Father William Doyle: Skrupel und ihre Behandlung

Aus: Father William Doyle SJ (1873-1917), „Scruples and their treatment“. Übersetzung von mir. Der zitierte Text ist nur ein kleiner Auszug aus Father Doyles Werk, das man hier (https://fatherdoyle.com/writings/) herunterladen kann. Sehr zu empfehlen!

 

„Generelle Überlegungen

Definition.

Skrupulosität ist generell eine unbegründete Angst davor, Sünden zu begehen.

Es gibt zwei Arten von Skrupeln: solche, die nur den Intellekt betreffen; solche, die auch die Empfindungen betreffen.

Rein intellektuelle Skrupel sind wirklich nur Zweifel. Man trifft sie vor allem bei aufrichtigen Seelen, die Selbstkontrolle ausüben und nicht gewohnheitsmäßig skrupulös sind. Sobald diese Seelen sich also moralisch sicher sind, dass der fragliche Akt nicht sündhaft ist, verschwindet der Skrupel. Diese Art von Skrupel ist harmlos,und muss nicht behandelt werden.

Das Gegenteil ist der Fall bei Skrupeln, die den niedrigeren Teil der Seele befallen (die Empfindungen). Durch den starken Eindruck auf die Sinne üben diese eine Macht aus, die der reinen Feststellung von Tatsachen widersteht. Solche Skrupel betreffen vor allem leicht beeindruckbare Seelen; tatsächlich ist es ihre emotionale Natur, die Skrupulosität erzeugt. Eine praktische Definition dieser Art von Skrupel wäre: eine unruhige, unbegründete Furcht, Sünde zu begehen, gesteigert durch die Eindrücke auf den niedrigeren Teil der Seele.

Ein Beispiel mag helfen, diese unterschiedlichen Arten von Skrupeln klar zu machen. Zwei Personen verlassen am Sonntagmorgen die Kirche, wobei sie fürchten, dass sie wegen ihrer vielen Ablenkungen nicht ihrer Verpflichtung nachgekommen sind, die Messe zu hören. Nachdem er ihre Zweifel angehört hat, beruhigt ihr Beichtvater sie beide. Allerdings ist nur eine gänzlich zufrieden. Die andere wird bald wieder unruhig, wird nervös, und fühlt einen fast unwiderstehlichen Drang, sich ganz sicher zu sein, entweder durch eine vollständigere Erklärung, oder dadurch, eine weitere Messe zu hören. Die erste dieser Personen hatte nur einen intellektuellen Skrupel, die harmlose Furcht einer treuen Seele; die zweite leidet an nervöser Furcht, die den empfindenden Teil der Seele aufwühlt, und einen wirklichen Skrupel verursacht.

[…]

 

Tödliche Effekte der Skrupulosität.

Skrupulosität deformiert das moralische Urteil vollkommen. Sie nimmt einem den gesunden Menschenverstand.

Sie hält ein Vergrößerungsglas vor das Auge des Gewissens, das den kleinsten Anlass zur Sorge groß macht, und lässt eine furchtsame Seele tausend Phantomsünden sehen, während sie sie durch falsche Schlussfolgerungen davon zu überzeugen versucht, dass diese unzweifelhafte Fehler sind.

Skrupulosität blockiert allen Fortschritt hin zur Vollkommenheit

Es ist eine fundamentale Wahrheit, dass wir Gott nicht lieben können, wenn wir nicht an Seine Liebe zu uns glauben. Skrupulosität unterdrückt einen solchen Glauben vollständig, und lähmt daher jede großzügige Anstrengung. Zu jedem Moment schafft sie Probleme zwischen der Seele und ihrem Schöpfer durch pessimistische Gefühle in Bezug auf die Vergangenheit und die gegenwärtigen Dispositionen und Handlungen [der Seele]. […]

Bald wird die Seele, die sich ernsthaft in einem schlechten Zustand glaubt, entmutigt, und beginnt oft, wirkliche Sünde zu begehen.

