Über schwierige Bibelstellen, Nachträge zu Teil 19 – weitere irritierende Aussagen Jesu

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

 

Und wieder mal was vergessen. Mir ist nach der Veröffentlichung meines letzten Artikels aufgefallen, dass ich nicht alle Stellen berücksichtigt hatte, die man berücksichtigen könnte, also bin ich die Evangelien noch einmal ganz genau durchgegangen. Et voilà.

(Zu Markus 9,1 / Matthäus 16,28 / Lukas 9,27 („Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn in seinem Reich kommen sehen“) siehe außerdem den ersten Kommentar unter Teil 19: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-19-irritierende-aussagen-und-taten-jesu-einige-gesammelte-stellen/ und zum Gleichnis mit den Talenten siehe diesen Artikel hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/11/20/ueber-fehlinvestitionen-risiken-und-vorsicht-nach-dem-massstab-des-himmelreiches/ Speziell zu den Kindheitsgeschichten, zur Bergpredigt, zum Thema Wunder und Dämonenaustreibungen, und zu moderner Kritik am Johannesevangelium werde ich außerdem in den folgenden Artikeln noch kommen.)

 

1) Keine Eide?

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Matthäus 5,33-37)

Die Schwierigkeit besteht hier darin, dass die Kirche das Schwören von Eiden immer erlaubt hat, während Jesus es zu verbieten scheint; tatsächlich wurden Sekten wie die Anabaptisten des 16. Jahrhunderts dafür verurteilt, dass sie Eide grundsätzlich ablehnten.

Aber Jesus verbietet hier das Schwören von Eiden nicht ganz und gar; er kritisiert das leichtfertige Schwören und sagt, dass man nicht nur dann die Wahrheit sagen soll, wenn man schwören muss. Er kritisiert die Einstellung, ohne Eid wäre es nicht so wichtig, bei der Wahrheit zu  bleiben: Ein Ja soll immer ein Ja und ein Nein immer ein Nein sein. Man soll keinen Eid brauchen, um wahrhaftig zu sein. Aber wenn doch einmal (etwa vom Staat) ein Eid verlangt wird, wäre es nicht gegen Christi Lehre, ihn zu leisten.

 

2) Keine Ehrentitel?

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ (Matthäus 23,8-10)

Aufgrund dieser Stelle lehnen einige protestantische Gruppierungen den Titel „Heiliger Vater“ für den Papst oder den Titel „Pater“ für Ordenspriester als unbiblisch ab. Allerdings haben selbst sie nichts gegen die Anrede „Vater“ für den eigenen leiblichen Vater, oder den Titel „Lehrer“ für Schullehrer. Was genau meint Jesus nun hier?

Die Verse drum herum sind aufschlussreich. Vorher heißt es: „Alles, was sie [die Schriftgelehrten und Pharisäer] tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern und die Ehrensitze in den Synagogen und wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und die Leute sie Rabbi nennen.“ (Matthäus 23,5-79 Und hinterher: „Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Matthäus 23,11f.) Was Jesus hier kritisiert, ist, sich etwas auf seine Ehrentitel einzubilden und auf ihnen zu bestehen. Zudem wird an dieser Stelle klar gemacht, dass alle irdischen Väter, Lehrer und anderen Autoritäten ihre Autorität nur von Gott, dem wahren Vater, Lehrer und Meister haben, und daher keine absoluten Autoritäten sind. Vor Gott sind wir alle Brüder (und Schwestern, ja). Um das klarzumachen, wählt Jesus übertreibende Worte, so wie Er, um die Schwere der Sünde klarzumachen, in der Bergpredigt sagt „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“ (Matthäus 5,29), ohne damit die Leute animieren zu wollen, sich tatsächlich zu verstümmeln. Wir dürfen Seine Worte nicht ignorieren, aber wir müssen sie eben in ihrem Kontext sehen.

Tatsächlich wäre die völlige Ablehnung von Titeln wie „Vater“ und „Lehrer“ unbiblisch:

  • In einem Gebet der Urgemeinde heißt es: „du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt“ (Apostelgeschichte 4,24).
  • Paulus schreibt über Abraham: „Er ist unser aller Vater.“ (Römer 4,16)
  • Und er sieht sich selbst als geistlichen Vater der Christen von Korinth und von Timotheus: „Nicht um euch zu beschämen, schreibe ich das, sondern um euch als meine geliebten Kinder zu ermahnen. Hättet ihr nämlich auch unzählige Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus habe ich euch durch das Evangelium gezeugt. Darum ermahne ich euch: Haltet euch an mein Vorbild! Deswegen habe ich Timotheus zu euch geschickt, mein geliebtes und treues Kind im Herrn. Er wird euch erinnern an meine Wege in Christus Jesus, wie ich sie überall in jeder Gemeinde lehre.“ (1 Korinther 4,14-17)
  • Auch Johannes redet die Adressaten seines ersten Briefs als „Meine Kinder“ (1 Johannes 2,1) an.
  • Der Titel „Lehrer“ wird in den frühen Gemeinden oft verwendet: „Und er setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer“ (Epheser 4,11), „So hat Gott in der Kirche die einen erstens als Apostel eingesetzt, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Machttaten zu wirken, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede“ (1 Korinther 12,28), „Nicht viele von euch sollen Lehrer werden, meine Brüder und Schwestern. Ihr wisst, dass wir im Gericht strenger beurteilt werden“ (Jakobus 3,1).
  • Paulus sagt sogar von sich selbst, dass er „als Lehrer der Völker im Glauben und in der Wahrheit“ (1 Timotheus 2,7) eingesetzt wurde.

 

3) Verweigerung der Sündenvergebung?

„Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Johannes 20,21-23)

Wir Katholiken gehen bekanntlich davon aus, dass die Vollmacht der Apostel zur Sündenvergebung auch auf deren Nachfolger, die Bischöfe, und deren Beauftragte, die Priester, übergegangen ist, und dass sie im Sakrament der Beichte ausgeübt wird. Wenn der Priester die Absolution spricht, vergibt Gott die Sünden. Soweit klar; wenn Gott Sünden vergeben kann, kann Er diese Vollmacht auch an menschliche Beauftragte delegieren, wenn Er das will. Aber was mich (und da bin ich wohl nicht die Einzige) beim Lesen dieser Stelle früher sehr irritiert hat, ist nicht das „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen“, sondern das „denen ihr sie behaltet, sind sie behalten“; sprich, dass Menschen von Gott nicht nur die Vollmacht bekommen, Sünden zu vergeben, sondern auch die Vollmacht, diese und jene Sünde da nicht zu vergeben.

Aber hier geht es eben nicht um eine Erlaubnis zur Willkür, um eine Erlaubnis, diese Sünde da einfach zu erlassen und jene Sünde da einfach nicht, weil es einem gerade so passt; so darf Autorität in der Kirche nie ausgeübt werden (wie Jesus an anderen Stellen sehr deutlich macht), und das macht auch das Kirchenrecht klar. „Can. 980 — Wenn der Beichtvater keinen Zweifel an der Disposition des Pönitenten hat und dieser um die Absolution bittet, darf diese weder verweigert noch aufgeschoben werden.“ (Codex des Kanonischen Rechtes, http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3G.HTM)

Aber es gibt Fälle, in denen Joh 20,23 Anwendung finden kann; es gibt Fälle, in denen Priester die Absolution verweigern können bzw. sogar sollen; wenn der Pönitent eben keine rechte „Disposition“ hat, d. h. etwa, wenn er nicht vorhat, eine Sünde in Zukunft bleiben zu lassen. Daher können z. B. Wiederverheiratete-Geschiedene keine Absolution erhalten, wenn sie nicht vorhaben, die Sünde des Ehebruchs in Zukunft aufzugeben (d. h. zumindest enthaltsam zu leben). Für die Absolution sind immer Reue und der Vorsatz, in Zukunft keine schweren Sünden mehr zu begehen, nötig; wenn das nicht da ist, kann der Priester sie verweigern.

Zudem kann die Kirche aufgrund ihrer Vollmacht zur Sündenvergebung auch weitere Kriterien für sie aufstellen; so hat sie z. B. bei einzelnen, sehr schweren Sünden geregelt, dass nur Bischöfe oder sogar nur der Papst sie vergeben können (in so einem Fall würde dann der örtliche Priester an den Vatikan schreiben), um den Christen deren Schwere bewusst zu machen. Beispiele: „Can. 1367 — Wer die eucharistischen Gestalten wegwirft oder in sakrilegischer Absicht entwendet oder zurückbehält, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu […]“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P52.HTM), d. h. die Strafe tritt automatisch, ohne die Notwendigkeit einer Urteilsverhängung, ein, und kann nur vom Papst aufgehoben werden; „Can. 1370 — § 1. Wer physische Gewalt gegen den Papst anwendet, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu […]“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P53.HTM) Es gibt auch noch ein paar weitere kirchenrechtliche Einschränkungen der Vollmacht zur Absolution in Sonderfällen; etwa diese hier: „Can. 977 — Die Absolution des Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs ist ungültig, außer in Todesgefahr.“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3G.HTM) D. h. ein Priester darf nicht seine Geliebte lossprechen; wenn ihr die Affäre leid tut und sie sie beichten will, muss sie zu einem anderen Priester gehen. In der Praxis werden solche Regelungen für die meisten Christen wahrscheinlich keine Rolle spielen; aber es macht durchaus Sinn, dass es sie gibt, und dass die Kirche das Recht hat, sie aufzustellen.

Aber was, wenn doch einmal ein Priester, Bischof oder Papst ungerechterweise die Absolution verweigern sollte? Weil er einfach fies ist und jemandem nicht glauben will, dass der sich bessern will, zum Beispiel? Nun, dann wird Gott die Ungerechtigkeit der Menschen nicht Seine Gerechtigkeit torpedieren lassen; eine Vollmacht zum willkürlichen „Sünden-Behalten“ hat Er nicht erteilt. Gott ist nicht absolut an Seine Sakramente gebunden. (Das gilt ja auch in anderen Zusammenhängen: So wird Gott zum Beispiel auch jemandem die Sünden vergeben, der seine Sünden noch beichten wollte, aber nicht mehr dazu gekommen ist, weil er vorher von einem Auto überfahren wurde.)

 

4) Will Jesus nicht bekannt werden?

In den Evangelien gibt es zahlreiche Stellen, an denen Jesus anderen verbietet, über Ihn als Messias und Sohn Gottes zu reden:

  • „Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu sagen, dass sie wussten, wer er war.“ (Markus 1,32-34)
  • „Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will – werde rein! Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg, wies ihn streng an und sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung dar, was Mose festgesetzt hat – ihnen zum Zeugnis. Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.“ (Markus 1,40-45)
  • „Denn er heilte viele, sodass alle, die ein Leiden hatten, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren. Wenn die von unreinen Geistern Besessenen ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Er aber gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten.“ (Markus 3,10-12)
  • „Als die Sonne unterging, brachten die Leute ihre Kranken, die alle möglichen Gebrechen hatten, zu Jesus. Er legte jedem von ihnen die Hände auf und heilte sie. Von vielen fuhren auch Dämonen aus und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Da drohte er ihnen und ließ sie nicht reden; denn sie wussten, dass er der Christus war.“ (Lukas 4,40f.)
  • „Da brachten sie zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es. Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.“ (Markus 7,32-37)
  • „Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Und Jesus sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie antworteten: Ja, Herr. Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll euch geschehen. Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber wies sie streng an: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren. Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend.“ (Matthäus 9,27-31)
  • „Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Auf dem Weg fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten. Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus! Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen.“ (Markus 8,27-30)
  • „Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.“ (Matthäus 16,20)

Etwas mehr Aufschluss geben zwei dieser Stellen:

  • „Als Jesus das erfuhr, ging er von dort weg. Viele folgten ihm nach und er heilte sie alle. Er gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten, damit erfüllt werde, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe. Ich werde meinen Geist auf ihn legen und er wird den Völkern das Recht verkünden. Er wird nicht streiten und nicht schreien und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er dem Recht zum Sieg verholfen hat. Und auf seinen Namen werden die Völker ihre Hoffnung setzen.“ (Matthäus 12,15-21)
  • Nach der Verklärung wendet Jesus sich an Petrus, Johannes und Jakobus: „Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.“ (Markus 9,9)

Jesus ist vor allem zu Beginn Seines Auftretens noch eher zurückhaltend. Dem Aussätzigen, den Er heilt, trägt Er auf, ganz nach Vorschrift das Reinigungsopfer darzubringen und seine Heilung vom Priester bestätigen zu lassen; das soll den Leuten nicht nur die Heilung nachweisen, damit der Aussätzige wieder normal in der Gesellschaft leben kann, Jesus will hier auch zeigen, dass Er kein Feind des mosaischen Gesetzes ist, sondern sich sozusagen an die Regeln hält. (So sagt Er ja auch in der Bergpredigt, Er sei nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen.) Er will nicht, dass überall von Seinen Heilungen geredet wird; und Er will – noch – nicht, dass Seine Jünger Seinen Anspruch als Messias weithin verbreiten oder die Dämonen Ihn als Sohn Gottes bezeichnen. Er lässt die Leute teilweise noch im Unklaren. Erst, als das Passahfest und damit Sein Tod näher rücken, wird Er deutlicher; so zum Beispiel bei Seinem Einzug in Jerusalem, als Er, wie von Sacharja prophezeit, auf einem Esel in die Stadt reitet. Das hat Gründe: Er will nicht, dass die Leute ihn gleich in der Rolle des messianischen Königs sehen, der den Aufstand gegen die Römer führen soll. Eine Stelle im Johannesevangelium macht das sehr deutlich: „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein. (Johannes 6,14f.) Jesus geht absichtlich immer wieder weg, wenn die Menschenmassen kommen; Er verbreitet nicht selbst den Anspruch, der Messias zu sein, auch wenn Er nicht leugnet, dass Er es ist. Er will nicht als politischer Messias gesehen werden. Er wartet und lässt die Leute erst einmal sehen, was für eine Art von Messias Er ist, damit sie Ihn nicht missverstehen. Im Endeffekt braucht es Seinen Tod am Kreuz und Seine Auferstehung, bis sie ganz verstehen können, wer Er ist; deshalb sollen Seine Jünger erst nach der Auferstehung alles verkünden, was sie über Ihn wissen; im Nachhinein sieht man klarer.

„A premature assertion of his own claim would it seems certain, have led to a crown in Galilee, a shower of stones in Judea. The nation, then, must be left to learn its own lesson.“ (Ronald Knox, The belief of Catholics, Kapitel 8; http://www.ewtn.com/library/CHRIST/BELIEF.txt)

„Ein verfrühtes Vorbringen seines eigenen Anspruches hätte, das erscheint sicher, zu einer Krone in Galiläa, zu einem Steinehagel in Judäa geführt. Das Volk musste daher dazu gebracht werden, seine Lektion selbst zu lernen.“

Zwei Bibelstellen, die in diesem Zusammenhang noch interessant sind:

  • „Weil Jesus schon nahe bei Jerusalem war, meinten die Menschen, die von alldem hörten, das Reich Gottes werde sofort erscheinen. Daher erzählte er ihnen ein weiteres Gleichnis. Er sagte: Ein Mann von vornehmer Herkunft wollte in ein fernes Land reisen, um die Königswürde für sich zu erlangen und dann zurückzukehren.“ (Lukas 19,11f.)
  • „Danach zog Jesus in Galiläa umher; denn er wollte sich nicht in Judäa aufhalten, weil die Juden ihn zu töten suchten. Das Laubhüttenfest der Juden war nahe. Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier fort und zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Taten sehen, die du vollbringst! Denn niemand wirkt im Verborgenen, wenn er öffentlich bekannt sein möchte. Wenn du dies tust, offenbare dich der Welt! Auch seine Brüder glaubten nämlich nicht an ihn. Jesus sagte zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht gekommen, für euch aber ist immer die rechte Zeit. Euch kann die Welt nicht hassen, mich aber hasst sie, weil ich bezeuge, dass ihre Taten böse sind. Geht ihr nur hinauf zum Fest; ich gehe nicht zu diesem Fest hinauf, weil meine Zeit noch nicht erfüllt ist. Das sagte er zu ihnen und er blieb in Galiläa. Als aber seine Brüder zum Fest hinaufgegangen waren, zog auch er hinauf, jedoch nicht öffentlich, sondern im Verborgenen. Die Juden suchten beim Fest nach ihm und sagten: Wo ist er? Und in der Volksmenge wurde viel über ihn hin und her geredet. Die einen sagten: Er ist ein guter Mensch. Andere sagten: Nein, er führt das Volk in die Irre. Aber niemand redete öffentlich über ihn aus Furcht vor den Juden.“ (Johannes 7,1-13)

 

5) Scheidung im Fall von Ehebruch?

„Da kamen Pharisäer zu ihm, um ihn zu versuchen, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang männlich und weiblich erschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Sie sagten zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, der Frau eine Scheidungsurkunde zu geben und sie aus der Ehe zu entlassen? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch gestattet, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. (Matthäus 19,3-9)

Vers 9 wird von konservativen Protestanten für gewöhnlich so verstanden, dass Ehescheidung und Wiederheirat nicht legitim sind – außer jedoch, der erste Partner hat einen betrogen („obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“). Dann kann man sich scheiden lassen und sich selbst jemand anderen suchen. Die katholische Kirche lehnt diese Interpretation ab und hat das auf dem Konzil von Trient auch dogmatisch verankert. Die Ehe ist und bleibt immer unauflöslich: Kan. 7. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie lehrte und lehrt, gemäß der Lehre des Evangeliums und des Apostels könne das Band der Ehe wegen Ehebruchs eines der beiden Gatten nicht aufgelöst werden, und keiner von beiden, nicht einmal der Unschuldige, der keinen Anlaß zum Ehebruch gegeben hat, könne, solange der andere Gatte lebt, eine andere Ehe schließen, und derjenige, der eine Ehebrecherin entläßt und eine andere heiratet, und diejenige, die einen Ehebrecher entläßt und einen anderen heiratet, begingen Ehebruch: der sei mit dem Anathema belegt.“ (Quelle: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, lt.-dt., hrsg. v. Heinrich Denzinger u. Peter Hünermann, 42. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009.)

An anderen Stellen, an denen im Neuen Testament von Scheidung und Wiederheirat die Rede ist, wird keine derartige Ausnahme angedeutet. Bei Markus heißt es: „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen? Damit wollten sie ihn versuchen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ (Markus 10,2-12) Auch bei Lukas heißt es schlicht und einfach: „Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; auch wer eine Frau heiratet, die von ihrem Mann entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“ (Lukas 16,18) Und Paulus schreibt: „Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“ (1 Korinther 7,10f.) Wir wissen nicht, ob das Matthäusevangelium überhaupt schon geschrieben war, als Paulus den ersten Brief an die Korinther schrieb, und auch nicht, ob, falls ja, die Korinther es schon kannten; insofern kann man sich doch fragen, wieso der Apostel eine solche mutmaßliche Ausnahme bei Jesu Scheidungs-und-Wiederheirats-Verbot nicht erwähnt, die für seine Adressaten schließlich von Bedeutung sein könnte.

Matthäus’ „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“ wurde katholischerseits manchmal so interpretiert: Bei Ehebruch darf man sich vom Ehepartner trennen, aber wieder heiraten darf man trotzdem nicht. Diese Interpretation macht für mich aus mehreren Gründen keinen Sinn. Zunächst einmal gibt es laut katholischer Lehre auch noch andere gute Gründe für eine „Trennung an Tisch und Bett“ ohne Wiederheirat; wenn ein Ehepartner einen schlecht behandelt, aber nicht betrügt, muss man deshalb nicht bei ihm bleiben. Auch das wurde auf dem Konzil von Trient in den Kanones verankert: Kan. 8. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie erklärt, eine Trennung zwischen den Gatten in bezug auf Bett bzw. in bezug auf Zusammenwohnen, auf bestimmte oder unbestimmte Zeit, sei aus vielen Gründen möglich: der sei mit dem Anathema belegt.“ Dann sollte man sich den Text anschauen: Hier ist gar nicht von Ehebruch die Rede.

Sondern eben von „Unzucht“, im griechischen Original „porneia“. Dieser Begriff ist weiter gefasst als „Ehebruch“ („moicheia“); er schließt voreheliche Beziehungen, Konkubinat, Prostitution, homosexuelle Beziehungen, inzestuöse Beziehungen etc. ein. Auch Ehebruch, ja, aber nicht vorrangig. Am Ende desselben Verses verwendet Jesus ausdrücklich das Verb „moichaomai“ (in der dritten Person: „moichatai“) für „ehebrechen“, „Ehebruch begehen“. Wenn Er „Ehebruch“ meint, sagt Er offensichtlich Ehebruch; zuvor sagt Er „Unzucht“.

Außerdem heißt es hier nicht „obwohl sie nicht Unzucht begangen hat“, sondern „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“; wörtlich „me epi porneia“, was ich vielleicht so ungefähr mit „außer bei Unzucht“ oder „außer wegen Unzucht“ übersetzen würde („me“ ist ein Wort für „nicht“ (das nur in bestimmten grammatikalischen Kontexten verwendet wird), „epi“ eine Präposition, die in allen möglichen Situationen verwendet wird und „auf“, „bei“, „an“, „mit“, „zu“, „wegen“, „um … willen“, „während“ und noch einiges andere heißen kann).

Also: Sprachlich gesehen macht folgende Deutung des Satzes Sinn: Jesus stellt klar, dass jemand, der sich von seiner Frau scheiden lässt und eine andere heiratet, Ehebruch begeht – anders sieht es lediglich „im Fall von Unzucht“ aus, d. h. wenn die Beziehung, in der er sich befindet, gar keine Ehe ist, sondern wenn er etwa mit seiner Geliebten zusammenlebt (ja, doch, „eheähnliche Lebensgemeinschaften“ gab’s in der Antike auch). Eine Beziehung, die eigentlich „Unzucht“ ist, kann man lösen und eine andere eingehen. Vielleicht bezieht Jesus sich hier auf nach der Tora verbotene Verwandtenehen, oder auf Ehen, die schon Zweitehen nach Scheidung sind (ich muss spontan an Herodes und Herodias denken), oder auf eheähnliche Verhältnisse, wie sie vermutlich bei Römern und Griechen häufiger bestanden (jetzt fallen mir Augustinus vor seiner Bekehrung und seine langjährige Lebensgefährtin ein). Die meisten Autoren des NT, die Jesu Gebote zu Scheidung und Wiederheirat überliefern, machen sich nicht die Mühe, diesen Zusatz aufzuschreiben; Matthäus lässt ihn vielleicht der Vollständigkeit halber stehen.

 

6) Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

„Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46)

Dieser Ruf Jesu am Kreuz, kurz vor Seinem Tod, wird außer bei Matthäus auch noch bei Markus überliefert, und er hat die Leute schon oft irritiert. Wie kann Jesus, der eines Wesens mit dem Vater ist, von Gott verlassen sein?

Zum Verständnis der Stelle sollte man zunächst wissen: Jesus betet hier den ersten Vers von Psalm 22, den man unbedingt ganz kennen muss:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?

Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.

Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.

Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

Wälze die Last auf den HERRN! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat!

Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, der mich anvertraut der Brust meiner Mutter.

Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott.

Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und kein Helfer ist da!

Viele Stiere haben mich umgeben, Büffel von Baschan mich umringt.

Aufgesperrt haben sie gegen mich ihren Rachen, wie ein reißender, brüllender Löwe.

Hingeschüttet bin ich wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder, mein Herz ist geworden wie Wachs, in meinen Eingeweiden zerflossen.

Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.

Denn Hunde haben mich umlagert, eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.

Ich kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und starren mich an.

Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.

Du aber, HERR, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!

Entreiß mein Leben dem Schwert, aus der Gewalt der Hunde mein einziges Gut!

Rette mich vor dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der Büffel! – Du hast mir Antwort gegeben.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.

Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.

Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.

Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.

Alle Enden der Erde sollen daran denken und sich zum HERRN bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen.

Denn dem HERRN gehört das Königtum; er herrscht über die Nationen.

Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat,

Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird.

Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.“

(Psalm 22,2-32)

Es ist wichtig, auch das Ende dieses Psalms zu kennen. Dann sollte man wissen:

“The signal feature in the sufferings of Our Lord revealed in this Psalm was His desolation and solitude. The Divine Son called His Father ‘My God’ – in contrast to the prayer which taught men to say ‘Our Father Who art in heaven.’ It was not that His human nature was separated from His Divine nature; that was impossible. It was rather that just as the sun’s light and heat can be hidden at the base of a mountain by intervening clouds, though the peak is bathed in sunlight, so too, in taking upon Himself the sins of the world He willed a kind of withdrawal of His Father’s face and all Divine consolation. Sin has physical effects, and these He bore by having His hands and feet pierced; sin has mental effects which He poured forth in the Garden of Gethsemane; sin also has spiritual effects such as a sense of abandonment, separation from God, loneliness. This particular moment He willed to take upon Himself that principal effect of sin which was abandonment.

Man rejected God; so now He willed to feel that rejection.” (Fulton Sheen, Life of Christ, S. 551f.)

„Das besondere Merkmal der Leiden unseres Herrn, das sich in diesem Psalm offenbart, war Seine Trostlosigkeit und Einsamkeit. Der göttliche Sohn nannte Seinen Vater ‚Mein Gott’ – im Gegensatz zu dem Gebet, das die Menschen lehrte, zu sagen ‚Vater unser, der du bist im Himmel’. Es war nicht so, dass Seine menschliche Natur von Seiner göttlichen Natur getrennt gewesen wäre; das war unmöglich. Es war eher, dass, so wie Licht und Hitze der Sonne am Fuß eines Berges von dazwischentretenden Wolken versteckt sein können, obwohl der Gipfel in Sonnenlicht gebadet ist, Er so auch eine Art von Rückzug vom Angesicht Seines Vaters und allem göttlichen Trost wollte, als Er die Sünden der Welt auf sich nahm. Die Sünde hat physische Effekte, und diese trug Er, indem Seine Hände und Füße durchbohrt wurden; die Sünde hat geistige Effekte, die Er im Garten von Gethsemane zeigte; die Sünde hat auch seelische Effekte wie einen Sinn der Verlassenheit, der Trennung von Gott, der Einsamkeit. In diesem bestimmten Moment wollte Er diesen Haupteffekt der Sünde, der die Verlassenheit ist, auf sich nehmen.

Der Mensch wies Gott zurück; also wollte Er nun diese Zurückweisung fühlen.“

Jesus hat sich so weit mit uns sündigen Menschen gemein gemacht, dass Er alle Folgen der Sünde, auch das schreckliche Gefühl des Abgeschnittenseins von Gott, in Seinem Leiden auf sich nahm.

 

7) Hatte Jesus Geschwister?

Der Vollständigkeit halber noch kurz zu dieser Stelle (und ähnlichen) : „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ (Markus 6,3)

Die Stellen, an denen Brüder und Schwestern Jesu erwähnt werden, werden zwar oft erklärt, aber wenn ich schon bei den Evangelien bin, will ich sie doch nicht auslassen: Mit den Brüdern und Schwestern können auch (beispielsweise) Cousins und Cousinen gemeint sein; im jüdischen Sprachgebrauch wurden auch alle möglichen Verwandten als „Brüder“ und „Schwestern“ bezeichnet. Im Buch Genesis sagt Abraham zu seinem Neffen Lot: „Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder.“ (Genesis 13,8) Im Buch Tobit sagt Tobias: „Asarja, mein Bruder, sprich bitte zu Raguël, dass er mir Sara, meine Schwester, gebe!“ (Tobit 7,9) Gemeint ist: zur Ehefrau gebe. Tobias ist hier ein Verwandter von Sara, was bedeutet, dass er auch ein bevorzugter Heiratskandidat für sie ist, aber er ist eben nicht ihr Bruder. (Wie genau ihre Eltern verwandt sind, erfährt man nicht.) Auch später, nach der Hochzeit, sagt Tobias noch einmal, hier jetzt zu Sara: „Schwester, steh auf, lass uns beten und unseren Herrn bitten, er möge Erbarmen und Rettung über uns walten lassen!“ (Tobit 8,4) Auf die Interpretation der „Brüder“ und „Schwestern“ als Cousins, Cousinen oder anderweitige Verwandte deutet auch die Tatsache hin, dass Jesus am Kreuz seine Mutter seinem Lieblingsjünger anvertraut, was nicht nötig gewesen wäre, wenn sie noch weitere Söhne gehabt hätte. „Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Johannes 19,26f.)

 

8) Besitzlosigkeit

„Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ (Lukas 14,33)

Heißt das, wer als Christ noch etwas besitzt, kann kein wirklicher Christ sein?

Erst einmal zum Originaltext. Mein Griechisch-Wörterbuch – leider kein vollständiges Wörterbuch, sondern nur der Anhang zu meinem griechischen NT – hat für „apotassomai“ „Abschied nehmen, aufgeben“; „tassomai“ (eine Form von „tasso“) wird übersetzt mit „anordnen, bestimmen, befehlen; einsetzen, anstellen; (einer Autorität) unterstellen, unterordnen“. Die Vorsilbe „apo“ hat etwa die Bedeutung „von, weg von“ – insofern könnte man „apotassomai“ vielleicht auch mit „wegstellen“, „beiseitestellen“, „hintanstellen“, „wegtun“ übersetzen.

Man muss also seinen Besitz aufgeben, wegstellen, von ihm Abschied nehmen. Was sagen andere Bibelstellen noch zum Thema Besitz?

Da wäre diese bekannte Stelle mit dem reichen Jüngling: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer in das Himmelreich kommen. Nochmals sage ich euch: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Als die Jünger das hörten, gerieten sie ganz außer sich vor Schrecken und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich. Da antwortete Petrus: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen? Jesus erwiderte ihnen: Amen, ich sage euch: Wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet auch ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben erben. Viele Erste werden Letzte sein und Letzte Erste.“ (Matthäus 19,16-30)

Zunächst trägt Jesus dem jungen Mann bloß auf, sich an die allgemein bekannten Gebote zu halten; erst, als der noch einmal nachfragt, was er noch darüber hinaus tun kann, fügt der Herr hinzu: „Wenn du vollkommen sein willst, geh verkauf deinen Besitz…“ Da jedoch wird der junge Mann durch die Anhänglichkeit an sein Vermögen davon abgehalten, die Sache durchzuziehen, und Jesus stellt fest, dass es für einen Reichen schwer ist, ins Himmelreich zu gelangen. Von sich aus wäre Jesus mit dem Halten der Zehn Gebote zufrieden gewesen; der junge Mann wollte noch mehr für Gott tun – aber dann wird es kritisch, wenn er von diesem hehren Ziel nur durch die Liebe zum Besitz abgehalten wird.

Eine interessante Geschichte ist auch die von Zachäus. Nachdem Jesus bei ihm, dem reichen, korrupten Beamten, eingekehrt ist, sagt Zachäus: „Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ (Lukas 19,8) Und Jesus ist sehr zufrieden: Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Zachäus ist bereit, umstandslos auf einen beträchtlichen Teil seines Vermögens zu verzichten und vergangenes Unrecht vielfach wiedergutzumachen; aber er gibt tatsächlich nicht sein gesamtes Vermögen, und auch nicht seinen einträglichen Beruf, auf, um von nun an Jesus nachzufolgen.

