„Lieber wenige richtige Christen“?

Ich habe eigentlich nicht viel zu der Studie über die Entwicklung der Kirchenmitgliederzahlen bis 2060 zu sagen; darauf, dass die Studie eher noch zu optimistisch ist und Prognosen, die so weit in die Zukunft reichen, von vornherein ziemlich fehleranfällig sind (und auf ein paar andere Dinge) ist ein anderer Blogger schon eingegangen. Mir ist nur ein Gedanke zu einer typischen Reaktion gekommen, mit der sich verschiedene Seiten das konstante Sinken der Kirchenmitgliederzahlen schönreden wollen.

Von offiziell-kirchlicher Seite, z. B. von Bischöfen, kann man manchmal so etwas hören wie:

„Na ja, diese Zahlen sind wenigstens ehrlicher. Früher war noch sozialer Druck in Bezug darauf da, zur Kirche zu gehen. Wer heute noch Mitglied bei uns ist, der hat sich bewusst dafür entschieden und dem ist die Kirche auch wichtig. Das ist doch auch etwas Schönes!“

Ich glaube, ich habe eine ähnliche Äußerung eines evangelischen Bischofs zufällig im Radio mitbekommen; aber man nagle mich nicht drauf fest. Ich habe auch vor ein paar Jahren in einem ähnlichen Kontext einen Studentenpfarrer sagen hören, es seien doch sowieso immer nur 10-20% der Leute wirklich gläubig gewesen, nur sehe man das heute eben mehr, weil nur noch diese Leute zur Kirche kämen und die anderen sich nicht mehr dazu gedrängt fühlten.

Das wäre etwa vergleichbar damit, wenn in einem Land 90% der Bevölkerung zu Analphabeten werden würden, weil kaum einer mehr im Lesen und Schreiben unterrichtet werden würde, und von den übrigen 10% viele gerade mal ihren Namen schreiben oder vielleicht noch mit Müh und Not einen Einkaufszettel verfassen könnten, und ein Deutschprofessor das dann mit der Aussage kommentieren würde, heute würden sich die, die lesen könnten, wenigstens wirklich für Literatur begeistern.

Leute.

Eine schrumpfende Kirche ist nicht automatisch eine bessere Kirche – und in diesem Fall ist sie es sicher nicht. Die zentrale Aufgabe der Kirche ist es, den Glauben weiterzugeben, die Getauften zu Gott zu führen, sie in der Kirche zu halten, bis sie zum Herrn gehen, und die erfüllt sie derzeit in Deutschland überhaupt nicht. (Natürlich soll sie auch den Ungetauften das Evangelium verkünden, aber wenn sie nicht mal den Getauften den Glauben weitergeben kann, wird sie sich damit schwer tun.) Sicher schrumpft die Kirche auch aufgrund von Dingen, die sie nicht kontrollieren kann; z. B. der anhaltenden antikatholischen Propaganda der letzten paar Jahrhunderte. Aber sie versagt oft genug bei den Dingen, die sie kontrollieren kann. Die Kirche schrumpft, und die Mitglieder, die bleiben, sind oft keine besonders guten Christen und wandern nach und nach auch noch ab. Sicher gibt es die wirklich engagierte, fromme Minderheit; aber die gab es immer; auch in den Zeiten der Volkskirche; nur war sie da eher noch größer.