Auch wenn aus Skrupeln keine Sünde folgt, hemmt die Skrupulosität dennoch den Fortschritt der Seele auf verschiedenen anderen Wegen. Sie lässt das Gebet als voll von Schwierigkeiten erscheinen. Sie macht die Ohren der armen niedergedrückten Seele taub für die tröstende Stimme des Heiligen Geistes. Sie zerstört die Zuversicht. Sie verhindert den häufigen Empfang der Sakramente, und blockiert so ihre stärkenden Effekte. Sie nimmt fast die Kraft weg, Versuchungen zu widerstehen. Sie verursacht Entmutigung, und mag sogar zur Verzweiflung führen.

[…]

 

Spezielle Heilmittel

[…]

1. Zweifel dürfen nicht beachtet werden.

Die skrupulöse Seele darf keine Notiz von ihren Zweifeln nehmen, das heißt, sie muss alle zweifelhaften Gebote, Verbote oder Verpflichtungen, oder Ängste, gesündigt zu haben, bei denen der Grund der Angst zweifelhaft ist, als absolut null und nichtig ansehen.

Mehr als das. Sie muss alle Gebote, Verpflichtungen oder Ängste, gesündigt zu haben, die nicht absolut sicher sind, d. h. so offensichtlich, wie dass zwei und zwei vier ergeben, als zweifelhaft und somit als nicht bindend ansehen.

Wiederum muss sich eine solche Seele in der Beichte als frei ansehen, sich wegen in irgendeiner Weise zweifelhaften schweren Sünde anzuklagen oder nicht anzuklagen.

Auf dieselbe Weise darf sie sich die Anklage wegen schweren Sünden, die vielleicht schon einmal gebeichtet wurden, nicht als eine Verpflichtung aufbürden. Im Gegenteil, sie sollte sich mutig gegen eine solche Beichte stellen.

Des weiteren muss sie davon absehen, eine Beichte zu wiederholen, die vielleicht gut war, oder vielleicht schlecht, welchen Grund auch immer sie haben mag, daran zu zweifeln, dass sie in Ordnung war. Sie soll kein Unbehagen dabei haben, so zu handeln, da die Verpflichtung, diese zweifelhaften Beichten zu wiederholen, in sich selbst zweifelhaft und damit nicht bindend ist.

2. Glaube an die Leichtigkeit der Vergebung

Die skrupulöse Seele muss glauben, dass alle ihre Sünden jedes Mal sofort vergeben werden, wenn sie vollkommene Reue erweckt, oder die Absolution empfängt, selbst mit unvollkommener Reue. ‚Aber‘, mag gefragt werden, ‚wie soll ich sicher sein, dass ich diese Reue habe?‘

Skrupulanten sollen glauben, dass sie die notwendige Reue haben, wenn die Reue aufrichtig erweckt wird. Diese Aufrichtigkeit ist sicher, wenn der feste Vorsatz, nie mehr Todsünden zu begehen, selbst aufrichtig oder frei von Täuschung ist.

Gott wünscht so sehr um die Bekehrung der Sünder, dass Er die Bedingungen, die notwendig zur Vergebung sind, auf ein Minimum reduziert.

Er fragt nur nach dem gewöhnlichsten guten Willen, das heißt, dem einfachsten festen Vorsatz, keine Todsünden zu begehen.“

 

Original:

 

„General Considerations

Definition.

Scrupulosity, in general, is an ill-founded fear of committing sin.

There are two kinds of scruples: those which affect only the intelligence; those which affect also the sensitive will.

– Purely intellectual scruples are really only doubts. They are most frequently met with in straightforward souls, who exercise self-control and are not habitually scrupulous. As soon, therefore, as these souls become morally certain that the act in question is not sinful, the scruple vanishes. This kind of scruple is harmless, and needs no treatment.