Ich denke, insgesamt sagen diese Stellen aus: Ja, man muss als Christ bereit sein, den eigenen Besitz hintanzustellen, und, wenn es nötig sein sollte, auf ihn zu verzichten, sprich, man muss innerlich von ihm Abschied nehmen. Es braucht eine innere Unabhängigkeit; es ist immer falsch, am Besitz zu hängen. Aber nicht jeder einzelne Mensch ist dazu berufen, tatsächlich ohne jeden eigenen Besitz zu leben – so wie nicht jeder dazu berufen ist, ehelos zu leben, obwohl der Herr auch diese Lebensform sehr empfohlen hat. Ein anderes Beispiel: Es gab Menschen, die berief der Herr, ihm direkt nachzufolgen (wie etwa die Zwölf); aber es passierte auch einmal, dass Er etwas anderes zu jemandem sagte, der Ihm nachfolgen wollte: „Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat!“ (Markus 5,18f.) Auch andere seiner Anhänger behielten ihr normales Leben bei, ohne dass das irgendwie kritisiert wird, etwa die drei Geschwister Lazarus, Maria und Martha in Betanien. In ähnlicher Weise verhält es sich vielleicht mit der Besitzlosigkeit. Noch ein Beispiel: Alle Christen sollen bereit sein zum Martyrium, aber nicht von jedem erfordert es die Situation, zum Märtyrer zu werden. So sollte auch der Christ, der sich nicht zum Armutsgelübde berufen fühlt, bereit sein, im Notfall seinen Besitz aufzugeben.

 

9) Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter

„Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein. Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig! Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig! Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ (Lukas 16,1-9)

Dieses Gleichnis hat mich früher ein wenig irritiert: Wieso lobt Jesus hier einen Betrüger? Aber die Lösung ist eigentlich nicht schwer; sie liegt in Vers 8: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.“ „Die Kinder dieser Welt“ ist kein positiver Begriff; natürlich ist der Verwalter unehrlich. Aber er wendet wenigstens seinen Verstand auf und macht sich Gedanken – wenn auch nur darüber, wie er für sich das Beste herausschlagen kann. „Die Kinder des Lichts“ dagegen machen sich offenbar weniger Gedanken und Mühe, wenn es um ihre (wichtigeren, besseren) Angelegenheiten geht. Ein moderner, etwas banaler Vergleich: Weltliche Filmproduzenten bekommen oft grandiose Filme hin, und ihr Ziel ist es lediglich, Geld zu machen. Dezidiert christliche Filme von kleinen, christlichen Produktionsfirmen sind dagegen oft eher von… na ja… minderer Qualität. Ausnahmen gibt es („Die Passion Christi“ von Mel Gibson, zum Beispiel), aber wenn man etwa Filme von Pureflix („God’s not dead“, „God’s not dead II“ und dergleichen) anschaut… über die verliere ich mal keinen weiteren Kommentar.

Der letzte Satz – „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ – wird klarer, wenn man die Verse danach anschaut: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben?“ (Lukas 16,10-12) Das Geld in dieser Welt ist ungerecht verteilt, aber man soll mit dem, was man eben zufällig hat, auf kluge Weise Gutes tun, um sich Gott sozusagen „zum Freund zu machen“, damit man „in die ewigen Wohnungen aufgenommen“ wird, so wie der unehrliche Verwalter sich Freunde macht, damit die ihn aufnehmen, wenn die Zeit kommt und er entlassen wird.

 

10) Ist der Messias nicht der Sohn Davids?

„Da fragte er sie: Wie kann man behaupten, der Christus sei der Sohn Davids? Denn David selbst sagt im Buch der Psalmen: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten, bis ich dir deine Feinde als Schemel unter die Füße lege! David nennt ihn also Herr. Wie kann er dann sein Sohn sein?“ (Lukas 20,41-44)

Lehnt Jesus hier den Titel „Sohn Davids“ für sich ab? Heißt das, wir dürfen Ihn nicht mehr so nennen, wie wir es manchmal, auch in offiziellen kirchlichen Gebetstexten, tun?

Ich denke nicht. Eher denke ich, Er stellt hier eine ernst gemeinte Frage an die Schriftgelehrten, mit denen Er sich gerade unterhält, um sie zum Nachdenken über den Messias zu bringen (er selbst kennt die Antwort ja). Er erhält jedoch keine Antwort; im vorigen Vers heißt es schon: „Und man wagte nicht mehr, ihn etwas zu fragen.“ (Lukas 20,40) Aber vielleicht hätte Er gerne eine Antwort gehabt.

Vielleicht könnte man als Antwort sagen: Der Messias ist gleichzeitig Sohn Davids, in dem Sinne, dass Er sein entfernter Nachkomme ist; aber Er steht natürlich auch über David und ist damit dessen „Herr“. So, wie Jesus sich auch als „Menschensohn“ bezeichnet, aber gleichzeitig der Herr der Menschen ist.

 

11) Die Jünger sollen Schwerter kaufen?

Bei Lukas’ Schilderung des Letzten Abendmahls findet sich diese Stelle: „Dann sagte Jesus zu ihnen: Als ich euch ohne Geldbeutel aussandte, ohne Vorratstasche und ohne Schuhe, habt ihr da etwa Not gelitten? Sie antworteten: Nein. Da sagte er zu ihnen: Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen und ebenso die Tasche. Wer dies nicht hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich ein Schwert kaufen. Denn ich sage euch: An mir muss sich erfüllen, was geschrieben steht: Er wurde zu den Gesetzlosen gerechnet. Denn alles, was über mich gesagt ist, geht in Erfüllung. Da sagten sie: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!“ (Lukas 22,35-38)

Jesus erteilt den Jüngern hier Anweisungen, wie sie nach Seinem Tod (und Seiner Auferstehung und Himmelfahrt) bei der Mission vorgehen sollen. Anders als zu dem einen Zeitpunkt, als Er sie zuvor in Paaren ausgesandt hat, um das Reich Gottes zu verkünden, Krankheiten zu heilen und Dämonen auszutreiben (vgl. Matthäus 10,5-15), sollen sie nicht mehr ohne Ausrüstung losziehen; sie sollen jetzt Vorratstasche, Geldbeutel und Schwert mitnehmen. Vorratstasche und Geldbeutel: Sie können vielleicht nicht mehr so oft auf die Gastfreundschaft der Leute zählen und müssen besser vorsorgen; auch anlässlich der Tatsache, dass die Mission nach Ostern auf die Heiden ausgeweitet werden wird, nachdem sie zuvor nur in jüdischen Gebieten (bei den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, Matthäus 10,6) unterwegs gewesen waren. Und wozu das Schwert? Vielleicht ganz banal, um sich auf dem Weg gegen Straßenräuber und wilde Tiere verteidigen zu können; das würde erklären, wieso das Schwert noch wichtiger ist als der Mantel. Und wie hängt das dann mit dem Vers darüber zusammen, dass Jesus zu den Gesetzlosen gerechnet wird? Vielleicht bedeutet diese Aussage einfach, dass Seine Jünger in Zukunft oft allein reisen oder auf der Straße übernachten müssen werden (statt sich Gruppen anschließen zu können und in Häuser aufgenommen zu werden), weil sie nicht auf die Unterstützung der Leute zählen können werden. Paulus schreibt später von sich selbst: „Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder.“ (2 Korinther 11,26) Reisen waren damals nicht ungefährlich; ein Schwert kann da nützlich gewesen sein.

Als die Jünger dann darauf hinweisen, dass da zwei Schwerter sind, sagt Jesus „Es ist genug!“ (so die wörtlichere Übersetzung; sprich: „Genug von dem Thema, mehr muss dazu nicht mehr gesagt werden!“) und beendet die Anweisungen für die Zeit nach Seiner Passion und geht zum Ölberg.

Dass das Schwert nicht gegen sonstige Gegner eingesetzt werden soll, zeigt sich jedenfalls noch im selben Kapitel, als Jesus dann festgenommen wird: „Als seine Begleiter merkten, was bevorstand, fragten sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Und einer von ihnen schlug auf den Diener des Hohepriesters ein und hieb ihm das rechte Ohr ab. Da sagte Jesus: Lasst es! Nicht weiter! Und er berührte das Ohr und heilte den Mann.“ (Lukas 22,49-51) Bei Matthäus wird Jesus noch deutlicher: „Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so geschehen muss?“ (Matthäus 26,52-54) Zusätzlich könnte man andere Stellen in den Evangelien aufzählen, aus denen klar wird, dass die Jünger auf Verfolgung nicht mit Gewalt antworten sollen, etwa Matthäus 5,38-48 und Matthäus 10,16-39. Offensichtlich verstanden die ersten Christen das auch; laut Apostelgeschichte reagierten weder die Urgemeinde in Jerusalem noch Paulus noch irgendwelche anderen Christen mit Gewalt auf Verfolgung. Sie flohen in andere Gegenden; sie wurden von Engeln aus dem Gefängnis befreit; sie ertrugen die Strafen; sie versuchten, sich mit dem Appell an römische Rechtsprinzipien zu verteidigen; jedenfalls griffen sie nicht zum Schwert.

Übrigens wurde die Stelle „Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!“ im Mittelalter gern allegorisch interpretiert: Jesus sagt, dass genau zwei Schwerter genug sind; das bedeutet, dass es auf Erden genau zwei Gewalten geben soll, nämlich die weltliche Gewalt des Staates und die geistliche Gewalt der Kirche (Zwei-Schwerter-Lehre). Doch, ja, solches Zeug las man damals in Bibeltexte. Von wegen wortwörtliche Interpretation.

 

12) „Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen […] Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. […] Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn ausliefern würde. Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.“ (Johannes 6,37.44.64f.)

Diese Stelle hat mich früher gestört, weil sie sich anhört, als ob Gott einige Leute zu sich zöge und andere nicht, und letztere dann gar nicht zu Jesus kommen könnten – ohne selbst jedoch daran schuld zu sein.

Nun, es ist eine theologische Binsenweisheit, dass der Mensch Gottes Gnade braucht, um zu Ihm zu kommen; wir sind gefallene Geschöpfe. Jeder, der zu Gott kommt, tut das unter dem Einfluss Seiner Gnade, und dafür können wir dankbar sein. Dann stellt sich nur noch die Frage: Was ist mit den Menschen, die nicht zu Gott kommen?

a) Hat Gott denen aus grundloser Willkür keine Gnade gegeben?

b) Hat Gott denen Gnade gegeben, aber sie haben sie zurückgewiesen?

c) Hat Gott denen keine Gnade gegeben, weil Er wusste, dass sie sie zurückweisen würden?

Logischerweise akzeptabel wären b) und c); die Verse 64-65 scheinen auf c) hinzudeuten. Auf jeden Fall muss man einen solchen Text im Kontext der anderen biblischen Texte lesen, die klarmachen, dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Timotheus 2,4).

 

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Über schwierige Bibelstellen, Teil 19: Irritierende Aussagen und Taten Jesu – einige gesammelte Stellen

Ab und an stößt man in der Bibel auch auf Aussagen oder Taten Jesu, die einen irritiert oder erschrocken zurücklassen – und die Schwierigkeit hier besteht eben darin, dass es um Jesus geht, den Sohn Gottes selbst, der sich nicht einmal irren geschweige denn sündigen kann, wie etwa Petrus, Paulus oder König David. Daher hier ein paar Erklärungsansätze zu einigen bekannten solchen Stellen. (Zu einigen gibt es mehrere mögliche Erklärungen; ich bringe hier die, die mir am logischsten erscheinen.)

 

1) Die Lästerung des Heiligen Geistes:

„Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben werden. Auch wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.“ (Matthäus 12,31f.)

Die klassische Stelle, um Bibelleser zu verwirren.

Daher gleich in aller Deutlichkeit: Es gibt keine Sünde, die bei Reue und dem Vorsatz zur Besserung nicht vergeben werden könnte. Daran lässt die beständige Lehre der Kirche gar keinen Zweifel.

Was ist aber dann gemeint? Es geht um Menschen, die „etwas gegen den Heiligen Geist sag[en]“ (wörtlich: gegen den Heiligen Geist reden), also den Heiligen Geist zurückweisen; d. h. das innerliche Wirken Gottes, Gottes Gnade zurückweisen. Wenn jemand sich äußerlich als Gegner Jesu aufführt – noch nicht so schlimm, vielleicht „weiß er nicht, was er tut“. Der Heilige Geist aber steht immer für Gottes inneres Wirken im Menschen, und wenn jemand das zurückweist, dann kann ihm nicht vergeben werden, weil er sich eben in einem Zustand befindet, in dem er Gottes Vergebung nicht zulässt – einem Zustand der „Unbußfertigkeit“, mit einem älteren Ausdruck. Die Zurückweisung oder „Lästerung“ des Heiligen Geistes besteht gerade in innerlicher Gottferne, darin, nicht bereuen zu wollen, nicht das Gute tun zu wollen, sich um vergangene Sünden nicht zu kümmern, etc. Hier fehlen gerade die Reue und der Vorsatz zur Besserung, die die Vergebung der Sünden sonst möglich machen.

 

2) Will Jesus die Leute verwirren?

„Da traten die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen. An ihnen erfüllt sich das Prophetenwort Jesajas: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile. Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören. Denn, amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Matthäus 13,10-17)

Ähnlich Markus 4,10-12: „Als er mit seinen Begleitern und den Zwölf allein war, fragten sie ihn nach dem Sinn seiner Gleichnisse. Da sagte er zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; für die aber, die draußen sind, geschieht alles in Gleichnissen; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird.“

Die zugehörige Jesaja-Stelle, aus der Jesus hier zitiert, lautet: „Da hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich sagte: Hier bin ich, sende mich! Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Verfette das Herz dieses Volkes, mach schwer seine Ohren, verkleb seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht, mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und es sich nicht bekehrt und sich so Heilung verschafft.“ (Jesaja 6,8-10)

Will Jesus hier, dass das Himmelreich exklusiv ein paar wenigen Auserwählten vorbehalten bleibt? Will Er, dass einige Menschen nicht „geheilt“ werden? Sicher nicht.

Die sinnvollste Erklärung, die ich zu dieser Stelle gefunden habe, ist die folgende: Jesus spricht in seinen öffentlichen Reden in Gleichnissen, weil er die Leute dazu bringen will, wirklich zu seinen Jüngern zu werden und sich die genaueren Erklärungen für die auf Anhieb nicht einfach so verständlichen Gleichnisse anzuhören, die er im kleineren Kreis gibt. („Die Jünger“ meint übrigens bei weitem nicht nur „die Zwölf“; an einer anderen Stelle ist z. B. von 72 Jüngern mit einer speziellen Sendung die Rede.) Jesus will die, „die draußen sind“, dazu bringen, eben nicht bloß draußen, nicht bloß mehr oder weniger interessierte Zuhörer zu bleiben. Man soll sich entscheiden, ob man ganz zu Christus gehören will.

In diesem Sinne: „wer hat, dem wird gegeben“ bedeutet: Wenn man einmal angefangen hat, auf Gott zu hören und das Gute zu tun, wird es einem mit der Zeit immer leichter fallen. Wenn man dagegen anfängt, seine Augen und Ohren zu verschließen, wird es immer schwerer, sie wieder zu öffnen. Wenn man sich in seinen schlechten Gewohnheiten oder Vorurteilen versteift, fällt es einem nach und nach schwerer, sie wieder zu hinterfragen oder abzulegen. Davor warnt Jesus hier: „wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“.

Hier wird zudem eine ähnliche Sprache verwendet wie z. B. bei der Geschichte vom Exodus, als davon die Rede ist, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtet – d. h., genau genommen ist dort abwechselnd die Rede davon, dass Gott sein Herz verhärtet und dass der Pharao sein Herz selbst verhärtet, ebenso, wie es auch hier in Matthäus 13,15 heißt: „Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile.“ Die Leute selbst verschließen hier ihre Augen und Ohren, um nicht zu sehen und zu hören, weil sie sich nicht bekehren wollen. In Matthäus 13,13 heißt es: „Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen.“ Die griechische Präposition „hóti“ wird hier mit „weil“ und in anderen Übersetzungen (z. B. Zürcher Bibel) mit „dass“ wiedergegeben; sie kann tatsächlich beides heißen. Wenn man „weil“ übersetzt, stellt sich die Sache eher so dar: Jesus sieht, dass die Menschen schon nicht hören und sehen wollen, stellt sich darauf ein und erzählt ihnen – vielleicht beim ersten Hören nicht ganz verständliche, aber zum Nachdenken anregende – Gleichnisse, die sie dazu bringen sollen, tiefer zu bohren.

Aber, zurück zum Vergleich mit dem Pharao; es gibt ja auch die Formulierungen, in denen Gott bzw. der Prophet Jesaja Augen und Ohren verschließt. Hier muss man wie immer beachten: In der Bibel wird oft etwas als von Gott verursacht dargestellt, wenn Er es in Wahrheit bloß zulässt (da zum Beispiel vom Autor der Stelle betont wird, dass Gott das Schicksal der ganzen Welt in der Hand hält und nichts gegen Seinen Willen (Seine Zulassung) geschehen kann). Regel Nummer 14: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes. Gott lässt es zu, dass die Menschen ihre Augen verschließen, aber Er will es nicht und verursacht es nicht direkt.

Außerdem zu beachten: Gerade bei Jesaja spricht Gott auch etwa so wie in Offenbarung 22,11f. („Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht, der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit. Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht.“). Gott kündigt Jesaja einfach an, dass seine Predigt nicht zur Bekehrung des Volkes führen wird, sondern dazu, dass die Leute ihre Augen nur noch fester verschließen werden. Ja, dann verstopft doch Augen und Ohren!

 

3) Jesus und die Kanaaniterin:

„Jesus ging weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“ (Matthäus 15,21-28)

Wenn diese Stelle im Sonntagsevangelium drankommt, bekommt man immer mal wieder eine Predigt zu hören, nach der Jesus selbst noch Vorurteile gegenüber der Kanaaniterin gehabt hätte, von ihr dann eines Besseren belehrt worden sei und gemerkt hätte, dass auch Kanaaniter bewundernswerten Glauben haben könnten und dass Seine eigene Sendung nicht nur Seinem eigenen Volk galt. Diese Erklärung ist natürlich von vornherein auszuschließen. Erstens war Jesus ohne Sünde, ergo auch ohne Vorurteile und Gleichgültigkeit gegenüber Kanaanitern. Zweitens können wir aufgrund der Einheit der göttlichen und der menschlichen Natur in Ihm davon ausgehen, dass Er selbst in Seiner menschlichen Natur Seine Sendung gut genug verstand, um zu wissen, dass sie auch den Heiden galt. (Wenn Er sich auch vor Ostern hauptsächlich an die Juden wandte und die Heiden eher erst nach Ostern und Pfingsten eine größere Rolle in der Kirche bekamen; die Juden sind nun mal das auserwählte Volk.)

Die viel logischere Interpretation ist: Jesus erteilt hier seinen Jüngern eine Lehre, um deren Vorurteilen gegenüber den heidnischen Völkern etwas entgegenzusetzen. Man sieht, dass sie sich nicht wirklich für die Frau interessieren; sie wollen nur, dass sie aufhört, ihnen hinterher zu schreien und bitten Jesus deshalb, sich um ihr Anliegen zu kümmern. Jesus gibt als Antwort zunächst eine sicherlich auch unter einigen der Jünger verbreitete Ansicht wieder: Der Messias sei aber doch nur zu Israel gesandt; es sei doch nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Als die Kanaaniterin dann aber unbeirrt, demütig und glaubensfest antwortet: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ hat Jesus den Jüngern demonstriert, wie groß ihr Glaube ist; er heilt ihre Tochter.

Ein Vergleich mit König Salomo und seinem sprichwörtlich gewordenen salomonischen Urteil bietet sich an. Zur Erinnerung die Stelle:

„Damals kamen zwei Dirnen und traten vor den König. Die eine sagte: Bitte, Herr, ich und diese Frau wohnen im gleichen Haus und ich habe dort in ihrem Beisein geboren. Am dritten Tag nach meiner Niederkunft gebar auch diese Frau. Wir waren beisammen; kein Fremder war bei uns im Haus, nur wir beide waren dort. Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht; denn sie hatte im Schlaf auf ihm gelegen. Sie stand mitten in der Nacht auf, nahm mir mein Kind weg, während deine Magd schlief, und legte es an ihre Seite. Ihr totes Kind aber legte sie an meine Seite. Als ich am Morgen aufstand, um mein Kind zu stillen, war es tot. Als ich es aber am Morgen genau ansah, war es nicht mein Kind, das ich geboren hatte. Da rief die andere Frau: Nein, mein Kind lebt und dein Kind ist tot. Doch die erste entgegnete: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. So stritten sie vor dem König. Da begann der König: Diese sagt: Mein Kind lebt und dein Kind ist tot! und jene sagt: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. Und der König fuhr fort: Holt mir ein Schwert! Man brachte es vor den König. Nun entschied er: Schneidet das lebende Kind entzwei und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen! Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind und tötet es nicht! Doch die andere rief: Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es! Da befahl der König: Gebt jener das lebende Kind und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter. Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten mit Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, dass die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach.“ (1 Könige 3,16-28)

Ich denke, man kann getrost davon ausgehen, dass König Salomo nicht vorhatte, das Kind in zwei Hälften zu schneiden und erst durch die Bitte der wahren Mutter davon abgehalten wurde. Er hatte schlichtweg vor, die Reaktionen der beiden Frauen auf seinen Lösungsvorschlag zu testen.

[Zu einer anderen möglichen Interpretation dieser Stelle: Siehe die Kommentare.]

 

4) Die Verfluchung des Feigenbaums (und die Schweine bei Gerasa):

„Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger. Da sah er von Weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es. […] Als sie am nächsten Morgen an dem Feigenbaum vorbeikamen, sahen sie, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war. Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt. Jesus sagte zu ihnen: Habt Glauben an Gott! Amen, ich sage euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer! und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen. Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ (Markus 11,12-14.20-24)

Hier stellen sich zweierlei Probleme:

Erstens: Radikale Umweltschützer könnten sich aufregen, dass Jesus ein Lebewesen absterben lässt (wenn auch in diesem Fall kein fühlendes Lebewesen). Ein ähnliches Problem würde sich für sie übrigens bei der Geschichte mit dem Besessenen von Gerasa stellen: „Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm sogleich von den Gräbern her ein Mensch entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er hauste in den Grabstätten. Nicht einmal mit einer Kette konnte man ihn bändigen. Schon oft hatte man ihn mit Fußfesseln und Ketten gebunden, aber er hatte die Ketten zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabstätten und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von Weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten es in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war, bekleidet und bei Verstand. Da fürchteten sie sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen, wie es mit dem Besessenen und den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat! Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten.“ (Markus 5,1-20) Wieso lässt Jesus zweitausend Schweine ertrinken? Hier einfach die Erinnerung an Regel Nr. 15: Gott ist der Herr über alles Leben. Er lässt auch zu, dass das Leben von Tieren und Pflanzen auf andere Weise zu Ende geht.

Ein zweiter, allgemeiner Einwand: Jesus wird wütend auf einen Baum, weil der keine Früchte trägt? Noch dazu, wenn gar nicht Erntezeit ist? Dieser Einwand ist sehr rasch erledigt: Es handelt sich bei diesem Wunder nicht um eine wütende Reaktion darauf, dass Er nichts zu essen findet, sondern schlichtweg um eine Art „Lehrwunder“ für seine Jünger. Einerseits demonstriert Er an dem Baum, was die Kraft des Glaubens ausrichtet (s. Verse 20-24); andererseits wirkt das Ganze wie eine Illustration zu einem Seiner Gleichnisse, das Lukas überliefert hat: „Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Winzer: Siehe, jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Winzer erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen!“ (Lukas 13,6-9) Gott kommt, um zu inspizieren, ob es gute Früchte gibt oder nicht; es gibt keine, also zieht Er die Konsequenzen. Hier wird schlichtweg das göttliche Gericht an einem Beispiel demonstriert.

 

5) Wann ist der Jüngste Tag?

„Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. So erkennt auch ihr, wenn ihr das alles seht, dass das Ende der Welt nahe ist. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matthäus 24,32-36)

Das eine Problem hier ist: Wie kann es sein, dass der Sohn „jenen Tag und jene Stunde“ nicht kennt, wenn wir glauben, dass er „wahrer Gott und wahrer Mensch“ und „eines Wesens mit dem Vater“ ist? Hier zitiere ich ganz einfach mal Joseph Ratzinger:

„Das Problem der Bedeutung des Verses Mt 24, 36 (Was jenen Tag und jene Stunde angeht, so kennt sie niemand, nicht einmal die Engel des Himmels, nicht einmal der Sohn, sondern allein der Vater) wird seit den Väterzeiten unter Dogmatikern und Exegeten heftig diskutiert. Im Laufe der Zeit haben sich zwei Hauptantworten herauskristallisiert:

1. Allen Lösungen ist die durch das Dogma verbürgte Erkenntnis gemeinsam, dass in Christus zwischen seinem menschlichen und göttlichen Wissen unterschieden werden muss. Christus war nicht nur der gleichwesentliche Sohn des ewigen Vaters, sondern ebenso sehr voller, gleichwesentlicher Mensch mit uns, der, wie die Dogmen des 5. und 7. Jahrhunderts herausgestellt haben, auch einen eigenen menschlichenVerstand und menschlichen Willen und so auch eine menschliche Weise des Wissens besaß. Klar ist weiterhin, dass sich die Aussage Mt 24, 36 auf das menschliche, nicht auf das göttliche Wissen Jesu bezieht. Umstritten ist allein die Frage, wie sich menschliches und göttliches Wissen in Jesus zueinander verhalten. Die Theologie des Mittelalters kam diesbezüglich zu der Meinung, dass beiderlei Wissen sich so eng durchdringe, dass Jesus auch als Mensch an der göttlichen Allwissenheit Anteil habe. Um dennoch das Problem von Mt 24,36 und ähnlichen Versen lösen zu können, unterscheidet man dann zwischen mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen. Zwar habe Jesus für sich selbst kraft seiner Anteilnahme am Ewigen Wort alles Wirkliche geschaut, aber er sei mit einem festumrissenen Offenbarungsauftrag in diese Welt getreten und zu diesem Offenbarungsauftrag gehörte nicht das Datum des Jüngsten Tages. So konnte er mit Recht in Bezug auf das ihm zur Mitteilung zur Verfügung stehende Wissen sagen, dass es Zeit und Stunde des Weltendes nicht umfasse. Das Wissen darüber wird gleichsam nicht freigegeben, es gehörte nicht zum göttlichen Offenbarungsbestand.

2. Moderne Deutungen gehen noch einen Schritt weiter. Sie sagen, dass Jesus mit dem Grunde seiner menschlichen Seele immer eingetaucht war in das göttliche Wort, mit dem er ja eine Person bildete, dass aber diese Verbindung, die den Grund seines Seins prägte, nicht auch sein menschliches Bewusstsein mit allen Details der göttlichen Allwissenheit erfüllte, sondern es nur so weit durchdrang, soweit dies für seinen Offenbarungsauftrag nötig war. Auf diese Weise wird es möglich, ein echtes menschliches Wissen und Wachsen bei Jesus anzunehmen, ohne dass man seine seinsmäßige Einheit mit der zweiten Person der Trinität in Frage stellt. Das Gesamtbild der Evangelien, die uns Jesu wahre Menschlichkeit so unmittelbar erleben lassen, wird auf diese Weise verständlicher. Nach dieser Auslegung konnte Jesus mit vollem Recht sagen, dass er, obgleich vom Grunde seines Seins her der „Sohn“, dennoch das Datum des Letzten Tages nicht wisse, weil der göttliche Grund seines Seins seinen menschlichen Verstand nicht darüber belehrte. Wie Sie sehen, ist diese Lösung mit der Unterscheidung von mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen zwar verwandt, aber sie streift den etwas fiktiven Charakter dieses Gedankens ab und versucht, ebenso dem vollen Ernst der Gottessohnschaft Jesu wie dem vollen Ernst des biblischen Wortes gerecht zu werden.“

(Quelle: http://www.institut-papst-benedikt.de/nc/ergebnisausgabe/schriften/jesus-christus/text/warum-weiss-jesus-nicht-alles-wenn-er-doch-gott-ist.html)

Jesu menschliche Natur spielt auch für die Erklärung anderer Bibelstellen eine Rolle, z. B. wenn es in Lukas‘ Kindheitsgeschichte heißt „seine Weisheit nahm zu“ (Lukas 2,52). Als Mensch entwickelte sich Jesus auch in Bezug auf Verstand und Bewusstsein ebenso wie andere Menschen nach und nach.

Das zweite Problem ist: Wie kann Jesus gleichzeitig sagen, dass Er den Tag nicht kennt, und zuvor, dass „diese Generation“ nicht vergehen wird, bis das alles geschieht? Und… das Ende der Welt kam schließlich auch nicht zur Zeit „dieser Generation“. Irrte Jesus hier also?

Es gibt zwei mögliche Erklärungen:

Erstens: Das Wort, das hier mit „Generation“ übersetzt wird, heißt „geneá“ und kann auch „Geschlecht“ bedeuten; es ist also nicht eindeutig zeitlich gemeint. Jesus könnte zum Beispiel auch im übertragenen Sinne Menschen nach der Art seiner Zeitgenossen gemeint haben. Wenn er an anderen Stellen von „dieser Generation / diesem Geschlecht“ spricht, hat das in der Regel eine negative Konnotation:

  • „Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. Denn Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er hat einen Dämon. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen.“ (Matthäus 11,16-19)
  • „Er antwortete ihnen: Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden außer das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. Die Männer von Ninive werden beim Gericht mit dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie sind auf die Botschaft des Jona hin umgekehrt. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin des Südens wird beim Gericht gegen diese Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie kam vom Ende der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.“ (Matthäus 12,39-42)
  • „Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommt.“ (Markus 8,38)

Es könnte also zum Beispiel die Art von Menschen gemeint sein, die dieselben negativen Eigenschaften besitzen wie die hier kritisierten.

Zweitens: Jesus kündigt in seiner langen Rede über die Endzeit nicht nur das Jüngste Gericht an, sondern beginnt schon mit der Zerstörung des Tempels, die 70 n. Chr. passieren sollte (vgl. Matthäus 24,1-2). Dann kündigt Er im weiteren Verlauf von Kapitel 24 eine längere Zeit an, die man noch nicht für die direkte Endzeit halten soll: „Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin der Christus! und sie werden viele irreführen. Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. Denn Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. Dann wird man euch der Not ausliefern und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst. Und viele werden zu Fall kommen und einander ausliefern und einander hassen. Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet werden. Und dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden – zum Zeugnis für alle Völker; dann erst kommt das Ende.“ (Matthäus 24,4-14) In dieser Zeit befinden wir uns offensichtlich immer noch.

Es ist also möglich, dass Jesus „diese Generation“ im zeitlichen Sinne verstand, den Satz aber auf den Anfang all der zusammenhängenden Ereignisse ab der Zerstörung des Tempels bezog. 70 n. Chr. war „diese Generation“ noch nicht vergangen.