Außerdem ist es eine ziemliche Verleumdung, zu behaupten, die Menschen, die in, sagen wir, den 1850ern in irgendeinem bayerischen Dorf zur Kirche gegangen wären, wären alle nur irreligiöse Heuchler gewesen, die von den Nachbarn nicht schief angeschaut werden wollten. Ist heute jeder, der, sagen wir, die Menschenrechte gut findet, ein Heuchler, weil er von den Nachbarn schief angeschaut werden würde, wenn er sagen würde, er sei gegen die Menschenrechte? Natürlich nicht. Dass jemandem ein Glaube beigebracht wird und er nie ernsthaft daran denkt, ihn zu verlassen, und dieser Glaube relativ selbstverständlich für seine Gesellschaft ist, hindert ihn nicht daran, diesem Glauben ehrlich anzuhängen – ganz im Gegenteil. Die Menschen früher waren ehrliche Christen; sie beteten mehr als wir, sie wussten mehr über den Glauben als wir (das sind schlicht Tatsachen), und sie waren Gott vermutlich oft auch dankbarer und gehorsamer als wir. Ja, ist so, auch wenn es heutzutage anathema ist, nur anzudeuten, irgendeine andere Zeit könnte in irgendeiner Hinsicht besser gewesen sein als das 21. Jahrhundert.

Und natürlich sind die heutigen Christen auch nicht immer aus dieser sog. „bewussten Entscheidung“ heraus dabei, sondern vielleicht einfach deshalb, weil sie noch zu der Minderheit gehören, die in gläubigen Familien aufgewachsen ist, während andere von klein auf in den Säkularismus hineingewachsen sind – und sich dafür auch nie bewusst entschieden haben. Sicher, man hat heute mit mehr Widerständen zu tun, wenn man als Erwachsener beim Glauben bleiben will; das schon. Aber das ist prinzipiell nichts Gutes, auch wenn es zu Gutem führen kann, weil Gott auch aus dem Schlechten und aus schwierigen Prüfungen Gutes hervorbringen kann. Es sollte möglichst einfach gemacht werden, Christ zu sein.

Denn vor allem ist es so: Wir glauben, dass Gott für alle da ist. Ein Schachklub könnte sagen „wir wollen lieber wenige, aber dafür begeisterte und engagierte Mitglieder“, weil es nichts besonders Wichtiges für die Menschen ist, Mitglied in einem Schachklub zu sein; die Kirche kann das nicht. Sie muss sagen: „Wir wollen alle Menschen, und wir wollen von ihnen genau das und das, was wir immer von ihnen wollten.“ Der Herr hat gesagt: „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ Er liebt alle, Er will alle an sich ziehen. Die Kirche ist nicht etwas, das für eine Sorte Menschen nun mal nicht geeignet wäre; es gibt keinen Menschen, für den Gott, sein Schöpfer, nicht geeignet wäre. Über irgendwelche Menschen in elitärer Überheblichkeit zu sagen „ach, mei, die haben einfach nicht dasselbe religiöse Gespür wie wir, die sind nicht fromm genug veranlagt, für die ist die Kirche wohl nichts, die brauchen nicht zu kommen, wir bleiben lieber unter uns“ ist dem Christentum völlig zuwider. Sicher wollen die Leute das damit nicht aussagen; aber darauf kann diese Aussage hinauslaufen.

Während die Aussage in der Form, wie ich sie oben zusammengefasst habe, eher von der etwas liberaleren Seite kommt, kann man sie so ähnlich auch von konservativer Seite hören: Die Kirche müsse schrumpfen, lieber Qualität statt Quantität, eine kleine Kirche des heiligen Rests quasi. Klar, als ob wir verbliebenen Ultra-Katholiken schon Heilige  wären, weil wir das Glück hatten, mitzukriegen, was die Kirche wirklich ist, und andere nicht.

Ich bin vielleicht gerade etwas zynisch und hart gegenüber denen, die solche und ähnliche Aussagen tätigen. So sind sie ja meistens absolut nicht gemeint. Man sucht sich eben irgendeinen Trost.

Ich würde einen anderen Trost anbieten: Wegen der wegbrechenden Kirchensteuer muss man sich vielleicht nicht zu viele Sorgen machen. Es gibt viele kleinere religiöse Minderheiten in Deutschland, die es auch schaffen, ihre Gebäude zu unterhalten, den ein oder anderen hauptamtlichen Mitarbeiter zu bezahlen, Gottesdienste und Seelsorge anzubieten, und die ein oder andere Schule zu betreiben. Dann ist man eben nicht mehr in jedem Dorf vertreten; das ist die Kirche auch in anderen Ländern nicht, in denen Katholiken eine kleine Minderheit bilden. Das werden wir überleben, wenn die Leute sich irgendwann daran gewöhnt haben, dass es kein Weltuntergang ist, wenn die Messe zehn Kilometer entfernt stattfindet. Es gibt doch Schlimmeres.