– The contrary is the case with scruples which affect the inferior part of the soul (sensitive will). From the strong impression produced on the senses these draw a force which resists the mere statement of facts. Such scruples chiefly afflict impressionable souls; in fact, it is their emotional nature which engenders scrupulosity. A practical definition of this kind of scruple would be: an uneasy, ill-founded fear of committing sin, increased by the impressions made on the inferior part of the soul.

An example may help to make clearer these different kinds of scruples. Two persons leave the church on a Sunday morning, fearing that, owing to their many distractions, they have not complied with their obligation of hearing Mass. Having listened to their doubts, their confessor reassures both. However, one only is entirely satisfied. The other soon becomes troubled again, gets nervous, and feels an almost irresistible longing to be quite sure, either by fuller explanation or by hearing another Mass. The first of these persons had only an intellectual scruple, the harmless fear of a loyal soul; the second suffers from nervous fear, which stirs the sensitive part of the soul, and causes a real scruple.

[…]

 

 

Deadly Effects of Scrupulosity.

Scrupulosity completely deforms the judgment in moral matters. It takes away one’s common sense.

It places before the eye of conscience a magnifying glass, which enlarges the slightest cause of alarm, and makes a timid soul see a thousand phantom sins, whilst by false reasoning it seeks to persuade it that these are undoubted faults.

Scrupulosity stops all progress in perfection.

It is a fundamental truth that we cannot love God unless we believe in His love for us. Scrupulosity completely represses such a belief, and thus paralyses all generous effort.
At every moment it creates trouble between the soul and its Creator by pessimistic feelings about the past, and about its present dispositions and actions. […]

Soon the soul, seriously believing itself to be in a bad way, becomes discouraged, and often begins to commit real sin.

Even though sin does not follow from scruples, scrupulosity, nevertheless, retards the soul’s progress in several other ways. It represents prayer as full of difficulties. It stops the ears of the poor downcast soul to the consoling voice of the Holy Ghost. It destroys confidence. It prevents the frequentation of the Sacraments, and thus stops their strengthening effects. It almost takes away the power of resisting temptation. It causes discouragement, and may even lead to despair.

[…]

 

Particular Remedies.

[…]

1. Doubts must be Ignored.

The scrupulous soul must take no notice of his doubts, that is to say, he must regard as absolutely null and void all doubtful laws, prohibitions or obligations, or any fear of sin, if the motive of the fear be doubtful.

More than this. He must consider as doubtful, and consequently as not binding, all laws, obligations, or fears of having sinned, which are not absolute certainties, i.e., as self-evident as that two and two make four.

Again, in confession, such a soul must consider himself free to accuse or not accuse himself of mortal sin in any way doubtful.

In the same manner he must not impose on himself, as an obligation, the. accusation of mortal sins perhaps already confessed. On the contrary, he should boldly set his face against such a confession.

Furthermore, he must abstain from making a confession over again, which, perhaps, was good, or perhaps bad, whatever reason he may have to doubt of its being all right. Let him have no uneasiness in acting thus, since the obligation of making these doubtful confessions over again is in itself doubtful, and consequently not binding.

2. Belief in the Easiness of Forgiveness.

The scrupulous soul must believe that all his sins are forgiven immediately each time he makes an act of perfect contrition, or receives absolution, even with imperfect contrition.
‚But,‘ it may be asked, ‚how am I to be sure that I have this contrition?‘

The scrupulous may believe they have the necessary contrition when the act of contrition is made with sinerity. This sincerity is assured when the firm purpose of never sinning again mortally is itself sincere or free from deceit.

God so desires the conversion of sinners that He reduces to a minimum the conditions necessary for pardon.

He asks only the most ordinary good will, that is to say, the simplest firm purpose of not sinning mortally.“

 

 

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In meinen Tabletten ist Rattengift, und außerdem komme ich in die Hölle

Oder jedenfalls will mein Gehirn mir das manchmal einreden.

