Die Pfeiler des Glaubens, Teil 1: Von Morisken und Märtyrern

Letztens ist mir bei einem Blick in mein Bücherregal dieser historische Roman hier aufgefallen, den ich vor ein paar Jahren von einer Patentante zu Weihnachten bekommen haben müsste:

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Worum es geht, verrät der Klappentext:

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Pseudohistorisches, schlecht recherchiertes Christenbashing wahrscheinlich, habe ich mir damals gedacht, mich nett bei der Patentante bedankt, und das Buch ungeöffnet ins Regal gestellt. Aber inzwischen habe ich ja einen Blog, und da kann man, wenn ein Buch sich als schlecht herausstellt, andere an seinen genervten Gefühlen teilhaben lassen. Also, frisch ans Werk.

Als ich den Klappentext vor ein paar Tagen wieder gelesen habe, war ich überrascht davon, wie unsympathisch mir der Protagonist in dieser kurzen Beschreibung erscheint; ich hatte nicht mehr in Erinnerung, dass Hernando „sich als Christ ausgibt und für das Domkapitel in Córdoba arbeitet – scheinbar gegen die Muslime“. Wenn du schon einer falschen Religion anhängst, dann steh doch wenigstens dazu, habe ich mir gedacht. Aber ich greife mir vor.

Ildefonso Falcones ist als Schriftsteller kein unbekannter Anfänger; von ihm stammt auch der Bestseller „Die Kathedrale des Meeres“, der im 14. Jahrhundert in Barcelona spielt. Besonders gut geschrieben ist „Die Pfeiler des Glaubens“ trotzdem nicht. Die Perspektive wechselt oft abrupt, an manchen Stellen alle paar Sätze; mal berichtet ein allwissender Erzähler von der politischen Lage, dann blickt man wieder in den Kopf einer Nebenfigur, gleich darauf dann in den des Protagonisten, dann für zwei Sätze in den einer anderen Nebenfigur. Dazu kommen, gleich ab der ersten Seite, Adjektive über Adjektive. Beispiele gefällig?

„Das metallische Echo [der Kirchenglocken] brach sich in den felsigen Schluchten des Südhanges, erfüllte das fruchtbare Tal mit seinen Flüssen Guadelfo, Adra und Andarax, die sich aus den zahllosen Gebirgsbächen der verschneiten Gipfel speisten, und wurde schließlich von den steilen Hängen der Sierra Contraviesa zurückgeworfen.“ (S. 11)

„Vor dem schlichten ockerfarbenen Gotteshaus mit seinem wuchtigen Glockenturm lag ein weitläufiger Vorplatz, von dem aus sich ein Gewirr aus engen Gassen über den Hang ausbreitete.“ (Ebd.)

Der Roman beginnt an einem Sonntagmorgen im Dezember 1568 in diesem spanischen Bergdorf namens Juviles, wo eine Minderheit aus Altchristen mit einer unterdrückten Mehrheit aus Morisken zusammenlebt – Muslimen, die nach der Vertreibung der muslimischen Herrscher aus Spanien 1492 zunächst toleriert, dann allerdings vor die Wahl zwischen Taufe oder Ausweisung gestellt worden waren, und die die Taufe gewählt hatten. Diese Familien praktizieren im Geheimen weiterhin den Islam, erscheinen aber pflichtgemäß zur Sonntagsmesse, wo der Pfarrer ihre Anwesenheit kontrolliert und zwei Frauen, die am vergangenen Sonntag unentschuldigt gefehlt haben, Geldstrafen aufbrummt. Schon in diesen ersten Seiten begegnet man auch vor bzw. in der Kirche zwei gedemütigten Büßern, die für das Vergehen der Hexerei bloßgestellt werden; es handelt sich um eine alte Moriskin, die einer Kranken hat helfen wollen, indem sie deren Hemd in angeblich heilkräftigem Wasser gewaschen hat, und den Ehemann der Kranken, der ihr das Hemd gegeben hatte. Reizend. (Aber, nach meinen (geringen) Kenntnissen der spanischen Kirchenzucht in der frühen Neuzeit, auch nicht ganz unplausibel.*) Erstaunlicherweise scheint die Messe dann übrigens auf Spanisch, nicht auf Latein, gehalten zu werden – es wird erwähnt, dass viele Morisken nicht gut Spanisch sprechen, aber gelernt haben, die Gebete in der Kirche mitzusprechen -, obwohl auch ausdrücklich gesagt wird, dass der Priester bei der Wandlung „mit dem Rücken zur Gemeinde“ steht. Na ja, Flüchtigkeitsfehler können passieren.

In Juviles lebt auch der 14-jährige Hernando, der unter den Morisken eine Art Außenseiterrolle einnimmt, da, wie der Klappentext oben verrät, seine Mutter Aischa von einem christlichen Priester in ihrem Heimatdorf vergewaltigt worden und Hernando dabei herausgekommen ist. Sein Stiefvater Ibraham, der Maultiertreiber ist, und andere Dorfbewohner beschimpfen ihn als „Nazarener“ (S. 18) und „Christenhund“ (ebd.), und als einziger unter den Morisken hat er nur einen christlichen Namen und keinen im Geheimen gebrauchten muslimischen. Auch der christliche Sakristan und der Pfarrer bemühen sich übrigens besonders um Hernando – „so als wollten sie den Bastard des Priesters vor Mohammeds Anhängern retten“ (S. 20). (Ähnliche Formulierungen kommen immer wieder heraus, wenn Falcones dramatisch werden will.)

