Liebe, Barmherzigkeit und der Traditionalismus

(Ein paar vielleicht eher unsortierte Gedanken.)

Eine Weise, auf die liberalere Christen einen heute am liebsten von konservativeren/traditionalistischen Spielarten des Christentums abhalten wollen, besteht darin, ein Schreckensbild von der Kirche der 50er, des Mittelalters oder sonst irgendeiner Zeit aus der Vergangenheit zu zeichnen: Allüberall wurde der strafende Gott gepredigt, den Leuten für den geringsten Fehler die Verdammnis angedroht, es gab keine Gnade und Barmherzigkeit, die Religion war das Mittel, die Leute niederzuhalten, sie zu kontrollieren und ihnen Geld abzupressen. Von der „wahren Botschaft Jesu“ hatten die Leute ja eh keine Ahnung, die Bibel durften sie nicht lesen und die Messe haben sie nicht verstanden.

Jetzt kann man anfangen, alle möglichen Einzelheiten zu korrigieren, z. B. aufzählen, dass es früher sehr wohl katholische Bibelübersetzungen gab, auch vor Luther, und die Kirche nur ungenehmigte und nicht katholische Übersetzungen wegen tendenziöser und falscher Übersetzungen und Kommentierungen verurteilte; dass es ab dem späten 19. Jahrhundert (als Bücher ziemlich billig geworden waren und die meisten Leute lesen konnten) unter Laien absolut üblich war, ein Volksmessbuch zu besitzen, in denen die Texte der Messe mit Übersetzung standen und mit denen man ihr folgen konnte; oder dass es, als noch Fürstbistümer und Fürststifte existierten, das Sprichwort „Unter dem Krummstab ist gut leben“ gab, und man unter der Herrschaft eines kirchlichen Fürsten oft Vorteile wie z. B. eine große Zahl an Feiertagen hatte; dass es die kirchlichen Orden waren, die für eine Armenfürsorge, Krankenversorgung und Schulbildung fürs gemeine Volk sorgten, die es in heidnischen Zeiten und Ländern absolut nicht gab, und die Armenfürsorge erst mal zusammenbrach, wenn kirchenfeindlich gesonnene Staaten Orden zwangsweise auflösten (z. B. bei der Säkularisierung 1803); dass kirchliche Prediger im Mittelalter Zinswucher und dergleichen verdammten, unter dem normale Leute litten.

Aber jetzt mal zu der eigentlichen Botschaft der Kirche, die damals gepredigt wurde. Denn eins ist klar: Das religiöse Wissen war „früher“ auf einem wesentlich besseren Stand als heute, wo zwar jeder sämtliche Bibelübersetzungen abrufen, aber oft nicht mal das Vaterunser aufsagen kann. Im Mittelalter war es besser, in der Frühen Neuzeit war es besser, und ganz besonders war es im 19. und 20. Jahrhundert besser, als jedes Bauernkind in der Dorfschule beim Katechismusauswendiglernen beim hochwürdigen Herrn Kaplan mehr über die katholische Lehre lernte als heute so manche Theologiestudenten.

Und was war denn der Inhalt dieses religiösen Wissens? Natürlich Gottes Liebe, Güte, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Natürlich haben damals die Leute vom lieben Herrgott und vom lieben Heiland geredet und ihre Andachtsbildchen vom Guten Hirten und der Schmerzensmutter und dem lieben Jesuskind verteilt bekommen und „Ich will dich lieben, meine Stärke“ und „O Jesu, all mein Leben bist du“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „Näher mein Gott zu dir“ gesungen.


(Andachtsbildchen, 1895. Gemeinfrei.)

Ziemlich oft gab es sogar eher eine etwas zu verkitschte Version von Jesus Christus als das Bild vom strengen Weltenrichter. (Freilich gab es beides mal; wieso denn auch nicht.)

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(Links: Andachtsbildchen 1879. Rechts: Andachtsbildchen 1917, „Venite ad me“ (Kommt zu mir). Gemeinfrei.)

Klar hat man deswegen das Böse und das Leid nicht geleugnet; das konnte man auch weniger, weil z. B. der Tod viel präsenter war. Aber man hat es auf Gott bezogen: Christus erlöst von der Schuld und wird am Ende alle Tränen abwischen. Ein heutiger Stuhlkreis, in dem nur Banales gesagt werden darf, ist nicht tröstlicher als eine damalige Krankensalbung.

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(Andachtsbildchen mit Zitat aus den Klageliedern 1918. Gemeinfrei.)

Die Sache mit den Modernisten ist ja gerade, dass sie oft genug das christliche Brauchtum, das dem Durchschnittsmenschen Gottes Liebe für ihn vor Augen führt – die Wallfahrten mit der Bitte um Heilung, die Herz-Jesu-Verehrung, die Marienverehrung etc. – abgelehnt haben oder ihm jedenfalls sehr kühl gegenübergestanden sind. Weil Gott v. a. für die Schlimmeren unter ihnen nicht wirklich real ist, sondern eine Kraft, eine Idee, eine nette Täuschung, die einem beibringt, unter sich lieb und nett zu sein.


(Tiroler Herz-Jesu-Feuer. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Noclador.)

Gerade das, worin sich Gottes Liebe für uns konkret, wirklich, zeigt, ist ihnen meistens ein Dorn im Auge: Die Eucharistie, wo Jesus sich selber mit uns vereinigt, bescheiden, unscheinbar und innig zu uns kommt.

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(Andachtsbildchen 1903. Gemeinfrei.)

Die Modernisten sind nicht besonders barmherzig: Ihr Spielchen besteht ja auch oft genug darin, implizit oder explizit zu leugnen, dass Gott alles gut machen wird. Nein, da ist zu wenig Raum für „Zweifel“ und „Ambiguität“ und das ist doch alles zu „triumphalistisch“ und einfach und zu viel Vertröstung. Nun ist es eben aber einfach so: Die tiefste Realität ist gut (das Böse hat ja gar kein Sein in sich selbst, es ist immer nur eine Perversion des Guten oder ein Mangel an Gutem) und am Ende wird alles gut. Manche Geschöpfe mögen sich Gott verweigern, aber dass sie sich schmollend zurückziehen und keinen Anteil daran haben wollen, kann nicht verhindern, dass alles gut wird.

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(Andachtsbild 1902. Gemeinfrei.)

Aber man verinnerlicht eben doch manchmal etwas von dieser Propaganda. Da kann es einem dann passieren, dass man etwas überrascht ist, wenn man von den Lebensgeschichten einiger Figuren aus der Tradi-Bewegung liest: Dass z. B. Erzbischof Lefebvre, der Gründer der Piusbruderschaft*, jahrzehntelang Missionar in Afrika gewesen war, eine recht beschwerliche Tätigkeit, bei der man sich vor allem Tropenkrankheiten einfing, und sich als Bischofsmotto das wunderschöne Bibelwort „Und wir haben an die Liebe geglaubt“ (Et nos credidimus caritati, 1 Joh 4,16) ausgesucht hatte; oder dass Pfarrer Hans Milch, der Gründer der actio spes unica, 1987 von einem psychisch schwer kranken Mann ermordet wurde, um den er sich gekümmert hatte.

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(Links: Erzbischof Lefebvre predigt in Lille, 1976. Gemeinfrei. Rechts: Sein Bischofswappen, Bildquelle hier.)

Sogar, wenn man das alles weiß, kann man noch nervös dabei sein, wenn man sich endlich zu Tradigemeinden hinwagt; ich war gerade vor meiner ersten Beichte bei einem Priester der Petrusbruderschaft schon nervös. Im Endeffekt gab es keinen Grund dazu.

Natürlich wurde auch „früher“ von der Nächstenliebe geredet und die Nächstenliebe getan. Früher hatte jedes Kaff seine Nonnen und seine kirchlichen Wohltätigkeitsvereine und hat man den Kindern beigebracht, dass die Gottes- und Nächstenliebe die obersten Gebote sind. Natürlich war deswegen nicht alles gut, weil die Menschen nun mal ziemlich verdorben sind und das Christentum immer zu einem großen Teil mit Schadensbegrenzung beschäftigt sein wird; aber ich halte es nicht für glaubwürdig, dass es mit der Kirche und den Durchschnittskatholiken heute besser wäre.

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(Andachtsbildchen, 1899. „Ich war durstig und ihr habt mich getränkt.“)

Natürlich stimmt bei alldem auch, dass man über der Liebe die Regeln nicht verstecken darf, die sich aus der Liebe selbst ergeben und das Gute schützen. Aber selbst hier war die Kirche „früher“ – wo es klare Regeln gab – manchmal lockerer als z. B. heutige charismatischer gesonnene Katholiken (nicht dasselbe wie die Standard-Modernisten, aber trotzdem auch eine Gruppe, die oft falsche Vorstellungen von der schrecklichen früheren Rigidität verbreitet und sich davon abgrenzen will), die finden, dass man eigentlich als „wirklicher Christ“ nie genug tun kann. Damals war den Leuten viel eher klar, wann sie eine schwere Sünde begehen und wann nicht, und die schweren Sünden ist man eben durch Reue und dann Beichte losgeworden.

Die wichtigste Sache ist einfach, sich sein Vergangenheitsbild nicht von historischen Romanen zu holen, die oft genug Katholiken und Anglikaner nicht auseinanderhalten können oder die Anrede für den Bischof nicht kennen, sondern von Leuten aus der jeweiligen Zeit, von denen, um die es hier geht und die oft genug verleumdet werden.

Ein Anspruch der Tradi-Bewegung ist es ja, mehr oder weniger das christliche Leben so fortzusetzen, wie es vor „dem“ Konzil war, ohne bestimmte Änderungen, die man als schädlich und aus dem falschen Geist kommend sieht (auch ein gültiges Konzil und gültige Päpse können so was bringen), weil es eben gerade nicht so war, dass unsere Vorfahren 1960 Jahre lang gar nicht begriffen hatten, was Jesus eigentlich wollte. Fehler gab es zu allen Zeiten und man muss nicht sklavisch alles nachahmen, weil es älter ist; aber wenn es so gewesen wäre, dass die Kirche jahrtausendelang das meiste falsch gemacht hätte, wären Jesu Versprechen an sie nicht wahr und es gäbe auh keinen Grund, ihr heute zu trauen. Heute gibt es mehr Fehler als „früher“, und es macht Sinn, erst einmal bei Vorbildern anzusetzen.

Und von diesen Vorbildern kann man erstmal lernen, dass die Barmherzigkeit, die Milde und die Liebe keine Erfindung von Modernisten sind.

* Ich möchte mal eigens noch darauf eingehen, was meine Meinung zu Erzbischof Lefebvre ist und inwiefern er m. E. im Recht oder im Unrecht war; jedenfalls hat er in der nachkonziliaren Krise als einer von sehr wenigen Klerikern versucht, verwirrten Katholiken zu helfen.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9c: Gelegenheiten zur Sünde

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Während Verführung, Ärgernis und Mitwirkung an den Sünden anderer Sünden gegen die Nächstenliebe sind, kann es eine Sünde gegen die Selbstliebe sein, sich selbst Gelegenheiten zur Sünde auszusetzen.

Natürlich lassen sich nicht alle Gelegenheiten zur Sünde vermeiden, solange man auf der Welt lebt; einige allerdings schon. Man unterscheidet vor allem die nächste und die entfernte Gelegenheit zur Sünde; dann die notwendige und die nicht notwendige Gelegenheit zur Sünde.

Die nächste Gelegenheit zur Sünde ist eine, in der man vernünftigerweise damit rechnen kann, dass man sündigen wird oder in der es zumindest relativ wahrscheinlich ist; wenn man z. B. in acht von zehn Fällen, in denen man sich Alkohol gekauft hat, sich nicht mäßigen konnte und sich total betrunken hat, ist der Kauf von Alkohol eine nächste Gelegenheit. Eine entfernte Gelegenheit ist eine, in der man in etwas größerer Versuchung als sonst ist, aber ihr noch relativ leicht widerstehen kann. Wenn man sich ein paar Mal in seinem Leben betrunken hat und sich manchmal dazu verleiten lassen möchte, mehr zu trinken als gut ist, wenn man mit seinen Freunden weggeht, sich aber relativ leicht beherrschen und davon zurückhalten kann, ist es eine entfernte Gelegenheit.

Notwendig ist eine Gelegenheit, wenn man sich ihr aus einem verhältnismäßigen Grund aussetzt. (Wenn man sich ihr aus einem geringfügigeren, nicht verhältnismäßigen Grund aussetzt, zählt sie im strengen Sinn als nicht notwendig, noch mehr, wie wenn man sich ihr völlig ohne Grund oder aus einem schlechten Grund aussetzt.)

Zwei Beispiele: Wenn ein frisch zum Katholizismus bekehrtes, bisher unverheiratet zusammenlebendes Paar, das erst in zwei Monaten heiraten kann, sich entscheidet, bis zur Hochzeit noch weiterhin zusammenzuleben, weil sie ein gemeinsames Kind haben, das sie beide braucht, und weil es außerdem praktisch kaum machbar wäre, dass sich einer in der Zwischenzeit eine andere Unterkunft sucht, obwohl sie dabei immer wieder in Versuchungen gegen die Keuschheit geraten, ist das eine notwendige Gelegenheit zur Sünde; wenn das Paar kein Kind hätte, sich auch noch gar nicht sicher wäre, ob sie überhaupt irgendwann heiraten wollten, und einer leicht in absehbarer Zeit eine andere Wohnung finden könnte, wäre es eine nicht notwendige Gelegenheit zur Sünde.

Erstmal ein paar Grundprinzipien:

  1. Sich einer a) nicht notwendigen b) nächsten Gelegenheit zur c) schweren Sünde auszusetzen, ist selbst eine schwere Sünde.
  2. Wenn man sich einer notwendigen nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde aussetzt, muss man etwas dafür tun, um sie zu einer entfernteren Gelegenheit zu machen (bestimmte Vorkehrungen treffen, die es einem schwerer machen, in die Sünde zu fallen oder es leichter machen, ihr zu widerstehen; zu Gott um Seine Hilfe beten). Da die Gelegenheit notwendig ist, wird Gott einem auch Seine Hilfe gewähren, aber man muss auch das Seine tun, also praktische Vorkehrungen treffen.
  3. Je entfernter eine Gelegenheit zur schweren Sünde, desto leichter lässt es sich rechtfertigen, dieses Risiko einzugehen. Je größer die Gefahr zur Sünde, und je größer die Sünde, desto bedeutender muss der Grund sein, das Risiko einzugehen. Es kann in manchen Fällen auch eine lässliche Sünde sein, wenn man sich einer noch relativ nahen, aber nicht mehr ganz nahen Gelegenheit nicht ganz grundlos, aber aus einem gerade so nicht mehr verhältnismäßigen Grund aussetzt.
  4. Bei wirklich entfernten Gelegenheiten zur schweren Sünde, denen man also leicht widerstehen kann und bei denen man weiß, dass das Risiko nicht groß ist, gibt es keine Pflicht, sie unter Sünde zu meiden, oder jedenfalls ist es höchstens eine lässliche Sünde bzw. lässt sich mit einem relativ geringfügigen Grund rechtfertigen.
  5. Auf Gelegenheiten zu lässlichen Sünden muss man im Allgemeinen nicht besonders achten, weil sie ziemlich zahlreich sind und es sehr umständlich wäre, wenn man sie alle vermeiden wollte; vielleicht wird es Situationen geben, in denen man eine Gelegenheit für bestimmte häufige lässliche Sünden meiden/entfernen sollte. Aber sie nicht zu meiden geht jedenfalls nicht über lässliche Sünde hinaus.

Oft gibt es Grenzfälle zwischen der entfernten und der nächsten Gelegenheit; dazu weiter unten mehr.

Heribert Jone schreibt über die Plichten des Beichtvaters gegenüber Gelegenheitssündern:

„I. Begriff der Gelegenheit. Unter Gelegenheit versteht man einen äußeren Umstand, der jemand zur Sünde anlockt und es leicht macht, sie zu begehen.

Hier kommt nicht die entferntere, sondern nur die nächste Gelegenheit in Betracht, d. h. jene Gelegenheit, in der jemand immer oder fast immer sündigt, so daß es auch für die Zukunft moralisch sicher oder sehr wahrscheinlich ist, daß jemand sündigt, wenn er in diese Gelegenheit kommt. Dabei ist es gleich, ob nun die Menschen im allgemeinen fallen (absolute Gelegenheit) oder nur ein bestimmter wegen seiner besonderen Anlagen (relative Gelegenheit). – Die entferntere Gelegenheit kommt hier nicht in Betracht, weil man sich ihr aus einem vernünftigen Grunde aussetzen darf. [Anmerkung: Mit einem „vernünftigen Grund“ ist in der Moraltheologie nicht dasselbe gemeint wie mit einem „schwerwiegenden Grund“; ein vernünftiger Grund ist relativ leicht gefunden.]

Die nächste Gelegenheit kann sein eine freiwillige oder eine notwendige. Erstere kann man leicht meiden. Die Meidung der letzteren ist physisch oder moralisch unmöglich wegen des mit der Meidung verbundenen großen Schadens für Leben, Gesundheit oder guten Namen. Notwendige nächste Gelegenheit zur Sünde ist z. B. eine Bekanntschaft, bei der Aussicht auf baldige Heirat vorhanden ist.

2. Absolution von solchen, die sich in der nächsten Gelegenheit zur Sünde befinden.

a) Wer die nächste freiwillige Gelegenheit zur Sünde nicht meiden will, kann nicht losgesprochen werden.

Dies gilt auch, wenn er die Gelegenheit durch Gebet usw. zu einer entfernteren machen will. [Anmerkung: Ein Grund wird sein, dass man nicht unbedingt mit Gottes großer Hilfe rechnen können wird, wenn man eine nicht notwendige Gelegenheit nicht aufgeben will.]

Wer aufrichtig verspricht, diese Gelegenheit sofort zu meiden, kann auch sofort absolviert werden. – Wer schon öfters dieses Versprechen gebrochen hat, dessen Disposition ist zweifelhaft. Er kann deshalb gewöhnlich nicht absolviert werden, bevor er die Gelegenheit tatsächlich aufgegeben hat (vgl. Nr. 605). […]

b) Wer die nächste notwendige Gelegenheit zur schweren Sünde nicht entfernt, aber durch Anwendung geeigneter Mittel zu einer entfernteren machen will, kann absolviert werden.

Derartige Mittel können entweder die geistigen Kräfte stärken (Gebet, Sakramente, Erwägung der ewigen Wahrheiten) oder die Macht der Gelegenheit mindern (Bewachung der Augen; Vermeidung eines vertrauten Verkehrs mit der Person; es meiden, mit dieser Person allein zusammen zu sein).

Wer trotz der angewandten Mittel immer wieder fällt, kann nicht gezwungen werden, um jeden Preis die Gelegenheit aufzugeben, er muß aber nachdrücklich zur eifrigeren Anwendung der Gegenmittel aufgefordert werden. – Wenn ihn aber diese Gelegenheit in die nächste Gefahr der ewigen Verdammnis brächte, müßte er sie sogar um den Preis seines Lebens aufgeben. Nicht absolviert werden kann derjenige, der die entsprechenden Mittel nicht anwenden will, um eine solche Gelegenheit zu einer entfernteren zu machen.

Anmerkung: Zwischen der entfernteren und nächsten Gelegenheit gibt es verschiedene Zwischenstufen. Je größer die Gefahr zu sündigen ist, um so wichtigere Gründe werden erfordert, damit man diese Gelegenheit nicht aufzugeben braucht.

Wer ohne hinreichenden Grund eine Gelegenheit nicht meidet, die eigentlich keine entferntere mehr ist, aber auch noch keine nächste, begeht wenigstens eine lässliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie auf das Leben angewandt, 17. Aufl., Paderborn 1961.)

Hier wären wir wieder bei den Grenzfällen. Vielleicht weiß man, dass man bei dieser Gelegenheit eine 2-prozentige oder 5-prozentige Chance hat, eine Sünde zu begehen, und sich leicht zurückhalten kann – gut, das ist entfernt. Aber wie ist es bei einer 30-prozentigen, oder 40-prozentigen, oder 50-prozentigen Chance, bei einer Gelegenheit, bei der man weiß, dass man es mit Anstrengung schon schaffen kann, ihr zu widerstehen, es aber auch schon öfter nicht geschafft hat? Was ist diese Gelegenheit dann und was für eine Art Sünde wäre es, sie nicht zu meiden? Wie Jone schon schreibt, ist es zumindest eine lässliche Sünde, kann aber öfter auch eine schwere sein; es kommt auch darauf an, aus welchem Grund man es tut.

Zu dieser Frage möchte ich John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ zitieren, die einige ausführlichere hilfreiche Überlegungen bieten:

„Es ist ein allgemein anerkanntes Prinzip, dass jedes Gesetz implizit die Verpflichtung enthält, die gewöhnlichen Mittel anzuwenden, um es zu erfüllen; und ein solches Mittel ist die Vermeidung von Dingen, die eine nicht zu rechtfertigende Gefahr schaffen, das Gesetz zu brechen. […]

Und es gibt wahrscheinlich kein besseres Beispiel für die Notwendigkeit der Kasuistik, wie auch für ihre Schwierigkeiten, als die Versuche angesehener Theologen, Prinzipien und praktische Regeln in Bezug auf Gelegenheiten zur Sünde aufzustellen.

Darüber hinaus ist das Problem der Gelegenheiten zur Sünde eine exzellente Illustration der Aussage des Heiligen Vaters, dass es Situationen geben kann, auf die keine absolut bindenden Gebote direkt anwendbar sind, und in denen daher besondere Notwendigkeit für die Tugend der Klugheit besteht. Das bedeutet natürlich nicht, dass es irgendein moralisches Problem gibt, das unabhängig von einem allgemeinen Prinzip gelöst wird. Es bedeutet einfach, dass es für die Anwendung mancher Prinzipien einer ungewöhnlich sorgfältigen Prüfung aller konkreten Umstände bedarf. Die Klugheit führt diese Prüfung durch und zieht die Schlussfolgerung, nicht durch das mysteriöse ‚lumen internum‘ [inneres Licht] der Situationsethiker, sondern indem man ein vernünftiges Prinzip auf die Situation anwendet.

Drittens, wie wir mehr als einmal in unseren frühen Kapiteln erwähnt haben, gibt es unter katholischen Theologen viele legitime Kontroversen – Kontroversen, die der Heilige Stuhl erlaubt und die nur der Heilige Stuhl autoritativ lösen kann. Der Streit unter Moraltheologen, der die Natur einer nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde betrifft, ist eine solche Kontroverse, und eine sehr wichtige.

Zuletzt […] möchten wir daran erinnern, was wir in Kapitel 6 über die unbesonnene Veröffentlichung der Meinungen einzelner Moralisten gesagt haben, als ob diese Meinungen die autoritative Lehre der Kirche wären. Unglücklicherweise ist das in unserem Land innerhalb etwa des letzten Jahrzehnts nur zu häufig passiert, mit dem Ergebnis, dass die Gläubigen hochgradig verwirrt wurden über gewisse wichtige moralische Probleme des täglichen Lebens. Einige dieser praktischen Probleme betreffen Pflichten in Bezug auf Gelegenheiten zur Sünde. […]

DIE GENERELLE KONTROVERSE

Punkte, in denen Übereinstimmung herrscht

Bevor wir versuchen, die generelle Kontroverse betreffs der nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde zu skizzieren, möchten wir kurz die Punkte erwähnen, bei denen sich die Moralisten einig sind. Zunächst ist nach allen Autoren eine Gelegenheit zur Sünde ein äußerer Umstand, der einen Impuls oder eine Verlockung zur Sünde enthält mit einer daraus folgenden Wahrscheinlichkeit oder Gefahr zu sündigen, und diese Wahrscheinlichkeit oder Gefahr wäre nicht da, oder wäre bedeutend niedriger, wenn der äußere Umstand vermieden würde. Der Zweck dieser Definition ist es, zwischen einer Gefahr der Sünde zu unterscheiden, die vor allem aus dem äußeren Umstand resultiert, und einer Gefahr, die vor allem wegen einer persönlichen Schwäche existiert. Wenn daher ein Junge nur dann in unreinen Gedanken schwelgt, wenn er eine gewisse Art von Zeitschrift liest, besteht die Annahme, dass das Lesen für ihn eine Gelegenheit zur Sünde darstellt.  Andererseits, wenn er zu fast jeder Zeit und unter fast allen Umständen unreine Gedanken unterhält, ist die vernünftige Schlussfolgerung, dass die Quelle des Problems in ihm liegt; er ist kein occasionarius im technischen Sinn. Außerdem sollte ein Umstand, der bewusst gewählt wird als Mittel, um eine Sünde zu begehen, nicht mit einer Gelegenheit im strengen Sinn verwechselt werden. Eine solche Entscheidung ist eine direkte Entscheidung zur Sünde, nicht die Wahl einer Gelegenheit zur Sünde. Eine Gelegenheit wird nicht zum Zweck gewählt, eine Sünde zu begehen. Es wird davon ausgegangen, dass sie aus einem anderen Grund gewählt wird und dann eine Verleitung zur Sünde wird. Wenn daher ein Mann, nachdem er sich in den Kopf gesetzt hat, zu sündigen, die Person oder den Ort aufsucht, die es ihm ermöglichen wird, ist diese Person oder dieser Ort nicht die ‚Gelegenheit‘ zu seiner Sünde. Ein Beichtvater, der verlangen würde, dass ein solcher Pönitent ‚verspricht, die Gelegenheit zur Sünde zu meiden‘ würde harmlosen, aber ungeeigneten Rat geben. Er würde das wirkliche Problem des Pönitenten nicht erkennen und dabei scheitern, es zu lösen.

Und obwohl sie sich uneinig dabei sind, die Unterscheidung zu erklären, sprechen alle Autoren von entfernten und nächsten Gelegenheiten. Außerdem, wenn sie von der nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde sprechen, unterscheiden sie generell zwischen der allgemeinen oder absoluten und der persönlichen oder relativen Gelegenheit. Letzteres bezieht sich auf eine Gelegenheit, die erfahrungsgemäß eine nächste Gelegenheit für dieses Individuum ist, zum Beispiel nach seiner persönlicher Erfahrung; ersteres bezieht sich auf eine Gelegenheit, die mutmaßlich für die Menschen im Allgemeinen eine nächste Gelegenheit ist, oder für alle normalen Mitglieder einer bestimmten Gruppe, z. B. Jugendliche. […]

Ein anderer Punkt, über den es keinen theoretischen Streit gibt (obwohl praktische Fälle vielleicht schwierige Probleme bieten können und unterschiedliche Meinungen zulassen) ist die Unterscheidung zwischen freiwilligen und notwendigen Gelegenheiten zur Sünde. Eine Gelegenheit wird freiwillig genannt, wenn sie mit Leichtigkeit oder wenigstens mit relativ geringen Schwierigkeiten vermieden werden kann; während sie notwendig ist, wenn ihre Vermeidung entweder physisch oder moralisch unmöglich ist. [Mit „moralisch unmöglich“ ist hier „praktisch kaum möglich“ gemeint, während physische Unmöglichkeit absolute Unmöglichkeit ist. Jemandem, der bewusstlos ist, ist es „physisch unmöglich“, aufzustehen, jemandem, dem der Arzt gesagt hat, er muss liegen bleiben, oder der unter Schwindel leidet, ist es „moralisch unmöglich“, aufzustehen.] Und soweit es die Theorie betrifft, besteht Übereinstimmung, dass eine Person berechtigterweise in einer notwendigen Gelegenheit bleiben oder sie nicht vermeiden kann, selbst zur Todsünde. Dieser letzte Punkt ist selbst von notwendigen Gelegenheiten wahr, die je nach den unterschiedlichen Definitionen, nächste Gelegenheiten zur Todsünde sind. Die übliche Bedingung ist natürlich, dass angemessene Mittel angewandt werden, um die nächste Gelegenheit zur entfernten zu machen.

Zuletzt gibt es keinen Streit unter den Theologen darüber, dass bei einer Gelegenheit zur schweren Sünde, die freiwillig und wirklich nahe ist, eine schwerwiegende Pflicht besteht, sie zu entfernen oder zu meiden. […]

Selbst die strengsten Autoren sind generell gewillt, die Frage der Gelegenheiten zur lässlichen Sünde beiseitezulassen – und das aus zwei Gründen: erstens, die Einstellung eines Pönitenten in Bezug auf solche Gelegenheiten hätte selten, wenn überhaupt jemals, irgendeinen Einfluss auf die Gültigkeit der Absolution [Fußnote: Es scheint theoretisch möglich, dass ein Widerwille, die nächste Gelegenheit zur lässlichen Sünde aufzugeben, sich auf die Gültigkeit der Absolution auswirken könnte, z. B. wenn diese lässliche Sünde die einzige Materie der Beichte darstellen würde, sodass nicht anderes selbst allgemein gefasst enthalten wäre.]; und zweitens sind Gelegenheiten zur lässlichen Sünde so zahlreich, dass es unmöglich wäre, sie alle zu vermeiden, und in vielen bestimmten Fällen wäre es unmöglich, zu bestimmen, ob die Gelegenheit notwendig oder freiwillig war. Aus ähnlichen Gründen messen einige Autoren der Pflicht, wirklich entfernte Gelegenheiten zur Todsünde zu meiden, wenig Gewicht bei; und viele leugnen explizit, dass es irgendeine Verpflichtung gibt, solche Gelegenheiten zu meiden.

Die Kontroverse

Es mag ein paar Meinungsverschiedenheiten über den einen oder anderen der vorigen Punkte geben, aber sie wären so gering, dass sie zu einem bloßen Streit um Worte werden würden. Aber, trotz der Tatsache, dass die Frage manchmal durch unterschiedliche Terminologien verkompliziert wird, gibt es ganz klar mehr als einen Streit um Worte in der Kontroverse über die Definition (und daher die wirkliche Bedeutung) einer nächsten Gelegenheit zur Todsünde im Unterschied zu einer entfernten Gelegenheit. Diese Kontroverse wird in den folgenden Beispielen von A. Regan CSSR genau aufgezeigt:

‚Ein Mann geht in ein Hotel und trinkt unter Umständen, die es ihm unmöglich machen, definitiv zu versichern, dass er nicht ernsthaft betrunken werden wird. Vielleicht war er unter denselben Umständen in der Vergangenheit häufig betrunken oder vielleicht wird der Einfluss, den der Alkohol auf ihn hat, schnell so groß, dass ernsthafter Missbrauch definitiv wahrscheinlich ist. Dennoch kann niemand definitiv sagen, dass er bei diesem oder jenem Anlass  betrunken werden wird, denn wir können annehmen, dass die Chancen in beide Richtungen ungefähr gleich sind. Nach dem hl. Alphons macht sich ein solcher Mann jedes Mal der Todsünde schuldig – wenigstens objektiv -, wenn er sich freiwillig in diese gefährlichen Umstände begibt. Unverheiratete Paare treffen sich an Orten oder zu Zeiten oder unter anderen Umständen, die sie wahrscheinlich zur Todsünde führen werden: sie wissen das, weil sie vielleicht in der Vergangenheit gefallen sind, oder vielleicht müssen sie sich ehrlich eingestehen, dass ihr Sinn der Schamhaftigkeit so sehr zusammenbricht, dass es ein ernsthaftes Risiko eines Falls bedeuten würde, die Versuchung sogar nur noch ein Mal zu suchen. Ein solches Risiko sogar nur einmal einzugehen ist in den Augen des heiligen Kirchenlehrers eine Todsünde, obwohl es auch wahrscheinlich sein mag, dass sie nicht fallen, denn der springende Punkt ist, dass, solange ein Fall wahrscheinlich bleibt, kein Raum für ein Klugheitsurteil besteht, dass die Sünde tatsächlich vermieden werden wird.‘

Was die von Pater Regan gewählten Beispiele angeht, sollte erwähnt werden, dass diese dem Beichtvater oft als Gewohnheiten präsentiert werden, sich in Gelegenheiten zu begeben, in denen man oft tödlich sündigt. Das ist nicht der Punkt der Kontroverse. Fast alle Autoren, so scheint es, würden zustimmen, dass man die schwerwiegende Pflicht hat, die Gewohnheit aufzugeben, sich häufig in eine freiwillige Gelegenheit zu begeben, in der man oft tödlich sündigt, weil das gewohnheitsmäßige Aufsuchen dieser Gelegenheit eine praktische Sicherheit einschließt, dass Sünde stattfinden wird. Offensichtlich ist das nicht der Punkt, den Pater Regan betont. Seine These betrifft die Pflicht, eine einzelne Handlung zu meiden. Zudem ist sie nicht auf die Beispiele im Text beschränkt. Es ist eine generelle These, die sich auf jede Todsünde bezieht, ob innerlich oder äußerlich, ob allein oder mit anderen begangen. Die These ist, dass, was alle diese Sünden angeht, eine Gelegenheit eine nächste ist, wenn die Gefahr zu sündigen wirklich wahrscheinlich ist, obwohl es genauso wahrscheinlich ist, dass trotz der Gelegenheit die Sünde vermieden werden wird. Und da dieser Grad der Gefahr eine nächste Gelegenheit darstellt, wird (objektiv) jedes Mal eine Todsünde begangen, wenn man sich dieser Gefahr ohne einen verhältnismäßigen Grund aussetzt.