Aber in Bezug auf alles andere ist die Entwicklung schlimm genug und man sollte sie nicht schönreden.

Aber wir wollen doch ehrliche, ernsthafte Katholiken!

In meinem letzten Post habe ich über die Vorteile einer Volkskirche* geschrieben, also sollte ich vielleicht jetzt einen der üblichen Kritikpunkte an der Volkskirche angehen: Wenn die Gesellschaft mehrheitlich katholisch ist, und es quasi erwartet wird, katholisch zu leben (wie, sagen wir mal, in katholischen Ländern vor 300 Jahren), macht das die Leute, die nicht wirklich enthusiastisch katholisch sind, doch nur zu Heuchlern. Wir wollen aber keine Katholiken, die nur in die Kirche gehen, damit die Nachbarn nicht reden; wir wollen, dass die Leute aus Überzeugung in die Kirche gehen. Darauf kann man mehrere Dinge entgegnen:

1) Auch, wenn die Kirche eine kleine Minderheit unter vielen Religionen ist, wird es nicht so aussehen, dass alle Leute irgendwie religionsneutral aufwachsen, sich dann, ohne irgendeinen gesellschaftlichen Druck in irgendeine Richtung zu spüren, hinsetzen und alle Religionen vergleichen, sich von einer überzeugen und sich dann aus purer Überzeugung und tiefster Gottesliebe an deren Regeln halten. Auch da kommt man meistens erst mal in die Kirche, weil die Eltern eben noch zur katholischen Minderheit gehören – oder vielleicht, weil man katholische Freunde hat o. Ä. -, und wenn die Eltern – bzw. das sonstige Umfeld – das nicht tun, dann meistens nicht; dann wächst man eben in umgekehrter Weise mit Vorurteilen gegen die Kirche auf und kommt gar nicht darauf, hinzugehen. Die Kinder von Katholiken werden immer, wenn nicht in einer Volkskirche, dann zumindest in einer „Familienkirche“ aufwachsen, ebenso, wie die Kinder Andersgläubiger mit anderen Religionen aufwachsen. Atheisten geben den Atheismus weiter, Muslime den Islam, Veganer den Veganismus.

2) Und das ist ja auch nicht schlimm. Wer sagt denn, dass man nicht ehrlich von etwas überzeugt sein könnte, nur weil andere um einen herum es auch sind? In einer katholischen Familie ebenso wie in einer katholischen Gesellschaft wird man (hoffentlich) eben auch die Argumente für den katholischen Glauben hören; und dann hat man keine Entschuldigung mehr, nicht katholisch zu sein.

3) Was sollen die, die nur in die Kirche gehen, damit die Nachbarn nicht reden, denn tun? Gar nicht mehr in die Kirche gehen? Nö, sie sollten ihr Denken ändern und den Glauben ernst nehmen. Und vielleicht hilft da ja eine aufrüttelnde Predigt in der Kirche. (Okay, die Predigten sind oft nicht allzu gut. Sagen wir, vielleicht hilft die Gegenwart Jesu.) Chesterton hat einmal gesagt, die Heuchelei sei die Verbeugung des Lasters vor der Tugend; wenn man gegen Heuchelei vorgehen will, ist der richtige Weg nicht, die Laster offen zu leben.

4) Hier werden ständig doppelte Maßstäbe angelegt. Wenn es von den Nachbarn erwartet wird, dass man den Müll trennt oder arbeiten geht, dann haben wir nichts gegen diese Erwartungen; wieso sollten wir also so viel gegen andere Erwartungen haben? Sollte die Gesellschaft aufhören, überhaupt irgendwelche Erwartungen zu haben? Es kommt schlichtweg darauf an, was die richtigen Erwartungen sind.