Na ja, so ganz richtig ist das nicht. Mein Gehirn arbeitet eher mit „könnte“s und „hätte“s und „vielleicht“s. Zum Beispiel heute Morgen. Ich stehe auf, hole wie immer mein Medikament, das ich für eine chronische Krankheit brauche (mein Psycho-Medikament nehme ich abends), und bevor ich die Kapsel schlucken will, kommt plötzlich der Gedanke „Was, wenn da Gift drin ist? Was, wenn ein böser Mitarbeiter in der Pharmafabrik Gift in Tabletten füllt? Oder durch ein Versehen bei der Produktion was falsch gelaufen ist und ich jetzt Rattengift schlucke?“ Es fühlt sich an wie eine böse Vorahnung, eine, der man besser folgen sollte, wie die Leute, die Vorahnungen hatten, nicht auf die Titanic zu gehen. Ich schlucke die Kapsel trotzdem schnell runter, und dann beginne ich, Panik zu bekommen. Jetzt ist das Ding im Magen. Jetzt kann ich nichts mehr tun. Jetzt bin ich hilflos. Ich versuche, mich mit Musik abzulenken; beginne dann, Vergiftungserscheinungen und Erste-Hilfe-Maßnahmen im Internet zu recherchieren. Versuche, mich mit Facebook abzulenken. Suche noch einmal eine Seite über Vergiftungen her. Ich fühle mich einerseits panisch und aufgedreht, andererseits irgendwie gelähmt. Als ich mich nach einer halben Stunde, und dann nach einer Stunde, körperlich immer noch normal fühle, kann ich mich etwas mehr beruhigen, ziehe mir rasch etwas über, und komme zu spät zur Kirche.

Klinge ich verrückt? Ich fühle mich manchmal so. Als würde ich langsam vollständig den Verstand verlieren. Nein, ich rechne, vernünftig betrachtet, nicht wirklich damit, mit meinen Tabletten Gift zu schlucken; aber solche fixen Ideen setzen sich fest, und das Blöde ist, ich kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, dass kein Verrückter in der Medikamentenfabrik Gift in die Kapseln gefüllt hat. (Solche Vorstellungen kommen seit dem Fall des Erpressers mit dem Ethylenglykol öfter in meinen Kopf; vorher waren es eher andere Zwangsgedanken. Sobald das Brot vom Bäcker etwas anders schmeckt als sonst, bekomme ich Angst.) Hier gibt es nur Wahrscheinlichkeiten, auch wenn die noch so hoch sind.

Ebenso wie vor Giften und Ähnlichem habe ich immer wieder Angst vor der Hölle (und in weniger schlimmem Maße auch vor dem Fegefeuer). Ab und zu kommt dieses entsetzliche Gefühl: Ich kann nicht aus diesem Leben raus. Ich kann mich nicht einfach nicht-existent machen. Ich kann nicht einfach in eine Traumwelt verschwinden. Ich stecke in genau diesem Leben fest, und irgendwann werde ich sterben, und ich weiß nicht wann, und ich weiß nicht, was danach kommt – bzw. für mich kommt. Ich kann mich auch hier bis zu einem gewissen Grad mit Vernunftargumenten beruhigen: Gott ist gnädig. Gott ist gnädig. Aber ich kenne Gott nicht wirklich – nicht in dem Sinne, wie ihn die kennen, die schon tot sind, oder die Engel – und ich habe Angst. Angst, alles falsch zu machen, Angst, nicht zu genügen. Es ist dieses schreckliche, lähmende Gefühl, einer unsicheren Welt ausgeliefert zu sein, von der man so vieles nicht weiß, mit der man nicht klarkommt, und für die man zu schwach ist. Ich bin halt nicht unbedingt immer eine vorbildliche Christin.

Oh, wie gut ich Martin Luther verstehen kann.