(Eine zudem noch mögliche dritte Interpretation, die ich einmal auf einer Internetseite gelesen habe, wäre, „geneá“ als „Geschlecht“ zu verstehen, und auf das jüdische Volk zu beziehen, das nicht vergehen wird.)

 

6) Jesus und Seine Familie:

„Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. […] Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Markus 3,21.31-35)

Hier stellen sich zwei Fragen: Erstens: Wieso ist Maria (die dem katholischen Glauben nach ohne Sünde war) bei den Angehörigen mitgekommen, die Jesus für verrückt hielten und Ihn von Seiner Sendung abbringen wollten? Zweitens: Wieso verhält Jesus sich so abweisend gegenüber Seiner Familie, bevor man Ihm überhaupt gesagt hat, was sie wollen? Sollte die Familie nicht etwas Wichtiges sein?

Zu erstens: Zunächst einmal muss es nicht so gewesen sein, dass Maria dasselbe dachte wie der Rest der Familie; das wird hier jedenfalls nicht ausdrücklich gesagt. Sie kann deshalb mitgekommen sein, weil sie einfach sehen wollte, was Jesus nun eigentlich tat, als sich sein Ruf als Wundertäter und möglicher Messiaskandidat im Land verbreitete. Oder vielleicht, um einen mildernden Einfluss auf die Brüder (Vettern) auszuüben, die Jesus zur Rede stellen wollten? Dass sie die Verwandtschaft begleitete, als die Jesus aufsuchen wollte, ist jedenfalls ganz logisch.

Zu zweitens: Die leibliche Familie hatte zu Jesu Zeit eine enorme Bedeutung; Er jedoch stellt sich diesem Verständnis immer wieder entgegen: „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Matthäus 10,35-39) „Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sagte zu ihm: Herr, lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben. Jesus erwiderte: Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben!“ (Matthäus 8,21f.) „ Es geschah aber: Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat! Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ (Lukas 11,27f.) Jesus leugnet nicht, dass die Familie gut und wichtig ist; aber Er stellt heraus, dass es etwas noch Wichtigeres gibt, das man auf keinen Fall vergessen darf. Es gibt eine Loyalität, die steht höher als die zur Familie, und das ist die zu Gott. Und es gibt auch eine umfassende Familie, eine Gemeinschaft aller, die „den Willen Gottes tu[n]“ – alle Christen gehören zu Jesu Familie. Jesus leugnet nicht, dass Seine leiblichen Verwandten Seine Familie sind; Er sagt, dass andere es auch sind. Er sagt, dass Blutsverwandtschaft nicht das Entscheidende ist.

 

7) Jesus und Seine Mutter:

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“ (Johannes 2,1-12)

Hier fällt auf: Jesus lässt sich von Seiner Mutter überreden; Er ändert praktisch Seine Meinung, nachdem Er zuerst darauf bestanden hat, dass Seine „Stunde“ noch nicht gekommen ist. (Übrigens, eine Klarstellung noch: Die Anrede „Frau“ ist hier nicht unhöflich; dass es uns so vorkommt, liegt nur an der Begrenztheit von Übersetzungen aus dem Altgriechischen.) Ich möchte hier zunächst einmal Fulton Sheen zitieren:

“In order to understand His meaning more fully, consider the words, ‘My Hour is not yet come.’ The ‘Hour’ obviously refers to His Cross. Whenever the word ‘Hour’ is used in the New Testament, it is used in relation to His Passion, death and glory. […] At Cana, Our Lord was referring to Calvary and saying that the time appointed for beginning the task of Redemption was not yet at hand. His mother was asking for a miracle; He was implying that a miracle worked as a sign of His Divinity would be the beginning of His Death. The moment He showed Himself before men as the Son of God, He would draw down upon Himself their hatred, for evil can tolerate mediocrity, but not supreme goodness. […]

There were, in His life, two occasions when His human nature seemed to show an unwillingness to take on His burden of suffering. In the Garden, He asked His Father if it be possible to take away His chalice of woe. But He immediately afterward acquiesced in His Father’s will: ‘Not My will, but Thine be done.’ The same apparent reluctance was also manifested in the face of the will of His mother. Cana was a rehearsal for Golgotha. He was not questioning the wisdom of beginning His Public Life and going to death at this particular point in time; it was rather a question of submitting His reluctant human nature to obedience to the Cross. There is a striking parallel between His Father’s bidding Him to His public death and His mother’s bidding Him to His public life. Obedience triumphed in both cases; at Cana, the water was changed into wine; at Calvary, the wine was changed into blood.” (Fulton Sheen, Life of Christ, S. 88-90)

„Um besser zu verstehen, was Er meint, betrachte die Worte ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen’. Die ‚Stunde’ bezieht sich offensichtlich auf Sein Kreuz. Immer, wenn das Wort ‚Stunde’ im Neuen Testament gebraucht wird, wird es in Beziehung zu Seinem Leiden, Seinem Tod und Seiner Verherrlichung gebraucht. […] In Cana verwies unser Herr auf Kalvaria und sagte, dass die Zeit, die dafür bestimmt war, die Aufgabe der Erlösung zu beginnen, noch nicht da war. Seine Mutter bat um ein Wunder; Er implizierte, dass ein Wunder, das als ein Zeichen Seiner Göttlichkeit gewirkt werden würde, der Beginn Seines Todes sein würde. In dem Augenblick, in dem Er sich vor den Menschen als der Sohn Gottes zeigte, würde Er ihren Hass auf sich ziehen, denn das Böse kann die Mittelmäßigkeit dulden, aber nicht die höchste Gutheit. […]

Es gab in Seinem Leben zwei Gelegenheiten, bei denen Seine menschliche Natur eine Unwilligkeit zu zeigen schien, Seine Last des Leidens auf sich zu nehmen. Im Garten bat Er Seinen Vater, ob es möglich wäre, Seinen Kelch des Leidens wegzunehmen. Aber gleich danach ergab Er sich in den Willen des Vaters: ‚Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.’ Dasselbe scheinbare Widerstreben zeigte sich auch gegenüber dem Willen Seiner Mutter. Kana war eine Probe für Golgotha. Er hinterfragte nicht die Weisheit dahinter, zu genau diesem Zeitpunkt Sein öffentliches Leben zu beginnen und auf den Tod zuzugehen; es war eher eine Frage davon, Seine widerstrebende menschliche Natur dem Gehorsam zum Kreuz zu unterwerfen. Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Bitte Seines Vaters an Ihn zu Seinem öffentlichen Tod und die Bitte Seiner Mutter an Ihn zu Seinem öffentlichen Leben. Der Gehorsam triumphierte in beiden Fällen; in Cana wurde das Wasser in Wein verwandelt; auf Kalvaria wurde der Wein in Blut verwandelt.“

Diese Stelle zeigt zudem ganz wunderbar, weshalb wir die Gottesmutter verehren und sie bitten: „Bitte für uns.“ Weil es was bringt. Weil ihr Sohn (auch jetzt immer noch) eben ihr Sohn ist und sich von ihr auch mal überreden lässt. Ich glaube, ich habe schon einmal zum Bittgebet geschrieben: Manchmal wartet Gott eben darauf, dass wir fragen. Wir Menschen haben wirkliche Macht, etwas in der Welt zu verändern, und zwar entweder durch direkte Taten, oder durch Bittgebete, die Gott dann erfüllen kann oder nicht. Gott hat eine wirkliche Beziehung zu Seinen Geschöpfen, und lässt sich von ihnen sogar gewissermaßen beeinflussen (nicht, dass das nicht schon im Plan vorgesehen wäre – schließlich ist Gott außerhalb der Zeit und allwissend).

 

8) Hält sich Jesus selbst gar nicht für Gott?

 „Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott.” (Markus 10,17f.)

Zu dieser Stelle ein Zitat von Ronald Knox:

“So, for that matter, is the well-known rejoinder, ’Why dost thou call me good? None is good, save God’ – a rejoinder which is exquisitely flat and meaningless if it be taken as a serious statement, full of significance when you realise that it was uttered in irony.” (Ronald Knox, The belief of Catholics, Kapitel 8, http://www.ewtn.com/library/CHRIST/BELIEF.txt)

„Ebenso, übrigens, ist es bei der wohlbekannten Erwiderung ‚Wieso nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott’ – eine Erwiderung, die ausnehmend inhaltsleer und bedeutungslos ist, wenn man sie als ernsthafte Aussage versteht, voller Bedeutung, wenn man begreift, dass sie ironisch ausgesprochen wurde.“

(Eine andere, oft gehörte Interpretation wäre einfach, dass Jesus hier in Seiner menschlichen Natur spricht. Mir gefällt Knox’ Interpretation besser.)

 

Was macht feministische Theologie manchmal so nervig?

Vor kurzem habe ich fürs Studium einen Aufsatz mit dem Titel „Maria von Magdala – erste Apostolin?“ von der Theologin Andrea Taschl-Erber gelesen*. Ja, ganz stereotyp, der Doppelname und die Fixierung auf Maria von Magdala. Man erlaube mir an dieser Stelle übrigens die Bemerkung, dass „Apostolin“ irgendwie doof klingt, und „Apostelin“ auch nicht besser wäre.

Aber komisch klingende Wörter machen einen Aufsatz ja nicht falsch, auch wenn das nicht das einzige komisch klingende Wort bleibt. (Im Text kriegen wir noch „ZeugInnenschaft“, was ungefähr so viel Sinn macht wie „ÄrztInnenkammer“ oder „FremdInnenzimmer“.) Der Aufsatz beginnt folgendermaßen: „Maria von Magdala zählt zu den meistgenannten AnhängerInnen Jesu in den Evangelien. Allerdings verdunkelte eine von androzentrischen Mechanismen und patriarchalen Projektionen bestimmte Auslegungsgeschichte die Bedeutung der engagierten Jüngerin und prophetischen Apostolin. So gilt es, ihre spezifische literarische wie historische Rolle von den Schatten der Rezeptionsgeschichte zu befreien.“ Die Bedeutung der „engagierten Jüngerin“. Ich liebe es, wie Frau Taschl-Erber ihre Beschreibung der Heiligen so klingen lässt wie eine Dankesrede bei der Verabschiedung einer scheidenden Elternbeiratsvorsitzenden. („Frau Plötzenthaler hat sich jahrelang als engagiertes Mitglied unseres Gremiums erwiesen…“)

Sie fährt fort: „Grundsätzlich ist das literarische Porträt einer Erzählfigur als ein narratives Konstrukt zu verstehen, anhand dessen nicht unmittelbar, gleichsam spiegelbildlich, ein historisches Profil der namentlich identifizierten Person gezeichnet werden kann. Um dennoch mit aller methodischen Vorsicht historische Informationen ableiten zu können, bedarf es vor allem auch einer kritischen Reflexion des ideologischen Horizonts der jeweiligen Erzählwelt und ihrer androzentrischen Dynamik gemäß den Prinzipien einer ‚Hermeneutik des Verdachts‘.“ Der Begriff „Hermeneutik des Verdachts“ ist sehr treffend gewählt. Frau Taschl-Erber bleibt noch den ganzen Text über in diesem Dilemma stecken: Eigentlich können wir ja nichts Genaues, historisch Glaubwürdiges aus den biblischen Texten wissen, aber dass wir alle biblischen Darstellungen von Frauen unter Verdacht stellen müssen, das wissen wir auf jeden Fall.

Zunächst geht die Autorin darauf ein, wo überall in den Evangelien Maria von Magdala erwähnt wird: Sie gehört zu einer größeren Gruppe von Frauen um Jesus und wird zusammen mit anderen dieser Frauen Zeugin der Kreuzigung, der Grablegung und dann der Auferstehung. Aus Mk 15,41, wo es heißt, dass diese Frauen Jesus schon in Galiläa „nachgefolgt“ waren und ihm „gedient“ hatten (hier wird das griechische Verb „diakoneo“ verwendet), leitet Frau Taschl-Erber ab, dass sie nicht bloß für die Brotzeit auf dem Weg gesorgt hätten (wer hat das denn gesagt?), sondern Beauftragte Jesu (als seine Zeuginnen und Verkündigerinnen oder so) gewesen wären; immerhin leitet sich auch das Wort „Diakon“ vom selben Verb ab, das ja z. B. bei Paulus ein Amt in der Gemeinde bezeichnet. (Witzigerweise wurden zwar gerade die ersten Diakone laut Apostelgeschichte vor allem für den „Dienst an den Tischen“ bestellt, damit die Apostel sich ungestört der Verkündigung widmen konnten (Apg 6,2)… aber lassen wir das. Ich will ja auch nicht behaupten, dass die Jüngerinnen bloß für die Brotzeit und nichts weiter zuständig gewesen wären. Ich weiß nichts drüber, was genau sie so gemacht haben.) Frau Taschl-Erber betont dann noch, dass die Frauen die nach Markus „echte Nachfolge“, die „Kreuzesnachfolge“, durch ihre Anwesenheit bei der Kreuzigung verwirklichen, während die Zwölf verschwinden. Das stimmt ja auch, und es wurde von der patriarchalischen, androzentrischen Christenheit übrigens nie geleugnet. Mir fällt spontan eine Stelle aus einer Schrift über Lourdes von 1907 ein, in der der Priester Robert Hugh Benson über eine große Gruppe von in den vergangenen Jahren an diesem Wallfahrtsort Geheilten, die zu einer Dankesprozession zusammengekommen sind, schreibt: „I had looked at their faces: there were many more women than men (as there were upon Calvary).“ (http://www.gutenberg.org/files/18729/18729-h/18729-h.htm ; Ausgabe von 1914)

Nach der markinischen geht die Autorin auf die lukanische Darstellung der Jüngerinnen Jesu ein, wo es u. a. heißt, dass aus Maria von Magdala, dank Jesus, „sieben Dämonen ausgefahren waren“ (Lk 8,2). Ich schätze, es ist nicht erstaunlich, dass Frau Taschl-Erber nicht an dämonische Besessenheit glaubt, aber es ist erstaunlich, welchen Vorwurf gegen den Evangelisten Lukas sie aufgrund dieser Stelle konstruiert: „Dämonische Besessenheit fungiert in bestimmten soziokulturellen Kontexten als personifizierte Ursache für (insbesondere psychische, von Kontrollverlust und Selbstentfremdung gekennzeichnete) Krankheitszustände sowieso vom Normencodex abweichende Verhaltensweisen […]. Ob sich die Information auf eine tatsächliche Krankheit bezieht oder nicht, mit ihrer Wiedergabe erzielt Lk eine bestimmte Wirkung. Entsprechend führte die lk Darstellung, welche die Phantasie späterer RezipientInnen anregte, zu beträchtlichen Verzerrungen im Bild der Jüngerin.“ Auch wenn die Information wahr ist, verzerrt sie das Bild? Die Logik erschließt sich mir nicht. Und was ist denn so schlimm daran, dass eine geheilte Besessene / Kranke / psychisch Kranke zu den Jüngerinnen Jesu gehörte? Paulus war ein bekehrter Christenverfolger. Normalerweise glorifiziert man im Christentum die Geheilten und die Bekehrten eher besonders, als dass man sie herabsetzt; und bei Lukas scheint das meinem Eindruck nach nicht anders zu sein. Inwiefern macht er Maria von Magdala hier schlecht?

Als nächstes geht es um den Auferstandenen und seine in Joh 20 ausführlich beschriebene Erscheinung vor Maria. „So verweist die mehrfache Bezeugung der Protophanie [Ersterscheinung] vor Maria von Magdala auf Alter und Bedeutung der Tradition, welche in den Ostererzählungen der Evangelien Spuren hinterließ, obwohl sie innerhalb patriarchaler Kontexte Widerständen begegnete.“ An dieser Stelle wird u. a. Paulus ein Vorwurf gemacht, weil der in 1 Kor 15 unter den Zeugen der Auferstehung Maria von Magdala nicht namentlich erwähnt, sondern nur die beiden männlichen Autoritäten Petrus und Jakobus, was eine „Marginalisierung der Zeuginnen“ sei. Das ist kein ganz aus der Luft gegriffenes Argument; tatsächlich mussten die ersten Christen ja damit rechnen, dass in einer patriarchalen Umwelt das Zeugnis von Frauen bei der Verkündigung nicht sehr viel zählen würde**, und es ist immerhin möglich, dass Paulus hier absichtlich nur auf das Zeugnis der für sein Publikum „maßgeblichen Jerusalemer Autorität“ mit Namensnennungen verweist. Aber kann man es den Evangelisten dann nicht wenigstens danken, dass sie gerade trotzdem – und zwar alle vier – davon berichten, dass die Frauen die ersten am Grab waren und / oder Erscheinungen des Auferstandenen erlebten? Nö, offensichtlich kann man das nicht. Dem Evangelisten Lukas werden gleich noch mal Vorwürfe gemacht – die Relevanz der Ostererfahrungen der Frauen werde in seinem Evangelium „heruntergespielt“, und zwar u. a. dadurch, dass die Apostel deren Botschaft als „leeres Geschwätz“ „disqualifizieren“ und Petrus „den Bericht der Frauen erst bestätigen muss“. Kann man einen Text deutlicher missverstehen? In Lukas 24 behalten die Frauen Recht. Die Apostel sind im Unrecht, als sie ihren Bericht zuerst für „Geschwätz“ halten, und werden am Ende eines Besseren belehrt. Da könnte ich genausogut „Hakuna Matata“ als die Aussage von „Der König der Löwen“ hinstellen.

Der Text schließt mit einem Flirt mit der Gnosis: „Vermutlich existierte in Bezug auf Maria von Magdala eine breitere Überlieferung, von welcher sich im NT nur einige Reflexe finden, der bedeutendste in Joh 20,1-18. […] Demgegenüber tritt sie in gnostischen und gnosisnahen Texten auch im Zuge des Lehrens und Wirkens Jesu als seine Dialogpartnerin auf. Auf der Basis des Traditionswissens um ihren Primat als Erstzeugin des Auferstandenen avancierte sie  zu einer der bedeutendsten apostolischen TraditionsträgerInnen in christlich-gnostischen Zirkeln. Am deutlichsten knüpft das Evangelium nach Maria an Joh 20 an, das Jesu (Wieder-)Aufstieg zum Vater in Joh 20,17 zu einem großen Visionsbericht des (Wieder-)Aufstiegs der Seele in die himmlische Sphäre entfaltet und explizit Marias apostolische Konkurrenz zu Petrus thematisiert. Hier wie in anderen apokryph gewordenen Schriften wird der geisterfüllten Lieblingsjüngerin der eifersüchtige Vertreter des männlichen Primats gegenübergestellt, der ihre Leitungsposition, die Legitimität ihrer Verkündigung, ihr Rederecht sowie überhaupt ihre Zugehörigkeit zum JüngerInnenkreis bestreitet, wohingegen Maria von Magdala als Repräsentantin der Frauen in der Nachfolgegemeinschaft Jesu wie auch der Frauen in den Gemeinden die weiblichen Autoritätsansprüche verkörpert. Vielleicht fanden gerade viele ihrer AnhängerInnen im Gefolge einer allgemeinen Marginalisierung frauenzentrierter Traditionen sowie einer zunehmenden Zurückdrängung von Frauen aus Leitungsfunktionen (vgl. 1 Tim 2,11f.) eine neue Heimat in ‚gnostisch‘ kategorisierten frühchristlichen Gruppierungen, welche die ursprüngliche Bedeutung der Magdalenerin als Zeugin und Offenbarungsempfängerin des Auferstandenen rezipierten? Doch es bleibt die grundsätzliche hermeneutische Frage, inwieweit sich die Leerstellen im ntl. Porträt Marias von Magdala aus den späteren gnostisch-apokryphen Texten füllen lassen, um die historische Figur zurückzugewinnen.“

Da das Evangelium der Maria erst von ca. 160 n. Chr. stammt, während die kanonischen Texte deutlich älter sind, erscheint es mir als eher zweifelhaft, dass sich die historische Figur hier zurückgewinnen lässt. Übrigens ist Frau Taschl-Erbers Deutung dieses Textes doch etwas gewollt; im 2. Teil des Evangeliums der Maria (es lässt sich im Internet finden) sagt Petrus zu Maria zunächst ganz respektvoll: „Schwester, wir wissen, dass der Retter dich mehr liebte als alle anderen Frauen. Berichte uns von den Worten des Retters, die du erinnerst – die du kennst und wir nicht oder von denen wir noch nie gehört haben.“ Als sie dann eine lange, etwas seltsame Vision vom Aufstieg der Seele aus der materiellen Welt heraus erzählt hat (hier fehlen Teile des Textes), reagieren die Jünger folgendermaßen:

„Doch Andreas antwortete und sagte zu den Jüngern: ‚Sprecht, was sagt ihr darüber, was sie eben erzählt hat? Ich bin der letzte der glaubt, dass dies der Erlöser gesagt hat. Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung.‘

Petrus antwortete und sprach die gleichen Dinge betreffend. Er befragte sie nach dem Retter: ‚Sprach Er wirklich ohne unser Wissen mit einer Frau und das nicht öffentlich? Sollen wir uns ihr nun zuwenden und ihr künftig zuhören? Hat er sie uns vorgezogen?‘

Dann weinte Maria und sagte zu Petrus: ‚Mein Bruder Petrus, was denkst du denn? Denkst du, dass ich mir all dies in meinem Herzen ausgedacht habe oder dass ich über unseren Retter Lügen erzähle?‘

Levi (Matthäus) antwortete und sagte zu Petrus: ‚Petrus, du warst schon immer temperamentvoll. Nun sehe ich, wie du dich gegen diese Frau aufbäumst als wäre sie dein Gegner. Denn wenn der Retter sie als wertvoll erachtete, wieso möchtest du sie dann ablehnen? Der Retter kennt sie sicherlich sehr gut. Das ist der Grund, wieso er sie mehr liebte als uns. Wir sollten uns besser schämen und lieber dafür sorgen, den perfekten Menschen in uns und für uns zu leben, so wie Er es uns aufgetragen hat. Lasst uns das Evangelium predigen und nicht Gesetze aufstellen, die jenseits dessen stehen, die uns der Retter mitgeteilt hat.‘ Danach begonnen sie zu verkünden und zu predigen.“

Nach einem grundsätzlich Konflikt zwischen Männern und Frauen sieht das weniger aus; eher habe ich den Verdacht, dass sich hier die Situation der gnostischen Gemeinden des 2. Jahrhunderts spiegelt, deren neu aufgetauchte Geheimlehren andere christliche Gemeinden nicht als ursprüngliche Worte Jesu anerkennen wollten („Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung“). Die Gnostiker legen also in ihrem angeblichen Evangelium ihre Sichtweise Maria und Levi/Matthäus in den Mund, und die ihrer Gegner Andreas und Petrus. Maria kommt mir zudem nicht mal besonders sympathisch vor; anstatt zu erklären, wieso Jesus nur ihr solche wichtigen Dinge mitgeteilt haben soll, die den anderen Jüngern offenbar ganz fremd sind, reagiert sie passiv-aggressiv und heult. (Okay, ich heule auch schnell mal. Das kann schon passieren. Trotzdem.)

Es sind jedenfalls im Großen und Ganzen zwei Hauptprobleme, die sich bei Frau Taschl-Erber zeigen und die ihren Text so nervig machen:

Erstens, feministische Theologie dieser Art (es wird sicher auch anders geartete feministische Theologie geben, ich will hier mal nicht die feministische Theologie als Ganzes attackieren) geht mit einem bestimmten Anliegen, mit einer vorher beschlossenen Agenda an die Bibel heran. Man liest nicht den Text und überlegt dann, was er einem sagen will, sondern man liest ihn schon mit einer bestimmten Zielvorstellung. Natürlich kann man gar nicht anders, als Texte durch eine bestimmte Brille zu lesen; die Lektüre wird immer auc durch eigene subjektive Erfahrungen gefärbt sein. Aber man sollte sich zumindest bemühen, einen Text an sich erst einmal auf sich wirken zu lassen. Wenn man das nicht tut, schaut man am Ende, wie Andrea Taschl-Erber zuerst darauf, welche Texte einem besser gefallen, und nicht darauf, welche näher am Geschehen sind und damit eher die historische Realität wiedergeben.

Zweitens, hier wird die Bibel nicht als ein heiliger Text behandelt, sondern als etwas, das kritisiert und dekonstruiert werden muss, als ein Teil der großen bösen androzentrischen und patriarchalen Welt. Es ist eben eine, wie Frau Taschl-Erber sagt, „Hermeneutik des Verdachts“, eine grundsätzliche Voreingenommenheit gegenüber den menschlichen (männlichen) Autoren der Heiligen Schrift, unter deren verzerrten Darstellungen sich noch die feministische Wahrheit verbergen soll. Dabei wird ihnen z. T. Frauenfeindlichkeit unterstellt, wo sie einfach nicht da ist. Das soll christliche Theologie sein?

Die Titelfrage beantwortet die Autorin übrigens auf den letzten Seiten noch so nebenher, und auf sehr vorhersehbare Weise: Nach einem erweiterten Apostelbegriff, wie er in der Bibel teilweise verwendet wird, würde sie als „Apostolin“ zählen (und immerhin wurde sie in Antike und Mittelalter auch manchmal tatsächlich als „apostola“ bezeichnet), nach der lukanischen „Verengung“ des Begriffs auf die Zwölf jedoch nicht. Also, das wusste ich auch vorher schon.

 

* Veröffentlicht in: Mercedes Navarro Puerto u. Marinella Perroni [Hrsg.]: Evangelien. Erzählungen und Geschichte (Irmtraud Fischer u. a. [Hrsg.]: Die Bibel und die Frauen. Eine exegetisch-kulturgeschichtliche Enzyklopädie. Neues Testament, Bd. 2.1).

** Frau Taschl-Erber zitiert an einer Stelle einen Vorwurf antiker antichristlicher Polemik, den der christliche Theologe Origines (3. Jh.) in seiner Schrift „Contra Celsum“ zitiert: „Wer hat dies gesehen? Eine wahnsinnige Frau, wie ihr sagt…“

Darf man noch „Unwissende belehren“?

Ich habe eine Prüfung in Pastoraltheologie anstehen. Ist nicht mein Lieblingsfach in der Theologie. (Das wären Kirchenrecht und Kirchengeschichte.)

Das Belehren der Unwissenden gehört ja bekanntlich zu den sieben geistlichen Werken der Barmherzigkeit.* Im Skript zu der Pastoraltheologie-Vorlesung fällt mir immer wieder auf, wie schief speziell dieses Werk unter Pastoraltheologen angesehen zu sein scheint. Wenn verschiedene Konzepte einflussreicher Pastoraltheologen erklärt werden, wird dabei immer wieder mal betont, dass Seelsorger nach diesem oder jenem Konzept „begleiten“ sollten, nicht „betreuen“ oder „bevormunden“, dass es gegenseitige Kommunikation und „wechselseitiges Lernen“ zwischen Seelsorger und Beseelsorgtem (meine Wortwahl, da mir gerade kein besseres Wort einfällt) geben müsste; die Seelsorger seien „ihrem Gegenüber nicht überlegen“. Es solle nicht um „Missionserfolge“ oder „Manipulation von Menschen“ gehen. „Seelsorgerlicher Paternalismus: Der Seelsorger weiß, was für den anderen gut und richtig ist.“ Das darf nicht sein. Mein Highlight: Auch in der Diakonie soll man Notleidende nicht „zum Objekt von Bevormundung und Hilfe machen“. Keine Hilfe für Notleidende, Leute, das degradiert sie zum Objekt!

Was ist denn, wenn der Seelsorger es zufällig einfach mal besser weiß als sein Gegenüber? Wenn er dem einfach dringend benötigte Hilfe – leibliche oder geistliche Hilfe; die Adresse des örtlichen Obdachlosenheims, eine Erklärung der thomistischen Gottesbeweise, die Absolution in der Beichte, oder was auch immer – geben kann? Wenn ein Mediziner weiß, dass die Lebensgewohnheiten seines Patienten dessen Vorerkrankungen verschlimmern, wird er es dem einfach mitteilen, oder wird er zuerst einen langen Dialog mit ihm führen und dabei dessen in der Apotheken-Umschau angelesene medizinische Einsichten als vollkommen gleichberechtigt anerkennen?

Ich hatte auch mal keine Ahnung vom katholischen Glauben, und ich komme mir verarscht vor, wenn Theologen, die diesen wunderbaren, faszinierenden Glauben in seinen Einzelheiten kennen, meinen, es wäre ein großes Zeichen von Demut, so tun, als hätten sie den Leuten nichts anzubieten. Wenn Menschen mit Fragen zum Pfarrer kommen, wollen sie doch Antworten und klare Ratschläge von ihm hören – nicht nur ein „Was denken Sie denn?“. Wozu ist er denn ausgebildet?

Ich sage damit nicht, dass es in der Seelsorge nicht wichtig wäre, sich die Perspektiven der „Beseelsorgten“ anzuhören und sie zu respektieren. Auch der Arzt muss seinem Patienten genau zuhören, damit keine Fehldiagnose herauskommt. Er muss es sich auch anhören, wenn der Patient erzählt, dass er von einem anderen Arzt andere Ratschläge bekommen hat, und muss dem Patienten dann begründen, wieso er seine eigene Meinung für die richtige hält – oder ihn vielleicht noch zu einem Experten weiterweisen, der mehr Ahnung vom Fach hat und bei dem der Patient sich sicherer kann, den passenden Rat zu erhalten. Er sollte auch Respekt dafür haben, wenn der Patient der „Schulmedizin“ gegenüber generell misstrauisch ist – und ihm dann mit klaren Argumenten erklären, wieso dieses Misstrauen nicht begründet ist und er sich selbst schadet, wenn er sich nicht operieren oder impfen lassen will. Natürlich gibt es Leute, die meinen, alle anderen über ihre Ansichten belehren zu müssen, und dabei respektlos und nervig sind. Aber Priester, Theologen oder Pastoralreferenten sind von der Kirche – und im Endeffekt vom Herrn – dazu beauftragt, die Frohe Botschaft zu verkünden, wie Mathelehrer vom Staat beauftragt sind, Mathe zu lehren. Das sollen sie auch machen dürfen, ohne dass man ihnen deswegen Vorwürfe macht, dass sie die religiös Unwissenden herabsetzen – und seien wir mal realistisch, wie viel religiöses Wissen hat denn der Durchschnittsmensch? Natürlich ist es auch wichtig, die Beseelsorgten zur Eigenverantwortung zu führen – aber bevor man selbst rechnen kann, muss der Lehrer einem beigebracht haben, zu rechnen.

Mit solchen Formulierungen wie den oben zitierten wird zudem unterschwellig suggeriert, „Missionserfolge“ würden auf „manipulativem“ Weg erreicht werden – oder wären früher so erreicht worden. Wenn man sagen würde „Mission bedeutet einladende Verkündigung, nicht Manipulation“ wäre es ja schön und gut; aber bitte keine solchen impliziten Verleumdungen früherer Missionare. Wenn Leute zum Begriff „Mission“ falsche negative Assoziationen haben, sollte man doch versuchen, den Begriff wieder positiv zu besetzen, anstatt die Assoziationen einfach zu übernehmen.

