Christliche Kultur am Sonntag: „Heimkehr – die letzten Tage im Leben der Mönche“ (Gastbeitrag)

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Nicolas Diat: „Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche“

Heute ein Gastbeitrag, ausnahmsweise auf Wunsch der Verfasserin einmal nicht zu einem Roman oder Film, sondern zu einer Art Reportage über ein meistens sehr verdrängtes Thema, das Sterben; und speziell das Sterben im Kloster. Der Autor, Nicolas Diat, wird einigen Lesern wahrscheinlich schon als der Journalist bekannt sein, der die Interviewbücher mit Kardinal Robert Sarah gemacht hat. Ich übergebe das Wort an Angela Römelt, Dipl. Theol.:

 

Nicolas Diat, Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche. Kißlegg 2019.

Der Tod ist ein Meister aus China.

Heimlich, still und leise hat er sich über drei Monate in die Schlagzeilen, den Alltag, die Gedanken und Gefühle der Menschen zurück geschlichen. Von seiner Sommerresidenz auf Netflix aus hat er nahezu im Handstreich zurückerobert, was ihm über fast siebzig Jahre genommen worden war; die Realität der Menschen des Westens.

Der mittelalterliche „Gevatter“ Tod war ein Familienmitglied.Er saß am Tisch, hatte die Hand an der Wiege und konnte jederzeit ungebeten eintreten. Man beschloss den Tag mit der Gebetsbitte, nicht unversehens – und unversehen- im Schlaf zu sterben. Man entwickelte eine Ars Moriendi, eine Kunst des Sterbens aus der täglichen Erfahrung heraus, dass dieses eine Thema das Thema aller war. Sterben würde jeder, und es war nicht egal, wie.

Der neuzeitliche Tod ist jener übel beleumundete Vetter, der vor Jahren nach Papua-Neuguinea ausgewandert ist und von dem niemand mehr gerne spricht. Wenn er im Land ist, trifft er sich mit Verwandten auf neutralem Terrain. Im Krankenhaus oder im Hospiz. Er ist kein Teil unseres Lebens mehr und dabei hat er unsere Handynummern, von jedem.

Die „Corona-Krise“ führt uns vor Augen, was bisher mehr oder weniger ein Spiel war: Sterben tun immer nur andere. Im Film. Im Videospiel. In Kabul.

Die Alten. Die Vorerkrankten. Die anderen.

Unsere neuzeitliche Ars Moriendi erschöpft sich darin, um das Thema einen Kranz aus Zahlen zu bauen, und zwar so, dass wir nicht darin sind. Weil wir weder alt noch vorerkrankt noch in Kabul sind.

Es ist schwierig, von der deutschen katholischen Kirche einen Beitrag zu einer Ars Moriendi Edition 2020 zu erhalten. Am ehesten und verstörendsten gelingt es noch dem umstrittenen Hildesheimer Bischof Wilmer, wenn er sagt „der Allmächtige schlechthin ist derTod“, damit freilich etwas, das allein aus dem Nichtsein heraus definiert wird – Tod ist nicht-Leben, aber aus sich selbst heraus nichts – eine Macht zusprechend, die nur verständlich scheint, wenn Leben lediglich als irdische, organische Existenz verstanden wird.

Nicolas Diat, geb. 1975, ist ein Meister aus Frankreich. Ein Meister der poetischen Prosa, der behutsamen Annäherung an ein Thema, der dialogischen Gestaltung eines Buches. Wikipedia nennt ihn einen „Essayisten“. In seinem Buch „Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche“, erschienen im fe-medien Verlag 2019 (das französische Original unter dem Titel „Un Temps pour Mourir“, 2018) unternimmt er in der Tat einen Versuch. In mehreren unterschiedlichen Klöstern versucht er zu verstehen, wie Mönche sterben. Herausgekommen ist dabei eine Ars Moriendi nicht so sehr für die Gegenwart als mitten ins Gesicht der Gegenwart. In your face, Freund Hein!