Jetzt, zum Reformationsjahr und zum kurz bevorstehenden Reformationstag, bekommt Luther sowohl Lobeshymnen für die Auslösung einer Bewegung gegen die Kirche, mit deren Anliegen sich heute kaum noch einer auskennt, als auch Kritik und Verurteilungen wegen seines Judenhasses, seiner Hetze gegen die aufständischen Bauern, und allen seinen anderen unangenehmen Eigenschaften. Ich habe Mitleid mit ihm. Er tut mir so leid. Ich kann seine Verzweiflung, seine Entscheidung, auf die eine Karte des Fiduzialglaubens zu setzen, die er endlich für einen verlässlichen und sicheren Ausweg hielt, irgendwie nachvollziehen. Dieses Gefühl: Und am Ende werde ich doch alles falsch gemacht haben. Ich hätte es besser machen können. Ich habe mir selbst was vorgemacht. Ich war kein guter Christ. Ich habe Gott nicht wirklich geliebt. Wie kann ich nur entkommen? Wie kann ich sicher wissen, erlöst zu sein?

Luthers Ängste verschwanden nicht nachhaltig durch sein Turmerlebnis. Trotzdem blieb „sola fide“ und „sola gratia“ sein Rettungsanker, auf den er setzte, und als es nötig wurde, überwarf er sich deswegen eben mit der Kirche. Luther ist für mich eine tragische Gestalt. Das Schlimme ist, dass seine Ideen vom Ansatz her ja sehr richtig waren; er hat sie zu weit getrieben und verdreht, aber er hat nicht mit falschen Ideen begonnen. Wir können nicht aus uns selbst heraus genügen, Gott liebt uns trotzdem, Gott ist gnädig.

Ich habe einen Vorschlag für den Reformationstag. Ein Rosenkranzgesätz für Martin Luthers Seelenheil. Ich hoffe sehr, dass er jetzt im Himmel ist. Dass er jetzt Frieden gefunden hat.

Gott liebt uns. Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte. Er will uns bei sich haben. Und mit alltäglichen Unsicherheiten muss man leben lernen. Und vielleicht sollte ich mal die Dosis bei meinem Psycho-Medikament steigern, wie der Arzt mir vorgeschlagen hat.

Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 6: Skrupulosität aus psychologischer Sicht

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/

 

Auch die Psychologie hat sich des Themas Skrupulosität inzwischen angenommen. Man hüte sich vor der Annahme, Psychologen seien immer noch auf dem Stand Sigmund Freuds, was ihre Ansichten zur Religion angeht. Tatsächlich hat die Psychologie der letzten Jahre und Jahrzehnte das Thema Zwangsstörungen eingehend wissenschaftlich erforscht und dabei festgestellt, dass die Seelenführer der alten Zeiten gar nicht mal daneben lagen mit ihren Einsichten. Die Wissenschaft ist auf unserer Seite. Das ist richtige Wissenschaft doch sowieso.

Heutige Therapeuten respektieren die Religion ihrer Klienten in aller Regel, oder sie sollten es wenigstens tun. Seriöse Publikationen behaupten nicht, dass Religion oder Moral Zwangsstörungen auslöse (außer, in einem bestimmten religiösen Umfeld herrscht eine ängstliche Überbetonung des absolut korrekten Einhaltens der Gebote), und es ist anerkanntermaßen nicht Aufgabe eines Therapeuten, Wertmaßstäbe für eine andere Person festzulegen. Derer muss sich der Klient selbst – evtl. in Absprache mit einem Geistlichen seiner Religion – klar werden. Aufgabe eines Therapeuten ist es dann, dabei zu helfen, die Skrupel loszuwerden, da sie eben gerade nicht den eigenen Wertmaßstäben entsprechen. Skrupulosität ist eine psychische Krankheit, und wenn eine Krankheit entsprechend belastend wird, geht man zum Arzt. Eine Psychotherapie kann deshalb in einigen Fällen sehr hilfreich sein. Es gibt übrigens auch hilfreiche Anleitungen zur Selbsthilfe bei Zwangsstörungen zu kaufen.

