Der Kopp-Verlag informiert! – Von Außerirdischen und Apokalypsen

Vor zwei Tagen hatte ich unerwartete Post im Zeitungskasten: Einen Katalog vom Kopp-Verlag. Woher die meine Adresse bekommen haben, ist mir schleierhaft, aber vielleicht sollte ich ihnen trotzdem dankbar sein; schließlich bieten sie mir „Bücher, die Ihnen die Augen öffnen“. Brauche ich. Unbedingt. Worüber die Augen öffnen? Na, darüber natürlich, was alles an schröcklichen Dingen in der Welt vor uns Normalbürgern geheimgehalten wird!

Auf der Titelseite des Katalogs etwa wird dem geschätzten Kunden ein Werk präsentiert, das bezeugt, „[w]ie Hellseher weltweit seit Jahrhunderten eine 3-tägige Finsternis für unsere Zeit vorhersehen“. Besagte Finsternis soll während eines Weltkriegs auftreten, der beinahe – aber dann doch nicht ganz – zu einem Atomkrieg eskalieren wird (verhindert werden wird letzeres durch das Eingreifen „eine[r] kosmische[n], nicht irdische[n] Kraft“, so der Kopp-Verlag, und ausgelöst werden wird die Finsternis durch ein Himmelsphänomen). Aber keine Bange: Man kann sich vorbereiten. Mit den Handbüchern der Selbstversorgung und Krisenvorsorge, und mit den praktischen Primuskochern und Wasserfiltern, die ebenfalls im Katalog zu finden sind, sind Sie für Atomkriege, verheerende Meteoriteneinschläge und Alienangriffe gleichermaßen gerüstet. Gut gewarnt ist halb überlebt, oder so.

Ach ja, Aliens! Sie wussten noch nicht, dass die Götter der griechischen Mythologie ebenso wie die biblischen Engel in Wahrheit Außerirdische sind, die seit Jahrtausenden heimlich Kontakt mit der Menschheit haben? Jetzt wissen Sie’s. Geheimgehaltene archäologische Funde beweisen es!!! Ein anderer Autor wiederum kann aufzeigen, dass die US-amerikanische Regierung schon seit Kennedy zu denjenigen gehört, die den Kontakt mit den Außerirdischen halten (ob es dieselben Außerirdischen sind wie beim ersten Autor, weiß ich allerdings nicht; aber das Universum ist schließlich groß).

Die US-amerikanische Regierung – die sollte man allgemein nicht unterschätzen. Schließlich unterstützt sie auch den IS mit Militärberatern und so, um in Syrien ihre finsteren Pläne zu verwirklichen. Irgendwie gehört sie wohl auch zur globalen Finanzelite, die die Neue Weltordnung [großgeschrieben] herbeiführen will.

Irgendwann, wenn man so durch den Katalog blättert, fragt man sich, wo bei alldem eigentlich die Juden, die Freimaurer und die Jesuiten abgeblieben sind. Bringen die gar nichts mehr auf die Reihe? Okay, ich weiß nicht genau, ob die Juden vielleicht schon zur globalen Finanzelite zählen, und immerhin wird Israel unter den Ländern genannt, die Terroristen „Unterschlupf“ gewähren – ja, Sie haben richtig gelesen, Israel gewährt islamistischen Terroristen Unterschlupf, nein, nicht etwa, weil es auf einmal nationale Selbstmordpläne hegt, nein, das ist alles Teil des großen bösen Plans – , aber die Freimaurer tauchen praktisch nicht auf und die Jesuiten auch nicht. Ich bin allmählich schwer enttäuscht von unseren Leuten. Wenn man zu bedeutungslos wird, um in Verschwörungstheorien aufzutauchen, obwohl man da vor nicht allzu langer Zeit noch ganz vorne dabei war, sollte man eventuell mal die Ordensführung überdenken.

