Christliche Kultur am Sonntag: „Trotz Folter und Strick“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Robert Hugh Benson: „Trotz Folter und Strick“ (Originaltitel: „Come rack! Come rope!“)

Robert Hugh Benson (1871-1914), Konvertit vom Anglikanismus und katholischer Priester, war seinerzeit ein ziemlich bekannter Schriftsteller, der heute leider oft mehr oder weniger vergessen scheint; sein noch bekanntester Roman ist „Der Herr der Welt“, ein apokalyptischer Zukunftsroman (auf den ich übrigens aufmerksam geworden bin, weil der Papst ihn vor Jahren einmal in einer Predigt empfohlen hat – unironisch eins der sehr wenigen Dinge, für die ich Papst Franziskus dankbar bin).

Monsignor R. H. Benson in Oct. 1912, Aged 40.jpg

(Msgr. Robert Hugh Benson. Gemeinfrei.)

Mein (bisher; ich habe noch zu wenig von ihm gelesen) liebstes Buch von ihm ist allerdings der historische Roman „Come rack! Come rope!“, der im 16. Jahrhundert spielt. Es gibt eine deutsche Übersetzung von 1926 dazu, die den Titel „Trotz Folter und Strick“ trägt, die ich aber nicht bewerten kann, weil ich ihn im Original gelesen habe; und wer genug Englisch versteht, dem kann ich das nur empfehlen, denn die Sprache in Msgr. Bensons Buch ist wunderschön. Der Titel ist ein Zitat vom hl. Edmund Campion, der eine Nebenrolle im Buch spielt.

Der Roman beginnt Ende des Jahres 1577 im Norden Englands. Der siebzehnjährige Katholik Robin Audrey, der einzige Sohn eines verwitweten niederen Adeligen, reitet zu der gleichaltrigen Marjorie, mit der er sich vor kurzem verlobt hat (noch ohne ihren jeweiligen Eltern etwas davon zu sagen). Unter Elisabeth I. ist die anglikanische Kirche seit langem Staatskirche, und alle, die nicht am anglikanischen Gottesdienst teilnehmen wollen, also insbesondere die Katholiken, müssen hohe Geldstrafen zahlen; Priester reisen verkleidet umher, um den Katholiken hin und wieder heimliche Messen bieten zu können, und wenn sie gefasst werden, werden sie gehängt, ausgeweidet und gevierteilt (so beispielsweise – Spoiler – mit dem hl. Edmund Campion geschehen); Katholiken, die Priester verstecken, werden ebenfalls manchmal hingerichtet. Nun hat Robins Vater beschlossen, dass er genug davon hat, und an Ostern zur anglikanischen Kirche übertreten wird. Als Robin sich mit Marjorie bespricht, sind sie sich einig, dass Robin dabei nicht mitmachen kann, wissen aber noch nicht, wie es dann weitergehen soll…

Auf eines muss man sich bei diesem Buch einstellen: Es geht nicht so weiter, wie die meisten modernen Leser erwarten würden. Die Gnade/Übernatur zählt hier letztlich mehr als die Natur, und das Ende ist für Katholiken ein Happy End, für andere aber vermutlich weniger.

Robert Hugh Bensons feinsinniger Humor ist wunderschön. Eine Kostprobe aus dem ersten Kapitel:

„Robin Audrey was no more religious than a boy of seventeen should be. Yet he had had as few doubts about the matter as if he had been a monk. His mother had taught him well, up to the time of her death ten years ago; and he had learned from her, as well as from his father when that professor spoke of it at all, that there were two kinds of religion in the world, the true and the false—that is to say, the Catholic religion and the other one. Certainly there were shades of differences in the other one; the Turk did not believe precisely as the ancient Roman, nor yet as the modern Protestant—yet these distinctions were subtle and negligible; they were all swallowed up in an unity of falsehood.“

(Meine Übersetzung: „Robin Audrey war nicht religiöser als ein siebzehnjähriger Junge sein sollte. Aber er hatte so wenige Zweifel in Bezug auf diese Angelegenheit, als ob er ein Mönch gewesen wäre. Seine Mutter hatte ihn gut unterrichtet, bis zum Zeitpunkt ihres Todes vor zehn Jahren; und er hatte von ihr gelernt, wie auch von seinem Vater, wenn dieser Bekenner überhaupt davon sprach, dass es zwei Arten von Religion in der Welt gab, die wahre und die falsche – das hieß, die katholische Religion und die andere. Sicherlich gab es Nuancen von Unterschieden bei der anderen; der Türke glaubte nicht genau dasselbe wie der antike Römer, noch wie der moderne Protestant – aber diese Unterschiede waren subtil und vernachlässigbar; sie gingen alle in einer Einheit des Irrtums unter.“)

Außer dem hl. Edmund Campion kommen noch mehr historische Figuren vor – u. a. Maria Stuart, Anthony Babington, der hl. Nicholas Owen – und es ist sehr schön, wie gut recherchiert der Roman ist, und wie die Figuren tatsächlich wie Menschen des 16. Jahrhunderts wirken.

Heribert Jone über Skrupulosität und das Handeln gegen das skrupulöse Gewissen

Ich will in nächster Zeit mal wieder ein paar mehr Blogbeiträge bringen; vielleicht brauchen manche Leser ja Ablenkung während der Coronazeit. Heute mal nur ein Gastbeitrag zum Thema Skrupulosität von meinem Lieblingskasuisten: ein kurzer Auszug aus Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“*, einem besonders für Beichtväter gedachten Handbuch von 1930.

Im Kapitel über das Gewissen schreibt Jone zum skrupulösen Gewissen folgendes:

„Das skrupulöse Gewissen glaubt aus belanglosen und scheinbaren Gründen, Sünden zu sehen, wo es keine gibt, oder Todsünden zu sehen, wo nur lässliche Sünden bestehen. – Das Wesen des Skrupels besteht weniger in einem Irrtum des Urteils als vielmehr in einem Zustand der Unruhe. Diese Beunruhigungen gehören, genau genommen, nicht zur Tätigkeit des Intellekts, und gehören dementsprechend auch nicht zum Gewissen. Es sind vielmehr Suggestionen des Vorstellungsvermögens, Eindrücke oder Aufreizungen des Empfindens.

Die Zeichen eines skrupulösen Gewissens sind folgende: Gewissensprüfung über oft lächerliche Einzelheiten, unruhige und kontinuierliche Nachforschungen, eine Aufmerksamkeit, die auf alle möglichen Umstände gerichtet ist, die eine Handlung begleitet haben oder sie hätten begleiten können, häufige Änderungen des Urteils, Unentschlossenheit, die Furcht, überall Sünden zu begegnen, der Wunsch, verschiedene Beichtväter zu sprechen, die Furcht, von ihnen nicht richtig verstanden worden zu sein, das hartnäckige Festhalten am eigenen Urteil trotz ihrer Entscheidungen. – Es ist oft schwierig genug, an sich den Skrupel zu erkennen, es ist besonders wichtig, sich nicht auf sein eigenes Urteil zu verlassen, sondern sich an das Urteil des Beichtvaters zu halten. Oft kann man skrupulös bei einigen Angelegenheiten und lax bei anderen sein.

Die Ursachen des Skrupels sind: ein krankhafter Zustand, ein vererbter schlechter organischer Zustand (nervöse Überreiztheit, Blutarmut, Blutarmut im Gehirn), ein zu heftiges Vorstellungsvermögen, eine dominante Empfindsamkeit, eine frühreife Feinsinnigkeit, eine übertriebene Gewohnheit der Selbstbeobachtung, Urteilsschwäche, oft auch ein verborgener Stolz, der dazu treibt, sich vor jedem Vorwurf reinzuwaschen, und der in allen Dingen jene Sicherheit erreichen will, die selbst den leichtesten Zweifel ausschließt, zuletzt ein Mangel an Vertrauen in die göttliche Barmherzigkeit. Skrupulanten sind oft selbst verantwortlich für die Verschlimmerung ihres Zustands, weil sie nicht einwilligen, auf beständige Weise die Heilmittel anzuwenden, die man ihnen vorschlägt.

Die Mittel, die gegen den Skrupel zu gebrauchen sind, sind die folgenden: Das Gebet und das Vertrauen auf Gott, der absolute und vertrauensvolle Gehorsam gegenüber dem Seelenführer [Beichtvater], die Ausbildung allgemeiner Regeln für das moralische Handeln, an die man sich um jeden Preis halten muss, selbst wenn sie uns unter diesem oder jenen Umstand trügen mögen, das Fliehen des Müßiggangs, das Entfernen der Ursachen des Skrupels, besonders der organischen Probleme.

[…]

Gegen ein skrupulöses Gewissen zu handeln ist keine Sünde, selbst wenn man eine Handlung mit einer extremen Furcht zu sündigen begeht.

