eine Identitätskrise

Ich habe meine Besprechung von Ildefonso Falcones‘ Roman „Die Pfeiler des Glaubens“ an einer Stelle unterbrochen, an der es um den Aufstand der Morisken schlecht steht (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/23/die-pfeiler-des-glaubens-teil-1-von-morisken-und-maertyrern/); das Heer um Aben Humeya* muss vor den Truppen des Marquis von Mondéjar in Richtung Ugijar fliehen. Sie lassen vorher noch einige gefangene Christinnen frei, um den Weg für Verhandlungen mit dem Marquis zu ebnen. Viele moriskische Frauen und Kinder bleiben in Juviles (Hernandos Heimatdorf) zurück, das kurz darauf von den christlichen Truppen eingenommen wird, während die Männer sich zurückziehen. Der Marquis ist tatsächlich offen für Verhandlungen und bietet den Morisken, die sich ergeben, eine Amnestie an, während die befreiten Christinnen eher noch auf Rache aus sind und die Soldaten, die hauptsächlich um der Beute willen gekommen sind, auf Plünderung.

(Aben Humeya alias Don Fernando de Válor, Illustration in „Los Monfies de las Alpujarras“, 1859; Quelle: Wikimedia Commons)

Hernando, der sich Sorgen um seine Mutter Aischa macht, trennt sich von der Armee der Morisken und kehrt heimlich nach Juviles zurück. Dort entsteht durch einen unglücklichen Zufall in der nächtlichen Dunkelheit ein Handgemenge zwischen den christlichen Soldaten und ein paar wenigen Morisken, und in dem Chaos dann ein Gemetzel unter den gefangenen moriskischen Frauen und Kindern auf dem Dorfplatz. Hernando findet seine Mutter und seine beiden Halbbrüder und zieht auf der überstürzten Flucht aus dem Ort noch ein Mädchen mit, das er in der Dunkelheit für eine seiner beiden Halbschwestern hält. Außerhalb von Juviles stellt sich jedoch heraus, dass es sich um ein fremdes Mädchen namens Fatima handelt, das auch einen Säugling bei sich hat. Der Abschnitt endet mit dem Satz: „In der Dunkelheit konnte Hernando Fatimas große mandelförmige schwarze Augen zwar nur schwer erkennen, aber er nahm durchaus das Funkeln in ihrem Blick wahr, das die tiefe Nacht erhellte.“ (S. 102. Und hier bin ich mir schon wieder nicht sicher, ob Falcones unter Dunkelheit dasselbe versteht wie ich.)

Raissa und Zahara jedenfalls sind in Juviles zurückgeblieben. Und Hernando, Aischa, Musa, Aquil und Fatima mit ihrem Sohn Humam ziehen weiter nach Ugijar, ohne offenbar auch nur in Betracht zu ziehen, umzukehren, um herauszufinden, was mit den beiden geschehen ist. Allmählich habe ich den Verdacht, dass Falcones Hernandos Halbgeschwister (die durchgehend als „Stiefgeschwister“ betitelt werden – was natürlich auch die Schuld der Übersetzung sein könnte) nur deshalb eingeführt hat, weil er es irgendwie logisch fand, dass, da die Leute damals viele Kinder bekommen haben, Aischa Kinder mit Ibrahim haben müsste, und dass er für sie sonst keine Rolle in der Handlung übrig hat. Auch Musa und Aquil wird in den folgenden Kapiteln nicht viel Beachtung geschenkt.

In Ugijar treffen sie Ibrahim wieder, der sich nur kurz dafür interessiert, dass seine Töchter wahrscheinlich tot oder aber allein in Gefangenschaft sind, und dann ein umso größeres Interesse an der erst dreizehnjährigen, aber sehr attraktiven Fatima entwickelt. Fatima erfährt unterdessen, dass ihr Mann, der auch ihr Kindheitsfreund war und nur wenige Jahre älter als sie selbst, bei den Kämpfen umgekommen ist. Obwohl sie durchaus um ihn trauert, dauert es nicht lange, bis sie und Hernando einander näher kommen, was man sich, seien wir ehrlich, hat denken können, sobald Fatima aufgetaucht ist. Zunächst wird allerdings nichts daraus, da Ibrahim sein Möglichstes tut, um die beiden zu trennen, und sie sogar bedroht; genau genommen wird er gewalttätig gegenüber Aischa, sobald die beiden Teenager Kontakt zueinander suchen, was recht effektiv funktioniert, um sie davon abzuhalten.

Hernando trifft auch Aben Humeya und gewinnt die Gunst des jungen Königs, da er sich mit der Pflege verletzter Maultiere und Pferde auskennt und da er bei einer Flucht den königlichen Schatz rettet. Die Morisken müssen noch mehrmals von Ort zu Ort fliehen, können dann aber auch wieder Gebiete zurückerobern; insgesamt zieht sich der Aufstand noch länger hin, als ich erwartet hatte. Hier mal ein Lob an Falcones: Er schildert den Krieg sehr realistisch als ein kompliziertes, langwieriges, unübersichtliches Hin und Her, bei dem sowohl der Marquis von Mondéjar und der Marquis von Los Vélez, als auch Aben Humeya und andere Anführer der Morisken, als auch die jeweiligen Anführer und ihre jeweiligen Soldaten oft nicht auf einer Linie sind. Aben Humeyas Soldaten laufen ihm zunächst reihenweise davon, um sich dem recht gnädigen Marquis von Mondéjar zu ergeben, kehren dann aber auch wieder zurück, als ihnen klar wird, dass es dem auch nicht gelingt, seine Soldaten davon abzuhalten, auf eigene Faust plündernd und mordend und vergewaltigend durch die Bergdörfer der Alpujarras zu ziehen. Zudem wendet sich das Blatt zugunsten der Morisken, als die Barbareskenstaaten und der osmanische Sultan endlich Hilfe schicken. Freilich lassen diese sich die Waffenlieferungen gut bezahlen und an Kämpfern kommen nicht sehr viele.

Und hier findet sich eine interessante Stelle. Der Sultan hat u. a. zweihundert Janitscharen geschickt, und der Leser erhält ein paar Hintergrundinformationen über diese Krieger:

„Die Janitscharen bildeten eine Eliteeinheit, die nur dem Sultan unterstand, und galten als äußerst loyal und unbezwingbar. Sie erhielten eine lebenslange Bezahlung und genossen im Vergleich zur übrigen Bevölkerung besondere Privilegien. Sie hatten sogar eine eigene Rechtsprechung. Ein Bey durfte keinen Janitscharen verurteilen oder bestrafen, sie waren ausschließlich ihrem Agha verpflichtet, und Urteile wurden stets in Geheimverfahren gefällt. Diese Eliteeinheit war eine privilegierte Kaste für sich. Sie gingen gnadenlos gegen die Bevölkerung vor, raubten, was ihnen zwischen die Finger kam, und vergingen sich an Frauen und Kindern – ungestraft, denn ein Janitschar war selbst für einen Bey unantastbar!“ (S. 164)

(Sitzender Janitschar, Zeichnung von Gentile Bellini, um 1480; Quelle: Wikimedia Commons)

Das ist, wie gesagt, recht interessant und dürfte im Großen und Ganzen stimmen; was auch interessant ist, aber im Buch nicht erwähnt wird, ist der Werdegang so eines Janitscharen: Im Rahmen der Knabenlese (https://de.wikipedia.org/wiki/Knabenlese) wurden christlichen Familien im Osmanischen Reich (Serben, Kroaten, Bosniern, Albaniern, Bulgaren, Rumänen, Griechen, Armeniern, Georgiern, etc.) regelmäßig einige ihrer Söhne genommen; in einer Region konnten alle paar Jahre oder auch jährlich die zuständigen Beamten und Soldaten auftauchen, sich die Taufregister vorlegen lassen, und Knaben auswählen (z. B. aus jeder 40. Familie; die Zahlen schwankten), die sie dann mitnahmen, nach Istanbul brachten, zum Islam zwangsbekehrten und einer rigorosen Ausbildung unterwarfen. Bestenfalls konnten diese Jungen dann zum Janitschar aufsteigen. Die Sultane bemühten sich tatsächlich sehr, die Loyalität dieser ihrer Privatarmee sicherzustellen; die Janitscharen, die rechtlich gesehen den Status von Sklaven hatten, wurden dafür erzogen, nur für Sultan und Reich zu leben, durften bis ins späte 16. Jahrhundert nicht heiraten und lange Zeit auch nichts vererben. Andererseits erhielten sie eben auch gewisse Privilegien. Und da die Sultane sich zwangsläufig auf die Janitscharen verlassen mussten, erstritten sich diese mit der Zeit so einige weitere Privilegien und erlangten auch große politische Macht; schließlich ermordeten sie Sultane oder setzten diese ab, wenn es ihnen passte. Als die Herrscher schließlich genug von ihrer ehemals so nützlichen Privatarmee gehabt hatten, beschloss Mahmud II. 1826 ihre Auflösung. Eine Rebellion der Janitscharen dagegen wurde niedergeschlagen, und die Überlebenden wurden hingerichtet oder verbannt. Der Sultan sprach vom „Wohltätigen Ereignis“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Janitscharen)

(Darstellung der Knabenlese in einer Miniatur im Süleymanname, 1558; Quelle: Wikimedia Commons)

Auch Korsaren aus den Barbaresken-Staaten sind übrigens bei den neu angekommenen Verbündeten (hier mehr zu diesen Piraten, die die christlichen Mittelmeerstaaten bis ins frühe 19. Jahrhundert bedrohten: https://de.wikipedia.org/wiki/Barbaresken-Korsaren); und einer von ihnen, Barrax, quartiert sich und seine Männer zeitweise im selben Haus ein, in dem auch Hernando, seine Mutter, Fatima und die Tiere, für die Hernando verantwortlich ist, untergebracht sind. Und hier erwähnt Falcones immerhin einen weiteren Grund für die Feindschaft zwischen spanischen Christen und Morisken: „Seit jeher konnten die Korsaren aus den Barbareskenstaaten bei ihren Raubzügen vor der spanischen Mittelmeerküste mit der Hilfe der dort lebenden Morisken rechnen. Viele Korsaren, vor allem die Männer aus Tetuan und Algier, waren selbst Morisken. Sie waren in al-Andalus geboren und machten jetzt auf ihren Fahrten Gefangene, die sie mit der Unterstützung ihrer Familien und Freunde später als Sklaven verkauften.“ (S. 171)

Hernando freilich ist nicht besonders begeistert von der Praxis, Gefangene als Sklaven zu verkaufen. Ihm wird an dieser Stelle der Handlung aufgetragen, sich aus einem Raum voller gefangener Christinnen in Aben Humeyas Anwesen eine auszusuchen und sie auf dem Markt zu verkaufen, um damit Futter für die Pferde bezahlen zu können. Er entdeckt dort Isabel, Gonzalicos Schwester, wieder und nimmt sie mit; statt sie zu verkaufen, versteckt er sie jedoch und bringt sie später heimlich aus dem Ort und zu christlichen Soldaten um den Marquis von Los Vélez. Nach seiner Rückkehr findet er eine andere Möglichkeit, um an das notwendige Geld zu kommen: Er bedroht und erpresst einen Händler namens Salah, der zugegebenermaßen zuvor Hernando erpressen wollte, da er die Sache mit Isabel bemerkt hatte.