Man könnte sich ein Beispiel an den „Schulmedizinern“ nehmen: Die sind die Bösen einer ganzen Sparte angebotener Werke. Wir lernen: Wir müssen alle nur unsere Vitamine und Öle und unser Johanniskraut zu uns nehmen und den Buchweizen, die Chiasamen und die „Wunderwurzel Kurkuma“ nicht vergessen, und dann brauchen wir auch kein Kortison, keine Antibiotika und keine Antidepressiva mehr, denn schließlich leben die „Schulmedizin“ und die „Pharmaindustrie“ nur davon, uns krank zu halten, während die unterdrückten und verfolgten Homöopathen nur unser wahres Heil im Auge haben. Für nur 4,95 Euro („Preis-Hit“!) erhalten Sie ein kleines Handbuch zum richtigen Einsatz sämtlicher Schüßlersalze, und für 19,95 Euro erfahren Sie alles über die Heilkraft der Kokosnuss. Wenn Sie „Borreliose natürlich heilen“ wollen, müssen Sie annähernd dasselbe aufbringen, 19,90 Euro.

Auch ansonsten findet sich noch allerlei Nützliches beim Kopp-Verlag: Man kann von Vorahnungen, Reiki und Astralreisen lernen, von der „heilsame[n] Kraft des Segnens“, und von „Lichtbotschaften von den Plejaden“. Aber keine Angst, es ist nicht nur Esoterik da. Der Katholizismus kommt tatsächlich auch mal vor – kommt allerdings auch irgendwie zweischneidig weg. Auf Seite 12 wird ein Buch über „Das letzte Geheimnis von Fatima“ angepriesen, und es wird sogar ein Zitat von Papa emeritus Benedikt über den Marienerscheinungsort über der Buchbeschreibung angeführt, um die Autorität dessen zu untermauern, was auch immer in dem Buch dann geschrieben sein wird. Offenbar geht es darum, eine „prophezeite Katastrophe“ zu verhindern. In Fatima wurden nämlich nicht, wie man bisher glaubte, die Verfolgungen von Christen durch den Kommunismus im 20. Jahrhundert und das Attentat auf Johannes Paul II. prophezeiht, sondern irgendeine noch kommende Katastrophe, die irgendetwas mit dem IS zu tun haben muss – ich meine, wo kämen wir denn hin, wenn wir keine Katastrophen für die Zukunft mehr hätten, zu denen wir unheilvolle Prophezeiungen finden könnten.* Wie gesagt, soweit auf Seite 12. Auf Seite 46 dann erfahren wir von einem „Evangelium, das nicht in der Bibel steht“, kurz gesagt, dem Evangelium des Thomas, das, „[v]on der Kirche verfemt und unterdrückt“, doch die „ursprünglichsten, reinsten Worte Jesu“ beinhaltet, und hier nun übersetzt und kommentiert zu erwerben ist. (Wer will, kann es allerdings auch einfach online hier herunterladen: http://www.meyerbuch.de/pdf/Thomas-Evangelium.pdf Aber Vorsicht! Wer auf diesen Link klickt, den werde ich zu finden wissen (ich besitze nicht nur überlegene Hacker-Fähigkeiten, müssen Sie wissen, sondern auch überirdische Eingebungen, und ich WERDE SIE FINDEN KÖNNEN!!!), und den werde ich bei der Heiligen Inquisition melden, und in spätestens zwei Wochen wird er auf dem Petersplatz auf dem Scheiterhaufen brennen! [Man stelle sich an dieser Stelle bitte ein entsprechend schurkisches Lachen vor.])

Na ja, gut, im Katalog findet sich auch normales Zeug. Sogar in der Sparte „Medizin & Gesundheit“ finden sich ein paar Bücher, die aus mehr bestehen könnten als Warnungen vor den fürchterlichen Folgen von Impfungen und Besuchen bei Ärzten mit wissenschaftlicher Ausbildung. (Nein, an sich habe ich übrigens nichts gegen gesundes Essen und den Einsatz von Hausmittelchen, solange man keine Medikamente braucht. Da hat auch kein Arzt was dagegen.) Ein paar gewöhnliche trashige Historienromane mit Titeln wie „Die Ketzerbraut“ gibt es auch, gewöhnliche Bestseller aus dem Bereich Politik ebenso, und sogar einen Schulatlas oder Martin Luthers „95 Thesen. Lateinisch – Deutsch“. Tatsächlich hat der Katalog auffallend viel im Angebot, was nicht beim Kopp-Verlag selbst erschienen ist, sondern bei Heyne oder Droemer oder Knaur oder anderswo. Irgendwie muss man die 146 Seiten ja voll kriegen.

