Ich habe ja nichts gegen Evangelikale… also, nichts Wirksames.

Kleiner Scherz. Natürlich ist die Wahrheit des katholischen Glaubens wirksam gegen evangelikale Häresien, wenn sie sich vermitteln lässt.

Wie auch immer, ich fand, es wäre mal an der Zeit für ein bisschen Evangelikalen-Bashing. Die evangelikalen Freikirchen sind in den letzten Jahren ja so ein bisschen zu den „Lieblingshäretikern“ von vielen Katholiken geworden. Sie sind wertkonservativ, glaubensstark, beten viel und lesen viel in der Bibel, wagen es, Wörter wie „Mission“ in den Mund zu nehmen und haben mit ihrer Mission oft auch Erfolg, wie man an ihren i. d. R. jungen, wachsenden Gemeinden sehen kann – sie machen vieles richtig, kurz gesagt. Und während sich die „amtskirchliche“ Ökumene in Deutschland noch vor allem auf die traditionell starken Lutheraner konzentriert, bauen erfolgreiche ökumenische „Grass-Roots“-Initiativen wie das Gebetshaus Augsburg und die MEHR-Konferenz eher auf eine Zusammenarbeit zwischen allen Jesus-begeisterten, „konservativen“, „bibeltreuen“ Christen, also hauptsächlich diversen Freikirchen und der Katholischen Kirche.

Ich will hier nicht die Glaubensstärke vieler Evangelikaler kleinreden. Und sie bekommen die Grundsätze des christlichen Glaubens tatsächlich oft gar nicht schlecht hin. Ihr Glaube ist oft mehr defizitär als irrig – aber defizitär ist er definitiv. Ihnen fehlen sieben Bücher in der Bibel, die meisten Sakramente, das Bewusstsein der Gemeinschaft mit den Heiligen im Himmel, eine geeinte Weltkirche, die von Christus die Autorität bekommen hat, in umstrittenen Glaubensfragen zu entscheiden, und noch ein paar andere Dinge. Und das, was ihnen fehlt, ist leider nicht unbedeutend, und es gibt immer noch Dinge, zu denen sie verdrehte Vorstellungen haben, und da sollten wir in der Ökumene drauf aufpassen. Ein Beispiel: Die Alphakurs-Videos vermitteln viel Richtiges und man kann sie schon in katholischen Pfarreien verwenden. Das Video darüber, ob die Auferstehung Jesu historische Wirklichkeit ist, ist zum Beispiel wirklich gut gemacht (auch wenn die deutsche Synchronisation schlecht ist). Das Video über die Bedeutung der Kirche dagegen sagt bloß ein paar nette Sachen darüber, dass wir Christen alle eine Gemeinschaft sind, und bringt dann auch an einer Stelle die Aussage, dass Protestanten, Katholiken usw. alle zusammen die Kirche bilden würden. Das ist aber falsch; Jesus Christus hat eine Kirche gegründet, die auch institutionell eins sein sollte, und die Protestanten und andere haben sich dann später von ihr abgespalten; sie gehören zwar durch die Taufe zur Christenheit, aber eben nicht wirklich zu der einen Kirche. Diese Trennung ist schade, sollte aber nicht geleugnet werden. Ein katholisches Video hätte außerdem noch zusätzliche Informationen über die Bedeutung des Lehramts, der Konzilien, der Päpste, der Bischöfe usw. enthalten und wäre vielleicht auch darauf eingegangen, dass auch die Christen im Himmel und im Fegefeuer ebenso zur Kirche gehören wie die auf der Erde.

