Von Beispielen, die nicht funktionieren; oder: wie sagt man noch mal für „erzwungenen Sex“?

Und… nochmal Amoris Laetitia. Ja, eigentlich hatte ich meinen Senf zu Kapitel acht und Fußnote soundsovielhundertwasweißich schon abgegeben, und eigentlich hatte ich auch nicht den Eindruck, dass da noch mehr zu sagen wäre. Aber Irren ist menschlich. Und hier geht es jetzt auch nicht direkt um Amoris Laetitia. Die Enzyklika ist eher der Aufhänger für etwas, worüber ich mich hier gerade aufregen möchte, weil ich wohl im Moment nichts Besseres zu tun habe. Es sind Semesterferien.

Vor nicht allzu langer Zeit hat der Papst-Vertraute und Erzbischof Victor Manuel Fernández, der offenbar auch an der Enzyklika mitgearbeitet hat, einen Text zu den umstrittenen Stellen von AL verfasst, in dem er die Sichtweise, dass wiederverheiratet-Geschiedene nicht zwangsläufig der Kommunion fernbleiben müssten, da sie sich nicht zwangsläufig in einem Zustand subjektiver Schuld befänden, als Vertiefung, nicht Verfälschung, der kirchlichen Lehre verteidigt. Das ist im Ganzen pastoraler und theologischer Blödsinn, worüber ich hier schon mal geschrieben habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/21/ein-paar-gedanken-ueber-die-liberale-auslegung-von-amoris-laetitia/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/23/ein-kurzer-nachtrag-zu-der-sache-mit-amoris-laetitia-ueber-unbarmherzigkeit/); aber hier geht es mir gar nicht ums Ganze, sondern um ein spezielles Beispiel, das der Erzbischof nebenbei gewählt hat, um seine Ansichten zu illustrieren. Ich zitiere aus der englischen Übersetzung des Textes, die sich auf diesem ansonsten nicht empfehlenswerten Blog findet (https://rorate-caeli.blogspot.com/2017/08/full-text-pope-francis-ghostwriter-of.html), da ich nun mal leider kein Spanisch kann.

Der Erzbischof ist der Ansicht, dass objektive Regeln nicht jedem Einzelfall gerecht werden könnten (wofür er sogar ein eigentlich sehr gutes und selbstverständliches Zitat des hl. Thomas anführt, der sich angesichts von dessen Verwendung bestimmt gerade im Grabe herumdreht), und dass es für manche Menschen sehr schwer oder gar unmöglich sein könnte, den objektiven Regeln zu folgen. Dafür führt er dann ein Beispiel an (fette Stellen von mir markiert):

 

„Indeed, it is not easy to describe as an ‘adulteress’ a woman who has been beaten and treated with contempt by her Catholic husband, and who received shelter, economic and psychological help from another man who helped her raise the children of the previous union, and with whom she had new children and cohabitates for many years.

The question is not whether that woman does not know that cohabitation with that man does not correspond with objective moral norms. It is more than that. Some claim to simplify the matter in this way, by saying that, according to Francis, „The subject may not be able to be in mortal sin because, for various reasons, he is not fully aware that his situation constitutes adultery.“ (This is what Claudio Pierantoni stated in a recent conference, very critical of Amoris Laetitia in Rome on April 22, 2017.) And they question him that it makes no sense to speak about discernment if „the subject remains indefinitely unaware of his situation“ (Ibid.). But Francis explicitly said that „more is involved here than mere ignorance of the rule“ (AL 301). The issue is much more complex and includes at least two basic considerations. First, if a woman who knows the existence of the norm can really understand that not abandoning that man – of whom she cannot now demand a total and permanent continence – is truly a very grave fault against the will of God. Second, if she truly can, at this point, make the decision to abandon that man. This is where the limited formulation of the norm is incapable of stating everything.

[…]

But his [Pope Francis‘] emphasis is rather on the question of the possible diminution of responsibility and culpability. Forms of conditioning can attenuate or nullify responsibility and culpability against any norm, even against negative precepts and absolute moral norms. This makes it possible not always to lose the life of sanctifying grace in a “more uxorio” cohabitation.

Francis considers that even knowing the norm, a person „may be in a concrete situation which does not allow him or her to act differently and decide otherwise without further sin. As the Synod Fathers put it, ‘factors may exist which limit the ability to make a decision’“ (AL 301). He speaks of subjects who „are not in a position to understand, value or fully practice the objective requirements of the law“ (AL 295). In another paragraph he reaffirms: „Under certain circumstances people find it very difficult to act differently.“ (AL 302).

He also recalls that John Paul II recognized that in certain cases „for serious reasons, such as for example the children’s upbringing, a man and a woman cannot satisfy the obligation to separate“ (FC 84; AL 298). Let us note that St. John Paul II recognized that „they cannot„. Benedict XVI was even more forceful in saying that in some cases „objective circumstances are present which make the cohabitation irreversible, in fact.“ (SC 29b).

This becomes particularly complex, for example, when the man is not a practicing Catholic. The woman is not in a position to oblige someone to live in perfect continence who does not share all her Catholic convictions. In that case, it is not easy for an honest and devout woman to make the decision to abandon the man she loves, who protected her from a violent husband and who freed her from falling into prostitution or suicide. The „serious reasons“ mentioned by Pope John Paul II, or the „objective circumstances“ indicated by Benedict XVI are amplified. But most important of all is the fact that, by abandoning this man, she would leave the small children of the new union without a father and without a family environment. There is no doubt that, in this case, the decision-making power with respect to sexual continence, at least for now, has serious forms of conditioning that diminish guilt and imputability. Therefore, they demand great care when making judgments only from a general norm. Francis thinks especially of „the situation of families in dire poverty, punished in so many ways, where the limits of life are lived in an excruciating way“ (AL 49). In the face of these families, it is necessary to avoid „imposing straightaway a set of rules that only lead people to feel judged and abandoned“ (ibid.).“

 

Das Beispiel, das der Erzbischof sich ausgedacht hat, ist also eine Frau, die von ihrem eigentlichen, katholischen Ehepartner sehr schlecht behandelt und sogar geschlagen wurde, sich dann von ihm hat scheiden lassen oder von ihm verlassen wurde (das wird nicht näher ausgeführt, spielt aber auch keine Rolle), und dann einen neuen Partner oder zivilrechtlich angetrauten Ehemann (wird auch nicht ganz klar, was jetzt genau, ist aber ebenso egal) gefunden hat, der nicht katholisch ist, sich aber gut um ihre Kinder aus erster Ehe und ihre neu entstandenen gemeinsamen Kinder kümmert und auch sie selbst gut behandelt und sie in der Krise nach dem Ende ihrer Ehe vielleicht vor Selbstmord oder Prostitution gerettet hat. Die könne man wohl nicht einfach eine Ehebrecherin nennen. Nun ist dieses Extrembeispiel nicht ganz so tränendrückerisch, wie es auf den ersten Blick aussieht, wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche Weltkirche ist. Eine Frau in einem armen Dritte-Welt-Land, die, sagen wir mal, von ihrem brutalen ersten Mann nicht bloß verlassen, sondern einfach auf die Straße gesetzt wurde, keine Familie hat, die sie unterstützen könnte, keine Ausbildung, mit der sie einen guten Job finden könnte, keine rechtliche Handhabe, um Unterhalt zu verlangen, die keine Hilfe vom Staat bekommt, und die ein paar Kinder durchbringen muss, könnte in ihrer Verzweiflung durchaus mit Prostitution Geld verdienen oder sich auch einfach umbringen. Kein Wunder also, dass sie erleichtert ist, wenn sie einen Mann findet, der sie aufnimmt und versorgt und vielleicht sogar zivilrechtlich heiratet. Lassen wir dieses Extrembeispiel also mal so stehen; so eine Situation könnte vorkommen.

So, und jetzt kommt ihr Gewissenskonflikt. Sie besinnt sich wieder auf ihren katholischen Glauben und möchte so gerne im Stand der Gnade leben und die Kommunion empfangen, aber sie sieht sich nicht imstande, ihren Partner einfach zu verlassen – wie soll sie die Kinder durchbringen? Wie soll sie leben? Und die Kinder sollten doch in einer intakten Familie leben! Und eigentlich liebt sie ihn ja auch… Sie kann nicht einfach ihre Familie auseinanderreißen… Sie hat schon bei ihrem Pfarrer nachgefragt, und Gründe für eine Annullierung ihrer ersten Ehe scheint es keine zu geben. Ja, da gibt es die Möglichkeit, von der der hl. Johannes Paul II. schon geschrieben hat, mit ihrem neuen Partner wie „Bruder und Schwester“ zusammenzuleben, in Anerkennung der Tatsache, dass sie nicht wirklich verheiratet sein können, solange ihr Ehemann noch lebt, aber ihr neuer Partner ist nicht katholisch und würde das nicht verstehen, und…

Ja, und genau hier stoßen wir auf mein Problem mit der Vorstellung, die der Erzbischof von dieser „guten“ zweiten Beziehung hat. Er schreibt, dass die Frau „keine völlige und dauerhafte Enthaltsamkeit [von ihrem Partner] verlangen kann“. Er schreibt: „Die Frau ist nicht in einer Position, jemanden zu verpflichten, in völliger Enthaltsamkeit zu leben, der nicht alle ihre katholischen Überzeugungen teilt.“ Was hat sie hier denn zu melden? Sie hat ja wohl nicht das Recht, von ihrem Partner zu verlangen, auf Sex zu verzichten, wenn sie möchte, dass er noch länger mit ihr zusammenbleibt. Wenn sie auf die „Unterkunft, [den] wirtschaftlichen und psychologischen Beistand“, die sie von ihm erhalten hat, nicht verzichten möchte, dann sollte sie mal lieber regelmäßig die Beine breit machen. Wofür hat er sie denn vor der Prostitution bewahrt?

Okay. Ich beruhige mich wieder. Ja, ich weiß durchaus, dass es nicht gerade toll rüberkommen wird, wenn man seinem (Ehe)partner, mit dem man jahrelang zusammengelebt und schon Kinder bekommen hat, auf einmal erklärt: „Schatz, ich kann es einfach nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, mit dir zu schlafen, also lassen wir das bitte für den Rest unseres Lebens.“ Okay. Aber wie wird ein nichtkatholischer Partner, der ein so vorbildlicher Partner ist, der sich so hingebungsvoll kümmert, wie der Erzbischof das darstellt, auf so etwas reagieren? Vielleicht wird er befremdet sein. Vielleicht wird er wütend sein angesichts ihres neuen religiösen Eifers, den er nicht an ihr kannte, als sie sich kennengelernt haben, und von dem er nicht will, dass er ihre Beziehung zerstört. Vielleicht wird er noch einmal bei einem anderen Pfarrer nachfragen, ob nicht doch eine Annullierung ihrer ersten Ehe denkbar wäre. Vielleicht wird er versuchen, sie zu überreden, diese aus seiner Sicht unsinnigen Gebote der Kirche nicht so ernst zu nehmen. Aber wie wird er nicht reagieren? Er wird ihr nicht drohen, sie rauszuschmeißen, wenn sie nicht mit ihm schläft.

Nein, der nichtkatholische Mann in dem Beispiel hätte nicht unbedingt die Verpflichtung, mit einer Frau, die aus seiner Sicht bescheuerte religiöse Überzeugungen über ihre Beziehung stellt, noch für längere Zeit zusammenzubleiben, wenn er das nicht mehr will, das sage ich gar nicht. Aber wenn sie sich darüber trennen sollten und wenn sie ohne ihn aufgeschmissen wäre, dann hätte er die absolute moralische Pflicht, ihr und seinen Kindern und Stiefkindern weiterhin zu helfen – ihr Unterhalt zu zahlen, ihr vielleicht zu helfen, einen Job und eine Wohnung zu finden, sie noch solange bei sich wohnen lassen, bis sie das gefunden hat, auch weiterhin die Kinder zu sehen… Kurz gesagt: Wenn der Mann so toll wäre, wie er in dem Beispiel dargestellt wird, dann bräuchte die Frau gar nicht den Gewissenskonflikt „Mit ihm schlafen oder meine Familie auseinanderreißen und mittellos mit vaterlosen Kindern auf der Straße stehen?“ zu haben. Sie hätte höchstens den Konflikt „Mit ihm schlafen oder ihn verlassen und die üblichen Probleme, die eine normale Trennung mit sich bringt, in Kauf nehmen?“ – und, sorry, das kommt mir jetzt einfach nicht mehr wie eine wahnsinnig entsetzliche Extremsituation vor. Schwierig noch immer, ja, aber nicht gerade grauenvoll.

Es wird mir einfach nicht ganz klar, ob der Erzbischof sich fragt, ob sie „wirklich, an diesem Punkt, die Entscheidung treffen kann, diesen Mann zu verlassen“, weil sie dann wieder denselben wirklich schlimmen Problemen wie nach ihrer ersten Trennung gegenüberstehen würde, oder weil sie einfach ihre Familie trennen müsste.

Wenn er Letzteres meint: Sicher ist keine Trennung leicht; aber viele Leute trennen sich aus vielen Gründen, ob guten oder schlechten, und hier gäbe es gute Gründe. Wenn er nicht doch bereit sein sollte, eine Beziehung „wie Bruder und Schwester“ zu akzeptieren: Wieso könnten sie sich dann nicht einfach, nachdem sie klargemacht hat, wozu ihr Gewissen sie verpflichtet, und er, dass er die Beziehung so nicht mehr weiter führen will, im Guten trennen und sich das Sorgerecht für die Kinder teilen? Wenn ich ganz ehrlich sein soll, frage ich mich auch, ob es, in einem realistischen Szenario, ihren Kindern aus erster Ehe wirklich so wichtig wäre, dass sie mit ihrem zweiten Mann zusammenbleibt. Es mag ja Ausnahmen geben, aber in der Praxis funktionieren Patchworkfamilien leider nicht immer so wie im Fernsehen. Stiefväter bleiben Stiefväter, und die Kinder aus der vergangenen Beziehung stehen immer irgendwie zwischen allen Stühlen, wenn Mama einen neuen Freund hat und neue Halbgeschwister auftauchen. Vielleicht würden gerade diese Kinder an ihrem Beispiel eher merken und anerkennen, dass ihr die Treue zu einem einmal gegebenen Gelübde wirklich wichtig ist. Kann die Frau also diese Entscheidung treffen, die Treue zu dem Versprechen, das sie einmal gegeben hat, an erste Stelle zu setzen und mit den Konsequenzen, die sich dann daraus ergeben sollten, umzugehen? Was genau versteht Fernández unter können?