Was haben wir also gelernt: Glauben Sie nicht alles, was Sie hören und lesen. Glauben Sie nur, was in dem Enthüllungsbuch steht, das Sie gerade vor sich haben. Für 22,95 Euro beim Kopp-Verlag erhältlich.

 

PS: Na ja, vielleicht bestelle ich mir ja „Die Ketzerbraut“. Das dürfte für mindestens fünf klugscheißerische Blogartikel reichen, in denen ich mich über Vergangenheitsklischees und mangelnde Geschichtskenntnisse der deutschen Bevölkerung aufregen kann.

 

* Für alle, die sich mit der katholischen Position zu Fatima etc. nicht auskennen: Diese Botschaften zählen zu den „anerkannten“, d. h. von der Kirche erlaubten, Privatoffenbarungen – es ist den Katholiken freigestellt, an die Botschaften, die 1917 von der Gottesmutter Maria an drei Kinder aus dem portugiesischen Dorf Fatima überbracht worden sein sollen, zu glauben, aber wir müssen es nicht.

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Die Wahrheit wird euch frei machen

Ich habe schon einmal (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/27/das-so-ziemlich-nervigste-klischee-ueber-frauen-das-es-gibt/) erwähnt, dass ich die Ehrlichkeit für eine der wichtigsten Tugenden halte, die es gibt, und das möchte ich noch mal wiederholen. Treue zur Wahrheit, und zwar zur ganzen Wahrheit und zu nichts als der Wahrheit, ist etwas, ohne das man eigentlich nicht leben kann.

Angelogen zu werden kann für den, der belogen wird, tatsächlich eine Art von Gefängnis bedeuten, eine Unfreiheit; es schließt ihn von der Welt ab, wie sie wirklich ist. Man ist nicht mehr in der Lage, die Realität zu sehen, wie sie da draußen eigentlich besteht, und sich dann zu entscheiden, wie man angemessen auf sie reagieren will. Stattdessen ist man demjenigen ausgeliefert, der einen getäuscht hat. Es macht einen hilflos; vielleicht reagieren die Leute deshalb oft so wütend, wenn sie herausfinden, dass sie angelogen worden sind. Man muss sich im Alltag die ganze Zeit über auf Informationen verlassen, die man nur aus zweiter Hand bekommen und nicht selber durch eigene Beobachtungen in jedem Detail verifizieren kann. (Schon mal versucht, die Existenz von Ulaanbaatar nachzuweisen, ohne selber in die Mongolei zu fliegen, oder die Beschaffenheit von Chlorophyll oder Kohlenmonoxid, ohne sich ein eigenes Labor zuzulegen?) Und wenn die nicht stimmen, wird es natürlich schwierig. Lügen und Halbwahrheiten und Täuschungen verdrehen die Welt; sie erschaffen etwas, das nicht da ist – nicht in dem guten Sinne, wie Märchen, Romane oder Filme etwas erschaffen, das nicht da ist und von dem man weiß, das es nicht da ist, oder in dem Sinne, wie Gott die Welt erschaffen hat, die vorher nicht da war; sie erschaffen eine Illusion von etwas, das schon auf andere Weise da ist, als sie es vorspiegeln, eine Illusion, auf die sich Leute verlassen, und von der sie dann verraten werden.

Wenn man Menschen anlügt, degradiert man sie; man traut ihnen entweder nicht zu, mit einer Situation, wie sie in Wirklichkeit ist, fertigwerden und eigene sinnvolle Entscheidungen treffen zu können, oder man benutzt sie einfach, weil es gerade bequem ist. Wenn man jemanden anlügt, weil man meint, er würde sich nur unnötig über etwas aufregen, oder wütend auf einen werden, weil man irgendetwas Falsches getan hat, dann heißt das, man geht von vornherein davon aus, dass er falsch reagieren wird, und nimmt ihm damit die Möglichkeit, vielleicht doch besonnen oder verständnisvoll reagieren zu können – na ja, oder man will einfach mit seinem eigenen falschen Handeln davonkommen. Entweder man misstraut ihm, oder man verachtet ihn. Und wenn er merkt oder ahnt, dass er angelogen wird, wird er auch anfangen, zu misstrauen. Lügen in wichtigen Dingen zerstören Beziehungen wie wenig anderes. Gerade wenn man mehrmals feststellen muss, dass auf die Worte und Versprechungen des anderen kein Verlass ist, ist die ganze Basis weg. Denn woher weiß man dann, dass es in Zukunft tatsächlich anders werden wird, wie der andere es schon wieder beteuert?