Diat hat für sein Buch im Laufe des Jahres 2017 acht verschiedene Klöster besucht. Alles Männerorden. Darunter bekannte Namen wie Solemnes, Citeaux und die Große Kartause und unbekanntere wie die Abtei Lagrasse der Regularkanoniker der Gottesmutter. Er hat sich von Äbten und Patres und Brüdern, die mit der Pflege der Kranken beauftragt waren, erzählen lassen, oft in stundenlangen sehr intensiven Gesprächen. Diese Erzählungen handelten nie vom Tod, immer nur vom Sterbenden. Der Tod, wie gesagt, ist nichts. Nicht mehr lebendig, nicht mehr atmend, nicht mehr unter uns. Der sterbende Mönch ist alles das in höchstem Maße. Diat schildert zu Beginn jedes Kapitels, das jeweils einem Kloster gewidmet ist, seine Ankunft dort, in etwa die Lage, die es umgebende Natur, seine Geschichte, und der Leser schleicht sich sozusagen hinter ihm rasch durch die zufallende Pforte und begegnet im nächsten Augenblick höchst lebendigen Menschen. Diats Buch ist auch und vielleicht sogar noch mehr, ein Buch über das Leben, das Leben im Kloster.

Denn das Sterben der Mönche ist anders als das der „Menschen in der Welt“, und das liegt in erster Linie daran, dass ihr Leben anders ist. Es hat ein anderes Gravitationszentrum.

Der Mönch begegnet, je nach Orden mehr oder weniger intensiv, seinem eigenen Sterben schon sehr bald nach seinem Eintritt. (Vor Jahren nahm ich an einer Führung durch ein Benediktinerkloster teil, und der uns begleitende, junge und rüstige Mönch, betrat mit uns den Friedhof und sagte:“Ich weiß schon ziemlich genau, wo ich mal liegen werde.“) Der Tod ist im Leben der Mönche stets präsent, aber nicht als der „Allmächtige“, von dem Bischof Wilmer spricht, sondern als Durchgang zum Ewigen Leben.

Oh, ja, Mönche fürchten den Tod. Manche sehr, manche wenig, manche wie jeder von uns, aber wer – wie in mindestens einer Besprechung des Buches, die ich gelesen habe betont – Schilderungen erwartet, wie Mönche angesichts des eigenen Sterbens zweifeln und verzweifeln an dem Glauben, dem sie ihr ganzes Leben „geopfert“ haben, wird sanft enttäuscht. Es scheint nicht einmal Diats Absicht gewesen zu sein, den Leser zu enttäuschen. Er beschreibt den Tod eines jungen Mannes an Multipler Sklerose, den erschütternden Fall eines Selbstmords, den völlig unerwarteten Tod eines Novizen, und immer wieder erwecken seine Schilderungen den Eindruck, dass er das Grässliche, Schockierende, allmächtig Zerstörende des Todes selbst hinter dem nächsten Satz erwartete – und es kommt nicht. Die All-Macht des Lebens, des irdischen und des ewigen, ist so übermächtig, dass der Tod geradezu verschwindet. Die Beschreibung des tatsächlichen, realen Leidens, die durchaus ihren Platz hat in diesem Buch, Schmerzen, Behinderungen, Ängste, wird gehalten von zwei Aspekten, die wie Säulen in jedem Kapitel auftauchen: dem Glauben und der Gemeinschaft. Und beides ist viel weniger romantisch als man denken möchte.