Und wenn er Ersteres meint: Ich hätte von einem Bischof andere Vorstellungen von einer guten Beziehung erwartet – und er stellt diese zweite Beziehung als vorbildlich dar. Ja, ja, er hat Zölibat und muss selber keine führen, aber er wird wohl im Lauf seines Lebens in Beichtstuhl und Ehevorbereitung usw. mit genügend Verheirateten und Verlobten und Ehepaaren zu tun gehabt haben. Aber hier schreibt er, dass eine Frau nicht von ihrem Partner erwarten kann, dass er ihre Überzeugungen und ihr Gewissen achtet. Wenn das nicht „rape culture“ schreit, weiß ich auch nicht mehr. Woher hat Erzbischof Fernández diese Vorstellung, die hier so beiläufig einfließt? Aus der tiefen Überzeugung einer säkularen Kultur, dass es das Absurdeste überhaupt ist, von irgendjemandem zu verlangen, auf Sex zu verzichten, oder aus einer abstrusen Paulus-Interpretation, in der er einen extrem fehlgeleiteten Begriff von den „ehelichen Pflichten“ auch noch auf objektiv ehebrecherische Verbindungen ausdehnen möchte? Oder will er einfach nur unbedingt ein Beispiel finden, in dem sich seine Beispielfigur in einer „ausweglosen“ Situation findet, und merkt gar nicht, was er da schreibt? Vermutlich das. Hoffentlich das.

Nein, man kann tatsächlich nicht von einem Partner oder Familienmitglied oder Freund verlangen, auf einmal alle Überzeugungen anzunehmen, die man selber hegt. Man kann versuchen, ihn zu überzeugen, aber man kann ihn nicht zwingen, sie anzuerkennen. Aber man kann von ihm verlangen, sie zu respektieren. Wenn du weißt, dass deine Partnerin es für eine Todsünde hielte, wenn sie mit dir schlafen würde, wenn du weißt, dass das einfach gegen ihr Gewissen gehen würde, würdest du dann versuchen, sie dazu zu bringen? Ich habe ehrlich gesagt meine Zweifel, ob der zweite Mann im Beispiel wirklich eine so viel bessere Wahl wäre als der erste. Wenn die Frau sich nicht in der Position sieht, von ihrem Partner zu verlangen, auf Sex zu verzichten – was sagt das dann über ihr Verhältnis zu ihm aus? Ich war auch schon mal über längere Zeit mit einem Mann zusammen, mit dem ich ein paar Diskussionen darüber führen musste, dass das, was ich über „Kein Sex vor der Ehe“ gesagt hatte, wirklich ernst gemeint war, und, guess what, auch wenn er es nicht mochte, hat er es letztlich geschafft, das zu akzeptieren. Einmal musste ich mir anhören, dass ich Glück mit ihm hätte und wahrscheinlich nicht viele andere Männer das mitmachen würden (was man halt so sagt, wenn man gerade sauer ist, nehme ich an – ich will hier wirklich nicht über meinen Exfreund herziehen, der eigentlich ein netter Mensch ist), aber er hat es geschafft, meine Überzeugungen zu respektieren. Wirklich, wenn man keinen Sex kriegt, klappt man nicht irgendwann zusammen und stirbt. Das kann man aushalten.

Was wäre, wenn sie andere Gründe hätte? Sie ist einfach schwer krank und kann deshalb keinen Sex haben. Sie möchte es nicht, weil eine weitere Schwangerschaft lebensgefährlich für sie wäre und ist übervorsichtig geworden, weil alle Verhütungs- und NFP-Methoden ihre Unsicherheiten haben. Sie hat eine ansteckende Geschlechtskrankheit (vielleicht, weil sie eine Affäre hatte, vielleicht, weil sie vergewaltigt wurde, vielleicht von einer verunreinigten Blutkonserve in ihrem Dritte-Welt-Krankenhaus) und will nicht riskieren, dass er angesteckt wird, wozu auch beim Gebrauch von Kondomen das Risiko bei regelmäßigem Sex nicht gering ist. Hat sie dann auch nicht das Recht, von ihm zu verlangen, ihre Wünsche zu achten? Oder was wäre, wenn eine Ehefrau bereits ein Jungfräulichkeitsgelübde abgelegt hätte und dann von ihren Eltern zwangsverheiratet worden wäre? Hätte die hl. Cäcilia (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienC/Caecilia.html) denn auch nicht das Recht gehabt, sich ihrem nichtkatholischen Ehemann, der ihre Werte nicht teilte, zu verweigern? (Ja, ja, ich weiß, Zwangsehen sind gar nicht gültig, aber von der Ehe/Partnerschaft in Fernández‘ Beispiel behauptet das ja auch keiner.) Sollte eine Kirche, die Heilige wie Cäcilia, Charles Lwanga und Gefährten, Agnes, Dymphna, Maria Goretti, Lucia, Barbara und so weiter verehrt, nicht ein bisschen deutlicher gegen sexuellen Zwang stehen, als Fernández das hier tut?

Tatsache ist, man hat das Recht, von jedem Menschen auf dieser Welt, egal, wie dessen Überzeugungen aussehen, „völlige und dauerhafte Enthaltsamkeit“ zu verlangen – nämlich genau so lange, wie sich kein anderer Mensch findet, der zu Sex mit diesem Menschen bereit wäre. Andernfalls müsste man nämlich zwangsläufig sagen, dieser Mensch hätte das Recht, irgendeinen anderen Menschen zum Sex mit ihm zu zwingen… wie sagt man noch gleich, wenn jemand einen anderen Menschen zum Sex zwingt?

Ach ja. Vergewaltigung.

Vergewaltigung ist nicht immer der bedrohliche Fremde im nächtlichen Gebüsch. Vergewaltigung kommt auch gern mal in Beziehungen vor. „Wenn du nicht mit mir schläfst, verlasse ich dich“ ist noch kein Zwang im strengen Sinne, das nicht, aber es ist definitiv eine Art von Nötigung, jedenfalls dann, wenn derjenige, der das sagt, weiß, dass die andere Person ohne ihn mit einem Haufen hungriger Kinder mittellos auf der Straße stehen würde. Erzwungener Sex ist Vergewaltigung. Ein Vergewaltiger ist kein begehrenswerter Partner. Das Beispiel von Erzbischof Fernández macht keinen Sinn.

Wenn ihr zweiter Partner also die Art Mann ist, dem sie und die Kinder scheißegal sind, sobald sie nicht mehr die Beine für ihn breit macht, dann sollte sie wirklich schleunigst schauen, dass sie von ihm wegkommt. Such dir einen Job, irgendeinen (vielleicht nicht gerade Prostutierte – Regen und Traufe und so), such dir Hilfe bei Familie, Freunden, Nachbarn, in der Pfarrei oder bei irgendeiner Organisation, such dir irgendwelche Leute, denen du vertrauen kannst, und hau ab. Je schneller du aus dieser Beziehung raus kommst, desto besser.

(Vielleicht ist „Vergewaltigung“ hier nicht der passendste Begriff, und „survival sex“ wäre korrekter – Austausch von Sex gegen Fürsorge oder Essen oder ein Dach über dem Kopf, ohne direkten Zwang, aber auch ohne wirkliche Freiheit.)

Okay, jetzt habe ich mich ausführlich genug aufgeregt und bin auch schon wieder fertig.

 

Natürlich ist nicht nur dieses Beispiel fehlerhaft, sondern die ganze Denkweise des Erzbischofs. Davon auszugehen, dass es in manchen Situationen nur noch mögliche Handlungsweisen gibt, durch die man schuldig wird, dass es manchmal unmöglich ist, keine Schuld auf sich zu laden, das ist schlichtweg Blasphemie. Es ist eine Beleidigung Gottes, der uns immer einen Ausweg lässt. Wenn die Frau ihrem Partner Sex verweigert und er sie dann rausschmeißt, dann ist das schlimm und tragisch, aber es liegt dort keine Schuld auf ihrer Seite für irgendetwas vor. Wenn man einen gefangenen Terroristen nicht foltert und deshalb entscheidende Informationen nicht bekommt, die vielen Menschen das Leben retten hätten können, dann liegt keine Schuld vor, außer auf der Seite des Terroristen. (Ja, blödes Beispiel – jeder Experte sagt, dass Folter nichts bringt. Es geht mir nur um die Theorie.) Wenn man ein schwer behindertes Neugeborenes in einem Dritte-Welt-Land nicht aussetzt und es dann in Krankheit und Schmerz aufwachsen muss, liegt keine Schuld vor. Wenn man keine Atombombe auf zivile Gebiete wirft und der Krieg sich dann noch Jahre in die Länge zieht und am Ende mehr Opfer fordert, als die Atombombe gefordert hätte, liegt keine Schuld vor. Nicht alles Leid ist (direkt) durch persönliche Schuld verursacht. Manchmal entsteht Leid auch, wenn alle das Richtige tun. Sonst wäre es ja einfach, immer einen Schuldigen zu finden, dem man es anlasten kann, dass er es nicht vermieden hat.

Mit der subjektiven Schuld liegt der Erzbischof natürlich nicht völlig daneben. Natürlich würde Gott der Frau aus dem Beispiel anrechnen, dass ihre Situation schwierig ist und dass sie sich in einer schlimmen Verwirrung befindet. Gott ist vollkommen gerecht. Ich kann das Gefühl, das Fernández hier vielleicht rüberbringen möchte, an sich ehrlich gesagt gut nachvollziehen; dieses Gefühl von schierer Überforderung und Hilflosigkeit gegenüber einem Gebot: „Gott, ich weiß nicht, was ich tun soll, ich kann das nicht, ich kann das einfach nicht, ich weiß, was meine Pflicht ist – oder ich glaube zumindest, dass ich es weiß – ist das sicher so? – ich glaube schon – ich bin mir eigentlich ziemlich sicher – aber ich kann das nicht, ich schaffe das nicht, bitte, Gott, rechne mir das nicht an, hilf mir, ich kann das nicht…“ In der Moraltheologie nennt man so etwas ein perplexes Gewissen. Verminderte Schuldfähigkeit gibt es, und es ist wichtig, Bescheid zu wissen, dass es sie gibt, aber sie macht eine Tat an sich nicht besser. Und wenn ein Kleriker sich dann damit zufrieden gibt und von der Kanzel herab erklärt, dass dann ja alles schön und gut sei und man ruhig nach diesem verwirrten, geplagten Gewissen handeln könne und auch bestimmt nicht der Kommunion fernbleiben müsse, anstatt dass er für Klarheit sorgt, erklärt, was Gottes Gebote fordern – und was in manchen Fällen nicht – und Mut macht, ist einfach Unsinn.

Vor allem, wenn damit nebenbei Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung oder „survival sex“ schöngeredet wird. Vielleicht sollte der Erzbischof sich lieber dafür einsetzen, dass alleinstehende Frauen nicht auf einen Partner angewiesen sind, um im Leben durchzukommen, anstatt zu erklären, dass dann in solchen Fällen bestimmt verminderte Schuldfähigkeit für Sünden gegen das 6. Gebot vorliegen müsse. Nette und nutzlose Binsenweisheit. Ja, okay, ich bin fertig.

 

 

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Ähm, ne, das ist nicht romantisch

Eine unvollständige Liste von Liebesfilm- und Liebesromanklischees, die sich niemals hätten etablieren dürfen:

 

1) Den falschen Partner vor dem Altar stehen lassen, um zum richtigen zu rennen

Auch wenn zwei Drittel aller Romantic Comedies auf diese Szene nicht mehr verzichten mögen: Das ist nicht romantisch! Aus dem einfachen Grund, dass es ziemlich fies gegenüber dem stehengelassenen Partner ist. Ist jemand, der sich so gegenüber jemand anderem aufführt, mit dem er eine längerfristige Beziehung geführt hat, wirklich ein begehrenswerter Partner, den man unbedingt nehmen muss, wenn er/sie noch in Smoking/Hochzeitskleid angerannt kommt? Für mich klingt das eher nach wankelmütig und unberechenbar. Wenn einem wirklich erst vor dem Altar bewusst wird, dass diese Ehe eine ganz arg schlechte Idee wäre, dann würde ich dessen Denk- und Urteilsvermögen irgendwie anzweifeln. Hat er seinen Partner bis jetzt nicht gekannt? Und muss ich noch erwähnen, dass es ganz besonders keine gute Idee ist, Braut oder Bräutigam stehen zu lassen, weil man in den letzten paar Tagen jemanden kennengelernt hat, zu dem es eben einfach eine ganz besondere Verbindung gibt – Liebe auf den ersten Blick? Das klingt nach einer ebenso tragfähigen Beziehung wie das andere Klischee, „Wieder mit dem Exfreund zusammenkommen, den man nach langen Jahren zum ersten Mal wiedertrifft“. Vermutlich gab es Gründe, aus denen man mit dem Ex nicht mehr zusammen ist. Und selbst wenn das schlechte Gründe gewesen sein sollten, konnte man nicht früher drauf kommen? Leute, bitte: Verlobungen kann man lösen, bevor die Hochzeitsgäste anreisen, die Tische gedeckt sind und der Pfarrer bereit steht.

Aber mei. Wenigstens hat dieses Klischee dem nächsten eine Sache voraus: Es ist immer noch bloß eine Sache der Filme.

 

2) Öffentliche Heiratsanträge

Die sind zu meinem Entsetzen etwas, das sich nicht mehr nur in Filmen findet. Tut mir leid, aber Heiratsanträge macht man nicht im Restaurant, und nicht vor einem extra engagierten Streicherquartett, und erst recht nicht vor einem gefüllten Footballstadium. Und man stellt sie auch nicht auf Youtube, damit jeder bewundern darf, was man sich Tolles für seine Liebste ausgedacht hat. Das ist kein romantisches Setting, sondern ein sehr, sehr… unangenehmes.

Da gibt es nämlich vor allem ein klitzekleines Problemchen: Was, wenn sie, na ja… „Nein“ sagen möchte? Oder: „Ich glaube, dass wir noch warten sollten“. Oder: „Das kommt jetzt etwas überraschend…“ Tja, wenn die Welt zuschaut, während er auf die Knie fällt und die kleine quadratische Schachtel herauszieht, bleibt ihr leider nur eine Möglichkeit:

  • Verzückt die Hände vor den Mund schlagen.
  • „Ja! Ja, ich will dich heiraten!“ (Entweder hauchen oder rufen.)
  • Sich den Ring anstecken lassen.
  • Nachdem er aufgestanden ist: Leidenschaftlicher Kuss.