Mit Hernandos und Fatimas Romanze geht es dann schließlich doch voran, da Ibrahim für einige Zeit mit dem Kommandanten Aben Aboo (eigentlich Ibn Abbuh) abwesend ist. Man erfährt, dass sie oft „Zeit miteinander [verbrachten“, „Momente der Zweisamkeit [suchten]“, „plauderten“ und „sich an die Ereignisse der letzten Monate [erinnerten]“. Eins dieser Gespräche wird sogar über eine ganze Drittelseite beschrieben. Fatima erzählt Hernando, dass ihre Gefühle für ihren Ehemann eher freundschaftlicher Natur waren – „Aber jetzt weiß ich, dass es noch andere Gefühle gibt.“ (S. 190). Wie romaaaannnntisch!

Ernsthaft: Über Fatima weiß man an dieser Stelle der Handlung nicht sehr viel. Ihr Charakter und ihre Gefühle sind nicht besonders klar. Hernandos Charakter wird aus seinen Handlungen allmählich deutlicher – er ist impulsiv, mutig, nicht unbedingt dumm, handelt entschieden, kann skrupellos gegenüber Menschen sein, die ihn bedrohen, hat aber auch Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl, und ist sich über seine Identität nicht im Klaren. Fatima sieht man nicht viel tun, sie hat z. B. auch keine charakteristische Art, zu sprechen, und es wird selten aus ihrer Perspektive erzählt. Sie ist verliebt in Hernando, sie kann mal nachtragend sein, wenn es ein Missverständnis gibt, und hört sich dann lange keine Erklärung an, sie ist ganz nett und kümmert sich ganz gut um ihren Sohn; das weiß man von ihr. (Alles in allem also die typische weibliche Figur einer Liebesgeschichte.) Aber was genau sie an Hernando mag, was er an ihr mag, was die beiden gemeinsam haben… keine Ahnung. Aber okay. Fatima ist immer noch erst dreizehn Jahre alt und Hernando ist vielleicht fünfzehn oder so; und Teenagerromanzen müssen ja keine tiefergehenden Anlässe haben. Mit dreizehn habe ich vielleicht für einen Lehrer geschwärmt und die Jungs aus meiner Klasse alle doof gefunden.

Schließlich arrangiert Aischa zusammen mit Fatima ein nächtliches Treffen für das Liebespärchen, damit die zwei miteinander schlafen können, und ich verstehe beim besten Willen nicht, wieso. Ich bin mir nicht sicher, welche moralischen Bedenken ich einer Moriskin des 16. Jahrhunderts unterstellen sollte; bekanntlich waren die Leute auch damals nicht alle so streng, wie es die islamische und die christliche Lehre theoretisch vorgeben. Aber davon abgesehen sehe man sich mal an, was sie hinterher zu den beiden sagt, als sie mit ihnen darüber spricht, dass sie heiraten sollen: „‚Was die Brautgabe angeht‘, sprach sie an Hernando gerichtet weiter, ‚du hast drei Monate, um sie zu beschaffen. Ihr habt Beischlaf gehalten, ohne verheiratet zu sein, deshalb könnt ihr erst heiraten, wenn Fatima dreimal die Regel hatte, es sei denn… Wenn sie in Umständen sein sollte, könnt ihr erst nach der Geburt heiraten.'“ Wieso hat Aischa den beiden also nicht einfach gleich gesagt, sie sollen heiraten? (Oder wieso könnten sie ihre Liebesnacht nicht verheimlichen?) Immerhin riskieren sie auf diese Weise, dass Ibrahim zurückkehrt, ehe sie verheiratet sind – was auch geschieht.

Zuvor allerdings wird noch Aben Humeya, der zu einem tyrannischen Lebemann geworden ist, von seinen eigenen Leuten ermordet; kurz vor seinem Tod ruft er den christlichen Gott an. Aben Aboo wird zum neuen König von al-Andalus ausgerufen, und Ibrahim ist inzwischen dessen enger Vertrauter. Aber es kommt noch schlimmer: Kurz nach deren gemeinsamer Rückkehr wird entdeckt, dass der Händler Salah christliche sakrale Gegenstände – Heiligenstatuen, Priestergewänder usw. – in seinem Keller versteckt hält, wohl um sie später zu Geld zu machen, und unglücklicherweise wird Hernando, der den Händler eben mit diesem Wissen erpresst hat, zusammen mit Salah in dem Keller angetroffen. Die beiden werden als angeblich zum christlichen Glauben Abgefallene zum Tod verurteilt; Hernando wird nur dadurch gerettet, dass der Korsar Barrax Aben Aboo bittet, ihn ihm stattdessen als Sklaven zu verkaufen. Freilich tut er das nicht aus Nächstenliebe, sondern um einen neuen Lustknaben zu bekommen. Hernando verweigert sich dem Korsar allerdings und erhält seltsamerweise gleichzeitig den Eindruck aufrecht, er sei ein Christ, was wohl beides irgendwie zusammenhängen soll. „Jetzt musste er so tun, als wäre er ein Christ, um Barrax nicht in die Hände zu fallen…“ (S. 206) Bitte? Seit wann ist es notwendig, religiöse/moralische Vorbehalte vorzutäuschen (die ein Muslim übrigens ebenso anführen könnte), um sich gegen irgendwelche sexuellen Avancen zu wehren? Ja, Barrax denkt sich einmal „Zahllose junge Christen führten in Algier ein angenehmes Leben als Gespielen der Türken und Barbaresken, nachdem sie vom Christentum abgefallen waren und sich zum wahren Glauben bekehrt hatten“ (S. 205), und offensichtlich will er bei Hernando ebenfalls beides erreichen, aber Hernando müsste das Spiel schließlich nicht mitmachen. Ich kapiere Hernando nicht.

Jedenfalls wird er in seiner Zeit als Barrax‘ Sklave in eine neue Identitätskrise gestürzt. Ein paar Mal fragt er sich, zu welcher Religion er sich eigentlich zugehörig fühlen soll: „Oder war er vielleicht doch ein Christ? Aber ihm stand nicht der Sinn nach Glaubensfragen.“ (S. 206) Tatsächlich werden die Glaubensfragen nicht wirklich näher durchdacht, oder auch nur im Einzelnen gestellt. Fragen wie „Ist die Bibel oder der Koran das glaubwürdigere Buch?“ werden an keiner Stelle angeführt, und Hernando fragt sich immer nur „Was bin ich?“, weniger „Was glaube ich und warum?“; die Religion erscheint hier eher als eine Angelegenheit der persönlichen Identität, wie Heimat oder Kultur oder Familie; es geht mehr um Zugehörigkeit als um Überzeugungen.

Unterdessen findet Ibrahim, der mittlerweile zum hauptsächlichen Schurken der Geschichte** avanciert ist – grausam und feige zugleich, egozentrisch, hasserfüllt gegenüber Hernando und despotisch gegenüber seiner ganzen Familie -, weitere Dinge, mit denen er Fatima bedrohen kann, und zwingt sie damit, ihn zu heiraten. Sie ist übrigens noch immer „keine vierzehn Jahre alt“ (S. 210). Keine Ahnung, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Punkten der Handlung verstreicht.

Jetzt wendet sich das Kriegsglück wieder zugunsten der Christen; Don Juan de Austria (der Don Juan de Austria von der Seeschlacht von Lepanto***) kommt im Auftrag seines Halbbruders, König Philipps II. von Spanien, mit weiteren Truppen zu Hilfe. Schließlich nehmen die Morisken Kapitulationsverhandlungen auf, was ihre ausländischen Verbündeten gleich mal dazu veranlasst, sich wieder ins Ausland abzusetzen, und der König erlässt ein neues Angebot zur Amnestie. Auch er kann Frieden im Inneren ganz gut gebrauchen, da der Sultan die Zeit, in der Spanien mit seinen inneren Angelegenheiten beschäftigt ist, nutzt, um Zypern und Dalmatien anzugreifen, und Papst Pius V. den König dazu drängt, doch endlich Truppen dorthin zu schicken. (Was zur Seeschlacht von Lepanto führen wird!)

(Paolo Veronese, Die Schlacht von Lepanto; Quelle: Wikimedia Commons)

In einer der letzten Schlachten des Krieges nimmt Barrax einen verwundeten christlichen Adligen gefangen und trägt Hernando auf, diesen gesund zu pflegen, damit er für ihn Lösegeld verlangen kann, bevor er mit seinen Leuten ebenfalls Spanien verlässt. Der Gefangene, der mitbekommen hat, dass Hernando ein Christ sein soll, überredet diesen jedoch zur gemeinsamen Flucht.**** Hernando lässt den Adligen (dessen Namen er übrigens noch immer nicht erfahren hat) schließlich auf einem Maultier ziehen und kehrt selbst ins nächtliche Heerlager zurück, um nach Aischa und Fatima zu suchen; bevor er sich auf den Weg zu denen macht, sucht er allerdings noch Barrax‘ Zelt auf, schlägt diesem den Kopf ab und stopft ihn in einen Sack. Der Hauptgrund dafür ist wohl, dass Barrax nach Hernandos Flucht einen Jungen aus seinem Gefolge hat töten lassen, weil der die Flucht nicht bemerkt und verhindert hat; Hernando sieht die Leiche, als er ins Lager zurückkommt. Dann findet er seine Mutter und Musa; Ibrahim ist mit Fatima, Humam und Aquil schon geflohen, um sich den Christen zu ergeben. In dem Erlass des Königs wird jedem Krieger, der eine Waffe abliefert, für sich und zwei Angehörige zusätzlich zu ihrem Leben auch die Freiheit versprochen, daher hat Ibrahim einen Teil der Familie zurückgelassen. (Fatima hofft, dass ihr noch sehr junger Sohn vielleicht nicht gezählt werden wird.) Hernando flieht nun mit Aischa und Musa ebenfalls zu Don Juan de Austrias Feldlager.