Das skrupulöse Gewissen ist nämlich genau genommen ein krankhafter Zustand der Unruhe. – Das Prinzip, das soeben aufgestellt wurde, ist selbst dann gültig, wenn der Skrupulant im Augenblick der Handlung nicht bedacht hat, dass er es mit einem Skrupel zu tun hat; es genügt, dass er auf gewohnheitsmäßige Weise weiß, dass er das Recht hat, alles zu tun, was ihm nicht sicher als Sünde erscheint. – Der Skrupulant darf alles tun, was er fromme Personen tun sieht, selbst wenn diese Handlungsweise gegen seine eigene Ansicht geht. In seinen Handlungen ist er nur gehalten, eine ganz gewöhnliche Aufmerksamkeit aufzubringen; wenn er nicht der Richtschnur folgen kann, die man ihm gegeben hat, oder auf jemandes Rat zurückgreifen kann, kann er tun, was er will, außer wenn es sich offensichtlicherweise und sicherlich um eine Sünde handelt. Wegen der Beschwerlichkeiten, die daraus hervorgehen würden, kann der Skrupulant von mehreren positiven Pflichten [positive Pflicht = Pflicht, etwas zu tun, im Unterschied zur negativen Pflicht, etwas zu unterlassen] befreit sein, z. B. der Pflicht zur brüderlichen Zurechtweisung, zur Vollständigkeit der Beichte. Wenn er beim Anblick unschuldiger Objekte oder anständiger Personen in sich unreine Gedanken spürt, soll er nur ruhig diese Gegenstände und sittsam diese Personen ansehen, ohne sich mit diesen schlechten Eindrücken zu beschäftigen / wegen dieser schlechten Eindrücke zu beunruhigen. Wenn der Skrupel ihn dazu bringt, sich zu fragen, ob er seine Pflichten richtig erfüllt hat (sein Brevier, seine Buße, sein Gelübde), kann er davon ausgehen, sie erfüllt zu haben. Wenn der Skrupel ihn zweifeln lässt, ob seine Reue ausreichend war, darf er zu seinen Gunsten entscheiden. Was Sünden angeht, die er vor der letzten Beichte begangen hat, hat er sich ihrer nicht anzuklagen, zumindest, wenn er nicht schwören kann, dass sie sicher Todsünden waren und er sich ihrer sicher noch nie [in einer Beichte] angeklagt hat. Und selbst in diesem Fall könnten sich Umstände finden, die ihn von der Vollständigkeit der Beichte entschuldigen würden. Man muss dasselbe über die Ängste bezüglich der Gültigkeit früherer Beichten sagen. – Wenn Skrupulanten Empfindungen der Angst (Seelenqualen) mit Schuldgefühlen verwechseln, muss man sie darüber in Kenntnis setzen, dass diese Ängste zur Ursache die Nerven und nicht Sünden haben.

Man hat sogar die Pflicht, sich gegen die Skrupel zu wehren, weil man andernfalls durch Stolz, Selbstliebe, Ungehorsam sündigen könnte oder sich Schäden für die physische und moralische Gesundheit aussetzen oder seine Stellung schädigen könnte. Aber wenn der Skrupulant guten Willen hat, wird er in konkreten Fällen schwerlich eine Todsünde begehen. Wegen der bezeichneten Beschwerlichkeiten darf der Beichtvater nur ein Mal die vollständige Darstellung der Skrupel oder eine Generalbeichte erlauben; man muss diese einmalige Aufdeckung des Gewissenszustandes sogar verbieten, wenn der Skrupulant sie schon kurze Zeit vorher gegenüber einem anderen Beichtvater gemacht hat und geringe Chancen bestehen, dass er lange bei seinem neuen Beichtvater bleiben wird.“**

 

Zur Erklärung, was er meint, wenn er von der Vollständigkeit der Beichte spricht: An späterer Stelle erwähnt er das Thema Skrupulosität noch, wenn er über die Beichte schreibt:

„Wenn man zweifelt, ob man eine Sünde begangen hat, ob man bei ihrer Begehung schwer schuldhaft gehandelt hat, oder auch, ob man sie schon gebeichtet hat, ist man in der Praxis nicht gehalten, sie zu beichten; wenn es sich allerdings um Personen mit laxem Gewissen handelt, soll man [der Beichtvater] darauf bestehen, dass sie beichten (s. Nr. 90); was Skrupulanten angeht, soll man ihnen verbieten, sie zu beichten; allen anderen Personen soll man die Beichte zumindest anraten. […]

Man ist im Fall einer Unmöglichkeit davon entschuldigt, alle seine Todsünden zu bekennen, sofern es notwendig ist, in diesem Moment beim fraglichen Beichtvater zu beichten […] Die Unmöglichkeit kann physisch oder moralisch sein. […] Die moralische Unmöglichkeit besteht, wenn das Bekenntnis auf außerordentliche Schwierigkeiten stößt, die nicht von der Beichte selbst abhängen. […] Unter die extrinsischen Schwierigkeiten, die von der Vollständigkeit der Beichte entschuldigen, zählt man insbesondere: […] 4) die Gefahr eines schweren geistlichen oder zeitlichen Schadens (für sich oder andere), z. B.: ein Skrupulant gerät durch die Wiederholung seiner Beichten oder durch zu minutiöse Gewissenserforschungen nur noch mehr in Verwirrung, oder auch, eine zu lange Beichte würde der Gesundheit des Pönitenten schaden, oder auch, man ist der Gefahr ausgesetzt, sich mit einer ansteckenden Krankheit anzustecken, oder zuletzt auch, man fürchtet, dass der Pönitent sterben könnte, bevor er seine Beichte beendet hat.“***

Hier spricht Jone offensichtlich von denselben Fällen, über die Tanquerey schreibt: „In gewissen Fällen hochgradiger Skrupulosität befehle man den Beichtkindern, sich mit dieser allgemeinen Anklage zu begnügen: ‚Ich klage mich aller seit meiner letzten Beichte begangenen Sünden und aller jener meines vergangenen Lebens an.'“ Also von Fällen, in denen Skrupulanten extrem in Verwirrung geraten, gar nicht mehr zwischen Todsünden und lässlichen Sünden unterscheiden können, und stundenlang für Gewissenserforschung und Beichte brauchen.

 

* Wie in meiner „Moraltheologie- und Kasuistik“-Reihe sind alle Zitate von mir aus der französischen Übersetzung von 1935 zurück ins Deutsche übersetzt.

** Heribert Jone: Précis de theologie morale catholique, Nr. 86 und 91.

*** Ebd., Nr. 565-568.

Ein paar Dinge zum Coronavirus

Es hat inzwischen wohl doch so ziemlich jeder mitbekommen: Was gerade vor sich geht, ist sehr viel gefährlicher als die Grippe.

Nicht, weil, wie in Zeiten der Pest, ein Drittel der Bevölkerung daran sterben würde; aber weil es doch sehr ansteckend ist, besonders gefährlich für ältere und kranke Menschen, und es die Krankenhäuser extrem stark belastet. In Italien sterben immer mehr Menschen den Erstickungstod wegen beidseitiger Lungenentzündung, weil nicht genug Beatmungsgeräte für alle Patienten da sind. Die Zahl der üblichen jährlichen Grippetoten ist da sehr schnell überholt, und wäre ohne drastische Maßnahmen noch schneller überholt.

(Und ja, die Alten und die Kranken sind genauso viel wert wie andere Menschen, und ja, es lohnt sich auch noch, die Alten zu schützen. Die Vermeidung einer Ansteckung mit Corona kann noch zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre für Fünfundsechzig- oder Siebzigjährige ausmachen, in der sie noch ihre Enkel aufwachsen sehen und ihre Urenkel kennen lernen können. Und dafür kann es sehr viel ausmachen, dass Menschen daheim bleiben, sich nicht in Menschenmassen bewegen, sich oft die Hände waschen, sich bei möglichen Corona-Symptomen oder Kontakten zu Infizierten gleich selbst zu Hause in Quarantäne stecken, usw.)

In unseren katholischen Kreisen wird ja gerade viel darüber geklagt, dass Messen nicht mehr öffentlich sind, die Kommunion nicht mehr möglich ist, usw., und besonders darüber, dass die Messen oft schon von den Bischöfen abgesagt worden sind, bevor die Regierungen alle Versammlungen verboten haben. Und dann kommen – leider gerade in Tradiland – zurzeit schnell die Leute an, die erklären, dass es einfach ein Mangel an Glauben bei den Leuten sei, die nicht die Zuversicht haben, dass Gott sie vor einer Ansteckung bei der Messe schützen werde, oder die nicht trotz der Gefahr der Ansteckung zur Messe gehen wollen. Klingt ja auf den ersten Blick gar nicht so dumm: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, die Messe ist der Höhepunkt und die Quelle des ganzen christlichen Lebens, eher könnte die Erde ohne die Sonne bestehen als ohne das Messopfer, usw. usf., da muss man auch was dafür opfern.

Aber richtig ist die Vorgehensweise trotzdem nicht. Erst einmal das Offensichtliche: Selbstverständlich ist Ansteckung bei der Messe möglich. Dabei fassen viele Menschen dieselben Türknäufe, Liederbücher oder Banklehnen an, sitzen vielleicht nahe beieinander, husten jemand anderem in den Nacken. Und natürlich ist Ansteckung auch über die Kommunion möglich. Ja, an den eucharistischen Gestalten können Keime haften; es ist nicht unkatholisch und ein Zeichen mangelnden Glaubens, zu meinen, man könne von der Eucharistie krank werden. Die Transsubstantiationslehre sagt gerade, dass die Akzidentien – das, woraus sie bestehen, also Aussehen, Geschmack, chemische Zusammensetzung etc. von Brot und Wein – bleiben, während sich die Substanz, das, was sie sind („Brotheit“, „Weinheit“), wandelt. Zu den Akzidentien können auch daran haftende Keime gehören.

Es ist allgemein bekannt, dass Zöliakiekranke den Herrn lieber nicht unter der Gestalt des Brotes empfangen sollten, und (trockene) Alkoholiker Ihn nicht unter der Gestalt des Weines. Es ist auch bekannt, dass es möglich ist, den Wein zu vergiften, auch nach der Wandlung. Der hl. Thomas von Aquin beispielsweise schreibt in der Summa Theologiae: „Fällt eine Mücke oder so etwas vor der Konsekration in den Kelch, so muß der Wein ausgeschüttet, der Kelch abgetrocknet und neuer Wein eingegossen werden. Geschieht dies nach der Konsekration, so muß man das Tier vorsichtig herausnehmen, abwaschen, verbrennen und Alles in das Sakrarium thun. Wird erkannt, es sei Gift hineingemischt worden, so darf der Priester das ja nicht nehmen und keinem anderen geben, damit der Kelch des Lebens nicht zum Anlasse des Todes werde; sondern man muß diesen konsekrierten Wein ausschütten und in einem passenden Gefäße zusammen mit Reliquien aufbewahren. Damit aber das Sakrament nicht unvollendet bleibe, muß anderer Wein in den Kelch gegossen, die Konsekration des Weines wiederholt und so das Opfer vollendet werden.“ (Summa Theologiae III,83,6)

Die Gnade hebt die Natur nicht auf, und auch wenn Gott immer ein Wunder wirken kann, sollten wir nicht so handeln, als hätten wir einen Anspruch darauf. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“, hat unser Heiland dem Teufel auf die entsprechende Versuchung erwidert. Gott hat uns unseren Verstand gegeben, damit wir ihn benutzen.