Oder so ähnlich.

Ich bin ja ein tendenziell unromantischer Mensch. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn die Frau den Antrag macht. Oder wenn es keinen Antrag mit Ringschächtelchen und Kniefall gibt, sondern man einfach gemeinsam bespricht, wie weit die Beziehung ist. Aber wer Kniefall und Diamantring mag, gerne. Vielleicht ist man sich auch zu absolut-hundert-Prozent sicher, dass sie annehmen wird. Aber dann muss man das trotzdem nicht vor der neugierigen Familie am Nachbartisch und den versammelten Kellnerinnen erledigen. Ist für alle Beteiligten besser. Heiratsanträge sind was Privates.

Ein besonders erschreckendes Beispiel: Dieser Antrag eines venezolanischen Politikers an seine Freundin vor dem Papst:

Sind wir hier bei Germanys-next-most-romantic-proposal? Und ernsthaft: Was macht man bei so was, wenn man ablehnen möchte?

 

3) Stalking und Kontrolle

I’m looking at you, Twilight.

Ich weiß gar nicht, was ich an den Büchern mal so gut fand. (Die Filme fand ich schon immer entsetzlich. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Kristen Stewart und Robert Pattinson. Erstere kennt nur einen Gesichtsausdruck – bekifft – und Letzterer ist zu absichtsvoll gruselig und braunhaarig für seine Rolle. Ja, ich finde, dass Figuren in Filmen so aussehen sollten, wie sie in den zugehörigen Büchern beschrieben werden. Und „bronzefarben“ heißt „bronzefarben“ und nicht „hässlich dunkelbraun“.) Ich mochte „Seelen“ zwar schon immer lieber als Twilight, aber, na ja, wie blödsinnig manches in diesen Büchern ist, fällt einem erst auf, wenn man genauer drüber nachdenkt.

Ein Beispiel: Wenn der Junge aus dem Biologiekurs, den du vor ein paar Tagen oder Wochen kennengelernt hast und mit dem du noch nicht mal zusammen bist, sich nachts ohne dein Wissen in dein Zimmer schleicht und dich beim Schlafen beobachtet, dann würde jeder normale Mensch das eher, na ja, gruselig finden. Und zwar unabhängig davon, ob dieser Junge ein Vampir ist.

Und man folgt dem Mädel, in das man sich verliebt hat, auch nicht heimlich, wenn sie in die Nachbarstadt zum Shopping fährt. Sie hat siebzehn Jahre ohne dich überlebt. (Ja, in dem Fall war es ein glücklicher Zufall, dass jemand da war, aber das ändert am Prinzip nichts.) Und man verbietet ihr auch nicht, ihre Freunde zu treffen, nachdem man dann mit ihr zusammen bist. Dass die Werwölfe sind, ist keine Entschuldigung – jedenfalls, wenn du ein Vampir ist, dann hat das nämlich was von Doppelmoral.

In der Praxis wäre so was keine gesunde Beziehung.

Ich meine, ja, die Bücher sind spannend geschrieben und lesen sich flüssig, aber das ist wirklich kein gutes Vorbild. Bellas übertriebene Minderwertigkeitskomplexe sind zwar auf den ersten Blick auffälliger und nerviger und auch kein gutes Vorbild, aber ehrlich… man sollte die Jungs halt wirklich nicht auf den Gedanken bringen, ohne das Wissen ihrer Angebeteten durch deren Schlafzimmerfenster zu steigen.

 

4) Selbstmord nach dem (vermeintlichen oder echten) Tod des/der Geliebten

Ebenfalls (bloß als vermeintlicher Tod und versuchter Selbstmord) in der Twilight-Serie zu finden, aber bekanntermaßen auch schon bei „Romeo und Julia“. Wenn Romeo etwas Hilfe von der Notfallseelsorge gekriegt hätte, hätten beide ein Happy End bekommen können. Aber ne. Wieso ist das eigentlich Shakespeare’s beliebtestes Stück? „Macbeth“ ist so viel besser. Wahrscheinlich könnte ich das auch noch über sämtliche seiner anderen Stücke sagen, wenn wir in Englisch noch etwas anderes als „Romeo and Juliet“ und „Macbeth“ gelesen hätten.

„Ohne dich kann ich nicht leben.“ – Doch. Kann man. Muss man vermutlich irgendwann auch. Bei zwei Leuten ist es relativ wahrscheinlich, dass einer vor dem anderen stirbt. Und, na ja, so was wie Trennungen gibt es auch. Das kann ein psychisch gesunder* Mensch überleben. Auch wenn es nie schön ist.

 

So, jetzt habe ich hier mal die ganzen Gedanken von einer, die nicht so viel mit Romantik und so anfangen kann, auf die Welt losgelassen. Ob man’s glaubt oder nicht, ich lese tatsächlich gerne Jane Austen. Und für Harry und Ginny habe ich mich gefreut. Aber bitte verschont mich mit der nächsten Braut, die aus der Kirche rennt, und Heiratsanträgen vor dem Papst.

 

* Nichts gegen psychisch Kranke, ich bin auch psychisch krank. Ich meine ja nur, Verzweiflungstaten aus Trauer sollte man sich nicht zum Vorbild nehmen.

 

Ein Kreuzweg

Fotografiert in einer Klinikkapelle.

 

I. Jesus wird zum Tode verurteilt

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II. Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

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III. Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

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IV. Jesus begegnet seiner Mutter

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V. Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

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VI. Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

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VII. Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

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VIII. Jesus begegnet den weinenden Frauen

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IX. Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

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X. Jesus wird seiner Kleider beraubt

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XI. Jesus wird ans Kreuz genagelt

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XII. Jesus stirbt am Kreuz

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XIII. Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

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XIV. Der heilige Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt

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Helplessness and security

„But, stranger than all this, was the unmistakable atmosphere that seemed to enter with him – an atmosphere that from one side produced a sense of great fear and helplessness, and on the other of a kind of security. In an instant Monsignor felt as a wounded child might feel in the presence of a surgeon.“

(Robert Hugh Benson, The dawn of all, St. Louis 1911, S. 261. (https://archive.org/stream/dawnofall00bensiala#page/260/mode/2up))

 

Aufhebung des Beichtgeheimnisses im Fall von sexuellem Missbrauch?

In Australien, wo in den letzten Jahren nicht wenige Missbrauchsfälle durch Kleriker publik geworden sind, steht der Vorschlag im Raum, ein Gesetz einzuführen, das Beichtväter verpflichten würde, Kindesmissbrauch, der ihnen gebeichtet wird, der Polizei zu melden. Ich verstehe die Argumente dafür: die Beichte sollte kein „rechtsfreier Raum“ sein, Kinder sollten vor einem Täter, der vielleicht weitere Taten begehen würde, geschützt werden, ein Priester kann es doch nicht einfach unter den Tisch kehren, wenn er von einem gefährlichen Straftäter weiß, usw. usf.

Trotzdem halte ich diesen Vorschlag für falsch.

Da gibt es natürlich einerseits die religiösen Begründungen für uns Katholiken: Das Beichtgeheimnis ist etwas absolut Heiliges. Eine staatliche Regierung hat nichts darüber zu sagen. Ein Priester darf das Beichtgeheimnis unter keinen Umständen brechen. Er ist nur das Sprachrohr zu Gott, er nimmt keine Informationen aus der Beichte mit, sondern wirkt bloß als Mittelsmann der göttlichen Vergebung. Das Beichtgeheimnis ist heilig.

Ich verstehe, dass Nichtkatholiken für diese Begründungen nicht viel übrig haben werden. Hier könnte man jetzt noch mit der Religionsfreiheit argumentieren – achtet, was anderen heilig ist, auch wenn ihr es nicht versteht. Aber wir wissen ja eigentlich alle, dass die Menschen im Allgemeinen nicht so freiheitlich eingestellt sind, dass sie etwas, das sie selbst für schrecklich halten, mit der Begründung „Uns ist das eben heilig“ automatisch dulden würden (und ich sage nicht, dass ich diese ihre Einstellung generell für ganz furchtbar falsch halte).

Aber dann sind da ja auch noch die praktischen Gründe: Wenn ein solches Gesetz eingeführt wäre, welcher Kinderschänder würde seine Taten denn dann noch beichten? Eben. Und nach dem status quo gibt es ja die Möglichkeit für einen Priester, die Absolution so lange zu verweigern, bis sich der Täter der Polizei gestellt hat. Er kann nach dem Kirchenrecht die Tat zwar nicht selbst anzeigen, aber er kann sehr wohl Druck ausüben. Und das hat er natürlich in jedem Fall zu tun! Nach der Einführung eines solchen Gesetzes dagegen würde er wahrscheinlich überhaupt nichts mehr von den Taten erfahren. Das Beichtgeheimnis kann also gerade dafür sorgen, dass Kinder besser geschützt werden.

Ich glaube, das hier könnte ein Beispiel für das Prinzip sein, dass „Der Zweck heiligt die Mittel“ oft nach hinten losgeht. Entscheidender für die Prävention von Missbrauch als ein eh schwer durchsetzbares symbolpolitisches Gesetz (wie will man es denn herausfinden, wenn ein Priester ihm gebeichteten Missbrauch nicht angezeigt hat?) ist, denke ich, das Vorgehen gegen das Wegschauen außerhalb der Beichte, und die Schulung für das Erkennen der Anzeichen von Missbrauch. Was den ganzen Schaden angerichtet bzw. verschlimmert hat, war ja nicht ein zu großer Respekt gegenüber der Heiligkeit des Bußsakramentes, sondern die Einstellung, den Opfern erst einmal nicht zu glauben oder sie gar nicht anhören zu wollen, keinen Skandal entstehen lassen zu wollen, das Wohl der Institution über das Wohl der Opfer zu stellen; die Naivität, Tätern gleich mal zu vertrauen, dass sie sich gebessert hätten und sie einfach zu versetzen statt zu belangen; der fehlgeleitete Respekt gegenüber den Tätern, der Opfer und deren Familien daran hinderte, Anzeige zu erstatten; allgemein das Darüber-wird-nicht-geredet (viele der Taten in Australien geschahen ja vor Jahrzehnten).

 

Bericht aus der Irrenanstalt

Ich befinde mich inzwischen seit vier Wochen in einer Psychosomatischen Klinik, und werde noch weitere zwei Wochen hier sein. Da dachte ich mir, ich gebe meinen Lesern mal einen kurzen exklusiven Lagebericht.

Die Klinik, in der ich bin, gehört zu den hiesigen Bezirkskliniken und unterscheidet sich in der Praxis wahrscheinlich nicht allzu sehr von der standardmäßigen Psychiatrie, abgesehen davon, dass es hier keine Abteilung für die schwereren Fälle wie Psychosen und Schizophrenien gibt, keine geschlossene Abteilung für die akut Selbstmordgefährdeten, und keine forensische (ebenfalls geschlossene) für die Straftäter. Das hier ist eine kleinere Klinik für die leichteren Fälle: Angststörungen, Zwangsstörungen, Burnout, Depressionen, usw.

Das Gebäude ist schön gelegen, hell und modern eingerichtet, es gibt einen großen Garten mit Bäumen und Blumenbeeten, Liegestühlen und Sonnenschirmen, und einer großen Terrasse. Das Essen ist wirklich gut, abgesehen vielleicht von den kleinen Portionen in Plastikpäckchen abgepacktem Honig, die es beim Frühstücksbuffet gibt. Untergebracht ist man in hübsch ausgestatteten Einzel- oder Zweierzimmern (ja, ja, auch in solchen Kliniken macht sich unser Krankenkassensystem bemerkbar). Es gibt einen Fitnessraum und einen Sportraum, weil, wie ich hier erfahren habe, Sport als gutes Antidepressivum wirken soll, eine Bibliothek, aus der ich dieses großartige Werk der hohen Literatur her habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/07/26/ein-bisschen-scheiterhaufen-muss-sein/), einen Fernsehraum, eine Lounge mit Kaffeeautomat, Heißwasserautomat, Obstkorb und Süßigkeiten, und sogar einen Saunabereich (Sauna ist nicht meins, aber das hat schon irgendwie was, oder?). Oh, und es gibt eine Kapelle im obersten Stock, in der leider nie Gottesdienste stattzufinden scheinen, sondern höchstens die Gesangsgruppe, wenn der Gruppenraum zu klein für die Anzahl der Teilnehmer ist, die aber sehr schön eingerichtet ist und wunderschöne Kreuzwegstationen enthält. Ich werde hier mal noch Fotos nachliefern.

Die meisten der Patienten, ich auch, bekommen von den Ärzten Psychopharmaka verschrieben – in so geringer Dosis wie möglich. Es handelt sich um keine Wunderpillen und keine persönlichkeitsverändernden Mittel, mein Medikament wirkt etwas beruhigend und stimmungsaufhellend, und hat die einzige Nebenwirkung, dass ich etwas müder bin als zuvor.

Was die Therapien angeht, da gibt es pro Woche 50 Minuten Einzelgespräch mit einem Psychotherapeuten; der Fokus liegt auf den Gruppenveranstaltungen. Zusätzlich zur normalen Gruppentherapie gibt es Gruppen, die sich auf bestimmte Probleme konzentrieren (z. B. Ängste), oder die mit bestimmten Methoden arbeiten (Musiktherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie, Ergotherapie). Für diese Gruppen wird man je nach Bedarf von seinem Therapeuten eingeteilt. Es kann in den Gruppensitzungen um ganz verschiedene Themen gehen: Selbstwert und Selbstannahme, sozial angemessenes Verhalten, richtige Kommunikation, Autonomie, den Angstkreislauf, die Reaktion des Körpers auf psychische Probleme, Techniken für die Vorbereitung auf Panikattacken oder andere Krisen…

Ich habe mal einen Bericht über eine Jugendpsychiatrie gesehen, in der nachts alle zwei Stunden kurz jemand ins Zimmer gesehen hat und in der man sein Handy nur für eine Stunde am Tag bekommen hat. Hier ist das nicht so; vielleicht, weil das hier eine Einrichtung für Erwachsene ist, vielleicht, weil Kliniken das unterschiedlich handhaben, vielleicht, weil in dieser Psychiatrie Patienten mit weniger gravierenden Krankheiten sind als in jener. Ein paar Dinge sind hier anders als in der tpyischen Reha-Klinik, in die man nach einem Bandscheibenvorfall eingewiesen wird, das schon. Zum Beispiel sollen Besucher nicht mit auf die Zimmer kommen, weil die ein geschützter, privater Raum für den anderen Zimmergenossen sein sollen, wo nicht plötzlich die ganze Verwandtschaft des einen Zimmergenossen drin stehen soll. Setzt man sich mit seinen Besuchern eben in die Lounge oder auf die Terrasse.