Pater Regans Text enthält auch das Hauptargument, das zur Verteidigung dieser These gebraucht wird: nämlich, dass ein Mensch, der sich ohne genügenden Grund dieser wahrscheinlichen Gefahr der Todsünde aussetzt, sich einer schwerwiegenden Verfehlung gegen die Klugheit schuldig macht. Die Argumentation hinter dieser Aussage ist, dass aktuale Gnade nötig ist, um erfolgreich einer ernsthaften Versuchung zu widerstehen und dass einer, der nicht tut, was er kann, um diese Gnade zu erhalten, sie nicht bekommen wird. Nebenargumente, die vorgebracht wurden, sind die folgenden: Ein solcher Mensch handelt im Zustand des praktischen Zweifels; er stellt Gott auf die Probe; er verletzt das Gebot der Liebe zu sich selbst in derselben Weise (tatsächlich in stärkerer Weise) wie derjenige, der sich oder andere ohne guten Grund der wahrscheinlichen Gefahr der ernsthaften körperlichen Verletzung aussetzt.

Pater Regans These ist natürlich nicht neu; noch sind es die Argumente, die vorgebracht werden, um sie zu stützen. Im Lauf vieler Jahre haben zahlreiche Theologen diese Argumente sorgfältig abgewogen. Sehr viele waren beeindruckt genug, um sich der These anzuschließen; viele andere sind nicht überzeugt worden. Aus diesem oder jenem Grund glauben diese letzteren Theologen nicht, dass die strengere Ansicht bewiesen werden kann; oder wenigstens glauben sie nicht, dass sie universell bewiesen werden kann, sodass ein Beichtvater das Recht hätte, die Absolution zu verweigern, sobald er festgestellt hat, dass ein Pönitent sich freiwillig (d. h. ohne verhältnismäßigen Grund) einer Gelegenheit aussetzt, die die wahrscheinliche Gefahr irgendeiner schweren Sünde beinhaltet.

Die Position derer, die eine mildere Ansicht haben, wird im Licht der folgenden Überlegungen besser verstanden werden.

Zunächst einmal behandeln wir hier nicht die Frage, ob es eine Sünde ist, sich in eine wahrscheinliche Gefahr der Todsünde ohne verhältnismäßigen Grund zu begeben. Alle stimmen überein, dass das sündhaft ist. Die Frage ist: Wie sündhaft? Ist es notwendigerweise schwer sündhaft?

Eine Pflicht unter Todsünde muss bewiesen werden, und die Beweislast liegt bei denen, die die Verpflichtung behaupten. Nach denen, die die mildere Meinung vertreten, beweisen alle von Pater Regan und anderen vorgebrachten Argumente lediglich, dass irgendeine Verpflichtung besteht, in jedem Fall die wahrscheinliche Gefahr der Todsünde zu meiden; sie beweisen nicht, dass die Verpflichtung immer eine schwere ist.

Wenn wir eine Skala der Gefahren zur schweren Sünde, wie sie in verschiedenen Gelegenheiten enthalten sind, aufstellen wollten, würden die Gefahren von sicher, zu moralisch sicher, zu sehr wahrscheinlich, zu wahrscheinlicher [als das Gegenteil], zu gleich wahrscheinlich, zu wahrscheinlich, zu weniger wahrscheinlich, zu geringfügig wahrscheinlich, zu kaum wahrscheinlich, zu möglich, zu kaum möglich, zu unmöglich reichen. Mit anderen Worten sind die Grade der Gefahr unendlich zahlreich. Mit der allmählich nachlassenden Wahrscheinlichkeit der Sünde kommt eine allmählich nachlassende Schuld, bis schließlich ein Punkt erreicht ist, wo alle übereinstimmen würden, dass überhaupt keine tödliche Schuld mehr besteht, sondern nur lässliche Schuld.

Da nun das stärkste und schlagendste Argument dafür, an irgendeinem bestimmten Punkt Todsünde zu behaupten, ein Appell an die Tugend der Klugheit ist, wie kann es gezeigt werden, dass Ter Haar und andere das richtige Verständnis davon haben, was die Klugheit sub gravi verlangt, wenn sie die Linie bei „weniger wahrscheinlich“ oder „gleich wahrscheinlich“ ziehen, und wer kann sagen, dass Vermeersch falsch liegt, wenn er sie bei „wahrscheinlicher“ zieht, oder dass Gericot falsch liegt, wenn er sie, wie es De Lugo und andere große Theologen getan haben, bei „sehr wahrscheinlich“ oder „moralisch sicher“ zieht? […]

Im Grunde nehmen manche Theologen daher nur diese negative Position ein: Schwere Schuld ist nicht in allen Fällen bewiesen, wenn eine wahrscheinliche Gefahr freiwillig eingegangen wird. […]

Zweitens muss man die Schweregrade bei Todsünden in Betracht ziehen. Es wird offensichtlich unklüger sein, sich der wahrscheinlichen Gefahr auszusetzen, eine sehr große Todsünde zu begehen, als eine geringere Todsünde. Todsünden lassen auch unzählig viele Schweregrade zu, von einer einzigen innerlichen Gedankensünde, zu einer äußerlichen Sünde, zu einer Sünde, die eine oder mehrere andere Personen betrifft, zu Sünden, die die Güter oder Körper oder Seelen anderer schädigen, zu Sünden, die das Gemeinwohl der Gemeinschaft oder der Nation oder der Kirche Christi selbst schädigen. Da die Klugheit das Kriterium ist, wird es einer viel größeren Notwendigkeit bedürfen, um es zu rechtfertigen, sich in die Gelegenheit zu einer dieser größeren Sünden zu begeben. […]

Drittens kann der folgende Grund vorgebracht werden, um die Allgemeingültigkeit der strengeren Sicht in Zweifel zu ziehen. In einem Fall, in dem der Pönitent keinen verhältnismäßigen Grund hat (d. h. keinen wirklich adäquaten rechtfertigenden Grund), sich in die Gelegenheit zu begeben, wird die Gelegenheit eine freie oder freiwillige genannt. Und doch mag er einen Grund haben, sich in sie zu begeben. Er würde sich in eine freiwillige Gelegenheit und in die Gefahr zur Todsünde ohne verhältnismäßigen Grund begeben, aber nicht ohne jeden Grund. In einem solchen Fall, obwohl er sündhaft und unklug handeln würde, würde seine Unklugheit vielleicht hinter schwerer Schuld zurückbleiben. […]

Die Unterscheidung zwischen freiwilligen und notwendigen Gelegenheiten ist terminologisch klar und vollständig. Aber wenn der Begriff der Notwendigkeit untersucht wird, finden wir, dass dieser auch, wie die Wahrscheinlichkeit, unzählige Grade zulässt, die von bloßer Vorliebe (die überhaupt nicht Notwendigkeit genannt werden kann), zu leichter moralischer Notwendigkeit, zu wirklicher moralischer Notwendigkeit, zu schwerer moralischer Notwedigkeit, zu sehr schwerer moralischer Notwendigkeit, zu praktisch physischer Notwendigkeit, zu absoluter physischer Notwendigkeit reichen. Da es nicht völlig klar ist, an welchem Punkt entlang dieser Linie eine Gelegenheit aufhört, freiwillig zu sein, und in manchen Fällen als notwendig betrachtet werden kann, können vernünftige Zweifel vorgebracht werden bezüglich der schweren Schuld einer Person, die sich in diesen Grenzfällen in eine Gelegenheit zur Sünde begibt. […]

Viertens gibt es praktische Überlegungen, die manche Theologen zögern lassen, die strengere Sicht zu akzeptieren. Diese Sicht führt leicht zu eine unvorhersagbaren Vervielfältigung nächster Gelegenheiten zur Todsünde im täglichen Leben, und endet manchmal dabei, sich selbst zu besiegen. ‚Die Menschen werden in keiner Weise aus dem Morast der Sünde gezogen, sondern nur noch tiefer, da umso mehr in Verzweiflung, hineingestürzt.‘ Michael Fabregas SJ meint, dass das Argument, dass der Mensch tun muss, was er kann, um die Sünde zu meiden, leicht so weit geführt werden kann, dass es sogar eine leichte oder weniger wahrscheinliche Gefahr einschließen würde.“ (John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ, Contemporary Moral Theology. Volume I: Questions in Fundamental Moral Theology, Westminster, Maryland 1958, S. 141-154.)

Korrumpierung des Glaubens?

Es ist eine bekannte Phrase: Jetzt, da [nicht total säkularisierte] Christen so gut wie keine politische Macht mehr haben, wird doch wenigstens ihr Christentum nicht von der Tagespolitik korrumpiert. Entweltlichung! Die Kirche wird rein und unbefleckt, nicht so wie in der Renaissance oder zu solchen schrecklichen Zeiten.

Das ist aber im Grunde genommen die Einstellung: Wenn man etwas falsch machen könnte, versucht man es gar nicht erst. Wenn man als Christ in der Politik Fehler machen könnte, lieber keine christliche Politik machen.

Gott hat bekanntlich die ganze Welt geschaffen, nicht nur die Kirche, das Pfarrheim und die eigene Wohnung, und Er hat den Menschen als Wesen geschaffen, das politische Organisation braucht (wie schon der Apostel in Röm 13 klarstellt). Wenn Christen die Politik aufgeben, übernehmen andere, und das hat mehr als genug schlimme Folgen. [Das soll kein Angriff auf einzelne sein: Heute haben wir einfach zu wenig Christen, die fähig dazu wären und denen es praktisch möglich wäre, in die Politik zu gehen und dort was auszurichten. Aber egal, ob die Christen sich zurückziehen oder einfach ihre Zahlen schrumpfen: Das Vakuum füllt sich.]

Bereich Wirtschaft: Mal hat man extrem liberale, mal sozialistische Ideen, wenn man die katholische Soziallehre aufgibt, und beide führen zu Ungerechtigkeit.

Bereich Lebensrecht: Es werden Abtreibung, Euthanasie, Suizidbeihilfe, Embryonenforschung erlaubt.

Bereich Familie: Leihmutterschaft und Homoehe (mitsamt Adoptionsrecht) kommen, davor wird die Scheidung normalisiert. Die Familie wird zugunsten des Staates zurückgedrängt, der die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ will.

Man muss nicht für Fürstbischöfe sein; man kann schon das Argument vorbringen, dass ein Bischof sich hauptsächlich auf bischöfliche Aufgaben konzentrieren sollte. (Wobei Fürstbistümer für die Untertanen gar nicht so schlecht waren; „unter dem Krummstab ist gut leben“ war sprichwörtlich.) Aber gegen katholische Laien in der Politik zu sein, die sich nach ihrem katholischen Glauben richten und mit der Kirche zusammenarbeiten, ob nun Erbmonarchen wie der sel. Karl I. von Österreich-Ungarn, der hl. Ludwig IX. von Frankreich, Albert I. von Belgien oder sonstige Politiker wie Engelbert Dollfuß, Ellen Ammann, Konrad Adenauer, Gabriel Garcia Moreno oder der hl. Thomas Morus? Welchen Sinn ergibt das?

Reichsapfel des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Arnoldius.

Es ist lustig, dass man dieses Argument manchmal von Leuten hört, die sonst entsetzt zurückschrecken würden, wenn es hieße, der Christ solle sich „von der Welt unbefleckt“ halten. (Das soll er ja auch; von manchen Dingen muss man sich einfach abgrenzen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel und man ist nicht für alles verantwortlich. Nur heißt das eben nur in manchen Systemen, dass er sich aus Gewissensgründen ganz dem politischen System entziehen muss, weil es dermaßen dysfunktional ist.) Was, wir sollen uns absondern, uns als die Reinen aufspielen? Niemals; das wäre doch ein Verrat an unseren Mitmenschen. Wenn es an die Politik geht, soll man es aber plötzlich doch. Hier sieht man, dass der Grund wohl eher der ist, dass man nicht als Theokrat gelten will, der anderen „seine religiösen Überzeugungen aufzwingen“ will – also lässt man sich von anderen ihre atheistischen Überzeugungen aufzwingen und lässt diejenigen im Stich, denen man mit seinen christlichen Überzeugungen helfen würde.

Und wie rein wird die Kirche denn? Intrigen im Vatikan und den Bistümern gibt es heute mehr als genug.

„Aber die Kirche sollte sich nicht der Politik / dem Staat anbiedern.“ Mir scheint es, als ob die Kirche das früher, als es noch katholische Parteien wie die Zentrumspartei und die Bayerische Volkspartei gab, oder noch früher, als die meisten Länder von christlichen Monarchen regiert wurden, weniger getan hat als heute.

Gerade weil sie eine mächtige Partei war, die ihre Interessen offensiv vertrat und eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft einnahm, musste sie sich weniger anbiedern und andere mussten sich ihren Forderungen mehr anpassen. Dem Sonnenkönig Ludwig XIV., der täglich die Messe besuchte, wurde jahrelang die Kommunion verweigert, als er eine Mätresse hatte (in späteren Jahren war er seiner zweiten Frau treu); unsere Bischöfe schaffen es selten, im Ehebruch lebenden Politikern die Kommunion zu verweigern. Die Kirche damals hatte es nicht so sehr nötig, sich mit den Mächtigen gut zu stellen. Der hl. Bischof Ambrosius von Mailand verwehrte nach dem Massaker von Thessaloniki im Jahr 390 dem römischen Kaiser Theodosius den Zugang zum Dom und brachte ihn dazu, Buße zu tun.

Ambrosius und Theodosius. Gemälde von Anthonis van Dyck, 17. Jh. Gemeinfrei.

Das ist natürlich verallgemeinernd; es wird sicher auch Gegenbeispiele und andere Nachteile geben. Aber hier kommen wir zum Punkt zurück: Dass man etwas falsch machen könnte, heißt nicht, dass man es einfach aufgeben sollte oder kann.

Oft, vermute ich, kommt die Abneigung gegen die Idee einer christlichen Verfassung, eines christlichen Staates, eines christlichen Staatsoberhauptes, christlicher Politiker einfach von vagen und falschen Vorstellungen davon, wie so was früher ausgesehen hätte. Schreckensvorstellungen vom finsteren Mittelalter mit seiner allgegenwärtigen Unterdrückung wabern eben immer noch umher. Daher lohnt es sich, sich über Herrschaft in der christlichen Vergangheit und konkrete christliche Herrscher – vor allem die besonders frommen – zu informieren; und die am besten auch mal mit nicht- oder antichristlichen Herrschern zur selben Zeit zu vergleichen.

(Und aufzuhören, die Herrscher zur eigenen Zeit für den Maßstab aller Dinge zu halten. Vielleicht wäre man ja vor 100, 200 oder 700 Jahren ziemlich entsetzt gewesen, wenn man unsere Herrscher und unsere Gesetze hätte sehen können.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 4: Die Dreifaltigkeitslehre

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Von den frühchristlichen Schriftstellern selbst werden oft herangezogen: Joh 1, Joh 14, Joh 16, als Hinweise aus dem AT Spr 8,22-31, Gen 1,26, Gen 19,24, Ps 45,7, Ps 33,6, Ps 110,1, in Bezug auf den hl. Geist Apg 2. Außerdem gäbe es z. B. Mt 28,19f.

Hier seien kurz ein paar wichtige Punkte der katholischen Dreifaltigkeitslehre zusammengefasst: Gott ist ein Wesen in drei Personen; alle bestehen von Ewigkeit her. Der Sohn ist gezeugt, nicht geschaffen, vom Vater; der Heilige Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor. Es handelt sich um ewige Abhängigkeiten, ewige Hervorgänge, wie ein Arm am Körper hängt, ohne dass der Körper jemals ohne den Arm existiert hat. Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott, der Heilige Geist ist Gott; es ist nur ein Gott. Die Personen sind real unterschieden, nicht nur verschiedene Bezeichnungen für den einen Gott; trotzdem ist nur ein Gott, nicht drei Götter; Gott ist in sich Gemeinschaft, und Er ist vollkommen einfach und ungeteilt. Alle Vergleiche, die man dafür heranziehen kann, sind immer unvollständig und irgendwo falsch.


(Schaubild. Gemeinfrei.)

In den Anfangszeiten der Kirche findet man das noch stärker, was man heute auch findet: Der Heilige Geist wird gerne mal etwas vernachlässigt (trotzdem finden sich auch ein paar Stellen über Ihn); die meisten hier gesammelten Stellen befassen sich deswegen nur mit dem Verhältnis von Gott Sohn zu Gott Vater. Viele gehen von Joh 1 aus, wo Jesus als das „Wort“ / die „Vernunft“ / die „Weisheit“ (griechisch Logos) des Vaters bezeichnet wird, und zitieren auch Hinweise aus dem AT, wie etwa Spr 8,22-31.

Die Dreifaltigkeitslehre, die v. a. auf den großen Konzilien des 4., 5., 6. Jahrhunderts ausformuliert und geklärt wurde, ist hier noch etwas verschwommener und weniger genau in Worte gefasst, aber implizit findet sich derselbe Glaube und manchmal findet man ihn auch in denselben Worten ausgedrückt. Eine gewisse Unklarheit besteht allerdings bei der Frage, ob Gott der Sohn genauso ewig wie der Vater ist oder nicht; hier finden sich beide Meinungen, manche Autoren scheinen sich dessen auch nicht ganz im klaren zu sein. Daher jetzt ein paar Stellen.

Athenagoras beschreibt Gott, den Sohn, und die Dreifaltigkeit folgendermaßen; er macht auch klar, dass der Sohn keinen Anfang in der Zeit hatte:

„Denn nach unserer Lehre existiert ein Gott und ein Sohn, sein Wort, und ein Heiliger Geist, die hinsichtlich der Macht ein einziges Wesen sind, der Vater, der Sohn, der Geist; denn der Sohn ist des Vaters Verstand, Wort, Weisheit und der Geist ist Ausfluß wie Licht von Feuer“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24)

„Daß wir also keine Atheisten sind, ist von mir hinlänglich dargetan. Denn jener eine ist unser Gott, der da ungeworden und ewig ist, unsichtbar, unwandelbar, unbegreiflich, unfaßbar, nur mit Verstand und Vernunft erkennbar, von Licht und Schönheit, von Geist und Kraft in unaussprechlich hohem Grade umgeben, von dem durch sein Wort das All geschaffen und geordnet ist und regiert wird. Indes kennen wir auch einen Sohn Gottes. Halte es ja niemand für lächerlich, daß Gott einen Sohn habe! Denn unsere Gedanken über Gott Vater und Sohn weichen gar sehr von den Mythen der Dichter ab, die die Götter nicht im mindesten besser sein lassen als die Menschen; der Sohn Gottes ist das Wort (Logos) des Vaters als vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft; denn nach ihm und durch ihn ist alles gemacht; Vater und Sohn sind eins. Da der Sohn im Vater und der Vater im Sohne ist durch die Einheit und Kraft des Geistes, so ist der Sohn Gottes der Gedanke (Nus) und das Wort (Logos) des Vaters. Sollte Euch aber bei Eurer überlegenen Einsicht die Frage belieben, was der Ausdruck Sohn bedeutet, so will ich Euch in Kürze folgendes antworten: Er ist dem Vater das Erst-Erzeugte, nicht als ob er geworden wäre; denn von jeher hatte Gott als ewiger Gedanke selbst das Wort in sich, da er nie ohne das Wort ist; sondern der Sohn ist hervorgegangen, um für alles Körperliche, das anfangs noch als qualitätslose Naturmasse ohne alles Leben existierte, wobei die dichteren Teile noch mit den leichteren vermischt waren, vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft zu sein. Hiermit stimmt auch der prophetische Geist überein: ‚Der Herr‘, sagt er, ‚hat mich erzeugt im Anfang seiner Wege für seine Werke‘1). Indes ist nach unserer Lehre auch der Heilige Geist, welcher sich in den Propheten wirksam erweist, ein Ausfluß Gottes, ausfließend und zurückkehrend wie ein Sonnenstrahl. Wer sollte sich da noch auskennen, wenn er Leute, die einen Gott Vater und einen Gott Sohn und einen Heiligen Geist bekennen und nachweisen, daß dieselben mächtig sind in der Einigung und verschieden in der Ordnung, als Atheisten verschreien hört?“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 10)

„Wir hingegen, die wir uns darüber klar geworden sind, daß das Erdenleben nur weniges und geringes wert ist, die wir uns einzig von der Erkenntnis des wahren Gottes und seines Wortes leiten lassen (nämlich von der Erkenntnis, welches die Einheit des Sohnes mit dem Vater, welches die Gemeinschaft des Vaters mit dem Sohne ist, was der Geist ist, was die Einigung solcher Größen und der Unterschied der Geeinigten ist, nämlich des Geistes, des Sohnes und des Vaters)“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 12)

Botticelli, Pala della Convertite.jpg
(Dreifaltigkeit, Botticelli. Gemeinfrei.)

Bei Irenäus finden sich einige sehr schöne und klare Stellen zum Verhältnis von Gott Sohn und Gott Vater:

„Wenn aber jemand uns fragen sollte: Wie ist also der Sohn vom Vater hervorgebracht? dann antworten wir ihm: Seine Emanation oder Geburt oder Aussprechung oder Eröffnung oder, wie immer man seine unaussprechliche Geburt nennen möge, weiß niemand, weder Markion, noch Valentinus, noch Saturninus, noch Basilides, noch die Engel oder Erzengel oder Fürsten und Herrschaften, sondern nur der Vater, der hervorbrachte, und der Sohn, der gezeugt wurde. Da also seine Geburt unaussprechlich ist, so übernehmen die, welche sich bemühen, seine Geburt und Hervorbringung zu beschreiben, sich selbst, indem sie versprechen, das Unaussprechliche auszusprechen.“ (Ireäus, Gegen die Häresien II,28,6)

Irenäus nennt den Sohn und den Geist Gottes „Wort“ und „Weisheit“, die zu Ihm selbst gehören, und sagt klar, dass der Sohn gleich ewig mit dem Vater ist:

Sondern nur einer ist Gott und Schöpfer, er, der über alle Hoheit und Macht und Herrschaft und Kraft erhaben ist; er ist der Vater, er der Gott, er der Schöpfer, der Urheber, der Bildner, der durch sich selbst, d. h. durch sein Wort und durch seine Weisheit, Himmel und Erde und Meere und alles, was in ihnen ist, gemacht hat. Er ist der Gerechte und Gute, der den Menschen gebildet hat, der das Paradies gepflanzt hat, der die Welt erschaffen und die Sintflut gesandt hat, der den Noe gerettet hat. Er ist der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, der Gott der Lebenden, den das Gesetz verkündet, die Propheten verheißen, Christus offenbart, die Apostel predigen, die Kirche bekennt. Er ist durch sein Wort, welches sein Sohn ist, der Vater unsers Herrn Jesus Christus, durch ihn offenbart und zeigt er sich allen, denen er sich offenbart, denn es erkennen ihn die, denen der Sohn es offenbart hat. Indem aber der Sohn gleich ewig mit dem Vater ist, offenbart er immer und von Anbeginn den Vater den Engeln und den Erzengeln und den Mächten und Kräften und allen, denen Gott es offenbaren will.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,30,9)

Weder der Herr, noch der Heilige Geist, noch die Apostel hätten den, der nicht Gott war, jemals Gott ohne Vorbehalt und Einschränkung genannt, wenn er nicht Gott in Wahrheit wäre, noch hätten sie ihrerseits jemand als Herrn bezeichnet außer dem allerhöchsten Gott Vater und seinem Sohn, der die Herrschaft über die ganze Schöpfung von seinem Vater empfing, wie geschrieben steht: ‚Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße‘1 . D. h. der Vater sprach mit dem Sohne und gab ihm zum Erbe die Heiden und unterwarf ihm alle seine Feinde. Da nun der Vater Herr ist und der Sohn in Wahrheit Herr, so bezeichnet der Heilige Geist mit Recht beide als Herren. Und wenn die Schrift wiederum bei der Zerstörung Sodomas sagt: ‚Und es regnete der Herr über Sodoma und Gomorrha Feuer und Schwefel von dem Herrn des Himmels‘2 , so bezeichnet sie hier ebenfalls den Sohn, der mit Abraham gesprochen hat und von dem Vater die Gewalt empfangen hatte, die Sodomiter wegen ihrer Gottlosigkeit zu bestrafen. Ähnlich heißt es: ‚Dein Thron, o Gott, steht in Ewigkeit. Ein Szepter der Gerechtigkeit ist das Szepter Deines Reiches. Du liebtest die Gerechtigkeit und haßtest das Unrecht, deshalb hat Dich, o Herr, Dein Gott gesalbt‘3 . Beide nämlich bezeichnete der Heilige Geist als Gott, den Sohn, der gesalbt wird, und den Vater, der salbt. […]

Kein anderer also, wie gesagt, heißt Gott oder wird Herr genannt als jener allerhöchste Gott und Herr, der auch zu Moses sprach: ‚Ich bin, der ich bin. Sage also den Söhnen Israels: Der, welcher ist, hat mich zu euch gesandt‘1 . Sein Sohn ist Jesus Christus, unser Herr, der die zu Söhnen Gottes macht, die an seinen Namen glauben. Und abermals spricht der Sohn zu Moses, wenn es heißt: ‚Ich bin herabgestiegen, dieses Volk zu erretten‘2 . Denn er ist es, der herabstieg und hinaufstieg, die Menschen zu erlösen. Durch den Sohn also, der im Vater ist und in sich den Vater hat, der da ist, hat sich Gott geoffenbart, indem der Vater für den Sohn Zeugnis ablegt und der Sohn den Vater verkündigt. In diesem Sinne spricht Isaias: ‚Und ich bin Zeuge, spricht Gott der Herr, und der Sohn, den ich erwählt habe, damit ihr erkennet und glaubet und einsehet, daß ich es bin‘3 .“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,6,1-2)

„Denn daß überhaupt keiner aus den Söhnen Adams schlechthin Gott genannt oder Herr geheißen wird, das haben wir aus den Schriften nachgewiesen. Alle aber, die nur ein wenig um die Wahrheit sich kümmern, können sehen, daß er allein von allen Menschen, die jemals gewesen sind, im eigentlichen Sinne als Gott und Herr und ewiger König und Eingeborener und fleischgewordenes Wort von allen Propheten und Aposteln und dem Geiste selber bekannt wird. Dies Zeugnis über ihn würden die Schriften nicht ausstellen, wenn er ähnlich wie alle ein bloßer Mensch gewesen wäre. Beide göttlichen Schriften bezeugen aber seine vor allem einzige glorreiche Geburt aus dem ewigen Vater und ebenso seine glorreiche Geburt aus der Jungfrau, und daß er als Mensch ohne Schönheit6 sein und leiden werde, daß er sitzen werde auf dem Füllen der Eselin7 , daß er mit Essig getränkt werden8 ;
und im Volke verspottet werden würde9 und in den Tod hinabsteigen, und daß er zugleich der heilige Herr und wunderbare Ratgeber10 und schön von Gestalt und der starke Geist sein werde, über den Wolken kommend als erster Richter des Weltalls11 , dies alles haben von ihm die Schriften verkündet.