Man sollte, wenn nötig, jedenfalls keine Angst davor haben, sich auch einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. Weder wird ein guter Therapeut einem einreden wollen, die Kirche zu verlassen, noch wird er durch die Schilderung der Skrupel einen schlechten Eindruck von der Kirche bekommen, an dem man dann schuld wäre. (Er sollte im Studium schon von religiösen Neurosen gehört haben. Und seinen eigenen möglichen Einfluss zum Schaden seiner Mitmenschen muss man auch nicht immer gar so hoch einschätzen. Die anderen Leute können selber denken und an die denkt Gott auch. (Das ist eine allgemeine Regel, die Skrupulanten vor allem dann beherzigen sollten, wenn es um die „correctio fraterna“, die brüderliche Zurechtweisung geht. Wenn wir denken, andere kommen sicher in die Hölle, weil wir sie nicht auf dieses oder jenes hingewiesen haben, überschätzen wir uns.))

Es ist erwiesen, dass bei Zwangsstörungen eine Verhaltenstherapie am besten hilft. Das heißt, es wird nicht analysiert, woher Ängste und Zwänge kommen, sondern es wird einfach daran gearbeitet, das tägliche Verhalten zu ändern. Dabei muss man üben, seine Ängste zu konfrontieren, ohne dann zu einer Zwangshandlung Zuflucht zu nehmen. Das heißt, man muss, wenn man zum Beispiel fürchtet, durch Händeschütteln gefährliche Bakterien an andere zu übertragen und hier die Möglichkeit einer Todsünde sieht, gerade mit Absicht möglichst vielen Menschen in der Kirche die Hand zum Friedensgruß reichen und danach zur Kommunion gehen, auch wenn das skrupulöse Gewissen einem einreden will, man sei nun nicht mehr im Stand der Gnade. Und dann darf man hinterher nicht zur Beichte gehen oder irgendwelche Gebete verrichten, um die doppelte Sünde (Bakterienübertragung und sakrilegische Kommunion), die man sich nun einbildet, wieder loszuwerden. Stattdessen wartet man einige Wochen bis zur nächsten Beichte und erwähnt dann nur die sicheren Sünden – und die beiden eingebildeten nicht.

Das kostet Überwindung. Skrupulosität ist schwieriger zu besiegen als andere Zwangsstörungen, glaube ich – erstens, weil man nicht irgendein Unglück, sondern ein moralisches Fehlverhalten fürchtet, und zweitens, weil die möglichen Konsequenzen (Hölle) so schlimm sind, dass man sich sagt, man geht lieber auf Nummer sicher, egal was ein Therapeut oder ein Familienmitglied oder auch der Pfarrer sagt. Es schadet doch nichts, wenn man zur Beichte geht… nur… nur vorsichtshalber; lieber kommt man mit der Skrupulosität aus, als dass man die ewige Verdammnis riskiert. Sagt man sich. Aber das ist Unsinn. Und Skrupulosität schadet sehr wohl. Man muss sich das klarmachen, sich Ziele setzen, und konkrete Übungen angehen. Regelmäßig. Immer wieder. Am besten mit jemandem, der es einem nicht durchgehen lässt, sich gehen zu lassen. Dabei wird man entdecken, dass die Angst und Unruhe, die man bei den Übungen erlebt und die einen zu Zwangshandlungen drängt, nicht ewig dauert. Wenn man sie lange genug aushält, verschwindet sie von selbst. Das ist das Erfolgsrezept der Verhaltenstherapie.