Und ja, wir laufen hier alle frei herum. Wenn man die Klinik für länger als eine Stunde verlässt, soll man sich in eine Liste eintragen, und am Wochenende, wenn keine Therapien stattfinden, hat man sich morgens nach dem Frühstück kurz beim Pflegepersonal zu melden, um Bescheid zu geben, wie es einem geht und was man für den Tag geplant hat. That’s it. Letztens hat ein Therapeut in einer meiner Gruppen mal von einem Tag der offenen Tür erzählt, der kurz vor der Eröffnung der Klinik stattgefunden hat (die noch nicht lange her ist). Offenbar haben Leute aus dem Dorf damals tatsächlich gefragt, ob die Patienten denn hier alle frei herumlaufen dürfen. Ja, doch, das dürfen wir. Zwischen den Therapien gehen die Leute hier gerne mal ins Dorf runter, einkaufen oder in ein Café. Viele nutzen den Samstag- oder Sonntagnachmittag, um ein paar Stunden nach Hause zu ihrer Familie zu fahren oder einen Ausflug in der Umgebung zu machen; andere bleiben in der Klinik und setzen sich mit einem Buch auf einen Liegestuhl draußen. Besuch kann man hier übrigens auch jederzeit bekommen, und wenn man den Aufenthalt aus welchem Grund auch immer beenden möchte, kann man vorzeitig entlassen werden. (Zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen werden kann man nur im Fall akuter Selbst- oder Fremdgefährdung – also nicht, wenn man sich z. B. mal denkt, man würde eigentlich gerne sterben, sondern eher, wenn die Polizei einen gerade so noch davon abhalten konnte, von einer Brücke zu springen -, und dann würde man nicht in diese Einrichtung hier eingewiesen werden.)

Die Patienten hier sind sehr unterschiedlich. Eine alleinerziehende Lehrerin, eine Rentnerin, ein Schreiner, eine Verkäuferin Mitte zwanzig, eine junge Schwangere… alles dabei. Die allermeisten haben Familie, viele der älteren Patienten haben einen Ehepartner und eigene Kinder. Der Altersdurchschnitt liegt vermutlich bei vierzig oder fünfzig, aber es sind auch mehrere jüngere Leute in meinem Alter hier, und ein paar ältere über sechzig.

Den meisten hier würde man es, wenn man sie auf der Straße sähe, nie ansehen, dass sie psychische Probleme haben. Ja, auch Leute, die an Depressionen oder Panikattacken leiden, können äußerlich gepflegt sein, lächeln und fröhliche Gespräche führen. Es geht ihnen auch nicht pausenlos schlecht.

Bei ein paar wenigen Patienten merkt man es eher, dass es ihnen nicht gut geht: Sie bewegen sich sehr langsam, sprechen kaum, sehen meistens so aus, als ob sie gerade geweint oder schlecht geschlafen hätten, oder sitzen beim Essen im Speisesaal meistens lieber allein. Natürlich hat jeder hier so seine Krankheit. Und hier kann man sich mit Menschen unterhalten, die das verstehen, also gibt es öfter mal Gespräche darüber, dass man in dieser Nacht bloß mit einem abhängig machenden Beruhigungsmittel schlafen konnte (zu meinem großen Glück etwas, womit ich noch nie Probleme hatte!), oder dass man Konzentrationsprobleme hat, oder dass man vorhin in der und der Gruppe eine Panikattacke hatte, oder dass einem diese oder jene ganz normale Alltagsaufgabe schwerfällt. In gewisser Weise hilft es, zu merken, dass man nicht allein ist mit Problemen solcher Art – auch wenn es natürlich an sich nicht gerade toll ist, dass noch mehr Leute dieselben Probleme erleben müssen. Aber hier gibt es jedenfalls viel Verständnis. (Natürlich redet man auch nicht nur über seine Krankheiten. Ich habe hier auch schon Gespräche über Altgriechisch, die Kreuzzüge, Häkeltechniken und Berufspläne geführt.)

Das Ganze hier dauert für gewöhnlich sechs Wochen und wird ab und zu um zwei oder drei Wochen verlängert. Das Konzept ist, die Patienten für eine begrenzte Zeit aus dem Alltag herauszunehmen und sie in dieser Zeit intensiv mit Therapien zu begleiten, damit sie dann wieder ins normale Leben zurückgehen können. Einige sind nach ihrer Entlassung noch eine Zeitlang krankgeschrieben und für gewöhnlich macht man mit ambulanter Therapie weiter.

Der Weg in die Klinik war übrigens ziemlich einfach. Die Psychotherapeutin schlägt eine stationäre Therapie vor, man ringt sich schließlich dazu durch, fragt bei der Klinik an, in die man möchte, bekommt einen Brief, wann der nächste Platz frei ist (ein paar Wochen später), telefoniert noch ein paar Mal mit der Rezeption, holt sich eine Einweisung vom Hausarzt, und fährt dann an dem entsprechenden Termin hin. (Bei akuten psychiatrischen Erkrankungen wird der Weg wohl anders und schneller verlaufen.) In den ersten Tagen hat man dann die Aufnahmegespräche mit den Ärzten und den Psychotherapeuten, d. h., man muss zwei oder drei Mal seine Krankengeschichte erzählen und wird solche Dinge gefragt, wie, hat man schon einmal ein Psychopharmakum genommen, hat man schon einmal an Selbstmord gedacht, leidet man an Schlafstörungen, oder hört man manchmal Stimmen. (Ja, auch so etwas kann einem „normalen Menschen“ passieren. Mir zum Glück noch nicht, aber das ist gar nicht mal so selten, wie man glauben könnte.) Man wird von einem anderen Patienten, der sich als „Pate“ dazu bereiterklärt hat, durchs Haus geführt, und die Kunst-, Musik-, Ergo- und Sporttherapeuten geben allen Neulingen eine kurze Einführung in das, was sie so machen. Wenn alles das dann durch ist, erstellt der zuständige Therapeut einen Wochenplan für einen und es geht mit den normalen Therapien – wie oben beschrieben – weiter.

Ich habe den Eindruck, dass diese Therapien, und nicht zuletzt auch mein neues Medikament, mir inzwischen schon geholfen haben, und bin mal gespannt, wie es dann in zwei Wochen mit mir weitergehen wird, wenn ich wieder draußen sein werde.

Und das war’s auch schon! Interessanteres oder Spektakuläreres habe ich nicht zu berichten.

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Eine Blume in einem der Blumenbeete im Garten der Klinik. Keine Ahnung, was für eine. Sie hat mir einfach gefallen.

 

Was genau ist eigentlich Hexerei/Magie?

Nicht lange, nachdem ich meinen jetzigen Ex-Freund kennengelernt hatte, erzählte er mir einmal von seiner westafrikanischen Heimat (einem mehrheitlich christlichen Land mit einer größeren muslimischen und einer kleineren heidnischen Minderheit), und erwähnte dabei, dass es dort, obwohl, wie gesagt, die meisten Leute Christen seien wie er und ich, auch noch Menschen gäbe, die an „Magie“ glaubten. Diese Wortwahl kam mir damals sehr seltsam vor. Bei „Magie“ denke ich an Harry Potter oder Bibi Blocksberg, erfundene Figuren in harmlosen Büchern und Filmen, die von Geburt an besondere Fähigkeiten haben, mit denen sie besondere Dinge bewirken können; und nicht an irgendetwas Okkultes, was normale Menschen hier und heute tatsächlich zu praktizieren versuchen. Aber diese Verwendung des Begriffs „Magie“ ist ja eigentlich die ursprüngliche – und sie ist eindeutig nicht auf Afrika beschränkt.

Daran musste ich wieder denken, als ich diese Diskussion im Kommentarbereich von Huhn meets Ei über „Hexen“ und Neopaganismus/Schamanismus gelesen habe: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2017/08/wer-darf-gast-sein-in-deinem-zelt.html Der Artikel an sich bemängelt vor allem die mangelnde Anstrengung der Kirche, ihr eigenes Angebot zu „bewerben“, und zieht dazu zum Vergleich ein Beispiel aus der Welt der Esoterik heran, nämlich eine sich selbst so nennende „Hexe Minerva“, die in Niedersachsen einen „Hexenhof“ (http://www.minervas-hexenhof.de/) betreibt und dort eine große Auswahl an Produkten und Dienstleistungen für nicht unbedingt niedrige Preise feilbietet, darunter Kräuterseifen, Talismane, Edelsteine, Orakel, persönliche Lebensberatung, Enttaufungen, „spirituelle Hochzeiten“, „Schamanische Reinigungen“ und „Auftragszauber“. Ich muss zugeben, was mich als allererstes am meisten schockiert hat, als ich einen Blick auf ihre Webseite geworfen habe, war ihre Form der Zeichensetzung und Rechtschreibung (hier zum Beispiel (http://www.minervas-hexenhof.de/philosophie.html) ist von „Rieten“ und „Uhrvölkern“ die Rede – finde den Fehler); aber was sie dort so anbietet, ist natürlich auch nicht ganz unproblematisch aus christlicher Sicht.

In den Kommentaren unter dem besagten Artikel jedenfalls konzentrierte sich die Diskussion weniger auf die Frage nach der kirchlichen PR-Arbeit; katholische Kommentatoren bezeichneten insbesondere die „Enttaufungen“ als „etwas Dämonisches“ und „Teufelswerk“, woraufhin sich andere Kommentatoren zugunsten der „Hexe Minerva“ einschalteten, z. B. eine Kommentatorin mit längeren Beiträgen über das Thema Toleranz (also darüber, wie schlimm es ist, Begriffe wie „Teufelswerk“ zu verwenden) und ihre Meinung darüber, wie grässlich das Christentum doch ist. Und ich dachte mir, das wäre eine gute Gelegenheit, anzusehen, um welche spirituellen Praktiken genau es hier eigentlich geht, wieso jemand die als „etwas Dämonisches“ sehen kann, und wieso sie aus christlicher Sicht überhaupt problematisch sind. Bleiben wir bei diesem „Hexenhof“ als Beispiel.

Auf Hexe Minervas Webseite heißt es über Auftragszauber:

„Magie ist Energie und Energie fließt. Sie kann also überall eingesetzt werden, wo sie benötigt wird, je nach Wunsch. Ich biete so genannte „Auftragszauber “ an. Das heißt, Du erteilst mir einen Auftrag, für einen bestimmten Zauber und ich führe diesen aus.

Dies könnte sein:

Zauber für Liebe und Leidenschaft

Arbeit und Karriere

Gesundheit und Wohlergehen

Kraft und Heilungszauber

Glück und Schutz

Gegen Angriffe / Schwarze Magie

gegen Flüche / Familienschutz/Aufhebung

Loslassen und Trennungszauber

Erfolg“

Weiter unten stellt sie klar:

„Was ich aus meiner Ethik als Hexe heraus nicht tue: Ich absolviere grundsätzlich keine Zauber, die mit „Dritten“ zu tun haben und / oder jemand „Drittes“ beeinflussen sollen. Des Weiteren auch keinen Schadenszauber & so genannte Partnerrückführungen. Ich übernehme keinerlei Verantwortung für das Leben anderer Menschen, die für Ihr tun selbst Verantwortlich sind! Meine Magie ist eine Hilfestellung. Sie macht aus einem Tellerwäscher keinen Millionär. Ich verspreche nicht das „Blaue vom Himmel“, sehe meine Magie als eine Hilfestellung für Sie an, Dinge in Gang zu bringen, zu beschleunigen oder nachzuhelfen.“ (http://www.minervas-hexenhof.de/auftrags-zauber.html)

Na, immerhin. Auch in den Abschnitten dazwischen hat sie übrigens schon erklärt, wieso man sich nicht wundern soll, wenn ihre Magie nicht gleich wirkt, oder nicht so, wie man es sich eigentlich vorgestellt; nicht, dass sich Kunden noch beschweren. Die Annahme, dass es sich bei den Zaubern für je 125 Euro schlichtweg um Betrug handeln könnte, klingt damit nicht völlig unplausibel – aber das muss auch nicht unbedingt der Fall sein. Jemand kann auch gutes Geld mit etwas verdienen, an das er ernsthaft glaubt. (Das gilt übrigens auch für, sagen wir mal, Renaissancepäpste.) Und sie kann ja ernsthaft glauben, dass Zauber auf ihre eigene Art und Weise wirken müssen und ihre Zeit brauchen.

Schauen wir hier weiter, was sie über schamanische Orakelsitzungen (30 min macht 60 Euro) schreibt:

„Eine Sitzung ist immer ein wenig unterschiedlich, findet im Geschützen Geister Raum statt. Sie ist sehr persönlich. Sie können direkt daran teilnehmen und Ihre Fragen stellen. Ihre Geister und Ahnen werden angehalten zu helfen und sich Ihnen durch das Orakel mitzuteilen. Diese Art von Schau, basiert auf verschiedenen Uralten Schamanischen Techniken.“

Ihr seht langsam, was ich mit der Rechtschreibung und der Zeichensetzung meine, oder?

Nehmen wir also mal an, sie ist vollkommen ehrlich und glaubt an alles, was sie so auf ihrer Webseite über „Energie“ und „Energie Wesen“ (Das ist ein zusammengesetztes Substantiv!!!!! Da gehört keine Leerstelle hin!!!!!!! Entschuldigung.), „Geister und Ahnen“, „uralte schamanische Techniken“ und „Kraftquellen“ schreibt, und das ist nicht nur Geldmacherei. Schön.