Wie er nämlich Mensch war, um versucht zu werden, so war er auch das Wort, um verherrlicht zu werden. Das Wort ruhte, damit er versucht, verunehrt, gekreuzigt werden und sterben konnte; es tat sich aber mit dem Menschen zusammen, damit er siegen, ausharren, sich liebreich erweisen, auferstehen und in den Himmel auffahren konnte. Dieser Sohn Gottes also ist unser Herr und das Wort des Vaters und der Sohn des Menschen. Denn insofern er aus Maria, die von Menschen abstammte und daher selbst ein Mensch war, sein Dasein empfing, ist er der Sohn des Menschen geworden. Deswegen gab auch der Herr selbst uns das Zeichen in der Tiefe und in der Höhe oben1 , das der Mensch nicht verlangt hatte, weil er gar nicht hoffte, daß eine Jungfrau, die wirklich Jungfrau war, schwanger werden und einen Sohn gebären könne. Und dieser ihr Sohn war der ‚Gott mit uns‘, stieg herunter auf die Erde2 und suchte das verlorene Schaf3 , das doch sein eigenes Geschöpf war, und stieg hinauf in die Höhe, um seinem Vater den Menschen, den er gefunden hatte, anzubieten und zu empfehlen, und stand selber als erster von den Toten auf, damit, wie das Haupt, so auch der ganze übrige Leib des Menschen, der das Leben empfangen hatte, nach der für seinen Ungehorsam festgesetzten Zeit der Verdammnis auferstehe, durch die innigste Verbindung erstarkend und gekräftigt4 durch das Zutun Gottes, indem jedes Glied seinen eigenen und passenden Platz am Körper hat. Denn viele Wohnungen sind bei dem Vater5 , wie auch viele Glieder am Körper.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,19,2-3)

„Ihm hatte der Vater alles unterworfen, und von allen empfing er das Zeugnis, daß er wahrer Mensch und wahrer Gott ist, vom Vater, von dem Geiste, von den Engeln, von dem Schöpfer selbst, von den Menschen, von den abtrünnigen Geistern, von den Dämonen, von dem Feinde und zuletzt selbst von dem Tode. So wirkt der Sohn von Anfang bis zum Ende für den Vater, und ohne ihn kann niemand Gott erkennen. Die Kenntnis des Vaters ist der Sohn, und der Sohn wird erkannt im Vater und durch den Sohn offenbart. Deswegen sprach der Herr: ‚Niemand erkennt den Sohn als der Vater, noch den Vater als der Sohn und wem immer der Sohn es offenbart haben wird.‘ […] Denn von Anfang an steht der Sohn seinem Geschöpfe bei, offenbart den Vater allen, denen er will, und der Vater offenbart, wann er will, und wie er will, und deswegen ist in allem und bei allem ein Gott Vater, ein Wort der Sohn, und ein Geist und ein Heil für alle, die an ihn glauben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,7)

„In seiner Größe also können wir Gott nicht erkennen, denn unmöglich ist es, den Vater zu messen. In seiner Liebe aber, die uns durch das Wort zu Gott hinführt, werden wir, wenn wir ihm gehorchen, immer besser verstehen, daß Gott so groß ist und durch sich selbst alles beschlossen, erwählt und ausgeschmückt hat und alles umfängt. Somit auch diese Welt hienieden. […] Auch bedurfte Gott keiner solchen Hilfe, um das zu machen, was er bei sich beschlossen hatte, gleich als ob er selbst keine Hände hätte. Denn immer ist bei ihm das Wort und die Weisheit, der Sohn und der Geist, durch die und in denen er alles aus freiem Willen und Entschluß geschaffen hat. Zu ihnen spricht er auch: ‚Laßt uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis‘2 , indem er aus sich selbst die Substanz der Geschöpfe und ihre Idee und ihre schöne reale Gestalt hernahm.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,1)

„Hierher wurden von Gott im Hl. Geist die Propheten gesandt. Sie mahnten das Volk und wandten es zum allmächtigen Gott ihrer Väter zurück. In ihnen erstanden die Herolde der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, des Sohnes Gottes. Denn sie zeigten an, daß sein Leib aus dem Geschlechte Davids sprossen werde, damit er dem Fleische nach in langer Stammfolge ein Sohn Davids sei, welcher ein Sohn Abrahams gewesen war, dem Geiste nach aber der Sohn Gottes, der aus dem Vater hervorgegangen war, gezeugt vor der Schöpfung der ganzen Welt.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 30)

„Gott alles zu glauben ist Pflicht und geziemend. Denn Gott ist wahr in allem, auch darin, daß es einen Sohn Gottes gibt und daß derselbe nicht nur existierte, bevor er in der Welt erschien, sondern auch schon, bevor die Welt wurde.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 43)

Also ist Herr der Vater und Herr der Sohn, und Gott der Vater und Gott der Sohn; denn wer von Gott erzeugt ist, ist Gott. Und in dieser Weise wird nach Dasein und Kraft seines Wesens ein Gott erwiesen, nach dem Vorgange und der Vollführung unserer Erlösung aber Sohn und Vater. Denn da der Vater für alles Gewordene unsichtbar und unnahbar ist, so bedurfte es für diejenigen, welche [künftig] zu Gott gelangen sollten, der Hinführung zur Unterwerfung vor dem Vater durch den Sohn1 . Deutlich spricht in hellerem Glanze auch David so von Vater und Sohn: ‚Dein Thron, o Gott, ist und bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du liebst die Gerechtigkeit und hassest das Unrecht. Deshalb hat dich Gott gesalbt mit dem Öle der Freude mehr als deine Genossen‘2 . Denn weil der Sohn Gott ist, empfängt er vom Vater den Thron des ewigen Reiches und das Salböl mehr als seine Genossen. Das Öl der Salbung aber ist der Geist. Mit ihm ist er gesalbt. Seine Genossen aber sind die Propheten, die Gerechten, die Apostel und alle, welche teilnehmen an seinem Reiche, d. h. seine Jünger.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 47)

Über den Heiligen Geist schreibt Irenäus:

„Diesen Geist erbat David für das menschliche Geschlecht, indem er sprach: ‚Und mit Deinem Urgeiste befestige mich!‘1 Daß dieser nach der Himmelfahrt des Herrn auf die Jünger am Pfingstfeste herabgestiegen sei2 und allen Völkern den Eintritt zum Leben eröffnete und das Neue Testament erschloß, berichtet Lukas. Deshalb lobpriesen sie auch in dem Zusammenwehen aller Sprachen Gott, indem der Geist die auseinanderwohnenden Stämme zur Einheit zurückführte und die Erstlinge aller Völker dem Vater darbot. Deshalb versprach der Herr auch, den Tröster zu senden3 , der uns an Gott anpassen sollte. Wie nämlich aus dem trockenen Weizen ein Teig nicht werden kann ohne Feuchtigkeit, noch ein Brot, so konnten wir viele nicht eins werden in Christo Jesu ohne das Wasser, das vom Himmel kommt. Und wie die trockene Erde, wenn sie keine Feuchtigkeit empfängt, auch keine Frucht bringt, so würden auch wir, die wir von Haus aus trockenes Holz sind, niemals das Leben ohne den ‚Gnadenregen‘4 von oben als Frucht bringen. Denn unsere Leiber haben durch jenes Bad, das zur Unvergänglichkeit dient, die Einheit empfangen, unsere Seelen aber durch den Geist. Daher ist auch beides nötig, da beides hinführt zum Leben in Gott. Erbarmte sich doch der Herr über jenes ehrvergessene samaritanische Weib, das bei einem Manne nicht blieb, sondern mit vielen herumbuhlte, und zeigte und versprach ihr das lebendige Wasser, damit sie fürder nicht dürste und trachte nach Anfeuchtung mit dem Mühewasser, wenn sie in sich habe den Trank, der da quillt zum ewigen Leben5 . Dieses Geschenk, das der Herr von seinem Vater empfing, gab er auch denen, die an ihm Anteil haben, indem er auf die gesamte Erde den Heiligen Geist sandte.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,17,2)

„Und daß das Wort, d. h. der Sohn, immer bei dem Vater war, haben wir vielfach dargetan. Daß aber auch die Weisheit, d. h. der Geist, bei ihm vor aller Schöpfung war, sagt er durch Salomon: ‚Gott hat durch die Weisheit die Erde gegründet, den Himmel bereitet durch die Klugheit. Durch seinen Geist brachen die Abgründe hervor und die Wolken träufelten Tau‘1 .Und wiederum; ‚Der Herr schuf mich am Anfang seiner Wege zu seinen Werken, vor der Ewigkeit gründete er mich, im Anfang, bevor er die Erde machte, bevor er die Abgründe festlegte, und bevor die Wasserquellen hervorgingen und die Berge befestigt wurden, vor allen Hügeln erzeugte er mich‘2 . Und wiederum: ‚Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm, und als er die festen Quellen des Abgrundes machte, als er die starken Fundamente der Erde legte, war ich bei ihm helfend. Ich war es, mit dem er sich freute, täglich aber freute ich mich vor seinem Angesichte zu jeder Zeit, als er sich freute über die Vollendung des Erdkreises, und er ergötzte sich unter den Menschenkindern‘3 .“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,3)

Er schreibt über die Dreifaltigkeitslehre:

„Denn der Name Christus bedeutet den, der salbt, und der gesalbt worden ist, und die Salbung selbst, in der er gesalbt wurde. Es salbte aber der Vater, gesalbt wurde der Sohn in dem Geiste, der die Salbung ist, gemäß dem Worte des Isaias, der da spricht: ‚Der Geist des Herrn ist über mir, deswegen hat er mich gesalbt‘10 . Damit weist er hin auf den Vater, der salbt, den Sohn, der gesalbt wurde und den Geist, welcher die Salbung ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,3)

„Denn Gott vermag alles. Ehemals wurde er im Geiste prophetisch geschaut, dann durch den Sohn, wie es angenommenen Kindern zukommt, schließlich wird er gesehen werden im Himmelreiche als Vater. Denn der Geist bereitet den Menschen vor im Sohne Gottes, der Sohn führt ihn hin zum Vater, der Vater aber schenkt ihm Unverweslichkeit zum ewigen Leben, das jedem deswegen zuteil wird, weil er Gott schaut. Denn wie die, welche das Licht schauen, in dem Lichte sind und an seinem Glanze teilnehmen, so sind die, welche Gott schauen, in Gott und haben teil an seiner Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit aber macht sie lebendig, denn das Leben empfangen, die Gott schauen. Und auf diese Weise macht sich der Unfaßbare und Unbegreifbare und Unsichtbare sichtbar, begreifbar und faßbar für die Gläubigen, damit er lebendig macht, die ihn durch den Glauben fassen und schauen. Denn wie seine Größe unerforschbar ist, so ist seine Güte unaussprechbar, durch die er sich sehen läßt und Leben verleiht denen, die ihn sehen. Denn zu leben ohne das Leben ist unmöglich; die Subsistenz des Lebens aber kommt her von der Teilnahme an Gott. An Gott aber teilnehmen, heißt ihn schauen und seine Güter genießen. […]

Einige nämlich von ihnen [den Propheten] sahen den prophetischen Geist [=Heiligen Geist] und seine Wirkungen, die sich in die verschiedenen Charismen ergossen. Andere die Ankunft des Herrn und sein Walten von Anbeginn, durch welches er den Willen des Vaters im Himmel und auf Erden vollzog. Andere wieder die Herrlichkeit des Vaters, wie sie den Zeiten angepaßt war und den Menschen, die sie sahen und hörten und fortan hören sollten. So also offenbarte sich Gott. Denn in all diesem offenbart sich der Vater, indem der Geist wirkt, der Sohn dient, der Vater bestätigt, der Mensch aber zum Heile vollendet wird.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,5-6)

Der Vater nämlich, der die Schöpfung und sein Wort trägt, und das Wort, das vom Vater getragen wird, gibt den Geist allen, wie der Vater es will: dem einen, das nur erschaffen ist, daß es existiert, dem andern, das aus Gott geboren ist, daß es angenommen wird an Kindesstatt. So ergibt sich ein Gott Vater, der über alles und durch alles und in allem ist. Über allem nämlich ist der Vater, und er selbst ist das Haupt Christi; durch alles ist das Wort, und dies ist das Haupt der Kirche; in uns allen aber ist der Geist, und dieser ist ‚das lebendige Wasser‘1 , das der Herr ‚allen gibt, die an ihn recht glauben‘2 und ihn lieben und wissen, daß ‚ein Vater, der da ist über allem und durch alles und in uns allen‘3 . Hierfür zeugt auch Johannes, der Schüler des Herrn, der in seinem Evangelium also spricht: ‚Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dies war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist nichts gemacht worden‘4 . […] Denn der wahre Weltenschöpfer ist das Wort Gottes, d. h. unser Herr, der in den letzten Zeiten Mensch geworden ist. Obwohl er in der Welt ist, umfaßt er unsichtbarer Weise alles, was gemacht ist, und ist eng verbunden mit der gesamten Schöpfung, da das Wort Gottes alles leitet und ordnet, und deshalb kam er sichtbarer Weise und wurde Fleisch und hing am Holze, um alles in sich zu rekapitulieren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,18,2-3)

„Der Sachverhalt, der sich ergibt, ist also folgender: [Es ist] Ein Gott, der ungewordene Vater, unsichtbar, Schöpfer von allem; kein anderer Gott steht über ihm, noch ist ein anderer Gott unter ihm. Gott ist ein vernünftiges Wesen und hat deswegen das Gewordene durch das [Vernunft-] Wort erschaffen. Auch ist Gott Geist und hat somit alles durch den Geist geordnet, wie der Prophet sagt: ‚Durch das Wort des Herrn sind die Himmelsfesten geschaffen worden1 , und durch seinen Geist all ihre Kraft‘2 . Da also das Wort schafft d. h.3 die Körper wirkt und dem Hervorgegangenen Bestand verleiht, während der Geist die Kräfte in ihrer Verschiedenheit ordnet und gestaltet, so wird mit Recht4 das Wort der Sohn, Geist aber die Weisheit Gottes genannt. Auch der Apostel desselben, Paulus, sagt darüber passend: ‚Ein Gott, der als Vater über allen ist und der mit allen und in uns allen ist‘5 . Denn über allen ist er als Vater; mit allen ist er als Wort, da durch dasselbe alles vom Vater ins Werden trat, in uns allen jedoch ist er als Geist, der da ruft: ‚Abba, Vater‘6 und den Menschen zum Ebenbild Gottes gestaltet. Nun zeigt der Geist das Wort und deswegen verkündeten die Propheten den Sohn Gottes, während das Wort den Geist wehen macht, und deshalb ist er selbst der Sprecher der Propheten und führt den Menschen zum Vater zurück.

Und das ist die rechte Ordnung unseres Glaubens, die Grundlage des Gebäudes und die Sicherung des Weges: Gott der Vater, ungeworden, unendlich, unsichtbar, ein Gott Schöpfer des Alls. Das zunächst ist das erste Hauptstück unseres Glaubens. Das zweite Hauptstück sodann ist das Wort Gottes, der Sohn Gottes, Christus Jesus unser Herr, welcher den Propheten erschienen ist gemäß der Gestalt ihrer Weissagungen1 und nach den Bestimmungen der Vorsehung des Vaters, er, durch den alles geworden ist. Derselbe wurde auch am Ende der Zeiten Mensch unter den Menschen, um alles vollkommen zu vollenden; er wurde sichtbar und körperlich, um den Tod zu besiegen und das Leben zu zeigen2 und Gemeinschaft und Frieden zwischen Gott und den Menschen zu bewirken. Das dritte Hauptstück dann ist der Hl. Geist, durch den die Propheten weissagten, und die Väter die göttlichen Dinge lernten, die Gerechten vorangingen auf dem Weg der Gerechtigkeit, und der in der Fülle der Zeiten aufs neue über die Menschheit ausgegossen ward auf der ganzen Erde, die Menschen für Gott neu zu schaffen.

Deshalb wird bei unserer Wiedergeburt die Taufe durch diese drei Stücke vollzogen, indem der Vater uns zur Wiedergeburt begnadigt durch seinen Sohn im Hl. Geiste. Denn diejenigen, welche den Hl. Geist empfangen und in sich tragen, werden zum Worte, d. h. zum Sohne geführt. Der Sohn hinwieder führt sie zum Vater und der Vater macht sie der Unvergänglichkeit teilhaft. Also kann man ohne den Geist das Wort Gottes nicht sehen und ohne den Sohn kann niemand zum Vater kommen1 . Denn das Wissen des Vaters ist der Sohn. Das Wissen vom Sohne Gottes aber [erlangt man] durch den Hl. Geist; den Geist aber gibt nach dem Wohlgefallen des Vaters der Sohn als Spender an diejenigen, welche der Vater will und wie er es will.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 5-7)

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(Die Dreifaltigkeit in einer mittelalterlichen Buchmalerei. Gemeinfrei.)

Auch bei Justin dem Märtyrer finden sich mehrere Stellen über das Verhältnis von Gott Sohn zu Gott Vater. Manche Stellen könnten so verstanden werden, als hätte die Existenz des Sohnes (des Logos) irgendwann begonnen und es habe eine Zeit gegeben, in der Er noch nicht war; andererseits sagt Justin auch, dass der Logos bereits „vor aller Schöpfung in ihm [Gott Vater] war“.

„Es ist aber der Logos die erste Kraft nach Gott, dem Vater des All, und sein Sohn; auf welche Weise er Fleisch geworden und als Mensch geboren worden ist, werden wir im folgenden zeigen.“ (Justin, 1. Apologie 32)

„Der Vater des Alls hat, weil ungezeugt, keinen ihm beigelegten Namen. Denn wenn jemand einen Namen erhält, so ist der Namengeber älter als er. Vater, Gott, Schöpfer, Herr und Gebieter sind keine Namen, sondern nur Titel, die von seinen Wohltaten und Werken hergenommen sind1. Sein Sohn aber, der allein im eigentlichen Sinne sein Sohn heißt2, der Logos, der vor aller Schöpfung in ihm war und der gezeugt wurde, als er im Anfange alles durch ihn schuf und ordnete3, wird Christus genannt, weil er gesalbt wurde und Gott durch ihn alles ordnete, ein Name, der ebenfalls einen unerkennbaren Begriff umschließt, sowie auch die Bezeichnung ‚Gott‘ kein Name, sondern nur eine der Menschennatur angeborene Vorstellung eines unerklärbaren Wesens ist. ‚Jesus‘ aber hat Namen und Begriff eines Menschen und Erlösers. Denn, wie wir schon gesagt haben (I 23), er ist Mensch geworden, nach dem Willen Gottes des Vaters zur Welt gekommen für die gläubigen Menschen und zum Sturze der Dämonen, wie ihr noch jetzt aus dem ersehen könnt, was vor euren Augen geschieht. Haben doch viele von den Unsrigen, nämlich von den Christen, eine ganze Menge von Besessenen in der ganzen Welt und auch in eurer Hauptstadt, die von allen anderen Beschwörern, Zauberern und Kräutermischern nicht geheilt worden waren, durch Beschwörung im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, geheilt und heilen sie noch, indem sie die Dämonen, welche die Menschen festhalten, außer Kraft setzen und vertreiben4.“ (Justin, 2. Apologie 5)

Im Alten Testament habe der Sohn, nicht der Vater, zu Mose und den Propheten gesprochen:

„Die Juden lehren alle heute noch, der namenlose Gott habe zu Moses geredet. Darum hat der prophetische Geist durch den früher erwähnten Propheten Isaias scheltend, wie oben gesagt (c. 37), zu ihnen gesprochen: ‚Ein Ochs kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat mich nicht erkannt und mein Volk mich nicht begriffen‘1. Und auch Jesus Christus hat, als die Juden nicht erkannten, was Vater und was Sohn sei, gleichfalls scheltend zu ihnen gesagt: ‚Niemand kennt den Vater als der Sohn und niemand den Sohn als der Vater und wem der Sohn es geoffenbart hat‘2. Gottes Logos aber ist sein Sohn, wie wir früher gesagt haben (c. 21-23). Auch Engel [Bote] und Gesandter wird er genannt; denn er verkündet, was zu wissen nottut, und wird gesandt, um alles zu melden, was von Gott geoffenbart wird, wie denn unser Herr auch selbst sagte: ‚Wer mich hört, der hört den, der mich gesandt hat‘3. Und das wird auch aus den Schriften des Moses erhellen, in denen folgendes gesagt ist: ‚Es sprach zu Moses ein Engel Gottes in einer Feuerflamme aus dem Dornbusche und erklärte: Ich bin der Seiende, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, der Gott deiner Väter. Geh hinab nach Ägypten und führe mein Volk heraus‘4. Was folgt, könnt ihr, wenn ihr wollt, aus jenen Schriften erfahren; denn es ist nicht möglich, hier alles anzuführen, Aber diese Worte dienen zum Beweise, daß Jesus Christus Gottes Sohn und Gesandter ist, der zuerst Logos war und bald in Feuersgestalt, bald ohne körperliche Gestalt5, jetzt aber, nach Gottes Willen für das Menschengeschlecht Mensch geworden, alle die Leiden auf sich genommen hat, die ihm auf Anstiften der Dämonen die verblendeten Juden angetan haben. […] Die Juden glauben, immer habe der Vater des Alls mit Moses gesprochen, während doch der Sohn Gottes, der auch sein Bote und Gesandter heißt, mit ihm sprach; mit Recht wird ihnen daher sowohl durch den prophetischen Geist [so bezeichnet Justin den Hl. Geist] als auch durch Christus selbst der Vorwurf gemacht, daß sie weder den Vater noch den Sohn erkannt haben. Denn die den Sohn zum Vater machen, laden den Vorwurf auf sich, daß sie weder den Vater kennen noch wissen, daß der Vater des Alls einen Sohn hat, der als Gottes Logos und Erstgeborener auch Gott ist. Früher ist dieser in Feuersgestalt und auch unkörperlich dem Moses und den übrigen Propheten erschienen; jetzt aber in den Zeiten eurer Herrschaft ist er, wie wir früher gesagt haben (c. 46), nach des Vaters Willen zum Heile seiner Gläubigen durch eine Jungfrau Mensch geworden und hat Verachtung und Leiden auf sich genommen, um durch sein Sterben und Auferstehen den Tod zu besiegen.“ (Justin, 1. Apologie 63)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon geht Justin genauer auf das Thema ein. An einer Stelle argumentiert er, dass klar erwiesen ist, dass Jesus der Messias ist, und Er dann auch Gottes Sohn sein muss (da Er das selbst behauptet hat und als Messias kein Lügner oder im Irrtum sein kann):

„Tryphon entgegnete: ‚[…] Deine Behauptung, der genannte Christus sei als Gott von Ewigkeit, habe aber dann sich herbeigelassen, Mensch zu werden und geboren zu werden, und er sei nicht Mensch von Menschen, scheint mir nicht nur unfaßbar, sondern geradezu töricht zu sein.‘

Ich erwiderte daraufhin: ‚Ich weiß es, daß die Lehre widersinnig zu sein scheint, vor allem eurem Volke; denn nicht die Anordnungen Gottes, sondern, wie Gott selbst laut verkündet2, die Anordnungen eurer Lehrer habt ihr stets zu verstehen und zu beobachten gewünscht. Fürwahr, Tryphon‘, sagte ich, ‚es bleibt nunmehr dabei, daß Jesus der Christus Gottes ist3, wenn ich auch nicht beweisen könnte, daß er, der Sohn des Weltschöpfers, als Gott präexistierte, und daß er durch die Jungfrau geboren und Mensch geworden ist. Da der Beweis ganz und gar gegeben ist, daß Jesus der Christus Gottes ist, wer immer er auch sein mag, so darf doch, wenn ich nicht beweisen würde, daß er präexistierte, und daß er gemäß dem Willen des Vaters gleich uns als Mensch in leidender, fleischlicher Natur geboren werden wollte, nur in diesem Punkte mir ein Irrtum nachgesagt werden. Aber nicht recht ist es, zu leugnen, daß Jesus der Christus ist, wenn es auch scheinen möchte, daß er als Mensch von Menschen geboren wurde, und wenn auch dargetan würde, daß er zum Christus (erst) erwählt wurde. Es gibt nämlich, meine Freunde‘, sagte ich, ‚unter eurem Volke Leute, welche zwar zugeben, daß Jesus der Christus ist, aber behaupten, er sei ein Mensch von Menschen gewesen. Ihre Ansicht teile ich nicht. Auch dürften die wenigsten meiner Gesinnungsgenossen so behaupten; denn eben Christus hat uns befohlen, nicht menschlichen Lehren zu folgen, sondern der Predigt der seligen Propheten und der Lehre Christi selbst.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 48)

„Nun will ich versuchen, euch zu überzeugen von meiner Behauptung, es stehe unter dem Weltschöpfer noch ein anderer Gott und Herr, von ihm werde auch Erwähnung getan, und er werde Engel genannt, weil er den Menschen verkünde, was der Weltschöpfer, über dem kein anderer Gott steht, denselben verkünden will.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 56,4)

„‚Meine Freunde!‘ fuhr ich fort, ’noch ein anderes Zeugnis will ich euch aus der Schrift geben: Vor allen Geschöpfen als Anfang hat Gott aus sich eine vernünftige Kraft1 erzeugt, welche vom Heiligen Geiste auch Herrlichkeit des Herrn2, ein andermal Sohn3, dann Weisheit4, bald Engel, bald Gott, bald Herr und Logos5 genannt wird, und welche sich selbst als ersten Feldherrn6 bezeichnet, da sie in Gestalt eines Menschen Josua, dem Sohne des Nave, erschien. Alle Attribute kommen derselben nämlich zu, weil sie dem väterlichen Willen dient, und weil sie aus dem Vater durch das Wollen erzeugt worden ist.

Doch sehen wir denn nicht ähnliche Vorgänge auch bei uns? Wenn wir nämlich ein Wort (λόγος) aussprechen, erzeugen wir ein Wort, ohne damit etwas zu verlieren, ohne daß also die Vernunft (λόγος) in uns weniger wird. So sehen wir auch, daß ein Feuer, wenn an ihm ein anderes entsteht, nicht deshalb, weil an ihm etwas entzündet worden ist, verringert wird, daß es vielmehr ein und dasselbe bleibt; das an ihm entzündete Feuer erscheint jenem gleich, und doch hat es jenes nicht verringert, an dem es entzündet wurde7.

Zeuge soll mir sein das Wort der Weisheit, welches selbst Gott ist, vom Vater des Weltalls erzeugt, welches Logos, Weisheit, Kraft und Herrlichkeit des Erzeugers ist. Durch Salomo sprach er die Worte8 : ‚Wenn ich euch das verkündet habe, was täglich geschieht, will ich daran denken, von dem Ewigen zu erzählen. Der Herr erschuf9 mich als Anfang seiner Wege für seine Werke. Vor der Zeit, im Anbeginn, ehe er die Welt erschuf und die Abgründe erschuf, ehe die Wasserquellen hervorbrachen und die Berge aufgestellt wurden, hat er mich gesetzt; vor allen Hügeln erzeugt er mich. Gott hat gemacht das Land, die unbewohnten Gegenden und die bewohnten Höhen unter dem Himmel. Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm; als er seinen Thron über den Winden errichtete, als er die oberen Wolken festigte und die Quellen der Tiefe ausglich, als er die Festigkeit gab dem Fundament der Erde, war ich bei ihm, um zu ordnen. Ich war es, mit dem er sich freute. Täglich freute ich mich zu jeder Zeit vor ihm, da er sich freute über die Vollendung des Erdkreises und sich freute an den Menschenkindern. Nun, mein Sohn, höre jetzt auf mich! Selig der Mann, der auf mich hören wird, und der Mensch, der meine Wege einhalten wird, der täglich vor meinen Toren wacht und an den Pfosten meiner Eingänge acht hat; denn meine Ausgänge sind Ausgänge des Lebens. Bereitet ist ihm Wohlgefallen beim Herrn. Wer dagegen wider mich sündigt, verfehlt sich gegen seine Seele, und wer mich haßt, liebt den Tod.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 61)

„Daß die erwähnte Kraft, welche von dem prophetischen Worte – wie oft gezeigt worden ist – Gott und Engel genannt wird, nicht gleich dem Sonnenlichte nur dem Namen nach (für sich) besteht, sondern tatsächlich für sich existiert, habe ich im vorhergehenden3 kurz auseinandergesetzt, da ich erklärte, diese Kraft sei vom Vater durch dessen Macht und Willen erzeugt worden, nicht jedoch sei sie abgetrennt worden, so daß das Wesen des Vaters geteilt worden wäre gleich allem andern, das dann, wenn es geteilt und getrennt wird, nicht dasselbe ist wie vor der Trennung. Auch hatte ich das Beispiel angeführt; wenn wir auch sehen, daß die Feuer, welche an einem andern entzündet wurden, eigene Feuer sind, so wird doch jenes Feuer, an welchem viele entzündet werden können, keineswegs weniger, es bleibt im Gegenteil dasselbe.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 128,4)

Auch bei Theophilus von Antiochia gibt es einige interessante Stellen. Bei der Auslegung der Schöpfungsgeschichte erwähnt Theophilus den Begriff „Dreieinigkeit“:

„Auf dieselbe Weise sind auch die drei Tage, welche der Schöpfung der Lichter vorangingen, ein Sinnbild der Dreieinigkeit: Gottes, seines Wortes und seiner Weisheit. Das vierte Sinnbild ist das des Menschen1, der des Lichtes bedarf, so daß nun da sind: Gott, sein Wort, seine Weisheit, der Mensch. Deswegen wurden auch am vierten Tage die Lichtgestirne erschaffen.“ (Theophilus, An Autolykus II,15)

„Und zwar lehrten sie uns erstens in voller Übereinstimmung, daß Gott das Weltall aus dem Nichts erschaffen. Denn nichts existierte neben Gott, sondern er selbst war sein Raum, war sich selbst vollkommen genug und war da vor allen Zeiten. Er wollte aber den Menschen schaffen, um von ihm erkannt zu werden; für diesen also bereitete er die Welt zu. Denn der Gewordene ist vieler Dinge bedürftig, der Ewige aber ist bedürfnislos. Es zeugte also Gott mit seiner Weisheit sein Wort, das er in seinem eigenen Innern beschlossen trug1, indem er es vor allen Dingen aus sich hervortreten ließ. Dieses Wort nun gebrauchte er als Mittel aller seiner Schöpfungen und erschuf alles durch dasselbe2. Dies Wort heißt ‚der Anfang‘, weil es das Prinzip und der Herr aller Dinge ist, die durch dasselbe sind geschaffen worden. Dies Wort also, das da ist der Geist Gottes3, das Prinzip (aller Dinge), die Weisheit und Kraft des Allerhöchsten, war es, das auf die Propheten herabkam und durch sie die Offenbarungen über die Erschaffung der Welt und die übrigen Dinge redete. Denn die Propheten waren noch nicht, als die Welt entstand, aber die Weisheit Gottes, die in ihm ist, und das hl. Wort Gottes, das ewig bei ihm wohnt, waren schon4. Eben aus diesem Grunde spricht es auch durch den Propheten Salomon: ‚Als er den Himmel zubereitete, war ich bei ihm, und als er den Grund der Erde fest machte, war ich bei ihm und ordnete mit‘5.“ (Theophilus, An Autolykus II,10)

„Du wirst mir nun einwerfen: ‚Du behauptest, es gehe nicht an, daß Gott im Raume eingeschlossen (gedacht) werde; und wie kannst du jetzt sagen, daß er im Paradiese umherwandelte?‘ Höre, was ich erwidere! Gott, der Vater aller Wesen, ist unbegrenzbar und befindet sich in keinem Raum; denn ‚es gibt keine Stätte seiner Ruhe‘1. Sein Wort aber, durch welches er alles gemacht hat, das da ist seine Kraft und seine Weisheit, übernahm die Stelle des Vaters und Herrn aller Dinge, und dieses ist es, das an der Stelle Gottes im Paradiese erschien und mit Adam redete. Denn auch die Hl. Schrift belehrt uns, daß Adam sagte, er habedie Stimme gehört. Was ist aber die Stimme anderes als das Wort Gottes, welches auch sein Sohn ist? nicht auf die Weise, wie die Dichter und Mythographen die Söhne der Götter erzeugt werden lassen, durch fleischliche Vermischung, sondern so, wie die Wahrheit das Wort darstellt, als ewig im Herzen Gottes beschlossen2. Denn bevor irgend etwas erschaffen wurde, hatte er dieses zum Ratgeber, da es sein eigener Gedanke und seine Weisheit ist. Als aber Gott die Dinge alle, die er zu erschaffen beschlossen hatte, erschaffen wollte, da erzeugte er dieses Wort als ausgesprochenes, den Erstgeborenen jeglicher Kreatur, nicht, daß er dieses Wortes verlustig wurde, sondern so, daß er es zeugte und in Ewigkeit mit seinem Worte beisammenblieb. Darauf fußt auch die Lehre der hl. Schriften und der mit dem Geist Gottes erfüllten Männer, von denen einer, Johannes, sagt: ‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott‘3, womit er ausspricht, daß im Anfang nur Gott und das Wort in ihm da war. Hierauf sagt er: ‚Und Gott war das Wort; alles ist durch ihn gemacht‘. Das Wort ist also Gott und von Gott gezeugt. Und dies Wort schickt der Vater des Alls, wenn er will, nach irgendeinem Platze im Raum, und vom Vater geschickt erscheint es dort, wird gesehen und gehört und befindet sich so im Raume.“ (Theophilus, An Autolykus II,22)

Tatian schreibt folgendes; er schreibt dem Logos offenbar einen zeitlichen Anfang zu:

„Gott war im Anfang; der Anfang aber ist nach unserer Überlieferung die Kraft des Logos (des ‚Wortes‘)1. Der Herr aller Dinge, der zugleich die Hypostase (der Urgrund) des Alls ist2, war nämlich zu der Zeit, da es noch keine Schöpfung gab, allerdings allein: insofern aber jegliche Kraft alles Sichtbaren und Unsichtbaren bei ihm war, bestanden eben auch alle Dinge schon bei ihm vermöge der Kraft des Logos3. Erst durch einen Willensakt Gottes, dessen Wesen einfach ist, trat der Logos hervor, aber nicht zwecklos ging er von ihm aus und ward des Vaters erstgeborenes Werk4: wir wissen, daß er der Anfang der Welt ist. Seine Geburt erfolgte durch Teilung, nicht durch Abtrennung; denn was man abschneidet, ist von dem Ersten, zu dem es gehörte, für immer geschieden, das aber, was man teilt, wird nur wie in einer Hauswirtschaft da und dorthin gegeben, ohne denjenigen ärmer zu machen, von dem es genommen ist. Wie nämlich von einer Fackel viele Feuer entzündet werden, das Licht der ersten Fackel aber durch das Anzünden vieler anderer Fackeln nicht vermindert wird, so hat auch das Wort, indem es aus der Kraft des Vaters hervorging, seinen Erzeuger nicht des Wortes beraubt. Denn auch ich rede und ihr hört und doch wohl werde ich, der Redende, indem mein Wort zu euch übergeht, keineswegs des Wortes beraubt, sondern indem ich meine Stimme von mir gebe, ist es mein Vorsatz, die ungeordnete Materie in euch zu ordnen. Und wie der im Anfang gezeugte Logos seinerseits unsere Welt sich selber erzeugt hat, indem er die Materie bildete, so verbessere auch ich, der ich zur Nachahmung des Logos wiedergeboren und zur Aufnahme der Wahrheit geschaffen bin, die Unordnung der mitgeborenen Materie5. Denn nicht anfangslos ist die Materie wie Gott, noch hat sie etwa ihrer Anfangslosigkeit wegen gottgleiche Macht; sie ist vielmehr geschaffen worden und von keinem anderen geschaffen, als allein von dem Schöpfer aller Dinge.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 5)

Interessant zum Vergleich mit dem, was von vielen christlichen Autoren über Jesus, den Logos, geschrieben wird, ist die Vorstellung des jüdischen Philosophen Philo von Alexandria (gest. vermutlich zwischen 40 und 50 n. Chr.) vom „Logos“, einer Kraft oder einem Mittlerwesen Gottes.