Ich finde, dass einer der grässlichsten häufig vorkommenden Sätze in typischen amerikanischen Filmen dieser ist: „Wir/ich wollte(n) dich nicht beunruhigen.“ [Na ja, vielleicht abgesehen von „Ich will kein Mitleid / keine Almosen.“ Ich habe ja so eine Theorie, dass die meisten Amerikaner, auch die meisten der sich „Christen“ nennenden Amerikaner, in Wirklichkeit Anhänger der Ketzerei des Amerikanismus sind, die hauptsächlich aus Hochmut („Ich will kein Mitleid“), sozialdarwinistischen Ideen („Gott hilft denen, die sich selber helfen“), Idealen von weltlichem Erfolgsstreben („prosperity gospel“), Selbsthilfetipps zum positiven Denken („Du kannst alles schaffen, wenn du es nur wirklich willst!!!“) und Auserwähltheitsfantasien („God’s own country“) zu bestehen scheint. Ich vermute manchmal, dass antike Bischöfe und mittelalterliche Mönche, die endlos über Demut, Milde, Barmherzigkeit, Mitleid, Almosengeben, den Wert der freiwilligen Armut, das Übel des Wuchers oder die Vergänglichkeit des Reichtums predigten, das, was manche Amerikaner für „Christentum“ halten, kaum wiedererkennen würden. Wobei, anders betrachtet, was will man erwarten bei einem Volk, in dem man sich über „interrassische Ehen“ (nicht mein Begriff, die reden wirklich von „interracial marriages“) wundert und allgemeine Krankenversicherung und Arbeitslosengeld für „Sozialismus“ hält…*] Dieser scheußliche Satz, mit dem die Figuren ihre eigene Unfähigkeit, mit der Wahrheit offen umzugehen, kaschieren wollen, kommt immer dann, wenn Eltern ihrem krebskranken Kind verheimlicht haben, dass es wahrscheinlich bald sterben wird, oder ein Ehemann seiner Frau, dass er seinen Job verloren hat, oder etwas in der Art. Man will den anderen (angeblich) vor der bösen Realität schützen, und nimmt ihm dadurch jede Möglichkeit, sich selbst dieser Realität anzupassen, selbst zu entscheiden, wie er mit ihr am besten umgehen sollte – also, sich zum Beispiel auf seinen Tod vorzubereiten, indem er Dinge in Ordnung bringt, die er verbockt hat, oder Dinge fertigstellt, die er noch fertig haben will. Man entscheidet stattdessen an seiner Stelle, was besser für ihn ist; man betrügt ihn, und tut auch noch so, als täte man ihm damit irgendeine Art von Gefallen, auch wenn die Wahrheit, die er irgendwann herausfinden muss, am Ende dann noch schlimmer für ihn sein wird (z. B. weil er dann nur noch sehr wenig Zeit bis zu seinem Tod haben wird). Das ist ebenso bescheuert wie – oder fast noch bescheuerter als – die amerikanische Lüge von wegen „live your dream“ (also nicht: „lebe in der Realität und mach was aus den Möglichkeiten, die du hast“, sondern „tu einfach mal so, als ob dein Traum, was für einer das auch immer sei, Realität ist, dann wird er das schon werden“; jedenfalls erlangt der Satz diese Bedeutung in der Praxis; zum Beispiel bei nahezu jedem Teilnehmer von Veranstaltungen wie American Idol (die US-Variante von DSDS); die leben nun wirklich in einer Traumwelt).

