Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3b: Bedeutung Jesu – Konsequenzen der Erlösung für den Menschen

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): 1 Joh 2-5, Offb 20-22, Kol 1,12-14, Kol 3,1-17, Röm 2,6-8, Röm 8, Eph 2, 1 Kor 1,26-2,16, 1 Kor 6,19f., Phil 1,21, Phil 2,12-18, Phil 3,20f.

 

In diesem Teil soll es darum gehen, was das Leben in Christus für das weitere Leben des Christen bedeutet.

 

Papst Clemens von Rom schreibt ca. 95 n. Chr.:

„Betrachten wir, wie nahe er ist, und dass ihm nichts verborgen ist von unseren Gedanken oder von den Plänen, die wir schmieden. Es ist also recht, dass wir uns seinem Willen nicht entziehen. Lieber wollen wir bei Menschen, bei törichten, unverständigen, stolzen, die eingebildet sind auf ihre prahlerischen Reden, Anstoß erregen als bei Gott.“ (1. Clemensbrief 21,3-5)

„Der in allem barmherzige und gütige Vater hat ein Herz für die, die ihn fürchten, gerne und freudig gibt er seine Gnadenerweisungen denen, die einfältigen Herzens zu ihm kommen. Deshalb sollen wir nicht zweifeln, und unsere Seele soll sich nicht aufblähen ob seiner überreichen und herrlichen Gnadengaben.“ (1. Clemensbrief 23,1f.)

„Durch diese Hoffnungen also sollen unsere Seelen fest gekettet sein an den, der treu ist in seinen Verheißungen und gerecht in seinen Gerichten. Der verboten hat zu lügen, wird viel weniger selber lügen; denn bei Gott ist nichts unmöglich außer die Lüge. Entzünden soll sich daher in uns der Glaube an ihn, und wir wollen beherzigen, dass ihm alles nahe ist. In seinem mächtigen Worte hat er das All aufgebaut, und in seinem Worte kann er es niederreißen. ‚Wer wird ihm sagen: Was hast Du gemacht? oder wer wird entgegentreten seiner gewaltigen Stärke?‘1 Wann er will und wie er will, wird er alles machen, und nichts darf vergehen von dem, was er bestimmt hat. Alles liegt da vor seinem Auge, und nichts ist seinem Rate verborgen.“ (1. Clemensbrief 27,1-6)

Wie selig und wunderbar sind die Geschenke Gottes, Geliebte! Leben in Unsterblichkeit, Glanz in Gerechtigkeit, Wahrheit in Freimut, Glaube in Vertrauen, Enthaltsamkeit in Heiligung; und dies alles ist schon in unser Verständnis gedrungen. Was nun fürwahr ist denen bereitet, die ausharren? Der Schöpfer und Vater der Ewigkeit, der Allheilige selbst kennt die Größe und Schönheit dieser Güter. Wir nun wollen kämpfen, damit wir erfunden werden in der Zahl derer, die ausharren, auf dass wir teilhaben an den versprochenen Gütern.“ (1. Clemensbrief 35,1-4)

 

Bischof Ignatius von Antiochia beschreibt nicht viel später die Christen

„als Bausteine für den Tempel des Vaters, zubereitet für den Bau Gottes des Vaters, in die Höhe gehoben durch das Hebewerk Jesu Christi, welches ist das Kreuz, während euch als Seil diente der Heilige Geist; euer Glaube ist euer Führer nach oben, die Liebe der Weg, der zu Gott emporführt. Ihr seid also alle Weggenossen, Gottesträger und Tempelträger, Christusträger, Heiligenträger, in allen Stücken geschmückt mit den Geboten Jesu Christi; ich frohlocke auch über euch, da ich gewürdigt worden bin, durch diesen Brief mit euch zu reden und mich mit euch zu freuen, weil ihr entsprechend einem anderen (das ist nicht fleischlichen) Leben nichts liebet als Gott allein.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 9)

„Davon bleibt euch nichts verborgen, wenn ihr vollkommen seid in Glaube und Liebe zu Jesus Christus; denn das ist Anfang und Ende des Lebens. Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Diese beiden, zur Einheit verbunden, sind Gott! Alles Übrige, was zum rechten Leben gehört, folgt aus diesen. Keiner, der den Glauben bekennt, sündigt, und keiner, der die Liebe besitzt, hasst. Den Baum erkennt man an seinen Früchten1; so werden die, welche sich zu Christus bekennen, an ihren Werken erkannt werden. Denn jetzt kommt es nicht an auf das Bekenntnis, sondern darauf, dass einer in der Kraft des Glaubens befunden wird bis ans Ende.

Besser ist schweigen und etwas sein, als reden und nichts sein. Gut ist das Lehren, wenn man tut, was man sagt. Einer nun ist der Lehrer, der ’sprach und es geschah‘1, und das, was er schweigend getan hat, ist des Vaters würdig. Wer Christi Wort besitzt, kann wahrhaftig auch sein Schweigen vernehmen, damit er vollkommen sei, damit er durch sein Wort wirke und durch sein Schweigen erkannt werde. Nichts entgeht dem Herrn, sondern auch unsere Geheimnisse sind nahe bei ihm. Deshalb wollen wir alles tun, als ob er in uns wohnte, damit wir seine Tempel seien und er, unser Gott, in uns wohne, wie es auch ist und sich zeigen wird vor unserem Angesicht; deshalb sollen wir ihn auch richtig lieben. (Brief des Ignatius an die Epheser 14f.)

 

Bischof Irenäus von Lyon schreibt:

„Kein anderer weder im Himmel, noch auf der Erde, noch unter der Erde konnte das Buch des Vaters öffnen, noch ihn sehen, als das Lamm, welches geschlachtet wurde und mit seinem Blute uns erlöste. Von ebendemselben, der alles durch das Wort gemacht und mit seiner Weisheit geschmückt hat, empfing er auch die Gewalt über alles, als das Wort Fleisch wurde. Nun herrscht das Wort auch auf Erden, wie es im Himmel geherrscht hat, denn als gerechter Mensch ‚tut es keine Sünde, noch wird in seinem Munde Falsch gefunden‘6 , herrscht auch unter der Erde, da es der Erstgeborene der Toten geworden ist. So sah, wie wir gesagt haben, alles seinen König, und im Fleische des Herrn begegnete uns das Licht des Vaters, strahlte von seinem Fleische auf uns aus, und so kam der Mensch zur Unverweslichkeit, indem er von dem väterlichen Lichte umgeben wurde. […]

Das ist aber sein Wort, unser Herr Jesus Christus, der in den letzten Zeiten Mensch unter Menschen geworden ist, um das Ende mit dem Anfang zu verbinden, d. h. den Menschen mit Gott. Deswegen empfingen die Propheten von demselben Worte die Prophetengabe und verkündeten seine Ankunft im Fleische, wodurch die Vermischung und Vereinigung des Menschen mit Gott nach dem Wohlgefallen des Vaters bewirkt wurde. Hatte doch das Wort von Anfang an vorherverkündigt, daß ‚Gott von den Menschen geschaut werden‘1 und mit ihnen auf Erden verkehren und sprechen wird und beistehen seinem Geschöpfe, und es retten und von ihm sich aufnehmen lassen wird und uns ‚erretten werde aus den Händen aller, die uns hassen‘2 , d. h. von jedem Geist des Ungehorsams, and bewirken, daß wir ‚ihm dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle unsere Tage‘3 , damit der Mensch den Geist Gottes umarme und eingehe in die Herrlichkeit des Vaters.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,2.4)

 

Und Theophilus von Antiochia schreibt:

„Dessen5 Odem redest du, dessen Odem atmest du, und diesen Gott kennst du nicht, o Mensch! Das ist die Folge der Blindheit deiner Seele und der Verhärtung deines Herzens. Doch du kannst geheilt werden, wenn du willst. Überlasse dich dem Arzte, und er wird dir an den Augen des Geistes und des Herzens den Star stechen. Wer ist der Arzt? Es ist Gott, der da heilt und lebendig macht durch sein Wort und seine Weisheit. Durch sein Wort und seine Weisheit hat Gott alles erschaffen, denn ‚durch sein Wort sind die Himmel gefestigt worden, und durch seinen Geist all ihre Kraft‘6. Ganz gewaltig ist seine Weisheit. ‚Durch seine Weisheit hat Gott die Erde grundgelegt, er hat die Himmel zugerichtet durch seine Klugheit; mit Kenntnis wurde der tiefe Abgrund gebildet und strömten die Wolken ihr Naß‘7. Wenn du das bedenkst, o Mensch, dabei rein, gerecht und heilig lebst, dann kannst du Gott sehen. Vor allem aber halte zuvörderst Einkehr in deinem Herzen der Glaube und die Furcht Gottes, dann wirst du diese Dinge verstehen. Wenn du die Sterblichkeit wirst abgelegt und die Unsterblichkeit angezogen haben, dann wirst du Gott in entsprechender Weise schauen. Denn Gott wird deinen Leib auferwecken, unsterblich mit deiner Seele, und dann wirst du, selbst unsterblich geworden, den Unsterblichen schauen, wenn du jetzt an ihn glaubst; und dann wirst du auch erkennen, daß du mit Unrecht ihn gelästert hast.“ (Theophilus, An Autolykus I,7)

Notwendigkeit des Glaubens:

„Aber du glaubst nicht an die Auferweckung der Toten. Wann sie eintreten wird, dann wirst du daran glauben, du magst wollen oder nicht. Und dein Glaube wird dir (dann) als Unglaube gerechnet werden, wenn du nicht jetzt glaubst. Warum aber glaubst du nicht? Weißt du nicht, daß bei allen Werken der Glaube vorangeht?1 Denn welcher Landmann kann ernten, wenn er nicht den Samen der Erde anvertraut; oder wer kann über die See fahren, wenn er sich nicht zuvor dem Schiffe und dem Steuermann anvertraut? Welcher Kranke kann geheilt werden, wenn er sich nicht dem Arzte zuvor anvertraut? Welche Kunst oder Wissenschaft kann man lernen, ohne daß man sich dem Lehrer hingibt und ihm glaubt? Während also der Landmann der Erde, der Seefahrer dem Schiffe, der Kranke dem Arzte vertraut, willst du dich Gott nicht anvertrauen, obwohl du so viele Unterpfande (seiner Glaubwürdigkeit) von ihm hast? Denn erstens hat dich Gott aus dem Nichts ins Dasein gerufen — denn da dein Vater einmal nicht war, und auch deine Mutter nicht, so warst noch viel weniger du zuvor da —, er hat dich gebildet aus einem kleinen flüssigen Stoff, aus einem ganz kleinen Tropfen, der selbst einmal nicht da war und hat dich so in dies Leben geführt. Zweitens glaubst du, daß die von Menschen verfertigten Bilder Götter seien und Wunderdinge wirken; daß aber Gott, der dich erschaffen hat, dich auch wieder ins Leben zurückrufen kann, glaubst du nicht? […]

Sei also nicht ungläubig, sondern gläubig, denn auch ich habe einst nicht geglaubt, daß es also sein wird. Jetzt aber habe ich die Sache erwogen und glaube, weil mir zugleich auch die hl. Schriften der hl. Propheten in die Hände kamen, die da im Geiste Gottes voraussagten die Vergangenheit, wie sie war, die Gegenwart, wie sie ist, und die Zukunft, wie sie sein wird. Da ich nun die Gegenwart und die Weissagungen derselben als Zeugnis habe, bin ich nicht mehr ungläubig, sondern glaube, gehorsam gegen Gott. Und diesem gehorche doch auch du im Glauben, damit du nicht, jetzt ungläubig, einst zu deinem Schmerze, in den ewigen Strafen nämlich, glauben mußt! […] So nimm denn auch du mit gutem Willen und ehrfurchtsvoll die prophetischen Schriften zur Hand, und sie werden dir deutlicher den Weg zeigen, wie du den ewigen Strafen entfliehen und die ewigen Güter Gottes erlangen kannst. Denn derjenige, der den Mund gegeben zum Sprechen, der die Ohren gebildet zum Hören und die Augen erschaffen hat zum Sehen, wird alles zur Rechenschaft ziehen und ein gerechtes Urteil fällen und jedem nach Verdienst seinen Lohn geben2. Denen, die mit Beharrlichkeit in guten Werken die Unsterblichkeit suchen, wird er geben ewiges Leben, Freude, Friede, Ruhe und eine Fülle von Gütern, wie sie kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, noch in eines Menschen Herz gekommen3; den Ungläubigen aber, den Verächtern, die der Wahrheit nicht beipflichten, sondern der Ungerechtigkeit sich hingeben, indem sie sich wälzen im Ehebruch, Hurerei, Knabenschändung, Übervorteilung anderer, in lasterhaftem Götzendienst: Zorn, Ungnade, Trübsal und Angst4; und zuletzt wird solchen das ewige Feuer zuteil werden. Weil du nun, mein Freund, gesagt hast: ‚Zeige mir deinen Gott!‘ so siehe, dies ist mein Gott; und ich rate dir, ihn zu fürchten und an ihn zu glauben.“ (Theophilus, An Autolykus I,8.14)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (2)

Schuldgefühle, früher und heute

Es ist wahrscheinlich eine der pervertiertesten Ideen, die existieren: Wenn eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes stirbt, würde sich das Kind sicher sein Leben lang entsetzlich schuldig fühlen, dass „es seine Mutter getötet hat“, ergo muss logischerweise die Mutter das Kind durch ihren Arzt töten lassen, um ihm dieses schreckliche Schicksal zu ersparen. (Ob ihr dann das Schicksal des schlechten Gewissens erspart bleibt, sei hier dahingestellt.)

Das Interessante an dieser Idee ist, dass sie ziemlich jung zu sein scheint. In Zeiten, in denen das Risiko, bei der Geburt oder hinterher am Kindbettfieber zu sterben, ziemlich hoch war, scheinen Kinder oder andere überlebende Familienmitglieder dieses Gefühl nicht gehabt bzw. dem Kind keine Schuld eingeredet zu haben. Da scheint man so damit umgegangen zu sein, wie wir heute damit, dass wir wissen, dass unsere Mütter bei der Geburt extreme Schmerzen hatten, dass sie an Schwangerschaftsübelkeit gelitten haben, Komplikationen hatten, wegen denen sie während der Schwangerschaft ins Krankenhaus mussten. Selbst der skrupulöseste Mensch würde wahrscheinlich nicht darauf kommen, sich ein schlechtes Gewissen zu machen, weil „ich meine Mutter stundenlang gefoltert habe, bis ich endlich geboren war“. Schon die Vorstellung ist lächerlich.

Man ehrt und liebt Mütter für gewöhnlich einfach für die Leiden und Gefahren, die sie auf sich genommen haben (und weiterhin nehmen). Und das war’s. Wenn jemand für mich gelitten hat, oder sogar für mich gestorben ist, was fühle ich dann für den? Liebe.

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(Christus wird vom Kreuz abgenommen. Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Unter Christen beklagt man oft, dass die Leute heute zu wenig Schuldgefühle hätten. Das ist oft richtig (beispielsweise wenn sie ihre ungeborenen Kinder töten). Aber manchmal haben sie auch zu viele – bzw. sie haben sie an den falschen Stellen. Es scheint seit einiger Zeit auch sehr beliebt zu sein (wenn man nach Belletristik und Film geht), sich die dümmsten Schuldgefühle einzureden à la „Ich bin schuld am Tod meines Bruders, wenn ich ihm nicht gesagt hätte, er sollte sich diesen Urlaub gönnen, wäre er nicht in dieses Flugzeug gestiegen, das dann abgestürzt ist“. In vielen Fällen scheint das wirklich nur eine Sache der Fiktion zu sein, aber manchmal erlebt man es schon, dass Leute sich ihre Vorstellungen davon, was die angemessenen Gefühle in einer bestimmten Situation sind, davon prägen lassen.

[Ähnliches gilt vermutlich für das „Eltern verlieren den Glauben, weil ihr Kind stirbt oder permanent behindert wird“-Motiv. Zu den Zeiten, als die Kindersterblichkeit ziemlich hoch war und die meisten Eltern mindestens ein Kind verloren haben und es auch noch keine Heilung für Kinderlähmung u. Ä. gab, hieß es „Not lehrt beten“, kaum „wie kann Gott mir das antun; Ihn kann es also nicht geben“. Selbst wenn man verzweifelt fragte „Wie kann Gott mir das antun?“, erwartete man eher, dass Gott einem irgendwann eine Antwort darauf geben würde, statt den Atheismus zu postulieren. Aber vielleicht kommt das Problem in diesem Fall daher, dass die Menschen „früher“ das Thema Leid einfach weniger ignoriert haben, und sich mehr bewusst waren, dass Gott einen nicht immer vor schlimmen Leid bewahrt, dass es dafür tatsächlich gute Gründe geben kann, und dass sogar der Sohn Gottes selbst schlimmes Leid auf sich genommen hat. Aber selbst heute scheint „Not lehrt beten“ häufiger zu sein als „Wie kann Gott mir das antun“ – meinem persönlichen Eindruck nach, der täuschen kann. Über die Theodizeefrage spekulieren, das tun vielleicht eher Theologen vom Schreibtisch aus; sich an Gott wenden, das tun vielleicht eher Krebskranke und Verwitwete. Aber ich schweife ab.]

Man könnte spekulieren, ob Leute sich zuerst Schuldgefühle für abstruse Dinge einreden, um sich dann zu sagen, dass ihre realen Schuldgefühle genauso abstrus wären wie jene und sie beide verdrängen sollten. Wenn man weiß, dass es unsinnig ist, sich Schuldgefühle einzureden, weil man jemandem zu dem Flug geraten hat, bei dem das Flugzeug abgestürzt ist, bringen wohl auch die Schuldgefühle nichts, die man hat, weil man die Sicherheitsvorkehrungen in der Fabrik nicht eingehalten hat und ein anderer einen schweren Arbeitsunfall hatte. „Gib dir nicht die Schuld.“ Das kommt wahrscheinlich auch daher, dass es keinen guten Weg mehr gibt, mit als real anerkannter Schuld umzugehen. Man glaubt nicht, dass es Verzeihung dafür gäbe. Auf eine Entschuldigung scheint die erwartete Antwort immer zu sein „ist okay, war nicht so schlimm“, nicht „ist verziehen“ oder so etwas. Dass etwas wirklich Schlimmes bei Reue und eventueller Wiedergutmachung verziehen werden kann, scheinen viele nicht mehr zu glauben.

Aber das ist ziemlich sicher nicht alles. Viele Leute glauben wirklich an unvermeidbare Schuld, und haben Angst davor. Vor kurzem hat man das wegen der Corona-Epidemie gesehen, wenn es darum ging, dass die Intensivbetten und Beatmungsgeräte zu irgendeinem Zeitpunkt nicht reichen könnten (wie das in italienischen Krankenhäusern ja schon der Fall war) und man auswählen muss, wen man beatmet und wen nicht. Viele Leute glauben wirklich, dass man es dann nicht vermeiden kann, schuldig zu werden – dass man hier durch muss, und es auf sich nehmen muss, schuldig zu werden.

Dabei ist es gerade das, was persönliche Schuld ausmacht, dass man das Gute hätte wählen können und es nicht gewählt hat. Sie ist vermeidbar; durch Unvermeidbares kann man keine persönliche Schuld auf sich laden. Wenn man nun aber sieben Patienten und fünf Beatmungsgeräte hat, kann man nicht jedem eins geben. Nicht jede Tragödie beinhaltet Schuld. Manchmal passiert etwas Schlimmes, ohne dass der Betroffene Schuld hat. (Letzten Endes resultiert zwar alles Schlechte irgendwo aus freien Entscheidungen von Geschöpfen für das Böse, aber diese freien Entscheidungen können so weit in der Vergangenheit liegen wie die Ursünde der ersten Menschen.)

Es gibt einerseits protestantische Theologen, die so denken, weil für sie generell die Sünde etwas Unvermeidbares ist, es keinen freien Willen gibt, und der Mensch zutiefst verdorben ist, ohne irgendetwas daran ändern zu können, und für sie die Gnade darin besteht, dass Gott die Sünden dann nicht anrechnet, ohne dass man irgendwelche Bedingungen dafür erfüllen muss. (Eine schöne Gnade, etwas zu vergeben, für das man nicht verantwortlich war.)

Aber das ist doch eine Minderheit; die Mehrheit denkt nicht mehr lutherisch oder reformiert, auch wenn das im Unterbewusstsein irgendwo drin sein könnte. Nein, bei der Mehrheit ist es wahrscheinlich einfach ein zutiefst pessimistischer Ausblick auf die Welt: Man darf nicht sagen, dass Gott alles lenkt, dass alles am Ende gut werden wird, dass alles seinen Sinn hat, dass es (letzten Endes) gerecht zugeht in der Welt. Das wäre triumphalistisch und naiv; erwachsene Menschen sehen die Finsternis. Gerade in Deutschland ist das sehr, sehr weit verbreitet; der Schock der Nazizeit scheint eine gewisse Verantwortung dafür zu tragen.

Entscheidende Argumente kommen dafür aber eigentlich nicht. Es ist wohl mehr ein Gefühl, das aus Müdigkeit, Überdruss und Unsicherheit geboren wird. Dass Gott sowohl vollkommen gut als auch allmächtig als auch die Vernunft selbst ist, ergibt sich logisch sowohl aus den klassischen philosophischen Gottesbeweisen als auch aus der göttlichen Offenbarung; und ein solcher Gott wird Menschen nicht in Situationen unvermeidbarer Schuld geraten lassen. Es ist für mich eine der gesündesten, tröstlichsten und erhellendsten Lehren des Christentums: Die Wirklichkeit ist im tiefsten Inneren gut, logisch, freundlich.

Sog. Dilemmata sind auflösbar. Um auf das Beispiel zurückzukommen, mit dem ich diesen Artikel begonnen habe, die Mutter mit der lebensbedrohlichen Schwangerschaft: Eigentlich sollte jeder Mensch wissen, dass es keine Notwehr ist, jemanden zu töten, der unschuldig ist und nichts tut, um einem zu schaden, und dass es nicht gerechtfertigt ist, jemanden zu töten, dessen bloße Anwesenheit Lebensgefahr für einen bedeutet. Manchmal kommt hier das Argument „wenn mich ein unzurechnungsfähiger Mörder mit einer Waffe angreift, darf ich ihn notfalls auch töten, obwohl er vielleicht keine Schuld trägt“, aber das zieht nicht. Derjenige tut etwas objektiv Böses, und seine subjektive Schuldfähigkeit ist bzgl. der Notwehr nachrangig. Man könnte kaum verlangen, dass Angegriffene immer erst einmal herausfinden sollen, wie schuldfähig ihre Angreifer sind und ob sie vielleicht an Wahnvorstellungen leiden.

Bessere Beispiele wären: Darf ich jemanden in einen Abgrund stoßen, weil er mir im Weg steht, damit ich auf einem schmalen Weg schneller vor einem Mörder wegrennen kann? Darf ich, wenn ich über einem Abgrund hänge und jemand sich an meinen Beinen festhält, nach ihm stoßen, damit er fällt und ich mich nach oben ziehen kann? Natürlich nicht.

Es gibt hier kein „schwieriges Dilemma“, keine „unvermeidbare Schuld“. Manchmal gibt es unvermeidbare Tragik. Und das war es.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier Teil 2.

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(Viktor Vasnetsov, Gekreuzigter Christus. Gemeinfrei.)

 

So beschreiben also verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Im apokryphen, dem Apostel Barnabas zugeschriebenen (aber ziemlich sicher nicht authentischen, wenn auch wohl immerhin schon vor 130 n. Chr. entstandenen) Barnabasbrief heißt es:

Denn dazu hat es der Herr auf sich genommen, hinzugeben sein Fleisch zum Verderben, damit wir durch die Nachlassung der Sünden geheiligt werden in der Aussprengung seines Blutes. […]

Auch das noch (muss ich sagen), meine Brüder: wenn der Herr es auf sich nahm, für unsere Seele zu leiden, obwohl er der Herr der ganzen Welt ist, zu dem Gott bei der Grundlegung der Welt sprach: ‚Lasset uns den Menschen schaffen nach unserem Bild und Gleichnis‘3, wie nun hat er es auf sich genommen, von Menschenhand zu leiden? Verstehet! Die Propheten, welche von ihm die Gnade hatten, weissagten auf ihn hin; weil er aber im Fleische sich offenbaren musste, damit er den Tod entkräfte und die Auferstehung von den Toten zeige, nahm er (das Leiden) auf sich, damit er den Vätern die Verheißung einlöse und sich selbst das neue Volk bereite und auf Erden wandelnd nachweise, dass er die Auferstehung bewirken und dann richten werde. Überdies lehrte er Israel, und indem er solche Zeichen und Wunder tat, trat er als (Gottes) Herold auf, und gar sehr liebte er es (das Volk Israel). Als er aber seine eigenen Apostel, die sein Evangelium verkünden sollten, Leute, die über alles Sündenmaß ungerecht waren, auserwählt hatte, um zu zeigen, dass er nicht gekommen ist, die Gerechten, sondern die Sünder zu berufen4, da offenbarte es sich, dass er der Sohn Gottes ist. Wenn er nämlich nicht im Fleische erschienen wäre, wie wären die Menschen am Leben geblieben bei seinem Anblick, die es nicht aushalten können, in die Sonne zu sehen, seiner Hände Werk, das jetzt noch besteht, einmal aber nicht mehr sein wird, und in ihre Strahlen ihr Auge zu richten? (Barnabasbrief 5,1.5-10)

 

Im 2. Clemensbrief (der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern eine einige Jahrzehnte später, in der Mitte des 2. Jahrhunderts, entstandene Fälschung ist), heißt es:

Brüder, wir müssen von Jesus Christus so denken wie von Gott, wie von einem Richter über Lebende und Tote1; und wir dürfen nicht gering denken über unser Heil. Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.“ (2. Clemensbrief 1)

 

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift aus dem 2. Jahrhundert, die sich als Brief der zwölf Apostel ausgibt und einen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung berichtet, heißt es:

„Das wissen wir: unser Herr und Heiland Jesus Christus (ist) Gott, Sohn Gottes, der gesandt worden ist von Gott, dem Herrscher der ganzen Welt, dem Schaffer und Schöpfer dessen, was mit jedem Namen benannt wird, der über allen Herrschaften ist, (als) Herr der Herren und König der Könige, der Gewaltige der Gewaltigen, der Himmlische, der über Cherubim und Seraphim ist und zur Rechten des Thrones des Vaters sitzt, der durch sein Wort den Himmeln gebot und die Erde und, was auf ihr ist, erbaute und das Meer begrenzte, daß es nicht seine Grenze überschreite, und (machte, daß) Tiefen und Quellen sprudeln und auf der Erde fließen Tag und Nacht; der die Sonne, den Mond und die Sterne am Himmel gründete und der Licht und Finsternis schied, der der Hölle gebot und im Augenblick entbietet den Regen zur Winterszeit und Nebel, Reif und Hagel und die Tage (?) zu ihrer Zeit; der erschüttert und festigt; der den Menschen nach seiner Gestalt und seinem Bilde geschaffen hat; der durch die Patriarchen und Propheten in Bildern geredet hat und in Wahrheit durch den, den die Apostel verkündigt und die Jünger betastet haben. Und Gott, der Herr, der Sohn Gottes – wir glauben: das Wort, welches aus der heiligen Jungfrau Maria Fleisch wurde, wurde in ihrem Schoße getragen (verursacht) vom heiligen Geiste, und nicht durch Lust des Fleisches, sondern durch den Willen Gottes wurde es geboren und wurde in Bethlehem (in Windeln) gewickelt und offenbart und daß es großgezogen wurde und heranwuchs, indem wir es sahen. […]

Und dies offenbarte und zeigte uns unser Herr und Heiland und wir euch gleicherweise, damit ihr Genossen an der Gnade des Herrn und unseres Dienstes und an unserer Herrlichkeit seid, indem ihr auf das ewige Leben sinnt. Seid, ohne zu wanken, fest in der Erkenntnis und Erforschung unseres Herrn Jesu Christi, und er wird sich gnädig erweisen und retten immerdar und in alle niemals endende Ewigkeit.“ (Epistula Apostolorum 3(14) u. 6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 128f.)