Was ist Rassismus? Teil 2a: Geschichtsmythen: Afrika vor dem Kolonialismus und der Sklavenhandel

Hinter dem heutigen „Anti-Rassismus“ der Linken steckt ein bestimmtes Weltbild, ein bestimmtes Geschichtsbild. Unter vielen Afrikanern ist (verstärkt durch panafrikanische Propaganda oder „black nationalism“) die Sichtweise verbreitet: Wo es Afrika/Schwarzen schlecht geht, ist das der Unterdrückung durch Weiße zu verdanken; wenn diese Unterdrückung nicht gewesen wäre, wäre Afrika haushoch überlegen. Quasi Wakanda. Und im Grunde genommen wollen Weiße Schwarze immer noch unterdrücken, wo sie können; dass es jetzt nicht mehr so schlimm wie früher ist, verdankt sich nur dem geeinten Widerstand der Schwarzen, ohne den käme praktisch die Sklaverei wieder. Unter Weißen wiederum wird es immer mehr verbreitet, zu glauben, die eigene Geschichte sei eine einzige Ansammlung von Gräueltaten und Überlegenheitsdünkel; es gäbe hier nichts, worauf man irgendwie stolz sein könnte. Das natürliche, erwartbare Resultat davon ist Hass und Paranoia unter Schwarzen (und die hat Folgen), und Scham, Minderwertigkeitsgefühle und Selbsthass unter Weißen.

Daher will ich hier mal ein paar Fakten aufzählen, um die Perspektive etwas zurechtzurücken. Öfter geht es wirklich um eine Umkehrung des allgemein verbreiteten Bildes, manchmal auch nur um eine Abmilderung; aber auch „mildernde Umstände“ sollte man erwähnen. (Wenn jemand einen Einbruch begangen und dabei eine Person leicht verletzt hat, ist es auch falsch, ihm einen geplanten Doppelmord vorzuwerfen; dasselbe gilt für Verbrechen von historischen Persönlichkeiten. Die Wahrheit ist ein Wert an sich.)

Der zentrale Punkt, den ich meinen Lesern einhämmern möchte, ist: Sklaverei und Kolonialismus waren zwei verschiedene Epochen in der afrikanischen Geschichte, und der Kolonialismus und nur der Kolonialismus hat die Sklaverei beendet.

Der transatlantische Sklavenhandel fällt in die Zeit, als Afrika unabhängig war und Afrikaner aus eigenem Willen ihre Nachbarn verkauften; es waren die Europäer, die beschlossen, ihn zu beenden, und es waren auch sie, die etwas später, als sie Afrika kolonialisierten, den so oft vergessenen Sklavenhandel mit der islamischen Welt unterdrückten, der im Lauf der Jahrhunderte locker 20 Millionen Opfer gefordert hatte (im Vergleich zu 11-12 Millionen beim transatlantischen Sklavenhandel). Der Kolonialismus hat einige sehr große Übel beendet, von denen das schlimmste der Sklavenhandel war; und er hat neben manchem Schlechten auch viel Gutes gebracht. (In späteren Artikeln will ich auf den Kolonialismus und einige Geschichtsmythen und Fälschungen diesbezüglich eingehen, die v. a. unter Afrikanern verbreitet werden, wie die „Charta des Imperialismus“.)

Aber jetzt der Reihe nach einige Fakten zur afrikanischen Geschichte vor dem Kolonialismus.

Manche Leute, die nur vage Geschichtskenntnisse haben, machen den Fehler, wenn sie über afrikanische Geschichte reden, nicht zu beachten, dass man von einem Kontinent spricht, der zweigeteilt ist durch die Sahara: Afrika nördlich der Sahara, mit seinen hellhäutigeren Bewohnern, die nicht wirklich anders aussehen als Spanier und Griechen, war immer in den Mittelmeerraum eingebunden; es war der Sitz von Reichen wie Ägypten und Karthago, später Teil des Römischen Reiches, früh christianisiert, Heimat von solchen Heiligen wie Augustinus, Clemens von Alexandria, Athanasius, Antonius. Dieser Teil Afrikas wurde im 7. Jahrhundert von arabischen Muslimen erobert und war später teilweise Teil des Osmanischen Reiches (heutige Türkei); freilich wurde der Anteil der christlichen Bevölkerung auch unter muslimischer Herrschaft nur langsam kleiner. Afrika südlich der Sahara, mit seinen schwarzen Bewohnern, bestand größtenteils aus sehr dezentralisierten Gesellschaften und war sehr lange größtenteils heidnisch (polytheistisch, animistisch). Auch die größeren Reiche dort (Dahomey, Kongo, Buganda etc.), waren meistens technologisch ziemlich wenig entwickelt.

Kampala Kasubi Tombs.jpg Eze Nri Obalike.jpg
(Links: Ehemaliger Königspalast, später ein Königsgrab, von Buganda. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer not not phil. Rechts: König (Eze) Obalike von Nri, 1913. Gemeinfrei.)

(Die größte Ausnahme bildet Äthiopien, das über den Nil viel Kontakt zu Ägypten hatte, dessen König im 4. Jahrhundert das Christentum annahm, und das eine Schriftkultur und ein paar ganz beeindruckende Kirchen und Paläste hatte (und das leider zusammen mit den Ägyptern der monophysitischen Häresie verfiel, nach der Christus nur eine Natur, die göttliche, hat).)

Bete Abba Libanos.jpg ET Gondar asv2018-02 img03 Fasil Ghebbi.jpg Aethiopisch orthodoxer Moench.jpg(Bilder aus Äthiopien: Felsenkirche in Lalibela, Palast in Gondar, Mönch mit einer Bibelhandschrift. Bildquelle: Wikimedia Commons, Fotos von Nutzern Bernard Gagnon, A. Savin, Klemens Reidlinger.)

Wenn man an afrikanische Geschichte denkt, denkt man sofort an das Stichwort Sklaverei. Daher eine Klarstellung: Vor 2000 Jahren gab es auf der ganzen Welt Sklaverei. Korea, Indien, Afrika, Rom, Germanien, Irland: Man wird kein Land finden, in dem es keine Sklaverei gab. Die Sklaven stammten nicht aus einer bestimmten Rasse, und Afrika spielte nicht die Rolle eines Sklavenexporteurs für den Rest der Welt. Nachdem manche Länder (vorrangig das Römische Reich) das Christentum annahmen, ging die Sklaverei dort sehr langsam zurück oder nahm mildere Formen an; noch verschwand sie allerdings nicht.

Die ganze Situation änderte sich ab dem 7. Jahrhundert, als eine neue, recht militante Religion entstand, nämlich der Islam. Die islamischen Reiche führten massiv Kriege und importierten massiv Sklaven, teils durch Raubzüge, teils durch Handel. Sie waren nicht wählerisch bei deren Ursprung: Sklaven aus Franken wurden ebenso genommen wie Sklaven aus Osteuropa oder aus Indien (der Name „Hindukusch“ bedeutet übrigens „Hindu-Tod“, da beim Marsch über dieses Gebirge so viele indische Sklaven zu Tode kamen) – oder eben auch aus Afrika.

Die muslimischen Herrscher in Nordafrika bauten militärischen Druck auf die weiter südlich lebenden (schwarzen) Völker auf und zwangen sie dazu, Sklaven als Tribut zu liefern, um nicht selbst versklavt zu werden; die gingen also in der Sahelzone auf Menschenjagd und lieferten die gewünschte Ware nach Norden. Teilweise machten sich die Araber auch selbst einen Spaß an der Sklavenjagd, und teilweise wurde Handel von einzelnen Schwarzafrikanern aus schlichter Geldgier ohne fürstlich organisierte Sklavenjagden betrieben. In Westafrika waren es eher schwarze Fürsten, die auf Sklavenjagd gingen; an der ostafrikanischen Küste legten die Araber selbst Städte an.

„Im 15. Jh. gab es zwischen Kilwa und Mogadischu 37 regelmäßig angelegte Städte mit eigenen Moscheen und raffiniertem persischem Dekor. Alle dienten sie als Exporthäfen für Sklaventransporte in den Irak, nach Persien, auf die arabische Halbinsel, nach Indien und sogar nach China. […] Die Sklaven wurden teils von Händlern im Landesinnern erworben, zusammen mit Elfenbein, welches sie zur Küste tragen mussten; teils wurden sie durch die Raubzüge der Emire erbeutet. So vermerkt der Schriftsteller Ibn Battuta, welcher 1331 Kilwa besuchte, dass der Sultan jährlich zu Sklavenjagden auszog. […] Als Oman im 16. Jh. Seemacht wurde, importierte der Sultan in manchen Jahren 20.000 Schwarzafrikaner.“ (Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, 3. Auflage, München 2018, S. 101-103)


(Schwarzafrikanische Sklaven in Sansibar, 1889. Gemeinfrei.)

Die niedrigste Schätzung für die von den Muslimen zwischen dem 7. und dem 20. Jahrhundert aus Afrika importierten Sklaven beträgt 17 Millionen; dabei sind aber die beim Transport gestorbenen und in den Versklavungskriegen getöteten Menschen nicht mitgerechnet; und selbst diese Schätzung ist höchstwahrscheinlich zu niedrig. Man wird von 20 Millionen und noch mehr auf den arabischen Märkten angekommenen Sklaven ausgehen können.


(Sklavenmarkt im Jemen, Illustration aus dem 13. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

In Nordwesteuropa (England, Frankreich, Deutschland etc.) verschwand im Hochmittelalter die Sklaverei, in Südeuropa (Italien, Spanien, Portugal) blieb sie etwas länger erhalten, war aber nicht sehr bedeutend. Europa blieb allerdings in dieser Zeit noch (wenn auch in geringerem Maße als Afrika) ein Herkunftsgebiet für Sklaven: Die muslimischen Kaperfahrer aus den sog. Barbareskenstaaten wie Algier und Tunis erbeuteten im Lauf der Jahrhunderte mehr als eine Million Europäer von Schiffen oder aus Küstendörfern; in einzelnen Fällen fuhren sie bis Irland und sogar Island, aber hauptsächlich konzentrierten sie sich auf das Mittelmeer und die Mittelmeerstaaten: Italien, Malta, Frankreich, Spanien (das die christlichen Spanier langsam von den Arabern zurückeroberten, die von Nordafrika aus dort eingefallen waren) usw. Diese Sklavenjagden dauerten bis ins frühe 19. Jahrhundert; im mittelalterlichen Europa wurden Orden wie die Mercedarier gegründet, die in muslimische Länder gingen, um dort Sklaven freizukaufen. Zu den berühmten Personen, die einige Jahre lang Sklaven der Muslime waren und dann fliehen konnten, gehören der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes und der hl. Vincent de Paul. Der Großteil der Sklaven konnte allerdings weder freigekauft werden noch fliehen. Osteuropa und Russland litten ebenfalls stark unter muslimischen Sklavenjagden.*


(Linkes Bild: Mönche kaufen europäische Sklaven in den Barbareskenstaaten frei. Gemeinfrei. – Rechtes Bild: Kaufmann aus Mekka (rechts) mit seinem tscherkessischen Sklaven (links), ca. 1888. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu Afrika: Die Muslime importierten, wie gesagt, besonders viele Sklaven aus Schwarzafrika und in Ländern wie Marokko bildete sich nach und nach eine „color-line“ zwischen hellhäutigeren und dunkelhäutigeren Bevölkerungsschichten: Bei einem Schwarzen war es typisch, dass er Sklave war. Für die Versklavung von Schwarzen wurde als Rechtfertigung manchmal Noahs Fluch über Ham (der u. a. als Stammvater von Kusch, also Äthiopien, gilt) herangezogen, der aus der Bibel stammt (Gen 9,24-27), aber den auch der Islam kannte. Diese Interpretation war etwas vom Islam, nicht vom Christentum Erfundenes; im Christentum wurde sie erst deutlich später von einzelnen übernommen.

Unter muslimischen Gelehrten finden sich sehr viele sehr unfreundliche Äußerungen über Schwarze; hier ein paar Kostproben:

„Ein Anonymus aus dem Irak (um 902) führt die Entstehung unterschiedlicher Rassen von defizienten Untermenschen auf das Klima zurück; in der heißen Klimazone würden die Kinder im Mutterleib zu lange ‚gekocht‘:

’so daß das Kind zwischen schwarz und dunkel gerät, zwischen übelriechend und stinkend, kraushaarig, mit unebenmäßigen Gliedern, mangelhaftem Verstand und verkommenen Leidenschaften, wie etwa die Zanj, die Äthiopier und andere Schwarze, die ihnen ähneln‘.

Eine persische geographische Abhandlung (928 n. Chr.) behauptet:

‚Was die Länder des Südens angeht, so sind alle ihre Einwohner schwarz … Es sind Leute, die dem Maßstab des Menschseins nicht genügen‘.

Desgleichen notiert der Geograph Maqdisi (10. Jh.) über Schwarzafrikaner:

‚Es gibt bei ihnen keine Ehen; das Kind kennt seinen Vater nicht; und sie essen Menschen … Was die Zanj (Ostafrikaner südlich Äthiopiens) angeht, so sind es Menschen von schwarzer Farbe, flachen Nasen … und geringem Verstand oder Intelligenz‘.

Interessanterweise handelt es sich zumeist nicht um einen dichotomischen Rassismus (Schwarz-Weiß), sondern um einen trichotomischen: Zwei minderwertige Rassen (Schwarz und Weiß), beheimatet in den extremen Klimazonen, stehen einer hochwertigen (Rot oder Hellbraun) in der ‚mittleren‘ Zone gegenüber. Demgemäß gelten auch Türken, Slawen und Chinesen als minderwertige Rassen. Die große arabische Philosophie übernahm diesen Hautfarbenrassismus. So untermauert der große Avicenna (Ibn Sina, gest. 1037) die aristotelische Theorie des Untermenschen klimatheoretisch; extremes Klima produziere Sklaven von Natur: ‚denn es muß Herren und Sklaven geben‘; und im Liber Canonis behauptet er, die Schwarzafrikaner seien intellektuell minderwertig. Auch im islamischen Spanien grassierte diese Rassentheorie: Sa’id al-Andalusi (gest. 1070) lehrt eine klimatologisch begründete Minderwertigkeit der Schwarzafrikaner; desgleichen tat der jüdische Philosoph Maimonides (gest. 1204) aus Córdoba, der sowohl Schwarzafrikaner als auch Türken zwischen Menschen und Affen einstuft. Ebenso lässt der große Gelehrte Ibn Khaldun (1332-1406) keinen Zweifel am Untermenschentum der Schwarzen:

‚Daher sind in der Regel die schwarzen Völker der Sklaverei unterwürfig, denn (sie) haben wenig Menschliches und haben Eigenschaften, die ganz ähnlich denen von stummen Tieren sind, wie wir festgestellt haben‘.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 128f.)

Jetzt werden sich manche Leser fragen: Wieso gibt es dann heute keine schwarze Minderheit mehr in Saudi-Arabien, dem Iran oder der Türkei? Die Gründe sind recht einfach: Erstens wurden Sklaven (z. B. auf den Zuckerrohrplantagen oder in den Minen) stärker verheizt als z. B. später in den Südstaaten der USA; sie arbeiteten sich zu Tode, ohne Nachkommen zeugen zu können. Zweitens vermischten sich die hellhäutigeren Herren leichter mit schwarzen Sklavinnen als das in christlichen Gesellschaften der Fall war, wo die Monogamie erwartet wurde und es keine Harems gab. Drittens, und das ist ein noch wichtigerer Grund: Die männlichen Sklaven wurden vor ihrem Import für gewöhnlich kastriert.

Dann kam eine neue Entwicklung. Die Iberische Halbinsel wurde von den Arabern befreit (abgeschlossen war die Reconquista 1492); Europa insgesamt wurde technologisch, wirtschaftlich und militärisch stärker, neue, bessere Schiffe wurden gebaut; die Portugiesen und die Spanier (und später die Hollländer, Franzosen und Engländer) begannen einige Entdeckungsfahrten. Die Portugiesen waren die Vorreiter. Sie segelten schon mal ein Stück auf den Atlantik hinaus und die afrikanische Küste entlang; entdeckten schon im 14. Jahrhundert die Kanarischen Inseln; umrundeten Ende des 15. Jahrhunderts das Kap der Guten Hoffnung, die Südspitze Afrikas. Und die Portugiesen waren die ersten Europäer, die schwarzen Stammesfürsten in Westafrika Menschen abkauften.

Beim transatlantischen Sklavenhandel waren es nicht die europäischen Sklavenhändler, die in Westafrika auf Menschenjagd gingen; diese Mühe mussten sie sich gar nicht machen. Sie kauften Afrikanern ihre Gefangenen aus anderen Stämmen ab; manche der Fürstentümer an der westafrikanischen Küste (z. B. Dahomey, Asante) waren richtiggehend auf das Sklavenjagen spezialisiert.


(Sklavenhändler in Gorée, Senegal, 18. Jh. Gemeinfrei.)

„Welche Modalitäten des Versklavens gab es? 1594 nennt Alvares de Almada für das Gebiet am Gambia-Fluss drei: Krieg und Gefangenschaft, dann die Verstoßung von Straftätern, schließlich Entführungen. König Eyo Honesty, der am Ende des 18. Jhs. am Calabar-Fluß (Bucht von Biafra) als großer Menschenverkäufer agierte, fügt noch zwei Arten hinzu: den Selbstverkauf von Schuldnern, und den Verkauf von entfernten Verwandten. Der Missionar S. W. Koelle befragte 1834 in Sierra Leone angesiedelte Ex-Sklaven und erhielt folgendes Bild: 34% waren Kriegsgefangene, 31% gewaltsam Entführte, 7% Schuldner, 11% Straftäter, 7% von Verwandten und Behörden Verkaufte. Der letzte Punkt indiziert ein bedenkliches Ausmaß von Entsolidarisierung […] Doch eine solche Haltung ist ein historisches Resultat; sie kann sich ergeben aus der unablässigen Erfahrung, den Angriffen überlegener Feinde wehrlos ausgesetzt zu sein, ohne jegliche Aussicht, diese Situation politisch verändern zu können. Dann zerbröckelt der Zusammenhalt, zunächst eines Stammes, schließlich auch der Verwandtschaftsgruppen selber.

Die Eliten der afrikanischen Raubstaaten begingen keine ‚Kollaboration‘; denn man kollaboriert mit einem Überlegenen, um ihm gefällig zu sein. Diese Eliten waren ebenbürtige Partner im Spiel und diktierten den Europäern normalerweise die Marktbedingungen […]. Alle Forts an der Küste des afrikanischen Festlandes waren gemietet gegen einen Tribut an die einheimischen Herrscher; zeigten sich die Europäer widerspenstig, zerstörten die Afrikaner das jeweilige Fort. Ferner legten die Afrikaner fest, wie viele Sklaven sie verkaufen wollten, an wen und in welcher Zeit, ja sogar, welche Sklaven nicht exportiert wurden: das Königreich Benin verhängte ein Ausfuhrverbot für männliche Sklaven und hielt es durch, von 1516 bis tief ins 18. Jh. hinein. […]

Afrikaner versklavten andere Afrikaner, sie deportierten ihre Opfer, und sie verkauften diese an der Küste wie Vieh an europäische Händler. Warum? Weil sie überhaupt keine Gemeinsamkeit zwischen sich und ihren versklavten Opfern sahen. […] Eine ‚afrikanische Solidarität‘ oder gar ‚Identität‘ ist niemals entstanden. Die Täter handelten ihren Zwecken und Interessen gemäß – völlig ‚rational‘. […]

Die Europäer bezahlten ihren Einkauf keineswegs mit Tand oder minderwertiger Ware, sondern mit einem breiten Sortiment hochwertiger Güter: Mit Kaurimuscheln, Silbermünzen, Waffen, mit europäischen Stoffen und indischen Textilien, mit Perlen und mit schwedischen Eisenbarren. Ab 1670 stiegen die Preise kontinuierlich. In Wydah (Dahomey) kostete um 1730 ein Sklave 25 Gewehre oder 40 Leinenballen, um 1750 kostete er 40 Gewehre, bzw. 70 Ballen. […] Josef Inikori spricht von einem Gewehr-Sklaven-Zyklus: Die Afrikaner kauften Gewehre, um noch mehr Sklaven zu machen, um noch mehr Gewehre zu kaufen usw. […]. Diese These ist inzwischen widerlegt: Man benutzte nämlich in weiten Teilen Afrikas bis tief ins 19. Jh. fast nie Gewehre, um Sklaven zu erbeuten. Schnell operierende Reiterverbände gebrauchten blanke Waffen, keine Gewehre; als Fernwaffen blieben die Giftpfeile viel gefährlicher. Die militärische Stärke des Yorubastaates Oyo stützte sich auf die Schlagkraft seiner Reiter und Bogenschützen; weiter nördlich waren Angriffsoperationen vollständig auf das Pferd angewiesen. Daraus folgt, daß es keinen Zyklus Gewehr-Sklaven gab, im Gegensatz zum Zyklus Pferd-Sklaven in der Savannen-Region. Wozu dann aber die 19 Millionen importierten Gewehre? Überwiegend dienten sie den großen Versklaverstaaten als Statusdemonstration für ihre militärischen Apparate, vor allem bei Festen. Ferner taugten sie hervorragend, um Städte und befestigte Dörfer zu verteidigen; und dieser defensive militärische Gebrauch der Musketen war politisch entscheidend: Diese Waffe half staatlichen Gebilden, sich gegen mächtige Nachbarn zu behaupten. Solche Staaten überlebten länger; nicht verwunderlich also, dass die Hauptimporteure von Gewehren zu den größten Lieferanten von Sklaven gehörten.

Die Überfahrt nach Amerika war gefürchtet; sie dauerte auf der Strecke Angola-Brasilien 30 bis 40 Tage, von Guinea zur Karibik zwei Monate. […] Es starben insgesamt etwa 15% der Verschleppten bei der Überfahrt, anfangs durchschnittlich 20%, im 18. Jh. anfangs 15%, um 1750 noch 10%, um 1800 noch 8%. In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. bedeutete jeder gestorbene Sklave eine durchschnittliche Einbuße von 0,67% des Gewinns; starben mehr als 15% lohnte das Unternehmen kaum noch. Da jedem Sklaven unter Deck nur etwa 0,5m² zustand, zwang man sie, sich tagsüber an Deck zu bewegen, sogar zu tanzen, ferner zu täglichem Waschen und Mundpflege. Für alle Verschleppten war die Überfahrt ein tiefer biographischer Einschnitt, welcher ihnen jegliche Hoffnung auf Heimkehr raubte, und ein weiteres traumatisches Ereignis, welches ihre frühere Identität entwertete und sie gefügiger machte, eine neue anzunehmen.

Die Todesrate war – im Vergleich mit anderen Transporten – nicht sehr hoch; sie ‚lag im 18. Jh. nicht über jener, die bei transatlantischen Truppen- oder Sträflingstransporten ermittelt worden ist‘. Die Sklavenschiffe transportierten allerdings überwiegend junge, gesunde Männer. Maßgeblich war einerseits, wie lange die Überfahrt dauerte, anderseits, aus welchen Regionen die Sklaven stammten, denn sie waren auf unterschiedlichste Weise epidemiologisch anfällig. Die Tropenkrankheiten sind auch der Grund für einen weiteren Umstand: die höchste Sterberate auf Sklavenschiffen betraf nämlich die europäischen Seeleute; auf französischen Transportern des 18. Jhs. betrug sie durchschnittlich 15%, auf englischen oft 25%. Besonders gefährlich waren die Liegezeiten vor der afrikanischen Küste; hierbei verloren mehrere Liverpooler Transporter um 1770 etwa 45% ihrer Mannschaften. Aus diesem Grunde benötigten die Sklaventransporter, obwohl sie so klein waren, so dermaßen viele Matrosen. Die Kapitäne erhielten 2-5% Provision und waren – unter finanziellen Gesichtspunkten – eher daran interessiert, daß Sklaven überlebten als Matrosen.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 172-177)

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(Karte aus: Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 181.)

„Der Augenblick des Ablegens war traumatisch. ‚Die Sklaven die ganze Nacht in Aufruhr‘, heißt es im Bordtagebuch eines Seemanns. ‚Sie spürten, wie sich das Schiff in Bewegung setzte. Ein Geheul, schrecklicher als ich es je zuvor gehört hatte, wie bei den armen Irren im Bedlam Hospital. Die Männer rüttelten an ihren Ketten, was einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht.‘

Diese Angst rührte zum Teil daher, daß viele Westafrikaner glaubten, Europäer seien Meereslebewesen, Kannibalen aus dem Land der Toten, das schwarze Leder ihrer Schuhe sei die Haut von Afrikanern, der Rotwein, den sie tranken, das Blut von Afrikanern, und ihr Schießpulver bestehe aus verbrannten und zermahlenen Knochen von Afrikanern. Ähnliche Ängste gab es in Mosambik und bei den Völkern, die dem transsaharischen Sklavenhandel ausgesetzt waren.“ (John Iliffe, Geschichte Afrikas, übers. von Gabriele Gockel und Rita Seuß, München 1997, S. 183)

Nicht in allen amerikanischen Kolonien gab es Sklaven. In spanischen Kolonien gab es sie weniger; ins portugiesische Brasilien wurden Millionen importiert. In den englischen Kolonien in Nordamerika bildeten sich sklavenhaltende (im Süden) und sklavenfreie Gebiete (im Norden) heraus; im Allgemeinen brauchte man da Sklaven, wo man Plantagen (für Zuckerrohr, Tabak, Baumwolle usw.) anlegte. Die Freilassungsquoten waren unterschiedlich hoch (in Nordamerika geringer als in Südamerika); aber praktisch überall bildete sich neben der Schicht der Sklaven eine mehr oder weniger große Schicht aus freien Schwarzen und „Mulatten“ heraus. Auch das Ausmaß der Rassenvermischung war verschieden; in Südamerika höher als in Nordamerika.

Anfangs wurden weiße Schuldknechte (die z. B. als verurteilte Kriminelle aus Europa in die Kolonien gebracht worden waren) und aus Afrika hergebrachte Schwarze manchmal ähnlich behandelt; sie mussten mehrere Jahre arbeiten und wurden dann freigelassen. Erst nach und nach ging die Zufuhr an weißen Schuldknechten zurück.

„Die Geschichte der Karibikinsel Barbados zeigt exemplarisch, welche Dynamik nun einsetzte: Ab 1628 übernahmen Kapitalgesellschaften große Teile der Insel, legten binnen zweier Jahre 120 Plantagen mit durchschnittlich 115 ha an. Sie importierten mehrere tausend englische Sträflinge oder Verarmte, von denen etwa 20% auf der Überfahrt starben und die angesichts der expandierenden Plantagen keine Aussicht mehr hatten, eine eigene Parzelle zu erhalten. 1634 machten die Schuldknechte einen Aufstand, den 800 Milizionäre erstickten. Danach verschlechterte sich ihre Lage; 1647 kamen die Pflanzer einem Aufstand zuvor und exekutierten die Anführer. Von 1648 bis 1655 wurden 12 000 irische politische Gefangene nach Barbados geschickt. Die Schuldknechte wurden nicht nach englischem Recht behandelt, sondern nach lokalem Gewohnheitsrecht. Gemäß dem 1661 erlassenen ‚Act for Ordaining of Rights between Masters and Servants‘ konnte man sie verkaufen, vermieten und verpfänden, ihren Dienst bei Vergehen um ein bis zwei Jahr verlängern und sie auspeitschen. Der Fall Barbados dokumentiert, wie leicht ein sklavistisches System auf der Basis weißer Sklaven hätte entstehen können. Warum geschah das nicht? Erstens weil die Zufuhr fast völlig versiegte; die Betroffenen taten alles, um ihre Strafen anderswo abzubüßen oder sich anderweitig zu verdingen; ihnen boten sich inzwischen viele Alternativen an; hatte doch mittlerweile die europäische Besiedlung Nordamerikas begonnen. Zweitens waren die Kosten der ständigen Repression zu hoch: Menschen, die als öffentliche Sträflinge oder als Verarmte bestimmte Erniedrigungen hinzunehmen bereit waren, wehrten sich verbissen dagegen, in eine private Quasi-Sklaverei hineingepresst zu werden. Drittens gab es Arbeitskräfte, von denen ein viel höherer Prozentsatz die Tropenkrankheiten überlebten: afrikanische Sklaven.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 167f.)

Übrigens gab es auch freie Schwarze, die selbst Sklaven besaßen; ein bekanntes Beispiel wäre Anthony Johnson, ein Schwarzer aus Angola, der 1621 nach Virginia gebracht worden war, nach mehreren Jahren freikam, sich einigen Wohlstand erwarb, und vor Gericht um das Recht stritt (und es erhielt), einen anderen Schwarzen namens John Casor lebenslang in seinem Dienst zu halten statt nur begrenzte Zeit als Schuldknecht.

Sklaverei war eine Sache der Kolonien; in den europäischen Mutterländern existierte sie in aller Regel nicht, und Sklaven wurden frei, sobald sie europäischen Boden betraten (die Ausnahme bildeten Portugal und italienische Städte). Die Menschen in Europa sahen die Sklaverei für gewöhnlich nicht als gut, sondern als eine unschöne Angelegenheit in Übersee, wie man heute Kinderarbeit oder Lohndumping in Fabriken der Dritten Welt sieht, in denen Subunternehmer europäischer Unternehmer produzieren. Erst recht nicht mochten sie den Sklavenhandel, der dafür sorgte, dass ständig immer weitere freie Menschen in die Sklaverei geführt wurden (ab dem 16. Jahrhundert schon findet man übrigens päpstliche Verurteilungen dieses Handels; z. B. hier eine von 1537, hier eine von 1838; auch wenn das Sklavenhalten nicht als in sich falsch kirchlich verurteilt wurde). (Für mehr dazu, was Bibel und Kirche zu Versklavung, Sklavenhandel und Sklaverei sagen bzw. sagten, siehe diesen (ein wenig geupdateten) Artikel hier.)

