Alles Pharisäer, diese Traditionalisten

Die Unterstellung kommt recht oft, manchmal explizit, manchmal unterschwellig, und man hat sie auch schon von unserem lieben Heiligen Vater gehört: Diese Traditionalisten, das sind doch alles Pharisäer. Bilden sich was auf ihre Riten und ihre Gesetzestreue ein; Jesus hätte sie verurteilt. Vielleicht mag es noch einzelne tolerierbare geben, aber der Traditionalismus kann einen sicher nicht näher zu Jesus bringen und ist seinem Geist voll und ganz entgegengesetzt.

Ich habe manchmal einen ganz gegensätzlichen Eindruck. Oh, nicht dass alle Tradis immer perfekt wären (auch wenn ich in meiner neuen Tradi-Gemeinde immer noch einen praktisch ungetrübt positiven Eindruck habe, und im Internet einen eher positiven). Aber ich meine, dass im Großen und Ganzen die Tradis öfter diejenigen sind, die zu unterscheiden wissen, wann man den Regeln und Befehlen folgen muss, und wann nicht, weil der Geist des Gesetzes verletzt wird.

Man muss schauen, was Jesus den Pharisäern eigentlich vorgeworfen hat: Dass sie Gottes einfache, alte, schon beim Exodus offenbarte Gebote durch neue, nur menschengemachte Regeln und Detailvorschriften außer Kraft setzten, und sich mehr um die Gebote der Theologen, die jetzt gerade in Mode waren, als die Gebote Gottes kümmerten. Ein Beispiel: „Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten. Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter schmäht, soll mit dem Tod bestraft werden. Ihr aber lehrt: Wenn einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Korbán – das heißt: Weihgeschenk sei, was du von mir als Unterstützung erhalten solltest – , dann lasst ihr ihn nichts mehr für Vater oder Mutter tun. So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.“ (Mk 7,9-13) Pharisäer konnten also ihren Besitz für geweiht erklären, um ihre alten Eltern nicht mehr unterstützen zu müssen. Ein klarer Verstoß gegen Gottes Gesetz, das Jesus hier sehr fundamentalistisch ernst nimmt. (Anmerkung: Bei dem, was von Mose mit der Todesstrafe bedroht wurde, geht es um schwere Misshandlung der Eltern, nicht um eine kleine Beleidigung.)

Dann wären da Seine Heilungen am Sabbat; es lohnt sich, hier näher hinzusehen. Eine Begebenheit sah so aus: „Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge. Und siehe, da war eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Geist geplagt wurde; sie war ganz verkrümmt und konnte nicht mehr aufrecht gehen. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott. Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat! Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Frau aber, die eine Tochter Abrahams ist und die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen? Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte.“ (Lk 13,10-17)

Die Pharisäer waren also nicht generell dagegen, dass Jesus heilte; aber man könnte doch bitte einen Tag warten! Gehorcht doch einfach dem Gesetz, das ist doch wirklich kein übertriebenes Opfer, noch einen Tag zu warten, wenn man schon achtzehn Jahre lang krank ist! Das klingt erst einmal nicht völlig unlogisch. Aber darauf entgegnet Jesus: Nein, das ist nicht nötig, solche Lasten muss man nicht aufbürden. Eine Kranke soll nicht wegen eines falsch ausgelegten Gesetzesbuchstabens noch einen Tag länger leiden müssen.

Die Pharisäer erinnern mich hier an die Leute, die immer den Tradis (manchmal auch den Konservativen) vorhalten: Was stellt ihr euch denn so an, seid doch einfach gehorsam. Dann verbietet euch der Papst eben die alte Messe, also nehmt gefälligst mit der neuen vorlieb. Dann verbietet der Bischof eben während des Corona-Lockdowns, eure Kinder zu taufen, also wartet eben ab. Dass diese Gesetze keinen Sinn machen und gegen die gesamten überlieferten Grundsätze unserer Religion verstoßen, interessiert nicht; solange diejenigen befehlen, die jetzt etwas gelten, gelten nur deren Befehle. Hier kann man sich über die überheben, die sich zerrissen fühlen und zum Ungehorsam gezwungen sehen, und sich dabei wunderbar gerecht vorkommen. Man ist gut, man hält sich an die Gesetze.

Aber hier haben eben die Gesetze nicht recht. Um das Beispiel der Taufe zu nehmen: Als Taufen verboten waren, wären alle Eltern im Recht gewesen, die ihre Kinder selbst getauft hätten, und alle Priester, die trotzdem heimlich getauft hätten. Wegen des Gesetzesbuchstabens soll einem Kind nicht auch nur einen Tag die Gemeinschaft mit Gott vorenthalten werden. Manchmal hat man das Recht, gegen einen Befehl zu handeln, und manchmal sogar die Pflicht. Bei Pflichtenkollision geht das höhere Gesetz vor, und ungerechte Gesetze haben überhaupt keine Gesetzeskraft.

In den letzten fünfzig, sechzig Jahren waren es die Tradis, die gezwungen waren, nachzugrübeln, was eigentlich der Sinn von kirchlichen/päpstlichen/bischöflichen Geboten ist, und auch mal ungehorsam zu sein. Den einfachen Luxus, den Gesetzen unbeschwert folgen zu können, hatten wir da nicht mehr. In den letzten Jahren unter Franziskus (den ich, ohne Übertreibung, für den schlechtesten Papst aller Zeiten halte, das muss man leider so sagen) ist es immer mehr Katholiken so gegangen. Und da bekommt man dann sehr schnell von triumphierenden selbstgerechten Leuten vorgehalten, dass man eben der Autorität folgen müsse. Der Papst sagt das, die führenden Theologieprofessoren sagen das, was bildet man sich also ein. Es wird nicht darüber nachgedacht, was der Zweck dahinter ist, das gilt eben gerade als So-muss-man-das-machen, und wer es nicht so macht, wird gemieden – asoziales Fundamentalistengesindel.

Manchmal brüstet sich diese Art von Pharisäern sogar damit, sich brav an Gesetze zu halten, die (noch) gar keine Gesetze sind; das sieht man z. B. bei Leuten, die stolz darauf sind, dass sie alle Coronaauflagen übererfüllen, und die z. B. Ärzte verteidigen, die Ungeimpfte nicht behandeln wollen. Die könnten sich ja einfach impfen lassen, warum es einer nicht will, interessiert nicht (nicht mal, wenn es z. B. um Schwangere geht, die unbekannte Reaktionen bei ihrem Baby befürchten). Dass es keine Impfpflicht gibt, wird dabei leicht vergessen; auch, dass es sehr wohl eine Pflicht für Kassenärzte gibt, Kranke zu behandeln. Der perfekte Pharisäer interessiert sich nicht einmal mehr für den Gesetzesbuchstaben, auf den er vorher so gepocht hat, wenn er sich weiter für besser als andere halten kann (und meint, dass er das Gesetz bald auch noch auf seiner Seite haben wird).

Bei einer anderen Gelegenheit heißt es im Neuen Testament: „Von dort ging er weiter und kam in ihre Synagoge. Und siehe, dort saß ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Sie fragten ihn: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen? Sie suchten ihn nämlich anzuklagen. Er aber sprach zu ihnen: Wer von euch, der ein einziges Schaf hat, wird es nicht packen und herausziehen, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt? Wie viel mehr ist ein Mensch als ein Schaf? Darum ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun. Dann sagte er zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und die Hand wurde wiederhergestellt – gesund wie die andere. Die Pharisäer aber gingen hinaus und fassten den Beschluss, Jesus umzubringen.“ (Mt 12,9-14)

Im Judentum gab es tatsächlich zu dieser Zeit unterschiedliche Meinungen zu genau diesem Lehrbeispiel mit dem Schaf in der Grube. Manche hielten sogar das Herausholen des Schafs für falsch. Andere hielten es wegen ihrer Grundsätze für falsch, das Schaf mithilfe von Arbeitsgeräten herauszuholen, erlaubten aber, Kissen und Decken in die Grube zu werfen, damit es selbst herausklettern konnte – eine blödsinnige Verkomplizierung. Daran, dass manche sogar bei den einfachsten, deutlichsten Notwendigkeiten nicht sehen wollten, dass man nach dem Zweck eines Gebotes fragen muss, statt bloß dem Buchstaben (oder den Gewohnheitsregeln) zu folgen, sieht man, wie weit Pharisäertum gehen kann.

Und bei alldem war Jesus gar nicht zwangsläufig gegen Details des Gesetzes (solange sie nicht unter besonderen Umständen außer Kraft gesetzt waren, und solange sie als Bestandteil des Alten Bundes immer noch galten): „Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.“ (Lk 11,42)

Jesus war überhaupt nicht gegen das Gesetz, sondern korrigierte schlicht und einfach seine Auslegung. „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ (Mt 5,17)

Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund, sich als Tradi zu fühlen, als wäre Jesus wütend auf einen.

Aber hey, auch zu den Pharisäern kam Jesus ja, und manche kamen zu ihm, man denke an Nikodemus, der am Ende zusammen mit Josef von Arimathäa einen der wichtigsten Dienste an Jesus leistete, nämlich nach Seiner Kreuzigung Seinen Leichnam anständig balsamierte und bestattete. Ich will auch nicht behaupten, dass übertriebene Gesetzestreue immer vor allem aus Selbstgerechtigkeit kommt – manchmal hat man vielleicht nur die Dinge nicht ganz durchdacht, oder will sich an den vermeintlich sichersten Weg halten. Nur sieht dieser Weg nicht immer so aus, wie es scheint.

Die Piusbruderschaft: Fairness bitter nötig

Ich habe an diesem Artikel schon ziemlich lang gearbeitet; und auch meine eigene Meinung erst langsam ausgearbeitet. Jetzt, nach Franziskus‘ Maßnahme gegen die alte Messe, gewinnt das ganze Thema noch mal neue Relevanz; aber ich dachte mir, diese neueste Entwicklung streife ich hier nur kurz, lasse den Artikel ansonsten so, wie er war, und gehe dann eigens noch mal drauf ein.

Seit ca. fünf Monaten gehe ich jetzt regelmäßig zur Messe bei der Piusbruderschaft. Bitte nicht gleich entrüstet kommentieren oder aufhören zu lesen. Ich hatte auch früher eine relativ negative – allmählich positiver werdende – Meinung zur Piusbruderschaft und habe sie lange als „schön und gut, aber die sind doch trotzdem ungehorsam“ gesehen. Dann habe ich langsam festgestellt, dass das erstens ziemlich oberflächlich und zweitens ziemlich unfair war.

Das Wichtigste zuerst: Die Piusbruderschaft ist, auch wenn sie keinen anständigen kirchenrechtlichen Status (mehr) hat, nicht schismatisch, und war das auch nie; und Rom selbst hat sogar 2002 (als die Beziehungen noch angespannter waren) klargestellt, dass man bei ihr seine Sonntagspflicht erfüllen kann, und ihren Priestern seit dem Jahr der Barmherzigkeit 2015 sogar offiziell die nötige Vollmacht fürs Beichtehören und für Eheschließungen gegeben. Das geht nicht, wenn jemand gar nicht katholisch ist. Die Frage bei der Piusbruderschaft ist, ob es für ihren praktischen Ungehorsam gegenüber der Kirchenhierarchie, die sie anerkennt, genügend Rechtfertigungsgründe gibt; aber schismatisch sind weder die Priester noch ihre Anhänger.

(Und zwischendurch einmal bei ihr die Messe zu besuchen, weil man z. B. sonst keine alte Messe erreichen kann, kann auch von denen nicht als Sünde konstruiert werden, die finden, man sollte ihren Ungehorsam verurteilen und sich nicht damit gemein machen.)

Ihr kirchenrechtlicher Status ist etwas kompliziert; aber er wäre vergleichbar mit dem eines Pfarrers, den sein Bischof wegen angeblicher Finanzvergehen von seinem Pfarramt abgesetzt hat, der aber seine Unschuld beteuert und seine Absetzung nicht anerkennen will. Hier würde niemand behaupten, der Pfarrer oder Ex-Pfarrer wäre nicht mehr katholisch; er begeht weder Kirchenspaltung noch vertritt er Irrlehren, die Frage ist nur, ob er die Beauftragung für dieses konkrete Amt innerhalb der Kirche rechtsgültig hat und im Namen der Kirche lehren und die Sakramente spenden darf. Wenn er unerlaubt die Messe hält, wäre er ungehorsam, nicht schismatisch.

Die Frage ist wie gesagt gar nicht, ob die FSSPX schismatisch ist. Sie ist, ob

a) sie Grund genug für ihren Ungehorsam hatte bzw. heute immer noch hat

b) sie auch supplizierte Vollmacht zur Sakramentenspendung und kirchlichen Leitung hat, ob bei ihr das Prinzip ecclesia supplet greift (das wird dafür wichtig, ob vor 2015 die bei ihr abgelegten Beichten und geschlossenen Ehen gültig waren; mehr dazu unten; ihre Messen sind sowieso immer gültig gewesen)

Zunächst mal stellte sich ja bei ihr keine dieser Fragen; im Jahr 1970 wurde sie ganz normal als eine Vereinigung diözesanen Rechts mit der Zustimmung eines schweizerischen Bischofs gegründet. Auch da feierten die Piusbrüder nur die alte Messe (die nicht offiziell verboten worden war, aber zu dieser Zeit überall durch die neue Messe ersetzt wurde) und hielten an der alten Theologie fest, und es gab zuerst keine rechtlichen Probleme (auch wenn das Seminar in Êcone öfter schief angesehen war); übrigens auch keine lehramtlichen Verurteilungen irgendeiner konkreten Position des Gründers, Erzbischof Lefebvre.

Bildersammlung zu Msgr. Marcel Lefebvre & FSSPX - Kreuzgang
(Lefebvre (links), hier noch Jahre vor dem Konzil mit Papst Pius XII.)

Bzgl. dieser frühen Jahre dürften auch gemäßigtere, zur FSSP oder zu einer diözesanen alten Messe gehende Tradis das Vorgehen des Erzbischofs für absolut legitim und notwendig gehalten haben. Mit dem Konzil passierte nun mal ein Abbruch sondergleichen.

Wenn ich mir als eine, die über dreißig Jahre nach dem Konzil geboren ist, die vorkonziliare Zeit vor Augen halte, wirkt sie erstmal richtig fremd: Im Religionsunterricht werden die klaren, eindeutigen Sätze des Katechismus gelehrt, statt dass nur Gruppenbastelarbeiten veranstaltet werden. Man muss sich sein theologisches Wissen nicht mühsam irgendwo zusammensuchen, sondern bekommt es direkt präsentiert. Man kann bei den theologischen Fakultäten an den Unis davon ausgehen, dass zumindest keine offensichtlichen Häresien gelehrt werden, und wenn Professoren das doch tun sollten, werden sie gemaßregelt. Der Priester liest die Messe einfach nach dem Messbuch. Es besteht praktisch nie ein Anlass, sich Sorgen zu machen, dass man eine ungültige Absolution empfängt. Man hat auch beim Beichten nicht das Gefühl, dass der Priester, bei dem man beichtet, gar nicht mehr wirklich an die Bedeutung der Beichte glaubt oder die Hälfte der Sünden, die man beichtet, gar nicht für Sünden hält, und einem eben nur die Absolution gibt, weil er es soll. Man muss sich nach dem Kommunionempfang keine Sorgen machen, ob irgendwelche Hostienkrumen auf der Erde gelandet sein könnten, weil alle die Kommunion in den Mund empfangen und der Ministrant die Patene drunter hält. Der Altersdurchschnitt in Nonnenklöstern liegt nicht bei 80. Wenn man sich das so vorstellt, denkt man sich doch unwillkürlich: Was mussten die damals eigentlich über ein paar Luxusprobleme jammern.

Ich will gar nicht behaupten, dass damals alles gut gewesen sein muss – als ob das je so sein könnte, es wird immer irgendwelche Missstände, auch schlimme Missstände, geben -, aber zumindest ein Teil dessen, was nicht gut war, dürfte gewesen sein, dass sich in den 50ern (und vorher) eben schon dieselben Probleme ankündigten, die dann beim und nach dem Konzil voll in den Vordergrund treten sollten. Und ich hoffe, man wird es einem nach einem Erdbeben nicht übelnehmen, dass man das halb eingestürzte Haus wehmütig mit dem ein wenig baufälligen Haus vorher vergleicht.

Man kann jetzt langwierig darlegen „aber die Konzilstexte kann man immer noch hauptsächlich in einem rechtgläubigen Sinn interpretieren und das meiste, was darin steht, sind längst bekannte Wahrheiten, und in den Texten der neuen Messe stehen auch keine Häresien“, das ist alles schön und gut: Aber die Modernisten stützten sich trotzdem auf die wenigen falschen und die häufigeren zweideutigen Stellen und die ganze Atmosphäre. Diese Atmosphäre vermittelte: Es bewegt sich jetzt etwas, es soll sich noch mehr bewegen; vorher waren wir eigentlich gar nicht richtig christlich, jetzt entdecken wir langsam das richtige Christentum. Und das Resultat war, dass das ganze übliche katholische Leben aufgegeben wurde und bald kein Kommunionkind mehr wusste, wer Jesus eigentlich ist.

Zum Problem der neuen Messe (und anderer „Reformen“) ein Vergleich:

Man stelle sich ein Land mit etlichen Provinzen vor, in dem ein König herrscht. Der Provinzstatthalter führt regelmäßige Zeremonien durch bzw. lässt sie von unteren Beamten durchführen, z. B. um den Geburtstag des Königs zu feiern oder auch, um ihn selber willkommen zu heißen, wenn er zu Besuch in die Provinz kommt. Dann werden Reformen durchgeführt, bei denen diese Zeremonien massiv abgekürzt und umgeändert werden, und in die einige Gegner der Monarchie neue Ausdrücke hineinbringen, die eine gewisse Ablehnung der Monarchie implizieren oder jedenfalls eine Absicht, die Autorität der Monarchie zu schwächen, und eine Geringschätzung des Königs. Das, was man früher feierte, soll auf keinen Fall mehr so stark gefeiert werden. Ein Teil der Beamten des Provinzstatthalters lehnt diese Reformen ab und hält nach dem alten Brauch weiterhin die pompösen Zeremonien ab, wenn es etwas zu feiern gibt oder der König gerade in ihre Stadt kommt. Gleichzeitig wird vom Provinzstatthalter den Gegnern des Königs mehr oder weniger freie Hand gelassen, in seiner Provinz gegen den König zu agitieren und sich mit Vertretern aggressiver ausländischer Mächte in Verbindung zu setzen, die das Land öfter angegriffen haben, die wären ja nach deren Ansicht gar keine wirklichen Feinde; gelegentlich gibt es ein paar mahnende Worte vom Provinzstatthalter, aber nicht viel mehr, während die am alten Brauch hängenden Beamten abgesetzt werden sollen.

Das ist in etwa das, was hier passiert ist. Denn bei jeder Messe kommt unser König, Christus, das Oberhaupt der Kirche, dessen Statthalter der Papst ist, zu uns zu Besuch, und die Messe wurde in einer Weise umgeändert, durch die typisch katholische Wahrheiten in den Hintergrund treten sollten, sodass man nicht mehr so sehr anders wirken würde als die Protestanten und sich mit ihnen besser ökumenisch verständigen könnte (an der Ausarbeitung der neuen Messe waren protestantische Theologen beteiligt), und in einer Weise, durch die die Bedeutung der Messe massiv verdunkelt wurde. Besonders betrifft das den Charakter der Messe als ein Opfer, ein Sühnopfer für die Sünden. Mir war vor einiger Zeit noch gar nicht bewusst, wie viel textlich an der Messe herumgestrichen wurde. (Wenn man sich einen Eindruck davon verschaffen will, kann man z. B. hier stöbern.) Auch der komplette Festkalender wurde verändert. Zum Vergleich: In früheren Zeiten gab es halbe Aufstände, wenn ein Papst nur ein paar Worte im Hochgebet hinzufügen wollte, ohne sonst etwas zu ändern. Und keine einzige dieser Änderungen war positiv – keine stellte Gottes Größe oder Liebe besser heraus, machte die Messe schöner oder die Leute andächtiger. (Übrigens auch der Wechsel von Latein zur Landessprache nicht. Der Islam und andere Religionen zeigen, dass eine heilige Sprache, die unveränderlich ist und den Bereich des Heiligen abgrenzt, den Leuten gerade helfen kann, das Heilige zu verstehen, vor allem dann, wenn man auch in Übersetzungen präsentiert bekommt, was genau sie jetzt eigentlich sagt – und das war ja vor dem Konzil mit den zweisprachigen Volksmessbüchern wie dem Schott der Fall.) Die ganze Reform war rein destruktiv; man wollte sich anpassen, und sich vom typisch Katholischen distanzieren. Es war alles eine Abschwächung, inspiriert von Modernisten, die den Glauben gar nicht mehr so ganz hatten.

