Why should the games go on?

Vor ein paar Wochen fand ja in Halle eine dieser seltsamen Veranstaltungen statt, die es schon in Chemnitz gegeben hat: Konzert nach Mord. #HalleZusammen nannte sich das Ganze; „Wir sind mehr“ hieß es vorher in Chemnitz. Ein bisschen „Zeichen setzen“, eine kurze Erwähnung der Opfer noch, und natürlich etwas gemäßigt-fröhliches Feiern.

Aber auch wenn Konzerte anlässlich Terror/Mord ein eher neuer Trend sind, wird ja schon seit Ewigkeiten nach jedem Terroranschlag irgendwas dazu gesagt, dass „wir uns nicht verunsichern lassen“, „wir den Terror nicht gewinnen lassen“, „das Leben weitergeht“, und die Einstellung ist ja nicht gerade neu. 1972 wurden bekanntlich die Olympischen Spiele in München nach dem palästinensischen Attentat nach kurzer Unterbrechung gleich wieder fortgesetzt. Elf tote israelische Geiseln, ein toter Polizist – egal, „The games must go on“.

Was eigentlich ein sehr seltsamer Weg ist, damit umzugehen, meines Erachtens.

Sicher wird und kann nicht das ganze Leben in einem ganzen Land auf einmal stillstehen nach jedem Terroranschlag. Terroranschläge sind (Verzeihung für den flapsigen Vergleich) in einer Hinsicht so ähnlich wie verworrene Aussprüche von Papst Franziskus: Es gibt zu viele, um jeden einzeln zu kommentieren, und viel Originelles wird man eh nicht mehr dazu sagen können, weswegen es auch niemandem, der nicht qua Amt dazu verpflichtet ist, etwas dazu zu sagen, vorzuwerfen ist, solche, die ihn nicht betreffen, mehr oder weniger an sich vorüberziehen zu lassen. [Der Vergleich war vielleicht doch etwas respektlos gewählt; das tut mir leid.]

Aber dieses inszenierte Weiterfeiern? Inwiefern heißt es „den Terror gewinnen lassen“, wenn man erst einmal um die Opfer trauert? Der Terror hat doch zu dem Zeitpunkt längst gewonnen – er hat getötet. Diese Kaltschnäuzigkeit, dieses Getue, als wäre „unsere“ (immer dieser vereinnahmende Plural!) Reaktion wichtiger als die eigentlichen Opfer. Die Leute, die zur Gruppe der Opfer gehören, die Ortschaft des Anschlags, die Zeugen – wieso sollten die nicht lieber trauern? Hysterisch auf einem „I’m not owned!“ gegenüber den Terroristen zu bestehen ist doch Augenwischerei. Wenn man sich nicht eingestehen will, wo der Feind schon gesiegt hat, wie will man dann gegen ihn kämpfen?

„The games must go on“ hat doch noch nie so recht Sinn gemacht. Wo steht geschrieben, dass sie weitergehen müssten, dass ein Stabhochsprung- oder Sprintwettbewerb nicht wegen einigen schrecklichen Morden abgesagt werden darf? Wenn Terror oder Mord passiert ist, hat es um die Opfer und ihre Familien zu gehen (und dann darum, in Zukunft zu verhindern, dass es noch mehr Opfer gibt). Nicht um andere Leute, die sich nicht die Laune verderben lassen wollen.

Vielleicht ist dieses Urteil zu hart gegenüber den jeweiligen Organisatoren und Teilnehmern und ihren Motiven. Aber es kommt mir doch wie eine sehr falsche Reaktion auf gewaltsame Tode vor, erstmal ein Konzert zu veranstalten.

Und vielleicht betrifft das ganze Thema nicht nur solche Tode, sondern auch normale, wo es nicht gerade sinnvoll ist, Angehörigen (z. B.) zu sagen „XYZ hätte nicht gewollt, dass du trauerst“. Wieso sollte der Tote einen nicht um ihn trauern lassen wollen? Ein realer Verlust darf real betrauert werden. Vielleicht haben die alten Trauerzeiten und Trauerkleider doch Sinn gemacht.

(Das waren ein paar Gedanken, die ich mir schon länger gemacht habe, aber vielleicht passt die verspätete Veröffentlichung zum Allerseelentag vor kurzem.)

Millais - Das Tal der Stille.jpg

(John Everett Millais, The Vale of Rest. Gemeinfrei.)