Dort treffen sie zunächst auf Andrés, den jungen Sakristan aus Juviles, der das Massaker an den Christen dort überlebt hat, und dieser erzählt den Soldaten voller Zorn, wie Aischa damals den Dorfpfarrer getötet hat. Diese bestehen jedoch darauf, dass die Amnestie für alle Verbrechen gilt und dass nichts getan werden soll, was die Bedingungen des Erlasses bricht und die Morisken wieder aufstachelt; Don Juan hat seine Soldaten offensichtlich besser im Griff als der Marquis von Mondéjar. Außerdem kommt es natürlich gut an, dass Hernando den Kopf eines Korsaren mitbringt. In dem Heerlager treffen sie auch Ibrahim wieder, der sich mit Fatima gerade in eine Liste hat eintragen lassen, und als auch Aischa sich als seine Frau bezeichnet, bezichtigen die anwesenden Geistlichen ihn natürlich sofort der Bigamie. Ibrahim versucht, sich damit herauszureden, dass man ihn falsch verständen hätte und Fatima seine Schwiegertochter, Hernandos Frau, wäre, und die Beamten geben sich damit zufrieden, die Angelegenheit für ein Missverständnis aufgrund von Sprachschwierigkeiten zu halten.

Die Familie wird mit anderen Morisken für einige Monate in die Gegend von Granada gebracht, und dort heiraten Fatima und Hernando in einer kirchlichen Zeremonie. Zuvor müssen sie noch die Beichte ablegen, und das ist eine dieser Szenen, bei denen ich mich frage, wie die Spanier es damals für eine irgendwie sinnvolle Idee halten konnten, die Morisken mit solchem Druck dazu zu bringen, sich weiterhin wie Christen zu verhalten (da sie getauft waren), obwohl sie wissen konnten, dass sie im Geheimen weiterhin den Islam praktizieren würden. Ich kann nachvollziehen, wieso man die Morisken als Fünfte Kolonne der gerade erst vertriebenen Besatzer sah; ich kann sogar noch irgendwo nachvollziehen, wieso man sie deshalb aus Spanien ausweisen wollte. Aber sie dazu zu zwingen, sich taufen zu lassen und dann eine Lüge zu leben – die sie ja auch nicht loyaler machte? Ja, diese Szene hier wird ziemlich klischeehaft geschildert, in einem Roman über Kirchengeschichte muss schließlich irgendwann der Beichtstuhl als Ort der Unterdrückung (oder auch der sexuellen Belästigung) auftauchen („‚Soll das etwa alles sein?‘ zischte der Priester im Beichtstuhl, nachdem Fatima fertig war. […] ‚Ich kann leider weder Reue noch Bußfertigkeit erkennen.'“ S. 248); aber die Tatsache bleibt, dass hier ziemlich grausam mit dem Gewissen von Menschen umgegangen wird.

Später müssen sie dann zusammen mit einigen Tausend Morisken in einer langen Kolonne, bewacht von Soldaten, nach Córdoba ziehen, und auf dem kalten Marsch stirbt Humam.

Teil I des Buches – dem Falcones, was ich in meinem ersten Teil zu erwähnen vergessen habe, den Titel „In Allahs Namen“ gegeben hat, endet bei der Ankunft in Córdoba mit den Worten „Es war der 12. November 1570.“ (S. 252) Teil II trägt dann den Titel „Im Namen der Liebe“ – dazu im nächsten Post.

 

[Update: Weiter geht’s hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/01/03/die-pfeiler-des-glaubens-teil-3-falcones-wird-voruebergehend-zum-gesinnungsethiker-und-die-inquisition-verfolgt-ketzer/ ]

 

* Falcones verwendet durchgehend die christliche Verhunzung „Aben Humeya“ des Namens „Ibn Umayya“, obwohl fast alle Szenen, in denen der König von al-Andalus auftritt, sich hauptsächlich unter Muslimen abspielen. In der direkten Rede bei anderen muslimischen Figuren heißt er dann allerdings wieder „Ibn Umayya“. Keine Ahnung, was das soll; eigentlich blickt Falcones ja aus der Perspektive der Morisken auf die Geschehnisse.

** Die anderen Mächte des Bösen, die für die Handlung an sich vielleicht noch eine größere Rolle spielen, sind eher gesellschaftliche Institutionen, oder aber auch unpersönliche „Kräfte“ wie „gegenseitiger Hass auf Andersgläubige“, die sich in verschiedenen Figuren auf unterschiedliche Weise manifestieren, wobei diese Figuren nicht zwangsläufig völlig böse sein müssen. Ibrahim ist bis jetzt die böseste Persönlichkeit.

*** Es gehört zwar eigentlich nicht hierher, aber man muss die Gelegenheiten eben nutzen:

Lepanto

White founts falling in the courts of the sun,
And the Soldan of Byzantium is smiling as they run;
There is laughter like the fountains in that face of all men feared,
It stirs the forest darkness, the darkness of his beard,
It curls the blood-red crescent, the crescent of his lips,
For the inmost sea of all the earth is shaken with his ships.
They have dared the white republics up the capes of Italy,
They have dashed the Adriatic round the Lion of the Sea,
And the Pope has cast his arms abroad for agony and loss,
And called the kings of Christendom for swords about the Cross,
The cold queen of England is looking in the glass;
The shadow of the Valois is yawning at the Mass;
From evening isles fantastical rings faint the Spanish gun,
And the Lord upon the Golden Horn is laughing in the sun.

 

Dim drums throbbing, in the hills half heard,
Where only on a nameless throne a crownless prince has stirred,
Where, risen from a doubtful seat and half attainted stall,
The last knight of Europe takes weapons from the wall,
The last and lingering troubadour to whom the bird has sung,
That once went singing southward when all the world was young,
In that enormous silence, tiny and unafraid,
Comes up along a winding road the noise of the Crusade.
Strong gongs groaning as the guns boom far,
Don John of Austria is going to the war,
Stiff flags straining in the night-blasts cold
In the gloom black-purple, in the glint old-gold,
Torchlight crimson on the copper kettle-drums,
Then the tuckets, then the trumpets, then the cannon, and he comes.
Don John laughing in the brave beard curled,
Spurning of his stirrups like the thrones of all the world,
Holding his head up for a flag of all the free.
Love-light of Spain—hurrah!
Death-light of Africa!
Don John of Austria
Is riding to the sea.

 

Mahound is in his paradise above the evening star,
(Don John of Austria is going to the war.)
He moves a mighty turban on the timeless houri’s knees,
His turban that is woven of the sunset and the seas.
He shakes the peacock gardens as he rises from his ease,
And he strides among the tree-tops and is taller than the trees,
And his voice through all the garden is a thunder sent to bring
Black Azrael and Ariel and Ammon on the wing.
Giants and the Genii,
Multiplex of wing and eye,
Whose strong obedience broke the sky
When Solomon was king.

 

They rush in red and purple from the red clouds of the morn,
From temples where the yellow gods shut up their eyes in scorn;
They rise in green robes roaring from the green hells of the sea
Where fallen skies and evil hues and eyeless creatures be;
On them the sea-valves cluster and the grey sea-forests curl,
Splashed with a splendid sickness, the sickness of the pearl;
They swell in sapphire smoke out of the blue cracks of the ground,—
They gather and they wonder and give worship to Mahound.
And he saith, “Break up the mountains where the hermit-folk can hide,
And sift the red and silver sands lest bone of saint abide,
And chase the Giaours flying night and day, not giving rest,
For that which was our trouble comes again out of the west.
We have set the seal of Solomon on all things under sun,
Of knowledge and of sorrow and endurance of things done,
But a noise is in the mountains, in the mountains, and I know
The voice that shook our palaces—four hundred years ago:
It is he that saith not ‘Kismet’; it is he that knows not Fate ;
It is Richard, it is Raymond, it is Godfrey in the gate!
It is he whose loss is laughter when he counts the wager worth,
Put down your feet upon him, that our peace be on the earth.”
For he heard drums groaning and he heard guns jar,
(Don John of Austria is going to the war.)
Sudden and still—hurrah!
Bolt from Iberia!
Don John of Austria
Is gone by Alcalar.

 

St. Michael’s on his mountain in the sea-roads of the north
(Don John of Austria is girt and going forth.)
Where the grey seas glitter and the sharp tides shift
And the sea folk labour and the red sails lift.
He shakes his lance of iron and he claps his wings of stone;
The noise is gone through Normandy; the noise is gone alone;
The North is full of tangled things and texts and aching eyes
And dead is all the innocence of anger and surprise,
And Christian killeth Christian in a narrow dusty room,
And Christian dreadeth Christ that hath a newer face of doom,
And Christian hateth Mary that God kissed in Galilee,
But Don John of Austria is riding to the sea.
Don John calling through the blast and the eclipse
Crying with the trumpet, with the trumpet of his lips,
Trumpet that sayeth ha!
      Domino gloria!
Don John of Austria
Is shouting to the ships.

 

King Philip’s in his closet with the Fleece about his neck
(Don John of Austria is armed upon the deck.)
The walls are hung with velvet that is black and soft as sin,
And little dwarfs creep out of it and little dwarfs creep in.
He holds a crystal phial that has colours like the moon,
He touches, and it tingles, and he trembles very soon,
And his face is as a fungus of a leprous white and grey
Like plants in the high houses that are shuttered from the day,
And death is in the phial, and the end of noble work,
But Don John of Austria has fired upon the Turk.
Don John’s hunting, and his hounds have bayed—
Booms away past Italy the rumour of his raid
Gun upon gun, ha! ha!
Gun upon gun, hurrah!
Don John of Austria
Has loosed the cannonade.