Jesus sagt in dieser Schrift:

Und deshalb habe ich alle Barmherzigkeit vollendet: ohne gezeugt zu werden, bin ich von Menschen geboren (oder: gezeugt) und, ohne Fleisch zu haben, habe ich Fleisch angezogen und bin aufgewachsen, damit (ich) euch, die ihr im Fleisch gezeugt werdet, (wiedergebäre) und ihr in der Wiedergeburt die Auferstehung in eurem Fleisch erhaltet, einem Gewande, das nicht vergehen wird, mit allen, die hoffen und glauben an den, der mich gesandt hat; denn so hat mein Vater an euch Wohlgefallen gefunden, und denen, welchen ich will, gebe ich die Hoffnung des Reiches.‘ Darauf sprachen wir zu ihm: ‚Groß ist, wie du hoffen läßt und redest.‘ Er antwortete und sprach zu uns: ‚Glaubet (richtig müßte es heißen: Glaubt ihr), daß alles, was ich euch sage, geschehen wird!‘ Und wir antworteten ihm und sprachen zu ihm: ‚Ja, o Herr.'“ Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, daß ich alle Gewalt von meinem Vater empfangen habe, damit ich die in Finsternis Befindlichen ins Licht zurückführe und die in Vergänglichkeit Befindlichen in die Unvergänglichkeit und die im Irrtum Befindlichen in die Gerechtigkeit und die im Tode Befindlichen ins Leben und damit die in Gefangenschaft Befindlichen entfesselt werde, wie das, was von seiten der Menschen unmöglich ist, von seiten des Vaters möglich ist. Ich bin die Hoffnung der Hoffnungslosen, der Helfer derer, die keinen Helfer haben, der Schatz der Bedürftigen, der Arzt der Kranken, die Auferstehung der Toten.‘ (Epistula Apostolorum 21(32), in: ebd., S. 138 (äthiopische Fassung).)

 

In einem Bericht über das Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike (irgendwann zwischen 161 und 180) sagt Karpus vor Gericht folgendes:

„Karpus entgegnete: Ich bin ein Christ und verehre Christus, den Sohn Gottes, der in den letzten Zeiten zu unserm Heile gekommen ist und uns von dem Truge des Teufels befreit hat; diesen Götzenbildern da aber opfere ich nicht. Tu, was du willst; denn mir ist es unmöglich, Truggestalten der Dämonen zu opfern; sind doch die, welche diesen opfern, ihnen gleich. Wie nämlich die wahren Verehrer – nach der göttlichen Erzählung des Herrn die, welche Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten1 – der Herrlichkeit Gottes ähnlich werden und mit ihm unsterblich sind, teilhaftig des ewigen Lebens durch den Logos, so werden auch die, welche diesen2 dienen, ähnlich der Eitelkeit der Dämonen und gehen mit ihnen in der Hölle unter; sie teilen die gerechte Strafe mit demjenigen, der den Menschen, das auserwählte Geschöpf Gottes, hintergangen hat, ich meine mit dem Teufel, der in seiner Schlechtigkeit den Menschen beneidet hat. Darum wisse, Prokonsul, daß ich diesen nicht opfere. (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 1)

 

Dann gäbe es die Petrusakten (spätes 2. Jahrhundert), die Legenden über Petrus, v. a. sein Wirken in Rom und sein Martyrium, berichten. In den Petrusakten kommt zu Anfang noch eine Predigt des Paulus vor; dabei sagt er ganz deutlich: Jesus = Gott.

„Da gebot Paulus Schweigen und sagte: ‚Ihr Brüder, die ihr jetzt an Christus zu glauben begonnen habt, wenn ihr nicht in eurem früheren Wandel und in euren väterlichen Überlieferungen bleibt und euch enthaltet von allem Betrug und Jähzorn, von aller Grausamkeit und Ehebruch und Befleckung und von Hochmut und Eifersucht, Hoffart und Feindseligkeit, so wird euch Jesus, der lebendige Gott, nachlassen, was ihr in Unwissenheit getan habt. Deswegen, ihr Knechte Gottes, wappnet euch, ein jeder an seinem inwendigen Menschen, mit Frieden, Gleichmut, Milde, Glaube, Liebe, Erkenntnis, Weisheit, Bruderliebe, Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit, Güte, Gerechtigkeit! Dann werdet ihr in Ewigkeit den Erstgeborenen der gesamten Schöpfung zu eurem Führer haben und Tugend in Frieden mit unserem Herrn.‘ Als sie dieses aber von Paulus gehört hatten, baten sie ihn, er möge für sie beten. Paulus aber erhob seine Stimme und sprach: ‚Ewiger Gott, Gott der Himmel, Gott von unaussprechlicher Majestät, der du alles durch dein Wort befestigt hast, der du [die dem Menschen] angebundene Fessel [zerbrochen hast, der du das Licht] deiner Gnade aller Welt hast zuteil werden lassen, Vater deines heiligen Sohnes Jesu Christi, wir bitten dich miteinander durch deinen Sohn Jesus Christus, die Seelen zu stärken, die einst ungläubig waren, jetzt aber gläubig sind.“ (Petrusakten 1/2, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 192)

Als dann Petrus nach Rom kommt, hält er seine erste Predigt dort:

„Am ersten Tage der Woche aber kam die Menge zusammen, um den Petrus zu sehen. Daher begann Petrus mit sehr lauter Stimme zu reden: ‚Ihr hier versammelten Männer, die ihr auf Christus hofft, ihr, die ihr eine kleine Weile Versuchung erlitten habt, merket auf! Warum hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt oder warum hat er (ihn) durch die Jungfrau Maria hervorgebracht, wenn er nicht irgendeine Gnade und einen Heilsweg schaffen wollte? Denn er wollte beseitigen alles Ärgernis und alle Unwissenheit und alle Macht des Teufels, (seine) Anschläge und Kräfte unwirksam machen, durch welche er einst die Oberhand hatte, bevor unser Gott in der Welt als Licht erstrahlte. Weil sie (die Menschen) mit ihren vielen und mannigfaltigen Schwachheiten durch Unwissenheit in den Tod stürzten, hat der allmächtige Gott, von Mitleid bewegt, seinen Sohn in die Welt gesandt, wobei ich zugegen gewesen bin.“ (Petrusakten 3/7; in: ebd., S. 197)

Jesus unter uns:

„Daher wollen wir unsere Knie vor Christus beugen, der uns erhört, auch wenn wir nicht gerufen haben. Er ist es, der uns sieht, auch wenn er nicht mit diesen Augen gesehen wird; aber er ist unter uns. Wenn wir wollen, wird er nicht von uns weichen. Darum laßt uns unsere Seelen reinigen von jeder schändlichen Versuchung, dann wird Gott nicht von uns weichen; und wenn wir nur mit den Augen zuwinken, so ist er bei uns.“ (Petrusakten 6/18, in: ebd., S. 206)

Petrus sagt an späterer Stelle über die Schriften und über Jesus folgendes:

„Petrus aber ging in das Speisezimmer und sah, daß das Evangelium gelesen wurde. Er rollte es zusammen und sagte:

‚Ihr Männer, die ihr an Christus glaubt und hofft, ihr sollt erfahren, wie die heilige Schrift unseres Herrn verkündet werden muß. Was wir nach seiner Gnade, soweit wir es verstanden haben, niedergeschrieben haben, erscheint euch zwar bisher noch schwach; dennoch (haben wir es geschrieben) gemäß unseren Kräften, soweit es erträglich ist, es in menschliches Fleisch zu bringen. Wir müssen also zuerst Gottes Willen oder (seine) Güte kennenlernen, da ja einst der Betrug weit verbreitet war und viele Tausende von Menschen in das Verderben stürzten, und (darum) der Herr in seiner Barmherzigkeit veranlaßt war, sich in anderer Gestalt zu zeigen und im Bilde des Menschen zu erscheinen, bezüglich dessen weder die Juden noch wir in der Lage sind, würdig erleuchtet zu werden. Denn jeder von uns sah (ihn), wie er es zu fassen vermochte, je nachdem er es konnte.

Jetzt aber will ich euch erklären, was euch gerade vorgelesen worden ist. Unser Herr wollte mich seine Herrlichkeit auf heiligem Berge sehen lassen; als ich aber mit den Söhnen des Zebedäus den Glanz seines Lichtes sah, fiel ich wie tot nieder und schloß meine Augen und hörte seine Stimme so, wie ich es nicht beschreiben kann; ich glaubte, daß ich von seinem Glanz erblindet sei. Und als ich ein wenig aufatmete, sprach ich zu mir: ‚Vielleicht hat mein Herr mich hierher führen wollen, um mich des Augenlichts zu berauben‘. Und ich sagte: ‚Und wenn das dein Wille ist, Herr, dann widerspreche ich nicht‘. Und er gab mir die Hand und richtete mich auf. Und als ich aufstand, sah ich ihn wiederum so, wie ich ihn fassen konnte.

So also geliebteste Brüder, hat der barmherzige Gott unsere Schwachheiten getragen und unsere Sünden auf sich genommen, wie der Prophet sagt: ‚Er trägt unsere Sünden und für uns leidet er Schmerzen; wir aber glaubten, daß er in Schmerzen sei und von Wunden geplagt würde‘. Denn ‚er ist ja im Vater und der Vater in ihm‘; er selbst ist auch die Fülle aller Herrlichkeit, der uns alle seine Güte gezeigt hat. Er hat gegessen und getrunken unsertwegen, obwohl er weder hungrig noch durstig war, er hat ertragen und Beschimpfungen erduldet unsertwegen, er ist gestorben und auferstanden um unsertwillen. Er, der auch mich, als ich sündigte, verteidigt und gestärkt hat in seiner Größe, wird auch euch trösten, auf daß ihr ihn liebt, diesen Großen und ganz Kleinen, den Schönen und Häßlichen, Jüngling und Greis, in der Zeit erscheinend und (doch) in Ewigkeit gänzlich unsichtbar, den eine menschliche Hand nicht gehalten hat und der von seinen Dienern gehalten wird, den das Fleisch nicht gesehen hat und der jetzt gesehen wird, der kein Gehör gefunden hat, der aber jetzt bekannt und das gehörte Wort geworden ist; dem die Leiden fremd waren und der jetzt gleichsam wie wir gezüchtigt ist, er, der niemals gezüchtigt war, ist jetzt gezüchtigt; der vor der Welt ist und in der Zeit wahrgenommen wurde, aller Herrschaft großer Anfang und (doch) den Fürsten ausgeliefert; schön, aber unter uns niedrig und hässlich erschienen, aber voller Fürsorge: Diesen Jesus habt ihr, Brüder, die Tür, das Licht, den Weg, das Brot, das Wasser, das Lebendige, die Auferstehung, der Trost, die Perle, den Schatz, den Samen, die Sättigung, das Senfkorn, den Weinstock, den Pflug, die Gnade, den Glauben, das Wort. Dieser ist alles, und es ist kein anderer größer als er. Ihm sei Lob in alle Ewigkeit, Amen. (Petrusakten 7/20, in: ebd., S. 207f.)

Petrus sagt in den Petrusakten bei seiner eigenen Kreuzigung folgendes (teilweise ist diese Rede etwas rätselhaft, und evtl. von gnostischen Gedanken beeinflusst; an einer Stelle zitiert er einen Spruch, der so ähnlich im gnostischen Thomasevangelium vorkommt):

„Als er aber hinzukam und bei dem Kreuze stand, begann er zu sprechen: ‚O Name des Kreuzes, verborgenes Geheimnis; o unaussprechliche Gnade, die mit dem Namen des Kreuzes ausgesprochen ist; o Natur des Menschen, die von Gott nicht getrennt werden kann, o unsagbare und unzertrennbare Liebe, die von unreinen Lippen nicht bekannt werden kann; ich erfasse dich jetzt am Ende, da ich mich von hier löse. Ich will dich bekannt machen, wie du bist. Ich will das meiner Seele einst verschlossene und verborgene Geheimnis des Kreuzes nicht verschweigen. Das Kreuz sei euch, die ihr auf Christus hofft, nicht das, was sichtbar erscheint; denn etwas anderes als das Sichtbare ist dieses (Leiden) gemäß dem Leiden Christi. Und jetzt vor allem, da ihr, die ihr zu hören vermögt, (es hören) könnt von mir, der ich in der letzten Stunde und am Ende meines Lebens stehe, höret: von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern, von allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist. Verschließet diese eure Augen, verschließet diese eure Ohren, (haltet euch fern) von den Dingen, die sichtbar erscheinen! Und ihr werdet das, was Christus betrifft und das ganze Geheimnis eures Heils erkennen. Und dies sei euch, die ihr es hört, gesagt, als wäre es nicht gesagt. Die Stunde aber (ist da) für dich, Petrus, deinen Leib denen, die ihn nehmen wollen, hinzugeben. Nehmt ihr also hin, deren Beruf es ist. Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders! Und warum, das werde ich den Hörenden sagen.‘

Als sie ihn nun in der Art, wie er es gefordert hatte, aufgehängt hatten, begann er wieder zu reden: ‚Ihr Männer, die ihr zum Hören berufen seid, vernehmt, was ich gerade jetzt, während ich (am Kreuz) hänge, euch verkündigen werde! Erkennet das Geheimnis der ganzen Schöpfung und den Anfang aller Dinge, wie er war. Denn der erste Mensch, dessen Art ich in (meiner) Gestalt trage, mit dem Kopf nach unten gestürzt, zeigte eine Entstehungsart, die ehemals nicht so war; denn sie war tot, da sie keine Bewegung hatte. Als er nun herabgezogen wurde, er, der auch seinen Ursprung auf die Erde warf, hat er das Ganze der Anordnung festgestellt, aufgehängt nach Art der Berufung, bei der er das Rechte als Linkes und das Linke als Rechtes gezeigt hat, und hat alle Zeichen der Natur geändert, (nämlich) das Nichtschöne als schön zu betrachten und das wirklich Schlechte als Gutes. Darüber sagt der Herr im Geheimnis: ‚Wenn ihr nicht das Rechte macht wie das Linke und das Linke wie das Rechte und das Obere wie das Untere und das Hintere wie das Vordere, so werdet ihr das Reich (Gottes) nicht erkennen.‘ Dieses Verständnis nun habe ich zu euch gebracht, und die Art, in der ihr mich hängen seht, ist die Abbildung jenes Menschen, der zuerst zur Entstehung kam. Ihr nun, meine Geliebten, die ihr es jetzt hört und die ihr hören werdet, müßt ablassen von dem ersten Irrtum und wieder zurückkehren. Denn es sollte sich geziemen, an das Kreuz Christi zu kommen, der da ist einzig und allein das ausgebreitete Wort, von dem der Geist sagt: ‚Denn was ist Christus anders als das Wort, der Schall Gottes?‘ damit Wort sei dieses aufrechtstehende Holz, an dem ich gekreuzigt bin; der Schall aber ist der Querbalken, (nämlich) die Natur des Menschen; der Nagel aber, der an dem geraden Holz den Querbalken in der Mitte festhält, ist die Bekehrung und Buße des Menschen.

Da du mir nun dieses kundgetan und offenbart hast, o Wort des Lebens, wie von mir jetzt das Holz genannt worden ist, so danke ich dir, nicht mit diesen Lippen, die angenagelt sind, auch nicht mit der Zunge, durch die Wahrheit und Lüge hervorgeht, auch nicht mit diesem Worte, das von der Kunst irdischer Natur hervorgebracht wird, sondern mit jener Stimme danke ich dir, o König, die durch Schweigen vernommen wird, die nicht im Offenbaren gehört wird, die nicht durch die Organe des Körpers hervorgeht, die nicht in fleischliche Ohren eingeht, die nicht vom vergänglichen Wesen gehört wird, die nicht in der Welt ist und auf der Erde ertönt, auch nicht in Büchern geschrieben wird, auch nicht dem einen gehört, dem anderen nicht, sondern mit dieser (Stimme), Jesus Christus, danke ich dir: Mit dem Schweigen der Stimme, der der Geist in mir, der dich liebt und mit dir spricht und dich sieht, begegnet. Du bist nur dem Geist erkennbar. Du bist mir Vater, du mir Mutter, du mir Bruder, du Freund, du Diener, du Haushalter. Du (bist) das All, und das All (ist) in dir; und du (bist) das Sein, und es gibt nichts anderes, was ist, außer dir allein. Zu ihm fliehet nun auch ihr, Brüder, und lernt, dass ihr euer Wesen in ihm habt, und ihr werdet dann das erlangen, von dem er zu euch sagt: ‚Was weder ein Auge gesehen hat, noch ein Ohr gehört hat, noch in ein Menschenherz gekommen ist.‘ Wir bitten nun um das, was du uns zu geben versprochen hast, unbefleckter Jesus; wir loben dich, wir danken dir und bekennen dich, indem wir – noch schwache Menschen – dich preisen. Denn du allein bist Gott und kein anderer, dem der Ruhm sei jetzt und in alle Ewigkeiten Amen.'“ (Petrusakten 9/37(8)-39(10), in: ebd., S. 219f.)

 

In den christlichen Sibyllinen, prophetischen Schriften, in denen es vor allem um das Ende der Welt geht, heißt es über Christus:

„[Wenn das Mädchen den Logos des höchsten Gottes gebären,
Aber als eh’liches Weib dem Logos den Namen wird geben,
Dann wird im Osten ein Stern am hellerlichten Tage
Glanzvoll strahlend erscheinen erdwärts von himmlischer Höhe,
Kündend ein großes Zeichen den armen sterblichen Menschen.]
Ja, dann kommt zu den Menschen der Sohn des gewaltigen Gottes,
Irdischen Leibs, vom Fleische umhüllt und den Sterblichen ähnlich.
Vier Vokale er hat und zweimal den Konsonanten,
Und nun will ich dir auch die gesamte Zahl noch verkünden:
Einer sind acht vorhanden und Zehner noch ebensoviele;
Hunderter acht noch dazu verrät ungläubigen Menschen
Seines Namens Gestalt; doch du im gläubigen Herzen
Denke sofort an Christus, den Sohn des erhabenen Gottes.
Gottes Gebot erfüllet er selbst, nicht löst er die Satzung,
Bietet als Muster sich dar den Seinen und lehret sie alles.
Diesem nahen die Priester und bringen ihm reiche Geschenke:
Gold und Weihrauch und Myrrhen; denn so wird alles er fügen.
Wenn man dereinst seine Stimme vernimmt im Schweigen der Wüste,
Botschaft bringend den Menschen und alle eindringlich ermahnend,
Eben zu machen die Pfade und auszutilgen im Herzen
Bosheit jeglicher Art, im Bade des Heiles zu läutern
Ganz den sündigen Leib, auf daß sie, aufs neue geboren
Meiden die Sünde und nie des Rechtes Pfade verlassen, –
Dann ein Barbar, von der Tänzerin Kunst berückt und bezaubert,
Lohnet den Tanz mit des Rufenden Haupt, und ein plötzliches Wunder
Bietet den Menschen sich dar, wenn sicher und frei aus Ägypten
Kommt der köstliche Stein, an dem sich das Volk der Hebräer
Stößt mit strauchelndem Fuß, die heidnischen Völker dagegen
Sammeln sich freudig um ihn: des waltenden Gottes Gebote
Lernen sie kennen durch ihn und den Pfad im gemeinsamen Lichte.
[…]
Und dann heilt er die Kranken und bringt den Gequälten Erlösung,
Die an ihn glauben und froh den Namen des Höchsten bekennen.
Sehend macht er die Blinden, und hurtig laufen die Lahmen;
Taube verstehen genau, es reden der Sprache Beraubte;
Böse Dämonen vertreibt er, und Tote erweckt er zum Leben,
Wandelt zu Fuß übers Meer und in öder, verlassener Gegend
Macht er tausende satt mit fünf armseligen Broten
Und einem winzigen Fisch; die Reste des leckeren Mahles
Füllen zum Rande zwölf Körbe noch voll für die heilige Jungfrau.

[…]
Wenn seine Arme am Kreuz, weit offen, umspannen das Weltall,
Dornengekrönt sein Haupt, wenn nach dem Gesetze die Seite
Grausam geöffnet der Speer, dann wird durch volle drei Stunden
Mitten am Tage die Welt in schauriges Dunkel gehüllt sein.
Dann wird der Tempel, den Salomon schuf, ein mächtiges Wunder,
Zeigen dem Menschengeschlecht, wenn jener hinab in den Hades
Wandert, dem Volke der Toten die Auferstehung zu bringen.
Wenn er dereinst dreitägigem Schlafe des Grabes entronnen,
Wenn er ein Vorbild den Seinen gezeigt und alles gelehrt hat,
Fährt er auf Wolken empor in die Wohnung des himmlischen Vater;
Aber der Welt hinterläßt er des Evangeliums Satzung.
Und es erblüht aus heidnischem Stamm die neue Gemeinde;
Christi Geboten getreu ererbt sie den Namen des Meisters.
Aber auch dann leiten als kundige Führer des Lebens
Weise Berater das Volk anstatt der Propheten und Seher.“

(Christliche Sibyllinen I,323-386, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 502-504.)

An einer anderen Stelle heißt es:

„Singen will ich aus Herzensgrund von dem großen, berühmten
Sohn des Unsterblichen, dem seinen Thron gab der höchste Erzeuger
Vor der Geburt; denn im Fleisch, das ihm ward, trat er auf und
Ließ sich taufen im strömenden Wasser des Jordanflusses,
Der mit bläulichem Fuß seine Wogen wälzend dahinrollt:
Feurigem Glanze entsteigend er schaut Gottes lieblichen Geist, der
Kommt vom Himmel herab in der Taube weißem Gefieder.
Aufblühen wird eine reine Blüte, es springen die Quellen.
Zeigen wird er den Menschen die Wege und zeigen die Pfade
Himmelwärts und auch alle mit weisen Worten belehren,
Führt sie zum Recht und bekehrt die verstockten Herzes des Volkes,
Laut bekennend den ruhmreichen Stamm seines himmlischen Vaters,
Wandelt zu Fuß übers Meer und von Krankheit befreit er die Menschen.
Wecken wird er die Toten zum Leben, verscheuchen viel Schmerzen.
Aber aus einem Ranzen mit Brot er sättigt die Menschen,
Wenn Davids Haus seinen Schößling treibt. Aber in seiner Hand ruht
Alle Welt: die Erde sowohl wie das Meer und der Himmel.
Hinblitzen über die Erde wird er, wie ihn einstmals erscheinen
Sahen die zwei, aus den Seiten erzeugt voneinander.
Da wird die Erde sich freuen der Hoffnung aus dieses Knäblein.
[…]
O du gepriesenes Holz, auf dem ausgestreckt war der Herrgott,
Nicht mehr birgt dich die Erde, am Firmamente erscheinst du,
Wenn dein feuriges Auge, o Gott, wird erblitzen am Himmel.

(Christliche Sibyllinen VI,1-28; in: ebd., S. 509f.)

An einer weiteren Stelle:

Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.
Unsern Erlöser und Herrn, den Ewigen habe ich also

Zum Gedächtnis der Welt in Akrostichen besungen.
Er war bezeichnet, da Moses streckte die heiligen Arme
Siegend ob Amalek im Glauben, dem Volke zur Kenntnis,
Daß erwählt bei Gott dem Vater und immer geehrt sei
Davids Rute, sowie auch der Stein, den er einstens versprochen,
Dem man gläubig vertrauen soll, um ewiges Leben zu haben.
Denn nicht in Herrlichkeit, sondern als Mensch wird er kommen auf Erden,
Elend, entehrt, unansehnlich, den Elenden Hoffnung zu geben.
Er wird vergänglichem Fleische Gestalt und himmlischen Glauben
Den Ungläubigen geben und ausgestalten den Menschen,
Welchen im Anfang Gottes heilige Hände geschaffen,
Und den die Schlange betörte, daß nun er zum Schicksal des Todes
Kam und nach Wunsch die Erkenntnis gewann vom Guten und Bösen,
So daß er Gott verließ und huldigte sterblichem Wesen.
Ihn auch nahm als Berater im Anfang Gott der Allmächt’ge,
Sprechend die Worte: ‚So wollen wir beide zusammen, mein Kind, un
Sterblicher Menschen Geschlecht abbilden nach unserem Gleichnis!
Jetzt will ich mit den Händen, doch du alsdann mit dem Logos
Sorgen für unsere Gestalt und gemeinsam schaffen Erstehung!‘
Dieses Beschlusses gedenkend wird er jetzt kommen auf Erden,
Und mit Wasser taufend zugleich durch ältere Hände,
Alles bewirkend durchs Wort und heilend jegliche Krankheit.
Durch sein Wort wird er stillen die Winde und glätten die Meerflut,
Während sie tobt, sie mit Füßen des Friedens im Glauben betretend.
Mit fünf Broten zumal und einem einzigen Seefisch
Wird in der Wüste er sätt’gen fünftausend hungrige Menschen.
Und mit den übriggebliebenen Brocken allein wird er füllen
Zwölf gewaltige Körbe zur Hoffnung der schmachtenden Völker.
Und er wird rufen die Seelen der Sel’gen, die Elenden lieben,
Die zwar boshaft verspottet, doch Böses mit Gutem vergelten
Und trotz Schlägen und Peitschenhieben nach Armut sich sehnen.
Alles merken und alles erschauend und alles erhörend,
Wird er ins Herz tief blickend das Inn’re zur Prüfung enthüllen;
Denn er selber ist aller Gehör und Verstand und Gesichte.
Und das Wort, das die Welten erschuf und dem alles gehorsam,
Das sogar Tote erweckt und Heilung bringet den Siechen,
Kommt in der Bösen Gewalt, gottloser, ungläubiger Menschen.
Schläge versetzen dem Gott ruchlose, unheilige Hände,
Und aus ekelem Mund besudelt ihn giftiger Speichel.
Er aber bietet geduldig den blutigen Rücken der Geißel.
Trotz aller Schläge wird stille er schweigen, daß keiner erkenne,
Wer und wessen er sei und woher, um die Toten zu rufen.
Und von Dornen den Kranz wird er tragen; denn immerdar kommen
Wird aus den Dornen der Kranz der Heiligen, welche erwählt sind.
Auch schlägt man mit dem Rohr seine Seite nach ihrem Gesetze…
Doch wenn all dies dann sich erfüllt hat, was ich geredet,
Dann wird in ihm sich lösen jedes Gesetz, das von Anfang
Wegen des trotzigen Volkes durch menschliche Satzungen aufkam.
Doch er wird ausbreiten die Hände und messen das Weltall.
‚Und sie reichten ihm Galle zur Speise und Essig zum Trinken‘:
Solchen ungastlichen Tisch ihm werden die Gottlosen zeigen.
Und der Vorhang zerreißt im Tempel, und mitten am Tage
Wird drei Stunden hindurch ganz dunkle gewaltige Nacht sein.
Denn nicht mehr nach geheimem Gesetz noch im Tempel verborgen
Vor den Erscheinungen in dieser Welt den Gottesdienst zu halten
Wurde gezeigt, als der ewige Herrscher auf Erden herabstieg.
Und dann steigt er zur Hölle hinab, den Seelen der Frommen
Hoffnung zu künden, das Ende der Zeit und den jüngsten der Tage.
Wo ist dein Stachel, o Tod, wenn jeder drei Tage entschlafen?
Denn dann kehrt er zurück ans Licht aus dem Reiche des Hades
Auferstehung und Leben den Auserwählten zu bringen,
Tilgend im Wasser unsterblichen Quells ihrer früheren Bosheit
Schlacken und häßlichen Schmutz, auf daß sie aufs neue geboren
Nicht mehr frönen hinfort der Welt abscheulichen Bräuchen.
Seinen Erwählten zuerst erscheint der Erstandene wieder
Menschlichen Leibs, wie er ehemals war; doch Hände und Füße
Zeigen vier Male, von Nägeln gebohrt in die göttlichen Glieder:
Osten verstehe und Westen, an Mitternacht denke und Mittag;
das sind die Reiche der Erde, die Gottes erhabenen Sohn einst
Morden verblendeten Sinns, das Vorbild unseres Lebens.
Freu dich, Tochter Sion, du heil’ge, nach so vielen Leiden!
Selber dein König kommt auf zahmen Füllen geritten.
Siehe, gar sanftmütig kommt er, damit er das Sklavenjoch trage,
Das schwer tragbar auf unserm Nacken jetzt lieget und lastet,
Und uns löse die gottlose Satzung und drückende Fesseln.
Ihn erkenne als deinen Gott, der zugleich Gottes Sohn ist;
Diesen preise und trag‘ ihn in deinem Herzen und lieb‘ ihn
Aus deiner ganzen Seele und halt‘ seinen Namen in Ehren.
Alte Gesetze lasse beiseite und wasch‘ dich von Blutschuld!
Nicht durch deine Gesänge und deine Gebete wird er versöhnt, nicht
Achtet vergängliche Opfer der unvergängliche Herrscher,
Sondern stimm‘ aus verständigem Mund ein heiliges Lied an
Und erkenne sein Wesen, so wirst du dann schaun den Erzeuger.“ (Christliche Sibyllinen VIII,249-336; in: ebd. S. 519-521.)