Im übrigen finden Messen ja weiterhin statt – nur eben als Privatmessen ohne Teilnahme des Volkes. Die Darbringung des Messopfers ist auch ohne Volk wirksam und bringt der Welt viele Gnaden; die gegenteilige Meinung wäre protestantischer Humbug (der leider in den letzten sechzig Jahren auch unter Katholiken viele Anhänger gewonnen hat). Die Welt muss gerade nicht ohne das Messopfer auskommen. (Und auch öffentliche Messen finden in vielen Ländern der Welt zurzeit noch statt.)

Es ist kein Mangel an Glauben bei den Bischöfen, wenn sie öffentliche Messen verboten, oder zuvor nur eine geringe Teilnehmerzahl dabei zugelassen oder allgemein von der Sonntagspflicht dispensiert haben; es ist schlicht vernünftig. Man muss es sich mal durch den Kopf gehen lassen: Viele Priester sind schon älter und sie sind auch nicht immun gegen das Coronavirus. Wenn man nach dieser Krise wieder die normale Anzahl an Messen haben will, sollte man es eher zu vermeiden suchen, dass die Priester inzwischen wegsterben.

(Es ist dementsprechend auch besser, sich nicht irgendwo eine Kapelle zu suchen, in der die Messe verbotenermaßen noch öffentlich zugänglich ist. Ich will es nicht eigenmächtig zur Todsünde deklarieren, besonders, wenn da die Leute darauf achten, nicht zu nah beieinander zu sitzen; aber ich halte es doch für eindeutig falsch.)

Es ist ganz und gar nicht schön, ohne den Messbesuch auskommen zu müssen. Aber es ist auch vorübergehend. Vermutlich dauert es länger als nur bis Ostern, aber es ist trotzdem vorübergehend. Katholiken in abgelegenen Regionen mit Priestermangel oder auch schwer kranke Katholiken müssen auch oft monatelang ohne Messbesuch auskommen; das ist nichts Ungehörtes, nie Vorgekommenes. Es gab auch Heilige, die damit auskommen mussten. Der hl. Isaak Jogues (1607-1646) beispielsweise hat über ein Jahr lang die Messe nicht gefeiert, weil er überzeugt war, zuerst in Rom Dispens beantragen zu müssen, um sie feiern zu dürfen, ohne die Hostie zu erheben. (Mohawks, in deren Gefangenschaft er gewesen war, hatten ihm die dafür nötigen Finger abgeschnitten.) Das ist mal ein Beispiel dafür, wie man es mit Gehorsam gegenüber den Kirchengesetzen bis zu einem Extrem treiben kann.

Und es ist ja auch nicht so, als würden von der Seite der Regierungen nur die Messen verboten, weil das gerade ein bequemer Vorwand wäre, der Kirche eins reinzuwürgen. Es sind Vereinstreffen verboten, Spielplätze geschlossen, sogar Bordelle sind geschlossen (wenigstens etwas Gutes hat diese Pandemie). Und: Deutschland unter der Regierung von Frau Dr. Merkel hat Grenzkontrollen und Einreiseverbote eingeführt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wenn es so weit kommt, dass die Regierung Merkel zugibt, dass Grenzschließungen möglich und effektiv sein können, muss es wirklich schlimm stehen.

Ich kann ehrlich gesagt gut verstehen, dass viele auf egal welche Anordnungen unserer Bischöfe erst mal skeptisch bis ablehnend reagieren, weil sie den Bischöfen einfach nicht mehr über den Weg trauen. Und man muss wirklich sagen, dass viele Bischöfe gerade nicht die beste Figur machen. Nicht deswegen, weil sie öffentliche Messen bzw. Messen mit zu vielen Teilnehmern verboten haben. Das ist angemessen, und wurde immer wieder auch von heiligen Bischöfen  oder Päpsten vergangener Zeiten während Pestepidemien angeordnet oder auf Anweisung der weltlichen Macht durchgesetzt, z. B. auch vor hundert Jahren während der Spanischen Grippe. (Wobei es schon möglich ist, dass manche Bischöfe das nicht als die harte und schwer erträgliche, wenn auch notwendige, Maßnahme sehen, die es ist, weil ihnen die Messe tatsächlich nicht wichtig genug ist; aber das ändert nichts an der grundsätzlichen Berechtigung dieser Maßnahme.) Aber angemessen wäre auch:

1) Über die nächsten Monate eine sakramentale Grundversorgung weiterhin zu garantieren (und klar zu kommunizieren, dass sie garantiert ist!), insbesondere:

  • Gegenüber den Priestern (und Gläubigen) klarzustellen, dass alle Priester täglich privat die Messe für das Kirchenvolk zu applizieren haben, und sie evtl. anzuweisen, ab und zu die Kommunion in die Häuser zu bringen, zumindest zu den schwer Kranken, die vielleicht nicht mehr lange zu leben haben. [Update: Inzwischen kommen immer mehr Berichte von Priestern wie diesen, die die Monstranz durch die Straßen tragen, die Menschen, die an ihren Fenstern stehen, segnen, und unter besonderen Hygienevorkehrungen die Kommunion spenden, wenn sie ans Gartentor kommen.]
  • Dafür zu sorgen, dass Beichten möglich sind. Man kann kreativ werden. Es gibt inzwischen Priester, die Drive-through-Beichten auf dem Parkplatz anbieten, wobei die Leute in ihren Autos sitzen bleiben und so nicht alle dieselben Türgriffe an der Kirchen- und Beichtstuhltür anfassen müssen. Beichten sind unheimlich wichtig, und erfordern keine Massenansammlungen mit engem Kontakt.
  • Kinder weiterhin zu taufen, mit den entsprechenden Beschränkungen, dass die Eltern beispielsweise außer den Taufpaten sonst keine Gäste mitbringen dürfen. Es kann nicht angehen, dass Kinder gerade in einer solchen Gefahrensituation nicht zu Kindern Gottes gemacht werden. Notfalls sind die Gläubigen zu instruieren, dass sie ihre Kinder selbst taufen können, wenn nichts anderes übrig bleibt. Wenn man jetzt davon hört, dass manche Priester nicht zu Taufen bereit sind, ist das ein Skandal sondergleichen.
  • Die Gläubigen haben auch ein Recht darauf, das Sakrament der Ehe einzugehen; natürlich haben sie auch hier nicht das Recht darauf, neben den vom Kirchenrecht verlangten zwei Zeugen noch mehr Gäste mitzubringen, wenn gerade eine Pandemie herrscht. Aber sie haben ein Recht auf die Ehe. Und auch hier könnte man sie instruieren, dass sie sie gemäß den Bestimmungen des Codex des Kanonischen Rechtes (Can. 1116) unter bestimmten Voraussetzungen im Notfall nur vor zwei Zeugen und ohne Priester eingehen können. (Ja, das geht wirklich.)
  • Dass Beerdigungen nicht ausgesetzt werden können, versteht sich sowieso von selbst.
  • Priester sollten noch zur Einzelseelsorge verfügbar sein – ratlosen, trauernden, ängstlichen, kranken Menschen beistehen – und dass sie das sind, muss allgemein bekannt sein.
  • Evtl., wo die Bedrohung nicht zu groß ist, die Kirchen offen zu lassen, damit einzelne dort beten können, oder auch eine Anbetung machen, oder ab und zu das Allerheiligste Sakrament auf einem öffentlichen Platz auszustellen, wo die Leute den Herrn anbeten könnten, ohne zu nahe beieinander zu stehen. Solche Dinge passieren zum Glück auch mancherorts.

Man muss hier auch erwähnen, dass es vorbildlich ist, wie viele Priester gerade schon Livestreams von ihren Messen anbieten, damit die Katholiken immerhin aus der Ferne mitbeten und geistlich kommunizieren können.

2) Die sakramentale Versorgung der Coronakranken zu garantieren. Besonders Krankenhausseelsorger müssten darauf sehen, dass vor allem die schwer Kranken vor ihrem Tod zumindest beichten können, und evtl. die Krankensalbung und die Wegzehrung empfangen können. Sicher würde das medizinische Personal dabei zu Recht auf denselben Hygienemaßnahmen bestehen, die sie bei der Pflege der Kranken auch einhalten, aber die sind ja möglich.

Screenshot (12)

(Auf Twitter gefunden. Übersetzung: „Habe vorhin ein Hospizzentrum besucht, um einer sterbenden Frau die Krankensalbung zu spenden. Musste es mit Handschuhen und einer Maske tun. Habe ihr den vollkommenen Ablass in der Sterbestunde gewährt. Sie ist vor kurzem gestorben. Betet für ihr Seelenheil und für ihre Familie.“)

(Und falls die Quarantänebestimmungen Priestern keinen Zutritt gewähren sollten, müssten die Bischöfe eben lautstark dafür eintreten, das zu ändern, und notfalls müssten Priester auch in der Quarantäne bleiben. Das ist sicher einiges verlangt, aber Ärzte und Pfleger leisten gerade auch einiges; und für so etwas sind Priester ja geweiht worden.)

3) Den Leuten in dieser Zeit allgemein ihre Sterblichkeit in Erinnerung zu rufen. Es kann jeden treffen, auch die Jungen und Gesunden. Daher: Zu Umkehr und Buße aufrufen, die Schönheit und Lieblichkeit des Himmels und die Gnade und Güte Gottes in Erinnerung rufen. Ein paar kräftige Predigten unserer Bischöfe wären wirklich gut.