Wir alle wissen, dass man niemanden zwingen kann und darf, sich (zum Beispiel) taufen zu lassen, dass auch ein noch so sehr irrendes Gewissen eine gewisse Achtung verdient. Aber wenn der richtige Glaube die öffentliche Meinung auf seiner Seite hätte (die ansonsten gegen ihn wirkt), wäre das denn so schlimm? Wieso sollten wir das nicht wollen? Aber wäre nicht eine pluralistische Gesellschaft besser? Würden, wenn eine einzige Religion 100 oder auch bloß 80 oder 90 Prozent der Leute auf ihrer Seite hätte, nicht die Alternativen fehlen, zwischen denen man wählen könnte? Pluralismus, pff. Als ob es den überhaupt gäbe. In unserer Gesellschaft gibt es genauso Ansichten, für die man zwar nicht bestraft wird, die aber allgemein als inakzeptabel gelten. Beispiele? Hier wären ein paar:

„Die Erbmonarchie ist die beste aller Staatsformen.“

„Man sollte den Frauen das Wahlrecht wegnehmen.“

„Wer der Gesellschaft nichts mehr nützen kann, sollte den Anstand haben, sich selbst umzubringen. Wenn er das nicht tut, hat keiner die Pflicht, ihn noch weiter durchzufüttern.“

„Wir sollten Rassenvermischung verbieten.“

(Da immer mal Leute mitlesen, deren Textverständnis, äh, verbesserungsbedürftig ist: Alles keine Ansichten, die ich vertrete. (Auch wenn man die oberste als Katholik prinzipiell vertreten dürfte, ohne ein Ketzer zu sein, und streng genommen auch noch die zweitoberste. Die letzten zwei sind schlichtweg böse.))

Ich sage nicht, dass man bestimmte Dinge gar nicht erst denken dürfte. Im Mittelalter, als die Existenz Gottes das Selbstverständlichste von der Welt war, begann der heilige Thomas von Aquin die Summa Theologiae damit, Argumente für die Nichtexistenz Gottes aufzuzählen, und auf die zu antworten. Ebenso sollte es bei uns erlaubt sein, zu durchdenken und zu erklären, wieso genau Zwangseuthanasie oder Rassismus falsch sind (allein schon, weil irgendwann die Eugeniker und Rassisten auftauchen werden, gegen die man die Argumente dann brauchen kann). Aber worauf ich hinauswill: Gesellschaftliche Tabus gegen abweichende Meinungen sind nicht immer schlecht, und sobald es um Themen geht, die den Leuten wichtig genug sind, gibt es solche Tabus. Dass es so wenige religiöse Tabus in unserer Gesellschaft gibt, liegt nur daran, dass die Leute die Religion für etwas Unwichtiges halten, und das ist sie einfach nicht.

5) Außerdem haben wir eben den Auftrag: Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern. Man kann darüber spekulieren, ob dieses Ziel erreichbar ist oder nicht, aber wenn der Herr es uns aufgetragen hat, muss es auf jeden Fall gut sein. Dann können wir davon ausgehen, dass der Herr es nicht bedauern würde, wenn alle Menschen Christen würden.

File:Crescentia Höss Stich 2a.jpg

(Andachtsbild aus Volkskirchenzeiten (1790), das meine „Namenspatronin“, die hl. Crescentia Höss, darstellt. Quelle: Wikimedia Commons.)

 

* Um weitere Missverständnisse auszuschließen: der Begriff meint eine Kirche, die die Mehrheit (und wohl auch die öffentliche Meinung) auf ihrer Seite hat. Nicht mehr und nicht weniger.

Wieso die Volkskirche das Ideal sein muss

In den letzten Jahren wird ja viel über das Verschwinden der Volkskirche geredet – und nicht alle, die darüber reden, trauern ihr hinterher. Sollten sie aber. Eine kleinere Kirche ist nicht immer eine bessere Kirche, auch wenn insbesondere manche Befürworter der „Benedikt-Option“ das zu meinen scheinen.