 

The Pope was in his chapel before day or battle broke,
(Don John of Austria is hidden in the smoke.)
The hidden room in man’s house where God sits all the year,
The secret window whence the world looks small and very dear.
He sees as in a mirror on the monstrous twilight sea
The crescent of his cruel ships whose name is mystery;
They fling great shadows foe-wards, making Cross and Castle dark,
They veil the plumèd lions on the galleys of St. Mark;
And above the ships are palaces of brown, black-bearded chiefs,
And below the ships are prisons, where with multitudinous griefs,
Christian captives sick and sunless, all a labouring race repines
Like a race in sunken cities, like a nation in the mines.
They are lost like slaves that sweat, and in the skies of morning hung
The stair-ways of the tallest gods when tyranny was young.
They are countless, voiceless, hopeless as those fallen or fleeing on
Before the high Kings’ horses in the granite of Babylon.
And many a one grows witless in his quiet room in hell
Where a yellow face looks inward through the lattice of his cell,
And he finds his God forgotten, and he seeks no more a sign—
(But Don John of Austria has burst the battle-line!)
Don John pounding from the slaughter-painted poop,
Purpling all the ocean like a bloody pirate’s sloop,
Scarlet running over on the silvers and the golds,
Breaking of the hatches up and bursting of the holds,
Thronging of the thousands up that labour under sea
White for bliss and blind for sun and stunned for liberty.
Vivat Hispania!
Domino Gloria!
Don John of Austria
Has set his people free!

 

Cervantes on his galley sets the sword back in the sheath
(Don John of Austria rides homeward with a wreath.)
And he sees across a weary land a straggling road in Spain,
Up which a lean and foolish knight forever rides in vain,
And he smiles, but not as Sultans smile, and settles back the blade….
(But Don John of Austria rides home from the Crusade.)

 

(G. K. Chesterton)

 

**** Dieser Gefangene ist übrigens – neben Gonzalico – so ziemlich meine Lieblingsfigur in diesem Buch: Er hat eine authentische Persönlichkeit; er verhält sich tollkühn, frohgemut, ehrbewusst; er sagt theatralische Sachen wie: „Meine Stahlklinge aus Toledo hat bislang noch jedes maurische Eisen durchschlagen“ (S. 230) oder „Bei den Nägeln des Kreuzes Christi!“ (ebd.). Er ist übrigens verwundet worden, als er seinen Soldaten Deckung geben wollte, und er bringt Hernando sogar dazu, kurz über „Glaubensfragen“ nachzudenken:

„‚Ich werde für Christus sterben [gemeint ist: wenn wir auf der Flucht erwischt werden]‘, flüsterte der Gefangene.

Er hatte diese Worte schon einmal gehört, von Gonzalico. Aus ihnen sprach die gleiche Demut, die gleiche Hingabe. Und was war mit dem Islam? Bedeutete Islam nicht Demut und Hingabe? Und…

‚Aber wir werden nur sterben, wenn Gott es so bestimmt hat. Wir sind freie Menschen, wir können kämpfen‘, unterbrach der Christ Hernandos Gedanken.

Hernando verzog das Gesicht.“ (S. 225)

Das klingt doch vielversprechend!

 

Wer hat’s gesagt?

Zitate-Erraten!

1) „Ihr sagt, daß bei Euch, wenn ein Dieb oder Räuber ergriffen wurde und er geleugnet hat, was ihm zur Last gelegt wird, der Richter seinen Kopf mit Ruten schlage und seine Seiten mit anderen eisernen Stacheln steche, bis er die Wahrheit heraushole; dies läßt weder das göttliche noch das menschliche Gesetz in irgendeiner Weise zu, da ein Geständnis nicht ungewollt, sondern freiwillig sein muß und nicht gewaltsam herauszulocken, sondern willentlich vorzubringen ist; wenn es schließlich geschieht, daß Ihr auch nach Anwendung jener Qualen überhaupt nichts von dem findet, was dem Gefolterten zum Vorwurf gemacht wird, errötet Ihr nicht wenigstens dann und erkennt, wie gottlos Ihr richtet? Ebenso aber, wenn ein beschuldigter Mensch, der solches erlitten und es nicht ertragen kann, sagt, er habe begangen, was er nicht begangen hat: auf wen, frage ich, fällt die Wucht solch großer Gottlosigkeit zurück, wenn nicht auf den, der diesen zwingt, solches lügnerisch zu gestehen? Gleichwohl weiß man, daß nicht gesteht, sondern redet, wer das mit dem Munde vorbringt, was er nicht im Sinne hat!“

A) Friedrich Spee SJ, Cautio Criminalis, 1631

B) Baron de Montesquieu, De l’esprit des loix, 1748

C) Papst Nikolaus I., Brief Ad consulta vestra an die Bulgaren, 866

 

2) „Wie Wir erfahren haben, werden also […] viele, die von Heiden als Gefangene entführt wurden, in Eurer Gegend verkauft und, nachdem sie von Euren Landsleuten gekauft wurden, unter dem Joch der Sklaverei gehalten, obwohl doch feststeht, daß es fromm und heilig ist, wie es sich für Christen schickt, daß Eure Landsleute, wenn sie sie […] gekauft haben, sie um der Liebe Christi willen freilassen und nicht von Menschen, sondern von unserem Herrn Jesus Christus selbst den Lohn empfangen.“

A) John Newton und William Wilberforce, On the Negro Slave Trade in the West Indies, 1786

B) Bartolomé de las Casas, Historia de las Indias, verfasst ab 1524

C) Papst Johannes VIII., Brief Unum est an die Fürsten Sardiniens, 873

 

3) „Unser Herr Jesus Christus hat nämlich, wie man liest, keinen gewaltsam zu seinem Dienst gezwungen, sondern durch demütige Ermahnung – wobei einem jeden die Freiheit der eigenen Entscheidung vorbehalten blieb – alle, die er zum ewigen Leben vorherbestimmte, nicht durch Richten, sondern durch Vergießen seines eigenen Blutes vom Irrtum zurückgerufen.“

A) Abbé Emmanuel Joseph Sieyès, De la liberté religieuse, 1790

B) Friedrich II., De la tolerance necessaire concernant les affaires religieuses et morales, 1771

C) Papst Alexander II., Brief Licet ex an Fürst Landulf von Benevent, 1065

 

4) „(6) Wenn einer bei einem Diebstahl oder Raub getötet wurde und sich ein Verwandter des Getöteten für ihn zum Duell erbietet, so weist dieser durch das Duell jedes Zeugnis zurück; und dieser Tote wird dann nicht ohne Duell überführt werden können.
(7) Wenn zwei vor Gericht zugleich entgegengesetzte Aussagen machen, dann wird, wer auch immer von diesen die größere Gefolgschaft hat, dieser [seine] Aussage zur Geltung bringen.
(8) Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte.“

A) Kaiser Karl V., Constitutio Criminalis Carolina, 1532

B) Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, Allgemeynes Rechts- und Policeybuch für das Land Sachsen, 1522

C) Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel, die in der Bulle Salvator humani generis von Papst Gregor XI. aus dem Jahr 1374 verurteilt werden

 

5) „(3) … Die Sätze ‚Gott ist‘ und ‚Gott ist nicht‘ bezeichnen völlig dasselbe, wenn auch auf andereWeise.

(10) … Von einer materialen Substanz, die etwas anderes als unsere Seele ist, haben wir nicht die Gewißheit der Evidenz.

(32) … Gott und die Schöpfung sind nicht etwas.

(39) … Das All ist in sich und in all seinen Teilen ganz vollkommen, und es kann weder im Ganzen noch in Teilen eine Unvollkommenheit geben, und deswegen müssen sowohl das Ganze als auch die Teile ewig sein und dürfen weder vom Nicht-Sein in das Sein übergehen noch umgekehrt, weil daraus notwendigerweise Unvollkommenheit im All oder in seinen Teilen folgt.

(58) … Gott kann einem vernunftbegabten Geschöpf gebieten, daß es ihn hassen soll, und wenn es gehorcht, macht es sich mehr verdient, als wenn es ihn aufgrund eines Gebotes liebte; denn es täte dies mit größerer Anstrengung und mehr gegen die eigene Neigung.“

A) Plotinus, De Deum et hominem, 256 n. Chr.

B) Averroes / Ibn Ruschd, Langer Kommentar zu Aristoteles, verfasst ab 1153

C) Irrtümer des Nikolaus von Autrecourt, verurteilt in einem Prozess an der päpstlichen Kurie im Jahr 1347

 

Wer jedes Mal C getippt hat, hatte Recht. Das Mittelalter ist schon spannend, nicht wahr?

(Alle Zitate sind dem Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009, entnommen. Diverse andere Antwortmöglichkeiten sind übrigens frei erfunden.)

Über schwierige Bibelstellen, Teil 15: Sklaverei (und Kindererziehung und ungerechte Regierungen) in der Bibel

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

Die Sklaverei ist interessanterweise ein Thema, bei dem das AT beinahe schneller abgehandelt ist als das NT. Im AT taucht die Sklaverei vor allem als etwas auf, das eben einfach existiert; außerdem gibt es Stellen in der Tora, die gesetzliche Rahmenbedingungen für sie innerhalb Israels schaffen. Viele Personen im AT besaßen Sklaven oder waren selbst Sklaven (Joseph, Hagar, Aaron, Miriam…). Eindeutige Verurteilungen der Sklaverei findet man nirgends, auch wenn die Befreiung Israels aus „Ägypten, dem Sklavenhaus“, ganz zentral für die Geschichte dieses Volkes ist. Es gibt Gesetze, die die Sklaverei einschränken und regulieren, z. B. die folgenden, wobei manche davon nur für israelitische Sklaven gelten:

  • „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre Sklave bleiben, im siebten Jahr soll er ohne Entgelt als freier Mann entlassen werden. Ist er allein gekommen, soll er allein gehen. War er verheiratet, soll seine Frau mitgehen. Hat ihm sein Herr eine Frau gegeben und hat sie ihm Söhne oder Töchter geboren, dann gehören Frau und Kinder ihrem Herrn und er muss allein gehen. Erklärt aber der Sklave: Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder und will nicht als freier Mann fortgehen, dann soll ihn sein Herr vor Gott bringen, er soll ihn an die Tür oder an den Torpfosten bringen und ihm das Ohr mit einem Pfriem durchbohren; dann bleibt er für immer sein Sklave.“ (Exodus 21,2-6) Ähnlich, aber etwas großzügiger gegenüber dem Sklaven: Wenn ein Bruder bei dir verarmt und sich dir verkauft, darfst du ihm keine Sklavenarbeit auferlegen; er soll dir wie ein Lohnarbeiter oder ein Halbbürger gelten und bei dir bis zum Jubeljahr arbeiten. Dann soll er von dir frei weggehen, er und seine Kinder, und soll zu seiner Sippe, zum Eigentum seiner Väter zurückkehren. Denn sie sind meine Knechte; ich habe sie aus Ägypten herausgeführt; sie sollen nicht verkauft werden, wie ein Sklave verkauft wird. Du sollst nicht mit Gewalt über ihn herrschen. Fürchte deinen Gott!“ (Levitikus 25,39-43)
  • Wenn einer seine Tochter als Sklavin verkauft hat, soll sie nicht wie andere Sklaven entlassen werden. Hat ihr Herr sie für sich selbst bestimmt, mag er sie aber nicht mehr, dann soll er sie zurückkaufen lassen. Er hat nicht das Recht, sie an Fremde zu verkaufen, da er seine Zusage nicht eingehalten hat. Hat er sie für seinen Sohn bestimmt, verfahre er mit ihr nach dem Recht, das für Töchter gilt. Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen. Wenn er ihr diese drei Dinge nicht gewährt, darf sie unentgeltlich, ohne Bezahlung, gehen.“ (Exodus 21,7-11)
  • Die Sklaven und Sklavinnen, die euch gehören sollen, kauft von den Völkern, die rings um euch wohnen; von ihnen könnt ihr Sklaven und Sklavinnen erwerben. Auch von den Kindern der Halbbürger, die bei euch leben, aus ihren Sippen, die mit euch leben, von den Kindern, die sie in eurem Land gezeugt haben, könnt ihr Sklaven erwerben. Sie sollen euer Eigentum sein und ihr dürft sie euren Söhnen vererben, damit diese sie als dauerndes Eigentum besitzen; ihr sollt sie als Sklaven haben. Aber was eure Brüder, die Israeliten, angeht, so soll keiner über den andern mit Gewalt herrschen.“ (Levitikus 25,44-46)
  • Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss der Sklave gerächt werden. Wenn er noch einen oder zwei Tage am Leben bleibt, dann soll den Täter keine Rache treffen; es geht ja um sein eigenes Geld.“ (Exodus 21,20f.) [Hier wird davon ausgegangen, dass ein Schlag, durch den jemand nicht gleich, sondern erst nach einer gewissen Zeit stirbt, nicht als tödlicher Schlag intendiert war, weshalb die Strafe/Blutrache wegfällt.]
  • Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.“ (Exodus 21,26f.)
  • Es gibt noch ein paar weitere Stellen, die z. B. das Loskaufrecht für Sklaven betreffen (etwa Levitikus 25,47-55).

Diese Stellen lassen sich sehr einfach mit Regel Nummer 17 erklären: Nur weil etwas in einem in der Bibel enthaltenen Gesetz reguliert wird, heißt das nicht, dass Gott es gutheißt. Viele Gesetze in den fünf Büchern Mose schränken ein Übel nur ein, anstatt es ganz abzuschaffen. (Vgl. Teil 12: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/01/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-12-das-gesetz-des-mose/ )

Für die Stellen, in denen Sklaverei einfach als Teil einer Geschichte auftaucht, gilt natürlich die altbekannte Regel Nummer 12: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Bei „Harry Potter“ taucht auch Sklaverei auf (die Hauselfen); gutgeheißen wird sie dadurch noch lange nicht.

Dann gibt es im AT noch ein paar Stellen im Buch der Sprüche und bei Jesus Sirach, die sich nicht in diese beiden Kategorien einordnen lassen und die zum Teil gut klingen und zum Teil weniger gut:

  • „Misshandle einen Sklaven nicht, der dir treu dient, auch nicht einen Tagelöhner, der sich willig einsetzt.Einen klugen Sklaven liebe wie dich selbst, verweigere ihm die Freilassung nicht!“ (Jesus Sirach 7,20f.) (Gut.)
  • „Ein kluger Knecht wird Herr über einen missratenen Sohn und mit den Brüdern teilt er das Erbe.“ (Sprüche 17,2) (Schön.)
  • „Einem verständigen Sklaven müssen Freie dienen, doch ein kluger Mann braucht nicht zu klagen.“ (Jesus Sirach 10,25) (Okay.)
  • „Durch Worte wird kein Sklave gebessert, er versteht sie wohl, aber kehrt sich nicht daran.“ (Sprüche 29,19) (Hm.)
  • „Ein Sklave, verwöhnt von Jugend an, wird am Ende widerspenstig.“ (Sprüche 29,21) (Also…)
  • „Unter dreien erzittert das Land, unter vieren wird es ihm unerträglich:unter einem Sklaven, wenn er König wird, und einem Toren, wenn er Brot im Überfluss hat, unter einer Verschmähten, wenn sie geheiratet wird, und einer Sklavin, wenn sie ihre Herrin verdrängt.“ (Sprüche 30,21-23) (Na ja…)
  • „Aber nimm keine falsche Rücksicht und schäme dich nicht folgender Dinge:des Gesetzes des Höchsten und seiner Satzung, des gerechten Urteils, das nicht den Schuldigen freispricht, der Abrechnung mit dem Geschäftsfreund und dem Kaufmann, der Verteilung von Erbe und Besitz, der Säuberung von Waagschalen und Waage, der Reinigung von Maß und Gewicht, des Einkaufs, ob viel oder wenig, des Handelns um den Kaufpreis mit dem Krämer, der häufigen Züchtigung der Kinder und der Schläge für einen schlechten und trägen Sklaven.“ (Jesus Sirach 42,1-5) (Ähm…)
  • „Futter, Stock und Last für den Esel, Brot, Schläge und Arbeit für den Sklaven! Gib deinem Sklaven Arbeit, sonst sucht er das Nichtstun. Trägt er den Kopf hoch, wird er dir untreu. Joch und Strick beugen den Nacken, dem schlechten Sklaven gehören Block und Folter. Gib deinem Sklaven Arbeit, damit er sich nicht auflehnt; denn einem Müßigen fällt viel Schlechtigkeit ein. Befiehl ihn zur Arbeit, wie es ihm gebührt; gehorcht er nicht, leg ihn in schwere Ketten! Aber gegen keinen sei maßlos und tu nichts ohne gutes Recht! Hast du nur einen einzigen Sklaven, halt ihn wie dich selbst; denn wie dich selbst hast du ihn nötig. Hast du nur einen einzigen Sklaven, betrachte ihn als Bruder, wüte nicht gegen dein eigenes Blut! Behandelst du ihn schlecht und er läuft weg und ist verschwunden, wie willst du ihn wieder finden?“ (Jesus Sirach 33,20-33) (Jetzt warte mal…)

Die Stellen oben aus dem Buch der Sprüche sind weder allzu bedeutsam noch allzu schwer zu verstehen; dieses Buch gibt einige resignierte, verallgemeinernde Alltagsweisheiten wider, wie z. B. auch „Wie das Knurren des Löwen ist der Grimm des Königs; wer ihn erzürnt, verwirkt sein Leben“ (Sprüche 20,2), „Der Reiche hat die Armen in seiner Gewalt, der Schuldner ist seines Gläubigers Knecht“ (Sprüche 22,7), „Mach dich rar im Haus deines Nächsten, sonst wird er dich satt und verabscheut dich“ (Sprüche 25,17), „Zu viel Honig essen ist nicht gut: Ebenso spare mit ehrenden Worten!“ Sprüche 25,27) oder „Achtet ein Herrscher auf Lügen, werden alle seine Beamten zu Schurken“ (Sprüche 29,12). (Außerdem enthält es in endlosen, Wiederholungen die unglaublich originelle Aussage, dass die Frevler und die Toren schlecht sind und dem Gericht entgegen gehen, und die Gerechten gut sind und vor Gott bestehen werden.) Zu diesen verallgemeinernden Alltagsweisheiten gehört z. B. auch die, dass jemand, der vom Status eines Sklaven (oder einem anderen niedrigen Status) zum Status eines Königs aufgestiegen ist (30,21-23), ein unerträglicher Herrscher sein kann – psychologisch gesehen ist es nachvollziehbar, dass man von so jemandem erwarten würde, dass er es vielleicht jetzt erst recht genießen würde, sich zu nehmen, was er sich endlich nehmen kann, und alle, die vorher über ihm standen, geringschätzig oder rachsüchtig behandeln würde. Der Autor dieser Sprichwörter hält wahrscheinlich genauso wenig alle Sklaven für unbelehrbar (29,19), wie er alle Könige (20,2) für jähzornige Tyrannen hält, die alle umbringen lassen, die sie „erzürnen“.

Die beiden unteren Sirach-Stellen stoßen einen dagegen schon mehr ab. Ja, diese Stellen fordern nebenbei auch Mäßigung und Gerechtigkeit („gegen keinen sei maßlos und tu nichts ohne gutes Recht“), aber vor allem die Stelle aus Kapitel 33 argumentiert schlicht nach einer eigennützigen Sklavenhalterlogik: Lass deinen Sklaven arbeiten, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt und dir wegläuft; wenn er faul und schlecht ist, schlag ihn; aber wenn du nur einen einzigen Sklaven hast, behandle ihn lieber gut, denn dann stehst du ja blöd da, wenn er dir wegläuft. Tatsächlich klingen die Weisheitsbücher nicht nur an dieser Stelle irgendwie, na ja, eigennützig und weltweise. Hier einige andere Beispiele zu anderen Themen:

  • Der Kontext der Stelle über die Behandlung von Sklaven aus Sirach 33 ist dieser hier: „Sohn und Frau, Bruder und Freund, lass sie nicht herrschen über dich, solange du lebst. Solange noch Leben und Atem in dir sind, mach dich von niemand abhängig! Übergib keinem dein Vermögen, sonst musst du ihn wieder darum bitten. Besser ist es, dass deine Söhne dich bitten müssen, als dass du auf die Hände deiner Söhne schauen musst. In allen deinen Taten behaupte dich als Herr und beschmutze deine Ehre nicht! Wenn deine Lebenstage gezählt sind, an deinem Todestag, verteil das Erbe!“ (Jesus Sirach 33,20-24) Man soll also nicht nur schauen, dass der Sklave seinen Platz im Haushalt kennt, sondern auch Frau und Kinder; Abhängigkeit von anderen ist das Schlimmste.
  • „Mein Sohn, wache streng über deine Tochter, damit sie dich nicht in schlechten Ruf bringt, kein Stadtgespräch und keinen Volksauflauf erregt, dich nicht beschämt in der Versammlung am Stadttor. Wo sie sich aufhält, sei kein Fenster, kein Ausblick auf die Wege ringsum. Keinem Mann zeige sie ihre Schönheit und unter Frauen halte sie sich nicht auf. Denn aus dem Kleid kommt die Motte, aus der einen Frau die Schlechtigkeit der andern. Besser ein unfreundlicher Mann als eine freundliche Frau und (besser) eine gewissenhafte Tochter als jede Art von Schmach.“ (Jesus Sirach 42,11-14Bewache deine Tochter – nicht um ihretwillen, sondern damit du vor den Nachbarn nicht schlecht dastehst.
  • „Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, damit er später Freude erleben kann. Wer seinen Sohn in Zucht hält, wird Freude an ihm haben und kann sich bei Bekannten seiner rühmen. Wer seinen Sohn unterweist, erweckt den Neid des Feindes, bei seinen Freunden kann er auf ihn stolz sein. Stirbt der Vater, so ist es, als wäre er nicht tot; denn er hat sein Abbild hinterlassen. Solange er lebt, sieht er ihn und freut sich, wenn er stirbt, ist er nicht betrübt: Er hat seinen Feinden einen Rächer hinterlassen und seinen Freunden einen, der ihnen dankbar ist. Wer den Sohn verzärtelt, muss ihm einst die Wunden verbinden; dann zittert bei jedem Aufschrei sein Herz. Ein ungebändigtes Pferd wird störrisch, ein zügelloser Sohn wird unberechenbar. Verzärtle den Sohn und er wird dich enttäuschen; scherze mit ihm und er wird dich betrüben. Lach nicht mit ihm, sonst bekommst du Kummer und beißt dir am Ende die Zähne aus. Lass ihn nicht den Herrn spielen in der Jugend; lass dir seine Bosheiten nicht gefallen! Beug ihm den Kopf in Kindestagen; schlag ihn aufs Gesäß, solange er noch klein ist, sonst wird er störrisch und widerspenstig gegen dich und du hast Kummer mit ihm. Halte deinen Sohn in Zucht und mach ihm das Joch schwer, sonst überhebt er sich gegen dich in seiner Torheit.“ (Jesus Sirach 30,1-13)
  • „Eine eifersüchtige Frau bringt Kummer und Betrübnis, die Geißel der Zunge ist allen (vieren) gemeinsam. Ein scheuerndes Ochsenjoch ist eine böse Frau; wer sie nimmt, fasst einen Skorpion an. Großer Verdruss ist eine trunksüchtige Frau; sie kann ihre Schande nicht verbergen. Die lüsterne Frau verrät sich durch ihren Augenaufschlag, an ihren Wimpern wird sie erkannt. Gegen eine Schamlose verstärke die Wache, damit sie keine Gelegenheit findet und ausnützt. Auf eine Frau mit frechem Blick gib Acht; sei nicht überrascht, wenn sie dir untreu wird. Wie ein durstiger Wanderer den Mund auftut und vom ersten besten Wasser trinkt, so lässt sie sich vor jedem Pfahl nieder und öffnet den Köcher vor dem Pfeil.“ (Jesus Sirach 26,6-12)
  • „Besser das Leben eines Armen unter schützendem Dach als köstliche Leckerbissen in der Fremde. Ob wenig oder viel, sei zufrieden, dann hörst du keinen Vorwurf in der Fremde. Schlimm ist ein Leben von einem Haus zum andern; wo du fremd bist, darfst du den Mund nicht auftun. Ohne Dank reichst du Trank und Speise und musst noch bittere Worte hören: Komm, Fremder, deck den Tisch, und wenn du etwas hast, gib mir zu essen! Fort, Fremder, ich habe eine Ehrenpflicht: Ein Bruder kam zu Gast, ich brauche das Haus. Für einen Mann mit Bildung ist es hart, geschmäht zu werden, wenn man in der Fremde lebt, oder beschimpft zu werden, wenn man einem geborgt hat.“ (Jesus Sirach 29,22-28)
  • „Streite nicht mit einem Mächtigen, damit du ihm nicht in die Hände fällst. Kämpf nicht gegen einen Reichen an, sonst wirft er zu deinem Verderben sein Geld ins Gewicht. Schon viele hat das Geld übermütig gemacht, die Herzen der Großen hat es verführt. Zank nicht mit einem Schwätzer und leg nicht noch Holz auf das Feuer! Pflege keinen Umgang mit einem Toren; er wird die Weisen doch nur verachten. […] Borge keinem, der mächtiger ist als du. Hast du geborgt, so hast du verloren. Bürge für keinen, der höher steht als du. Hast du gebürgt, so musst du zahlen. Rechte nicht mit einem Richter; denn er spricht Recht, wie es ihm beliebt.“ (Jesus Sirach 8,1-4.12-14)
  • „Rühme dich nicht vor dem König und stell dich nicht an den Platz der Großen; denn besser, man sagt zu dir: Rück hier herauf, als dass man dich nach unten setzt wegen eines Vornehmen.“ (Sprüche 25,6f.)
  • „Rede nicht vor den Ohren eines Törichten, denn er missachtet deine klugen Worte.“ (Sprüche 23,9)

Die Aussage scheint hier zu sein: Schau, dass du unabhängig und der Herr in deinem Haus bleibst, aber leg dich auch nicht mit Leuten an, die mächtiger sind als du, mach dir keinen unnötigen Ärger – schau einfach, dass es dir selber gut geht.

Zum Teil hängt das wohl mit der typischen Herangehensweise der Bücher Sprüche und Sirach zusammen. An manchen Stellen sind sie tatsächlich eher Selbsthilfebücher als gestrenge Moralpredigten. Die Autoren dieser beiden Texte betonen ständig, dass sie dir nur dazu raten, was dir selber nützen wird: Sei fleißig, denn Faulheit führt am Ende zu Armut. Steh treu zu deinem Freund, dann wird er auch zu dir stehen. Halte dich nicht selbst für besonders weise, dann stehst du am Ende nicht dumm da. Fang keine Affäre mit einer verheirateten Frau an, denn sonst hast du die Rache ihres Mannes zu befürchten – ach ja, und außerdem noch Gottes Gericht. Bleib lieber bei deiner eigenen Frau und zeuge ein paar legitime Erben, das ist das Beste für dich. Betrink dich nicht maßlos, das bringt dir auch bloß Armut. Achte deine Eltern. Sei weise. Sei gerecht. Borge den Armen. Beuge nicht das Recht der Witwen und Waisen. „Denn ihr Anwalt ist mächtig, er wird ihre Sache gegen dich führen.“ (Sprüche 23,11) Die Aussage dieser Bücher ist ganz einfach: „Wohl dem Menschen, der stets Gott fürchtet; wer aber sein Herz verhärtet, fällt ins Unglück.“ (Sprüche 28,14) Das ist, ehrlich gesagt, eine gar nicht mal so dumme Motivationstaktik, wenn man die Leute dazu bringen will, das Richtige zu tun.

Und noch etwas ist typisch für Sprüche und Jesus Sirach: Ihre Einstellung gegenüber „Zucht“ und „Ermahnung“ zur Besserung (eine Einstellung, die in ihren Grundzügen übrigens auch im NT überdauert):

  • „Treu gemeint sind die Schläge eines Freundes, doch trügerisch die Küsse eines Feindes.“ (Sprüche 27,6)
  • „Öffne dein Herz für die Zucht, dein Ohr für verständige Reden! Erspar dem Knaben die Züchtigung nicht; wenn du ihn schlägst mit dem Stock, wird er nicht sterben. Du schlägst ihn mit dem Stock, bewahrst aber sein Leben vor der Unterwelt. Mein Sohn, wenn dein Herz weise ist, so freut sich auch mein eigenes Herz. Mein Inneres ist voll Jubel, wenn deine Lippen reden, was recht ist.“ (Sprüche 23,12-16)
  • „Ein weiser Sohn ist die Frucht der Erziehung des Vaters, der zuchtlose aber hört nicht auf Mahnung.“ (Sprüche 13,1)
  • „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“ (Sprüche 13,24)
  • „Wer Zucht liebt, liebt Erkenntnis, wer Zurechtweisung hasst, ist dumm.“ (Sprüche 12,1)
  • „Wer Ermahnung hasst, folgt der Spur des Sünders; wer den Herrn fürchtet, nimmt sie sich zu Herzen.“ (Jesus Sirach 21,6)
  • „Wie Musik zur Trauer ist eine Rede zur falschen Zeit, Schläge und Zucht aber zeugen stets von Weisheit.“ (Jesus Sirach 22,6)

Wenn diese Bücher also z. B. strenge Kindererziehung empfehlen, dann nicht nur, damit die Kinder den Eltern Ehre machen (das ist eher ein motivierender Nebeneffekt), sondern um der Kinder selber willen. Zwar wird zwischendurch auch mal zur Vorsicht bei Ermahnung und Zucht geraten – „Manche Ermahnung geschieht zur Unzeit; mancher schweigt und der ist weise. Keinen Dank erntet, wer den Zornigen zurechtweist; wer Lob erteilt, bleibt vor Schimpf bewahrt. Wie ein Entmannter, der bei einem Mädchen liegt, ist einer, der mit Gewalt das Recht durchsetzen will. Mancher schweigt und gilt als weise, mancher wird trotz vielen Redens verachtet. Mancher schweigt, weil er keine Antwort weiß, mancher schweigt, weil er die rechte Zeit beachtet.“ (Jesus Sirach 20,1-6) –, aber generell wird beides als gut, und zwar für einen selber und für andere, gesehen.

Okay, aber kommen wir mal wieder zu der Stelle mit den Schlägen und den Ketten für den Sklaven zurück. Darum geht es hier ja eigentlich; und das ist auch nicht einfach so mit strenger Kindererziehung oder der gegenseitigen gut gemeinten Ermahnung von Freunden gleichzusetzen. Hier geht es darum, dass der Sklave seine Arbeit für dich erledigen soll, nicht darum, dass er zu einem guten Menschen gemacht werden soll. Da würde ich jetzt einfach mal wieder meine Standard-Lösung aus der Tasche ziehen: Das ist Altes Testament.