Die rechtlichen Bestimmungen, denen Sklaven unterworfen waren, variierten. „Als die karabischen Besitzungen Frankreichs immer mehr zu Sklavenkolonien wurden, erachtete es die Krone für nötig, die im Mutterland so verabscheute Sklaverei rechtlich zu regeln; im März 1685 erließ Ludwig XIV. den ‚Code Noir‘. Wie jedwedes Sklavenrecht leidet der Code Noir unter dem Widerspruch, daß Sklaven als Besitz und nicht als Rechtspersonen gelten sollen, anderseits aber Menschen sind, für deren Seelenheil der König höchste Sorge trägt (Artikel 2). Sklaven sind zwar weder als Zeuge noch als Ankläger gerichtsfähig, doch bei schweren Vergehen werden sie nicht vom Herrn bestraft, stattdessen spricht ein Gericht über sie das Urteil. Somit begrenzt der Code Noir die Strafgewalt des Herrn erheblich: Zwar kann der Herr widerspenstige Sklaven ketten, sie mit Ruten oder Seilen schlagen lassen; doch es ist ihm untersagt, sie zu foltern oder zu verstümmeln, andernfalls werden die Sklaven konfisziert. Tötet er einen Sklaven, droht ihm eine Anklage wegen Mordes. Die Arbeit ruht sonntags und an katholischen Feiertagen. Sklaven können nur mit Erlaubnis ihres Herrn heiraten, es ist anderseits verboten, wenn eine Ehe besteht, die Ehegatten und die vorpubertären Kinder getrennt zu halten oder zu verkaufen. Art. 58 erklärt, daß Freigelassene ihren ehemaligen Herrn Respekt zu bekunden haben, aber frei von jeglichen Dienstleistungen sind. Sie gelten automatisch als eingebürgerte Untertanen, mit gleichen Rechten und Pflichten. Falls der verheiratete Herr eine Sklavin als Konkubine hält, so wird diese mitsamt den gemeinsamen Kindern konfisziert, und sie erhält kene Aussicht auf Freilassung. Hingegen darf der unverheiratete Herr eine Sklavin, welche damit automatisch frei wird, ehelichen; die Kinder sind freie Franzosen. […] Die Rechtspraxis der englischen Sklavenregionen folgte nicht dem Code Noir; sie anerkannte keine Sklavenehe, erschwerte die Freilassungen, zog zwischen Freigelassenen und den Weißen eine scharfe politische und soziale Demarkationslinie.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 182f.)

(Eine englische Übersetzung des Code Noir findet man übrigens hier. U. a. enthält er auch Bestimmungen, die Ansammlungen von Sklaven verbieten, Herren befehlen, ihren Sklaven eine bestimmte Menge an Nahrung und Kleidung zur Verfügung zu stellen, die Todesstrafe für Sklaven festlegen, die ihre Herren ins Gesicht schlagen, und festlegen, dass Herren kranke Sklaven pflegen oder einem Hospital für ihre Pflege eine bestimmte Summe zahlen müssen.)

Die Südstaaten der USA zählen zu den bekanntesten Sklavenhalterregionen der Neuen Welt. Die Sklaverei dort war, wenn auch in rechtlicher Hinsicht schlimmer als die Sklaverei in französischen Kolonien, in mancher Hinsicht nicht so schlimm wie andere Sklavensysteme (z. B. im islamischen Machtbereich) – vielleicht gerade „nicht so schlimm“ genug, dass die Südstaatler, denen bewusst war, dass man anderswo auch ohne Sklaverei leben konnte, sich sagen konnten, dass sich am System eigentlich nichts ändern müsste.

Sklaven waren nicht völlig rechtlos und wurden gut genug behandelt, dass sie sich relativ stark vermehren konnten, was in anderen Sklavenhaltergesellschaften der Weltgeschichte, die auf ständigen Nachschub von Sklaven von außerhalb angewiesen waren, nicht der Fall war. Es war verboten, ihnen lesen und schreiben beizubringen, sie durften sich nicht ohne schriftliche Erlaubnis von ihrer Plantage entfernen, und das Schlimmste war natürlich, dass Familien legal getrennt werden konnten; zwar war das nicht so häufig, wie manchmal angenommen wird, aber es kam vor, vor allem, wenn beim Tod eines Sklavenbesitzers sein Erbe zu Geld gemacht und verteilt wurde, und es gab keinen Schutz dagegen. Für die Vergewaltigung von Sklavinnen gilt dasselbe: Sie war nicht so häufig wie manchmal gedacht, aber es gab keinen wirklichen Schutz dagegen. Ein großer Vorteil für Sklaven in den Südstaaten war allerdings, dass ihre Herren oft keine abwesenden Großunternehmer waren, sondern auf der Plantage lebten und ihren Sklaven öfter eine gewisse paternalistische Fürsorge angedeihen ließen. Die Sklaven waren relativ gut ernährt; lebten nicht in großen Baracken, sondern in einzelnen Hütten für eine Familie; wurden versorgt, wenn sie krank waren; oft wuchsen ihre Kinder mehr oder weniger zusammen mit denen ihrer Herren auf. (Einen ganz guten direkten Eindruck von der Sklaverei bekommt man übrigens in den sog. „Slave narratives“, Interviews aus den 1930ern mit Afroamerikanern, die in ihrer Kindheit noch die Sklaverei erlebt hatten.)

Es gibt manchmal eine gewisse Südstaatenschwärmerei, vor allem in den konservativen Kreisen der Südstaaten. Da wird dann die Bedeutung der Sklaverei heruntergespielt – sie wäre mit der Industrialisierung sowieso verschwunden, beim Bürgerkrieg sei es nicht vorrangig um die Sklaverei gegangen – oder auf die Fehler des Nordens verwiesen – den Arbeitern in den Industriestädten des Nordens sei es viel schlimmer gegangen; während der Sklavenhalter des Südens für seine Sklaven gesorgt habe, hätte der Fabrikherr des Nordens seine Arbeiter einfach entlassen können; und überhaupt hätten die Nordstaaten im Bürgerkrieg keine humanen Motive gehabt und es wäre ihnen nicht um die Sklaven gegangen.

Hier ist einiges Wunschdenken dabei. Während man im 18. Jahrhundert in den Südstaaten die Sklaverei noch als etwas Unschönes, als ein Übel, wenn auch vielleicht ein notwendiges Übel, gesehen hatte, das im Lauf der Zeit verschwinden müsste, hatte man sich dort Mitte des 19. Jahrhunderts an sie gewöhnt, wollte sich nicht mehr eingestehen, dass man oder seine Vorfahren die Sklaverei hätten abschaffen können oder sollen. Wer sagt, dass man Sklaven nicht auch als Fabrikarbeiter eingesetzt hätte? Der Süden war sehr überzeugt von dieser Institution. Die Südstaaten haben in ihren Abspaltungserklärungen überdeutlich klargemacht, dass es ihnen um die Sklaverei ging und wie wichtig ihnen diese Institution war; auch die „Cornerstone Speech“ des konföderierten Vizepräsidenten, in der er die Sklaverei als „Eckstein“ der Konföderation bezeichnet, ist aufschlussreich. Das war der Grund der Abspaltung, nichts anderes; und die Abspaltung führte zum Krieg.

Natürlich gab es dann im Norden einige Politiker die mit „wir sind jetzt auch keine so radikalen Abolitionisten, uns geht es jetzt im Krieg erst mal darum, die Union zu bewahren, nicht um die Sklavenbefreiung“ kamen, um auf die öffentliche Meinung einzugehen, denn auch im Norden war die Frage der Sklavenbefreiung keineswegs allen einen Krieg wert. Aber insgesamt war man im Norden doch gegen die Sklaverei und schaffte sie dann ja auch ab. Es stimmt, dass die prakischen Folgen nicht sofort gut waren; dass es im Chaos der Nachkriegszeit den befreiten Sklaven zunächst manchmal schlechter ging als vorher auf den Plantagen. Aber dass der Norden die Befreiung schlecht geplant und durchgeführt hatte, heißt nicht, dass er sie nicht aus wirklicher Empörung über einen schlimmen Missstand beschlossen hatte. Auch die Tatsache, dass es den Fabrikarbeitern im Norden manchmal praktisch schlechter ging, ändert nichts daran; manchmal lenkt man sich ja von eigenen Fehlern damit ab, dass man sich gegen Unrecht anderswo einsetzt, und dieses Unrecht anderswo existiert trotzdem. Und dass die Situation nach den Wirren der Nachkriegszeit besser wurde, wird auch kaum jemand bestreiten wollen.

(Was übrigens die Religion angeht: Norden und Süden waren gleichermaßen religiös (größtenteils protestantisch), und verteidigten ihre Ansichten zur Sklaverei gleichermaßen mit der Bibel.)

Soweit zur Sklaverei in Amerika; am Rande seien hier noch die „Kammermohren“ oder „Hofmohren“ in Europa erwähnt: Schwarze, die auf irgendwelchen Umwegen (oft durch Sklavenhändler) nach Europa gelangten und dort zu Dienern von Fürsten wurden. In Europa war die Situation ganz anders als in den amerikanischen Kolonien; Schwarze waren keine niedere Klasse, sondern als faszinierend gesehene vereinzelte Exoten, die die Fürsten gern um sich haben wollten, denen sie oft Bildung und hohe Gehälter oder Erbschaften zukommen ließen und als deren Taufpaten sie selbst fungierten: der „Hofmohr“ in den Salons von Wien oder Salzburg war etwas ganz anderes als der „Negersklave“ auf der karibischen Zuckerplantage. Auch wenn die Kammermohren (oft als Kinder) als Sklaven nach Europa gebracht worden waren, das europäische Recht kannte, wie oben schon gesagt, eigentlich keine Sklaverei und dementsprechend wurden die Hofmohren im Endeffekt als normale Diener und Höflinge behandelt. Ehen mit Europäerinnen waren nichts Außergewöhnliches.

Einige Kammermohren erlangten eine gewisse Bekanntheit. Anton Wilhelm Amo war ein Philosoph und Jurist, der gegen Ende seines Lebens nach Ghana zurückkehrte; Angelo Soliman ein Prinzenerzieher beim Fürst von Liechtenstein (und leider ein Freimaurer); Abraham Petrowitsch Hannibal erreicht in Russland sehr hohe Stellungen in Politik und Militär und wurde Großgrundbesitzer, außerdem ist er der Urgroßvater des russischen Dichters Puschkin; Ignatius Fortuna war ein typischerer Kammerdiener ohne besondere sonstige Leistungen, allerdings war er recht wohlhabend und wurde er von seiner Fürstin mit einer hohen Erbschaft bedacht und auf ihren Wunsch hin in der Nähe ihres eigenes Grabes bestattet.

(Links: Fürstäbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach mit Ignatius Fortuna, von Johann Jakob Schmitz, 1772. Gemeinfrei. Rechts: Angelo Soliman. Gemeinfrei.)

Aber jetzt zur Abschaffung der Sklaverei.

Der ab dem 15. Jahrhundert neu entstandene transatlantische Sklavenhandel war, wie schon gesagt, keineswegs allgemein gern gesehen. Ab dem 18. Jahrhundert entwickelte sich eine stärkere Bewegung für die Abschaffung (Abolition) der Sklaverei; in englischsprachigen Gebieten geprägt von Freikirchlern – Methodisten, Quäkern, usw. England beschloss 1807 ein Verbot des Sklavenhandels; kurz darauf untersagten auch die USA den Import neuer Sklaven. Die Sklaverei selbst blieb im Britischen Empire noch ein wenig länger erhalten, aber relativ bald lief es auf ihre Abschaffung zu, während dieser Weg in den US-Südstaaten schwieriger war. Diese Bemühungen waren nicht auf die englischsprachigen Gebiete beschränkt; in ganz Europa entwickelte sich Empörung über die Grausamkeiten des Sklavenhandels und es entstanden Organisationen, um ihn zu bekämpfen.


(Logo britischer Abolitionisten. „Bin ich nicht ein Mensch und ein Bruder?“ Gemeinfrei.)

Dass v. a. die Briten es ernst mit der Unterdrückung des Sklavenhandels meinten, zeigt sich an einer einfachen Tatsache: Sie steckten Geld und Einsatz hinein.

„Nachdem in Europa 1814 der Friede wiederhergestellt war, versuchte die britische Regierung, über internationale Verträge den Sklavenhandel lahmzulegen, um die Sklaverei auszutrocknen. Denn das interne britische Verbot hatte nicht verhindert, daß die transatlantischen Überfahrten neue Rekordziffern erreichten. Den ersten bilateralen Vertrag zur Abschaffung des Sklavenhandels unterzeichneten 1814 Großbritannien und Frankreich; im Februar 1815 gaben auf dem Wiener Kongreß acht europäische Monarchien eine Erklärung ab, sie seien entschlossen, den Sklavenhandel zu unterdrücken. 1817 und 1823 folgten bilaterale Verträge mit Portugal und Spanien, um die gegenseitige Durchsuchung von Schiffen zu legalisieren, danach zahlreiche andere. Englische Kapitäne, die man beim Transportieren von Sklaven ergriff, wurden gehenkt. Den ständigen Druck der britischen Marine empfanden freilich andere Länder als Bruch des internationalen Rechts und der nationalen Souveränität. In der Tat drängten die Abolitionisten auf direkte imperiale Intervention, wobei die Quaker in Gewissensnot gerieten, da sie Gewalt ablehnten. Jahrzehntelang leisteten britische Kriegsschiffe humanitäre Interventionen und machten Großbritannien zum Weltpolizisten.

1823 verbot das Parlament das Auspeitschen und begrenzte den Arbeitstag der Sklaven auf 9 Stunden; das Zwangssystem begann zu wanken. Es vervielfachten sich die Revolten, welche jedoch niedergeschlagen werden mussten, da das System immer noch legalerweise bestand. 1833 beschloß das Parlament, die Sklaverei im gesamten Empire abzuschaffen; die Sklavenhalter wurden mit insgesamt 20 Mio Pfund entschädigt, die Sklaven sollten noch 7 Jahre als ‚Lehrlinge‘ bei ihren Herren arbeiten. 1841 kam es zu einem multilateralen Vertrag, welcher den Sklavenhandel auf eine Stufe mit Piraterie stellte und vorsah, die Weltmeere zu überwachen und Seeblockaden zu verhängen – im Dienste der Humanität. Danach patrouillierten regelmäßig bis zu 60 Kriegsschiffe in afrikanischen Gewässern, zuvorderst britische, aber auch französische und US-amerikanische. Im Februar 1848 brach in Frankreich die Revolution aus; am 27. April erklärte ein Dekret in allen französischen Besitzungen die Sklaverei mit sofortiger Wirkung für aufgehoben; nach alter Tradition bestimmte Artikel 7, jeder Sklave werde frei, ’sobald er französischen Boden betritt‘. Ab 1849/50 setzte die britische Marine eine weitgehende Blockade der westafrikanischen Küste durch und erdrosselte tatsächlich den dortigen atlantischen Sklavenhandel. Von 1807 bis 1867 fing man insgesamt 1287 Sklavenschiffe ab. Den Sklavenhandel zu unterbinden war teuer; 90% der gesamten Last trugen die Briten, deren Marine zu diesem Zweck 15% ihrer Schiffe verwandte. ‚Insgesamt wendeten die Briten ein halbes Jahrhundert lang rund 250.000 £ (Pfund) pro Jahr oder … rund 2 bis 6% ihres gesamten Marinebudgets auf.‘ Von 1816 bis 1862 kostete die Unterdrückung des Sklavenhandels ebensoviel wie die britischen Händler von 1760 bis 1807 am Verkauf Versklavter verdient hatten.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 206-208)

„‚Sie nahmen uns die Fesseln von den Füßen und warfen sie ins Wasser‘, erinnerte sich ein befreiter Sklave, ’sie gaben uns Kleider, um unsere Blöße zu bedecken, sie öffneten die Wasserfässer, damit wir unseren Durst stillen konnten, und wir aßen, bis wir satt waren.'“ (Iliffe, Geschichte Afrikas, S. 199.)

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(Links: Darstellung eines britischen Marineschiffs, das ein Sklavenschiff aufbringt. Rechts: Sir George Ralph Collier, erster Commodore der ‚West Africa Squadron‘. Gemeinfrei.)

Man muss kein Freund der Briten des 19. Jahrhunderts sein; in ihrem eigenen Land schufteten Kinder in Minen und Fabriken, sie nahmen den Hungertod etlicher Iren billigend in Kauf und mit China begannen sie Krieg, um den Chinesen weiterhin Opium verkaufen zu können; aber in Bezug auf den Sklavenhandel muss man schlicht sagen: Ohne sie würde wahrscheinlich immer noch weltweit Sklavenhandel betrieben.

Von Schiffen befreite Sklaven wurden oft in eigens angelegten Städten in Afrika angesiedelt; dazu gehören Libreville im heutigen Gabun und Freetown im heutigen Sierra Leone. Abolitionistischen Bemühungen verdankt sich auch die Existenz der einzigen amerikanischen Kolonie in Afrika, einer Kolonie besonderer Art: Liberia (von lateinisch liber = frei), gegründet im Jahr 1822 von der „American Colonization Society“, die freigelassenen Afroamerikanern, die auf den Heimatkontinent ihrer Vorfahren zurückkehren wollten, einen Platz zur Ansiedlung verschaffen wollte. (Liberia wurde 1847 unabhängig.)

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(Ausschnitt eines Zeitungsberichtes im ‚African Repository‘ von 1837 über einen Sklavenbesitzer aus Virginia, der zwölf Sklaven freilassen und für die Reise nach Liberia ausstatten will. Gemeinfrei.)

Sklaverei endete nie von selbst; es brauchte immer die Entscheidung dazu, und den Willen, diese Entscheidung durchzusetzen. In Europa und europäischen Kolonien brachten Aktivismus und Gesetzesänderungen meistens viel; um die muslimische Sklaverei zu beenden, waren militärische Interventionen von außen nötig; diplomatischer Druck tat nur wenig, und aus muslimischen Gesellschaften heraus kam kein Wille zur Veränderung. Sklavenaufstände waren derweil für gewöhnlich zum Scheitern verurteilt. Der einzige größere erfolgreiche Sklavenaufstand der Weltgeschichte fand von 1791 bis 1804 auf Haiti statt; und den Siegern gelang nach ihrem Sieg kein wirklich erfolgreicher Aufbau eines Staates.


(Pétion und Dessalines, zwei Anführer der Haitianischen Revolution, Bild von Guillon-Lethière. Gemeinfrei.)

Das Vorgehen gegen den Sklavenhandel zur See zeigte gewisse Erfolge, wobei immer noch eine gewisse Anzahl an Sklaven von gewinnsüchtigen Kapitänen geschmuggelt wurde (ihr Preis war unter diesen Umständen natürlich gestiegen); die Nachfrage in Amerika verschwand dann erst, nachdem in den USA der Bürgerkrieg (1861-1865) zu Ende und die Sklaverei abgeschafft war, und zuletzt Brasilien sie 1888 abschaffte. Dennoch beendete das Versklavungsprozesse nicht: Dann verkauften westafrikanische Versklaver ihre Sklaven eben in andere afrikanische Reiche, oder (da die Europäer den „legitimen Handel“ mit Gütern wie Palmöl förderten) setzten sie selbst auf Palmölplantagen in Westafrika ein, um das Palmöl dann den Europäern zu verkaufen. Die Sklavenjagden der Araber in Afrika, v. a. Ostafrika, wurden im 19. Jahrhundert unterdessen immer schlimmer; und hier befinden wir uns am Vorabend der Kolonialisierung Schwarzafrikas.

Aber zur Kolonialisierung und der großflächigen Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei innerhalb Afrikas im nächsten Artikel.

* Im Frühmittelalter gab es noch mehr Versklavungsprozessse und Europa war stärker gefährdet: „Es lassen sich 4 wichtige Routen ermitteln: auf der ersten importierten friesische Händler Sklaven irischer und englischer Herkunft aus London, um sie in den Binnenhäfen Westeuropas und Deutschlands zu verkaufen; auf der zweiten verbrachte man Sklaven aus den noch heidnischen slawischen Gebieten durch Bayern über die Alpen nach Venedig, von wo aus sie zu den islamischen Märkten verfrachtet wurden; auf der dritten kamen verschleppte Slawen durch Deutschland über Verdun, das als Sammellager und Kastrationsanstalt diente, das Rhône-Tal abwärts nach Arles und Marseilles, von wo aus sie ins moslemische Spanien gelangten, um die Mamlukenschaft des Kalifats zu ergänzen; die vierte Route führte von England zum islamischen Spanien, welches die meisten importierten Sklaven absorbierte und einen Teil nach Nordafrika und Ägypten weiterverkaufte.

Es war im fränkischen Reich untersagt, Versklavte in andere ‚Staaten‘ oder Christen an nichtchristliche Händler zu verkaufen. Das Verbot wurde ständig missachtet. Wiederholt versuchten kirchliche Synoden diesen Handel zu stoppen, schlugen sogar vor, daß französische Christen die Sklaven kaufen sollten, damit diese nicht in die Hände der Muslime fielen, vergebens.

Es blieb nicht beim Sklavenhandel. Zwischen 827 und 972 schienen die verbliebenen funktionierenden Königreiche zu kollabieren: Seit 825 griffen die Wikinger die Küsten an, drangen entlang der Flussläufe ins Innere, plünderten, zerstörten und verschleppten gefangene Menschen. Ihre Ausgriffe reichten bis tief nach Russland, wo sie 882 das Reich der Waräger gründeten; sie verschifften ihre Opfer von Irland bis ins moslemische Spanien, aber auch nach Osten, entweder über Nowgorod zur oberen Wolga, dann wolgaabwärts bis Bulgar, wo die Händler der moslemischen Niederlassung die Sklaven einkauften und sie über einen weiten Landweg zu den großen Sklavenmärkten und Kastrationszentren von Buchara und Samarkand verschleppten; oder über die Düna-Dnjepr-Linie bis nach Kiew; von dort führte ein Transportweg über das Schwarze Meer nach Konstantinopel und bis Ägypten, ein anderer nach Osten, den Don aufwärts, hinüber zur Wolga bis nach Itil im Norden des Kaspischen Meeres, wo ein riesiger moslemischer Sklavenmarkt die Opfer empfing, um Persien und den Irak zu beliefern. Ab 845 zahlten die Franken Tribute, um dieses Übel abzuwenden (Danegeld), was nur beding half. Gefährlicher war der Angriff aus dem Süden: 827 setzten nordafrikanische Emire nach Sizilien über, 840 besetzten sie Tarent, 846 richteten sie in Bari ein Emirat ein; ihre ständigen Razzien führten 846 zum ersten, 878 zum zweiten Angriff auf Rom; von Bari fuhren die Sklavenschiffe regelmäßig nach Tunis und Ägypten. 890 setzten sich die Truppen des Emirats von Córdoba im südfranzösischen Fraxinetum fest und unternahmen von dort ihre Feldzüge in das obere Rhonetal. 940 sperrten sie die westlichen Alpenpässe. Der südliche Rand Europas drohte zur okkupierten Lieferzone für die militärisch weit überlegene islamische Welt zu werden. Dazu kamen die Invasionen aus dem Osten: Seit 886 machten die Ungarn, ein Reitervolk der eurasischen Steppe ihre Raubzüge tief nach Mitteleuropa; auch sie zerstörten Siedlungen und deportierten Gefangene; 899 traf es Pavia, 911 Köln. Wohin kamen die Versklavten? Wen die Ungarn nicht benötigten, wurde wahrscheinlich donauabwärts verfrachtet, um übers Schwarze Meer nach Konstantinopel zu gelangen; da die Byzantiner nicht mehr die Mittel hatten, große Sklavenmengen zu importieren, dürfte der Großteil zu Schiff nach Syrien, dem Irak und Ägypten verschleppt worden sein. Erst 955 konnte Otto I. mit dem Sieg auf dem Lechfeld dieses Ausbluten der Bevölkerung im ostfränkischen Reich beenden. Die Invasionen der Wikinger endeten, als der westfränkische König 911 ihre Ansiedlung in Nordfrankreich akzepierte; 972 vertrieb das westfränkische Reich die Araber aus Südfrankreich. Angenommen, die fränkischen Reiche wären politisch zusammengebrochen, was wäre geschehen? Das christliche Resteuropa wäre eine ständig heimgesuchte Zone für mehrere kriegerische Versklaver geworden, welche ihre nicht zu absorbierenden Sklavenüberschüsse an das islamische Weltreich lieferten. Wäre Europa eine Lieferzone – vielleicht afrikanischen Typs – geworden, hätte die Weltgeschichte einen anderen Lauf genommen.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklavere, S. 154-157)

Christliche Kultur am Sonntag: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Der Historienfilm von 1966 (Originaltitel: „A man for all seasons“) handelt vom hl. Thomas Morus (gespielt von Paul Scofield), den König Heinrich VIII. von England 1535 wegen angeblichen Hochverrats enthaupten ließ.

Der Film beginnt, als Heinrich VIII. beginnt, sich beim Papst um eine Annullierung seiner Ehe mit Königin Katharina zu bemühen, um seine Mätresse Anne Boleyn heiraten zu können; sein Lordkanzler, Kardinal Wolsey, ist ihm dabei behilflich. Thomas Morus, humanistischer Schriftsteller, Richter und Mitglied des Kronrats, im Gegensatz zu den typischen Höflingen unbestechlich als Richter und trotz seiner Kritik an kirchlichen Missständen frommer Katholik, ist zwar dagegen, verhält sich aber nach außen hin diskret und hält sich eher fern von den höfischen Intrigen. Als Wolsey stirbt, wird Morus vom König (der ihn schätzt und irgendwie bewundert) auf dessen Amt erhoben, das er erfüllt, bis der König, der vom Papst das Urteil erhalten hat, dass seine Ehe gültig und daher nicht auflösbar ist, sich selbst zum obersten Herrn der Kirche von England erklärt, die Ehe für ungültig erklären lässt, Katharina verstößt und Anne heiratet. Thomas Morus tritt vom Amt des Lordkanzlers zurück, in Stille und ohne Gründe anzugeben, und zieht sich auf das Anwesen seiner Familie in der Umgebung von London zurück. Er schweigt zu allem, was der König nun tut.

(Thomas Morus als Lordkanzler, Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren. Gemeinfrei.)

Genau dieses Schweigen jedoch hält Heinrich VIII. nicht aus; während alle anderen Höflinge und Staatsmänner, denen er es abverlangt, ihm zustimmen und dann auch den Eid auf die schließlich erlassene Suprematsakte und die Anerkennung der neuen Ehe mit Anne Boleyn ablegen, schweigt Morus. Dafür wird er in den Tower geworfen und immer wieder von Untersuchungskommissionen verhört, denen gegenüber er sich weigert, seine Gründe anzugeben. Er ist sogar bereit, Annes Nachkommen als Thronfolger anzuerkennen, wenn der König das bestimmt, auch wenn er sie nicht als ehelich anerkennt, und sich weigert, das Papsttum zu verleugnen. Überall erntet er Unverständnis; der Herzog von Norfolk, früher sein Freund, bemüht sich, ihm Vernunft einzubläuen, selbst seine Familie will ihn irgendwann überreden, nachzugeben, nachdem er lange im Tower eingekerkert war.

Morus schweigt weiter. Er legt es nicht darauf an, dem König entgegenzutreten; er sieht sich nicht als jemand, der das Martyrium suchen will. Aber er ist nicht bereit, sein Gewissen zu verletzen und den Eid zu schwören. Schließlich wird ihm der Prozess gemacht.

Eindrucksvoll ist die Szene, in der Thomas Morus betet, bevor er in den Gerichtssaal geht; eindrucksvoll auch der Gegensatz zwischen den letzten Worten von Kardinal Wolsey auf dem Sterbebett – „Hätte ich meinem Gott nur halb so treu gedient wie meinem König, müsste ich jetzt nicht so verlassen sterben“ – und den letzten Worten von Thomas Morus auf dem Schafott – „Ich sterbe als treuer Diener des Königs, aber vor allem als treuer Diener Gottes“.

Wo finde ich gute Infos über den Katholizismus?

Da diese Frage immer mal wieder aufkommt, dachte ich, ich stelle hier mal eine Sammlung zusammen, von Webseiten, Büchern, Apps, Youtubekanälen, Verlagen usw., die ich kenne und die mir geholfen haben. Einiges ist vielleicht anspruchsvoll oder uninteressant für Anfänger, aber ich wollte eine möglichst vollständige Zusammenstellung schaffen, in der jeder etwas finden kann; ich habe viele Texte aufgenommen, für die keine Urheberrechte mehr bestehen und die man einfach im Internet lesen/herunterladen kann. Ggf. kommen Updates hinzu. Weitere Tipps in den Kommentaren sind sehr willkommen!

(Petrusstatue auf dem Petersplatz. Gemeinfrei.)

 

Zur Einführung in den Glauben gibt es natürlich erst einmal Katechismen, die den ganzen Glauben übersichtlich darstellen; ausführlich der Katechismus der Katholischen Kirche, kürzer das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche (beide natürlich auch in Buchform erhältlich). Der Katechismus der Katholischen Kirche hat leider ein paar kleinere Ungenauigkeiten; er ist eben nur eine Zusammenfassung der Lehre und nicht die Lehre selbst, aber insgesamt doch sehr hilfreich.

Ein m. E. noch besserer Katechismus ist der Basler Katechismus von 1947; eine Infoseite über den Glauben hat ihn als PDF; als Buch kann man ihn beim Sarto-Verlag bestellen. (Der Basler Katechismus wurde als Katechismus für Schüler im Religionsunterricht verfasst. Ich dachte mir zuerst, dass er vielleicht etwas vereinfachend wäre, als es in einer der ersten Fragen darum ging, dass man ohne den Glauben nicht selig werden kann, bis ich gemerkt habe, dass weiter unten sehr differenziert klargestellt wird, unter welchen Bedingungen Andersgläubige selig werden können. Da er für Schüler geschrieben wurde, sagt er beim Thema 6. & 9. Gebot nicht viel zu den Einzelsünden und beendet die Fragen dazu mit der Empfehlung, bei Unsicherheiten die Eltern oder den Beichtvater zu fragen. Außerdem enthält er logischerweise keine kirchlichen Stellungnahmen zu Themen, die damals technisch/medizinisch noch nicht möglich waren, wie Anti-Baby-Pille oder Leihmutterschaft. Sonst ist er allerdings sehr gut, sehr klar, und die Formulierungen sind wohlüberlegt und enthalten nichts Fragwürdiges.)

Screenshot (432)

(Ein Beispiel. Die heutige Welt lässt sich ja durch solche „einfachen Antworten“ ziemlich aufregen – auch wenn sie einfach wahr sind.)

Eine gute Möglichkeit, sich schnell über den Glauben zu informieren, wenn man sich nicht gern auf Texte konzentriert, wäre der 3-Minuten-Katechismus auf Youtube mit seinen vielen Folgen:

 

Es gibt einige Infoseiten, auf denen man zu so gut wie allen Themen genauere Erklärungen findet:

  • Glaubenswahrheit.org, eine Seite von Prof. Dr. Georg May, der dort Predigten aus den letzten Jahrzehnten zu allen relevanten Themen eingestellt hat.
  • Das „Portal zur katholischen Geisteswelt“, betrieben von einem Priester der Petrusbruderschaft (FSSP), Pater Engelbert Recktenwald FSSP, mit Beiträgen von vielen katholischen Intellektuellen, von Josef Bordat bis Robert Spaemann, Infos über alle möglichen Themen, die den Katholizismus angehen, und alle möglichen Persönlichkeiten aus der Kirchengeschichte. Da findet man auch ein paar vollständige ältere Werke (z. B. hier eine detaillierte Auseinandersetzung mit den reformatorischen Glaubensbekenntnissen von Johann Adam Möhler aus dem 19. Jahrhundert).
  • Die englischsprachige Seite „Catholic Answers“; teilweise ein bisschen von typisch US-amerikanischen Ansichten beeinflusst; enthält aber Antworten zu vielen Einzelfragen.
  • Die Seite katholisches.de* hat ein paar gute Infoangebote (z. B. ältere Bücher als PDFs; auch wenn manche der Texte für mein Empfinden zu sehr zu „Intelligent Design“ neigen); sie ist nicht zu verwechseln mit katholisch.de, einer Seite, deren Redakteure sich leider nicht mit dem katholischen Glauben identifizieren, wie er von der Kirche gelehrt wird, und hauptsächlich darüber schreiben, dass sie endlich Frauenweihe, Zölibatsabschaffung usw. usf. wollen.
  • Hier gibt es eine Sammlung von Texten von Fr. John Hardon (1914-2000).
  • Zwei gute Blogs mit vielfältigen Artikeln und einer guten Übersicht wären Katholisch ohne Furcht und Tadel und Shameless Popery; beide besonders nützlich für die Auseinandersetzung mit dem Protestantismus.