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(Katechismusunterricht bei den Salesianern Don Boscos in Indien, 1939; Quelle: Wikimedia Commons)

Man könnte direkt den Eindruck bekommen, es wäre etwas Schlimmes, wenn man sich mal helfen lassen muss oder keine Ahnung von einer Sache hat. Dabei müssen wir uns alle von Gott helfen lassen, und das, was wir wissen, ist, aufs Ganze gesehen, immer noch wenig, auch wenn wir die Summa Theologiae auswendig aufsagen könnten. (Was mich dran erinnert, dass ich die auch noch mal lesen wollte.) Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft scheinen allgemein nicht so gut angesehen zu sein, wie sie sein sollten, habe ich oft den Eindruck. Aber das sind gute Eigenschaften; sie bedeuten eben nicht automatisch Bevormundung oder ein Sich-selbst-über-andere-Erheben. Wieso sollte man sie so aufnehmen? Weil man nicht damit klarkommt, nicht allwissend oder vollkommen autark zu sein, sondern mal andere Menschen zu brauchen – so wie man selber anderen Menschen wieder in anderer Hinsicht helfen kann?

Lasst die Priester doch einfach ihren Job machen.

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(Chinesische Seminaristen in einer Niederlassung der Jesuiten, 1900; Quelle: Wikimedia Commons)

 

* Die anderen sechs: Zweifelnden recht raten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern gerne verzeihen, Lästige geduldig ertragen, für Lebende und Tote beten.

Die Pfeiler des Glaubens, Teil 5: Die Bleibücher vom Sacromonte, unbeabsichtigte Bigamie und ein wenig zufriedenstellendes Ende

„Ich sage euch, die Araber sind eines der erhabensten Völker, und ihre Sprache ist eine der erhabensten Sprachen. Gott wählte sie aus, um sein Gesetz in der letzten Zeit auf sie zu stützen. […] Wie mir Jesus sagte, der schon über den Söhnen Israels Vorrang hatte, wird jenen von ihnen, die ihm untreu waren […], niemals die Herrschaft gegeben. Aber die Araber und ihre Sprache werden zu Gott und zu seinem rechten Gesetz zurückkehren, und zu seinem ruhmreichen Evangelium und zu seiner heiligen Kirche in der Zeit, die da kommen wird.“ (S. 721)

Dieses Zitat aus der „Geschichte der Wahrheit des Evangeliums“, das zu den sog. Bleibüchern vom Sacromonte gehört, setzt Falcones vor den Beginn von Teil IV, der den Titel „Im Namen unseres Herrn“ trägt. Die Auslassungen stammen übrigens von ihm, nicht von mir. Leider kann man die Bleibücher, anders als bekanntere apokryphe Schriften wie das Thomas-Evangelium, nicht in deutscher Übersetzung im Internet finden, also kann ich nicht herausfinden, was genau an diesen Stellen steht.

Teil IV setzt im Januar 1595 ein. Hernando hat in den vergangenen Jahren intensiv an den Schriften gearbeitet, die später zu den „Bleibüchern vom Sacromonte“ werden sollen. Die gibt es, ebenso wie das Barnabas-Evangelium und die gefälschte Prophezeiung aus der Torre Turpiana, um die es im letzten Teil ging, tatsächlich, und sie wurden wahrscheinlich von Don Alonso del Castillo und Don Miguel de Luna, die hier als Hernandos Mitstreiter erscheinen, geschaffen. (Hernando selbst ist keine historische Figur.) Hernando hat in diesen Jahren u. a. Latein gelernt und hat in den Texten verschiedene christliche Legenden über die Heiligen, die das Christentum nach Spanien gebracht haben sollen, miteinander verbunden; jetzt ist er mit den Entwürfen fertig. Bei seinem letzten Besuch bei seinen Verbündeten in Granada ist besprochen worden, dass sie für die neuen Fälschungen Bleiplatten statt Pergament verwenden werden, weil ihre erste Fälschung schon unter Verdacht steht, da das Pergament nicht alt genug ist. Also reist Hernando jetzt zu einem Silberschmied namens Binilit, der in einer mehrheitlich von Morisken bewohnten Gegend von Valencia in einem Dorf namens Jarafuel lebt, um ihn mit der Herstellung der Platten zu beauftragen. An dieser Stelle wird auch der Inhalt der insgesamt zweiundzwanzig Texte erklärt, von denen einer bewusst unverständlich ist:

„Die Schriften stellten ein vielschichtiges Rätsel dar, das um eine einzige Hauptfigur kreiste: die Jungfrau Maria. Die einzelnen Teile führten unweigerlich auf ein Ziel zu: das Stumme Buch, das in einer unverständlichen Sprache geschrieben war, vor der alle, die sich damit beschäftigten, kapitulieren würden. Aber wie er Binilit soeben erklärt hatte, kündigte eine der Schriften die Ankunft eines Textes an, der das Geheimnis lüften würde. Dieser Text war das Barnabas-Evangelium, das er so gut versteckt hielt. Sobald die Bleibücher akzeptiert würden, und damit auch dieses rätselhafte Stumme Buch, würde das Barnabas-Evangelium mit seiner geistigen Nähe zum Islam als die alleinige, über jeden Zweifel erhabene Wahrheit erscheinen.“ (S. 735) An späterer Stelle erklärt Hernando noch einem Gelehrten aus Jarafuel, Munir, Marias Rolle in den Schriften: „Sie überträgt Jakobus die Aufgabe, das Christentum nach Spanien zu bringen, und sie ist es, die ihm das unverständliche Stumme Buch überreicht, das sich offenbaren wird, sobald die Christen begreifen, dass ihre Päpste Gottes Wort verfälscht haben. Und das wird durch einen König der Araber geschehen.“ (S. 738) Der Plan ist es, dem Sultan das Barnabas-Evangelium zukommen zu lassen, damit dieser es „offenbaren“ kann. Hernando rechnet damit, dass die Christen die mehrdeutigen Bleiplatten zunächst in ihrem Sinn deuten würden, aber vielleicht schon mehr Respekt für die Morisken entwickeln könnten, da laut den Platten ihre ersten Apostel angeblich auch Arabisch gesprochen hätten usw., und dass sie die Texte nach der „Entschlüsselung“ des Stummen Buches durch das Barnabas-Evangelium dann im islamischen Sinn verstehen müssten.

„‚Aber wie kann denn der Inhalt eines unlesbaren Buches bekannt werden?’, hakte der alte Meister nach. ‚Es wird sich niemals ganz entschlüsseln lassen’, erläuterte Hernando seine Strategie. ‚Für unsere Zwecke ist es ausreichend, dass es zunächst überhaupt als das Evangelium der Jungfrau anerkannt wird. Wenn die Christen die Bleibücher akzeptieren, müssen sie auch die darin verkündete Ankunft des Königs der Araber akzeptieren, der das wahre Evangelium bekanntmachen wird, die Schrift, die kein Papst oder Evangelist fälschen konnte.’“ (S. 739f.)

Ich muss sagen, dass mir dieser Plan verschwommen und wenig vielversprechend erscheint (wie will Hernando beweisen, dass der Sultan und das Barnabas-Evangelium tatsächlich der angekündigte König und das angekündigte Evangelium sind?); Falcones’ Darstellung beruht aber, wie er im Nachwort schreibt, immerhin auf der Hypothese eines Wissenschaftlers: „Luis F. Bernabé stellt in seinen Veröffentlichungen […] eine Beziehung zwischen den Bleibüchern und dem Barnabas-Evangelium her. […] Der Gedanke liegt nahe, dass die Verfasser des Stummen Buchs – dessen Inhalt dem Prolog und einem anderen, durchaus erschließbaren Text der Bleibücher zufolge von einem König der Araber bekanntgemacht werden sollte – das Erscheinen einer weiteren Schrift beabsichtigten. Allerdings ist nicht bekannt, ob es jemals dazu kam. Dass diese Schrift nun das Barnabas-Evangelium ist, das beträchtliche Gemeinsamkeiten mit den Bleibüchern aufweist, ist nur eine Hypothese.“ (S. 917f.) (Der Wissenschaftler heißt eigentlich Luis F. Bernabé Pons, lehrt an der Universidad de Alicante Islamwissenschaft (https://dfint.ua.es/es/estudios-arabes-e-islamicos/profesorado/luis-f-bernabe-pons.html) und eine von ihm herausgegebene spanische Ausgabe des Barnabasevangeliums ist online zu finden: https://archive.org/details/EvangelioDeBernabe Das nur am Rande, falls jemand unter meinen Lesern Spanisch können und sich für das Barnabas-Evangelium interessieren sollte.)

Binilit erklärt sich bereit, die Texte auf Bleiplatten zu prägen und Hernando reist nach deren Fertigstellung wieder ab. Auf der Rückreise kommt er durch Granada, wo er ins Nachdenken über sein Leben und seine Vergangenheit gerät:

„Wie war es Isabel wohl ergangen? Ihre letzte Begegnung lag nun bereits mehr als sieben Jahre zurück.

 Hernado trieb Estudiante [sein Pferd] an. Sieben Jahre! Ja, im Hurenhaus gab es diese Rothaarige und manchmal auch eine andere Dirne, aber die letzte Nacht mit Isabel konnte er einfach nicht vergessen […] Ja, er hatte hart für seinen Gott gearbeitet. Aber was hatte er selbst davon? Nur Erinnerungen. An die sinnliche, schöne Isabel und an seine Lieben, die allesamt gestorben waren: seine Mutter, Hamid… Fatima und die Kinder. Jetzt kreiste sein Leben nur noch um einen einzigen Traum: die Versöhnung der beiden verfeindeten Religionen und den Beweis für die Überlegenheit des Propheten. […] Und jetzt? Was geschah, wenn all seine Anstrengungen ins Leere liefen?“ (S. 742)

„Versöhnung der beiden Religionen“ = „Beweis für die Überlegenheit des Propheten“. Wenn ich beweisen will, dass meine Religion die einzig richtige ist, sage ich es wenigstens.

Hernandos Mitverschwörer sind von den Bleiplatten begeistert und planen, sie zusammen mit weiteren „antiken Reliquien“ zu verstecken und finden zu lassen. Hernando ist erschöpft, zweifelt am Sinn der ganzen Unternehmung, und reitet bald nach Córdoba zurück. Dort angekommen besucht er die Mezquita/Kathedrale und beim Anblick der nur übertünchten islamischen Inschriften im Inneren kommt ihm der folgende ermutigende Gedanke: „Nun, beim Beten, wurde ihm alles klar, als wollte Gott seine Hingabe belohnen: Die Wahrheit, die Offenbarung, war hier in den edlen, harten Marmor gemeißelt und lag unter einem simplen Gipsputz, der bei der leichtesten Berührung zerfiel! […] Die Macht Gottes erreichte die Gläubigen unmittelbar, anders als bei den Christen, die stets auf die Sicherheit fester Fundamente angewiesen waren. Die Kraft des göttlichen Willens berührte auch so einfache Gläubige wie ihn!“ (S. 750f.) Den Punkt mit den festen Fundamenten finde ich… interessant. Was genau ist damit gemeint? Ist Hernando davon überzeugt, dass man die Wahrheit nicht durch äußere Beweise kennenlernt, sondern dass ein reines Gefühl, eine innerliche Überzeugung genügt? Klingt sehr mormonisch. Aber es gibt ja durchaus einige Ähnlichkeiten zwischen Mormonentum und Islam.

In Granada werden unterdessen die vorher versteckten Bleiplatten und „Reliquien“ in einer Höhle auf einem Berg nahe der Stadt entdeckt. Die Kirche erhält den Fund, der Erzbischof beschließt, ihn näher untersuchen zu lassen, und „[g]anz Granada fiel in einen einzigen religiösen Freudentaumel“ (S. 752) über die Reliquien, vor allem über die angeblich vom Stadtpatron Caecilius stammenden Knochen. (Darf ich noch mal erwähnen, wie abstoßend ich Hernandos Leichenschänderei finde?)

Zurück zum einsamen Hernando in Córdoba, und zu seinem verkrüppelten jungen Diener Miguel, der inzwischen neunzehn Jahre alt ist. Der hat, während Hernando mit seinen Fälschungen beschäftigt war, das sechzehnjährige Nachbarsmädchen Rafaela kennengelernt, das mangels Mitgift in ein Kloster gesteckt werden soll. Miguel spricht schließlich seinen Herrn auf sie an:

 „‚Sie heißt Rafaela’, begann Miguel. ‚Sie ist verzweifelt, Senor. Ihr Vater, der Jurado, will sie ins Kloster stecken.’

 Hernando zuckte die Achseln.

 ‚Viele Töchter von Christen werden Nonnen.’

 ‚Aber sie will das nicht’, erwiderte Miguel. ‚Der Jurado möchte dem Kloster kein Geld geben, und das bedeutet, dass sie dort nur die Dienerin einer reichen Nonne sein wird.’ [In den strengen spanischen Klöstern des 16. Jahrhunderts? War die Klosterreform wohl weniger erfolgreich, als ich gedacht hatte.]

 ‚Was habe ich damit zu tun? Ich sehe keine Möglichkeit…’

 ‚Du kannst sie heiraten!’, schlug Miguel vor, ohne ihn anzusehen.

 ‚Wie bitte?’ Hernando wusste nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte. Doch als er bemerkte, dass Miguel mit den Tränen kämpfte, entschied er sich für keines von beidem.

 ‚Doch, das ist eine gute Lösung, Senor! Du bist einsam, und sie muss heiraten, wenn sie nicht in ein Kloster gesperrt werden will… Damit wäre allen geholfen.’“ (S. 753)

Hernando ist zuerst sehr skeptisch gegenüber diesem Vorschlag, nicht zuletzt, weil er bemerkt, dass Miguel selbst etwas für Rafaela empfindet, die er nicht haben kann. Schließlich erklärt er sich jedoch zu einem kurzen Treffen mit ihr bereit und entscheidet sich dann auf Miguels eindringliche Bitten doch, sie zu heiraten. Rafaela wird dabei als ein schüchternes, ernstes, verletzliches Mädchen gezeigt, das bereits vor ihrem Kennenlernen große Bewunderung für Hernando hegt, da Miguel ihr in den vergangenen Wochen Heldengeschichten von seinem Herrn erzählt hat, damit sie ihn mag. Sie ist Hernando dankbar für das, was er für sie tun will, und man merkt auch, dass sie unglücklich ist und in ihrer Familie oft zurückgesetzt wurde.

Hernando stimmt der Heirat auch aufgrund seiner Einsamkeit zu; er hofft darauf, wieder eine Familie, wieder Kinder zu haben. Zuerst muss nur noch Rafaelas Vater dazu überredet werden, seine Tochter ausgerechnet einem Morisken zu überlassen; das sorgt allerdings für keine unüberwindbaren Schwierigkeiten, da Miguel beobachtet hat, dass der korrupte Jurado, der dafür zuständig ist, die Findelkinder der Stadt an Ammen zu vermitteln, gegen eine gewisse Bezahlung duldet, dass diese tagsüber an Bettlerinnen verliehen werden, die die Kinder hungern und somit dünn aussehen lassen, um mit ihnen Mitleid zu erregen. Hernando droht Rafaelas Vater also, wenn er nicht erstens mit diesem Geschäft aufhören und Hernando nicht zweitens seine Tochter als Ehefrau überlassen würde, würde er ihn an die Behörden verraten. Der Jurado ist wütend, muss sich der Erpressung aber beugen und befiehlt seiner Tochter (er weiß nichts von der schon heimlich bestehenden Abmachung mit ihr), den Morisken von nebenan zu heiraten. Aus irgendeinem Grund stellt Rafaela sich vor ihrem Vater so, als würde sie das nicht wollen, lässt sich dann aber doch dazu „überreden“. Die Hochzeit findet statt und Rafaela ist vor dem Kloster bewahrt. Miguel beschließt dann, auf Hernandos Hof außerhalb von Córdoba zu ziehen und sich dort um die Pferdezucht zu kümmern. Blöde Geschichte, alles in allem. Hätte es nicht einen Weg gegeben, dass Rafaela und Miguel hätten zusammenkommen können?

Ich muss zugeben, dass ich mich mit Rafaela nicht so recht identifizieren kann. Ich weiß ja nicht, ob ich eine Ehe im 16. Jahrhundert (mit der Aussicht auf ein rundes Dutzend Schwangerschaften ohne Vomex oder PDA, dafür eventuell mit plötzlichem Kindstod oder Kindbettfieber hinterher) einem ruhigen, geordneten, sorgenfreien Klosterleben vorgezogen hätte – insbesondere eine Ehe mit einem 25 Jahre älteren Fremden. Aber gut; es wird deutlich, dass Rafaela sich eine eigene Familie, eigene Kinder wünscht, da ist das Klosterleben wohl nichts für sie.

File:Adan En son honneur.jpg

(Émile Adan, En son honneur (Zu seiner Ehre), vor 1900, Wikimedia Commons)

Dennoch erscheint die Situation hier grundsätzlich unlogisch: Wenn Rafaela, wie sie es befürchtet, nur als Dienerin ins Kloster gekommen wäre, statt als Nonne, hätte sie doch in etwa dieselbe Stellung gehabt wie die Kammerzofe einer Adligen – sprich, sie hätte arbeiten müssen, wäre versorgt gewesen, und hätte kündigen können, wenn sie einen netten jungen Mann kennengelernt hätte, der bereit gewesen wäre, sie ohne Mitgift zu heiraten, wie Hernando es jetzt tut. Und selbst als Nonne hätte sie erst nach einigen Jahren die ewigen Gelübde abgelegt. Es besteht also nicht zwangsläufig die Notwendigkeit, so schnell wie möglich irgendeinen Ehemann als Ausweg zu finden.

Es ist auch interessant, zu beobachten, mit welchen Formulierungen hier über das Schicksal geredet wird, das für sie vorgesehen ist: „Wenn du Rafaela nicht […] vor dem Kloster bewahrst“ (S. 762) „wenn sie nicht in ein Kloster gesperrt werden will“ (S. 753) – das Kloster als finsteres, seine Insassen jeder Freiheit beraubendes Gefängnis hinter hohen Mauern (in dem die Nonnen dem Zweck, den die Natur für sie vorgesehen hat vorenthalten werden); hier werden die alten Klischees wieder aufgebrüht, die die Streitschriften der Reformation, der Aufklärung und der Kulturkampfzeit massenweise verbreitet haben.

File:Paul Hoecker-Nonne im Laubgang-1897.jpg

(Paul Hoecker, Nonne im Laubgang von Dachau, 1897, Wikimedia Commons)

Egal. Weiter im Text. Hernando ist ein rücksichtsvoller Ehemann und lässt sich Zeit damit, die Ehe zu vollziehen; in den nächsten Jahren bekommen die beiden dann mehrere Kinder, von denen eins im Kleinkindalter stirbt. Die Eheleute entwickeln Zuneigung füreinander, und vor allem die Kinder schweißen sie zusammen. Von ihrer eigenen Familie hat Rafaela sich inzwischen losgesagt.

Auf der politischen Bühne: In Granada werden die Reliquien verehrt und die Schriften unter Verschluss gehalten und die arabischen Texte darunter werden im Auftrag des Erzbischofs von Luna und Castillo übersetzt. Rom verlangt die Platten ebenfalls, um die Authentizität selbst zu prüfen, was der Bischof allerdings verweigert. In ganz Spanien kursieren radikale Ideen von Gegnern der Morisken – man solle sie alle umbringen oder kastrieren lassen –, diese werden aber erst einmal nicht in die Tat umgesetzt. Die Morisken tragen sich wieder einmal mit Aufstandsgedanken, und wollen sich wieder einmal ausländische Unterstützung holen, diesmal auch bei den Engländern und Franzosen. Hernando nimmt schließlich zusammen mit Munir, dem Gelehrten aus Jarafuel, an einem konspirativen Treffen in einem Wald in Valencia teil, bei dem der Aufstand beschlossen und ein neuer König gewählt wird; er ist alles andere als begeistert von den Plänen, aber natürlich hat niemand die Geduld, sich seine friedlichen Alternativvorschläge (wie zum Beispiel, dem Sultan endlich das Barnabas-Evangelium zu schicken) anzuhören. Hernando zweifelt daran, ob ein neuer Krieg Erfolg haben wird, und sieht nur noch mehr Tod und Gewalt auf sein Volk zukommen. Falcones macht seine Message mehr als deutlich: Gewalt ist keine Lösung! Aber, wie gesagt, das will sich niemand anhören.

An diesem nächtlichen Treffen nehmen nicht nur spanische Morisken und ein französischer Gesandter teil, sondern auch Männer aus den Barbareskenstaaten – und ein paar davon zerren Hernando plötzlich zwischen die Bäume und zwei von ihnen geben sich als Abdul bzw. Francisco (Hernandos Sohn) und Shamir (Hernandos jüngster Halbbruder) zu erkennen. Hernando ist überwältigt davon, zu erfahren, dass sie noch am Leben sind; die beiden wollen sich allerdings seine Erklärungen dafür, dass er ihnen nie zu Hilfe gekommen ist, nicht anhören, und ihn stattdessen einfach umbringen. Munir, der zu Hilfe geeilt kommt, kann sie davon abhalten, indem er auf seine Autorität verweist („Nach unseren Gesetzen bekleide ich hier den zweithöchsten Rang und kann in Rechtsangelegenheiten urteilen“, S. 803) – auch ihm hören sie jedoch nicht zu, als er versucht, ihnen zu beweisen, dass Hernando ein treuer Muslim sei.

Shamir und Abdul sind Korsaren, wie sie im Buche stehen; man könnte auch sagen, dass sie an IS- oder Taliban-Kämpfer erinnern. Sie schreien Hernando an, beleidigen ihn als Feigling, Hund und Verräter und spucken ihm vor die Füße; Gewalt ist ihr Alltag. „Er [Munir] verstand, dass sie daran gewohnt waren, über Leben und Tod von Menschen zu entscheiden.’“ (S. 803) Mehr noch als ihre – aus ihrer Sicht irgendwo begreifliche – Rachsucht gegenüber ihrem Vater bzw. Halbbruder erschreckt vielleicht ihre allgemeine gleichgültige Grausamkeit („Ach, Tausende solcher wertloser Christen tummeln sich in den Verliesen von Tetuan.“, Shamir, ebenfalls auf S. 803). Schließlich verschwinden sie jedoch – und Abdul schwört zuletzt „bei Allah“ (S. 804), dass er Hernando töten würde, wenn der ihm noch einmal über den Weg liefe. Zurück in Tetuan erzählen die beiden Fatima von der Begegnung. Die hört heraus, dass ihr Mann nicht von seinem Glauben abgefallen ist, wie sie gedacht hat; aber die beiden jungen Männer schwören ihr, dass sie Hernando umbringen werden und sperren sie von da an in ihrem Palast ein, damit sie nicht versuchen kann, Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Den Aufstandsplänen kommt wieder einmal etwas in die Quere; diesmal der Tod Elizabeths I. von England (1603). Ihr Nachfolger will mit den Spaniern Frieden schließen und lässt ihnen daher Dokumente aus den Akten der verstorbenen Königin zukommen, aus denen die Aufstandspläne in Valencia hervorgehen. Diese werden vereitelt und zahlreiche Morisken hingerichtet.

Hernando, der zurück in Córdoba ist, versucht erfolglos, einen Brief an Fatima zu schicken; dafür gelingt es ihr allerdings, den jüdischen Händler Ephraim nach Spanien zu senden. Ephraim spricht mit Hernando über die Vergangenheit und erklärt ihm auch, dass Fatima wisse, und Verständnis dafür habe, dass Hernando wieder geheiratet hat. Hernando söhnt sich mit der Situation aus; allerdings nimmt er von dieser Zeit an seinen eigenen Glauben und die Unterweisung seiner Kinder in diesen Glauben ernster als zuvor, kurz, seine Identität als Muslim wird ihm wieder wichtiger. Rafaela ist zunächst nicht begeistert, aber zu einem ernsten Konflikt kommt es nicht, denn schließlich war eine gewissermaßen interreligiöse Erziehung schon ausgemacht:

 „‚Du hast es gewusst’, sagte er schließlich. ‚Miguel hat es dir vor unserer Heirat gesagt. Er hat dir gesagt, dass ich ein gläubiger Muslim bin.’ Rafaela nickte. ‚Also hast du bei der Hochzeit gewusst, dass wir unsere Kinder nach den Traditionen beider Kulturen und in beiden Religionen erziehen werden. Ich verlange ja nicht von dir, dass du meinen Glauben teilst, aber meine Kinder…’

 ‚Unsere Kinder’, sagte sie schnell.

 Rafaela griff nicht mehr in den Unterricht der Kinder ein. Doch abends vor dem Schlafengehen betete sie wie immer mit ihnen, und Hernando ließ sie gewähren.“ (S. 822)

Die Aussage, „dass wir unsere Kinder nach den Traditionen beider Kulturen und in beiden Religionen erziehen werden“ klingt nicht unbedingt nach etwas, das jemand im frühen 17. Jahrhundert gesagt hätte, sondern eher wie aus einem modernen Ratgeber entnommen. Hier fragt man sich natürlich: Wie war es denn in echt bei solchen Ehen, damals? Miguel sagt an einer Stelle, als er Hernando zu der Eheschließung überreden will: „In Córdoba gibt es viele Ehen zwischen Morisken und Christinnen.“ (S. 762) Nun gelten im Islam Kinder eines muslimischen Elternteils automatisch als Muslime; was es schwer vorstellbar macht, dass ein realer mit einer Christin verheirateter Moriske dieser Zeit ergebnisoffen abgewartet hätte, für welche Religion seine Kinder sich entschieden hätten.

Nicht, dass Hernando das hier täte; ab diesem Zeitpunkt zumindest hat er bei der Erziehung der Kinder die Hosen an. Beispielsweise befiehlt er nach der Geburt seines vierten Kindes einfach, dass die Kinder zu Hause von jetzt an mit arabischen Namen angeredet werden: „‚Er wird Muqla heißen, zu Ehren des großen Kalligraphen’, verkündete Hernando seiner Frau und Miguel noch am Tag der Taufe […]. ‚Zu Hause müsst ihr ihn so nennen.’ Rafaela sah zu Boden und nickte.“ (S. 821) Rafaela, das mit dieser Ehe hättest du dir zweimal überlegen sollen. Die beiden älteren Kinder – das dritte ist ja gestorben – heißen jetzt Amin und Laila.

Mit den Bleiplatten geht gar nichts voran. Bei Hernandos nächstem Besuch in Granada:

 „‚Es ist sinnlos, dem Sultan jetzt das Barnabas-Evangeliu zukommen zu lassen’, meinte Don Pedro. ‚Die Kirche muss vorher unbedingt noch die Echtheit der Bücher anerkennen. […]’ […]

 ‚Der Erzbischof’, erläuterte diesmal Luna, ‚lässt niemanden die Platten sehen. Obwohl er selbst kein Arabisch kann, beaufsichtigt er höchstpersönlich ihre Übersetzung, und wenn ihm etwas nicht passt, veranlasst er einfach entsprechende Korrekturen oder sucht sich einen anderen Übersetzer. Ich habe es selbst erlebt. Sowohl der Heilige Stuhl als auch der König fordern, dass er die Bücher freigibt, aber er weigert sich. Er behält sie für sich, als wären sie sein Eigentum.’“ (S. 829)

Im Nachwort erklärt der Autor, dass die Bleibücher und das zuvor entdeckte Pergament aus der Torre Turpiana schließlich 1682 von Rom als Fälschungen beurteilt wurden, während man sich zur Authentizität der Reliquien, die das Erzbistum von Granada anerkannt hatte, nicht äußerte.

Hernando und Rafaela bekommen noch zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, und jetzt sind wir im Jahr 1608 angekommen. Die Hardliner gegen die Morisken haben sich in gewisser Weise durchgesetzt und das erste der spanischen Königreiche, Valencia, ordnet ihre Ausweisung an. Es wird erwartet, dass die übrigen Teilreiche, darunter Andalusien, wo Córdoba liegt, bald folgen werden. Rafaela ist verzweifelt, als sie davon hört, und spricht ihren Mann darauf an: „‚Ich habe auf dem Markt gehört, dass der König Sonderregelungen für Mischehen von Altchristen und Neuchristen getroffen hat.’ Hernando rutschte auf seinem Stuhl weiter nach vorn. Davon wusste er nichts. ‚Moriskinnen, die mit Altchristen verheiratet sind, dürfen in Spanien bleiben, und auch ihre Kinder. Aber die Morisken, deren Frauen Altchristinnen sind, müssen Spanien verlassen… und ihre Kinder mitnehmen, die älter als sechs Jahre sind. Die jüngeren Kinder bleiben hier, bei ihren Müttern.’ Bei den letzten Worten zitterte ihre Stimme.“ (S.  836) Kurz gesagt, der spanische König ist entschlossen, alle Neuchristen, die insgeheim muslimischen Glaubens sind, loszuwerden. Für die ersten ausgewiesenen Morisken geht die Sache alles andere als gut aus: In Algier etwa stehen sie bloß mittellos da, da sie keinen wertvollen Besitz aus Spanien mitnehmen durften, aber anderswo in Nordafrika bringen die Berber die neu angekommenen Morisken einfach um, weil diese in Spanien die Taufe angenommen haben.

Hernando macht einen verzweifelten Versuch, von der Ausweisung verschont zu bleiben, und legt auf das Anraten seiner Freunde aus Granada am dortigen Gericht einen Antrag auf die Zuerkennung eines Adelstitels ein. Man könne sich heutzutage alles erkaufen, auch einen Adelsbrief, erklärt Don Pedro ihm. Für einen Adelstitel war an sich der Nachweis christlicher Vorfahren erforderlich, weshalb Hernando dann als Altchrist zählen würde und nicht von der Ausweisung betroffen wäre. Aber es kommt, wie es kommen muss: Der Richter, der über den Antrag entscheidet, ist niemand anderer als Don Ponce de Hervás, Isabels Ehemann, der seine Chance gekommen sieht, sich an dem früheren Liebhaber seiner Frau zu rächen, und den Antrag ablehnt. In der Urteilsschrift, die Hernando nach Córdoba übermittelt wird, wird auch der Bericht, den er vor Jahren für den Erzbischof von Granada verfasst und in dem er die Taten der Morisken im Alpujarras-Krieg relativiert hat, als „ein Beweis für seine Zugehörigkeit zu Mohammeds Sekte“ (S. 841f.) angeführt.

Schließlich wird die Ausweisung der andalusischen Morisken angeordnet. Sie sollen nach Sevilla gebracht werden und dort in See stechen. Hernando, Amin und Laila müssen gehen; Rafaela mit den drei jüngeren Kindern – Muqla, Musa und Salma – zurückbleiben. Hernando versteckt vor dem Aufbruch noch eine Abschrift des Korans in der Mezquita – im heiligsten Teil der ehemaligen Moschee, wo sich jetzt ein Grabmal befindet – und bittet Rafaela, Muqla später einmal das Versteck zu zeigen. Sie willigt ein, und der Tag der Abreise kommt. Hernando und die beiden älteren Kinder müssen mit den übrigen Morisken der Stadt Richtung Sevilla ziehen. Miguel begleitet sie.