Erzbischof Marcel Lefebvre – der in Frankreich aufgewachsen, in Rom im Seminar gewesen, nach kurzer Zeit als diözesaner Kaplan in Frankreich dem Orden der Spiritaner beigetreten war, in Afrika Missionar gewesen war, dort Priester ausgebildet hatte und Erzbischof von Dakar im Senegal geworden war, außerdem Apostolischer Delegat für das ganze französischsprachige Afrika, dann kurze Zeit Bischof einer kleinen französischen Diözese und schließlich Generaloberer der Spiritaner – war einer der Konzilsväter, und gehörte dem traditionellen Flügel an, ebenso wie z. B. der schon sehr alte Kardinal Ottaviani, Leiter des Hl. Offiziums (heute Glaubenskongregation). Wenn man die Schriften des Erzbischofs vom Beginn des Konzils liest, merkt man eine gewisse leichte Besorgnis, aber auch optimistische Aussichten; es war nicht so, dass er das Konzil von vornherein abgelehnt hätte. Die liberale Seite – zu der auch der Konzilsberater Joseph Ratzinger gehörte – hatte allerdings im Endeffekt auf dem Konzil mehr, na ja, Erfolg bei der Organisation, und das auch wegen mancher Intrigen. (Aber das hier soll keine Geschichtsschreibung über das Konzil werden, damit kenne ich mich sowieso insgesamt zu wenig aus.)

Marcel Lefebvre - Wikipedia
(Erzbischof Lefebvre.)

Wenn man Lefebvres Schriften im Lauf des Konzils liest, fällt auf, dass er zuerst auch stark besorgt war, wie die „Kollegialität“ betont wurde, dass viele Theologen z. B. meinten, der Papst habe nicht die volle Jurisdiktionsgewalt in der Kirche, sondern habe sie immer nur zusammen mit den Bischöfen, aber dann erleichtert war, dass die Konzilstexte sich doch einigermaßen klar über diesen Punkt ausdrückten. Lefebvre verteidigte die Autorität des Papstes in der Weltkirche, aber auch die des Bischofs in seiner Diözese, die durch die Bischofskonferenzen und alle möglichen Gremien innerhalb des Bistums eingeschränkt zu werden drohte. Damit hatte er auch Recht; viele Köche verderben den Brei, und bei Gremienarbeit (die noch dazu langwierig und umständlich ist) kommt oft nichts Halbes und nichts Ganzes heraus; außerdem ist sie eine schöne Möglichkeit dafür, persönliche Verantwortung zu verwischen. Jesus hatte ja einen Grund, wieso Er einzelne über die Weltkirche und die Diözesen gesetzt hat.

Ein anderes, gravierenderes Problem, war jedoch die Frage der Religionsfreiheit, und hier muss man wirklich sagen, dass im Konzilstext selber das Problem liegt. Kardinal Ottaviani hatte einen Text „Über die religiöse Toleranz“ vorgeschlagen, aber die liberale Seite brachte einen Text über die „Religionsfreiheit“ durch. Traditionelle katholische Lehre war nun immer gewesen, dass nicht nur einzelne sich zu Christus bekennen sollen, sondern auch Staaten, und dass andere Religionen toleriert werden können, aber nicht Maßstab des staatlichen Handelns sein sollen, und dass (auch wenn man natürlich niemandem die Taufe aufzwingen kann, da der Glaube etwas Innerliches ist) es kein natürliches Recht gibt, etwas Falsches nach außen hin zu verbreiten. Das kann einem erst mal sehr radikal und abwegig vorkommen. Aber im Grunde genommen erkennt jeder heute dasselbe Prinzip an; z. B. will man radikalen Islamisten keine Religionsfreiheit zugestehen (und definiert ihre Religion daher als „nicht wirklichen Islam“, sodass man sich nicht eingesteht, dass man die Religionsfreiheit einschränkt). Auch im politischen Bereich sieht es jeder, dass Meinungen gefährlich sein und Schaden anrichten können, dass Leute Lügen und Halbwahrheiten verbreiten und eine vollkommene Meinungsfreiheit nicht machbar ist. (Auch wenn es wohl sehr unterschiedliche Ansichten dazu gibt, welche Meinungen die gefährlichen sind.) Man sieht es nicht als natürliches Recht an, sämtliche Lügen, Halbwahrheiten, Fehlschlüsse und Irrtümer zu verbreiten, die Menschen schaden können, und das zu Recht. Und falsche Ideen über Gott und das Wesen des Menschen können natürlich noch mehr Schaden zufügen als falsche Ideen über den Staat. Man kann Leute in der Praxis nicht einfach so direkt zwingen, falsche Ideen aufzugeben, aber man kann ihnen zumindest Hilfestellungen dafür anbieten, davon loszukommen, und die Verbreitung der Ideen in gewissem Maß einschränken – wie man es z. B. auch bei Drogen tut. In Staaten mit religiös vielfältiger Bevölkerung wird man zu Kompromissen finden müssen, aber das sind eben die Begrenzungen in der Praxis. Eine relativ weitgehende Religionsfreiheit als bürgerliches Recht, in der Verfassung garantiert, kann man schon haben und achten – auch vor dem 2. Vatikanum legten die Bischöfe in Deutschland einen Eid auf das Grundgesetz ab, dieses Grundgesetz soll man achten. Aber ideal ist es, dass die wahre Religion zumindest bevorzugt wird, und christliche Politiker christliche Politik machen. (Wobei wir das teilweise zumindest bisher auch in Deutschland hatten; die großen Kirchen haben z. B. das Privileg des Religionsunterrichts in staatlichen Schulen – Sekten wie Scientology würde man das nie erlauben.)

Auch heute noch gibt es übrigens Länder, die eine Staatsreligion haben, und die verlangen, dass die Inhaber bestimmter Ämter dieser Religion angehören müssen, oder die eine Religion besonders bevorzugen bzw. andere einschränken. In England darf der Thronfolger kein Katholik sein, in Israel ist Missionsarbeit bei Minderjährigen verboten und Missionsarbeit generell wird sehr misstrauisch beäugt und eher eingeschränkt, in der theoretisch säkularen Türkei durften fast hundert Jahre lang keine neuen Kirchen gebaut werden. So gab es auch Länder mit katholischer Staatsreligion. Der Kanton Wallis in der Schweiz beispielsweise behielt trotz ein paar Gesetzesänderungen immerhin bis 1993 die katholische Religion als Staatsreligion bei. In Spanien war es so gewesen, dass die katholische Religion als Staatsreligion gemäß der Verfassung öffentlichen Schutz genoss und nur öffentliche Kundgebungen dieser Religion zugelassen waren, aber die private Ausübung und das Bekenntnis anderer Religionen toleriert wurde. Auch in Südamerika gab es Länder mit katholischer Staatsreligion (z. B. Kolumbien). Und leider muss man sagen: Dass diese katholischen Länder diese besondere Stellung der Kirche abschafften, kam nicht zuletzt daher, dass es der Kirche selber jetzt auf einmal peinlich war, sie zu fordern, und sie eigentlich sogar dagegen agitierte. Die Kirche wollte virtue signalling betreiben und zeigen, dass sie ganz freundlich zu anderen Religionen war, und gab dadurch ihren Einfluss auf einige Staaten auf, obwohl sie durch diesen Einfluss viel Gutes hätte bewirken können (z. B. auf eine wirklich christliche Gesetzgebung hinwirken hätte können). (Heute gibt es nur noch sehr vereinzelte Länder mit katholischer Staatsreligion, z. B. Malta.)

Erzbischof Lefebvre schreibt:

„Kardinal Ottaviani behandelte seinerseits die Frage sehr korrekt: ‚Ebenso, wie sich die weltliche Gewalt für berechtigt erachtet, die Staatsbürger vor den Verführungen des Irrtums zu schützen, … kann sie auch von sich aus die öffentlichen Kundgebungen anderer Kulte regeln und beschränken und die Staatsbürger gegen die Verbreitung falscher Lehren schützen, die nach dem Urteil der Kirche ihr ewiges Heil gefährden.‘ […]

Die Verbreiter falscher Ideen üben natürlich auf die Schwächsten, auf die am wenigsten Gebildeten, einen Druck aus. Wer wird bestreiten, daß der Staat die Pflicht hat, die Schwachen zu schützen? Das ist seine vornehmste Aufgabe, der Grund dafür, daß sich die Menschen zu einer Gesellschaft organisiert haben. […]

Ich glaube, daß kein Katholik, selbst wenn er ratlos wäre, auf die Idee käme, einer Regierung den Vorwurf zu machen, Drogen zu verbieten, weil sie damit auf die Süchtigen einen Zwang ausübt. […]

Die Segnungen, welche die katholische Religion mit sich bringt, zeigen, wie illusorisch die Voreingenommenheit der postkonziliaren Geistlichen ist, die meinen, sich jeden Zwanges, ja sogar jeder Einflußnahme auf die ‚Nichtglaubenden‘ enthalten zu müssen. In Afrika, wo ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe, bekämpfte die Mission die Geiseln der Polygamie, der Homosexualität, der Mißachtung der Frau, die zur Sklavin oder zu einer Sache wird, sobald die christliche Kultur schwindet. Man weiß ja, wie erniedrigend die Lage der Frau auch in der islamischen Gesellschaft ist. An dem Recht der Wahrheit, sich durchzusetzen und an die Stelle der falschen Religionen zu treten, ist nicht zu zweifeln. Dennoch befürwortet die Kirche in der Praxis nicht etwa einen blinden Starrsinn hinsichtlich des öffentlichen Kultes dieser Religionen. Sie hat immer offen bekundet, daß dieser Kult von der Staatsgewalt toleriert werden kann, um ein größeres Übel zu vermeiden. Deshalb hat Kardinal Ottaviani die Bezeichnung ‚religiöse Toleranz‘ vorgezogen.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 97-99)

Die Frage ist hier nicht vorrangig, welche Mittel zulässig sind, um andere Religionen einzuschränken – das kommt auch immer drauf an, wie schädlich, wie gewalttätig und wie gefährlich diese konkret sind. Es geht viel grundsätzlicher darum, dass der Glaube das Recht hat, eine Rolle in der Öffentlichkeit zu spielen, dass Katholiken nach einem katholischen Staat streben dürfen. Es geht auch nicht darum, wie durchsetzbar das ist; es geht darum, dass man das Ziel haben darf. Wie Liberale einen liberalen Staat wollen, oder Umweltschützer einen (genau nach ihren Vorstellungen) umweltschützerischen, so sollten auch Katholiken nach einem katholischen Staat streben wollen dürfen, freilich alles auf anständige Weise. Es geht darum, dass Christus König sein soll. „Wenn die Kirche unter einem laizistischen oder atheistischen Regime de facto auf den Rang einer Vereinigung unter anderen in der Gesellschaft reduziert ist, kann sie für den Augenblick kaum etwas anderes für die Gegenwart erhoffen und beanspruchen als einen Status des ‚gemeinen Rechts‘ zusammen mit den anderen Vereinigungen innerhalb des Gemeinwesens, doch diese prekäre Lösung infolge dieser ganz besonderen (wenngleich de facto sehr verbreiteten) Situation kann keineswegs als die allgemeine und unversehrte Lehre betrachtet werden“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 48)

Die weltliche Gesellschaft sollte es den Leuten erleichtern, ihr ewiges Ziel bei Gott zu erreichen, nicht dem neutral gegenüberstehen, meinte der Erzbischof. (Dass der Glaube des einzelnen erzwingbar wäre, behauptete er gar nicht.) Auf das Argument, die Zeiten hätten sich geändert, antwortet er: „Das heißt, das Öffentliche Recht der Kirche vor dem Stand der Dinge beugen zu wollen. Es ist sogar noch schlimmer, es heißt, die Apostasie der Völker zu einer unentrinnbaren geschichtlichen Notwendigkeit zu machen.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 45)  Er führte auch an, dass die gesellschaftliche religiöse Gleichgültigkeit in aller Regel auch die private religiöse Gleichgültigkeit zur Folge hatte.

Und hier war wirklich das Konzilsdokument „Dignitatis Humanae“ das Problem. Denn die offensichtliche Lesart sagt gerade, dass (obwohl private religiöse Indifferenz schlecht sei) religiöse Toleranz auch für das öffentliche Verbreiten von falschen Religionen nicht nur ein notwendiges Übel oder ein bürgerliches Recht, sondern ein positives Gut sei. Jetzt kann man an den genauen Formulierungen herumkritteln und z. B. darauf eingehen, dass noch „gebührende Grenzen“ der Religionsfreiheit erwähnt werden. Aber das ist nur so eine kleine Einschränkung; die prinzipielle Stoßrichtung ist klar, und vor allem ist klar, wie der Durchschnittsmensch das verstehen wird. Früher war die Kirche sich dessen bewusst und formulierte Dokumente sehr genau. Manchmal ändern sich Ausdrucksweisen im Lauf der Zeit, oder man muss spezielle Fachausdrücke kennen, aber die Kirche legte Wert auf Klarheit, auf Eindeutigkeit, und machte im Notfall nachträglich klar, was gemeint war. Hier? Jeder normale Mensch musste den Eindruck eines Abweichens von vorigen Aussagen der Päpste haben.

Hier ist eine Sache wichtig: Das Konzil war ein Pastoralkonzil, kein dogmatisches. Es beanspruchte für Dokumente wie „Dignitatis Humanae“ keine Unfehlbarkeit und deswegen kann man auch kein Abtrünniger werden, wenn man dieses Dokument als falsch sieht. Man muss nicht das Konzil als Ganzes für ungültig halten; seine Dokumente beanspruchen keine Unfehlbarkeit, und folglich muss ich ihnen auch keine zusprechen. Natürlich muss man nicht nur die streng genommen unfehlbaren Dokumente des Lehramts im Allgemeinen mit Ehrfurcht behandeln; aber wenn man bereits etliche hat, die gegen etwas sprechen, und dann plötzlich eins, das dafür spricht, muss man nicht speziell dieses eine über die anderen, die noch dazu höhere Autorität haben, stellen.

Damit zusammenhängend sah Erzbischof Lefebvre natürlich auch den Ökumenismus als großes Problem. Vor dem Konzil war die Kirche ja den ökumenischen Ideen, die damals schon unter protestantischen Kirchen verbreitet waren, generell ablehnend gegenübergestanden, einfach weil der Ökumenismus die Ansicht verbreiten konnte, dass alle Kirchen nur einen Teil der Wahrheit hatten und keine es besser wüsste als die anderen oder gar von anderen Christen erwarten sollte, zu ihr zu konvertieren. Jetzt war sie selbst vorne mit dabei. Das Weltgebetstreffen in Assisi oder der Korankuss von Johannes Paul II. schockierten tatsächlich einige – und zurecht. Unter dem Koran waren die Christen jahrhundertelang verfolgt und mit mal mehr, mal weniger hartem Druck abtrünnig gemacht worden; und beim Weltgebetstreffen konnte man quasi den Eindruck gewinnen, als würden Katholiken zum selben Gott beten wie Buddhisten, deren Vorstellungen dem Atheismus näher sind als irgendeiner monotheistischen Religion. Natürlich war das schlimm. Hier wurden viele Katholiken völlig ratlos und wussten gar nicht mehr, ob man jetzt noch dasselbe glauben durfte wie früher. Und Johannes Paul II. – obwohl er ein Papst war, der sicher rechtgläubig sein wollte, der persönlich sympathisch war und gegen manche Exzesse einschritt – war hier auch nicht schuldlos (nicht in Bezug auf seine persönliche Schuld gemeint; aber seine Handlungen waren oft nicht hilfreich). Er wollte praktisch die schlimmsten Auswüchse zurückhalten, aber doch irgendwie daran festhalten, dass mit „dem“ Konzil eine neue Ära gekommen war, und auf jeden Fall Religionsfreiheit und Ökumene hochhalten.

Zu: Koran-Kuss war nutzlos: Papst Johannes Paul stirbt als ein Gottloser  pius.info - PDF Kostenfreier Download
(Johannes Paul II. küsst den Koran.)

Der Erzbischof merkte auch an, wie oft auf dem Konzil quasi das Lehramt der öffentlichen Meinung angerufen wurde, wie oft es auch in den Konzilstexten „die Welt von heute hat erkannt“, „die Welt von heute erwartet von uns“ oder so ähnlich hieß. Statt dass man anhand der gesammelten Weisheit von 2000 Jahren die typischen Fehler der Welt anging, nahm man sie als Lehrmeisterin an. Das wird manchmal auch ein bisschen peinlich – man lese nur mal den Anfang von Gaudium et spes. Und es gibt ja auch sonst noch ein paar Dinge, die man, ohne dass das Konzil viel dazu gesagt hätte, seit dem Konzil quasi aufgehört hat, zu verkünden; z. B. die Lehre, dass, obwohl beides sehr gut ist, Jungfräulichkeit/Zölibat an sich besser ist als die Ehe (ohne dass deswegen alle Zölibatären besser sind als alle Verheirateten).

Und es ist ja nicht so, dass das Konzil ansonsten viel Gutes bewirkt und nur ein paar Flüchtigkeitsfehler in unwesentlichen Dokumenten gehabt hätte. Denen, die sich auf dem Konzil durchsetzten, ging es gerade darum, die zweideutigen und falschen Stellen in Dokumenten wie Dignitatis Humanae und Gaudium et spes durchzubringen, um in dieser Richtung fortschreiten zu können. (Man denke auch an die zweideutige Formulierung, die wahre Kirche sei „verwirklicht in“ der katholischen Kirche.) Das Konzil brachte auch nette Texte heraus, die hauptsächlich altbekannte Wahrheiten wiederholten, aber diese hatten nicht viel Einfluss; und es brachte keine guten Texte heraus, die relevante neue Irrtümer verurteilt hätten o. Ä.

Erzbischof Lefebvre warnte also schon auf dem Konzil vor Fehlentwicklungen, damals noch zusammen mit anderen, und ohne viel Erfolg; 1968 sah er sich gezwungen, sein Amt als Generaloberer der Spiritaner niederzulegen, weil der Orden sich in eine falsche Richtung entwickelte, bei der er sich nicht beteiligen wollte. Dann hatte er eigentlich keinen besonderen Posten mehr und hätte sich zur Ruhe setzen können. Einige Jahre später schrieb er über die Gründung der FSSPX und die Sanktionen gegen ihn:

„Sie gehören vielleicht zu denen, ratlose Leser, die mit Trauer und Angst den Verlauf sehen, welchen die Dinge nehmen, die sich aber doch davor fürchten, eine wahre Messe zu besuchen, obwohl Sie sich danach sehnen, weil man Ihnen weismachen wollte, daß diese Messe verboten ist. […] Sie haben Angst, sich außerhalb der Kirche zu stellen. Diese Angst ist im Prinzip lobenswert, aber sie beruht hier auf falschen Vorstellungen. […]

Schon vor diesem Zeitpunkt [1968] wandten sich zahlreiche Familien und Priester mit der Frage an mich, an welche Ausbildungsstätten sie die jungen Männer weisen sollten, die Priester werden wollten. Ich muß gestehen, daß ich diesbezüglich sehr unschlüssig war. Nachdem ich von meinen Verantwortungen entbunden war und gerade beabsichtigte, mich zurückzuziehen, dachte ich an die Universität Freiburg in der Schweiz, die noch thomistisch orientiert und geleitet war. Der Bischof, Mgr. Charrière, empfing mich mit offenen Armen. Ich mietete ein Haus, und wir nahmen neun Seminaristen auf, die die Vorlesungen an der Universität besuchten und während der übrigen Zeit ein regelrechtes Seminarleben führten. Sie zeigten sehr bald den Wunsch, auch weiterhin miteinander zu arbeiten. Nach einiger Überlegung fragte ich Mgr. Charrière, ob er bereit wäre, ein Gründungsdekret für eine ‚Bruderschaft‘ zu unterzeichnen. Er billigte deren Statuten, und so entstand am 1. November 1970, die ‚Priesterbruderschaft St. Pius X.‘ Damit waren wir in der Diözese Fribourg kanonisch errichtet.