Dann gäbe es auch noch Kathpedia, die katholische Version von Wikipedia, und die über hundert Jahre alte Catholic Encyclopedia.

Es gibt natürlich auch gute Bücher zur Einführung in den Glauben, z. B. Ronald Knox‘ Klassiker „The belief of Catholics“ (online oder als Buch) von 1927, das leider bis heute nicht auf Deutsch veröffentlicht wurde. Ich habe auf meinem Blog ein paar Auszüge einer privat von einem Freund erstellten Übersetzung veröffentlicht.

(Aus Notre Dame de Paris. Gemeinfrei.)

Im Onlineshop der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) findet man sehr gute Dinge; die kleineren Heftchen kann man oft kostenlos bzw. gegen Spende bestellen. Z. B. gibt es Gebetbücher, einen Beichtspiegel für Erwachsene, einen Beichtspiegel für Kinder, Volksmessbücher, einen „Kleinen Katechismus“, Bücher über Spiritualität, Sakramente, Kinderbücher usw. Ähnliche kleine Gratisschriften findet man hier.

Einige Infos über gute Bücher usw. gibt es hier.

Der Sarto-Verlag** hat viele gute Bücher, auch einige Neuauflagen älterer Werke. (Und übrigens nicht nur Sachbücher, sondern auch Romane und Kinderbücher, aber das ist hier ja nicht das Thema.) Ein anderer guter Verlag wäre der Lepanto-Verlag.

Es gibt ein paar gute katholische Apps; am liebsten ist mir die „Laudate“-App, die die Grundgebete, Tageslesungen, die Bibel insgesamt, das Stundengebet nach dem alten Ritus usw. enthält. Es gibt auch eine „Stundenbuch“-App, die bloß das Stundengebet nach dem neuen Ritus enthält. Auch den 3-Minuten-Katechismus (3 Minute Catechism, 3MC) gibt es als App.

Das lateinische Stundengebet und die Texte der Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus (alte Messe) mit englischer Übersetzung findet man online hier (als Bücher und mit deutscher Übersetzung im Shop der FSSP).

Eine Reihe guter Predigten von Pfarrer Hans Milch (1924-1987) findet man hier.

Autel du Sacré-Cœur, Basilique Notre Dame de Bonne Nouvelle, R

(Herz-Jesu-Altar in der Basilika Notre Dame de Bonne Nouvelle, Rennes; Foto von Édouard Hue (Ausschnitt). Bildquelle hier.)

Lehramtliche Texte, also offiziell von der Kirche herausgegebene, in unterschiedlichem Grad verbindliche Texte, findet man z. B. auf der Seite des Heiligen Stuhls; dort gehen die Texte allerdings nur bis etwa ins 18. Jahrhundert zurück und viele ältere Texte sind bis jetzt nur in italienischer Übersetzung eingestellt worden; ältere päpstliche Schreiben bis zurück ins Mittelalter findet man dafür in englischer Übersetzung hier. Für Lehramtstexte (nicht nur von Päpsten, auch von Konzilien und Regionalsynoden) aus der ganzen Kirchengeschichte ist der „Denzinger“ hilfreich, das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung, vom 1. bis zum 21 Jahrhundert; die enthält natürlich nicht alle jemals erschienenen Texte vollständig, aber schon eine größere Auswahl in Auszügen.

Dann gäbe es noch das Kirchenrecht (das im Gegensatz zur Kirchenlehre teilweise veränderlich ist, aber trotzdem natürlich befolgt werden muss). Auf der Seite des Heiligen Stuhls findet man den Codex des Kanonischen Rechtes (CIC = Codex Iuris Canonici), das Gesetzbuch der lateinischen Kirche; den CCEO, das Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen, gibt es dort auch, allerdings nur auf Latein. Gesetzbücher sind aber bekanntlich als Anfänger nicht immer leicht zu verstehen und man kann auch Zusammenhänge übersehen, daher hier noch zwei (englische) Seiten, die genauere Infos über kirchenrechtliche Einzelfragen haben: Canon Law Made Easy und In the Light of the Law.

Außerdem wären da katholische Zeitungen und Nachrichtenseiten wie die Tagespost, die Catholic News Agency (Deutsch), kath.net, die Fernsehsender EWTN und K-TV und der Radiosender Radio Horeb.

Einige empfehlenswerte katholische/christliche Autoren, die zu verschiedenen Themen geschrieben haben wären z. B.:

  • G. K. Chesterton („Der unsterbliche Mensch“, „Orthodoxie“)
  • Ronald Knox („The belief of Catholics“)
  • Robert Hugh Benson („The Friendship of Christ“, „Confessions of a convert“, „Lourdes“, „Paradoxes of Catholicism“)
  • Hilaire Belloc („The Great Heresies“, „Characters of the Reformation“)
  • C. S. Lewis [Anglikaner] („Pardon, ich bin Christ“, „Über den Schmerz“, „Dienstanweisungen an einen Unterteufel“, „Die große Scheidung“)
  • Adrian Fortescue
  • Robert Spaemann
  • Dietrich von Hildebrand („Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“, „Der verwüstete Weinberg“)
  • Bischof Fulton Sheen („Life of Christ“)
  • Robert Kardinal Sarah („Gott oder nichts“, „Die Kraft der Stille“)
  • Der hl. John Henry Kardinal Newman („Über die Entwicklung der Glaubenslehre“).

Praktisches:

Infos zum Eintritt oder Wiedereintritt in die Kirche gibt es hier. (Generell ist es am besten, einfach mit einem Priester zu reden.)

Wenn man eine Gemeinde sucht, die die Messe im alten Ritus feiert, wird man bei dieser Karte hier fündig. Gemeinschaften, die die alte Messe anbieten, wären z. B. die Petrusbruderschaft (FSSP), das Institut St. Philipp Neri (Berlin), das Institut Christus König und Hoherpriester; ansonsten gibt es natürlich auch normale diözesane Gemeinden, die es tun.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ab/Marianne_Stokes_Madonna_and_Child.jpg

(Marianne Stokes, Madonna mit Kind. Gemeinfrei.)

 

Wenn man zu Einzelthemen tiefer einsteigen will, gäbe es z. B. folgendes:

 

1) Existenz und Eigenschaften Gottes, grundlegender Aufbau der Wirklichkeit

Edward Feser, Philosophiedozent an einem amerikanischen College, und einer der wenigen Thomisten, die es heute noch gibt, hat dazu einige sehr gute Bücher geschrieben, z. B. Fünf Gottesbeweise. Aristoteles, Plotin, Augustinus, Thomas von Aquin, Leibniz“ und „Der letzte Aberglaube. Eine philosophische Kritik des Neuen Atheismus“. (Einige andere wurden noch nicht auf Deutsch übersetzt, sind aber auch sehr zu empfehlen, z. B: Aristotle’s Revenge: The Metaphysical Foundations of Physical and Biological Science“, Scholastic Metaphysics: A Contemporary Introduction“ oder „Aquinas: A Beginner’s Guide“.)

Feser betreibt auch einen Blog.

Hilfreich (sofern man gesprochenes Englisch gut versteht und nichts gegen Fachbegriffe hat) ist auch der Youtube-Kanal von „Classical Theist“.

Eine englische Seite, die einen durch den Gottesbeweis vom „notwendigen Sein“ führt, ist hier.

 

2) Historischer Jesus und Seine Auferstehung, Anfangszeiten der katholischen Kirche

„Strange Notions“, eine Seite, die sich dem Dialog mit Atheisten verschrieben hat, hat ein paar gute Beiträge zu dem Thema, wie Jesu Auferstehung bewiesen ist.

Wenn man antike nichtchristliche Texte über Jesus sucht, wird man hier bei der Uni Siegen fündig.

Wenn man wissen will, was die Urkirche zu diversen Themen geglaubt hat, verweise ich auf meine eigene (im Aufbau befindliche) Sammlung außerbiblischer, größtenteils christlicher Texte ab dem späten 1. Jahrhundert. Auch die Artikel zu „What the early Church believed“ von Catholic Answers sind hilfreich, oder das Buch „The Mass of the early Christians“ von Mike Aquilina. „Altar und Kirche. Prinzipien christlicher Liturgie“ von Stefan Heid (ein ausführliches Buch mit schönen knappen Zusammenfassungen am Ende der Kapitel) ist auch sehr hilfreich und räumt mit dem Irrglauben von den kultlosen Hauskirchen der Urkirche auf.

Ansonsten verweise ich zu diesem Thema aber vor allem auf die oben verlinkten allgemeinen Quellen (z. B. Glaubenswahrheit.org, das Portal zur katholischen Geisteswelt, Shameless Popery).

 

3) Sämtliche Lehren der Kirche

Der Klassiker hier, in dem haarklein aufgeführt wird, was die Kirche lehrt, und ob eine Lehre unfehlbares Dogma oder nur eine von den meisten Theologen im Lauf der Kirchengeschichte vertretene Meinung ist, ist Ludwig Otts „Grundriss der katholischen Dogmatik“.

 

4) Spiritualität, Gebet

Einige Grundgebete (z. B. Ehre sei dem Vater, Gegrüßet seist du Maria, Angelus, Seele Christi, Memorare, Akt des Glaubens, Akt der Hoffnung, Akt der Liebe, Akt der Reue) finden sich hier am Ende des Kompendiums des Katechismus. Die Lauretanische Litanei gibt es hier, die Josefslitanei hier, eine Anleitung zum Rosenkranz hier.

Die Geistlichen Übungen des hl. Ignatius von Loyola findet man in einer Ausgabe von 1922 hier auf Internet Archive, auch als PDF zum Download. Einen anderen Klassiker über das geistliche Leben (Gebet, Sakramente, persönliche Besserung) vom hl. Franz von Sales, die „Philothea. Einführung in das fromme Leben“, gibt es online hier (als Büchlein auch wieder im Shop der FSSP). „The Friendship of Christ“ von Robert Hugh Benson von 1912 findet man online hier. Dann gäbe es noch die „Nachfolge Chrisi“ (Imitatio Christi) von Thomas von Kempen, ein großer Klassiker aus dem Spätmittelalter.

Ein systematisches Werk über die Theologie des geistlichen Lebens von Adolphe Tanquerey mit hilfreichen, konkreten Unterscheidungen, in dem auch darauf eingegangen wird, was alle Christen und was manche Christen (Ordensleute, Priester…) in Bezug auf Streben nach Heiligkeit und Vollkommenheit nun eigentlich tun müssen, gibt es auf Englisch im Internet Archive (hier als PDF).

Pater Engelbert Recktenwald FSSP hat eine Seite speziell mit Zitaten zur Barmherzigkeit Gottes. Fulton Sheens „Life of Christ“ ist empfehlenswert; die deutsche Übersetzung allerdings nicht sehr gut.

Über ein spezielles Problem des geistlichen Lebens (Skrupulosität) habe ich z. B. hier oder hier geschrieben und auch andere Dinge (z. B. von Adolphe Tanquerey oder William Doyle) dazu verlinkt; hier ein Beitrag mit zusammenfassenden Tipps.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0f/Millais_-_Das_Tal_der_Stille.jpg

(John Everett Millais, Das Tal der Stille. Gemeinfrei.)

 

5) Bibel

Übersetzungen: Die Einheitsübersetzung ist aktuell katholischer Standard in Deutschland, aber nicht die allerbeste Übersetzung. Die Übersetzung von Hamp/Stenzel/Kürzinger hat einen guten Ruf; auch die Kepplerbibel oder die noch ältere Alliolibibel. Die Vulgata (die lateinische Standardübersetzung) findet man online hier. Diverse Übersetzungen in einigen Sprachen, hauptsächlich protestantische, aber auch die Einheitsübersetzung, gibt es online hier.

Interpretation: Bibelexegese gehört leider zu den Feldern, zu denen extrem viel pseudowissenschaftlich-spekulatives Zeug geschrieben wird; aber ein paar gute Exegeten gibt es natürlich auch. Dazu gehören Scott Hahn oder der Neutestamentler Klaus Berger; zum Alten Testament ist auch „A Catholic Introduction to the Bible – The Old Testament“ von John Bergsma und Brant Pitre gut. „Das Alte Testament und der Vordere Orient. Zur historischen Zuverlässigkeit biblischer Geschichte“ von Kenneth A. Kitchen ist recht interessant. Dann mache ich hier einfach nochmals Eigenwerbung und empfehle meine Reihe über die „schwierigen“ Bibelstellen. Auch „Hard Sayings. A Catholic approach to answering Bibel difficulties“ von Trent Horn ist zu diesem Thema hilfreich.

Wer sich vor pseudowissenschaftlichen Spekulationen schützen will, sollte unbedingt C. S. Lewis‘ Essay „Laiengeblök“ gelesen haben, den es auf Deutsch in diesem Buch gibt, oder auf Englisch unter dem Originaltitel „Fern seeds and elephants“ online hier [Update: Hier ein Link zu einer besser lesbaren PDF].

 

6) Moral

Hier empfehle ich natürlich erst mal meine „Moraltheologie und Kasuistik“-Reihe, die praktische Einzelfragen behandelt; die ist allerdings noch unvollendet. Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“ von 1930 ist ein ganz wunderbares Standardwerk, das nicht nur die Grundlagen von Gut und Böse kurz darlegt, sondern vor allem auch viele praktische Gewissensfragen beantwortet (solche Bücher wurden früher für Beichtväter geschrieben, zu denen die Leute mit ihren Fragen kamen); allerdings findet man das sogar antiquarisch nur noch schwer (in Übersetzungen oder auf Deutsch per Fernleihe in der Bücherei findet man es eher). Wer gut Englisch kann, dem sei„Right and Reason. Ethics in theory and practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas“ von Austin Fagothey SJ empfohlen. Edward Feser hat ein paar gute Beiträge zu ein paar moralischen Fragen; z. B. hier zur Sexualethik; in diesem Essay hier erklärt er auf den ersten Seiten auch allgemeine Grundlagen des Naturrechts. Auf archive.org gibt es eine englische Übersetzung von Dominikus Prümmers Handbuch der Moraltheologie.

 

7) Kirchengeschichte

Hier seien einige Bücher empfohlen, die populäre Mythen über die Kirchengeschichte angehen: „Die Dunkelmänner. Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte“ von Michael Hesemann, „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ von Arnold Angenendt, „Von Ablasshandel bis Zölibat. Das ‚Sündenregister‘ der Katholischen Kirche“ von Josef Bordat, „Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition“ von Hans Conrad Zander, „Gottes Krieger. Die Kreuzzüge in neuem Licht“ von Rodney Stark, „Inquisition“ von Edward Peters (auf Englisch).

Ein guter Blog zu diesem Thema ist „History for Atheists“; der wird zwar von einem Atheisten betrieben, aber dieser Atheist ist ehrlich genug, um einige Geschichtsmythen, die unter den „Neuen Atheisten“ verbreitet sind, anzugehen.

 

8) Liturgie

Allgemeines dazu (vor allem zur ordentlichen Form des Römischen Ritus, der neuen Messe) findet man am besten in den Katechismen; Erklärungen zur außerordentlichen Form des Römischen Ritus (alte Messe) findet man hier oder hier.

File:Bonhams - Jean Béraud (French, 1849-1936) The Elevation of the Host 81 x 65 cm. (32 x 25 1-2 in.).jpg

(Jean Béraud, Die Elevation der Hostie. Gemeinfrei.)

 

9) Ältere Klassiker:

In der Bibliothek der Kirchenväter findet man vor allem antike Texte, angefangen im Jahr 95 n. Chr.; aber auch die Summa Theologiae des hl. Thomas von Aquin aus dem 13. Jahrhundert (das meiste in Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert). Die Summa, ein sehr umfangreiches Werk, hat dort leider kein anständiges Inhaltsverzeichnis; wenn man wissen will, was Thomas zu einem bestimmten Thema sagt, ist es daher hilfreich, das Inhaltsverzeichnis dieser englischen Übersetzung zurate zu ziehen, um gleich zum richtigen Artikel zu kommen.

 

Zwei generelle Tipps: Wenn man ältere Bücher sucht, kann man manche, die man nicht mehr oder nur noch zu hohen Preisen zu kaufen findet, einfach am besten per Fernleihe in der örtlichen Bücherei bestellen. Eigentlich offensichtlich, aber man kann es vergessen. Auch im Internet Archive wird man öfter noch ältere Ausgaben der Schriften von Heiligen, Kirchenlehrern, Theologen usw. finden. (Ein schönes Beispiel wären etwa die „Ten Reasons“ des späteren Märtyrers Edmund Campion aus dem 16. Jahrhundert, eine Schrift, in der er seine Gründe gegen die Reformation und für seine Bekehrung zum Katholizismus angibt.)

 

Und dann zuletzt ein paar Warnungen:

„katholisch.de“ wurde oben schon erwähnt; die Seite hat aus gutem Grund den Spitznamen häretisch.de. Sie hat zwar auch ein paar auf den ersten Blick harmlos wirkende Infos zu Themen wie dem Kirchenjahr, aber dort schreiben eigentlich nur Leute, die sich innerlich schon vom Katholizismus verabschiedet haben, aber aus unerfindlichen Gründen nicht zur EKD übergehen wollen, und ihre meiste Zeit verwenden sie darauf, alles Katholische anzugreifen.

Auf der anderen Seite gäbe es z. B. eine Seite, die sich „Zeugen der Wahrheit“ nennt (kath-zdw.ch); diese Seite hat zwar auch ein paar gute Infos, verbreitet aber auch sämtliche irgendwo erhältlichen Privatoffenbarungen, inklusive derer, die von der Kirche verurteilt worden sind, und Verschwörungstheorien bis hin zu den Protokollen der Weisen vom Zion; außerdem setzen die Autoren etwas zu viel darauf, den Leuten möglichst viel Angst vor der Hölle zu machen.

Auch mit der (kommerziellen) Seite „Tradition und Glauben“ ist man schlecht bedient; es finden sich zwar ein paar gute Beiträge dort, aber auch viel sensationalistisches Zeug darüber, wieso der Rücktritt von Benedikt XVI. ungültig sei usw., und viel ekelhaftes Zeug (z. B. wird Benedikt unironisch für sein „Jet-Setten“ beschimpft, weil er seinen sterbenden Bruder besucht hat); insgesamt merkt man den Autoren sehr einen gewissen Hochmut an.

 

* Sie wird betrieben vom Verlag der Piusbruderschaft (FSSPX), die ja leider, anders als die ähnlich klingende Petrusbruderschaft (FSSP), zurzeit noch einen kirchenrechtlich irregulären Status hat, aber trotzdem katholisch ist und ein paar Fakultäten vom Papst erhalten hat. Wenn sich jemand fragt, wieso ich hier auch Infos von der Piusbruderschaft verlinke:

1) Die verlinkten Infos sind größtenteils aus älteren Quellen, die nur zufällig von dieser Organisation bereitgestellt werden; wieso sollte man, weil die Piusbruderschaft ihn ins Internet hochgeladen hat, einen Katechismus ablehnen, der geschrieben wurde, als sie noch nicht einmal existiert hat?

2) Die Piusbruderschaft vertritt nirgends Irrlehren, sie erkennt den Papst an und befindet sich nicht im Schisma; was ihr vorgeworfen wird, ist eher Ungehorsam, und dass ihre Priester kein richtiges Amt in der Kirche haben. Sie sind damit ebenso katholisch, wie z. B. ein Pfarrer, der wegen einem Streit mit dem Pfarrgemeinderat seines Amtes enthoben worden ist, noch katholisch ist (und die Anhänger eines solchen Pfarrers, die finden, dass er im Recht und sein Bischof im Unrecht ist und illegalerweise an seinen Messen teilnehmen, sind natürlich erst recht noch katholisch). Die Frage, inwiefern sie hier im Recht oder im Unrecht sind (auch für Ungehorsam kann es Rechtfertigungsgründe geben), ist zu kompliziert, um sie in einer Fußnote zu beantworten; aber sie hat auch mit ihren Infoseiten nichts zu tun. Jedenfalls halte ich auch gegenüber der so oft angefeindeten Piusbruderschaft etwas christliche Nächstenliebe und den Versuch, deren Perspektive zu sehen, für angebracht; einfach ist diese Situation nicht. (Übrigens hat der Vatikan schon seit langem klargestellt, dass ein Katholik seine Sonntagspflicht bei ihren Messen erfüllen kann, und inzwischen dürfen sie wieder Beichten hören und bei Trauungen assistieren.)

Ein Vorteil der FSSPX ist übrigens, dass sie im deutschsprachigen Raum auch mehrere Schulen und ein Altenheim betreibt.

** Der Verlag der Piusbruderschaft (s. Fußnote 1).

Facade de Notre Dame de Reims.png

(Kathedrale von Reims, Foto von Johan Bakker.)

 

Christliche Kultur am Sonntag: „Ich beichte“ (Hitchcock)

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Ich beichte“

Dieser Hitchcock-Film von 1953 (dessen Titel „I confess“ in der deutschen Synchronisation besser „Ich bekenne“ genannt hätte werden sollen; aber man kann nun mal nicht alles haben) ist wahrscheinlich der großartigste Film über die Bedeutung des Beichtgeheimnisses, der je gemacht wurde.

Québec, Kanada, Anfang der 1950er: Otto Keller, der als Hausmeister bei einer katholischen Pfarrei arbeitet, bricht eines späten Abends, verkleidet mit einer priesterlichen Soutane, bei dem wohlhabenden Rechtsanwalt Villette ein, um Geld zu stehlen; als der ihn überrascht, schlägt er ihn im Affekt tot. Er flüchtet, legt die Soutane ab, und geht in die Kirche, wo er den jungen Priester Michael Logan (großartig gespielt von Montgomery Clift) trifft. Der von seiner Tat verstörte Keller legt bei Pater Logan die Beichte ab.

Am nächsten Tag ist seine Reue von seiner Angst vor Entdeckung und dem Tod durch Hängen überschattet; auf keinen Fall will er sich stellen, und er denkt nur noch daran, wie er seine Tat verbergen kann. Er geht zu Villette, bei dem er einmal in der Woche gearbeitet hat, tut so, als ob er die Leiche fände, und verständigt die Polizei. Die findet bald zwei Mädchen, die gesehen haben, wie am fraglichen Abend ein Priester Villettes Haus verlassen hat. Die Ermittler überprüfen die Alibis aller Priester aus der Gegend; nur Pater Logan hat für die halbe Stunde der Tatzeit keines, der Inspektor Larrue meint verdächtiges Verhalten an ihm zu sehen, und dann taucht ein mögliches Motiv auf. Pater Logan, der an das Beichtgeheimnis gebunden ist, kann nur schweigen oder sagen: Ich kann nichts sagen. Schließlich wird er des Mordes angeklagt.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3c: Biographische Einzelheiten und heute fehlende Quellen und Überlieferungen über Jesus

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich: Evangelien.

 

Die Christen des 2. Jahrhunderts waren Jesus offensichtlich näher als wir; daher ist es durchaus interessant zu wissen, auf welche Quellen sie sich beriefen oder welche Infos sie beiläufig erwähnen, die wir heute nicht mehr haben. Wer in diesem Artikel schädigende und sensationelle Enthüllungen erhofft, ist allerdings fehl am Platz.*

 

Justin der Märtyrer, der um 150 schreibt, erwähnt heute nicht mehr vorhandene Gerichtsakten des Pilatus; ob er sie selbst gesehen hatte oder nur wusste oder davon ausging, dass sie existierten, bleibt allerdings unklar:

„Daß das so geschehen ist [die Kreuzigung], könnt ihr aus den unter Pontius Pilatus angefertigten Akten ersehen.“ (Justin, 1. Apologie 35)

„Daß ferner unser Christus alle Krankheiten heilen und Tote erwecken werde, das entnehmet folgenden Worten: ‚Bei seinem Erscheinen wird springen der Lahme wie ein Hirsch und deutlich wird reden die Zunge des Stummen. Blinde werden sehen, Aussätzige rein werden, Tote auferstehen und umhergehen‘1. Daß er das wirklich getan hat, könnt ihr aus den unter Pontius Pilatus aufgenommenen Akten ersehen.“ (Justin, 1. Apologie 48)

(Christus vor Pilatus, Mihály von Munkácsy. Gemeinfrei.)

Ebenso erwähnt er Zensuslisten zur Volkszählung bei Jesu Geburt:

„Höret nun, wie Michäas, ein anderer Prophet, seinen Geburtsort vorhergesagt hat. Er sagte nämlich1: ‚Und du Bethlehem im Lande Juda bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird ein Führer hervorgehen, der mein Volk weiden wird.‘ Es ist das eine Ortschaft im jüdischen Lande, 35 Stadien von Jerusalem entfernt, in der Jesus Christus geboren wurde, wie ihr auch aus den Zensuslisten ersehen könnt, die unter Quirinius, eurem ersten Landpfleger in Judäa2 , angefertigt worden sind.“ (Justin, 1. Apologie 34)

 

Eusebius von Cäsarea, der um 300 in seiner Kirchengeschichte auch über die beiden teilweise abweichenden Stammbäume Jesu in den Evangelien schreibt, erwähnt einen Bericht von Julius Africanus aus dem 2. Jahrhundert, der sich für eine Erklärung dafür auf Verwandte Jesu und den Brauch der Schwagerehe berief:

„Da Matthäus1 und Lukas2 uns auf verschiedene Weise in ihren Evangelien das Geschlechtsregister Christi überliefert haben und da die meisten glauben, daß sich dieselben widersprechen und alle Gläubigen sich in Unkenntnis der Wahrheit abmühen, eine Erklärung der Stellen ausfindig zu machen, darum teilen wir einen hierüber auf uns gekommenen Bericht mit, welchen der etwas weiter oben von uns erwähnte Afrikanus bezüglich der Übereinstimmung der evangelischen Geschlechtsregister in einem Briefe an Aristides gegeben hat und worin er die Anschauungen der anderen als gezwungen und unrichtig dartut. Die Erklärung, welche er selbst übernommen hat, gibt er also wieder:3

‚Die Aufzählung der Namen in den Stammtafeln war in Israel entweder physisch oder gesetzlich; physisch war sie, wenn der leibliche Sohn folgte, gesetzlich, wenn ein Fremder an Kindes Statt angenommen wurde auf den Namen des ohne Kinder gestorbenen Bruders. Da nämlich die Hoffnung auf die Auferstehung noch nicht klar war, so suchte man einen Ersatz für die künftige, verheißene Auferstehung in der sterblichen Auferstehung,4 damit der Name des Hingeschiedenen nicht ausgetilgt würde. Da nun von den in unseren Geschlechtsregistern genannten Personen die einen als leibliche Kinder den Vätern folgten, während die anderen nach Männern benannt wurden, von denen sie nicht erzeugt worden waren, so sind die aufgezählten Männer zum Teil Väter der Natur nach, zum Teil Väter der Form nach. Weil nun die Evangelien im einen Falle die natürliche Zeugung berücksichtigten, im anderen Falle eine gesetzliche Gewohnheit, so irrt sich keines der beiden. Die von Salomon und die von Nathan abstammenden Geschlechter wurden durch die Neubelebungen5 der Kinderlosen bzw. die zweiten Ehen sowie durch die natürliche Zeugung6 so sehr miteinander verkettet, daß man mit Recht behaupten kann die gleichen Personen stammen zugleich von verschiedener Seite ab, nämlich von Vätern, die es dem Scheine nach sind, und von solchen, die es in Wirklichkeit sind. Die beiden Berichte sind also vollständig richtig; wenn auch unter verschiedenen Verschlingungen, führen sie doch wahrheitsgemäß zu Joseph.

Damit das Gesagte verständlich wird, will ich die Verkettungen der Familien erklären. Zählt man die Glieder von David über Salomon, dann ist das drittletzte Matthan; denn dieser erzeugte Jakob, den Vater Josephs. Zählt man aber wie Lukas von Davids Sohn Nathan ab, dann ist das drittletzte Melchi; denn Joseph war der Sohn des Heli, des Sohnes des Melchi.7 Mit Bezug auf Joseph müssen wir nun zeigen, inwiefern sowohl Jakob in der auf Salomon zurückführenden Linie wie Heli in der auf Nathan zurückgehenden Linie als Josephs Vater erklärt wird, inwiefern beide, nämlich Jakob und Heli, Brüder waren und inwiefern deren Väter, nämlich Matthan und Melchi, obwohl sie verschiedenen Geschlechtern angehören, als Großväter Josephs bezeichnet werden, Matthan und Melchi heirateten einer nach dem anderen dasselbe Weib, und ihre Söhne wurden Brüder als Kinder der gleichen Mutter; denn das Gesetz verbot einer Witwe nicht, sich wieder zu verheiraten, mochte sie geschieden leben oder mochte ihr Mann gestorben sein. Aus Estha — nach der Überlieferung sein Weib — erzeugte zuerst Matthan, der von Salomon abstammte, den Jakob; nach seinem Tode heiratete Melchi, der sein Geschlecht auf Nathan zurückführte, also wenn auch dem gleichen Stamme, so doch, wie gesagt, einem anderen Geschlechte angehörte, die Witwe und erhielt von ihr als Sohn den Heli. Wir können also verstehen, daß Jakob und Heli, die zwei verschiedenen Geschlechtern angehören, doch als Kinder der gleichen Mutter Brüder waren. Jakob nun nahm, da sein Bruder Heli kinderlos starb, dessen Weib zu sich und erzeugte aus ihr als drittes Glied den Joseph, welcher zwar der Natur nach ihm gehörte, weshalb das Schriftwort sagt: ‚Jakob erzeugte den Joseph’, dem Gesetze nach aber ein Sohn des Heli war; denn ihm hatte Jakob, sein Bruder, den Samen erweckt. Die Stammtafeln Josephs bleiben also zu Recht bestehen. Denn im einen Falle sagt der Evangelist Matthäus in seinem Berichte: ‚Jakob aber erzeugte den Joseph’, während im anderen Falle dagegen Lukas schreibt: ‚(Jesus) war, wie man glaubte’, — so fügt er bei — ‚der Sohn des Joseph, des Sohnes des Heli, des Sohnes des Melchi.’ Lukas hätte die gesetzliche Abstammung nicht klarer andeuten können; er bediente sich bei der Eigenart seiner Genealogie bis zum Schluß nicht des Ausdruckes ‚er erzeugte’, da er allmählich bis zu ‚Adam, den Sohn Gottes’ hinaufstieg.