Folgende Hauptkritikpunkte am Evangelikalismus fallen mir ansonsten noch ein (ich verallgemeinere natürlich ein bisschen; jede Freikirche ist irgendwo anders als die andere, und es gibt vermutlich wenige, auf die jeder meiner Punkte zutrifft) :

  • Eine unklare und falsche Rechtfertigungslehre. Viele Evangelikale fühlen sich heute zwar unwohl mit der klassischen Lehre der Reformatoren über die Erwählung und den freien Willen, und neigen zu der katholischen Auffassung, dass Gott allen Menschen seine Gnade anbietet und der einzelne Mensch sie dann in einer freien Entscheidung annimmt oder ablehnt, aber manche glauben auch noch ganz klassisch an eine Prädestination im Sinne Calvins. Außerdem ist die Annahme von Gottes Gnade für die meisten Evangelikalen eine einmalige Entscheidung und besteht allein im Glauben, gute Werke gehören nicht dazu (sola fide).
  • Man wird also direkt durch die eigene Entscheidung Christ, also, indem man an irgendeinem Punkt seines Lebens betet: „Jesus, ich glaube, dass du für meine Sünden gestorben bist und übergebe dir von jetzt an mein Leben“ oder so ähnlich. Die Taufe ist dann höchstens noch eine symbolische Handlung, die man vornimmt, um Gott zu zeigen, dass man sich für ihn entschieden hat, weil das anscheinend in der Schrift so vorgesehen ist. Das ist falsch: Tatsächlich sagt die Schrift sehr klar, dass die Taufe uns rettet (1 Petr 3,21; Mk 16,16; Joh 3,5; Tit 3,5…), dass in ihr Gottes Gnade an uns wirkt.* In der evangelikalen Sichtweise ist somit auch nicht vorgesehen, dass Gott auch die noch nicht des Vernunftgebrauchs mächtigen Kinder schon in seinen Bund aufnimmt. Dementsprechend lehnen viele Freikirchen die Kindertaufe ab und meinen, dass jemand, der einfach als Christ aufgewachsen ist und immer selbstverständlich geglaubt hat, nicht unbedingt ein wirklicher Christ ist, weil er ja keine bewusste Entscheidung zu einem klar bestimmbaren Zeitpunkt getroffen hat.
  • Manche Evangelikale leugnen auch, dass jemand, der keine bewusste Entscheidung für Jesus getroffen hat, auf irgendeine Weise erlöst werden kann, auch dann, wenn er nie von Jesus gehört hat. Das lässt offensichtlich Gott ungerecht erscheinen und ist einfach unsinnig (dazu habe ich mich hier auch schon mal geäußert).
  • Wenn man einmal erlöst ist, kann man nach dieser Theologie durch keine Sünde wieder verloren gehen („once saved, always saved“). Die Folge daraus: Wenn jemand, der mal ein entschiedener, gläubiger Christ war, dann ein schlimmer Sünder wird oder wieder vom Glauben abfällt, dann kann derjenige nie wirklich erlöst gewesen sein. Auch, wenn er vorher selber geglaubt hat, wirklich erlöst zu sein. Das führt natürlicht leicht dazu, dass man sich fragt: Bin ich denn wirklich erlöst? War meine Bekehrung denn echt? Wie kann ich mir da sicher sein? Das kann man in diesem theologischen System nicht, obwohl gerade diese Sicherheit, dass man, wenn man sich bekehrt hat, auf jeden Fall in den Himmel kommen würde, der ursprüngliche Hintergedanke bei der Lehre von der „Beharrlichkeit der Heiligen“ war.
  • Die meisten Evangelikalen glauben, dass das Kreuzesopfer Christi so funktioniert, dass uns nur äußerlich Christi Schuldlosigkeit zugerechnet wird, wir werden nicht wirklich innerlich geheiligt. Rechtfertigung und Heiligung hängen gemäß der katholischen Sicht enger zusammen; wir werden durch Gottes Gnade nicht nur für gerecht erklärt, wobei wir ebenso Sünder bleiben wie vorher, sondern werden auch nach und nach wirklich geheiligt; Heiligung und Erlösung sind eins, daher muss sich ja auch die Annahme von Gottes Gnade in Werken zeigen.
  • Weil die Sakramente nicht viel zählen und das sog. Abendmahl nur selten gefeiert wird und dann nur symbolische Bedeutung hat, verkommt der Sonntagsgottesdienst in vielen Freikirchen zu einer Mischung aus Vortrag und Lobpreiskonzert. Da wird nicht Gottes Handeln an uns erfahrbar, sondern Christen treffen sich, um über ihren Glauben informiert oder ermutigt zu werden und zu Gott zu beten. Das ist gut, aber eben defizitär, wie oben gesagt.