Wie Sie noch sehen werden, sind diese Einzelheiten wichtig. Ein Bischof hat kanonisch das Recht, in seiner Diözese Vereinigungen zu errichten, die Rom schon auf Grund dieser Errichtung anerkennt, und zwar so weit, daß ein anderer Bischof, ein Nachfolger des ersteren, der diese Vereinigung oder Bruderschaft aufheben möchte, dies nicht tun kann, ohne sich an Rom zu wenden. Die römische Oberbehörde schützt das, was der erste Bischof errichtet hat, damit die Vereinigungen nicht einer Widerruflichkeit ausgesetzt sind, die für ihre Entwicklung schädlich wäre. […] Es gibt Hunderte von Ordenskongregationen diözesanen Rechts, die Häuser in der ganzen Welt haben. […]

Als es notwendig wurde, ein regelrechtes Seminar zu eröffnen und ich das Haus in Ecône – ein ehemaliges Erholungsheim für die Chorherrn vom Großen Sankt Bernhard – gemietet hatte, suchte ich den Bischof von Sion [Sitten], Mgr. Adam auf, der mir seine Zustimmung gab. […] Von Jahr zu Jahr ist die Zahl der Seminaristen gewachsen; im Jahr 1970 sind 11 eingetreten, 1974 waren es 40. Bei den Neuerern verbreitete sich Unruhe […]

Und so sind am 11. November 1974, mit dem ersten Schnee, zwei Apostolische Visitatoren im Seminar erschienen. Sie waren von einer Kommission entsandt, die von Papst Paul VI. ernannt worden war und aus den Kardinälen Garrone, Wright und Tabera bestand – letzterer war Präfekt der Heiligen Kongregation für die Ordensleute und die Säkularinstitute. Sie befragten zehn Professoren und zwanzig der hundertvier anwesenden Seminaristen wie auch mich selbst. Zwei Tage später reisten sie wieder ab und hinterließen einen unangenehmen Eindruck: Sie hatten vor den Seminaristen skandalöse Reden geführt, die Priesterweihe Verheirateter für normal erachtet, hatten erklärt, daß sie keine unveränderliche Wahrheit gelten ließen, und Zweifel an der traditionellen Auffassung von der Auferstehung unseres Herrn geäußert. Über das Seminar sagten sie nichts und hinterließen auch keinerlei Protokoll. Daraufhin veröffentlichte ich, empört über die von ihnen geführten Reden, eine Erklärung, die mit folgenden Worten begann: ‚Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens und der zur Aufrechterhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen, am ewigen Rom, der Lehrmeisterin der Weisheit und der Wahrheit.

Wir lehnen es dagegen ab und haben es immer abgelehnt, dem Rom einer neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenz zu folgen, die sich auf und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und in allen Reformen, die aus diesem hervorgegangen sind, klar gezeigt hat.‘ [Hier eine englische Übersetzung der ganzen kurzen Erklärung.]

Diese Sprache war sicher etwas scharf, aber sie drückte damals meine Gedanken aus, die auch heute noch dieselben sind. Die Kardinalskommission hat hierauf beschlossen, unsere Vernichtung auf diesen Text zu gründen, denn sie konnte sich für ihr Vorhaben nicht auf die Führung des Seminars beziehen: Die Kardinäle erklärten mir nämlich zwei Monate später, daß die Apostolischen Visitatoren bei ihren Erhebungen einen guten Eindruck gewonnen hätten.

Die Kardinalskommission hat mich für den 13. Februar des folgenden Jahres zu einer ‚Unterredung‘ nach Rom eingeladen, um einige Punkte zu klären, und ich habe mich dort eingefunden, ohne zu ahnen, dass man mir eine Falle stellte. Die Unterredung verwandelte sich von Anfang an in ein straffes Verhör wie vor Gericht. Es folgte ein zweites am 3. März, und zwei Monate darauf informierte mich die Kommission „mit der vollen Billigung Seiner Heiligkeit“ über die Beschlüsse, die sie getroffen hatte: Mgr. Mamie, dem neuen Bischof von Fribourg, wurde das Recht zuerkannt, die von seinem Vorgänger erteilte Approbation der Bruderschaft zurückzuziehen. Damit hätte diese, ebenso wie ihre Gründungen, in erster Linie das Seminar von Ecône, ihre ‚Existenzberechtigung‘ verloren.

Ohne die amtliche Bekanntmachung dieser Beschlüsse abzuwarten, schrieb mir Mgr. Mamie: ‚Ich informiere Sie also, daß ich die von meinem Vorgänger gesetzten Rechtshandlungen und erteilten Konzessionen hinsichtlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. zurückziehe, insbesondere das Errichtungsdekret vom 1. November 1970. Diese Entscheidung tritt sofort in Kraft.‘

Wenn Sie meinen Ausführungen gefolgt sind, können Sie feststellen, daß diese Aufhebung vom Bischof von Fribourg vorgenommen wurde und nicht vom Heiligen Stuhl. Nach Canon 493 [des damals geltenden Kirchenrechts] ist dies also eine wegen mangelnder Zuständigkeit rechtlich nichtige Maßnahme.

Dazu kommt noch der Mangel an ausreichenden Gründen. […] Meine Erklärung war aber niemals Gegenstand einer Verurteilung durch die Heilige Kongregation für die Glaubenslehre (das ehemalige Heilige Offizium), die allein zu dem Urteil darüber berufen ist, ob sie in Gegensatz zum katholischen Glauben steht. Sie wurde ja nur von drei Kardinälen als ‚in allen Punkten unannehmber‘ befunden, und zwar im Verlauf einer Veranstaltung, die offiziell nach wie vor als Unterredung gilt.

Die rechtliche Existenz der Kommission selbst wurde niemals bewiesen. Mit welchem päpstlichen Akt wurde sie eingesetzt? Unter welchem Datum? In welcher Form wurde der Akt abgefaßt? Wem wurde er amtlich bekanntgegeben? Die Tatsache, daß die römischen Autoritäten seine Vorlage verweigerten, erlaubt Zweifel an seiner Existenz. ‚Im Rechtszweifel verpflichtet das Gesetz nicht‘, sagt das kirchliche Gesetzbuch; um so weniger, wenn die Kompetenz, ja sogar das Vorhandensein einer erkennenden Behörde zweifelhaft ist. Die Worte ‚mit der vollen Billigung Seiner Heiligkeit‘ sind juristisch unzureichend; sie können nicht das Dekret ersetzen, das die Kardinalskommission konstituieren und ihre Vollmachten hätte umschreiben müssen.

Lauter Verfahrensmängel, die die Aufhebung der Bruderschaft nichtig machen. Man darf auch nicht vergessen, daß die Kirche nicht eine totalitäre Gesellschaft von nazistischem oder marxistischem Typ ist, und daß das Recht, selbst wenn es respektiert wird – was in dieser Sache eben nicht der Fall ist -, keinen absoluten Begriff darstellt. Das Kirchenrecht ist geschaffen, um uns das geistige Leben zu ermöglichen und uns so zum ewigen Leben zu führen. Benützt man dieses Gesetz, um uns zu hindern, dorthin zu gelangen, um gewissermaßen unser geistiges Leben abzutöten, dann sind wir verpflichtet, den Gehorsam zu verweigern, genauso wie die Bürger eines Landes verpflichtet sind, dem Gesetz über die Abtreibung nicht zu gehorchen.

Um im Bereich des Juristischen zu bleiben: Ich habe zweimal nacheinander bei der Apostolischen Signatur, die etwas Ähnliches ist wie der Oberste Gerichtshof im bürgerlichen Recht, Berufung eingelegt.

Der Kardinalstaatssekretär, Mgr. Villot, hat diesem höchsten Gericht der Kirche verboten, die Rekurse anzunehmen, was einen Eingriff der Regierungsgewalt in die richterliche Gewalt darstellt.“ (Offener Brief an die ratlose Katholiken, S. 165-171.)

Die Piusbruderschaft sah und sieht also ihre Aufhebung als eine rechtlich mit Verfahrensfehlern belastete und außerdem grundsätzlich ungerechte Maßnahme. Jetzt könnte man sagen: „Aber dann gehorcht man eben einer ungerechten Maßnahme. Gott wird es schon irgendwie zum Guten führen, wenn man gehorcht.“ Aber das ist keine katholische Denkweise. Ein Gesetz ist nur dann wirklich ein Gesetz, wenn es dem Gemeinwohl dient – ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz. Und dieses Gesetz hier schadete dem Gemeinwohl, nicht nur einfach deshalb, weil eine rechtmäßig gegründete Vereinigung sich nicht wirklich etwas zu schulden kommen hatte lassen und nicht einfach aufgelöst werden sollte, sondern vor allem, weil diese Vereinigung für viele Menschen verlässliche Seelsorge bot, die sie sonst bei ihren Pfarrern nicht mehr bekommen konnten. Gerade in den 70ern war ja die Situation oft noch viel katastrophaler, als man aus den Konzilsdokumenten hätte irgendwie begründen können. Da hatte man schon mal ungültige Messen und Priester, die sich weihen ließen in der Erwartung, dass bald der Zölibat fallen würde, und die sowieso nicht mehr an die Auferstehung Jesu glaubten.

Und deshalb hatte die Piusbruderschaft auch recht damit, ihre Aufhebung, da ungerecht, als nichtig anzusehen, und einfach so weiterzumachen.

Da sie das als nichtig sah, schrieb sie sich auch weiterhin die Vollmacht zu, Beichten zu hören und bei Trauungen zu assistieren. Anders als bei anderen Sakramenten ist es hierbei ja so, dass zur Gültigkeit nicht nur der gültig geweihte Priester da sein muss, sondern dieser Priester auch die Beauftragung vom Bischof haben muss; ein suspendierter Priester beispielsweise spendet die Absolution ungültig und auch eine Ehe ist ungültig, wenn sie vor ihm geschlossen wird. Aber hier ist eine Sache wichtig: Es gibt das Prinzip „Ecclesia supplet“ – Die Kirche ersetzt im Notfall die fehlende Vollmacht. Ein einfacher Fall wäre z. B., wenn ein frisch geweihter Priester davon ausgehen konnte, dass seine Beichtvollmacht ab 1.8. gilt, aber wegen irgendeinem Fehler gilt sie erst ab 1.9. In diesem Fall ersetzt die Kirche die fehlende Vollmacht und die im August bei ihm abgelegte Beichte wird gültig. (Es gibt auch noch andere „Notstandsregeln“; z. B. darf die Ehe auch ohne Priester geschlossen werden, wenn man längere Zeit keinen finden kann.)

Auch hier berief sich die Piusbruderschaft eben wieder auf den Notstand: Gläubige, die einen verlässlichen Beichtvater oder eine gute Ehevorbereitung und Brautmesse suchten, hatten oft wenige Möglichkeiten und brauchten sichere Seelsorge. Und hier hatte sie, soweit ich das beurteilen kann, vollkommen Recht. Die Notsituation zu leugnen heißt, sich selber blind stellen und den eigenen Verstand beleidigen. Man muss sich als guter Katholik nicht alles schönreden, damit die Kirchenhierarchie gut herauskommt. Manchmal begehen auch Bischöfe sehr schwere Sünden und vernachlässigen ihre Aufgaben komplett. Ein solcher Fall wie nach dem Konzil ist historisch ziemlich selten, nicht mal die Arianismuskrise im 4. Jh. reicht ganz heran; und besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen; und nach dem Kirchenrecht ist das oberste Gesetz das Heil der Seelen. Die Kirche ist vielleicht eine absolute Monarchie, aber keine totalitäre Diktatur, in der es willkürlich und unsinnig zugeht, sondern eine rechtsstaatliche absolute Monarchie.


(Der Erzbischof ist auf dem Bild in der Mitte zu sehen.)

Es ging dann noch weiter; zuerst erhielt Lefebvre 1976 die Suspension a divinis (was ihm die Spendung der Sakramente untersagte) und es gab ein Verfahren vor der Glaubenskongregation, das Anfang 1978 eingeleitet wurde, bei dem der Erzbischof nach Rom geladen wurde, um Stellung zu einigen Fragen zu nehmen, das aber am Ende zu nichts führte.

Ihm wurden seine Ansichten zur Religionsfreiheit vorgeworfen; auf die Widersprüche mit früheren Päpsten wurde nicht eingegangen. So schrieb Kardinal Seper an ihn: Durch die Konzilserklärung wird dieser Punkt der Lehre klar zum Bestandteil der Unterweisung durch das Lehramt und beansprucht, obwohl er nicht Gegenstand einer Definition ist, willige Aufnahme und Zustimmung.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 15f.) (Was Lefebvre, wie man sich denken kann, nicht anerkannte.)

Auch, dass Lefebvre die neue Messe als etwas sah, das den Glauben schmälerte und angriff, wurde beanstandet: „Ein Gläubiger kann jedenfalls nicht in Zweifel stellen, daß ein vom Obersten Hirten promulgierter sakramentaler Ritus mit der Glaubenslehre im Einklang steht, vor allem wenn es sich um den Ritus der Messe handelt, die das Herzstück des Lebens der Kirche bildet.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 17) Der Erzbischof hielt ja den neuen Ritus nicht für ungültig; aber sehr wohl für etwas, das den Glauben nicht genug zum Ausdruck brachte und die Leute allmählich in eine falsche Richtung lenkte, auch wenn er nichts direkt Häretisches ausdrückte, er sah ihn als „die Häresie begünstigend“, nicht als „häretisch“. Wieso ein Katholik das nicht denken könnte, wurde nicht gesagt.

Ihm wurde vorgeworfen, das 2. Vatikanum und Paul VI. anzugreifen und sich allmählich ins Schisma zu begeben: „Sie beginnen, ob Sie es wollen oder nicht, mit Priestern, die Sie geweiht haben und die faktisch von Ihnen allein abhängen, eine Gruppierung zu bilden, die geeignet ist, eine dissidente kirchliche Gemeinschaft zu werden.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 25) Daraufhin wiederholte Lefebvre schlicht und einfach, dass der Gehorsam gegenüber Menschen Grenzen habe: „Nun wurden die uns auferlegten Verbote dazu erlassen, um uns zu dem Einverständnis zu verpflichten, daß unser Glaube gemindert und angegriffen werde. Deshalb sind wir überzeugt, daß diese Vorschriften keinerlei Gesetzeskraft besitzen.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 115) „Von uns zu verlangen, daß wir unsere Seminare schließen und die neue konziliare und postkonziliare Richtung annehmen, hieße uns zwingen, zur Zerstörung der Kirche beizutragen, die Autorität des römischen Apostolischen Stuhls zu unterminieren. Nur weil wir dem Lehramt der Kirche treu bleiben wollen, flehen wir den Heiligen Vater an, sich auch selbst treu zu sein“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 118)

Hier kann man den Vorwürfen noch am ehesten eine gewisse Glaubwürdigkeit zugestehen; von außen mochte es für unwissende Beobachter so aussehen, als entstünde hier ganz langsam eine eigene Kirche. Aber an dieser Situation ließ sich vonseiten Lefebvres nun einmal nichts ändern, solange er nicht das ganze Wirken der Piusbruderschaft aufgeben wollte; das Problem war, dass Rom dieses Wirken nicht gefiel. Und er machte immer wieder klar, dass er eben keine eigene Kirche aufbaute und nur ungerechten Befehlen nicht gehorchte.

In diese Zeit fielen der Tod von Paul VI., die Wahl und 33 Tage später der Tod von Johannes Paul I., und die Wahl von Johannes Paul II. In einem Brief Ende des Jahres 1978 bat Lefebvre Johannes Paul II., die traditionellen Gemeinschaften doch einfach zuzulassen: „Welche Schwierigkeit bereitet eine derartige Haltung? Keine. Die Bischöfe würden Orte und Zeiten bestimmen, die für diese Überlieferung reserviert wären. Die Einheit wäre auf der Ebene des örtlich zuständigen Bischofs sofort wiedergefunden. […] Die Priorate würden den Diözesen durch Predigten von Pfarrmissionen, Exerzitien nach Art des hl. Ignatius und Dienstleistungen in den Pfarren, in voller Unterordnung unter die Ortsbischöfe dienen.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 150f.)

Im Januar 1979 gab es dann ein Treffen bei der Glaubenskongregation. Man fragte ihn, ob er nicht handle, als ob die Hierarchie nicht mehr existiere, wenn er seinen Priestern supplizierte Jurisdiktion zuschreibe. Er antworte nicht, dass die Hierarchie nicht mehr existiere, sondern sagte: „Man kann der Ansicht sein, daß die Hierarchie in bestimmten Ländern ganz allgemein nicht mehr ihre Aufgabe erfüllt.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 163) Über seine Unterwerfung unter den Papst sagte er: „Solange nicht die päpstliche Unfehlbarkeit betroffen ist, stellt es kein Delikt des Aufruhrs dar, wenn ein Bischof seine Schwierigkeiten öffentlich darlegt, falls er sich dabei auf die Überlieferung stützt. Die Einwände, die ich der Gesamtheit der Liturgiereform entgegenhalte, berücksichtigen die Tatsache, daß Papst Paul VI. die Liturgiereform als disziplinäre Reform betrachtete.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 174) Er erklärte auch, dass es sein Wunsch sei, dass die FSSPX eine Gesellschaft päpstlichen Rechts werde, die ihre Seelsorge und Priesterausbildung so weiterführen könne.

Noch einmal: Er stellte gegenüber seinen Priestern und den Gläubigen, die deren Messen besuchten, immer klar, dass er keine eigene Kirche gründete, kein Oberhaupt einer Gegenkirche war:

„Gleich zu Beginn will ich ein Mißverständnis klären, und zwar so nachdrücklich, daß ich nicht mehr darauf zurückkommen muß: Ich bin kein Anführer einer Bewegung, noch viel weniger das Haupt einer eigenen Kirche. Ich bin nicht, wie man unaufhörlich schreibt, ‚der Anführer der Traditionalisten‘. Ja, man ist soweit gegangen, gewisse Leute als ‚Lefebvristen‘ zu bezeichnen, als ob es sich um eine Partei oder um ein eigenes theologisches Lehrsystem handelte. Das ist eine unzulässige Redeweise.

Ich vertrete auf religiösem Gebiet keine persönliche Lehre. Mein ganzes Leben lang habe ich mich an das gehalten, was man mich auf der Schulbank des Französischen Seminars von Rom gelehrt hatte, nämlich die katholische Lehre, wie sie das Lehramt seit dem Tod des letzten Apostels, der das Ende der Offenbarung bedeutet, von Jahrhundert zu Jahrhundert überliefert hat.

Darin kann nichts enthalten sein, was dem Sensationshunger der Journalisten und, durch sie, der öffentlichen Meinung als Nahrung dienen könnte. Trotzdem geriet am 29. August 1976 ganz Frankreich in Aufregung, als bekannt wurde, daß ich in Lille die Messe lesen würde. Was war so außergewöhnlich daran, daß ein Bischof das heilige Meßopfer zelebriert? Ich mußte vor einem Wald von Mikrophonen predigen, und jeder meiner Sätze wurde als aufsehenerregende Erklärung begrüßt. Was habe ich denn anderes gesagt, als was jeder beliebige andere Bischof hätte sagen können?

Aber das ist ja eben des Rätsels Lösung: Diese anderen Bischöfe haben seit einer Reihe von Jahren nicht mehr das Gleiche gesagt. Haben Sie sie zum Beispiel oft vom Königtum unseres Herrn Jesus Christus über die Gesellschaft reden hören?“ (Marcel Lefebvre, Offener Brief an die ratlosen Katholiken, 3. Aufl. Stuttgart 2012, S. 13)

Und bei aller Kritik an den Päpsten war es nicht so, dass die Piusbrüder völlig unfair ihnen gegenüber gewesen wären. Lefebvre äußerte sich mehrmals sehr positiv über das „Glaubensbekenntnis“ von Paul VI., das dieser 1968 öffentlich ablegte, und das eine schöne Darstellung des rechten Glaubens ist.

„Der Heilige Vater veröffentlichte am 30. Juni 1968 sein Glaubensbekenntnis. Das war ein Akt, der vom dogmatischen Gesichtspunkt aus wichtiger ist als das ganze Konzil.

[…] Als der Papst sich erhob, um es zu sprechen, erhoben sich auch die Kardinäle, und alle übrigen Anwesenden wollten es ihnen gleich tun, aber er ließ alle sich wieder niedersetzen; er wollte allein, als Stellvertreter Christi, sein Credo proklamieren, und er tat es mit den feierlichsten Worten, im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, vor den heiligen Engeln, vor der ganzen Kirche. Folglich hat er einen Akt gesetzt, der den Glauben der Kirche bindet.