Hamid, ein alter islamischer Gelehrter, der einst zu einer edlen Familie in Granada gehört hat, jetzt aber in Armut in Juviles lebt, hat Hernando jedoch ebenfalls gern und lehrt ihm seinerseits die heiligen Texte des Islam. Als Hernando wieder einmal bei Hamid zu Besuch ist, kommt ein Besucher vorbei, der Hamid in Aufstandspläne der Morisken einweiht, und bald geht der Aufstand los, auch in Juviles. Die Altchristen dort werden in der Kirche zusammengetrieben, und Hernando, der gerade dem Sakristan geholfen hat, die Christmette vorzubereiten**, mit ihnen; aber als Hamid sich für ihn einsetzt und Hernando das islamische Glaubensbekenntnis ablegt, wird er freigelassen. Von da an beteiligt er sich ebenfalls am Aufstand, da Ibrahim ihn als Maultiertreiber braucht, um Beute zu transportieren, die gegen Waffen getauscht werden soll. Während er sich in der Kirche von Juviles selbst noch nicht ganz sicher gewesen ist, was er eigentlich ist, Christ oder Muslim, entscheidet er sich nun offensichtlich zur Loyalität gegenüber dem Islam. Auch die Sympathie des Autors scheint eher auf dieser Seite zu liegen; vielleicht einfach deshalb, weil die katholische Kirche als die Seite des Bösen von Anfang an feststeht und die Gegenseite daher zwangsläufig zumindest ein bisschen besser sein muss, oder auch deshalb, weil sich die Morisken nach der erfolgreich abgeschlossenen Reconquista in der Rolle der Unterdrückten wiederfinden, und man für die Unterdrückten immer Sympathie hat. (Und überhaupt, auch die Zeit der islamischen Herrschaft war doch so eine tolle, tolerante, kultivierte Zeit für Spanien! Ähm, ja, sicher.)

Bei der Schilderung des Aufstands verzichtet Falcones jedenfalls auf Schwarz-Weiß-Malerei; die Morisken werden durchaus auch als fanatisch und brutal gezeigt, wenn sie etwa christliche Gefangene traktieren, verstümmeln, mit Drohungen zu bekehren versuchen, oder schließlich töten. Es kommen gute Christen und schlechte Christen, gute Muslime und schlechte Muslime vor. In Bezug auf die historische Genauigkeit oder die historisch richtige Darstellung der religiösen Atmosphäre gibt es an dieser Stelle wenig zu bemängeln; alle kämpfen für ihren Glauben, weil es der ihre ist und sie ihn für wahr halten, verabscheuen den der Gegenseite als Gotteslästerung, und wollen sich für vergangenes Unrecht rächen. Aber jetzt kommen wir auch zu einem Thema, das mich an diesem Buch ziemlich nervt: Hernandos Sicht auf Wahrhaftigkeit und Märtyrertum.

An einer Stelle soll Hernando einen in einem anderen Dorf gefangenen christlichen Jungen namens Gonzalico dazu bringen, zum Islam überzutreten. Und ja, in der folgenden Szene, in der Falcones übrigens wieder mal die Zeitform nicht einhalten kann, soll Hernando offenbar mitfühlend und human herüberkommen, nicht wie der ölige Agent in einem Thriller, der den Helden geschickt von seiner Mission abzubringen versucht***:

„‚Eure Könige haben uns gezwungen, unseren Glauben aufzugeben‘, hatte Hernando dem Jungen in der Nacht erklärt. ‚Und das haben wir gemacht. Sie haben uns getauft.‘ Gonzalico sah ihn mit seinen großen graubraunen Augen an. ‚Und da wir jetzt herrschen werden…‘

‚Aber ihr werdet niemals im Himmel herrschen‘, unterbrach ihn Gonzalico.

‚Und selbst wenn es so wäre‘, hatte er ihm geantwortet, ohne weiter auf die dahinterstehende Frage einzugehen, ‚was hindert dich daran, hier auf Erden deinen Glauben aufzugeben?‘

Der Junge fuhr erschrocken zusammen.

‚Ich soll Jesus leugnen?‘, fragte er mit kaum vernehmbarer Stimme.

Wie dumm waren diese Christen denn eigentlich? Also erzählte Hernando ihm von dem Fatwa, das der Mufti von Oran bei der Zwangsbekehrung der spanischen Muslime ausgesprochen hatte. ‚Wenn man euch zwingt, Wein zu trinken, so trinkt ihn, allerdings nicht mit der Absicht, ihn zu genießen‘, zitierte er. ‚Und wenn sie euch den Verzehr von Schweinefleisch auferlegen, dann esst es, auch wenn ihr es in euren Herzen verabscheut und so an seinem Verbot festhaltet.‘ Er versuchte den Jungen zu überzeugen. ‚Gonzalico, das bedeutet, wenn du dazu gezwungen wirst, gibst du in Wirklichkeit deinen Glauben nicht auf. Du bleibst dann deinem Gott immer noch treu.‘

‚Du bist also ein Ketzer‘, stellte Gonzalico fest.

Hernando seufzte tief und sah zur Alten [einem Maultier] hinüber, die immer in seiner Nähe war.

‚Sie werden dich umbringen‘, sagte er nach einer Pause.

‚Ich werde für Christus sterben‘, antwortete der Junge mit einer Ergriffenheit, die weder das Dunkel noch die schützenden Decken verbergen konnten.“ (S. 57f.)