Und:

„Selbsterzeugt und rein, beständig während und ewig
Er vermag auch den feurigen Hauch abzumerzen des Himmels (?),
Hemmet des Donners Szepter zugleich  mit dem schrecklichen Blitze
Und besänftigt das Rollen des furchtbar krachenden Donners,
Und die Erde erschütternd er hemmt das Tosen [des Meeres],
Mildert auch die feuerflammenden Geißeln der Blitze,
Und des Regens gewaltige Güsse, den Hagelschlag, den
Kalten, der Wolken Entladung, die tobenden Sturmesgewitter.
……………………………………………………………………………………………………….
Der schon vor jeglicher Schöpfung bei dir war als Sohn und Berater,
Er ist der Schöpfer der Menschen und er der Spender des Lebens.
Damals nahmst du als erster das Wort und redetest also:
‚Laß den Menschen uns machen, o Sohn, nach unserem Bilde,
Hauchen wir ihm in die Brust den lebenerhaltenden Odem;
Ist er auch sterblichen Leibs, so soll doch alles ihm dienen,
Und der aus Erde geformt, soll König und Herrscher der Welt sein.‘
Also sprachst du zum Logos, und alles geschah, wie du wolltest,
Deinem Geheiß gehorchten sofort die Weltelemente:
…………………………………………………………………………………………………………..
[…]
Alles erschuf er im Bunde mit dir nach deinem Ermessen.
Und in der Fülle der Zeit entsprang dem Schoße Marias
Gott in Kindergestalt als Licht, die Welt zu erleuchten.
Und der dem Himmel entstammt, verschmähte der Menschen Gestalt nicht.
Gabriel ward auf die Erde gesandt, vom Glanze umflossen;
Denn zu der Jungfrau sprach die Stimme des himmlischen Boten:
‚Nimm, Holdselige, Gott in deinen jungfräulichen Schoß auf.‘
Sprach’s und hauchte der Lieblichen ein die göttliche Gnade.
Sie aber faßte beim Hören Erstaunen zugleich und Verwirrung;
Zitternd stand sie vor ihm wie erstarrt, der Sprache nicht mächtig,
Klopfenden Herzens, erschreckt von der unvermuteten Botschaft.
Dann aber freute sie sich und Wärme durchströmte die Glieder;
Bräutlich lachte sie drauf, von Rot übergossen die Wange,
Höchlich entzückt, von lieblicher Scham die Sinne befangen.
Also faßte sie Mut; und das Wort, in Demut empfangen,
Wurde zu Fleisch mit der Zeit, und im Schoße der Mutter
Reift es heran zur Menschengestalt und wurde ein Knäblein
Durch einer Jungfrau Geburt: ein großes Wunder den Menschen,
Aber kein Wunder vor Gott und Gottes unsterblichem Sohne.
Kaum war geboren das Kind, so ward es mit Jubel empfangen,
Himmel und Erde frohlockten, es lachte vor Freude das Weltall,
Und ein prophetischer Stern erregte das Staunen der Weisen.
Bethlehem ward die Heimat des Logos durch göttliche Wahl.
Zahlreich wallte zur Krippe im Stall die Menge der Frommen,
Hirten der Rinder und Schafe und Hirten der meckernden Ziegen.“ (Christliche Sibyllinen VIII,429-479; in: ebd. S. 524f.)

 

In den Paulusakten, einer Schrift, die Ende des 2. Jahrhunderts, etwa um 190 entstanden sein müsste, und diverse Legenden über den heiligen Paulus und die heilige Thekla enthält (Thekla soll von Paulus bekehrt worden sein, ihre Familie gegen sich aufgebracht haben, weil sie sich als Jungfrau Gott weihte, zweimal durch ein göttliches Wunder vor dem Martyrium errettet worden sein und später noch viele Jahrzehnte als Einsiedlerin gelebt haben), heißt es:

„Und Paulus erhob seine Stimme und sprach: ‚Wenn ich heute verhört werde, was ich lehre, so höre, Prokonsul: Der lebendige Gott, der Gott der Rache, der eifrige Gott, der Gott, der kein Bedürfnis kennt, der hat, weil er das Heil der Menschen will, mich gesandt, daß ich sie der Vergänglichkeit und der Unreinigkeit entreiße und aller Lust und dem Tode, damit sie nicht mehr sündigen. Darum hat Gott seinen Sohn gesandt, den ich als die frohe Botschaft verkünde und lehre, daß in ihm die Menschen Hoffnung haben, er, der allein Mitleid hatte mit der verirrten Welt, damit die Menschen nicht mehr unter dem Gericht seien, sondern Glauben hätten und Gottesfurcht und Erkenntnis der Ehrbarkeit und Liebe zur Wahrheit. Wenn ich nun lehre, was mir von Gott offenbart ist, was tue ich dann für ein Unrecht, Prokonsul?‘ Als der Statthalter das gehört hatte, gab er Befehl, Paulus zu binden und in das Gefängnis abzuführen, bis er Muße finden werde, ihn gründlicher zu verhören.“ (Paulusakten in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 246)

Als Thekla (zum zweiten Mal) verurteilt worden ist und im Amphitheater den wilden Tieren vorgeworfen werden soll, wird sie bis zur geplanten Vollstreckung des Urteils von einer angesehenen Frau namens Tryphäna aufgenommen, die sie bittet, für ihre verstorbene Tochter zu beten. In ihrem Gebet bezeichnet Thekla Jesus als „Gott der Himmel, Sohn des Höchsten“:

„Und nach dem Umzug nahm Tryphäna sie wieder zu sich. Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!'“ (Ebd., S. 248)

Als sie dann den Tieren vorgeworfen wird, die ihr aber nichts tun, kommt diese Stelle:

„Und der Statthalter ließ Thekla mitten aus den Tieren heraus rufen und sprach zu ihr: ‚Wer bist du und was hat es mit dir auf sich, daß auch nicht eines von den Tieren dich anrührte?‘ Sie antwortete: ‚Ich bin eine Dienerin des lebendigen Gottes; was es aber mit mir auf sich hat: Ich habe an den geglaubt, an dem Gott Wohlgefallen hatte, an seinen Sohn. Um seinetwillen hat mich keines von den Tieren angerührt. Denn er allein ist das Ziel der Rettung und die Grundlage unsterblichen Lebens. Ist er doch für die, die vom Sturm geplagt sind, eine Zuflucht, für Bedrängte Erquickung, für Verzweifelte Schutz, mit einem Wort: wer nicht an ihn glaubt, wird nicht leben, sondern tot sein in Ewigkeit.“ (Ebd., S. 250)

Die Paulusakten enthalten auch einen apokryphen Briefwechsel der Korinther mit Paulus (einen Brief der Korinther an Paulus und einen, den er zurückschreibt; letzterer wird auch als 3. Korintherbrief bezeichnet). Die Korinther schreiben Paulus, weil doketistische/gnostische Irrlehrer in ihre Gemeinde gekommen sind, und Paulus schreibt in seiner Antwort gegen den Doketismus (der Verfasser der Paulusakten lehnt sich hier an den originalen 1. Korintherbrief an, insbesondere Kapitel 15):

„Ich habe euch ja im Anfang überliefert, was ich von den Aposteln vor mir empfangen habe, die allezeit mit dem Herrn Jesus Christus zusammengewesen waren, nämlich daß unser Herr Jesus Christus von Maria aus dem Samen Davids geboren ist, indem der heilige Geist aus dem Himmel vom Vater in sie herabgesandt war, damit er in die Welt käme und alles Fleisch durch sein eigenes Fleisch erlöse und damit er uns Fleischliche von den Toten auferwecke, wie er selbst sich als Urbild erwiesen hat. Und weil der Mensch von seinem Vater geschaffen ist, deswegen wurde er auch, als er verloren gegangen war, gesucht, auf daß er lebendig gemacht würde durch die Annahme zur Kindschaft. Denn der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, sandte zuerst die Propheten den Juden, daß sie ihren Sünden entrissen würden; er hatte nämlich beschlossen, das Haus Israel zu retten, deshalb sandte er einen Teil vom Geiste Christi in die Propheten, welche die irrtumslose Gottesverehrung verkündeten zu vielen Zeiten. Aber da der Fürst, der ungerecht war [d. h. der Teufel, Anmerkung von mir], selbst Gott sein wollte, legte er Hand an sie und tötete sie, und so fesselte er alles Fleisch der Menschen an die Begierden [an seinen Willen und die Vollendung der Welt trieb dem Gericht entgegen]. Aber Gott, der Allmächtige, der gerecht ist und sein eigenes Geschöpf nicht verstoßen wollte, sandte den [heiligen] Geist [durch Feuer] in Maria, die Galiläerin, die von ganzem Herzen glaubte, und sie empfing im Leibe den heiligen Geist, damit in die Welt Jesus einträte, damit der Böse, durch dasselbe Fleisch, durch das er sein Wesen trieb, besiegt, überführt wurde, daß er nicht Gott sei. Denn durch seinen eigenen Leib hat Jesus Christus alles Fleisch gerettet [und zum ewigen Leben geführt durch den Glauben], indem er den Tempel der Gerechtigkeit darstellte in seinem Leibe, durch den wir erlöst sind.(Ebd., S. 259)

An späterer Stelle sagt Paulus in den Paulusakten:

„Und jetzt, Brüder, steht eine große Versuchung bevor; wenn wir diese ertragen haben, werden wir den Zugang zum Herrn haben und werden als Zuflucht und Schild des Wohlgefallens empfangen Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, wenn ihr nun das Wort so empfanget, wie es ist. Einen Geist der Kraft hat Gott am Ende der Zeiten um unsertwillen ins Fleisch herabgesandt, das heißt in Maria die Galiläerin, gemäß dem prophetischen Worte, der als Leibesfrucht getragen und geboren wurde von ihr, bis sie entband und gebar [Jesus,] den Christus, unseren König, aus Bethlehem in Judäa, aufgezogen in Nazareth, hingehend aber nach Jerusalem und lehrend ganz Judäa: ‚Das Reich der Himmel (sc. Gottes) ist nahe herbeigekommen! Laßt ab von der Finsternis, ergreifet das Licht, die ihr im Dunkel des Todes dahinlebt. Ein Licht ist euch aufgegangen!‘ Und er tat große und wunderbare Dinge, sodaß er sich aus den Stämmen zwölf Männer erwählte, die er in Verständnis und Glauben mit sich hatte, Tote erweckend und Krankheiten heilend, Aussätzige reinigend und Blinde heilend, Krüppel gesund machend und Gelähmte gehend machend, Besessene reinigend …“ (Danach ist eine Lücke im Text.) (Ebd., S. 264)

Paulus erzählt von der Zeit seiner Bekehrung:

„In der Tat, es gibt kein Leben außer dem, das in Christus ist. Ich trat in eine große Kirche ein, bei dem seligen Judas, dem Bruder des Herrn, der mir von Anfang an die hohe Liebe des Glaubens gegeben hat. Ich führte meinen Wandel in der Gnade, bei dem seligen Propheten, und [beschäftigte mich] damit, Christus zu enthüllen, ihn, der vor [allen] Zeiten erzeugt ward.“ (Ebd., S. 269)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Klugheitsregeln für Gewissenszweifel: Update

Mir ist aufgefallen, dass der erste Teil meiner „Moraltheologie und Kasuistik“-Reihe (zur Frage, wie man bei Gewissenszweifeln zu einem Urteil findet) in einigen Dingen wohl noch unklar und unvollständig war und Fragen offen gelassen haben dürfte; daher habe ich ihn mal geupdatet. (Die Updates stehen unter dem bisherigen Text.)

Corona, Messe, Kommunion und Skrupulosität

Da ich mir denke, dass ich vermutlich einige Leser habe, die Probleme mit Skrupulosität haben, wäre es vermutlich hilfreich, zwei Punkte in der jetzigen Situation klarzustellen. Ich kann mir vorstellen, dass einige Leute gerade Gewissensängste haben; auf der einen Seite davor, Gott nicht richtig zu ehren; auf der anderen, für Krankheit oder Tod anderer Menschen verantwortlich zu sein. Daher ganz kurz zu folgenden zwei Punkten:

 

Zum Messbesuch:

  • Die Sonntagspflicht greift bis auf weiteres immer noch überhaupt nicht. Erstens könnten sie wegen der Abstandsregelungen in den Kirchen nicht immer alle Katholiken erfüllen, zweitens werden die meisten Bistümer sowieso davon dispensiert haben (die Sonntagspflicht ist ein kirchliches Gebot, von dem die Kirche beliebig dispensieren kann). Im Endeffekt kann sich also jeder entscheiden, ob er zur Messe geht, nachdem der Staat sie wieder erlaubt hat, oder zu Hause bleibt, erst recht, wenn er vielleicht keine Viren zu Familienmitgliedern mit Vorerkrankungen heimbringen will. Wer will und die Gelegenheit hat, darf natürlich auch auf weniger besuchte Werktagsmessen ausweichen.
  • Andererseits ist denen kein schlechtes Gewissen zu machen, die endlich wieder so oft wie möglich zur Messe gehen wollen. Man sehnt sich nach so langer Zeit doch schon ziemlich danach, aus gutem Grund, und es besteht dabei ein wirklich geringes Risiko. Freilich ist dieses Risiko nicht Null, aber Risiken kann man immer nur minimieren. Auch das Risiko für etwas Schlimmes, wie den Tod von anderen, darf oder muss man oft eingehen, wenn dieses Risiko wirklich gering ist. Man darf oder muss auch mal Auto fahren, obwohl man das Risiko nicht ausschließen kann, dass plötzlich ein Reh über die Straße springen und man geschockt ausweichen und in ein entgegenkommendes Auto fahren wird.

 

Zur Kommunion:

  • Viele haben sich über die Anweisung einiger Bischöfe aufgeregt, dass nur noch die Handkommunion erlaubt sein soll. Nun will ich hier nicht debattieren, ob diese Maßnahme aus hygienischer Sicht überhaupt Sinn macht, mit solchen Debatten lässt sich an der Anweisung nichts ändern. Was ich hier nur sagen will: wenn in der eigenen Pfarrei nur Handkommunion möglich ist, darf man Handkommunion machen. Das ist ein Notfall; der Herr sieht es in diesem Fall nach, dass die übliche Ehrerbietung nicht möglich ist. Auch vor dem Konzil gab es Notfälle, in denen Laien den Leib Christi berühren durften – z. B. um ihn vor Desekration zu schützen, wenn gerade kein Priester da war (etwa, wenn ein Bombenangriff erwartet wurde, und man die Hostien vorsichtshalber konsumierte, falls die Kirche und der Tabernakel getroffen werden würden), oder auch nur aus Schicklichkeitsgründen (der Moraltheologe Heribert Jone schreibt über Fälle, wenn bei der Kommunionspendung die Hostie dem Priester herunterfällt: „Wenn die Hostie auf die Kleidung einer Frau fällt, nimmt diese sie und reicht sie dem Priester“ (Précis de théologie moral catholique, Nr. 518)). Freilich sind manche Praktiken bei der jetzigen Kommunionspendung fragwürdig, insbesondere, wenn der Priester die Hostie mit Gummihandschuhen anfasst, an denen Krümel kleben bleiben könnten. Das ist allerdings erst mal die Verantwortung des Priesters, ob er solche Handschuhe nimmt und ob/wie er sie purifiziert; als Laie darf man einfach vorgehen und die Kommunion so empfangen, wenn der Priester das leider tut.
  • Andererseits sollte auch keinem ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, von wegen, er schätze die Eucharistie einfach nicht genug, wenn er nicht zur Handkommunion bereit ist. Die Kommunion ist nicht in jeder Messe Pflicht, und auch vom Gebot der Kommunion in der Osterzeit darf man sich in der jetzigen Pandemie dispensiert sehen; und es ist nichts Böses, den Herrn in einer ehrfurchtsvolleren Weise empfangen zu wollen. Wenn manche Priester (z. B. die, die die Messe im außerordentlichen Ritus feiern, wo es immer nur Mundkommunion gibt) sich in dieser Situation entscheiden, gar keine Kommunionspendung anzubieten, ist das eine legitime Entscheidung.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9b: Mitwirkung an fremden Sünden

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Zu den Sünden gegen die Nächstenliebe zählt es an vorderster Front, dem Nächsten Anlass zu einem Schaden an seiner Seele, also einer Schuld, zu sein, bzw. daran mitzuwirken. Hier unterscheidet man: Verführung, Ärgernis, Mitwirkung; im letzten Artikel ging es um die ersten beiden, hier zum dritten Punkt.

 

Mit der Mitwirkung ist die Mitwirkung an der Sünde eines anderen gemeint, die derjenige unabhängig von dem, was man selbst tut, schon begehen will, die also grundsätzlich aus dessen bösen Willen hervorgeht und deren Schuld er sowieso auf dem Gewissen hätte (auch, wenn er sie unter manchen Umständen nicht ausführen könnte, wenn man sich nicht beteiligen würde, oder man ihn durch seine Mitwirkung bestärkt, hätte er sie jedenfalls schon geplant), an deren Vorbereitung oder Ausführung man aber nicht unbeteiligt ist.

Ein Unterschied besteht zwischen formeller und materieller Mitwirkung.

„1. Als formal wird die Mithilfe (zur Sünde) bezeichnet, wenn der Helfer an der bösen Handlung nicht nur tatsächl. teilnimmt, sondern sie auch billigt. Durch diese innere Einstellung wird er im Sinn der begangenen Sünde schuldig. Außerdem versagt er in der Nächstenliebe, da er seinen Mitmenschen nicht, wie er sollte, vom sittl. Unwert abzieht, sondern ihn darin noch bestärkt.

2. Bloß material wird die Mithilfe (zur Sünde) genannt, wenn der Helfer mit der Sünde nicht einverstanden ist, sondern zur Mithilfe (zur Sünde) durch einen anderen Grund bewogen wird.“ (Karl Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Die Tat an sich ist allerdings trotzdem dieselbe; ein anderer Unterschied, der für die moraltheologische Beurteilung wichtiger wird, besteht daher zwischen direkter/unmittelbarer und indirekter/mittelbarer Mitwirkung.

Die direkte Mitwirkung wäre die Mitwirkung an einer schlechten Tat selbst, also z. B. die Mitwirkung an einem gemeinschaftlich begangenen Raub, die Mitwirkung eines Assistenzarztes bei einer Abtreibung oder Sterilisation. Die direkte Mitwirkung ist immer verboten.

Indirekte/mittelbare Mitwirkung besteht, wenn die Handlung, die man selbst vollzieht, an sich gut oder zumindest neutral ist, aber von jemand anderem in den Dienst einer schlechten Sache gestellt wird. Z. B.: die Mitwirkung eines Arztes bei der Nachsorge nach einer Abtreibung, die Mitwirkung eines Angestellten in der Buchhaltung bei der Auszahlung ungerechter Löhne oder dem Eintreiben von Wucherpreisen, die Arbeit einer Putzfrau in einem Stripclub, das Bereitstellen des Blumenschmucks für eine Schwulenhochzeit, das Kaufen von Kleidung, die unter schlechten Arbeitsbedingungen und zu Hungerlöhnen hergestellt worden ist, die Arbeit eines Taxifahrers, der jemanden zu einem Bordell fährt, das Vermieten eines Saals an eine antikatholische Sekte für ihre Treffen. Ich habe hier bewusst Beispiele genannt, die unter manchen Umständen (nicht unter allen) gerechtfertigt sein können. Die indirekte/mittelbare Mitwirkung kann auch noch näher oder entfernter sein; hier gibt es logischerweise unzählige Grade der Entfernung.

Eine indirekte formale Mitwirkung (bei der man zwar nur indirekt mitwirkt, aber die Sünde auch billigt), wäre auch verboten, aber eine indirekte materielle Mitwirkung (bei der man die Sünde nicht billigt, aber aus anderen Gründen indirekt mitwirkt) kann erlaubt sein.

An sich ist es gut, Mitwirkung an fremden Sünden zu vermeiden; aber in einer Welt, in der so extrem viele Sünden passieren, ist das nicht immer möglich, manchmal nicht praktikabel, und des öfteren nicht zumutbar/verpflichtend.

(Wie absurd es wäre, wenn keine noch so entfernte und ungewollte Mitwirkung am Bösen je erlaubt wäre, illustriert Jimmy Akin hier mit einem schönen Beispiel: „Nach der skrupulösen ‚beteilige dich nie, wenn Böses entstehen könnte‘-Meinung könnte selbst das Retten eines ertrinkenden Mannes verboten sein, da der Mann sicherlich später dann noch irgendwelche Sünden begehen wird. Aber Gott erwartet von uns, ihn zu retten, wenn wir können. Indem wir uns aus der menschlichen Gesellschaft zurückziehen würden, um Mitwirkung am Bösen zu vermeiden, würden wir angenommene Tatsünden mit tatsächlichen Unterlassungssünden vertauschen.“)

Kommen wir von solchen absurden Beispielen wieder zu etwas näheren Mitwirkungen. Kriterien, die bei der Mitwirkung in Betracht zu ziehen sind, sind insbesondere:

  • Wie schwerwiegend ist die Sünde? (Dazu: Ist sie, auch wenn sie materiell schwerwiegend ist, vielleicht formell nicht schwerwiegend, weil derjenige sich gar nicht bewusst ist, dass er falsch handelt, handelt er also ohne zurechenbare Schuld?)
  • Wie nahe ist die eigene Handlung an der Sünde?
  • Wie sicher sieht man voraus, dass die Sünde wirklich begangen wird, wenn man an der Vorbereitung mitwirkt? Besteht nur ein gewisses Risiko oder ist es schon sicher?
  • Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Sünde verhindert werden kann, wenn man seine Mitwirkung verweigert? (Ob die Sache so oder so passieren würde, ist bei der Abwägung zwar mit in Betracht zu ziehen, gibt aber nicht immer den Ausschlag; ein einfaches Beispiel: Wenn eine Chemiefirma 1942 gesagt hätte „wenn ich kein Zyklon B nach Auschwitz-Birkenau liefere, macht es jemand anders“, würde man das auch nicht unbedingt als Entschuldigungsgrund sehen.)
  • Hat man (z. B. als Polizist, Beamter, Vater oder Mutter…) eine besondere Verpflichtung, sie zu verhindern?
  • Und vor allem: Welche Schäden sind zu erwarten, wenn man seine Beteiligung verweigert, oder welche guten Dinge ergeben sich durch die Mitwirkung – d. h. wie ernst ist der Grund, aus dem man mitwirken würde?

Es ist hier letztlich immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Das Leben muss noch irgendwie lebbar sein; Gott verlangt von uns, „auf menschliche Weise“ ein rechtes Leben zu führen.

(Wenn man nicht oder nur schwer vorhersehen kann, dass eine gute oder neutrale Handlung jemand anderem für etwas Schlechtes nutzen wird, taucht die Frage nach Sünde gar nicht auf, auch wenn er dieses Schlechte dann tut. Wenn jemand auf dem Flohmarkt einen alten Gürtel verkauft, kann er nicht voraussehen, dass der Käufer damit seine Frau verprügeln wird. Entscheidend für die moralische Beurteilung ist nicht das letztendliche Gesamtresultat, sondern die eigene Handlung.)

Die Mitwirkung ist – je nach ihrer Entfernung von der Tat, nach dem Grund für die Mitwirkung etc. – für gewöhnlich weniger schwer als die Sünde selbst. Wenn jemand ohne ausreichenden Grund (aber vielleicht nicht ganz ohne Grund, sondern aus einem Grund, der eben nicht genügt) entfernt an einer Todsünde mitwirkt, kann das daher mal auch einfach eine lässliche Sünde sein.

Der hl. Alphons von Liguori schreibt über den Grund, aus dem materielle Mitwirkung erlaubt ist:

„Der Grund ist, dass, wenn du eine indifferente Handlung ohne böse Absicht ausführst, wenn ein anderer sie missbrauchen will, um seine Sünde auszuführen, du nicht verpflichtet bist, das zu verhindern außer durch die Nächstenliebe [d. h. nicht durch ein strenges Gebot der Gerechtigkeit, sondern nur durch die darüber hinausgehende Liebe]; und da die Nächstenliebe bei großen Beschwerlichkeiten nicht verpflichtet, sündigst du nicht, wenn du deine Mitwirkung aus einem gerechten Grund leistest; denn dann entsteht die Sünde eines anderen nicht aus deiner Mitwirkung, sondern aus der Bosheit dessen, der deine Handlung missbraucht. (Alphons von Liguori, Moral Theology. Volume I. Books I-III. On Conscience, Law, Sin and the Theological Virtues, übers. v. Ryan Grant, Mediatrix Press, Post Falls, 2017, S. 595. Übersetzung der englischen Übersetzung ins Deutsche von mir.)

 

Heribert Jone schreibt über die Mitwirkung:

„III. Die Mitwirkung. 1. Die formelle Mitwirkung, d. h. jene, mit der man sich an einer verwerflichen Handlung äußerlich beteiligt und gleichzeitig die schlechte Intention des anderen teilt, ist immer verboten.

2. Eine unmittelbare materielle Mitwirkung, d. h. die Mitwirkung an der verwerflichen Handlung selbst, aber ohne Teilhabe an der schlechten Intention, ist gleichermaßen verboten. Es besteht nur eine Ausnahme, wenn es sich um einen Schaden handelt, der Vermögensgüter betrifft, und das nur in bestimmten Fällen.“ (Précis de theologie morale catholique, Nr. 147, aus der französischen Übersetzung rückübersetzt ins Deutsche von mir.)

Hier kommt ein Verweis auf Nr. 354 im Buch, wo er schreibt:

„Man darf sich nur direkt an einer Handlung beteiligen, die dem Nächsten an seinen Gütern schadet, wenn man unter dem Einfluss einer schweren Furcht handelt, und man den Schaden wiedergutmachen kann und will, oder auch, wenn der Schaden selbst ohne diese Beteiligung verursacht worden wäre, oder auch, wenn er nur von geringer Bedeutung ist. Wenn keine dieser Bedingungen zutrifft, könnte man nur direkt an einer Handlung dieser Art teilnehmen, um für sich selbst einen unvergleichlich größeren Schaden zu vermeiden, z. B. den Verlust des Lebens.“

Hier geht es also darum, wenn z. B. eine Angestellte in einem Laden von einem Räuber mit einer Waffe bedroht wird und ihn deshalb zu einem Safe führt, den Safe öffnet und das Geld herausgibt. Damit schadet sie zwar dem Inhaber an seinem Besitz, aber in diesem Fall ist das keine Sünde, weil sie um einen „unvergleichlich größeren Schaden“, nämlich den Verlust ihres Lebens, fürchten muss, und sie hat daher auch keine Pflicht zur Wiedergutmachung. (Der Inhaber würde das wohl auch kaum von ihr erwarten und lieber selbst auf seine Besitztümer verzichten.) Ein anderer Fall könnte z. B. sein, wenn man von jemandem aus seinem Umfeld bedroht und erpresst wird, um bei einem Diebstahl mitzumachen, und man unter „dem Einfluss einer schweren Furcht“ mitmacht, den Schaden aber wiedergutmachen will.