4) Zu allgemeinen Gebetstagen (ohne Zusammenkünfte) aufzurufen und den Herrn um sein Erbarmen anzuflehen. In dieser Richtung passiert immerhin ein bisschen was: Das Bistum Rom hat zu einem Tag des Fastens und Gebets aufgerufen, der Papst hat eine kleine Fußwallfahrt zu einem römischen Pestkreuz gemacht. (Es gibt sicher mehr, was schon passiert ist, das ich noch nicht mitbekommen habe.)

5) Die Leute überhaupt anzuleiten, wie sie eine Zeitlang ohne Messe auskommen: Anleitungen zu einem disziplinierten Gebetsleben, das man nicht wieder schleifen lässt, zur lectio divina o. Ä., wären sinnvoll.

Manchmal kommt man sich in dieser Zeit leider doch (mal wieder) vor wie ein Schaf ohne Hirt, oder zumindest wie eins mit einem eher nachlässigen Hirten.

 

Es fragt sich gerade natürlich auch: Ist das Coronavirus eine Strafe Gottes? Schon möglich. Vielleicht lautet die Antwort auch jein: Für manche ja, für manche nein. Eine Katastrophe kann vom Herrn, der alles mit Rücksicht auf jeden einzelnen lenkt, für den einen etwas anderes bedeuten als für den anderen und ihn aus einem anderen Grund treffen als jenen. Nicht alles Leid ist Strafe, aber manches ist es. Sodom und Gomorrha oder Hananias und Sapphira erhielten tatsächlich eine Strafe vom Herrn, für Ijob oder den Blindgeborenen aus Johannes 9 war ihr Leid dagegen keine.

Im Hinterkopf behalten: Gott bestraft einen nie so sehr, wie man es verdient, aber sicher, Strafe kann kommen. Das ist auch kein „grausames“ Gottesbild; es ist ja gut, wenn Gott einem irdische vorläufige Strafen zur Warnung schickt, sodass einen nicht unvorbereitet die ewige Höllenstrafe trifft.

Einige fragen sich ja gerade auch, ob es schon ein Anzeichen des Weltendes ist: Schließlich haben wir da Seuchen und weitere Katastrophen zu erwarten. Auszuschließen ist das einerseits nicht; der Herr hat gesagt, dass das Ende zu einer Stunde kommt, in der wir es nicht erwarten, und im Grunde kann es sehr schnell kommen. Andererseits hatten wir schon sehr viele, und schlimmere, Seuchen, ein eindeutiges Zeichen sieht also anders aus; außerdem muss sich vor dem Ende der Welt noch das jüdische Volk zu unserem Heiland bekehren, was noch aussteht, und der Antichrist ist auch noch nicht sicher in Erscheinung getreten.

Aber auch wenn das Ende der Welt als Ganzes noch auf sich warten lässt: Das eigene Ende kann ja jederzeit und ohne irgendwelche Vorzeichen kommen, also heißt es immer: vorbereitet sein.

 

Was also jetzt am besten konkret tun, so, wie die Situation ist? Abgesehen davon natürlich, zu Hause zu bleiben, soweit man kann, oft die Hände zu waschen oder sie zu desinfizieren, und jetzt gerade nicht die Oma im Altenheim zu besuchen. Zum Beispiel wäre folgendes vielleicht gut:

  • Wie oben schon gesagt: An die eigene Sterblichkeit denken. Man kann auch Corona bekommen, Komplikationen haben und ersticken, wenn man jung ist. Oder man kann morgen von einem Bus überfahren werden oder einen Stromschlag bekommen, wie immer. Daher: vorbereitet sein. Hilfreich (z. B.):
    Jeden Abend einen Akt der Reue beten (besonders, wenn man keine Gelegenheit zur Beichte hat, bzw. nicht gehen will, um kein Virus heimzubringen und jemanden anzustecken, weil man z. B. mit Risikopatienten zusammenlebt; das sorgt zusammen mit einem Vorsatz, später zu beichten, schon für Gottes Vergebung):„Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“

    Oder vielleicht auch das Memorare:

    „Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, es ist noch nie gehört worden, dass jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, deinen Beistand anrief und um deine Fürbitte flehte, von dir verlassen worden ist. Von diesem Vertrauen beseelt, nehme ich meine Zuflucht zu dir, o Jungfrau der Jungfrauen, meine Mutter, zu dir komme ich, vor dir stehe ich als ein sündiger Mensch. O Mutter des ewigen Wortes, verschmähe nicht meine Worte, sondern höre sie gnädig an und erhöre mich! Amen.“

    Oder dieses wunderschöne Gebet:

    „Seele Christi, heilige mich!

    Leib Christi, rette mich!
    Blut Christi, tränke mich!
    Wasser der Seite Christi, wasche mich!
    Leiden Christi, stärke mich!
    O guter Jesus, erhöre mich!
    Birg in deinen Wunden mich!
    Von dir lass nimmer scheiden mich!
    Vor dem bösen Feind beschütze mich!
    In meiner Todesstunde rufe mich!
    Zu dir zu kommen, heiße mich,
    mit deinen Heiligen zu loben dich
    in deinem Reiche ewiglich! Amen.“

     

  • Sich fragen, was man erledigt haben wollen würde, wenn man in einer Woche oder einem Monat sterben würde.
  • Jetzt gerade kann man außerdem die hl. Corona (Jungfrau, Märtyrerin und u. a. Patronin gegen Seuchen – kein Witz) um ihren Beistand anrufenund sie um ihre Fürbitte für alle Kranken, Sterbenden, Toten und die Ärzte und Pfleger in den Krankenhäusern bitten. Auch der heilige Sebastian ist ein beliebter Patron gegen Seuchen und Patron der Sterbenden.

(Heilige Corona und heiliger Viktor, aus einem Stundenbuch von ca. 1480. Gemeinfrei.)

  • Wenn andere Dinge abgesagt sind, etwas von der Zeit fest für mehr Gebet einplanen – Rosenkranz, Stundengebet, Bibellesen; was einem einfällt.
  • Die an Corona Sterbenden wären einem sicher auch nicht böse, wenn man ein paar (Teil)Ablässe für sie gewinnen würde (wenn man auch nicht zur Beichte und/oder Kommunion gehen kann, kann man zumindest einen Teilablass gewinnen).

Ansonsten: Nicht verzweifeln oder zu panisch werden, so ist das Leben eben, ein schönes Jammertal seit Adam, und der Tod kommt letztlich doch für alle. Man kann und muss vernünftige Maßnahmen gegen zu viel Tod (und Elend) auf einmal treffen, aber am Ende kommt er doch für alle. Tipps dazu, wie man anderen praktisch helfen kann (z. B. für ältere Nachbarn einkaufen gehen, wenn man gerade keine Schule hat, oder jemandem aushelfen, der wegen seines Berufs (z. B. als Verkäufer) viel Stress hat), oder wie man als Eltern für die Kinder Heimunterricht am besten gestaltet, usw. usf., finden sich ja allerorten auch genug. Und noch etwas: Sich dauernd mit etwas zu beschäftigen, das man nicht ändern kann, bringt nichts. Es ist sicher notwendig, sich ab und zu auf den neuesten Stand zu bringen (wofür ich übrigens Marco Gallinas Berichterstattung sehr viel mehr empfehlen kann als die unserer öffentlich-rechtlichen Medien), aber wenn man sich den ganzen Tag über mit denselben Meldungen verrückt macht, die man schon kennt, hätte man die Zeit besser verwenden können.

Christliche Kultur am Sonntag: „Quo vadis?“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Henryk Sienkiewicz: „Quo vadis?“

Der Titel dieses Romans des polnischen Schriftstellers Sienkiewicz, erschienen erstmals 1895, ist Latein für „Wohin gehst du?“ und bezieht sich auf eine Legende über den Apostel Petrus. Als die Christenverfolgung unter Nero (nach dem Brand Roms) begonnen habe, sei Petrus aus Rom geflohen; an der Via Appia sei er dann Jesus begegnet, und habe ihn gefragt „Domine, quo vadis – Herr, wohin gehst du?“, worauf die Antwort gelautet habe: „Nach Rom, um mich erneut kreuzigen zu lassen.“ Darauf sei Petrus, beschämt, dass er seinen Herrn so schlecht vertreten und seine Herde im Stich gelassen hatte, nach Rom zurückgekehrt, wo er dann gekreuzigt wurde.

Diese Erzählung kommt im Roman vor, und der Apostel Petrus spielt eine gewisse Rolle, ebenso der Apostel Paulus; die zentralen Protagonisten sind aber andere. Die Handlung beginnt folgendermaßen: Der reiche junge Patrizier Marcus Vinicius, der vor kurzem aus dem Krieg nach Rom heimgekehrt ist, hat sich in die schöne Lygia verliebt, nachdem er einige Tage im Haus ihrer Pflegeeltern Aulus Plautius und Pomponia Graecina zu Gast war. Sie ist eine Fürstentochter vom Volk der Lygier (die im heutigen Polen lebten), und als Geisel nach Rom gekommen, wo sie aufgewachsen ist. (Damals kam es vor, dass bei Abschlüssen von Friedensverträgen und dergleichen eine oder beide Seiten Geiseln stellen mussten, die dann lange bei der anderen Seite lebten, was verhindern sollte, dass der Frieden wieder gebrochen wurde.) Marcus Vinicius setzt von da an alles daran, Lygia zu seiner Geliebten zu machen, wobei ihn sein Onkel Petronius, der eine hohe Position an Neros Hof hat, unterstützt; Petronius bringt Nero dazu, Lygia zuerst an den Kaiserhof zu holen, woraufhin sie zu Marcus kommen soll. Lygia allerdings ist damit nicht ganz einverstanden (auch wenn sie selbst sich schon etwas in Marcus verliebt hat), und kann mithilfe ihres Sklaven Ursus fliehen. Dann findet Marcus Vinicius heraus, dass sie und ihre Pflegemutter Christinnen sind, und dass sie sich bei anderen Christen versteckt…

Man muss sich damit abfinden, dass der Protagonist des Romans erst einmal eine Zeit lang ziemlich unsympathisch ist; und die Beschreibungen der antiken Christen sind vielleicht etwas klischeehaft. (Ein Gottesdienst, dessen Beginn beschrieben wird, erinnert mich etwas zu sehr an eine evangelikale Erweckungspredigt und zu wenig an die liturgische Ordnung, von der man bei den antiken Christen selbst liest. (Und allein schon: Keine Türhüter, sodass sich zwei Heiden einfach einschleichen können!)) Aber der Roman ist sehr schön geschrieben, die Handlung ist spannend, und auch die Nebenfiguren sehr gut gemacht. Insgesamt wirklich empfehlenswert.