(Wieso auch? Seit wann verbirgt Dunkelheit Geräusche?)

Gonzalico stirbt (zusammen mit vielen anderen Gefangenen) tatsächlich für Christus; am nächsten Morgen wird ihm die Kehle durchgeschnitten, und dann wird noch sein Herz herausgerissen und seiner Schwester Isabel vor die Füße geworfen. (Die weiblichen Gefangenen werden nicht getötet, wohl, um später verkauft werden zu können.) Hernando ist entsetzt von all der Grausamkeit, während um ihn herum gefeiert wird; es wird klar, dass er, als die Identifikationsfigur, Grausamkeit auf allen Seiten nicht mag, obwohl er sich für die Seite des Islam entschieden hat. Am Ende des Kapitels gibt er sich den islamischen Namen Hamid ibn Hamid, und der Erzähler berichtet von der Ausrufung des 22-jährigen Don Fernando de Valor / Muhammad ibn Umayya, von den Christen Aben Humeya genannt, zum König von Granada und Córdoba. Hernando kehrt mit den anderen Männern schließlich nach Juviles zurück, wo in der Burg ein Quartier eingerichtet wird, und auch in diesem Dorf werden die örtlichen Christen getötet, da sie noch immer die Bekehrung verweigern.

Zurück zu Gonzalicos und Hernandos Gespräch. Der Islam kennt kein Märtyrertum; ja, ich weiß, er kennt etwas, das er mit demselben Wort bezeichnet, aber er kennt die Sache an sich nicht, die bedeutet, sich lieber töten zu lassen, als Gott zu verleugnen. Ja, es ist für Christen moralisch erlaubt, ihren Glauben vor Verfolgern zu verstecken; aber ihn zu verleugnen oder bei einer falschen Religion mitzumachen, das kann nie erlaubt sein. Das Prinzip der Taqiyya dagegen lautet: Wenn es sein muss, um dich vor Verfolgung zu bewahren, musst du die Gebote nicht unbedingt halten. Was du nach außen hin tust, ist nicht so wichtig; dein Glaube muss sich nicht in deinem Leben zeigen. Practice what you preach? Wozu? Du musst dich nicht unbedingt zur Wahrheit bekennen, du darfst auch einem falschen Gott Ehre erweisen, wenn nötig.**** Dass Falcones – der meines Wissens nach kein Muslim ist – diesem Prinzip offensichtlich größere Sympathie entgegenbringt als der christlichen Sturheit, die einen zum Märtyrer werden lässt (und ja, das zeigt sich auch noch an späteren Stellen im Buch deutlicher), ist eigentlich gar nicht mal so überraschend. Die Taqiyya passt ganz gut zu einer prägenden Ansicht des Säkularisten: Es gibt keine absolute Moral. Alles ist situationsabhängig. So etwas wie in sich schlechte Handlungen, die man nie begehen darf, gibt es nicht. Manchmal muss man einfach klug sein und für sein Überleben sorgen. Der Islam ist nicht immer so radikal, wie man meint; er ist manchmal eher eine pragmatische Religion der moralischen Kompromisse, so etwa auch bei den Themen Scheidung, Polygamie oder – bei den Schiiten – Genussehe; das ist eben sein Problem. „Du bist also ein Ketzer. Ich werde für Christus sterben“ ist genau die richtige Antwort auf eine solche Einstellung. Der eigentliche Held dieses Buches ist Gonzalico.

Falcones‘ Überzeugung, dass die Wahrheit nur von untergeordnetem Wert ist, wird nicht lange nach Gonzalicos Martyrium auch noch an einem anderen Beispiel gezeigt. Ein anderer, schon früher krimineller, aber von den christlichen Autoritäten nie verurteilter Maultiertreiber namens Ubaid bedroht Hernando und versucht an einer Stelle sogar, ihn zu töten (komplizierte Geschichte). Hernando versteckt daraufhin ein wertvolles Beutestück in Ubaids Sachen und sorgt dafür, dass es von Ibrahim entdeckt wird. Hamid, den die Morisken zum Richter ernennen, lässt Ubaid nach einem Prozess wegen Diebstahls die rechte Hand abschlagen, und am Tag darauf erfährt Hernando, dass Hamid schon ahnte, was in Wahrheit geschehen war, und berichtet dem Gelehrten noch die Einzelheiten. („‚Er wollte mich dazu bringen, den Schatz zu stehlen. Dann hat er sogar versucht, mich umzubringen, und er hat mir damit gedroht, es wieder zu versuchen.'“, S. 78) Hamid meint daraufhin, Hernando solle seinen Verstand benutzen, um auch in Zukunft vor Ubaid sicher zu sein, und fährt fort: „‚Unsere Sitte verlangt, dass ein Richter niemals Unrecht walten lässt‘, sagte der Gelehrte schließlich. ‚Wenn er die Wahrheit unterdrückt, dann nur, um nützlich zu sein. Und ich bin davon überzeugt, dass ich meinem Volk nützlich gewesen bin.'“ (S. 78) Man hätte Ubaid also nicht wegen seiner wirklichen Verbrechen verurteilen können, schon klar. Auf die Wahrheit kommt es ja nicht an.