Es ist eine Binsenweisheit, dass unser Ziel als Christen prinzipiell die Bekehrung aller Menschen ist, was automatisch zu einer Volkskirche führen würde, wenn wir Erfolg hätten; um diese Binsenweisheit geht es mir hier aber nicht. Eine Gesellschaft, in der es normal ist, katholisch getauft zu werden; in der erwartet wird, dass man sonntags zur Kirche geht; und in der idealerweise der Glaube an alle kirchlichen Dogmen zum gesellschaftlichen Grundkonsens gehört, hat eine ganze Menge praktischer Vorteile gegenüber einer, in der die Christen eine Minderheit sind, zu der nur der gehört, der dazugehören will. Dass wir das nicht so sehen, hängt hauptsächlich mit einer falschen Idealisierung der antiken Minderheiten-Kirche und falschen Gruselgeschichten über die mittelalterliche Volkskirche zusammen. Die mittelalterliche Gesellschaft hatte gegenüber der antiken tatsächlich große Vorzüge. Hier ein paar davon:

1) Eine Volkskirche bringt allein schon mehr innerweltliche Gerechtigkeit. Nachdem die römischen Kaiser christlich wurden und ein paar Jahrzehnte später das Christentum zur Staatsreligion machten, wurde in ihrem Reich irgendwann auch die Kindesaussetzung strafbar, die Gladiatorenkämpfe wurden abgeschafft und ganz langsam verschwand die Sklaverei bzw. wandelte sich zur weniger schlimmen Leibeigenschaft. Eine Volkskirche hat Einfluss auf die Gesellschaft. Ihre Stimme hat Gewicht. Es gibt sehr viele Menschen in der Geschichte, die dankbar für den Einfluss der Kirche sein konnten. (Wer jetzt einen Kommentar zum Thema „Kreuzzüge-Hexenverfolgung-Inquisition“ schreiben möchte, den bitte ich, sich über die Kreuzzüge, die Hexenverfolgung und die Inquisition zu informieren und dann wiederzukommen. Danke. Wenn dann noch jemand behaupten möchte, lieber in der finsteren Antike leben zu wollen als im christlichen Mittelalter, dann führe ich gerne eine Diskussion mit ihm.)

2) Eine Volkskirche sorgt dafür, dass mehr Menschen überhaupt über das Bescheid wissen, was die Kirche lehrt. Wenn die Kirche nur als eine komische Sekte unter vielen gilt, werden viele nie verlässliche Informationen über das Evangelium hören. Eine Volkskirche sorgt dafür, dass alle Leute zumindest ein wenig theologisches Grundwissen haben, oder zumindest wissen, wen sie fragen oder wo sie nachschauen können, wenn sie Fragen zum Glauben haben. Ein einzelner Priester, der sich seine eigenen theologischen Meinungen bildet und Stuss erzählt, kann in dieser Situation die Leute auch nicht so einfach von diesem Stuss überzeugen, weil diese Leute auch noch andere Priester kennen, von denen sie was ganz anderes gehört haben.

3) Eine Volkskirche verhindert, dass wir uns für eine religiöse Elite halten. Ich meine, jeder überzeugte Katholik, der genug Zeit mit anderen überzeugten Katholiken verbracht hat, weiß, dass es unter denen locker ebenso viele nervige, begriffsstutzige, rechthaberische und unsympathische Leute gibt wie in der Restbevölkerung. Aber gerade wenn z. B. ein Konvertit frisch zur Kirche kommt, wird er da, wo er die Wahrheit gefunden hat, vielleicht auch erwarten, eine Art „heiligen Rest“ zu finden – lauter heiligmäßige oder zumindest auf dem Weg zur Heiligkeit befindliche Leute. Sorry, aber dass jemand durch diese und jene Fügungen des Lebens von der richtigen Weltanschauung überzeugt ist, garantiert eben noch nicht, dass derjenige ein guter Mensch ist. Das muss man irgendwann erkennen. In einer Volkskirche kommt diese Illusion gar nicht erst auf. Da ist es kein Verdienst, katholisch zu sein; so wenig, wie es in unserer Gesellschaft ein Verdienst ist, an die Menschenrechte zu glauben. Ja, toll, das weiß eh jeder.