Dass das erlaubt ist, liegt einfach daran, dass das Eigentumsrecht kein absolutes Recht ist, und vor höherrangigen Rechten (z. B. dem Lebensrecht) Platz machen muss; bekanntlich darf auch ein Verhungernder Essen stehlen. Man dürfte aber nicht, wenn man von einem Verbrecher bedroht wird, z. B. direkt an einer Entführung, Vergewaltigung, Folterung oder Ermordung mitwirken.

„3. Eine mittelbare materielle Mitwirkung, d. h. die Mitwirkung an einer Handlung, die nur die Vorbereitung einer verwerflichen Handlung ist [also eben eine Handlung, die von dem anderen nur in den Dienst seiner schlechten Sache gestellt wird, aber nicht direkt dazugehört, wie oben gesagt], ist gleichermaßen normalerweise verboten. Sie kann aber erlaubt sein, wenn die Handlung, an der man sich beteiligt, gut oder wenigstens indifferent ist und es einen angemessen schwerwiegenden Grund gibt.

Der Grund muss entsprechend schwerwiegender sein, wenn die Sünde des Nächsten schwerwiegender ist, wenn die Handlung direkter an der Sünde mitwirkt, wenn die Sünde ohne die Mitwirkung sicherer verhütet werden könnte, wenn man strenger verpflichtet ist, diese Sünde zu verhindern.“ (Nr. 147)

 

Er bringt dann eine ganze Reihe an Beispielen für die Mitwirkung; ich will einige zitieren, um den Lesern einen Eindruck zu vermitteln, wie er Einzelfälle beurteilt hätte, und auch zum Vergleich Meinungen anderer Theologen (z. B. zu Mitwirkung bei der Arbeitsstelle, zu Mitwirkung in der Politik generell, zu Mitwirkung in einer Diktatur oder in einem Zustand der Gefangenschaft speziell, zur Mitwirkung von Juristen bei Scheidungen oder Standesbeamten bei Zivilehen, zur Mitwirkung an kirchenfeindlichen Schriften oder bei häretischen Sekten…). Weiter unten bringe ich noch eigene Beispiele, die damals vielleicht nicht so oft vorkamen oder die bei diesen Theologen einfach nicht erwähnt worden sind (z. B. zur Mitwirkung bei Abtreibungen, Verhütung oder Schwulenhochzeiten, oder zur Investition in bestimmte Firmen).

Zum Verständnis der folgenden Texte: ein „gerechter und vernünftiger Grund“ heißt in Kasuistik und Kirchenrecht „nicht ganz ohne Grund und nicht aus einem ungerechten/unvernünftigen Grund“, ein „gerechter und vernünftiger Grund“ ist aber leicht gefunden; ein „ernster/schwerwiegender Grund“ muss ein gewisses Gewicht haben, ist aber nichts Abwegiges; ein „sehr schwerwiegender Grund“ ist schon etwas Außergewöhnliches. „Sehr schwerwiegend“ heißt aber nicht automatisch „selten“; man kann in einem Land oder einer Zeit leben, in dem/der generell außergewöhnliche Verhältnisse herrschen, sodass in diesem Land oder dieser Zeit relativ oft „sehr schwerwiegende Gründe“ für diese oder jene Sache auftreten. Es kommt letztlich einfach auf die objektive Schwere des Grundes an.

Klar ist immer: Wenn eine Mitwirkung sich nicht rechtfertigen lässt, und man sich ihr auch nicht unauffällig entziehen kann, muss man sich klar weigern und erklären, dass man die besagte Sache nicht tun wird. Andere haben die Pflicht, darauf Rücksicht zu nehmen, wenn jemand etwas mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann; und wenn sie merken, dass man sich nicht auf die Sache einlässt, stellen sie sich glücklicherweise in einigen Fällen auch irgendwann darauf ein. Manchmal tun sie das freilich nicht, und man muss die Konsequenzen tragen. Man sollte auch sehen, dass man, wenn man z. B. als Unternehmer in seinem Unternehmen strikt bestimmte Mitwirkungen am Bösen meidet, damit auch eine katholische Oase schaffen kann, die es katholischen Mitarbeitern leichter macht, und eine Vorbildfunktion für andere Katholiken hat. Je mehr Menschen sich einer Mitwirkung am Bösen entziehen, desto leichter wird es für andere, sie nachzuahmen.

Auch zu bedenken: Es ist praktisch gesehen öfter, wenn auch nicht immer, effektiver und macht mehr Eindruck, eine Mitwirkung ganz zu verweigern, als darauf zu hoffen, dass man, indem man sich beteiligt, einige Auswüchse verhindern und die Sache weniger schlimm machen kann, als sie sonst gewesen wäre. Auch wenn es einen rechtfertigenden Grund für die Mitwirkung gibt, an der Schwere der Sache selbst kann man oft nichts ändern.

Noch etwas Allgemeines zu den folgenden Fällen: Im Zweifelsfall über die Erlaubtheit einer Sache macht es Sinn, 1) die Klugheitsregeln für Zweifelsfälle zu kennen (kurz zusammengefasst: im Normalfall darf man etwas tun, wenn es wahrscheinlich erlaubt ist; Ausnahmen gibt es, wenn sehr wichtige Dinge auf dem Spiel stehen), 2) einen (verlässlichen!) Priester zu fragen.

 

Jetzt also erst einmal Beispiele von Jone und anderen älteren Moraltheologen:

 

Jone schreibt über Geldspenden:

Geldspenden für den Bau und Unterhalt nichtkatholischer Schulen und Waisenhäuser.

Wenn das Ziel dieser Einrichtungen in erster Linie Unterricht und Wohltätigkeit ist, kann man sie in gemischtreligiösen Ländern mit Geld unterstützen, unter der Bedingung, dass kein Ärgernis entsteht und diese Einrichtungen nicht dafür benutzt werden, den Abfall der Katholiken herbeizuführen.

Beiträge für sozialistische oder radikale Syndikate.

Wenn diese Syndikate zum Ziel haben, Armen, Kranken etc. … zu helfen, kann ein Beitrag aus einem proportionalen Motiv erlaubt sein. Aber wenn diese Syndikate zum Ziel haben, die Kirche zu bekämpfen, Sozialisten oder Radikale wählen zu lassen oder andere vergleichbare Ziele, wäre der Beitrag verboten.“ (Nr. 149)

Das Gesagte dürfte heute für entsprechende Hilfsorganisationen genauso gelten.

 

Ein großes Thema ist natürlich die Mitwirkung im Beruf. Austin Fagothey SJ schreibt allgemein über Angestellte:

„Angestellte, weil sie ihre Dienste einer Firma zur Verfügung stellen, deren Programm sie nicht bestimmen, sind besonders der Gefahr der materiellen Mitwirkung ausgesetzt. Man darf keine Anstellung bei einer Firma behalten, die kontinuierlich und gewohnheitsmäßig ein moralisch verwerfliches Geschäft betreibt. Wenn sie das nur gelegentlich tut, müssen sich Angestellte nicht beunruhigen, solange ihre materielle Mitwirkung entfernt bleibt; aber wenn sie merken, dass nahe materielle Mitwirkung von ihnen relativ häufig verlangt wird, müssen sie einen schwerwiegenden Grund haben, bei ihrer Arbeitsstelle zu bleiben, und müssen in der Zwischenzeit eine ernsthafte Anstrengung unternehmen, andere Arbeit zu finden.“ (Right and Reason, S. 340)

Im Allgemeinen darf man wohl sagen, dass man, wenn man zu der Ansicht kommt, dass man eine Arbeit nicht behalten kann, weil man zu oft relativ nahe materielle Mitwirkung leisten müsste, man während der Kündigungsfrist seine Arbeit noch normal leisten kann, da man mit diversen Konsequenzen zu rechnen hätte, wenn man das nicht tun würde.

Jone schreibt detaillierter:

„Mitwirkung Untergebener an den Sünden ihrer Vorgesetzten.

Dienstboten können, sogar nur aufgrund ihres Dienstverhältnisses, ihren Dienstherren an einem verbotenen Tag auf deren Verlangen hin Fleisch zubereiten, und ihnen Wein reichen, auch wenn sie wissen, dass sie sich betrinken werden. – Gleichermaßen kann ein Dienstbote seinem Dienstherren schlechte Bücher oder schlechte Zeitungen kaufen oder ihm solche liefern, die schon gekauft sind. – Aus einem proportional schwerwiegenden Grund kann ein Dienstbote im Auftrag seines Dienstherrn einer Person, mit der der Dienstherr schuldhafte Beziehungen unterhält, Briefe oder Geschenke überbringen. Er kann ihn zu dem Haus dieser Person fahren oder dieser Person die Tür öffnen. Aber er hat nie das Recht, diese Person direkt zur Sünde auffordern. Er kann sie allerdings aus einem ernsthaften Grund bitten, zu seinem Dienstherrn zu kommen, auch wenn er weiß, dass sie eine Sünde mit diesem begehen wird. Aber eine solche Einladung wäre nie erlaubt, wenn sie die erste Versuchung darstellen würde. – Büroangestellte können auf Verlangen ihrer Vorgesetzten Rechnungen abtippen, die andere schädigen müssen, und sie können selbst, aus sehr ernsthaften Gründen, auf Verlangen dieser Vorgesetzten, diese Rechnungen selbst aufsetzen. – Droschkenkutscher und Mietfahrer können ihre Dienste selbst denen leisten, die sich zu verrufenen Häusern fahren lassen wollen, da, zum einen Teil, sie das Übel nicht verhindern können, und, zum anderen Teil, ihre Weigerung ihnen einen schwerwiegenden Schaden bereiten würde.

Mitwirkung von Handwerkern und Geschäftsleuten

Schneiderinnen können, aus einem vernünftigen Grund und auf Verlangen, wenig anständige Kleider herstellen, von denen das Tragen allerdings keine Todsünde darstellt. Was Kleidung angeht, bei der es unmöglich ist, sie ohne schwere Sünde zu tragen, können sie sie nur aus einem sehr ernsthaften Grund herstellen. Aber wenn man solche Kleider macht, nicht um einen Auftrag auszuführen, sondern um Kunden anzulocken, sündigt man durch Ärgernis. – Geschäftsleute haben das Recht, Dinge zu verkaufen, die missbraucht werden können, deren Missbrauch sie aber nur in genereller Weise voraussehen, z. B.: Spielkarten, Waffen, Schminke, Schmuck. Wenn man sich aber sicher ist, dass der Käufer sie missbrauchen würde, braucht es einen ernsthaften Grund, um verkaufen zu dürfen; das Entgehen des Gewinns allein genügt nicht. Gastwirte dürfen einer Person, die sich wahrscheinlich betrinken wird, oder einer schon betrunkenen Person keine alkoholischen Getränke ausschenken. Wenn es keinen Dispens gibt, ist es ihnen nicht erlaubt, ihren Gästen an einem verbotenen Tag unaufgefordert Fleisch anzubieten; wenn man sich sicher ist, dass ein bestimmter Gast keinen Dispens hat, darf man ihm nur Fleisch servieren, um einen schwerwiegenden Schaden zu vermeiden. – Man darf gleichermaßen den Gästen keine Zeitungen bereitstellen, die kontinuierlich den Glauben und die guten Sitten angreifen, selbst im Fall, dass viele Kunden den Betrieb boykottieren würden, wenn man sie ihnen nicht gibt. Man muss sich im übrigen in Erinnerung rufen, dass diese Zeitungen unter die Vorschriften des Index fallen (Can. 1384, § 2 und Can. 1999 Nr. 3). Wenn diese Zeitungen nur von Zeit zu Zeit den Glauben und die Sitten angreifen, kann man sie den Gästen auf spezielle Anfrage aushändigen, wenn die Weigerung, sie ihnen zu geben, einen schweren Schaden verursachen würde. Nur im Fall, dass man aus Erfahrung weiß, dass fast alle Gäste diese Zeitungen verlangen und den Betrieb boykottieren werden, wenn man sie ihnen nicht zur Verfügung stellt, kann man es tun, aber man muss ihnen dann auch gute Zeitungen zur Verfügung stellen.“ (Nr. 152f.)

Der hl. Alphons schreibt über Angestellte von Wucherern:

„Einer, der Wucher nur dadurch fördert, dass er Geld zählt, Rechnungen schreibt oder ein Pfand gibt, kann nur durch Gründe des Dienstverhältnisses von Sünde entschuldigt werden“ (Alphons von Liguori, Moral Theology, S. 606.)

Man sollte, was das Ausschenken von Alkohol angeht, anmerken, dass es in Deutschland nach dem Gaststättengesetz sogar verboten ist, „in Ausübung eines Gewerbes alkoholische Getränke an erkennbar Betrunkene zu verabreichen“ (§ 20 Nr. 2 GastG). (Das Verbot trifft hier freilich den eigentlich verantwortlichen Wirt, nicht die Kellnerin.) Hier ist das Gesetz also auch mal auf der Seite der Moral.

Was das Servieren von Fleisch angeht, ist das (außer an zwei Tagen im Jahr) nicht mehr aktuell, selbst wenn ein Wirt Gäste hat, von denen er weiß, dass sie auch katholisch sind, weil es Katholiken nach dem neueren Kirchenrecht freigestellt ist, ob sie an einem Freitag auf Fleisch verzichten oder ein Ersatzopfer bringen wollen; nur eins davon ist verpflichtend. Und der Wirt kann seine Gäste schlecht fragen, ob sie auch ein Ersatzopfer bringen, wenn sie sich jetzt das Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat bestellen.

 

Ein großes Thema waren für die Moraltheologen der alten Zeiten immer Medien, die den Glauben angreifen; damals legte die Kirche noch mehr Wert auf dieses Thema und setzte ja auch Bücher auf den Index (die durfte ein Katholik dann nur mit Genehmigung lesen, z. B. wenn er einen Zeitungsartikel zur Widerlegung schreiben wollte, oder sich als Theologiestudent mit den gegnerischen Ansichten beschäftigen musste, und ein katholischer Buchhändler durfte sie nur an jemanden mit Genehmigung verkaufen). Der Index ist heute abgeschafft, also nicht mehr kirchenrechtlich verbindlich (das heißt nicht, dass diese Bücher besser geworden sind, aber wenn man wissen will, was der Gegner sagt, muss man nicht mehr bei der Kirche anfragen, ob man es lesen darf), und über dieses Thema redet man nicht mehr oft; trotzdem ist es ja immer noch so, dass vor allem beeinflussbare und leichtgläubige Menschen sich durch antikatholische Propaganda ziemlich schädigen lassen können, und man es daher nicht ganz außer Acht lassen sollte (und auch selbst solche Bücher lieber vermeiden sollte, wenn man weiß, dass man nicht unterscheiden kann, wo sie die Wahrheit sagen und wo sie sie verzerren oder lügen).

Jone schreibt also:

„Mitwirkung betreffs irreligiösen und unmoralischen Büchern, Zeitschriften und Zeitungen

Es ist nie erlaubt, solche Zeitungen etc. zu drucken, herauszubringen oder zu redigieren. Die Handlung der Schriftsetzer und Korrektoren der Druckerei wird als direkte Mitwirkung angesehen und kann nur aus einem sehr schwerwiegenden Motiv erlaubt sein, z. B. wenn man keine andere Möglichkeit hat, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. – Die Vorbereitung und Bereitlegung des Papiers, die Vorbereitung der Druckerschwärze, die Bedienung der Maschinen sind Handlungen, die für einige Zeit erlaubt sind, wenn man einen mittelmäßig ernsten Grund hat. – Der Verkauf von Druckerschwärze, Papier, Maschinen etc. an solche Druckereien ist nur eine sehr entfernte Mitwirkung und der bloße Wunsch nach Gewinn kann sie rechtfertigen. – Einen guten Artikel einer schlechten Zeitung zu schicken, begünstigt diese Zeitung, so geringfügig das auch ist, und kann daher nur aus einem gerechten und vernünftigen Grund erlaubt sein, der vom Bischof als solcher anerkannt ist (Can. 1386, § 2). Wenn sich die Sache nicht aufschieben lässt, kann man von der Erlaubnis ausgehen. [Nach dem heutigen Kirchenrecht muss man hier bekanntlich nicht mehr beim Bistum anfragen.] Aber als Mitarbeiter regelmäßig gute Artikel zu einer schlechten Zeitung beizutragen heißt, sie auf wichtige Weise zu unterstützen, und das kann nur aus einem extrem ernsten Grund erlaubt sein, z. B.: die Tatsache, dass man sich nicht anderweitig den notwendigen Lebensunterhalt für sich und die seinen verschaffen könnte. – Anzeigen in einer schlechten Zeitung aufzugeben bedeutet an sich generell keine wichtige Unterstützung und kann dementsprechend aus einem ernsthaften Motiv erlaubt sein. Aber häufige Anzeigen eines einzelnen Geschäftsmanns oder einer Gruppe von Geschäftsleuten sind eine bedeutende Unterstützung und können nur aus deutlich ernsthafteren Gründen erlaubt sein. – Um Schriften gegen den Glauben zu verkaufen, bedarf es einer speziellen Erlaubnis des Heiligen Stuhls und außerdem darf man sie nur an Personen verkaufen, von denen man vernünftigerweise annehmen kann, dass sie die Erlaubnis haben (Can. 1404, cf. Nr. 400). Im Zweifelsfall muss man annehmen, dass der Käufer die Erlaubnis hat (Nemo malus nisi probetur [=Niemand darf als Übeltäter angesehen werden, wenn es nicht bewiesen ist]). Man darf sie an andere verkaufen, wenn, wenn man sich weigern würde, man einen besonders schweren Schaden leiden würde, z. B. wenn man gezwungen wäre, sein ganzes Geschäft aufzugeben. Was Schriften angeht, die ex professo unmoralisch sind, ist es nicht erlaubt, sie zu verkaufen (Can. 1404). – Die Verteilung schlechter Zeitungen muss als eine sehr nahe Mitwirkung angesehen werden, und kann daher nur erlaubt sein, um schweren Schaden zu vermeiden. – Das Abonnement einer schlechten Zeitung kann nur aus einem sehr wichtigen Grund erlaubt sein, z. B.: ein großer Nutzen für sein Geschäft; aber es wäre nicht erlaubt, diese Zeitung allein deshalb zu beziehen, um zu wissen, was die Gegenseite sagt. Von Zeit zu Zeit eine solche Zeitung zu kaufen ist nur eine sehr entfernte Mitwirkung und kann an sich aus einem geringfügigen Grund erlaubt sein, unter der Bedingung, dass es nicht für Ärgernis sorgt. Aber für die Lektüre solcher Zeitungen muss man auch die kirchlichen Regeln des Index berücksichtigen (cf. Nr. 379, 400 ff.)“ (Nr. 150)

Jone würde also nicht erlauben, z. B. langfristig für den Spiegel oder den Playboy zu arbeiten, oder diese Zeitungen mit einem langfristigen Abonnement zu unterstützen.

Fagothey schreibt zum selben Thema:

„Zum Beispiel begeht ein Mann, der ein unmoralisches Buch schreibt, eine in sich schlechte Handlung; die Verleger, die ein solches Buch annehmen und edieren, sind formell Mitwirkende; Schriftsetzer, Korrekturleser und andere, die den eigentlichen Text vorbereiten, sind nah materiell Mitwirkende; diejenigen, die bloß die Druckerpressen betreiben, die Bücher binden und sie zur Auslieferung vorbereiten, sind entfernt materiell Mitwirkende. Die Chefs von Buchhandelsfirmen, die solche Bücher verkaufen, sind formell Mitwirkende, Angestellte, die sie verkaufen, sind nah materiell Mitwirkende, Sekretäre, die die sie betreffende Geschäfstkorrespondenz erledigen, sind entfernt materiell Mitwirkende. Je näher die Mitwirkung, desto wichtiger muss der proportionale Grund sein, der nötig ist, um die materielle Mitwirkung erlaubt zu machen.“ (Right and Reason, S. 339)

Bernhard Häring schreibt über schlechte Bücher:

„Von der Buchdruckerei und ihren Angestellten (nicht vom Verlag!) kann man wohl im allgemeinen sagen, daß ihre Mitwirkung nur materiell ist, da es nicht zu ihrer Tätigkeit als solcher gehört, sich den Inhalt auf seinen Sinn und seine Qualität anzuschauen. Der Besitzer und die Leiter einer Buchdruckerei wären aber nicht von schwerer Sünde entschuldigt, wenn sie ihre Arbeit in den Dienst schlechten Schrifttums stellen würden. Wegen des einen oder andern schlechten Abschnittes wären sie jedoch nicht verpflichtet, den Druck zurückzuweisen, wenn sie ihn doch nicht verhindern könnten. Die Angestellten mit rein technischen Verrichtungen können sich gar nicht vergewissern, ob alles, woran sie arbeiten, sittlich in Ordnung ist.“ (Das Gesetz Christi, S. 926.)

Man sollte hier vielleicht anmerken, dass heute die wenigsten Buchhandlungen Wert darauf legen, ihr Geschäft auf eine aus katholischer Sicht moralisch einwandfreie Weise zu führen, und man z. B. als Verkäuferin im Buchhandel kaum noch Arbeit finden würde, wenn man jede Beteiligung daran verweigern würde, z. B. Bücher für Kunden zu bestellen, in denen esoterische oder atheistische Ideen verbreitet werden, und sich daher an das halten, was Jone z. B. weiter oben über das Recht des Dienstboten gesagt hat, seinem Dienstherrn eine schlechte Zeitung zu kaufen. Freilich sollte man einem Kunden nicht von sich aus schlechte Bücher empfehlen, aber sie ihm auf Nachfrage verkaufen darf man wohl.

Wesentlich schwieriger wäre es bei Lektoren, die für einen eher schlechten Verlag arbeiten, bei dem sich ziemlich nahe Mitwirkung an schädlichen Inhalten kaum vermeiden lässt, bei dem in einem großen Teil der Veröffentlichungen irgendetwas Esoterisches, Modernistisches, Kirchenfeindliches oder Unmoralisches steht. Nicht erlaubt wäre es z. B. auch, ein Jobangebot als Hilfskraft bei einem pseudo-katholischen Theologen anzunehmen, dem man bei der Vorbereitung voraussichtlich häretischer Vorlesungen oder Veröffentlichungen helfen soll, (auch nicht, weil man hofft, ein paar häretischen Auswüchsen entgegenwirken zu können (was übrigens eine sehr sehr dumme Hoffnung ist)).

 

Weiter zum nächsten Thema, über das Jone schreibt:

„Mitwirkung an unangebrachten Darbietungen und Tänzen

Wer Darbietungen liefert oder Tänze von schwerwiegend sündhafter Art aufführt, wer sie organisiert, wer sie durch sein Geld ermöglicht oder dazu einlädt, an ihnen teilzunehmen, sündigt schwer; wenn es sich nur um leicht unanständige Darbietungen oder Tänze handelt, ist die Sünde nur lässlich. – Die Musiker, die einen unangebrachten Tanz begleiten, sündigen schwer, wenigstens wenn sie nicht durch einen sehr schwerwiegenden Grund entschuldigt sind. – Polizisten und Soldaten, die verpflichtet sind, anwesend zu sein, um für Ordnung zu sorgen, begehen keine Sünde. – Diejenigen, die das Theater oder den Tanzsaal instand halten, wirken nur auf eine sehr entfernte Weise mit, und daher kann ein wenig wichtiger Grund sie entschuldigen. – Für die Vermietung der Räumlichkeiten muss es einen sehr wichtigen Grund geben, wenn der Tanz oder die Darbietung ohne diese Vermietung nicht stattfinden könnte. Aber wenn die Organisatoren andere Räumlichkeiten finden könnten, genügt ein weniger wichtiger Grund zur Entschuldigung.“ (Nr. 151)

 

Über die Mitwirkung von Juristen schreibt Jone:

„Mitwirkung des Richters an der Ausführung eines schlechten Gesetzes durch ein Urteil in Konformität mit dem Gesetz

Dinge, die in sich schlecht sind, dürfen nie kraft eines Richterspruchs vorgeschrieben werden. Z. B.: Ein Richter kann jemandem nicht gebieten, einem Götzen zu opfern oder mit einer Person zusammenzuleben, die vor Gott nicht seine Frau ist. Zum Thema der Mitwirkung eines Beamten an der Schließung einer ungültigen Ehe, s. Nr. 660, an einer Scheidung, s. Nr. 766.

Was Strafen angeht, die auf Verstöße gegen ein ungerechtes Gesetz gesetzt sind, kann der Richter sie verhängen, wenn es sich um leichte Strafen handelt, und es wenig Hoffnung gibt, dass der vereinte Widerstand guter Kräfte dafür sorgen könnte, dass das Gesetz außer Gebrauch gesetzt wird. In einem solchen Fall kann der Verurteilte nicht vernünftigerweise unzufrieden sein; diese Erwägungen haben einen besonderen Wert, wenn das Gemeinwohl verlangt, dass ein guter Richter im Amt bleibt. Aber der Richter darf jemanden in einem solchen Fall niemals eines Gutes berauben, auf das er nicht [von sich selbst aus] verzichten dürfte, z. B. des Lebens. […]

Generell muss man dasselbe bei Geschworenen sagen wie bei Richtern.“ (Nr. 154)

In Nr. 660, auf die oben verwiesen wurde, schreibt er: „Ein Katholik kann ohne spezielle Erlaubnis als Staatsbeamter an einer Zivilehe mitwirken, wenn die [katholischen] Verlobten der zivilen Formalität direkt die kirchliche Eheschließung folgen lassen werden. – Es braucht einen wichtigen Grund, um an einer Zivilehe mitzuwirken, wenn es sicher ist, dass die kirchliche Eheschließung nicht folgen wird. Wenn ein Ehehindernis, von dem nicht dispensiert werden kann [d. h., eins, das sich aus dem göttlichen Recht, nicht aus dem kirchlichen Recht ergibt, von dem die Kirche einen also nicht entbinden könnte], sich der Eheschließung entgegenstellt (z. B.: das [frühere] Eheband), erlauben gewisse Autoren die Mitwirkung, aber nur aufgrund eines extrem schwerwiegenden Motivs.“

Aus heutiger Sicht könnte man anmerken, dass Standesbeamte vermutlich oft gar nichts über die Pläne der Paare für kirchliche Eheschließungen usw. wissen, und die Assistenz daher im Allgemeinen für erlaubt halten.

Es stellt sich die Frage, ob man die Sache ganz als bloß zivilrechtliche Angelegenheit betrachten sollte; dann würde sich die Frage nach der Mitwirkung an etwas Falschem (dem Versuch einer ungültigen Eheschließung) nicht stellen. Dagegen muss man aber einwenden: Die meisten Leute, die standesamtlich heiraten, wollen damit eine wirkliche Ehe schließen, nicht nur eine zivile Formalität erledigen, und Nichtkatholiken können auf dem Standesamt eine objektiv vor Gott gültige Ehe schließen (Katholiken können erst in einer kirchlichen Zeremonie gültig heiraten, auch wenn sie die standesamtliche Prozedur vorher erledigen müssen; sie dürfen diese nicht als die eigentliche Eheschließung betrachten).

Unter die von Jone oben erwähnten Ehen, die nicht gültig sein können, und bei denen man nur aufgrund eines extrem schwerwiegenden Motivs assistieren könnte, würden wohl auch homosexuelle „Ehen“ zählen.

Allgemein empfiehlt es sich wohl nicht, als Katholik Standesbeamter zu werden.