Dieser Bericht ist keineswegs unbegründet und aus der Luft gegriffen. Die leiblichen Verwandten des Erlösers haben auch noch, sei es rühmend, sei es einfach erzählend, auf jeden Fall wahrheitsgemäß, folgendes überliefert. Nachdem idumäische Räuber die Stadt Askalon in Palästina überfallen und aus dem Götzentempel des Apollo, welcher an der Stadtmauer lag, den Antipater, den Sohn des Götzendieners Herodes, mit der übrigen Beute in Gefangenschaft geschleppt hatten, wurde Antipater infolge der Unfähigkeit des Priesters, für seinen Sohn Lösegeld zu zahlen, in den Sitten der Idumäer erzogen und befreundete sich später mit dem jüdischen Hohenpriester Hyrkanus. Als er zu Pompeius eine Gesandtschaft für Hyrkanus übernommen und diesem das von seinem Bruder Aristobul bedrängte Reich wieder frei gemacht hatte, ward ihm das Glück, Verwaltungsbeamter in Palästina zu werden. Nachfolger des Antipater wurde, nachdem dieser aus Neid wegen seines großen Glückes hinterlistig ermordet worden war, sein Sohn Herodes, welchem später von Antonius und Augustus durch Senatsbeschluß die königliche Gewalt zuerkannt wurde. Des Herodes Söhne waren Herodes und die anderen Tetrarchen. So weit stimmt der Bericht mit der griechischen Geschichte überein. Die bis zu jener Zeit in den Archiven aufbewahrten Aufzeichnungen der Geschlechter der Hebräer und derjenigen, welche auf Proselyten wie auf Achior, den Ammoniter,8 oder auf Ruth, die Moabiterin, zurückführten, sowie derjenigen welche sich mit solchen vermischt hatten, die gleichzeitig aus Ägypten eingewandert waren, ließ Herodes verbrennen,9 da das Geschlecht der Israeliten zu ihm keinerlei Beziehung hatte und ihn das Bewußtsein seiner niederen Herkunft ärgerte. Er glaubte nämlich als Edel-geborener zu erscheinen, wenn auch andere nicht die Möglichkeit hätten, aus den öffentlichen Urkunden nachzuweisen, daß sie von den Patriarchen oder Proselyten oder den sog. Fremdlingen (γειῶραι)10, den Mischlingen, abstammen.

Einige wenige jedoch konnten, weil sie sich entweder aus dem Gedächtnis oder durch Benützung von Abschriften Privatregister besorgt hatten, sich rühmen, die Erinnerung an ihre edle Abstammung gerettet zu haben. Zu diesen gehörten die Erwähnten, welche wegen ihrer Beziehung zu dem Geschlechte des Erlösers ‚Herrenverwandte’ (δεσπόσυνοι) genannt wurden und welche sich von den jüdischen Dörfern Nazareth und Kochaba11 aus über das übrige Land ausgebreitet und die vorliegende Ahnentafel teils nach dem Gedächtnis, teils aus ihren Familienbüchern so gut wie möglich erklärt hatten. Sei dem, wie ihm wolle, niemand dürfte eine verlässigere Erklärung finden können. Da man keine bessere und verlässigere Erklärung finden kann, wollen wir uns mit der erwähnten zufriedengeben, wenn sie auch nicht mit Beweisen belegt werden kann. Auf jeden Fall sagt das Evangelium die Wahrheit.‘

Am Ende des gleichen Briefes fügt Afrikanus noch bei: ‚Matthan, der Nachkomme des Salomon, erzeugte den Jakob. Nach dem Tode des Matthan erzeugte Melchi, der Nachkomme des Nathan, aus dem gleichen Weibe den Heli. Heli und Jakob waren also Brüder als Söhne der gleichen Mutter. Da Heli ohne Kinder starb, erweckte ihm Jakob einen Samen und erzeugte ihm den Joseph, welcher also der natürliche Sohn des Jakob und der gesetzliche Sohn des Heli ist. Joseph war somit der Sohn des einen wie des anderen.‘

Soweit geht der Bericht des Afrikanus.12 Da dies die Ahnenreihe des Joseph war, so ist sie selbstverständlich auch der Stamm, aus welchem zugleich Maria hervorgegangen war; denn nach dem Gesetze des Moses war es nicht gestattet, eine Ehe mit Fremdstämmigen einzugehen. Es war Gesetz, daß die Ehe nur mit Gliedern desselben Volkes und desselben Stammes geschlossen werden dürfe, damit nicht das Familienerbteil von einem Stamm auf den anderen übergehe.13 Soviel hierüber.“ (Eusebius, Kirchengeschichte I,7)

 

Über die Lebenszeit Jesu schreibt Irenäus von Lyon:

„Denn unser Herr wurde erst um das einundvierzigste Jahr der Regierung des Augustus geboren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,21,3)

Eusebius, der sich auch hier auf ältere Quellen (speziell den jüdischen Historiker Flavius Josephus aus dem 1. Jahrhundert) beruft, hat darüber das zu sagen:

„Es war das 42, Jahr der Regierung des Augustus und das 28. Jahr seit der Unterwerfung Ägyptens und dem Tode des Antonius und der Kleopatra, womit die Herrschaft der Ptolemäer in Ägypten ihr Ende gefunden hatte,1 da wurde unser Erlöser und Herr Jesus Christus unter Quirinius,2 dem Statthalter von Syrien, zur Zeit der damaligen ersten Volkszählung gemäß den Prophezeiungen zu Bethlehem in Judäa geboren. Über diese Volkszählung unter Quirinius berichtet auch Flavius Josephus, der berühmteste Schriftsteller der Hebräer, indem er zugleich die zu derselben Zeit entstandene Sekte der Galiläer erwähnt, von der unser Lukas in der Apostelgeschichte also erzählt: ‚Hierauf erhob sich Judas, der Galiläer, in den Tagen der Volkszählung und gewann das Volk für sich; auch er kam um, und alle, welche ihm gefolgt waren, zerstreuten sich.‘3 Damit stimmt der erwähnte Josephus im 18. Buche seiner ‚Altertümer‘ überein. Er berichtet wörtlich: ‚Der Senator Quirinius, ein Mann, der schon die übrigen Ämter bekleidet hatte, durch alle Stufen bis zur höchsten Würde emporgestiegen war und auch sonst großen Einfluß besaß, kam mit einigen Begleitern nach Syrien, vom Kaiser als Richter entsandt und mit der Aufgabe der Vermögensschätzung betraut.‘4 Bald darauf schreibt er: ‚Judas, der Gaulaniter, ein Mann aus der Stadt Gamala, reizte gemeinsam mit dem Pharisäer Saddok zum Aufstande auf; sie gaben aus, daß die Schätzung nichts anderes als die volle Knechtung bezwecke, und forderten das Volk auf, für die eigene Freiheit einzutreten.‘5 Über diesen Judas bemerkt Josephus im zweiten Buche seines ‚Jüdischen Krieges‘: ‚Damals reizte ein Galiläer, namens Judas, seine Landsleute zum Aufstande auf und schalt sie, daß sie sich die Steuern an die Römer gefallen ließen und außer Gott noch sterbliche Herrscher annähmen.‘6 Soweit Josephus.7 (Eusebius, Kirchengeschichte I,5)

Eusebius gibt damit das Jahr 2 v. Chr. als Geburtsjahr Jesu an. (Unsere Zeitrechnung wurde erst im sechsten Jahrhundert berechnet, und zwar ein bisschen fehlerhaft; von heutigen Historikern wird meistens allerdings angenommen, dass die Geburt Jesu sogar schon zwischen 4 und 7 v. Chr. lag.)

 

Irenäus erwähnt an einer Stelle seines Werkes auch eine etwas seltsame (und ziemlich sicher falsche) mündliche Überlieferung, für die er sich auf kleinasiatische Priester beruft, nämlich dass Jesus jahrelang gelehrt habe und erst mit fünfzig gekreuzigt worden sei:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. […] Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte. Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten. […]

Denn als er zur Taufe kam, hatte er die Dreißig noch nicht vollendet, so nämlich gibt Lukas seine Jahre an, indem er schreibt: ‚Jesus aber war ungefähr ins dreißigste Jahr gehend‘1 . Nach der Taufe hat er nur noch ein Jahr gepredigt und gelitten, nachdem er das dreißigste Jahr vollendet hatte? Damals war er erst ein Jüngling, der das Alter der Reife noch nicht erreicht hatte. Allgemein aber gilt das dreißigste Jahr erst als der Anfang der Reife, die sich bis in das vierzigste Jahr erstreckt. Vom vierzigsten bis zum fünfzigsten Jahr reicht das Alter der Vollendung, welches unser Herr hatte, als er lehrte. Das bezeugen das Evangelium und die Priester in Kleinasien, die es so von Johannes, dem Schüler des Herrn, empfangen haben. Dieser aber blieb mit ihnen zusammen bis zu den Zeiten Trajans. Manche aber von ihnen haben nicht nur Johannes, sondern auch andere Apostel gesehen und dieses ebenso von ihnen empfangen und sind dafür Zeugen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4-5)

Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass Jesus nur ein Jahr gepredigt habe; andere, bekanntere Traditionen geben diese Zeit aber als drei Jahre an, und sehr viel mehr passt nicht in den Zeitrahmen zwischen den Daten zur Geburt Jesu und der Zeit von Pontius Pilatus als Statthalter in Judäa. Man wird also auch für diesen Zeitraum schon ein bisschen Legendenbildung annehmen dürfen.

 

* Auf die im 2. und 3. Jahrhundert entstandenen Evangelien der gnostischen Sekten oder Ansichten von Gegnern des Christentums werde ich ein andermal in eigenen Artikeln eingehen, aber auch die sind nicht gerade das, was man sich heute unter ihnen vorstellt; und hier geht es nur darum, was das Mainstream-Christentum (oder mit anderen Worten, die katholische Kirche) von Jesus dachte und wusste.

Was ist Rassismus? Teil 1: Ein paar Probleme mit dem Intersektionalismus

Rassismus ist: Jemanden wegen seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe zu hassen, zu verachten oder ungerecht zu behandeln; den moralischen Wert eines Menschen an seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe festzumachen; jemanden ausschließlich als Exemplar seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe zu behandeln anstatt als Individuum. Ungefähr so würden das viele wahrscheinlich definieren.*

Die an den Unis dominierenden – besser gesagt, tyrannisierenden – Theorien (Intersektionalismus, „critical race theory“ und wie das ganze Gelump noch so genannt wird) definieren das lange nicht mehr so. Allein diese Definition sehen sie schon als rassistisch. Und mittlerweile bleiben sie nicht mehr nur an den Unis, daher hier mal ein paar Anmerkungen zu ihnen; zu ihren schlimmsten Auswirkungen komme ich ein gutes Stück weiter unten.

 

Diese Theorien gehen grundsätzlich davon aus, dass „das System“, das gegenwärtig existiert, Unterdrückung bedeuten muss, und man diese Unterdrückung abbauen, zerlegen muss, aus Strukturen ausbrechen muss (ich muss bei diesem Bild an entgleißende Züge und von Stahl durchbohrte Tote denken); Dekonstruktion und Problematisierung sind die Stichworte. Zum Intersektionalismus gehört eine gewisse Opferhierarchie: Schwarze haben es schwerer als Weiße, Frauen schwerer als Männer, Homosexuelle schwerer als Heterosexuelle, „Transpersonen“ schwerer als „Cisgender“, Muslime schwerer als Christen, Behinderte schwerer als Nicht-Behinderte, und müssen deshalb besonders bevorzugt werden; besonders trifft das zu, wenn mehrere Unterdrückungsmerkmale zusammentreffen (die chronisch kranke schwarze lesbische Muslima z. B. steht relativ weit oben). In der Theorie ist diese Theorie anfangs noch nicht so schlimm, wie sie dann wird. Sie sagt auch nicht, dass jeder Schwarze es schlechter hat als jeder Weiße, sondern dass es ein Weißer, der es schlecht hat, in derselben Situation noch schlechter hätte, wenn er schwarz wäre, also nicht, dass ein schwarzer Millionär es schlechter hat als ein weißer Obdachloser, sondern dass ein schwarzer Obdachloser es schlechter hat als ein weißer Obdachloser und ein schwarzer Millionär immer noch mit mehr Vorurteilen zu kämpfen hat als ein weißer Millionär. Diese Theorie ist oft falsch, denn in vielen Situationen gibt es gerade einen gewissen Minderheitenbonus; aber selbst wenn sie in der Theorie wahr wäre, wird sie in der Praxis extrem falsch: Denn die Intersektionalisten handeln so, als würden sie glauben, dass z. B. ein weißer heterosexueller Mann kein Opfer mehr  sein kann und auch kein Mitleid und keine Aufmerksamkeit verdient. Sie sehen zuerst die Gruppenzugehörigkeit eines Menschen an, und erst dann den Menschen selbst, wenn sie ihn überhaupt noch ansehen.

Rassismus gilt dabei als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, weshalb es auch einen „antimuslimischen Rassismus“ geben kann, obwohl Muslime gerade eine Gruppe sind, die sich durch gemeinsame Überzeugungen statt durch unveränderliche Merkmale wie die Abstammung definiert; es gibt ja sowohl indonesische als auch albanische als auch kenianische als auch „biodeutsche“ Muslime. Dass diese Definition nicht konsistent durchgehalten wird, ist eh klar; gegen eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gegen AfD-Wähler haben Linke überhaupt nichts. Ich sage das nicht, weil Linke selbst sich vom Vorwurf der Heuchelei und Inkosistenz beeindrucken ließen, denn das tun sie nicht; sie sind von Hass auf das, was ist und ihnen als dominant erscheint, getrieben, nicht von logisch konsistenten Überzeugungen; ich sage es für die Leser, die diesen Ideologien noch nicht verfallen sind.

Die Denkweise hinter dem „Anti-Rassismus“ dieser Leute ist einfach:

Weiße haben so lange Schwarze immer nur unterdrückt, jetzt ist es mal an der Zeit, dass Schwarze Weiße unterdrücken.

(Dass der erste Halbsatz historisch eigentlich nicht ganz richtig ist (nein, ist er tatsächlich nicht), dazu in einem kommenden Beitrag.**)

„Weiße“ und „Schwarze“ können oft auch durch andere Gruppen ersetzt werden, wie „Heterosexuelle“ und „Homosexuelle“, aber ich will mich in diesem Beitrag mal auf das Thema Rassismus konzentrieren, weil das gerade dominant ist.

Zum Intersektionalismus gehört grundsätzlich die Leugnung, dass es „reverse racism“ („Umkehr-Rassismus“) geben kann. Schwarze könnten nicht rassistisch gegenüber Weißen sein, weil es zu Rassismus gehöre, dass derjenige, der feindselig oder ungerecht sei, institutionelle Macht habe, und Weiße würden grundsätzlich institutionelle Macht haben. Wenn also z. B. tausende weiße Farmer in Südafrika ermordet werden, weil sie weiß sind, dann ist das nicht Rassismus, und eigentlich auch irgendwie verständlich; wenn „biodeutsche“ Kinder in mehrheitlich „Migrationshintergrund habenden“ Klassen gemobbt werden, dann ist das nicht Rassismus, und eigentlich auch irgendwie verständlich.

Das ist eigentlich eine etwas seltsame Sichtweise, wenn man bedenkt, dass sich Feindseligkeit, historisch gesehen, oft gegen angebliche oder wirkliche Unterdrücker, gegen angeblich oder wirklich privilegierte Eliten gerichtet hat – die Tutsi oder die Armenier sind Beispiele für Opfer einer ins Extreme getriebenen solchen Feindseligkeit. Nun kann man sagen, „aber in Wirklichkeit waren die eine unterdrückte oder zumindest angefeindete Minderheit“. Waren sie das mehr als, sagen wir, die Weißen im heutigen Südafrika? Die politische Macht haben letztere verloren; rechtlich haben sie keine Vorteile mehr (in einzelnen Fällen sogar Nachteile, weil Schwarze z. B. bei der Vergabe von Studienplätzen offiziell bevorzugt werden, damit angenommene Nachteile ausgeglichen werden sollen); vermögensmäßig sind sie durchschnittlich besser aufgestellt, aber das, nun ja, waren auch andere angefeindete Minderheiten; und es gibt Parteien, die offen dazu aufrufen, sie zu ermorden. (Ja, richtig gelesen. Bei Parteiführern wie Julius Malema (Economic Freedom Fighters, EFF; die drittgrößte Partei in Südafrika) findet man Aussagen wie „Wir rufen nicht zur Abschlachtung der Weißen auf, jedenfalls nicht vorerst“. „Kill the farmer, kill the boer“ ist auch so ein beliebter Spruch bei diesen Leuten. (Die Buren/Afrikaaner (boers) sind die Nachfahren der calvinistischen niederländischen Siedler, die schon seit dem 17. Jahrhundert Südafrika besiedelten und später die Apartheid einführten.) Die Farmmorde werden mit unglaublicher Brutalität ausgeführt. Bei den derzeitigen „Protesten“ in den USA und anderswo, bei denen Statuen gestürzt werden usw., wird ja auch ganz gern so was wie „Kill whitey“und „Kill all whites“ an die Sockel hingesprüht. Denkt man, das würde nur Gerede bleiben? Das tut es schon jetzt nicht.)

Wer weiß ist, ist nach diesem Denken schuldig; wächst mit Rassismus auf, profitiert von Rassismus, verinnerlicht rassistisches Denken; und ist daher Rassist. Darum müssen Weiße alles tun, um „allies“ zu sein, um jetzt POC (people of color) nach vorne zu bringen, selbst zurücktreten, und ihre eigene „Whiteness“ zu bekämpfen. Wer das nicht tut: Rassist. „White silence is violence“, „weißes Schweigen ist Gewalt“. Aber selbst die, die es tun, sind keine guten Menschen, sondern höchstens weniger schlechte.

Von Kritikern der Linken wird diese Unveränderlichkeit des Rassist-Seins gern mit der Erbsünde verglichen; dieser Vergleich ist Schwachsinn. Erstens geht es bei der Erbsünde um etwas Reales, zweitens gibt es von ihr Erlösung, drittens sind reuige Sünder im Christentum willkommen. Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lk 15,7) In der Linken herrscht keine Freude über „allies“, eher eine „jetzt bildest du dir auch noch was drauf ein, dass du nicht mehr ganz so scheiße bist, was?“-Einstellung.

Ein schönes Beispiel für den Umgang der Weißen und Nicht-Weißen in der linken Szene untereinander kann man in diesem Facebookbeitrag sehen:

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„Deine Aufgabe ist es, ein Körper zu sein.“ Wie oben gesagt: Weiße haben so lange Schwarze immer nur unterdrückt, jetzt ist es mal an der Zeit, dass Schwarze Weiße unterdrücken. 

Es gibt natürlich eine Idee, die solche „Leitlinien“ attraktiv machen kann: Wenn es um die Belange, Probleme, Rechte einer bestimmten Gruppe geht, soll man die lieber selber zu Wort kommen lassen, statt für sie zu reden. Aber hier wird daraus gefolgert, dass andere ihr „zu allen Zeiten“ zu gehorchen haben, dass sie nichts bedeuten, dass sie nichts zu sein haben als Werkzeuge, als Körper. Kann sich irgendwer vorstellen, dass die schwarzen und weißen Organisatoren solcher Proteste miteinander befreundet sein könnten? Ehrlich Freunde sein, sich gegenseitig mögen könnten? Ich mir nicht.

Man halte so was bitte nicht für einen Einzelfall; solche Äußerungen kann man tausendfach finden, ohne lange suchen zu müssen. Um mal ein anderes Beispiel für den Wunsch, die Unterdrückung umzukehren, zu nehmen: Da gäbe es einen neuen Film aus den USA namens „Cracka“, der nur aus einer sadistischen Phantasie des „reverse racism“ besteht, in der Schwarze Weiße als Sklaven halten.

Screenshot (640) Screenshot (641)

(„Ihr habt unsere Töchter vergewaltigt, was, wenn wir eure vergewaltigen würden?“ „Was, wenn“? Bei einem Afroamerikaner ist es fünf Mal so wahrscheinlich, dass er eine Vergewaltigung begeht, wie bei einem weißen Amerikaner (und acht Mal so wahrscheinlich, dass er einen Mord, und drei Mal so wahrscheinlich, dass er einen Einbruch begeht).)

Es ist auch immer ganz lustig, wie darum gerungen wird, wer als unterdrückte Minderheit gelten darf, wieder v. a., wenn man die amerikanischen Linken so beobachtet. Dürfen Juden als unterdrückt zählen, oder sind sie schon wieder Unterdrücker, und die Palästinenser von ihnen unterdrückt? Dürfen „white-passing“ Leute (Leute mit dunkelhäutigeren Vorfahren, die aber selbst „als weiß durchgehen“) sich unterdrückt fühlen oder profitieren sie wieder von Unterdrückung und sind darum Unterdrücker? Wie sieht es mit weißen Frauen aus? Einerseits ist man in diesen Kreisen auch sehr feministisch eingestellt, was heißt, dass Frauen Opfer sind, andererseits wurden früher Schwarze gelyncht, wenn sie weiße Frauen vergewaltigt hatten oder dessen verdächtigt wurden, also zählen weiße Frauen zu den Unterdrückern. „White women’s tears“ gelten als Rassismus gegen schwarze Männer.

Ein weiteres Merkmal der Rassismus-Theorien der heutigen Linken ist, dass es nicht darauf ankomme, wie etwas gemeint sei, sondern darauf, wie es auf das Gegenüber wirke. Wenn ich etwas nicht rassistisch meine, es aber einen Schwarzen verletzt, ist es rassistisch.

Das ist wieder halb richtig. Die, die von etwas getroffen werden, wissen besser, wie es sich anfühlt. Aber dann ist wieder das Problem: Wer genau entscheidet? Ein Afrikaner wird sich wegen etwas überhaupt keine Gedanken machen, das ein anderer Afrikaner beleidigend findet. Wenn es immer der einzelne definieren soll, dann gibt es gar keine Anhaltspunkte mehr, wie man sich verhalten soll, und jede Interaktion wid ein Minenfeld, und es wird für Menschen, die es genießen, auf anderen herumzutrampeln (und solche gibt es in jeder Gruppe), sehr leicht, andere einer „Mikroaggression“ zu beschuldigen. Was es hier braucht, sind natürlich objektive Höflichkeitsregeln, die dem Empfinden der großen Mehrheit entsprechen. (Zum Beispiel: Die Mehrheit der Betroffenen wird nicht darauf bestehen „person/people of color“ genannt zu werden statt „schwarz“, „dunkelhäutig“, „schwarzafrikanisch / afroamerikanisch / afrodeutsch / afrikanischer Herkunft“ o. Ä., aber das Wort „Neger“ gilt praktisch bei 100% als beleidigend, auch wenn es noch einzelne alte Leute gibt, die aus ihrer Kindheit gewohnt sind, es als neutrale Bezeichnung zu verwenden (vor 50 Jahren haben ja auch die Schwarzen selbst es noch als neutrale Bezeichnung verwendet), und das Wort „Nigger“ wurde eigentlich immer als irgendwie beleidigend verstanden, und ist es jetzt erst recht.) Und genau das haben wir nicht, sondern sich ständig verschiebende Torpfosten.

Verschiedene Empfindungen gibt es ja nicht nur bei Rassismus, sondern auch bei Feminismus oder „Ableismus“. Ich fühle mich als psychisch gestörte Frau überhaupt nicht beleidigt, wenn jemand keine Gendersprache verwendet oder „Der gehört doch ins Irrenhaus“ sagt.

Und es kommt auch nicht nur darauf an, wie etwas ankommt, sondern sehr wohl darauf, wie etwas gemeint ist. Es gibt immer Leute, die etwas Harmloses missverstehen wollen und sich wegen allem gleich beleidigt fühlen. („Schatz, sollen wir zur Feier des Tages mal Essen bestellen? Dann musst du dir auch nicht die Mühe mit dem Kochen machen.“ – „Dir schmeckt wohl mein Essen nicht, was?“)

Wenn man sagt, dass nur die Betroffenen etwas beurteilen können, kann man auch bei „Wer nicht Soldat war, darf auch nicht darüber urteilen, ob etwas ein Kriegsverbrechen ist“ landen, oder bei „Wer nie im Gefängnis war, darf auch nicht behaupten, dass ich nur meine gerechte Strafe für meine Betrügereien bekommen habe“.

Und es geht ja nicht nur darum, was man tun oder lassen sollte, sondern auch um die Schuld derer, die etwas getan oder gelassen haben. Und wenn jemand etwas freundlich meint, aber dabei etwas unsensibel oder gedankenlos ist oder vielleicht einfach ohne jede Schuld nie gehört hat, dass es unfreundlich sein könnte, dann kann man den nicht wie jemanden behandeln, der gegenüber einem Afrikaner Affenlaute macht.

Dieses „Die Absicht zählt nicht, es zählt, wie es ankommt!“-Denken führt zu den absurdesten Konsequenzen. In einem Park in Oakland wird ein Seil in einem Baum gefunden, irgendjemand meint, das sollte eine Schlinge sein, die jemand hingehängt habe, um Schwarzen zu drohen und sie an die Lynchmorde erinnern, die es bis vor einigen Jahrzehnten gab; ein Schwarzer meldet sich und erklärt, er habe das Seil als Teil einer Schaukelkonstruktion aufgehängt; die Bürgermeisterin erklärt, es werde trotzdem weiter wegen eines Hassverbrechens ermittelt, weil die Absicht nicht zähle. Hm.

Dann wird manches vielleicht Rassismus zugeschrieben, das nicht von Rassismus kommt – z. B. wenn manche Weiße einfach Schwarzen an die Haare fassen, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Solche Menschen fassen auch in einen Kinderwagen, um das (weiße) Baby an der Wange zu streicheln, oder fassen einer (weißen) Schwangeren an den Bauch; das Problem (und es ist ein Problem) ist hier Übergriffigkeit wegen Neugier/Faszination, nicht Rassenhass oder Verachtung. Auch diese Übergriffigkeit geht allerdings nicht über eine lässliche Sünde hinaus.

Oder nehmen wir die Beschuldigung, dass Ärzte oft die Klagen von „südländischen“ Patienten über Schmerzen nicht ernst nehmen und das verächtlich als „morbus mediterraneus“ (mediterrane Krankheit) oder Ähnliches bezeichnen. Nun ja, als chronisch kranke Biodeutsche kann ich sagen, dass Ärzte (mit ein paar rühmlichen Ausnahmen) Schmerz- und Symptombehandlung meistens gar nicht ernst nehmen und ihnen das alles relativ egal ist. Aber dass sie eine eigene Beleidigung für bestimmte Patienten haben, zeigt schon eine gewisse Verächtlichkeit. Freilich kann die aus Erfahrungswerten kommen, dass manche Patienten mehr klagen als andere – wobei Studien darauf hinweisen, dass die aus biologischen Gründen ein höheres Schmerzempfinden haben könnten. Medizinische Unterschiede zwischen Ethnien und Rassen gibt es ja; z. B. auch bei der Anfälligkeit für Laktoseintoleranz oder Sichelzellenanämie, und auch wenn sich Ärzte damit wenig auskennen, vielleicht, weil sie einfach in einem Land leben, das bis vor kurzem ethnisch relativ homogen war, ist das schlecht für Minderheiten. Aber statt dass man vernünftig darüber redet, endet man dabei, das wieder als Beweis für eine durchgängige, überall präsente Unterdrückung zu nehmen. Dabei könnte man solche „Beweise“ bei allen Gruppen finden. Ein Beispiel: Männer gelten allgemein als privilegiert, aber sie haben ein höheres Risiko für Obdachlosigkeit, eine kürzere Lebenserwartung und bekommen seltener vor Gericht das Sorgerecht zugesprochen. Ist das ein Beweis für ein gegen Männer gerichtetes System? Jede Gruppe ist irgendwo mal benachteiligt; es müsste darum gehen, herauszufinden, wie häufig das der Fall ist und was die Ursachen sind. Und dann darum, die Sache konkret zu verbessern, soweit es möglich ist.

Das System ist böse: Das ist das Grunddogma, auf dem alles beruht. Das System ist rassistisch, irgendwo muss immer Rassismus drinstecken, muss unterschwellig Rassismus gelehrt werden, in Kinderbüchern, in der Schule, in der Werbung. Im Ernst? Diese Biodeutsche hier ist mit Jim Knopf aufgewachsen (sehr gutes Buch) und mit Lesebuchtexten darüber, wie Leute ihre Vorurteile gegenüber türkischen Nachbarn und Mitschülern verlieren (cringe). In der Werbung würden nur weiße Körper als schön gelten? Wieso sehen wir dann überdurchschnittlich viele dunkelhäutige Models in der Werbung?

Die Intersektionalisten behaupten, dass manche Gruppen systematisch von Macht, Teilhabe, Wohlstand usw. ausgeschlossen werden; das müssen sie beweisen. Woran sieht man es, dass POC systematisch daran gehindert werden, etwas zu erreichen, und nicht gerade besonders gefördert werden?

Klischees werden in ihren Theorien grundsätzlich als böse behandelt, inklusive positive Klischees. Ob man annimmt, Afrikaner wären gute Basketballer oder Tänzer oder Asiaten wären erfolgreich und gut in der Schule, es ist böse. Nun ist es natürlich so, dass es ziemlich nerven kann, wenn man als Einzelner als Exemplar eines Klischees behandelt wird. Aber Klischees entstehen nun mal überall, wo verschiedene Gruppen miteinander zu tun haben – über Männer, Frauen, Boomer, Millenials, Norddeutsche, Rheinländer, Franzosen, Beamte, Hartz-IV-Empfänger, Ärzte – und die sind nicht einfach beliebig entstanden, sondern oft genug ein erworbener Ruf. (Über Gruppen, die sich praktisch gar nicht von anderen unterscheiden, wie, sagen wir, Linkshänder oder Menschen mit großen Ohrläppchen, gibt es gar keine Klischees.) Vielleicht manchmal ein verzerrter, von Gerüchten und nicht repräsentativen Erfahrungen geprägter Ruf, vielleicht sogar ein von böswilligen Verleumdungen geprägter Ruf (man bedenke, dass in der Antike über Christen das Klischee verbreitet war, sie würden kleine Kinder fressen), aber auch das nicht immer.

Wenn man immer wieder die Erfahrung macht, dass Frauen untereinander mehr zu Zickigkeit neigen als Männer untereinander oder als Frauen und Männer in gemischten Gruppen, ergibt sich eben dieses Klischee. Natürlich sollte man den Einzelnen nicht als jemanden sehen, der sowieso dem Klischee entsprechen wird, aber es ist nichts Böses, generell den Ruf einer Gruppe einzukalkulieren, bevor man persönliche Entscheidungen trifft (z. B., wenn man entscheiden muss, ob man seine Tochter wirklich auf eine Mädchenschule schicken will). Man kann nicht immer alle einzelnen Leute kennen, und muss vernünftig abwägen. Genauso ist es z. B. vollkommen legitim, es sich vorher zu überlegen, ob man wirklich das Risiko einer Beziehung mit jemandem eingehen will, der aus einem sehr anderen Kulturkreis kommt; denn ja, das kann große Probleme geben.

Man darf bei so einer Abwägung nicht gegen ein göttliches Gebot verstoßen; aber weder hat die Schule einen Anspruch darauf, dass man seine Tochter dahin schickt, noch hat ein Typ einen Anspruch darauf, dass man mit ihm ausgeht. In den USA wird manchmal „white flight“ kritisiert, also dass Weiße aus innerstädtischen Gebieten, in die mehr Schwarze gekommen sind, in die Vorstädte gezogen sind. Nun ist es leider so, dass Afroamerikaner überdurchschnittlich kriminell sind (inzwischen sind ein Drittel aller schwarzen Männer einmal vor Gericht wegen eines Verbrechens verurteilt worden; ein Anteil, der in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen ist, während Rassismus weniger geworden ist) und viele dieser Innenstädte zu No-Go-Areas geworden sind; und niemand hat einen Anspruch darauf, dass ein anderer in seiner Nachbarschaft wohnen bleibt. Bei Einstellungen für einen Job ist es natürlich komplizierter, denn Menschen brauchen Arbeit; aber hier kann man schließlich auch den einzelnen Bewerber ansehen.