Bei dieser Art Magie geht es also, zusammengefasst, darum, diverse Geistwesen – seien es die eigenen Ahnen oder irgendwelche Erdgöttinnen oder Energiegeister – anzurufen, um von ihnen entweder Informationen zu bekommen oder sie dazu zu bringen, Dinge für einen zu bewirken, z. B. Erfolg im Beruf, oder auch, was Minerva hier allerdings eben nicht anbietet, Schaden für persönliche Feinde; oder es geht darum, bestimmte Gegenstände als Talismane zum eigenen Schutz oder Nutzen zu verwenden, was sowohl eher harmlos – Heilkristalle, Amulette – als auch unter manchen Umständen ziemlich schlimm aussehen kann (zum Beispiel in manchen afrikanischen Ländern (soweit ich weiß, im Heimatland meines Ex-Freundes nicht), wo Albinos ermordet und ihre Körperteile als Glücksbringer verkauft werden: https://www.welt.de/wissenschaft/article138413514/Albinos-werden-in-Teilen-Afrikas-wie-Tiere-gejagt.html, http://www.sueddeutsche.de/panorama/aberglaube-in-afrika-albinos-abgeschlachtet-1.147634) Auch die Anrufung von Geistern kann natürlich ganz unterschiedlich aussehen; ein Phönizier, der ein Kleinkind opfert, ist offensichtlich etwas anderes als ein Teenager mit einem Ouija-Brett oder Hexe Minerva mit was auch immer genau sie in ihren Sitzungen verwendet. Zu dieser Art von Magie gehören Gläserrücken, Wahrsagen, Voodoo-Puppen (oder das europäische Pendant: Atzmänner: https://de.wikipedia.org/wiki/Atzmann_(Magie)), Tarotkarten, Pendeln, und dergleichen – keine Zauberstäbe und Quidditch-Spiele. Schade.

Die christliche Kritik an alldem kann natürlich erstens lauten, dass es Blödsinn ist, der nicht funktioniert. Ein Stein, den du um deinen Hals trägst, wird dir kein Glück bringen. Da besteht kein logischer Zusammenhang. Für einen Menschenknochen gilt dasselbe. Solcher Aberglaube ist schlecht, weil man sein Vertrauen in unsinnige und unlautere (und manchmal entsetzliche) Praktiken statt in Gott setzt, er ist ein Verstoß gegen das erste Gebot, nur den einen wahren Gott zu verehren. Die ganzen Lehren, die dahinter stehen, sind einfach falsch; es ist ein unethischer und letztlich fruchtloser Versuch, geheime Macht über das Schicksal, die Natur oder andere Menschen zu gewinnen. Ich glaube, ein Großteil der Anziehungskraft des Okkultismus liegt darin, dass es sich hier um eine Art geheimes Wissen, um besondere Kräfte handelt, von denen andere Menschen nichts ahnen. Man kommt in einen inneren Kreis der Privilegierten, der Eingeweihten hinein. Man macht sich eine Welt zunutze, die andere gar nicht kennen. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es dazu:

„Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen: Indienstnahme von Satan und Dämonen, Totenbeschwörung oder andere Handlungen, von denen man zu Unrecht annimmt, sie könnten die Zukunft „entschleiern“ [Vgl. Dtn 18,10; Jer 29,8.]. Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.

Sämtliche Praktiken der Magie und Zauberei, mit denen man sich geheime Mächte untertan machen will, um sie in seinen Dienst zu stellen und eine übernatürliche Macht über andere zu gewinnen – sei es auch, um ihnen Gesundheit zu verschaffen -‚ verstoßen schwer gegen die Tugend der Gottesverehrung. Solche Handlungen sind erst recht zu verurteilen, wenn sie von der Absicht begleitet sind, anderen zu schaden, oder wenn sie versuchen, Dämonen in Anspruch zu nehmen. Auch das Tragen von Amuletten ist verwerflich. Spiritismus ist oft mit Wahrsagerei oder Magie verbunden. Darum warnt die Kirche die Gläubigen davor. Die Anwendung sogenannter natürlicher Heilkräfte rechtfertigt weder die Anrufung böser Mächte noch die Ausbeutung der Gutgläubigkeit anderer.“ (KKK, Nr. 2116-2117; http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P7L.HTM)

Problematischer als bloße Talismane sind natürlich alle Praktiken, bei denen Geister direkt angerufen werden – vor allem aus den Gründen, die der Katechismus nennt, aber nicht nur. Wir Katholiken glauben auch, dass es tatsächlich Geistwesen gibt, nämlich die sog. Engel, die wie wir Menschen einen freien Willen haben, und sich für oder gegen Gott entscheiden mussten, weshalb es gute Engel und böse Engel (die gefallenen Engel oder Dämonen) gibt. Dämonen sind, ebenso wie die guten Engel, weder allwissend noch allmächtig. Sie können uns daher nicht einfach nach Belieben schaden. Aber… es gibt die theoretische Möglichkeit, dass Dämonen Zugang zu und Einfluss über Menschen gewinnen könnten, wenn die sich durch okkulte Praktiken selbst für „Geister“ öffnen, indem sie sich zum Beispiel als „Medium“ zur Verfügung stellen. Geister sind nicht immer gut, und manchmal kommen vielleicht tatsächlich Geister, die man lieber nicht hätte da haben wollen, wenn sie denn schon eingeladen werden. Natürlich können Geschöpfe immer nur so viel Schaden anrichten, wie Gott zulässt. Zwar lässt Gott auch uns Menschen mit unserem freien Willen so einigen Schaden anrichten, aber wir haben genauso wenig unbegrenzte Macht wie eben die Engel. Aber trotzdem, aus katholischer Sicht ist es wirklich nicht anzuraten, nur mal zum Spaß Gläserrücken auszuprobieren. Nein, ich glaube nicht, dass der Teufel auf jeden Abergläubischen lauert. Mich hat man als Kind mal zum Warzenabbeten mitgenommen (ja, ja, auch im katholischen Bayern hat der Aberglaube seine Wurzeln geschlagen…), und, guess what, keine dämonische Besessenheit, kein Bedarf, sich wegen eines Exorzisten ans Bistum zu wenden. (Die Warzen waren allerdings auch nicht weg.) Aber trotzdem würde ich ohne Ausnahme die Finger von so etwas lassen. Wie Arthur Weasley in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ so weise gesagt hat: „Vertraue niemals etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Hirn hat.“ (Ich zitiere aus dem Gedächtnis, weil ich das Buch nicht hier habe.) Man hat keine Ahnung, was für ein Geist beim Gläserrücken antwortet, wenn denn da ein Geist antwortet und das Ganze nicht nur durch Autosuggestion und Betrug funktioniert.

Übrigens, das Argument, dass okkulte Praktiken fruchtlos sind, bleibt bestehen, wenn man annimmt, dass böse Geister gelegentlich antworten könnten. Wer glaubt denn, dass der „Vater der Lüge“ (als angeblicher Geist von Onkel Manfred) einem beim Gläserrücken tatsächlich die Wahrheit erzählen würde? Oder dass er die Macht hätte, einem selber Glück im Beruf zu verschaffen, oder dem bösen Nachbarn eine Krankheit, im Fall eines Schadenszaubers? Und gute Engel lassen sich nicht auf diese Weise herbeizitieren, und Tote auch nicht. Vielleicht erscheinen sie einem manchmal von selber mit Gottes Erlaubnis / auf Gottes Anweisung hin. Aber man kann sie nicht herbeizwingen.

Das also sind, grob gesagt, die Gründe, wieso Hexerei im Sinne von Okkultismus und Spiritismus – die immer existiert hat, zu manchen Zeiten und Orten bloß etwas auffälliger als zu anderen (zum Beispiel war der Spiritismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der feinen europäischen Gesellschaft sehr beliebt) – aus christlicher Sicht schlecht ist.

Man sollte hier vorsichtig sein, auf der Seite von Schamanen oder deren Kunden böse Absichten zu vermuten. Die Schamanen glauben (vermutlich) an das, was sie tun, wenn nicht immer, dann doch oft genug, und haben wohl auch das Gefühl, mit ihren Diensten Gutes zu tun (wie die Hexe Minerva, die als ethische Hexe keine Schadens- oder Liebeszauber anbieten möchte). Sie wollen keine bösen Geister herbeirufen, sondern gute – wie sie auch auf die Idee gekommen sind, dass das immer funktionieren wird. Die meisten ihrer Kunden wollen vielleicht einfach mal gucken, nehmen das selber gar nicht so richtig ernst, oder aber lassen sich von der Verbundenheit-mit-der-Natur-Rhetorik von Leuten wie Minerva von deren Theorien überzeugen. Diese Vorstellungen sind ja auch nicht – auch wenn Heilkristalle o. Ä. das sind – von vorne bis hinten vollkommen falsch. Nö, Irrlehren haben oft einen wahren Kern, den sie dann überdehnen. Zum Beispiel hier:

„Die Natur ist für uns beseelt , heilig und voller Magie. Alles ist mit dieser Essenz versehen und jeder Mensch, jedes Tier, ja sogar jeder Stein besitzt seine Heiligkeit und seine Kraft. […] ‚Anam cara‘ – alle Seelen sind miteinander verbunden.- So sagen die Kelten… Das Hauptanliegen ist es, Sie mit Techniken vertraut zu machen, welche es Ihnen  ermöglichen wieder Kontakt zu Ihren  Wurzeln und Ahnen aufzunehmen. Die Gesetzmäßigkeiten der Natur kennenzulernen, zu leben und so Kraft und innere Heilung zu erfahren. Die eigene Mitte zu finden Ein Treffpunkt, ein Versammlungspunkt, wie ein Kraftquelle-, soll der Hexen Hof sein, Kreativität und Spiritualität fördern, egal wo Sie herkommen und egal wo Sie hin wollen. Den Bezug zur Mutter Erde wollen wir herstellen und viel Raum für eigene Erfahrungen lassen. Der Heiligkeit der Natur und unsere Ahnen erfahren, sich somit selbst in unserem Innersten begegnen…. Ihr sollt bei uns einen Ort finden, der neugierig macht, nach innen zu forschen – die eignen Kraftquellen und Wurzeln kennenzulernen, ganz ohne die Ablenkung der Zivilisation. Wir sind kein Seminar Hof im herkömmlichen Sinne, vielmehr sind wir ein Ort der Begegnung und des Erfahrungsaustausches. Wo Einfachheit und ursprüngliche Natur ihre Wirkung entfalten sollen und Seelen sich in ihrem tiefsten inneren Begegnen…“ (http://www.minervas-hexenhof.de/philosophie.html)

Mir wäre es lieber, wenn sie sich „in ihrem tiefsten Inneren begegnen“ würden.

Okay, zum eigentlichen Punkt. Lassen wir die Fehler Fehler sein und nehmen wir das Gelaber mal auseinander:

  • „Die Natur ist beseelt und heilig“: Kommt darauf an, was man darunter versteht. Die Natur ist von Gott geschaffen und, ja, sie spiegelt etwas von Seinem Wesen wider. Die ganze Schöpfung ist wunderbar. Ich liebe es, Buchenblätter oder Buschwindröschen anzusehen. Tiere sind faszinierend, Geologie ist faszinierend, und Astrophysik ist faszinierend. Pflanzen oder Tiere sind nicht einfach nur verwendbares Material, sie sind mehr. Wir sollen sie behüten. ABER: Die Natur ist gefallen, sie ist nicht perfekt, wie sie sein sollte. In ihr gibt es schlechte Dinge – Tod, Schmerzen, „Fressen oder gefressen werden“. Und in einem Stein steckt nun einmal kein Geist, und die Natur ist auch nicht selbst göttlich.
  • „Bezug zur Mutter Erde“: Wie gesagt, die Natur ist etwas sehr Gutes. Bezug zur Natur ist etwas Gutes, das unter manchen Umständen tatsächlich der Psyche helfen könnte. Ein Waldspaziergang muntert auf, ja, doch, soweit okay. Verständnis für die Natur und Rücksicht auf sie ist auch gut. Man muss beim Waldspaziergang ja nicht seinen Müll zwischen die Bäume werfen. Aber das hier klingt wieder nach Vergöttlichung der Natur, also nach Pantheismus, und speziell nach einem Pantheismus mit einer weiblichen Erdgöttin. Hier wird vielleicht deutlich, wieso Gott im Christentum mit männlichen Pronomen versehen und als „Vater“ angeredet wird, obwohl es in der Bibel auch weibliche Metaphern für Gott gibt und Gott natürlich nicht unseren Geschlechterkategorien untergeordnet ist: Der Vatergott bringt die Vorstellung eines ferneren Schöpfers mit sich, während die Muttergöttin eher eine pantheistische Vorstellung der Erde / der Natur, die die einzelnen Geschöpfe dann „gebiert“, weckt. Es gibt aber eben keine „Mutter Erde“ als Person, zu der wir eine persönliche Beziehung haben können – falls das hier gemeint ist. Der Pantheismus ist in sich unlogisch, denn er nimmt einem letztlich die Möglichkeit, das Schlechte in der Natur – Tod etc. – als wirklich schlecht anzuerkennen – schließlich gehört es ja auch zur Natur. Ein außerhalb und oberhalb der gefallenen Welt stehender Schöpfergott, der das Gute liebt und gerecht über Gut und Böse richtet, lässt einem diese Möglichkeit.
  • „Alle Seelen sind miteinander verbunden“: Wir haben einen gemeinsamen Vater im Himmel, wir sind alle Geschwister, sind eine solidarische Gemeinschaft, jep, alles gut. Solange man diesen Satz nicht in dem Sinne interpretiert, dass es nur eine große Weltseele gibt, von der jede einzelne Seele nur ein kleiner Teil ist – aber das sagt er ja eigentlich nicht.
  • „ein Ort, der neugierig macht, nach innen zu forschen – die eignen Kraftquellen und Wurzeln kennenzulernen, ganz ohne die Ablenkung der Zivilisation“: Zivilisation ist nichts Schlechtes, by the way. Zivilisation bedeutet einfach gut organisiertes, solidarisches menschliches Zusammenleben. Ohne Zivilisation gäbe es auch den Hexenhof nicht. Okay, ja, manchmal will man sich von anderen Menschen zurückziehen. Aber das heißt eben nicht, dass Autobahnen, Abwasserleitungen, Supermärkte und Büros etwas Schlechtes sind. Nach innen forschen – klingt okay. Ab und zu braucht es den Blick auf die eigene Seele wohl. Bei Exerzitien wird wohl auch so was Ähnliches gemacht. Eigene Kraftquellen – was ist damit gemeint? Ominöse Energieströme? Oder soll man einfach die eigenen Stärken erkennen, damit man sie sich bei zukünftigen Problemen zunutze machen kann?
  • „Kontakt zu ihren Wurzeln und Ahnen“: Okay, und was ist mit dem Urgroßvater, der in der SS gekämpft hat und den man nie kennengelernt hat, weil er in Stalingrad gefallen ist? Oder der giftigen, mit der ganzen Verwandtschaft zerstrittenen Großtante, die vorletztes Jahr an Krebs gestorben ist und bei deren Beerdigung – seien wir ehrlich – man ihr zwar nichts Böses mehr gewünscht hat, aber auch nicht allzu viele Tränen um sie geflossen sind? Oder dem Alkoholiker-Großonkel, dessen Frauen-Witze man bei den Familienfesten stets geflissentlich überhört hat, als er noch am Leben war? Ernsthaft: Was soll das mit den Ahnen? Ja, meine Ahnen haben eine gewisse Bedeutung dafür, wer und was ich jetzt bin, aber sie waren auch nur Menschen. Es ist gut, den lieben verstorbenen Großvater in Ehren zu halten, es schadet nicht, die Geschichte der eigenen Familie zu verstehen, aber sollte ich nicht lieber mehr Kontakt zu meiner noch lebenden Familie haben? Und von den Toten heraufbeschwören möchte ich meine armen Großeltern oder Urgroßeltern, die jetzt endlich ihre Ruhe vor dieser Welt haben, ganz sicher nicht mehr, falls es hier darum gehen sollte.
  • „Die eigene Mitte finden“: Was genau will uns das sagen? Das eigene Ziel im Leben finden, um das man das Leben dann ausrichten kann? Ausgeglichenheit finden? Was heißt das hier genau?