In Nr. 766 schreibt er: „Ein katholischer Richter, der aufgrund seines Amtes verpflichtet ist, ein Verlangen nach einer Scheidung zu akzeptieren, kann, nach der wahrscheinlichen Meinung der Autoren, am Scheidungsurteil mitwirken, da man die Auflösung der Zivilehe wie ihre Schließung als eine einfache zivile Formalität sehen kann. Der Richter muss allerdings, soweit möglich, jegliches Ärgernis vermeiden, und beim vorgeschriebenen Schlichtungsversuch den Eheleuten die Gesetze der katholischen Kirche in Erinnerung rufen. Manchmal allerdings hat der Heilige Stuhl aufgrund des besonderen Ärgernisses strengere Verordnungen getroffen. Ein katholischer Anwalt muss die Verteidigung einer Scheidungssache verweigern. Aber wenn er aufgrund des Armenrechts dieser Sache amtlich zugeteilt wird, sind auf ihn dieselben Regeln wie auf den Richter anzuwenden.“

Der hl. Johannes Paul II. hat in jüngerer Vergangenheit über die Mitwirkung ziviler Richter und Anwälte an Scheidungssachen gesagt:

„Anderseits sollen diejenigen, die im Bereich des Zivilrechts tätig sind, es vermeiden, persönlich miteinbezogen zu werden, insofern dies eine Mitwirkung an der Scheidung impliziert. Für die Richter kann das sehr schwierig sein, weil die Rechtsordnungen keine Verweigerung aus Gewissensgründen anerkennen, die sie vom Urteilen befreien. Aus schwerwiegenden und angemessenen Gründen können sie deshalb entsprechend den traditionellen Prinzipien der materiellen Mitwirkung am Bösen handeln. Aber auch sie müssen wirksame Mittel finden, um die ehelichen Verbindungen zu begünstigen, vor allem durch einen klug geführten Versöhnungsversuch. 

Die Anwälte als freiberuflich Tätige müssen es stets ablehnen, ihren Beruf auszuüben für eine der Gerechtigkeit entgegengesetzte Zielsetzung, wie dies die Scheidung ist; sie können sich an einer Handlung nur dann beteiligen, wenn diese entsprechend der Absicht des Klienten nicht auf den Bruch des Ehebundes ausgerichtet ist, sondern auf andere legitime Effekte, die nur mittels eines solchen gerichtlichen Weges in einer bestimmten Rechtsordnung zu erreichen sind (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2383). Auf diese Weise dienen die Anwälte wirklich den Rechten der Menschen durch ihre Hilfe und durch die Aussöhnung der Personen, die eine Ehekrise durchleben, und sie vermeiden es, reine Techniker im Dienst jedes beliebigen Interesses zu werden.“

D. h. ein Anwalt könnte an einer Scheidungssache mitwirken, wenn z. B. eine Frau, die ihren Mann verlassen hat, weil er sie geschlagen hat, mit der Scheidung eine anständige Besitzaufteilung erreichen und Unterhaltsansprüche durchsetzen will, aber nicht, um eine wahre Auflösung der Ehe zu erreichen, die bekanntlich nicht möglich ist.

 

Über die Mitwirkung von Wählern bei politischen Wahlen schreibt Jone:

„Die Wahlenthaltung scheint zumindest eine lässliche Sünde zu sein wenn der gute Kandidat einen schlechten Konkurrenten hat; man kann eine schwere Sünde begehen, wenn man durch seine Enthaltung verantwortlich ist, dass ein schlechter Kandidat gewählt wird. [Hier geht es wohl um sehr knappe Wahlen oder Wahlen in kleinen Gemeinschaften; für gewöhnlich fallen einzelne Stimmen ja kaum ins Gewicht.]

Man darf seine Stimme einem schlechten Kandidaten geben, insofern das nötig ist, um die Wahl eines schlechteren zu verhindern, aber eine angemessene Erklärung muss den Grund für diese Handlungsweise erklären. [Hier ist gemeint: Wenn man öffentlich darüber redet, oder die Wahl nicht geheim ist, muss man dazu sagen, wieso man einen Kandidaten trotz seiner Schlechtigkeit gewählt hat.] Ausnahmsweise könnte man einmal seine Stimme einem schlechten Kandidaten geben, um einen sehr schweren persönlichen Schaden zu vermeiden. [Hier geht es wohl um Wahlen in einer Diktatur; man denke an die DDR.]“ (Nr. 204)

Über die Mitwirkung eines Parlamentsabgeordneten bei der Verabschiedung eines schlechten Gesetzes sagt er:

„Die Mitwirkung an einem schlechten Gesetz ist eine Sünde.

Eine Ausnahme wird nur zugestanden, wenn die Abgeordneten mit dieser Mitwirkung ein größeres Übel verhindern […]; in diesem Fall müssen sie öffentlich ihren Standpunkt klarmachen.“ (Nr. 203)

Wenn also z. B. nur zwei Gesetzesentwürfe zur Auswahl stehen, einer, der Abtreibung generell innerhalb einer bestimmten Frist erlauben soll, und einer, der sie nur in Ausnahmefällen, z. B. bei behinderten Kindern, erlauben soll, dürften Abgeordnete für den weniger schlimmen stimmen, müssten aber deutlich machen (sofern sie im Parlament zu Wort kommen jedenfalls), dass sie auch gegen das Töten behinderter Kinder sind und ihnen der weniger schlechte Entwurf nicht genug ist.

Über Parteien schreibt Häring:

„Die Wahl eines Abgeordneten oder einer Partei, die offensichtlich unsittliche oder widerchristliche Grundsätze vertritt, bedeutet an sich Billigung und Unterstützung dieser Grundsätze und ist darum formelle Mitwirkung. Die Grundsätze der kommunistischen Partei sind so sehr gegen die christliche Sitte und Lehre, dass das Heilige Offizium [das Heilige Offizium war das, was heute die Glaubenskongregation ist] die Wahl der kommunistischen Partei oder ihre Unterstützung durch Halten und Verbreiten des Parteischrifttums als schwere Sünde bezeichnen mußte, die solange vom Sakramentenempfang ausschließt, bis man sich von dieser Unterstützung des Bösen lossagt. Dies gilt auch für die, die beteuern, daß sie sich von den sittlichen und weltanschaulichen Irrtümern des Kommunismus freihalten; denn nicht erst das innere Stehen zur Häresie, sondern schon die Unterstützung ist schwer sündhaft, weil sie Mitwirkung zu einer großen Sünde ist.

Auch die Wahl freimaurerischer und sozialistischer Parteien, die zum Beispiel grundsätzlich die katholische Schule bekämpfen und dem ungeborenen Leben jeden Schutz versagen wollen, ist Unterstützung der bösen Sache und schwer sündhaft.

Wenn jedoch der Wähler nur die Möglichkeit zur Wahl von Parteien hat, von denen jede schwer unsittliche oder glaubenswidrige Programmpunkte vertritt, so muß er sich je nach Lage entweder der Stimme enthalten, falls er nicht fürchten muß, daß daraus noch größere Übel erwachsen, oder er muß seine Stimme der Partei geben, die der Sache des Glaubens und der guten Sitten alles in allem noch am günstigsten oder doch weniger feindlich gesinnt ist. […]

Wer sich als Abgeordneter einer Partei wählen läßt, in der er unter Fraktionszwang glaubensfeindliche oder sittenwidrige Gesetzesvorlagen unterstützen muß, kann nicht von formeller Mitwirkung und schwerer Sünde entschuldigt werden. Wenn jedoch der Abgeordnete frei ist, so daß er innerhalb der Partei und im Parlament gegen jeden schlechten Programmpunkt Stellung nehmen kann, ist von einer formellen Mitwirkung nicht die Rede, und ein Christ könnte sich für die Partei wählen lassen, falls er aufs Ganze gesehen dadurch kein Ärgernis gibt, der bösen Sache keine Vorspanndienste leistet, sondern im Gegenteil den Einfluß des Bösen zurückdrängt.“ (Das Gesetz Christi, S. 926f.)

Hier noch einige Anmerkungen von mir:

Man sollte bei der Wahlentscheidung beachten, was eine Partei sagt und will, aber auch, was sie voraussichtlich wirklich tun wird; man muss sie nicht wegen eines wohlklingenden Wahlprogramms wählen, wenn man weiß, dass sie es nicht umsetzen wird.

Wenn es mehrere mehr oder weniger schlimme größere Parteien gibt und nur unter den chancenlosen Kleinstparteien eine, deren Programm sehr gut mit katholischen Prinzipien übereinstimmt, ist man nicht verpflichtet, diese Kleinstpartei zu wählen, man darf sich auch unter den größeren Parteien diejenige wählen, von der man denkt, dass sie vergleichsweise am meisten Gutes und am wenigsten Schlimmes tun wird.

Bei vielen taktischen Entscheidungen können Katholiken legitimerweise unterschiedlicher Ansicht sein – wählt man z. B. lieber eine Partei, die nur Chancen auf einen Platz in der Opposition hat, damit der Regierung Druck gemacht wird, oder zieht man nur die Parteien in Betracht, die auch wirklich an die Regierung kommen könnten, um eine noch schlimmere Regierung zu verhindern, oder drückt man seinen Protest gegen die großen Parteien durch die Wahl einer Splitterpartei aus?

Beim Thema Wahl kommt oft die Frage nach dem Lebensrecht der Ungeborenen auf, ob diejenigen eine Sünde bzw. Todsünde begehen, die Parteien wählen, die für Abtreibung sind. Das Thema Abtreibung ist ein sehr wichtiges Thema und sollte in der heutigen Situation i. d. R. das erste sein, an das man bei der Wahl denkt; immerhin geht es hier um Leben und Tod für sehr viele Menschen. Wenn aber alle oder manche Parteien sich bei diesem Thema nur in Nuancen unterscheiden und keine von ihnen wirkliche Pläne hat, in positiver oder negativer Hinsicht etwas am Abtreibungsrecht zu ändern, sodass die Wahlentscheidung keinen oder kaum einen Einfluss auf die Zahl der Todesopfer hätte, kann es an sich vorkommen, dass andere schwerwiegende Themen ausschlaggebender sind. Um ein sehr einfaches, offensichtliches Beispiel zu nehmen: man hat eine Kommunalwahl in einer kleinen Gemeinde, der Gemeinderat wird am bundes- und landesweiten Abtreibungsrecht nichts ändern können, und es ist auch unwahrscheinlich, dass es irgendwelche lokalen Aktionen geben wird (z. B. ein Verbot für Lebensrechtler, vor einer Abtreibungspraxis zu beten, weil es gar keine solche Praxis in der Gemeinde gibt). In dieser Situation könnte jemand z. B. für den Kandidaten der SPD statt den der CSU stimmen, auch wenn die SPD als Partei völlig gegen das Lebensrecht der Ungeborenen ist, sagen wir, weil bekannt ist, dass der CSU-Kandidat ein unzurechnungsfähiger Choleriker ist, der schon zwei Mal im Gefängnis war, einmal wegen Korruption und einmal wegen sexueller Belästigung, während der SPD-Kandidat ein gemäßigter normaler Mensch ohne viele nachteilige Pläne für die Gemeinde ist. (Das war ein theoretisches Beispiel; in der Praxis wird es meiner persönlichen Meinung nach sehr sehr wenige Gründe geben, aus denen man für die SPD stimmen kann. Aber das ist meine persönliche Meinung.)

Man sollte hier m. E. in der Praxis eher vorsichtig sein, bei anderen wegen einer Wahlentscheidung Todsünden anzunehmen, solange jemand eine Partei nicht wegen, sondern trotz ihrer Position zum Thema Abtreibung wählt. Wenn jemand das nicht ohne Grund, aber aus einem nicht ganz genügenden Grund tut, muss das keine Todsünde, sondern kann auch eine lässliche Sünde sein.

Freilich sind die Parteien, die für Abtreibung sind, der Sache des Glaubens gegenüber oft in sehr vielen Punkten feindlich eingestellt; und es kann natürlich (s. o.) eine Todsünde sein, sie zu wählen, auch wenn man sie in allen diesen Punkten nicht gut findet. Die subjektive Schuldfähigkeit beim Einzelnen, der das vielleicht nicht ganz erkennt, wäre ein anderer Punkt; aber eine solche Wahlentscheidung kann Todsünde sein.

 

Außerdem schreibt Häring über ein Thema, an das Katholiken heute kaum noch denken, nämlich die Beteiligung an gottesdienstlichen Handlungen von Häretikern wie z. B. Protestanten:

„Einem andersgläubigen Kranken auf Wunsch seinen Pfarrer herbeirufen oder das Zimmer zu seinem Empfang schön herrichten, ist in unseren Verhältnissen gewöhnlich nicht als Mitwirkung zu einer Sünde anzusehen, zumal man im Allgemeinen bei den im Irrtum Geborenen Gutgläubigkeit annehmen darf und der Beistand des nichtkatholischen Religionsdieners in der Regel im wesentlichen darin besteht, daß er den Kranken zu lebendigem Glauben an Gottes Vorsehung und Barmherzigkeit und zu Akten der Reue und Liebe anleitet.

Außerdem handelt es sich hier gewöhnlich überhaupt nicht um die selbstverständlich verbotene Aufforderung zu einem häretischen Kulte, sondern um die schlichte Weitergabe des Verlangens des Kranken nach dem Besuch seines Pastors. Es muß aber bei allem Erweis der Liebe das Verhalten des Katholiken immer so sein, daß er nicht den Schein der Billigung oder Unterstützung häretischer Lehren oder Riten gibt.

Wenn Katholiken bei öffentlichen Sammlungen einen Beitrag zum Bau von Gotteshäusern für (aus dem Osten vertriebene) Protestanten geben, aus der Überzeugung, es sei besser, diese beten gemeinsam, als daß sie dem Indifferentismus und Unglauben zum Opfer fallen, so ist dagegen wohl nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß Ärgernis vermieden und der Ausbreitung des Protestantismus kein Vorschub geleistet wird. Aus dem gleichen Motiv und unter den gleichen Voraussetzungen stellten Ortsoberhirten den Protestanten Kirchen oder kirchliche Räume für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Der Vorgang beruht auf Gegenseitigkeit und ist Ausdruck der Liebe.“ (Das Gesetz Christi, S. 928)

Jone, der noch einige Zeit vor dem 2. Weltkrieg schrieb und nicht mit Heimatvertriebenen zu tun hatte, urteilte hier noch ein klein wenig strenger; zumindest was das Holen des häretischen Pfarrers ins Krankenhaus angeht, muss ich hier aber ausnahmsweise eher Häring als Jone beipflichten:

Mitwirkung an Kulthandlungen der Nichtkatholiken

Ein Dienstbote kann seine Herrschaft zum protestantischen Gotteshaus begleiten, wenn das nicht als eine Anerkennung der Häresie gesehen wird. Allerdings hat er nicht das Recht, am Gebet und am Gesang teilzunehmen, weil das eine Beteiligung am Gottesdienst im eigentlichen Sinn wäre. – Nonnen in einem Hospital dürfen nicht von sich aus einen Geistlichen des nichtkatholischen Glaubens zu einem Sterbenden rufen, aber aus einem sehr ernsten Motiv (z. B.: das öffentliche Wohl) dürfen sie ihn wissen lassen, dass ein Kranker seinen Besuch wünscht [d. h. sie dürfen ihn nur rufen, wenn der Kranke selbst das will, nicht von sich aus, nur weil sie wissen, dass er z. B. ein Protestant ist]; es scheint sogar, dass es ihnen erlaubt sein dürfte, einen kleinen Tisch herzurichten, den der Geistliche für Kulthandlungen benutzen wird. – […] – Tische, Bänke, Teppiche, Leuchter etc. … für den Gottesdienst der Nichtkatholiken zu verkaufen ist erlaubt, wenn man, indem man auf diesen Verkauf verzichten würde, des entsprechenden Gewinns verlustig gehen würde. [Aus heutiger Sicht kann man anmerken, dass auch das Vermeiden einer Klage wegen Diskriminierung mit Sicherheit ein ausreichender Grund wäre.] – Um Kunstobjekte zu verkaufen, die für nichtkatholische Gotteshäuser bestimmt sind, bedarf es eines ernsteren Motivs, da diese Objekte dazu dienen, die Erhabenheit des Gottesdienstes herauszustellen, und jemanden dazu geneigt machen können, in die Sekte einzutreten oder in ihr zu bleiben. – Geld für den Bau eines protestantischen Gotteshauses zu spenden kann nach einer Erklärung der Pönitentiarie nur erlaubt sein, wenn man dadurch erreicht, dass eine Kirche, die [auch] von den Katholiken benutzt wird, aufhört, eine Simultankirche zu sein. Aber Abgeordnete können im Interesse des religiösen Friedens für Kredite für den Bau protestantischer Kirchen stimmen. Gleichermaßen können Privatpersonen im Interesse des öffentlichen Friedens zwischen den Konfessionen Wohltätigkeitsbasare besuchen, zu Konzerten gehen, an Lotterien teilnehmen, deren Ziel der Bau protestantischer Gotteshäuser ist, wenn die Protestanten zuvor dasselbe für die Katholiken getan haben. Die Glocken für den Gottesdienst der Nichtkatholiken zu läuten wird von mehreren Autoren als eine einfache Anzeige der Gottesdienstzeit eingeschätzt und kann dementsprechend aus einem proportional schwerwiegenden Motiv erlaubt sein. Man muss das Gleiche über die Anzeige eines nichtkatholischen Gottesdienstes in einer Zeitung sagen.“ (Nr. 148)

Damals fanden ja im Allgemeinen noch keine ökumenischen Gottesdienste statt; dazu kann man sagen, dass die Teilnahme (inklusive Gebet, Gesang, Lektorendienste…) heute im Allgemeinen erlaubt ist, weil es sich hier nicht um einen häretischen Gottesdienst, sondern um einen „konzentrieren wir uns vorübergehend auf das Minimum, bei dem wir uns einig sind“-Gottesdienst handelt, und dieses Minimum (zumindest bei manchen ökumenischen Gottesdiensten; auf alle trifft das freilich nicht zu) nicht häretisch ist. Genauso, wie man mit protestantischen Familienmitgliedern zusammen ein Tischgebet sprechen darf, darf man auch beim Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Marsches für das Leben nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich teilnehmen.

(Eine andere Frage ist, ob man die Bewegung zum Ökumenismus hin für generell gut oder schlecht hält, und vielleicht meint (wofür es gute Gründe gibt), dass hier sehr oft die Gefahr besteht, dass die Unterschiede zwischen den Konfessionen verwischt werden. Aber auch wenn man sich generell von ökumenischen Gottesdiensten fernhält (was ich tun würde), kann es vorkommen, dass man eben z. B. mal in die Situation kommt, mit Protestanten zusammen ein Tischgebet sprechen zu sollen.)

Der hl. Alphons von Liguori schreibt über die Mitwirkung an nichtchristlichen Kulten:

„Auch jene sind entschuldigt, die aus gerechtem Grund einem Juden oder Ungläubigen ein Lamm verkaufen, das für ein Opfer benutzt werden wird. Gleichermaßen jene, die jüdische Synagogen oder die Kirchen von Häretikern mit der Erlaubnis der Obrigkeit bauen oder wieder herrichten, insbesondere wenn es ebenso ohne (?) andere [vermutlich ein Tippfehler in der englischen Übersetzung; „mit anderen“ würde besser passen] getan werden würde.“ (Alphons von Liguori, Moral Theology, S. 602.)

 

Außerdem schreibt er über ein Thema, das seinerzeit im 18. Jahrhundert noch aktuell war, nämlich über Christen, die als Kriegsgefangene oder von muslimischen Sklavenjägern Verschleppte auf türkische Galeeren geraten waren (es ist übrigens zumindest möglich, dass er diese Frage nicht nur akademisch diskutierte, sondern auch in der Beichte Katholiken getroffen hatte, die aus einer solchen Gefangenschaft wieder entkommen waren und sich mit Gewissensbissen plagten, wie sie dabei hätten handeln sollen):

„Christliche Gefangene auf den Galeeren der Türken oder Häretiker rudern, aus schwerer Furcht, erlaubterweise gegen Katholiken, oder tragen die Ausrüstung und Waffen der Muslime, die für den Krieg notwendig sind, bauen Belagerungsmaschinen, etc. So sagen Lessius, Sanchez, Suarez, Laymann […] gegen Toledo, und andere, die lehren, dass sie schwer sündigen. Nichtsdestotrotz, wenn sich an diesem Ort die Gelegenheit ergäbe, dass sie eine christliche Flotte retten oder ihr den Sieg verleihen könnten, indem sie dies verweigern würden, sind sie nur gehalten, das Gut ihres Lebens vorzuziehen. [Das heißt, sie sind nicht verpflichtet, ihre Dienste zu verweigern; wenn sie das tun wollen, wäre das ein freiwilliges Opfer.]“

Außerdem schreibt er über den Fall, wenn ein Usurpator ein Gebiet erobert oder sich an die Macht putscht, und den Fall, wenn Katholiken in protestantischen Gebieten leben:

„Die Bewohner einer Stadt oder Provinz, die ein Tyrann besetzt, bleiben erlaubtermaßen unter bösen Besatzern und helfen ihnen erlaubtermaßen, wenn sie durch Befehl gezwungen werden, ihnen beim Wachestehen zu helfen, beim Graben von Gräben, und Bezahlung, und durch die angenommene Einwilligung des legitimen Herrschers […].

Katholische Seeleute und Fuhrmänner in Holland liefern, selbst ohne schwere Furcht, unter der Voraussetzung, dass es ohne eine böse Absicht geschieht, erlaubtermaßen dem [Kriegs-]Lager der Häretiker Vorräte, wenn andere vorhanden sind, die das tun würden, wenn sie aufhören würden, da, wenn sie das nicht tun würden, sie von jedem Geschäft ausgeschlossen wären als Leute, die das Gemeinwohl hassen.“ (Alphons von Liguori, Moral Theology, S. 602f.)

Noch mal zur Klarstellung: Hier geht es nicht um die Frage, was das Beste wäre, sondern ob jemand sündigt, der dies und jenes tut.

 

Jetzt noch einige weitere Beispiele; teilweise habe ich die Einschätzungen dazu aus anderen Quellen zusammengesammelt, teilweise sind es aber auch eigene Einschätzungen; daher gilt natürlich: Im Zweifelsfall, wenn man selbst betroffen ist, lieber einen verlässlichen Beichtvater fragen, wie man handeln soll; ich bin eine Laiin mit Laienkenntnissen und habe hier eigentlich gar keine Autorität. Aber jetzt die Beispiele:

 

Steuern, Beiträge, Gebühren, Mitgliedsbeiträge etc. zu zahlen, deren Verwendung man nicht kontrollieren kann und die sowohl für Gutes als auch für Schlechtes gebraucht werden (z. B. Rundfunkbeitrag), ist in aller Regel erlaubt, besonders, da man es kaum vermeiden kann. Auch Jesus hat das Zahlen von Steuern an den römischen Kaiser gutgeheißen, der nun wirklich nicht nur gute Dinge tat.

 

Von Firmen zu kaufen, die für schlechte Dinge spenden oder ein paar schlechte Geschäftspraktiken haben, ist für gewöhnlich erlaubt; die Mitwirkung ist nur sehr entfernt. Freilich kann es trotzdem im Einzelfall eine gute Idee sein, sie zu boykottieren, wenn z. B. gerade eine größere Boykottaktion stattfindet, aber man sollte nicht zu viel Zeit und Energie darauf verschwenden, sich mit solchen Dingen zu beunruhigen.

Bewusst in eine Firma zu investieren, die viel Böses tut, ist falsch; in einen Fonds zu investieren, bei dem es viel Mühe kosten würde oder kaum möglich wäre, die Betätigungen der einzelnen Firmen nachzuprüfen, ist erlaubt.

 

Mitwirkung an Abtreibungen:

  • Die direkte Mitwirkung ist immer verboten. Als Krankenschwester z. B. nur die Instrumente zu reichen, dürfte einen extrem schwerwiegenden Grund erfordern, der kaum jemals vorkommen dürfte – sagen wir, eine Krankenschwester lebt in einer Diktatur, die Abtreibungen fördert, um Überbevölkerung zu vermeiden oder unliebsame Bevölkerungsschichten loszuwerden, und wenn medizinisches Personal sich weigert, daran mitzuwirken, landet es samt der Familie im KZ. (Als Arzt die Tötung wirklich selbst durchzuführen wäre freilich auch in diesem Fall nicht erlaubt.)
  • In einem normalen Krankenhaus zu arbeiten, das neben vielen anderen Dingen ab und zu auch Abtreibungen durchführt, ist erlaubt. Es ist aus einem vernünftigen Grund (z. B. jemand muss man den Job machen, man braucht eine Arbeit und ist hierfür geeignet, und dergleichen) auch erlaubt, dort in der Verwaltung neben vielem anderen auch bei der Abrechnung der Abtreibungen bei der Krankenkasse mitzuwirken, oder in der IT zu arbeiten und auch die Computer der Gynäkologen instandzuhalten, die gelegentlich Abtreibungen durchführen.
  • Es ist aus einem vernünftigen Grund (z. B.: kein anderer Arzt ist gerade verfügbar und die Frau muss versorgt werden, da die Abtreibung schon geschehen ist) erlaubt, in einem Einzelfall die Nachsorge nach einer Abtreibung zu machen.
  • Schwangerschaftskonfliktberatung zu machen und einen Schein auszustellen, der zu einer Abtreibung berechtigt, ist (wie der Heilige Stuhl klargestellt hat) verboten; das ist im Grunde eine Tötungslizenz. Bei einer Organisation, die nur Schwangerschaftskonfliktberatungen macht, als Verwaltungskraft zu arbeiten, dürfte einen sehr schwerwiegenden Grund erfordern, als Hausmeister oder Putzfrau auch einen schwerwiegenden oder sogar auch einen sehr schwerwiegenden; auch wenn diese Organisation vielleicht im Einzelfall auch mal etwas Gutes tut, indem sie Frauen, die wirkliche Beratung wollen statt nur eine Tötungslizenz, Beratung bietet, und manche sogar von der Abtreibung abhalten könnte, ist es doch ihr Hauptgeschäft, Abtreibungen zu ermöglichen.
  • In einer Organisation, z. B. einem staatlichen Gesundheitsamt, die neben anderen legitimen/notwendigen Dingen auch Schwangerschaftskonfliktberatung mit Scheinausstellung macht, zu arbeiten, ohne an der Beratung mitzuwirken, ist aus einem vernünftigen Grund (der ist in diesem Fall bald gefunden; die übrige Arbeit eines Gesundheitsamtes muss erledigt werden) erlaubt. Fraglich wäre es, ob es für Angestellte in solchen Stellen erlaubt wäre, z. B. im Einzelfall die Terminvereinbarung für Schwangerschaftskonfliktberatungen zu machen; einerseits ist die Mitwirkung entfernter, da die Frau sich noch unsicher sein könnte und sich nach der Beratung auch gegen eine Abtreibung entscheiden könnte; andererseits wäre sie noch einen weiteren Schritt davon entfernt, einen Tötungsschein zu erhalten, wenn man sagen würde „gerade kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, rufen Sie später noch mal an, wenn meine Kollegin da ist, die über unsere Termine Bescheid weiß“.
  • Das Verbot der Mitarbeit gilt natürlich umso mehr für medizinische Fachangestellte, Pfleger, Verwaltungskräfte, Hausmeister etc. in Kliniken oder Praxen, die nur Abtreibungen durchführen oder bei denen Abtreibungen zumindest einen großen Teil ihrer Arbeit ausmachen. (In Deutschland gibt es wenige solche Einrichtungen, aber in den USA wäre das beispielsweise Planned Parenthood.)
  • Als Angestellte bei einem Frauenarzt zu arbeiten, der in seiner Praxis neben den üblichen Behandlungen auch ab und zu Abtreibungen durchführt, dürfte sich auch extrem schwer rechtfertigen lassen – besonders, da es in den letzten Jahren zumindest in Deutschland immer mehr Frauenärzte gibt, die nicht dazu bereit sind, und es den Zugang zur Abtreibung erschweren kann, je weniger Personal Ärzte finden, wenn sie es noch tun.