Das Verschweigen der Wahrheit, wenn jemand ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, ist eine Sünde. Claudia Sperlich schreibt hier über einen Fall, in dem das zutreffen würde (https://katholischlogisch.wordpress.com/2017/03/06/tote-kinder/) : „Im irischen Tuam gab es von 1925 bis 1961 ein von Nonnen betriebenes Heim für ledige Mütter. 2014 wurden dort Knochen von Kleinkindern entdeckt, die nicht auf dem Friedhof beerdigt, sondern auf dem Gelände des Heimes verscharrt wurden. Das Ausmaß kommt jetzt ans Tageslicht; es wird aber bereits seit Jahren untersucht.“ Die Kindersterblichkeit muss dort wohl ungewöhnlich hoch gewesen sein, wahrscheinlich wegen einem Mangel an Pflege und Zuwendung, und die Kinder wurden dann nicht einmal ordentlich beerdigt, sondern bloß schnell irgendwo verscharrt – auch das noch zu viel Arbeit für die Nonnen, das Beerdigen? Frau Sperlich schreibt weiter: „Was mich besonders entsetzt, ist das Fehlen jeglicher Stellungnahme der Sisters of Bon Secours. Ich habe den Schwestern in Galway (zu Tuam gehörte) eine Anfrage gemailt, warum auf ihrer Homepage an keiner Stelle, auch nicht unter der Übersicht „History“, mit einem Wort darauf eingegangen wird. Denn auch wenn keine der Verantwortlichen mehr am Leben ist und die Schwestern heute gute und segensreiche Arbeit tun, darf dieser sehr dunkle Fleck nicht vergessen werden.“

Ich kann intellektuell nachvollziehen, wie diese Schwestern denken mögen: Man muss ja nicht unnötig darüber reden; das gibt nur ein schlechtes Bild; wir müssen unsere Institution schützen; Menschen könnten einen schlechten Eindruck von der Kirche bekommen, wenn sie davon hören würden, und würden sich vielleicht von ihr abwenden, was wir ja nicht wollen können; wir lügen ja nicht, wir verschweigen nur etwas.

Ich kann mir vorstellen, dass bei den Missbrauchsskandalen manchmal Ähnliches gedacht worden ist. Ja, es gab und gibt Kirchenleute, die sich um Aufklärung bemühten oder bemühen – Joseph Ratzinger hat schon als Präfekt der Glaubenskongregation und dann später als Papst einiges geleistet und eine Null-Toleranz-Politik durchgesetzt, und auch Bischof Voderholzer von Regensburg soll sich im Moment ehrlich um die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen bemühen (jedenfalls habe ich das in einer Tageszeitung in einem Interview mit einem Missbrauchsopfer gelesen; der Interviewte hatte ansonsten nicht viel Gutes über seine Erfahrungen mit der Kirche und den Leuten bei den Domspatzen zu sagen). Aber es gab ganz offensichtlich auch andere Bischöfe oder Bistums- oder Kurienmitarbeiter, die anders dachten. Lieber keinen großen Wirbel, lieber keinen Skandal verursachen… Womit sie im Übrigen am Ende ein wesentlich schlechteres Bild von der Kirche vermittelten, als es bei einem offenen Umgang mit alldem je möglich gewesen wäre. Es handelt sich bei einem solchen Verhalten um eine unglaubliche Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern. Ich weiß nicht, ob ein so motiviertes Verhalten auch der Grund dafür war, dass Marie Collins vor kurzem die vatikanische Kinderschutzkommission verlassen hat (http://www.kath.net/news/58702; hier ist recht vage die Rede davon, dass sie „Frustration über mangelnde Kooperationsbereitschaft vatikanischer Behörden“ als Grund genannt habe).