Leute, die keine Ahnung von der frühen Kirche haben, denken ja gerne, dass die frühe Kirche ein solcher heiliger Rest gewesen wäre: alles Christen aus Überzeugung, standhaft gegenüber der heidnischer Verfolgung, ein Leben wahrer Nächstenliebe führend. Stimmt leider nicht. Da braucht man nur ins Neue Testament zu schauen, um zu merken, dass das Bild schief ist. Man sollte mal einen Blick drauf werfen, was Paulus alles allein an die Kirche in Korinth schreibt:

„Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?“ (1 Kor 1,11-13)

„Allgemein hört man von Unzucht unter euch, und zwar von Unzucht, wie sie nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass nämlich einer mit der Frau seines Vaters lebt. Und da macht ihr euch noch wichtig, statt traurig zu werden und den aus eurer Mitte zu stoßen, der so etwas getan hat.“ (1 Kor 5,1f.)

„Stattdessen zieht ein Bruder den andern vor Gericht, und zwar vor Ungläubige.“ (1 Kor 6,6)

„Wenn ich schon Anweisungen gebe: Das kann ich nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. Zunächst höre ich, dass es Spaltungen unter euch gibt, wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt; zum Teil glaube ich das auch. Denn es muss Parteiungen geben unter euch, damit die Bewährten unter euch offenkundig werden. Wenn ihr euch versammelt, ist das kein Essen des Herrenmahls; denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und dann hungert der eine, während der andere betrunken ist. Könnt ihr denn nicht zu Hause essen und trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes? Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben? Was soll ich dazu sagen? Soll ich euch etwa loben? In diesem Fall kann ich euch nicht loben.“ (1 Kor 11,17-22)

„Denn ich fürchte, dass ich euch bei meinem Kommen nicht so finde, wie ich euch zu finden wünsche, und dass ihr mich so findet, wie ihr mich nicht zu finden wünscht. Ich fürchte, dass es zu Streit, Eifersucht, Zornesausbrüchen, Ehrgeiz, Verleumdungen, übler Nachrede, Überheblichkeit, allgemeiner Verwirrung kommt; dass mein Gott, wenn ich wiederkomme, mich noch einmal vor euch demütigt; dass ich Grund haben werde, traurig zu sein über viele, die schon früher Sünder waren und sich trotz ihrer Unreinheit, Unzucht und Ausschweifung noch nicht zur Umkehr entschlossen haben.“ (2 Kor 12,20f.)

Und diese Gemeinde war nicht die einzige, mit der es Probleme gab; an die Thessalonicher schreibt der Apostel:

„Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Diesen gebieten wir und wir ermahnen sie in Jesus Christus, dem Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr eigenes Brot zu essen.“ (2 Thess 3,11f.)

Auch die Botschaften an die sieben Gemeinden in Kapitel 2 und 3 der Offenbarung des Johannes sind aufschlussreich; da erfahren wir zum Beispiel von den „Nikolaiten“, die die Gemeinden spalten.

Oh, und in der Apostelgeschichte haben wir auch ein paar unschöne Geschichten wie die von Simon Magus, oder Hananias und Sapphira:

„Ein Mann namens Simon hatte schon länger in der Stadt Zauberei getrieben und das Volk von Samarien in Staunen versetzt; er gab sich als etwas Großes aus. Alle achteten auf ihn, Klein und Groß, und sie sagten: Dieser ist die Kraft Gottes, die man die Große nennt. Sie achteten aber deshalb auf ihn, weil er sie lange Zeit durch Zaubereien in Staunen versetzt hatte. Als sie jedoch dem Philippus Glauben schenkten, der das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündete, ließen sie sich taufen, Männer und Frauen. Auch Simon wurde gläubig, ließ sich taufen und schloss sich dem Philippus an; und als er die großen Zeichen und Machttaten sah, geriet er außer sich vor Staunen. Als die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, schickten sie Petrus und Johannes dorthin. Diese zogen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen. Denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen; sie waren nur getauft auf den Namen Jesu, des Herrn. Dann legten sie ihnen die Hände auf und sie empfingen den Heiligen Geist. Als Simon sah, dass durch die Handauflegung der Apostel der Geist verliehen wird, brachte er ihnen Geld und sagte: Gebt auch mir diese Vollmacht, damit jeder, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfängt! Petrus aber sagte zu ihm: Dein Silber fahre mit dir ins Verderben, wenn du meinst, die Gabe Gottes lasse sich für Geld kaufen. Du hast weder einen Anteil daran noch ein Recht darauf, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. Wende dich von deiner Bosheit ab und bitte den Herrn, dass dir das Ansinnen deines Herzens vergeben werde! Denn ich sehe dich voll bitterer Galle und in Unrecht verstrickt. Da antwortete Simon: Betet ihr für mich zum Herrn, damit mich nichts von dem trifft, was ihr gesagt habt!“ (Apg 8,9-24)

„Ein Mann namens Hananias aber und seine Frau Saphira verkauften zusammen ein Grundstück und mit Einverständnis seiner Frau behielt er etwas von dem Erlös für sich. Er brachte nur einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen. Da sagte Petrus: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst und von dem Erlös des Grundstücks etwas für dich behältst? Hätte es nicht dein Eigentum bleiben können und konntest du nicht auch nach dem Verkauf frei über den Erlös verfügen? Warum hast du in deinem Herzen beschlossen, so etwas zu tun? Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott. Als Hananias diese Worte hörte, stürzte er zu Boden und starb. Und über alle, die es hörten, kam große Furcht. Die jungen Männer standen auf, hüllten ihn ein, trugen ihn hinaus und begruben ihn. Nach etwa drei Stunden kam seine Frau herein, ohne zu wissen, was geschehen war. Petrus fragte sie: Sag mir, habt ihr das Grundstück für so viel verkauft? Sie antwortete: Ja, für so viel. Da sagte Petrus zu ihr: Warum seid ihr übereingekommen, den Geist des Herrn auf die Probe zu stellen? Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, stehen vor der Tür; auch dich wird man hinaustragen. Im selben Augenblick brach sie vor seinen Füßen zusammen und starb. Die jungen Männer kamen herein, fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie neben ihrem Mann. Da kam große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, die davon hörten.“ (Apg 5,1-11)

Versuchte Simonie (Kauf/Verkauf geistlicher Dinge; wurde tatsächlich nach Simon Magus benannt); Prahlerei mit der eigenen vorgetäuschten Spendenbereitschaft; Unmoral; Irrlehren; Streit; Spaltungen – das alles ist von Anfang an da. Und so geht es in der frühen Kirche auch weiter. Christen, die in Zeiten der Verfolgung den Glauben verleugnen und andere Christen an die Behörden liefern. Priester und Bischöfe, die sich mit einem Teil der Gemeinden abspalten, weil sie finden, dass Witwen und Witwer nicht mehr heiraten dürften, oder dass man den Abtrünnigen, die nach einem vorläufigen Ende der Verfolgung wieder dahergelaufen kommen und sagen, dass es ihnen leid tut, abgefallen zu sein, nicht vergeben sollte. Charismatiker, die behaupten, Visionen vom Heiligen Geist zu erhalten und sich als Propheten aufspielen. Haben wir alles lange, lange vor Konstantin. Kleine Sekten ziehen auch im Besonderen rechthaberische, aufgeblasene Leute an; das kann vermutlich jeder bestätigen, der schon mal bei den Piusbrüdern war, oder sich online mit Tradis darüber gestritten hat, ob Frauen Hosen tragen dürfen.