 

Mitwirkung bei Verhütung und Sterilisation: Hier sollte man beachten, dass, während die meisten Leute bei Abtreibungen noch irgendwie sehen, dass sie doch nicht in Ordnung sind, viele gar nicht mehr verstehen, was bitte an Verhütung oder Sterilisation falsch sein soll, also subjektiv keine Sünde begehen dürften. Es wäre also eine geringere Sünde gegen die Nächstenliebe, bei so etwas mitzuwirken. (Natürlich ist beides auch an sich weniger schwerwiegend als Mord.) Materiell ist das alles aber für sich genommen schwere Sünde. Man kann sagen:

  • Die direkte Assistenz bei einer Sterilisation ist immer falsch, der regelmäßigen entfernteren Mitwirkung (z. B. als Anästhesist, oder als Pfleger, der das OP-Besteck herrichtet oder reicht) sollte man sich in aller Regel verweigern, die Nachsorge im Einzelfall ist aus einem vernünftigen Grund erlaubt.
  • Das Einsetzen der Spirale, das Verschreiben der Pille ist für einen katholischen Arzt nicht erlaubt. (Außer, die Pille wird aus gesundheitlichen Gründen statt zur Verhütung verschrieben, sprich, sie würde auch verschrieben werden, wenn die Patientin keinen Sex hätte.) Angestellte bei einem Frauenarzt, der das tut, dürften allerdings meiner Einschätzung nach solche Rezepte ausdrucken, der Patientin überreichen usw., solange sie einen guten Grund haben, diese Arbeitsstelle zu behalten; besser wäre es freilich, baldmöglichst eine Stelle bei einer anderen Sorte Arzt zu suchen, da ein normaler Gynäkologe letztlich doch viel damit zu tun hat, Verhütung zu verschreiben.
  • Die Arbeit in einem Supermarkt, wo auch Kondome verkauft werden, ist erlaubt. (Der Verkäufer zieht sie nur übers Band und nimmt das Geld, und das ist nur ein sehr kleiner Teil dessen, was der Supermarkt verkauft; die generelle Versorgung der Bevölkerung am Laufen zu halten ist ein proportionaler Grund für diese Mitwirkung.) Ein katholischer Inhaber dürfte so etwas aber nicht in sein Sortiment aufnehmen.
  • Eine sehr schwierige Frage ist, ob es erlaubt ist, als Apotheker die Pille auszugeben. Man könnte dafür plädieren, es für erlaubt zu halten, erstens, da Apotheker in einigen Ländern vielleicht sogar ihr ganzes Geschäft aufgeben müssten, wenn sie es nicht tun, aber zweitens vor allem, da die Pille kein Mittel ist, das ausschließlich zu einem falschen Zweck verwendet werden kann und der Apotheker nicht weiß, ob die einzelne Kundin die Pille zur Verhütung oder zur Behandlung eines gesundheitlichen Problems nimmt, was gar nicht so furchtbar selten passiert; die Gefahr ist hier freilich größer als z. B. bei einem Weinhändler, der weiß, dass manche Kunden sein Produkt maßvoll verwenden werden und andere nicht. Und wenn es um Mittel geht, die möglicherweise eine frühabtreibende Wirkung haben können (Apotheker werden wissen, auf welche Mittel im einzelnen das zutrifft; neuerdings soll es ja sogar bei der Pille danach Präparate geben, die keine frühabtreibende (nidationshemmende) Wirkung haben), kann ihr Verkauf kaum gerechtfertigt werden, auch wenn die Kundin das Präparat dann bei einer anderen Apotheke holen wird. Was die Herausgabe einer Pille danach ohne frühabtreibende Wirkung angeht, wäre ihre Herausgabe in einem seltenen Einzelfall sogar ganz gerechtfertigt, nämlich bei Vergewaltigungsopfern; generell ist sie aber noch mal problematischer als die Pille, da sie nur zur Verhütung und nie für normale Krankheiten verwendet wird. (Ähnliches gilt für Kondome.) (In Berlin hat übrigens ein katholischer Apotheker, der sich aus Gewissensgründen geweigert hat, die Pille danach zu verkaufen, und in Kondompackungen Zettel mit Notizen über eine positive Haltung zu Kindern hinzugepackt hat, vom Berliner Verwaltungsgericht Recht bekommen; allerdings hatte er auch im Lauf der Jahre mit vielen Anfeindungen und Farbbeutelanschlägen zu kämpfen, und hat seine Apotheke mittlerweile geschlossen. Freilich ist es nicht überall so schlimm wie in Berlin.) Wenn man als Angestellte in einer Apotheke arbeitet, sollte man sich auf sein Gewissen berufen und sich weigern, beim Verkauf möglicherweise frühabtreibender Mittel (und evtl. reiner Verhütungsmittel, wie Kondome; in einer Apotheke geht es eben auch mehr um Beratung und es ist nicht nur ein reines Produkt-Scannen-und-Geld-Nehmen wie in Supermärkten) mitzuwirken (und sich, wenn möglich, so etwas im Vorfeld im Arbeitsvertrag bestätigen lassen); auch wenn man dann die Kundin jedes Mal an die Kollegin verweist und die Kollegin die Kundin berät und die Pille danach heraussucht, hat man wenigstens selbst nicht mitgewirkt. Fraglich ist, ob es, wenn man mit ziemlichen Anfeindungen oder fristloser Kündigung zu rechnen hätte, da es sowieso nicht verhindert werden kann, evtl. als gerade noch erlaubte materielle Mitwirkung durchgehen könnte, als Angestellte frühabtreibende Mittel auszugeben, solange, bis man eine andere Stelle gefunden hat (sagen wir, in einem Labor oder einer Pharmafirma, die keine solchen Mittel herstellt, bei einer Krankenkasse o. Ä.), eine Umschulung machen kann, o. Ä. Ich tendiere zu einem Nein – es sind eben letztlich doch Mittel, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den billigend in Kauf genommenen Tod eines Menschen verursachen können, und „wenn ich es nicht mache, macht es jemand anders“ darf nicht immer den Ausschlag geben, damit könnte man die bösesten Dinge rechtfertigen – bin mir aber nicht sicher, und, nochmals, in einem solchen Fall: Besser einen guten Priester fragen als sich auf Einschätzungen von Hobbytheologen verlassen, die kein Recht haben, anderen Bürde aufzuerlegen, und sich andererseits auch in zu laxer Richtung irren können. Generell kann man wohl sagen, dass es als Katholik mittlerweile nicht mehr ratsam ist, überhaupt den Apothekerberuf zu lernen.

 

Beihilfe zum Selbstmord: Jemandem, der Selbstmord begehen will, Gift o. Ä. bereitzustellen, ist nicht erlaubt.

Die schwierigere Frage ist, wie es sich mit der Tötung durch Unterlassen verhält. Die katholische Kirche hat klargestellt, dass man zwar auf außergewöhnliche Mittel zur Erhaltung des Lebens aus eigener Entscheidung verzichten darf (z. B. eine schmerzhafte Operation oder eine Medikation, die große Risiken und geringe Erfolgsaussichten hat), dass aber jedem Kranken die normale Pflege geschuldet ist, wozu auch die Versorgung mit Nahrung und Wasser (auch durch Schläuche, wenn nötig) gehört, ebenso die normale Beatmung. Luft, Essen und Trinken sind keine Medikamente, sondern Grundbedürfnisse; das ist Pflege, keine Behandlung. (Nur, wenn jemand keine Nahrung mehr aufnehmen kann, oder nur noch mit großen Schwierigkeiten, sieht die Sache anders aus.)

Dass man selbst in seiner Patientenverfügung also nicht verfügen darf, „die Maschinen abzustellen“, damit man verdurstet, ist klar; auch, dass man als Arzt Patienten und Angehörigen nicht zu solchen Maßnahmen raten darf. Fraglich ist es, wie sich Pfleger und Ärzte verhalten sollen, wenn jemand bereits verfügt hat, dass er die Pflege, die ihm zusteht und auf die er eigentlich nicht verzichten dürfte, nicht mehr will. Ich würde sagen, dass sie sich eindeutig weigern müssten, z. B. derjenige zu sein, der die Magensonde entfernt. Auch, da das sowieso keine Erfolgsaussichten hätte, wären sie aber nicht verpflichtet, zu versuchen, den Patienten doch noch irgendwie weiterhin zu ernähren, nachdem andere sie entfernt haben.

 

Mitwirkung an „Hochzeiten“ von Homosexuellen oder bereits Geschiedenen: Die Vermietung eines Saals für die Feier, die Dekoration, das Catering, das Machen der Fotos etc. ist erlaubt, wenn man einen schwerwiegenden Grund hat, z. B. dass man wegen Diskriminierung verklagt werden könnte, im Internet bloßgestellt und boykottiert werden könnte, evtl. auch von der Antifa angegriffen werden könnte, o. Ä., was ja leider manchmal zu befürchten ist. Wenn jemand trotzdem nicht mitwirken will, ist das selbstverständlich erlaubt, mutig, sehr lobenswert und kann „ein Zeichen setzen“, wie man das seit neuestem so nennt, aber wer mitwirkt, muss es nicht beichten.

 

Was ist damit, solche Hochzeiten als Gast zu besuchen, z. B. weil man seinen schwulen Bruder, der seinen Partner „heiratet“, nicht vor den Kopf stoßen und die Beziehung zu ihm nicht belasten will? Hier einige Regeln für Hochzeitsbesuche im Allgemeinen; zunächst: Alle voraussichtlich gültigen Hochzeiten kann man sowieso besuchen; bei möglicherweise oder sicher ungültigen muss man abwägen. Im Detail heißt das:

Normale Hochzeiten von Nichtkatholiken sind i. d. R. gültig, die kann man also besuchen. Die Kirche hat nie behauptet, dass nur katholische Hochzeiten gültig wären; wenn zwei Leute, die nie katholisch waren, auf dem Standesamt oder vor einem andersgläubigen Geistlichen heiraten, heiraten sie gültig, wenn sich keine Ehehindernisse göttlichen Rechts entgegenstellen (Ehehindernisse göttlichen Rechts, also Dinge, die eine gültige Ehe unmöglich machen, sind z. B.: einer war schon mal gültig verheiratet, oder einer wird zu der Ehe gezwungen.) Im Zweifelsfall wird von der Gültigkeit ausgegangen (das ist auch bei Verfahren vor Kirchengerichten so); man muss hier auch nicht nachforschen, wenn man sich nicht damit auskennt, was eine Ehe gültig oder ungültig machen kann.

Jemand, der jemals zur katholischen Kirche gehört hat, kann allerdings normalerweise nur in der katholischen Kirche gültig heiraten, auch wenn er jemanden heiratet, der nicht katholisch ist; selten gibt es aber Dispens von der Formpflicht und es kann ihm z. B. erlaubt sein, in einer evangelischen Zeremonie zu heiraten. (Oft finden Zeremonien mit Geistlichen beider Konfessionen statt.) Wenn man weiß, dass die katholische Cousine, die einen Protestanten heiratet, nach der standesamtlichen Zeremonie nur eine Zeremonie vor einem protestantischen Pfarrer ohne katholischen Priester folgen lassen wird, kann man, denke ich, hingehen, erstens, weil es theoretisch möglich wäre, dass sie Dispens von der Formpflicht hat, auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, zweitens, weil das eine Sache ist, die kaum mehr jemand beachtet und wo man den Leuten nicht den Eindruck gibt, einem wären, obwohl man ja so katholisch ist, die kirchlichen Eheregeln egal, wenn man die Hochzeit besucht.

Bei „Hochzeiten“, die gar nicht gültig sein können und die den Zustand einer schweren Sünde verfestigen, und wo die Ablehnung der katholischen Kirche gegenüber solchen „Hochzeiten“ allgemein bekannt und ein großer Stachel im Fleisch der Gesellschaft ist, d. h. vor allem „Hochzeiten“ von bereits Geschiedenen oder homosexuellen Paaren, sollte man in den meisten Fällen ohne sehr guten Grund nicht teilnehmen.

Die Teilnahme als Gast, besonders, da erwartet wird, zu gratulieren, Geschenke zu machen etc., wird gewöhnlich als Gutheißen verstanden; noch mehr gilt das für eine aktivere Teilnahme (z. B. als Brautjungfer, Trauzeuge, oder wenn man eine Rede hält oder eine Showeinlage macht…). Das gilt vor allem auch für die Teilnahme von Leuten, die die Kirche repräsentieren: Wenn ein Priester oder Diakon zur „Hochzeit“ seiner lesbischen Nichte erscheint und ihr gratuliert, wird es als Signal gesehen: Schau an, der ist doch nicht so schlimm wie seine homophobe Kirche im Allgemeinen ist, er hat nichts gegen ihre Liebe.

Wenn einen jemand, dem man nicht nahe steht (z. B. ein Arbeitskollege) zu so einer Hochzeit einlädt, genügt es, wahrheitsgemäß zu sagen „tut mir leid, ich kann nicht kommen“, ohne Gründe anzugeben und sich damit weitere Scherereien einzuhandeln und das Verhältnis zu verschlechtern; er wird sich sowieso nur insoweit darum kümmern, ob man kommt oder nicht, als er wissen will, wie viele Sitzplätze er einplanen muss. Wenn ein Familienmitglied, das sich wünscht, dass man kommt, einen einlädt, kann man dasselbe sagen, und sollte auf Nachfrage dann möglichst sensibel, freundlich und kurz die Gründe auseinandersetzen; aber das eigene Verhalten sollte der Familie eigentlich schon gezeigt haben, dass man ein fundamentalistischer Erzkatholik ist und damit diese Beziehung, ob mit Hochzeit oder nicht, nicht gutheißen wird. Wenn man noch einen anderen Grund hat, um nicht zu kommen (z. B.: die Hochzeit findet weit weg statt und man kann sich die Reise schwer leisten), kann man erst einmal auch nur diesen Grund angeben und die anderen sich ihren Teil denken lassen. Lügen darf man freilich nicht.

 

Soweit die Beispiele; ich hoffe, das hat für die Leser die Prinzipien einigermaßen klar machen und vielleicht bei ein paar Fragen helfen können.

Christliche Kultur am Sonntag: „Heimkehr – die letzten Tage im Leben der Mönche“ (Gastbeitrag)

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Nicolas Diat: „Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche“

Heute ein Gastbeitrag, ausnahmsweise auf Wunsch der Verfasserin einmal nicht zu einem Roman oder Film, sondern zu einer Art Reportage über ein meistens sehr verdrängtes Thema, das Sterben; und speziell das Sterben im Kloster. Der Autor, Nicolas Diat, wird einigen Lesern wahrscheinlich schon als der Journalist bekannt sein, der die Interviewbücher mit Kardinal Robert Sarah gemacht hat. Ich übergebe das Wort an Angela Römelt, Dipl. Theol.:

 

Nicolas Diat, Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche. Kißlegg 2019.

Der Tod ist ein Meister aus China.

Heimlich, still und leise hat er sich über drei Monate in die Schlagzeilen, den Alltag, die Gedanken und Gefühle der Menschen zurück geschlichen. Von seiner Sommerresidenz auf Netflix aus hat er nahezu im Handstreich zurückerobert, was ihm über fast siebzig Jahre genommen worden war; die Realität der Menschen des Westens.

Der mittelalterliche „Gevatter“ Tod war ein Familienmitglied.Er saß am Tisch, hatte die Hand an der Wiege und konnte jederzeit ungebeten eintreten. Man beschloss den Tag mit der Gebetsbitte, nicht unversehens – und unversehen- im Schlaf zu sterben. Man entwickelte eine Ars Moriendi, eine Kunst des Sterbens aus der täglichen Erfahrung heraus, dass dieses eine Thema das Thema aller war. Sterben würde jeder, und es war nicht egal, wie.

Der neuzeitliche Tod ist jener übel beleumundete Vetter, der vor Jahren nach Papua-Neuguinea ausgewandert ist und von dem niemand mehr gerne spricht. Wenn er im Land ist, trifft er sich mit Verwandten auf neutralem Terrain. Im Krankenhaus oder im Hospiz. Er ist kein Teil unseres Lebens mehr und dabei hat er unsere Handynummern, von jedem.

Die „Corona-Krise“ führt uns vor Augen, was bisher mehr oder weniger ein Spiel war: Sterben tun immer nur andere. Im Film. Im Videospiel. In Kabul.

Die Alten. Die Vorerkrankten. Die anderen.

Unsere neuzeitliche Ars Moriendi erschöpft sich darin, um das Thema einen Kranz aus Zahlen zu bauen, und zwar so, dass wir nicht darin sind. Weil wir weder alt noch vorerkrankt noch in Kabul sind.

Es ist schwierig, von der deutschen katholischen Kirche einen Beitrag zu einer Ars Moriendi Edition 2020 zu erhalten. Am ehesten und verstörendsten gelingt es noch dem umstrittenen Hildesheimer Bischof Wilmer, wenn er sagt „der Allmächtige schlechthin ist derTod“, damit freilich etwas, das allein aus dem Nichtsein heraus definiert wird – Tod ist nicht-Leben, aber aus sich selbst heraus nichts – eine Macht zusprechend, die nur verständlich scheint, wenn Leben lediglich als irdische, organische Existenz verstanden wird.

Nicolas Diat, geb. 1975, ist ein Meister aus Frankreich. Ein Meister der poetischen Prosa, der behutsamen Annäherung an ein Thema, der dialogischen Gestaltung eines Buches. Wikipedia nennt ihn einen „Essayisten“. In seinem Buch „Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche“, erschienen im fe-medien Verlag 2019 (das französische Original unter dem Titel „Un Temps pour Mourir“, 2018) unternimmt er in der Tat einen Versuch. In mehreren unterschiedlichen Klöstern versucht er zu verstehen, wie Mönche sterben. Herausgekommen ist dabei eine Ars Moriendi nicht so sehr für die Gegenwart als mitten ins Gesicht der Gegenwart. In your face, Freund Hein!

Diat hat für sein Buch im Laufe des Jahres 2017 acht verschiedene Klöster besucht. Alles Männerorden. Darunter bekannte Namen wie Solemnes, Citeaux und die Große Kartause und unbekanntere wie die Abtei Lagrasse der Regularkanoniker der Gottesmutter. Er hat sich von Äbten und Patres und Brüdern, die mit der Pflege der Kranken beauftragt waren, erzählen lassen, oft in stundenlangen sehr intensiven Gesprächen. Diese Erzählungen handelten nie vom Tod, immer nur vom Sterbenden. Der Tod, wie gesagt, ist nichts. Nicht mehr lebendig, nicht mehr atmend, nicht mehr unter uns. Der sterbende Mönch ist alles das in höchstem Maße. Diat schildert zu Beginn jedes Kapitels, das jeweils einem Kloster gewidmet ist, seine Ankunft dort, in etwa die Lage, die es umgebende Natur, seine Geschichte, und der Leser schleicht sich sozusagen hinter ihm rasch durch die zufallende Pforte und begegnet im nächsten Augenblick höchst lebendigen Menschen. Diats Buch ist auch und vielleicht sogar noch mehr, ein Buch über das Leben, das Leben im Kloster.

Denn das Sterben der Mönche ist anders als das der „Menschen in der Welt“, und das liegt in erster Linie daran, dass ihr Leben anders ist. Es hat ein anderes Gravitationszentrum.

Der Mönch begegnet, je nach Orden mehr oder weniger intensiv, seinem eigenen Sterben schon sehr bald nach seinem Eintritt. (Vor Jahren nahm ich an einer Führung durch ein Benediktinerkloster teil, und der uns begleitende, junge und rüstige Mönch, betrat mit uns den Friedhof und sagte:“Ich weiß schon ziemlich genau, wo ich mal liegen werde.“) Der Tod ist im Leben der Mönche stets präsent, aber nicht als der „Allmächtige“, von dem Bischof Wilmer spricht, sondern als Durchgang zum Ewigen Leben.

Oh, ja, Mönche fürchten den Tod. Manche sehr, manche wenig, manche wie jeder von uns, aber wer – wie in mindestens einer Besprechung des Buches, die ich gelesen habe betont – Schilderungen erwartet, wie Mönche angesichts des eigenen Sterbens zweifeln und verzweifeln an dem Glauben, dem sie ihr ganzes Leben „geopfert“ haben, wird sanft enttäuscht. Es scheint nicht einmal Diats Absicht gewesen zu sein, den Leser zu enttäuschen. Er beschreibt den Tod eines jungen Mannes an Multipler Sklerose, den erschütternden Fall eines Selbstmords, den völlig unerwarteten Tod eines Novizen, und immer wieder erwecken seine Schilderungen den Eindruck, dass er das Grässliche, Schockierende, allmächtig Zerstörende des Todes selbst hinter dem nächsten Satz erwartete – und es kommt nicht. Die All-Macht des Lebens, des irdischen und des ewigen, ist so übermächtig, dass der Tod geradezu verschwindet. Die Beschreibung des tatsächlichen, realen Leidens, die durchaus ihren Platz hat in diesem Buch, Schmerzen, Behinderungen, Ängste, wird gehalten von zwei Aspekten, die wie Säulen in jedem Kapitel auftauchen: dem Glauben und der Gemeinschaft. Und beides ist viel weniger romantisch als man denken möchte.

Die Gemeinschaft. Keiner der sterbenden Mönche ist alleine. Auch der Selbstmörder, der es im Augenblick seines Todes war, liegt auf dem Friedhof seines Klosters begraben und die Erschütterung, die sein Tod für den ganzen Konvent bedeutet, ist in jeder Zeile spürbar. Jede Geschichte, jedes Schicksal wird in Gesprächen und Begegnungen erzählt mit den Menschen, die daran Teil hatten und noch immer Teil haben. Diat spricht mit Äbten, die ihre Verantwortung für jeden Mitbruder geradezu körperlich zu spüren scheinen, die den Schwerkranken bitten, mit dem Heimgang zu warten, bis sie von einer Reise zurück kommen. Er begegnet Krankenpflegern, die erzählen, wie sie sich selbst verändert haben in der jahrelangen Pflege eines Mitbruders, und immer wieder dem Problem, dass der Schwerstkranke und Sterbende von der modernen Medizin aus der Gemeinschaft hinaus genommen wird. „Sobald wir den Notarzt oder den Krankenwagen rufen, verlieren wir die Kontrolle über den Kranken,“ sagt der Abt der Benediktinerabtei En-Calcat. (S.48) und kritisiert das moderne Gesundheitssystem als unmenschlich. „Wenn wir die Lebenden immer wieder wie Automaten reparieren, werden wir wie Elektroschrott enden.“ (S.61)

In der klösterlichen Gemeinschaft hat der Sterbende seinen Platz. Er ist keine Nummer, er ist ein Bruder.

Die zweite Säule ist die Liturgie. Im weitesten Sinne. Nicht nur schildert Diat Totenmessen von solcher Schönheit, dass man als Leser auf der Stelle sterben möchte, wenn man denn vorher Mönch werden könnte, auch schon vor dem Tod des Mönches wird klar, dass jedes Kloster auf seine Weise zwei Gebäude darstellt: das äußere der mehr oder weniger alten Mauern, und das innere der Regel und der Liturgie, ebenfalls mehr oder weniger alt, aber meistens mehr. Ohne die Regel und die Liturgie gäbe es keine Gemeinschaft, die den sterbenden Mönch trägt, und ohne den einzelnen Mönch, jeden einzelnen, auch den Sterbenden, gäbe es keine Regel und Liturgie mehr. Aus diesem Ineinanderwirken des irdischen, „normalen“ Lebens – die Glocke läutet zur Vesper, klapp das Buch zu, leg den Hammer weg,nimm dein Brevier und geh in die Kapelle – und des ewigen – „ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus“ (Koh 12,5) entsteht beim Lesen des Buches etwas wie ein großer, stiller Klang, ein Herzschlag des Ewigen durch alle Widerlichkeiten des Sterbens hindurch, das sehr, sehr tröstlich wirkt.

Nicolas Diat hat den Versuch einer Ars Moriendi für eine erschütterte Zeit vorgelegt, von der er 2017 kaum ahnen konnte, wie nötig 2020 sie haben würde. Für alle Nichtmönche, die das Buch zur Hand nehmen, bleibt natürlich die frustrierende Frage, was von dieser Art zu leben und zu sterben sich überhaupt übertragen lässt in ein „weltliches Leben“.

Da mögen für verschiedene Leser verschiedene Aspekte wichtig werden, die deutlichste Präsenz dürften aber die oben genannten Säulen des mönchischen Lebens und Sterbens haben: die Gemeinschaft und die Regel und die Liturgie. Die Sterbenden nicht alleine zu lassen, ihnen einen Platz zu geben, den sie als Sterbende einnehmen dürfen, ist eine Herausforderung ganz eigener und unerwarteter Brisanz in Tagen, in denen weder Priester noch Angehörige zu an CoVid-19 Sterbenden gelassen werden. Man kann sich aber fragen, was die Äbte, Krankenpatres und Mitbrüder der Klöster, die Nicolas Diat besucht hat, getan hätten in solch einer Situation. Sie hätten ihre Schmerz über die Trennung nicht geleugnet noch verborgen. Sie hätten den Namen des Sterbenden ausgesprochen und für ihn gebetet. In der Gemeinschaft. Und ihm so einen Platz gegeben. Mindestens das.

Eine Regel und eine Liturgie, das lehrt dieses Buch auf unaufdringliche Weise, sollte jeder Mensch sich zulegen. Es kann die der Kirche sein, es können sehr persönliche Formulierungen und Rituale sein, die sich im Laufe eines Lebens entwickeln. Aber eine Regel und eine Liturgie, möglichst unabhängig von Strom und WLAN, sollte das Leben brauchen, um das kurze Nichts des Todes auf dem Weg zum Ewigen Lebens durchschreiten zu können.

Nicolas Diat hat ein wunderbares, tröstendes und ermutigendes Buch geschrieben, das möglicherweise Sterben hilft, ganz sicher aber leben.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier der erste.

 

So beschreiben verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt um 95 n. Chr. in einem Brief an die Korinther:

„Wir wollen hinblicken auf das Blut Christi und erkennen, wie kostbar es auch Gott seinem Vater ist, weil es, wegen unseres Heiles vergossen, der ganzen Welt die Gnade der Reue gebracht hat. Lasset uns alle Geschlechter durchwandeln und erkennen, dass der Herr einem jeden Geschlechte Gelegenheit zur Buße gab, allen, die sich zu ihm bekehren wollten. Noe1 predigte Buße, und die auf ihn hörten, wurden gerettet. Jona2 kündigte den Niniviten ihren Untergang an; sie taten Buße für ihre Sünden, versöhnten durch Gebet ihren Gott und erlangten Rettung, obwohl sie nicht zum Volke Gottes gehörten.“ (1. Clemensbrief 7,4-7)

„Wer Liebe in Christus hat, der halte die Gebote Christi. Wer kann das Band der Liebe Gottes beschreiben? Wer ist imstande, seine erhabene Schönheit zu schildern? Die Höhe, zu der die Liebe emporführt, ist unbeschreiblich. Liebe verbindet uns mit Gott, ‚Liebe deckt eine Menge Sünden zu‘1, Liebe erträgt alles, Liebe ist in allem langmütig; nichts Gemeines gibt es in der Liebe, nichts Hoffärtiges; Liebe kennt keine Spaltung, Liebe lehnt sich nicht auf, Liebe tut alles in Eintracht; in der Liebe haben alle Auserwählten Gottes ihre Vollkommenheit erlangt, ohne Liebe ist Gott nichts wohlgefällig. In Liebe hat der Herr uns angenommen; wegen der Liebe, die er zu uns trug, hat unser Herr Jesus Christus sein Blut hingegeben für uns nach Gottes Willen, sein Fleisch für unser Fleisch, seine Seele für unsere Seelen.“ (1. Clemensbrief 49)

 

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. (oder wenig später) auf dem Weg zu seinem Prozess und Martyrium in Rom:

„Einer ist der Arzt, fleischlich sowohl als geistig, geboren und ungeboren, im Fleische wandelnd ein Gott, im Tode wahrhaftiges Leben, sowohl aus Maria als aus Gott, zuerst leidensfähig, dann leidensunfähig, Jesus Christus unser Herr.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 7,2)

„Ich habe aufgenommen in Gott deinen vielgeliebten Namen (= die Gemeinde Ephesus), den ihr erworben habt durch euer gerechtes Wesen gemäß eurem Glauben und eurer Liebe in Christus Jesus, unserem Erlöser; da ihr Nachahmer Gottes seid, habt ihr, im Blute Gottes zu neuem Leben gelangt, das Werk der Bruderliebe vollkommen ausgeübt.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 1,1)

„vielmehr wünsche ich euch gefestigt im Glauben an die Geburt, das Leiden und die Auferstehung, die geschah, als Pontius Pilatus Landpfleger war; wahrhaft und sicher vollbracht von Jesus Christus, unserer Hoffnung, um die keiner von euch gebracht werden möge.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 11)

„Ich preise den Gott Jesus Christus, der euch so weise gemacht hat; ich habe nämlich erkannt, dass ihr vollendet seid in unerschütterlichem Glauben, wie angenagelt mit Leib und Seele an das Kreuz des Herrn Jesus Christus, gefestigt in der Liebe im Blute Christi, vollkommen (im Glauben) an unseren Herrn, den wahrhaftigen Spross aus dem Geschlechte Davids dem Fleische nach1, den Sohn Gottes nach dem Willen und der Macht Gottes, wahrhaft geboren aus der Jungfrau und von Johannes getauft, auf dass jegliche Gerechtigkeit von ihm erfüllt würde2; wahrhaft unter Pontius Pilatus und dem Vierfürsten Herodes für uns im Fleische (ans Kreuz) genagelt, von dessen Frucht wir (stammen) von seinem gottgepriesenen Leiden, auf dass er für ewige Zeiten durch seine Auferstehung sein Banner erhebe3 für seine Heiligen und Getreuen, sei es unter den Juden oder unter den Heiden in dem einen Leibe seiner Kirche.