Dass Lügen, die nützlich sind, etwas Positives seien, wird vor allem auch am Ende des Buches noch einmal sehr deutlich gemacht; da kommen dann nämlich die Bleibücher vom Sacromonte vor. Aber ich will mir hier nicht vorgreifen; bis dahin sind es noch ein paar Jahrzehnte, und jetzt geht es erst einmal damit weiter, dass die Kämpfer aus Juviles weiterziehen, um sich unter Aben Humeyas Kommando einem christlichen Marquis entgegenzustellen, und bald darauf beginnt sich auch schon ihre Niederlage abzuzeichnen…

Weiter geht’s nach den Feiertagen. [Update: Und zwar hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/28/die-pfeiler-des-glaubens-teil-2-zurueckgelassene-kinder-geraubte-kinder-befreite-sklaven-und-eine-identitaetskrise/ ]

 

* Wobei es in Spanien bekanntlich keinen Hexenwahn wie im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gab; aber offenbar fanden im 16. Jahrhundert noch ein paar Hexenprozesse statt, und eine solche Bußstrafe im Jahr 1568 klingt daher durchaus möglich. Öffentliche Kirchenbuße und Geldstrafen wurden von Kirchengerichten ja häufiger verhängt, etwa auch für Gotteslästerung.

** Schon zwei Anspielungen auf Weihnachten in diesem Artikel. Niemand kann sagen, ich bringe keine passenden Beiträge zum anstehenden Fest.

*** Oder wie Lord Voldemort: „Die Schlacht ist gewonnen. Ihr habt die Hälfte eurer Kämpfer verloren. Meine Todesser sind in der Überzahl gegen euch, und der Junge, der überlebt hat, ist erledigt. Der Krieg darf nicht länger währen. […] Kommt aus dem Schloss, unverzüglich, und kniet vor mir nieder, und ihr werdet verschont werden. Eure Eltern und Kinder, eure Brüder und Schwestern werden leben, und es wird ihnen verziehen, und ihr werdet euch mir anschließen in der neuen Welt, die wir gemeinsam errichten werden.“ (J. K. Rowling, Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, S. 736f.)

**** Ich will hier übrigens nicht leugnen, dass man sich bei einer Verfolgung seiner Religion in einer sehr schlimmen Situation wiederfinden kann, in der es nicht immer leicht ist, das Richtige zu tun. Aber das sind einfach „mildernde Umstände“, die das Verleugnen der Wahrheit an sich nicht richtiger machen.

Die Wahrheit wird euch frei machen

Ich habe schon einmal (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/27/das-so-ziemlich-nervigste-klischee-ueber-frauen-das-es-gibt/) erwähnt, dass ich die Ehrlichkeit für eine der wichtigsten Tugenden halte, die es gibt, und das möchte ich noch mal wiederholen. Treue zur Wahrheit, und zwar zur ganzen Wahrheit und zu nichts als der Wahrheit, ist etwas, ohne das man eigentlich nicht leben kann.

Angelogen zu werden kann für den, der belogen wird, tatsächlich eine Art von Gefängnis bedeuten, eine Unfreiheit; es schließt ihn von der Welt ab, wie sie wirklich ist. Man ist nicht mehr in der Lage, die Realität zu sehen, wie sie da draußen eigentlich besteht, und sich dann zu entscheiden, wie man angemessen auf sie reagieren will. Stattdessen ist man demjenigen ausgeliefert, der einen getäuscht hat. Es macht einen hilflos; vielleicht reagieren die Leute deshalb oft so wütend, wenn sie herausfinden, dass sie angelogen worden sind. Man muss sich im Alltag die ganze Zeit über auf Informationen verlassen, die man nur aus zweiter Hand bekommen und nicht selber durch eigene Beobachtungen in jedem Detail verifizieren kann. (Schon mal versucht, die Existenz von Ulaanbaatar nachzuweisen, ohne selber in die Mongolei zu fliegen, oder die Beschaffenheit von Chlorophyll oder Kohlenmonoxid, ohne sich ein eigenes Labor zuzulegen?) Und wenn die nicht stimmen, wird es natürlich schwierig. Lügen und Halbwahrheiten und Täuschungen verdrehen die Welt; sie erschaffen etwas, das nicht da ist – nicht in dem guten Sinne, wie Märchen, Romane oder Filme etwas erschaffen, das nicht da ist und von dem man weiß, das es nicht da ist, oder in dem Sinne, wie Gott die Welt erschaffen hat, die vorher nicht da war; sie erschaffen eine Illusion von etwas, das schon auf andere Weise da ist, als sie es vorspiegeln, eine Illusion, auf die sich Leute verlassen, und von der sie dann verraten werden.

Wenn man Menschen anlügt, degradiert man sie; man traut ihnen entweder nicht zu, mit einer Situation, wie sie in Wirklichkeit ist, fertigwerden und eigene sinnvolle Entscheidungen treffen zu können, oder man benutzt sie einfach, weil es gerade bequem ist. Wenn man jemanden anlügt, weil man meint, er würde sich nur unnötig über etwas aufregen, oder wütend auf einen werden, weil man irgendetwas Falsches getan hat, dann heißt das, man geht von vornherein davon aus, dass er falsch reagieren wird, und nimmt ihm damit die Möglichkeit, vielleicht doch besonnen oder verständnisvoll reagieren zu können – na ja, oder man will einfach mit seinem eigenen falschen Handeln davonkommen. Entweder man misstraut ihm, oder man verachtet ihn. Und wenn er merkt oder ahnt, dass er angelogen wird, wird er auch anfangen, zu misstrauen. Lügen in wichtigen Dingen zerstören Beziehungen wie wenig anderes. Gerade wenn man mehrmals feststellen muss, dass auf die Worte und Versprechungen des anderen kein Verlass ist, ist die ganze Basis weg. Denn woher weiß man dann, dass es in Zukunft tatsächlich anders werden wird, wie der andere es schon wieder beteuert?