 

Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 3: Zwei Arten von Skrupulosität

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/

 

Man kann zwei Arten von Skrupulosität unterscheiden. Die leichtere Form ist ganz einfach Übereifer, der auf fehlerhaften Ansichten beruht. Sie kann besonders bei Gläubigen entstehen, die vor kurzem erst begonnen haben, ihren Glauben ernst zu nehmen. Diese Art von Skrupeln entsteht, wenn jemand zum Beispiel gehört hat, dass es auch Gedankensünden gibt, das Unterhalten von hasserfüllten oder unkeuschen Fantasien zum Beispiel. Nun unterscheidet er nicht zwischen Sünde und Versuchung und hält jeden unpassenden Gedanken, der ihm in den Kopf kommt, für Sünde. Natürlich kann niemand verhindern, dass ihm einmal der Gedanke ins Gehirn kommt „Ich wünschte, der würde tot umfallen!“ (oder so ähnlich); und ohne Einwilligung gibt es keine Schuld, ohne Schuld keine Sünde. Die Sünde bestünde darin, solchen Gedanken zuzustimmen, sich mit Freuden vorzustellen, was dem Betreffenden passieren könnte. Oder nehmen wir an, jemand spürt in der ersten Phase seiner Bekehrung häufig die Anwesenheit Gottes im Gebet; dann auf einmal nichts mehr, wochenlang. Er kann sich auf seine Gebete nicht konzentrieren, und Gott scheint nicht zu antworten. Was macht er bloß falsch? Betet er nicht ernsthaft genug? Er weiß nicht, dass solche Phasen eine Erfahrung sind, die viele Heilige erlebt und beschrieben haben, eine notwendige Prüfungszeit, in der es darauf ankommt, trotzdem im Gebet zu verharren, und dass Gefühle nicht immer das Entscheidende sind. Wenn man solchen Katholiken die Situation auseinandersetzt, lassen sich ihre Probleme relativ einfach lösen. Es handelt sich um ein falsches Verständnis, das sich mit neuen Informationen korrigieren lässt.

Schwieriger sieht es aus bei der zweiten Form aus, der Skrupulosität im eigentlichen Sinne, die man auch als religiöse Zwangsstörung bezeichnen kann. Wieso Zwangsstörung? Nun, der Betroffene erlebt Zwangsgedanken, und er führt Zwangshandlungen aus, um sich davon zu befreien. Die Zwangsgedanken gaukeln einem eine (schwere) Sünde vor. Sie können aus sich aufdrängenden blasphemischen Gedanken bestehen, aus der Vorstellung, anderen etwas antun zu können, zum Beispiel sein Kind aus dem Fenster zu werfen oder seine Arbeitskollegin sexuell zu belästigen. Sofort hält man diese Gedanken, die man nicht haben wollte, und gegen die man nichts tun kann, für Sünde. Zwangsgedanken können auch plötzliche Sorgen sein, schlecht gebeichtet oder die Kommunion unwürdig empfangen zu haben, oder sonst irgendetwas falsch gemacht zu haben. Man wird unruhig, die Gedanken verstärken sich nur; sofort fühlt man den Drang, seine angeblichen oder tatsächlichen Sünden zu beichten oder bestimmte Gebete zu verrichten (Zwangshandlung), um sich wieder davon zu reinigen. Die Zwangshandlungen bringen zwar eine Beruhigung – aber nur eine vorübergehende. Mit der Zeit reißt der Zwang die Kontrolle über das eigene Leben an sich, und die Sorgen werden immer nur mehr und mehr und mehr und mehr.

Unter einer Zwangsstörung stellt man sich spontan so etwas wie einen Waschzwang vor. Und die Symptome sind hier tatsächlich genau dieselben: belastende Zwangsgedanken (was, wenn an der Türklinke Viren waren?) und kompensierende Zwangshandlungen (Desinfizieren, Händewaschen), die aber nur kurzfristig helfen und den Alltag letztendlich zur Belastung werden lassen. Skrupulosität schließt andere Zwangsstörungen übrigens nicht aus: Zwanghaftes Desinfizierung und zwanghaftes Beichten können Hand in Hand gehen.