  • Weil sie keine geeinte Kirche haben, haben die Freikirchen auch keine geeinte Lehre. Sie können zwangsläufig keine geeinte Position zu kontroversen Fragen haben. Und ihre einzelnen Positionen sind oft inkonsequent und schlecht begründet. Ein Beispiel: Frauen im Klerus. Liberalere Gemeinden haben kein Problem mit Pastorinnen, was aber viele Christen, die sich als bibeltreu verstehen und Wert auf historische Kontinuität legen, stört. Konservativere Gemeinden dagegen sehen, dass es gegen die Zulassung von Frauen zu Autoritätspositionen in der Kirche gewisse neutestamentliche Einwände gibt, also lassen sie keine Pastorinnen zu; aber sie können das schlecht begründen, weil ihre Pastoren nur Gemeindeleiter und Prediger sind, keine Priester, die Christus repräsentieren – und wieso sollten Frauen nicht, zumindest als Ausnahme oder Vertretung mal, Gottesdienste organisieren, Gemeindemitglieder beraten, Vorträge über den Glauben halten dürfen etc.? Die konservativsten Gemeinden erklären dann, um konsequent zu sein, dass Frauen grundsätzlich keine Männer etwas in Glaubensdingen lehren dürften, also z. B. auch keine Bibelgruppe, zu der Männer gehören, leiten dürften; was in dieser extremen Weise unsinnig und auch biblisch wieder kaum begründbar ist (vgl. z. B. Apg 18,26).
  • Viele Freikirchen sind stolz darauf, das  zu lehren, was der historische Glaube der Christenheit sei, auch wenn sie auch Dinge lehren, die tatsächlich eher durch die moderne Kultur geprägt sind. Beispiel: Scheidung und Wiederheirat hinterher. Erlaubt, nicht erlaubt, unter bestimmten Umständen erlaubt? Fast alle Freikirchen erlauben nicht nur die Scheidung, sondern auch die Wiederheirat danach zumindest unter gewissen Umständen, auch wenn sie sie nicht für ideal halten; entgegen den Worten von Jesus und Paulus (Mk 10,2-12; Mt 19,3-12; 1 Kor 7,10f.„Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“). Anderes Beispiel: Künstliche Methoden der Empfängnisverhütung wurden bis 1930 von allen Kirchen abgelehnt und sind heutzutage für die meisten Protestanten völlig unproblematisch.
  • Manchmal stößt man unter Evangelikalen auch auf bizarre theologische Ideen, die erst in den letzten zweihundert oder hundert oder fünfzig Jahren entstanden sind. Paradebeispiel: Die Entrückung (englisch „rapture“). Der Antichrist kommt bald, aber vorher werden alle Christen plötzlich von Jesus in den Himmel entrückt, damit sie nicht wie der Rest der Menschheit die Plagen der siebenjährigen Endzeit durchmachen müssen. Ein anderes Beispiel wäre der sog. „prosperity gospel“.
  • Solche Freikirchen neigen manchmal auch zu dem, was man allgemein als „Biblizismus“ oder „Fundamentalismus“ bezeichnet, nämlich zu der Position, dass die wörtlichste Bibelauslegung immer die stimmigste Bibelauslegung wäre und die, die den größten Respekt vor Gottes Wort zeigt (na ja, außer Christus redet davon, dass Brot und Wein sein Leib und Blut sind, das ist natürlich symbolisch gemeint). Deshalb vertreten sie teilweise kreationistische Positionen, also die Ansicht, dass Gott die Welt vor ca. 6000 Jahren in genau sieben Tagen erschaffen habe. Das ist zwar auch für Katholiken eine erlaubte Interpretation von Genesis 1, aber nicht die einzig erlaubte, und man sollte Leute nicht vom Christentum wegtreiben, indem man sie als die einzig erlaubte hinstellt.
  • Viele Evangelikale vertreten die Ansicht, dass die Schrift nicht nur keine Irrtümer enthalte, sondern für alles genüge, was der Christ so wissen muss, und dabei auch ganz klar und eindeutig sei. Das ist einfach objektiv nicht der Fall; es ist nicht immer leicht, rein aus der Bibel ganz klare Imperative zu, sagen wir mal, künstlicher Befruchtung, Abschreckung durch Atomwaffen oder die Verpflichtung zu Kopfbedeckungen für Frauen im Gottesdienst abzuleiten. Deshalb haben ja auch so viele Evangelikale so viele unterschiedliche Ansichten zu allen möglichen Themen.
  • Noch eine jetzt wirklich mehr geschmackliche Sache: Ich habe den Eindruck, dass viele Freikirchler ihre Botschaft zu gefühlsbetont herüberbringen (auch wenn andere Freikirchler sich dann wieder gegen solche Gefühlsbetontheit wenden). Als Beispiel ein Auszug aus der Internetseite der International Christian Fellowship (ICF) München (aus der Rubrik „Unsere Vision“) : „Wir träumen von einer Kirche, in der Jesus Christus im Zentrum steht. Er entfacht in ihr eine unvergleichliche Leidenschaft, die sich in lebensverändernden Predigten, kraftvollem Worship und überfließender Kreativität entfaltet. In dieser Kirche feiern und genießen wir die Beziehung zu unserem himmlischen Vater voller Enthusiasmus und lernen ihn in all seinen Facetten immer tiefer kennen.“ Enthusiasmus und Leidenschaftlichkeit sind sicher nicht schlecht; aber Gefühle sind eben nicht das Entscheidende im christlichen Leben (entscheidender sind Vernunftüberlegungen, Entscheidungen, Taten), und manche Leute sind von ihrem Temperament her nicht besonders leidenschaftlich. Manche Leute mögen es nicht mal, bei Worship-Konzerten die Hände in die Luft zu strecken…