Ich finde, dass einer der grässlichsten häufig vorkommenden Sätze in typischen amerikanischen Filmen dieser ist: „Wir/ich wollte(n) dich nicht beunruhigen.“ [Na ja, vielleicht abgesehen von „Ich will kein Mitleid / keine Almosen.“ Ich habe ja so eine Theorie, dass die meisten Amerikaner, auch die meisten der sich „Christen“ nennenden Amerikaner, in Wirklichkeit Anhänger der Ketzerei des Amerikanismus sind, die hauptsächlich aus Hochmut („Ich will kein Mitleid“), sozialdarwinistischen Ideen („Gott hilft denen, die sich selber helfen“), Idealen von weltlichem Erfolgsstreben („prosperity gospel“), Selbsthilfetipps zum positiven Denken („Du kannst alles schaffen, wenn du es nur wirklich willst!!!“) und Auserwähltheitsfantasien („God’s own country“) zu bestehen scheint. Ich vermute manchmal, dass antike Bischöfe und mittelalterliche Mönche, die endlos über Demut, Milde, Barmherzigkeit, Mitleid, Almosengeben, den Wert der freiwilligen Armut, das Übel des Wuchers oder die Vergänglichkeit des Reichtums predigten, das, was manche Amerikaner für „Christentum“ halten, kaum wiedererkennen würden. Wobei, anders betrachtet, was will man erwarten bei einem Volk, in dem man sich über „interrassische Ehen“ (nicht mein Begriff, die reden wirklich von „interracial marriages“) wundert und allgemeine Krankenversicherung und Arbeitslosengeld für „Sozialismus“ hält…*] Dieser scheußliche Satz, mit dem die Figuren ihre eigene Unfähigkeit, mit der Wahrheit offen umzugehen, kaschieren wollen, kommt immer dann, wenn Eltern ihrem krebskranken Kind verheimlicht haben, dass es wahrscheinlich bald sterben wird, oder ein Ehemann seiner Frau, dass er seinen Job verloren hat, oder etwas in der Art. Man will den anderen (angeblich) vor der bösen Realität schützen, und nimmt ihm dadurch jede Möglichkeit, sich selbst dieser Realität anzupassen, selbst zu entscheiden, wie er mit ihr am besten umgehen sollte – also, sich zum Beispiel auf seinen Tod vorzubereiten, indem er Dinge in Ordnung bringt, die er verbockt hat, oder Dinge fertigstellt, die er noch fertig haben will. Man entscheidet stattdessen an seiner Stelle, was besser für ihn ist; man betrügt ihn, und tut auch noch so, als täte man ihm damit irgendeine Art von Gefallen, auch wenn die Wahrheit, die er irgendwann herausfinden muss, am Ende dann noch schlimmer für ihn sein wird (z. B. weil er dann nur noch sehr wenig Zeit bis zu seinem Tod haben wird). Das ist ebenso bescheuert wie – oder fast noch bescheuerter als – die amerikanische Lüge von wegen „live your dream“ (also nicht: „lebe in der Realität und mach was aus den Möglichkeiten, die du hast“, sondern „tu einfach mal so, als ob dein Traum, was für einer das auch immer sei, Realität ist, dann wird er das schon werden“; jedenfalls erlangt der Satz diese Bedeutung in der Praxis; zum Beispiel bei nahezu jedem Teilnehmer von Veranstaltungen wie American Idol (die US-Variante von DSDS); die leben nun wirklich in einer Traumwelt).

Das Verschweigen der Wahrheit, wenn jemand ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, ist eine Sünde. Claudia Sperlich schreibt hier über einen Fall, in dem das zutreffen würde (https://katholischlogisch.wordpress.com/2017/03/06/tote-kinder/) : „Im irischen Tuam gab es von 1925 bis 1961 ein von Nonnen betriebenes Heim für ledige Mütter. 2014 wurden dort Knochen von Kleinkindern entdeckt, die nicht auf dem Friedhof beerdigt, sondern auf dem Gelände des Heimes verscharrt wurden. Das Ausmaß kommt jetzt ans Tageslicht; es wird aber bereits seit Jahren untersucht.“ Die Kindersterblichkeit muss dort wohl ungewöhnlich hoch gewesen sein, wahrscheinlich wegen einem Mangel an Pflege und Zuwendung, und die Kinder wurden dann nicht einmal ordentlich beerdigt, sondern bloß schnell irgendwo verscharrt – auch das noch zu viel Arbeit für die Nonnen, das Beerdigen? Frau Sperlich schreibt weiter: „Was mich besonders entsetzt, ist das Fehlen jeglicher Stellungnahme der Sisters of Bon Secours. Ich habe den Schwestern in Galway (zu Tuam gehörte) eine Anfrage gemailt, warum auf ihrer Homepage an keiner Stelle, auch nicht unter der Übersicht „History“, mit einem Wort darauf eingegangen wird. Denn auch wenn keine der Verantwortlichen mehr am Leben ist und die Schwestern heute gute und segensreiche Arbeit tun, darf dieser sehr dunkle Fleck nicht vergessen werden.“

Ich kann intellektuell nachvollziehen, wie diese Schwestern denken mögen: Man muss ja nicht unnötig darüber reden; das gibt nur ein schlechtes Bild; wir müssen unsere Institution schützen; Menschen könnten einen schlechten Eindruck von der Kirche bekommen, wenn sie davon hören würden, und würden sich vielleicht von ihr abwenden, was wir ja nicht wollen können; wir lügen ja nicht, wir verschweigen nur etwas.