Aber so ein Verhalten ist kaum auf die Kirche beschränkt. Kölner Silvesternacht, irgendwer? Was da geschehen war, kam erst nach mehreren Tagen heraus, als es sich nicht mehr unter Verschluss halten ließ. In meiner Tageszeitung erschien der erste Bericht nach meiner Erinnerung am 5. oder 6. oder 7. Januar irgendwo hinten auf der „Panorama“-Seite, und am nächsten Tag waren wütende Leserbriefe darüber und ausführliche Berichte auf der ersten und der dritten Seite zu lesen, und keiner der Redakteure ließ auch nur eine Silbe der Reue über den vorherigen Umgang mit diesen Informationen verlauten. Kein Wunder, dass Umfragen zufolge so wenige Leute der Presse trauen – manche Informationen sind für Journalisten einer gewissen Couleur einfach zu „brisant“ – oder könnten „missbraucht“ werden – die Leute könnten sie in den falschen Hals kriegen – kurz, gewisse Journalisten denken so, wie vielleicht Bischöfe oder Generalvikare oder Personalchefs einer Diözese gedacht haben, die die Kirche davor schützen wollten, dass die ganze Welt uns für eine „Kinderfickersekte“ hält. (Wobei die Presse sich inzwischen ein wenig am Riemen gerissen zu haben scheint, zumindest, was die örtliche Tageszeitung in meiner Region angeht.)

Diese Ängste sind real und nicht völlig unbegründet. Es gibt Nazis in Deutschland – so richtige Nazis ebenso wie weniger bedrohliche und gefährliche Stammtisch-Ausländerfeinde – ; ebenso wie es Leute gibt, die alle Priester für Kinderschänder halten. (Ich habe vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt des Skandals, mal einen jungen Kaplan sagen hören, manchmal weiß er gar nicht mehr, ob er den kleinen Kindern, die bei der Kommunionausteilung mit ihren Eltern nach vorn kommen, überhaupt noch ein Kreuz auf die Stirn machen darf, und eine Bekannte hat mir einmal erzählt, ihr nominell evangelischer Verlobter hätte wegen der Missbrauchsskandale sogar Bedenken, spätere Kinder katholisch taufen oder Ministranten werden zu lassen. Bei so weit verbreiteten Vorurteilen helfen alle Infos über die geringe statistische Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet in der Pfarrgemeinde Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, verglichen etwa mit Sportvereinen oder Familien, manchmal nichts.) Und natürlich profitieren wirkliche Rassisten, die Menschen einer gewissen Herkunft schon für eine Art Untermenschen halten, von Berichten über kriminelle Ausländer, besonders, wenn sich herausstellt, dass es sich vielleicht nicht um bedauerliche, überhaupt in keinster Weise repräsentative Einzelfälle handeln könnte, sondern dass z. B. bei Köln auch die frauenverachtende Kultur, aus der die Täter kamen, eine Rolle gespielt haben könnte, oder dass Schlägereien und auch Messerstechereien in Asylbewerberheimen gar nicht mal so arg selten vorkommen, oder dass etwa in Schweden durch die liberale Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre inzwischen so einige No-Go-Areas geschaffen worden sind, oder dass, wie jetzt berichtet wurde, ein Dritter aller Straftäter in Deutschland keinen deutschen Pass hat.

Aber am meisten nützt es Nazis (oder Kirchengegnern, for that matter), wenn die „Lügenpresse“ (oder die Halbwahrheitenpresse, wie man es manchmal formulieren sollte – oder aber eben auch die Bistumsverwaltung) gewisse Dinge unter den Tisch kehrt. Das nützt ihnen sehr viel mehr. Und wenn Probleme verschwiegen werden, dann werden sie vor allem nicht angegangen werden, dann werden sie natürlich noch schlimmer werden, und es wird mehr Opfer geben, denen keiner zuhört, weil es sie nicht geben darf. Und wenn es dann entsprechend viele Opfer gibt, so viele, dass sie sich nicht mehr ignorieren lassen, wird man das entsprechende Chaos ernten. Das gilt für alle Probleme. Man darf das Schlimme nicht verschweigen, weil es „uns“ schaden könnte. Am meisten schadet am Ende immer Unwahrhaftigkeit, aber selbst wenn die Wahrheit einmal schaden sollte: Das ist egal. Man muss sie trotzdem sagen. Sie schadet vielleicht, aber sie macht auf jeden Fall frei.

Anbei: Ich finde Halbwahrheiten und Verdrehungen übrigens oft noch schlimmer als Lügen; ihnen ist schwieriger beizukommen. Da muss man erst einmal ganz genau schauen, wie eine Statistik zustande kam; wie diese Fakten sich ins größere Bild einordnen; wie ein Zitat im Kontext lautete; wie relevant oder wie gesichert eine Behauptung überhaupt ist – kurz, es macht einen im Allgemeinen hilfloser als gegenüber ganz einfach demonstrierbar falschen Behauptungen.