4) Eine Volkskirche macht es einfacher, Fehlverhalten und Verbrechen des Klerus zu ahnden. Das klingt jetzt womöglich erst mal seltsam, aber ich bin fest überzeugt, dass es so ist. Sehen wir uns die Missbrauchsskandale an. Eine Reaktion, vor allem bei den ersten Missbrauchsskandalen, um 2002 in den USA, um 2010 hierzulande, war es bekanntlich, bei Laien wie bei Bischöfen, erst mal alles herunterzuspielen, weil man der Überzeugung war, dass die kirchenfeindliche Presse das aufbauschen musste, um ihre kirchenfeindliche Agenda voranzubringen. Dass die Presse wirklich kirchenfeindlich ist und eine kirchenfeindliche Agenda hat, stimmt natürlich leider; und in einer von Grund auf katholischen Gesellschaft fiele dieser Grund, reale Skandale in der Institution nicht nach außen dringen lassen zu wollen, eben weg. Da wären wir nicht in der Defensive und würden uns dazu gedrängt sehen, Statistiken herauszusuchen, um unseren Onkeln und Kollegen zu beweisen, dass der Zölibat nicht zum Missbrauch führt. In einer katholischen Gesellschaft, in der es so allgemein anerkannt wäre, dass der katholische Glaube wahr und die Kirche von Gott eingesetzt ist, wie es in unserer Gesellschaft allgemein anerkannt ist, dass Bildung und Medizin gut sind, hätte man so wenige Probleme damit, sich einzugestehen, dass Priester Verbrecher sein können, wie man bei uns damit hat, sich einzugestehen, dass Lehrer und Ärzte Verbrecher sein können. Natürlich können sie das. Das sagt nichts über Religion, Bildung oder Medizin aus. Im Mittelalter hatte man kein Problem damit, sich einzugestehen, dass etliche Kleriker mittelmäßig und manche schlecht sind. Eine eh schon misstrauisch beäugte Sekte schließt oft genug die Reihen und verteidigt ihre Anführer bis zum bitteren Ende.

LEnfer (Musée des Beaux-Arts de Lyon) (5462511863).jpg

(Höllendarstellung mit einem Bischof und zwei Mönchen, Biberach 1520. Quelle: Wikimedia Commons.)

5) Eine Volkskirche macht es den Leuten ganz einfach leichter, Christ zu sein – das Richtige zu glauben und das Richtige zu tun. Es gibt keinen gesellschaftlichen Druck, dem man sich entgegenstellen muss, wenn man – zum Beispiel – bis zur Ehe keinen Sex haben oder regelmäßig zur Beichte gehen will. Es gibt erst recht nicht die Angst, dass man zum Märtyrer werden könnte, wenn man Christ wird. Ja, vielleicht waren die antiken Christen ja im Durchschnitt mutiger als die antiken Nichtchristen. Und wieso? Weil ein von Natur aus eher feiger Heide, der von dieser Religion hörte, die sich irgendwie faszinierend anhörte, aber zu der zu gehören andererseits zur Hinrichtung führen konnte, wenn man Pech hatte,  dann vielleicht lieber gar nicht weiter nachforschte, was es mit ihr auf sich hatte und ob sie wahr war. Und wir sollen feige Menschen nicht verachten, sondern ihnen in den Himmel helfen. Wieso sollte man das Tun des Guten nicht so einfach machen wie möglich?

6) In einer Volkskirche ist es normal, jedes Jahr vor Ostern zur Beichte zu gehen, und zu jedem Sterbenden einen Priester zu rufen, der ihn zur Reue und Beichte ermuntern und ihm die Krankensalbung erteilen kann. Wir wollen die Leute im Himmel haben, nicht wahr? Genug gesagt.

Ja, ich weiß, wir werden so schnell keine Volkskirche mehr bekommen. Aber das ist Anlass zur Trauer, nicht zur Erleichterung.