Dies alles hat er nämlich gelitten unseretwegen, damit wir gerettet werden; und zwar hat er wahrhaft gelitten, wie er sich auch wahrhaft auferweckt hat, nicht wie einige Ungläubige behaupten, er habe nur scheinbar gelitten, da sie selbst nur scheinbar leben; und gemäß ihren Anschauungen wird es ihnen ergehen, wenn sie körperlos und gespensterhaft sind (bei der Auferstehung).

Ich nämlich weiß und vertraue darauf, dass er auch nach der Auferstehung derselbe war im Fleische. Und als er zu Petrus und seinen Genossen kam, sprach er zu ihnen: ‚Fasset (mich) an, betastet mich und sehet, dass ich nicht ein körperloser Geist bin‘1. Und sogleich betasteten sie ihn und glaubten, da sie in Fühlung gekommen waren mit seinem Körper und seinem Geiste. Deshalb verachteten sie auch den Tod und zeigten sich stärker als der Tod. Nach der Auferstehung aß und trank er mit ihnen wie ein leibhaftiger Mensch, obwohl er dem Geiste nach vereinigt war mit dem Vater.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 1-3)

Ignatius wendet sich hier, wie gesagt, gegen die Doketisten, die meinten, dass Jesus nicht wirklich Fleisch angenommen und gelitten haben könne, sondern dass sein Leiden nur scheinbar gewesen sei, die also die Inkarnation quasi für unter der Würde Jesu hielten.

 

Bischof Polykarp von Smyrna, ein Schüler des Apostels Johannes, an den Ignatius auch einen seiner Briefe gerichtet hatte, schreibt kurz darauf in einem Brief an die Ortskirche in Philippi:

„Unablässig wollen wir festhalten an unserer Hoffnung und an dem Unterpfand unserer Gerechtigkeit, nämlich an Jesus Christus, der unsere Sünden an seinem eigenen Leibe ans Kreuz getragen, der keine Sünde getan1und in dessen Mund kein Betrug gefunden worden2; sondern unseretwegen hat er alles auf sich genommen, damit wir in ihm das Leben haben. So wollen wir also Nachahmer werden [seiner] Geduld, und wenn wir seines Namens wegen leiden, wollen wir ihn verherrlichen. Hierin hat er nämlich durch sich selbst ein Beispiel gegeben, und wir haben daran geglaubt.“ (Brief Polykarps an die Philipper 8)

 

Als ein nichtchristliches Zeugnis hätten wir das Spottkreuz vom Palatin (Rom), irgendwann aus dem 2. Jahrhundert. Hier hat jemand einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf in eine Wand geritzt (es ging das Gerücht um, dass die Christen einen Eselsgott anbeten würden), vor dem ein Mann in Gebetshaltung steht. Dabei steht: „Alexamenos betet [den/seinen] Gott an.“

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c2/Jesus_graffito.jpg

Bei den Heiden war also nicht nur das Gerücht mit dem Eselsgott ein Grund für Spott über die Christen, sondern auch ihr Glaube an einen gekreuzigten Gott.

 

Bei Bischof Irenäus von Lyon, der noch Polykarp gekannt hatte und dessen Werk ca. 180 entstanden ist, finden sich sehr viele schöne und aufschlussreiche Stellen. Er betont sehr, dass Jesus durch die Menschwerdung den Menschen in sich rekapituliert, den Menschen zu Gott herangezogen hat:

„Christus aber, unser Herr, ertrug mutvoll, ein eigentliches Leiden, durch welches er nicht nur nicht in Gefahr geriet, verloren zu gehen, sondern den verlorenen Menschen in seiner Kraft stärkte und zur Unvergänglichkeit wiederherstellte. […] Uns brachte Christus durch sein Leiden die Erlösung, indem er uns die Erkenntnis des Vaters schenkte. […] Unser Herr hat durch sein Leiden den Tod vernichtet, den Irrtum aufgehoben, die Vernichtung unschädlich gemacht und die Unwissenheit vertrieben, er hat das Leben geoffenbart und die Wahrheit gezeigt und Unvergänglichkeit geschenkt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,20,3)

„Aber darin irren sie von der Wahrheit ab, weil ihre Lehre den allein wahren Gott nicht kennt, weil sie nicht wissen, daß sein eingeborenes Wort, das immer dem menschlichen Geschlechte beisteht, vereint und eingesät in sein Geschöpf, nach dem Willen des Vaters Fleisch geworden ist, Jesus Christus, unser Herr ist, der für uns gelitten hat und unseretwegen auferstanden ist und wieder kommen wird in der Herrlichkeit des Vaters, um alles Fleisch aufzuerwecken und Rettung zu bringen and das Gesetz des gerechten Gerichtes allen zu zeigen, die ihm unterworfen sind. Es ist also ein Gott Vater, wie wir gezeigt haben, und ein Christus Jesus, unser Herr, der durch die ganze Heilsordnung hindurch ging und alles in sich selbst zusammenfaßte. Zu diesem ‚allen‘ gehört aber auch der Mensch, das Geschöpf Gottes; also faßte er auch den Menschen in sich zusammen, indem er, der Unsichtbare, sichtbar wurde, der Unbegreifbare begreifbar, der Leidensunfähige leidensfähig, das Wort Mensch. So faßte er in sich das All zusammen, damit er, wie das Wort in den überhimmlischen und geistigen Dingen Herrscher ist, ebenso in den sichtbaren und körperlichen Dingen herrsche, indem er auf sich die Herrschaft nahm und sich zum Haupte der Kirche einsetzte, und damit er alles an sich ziehe zu der passenden Zeit.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,16,6)

„Wir haben somit klar bewiesen, daß das Wort, welches im Anfang bei Gott war, und durch welches alles gemacht worden ist, und das immer bei dem menschlichen Geschlechte weilte, jetzt in den letzten Zeiten gemäß der vom Vater bestimmten Zeit mit seinem Geschöpfe sich vereinte und zum leidensfähigen. Menschen geworden ist. […] Vielmehr faßte er die lange Entwicklung der Menschen in sich zusammen, indem er durch die Inkarnation Mensch wurde, und gab uns in dieser Zusammenfassung das Heil, damit wir unser Sein nach, dem Bild und Gleichnis Gottes, das wir in Adam verloren hatten, in Christo Jesu wiedererlangen möchten.

Es war nämlich unmöglich, den einmal besiegten und durch seinen Ungehorsam gefallenen Menschen neu zu schaffen und den Siegespreis ihm zu verleihen, aber ebenso unmöglich konnte der in die Sünde gefallene Mensch das Heil erlangen. Deshalb bewirkte beides der Sohn, der das Wort Gottes war, indem er vom Vater herunterstieg, Fleisch annahm und bis zum Tode ging. So erwirkte er uns unsere Erlösung.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,1-2)

„So näherte und vereinte er, wie wir gesagt haben, den Menschen mit Gott. Wenn nämlich der Mensch nicht den Feind des Menschen besiegt hätte, so wäre nicht gerechterweise der Feind besiegt worden. Und wiederum hätte nicht Gott dem Menschen das Heil verliehen, so würden wir dessen nicht gewiß sein. Und wäre der Mensch nicht mit Gott verbunden worden, so hätte er keinen Anteil an der Unvergänglichkeit erlangen können. Es mußte nämlich der Mittler zwischen Gott und den Menschen kraft seines Verhältnisses zu beiden in Freundschaft und Eintracht beide zusammenführen und die Menschen Gott nahe bringen und die Menschen mit Gott bekannt machen.

Aus welchem Grunde könnten wir denn teilhaftig sein der Annahme an Kindesstatt, wenn wir nicht durch den Sohn diese verwandtschaftliche Beziehung zu ihm empfangen hätten; wenn nicht sein Wort, Fleisch geworden, sie uns mitgeteilt hätte? Deshalb machte er auch jede Altersstufe durch, um für alle die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen. […]

Wer also die Sünde vernichten und den Menschen von seiner Todesschuld erlösen wollte, der mußte das werden, was jener war, nämlich Mensch. Denn der Mensch war von der Sünde in die Knechtschaft geschleppt und wurde von dem Tode festgehalten. Daher mußte die Sünde von einem Menschen überwunden werden, damit der Mensch des Todes ledig würde. Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen, der zuerst von der jungen Erde gebildet war, die vielen Sünder wurden und das Leben verloren, so mußten auch durch den Gehorsam eines Menschen, der zuerst von einer Jungfrau geboren wurde, viele gerechtfertigt werden und ihr Heil erlangen.

So wurde also das Wort Gottes Mensch, wie auch Moses sagt: ‚Gott, wahrhaft sind seine Werke‘3 . Wäre er aber nicht Fleisch geworden, sondern nur als solches erschienen, so wäre sein Werk nicht wahr gewesen. Was er schien, das war er also auch: Gott faßte in sich das alte Menschengebilde zusammen, um die Sünde zu vernichten, den Tod niederzuwerfen und den Menschen lebendig zu machen. Deswegen sind auch ‚wahrhaft seine Werke‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,7)

„Von dem Abfall erlöste er uns rechtlich durch sein Blut; uns aber, den Erlösten, ward seine Güte zuteil, Denn wir gaben ihm nichts zuvor, noch begehrte er etwas von uns, als ob er es gebrauchte. Wir aber bedürfen der Gemeinschaft mit ihm und deswegen gab er sich gütig hin, um uns in den Schoß seines Vaters zu sammeln.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,2,1)

Er betont sehr die Realität der Fleischwerdung:

„Wenn aber nach einer andern Ordnung der Herr Fleisch geworden ist und er aus einer anderen Wesenheit Fleisch annahm, dann hat er den eigentlichen Menschen in sich nicht rekapituliert; ja, er kann nicht einmal Fleisch genannt werden. Denn Fleisch ist in Wahrheit nur das, was von der ersten Schöpfung aus Erde abstammt. Hätte er aus einer anderen Substanz den Stoff haben sollen, dann hätte der Vater von Anfang an dies Gebilde aus einer anderen Substanz müssen entstehen lassen. Nun aber ist das, was der gefallene Mensch war, das heilbringende Wort geworden, indem es durch sich selbst die Verbindung und Aufsuchung des Heiles herstellte. Der gefallene Mensch aber hatte Fleisch und Blut, denn aus dem Schlamm der Erde bildete Gott den Menschen, um dessentwillen der Herr auf die Erde überhaupt kommen mußte. Also hatte auch er Fleisch und Blut; indem er kein anderes als das ursprüngliche Geschöpf des Vaters rekapitulierte, suchte er das, was verloren war. Deswegen sagt auch der Apostel im Briefe an die Kolosser: ‚Da ihr einstmals entfremdet waret und feind seinem Ratschlusse in bösen Werken, seid ihr jetzt wiederversöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch seinen Tod, um euch heilig und keusch und ohne Tadel in seinem Angesichte darzustellen‘1 . In dem Fleische seines Leibes wiederversöhnt, heißt es, weil das gerechte Fleisch jenes Fleisch versöhnte, das in der Sünde niedergehalten wurde, und es in die Freundschaft mit Gott brachte.

Wenn nun jemand sagen wollte, daß das Fleisch des Herrn insofern von unserm Fleische verschieden war, als jenes nicht sündigte, noch irgend ein Arg in seiner Seele gefunden wurde, wir aber Sünder sind, so hat er recht gesprochen. Wollte er dem Herrn aber eine andere Substanz des Fleisches andichten, so würde das Wort von der Versöhnung nicht mehr bestehen. Denn wiederversöhnt war das, was einmal in Feindschaft war. Nahm aber der Herr sein Fleisch aus einer andern Substanz, dann ist das nicht mehr mit Gott versöhnt worden, was ihm durch den Ungehorsam feind geworden war. Weil nun aber zwischen ihm und uns eine Gemeinschaft besteht, versöhnte der Herr den Menschen mit Gott, indem er uns durch den Leib seines Fleisches versöhnte und durch sein Blut uns erlöste. So sagt der Apostel den Ephesern: ‚In ihm haben wir gehabt Erlösung durch sein Blut, Vergebung der Sünden‘1 . Und wiederum ebendenselben: ‚Die ihr einstmals ferne waret, seid nahe geworden in dem Blute Christi‘2 . Und wiederum: ‚Die Feindschaft hob er auf in seinem Fleische, das Gesetz der Gebote durch seine Lehren‘3 . Und so bezeugt der Apostel in seinem ganzen Briefe deutlich, daß wir durch das Fleisch unseres Herrn und durch sein Blut erlöst worden sind.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,14,2-3)

„Und deswegen brachte der Herr uns in den letzten Zeiten durch seine Menschwerdung in die Freundschaft mit ihm zurück, indem er ‚der Mittler zwischen Gott und den Menschen wurde‘1 . Für uns versöhnte er seinen Vater, gegen den wir gesündigt hatten, und machte unsern Ungehorsam durch seinen Gehorsam wieder gut; uns aber verlieh er, mit unserm Schöpfer zu verkehren und ihm zu gehorchen. Deshalb lehrte er uns in seinem Gebete zu sprechen: ‚Und erlaß uns unsere Schulden!‘2 Ist es doch unser Vater, dessen Schuldner wir geworden waren, indem wir sein Gebot übertraten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,1)

„Indem er ihm also die Sünden erließ, heilte er den Menschen und zeigte offenkundig, wer er war. Wenn nämlich nur Gott die Sünden vergeben kann und demnach der Herr sie vergab, wie er die Menschen heilte, dann ist es offenbar, daß er selbst das Wort Gottes war, das zum Menschensohne geworden war und von dem Vater die Macht der Sündenvergebung empfangen hatte, daß er Gott und Mensch war, damit er als Mensch mit uns Mitleid hätte und als Gott sich unser erbarme und uns die Schulden vergebe, welche wir Gott, unserm Schöpfer, schulden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,3)

Er schreibt über das Lebensalter Jesu:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. Denn nicht schien er ein anderer zu sein, als er war, wie es die möchten, die ihn als eine bloße Erscheinung auffassen, sondern was er war, das schien er auch. Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte.

Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4)

Über die Weisen aus dem Morgenland sagt er:

„Matthäus aber läßt die Magier, die aus dem Osten kamen, sprechen: ‚Wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten‘7 . Und von dem Stern in das Haus Jakobs zum Emmanuel geführt, haben sie durch die Darbringung ihrer Geschenke angezeigt, wer der war, den sie anbeteten: durch die Myrrhe, daß er es war, der für das sterbliche Geschlecht der Menschen sterben und begraben werden wollte; durch das Gold, daß er der König war, ‚dessen Reich kein Ende hat‘8 ; durch den Weihrauch, daß er ‚der in Judäa bekannt gewordene Gott‘9 ist, der sich denen offenbarte, die ihn suchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,9,2)

Sein Hauptwerk „Gegen die Häresien“ beendet Irenäus hiermit:

„Denn es ist ein Sohn, der den Willen des Vaters vollendete, und ein Menschengeschlecht, in welchem die Geheimnisse Gottes sich vollziehen, ‚den die Engel zu schauen begehren‘4 , und nicht vermögen sie die Weisheit Gottes ergründen, durch welche sein Geschöpf zur vollkommensten Einverleibung in seinen Sohn gelangt, so daß sein Sohn, das eingeborene Wort, hinabsteigt in das Geschöpf, d. h. in sein Gebilde, und von ihm aufgenommen wird. Und das Geschöpf hinwiederum nimmt auf das Wort und steigt zu Ihm empor, indem es über die Engel sich erhebt, und so wird es nach dem Bild und Gleichnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,36,3)

 

In seinem kleineren Werk „Erweis der apostolischen Verkündigung“ schreibt er:

„Und er erschien als Mensch in der Fülle der Zeit und faßte als Wort Gottes alles, Himmel und Erde, in sich zusammen. Er vereinigte den Menschen mit Gott und stellte zwischen Gott und dem Menschen die Gemeinschaft und Eintracht wieder her, während wir nicht imstande gewesen wären, in anderer Weise an der Unvergänglichkeit1 gesetzmäßigen Anteil zu gewinnen, wenn er nicht zu uns gekommen wäre. Denn würde die Unvergänglichkeit unsichtbar und unerkannt geblieben sein, so hätte sie uns kein Heil gebracht. So wurde sie sichtbar, damit wir in jeder Hinsicht Anteil an dem Geschenk der Unvergänglichkeit gewinnen. Der Ungehorsam des Stammvaters Adam hatte uns alle in die Bande des Todes verstrickt. Deshalb war es notwendig und recht, daß die Fesseln des Todes gebrochen wurden durch den Gehorsam dessen, der für uns Mensch ward. Weil der Tod über den Leib herrschte, so war es notwendig und recht, daß er durch den Leib unterworfen werde und so den Menschen aus seiner Sklaverei freigeben mußte. Das Wort wurde Fleisch, damit der Leib, wodurch die Sünde zur Herrschaft gelangt war, Besitz genommen und gewaltet hatte, durch ebendasselbe bezwungen, auch in uns ein anderer sei2 . Und deshalb nahm unser Herr denselben Leib, wie er in Adam war, an, damit er für die Väter kämpfe und durch Adam den besiege, der durch Adam uns getroffen hatte3 .“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 31)

„Die Übertretung, welche vermittelst des Baumes geschehen war, wurde auch getilgt durch den Baum des Gehorsams, an welchem in Unterwürfigkeit gegen Gott der Sohn des Menschen gekreuzigt wurde; da überwand er die Erkenntnis des Bösen und schaffte der Erkenntnis des Guten wieder Einlaß und befestigte sie. Böse ist es, Gott ungehorsam zu sein, wie es gut ist, Gott zu gehorchen. […] Durch den Gehorsam bis in den Tod am Kreuze tilgte er den alten, am Holz begangenen Ungehorsam. Er ist selbst das Wort des allmächtigen Gottes, welches in unsichtbarer Gegenwart uns alle zumal durchdringt, und deshalb umfaßt er alle Welt, ihre Breite und Länge, ihre Höhe und Tiefe; denn durch das Wort Gottes werden alle Dinge der Ordnung gemäß geleitet; und Gottes Sohn ist in ihnen gekreuzigt, indem er in der Form des Kreuzes allem aufgeprägt ist; war es doch recht und angemessen, daß er mit seinem eigenen Sichtbarwerden an allem Sichtbaren seine Kreuzesgemeinschaft mit allem auspräge; denn seine Wirkung sollte es an den sichtbaren Dingen und in sichtbarer Gestalt zeigen, daß er derjenige ist, welcher die Höhen, d. h. den Himmel, erhellt und hinabreicht in die Tiefen, an die Grundfesten der Erde, der die Flächen ausbreitet von Morgen bis Abend und von Norden und Süden die Weiten leitet und alles Zerstreute von überallher zusammenruft zur Erkenntnis des Vaters.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 34)

„Auf diese Weise hat er also unsere Erlösung als herrlicher Sieger vollendet, hat die Verheißungen an die Vorväter erfüllt und die alte Auflehnung getilgt und ausgeschaltet. Der Sohn Gottes wurde zum Sohne Davids, zum Sohne Abrahams; diese vollendend und in sich erneuernd und zusammenfassend, um uns in den Besitz des Lebens zu setzen, ist das Wort Gottes geheimnisvoll in der Jungfrau Fleisch geworden, den Tod zu vernichten und den Menschen mit dem Leben zu begaben. Wir lagen ja in den Banden der Sünde, die wir in Sünden geboren sind und unter der Herrschaft des Todes leben.

Gott der Vater war also voll Erbarmen. Er sandte das wunderwirkende Wort. Es kam uns zu erretten und hielt sich dazu an denselben Orten und Gegenden unter uns auf, wo wir das Leben bei unserm Verweilen verloren haben, und zerbrach die Bande der Gefangenschaft. Sein Licht leuchtete auf und zerstreute die Finsternis des Kerkers, heiligte unsere Geburt und besiegte den Tod, indem er die Fesseln löste, mit denen wir in Knechtschaft gehalten waren. Selbst zum Erstgeborenen der Toten geworden, zeigte er die Auferstehung und weckte in sich selbst den gefallenen Menschen zur Auferstehung, indem er ihn nach oben, zuhöchst in den Himmel zur Rechten des Vaters emporführte. So hatte es Gott durch den Propheten verheißen, als er sprach: ‚Ich werde wieder aufrichten das zerfallene Zelt Davids‘1 , d. h. den Leib, der von David stammt. Das hat in Wahrheit unser Herr Jesus Christus vollbracht, da er unsere Erlösung siegreich erkämpfte, um uns wahrhaft aufzuerwecken vom Tode zum Leben für den Vater. […]

Denn der erstgeborene Urausgang aus dem Gedanken des Vaters, das Wort, vollendete alles, die Welt regierend und sie ordnend. Er war der Erstgeborene der Jungfrau, gerecht, heilig als Mensch, gottergeben, gut, gottgefällig, in allem vollkommen, die Rettung aller vor der Hölle, welche ihm nachfolgten. Er war der Erstgeborene von den Toten and der Uraufgang des Lebens in Gott.

So also ist bei der abermaligen Berufung des Menschen durch Gott das Wort Gottes Führer für alle zur einträchtigen Gemeinschaft, weil es wahrhaft Mensch, wunderbarer Ratgeber und mächtiger Gott1 ist. So sollen wir durch diese Gemeinschaft teilnehmen an der Unvergänglichkeit. Er nun, der im Gesetz des Moses verkündigt worden und von den Propheten des höchsten und allmächtigen Gottes und des Sohnes des Vaters aller, er, von dem alles ist, der mit Moses geredet hat, er trat auf in Judäa, von Gott entsproßt durch den Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, welche aus dem Geschlechte Davids und Abrahams war, Jesus, der Gesalbte Gottes, mit dem Beweis, daß er der zuvor von den Propheten Verkündigte ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 37-40)

 

Justin der Märtyrer, ein Philosoph, der vom Platonismus zum Christentum konvertiert war, und in Rom im Jahr 165 hingerichtet wurde, schreibt in seiner Verteidigung („Apologia“) des Christentums (um 150):

„Wohl aber ist der in unserer Zeit gekreuzigte und gestorbene Jesus Christus wieder auferstanden, zum Himmel aufgefahren und König geworden, und über das, was in seinem Namen von den Aposteln unter allen Völkern gepredigt wurde, herrscht Freude bei denen, die der von ihm angekündigten Unvergänglichkeit entgegensehen.“ (Justin, 1. Apologie 42)

Er bezeichnet Jesus wie im Johannesprolog als den „Logos“ (das Wort, die Vernunft, der Ausspruch Gottes). Den Heiligen Geist bezeichnet er als den „prophetischen Geist“, und er sagt hier, dass die Christen Jesus sozusagen an zweiter Stelle und den heiligen Geist an dritter Stelle ehren. (Zur Dreifaltigkeitslehre, die damals ja noch nicht ganz ausformuliert war, in einem der nächsten Teile genauer.)

„Daß ihr aber mit euren Opfern kein Glück haben werdet, bezeugt der Logos, der königlichste und gerechteste Herrscher, den wir nächst Gott, seinem Erzeuger, kennen. […] Daß das alles so geschehen werde, hat, sage ich, unser Lehrer Jesus Christus, der Sohn und Gesandte Gottes, des Vaters und Herrn des Weltalls, vorhergesagt, nach dem wir den Namen Christen erhalten haben. Dadurch werden wir auch voll Zuversicht in Bezug auf alles, was er uns gelehrt hat, weil es sich herausstellt, daß tatsächlich alles eintrifft, was er als zukünftig vorausgesagt hat; denn das ist Gottes Werk, vor dem Geschehen vorherzusagen und dann es so geschehen zu lassen, wie es vorhergesagt worden ist3. […]

Daß wir nun nicht gottlos sind, da wir doch den Schöpfer dieses Alls verehren und, wie wir gelehrt worden sind, behaupten, daß er keiner Schlacht-, Trank- und Räucheropfer bedarf, und die wir ihn bei allem, was wir zu uns nehmen, durch Gebet und Danksagungswort, soviel wir können, lobpreisen, indem wir als die seiner allein würdige Ehrung nicht die kennen lernten, das von ihm zur Nahrung Geschaffene durch Feuer zu verzehren, sondern die, es uns und den Bedürftigen zugute kommen zu lassen, ihm aber zum Danke in Worten Huldigungen und Gesänge emporzusenden1 für unsere Erschaffung und für alle Mittel zu unserem Wohlsein, für die Mannigfaltigkeit der Arten und für den Wechsel der Jahreszeiten, und die wir Bitten empor senden, daß wir wieder in Unvergänglichkeit erstehen durch den Glauben an ihn – welcher Vernünftige wird das nicht einräumen? Und daß wir außerdem den, der unser Lehrer hierin gewesen und dazu geboren worden ist, Jesus Christus, der gekreuzigt wurde unter Pontius Pilatus, dem Landpfleger von Judäa zur Zeit des Kaisers Tiberius, den wir als den Sohn des wahrhaftigen Gottes erkannt haben, an die zweite Stelle setzen und daß wir den prophetischen Geist an dritter Stelle mit Fug und Recht ehren, das werden wir zeigen. Denn darin beschuldigt man uns der Torheit, indem man sagt, daß wir die zweite Stelle2 nach dem unwandelbaren und ewigen Gott, dem Weltschöpfer, einem gekreuzigten Menschen zuweisen. Das sagt man, weil man das darin eingeschlossene Geheimnis nicht kennt. Indem wir dieses erklären, bitten wir euch, recht dabei aufzumerken.“ (Justin, 1. Apologie 12-13)

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius1 geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft2 [griechisch „Logos“] lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit3 und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher4 ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

„Daß er aber auch, für uns Mensch geworden, Schmerzen und Schande ertragen wollte und wieder in Herrlichkeit erscheinen wird, darüber hört folgende Weissagungen: […] Nach seiner Kreuzigung fielen nämlich auch alle seine Vertrauten von ihm ab und verleugneten ihn3; später aber nach seiner Auferstehung, als er ihnen erschienen war und er sie in das Verständnis der Prophezeiungen, in denen das alles als zukünftig vorhergesagt war, eingeführt hatte, und als sie ihn in den Himmel hatten auffahren sehen, Glauben gewonnen, die ihnen dorther von ihm gesandte Kraft empfangen hatten und zu allen Nationen der Menschheit ausgezogen waren, da haben sie das gelehrt und sind Apostel genannt worden.“ (Justin, 1. Apologie 50)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„so sind auch wir durch die gar schweren Sünden, welche wir begangen haben, untergesunken, wurden aber von unserem Christus durch seinen Kreuzestod und durch die Reinigung mit Wasser erlöst und zu einem Hause des Gebetes und der Andacht gemacht23.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 86,6)

„Er ist ewig, wenn er auch kam, um durch die Jungfrau Maria geboren zu werden und Mensch zu sein; bei der Erneuerung von Himmel und Erde nämlich fängt der Vater bei ihm an7, und durch ihn will er die Neuschaffung bewerkstelligen. Er ist es, der in Jerusalem als ewiges Licht leuchten wird8. Er ist der König von Salem und der ewige Priester des Höchsten nach der Ordnung des Melchisedech9.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 113,4f.)