(Es ist übrigens auch nicht böse, einfach mal nicht-feindselige Witze über Klischees zu machen, über die ein Betroffener auch selber lachen kann.)

Auch dass man andere „exotisiert“, sie als faszinierende fremdartige Touristenattraktionen behandelt, ist nichts, was auf Weiße gegenüber Schwarzen beschränkt wäre. Ich war mal mit einer Trachtengruppe an einer bayerischen Touristenattraktion (nicht Schloss Neuschwanstein übrigens), als zwei Reisebusse mit Japanern angekommen sind; die Japaner sind sofort hergekommen und haben angefangen, die kleinen Kinder in Tracht zu fotografieren; die selber sind auch hergelaufen und haben den Japanern gezeigt, wie sie schuhplatteln können. Ist das „othering“ und „dehumanizing“? Meine Güte.

Eins der bösesten Dinge ist für Linke inzwischen cultural appropriation, „kulturelle Aneignung“, also wenn z. B. Weiße Rastalocken haben oder von chinesischer Mode inspirierte Kleider anziehen. Für sie bedeutet das immer, eine Kultur in den Staub zu ziehen, egal, wie sehr derjenige diese Kultur wertschätzt. Eine Kultur wird als Besitz einer Gruppe behandelt, der ihr weggenommen wird, wenn andere sie imitieren. Begegnung zwischen Gruppen, gegenseitige Inspiration? Alles böse. (Nicht, dass ich besonders viel von Rastalocken halten würde.)

Es geht ihnen ständig um zwei Dinge: Macht und Identität, ohne dass die Macht einen objektiv guten Zweck oder die Identität einen objektiv guten Inhalt hat. Und ihr Gebaren ist oft genug ein einziges „Teile und herrsche“, bei dem sie andere Gruppen gegeneinander ausspielen.

Aber eins der größten Probleme bei den heutigen Anti-Rassisten ist, dass sie einerseits von „Mikroaggressionen“ und unbewusstem, „systemischen“ Rassismus reden, also von Dingen, die dann kleine, nicht-sündhafte Fehler bis lässliche Sünden sein müssten, das aber trotzdem als schwere, genauer gesagt sehr schwere, und auch nicht wirklich vergebbare Sünden behandeln.

Überhaupt ist ihre ganze Theorie ein „Motte-and-bailey“-Trick („Bergfried und Vorhof“) in Aktion: Wenn man angegriffen wird, zieht man sich auf den leicht zu verteidigenden Bergfried zurück („andere wegen ihrer Hautfarbe zu hassen ist schlecht“), wenn die Angriffe nachlassen, besetzt man wieder den schwer zu verteidigenden Vorhof („wer seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden lässt, ist ein böser Mensch“), und dann tut man so, als wären Bergfried und Vorhof identisch. Wer seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden lässt, begeht ein Hassverbrechen gegen amerikanische Ureinwohner, wer gegen Rassenhass ist, muss auch dagegen sein, seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden zu lassen.

Die Linken rufen oft naiven übertriebenen Anti-Rassismus (eine „Zu den Ausländern muss man besonders nett sein“-Einstellung, die zugegebenermaßen für alle Beteiligten nervig und peinlich sein kann) hervor, und nennen den dann auch wieder rassistisch. Einerseits kommen sie mit „Wenn du ’nicht mehr weißt, was du noch sagen darfst‘, zeigt das nur, dass du nicht mit den Leuten gesprochen hast, die es betrifft“; und darauf, dass Leute dann ihre einzige schwarze Bekannte schüchtern fragen „Du, Michaela, ist ’schwarz‘ eigentlich beleidigend, soll man lieber ‚dunkelhäutig‘ sagen???“, heißt es wiederum „POC sind nicht verpflichtet, für dich emotionale Arbeit zu erledigen und dir beizubringen, wie du nicht rassistisch bist, informier dich selber!“, als wäre das etwas anderes, als wenn Leute bei Problemen mit ihrem Excel-Programm erst mal dem einzigen Informatiker, den sie kennen, auf WhatsApp schreiben, anstatt einfach zu googeln. (Vielleicht kommt die Reaktion gegen solche Fragen aber auch aus dem Bewusstsein heraus, dass Michaela einiges nicht rassistisch finden wird, das die Infoseiten darüber, wie man ein guter Anti-Rassist ist, für rassistisch erklären?)

Diese Leute verlangen von Weißen, dass sie anerkennen sollen, dass sie Rassisten sind – und zwar jeder, denn es sei nicht möglich, als Weißer nicht von Rassismus geprägt und damit kein Rassist zu sein – , dass sie Geständnisse vorbringen, wo sie rassistisch waren. Und das führt zu den abstrusesten Selbstkritiksitzungen wie im maoistischen China. Wenn jemand sich nicht selbst als Rassist anklagen will, gilt das als white fragility, als neuer Beweis für Rassismus; hier ist jemand, der privilegiert ist und gar nicht sehen will, wie andere leiden, sofort beleidigt, wenn er ihr Leid sehen soll, wird behauptet. Der Intersektionalismus ist sehr praktisch für seine Befürworter, denn er ist nicht falsifizierbar, alles zählt als Beweis für ihn und nichts als Beweis gegen ihn.

Das alles ist eigentlich eine einzige Verschwörungstheorie: Der Westen ist böseböseböse, komplett vom Bösen durchdrungen, also muss man ihn überall angreifen, alles hier muss einfach böse sein und irgendwo von white supremacy kommen. Das hat die abstrusesten Folgen. Ich erinnere mich an einen Linken, der sich auf Twitter beschwert hat, er könne im Internet nichts zum rassistischen Ursprung des Begriffs „schwarzfahren“ finden. Spoiler: Dieser Begriff hat keinen rassistischen Ursprung. Er kommt nicht mal von einer Farbe, sondern von einem jiddischen Wort, das „arm“ bedeutet. Gerade werden überall von „Demonstranten“ und „Aktivisten“ Statuen gestürzt oder beschmiert, einfach, weil es Statuen von weißen Männern sind, egal, ob das Männer waren, die z. B. gegen die Sklaverei gekämpft haben oder wie der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes, der von muslimischen Piraten nach Algier verschleppt und ein paar Jahre lang als Sklave gehalten wurde, bevor er fliehen konnte, selbst Sklaven waren. Jep. Leute halten sich für Kämpfer für eine gerechte Welt, indem sie eine Statue von Cervantes beschmieren. Auch ein Kriegerdenkmal für schwarze Freiwillige der Unionsarmee im Sezessionskrieg wird da schon mal beschmiert.

Lustig ist auch die Geschichte mit dem Stadtwappen der Stadt Coburg, das einen Mohr enthält, dessen Entfernung seit neuestem vehement gefordert wird; lustig deshalb, weil es sich um den hl. Mauritius handelt, der schon von den Nazis aus dem Wappen entfernt und durch Schwert und Hakenkreuz ersetzt wurde. (Das Wort „Mohr“ war übrigens nie dasselbe wie das Wort „Neger“ oder gar das Wort „Nigger“.) Ob Nazi oder Intersektionalist: Schwarze Heilige wollen sie uns nicht verehren lassen. Ähnliches gilt ja für den Mohrenkönig bei den Sternsingern: Deutsche Linke haben irgendwie von amerikanischen Linken die Ansicht vermittelt bekommen, dass es Rassismus ist, wenn Weiße sich als Schwarze verkleiden („blackfacing“); in den USA ist das gar nicht so falsch, weil man dort die Geschichte der sich über Schwarze lustig machenden „minstrel shows“ aus früheren Zeiten hat, aber wenn deutsche Kinder sich als ein heiliger König verkleiden, der dem Sohn Gottes Geschenke gebracht hat, wird man das wohl kaum zur Verächtlichmachung deklarieren können. Die Legende, dass die Weisen aus dem Morgenland aus den drei im Mittelalter bekannten Erdteilen – Asien, Afrika und Europa – gekommen wären, hat gerade einen anti-rassistischen (im guten, normalen Sinn) Ursprung, nämlich die Überzeugung, dass alle Völker der Welt zu Christus gerufen sind. (Auch in den USA führt Anti-Blackface-Panik inzwischen freilich zu abstrusesten Ergebnissen, z. B. dass Folgen einer TV-Serie gestrichen werden, in denen weiße Figuren Schlammmasken im Gesicht haben, weil das ja als blackfacing verstanden werden könnte.)

Das könnte man alles nur für Dummheit und Übereifer halten, aber es ist nicht nur das, es ist Paranoia und Bosheit. Und schlimmer zeigt sich das bei anderen Themen.

Eins der beliebtesten Beispiele für „Alltagsrassismus“, das „südländische“ (arabische, türkische, nordafrikanische) oder schwarze Männer in deutschen Talkshows vorbringen, ist, dass Frauen, wenn sie sie sehen, ihre Handtasche enger an sich ziehen, sich in der Straßenbahn nicht neben sie setzen, oder sogar vor ihnen die Straßenseite wechseln. Und dieses Beispiel ist einfach nur völlig verdreht: Wenn eine Gruppe Männer sich tendenziell so verhält, dass Frauen tendenziell vor ihnen Angst haben, wer soll dann sein Verhalten ändern, die Männer oder die Frauen? „Aber der und der ist ja vielleicht ein sehr netter Mensch und kann nichts dafür“ Und? Auf wen soll er dann wütend sein, auf die nervöse Frau abends auf der Straße, die sich nach ihm umschaut, oder auf die anderen Männer, deren Verhalten dafür sorgt, dass sie nervös ist? Vorsicht ist nichts, wofür man sich rechtfertigen muss. Andere haben keinen Anspruch darauf, dass man unvorsichtig ist, damit sie sich besser fühlen. Wer hat hier die Macht? Der Mann oder die Frau? Wer hat hier Schlimmeres zu befürchten? Der Mann oder die Frau?

Machen wir das Ganze mal an einem Gedankenspiel deutlicher: Du stehst als junge Frau nachts um 11 Uhr an einem verlassenen ländlichen Bahnhof und musst noch zwanzig Minuten auf deinen Zug warten, Handy und Pfefferspray hast du zuhause liegenlassen, und jetzt kommt ein Mann auf den Bahnsteig. Du musst dir aussuchen, was für einer es sein soll: Ein Biodeutscher, ein Deutschtürke, ein Nigerianer oder ein Afghane. Die Herkunft ist das einzige Merkmal, das du weißt; kein Linker wird von deiner Wahl erfahren, aber du musst mit dieser Wahl leben.

Ich denke, ich habe gezeigt, was ich zeigen wollte. Und ich denke, es sollte klar, sein, dass das kein Rassismus ist.

Manchmal sind „Vorurteile“ gerade keine vorher gefällten Urteile. Ein Klischee kann, wie gesagt, ein selbst erworbener Ruf sein Ich habe sicherlich heute mehr Angst vor gewissen Asylbewerbern als im Jahr 2014. Der Unterschied? Die sind inzwischen seit Jahren im Land. Es gibt inzwischen leider viele Beispiele von Frauen und teilweise sehr jungen Mädchen, die von der linken Willkommenspropaganda geförderte Beziehungen mit (teilweise pseudo-„unbegleitet minderjährigen“) Flüchtlingen eingegangen sind und dann ein böses Erwachen bzgl. gewisser kultureller Unterschiede erlebt haben.

Es ist einfach eine Tatsache, dass manchmal gerade die, die eine Minderheit kennen, die größeren „Vorurteile“ haben. Europäer werfen weißen Amerikanern ihre Klischees bzgl. Afroamerikanern vor, Amerikaner können auf die Klischees der Europäer bzgl. der Roma hinweisen.

Besonders der Polizei wird gern „racial profiling“ vorgeworfen. Aber wenn die Polizei weiß, dass in einer Gegend der Drogenhandel in den Händen von Schwarzafrikanern liegt, und sie dann öfter Schwarzafrikaner kontrollieren, weil die sich öfter verdächtig verhalten, dann ist das einfach nur vernünftig. Es ist die Arbeit der Polizei, Verbrechen zu bekämpfen; und wenn eine Gruppe mehr Verbrechen begeht als andere, ist das deren Schuld und nicht die der Polizei. Der unbescholtene Schwarze, der öfter an dem Bahnsteig ist, an dem andere Schwarze mit Drogen dealen, weil er von da aus zur Arbeit fährt, und dann auch mal kontrolliert wird, weil die Polizei sein Verhalten falsch interpretiert, sollte nicht zornig auf die Polizei sein, sondern lieber auf die anderen Schwarzen, die ihm diesen Ruf einbringen. Auch hier wird wieder an einem Beispiel deutlich, dass die Polizei eben nicht einfach Rassenvorurteile hat: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Schwarzen mit Anzug und Aktentasche kontrollieren wird, der sie freundlich grüßt, oder eine schwarze Erzieherin, die mit einer Gruppe Kindergartenkinder unterwegs ist? Die Polizei geht nach Merkmalen, die ein Verbrechen wahrscheinlicher machen, und dazu gehören auch Kleidung, Geschlecht, Alter etc., was keine Ungerechtigkeit bedeutet. Und für den, der nichts zu verbergen hat und nicht gewalttätig wird, bedeutet eine Polizeikontrolle in Deutschland nichts anderes als eine kurzfristige Störung, wie jedem bewusst ist.

Wer nicht sehen will, dass „gewisse Gruppen“ objektiv krimineller sind (aus welchen Gründen auch immer), muss sich darüber beschweren, dass die Polizei rassistisch ist; und das bedeutet, dass die Polizei in Zukunft gefälligst nicht nach Verbrechen, sondern nach Rassenquoten kontrollieren und verhaften soll. Dabei kommen dann solche Sachen heraus wie die aus Pakistanis bestehenden „Grooming gangs“ von Rotherham, die sich jahrzehntelang sehr junge englische Mädchen gefügig gemacht und sie zur Prostitution gezwungen oder in Gruppen vergewaltigt hatten; die Polizei hatte die ganze Zeit über weggesehen. Oder man denke an die Kölner Silvesternacht, die ca. eine Woche lang von den Medien verheimlicht wurde. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Natürlich werden gerade dadurch Probleme verfestigt und es ändert sich nichts. Kriminalität ist ja nichts Angeborenes, sondern eine Entscheidung; freilich manchmal eine von Kulturen geförderte Entscheidung.

Aber zu verlangen, dass Gruppen sich kollektiv ändern können (und sollen), ist natürlich ein lupenreines Beispiel für Rassismus aus Sicht der Linken. Bei diesen Linken werden dann eben Pünktlichkeit, Vorausplanung und Höflichkeit als „white culture“ bezeichnet, die nachzuahmen man von POC gefälligst nicht erwarten sollte.

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(Nicht, dass alles in dieser Grafik gut wäre. Einiges ist zu typisch amerikanisch.)

Das objektiv Richtige ist hier natürlich völlig für einen Kulturrelativismus aufgegeben worden, also darf man auch von Leuten nicht erwarten, sich objektiv richtig zu verhalten. Diese Leute merken gar nicht, wie beleidigend ihr Getue gegenüber den Leuten ist, denen sie „helfen“ wollen.

Dafür kann man unzählige Beispiele sammeln. Von Angestellten Verlässlichkeit und Loyalität zu erwarten ist Rassismus, weil Schwarze das anscheinend nicht können:

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Mathematik ist rassistisch, weil Schwarze anscheinend nicht begreifen können, dass 2+2=4:

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Das sind keine extremen Äußerungen bei Einzelnen; dass Mathe und Naturwissenschaft rassistisch sind, weil sie zu westlich und „rationalistisch“ wären und „andere Formen von Wissen und Erkenntnis nicht als gültig ansehen würden“, ist inzwischen bei vielen dieser Leute anerkannt.

In anti-rassistischen Trainingseinheiten (wie sie in den USA in Firmen, Behörden, Unis schon üblich sind) werden alle möglichen Behauptungen aufgestellt und Erwartungen vorgegeben, damit man ein guter Verbündeter für POC sein kann:

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Wieso genau nochmal ist „körperliche Sicherheit“ aufzugeben?

Weiße haben „bedingungslose Solidarität“ zu zeigen. Wenn jemand sagt „Weiße machen mich so wütend, die würde ich am liebsten alle umbringen“, darf man also nicht sagen „Also, jetzt warte mal“.

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Als am unterdrücktesten gelten ja weltweit die Schwarzen, aber lustig sind auch immer Türken und Araber, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen und verfolgte Minderheiten spielen – und die Linken, die dabei mitmachen. Für westliche, v. a. amerikanische, Linke ist es ganz klar: Es gibt „white people“, „black people“, und „brown people“, die erste Kategorie ist schlecht, die letzteren beiden sind praktisch gleich (beide zusammen „people of color“), nur wird die dritte vielleicht etwas weniger unterdrückt. Das sollten sie mal den philippinischen Gastarbeitern erzählen, die von extrem reichen Saudis wie Sklaven gehalten werden (beide „brown“), den schwarzafrikanischen Migranten, die in Libyen, seitdem dort nach Gaddafis Tod Anarchie herrscht, wieder auf realen Sklavenmärkten landen, oder den von den hellhäutigeren, aus höheren Kasten stammenden verachteten dunkelhäutigeren Unberührbaren in Indien. Der Rassismus der Nordafrikaner oder Chinesen gegenüber den Schwarzafrikanern oder der der hellhäutigeren Inder gegenüber den dunkelhäutigeren Indern ist ja etwas, das nicht so wirklich bekannt, aber sehr groß ist. Und die Türkei beispielsweise ist gerade kein unterdrücktes Dritte-Welt-Land, sondern ein etwas heruntergekommenes völkermordendes und versklavendes Imperium.

Lächerlich ist z. B. auch, wie gerade auf „weißen“ Darstellungen Jesu herumgehackt wird. Antike ägyptische Ikonen sehen übrigens so aus:

(Christus Pantokrator, aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai. Gemeinfrei.)

Besonders dunkelhäutig sind auch heutige Juden (oder Libanesen oder Syrer…) nicht, sogar den ein oder anderen Braunhaarigen oder Blonden findet man im Nahen Osten.

Aber natürlich sind auch solche ganz europäisierten Bilder vollkommen legitim:

(Bildquelle hier. Gemeinfrei.)

Solche Bilder sind es ja auch:

Chinese Madonna. St. Francis' Church, Macao.jpg

(Bildquelle hier. Gemeinfrei.)

„Inkulturation“, wie man so sagt. Der Herr ist eben tatsächlich für alle gekommen, sogar für blonde blasse blauäugige Europäer.

 

Und viel zu wenige etwas gegen all das. Man will nicht als Rassist gelten, natürlich; aber auf solche Verleumdungen darf man einfach möglichst nichts mehr geben, und wenigstens ein bisschen etwas sagen kann man oft. Wir wissen ja ungefähr, was kommt, wenn den Linken nichts entgegengehalten werden wird. Man sieht das teilweise jetzt schon.

Der Vorwurf des Rassismus ruiniert Leben, zurzeit besonders in den USA; man könnte unzählige Beispiele von Doxxing, Entlassungen, Todesdrohungen und Gewalt wegen angeblichem oder tatsächlichem „Rassismus“ und „Mikroaggressionen“ aufzählen. Der derzeitige Anti-Rassismus sorgt dafür, dass es für die Buren kein Asyl in Europa oder Amerika gibt, weil sie eine Gruppe sind, der kein Opferstatus zusteht, er sorgt dafür, dass Verbrechen von zertifizierten Opfergruppen nicht benannt werden dürfen, und da haben wir noch gar nicht von der ganzen generellen Gewalt geredet, die der Vorwurf gegen „DAS SYSTEM“ gerade hervorbringt – die Randale, die Plünderungen, die zusammengeschlagenen oder sogar getöteten Leute, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren, die Gewalt gegen Polizisten. (Wenn der BBC Überschriften wie „27 Polizisten bei größtenteils friedlicher Demonstration verletzt“ schreibt, weiß man nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Wie sähe denn eine unfriedliche Demonstration aus?) In Berlin gibt es seit neuestem ein Antidiskriminierungsgesetz, das bei Beschwerden gegen die Polizei etc. die Beweislast umkehrt (§ 7 LADG: „Werden Tatsachen glaubhaft gemacht, die das Vorliegen eines Verstoßes gegen § 2oder § 6 wahrscheinlich machen, obliegt es der öffentlichen Stelle, den Verstoß zuwiderlegen.“) und damit natürlich kriminellen Clans ein gutes Instrument an die Hand gibt, die Polizeiarbeit zu erschweren. Und Berlin ist zwar linksextremistisch regiert, aber noch nicht ganz so linksextremistisch, wie es möglich wäre; für etwas, das näher an das Traumbild der Linken herankommt, lohnt sich ein Blick auf die kurzzeitig existierende Autonome Zone in Seattle (CHAZ/CHOP), die von einer Art Warlord, dem Hip-Hop-Künstler Raz Simone, übernommen wurde und mit diversen Schießereien geendet hat, deren Opfer schwarze Teenager waren. Ach ja, eine Art Segregation wurde dort auch eingeführt (für Weiße verbotene Zonen).

Anti-Rassismus scheint manchmal so harmlos und selbstverständlich. „Black Lives Matter“, „schwarze Leben sind von Bedeutung“ – welcher Mensch würde gegen einen solchen Slogan argumentieren? Aber die Mitglieder der Organisation BLM und die Demonstranten, die ihnen folgen, wollen eben nicht einfach sagen, dass schwarze Leben von Bedeutung sind, sondern dass für alle, die nicht genau ihrer politischen Einstellung folgen, schwarze Leben nicht von Bedeutung sind.

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Und BLM ist eine marxistische Organisation, die auf ihrer Website auch erstaunlich viel darüber redet, LGBTQ-Zeug zu fördern (v. a. in Bezug auf Transpersonen), die Kernfamilie durch eine Art Kollektivismus ersetzen will, und die Polizei reduzieren oder gleich ganz abschaffen und durch Sozialarbeiter o. Ä. ersetzen („defund the police“ / „abolish the police“) will. Ich denke mir das nicht aus. Etliche Linke sind inzwischen wirklich überzeugt, dass, wenn man nur ihre Lieblingspolitik umsetzen würde, es keine Einbrüche und Überfälle mehr gäbe und es keine Polizei mehr bräuchte. Viele US-Linke machen sehr klar, dass sie keine reformierte, gute Polizei wollen, sondern dass sie die Existenz der Polizei an sich als Problem sehen. (Und das schwappt rüber nach Deutschland, wo wir nicht mal das Problem mit Polizeigewalt haben, das in den USA gibt, sondern nur eins mit Gewalt gegen Polizei.***)

Man unterstellt Linken immer so gute Motive. Sie wollen ja nur das Beste; sie wollen Unterdrückten helfen. Das ist falsch.

Linke – nicht alle, aber einige, vor allem die Radikaleren und die Anführer – sind unfähig, etwas zu lieben, das da ist, und etwas aufzubauen. Sie können Strukturen nur abbauen, nur dekonstruieren; nicht ohne Grund klingen Dekonstruktion und Destruktion so ähnlich. Man liebt seine Familie oder seine Heimat? Ab ins Gulag. Linke erklären ihre Liebe für das Ferne und Abstrakte, nie für das Nahe und Reale; sobald etwas nahe und real wird, hassen sie es wieder.

(Das sieht man auch schön daran, wie schnell sie ihre Familien hassen. Ich bin mir in vielen Dingen mit Familienmitgliedern uneinig, und würde nie auf die Idee kommen, sie deswegen so zu hassen.)

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Sie haben ein Problem mit Autorität und erklären deshalb alle Autorität für böse. (Natürlich wird die Sache dadurch verkompliziert, dass Autoritäten manchmal böse sind; aber eine Gesellschaft ohne sie wird ein reines Chaos, in dem Macht für Recht gilt, und sich sehr viel bösere neue Autoritäten herausbilden.) Sie fühlen sich überlegen, indem sie für etwas scheinbar Gutes kämpfen, das aber nie da sein wird und nie da sein kann, und weil das nie da sein wird und nie da sein kann, können sie immer weiter kämpfen und gegen ihre Feinde als gegen Feinde der Menschheit vorgehen und ihren Sadismus gegen sie ausleben. Einerseits erklären Linke, dass Einbrecher und Schläger keine bösen Menschen wären und nur traumatisiert oder in Not wären, andererseits sind alle Nicht-Linken für sie das fleischgewordene Böse; denen wird keine schwere Kindheit angerechnet.

In etwas lustigerer Form ausgedrückt (ja, das ist ernst gemeint):

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Es wird so gern propagiert, dass die „Rebellen“ und „Revolutionäre“ die Guten sind; dabei sind sie meistens fanatische Terroristen und machtgierige Putschisten.

Das Ironische ist, dass Linke nicht mal denen helfen, denen sie zu helfen vorgeben. Wo machen „Menschen mit Migrationshintergrund“ häufiger Schulabschluss und Ausbildung oder Studium? Im linksextremen Berlin oder im nicht ganz so linken Bayern? Eben. Wo leiden Leute mit weniger Einkommen in den Vierteln, in denen sie leben müssen, eher unter Kriminalität und Arbeitslosigkeit? In Berlin oder in Bayern? Eben. Selbst in den USA ist es ja so, dass es mit Gewaltkriminalität in von Demokraten regierten Städten am schlimmsten ist.

 

Zuletzt:

Es ist in Ordnung, für sich selbst einzustehen, und erst recht in Ordnung, für seine Freunde einzustehen. Es ist in Ordnung, zu sagen: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich entschuldige mich nicht bei euch, ich distanziere mich nicht in vorauseilendem Gehorsam von Freunden oder Bekannten oder auch Unbekannten, von denen ich mich distanzieren soll, weil sie angeblich unsensibel gewesen sein sollen, ich gehe bei Rassismusvorwürfen nicht von ’schuldig bis zum Beweis der Unschuld‘ aus, sondern gerade nach diesen vielen falschen Vorwürfen gehe ich von ‚unschuldig bis zum Beweis der Schuld‘ aus, und ich behandle solche Dinge in keinem Fall als unvergebbar.“ (Und wenn man doch was hat, wofür man sich wirklich zu entschuldigen hat? Dann macht man das erstens (wenn nötig) in der Beichte und zweitens mit den direkt Betroffenen aus, nicht vor einem Mob, den man nie zufriedenstellen können wird. Linke sind wie ein missbräuchlicher Partner oder ein Erpresser: Man kann es ihnen nie recht machen, egal wie sehr man sich anstrengt; und je mehr man nachgibt, desto mehr tyrannisieren sie einen. Selbst wenn man einen Fehler gemacht hat, es bringt nichts, das vor ihnen zuzugeben; von ihnen muss man nur wegkommen.)

Als Hobbykasuistin will ich keine moralischen Verpflichtungen behaupten, die nicht da sind. Was gut und vorbildlich wäre, ist nicht immer verpflichtend; und es ist nie eine Sünde, etwas nicht Verpflichtendes nicht zu tun, weil man es einfach nicht will. Es ist nicht immer verpflichtend, alles zu sagen, was man sich denkt, und manchmal kann es erlaubt sein, „an sich wahre Dinge“ zu sagen, die in eine falsche Richtung gehen, weil man sonst entsprechende Nachteile zu befürchten hätte, z. B. im Beruf, oder seine Familie von sich entfremden würde; manchmal ist das sogar aus Klugheit notwendig und gut. Aber generell ist es nicht gut, und zwar auch nicht gut für einen selber. Man mag sich selbst irgendwann nicht mehr. Man sollte so wahrhaftig sein, wie man eben kann, und mit erhobenem Haupt vor anderen stehen. Kriecherei ist keine Demut, Selbstachtung kein Hochmut. Es ist gut, zu sagen, was man sagen kann, und andere zu unterstützen, die sich mehr zu sagen trauen, als man sich selbst traut. Auf keinen Fall sollte man anderen auf der eigenen Seite in den Rücken fallen; auch wenn sie es übertreiben, sollte man das nie mehr verurteilen, als man gleich große Übertreibungen auf linker Seite verurteilt. Es ist gut, die Wahrheit zu wissen über den Wahnsinn, der gerade abgeht, sogar, wenn man nichts daran ändern kann; man fühlt sich sehr erleichtert, wenn man alles einordnen kann und nicht mehr bei Lügen und Verdrehungen beteiligt sein muss.

Man sollte keine allgemeinen „Rassismus ist böse, wir sind alle gegen Rassismus“-Statements abgeben, gerade nicht als größere Organisation, gerade nicht als katholische Organisation. Denn diese Statements werden nicht im Sinn von „Rassismus ist böse, wir sind alle gegen Rassismus“ verstanden, sondern im Sinn von „Ja, es stimmt, dass es bei uns furchtbaren, alles durchdringenden Rassismus gibt und alle Weißen sich für gewöhnlich im gewohnheitsmäßigen Zustand der schweren Sünde befinden, erst recht aber jene, die nicht uneingeschränkt die Ziele von BLM unterstützen, also geht alle zu den entsprechenden Protesten, wählt links und sagt auf keinen Fall etwas gegen Gewalt bei besagten Protesten“. Wenn man unter kommunistischer Herrschaft allgemeine „Ausbeutung ist schlecht“-Phrasen von sich gibt, um seine Herren zufriedenzustellen, wird das als „Ich bin für den Sozialismus“ verstanden. Das muss man sich vor Augen halten.

 

* Kurze Anmerkung zum Begriff „Rasse“: Die Verwendung dieses Begriffs ist nicht rassistisch. (Witzigerweise etwas, wobei die US-Linken mit mir übereinstimmen; es sind die deutschen Linken, die ein unerklärliches Problem damit haben.) Der Begriff „Rassismus“ (ungerechte Behandlung wegen der Rasse) setzt gerade den Begriff der „Rasse“ voraus, wie der Begriff „Sexismus“ (ungerechte Behandlung wegen des Geschlechts) den Begriff des „Geschlechts“ (Englisch „sex“) voraussetzt. Die Bezeichnung der Menschheit als „menschliche Rasse“ ist übrigens irreführend; die Menschheit ist eine Spezies, womit man in der Biologie die Gesamtheit der Individuen bezeichnet, die miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen können. Rassen sind nur Untergruppen innerhalb einer Spezies mit gewissen Gemeinsamkeiten, wobei die Übergänge zwischen ihnen fließend sind und es immer „Mischlinge“ gibt. (Pferde sind eine Spezies, Haflinger eine Rasse.) Ethnien (ethnos = Volk) sind noch kleinere Untergruppen der menschlichen Spezies, die sich nicht nur durch Abstammung, sondern auch durch eine gemeinsame Identität bestimmen. Igbo und Bamiléké sind verschiedene Ethnien, gehören aber zur selben Rasse; dasselbe bei Belgiern und Franzosen.

** Hier mal nur so viel: Es wird hier meistens an die Schlagworte Sklaverei und Kolonialismus gedacht; die in Verbindung zu bringen ist allerdings ziemlich blöd, denn die Sklaverei in Afrika wurde erst durch den Kolonialismus abgeschafft, und das war tatsächlich ein Anliegen, das den Kolonialherren wichtig war und für das sie einigen personellen und finanziellen Einsatz aufwandten. Wenn Schwarzafrikaner heute nicht mehr auf den Märkten von Sansibar, Mekka und Istanbul landen, ist das nur den europäischen Schutztruppen mit ihren Tropenhelmen zu verdanken.

*** Zu den USA auch nochmal ein eigener Post; hier sei nur kurz angemerkt, dass es da sicherlich ein gewisses Problem mit Polizeigewalt gibt, die aber ziemlich gerecht unter den Rassen aufgeteilt ist, wenn man die Statistiken ansieht.