Christliche Kultur am Sonntag: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Der Historienfilm von 1966 (Originaltitel: „A man for all seasons“) handelt vom hl. Thomas Morus (gespielt von Paul Scofield), den König Heinrich VIII. von England 1535 wegen angeblichen Hochverrats enthaupten ließ.

Der Film beginnt, als Heinrich VIII. beginnt, sich beim Papst um eine Annullierung seiner Ehe mit Königin Katharina zu bemühen, um seine Mätresse Anne Boleyn heiraten zu können; sein Lordkanzler, Kardinal Wolsey, ist ihm dabei behilflich. Thomas Morus, humanistischer Schriftsteller, Richter und Mitglied des Kronrats, im Gegensatz zu den typischen Höflingen unbestechlich als Richter und trotz seiner Kritik an kirchlichen Missständen frommer Katholik, ist zwar dagegen, verhält sich aber nach außen hin diskret und hält sich eher fern von den höfischen Intrigen. Als Wolsey stirbt, wird Morus vom König (der ihn schätzt und irgendwie bewundert) auf dessen Amt erhoben, das er erfüllt, bis der König, der vom Papst das Urteil erhalten hat, dass seine Ehe gültig und daher nicht auflösbar ist, sich selbst zum obersten Herrn der Kirche von England erklärt, die Ehe für ungültig erklären lässt, Katharina verstößt und Anne heiratet. Thomas Morus tritt vom Amt des Lordkanzlers zurück, in Stille und ohne Gründe anzugeben, und zieht sich auf das Anwesen seiner Familie in der Umgebung von London zurück. Er schweigt zu allem, was der König nun tut.

(Thomas Morus als Lordkanzler, Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren. Gemeinfrei.)

Genau dieses Schweigen jedoch hält Heinrich VIII. nicht aus; während alle anderen Höflinge und Staatsmänner, denen er es abverlangt, ihm zustimmen und dann auch den Eid auf die schließlich erlassene Suprematsakte und die Anerkennung der neuen Ehe mit Anne Boleyn ablegen, schweigt Morus. Dafür wird er in den Tower geworfen und immer wieder von Untersuchungskommissionen verhört, denen gegenüber er sich weigert, seine Gründe anzugeben. Er ist sogar bereit, Annes Nachkommen als Thronfolger anzuerkennen, wenn der König das bestimmt, auch wenn er sie nicht als ehelich anerkennt, und sich weigert, das Papsttum zu verleugnen. Überall erntet er Unverständnis; der Herzog von Norfolk, früher sein Freund, bemüht sich, ihm Vernunft einzubläuen, selbst seine Familie will ihn irgendwann überreden, nachzugeben, nachdem er lange im Tower eingekerkert war.

Morus schweigt weiter. Er legt es nicht darauf an, dem König entgegenzutreten; er sieht sich nicht als jemand, der das Martyrium suchen will. Aber er ist nicht bereit, sein Gewissen zu verletzen und den Eid zu schwören. Schließlich wird ihm der Prozess gemacht.

Eindrucksvoll ist die Szene, in der Thomas Morus betet, bevor er in den Gerichtssaal geht; eindrucksvoll auch der Gegensatz zwischen den letzten Worten von Kardinal Wolsey auf dem Sterbebett – „Hätte ich meinem Gott nur halb so treu gedient wie meinem König, müsste ich jetzt nicht so verlassen sterben“ – und den letzten Worten von Thomas Morus auf dem Schafott – „Ich sterbe als treuer Diener des Königs, aber vor allem als treuer Diener Gottes“.

Verratet unsere Märtyrer nicht!

In der Diskussion darum, ob Wiederverheiratet-Geschiedene nun zur Kommunion gehen dürften oder nicht, erhält eine Bibelstelle, die das Thema Wiederheirat betrifft, überraschend wenig Beachtung. Der letzte Prophet des Alten Bundes, der Vorläufer des Herrn, über den dieser sagt „Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer“ (Matthäus 11,11), wurde ins Gefängnis geworfen und schließlich getötet, weil er seinem König gesagt hatte, dass dieser seine geschiedene Schwägerin nicht heiraten dürfte: „Herodes hatte nämlich Johannes festnehmen und in Ketten ins Gefängnis werfen lassen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu ihm gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, sie zur Frau zu haben. Dieser wollte ihn töten lassen, fürchtete sich aber vor dem Volk; denn man hielt Johannes für einen Propheten. Als aber der Geburtstag des Herodes war, tanzte die Tochter der Herodias vor ihnen. Und sie gefiel Herodes, sodass er mit einem Eid zusagte, ihr zu geben, was immer sie sich wünschte. Sie aber, angestiftet von ihrer Mutter, sagte: Gib mir hier auf einer Schale den Kopf Johannes’ des Täufers! Und der König, der traurig wurde wegen der Eide und wegen der Gäste, befahl, den Kopf zu bringen. Und er schickte und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten. Man brachte seinen Kopf auf einer Schale und gab ihn dem Mädchen und sie brachte ihn ihrer Mutter. Und seine Jünger kamen, holten den Leichnam und begruben ihn. Dann gingen sie und berichteten es Jesus.“ (Matthäus 14,3-12) In der Bibel scheinen Patchworkfamilien irgendwie nicht so gut zu funktionieren.

(Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers in einem Gemälde von Carlo Dolci, Wikimedia Commons)

Etwa fünfzehn Jahrhunderte später war wieder ein König unzufrieden damit, dass „bis dass der Tod uns scheidet“ wirklich „bis dass der Tod uns scheidet“ heißen sollte, und wieder mussten andere dafür mit dem Leben bezahlen. Heinrich VIII. erklärte sich 1534 zum Oberhaupt der Kirche von England, damit er seine Ehe mit Katharina von Aragon, die der Papst für gültig und damit unauflöslich befunden hatte, für ungültig erklären und Anne Boleyn heiraten konnte. Sein Lordkanzler Thomas Morus trat von seinem Amt zurück und zog sich in sein Privatleben zurück, weil er diese Entscheidungen nicht mittragen konnte; aber Heinrich war nicht damit zufrieden: Thomas sollte einen Eid auf ihn als Oberhaupt der Kirche leisten. Da Thomas Morus dazu nicht bereit war und immer noch nur den Papst als Kirchenoberhaupt anerkennen wollte, wurde er in den Tower gesperrt und 1535 schließlich geköpft. Ebenso erging es Kardinal John Fisher, dem einzigen der englischen Bischöfe, der den Suprematseid auf Heinrich nicht leistete.

  

(Thomas Morus, links, und John Fisher, rechts, beide Darstellungen von Hans Holbein dem Jüngeren, Wikimedia Commons)

Weitere dreihunderfünfzig Jahre später konvertierten einige Pagen am Hof eines anderen Königs, Mwanga II. von Bugunda (heutiges Uganda), zum Christentum – einige zur katholischen, andere zur anglikanischen Kirche. Mwanga fielen sie bald negativ auf: Sie waren nicht bereit, als seine Geliebten zu dienen. Die christlichen Pagen wurden also im Jahr 1886 hingerichtet, die meisten von ihnen in Namugongo auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

(Die Märtyrer von Uganda, in der Mitte Charles Lwanga, Darstellung von Albert Wider)

Mit anderen Worten: Wir haben Heilige, die umgebracht wurden, weil sie nicht bereit waren, die Wahrheit über die Unauflöslichkeit der Ehe, die Autorität des Papstes oder die Tatsache, dass homosexuelle Handlungen gegen Gottes Gebote sind, preiszugeben. Können diejenigen Christen, die solche Überzeugungen am liebsten aus der Lehre der Kirche tilgen würden, diese Heiligen noch verehren? Oder würden sie Johannes den Täufer, Thomas Morus und Charles Lwanga lieber als bigotte / diskriminierende / ultramontane / homophobe Fanatiker aus dem Heiligenkalender werfen? Wenn wir „barmherzig“ gegenüber (bestimmten) Sünden sein wollen (womit meistens gemeint ist, sie zu Nichtsünden zu erklären, was dann auch keine Barmherzigkeit mehr nötig machen würde), dann vergessen wir bitte nicht, wofür einige unserer Märtyrer ihr Leben gegeben haben. Wenn John Fishers Sturheit nicht in das ökumenische Konzept zu passen scheint, das man sich für die Zusammenarbeit mit den Anglikanern zurechtgelegt hat, ist vielleicht an diesem Konzept etwas falsch. Die Unauflöslichkeit der Ehe ist nicht vernachlässigbar, nicht verhandelbar, nicht unwichtig; genausowenig die Einheit der Kirche unter dem Bischof von Rom. Bitte verraten wir unsere Märtyrer nicht. Kein weltlicher Herrscher ist unser Kirchenoberhaupt und hat uns was zu unserem Glauben zu sagen.

(Nicht mal, wenn derjenige so höfliche Worte findet wie Herr Steinmeier auf dem Katholikentag für seine Bitte, dass wir doch unseren Eucharistieglauben aufgeben sollten, um mit den Lutherischen besser auszukommen.)