Solche Texte enthalten viel Selbstverständliches gepaart mit einigem Blödsinn und viel, viel Gelaber, bei dem man nicht weiß, in welche Richtung es geht: Perfektes Rezept, um Leute anzulocken.

So viel zu der ganzen Naturmystik, die nicht zwangsläufig mit Hexerei zusammenhängt, allerdings im Fall solcher Anbieter von natürlicher / schamanischer Spiritualität oft mit ihr einhergeht und dabei hilft, Leute zu „magischen“ Praktiken hinzuführen.

Noch eines, was die Bezeichnung „Neopaganismus“ für dieses ganze Konglomerat angeht: Die halte ich für sehr unpassend, denn als pagane („heidnische“) Religionen bezeichnet man im Christentum ja eigentlich alle nicht-jüdischen, vorchristlichen Mythologien, Philosophien und spirituellen Praktiken – und der Konfuzianismus, die Stoa, der Zoroastrismus oder der Buddhismus haben nun wirklich nicht viel mit Gläserrücken oder Auftragszaubern zu tun. Auch den ursprünglichen afrikanischen oder indianischen Religionen wird man nicht gerecht, wenn man sie mit deutschem Schamanismus gleichsetzt. (Viele dieser unterschiedlichen Religionen kennen zum Beispiel den Glauben an einen einzigen Gott, auch wenn der als sehr weit entfernt von der Welt der Menschen gedacht wird, und man sich für praktische Probleme eher an die Zwischenwelt der Geister wendet. Aber auch in anderen Dingen unterscheiden sie sich vom „Neopaganismus“.) Wir sollten fairer gegenüber dem Heidentum sein.

 

Über schwierige Bibelstellen, Exkurs: Über das Ringen mit Gott (und der Bibel) – Weisheit 12 vs. Genesis 32

Kurz nachdem ich Teil 13 dieser Reihe, über die Landnahme, beendet hatte, bin ich noch auf die folgende Bibelstelle gestoßen, in der es um genau dieses Thema geht, und die mir erst einmal Stoff zum Nachdenken gegeben hat, weshalb ich sie auch meinen Lesern nicht vorenthalten wollte (schließlich will ich hier alle zum Thema gehörenden Argumente möglichst vollständig präsentieren) :

„Denn wer darf sagen: Was hast du getan? Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte gegen dich auftreten als Anwalt schuldiger Menschen? Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen wegen der Menschen, die du gestraft hast. (Weisheit 12,12-14)

Hm, äh, ja.

Bevor jemand fragt, ich nehme Teil 13 nicht zurück.

Ich bin hier schon einmal (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/28/ueber-schwierige-bibelstellen-exkurs-etwas-grundsaetzliches-ueber-gottes-gutheit/) darauf eingegangen, dass ich es für sehr nötig halte, darzulegen, dass der Gott der Bibel ein gerechter Gott ist, und deshalb klarzumachen, wie Stellen über die Landnahme verstanden werden sollten, und wie sie meiner Meinung nach nicht verstanden werden sollten. Von „fundamentalistisch“-christlicher, besonders von calvinistischer, Seite wäre ja gegen solche Rechtfertigungs- und Erklärungsversuch der Einwand möglich, dass wir einfach zu akzeptieren haben, wie Gott sich zeigt, anstatt das und das zu hinterfragen und mit einer unvollständigen Offenbarung, einem historischen Kontext oder einem „das ist nicht wörtlich gemeint“ wegzuerklären – und das Gleiche scheint ja jetzt auf den ersten Blick auch dieser Text aus der Bibel selbst zu sagen.

 

Ich antworte darauf, dass wir zum einen ein vollständiges Bild dessen brauchen, was die Bibel zum Thema „Gott hinterfragen“ sagt. (Zum anderen brauchen wir die Verse im Zusammenhang – aber dazu unten!) Sie enthält nämlich u. a. auch folgende Stellen:

„In derselben Nacht stand er [Jakob] auf, nahm seine beiden Frauen, seine beiden Mägde sowie seine elf Söhne und durchschritt die Furt des Jabbok. Er nahm sie und ließ sie den Fluss überqueren. Dann schaffte er alles hinüber, was ihm sonst noch gehörte. Als nur noch er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, schlug er ihn aufs Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Der Mann sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Jener fragte: Wie heißt du? Jakob, antwortete er. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel (Gottesstreiter); denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort. Jakob gab dem Ort den Namen Penuël (Gottesgesicht) und sagte: Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen. Die Sonne schien bereits auf ihn, als er durch Penuël zog; er hinkte an seiner Hüfte. Darum essen die Israeliten den Muskelstrang über dem Hüftgelenk nicht bis auf den heutigen Tag; denn er hat Jakob aufs Hüftgelenk, auf den Hüftmuskel geschlagen.“ (Genesis 32,23-33) Sehr… kryptische Geschichte, nicht wahr?

Der Herr erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. Abraham saß zur Zeit der Mittagshitze am Zelteingang. Er blickte auf und sah vor sich drei Männer stehen. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang aus entgegen, warf sich zur Erde nieder und sagte: Mein Herr, wenn ich dein Wohlwollen gefunden habe, geh doch an deinem Knecht nicht vorbei! […] Die Männer erhoben sich von ihrem Platz und schauten gegen Sodom. Abraham wollte mitgehen, um sie zu verabschieden. Da sagte sich der Herr: Soll ich Abraham verheimlichen, was ich vorhabe? Abraham soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. Denn ich habe ihn dazu auserwählt, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm aufträgt, den Weg des Herrn einzuhalten und zu tun, was gut und recht ist, damit der Herr seine Zusagen an Abraham erfüllen kann. Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen. Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn. Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten? Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun. Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten. Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten. Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.“ (Genesis 18,1-3.16-33)

„Es war am Ende der vierzig Tage und der vierzig Nächte, als mir der Herr die beiden Steintafeln, die Tafeln des Bundes, übergab und zu mir sagte: Steh auf, steig rasch hinunter, weg von hier; denn dein Volk, das du aus Ägypten geführt hast, läuft ins Verderben. Sie sind rasch von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Bildnis gegossen. Weiter sagte der Herr zu mir: Ich habe mir dieses Volk angesehen. Ja, es ist ein halsstarriges Volk. Lass mich, damit ich sie vernichte, ihren Namen unter dem Himmel auslösche und dich zu einem Volk mache, das mächtiger und zahlreicher als dieses ist. Ich wandte mich um und stieg den Berg hinunter. Der Berg stand in Feuer. Ich trug die beiden Tafeln des Bundes auf meinen Armen. Und ich sah, was geschehen war: Ja, ihr hattet euch an dem Herrn, eurem Gott, versündigt, ihr hattet euch ein Kalb gegossen, ihr wart rasch von dem Weg abgewichen, den der Herr euch vorgeschrieben hatte. Ich packte die beiden Tafeln, die ich auf meinen Armen trug, schleuderte sie fort und zerschmetterte sie vor euren Augen. Dann warf ich mich vor dem Herrn nieder. Wie beim ersten Mal blieb ich vierzig Tage und vierzig Nächte vor ihm, aß kein Brot und trank kein Wasser, wegen all der Sünde, die ihr begangen hattet, indem ihr tatet, was in den Augen des Herrn böse ist, sodass ihr ihn erzürntet. Denn ich hatte Angst vor dem glühenden Zorn des Herrn. Er war voll Unwillen gegen euch und wollte euch vernichten. Doch der Herr erhörte mich auch diesmal. (Deuteronomium 9,11-19)

Mit Gott zu streiten, mit Gott zu ringen, mit Gott zu verhandeln, Gott zu hinterfragen, hartnäckig Bitten an Gott zu richten, damit Er etwas anders macht, als Er es ursprünglich geplant hatte… das alles wird in diesen Stellen als gut dargestellt.

 

Vielleicht sehen wir anderswo, wie diese Stellen zusammengebracht werden können.

Da wäre nämlich einerseits das Buch Ijob. Ijob, der schweres Leid ertragen muss, klagt über sein Schicksal, verzweifelt daran. „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen. […] Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich?“ (Ijob 3,3.11) Und er klagt Gott an – Hab ich gefehlt? Was tat ich dir, du Menschenwächter? Warum stellst du mich vor dich als Zielscheibe hin? Bin ich dir denn zur Last geworden?“ (Ijob 7,20) – und bekennt dabei seine eigene Hilflosigkeit vor dem Herrn: „Wie sollte denn ich ihm entgegnen, wie meine Worte gegen ihn wählen? Und wär ich im Recht, ich könnte nichts entgegnen, um Gnade müsste ich bei meinem Richter flehen. Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört. Er, der im Sturm mich niedertritt, ohne Grund meine Wunden mehrt, er lässt mich nicht zu Atem kommen, er sättigt mich mit Bitternis. Geht es um Kraft, er ist der Starke, geht es um Recht, wer lädt mich vor?“ (Ijob 9,14-19) Ich sage zu Gott: Sprich mich nicht schuldig, lass mich wissen, warum du mich befehdest. Nützt es dir, dass du Gewalt verübst, dass du das Werk deiner Hände verwirfst, doch über dem Plan der Frevler aufstrahlst? Hast du die Augen eines Sterblichen, siehst du, wie Menschen sehen? Sind Menschentagen deine Tage gleich und deine Jahre wie des Mannes Tage, dass du Schuld an mir suchst, nach meiner Sünde fahndest, obwohl du weißt, dass ich nicht schuldig bin und keiner mich deiner Hand entreißt?“ (Ijob 10,2-7) Die Freunde Ijobs, die ihn besuchen gekommen sind, sind empört ob solcher Blasphemie und machen sich sofort an die Aufgabe, Gott zu verteidigen: Gott ist gerecht, Ijob muss gesündigt und sich sein Leid verdient haben, da mag er noch so sehr seine Unschuld beteuern. „Wie lange noch willst du derlei reden? Nur heftiger Wind sind die Worte deines Mundes. Beugt etwa Gott das Recht oder beugt der Allmächtige die Gerechtigkeit?“ (Ijob 8,2f.) „O, dass Gott doch selber spräche, seine Lippen öffnete gegen dich. Er würde dich der Weisheit Tiefen lehren, dass sie wie Wunder sind für den klugen Verstand. Wisse, dass Gott dich zur Rechenschaft zieht in deiner Schuld. Die Tiefen Gottes willst du finden, bis zur Vollkommenheit des Allmächtigen vordringen? Höher als der Himmel ist sie, was machst du da? Tiefer als die Unterwelt, was kannst du wissen?“ (Ijob 11,5-8)

Und am Ende schaltet Gott sich tatsächlich selbst ein, als erstes mit zwei langen, an Ijob gerichteten Reden in den Kapiteln 38-41. Zunächst scheint Er ganz im Sinne der Freunde zu sprechen: „Da antwortete der Herr dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: Wer ist es, der den Ratschluss verdunkelt mit Gerede ohne Einsicht? Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann: Ich will dich fragen, du belehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Du weißt es ja. Wer hat die Messschnur über ihr gespannt? […] Mit dem Allmächtigen will der Tadler rechten? Der Gott anklagt, antworte drauf!“ (Ijob 38,1-5; 40,2) „Da antwortete der Herr dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, du belehre mich! Willst du wirklich mein Recht zerbrechen, mich schuldig sprechen, damit du Recht behältst? Hast du denn einen Arm wie Gott, dröhnst du wie er mit Donnerstimme?“ (Ijob 40,6-9) Allzu zornig wirkt das zwar nicht, aber sehr klar und deutlich.

Aber dann, in Kapitel 42, richtet Er Sein Wort noch an jemand anderen: „Als der Herr diese Worte zu Ijob gesprochen hatte, sagte der Herr zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob. (Ijob 42,7) Ijob erhält von Gott tatsächlich keine Antwort darauf, wieso er so leiden musste; die einzige Antwort, die er erhält, ist, dass die Antwort zu hoch für ihn wäre und Gott sie schon kennen wird. (Und diese Antwort akzeptiert er; als Gott ihn auffordert, ihm zu antworten, sagt er: „Ich hab erkannt, dass du alles vermagst; kein Vorhaben ist dir verwehrt. Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt? So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind. Hör doch, ich will nun reden, ich will dich fragen, du belehre mich! Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum widerrufe ich und atme auf, in Staub und Asche. (Ijob 42,2-6)) Aber gleichzeitig wird vom Herrn selber bestätigt, dass Ijob „recht geredet“ hat von Gott, und seine Freunde nicht. Ijob hatte Recht damit, darauf zu bestehen, dass er nichts getan hatte, um sein Leid zu verdienen; und es war schlicht grausam und falsch von den Freunden, ihn überreden zu wollen, eine nicht existierende Schuld anzuerkennen. Ijob war im Recht damit, die Ungerechtigkeit in der Welt und in seinem Leben speziell zu sehen, und Gott direkt anzusprechen und nach Antworten zu suchen, anstatt über Gott apologetische Reden zu halten, um sicherzustellen, dass Er gegenüber einem leidgeprüften Menschen immer noch korrekt dasteht.

Dann gäbe es, in Bezug auf das Bittgebet, auch noch dieses in den Evangelien erzählte Ereignis:

„Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete. Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein Stück weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.(Matthäus 26,36-39)

Ich denke, Weisheit 12 beleuchtet die eine Seite der Wahrheit, und andere oben zitierten Stellen die andere.

  • Es ist gut, unser Verständnis von Gott zu hinterfragen, darum zu ringen, Ihn kennen zu lernen.
  • Es ist gut, zu hinterfragen, was wir für den Willen Gottes in unserem Leben halten.
  • Es ist gut, Bittgebete vor Gott zu bringen.

Aber: Trotzdem wissen wir, dass Gott am Ende Recht behalten wird, dass Er immer vollkommen im Recht ist, und dass wir Gott nicht zu irgendetwas „überreden“ können, das Er eigentlich nicht wollte.

Es ist nicht so, dass Gott ein Gott wäre, der dazu neigt, sich im Zorn für etwas Schlechtes zu entscheiden, aber dann von einem Menschen überzeugt werden müsste/könnte, das doch noch zu lassen, wie es bei einem oberflächlichen Lesen der Abraham-Geschichte in Genesis 18 erscheint. Beim Bittgebet kann man bekanntlich das (scheinbare) logische Problem aufstellen, dass Gott, wenn er möchte, dass etwas geschieht, es mit oder ohne unser Gebet geschehen lassen würde. Dieses Dilemma verkennt einfach die Art, wie Gott Dinge bewirkt, und wie Er dem freien Willen Seiner Geschöpfe Raum lässt. Er verhält sich (unter manchen Umständen) wie Eltern, die manchmal auch warten, bis ihre Kinder von selbst eine Frage stellen oder „Bitte“ sagen (und den Wunsch der Kinder dann entweder erfüllen oder nicht). Gott reagiert also sehr wohl auf unsere Bitten – und zwar unterschiedlich, je nachdem, was gut für uns ist; Jesu Gebet zeigt uns ja, dass man dann am Ende immer noch sagen muss: Aber dein Wille geschehe. Aber das heißt nicht, dass wir Ihn mit unseren Bitten von ungehörigem, ungerechtem Zorn abhalten müssten/könnten/sollten. Es ist gut, Bitten an Gott zu richten, aber im Wissen, dass Er dann nach Seinem besseren Wissen entscheiden wird, was das Beste ist, und mit dem Willen, in jedem Fall Seinen Willen geschehen zu lassen.

Und Ähnliches gilt eben für Ijobs Vorwürfe. Gott ist gerecht. Gott hört auf Ijobs Stimme und sieht sein Leid. Es gibt einen Grund für dieses Leid. Gott ist nicht einfach ein allmächtiger Tyrann, gegen den es keine Berufungsinstanz mehr gibt. Er ist vollkommen gut, und Er hat für alles Seine Gründe.

Und hier kommt wieder Weisheit 12,12-14 ins Spiel: Diese Stelle erinnert uns, gegenüber anderen Texten, in denen Gott sehr vermenschlicht dargestellt wird, dass der Herr eben in entscheidenden Dingen nicht wie ein Mensch ist. Er muss sich nicht rechtfertigen, auch nicht dann, wenn Er Leid zulässt. (Nicht „verursacht“, denn das tut Er nicht. Wichtige Unterscheidung, die im AT oft noch unklar ist.)

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, zu fragen, wie genau Gott sich denn zeigt und ob wir das und das denn so und so verstehen können: Zuerst einmal, um keine Widersprüche im Verständnis verschiedener Bibelstellen (die Bibel ist eine dicke Sammlung vieler Schriften, die unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit beleuchten) entstehen zu lassen, dann  aber vor allem, um Gottes Gutheit niemals aus dem Blick geraten zu lassen. Gott ist gut; das ist das Fundament aller Bibelauslegung. Wenn wir dieses Fundament vergessen, könnten wir unsere Religion eigentlich gleich ganz vergessen. Einem nicht absolut guten Gott will ich gar nicht dienen. Und deshalb ist das kritische Hinterfragen unseres Verständnisses von Gott sehr wohl nötig. Wenn ungerechtfertigte Vorwürfe gegen unseren Gott vorgebracht werden, wollen wir ja schließlich die Wahrheit kennen und verteidigen, anstatt uns zu zwingen, ein verzerrtes Gottesbild zu akzeptieren.

 

Ach ja, und man sollte auch noch hinzufügen, dass es in den oben zitierten Versen aus Weisheit 12 sowieso eher darum geht, wieso Gott die Kanaaniter erst gar nicht und dann bloß nach und nach gestraft hat, anstatt gleich ordentlich durchzugreifen:

„Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist. Darum bestrafst du die Sünder nur nach und nach; du mahnst sie und erinnerst sie an ihre Sünden, damit sie sich von der Schlechtigkeit abwenden und an dich glauben, Herr. Du hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten, Zauberkünste und unheilige Festbräuche; sie waren erbarmungslose Kindermörder und verzehrten beim Opfermahl Menschenfleisch und Menschenblut. Darum beschlossest du, mitten im Gelage die Teilnehmer und deren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten, durch die Hände unserer Väter zu vernichten; denn das Land, das dir vor allen anderen teuer ist, sollte eine seiner würdige Bevölkerung von Gotteskindern erhalten. Doch selbst mit jenen gingst du schonend um, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Hornissen voraus, um sie nach und nach zu vernichten. Obgleich du die Macht hattest, in einer Schlacht die Frevler den Gerechten in die Hand zu geben oder sie durch wilde Tiere oder ein unerbittliches Wort mit einem Schlag auszurotten, vollzogst du doch erst nach und nach die Strafe und ließest so Zeit für die Umkehr. Dabei wusstest du genau, dass ihr Ursprung böse und ihre Schlechtigkeit angeboren war und dass sich ihr Denken in Ewigkeit nicht ändern werde; sie waren schon von Anfang an ein verfluchter Stamm. Keine Furcht vor irgendjemand hat dich dazu bestimmt, sie für ihre Sünden ohne Strafe zu lassen. Denn wer darf sagen: Was hast du getan? Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte gegen dich auftreten als Anwalt schuldiger Menschen? Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen wegen der Menschen, die du gestraft hast. Gerecht, wie du bist, verwaltest du das All gerecht und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht, den zu verurteilen, der keine Strafe verdient. Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit und deine Herrschaft über alles lässt dich gegen alles Nachsicht üben. Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt, und bei denen, die sie kennen, strafst du die trotzige Auflehnung. Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht; denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst. Durch solches Handeln hast du dein Volk gelehrt, dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss, und hast deinen Söhnen die Hoffnung geschenkt, dass du den Sündern die Umkehr gewährst. Du hast die Feinde deiner Kinder, auch wenn sie den Tod verdienten, sehr nachsichtig und nur nach und nach gestraft und ihnen Zeit und Möglichkeit gegeben, sich von ihrer Schlechtigkeit abzuwenden.“ (Weisheit 12,1-20)

Sprich, Gott hat sich mit der Bestrafung der Kanaaniter nicht deshalb Zeit gelassen, weil es irgendjemanden (z. B. andere Götter) gegeben hätte, der sich Ihm hätte entgegenstellen könnten, wenn Er diese Völker auf einmal hätte völlig vernichten wollen, sondern weil Er selber nachsichtig sein wollte. Also ist die Aussage hier eher „Unser Gott ist sehr wohl allmächtig, Er könnte euch vernichten, wenn Er wollte, aber Er ist eben auch gnädig!“, und weniger „Unser Gott kann machen, was Er will, Er braucht sich vor niemandem zu rechtfertigen!“.

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 14: Die Opferung Isaaks

In diesem Teil wage ich mich mal an die für mich schwierigste Stelle im AT: Genesis 22. Hier der vollständige Text:

„Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar. Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, holte seine beiden Jungknechte und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte. Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem. Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich will mit dem Knaben hingehen und anbeten; dann kommen wir zu euch zurück. Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander. Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater! Er antwortete: Ja, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter. Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten. Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar. Abraham nannte jenen Ort Jahwe-Jire (Der Herr sieht), wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen. Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen. Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast. Darauf kehrte Abraham zu seinen Jungknechten zurück. Sie machten sich auf und gingen miteinander nach Beerscheba. Abraham blieb in Beerscheba wohnen.“ (Genesis 22,1-19)

Datei:Michelangelo Caravaggio 022.jpg

(Caravaggio, Die Opferung Isaaks, Quelle: Wikimedia Commons)

Ich denke, ich habe im letzten Teil deutlich gemacht, dass ich nicht der Meinung bin, dass man, wenn man meint, eine göttliche Stimme zu hören, die einem befiehlt, jemanden umzubringen, dieser gehorchen sollte, und zwar, weil ich nicht der Meinung bin, dass es sich dann um die wahre Stimme Gottes handeln wird. Aber genau hier sehen wir, wie Abraham dafür gepriesen wird, dass er zu einer solchen Tat bereit gewesen wäre, also… was machen wir daraus? Ja, Gott verhindert das Menschenopfer am Ende, aber das macht die Tatsache nicht ungeschehen, dass Abrahams grundsätzliche Bereitschaft dazu als vorbildlich hingestellt wird. Und Gott selbst erscheint hier als irgendwie grausam; als betreibt Er Psychospielchen mit einem Vater und dessen Kind. Bist du bereit, dein geliebtes Kind umzubringen, wenn ich es dir sage?

Diese Stelle ist auch im Kontext der Bibel seltsam. Die späteren Gesetze und die Geschichte der Israeliten ebenso wie Aussprüche der Propheten machen es ja mehr als deutlich, dass der Gott Israels eben keine Kinderopfer verlangt:

  • Wenn du dem Herrn, deinem Gott, dienst, sollst du nicht das Gleiche tun wie sie [die Kanaaniter]; denn sie haben, wenn sie ihren Göttern dienten, alle Gräuel begangen, die der Herr hasst. Sie haben sogar ihre Söhne und Töchter im Feuer verbrannt, wenn sie ihren Göttern dienten.“ (Deuteronomium 12,31)
  • „Der Herr sprach zu Mose: Sag zu den Israeliten: Jeder Mann unter den Israeliten oder unter den Fremden in Israel, der eines seiner Kinder dem Moloch gibt, wird mit dem Tod bestraft. Die Bürger des Landes sollen ihn steinigen. Ich richte mein Angesicht gegen einen solchen und merze ihn aus seinem Volk aus, weil er eines seiner Kinder dem Moloch gegeben, dadurch mein Heiligtum verunreinigt und meinen heiligen Namen entweiht hat. Falls die Bürger des Landes ihre Augen diesem Mann gegenüber verschließen, wenn er eines seiner Kinder dem Moloch gibt, und ihn nicht töten, so richte ich mein Angesicht gegen ihn und seine Sippe und merze sie aus der Mitte ihres Volkes aus, ihn und alle, die sich mit ihm dem Molochdienst hingeben.“ (Levitikus 20,1-5)
  • „Von deinen Nachkommen darfst du keinen für Moloch darbringen. Du darfst den Namen deines Gottes nicht entweihen. Ich bin der Herr.“ (Levitikus 18,21)
  • „Wenn du in das Land hineinziehst, das der Herr, dein Gott, dir gibt, sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker nachzuahmen. Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt.“ (Deuteronomium 18,9-11)
  • „Er [König Manasse von Juda] ließ seinen Sohn durch das Feuer gehen, trieb Zauberei und Wahrsagerei, bestellte Totenbeschwörer und Zeichendeuter. So tat er vieles, was dem Herrn missfiel und ihn erzürnte.“ (2 Könige 21,6)
  • „Ebenso machte er [König Joschija von Juda] das Tofet [Kultstätte] im Tal der Söhne Hinnoms unrein, damit niemand mehr seinen Sohn oder seine Tochter für den Moloch durch das Feuer gehen ließ.“ (2 Könige 23,10)
  • „Dann geh hinaus zum Tal Ben-Hinnom am Eingang des Scherbentors! Dort verkünde die Worte, die ich dir sage. Du sollst sagen: Hört das Wort des Herrn, ihr Könige und ihr Einwohner Jerusalems! So spricht der Herr der Heere, der Gott Israels: Seht, ich bringe solches Unheil über diesen Ort, dass jedem, der davon hört, die Ohren gellen. Denn sie haben mich verlassen, mir diesen Ort entfremdet und an ihm anderen Göttern geopfert, die ihnen, ihren Vätern und den Königen von Juda früher unbekannt waren. Mit dem Blut Unschuldiger haben sie diesen Ort angefüllt. Sie haben dem Baal eine Kulthöhe gebaut, um ihre Söhne als Brandopfer für den Baal im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen oder angeordnet habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist. (Jeremia 19,2-5)
  • „Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist. (Jeremia 7,31)
  • „Womit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Herr Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünde? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott. (Micha 6,6-8)
  • „Du [Gott] hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten, Zauberkünste und unheilige Festbräuche; sie waren erbarmungslose Kindermörder und verzehrten beim Opfermahl Menschenfleisch und Menschenblut. Darum beschlossest du, mitten im Gelage die Teilnehmer und deren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten, durch die Hände unserer Väter zu vernichten; denn das Land, das dir vor allen anderen teuer ist, sollte eine seiner würdige Bevölkerung von Gotteskindern erhalten. Doch selbst mit jenen gingst du schonend um, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Hornissen voraus, um sie nach und nach zu vernichten.“ (Weisheit 12,3-8)

(Eine Darstellung des Moloch-Götzenbildes aus dem 18. Jahrhundert (aus: Johann Lund, Die Alten Jüdischen Heiligthümer); Quelle: Wikimedia Commons)

Wenn aber Gott Kinderopfer als etwas bezeichnet, „was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist“ (Jeremia 7,31; ähnlich 19,5), und ausdrücklich verneint, dass man seinen „Erstgeborenen hingeben [soll] für meine Vergehen“ (Micha 6,7), was ist denn dann mit der Anweisung in Genesis 22,2, „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar“? Eine Ausnahme? Oder was?

Es gibt auch hier verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Eine ist die Standardvariante „Das ist eben das Alte Testament“, die ich in den letzten Teilen dieser Reihe schon großzügig angewandt habe: Abraham hat zwar gemeint, er sollte seinen Sohn opfern, aber so war das gar nicht, und die Moral von der Geschichte ist vor allem, dass sich am Ende herausstellt, dass Abrahams Gott eben nicht so ist wie die anderen Götter: Von jetzt an also nix Menschenopfer mehr. Abraham wird zwar schon dafür gepriesen, dass er bereit war, alles zu tun, von dem er meinte, dass Gott es von ihm verlangt, aber tatsächlich können wir aus der späteren Offenbarungsgeschichte – s. o. – wissen, dass Gott dieses Opfer nicht wirklich von ihm verlangt haben muss. Es ist auch lobenswert, einem irrenden Gewissen zu gehorchen, das sagt diese Geschichte auch, aber Abrahams Gewissen irrte hier, und Gott machte ihm klar, dass er den Tod des Sohnes nicht will. Das ist eben das Alte Testament, und diese Geschichte zeigt noch ein unvollständig entwickeltes Gottesbild, das nicht 1:1 der späteren, deutlicheren Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus entspricht.