Ich sag’s am besten nochmal: Viele Evangelikale machen vieles richtig, und natürlich ist ökumenische Zusammenarbeit da, wo wir übereinstimmen (z. B. beim Lebensschutz oder der Hilfe für verfolgte Christen), sinnvoll. Aber wir sollten einfach nicht meinen, dass wir bis ein paar unwichtige Details denselben „historischen“, „biblischen“ Glauben teilen würden, während es mit der modernistischen EKD gar keine Gemeinsamkeiten mehr gäbe. Beim Gebetshaus Augsburg zum Beispiel, das ich an sich sehr sympathisch finde, wird oft die Botschaft vermittelt: „Wenn wir Europa wieder zum Christentum zurückführen wollen, geht das nur gemeinsam, da brauchen wir die katholische Kirche und die Freikirchen.“ Nein, nicht zwangsläufig. Um wieder christlich zu werden, müsste Europa nicht zwangsläufig zur Hälfte häretisch werden. Ich bin zwar eigentlich der Ansicht, dass fehlerhaftes Christentum immer noch besser ist als totaler Unglaube, aber idealer wäre es doch, die Anhänger eines fehlerhaften Christentums würden die Fülle der Wahrheit in der katholischen Kirche finden.

* Natürlich kann Gott auch Leute erlösen, denen die Taufe fehlt, s. das Konzept der Begierdetaufe. Aber Er hat die Taufe als den normalen Standardweg der Erlösung für uns eingerichtet. Wenn ein Verletzter sich an einem unzugänglichen Ort befindet, kann auch ein Hubschrauber kommen, um ihn zu bergen, aber das normalerweise vorgesehene Fahrzeug dafür ist und bleibt trotzdem der Krankenwagen.