So haben wir diesen Trost und dieses Vertrauen, zu fühlen, daß der Heilige Geist uns nicht im Stich gelassen hat. Man kann sagen, daß die Arche des Glaubens, die ihren Stützpunkt im Ersten Vatikanischen Konzil hat, einen neuen Stützpunkt in dem Glaubensbekenntnis Pauls VI. findet.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 132.)

Was man der Piusbruderschaft manchmal vorwerfen kann, ist, dass zu leichtfertig Begriffe wie „Konzilskirche“ verwendet werden, was implizieren könnte, dass Novus-Ordo-Gemeinden nicht Teil der wahren Kirche wären, sondern dass auf dem Konzil eine neue Kirche entstanden wäre. Das ist eine Ungenauigkeit im Reden; denn vertreten tut die Piusbruderschaft eine solche Ansicht gerade nicht. Die Ansicht ist, dass die Kirche besetzt und von vielen Übeln geplagt ist, gegen die man sich wehrt, aber nicht, dass sie nicht mehr Kirche ist; die FSSPX wird nicht als die einzig wahre Kirche, sondern als Gruppe innerhalb der Kirche gesehen, die als fast einzige (neben ein paar kleineren Gruppen) ausreichend Widerstand gegenüber den Übeln leistet.

Z. B. sagt Pater Franz Schmidberger in einem neuen Interviewbuch mit Ingo Langner: „Und, um es klar zu sagen, wir haben nicht die Verheißung der Unvergänglichkeit, die hat allein die Kirche. ‚Portae inferi non praevalebunt – Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.‘ Das gilt für die Kirche, das gilt nicht für die Piusbruderschaft! Mit allen menschlichen Abschätzungen muss man sagen, die Piusbruderschaft wird weiterbestehen. Aber das sind rein menschliche Kategorien, während die Kirche als solche die Verheißung hat, dass sie nie untergehen wird.“ (Ausschnitt aus „Die Mächte der Finsternis“, veröffentlicht im Mitteilungsblatt der FSSPX vom Januar 2020, S. 33f.)

Ich finde es auch von Pfarrer Hans Milch, dem Gründer der actio spes unica, der mit der Piusbruderschaft eng verbunden war (auch wenn er selber am Ende, obwohl er die Päpste anerkannte, an der Gültigkeit des Konzils überhaupt zweifelte bzw. es als nicht verwirklichtes Konzil sah, was m. W. theologisch problematisch ist), schön ausgedrückt:

„Im lockeren Gespräch, wo die Worte nicht auf die Goldwaage gelegt werden, da man voneinander weiß, wie’s gemeint ist, kann man schon mal sagen: ‚Konzils-Kirche‘ oder ‚Neu-Kirche‘, womit – sprachlich unkorrekt zusammengezogen – zum Ausdruck kommen soll die vom neomodernistischen Ungeist bedeckte und besetzte Kirche.

Jemand schrieb mir im Zeichen des Vorwurfs – bezogen auf den letzten spes-unica-Sonntag: ‚Interessant war für mich bei Ihrem gestrigen Vortrag auch die Feststellung, daß auch die Kirche Johannes XXIII. und Pauls VI. usw. die wahre katholische Kirche sei.‘

Meine Freunde! Es gibt nur die eine, heilige, katholische und apostolische römische Kirche. Sonst kann es keine Kirche geben, also auch nicht eine Kirche Johannes XXIII. und Pauls VI. Es gibt freilich die Katastrophe, die sich unter Roncalli und Montini im Innenraum der Kirche ereignet hat, da mit ihrer Duldung das antikirchliche erobernd und verwüstend einbrach. Ob diese Duldung die beiden im Sinne einer subjektiven Schuld belastet oder nicht, können wir nicht beurteilen. Wir haben für beide zu beten. Alle Mutmaßungen über ihre persönlichen Qualifikationen oder Nichtqualifikationen sind Zeitverschwendung. Wir haben uns damit nicht zu befassen. Uns erfüllt einzig die Sorge um die große Wende, da die Kirche wieder, wie ich zu sagen pflege, in ihrem eigenen Licht aufleuchten wird!

Was die Progressisten beherrschen, ist der Raum der Kirche; was sie besetzt halten, ist der Boden der Kirche. Erkennbar sind die Stahlgerüste ihrer ursprünglichen Struktur, die mißbraucht ist und mit Falschem ausgefüllt. Einmal schrieb ich: ‚Sie ist wie ein wankendes Gerippe.‘ Das war keine ‚dichterische Pathetik‘, sondern sehr präzise zu verstehen: das Skelett ist eben noch erkennbar. Die Substanz, das ‚Fleisch‘, ist unsichtbar geworden, im Verborgenen, in innerer oder äußerer Emigration. Der Gedanke, daß da eine ’neue Kirche‘ entstanden wäre, ist theologisch unhaltbar. Hätte sich die katholische Kirche als solche quasi ‚unter der Hand‘ in eine ‚andere‘ verwandelt, so wäre die Verheißung widerlegt: ‚Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!‘ Die Kirche als unerkennbar gewordenes, besetztes Gebiet – in Oasen und scheinbar ‚außen‘ in Erscheinung tretenden Zentren lebend – ist dagegen noch lange nicht überwältigt. Man muß Theologie treiben in Ernst und tiefem Verantwortungsbewußtsein.

Überhaupt – auch in unseren Reihen schläft Satan keineswegs. Auf der einen Seite sehr viel Unwissenheit und mangelnde Unterscheidungskraft, auf der anderen Seite das Herumschwadronieren mit theologischen Privatmeinungen. Die in unseren antiprogressistischen Reihen Lehramt ausüben, müssen, weil das Amt der letztinstanzlichen Entscheidung zur Zeit nicht in Erscheinung tritt, mit doppelter Selbstdisziplin sich auf das beschränken, was absolut gesichert ist.“

Trotzdem, diese Ungenauigkeit im Reden kann man ihr manchmal vorwerfen.

(Ich habe manchmal auch den Eindruck, dass in den Veröffentlichungen der FSSPX manchmal eine gewisse pompös-dramatische Ausdrucksweise überhand nehmen kann. Aber das ist ja auch in allen möglichen christlichen Kreisen der Fall, und ein ziemlich unwichtiger Kritikpunkt; ich schreibe sicher auch immer wieder stilistisch unschön.)

Erzbischof Lefebvre beschreibt den Konflikt zwischen dem Traditionalismus und dem Rest der Kirche folgendermaßen:

„Es gibt Priester, die oft nicht mehr wissen, was sie tun sollen: Entweder gehorchen sie blind dem, was ihre Vorgesetzten ihnen aufzwingen, und verlieren in gewisser Weise den Glauben ihrer Kindheit und ihrer Jugend, sie brechen das Gelöbnis, das sie bei ihrer Weihe durch den Antimodernisteneid abgelegt haben; oder sie leisten Widerstand, haben aber das Gefühl, sich vom Papst zu trennen, der unser Vater und der Stellvertreter Christi ist. Welche Zerrissenheit in beiden Fällen! Viele Priester sind vor Schmerz vorzeitig gestorben.

Und wie viele andere wurden gezwungen, ihre Pfarreien aufzugeben, in denen sie seit Jahren ihren Dienst ausgeübt hatten, weil sie einer offenen Verfolgung durch ihre Hierarchie ausgesetzt waren und obwohl ihre Gläubigen, denen man damit ihren Hirten entrissen hat, sich für sie einsetzten!“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 159.)

„Denn es ist ein Meisterstück Satans, daß er die Katholiken so weit gebracht hat, im Namen des Gehorsams der gesamten Tradition ungehorsam zu sein.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 161.)

Und deshalb beharre ich unabänderlich auf meinem Standpunkt, und wenn Sie den tiefsten Grund dieser Beharrlichkeit wissen wollen, will ich Ihnen sagen: Wenn unser Herr mich in der Stunde meines Todes fragen wird: ‚Was hast du aus deinem Bischofsamt gemacht, was hast du mit deiner bischöflichen und priesterlichen Gnade gemacht?‘ will ich nicht aus Seinem Mund die furchtbaren Worte hören: ‚Du hast mit den anderen dazu beigetragen, die Kirche zu zerstören.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 193)

Und genau das hier ist der Punkt: Dass der Gehorsam nicht das Wichtigste ist, sondern im Dienst der Wahrheit und des Guten steht. Blinder Gehorsam ist nicht katholisch. Wenn eine minderjährige Tochter gegen seinen Willen bei ihrem Vater auszieht, der sie misshandelt, und zu ihrer Tante zieht, ihn aber immer noch grundsätzlich als ihren Vater anerkennt, kann man ihr nichts vorwerfen. Und die Hierarchie der Kirche hat die Gläubigen misshandelt, immer und immer wieder.

Im Jahr 1987 kündigte Lefebvre dann seine Absicht an, Weihbischöfe zu konsekrieren. Er wollte keine Jurisdiktion für sie beanspruchen; sie sollten da sein, um Firmungen und Priesterweihen durchführen zu können, wenn er selbst tot war, aber er wollte sie nicht zu Ortsbischöfen über irgendwelche Orte einsetzen, was er für sich ja auch nicht beanspruchte. Rom war offensichtlich etwas erschrocken, und ging wieder etwas auf die FSSPX zu, bot neue Gespräche an. Pater Schmidberger sagte in einem Vortrag von 1988, in dem er über Roms Motive spekulierte, dass einige wohl inzwischen gemerkt hätten, dass die Kirche zu modernistisch geworden sei und die FSSPX als Korrektiv zulassen wollten, um zu einem Gleichgewicht zu finden: „Solche Leute – ohne Zweifel gehören die Kardinäle Ratzinger und Oddi zu ihnen – wollen also die Priesterbruderschaft als Hofhund gegen den Progressismus einsetzen, der freilich an die Kette gelegt und an kurzer Leine zu halten ist, um einerseits zu bellen, aber ja nicht zu beißen!“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, Stuttgart 1988, S. 25) Man vermutete aber auch, dass Rom quasi den Aufruhr verhindern und ein kontrolliertes Aussterben der traditionellen Gemeinschaften wollte; dass man ihnen genug Zwänge auferlegen würde, um sie nach und nach zu ersticken.

Ein Kardinal Gagnon, der der FSSPX gegenüber freundlich eingestellt war, visitierte sie; es gab dann Anfang 1988 Gespräche in Rom und es wurde in Aussicht gestellt, dass die FSSPX eine Gemeinschaft päpstlichen Rechts werden könnte und man in Rom eine Überbehörde mit der Zuständigkeit für die traditionalistischen Gemeinschaften schaffen könnte. Erzbischof Lefebvre drängte darauf, dass die FSSPX unabhängig gegenüber den Ortsbischöfen sein sollte, dass sie möglichst bald eigene Bischöfe bekommen sollte, und dass die angedachte Kommission in Rom mit traditionalistischen Klerikern besetzt sein sollte. Rom war dabei nicht sehr entgegenkommend; die Kommission sollte aus fünf Mitgliedern der römischen Kurie, darunter Kardinal Ratzinger als Vorsitzender, und zwei Traditionalisten bestehen; Bischöfe wollte man zuerst überhaupt nicht zugestehen, Bischöfe von außerhalb könnten ja die Weihen und Firmungen übernehmen. Da die meisten Bischöfe der FSSPX gegenüber sehr feindlich eingestellt waren, waren deren Vertreter nicht erfreut; schließlich stellte Rom einen Bischof in Aussicht.

„Am Abend kam man zu einem gewissen Rahmenabkommen: In einem ersten Teil erklärt Monseigneur im Namen der gesamten Priesterbruderschaft die Unterwerfung unter den Papst; er ist damit einverstanden, einen kurzen, durchaus korrekten Text des Konzils über das Lehramt (‚Lumen gentium‘ Nr. 25) zu unterschreiben; er anerkennt die sakramentale Gültigkeit des Novus Ordo Missae und der neuen Sakramentsformen gemäß der lateinischen Ausgabe und anerkennt auch das neue Kirchenrecht, wobei für das Konzil, den NOM und die Sakramente wie auch für das neue Kirchenrecht mit der Tradition schwer, sprich nicht vereinbare Punkte später zu klären wären. Diese Reserven wurden also von Rom ausdrücklich anerkannt.

Ein zweiter Teil sah die Errichtung der Priesterbruderschaft als apostolische Gemeinschaft päpstlichen Rechts vor mit relativer Exemption von den Ortsbischöfen. Sie sollte abhängen von einer römischen Kommission, zusammengesetzt wie oben beschrieben im Verhältnis 5:2. Man gestand die Weihe eines Bischofs aus der Reihe der Bruderschaft zu, allerdings ohne Angabe eines konkreten Konsekrationsdatums.

Erzbischof Lefebvre unterzeichnete am 5. Mai dieses Rahmenabkommen, das es nun mit Leben erfüllen galt. Er schrieb am gleichen Tag einen Brief an den Papst mit der Bitte, die Prozedur der Verwirklichung in die Wege zu leiten.

Was hatte den Erzbischof zur Unterschrift bewogen? Gewiß, er hatte seine Bedenken gegen den ersten Teil der Erklärung. Die Zusammensetzung der römischen Kommission war alles andere als zufriedenstellend gelöst und ein Datum für die Bischofskonsekration war nicht zu bekommen. Aber andererseits war das Prinzip eines Bischofs zugestanden; die Türe einmal geöffnet, konnten vielleicht weitere Konsekrationen im Laufe der Zeit folgen.

Intensives Nachdenken brachte ihn allerdings zu der begründeten Überzeugung, die im Rahmenabkommen niedergelegten Bedingungen insgesamt seien bei der derzeitigen Geisteshaltung Roms kein hinreichender Schutz gegen die Auflösung der gesamten Tradition.

Folglich schrieb er sofort am Tage danach, am 6. Mai, einen Brief an Kardinal Ratzinger, in dem er darlegte, daß die im Protokoll enthaltenen Bedingungen, insbesondere bezüglich des Datums der Bischofskonsekration, ganz und gar unzureichend seien. Später sagte er uns, die Muttergottes habe uns aus einer Falle errettet.

Kardinal Ratzinger antwortete noch am gleichen Tag: Der Prozeß der Versöhnung – mit diesem Term bezeichnet er die Normalisierung – könne unter diesen Bedingungen nicht in die Wege geleitet werden. Auch betrachtete man den Brief des Erzbischofs vom 5. Mai, an den Papst gerichtet, als nicht ausreichend; man ließ Monseigneur einen Textentwurf zukommen mit einem eigenen Paragraphen, wo er sich entschuldigen würde für das Unrecht, das er dem Heiligen Stuhl zugefügt habe.

Aufs Neue wird Erzbischof Lefebvre nach Rom geladen. Mit zwei Briefen in der Hand findet er sich am 24. Mai zum Gespräch mit Kardinal Ratzinger ein; der erste Brief ist verfaßt unter dem Datum des 20. Mai und ist an den Papst gerichtet, der zweite trägt des Datum des 24. Mai und wendet sich an Seine Eminenz selbst. Monseigneur legt darin dar, daß a) die Konsekration über den 30. Juni hinaus nicht mehr verschoben werden könne, b) auf Grund der weiten Ausdehnung der Priesterbruderschaft und der überreichlichen Arbeit ein Bischof keineswegs genüge, c) die Besetzung der römischen Kommission mehrheitlich mit Mitgliedern aus der Tradition erfolgen müsse, um einen wirklichen Schutz gegen alle möglichen Einflüsse zu garantieren.

Im Gespräch sichert der Kardinal dem Erzbischof zwar den 15. August als Konsekrationsdatum zu, geht aber auf die Frage nach mehreren Bischöfen überhaupt nicht ein und besteht ausdrücklich auf der vorgesehenen Besetzung der römischen Kommission. […]

Man bat uns außerdem, weitere Namen für die Vorschlagsliste der Bischofskandidaten einzureichen. Offensichtlich waren unsere Vorschläge nicht genehm. Man wollte Kandidaten vom Profil der römischen Vorstellungen, also weich, kompromißbereit, auf zwei Hochzeiten tanzend.

Kurze Zeit später hat Kardinal Ratzinger dann in einem uns hinterbrachten privaten Gespräch die Katze aus dem Sack gelassen: Es handle sich bei der Unterhandlung mit der Priesterbruderschaft um einen langen Versöhnungsprozeß, an dessen Ende Erzbischof Lefebvre das gesamte Konzil anerkennen müsse; die römische Kommission solle nur von kurzer Dauer sein; die ihr unterstellten Ordensgemeinschaften seien schließlich in ihre Ordensverbände zurückzuführen. Ähnliche Vorstellungen hatte der Kardinal auch für die Priesterbruderschaft selbst. […]

An diesem selben 30. Mai fand eine Zusammenkunft der Oberen der verschiedenen mitbetroffenen Ordensgemeinschaften in Frankreich statt, in deren Verlauf der Erzbischof diesen die gesamte Situation vortrug und sie auch um ihren Rat und ihre Stellungnahme bat.

Nach vielen Überlegungen, schlaflosen Nächten, reichem Gebet und dem Einholen des Rates von vielen Seiten hat der Erzbischof am 2. Juni einen Brief folgenden Inhaltes an den Papst geschrieben:

‚Heiliger Vater! Die Unterredungen und Gespräche mit Kardinal Ratzinger und seinen Mitarbeitern, wiewohl in höflicher und liebevoller Atmosphäre stattfindend, haben uns überzeugt, daß der Augenblick für eine freimütige und wirkungsvolle Zusammenarbeit noch nicht gekommen ist … Angesichts der Weigerung, unsere Ersuchen zu berücksichtigen, und da es evident ist, daß das Ziel dieser Versöhnung keineswegs für den Heiligen Stuhl dasselbe ist wie für uns, ziehen wir es vor, günstigere Zeiten für die Rückkehr Roms zur Tradition abzuwarten …‘

Unter dem Datum des 9. Juni antwortet der Papst mit einem feierlichen Appell zugunsten der Einheit der Kirche und mit dem Hinweis auf die kanonischen Strafen, die ausgesetzt sind für den Schritt, den der Erzbischof ins Auge gefasst habe.“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, Stuttgart 1988, S. 35-38)

Erzbischof Lefebvre ließ sich davon nicht mehr abbringen. Er wählte vier Kandidaten aus und schritt zu den Weihen.

„Inzwischen hatte auch Bischof de Castro Mayer seine Teilnahme als Mitkonsekrator zugesagt. Er traf am Samstag, den 25. Juni zusammen mit vier Priestern der Diözese Campos (Brasilien) in Ecône ein.

Am 29. Juni weihte Monseigneur 13 Seminaristen und 3 Ordensleute zu Priestern. Abends um 18 Uhr kam ein Bote der Nuntiatur von Bern mit einem Telegramm von Kardinal Ratzinger, abgesandt im Auftrage des Papstes. Der Erzbischof möge sofort nach Rom kommen! Wohin in Rom? Um wen in Rom zu treffen? Um über was zu sprechen? Tatsächlich stand ein großer schwarzer Mercedes abfahrbereit zur Verfügung. Wäre nicht bei den tage-, um nicht zu sagen wochenlangen Aufenthalten Monseigneurs in Rom im Januar, im April und zweimal im Mai beste Gelegenheit gewesen, alle Unstimmigkeiten auszuräumen und auch, wenn notwendig, eine Audienz beim Papst in die Wege zu leiten? Oder wollte man jetzt im letzten Augenblick ‚das Schlimmste‘ verhindern und sich vor der Welt den Anschein geben, man habe bis zuletzt die Verständigung gesucht und goldene Brücken gebaut? Über solche Initiativen kann man nur den Kopf schütteln.

Folglich schritt Erzbischof Lefebvre am 30. Juni, am letzten Tage des Herz-Jesu-Monats, zusammen mit Bischof de Castro Mayer zur Bischofskonsekration […]

Noch während der Zeremonie ließ der Vatikan durch seinen Sprecher Navarro die für die sechs Bischöfe angeblich eingetretene Exkommunikation feststellen. Im Brief vom 1. Juli wiederholte Kardinal Gantin diese Feststellung. Er spricht von einem schismatischen Akt und bedroht die Gläubigen, die in Zukunft den exkommunizierten Bischöfen und der Priesterbruderschaft die Treue halten, sie verfielen dem Ausschluß aus der Kirche durch ihre Haltung selbst. Im Motu proprio ‚Ecclesia Dei afflicta‘ vom 2. Juli versichert der Papst jene Priester und Gläubigen, die sich von der Bruderschaft lossagen, des größten Entgegenkommens; Rom werde die im Abkommen vom 5. Mai vorgesehene Kommission schleunigst gründen; außerdem sollten die Ortsbischöfe den Gläubigen mit großzügiger Gewährung der überlieferten Liturgie Heimatrecht gewähren.