(Wobei richtige „Fakenews“ (man darf wirklich auch einfach „Lügen“ dazu sagen) natürlich auch großes Unheil anrichten können – man denke allein an die „Protokolle der Weisen vom Zion“ als das bekannteste Beispiel aus der Geschichte. (Es gab solche Fälschungen im Lauf der Geschichte übrigens, wie auf allen Seiten, auch auf der antikatholischen Seite; am bekanntesten sind vielleicht die Monita Secreta aus dem 17. Jahrhundert (https://en.wikipedia.org/wiki/Monita_Secreta) – angebliche Instruktionen des Jesuitengenerals an seinen Orden zur Machtgewinnung, eine Art von Protokollen einer jesuitischen Weltverschwörung, könnte man sagen. (Heute sind die Jesuiten als Verschwörer natürlich zu langweilig geworden, da muss jetzt eher das Opus Dei übernehmen.) Außerdem gab es z. B. die 1836 in Kanada und den USA veröffentlichten „Maria Monk Stories“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Maria_Monk), mit dem eigentlichen Titel „Awful Disclosures of Maria Monk, or, The Hidden Secrets of a Nun’s Life in a Convent Exposed“ („Schreckliche Enthüllungen der Maria Monk, oder Die verborgenen Geheimnisse des Lebens einer Nonne im Kloster enthüllt“); oder etwa die Geschichte vom Popish Plot („Papistenverschwörung“, https://de.wikipedia.org/wiki/Papisten-Verschw%C3%B6rung), die zwischen 1678 und 1681 in England sogar für Hinrichtungen Unschuldiger sorgte, ehe sie als erfunden erwiesen wurde.))

Vielleicht noch kurz allgemein zur moraltheologischen (und „kasuistischen“, wenn man so will) Seite der Sache: Die grundsätzliche Begründung der katholischen Moraltheologie, wieso Lügen schlecht ist, ist ja ganz einfach: Die Sprache ist dazu da, Wahres über die Wirklichkeit mitzuteilen, und wenn man sie verwendet, um die Wirklichkeit zu verdrehen, pervertiert man sie. Es ist nicht grundsätzlich eine Sünde, einer eindeutigen Antwort auszuweichen, und erst recht nicht grundsätzlich eine Sünde, zu schweigen; nur eben dann, wenn jemand anderer bzw. die Öffentlichkeit ein Recht hat, etwas zu erfahren. Es ist in anderen Fällen sogar gut und notwendig, Geheimnisse zu wahren oder Negatives, das man über andere weiß, nicht öffentlich auszubreiten. (Ich rede jetzt nicht mehr von Verbrechen.) Das Beichtgeheimnis gilt sogar völlig absolut, ohne Ausnahmen (ja, auch bei Verbrechen; wobei ein Beichtvater, dem ein Verbrechen gebeichtet wird, natürlich schauen wird, dass der Pönitent klar den Willen zeigt, keine weiteren Verbrechen zu begehen, und ihn vielleicht auch dazu bringen kann, sich der Polizei zu stellen; aber auch in solchen Fällen ist das Beichtgeheimnis absolut heilig). Es kann Fälle geben, in denen man ein Geheimnis bewahren muss.

Als klassisches Beispiel wird in der Moralphilosophie auch immer der konstruierte Fall vorgebracht, dass man Juden im Keller versteckt und die Gestapo vor der Tür steht. Unter den Moraltheologen wurde/wird sehr kontrovers diskutiert, ob man in solchen Fällen dann auch direkt lügen, oder die Gestapo bloß durch zweideutige Rede täuschen dürfte o. Ä. Hierzu, finde ich, hat der Philosoph Robert Spaemann in diesem Essay (http://www.kath-info.de/verantwortungsethik.html) über Gesinnungs- und Verantwortungsethik (eine Unterscheidung, die er grundsätzlich ablehnt), wo er an einer Stelle über Handlungen schreibt, die immer in sich schlecht sind, eine gute Antwort gegeben:

„Dem entspricht, daß in der klassischen philosophischen und theologischen Tradition die absichtliche und die direkte Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen, die absichtliche Täuschung des Vertrauens durch unwahre Rede und die Herauslösung der Sexualität aus ihrem integralen humanen Kontext jeder weiteren Güterabwägung entzogen und für jederzeit unverantwortlich erklärt wurde. Lediglich mit Bezug auf die Lüge gab es unter den theologischen Moralisten gewisse Meinungsverschiedenheiten, die mit einem ungenügenden Begriff von Sprache zusammenhingen. Es gehört nämlich zur menschlichen Rede nicht nur ein Sprecher und dessen Wort, sondern auch ein Adressat und dessen Weise, das Wort aufzufassen. Das Erzählen von Märchen ist keine Lüge. Zum Vollsinn einer wahrheitsbezogenen Rede gehört, daß sie vom Adressaten als eine solche aufgefaßt wird. Der Kriegsgegner, der polizeiliche Fahnder, der fragt, ob ich einen Menschen versteckt habe, befindet sich zum Sprecher gar nicht in jenem sittlichen Verhältnis des Vertrauens, das eine wahrhaftige Rede erforderlich macht. Bekanntlich kann man ja jemanden, der ohnehin davon ausgeht, daß ich lüge, gerade dadurch in die Irre führen, daß man ihm die Wahrheit sagt. Wo aber ein solches Vertrauensverhältnis existiert, wo der Fragende – zum Beispiel der Patient oder der Ehepartner oder der Freund – zu der Erwartung berechtigt ist, daß ihm vom Arzt, vom Ehepartner oder vom Freund die Wahrheit gesagt wird, da verstößt es in der Tat gegen die Menschenwürde, aus irgendeiner noch so menschenfreundlichen Erwägung heraus die Unwahrheit zu sagen, sich selbst als Person hinter seiner Rede zum Verschwinden zu bringen und den anderen zum bloßen Objekt – und sei es auch der Fürsorge – zu degradieren, während er glaubt, Partner in einem Kommunikationsverhältnis zu sein. Die Lüge, so sagt Kant, ist in erster Linie eine Verletzung der Verantwortung gegen sich selbst, weil sie die konstitutive Identität von Innen und Außen zerstört, die das sittliche Selbstverhältnis ausmacht.“

 

* Ehe man mich darauf hinweist: Ja, ich weiß, dass auch in Amerika „nicht alle so sind“. Ich hege als gute Katholikin keine undifferenzierte Abneigung gegen alle Angehörigen einer bestimmten Nation oder Kultur, und bin durchaus bereit, zu glauben, dass es auch in dieser bestimmten Nation und Kultur, für die ich nicht allzu viel übrig habe, vernünftige Menschen und sogar einige gute Christen gibt. (Deshalb verlinke ich ja auch am Rand dieses Blogs zu einigen amerikanischen Blogs, die tatsächlich vernünftige, christliche Ansichten vertreten.) Und nein, ich halte mich nicht für persönlich besser als ketzerische Amerikanisten.

 

PS: Die Überschrift ist ein Zitat von unserem Herrn (Johannes 8,32).

PPS: Und nein, ich will mit diesem Artikel nicht sagen, dass jede kleine Unwahrheit eine Todsünde ist. Lügen sind zwar so gut wie immer schon ihrer Wurzel nach schlecht, aber sie sind gleichzeitig auch meistens in nicht gravierendem Sinne schlecht (wenn es sich nicht gerade um einen Meineid vor Gericht oder etwas anderes Schwerwiegendes handelt). Unwahrheiten sind leider sehr häufig, und manchmal nicht leicht zu vermeiden, und es gibt manchmal auch Grauzonen (bei Leuten, zu denen eben kein Vertrauensverhältnis besteht, zum Beispiel), wo es nicht in absolut jedem Einzelfall falsch sein muss, die Unwahrheit zu sagen, und auch zweideutige oder ausweichende Antworten können in einzelnen Fällen erlaubt sein. Jedenfalls sind Lügen und Täuschungen oft zwar schon Sünden, aber bloß lässliche Sünden.