Skrupel sind keine „katholische Krankheit“. Angehörige anderer Religionen erleben sie ebenso wie Nichtgläubige. Jeder kann eine Zwangsstörung in Bezug auf seine moralischen Grundsätze entwickeln – der Katholik examiniert seine Hände eine halbe Stunde lang nach Bröseln der Hostie, der evangelikale Protestant fragt sich, ob seine Bekehrung tatsächlich echt war, der Muslim beunruhigt sich wegen der rituellen Waschungen vor dem Gebet, der überbesorgte Nichtgläubige fährt zwei Stunden lang seinen Weg zur Arbeit hin und her, um sicherzugehen, dass er niemanden überfahren hat.

Es sollte klar sein, dass die Existenz krankhafter Skrupel nicht gegen die normale katholische Moral spricht. Jeder normale Mensch befürwortet Hygiene, wozu regelmäßiges Händewaschen und in bestimmten Situationen das Benutzen von Desinfektionsmitteln gehört, aber es ist diesen normalen Menschen auch bewusst, dass zwanghafte und übertriebene Hygiene nicht zur Verhinderung von Krankheiten beiträgt. Im Gegenteil, wenn die Haut vom vielen Händewaschen rau ist, dringen Krankheitserreger leichter ein. Skrupulanten sind nicht automatisch die authentischeren Katholiken, ebenso wenig wie Menschen mit einem Waschzwang automatisch gesünder sind.

Es ist auch wissenswert, dass nicht alle Skrupulanten dieselben Skrupel haben. Ich persönlich kann die ganze Messe über nachgrübeln, ob ich im Stand der Gnade bin und zur Kommunion gehen darf – zwar sagt die Kirche, wenn man sich unsicher ist, soll  man zur Kommunion gehen, aber vielleicht rede ich mir ja nur ein, ich sei mir unsicher, um es mir leichter zu machen, und so weiter und so fort – und es gleichzeitig völlig abwegig finden, zu meinen, eine verschluckte Schneeflocke bräche das Fastengebot.

Auch für diese Art von Skrupulanten ist es wichtig, die Lehre der Kirche genau zu kennen, ebenso wie Hygienefanatiker die Wahrheit über die Gefährlichkeit von Bakterien kennen müssen. Man muss z. B. wissen, dass keine Pflicht besteht, zweifelhaft schwere Sünden zu beichten – eine der wichtigsten Regeln für Skrupulanten überhaupt: nur sicher begangene, sicher schwere Sünden, die man sicher noch nie gebeichtet hat, müssen gebeichtet werden. Manchmal hilft es auch, Handlungen, vor deren Folgen man sich fürchtet, einfach mal genau zu durchdenken: Wenn man etwa eine Erkältung hat und sich endlos darüber Gedanken macht, ob man anderen Menschen die Hand zum Friedensgruß reichen sollte oder nicht – wenn man es tut, könnte man sie anstecken, aber wenn nicht, wären sie vielleicht verletzt! – sollte man sich einfach mal fragen, was denn schlimmstenfalls passieren könnte. Diese anderen Menschen könnten sich ebenfalls eine Erkältung einfangen. Vielleicht müssten sie zwei Tage von der Arbeit zu Hause bleiben. Klingt das nach Weltuntergang?

Aber mit Informationen und Nachdenken ist es noch nicht getan. Diese Art von Skrupeln basiert nämlich nicht auf Vernunft, sondern auf Gefühlen. Man ist sich eigentlich sicher, dass dieses oder jenes keine Sünde war… das heißt, man denkt es wenigstens… und dennoch… was wenn… man möchte nichts riskieren. Schließlich fürchtet man nichts Geringeres als die ewige Verdammnis.

Richtige Skrupulosität beruht auf Ängsten und Zweifeln, nie auf  der Gewissheit, etwas falsch gemacht zu haben. Gewissheit ist das, was ein Betroffener sucht. Er ist getrieben von der Sehnsucht nach Sicherheit – der Sicherheit, ein hundertprozentig reines Gewissen haben zu können, niemandem geschadet und Gott nicht verärgert zu haben, nicht in der Hölle zu landen.