Die Gemeinschaft. Keiner der sterbenden Mönche ist alleine. Auch der Selbstmörder, der es im Augenblick seines Todes war, liegt auf dem Friedhof seines Klosters begraben und die Erschütterung, die sein Tod für den ganzen Konvent bedeutet, ist in jeder Zeile spürbar. Jede Geschichte, jedes Schicksal wird in Gesprächen und Begegnungen erzählt mit den Menschen, die daran Teil hatten und noch immer Teil haben. Diat spricht mit Äbten, die ihre Verantwortung für jeden Mitbruder geradezu körperlich zu spüren scheinen, die den Schwerkranken bitten, mit dem Heimgang zu warten, bis sie von einer Reise zurück kommen. Er begegnet Krankenpflegern, die erzählen, wie sie sich selbst verändert haben in der jahrelangen Pflege eines Mitbruders, und immer wieder dem Problem, dass der Schwerstkranke und Sterbende von der modernen Medizin aus der Gemeinschaft hinaus genommen wird. „Sobald wir den Notarzt oder den Krankenwagen rufen, verlieren wir die Kontrolle über den Kranken,“ sagt der Abt der Benediktinerabtei En-Calcat. (S.48) und kritisiert das moderne Gesundheitssystem als unmenschlich. „Wenn wir die Lebenden immer wieder wie Automaten reparieren, werden wir wie Elektroschrott enden.“ (S.61)

In der klösterlichen Gemeinschaft hat der Sterbende seinen Platz. Er ist keine Nummer, er ist ein Bruder.

Die zweite Säule ist die Liturgie. Im weitesten Sinne. Nicht nur schildert Diat Totenmessen von solcher Schönheit, dass man als Leser auf der Stelle sterben möchte, wenn man denn vorher Mönch werden könnte, auch schon vor dem Tod des Mönches wird klar, dass jedes Kloster auf seine Weise zwei Gebäude darstellt: das äußere der mehr oder weniger alten Mauern, und das innere der Regel und der Liturgie, ebenfalls mehr oder weniger alt, aber meistens mehr. Ohne die Regel und die Liturgie gäbe es keine Gemeinschaft, die den sterbenden Mönch trägt, und ohne den einzelnen Mönch, jeden einzelnen, auch den Sterbenden, gäbe es keine Regel und Liturgie mehr. Aus diesem Ineinanderwirken des irdischen, „normalen“ Lebens – die Glocke läutet zur Vesper, klapp das Buch zu, leg den Hammer weg,nimm dein Brevier und geh in die Kapelle – und des ewigen – „ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus“ (Koh 12,5) entsteht beim Lesen des Buches etwas wie ein großer, stiller Klang, ein Herzschlag des Ewigen durch alle Widerlichkeiten des Sterbens hindurch, das sehr, sehr tröstlich wirkt.

Nicolas Diat hat den Versuch einer Ars Moriendi für eine erschütterte Zeit vorgelegt, von der er 2017 kaum ahnen konnte, wie nötig 2020 sie haben würde. Für alle Nichtmönche, die das Buch zur Hand nehmen, bleibt natürlich die frustrierende Frage, was von dieser Art zu leben und zu sterben sich überhaupt übertragen lässt in ein „weltliches Leben“.

Da mögen für verschiedene Leser verschiedene Aspekte wichtig werden, die deutlichste Präsenz dürften aber die oben genannten Säulen des mönchischen Lebens und Sterbens haben: die Gemeinschaft und die Regel und die Liturgie. Die Sterbenden nicht alleine zu lassen, ihnen einen Platz zu geben, den sie als Sterbende einnehmen dürfen, ist eine Herausforderung ganz eigener und unerwarteter Brisanz in Tagen, in denen weder Priester noch Angehörige zu an CoVid-19 Sterbenden gelassen werden. Man kann sich aber fragen, was die Äbte, Krankenpatres und Mitbrüder der Klöster, die Nicolas Diat besucht hat, getan hätten in solch einer Situation. Sie hätten ihre Schmerz über die Trennung nicht geleugnet noch verborgen. Sie hätten den Namen des Sterbenden ausgesprochen und für ihn gebetet. In der Gemeinschaft. Und ihm so einen Platz gegeben. Mindestens das.