Die Autoren dieser Texte geben Ratschläge dafür, wie man klug, weise und gottesfürchtig leben und auch noch im Alltag gut auskommen soll; und zwar aus ihrer, an manchen Stellen noch begrenzten und entwicklungsbedürftigen Sicht. Mach dich nicht von anderen abhängig; halte Ordnung in deinem Haushalt; verwöhne deine Kinder nicht; sei gerecht. Das sind ihre Prinzipien an solchen Stellen, und dann kommen da eben konkrete Ratschläge heraus, die empfehlen, den Sohn und den Sklaven zu schlagen, bzw. den Sklaven ggf. auch in Ketten zu legen und so weiter, oder die Tochter mehr oder weniger einzusperren. Die Autoren dieser Stellen sahen die Sklaverei nicht als etwas grundsätzlich Schlechtes, sondern als einen normalen Bestandteil des Lebens, und mahnten dann so ein bisschen grundlegende Gerechtigkeit (im eigenen Interesse) an, um die allgemein übliche Strenge abzumildern, die sie nicht ganz ablehnten.

Mit Regel Nummer 13 ausgedrückt: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch mit Rauschen überlagert.

Okay, aber ich hatte ja noch eine genauere Regel zu dieser AT-Sache, nämlich die Nummer 16: Das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist. Und… was sagt also das Neue Testament jetzt zu dem Thema Sklaverei?

Na ja, es gibt folgende Stellen – allesamt aus den Briefen des NT, da das Thema Sklaverei in den Evangelien schlicht nicht angesprochen wird; die Sklaverei kommt dort vor als eine Sache, die eben existiert, und die für Vergleiche in Gleichnissen herangezogen werden kann, aber mehr nicht.

  • Da ist einerseits diese schöne Stelle: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)
  • Dann ist da der Brief an Philemon, einen reichen Christen, dem sein Sklave Onesimus weggelaufen ist, welchen Paulus dann im Gefängnis getroffen, ebenfalls zum Christentum bekehrt und schließlich mit folgendem Schutzbrief zu seinem Herrn zurückgeschickt hat: „Paulus, Gefangener Christi Jesu, und der Bruder Timotheus an unseren geliebten Mitarbeiter Philemon, an die Schwester Aphia, an Archippus, unseren Mitstreiter, und an die Gemeinde in deinem Haus: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich in meinen Gebeten an dich denke. Denn ich höre von deinem Glauben an Jesus, den Herrn, und von deiner Liebe zu allen Heiligen. Ich wünsche, dass unser gemeinsamer Glaube in dir wirkt und du all das Gute in uns erkennst, das auf Christus gerichtet ist. Es hat mir viel Freude und Trost bereitet, dass durch dich, Bruder, und durch deine Liebe die Heiligen ermutigt worden sind. Obwohl ich durch Christus volle Freiheit habe, dir zu befehlen, was du tun sollst, ziehe ich es um der Liebe willen vor, dich zu bitten. Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. Früher konntest du ihn zu nichts gebrauchen, doch jetzt ist er dir und mir recht nützlich. Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz. Ich würde ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient, solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin. Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein. Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst! Wenn er dich aber geschädigt hat oder dir etwas schuldet, setz das auf meine Rechnung! Ich, Paulus, schreibe mit eigener Hand: Ich werde es bezahlen – um nicht davon zu reden, dass du dich selbst mir schuldest. Ja, Bruder, um des Herrn willen möchte ich von dir einen Nutzen haben. Erfreue mein Herz; wir gehören beide zu Christus. Ich schreibe dir im Vertrauen auf deinen Gehorsam und weiß, dass du noch mehr tun wirst, als ich gesagt habe. Bereite zugleich eine Unterkunft für mich vor! Denn ich hoffe, dass ich euch durch eure Gebete wiedergeschenkt werde. Es grüßen dich Epaphras, der mit mir um Christi Jesu willen im Gefängnis ist, sowie Markus, Aristarch, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter. Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, sei mit eurem Geist!“
  • Dann gibt es auch diese Stelle: Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person. (Epheser 6,5-9)
  • Und auch hier wieder: Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren in allem! Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern fürchtet den Herrn mit aufrichtigem Herzen! Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht für Menschen; ihr wisst, dass ihr vom Herrn euer Erbe als Lohn empfangen werdet. Dient Christus, dem Herrn! Wer Unrecht tut, wird dafür seine Strafe erhalten, ohne Ansehen der Person. Ihr Herren, gebt den Sklaven, was recht und billig ist; ihr wisst, dass auch ihr im Himmel einen Herrn habt. (Kolosser 3,22-25.4,1)
  • Und noch mal: „Alle, die das Joch der Sklaverei zu tragen haben, sollen ihren Herren alle Ehre erweisen, damit der Name Gottes und die Lehre nicht in Verruf kommen. Wer aber einen gläubigen Herrn hat, achte ihn nicht deshalb für geringer, weil er sein Bruder ist, sondern diene ihm noch eifriger; denn sein Herr ist gläubig und von Gott geliebt und bemüht sich, Gutes zu tun. So sollst du lehren, dazu sollst du ermahnen.“ (1 Timotheus 6,1-2)
  • Und noch mal: „Die Sklaven sollen ihren Herren gehorchen, ihnen in allem gefällig sein, nicht widersprechen, nichts veruntreuen; sie sollen zuverlässig und treu sein, damit sie in allem der Lehre Gottes, unseres Retters, Ehre machen.“ (Titus 2,9f.)
  • Mit ausführlicherer Begründung: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften. Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet? Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war kein trügerisches Wort. Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen.“ (1 Petrus 2,18-25)
  • Und dann noch die – auf den ersten Blick – schwierigste Stelle: „Im Übrigen soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gottes Ruf ihn getroffen hat. Das ist meine Weisung für alle Gemeinden. Wenn einer als Beschnittener berufen wurde, soll er beschnitten bleiben. Wenn einer als Unbeschnittener berufen wurde, soll er sich nicht beschneiden lassen. Es kommt nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, die Gebote Gottes zu halten. Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter. Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi. Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen! Brüder, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“ (1 Korinther 7,17-24)

Zu der letzten Stelle zuerst. Der entscheidende Satz hier, Vers 21 („Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter.“), ist nämlich nicht unbedingt auf diese Weise zu übersetzen, wie die Einheitsübersetzung wenigstens in einer Fußnote kenntlich macht.

Der zweite Teil des Satzes heißt im griechischen Original (in lateinische Buchstaben übertragen): „all’ (aber/sondern) ei (wenn) kai (und/auch) dynasai (du kannst) eleutheros (frei) genesthai (werden), mallon (lieber) chresai (nütze).“ „Und wenn du aber frei werden kannst, nütze es lieber“, oder, besser klingend, „Und wenn du aber frei werden kannst, ergreif lieber die Gelegenheit“ ist dafür meiner Ansicht nach die stimmigste Übersetzung – also das genaue Gegenteil der Übersetzung in der Einheitsübersetzung. Der vordere Teil ist klar; wie „mallon chresai“ zu übersetzen ist, ist die Frage. „Mallon“ bedeutet einfach „eher, lieber“; „chresai“ heißt so etwas wie „gebrauche, nütze, nimm in Gebrauch“; also würde man hier wohl logischerweise annehmen, wenn man den Satz für sich stehen lässt, dass er lautet: „Und wenn du aber frei werden kannst, nütze es lieber.“ Dann werde frei. Wenn du dich freikaufen kannst, oder jemand dich freikaufen kann, oder dein Herr dich freilassen will – wieso solltest du das nicht nützen? Diese Übersetzung macht auch schon deshalb mehr Sinn, weil das Freilassen von Sklaven im frühen Christentum immer als gutes Werk betrachtet wurde; wenn Paulus dann raten würde, eine solche gute Tat nicht anzunehmen, wäre das etwa so, als würde er Bettlern raten, keine Almosen anzunehmen, worauf er sicherlich nie gekommen wäre.

Okay, aber ein Problem bleibt noch: Wie passt dieser Satz dann in den Kontext der Stelle? Er passt wunderbar. In den ersten Sätzen arbeitet Paulus das Grundprinzip aus: Du musst, wenn du Christ geworden bist, normalerweise nichts an deinem Stand verändern, du kannst so kommen, wie du bist. Es ist okay, als Judenchrist beschnitten zu sein; aber die Heidenchristen müssen sich nicht extra beschneiden lassen. Dann kommt die Ausnahme: „Wenn du als Sklave berufen wirst, soll dich das nicht bedrücken [weil die Sklaven vor Christus genauso viel gelten wie die Freien; daran muss sich also nichts ändern, damit du Christ sein kannst]; wenn du aber [ja, hier steht ein aber! – s. o.] frei werden kannst, dann ergreife die Gelegenheit. Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi. Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen!“ (Besonders dieser Satz passt doch zu meiner Übersetzung!) Dann wird noch einmal das Prinzip von oben, das offensichtlich vor allem für die konkrete Frage der Beschneidung gilt, wiederholt: „Brüder, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“

Wo liegt das Problem?

Ich frage mich wirklich, wieso die Übersetzer der EÜ nicht die offensichtliche Übersetzung für den Text gewählt haben, anstatt sie in einer Fußnote zu verstecken. Aber mei – es ist halt die EÜ.

Jetzt sind auch die restlichen Stellen kein so großes Problem mehr. Paulus und Petrus geben hier Menschen, die sich in einer ungerechten Situation befinden, die sich nicht einfach so aus der Welt schaffen lässt, Rat, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Und ihr Rat folgt dabei den Prinzipien des NT „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Römer 12,21) und „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ (Matthäus 5,39). (Mit diesen Prinzipien kann man es übrigens auch zu weit treiben, aber das ist ein Thema für einen eigenen Beitrag in dieser Reihe. Aber wen es interessiert: Der letzte römische Sklavenaufstand, bevor Paulus und Petrus ihre Briefe schreiben, nämlich der des Spartakus, hatte mit 6000 Kreuzen entlang der Via Appia geendet.) Sie reden nicht darüber, dass die Sklaverei an sich abgeschafft gehört, weil sie überhaupt keine Macht gehabt hätten, irgendetwas zur Abschaffung der Sklaverei zu tun – abgesehen davon, dass sie ein so selbstverständlicher Teil der römischen Wirtschaftsordnung war, dass niemand sich damals eine Welt ohne sie vorstellen hätte können; so wie heute ungleiche Löhne oder Arbeitslosigkeit oder Ehescheidungen selbstverständlich sind, auch wenn sie niemand gut findet. Sie behandeln die Institution der Sklaverei so, wie sie einen ungerechten Staat behandeln, unter dem sie selber zu leiden hatten. („Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam“, usw. (Römer 13,1), wobei Paulus in diesem Abschnitt die Autorität des Staates tatsächlich wesentlich stärker betont als an anderen Stellen die Autorität von Sklavenhaltern, was Sinn macht, da der Staat eine tatsächlich notwendige Einrichtung ist.) Dabei weisen beide auch die Herren an, ihre Sklaven gerecht zu behandeln („droht ihnen nicht“, „gebt ihnen, was recht und billig ist“) – und zwar mit der zentralen Begründung, dass der Unterschied zwischen Herren und Sklaven, der in dieser Welt gemacht wird, vor Gott nicht gilt: Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.