 

Bei sehr vielen Kirchenvätern findet sich die Ansicht, dass es Gott der Sohn ist, nicht Gott der Vater, der sich den Patriarchen offenbart hat; hier nur ein Beispiel bei Irenäus:

„Und wie der Sohn Gottes mit Abraham in eine Unterredung eintrat, sagt Moses wiederum: ‚Und es erschien ihm Gott bei der Terebinthe Mamres am Mittag; als er die Augen erhob und sah, siehe, da traten drei Männer vor ihn, und er neigte sich zur Erde und sprach: Herr, habe ich wirklich Gnade gefunden vor Dir‘1 . Und alles Weitere sprach er mit dem Herrn und der Herr mit ihm. Zwei von den dreien nun waren Engel, der eine aber war der Sohn Gottes, mit dem eben Abraham sprach und bei dem er Fürsprache einlegte für die Bewohner von Sodoma, daß sie nicht zugrunde gingen, wenn nur zehn Gerechte wenigstens sich fänden. Während diese miteinander redeten, gingen die Engel nach Sodoma, und Loth nahm sie auf. Hierauf sagt die Schrift: ‚Der Herr ließ über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen vom Herrn vom Himmel‘2 . Gemeint ist der Sohn, der mit Abraham redete. Als Herr empfing er die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter vom Herrn vom Himmel, von dem Vater, der über alles herrscht. Hiermit ward Abraham ein Prophet und sah das Zukünftige, welches geschehen sollte, in menschlicher Gestalt den Sohn Gottes, denn dieser sollte mit den Menschen reden, mit ihnen Nahrung genießen und hernach von dem Vater aus, der über alle herrscht, das Gericht über sie abhalten, wie er von ihm die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter erhalten hatte. […]

Und alle diese Gesichte deuten an, wie der Sohn Gottes mit den Menschen spricht und unter ihnen weilt. Denn nicht hat ehedem der Vater von allem, der von dieser Welt nicht gesehen wird, und der Schöpfer von allem, der da spricht: ‚Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße, wie wollt ihr mir ein Haus bauen, oder wo wäre der Ort meiner Ruhe‘2 , er, ‚der die Erde faßt mit seiner Faust und den Himmel ausspannt mit seiner Hand‘3 — nicht er hat, in kleinem Raum vorübergehend weilend, mit Abraham gesprochen, sondern das Wort Gottes, das immer mit der Menschheit war und das Zukünftige, welches kommen sollte, zum voraus enthüllte und die Menschen über Gott belehrte.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 44-45)

 

Von den frühen Christen wurde sehr viel Wert auf die Prophezeiungen über Jesus im Alten Testament gelegt. Justin der Märtyrer verteidigt Jesus gegen den heidnischen Vorwurf, er könne auch nur ein Zauberkünstler gewesen sein, folgendermaßen:

„Damit aber niemand uns entgegenhalte: ‚Was steht im Wege, daß nicht auch der, den wir Christus nennen, als Mensch von Menschen geboren, durch Zauberkunst die Wundertaten vollbracht hat, die wir ihm zuschreiben, und daß man deswegen geglaubt hat, er sei Gottes Sohn?‘ so wollen wir nunmehr den Beweis führen, wobei wir uns nicht auf die stützen, die es behaupten1, sondern auf die, welche von ihm vorhergesagt haben, ehe er geboren wurde, denen wir notwendigerweise glauben müssen, weil wir mit Augen die Prophezeiungen erfüllt oder sich erfüllen sehen2, eine Beweisführung, die, wie wir glauben, auch euch als die sicherste und richtigste erscheinen wird.“ (Justin, 1. Apologie 30)

Über die Jungfrauengeburt schreibt er:

„Und nun hört, wie Wort für Wort seine Geburt aus einer Jungfrau durch Isaias geweissagt worden ist. Es heißt nämlich: ‚Siehe, die Jungfrau wird im Schoße tragen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen nennen: Gott mit uns‘1. Was nämlich unglaublich war und bei den Menschen für unmöglich gehalten wurde, das hat Gott durch den prophetischen Geist als zukünftig eintretend vorhergesagt, damit es, wenn es geschähe, nicht angezweifelt, sondern geglaubt werde, eben weil es vorhergesagt war2.

Damit aber niemand aus Mißverständnis der genannten Weissagung uns vorwerfe, was wir den Dichtern vorwerfen, wenn sie erzählen, Zeus sei aus Liebeslust zu Weibern gekommen, so wollen wir die Worte zu erklären versuchen. Das ‚Siehe die Jungfrau wird im Schosse tragen‘ bedeutet, daß die Jungfrau ohne Beiwohnung empfangen werde; denn hatte irgendeiner ihr beigewohnt, dann war sie keine Jungfrau mehr; vielmehr kam die Kraft Gottes über die Jungfrau, beschattete sie und bewirkte, daß sie, obgleich sie Jungfrau war, schwanger wurde. Und der damals zu eben dieser Jungfrau gesandte Engel Gottes brachte ihr diese frohe Botschaft, indem er sprach: ‚Siehe, du wirst im Schoße vom Heiligen Geiste empfangen und einen Sohn gebären und er wird Sohn des Allerhöchsten genannt werden3, und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘4, wie die berichtet haben, welche alles auf unsern Erlöser Jesus Christus Bezügliche aufgezeichnet haben. Diesen haben wir Glauben geschenkt, weil auch der prophetische Geist durch den obengenannten Isaias verkündet hatte, daß er so werde geboren werden, wie wir oben angegeben haben. Daß man nun unter dem Geiste und der Kraft Gottes nichts anderes verstehen darf als den Logos, der Gottes Eingeborener ist, hat der vorhin genannte Prophet Moses angedeutet5. Und als dieser Geist auf die Jungfrau kam und sie überschattete, hat er nicht durch Beiwohnung, sondern durch seine Kraft bewirkt, daß sie schwanger wurde. Jesus aber, ein hebräischer Name, bedeutet im Griechischen Erlöser; darum sprach auch der Engel zur Jungfrau: ‚Du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘6.“ (Justin, 1. Apologie 33)

Über das Leiden Jesu sagt er in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon:

„Die Worte: ‚Wie Wasser ist hingegossen und zerdehnt ist all mein Gebein. Geworden ist mein Herz wie Wachs, zerfließend im Innern meines Leibes‘ waren eine Prophezeiung auf das, was Jesus in jener Nacht erfahren mußte, als man gegen ihn auf den Ölberg ausrückte, um ihn gefangenzunehmen. Denn in den Denkwürdigkeiten, deren Verfasser nach meiner Behauptung die Apostel Jesu und deren Nachfolger waren, steht geschrieben, daß Schweiß wie Blutstropfen zur Erde rann19, da er betete und sprach20 : ‚Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch vorüber‘ und da sein Herz und ebenso seine Gebeine offenbar bebten und sein Herz wie Wachs in seinem Innern zerfloß, auf daß wir erkennen, daß nach dem Willen des Vaters sein Sohn unsertwegen in der Tat21 solches erduldet hat, und wir nicht behaupten, er habe als Sohn Gottes kein Empfinden gehabt für das, was ihm geschah und begegnete.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 103,7f.)

Über die Werke Jesu sagt er:

„In der Wüste, in welcher es keine Gotteserkenntnis gab, im Lande der Heiden, quoll als Quelle lebendigen Wassers12 von Gott her unser Christus hervor, welcher auch in eurem Volke erschienen ist und die, welche von Geburt aus und dem Fleische nach blind, taub und lahm waren, heilte, indem er dem einen durch sein Wort die Möglichkeit zu springen gab, dem anderen durch dasselbe das Gehör, wieder einem anderen das Augenlicht verlieh. Aber auch Tote erweckte er zum Leben. Durch seine Werke führte er die Menschen seiner Zeit zu seiner Erkenntnis. Sie aber nahmen, obwohl sie diese Wunder sahen, in ihnen Trugbilder und Zauberei an; wagten sie es ja auch, Christus einen Zauberer13 und Volksverführer14 zu nennen. Er aber wirkte eben diese Wunder, um die, welche später an ihn glauben sollten, zu überzeugen, daß er dem, der von körperlichen Leiden heimgesucht ist, wenn er nur seine überlieferten Lehren beobachtet, bei seiner zweiten Ankunft Unsterblichkeit, Unvergänglichkeit und Leidensunfähigkeit verleihen, ihn zu einem Leben frei vom Gebrechen erwecken werde.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 69,6f.)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Christliche Kultur am Sonntag: „Das Gewand“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Das Gewand“

Der Monumentalfilm von 1953 beginnt auf dem Sklavenmarkt von Rom, über den der junge Tribun Marcellus Gallio schlendert. Dort trifft er zuerst eine Kindheitsfreundin namens Diana wieder (ein Mündel des Kaisers Tiberius), und dann seinen Rivalen Caligula, den Nachfolger des Tiberius (der Diana zur Frau haben will, von ihr aber zurückgewiesen worden ist). Marcellus überbietet Caligula bei der Versteigerung des griechischen Sklaven Demetrius; aber seinen Triumph über den Rivalen kann er nicht lange auskosten, denn kaum ist er zu Hause in der Villa seiner Familie angekommen, erhält er Nachricht von Caligula, dass er nach Jerusalem strafversetzt wird.

Jerusalem, nichts als ein Drecksloch und Unruheherd, wie ihm der Centurio sagt, der ihn schließlich vor den Toren der Stadt begrüßt, besonders jetzt, da das Passahfest der Juden herannahe. Wie aufs Stichwort kommt ein Mann auf einem Esel aufs Stadttor zugezogen, dem die Leute mit Palmwedeln entgegenlaufen und den sie als ihren Messias grüßen; von den beiden Römern alles nicht gern gesehen. Demetrius jedoch ist gefesselt vom Blick des fremden Messias.

Nicht lange später, die römischen Soldaten vertreiben sich ihre Zeit in der Therme, heißt es, dass die Verhaftung dieses Messias, dieses Unruhestifters, befohlen wird; aber eine unauffällige Verhaftung soll es werden, man müsse herausfinden, wo er sei, und kein Aufsehen erregen. Marcellus entscheidet sich, den für diesen Auftrag ausgesandten Soldaten Bestechungsgeld mitzugeben. Demetrius, der alles miterlebt hat, verlässt heimlich die Therme, und versucht, die Jünger dieses Jesus zu finden, um sie zu warnen; doch niemand in der Stadt traut ihm, dem Sklaven der Römer, und will ihm etwas sagen; und es ist schließlich zu spät. Jesus ist schon vor Pilatus gebracht worden.

Marcellus wird schließlich ebenfalls zu Pilatus gerufen, der gerade dabei ist, sich die Hände zu waschen, und ihm wird gesagt, dass er schon wieder von Jerusalem abgezogen wird und dem Kaiser in Capri Bericht über die Lage dort erstatten soll. (Diana hatte ihm vor seiner Abfahrt versprochen, sich bei Tiberius für ihn zu verwenden.) Eine Aufgabe jedoch ist für ihn noch zu erledigen; eine Kreuzigung. Marcellus tut wie befohlen.

An der Hinrichtungsstätte trinken und würfeln die Sklaven; auch das Gewand des Verurteilten nehmen sie zum Einsatz hinzu, und Marcellus gewinnt. Nachdem der Mann tot ist, verlässt Marcellus mit seinem Sklaven Demetrius, der das Gewand mitnehmen muss, die Hinrichtungsstätte. Ein Sturm zieht auf, und Marcellus befiehlt Demetrius, ihm das Gewand umzulegen; doch als er es umhat, erträgt er es nicht und sinkt, offenbar von Schmerzen geplagt, zusammen. Demetrius reißt das Gewand weg; und geht.

Marcellus tritt ohne seinen geflohenen Sklaven die Rückreise auf dem Mittelmeer an; geplagt von Albträumen und oft nicht ganz bei Sinnen. Auf Capri trifft er Diana und den alten Kaiser Tiberius, und muss berichten, woher sein Zustand kommt; auf Tiberius‘ Anweisung hin kehrt er dann nach Palästina zurück, getarnt als Händler, um herauszufinden, was es mit dem verhexten Gewand und mit dem Messias und seinen Anhängern auf sich hat.

Vor allem die Darstellung Jesu ist an diesem Film sehr gut gemacht. Man merkt bei den Filmmachern fast eine Art heilige Scheu; ein Wissen darum, dass jeder Versuch, Ihn darzustellen, Ihm eigentlich Unrecht tut. Man sieht nie das Gesicht dieses Messias. Man sieht beim Einzug in Jerusalem nur Seine Anhänger; auf Ihn selbst wird die Kamera nicht gerichtet. Man sieht Ihn von hinten, wie Er auf dem Weg nach Golgotha unter dem Kreuz taumelt und fällt; man sieht das Kreuz von hinten, an dem sich Marcellus kurz abstützt, und dann entsetzt seine Hand wegreißt, als er merkt, dass an ihr Blut ist, das aus den durchbohrten Füßen des Gekreuzigten geronnen ist. Man hört Ihn ein einziges Mal sprechen, am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Auch das Ende des Films ist sehr schön; auch wenn es vielleicht nicht als ein konventionell gutes Ende aus weltlicher Sicht zählt. Marcellus hat am Ende die Gelegenheit, für einen Freund ein Opfer zu bringen, wie der Messias, den er gekreuzigt hat, ein Opfer gebracht hat. Gelungen ist auch die Darstellung des Pilatus und des Judas.

Der Film verkörpert freilich einige Klischees des Sandalenfilms; und ein Historienfilm aus den 50ern hat manchmal einfach etwas von einer Theaterbühne mit Pappkulissen. Marcellus‘ Bekehrungsgeschichte könnte an manchen Stellen etwas glaubwürdiger ausgestaltet sein. Aber insgesamt ist es doch ein sehr schöner Film.

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(Heiliger Rock, möglicherweise das ungeteilte Gewand Jesu, im Dom von Trier. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Ghazwan Mattoka.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Gen 1-2, Ps 8, Weish 2,23f., Weish 9,1-3, Sir 17, 2 Makk 7,28, Mt 10,29-31, Mt 12,12.

 

Im letzten Teil ging es um die Lehre von Gott und der Schöpfung als Ganzes; heute einige Stellen dazu, wozu Gott den Menschen im speziellen erschaffen hat.

 

Gott hat den Menschen um seiner selbst willen geschaffen, schreibt Athenagoras von Athen, und er soll in der Erkenntnis Gottes sein ewiges Glück finden:

„Den von der Entstehungsursache abgeleiteten Beweis bekommen wir, wenn wir uns fragen, ist der Mensch von ungefähr und zwecklos erschaffen worden oder zu einem bestimmten Zwecke; und wenn das letztere der Fall ist, ist er dann da, um nach seiner Erschaffung für sich selbst zu leben und in der ihm angeschaffenen Natur fortzubestehen oder, weil ein anderes Wesen seiner bedarf; wenn er aber in Hinsicht auf ein Bedürfnis erschaffen wurde, ist es dann der Schöpfer selbst, der seiner bedarf, oder irgendein anderes Wesen, das diesem nahe steht und sich hoher Fürsorge erfreut. Was wir schon bei einer allgemeineren Betrachtung finden können, ist die Tatsache, daß jeder Verständige, jeder, der sich durch vernünftiges Urteil zu einer Tätigkeit bewegen läßt, nichts von dem, was er vorsätzlich ins Werk setzt, zwecklos tut, sondern entweder um ein eigenes Bedürfnis zu befriedigen oder einem anderen Wesen, für das er besorgt ist, zu nützen oder wegen des Werkes selbst, wenn ihn nämlich ein natürlicher Zug, eine natürliche Liebe zu dessen Hervorbringung bewegt.

So baut der Mensch (ein Beispiel möge die Sache erläutern) ein Haus, weil er selbst dessen bedarf; er baut aber auch für Rinder, Kamele oder für die anderen Tiere, die er benötigt, das einem jeden derselben passende Obdach; wenn man nach dem Augenschein urteilt, tut er dies nicht zu eigenem Gebrauche, wohl aber, wenn man den Endzweck berücksichtigt; zunächst tut er es aus Fürsorge für seine Pfleglinge. Er erzeugt auch Kinder, nicht etwa weil er selbst deren bedarf oder um eines anderen Wesens willen, das ihm nahe steht, sondern in der Absicht, daß seine Sprößlinge einfach da sind und da bleiben solang als möglich, wobei er sich mit der Nachfolge seiner Kinder und Enkel über sein eigenes Ende tröstet und das Sterbliche auf diese Weise unsterblich zu machen wähnt. So machen es die Menschen.

Indes hat auch Gott den Menschen wohl nicht zwecklos erschaffen; denn er ist weise; kein Werk der Weisheit aber entbehrt des Zweckes. Auch hat er ihn nicht erschaffen, weil er selbst seiner bedürfte; denn er bedarf überhaupt nichts; einem Wesen aber, das vollständig bedürfnislos ist, kann keines seiner Werke zu eigenem Bedarfe dienen. Er hat aber auch den Menschen nicht um eines andern Geschöpfes willen gemacht; denn kein vernünftiges und urteilsfähiges Wesen wurde oder wird ins Dasein gesetzt, um einem anderen Wesen, sei es nun ein höheres oder ein geringeres, zum Gebrauche zu dienen, sondern um selbsteigenes Leben zu haben, wenn es einmal geworden ist, und selbsteigenen Fortbestand. Auch kann die Vernunft die Entstehung des Menschen nicht auf irgendein Bedürfnis zurückführen; denn die unsterblichen Wesen sind bedürfnislos und brauchen zu ihrer Existenz in keiner Weise eine menschliche Hilfe; die unvernünftigen Wesen dagegen müssen sich nach dem natürlichen Lauf der Dinge beherrschen lassen und dem Menschen die ihrer Natur entsprechenden Dienste leisten, während sie selbst nicht fähig sind, sich der Menschen zu bedienen; denn recht war es nicht und ist es nicht, das Herrschende und Führende in den Dienst eines Geringeren zu stellen oder das Vernünftige dem Unvernünftigen unterzuordnen, das doch zum Herrschen ungeeignet ist.

Wenn also der Mensch nicht grund- und zwecklos geschaffen ist (denn kein göttliches Werk ist zwecklos), wenn ferner seine Entstehung weder auf ein Bedürfnis des Schöpfers selbst noch auf ein Bedürfnis eines anderen von Gott geschaffenen Wesens zurückzuführen ist, so ist es klar, daß in erster und allgemeinerer Hinsicht Gott den Menschen geschaffen hat, weil er eben Gott ist und weil überhaupt aus dem Schöpfungswerke seine Güte und Weisheit hervorleuchtet; betrachtet man jedoch die Sache mehr vom Standpunkt der geschaffenen Menschen aus, dann deswegen, weil er das Leben derselben will und zwar nicht ein Leben, das nur für kurze Zeit entfacht wird, dann aber gänzlich erlöschen soll. Den Reptilien freilich, den Luft- und Wassertieren, überhaupt allem Vernunftlosen hat Gott ein kurzes Leben beschieden, dagegen hat er den Menschen, die das Bild des Schöpfers selbst in sich tragen und mit Vernunft und unterscheidendem Verstande begabt sind, ewige Fortdauer verliehen.

Denn ihre Bestimmung ist es, in der Erkenntnis ihres Schöpfers und seiner Macht und Weisheit und in der Erfüllung des Gesetzes und Rechtes die ganze Ewigkeit hindurch ohne alles Leid in jenen Gütern zu leben, durch die sie auch schon ihrem vorausgehenden Leben Festigkeit und Halt gegeben haben, obwohl sie in sterblichen und irdischen Leibern wohnten. Alles, was um eines anderen willen entstanden ist, muß, sobald das, wofür es entstanden ist, aufhört, ebenfalls zu sein aufhören; es kann nicht zwecklos fortbestehen, da die Zwecklosigkeit in den Werken Gottes keine Stätte findet; was aber gerade zu dem Zwecke entstanden ist, daß es sei und seiner Natur entsprechend lebe, das kann, weil hier die Ursache mit der Hervorbringung dieser Natur am Ziele angelangt ist und offenbar nichts anderes als die Existenz bezweckte, nie einer anderen Ursache zugänglich sein, welche die Existenz völlig aufheben würde.“ (Athenagoras, Von der Auferstehung der Toten 12)

 

Gleichermaßen heißt es im schwer datierbaren, irgendwann aus dem 2. Jahrhundert stammenden Diognetbrief:

„Trägst auch du nach diesem Glauben Verlangen, so lerne zuerst den Vater kennen. Denn Gott hat die Menschen geliebt; ihretwegen schuf er die Welt, ihnen unterwarf er alles auf Erden, ihnen gab er Rede, ihnen Vernunft; ihnen allein gestattete er, aufwärts zu ihm zu blicken; sie gestaltete er nach seinem Ebenbilde, ihnen sandte er seinen eingeborenen Sohn, ihnen verhiess er das Himmelreich und wird es geben denen, die ihn lieben. Von welcher Freude aber glaubst du wohl erfüllt zu werden, wenn du ihn erkannt hast? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Liebst du ihn aber, so wirst du auch ein Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er kann es, weil er Gott es will.“ (Diognetbrief 10)

 

Auch Theophilus von Antiochia schreibt, dass der Mensch darauf ausgerichtet ist, Gott zu erkennen:

„Denn nichts existierte neben Gott, sondern er selbst war sein Raum, war sich selbst vollkommen genug und war da vor allen Zeiten. Er wollte aber den Menschen schaffen, um von ihm erkannt zu werden; für diesen also bereitete er die Welt zu. Denn der Gewordene ist vieler Dinge bedürftig, der Ewige aber ist bedürfnislos.“ (Theophilus, An Autolykus II,10)

 

Irenäus von Lyon schreibt ebenfalls, dass Gott den Menschen nicht braucht, sondern der Mensch Gott; Gott hat ihn geschaffen, um ihn zu lieben:

„Also hat Gott im Anfang den Adam erschaffen, nicht als ob er selbst des Menschen bedurft hätte, sondern damit er auf jemand sein Wohlgefallen ausschütten konnte. Denn nicht nur vor Adam, sondern schon vor aller Schöpfung verherrlichte das Wort [= Gott Sohn, Jesus] seinen Vater, indem es in ihm blieb, und es selbst wurde von dem Vater verherrlicht, wie er selber sagt: ‚Vater, verkläre mich mit der Klarheit, die ich bei dir gehabt habe, bevor die Welt ward‘1 . Auch befahl er uns, ihm zu folgen, nicht als ob er unseres Dienstes bedurfte, sondern weil er uns sein Heil zuwenden wollte. Denn dem Erlöser nachfolgen, heißt teilnehmen am Heil, und dem Lichte folgen, heißt das Licht erlangen. Die aber im Lichte sind, erleuchten nicht selber das Licht, sondern werden von ihm erleuchtet und erhellt; sie selbst geben ihm nichts, sondern empfangen die Wohltat, vom Lichte erleuchtet zu werden. So bringt auch unsere Tätigkeit im Dienste Gottes Gott nichts ein, noch bedarf er des menschlichen Dienstes, wohl aber verleiht er denen, die ihm folgen und dienen, Leben, Unvergänglichkeit und ewigen Ruhm; aber von ihnen empfängt er keine Wohltat, denn er ist reich, vollkommen und ohne Bedürfnis. Nur deswegen verlangt Gott den Dienst der Menschen, weil er gut und barmherzig ist und denen wohltun will, die in seinem Dienste verharren. Denn ebenso sehr, wie Gott keines Menschen bedarf, bedarf der Mensch der Gemeinschaft Gottes, Das nämlich ist der Ruhm des Menschen, auszuharren und zu verbleiben im Dienste Gottes. Deswegen sagte der Herr zu seinen Schülern:
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt‘2 . Das bedeutet: Nicht sie verherrlichten ihn, indem sie ihm folgten, sondern dadurch, daß sie dem Sohne Gottes folgten, wurden sie von ihm verherrlicht. Und abermals sagt er: ‚Ich will, daß dort, wo ich bin, auch diese sind, damit sie meine Herrlichkeit sehen‘3 . Dessen rühmt er sich nicht in Eitelkeit, sondern er will, daß an seiner Herrlichkeit auch seinen Jüngern Anteil werde, wie Isaias sagt: ‚Vom Sonnenaufgang werde ich deinen Samen herbeiziehen und vom Sonnenuntergang dich sammeln; und ich werde zum Nordwind sprechen: Bring herbei! und zum Südwind: Halt nicht zurück! Ziehe herbei meine Söhne von ferne und meine Töchter von den Enden der Erde, sie alle, die berufen sind in meinem Namen. In meiner Herrlichkeit habe ich ihn bereitet, gebildet und gemacht‘4 . Weil, ‚wo immer ein Leichnam ist, sich dort auch die Adler versammeln‘5 , nehmen sie teil an der Herrlichkeit Gottes, der uns dazu geformt und bereitet hat, daß wir teilnehmen an seiner Herrlichkeit, solange wir bei ihm sind.“
(Irenäus, Gegen die Häresien IV,14,1)

Einer der bekanntesten Sätze aus Irenäus‘ Werk lautet knapp und prägnant:

„Denn Gottes Ruhm ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,7)

Der Mensch als Abbild Gottes:

„Denn nach Gottes Bild ist der Mensch gemacht, und das Bild Gottes ist der Sohn, nach dessen Bild der Mensch geworden ist. Deshalb erschien jener auch in der Fülle der Zeiten, um zu zeigen, wie das Abbild ihm ähnlich ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 22)

Die Welt ist für den Menschen gemacht:

„Es ist also ein und derselbe Gott, der ‚den Himmel aufwickelt wie eine Schriftrolle‘1 und ‚das Angesicht der Erde erneuert‘2 . Er machte das Zeitliche wegen des Menschen, damit er, darin heranreifend, unsterbliche Frucht bringe, und umkleidet ihn mit Ewigem wegen seiner Güte, damit er den nachkommenden Zeiten die unaussprechlichen Reichtümer seiner Güte zeige3 . Er wurde vom Gesetz und den Propheten verkündet und von Christus als Vater bekannt. Er ist auch der Schöpf er und Gott über alles, wie Isaias sagt: ‚Ich bin Zeuge, spricht Gott, der Herr, und mein Knecht, den ich erwählte, damit ihr erkennet, glaubt und versteht, daß ich es bin. Vor mir war kein anderer Gott, und nach mir wird keiner kommen. Ich bin Gott und außer mir ist keiner, der da rettet. Ich habe verheißen, und ich habe gerettet‘4 . Und wiederum: ‚Ich bin der erste und der letzte‘5 . So spricht er nicht in eitlem, aufgeblasenem Stolze, sondern weil es unmöglich war, ohne Gott Gott kennen zu lernen, lehrte er durch sein Wort die Menschen die Kenntnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,5,1)

 

In einer Privatoffenbarung aus dem frühen 2. Jahrhundert, dem sog. „Hirten des Hermas“, sagt ein Engel zu Hermas, dem römischen Christen, der diese Offenbarung empfängt:

„Törichter, Unverständiger, Zweifler, weißt du nicht, wie groß, wie mächtig und wunderbar die Herrlichkeit Gottes ist1, weil er die Welt um des Menschen willen geschaffen hat2 und seine ganze Schöpfung dem Menschen unterstellt und ihm die Macht gegeben hat, über alles, was sich unter dem Himmel befindet, zu herrschen?“ (Hirte des Hermas II,12,4,2)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung