Falsche Missbrauchsbeschuldigung: Sexpartys mit Priestern waren erfunden

Vor etwa einem Jahr hatte ein Mann behauptet, in einem kirchlichen Kinderheim in Speyer sexuell auf schlimmste Weise missbraucht worden zu sein. Die Nonnen hätten ihn gegen Geld zu Sexpartys von Priestern und Politikern gebracht. Es gab auch eine Anklage gegen eine konkrete Nonne, zusätzlich zu Beschuldigungen gegen einen bereits verstorbenen Priester. Jetzt stellt sich heraus: Es war alles eine Lüge.

CNA berichtet:

„Gestern meldete der SWR schließlich, dass in diesem speziellen Fall der Leitende Oberstaatsanwalt in Frankenthal, Hubert Ströber, am Dienstag erklärte, dass der Mann seine Aussage hinsichtlich des behaupteten sexuellen Missbrauchs durch die Ordensfrau geändert habe. Er sei zwar von ihr körperlich missbrauch, ‚geschlagen und gedemütigt‘ worden, sexuelle Übergriffe habe es jedoch nicht gegeben. Der 36-Jährige habe sich offenbar durch die Berichterstattung ‚mitreißen‘ lassen, wird Oberstaatsanwalt Ströber zitiert.“

Es waren sogar gefälschte Beweise vorgebracht worden.

(Der Mann will es offenbar so klingen lassen, als sei er trotzdem noch irgendwie misshandelt worden – angesichts seiner Glaubwürdigkeit liegt der Verdacht nahe, dass darunter zu verstehen ist, dass es in dem Kinderheim damals vielleicht ab und zu Watschn und Schimpfe gab, wenn die Kinder sich gemein aufführten. Die enormen Vorwürfe von Kindesvergewaltigung: Einfach erfunden.)

Diese Geschichte war von Anfang an etwas suspekt – dass ein einzelner Priester ein Kind heimlich zu sich holt und vielleicht noch mal an einen Freund weiterreicht, ist glaubhafter, als dass so viele Leute eingeweiht sein sollen, vor allem Nonnen, die selber keine pädophilen Neigungen hatten. Man konnte die Geschichte deswegen noch nicht für erfunden erklären (manchmal kommt es auch vor, dass größere Gruppen verbrecherische Geheimnisse wahren), aber sie war irgendwie seltsam.

Und jetzt kommt also heraus, dass sie erfunden war; und eine Nonne wäre vielleicht für Jahre ins Gefängnis gekommen, aus ihrem Orden verstoßen worden und hätte ihr Leben lang als Verbrecherin gegolten, wenn es nicht herausgekommen wäre; auch für den Rest der Schwesterngemeinschaft hätte es schwerwiegende Konsequenzen geben können. Alles, weil ein Mann – was genau? Weil er fand, dass die Kirche ja laut „Berichterstattung“ eh so schlimm sei, und man sie noch ein bisschen mehr diskreditieren müsse?

Die Sache erinnert an den Fall von Kardinal Pell in Australien, der lange vor Gericht kämpfen musste und monatelang im Gefängnis war, bis er von den Vorwürfen des Kindesmissbrauchs freigesprochen wurde, die auf der Aussage eines einzigen Mannes beruhten, und bei denen von Anfang an alle anderen Indizien dagegen sprachen, dass das Verbrechen überhaupt so passiert sein konnte.

Ich weiß auch nicht recht, was jetzt das Fazit dabei sein soll. Solche Falschbeschuldigungen sind ja gerade deswegen so schlimm, weil solche Verbrechen so extrem schlimm sind. Wirklichen Missbrauchsopfern wird hier auch ein Bärendienst erwiesen. Ich schätze, man kann auch nur sagen, was man schon immer sagen musste: Man sollte kein Urteil fällen, solange erst die Beschuldigungen im Raum stehen, und sich weder bei der Schuld noch bei der Unschuld von Beschuldigten zu sicher sein. In diesem Fall waren offenbar einige (u. a. der Bischof) sehr schnell dabei, die Beschuldigungen uneingeschränkt zu glauben, vermutlich aufgrund einer Mischung von Mitgefühl mit dem Opfer und der Angst, vor der Presse schlecht dazustehen, wenn man die Aussagen mutmaßlicher Opfer in Zweifel zieht. Niemand will auf der Seite der Täter stehen, logischerweise. Und daher kommen solche Fehler, wenn noch nicht gesichert ist, wer Opfer und wer Täter ist.

Was werde ich von meinem Katholischsein gehabt haben?

„Was werde ich am Ende davon gehabt haben, mein Leben lang brav katholisch gewesen zu sein?“ Diese Einstellung sieht man bei manchen Katholiken. „Ich halte mich an alle Gebote, mache mir die ganze Mühe, und am Ende kommen gutwillige Nichtkatholiken durch ihre Unwissenheit genauso wie ich in den Himmel. Da wäre ich vielleicht auch besser unwissend geblieben. Und anscheinend lohnt es sich also auch nicht, den Glauben an andere weiterzugeben, da bürdet man ihnen nur Lasten auf, ohne die sie es auch schaffen. Vielleicht macht man es ihnen so nur schwerer. Und wenn sie den Katholizismus ablehnen, nachdem sie ihn kennengelernt haben, sind sie tatsächlich schuldig geworden, während sie vorher in nicht schuldbarer Unwissenheit waren.“ Manchmal ist bei dieser Einstellung die Unzufriedenheit vorherrschend, dass man es sich selber schwer machen muss, und manchmal die wirkliche Sorge darum, ob Missionsarbeit überhaupt etwas bringt.

Hier wird aber einiges übersehen. Ja, es nützt sehr viel, katholisch zu sein, oder zumindest die Chance zu haben, es zu werden, für einen selber und für alle anderen.

Erstens: Katholiken haben es schon irdisch oft besser. Die meisten Gebote sind nicht sehr schwer. Nicht stehlen, nicht verleumden, sonntags in die Kirche gehen? Ist meistens schon machbar. Viele Menschen werden das 6. Gebot (die Keuschheit) gewöhnungsbedürftig finden (vor allem dann, wenn sie Sünden in der Vergangenheit haben), aber daran kann man sich eben gewöhnen, irgendwann ist es leicht. Und während Säkularisten pornosüchtig werden und sich deswegen auch nur leer vorkommen und sich vor sich selber ekeln, bleiben Katholiken diesen ganzen Problemen fern (oder befreien sich wenigstens davon). Während Säkularisten sich scheiden lassen, weil sie das Gefühl haben, es wäre nicht ehrlich, zusammenzubleiben, wenn man nicht mehr genau dieselben Gefühle hat wie am Anfang, führen Katholiken eine glückliche Ehe, gestärkt dadurch, dass man sich grundlegend vertraut und einfach zusammengehört, weil Scheidung gar nicht in Frage kommt. Während die Säkularistin, der ihr Arzt erzählt, ihr Kind könnte Down-Syndrom haben, es schweren Herzens abtreiben lässt und sich dann ihr Leben lang fragt, ob sie das Richtige getan hat, wird die Katholikin in der gleichen Situation dem Arzt den Vogel zeigen, und ein paar Monate später mit einem wunderschönen Kind zum Liebhaben gesegnet werden, das vielleicht nicht einmal behindert ist, weil Ärzte sich oft irren. Während der Säkularist von seinem einen Kind, das er früh in die Kinderkrippe gesteckt hat, gegen Ende seines Lebens ins Altersheim gesteckt wird, wird der Katholik unter seinen vier oder fünf Kindern, die bis zur Kindergartenzeit daheim waren, eins haben, das sich im Alter um ihn kümmert, und die anderen tragen dann finanziell was für die häusliche Pflege bei. Ich pauschalisiere und idealisiere hier ein bisschen, ich weiß, aber man erkennt, worauf es hinausläuft. Die Gebote sind eine Anleitung dafür, wie der Mensch sein Leben im Einklang mit seiner Natur lebt (daher ja „Naturrecht“). Für die meisten Menschen ist z. B. auch ein Leben ohne Alkoholismus einfach und gut; und auch der Alkoholiker, der durch eine schwere Zeit durch muss, bis er ein solches Leben führen kann, hat es am Ende besser, wenn er das schafft. Genauso sieht es aus mit einem Leben ohne ständige Sünden (selbst wenn sie nur materielle Sünden sind und es einem nicht oder nur halb bewusst ist, dass sie falsch sind); es tut einem gut.

Übrigens hat man es nicht nur dann schwerer, wenn man gar keiner Religion folgt und nur macht, was gerade üblich ist oder einem gefällt, sondern auch, wenn man falschen Religionen folgt. Nehmen wir zum Beispiel den Islam mit seinen seltsamen Fastenregeln, die im Ramadan sogar das Trinken vor Sonnenuntergang verbieten, oder den Veganismus, der Leute dazu bringt, sich einzureden, Soja schmecke gut.

Nur, wenn man entweder mit der Erbsünde oder mit mindestens einer unbereuten (oder kaum bereuten) Todsünde oder mit beidem behaftet ist, kann man in die Hölle kommen. (Und ob es überhaupt Leute gibt, die nur wegen der Erbsünde in die Hölle kommen oder ob Gott ihnen nicht noch einen Weg der Befreiung davon bietet, ist eine andere Frage; in jedem Fall kämen sie höchstens in den Limbus, die Vorhölle, ohne die eigentlichen Höllenstrafen. Bleiben die Todsünden, mit denen wir uns hier zu befassen haben.) Und viele Dinge, wegen denen man sich Gedanken macht, sind jedenfalls keine Todsünden. Man ist ab und zu missmutig, kann seine Familie nicht vom Glauben überzeugen, lässt sich beim Beten leicht ablenken? Keine Todsünden. Eltern werden sich sicher Gedanken machen, ob sie genug für ihre Kinder tun. Aber wenn man einigermaßen liebevoll zu ihnen ist, ihnen Gelegenheit gibt, den Glauben gut kennenzulernen, mit ihnen betet, ihnen kein total schlechtes Vorbild gibt, ihnen nicht alles und jedes durchgehen lässt, werden unbereute Todsünden hier wohl sehr selten sein. Vielleicht machen Ehepaare sich mal Gedanken, ob sie wirklich einen zureichenden Grund haben, noch ein Kind per NFP zu vermeiden, aber hier reicht ein vernünftiger Grund aus, er muss nicht extrem schwerwiegend sein, und ein etwas unzureichender, aber nicht ganz frivoler Grund wäre nur lässliche Sünde. All die typischen kleinen Fehler – Angeberei, oder leichte Unvorsichtigkeit beim Ausparken, wegen der man ein anderes Auto auf dem Parkplatz gerammt hat, oder eine gewisse Unfreundlichkeit und Gereiztheit – sind lässliche Sünden. Oder dann macht man sich mal Gedanken, ob man Gott eigentlich wirklich liebt, Ihn wirklich an die erste Stelle setzt. Nun, das zeigt sich vor allem daran, ob man, wenn man vor die Entscheidung „Todsünde begehen oder nicht?“ gestellt wird, Gott gehorcht und die Sünde nicht begeht. Natürlich kann man Gott immer noch mehr lieben, mehr Zeit mit ihm im Gebet verbringen, mehr an Ihn denken, aber wenn man seine grundsätzlichen Pflichten einigermaßen erfüllt, Gott nicht ignoriert und Todsünden meidet, hat man grundsätzlich die Liebe zu Gott.

Und auch, wenn man mit irdischen Beschwerden – z. B. Depression, Parkinson, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit – belastet ist, wird es einem helfen, zu wissen, dass Gott bei einem ist und in seiner Vorsehung weiß, wieso man hier durch muss. Auch Nichtkatholiken müssen leiden, und haben diesen Trost nicht.

Und überhaupt: Ist es nicht wunderschön, zu beten, auch wenn man sich oft erst dazu aufraffen muss? Ist die Messe nicht wunderschön? Ist man nicht glücklich darüber, die Wahrheit zu kennen und die Welt besser zu verstehen?

Natürlich kann es passieren, dass man wegen seinem Festhalten an irgendwelchen katholischen Prinzipien Schwierigkeiten, sogar große Schwierigkeiten, bekommt. Aber dann wird man wenigstens mit sich selbst im Reinen sein. Will man lieber eine Lüge leben oder wegen der Wahrheit Schwierigkeiten bekommen?

Zweitens: Katholiken haben auch bzgl. der Ewigkeit Vorteile. Definitiv nicht so große Vorteile, dass andere gar keine Chance mehr hätten, in den Himmel zu kommen, aber doch ein paar Vorteile. Dadurch, dass wir regelmäßig beichten sollen und die Gebote kennen, werden wir uns eher zur Reue aufraffen. Auch ein Nichtkatholik wird evtl. mal etwas tun, das er selber als schwerwiegend falsch erkennt, aber sein Herz vielleicht verhärten und sein Gewissen abwürgen, während der Katholik – und sei es nur aus Angst vor der Hölle – mehr Anreize hat, doch noch zur Reue zu finden. In dem Fall würde der Nichtkatholik wegen seiner unbereuten Todsünde in die Hölle kommen, obwohl er sie noch hätte bereuen können, und als Katholik vielleicht bereut hätte. Außerdem haben wir Katholiken es bzgl. dem Fegefeuer leichter – viele andere wissen gar nicht davon und beten deswegen auch nicht für ihre Toten. Wir dagegen beten füreinander und erwerben Ablässe. So kann man das Fegefeuer sogar ganz vermeiden, oder zumindest stark verkürzen. Vielleicht kommen wir auch leichter in höhere Himmelskreise – d. h. werden von Gott noch mehr belohnt als andere, auch wenn alle im Himmel vollkommen selig sind – weil wir zum Beispiel idealerweise aus Gottes- und Nächstenliebe (und wegen dem katholischen Gruppendruck) mehr Gutes für andere getan haben.

Man muss ja auch sehen, dass der Himmel hier auf Erden schon beginnt. Wenn wir im Stand der Gnade sind, sind wir schon halb im Himmel, und das umso mehr, je näher wir zu Gott kommen, je mehr wir uns Seiner Liebe und Güte bewusst werden. Mit der Hölle ist es genauso.

Drittens: Jesus hat nun mal den Aposteln befohlen: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ Ergo wird das Gesamtresultat immer besser sein, wenn wir das tun, weil Gott wohl kaum etwas befehlen würde, das schadet.

Viertens: Diese Einstellung kommt schon im Evangelium vor, im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Dort beschweren sich die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, weil die, die erst später angeworben wurden, genauso bezahlt werden wie sie: „Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ (Mt 20,12-15) Letztlich ist dieser Neid auch nicht sinnvoll. Denn die, die zuletzt gekommen sind, mussten davor auch in der Stadt in der Hitze herumstehen und hoffen, dass irgendjemand sie noch anwirbt, und haben sich wahrscheinlich die ganze Zeit Gedanken gemacht, ob sie jetzt schon wieder ohne Lohn zu ihrer Familie heimkommen müssen. Das Gras sieht immer grüner aus auf der anderen Seite.

(Erzbischof Marcel Lefebvre als Missionar in Afrika.)

Ein paar gute Bücher aus dem letzten Jahr

Wenn ich gute Bücher lese, habe ich irgendwie immer auch das Bedürfnis, sie mit allen zu teilen, deshalb dachte ich, hier kommt mal ein kleiner Beitrag über ein paar besonders gute Bücher, die ich im letzten Jahr entdeckt habe.

„Theologie für Anfänger“ von Frank Sheed

Sheeds Buch bietet auf etwas mehr als 200 Seiten eine grundlegende Erklärung der wichtigen Glaubenslehren, gut verständlich, aber tiefgehend: Wie sieht das innere Leben der Dreifaltigkeit aus, wie ist das Verhältnis von Körper und Geist, was bedeutet Erlösung, was kommt nach dem Tod? Ich habe durch ihn z. B. endlich besser verstanden, wie es sich mit der einen Person und den zwei Naturen in Christus verhält. Das Buch enthält keinen Satz zu viel, keinen Satz zu wenig; Sheed bringt die Dinge einfach ohne viel Gelaber auf den Punkt.

Auszüge als Beispiel:

„Diese Vermischung von Geist und Materie in den menschlichen Handlungen unterscheidet den menschlichen Geist von jedem anderen. Der menschliche Geist ist der einzige, der zugleich auch Seele ist – das heißt: Lebensprinzip in einem Leib. Gott ist Geist, aber er hat keinen Leib; die Engel sind Geister, aber sie haben keinen Leib. Nur im Menschen ist der Geist mit einem Leib vereint, belebt einen Leib, macht ihn zu einem lebendigen Leib. Jeder lebendige Organismus – der Pflanzen, der niederen Tiere, der Menschen – hat ein Lebensprinzip, eine Seele. Und ebenso wie unser Geist der einzige Geist ist, der zugleich Seele ist, so ist unsere Seele die einzige, die zugleich auch Geist ist.

Wir haben gesehen, daß der Geist auf vielerlei Weise in uns tätig ist: Er erkennt und liebt, und er belebt den Leib. Aber was ist nun schließlich Geist?

Wir können es verstehen, wenn wir uns selbst betrachten und eine der Tätigkeiten unserer Seele im einzelnen prüfen: Sie bringt Ideen hervor. Ich erinnere mich an ein Gespräch eines unserer Redner mit einem Materialisten, der behauptete, seine Idee von Gerechtigkeit sei das Resultat rein körperlicher Aktivität, durch menschliche Gehirnmasse hervorgerufen. Der Redner fragte ihn, wieviel Zoll denn die Gerechtigkeit mäße? Er: ‚Fragen Sie nicht so dumm! Ideen haben keine Länge!‘ Wieviel sie denn wöge? Er: ‚Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?‘ Der Redner: ‚Nein. Ich nehme Sie nur beim Wort. Welche Farbe hat sie? Welches Gewicht?‘

An diesem Punkt brach das Gespräch ab, weil der Materialist sagte, der Redner rede dummes Zeug. Natürlich ist es dummes Zeug, davon zu reden, daß eine Idee Länge oder Gewicht oder Farbe oder Gestalt haben könne. Aber der Materialist hatte gesagt, daß die Idee stofflich sei, und der Redner hatte ihn daraufhin nur gefragt, was für stoffliche Eigenschaften sie denn habe. Natürlich hatte sie keine; und der Materialist wußte das ganz genau. Nur hatte er nicht die augenscheinliche Schlußfolgerung gezogen. Wenn wir beständig etwas hervorbringen, was keine stofflichen Eigenschaften hat, dann muß in uns etwas sein, was nicht Stoff ist. Und das nennen wir Geist.

Seltsam genug, hält der Materialist uns für abergläubische Leute, die an ein Phantasiegebilde namens Geist glauben, sich selbst aber für einen nüchternen Realisten, der behauptet, daß Ideen von einem körperlichen Organ, dem Gehirn, hervorgebracht werden. Er behauptet schlichtweg, daß die Materie etwas hervorbringt, was nicht eine einzige Eigenschaft mit ihr gemeinsam hat – was könnte phantastischer sein als das? Demgegenüber sind wir die nüchternen Realisten – darauf sollten wir bestehen.“ (S. 17f.)

„Wir werden noch darauf zurückkommen – aber zuerst müssen wir noch den größten aller Unterschiede betrachten: nämlich daß die Seele ihre Existenz Gott verdankt. Er rief sie ins Dasein, erhält sie, kann sie zunichte machen (aber er versprach uns, es nicht zu tun). Seine eigene Existenz nicht festhalten zu können, das ist die einschränkendste Einschränkung, die sich denken läßt; sie macht den größten Unterschied aus zwischen dem endlichen Geist, der unsere Seele ist, und dem unendlichen Geist, der Gott ist.

Bernard Shaw erzählte, daß er einmal einen Priester fragte: ‚Wer schuf Gott?‘ Der Priester, sagt Shaw, war wie vom Donner gerührt. Ob er Selbstmord beging oder bloß aus der Kirche austrat, berichtet Shaw nicht. Aber die Begebenheit ist lächerlich. Jeder Philosophiestudent hat diese Frage schon einmal gehört, und jeder weiß, daß es ein Wesen geben muß, das es nicht nötig hat, geschaffen zu werden. Wenn nichts da wäre außer Empfängern von Dasein – woher sollte das Dasein dann kommen? Damit überhaupt etwas da sein kann, muß es ein Wesen geben, das es nicht nötig hat, Dasein zu empfangen, ein Wesen, welches Dasein einfach hat. Gott kann allen anderen Wesen Dasein verleihen, eben deswegen, weil es ihm nicht verliehen wurde. Es ist seine Natur, da zu sein, zu existieren. Gott kann nicht Dasein empfangen, weil er Dasein ist.“ (S. 26)

„An die Liebe glauben“ von Pater Jean du Coeur de Jésus d’Elbée

Das Buch ist aus Predigten bei Exerzitien hervorgegangen, und der Autor bezieht sich immer wieder auf die Gedanken der hl. Thérèse von Lisieux. Es hilft einfach wunderbar dabei, sich Gottes Liebe bewusst zu werden. Ich habe immer nur ein paar Seiten am Stück gelesen, und dann etwas gebetet. Ein kurzer Auszug:

„Oft stelle ich die Frage: ‚Denken Sie, dass Sie eine Freude für Jesus sind?‘ Wie viele Male wurde mir geantwortet: ‚Daran habe ich nie gedacht.‘ Oder man entgegnet, dass so zu denken ein Mangel an Demut wäre; und man stellt seine Armseligkeit heraus. Darüber werde ich zu Ihnen noch ausführlich im Verlauf der Exerzitien sprechen. Und doch, ist es nicht die einfachste Logik, dass ein Vater und sein Kind einander eine Freude sind? ‚Jesus, Du bist meine Freude und auch ich bin Deine Freude.‘ Steht nicht geschrieben, dass ‚es seine Wonne ist, bei den Menschenkindern zu sein‘? […]

Ich sagte es Ihnen schon, dass wir in der Liebe und Barmherzigkeit geradezu gebadet werden. Wir haben alle einen Vater, Bruder, Freund, Gemahl unserer Seelen, Mittelpunkt und König unserer Herzen, Erlöser und Heiland, der sich mit unsagbarer Milde über uns neigt, über unsere Schwäche und Kinderohnmacht, der über uns wacht wie über seinen Augapfel, der gesagt hat: ‚Barmherzigkeit wünsche ich und nicht Opfer, denn ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu berufen, sondern die Sünder.‘ Ein Jesus, besessen von dem Wunsch, uns um jeden Preis zu retten, der den Himmel unter unseren Schritten geöffnet hat.“ (S. 18f.)

„Verteidigung des deutschen Kolonialismus“ von Bruce Gilley

In diesem kurzen Buch (knapp 200 Seiten) bietet der Politikwissenschaftler Gilley einen Überblick über die Kolonien, die Deutschland für eine kurze Zeit besaß: Deutsch-Südwestafrika (Namibia), Deutsch-Ostafrika (Tansania), Kamerun, Togoland, Deutsch-Samoa, Deutsch-Neuguinea und Qingdao. Er bietet Kontext für die schlechten Seiten, stellt aber auch die vielen positiven Seiten heraus, die Vorteile für die Einheimischen, über die im Allgemeinen heutzutage brav Stillschweigen gewahrt wird (z. B. die Abschaffung der Sklaverei in Afrika, die Erforschung von Tropenkrankheiten, die Schaffung moderner staatlicher Strukturen). Er geht auch darauf ein, wie (tatsächliche oder völlig frei erfundene) koloniale Brutalitäten schon damals in Europa als Kriegspropaganda gegen andere Länder genutzt wurden, und wie später der Ostblock und speziell die DDR den Antikolonialismus zur Propaganda nutzte.

Auszüge:

„Waren die Afrikaner mit der deutschen Herrschaft zufrieden? Erachteten sie sie als legitim? Neben solchen Zeitzeugenaussagen wie denen von Martin Ganisya haben wir als Beweismittel die unverbrüchliche Loyalität dutzender großer Stämme, die nicht nur in Afrika zu den Deutschen hielten, sondern auch in China und in der Südsee. […]

Der beste Beweis für die Legitimität der deutschen Kolonialherrschaft ist die winzige deutsche Militär- und Polizeipräsenz vor Ort. Im Jahr 1904 bestand die gesamte deutsche Kolonialverwaltung in Ostafrika – einem weiträumigen Gebiet dreimal so groß wie das Deutsche Reich, mit einer Bevölkerung von fast 8 Millionen – aus 280 Deutschen und 50 eingeborenen Beamten.“ (S. 63f.)

„Während die DDR-Forschung brutalstmögliche Bewertungen der deutschen Kolonialgeschichte fabrizierte, war die DDR selbst an der brutalstmöglichen Unterdrückung von farbigen Menschen auf der ganzen Welt beteiligt. Als ein marxistisches, sowjetgestütztes Regime 1967 im Südjemen die milde britische Herrschaft vertrieb, durfte die DDR eine hausgemachte Revolution begleiten. In der Spitze waren 2000 DDR-Kader für die Errichtung von Systemen zur Massenunterdrückung und Verelendung zuständig. Polizei, Kitas, Theater und Fernsehsender wurden nach DDR-Vorbild eingerichtet. Stasi-Offiziere halfen dabei, 250 jemenitische Offiziere zu identifizieren, die dem neuen Regime gegenüber als illoyal bezeichnet wurden, und die man kurz darauf hinrichten ließ.

Der Antikolonialismus der DDR verwandelte das blühende, kosmopolitische britische Schutzgebiet Aden in einen Schutthaufen. Ein Drittel der Arbeiter floh trotz Verbot des Regimes in die Golfstaaten und nach Saudi-Arabien, um Arbeit zu finden und schickte bald 60 bis 70 Prozent der jemenitischen Auslandsdevisen nach Hause. Bis 1982 war das Pro-Kopf-Einkommen auf 450 Dollar halbiert. Nach der Bodenkollektivierung flohen die meisten Bauern in die Städte und wurden zu Bettlern.“ (S. 183)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12d: Das 6. & 9. Gebot – Fragen zur Ehe

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Anmerkung: Das hier sind wahrscheinlich die Teile aus dieser Reihe, bei denen am meisten kritische Kommentare von wegen komisch und kleinkariert kommen könnten. Aber das hier ist eben Kasuistik, und die ist dazu da, peinliche Einzelfragen zu beantworten, die die Leute nicht gerne groß diskutieren. Ich werde mich bemühen, es so trocken und klar wie möglich zu halten. Dumme Kommentare und Kommentare, die sich über andere lustig machen, werden gelöscht. Wenn Fragen länger diskutiert werden, liegt das eher daran, dass sie besonders umstritten sind, und nicht zwangsläufig daran, dass sie besonders wichtig sind.

In diesem Teil soll es um Einzelfragen zur Ehe gehen, sowohl um sexuelle Fragen als auch um andere. Manches, was hier diskutiert wird, ist vermutlich in der Ehe im Alltag nicht sehr oft relevant, aber es kann eben doch mal relevant werden. Am wichtigsten ist es natürlich, die konkrete Ehe gut und liebend zu leben.

Erst einmal ist die Frage: Was macht eine Ehe, wie kommt sie zustande? Die Antwort ist einfach: Durch den Ehekonsens, d. h. den übereinstimmenden Willen von Mann und Frau, eine Ehe zu schließen.

Zwangsehen und Scheinehen sind aus sich heraus ungültig. Nicht per se ungültig sind Vernunftehen, arrangierte Ehen oder Ehen aus nicht idealen Motiven, wie Geldgier oder Torschlusspanik. Wenn jemand sich von seinen Eltern einen Ehepartner vermitteln lässt und dieser Ehe zustimmt, ist die Ehe gültig; genauso ist es gültig, wenn eine Frau einen Mann nur deswegen heiratet, weil sie fürchtet, sonst keinen mehr zu finden. Freilich sind Liebesehen das Ideal.