Basisausrüstung zur Häresiebekämpfung für das Jubiläumsjahr 2017

Eine andere Bloggerin hat bereits mehrfach zu gegenreformatorischem Engagement anlässlich des Reformationsjahres aufgerufen, und ich schließe mich der Taskforce Fatima natürlich gerne an. Hier versorge ich meine Leser also gern mit ein paar Argumenten, die zur einfachen Grundausstattung zur Bekämpfung von Häresie und Schisma im reformatorischen Bereich gehören:

1) Protestanten kann man leicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie glauben an sola scriptura? Okay:

Matthäus 16,18f.: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“

1 Timotheus 3,15: „Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Hauswesen Gottes verhalten muss, das heißt in der Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule und das Fundament der Wahrheit ist.

Johannes 6,55: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank.“

Lukas 1,46.48: „Da sagte Maria: […] Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“

Das Beste zum Schluss:

Jakobus 2,24: „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.“

Daraus folgt selbstverständlich: Papsttum, Bedeutung der Kirche, Transsubstantiation, Marienverehrung und Zusammenwirken von Glaube & Werken – das ist alles ganz offensichtlich GANZ UND GAR unbiblisch. (Ich kann auch nur einen kleinen Grundbestand an Bibelzitaten aus dem Gedächtnis auf Kapitel oder sogar Vers genau angeben, aber gelegentlich ist es wirklich ganz nützlich, sich manches zu merken – natürlich nicht nur in Bezug auf gegenreformatorische Argumente.)

[Ach ja: in der Lutherbibel von 2017 wird das griechische „ekklesia“ in den beiden ersten Stellen übrigens beide Male mit „Gemeinde“ statt „Kirche“ wiedergegeben. In 1 Tim 3,15 heißt es außerdem, die „Gemeinde“ sei „ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit“, während sie Joh 6,55 übersetzt haben mit „Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank“ (was irgendwie einen anderen Beiklang hat als „das ist richtige, wirkliche Nahrung“, und mehr in die Interpretationsrichtung geht „das ist die eigentlich wichtige, geistliche Speise“). In beiden Fällen steht im griechischen Original kein Artikel; das Altgriechische hat übrigens keine unbestimmten Artikel, sondern hätte nur bestimmte. Bei Johannes heißt es wörtlich „alethes estin brosis“, „ist wahre Speise“ („eine / die wahre Speise“? nicht völlig eindeutig). Im Timotheusbrief steht „[hetis estin ekklesia theou zontos,] stylos kai hedraioma tes aletheias“, „[die die Kirche des lebendigen Gottes ist,] Säule und Fundament (oder: Pfeiler und Grundfeste) der Wahrheit“ („eine / die Säule und ein / das Fundament (oder: ein / der Pfeiler und eine / die Grundfeste) der Wahrheit.“?). Da muss der Übersetzer jetzt irgendwie selber anhand des Kontexts schauen, wie er das in der Übersetzung mit den Artikeln hält. Im Jakobusbrief z. B. haben sie dagegen fast wortgleich mit der Einheitsübersetzung übersetzt: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“]

2) Eigentlich braucht man aber gar nicht so sehr in das Gezänk um einzelne Bibelstellen einzusteigen. Stattdessen ist es von vornherein immer noch die sinnvollste Strategie, einfach zu fragen:

a) „Wo steht sola scriptura in der Bibel?“ (Antwort: Nirgends. In der Schrift gibt es mehrere Stellen, an denen von der Wichtigkeit und Nützlichkeit der Schrift gesprochen wird, aber dort wird nie davon gesprochen, dass die Schrift allein zählt und die Kirche etwa nicht – und wenn etwa in den Paulusbriefen von der Schrift die Rede ist, ist damit übrigens das Alte Testament gemeint, da das Neue gerade erst in diesem Moment geschrieben wurde und noch keineswegs kanonisiert war.)

b) „Wenn es da nicht steht, woher kommt das Prinzip dann?“ (Antwort: Von Dr. Luther. Welche Autorität hatte Dr. Luther?)