Tatsächlich hatten uns 10 Priester und 13 Seminaristen wegen der Konsekration den Rücken gekehrt. Einige von ihnen wurden sofort vom Papst empfangen; man hat sogar eine neue Priesterbruderschaft St. Petrus gegründet. Derartige Unternehmen werden indes von nicht viel längerer Dauer sein als alle anderen ähnlichen Versuche früherer Jahre, die samt und sonders kläglich gescheitert sind.“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, Stuttgart 1988, S. 39-41)

Ganz so kam es ja nun nicht; die Petrusbruderschaft besteht und wächst immer noch, auch die Kommission Ecclesia Dei besteht noch. Dennoch: Einen Bischof hat die Petrusbruderschaft bis heute nicht, obwohl sie ihn rechtmäßigerweise schon lange hätte bekommen sollen, und besonders am Anfang ihres Wirkens wurde sie von den Ortsbischöfen sehr stark eingeschränkt, z. B. brauchten Besucher ihrer Messen eine schriftliche Erlaubnis vom Bischof. Man kann wohl nicht bestreiten, dass damals manche lieber ein kontrolliertes Aussterben oder der Traditionalisten sehen wollten, oder eine Eingliederung in Novus-Ordo-Gemeinschaften, als eine dauernde Duldung. Als Joseph Ratzinger Papst wurde, hatte sich seine Meinung zur Tradition offenbar zumindest so entwickelt, dass er ihr entgegenkommen wollte, was er mit Summorum Pontificum tat, wobei er erklärte, dass die alte Messe eigentlich nie verboten worden war (wie Lefebvre von Anfang an gesagt hatte) und jeder Priester sie feiern könnte.

(Wegen dieser Behinderung des Traditionalismus halte ich die „Abspaltung“ der Petrusbruderschaft von der Piusbruderschaft zwar für falsch, aber auch für nachvollziehbar; für ihre Gründer war die Sache mit den Bischofsweihen eben eine Gewissensfrage, in der sie zu einem anderen Urteil kamen als der Rest der FSSPX; und sie haben sich ja seitdem um die Tradition schon verdient gemacht. Wobei man sagen muss, dass sie zu problematischen Stellen beim Konzil oft leiser sind als die FSSPX.)

Aber zurück zu den Bischofsweihen. In seiner Predigt dazu sagte Erzbischof Lefebvre u. a. folgendes:

„Es ist notwendig, daß Sie gut verstehen, warum wir um nichts auf der Welt mit dieser Zeremonie ein Schisma wollen. Wir sind keine Schismatiker. Wenn über die Bischöfe Chinas, die sich von Rom getrennt und die sich der chinesischen Regierung unterworfen hatten, die Exkommunikation ausgesprochen wurde, versteht man sehr gut, warum Papst Pius XII. das getan hat. Für uns aber kommt es absolut nicht in Frage, uns von Rom zu trennen und uns irgendeiner Rom fremden Macht zu unterwerfen und eine Art Parallelkirche zu gründen, wie es zum Beispiel die Bischöfe von Palmar de Troya in Spanien gemacht haben, die einen Papst ernannt, die ein Kardinalskollegium gegründet haben. Für uns kommen derartige Dinge auf keinen Fall in Frage! Ferne von uns seien so erbärmliche Gedanken wie die, uns von Rom zu trennen. Ganz im Gegenteil, wir nehmen diese Zeremonie vor, um unsere Verbundenheit mit Rom zu manifestieren, um unsere Verbundenheit mit der Kirche aller Zeiten zu manifestieren, mit dem Papst und mit allen jenen, die die Vorgänger der Päpste waren, die nun seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil leider gemeint haben, Irrtümer annehmen zu müssen, schwere Irrtümer, die im Begriffe sind, die Kirche zu zerstören und das katholische Priestertum zu vernichten.

Nichts liegt mir ferner, als mich zum Papst zu erheben! Ich bin nur ein Bischof der katholischen Kirche, der fortfahrt, die Lehre weiterzugeben. „Accepi quod et tradidi vobis.” Ich glaube, ich werde mir wünschen, daß man das auf mein Grab schreibt — es wird zweifellos nicht lange auf sich warten lassen — daß man auf mein Grab schreibt: „Tradidi quod et accepi”, diese Worte des hl. Paulus: „Ich habe empfangen, was ich euch auch überliefert habe”. (1 Kor 11,23) Ich erfinde nichts, ich bin nur der Briefträger, der einen Brief bringt.“

Was genau hatte die FSSPX noch zu ihrer Rechtfertigung zu sagen? Tatsächlich einiges:

Pater Schmidberger argumentiert:

„Ein bedeutender Theologe der jüngeren Zeit, Dom Gréa, spricht in seinem Buch ‚L’Eglise et sa divine constitution‘ [Die Kirche und ihre göttliche Verfasstheit] über die außergewöhnliche Vollmacht eines Bischofs in der Kirche. Der Einzelbischof kann für die Gesamtkirche verantwortlich sein und in dieser Verantwortlichkeit handeln müssen, wenn a) die Religion selbst in Gefahr ist und b) die römische Autorität unerreichbar ist. Wir brauchen wohl nicht mehr auf die Frage des Erfülltseins der ersten Bedingung einzugehen. Aber auch die zweite Bedingung ist erfüllt; denn die römische Autorität als Hüterin und Verteidigerin des Glaubens ist heute für den Katholiken unerreichbar. Der Papst ist der Gefangene seiner eigenen antichristlichen Ideologie.

Dom Gréa gibt ein konkretes historisches Beispiel für ein solches außerordentliches Handeln eines Bischofs an: Als im 4. Jahrhundert die meisten Diözesen von arianischen Bischöfen besetzt waren, weihte Bischof Eusebius von Samosata rechtgläubige Bischöfe und setzte sie in die verwüsteten Diözesen ein. Man behauptet nun, solches sei wenigstens mit stillschweigendem Einverständnis des Papstes geschehen. Nun regierte aber zu jener Zeit Papst Liberius, der den Arianismus eher begünstigte als bekämpfte. Weder konnte Eusebius noch können wir vom heutigen Wissensstand aus das Einverständnis von Papst Liberius voraussetzen. Eusebius hat sich von der Pflicht der Rettung des Glaubens leiten lassen, und die Kirche hat ihm recht gegeben.“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, S. 48)

Bzgl. der Bischofsweihen und der Exkommunikation argumentiert die FSSPX außerdem folgendermaßen:

Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat sind im Kirchenrecht als Vergehen gegen das Ausüben des kirchlichen Amtes eingeordnet, nicht als Schisma oder Häresie. Das ist einfach eine Tatsache. Von römischer Seite aus wurden gelegentlich Begriffe wie „Schisma“ und „schismatischer Akt“ verwendet, aber in der Erklärung der Exkommunikation auch auf den Can. 1382 verwiesen, der die unerlaubte Weihe als Vergehen bzgl. des kirchlichen Amtes, nicht als Schisma wertet. Und am Ende wertete auch Rom die Piusbruderschaft als nicht im Schisma befindlich, wie man z. B. daran sehen kann, dass der Messbesuch und die Beichte bei ihnen als erlaubt bewertet wurden (ohne Änderung der kirchenrechtlichen Lage). Weiters wird argumentiert:

„Darüber hinaus besteht auch keine Exkommunikation. Sie ist nicht gültig, denn das Kirchenrecht sagt uns (Kanon 1323 u. 1324): ‚Niemand wird mit einer Strafe belegt, der in Verletzung eines Gesetzes oder einer Vorschrift in schwerer Furcht gehandelt hat oder der durch die Not gedrängt war, oder der gehandelt hat, um einen schweren Nachteil zu vermeiden.‘ Also keine Strafe… Nun ist aber dies genau die Beweisführung, die wir seit 1988 vorbringen. Es ist der Notstand. Kanon 1324: ‚Der Urheber einer Gesetzesverletzung ist nicht frei von Strafe, aber die vom Gesetz oder von der Anordnung vorgesehene Strafe muß gemildert werden, oder es muß ein anderes Bußwerk an ihre Stelle gesetzt werden, falls das Vergehen von jemand begangen wurde, der durch einen schuldhaften Irrtum geglaubt hat, daß einer der Umstände eintritt, von denen im Kanon 1323 die Rede ist.‘ Selbst wenn Monseigneur sich also eines Irrtums der Einschätzung der Lage der Kirche schuldig gemacht hätte, selbst wenn er sich ein falsches Urteil über den Notstand der Kirche gebildet hätte, so wäre die Strafe zu mildern. Und der letzte Paragraph dieses selben Kanons sagt folgendes: ‚In den Umständen, von denen im § 1 die Rede ist, verfällt der Schuldige nicht einer Strafe latae sententiae [einer Strafe, welche durch die Tat selbst eintritt].‘ Es gibt also kein Schisma, und folglich gibt es auch keine Exkommunikation.“ (Abbé Michel Simoulin, 1988. Das unauffindbare Schisma, Niederschrift eines Vortrags vom 17. März 1997 in Lyon, übers. von Franz Schmidberger, S. 40)

4 new SSPX bishops receive their crosiers
(Die vier neu geweihten Bischöfe.)

Erzbischof Lefebvre starb 1991; aus römischer Sicht als Exkommunizierter. Die Exkommunikation der vier von ihm geweihten Bischöfe wurde von Papst Benedikt 2009 aufgehoben, und seitdem bahnte sich eine langsame Regularisierung an, zu der überraschenderweise zuerst auch Franziskus beitrug, der eigentlich wirklich von Anfang an seine Feindseligkeit gegenüber allem Traditionellen zeigte. Vielleicht war das reiner Pragmatismus, vielleicht irgendeine seltsame Laune. Jetzt, mit der neuen Maßnahme gegen die alte Messe, ist es fraglich, wie es weitergehen wird.

Was auf jeden Fall klar sein sollte: Es besteht kein Schisma. Ein Schisma kann nicht einfach herbeigeredet werden; jemand ist nicht dann im Schisma, wenn jemand von der Kirchenobrigkeit erklärt, er sei im Schisma, sondern wenn er ins Schisma geht. Und das heißt, dass er die Autorität des Papstes zurückweist und ihm grundsätzlich – nicht situationsbedingt – den Gehorsam aufkündigt. Die Piusbruderschaft hat das nie getan. Und das ganze Vorgehen gegen sie war zutiefst ungerecht. Wenn die alte Messe nie verboten wurde, wieso dann gegen sie vorgehen? Wenn das Konzil keine Unfehlbarkeit beansprucht, wieso dann seine Aussagen so durchsetzen – während man wirkliche Dogmen bei wirklichen Häretikern nicht durchsetzt? Ein Grund könnte sein, dass man es als Vorwurf an sich selber sah, dass die FSSPX nicht zumindest grundsätzlich einsehen wollte, dass es „Reformbedarf“ gegeben habe, die neue Messe gut und nötig sei, usw., dass man sich hier vorwerfen lassen musste, auf einem komplett falschen Weg zu sein, den man ganz aufgeben müsste, und das von einer kleinen Minderheit. Aber ich will hier nicht zu viel herumpsychologisieren.

Ich will es hier mal deutlich sagen: Ich mache keinem einen Vorwurf, der zur FSSP oder zum Novus Ordo geht. Ich bin schon der Meinung, dass man Traditionalist sein muss, wenn man sich die Fakten ansieht, aber auch als Traditionalist kann man sich über das praktische Vorgehen uneinig sein.

Die FSSP und ähnliche Gemeinschaften sagen praktisch: Besser, man übt den Gehorsam, soweit es nur irgend geht; seht doch, wir haben immerhin einen kanonischen Status in der Kirche erreicht. Ihr habt doch schon versöhnliche Angebote bekommen, geht endlich mal auf Rom zu.

Die FSSPX sagt praktisch: Falscher Gehorsam ist eine Untugend; und ohne Druck und Widerstand wäre überhaupt nichts erreicht worden. Ihr von der FSSP habt bis heute noch keinen Bischof bekommen. Schaut doch mal, wie sehr vor allem in den 80ern, 90ern noch versucht wurde, die alte Messe zu unterdrücken. Wenn Rom nicht fürchten müsste, dass Tradis zur „kanonisch irregulären“ FSSPX gehen, wenn man ihnen keine legale alte Messe gibt, sähe es außerdem noch schlimmer aus für die legalen alten Messen. Wir machen einfach unser Ding, bieten anständige Liturgie und Seelsorge, so gut wir es können, sind in der Lehre so klar, wie wir können, irgendwann muss Rom uns weiter entgegen kommen, und dann können wir die Situation regularisieren.

Einige Tradis, die keine alte Messe in der Nähe haben, sagen praktisch: Es ist besser, überhaupt eine Messe zu haben als gar keine. Auch wenn sie verhunzt wird, es ist trotzdem die Messe, Jesus ist dort gegenwärtig, also sollten wir auch dort sein. Und immerhin gibt es auch Priester, die die neue Messe ohne liturgische Missbräuche feiern. Außerdem müssen wir unsere Sonntagspflicht erfüllen, da haben wir gar keine Wahl, zu irgendeiner Messe müssen wir gehen.

Die FSSPX sagt praktisch: Wenn bei einer Messe Jesus verunehrt wird, kann man diese Messe nicht guten Gewissens mitfeiern wollen; man sollte sich aus Protest fernhalten. Wenn man zu einer Hochzeit o. Ä. eingeladen wird, kann man auch zum Novus Ordo gehen, ohne ihn innerlich mitfeiern zu wollen, aber man sollte es nicht von sich aus tun. Vor allem aber gibt es keine Pflicht, zu etwas zu gehen, das den eigenen Glauben schädigt, wenn sein Zweck eigentlich ist, den Glauben zu stärken. Und die neue Messe schadet mit ihrer Verdunkelung katholischer Wahrheiten und ihren häufigen zusätzlichen Missbräuchen und falschen Predigten dem Glauben; nach und nach wird man eine falsche Vorstellung von der Messe verinnerlichen. Man muss hier besonders auch an den Glauben der eigenen Kinder denken, welcher Umgebung man sie aussetzen will. Man darf die Leute nicht mit „Erfüllt eure Sonntagspflicht bei einer Gott entehrenden Messe oder kommt in die Hölle“ erpressen; Gott verlangt eine solche Teilnahme nicht. Genauso, wie eine Gefahr für die Gesundheit des Körpers vom Messbesuch entschuldigt (z. B. wenn man die Grippe hat und sich ausruhen soll), entschuldigt eine Gefahr für die Gesundheit der Seele. Dann soll man lieber zu Hause mit der Familie beten und so den Glauben nähren, wie das viele Katholiken in Missionsländern mit Priestermangel auch tun müssen.

(Ich habe mal den Pater an meiner FSSPX-Kapelle noch dazu gefragt, und er meinte, es gehe bei dieser Haltung nicht darum, dass jemand, der nur die neue Messe kenne und überhaupt keinen Zugang zu einer alten Messe habe, etwas Falsches tue, wenn er die neue besucht, sondern eher darum, dass es besser sei, gelegentlich zu einer alten Messe zu gehen als jeden Sonntag zu einer neuen, wenn man bereits um die Wichtigkeit der alten Messe wisse, und dass man die alte Messe zugänglich machen müsse.)

Erzbischof Lefebvre hat über die neue Messe geschrieben:

„Ihre Ratlosigkeit wird darum vielleicht zu folgenden Fragen führen: Darf ich, wenn keine andere Möglichkeit zur Erfüllung meiner Sonntagspflicht besteht, in eine zwar sakrilegische, aber immerhin gültige Messe gehen? Die Antwort ist einfach. Derartige Messen können nicht Gegenstand einer Verpflichtung sein. Man muß überdies auf sie die Bestimmungen der Moraltheologie und des Kirchenrechts anwenden, die sich auf die aktive Teilnahme an einer für den Glauben gefährlichen oder unter Umständen sakrilegischen Veranstaltung oder auch nur deren Besuch beziehen.

Selbst wenn ein Priester die Neue Messe mit Frömmigkeit und unter Respektierung der liturgischen Vorschriften liest, fällt sie unter dieselben Bestimmungen, weil sie von protestantischem Geist erfüllt ist. Sie enthält ein für den Glauben schädliches Gift. Angesichts dieser Tatsachen sieht sich der französische Katholik heute für sein religiöses Praktizieren Bedingungen gegenüber, die jenen in den Missionsländern gleichen. Dort können Bewohner bestimmter Gebiete nur drei- oder viermal im Jahr einer Messe beiwohnen. Die Gläubigen unseres Landes sollten sich bemühen, wenigstens einmal im Monat die Messe aller Zeiten, die wahre Quelle der Gnaden und der Heiligung, an einem jener Orte zu besuchen, wo sie auch weiterhin in Ehren gehalten wird.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 39.)

Ich bin mir selbst bei dieser Frage mit der Messe auch nicht sicher. Ich würde sagen: Es stimmt, dass in der neuen Messe der Sühnecharakter (und anderes) zu kurz kommt, und dass auch eine gut gefeierte neue Messe den Glauben nicht immer ganz ausreichend nährt. Andererseits kann man sich fragen: Ist Mangelernährung nicht besser als gar keine Ernährung? Und es ist ja auch nicht einfach, den Glauben für sich im stillen Kämmerlein zu erhalten, eine gewisse Gemeinschaft mit anderen braucht man schon. Die FSSPX würde darauf wahrscheinlich sagen: Es handelt sich nicht um Nahrung, der bloß etwas fehlt, sondern um Nahrung, in der ein gering dosiertes Gift enthalten ist, das man nicht zu oft aufnehmen sollte; außerdem bleibt man andersherum nicht ohne Nahrung, wenn man zu Hause betet.

Ich weiß wirklich nicht, was ich hier denken soll. Ich kann mir vorstellen, dass es, gerade wenn man irgendwo in der tiefsten Diaspora wohnt und gar nicht zur alten Messe könnte, vielleicht besser wäre, zur neuen zu gehen, wo sie einigermaßen gut gefeiert wird. Man kann sich ja auch immer daran festhalten: Jesus ist da. Und alles andere ignorieren. Aber ich bin mir hier nicht sicher. Vielleicht ist es auch besser, treu zu Hause zu beten, vielleicht auch zusammen mit anderen katholischen Freunden, wenn man keine katholische Familie hat, oder die alte Messe im Livestream zu schauen oder die Messtexte des Tages im Schott zu lesen. Nur sollte man sich definitiv nicht so gehen lassen, dass man, wenn man für sich keine Verpflichtung zum Messbesuch bei den erreichbaren Messen sieht, den Sonntag nicht auf andere Weise heiligt.

Wobei ich mir aber relativ sicher bin, ist, dass es zumindest keine Verpflichtung gibt, zu einer Messe mit häretischen Predigten und gravierenden liturgischen Missbräuchen zu gehen, und dass, es wenn man die Gelegenheit dazu hat, eine Messe im alten Ritus zu besuchen, das auf jeden Fall die bessere Wahl ist. Wenn es eine so lange Fahrt ist, dass man sie nicht jeden Sonntag machen will (z. B. zwei oder drei Stunden), dann eben nur alle zwei, drei oder vier Wochen; aber es tut wirklich gut, dorthin zu gehen. Es ist geistlich auf die Dauer einfach so viel hilfreicher, zur alten zu gehen.

Man sollte sich jedenfalls nicht zu sehr ein schlechtes Gewissen machen lassen, wenn man hier eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung trifft. Ein zweifelhaftes Gesetz bindet nicht; dementsprechend kommt man auch nicht in die Hölle, wenn man in einem unklaren Fall falsch geurteilt hat, dass die Sonntagspflicht nicht gilt.

Lefebvre stellte auch die Gültigkeit mancher neuer Messen (nicht der neuen Messe an sich!) infrage, da er nämlich daran zweifelte, ob manche Priester noch die für das Sakrament nötige Intention hätten. Nun bin ich keine Expertin in diesem Bereich der Theologie, frage mich aber, ob er hier zu weit ging; denn als Intention muss ja vorhanden sein, „tun zu wollen, was die Kirche bei so etwas tut“, nicht, auch selbst daran zu glauben. Z. B. schreibt Heribert Jone über die Gültigkeit von Sakramenten:

„Die Absicht muß darin bestehen, die betreffende sakramentale Handlung vorzunehmen.