Hier stellt sich die (wenn auch eher theoretische) Frage: Welche Motive für eine Ehe oder Herangehensweisen an eine Ehe könnten Sünde sein? Zunächst einmal wäre es eine Sünde gegen die Klugheit, z. B. jemanden zu heiraten, den man kaum kennt, oder von dem man weiß, dass er schwerwiegende Charakterfehler hat, oder von dem man sich körperlich abgestoßen fühlt, oder mit dem man es nicht länger in einem Raum aushält. In der Ehe hat man, egal, wie sie zustande gekommen ist, die Pflicht, dem anderen Liebe zu zeigen und mit ihm sein Leben zu teilen, und das würde man sich extrem erschweren, wenn man z. B. einen unsympathischen Millionär nur wegen seiner Millionen heiraten würde. Außerdem wäre es falsch, jemanden aus einem Motiv zu heiraten, das sich auf etwas Falsches richtet, z. B. wenn die Frau den Millionär auch u. a. deswegen heiratet, damit für seinen Sohn aus erster Ehe, den sie hasst, weniger vom Erbe übrig bleibt. Jemanden nur aus oberflächlichen Gründen zu heiraten, z. B. weil er attraktiv ist, wäre nicht an sich falsch (weil Attraktivität nichts Falsches ist), aber normalerweise auch wieder eine Sünde gegen die Klugheit, weil man dabei z. B. jemanden heiraten könnte, bei dem man bald feststellt, dass man nicht richtig zusammenpasst, und jemanden übersehen könnte, mit dem man gut zusammengepasst hätte. Vernunftehen, die es v. a. früher gab, wenn z. B. ein Witwer eine Witwe heiratete, damit sie einander mit ihren Kindern aus erster Ehe helfen konnten, sind nicht falsch, könnten manchmal auch wieder unklug sein, müssen es aber nicht sein. Auch der hl. Thomas More z. B. ging eine solche Vernunftehe ein.

Besser sind natürlich Ehen, die geschlossen werden, weil man einfach richtig zusammenpasst, am liebsten seine ganze Zeit miteinander verbringt, usw. Aber eine Beziehung muss nicht absolut ideal romantisch sein, manchmal muss man sich auch damit zufriedengeben, dass der andere auch seine Fehler hat, und die Verpflichtungen aus der Ehe gelten auch dann weiter, wenn man sich vielleicht irgendwann auseinandergelebt hat. Mit der Eheschließung gründet man eine neue Familie, und bindet sich aneinander. Man kann den anderen dann so wenig wieder zum Nicht-Ehepartner machen, wie man sein Kind zum Nicht-Verwandten machen kann. Man gehört dann einfach zusammen, und es stellt sich gar nicht mehr die Frage, ob man vielleicht so ideal zueinander passt oder auch jemand Besseren hätte finden können.

Wenn man ältere Bücher von Priestern zu diesem Thema liest, wird auch immer davor gewarnt, vorschnell und unüberlegt zu heiraten. Man sollte jemanden natürlich nicht fünf Jahre lang hinhalten; aber eine Verlobung nach zwei Monaten wäre normalerweise auch nicht sinnvoll. Papst Pius XI. schreibt in Casti Connubii über die Partnerwahl (Hervorhebung von mir):

„Zu der näheren Vorbereitung auf eine gute Ehe gehört sodann die Sorgfalt in der Wahl des Gatten; denn von ihr hängt es zum guten Teil ab, ob die künftige Ehe glücklich sein wird oder nicht, und zwar deshalb, weil der eine Gatte dem andern eine starke Hilfe, aber auch eine schwere Gefahr und ein Hindernis für die christliche Lebensführung in der Ehe sein kann. Wollen darum die Brautleute nicht ihr ganzes Leben unter den Folgen einer unüberlegten Wahl leiden, so mögen sie zuerst reiflich überlegen, bevor sie sich für jemanden entscheiden, mit dem sie nachher auf Lebenszeit zusammen sein müssen. Bei dieser Überlegung mögen sie vor allem auf Gott schauen und der wahren Religion Jesu Christi Rechnung tragen, sodann an sich selbst denken, an ihren Ehegatten, an die zukünftige Nachkommenschaft, sowie an die bürgerliche und menschliche Gesellschaft, deren Quelle die Ehe ist. Inbrünstig sollen sie zu Gott um Hilfe beten, daß sie ihre Wahl nach christlicher Klugheit treffen und sich nicht von dem blinden Drängen der Leidenschaft leiten lassen. Ihre Wahl soll auch nicht ausschließlich von der Sucht nach materiellem Gewinn oder anderen weniger edlen Beweggründen bestimmt werden, sondern von wahrer, echter Liebe und aufrichtiger Zuneigung zum künftigen Gatten. Sie mögen jene Ziele und Zwecke in der Ehe suchen, um derentwillen sie von Gott eingesetzt worden ist. Sie sollen es endlich nicht unterlassen, bei der Wahl des Lebensgefährten den Rat der Eltern einzuholen; sie sollen diesen Rat nicht gering anschlagen, um durch der Eltern reifes Urteil und Lebenserfahrung vor verhängnisvollem Fehlgriff bewahrt zu bleiben und sich beim Eintritt in die Ehe den Gottessegen des vierten Gebots zu sichern: ‚Ehre Vater und Mutter,‘ – was das erste Gebot mit einer Verheißung ist – ‚damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.'“

Ehen gegen den Willen der Eltern sind natürlich erlaubt; aber es ist eine Sache der Klugheit und Angemessenheit, sie um ihren Rat zu fragen, wenn man weiß, dass ihr Urteil generell vertrauenswürdig ist. „Vor der Heirat sollen die Kinder den Rat der Eltern einholen. Wenn sie aber selbst auf einen vernünftigen Rat nicht hören, begehen sie gewöhnlich nur eine läßliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 199, S. 162)

Hier noch kurz eine kurze Anmerkung: Katholiken fragen sich manchmal: Beruft Gott mich vielleicht zur Ehe mit genau dem-und-dem? Hier ist es wie bei anderen Berufungen: Gott kann einem auch einfach Freiheiten lassen, sich zwischen verschiedenen guten Möglichkeiten zu entscheiden; man ist nicht verpflichtet, jemanden zu heiraten, weil man meint, schicksalhafte Hinweise zu erkennen. Gott hat einem den Verstand gegeben und einem nicht das Rätselraten überlassen. Und die beste Entscheidung ist hier, jemanden zu heiraten, mit dem man das Zusammensein wirklich genießt und dem man blind vertrauen kann; man muss es ja auch voraussichtlich noch einige Jahrzehnte mit ihm aushalten.

Eine andere Frage: Wie sieht es damit aus, eine Beziehung mit einem Nichtkatholiken einzugehen? Papst Pius XI. schreibt in Casti Connubii:

„Schwer und oft nicht ohne Gefahr für ihr ewiges Heil fehlen hierin jene, die leichtsinnig eine Mischehe eingehen, von der die mütterliche Liebe und Vorsicht der Kirche ihre Kinder aus den gewichtigsten Gründen abhält. Das zeigt sich an der großen Zahl von Äußerungen, die in dem Kanon des kirchlichen Rechtsbuches zusammengefaßt sind, der bestimmt: ‚Aufs strengste verbietet die Kirche die Eingehung einer Ehe zwischen zwei Getauften, von denen der eine katholisch, der andere irrgläubig oder schismatisch ist. Falls bei einer solchen Ehe die Gefahr des Abfalls für den katholischen Eheteil und die Nachkommenschaft besteht, ist sie auch durch göttliches Gesetz verboten.‘ Wenn auch die Kirche zuweilen mit Rücksicht auf die Zeiten, Verhältnisse und Personen eine Dispens von diesen strengen Vorschriften nicht verweigert (unbeschadet jedoch des göttlichen Rechts, und unter möglichstem Ausschluß einer Gefahr des Abfalls durch Aufstellen geeigneter Sicherungen), so läßt sich doch nur schwer ein ernster Schaden des katholischen Teiles aus solcher Ehe vermeiden.

Nicht selten kommt es bei Mischehen dazu, daß sich die Kinder in beklagenswerter Weise von der Religion abwenden oder wenigstens, und zwar überraschend schnell, dem sogenannten religiösen Indifferentismus verfallen, der der Religionslosigkeit und völligen Gottentfremdung sehr nahesteht. Außerdem gestaltet sich in den Mischehen jene lebendige Harmonie der Seelen viel schwieriger, die das erwähnte große Geheimnis, die geheimnisvolle Verbindung der Kirche mit Christus nachahmt.

Nur zu leicht wird auch die Einheit und Einigkeit der Herzen versagen, die, wie sie Kennzeichen und Merkmal der Kirche Christi sind, so auch Kennzeichen, Zierde und Schmuck der christlichen Ehe sein sollen. Denn das Band, das die Herzen aneinander fügt, löst sich ganz oder lockert sich wenigstens, wenn in dem Letzten und Höchsten, was dem Menschen heilig ist, nämlich in den religiösen Wahrheiten und Anschauungen, sich Ungleichheit der Ansichten und Verschiedenheit der Bestrebungen geltend machen. Daraus entsteht die Gefahr, daß die Liebe zwischen den Gatten erkaltet, der häusliche Friede und das Familienglück erschüttert werden, die ja in erster Linie aus der Herzenseinheit hervorwachsen. Denn wie schon vor vielen Jahrhunderten das alte römische Recht gesagt hat, ‚ist die Ehe die Vereinigung von Mann und Frau, völlige Lebensgemeinschaft und Gemeinschaft göttlichen wie menschlichen Rechts.'“

Eine Mischehe ist nicht zwangsläufig eine Sünde; es kann sein, dass man in einer Gegend lebt, wo kaum andere Katholiken leben, und jemanden kennenlernt, der den katholischen Glauben respektiert (inklusive Vorschriften zu Themen wie Verhütung und Scheidung) und ohne weiteres zustimmt, die Kinder katholisch zu erziehen. Aber das wäre doch eher selten der Fall. Die Gefahren sind nun mal da:

  • Wenn der andere nicht religiös ist, kann man in Gefahr kommen, die Religion selber weniger ernst zu nehmen; man lässt sich nun mal stark beeinflussen von Leuten, die man liebt
  • Wenn die Kinder sehen, dass die Eltern in so etwas Wichtigem nicht einig sind, werden sie ganz automatisch eher denken, dass das doch nicht so wichtig ist; und auch der andere Ehepartner ist ganz automatisch ihr Vorbild, auch wenn er sich nicht bemüht, sie in seiner Religion zu erziehen
  • Wenn man vor irgendwelche neuen Entscheidungen gestellt wird, wird man sich nach den Prinzipien des Glaubens richten wollen, die der Ehepartner aber vielleicht nicht versteht und nicht anerkennt
  • Wenn der andere zu einer anderen Kirche gehört und Gott ihm wichtig ist, wird er natürlich auch wollen, dass die Kinder zu seiner Kirche gehören; aber wenn er zu keiner Kirche gehört und die Religion nicht ernst nimmt, ist das u. U. noch schlimmer

Es kann natürlich sein, dass man jemanden Tollen kennenlernt, der bisher nicht viel mit der Kirche zu tun hatte, aber offen dafür ist und sich vom Katholizismus überzeugen lässt. Wenn er aber nicht bis zur Verlobung wirklich bekehrt ist (und das möglichst schon eine gewisse Zeit lang, und ein bisschen gefestigt ist, also nicht bloß aus Gefälligkeit erst mal mit in die Kirche geht), sollte man auch nicht damit rechnen, dass er sich später noch ändert.

Also: Von einer solchen Ehe ist sehr abzuraten; und wenn man in die Gefahr kommt, sich gegen den Glauben beeinflussen zu lassen (z. B. auch, weil man weiß, dass der andere versuchen wird, einen vom Besuch der Messe abzuhalten o. Ä.), oder wenn der andere nicht zustimmt, die Kinder katholisch zu erziehen, ist sie sicher eine Sünde; wenn beide Gefahren nicht da sind, dürfte sie moralisch erlaubt sein, ist aber trotzdem nicht ideal – man lädt sich selbst einfach unnötige Schwierigkeiten auf, die man sich auch ersparen könnte. Dazu kommt, dass man, wenn man verliebt ist, sich leichter einredet, dass die Gefahren nicht da sind, obwohl sie es vielleicht sind. Das gilt auch, obwohl die Kirche mittlerweile laxer mit ihren Vorschriften geworden ist. (Früher mussten beide versprechen, die Kinder katholisch zu erziehen, heute muss der katholische Partner nur versprechen, „nach Kräften alles zu tun, daß alle seine Kinder in der katholischen Kirche getauft und erzogen werden“ und der nichtkatholische Partner ist von diesem Versprechen zu unterrichten (Can 1125 im CIC). Das ist natürlich eine sehr unpraktische Neuerung; denn so kann sich der katholische Partner nicht mehr darauf berufen, dass der nichtkatholische Partner der katholischen Erziehung der Kinder ausdrücklich zugestimmt hat, der nichtkatholische Partner muss sich nicht wirklich verpflichtet fühlen. Freilich könnte man dem Partner noch persönlich dieses Versprechen abnehmen.) Die einfachste Lösung ist es, sich gar nicht erst auf Dates mit Nichtkatholiken einzulassen; wenn man sich nicht so gut kennenlernt und gar nicht erst offen für etwas Zukünftiges ist, ist man auch weniger in Gefahr, sich zu verlieben. Soweit hierzu.

Der Ehekonsens muss sich natürlich darauf beziehen, eine Ehe zu schließen. Wenn jemand vorhat, eine Bindung einzugehen, die er wieder aufkündigen kann, sobald es ihm passt, und aus der auf keinen Fall Kinder entstehen dürfen sollen, und trotzdem den Vermählungsspruch aufsagt, schließt er keine Ehe. Gewisse Wesenseigenschaften der Ehe dürfen bei der Eheschließung zumindest nicht bewusst ausgeschlossen werden. (Wenn allerdings ein Protestant oder Moslem z. B. allgemein im Glauben ist, Ehen könnten aufgelöst werden, aber er selber bei seiner Eheschließung nicht ausdrücklich beabsichtigt, nur eine auflösbare Verbindung einzugehen, sondern einfach eine Ehe eingehen will, ist die Ehe gültig. Auch wenn jemand eigentlich die vage Absicht hat, für immer zusammen zu bleiben, es sich aber irgendwann später doch anders überlegt und sich scheiden lässt, war die Ehe gültig.) Diese Wesenseigenschaften sind: Einheit (im Unterschied zur Polygamie), Unauflöslichkeit (im Unterschied zu Scheidung und Wiederheirat), Offenheit für Kinder.

Damit jemand eine Ehe schließen kann, muss er zumindest eine gewisse Vorstellung, eine gewisse Kenntnis davon haben, was das ist.

„§ 1. Damit der Ehekonsens geleistet werden kann, ist erforderlich, daß die Eheschließenden zumindest nicht in Unkenntnis darüber sind, daß die Ehe eine zwischen einem Mann und einer Frau auf Dauer angelegte Gemeinschaft ist, darauf hingeordnet, durch geschlechtliches Zusammenwirken Nachkommenschaft zu zeugen.

§ 2. Diese Unkenntnis wird nach der Pubertät nicht vermutet.“ (Can. 1096 im CIC)

Man muss sich nicht besonders gut mit philosophischen oder rechtlichen Fragen zur Ehe auskennen, um eine Ehe eingehen zu können, aber muss eine grobe Vorstellung haben. Das gilt ja für alle Verträge; ein achtjähriges Kind, das sich von seinem Taschengeld eine Puppe kauft, kann einen gültigen Kaufvertrag schließen, auch ohne jemals ins BGB gesehen zu haben oder zu wissen, was beschränkte Geschäftsfähigkeit oder der Taschengeldparagraph ist; es muss nur eine ungefähr Ahnung haben, dass Kaufen Ware gegen Geld bedeutet. Wenn es meinen würde, in einem Geschäft könnte man alles mitnehmen, wenn man es nur zur Kasse bringt, hätte es dagegen nicht den Willen, einen Kaufvertrag einzugehen, wenn es die Puppe zur Kasse bringt.

Es gibt ein paar speziellere Gründe, die von der Kirche festgelegt sind und eine Ehe zwischen Katholiken ungültig machen können und von denen es teilweise Ausnahmegenehmigungen geben kann (Mindestalter, zu nahe Verwandtschaft, Religionsverschiedenheit usw.), aber dazu evtl. eigens noch. Katholiken sind verpflichtet, in der Kirche zu heiraten, sonst sind ihre Ehen ungültig; aber wenn Nichtkatholiken standesamtlich oder in einer sonstigen Zeremonie heiraten, heiraten sie gültig. Von Natur aus ungültig ist eine Ehe bei dauerhafter Impotenz, die der Eheschließung vorausgeht (nicht bei bloßer Unfruchtbarkeit, auch nicht bei nach der Eheschließung eintretender oder heilbarer Impotenz), wenn jemand sich in der Person irrt (z. B. auf einmal der böse Zwilling am Altar steht), wenn jemand keinen hinreichenden Vernunftgebrauch hat (z. B. psychisch schwer gestört ist, oder bei der Eheschließung betrunken ist), wenn jemand schon verheiratet ist, oder bei besonders naher Verwandtschaft (z. B. direkte Vorfahren/Nachkommen).

(Eine Frage würde sich hier noch stellen: Können Intersexuelle gültig heiraten? Grundsätzlich ja, wenn sie entsprechend ihrem Geschlecht – denn auch Intersexuelle haben Körper, die entweder darauf angelegt sind, Spermien, oder darauf angelegt sind, Eizellen zu produzieren, sprich, sie haben ein bestimmtes Geschlecht – die Ehe vollziehen können. Frauen mit Turnersyndrom oder Männer mit Klinefelter-Syndrom zum Beispiel könnten wohl im Normalfall heiraten. Aber für sehr spezielle Krankheitsbilder (z. B. Swyer-Syndrom, wo sich bei einem genetisch männlichen Embryo keine männlichen Organe bilden und der Körper dann eher weiblich gebildet wird) müsste man Experten fragen.)

Wenn jemand vermutet, dass seine Ehe ungültig ist, lässt sie sich gültig machen; man muss sich einfach bei der Kirche für eine Gültigmachung (eigentlich einfach eine neue Heirat unter jetzt den richtigen Voraussetzungen) melden. Das geht natürlich nur, wenn beide Partner das wollen und jetzt keine Wesenseigenschaft der Ehe mehr ausschließen und keine sonstigen Ungültigkeitsgründe mehr bestehen (oder die Kirche dafür Dispens – eine Ausnahmegenehmigung – erteilt; Dispens kann nur erteilt werden bei Gründen, die von der Kirche festgelegt sind, nicht bei Gründen, die die Ehe von Natur aus ungültig machen; z. B. kann die Kirche erlauben, dass einer seine Cousine heiratet, auch wenn das eigentlich nach dem Kirchenrecht verboten ist, aber nicht, dass einer seine Mutter heiratet). Wenn man diese möglicherweise ungültige Ehe jetzt nicht mehr will, kann man bei einem Kirchengericht die Gültigkeit überprüfen lassen, sodass sie ggf. annulliert wird. Im Zweifelsfall ist sie allerdings gültig; die Ungültigkeit muss bewiesen sein. Und wenn jemand sagt „wir haben zum Zeitpunkt der Hochzeit Kinder komplett ausgeschlossen“ und aus der Ehe sind mittlerweile vier Kinder entstanden, das erste zehn Monate nach der Hochzeit geboren, wird das Kirchengericht wohl kaum darauf eingehen.

Eine offizielle Bestätigung der Nichtigkeit ist nötig, damit man erlaubt jemand anderen heiraten darf. Wenn man sicher weiß, dass die Ehe nichtig ist, kann man theoretisch gültig eine neue Ehe schließen, auch bevor ein Kirchengericht das festgestellt hat, aber es ist eben unerlaubt. In manchen Fällen ist die Nichtigkeit offensichtlich (z. B. wenn es eine reine Scheinehe war, oder wenn ein Katholik nur standesamtlich geheiratet hat (die standesamtlichen Ehen von Nichtkatholiken sind aber gültig; aber Katholiken unterliegen der Formpflicht, die die Kirche festgelegt hat)); in vielen anderen Fällen aber nicht so offensichtlich (z. B. wenn einer psychische Probleme zum Zeitpunkt der Heirat hatte; psychische Probleme machen einen nicht automatisch komplett unfähig, einen Vertrag einzugehen, es kommt auf den Fall an). Aber in jedem Fall muss die Nichtigkeit zuerst bestätigt werden.

Auch die Ehen von Nichtchristen sind gültige Ehen. Wenn zwei Getaufte (auch zwei Evangelische) heiraten, ist das ein Sakrament; wenn zumindest ein Partner ungetauft ist, ist es eine bloße Naturehe. Naturehen sind auch gültig, aber nicht so völlig unauflöslich wie sakramentale Ehen. Dasselbe gilt für Ehen, die gültig geschlossen, aber nicht vollzogen worden sind; aus einem wichtigen Grund können sie aufgelöst werden. Die gültige, sakramentale und vollzogene Ehe wird aber nur durch den Tod aufgelöst. Dass die Ehe ein Sakrament ist, bedeutet, dass sie auch ein Gnadenmittel ist, eine zusätzliche Weise, durch die Christus den Eheleuten beisteht.

Die Ehe ist außerdem ein Band, das für gegenseitige Rechte und Pflichten zwischen den Eheleuten sorgt; daher jetzt zu Pflichten, Rechten und möglichen Sünden in der Ehe:

Der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

III. Die gegenseitigen Pflichten der Ehegatten

1. Gemeinsame Pflichten. Die Ehegatten müssen einander lieben, einander helfen, einander die eheliche Pflicht leisten, die eheliche Treue halten und miteinander zusammenleben.

Gegen den Willen des Ehegatten sich lange Zeit von ihm trennen, ist schwere Sünde, außer es liegt ein wichtiger Entschuldigungsgrund vor. Näheres vgl. Nr. 747. Über die Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft vgl. Nr. 764.

2. Die Pflichten des Mannes sind hauptsächlich: Leitung des Hauswesens und der Familie, Sorge für Nahrung, Kleidung und Wohnung.

Der Mann sündigt, wenn er nicht dafür sorgt, daß die Frau standesgemäß leben kann, oder wenn er ihr Arbeiten aufbürdet, die Frauen in ihrer Stellung nicht verrichten.

3. Die Pflichten der Gattin ergeben sich hauptsächlich aus ihrer Stellung als Gefährtin des Mannes: sie hat in Unterordnung unter den Mann das Hauswesen zu besorgen.

Sie sündigt, wenn sie ihre häuslichen Arbeiten nicht besorgt oder ohne den Willen des Mannes von den Familiengütern größere Ausgaben macht, als dies bei anderen Frauen in derselben Lage Gewohnheit ist. Vgl. auch Nr. 253. – Sie kann aber unabhängig vom Mann das Haus leiten, wenn der Mann sich darum nicht kümmert oder dazu unfähig ist.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 201, S. 163f.)

Gehen wir das alles mal nacheinander durch:

Zusammen zu bleiben, zusammen zu wohnen ist also an sich Pflicht für die Eheleute.

Gegenüber Geschieden-Wiederverheirateten wird von katholischer Seite öfter gesagt, dass das Problem ja nicht die Scheidung, sondern die Wiederheirat sei. Das ist halb richtig. Tatsache ist, dass es Gründe geben kann, aus denen eine Trennung und möglicherweise eine zivilrechtliche Scheidung gerechtfertigt ist. Diese Gründe können sein:

  • Der andere Partner hat einen betrogen.
  • Der andere Partner macht das Leben für einen und/oder die Kinder unerträglich, z. B. durch körperliche Misshandlungen, ständige Kontrolle, Manipulation, Bedrohung, oder sorgt für größeren Schaden für einen oder die Kinder, z. B. indem er die Kinder zu einer kriminellen Karriere anleitet. (Nicht nur Schläge, sondern auch Psychofolter und Ähnliches sind Grund genug. Wenn man sich nicht sicher ist, ob es „schlimm genug“ ist, am besten Leute von außerhalb zu Rate ziehen. Manchmal ist man manipuliert genug, dass man sich nicht mehr sicher ist, ob es wirklich so verkehrt läuft oder man sich alles nur einbildet. Umgekehrt können andere einem aber vielleicht auch sagen, wenn man ein Problem über alle Maßen aufbauscht. Mit kleineren Fehlern des Partners – z. B. die Frau gibt zu viel Geld aus, der Mann ist griesgrämig – muss man leben.)

Natürlich kann auch jemand, der vom anderen Partner einfach verlassen wird, nichts dafür; bei diesen Gründen ging es gerade darum, was es rechtfertigt, selber der zu sein, der sich trennt.

Gründe wie „wir haben uns auseinandergelebt“, „wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven“ oder „unsere Ehe ist zur Gewohnheit erstarrt“ sind keine ausreichenden Gründe, den Partner zu verlassen. Ein Ehepaar ist eine Familie; und so wie man sein minderjähriges Kind nur in einem wirklichen Notfall in eine Pflegefamilie oder Einrichtung geben würde, wäre auch hier eine Trennung nur in einem Notfall in Ordnung. Idealerweise wäre sie auch zeitlich begrenzt. Freilich: In vielen Fällen wird man bei einem, der z. B. fremdgeht, erwarten können, dass er es immer wieder tun wird, und man kann vom unschuldigen Partner nicht erwarten, dass er alle Beteuerungen für bare Münze nimmt. Prinzipiell wäre hier aber eine Versöhnung, eine wirkliche Änderung vorausgesetzt, gut.

Laut Jone hat man bei Ehebruch des anderen Partners grundsätzlich das Recht, auf unbegrenzte Zeit getrennt zu bleiben, und bei den anderen Gründen kommt es darauf an, ob der Grund weiter besteht (was man aber z. B. bei einem gewalttätigen Partner i. d. R. erwarten kann.)

Eine Trennung ist also unter diesen Umständen möglich. Scheidung ist eigentlich etwas, das nicht existiert – man kann eine gültige, vollzogene, sakramentale Ehe nicht wieder auflösen. Wenn man das mit einer Scheidung bezwecken würde, wäre sie falsch. Wenn man sie aber nur als zivilrechtliche Formalität behandeln würde, und sie aus irgendwelchen rechtlichen Gründen notwendig wäre (z. B. zur Aufteilung des Eigentums), wäre sie erlaubt. (Wenn sie unnötig wäre, nicht, weil man damit nur dem anderen Teil Gelegenheit zu einer Zweit“ehe“ gibt. Aber natürlich kann man nichts dafür, wenn der andere die Scheidung beantragt und der Richter, der an das Gesetz gebunden ist, die Ehe für geschieden erklärt.) Besser wäre aber eine Trennung ohne Scheidung, weil man damit auch nach außen hin eher zu erkennen gibt, dass man die Ehe weiterhin als gültig betrachtet.

Wenn man nach einer Trennung oder Scheidung wieder einen neuen Partner hat, ist das Ehebruch (ob man ihn schon „heiratet“ oder noch nicht), und zwar in jedem Fall; hier gibt es keine Ausnahmen.

Wenn man schon geschieden-wiederverheiratet ist, und dann erst gläubig wird, kann es sein, dass eine Trennung vom neuen Partner schwer machbar ist (z. B. weil man inzwischen gemeinsame Kinder hat). In diesem Fall müsste man zumindest „wie Bruder und Schwester“ zusammenleben, und anerkennen, dass man nicht verheiratet ist; das wäre ausreichend. (Man müsste es sich auch einigermaßen leicht machen, nicht in Sünden zu fallen, z. B. in getrennten Schlafzimmern schlafen, nicht in Unterwäsche durch die Wohnung laufen usw.) Es kann aber (wenn auch vielleicht nicht sehr oft) auch Fälle geben, in denen eine Trennung und vielleicht sogar eine Wiederversöhnung mit dem eigentlichen Partner möglich und sinnvoll wäre. Wie beim doppelten Lottchen.

Bei der Trennung/Scheidung ist auch immer zu beachten, wie sie den Kindern schaden kann (was sie außer bei solchen oben genannten Fällen, in denen es schlimmer für die Familie wäre, zusammenzubleiben, normalerweise sehr stark tun wird). Ich habe mal die bemerkenswerte Beobachtung gehört, dass die Stelle, an der Jesus die Kinder segnet, direkt nach der kommt, an der Er mit schärfsten Worten Ehescheidung und Wiederheirat verurteilt: Bevor Jesus die Kinder segnet, erteilt Er den Leuten, die ihre Familien auseinanderreißen und ihnen neue Partner ihrer Eltern vor die Nase setzen wollen, eine Absage. (Hier braucht man auch keine Sprüche wie „Aber wären liebende Stiefeltern nicht besser als schlechte Eltern“ zu bringen, denn sowohl Eltern als auch Stiefeltern können gut oder schlecht sein, und gute Eltern sind besser als gute Stiefeltern, und selbst schlechte Eltern sind besser als schlechte Stiefeltern. Kinder werden immer wollen, dass ihre Eltern auch untereinander eine Familie bilden.)

Wenn beide Partner sich einig sind, dass Scheidung gar nicht geht, ist das auch selbst ein Schutz für die Ehe; es ist weniger Druck da, sich dem Partner beweisen zu müssen, weniger Misstrauen, ob der Partner vielleicht genug von einem haben könnte, und mehr Motivation, an der Beziehung zu arbeiten und das Beste draus zu machen, weil man es nun mal miteinander aushalten muss.

Die Eheleute haben also generell die Pflicht, zusammenzuleben. Das schließt auch aus, dass z. B. ein Mann einfach gegen den Willen seiner Frau beschließt, mehrere Jahre als Gastarbeiter ins Ausland zu gehen, wohin die Familie nicht mitkommen könnte, weil er da mehr verdient – außer er hat einen sehr wichtigen Grund, z. B. dass er sonst überhaupt keinen Job findet und die Familie nicht versorgen kann. Für eine längere Trennung aus solchen Gründen müsste man normalerweise die Zustimmung des anderen Ehepartners haben, wobei der Mann, der als Familienoberhaupt die Gesamtverantwortung trägt, noch eher entscheiden kann, dass ein sehr wichtiger Grund vorliegt und er die Einwände seiner Frau nicht gelten lassen kann. (Das galt übrigens auch schon im Mittelalter: Wenn ein Mann sich freiwillig für einen Kreuzzug melden wollte, brauchte er die Zustimmung seiner Frau, aber nicht, wenn er verpflichtet wurde, sich an einem Krieg zu beteiligen.)

Hier stellt sich noch die Frage: Wie sähe es aus, wenn ein Mann und seine Frau sich z. B. gegenseitig total auf die Nerven gehen (schlimmere Probleme sind allerdings nicht da) und im gegenseitigen Einvernehmen beschließen, sich zu trennen, aber keine neuen Partner zu suchen? Wäre das erlaubt? Es wäre sicherlich eher zu rechtfertigen, als den anderen gegen seinen Willen zu verlassen; aber trotzdem wollte man eigentlich zusammengehören und die Ehe ist heilig. Ideal ist es nicht, aber es könnte wohl erlaubt sein. Jone schreibt dazu: „Mit gegenseitiger Übereinstimmung kann die eheliche Gemeinschaft aus einem vernünftigen Grunde aufgehoben werden. […] Ein solcher Grund ist gegenseitige unüberwindliche Abneigung. Ebenso kann aus höheren Beweggründen [hier wird z. B. gemeint sein: wenn einer ins Kloster gehen will, für einen wichtigen Auftrag ins Ausland gehen will…] die eheliche Gemeinschaft ganz oder teilweise, für immer oder für eine Zeitlang aufgehoben werden. Dabei muß man Rücksicht nehmen auf die Erziehung der Kinder sowie auf die Gefahr der Unenthaltsamkeit.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 764, S. 626f.) Eben sehr wichtig hier: Welche Auswirkung hat es auf die Kinder? Für sie ist ja die Ehe auch da.

Sie haben auch die Pflicht, einander zu lieben und einander zu helfen. Schwere Sünde dagegen wäre z. B., wenn ein Mann sich nicht um seine kranke Frau kümmert und ihr ständig Vorwürfe wegen ihrer Krankheit macht, oder wenn eine Frau ihren Mann bei jeder sich bietenden Gelegenheit heruntermacht und ihm ihre Verachtung zeigt; lässliche Sünden wären solche alltäglichen Sachen wie gelegentlicher Streit und Gemecker. Zur gegenseitigen Liebe gehört auch der gegenseitige Respekt, und es gehört dazu, einander zu helfen, Gott zu lieben und in den Himmel zu kommen, gemeinsam zu beten usw. Viel mehr muss hier eigentlich nicht gesagt werden, auch wenn das ein ziemlich essentieller Teil der Ehe ist; das ergibt sich in der Praxis.

Die eheliche Treue erklärt sich von selbst; auch „Ehebruch im Herzen“, wie Jesus es nennt, ist Sünde. Ich wiederhole noch mal, was ich im vorletzten Teil gesagt habe:

Ehebruch ist auch schlimmer als normale Unzucht, wie hier wohl nicht weiter ausgeführt werden muss; hier wird Vertrauen missbraucht und ein vor Gott geschlossener Bund gebrochen. (Auch unvollendete Sünden mit einem Verheirateten sind schwere Sünden und ehebrecherisch.) Wer als Verheirateter mit einer anderen verheirateten Person schläft, begeht einen doppelten Ehebruch (und muss das auch so in der Beichte angeben, weil es ein Verrat an zwei anderen Menschen ist).

Ehebruch ist auch dann Ehebruch, wenn der andere Ehepartner in  eine „offene  Ehe“ eingewilligt hat. So, wie ein Arbeiter nicht gültig einem Arbeitsvertrag zustimmen kann, der ihn extrem ungerechten Bedingungen unterwirft, kann auch niemand gültig zustimmen, dass sein Ehepartner ihn betrügt; dass der andere ihn zu dieser Zustimmung gebracht hat oder dass er das sogar von vornherein wollte oder auch die Ehe bricht, lässt ihm keine freie Bahn. Das zerstört eine Ehe ziemlich bald; letzten Endes lässt es niemanden kalt, dass der geliebte Partner jetzt andere hat, und die ganze Vertrautheit, die sich aus der Exklusivität ergibt, ist dahin.

Die Ehe ist etwas Heiliges, das die Eheleute sich nicht nach Belieben zusammenkonstruieren dürfen; besonders die sakramentale Ehe, d. h. die Ehe zwischen Getauften, die ein Abbild des Bundes Christi mit der Kirche ist.“

Der Heiligkeit der Ehe steht auch die (gewohnheits-)rechtlich anerkannte Polygamie entgegen, auch wenn sie nicht ganz so schlimm ist wie Wiederheirat nach Scheidung; sie ist eine Ungerechtigkeit gegenüber den (für gewöhnlich) Frauen, die ihren Mann teilen sollen, und auch gegenüber den Kindern, und sorgt für gestörte Familienverhältnisse – was sie übrigens auch schon im Alten Testament getan hat, z. B. bei Jakob und seinen beiden Frauen, oder Salomo und seinem Harem.

„Es kann keine Gleichheit zwischen Mann und Frau geben, wenn sie nur eine unter mehreren ist, und man muss sich nicht wundern, dass in polygamen Ländern die Stellung der Frau nicht weit über der einer Sklavin ist. Eifersucht unter den Frauen kann kaum vermieden werden, wenn jede um die Aufmerksamkeit des Mannes buhlt und jede Ehrgeiz für ihre eigenen Kinder hat. Fast übermenschlicher Einfallsreichtum wird vom Ehemann gefordert, damit er vollkommen gerecht zu den Frauen und Kindern sein kann, und diese Art von Gesellschaft scheint nur möglich, wenn die Stellung der Frau so degradiert ist, dass ihr Wille nicht zählt. All das hat Einfluss auf die Kinder, die in einer solchen Atmosphäre aufwachsen. […]

Die Ausrede für Polygynie [= ein Mann, mehrere Frauen], schnellere Vermehrung der menschlichen Rasse, ist nicht vorhanden bei der Polyandrie [= eine Frau, mehrere Männer], denn eine Frau kann nicht mehreren Männern mehr Kinder gebären als einem. Das Großziehen der Kinder, wie die Natur es beabsichtigt, wird unmöglich, da der Vater nicht mit Sicherheit festgestellt werden kann und so unfähig ist, die Funktion auszufüllen, die er dem Naturrecht nach hat. Auch das Kind, unfähig, seinen Vater zu kennen, kann sich nicht um Hilfe und Anleitung an ihn wenden. Die Kinder würden natürlicherweise darüber streiten, welcher Mann der Vater welches Kindes ist. Alle Väter würden vielleicht versuchen, diese Funktion für alle Kinder zu erfüllen, oder sie willkürlich aufteilen, aber das kann keine wirkliche elterliche Beziehung sein.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason. Ethics in Theory and Practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 369f.)

(Hier würde sich die Frage stellen, wieso dann Scheidung und Polygamie durch das Gesetz des Mose erlaubt waren. Diese Frage beantwortet Jesus ganz einfach: „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen? Damit wollten sie ihn versuchen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ (Mk 10,2-12) Das Mosaische Gesetz hat manches toleriert und kontrolliert, das schwer so schnell ganz abzuschaffen war. Unter den Theologen wurde manchmal diskutiert, ob Polygamie auch so schlimm wie Scheidung ist und genauso sehr gegen das Naturrecht verstößt, und ob sie manchmal keine Sünde sein könnte, wenn Gott sie gestattet, aber diese Diskussion ist hier nicht weiter relevant; im Neuen Bund ist auch die Polygamie in jedem Fall verboten.)

Dann gibt es auch noch das Konzept der „ehelichen Pflicht“ im Sinne von 1 Kor 7. „Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt.“ (1 Kor 7,3-5)

Das Konzept kann einem erst einmal sehr komisch vorkommen; Sex als eine Art Pflicht zu sehen, ist absolut nicht mehr üblich. Ich habe es hier schon einmal bei der Reihe zu den schwierigen Bibelstellen erwähnt. Ich zitiere einfach noch mal mich selber:

„Wenn der Partner weiß, dass man für seine Liebesbedürfnisse da ist (außer, wenn es einem z. B. gerade schlecht geht), und er oder sie nicht ewig verhandeln muss, dann lässt sich viel Frustration vermeiden, man fühlt sich stärker aneinander gebunden; und der oder die andere versucht dann auch nicht, einen zum Sex zu überreden, wenn es eben doch mal wirklich nicht passt, weil er oder sie weiß, dass man normalerweise für ihn da ist. Es geht ja hier auch nicht nur um Körperliches, sondern auch um emotionale Bedürfnisse.

(Freilich ist auch das Ziel, dass derjenige, der den größeren Sexualtrieb hat, nicht zum Ersatz in Sünden wie Selbstbefriedigung verfällt, legitim. Natürlich wäre das keine Entschuldigung für Selbstbefriedigung, aber viele Menschen sind nun mal gerade in diesem Bereich ziemlich anfällig, das Falsche zu tun.)

Und dann sollte man die grundsätzliche Vorstellung loswerden, dass Liebe und Pflicht miteinander unvereinbar wären. Wir sollen Gott lieben: Trotzdem redet man beim Besuch der Messe von der ‚Sonntagspflicht‘. Natürlich geht man idealerweise nicht nur deshalb zur Sonntagsmesse, weil es Pflicht ist; aber manchmal, wenn man sich am Sonntagmorgen eher nach Ausschlafen fühlt, bietet der Gedanke an die von der Kirche festgeschriebene Sonntagspflicht die restliche benötigte Motivation. Und wenn man dann da ist, ist die Messe jedes Mal – na ja, einfach die Messe, wunderschön. Auch in einer Beziehung geht es nicht immer ohne Pflichten – ganz allgemein gesprochen. Natürlich liebt man sich, aber manchmal tut man etwas für den Partner auch eher deshalb, weil es so ausgemacht war und man in einer Beziehung eben etwas füreinander tut, als weil man sich gerade so liebevoll fühlt. Und oft bringt gerade das dann wieder stärkere Liebe hervor.“

Man gehört in der Ehe eben wirklich nicht mehr nur sich selber; das ist eine ganz praktische Realität. Bei der Eheschließung überträgt man quasi dem anderen ein gewisses Recht auf den eigenen Körper; kein bedingungsloses Recht, aber doch ein Recht, sodass man selber auch dieses Recht keinem anderen mehr übertragen kann. Und dieses Recht bedeutet ein gewisses Recht, dass der andere einem Zärtlichkeit und Liebe zeigt, einem bei sexueller Erfüllung hilft, und mit einem zusammenwirkt, dass man Kinder bekommt; es wäre auch eine Sünde gegen den anderen, ihm Kinder zu verweigern, die für ihn vielleicht eine wichtige Erfüllung bedeuten und ihn später mal unterstützen.

Wenn also Sex in der Ehe eine Pflicht sein kann, ist dann Vergewaltigung innerhalb der Ehe keine Sünde mehr, weil sich jemand da nur sein Recht nimmt? Natürlich nicht.

Auch wenn jemand eine Pflicht einem gegenüber hat, ist es nicht automatisch erlaubt, diese Pflicht mit Gewalt durchzusetzen. Wenn jemand die Freundschaftspflicht hätte, einem beim Umzug zu helfen, da man sonst niemanden hat und er es einem versprochen hat, aber sich herausredet, dürfte man ihn trotzdem nicht entführen und mit Gewalt zur Arbeit antreiben. Ein anderes Bsp. bzgl. der Ehe macht das auch deutlich: Zu den Pflichten von Eheleuten gehört es (s. o.) ja auch, zusammenzuwohnen. Jetzt kann es sein, dass

  • eine Frau ihren Mann kurzfristig gerechtfertigterweise verlässt, weil sie sich für ein paar Wochen um ihre kranke Mutter kümmern muss, die sonst niemanden hat
  • eine Frau ihren Mann kurzfristig ungerechtfertigterweise verlässt, weil sie nach einem harmlosen Streit die Beleidigte spielen will und zwei Tage im Hotel verbringt
  • eine Frau ihren Mann langfristig gerechtfertigterweise verlässt, weil er sie betrügt oder schlägt oder ihr seine sexuellen Fetische aufzwingt oder ihre Kinder misshandelt
  • eine Frau ihren Mann langfristig ungerechtfertigterweise verlässt, weil sie mit ihrem Liebhaber durchbrennt.

In keinem dieser Fälle würde man es ok finden, dass der Mann die Frau auf dem Dachboden einsperrt, um sie daran zu hindern, wegzugehen. Genauso ist es bei den anderen „ehelichen Pflichten“. Wenn der eine sie – kurzfristig oder langfristig, gerechtfertigterweise oder ungerechtfertigterweise – nicht erfüllt, darf der andere ihn nicht mit Gewalt dazu zwingen.

Darauf weist übrigens schon das Kirchenrecht hin, das eine Vergewaltigung nicht als gültigen Ehevollzug zählt; in Can. 1061 im CIC heißt es, dass eine Ehe als vollzogen gilt, „wenn die Ehegatten auf menschliche Weise miteinander einen ehelichen Akt vollzogen haben, der aus sich heraus zur Zeugung von Nachkommenschaft geeignet ist, auf den die Ehe ihrer Natur nach hingeordnet ist und durch den die Ehegatten ein Fleisch werden“; die Worte „auf menschliche Weise“ schließen hier u. a. Vergewaltigungen aus. (Ob eine Ehe als vollzogen gilt, ist kirchenrechtlich relevant, weil eine gültig geschlossene, aber nicht vollzogene Ehe aus guten Gründen noch aufgelöst werden kann, sodass die betreffenden Personen dann auch wieder andere heiraten können. Völlig unauflöslich ist nur die gültige, vollzogene Ehe zwischen Getauften.)

Auch eine Stelle aus der Enzyklika Humanae Vitae, die ja eigentlich das Thema Empfängnisverhütung behandelt, macht das deutlich: „Man weist ja mit Recht darauf hin, daß ein dem Partner aufgenötigter Verkehr, der weder auf sein Befinden noch auf seine berechtigten Wünsche Rücksicht nimmt, kein wahrer Akt der Liebe ist, daß solche Handlungsweise vielmehr dem widerspricht, was mit Recht die sittliche Ordnung für das Verhältnis der beiden Gatten zueinander verlangt.“ Soll heißen: Vergewaltigung in der Ehe ist ähnlich widernatürlich, wie auch Empfängnisverhütung widernatürlich ist. (Wobei Papst Paul VI. ja nicht von richtigem Zwang spricht, sondern nur von „aufgenötigt“.) Sex ist für Liebesausdruck & Kindermachen da und darf weder direkt gezielt die Offenheit für Kinder ausschließen noch schwer gegen Liebe oder Gerechtigkeit verstoßen. Es ist an sich keine Sünde (wenn auch nicht ideal), wenn ein Ehepaar mal nur deswegen Sex hat, weil sie ihre biologischen Bedürfnisse haben – solange sie dabei eben nicht die Liebe durch Gewalt, Zwang, Nötigung ausschließen oder die Kinder durch künstliche Verhütungsmittel.

Einen Unterschied gibt es freilich zwischen ehelichen und unehelichen Beziehungen: Man muss nicht auf gleiche Weise für alles um Erlaubnis fragen. Wenn ein Mann seine Frau überraschend zu sich herzieht und küsst, wird keiner das schlimm finden; wenn er das beim ersten Date mit einem Mädchen tut, wäre es ein bisschen unverschämt; da fragt man zuerst „Darf ich dich küssen?“. In der Ehe wird quasi erst mal angenommen, dass der andere zustimmt, wenn er nicht das Gegenteil zu erkennen gibt, weil man schon zusammengehört.

Übrigens: Es wird ja immer mal wieder verbreitet, Vergewaltigung innerhalb der Ehe wäre in Deutschland erst seit 1997 strafbar. Das ist falsch. Vergewaltigung war rechtlich vorher als erzwungene Unzucht, nicht erzwungener Sex definiert, aber das hieß nicht, dass man Gewalt gegenüber der Ehefrau für total in Ordnung gehalten hätte. 1996 fiel so etwas einfach unter den Paragraphen zur Nötigung, ggf. auch der Körperverletzung. Die Gesetzesänderung war eher Symbolpolitik durch die politisch linke Seite (und genau diese Parteien haben auch wieder dafür gesorgt, dass Vergewaltiger mittlerweile mit Bewährung davonkommen, aber ich will mich hier nicht zu sehr über Winkelzüge in der Politik aufregen).

Wie gesagt gibt es auch Entschuldigungen von den „ehelichen Pflichten“; auch, wenn man merkt, dass es dem anderen eigentlich wichtig wäre, gibt es kurzfristige oder langfristige Entschuldigungsgründe. Es gibt manche Fälle, in denen es bloß keine Verpflichtung ist, einzuwilligen, und andere, in denen es eine schon eine Sünde ist, wenn der eine den anderen bittet. Keine Verpflichtung besteht z. B.:

  • wenn der andere Ehebruch begangen hat (und man sich (noch) nicht versöhnt hat; wenn das drei Jahre zurückliegt und man sich schon lange wieder versöhnt hat, ist es nicht schön, es wieder als Ausrede zu nehmen, um ihm die kalte Schulter zu zeigen).
  • wenn man schon aus einem anderen guten Grund (z. B. häusliche Gewalt, s. o.) von ihm getrennt lebt.
  • wenn der andere eine Geschlechtskrankheit hat (man kann hier selbst entscheiden, ob man u. U. das Risiko eingehen will, z. B. wenn es keine schwere Krankheit ist oder es gute Medikamente dagegen gibt; dieser Grund gilt übrigens auch, wenn der andere die Geschlechtskrankheit nicht durch Ehebruch, sondern auf andere Weise (verunreinigte Blutkonserve o. Ä.) bekommen hat)
  • wenn der andere die Sorge für die Familie vernachlässigt, so dass für ein evtl. entstehendes Kind wegen seiner Schuld nicht gut genug gesorgt wäre. „Vertrinkt der Mann seinen Verdienst und überläßt der Frau die Sorge für den Unterhalt, so braucht diese ihm die eheliche Pflicht nicht zu leisten. Muß aber die Familie ohne Schuld des Mannes in Armut leben, so ist dies kein Grund, die eheliche Pflicht zu verweigern; ebenso nicht der Umstand, daß bei größerer Kinderzahl die Familie sich noch mehr einschränken muß.“ (Jone, Nr. 755, S. 619f.)
  • wenn der andere keinen wirklichen Vernunftgebrauch hat (geistesgestört, betrunken)
  • wenn der andere ganz übermäßige Forderungen stellt (zweimal in der Woche ist aber nicht „ganz übermäßig“)
  • „bei großer Gefahr für Gesundheit oder Leben. Derartige Gründe können sein z. B. eine schwere ansteckende Krankheit, schwerer Herzfehler u. dgl. Keine Entschuldigung aber bilden die gewöhnlichen Beschwerden, die mit der Schwangerschaft, Geburt oder Ernährung des Kindes verbunden sind, z. B. große, aber kurze Schmerzen oder langdauerndes, aber nicht zu heftiges Kopfweh. Keine Entschuldigung ist die durch die Erfahrung bestätigte Furcht, daß die Frau, falls sie empfängt, das Kind nicht austragen, sondern einen Abortus [Fehlgeburt] oder eine Totgeburt haben werde.“ (Jone, Nr. 756, S. 620) Ein solcher Grund, sich zu verweigern, wäre also auch vorhanden, wenn eine Frau weiß, dass sie (z. B. nach mehreren Kaiserschnitten) ein Risiko hätte, eine neue Schwangerschaft nicht zu überleben, oder aus Erfahrung weiß, dass sie immer eine Wochenbettdepression bekommt und deswegen schon ernsthaft selbstmordgefährdet war, oder wenn eine Schwangerschaft die ganzen Monate über außergewöhnlich hart für sie ist. In dem Fall hätte sie das Recht, zumindest auf den Verkehr in den fruchtbaren Zeiten zu verzichten, oder, wenn die z. B. nicht genau feststellbar sind, ganz darauf zu verzichten.

Der Frau wird ein neues Kind natürlich immer mehr Probleme und Schwierigkeiten bereiten als dem Mann, aber nun ja, wie soll man es sagen, das ist leider der Fluch, für den wir uns bei Eva bedanken können, und einer gewissen Offenheit für Kinder – inklusive normale Schwangerschaftsübelkeit und normale Geburtsschmerzen – stimmt man nun mal zu, wenn man die Ehe eingeht. Das ist einfach so.

Es kann auch schon eine Sünde sein, den anderen darum zu bitten, z. B. eben auch der Gesundheit wegen. Eine Frau kann schon, weil sie sich selber unbedingt noch ein Kind wünscht, in eine außergewöhnlich beschwerliche oder gefährliche Schwangerschaft einwilligen, aber wenn sie z. B. im Augenblick irgendeine Krankheit hat, die Sex wirklich gefährlich für sie macht, wäre es unverantwortlich von der Seite ihres Mannes aus, dabei mitzumachen, wer auch immer die Sache initiiert. „Nach einer Geburt ist der eheliche Verkehr im allgemeinen unter schwerer Sünde verboten in den zwei ersten Wochen, unter läßlicher Sünde in den folgenden vier Wochen; erlaubt ist er zur Zeit, in der die Mutter das Kind noch stillt. – Bei Schwangerschaft ist der eheliche Verkehr erlaubt, ausgenommen, wenn die Gefahr eines Abortus [Fehlgeburt] besteht.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 750, S. 616)

Außerdem gilt: Bei Ungültigkeit der Ehe ist der eheliche Verkehr unter schwerer Sünde verboten, auch wenn nur ein Teil Kenntnis von der Ungültigkeit hat. – Bei ernstem Zweifel an der Gültigkeit der Ehe muß man sich durch Nachforschung Gewißheit zu verschaffen suchen. Während dieser Zeit darf man nicht um den ehelichen Verkehr bitten, muß aber auf Ersuchen des anderen Teiles, der keinen Zweifel hat, die eheliche Pflicht leisten. Kann der Zweifel nicht gelöst werden, so ist die Ehe als gültig zu betrachten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 751, S. 617) (Natürlich geht es hier nur um ernsthafte, vernünftige Zweifel; wenn jemand, der zu Ängstlichkeit und ständigen Zweifeln neigt, sich plötzlich fragt, ob er seinen Ehekonsens ernst genug gemeint hat, ist der Zweifel einfach zu missachten.)

Auf sämtliche komischen sexuellen Vorlieben muss man allerdings nicht eingehen; erst recht nicht auf irgendwelche perversen Fetische. Ein bisschen Rücksichtnahme auf normale Vorlieben (z. B. Länge des Vorspiels) sollte normal sein. Zu diversen Sexualpraktiken siehe den vorletzten Teil.

Allgemein zur „ehelichen Pflicht“ schreibt Jone noch:

„Zur Leistung der ehelichen Pflicht ist man an sich unter schwerer Sünde gehalten, wenn der andere Teil ernstlich darum bittet, besonders wenn er noch in Gefahr der Unenthaltsamkeit wäre oder doch bei Überwindung der Versuchung ein großes Opfer bringen müsste.

Die Bitte um Leistung der ehelichen Pflicht wird gewöhnlich von seiten des Mannes ausdrücklich gestellt werden, von seiten der Frau aber nur stillschweigend, z. B. durch Zärtlichkeiten. – Nur eine läßliche Sünde ist die Verweigerung der ehelichen Pflicht (vorausgesetzt, daß der andere Teil nicht in Gefahr kommt, schwer zu sündigen), wenn der andere Teil von seiner Forderung leicht absteht oder wenn die Leistung nur auf kurze Zeit verschoben wird, oder wenn bei häufigem Verkehr die Leistung nur selten, z. B. einmal im Monat verweigert wird. – In bona fide [im guten Glauben] aber soll man gewöhnlich ältere Frauen lassen oder Frauen mit vielen Kindern, wenn sie meinen, sie würden nur dann schwer sündigen, wenn sie dem Manne die eheliche Pflicht fast immer verweigern, oder derselbe in große Gefahr komme, schwer zu sündigen. – Im allgemeinen wird man wohl gewöhnlich die Frauen auf die Schwere ihrer Verpflichtung aufmerksam machen, die Männer aber zur Mäßigkeit anhalten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 754, S. 619)

Ein einfaches „heute bin ich so extrem müde, Schatz, wäre morgen auch ok?“ – „ja, klar“ ist natürlich kein Problem – man kann sich ja absprechen, wenn es gerade ungelegen kommt, sollte aber eben den anderen nicht ohne Grund vertrösten und abwimmeln.

John C. Ford und Gerald Kelly schreiben in einem Buch über die Ehe:

„Als eher allgemeine Prinzipien, die eheliche Intimitäten und ihre Relation zu Gerechtigkeit und Liebe ordnen, könnten wir aufstellen: 1) dass jeder verpflichtet ist, den vernünftigen und ernsthaften Bitten des anderen nachzukommen; und 2) dass jeder verpflichtet ist, Verhalten zu vermeiden, das dem anderen unnötige Schmerzen oder Widerwillen bereitet. […]

Daher, obwohl eine Ehefrau nicht vollkommen im Recht sein mag, wenn sie Verkehr oder Mitwirkung an vorbereitenden Intimitäten verweigert, weil sie ’nicht in der Stimmung‘ ist, wäre ein Ehemann auch kaum im Recht, wenn er einfach auf seinem Recht besteht ohne Rücksicht auf ihre Gefühle. […] Ein Ehemann, dessen Begierde so dominant ist, dass er sich weigern würde, sich Zeit zu nehmen und zu versuchen, seine Frau zu einer freudigen Einwilligung zu bringen, wäre hedonistisch; und die Frau, die sich weigern würde, sich überreden zu lassen, würde durch das gegenteilige Laster der Gefühllosigkeit sündigen.

Ein kurzes Wort zu unserem zweiten Prinzip: dass keiner dem anderen unnötige Schmerzen oder Widerwillen bereiten sollte. Es ist möglich, dass der Verkehr für eine kurze Zeit nach der Heirat schmerzhaft ist, vor allem für die Braut. Die voreheliche Konsultation mit einem guten Arzt kann das bis zu einem gewissen Ausmaß verhindern, wenn nicht ganz. Und wenn es nicht ganz verhindert werden kann, kann gegenseitige Rücksichtnahme es vermindern, bis die nötige Anpassung geschehen ist. Außerdem können zu Beginn der Ehe, und besonders bei denen, die sehr keusche Leben geführt haben, selbst gewöhnliche Intimitäten etwas Widerwillen verursachen. Auch hier sollten Pönitenten dahingehend beraten werden, dass gegenseitige Rücksichtnahme das Problem lösen wird und dazu beitragen wird, dass der Widerwille verschwindet. Aber manchmal brauchen sie einen Eheberater.

In Situationen wie diesen, unter der Voraussetzung der richtigen verständnisvollen Einstellung, wird weder Schmerz noch Widerwille unnötigerweise verursacht. Aber abgesehen von diesen gewöhnlichen Problemen ist es manchmal notwendig, verheiratete Personen daran zu erinnern, dass die Menschen sich sehr in ihrer Weise, Liebe auszudrücken, unterscheiden, und dass, was dem einen gefällt, vielleicht ekelerregend für einen anderen sein könnte; außerdem, dass Männer sich sehr von Frauen unterscheiden in ihren sexuellen Reaktionen und körperlichen Wünschen. Wegen der Verschiedenheit der Wünsche muss es einen beiderseitigen Kompromiss geben. Einer, der sich weigert, einen solchen Kompromiss einzugehen, und der dadurch, dass er eher physische Befriedigung als den Wunsch, wirkliche Zuneigung auszudrücken, sucht, auf Methoden des Liebesspiels besteht, die die vernünftigen Gefühle des anderen verletzen, wäre lieblos und würde die ehelichen Intimitäten entgegen ihrem Zweck, die gegenseitige Liebe zu fördern, benutzen. Es ist möglich, auf diese Weise schwer gegen die eheliche Liebe zu sündigen.“ (John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ, Contemporary Moral Theology. Volume II. Marriage Questions, Westminster, Maryland, 1964, S. 198-200. Meine Übersetzung.)

Hier sollte man noch NFP (Natürliche Familienplanung) erwähnen, also dass die Eheleute sich entscheiden, zeitweise nur in den unfruchtbaren Zeiten miteinander zu schlafen (die man ja heute mit diversen Messungen meistens ganz gut feststellen kann, wofür es Kurse für Frauen gibt). Das ist grundsätzlich erlaubt, denn hier nutzt man die unfruchtbaren Zeiten, die Gott selber geschaffen hat, und macht sich nicht selber unfruchtbar. Wichtig ist allerdings das gegenseitige Einverständnis, und dass es die Ehe nicht zu sehr belastet, also dass man es will und es kann. Es wäre z. B. falsch, wenn der Mann nach drei Kindern auf NFP besteht, obwohl die Frau unbedingt noch ein viertes Kind will. (Unter der Voraussetzung, dass keine speziellen Umstände vorliegen, wegen denen ein Kind gar nicht ginge, die sie aber einfach nicht anerkennen will. Aus einem wirklich gewichtigen Grund könnte man auch darauf bestehen, wenn der Partner es nicht will – s. u.) Oder ein anderes Beispiel: Er hat nach drei Kindern genug, aber wegen ihrem unregelmäßigen Zyklus müssten sie fast ganz auf Sex verzichten, was sie einfach nicht will, oder sie wissen, dass sie, wenn sie länger fast ganz enthaltsam leben, öfter Sünden wie Selbstbefriedigung begehen. Das wäre auch nicht in Ordnung. Natürlich kann man sich an Dinge gewöhnen, manche Dinge, die erst hart sind, werden später leichter und es kann auch die Liebe verstärken, wenn man zusammen auf etwas verzichtet; aber es sollte keine zu große Belastung sein und vor allem eben im gegenseitigen Einverständnis geschehen. Es kann ja auch sein, dass es einfach für Spannungen sorgt, wenn man sich ständig zurückhalten muss und nicht mehr so ungezwungen mit seiner Liebe umgehen kann wie vorher.

Außerdem braucht man normalerweise einen vernünftigen Grund; es muss kein extrem schwerwiegender Grund sein, aber doch ein vernünftiger Grund, z. B.:

  • mit noch mehr Kindern wäre man überfordert und hätte zu wenig Zeit für die einzelnen oder würde zu sehr unter Schlafmangel leiden
  • einer der Eheleute ist chronisch krank und könnte sich nicht gut kümmern
  • man hat gerade vor ein paar Monaten ein Kind bekommen, und die Frau soll sich vor dem nächsten erst einmal erholen (wobei in dem Fall praktischerweise schon das Stillen oft, wenn auch nicht immer, natürlicherweise für vorübergehende Unfruchtbarkeit sorgt)
  • die Frau hat nach ihren bisherigen Schwangerschaften immer an Wochenbettdepressionen gelitten
  • man hat zu wenig Geld, könnte sich z. B. keine Wohnung leisten, die groß genug ist
  • eins der bisherigen Kinder ist behindert und erfordert viel Aufmerksamkeit
  • die Frau hat einfach ziemlich Angst vor einer neuen Schwangerschaft
  • man hatte bisher lauter Fehlgeburten und hält es einfach nicht mehr aus, ständig Kinder zu verlieren

Es dürfte allerdings nur eine lässliche Sünde sein, NFP aus einem nicht ganz zureichenden Grund zu nutzen. Schwerwiegender wäre es schon, es dem anderen aufzuzwingen, oder es komplett ohne Grund zu praktizieren, oder aus einem unwichtigen Grund die ganze Ehe über zu praktizieren. Aber bei katholischen Paaren, die diese Dinge einigermaßen ernst nehmen, sollten schwere Sünden hier sehr selten vorkommen; normalerweise hätten sie wohl zumindest einen so halb zureichenden Grund, wenn sie NFP praktizieren. Und gerade dafür, die Kinder einfach in angemessenem Abstand statt direkt hintereinander zu bekommen, dürfte praktisch immer ein Grund vorhanden sein. (Auch wenn es natürlich jedem freisteht, die Kinder direkt hintereinander zu bekommen, wenn man einfach so viele Kinder wie möglich haben will, oder die Phase des Kinderkriegens schnell hinter sich bringen will, oder nicht will, dass zwischen den Kindern ein zu großer Altersunterschied ist, oder was auch immer.)

Je gravierender der Grund für NFP (z. B. schwere gesundheitliche Probleme), desto eher wäre es auch gerechtfertigt, Belastungen der Ehe zu riskieren, oder gegenüber dem unwilligen Partner darauf zu bestehen. Wenn es Gründe gibt, die „ehelichen Pflichten“ ganz zu verweigern, gibt es sie erst recht dafür, sie nur während der fruchtbaren Zeit zu verweigern.

Ford und Kelly schreiben über Belastungen der Ehe durch periodische Enthaltsamkeit:

„Leider ist in der gefallenen Natur der Sexualtrieb oft alles andere als vernünftig. Wenn angesichts starker Gründe dafür, Abstände zwischen den Kindern einzuhalten oder die Zahl der Kinder zu begrenzen, einer der Beteiligten die Einstellung annimmt: ‚Ich muss sexuelle Befriedigung haben und ich werde sie auf die eine oder andere Weise bekommen, ganz gleich, was die Gründe für zeitweilige Enthaltsamkeit sind‘, können seine oder ihre Sünden kaum dem vernünftigen Bestehen des anderen Beteiligten auf periodischer Enthaltsamkeit zugerechnet werden. Das wäre umso wahrer, wo auf eine Art spirituelle Erpressung zurückgegriffen wird: ‚Entweder gibst du mir jetzt Geschlechtsverkehr oder ich werde anderswohin gehen, und du wirst verantwortlich für meine Sünde sein.‘ In solchen Fällen, in denen kein ehrliches Bemühen stattfindet, die Selbstkontrolle auszuüben, die die Situation erfordert, ist die ‚Gelegenheit zur Sünde‘ eher die eigene Einstellung der Person als die Praxis der periodischen Enthaltsamkeit.“ (Ford und Kelly, Contemporary Moral Theology. Volume II. Marriage Questions, S. 444)

Natürlich ist gegenseitige Rücksichtnahme hier immer notwendig; wenn es dem anderen einfach schwerfällt, sollte man versuchen, es ihm leichter zu machen, ggf. auch, indem man auf „unvollständige“ Zärtlichkeiten verzichtet, die ihn nur frustriert darüber zurücklassen, dass jetzt nicht mehr möglich ist, o. Ä. – je nach den Umständen eben.

Eine Frage stellt sich hier: Kann es erlaubt sein, Kinder vollständig zu vermeiden, solange man nur NFP dafür nutzt? Mit einem entsprechenden Grund, ja. Gott hat Eheleuten den Auftrag gegeben: Seid fruchtbar und vermehrt euch; und wer verheiratet ist, sollte normalerweise zumindest einen gewissen Beitrag dazu leisten, dass mehr Menschen in die Welt gesetzt werden und die Menschheit fortbesteht. Aber wenn schon zu Beginn der Ehe ein schwerwiegender Grund vorhanden ist, keine Kinder zu bekommen, kann man natürlich warten, auch sehr lange, mit der Offenheit, dass man Kinder nicht mehr vermeidet, wenn sich die Umstände ändern, aber diese geänderten Umstände werden vielleicht nie eintreten. Man könnte an ein Paar denken, das heiratet, wenn die Frau schon schwer chronisch krank ist und es kaum eine Chance auf Besserung gibt. Man kann allerdings sagen, dass der Grund, Kinder ganz zu vermeiden, zumindest ein bisschen schwerwiegender sein sollte, als z. B. der Grund, kein drittes oder viertes Kind mehr zu bekommen. Papst Pius XII. hat in einer Rede vor Hebammen im Jahr 1951 ausdrücklich erwähnt, dass ein schwerwiegender Grund „sogar für die ganze Dauer der Ehe“ von der Verpflichtung, Kinder zu bekommen, entschuldigen kann (zitiert in: Ford und Kelly, Contemporary Moral Theology, Volume II: Marriage Questions, S. 400).

Eine andere Frage: Ist die Verpflichtung, Kinder zu bekommen, irgendwann einfach erfüllt, sodass man überhaupt nicht mehr verpflichtet wäre, noch ein Kind zu bekommen, auch ohne Grund? Ford & Kelly bejahen das, v. a. mit der Begründung, dass man ja durch das Kinderkriegen u. a. für das Fortbestehen der Familie, der Nation und der Menschheit sorgen soll, und es der mit einem leichten Bevölkerungsanstieg normalerweise am besten geht (dann ist die Zahl der Jungen größer als die Zahl der Alten, die sie versorgen müssen, die Bevölkerung wächst aber auch nicht so schnell, dass man kaum damit hinterher kommt, genug Wohnraum und Arbeitsplätze für die nachwachsenden Generation bereitzustellen). Demnach wäre bei der heutigen niedrigen Kindersterblichkeit nach 3-4 Kindern die Pflicht erfüllt, und alles übrige ein lobenswertes Werk der Übergebühr.

In neuerer Zeit – Fords und Kellys Buch ist aus den frühen 60ern – haben die kirchentreuen Moraltheologen immer eher den vernünftigen Grund betont; ich weiß nicht genau, wie viele hier heute welche Position einnehmen würden. Viele Theologen würden wohl eher sagen, dass man grundsätzlich so viele Kinder in die Welt setzen soll, so viele neue Seelen schaffen soll, wie Gott einem schenken will, außer es bestehen eben Gründe, neue Kinder zu vermeiden. Dazu würde auch passen, dass die Brautleute ja beim Trauritus gefragt werden, ob sie die Kinder annehmen wollen, die Gott ihnen schenken will, nicht, ob sie eine begrenzte Zahl annehmen wollen.

Vielleicht ist diese Frage aber auch eher akademisch; denn in der Praxis wird es zumindest nach den ersten vier Kindern oft vernünftige Gründe geben, aufzuhören (z. B. Mangel an genug Zeit und Energie für die einzelnen Kinder), auch wenn sie oft nicht schwerwiegend sein werden.

Bei der Kinderzahl ist freilich auch zu beachten, dass es normalerweise auch etwas Gutes für die anderen Kinder ist, wenn man ihnen ein Geschwisterchen schenkt; auch später als Erwachsene, wenn die Eltern vielleicht schon tot oder bettlägerig sind, werden sie wahrscheinlich froh sein, noch Familie zu haben. Dafür, nur ein oder zwei Kinder zu bekommen, sollte man schon einen guten Grund haben. (Und natürlich wird es immer wieder Paare geben, die solche guten Gründe haben.)

In diesem Zusammenhang stellt sich noch eine Frage, nämlich: Könnte es Umstände geben, in denen es sogar eine Sünde wäre, noch ein Kind in die Welt zu setzen?

Generell hat die Kirche das nie als Sünde behandelt – nach allem, was ich gelesen habe, zumindest. Außerdem ist es enorm wertvoll, einen neuen Menschen in die Welt zu setzen, der sonst nicht existiert hätte. Auch ein Leben in Armut zum Beispiel ist wertvoller als kein Leben, und jedes Kind wird irgendwann in der Ewigkeit weiterleben und könnte Gott schauen. Dagegen könnte man sagen, dass man sich nicht eine Verantwortung aufladen sollte, die man nicht tragen kann, dass die Klugheit auch eine Tugend ist, dass es bei allem das rechte Maß braucht, und dass ein nicht existierender Mensch auch keinen Nachteil davon hat, nicht zu existieren, was durchaus Sinn macht. Dennoch: Könnte man sagen, dass ein armes Ehepaar eine Sünde begeht, wenn sie noch ein fünfzehntes Kind bekommen? Früher hätte man das wohl kaum bejaht, weil sie sonst langfristig ganz darauf verzichten hätten müssen, ein normales Eheleben zu führen und miteinander zu schlafen; sähe es jetzt anders aus, zumindest bei Paaren, denen die periodische Enthaltsamkeit leicht fällt? Ich würde tendenziell sagen, dass es keine Sünde wäre, aber eine Diskussion hierzu im Kommentarbereich ist herzlich willkommen. („Volkswirtschaftliche“ Argumente sind hier übrigens u. U. von vornherein nicht stichhaltig; auch wenn man für ein Kind Sozialhilfe braucht, wird es später in der Regel der Gesellschaft nützen und dann die Renten derer zahlen, die vorher seine Sozialhilfe gezahlt haben.)

(Noch heikler wäre die Frage nach dem staatlichen Umgang mit „Überbevölkerung“. Nun ist es natürlich so, dass die Erde – v. a. spärlich besiedelte Gebiete wie Afrika – noch ziemlich viele Menschen beherbergen und auch ernähren könnte, aber es kann ja schon vorkommen, dass in einem Land die Bevölkerung schneller wächst als die Wirtschaft, und man deswegen zeitweise Probleme mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, Teuerung o. Ä. bekommen könnte. Wäre es da gerechtfertigt, dass der Staat z. B. Paare mit weniger als 5 Kindern bevorzugt behandelt, Paare mit mehr Kindern benachteiligt (z. B. steuerlich), um sie zu „motivieren“, sich durch NFP und Enthaltsamkeit mit bloß 3 oder 4 Kindern zu begnügen? Dass solche Praktiken wie bei der chinesischen Ein-Kind-Politik niemals legitim wären (und für China auch sehr kontraproduktiv waren), versteht sich von selbst, aber wie sähe es mit milderen Maßnahmen oder bloßer Werbung aus?)

Noch eine Frage: Sündigt einer, der mit dem Ehepartner schläft, im Wissen, dass der Partner gegen seinen Willen verhütet? Die Kurie hat früher manchmal auf solche Fragen geantwortet (wobei es damals vor allem um coitus interruptus ging und die Pille noch nicht erfunden war), was in etwa in die Richtung ging: An sich ist man durch die Liebe verpflichtet, den anderen davon abzubringen und nicht mitzumachen; aber aus einem einigermaßen ernsthaften Grund, z. B. wenn es sonst ziemlich großen häuslichen Unfrieden gibt oder die Frau fürchtet, dass der Mann sie sonst mit Prostituierten betrügt, darf man mitmachen, solange das, was man selber tut, nicht naturwidrig ist (materielle, nicht formelle Mitwirkung). Laut diesen Urteilen der Kurie dürfte eine Frau mit ihrem Mann schlafen (und auch dem entstehenden körperlichen Genuss innerlich zustimmen), wenn sie weiß, dass er coitus interruptus machen wird, weil sie hier nichts Falsches macht, nur er, aber dürfte auch dann nicht bei Analverkehr oder Geschlechtsverkehr mit Kondomen mitmachen, weil das hier schon von Anfang an etwas Falsches ist. (Wir reden natürlich von einigermaßen normalen Situationen und vom Mitwirken; wenn eine Frau sich z. B. nicht aktiv gegen Sex mit Kondom wehrt, sondern passiv bleibt, weil ihr Mann droht, sie umzubringen, das wäre auch verständlich.) Ähnliches könnte man wahrscheinlich sagen, wenn die Frau gegen den Willen des Mannes die Pille nimmt – wobei wegen der möglichen frühabtreibender Wirkung schon ein wirklich ernster Grund zur Mitwirkung da sein sollte. In solchen Fällen besteht aber keine „eheliche Pflicht“ – man darf auch einfach sagen „nein, solange du deine Einstellung nicht änderst, mach ich nicht mit“.

Meiner Einschätzung nach dürfte man vermutlich ganz normal mitmachen, wenn der andere sich endgültig (also so, dass es auch nicht mehr rückgängig gemacht werden kann) sterilisieren hat lassen; denn hier geht es um eine Sünde in der Vergangenheit, die derjenige einfach bereuen müsste, und nicht um die Teilnahme an einer gegenwärtigen Sünde, und man tut hier nichts Unnatürliches. (Zur Reue kann man ihm hoffentlich irgendwann verhelfen, aber man kann ihm auch klarmachen, dass man dagegen ist, dass er sich auf diese Weise gegen Kinder gewandt hat, wenn man trotzdem noch mit ihm schläft.)

Künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft sind immer unerlaubt, wie schon im vorletzten Teil genauer ausformuliert; auch sie trennen die Liebe von der Fortpflanzung. (Erlaubt wären bloß Praktiken, die den normalen Geschlechtsverkehr so erleichtern, dass leichter eine Empfängnis stattfinden kann, z. B. das Sperma nach dem Verkehr mit einer Spritze tiefer in die Vagina zu befördern.)

Der hl. Paulus erwähnt auch, dass es manchmal sinnvoll sein kann, eine begrenzte Zeit im gegenseitigen Einvernehmen auf Sex zu verzichten, um sich dem Gebet zu widmen. Das heißt nicht, dass man nicht beten kann, wenn man in der Nacht davor miteinander geschlafen hat. Aber so ein Verzicht ist wie Fasten; man verzichtet eine begrenzte Zeit auf etwas Gutes, um sich daran zu gewöhnen, dass man auch mal verzichten muss, und um etwas für Gott zu „opfern“. Das kann auch dabei helfen, sich gegenseitig zu zeigen, dass man sich nicht nur körperlich liebt. Es gibt aber keine Pflicht, z. B. in der Fastenzeit oder zu besonderen Festzeiten auf Sex zu verzichten.

Josephsehen (also Ehen, in denen man von vornherein übereinkommt, nicht miteinander zu schlafen) sind übrigens gültige Ehen; man übergibt einander hier auch die üblichen ehelichen Rechte, aber vereinbart, gewisse Rechte nicht zu nutzen. Maria und Joseph waren gültig verheiratet, haben einander geliebt und ihr Leben geteilt, waren einander besonders verpflichtet, aber haben ansonsten wie Bruder und Schwester gelebt. So etwas nachzuahmen ist an sich legitim (wir haben Heilige, die das getan haben), und auch ein Rechtfertigungsgrund, um keine Kinder zu haben, aber es ist nicht der Normalfall und soll auch gar nicht der Normalfall sein. Für die allermeisten Menschen wird ihre Berufung entweder normale Ehe oder Ehelosigkeit sein, keine „Mischung“.

Jetzt zur ehelichen Rollenverteilung. Wie genau man die anfallenden Aufgaben aufteilt, kann natürlich ganz unterschiedlich ausfallen je nach Kultur und je nach Familie. Es gibt keine göttliche Offenbarung dazu, wer den Abwasch und wer das Rasenmähen zu übernehmen hat. Grundsätzlich gilt aber, dass der Mann das Familienoberhaupt ist. Nur wenn er unfähig oder nicht willens ist, diese Verantwortung zu tragen, kann die Frau das übernehmen; das ist aber an sich so unschön, wie wenn minderjährige Kinder aufpassen müssen, dass ihre Eltern keinen Blödsinn anstellen (und nein, das soll keine Gleichsetzung von erwachsenen Ehefrauen mit Kindern sein, sondern schlicht und einfach ein Vergleich), oder wie wenn der 2. Vorsitzende im Verein die ganzen Pflichten des 1. Vorsitzenden übernehmen muss (was vielleicht der bessere Vergleich ist). Auch als Frau wird man keinen Mann mögen, der sich ständig herumkommandieren lässt und der nicht auch mal, wenn nötig, ein Machtwort sprechen kann. Das heißt nicht, dass man nicht im Normalfall einfach Dinge ausdiskutieren und dann gemeinsam entscheiden würde; aber irgendwer muss im Konfliktfall das letzte Wort und die Gesamtverantwortung haben. Und die Bibel ist hierzu sehr klar:

„Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Furcht Christi! Ihr Frauen euren Männern wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort! So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Indessen sollt auch ihr, jeder Einzelne, seine Frau lieben wie sich selbst, die Frau aber ehre ihren Mann.“ (Epheser 5,21-33) Die Beziehung zwischen Mann und Frau soll also so sein wie die zwischen Christus und der Kirche.

Wer das Familienoberhaupt ist, muss nicht zwangsläufig damit zusammenhängen, wer dafür verantwortlich ist, das Einkommen heranzuschaffen. Wenn der Mann z. B. arbeitsunfähig ist, kann die Frau Hauptverdienerin sein und er trotzdem das Familienoberhaupt. Ideal ist das aber tatsächlich nicht; die klassische Rollenverteilung, nach der die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmert und höchstens nebenbei ein bisschen arbeitet, und der Mann der Allein- oder Hauptverdiener ist, bietet sich einfach praktischerweise an. (Und übrigens sind laut Umfragen Paare damit sogar am glücklichsten.) Katholische Frauen werden öfter schwanger sein als säkulare mit ihren 1,5 Kindern und deswegen eine Zeitlang gar nicht arbeiten können; kleine Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit, und wenn das gut machbar ist, ist die Frau verpflichtet, sie zu stillen, weil das gesundheitlich besser für sie ist. Das kann der Mann schlecht übernehmen. Dazu kommt, dass Frauen es meistens mögen, ihr Zuhause schön herzurichten, während Männer es mögen, das Gefühl zu haben, ihre Familie materiell versorgen zu können. Auf jeden Fall ist es aber schlecht, Kinder schon früh und lange in Fremdbetreuung zu geben; irgendeiner von beiden sollte zumindest daheim sein, solange die Kinder noch klein sind, wenn es machbar ist.

Was genau bedeutet es, dass der Mann das Familienoberhaupt ist, welche Pflichten ergeben sich dadurch für die Eheleute?

Erst einmal für die Frau: Jone schreibt: „Sie ist auch verpflichtet, dem Manne zu gehorchen, hat aber auch das Recht auf Schutz und standesgemäßen Unterhalt.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 748, S. 614) Die Gehorsamspflicht ist natürlich nicht unbegrenzt. Prinzipiell darf man jemandem nicht gehorchen, wenn er eine Sünde befiehlt, und man muss ihm nicht gehorchen, wenn er etwas klar Schädliches oder Lächerliches oder Entwürdigendes befiehlt, mit seinem Befehl die Rechte von einem verletzt, oder über den Bereich hinausgeht, bzgl. dem er befehlen kann. Die Befehlsgewalt betrifft in diesem Fall die Angelegenheiten der Familie, das Zusammenleben, was ein ziemlich großer, aber nicht unbegrenzter Bereich ist; ich würde also schätzen, dass die Frau z. B. nicht gehorchen muss, wenn der Mann ihr befiehlt, einen anderen Beichtvater zu wählen (außer, sagen wir, die Ratschläge ihres sehr seltsamen Beichtvaters sorgen für familiären Unfrieden). Manchmal muss die Frau auch klar ihre Zustimmung verweigern, wenn ihr Mann völlig unrealistische, schädliche Pläne für die Familie hat. Der normale Zustand sollte sowieso so aussehen, dass man nach einer Entscheidung sucht, mit der alle leben können. Aber der Gehorsam ist eben trotzdem manchmal eine Pflicht; und am Ende, nachdem man alles ausdiskutiert und nach Kompromissen gesucht hat, muss man als Frau schon mal die Entscheidungen des Mannes einfach respektieren, und dabei auch ihn selber respektieren.

Der Mann ist verpflichtet, die Gesamtverantwortung zu tragen und die Familie zu schützen, also z. B. auch vorauszuplanen, ob man wegen drohender politischer Verfolgung das Land verlassen muss (um jetzt ein Extrembeispiel zu nehmen) oder dafür zu sorgen, dass man in einer einigermaßen sicheren Gegend wohnt oder zumindest das Haus vor Einbrechern schützt, dass man finanziell abgesichert ist, auch im Alter, und dergleichen. (Natürlich kann er auch manches an die Frau delegieren, wenn sie sich z. B. besser mit Finanzen auskennt.) Insgesamt hat die Familie jedenfalls ein Recht darauf, dass der Familienvater den Gesamtüberblick über ihre Versorgung und ihre Sicherheit behält.

Jone bringt noch ein paar Beispiele:

„Aus äußerst wichtigen Gründen (z. B. zum Wohle des Staates oder zur Besorgung wichtiger Familienangelegenheiten) aber darf der Mann auch gegen den Willen der Frau längere Zeit abwesend sein; auf Bitten der Frau aber muß er dieselbe mit sich nehmen, wenn es gut geschehen kann. Für kurze Zeit darf er auch ohne wichtigen Grund gegen den Willen der Frau abwesend sein. – Da der Mann das Haupt der Familie ist, kann sich die Frau gegen seinen Willen nicht entfernen, außer es würde ihr sonst ein großes Ungemach drohen. – […] Die Wahl des Wohnsitzes steht dem Manne zu, und die Frau muß ihm an denselben folgen. Eine Ausnahme besteht nur, wenn im Ehevertrag ein bestimmter Wohnsitz festgesetzt ist und eine Abweichung von dieser Abmachung nicht durch einen neuen, schwerwiegenden Grund nahegelegt wird; ferner wenn der Mann aus böswilliger Absicht den Wohnsitz ändern wollte; ebenso wenn die Frau ihm nicht folgen könnte ohne schweren leiblichen oder seelischen Schaden; endlich wenn der Mann wohnsitzlos überall umherzieht, außer die Frau hätte dies beim Eheabschluß bereits gewusst. – Die Frau kann eine Änderung des Wohnsitzes verlangen, wenn der gegenwärtige Wohnsitz ihr großen körperlichen oder seelischen Schaden brächte.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 747, S. 613f.)

C. S. Lewis schreibt zur Erklärung dieser Lehre:

„Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muß es überhaupt ein ‚Haupt‘ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muß der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, daß dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muß mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muß einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren läßt.‘ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, daß sie ja auch die Hosen anhat. Irgend etwas Unnatürliches muß an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen läßt.

Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, daß der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewußt als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muß letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, daß diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, daß er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Daß er immer beschwichtigen muß?“ (C. S. Lewis, Pardon, ich bin Christ, 9. Taschenbuchauflage, Basel 1977)

Papst Pius XI. schreibt darüber in Casti Connubii:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.‘

Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.“

Soweit hierzu. Wenn ich vergessen habe, etwas anzusprechen, bitte in den Kommentaren darauf aufmerksam machen.

Heilsmöglichkeit für Nichtkatholiken: Kirchliche Aussagen vor dem 2. Vatikanum

Kommt der-und-der Nichtkatholik in den Himmel? Darüber beunruhigen sich Katholiken öfter. Eine genaue, sichere Antwort gibt es hier natürlich nicht; die Kirche hat nur von vergleichsweise wenigen Menschen durch die Heiligsprechung festgestellt, dass sie sicher im Himmel sind; sie behauptet nicht, jedem Menschen ins Herz schauen zu können. Aber worüber wir reden können, sind die Möglichkeiten des Heils für Nichtkatholiken (wie auch für Katholiken). Erst einmal deswegen eine kurze Zusammenfassung, wieso die Erlösung nötig ist und wie sie im Allgemeinen funktioniert:

Grundsätzlich ist die Lage der Menschheit folgende: Durch die Ursünde haben unsere Stammeltern, Adam und Eva (wann auch immer sie gelebt haben, ob vor ein 6.000 oder vor 200.000 Jahren), ihre übernatürlichen Gnadengaben, ihre besondere Nähe zu Gott verspielt, die Er ihnen geschenkt hatte, weil sie selbst sein wollten wie Gott. Das war ein Erbe, das sie uns hätten erhalten sollen; und so werden auch wir jetzt in diesem Zustand der Feindschaft mit Gott geboren, mit schlechten Neigungen, verletzlich, sterblich, und ohne selbstverständliche Nähe zu Gott, d. h. mit der Erbsünde. Das ist keine persönliche Schuld, aber es ist trotzdem ein Zustand des Verletztseins, oder auch eine Art geistlicher Tod. Außerdem häuft aber so ziemlich jeder Mensch im Lauf seines Lebens nun auch persönliche Schuld an, mal mehr, mal weniger; es gibt enorm viele große Verletzungen, die Menschen sich gegenseitig zufügen. Und was einmal geschehen ist, kann nicht einfach ungeschehen gemacht werden, dafür muss Sühne geleistet werden. Weil aber die schwereren Sünden auch ein Nein zu Gott (der das Gute selbst ist), bedeuten, bedeuten sie auch eine solche Trennung, einen solchen geistlichen Tod, eine in gewissem Sinn unendliche Schuld. Das kann der Mensch aus eigener Kraft nicht wieder gut machen. Daher ist Gott selber Mensch geworden und hat als Gottmensch an unserer Stelle mit seiner Liebestat, Seinem Tod am Kreuz, vollkommene, unendliche Sühne geleistet, die uns zugerechnet wird, und durch die wir geheiligt werden. Auf diese Weise steht der Weg zu Gott uns wieder offen. Dadurch können unsere Schulden weggenommen und das Verhältnis zu Gott repariert werden; und so werden wir Ihn nach unserem Tod von Angesicht zu Angesicht sehen können.

Nun ist es aber so, dass die Erlösung nicht automatisch passiert; eine gewisse Mitwirkung des freien Willens des einzelnen Menschen ist auch nötig. Gott bietet die Gnade allen Menschen an, und zwar in jedem Fall genug Gnade, um in den Himmel (= zur Anschauung Gottes) zu kommen. „Er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Tim 2,4) Der einzelne Mensch muss deswegen seine schweren Sünden bereuen, und dem Willen Gottes gehorsam sein und in Zukunft keine schweren Sünden mehr begehen (bzw. diese dann wieder bereuen, wieder von neuem anfangen, usw.). Unbereute schwere Sünden trennen von Gott.

Gott hat auch wahrnehmbare Zeichen als Mittel eingesetzt, um uns Seine Gnade mitzuteilen, nämlich die Sakramente (und sie der Kirche anvertraut, durch die Er handeln will); hier sind besonders die Taufe und die Beichte wichtig. Gott hat befohlen, dass, wer seine Sünden bereut, sich taufen lassen soll, und dadurch wird ihm die Heiligungsgnade mitgeteilt, die Erbsünde und die persönlichen Sünden werden weggenommen. Die Beichte ist eine Art „zweite Taufe“ für diejenigen, die nach der Taufe wieder in schwere Sünden gefallen sind. Auch kleine Kinder, die keine persönlichen Sünden haben, können getauft und damit von der Erbsünde befreit werden.

Man kann hier folgende Gruppen von Menschen unterscheiden, denen prinzipiell die Möglichkeit der Erlösung auf verschiedene Weise offensteht:

  1. Die standardmäßig, wie von Gott vorgesehen, mit der Wassertaufe getauften Katholiken. Getaufte Kleinkinder, die sterben, kommen auf jeden Fall in den Himmel (Erbsünde weg, keine persönlichen schweren Sünden), bei älteren Getauften kommt es darauf an, ob sie weiterhin unbereute schwere Sünden begehen oder nicht. Wenn nicht, dann Himmel.
  2. Die mit der Wassertaufe getauften Nichtkatholiken, die sich in unüberwindlicher Unwissenheit über die Wahrheit des Katholizismus befinden (z. B. ein gutgläubiger Evangelikaler, Orthodoxer oder Lutheraner). Auch bei nichtkatholischen Christen nimmt die gültige Taufe (also die Taufe mit Wasser im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes) die Erbsünde und die persönliche Schuld weg. Allerdings hat jeder Mensch die Pflicht, sich nach der Wahrheit auszurichten, wie er sie erkennt, und wenn z. B. ein Lutheraner erkennen würde, dass die katholische Kirche eigentlich die von Gott gewollte Kirche ist, wäre es eine schwere Sünde, wenn er trotzdem nicht in sie eintreten wollen würde, weil sie ihm in diesem oder jenem Punkt nicht passt. Wenn er sich allerdings mit der katholischen Kirche kaum auskennt und keinen Grund sieht, an seiner Konfession zu zweifeln, ist er in sog. „unüberwindlicher Unwissenheit“, die Gott ihm nicht als Sünde anrechnet. Dann kommt es eben wieder darauf an, ob er sonst noch unbereute schwere Sünden auf dem Gewissen hat oder nicht, wie bei dem Katholiken oben.
  3. Die mit der bewussten Begierdetaufe oder der Bluttaufe Getauften: Hier sind Katechumenen gemeint, die sich taufen lassen wollten, sich schon darauf vorbereitet haben, aber vorher gestorben sind. (Die Bluttaufe ist eine Unterart der Begierdetaufe; damit ist gemeint, dass ein Katechumene das Martyrium erleidet und durch sein eigenes Blut seinen Bund mit Christus besiegelt.) Bei ihnen zählt der Wille für das Werk. Sie wollten sich taufen lassen; also rechnet ihnen Gott im Augenblick ihres Todes die Wirkungen der Taufe zu (auch hier natürlich unter der Voraussetzung der allgemeinen Reue und des guten Willens).
  4. Die Nichtchristen, die sich in unüberwindlicher Unwissenheit befinden, und denen u. U. eine Art implizite Begierdetaufe zugerechnet werden kann (z. B. ein gutgläubiger Muslim oder Jude). Wenn jemand grundsätzlich bereit ist, Gott zu gehorchen, und seinem Gewissen zu folgen, würde er sich auch taufen lassen, wenn er von der Notwendigkeit der Taufe wüsste, also kann Gott auch ihm im Augenblick des Todes die Wirkungen der Taufe zurechnen, wenn er eben auch ansonsten Reue und guten Willen hat. Viele Theologen sagen, dass es aber jedenfalls absolut notwendig sei, anzuerkennen, dass es einen Gott gibt, der über Gut und Böse richtet, auf Gottes Gnade in der Hinsicht zu reagieren, dass man Ihm diese Wahrheiten glaubt. Vgl. Hebr 11,6.

Die ungetauften kleinen Kinder, die vor dem Erreichen des Vernunftalters, d. h. des Alters, in dem sie die Vernunft erlangen und schwere Sünden begehen könnten, sterben (verallgemeinernd setzt man dieses Alter bei ca. 7 Jahren an) sind ein Sonderfall. Sie haben keine persönliche Schuld auf sich geladen, aber auch nicht durch irgendwelche persönlichen Verdienste auf Gottes Gnade reagiert, wie die anständigen erwachsenen Ungetauften. Eine gewöhnliche implizite Begierdetaufe kann man ihnen also nicht zurechnen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie sind im „limbus puerorum“ („Vorhölle der Kinder“, Limbus bedeutet genau genommen „Rand“), also einem Ort, wo sie Gott nicht schauen können (d. h. technisch gesehen Hölle), weil sie mit der Erbsünde belastet sind, also keine übernatürliche Glückseligkeit haben, wo es aber keine Strafen für sie gibt und Gott ihnen rein natürliche Glückseligkeit bereitet. Oder sie sind auf unbekannten Wegen doch noch in den Himmel gekommen (z. B. wäre es denkbar, dass Gott ihnen im Augenblick des Todes die Klarheit des Verstandes gibt, um sich für oder gegen Ihn zu entscheiden). Da Gott das Heil aller Menschen will, ist das durchaus möglich. Aber das können wir nicht so genau wissen. Aber egal, welche Möglichkeit die richtige ist: Es geht ihnen uneingeschränkt gut und sie leiden nicht; auch rein natürliche Glückseligkeit ist Glückseligkeit, und sie werden nicht wissen, was sie noch Größeres verpassen. Die Erbsünde bedeutet eben auch, dass der Seele die Fähigkeiten für den Himmel fehlen, die übernatürlichen Fähigkeiten zu größerer Erkenntnis und Liebe, als wir unserer Natur nach besitzen. Die Erbsünde muss auf irgendeine Weise weggenommen werden, mit ihr belastet kommt man nicht in den Himmel.

Man sollte vielleicht erwähnen, dass (so wird es z. B. in Dantes „Divina Comedia“ Anfang des 14. Jahrhunderts dargestellt) die anständigen Ungläubigen mit unüberwindlicher Unwissenheit auch manchmal in einem ähnlichen Limbus verortet wurden wie die ungetauften Kinder, statt ihnen eine implizite Begierdetaufe zuzuschreiben. Die Höllenstrafen sind ja generell unterschiedlich für die Verdammten; wem man noch die Trennung von Gott durch die Erbsünde zuschrieb, wer sich aber sonst nicht besonders im Hass auf Gott verhärtet hatte o. Ä., dem wurde also eher das Dasein an einem Ort mit wenigen oder keinen speziellen Strafen, möglicherweise mit natürlichem Glück, ohne Anschauung Gottes, zugeschrieben.

Grundsätzlich ist es also so, dass es Heilsmöglichkeiten für Nichtkatholiken gibt, und keiner ohne persönliche Sünde ewige Strafen erleidet. Allerdings ist es auch so, dass, je weiter man von der Wahrheit entfernt ist, es einem desto schwerer fällt, zu Gott zu kommen und das Richtige zu tun. Jemand, der in einer tiefgläubigen russisch-orthodoxen Familie aufwächst, hat es viel leichter, das Gute zu erkennen und auch zu tun, als jemand, der in einer atheistischen oder hinduistischen Familie aufwächst, auch wenn sie alle nicht in der vollkommenen Wahrheit stehen. Die Sakramente des Russisch-Orthodoxen, das Gebet, usw. machen es auch leichter, das, was man als gut erkannt hat, zu tun, dem Drängen des Gewissens zu folgen, während Gottesleugnung und Götzendienst Hindernisse sind. Und auch jemand, der noch nicht von Christus gehört hat, hat die Pflicht, seinen Schöpfer anzuerkennen, den er schon allein durch die Vernunft erkennen kann, und der sich ihm auch in gewisser Weise zeigen wird.

Man kann sich jetzt fragen: Wieso bekommen manche Menschen mehr Gnade von Gott als andere? Auch wenn Gott jedem hinreichende Gnade gibt, dass er in den Himmel kommen könnte, wieso gibt er manchen Leuten (z. B. solchen, die in liebenden katholischen Familien aufwachsen) mehr Gnade als anderen, sodass sie eine größere Wahrscheinlichkeit haben, in den Himmel zu kommen? Da kann man jetzt spekulieren. Vielleicht weiß Gott, dass manche Menschen auch eine größere Gnade verwerfen würden und sich damit umso mehr Schuld zuziehen würden, als wenn sie eine geringere verwerfen, und gibt ihnen deshalb von vornherein nur geringere Gnaden. Vielleicht ist es auch einfach wirklich so, dass Gott uns Einfluss geben will, dass wir durch Liebe zu anderen Menschen (Gebet, Evangelisierung usw.) deren Chancen auf den Himmel wirklich erhöhen können. Das Zusammenwirken von Vorsehung und freiem Willen ist ein tiefes Geheimnis. Aber am Ende ist es ja auch so, dass Gott uns nicht mal die hinreichende Gnade schuldet; Er gibt jedem immer mehr, als er verdient. Und wenn manche noch mehr bekommen – z. B. auch, weil Gott sie für eine besondere Aufgabe erwählt, für die sie auch leiden müssen, wie der Apostel Paulus, der eine besondere Gnade der plötzlichen Bekehrung bekam – dann muss man nicht neidisch sein. Keiner kommt zu kurz, für jeden ist die Gnade wirklich hinreichend.

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Jüngstes Gericht.

So weit mal meine Darstellung der katholischen Lehre, aber weil es ja immer mal wieder bezweifelt wird, wie es mit der Lehre der Kirche früher aussah, ob sie auch da schon lehrte, dass Nichtchristen in den Himmel kommen können, habe ich dazu mal ein paar Texte gesammelt (es gäbe sicher einige mehr; das sind nur einige, die ich zufällig gerade kenne).

Der Basler Katechismus von 1947 sagt folgendes:

120. Wer gehört zur katholischen Kirche?
Zur katholischen Kirche gehört jeder Getaufte, der sich nicht freiwillig von ihr getrennt hat. Es gibt nur eine Taufe. Die gültige Taufe ist der Eintritt in die Kirche. Gültig ist eine Taufe, wenn das Wasser über die Stirn fließt und die Taufformel verwendet wird: «Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.» Darum ist auch ein Kind zur katholischen Kirche gehörig, das z.B. in der Gemeinschaft der Lutheraner getauft wird. Wer aber aus eigener Schuld wissentlich eine Irrlehre annimmt oder an ihr festhält, zerstört seine lebendige Verbindung mit der Kirche. Wer ohne eigene Schuld in einer nichtkatholischen kirchenähnlichen Gemeinschaft lebt (und also in der Irrlehre), jedoch zur Gnade Gottes gelangt ist, gehört zwar (noch) nicht zum sichtbaren «Leib» der katholischen Kirche, wohl aber zur «Seele» der Kirche, weil er innerlich mit ihr durch das Leben der Gnade verbunden ist.

121. Was heißt: Die katholische Kirche ist alleinseligmachend?
Die katholische Kirche ist alleinseligmachend heißt: Sie allein ist von Christus gestiftet als Arche des Heiles für alle Menschen, und sie allein hat alle Mittel, um heilig zu machen. Christus hat nur eine Kirche gestiftet. Dieser und keiner anderen hat er alle Gnadenmittel zur Heiligung und Erlangung des ewigen Heiles gegeben. Gnadenmittel, welche sich bei anderen Religionsgemeinschaften vorfinden, sind hinübergenommen aus der katholischen Kirche, von der sie sich getrennt haben.

122.Ist es gleichgültig, welcher Kirche man angehört?
Es ist notwendig und Gottes Wille, daß man der katholischen Kirche angehört. Wer erkennt und überzeugt ist, daß die katholische Kirche die wahre Kirche ist und trotzdem nicht in sie eintritt, kann nicht selig werden.

123.Können Andersgläubige auch selig werden?
Andersgläubige können auch selig werden, wenn sie in der heiligmachenden Gnade sterben.
Menschen, die unschuldigerweise die Kirche noch nicht kennen bzw. noch nicht zu ihr gehören, können durchaus auch im Stand der heiligmachenden Gnade sein. Um in dieser Gnade zu sterben, muß man den Willen Gottes erfüllen, wenn man ihn erkennt.
Erklärung: Wenn sie Gott grundsätzlich in allem gehorchen wollen und annehmen, was ihnen das Naturgesetz und das Gewissen als objektiv gut vorstellen, so ist in dieser Haltung unausgesprochen der Wunsch nach dem Empfang der Taufe enthalten, da es der allgemeine Wille Gottes ist, daß man sie empfängt. Es ist möglich, daß Gott ihnen ihre gute Seelenhaltung als implizite Begierdetaufe anrechnet, wenn sie keine Anhänglichkeit an die schwere Sünde pflegen bzw. diese durch eine Liebesreue getilgt haben. (vgl. hierzu auch Frage 176)
Solche Menschen werden nicht durch ihre Irrlehre selig, sondern allein durch die Gnade Christi. Doch fehlen ihnen viele Gnadenmittel, weshalb es für sie schwerer ist, sich zu retten. Darum muß sich die Kirche mit aller Kraft bemühen, alle Menschen zur Wassertaufe zu führen, um ihnen die Tür zu allen Gnadenmitteln zu eröffnen und ihr Heil sicherzustellen.

Hebr 11,6: „Wer Gott nahen will, muß glauben, daß er ist und daß er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist.”
Auch Katholiken können nur selig werden, wenn sie im Stand der Gnade als gehorsame Kinder der Kirche sterben.
Mahnung: «Nichts Ehrenvolleres, nichts Erhabeneres, nichts Ruhmreicheres kann je erdacht werden, als anzugehören der heiligen katholischen römischen Kirche» (Papst Pius XII.).
Schön und wahr sagt der heilige Cyprian (gest. 258): «Der kann Gott nicht zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat.»

Papst Pius IX. schreibt in der Enzyklika „Quanto conficiamur moerore“ von 1863 (hier eine englische Übersetzung, das Zitat ist aus Nr. 7):

Uns und Euch ist bekannt, daß diejenigen, die an unüberwindlicher Unkenntnis in bezug auf unsere heiligste Religion leiden und die, indem sie das natürliche Gesetz und seine Gebote, die von Gott in die Herzen aller eingemeißelt wurden, gewissenhaft beachten und bereit sind, Gott zu gehorchen, ein sittlich gutes und rechtes Leben führen, durch das Wirken der Kraft des göttlichen Lichtes und der göttlichen Gnade das ewige Leben erlangen können, da Gott, der die Gesinnungen, Herzen, Gedanken und Eigenschaften aller völlig durchschaut, erforscht und erkennt, in seiner höchsten Güte und Milde keineswegs duldet, daß irgendjemand mit ewigen Qualen bestraft werde, der nicht die Strafwürdigkeit einer willentlichen Schuld besitzt.

Heribert Jone schreibt in „Katholische Moraltheologie“:

Wer es schuldbarerweise vernachlässigt, den wahren Glauben kennenzulernen, sündigt leicht oder schwer, je nachdem seine Nachlässigkeit leicht oder schwer ist. – Solange aber jemand an seiner bisherigen Religion noch keinen vernünftigen Zweifel hat, besteht auch keine schwere Pflicht, weiter nachzuforschen. – Sind jemand die Glaubenswahrheiten hinreichend zu glauben vorgestellt, so ist Unglaube immer eine schwere Sünde. (Heribert Jone OFMCap, Katholische Moraltheologie auf das Leben angewandt unter kurzer Andeutung ihrer Grundlagen und unter Berücksichtigung des CIC sowie des deutschen, österreichischen und schweizerischen Rechtes, 17. Aufl., Paderborn 1961, Nr. 121, S. 93.)

„Vincibilis [überwindlich] wird die Unwissenheit genannt, wenn sie abgelegt werden könnte unter Anwendung der moralischen Sorgfalt, entsprechend den näheren Umständen der Person und der Sache. Kann sie mit Anwendung einer solchen Sorgfalt nicht abgelegt werden, dann heißt sie invicibilis [unüberwindlich], auch wenn sie bei noch größerer Sorgfalt abgelegt werden könnte.“ (Ebd., Nr. 16, S. 27)

Auch Ludwig Ott schreibt in „Grundriss der Dogmatik“ (11. Auflage) über dieses Thema. Um ihn zu verstehen, ist es notwendig, die theologischen Gewissheitsgrade zu verstehen, die die verschiedenen Lehren der Kirche haben. Ott definiert am Beginn seines Buches u. a. folgendes (Hinzufügungen in eckigen Klammern von mir):

1. Den höchsten Gewißheitsgrad besitzen die unmittelbar geoffenbarten Wahrheiten. Der ihnen gebührende Glaubensassens [Zustimmung] stützt sich auf die Autorität des offenbarenden Gottes (fides divina [göttlicher Glaube]) und, wenn die Kirche durch ihre Vorlage das Enthaltensein in der Offenbarung verbürgt, auch auf die Autorität des unfehlbaren Lehramtes der Kirche (fides catholica [katholischer Glaube]). Wenn sie durch ein feierliches Glaubensurteil (Definition) des Papstes oder eines allgemeinen Konzils vorgelegt werden, sind sie de fide definita [definierten Glaubens].
2. Die katholischen Wahrheiten oder kirchlichen Lehre, über die das unfehlbare Lehramt der Kirche endgültig entschieden hat, sind mit einem Glaubensassens anzunehmen, der sich auf die Autorität der Kirche allein stützt (fides ecclesiastica [kirchlicher Glaube]). Die Gewißheit dieser Wahrheiten ist unfehlbar wie bei den eigentlichen Dogmen.
3. Sententia fidei proxima [dem Glauben nahe, zugehörige Lehre] ist eine Lehre, die von den Theologen fast allgemein als Offenbarungswahrheit angesehen wird, von der Kirche aber noch nicht endgültig als solche verkündet worden ist.
4. Sententia ad fidem pertinens oder theologia certa [Lehre, die sich auf den Glauben bezieht, oder theologisch sichere Lehre] ist eine Lehre, über die sich das kirchliche Lehramt noch nicht endgültig geäußert hat, deren Wahrheit aber durch ihren inneren Zusammehang mit der Offenbarungslehre verbürgt ist (theologische Konklusionen).
5. Sententia communis [allgemein vertretene Lehre] ist eine Lehre, die an sich in das Gebiet der freien Meinungen gehört, von den Theologen aber allgemein vertreten wird.
6. Theologische Meinungen von geringerem Gewißheitsgrad sind die sententia probabilis [wahrscheinliche Meinung], probabilior [wahrscheinlichere], bene fundata [gut fundierte] und die mit Rücksicht auf ihre Übereinstimmung mit dem Glaubensbewußtsein der Kirche sog. sententia pia [fromme Meinung]. Den geringsten Gewißheitsgrad besitzt die opinio tolerata [geduldete Meinung], die nur schwach begründet ist, aber von der Kirche geduldet wird. (Ludwig Ott, Grundriß der katholischen Dogmatik, Neudruck der 11. Auflage mit Literaturnachträgen, Bonn 2005, S. 35)

Dann zum eigentlichen Thema. Darüber schreibt er:

Gott will auch unter der Voraussetzung des Sündenfalles und der Erbsünde wahrhaftig und aufrichtig das Heil aller Menschen. Sent. fidei proxima.
Daß Gott das Heil nicht bloß der Prädestinierten [derer, die am Ende im Himmel enden], sondern wenigstens aller Gläubigen will, ist formelles Dogma.
[…] Der göttliche Heilswille umfaßt wenigstens alle Gläubigen, wie aus dem amtlichen Glaubensbekenntnis der Kirche hervorgeht, in dem die Gläubigen beten: qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de coelis [der für uns Menschen und zu unserem Heil vom Himmel herabgekommen ist]. Daß er sich über den Kreis der Gläubigen hinaus erstreckt, ergibt sich aus der Verurteilung zweier gegenteiliger Sätze durch Alexander VIII. […]

Gott gibt allen schuldlos Ungläubigen (infideles negativi) hinreichende Gnade zur Erlangung des ewigen Heiles. Sent. certa.
Alexander VIII. verurteilte 1690 die jansenistischen Sätze, daß Christus bloß für die Gläubigen gestorben sei und daß die Heiden, Juden und Häretiker keinen Gnadeneinfluß von ihm empfangen.
Die Hl. Schrift bezeugt die Allgemeinheit des göttlichen Heilswillens (1 Tim 2,4; 2 Petr 3,9) und die Allgemeinheit der Erlösungstat Christi (1 Jo 2,2; 2 Kor 5,15; 1 Tim 2,6; Röm 5,18). Damit läßt sich nicht vereinbaren, daß einem großen Teil der Menschheit die zum Heile notwendige und hinreichende Gnade vorenthalten bleibt.
Die Väter deuten Jo 1,9 (illuminat omnem hominem [erleuchtet jeden Menschen]) gerne auf die Erleuchtung aller Menschen, auch der Ungläubigen, durch die göttliche Gnade. Vgl. Johannes Chrysostomus, In Ioan. hom.8,1. Eine patristische Monographie über die allgemeine gnadenspendende Tätigkeit Gottes ist die wahrscheinlich von Prosper von Aquitanien stammende anonyme Schrift De vocatione omnium gentium [Von der Berufung aller Völker] (um 450), die zwischen den Semipelagianern und den Anhängern der augustinischen Gnadenlehre zu vermitteln sucht und mit Entschiedenheit für die Universalität des göttlichen Heilswillens und der Gnadenmitteilung eintritt.
Da der Glaube „der Anfang des Heiles, die Grundlage und Wurzel aller Rechtfertigung ist“ (DH 1532), so ist auch für die Rechtfertigung der Heiden der Glaube unerläßlich. Hebr 11,6: „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Wer zu Gott hinzutritt, muß glauben, daß er ist ist und daß er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist.“ […] Was den Inhalt dieses Glaubens betrifft, so muß nach Hebr 11,6 wenigstens die Existenz Gottes und die Vergeltung im Jenseits necessitate medii [mit der Notwendigkeit des Mittels] mit der fides explicita [mit explizitem Glauben] festgehalten werden. […] Der zur Rechtfertigung erforderliche übernatürliche Glaube kommt dadurch zustande, daß Gott dem Ungläubigen durch äußere oder innere Belehrung die Offenbarungswahrheit zur Kenntnis bringt und ihn durch die aktuelle Gnade zum übernatürlichen Glaubensakt befähigt.
Einwand. Gegen die Allgemeinheit des göttlichen Heilswillens wird eingewendet, daß Gott das Heil der ohne Taufe sterbenden Kinder nicht ernst und aufrichtig will. Darauf ist zu erwidern: Gott ist auf Grund seines Heilswillens nicht verpflichtet, durch ein wunderbares Eingreifen alle einzelnen Hindernisse zu beseitigen, die sich in der von ihm geschaffenen Weltordnung aus dem Zusammenwirken geschöpflicher Zweitursachen mit der göttlichen Erstursache ergeben und in vielen Fällen die Durchführung des göttlichen Heilswillens vereiteln. Es besteht auch die Möglichkeit, daß Gott den ohne Taufe sterbenden Kindern auf außerordentlichem Wege die Erbsünde nachläßt und die Gnade mitteilt, da seine Kraft nicht an die Gnadenmittel der Kirche gebunden ist. Die Wirklichkeit einer derartigen außersakramentalen Gnadenmitteilung läßt sich jedoch nicht positiv beweisen.“ (Ebd., S. 342-346)

An anderer Stelle schreibt er noch:

Die Seelen, die im Stande der Erbsünde aus dem Leben scheiden, sind von der beseligenden Anschauung Gottes ausgeschlossen. De fide.
[…] Das Dogma stützt sich auf das Wort des Herrn: „Wenn jemand nicht (wieder)geboren wird aus dem Wasser und dem (Hl.) Geist kann er nicht in das Reich Gottes eingehen“ (Jo 3,5).
Auf außersakramentale Weise kann die Wiedergeburt der Unmündigen durch die Bluttaufe erfolgen (vgl. die Opfer des bethlehemitischen Kindermordes). Im Hinblick auf den allgemeinen Heilswillen Gottes (1 Tim 2,4) nehmen viele Theologen der Neuzeit und insbesondere der Gegenwart noch andere Ersatzmittel der Taufe für die ohne sakramentale Taufe sterbenden Kinder an, wie Gebet und Verlangen der Eltern oder der Kirche (stellvertretende Begierdetaufe – Cajetan) oder Erlangung des Vernunftgebrauchs im Augenblick des Todes, so daß das sterbende Kind sich für oder gegen Gott entscheiden könne (Begierdetaufe – H. Klee) oder Leiden und Tod des Kindes als Quasi-Sakrament (Leidenstaufe – H. Schell). Diese und andere Ersatzmittel der sakramentalen Taufe sind wohl möglich, doch kann ihre Tatsächlichkeit aus der Offenbarung nicht bewiesen werden. (Ebd., S. 178)

Erzbischof Marcel Lefebvre, der Gründer der traditionalistischen Piusbruderschaft, schreibt 1984 in „Offener Brief an die ratlosen Katholiken“:

Und doch hat sich in diesem Punkt nichts geändert und kann sich auch nichts ändern. Unser Herr hat nicht mehrere Kirchen gegründet, Er hat nur eine einzige gegründet. Es gibt nur ein einziges Kreuz, durch das man sich retten kann, und dieses Kreuz ist der katholischen Kirche anvertraut, nicht auch den anderen.
Christus hat alle Seine Gnaden der Kirche gegeben die Seine mystische Braut ist. Keine einzige Gnade auf der Welt, nicht eine einzige Gnade in der Geschichte der Menschheit wird gewährt werden außer über die Kirche.

Soll das heißen, daß kein Protestant, kein Moslem, kein Buddhist, kein Animist gerettet wird? Nein! So zu denken ist ein zweiter Irrtum. Jene, die bei den Worten des hl. Cyprian „Außerhalb der Kirche kein Heil“ nach Intoleranz schreien, verwerfen das Credo: „Ich glaube an die eine Taufe zur Vergebung der Sünden“ und sind ungenügend über das belehrt, was die Taufe wirklich ist. Es gibt drei Arten, die Taufe zu empfangen: die Taufe mit Wasser, die Bluttaufe (das ist die Taufe der Märtyrer, die ihren Glauben bekannt haben, während sie noch Katechumenen waren) und die Begierdetaufe.
Die Begierdetaufe kann explizit (ausdrücklich ausgesprochen) sein. Oft hat in Afrika ein Katechumene zu uns gesagt: „Pater, taufen Sie mich jetzt gleich, denn wenn ich vor Ihrem nächsten Besuch sterbe, komme ich in die Hölle.“ Wir haben ihm geantwortet: „Nein, wenn Du keine schwere Sünde auf dem Gewissen hast und wenn Du den Wunsch hast, getauft zu werden, hast Du schon die Gnade in Dir“.
So lautet die Lehre der Kirche, die auch die implizite (stillschweigende) Begierdetaufe anerkennt. Sie beruht auf dem Entschluß, den Willen Gottes erfüllen zu wollen. Gott kennt alle Seelen und weiß daher, daß es bei den Protestanten, den Moslems, den Buddhisten und in der ganzen Menschheit Seelen gibt, die guten Willens sind. Sie empfangen die Taufgnade, ohne es zu wissen, aber auf wirksame Weise. Dadurch vereinigen sie sich mit der Kirche.
Der Irrtum besteht in dem Glauben, daß sie sich durch ihre Religion retten. Sie retten sich in ihrer Religion, aber nicht durch ihre Religion. Man rettet sich nicht durch den Islam oder durch den Shintoismus. Es gibt im Himmel keine buddhistische Kirche; auch keine protestantische Kirche. Das mag, wenn man es hört, hart erscheinen, aber es ist die Wahrheit. Nicht ich habe die Kirche gegründet, unser Herr hat sie gegründet, der Sohn Gottes, und wir Priester sind verpflichtet, die Wahrheit zu sagen.
Aber wie groß sind die Schwierigkeiten, die die Menschen der nicht vom Christentum durchdrungenen Länder überwinden müssen, um die Gnade der Begierdetaufe zu erlangen! Der Irrtum ist eine Abschirmung gegen den Heiligen Geist. Das ist der Grund, warum die Kirche immer in alle Länder der Erde Missionare gesandt hat und daß so viele von ihnen dort das Martyrium erlitten haben. Wenn man das Heil in jeder beliebigen Religion erlangen könnte, wozu sollte man dann die Meere überqueren und sich unter gesundheitsschädigendem Klima einem harten Leben, Krankheit und frühem Tod aussetzen? (Marcel Lefebvre, Offener Brief an die ratlosen Katholiken, 3. Aufl., Stuttgart 2012, S. 92f.)

Dazu kommt natürlich, dass es auch schon viel nützt und viel Glück bringt, wenn man im jetzigen Leben die Wahrheit kennt, auch wenn Gott es einem im kommenden Leben nachsehen würde, sie nicht gekannt zu haben. Gottes Liebe kann man nie zu früh kennenlernen.

Um das Ganze zusammenzufassen: Die Erlösung geht nur durch Jesus; aber nicht zwangsläufig nur durch bewusste Kenntnis von Jesus. Extra ecclesiam nulla salus, außerhalb der Kirche kein Heil, aber man kann schon unbewussterweise zur Seele der Kirche gehören.

Warum zeigt sich Gott nicht direkter?

Das ist eine Frage, die Atheisten in Diskussionen öfter stellen: Wenn Gott will, dass ich Ihn verehre, wieso zeigt Er sich mir dann nicht so direkt, dass ich ihn absolut nicht leugnen kann? Ihr Theisten kommt mit euren philosophischen Gottesbeweisen an, oder den Wundern vor 2000 Jahren, die Jesus als Gottes Sohn beweisen würden – aber wieso diese lange Beweisführung? Er könnte sich mir oder der ganzen Welt doch direkter offenbaren.

[Kurze Anmerkung: „Wunder“ definiere ich in diesem Artikel als „Vorkommnisse, die den Naturgesetzen nicht entsprechen, und bei denen also der Urheber der Naturgesetze (Gott, der außerhalb der Welt steht) diese kurzfristig außer Kraft gesetzt haben muss“. Den Gesetzen der Logik kann auch ein Wunder nicht widersprechen, und ein nach den Naturgesetzen nur unwahrscheinliches Vorkommnis ist kein Wunder im strengen Sinn.]

Ich denke, ein Grund dafür könnte etwas sein, das Otfried Preußler einmal in einem relativ unbekannten Buch, das gerade schön zur Jahreszeit passt, gut beschrieben hat. Er hat in „Die Flucht nach Ägypten. Königlich-böhmischer Teil“ beschrieben, wie die Heilige Familie auf der Flucht vor Herodes nach Ägypten durch Böhmen um 1900, damals Teil von Österreich-Ungarn, kommt. (Ja, die Ironie dabei ist beabsichtigt.) Jedenfalls begegnet die Heilige Familie dabei einigen Leuten, und es geschehen auch ein paar Wunder. In einem Fall hat der hl. Wenzeslaus vom Himmel aus ein Anliegen, bei dem ihm die Heilige Familie helfen soll, und zwar folgendes:

„Damals jedoch, zu Zeiten der Herren Bělohlavek und Weishäuptl (deren Familiennamen übrigens beide das gleiche bedeuten), da hat es im Königreich Böhmen bezüglich der Sprachen und Ortsnamen immerfort Schwierigkeiten gegeben und Streiterei, insbesondere dort, wo der tschechische Landesteil an den deutschen gegrenzt hat. Und wenn man sich klar macht, daß noch dazu der Verlauf dieser Grenze zwischen den beiden Völkern in manchen Gegenden unscharf gewesen ist, nämlich es haben zuweilen Tschechen und Deutsche in ein und derselben Ortschaft zusammengelebt und einander sie strittig gemacht, so wird man vielleicht nicht darüber erstaunt sein dürfen, daß es in solchen Landstrichen immer wieder zu offenen Zwistigkeiten gekommen ist, welche dem heiligen Herzog Wenzeslaus in der ewigen Seligkeit keinen geringen Kummer bereitet haben: Nämlich als Landespatron von Böhmen, da ist er ja ihrer beider Schutzherr gewesen und Fürsprech vor Gottes Thron, der tschechischen Böhmen ebenso wie der deutschen; und wenn er bisweilen hat zusehen müssen, wie seine Landeskinder sich gegenseitig befeindet haben, bloß aus dem einen Grunde, weil diesen die eine Sprache und jenen die andere über alles gegangen ist – also, da hat er mit ihnen schon oft genug seine liebe Not gehabt. Und so hat er nichts sehnlicher sich herbeigewünscht, als daß es mit Gottes Hilfe ihm eines Tages gelingen möchte, daß er für alle Zeiten die beiden Völker im Land miteinander aussöhnt.

Zunächst einmal aber hat er im kleinen versuchen wollen, was man vielleicht eines Tages im großen tun kann. Weshalb er den Plan gefaßt hat, daß er fürs erste an lediglich zwei Personen die Sache erproben wird – und zwar am Herrn Weishäuptl und am Herr Bělohlavek in Starkenbach.

Dazu muß man wissen, daß jeder der beiden erwähnten Herren ein redlicher und entschiedener Vorkämpfer für die Sache des tschechischen respektive des deutschen Volkes im Königreich Böhmen gewesen ist – und so hat er natürlich auf alles, was deutsch respektive tschechisch gesprochen hat, einen automatischen Haß gehabt. Das ist so weit gegangen, daß beide genannten Herren, obschon sie von Kindestagen an miteinander bekannt gewesen sind, gegenseitig den Gruß sich verweigert und manchmal sogar auf offenem Markt sich beschimpft haben, wenn sie zufällig auf dem Weg in die Sparkassa oder ins Amt zusammengetroffen sind.

Es hat den Herrn Bělohlavek als aufrechten Deutschen natürlich zutiefst gewurmt, daß er einen tschechischen Namen gehabt hat, sogar noch mit einem Háček über dem ‚e‘; und umgekehrt ist der Herr Weishäuptl von dem seinigen auch nicht gerade erbaut gewesen. Aber das hat es im Königreich Böhmen ja immer wieder gegeben, daß die Familiennamen von Tschechen deutsch und von Deutschen tschechisch gewesen sind, so daß man von seiten der Herren Eltern nicht selten sich dahingehend beholfen hat, daß man den Kindern wenigstens Vornamen aussucht, welche das Manko des Hauptnamens wieder ausgleichen; wie denn auch der Herr Weishäuptl seit der heiligen Taufe die Vornamen Jaroslav Vojtěch führt, wohingegen man den Herrn Bělohlavek lediglich auf den Namen Joseph hat taufen lassen. Aber dafür hat er selbst einen um so deutscheren Firmnamen sich erwählt, nämlich Sigisbert, welchen er seither anstelle des Josephs verwendet, damit man auch ja nicht darüber im Zweifel ist, welcher Nation man gefälligst ihn zuzurechnen hat.

Der Herr Bělohlavek ist Eichbeamter gewesen, beim k. k. Bezirksamt in Starkenbach, und der Herr Weishäuptl pokladník bei der Městská spořitelna, also Kassier bei der Städtischen Sparkassa.

Daneben sind beide Herren – jeder auf seiner Seite, versteht sich – in mehreren nationalen Verbänden tätig gewesen, an führender Stelle jeweils, sei es als Obmannstellvertreter im Deutschen Schulverein respektive als Beisitzer in der Matice školská (welch beide Vereinigungen dem Ziel der Errichtung und Unterhaltung von eigenen Schulen in sprachlich gemischten Ortschaften sich gewidmet haben), sei es als Dietwart beim Deutschen Turnverein Arnau (in Starkenbach hat es für einen eigenen deutschen Turnverein leider nicht ausgereicht, nicht einmal eine einsame Riege hat der Herr Bělohlavek dort gründen können, obzwar er sich alle diesbezügliche Mühe gegeben hat), sei es als Schriftführer bei den Sokoln, wie sich die tschechischen Turner genannt haben. Außerdem ist der Herr Bělohlavek im Vorstand der Ortsgruppe Hohenelbe des Bundes der Deutschen in Böhmen gewesen, als Schatzmeister, und der Herr Weishäuptl erster Tenor bei der Tschechischen Liedertafel in Jilemnice. Und neuerdings hat der Herr Weishäuptl sogar dem Svaz českých lyžářů angehört, dem Verband tschechischer Schneeschuhläufer im Königreich Böhmen, welchem es nicht ohne sein, des Herrn Jaroslav Vojtěch eifriges Zutun gelungen ist, daß man im Vorjahre, sehr zum Ärger des Deutschen Riesengebirgsvereins (welchem hinwiederum der Herr Bělohlavek mit Leib und Seele und einem Monatsbeitrag von fünfzig Hellern verbunden gewesen ist), unweit von Spindelmühle, in Friedrichsthal, also mitten im deutschen Sprachgebiet, eine Baude für sich erworben und ausbauen lassen hat, welche den tschechischen Schneeschuhläufern seither als Stützpunkt dient. Aber in Wirklichkeit ist aus besagter Baude nunmehr ein heimtückisch vorgeschobener Posten zur Slawisierung der heimischen Bergwelt geworden: So wenigstens hat der Herr Bělohlavek es dargestellt, in einem von ihm verfaßten Artikel im ‚Volksboten‘.

Demnach wird es geschätzten Leser nicht weiter verwundern dürfen, wenn ausgerechnet die beiden erwähnten Herren den heiligen Herzog Wenzeslaus nicht nur zu häufigem Unmut veranlaßt haben, sondern es haben gerade sie als Versuchspersonen für die Erprobung dessen, wie man vielleicht die böhmischen Völker aussöhnen können wird miteinander, sich förmlich ihm angeboten. Jedenfalls sind schon die beiden kleineren Engerl zu ihnen ausgesandt, und es kann nicht mehr lange dauern, bis sie in Starkenbach eintreffen.

Es geht auf halb zehn in der Nacht, der Herr Sigisbert Bělohlavek ist auf dem Heimweg begriffen, wie jeden Samstag hat er den Abend mit ein paar Freunden (natürlich Deutschen) verbracht gehabt, beim Tarock in der Schloßwirtschaft. Schon steht er vor seiner Haustür, schon fingert er nach dem Schlüsselbund in der Tasche des Überziehers – da stutzt er mit einem Male und blickt sich um, denn plötzlich hat er den Eindruck, als möchte ihm jemand mit einer Laterne über die linke Schulter leuchten. Aber das ist bloß das Licht von dem kleinen Engel gewesen, welcher nun auftragsgemäß dem Herrn Bělohlavek bedeutet, er möge den Schlüsselbund in der Tasche lassen und mitkommen, nämlich es ist eine große Gnade vom Himmel ihm zugedacht, und er soll jetzt nicht lang herumfragen, sondern er wird das schon alles mit eigenen Augen sehen können, wenn sie an Ort und Stelle sind.

No schön, der Herr Bělohlavek – was möchte er haben tun sollen, wenn nicht das, was vermutlich auch wir täten, wenn ein Engel (und sei es ein noch so kleiner) uns vor der Haustür erscheinen möchte mit einer solchen Botschaft? Er hat auf der Stelle den Hausschlüssel wieder eingesteckt, und dann ist er dem Engerle nachgefolgt, hinaus auf die Landstraße, teils verwundert und teils vor Neugier. Das Licht hat gerade ausgereicht, daß er nicht gestrauchelt ist in den tiefen, vereisten Furchen der Pferdeschlitten und daß er die Richtung halbwegs erkannt hat, wohin ihn der Engel führt.

So gelangen sie schließlich nach Waltersdorf hinter die Kirche, zum Häusle vom Elsner-Schuster, wo in der Stube noch Licht brennt. Es muß aber, scheint’s, ein besonderes Licht sein, wie der Herr Bělohlavek im Näherkommen bemerkt. Es ist silbern und golden in einem, als ob es von Mond und Sonne gemeinsam ausgehen möchte – das strahlt auf ihn ein wie das schiere Himmelreich. Und so hält er die Hand vor die Augen, die linke, während er mit der rechten die Klinke niederdrückt und hineingeht zum Elsner-Schuster.

Es kommt aber, eben in diesem Augenblick, von der anderen Seite auch der Herr Weishäuptl in das Vorhaus hereingeschneit, durch die Gegentüre (das haben die beiden Engel auf die Minute genau so eingerichtet), und beide zugleich, der Herr Sigisbert und der Herr Jaroslav Vojtěch, stehn vor der Stubentüre, welche von selbst sich vor ihnen auftut – und siehe! Die Muttergottes sitzt bei den Elsnerschen auf der Ofenbank, mit dem lieben Jesulein auf dem Schoß: ‚Vítám Vás, pane Bělohlavku‘ sagt sie auf tschechisch zum einen, und ‚Seien Sie mir willkommen, Herr Weishäuptl‘, sagt sie auf deutsch zum andern im gleichen Atemzug. Und dann hört der Herr Bělohlavek in tschechischer Sprache sie weiter sagen, was sie mit deutschen Worten zugleich dem Herrn Weishäuptl kundtut: Sie möchte im Namen des Vaters, des Sohns und des Heiligen Geistes schön sich bei ihnen dafür bedanken, sagt sie, daß sie den nächtlichen Weg nicht gescheut und so spät noch aus Starkenbach respektive von Jilemnice nach Waltersdorf sich begeben haben zum lieben Jesulein, welches sie nunmehr gemeinsam anbeten dürfen, spolu si němu klaněti.

Und das tun sie denn auch, die beiden: Sie beugen das Knie vor dem Kindlein und seiner Mutter, und fortwährend sich bekreuzigend, stammeln sie, jeder in seiner Muttersprache: ‚Gegrüßet seist du mir, lieber Heiland mein, bud‘ pozdraven, milý můy Spasiteli!‘

Da lächelt das liebe Jesulein ihnen zu, wie wenn es aufs Wort sie verstehen möchte, und beide Herren sind überaus glücklich darüber und wissen sich kaum zu fassen vor lauter Seligkeit; und wie nun, zu Häupten der Muttergottes schwebend, die kleinen Engel das Preislied von Bethlehem anstimme, GLORIA IN EXCELSIS DEO, da ist es den Herren Bělohlavek und Weishäuptl wie aus dem Herzen herausgesungen: ‚Friede auf Erden!‘ fallen sie in den Lobgesang freudig ein, ‚a lidem všem libost, und allen Menschen ein Wohlgefallen!‘

Sie singen mit lauter Stimme, voll Inbrunst und Hingabe, der Herr Weishäuptl tschechisch und im Tenor, der Herr Bělohlavek auf deutsch und im Bariton. Es ist fast ein Wunder, daß sie den Heiligen Josef mit ihrem Gesang nicht aufwecken; und es haben auch weder das Pepperla noch das Annla im Schlaf sich von ihnen stören lassen, noch kommen aus ihrer Kammer die Elsnersche und der Elsner herbeigelaufen und halten Nachschau. – Aber was haben wir ‚fast‘ gesagt? Wo es doch wahrhaft ein echtes und wirkliches Wunder gewesen ist, was da heut nacht in der Schustersstube zu Waltersdorf sich ereignet: genauso, wie es der heilige Herzog Wenzeslaus sich beim himmlischen Vater erbeten gehabt hat.

In dieser Stunde, da wissen sie beide nicht mehr, die Herren Bělohlavek und Weishäuptl, ob sie dem lieben Jesulein tschechisch lobsingen oder in deutscher Sprache. Das ist ihnen völlig gleichgültig nunmehr, es macht keinen Unterschied, sondern es zählt nur das eine jetzt: daß sie hier sind, im Angesicht dieses Kindleins und seiner Mutter, welche nun ihnen beiden das Antlitz zuwendet, voller Gnaden, und segnend hebt sie die Hand über ihre Häupter: ‚Bohu mír v této zemi všemu, který je dobré vůli – der Friede des Herrn einem jeden in diesem Lande, der guten Willens ist‘ – amen, amen.

Um Mitternacht hat dann die Muttergottes die beiden Engerlen wieder zurückgeschickt in das Himmelreich, und auch die Herren Bělohlavek und Weishäuptl haben gemeinsam sich auf den Heimweg gemacht nach Starkenbach/Jilemnice – wenn auch nicht Arm in Arm, so doch einträchtig nebeneinander, als möchten der alten Feindschaft sie völlig vergessen haben. Jeder von ihnen ist schließlich, nachdem man sich auf dem Markt voneinander verabschiedet hat, zurückgekehrt in sein Haus und Bett, wo er alsbald in einen tiefen, friedlichen Schlaf versunken ist.

No, da hat sich der heilige Herzog Wenzeslaus über die Maßen erfreut gezeigt, wie der Versuch mit den beiden Herren zu solch einem guten Ende gediehen ist – und so wird er gleich morgen dem himmlischen Vater die Bitte vortragen, ob man nicht könnte den Landeskindern im Königreich Böhmen allen auf einmal die Muttergottes erscheinen lassen, das liebe Jesulein auf dem Schoß – damit sie zu ihnen allen rede wie zum Herrn Weishäuptl und zum Herrn Bělohlavek, auf daß sie im Namen Gottes die Feindschaft im Lande begraben möchten, wie schon besagte Herren in dieser Nacht das getan haben.

Aber nun hat es, geschätzter Leser, sich wieder einmal herausgestellt, wie leider selbst Gottesfreunde und heilige Herzöge in der Menschheit sich manchmal täuschen können. Nämlich des anderen Tags in der Frühe, also am Sonntagmorgen, da hat der Herr Bělohlavek sich an den Kopf gefaßt und gemeint: Was der Mensch doch nicht alles zusammenträumt bei der Nacht! – wie zum Beispiel gestern, da ist ein Engerle ihm im Traum erschienen, das hat ihn ein Stück über Land geführt, zu der Muttergottes; in Waltersdorf hat er sie angetroffen, im Haus eines Schusters, wenn er sich recht erinnert, am Ofen sitzend, das liebe Jesulein auf dem Schoß – und es ist auch zugleich mit ihm dieser Deutschenfresser, der Mensch von der Sparkassa, vor sie hingetreten, der Weishäuptl, welcher seit neuestem seine tschechische Nase so hoch trägt, wie wenn schon das ganze Königreich Böhmen den Sokoln gehören möchte, von Starkenbach nicht zu reden.

Das hätt‘ er sich ja nicht träumen lassen, daß er vom Weishäuptl eines Tages noch träumen wird, der Herr Bělohlavek! Aber man muß wohl auf alles gefaßt sein im Traume, so beispielsweise auch darauf, daß einen die Muttergottes, in Gegenwart ausgerechnet von diesem Oberböhmaken, tschechisch anspricht. Also, darüber darf man ja gar nicht nachdenken, und es ist noch das einzig Gute dran, daß man die ganze Sache bloß träumenderweise erlebt hat und nicht in Wirklichkeit! Nämlich sonst möchte man allen Ernstes sich fragen müssen, ob man im Königreich Böhmen als guter Deutscher es hinnehmen darf, daß die Muttergottes der tschechischen Sprache den Vorzug gibt – und es könnte dies möglicherweise zur Folge haben, daß man aus diesem Grunde der christkatholischen Kirche den Rücken wendet und mindestens Protestant wird! Aber es möchte vielleicht sogar besser sein, wenn man zum Freidenker sich erklären täte, obzwar zu befürchten steht, daß man beim k. k. Bezirksamt sich dieserhalb, wenn es ruchbar wird, einen nicht unbeträchtlichen Ärger zuzieht.

Zu ähnlichen Überlegungen hat, wie geschätztem Leser schon angedeutet, auch der Herr Weishäuptl sich veranlaßt gesehen an jenem Morgen, und wie nun der heilige Herzog Wenzeslaus dies bemerkt hat, da ist er zufolgedessen sehr traurig geworden, so daß er in einen abseits gelegenen Winkel der ewigen Seligkeit sich zurückgezogen und bittere Tränen geweint hat über sein Land und die beiden Völker, welche ihm innewohnen in Zank und Streit – und nicht einmal Gottes Wunder, wie der Versuch gezeigt hat, kann sie zur Einsicht bringen.“ (Otfried Preußler, Die Flucht nach Ägypten, königlich böhmischer Teil, München 1996, S. 369-380)

Wenn Gott sich plötzlich so zeigt, wie man Ihn nicht haben will (oder sich überhaupt erst zeigt, wenn man Ihn gar nicht haben will), entscheiden einige Menschen eben, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Da kann etwas noch so deutlich sein; wer nicht hören will, hört eben nicht, und betrügt sich selbst, wenn er so tut, als ob er bei einer noch deutlicheren Botschaft hören würde.

Jesus hat selber im Evangelium eine kürzere Beispielerzählung gebracht:

„Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Es geschah aber: Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von Weitem Abraham und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lazarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf sagte Abraham zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“ (Lk 16,19-31)

Dives and Lazarus - Tilliot Hours (c.1500), f.70v - BL Yates Thompson MS 5.jpg

Und es ist dann sogar einer von den Toten auferstanden, nämlich Jesus selber, und gewisse Leute wollten Ihn immer noch nicht annehmen. Der Hohe Rat hat sogar selber ein Gerücht verbreiten lassen, von dem er wusste, dass es falsch war (nämlich dass die Jünger den Leichnam gestohlen hätten – was im übrigen keinen rechten Sinn machen würde, denn wieso sollten die Jünger sich später gar noch für etwas töten lassen, das sie selber erfunden hatten? Man ist vielleicht bereit, sich für etwas Falsches töten zu lassen, aber nicht für etwas, von dem man weiß, dass es falsch ist.). Sie wussten, dass sie es hier mit etwas sehr, nun ja, Einzigartigem zu tun hatten, aber weigerten sich von vornherein, es anzusehen. Gottes tatsächliches Handeln passte nicht in ihre Vorstellungen von Ihm.

Man sieht doch dasselbe Phänomen bei Diskussionen mit Atheisten. Erst wird vollmundig behauptet, so was wie Wunder gäbe es überhaupt nicht – bestenfalls ein paar Legenden aus Zeiten, in denen die Photographie noch nicht erfunden war, mehr könnte das Christentum nicht vorweisen. Dann erwähnt der Christ ein paar neuere Wunder, z. B. folgende:

  • In Lourdes wurden mehrere tausend Wunderheilungen berichtet, und 70 davon wurden, nachdem eine unabhängige Ärztekommission, zu der auch ungläubige Ärzte gehören, sie für wissenschaftlich absolut nicht erklärbar erklärt hat, von der Kirche als Wunder anerkannt.
  • Auch für jede Heiligsprechung wird ein Wunder benötigt (für gewöhnlich ist das dann ein Heilungswunder), das nach denselben Kriterien überprüft wird.
  • In Fatima in Portugal versammelten sich am 13. Oktober 1917, nach mehreren Marienerscheinungen vor drei Hirtenkindern, mehr als 30.000 Menschen (darunter auch einige Ungläubige) zu einem von den Kindern angekündigten Wunder, und tatsächlich geschah das Sonnenwunder: Die Sonne leuchtete in verschiedenen Farben, schien zu tanzen, in einem Augenblick sah es sogar aus, als würde sie zur Erde herabstürzen, und die regennassen Kleider der Menschen trockneten plötzlich. Das Geschehen konnte auch noch in ein paar Kilometern Entfernung beobachtet werden, aber weiter entfernt, z. B. bei astronomischen Stationen, wurde nichts davon wahrgenommen; ein Naturphänomen kann es also schwerlich gewesen sein; und eine Massenhalluzination auch nicht, denn Halluzinationen sind immer auf einzelne beschränkt.
  • Es gibt mehrere Hostienwunder, darunter einige aus den letzten Jahren (z. B. in Liegnitz in Polen 2013), wo sich eine Hostie bei oder nach der Messe plötzlich auch äußerlich in Fleisch und Blut verwandelt hat. Manchmal wurden Tests durchgeführt, bei denen sich herausstellte, dass das Fleisch von einem menschlichen Herzmuskel stammte, und das Blut die Blutgruppe AB hatte, die auch auf dem Grabtuch von Turin festgestellt wurde.
  • Das Grabtuch von Turin ist auch eine Sache für sich: Das unscharfe Bild eines toten Mannes darauf ist wie das Negativ eines Photos (wie sich herausgestellt hat, als es erstmals photographiert wurde), wurde nicht aufgemalt und kann überhaupt mit keiner Technik hergestellt worden sein, die z. B. ein mittelalterlicher Fälscher beherrscht hätte
  • Ähnliches gilt auch für das Bild der Gottesmutter Maria, das 1531 nach einer Marienerscheinung vor dem christlich gewordenen Azteken Juan Diego in Guadelupe (Mexiko) auf seinem Umhang erschien, den man heute noch in Mexiko sehen kann; die Entstehung ist nicht erklärbar.
  • Das Blut des hl. Januarius in Neapel, ein getrockneter Klumpen, verflüssigt sich drei Mal im Jahr an bestimmten Festen bei einer Prozession (bleibt diese Verflüssigung aus, was selten einmal geschieht, zuletzt 2016, wurde das als schlechtes Vorzeichen gedeutet)

Auch der Christ muss nicht an jedes einzelne dieser Wunder glauben, es sind jeweils die Beweise zu prüfen; aber das sollte man dann eben auch tun. Und eine solche Häufung auch wissenschaftlich nachgeprüfter und/oder von sehr vielen Menschen bezeugter Wunder findet man z. B. im Hinduismus nicht. [Womit ich nicht ausschließen will, dass Gott auch mal einem Nichtchristen eine besondere Heilung gewähren könnte, aber da wird er doch normalerweise durch die Naturgesetze arbeiten und nicht auf eine spezielle Weise, die besonders Seine Anwesenheit zeigen soll. Was gefallene Engel angeht, die könnten höchstens scheinbare Wunder wirken – z. B. ein seltenes Naturphänomen vorhersagen -, nicht wirklich die Naturgesetze durchbrechen, wie es z. B. bei der Auferstehung Jesu geschehen musste.]

Die Antwort des Atheisten, wenn diese oder ähnliche Wunder erwähnt werden, wird sehr selten sein „ok, das werde ich mir mal näher anschauen“, meistens wird einfach von vornherein davon ausgegangen, dass das eh alles nur Betrug und Halluzination sein könne (auch wenn er gerade eben das erste Mal von diesen Geschehnissen gehört hat). Oder es werden einfach die Torpfosten verschoben: Schön und gut, aber wieso erscheint Gott dann nicht mir selber direkt, statt 30.000 Menschen vor 100 Jahren? Ich will selber eine Erscheinung. Man kann sich denken, wie solche Leute dann auf eine tatsächliche Erscheinung reagieren würden; sie würden sie einfach zur Halluzination erklären. Wenn Menschen meinen, Gott zeige sich ihnen nicht, möchte ich erst mal von ihnen wissen: Würden sie Gott denn wahrhaben wollen, wenn Er sich ihnen zeigt? Wenn Er sich ihnen in genau der gewünschten Form zeigen würde, hätten sie dann nicht immer noch was auszusetzen?

Letzten Endes hat diese Frage auch etwas sehr Willkürliches. Wenn jemand einen anrufen würde, wäre es eine ziemlich dumme Idee, zu sagen „Hm, aber wieso sind Sie nicht zu mir an die Haustür gekommen, um mich zu besuchen? Ergo gibt es Sie nicht“. Das wäre es sogar dann, wenn ein Besuch wirklich vernünftiger gewesen wäre als ein Anruf. Aus „Gott zeigt sich nicht so, wie ich es für sinnvoll halte“ folgt einfach nicht „also hat sich Gott hier gar nicht gezeigt“, erst recht nicht „also gibt es Gott nicht“.

Und dann kann man ja noch weitergehen und sagen: Wieso genau soll Gott es dir schuldig sein und direkt bei dir antanzen, wenn du einfach deinen dir von Ihm gegebenen Verstand nutzen und schon rein logisch zu dem Ergebnis kommen kannst, dass die Welt sich nicht selber gemacht haben, und auch nicht selbsterhaltend und ewig sein kann, also etwas anderes, Absoluteres (das wir mit dem Wort „Gott“ bezeichnen) hinter ihr stehen muss (und dann auch die historischen Beweise dafür ansehen kannst, dass Gott sich in Jesus Christus konkret selber gezeigt hat)? Selbst wenn wir diese historischen Beweise und die konkrete Selbstoffenbarung Gottes mal weglassen, die Tatsache, dass es Gott in irgendeiner Form gibt, ist schon sehr offensichtlich. Und wenn es etwas Höheres, Absoluteres gibt, ein höchstes Wesen, kann das auch keine unbewusste wabernde Kraft sein, weil es größer, wirklicher sein muss als die Menschen, die ihren Ursprung von ihm her haben, also noch in größerem Ausmaß Bewusstsein, Verstand, Wille haben muss. Wir kommen also zu einem höchsten Wesen, das handelt, schafft, erhält, und von dem alles ausgeht. Aber hier, hier oder hier mehr zum Thema Gottesbeweise und Attribute Gottes.

Es gibt sicher auch Atheisten, die Beweise auch prüfen, und die vorher auf falsche Argumente hereingefallen sind. Aber öfter hat man doch den Eindruck, dass bei ihnen der Wunsch der Vater des Gedankens ist.

Korrektur: Kongogräuel, Missionare und Waisenkinder

Teil 2 meiner kurzen Reihe zu den Kongogräueln (1885-1908) enthielt neben vielem anderen auch einen Vorwurf an die katholischen Missionare im Kongo-Freistaat, nämlich dass sie die Augen vor den Verbrechen schlossen, während die protestantischen Missionare sie in Europa bekannt machten. Ich habe in der Zwischenzeit noch ein bisschen weiter recherchiert, und denke, dass man den Vorwurf zumindest abmildern muss; ich will auch historischen Personen schließlich nur genau das vorwerfen, was man ihnen einigermaßen sicher vorwerfen kann.

Der korrigierte Abschnitt lautet jetzt:

„Ein öfter vorgebrachter Vorwurf gegen die katholischen Missionare lautete, dass sie vor den Gräueltaten außerhalb ihrer Stationen häufig die Augen schlössen und manchmal auch die Aussagen der englischen oder amerikanischen protestantischen Missionare darüber als Verleumdungen bezeichneten. Die Situation ist allerdings nicht so einfach. Es waren insgesamt nicht sehr viele Missionare im Land, und keine Konfession hatte überall Stationen. Die protestantischen Missionare hatten ihre Stationen nun tendenziell in Gebieten mit vielen Missbräuchen, nämlich im Gebiet der ABIR-Gesellschaft, von Mongala und des Leopold-II-Sees, und reisten auch mehr umher; die katholischen Missionare hatten ihre Stationen tendenziell eher in bessergestellten Gebieten. Der Kongo war ein extrem großes, dünn besiedeltes Land, in dem Informationen nicht schnell reisten; ein Missionar im Gebiet der Stanley Falls bekam einfach nichts davon mit, wenn im Gebiet der ABIR-Gesellschaft ein Massaker begangen wurde. Dazu kam, dass der Staat seine Agenten anwies, mit brutalen Aktionen im Umfeld von Missionsstationen generell vorsichtig zu sein. So hieß es in einem Rundschreiben der Regierung von 1903: „Ich empfehle Ihnen, in der Umgebung der Missionsstationen, noch mehr als sonst überall, alles zu vermeiden, was für gewaltsames Vorgehen in Bezug auf die Einheimischen gehalten werden könnte. […] Ich empfehle Ihnen die größte Vorsicht in Ihrem Verhältnis zu den Missionaren jeder Konfession. Sie müssen es sich zur Regel machen, nie irgendeine Frage mit ihnen zu diskutieren.“ (Quelle: Arthur Vermeersch, La question congolaise, Brüssel 1906, S. 281, Fußnote 1, meine Übersetzung) Natürlich war das nicht überall der Fall; auch manche katholische Missionare bekamen Gräueltaten mit, und wandten sich dann oft auch mit Beschwerden an die Verwaltung und Gerichtsbarkeit und hatten teilweise kleine Erfolge. Was allerdings stimmt, ist, dass die katholische Seite irgendwie viel zögerlicher dabei war, die Verbrechen vor der Öffentlichkeit anzuprangern, als noch nicht viel davon bekannt war. Viele der Missionare waren Belgier, die ihr Land wohl nicht von Ausländern in Misskredit gebracht sehen wollten; vielleicht teilten sie die Meinung vieler anderer Belgier, dass es sich (auch) um eine Kampagne Englands handle, das den Kongo einfach nur für sich wolle (s. Teil 3) und meinten, die Probleme würden intern schon nach und nach gelöst werden; vielleicht hatten sie als Belgier mehr Vertrauen darin, dass die Gräueltaten nur vereinzelt und vorübergehend wären und die Regierung endlich etwas dagegen tun würde; vielleicht wollten sie auch nicht riskieren, Schwierigkeiten mit dem Staat zu bekommen und ihr (ja für die Kongolesen sehr nützliches) Wirken im Kongo ganz aufgeben zu müssen; vielleicht hielten sie es auch nicht für zielführend, sich an die Presse zu wenden. Dennoch: Am Ende waren es die Proteste der protestantischen Missionare, die eine Änderung bewirkten, und der Erfolg wäre vielleicht rascher gekommen, wenn sie sich auch angeschlossen hätten. Den katholischen Missionaren wird man wohl keine Böswilligkeit unterstellen können – sie waren ja, anders als andere Europäer, ohne jede Hoffnung auf persönlichen Gewinn und nur aus religiösen und humanitären Motiven ins Land gekommen – , aber wahrscheinlich schon zu wenig Einsatz und zu viel Rücksicht auf den Staat und den König.“

Um Genaueres, auch über einzelne, sagen zu können, müsste ich sicher viel mehr recherchieren, als ich so einfach könnte, in Archive gehen usw.

Dann wäre da noch das Thema der Waisenkinder, die in staatliche Schulen gebracht oder vom Staat Missionsschulen anvertraut wurden. Die Untersuchungskommission kritisierte hier, dass oft Waisen in die Schulen gebracht wurden, die noch Verwandte hatten, die für sie gesorgt hätten. Es gibt aber auch Berichte aus dem Kongo, dass Waisen zwar für gewöhnlich bei Verwandten unterkamen, aber von ihnen auch oft wie Arbeitssklaven behandelt worden seien. Hier konnte ich jetzt nicht genau nachprüfen, ob das zutraf (bzw. für welche Gebiete im Kongo es vielleicht zutraf oder für welche nicht), aber ich wollte es erwähnt haben.

Täter vs. Mitläufer

Es ist ja in Mode, sich bei Verbrechen nicht so sehr über die wenigen eigentlichen Täter, sondern eher über die vielen Mitläufer, Zuschauer, Wegschauer aufzuregen, die das Verbrechen der Täter möglich machen. So ganz kann ich dabei nicht zustimmen.

Nehmen wir mal die jetzige politische Situation. Die Täter im eigentlichen Sinne wären z. B. Leute, die Fotos von Querdenker-Demonstranten machen und versuchen, deren Arbeitgeber herauszufinden, um sie zu denunzieren; Leiter von Krankenhäusern und Altenheimen, die 2G-Regeln für Besucher einführen, sodass manche alte Menschen allein ohne Angehörige dahinvegetieren müssen; Leute, die gehässig darauf warten, ob irgendein Ungeimpfter an Corona stirbt oder sich in gehässigen Fantasien darüber ergehen, womit man Impfpassfälschung bestrafen sollte; Politiker, die manche Berufsgruppen oder die ganze Bevölkerung zu diesen unseligen Impfungen zwingen wollen, die sogar schon vorschlagen, Ungeimpfte nicht nur mit Bußgeld, sondern mit Verlust des Arbeitsplatzes oder der Rente zu bestrafen; Ärzte, die Impfnebenwirkungen ignorieren und die Leute damit alleinlassen; CEOs dubioser Pharmakonzerne, die schon früher öfter einige Klagen am Hals hatten und sich jetzt Haftungsausschluss für ihre neuen Produkte sichern konnten, deren Wirkungsdauer sich alle zwei Tage zu ändern scheint, usw. Die Taten solcher Leute sind abstoßend, und lassen die Opfer hilflos zurück. Die normalen Leute, die sich brav impfen und boostern lassen, ab und zu ihre ungeimpften Angehörigen in Diskussionen herablassend behandeln oder damit nerven, wann sie sich jetzt endlich impfen lassen wollen, und meinen, wenn Politiker die Impfpflicht beschließen würden, werde das schon seinen Sinn haben, sind etwas ganz anderes. Die sind vielleicht politisch kurzsichtig, wollen es sich bequem machen, sind es einfach nicht gewohnt, sich vorzustellen, dass wir in einem Land leben, in dem Recht und Gesetz nicht eingehalten werden, oder kennen wichtige Informationen nicht, weil die Tagesschau die einfach nicht bringt und sie das Internet höchstens für Google Maps benutzen. Sie haben vielleicht auch einfach dem Gruppendruck nachgegeben und wollen auf der Seite der „Guten“ stehen. Aber sie sind nicht böswillig, genießen es nicht, sich einen Sündenbock zu suchen, gehen vielleicht auch mal auf einen ein – „bei dir mit deiner Gesundheit verstehe ich es ja, dass du bei der Impfung vorsichtig sein willst, aber diese ganzen radikalisierten Querdenker…!“.

Irgendwie fällt es mir jetzt auch leichter, Verständnis für die Mitläufer in anderen, um einiges schlimmeren Diktaturen aufzubringen. Wenn man mitten in der Situation ist, fällt es einem wahrscheinlich oft nicht so leicht, zu sehen, wie schlimm etwas ist, und manches wird ja auch verborgen gehalten, als Feindpropaganda oder Verschwörungstheorie abgetan – und wer will schon Verschwörungstheoretiker sein? (Wieder ein Beispiel aus unserer Zeit: Als es z. B. noch in Mode war, es für eine Verschwörungstheorie zu halten, dass das Coronavirus aus dem Labor käme, waren sogar kritisch denkende Menschen vorsichtig dabei, diese Behauptung in Betracht zu ziehen. Man will ja keinem hohen Herrn in der Volksrepublik China irgendetwas Böses unterstellen, oder gar noch eine Lüge.) Und dann: Selbst wenn man nicht wirklich auf die Propaganda hereinfällt, nicht wirklich „mitläuft“, sich der Beteiligung enthält, sagen sich eben viele: Was soll ich als Einzelner denn dagegen tun? Jetzt und hier hat man zwar noch die Möglichkeit, auf Demos zu gehen, aber z. B. Einzelhändler hätten wahrscheinlich schon Angst davor, die 2G-Regel einfach zu brechen und alle Kunden unkontrolliert in ihr Geschäft zu lassen, nicht gerade wegen KZ-Haft, aber die drohende Schmähung und die Geldstrafen reichen schon als Abschreckung, und man versteht das irgendwie. Und wenn das schon bei so vergleichsweise mildem staatlichem Unrecht wie hier der Fall ist, dann sind die Leute in der DDR (deren Leben von der Stasi zerstört werden konnte) oder die Leute unter Hitler (die in Dachau im KZ verschwinden konnten) sehr viel leichter verstehbar. Ja, was hätte irgendein einzelner Bauer oder ein Student oder eine Hausfrau denn gegen Hitler oder Ulbricht machen sollen? Man muss auch unterscheiden: Manche Arten der Beteiligung muss man immer verweigern, bei anderen gibt es keine moralische Pflicht dazu, das Heldenhaftere zu tun.

Die Standardantwort darauf ist: Aber wenn alle dagegen aufstehen würden…! Aber es stehen nie alle gleichzeitig auf. Irgendjemand muss den Anfang machen, und vielleicht wird er andere nach sich ziehen, vielleicht auch nicht, vielleicht auch einfach nur eine geringe Anzahl. Und solange es nicht viele sind, sind Repressionen leicht. Wenn eine größere „Widerstandsbewegung“ existiert, ist es schon einfacher, sich ihr anzuschließen.

Ich denke, am ehesten sieht man, was in jemandem steckt, wenn der selber in eine Situation gerät, in der er sich entscheiden muss: Soll er den Einzelhändler anzeigen, der einen ungeimpften Kunden reingelassen hat, oder die ungeimpfte Großfamilie, die einfach endlich wieder zusammen Weihnachten feiern wollte? Soll er als Arzt jemandem attestieren, dass er sich wegen einer Vorerkrankung nicht impfen lassen muss, oder wie so viele Ärzte das einfach arrogant verweigern? (Bei diesen Beispielen wäre es sogar ziemlich leicht, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen.)

Das soll jetzt keine Entmutigung für die sein, die sich wirklich einsetzen. Die tun auf jeden Fall das Bessere, und schaffen es vielleicht auch, auf manche Mitläufer zum Guten einzuwirken. Ich bin auch davon überzeugt, dass kein noch so scheinbar sinnloser ehrlicher Einsatz je vergebens ist – und wenn man nur anderen Leuten helfen kann, ihre inneren Überzeugungen über eine schlimme Zeit hinweg zu bewahren. Ich bin sehr froh um jeden, der gerade auf die Demos geht, und würde selber wahrscheinlich anfangen, hinzugehen, wenn ich gerade etwas gesünder wäre. Ich kann mir auch denken, dass es für Verbrechensopfer schlimm ist, zu sehen, wie viele sich für sie einfach nicht interessieren, oder es zumindest nicht wagen, das zu zeigen. Ich denke mir, dass es für alte Menschen in Krankenhäusern, die ihre Angehörigen nicht sehen dürfen, wahnsinnig schlimm sein muss, wenn keiner für sie eintritt. Andererseits, könnte man wirklich von einer Krankenschwester verlangen, die Angehörigen regelmäßig reinzuschmuggeln und damit arbeitsrechtliche Konsequenzen zu riskieren?

Ich will einfach versuchen, jeden auf gerechte Weise zu sehen.

PS: Das soll jetzt aber mal fürs erste genug Politik und Moral sein. Jetzt können wir uns erst mal alle über das Jesuskind freuen, das uns lieb hat und am Ende alles gut machen wird.

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Über das Ausgeliefertsein

Manchmal geht es mir ja gesundheitlich nicht so gut; und wenn ich dann nicht rechtzeitig Schmerztabletten nehme, muss ich eine Viertelstunde oder halbe Stunde ziemliche Schmerzen aushalten. Und auch wenn dann die Tablette wirkt, fühle ich mich erst einmal noch unwohl und zittrig. Das ist kein Dauerzustand bei mir, glücklicherweise, aber wenn es so ist, ist es einfach schlimm, und das auch wegen diesem Gefühl des Ausgeliefertseins. Erst mal muss man durch die Schmerzen durch, Schreien hilft auch nicht. Man denkt sich, man muss doch etwas tun können, und man kann ja auch die Tabletten nehmen, und, wenn das akute Problem vorbei ist, einen neuen Termin beim Arzt ausmachen (und glücklicherweise wurde bei mir nach vielen Jahren endlich von den Ärzten entdeckt, was ich habe, nämlich eine Endometriose, bei der man immer mal wieder operieren muss). Aber bis zu einem gewissen Grad ist man einfach seinem Körper ausgeliefert, der einen angreift. Und dem Körper ist es ganz egal, ob man sich denkt „ich halte das nicht mehr aus“, man muss es einfach aushalten.

Ein ähnliches Gefühl habe ich öfter in Bezug auf die Politik, nur hier weniger akut und mit mehr Angst vor dem Unbekannten gekoppelt. Man weiß nicht, wie es mit diesem ganzen Coronawahnsinn weitergeht, und ob unsere Herrscher ihre neuen Sonderbefugnisse nicht auch noch für andere Dinge nutzen werden, wenn sie merken, dass sie damit durchkommen, z. B. ein social credit system nach dem Vorbild Chinas einführen werden, und die Politik wird auch tendenziell immer christenfeindlicher. Wenn man in die Geschichte schaut, gab es alle paar Jahrzehnte Katastrophen und großflächige Grausamkeiten; wer kann garantieren, dass wir im Lauf unserer restlichen Lebenszeit so etwas entkommen? Niemand; und mit allem, was man politisch machen kann – wählen, auf Demos gehen, Petitionen unterschreiben – wird man persönlich sehr wenig Einfluss haben.

Und dann sind da die letzten Dinge, der Tod und die direkte, endgültige Konfrontation mit Gott, die auch für so ein Gefühl des Ausgeliefertseins sorgen. Irgendwann wird man sterben, früher oder später, und dann Gott auf eine Weise gegenüberstehen, die man sich jetzt nicht recht vorstellen kann. Und man kann sich ja letztlich doch nicht hundertprozentig sicher sein, wie man zu Gott steht, und ob man sich etwas vormacht. Vielleicht kommt man direkt in den Himmel (die Kirche bietet uns ja glücklicherweise auch die einfache Möglichkeit, einen vollkommenen Ablass in der Todesstunde zu erwerben), vielleicht aber auch nicht, und die Fegefeuerzeit wird man einfach aushalten müssen, man selber kann dann nichts daran ändern. Vielleicht werden andere für einen beten, aber man selber wird vollkommen hilflos sein, bis alles gesühnt und gereinigt ist, und das Fegefeuer soll ja nach einigen Meinungen und Visionen unserer Heiligen nicht so schön sein. Und vielleicht kommt man auch weder direkt noch über diesen Umweg in den Himmel, sondern in die Hölle. Und da muss man nicht nur hilflos abwarten, sondern es wird niemals ein Entrinnen geben. Ob in einem tieferen oder weniger tiefen Höllenkreis: Dieser Zustand wird ewig dauern. „Ihr, die ihr hier eintretet: Lasst alle Hoffnung fahren.“

Natürlich ist man für all das selber verantwortlich, aber auch hier ist man in einem gewissen Sinne ausgeliefert: Gottes Wesen und Ansprüche sind einfach so, wie sie sind, und man kann mit Ihm nicht verhandeln, Ihn nicht täuschen, oder von Ihm eine andere Alternative verlangen (z. B. dass man aufhören möchte, überhaupt zu existieren, oder in einem neutralen, weder angenehmen noch unangenehmen, Zustand weiterleben möchte). Man muss Gottes Bedingungen erfüllen, und Punkt.

Aber letztlich muss das so gut sein. Denn Gott ist gut, und Gott liebt uns mehr, als wir uns selber lieben können; und am Ende wird nur Er am besten wissen, was gerecht ist, und uns mit Gerechtigkeit und Güte behandeln. Und auch, wenn man Angst davor hat, das zu bekommen, was man verdient (wer hätte die nicht, wenn er ernsthaft drüber nachdenkt?): Gott wird immer gnädiger mit einem sein und einem mehr geben, als man verdient, wenn man nur Reue hat. Ganz praktisch: Wer sich als Katholik halbwegs bemüht, wird normalerweise vertrauen dürfen, dass Gott ihn zumindest vor der Hölle bewahrt. (Hier noch mal was zum Thema Zahl der Erlösten/Verdammten.) Und wer in die Hölle kommt, wird sie wirklich verdienen, weil er sich wirklich in seiner Gehässigkeit verschlossen und gegen Gott gestellt hat, und wird auch genau die Sorte Hölle verdienen, die er bekommt.

Und auch alles andere hat Gott in der Hand, auch Politik und Krankheiten, und Er hat Seine Gründe, wieso Er hier manche natürlichen Übel und böse Taten durch Menschen zulässt. Manchmal fällt es einem auf, wie Gott die Dinge lenkt. (Z. B. hat ein nicht idealer Umstand in meinem Leben inzwischen dazu geführt, dass ich zu meiner jetzigen FSSPX-Gemeinde gefunden habe, und einer Freundin helfen konnte.) Aber oft fällt es einem nicht auf, und da muss man praktisch auf das vertrauen, wovon man theoretisch längst weiß, dass es vertrauenswürdig und wahr ist. Ich habe jetzt angefangen, bei meinem Abendgebet auch jedes Mal ausdrücklich zu Gott zu sagen: Ich vertraue auf dich. Es muss besser so sein, dass Gott entscheidet, und wir unser Schicksal weder komplett bestimmen noch in die Zukunft schauen können; am Ende würden wir nur alles ruinieren. Natürlich sind wir ausgeliefert; aber wir sind der Liebe in Person ausgeliefert.

Und vielleicht hilft es ja dabei, das zu verinnerlichen, wenn man es sich selber in einem Blogartikel predigt.

PS: Und wenn ich es mir mal so überlege, wahrscheinlich hat sich niemand je so ausgeliefert gefühlt wie Jesus am Ölberg, gerade auch, weil Er wusste, dass Er die Entscheidung zu Seinem Leiden selbst traf und nicht anders treffen wollte, aber sämtliche Leiden in all ihrer Grausamkeit genau vorherwusste.

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Josef Untersberger, Christus am Ölberg

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12c: Das 6. & 9. Gebot – Sünden gegen die Schamhaftigkeit

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Anmerkung: Das hier sind wahrscheinlich die Teile aus dieser Reihe, bei denen am meisten kritische Kommentare von wegen komisch und kleinkariert kommen könnten. Aber das hier ist eben Kasuistik, und die ist dazu da, peinliche Einzelfragen zu beantworten, die die Leute nicht gerne groß diskutieren. Ich werde mich bemühen, es so trocken und klar wie möglich zu halten. Dumme Kommentare und Kommentare, die sich über andere lustig machen, werden gelöscht. Wenn Fragen länger diskutiert werden, liegt das eher daran, dass sie besonders umstritten sind, und nicht zwangsläufig daran, dass sie besonders wichtig sind.

Auch die Tugend der Schamhaftigkeit wird durch das 6. und 9. Gebot vorgeschrieben. Sie gehört ins Vorfeld der Keuschheit und verbietet ein zu offenes, Grenzen verletzendes Umgehen mit Sexualität; sie ist quasi ein Schutz für die Keuschheit. Dafür wird auch ab und zu das Wort „Sittsamkeit“ (im englischsprachigen Bereich „modesty“, was auch die Bedeutung „Bescheidenheit, Anständigkeit“ hat) verwendet, aber ich finde „Schamhaftigkeit“ passender.

Um Keuschheit und Schamhaftigkeit abzugrenzen: Wenn jemand sich gezielt sehr freizügig anzieht, um auf andere sexuell anziehend zu wirken, wären wir im Bereich der Unkeuschheit; wenn jemand sich aus Unachtsamkeit oder um die Eltern zu ärgern so anzieht, im Bereich der Unschamhaftigkeit. Wenn jemand Sexszenen in Liebesromanen liest, weil er dabei schmutzige Fantasien entwickelt, ist das Unkeuschheit; wenn er das tut, um nicht aus Versehen etwas von der Handlung zu verpassen, wobei er nicht auf die schmutzigen Fantasien abzielt, die vielleicht kommen oder vielleicht nicht, Unschamhaftigkeit. Wir haben hier auch eine Überschneidung mit dem Thema indirekte sexuelle Erregung, das ich im vorigen Teil behandelt habe.

Der Moraltheologie Heribert Jone definiert die Unschamhaftigkeit als „die freiwillige Beschäftigung mit Dingen, die leicht geschlechtliche Lust hervorrufen können“ (Jone, Katholische Moraltheologie, S. 181, Nr. 222). Es geht bei dieser Tugend einerseits natürlich darum, nicht unnötigerweise sexuelle Erregung zu riskieren, auf die man kein Recht hat, aber auch darum, dass manche Dinge, die mit Sexualität zu tun haben, einfach intim sind und intim bleiben sollen. (Z. B. sollte auch ein unattraktiver alter Mensch nicht nackt herumlaufen.) Es gehört freilich zur Keuschheit, sich nicht überrumpeln zu lassen, wenn man auf Unschamhaftigkeit stößt, und z. B. so unbefangen und normal wie möglich damit umzugehen, wenn Leute besonders unschamhaft angezogen sind o. Ä. (sprich, in diesem Fall nicht auf irgendwelche Körperteile hinzuschauen, schlechte Gedanken zu ignorieren und die Leute ansonsten normal zu behandeln).

Bei der Bestimmung der Sündhaftigkeit der Unschamhaftigkeit kommt es insbesondere auf vier Dinge an:

  • Wie groß ist das Risiko, dass X sexuelle Erregung mit sich bringt?
  • Wenn X ungewollte Erregung mit sich bringt, wie groß ist das Risiko, dass ich innerlich auch noch darin einwillige?
  • Beeinflusse ich durch X noch andere Leute, bringe ich sie z. B. dazu, ihr Schamgefühl zu verlieren; bin ich ein schlechtes Beispiel? (Thema „Ärgernis“)
  • Gibt es einen verhältnismäßigen Grund, X trotzdem zu tun/zuzulassen?

Die Schamhaftigkeit wirkt sich auf verschiedene Bereiche aus. (Sie ist freilich kulturabhängig; und ich will hier meine Einschätzungen oder die von bestimmten Moraltheologen nicht als unfehlbare Wahrheit vortragen. Was als sexuell anziehend empfunden wird, ist auch anerzogen. Und noch etwas: Es kommt darauf an, wie es die Mehrheit der normal empfindenden Leute sieht; ein Fuß-Fetischist könnte es auch unschamhaft finden, wenn Leute barfuß herumlaufen, aber seine Meinung zählt offensichtlich nicht.)

Die Schamhaftigkeit verbietet gewisse sexualisierende Tanzstile, wie z. B. offensichtlich Twerking (das außerdem ja ziemlich billig aussieht) oder Poledance. Hier gibt es auch einen Graubereich; schöne Bewegungen müssen nicht automatisch sexuell sein. Okay sind normalerweise die klassischen Paartänze, die gewöhnlichen europäischen Volkstänze, Square Dance und dergleichen. Kriterien: Wenn man beim Tanzen engen Körperkontakt sucht (auch bei an sich anständigen Tänzen – es gibt ja in Amerika den Spruch, man solle beim Tanzen zwischen sich noch Platz für den Heiligen Geist lassen), oder wenn die Bewegungen sexualisierend sind und das Publikum sie sexy finden soll, ist es falsch. Also jedenfalls kein Dirty Dancing (der Film ist übrigens ziemlich perverse Abtreibungspropaganda).

Unschamhaftigkeit kommt auch in den Medien vor; wenn z. B. Filme oder Romane Sexszenen enthalten. Hier dürfte meiner Meinung nach die einfachste Lösung sein, wenn man unerwarteterweise darüber stolpert: vorspulen oder überblättern. Wenn man einen Film mit anderen zusammen oder im Kino anschaut, könnte man zumindest wegschauen (oder kurz aufs Klo gehen). Intime Körperteile der Schauspieler gehen einen nichts an, auch wenn sie die einem präsentieren wollen. Man sollte an sich solche Medien vermeiden, aber manchmal kommt ja auch in ansonsten harmlosen Büchern/Filmen so etwas unerwarteterweise mal vor. Aber dann eben: vorspulen oder überblättern. Wenn man merkt, dass man das Überblättern doch nicht macht, sollte man solche Bücher ganz weglegen. Ich persönlich denke aber nicht, dass man Filme/Bücher, bei denen man es im vorhinein nicht genau weiß, ganz vermeiden muss, wenn man weiß, dass es einem leicht fällt, schlechte Szenen einfach zu ignorieren und wegzuschauen / vorzuspulen / sie zu überblättern. Menschen reagieren sicherlich auch unterschiedlich auf so etwas, den einen lassen Sexszenen im Fernsehen vielleicht komplett kalt; aber es ist trotzdem normalerweise unschamhaft, hinzuschauen, auch wenn man es nicht aus Unkeuschheit tut. Zur Handlung tragen die Szenen in den allermeisten Fällen sowieso nichts bei. Von offensichtlichen erotischen Romanen („Fifty Shades of Grey“ u. Ä.) oder Fortsetzungen von Romanen, bei denen es schon in Teil 1 ständig um Sex ging, etc. hat man sich freilich von vornherein fernzuhalten. Es gibt ja zum Glück auch gute christliche Bücher. Jone meint dazu:

„Schlechte Bücher lesen, auch wenn sie nicht ganz schlecht sind, ist gewöhnlich eine schwere Sünde, weil es großen Einfluß auf die Erregung der geschlechtlichen Lust hat. Zur Erwerbung der notwendigen Kenntnisse aber kann diese Lektüre erlaubt sein. Je größer aber die Gefahr der Einwilligung ist, um so schwerwiegender muß auch der Grund sein. – Sachen, die ein wenig unanständig sind, lesen ist an sich nur eine läßliche Sünde. Es kann aber zur Todsünde werden, wenn es aus böser Absicht geschieht, oder wenn man aus Erfahrung weiß, daß man in die Versuchung, die dabei entsteht, einwilligt. Besonders Jugendlichen ist die Lektüre von Liebesromanen, die nicht durchaus edel sind, abzuraten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 238, S. 193)

Wie sieht es mit Aktbildern von Künstlern aus? Schwieriges Thema. Normalerweise wird hier prinzipiell Kunst (ausgerichtet auf Darstellung schöner Formen des menschlichen Körpers) und Pornographie (ausgerichtet auf sexuelle Erregung) unterschieden; in der Theorie ist diese Unterscheidung klar und eindeutig, aber die Bereiche sind vielleicht in der Praxis nicht immer so klar abgetrennt, wie man es sich wünschen würde, und es kann deswegen etwas Gefährliches haben. (Gerade bei manchen Historienbildern der Klassizisten oder Orientalisten des 19. Jahrhunderts denkt man sich schon: Die haben doch nur nach Gründen gesucht, um Brüste zu malen.) Man kann sich fragen, ob auch Kunst immer alles zeigen muss, oder ob sie nicht eine gewisse Intimsphäre respektieren sollte. (Ich persönlich bin kein großer Fan von solcher Kunst und würde hier zu mehr Strenge tendieren, aber ich will meine Meinung nicht als Lehramt darstellen.) Andererseits haben auch Kirchenvertreter nackte Statuen und Bilder öfter akzeptiert oder zumindest toleriert. Nacktheit ist nicht immer sexuell; z. B. wären auch Fotos von nackten Kriegsopfern nicht sexuell. Auch – z. B. – eine mehr oder weniger nackte Darstellung von Adam und Eva im Paradies muss nicht sexuell sein. Gezielt erotische Haremsdarstellungen u. Ä. wären aber offensichtlich etwas anderes; so etwas sollte man sich nicht aufhängen.