Poster for Quo Vadis (1913 silent film) - Original.tiff

(Poster für den Stummfilm von 1913, einer der ersten Filme nach dem Roman. Gemeinfrei.)

Dumm, dümmer, Materialismus

Es gibt falsche Ansichten, die eine gewisse Plausibilität für sich beanspuchen können, auch wenn es letztlich starke Gründe gegen sie gibt; darunter wären z. B. der Stoizismus oder der Islam. Dann gibt es Ansichten, die so dumm und abwegig sind, dass es der Menschheit kein gutes Zeugnis ausstellt, dass sie tatsächlich Anhänger haben; so etwas wie die Flache-Erde-Theorie, die Christian-Science-Sekte, das Mormonentum, oder auch der Materialismus.

Ich war ja nicht immer streng katholisch; aber den Materialismus fand ich nie auch nur annähernd überzeugend. Der Materialismus gibt vor, Dinge zu erklären, indem er sie einfach leugnet. Ach, du hast Gedanken? Nein, hast du gar nicht. Wie östliche Religionen die Welt für eine Illusion erklären, erklären Materialisten alles Nichtmaterielle einfach für eine Illusion.

Materialisten scheinen unfähig, die einfachen Tatsachen zu bemerken, die jeder sonst kennt – z. B. dass Materie und Geist – beim Menschen – selbstverständlich zusammenhängen, voneinander abhängen. Ein Gedanke äußert sich durch Neuronen im Gehirn – ach ne, echt. Dass das Denken seinen Sitz im Kopf hat und irgendwie mit dem Gehirn zusammenhängt, ist ja eine Erkenntnis, auf die die Menschheit bisher nie gekommen ist.

Materialisten verhalten sich wie jemand, der proklamiert „ein Gerichtsurteil besteht ja nur aus ausgestoßenen Lauten und Klecksen auf Papier“. Natürlich ist das offensichtlicher Blödsinn; es besteht in dem Richterspruch, der eine rechtliche Folge hat (z. B. dass der Verurteilte für ein Jahr ins Gefängnis muss). Selbstverständlich muss sich das Urteil auch durch die Worte des Richters, und dadurch, dass es aufgeschrieben wird, ausdrücken. So hängt auch die Denktätigkeit vom Gehirn ab; dadurch wird sie nicht mit ihm identisch.

Da nützt auch das viel gebrauchte Argument nichts, dass Medikamente, Drogen u. Ä. das Denken beeinflussen oder ausschalten können. Wenn der Richter von einem Verbrecher als Geisel genommen und geknebelt wird, oder wenn er schon zu Beginn des Gerichtsprozesses krank zusammenbricht (das Gehirn unter Drogen gesetzt wird), kann er auch kein Urteil sprechen und die rechtliche Folge tritt nicht ein (man kann nicht normal denken); die Schlussfolgerung „also ist das Gerichtsurteil nur irgendwelche Laute“ („also ist Denken nur Neuronen“) wäre trotzdem komplett widersinnig.

Gehen wir das Ganze noch einmal von vorn an. Es gibt einen Unterschied zwischen Lebewesen und nicht lebenden Dingen; das dürfte schwer zu leugnen sein. Alles, was lebt, ist nun, solange es lebt, zusammengesetzt aus dem (sozusagen) „Lebensprinzip“, das wir Seele nennen, und dem Körper. Erst wenn das Leben weg ist, ist nur noch die Materie, nur noch der Körper da; dann haben wir eben einen Leichnam. Auch der strengste Materialist behauptet nun kaum, dass Leben nicht existiert (obwohl er sich schon allein, wenn er das anerkennt, genau genommen nicht mehr „Materialist“ nennen dürfte); wenn es sich bei Gedanken nur um elektrische Blitze im Gehirn handeln würde, würde es aber kein Leben geben. Solche elektrischen Blitze gibt es auch in der unbelebten Natur ohne die typischen Merkmale von Leben wie Empfindungen, evtl. Bewusstsein, und dergleichen.

Soweit zu Leben/Seele an sich; jetzt zur Art von Seelen. Wir unterscheiden vegetative Seelen (bei Pflanzen), Tierseelen und rationale Seelen. Zu beweisen, dass Menschen Vernunft und nicht nur Empfindungen (wie etwa Tiere) besitzen, ist nicht schwer; wir ziehen logische Schlussfolgerungen (wie hier gerade), und wir erfassen nicht nur Partikularien, sondern auch Universalien. (Partikularien sind z. B. dieses Dreieck oder dieser Mensch hier; Universalien wären Dreieckigkeit und Menschlichkeit; wir schließen von Einzelexemplaren darauf, was objektiv das Wesen einer Kategorie ausmacht. Tiere dagegen erleben immer nur gerade ein konkretes Ding. Zur tatsächlichen Realität dieser Kategorien, also zur Frage, ob sie nicht nur willkürliche Konstrukte sind, kommt noch mal ein eigener Beitag, da das ein Thema ist, das gesonderte Behandlung verdient.)

Der Materialismus ist nicht nur falsch, er ist sogar in sich widersprüchlich. Wenn jemand annehmen will, dass alle seine Gedanken unzuverlässige Erzeugnisse von Materie sind, dann auch sein Gedanke, dass alle Gedanken unzuverlässige Erzeugnisse von Materie sind. Also beißt sich die Katze in den Schwanz und der Materialismus führt sich selbst ad absurdum.

Das ist ein ganz zentrales Argument gegen den Materialismus, und sehr einfach einzusehen. Wenn derjenige will, kann er den Materialismus natürlich immer noch „einfach so“ postulieren und jedes Denken aufgeben; aber das ist dann eben weder falsifizierbar noch belegbar. Und für gewöhnlich reden Atheisten ja so gern von Falsifizierbarkeit. Die einzige Alternative dazu ist, davon auszugehen, dass nicht alles hier Illusion ist, sondern dass Vernunft/Geist/Denken tatsächlich existiert und, wie von der Erfahrung bestätigt, zu richtigen Ergebnissen führen kann. Es macht auch keinen Sinn, zu sagen „eigentlich glaube ich nicht an das Denken, aber ich mache trotzdem einfach mal das Beste daraus und benutze es, wenn ich z. B. naturwissenschaftliche Tatsachen herausfinden will“; wenn es etwas nicht gibt, kann man daraus gar nichts machen.

Tatsache ist, wir leben nicht in einer Welt, die es wahrscheinlich machen würde, dass alles oder vieles, was man erfährt und zu wissen meint, nur Illusion ist. Wir erleben nicht wie in einem Albtraum plötzlich willkürliche und abstruse Dinge, die wir nicht begreifen könnten. Das Denken funktioniert. Dinge fallen herunter, man leitet daraus das Gesetz der Schwerkraft ab, und kann sich darauf verlassen, dass sie diesem Gesetz auch in Zukunft folgen werden. Sicher gibt es immer wieder Illusionen (z. B. optische Täuschungen) und schwer verständliche Dinge; aber allein die Tatsache, dass sich diese Illusionen oft aufdecken lassen, indem man genau hinsieht, Informationen sammelt und ordentlich nachdenkt, zeigt doch, dass Sinnen und Verstand eine gewisse Verlässlichkeit innewohnt.

Natürlich ist unser Verstand alles andere als perfekt; wir sind ja nur Geschöpfe, und gefallene und verdorbene noch dazu. Aber wenn manche aus seiner Beschränktheit auf seine Nichtexistenz schließen wollen, deutet das höchstens darauf hin, dass sie ihren gerade nicht nutzen wollen.

Auch zu sagen, dass es das Immaterielle zwar gäbe, es aber nur aus dem Materiellen komme, ist unlogisch, da es gegen das „Prinzip vom zureichenden Grund“ verstößt. Etwas, das etwas anderes verursacht, muss dieses Ding auf irgendeine Weise selbst haben – entweder formell (jemand mit einer Fackel hat Hitze real da und kann sie weitergeben), oder zumindest virtuell oder eminent (jemand mit Streichhölzern, Zeitungspapier und Feuerholz kann Hitze generieren und sie dann weitergeben). Das gilt auch für Leben und Geist.

Ach, und noch etwas. Der Materialismus ist keine moderne Erfindung, für die irgendwelche Viehhirten in der Eisenzeit einfach zu dumm gewesen wären. Gottesleugner waren schon immer gern Materialisten. Der folgende Text, der die Ansichten der „Gottlosen“ beschreibt, findet sich in der Bibel, im Alten Testament:

Sie tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen: Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Heilung und man kennt keinen, der aus der Unterwelt befreit. Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen. Rauch ist der Atem in unserer Nase und das Denken ein Funke beim Schlag unseres Herzens; verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche und der Geist verweht wie dünne Luft.

Unser Name wird mit der Zeit vergessen, niemand erinnert sich unserer Werke. Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird. Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten, unser Ende wiederholt sich nicht; es ist versiegelt und keiner kommt zurück.

Auf, lasst uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten, wie es der Jugend zusteht! Erlesener Wein und Salböl sollen uns reichlich fließen, keine Blume des Frühlings darf uns entgehen. Bekränzen wir uns mit Rosen, ehe sie verwelken. Keine Wiese bleibe unberührt von unserem Treiben, überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen; denn dies ist unser Anteil und dies das Erbe.