File:L'expulsió dels moriscos (1894), Gabriel Puig Roda, Museu de Belles Arts de Castelló (detall).JPG

(Die Ausweisung der Morisken, Gabriel Puig Roda, 1894, Wikimedia Commons)

Unterdessen in Tetuan: Fatima hat erfahren, dass Shamir und Abdul bei einer ihrer Kaperfahrten entweder gefangen genommen oder getötet worden sind; sie spürt Trauer, aber keine allzu tiefe.

Ich muss sagen, Shamir und Abdul tun mir sehr leid; ich habe ja schon mal erwähnt, dass Gonzalico und Don Alfonso meine Lieblingsfiguren in dieser Geschichte sind, aber ich denke, ich füge Shamir und Abdul noch hinzu. An einer Stelle zuvor wird gesagt, dass Fatima „in Shamirs wilden Drohungen“ (S. 804) seinen Vater Ibrahim wieder erkennt; aber Shamir hat auch all die Jahre über zu seinem Kindheitsgefährten Abdul gehalten und sich nicht von Ibrahim vereinnahmen lassen, der ihn als seinen Sohn und Erben bevorzugt und Hernandos Kinder schlecht behandelt hat. Die beiden tun das, woran sie gewohnt sind, weil man sie daran gewöhnt hat, morden, versklaven und rauben, aber sie kennen gleichzeitig einander gegenüber auch Freundschaft und Treue; kurz gesagt, sie sind tragische Figuren, vor allem, wenn man sie mit den Kindern vergleicht, die sie einmal waren, und ich finde es mehr als schade, dass man nicht erfährt, was genau mit ihnen passiert ist. Zu einigen Nebenfiguren könnte Falcones deutlich mehr schreiben, z. B. auch zu Hernandos anderen Halbgeschwistern, zu Isabel, zu Hernandos Tochter Inés/Maryam, oder Fatimas zwei Töchtern mit Ibrahim, deren Existenz nur ein einziges Mal erwähnt wird.

Fatima hat außerdem von der Ausweisung der Morisken aus Andalusien erfahren, und so besorgt sie sich, nun, da sie unabhängig ist und über eine Menge Geld verfügt, ein Schiff und macht sich auf Richtung Sevilla. Da ist sie allerdings nicht die einzige; auch Rafaela entscheidet sich in ihrer Verzweiflung, zusammen mit den Kindern ihrem Mann hinterher zu ziehen. Sie reiht sich unter eine Gruppe von Morisken ein und gelangt auf das bewachte Gelände am Hafen von Sevilla, wo tausende von Menschen, die auf die Schiffe warten, gesammelt werden.

Fatima findet Hernando auf diesem Gelände zuerst. Sie ist voll Wiedersehensfreude, Hernando ist überwältigt, Amin und Laila erschrocken. Fatima will, dass die drei auf ihr Schiff kommen und mit ihr nach Konstantinopel fahren. (Sie will nicht mehr in Tetuan leben.) Doch da erscheint auch Rafaela, die entsetzt ist, zu erfahren, dass Hernandos erste Frau noch am Leben ist – und dass er bereits vorher davon erfahren hat.

„Hernando ging zu Rafaela. Was sollte er ihr sagen? Was sollte er tun?

 ‚Rafaela, ich…’, begann er schließlich.

 ‚Sie  kann auch mitkommen’, unterbrach ihn Fatima mit kräftiger Stimme. Was hatte diese Christin hier zu suchen? Fatima war keineswegs bereit, ihre Hoffnungen aufzugeben, selbst wenn das mit sich brachte, dass…

 […]

 ‚Hernando’, Rafaelas Tonfall klang hart. ‚Ich habe dir mein Leben gewidmet. Ich… ich bin bereit, auf die Glaubensgrundsätze meiner Kirche zu verzichten und deinen Glauben an Maria zu teilen und das Schicksal, das sie für dich bereithält, aber niemals’, murmelte sie, ‚hast du mich verstanden: Niemals werde ich dich mit einer anderen Frau teilen.’“ (S. 882f.)

Hernando entscheidet sich für Rafaela. Er übergibt seiner ersten Frau noch die Fatimahand, die ihr einmal gehört hat, und das Manuskript des Barnabas-Evangeliums, das er heimlich bei sich getragen hat, und bittet sie, Letzteres dem Sultan zu überbringen. Fatima fährt ab.

Tja. Was soll man dazu nun sagen? Fatima ist Hernandos erste Frau, und dass er sie für tot gehalten hat, macht die Tatsache, dass sie nicht tot und dass sie seine Frau ist, nicht ungeschehen. Sicher, Hernando glaubt als Muslim an sich an die Erlaubtheit der Polygamie, aber Rafaela tut das schließlich nicht, und… na ja, muss ihr nicht bewusst sein, dass ihr Mann eigentlich nicht ihr Mann sein kann, solange da schon eine andere Frau ist, die noch lebt? So löblich es ist, dass sie ihrem Mann mal eine klare Ansage macht, es ist nicht einfach eine Frage von „Entscheide dich, welche von uns zwei du haben willst“.

Keine schöne Situation, alles in allem.

Hernando, Rafaela und ihren Kindern gelingt es dann, aus dem bewachten Gelände zu entkommen, und sie flüchten zusammen mit Miguel Richtung Granada. Die Familie versteckt sich zunächst in einem verlassenen Dorf im nahen Gebirge – den Alpujarras, wo Hernando aufgewachsen ist –, während Miguel zu Hernandos Freunden in Granada geht, um sie um Hilfe zu bitten. Eines Nachts gräbt Hernando zusammen mit seinen Söhnen Hamids alten Säbel aus, der angeblich Mohammed gehört haben soll, und den Hernando nach dem Alpujarras-Krieg in den Bergen vergraben hat.

Don Pedro verschafft ihnen schließlich gefälschte Papiere, die sie als Altchristen ausweisen, und lässt sie auf sein Lehen ziehen. Am Ende ihres kurzen Treffens fragt Hernando ihn noch nach den Bleibüchern. Don Pedros Fazit: „Wir sind gescheitert.“ (S. 898) Und: „Selbst wenn es uns gelingen würde und der Sultan oder ein anderer König der Araber das Barnabas-Evangelium bekanntmachen würde, in Spanien leben keine Muslime mehr. Es wäre bedeutungslos.“ (Ebd.)

Weiter heißt es: „Hernando wollte widersprechen, doch er hielt sich zurück. War es für Don Pedro nicht mehr wichtig, dass die Wahrheit ans Licht kam, ganz unabhängig von den Morisken in Spanien?“ Doch, das mit der Wahrheit steht da wirklich.

Nach dieser Szene kommt nur noch der Epilog, der zwei Jahre später spielt. Diesmal kommt Don Pedro zusammen mit einem Franzosen mit einer noch besseren Nachricht zu Hernandos Familie, genauer mit zwei: Erstens, der König gewährt ihnen offiziell eine Ausnahme von dem Ausweisungserlass und sie erhalten ihren Besitz in Córdoba zurück (Falcones informiert die Leser, dass es mehrere Fälle von solchen „Härtefall“-Ausnahmen gab), zweitens, der Franzose bringt einen Brief vom Sultan an Hernando. Darin heißt es u. a.:

„Es ist mein ausdrücklicher Wunsch und der aller Muslime, dass du weiterhin in den Mauern der bedeutendsten Moschee im Westen den Schöpfer ohnegleichen lobst und preist. Auch wenn es nur im Verborgenen geschehen kann, wünsche ich mir, dass dort weiterhin aus deinem Munde die ewigen Gebete zum einzigen Gott zu hören sein mögen, und wenn du nicht mehr bist, sollen deine Söhne und die Söhne deiner Söhne diese Aufgabe übernehmen. […]

 Unsere Religionsgelehrten halten es für unerlässlich, das Original des Evangeliums zu finden, welches der Kopist zu Zeiten al-Mansurs versteckt haben will. Sei es der Wille Gottes, dass wir es eines Tages entdecken! Wir würden alles dafür geben, denn eine Kopie werden die Christen niemals anerkennen.

 Deine Gattin übermittelt dir alle Glückwünsche, und sie ermutigt dich, den Kampf fortzusetzen, den ihr gemeinsam begonnen habt. Wir werden sie behüten, bis der Tod euch einst wieder vereint.“ (S. 907f.)

Immerhin eine originelle Lösung für die Sache mit dem Barnabas-Evangelium.

Hernando ist erleichtert, und das Buch endet damit, wie er hoffnungsvoll seine glückliche Familie betrachtet.

 

Was kann man jetzt abschließend dazu sagen?

Das Ende ist wenig befriedigend. Falcones erzählt die Geschichte eines Mannes, der zu moralisch fragwürdigen Methoden (Betrug, Leichenraub) greift, um für sein Volk eine bessere Zukunft zu schaffen, und damit keinen Erfolg hat. Nicht, dass vordergründige Erfolglosigkeit immer schlimm wäre; eins meiner Lieblingsbücher endet mit dem Martyrium der Hauptfigur, und dass, ohne dass er zuvor nach außen hin viel erreicht hätte. Aber das christliche Martyrium ist ja nicht schlimm; das genaue Gegenteil ist der Fall. Hier hat Hernandos zentralstes Streben keine Früchte getragen, und die allermeisten seiner Glaubensgenossen mussten Spanien verlassen.

Aber vielleicht tue ich Falcones hier ja Unrecht. Vielleicht will er nur darstellen, dass man mit Lügen und anderen falschen Mitteln am Ende nichts Gutes bewirken kann.

Die Bemühungen des Autors, Hernando irgendwo zwischen Christentum und Islam stehen zu lassen, wirken mal mehr, mal weniger gekünstelt. Dass er im Alpujarras-Krieg zwei Christen rettet, später fälschlich als Apostat gilt und noch später eine Christin heiratet – okay. Aber dass Falcones ihn auch schon deshalb als zwischen den Religionen stehend präsentieren will, weil sein Vater ein katholischer Priester war, ist doch ein bisschen bemüht; dass seine Mutter von diesem Priester vergewaltigt wurde, lässt Hernando schließlich keine Sympathie für das Christentum empfinden; wieso sollte er sich also als Junge in seiner Identität unsicher sein? Aber okay, dass die anderen Morisken ihn deshalb schief ansahen, kann man sich vorstellen; Kindern, die z. B. gegen Ende des 2. Weltkriegs durch Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten entstanden waren, ging es in Deutschland und Österreich ja häufig ähnlich. (Ich gehe davon aus, dass das auch für andere historische Beispiele gilt, kenne mich damit konkret aber nicht aus.)

Und das führt mich auch schon zu zwei weiteren Dingen:

Erstens: Dass Hernando trotz leichter synkretistischer Tendenzen Muslim und nichts anderes ist, ist das ganze Buch über klar. Er will kein Mischmasch zu gleichen Teilen aus den zwei Religionen herstellen (nicht, dass ich das empfehlen würde… *schüttel*), er will einfach beweisen, dass die islamische Lehre, und dazu gehört zufällig eine Lehre über die ursprünglich christlichen Gestalten Jesus und Maria, die richtige, die überlegene ist. „Versöhnung der Religionen“ bedeutet für ihn „Durchsetzung des Islam“ – und das auch in seiner eigenen Familie. Ist ja okay, wenn er als Muslim das so sieht. Das würde ich gar nicht anders erwarten, nur sollte er bzw. sein Erfinder uns nicht was anderes vorzumachen versuchen.

An dieser Stelle sollte man neben dem Verwirrspiel um das Barnabas-Evangelium, das der Autor als ältere Schrift darstellt, während es in Wahrheit etwa in derselben Zeit wie Hernandos Fälschungen entstanden ist (was im Nachwort nur mit einer sehr vagen Formulierung richtiggestellt wird; https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/01/08/die-pfeiler-des-glaubens-teil-4-hernando-entdeckt-ein-geheimes-evangelium-und-die-christen-sind-lustfeindlich/), auch die Beschönigung der muslimischen Herrschaft über Spanien erwähnen. Immer wieder vermittelt Falcones den Eindruck, dass die maurische Zeit deutlich besser als die Epoche nach der Reconquista gewesen wäre, weil, äh… schöne Säulen… und Minarette… und Bücher über Kalligraphie und… Kulturzeugs… Alles in allem wird dem Leser nahe gelegt, zu denken, Okay, die Muslime haben schon auch ihre Fehler, aber es wäre vermutlich besser, wenn die herrschen würden als diese inquisitorischen Christen. Immerhin wird auch Tetuan näher gezeigt, das diesem Eindruck für mich sehr effektiv entgegenarbeitet.

Manchmal jedenfalls muss ich bei diesem Buch an die geniale Zeile aus G. K. Chestertons Ballade „Lepanto“ denken, die er Mohammed in den Mund legt:

„Put down your feet upon him, that our peace be on the earth.“

Gut, dass die Spanier nach 711 diese Art von Frieden nicht akzeptieren wollten.

File:15th century depiction of Battle of Teba 1330.jpg

(Darstellung einer Schlacht der Reconquista (Schlacht von Teba, 1330), 15. Jahrhundert, Wikimedia Commons)

Zweitens: Ach ja, und dann der vergewaltigende Priester. „Die Pfeiler des Glaubens“ kommt wie so gut wie alle Romane über Kirchengeschichte nicht ohne eine gewisse Dosis Antiklerikalismus aus. Ausnahmslos alle Priester, die nur nebenbei auftauchen, wirken kalt, unfreundlich und fanatisch. Sie sagen Dinge wie „Ketzer! Wir müssen ihn bei der Inquisition anklagen“ (S. 241), „Ich kann leider weder Reue noch Bußfertigkeit erkennen“ (wozu „bösartig“ gelächelt wird, S. 248), „Der Verfolgung der Ketzerei und der Verteidigung der Christenheit ist jedwede andere Tätigkeit unterzuordnen!“ (S. 441) „Vermaledeiter Ketzer!“ (S. 444) „Warum bittest du nicht deinen falschen Propheten um Hilfe?“ (S. 848) „Gottverdammte Ketzer!“ (ebd.; Verstoß gegen das zweite Gebot!) Für eine etwas wichtigere Figur, Don Martin, den Pfarrer aus Hernandos Heimatdorf, gilt genau dasselbe; sogar während der Wandlung (!) dreht der sich bei der Sonntagsmesse um, um seine unruhigen Pfarrkinder zu beschimpfen („‚Hunde!’, schrie er. ‚Haltet den Mund, ihr Häretiker! […]’“ (S. 16)). Der junge Sakristan in Juviles wirkt ein wenig freundlicher, ist nach dem Krieg aber ebenfalls sehr feindlich gegenüber den Morisken gesonnen. Ein weiterer, ein wenig anders dargestellter Priester in diesem Buch ist Don Álvaro, ein Pfarrer aus Córdoba, der Hernandos Familie, als der noch mit Fatima, Francisco, Inés, Aischa, Shamir und Hamid zusammenlebt, regelmäßig die bei Neuchristen vorgeschriebenen Besuche abstattet. Der passt zwar nicht so sehr ins Bild des asketischen Fanatikers, dafür aber ganz gut in das des „Wasser predigenden, Wein trinkenden“ Geistlichen (wer übrigens meint, unsere Religion würde Wasser predigen und Wein verbieten, sollte 1 Timotheus 5,23 oder Johannes 2,1-12 konsultieren, aber ich schweife ab). Er lässt sich ausgiebig mit Wein und Gebäck bewirten und ist dann zufrieden, wenn er die Kinder ein wenig Glaubenswissen abgefragt hat und sich bei Hernando noch über „die Lutheraner und ihre Angriffe auf den Lebenswandel des katholischen Klerus“ (S. 427) auslassen kann. Impliziert wird natürlich, dass getroffene Hunde bellen und sich an Don Álvaro etwas findet, das die Lutheraner kritisieren könnten. Auch an anderen Stellen redet Falcones ja z. B. allgemein davon, wie viele Priester den Zölibat nicht halten würden o. Ä.

File:Die Gartenlaube (1874) b 151.jpg

(„Am Beichstuhl“, Karikatur aus der Zeitschrift „Die Gartenlaube“, 1874, Wikimedia Commons)

Sagen wir’s so: Wenn in einem Jugendbuch, in dem Szenen in einer Schule vorkommen, mal ein türkischer Schüler auftaucht, der häufig schwänzt, nie seine Hausaufgaben erledigt und in jeder Pause „Deine-Mudda“-Witze reißt – okay. Aber wenn praktisch alle Türken in allen solchen Büchern so dargestellt werden würden, würde ich mich doch fragen, was mit den Autoren abgeht.

Wie wäre es z. B. mal mit solchen Priester-Figuren:

Der junge Kaplan Manuel kommt frisch aus dem Priesterseminar, hat die Texte des Trienter Konzils und diverse gegenreformatorische Schriften dort begeistert studiert, ist ein glühender Marienverehrer, hat schon mehrere Petitionen für die Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis unterschrieben, gibt sich große Mühe, bei seinen neuen Aufgaben alles richtig zu machen, und predigt stets in ausgesprochen ergriffenem Ton, der den Gemeindemitgliedern übertrieben vorkommt. Allerdings gerät er öfter mal in Streit mit seinem Vorgesetzten Don Jerónimo, der für den Enthusiasmus der Jugend nicht viel übrig hat, für neue theologische Ideen auch nichts, und der es ganz und gar nicht leiden kann, wenn er den Eindruck hat, ein junger Priester protze mit seiner Bildung aus dem Seminar. Don Jerónimo ist schon älter und sein Rücken macht ihm Probleme und sein Magen auch, aber er gibt sich Mühe, die Alten und Kranken der Pfarrei häufig zu besuchen, und er predigt oft ernst über die Sterblichkeit allen Fleisches und die Vorbereitung auf einen guten Tod. Dann wäre da Don Felipe, der Pfarrer aus der Nachbarpfarrei, der stottert und deshalb das Predigen nicht leiden kann, und der jeden Abend an seinem Schreibpult sitzt und an einem Werk über die sieben Sakramente arbeitet. Allerdings ist er nie zufrieden damit, wie er seine Gedanken zu Papier gebracht hat, schämt sich halb für seine Entwürfe, und träumt gleichzeitig insgeheim davon, einmal als großer Theologe anerkannt zu werden. Das beichtet er ab und zu als eine Sünde der Eitelkeit. Don Gil, der mit Manuel im Priesterseminar war, sollte den Priesterberuf ergreifen, weil sein Vater, ein niederer Adliger, das für seinen vierten Sohn so vorgesehen hatte; er hatte auch nicht direkt was dagegen, allerdings hatte er schon so seine liebe Mühe mit dem Latein und den anderen Fächern, und es wäre ihm schon lieber gewesen, zur Jagd zu reiten und Pferde zu züchten, als Messen zu lesen – aber da kann man eben nichts machen, und jetzt hat er halt seine Aufgaben als einer der vielen Priester an der Kathedrale, die er erfüllen muss, und das ist schon in Ordnung so, denn das ist ja auch eine ehrenvolle Aufgabe für den Herrgott und die Kirche und so. Das sind keine ausgeformten Figuren, und die haben schon viel mehr Persönlichkeit als irgendein Priester in „Die Pfeiler des Glaubens“.

Langer Rede, kurzer Sinn: Es kostet wirklich keine Mühe, sich ab und zu mal einen Kleriker auszudenken, der nicht ununterbrochen „Ketzer!“ keift oder Jungfrauen schändet.

File:Edouard Moyse - Inquisition - Google Art Project.jpg

(Edouard Moyse, Inquisition, nach 1872, Wikimedia Commons)

Falcones bildet eine spannende Epoche ab, und er stellt an manchen Stellen gar nicht schlecht dar, wie beide Seiten, Christen und Muslime, sich in einem Kampf befinden, den sie nicht aufgeben können. Die Christen wollen nicht wieder von den Muslimen unterdrückt werden. Die Muslime wollen sich aus der Unterdrückung durch die Christen befreien. Die Christen werden immer inquisitorischer, um herauszufinden, ob die Muslime heimlich ihren Glauben praktizieren oder sich mit ausländischen Fürsten verbünden, um Spanien zurückzuerobern. Die Muslime halten erst recht an ihrem Glauben fest und versuchen so viele Kontakte ins Ausland wie nur möglich zu knüpfen. Eine Ausweglosigkeit, gegenüber der Hernandos gefälschte arabische Heiligentexte, mit denen er eine gewaltlose Versöhnung bewirken will, hilflos und lächerlich wirken.

Vielleicht wäre die Situation, wie sie sich im späten 16. Jahrhundert darstellt, in einigen Punkten vermeidbar gewesen, wenn die christlichen Herrscher nicht bald nach der Reconquista „Taufe oder Auswanderung!“ gesagt hätten; aber natürlich waren die Morisken auch zu diesem Zeitpunkt schon genau das, für was man sie hielt: Eine Fünfte Kolonne des Feindes. Natürlich hofften sie, dass ihre Fürsten das Land zurückerobern würden, was denn sonst? So war die Situation.

Aber Falcones schreibt natürlich nicht nur über die Situation damals. An manchen Stellen erzählt er zwar einfach eine Geschichte und stellt unvollkommene Situationen dar, die eben so gewesen sein könnten, z. B. wenn es um Shamirs und Abduls Ende geht, aber insgesamt wird seine didaktische Absicht doch deutlich: Gewalt ist keine Lösung, die Religionen müssen sich versöhnen, wir glauben doch alle an den Gott Abrahams, religiöse Fanatiker sind alle so brutal, jetzt versöhnt euch doch endlich mal, ihr glaubt immerhin beide an Maria, oder? Ich habe ja nichts gegen Bücher mit einer Message, einige meiner Lieblingsbücher haben eine Message… aber gelegentlich ginge es auch weniger überdeutlich.

Alles in allem: Spannende Zeit, mittelmäßiges Buch, in dem die Nebenfiguren teilweise interessant sind und man über sie zu wenig erfährt. Nervige Begünstigung einer Verschwörungstheorie um das Barnabas-Evangelium, das von Muslimen immerhin immer noch für echt gehalten wird.

Kommen die Heiden in die Hölle, wenn wir sie nicht missionieren? Pius IX. vs. Leo Bigger vs. Rolf Krüger

„Uns und Euch ist bekannt, daß diejenigen, die an unüberwindlicher Unkenntnis in bezug auf unsere heiligste Religion leiden und die, indem sie das natürliche Gesetz und seine Gebote, die von Gott in die Herzen aller eingemeißelt wurden, gewissenhaft beachten und bereit sind, Gott zu gehorchen, ein sittlich gutes und rechtes Leben führen, durch das Wirken der Kraft des göttlichen Lichtes und der göttlichen Gnade das ewige Leben erlangen können, da Gott, der die Gesinnungen, Herzen, Gedanken und Eigenschaften aller völlig durchschaut, erforscht und erkennt, in seiner höchsten Güte und Milde keineswegs duldet, daß irgendjemand mit ewigen Qualen bestraft werde, der nicht die Strafwürdigkeit einer willentlichen Schuld besitzt.“

(Pius IX., „Quanto conficiamur moerore“, 1863)

 

Gestern bin ich mal wieder auf einen der vielen verschnupften Kommentare vonseiten der liberalen Christen zur MEHR und zum dort vorgestellten Mission Manifest gestoßen; dieser hier stammt von Rolf Krüger (https://www.aufnkaffee.net/2018/01/der-elefant-im-christlichen-raum/). Und er wirft tatsächlich interessante Grundsatzfragen zum Thema Mission auf.

Gleich mal vorweg meine Einstellung zur MEHR und zum Mission Manifest: Ich konnte aus privaten Gründen nicht nach Augsburg fahren, hätte mir die Veranstaltung aber gerne mal angesehen, hab’s geschmacklich nicht soo arg mit Charismatik und Lobpreis, fand Johannes Hartl bei einem Vortrag, bei dem ich ihn schon live erlebt habe, inhaltlich ziemlich gut, und finde es toll, wie das Gebetshaus und die MEHR das ins Zentrum stellen, was zählt. Jesus. Nähe zu Jesus durchs Gebet. Weitergabe des Glaubens an Jesus. Ja, genau, und das heißt Mission – am Mission Manifest kann man sicher an ein paar Details herumkritteln (wollen die wirklich behaupten, dass die Chancen der Mission nie und nirgends größer waren?), aber die Grundrichtung ist doch selbstverständlich für jeden Christen. Natürlich geben wir die frohe Botschaft weiter, die wir empfangen haben. Wenn unsere Vorgängergenerationen das nicht getan hätten, würden wir heute noch Thor oder Jupiter anbeten – und da ist mir Jesus doch lieber.

Rolf Krüger sieht das anders. Ihm geht es um die Verbreitung der Ideen von Liebe, Versöhnung und Überwindung von Gewalt an sich: „Ziel von Mission ist dann nicht ein Religionswechsel, sondern ein Gesinnungswechsel.“ Natürlich ist das Blödsinn – der zudem verkennt, dass Religion und Gesinnung nicht einfach voneinander getrennt werden können (welche Gesinnung schreibt z. B. der Hinduismus gegenüber den unteren Kasten vor?) – , aber Krügers Gründe hören sich in diesem Artikel nicht ganz so blödsinnig an. Er reagiert konkret auf die Erlösungslehre des freikirchlichen Pastors Leo Bigger, der auch auf der MEHR aufgetreten ist (und der übrigens wegen seiner prosperity-gospel-Predigten auch unter Freikirchlern kritisiert wird). Diese Erlösungslehre ist im evangelikalen Bereich ziemlich häufig anzutreffen; Krüger beschreibt Biggers Rede nach der Vorstellung des Mission Manifest folgendermaßen:

„Ziel und Sinn von Mission sei es, die Menschen vor der Hölle zu warnen, der ewigen Strafe Gottes für alle Unbekehrten. Biggers erster ‚eigener Bekehrter‘, so erzählt er stolz, kniete schluchzend auf dem Boden des für ihn unerwartet menschenleeren Band-Proberaums, in der verzweifelten Überzeugung, alle anderen seien entrückt worden und er selbst würde jetzt im ewigen Feuer landen.

Das hatte ihm Bigger nämlich kurz zuvor erzählt und hinzugefügt: ‚Hoffentlich hast du dann noch die Gelegenheit, dich zu Jesus zu bekehren!‘ Also fiel der sich zurückgelassen Geglaubte auf die Knie und bekehrte sich. So fanden ihn Bigger und die anderen Bandmitglieder dann auch, als sie vom Kaffeetrinken zurück kamen.

Eine lustige Geschichte, wenn sie nicht so traurig wäre. Denn sie zeigt: Für einen Teil der Christen ist sogar Angst ein probates Mittel für die Mission. Oder Winkelzüge wie zum Beispiel, mit jemandem nur deshalb freundschaftlichen Kontakt aufzubauen, um irgendwann Gespräche über den Glauben zu führen. […]

Es gibt die geretteten Jesus-Nachfolger, die nach dem Tod in den Himmel zu Gott kommen, und die Verlorenen anderen Menschen, deren Seelen ewig gequält oder ausgelöscht werden. Und deshalb ist es überlebenswichtig für jeden Menschen, von Jesus zu hören und bewusst Christ zu werden.

Mission ist also die Verbreitung der Informationen über Jesus mit dem Ziel, möglichst viele Menschen vor der ewigen Verdammnis zu retten.

Für viele evangelikale Christen funktioniert die Erlösung folgendermaßen: Christus bietet sie an und der Einzelne muss mit dem Glauben auf dieses Angebot antworten (sola fide – Werke zählen nicht!). Dazu muss er an einem bestimmten Punkt seines Lebens die persönliche Entscheidung treffen, sein Leben von nun an Jesus zu übergeben. Das geht am besten mit einem Gebet, das bestimmte Dinge enthalten muss: Ich erkenne an, dass ich ein Sünder bin, dass ich mich nicht selbst retten kann, und dass Jesus gestorben ist, um mich zu retten, und ich lade Ihn ein, „in mein Herz zu kommen“. Oder so ähnlich. Vor allem im amerikanischen Raum finden sich zahlreiche vorformulierte Versionen des „Sinner’s Prayer“. Von da an ist man erlöst und diese Erlösung kann nicht mehr verloren gehen. (Wenn man später doch vom Glauben abfallen sollte, war man nie wirklich erlöst und hat das Gebet damals eben nicht ernst gemeint.) Um die Zugehörigkeit zu Jesus öffentlich zu bezeugen, kann man sich dann noch taufen lassen, aber die Taufe ist nur noch ein zusätzliches Zeichen, das nichts bewirkt. (Eine Säuglingstaufe ist sinnlos.) Alle, die in ihrem Leben keine solche Bekehrung erfahren haben, gehen verloren, denn nur durch Jesus kommt man zu Gott.

Was die „Entrückung“ (englisch „rapture“) angeht, von der der Artikel spricht: Das ist eine relativ neue theologische Idee im evangelikalen Raum, die sich ab dem 19. Jahrhundert ausgebreitet hat; sie gehört zum sog. Dispensationalismus. Knapp gesagt besagt diese Lehre, dass, bevor Christus am Jüngsten Tag wiederkehren wird, eine siebenjährige Zeit der Plagen kommen wird (Dispensationalisten haben detaillierte Zeittafeln erstellt, auf denen steht, wann der Antichrist auftreten wird, wer wann gegen wen Krieg führen wird, welche Verfolgungen und Naturkatastrophen wann kommen werden, und manchmal beobachten sie auch, ob der Antichrist schon dabei sein könnte, sich die Weltherrschaft zu erarbeiten – Obama stand für diesen Posten einmal hoch im Kurs), dass aber vor oder während (da ist man sich nicht ganz einig) der Zeit der Plagen die Christen noch in den Himmel entrückt werden werden, damit ihnen das Schlimmste erspart bleibt. Der Rest der Welt kann sich dann immerhin während der Plagenzeit noch bekehren. Die meisten Dispensationalisten erwarten die Entrückung in naher Zukunft, und aus dieser Idee heraus sind auch Romane wie die „Left Behind“-Reihe entstanden, nach der dann auch Filme gedreht wurden, an denen u. a. Kirk Cameron mitgewirkt hat:

Besonders gut sind die alle nicht.

Jedenfalls, die Einstellung „Schau, dass du dich schnell bekehrst, bevor noch die Entrückung geschieht oder du von einem Bus überrollt wirst“ scheint im evangelikalen Raum relativ präsent zu sein.

Im Katholizismus ist es etwas komplizierter; auch da ist man der Meinung, dass man es nicht aus Desinteresse und moralischer Faulheit aufschieben sollte, über sein Leben und die Wahrheit nachzudenken; auch wenn das „Bekehre dich, ehe es zu spät ist“-Motiv in katholischen Predigten heute eher selten auftaucht, ist es doch ein traditionell katholisches Motiv. Aber: Für uns Katholiken ist das mit der Erlösung komplizierter.

Gott will allen Menschen die Vergebung ihrer Sünden schenken, und die Erlösung geschieht durch die Taufe, die Er als Mittel dafür eingesetzt hat, uns Seine Gnade zu vermitteln. Auch kleine Kinder können schon in den Gottesbund aufgenommen werden; ab dem Alter von sieben Jahren ist eine eigene Entscheidung für die Taufe notwendig; und dazu gehört Reue über die vergangenen Sünden. Man kann das Heil durch schwere Sünden wieder verlieren, was dann Reue und Bekenntnis (Beichte) nötig macht. In diesem Sinne nehmen Taufe und Beichte in der katholischen Kirche einen ähnlichen Stellenwert ein wie bei den Evangelikalen das Sündergebet. Aber: Jemand, der bei seinem Tod nicht getauft oder nach einer Todsünde nicht mehr zur Beichte gekommen ist, kommt eben nicht automatisch in die Hölle. Schon in der Antike gab es das Konzept der „Begierdetaufe“: Von Katechumenen, die sich auf ihre Taufe vorbereitet hatten, aber vorher gestorben waren, nahm man  an, dass Gott ihren Wunsch zur Taufe genauso werten würde wie eine durchgeführte Taufe. „Der Wille zählt fürs Werk.“ Das Gleiche gilt für jemanden, der sagen wir mal, auf dem Weg zur Beichte überfahren wird. Dieses Konzept lässt sich erweitern auf diejenigen Menschen, denen einfach nicht bewusst ist, dass die katholische Taufe zum Heil notwendig ist. Mit anderen Worten: Gott will das Heil aller Menschen und lässt niemanden ohne persönliche schwere Schuld verlorengehen; es kann schwere Schuld sein, wenn einem Wahrheit und Moral egal sind, aber wenn jemand nach der Wahrheit sucht und dabei auf die falsche Fährte gerät, wird der gerechte Gott es ihm selbstverständlich nicht anrechnen. Pius IX. sprach hier von „unüberwindlicher Unwissenheit“, Karl Rahner später von „anonymen Christen“. Manche Leute befinden sich im Zustand dieser Unwissenheit, weil sie gar keine Ahnung vom Christentum haben, andere, weil man ihnen Vorurteile über die Kirche glaubhaft nahegebracht hat, andere vielleicht aus wieder anderen Gründen; im Endeffekt kennt nur Gott das Herz eines jeden Menschen.

Das bedeutet, dass Katholiken nicht ganz so sehr auf Bekehrungen drängen müssen wie Evangelikale, da wir auf Gottes Güte vertrauen dürfen – mit anderen Worten, dass man Menschen z. B. Zeit lassen kann, sich vom katholischen Glauben zu überzeugen. Wieso sollte man Leute drängen, eine Religion anzunehmen, bevor sie sie geprüft haben? Daher auch die von der Kirche vorgeschriebene Vorbereitungszeit vor Erwachsenentaufen. Es bedeutet auch, dass man als Katholik keine solche Dringlichkeit fühlen muss, den Nachbarn auf Gedeih und Verderb zu bekehren, weil der ja ohne eine persönliche Entscheidung für Jesus sicher in der Hölle landen würde; den Katholiken wird kein falsches schlechtes Gewissen wegen ihres mangelnden Einflusses auf andere eingeredet. Es bedeutet, dass Menschen, die sich für das Christentum interessieren, keine Angst vor Gott gemacht wird, damit sie ja jetzt sofort Christ werden – die Geschichte von oben ist wirklich nicht sehr schön, und ich weiß nicht, ob so eine Bekehrung zu einer gesunden Gottesbeziehung führt. Es bedeutet auch, dass interessierte Nichtchristen nicht abgestoßen werden von einem solchen auf Panikmache bauenden Glauben. Das mag ich so am Katholizismus: Es wird nicht geduldet, dass Gottes Gerechtigkeit, Güte und Gnade geschmälert werden.

Hier zeigt sich eben ein Problem bei der Ökumene mit den glaubenseifrigen Freikirchlern: Okay, sie ist nicht immer so anstrengend wie die nervigen offiziellen Termine mit den EKD-lern, aber es gibt doch, na ja, gewisse Differenzen, die einen größeren Unterschied ausmachen, als man auf den ersten Blick meinen würde. Und zwar nicht erst, wo es um Freikirchler geht, die der Meinung sind, dass Katholiken keine Christen sind und der Vatikan die Hure Babylon ist. Ketzer sind se halt alle noch, und wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu nachlässig gegenüber ihren Ketzereien werden.

Aber das alles kann man kaum als Argument gegen Mission hindrehen. Mission bedeutet eben ein Mitteilen der guten Nachricht, der befreienden Wahrheit über den einzigen Gott. Was kann dagegen sprechen, diese Botschaft an möglichst viele Menschen weiterzugeben? „Gott wird jemanden nicht dafür bestrafen, dass die Mission ihn nicht erreicht hat“ ist keine Begründung dafür, die Mission sein zu lassen, genausowenig wie „Du wirst nicht bestraft werden, wenn du wegen einer Krankheit nicht in die Schule kommen konntest“ ein Argument dafür ist, das Schwänzen zu ermutigen und die Anwesenheit nicht mehr zu kontrollieren. (Über den Sinn und Unsinn verschiedener Missionsmethoden kann man sich dann unterhalten…)

Rolf Krüger macht hier eine blödsinnige Dichotomie auf zwischen den Christen, die Mission wollen, weil die Leute sonst alle in die Hölle kommen, und denen, die lieber den respektvollen interreligiösen Dialog pflegen, ohne dabei den Versuch zu unternehmen, jemanden von der Wahrheit ihrer Religion zu überzeugen. Er stellt es so dar, als ob es ersteren um die Rettung des Menschen vor göttlicher Strafe ginge und letzteren um die Rettung des Menschen vor sich selbst (durch die Verbreitung der Idee von Liebe und Vergebung, der „Idee, für die Jesus steht“) – als ob die Hölle nicht gerade das wäre, was der Mensch sich selbst einbrockt und woraus Gott ihn retten will. Dass der Mensch vor sich selbst gerettet werden muss, da sind sich alle einig – Uneinigkeit besteht nur da, wo es drum geht, ob ein Religionswechsel [wenn man um die Wahrheit jener Religion weiß] dafür notwendig ist. Rolf Krüger betrachtet den christlichen Glauben nur als nette, nicht wirklich notwendige Zugabe zu dem eigentlich Wichtigen, und das ist einfach nicht so – erstens mal kann die Wahrheit nie unwichtig sein, zweitens fällt ohne sie die Idee von Liebe und Versöhnung irgendwann auseinander (z. B. wenn Menschen nicht bewusst ist, dass ihre Verbrechen ihnen von Gott vergeben werden können).

 

Ein verspäteter Buchtipp zu Dreikönig

Wer waren die „Sterndeuter aus dem Osten“? In dem Jugendbuch „Alphabet der Träume“ spinnt Susan Fletcher eine Geschichte um die geheimnisvollen Gestalten aus dem Matthäusevangelium. Hier gibt es eine Leseprobe: https://www.amazon.de/Alphabet-Tr%C3%A4ume-Susan-Fletcher/dp/3446209018/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1515444591&sr=8-3&keywords=alphabet+der+tr%C3%A4ume

(Darstellung der Drei Weisen auf einem Mosaik aus dem 6. Jahrhundert, Ravenna)

Ich habe „Alphabet der Träume“ vor einigen Jahren geschenkt bekommen, fand es toll und habe es mehrmals wieder gelesen. Die Autorin übernimmt eine häufig gehörte Deutung und stellt die „Magoi“ als persische zoroastrische Priester und Sterndeuter dar. Die Hauptpersonen in dem Buch aber sind die vierzehnjährige Mitra und ihr fünfjähriger Bruder Babak, die in der Karawane des Magus Melchior landen, der sich dann auch Kaspar und Balthasar anschließen.

Mitra, Babak und ihr großer Bruder Suren stammen aus einer Familie, die königlicher Abstammung ist – und ihr Vater Vardan hat vor drei Jahren versucht, den persischen König Phraates zu stürzen. Seitdem sind sie auf der Flucht; ihre Eltern sollen tot sein. Am Beginn des Buches leben Mitra und Babak in der „Totenstadt“ bei der Stadt Rhagae, einem großen System aus uralten Grabhöhlen, in dem Bettler hausen. „Die meisten Bettler zogen es vor, innerhalb der Stadtmauern von Rhagae zu hausen, in irgendeinem verlassenen Loch oder in den Ruinen eines alten Palastes, wo die Luft frischer war und wo man nicht über Knochen stolperte, die aus zerfallenen Urnen gefallen waren. In den Höhlen dagegen war die Luft dumpf, und man wurde ständig an den Tod erinnert. In diesen uralten Felsenhöhlen lebten nur diejenigen, die sich vor anderen Bettlern in Sicherheit bringen mussten – wehrlose Frauen, Kranke oder Krüppel, sehr Junge oder sehr Alte.“ (S. 17f.) Mitra gibt sich zu ihrer Sicherheit als Junge aus und nennt sich Ramin, und tagsüber geht sie mit ihrem Bruder in die Stadt, um zu betteln und Essen zu stehlen.

Die beiden warten auf die Rückkehr Surens, den Mitra vor einigen Wochen überredet hat, sich Arbeit in einer Karawane nach Susa, wo sie herkommen, zu suchen. „Suren wusste, wo unser Vater Schatullen mit Goldmünzen vergraben hatte. Alles, was er tun musste, war, sie auszugraben und damit zu uns zurückzukehren. Das würde er doch sicher schaffen! Mit Goldmünzen konnten wir für uns drei einen Platz in einer Karawane nach Palmyra bezahlen, wohin, wie wir gehört hatten, Mitglieder unserer Familie geflohen waren.“ (S. 14) Palmyra liegt in weiter Entfernung auf römischem Gebiet, im heutigen Syrien; Rhagae ist ein Stück südlich vom Kaspischen Meer.

Im ersten Kapitel zieht die Karawane eines Magus in Rhagae ein und Mitra und Babak halten vergeblich nach Suren Ausschau; aber wieder einmal ist er nicht dabei. An diesem Tag gelingt es Babak auch, die Fellmütze eines Skythen auf dem Marktplatz zu stehlen, und als er in der Nacht mit dieser Mütze auf dem Kopf schläft, träumt er von der Geburt eines Jungen. Am nächsten Tag, als er den Skythen in der Stadt wiedererkennt, ruft Babak ihm zu, es würde ein gesunder Jungen werden. Der Skythe, der die zwei erwischt, obwohl Mitra noch versucht, mit Babak wegzulaufen, denkt nicht mehr an die gestohlene Mütze, sondern hält Babaks Traum für ein gutes Omen, da seine Frau tatsächlich ein Kind erwartet, und gibt den beiden etwas Geld dafür. Nachdem sich der Traum erfüllt hat, sucht er wieder nach ihnen, und auch seine Verwandten, unter denen sich die Nachricht herumgesprochen hat, wollen Babak jetzt für sich träumen lassen, indem sie ihn mit ihren Kleidungsstücken am Körper schlafen lassen.

Mitra hat kein gutes Gefühl dabei, ihren Bruder für andere träumen zu lassen, lässt sich aber letzten Endes doch auf den Handel ein, solange seine Gabe noch einigermaßen geheim gehalten wird und sie für die Träume bezahlt werden. Eine alte Bettlerin aus der Totenstadt, Zoya, übernimmt für die beiden die Vermittlung, da Mitra nicht will, dass diese Leute direkten Kontakt zu ihr und ihrem Bruder haben.

Babak ist zufrieden, solange sie mit dem Geld von seinen Träumen, die sich weiterhin erfüllen, Melonen kaufen können; Mitra dagegen träumt nicht nur davon, nicht mehr stehlen und hungern zu müssen, sondern vor allem davon, die Reise nach Palmyra auch dann bezahlen zu können, falls Suren nicht an das versteckte Gold kommen sollte. Palmyra ist das Ziel ihrer Träume: „Viele Perser, die aus dem Land hatten fliehen müssen, lebten jetzt dort, hatte ich gehört. In Palmyra sei die Familie Vardans hoch angesehen. Würde hofiert und geehrt, wie es unserer rechtmäßigen Stellung entsprach. Suren schien in der Lage zu sein, unsere jetzige elende Existenz hinzunehmen, doch ich konnte das nicht. Wollte es auch nicht! Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass es für alle Zeit so weitergehen würde mit uns, dass wir uns immer weiter so jämmerlich durchschlagen müssten mitten unter dem Pöbel.“ (S. 27) „Vergiss nicht, wer du bist“, sagt sie Babak immer wieder, wie ihre Großmutter es ihr früher gesagt hat. Sie ist sich sehr sicher, wer sie ist und was sie will. Zu diesem Zeitpunkt.

Nicht allzu lange Zeit später merkt sie, dass ein Mann aus der Karawane des Magus, mit dem offenbar ein Verwandter des Skythen gesprochen hat, sich für Babak zu interessieren scheint, und sie verstecken sich vor ihm. Zur selben Zeit tauchen zwei Männer in Rhagae auf, die Zoya bemerkt, und die sie für Spione von Phraates hält. „Zoya [berichtete], dass Stunden zuvor zwei wie Kaufleute gekleidete Männer in die Totenstadt gekommen seien und sich nach einem kleinen Jungen namens Babak und einem älteren Bruder oder einer Schwester erkundigt hätten. ‚Aber mich konnten sie nicht täuschen‘, sagte Zoya. ‚Wann sieht man schon einmal einen Kaufmann mit einem Bogenfutteral am Sattel oder einem Bogenring am Daumen? Und ein Kaufmann mit so harten Augen ist mir auch noch nicht begegnet.'“ (S. 66) Zoya vermutet, dass Suren gefangen genommen wurde und unter Folter den Aufenthaltsort seiner Geschwister verraten hat, weshalb die Spione nach Rhagae gekommen sind. Mitra will das nicht glauben, und sie weigert sich, wie Zoya vorschlägt, zur Karawane des Magus zu gehen, um dort Schutz zu suchen.

Zoya schafft Mitra und Babak daraufhin zu Bekannten, die ihr noch etwas schulden und die in einer kleinen Siedlung in den Sümpfen nahe der Stadt leben, um sie vor „den Augen und Ohren des Königs“ zu verstecken – und gibt Mitra dann ein Schlafmittel und schafft Babak fort, um ihn an den Magus zu verkaufen, der von Babaks prophetischen Träumen erfahren hat und sie für sich nutzen will. Als Mitra aufwacht, behauptet Zoya, sie habe ihnen damit einen Gefallen getan. Mitra folgt der Karawane, die aus Rhagae nach Westen aufgebrochen ist, und wird schließlich von Melchiors Diener Giv, der ihr schon entgegengekommen ist, aufgegriffen. Ihr Bruder weint nach ihr und will ohne sie weder träumen noch auch nur etwas essen, erfährt sie. Melchior, der als reicher, eingebildeter, an Luxus gewöhnter Mann dargestellt wird, lässt Mitra daher in seiner Karawane bleiben, weigert sich aber, Babak gehen zu lassen. Er will dessen Gabe jedoch ebenso wie Mitra geheim halten – sie für sich behalten.

Sie ziehen weiter Richtung Westen. Babak träumt für Melchior von geheimnisvollen Sternen, die dieser offenbar schon in Rhagae beobachtet hat, und wegen denen er sich entschieden hat, plötzlich in diese Richtung zu reisen. (Im Nachwort geht die Autorin übrigens auf die reale Sternenkonstellation ein, die die Weisen beobachtet haben könnten.) Seine Träume bestätigen die Pläne des Magus und fügen schließlich neue Informationen hinzu. Mitra versteht das Ziel der Reise nicht und schmiedet Fluchtpläne, und Babak wird allmählich geschwächt und krank durch das Träumen für andere Menschen. Die Augen und Ohren des Königs sind weiterhin auf der Suche nach den beiden Geschwistern, und als ein Mann aus der Karawane Mitra heimlich anbietet, ihr bei der Flucht zu helfen, und sie zu Suren zu bringen, den er angeblich getroffen habe, ist sie hin- und hergerissen, ob sie ihm vertrauen soll oder nicht…

Ich will jetzt nicht noch mehr verraten; vermutlich waren es schon zu viele Spoiler. Nur noch so viel: Auch der gelehrte Kaspar und der heiligmäßige Balthasar tauchen schließlich auf, und sie alle erreichen Jerusalem, wo König Herodes ist, und dann Bethlehem, wo die Heilige Familie sich befindet. Susan Fletcher hält sich hier an den Bericht des Matthäusevangeliums, und dieser Teil des Buches ist magisch.

Auch das Ende ist dann wirklich schön, die Figuren sind gelungen, und die Handlung sorgt für Spannung. Empfehlenswert vor allem für 12-16-Jährige. Aber gerne auch für ältere Leser.

Die Pfeiler des Glaubens, Teil 4: Hernando entdeckt ein geheimes Evangelium und die Christen sind lustfeindlich

Teil III des Buches trägt den Titel „Im Namen des Glaubens“. Es geht im Jahr 1584 weiter; Hernando ist also dreißig Jahre alt. Er lebt als Schützling von Herzog Don Alfonso in dessen Palast in Córdoba und muss keinem Beruf mehr nachgehen. Allerdings wird er von der Gattin des Herzogs und den christlichen Höflingen verachtet und die Morisken von Córdoba sehen ihn nicht mehr als einen der Ihren an, da sie nun wissen, dass er während des Aufstands einem christlichen Granden, einem der Männer, die den Verlauf des Krieges bestimmten, zur Flucht verholfen hat. Don Julián und Jalil sind bei einer Pestepidemie zwei Jahre zuvor ums Leben gekommen und Abbas will nichts mehr mit Hernando zu tun haben. Zu seiner Mutter Aischa hat er noch ein wenig Kontakt und versorgt sie mit Geld, sieht sie aber nicht oft. Sein Leben stellt sich im Ganzen als ziel- und planlos dar und er ist noch immer von Trauer um Frau und Kinder erfüllt, die er für tot hält. Gelegentlich einmal sieht er sich Umbauarbeiten in der Tabernakelkapelle der Kathedrale an und dort freundet er sich mit einem italienischen Freskenmaler namens Cesare Arbasia an.

Um sich zu beschäftigen, beschließt er schließlich, sich in der Bibliothek des Herzogs heimlich mit arabischer Kalligraphie zu beschäftigen. Als er das Geschriebene verstecken will, geht er in einen verlassenen Turm des Palastes, ein ehemaliges Minarett (viele Gebäude Córdobas stammen noch aus maurischer Zeit), und findet neben den Treppenstufen lose Steine, hinter denen sich ein Hohlraum verbirgt. Und darin entdeckt er eine Truhe mit einer arabischen Inschrift, aus der er schließt, dass sie aus der Zeit des Umayyaden-Herrschers al-Mansur (938-1002; https://de.wikipedia.org/wiki/Almansor) stammt. Und in der Truhe befinden sich arabische Bücher.

Das nächste Kapitel beginnt nach diesem Cliffhanger mit einer Unterhaltung mit Arbasia, dem Hernando anvertraut hat, dass er Muslim ist. Zunächst spricht er den Maler darauf an, dass der in einer Abendmahlsdarstellung in einem der Fresken eine Frau gemalt habe, die von Jesus umarmt werde. Arbasia erklärt ihm, es handle sich um den heiligen Johannes – allerdings hört er sich ein bisschen ertappt an („‚Das ist der heilige Johannes.’ ‚Aber…’ ‚Glaub mir, es ist der heilige Johannes.’“ (S. 534))*. Boah, ist das Da Vinci Code! Wird man vielleicht auch noch erfahren, dass es sich bei der Frau um Maria Magdalena, Jesu Ehefrau, den wahren Heiligen Gral, handelt, und ihre gemeinsame Tochter die Urahnin der Merowingerkönige wurde?

Jedenfalls, danach kommt Hernando endlich auf das zu sprechen, was er eigentlich bereden wollte: Die Bücher, die er entdeckt hat. Zunächst erläutert er, dass Al-Mansur zahlreiche Schriften aus der Bibliothek von Córdoba, die nach seiner Auffassung nicht dem Islam entsprachen, verbrennen ließ. Natürlich zeigen beide Figuren angemessenes Entsetzen über diese Zerstörung von Kultur und Wissen, diesen „Frevel“ (S. 535), wie Arbasia es nennt.** Dann erklärt Hernando, dass der Kopist der Bücher ein Schreiben in die Truhe gelegt habe, in dem er erkläre, dass er einige Schriften vor der Verbrennung bewahren wollte und in aller Eile Abschriften angefertigt und versteckt habe. Hernando erzählt, dass darunter „wunderbare Gedichtsammlungen und Traktate“ (S. 535) seien, und… „eine alte Abschrift des Evangeliums, das dem Jünger Barnabas zugeschrieben wird“ (ebd.).

„‚Die Gelehrten, die al-Mansur mit der Auswahl der zu verbrennenden Schriften betraut hatte, waren fest davon überzeugt, dass es sich um ein rein christliches Evangelium handle. Aber dieser Barnabas-Text – so der Kopist – bestätigt den Islam. Der Kopist hielt dieses Barnabas-Evangelium für so bedeutend, dass er nicht nur eine Abschrift anfertigte, sondern sogar das Original vor dem Feuer rettete. Er schreibt zwar, dass er es in Córdoba verstecken wollte, aber nicht, ob ihm sein Vorhaben auch gelungen ist.’

‚Was steht in dem Evangelium?’

‚Im Großen und Ganzen sagt es, dass Jesus kein Gottessohn war, sondern ein Mensch – ein Prophet.’ Hernando meinte, bei seinem Gegenüber ein Zeichen der Zustimmung zu erkennen. ‚Und dass nicht Jesus, sondern Judas gekreuzigt wurde. Dort steht auch, dass Jesus nicht der Messias ist und dass sowohl die Ankunft des wahren Propheten als auch die Offenbarung noch bevorstehe. Außerdem wird die Notwendigkeit der Waschungen und der Beschneidung dargelegt. Diesen Text hat jemand verfasst, der Jesus kannte und seine Taten miterlebte. Aber im Gegensatz zu den anderen Evangelien bestätigt er die Glaubensvorstellungen meines Volkes.’

[…]

‚Es ist bekannt, dass die Päpste die Evangelien manipuliert haben’, sagte Hernando noch.“ (S. 535f.)

Ich fasse zusammen: Hernando weiß, dass die Päpste die Evangelien manipuliert haben – und zwar, weil… das unter Muslimen bekannt ist… weil der Islam das lehrt… das ist eben bekannt? Oder so. Außerdem weiß er, dass das Manuskript, das er entdeckt hat, im Gegensatz zu den anderen Evangelien die Wahrheit wiedergibt und von jemandem verfasst wurde, der Jesus kannte, weil… es den Islam bestätigt?

Hier ist es natürlich ganz sinnvoll, auf die Frage einzugehen: Gibt es dieses Barnabas-Evangelium denn wirklich? Gibt es. (Es ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem antiken Barnabasbrief.) Falcones geht in seinem Nachwort auf die historischen Hintergründe zu seinem Roman ein, und zur Herkunft des Barnabas-Evangeliums schreibt er sehr knapp: „Keine Hypothese, sondern ausschließliches Produkt der Fantasie des Autors hingegen ist der Bezug zwischen dem Evangelium und dem fiktiven Exemplar, das der Verbrennung der großartigen Bibliothek des Kalifats von Córdoba entging.“ (S. 918) Aha… Wenn man z. B. Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Barnabasevangelium) konsultiert, erfährt man Näheres: Es handelt sich beim Barnabas-Evangelium um eine Fälschung, die zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert entstanden ist, möglicherweise in Spanien, wobei der Verfasser vielleicht ein zum Islam konvertierter Christ war, der Christen vom Islam überzeugen wollte. Es finden sich ein paar Detailwidersprüche zur islamischen Lehre, die darauf hindeuten, dass er nicht vollkommen mit ihr vertraut war (z. B. wird Mohammed als Messias bezeichnet, was ein unter Christen verbreitetes Missverständnis der islamischen Lehre war, und Maria gebiert ohne Schmerzen, was eine verbreitete Ansicht unter Christen war und ist, aber nicht dem Islam entspricht), vor allem aber widerspricht das Evangelium den kanonischen (und auch den apokryphen) Evangelien der Antike und trägt die islamische Lehre über Jesus vor: Jesus sei nur ein Prophet gewesen, sei nicht gekreuzigt worden, sei nur zu den Juden gesandt gewesen, habe Mohammeds Kommen angekündigt – und zwar namentlich. Falcones setzt vor den Beginn von Teil III ein Zitat aus dem Barnabas-Evangelium: „Und obwohl ich unschuldig war in der Welt, da die Menschen mich ‚Gott’ und ‚Gottes Sohn’ nannten, hat Gott, damit ich am Tag des Gerichts nicht von den Dämonen verspottet werde, es so gewollt, dass ich von den Menschen in dieser Welt verspottet werde durch den Tod des Judas, indem er alle Menschen glauben machte, dass ich am Kreuz gestorben sei. Und dieser Spott wird andauern bis zur Ankunft Mahomets, Gottes Gesandten, der, wenn er kommen wird, diese Täuschung jenen klarmachen wird, die an Gottes Gesetze glauben.“

Falcones’ Darstellung, nach der das Barnabas-Evangelium zumindest noch vor dem 10. Jahrhundert entstanden sein müsste, ist also schlicht irreführend; zudem verschweigt er, dass, selbst wenn es schon vor dem 10. Jahrhundert entstanden wäre, sogar Hernando mit etwas Mühe herausbekommen hätte können, dass es nicht von jemandem geschrieben worden sein kann, der Jesus kannte. In diesem Evangelium fährt Jesus mit dem Schiff nach Nazareth, das im Binnenland liegt, nicht am See Genezareth, und auch nach Jerusalem, für das dasselbe gilt, und er wird geboren, während Pilatus Statthalter ist, obwohl der erst von 26 bis 36 n. Chr., also zur Zeit von Jesu Tod und Auferstehung, auf diesem Posten war. Trotz alldem und trotz der Tatsache, dass es vor dem 16. Jahrhundert keinen Beleg für diesen Text gibt, wird das Barnabas-Evangelium auch heute noch von muslimischen Apologeten als Beweis für den Islam angeführt.

Wieso stellt Falcones das Barnabas-Evangelium also als glaubwürdig dar? Weil Hernando daran glauben muss, damit die weitere Handlung schlüssig ist? Weil ein Roman, in dem ein neu entdecktes Evangelium vorkommt, das den kanonischen Schriften widerspricht, es natürlich nicht als Fälschung aus der frühen Neuzeit darstellen kann, da schließlich die Kirche entlarvt werden muss, weil es sonst langweilig wäre?

Vermutlich Letzeres, aber weiter im Text.

„‚Warum erzählst du mir das alles?’ fragte er [Arbasia] nach einer Weile barsch. ‚Wieso denkst du…?’

‚Heute’, unterbrach ihn Hernando, ‚habe ich in dem Jesus, den du gemalt hast, einen gewöhnlichen Sterblichen gesehen – ein menschliches Wesen, das eine… das jemanden zärtlich umarmt. Dieser Mensch wirkt liebenswürdig, er scheint sogar zu lächeln. Das ist nicht der ewige und allmächtige Sohn Gottes, der leidende, schmerzvolle und blutende Jesus Christus, den man überall in der Kathedrale findet.’“ (S. 536)

Headdesk. Headdesk, Headdesk, Headdesk.

Es gibt drei Probleme bei Hernandos Aussage:

Erstens, Hernando hängt einem islamischen Gottesbild an. Gott ist nicht liebenswürdig und zärtlich; seine Ewigkeit und Allmacht müssen Ihn auch zu einem Herrscher machen, der fern von Seinen Geschöpfen ist und sich nicht wirklich für sie interessiert.

Zweitens, Hernando versteht die Lehre von der Menschwerdung nicht. Die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit hat wirklich und wahrhaftig Menschennatur angenommen. Seine Mutter hat Ihm ihre Gene vererbt und musste Seine Windeln wechseln, Er hat Wein getrunken, hat Freundschaften geschlossen, hat am Grab eines Freundes geweint, hat Tische im Tempel umgeworfen und hatte panische Angst vor dem Tod am Kreuz. Kurz, Er war „in allem uns gleich außer der Sünde“. Die katholische Kirche lehrt nicht, dass Jesus Gott war und nicht Mensch, im Gegenteil, diese Lehre hat sie in der Antike verurteilt; sie lehrt, dass Er wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich war (und immer noch ist, selbstverständlich).

Ein Christus nach dem Leben (Rembrandt van Rijn)

(Rembrandt van Rijn, Ein Christus nach dem Leben, Quelle: Wikimedia Commons)

Ich geb dir zärtlich und liebenswürdig!

Drittens, und das ist nun wirklicher Blödsinn: Hernando scheint „ewig und allmächtig“ mit „leidend, schmerzvoll und blutend“ in eins zu setzen, und scheint „leidend“ irgendwie als negativ und bedrohlich zu betrachten. Zeigt nicht gerade Jesu Leiden seine Menschlichkeit und seine Liebe? Das erinnert mich an Leute, die Kruzifixe als gewaltverherrlichend kritisieren – wenn man ein Opfer von brutaler Gewalt zeigt und es auch noch als Erlöser der Welt und wahren Gott anbetet, verherrlicht man schließlich Gewalt.

(Matthias Grünewald, Isenheimer Altar, Quelle: Wikimedia Commons)

Aber keine Sorge, der Unsinn geht noch weiter.

„‚Du bist Muslim’, sagte er [Arbasia] schließlich. ‚Ich bin Christ.’

‚Aber…’

Der Meister bedeutete ihm, nicht weiterzusprechen.

‚Es ist schwer zu sagen, wer im Besitz der Wahrheit ist. Ihr? Wir? Die Juden? Oder vielleicht die Lutheraner? Sie haben sich von der kirchlichen Doktrin abgewandt. Haben sie deshalb recht? Es gibt viele Christen, die die offizielle Lehre der Kirche nicht akzeptieren.’ Arbasia hielt einen Moment inne. ‚Fest steht nur, dass wir alle an einen einzigen Gott glauben: den Gott Abrahams. Die Muslime sind in diese Gebiete hier eingefallen, weil andere Christen – die Arianer, die mittlerweile selbst zu Ketzern erklärt wurden, sie gerufen haben. Es gab auch in Nordafrika Anhänger des Arius, aber die kastilischen Arianer haben erst viel später begriffen, dass die Araber, die ihnen zu Hilfe kamen, in Wirklichkeit Muslime waren. Verstehst du? Der Arianismus, der nur eine Variante des Christentums ist, und der Islam waren sich sehr ähnlich. Für die kastilischen Arianer war der Islam eine Religion, die Gemeinsamkeiten mit ihrer Religion aufwies: Beide leugnen die Göttlichkeit von Jesus Christus. Aus diesem Grund konnten die Reiche der Hispania auch innerhalb von nur drei Jahren erobert werden. Es gibt nur einen einzigen Gott, Hernando, und zwar Abrahams Gott. Doch jeder sieht in ihm etwas anderes. Und… es ist besser, wenn wir das nicht weiter vertiefen. Die Inquisition…’“

Die Arianer wurden „mittlerweile“ zu Ketzern erklärt? Nach der Eroberung durch die Araber von 711? Also nicht vielleicht schon im Jahr 325 beim Konzil von Nizäa?

Zu der ganzen Geschichte mit den Arianern habe ich bei einer kurzen Internetrecherche nicht viel gefunden; laut Wikipedia soll ein gewisser Graf Julian von Ceuta (https://en.wikipedia.org/wiki/Julian,_Count_of_Ceuta), der aus persönlichen Gründen ein Gegner des westgotischen König Roderichs war, bei der arabischen Invasion zum Verräter geworden sein – allerdings weiß die Internetenzyklopädie auch von Arianern, die schon lange vorher Spanien verließen und ins muslimisch beherrschte Nordafrika gingen. Also, nehmen wir mal an, dass irgendeine Wahrheit hinter Falcones’ Darstellung steckt – ob diese Arianer dann wirklich so ahnungslos in Bezug auf den Islam waren? Immerhin ist auch bekannt, dass andere Häretiker, die ganz und gar nicht die Göttlichkeit Jesu leugneten, in Ägypten oder Syrien den arabischen Eroberern einfach deshalb nicht viel Widerstand entgegensetzten oder ihnen in Einzelfällen sogar halfen, weil ihnen die im Moment lieber waren als die oströmischen Kaiser, die sie unterdrückten. Im Lauf der Geschichte hat es die seltsamsten Allianzen gegeben; auch später haben sich manche christliche Fürsten mit muslimischen oder muslimische mit christlichen gegen ihre eigenen Glaubensgenossen verbündet. Aber gut, Informationen konnten im frühen 8. Jahrhundert ja wesentlich weniger schnell und sicher verbreitet werden als heute.

Und Arbasia hat natürlich Recht, der Arianismus und der Islam waren einander nicht unähnlich. Gut: Arius hielt Jesus nicht nur für einen Menschen sondern für ein Mensch gewordenes gottähnliches Wesen, eine Art obersten Engel, sozusagen – aber eben nicht für Gott selbst. Der Skandal, dass wirklich Gott wirklich Mensch geworden sein sollte, wurde von vielen Häretikern der Antike wegerklärt – die einen hielten Jesus nicht für wirklich göttlich, die anderen sagten, Gott wäre nicht wirklich Mensch geworden und hätte sicher nicht leiden können, sondern es hätte sich bei Jesus nur um eine Art Erscheinung gehandelt.

Aber das ist doch genau der Punkt: Der Islam ist im Grunde genommen eher eine christliche Häresie als eine eigenständige heidnische Religion. Mohammed übernahm die wichtigsten Grundannahmen der jüdischen und der christlichen Religionen, die er kannte, nämlich dass es einen Gott gibt, der allmächtig, allwissend und vollkommen gut ist, der die Welt erschaffen hat, und der nach dem Tod gemäß ihrer Taten über die Menschen richten wird. Alles andere, was zu kompliziert war, oder was irgendwie Gottes Souveränität und Hoheit zu schmälern schien, wie etwa die Menschwerdung, lehnte Mohammed ab, fügte dann noch einige Regeln für das praktische Leben hinzu, und machte sich dann daran, seine Religion mit dem Schwert zu verbreiten. Der Islam ist einfach eine simplifizierte, praktische und kämpferische Verdrehung des Christentums, die leider nicht der Realität entspricht.

Und hier setzt Arbasias Problem ein: Es gibt also so viele unterschiedliche Gruppen, die so viele unterschiedliche Behauptungen über diesen Gott Abrahams aufstellen, jetzt auch noch die Lutheraner. Wem sollen wir folgen? Wer hat Recht? Gute Frage, und dann könnte man sich daran machen, die Antwort zu suchen. Ich muss sagen, an dieser Stelle ist Hernando mir sympathisch, als er Arbasia antwortet „Aber wenn jene Christen, die Jesus Christus wirklich kannten, behaupten, dass er nicht Gottes Sohn war…“ (S. 537), die Frage, welche Religion die richtige ist, also zumindest rational durchdenken will. Aber Arbasia würgt ihn sofort ab: „Wir sind nur Menschen. Wir stellen Unterschiede fest, wir interpretieren, wir wählen aus. Gott ist immer der Gleiche. Ich denke, das leugnet niemand. Und jetzt lass uns essen“ (ebd.). Mit anderen Worten: Ich behaupte einfach, dass wir nichts wissen können, also lass diese Versuche, die Wahrheit herauszufinden. Einigen wir uns einfach auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Frage wäre dann natürlich noch: Was ist dieser kleinste gemeinsame Nenner? Und woher wissen wir, dass der wahr ist? Was genau ist dieser „Gott Abrahams“ und ist Er real?

Nach diesem Gespräch mit Arbasia denkt Hernando darüber nach, dass Abbas und die anderen Männer der Gemeinde für die Zukunft eher auf Gewalt und Kampf setzen und sich wahrscheinlich gar nicht erst für das Barnabas-Evangelium interessieren werden. „Hernando atmete tief durch: Seine einzige Gewissheit war, dass sich die Situation seines Volkes durch Gewalt nicht verbessern würde.“ (S. 538)

Kurz darauf wird Hernando im Auftrag von Don Alfonso, der im Finanzrat des Königs sitzt, in die Alpujarras, seine ehemalige Heimat, geschickt, um nachzuforschen, wieso die dortigen königlichen Ländereien (hauptsächlich ehemaliges Land von Morisken, das neuen Siedlern zugeteilt wurde) so wenig Profit abwerfen. Als der Herzog ihn vor der Reise fragt, ob er dort denn alte Freunde habe, die für seine christliche Loyalität bürgen könnten, falls er als Moriske angefeindet werden sollte, nennt Hernando spontan den Marquis von Los Vélez, zu dem er damals Isabel gebracht hat, und behauptet ungeniert, außer ihr noch mehr Christen das Leben gerettet zu haben. Das Gerücht von diesen Taten verbreitet sich in Córdoba und noch bevor Hernando aufbricht, erklärt Aischa ihm, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle.

Hernando reist also zusammen mit einem Verwandten des Herzogs in die Alpujarras, wo er die neuen christlichen Siedler als faul und nutzlos beurteilt, und außerdem erfährt, dass Isabel, die damals im Krieg vom (inzwischen verstorbenen) Marquis von Los Vélez als Gesellschafterin seiner Töchter aufgenommen wurde, inzwischen mit einem Richter am Obergericht von Granada verheiratet ist. Er reist weiter nach Granada, wo er Isabel trifft, die drei kleine Kinder hat, von denen das älteste nach ihrem Bruder Gonzalico benannt wurde. Ihr Ehemann, Don Ponce de Hervás, wirkt weder besonders sympathisch noch besonders unsympathisch. Hernando erstellt seinen Bericht für den Herzog mit Vorschlägen zur Verbesserung der Wirtschaft in der Gegend, und wird außerdem vom Erzbistum Granada gebeten, einen weiteren Bericht über die Märtyrer im Alpujarras-Krieg zu erstellen, da sich sein Ruhm als Retter von Christen auch hier verbreitet hat.

Wie man es bei einem 908-seitigen historischen Roman erwarten kann, darf auch Sex als Teil der Handlung nicht fehlen; was das angeht, hat Falcones schon in Teil II ausführlich die mutmaßliche Heuchelei der Christen thematisiert, zum Beispiel an dieser Stelle nicht lange nach Hernandos Ankunft in Córdoba Anfang der 1570er:

„Hernando hatte die Lebensweise der Menschen in Córdoba schnell durchschaut und hinter die schöne Fassade des Christentums geblickt, mit seinen Geistlichen und Gottesdiensten, seinen Prozessionen und Rosenkranzgebeten, seinen Laienschwestern und Bruderschaften, die in den Straßen um Almosen bettelten. Die frommen Menschen der Stadt gingen alle ihren religiösen Pflichten nach und unterstützten großzügig die Hospitäler und Klöster, sie setzten die Kirche in ihren Testamenten als Alleinerbin ein oder hinterließen ein Vermögen, mit dem die christlichen Gefangenen von den Barbaresken freigekauft werden sollten. Sobald sie aber der Kirchen gegenüber ihre Pflicht erfüllt hatten, entsprachen ihre Interessen und ihre Lebensführung absolut nicht den religiösen Vorschriften. Sogar die Priester lebten trotz aller Beschlüsse des Konzils von Trient, so sie keine Konkubine hatten, zumindest mit einer Sklavin unter einem Dach – eine Sklavin zu schwängern war schließlich keine Sünde. [Und hier bin ich mir nun wirklich sicher, dass alle Kasuisten des 16. Jahrhunderts „FALSCH!!!“ gebrüllt hätten.] […] Und erst die Bemühungen der Kirchenbehörden, wollüstige Beichtväter davon abzuhalten, Frauen zum Beischlaf zu zwingen, führten dazu, dass Geistliche und Sünder in den Beichtstühlen durch Gitter getrennt wurden. Doch nicht einmal die Vertreter dieser Behörden waren ein Vorbild, was Keuschheit und Sittsamkeit anging. […] Hinter der makellosen Oberfläche des christlichen Ehesakraments verbarg sich eine Welt der Ausschweifungen, und aufsehenerregende Skandale waren ebenso an der Tagesordnung wie das blutige Ende der entlarvten Ehebrecher. Die Mehrzahl der Nonnen war von ihren Familien aus rein wirtschaftlichen Gründen in die Obhut der Kirche gegeben worden […], so war es nicht verwunderlich, dass diesen jungen Frauen meist jegliche echte religiöse Berufung fehlte.“ (S. 287f.)

Und schon kurz vorher hat Hamid mit Hernando über die Lustfeindlichkeit und die gleichzeitigen Ausschweifungen der Christen gesprochen:

„‚Die Frauen wissen, dass ihre Männer ins Freudenhaus gehen’, unterbrach ihn Hamid […]

‚Die Christen suchen die Lust nicht bei ihren eigenen Frauen’, flüsterte der Alfaquí […]. ‚Lust ist für sie eine Sünde, genauso wie Berührungen und Zärtlichkeiten. Selbst eine ungewöhnliche Stellung beim Akt ist Sünde. Man darf keine Sinnlichkeit suchen…’

‚…denn sie ist Sünde!’ vervollständigte Hernando den angefangenen Satz und lächelte.

‚Genau’, bestätigte ihn Hamid und hielt den Zeigefinger an die Lippen. ‚Deshalb gestehen die Christinnen ihren Männern zu, Sinnlichkeit und Lust im Freudenhaus zu suchen. […]’

[…] ‚Und…’, begann Hernando nach einer Weile nachdenklich. ‚Und die Frauen suchen ihrerseits die Lust bei anderen Männern. Nicht wahr?’“ (S. 278f.)

Ach mei. Ich finde es zunächst ja mal… interessant… dass „Moral“ in Falcones’ Augen nur „Sexualmoral“ zu bedeuten scheint. Großzügige Spenden für Spitäler oder zum Freikauf von Sklaven oder auch die Tätigkeit einer Laienschwester beispielsweise sind die unaufrichtige Erfüllung äußerer Vorschriften, während es tatsächlich nur darauf ankommt, ob man eine Geliebte hat oder nicht. Vermutlich liegt diese falsche Interpretation daran, dass Falcones ernsthaft meint, die Katholiken würden unter „Moral“ nur „Sexualmoral“ verstehen. Aber gut, sie gehört immerhin zur Moral.

Dann ist das eine dieser Stellen, an denen ich es wirklich bedaure, dass Zeitreisen unmöglich sind. Ich würde zu gern mal ins Córdoba der 1570er hinein schauen, um zu wissen, wie ausschweifend die Leute denn damals tatsächlich waren und wie viel von dieser Darstellung der Fantasie eines Autors, der seine Leser schließlich irgendwie fesseln muss, entsprungen ist. So ganz kann ich mir nämlich nicht vorstellen, dass das überfromme Córdoba in Bezug auf das 6. Gebot so viel verdorbener war als etwa ein Dorf in den Alpujarras. (Dass die Sexualmoral überall nicht einwandfrei eingehalten wurde, ist eh klar. Bei den Christen gab es dafür dann das Beichtsakrament. Sogar mit Gittern zur Wahrung einer gewissen Anonymität. Aber ganz abgesehen davon halte ich es für logischer, dass eher diejenigen Männer, die das, was die Pfaffen sagten, eh nicht so wichtig nahmen (und von solchen Leuten gibt es auch in der allerkatholischsten Gesellschaft genug, u. U. auch unter den Pfaffen selber), öfter mal eine Prostituierte aufsuchten, als skrupulösen Frommen, die sich schon Sorgen machten, ob sie vielleicht den Verkehr mit der Ehefrau zu sehr genossen hatten.)

Und glaubten die frommen Christen denn wirklich, was Falcones (bzw. Hamid) hier behauptet, dass sie glaubten? „Lust ist für sie eine Sünde“? Na ja, ich kann nicht mit Sicherheit sagen, welche populärtheologischen Ideen bei spanischen Laien des späten 16. Jahrhunderts möglicherweise in Umlauf waren; ich kann allerdings die Gedanken eines bekannten französischen Bischofs und Ordensgründers aus etwa derselben Zeit zitieren. Der heilige Franz von Sales schreibt in seiner „Einführung ins fromme Leben“, erstmals veröffentlicht 1609, in einem Kapitel über die eheliche Keuschheit:

„Es besteht einige Ähnlichkeit zwischen der Befriedigung des Geschlechtstriebes und der Esslust; beide beziehen sich auf den Leib; wenn auch nur die erste wegen ihrer elementaren Gewalt Begierde des Fleisches genannt wird. Was ich also von dieser nicht gut sagen kann, will ich durch die andere andeuten.

  1. Wir müssen essen, um unseren Leib zu erhalten. Das Essen ist also gut, heilig und geboten, um uns zu ernähren und bei Kräften zu erhalten. Ebenso ist auch in der Ehe alles gut und heilig, was zur Kinderzeugung und zur Erhaltung des Menschengeschlechtes notwendig ist; das ist ja der Hauptzweck der Ehe.
  2. Man kommt zum Essen zusammen, nicht nur um das Leben zu erhalten, sondern auch um die Geselligkeit und die menschlichen Beziehungen zu pflegen; das ist durchaus in Ordnung. Ebenso in Ordnung ist die rechtmäßige gegenseitige Befriedigung der Gatten in der Ehe, die der hl. Paulus eine Pflicht nennt (1 Kor 7,3), und zwar eine so ernste Pflicht, dass er die Enthaltsamkeit eines Gatten nicht ohne freie und gern gewährte Zustimmung des anderen billigt, nicht einmal, um Übungen der Frömmigkeit zu obliegen (darüber habe ich im Kapitel über die heilige Kommunion schon die entsprechenden Bemerkungen gemacht), ganz zu schweigen von Gründen launenhafter Tugendanwandlungen oder von Zorn und Verachtung.
  3. Kommt man aus Geselligkeit zum Essen zusammen, dann soll man essen, ohne sich zu zieren oder den Eindruck eines Zwanges zu erwecken, sondern ruhig seinem Appetit folgen. Ebenso soll auch die eheliche Pflicht treu und ungezwungen geleistet werden und so, als sei Nachkommenschaft zu erwarten, auch wenn diese Möglichkeit aus irgendeinem Grund nicht besteht.
  4. Isst man aus keinem der beiden Gründe, sondern einzig um die Esslust zu befriedigen, so geht das noch an, wenn es auch nicht gerade lobenswert ist. Die Befriedigung der sinnlichen Lust allein lässt eine Handlung noch nicht lobenswert erscheinen, sondern höchstens erlaubt.
  5. Nicht nur mit Appetit, sondern über alles Maß und jede Ordnung hinaus zu essen, ist umso verwerflicher, je größer die Maßlosigkeit ist.
  6. Die Maßlosigkeit im Essen zeigt sich nicht nur in der Menge der Speisen, sondern auch in der Art und Weise zu essen. Der Honig ist für die Bienen so gut, er kann ihnen aber auch schaden, wenn sie im Frühling zu viel davon aufnehmen, ja sie können daran zugrunde gehen, wenn Kopf und Flügel mit Honig verklebt sind. Ebenso ist der eheliche Verkehr, sonst so heilig, gerecht, empfehlenswert und der Gesellschaft nützlich, in bestimmten Fällen gefährlich. Durch Übertreibung können die Seelen der Gatten erkranken an lässlicher Sünde, ja sie können dadurch sogar sterben an der Todsünde, wenn die von Gott bestimmte Ordnung des Kindersegens verletzt oder in das Gegenteil verkehrt wird. […] [Franz von Sales spricht hier von Praktiken wie coitus interruptus]
  7. Es zeugt von einem niedrigen, hässlichen, gemeinen und hemmungslosen Charakter, wenn man schon vor der Mahlzeit sich in Gedanken mit dem Essen und seinen verschiedenen Gängen beschäftigt; noch gemeiner ist es, nach dem Essen alle Gedanken und Worte darauf gerichtet zu halten und sich in der Erinnerung an den Genuss zu ergehen, den man beim Schmausen der Leckerbissen empfand. So handeln Leute, deren Gott ihr Bauch ist, wie Paulus sagt (Phil 3,19). Vornehme Menschen denken an die Tafel erst, wenn sie sich niedersetzen; nachher waschen sie Hände und Mund, damit an ihnen nicht Geschmack und Geruch der Speisen haften bleiben. – So sollen auch Eheleute nach Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten ihre Gedanken von jeder sinnlichen Lust lösen, Herz und Seele sogleich davon reinigen, um sich in voller Freiheit des Geistes Reinerem und Höherem zuzuwenden. Wer so handelt, befolgt die Lehre, die der hl. Paulus den Korinthern gab: ’Die Zeit ist kurz; wer ein Weib hat, handle, als hätte er keines’ (1 Kor 7,29). Wie der hl. Gregor sagt, besitzt jener eine Frau, als hätte er keine, der die sinnlichen Freuden mit ihr so genießt, dass sie ihn in seinen geistigen Bestrebungen nicht behindern. Dasselbe gilt auch von der Frau. Wieder sagt der hl. Paulus: ’Die von dieser Welt Gebrauch machen, mögen so handeln, als machten sie davon keinen Gebrauch’ (1 Kor 7,31). Es mache also jeder von dieser Welt Gebrauch je nach seinem Beruf, ohne jedoch seine Liebe daran zu hängen, damit er frei und bereit ist, Gott zu dienen, als machte er keinen Gebrauch von der Welt.“ (http://www.philothea.de/teil03/3_39.htm)

Franz von Sales sieht also ganz im Sinn der kontinuierlichen kirchlichen Lehrtradition sexuelle Lust – ebenso wie etwa Essensgenuss oder materiellen Besitz oder Ehre oder irdische Macht – als etwas Gutes, Erlaubtes, und von Gott Eingesetztes, das auch unmäßig oder in falscher Weise gesucht werden kann und an dem man nicht zu sehr hängen sollte. Der streng logische Scholastiker Thomas von Aquin, der bedeutendste Theologe des Mittelalters, lehrte das Gleiche. Tatsächlich scheint Falcones nicht bewusst zu sein, dass die Kirche in Antike und Mittelalter mit Häretikern zu tun hatte, die sexuelle Lust tatsächlich für grundsätzlich sündhaft hielten (Gnostiker, Manichäer, Katharer), weil sie die ganze materielle Welt für schlecht, nicht für Gottes gute Schöpfung hielten, und dass sie diese Häretiker deshalb verurteilte. Unter den katholischen Theologen ist mir lediglich von dem spät bekehrten Playboy und Ex-Manichäer Augustinus bekannt, dass er Lust auch in der Ehe zumindest für eine lässliche Sünde hielt. Alles in allem halte ich es für unwahrscheinlich, dass die frommen Bewohner Córdobas der Meinung waren, sie müssten es beichten, wenn ihnen der eheliche Verkehr mit ihren Gattinnen und Gatten gefallen hatte.

Aber, zugegeben: Irgendwo hat Falcones ein bisschen Recht. Die katholische Kirche hat die Sexualität tendenziell immer als problematischer behandelt als der Islam das tut. Die Enthaltsamkeit schätzen wir mehr, bei der Ehe sind wir deutlich strenger, und die frommen Muslime werden in ihrem Paradies immerhin von „großäugigen huris“ (Sure 52,20) erwartet, während wir Christen uns damit begnügen müssen, das Angesicht Gottes zu schauen.

File:Francois Boucher - The Pasha in His Harem, c. 1735-1739 - Google Art Project.jpg     

Francois Boucher, Der Pascha in seinem Harem  –   Sel. Karl I. mit seiner Braut Zita

Ich meine ja nur.

Okay, zurück zu Falcones. Der hat für seine Ansichten natürlich auch Anschauungsmaterial bereit; in Teil I und II kommen Abschnitte zu Hernandos und Fatimas Sexleben vor, und es wird erklärt, dass es ihnen wichtig ist, einander Lust zu bereiten usw. Und jetzt, in Teil III, beginnt Hernando eine Affäre mit Isabel – an der sich zeigt, dass Falcones nicht mal die islamische Sexualethik kapiert.

Isabel initiiert die Affäre, schämt sich deshalb aber gleichzeitig, und Hernando versucht – schließlich mit Erfolg –, ihr ihre Scham und ihre Schuldgefühle zu nehmen:

„‚Du musst lernen, deinen Körper zu genießen’, flüsterte er und bemerkte, wie sie bei seinen Worten zusammenzuckte und errötete.

Isabel schwieg und ließ sich zum zweiten Mal in Hernandos Schlafzimmer führen.

Am liebsten hätte er ihr davon erzählt, wie sie sich Gott durch die fleischliche Lust annähern konnte […].“ (S. 589)

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dem Autor klar ist, dass Hernando nach islamischem Recht für diese Art der Annäherung an Gott die Steinigung verdient hätte. (Entgegen dem Eindruck, den Europäer manchmal zu haben scheinen, trifft diese Strafe nach der Scharia durchaus auch Männer.) Dass ein – ja durchaus religiöser – Mann des 16. Jahrhunderts so gedacht hätte, ist jedenfalls schwer vorstellbar. Bei Falcones sieht man Sex entweder als grundsätzlich gut oder als grundsätzlich sündhaft an; für differenziertere Positionen wie „Sex mit deinem Ehepartner ist gut, Untreue ist schlecht“ gibt es keinen Platz.

Das Traurige ist, dass Falcones nicht mal diese Affäre so darstellt, wie es noch vor einiger Zeit in Romanen üblich war. (1. Die beiden Beteiligten empfinden eine unbezwingbare Leidenschaft füreinander, die sie trotz aller Bemühungen nicht aus ihren Herzen reißen können. 2. Sie schwören einander ewige Verbundenheit. 3. Sie fliehen gemeinsam vor ihrem, am besten lieblosen und grausamen, Ehemann und bauen sich irgendwo ein neues gemeinsames Leben auf. 4. Entweder leben sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage, oder aber es kommt vor dem Ende noch ein bisschen Spannung auf, weil „ihre Vergangenheit sie wieder einholt“.) Isabel und Hernando reden nicht viel miteinander, bevor sie beginnen, miteinander zu schlafen; und sie reden auch danach kaum über ihre Gefühle füreinander – auch wenn Isabel offensichtlich eine gewisse Verehrung für Hernando empfindet, der sie damals gerettet hat. Hernando wird, kurz bevor er Granada wieder verlässt, klar, dass er immer noch nur Fatima liebt. „Nein, er empfand für Isabel keine Liebe!“ (S. 606) Sie finden sich gegenseitig attraktiv, das ist im Grunde alles.

Ja, Falcones’ Darstellung von Ehebruch ist natürlich die realistische. Aber wieso verteidigt er die dann noch?

Don Ponce, der gehörnte Ehemann, dient übrigens dazu, die Haltung der christlichen Männer, die weiter vorn beschrieben wurde, eins zu eins zu demonstrieren:

„‚Hure!’ flüsterte Don Ponce in die Dunkelheit hinein.

Seine Ehefrau benahm sich wie eine gewöhnliche Dirne im Freudenhaus! Er wusste, wovon der Diener gesprochen hatte: Es ging hier um die verbotene sinnliche Lust, die er selbst immer wieder im Bordell suchte. Noch stundenlang zermarterte er sich den Kopf. Er sah Isabel vor sich: eine obszöne, grell geschminkte und stark parfümierte Frau, die ihren Körper diesem verdammten Schurken hingab, der ihn mit Küssen und Liebkosungen bedeckte. Im Hurenhaus hatte er wegen der Ähnlichkeit mit Isabel ein blondes Mädchen für den Zweck gewählt, und nun erlebte ausgerechnet ein Moriske genau die Lust mit seiner Gattin, die er nicht mit ihr erfuhr.“ (S. 601)

(Daran musste ich nur gerade denken. Guter Film übrigens.)

Nachdem Don Ponce durch seine Diener von der Affäre erfahren hat, entscheidet er sich dafür, ihr ein Ende zu setzen, ohne dass ein Skandal entsteht, und lässt eine gestrenge Verwandte kommen, die Isabel bewacht und dafür sorgt, dass sie keinen Kontakt mehr zu Hernando hat. Hernando reist rasch ab, nachdem ihm klar geworden ist, dass der Ehemann Bescheid weiß; ein letztes geheimes Treffen mit Isabel gibt es noch, und dann nehmen sie voneinander Abschied.

Zuvor allerdings ist noch etwas anderes passiert, das ich erwähnen muss: Hernando hat in Granada drei niedere Adlige namens Don Pedro de Granada Venegas, Don Miguel de Luna und Don Alonso del Castillo kennen gelernt (die letzteren beiden sind auch Ärzte und Übersetzer für Arabisch), die als gute Christen gelten und sogar für die Inquisition arbeiten, ihm aber anvertrauen, dass sie ebenfalls muslimische Vorfahren haben, selbst muslimischen Glaubens sind und Don Julián kannten. (Da ihre Familien schon vor längerer Zeit geadelt wurden, haben sie es leichter als die normalen „Neuchristen“ und man begegnet ihnen nicht mit Misstrauen.) Die drei sehen wie Hernando keine Lösung im bewaffneten Aufstand gegen die Christen, sondern wollen diese stattdessen dazu bewegen, ihre Vorurteile gegenüber den Morisken aufzugeben. Luna schreibt an einem Buch über die arabische Invasion und den Westgotenkönig Roderich: „Ausgehend von Erzählungen einer erfundenen arabischen Handschrift aus der Bibliothek des Escorial stellte er darin die Eroberung Spaniens durch die Muslime aus den Barbareskenstaaten als eine Befreiung der Christen dar, die unter der Tyrannei ihrer westgotischen Könige litten. Immerhin hatte es nach dieser Eroberung achthundert Jahre lang Frieden und ein gütliches Zusammenleben der beiden Religionen gegeben.“ (S. 599) Diese achthundertjährige Friedensperiode fand vermutlich in einem Paralleluniversum statt.

Die drei jedenfalls wollen Hernando dazu bewegen, ihnen zu helfen, und den Lügen über die Morisken in christlichen Pamphleten ihre eigenen Lügen entgegenzusetzen. „Wir müssen mit den gleichen Waffen kämpfen“ (so Don Pedro auf S. 599); „Und für diesen Kampf brauchen wir Menschen wie dich: kluge Köpfe, die lesen und schreiben können“ (Don Alonso auf S. 600). Hernando stimmt nach einigem Zögern zu, kurz bevor er Granada verlässt.

Er kehrt zurück nach Córdoba, hält seine neuen Pläne allerdings vor seiner Mutter und allen anderen Morisken geheim, da man ihn um Stillschweigen gebeten hat, und wird von ihnen daher weiter für einen Verräter gehalten. Er verfasst seinen Bericht für den Erzbischof von Granada, in dem er die Geschehnisse im Krieg möglichst geschönt darstellt, und schickt ihn nach Granada. Außerdem kommt ihm die Idee, die Jungfrau Maria zu benutzen, die sowohl von Christen als auch von Muslimen verehrt wird, um die beiden Religionen einander anzunähern, und er macht Don Alonso in einem Brief diesen Vorschlag:

„Wir alle wissen, dass die Päpste die göttliche Wesenheit von Jesus dreihundert Jahre nach seinem Tod verändert haben. Er selbst, Isa, hat sich niemals Gott oder Gottessohn genannt, er hat nichts anderes getan als wir: Er hat die Existenz eines einmaligen und einzigen Gottes verteidigt. Doch wenn die Päpste die göttliche Wesenheit von Jesus auch verfälscht haben, so widerfuhr seiner Mutter nicht das gleiche Schicksal. […] Es ist also Maryam, in der unsere beiden Religionen nach wie vor übereinstimmen […] Wenn die Priester und das gemeine Volk, die uns derzeit für Ketzer halten, begreifen, dass wir ihre Mutter Gottes genauso verehren wie sie, überdenken sie vielleicht ihr Verhalten uns gegenüber.“ (S. 634f.)

Ich schätze, man kann es Hernando nicht übel nehmen, dass zu seiner Zeit noch keine (oder jedenfalls nicht so viele wie heute) Abschriften der kanonischen Evangelien, die vor dem Jahr 300 entstanden waren, gefunden waren, geschweige denn naturwissenschaftlich datiert werden konnten. Trotzdem nervt es ein bisschen, dass er zu keiner Zeit auf die Idee kommt, sich zu fragen, wieso eine solche päpstliche Verschwörung erstens begonnen worden sein und zweitens dann Erfolg gehabt haben soll. Er schreibt in seinem Brief weiter über das Barnabas-Evangelium:

„Bestimmt wird man eine Schrift wie dieses Evangelium sogleich als apokryph, ketzerisch und den Grundsätzen der Heiligen Mutter Kirche widersprechend bewerten. Lasst uns damit beginnen, die Christen von unseren Glaubensgrundsätzen zu überzeugen. […] Lasst uns zumindest erste Zweifel säen, um eine gütigere und barmherzigere Behandlung erfahren zu können.“ (S. 635)

Don Alonso zeigt sich in seiner Antwort gespannt auf das Barnabas-Evangelium und stimmt Hernando in Bezug auf Maria zu, weist aber auch darauf hin, dass man auch den hl. Caecilius, den ersten Bischof und Stadtpatron von Granada, dessen Reliquien noch nicht entdeckt sind, nicht vergessen sollte, da dieser Araber gewesen sei. (Keine Ahnung, woher diese Behauptung stammt.) Don Alonso erwähnt auch ein Dekret des spätantiken Papstes Gelasius, in dem ein Barnabas-Evangelium unter apokryphen Schriften aufgeführt werde.  Dieses Dekret existiert tatsächlich; über den Inhalt des antiken Barnabas-Evangeliums weiß man allerdings leider nichts. Es ist durchaus möglich, dass die spätmittelalterliche/frühneuzeitliche Schrift, um die es hier geht, unter Rückgriff auf dieses Dekret als Evangelium des Apostels Barnabas ausgegeben wurde.

Hernando macht sich also daran, eine erste Handschrift zu fälschen. Auf einem alten Pergamentstück schreibt er auf Arabisch eine rätselhafte Prophezeiung auf, die angeblich von Dionysios, Bischof von Athen stamme, und von Caecilius in diese Sprache übertragen worden sei. „Darin wird die Ankunft des Islam vorausgesagt, die Abspaltung der Protestanten und all das übrige Leid, das das Christentum schwächen wird, wie der Zerfall in viele Sekten. Aber aus dem Osten wird ein König kommen, der die Welt beherrschen wird, der eine einzige Religion einführen und all diejenigen bestrafen wird, die lasterhaft lebten“ (S. 640), erklärt Hernando seinen Mitverschwörern, als er wieder nach Granada reisen kann. Er sei dabei aber uneindeutig geblieben, damit die Schrift nicht sofort als Ketzerei eingestuft werden würde. Er gibt den dreien außerdem ein paar Dinge, die sie als Reliquien ausgeben können, z. B. ein auf alt gemachtes Tuch und ein aus einem Armengrab ausgegrabener Knochen. Die Leichenschändung finde ich wesentlich abstoßender als die Fälschungen.

Ein allgemeiner Gedanke zu den Fälschungen: Es war früher™ gar nicht mal selten, dass man angeblich alte oder geheime Dokumente fälschte, auch wenn manche Leute es gelegentlich so klingen lassen, als wären ideologische Fakenews eine Sache der letzten paar Jahre. Zahlreiche apokryphe Evangelien aus dem 2. oder 3. Jahrhundert geben sich als Werke von Aposteln aus (z. B. das Thomas-Evangelium); eine andere bekannte Fälschung wäre auch die Urkunde über die konstantinische Schenkung aus dem 8. Jahrhundert, die im 15. Jahrhundert von Bischof Nikolaus Cusanus als solche erkannt wurde. Sicher stellten solche Fälscher manchmal, wie Hernando und seine Verbündeten, mit guten Absichten die Geschichte zwar nicht so dar, wie sie stattgefunden hatte, aber wie sie ihrer Meinung nach stattgefunden haben sollte. Der Fälscher der Monita Secreta zum Beispiel wusste sehr gut, dass die Jesuiten nicht die geheimen Regeln hatten, die er ihnen zuschrieb, nahm aber in seinem Verschwörungsdenken vermutlich an, dass sie ähnliche haben müssten.

Das Pergament und die „Reliquien“ werden in einem alten Minarett versteckt, das gerade abgerissen wird, und werden wie geplant von den Arbeitern bei den Abrissarbeiten entdeckt, und die Christen reagieren begeistert auf die Heiligtümer; die Behauptungen in dem Pergament scheinen zunächst keinen Einfluss auf irgendjemanden zu haben. Kurz bevor Hernando nach Córdoba zurückkehrt, begegnet er Isabel noch einmal auf der Straße und sie bittet ihn, sie in Ruhe zu lassen. „Ich musste erst krank werden, um dich zu vergessen. Ich will nicht noch einmal leiden. Lass mich, ich flehe dich an.“ (S. 645) Offenbar hat sie also eine Krankheit als göttliche Strafe interpretiert. Danach sieht Hernando sie nicht wieder.

Dafür Fatima kommt wieder vor. Nachdem sie den tyrannischen Ibrahim lange Jahre ertragen und mit ihm zwei Töchter bekommen hat, ersticht sie ihn schließlich, und sein Sohn Shamir und ihr Sohn Francisco, der inzwischen Abdul heißt, helfen ihr. Beide hassen Ibrahim noch immer, auch wenn er Shamir als seinen bevorzugten Erben behandelt hat. Niemand in der Piratenstadt Tetuan versucht, Näheres über Ibrahims Tod herauszufinden und sie zur Rechenschaft zu ziehen, und kurz darauf schickt Fatima einen jungen jüdischen Kaufmann namens Ephraim mit einem Brief an Hernando nach Córdoba, um ihm mitzuteilen, dass sie alle noch leben. Die Morisken in Córdoba, an die Ephraim sich wendet, um Hernando zu finden, verhalten sich jedoch abweisend und Ephraim erwischt schließlich nur Aischa, die ihm sagt, Hernando sei ein Verräter geworden, und den Brief zerreißt. Ephraim kehrt nach Tetuan zurück.

Inzwischen schreibt man das Jahr 1588 und die spanische Armada greift England an; auch Don Alfonso und sein ältester Sohn ziehen in den Krieg. Als sie nach dem misslungenen Angriff verschollen sind, wird im Palast in Córdoba für sie gebetet, und zwar mit den Worten „Maria, mater gratiae, mater misericordiae…“ (S. 661), d. h. „Maria, Mutter der Gnade, Mutter der Barmherzigkeit“, was im nächsten Satz als „Rosenkranzgebet“ bezeichnet wird, wobei sich wieder mal zeigt, dass Falcones sich bei den liturgischen Details etwas mehr Mühe hätte geben können.*** Mir tut es leid um Don Alfonso. Ich war zwar enttäuscht – sehr enttäuscht -, dass der namenlose Gefangene aus Teil I, als man ihn wiedertrifft, nur eine solche Nebenrolle spielt und kaum bei Gesprächen mit Hernando o. Ä. gezeigt wird, aber trotzdem mochte ich ihn.

An dieser Stelle eine kurze Stilkritik an Falcones‘ Roman: Der Autor ist schlecht darin, Vorausdeutungen zu erfüllen. Er baut Details in den Roman ein, die ominös wirken und auf ihre Auflösung zu warten scheinen, aber am Ende zu nichts führen. Ein Beispiel: Im ersten Teil des Buches ist Hernando ein paar Wochen in König Aben Humeyas Auftrag unterwegs, und währenddessen macht Ibrahim sich an Fatima heran. Als Hernando dann eines späten Abends nach Ugijar zurückkehrt, ist der König gerade zu Gast bei einer Hochzeit. Detailliert wird die Feier beschrieben; die verhüllte Braut, deren Name nicht genannt wird, wird zum Haus ihres Bräutigams, dessen Name ebenfalls nicht genannt wird, und dann hinauf ins Brautgemach geführt; als Hernando ankommt, entdeckt er Ibrahim, der bester Laune zu sein scheint, unter den Gästen im Garten des Anwesens – und man macht sich die ganze Zeit Sorgen, dass Hernando zu spät ist und Ibrahim Fatima schon dazu gebracht hat, ihn zu heiraten – aber nö, da findet nur gerade zufällig eine Hochzeit anonymer Nebenfiguren statt, die dann keine weitere Rolle mehr steht. Später, in Córdoba, stehen nach einem traurigen Gespräch zwischen Fatima und Hernando (inzwischen ist sie mit Ibrahim verheiratet) am Ende eines Kapitels folgende Sätze: „In einiger Entfernung stand eine in Schwarz gekleidete junge Adlige auf dem Balkon eines kleinen Palastes und beobachtete das Spektakel unter sich: Die fünf jungen Edelleute machten ihr den Hof, indem sie dem Stier tödliche Stöße versetzten, während das einfache Volk im Schutz der angrenzenden Sackgassen vor Begeisterung tobte und applaudierte.“ (S. 276) Wer ist diese Adlige? Wieso trägt sie Schwarz? Wann werden sich ihre Wege mit Hernandos kreuzen? Falcones baut solche Details sicher mit voller Absicht ein, damit es lebendiger wird und man sich die Atmosphäre in der Geschichte besser vorstellen kann, aber ich halte es für schlechten Stil; es ist frustrierend für den Leser und hält bloß bei der Lektüre der eigentlichen Geschichte auf. Auch bei dem Herzog hätte ich mir mehr erwartet, nachdem er so vielversprechend eingeführt wurde.

Bittprozessionen für die verschollenen Soldaten werden in Córdoba abgehalten, und bei einer solchen Prozession nimmt der Haushalt des Herzogs teil und Hernando schultert eins der Holzkreuze. Als Aischa ihn so auf der Straße sieht, beginnt sie das islamische Glaubensbekenntnis zu schreien und wird von einem Büttel festgenommen. Ihr Sohn sieht und hört sie in dem Trubel nicht.

Nicht lange darauf wird der Tod des Herzogs und seines Sohnes vermeldet, und Don Alfonsos Witwe wirft Hernando aus dem Palast. Eine Zeitlang verdient er sich mithilfe eines Freundes aus alten Tagen, der inzwischen eine illegale Spielhölle betreibt, mit Taschenspielertricks Geld, um sein Gasthauszimmer bezahlen zu können. An dieser Stelle lernt er auch einen verkrüppelten Straßenjungen namens Miguel kennen, der gerne Geschichten erzählt und gut mit Tieren kann, und trägt diesem auf, sich um sein Pferd zu kümmern. Außerdem erfährt er, dass seine Mutter ins Gefängnis der Inquisition gebracht wurde und versucht mehrmals vergeblich, sie zu besuchen. Aischa weigert sich indessen, zu essen, und wird immer schwächer und gilt außerdem als irgendwie verrückt. Schließlich erfährt Hernando, dass sie offiziell zum Büßerhemd verurteilt wurde, aber die Strafe nicht antreten kann, und dass er sie mitnehmen kann. Sie ist sehr krank, und obwohl Hernando und Miguel sie pflegen, stirbt sie bald, ohne Hernando noch von Fatimas Brief erzählt zu haben. Kurz vor ihrem Tod hat Hernando allerdings erfahren, dass Don Alfonso ihm in seinem Testament ein Haus in der Stadt, einen Hof außerhalb und etwas verpachtetes Land vermacht hat. Er zieht in das neue Haus und nimmt Miguel als Diener zu sich.

Unterdessen erfährt Fatima durch Ephraim, was Aischa ihm berichtet hat. Sie ist entsetzt und will es zunächst nicht glauben, akzeptiert die Informationen dann aber doch als Tatsachen. In den Jahren darauf kümmert sie sich hauptsächlich um die Mehrung des Vermögens ihrer Familie, Shamir und Abdul führen Ibrahims Kaperfahrten fort und Inés (jetzt Maryam) wird gut verheiratet. Fatima wird eine mächtige, geachtete Frau in Tetuan, aber auch eine kalte, trauernde und zornige.

Teil IV, „Im Namen unseres Herrn“, setzt dann nach einem Zeitsprung im Jahr 1595 ein, und da geht es mit den Fälschungen weiter.

 

* Der hl. Johannes, der „Lieblingsjünger“ Jesu, wurde in der Kunst oft als bartloser Jüngling mit langen Haaren dargestellt (er muss zu Jesu Lebenszeit noch relativ jung gewesen sein, da er erst um 100 n. Chr. in hohem Alter starb), und Abendmahlsdarstellungen zeigen ihn oft an die Brust des Herrn gelehnt, was auf folgende Bibelstelle zurückgeht: „Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern. Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?“ (Johannes 13,21-25) Zum Kontext: In der Antike lag man zum Essen auf Bänken oder Polstern, statt zu sitzen, wobei man sich mit dem Ellbogen aufstützte. Klingt unbequem, war aber so.

** Ich fühle mich an dieser Stelle erinnert an Emanuel Geibels Ballade Omar, die freilich von der Eroberung Alexandrias und der Zerstörung der dortigen Bibliothek handelt. Geibel jedenfalls erfasst wesentlich besser als Falcones die Einstellung eines Omar oder Al-Mansur; er bringt herüber, was einen Menschen an fanatischer, sagen wir mal, „Kulturfeindlichkeit“ faszinieren kann:

Inmitten seiner Turbankrieger,
Die Stirne voll Gewitterschein,
Zog Omar, der Kalif, als Sieger
Ins Tor der Ptolemäer ein.
Umrauscht von Mekkas Halbmondbannern,
Ritt langsam er dahin im Zug,
Ihm folgte mit den Bogenspannern
Ein Negerschwarm, der Fackeln trug.

Sie zogen durch die öden Gassen,
Durch Siegestor und Säulengang,
Drin klirrend nur der Schritt der Massen,
Der Hengste Stampfen widerklang;
Schon lenkte zu den Porphyrstufen
Der alten Hofburg der Kalif,
Da warf vor seines Rosses Hufen
Ein Greis sich in den Staub und rief:

„O Herr, der Sieger warst du heute,
Und diese Stadt des Nils ist dein,
So nimm als reiche Schlachtenbeute
Ihr Gold und Erz und Elfenbein.
Die Türme stürz in Schutt zusammen,
Zerbrich den Bilderschmuck des Hains,
Die Tempel selber gib den Flammen!
Nur eins verschone, Herr, nur eins;

Sieh hin! Wo dort die Sphinxe grollen
Am Tor, die Hüter unsres Ruhms,
Da schläft in hunderttausend Rollen
Der Geisterhort des Altertums.
Was, seit der Erdkreis aufgerichtet,
In Tat und Wort sich offenbart,
Was je gedacht ward und gedichtet,
Dort liegt‘ s der Nachwelt aufbewahrt.

O gib den Schatz, aus allen Reichen
Der Welt gehäuft mit treuem Fleiss,
Gib dies Vermächtnis ohnegleichen,
Der Menschheit Erbteil gib nicht preis!
Nein, heilig sei auch dir die Stätte,
Die jede Muse fromm geweiht,
Streck drüber deine Hand und rette
Der Zukunft die Vergangenheit!“

Doch Omar zieht die Stirn in Falten
Und spricht, indem sein Auge flammt:
„Ich bin genaht, Gericht zu halten,
Was drängst du, Tor, dich in mein Amt?
Hinweg, dass meines Zorns Geloder
Nicht dich samt deinen Rollen trifft!
Die Schätze, die du rühmst, sind Moder
Und was du Weisheit nennst, ist Gift.

Schon allzulang am unfruchtbaren
Vielwissen siecht die Welt erschlafft;
Der Staub von mehr als tausend Jahren
Liegt wie ein Alp auf jeder Kraft.
Des Lebens Baum liess ab zu lauben,
Seit dran der Wurm des Zweifels zehrt:
Wo ist ein Herz noch, frisch zum Glauben!
Wo ist ein Arm noch, stark zum Schwert!

Dass endlich diese Dumpfheit ende,
Bin ich gesandt, vom Herrn ein Blitz.
Auf! Schleudert denn die Feuerbrände
In der verjährten Krankheit Sitz!
Und wenn, umwogt vom Flammenmeere,
Der aufgetürmte Wust zergeht,
Ruft: Gott ist gross! Ihm sei die Ehre!
Und Mahomed ist sein Prophet!“

*** Für alle Nichtkatholiken: Zum Rosenkranz gehört neben Glaubensbekenntnis, Vaterunser und Ehre sei dem Vater das immer wieder wiederholte Ave Maria, welches lautet: „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus [an dieser Stelle werden im Rosenkranz unterschiedliche Nebensätze eingefügt, z. B. „den du, oh Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast“]. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen.“

Wem gehört Jerusalem?

Ich habe in meinem letzten Artikel schon einen Beitrag auf feinschwarz.net zur Jerusalem-Frage (http://www.feinschwarz.net/jerusalem-heiligkeit-jenseits-von-machtbehauptung/) angesprochen, also will ich auf den hier jetzt noch genauer eingehen. Wie zu erwarten war, hält der Autor des Artikels, der Jesuit Christian M. Rutishauser, von Trumps Entscheidung, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, nicht viel.

Die Kritik an der Entscheidung der USA wird oft dadurch erleichtert, dass es Trump ist, der sie getroffen hat; Rutishauser hält das nicht für ein gutes Argument, auch wenn er sich etwas Trump-Kritik nicht verkneifen kann: „Da ist es einfacher, sich über einen Präsidenten wie Donald Trump zu empören, der offensichtlich aus innenpolitischen Machtinteressen Jerusalem zur Hauptstadt von Israel erklärt und damit weder den Israelinnen und Israelis noch den Palästinenser*innen einen Dienst erweist. Ob ihm die evangelikalen Wähler*innenstimmen und jene der ultra-orthodoxen, nationalreligiösen Juden und Jüdinnen helfen, wird man erst später sehen.“ Ich halte die Frage für ziemlich uninteressant, aus welchem Grund das blinde Huhn vielleicht doch mal ein Korn gefunden haben könnte; aber erweist er den Israelis denn wirklich keinen Dienst damit?

Rutishausers Hauptargument für seine Position gegen Jerusalem als israelische Hauptstadt ist: Diese Stadt ist heilig, und zwar für gleich drei Religionen. Das Heilige ist aber etwas, das Besitzdenken entzogen sein sollte:

Das Heilige stellt im Gegensatz zum Profanen denjenigen Bereich dar, der dem Menschen und seinem besitzergreifenden Handeln entzogen ist. Durch das Heilige wird dem Menschen eine Grenze gesetzt. Er kann sich nicht allem bemächtigen. […] Heilige Tage, wie sie unsere Gesellschaft gerade begeht, sollten dem menschlichen Eigennutz entzogen sein, so dass Raum für die Gesetzmäßigkeit Gottes und seiner Gerechtigkeit entsteht. So dürfte weder die «Heilige Nacht» von Weihnachten wirtschaftlich ausgebeutet, noch das «Fest der Heiligen Familie» für eine Familienideologie missbraucht werden. Doch über solche Profanierung und Grenzüberschreitung ärgert sich in unserer Gesellschaft kaum jemand. An die Maßlosigkeit westlicher Zivilisation und ihren Verlust des Heiligen haben sich die meisten gewöhnt. […] Nach dem jüdischen Religionsgesetz werden Dinge, die keine/n Besitzer*in haben, als hefker bezeichnet, Dinge aber, die nicht besessen werden können, weil sie für einen heiligen Dienst ausgesondert sind, als hekdesh. Alles würde dafür sprechen, Jerusalem jüdisch als hekdesh zu verstehen und die Stadt nicht politisch zu vereinnahmen! Die Heiligkeit Jerusalems steht im Dienst nicht nur des jüdischen Volkes, sondern auch der gesamten Menschheit.

Diese Aussage klingt zunächst einmal beeindruckend und sehr wahr – auch wenn Rutishausers Beispiele vielleicht nicht alle sinnvoll gewählt sind. (Was ist eine „Familienideologie“?) Aber Rutishauser hält hier zwei Dinge nicht auseinander. Dass eine heilige Sache oder ein heiliger Ort beliebigen menschlichen Zugriffen entzogen sein sollten, bedeutet z. B., dass ein Pfarrer nicht das Recht hat, in einer Kirche, die seiner Pfarrei gehört, einfach eine Tischtennisplatte im Altarraum aufzustellen, es bedeutet aber nicht, dass er sich nicht dagegen wehren sollte, wenn der Staat beschließen sollte, diese Kirche zu konfiszieren. (Das ist kein fiktives Beispiel; in Frankreich wurden im Jahr 1905 alle sakralen Gebäude im Land vom Staat beschlagnahmt; bis heute sind die vor diesem Datum erbauten Kirchen öffentliches Eigentum: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Trennung_von_Kirche_und_Staat_(Frankreich) Auch aus kommunistischen Staaten oder der heutigen Türkei gibt es zahlreiche Beispiele für Enteignungen von Kirchen.) Mit dem Heiligen kann man nicht einfach machen, was man will, nur, weil es einem „gehört“; aber das heißt nicht, dass heilige Dinge oder Orte keinen Besitzer nach dem weltlichen Recht haben sollten. Nur ist dieser Besitzer eben primär dafür verantwortlich, sie zu schützen und zu achten. (Das Prinzip, dass man mit seinem Besitz nicht alles machen darf, was man will, gilt übrigens auch für ganz profanem Besitz: Man darf auch auf seinem eigenen Grund und Boden kein Gift ins Grundwasser leiten, und man darf sogar an seinem eigenen Haus nicht ohne Genehmigung anbauen.) Und wenn jemand sich dafür einsetzt, dass etwas Heiliges nach dem weltlichen Recht in seinem Besitz bleibt (oder erst in seinen Besitz gelangt), dann kann man ihm nicht automatisch Besitzdenken und mangelnde Ehrfurcht vor dem Heiligen vorwerfen. Wenn Juden die heiligen Stätten in Jerusalem unter der Herrschaft des Staates Israel sehen wollen, dann doch wohl, um sie zu schützen und dafür zu sorgen, dass Juden dort den heiligen Gott anbeten können. Wenn man gerade diese Stadt zur Hauptstadt erhebt, zeigt das doch eher, wie wichtig sie einem, historisch und religiös gesehen, ist. Natürlich wird es komplizierter, sobald es um die heiligen Stätten anderer Religionen geht, die auch da sind; die muss man aber gerade nicht deshalb achten, weil man ihre Heiligkeit sieht, sondern weil man die Menschen achtet, die sie für heilig halten.

Rutishauser schreibt weiter:

Selbstverständlich ist der politische Zionismus mit dem Staat Israel ein konstitutiver Bestandteil des heutigen Judentums, den es nicht zu bestreiten gilt. Doch macht er nicht die ganze Wirklichkeit jüdischer Gegenwartsgeschichte aus.

Mit anderen Worten, politischer Zionismus ist blöd, auch wenn es ihn leider gibt.

Gerade Kulturzionist*innen wie Simon Dubnow oder Martin Buber haben Jerusalem zuerst als ein kulturelles und geistig-geistliches Zentrum des Judentums gesehen. Zion als Ausdruck einer Sprache und Literatur, einer Weltanschauung und Religion, einer nach jüdischen Werten geformten Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stand dem Kulturzionismus vor Augen. Er ist aus dem traditionellen rabbinischen Denken mit seinem Sinn für Menschlichkeit, Humanismus und Gerechtigkeit herausgewachsen. Er atmet den Geist der Sensibilität für die/den Andere/n. Es bleibt dem Judentum zu wünschen, dass es neben dem politischen Zionismus, der auf Landbesitz und politische Macht konzentriert ist, die kulturzionistische Dimension nicht verliert und die geistige Tradition der Diaspora nicht vergisst. Auch hier ist Erinnerung Anfang der Erlösung.

Dass das Judentum als Volk, Kultur und Religion wie keine andere Tradition ihren Mittelpunkt in Jerusalem hat, kann nicht bestritten werden. Den Christ*innen ruft Paulus im Römerbrief in Erinnerung, dass sie auf diese Tradition aufgepfropft sind wie wilde Sprösslinge auf einen Ölbaum. Was dies für das Judentum wiederum bedeutet, müsste erst noch bedacht werden. Aus der Heiligkeit Jerusalems religionspolitisch aber Souveränität abzuleiten, ist nur dann legitim, wenn sie sich am Ethos des Heiligkeitsgesetzes ausrichtet. Ansonsten schließen sich Heiligkeit und Souveränität gegenseitig aus, weil es in der Souveränität um Selbstbehauptung geht. Das Heiligkeitsgesetz der Tora definiert ja das Heilige gerade nicht mehr nur als Erfahrung des tremendum et faszinosum, sondern als ein Handeln, als Imitatio Dei: «Seid heilig in eurem Tun, denn ich bin der Heilige», klingt wie ein Refrain durch die rabbinische Ethik. Ohne diese ethische Rückbindung der Landverheissung wird die politische Frage nach der Souveränität zu einem Götzen bzw. Fetisch, wie in militanten Siedler*innenkreisen heute klar sichtbar ist.

Wieso wollen die politischen Zionisten denn „Landbesitz und politische Macht“? Wieso wurde der Staat Israel überhaupt gegründet? Um eine geschützte „Heimstatt“ für ein lange verfolgtes und immer noch bedrohtes Volk zu schaffen. Natürlich kann politischer Zionismus auch in eine falsche Richtung gehen. Aber es wirkt doch zynisch, wenn Rutishauser im Sinne der Gegenseitigkeit an dieser Stelle hinzufügt:

Selbstverständlich steht auch der Ruf «Tot den Juden!» aus muslimisch-arabischen Kreisen angesichts der Ankündigung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, jedem Ethos der Heiligkeit entgegen.

Die Zionisten missachten also das Ethos der Heiligkeit, wenn sie heilige Stätten besitzen wollen – aber natürlich missachten auch die Palästinenser dieses Ethos, wenn sie die Juden tot sehen wollen. Wie nett, dass Rutishauser anerkennt, dass Juden nicht umgebracht werden sollen. So etwas passiert, wenn man zwanghaft versucht, im Nahostkonflikt die Schuld gleichmäßig auf beide Seiten zu verteilen. Dieser Konflikt ist leider kein gutes Beispiel für den Spruch „Es gehören immer zwei dazu“. Palästinenser rufen „Tod den Juden“, Zionisten verlangen Jerusalem als „ungeteilte Hauptstadt Israels“. Es sind Palästinenserorganisationen, die keine Juden im Land sehen wollen und die immer wieder zu Gewalt aufrufen. Millionen von Palästinensern leben in Israel, gleichberechtigt und oft als israelische Staatsbürger; wie viele Juden leben in Gaza?

Und nebenbei, es müsste „Tod“ mit d heißen.

Rutishausers praktische Ideen für den Status der heiligen Stadt sehen folgendermaßen aus:

Umkämpft wie die Stadt ist, muss es aber für jeden vernünftigen Menschen eine Selbstverständlichkeit sein, dass sie Jüdinnen und Juden, Christ*innen und Muslim*innen offensteht. Die verschiedenen Gläubigen müssen dabei nicht nur ihre heiligen Stätten besuchen können. Auch ihre karitativen Einrichtungen, Spitäler, Schulen etc. müssen sich entfalten dürfen. Dass die Stadt drei Religionen und auch zwei Völkern, Palästinenser*innen, Israelinnen und Israelis Lebensraum zu geben hat, stellt eine Forderung dar, hinter die nicht zurückgetreten werden kann. Die Patriarchen und weitere christliche Führer der Stadt haben dies nochmals eindringlich unterstrichen.

Nach 1967 hat der Staat Israel begonnen, dazu Rahmenbedingungen zu schaffen. Doch angesichts der politisch angespannten Situation im Alltag und der verschiedenen ideologischen und theologischen Ansprüche ist die Stadt von einem friedlichen, gerechten und freien Zusammenleben ihrer Bewohner*innen immer noch entfernt. Aus der Perspektive der Menschenrechte wie auch aus der Perspektive des Ethos der Heiligkeit ist dies aber das entscheidende Kriterium. Eine Symbolpolitik muss dahinter zurücktreten. Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden. Jerusalem aber unter eine internationale Hoheit zu stellen, wie dies der Vatikan in der laufenden Debatte nochmals getan hat, bleibt eine Utopie. Der Vatikan weiß selbst darum. Es gibt keine internationale Instanz, die diesen Status von Jerusalem garantieren könnte. Wünschenswert wäre er, insofern man einer neutralen Instanz zutraut, den drei Religionsgemeinschaften und den beiden Völkern gerecht zu werden.

Als Ausdruck eines multireligiösen Ansatzes, der allen Beteiligten gerecht werden will, taugt er nicht. Er stellt nur den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, berücksichtigt die unterschiedlichen Verbindungen zu Jerusalem aber nicht. Gefragt wäre ein Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen. Dazu braucht es die Fähigkeit der Selbstbeschränkung.

Rutishauser ist es wichtig, dass alle drei Religionen, Judentum, Christentum und Islam, Zugang zu ihren heiligen Stätten haben und Gott in Jerusalem dienen können, und dass sowohl Israelis als auch Palästinenser dort leben können. Das ist ja auch wichtig. Aber wo wäre es denn jetzt nicht gegeben? Jeder Christ kann in die Grabeskirche gehen – und jeder Muslim in die Al-Aqsa-Moschee. Der Tempelberg steht unter der Verwaltung der muslimischen Waqf-Behörde, die sogar verbietet, dass Nicht-Muslime ihn betreten. Die israelische Polizei stellt nur dann Zugangsbeschränkungen zu diesem Ort auf, wenn es aus Sicherheitsgründen unumgänglich ist. Faktisch herrscht der Staat Israel über Jerusalem, beschränkt jedoch seine eigene Herrschaft schon, wenn es darum geht, andere Religionen zu achten.

Machen wir uns nichts vor: Es gibt in diesem Land durchaus jüdisch-nationalistische Fanatiker, aber es gibt sehr viel mehr Muslime, die keine Juden irgendwo in Jerusalem sehen wollen – oder am besten überhaupt im Heiligen Land. Rutishausers Aussage „Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden“ kann man daher nur zustimmen. Auch seine Beobachtung, dass es praktisch nicht möglich wäre, Jerusalem unter internationale Verwaltung zu stellen, ist ganz richtig – zumal die internationalen Verwalter auch nie einfach neutral sein könnten. (In der UNO etwa haben antiisraelische muslimische Mitgliedstaaten zurzeit großen Einfluss, dem die Europäer nichts entgegensetzen.) Sein „Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen“ klingt wesentlich sinnvoller, aber was genau ist damit gemeint? Eine Zwei-Staaten-Lösung mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt der Palästinenser und West-Jerusalem als Hauptstadt Israels? Aber was wäre mit dem Teil der Ost-Jerusalemer Altstadt, wo die heiligen Stätten beider Religionen liegen? Gemeinsame Verwaltung? Und wären die Palästinenserorganisationen mit einem solchen Miteinander als endgültiger Lösung einverstanden? Viele antisemitisch eingestellte Muslime – weltweit – leugnen immerhin, dass Jerusalem überhaupt ein heiliger Ort der Juden ist. Und wenn man sich z. B. mal die Website der „Diplomatische[n] Vertretung Palästinas in Deutschland“ ansieht, liest man schon auf der Startseite die Aussage: „Jerusalem ist eine arabische, christliche und islamische Stadt. Sie ist die ewige Hauptstadt des Staates Palästina.“ (http://palaestina.org/index.php?id=223) Danke für das Lippenbekenntnis zur christlichen Identität der Stadt, aber ihr habt noch eine Identität vergessen. Auf der Seite zum Friedensprozess und zur Bedeutung Jerusalems dafür liest man dann am Ende:

Im Einklang mit dem internationalen Recht und gemäß der Prinzipienerklärung von 1993 muss das gesamte Jerusalem (und nicht nur Ost-Jerusalem) Gegenstand der Endstatusverhandlungen sein. Im besetzten Ost-Jerusalem, und als integraler Teil der Westbank, kann Israel keinen legalen Anspruch auf diese Stadt haben. Somit sind alle Maßnahmen, die auf Veränderung des Charakters hinwirken, illegal.

Das palästinensische Volk wird keinen Staat ohne Ost-Jerusalem als Hauptstadt akzeptieren. Von besonderer Bedeutung sind hierbei die Altstadt und die umliegenden Bezirke. Sich der religiösen Bedeutung Ost-Jerusalems bewusst, wird die PLO die Freiheit der Religionen respektieren und den Zugang zu allen religiösen Stätten für alle Glaubensrichtungen garantieren.

(http://palaestina.org/index.php?id=70)

Während Ost-Jerusalem inklusive der Altstadt von Jordanien besetzt war (von 1948 bis 1967) gab es übrigens, entgegen dem Waffenstillstandsabkommen, keinen Zugang zur Klagemauer für Juden; der Wunsch, diesen Ort unter isrealischer Herrschaft zu behalten, ist also nicht unbedingt unlogisch.

Jerusalem ist nun mal seit 3000 Jahren ein heiliger Ort für das jüdische Volk; 1600 Jahre länger, als der Islam überhaupt existiert. Was würden die Muslime sagen, wenn eine neue Sekte plötzlich auch Mekka zu ihrer heiligen Stadt erklären würde? Die Sehnsucht, Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staates zu sehen, als Besitzdenken und politische Vereinnahmung zu bezeichnen, kommt mir kurzsichtig vor. Rutishauser hat einige bedenkenswerte Gedanken in seinem Artikel; trotzdem stört diese Tendenz, die Schuld für alle Unstimmigkeiten in Nahost vor allem auf israelischer Seite zu suchen, die man nicht nur hier beobachten kann.