c) „Woher wissen wir überhaupt, welche Bücher zur Schrift gehören?“ (Der Kanon wurde schließlich auf den Konzilien der katholischen Kirche festgelegt. Und Dr. Luther entfernte sieben Bücher – Judit, Tobit, Baruch, Jesus Sirach, Weisheit, 1 und 2 Makkabäer – und Teile der Bücher Daniel und Ester aus diesem Kanon. (Es handelt sich dabei um den sog. Deuterokanon, Texte, die ursprünglich auf Griechisch statt wie der Rest des AT auf Hebräisch geschrieben wurden.) Woher wissen Protestanten, dass sein Kanon richtig ist? (Hier und hier noch ein paar Informationen zu diesem Thema.)

d) „Nach welchem Prinzip richteten sich die ersten Christen, um zu wissen, was die christliche Lehre ist, als noch umstritten war, ob z. B. die Offenbarung des Johannes (drin) oder der Barnabasbrief (nicht drin) zur Schrift gehören? Hätten sie sich damals überhaupt schon nach dem Prinzip sola scriptura richten können?“ (Ich denke, die Antwort darauf ist offensichtlich.)

e) „Wenn sich zwei Protestanten in ihrer Bibelinterpretation nicht einig sind – wer entscheidet dann, wer von ihnen recht hat?“

Das Prinzip „Allein die Schrift“ ist ganz offensichtlich in sich unlogisch. Das ist der Grund, wieso wir die Autorität von Konzilien und Päpsten zur Klärung von Streitfragen brauchen.

3) Ein bisschen Geschichtswissen kann auch ganz hilfreich sein:

a) Einerseits ist Geschichtswissen in Bezug auf die frühe Kirche sehr nützlich. Nur wer keine Ahnung von Kirchengeschichte hat, stellt sich unter der Urkirche etwas Protestantisches vor. Man denke allein an den 1. Clemensbrief: Ein Brief des Römischen Bischofs (für dieses Amt wurde später die Bezeichnung „Papst“ üblich) an die Gemeinde in Korinth, in dem die Kirche von Rom besondere Autorität über die Kirchen anderenorts beansprucht (in Korinth gab es einige Streitigkeiten). Der Brief wird auf kurz vor 100 n. Chr. datiert; damals war wahrscheinlich sogar noch der Apostel Johannes am Leben. Zu anderen Beispielen in einem eigenen Beitrag mal.

b) Andererseits ist auch Geschichtswissen über Luther und die Reformation – die man besser als die Kirchenspaltung bezeichnen sollte – nicht schlecht: Luthers Antijudaismus, seine Befürwortung von Hexenprozessen, sein Aufruf, die aufständischen Bauern im Bauernkrieg totzuschlagen, und sein allgemeiner Hang dazu, jeden aufs Wüsteste zu beschimpfen, der es wagte, anderer Meinung zu sein als er, wurden wohl schon oft genug breitgetreten, dass ich hier eigentlich nichts mehr dazu wiederholen muss; aber auch andere Aspekte dieser Zeit verdienen Beachtung: Vor allem der allgemeine Fanatismus und die Kriege, die innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte nach 1517 folgten, stechen ins Auge. Werden wir in 10 Jahren auch dem sacco di Roma (der Plünderung Roms) von 1527 gedenken, am besten mit einer reuevollen Entschuldigung des EKD-Ratsvorsitzenden? (Ja, ich weiß, dass nicht der persönlich Rom geplündert hat. Aber hey, der hl. Papst Johannes Paul II. hat auch keine Scheiterhaufen angezündet.) Im Heiligen Römischen Reich gab es den Bauernkrieg von 1525 und den Schmalkaldischen Krieg von 1546-47. Die französischen Religionskriege am Ende des 16. Jahrhunderts waren nicht weniger grausam, in England oder anderen Ländern lief auch nicht alles friedlich ab; und schließlich führte das Ganze in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648); zumindest für das Heilige Römische Reich wahrscheinlich die schlimmste Katastrophe nach der großen Pestwelle von 1348/49, würde ich vermuten. Vielleicht wird hier langsam klar, wieso Ketzerei damals so gefürchtet war: Sie führte zu Aufruhr, Bürgerkrieg und Krieg, bitteschön. Ketzerei war das, was heute „Volksverhetzung“ ist. Ach ja, und 1529 standen übrigens auch noch die Osmanen unter Sultan Süleyman vor Wien, und ein geeintes Vorgehen der Christenheit zur Verteidigung gegen irgendwelche äußeren Feinde war inmitten der ganzen inneren Konflikte dann auch keine so einfache Sache mehr (hier ein Beitrag zu diesem Thema). Ketzerei bedrohte für die Menschen damals ganz real das Überleben der Christenheit. Man könnte sich auch noch andere historische Fakten in Erinnerung rufen: Dass es auch vor Luther schon einige Ansätze zur Kirchenreform gab (genau im Jahr 1517 endete gerade das 5. Laterankonzil, bitteschön!) und dass überall unumstritten war, dass Reformbedarf da war. Dass der Ablasshandel zwar ein Skandal, aber kein Verkauf von Sündenvergebung war – Sünden werden in der Beichte vergeben, nicht durch Ablässe. Dass Luther nicht als Ketzer verdammt wurde, sobald er es wagte, seine 95 Thesen zu äußern, sondern erst 1521 (also vier Jahre später) exkommuniziert wurde, nach ausführlichen Unterredungen und Streitgesprächen mit Kardinal Cajetan und dem Theologen Johannes Eck in den Jahren zuvor. Dass die Reformation in den reformierten Gebieten nicht dazu führte, dass die Kirchenoberen alle fromm und gut wurden, sondern dazu, dass die in der Regel nicht so frommen und guten weltlichen Herren nun auch zur Obrigkeit in kirchlichen Dingen wurden (Heinrich VIII., anyone?), und dass ihnen die Reformation neben diesem allgemeinen Machtzuwachs auch die Gelegenheit bot, die Klöster aufzulösen und deren Besitz zu konfiszieren, sprich, auch einen greifbaren finanziellen Gewinn.