Lasst uns den Gerechten unterdrücken, der in Armut lebt, die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen! Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz.

Lasst uns dem Gerechten auflauern! Er ist uns unbequem und steht unserem Tun im Weg. Er wirft uns Vergehen gegen das Gesetz vor und beschuldigt uns des Verrats an unserer Erziehung. Er rühmt sich, die Erkenntnis Gottes zu besitzen, und nennt sich einen Knecht des Herrn. Er ist unserer Gesinnung ein Vorwurf, schon sein Anblick ist uns lästig; denn er führt ein Leben, das dem der andern nicht gleicht, und seine Wege sind grundverschieden. Als falsche Münze gelten wir ihm; von unseren Wegen hält er sich fern wie von Unrat. Das Ende der Gerechten preist er glücklich und prahlt, Gott sei sein Vater.

Wir wollen sehen, ob seine Worte wahr sind, und prüfen, wie es mit ihm ausgeht. Ist der Gerechte wirklich Sohn Gottes, dann nimmt sich Gott seiner an und entreißt ihn der Hand seiner Gegner. Durch Erniedrigung und Folter wollen wir ihn prüfen, um seinen Gleichmut kennenzulernen und seine Widerstandskraft auf die Probe zu stellen. Zu einem ehrlosen Tod wollen wir ihn verurteilen; er behauptet ja, es werde ihm Hilfe gewährt.

So denken sie, aber sie irren sich; denn ihre Schlechtigkeit macht sie blind. Sie verstehen von Gottes Geheimnissen nichts, sie hoffen nicht auf Lohn für Heiligkeit und erwarten keine Auszeichnung für untadelige Seelen. Denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören.“ (Weisheit 2)

Ja, ja, Gott liebt mich, klar

„Gott liebt dich“: Wenn es was gibt, das im christkatholischen Glauben als altbekannte Platitüde behandelt wird, dann wahrscheinlich diese Aussage. Eigentlich seltsam; in anderen monotheistischen Religionen ist es gar nicht selbstverständlich. Würden Muslime so reden? Ich weiß nicht. Auch monotheistische antike griechische Philosophen hätten nicht so vom „lieben Gott“ gesprochen.

Gott liebt dich, das heißt Gott will dir Gutes, weil Gott selbst das vollkommene Gute ist, und zwar liebt Gott dich mehr als du dich selbst liebst oder irgendein Mensch dich lieben könnte. „Gott ist mehr bereit, einem reuigen Sünder zu verzeihen, als eine Mutter, ihr Kind aus dem Feuer zu retten“, hat der hl. Pfarrer von Ars einmal gesagt.

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(Ein kurzer Abschnitt aus diesem Roman; hier spricht Kardinal Federigo Borromeo mit einem Mann, der so eine Art Raubritter ist. Ich fand die Stelle gerade sehr passend.)

Gott vergisst dich nicht einen Augenblick lang; Er hat dich gemacht und erhält dich im Leben, weil Er will, dass du bist; weil du für Ihn nicht überflüssig und keine Platzverschwendung bist. Er sieht mit Mitleid auf dich, wenn es dir schlecht geht (auch wenn Er das aus Gründen zulassen muss) und wenn du dich in Sünden verrennst. Er will dich bei sich haben. Er will dir Trost, Freude, Frieden geben.

Eigentlich eine bekannte Grundtatsache der katholischen Religion; der frohen Botschaft, die der Herr Jesus Christus zu bringen gekommen ist. Trotzdem steht sie einem auch als Katholik nicht immer vor Augen. Besonders, wenn man Probleme mit Skrupulosität hat.

Für mich ist der Gedanke die meiste Zeit über fern und theoretisch. Ja. Gott liebt mich. Ich leugne es nicht, aber habe es sicher nicht gefühlsmäßig verinnerlicht. Schon der Versuch, es zu verinnerlichen ist, sagen wir, schwierig. Da ist immer die Angst dabei, und die Hilflosigkeit. Ich könnte unehrerbietig sein. Schließlich kann ich nicht einfach proklamieren, dass Gott mit mir zufrieden ist, nicht wütend auf mich ist, meine Reue akzeptiert, oder irgendetwas, das wirklich über das theoretische Mindestwissen, dass Er etwas namens Liebe für mich hat, hinausgeht. Was heißt diese Liebe denn in der Praxis? Bei so vielen Gelegenheiten weiß ich z. B. nicht, ob ich mir etwas vormache in Bezug darauf, ob ich Seine Liebe in einem gerade noch ausreichenden Maß erwidere oder nicht, und wie Er dann jetzt zu mir steht – und dann habe ich wieder das Gefühl, dass Er mich vielleicht gar nicht wirklich haben will. Er weiß das alles, Er weiß auch, was ich eigentlich tun sollte; ich weiß es nicht, oder vielleicht sage ich mir das auch nur. Es wäre nett, wenn Gott direkt mit einem reden würde, denke ich mir dann. So viel einfacher. Wenn er einem sagen würde, was genau Er hier und jetzt von einem will, und dass Er sich für einen interessiert. Er tut das nicht, und dafür wird Er Gründe haben (vielleicht, dass Er einem beibringen will, auf das zu vertrauen, was Vernunft und Kirche einem sagen, statt sich von rein gefühlsmäßigen Eindrücken leiten zu lassen? Dass man manche Dinge selbst herausfinden muss?); aber danach sehnen werde ich mich trotzdem weiterhin. Hat Gott Geduld mit dieser meiner Schwierigkeit? Ist das hier falsch, oder ist es das nicht? Was heißt es, dass Gott milde und barmherzig ist? Kann ich im Frieden sein oder nicht? Ich weiß es eben nicht, und es gibt nun mal genug Dinge, die ich falsch mache.

Gott ist nicht der Feind, versuche ich mir (oder anderen; gerade wenn man bei den eigenen Problemen als Skrupulantin offen ist, bekommt man manchmal auch die anderer anvertraut) öfter mal zu sagen. Der Teufel will uns in der Hölle haben, um uns zu quälen, Gott geht uns nach wie der Hirt dem verlorenen Schaf, Er ist barmherzig zu uns wie zum guten Schächer am Kreuz – Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein(Lk 23,43). Er wartet nicht auf eine Gelegenheit, uns zu verdammen. Ja, schwere Sünden trennen uns wirklich von Ihm, aber nicht alles und jedes ist schwere Sünde, und Er ist jederzeit bereit, schwere Sünden zu vergeben.*

Das ist ein schönes Prinzip, ja; die Praxis schaut aber eben schwieriger aus.

Da geht man so drüber hinweg. Gott liebt mich. Klar. Weiß ich schon, das ist Katholizismus auf Erstklässlerlevel, so wie man bei der Schulanfangsfeier „Ja, Gott hat aaalle Kinder lieb“ krakeelt und hinterher „Aaaaaalle Kinder lernen leeeeeeeesen“**. Aber es ist eben tatsächlich wahr.

Neben den mehr oder weniger irrationalen Ängsten, die einen quälen können, gibt es leider auch noch die finstereren, durchdachteren Zweifel vonseiten der Calvinisten und ihrer Sympathisanten, die einen auch beeinflussen können (selbst wenn man sie intellektuell an sich ablehnt, wie ich das tue). Ich bin ja der Meinung, dass Calvinismussympathien in den meisten Fällen entweder von Verzweiflung (bei denen, die sich für wahrscheinlich verworfen halten) oder Hochmut (bei denen, die sich für erwählt halten) kommen; aber woher auch immer sie kommen, ihre Früchte sind nach allem, was ich beobachtet und bei mir selbst erlebt habe, jedenfalls Verzweiflung oder Hochmut.

Screenshot (5)Screenshot (6)

 (Reale Aussagen eines Calvinisten aus einer Twitterunterhaltung vor einiger Zeit, bei denen ich immer noch etwas fassungslos bin, wie offenherzig sie die willkürliche Grausamkeit des Calvinismus zeigen.)

Der Calvinismus (bzw. mit ihm sympathisierende Theologien) ist nicht überall direkt unlogisch; das ist seine Stärke. Er sagt (in seiner milden Variante) praktisch: Alle Menschen haben die Hölle verdient, und einigen gibt Gott einfach das, was sie verdienen; anderen schenkt Er aus Barmherzigkeit mehr, als sie verdienen, nämlich den Himmel, aber einen Anspruch darauf hat keiner, also können sich die Verdammten auch nicht beschweren. Direkt widersinnig wird es freilich, wenn Calvinisten, um Gottes „Souveränität“ und Allmacht zu wahren (in ihrer Sorge um Seine Hoheit und Unantastbarkeit erinnern sie an Muslime, die Ihm vorschreiben wollen, dass Er sich doch bitte nicht mit einer Menschwerdung zu erniedrigen habe), erklären, Gott sei auch der direkt Verantwortliche für die Sünden der Menschen, insbesondere die Ursünde von Adam und Eva, also wirklich Urheber des Bösen, nicht nur der, der durch sekundäre Ursachen (wie den freien Willen des Menschen) die Entstehung des Bösen zugelassen hat. Das ist eigentlich nur noch Teufelsanbetung unter einem anderen Namen. Aber selbst die „milde“ Variante übersieht etwas: Zwar nicht so sehr Gottes Gerechtigkeit, aber Seine über die Gerechtigkeit hinausgehende Liebe. Gott ist die Liebe.

Nun ist es tatsächlich so, dass der Katholizismus mit der Idee kompatibel ist, dass Gott manchen Menschen, z. B. solchen, die Er für besondere Aufgaben erwählt hat (wie etwa dem Apostel Paulus), ein noch größeres Ausmaß an Gnaden gibt als anderen (freilich wird von denen, denen mehr gegeben wurde, auch mehr erwartet); aber Er gibt allen wirklich genug Gnade für eine ganz reale Chance auf die Erlösung, weil Er alle liebt. Wirklich liebt, nicht nur „liebt.“ Wer verloren geht, hätte gerettet werden können, wenn er gewollt hätte. Ich halte es da mit den tröstenden Worten der Heiligen Schrift:

„[E]r will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4)

Und:

Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Weg, ihr vom Haus Israel – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, kehrt euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Schuld zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr denn sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt!“ (Ez 18,30-32)

(Auch Calvinisten berufen sich auf die Heilige Schrift, sicher; aber da kommt dann immer dieselbe falsch interpretierte Paulusstelle; und das war es mehr oder weniger.)