Ich kann mir vorstellen, dass bei den Missbrauchsskandalen manchmal Ähnliches gedacht worden ist. Ja, es gab und gibt Kirchenleute, die sich um Aufklärung bemühten oder bemühen – Joseph Ratzinger hat schon als Präfekt der Glaubenskongregation und dann später als Papst einiges geleistet und eine Null-Toleranz-Politik durchgesetzt, und auch Bischof Voderholzer von Regensburg soll sich im Moment ehrlich um die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen bemühen (jedenfalls habe ich das in einer Tageszeitung in einem Interview mit einem Missbrauchsopfer gelesen; der Interviewte hatte ansonsten nicht viel Gutes über seine Erfahrungen mit der Kirche und den Leuten bei den Domspatzen zu sagen). Aber es gab ganz offensichtlich auch andere Bischöfe oder Bistums- oder Kurienmitarbeiter, die anders dachten. Lieber keinen großen Wirbel, lieber keinen Skandal verursachen… Womit sie im Übrigen am Ende ein wesentlich schlechteres Bild von der Kirche vermittelten, als es bei einem offenen Umgang mit alldem je möglich gewesen wäre. Es handelt sich bei einem solchen Verhalten um eine unglaubliche Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern. Ich weiß nicht, ob ein so motiviertes Verhalten auch der Grund dafür war, dass Marie Collins vor kurzem die vatikanische Kinderschutzkommission verlassen hat (http://www.kath.net/news/58702; hier ist recht vage die Rede davon, dass sie „Frustration über mangelnde Kooperationsbereitschaft vatikanischer Behörden“ als Grund genannt habe).

Aber so ein Verhalten ist kaum auf die Kirche beschränkt. Kölner Silvesternacht, irgendwer? Was da geschehen war, kam erst nach mehreren Tagen heraus, als es sich nicht mehr unter Verschluss halten ließ. In meiner Tageszeitung erschien der erste Bericht nach meiner Erinnerung am 5. oder 6. oder 7. Januar irgendwo hinten auf der „Panorama“-Seite, und am nächsten Tag waren wütende Leserbriefe darüber und ausführliche Berichte auf der ersten und der dritten Seite zu lesen, und keiner der Redakteure ließ auch nur eine Silbe der Reue über den vorherigen Umgang mit diesen Informationen verlauten. Kein Wunder, dass Umfragen zufolge so wenige Leute der Presse trauen – manche Informationen sind für Journalisten einer gewissen Couleur einfach zu „brisant“ – oder könnten „missbraucht“ werden – die Leute könnten sie in den falschen Hals kriegen – kurz, gewisse Journalisten denken so, wie vielleicht Bischöfe oder Generalvikare oder Personalchefs einer Diözese gedacht haben, die die Kirche davor schützen wollten, dass die ganze Welt uns für eine „Kinderfickersekte“ hält. (Wobei die Presse sich inzwischen ein wenig am Riemen gerissen zu haben scheint, zumindest, was die örtliche Tageszeitung in meiner Region angeht.)

Diese Ängste sind real und nicht völlig unbegründet. Es gibt Nazis in Deutschland – so richtige Nazis ebenso wie weniger bedrohliche und gefährliche Stammtisch-Ausländerfeinde – ; ebenso wie es Leute gibt, die alle Priester für Kinderschänder halten. (Ich habe vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt des Skandals, mal einen jungen Kaplan sagen hören, manchmal weiß er gar nicht mehr, ob er den kleinen Kindern, die bei der Kommunionausteilung mit ihren Eltern nach vorn kommen, überhaupt noch ein Kreuz auf die Stirn machen darf, und eine Bekannte hat mir einmal erzählt, ihr nominell evangelischer Verlobter hätte wegen der Missbrauchsskandale sogar Bedenken, spätere Kinder katholisch taufen oder Ministranten werden zu lassen. Bei so weit verbreiteten Vorurteilen helfen alle Infos über die geringe statistische Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet in der Pfarrgemeinde Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, verglichen etwa mit Sportvereinen oder Familien, manchmal nichts.) Und natürlich profitieren wirkliche Rassisten, die Menschen einer gewissen Herkunft schon für eine Art Untermenschen halten, von Berichten über kriminelle Ausländer, besonders, wenn sich herausstellt, dass es sich vielleicht nicht um bedauerliche, überhaupt in keinster Weise repräsentative Einzelfälle handeln könnte, sondern dass z. B. bei Köln auch die frauenverachtende Kultur, aus der die Täter kamen, eine Rolle gespielt haben könnte, oder dass Schlägereien und auch Messerstechereien in Asylbewerberheimen gar nicht mal so arg selten vorkommen, oder dass etwa in Schweden durch die liberale Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre inzwischen so einige No-Go-Areas geschaffen worden sind, oder dass, wie jetzt berichtet wurde, ein Dritter aller Straftäter in Deutschland keinen deutschen Pass hat.