Diese Absicht kann aber in einer anderen Absicht enthalten sein. Demnach ist die Taufe gültig, die ein jüdischer Arzt spendet [hier ist z. B. an die Nottaufe eines kranken Kindes gleich nach der Geburt gedacht] in der Absicht, dabei zu tun, was die Kirche tut, oder was die Christen tun. – Kein Sakrament aber kommt zustande, wenn jemand das sakramentale Zeichen vornimmt, um sich zu üben (z. B. taufen, Messe lesen) oder um andere zu verhöhnen. […]

Nicht gefordert [für die bloße Gültigkeit] sind Glaube und Gnadenstand.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl. Paderborn 1961, S. 365f., Nr. 451f.)

Erzbischof Lefebvre sah das schon grundsätzlich auch so; er schreibt:

„Die dritte Bedingung für die Gültigkeit eines Sakramentes ist die Intention. Der Bischof oder Priester muß die Intention haben, zu tun, was die Kirche will. Auch das kann selbst der Papst nicht ändern.

Der Glaube des Priesters ist kein unerläßliches Erfordernis. Ein Priester oder ein Bischof kann keinen Glauben mehr haben, ein anderer einen geringeren, wieder ein anderer einen nicht ganz unversehrten Glauben. Das hat alles keinen direkten Einfluß auf die Gültigkeit des Sakramentes, kann aber einen indirekten Einfluß haben. Man erinnert sich an die Erklärung Papst Leos XIII., daß alle anglikanischen Weihen ungültig sind wegen der fehlenden Intention.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 61.)

Die Anglikaner aber, deren Weihen von Leo XIII. für ungültig erklärt wurden, hatten ja auch die Form des Sakraments geändert, worauf Leo XIII. auch eingeht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Erzbischof Lefebvre hier überhaupt ganz richtig verstanden habe; meint er, dass, wenn der Priester ausdrücklich die Absicht hat, etwas zu tun, das die Kirche verurteilt hat, also z. B. die Absicht hat, ein Erinnerungsmahl statt eines Opfers zu feiern, aber die Form und Materie des Sakraments (also Wandlungsworte und Brot und Wein) so belässt, wie sie sind, dann die Messe schon ungültig ist? Ist das so oder ist das ein Fehlschluss? Nochmal: Ich kenne mich in diesem Bereich der Theologie nicht so gut aus, aber vielleicht weiß ja ein Leser hier besser Bescheid.

Alles in allem ist mein Urteil einfach folgendes geworden: Erzbischof Lefebvre war einer von sehr, sehr wenigen Bischöfen nach dem Konzil, die sich noch genug um die Gläubigen geschert haben, um wirklich entschieden etwas zu tun, und einfach bei dem geblieben sind, was sicher feststand. Er wurde ziemlich ungerecht behandelt und angesichts der Haltung des Vatikans hat die Piusbruderschaft Recht behalten damit, einfach ihr Ding durchzuziehen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Und zwar ohne ins Schisma zu gehen.

Soweit mal zur Geschichte und kirchenrechtlichen Situation der FSSPX. Seit alldem ist sie ja ziemlich gewachsen und hat Kapellen auf der ganzen Welt. Ich finde das tatsächlich beachtlich. Die Vorgehensweise „den Baum nach seinen Früchten beurteilen“ kann manchmal oberflächlich sein (eine Gemeinschaft kann bei oberflächlicher Bekanntschaft besser wirken, als sie ist, oder nur kurzfristigen Erfolg haben, der bald zu Ende sein wird), aber einen gewissen Wert hat sie meines Erachtens, und ich finde es tatsächlich bemerkenswert, dass die Piusbrüder nicht nur diese Kapellen haben, sondern z. B. auch Kindergärten, Schulen und Altenheime betreiben (teilweise durch ihren eigenen Frauenorden), also die Kinder und die Alten unter ihren Anhängern nicht in einem säkularen Umfeld allein lassen. Da kann man sich ja schon mal sehr verloren fühlen; und es gibt immer wieder Leute, die dann am Glauben nicht festhalten, weil sie sich gegen die Beeinflussung schlecht wehren können. Klar, die FSSP hat die KPE (Katholische Pfadfinderschaft Europas), die Christkönigsjugend und ähnliche Gruppen, und das ist sehr viel wert, aber es ist schon noch mal etwas Besonderes, wenn z. B. alte Menschen ohne Familie nicht in ein Altenheim gehen müssen, wo es vielleicht einmal im Monat eine ökumenische Andacht gibt. Auch sonst wirkt das Apostolat der FSSPX sehr gut – z. B. anonyme Onlineseelsorge, Fernkatechismus für die Kinder, KJB (Katholische Jugendbewegung) für die jungen Erwachsenen, Drittorden usw.

Zuletzt jetzt noch zu mir persönlich. Ich schiebe das bewusst ans Ende, weil es hier vor allem um die objektive Situation gehen soll, und ich meine Erfahrung eher nur als Beispiel berichte.

Bevor ich bei der Piusbruderschaft war, war ich schon ein paar Mal bei der Petrusbruderschaft in der alten Messe gewesen. Die alte Messe: Sie hält schon Überraschungen bereit! Ich hatte mir im Vorfeld ein kleines Heftchen mit den gleichbleibenden Texten der Messe bestellt, und war beim Durchsehen doch sehr überrascht gewesen, wie viel textlich anders ist als in der neuen. Die Stufengebete am Anfang wurden in der neuen gestrichen; das Vorlesen des 1. Kapitels des Johannesevangeliums am Ende wurde gestrichen. Im Hochgebet wurde herumgestrichen wie sonst was; auch sonst wurde vieles entfernt und umgeschrieben. Auch Annibale Bugnini konnte nicht alles Schöne, Erhabene aus der Messe streichen; aber man muss sagen, dass er doch ein sehr beträchtliches Ausmaß gestrichen hat. Als ich dann im Sommer 2019 tatsächlich bei meiner ersten alten Messe war, hat es mich wieder sehr überrascht, dass das Hochgebet still gebetet wurde, so still, dass man wirklich nichts hörte. Es wird in dieser Messe, wo der Priester ständig dem Hochaltar zugewandt ist, wirklich deutlich, dass der Priester ein Opfer darbringt, an dem man teilnimmt. Ich war begeistert davon, dass bei jedem Sonntagshochamt eine Schola singt, und dass man das Große Glaubensbekenntnis betet, das im neuen Ritus nur alle Jubeljahre mal auftaucht. Das Latein? Ich fand es schön, aber auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig; tatsächlich war es der gewöhnungsbedürftigste Teil für mich, auch wenn ich Latein für eine wunderschöne Sprache halte. Natürlich, es ist erst mal seltsam. Und wenn man dann zurück zur neuen Messe kommt, ist die wieder seltsam. Ich schätze, nachdem man die alte Messe kennt, wird man immer Schwierigkeiten haben, die neue wieder normal zu finden. Wie wenn man sein Leben lang farbenblind war, dann plötzlich Farben gesehen hat, verwirrt davon war, und dann wieder in eine Schwarz-Weiß-Welt zurückkehren muss.

Bei der FSSP war ich also Ende 2019 ein paar Mal; dazwischen immer wieder in der örtlichen Pfarrei im Novus Ordo, wie es praktischerweise eben ging. Die Liturgie, die Predigten bei der FSSP waren schön; die Gemeinden haben freundlich gewirkt. So wirklich Anschluss hatte ich dort nicht, aber ich war ja auch keine sehr regelmäßige Besucherin.

Im Winter 2019/20 habe ich dann von einer Bekannten, die mir anvertraut hat, dass sie zu einer Pius-Familie gehört, nachdem sie gehört hatte, wie ich Erzbischof Lefebvre gegen einen Vorwurf verteidigt hatte, erfahren, dass es in der nahen Umgebung überhaupt Kapellen der Priesterbruderschaft St. Pius X. gibt. Mehr so aus Interesse, und ohne die FSSPX für ganz legitim zu halten, war ich dann einmal (im Januar 2020 kurz vor dem ersten Lockdown) in einer Messe dort.

Dann kam der Lockdown und die Kirchen waren einige Wochen geschlossen; dann war ich länger immer wieder krank und bin zwischendurch nur in die örtliche Pfarrei zum Novus Ordo gegangen; ich war mir auch unsicher, ob man sich bei den Tradikapellen der Umgebung vorher anmelden müsste von wegen Coronaregeln. Im Januar 2021 hatte ich eine kleine OP, vor der ich relativ viel Angst hatte, und habe mich dann schließlich mal getraut, die örtliche Piusbruderschaft per E-Mail zu kontaktieren, und kurz vor der OP kam ein Pater zu mir, brachte mir die Krankenkommunion, nahm mir die Beichte ab, und gab mir den Krankensegen. Er war ein sehr freundlicher Mann, der viel von der Liebe Gottes redete. Nach der OP ging es mir dann bald besser, und seitdem gehe ich jeden Sonntag zur FSSPX.

Der Messbesuch dort hat einen leichten Touch von Untergrundkirche; man fährt auf dem halbstündigen Weg an fünf schönen alten Dorfkirchen vorbei und trifft sich dann in einem Anbau, der von außen nicht leicht die Kapelle erkennen lässt. Den Kapellen der FSSPX merkt man an, dass hier versucht wird, es mit begrenzten Mitteln so schön wie möglich zu machen, also so ziemlich das Gegenteil wie bei den typischen neueren Kirchen, die man mit viel Geld so hässlich wie möglich macht.

Aber gleichzeitig wirkt es alles so angenehm normal. Die Predigt trägt unaufgeregt katholische Wahrheiten vor, die Leute sind freundlich, und es sind viele kleine Kinder da, die zwischen ihren drei oder vier Geschwistern auf der Bank herumzappeln und in Bilderbüchern blättern. Gleich bei meiner zweiten Messe dort wurde ich von einer anderen jungen Frau angesprochen, die zur KJB (Katholische Junge Bewegung) gehört, eine alte Frau hat mir eine wundertätige Medaille in die Hand gedrückt. Sogar in Coronazeiten wird man gewissermaßen einbezogen. Ich hatte von Anfang an den Eindruck: Die sehen mich gern da.

Man könnte den Piusleuten, wenn man wollte, vorwerfen, dass sie quasi aus purem Trotz an alten Formen hängen – dass die Leute das Vaterunser und das Ave Maria nach der älteren Übersetzung (z. B. „du bist gebenedeit unter den Weibern“ statt „du bist gebenedeit unter den Frauen“) beten oder dass der Priester einen als unverheiratete junge Frau mit „Fräulein“ statt „Frau“ anredet – aber gerade das hat für mich einen gewissen Charme. Ich fühle mich wohl dort.

Es gibt ja diese Klischees: Die Traditionalisten sind die grimmigen, humorlosen, selbstgerechten Leute, die überall den drohenden Weltuntergang sehen. Solche Leute gibt es sicher, online habe ich sie auch schon getroffen. (Wobei es ja auch Gründe dafür gibt, wieso jemand so wird, und Schwarzseherei nicht immer falsch ist.) Aber in der Piusgemeinde hier hatte ich einfach überhaupt nicht diesen Eindruck. Es wirkt dort auch relativ tolerant bei den Sachen, bei denen Katholiken es so oder so sehen können. Die bereits erwähnte junge Frau aus der Gemeinde hat mir von ihrem Einsatz bei den Querdenkern erzählt und mir Videos auf Whatsapp geschickt, und man hat definitiv nicht den Eindruck, dass irgendjemand sich an ihr stören würde, aber auch nicht davon, dass von allen dieselbe Einstellung verlangt wird. Besonders an den Priestern der Piusbruderschaft, die ich bis jetzt kenne, fällt mir auf, dass sie in politischen Fragen, eben gerade nicht zu sehr Partei ergreifen wollen (solange es nicht um Offensichtliches wie das Lebensrecht der Ungeborenen geht). Ich bin auch nie seltsam angesehen worden, weil ich Hosen trage, während fast alle anderen Frauen und Mädchen zumindest zur Messe in Röcken und Kleidern kommen. Und ich habe dort auch alte Bekannte getroffen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mit der FSSPX zu tun haben. Kurz, ich fühle mich wirklich sehr wohl da.

Ich will mit alldem nicht sagen, dass man sich seinen Messort nur nach sympathischen Leuten usw. aussuchen soll; ich will nur von einer schönen Erfahrung berichten.

Und noch etwas: Wenn man anfängt, zur Piusbruderschaft zu gehen, hat das nichts davon, einer neuen Kirche beizutreten. Man fängt einfach an, dort zur Messe zu gehen, dann zur Beichte, lernt langsam Leute kennen, wird vielleicht zur KJB eingeladen. Man muss kein Glaubensbekenntnis ablegen, keine Generalbeichte, keinen Häresien abschwören. Es gibt gar keine organisierte Gemeinschaft der FSSPX-Messbesucher – zwar gibt es Gruppen, die von der FSSPX ausgehen, aber man muss dabei nicht Mitglied sein.

Ich hatte auch inhaltlich nie den Eindruck, zu einer anderen Religion zu wechseln – sondern einfach den, endlich die im Keller versteckten Schätze derselben Religion zu sehen, die auch die konservativen Kapläne in meiner Novus-Ordo-Pfarrei eigentlich verkündet haben.

Hatten die Tradis doch Recht: Ein paar Entschuldigungen

Wer schon länger bei mir mitliest, wird vielleicht an manchen Sachen gemerkt haben, dass sich ein paar meiner Einstellungen mit der Zeit geändert haben. Als ich diesen Blog begonnen habe, habe ich mich als konservative Katholikin bezeichnet; jetzt, ein paar Jahre später, sehe ich mich ziemlich klar auf der Tradi-Seite, und Konservativsein eher als Kompromiss auf halbem Weg. (Ein paar politische Einstellungen haben sich bei mir auch geändert, aber dazu vielleicht ein andermal.)

Jedenfalls, ich wollte mich an dieser Stelle mal entschuldigen, weil ich in den vergangenen Jahren hier ein paar Mal überheblich oder abschätzig war gegenüber Meinungen, die mir übertrieben oder zu unnormal vorkamen. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich ja auch dazu kommen, was genau ich über manche Sachen jetzt denke. Es ist mir eben manchmal so gegangen, dass ich natürlich nichts von der Kirche Verurteiltes glauben wollte, aber erst mal skeptisch gegenüber manchen früher weit verbreiteten katholischen Einstellungen war, und dabei dann selber wieder übertrieben habe, und manche kirchlichen Äußerungen auch nicht so gut kannte.

(Ich meine eher hier nicht Zeug, das ich vor ein paar Monaten geschrieben habe, sondern wollte mal im Rückblick einen gesammelten Artikel über einige meiner Einstellungen von vor ein paar Jahren schreiben.)

Und dann habe ich mit der Zeit eben gemerkt, dass die Radtrads doch manchmal Recht haben, und dass es nicht immer eine gesunde Reaktion ist, wenn man zu sehr drauf schaut, sich von Leuten „abzugrenzen“, die grundsätzlich auf derselben Seite, aber vielleicht irgendwie radikal oder irgendwie komisch sind, und gleichzeitig drauf schaut, Leute, die einen nicht mögen und auf einer ganz anderen Seite sind, möglichst nicht vor den Kopf zu stoßen. Ich will nicht sagen, dass ich das immer so gemacht habe (und auch nicht, dass man jetzt die Gegner ständig vor den Kopf stoßen soll oder gar keine innerkatholischen Streitereien mehr ehrlich austragen darf, die sind schon auch wichtig), aber ich glaube, ich hatte schon eine gewisse Tendenz in diese parteiliche Richtung.

Ich glaube, manchmal habe ich mir auch ein bisschen was drauf eingebildet, bei der und der Sache nicht stereotyp erzkonservativ zu sein. Wahrscheinlich habe ich mir auch schon vor meiner katholischen Zeit manchmal was drauf eingebildet, anders als andere zu sein, z. B. intellektueller zu sein als andere Mädchen, oder mich nicht zu schminken. Ich meine damit nicht, dass man sich immer an andere anpassen muss, sondern nur, dass Anderssein etwas Neutrales ist. Ich schminke mich auch jetzt noch nicht. Man muss definitiv nicht alles annehmen, nur weil es manche auf der eigenen Seite denken, aber man muss es deswegen auch nicht ablehnen.

Und auch die Radikalen oder die Griesgrämigen können mal Recht mit einem harten Urteil haben. Ich bin selber von meiner Gemütslage her öfter so drauf (außerhalb des Internets mehr als im Internet), dass ich keine unnötigen Streitereien will und die nötige Mäßigung in allem haben will. Aber manchmal – nicht immer – stimmen eben auch die harten, scheinbar unverhältnismäßigen Aussagen, weil die scheinbar normalen Aussagen die Verhältnismäßigkeit verloren haben. Deswegen muss man nicht griesgrämig werden. Man kann fröhlich sein und sich um das kümmern, was man gerade zu tun hat, und Gott alles Restliche in die Hände legen. Aber manchmal sind Dinge einfach sehr schlecht und ableugnen hilft nichts.

(Für eventuelle an Skrupulosität leidende Leser: Ich meine damit nicht, dass ich meine Aussagen in meinen Artikeln über Moraltheologie radikalisieren müsste; um dieses Thema geht es hier nicht, denn dabei habe ich schon einigermaßen recherchiert.)

Ein paar Beispiele für das, was ich meine:

Vor zehn Jahren (noch zu Papst Benedikts Zeiten), als ich angefangen habe, den Glauben ernst zu nehmen, habe ich mir noch gedacht: Wow, wir haben ja wirklich Glück mit den Päpsten und der Kirche jetzt, das war sicher total schwierig für die Leute im Mittelalter und so. Wir haben jetzt Benedikt und den Youcat und die Jugend2000 und Nightfever, und Glaubenswissen ist für uns zugänglich und der Glaube wird nicht so politisch missbraucht. Mittlerweile sehe ich es ziemlich genau umgekehrt – heute wird es einem schwer gemacht, zu wissen, was man jetzt eigentlich glauben soll und was verlässlich ist, es gibt die komischsten Cliquen in der Kirche und die Bischöfe kuschen vor dem Staat, und das soll man alles nur im Vergleich dazu gut finden, dass es angeblich im imaginären Mittelalter viel schlimmer gewesen wäre. (Ich kann mich auch nicht mehr so für Benedikt begeistern wie früher, auch wenn ich ihn immer noch persönlich sehr sympathisch finde. Manches, was er z. B. noch als Konzilsberater oder Kardinal getan hat, kann man nicht uneingeschränkt gut finden.) Mit der Zeit ist mir wirklich auch klar geworden, wie extrem der Glaube hierzulande in den letzten paar Jahrzehnten zerfallen ist, auch in meiner eigenen Familie, während meine Vorfahren von Generation zu Generation katholisch waren (und ja, Glaubenswissen hatten), wahrscheinlich seit dem 8. Jahrhundert. In den letzten 60 Jahren ist ein solcher Abbruch passiert, dass man ihn mit sehr wenigem in der Kirchengeschichte vergleichen kann, nicht einmal wirklich mit der Arianismus-Krise im 4. Jahrhundert. Da kann man ruhig sagen, dass es schlimm ist, und dass dieser Zustand die Dämonen freut. Man muss nicht ständig nur daran denken, vor allem nicht an all das, was man nicht ändern kann, aber es ist einfach trotzdem sehr, sehr traurig.

Ich habe jetzt kein Problem mehr damit, zu sagen, dass sich die Dämonen sicher übers 2. Vatikanum gefreut haben: Eine der größten Gelegenheiten jemals, bei denen die Hüter der Kirche ihr Amt verraten haben. Wenn man von einzelnen Schwierigkeiten bei den Texten absieht (viele waren ganz normal, sogar schön, aber einige waren tatsächlich schlecht in dem, was sie vermittelt haben): ein Konzil besteht ja nicht nur aus Texten, sondern hat auch eine Wirkung und eine Umsetzung durch die daran beteiligten Bischöfe. Und das Schlimmste daran war nicht eine bestimmte Lehre oder Neuerung, sondern der vom Konzil verbreitete Eindruck, alles müsse jetzt irgendwie neu und auf den Prüfstand gestellt werden und bis jetzt wäre man gar nicht wirklich christlich gewesen. Ich hatte Glück, da trotzdem noch zur Kirche zu finden.