Eine Regel und eine Liturgie, das lehrt dieses Buch auf unaufdringliche Weise, sollte jeder Mensch sich zulegen. Es kann die der Kirche sein, es können sehr persönliche Formulierungen und Rituale sein, die sich im Laufe eines Lebens entwickeln. Aber eine Regel und eine Liturgie, möglichst unabhängig von Strom und WLAN, sollte das Leben brauchen, um das kurze Nichts des Todes auf dem Weg zum Ewigen Lebens durchschreiten zu können.

Nicolas Diat hat ein wunderbares, tröstendes und ermutigendes Buch geschrieben, das möglicherweise Sterben hilft, ganz sicher aber leben.

Vom Himmel träumen

Lasst uns doch mal vom Himmel träumen.

Da sind keine Angst, keine Sorgen, keine Schmerzen, keine Traurigkeit, keine Schuld mehr.

Da ist Frieden, Ruhe, Sicherheit.

Man hat seinen Platz, an den man gehört, und den einem mehr keiner nehmen wird.

Da sind Millionen über Millionen andere, und sie alle wollen einander wohl und können einander wirklich kennen und verstehen. Man gehört dazu.

Alles ist licht und hell. Da ist Freude und Jubel.

Da ist die Musik der Engel, da ist der Lobgesang der Heiligen.

Da ist Gott, auch wenn ich Ihn mir nicht wirklich vorstellen kann, aber wir werden Ihm  ins Angesicht schauen können, ohne Angst zu haben, und Er wird uns liebevoll anschauen.

Das ist jetzt ein eher untypischer Blogpost von mir. Aber manchmal braucht es das – vom Himmel träumen (statt sich vor der Hölle zu fürchten oder lieber gar nicht an das Thema „Was kommt nach meinem Tod“ zu denken). Wieso sollten wir nicht davon träumen, worauf wir hoffen? Gott ist barmherzig, und wir können einmal dort sein. Vielleicht ja nach einer Zeit im Fegefeuer. Aber hoffentlich sehen wir uns alle irgendwann einmal im Himmel.

Ja, ja, ich weiß, Marx und so weiter wollten uns das Träumen und Hoffen nicht gönnen. Aber die haben ihre Himmelsersatzversprechen auch nicht eingelöst, also träumen und hoffen wir doch, so viel wir wollen!

Rum, Romanism and Rebellion!

Heute mal etwas irische Musik – „Another Irish Drinking Song“ von Da Vinci’s Notebook:

 

„Gather ‚round ye lads and lasses, set ye for a while
and harken to me mournful tale about the Emerald Isle.
Let’s all raise our glasses high to friends and family gone
and lift our voices in another Irish drinkin‘ song.

Consumption took me mother and me father got the pox
me brother drank the whiskey ‚till he wound up in a box.
Me other brother in The Troubles met with his demise
me sister has forever closed her smilin‘ Irish eyes.

Now everybody’s died, so until our tears are dried
we’ll drink and drink and drink and drink and then we’ll drink some more.
We’ll dance and sing and fight until the early mornin‘ light
then we’ll throw up, pass out, wake up and then go drinkin‘ once again!

[…]

Someday soon I’ll leave this world of pain and toil and sin
the Lord will take me by the hand to join all of me kin.
Me only wish is when the Savior comes for me and you –
He kills the cast of Riverdance and Michael Flatley too!

Now everybody’s died, so until our tears are dried
we’ll drink and drink and drink and drink and then we’ll drink some more.
We’ll dance and sing and fight until the early mornin‘ light
then we’ll throw up, pass out, wake up and then go drinkin‘ once again
then we’ll throw up, pass out, wake up and then go drinkin‘ once again
then we’ll throw up, pass out, wake up and then go drinkin‘ once again!“

 

PS: Der Titel dieses Beitrags stammt nicht aus dem Lied; das ist ein Zitat von einem gewissen Reverend Dr. Samuel Burchard, der im Jahr 1884 auf einem Treffen der republikanischen Partei eine Woche vor der Präsidentschaftswahl die Demokraten als die Partei von „Rum, Romanism and rebellion“ charakterisierte (sollte heißen: die werden bloß von trunksüchtigen papistischen irischen Immigranten (und rebellischen Südstaatlern) gewählt). Dieser Kommentar kostete den republikanischen Kandidaten Blaine dann im Endeffekt vor allem in New York entscheidende Stimmen in der Wahl gegen Grover Cleveland. Das hat jetzt nicht so wiiirklich was mit dem Lied zu tun, ich fand das Zitat nur gerade so passend. (Wer hat denn hier was gegen „Rum, Romanism and rebellion“?)

(Amerikanische Karikatur, 1913, Wikimedia Commons)

PPS: Zum besseren Verständnis einiger Zeilen über Tod, Kartoffeln, Engländer, Waffenschmuggel und Troubles, siehe z. B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Hungersnot_in_Irland , http://www.irlandfan.de/geschichte/chronologie/teil-3/ , http://www.irlandfan.de/geschichte/chronologie/teil-4/ , https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Irlands , https://en.wikipedia.org/wiki/The_Troubles

PPPS: Was Riverdance und Michael Flatley angeht – das scheint den Iren meinen kurzen Recherchen zufolge ungefähr das zu sein, was uns Bayern/Österreichern Musikantenstadl und Hansi Hinterseer sind – NICHT unsere Kultur!!!

Das Märchen von den drei Brüdern

Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich ein sehr, sehr großer Harry-Potter-Fan bin?

Jedenfalls wollte ich eine so gelungene musikalische Interpretation des Märchens von den drei Brüdern wie diese hier nicht unerwähnt lassen, wenn ich schon mal so etwas finde und einen eigenen Blog besitze:

 

 

Die Versuchung, den Tod besiegen zu wollen, ist in den Harry-Potter-Büchern eine, der sogar Albus Dumbledore vor langer Zeit einmal erlegen ist – mit nicht so guten Folgen für ihn. Und auch in J. K. Rowlings Zaubererwelt funktionieren die verschiedenen Versuche dazu im Endeffekt nie. Oder, um es mit Dumbledores eigenen späteren Worten in seinen Anmerkungen zu den Märchen von Beedle dem Barden auszudrücken: „Wie der berühmte Zaubereiphilosoph Bertrand de Pensées-Profondes in seinem gefeierten Werk Eine Studie über die Möglichkeit einer Umkehr der konkreten und metaphysischen Auswirkungen des natürlichen Todes, mit besonderer Berücksichtigung der Reintegration von Wesen und Materie schreibt: ‚Lasst es bleiben. Es wird nie klappen.'“.*

Ich musste beim Anschauen des Videos auf einmal auch an die Szene in Band 7 denken, als Harry und Hermine am Heiligabend auf dem Friedhof von Godric’s Hollow vor dem Grab von Harrys Eltern stehen:

 

„Der Grabstein stand nur zwei Reihen hinter dem von Kendra und Ariana. Er war aus weißem Marmor, genau wie Dumbledores Grabmal, und so war er leicht zu lesen, denn er schien in der Dunkelheit zu leuchten. Harry musste sich nicht hinknien und nicht einmal ganz nahe herantreten, um die Worte zu erkennen, die darin eingemeißelt waren:

James Potter

geboren am 27. März 1960, gestorben am 31. Oktober 1981

Lily Potter

geboren am 30. Januar 1960, gestorben am 31. Oktober 1981

Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod.

Harry las die Inschrift langsam, als ob er nur eine einzige Gelegenheit hätte, ihren Sinn zu begreifen, und er las die letzten Worte laut.

Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod…‚ Ein schrecklicher Gedanke kam ihm, in einem Anflug von Panik. ‚Ist das nicht eine Vorstellung von den Todessern? Was hat das hier zu suchen?‘

‚Es bedeutet nicht, dass der Tod so besiegt wird, wie die Todesser es meinen, Harry‘, sagte Hermine mit sanfter Stimme. ‚Es bedeutet… du weißt schon… über den Tod hinaus leben. Leben nach dem Tod.'“**

 

„Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod“ (im engl. Original: „The last enemy that shall be destroyed is death“) – das ist ein Zitat aus der Bibel. 1 Korinther 15,26.

 

* J. K. Rowling: Die Märchen von Beedle dem Barden, S. 78. (Sehr empfehlenswertes Buch, wenn ich hier mal ein bisschen Werbung machen darf.)

** J. K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, S. 336f.

Die allumfassende Kirche, Teil 9: Alles hat seine Stunde

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Im Katholizismus gibt es gelegentlich mal gruselige, harte oder traurige Dinge. Wir haben Reliquiare mit Knochenstückchen auf Seitenaltären stehen und es gibt in Europa Kapellen voller aufgetürmter Schädel und mit Wänden, die mit Knochen behangen sind [hier ein paar Fotos… https://churchpop.com/2014/10/28/inside-europes-creepy-bone-churches/ ]. Unsere Heiligen werden dargestellt mit Sägen und Äxten und siedendem Öl, weil sie dadurch zu Tode kamen, und von Johannes dem Täufer sieht man auf zahlreichen Darstellungen nur seinen Kopf auf einer silbernen Schale. Sogar die Patronate dieser Heiligen zeigen einen ziemlichen Galgenhumor – St. Sebastian beispielsweise ist der Patron der Bogenschützen, weil er mit Pfeilen getötet wurde. Wir glauben an Fegefeuer, Hölle und Endgericht, es gibt das Dies Irae und den Dia de los muertos; auch Halloween hat bekanntlich katholische Wurzeln. Wir haben sogar Exorzismen.* Es gibt im Kirchenjahr Zeiten der Trauer und des Fastens. Und dann gibt es – natürlich – den Karfreitag. Das zentrale Symbol unseres Glaubens ist ein grausames Hinrichtungsgerät. Das Kreuz muss damals in der Antike ein noch abwegigeres Symbol gewesen sein, als wenn heutzutage Galgen oder Guillotine oder Elektrischer Stuhl oder Waterboardinginstrumente als Symbole einer neuen Sekte auserkoren würden.

Trotzdem sind diese dunklen Dinge nicht das eigentliche Wesen des Katholizismus. Das Wesen des Katholizismus, wie ich es erfahren habe, ist Klarheit, Freude, Friede, Licht und Hoffnung – zu seinem Wesen gehört der Sieg über das Leid durch dessen Annahme.

In dieser Religion wurde das Leid nie ignoriert. Vergänglichkeit, Tod und Krankheit, die Ungerechtigkeit der Welt und zwischenmenschliche Bosheit galten in der Geschichte der katholischen Religion immer als Grundkonstante des Lebens aller Menschen, was sie ja sind; ein paar YOLO- oder Prosperity-Gospel-Philosophien versuchen diese offensichtliche Tatsache zwar heutzutage zu ignorieren, aber ich denke, dass sich alle vernünftigen Menschen darüber einig sind, dass es so ist. (Dass der Versuch von Ideologien wie dem Kommunismus, eine vollkommen leidlose Welt zu schaffen, grandios gescheitert ist, darüber sind wir uns auch einig, oder?) Die menschlichen Abgründe wurden in der Kirche nie ignoriert. Wir haben Heilige, die zuerst einmal Mörder, Räuber, Prostituierte oder Christenverfolger waren. (St. Moses der Äthiopier, St. Afra, St. Maria von Ägypten, St. Paulus…) Die Kirche ist dazu da, Heilung zu bringen – Leben nach dem Tod, Vergebung aller Verbrechen.

Es gibt im Kirchenjahr Zeiten des Fastens, der Trauer und des Entsetzens über das Böse. Der Karfreitag ist ein dunkler Tag. Aber er hat nicht das letzte Wort. Am Ostersonntag triumphiert das Licht wieder.

Im Buch Koholet gibt es eine sehr schöne Stelle: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“ (Kohelet 3,1-8) Eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg? Das habe ich mich früher bei dieser Stelle gefragt. Aber ja, auch die gibt es – man denke nur an die fehlgeleitete britische Appeasement-Politik gegenüber Hitler, und, im Kontrast dazu, die spätere richtige Entscheidung zum Kriegseintritt nach dem Angriff auf Polen. Es gibt eine Zeit zum Krieg.

Aber das gilt für diese Welt, für diese gefallene Welt. In der kommenden wird das alles überwunden werden; das Böse ist stark, aber das Gute ist stärker, und es wird am Ende siegen. Das ist genau der Unterschied zwischen der katholischen Weltsicht und nihilistischer Verzweiflung. Die Kirche gibt nie die Hoffnung und den Glauben auf. Es geht immer weiter, es ist nie zu spät, es gibt immer noch Hoffnung, am Ende wird alles gut werden. Deshalb ist auch der Glaube in dieser Religion eine so wichtige Tugend – denn er bedeutet nicht ein Nicht-Genau-Wissen, sondern das feste und unwandelbare Vertrauen auf eine Person. Andere Religionen, etwa die antike römische, definierten sich nicht als Glauben, sondern als Kulte; es ging um die richtigen Rituale zur Verehrung der Götter. Ebenso definiert sich der Buddhismus nicht als Glaube, sondern als Weg der Erkenntnis und Selbsterlösung. Der Katholizismus dagegen ist ein Weg des vertrauenden, hoffenden Glaubens auf die Macht und die Liebe Gottes, die am Ende siegen wird.

*Zur Beruhigung aller Leser, die sich nicht damit auskennen, was die katholische Kirche unter „Exorzismus“ versteht: Nein, das ist nichts Brutales oder so, hier wird einfach nur mit Gebet und Weihwasser und so gearbeitet. Exorzisten sind erfahrene Priester, die vom Bischof für diese Aufgabe bestellt werden müssen, und alle Exorzisten sagen, dass sie die meisten Menschen, die zu ihnen kommen, weil sie sich von Dämonen bedrängt fühlen, einfach zum Psychiater weiterschicken können; hier wird nämlich genau geprüft. Aber es gibt gelegentlich auch Phänomene, die sich auf diese Weise nicht erklären lassen, sondern bei denen die logischste Erklärung wirklich das Bedrängtwerden oder die Besessenheit von einer fremden Macht ist. Nähere Informationen vielleicht hier: https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2016/07/01/as-a-psychiatrist-i-diagnose-mental-illness-and-sometimes-demonic-possession/?postshare=5241467379040029&tid=ss_tw&utm_term=.7fad181a9d55 oder hier: http://www.strangenotions.com/demons-playing-cards-and-telescopes/  Und diese Phänomene treten auch nicht einfach so auf, sondern meistens dann, wenn Leute sich auf satanistische Sekten eingelassen haben oder so – „die Geister, die ich rief“ und so. Und ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass es böse Geister gibt. Wir glauben, da uns Gottes Offenbarung das sagt, dass Gott nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen geschaffen hat, sondern zu allem Anfang auch rein geistige Wesen, die wir Engel nennen, und dass die ebenso einen freien Willen haben wie die Menschen, woraus logisch folgt, dass es unter ihnen ebenso gute wie böse geben muss. Die bösen Engel nennt man die gefallenen Engel oder Dämonen. Zu den guten Engeln zählen beispielsweise die Schutzengel, oder auch die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael.

Ach ja: Wer konkrete Beispiele dafür haben will, wie Exorzismen funktionieren, kann auch einfach die Evangelien aufschlagen – Jesus hat nämlich auch Dämonen ausgetrieben.