Soweit zu den intellektuellen Zweifeln; aber gefühlsmäßige verschwinden ja nicht einfach, wenn die intellektuelle Seite geklärt ist. Ich weiß auch nicht ganz, wie man sie wirklich verschwinden lassen kann. Akut hilft es mir immer ein bisschen, in der Bibel zu lesen oder einen Teil des Stundengebets zu beten. Das beruhigt. Aber unten drunter sind Angst und Unruhe da. Vielleicht wird so sein, bis dieses Leben hier beendet ist. Hat eben jeder sein Kreuz; immerhin hat man dann etwas zum Aufopfern.

Und am Ende ist es ja trotzdem wahr, dass Gott einen liebt, ob man es fühlt oder nicht.

 

* Hier eine kurze Anmerkung: Es hat mir wirklich geholfen, als ich gelernt habe, dass Gott einem bei einem Akt der Liebesreue inklusive Vorsatz zur Beichte auch schon vergibt, bevor man wirklich zur Beichte kommt, und dass es zwar das Gebot der Kirche ist, zur Beichte zu gehen, aber nicht, zum schnellstmöglichen Zeitpunkt zur Beichte zu gehen. [Ein Gebet zur Erweckung der Liebesreue: „Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“]

** Okay, vielleicht krakeelt man letzteres heute nicht mehr wegen der Indianer und Eskimos. Meine Einschulung war ja auch schon vor 17 Jahren.

Christliche Kultur am Sonntag: Der Gesandte des Großen Geistes

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Franz Weiser: „Der Gesandte des Großen Geistes“

Heute wieder ein Kinderbuch; ein österreichisches Kinderbuch aus den 1930ern, das von einem berühmten Indianermissionar, Pater Pierre-Jean De Smet SJ (1801-1873), handelt. Darauf gekommen, es zu lesen, bin ich über diese interessante Rezension hier.

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„Der Gesandte des Großen Geistes“ beginnt damit, wie De Smet als junger Mann heimlich seine Heimat Belgien verlässt, um sich in Amerika den Jesuiten anzuschließen und Missionar bei den Indianern zu werden (ohne seine Eltern vorab zu informieren, weil er fürchtet, dass sie ihn von dieser waghalsigen Idee abbringen wollen würden). Weiser (der im Vorwort erzählt, wie er selbst in Amerika war, De Smets Grab gesehen, seine Briefe gelesen hat usw.) berichtet dann kurz davon, wie De Smet Priester wurde, und dann ausführlicher von seinen endlosen und einsamen Reisen von St. Louis aus quer durch die Prärien und die Rocky Mountains (das „Felsengebirge“ nennt er sie). Immer wieder zitiert er dabei auch De Smets Briefe.

So sah der Pater übrigens in echt aus; ein „Westmann“, wie Weiser sagen könnte:

(Das Foto ist laut Wikipedia von ca. 1860-65. Ich finde es ehrlich gesagt sehr sympathisch, auch wenn er so grimmig schaut; damals sollte man ja auf Fotos ernst und würdevoll dreinblicken. Gemeinfrei.)

Tatsächlich war es ja so, dass in dieser Zeit die katholischen Missionare (wegen ihrer Soutanen als „Schwarzröcke“ betitelt) bei vielen nordamerikanischen Ureinwohnern sehr freundlich aufgenommen und als Boten des Großen Geistes, den diese bereits anbeteten, gesehen wurden, und einige Erfolge erzielten. (Siehe z. B. hier, hier oder hier für Stimmen katholischer Indianer aus dieser Zeit, und Schilderungen ihres Lebens.) Weiser erzählt, wie Pater De Smet die verschiedenen Stämme besuchte (die Potawatomis, Plattköpfe usw.), wie er Glaubensunterricht erteilte und taufte; von seinen lebensgefährlichen Abenteuern auf Reisen; wie er sich später wegen seines Ansehens bei den Stämmen auch als Friedensmittler zwischen Indianerstämmen, und zwischen ihnen und der US-Regierung, betätigte (u. a. traf er Sitting Bull), wie er auch immer wieder nach Europa reiste, um Priesteramtskandidaten und Nonnen für die Mission anzuwerben und Spenden zu sammeln, und schließlich vom Ende seines Lebens in St. Louis.

Das Buch enthält natürlich viel Indianer- und Wildwestromantik, und dürfte (trotz der überwiegend positiven Darstellung der Indianer und der deutlichen Verurteilung der Verbrechen von Goldsuchern und Siedlern an ihnen) allein wegen der Sprache („Rothäute“ usw.) kaum als politisch korrekt durchgehen; aber gut, wer liest schon gern politisch korrekte Bücher. Es ist kein Werk der hohen Literatur, aber auch nicht schlecht geschrieben, und nicht allzu lang. Das ideale Publikum dürften vermutlich 11-13-jährige Jungen aus katholischen Familien sein, die sich für Indianer begeistern und Priester werden wollen; aber es lohnt sich auch für andere Leser. Nichtkatholiken würde ich es allerdings nicht schenken; dafür setzt es zu viel von der katholischen Weltsicht als selbstverständlich voraus, das heutige Säkularisten nicht gleich verstehen würden.

Eine Stelle, die mir besonders gefallen hat, war übrigens diese hier; da ja in letzter Zeit öfter über das Thema „Zölibat in Missionsländern mit Priestermangel“ diskutiert worden ist:

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„Der Gesandte des Großen Geistes“ ist nicht Franz Weisers einziges Buch; allerdings dürfte sein gesamtes Werk wahrscheinlich nur noch antiquarisch zu bekommen sein.

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Christliche Kultur am Sonntag: „Die Brautleute“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Alessandro Manzoni: „Die Brautleute“ („I Promessi Sposi“)

Manzoni ist für Italien quasi das, was Goethe oder Fontane oder Thomas Mann für Deutschland ist; nur dass er mir besser gefällt. Sein in einer ersten Fassung 1827 und in der Endfassung 1840-42 erschienener Roman spielt im Herzogtum Mailand in den Jahren 1628-1630. Ich habe ihn dieses Jahr zu Weihnachten geschenkt bekommen und sofort geliebt. In früheren deutschen Übersetzungen hieß er oft „Die Verlobten“; in meiner neueren Übersetzung von Burkhart Kroeber heißt er „Die Brautleute“, was dem italienischen Titel wohl besser entspricht, weil die zwei Hauptfiguren nicht nur verlobt sind, sondern eigentlich kurz vor ihrer Hochzeit stehen.

Der Erzähler gibt das Buch als Nacherzählung einer Geschichte aus, die er in einer anonymen barocken Schrift gefunden hat. Es geht um Renzo Tramaglino und Lucia Mondella, ein junges Paar aus einem kleinen Dorf in den Bergen bei Mailand; sie stehen kurz vor ihrer Hochzeit. Ein Adliger aus der Gegend, Don Rodrigo, hat angefangen, Lucia nachzustellen, und bedroht ihren Pfarrer, um die Hochzeit zu verhindern, und will Lucia dann entführen lassen. Renzo, Lucia und Lucias verwitwete Mutter Agnese müssen aus ihrem Dorf fliehen, und sich auf der Flucht dann trennen; und dann gibt es noch allerlei Verwicklungen, die sie voneinander entfernen.

(Renzo und Lucia, Illustrationen in der Ausgabe von 1840. Gemeinfrei.)

Es kommen Hungersnot, Krieg und Pest in diesem Buch vor, aber es bleibt eine trotz ihrer Fremdheit verständliche, menschliche und manchmal sehr faszinierende Welt, die Manzoni hier zeigt. Das Schöne ist: Er hat wirklich sehr gut recherchiert, bis hin zu sämtlichen Erlassen der Mailänder Gesundheitsbehörde und der korrekten Anrede für Kardinäle; und er erfasst einfach den Geist des 17. Jahrhunderts und hat es nicht nötig, seine Figuren zurückversetzte „ihrer Zeit voraus“ seiende Charaktere seines eigenen Jahrhunderts sein zu lassen. Außerdem schön: Der billige Antiklerikalismus des 19. Jahrhunderts fehlt bei dem Katholiken Manzoni völlig. Man hat im Verlauf der Handlung sehr bewundernswerte Kirchenleute wie Kardinal Federigo Borromeo oder Pater Cristoforo (ein Kapuzinerpater und Lucias Beichtvater), und sehr, nun, nicht bewundernswerte wie Don Abbondio (Renzos und Lucias Pfarrer) oder die Nonne Gertrude. Der Schreibstil ist hervorragend.

Man legt das Buch jedenfalls weg mit einer gehörigen Bewunderung für Mut und Frömmigkeit, und mit der gefestigten Erkenntnis, dass Behördeninkompetenz nichts Neues unter der Sonne ist. Der Roman hat um die 800 Seiten; aber keine zu viel. Der einzige Wermutstropfen ist, dass die Nebenfiguren manchmal so ausführlich ausgestaltet sind (was an sich sehr schön ist), dass die Hauptfiguren fast ein wenig unterzugehen drohen; und dass Manzoni an ein oder zwei Stellen durchblicken lässt, dass er Aristoteles nicht so sehr bewundert, wie es sich schickt. Aber bis auf das könnte man es fast das perfekte Buch nennen. Sehr, sehr empfehlenswert.