[Anmerkung: Das soll kein Zweifel an der Gültigkeit des Konzils sein. Aber als Pastoralkonzil war es nicht unfehlbar.]

Dann noch ein paar weniger wichtige Beispiele, bei denen ich gemerkt habe, dass die Tradi-Sichtweise doch ganz stimmig ist:

Da wäre z. B. das Thema „Modesty“ (schamhafte Kleidung): Spielt in Deutschland keine so große Rolle in Diskussionen, in den USA schon eher. Da ist man schnell dabei, sich über die Radikalen lustig zu machen, für die wohl alles unanständig wäre, und zu sagen, dass Männer doch wohl Frauen respektieren können, auch wenn die sich nicht in eine Burka hüllen würden. (Mit „man“ meine ich hier katholische Mädels, die auch ein bisschen feministisch sein wollen, wenn auch nicht so sehr wie die richtigen Feministinnen, also praktisch das, was ich auch vor nicht so langer Zeit war. Ich hab hier ja auch mal einen Artikel geschrieben, in dem ich mich über komisch wirkende Schamhaftigkeitsvorstellungen geärgert habe – der ist inzwischen nicht mehr öffentlich, weil ich nicht mehr so ganz dahinter stehen würde.) Aber auch hier bekämpft man manchmal Strohmänner. Es ist nun mal eine Tatsache, dass viele Frauenklamotten von den Designern so gemacht werden, dass sie sexuell anziehend sein sollen (auch wenn irgendein Mädchen sie nur kauft, weil ihr gerade die Farbe gefällt oder was weiß ich); es ist keine Erfindung von katholischen Tradis, dass Männer öfter auf visuelle Reize anspringen, mehr als Frauen. Natürlich gilt trotzdem: Wenn einem ungewollt unanständige Gedanken kommen, ist das noch keine Sünde und man kann und muss diese Gedanken auch ignorieren oder wegschieben. Es stimmt auch, dass solche Gedanken auch zwischendurch kommen werden, wenn alle sich normal anziehen. Aber es ist auch einfach eine leicht einsichtige Tatsache, dass man das nicht zusätzlich hervorrufen und es Leuten zusätzlich unnötig schwer machen muss. Außerdem sorgt es auch einfach für normalere Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die oft ja gar nichts Romantisches voneinander wollen, wenn man nichts trägt, bei dem andere sich ständig bemühen müssen, sich nicht ablenken zu lassen. Dazu kommt, dass man ja nicht anderen Leuten alles herzeigen muss, auch wenn die sich nicht für einen interessieren würden.

Auch das „Sollen sich Mädchen von Kopf bis Fuß verhüllen?“-Argument ist Blödsinn. Männerklamotten sind auch nicht tief ausgeschnitten oder reichen kaum über den Hintern, trotzdem gehen Männer nicht im Sommer an Hitze zugrunde. (Das ist ja auch ein Grund, warum bei dem Thema öfter über Frauenkleidung als über Männerkleidung geredet wird: Männerklamotten werden nicht so designt wie Frauenklamotten.) In einem etwas lockeren T-Shirt mit hohem Ausschnitt und einem knielangen Rock oder einer knielangen Hose ist es einem nicht wirklich heißer als in einem engen T-Shirt mit tiefem Ausschnitt und einem Minirock oder Hotpants. Die Hotpants können sogar unbequemer und unpraktischer sein, weil dann z. B. die schwitzenden Oberschenkel am Stuhl kleben. Die Regeln, die die Durchschnittstradis aufstellen, sind auch nicht total übertrieben: Rock bis zu den Knien (er rutscht ja auch leichter mal hoch, wenn man sich z. B. hinsetzt oder rennt), der Brustansatz sollte nicht zu sehen sein, auch wenn man sich vorbeugt, die Sachen sollten nicht zu eng sein und z. B. nicht an der Brust oder dem Hinterteil total spannen (auch Leggins sind keine Hosen, die man ohne etwas drüber tragen sollte), schulter-, rücken- und bauchfrei ist grenzwertig. Das ist vernünftig und wirklich machbar. Wenn manche finden, dass Mädchen besser nur Röcke statt Hosen tragen sollten, halte ich das tatsächlich für übertrieben; Crossdressing ist zwar falsch, aber Hosen sind heute genauso Frauenkleidung, und Männer- und Frauenhosen unterscheiden sich auch noch genug. Aber wenn man es für besser befindet, dass Frauen ihre Femininität betonen, wieso nicht? Mir schadet es ja nicht, wenn andere Frauen es vorziehen, nur Röcke zu tragen, solange sie mich mit meinen Hosen in Ruhe lassen. Man kann es übertreiben, natürlich gibt es ab und zu jemanden, der es unschamhaft findet, wenn nackte Oberarme gezeigt werden, aber das ist nicht der Durchschnittstradi, und solche Übertreibungen sind auch keine unvergebbare Sünde.

Das Thema „Modesty“ ist eben auch eins, bei dem das allgemeine Verhältnis zum Feminismus hineinspielt. Ich hatte ja zeitweise vor ein paar Jahren auch die Einstellung, dass man Feministinnen doch dieses oder jenes zugutehalten müsse, dass sie doch sicher bei einigem Recht hätten, man sich auf sie zubewegen müsse etc. Jetzt finde ich das viel weniger. Zum Beispiel lässt sich manchmal feststellen, dass sie einfach unehrlich mit sich selber sind, wenn es um ihre Beschreibung der patriarchalen Vergangenheit geht. Ja, doch, auch „früher“ fand man häusliche Gewalt schlecht und nein, Frauen galten nicht als Besitztümer ihrer Männer. Außerdem muss man auch nicht so tun, als gäbe es keine typischen Frauenfehler, die auch nicht besser sind als typische Männerfehler, als wären Frauen generell irgendwie moralisch überlegen. Das wird häufig getan, um feministisch Gesonnenen entgegenzukommen: Man führt die Fehler von Frauen irgendwie auf Fehler von Männern zurück, um nicht so zu wirken, als würde man Frauen „dämonisieren“ – gerade so, als hätten Frauen keinen eigenen freien Willen. Und man darf auch mal zugeben, wenn Männer etwas besser können.

Ein Beispiel: Bei der Frage nach dem Frauenpriestertum wird von konservativ-katholischer Seite oft betont, dass es hier nicht darum geht, zu sagen, dass Frauen nicht predigen könnten o. Ä., sondern dass es eben darum geht, dass der Mann Jesus Christus bei der Spendung der Sakramente durch einen Mann repräsentiert wird. Nun ist es natürlich klar, dass v. a. deswegen nur Männer Priester sein können (ausnahmslos), weil sie Christus repräsentieren, eben auch in seiner Rolle als Bräutigam der Kirche / der einzelnen Seele, und dass wir ein „männliches“ Gottesbild haben (der Vater im Himmel, der die von sich irgendwie getrennte Welt schafft), während weibliche Gottesbilder oft zu pantheistischen Vorstellungen führen können (die Mutter Erde, die aus sich das Leben gebiert). (Jetzt ganz grob halbwegs erklärt.) Aber das rein männliche Priestertum hat tatsächlich auch noch mehr praktische Vorteile.

Es ist m. E. wirklich so, dass Männer im Durchschnitt besser dazu geeignet sind, zu lehren und zu leiten. Das betrifft den Durchschnitt und nicht den Einzelfall; aber Frauen sind einfach oft konformistischer gegenüber herrschenden Ideen, nachgiebiger, wollen den Frieden erhalten, oder tragen Konflikte nicht offen aus, sondern durch verdeckte Zickereien, oder behandeln intellektuelle Konflikte als persönliche, oder neigen zu Emotionalisierung. Vielleicht kann sich das auch mal in positiver Weise auswirken, wenn man z. B. nicht mit Absicht dagegen ist oder besser sieht, was Leuten bei einer bestimmten Sache emotional wichtig ist, aber bei Aufgaben der Lehre und Leitung ist es oft nicht hilfreich; denn hier muss man drauf aufpassen, keine falschen Kompromisse einzugehen und muss sich auch eher mal unbeliebt machen, und darf sich nicht zu sehr von persönlichen Sympathien leiten lassen. Das ist eine Tendenz, kein immer feststehendes Gesetz, aber es ist eine feststellbare Tendenz, und deswegen ist es m. E. auch in der Politik an sich besser, wenn eher Männer es machen, aber es hat auch schon gute Fürstinnen gegeben (und sogar einzelne gute Parteipolitikerinnen). (Ich merke das übrigens an mir selber, dass ich irl manchmal zu nachgiebig-beeinflussbar bin, auch wenn ich zu emotionalisierte Sachen gar nicht mag.) Vielleicht liegt es auch an der Sorte Frauen, die sich zu diesem Beruf hingezogen fühle, aber ich habe einfach den Eindruck, die meisten predigenden Gemeindereferentinnen behandeln die Leute wie Kindergartenkinder und können nur mit symbolischen Kerzen und pseudotiefen Sprüchen arbeiten, statt z. B. die Dreifaltigkeit zu erkläre; das ist diese Emotionalisierung, die ich meine.

Wegen alldem bin ich auch Christen nicht mehr böse, die – sagen wir – solche radikalen Ansichten haben wie z. B., dass das Frauenwahlrecht besser nicht eingeführt worden wäre. Ich selbst bin mir bei dem Thema nicht ganz sicher, aber jedenfalls hätte ich gerne weniger Frauen als Politikerinnen. Es bringt so etwas Tantenhaftes, Pseudoharmonisches in die Politik hinein. Es gibt weniger Politiker, die sich mal trauen, anzuecken. Und die Gegnerinnen (ja, -innen) des Frauenwahlrechts vor hundert Jahren hatten zumindest ernstzunehmende Argumente, die man allein aus historischer Neugier mal gehört haben sollte, und an die überhaupt keiner mehr denkt. Ich werde jetzt nicht zur Kämpferin für die Abschaffung des Frauenwahlrechts (der Käse ist sowieso gegessen), aber ich sehe die Sichtweise, dass man es damals hätte bleiben lassen können, nicht mehr als etwas, auf das man mit Entsetzen und Empörung reagieren muss.

Oder ein anderes Beispiel: Beim Thema Todesstrafe ist es beliebt, zu sagen: Wir sind für den Schutz von allem menschlichen Leben, wir stellen uns nicht auf dieselbe Stufe mit dem Mörder, den wir bestrafen wollen, etc. Die Todesstrafe gilt als etwas Barbarisches, das höchstens noch im wilden wilden Westen überlebt hat. Man will nicht in einen Topf mit den blutrünstigen Christen im Europa von vor 200 Jahren oder den blutrünstigen Christen im heutigen Texas geworfen werden. Damit bekommt man freilich ein Problem mit annähernd 2000 Jahren Kirchengeschichte; denn die Todesstrafe wurde praktisch einmütig als grundsätzlich gerechtfertigte Strafe für schwere Verbrechen gesehen, und diese Sicht von Päpsten mehrfach bekräftigt (und das wissen Nichtkatholiken auch so ungefähr, auch wenn sie sonst einen sehr falschen Blick auf Kirchengeschichte haben, und vieles, was sie mit der Kirche assoziieren, wie z. B. Folter zur Befragung, gerade nicht unumstritten für gut befunden wurde). Natürlich kann man jetzt im Sinn eines Johannes Pauls II. sagen, ja, ja, im Notfall kann eine Gesellschaft auf die Todesstrafe zurückgreifen müssen, aber das ist doch jetzt nicht mehr nötig, wir haben Hochsicherheitsgefängnisse. Nur hatte man auch früher zumindest in vielen, wenn auch nicht in allen, Kulturen schon sehr sichere Kerker; Riegel und Wärter sind keine Erfindung aus dem Jahr 1960. Und manche Länder in der Dritten Welt, in denen es sehr korrupt zugeht und man mit Bestechung einiges erreicht, haben auch heute keine sicheren Gefängnisse.

Die Todesstrafe kann jedenfalls gerecht sein, denn: Eine Strafe ist dazu da, die durch die Tat gestörte Gerechtigkeit wiederherzustellen. Dem Täter, der seinen Willen auf Kosten anderer ausgelebt hat, soll jetzt etwas Vergleichbares gegen seinen Willen zu geschehen. Dass bei der Strafe vor allem auf diesen Aspekt der Sühne geschaut wird, ist auch wichtig, um dem Täter gegenüber gerecht zu sein; denn wenn Abschreckung der Hauptzweck wäre, könnte man auch jemanden bestrafen, der unschuldig ist, aber für schuldig gehalten wird, und wenn Besserung der Hauptzweck wäre, könnte man einen Kleinkriminellen jahrzehntelang im Gefängnis festhalten, bis man ihm seine letzten schlechten Neigungen ausgetrieben hat, statt ihn einfach nur so lange dazubehalten, bis er seine Taschendiebstähle abgebüßt hat. Nein, Voraussetzung für eine Strafe ist, dass sie als Sühne verdient ist. Und es ist gerecht, dass sie in gewisser Weise der Tat entspricht: Es ist gerecht, dass ein Dieb eine Geldstrafe zahlen muss, also auch einen Eingriff in sein Eigentum erleidet, oder dass ein Entführer ins Gefängnis kommt, also seine Freiheit einbüßt. Und für einen Mörder ist es gerecht, wenn auch er sein Leben hergeben muss. Christliche Vergebung steht dem nicht entgegen; denn Vergebung bedeutet vor allem ein Ende der Feindschaft, eine Reparatur einer Beziehung, nicht der Verzicht auf jede Strafe oder Wiedergutmachung. Man kann jemandem vergeben, und trotzdem wollen, dass er seine Strafe auf sich nimmt, und er kann sie auch auf sich nehmen wollen. Wer einem etwas kaputt gemacht hat, dem wird man verzeihen können, aber er selber wird es (hoffentlich) als gerecht empfinden, wenn er trotzdem noch Schadensersatz zahlen muss. Manchmal legt die christliche Nächstenliebe es nahe, mehr zu tun, und auf eine geschuldete Wiedergutmachung zu verzichten, und es nicht so genau zu nehmen. Aber bei schwersten Verbrechen sollte man es ein bisschen genauer nehmen, als man es heute manchmal tut.

Und die Todesstrafe ist m. E. nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis sinnvoll, da sie Täter viel eher zur Reue führt als 40 Jahre im Gefängnis mit lauter anderen verhärteten Kriminellen, und wahrscheinlich einen spürbaren Abschreckungseffekt hat (Soziologen sind sich nicht ganz einig, ob sie abschreckt oder ob sie keinen Unterschied macht; einen schlechten Effekt hat m. W. niemand gefunden, und manche Studien einen sehr positiven; leider gibt es aber einfach zu wenig Daten), und auch eine Möglichkeit bietet, Tätern beizukommen, die noch im Gefängnis Verbrechen an anderen Gefangenen oder an Wärtern begehen. Aus all diesen Gründen ist es eben nicht barbarisch, sondern vernünftig, zu sagen, dass die Todesstrafe auch angewandt werden kann, wenn man die Bevölkerung auch schützen könnte, indem man den Täter wegsperrt. Übrigens wenden auch heute noch so generell angesehene, als zivilisiert geltende Länder wie Singapur oder Japan sie an.

In Gen 9,6, als Gott den Bund mit Noah eingeht, wird die Todesstrafe für Mörder damit begründet, dass sie die Würde ihrer Opfer aufrechterhält: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll vergossen werden; denn nach Gottes Bilde ist der Mensch geschaffen.“ Das heißt nicht, dass für jeden Fall von Mord oder Totschlag die Todesstrafe nötig ist (der Bund mit Noah ist auch nicht mehr in allen Teilen in Geltung), aber sie ist sehr wohl eine gerechte Strafe, und irrelevant ist diese Begründung für Christen sicher nicht. Ich finde einfach, es ist unwahrscheinlich, dass es so wenigen Christen früherer Zeiten eingefallen wäre, dass etwas total unchristlich ist, wenn es wirklich total unchristlich ist.

Oder dann wäre da das Thema Monarchismus. Ich habe früher auch eher gedacht, dass man, auch wenn die jetzigen Demokratien sich in ihrem Anfangsstadium gegen christliche Monarchien richteten, doch deswegen nicht für Monarchien sein muss. Muss man auch nicht deswegen; aber für die Monarchie sprechen schon einige Argumente. Nicht für die absolute Monarchie, aber die war auch eher ein historischer Ausnahmefall, es gab auch in Monarchien andere Institutionen und grundlegende Gesetze, die die Macht des Monarchen begrenzten. Aber Monarchien haben eben schon Vorteile. Zunächst mal ist es ja so, dass in jedem Staat irgendjemand regiert; eine reine Volksherrschaft gibt es nirgends, und es geht im Grunde genommen nur darum, das System, Herrscher zu bestimmen, zu finden, bei dem am häufigsten gute und am wenigsten häufig katastrophale Herrscher herauskommen. Im Parteienparlamentarismus oder Präsidialsystem nun bewerben sich tendentiell eher machtgierige Leute, die sich durch undurchsichtige Parteistrukturen hochgearbeitet haben, und man hat in manchen Fällen nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. In der Erbmonarchie ist es dem Zufall der Geburt überlassen, wer der Herrscher wird, d. h. der Herrscher wird eher ein durchschnittlicher Mensch sein, der dann auch damit aufwächst, dass er zukünftig Verantwortung haben wird. Erbmonarchen können auch langfristiger denken statt nur daran, wie sie die Wähler zum Zeitpunkt der nächsten Wahl gewinnen. Und um die schlimmsten Beispiele zu nehmen: Die Erbmonarchie hat uns Iwan den Schrecklichen gebracht, aber Wahlen und Parlamente Adolf Hitler. Das heißt jetzt nicht, dass republikanische Systeme illegitim wären; sie sind eine legitime Form der staatlichen Organisation, und manche Länder sind eben jetzt Republiken. Aber andere Systeme können eben auch legitim sein.

Auch sonst: Die Vergangenheit war oft besser als dargestellt. Oft wird das Schlechte aus der Vergangenheit völlig verzerrt dargestellt und nicht mit dem heutigen Schlechten, sondern mit dem heutigen Guten verglichen, während das frühere Gute und das heutige Schlechte unterschlagen werden. Man muss die Nachteile einer Zeit mit den Nachteilen einer anderen vergleichen, nicht mit ihren Vorteilen. Und manchmal muss man sich wirklich genauer mit einer Zeit beschäftigen, um zu verstehen, wieso die Christen damals dieses taten und jenes nicht, und erst mal seine Vorurteile zurückstellen. Es gab früher Dinge, die schlecht waren, und die von den Leuten damals nicht ernst genommen wurden; jede Zeit hat ihre blinden Flecke. Aber oft war es besser als man denkt.

Oder dann nehmen wir das Thema Evolution. Ich war früher sehr leicht genervt von (häufig evangelikalen) Kreationisten, die (Makro-)Evolution grundsätzlich ablehnen, ob jetzt Langzeit- oder Kurzzeitkreationisten (aber mehr von Kurzzeitkreationisten). Ich bin jetzt nicht selbst Kreationistin geworden, sondern halte es immer noch überzeugend, dass es Evolution gibt und gab, und sehe nicht viele Argumente für das Gegenteil, aber kann eher respektieren, wenn Leute das anders sehen. Gerade in den letzten Jahren ist mir einfach mehr aufgefallen, wie viele Scheuklappen Journalismus und Wissenschaftsbetrieb beide aufhaben können, und wenn da einer noch skeptischer ist als ich, und zu anderen Schlussfolgerungen kommt, will ich ihm das nicht verübeln (solange der nicht gerade sagt, wer nicht Kreationist ist, wäre kein Christ o. Ä.). Da habe ich auch keine Lust mehr, mich damit stressen zu lassen. Solche theologischen Meinungsverschiedenheiten kann man tolerieren.

So weit mal dazu.

Liebe, Barmherzigkeit und der Traditionalismus

(Ein paar vielleicht eher unsortierte Gedanken.)

Eine Weise, auf die liberalere Christen einen heute am liebsten von konservativeren/traditionalistischen Spielarten des Christentums abhalten wollen, besteht darin, ein Schreckensbild von der Kirche der 50er, des Mittelalters oder sonst irgendeiner Zeit aus der Vergangenheit zu zeichnen: Allüberall wurde der strafende Gott gepredigt, den Leuten für den geringsten Fehler die Verdammnis angedroht, es gab keine Gnade und Barmherzigkeit, die Religion war das Mittel, die Leute niederzuhalten, sie zu kontrollieren und ihnen Geld abzupressen. Von der „wahren Botschaft Jesu“ hatten die Leute ja eh keine Ahnung, die Bibel durften sie nicht lesen und die Messe haben sie nicht verstanden.

Jetzt kann man anfangen, alle möglichen Einzelheiten zu korrigieren, z. B. aufzählen, dass es früher sehr wohl katholische Bibelübersetzungen gab, auch vor Luther, und die Kirche nur ungenehmigte und nicht katholische Übersetzungen wegen tendenziöser und falscher Übersetzungen und Kommentierungen verurteilte; dass es ab dem späten 19. Jahrhundert (als Bücher ziemlich billig geworden waren und die meisten Leute lesen konnten) unter Laien absolut üblich war, ein Volksmessbuch zu besitzen, in denen die Texte der Messe mit Übersetzung standen und mit denen man ihr folgen konnte; oder dass es, als noch Fürstbistümer und Fürststifte existierten, das Sprichwort „Unter dem Krummstab ist gut leben“ gab, und man unter der Herrschaft eines kirchlichen Fürsten oft Vorteile wie z. B. eine große Zahl an Feiertagen hatte; dass es die kirchlichen Orden waren, die für eine Armenfürsorge, Krankenversorgung und Schulbildung fürs gemeine Volk sorgten, die es in heidnischen Zeiten und Ländern absolut nicht gab, und die Armenfürsorge erst mal zusammenbrach, wenn kirchenfeindlich gesonnene Staaten Orden zwangsweise auflösten (z. B. bei der Säkularisierung 1803); dass kirchliche Prediger im Mittelalter Zinswucher und dergleichen verdammten, unter dem normale Leute litten.

Aber jetzt mal zu der eigentlichen Botschaft der Kirche, die damals gepredigt wurde. Denn eins ist klar: Das religiöse Wissen war „früher“ auf einem wesentlich besseren Stand als heute, wo zwar jeder sämtliche Bibelübersetzungen abrufen, aber oft nicht mal das Vaterunser aufsagen kann. Im Mittelalter war es besser, in der Frühen Neuzeit war es besser, und ganz besonders war es im 19. und 20. Jahrhundert besser, als jedes Bauernkind in der Dorfschule beim Katechismusauswendiglernen beim hochwürdigen Herrn Kaplan mehr über die katholische Lehre lernte als heute so manche Theologiestudenten.

Und was war denn der Inhalt dieses religiösen Wissens? Natürlich Gottes Liebe, Güte, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Natürlich haben damals die Leute vom lieben Herrgott und vom lieben Heiland geredet und ihre Andachtsbildchen vom Guten Hirten und der Schmerzensmutter und dem lieben Jesuskind verteilt bekommen und „Ich will dich lieben, meine Stärke“ und „O Jesu, all mein Leben bist du“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „Näher mein Gott zu dir“ gesungen.


(Andachtsbildchen, 1895. Gemeinfrei.)

Ziemlich oft gab es sogar eher eine etwas zu verkitschte Version von Jesus Christus als das Bild vom strengen Weltenrichter. (Freilich gab es beides mal; wieso denn auch nicht.)

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(Links: Andachtsbildchen 1879. Rechts: Andachtsbildchen 1917, „Venite ad me“ (Kommt zu mir). Gemeinfrei.)

Klar hat man deswegen das Böse und das Leid nicht geleugnet; das konnte man auch weniger, weil z. B. der Tod viel präsenter war. Aber man hat es auf Gott bezogen: Christus erlöst von der Schuld und wird am Ende alle Tränen abwischen. Ein heutiger Stuhlkreis, in dem nur Banales gesagt werden darf, ist nicht tröstlicher als eine damalige Krankensalbung.

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(Andachtsbildchen mit Zitat aus den Klageliedern 1918. Gemeinfrei.)

Die Sache mit den Modernisten ist ja gerade, dass sie oft genug das christliche Brauchtum, das dem Durchschnittsmenschen Gottes Liebe für ihn vor Augen führt – die Wallfahrten mit der Bitte um Heilung, die Herz-Jesu-Verehrung, die Marienverehrung etc. – abgelehnt haben oder ihm jedenfalls sehr kühl gegenübergestanden sind. Weil Gott v. a. für die Schlimmeren unter ihnen nicht wirklich real ist, sondern eine Kraft, eine Idee, eine nette Täuschung, die einem beibringt, unter sich lieb und nett zu sein.


(Tiroler Herz-Jesu-Feuer. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Noclador.)

Gerade das, worin sich Gottes Liebe für uns konkret, wirklich, zeigt, ist ihnen meistens ein Dorn im Auge: Die Eucharistie, wo Jesus sich selber mit uns vereinigt, bescheiden, unscheinbar und innig zu uns kommt.

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(Andachtsbildchen 1903. Gemeinfrei.)

Die Modernisten sind nicht besonders barmherzig: Ihr Spielchen besteht ja auch oft genug darin, implizit oder explizit zu leugnen, dass Gott alles gut machen wird. Nein, da ist zu wenig Raum für „Zweifel“ und „Ambiguität“ und das ist doch alles zu „triumphalistisch“ und einfach und zu viel Vertröstung. Nun ist es eben aber einfach so: Die tiefste Realität ist gut (das Böse hat ja gar kein Sein in sich selbst, es ist immer nur eine Perversion des Guten oder ein Mangel an Gutem) und am Ende wird alles gut. Manche Geschöpfe mögen sich Gott verweigern, aber dass sie sich schmollend zurückziehen und keinen Anteil daran haben wollen, kann nicht verhindern, dass alles gut wird.

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(Andachtsbild 1902. Gemeinfrei.)

Aber man verinnerlicht eben doch manchmal etwas von dieser Propaganda. Da kann es einem dann passieren, dass man etwas überrascht ist, wenn man von den Lebensgeschichten einiger Figuren aus der Tradi-Bewegung liest: Dass z. B. Erzbischof Lefebvre, der Gründer der Piusbruderschaft*, jahrzehntelang Missionar in Afrika gewesen war, eine recht beschwerliche Tätigkeit, bei der man sich vor allem Tropenkrankheiten einfing, und sich als Bischofsmotto das wunderschöne Bibelwort „Und wir haben an die Liebe geglaubt“ (Et nos credidimus caritati, 1 Joh 4,16) ausgesucht hatte; oder dass Pfarrer Hans Milch, der Gründer der actio spes unica**, 1987 von einem psychisch schwer kranken Mann ermordet wurde, um den er sich gekümmert hatte.

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(Links: Erzbischof Lefebvre predigt in Lille, 1976. Gemeinfrei. Rechts: Sein Bischofswappen, Bildquelle hier.)

Sogar, wenn man das alles weiß, kann man noch nervös dabei sein, wenn man sich endlich zu Tradigemeinden hinwagt; ich war gerade vor meiner ersten Beichte bei einem Priester der Petrusbruderschaft schon nervös. Im Endeffekt gab es keinen Grund dazu.

Natürlich wurde auch „früher“ von der Nächstenliebe geredet und die Nächstenliebe getan. Früher hatte jedes Kaff seine Nonnen und seine kirchlichen Wohltätigkeitsvereine und hat man den Kindern beigebracht, dass die Gottes- und Nächstenliebe die obersten Gebote sind. Natürlich war deswegen nicht alles gut, weil die Menschen nun mal ziemlich verdorben sind und das Christentum immer zu einem großen Teil mit Schadensbegrenzung beschäftigt sein wird; aber ich halte es nicht für glaubwürdig, dass es mit der Kirche und den Durchschnittskatholiken heute besser wäre.

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(Andachtsbildchen, 1899. „Ich war durstig und ihr habt mich getränkt.“)

Natürlich stimmt bei alldem auch, dass man über der Liebe die Regeln nicht verstecken darf, die sich aus der Liebe selbst ergeben und das Gute schützen. Aber selbst hier war die Kirche „früher“ – wo es klare Regeln gab – manchmal lockerer als z. B. heutige charismatischer gesonnene Katholiken (nicht dasselbe wie die Standard-Modernisten, aber trotzdem auch eine Gruppe, die oft falsche Vorstellungen von der schrecklichen früheren Rigidität verbreitet und sich davon abgrenzen will), die finden, dass man eigentlich als „wirklicher Christ“ nie genug tun kann. Damals war den Leuten viel eher klar, wann sie eine schwere Sünde begehen und wann nicht, und die schweren Sünden ist man eben durch Reue und dann Beichte losgeworden.

Die wichtigste Sache ist einfach, sich sein Vergangenheitsbild nicht von historischen Romanen zu holen, die oft genug Katholiken und Anglikaner nicht auseinanderhalten können oder die Anrede für den Bischof nicht kennen, sondern von Leuten aus der jeweiligen Zeit, von denen, um die es hier geht und die oft genug verleumdet werden.

Ein Anspruch der Tradi-Bewegung ist es ja, mehr oder weniger das christliche Leben so fortzusetzen, wie es vor „dem“ Konzil war, ohne bestimmte Änderungen, die man als schädlich und aus dem falschen Geist kommend sieht (auch ein gültiges Konzil und gültige Päpse können so was bringen), weil es eben gerade nicht so war, dass unsere Vorfahren 1960 Jahre lang gar nicht begriffen hatten, was Jesus eigentlich wollte. Fehler gab es zu allen Zeiten und man muss nicht sklavisch alles nachahmen, weil es älter ist; aber wenn es so gewesen wäre, dass die Kirche jahrtausendelang das meiste falsch gemacht hätte, wären Jesu Versprechen an sie nicht wahr und es gäbe auh keinen Grund, ihr heute zu trauen. Heute gibt es mehr Fehler als „früher“, und es macht Sinn, erst einmal bei Vorbildern anzusetzen.

Und von diesen Vorbildern kann man erstmal lernen, dass die Barmherzigkeit, die Milde und die Liebe keine Erfindung von Modernisten sind.

* Ich möchte mal eigens noch darauf eingehen, was meine Meinung zu Erzbischof Lefebvre ist und inwiefern er m. E. im Recht oder im Unrecht war; jedenfalls hat er in der nachkonziliaren Krise als einer von sehr wenigen Klerikern versucht, verwirrten Katholiken zu helfen.

** Pfarrer Milch erkannte immer die Päpste an, aber hatte am Ende Zweifel an der Gültigkeit des 2. Vatikanischen Konzils als Konzil überhaupt bzw. sah es als nicht verwirklichtes Konzil; eine theologisch problematische Meinung, die ich mir hier nicht zu eigen machen will.

Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 2: Wieso Skrupulosität nicht gut ist

Alle Teile hier.

Im gegenwärtigen Katholizismus gibt es eine gewisse Tendenz, zu betonen, dass Gott nicht einfach nur „nett“ ist, nicht bloß ein harmloser Opa in den Wolken, dass das Christentum mehr ist als „moralistic therapeutic deism“. Diese Aussagen sind nicht falsch. Aber Skrupulanten verzerren sie dahingehend, dass die Vorstellungen von Gottes bedingungsloser Liebe und einer persönlichen Vertrautheit mit unserem Heiland beiseite gedrängt werden. Man macht es sich nicht so einfach wie die liberalen Wohlfühl-Katholiken mit ihren Gitarren und ihrer „Gradualität“. Man übergeht die harten, anspruchsvollen Aussagen seiner Religion nicht einfach, sagt man sich. Man will es sich auf keinen Fall zu leicht machen.

Aber auf diese Weise gerät man in Gefahr, das Eigentliche des Christentums zu verlieren. Man sieht Gottes Ansprüche, aber nicht die wichtigere Tatsache der Erlösung, die zuerst kommen muss.

Man muss hier die Gefahr beachten, etwas für „traditionellen Katholizismus“ zu halten, das in Wahrheit nicht der Tradition entspricht. Derartige Rigidität entspricht ihr nicht. Alle vorkonziliaren Theologen, die die Moraltheologie und das geistliche Leben behandelten, sahen Skrupel als Gefahr, die man vermeiden muss, als Versuchung, als krankhafte Störung. Und zur katholischen Morallehre gehört auch, dass man nicht immer der strengstmöglichen Meinung folgen muss; wenn man berechtigte, vernünftige Zweifel hat, ob ein Gebot besteht oder auf diesen Fall zutrifft, und man keine Lösung für diese Zweifel findet, darf jeder der Maxime „Ein zweifelhaftes Gesetz bindet nicht“ folgen. (Das betrifft Fälle, in denen die Verpflichtung selbst zweifelhaft ist, nicht die Mittel zweifelhaft sind.*) Im 17. und 18. Jahrhundert, als verschiedene „Moralsysteme“ debattiert wurden, wurden vonseiten des kirchlichen Lehramts sowohl gewisse Ansichten der „Laxisten“ als auch der rigoristischen Jansenisten abgelehnt. Beispielsweise wurde der jansenistische Satz „Es ist nicht erlaubt, einer [wahrscheinlichen] Meinung oder unter wahrscheinlichen der wahrscheinlichsten zu folgen“ im Jahr 1690 vom Heiligen Offizium (der Vorgängerorganisation der Glaubenskongregation) verurteilt. Das heißt: Es ist erlaubt, einer wahrscheinlichen Meinung zu einem moralischen Gebot zu folgen, auch wenn das nicht die strengstmögliche Meinung ist.

Man sehe sich alte Kirchenlieder an: „Dich will ich lieben, o mein Leben, als meinen allerbesten Freund…“ , „mein König und mein Bräutigam, du hältst mein Herz gefangen…“, „Von Gott kommt mir ein Freudenschein / wenn du mich mit den Augen dein / gar freundlich tust anblicken. / Herr Jesus, du mein trautes Gut, / dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut / mich innerlich erquicken…“, und so weiter und so fort. – „Jesus liebt dich“ ist eben nicht die einfache Teddybären-Theologie von 80er-Charismatikern, sondern die christliche Lehre zweier Jahrtausende. (Auch wenn man sich über den Stil streiten kann, in dem sie verkündigt werden sollte.)

Alle Theologen vergangener Jahrhunderte betrachteten ein skrupulöses Gewissen als eine Krankheit, ein Hindernis, eine Versuchung. Skrupulosität ist ein Problem, das auch einige Heilige erlebt und zu dem sie Ratschläge erteilt haben; Ignatius von Loyola (1491-1556) und Alfons von Liguori (1696-1787) sind die bekanntesten Beispiele. Ignatius erlebte eine Phase schlimmer Skrupel, die schließlich sogar zu Selbstmordgedanken führten, die er aber dann besiegte. Während dieser Zeit erschien es ihm sogar als eine Sünde, auf zwei Strohhalme zu treten, die zufällig in der Form eines Kreuzes auf der Erde lagen. Später schrieb er in seinen Anleitungen zur Unterscheidung der Geister:

Nachdem ich auf jenes Kreuz getreten bin und unterdessen irgend etwas anderes gedacht oder gesagt oder getan habe, kommt mir von außen her der Gedanke, ich hätte gesündigt. Anderseits scheint es mir, ich hätte nicht gesündigt, und doch fühle ich mich dabei verwirrt, sofern ich nämlich zweifle und zugleich auch nicht zweifle. Dies nun ist ein eigentlicher Skrupel und eine Versuchung, die der Feind setzt. […]

 Der Feind achtet sehr darauf, ob eine Seele grob oder fein ist. Und ist sie fein, so besorgt er, sie je mehr ins Äußerste zu verfeinern, um sie je mehr zu verwirren und zugrunde zu richten. Wenn er zum Beispiel sieht, dass eine Seele keine tödlichen oder lässlichen Sünden in sich einlässt, noch irgend einen Schein überlegter Sünde, dann besorgt der Feind, wenn er nicht zuwege bringt, sie in etwas fallen zu lassen, was Sünde scheint, sie [wenigstens] eine Sünde sich einbilden zu lassen, dort, wo keine ist; wie etwa bei einen Wort oder einem geringsten Gedanken. Ist die Seele grob, so besorgt der Feind, sie je mehr zu vergröbern […].

 Die Seele, die im geistlichen Leben voranzukommen wünscht, muss immerdar in der dem Feind entgegen gesetzten Weise verfahren. Das heißt: versucht der Feind die Seele zu vergröbern, so besorge die Seele, sich zu verfeinern. Sucht der Feind sie entsprechend bis ins Äußerste zu verfeinern, so besorge sie, sich in der Mitte zu festigen, um in allem ruhig zu werden. […]

 Wenn eine solche Seele den guten Willen hat, etwas zu reden oder zu tun, was im Bereich der Kirche, im Bereich der Meinung unserer Obern liegt und zur Ehre Gottes Unseres Herrn gereicht, und es kommt ein Gedanke oder eine Versuchung von außen, jene Sache nicht zu sagen oder zu tun, Scheingründe vorstellend wie eiteln Ruhm oder irgend etwas anderes usf., dann soll sie ihren Verstand zu Gott ihrem Schöpfer und Herrn erheben, und wenn sie sieht, dass es Sein schuldiger Dienst ist oder wenigstens nicht dagegen verstößt, dann soll sie geradenwegs jener Versuchung entgegenhandeln, und ihr wie Bernhard antworten: ‚Weder fing ich deinetwegen an, noch höre ich deinetwegen auf.’“

Der Kirchenlehrer, Ordensgründer und Bischof Alfons von Liguori hatte sogar sein ganzes Leben lang mit schlimmen Skrupeln zu kämpfen. Aber auch er bemühte sich, sie zu besiegen. Er wandte sich in seinen Schriften gegen den moralischen Rigorismus der Jansenisten und predigte Gottesliebe und hoffnungsvolles Gebet. Niemand in der ganzen Kirchengeschichte – ich wiederhole, niemand – hat diesen Zustand jemals für wünschenswert gehalten.

Skrupulosität gibt es nicht nur unter traditionellen Katholiken, sondern unter Menschen aller Weltanschauungen (dazu in den folgenden Beiträgen mehr), und den meisten Lesern ist sie sicher fremd. Es geht mir hier nur darum, spezielle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, die gerade lehramtstreue, zu Skrupeln neigende Katholiken in dieser Frage vielleicht haben.

* „Manchmal sind wir verpflichtet, dem moralisch sichereren Weg zu folgen. Wir müssen das tun, wenn wir sicher verpflichtet sind, einen Zweck mit besten Kräften zu erreichen [Hervorhebung von mir], und unser Zweifel nur die Effektivität der Mittel betrifft, die für diesen Zweck eingesetzt werden. Hier impliziert die unbezweifelbare Verpflichtung, den Zweck zu erreichen, die Verpflichtung, sicher effektive Mittel zu verwenden. Ein Arzt darf kein zweifelhaftes Heilmittel an seinem Patienten zur Anwendung bringen, wenn er ein sicheres zur Hand hat. Ein Anwalt darf sich nicht aussuchen, seinen Klienten mit schwachen Argumenten zu verteidigen, wenn er starke zu präsentieren hat. Ein Jäger darf nicht in die Büsche feuern, wenn er zweifelt, ob das sich bewegende Objekt ein Mensch oder ein Tier ist. Ein Kaufmann darf eine sicher existierende Schuld nicht mit wahrscheinlich gefälschtem Geld zahlen oder wahrscheinlich beschädigte Artikel als Güter erster Klasse verkaufen. In solchen Fällen ist die Verpflichtung der Person klar und sie muss Mittel benutzen, die sie sicher erfüllen.

Aber es gibt andere Fälle, in denen die Verpflichtung selbst zweifelhaft ist [Hervorhebung von mir]. Hier haben wir eine ganz andere Frage vor uns. Der moralisch sicherere Weg, obwohl immer erlaubt, ist oft kostspielig und unangenehm, manchmal heroisch. Aus einem Wunsch heraus, das Bessere zu tun, folgen wir ihm oft ohne Frage, aber, wenn wir verpflichtet wären, ihm in allen Zweifelsfällen zu folgen, würde das Leben unerträglich schwer werden. Um moralisch auf der sicheren Seite zu sein, müssten wir jedem zweifelhaften Anspruch von anderen nachkommen, die kein besseres Recht haben, und so zu Opfern von jedem Gauner und Betrüger werden, dessen Gewissen weniger zart ist als unseres. Solche Schwierigkeiten werden durch den Gebrauch der zweiten Klugheitsregel vermieden: ein zweifelhaftes Gesetz bindet nicht.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason. Ethics in theory and practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, Charlotte, North Carolina, 2000 (Nachdruck der 2. Ausg., St. Louis 1959), S. 214-222. Mehr: Siehe hier.)