Vielleicht hat das ja eh alles gar nicht so stattgefunden und ist bloß eine symbolische Geschichte. (Es wäre hier natürlich hilfreich, wenn man wüsste, in welcher Zeit diese Geschichte erstmals aufgeschrieben wurde, um mehr darüber sagen zu können, wie historisch oder nicht-historisch sie ist.)

Eine andere Interpretation ist, dass Abraham vielleicht von Anfang an darauf vertraute, dass Gott es am Ende nicht so weit kommen lassen würde, dass das Opfer wirklich durchgezogen würde. Bereits vorher hatte der Herr ihm Isaaks Geburt und eine große Zahl von Nachkommen durch ihn vorausgesagt; wenn Abraham also diesen Versprechen weiterhin vertrauen wollte, musste er praktisch davon ausgehen, dass Isaak am Leben bleiben (oder gegebenenfalls sogar von den Toten zurückkehren) würde. Man kann seine Worte an die Knechte – „dann kommen wir zu euch zurück“ (Genesis 22,5) – und seine Worte an Isaak – „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn“ (Genesis 22,8) – als Lüge und Ausweichen deuten, wenn man möchte, aber man könnte sie ebenso auch als Ausdruck seines Vertrauens interpretieren, dass Gott sich tatsächlich ein anderes Opferlamm aussuchen und er tatsächlich gemeinsam mit dem lebenden Isaak zurückkehren würde. Andererseits ergibt sich hier wieder ein potentieller Konflikt mit Vers 16: „Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast…“. Dieses Lob an Abraham scheint eine reale Bereitschaft, seinen Sohn zu töten, vorauszusetzen. Oder vielleicht doch nicht? Setzt dieser Vers nur die Bereitschaft voraus, einem scheinbar widersinnigen und brutalen Befehl Gottes nachzukommen, also mit Isaak zur Opferstätte zu gehen und darauf zu vertrauen, dass sich am Ende doch alles zum Guten wenden würde, ohne dass irgendjemand getötet werden würde? Schwer zu sagen; diese Deutung ist eine mögliche Deutung. Ein paar Verse aus dem Hebräerbrief würden sie stützen: „Aufgrund des Glaubens brachte Abraham den Isaak dar, als er auf die Probe gestellt wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er verließ sich darauf, dass Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.“ (Hebräer 11,17-19) Allerdings hat sie auch noch eine andere, bedeutendere Schwäche: Abraham erscheint hier zwar in positiverem Licht, aber Gott nicht so wirklich. Er gibt ja trotzdem diesen Befehl und stürzt Vater und Sohn damit in Schmerz und Verwirrung.

Datei:Rembrandt Harmensz. van Rijn 035.jpg

(Rembrandt, Der Engel verhindert die Opferung Isaaks, Quelle: Wikimedia Commons. Bei diesem Bild muss ich mir immer denken: Pass auf! Das Messer fällt auf seinen Oberschenkel! Du sollst ihn nicht umbringen! Und dann denke ich mir wieder, wie aufwühlend und unglaublich gut getroffen die Darstellung Isaaks hier eigentlich ist – das verkrampfte Stillhalten, die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein.)

Es hilft vielleicht auch, diese Geschichte dahingehend anzusehen, was sie in Bezug auf Jesus vorausdeutet (da ja sehr viele alttestamentliche Texte offene oder verborgene Vorausdeutungen auf den Messias enthalten). Gott verlangte am Ende nicht von einem Menschen, seinen Sohn zu opfern; stattdessen stieg Gottes Sohn später selbst freiwillig auf die Erde herab, um sich für die Menschen zu opfern. Der Berg Morija wird übrigens in 2 Chronik 3,1 mit dem Tempelberg in Jerusalem identifiziert, der Stadt, in der Jesus gekreuzigt wurde.

Diese Perspektive auf Jesus lässt sich mit Interpretation Nummer eins verbinden: Im Alten Testament meinte Abraham, er müsste seinen Sohn opfern, und wurde für seine Bereitschaft und seinen Glauben gelobt, auch wenn Gott ihn das Opfer nicht durchziehen ließ, aber im Neuen Testament opfert sich Gottes Sohn selbst, und damit wird klar, wo das Gottesverständnis in Genesis 22 vielleicht noch fehlerhaft und unvollständig war.

File:Rembrandt - Raising of the Cross - 95.1946.jpg

(Rembrandt, Aufrichtung des Kreuzes, Quelle: Wikimedia Commons)

Bei dieser ganzen Geschichte komme ich natürlich nicht umhin, an Isaaks Perspektive zu denken. Es ist extrem frustrierend, wie wenig man darüber erfährt – eigentlich gar nichts; weder darüber, was er tat oder dachte, als er merkte, was genau sein Vater vorhatte, noch darüber, wie sein Verhältnis zu Abraham später aussah.

Jüdische Traditionen sehen Isaak in dieser Episode schon als Erwachsenen (bei Flavius Josephus ist er fünfundzwanzig Jahre alt, im Talmud sogar siebenunddreißig). Wenn man sich dann Abraham als alten, nicht mehr besonders kräftigen Mann vorstellt, bietet sich die von manchen vertretene Interpretation an, dass Isaak sich, aus ebenso festem Glauben wie sein Vater, freiwillig der Opferung unterworfen hätte, anstatt sich zu wehren, was ihm wahrscheinlich hätte gelingen können. Aber dazu bietet die Bibel selbst wenige Informationen. Die Einheitsübersetzung bezeichnet Isaak als „Knaben“; ich kenne den Urtext nicht und kann daher nicht beurteilen, ob das verwendete hebräische Wort ein Kind bezeichnen muss oder auch einen schon erwachsenen Sohn meinen kann.

Die Frage, ob Isaak sich wehrte oder ob er sich freiwillig dem, was er auch als den Willen Gottes sah, unterwarf, ist aber eigentlich bloße Spekulation, denn die Stelle – und das hat mich an ihr immer gestört – fokussiert sich einfach ausschließlich auf Abraham: Er hat einen starken Glauben, er ist bereit, sein Liebstes zu opfern. Hallo?! Hier geht es um seinen Sohn, nicht um sein neues Kamel! Ein Kind ist doch kein Besitzstück!

Tatsächlich muss man im Hinterkopf behalten, dass Kinder damals oft genau so gesehen wurden – na ja, vielleicht nicht ganz so, aber das damalige Verständnis ging doch in die Richtung davon, Kinder als Besitztümer ihrer Eltern zu betrachten, oder zumindest dahin, die Zusammengehörigkeit der Familie und die Autorität des Vaters sehr zu betonen. Man sieht das auch an anderen Stellen der Bibel: „Du sollst keinen Vertrag mit ihnen [den Kanaanitern] schließen, sie nicht verschonen und dich nicht mit ihnen verschwägern. Deine Tochter gib nicht seinem Sohn und nimm seine Tochter nicht für deinen Sohn!“ (Deuteronomium 7,2f.) Über Kinder wird hier gesprochen wie über Tauschgüter, die bei Eheschließungen gar nicht erst gefragt werden müssen. In Ezechiel 18, wo vom Propheten über die ganze Länge des Kapitels hin dargelegt wird, wieso Kinder von Gott nicht für die Sünden ihrer Eltern bestraft werden, heißt es an einer Stelle: „Ihr aber fragt: Warum trägt der Sohn nicht mit an der Schuld seines Vaters?“ (Ezechiel 18,19) Es war das allgemeine Verständnis, dass Kinder an den Missetaten ihrer Eltern und Vorfahren mitzutragen hatten; dass ein Mensch zuallererst ein mitverantwortliches Mitglied einer größeren Gemeinschaft war und dann erst eine Einzelperson. (Und in Stellen wie Ezechiel 18 korrigierte Gott dieses Verständnis auch mal ausdrücklich.) Die damalige Welt hätte keine so großen Probleme mit dem Fokus auf Abraham und seiner Autorität über Isaak gehabt; sogar Isaak selbst hätte sich wahrscheinlich weniger als Individuum mit eigenen Rechten und mehr als der Sohn seines Vaters, der unter dessen Autorität stand, gesehen. Wir haben jetzt zum Glück ein anderes Verständnis von Gemeinschaft, Familie und Individuum. (Vielleicht waren die Fehler in diesem alten, die Familie überbewertenden Verständnis sogar einer der Gründe für Jesu Vorbehalte ihr gegenüber (Matthäus 10,35-37; Matthäus 12,46-50; Lukas 11,27f.)?) Aber dieses damalige Vorverständnis spielt natürlich in diesen Text mit hinein und muss in Betracht gezogen werden, wenn man ihn liest; daher ist es kein Wunder, dass wir nicht viel über Isaaks Sicht der Dinge erfahren, auch wenn es ärgerlich ist, und dass Abrahams Sohn hauptsächlich als Abrahams wertvollstes Besitztum, als Abrahams Garantie für eine Zukunft seines Namens gesehen wurde, nicht so sehr als eigenständige Person. (Diese Tatsache ist allerdings ganz interessant, wenn man die Geschichte auf Jesus hin deutet: Denn Gott Vater und Gott Sohn sind ja, anders als Abraham und Isaak, tatsächlich ein Wesen, nicht zwei verschiedene.)

Ich habe oben auf die wichtige Perspektive auf Jesu Kreuzesopfer hingewiesen und zwei verschiedene Interpretationsmöglichkeiten vorgestellt: Die Das-ist-Altes-Testament-/Das-ist-nur-symbolisch-gemeint-Variante und die Variante, dass Abraham auf eine zufrieden stellende Lösung ohne Tote vertraute. Natürlich gibt es aber auch die simple Interpretation, dass Gott ganz einfach von Abraham verlangte, Isaak zu töten, Abraham ganz einfach bereit war, das zu tun, und Gott dann zum Glück noch rechtzeitig Stopp rief, weil Er das ja eigentlich gar nicht wirklich wollte. Diese Interpretation beruht auf der Annahme, dass Gott an sich ja das Recht habe, dass Leben seiner Geschöpfe zu beenden (was normalerweise durch indirekte Ursachen wie Krankheiten und Unfälle geschieht; zu den Themen Gottes Wille, Schicksal, Gottes Strafen, und Tod verweise ich wieder einmal auf die Teile 8, 9 und 10: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/14/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-9-gericht-verdammnis-und-was-war-so-schlimm-an-goetzendienst/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/29/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-10-bestrafung-fuer-die-suenden-der-eltern-ueber-die-erbsuende-und-aehnliches/) und dieses Recht damit theoretisch auch delegieren könnte.

Dabei dürfte man allerdings – siehe Teil 10 – nicht vergessen, dass der Tod ja eigentlich nicht zu Gottes ursprünglichem Plan für die Welt gehört, und damit wohl unter die Dinge fallen müsste, die Er nur zulässt, nicht aber direkt selbst verursacht oder befiehlt. Das stellt diese Interpretation vor eine bedeutende Schwierigkeit. Würde Gott jemals direkt den Tod irgendeines Seiner Geschöpfe befehlen, ob es jetzt um Isaak oder um die Kanaaniter zur Zeit der Landnahme geht? Er liebt sie doch. „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden.“ (Weisheit 1,13)

Mir erscheint diese dritte Interpretationsmöglichkeit aus den hier und in Teil 13 (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/02/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-13-die-landnahme/) dargelegten Gründen jedenfalls nicht sinnvoll; ich neige daher eher der ersten dargelegten Erklärungsmöglichkeit zu.

Alle Varianten sind sich darin einig, dass eine der Aussagen dieser Bibelstelle darin besteht, dass sich hier zeigt, dass Gott eben keine Menschenopfer will – und so etwas dann wohl auch in Zukunft nie mehr verlangen wird (eine Geschichte wie die mit Abraham kommt später nirgends mehr in der Bibel vor; ab da ist ja allen klar, was Gottes Wille dahingehend ist*). Ich hoffe, eine dieser Interpretationen stellt jeden Leser zufrieden. Das hier ist vielleicht, einfach durch die Berühmtheit und Bedeutung, die sie im Lauf der Geschichte des Christentums erlangt hat, eine noch schwierigere Stelle als die Landnahme-Erzählungen. Sie gehört ja zu den Stellen, die man schon in der Grundschule lernt. Und sie provoziert dann für gewöhnlich viele Fragen bei den Grundschulkindern – auf die man eben Antworten geben muss.

Hier übrigens noch ein weiterer Artikel zu diesem Thema, der die Probleme mit Interpretation Nummer drei herausstellt: https://brianzahnd.com/2013/04/god-and-genocide/, und ein Wikipedia-Artikel, der verschiedene Interpretationen jüdischer, hauptsächlich mittelalterlicher Kommentatoren vorstellt, wenn auch leider offenbar ohne ausreichende Fußnoten: https://en.wikipedia.org/wiki/Binding_of_Isaac#Jewish_views Ein wunderbares Beispiel dafür, dass die Nehmen-wir-das-mal-lieber-nicht-so-wörtlich-sonst-wirkt-Gott-irgendwie-brutal-Herangehensweise an die Bibel nichts ist, was sich erst die bösen Modernisten ausgedacht hätten!

Wenn jemand noch weitere hilfreiche Gedanken zu Genesis 22 hat, sind sie immer willkommen.

 

* Die Geschichte mit Jiftach dem Gileaditer in Richter 11 ist ganz anders als die mit Abraham; hier wird eindeutig klar, dass Jiftach, der in einer Zeit lebt, als Israel schon von einigen heidnischen Bräuchen beeinflusst und moralisch nicht in bestem Zustand ist (vgl. z. B. auch das nicht allzu vorbildliche Leben Simsons in Richter 13-16), falsch handelt. Nirgendwo wird  dort gesagt, dass Gott ein Menschenopfer von Jiftach verlangt hätte. Hier kommt ganz einfach Regel Nummer 12 ins Spiel: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Im Grunde genommen besteht kein Unterschied zwischen Jiftach aus Richter 11 und Manasse aus 2 Könige 21,6 (s. o.).