Jone meint:

„Als Modelle Mädchen oder Frauen benützen, bei denen nur die Geschlechtsteile bedeckt sind, ist an sich nicht erlaubt. Sind aber junge Künstler gezwungen, zu ihrer Ausbildung entsprechende Kunstakademien zu besuchen, dann sündigen sie nicht, wenn sie derartige Modelle abzeichnen. Sie dürfen aber selbstverständlich in die geschlechtlichen Regungen nicht einwilligen und müssen daher versuchen, durch Gebet und Erneuerung des guten Vorsatzes die Gefahr zu einer entfernteren zu machen. – Haben solche Mädchen und Frauen kein anderes Mittel, um sich vor schwerer Not zu bewahren, so ist es ihnen auch erlaubt, Modell zu stehen, vorausgesetzt, daß sie die entsprechenden Vorsichtsmaßregeln anwenden. […] Nackte Bilder und Kunstwerke mit besonderer Aufmerksamkeit auf die Geschlechtsteile länger betrachten, kann leicht eine schwere Sünde werden, besonders wenn es sich um neuere Darstellungen handelt, die darauf angelegt sind, die Sinnlichkeit zu erregen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 237, S. 192)

Wie sieht es mit dem Reden über Sexualität aus? Auch ein schwieriges Thema; hier kommt es eben auch darauf an, was in der jeweiligen Kultur als angebracht gilt. Auch im christlichen Europa änderten sich die Manieren im Lauf der Geschichte; im 19. Jahrhundert war man viel zurückhaltender als im 16., zum Beispiel.

Es ist zunächst einmal lieblos, anderen Unbehagen zu bereiten, indem man über etwas auf besonders offene/provozierende Weise redet (z. B. wenn man vor Kindern oder zurückhaltenden Leuten redet). Besonderes Zurschaustellen der Sexualität ist generell nicht schön und kommt meistens aus unkeuschen Gründen, aber komplettes Verschweigen ist auch nicht hilfreich. Ein Mittelweg ist wahrscheinlich am gesündesten. Man kann über Dinge auf sachliche, respektvolle Weise reden, aber muss es nicht auf graphische Weise tun.

Kinder sollte man früh genug aufklären, vor allem wenn sie Fragen stellen – manche kommen ja auch schon mit zehn oder elf in die Pubertät -, aber nicht auf eine Weise, die Grenzen verletzt, sondern eben einfach so, dass sie wissen, wie Kinder entstehen, was sich in der Pubertät im Körper verändert, und auch, was sexueller Missbrauch ist und wie sie sich verhalten sollen, wenn Erwachsene sie missbrauchen wollen. Irgendwann müssen sie auch wissen, was Sünden wie sexuelles Fantasieren, Selbstbefriedigung und Pornokonsum sind, weil sie früher oder später damit konfrontiert werden können, und auch ohne Konfrontation mit Pornos o. Ä. selber Versuchungen erleben können. Über naturwidrige Sexualpraktiken können sie auch im späteren Verlauf der Pubertät noch aufgeklärt werden; keine Fünftklässlerin muss wissen, was Analsex ist.

Was ist mit Liedern und dergleichen? Darf man bewusst Lieder anhören oder bei Liedern mitsingen, in denen es vor allem um Sex geht oder Sünden positiv dargestellt werden? Hier muss man wahrscheinlich unterscheiden; bei englischen Liedern z. B. merken viele Leute ja gar nicht, was der Text ist – wobei es da schon manche mit recht widerlichen Texten gibt („WAP“ von Cardi B, „Blurred Lines“ von Robin Thicke und ähnlicher Schmutz). Mitsingen, wenn man es versteht, sollte man bei so etwas nicht, genauso wie man nicht bei „Einst ging ich am Strande der Donau entlang“ mitsingen sollte; vom DJ sollte man sich solche Lieder natürlich auch nicht wünschen. Wenn schlechte Lieder im Bierzelt gespielt werden, wo man eben gerade ist, kann man sie einfach ignorieren, würde ich sagen. Jone meint:

„Das freiwillige Anhören schlechter Reden oder Lieder ist schwere Sünde, wenn es einen großen Einfluß auf die Erregung der geschlechtlichen Lust hat, oder wenn der andere dadurch veranlaßt wird, schwer sündhafte Reden zu führen, oder wenn man daran Freude hat. – Nur eine läßliche Sünde ist es, wenn man derartige Sachen, die keinen großen Einfluß auf die Erregung der bösen Lust haben, aus Neugierde anhört oder aus Menschenfurcht dazu lächelt, vielleicht auch ein Wort dazu sagt oder lacht über die Art und Weise der Darstellung, nicht über den Inhalt. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß dadurch kein Ärgernis entsteht.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 238, S. 193)

Wenn man Radio hört, und ab und zu schlechte Lieder kommen, sollte es meiner Einschätzung nach kein Problem sein, das Radio laufen zu lassen, solange es nicht besonders schmutzige Lieder sind, bei denen man die Texte auch versteht (wie die Beispiele oben).

Dann wäre da die Frage nach Blicken und Berührungen, sowohl bzgl. des eigenen Körpers als auch anderer Menschen.

Sich selber beim Waschen usw. anzuschauen und zu berühren ist etwas ganz Normales, mit dem man einfach unbefangen umgehen kann, aber man sollte sich eben nicht in der Weise dabei aufhalten, dass man irgendwann in die Gefahr der Selbstbefriedigung kommt. Sich aus Neugier etwas dabei aufhalten wird z. B. von Jone als lässliche Sünde bewertet.

Bzgl. anderer Personen schreibt Jone, wobei er der einfacheren Einteilung halber bei den Körperteilen „unehrbare Teile“ (Geschlechtsteile und ihnen nahe Körperpartien), „weniger ehrbare Teile“ (Brust, Rücken, Arme, Schenkel) und „ehrbare Teile“ (Gesicht, Hände, Füße) unterscheidet:

„An anderen sind Berührungen schwere Sünden, wenn ohne Grund unehrbare Teile berührt werden (auch nur über den Kleidern), gleich ob es sich um Personen desselben oder des anderen Geschlechts handelt. Eine läßliche Sünde liegt nur dann vor, wenn diese Berührungen geschehen ohne böse Absicht und nur flüchtig und schnell aus Leichtsinn oder im Scherz. […]

Bei Personen desselben Geschlechts unehrbare Teile flüchtig aus Neugierde anschauen ist eine läßliche Sünde; es wird aber zu einer Todsünde, wenn es absichtlich und lange geschieht, besonders wenn damit eine gewisse Zuneigung verbunden ist. […] Weniger ehrbare Teile solcher Personen anschauen ist keine Sünde, außer es geschieht in sodomitischer Absicht. – Bei Personen des anderen Geschlechts unehrbare Teile anschauen ist Todsünde, ausgenommen wenn es fast unversehens und flüchtig oder kurz und von weitem geschieht, oder wenn es sich um ein kleines Kind handelt.“ (Nr. 235-237, S. 190-192)

Bei den sog. „weniger ehrbaren Teilen“ von Personen anderen Geschlechts, also z. B. Brust und Oberschenkeln, bewertet er das Berühren im Allgemeinen als Todsünde, das Anschauen nur dann, wenn man sich lange dabei aufhält. Jemandem auf die Brust zu starren ist ja auch nicht schön.

Dann wäre da der Kleidungsstil. Das ist ja auch ein schwieriges Thema, praktisch ein Minenfeld im christlichen Internet. Aber einfach auslassen kann man es in einem Kasuistikartikel ja leider nicht. Für schamhafte Kleidung gibt es verschiedene Argumente:

  • Anderen helfen, Gedankensünden gegens 6. Gebot zu vermeiden. Dieses Argument hört man oft, und es ist auch sinnvoll. Man muss es anderen nicht extra schwer machen, und gerade junge Männer und Jungs in der Pubertät sind nun mal eher visuell veranlagt. Natürlich ist a) jemand auch dann verantwortlich dafür, seine Gedanken zu beherrschen, wenn andere in seiner Gegenwart wie Schlampen angezogen sind, und b) werden sich schmutzige Gedanken nicht ganz durch allgemeinen Anstand vermeiden lassen; die kommen schon auch aus einem selber. Aber der Anstand macht es leichter. Das trifft besonders deswegen zu, weil Kleidungsstücke ja öfter mal von den Designern gemacht werden, um sexy zu sein, auch wenn eine sie vielleicht nur wegen des hübschen Musters anzieht.
  • Das, was der Name „Schamhaftigkeit“ aussagt: Intimes nicht zur Schau stellen. Sollte man öfter hören. Übrigens kann etwas auch eindeutig unschamhaft sein, das nicht dazu geeignet ist, andere zu unkeuschen Gedanken zu reizen: Wenn ältere Männer zu weite, verrutschende Hosen tragen, die ihr Hinterteil sehen lassen, wird das niemand anziehend finden, aber sehr wohl unschamhaft.
  • Zurückhaltung, eine Art Wettbewerb der Zurschaustellung vermeiden, und damit gerade unter Frauen ein besseres Klima schaffen. Auch bedenkenswert.
  • Sexualität nicht in den Vordergrund stellen, um sich einfach auf „geschwisterliche“ Weise begegnen zu können, ohne dass das ein Thema wird. Auch sinnvoll.

Im muslimischen Bereich hört man auch manchmal das Argument, dass schamhafte Kleidung Schutz vor sexuellen Übergriffen biete. (Manchmal kommt es auch bei Leuten, die nichts von Vorschriften zu sittsamer Kleidung halten und denen, die solche Vorschriften machen wollen, unterstellen, sie würden dieses Argument verwenden.) Dieses Argument ist eigentlich Quatsch, und man hört es bei Christen im Normalfall nicht. Wer Frauen belästigen will, lässt sich ja von Kleidung nicht abhalten; manche sind gerade davon angezogen, wenn eine besonders unschuldig wirkt. Und Statistiken zeigen, dass sexuelle Gewalt oft in solchen Ländern sehr verbreitet ist, in denen viele Frauen sehr züchtig angezogen sind (islamischen Ländern). Es kann sein, wenn man z. B. auf eine Veranstaltung geht, auf der viel geflirtet und belästigt wird und Leute miteinander zu One-Night-Stands weggehen, dass man mit besonders offenherziger Kleidung die Botschaft aussendet, besonders offen für Anmache zu sein, aber generell ist das hier nicht der Grund für schamhafte Kleidung.

Weil ich weiß, dass es nervt, immer nur „also irgendwie gibt es so etwas wie anständige und unanständige Kleidung schon, aber Genaueres wollen wir dazu jetzt auch nicht sagen, das ist ja auch in jeder Kultur anders“ zu hören, und weil das hier der Kasuistik-Artikel ist, ein paar Regeln:

1) Offensichtlich falsch ist die Art von Auftreten, für die man als Exhibitionist verhaftet werden kann, das, was als nackt oder fast nackt gilt – auch wenn man das nicht macht, um andere sexuell zu belästigen, sondern um ein Statement abzugeben, zu provozieren, was auch immer. FKK-Strände z. B. sollte man vermeiden. Auch wenn dort niemand andere belästigt o. Ä., ist das Abtrainieren des Schamgefühls falsch. Das Ausziehen beim Arzt oder in geschlechterspezifischen Gemeinschaftsumkleiden ist natürlich kein Problem.

Solche Sünden, also wenn jemand sich z. B. für irgendeine provozierende Kunstaktion öffentlich nackt präsentiert, dürften für gewöhnlich an sich schwere Sünden sein. (Das gilt natürlich nicht, wenn jemand sich z. B. im Bad ausgezogen hat und dann merkt, dass jemand reinschauen kann, weil er nicht darauf geachtet hat, den Vorhang zu schließen, und ähnliche Fälle. Keine bis allerhöchstens lässliche Sünde. Aber man sollte z. B. natürlich nicht halb nackt in der Wohnung herumlaufen, wenn auch der Stiefbruder oder der Cousin zu Hause ist.)

2) Dann gibt es natürlich den großen Bereich von normaler Kleidung, bei der die gewissenhafte Christin sich denkt „das hab ich schon so lang, und eigentlich gefällt mir die Farbe und das Muster so gut“, „heute ist es so heiß“, „ich hab gerade nichts anderes im Schrank, was mir gefällt“ und sich dann fragt, ob sie noch okay ist oder vielleicht doch ein bisschen zu freizügig. Deswegen ein paar Regeln, anhand derer man schauen kann, ob man etwas noch nimmt oder lieber nicht – wohl gemerkt, Faustregeln von mir in Bezug auf unsere Kultur. In anderen Kulturen kann wieder anderes gelten, auch wenn in keiner Kultur die Leute völlig nackt herumlaufen. Grundsätzliche Faustregel: Wenn etwas in einer Kultur von der Mehrheit der Leute als sexy – statt einfach als hübsch – empfunden wird, ist es unschamhaft. Nackte Arme oder Unterschenkel z. B. werden in unserer nicht so empfunden, aber Hotpants und tiefe Ausschnitte sehr wohl.

(Kleinkinder und bis zu einem gewissen Grad auch überhaupt Kinder vor der Pubertät brauchen sich bei diesen Regeln im strengen Sinne nicht angesprochen zu fühlen; aber es ist sinnvoll, sie auch schon an Regeln und ein gewisses Schamgefühl zu gewöhnen.)

Für Frauen/Mädchen:

  • Brustbereich bedeckt, auch beim Vorbeugen kein Brustansatz sichtbar. (Vielleicht bin ich hier etwas streng; aber man sollte definitiv auch beim Vorbeugen keine tiefen Einblicke gewähren.) Keine durchscheinenden Nippel. (Allerdings: Stillen in der Öffentlichkeit ist in Ordnung. Erstens ist es nicht sexualisierend, außerdem ist es notwendig; Kinder müssen schließlich essen. Man muss sich dabei ja nicht gezielt komplett oberkörperfrei präsentieren.)
  • Die „Rock/Hose bis zum Knie“-Regel ist m. E. sinnvoll; wobei man bei Hosen im Sommer vielleicht ein klein wenig weniger streng sein kann; Röcke (zumindest die meisten Röcke) rutschen beim Rennen, Bücken oder Hinsetzen leichter nach oben, was bei kurzen Hosen nicht passiert. Da wäre es also nicht schlimm, wenn eine kurze Hose 5 cm über dem Knie endet. Ich würde schätzen, dass z. B. auch Sporthosen eines Frauenfußballteams, die ein bisschen mehr als die Hälfte der Oberschenkel bedecken, auch wenn sie nicht ideal sind, noch als nicht sündhaft durchgehen, und man sie deswegen tragen kann, wenn man zu dem Team gehört (wobei, wem das unangenehm ist, natürlich auch eine Leggings drunter anziehen könnte). Hotpants und Miniröcke definitiv vermeiden.
  • Keine sichtbare Unterwäsche.
  • Kein durchsichtiger Stoff oder Schlitze an den Stellen, die bedeckt sein sollen.
  • Nichts, was arg eng anliegt, und z. B. an Brust, Hinterteil, Oberschenkeln arg körperbetont ist. Manche Frauen mit größerer Oberweite können Rundungen natürlich nicht so gut „verstecken“, das ist dann auch keine Sünde, aber jede kann Kleidung anziehen, die nicht darauf angelegt ist, Körperformen extra ganz besonders hervorzuheben. Wenn es besonders eng anliegt und spannt, ist es eher zu vermeiden. Auch Röcke, die an den Beinen ein gutes Stück enger anliegen als weiter oben und so die Hüften hervorheben, sind grenzwertig und eher zu meiden.
  • In diesem Zusammenhang: Leggings sind keine Hosen. Leggings nur, wenn drüber ein Rock, eine kurze Hose o. Ä. getragen wird. Strumpfhosen würde man auch nicht als Hosen tragen. Auch beim Sport kann man Jogginghosen oder andere Sporthosen anziehen statt Leggings, oder zumindest eine kurze Hose über der Leggings tragen. (Gut, wenn man Dehnübungen im eigenen Wohnzimmer macht, wo niemand einen sieht, ist das was anderes. Aber wenn niemand einen sieht, auch nicht durchs Fenster, kann man ja eh herumlaufen, wie man mag.) Skinny Jeans sind auch schwierig; wenn sie an Hintern und Oberschenkel eng sitzen, sollte man zumindest ein ganz besonders langes Oberteil darüber tragen (oder einfach eine andere Hose anziehen).
  • Schulterfrei, rückenfrei und bauchfrei würde ich als grenzwertig empfinden und eher vermeiden, auch wenn ich nicht jedes solche Outfit für sicher sündhaft erklären will. Es deutet einfach mehr Nacktheit an.
  • Was Bademode angeht: Das Problem bei Bikinis ist für gewöhnlich, dass sie nicht mal die Bereiche, die sie bedecken sollen, wirklich bedecken, weswegen man sie meines Erachtens vermeiden und eher einteilige Badeanzüge / Tankinis / Badekleider / Shorts + anständig bedeckendes Tankinioberteil o. Ä. nehmen sollte. Hier ist mehr sichtbares Bein in Ordnung, weil es so üblich ist und als normalerweise nicht sexualisierend wahrgenommen wird, aber Brustbereich, Hinterteil und Schambereich sollten vollständig bedeckt sein. Wenn noch die Oberschenkel ein bisschen bedeckt sind, schadet es nicht, aber das muss nicht sein. (Mit ein bisschen Googeln lässt sich übrigens ziemlich viel Auswahl an „sittsamerer“ Bademode finden, auch Hübsches, gerade bei Badekleidern, und auch für die, die etwas strengere Maßstäbe haben, vor allem, wenn man die englischsprachige Welt hinzunimmt und „modest swim wear / swim suits“ googelt. Da findet man auch leicht hübsche Badekleider, die bis zum Knie reichen.)
  • Manche Katholikinnen lehnen Hosen ab, weil die Männerkleidung seien. Das ist allerdings ein Argument, das man vor hundert Jahren hätte bringen können und das damals auch sinnvoll gewesen wäre; heute werden Frauenhosen aber schon lange nicht mehr als Cross-Dressing empfunden. (Anders als wenn z. B. eine Frau im Herrenanzug auftauchen würde.) Im Gegenteil: Es wäre praktisch schon Cross-Dressing, wenn Männer Frauenhosen anziehen würden. Wenn eine lieber Röcke trägt, weil sie sich gern feminin anziehen will, ist das selbstverständlich ihr gutes Recht; nur ist es keine Sünde, wenn andere Hosen tragen wollen.

Kurz zusammengefasst: Bedeckt in etwa von den Schultern bis zu den Knien (beim Baden kann man etwas laxer sein); keine tiefen Ausschnitte; nichts arg Körperbetonendes oder Durchsichtiges.

Das ist alles eigentlich gar nicht so schwer, und sicher nicht so furchtbar, dass man im Sommer damit den Hitzetod sterben müsste; eine knielange Hose und ein T-Shirt mit relativ hohem Ausschnitt sollten nicht so schlimm sein. Man kann sich mit diesen Regeln auch noch sehr hübsch anziehen; ich habe ja nicht viel Modegeschmack, aber die anderen Tradi-Mädchen aus meiner Bekanntschaft sind meistens sehr hübsch mit ihren Röcken oder Kleidern. Man muss auch nicht alle Kleidung, die man schon hat und die den Regeln auf den ersten Blick nicht entspricht, gleich wegwerfen; eine durchscheinende Bluse kann man einfach über ein weißes oder schwarzes Top anziehen; eine hübsch gemusterte Leggings unter eine knielange Jeanshose oder einen weißen Rock; usw.

Für Männer / Jungen gilt dementsprechend auch:

  • keine sichtbare Unterwäsche.
  • kein sichtbares Hinterteil, keine rutschenden Hosen; das ist wirklich unappetitlich.
  • Zumindest die Hälfte der Oberschenkel – oder besser: alles bis zum Knie – bedeckt (Ausnahme: beim Baden).
  • Keine besonders engen Badehosen, keine Leggings.
  • „Oben ohne“ nur wenn notwendig und üblich (z. B. beim Baden; bei Bauarbeiten in der heißen Sonne).

(Ja, meine Regeln für Frauen sind ausführlicher. Das liegt (sorry, isso) einfach daran, dass gewisse Kleidung bei Frauen eher als sexualisierend empfunden wird, während Männermode nicht so auf Sexyness ausgerichtet ist (welches Männerhemd hat einen tiefen Ausschnitt?), und ich zu ein paar Streitpunkten Genaueres erklären wollte, damit mir nicht im Kommentarbereich vorgeworfen wird, etwas zu sagen, das ich nicht sage. Außerdem bin ich nun mal eine Frau und mache mir da logischerweise mehr Gedanken und kenne die Probleme besser. Freilich sollten auch Männer es eben vermeiden, zu anziehend auf Frauen (oder auch auf homosexuell veranlagte Männer) zu wirken – es ist z. B. nicht angebracht, im Fitnessstudio das T-Shirt auszuziehen.)

Wer es einfach haben will, kann sich auch die Regeln für den Einlass in italienische Kirchen hernehmen (wobei man ja dazu tendiert, in Kirchen etwas strenger zu sein als anderswo):

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Es kann natürlich an sich auch schwere Sünden gegen die Schamhaftigkeit geben, aber bei solchen Sachen wie sichtbarem Brustansatz oder einem etwas zu engen oder ein wenig zu kurzen Rock dürften wir uns recht eindeutig im Bereich der lässlichen Sünde bewegen. Hier gilt auch bzgl. der Wirkung auf andere: „Nur eine leichte Sünde liegt vor, wenn der andere schwer sündigt mehr wegen seiner persönlichen Verdorbenheit als wegen einer unbedeutenden Gelegenheit, die er als Anlaß zum Sündigen nimmt. Deshalb liegt nur eine leichte Sünde des Ärgernisses [= jemand anderem Anlass zur Sünde werden] vor, wenn die Kinder durch leichten Ungehorsam den Eltern Anlaß zu schweren Flüchen geben, oder wenn Mädchen durch unbedeutende Eitelkeiten, wenig ehrbaren Schmuck oder wenig ehrbare Kleidung jungen Leuten Anlaß zu Sünden gegen die heilige Reinheit geben.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 145, S. 115)

Eins noch: Es ist definitiv nicht angebracht, aus heiterem Himmel zu einer in Tanktop und knappen Shorts hinzugehen und ihr zu sagen, sie solle sich schamhafter anziehen (beschämend, nicht zielführend, führt zu Streitereien); aber es ist auch nicht angebracht und ziemlich lieblos, sich implizit oder explizit über eine lustig zu machen, die sich ohne lange Röcke und langärmlige Blusen zu wenig angezogen vorkommt. (Ausnahme für ersteres: Eltern, Schulen etc. dürfen natürlich Regeln festlegen; unter Freundinnen kann man ausnahmsweise mal, wenn es angebracht ist, alle Beteiligten Christinnen sind, man miteinander vertraut ist und solche Sachen nicht übelnimmt, über das Thema reden. Bzgl. zweiterem: Von jemandem zu erwarten, sich etwas auszuziehen, ist in aller Regel einfach übergriffig, außer bei so offensichtlichen Sachen wie polizeilichen Durchsuchungen, oder wenn einen der Lehrer auffordert, die Mütze abzunehmen.)

3) Oft wird in diesem Zusammenhang noch das Thema formelle vs. informelle Kleidung (Abiverleihung, Kirche, Büro vs. Freizeit, zu Hause) angesprochen, aber das gehört eher in den Bereich „Höflichkeit“ und nicht in den Bereich „6. Gebot“, und ist auch nicht gerade das Wichtigste von der Welt. Passende Kleidung gehört sich irgendwo, aber wenn jemand z. B. keine besondere Sonntagskleidung besitzt / sich leisten kann, muss er sich deswegen beim Messbesuch keine Gedanken machen.

4) Außerdem wird das Thema Anstand, Bescheidenheit, Vermeidung von Angeberei hier oft erwähnt.

Der hl. Franz von Sales gibt das Ideal dazu folgendermaßen an: „Sei sauber! Nichts an dir soll schlampig und vernachlässigt sein. Unordentliche Kleidung bedeutet eine Missachtung der Leute, mit denen man umgeht. Hüte dich aber vor allem Gezierten und Eitlen, vor jedem auffallenden und unsinnigen Aufputz. Soviel du kannst, halte dich stets an Einfachheit und Bescheidenheit, den größten Schmuck der Schönen und die beste Entschuldigung der Hässlichen.“ (Philothea, 3. Teil, 25. Kapitel)

Das ist aber ein Ideal; hier geht es eher um lässliche Sünde und u. U. nicht mal darum; Schmuck, Makeup o. Ä. ist an sich keine Sünde, jedenfalls dann, wenn das Motiv einfach nur ein unschuldiger Wunsch ist, hübsch zu sein, anderen zu gefallen usw. Der kann natürlich unmäßig werden und man kann zu viel Wert auf dieses Thema legen und sich zu viel auf das eigene Aussehen einbilden; muss er aber nicht. Am Morgen (zum Beispiel) fünfzehn Minuten dafür aufzuwenden, sich eine hübsche Frisur zu machen, eine Halskette herauszusuchen und Makeup aufzulegen, ist in Ordnung. Verschönerung ist ein legitimer Zweck von Kleidung usw. Eitelkeit wäre es z. B., viel Geld für so was zu verschwenden, ständig an sein Aussehen und seine Wirkung auf andere zu denken. (Mehr dazu vielleicht beim Thema „7 Hauptsünden – Eitelkeit“, weil das eigentlich auch wieder keine 6.-Gebot-Sache ist.)

Könnte eine Katholikin als Model arbeiten? Im allgemeinen wohl nicht, weil sie bei Katalogfotos und Modenschauen in aller Regel sowohl schamhafte als auch unschamhafte Kleider präsentieren müsste, und weil die Auftraggeber sich mit aller Kraft bemühen, ihre Models auch noch geblümte Röcke und Sonnenhüte irgendwie sexualisierend präsentieren zu lassen. Womit ich nichts dagegen gesagt haben will, ausnahmsweise mal einen Modelauftrag für Wintermäntel anzunehmen oder in einer Müsliwerbung aufzutreten, oder ausschließlich für eine fundamentalistisch-christliche Modelinie zu arbeiten. Auch als Schauspieler müsste man sich von solchen Dingen wie dem Drehen von Sexszenen natürlich fernhalten. Nicht jede Darstellung von irgendetwas aus dem Bereich der Sexualität muss falsch sein; aber generell sind solche Sachen zu meiden. (Und hier ist noch gar nicht einberechnet, dass die Mode- und Filmbranche leider besonders anfällig für Korruption, sexuelle Belästigung und Erfolg durch Hochschlafen sind, wie gerade erst wieder gezeigt.)