Paulus und Petrus mussten mit der Situation umgehen, wie sie damals war. Der Brief an Philemon illustriert diese Situation ganz gut. Paulus schickt Onesimus zurück, was wahrscheinlich ganz klug ist, denn ein Sklave auf der Flucht lebte weder besonders sicher noch besonders gut. Vielleicht will er damit vermeiden, dass Onesimus irgendwann gefangen und von anderen zurückgebracht und von Philemon dann bestraft wird. Also lässt er ihn freiwillig zurückkehren und gibt ihm einen Brief mit viel nett formuliertem moralischen Druck für seinen Herrn und der impliziten Bitte um Onesimus’ Freilassung mit. Er macht das Beste aus der Situation. (Der Überlieferung nach wurde Onesimus dann übrigens freigelassen und wurde später Bischof.)

Niemand im ganzen NT forderte je einen gewaltsamen Aufstand gegen Sklaverei oder andere Ungerechtigkeit, oder irgendetwas in der Art; überhaupt sind das sehr gewaltlose Texte. Aber das Prinzip, das hier immer wieder wiederholt wird, gräbt der Institution der Sklaverei das Wasser ab: Vor Gott sind alle Menschen gleich, und nicht gleich gering, sondern gleichermaßen geliebt.

Das Thema Sklaverei ist allerdings auch ein gutes Beispiel dafür, dass das protestantische Sola-Scriptura-Prinzip nicht funktioniert. Die NT-Stellen oben lassen sich mit der Ansicht, dass es Sklaverei eigentlich überhaupt nicht geben sollte, weil es in sich schlecht ist, andere Menschen zu besitzen, sehr wohl gut vereinbaren; aber diese Ansicht wird darin nicht ausdrücklich gelehrt. 1845 spalteten sich die Southern Baptists in den USA von der nationalen Vereinigung der baptistischen Kirchen wegen eines Streits um die Sklaverei ab; sie waren überzeugt (oder wollten sich selbst davon überzeugen?), dass die Sklaverei gut biblisch sei, wofür sie u. a. diese Stellen heranzogen (aber seltsamerweise auch eine obskure AT-Stelle über Noahs Fluch über seinen Sohn Ham, der dann in den Ahnenlisten u. a., aber nicht nur, als Ahnvater mehrerer afrikanischer Völker gelistet wird, was laut Southern Baptists etc. begründen sollte, wieso Afrikaner grundsätzlich Sklaven von Weißen sein sollten – protestantische Bibelauslegung ist manchmal seltsam, und Bibelauslegung zu bestimmten Zwecken seltsamer). Andere Kirchen – Northern Baptists, Methodisten, Quäker, etc. – riefen zur selben Zeit zur Abschaffung der Sklaverei auf, und das ebenfalls mit biblischen Begründungen. Wo die Bibel offensichtlich nicht ausreicht, um ein Thema zu klären, braucht es aber eine weitere Autorität, also das Lehramt der Kirche.

Sicher, das hier ist auch, was den Katholizismus angeht, ein klassisches Beispiel für eine länger dauernde „Entwicklung der Glaubenslehre“ (John Henry Newman). In der Antike wurde es von den Priestern und Bischöfen der Kirche immer als gutes Werk gepriesen, Sklaven freizulassen, und es gab ein paar sehr wenige Theologen, die die Sklaverei an sich anprangerten – wenn ich mich recht erinnere, predigte der hl. Johannes Chrysostomus einmal darüber, wie schlimm es war, andere Menschen wie Besitz zu behandeln anstatt wie Menschen. Aber das waren wenige Stimmen, und es gab keine offizielle Lehre dazu, ob die Sklaverei nun an sich recht war; und es wurde sicher nie als heilsnotwendig gesehen, Sklaven, die man besaß, freizulassen, solange man sie gut behandelte. Synoden schrieben zwar Bußen z. B. für die Tötung von Sklaven fest, aber auch Kleriker und Klöster besaßen Sklaven. Im frühen Mittelalter verschwand die Sklaverei dann nach und nach bzw. machte der weniger schlimmen Leibeigenschaft Platz, wo der Leibeigene gewisse festgeschriebene Rechte gegenüber seinem Herrn besaß, da sich allmählich doch die Ansicht durchsetzte, dass es irgendwie nicht so gut war, seine Brüder und Schwestern in Christo als Sklaven zu halten. Aber noch mittelalterliche Theologen waren der Meinung, dass die Sklaverei bzw. Leibeigenschaft (lt. beides „servitus“ – auch wenn sich die Sache änderte, änderte sich der Fachbegriff erst einmal nicht), ebenso wie gesellschaftliche Ungleichheit und Unterordnung im Allgemeinen, normaler Bestandteil der weltlichen Ordnung nach dem Sündenfall sei, der die ursprüngliche Gleichheit der Menschen zerstört hatte. Allerdings lehrte z. B. der hl. Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert, dass es Unfreiheit, Unterordnung und „servitus“, die durch das weltliche Gesetz bestimmt wurden, nur dann geben durfte, wenn sie im Ganzen dem Gemeinwohl, und damit auch dem Wohl der Beherrschten und Leibeigenen, die von den Weiseren zu ihrem Besten regiert werden sollten, zugute käme; von der Ansicht z. B. eines Aristoteles, dass ein Sklave nur ein beseeltes Werkzeug und Besitzstück seines Herrn ohne eigenen Wert sei, das dieser behandeln konnte, wie er wollte, war man inzwischen zwangsläufig weit abgekommen, einfach wegen der klaren biblischen Lehre, dass es vor Gott „nicht Sklaven und Freie“ (Galater 3,28) gibt. Gewerbsmäßiger Sklavenhandel existierte zu dieser Zeit in Westeuropa schon nicht mehr. Trotzdem war die Sklaverei, obwohl sie einen irgendwie unchristlichen Ruf hatte, vergleichbar mit der Kinderarbeit in späteren Zeiten, an sich nie verboten worden und konnte so in der Neuzeit mit dem beginnenden Kolonialismus wieder auferstehen, als man neue Länder entdeckte und für sich beanspruchte, wo es Arbeitskräftebedarf für neu angelegte Tabaksplantagen und Silberbergwerke gab, und wo man auf Völker traf, die man für minderwertige Wilde erklären konnte. (Interessanterweise folgte der Rassismus übrigens der Sklaverei eher, als dass er ihre Ursache war. Das heißt, es gab ihn in Maßen schon, aber die ersten Sklavenhändler, die afrikanischen Stammesfürsten ihre Kriegsgefangenen aus anderen Stämmen gegen Gewehre und Rum und Glasperlen abkauften und diese dann nach Cartagena oder in die Karibik verschifften, waren noch nicht der Meinung, dass es einen ontologischen Unterschied zwischen weißen und schwarzen Menschen gäbe, wie das die Sklaverei-Verteidiger des 19. Jahrhunderts dann erklärten. Im 16., 17. Jahrhundert begaben sich in den nord- und südamerikanischen Kolonien auch oft Weiße in Schuldknechtschaft, arbeiteten zusammen mit Schwarzen oder Indios, und wurden dann nach einer bestimmten Anzahl von Jahren frei entlassen, oft auch zusammen mit diesen schwarzen oder eingeborenen Sklaven. Die strikte Rassentrennung, die Tatsache, dass Weiße praktisch immer frei und Schwarze in der Regel Sklaven waren, entwickelte sich eher nach und nach, und auch mehr in Nord- als in Lateinamerika. Exkurs Ende.)

In dieser Zeit allerdings, als das Problem wieder neu da war, und zwar mit aller Härte der antiken oder außereuropäischen Sklaverei, die im europäischen Mittelalter geschwunden war, kamen auch langsam die ersten päpstlichen Verurteilungen. Na ja, zuerst mal gab es im 15. Jahrhundert, als alles gerade erst anfing, noch päpstliche Genehmigungen für Portugiesen und Spanier, die fernen Länder in Afrika und im Westen und die Heiden dort unter sich aufzuteilen, unter anderem auch von dem berühmt-berüchtigten Alexander VI., der nicht der einzige Papst war, der sich lieber politisch als geistlich betätigte (http://www.papalencyclicals.net/nichol05/romanus-pontifex.htm, http://www.papalencyclicals.net/alex06/alex06inter.htm); dann ab dem 16. Jahrhundert erreichten Missionare und andere Kirchenmänner wie Bartolomé de las Casas päpstliche Verurteilungen der Versklavung von Indios und Afrikanern (sie „sollen auf keine Weise ihrer Freiheit oder des Besitzes ihrer Güter beraubt werden, selbst wenn sie sich außerhalb des Glaubens Jesu Christi befinden“ (http://www.papalencyclicals.net/paul03/p3subli.htm), so zum Beispiel Paul III. 1537 (von mir aus der englischen Übersetzung übersetzt)). Es kamen im Lauf der nächsten Jahrhunderte noch ein paar mehr Verurteilungen, die mit der Zeit deutlicher wurden, und nicht mehr nur den Sklavenhandel, sondern dann auch die Sklaverei an sich betrafen. Bis zu ihrer Abschaffung dauerte es in vielen europäischen Kolonien und ehemaligen Kolonien noch bis ins 19. Jahrhundert, teilweise bis weit ins 19. Jahrhundert, aber die Kirchenlehre war bis zu dieser Zeit klar.

Worauf ich hinaus will: Für die grundsätzliche Ablehnung der Sklaverei bietet die Bibel Ansatzpunkte, sie bietet vor allem eine Weltanschauung, die die Sklaverei eigentlich von vornherein unmöglich machen sollte, aber sie bietet keine unmissverständliche Position. Die bot dann die Kirche, als sie ihre Lehre im Lauf der Zeit klärte und explizit machte.

(Falls ich im AT noch Stellen übersehen haben sollte, kann man es mir übrigens gerne mitteilen.)