So, das jetzt so weit ganz grob zum Thema sola scriptura und einigen historischen Mythen. Zu ein paar weiteren Mythen über die lutherische und auch die calvinistische Häresie werde ich dann im Lauf dieses Jahres noch öfters mal kommen.

Jedenfalls, wie vielleicht hier schon deutlich geworden ist, eins sollte man meiner Meinung nach in diesem Jahr nicht tun: Feiern. (D. h. Weihnachten und Ostern und Geburtstage und Namenstage und alles andere, was sich so findet, natürlich schon. Bloß das Reformationsjubiläum nicht!) Auch aus evangelischer Sicht finde ich es übrigens fraglich, ob es hier tatsächlich so viel zu feiern gibt. 150 Jahre Religionskriege vielleicht? Luther hat die Kirche nicht, wie er ursprünglich wollte, nach seinen Ideen umformen können (zum Glück, aus katholischer Sicht); wo liegt hier also selbst aus Sicht der Protestanten der große Triumph? Die Kirche wurde gespalten. Wir Katholiken sind uns sicher mit den Lutheranern nicht einig, wer da schuld dran war (außer, dass keine Seite ganz schuldlos war, auch wenn eine Seite theologisch gesehen gänzlich im Recht war), aber ich denke, man sollte sich doch wenigstens einigen können, dass 500 Jahre Kirchenspaltung eher ein Anlass zur Trauer als zum Feiern sind. Hey, ich erwarte ja nicht gleich, dass Margot Käßmann in Sack und Asche nach Rom pilgert und vom Papst die Absolution erbittet (wobei – eigentlich wäre das schon keine schlechte Idee… 😉 ), aber wenigtens könnte man seinem Bedauern über die Kirchenspaltung Ausdruck geben, anstatt von uns Katholiken zu erwarten, dass wir den ganzen Schmarrn auch noch mit feiern sollen. Und was die katholische Seite angeht, solche Aktionen wie Rosenkränze für Luthers Seelenheil wären anlässlich des Reformationsjubiläums natürlich nie verkehrt. Wir sollten ja immer versöhnungsbereit sein.

Aber ich sehe auf jeden Fall nicht ein, was ich hier zu feiern hätte.