Aber am meisten nützt es Nazis (oder Kirchengegnern, for that matter), wenn die „Lügenpresse“ (oder die Halbwahrheitenpresse, wie man es manchmal formulieren sollte – oder aber eben auch die Bistumsverwaltung) gewisse Dinge unter den Tisch kehrt. Das nützt ihnen sehr viel mehr. Und wenn Probleme verschwiegen werden, dann werden sie vor allem nicht angegangen werden, dann werden sie natürlich noch schlimmer werden, und es wird mehr Opfer geben, denen keiner zuhört, weil es sie nicht geben darf. Und wenn es dann entsprechend viele Opfer gibt, so viele, dass sie sich nicht mehr ignorieren lassen, wird man das entsprechende Chaos ernten. Das gilt für alle Probleme. Man darf das Schlimme nicht verschweigen, weil es „uns“ schaden könnte. Am meisten schadet am Ende immer Unwahrhaftigkeit, aber selbst wenn die Wahrheit einmal schaden sollte: Das ist egal. Man muss sie trotzdem sagen. Sie schadet vielleicht, aber sie macht auf jeden Fall frei.

Anbei: Ich finde Halbwahrheiten und Verdrehungen übrigens oft noch schlimmer als Lügen; ihnen ist schwieriger beizukommen. Da muss man erst einmal ganz genau schauen, wie eine Statistik zustande kam; wie diese Fakten sich ins größere Bild einordnen; wie ein Zitat im Kontext lautete; wie relevant oder wie gesichert eine Behauptung überhaupt ist – kurz, es macht einen im Allgemeinen hilfloser als gegenüber ganz einfach demonstrierbar falschen Behauptungen.

(Wobei richtige „Fakenews“ (man darf wirklich auch einfach „Lügen“ dazu sagen) natürlich auch großes Unheil anrichten können – man denke allein an die „Protokolle der Weisen vom Zion“ als das bekannteste Beispiel aus der Geschichte. (Es gab solche Fälschungen im Lauf der Geschichte übrigens, wie auf allen Seiten, auch auf der antikatholischen Seite; am bekanntesten sind vielleicht die Monita Secreta aus dem 17. Jahrhundert (https://en.wikipedia.org/wiki/Monita_Secreta) – angebliche Instruktionen des Jesuitengenerals an seinen Orden zur Machtgewinnung, eine Art von Protokollen einer jesuitischen Weltverschwörung, könnte man sagen. (Heute sind die Jesuiten als Verschwörer natürlich zu langweilig geworden, da muss jetzt eher das Opus Dei übernehmen.) Außerdem gab es z. B. die 1836 in Kanada und den USA veröffentlichten „Maria Monk Stories“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Maria_Monk), mit dem eigentlichen Titel „Awful Disclosures of Maria Monk, or, The Hidden Secrets of a Nun’s Life in a Convent Exposed“ („Schreckliche Enthüllungen der Maria Monk, oder Die verborgenen Geheimnisse des Lebens einer Nonne im Kloster enthüllt“); oder etwa die Geschichte vom Popish Plot („Papistenverschwörung“, https://de.wikipedia.org/wiki/Papisten-Verschw%C3%B6rung), die zwischen 1678 und 1681 in England sogar für Hinrichtungen Unschuldiger sorgte, ehe sie als erfunden erwiesen wurde.))

Vielleicht noch kurz allgemein zur moraltheologischen (und „kasuistischen“, wenn man so will) Seite der Sache: Die grundsätzliche Begründung der katholischen Moraltheologie, wieso Lügen schlecht ist, ist ja ganz einfach: Die Sprache ist dazu da, Wahres über die Wirklichkeit mitzuteilen, und wenn man sie verwendet, um die Wirklichkeit zu verdrehen, pervertiert man sie. Es ist nicht grundsätzlich eine Sünde, einer eindeutigen Antwort auszuweichen, und erst recht nicht grundsätzlich eine Sünde, zu schweigen; nur eben dann, wenn jemand anderer bzw. die Öffentlichkeit ein Recht hat, etwas zu erfahren. Es ist in anderen Fällen sogar gut und notwendig, Geheimnisse zu wahren oder Negatives, das man über andere weiß, nicht öffentlich auszubreiten. (Ich rede jetzt nicht mehr von Verbrechen.) Das Beichtgeheimnis gilt sogar völlig absolut, ohne Ausnahmen (ja, auch bei Verbrechen; wobei ein Beichtvater, dem ein Verbrechen gebeichtet wird, natürlich schauen wird, dass der Pönitent klar den Willen zeigt, keine weiteren Verbrechen zu begehen, und ihn vielleicht auch dazu bringen kann, sich der Polizei zu stellen; aber auch in solchen Fällen ist das Beichtgeheimnis absolut heilig). Es kann Fälle geben, in denen man ein Geheimnis bewahren muss.

Als klassisches Beispiel wird in der Moralphilosophie auch immer der konstruierte Fall vorgebracht, dass man Juden im Keller versteckt und die Gestapo vor der Tür steht. Unter den Moraltheologen wurde/wird sehr kontrovers diskutiert, ob man in solchen Fällen dann auch direkt lügen, oder die Gestapo bloß durch zweideutige Rede täuschen dürfte o. Ä. Hierzu, finde ich, hat der Philosoph Robert Spaemann in diesem Essay (http://www.kath-info.de/verantwortungsethik.html) über Gesinnungs- und Verantwortungsethik (eine Unterscheidung, die er grundsätzlich ablehnt), wo er an einer Stelle über Handlungen schreibt, die immer in sich schlecht sind, eine gute Antwort gegeben:

„Dem entspricht, daß in der klassischen philosophischen und theologischen Tradition die absichtliche und die direkte Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen, die absichtliche Täuschung des Vertrauens durch unwahre Rede und die Herauslösung der Sexualität aus ihrem integralen humanen Kontext jeder weiteren Güterabwägung entzogen und für jederzeit unverantwortlich erklärt wurde. Lediglich mit Bezug auf die Lüge gab es unter den theologischen Moralisten gewisse Meinungsverschiedenheiten, die mit einem ungenügenden Begriff von Sprache zusammenhingen. Es gehört nämlich zur menschlichen Rede nicht nur ein Sprecher und dessen Wort, sondern auch ein Adressat und dessen Weise, das Wort aufzufassen. Das Erzählen von Märchen ist keine Lüge. Zum Vollsinn einer wahrheitsbezogenen Rede gehört, daß sie vom Adressaten als eine solche aufgefaßt wird. Der Kriegsgegner, der polizeiliche Fahnder, der fragt, ob ich einen Menschen versteckt habe, befindet sich zum Sprecher gar nicht in jenem sittlichen Verhältnis des Vertrauens, das eine wahrhaftige Rede erforderlich macht. Bekanntlich kann man ja jemanden, der ohnehin davon ausgeht, daß ich lüge, gerade dadurch in die Irre führen, daß man ihm die Wahrheit sagt. Wo aber ein solches Vertrauensverhältnis existiert, wo der Fragende – zum Beispiel der Patient oder der Ehepartner oder der Freund – zu der Erwartung berechtigt ist, daß ihm vom Arzt, vom Ehepartner oder vom Freund die Wahrheit gesagt wird, da verstößt es in der Tat gegen die Menschenwürde, aus irgendeiner noch so menschenfreundlichen Erwägung heraus die Unwahrheit zu sagen, sich selbst als Person hinter seiner Rede zum Verschwinden zu bringen und den anderen zum bloßen Objekt – und sei es auch der Fürsorge – zu degradieren, während er glaubt, Partner in einem Kommunikationsverhältnis zu sein. Die Lüge, so sagt Kant, ist in erster Linie eine Verletzung der Verantwortung gegen sich selbst, weil sie die konstitutive Identität von Innen und Außen zerstört, die das sittliche Selbstverhältnis ausmacht.“

 

* Ehe man mich darauf hinweist: Ja, ich weiß, dass auch in Amerika „nicht alle so sind“. Ich hege als gute Katholikin keine undifferenzierte Abneigung gegen alle Angehörigen einer bestimmten Nation oder Kultur, und bin durchaus bereit, zu glauben, dass es auch in dieser bestimmten Nation und Kultur, für die ich nicht allzu viel übrig habe, vernünftige Menschen und sogar einige gute Christen gibt. (Deshalb verlinke ich ja auch am Rand dieses Blogs zu einigen amerikanischen Blogs, die tatsächlich vernünftige, christliche Ansichten vertreten.) Und nein, ich halte mich nicht für persönlich besser als ketzerische Amerikanisten.

 

PS: Die Überschrift ist ein Zitat von unserem Herrn (Johannes 8,32).

PPS: Und nein, ich will mit diesem Artikel nicht sagen, dass jede kleine Unwahrheit eine Todsünde ist. Lügen sind zwar so gut wie immer schon ihrer Wurzel nach schlecht, aber sie sind gleichzeitig auch meistens in nicht gravierendem Sinne schlecht (wenn es sich nicht gerade um einen Meineid vor Gericht oder etwas anderes Schwerwiegendes handelt). Unwahrheiten sind leider sehr häufig, und manchmal nicht leicht zu vermeiden, und es gibt manchmal auch Grauzonen (bei Leuten, zu denen eben kein Vertrauensverhältnis besteht, zum Beispiel), wo es nicht in absolut jedem Einzelfall falsch sein muss, die Unwahrheit zu sagen, und auch zweideutige oder ausweichende Antworten können in einzelnen Fällen erlaubt sein. Jedenfalls sind Lügen und Täuschungen oft zwar schon Sünden, aber bloß lässliche Sünden.

Das so ziemlich nervigste Klischee über Frauen, das es gibt

Ich bekenne, dass ich nicht in die Köpfe sämtlicher weiblicher Wesen auf dieser Welt blicken kann. Es mag also Frauen geben, die auf die Frage „Sehe ich damit gut aus?“ tatsächlich keine andere Antwort als ein enthusiastisches „Absolut toll!“ hören wollen. Aber ich gehöre definitiv nicht dazu, und ich glaube auch nicht, dass ich damit ein absoluter Freak innerhalb meines Geschlechts bin.

Wenn man etwas fragt, dann normalerweise deshalb, weil man eine ehrliche Antwort hören will, die die objektive Wirklichkeit wiedergibt. Also, wenn die neue Hose dämlich aussieht, darf der Angesprochene auf die entsprechende Frage gerne antworten „Ich würde an deiner Stelle eher eine andere anziehen, die sieht nicht so gut aus“, oder wenn man weiß, dass es die entsprechende Frau nicht übel nimmt, auch gerne „Dämlich“. Klar soweit? Ja, liebe Männerwelt, auch Menschenwesen mit zwei X-Chromosomen sind fähig, ehrliche Antworten zu ertragen. Und sie wollen die vielleicht sogar, weil sie nicht unbedingt in einer dämlich aussehenden Hose aus dem Haus gehen wollen. Deshalb fragen sie vielleicht überhaupt erst.

Just sayin’.

(Ich halte die Wahrhaftigkeit übrigens für eine der wichtigsten und am meisten vernachlässigten Tugenden, die es überhaupt gibt. Dazu mal eigens noch.)