Christliche Kultur am Sonntag: „Die Frau des Pilatus“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Gertrud von Le Fort: „Die Frau des Pilatus“

Diese Novelle von 1955 handelt von, wie der Titel es sagt, der Frau des Pontius Pilatus, die in der Bibel nur mit einem Satz erwähnt wird: Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten. (Mt 27,19)

Wie man weiß, hörte Pilatus darauf nicht. In den Legenden, die sich später zu ihr finden, heißt seine Frau Procula oder Claudia Procula und wurde mancherorts auch als Heilige verehrt.

Die Novelle schildert zuerst das Geschehen rund um den Karfreitag: Claudia Proculas Traum, und wie sie vergeblich versucht, ihren Mann von der Hinrichtung Jesu abzuhalten, was sie auch weiterhin nicht vergessen kann. Und sie schildert dann, wie Claudia Jahrzehnte später, wieder in Rom, auf die kleine ärmliche religiöse Gruppe der „Nazarener“ stößt, in deren Versammlung sie den Satz hört, den sie auch in ihrem Traum lauter Gruppen von Menschen hat sagen hören: „gelitten unter Pontius Pilatus“. Um diese Zeit beginnt in Rom die Christenverfolgung, die Pilatus aufgetragen wird.

Es geht um Claudia Proculas Liebe – trotz allem – für ihren Mann, und ihren Weg zu Gott.

(Griechische Ikone der hl. Prokula. Gemeinfrei.)

Wo Sie gerade hier sind, darf man Ihre Organe haben?

Man könnte es fast für ein Wunder halten (na ja, das vielleicht nicht, aber gerechnet habe ich nicht damit): Der Bundestag hat einen komplett bescheuerten Gesetzesentwurf abgelehnt.

Die Widerspruchsregelung bei der Organspende kommt nicht. Es ist also nicht jeder automatisch Organspender, wenn er nicht rechtzeitig widersprochen hat; der Staat beansprucht nicht die Organe von Menschen, die sich aus Antriebslosigkeit oder Gedankenlosigkeit nicht mit diesem speziellen Thema beschäftigt haben.

Öfter darauf ansprechen soll man die Leute stattdessen („erweiterte Zustimmungsregelung“). Wenn man aufs Amt muss, um den Personalausweis zu erneuern, soll es in Zukunft heißen: Möchten Sie nicht doch Ihre Organe spenden? Sie können hier gleich zustimmen. Zusätzlich sollen die Hausärzte einen zur Spende ermuntern. Druck statt Zwang soll jetzt das Ziel erreichen, mehr Organe zu bekommen.

Auch wenn ich froh bin, dass die Widerspruchsregelung nicht kommt, finde ich dieses Vorgehen, wenn ich ganz ehrlich bin, abstoßend. Es wird ja sehr offen gesagt, dass es das Ziel ist, „die Organspendebereitschaft zu erhöhen“; nicht einfach nur, die Leute mal auf dieses Thema aufmerksam zu machen, sondern mehr Leute zu einer bestimmten Entscheidung zu diesem Thema zu bringen. Und wenn sie trotzdem nicht bereit sind? Dann sind sie wohl einfach egoistisch.

Das Ziel ist sehr gut und richtig, natürlich: Kranken das Leben zu retten. Aber nicht alle Mittel zu einem guten Ziel sind gut. Und viele der hier angewandten Mittel sind sehr, um das Mindeste zu sagen, fragwürdig. Es ist hart, wenn man eine tödliche Krankheit hat und es ein Mittel gäbe, das einem helfen könnte, das man aber nicht auf eine moralisch erlaubte Weise bekommen kann; selbstverständlich. Aber das macht das Mittel nicht erlaubt. Und irgendwann muss sowieso jeder sterben; der Tod lässt sich nicht vermeiden. Zudem ist auch die Organtransplantation eine sehr risikoreiche, schwierige Sache (das Organ kann wieder abgestoßen werden usw.).

Das Vorgehen der meisten Befürworter der Organspende ist schlicht völlig falsch. Da wäre zunächst mal die Tatsache, dass die „Aufklärung“ über die Organspende (schon bisher gab es ja Post von der Krankenkasse deswegen) nie darin besteht, über strittige Punkte aufzuklären, sondern immer nur in Werbung. Vor allem das Thema Hirntod wird auf den „Aufklärungs“broschüren für gewöhnlich gar nicht erst erwähnt. Es heißt immer nur: Möchten Sie nach Ihrem Tod Organe spenden? Wenn der Hirntod so unproblematisch wäre, sollte es kein solches Problem dabei geben, tatsächlich darüber zu informieren, dass Organe nur bei den wenigen entnommen werden, bei denen das Gehirn vor dem Restkörper abschaltet, bevor dieser Restkörper dann wirklich tot ist.

Der Tod ist die Trennung von Leib und Seele; das ist die Definition. Es ist nun nicht komplett unmöglich, dass der Hirntod der Tod sein könnte; man kann postulieren, dass die Seele den Körper verlassen hat, wenn die Gehirnfunktionen erloschen sind und nur noch ein paar, sozusagen, Restzuckungen im Körper bleiben; wie auch kopflose Hühner noch kurz herumflattern können. Diese Restzuckungen sind in jedem Fall bald weg; in den extremsten Fällen ist es allerdings gelungen, sie für ein paar Monate zu erhalten.

Aber für deutlich plausibler halte ich die andere Ansicht, die man so beschreiben kann: Solange noch Leben im Körper ist (und man kommt einfach nicht umhin, es als „Leben“ zu beschreiben, was einem zu denken geben sollte; übrigens auch bei den kopflosen Hühnern), ist die Seele noch da, auch wenn ein Organ schon ausgefallen ist; der Sitz der Seele ist nicht das Gehirn, sondern der ganze Körper. Erst wenn sie weg ist, ist er nur noch Materie, tot, ohne Bewegung. Wenn ein Körper atmet, das Herz schlägt, er Reflexe hat, sogar im Extremfall noch ein ungeborenes Kind austragen kann, ist noch etwas da, das ihn eben belebt: Die Seele. Dass der Sterbeprozess unumkehrbar und zwangsläufig und nur noch mühevoll kurz aufzuhalten ist, heißt nicht, dass der Sterbende schon ein Toter ist. Man würde es auch sonst nicht als gerechtfertigt ansehen, bei einem bewusstlosen, unumkehrbar im Sterben Liegenden schnell noch Organe zu entnehmen, um jemand anderen zu retten.

Die katholische Kirche hat sich bisher nicht dazu geäußert, ob der Hirntod als Tod zählt, das ist ja auch eine wissenschaftliche Frage; aber sie sagt ganz prinzipiell, dass der Tod vor der Organentnahme feststehen muss.

Wenn man jetzt Gründe hat, die man als gewichtig beurteilt, den Hirntod nicht als Tod gelten zu lassen, muss man es als immer falsch beurteilen, nach dem Hirntod Organe zu spenden; selbst als Kranker Organe Hirntoter anzunehmen; oder sich als Arzt an einer Entnahme zu beteiligen. Dann müsste der Staat das System komplett verbieten, und solange er das nicht tut, müsste der Einzelne seine Beteiligung verweigern.

Aber selbst wenn man den Hirntod als Tod sieht, kann man es niemandem zur Pflicht machen, seine Organe zu spenden. Der Körper ist ein Teil des Menschen; der Mensch ist Körper und Seele, nicht nur die Seele; und auch nach dem Tod behält der Körper seine Würde. Es hat seinen Grund, dass man Tote bestattet, ihre Gräber besucht, und die Störung der Totenruhe bestraft. Der Körper wird am Jüngsten Tag bei der Auferstehung des Fleisches auferstehen, erneuert werden, und sich wieder mit der Seele vereinen. (Wem dann das gespendete Organ gehören wird, ist eigentlich ganz einfach: dem Spender. Aber solche Fragen haben ja schon die Kirchenväter geklärt, die sich damit befassten, was für den Fall von Kannibalismus gilt, wenn einer den Körper eines anderen isst. So ganz mechanisch muss man sich die Auferstehung des Fleisches ja auch nicht vorstellen.) Wenn man den Hirntod als Tod sieht, ist die Organspende sicher ein besonderes Opfer der Nächstenliebe, aber eben keines, das man einfordern kann. Es gibt Dinge, die gut sind, aber keine Pflicht sind. Und bei Organentnahmen wird mit dem Körper tatsächlich nicht sehr schön umgegangen; Zeit zur Verabschiedung für die Angehörigen bleibt auch nicht.

(An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich es ehrlich gesagt auch seltsam finde, dass manchmal dieselben Leute, die keine Pflicht einer Mutter sehen, ihr eigenes Kind auszutragen (bzw. es nicht gewaltsam töten zu lassen), meinen, dass man es zur Pflicht machen kann, fremden Menschen seine Organe zur Verfügung zu stellen.)

Dass es schon einzelne Fälle gab, in denen der Hirntod fälschlich diagnostiziert wurde und ein „Hirntoter“ wieder erwachte, ist noch ein zusätzlicher Punkt; ich halte dieses Risiko nicht für besonders groß, aber das ist etwas, über das man Bescheid wissen sollte. Es kann im Einzelfall schon vorkommen, dass übereifrige Ärzte, die das Leben anderer Patienten retten wollen, nicht genau genug hinsehen, ob jemand wirklich hirntot oder nur komatös ist.

Wenn man die Organspende nach Hirntod für falsch hält, muss die Konsequenz sein, auch selbst keine Organe anzunehmen, wenn man krank werden sollte. Ich würde keine Organe annehmen. Und wenn man sie nicht für falsch hält, aber trotzdem selbst nicht dazu bereit ist, wäre es vielleicht nicht das Allervorbildichste, aber auch nicht unbedingt moralisch verboten, selbst Organe anzunehmen, auch wenn man keine spenden wollen würde; man darf vom Prinzip her auch ein freiwilliges Opfer anderer annehmen, das man selbst nicht zu bringen bereit ist.

Das Ganze ist mal wieder ein Thema, bei dem sich zeigt: Wenn die Welt heute das Moralisieren versucht (man kann sagen: immerhin versucht sie es manchmal noch), macht sie es falsch.