Die Pfeiler des Glaubens, Teil 3: Falcones wird (vorübergehend) zum Gesinnungsethiker und die Inquisition verfolgt Ketzer

Teil II des Romans „Die Pfeiler des Glaubens“ – „Im Namen der Liebe“ – handelt von Hernandos weiterem Schicksal in Córdoba zwischen 1570 und 1581. (Am Ende ist er also ca. 27 Jahre alt.) Seine Familie darf in der Stadt bleiben, nachdem Hernando und sein Stiefvater Ibrahim Arbeit gefunden haben – als Handlanger in einer Gerberei respektive Feldarbeiter. Sie und die übrigen Morisken dort sind jedoch weiterhin einer strengen Kontrolle durch Behörden und Kirche unterworfen. Schon bei ihrer Ankunft gibt die Stadt ihnen Essen aus, das Schweineinnereien enthält, und es wird überwacht, dass es gegessen wird. Der sonntägliche Kirchgang ist selbstverständlich obligatorisch, Arabisch zu sprechen ist verboten, und ein Richter kann auch mal unangemeldet in der Wohnung vorbeischauen. Und auch die Rolle der Nachbarn sollte man nicht unterschätzen: Trinken die etwa nie Wein? Führen die vielleicht rituelle Waschungen durch? Kurz gesagt: Ihre wirkliche Religion müssen die Morisken weiterhin sorgfältig verstecken.

Schon nach kurzer Zeit in Córdoba trifft Hernando Hamid wieder, der weiterhin die Rolle des weisen Mentors des jungen Helden einnimmt. Der Gelehrte ist als Sklave in der Bordellgasse gelandet. Fatima unterdessen ist traumatisiert durch den Tod ihres kleinen Sohnes – und auch durch die erzwungene Ehe mit Ibrahim, der sie noch immer als seine Frau behandelt, obwohl den Christen nach außen hin etwas anderes vorgespielt wird. Sie ist bei ihrer Ankunft in der Stadt nach den langen Strapazen dem Tod nahe und gewinnt ihre Gesundheit nur langsam wieder. Ihren Trost sucht sie fortan im Glauben. Zwei Dinge gewinnen eine große Bedeutung für sie: Eine Art Amulett, das sie besitzt, das traditionell von Muslimen getragen wird und vor Dschinn und dem Bösen Blick schützen soll, eine sog. Fatimahand (benannt nach einer Tochter Mohammeds; https://de.wikipedia.org/wiki/Hand_der_Fatima); und der Satz „Der Tod verheißt ewige Hoffnung“, eine alte muslimische Weisheit, die schon auf Seite 126 zum ersten Mal erwähnt worden ist und die Fatima offenbar stark beeindruckt hat. Die Fatimahand hat übrigens den Originaltitel des Buches inspiriert: „La Mano de Fátima.“

Was Hernandos Halbbrüder Musa und Aquil angeht, meine Vermutung, dass sie keine große Rolle mehr spielen werden, bestätigt sich: Sie werden schon bald aus der Handlung getilgt, indem sie, wie viele andere moriskische Kinder, ihren Eltern weggenommen werden, um in christlichen Familien erzogen zu werden. Als Hernando Jahre später nach ihnen sucht, da er inzwischen als guter Christ gilt und hofft, sie zurückholen zu können, muss er feststellen, dass sie verschwunden sind und die Pflegeeltern sie vermutlich als Sklaven verkauft haben.

Aber zurück zum Anfang. Die Situation der Familie stellt sich zunächst recht düster dar. Hernando hasst seine Arbeit in der Gerberei, wo er minderwertige Häute mit Mist bearbeiten muss, und natürlich hasst er die Situation mit Fatima, die nach außen hin als seine Frau gilt, in seinem Volk aber als die seines brutalen Stiefvaters. Er beginnt bald, einem Kleinkriminellen bei diversen nächtlichen Geschäften zu helfen – hauptsächlich schmuggeln sie Wein in die Stadt, um den Zoll am Tor zu umgehen – und das verdiente Geld zu sparen, um es irgendwann Ibrahim anzubieten, damit der ihm Fatima überlässt. Allmählich wird er waghalsiger und auch rücksichtsloser; an einer Stelle stachelt er sogar einen Adligen mit erfundenen Geschichten darüber, dass jemand dessen Stammbaum in Frage gestellt habe, dazu an, einen anderen Adligen in einem Wirtshaus zum Duell zu fordern, nur um vorher noch ein paar Münzen für die Information zu kassieren.

Und nun wird es interessant. Fatima ist nicht von Hernandos Plan für ihre gemeinsame Zukunft überzeugt, und als er ihr das gesparte Geld aushändigt, gibt sie es an die muslimische Gemeinde weiter, damit die einen anderen Morisken aus der Sklaverei freikaufen kann. Als Hernando davon erfährt, erklärt Hamid, der einer der Gemeindevorsteher geworden ist, ihm ihre Handlung: „’Weil du dich von deinem Volk entfernt hast, Ibn Hamid.’ Jeder Muskel in Hernandos Körper spannte sich an. ’Wir alle versuchen, uns heimlich zu versammeln, zu beten, unseren Glauben am Leben zu halten oder unseren Glaubensbrüdern in Not zu helfen, nur du ziehst als kleiner Gauner durch die Straßen von Córdoba.’ […] ’Musste Fatima deshalb auf ihre Freiheit verzichten?’ ’Sie vertraut auf Gottes Barmherzigkeit. Und du solltest das Gleiche tun. Komm zu uns, komm zu deinem Volk. Eure heutigen Fesseln sind unsere ewigen Gesetze, und nur Gott ist dazu berufen, sie uns aufzuerlegen und uns davon zu befreien. Als mir Fatima das Geld gab und mir alles erklärte, bat ich sie, auf Gott zu vertrauen und die Hoffnung nicht aufzugeben.’“ (S. 299)

Von da an lässt Hernando seine kriminellen Geschäfte bleiben und hilft in seinen freien Stunden stattdessen der muslimischen Gemeinde – Aufenthaltsgenehmigungen für Morisken besorgen, die sich in Córdoba niederlassen wollen, versklavte Morisken freikaufen, usw. (Hamid lehnt für sich übrigens einen Freikauf ab; man solle das Geld für Jüngere verwenden.) Und Falcones stellt all das als richtige Entscheidungen dar, die Hernando und Fatima Gewissensfrieden geben: „Noch vor Kurzem, als er ihr das Geld für das Maultier gegeben hatte, gegen das er sie tauschen wollte, hatte sie das Geld zwar angenommen und versteckt, aber sie war dabei immer unzufrieden und voller Zweifel gewesen – fast so, als würde er sie dazu zwingen. Nun strahlte sie, wenn Hernando ihr von seinen neuesten Plänen für einen Glaubensbruder berichtete.“ (S. 301) Und damit nicht genug: Von da an läuft alles wie auf magische Weise besser. Fatima kann sich durch den Rückhalt der Gemeinde besser gegen Ibrahim durchsetzen und wehrt seine sexuellen Avancen ab. (Die irgendwo emotional von Ibrahim abhängige Aischa ist unterdessen froh, ihren Platz als seine eigentliche Ehefrau wieder einzunehmen. Sie bekommt in dieser Zeit einen weiteren Sohn namens Shamir.) Als Hernando dann während einer öffentlichen Stierhatz in Córdoba das wild gewordene Pferd eines Adligen beruhigen kann, wird der Oberstallmeister des königlichen Marstalls in Córdoba auf ihn aufmerksam und stellt ihn kurz darauf ein; Hernando bekommt zwei Zimmer über dem Marstall und einen ordentlichen Lohn und lernt mehr über die Pflege, Aufzucht und das Bereiten der Zuchtpferde des Königs. Zur selben Zeit unterhält sich Fatima mit Jalil, einem weiteren Gemeindevorsteher, und erfährt, dass sie sich nach islamischem Recht von Ibrahim scheiden lassen kann, wenn der sie nicht angemessen versorgen kann. Da er noch immer nur einen Hungerlohn bezieht und nun einen neuen Sohn hat, ist dieser Plan sogar aussichtsreicher als Hernandos ursprüngliches Vorhaben. Wenn Ibrahim nicht innerhalb von zwei Monaten, nachdem sie vor dem Ältestenrat die Scheidung verlangt hat, beweisen kann dass er für Fatimas Unterhalt sorgen kann, soll er also von ihr geschieden werden. Er tobt, als ihm von Hamid, Jalil und einem weiteren Gemeindevorsteher namens Karim dieses Ultimatum gestellt wird, muss es aber akzeptieren.

Ich finde diese Entwicklung der Dinge faszinierend, da ich sie bei Falcones nicht erwartet hätte. „Tu nur das Richtige, dann wirst du zumindest ein gutes Gewissen haben, und am Ende wird wahrscheinlich sowieso alles noch besser ausgehen, als du es dir wünschen konntest“ – das ist eine Botschaft, die ich eher in, sagen wir mal, einem Christian Romance Novel erwartet hätte. Bisher hat Falcones mehr eine „Der (gute) Zweck heiligt die (schlechten) Mittel“-Einstellung gezeigt, die er hier abzulehnen scheint. Was besonders seltsam ist: Die früheren Lügen über Ubaid zum Beispiel wurden ebenso von Hamid abgesegnet wie später Fatimas Spende. Aber offenbar ist der Autor schon, sagen wir mal, irgendwie beeindruckt von manchen Aspekten der Religion, die hier zum Vorschein kommen: Hingabe, Demut, Loyalität, Unterwerfung unter alte Traditionen und Gesetze, Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen.

Fatima wird übergangsweise bei Karim untergebracht – Hernando, als dessen Frau sie ja gilt, erzählt herum, sie würde eine kranke Bekannte pflegen und deshalb noch nicht bei ihm über dem Marstall wohnen. Ibrahim erwägt in seiner Verzweiflung diverse Möglichkeiten, rechtzeitig an Geld zu kommen, und entscheidet sich schließlich, die Monfíes – moriskische Räuberbanden, von denen auch der Aufstand ausgegangen ist – im nahen Gebirge, der Sierra Morena, aufzusuchen und sich ihnen als Spitzel oder Kundschafter anzubieten. Er nimmt Aischa und Shamir mit, als er sich auf den Weg macht, und wartet dann die Nacht über in den Bergen ab, bis eine Bande der Monfíes sich zeigt und zu wissen verlangt, was er dort will. Als sie ihn fragen, wie sie sichergehen sollten, dass er kein Verräter wäre, wenn er sich ihnen anschließen würde, bietet er ihnen Frau und Kind zum Pfand an. Der Anführer erklärt schließlich, Spitzel in Córdoba hätten sie genug; wenn er wollte, könnte er sich ihnen im Gebirge anschließen, aber ohne Aischa und Shamir. Plötzlich taucht jedoch Ubaid auf, der der Stellvertreter des Anführers ist und wegen seiner abgehackten rechten Hand noch immer Rachegelüste gegenüber Hernando und Ibrahim hegt. Ubaid befiehlt, Ibrahim so wie ihm damals die rechte Hand abhacken zu lassen, und schickt Aischa mit Shamir zurück nach Córdoba. Der verstümmelte Ibrahim bleibt in den Bergen zurück, setzt sich jedoch bald von den Monfíes ab und gelangt auf ein Schiff nach Algier. (Seltsamerweise ist es den Morisken übrigens verboten, außer Landes zu fliehen. Da ihre Geschichte mit ihrer endgültigen Ausweisung aus Spanien endet, wundert mich das sehr. Aber Politik war eben auch in den 1570ern nicht logisch.) Von dort aus zieht Ibrahim weiter, kann einem reichen Kaufmann in einer Karawane ein kleines Vermögen rauben, ohne erwischt zu werden, und kauft sich damit ein Haus in Tetuan und ein eigenes kleines Schiff, mit dem er wie all die anderen Korsaren der Stadt Raubzüge an der spanischen Küste unternimmt und Gefangene macht, die er entweder gegen Lösegeld freilässt oder aber auf den Sklavenmärkten in den Barbareskenstaaten verkauft. Obwohl er ein reicher und einflussreicher Mann wird und irgendwann noch einmal heiratet, schwört er sich, einmal nach Córdoba zurückzukehren, um Fatima wiederzubekommen und an Hernando Rache zu nehmen.

Nachdem die zwei Monate vergangen sind und Ibrahim verschwunden bleibt, kann Fatima Hernando heiraten und zieht zu ihm. Hernando erlangt in den nächsten Jahren eine immer wichtigere Stellung in der Gemeinde von Córdoba, die sich mit den anderen Morisken-Gemeinden im Land vernetzt und wie diese versucht, islamische Schriften zu bewahren bzw. neue Abschriften davon anzufertigen, Glaubenswissen an die jungen Mitglieder weiterzugeben, und den Kontakt mit den ausländischen muslimischen Fürsten zu halten, damit al-Andalus irgendwann zurückerobert werden kann. (Der Sultan macht ihnen zurzeit jedoch nur leere Versprechungen.) Hernando lernt einen Schmied namens Abbas kennen, der ebenfalls im Marstall arbeitet und eine wichtige Rolle unter den Morisken spielt, und dann einen Priester an der Kathedrale von Córdoba namens Don Julián, der ebenfalls in Wahrheit Muslim ist. Da Hernando bereits als Kind von Hamid lesen und schreiben gelernt hat, bringt Don Julián ihm auch Hocharabisch (die Sprache des Koran) bei, damit er dabei helfen kann, neue Koranabschriften anzufertigen. Nach außen hin geschieht dies unter dem Deckmantel der Hilfe für die Inquisition; angeblich soll Hernando dem Priester als Übersetzer für abgefangene arabische Schriften behilflich sein, die dieser natürlich sehr gut selbst versteht. Hernando erfährt von Don Julián, dass es „[s]eit König Ferdinand Córdoba erobert hat und die Moschee den Christen in die Hände fiel […] immer einen Muslim im Priestergewand“ (S. 396) in dieser zur Kathedrale umgewidmeten Hauptmoschee Córdobas gegeben hat, dass es jedoch mittlerweile fast unmöglich sei, Muslime in den Klerus einzuschleusen, da es genau kontrolliert werde, ob man muslimische Vorfahren habe. Und ich sage mir: Ihr fragt euch wirklich, wieso die Christen euch gegenüber misstrauisch sind?

Übrigens ist, Taqiyya an sich hin, Taqiyya an sich her, Don Julián für mich eine der bisher unsympathischsten Figuren des Buches: Nicht so sehr deshalb, weil er seine Feinde ausspioniert oder vorgibt, etwas zu glauben, woran er nicht glaubt – das tun auch Hernando oder Hamid – sondern weil er für Menschen, die an etwas glauben, woran er nicht glaubt, den Seelsorger spielt. Ein Priester spendet die Kommunion und hört Beichten. Wie kann jemand so etwas nur mit seinem Gewissen vereinbaren? Aber weiter im Text.

Hernando und Fatima bekommen in diesen Jahren zwei Kinder, Francisco und Inés (die beiden erhalten noch keine muslimischen Namen, da ihre Eltern Vorsicht walten lassen, damit die Kinder sich nicht aus Versehen gegenüber Christen verraten), und können sich schließlich ein eigenes Haus in Córdoba kaufen. Aischa und Shamir leben bei ihnen, und schließlich auch Hamid, nachdem Hernando gegen dessen ursprünglichen Willen den Freikauf des alten Mannes arrangiert hat. Fatima unterrichtet andere Frauen über die Lehren des Islam, damit diese das Wissen an die Kinder weitergeben können, und die Familie hält einen Koran im Haus versteckt. Hernando versteht sich gut mit dem Pfarrer, der gelegentlich vorbeischaut, und gilt bei den Christen als Paradebeispiel für die gelungene Bekehrung eines Morisken. Alles läuft wunderbar. Doch natürlich kann es nicht so bleiben.

Und hier treten endlich die auf, die alle schon erwartet haben: Die Spanische Inquisition.

Ich weiß, ich weiß, das kennt jeder schon.

Bereits im Jahr 1573 haben Hernando und Fatima erstmals ein öffentliches Autodafé miterlebt, zu dem Abbas sie mitgenommen hat; einige der Angeklagten waren Morisken und wurden wegen Vergehen wie Bigamie (200 Peitschenhiebe und drei Jahre Galeere) oder Gotteslästerung (geringe Geldstrafe und Büßerhemd) verurteilt; einer, ein Sklave, der mehrmals versucht hat, in die Barbareskenstaaten zu fliehen, und daran festhält, den muslimischen Glauben zu bekennen, wird am Ende sogar der weltlichen Gewalt übergeben und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. (Die ganze Darstellung wirkt hier historisch korrekt.) Abbas, der seit langem den vorbildlichen Christen mimt, hat nicht nur darauf bestanden, dass er, Hernando und Fatima bei den Verurteilungen anwesend sind, damit sie ihre christliche Frömmigkeit zeigen können, sondern auch, um einen Bericht nach Algier schicken zu können. „Für jede Verurteilung rächen sich die Türken in Algier an einem Christen in ihren Gefängnissen“, hat er Hernando mitgeteilt. „Die Christen wissen das. Das hält die Inquisition zwar nicht davon ab, Ketzereien zu ahnden, aber es beeinflusst die Härte der Strafen.“ (S. 366) Und wir sollen Abbas sympathisch finden?

Die Urteile wurden damals in der Kathedrale von Córdoba gefällt, die eine große symbolische Rolle im Roman spielt, und die Hernando und Fatima zu diesem Anlass zum ersten Mal betreten haben. Sie wurde nach der christlichen Rückeroberung Córdobas im Jahr 1236 mitten in die riesige Moschee (Mezquita) hinein gebaut und ragt über diese hinaus:

Mezquita de Córdoba desde el aire (Córdoba, España).jpg

(Bildquelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Mosque%E2%80%93Cathedral_of_C%C3%B3rdoba)

Falcones beschreibt die Kathedrale folgendermaßen: „Hernando blickte zur Decke der Kathedrale. Die Christen suchten in ihren Bauten die Annäherung an Gott und errichteten sie, so hoch es ihre Technik zuließ. Die Basis war breit und gedrungen, die Höhen waren schmal. Aber die Moschee von Córdoba war ein Wunder der islamischen Architektur, das Ergebnis einer gewagten Konstruktion, in der die Macht Gottes zu den Gläubigen herabstieg. Im Gegensatz zu den christlichen Bauten lag in der Moschee das Gewicht, der Schwerpunkt, auf den vielen schlanken Säulen – eine aufsehenerregende öffentliche Herausforderung der Logik.“ (S. 371) Das hier sind diese Säulen, die auch vorne auf dem Buchumschlag abgebildet sind und den Titel der deutschen Übersetzung inspiriert haben:

(Bildquelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Mosque%E2%80%93Cathedral_of_C%C3%B3rdoba)

Ehrlich gesagt finde ich diesen Titel übrigens sinnvoller als „Die Hand der Fatima“; die Kathedrale/Moschee hat mehr mit der Handlung zu tun als das Amulett. Sie ist ein Symbol für die Morisken: Ursprünglich auf einer kleinen christlichen Kirche erbaut, deren Existenz nie erwähnt wird, dann groß und mächtig und beeindruckend als Stätte des Islam, dann von den Christen zurückerobert und mit ihrem Gotteshaus überbaut – aber nicht ganz zerstört, sondern unter der Kathedrale noch immer still und ungenutzt existent. „Warum hatten die Christen dieses architektonische Meisterwerk der verhassten Mauren nicht wie all die anderen Moscheen der Stadt einfach dem Erdboden gleich gemacht?“, fragt sich Hernando. „[…] Stattdessen ließen sie zu, dass der muslimische Glaube in Form dieser Säulen, der niedrigen Decken und der Raumaufteilung überlebte… die Seele der Mezquita.“ (S. 372) Ich vermute mal, sie taten es, weil sie Säulen und niedrige Decken nicht für unverbesserlich islamisch hielten… Die Mezquita jedenfalls ist unter Muslimen sogar heute noch ein Symbol für das verloren gegangene al-Andalus, das einst zum „Haus des Islam“ gehörte. In den letzten Jahren haben Muslime in Spanien übrigens immer wieder verlangt, in der Mezquita muslimische Gebete zuzulassen und das Gebäude in ein interreligiöses Gotteshaus umzuwandeln, was von der Kirche stets abgelehnt wurde.

Fatima jedenfalls war besonders erschüttert durch die Moschee/Kathedrale. Als sie wie gebannt begann, mitten unter den Christen leise das islamische Glaubensbekenntnis zu sprechen, bat Hernando sie, doch still zu sein, und schwor ihr, dass sie in der Zukunft einmal in der Mezquita zu Allah beten würden.

Aber jetzt zurück zur Inquisition. 1579 hat Hernando dann selbst mit ihr zu tun: Seine Dienste als Übersetzer werden verlangt, da der Gemeindevorsteher Karim, bei dem islamische Schriften gefunden wurden, vor ihr angeklagt ist. Karim leugnet nicht, Muslim zu sein, aber natürlich will man von ihm hauptsächlich die Namen anderer Muslime erfahren, vor allem solcher, die ihm dabei geholfen haben, die Bücher herzustellen und zu verbreiten, und diese gibt er nicht preis.

Der Inquisitor, der Hernando zunächst anspricht, wird als ein „hagerer, hochgewachsener Mann“ (S. 439) mit „schlaffen, dürren Finger[n]“ (S. 440) und „schneidend kalter Stimme“ (ebd.) beschrieben – wie ein religiöser Fanatiker eben auszusehen und zu sprechen hat. Vom Gefängnis der Inquisition, in das Karim gebracht wurde, „hieß es bei den Bewohnern Córdobas bald, dass jeder, der in die Festung kam, sofort krank würde und innerhalb kürzester Zeit starb“ (S. 441). Am Verhandlungstag in dem Gebäude angekommen, in das er bestellt wurde, geht Hernando einen „klammen düsteren Gang zum Gerichtssaal entlang“ (S. 442), wo eine „bedrückende Stille“ (ebd.) herrscht. Als er Karim sieht, wirkt dieser „schwach, und seine Kleider waren nur mehr Lumpen“ (S. 442). Die Inquisitoren schreien den Angeklagten mit Ausdrücken wie „Vermaledeiter Ketzer!“ (S. 444) an, als er sich weigert, seine Hintermänner zu verraten. Am zweiten Tag der Verhandlung wird Hernando in ein Gewölbe geführt: „Sie [die Inquisitoren] flüsterten miteinander und standen zu Hernandos Entsetzen um eine massive Folterbank herum, daneben die grausamen Werkzeuge aus Eisen, mit denen man die Angeklagten fesseln, ihre Haut abziehen und verstümmeln konnte.“ (S. 445) Karim wird an den Daumen an der Decke aufgehängt. An diesem Tag dauert die Folter nicht sehr lang, aber in den nächsten Tagen geht es weiter: „Nach zwei Tagen unaufhörlicher Qualen hatten sie Karim auf der Folterbank schließlich auch die Arme ausgerenkt“ (S. 449). Und am Tag danach wird er noch einmal „unaufhörlich“ (S. 452) gequält. Hernando kann es kaum verkraften, die Qualen des alten Mannes mit anzusehen, ist aber gleichzeitig stolz auf dessen Widerstandskraft, und macht sich auch Sorgen, dass Karim am Ende doch noch nachgeben könnte: „Und niemand, wirklich niemand konnte dem alten Mann einen Vorwurf machen, wenn er diesen andauernden Qualen nicht mehr trotzen könnte und das preisgäbe, was sie von ihm forderten.“ (S. 452) Es wird mir nicht ganz klar, ob Karim danach noch weitere Male gefoltert wird, bevor im nächsten Abschnitt das abschließende Urteil beschrieben wird. Zu diesem Zeitpunkt ist er jedenfalls bereits dem Tod nahe, weshalb die Inquisitoren auch entscheiden, ihn beim nächsten Autodafé in effigie zu verbrennen, d. h. eine Strohpuppe an seiner statt zu nehmen.

Für meine Analyse interessiert mich natürlich vor allem, wie historisch glaubwürdig diese Darstellung des Prozesses ist.

Zu Mythen über die Spanische Inquisition, die hauptsächlich durch englische Propaganda der frühen Neuzeit entstanden sind, gibt es diese spannende Doku vom BBC:

Die Folter wird ab 14:40 thematisiert, ab 16:37 kommt diese Erklärung eines Historikers:

„In fact, the Inquisition uses torture very infrequently. In Valencia, for example, I found that out of over 7000 cases only 2 percent experienced any torture at all, and usually for no more than 15 minutes, and less than 1 percent suffered repeated torture, in other words more than once. I found no one suffering torture more than twice.“

(Tatsächlich benutzt die Inquisition die Folter sehr selten. In Valencia beispielsweise habe ich unter über 7000 Fällen nur 2 Prozent gefunden, die überhaupt Folter erlebt haben, und normalerweise für nicht mehr als 15 Minuten, und weniger als 1 Prozent, die wiederholte Folter erlitten haben, mit anderen Worten, mehr als einmal. Ich habe niemanden gefunden, der mehr als zwei Mal Folter erlitten hat.)

Ab 17:48 zu Folter und Gefängnissen:

„They had a rule-book, the Instructiones, which specified what could and could not be done. Those breaking the rules were sacked. So the Inquisition did not, as alleged, roast their victims’ feet, or brick them up to languish for all eternity, or smash their joints with hammers, or flail them on wheels. They never used the Iron Maiden. This Iron Maiden, one of only a few examples to survey, was built in Germany. The Inquisitors didn’t ravish their female victims, although a rich and undeniably popular tradition suggests that they did. In fact, the Inquisitorial torture chamber of popular myth never existed, even though this image was reprinted hundreds of times. And it was not only the use of torture that was falsified. Stories were also fabricated about the gruesome conditions in which prisoners were kept. [1. Historiker:] Ironically, the Inquisition had probably the best jails in Spain. This sounds very much like whitewashing, but unfortunately, it’s true. Let me take a quotation from the Inquisitors in Barcelona in the middle of the 16th century when they were asked to report on the state of their prisons and they said: ‘Our prisons are full.’ But then they complain to their bosses in Madrid: ‘We don’t know where to send the left-over prisoners we have. We cannot send them to the city jails because the city jails are over-crowded and there they are dying at the rate of twenty a week.’ [2. Historiker:] I have found instances of prisoners in secular criminal courts blaspheming in order to get into the Inquisition prison, to escape their… the maltreatment they received in the secular prison.“

(Sie hatten ein Buch mit Regeln, die Instructiones, die klarstellten, was getan und nicht getan werden konnte. Diejenigen, die die Regeln brachen, wurden gefeuert. Also, die Inquisition röstete nicht, wie behauptet, die Füße ihrer Opfer, oder mauerte sie ein, um für alle Ewigkeit zu schmachten, oder zerschlug ihre Gelenke mit Hämmern, oder räderte sie. Sie benutzten nie die Eiserne Jungfrau. Diese Eiserne Jungfrau hier, eins von nur wenigen Exemplaren, die man betrachten kann, wurde in Deutschland gebaut. Die Inquisitoren vergewaltigten nicht ihre weiblichen Gefangenen, obwohl eine reiche und unbestreitbar beliebte Tradition behauptet, dass sie es taten. Tatsächlich existierte die Folterkammer der Inquisition aus dem populären Mythos nie, auch wenn dieses Bild hier hunderte Male neu gedruckt wurde. Und es war nicht nur der Gebrauch der Folter, der verfälscht wurde. Geschichten wurden auch gesponnen über die entsetzlichen Bedingungen, unter denen Gefangene gehalten wurden. [1. Historiker:] Ironischerweise hatte die Inquisition wahrscheinlich die besten Gefängnisse in Spanien. Das klingt sehr nach Schönfärberei, aber leider ist es wahr. Lassen Sie mich ein Zitat von den Inquisitoren in Barcelona in der Mitte des 16. Jahrhunderts hernehmen, als sie gebeten wurden, über den Zustand ihrer Gefängnisse zu berichten, und sie sagten: ’Unsere Gefängnisse sind voll.’ Aber dann beschweren sie sich bei ihren Bossen in Madrid: ’Wir wissen nicht, wohin wir die übrigen Gefangenen, die wir haben, hinschicken sollen. Wir können sie nicht in die Stadtgefängnisse schicken, weil die Stadtgefängnisse überfüllt sind und da zwanzig pro Woche sterben.’ [2. Historiker:] Ich habe Fälle gefunden von Gefangenen vor weltlichen Strafgerichten, die Gott lästerten, um in das Gefängnis der Inquisition zu kommen, um ihrem… der schlechten Behandlung, die sie im weltlichen Gefängnis erhalten haben, zu entkommen.)

Ab 20:11:

„The Inquisitors were certainly interrogators, but they were restrained interrogators, skeptical about the effectiveness of hardship and torture in bringing heresy to light. By contrast with many other tribunals in Europe, they emerge as almost enlightened.“

(Die Inquisitoren waren sicherlich Vernehmungsbeamte [mir ist hier keine bessere Übersetzung eingefallen], aber sie waren zurückhaltende Vernehmungsbeamte, skeptisch in Bezug auf die Effektivität von Härten und Folter dabei, Häresie ans Licht zu bringen. Im Vergleich zu vielen anderen Gerichten in Europa erscheinen sie als beinahe aufgeklärt.)

Ach ja, wen es noch interessiert, die Gesamtzahl aller Todesopfer der Inquisition kommt ab 37:00: zwischen 3000 und 5000.

Ist Falcones’ Darstellung also historisch korrekt? Na ja. Es wäre theoretisch möglich, dass das Gefängnis von Córdoba ein Ausnahmefall war und dort viel schlechtere Zustände herrschten als in anderen Gefängnissen der Inquisition in Spanien. Das Urteil, die Verbrennung in effigie des sterbenden Verurteilten, ist glaubwürdig. Es erscheint durchaus als wahrscheinlich, dass Karim zu den 2 Prozent gehört, die während des Prozesses gefoltert wurden, da sein Fall wohl einer der ernsteren Fälle war, die vor die Inquisition kamen; weniger wahrscheinlich erscheint es schon, dass gerade er, ein alter, schwacher Mann, mehr als ein Mal gefoltert wird. Extrem unglaubwürdig wirkt es, dass er an vier oder mehr Tagen gefoltert wird; das Gleiche gilt für die Dauer der Folter. Diese Fehler hier liegen sicher nicht an mangelnder Recherche des Autors; Falcones kennt offensichtlich den Ablauf eines Autodafés und auch viele andere historische Details; er hat sich an dieser Stelle einfach für einen Kompromiss zwischen einer historisch korrekten Darstellung und der „Schwarzen Legende“ entschieden. Vermutlich ist das schon besser als nichts, aber Anlass zu wirklicher Zufriedenheit ist es nicht. Allerdings ist es ein gutes Beispiel für die Tatsache, dass Menschen im Allgemeinen widerlegte liebgewordene Vorurteile eher nur so halb aufgeben.

Übrigens findet Hernando durch seine Tätigkeit als Übersetzer heraus, wer Karim verraten hat: Ein Moriske namens Cristóbal Escandalet, der neu in der Stadt ist, und der für seinen Verrat offenbar reich entlohnt worden ist. Hernando erzählt Hamid davon und daraufhin macht Hamid sich heimlich auf, um dem Verräter seine gerechte Strafe zu erteilen: Er tötet Cristóbal Escandalet auf offener Straße, und nachdem er dann selbst von einem Büttel, der ihn festnehmen will, schwer verletzt wird, gelingt es ihm noch, sich in den Fluss, der durch die Stadt fließt, zu stürzen. Es wird nicht entdeckt, wer er war und wer seine Angehörigen sind, was mich nun wirklich wundert. Eine Leiche aus einem Fluss kann man schließlich bergen, und dann müssten sich in der Stadt doch Leute finden, die sagen können, wer Hamid war, womit auch ein Verdacht auf Hernando fallen würde… aber das geschieht offenbar nicht, weil es nicht in den Verlauf der Handlung passen würde. Die Situation für die Morisken von Córdoba beruhigt sich wieder.

Es geht weiter im Jahr 1581. Während Hernando einen Transport von Zuchtpferden in eine andere Gegend Spaniens begleitet, erkennt Ibrahim endlich eine Gelegenheit, seine lang gehegten Pläne in die Tat umzusetzen. Er hat bei einem seiner Raubzüge Frau und Kind eines spanischen Adligen in seine Gewalt gebracht und verlangt bei den Verhandlungen mit dessen Abgesandten, dass der Adlige ihm hilft, Hernando und dessen Familie aus Córdoba zu entführen und Ubaid, der nach dem Tod des Monfíes-Anführers jetzt selbst zu deren Anführer aufgestiegen ist, zu töten; ansonsten würde er die Gefangenen töten lassen. Also lässt der Adlige Ibrahim heimlich ins Land schleusen, schickt Männer aus, die Fatima, Aischa, Shamir, Francisco und Inés nachts aus ihrem Haus in Córdoba entführen (es wird als Tat von Monfíes dargestellt und die christlichen Nachbarn kommen den Morisken natürlich nicht zu Hilfe) und in ein einsames Landgasthaus bringen, in dem Ibrahim wartet. Auch Ubaid, den andere Männer des Adligen und einige angeheuerte Banditen in den Bergen gefangen genommen haben, wird dorthin gebracht und Ibrahim tötet ihn brutal und lässt seine Leiche in der Nähe verstecken. Dann nimmt er Fatima, ihre Kinder und seinen Sohn Shamir mit nach Tetuan und lässt Aischa, die ihm nicht besonders wichtig ist, zurück, damit sie Hernando berichtet, was mit den anderen geschehen ist. Er ist extrem wütend darüber, Hernando nicht erwischt zu haben.

Als Aischa jedoch nach Córdoba zurückgekehrt ist, berichtet sie Abbas stattdessen, dass Ubaid und seine Räuber die Familie entführt und Fatima und die Kinder in den Bergen getötet hätten, und als Abbas Hernando von dem Pferdetransport zurückgeholt hat, wiederholt sie vor ihrem Sohn dieselbe Geschichte, um zu verhindern, dass der sich auf den Weg nach Tetuan macht und von Ibrahim getötet wird. Da Hernando nun der Verzweiflung nahe ist und Tag für Tag vergeblich in die Sierra Morena reitet, um die Leichen seiner Familie und Ubaids Bande zu finden und an den Räubern Rache zu nehmen, sucht Aischa schließlich selbst wieder nach Ubaids Leiche, und sorgt dafür, dass sie auf einer Landstraße gefunden wird. Als man in Córdoba von dessen Tod erfährt, findet Hernando allmählich wieder zu etwas Frieden. Gegen Abbas jedoch hegt er einen Groll, weil der, entgegen einem Versprechen, Hernandos Familie nicht beschützen konnte, während Hernando fort war.

Wenig später bekommt Hernando Probleme mit einem Grafen, da ein Zuchtpferd aus dem Marstall, das für diesen bestimmt war, zu Tode gekommen ist, und muss kurzzeitig Kirchenasyl in der Kathedrale suchen. Dort betet er nachts heimlich die islamischen Gebete, wie er es Fatima einst versprochen hat. Schließlich begegnet er in der Kathedrale überraschend einem Herzog namens Don Alfonso de Córdoba, und es stellt sich heraus, dass dieser der Gefangene war, dem er im Krieg einst zur Flucht vor dem Korsaren Barrax verholfen hat. Der Herzog stellt ihn unter seinen Schutz und lässt ihm seine besondere Gunst zukommen, und damit endet Teil II.

Jetzt noch kurz zu einer interessanten Stelle in diesem Teil des Romans. Die Reformation wird in Teil II ein paar Mal kurz erwähnt; man erfährt, dass die Inquisition Protestanten verfolgt und dass z. B. eine Schrift Calvins in spanischer Übersetzung kursiert. Einmal, kurz vor dem Inquisitionsprozess im Jahr 1579, unterhält Hernando sich mit Don Julián über die Gemeinsamkeiten zwischen Protestantismus und Islam, und an dieser Stelle schreibt Falcones: „Die Kritik am Papst und am Ablasshandel, die Behauptung, dass jeder Gläubige die Heilige Schrift unabhängig von seiner Stellung innerhalb der Kirche auslegen dürfe, und die kritische Haltung zur Vorherbestimmung waren Gemeinsamkeiten der beiden Religionen, die gegen die Angriffe der katholischen Kirche zu kämpfen hatten.“ (S. 427) Na ja, ich weiß ja nicht genau, wie das mit der Auslegung der Heiligen Schrift im Islam so aussieht, ob man da eher der Ansicht ist, dass man gebildet sein müsste, um den Koran verstehen zu können, oder eher meint, dass der Koran zu jedem spreche, aber… „kritische Haltung zur Vorherbestimmung“?

„KRITISCHE HALTUNG ZUR VORHERBESTIMMUNG“??? Will der mich hier verarschen?

Man muss zugeben, der Protestantismus und der Islam ähneln sich in ihrer Sicht auf das Thema Vorherbestimmung (wobei ich die islamische Sicht nicht so gut kenne wie die protestantische und mich daher mit definitiven Aussagen über sie mal lieber zurückhalte), und sehen beide die katholische Sicht auf dieses Thema kritisch. So könnte man Falcones’ Satz auslegen, wenn man sich sehr, sehr viel Mühe geben würde, eine Auslegung zu finden, die der Wahrheit entspricht. Aber wie versteht man den Satz, wenn man ihn ganz normal liest?

Der Katholizismus würde eine Prädestination lehren und der Protestantismus und der Islam sie ablehnen. So wird der Satz von den Lesern verstanden werden, und eine solche Behauptung ist einfach eine Lüge. Das Ganze wirkt besonders ironisch, wenn man bedenkt, dass einen Absatz weiter oben Calvins Institutio Christianae religionis erwähnt wird.

Für alle, die es noch nicht wissen: Der Calvinismus lehrt mit aller Klarheit eine Prädestination der Menschen zu Himmel oder Hölle, die in Gottes unergründlichem Ratschluss begründet liegt und nicht von den guten oder schlechten Taten eines Menschen abhängig ist. Wenn Gott entschieden hat, dich in die Hölle zu werfen, hat er das eben entschieden, und du kannst nichts dagegen tun. Wenn er entschieden hat, dich in den Himmel aufzunehmen, kannst du auch nichts tun, wodurch du das Heil wieder verlieren würdest. Luther lehrte Ähnliches wie Calvin, wenn auch weniger klar, und freundlicher formuliert; auch er sah den freien Willen als illusorisch an, wie man in seiner Schrift „Vom unfreien Willen“ nachlesen kann. Der Islam scheint nach meinem Eindruck auch eher zu lehren, dass Allah den Willen des Menschen lenke und sein Schicksal vorherbestimme; wobei ich mich da, wie gesagt, nicht so genau auskenne. Der Katholizismus jedenfalls lehrt, dass der Mensch einen freien Willen hat, der vor Gott etwas zählt. Katholische Lehrdokumente, z. B. die des Trienter Konzils (1545-1563), verwenden das Wort „Prädestination“ (Vorherbestimmung) gelegentlich auch, aber in einem anderen Sinn: Gottes Vorauswissen und Vorherbestimmung schließen immer die freien Entscheidungen der Menschen mit ein. Niemand ist unabhängig von seinen Taten für Himmel oder Hölle vorherbestimmt. Wenn man mir nicht glaubt, hier zwei Kanones aus dem „Dekret über die Rechtfertigung“ des Trienter Konzils von 1547: „Kan. 6. Wer sagt, es stehe nicht in der Macht des Menschen, seine Wege schlecht zu machen, sondern Gott wirke die schlechten Werke so wie die guten, nicht nur, indem er sie zuläßt, sondern auch im eigentlichen Sinne und durch sich, so daß der Verrat des Judas nicht weniger sein eigenes Werk ist als die Berufung des Paulus: der sei mit dem Anathema belegt.“ „Kan. 17. Wer sagt, die Gnade der Rechtfertigung werde nur den zum Leben Vorherbestimmten zuteil, alle übrigen aber, die gerufen werden, würden zwar gerufen, aber nicht die Gnade empfangen, da sie ja durch die göttliche Macht zum Bösen vorherbestimmt seien: der sei mit dem Anathema belegt.“. Zitiert nach: Denzinger, Heinrich u. Hünermann, Peter (Hrsg.): Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum – Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, 46. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009.

Bravo, Ildefonso Falcones. Die Aussage, Islam und Protestantismus wären sich einig in einer „kritische[n] Haltung zur Vorherbestimmung“ wäre mit ihrer Verdrehungskunst wirklich einem Jesuiten aus einem Schauerroman des 19. Jahrhunderts würdig.

Eine weitere Stelle will ich noch kurz erwähnen, weil ich sie einfach lustig fand: „’Aber warum sollen wir dabei zusehen, wie unsere Glaubensbrüder und -schwestern verurteilt werden?’ fragte Hernando verständnislos.“ (S. 365; hier will Abbas ihn bewegen, zum Autodafé mitzukommen) Gendersprache Anno 1573! Okay, vielleicht klingt die Formulierung im spanischen Original ja nicht ganz so nach offiziellem Formular oder vom Blatt abgelesenem Predigttext.

Und das war’s auch schon wieder. Im nächsten Teil wird es dann noch mal deutlich „Da-Vinci-Code“-mäßiger, da wird nämlich ein verstecktes altes Manuskript entdeckt…

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Ich wusste gar nicht, dass es noch Theosophen gibt…

…und dass die gar so seltsame Ansichten vertreten.

Zu meinem letzten Artikel wurde von jemandem namens „Öko-Theosoph“ ein Kommentar hinterlassen, den ich wegen völliger Themaverfehlung (in dem Artikel geht es um einen klischeehaften historischen Roman) als Spam markiert habe, aber bei näherer Betrachtung doch mal hier veröffentlichen und selber kurz kommentieren will. Man kennt so was ja; Leute, die überall im Internet ihre standartisierten Kommentare hinterlassen, ob es nun passt oder nicht, um möglichst viele Leute mit ihren Ansichten zu beglücken. Die meisten Absätze sind zwecks besserer Lesbarkeit von mir eingefügt:

Das Christentum muss reformiert werden. Kruzifixe (in Wohnungen) können Kirchengebäude (und Heilige Messen) ersetzen. Es ist unsinnig, zu beten.
Ein Mensch sollte seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Es ist wichtig, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Es ist sinnvoll, die körperliche Leistungsfähigkeit zu vergrößern, diverse Herausforderungen zu meistern, die Natur zu schützen usw.
Und dann sollte man sich morgens unmittelbar nach dem Aufwachen auf einen Wunsch konzentrieren und sich (nochmal) in den Schlaf sinken lassen. Durch Traumsteuerung (oder im halbwachen Zustand nach dem Aufwachen) kann man zu mystischen Erfahrungen (und Heilen wie Jesus) gelangen. Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten. Bestimmte Meditations- und Yoga-Techniken, Hypnose, Präkognition usw. sind gefährlich. Traumsteuerung ist auch ohne luzides Träumen (das u. U. gefährlich ist) möglich. Man sollte sich nur dann einen luziden Traum wünschen, wenn man durch Traumdeutung herausgefunden hat, dass man dafür die nötige Reife hat. Oder man kann sich vor dem Einschlafen wünschen, dass sich nur Dinge ereignen, für die man die nötige Reife hat. Es ist gefährlich, während eines luziden Traumes zu versuchen, den eigenen schlafenden Körper wahrzunehmen. Luzide Träume dürfen nicht durch externe Reize (Drogen, akustische Signale usw.) herbeigeführt werden. Man kann sich fragen, ob eine echte (nicht nur eine eingebildete) Zeitdehnung in Träumen möglich ist. Zudem, wie sich Schlaf-Erlebnisse von Tiefschlaf-Erlebnissen (und Nahtod-Erlebnissen usw.) unterscheiden. Die Bedeutung eines symbolischen Traumgeschehens kann individuell verschieden sein und kann sich im Laufe der Zeit ändern.
Es bedeutet eine Entheiligung der Natur, wenn Traumforscher die Hirnströme von Schlafenden messen. Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Zudem besteht die Gefahr, dass ein Mensch verrückt wird, wenn er sich fragt (wie schon vorgekommen), ob das Leben nur eine Illusion ist. Das Leben ist real.
Es kann in Teilbereichen auf wissenschaftlichen (und technischen) Fortschritt verzichtet werden. Es ist z. B. falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Man sollte möglichst dort wohnen, wo man arbeitet. Dadurch werden viele Privatfahrzeuge (nicht Firmenfahrzeuge) überflüssig.
Es ist sinnvoll, überflüssige Dinge (Luxusgüter, Werbung, Kirchengebäude, Urlaubsindustrie, Rüstung, Geldverleih usw.) abzuschaffen. Der MIPS muss gesenkt werden (Regionalisierung senkt Transportkosten, ein Öko-Auto fährt über 50 Jahre, ein 1-Liter-Zweisitzer-Auto spart Sprit usw.). Ein Mensch kann im kleinen und einstöckigen 3-D-Druck-Haus (Wandstärke ca. 10 cm) mit Nano-Wärmedämmung wohnen.
Wenn die Menschen sich ökologisch verhalten, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit einer günstigen Erwärmung im Winter. Denn das Klima ist (so wie das Leben) in der Lage, sich positiv weiterzuentwickeln.
In der Medizin sollte u. a. die Linsermethode gegen Krampfadern (auch dicke) eingesetzt werden.
Es ist wichtig, den Konsum von tierischen Produkten (und Süßigkeiten und Eis) zu reduzieren oder einzustellen. Hat man eine bestimmte Reife, kann man sich möglicherweise von veganer Urkost ernähren (oder sogar nahrungslos leben).
Die berufliche 40-Stunden-Woche kann durch die 4-Stunden-Woche ersetzt werden (bei Abschaffung des Renteneintrittsalters). Wenn die Menschen sich richtig verhalten, werden die Berufe zukünftig zunehmend und beschleunigt an Bedeutung verlieren.

 

Meine Highlights:

  • Christen haben sich gefälligst nicht in Gemeinschaft zu versammeln; wenn sie unbedingt beten müssen, können sie das für sich zu Hause vor dem Kruzifix erledigen.
  • Aber Beten ist auch unsinnig, also lasst das gefälligst auch; schafft einfach das Christentum ab (ja, Öko-Theosoph, ohne Gebet ist es kein Christentum mehr).
  • Hm, was unterscheidet wohl ein Kruzifix (einen Gegenstand) von einer Heiligen Messe (dem Vorgang, bei dem sich Himmel und Erde berühren, der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens)?
  • Mehr über die Natur wissen zu wollen, ist ein Sakrileg. Komisch, eigentlich hätte ich gedacht, dass so ein Gedanke nicht mal aus der unsinnigsten Vergöttlichung der Natur folgen müsste. Wir Christen halten es schließlich auch nicht für ein Sakrileg, mehr über Gott wissen zu wollen (nennt sich „Theologie“).
  • Alle Leute können dort wohnen, wo sie arbeiten. Z. B. eine Putzfrau in der Münchner Innenstadt.
  • Noch mal: Die Wissenschaft ist iiiiihhhh-bääähhh. Sie könnte ja das Leben erleichtern.
  • Auch das philosophische Denken ist gefährlich, zumindest, wenn es an die Grundfragen geht. Die sollte man lieber gar nicht erst stellen. (Und Öko-Theosoph unterscheidet nicht zwischen Naturwissenschaft (Was passiert während des Schlafes im Gehirn?) und Philosophie (Haben wir einen freien Willen? Ist das Leben real?). Aber das geht ja vielen Leuten so.)
  • Die Leute sollen in Zweisitzer-Autos fahren und in möglichst kleinen Häusern wohnen. Weil, wer hat z. B. schon Kinder? Okay, die soll man nach so einer Weltsicht vermutlich eh wegen „Überbevölkerung“ vermeiden, und Freunde, Mitbewohner oder Eltern hat ja auch niemand, also sind Zweisitzer-Autos für die meisten Leute ja total praktisch.
  • Geldverleih ist überflüssig. Wer muss sich schon mal Geld leihen, um sich ein Auto oder ein Haus zu kaufen oder eine Firma aufzubauen?
  • Urlaub ist überflüssig. Überhaupt alles, was nicht strikt notwendig ist, sondern einfach nur Freude macht, ist überflüssig.
  • Alles, was Öko-Theosoph für überflüssig erklärt, hat abgeschafft zu werden. Weil, Freiheit (z. B. die Freiheit, im Sommer zwei Wochen an der Adria zu verbringen oder Gott in einer Kirche anzubeten) würde die Leute ja bloß überfordern.
  • „Urkost“ war vegan. In der Steinzeit (inklusive der Eiszeiten) war es ja ganz einfach, sich Proteine und Fette durch die gerade verfügbaren Pflanzen zu beschaffen.
  • Der Mensch kann (und soll) nahrungslos leben, wenn er „reif“ ist… ne, das kommentiere ich jetzt mal nicht mehr.

Mann, sind Theosophen streng. Und da beschwert man sich über die katholische Kirche.

Interessanter und trauriger als das Gerede über luzide Träume und Nahrungslosigkeit ist, wie Öko-Theosoph in den einleitenden Sätzen noch kurz von „Liebe“ und „unegoistisch[em]“ Verhalten schreibt, und sich dann im weiteren Verlauf des Textes nur noch auf Selbst-Perfektionierung, Gesundheit und natürlich auf die große Verpflichtung, die Natur in Ruhe zu lassen, konzentriert. Das ist Heiligkeit für Esoteriker. Zwischenmenschliches? Das kommt allenfalls unter „ferner liefen“ vor. Nein, die wirkliche Heiligkeit besteht darin, vegan zu essen und Sport zu treiben; der Übergewichtige an der Dönerbude ist der Sünder, nicht derjenige, der seine Mutter nicht im Altenheim besucht oder seine Frau betrügt. Und da liegt Öko-Theosoph ja leider ganz auf einer Linie mit den Mainstream-Moralisten unserer Tage: Sie überfordern die Leute mit der ständigen Einführung neuer Sünden und haben keine Zeit mehr für die wirklichen.

Ich geb’s zu: Ein paar unerwartete vernünftige Ansätze finden sich auch. Z. B. unterscheidet sich Öko-Theosoph vom handelsüblichen Esoteriker darin, dass er das den Eingeweihten, den „Reifen“ erlösende Wissen als etwas darstellt, das dieser sich zumindest nicht völlig selbst erarbeiten kann, dass er also die Begrenztheit des Menschen ein bisschen anerkennt („Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten“). Auch der Satz Das Leben ist real“ ist schlicht richtig – auch wenn ein Mensch nicht gleich verrückt wird, wenn er sich fragt, ob das Leben denn real ist. Und hey, wenigstens ist er gegen Drogen, das ist auch nicht immer selbstverständlich bei Esoterikern. Aber im Ganzen vertritt Öko-Theosoph klassisch gnostische Lehren, gemischt mit ins Extremistische gesteigerten Grünen-Forderungen.

Die Pfeiler des Glaubens, Teil 2: Zurückgelassene Kinder, geraubte Kinder, befreite Sklaven und eine Identitätskrise

Ich habe meine Besprechung von Ildefonso Falcones‘ Roman „Die Pfeiler des Glaubens“ an einer Stelle unterbrochen, an der es um den Aufstand der Morisken schlecht steht (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/23/die-pfeiler-des-glaubens-teil-1-von-morisken-und-maertyrern/); das Heer um Aben Humeya* muss vor den Truppen des Marquis von Mondéjar in Richtung Ugijar fliehen. Sie lassen vorher noch einige gefangene Christinnen frei, um den Weg für Verhandlungen mit dem Marquis zu ebnen. Viele moriskische Frauen und Kinder bleiben in Juviles (Hernandos Heimatdorf) zurück, das kurz darauf von den christlichen Truppen eingenommen wird, während die Männer sich zurückziehen. Der Marquis ist tatsächlich offen für Verhandlungen und bietet den Morisken, die sich ergeben, eine Amnestie an, während die befreiten Christinnen eher noch auf Rache aus sind und die Soldaten, die hauptsächlich um der Beute willen gekommen sind, auf Plünderung.

(Aben Humeya alias Don Fernando de Válor, Illustration in „Los Monfies de las Alpujarras“, 1859; Quelle: Wikimedia Commons)

Hernando, der sich Sorgen um seine Mutter Aischa macht, trennt sich von der Armee der Morisken und kehrt heimlich nach Juviles zurück. Dort entsteht durch einen unglücklichen Zufall in der nächtlichen Dunkelheit ein Handgemenge zwischen den christlichen Soldaten und ein paar wenigen Morisken, und in dem Chaos dann ein Gemetzel unter den gefangenen moriskischen Frauen und Kindern auf dem Dorfplatz. Hernando findet seine Mutter und seine beiden Halbbrüder und zieht auf der überstürzten Flucht aus dem Ort noch ein Mädchen mit, das er in der Dunkelheit für eine seiner beiden Halbschwestern hält. Außerhalb von Juviles stellt sich jedoch heraus, dass es sich um ein fremdes Mädchen namens Fatima handelt, das auch einen Säugling bei sich hat. Der Abschnitt endet mit dem Satz: „In der Dunkelheit konnte Hernando Fatimas große mandelförmige schwarze Augen zwar nur schwer erkennen, aber er nahm durchaus das Funkeln in ihrem Blick wahr, das die tiefe Nacht erhellte.“ (S. 102. Und hier bin ich mir schon wieder nicht sicher, ob Falcones unter Dunkelheit dasselbe versteht wie ich.)

Raissa und Zahara jedenfalls sind in Juviles zurückgeblieben. Und Hernando, Aischa, Musa, Aquil und Fatima mit ihrem Sohn Humam ziehen weiter nach Ugijar, ohne offenbar auch nur in Betracht zu ziehen, umzukehren, um herauszufinden, was mit den beiden geschehen ist. Allmählich habe ich den Verdacht, dass Falcones Hernandos Halbgeschwister (die durchgehend als „Stiefgeschwister“ betitelt werden – was natürlich auch die Schuld der Übersetzung sein könnte) nur deshalb eingeführt hat, weil er es irgendwie logisch fand, dass, da die Leute damals viele Kinder bekommen haben, Aischa Kinder mit Ibrahim haben müsste, und dass er für sie sonst keine Rolle in der Handlung übrig hat. Auch Musa und Aquil wird in den folgenden Kapiteln nicht viel Beachtung geschenkt.

In Ugijar treffen sie Ibrahim wieder, der sich nur kurz dafür interessiert, dass seine Töchter wahrscheinlich tot oder aber allein in Gefangenschaft sind, und dann ein umso größeres Interesse an der erst dreizehnjährigen, aber sehr attraktiven Fatima entwickelt. Fatima erfährt unterdessen, dass ihr Mann, der auch ihr Kindheitsfreund war und nur wenige Jahre älter als sie selbst, bei den Kämpfen umgekommen ist. Obwohl sie durchaus um ihn trauert, dauert es nicht lange, bis sie und Hernando einander näher kommen, was man sich, seien wir ehrlich, hat denken können, sobald Fatima aufgetaucht ist. Zunächst wird allerdings nichts daraus, da Ibrahim sein Möglichstes tut, um die beiden zu trennen, und sie sogar bedroht; genau genommen wird er gewalttätig gegenüber Aischa, sobald die beiden Teenager Kontakt zueinander suchen, was recht effektiv funktioniert, um sie davon abzuhalten.

Hernando trifft auch Aben Humeya und gewinnt die Gunst des jungen Königs, da er sich mit der Pflege verletzter Maultiere und Pferde auskennt und da er bei einer Flucht den königlichen Schatz rettet. Die Morisken müssen noch mehrmals von Ort zu Ort fliehen, können dann aber auch wieder Gebiete zurückerobern; insgesamt zieht sich der Aufstand noch länger hin, als ich erwartet hatte. Hier mal ein Lob an Falcones: Er schildert den Krieg sehr realistisch als ein kompliziertes, langwieriges, unübersichtliches Hin und Her, bei dem sowohl der Marquis von Mondéjar und der Marquis von Los Vélez, als auch Aben Humeya und andere Anführer der Morisken, als auch die jeweiligen Anführer und ihre jeweiligen Soldaten oft nicht auf einer Linie sind. Aben Humeyas Soldaten laufen ihm zunächst reihenweise davon, um sich dem recht gnädigen Marquis von Mondéjar zu ergeben, kehren dann aber auch wieder zurück, als ihnen klar wird, dass es dem auch nicht gelingt, seine Soldaten davon abzuhalten, auf eigene Faust plündernd und mordend und vergewaltigend durch die Bergdörfer der Alpujarras zu ziehen. Zudem wendet sich das Blatt zugunsten der Morisken, als die Barbareskenstaaten und der osmanische Sultan endlich Hilfe schicken. Freilich lassen diese sich die Waffenlieferungen gut bezahlen und an Kämpfern kommen nicht sehr viele.

Und hier findet sich eine interessante Stelle. Der Sultan hat u. a. zweihundert Janitscharen geschickt, und der Leser erhält ein paar Hintergrundinformationen über diese Krieger:

„Die Janitscharen bildeten eine Eliteeinheit, die nur dem Sultan unterstand, und galten als äußerst loyal und unbezwingbar. Sie erhielten eine lebenslange Bezahlung und genossen im Vergleich zur übrigen Bevölkerung besondere Privilegien. Sie hatten sogar eine eigene Rechtsprechung. Ein Bey durfte keinen Janitscharen verurteilen oder bestrafen, sie waren ausschließlich ihrem Agha verpflichtet, und Urteile wurden stets in Geheimverfahren gefällt. Diese Eliteeinheit war eine privilegierte Kaste für sich. Sie gingen gnadenlos gegen die Bevölkerung vor, raubten, was ihnen zwischen die Finger kam, und vergingen sich an Frauen und Kindern – ungestraft, denn ein Janitschar war selbst für einen Bey unantastbar!“ (S. 164)

(Sitzender Janitschar, Zeichnung von Gentile Bellini, um 1480; Quelle: Wikimedia Commons)

Das ist, wie gesagt, recht interessant und dürfte im Großen und Ganzen stimmen; was auch interessant ist, aber im Buch nicht erwähnt wird, ist der Werdegang so eines Janitscharen: Im Rahmen der Knabenlese (https://de.wikipedia.org/wiki/Knabenlese) wurden christlichen Familien im Osmanischen Reich (Serben, Kroaten, Bosniern, Albaniern, Bulgaren, Rumänen, Griechen, Armeniern, Georgiern, etc.) regelmäßig einige ihrer Söhne genommen; in einer Region konnten alle paar Jahre oder auch jährlich die zuständigen Beamten und Soldaten auftauchen, sich die Taufregister vorlegen lassen, und Knaben auswählen (z. B. aus jeder 40. Familie; die Zahlen schwankten), die sie dann mitnahmen, nach Istanbul brachten, zum Islam zwangsbekehrten und einer rigorosen Ausbildung unterwarfen. Bestenfalls konnten diese Jungen dann zum Janitschar aufsteigen. Die Sultane bemühten sich tatsächlich sehr, die Loyalität dieser ihrer Privatarmee sicherzustellen; die Janitscharen, die rechtlich gesehen den Status von Sklaven hatten, wurden dafür erzogen, nur für Sultan und Reich zu leben, durften bis ins späte 16. Jahrhundert nicht heiraten und lange Zeit auch nichts vererben. Andererseits erhielten sie eben auch gewisse Privilegien. Und da die Sultane sich zwangsläufig auf die Janitscharen verlassen mussten, erstritten sich diese mit der Zeit so einige weitere Privilegien und erlangten auch große politische Macht; schließlich ermordeten sie Sultane oder setzten diese ab, wenn es ihnen passte. Als die Herrscher schließlich genug von ihrer ehemals so nützlichen Privatarmee gehabt hatten, beschloss Mahmud II. 1826 ihre Auflösung. Eine Rebellion der Janitscharen dagegen wurde niedergeschlagen, und die Überlebenden wurden hingerichtet oder verbannt. Der Sultan sprach vom „Wohltätigen Ereignis“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Janitscharen)

(Darstellung der Knabenlese in einer Miniatur im Süleymanname, 1558; Quelle: Wikimedia Commons)

Auch Korsaren aus den Barbaresken-Staaten sind übrigens bei den neu angekommenen Verbündeten (hier mehr zu diesen Piraten, die die christlichen Mittelmeerstaaten bis ins frühe 19. Jahrhundert bedrohten: https://de.wikipedia.org/wiki/Barbaresken-Korsaren); und einer von ihnen, Barrax, quartiert sich und seine Männer zeitweise im selben Haus ein, in dem auch Hernando, seine Mutter, Fatima und die Tiere, für die Hernando verantwortlich ist, untergebracht sind. Und hier erwähnt Falcones immerhin einen weiteren Grund für die Feindschaft zwischen spanischen Christen und Morisken: „Seit jeher konnten die Korsaren aus den Barbareskenstaaten bei ihren Raubzügen vor der spanischen Mittelmeerküste mit der Hilfe der dort lebenden Morisken rechnen. Viele Korsaren, vor allem die Männer aus Tetuan und Algier, waren selbst Morisken. Sie waren in al-Andalus geboren und machten jetzt auf ihren Fahrten Gefangene, die sie mit der Unterstützung ihrer Familien und Freunde später als Sklaven verkauften.“ (S. 171)

Hernando freilich ist nicht besonders begeistert von der Praxis, Gefangene als Sklaven zu verkaufen. Ihm wird an dieser Stelle der Handlung aufgetragen, sich aus einem Raum voller gefangener Christinnen in Aben Humeyas Anwesen eine auszusuchen und sie auf dem Markt zu verkaufen, um damit Futter für die Pferde bezahlen zu können. Er entdeckt dort Isabel, Gonzalicos Schwester, wieder und nimmt sie mit; statt sie zu verkaufen, versteckt er sie jedoch und bringt sie später heimlich aus dem Ort und zu christlichen Soldaten um den Marquis von Los Vélez. Nach seiner Rückkehr findet er eine andere Möglichkeit, um an das notwendige Geld zu kommen: Er bedroht und erpresst einen Händler namens Salah, der zugegebenermaßen zuvor Hernando erpressen wollte, da er die Sache mit Isabel bemerkt hatte.

Mit Hernandos und Fatimas Romanze geht es dann schließlich doch voran, da Ibrahim für einige Zeit mit dem Kommandanten Aben Aboo (eigentlich Ibn Abbuh) abwesend ist. Man erfährt, dass sie oft „Zeit miteinander [verbrachten“, „Momente der Zweisamkeit [suchten]“, „plauderten“ und „sich an die Ereignisse der letzten Monate [erinnerten]“. Eins dieser Gespräche wird sogar über eine ganze Drittelseite beschrieben. Fatima erzählt Hernando, dass ihre Gefühle für ihren Ehemann eher freundschaftlicher Natur waren – „Aber jetzt weiß ich, dass es noch andere Gefühle gibt.“ (S. 190). Wie romaaaannnntisch!

Ernsthaft: Über Fatima weiß man an dieser Stelle der Handlung nicht sehr viel. Ihr Charakter und ihre Gefühle sind nicht besonders klar. Hernandos Charakter wird aus seinen Handlungen allmählich deutlicher – er ist impulsiv, mutig, nicht unbedingt dumm, handelt entschieden, kann skrupellos gegenüber Menschen sein, die ihn bedrohen, hat aber auch Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl, und ist sich über seine Identität nicht im Klaren. Fatima sieht man nicht viel tun, sie hat z. B. auch keine charakteristische Art, zu sprechen, und es wird selten aus ihrer Perspektive erzählt. Sie ist verliebt in Hernando, sie kann mal nachtragend sein, wenn es ein Missverständnis gibt, und hört sich dann lange keine Erklärung an, sie ist ganz nett und kümmert sich ganz gut um ihren Sohn; das weiß man von ihr. (Alles in allem also die typische weibliche Figur einer Liebesgeschichte.) Aber was genau sie an Hernando mag, was er an ihr mag, was die beiden gemeinsam haben… keine Ahnung. Aber okay. Fatima ist immer noch erst dreizehn Jahre alt und Hernando ist vielleicht fünfzehn oder so; und Teenagerromanzen müssen ja keine tiefergehenden Anlässe haben. Mit dreizehn habe ich vielleicht für einen Lehrer geschwärmt und die Jungs aus meiner Klasse alle doof gefunden.

Schließlich arrangiert Aischa zusammen mit Fatima ein nächtliches Treffen für das Liebespärchen, damit die zwei miteinander schlafen können, und ich verstehe beim besten Willen nicht, wieso. Ich bin mir nicht sicher, welche moralischen Bedenken ich einer Moriskin des 16. Jahrhunderts unterstellen sollte; bekanntlich waren die Leute auch damals nicht alle so streng, wie es die islamische und die christliche Lehre theoretisch vorgeben. Aber davon abgesehen sehe man sich mal an, was sie hinterher zu den beiden sagt, als sie mit ihnen darüber spricht, dass sie heiraten sollen: „‚Was die Brautgabe angeht‘, sprach sie an Hernando gerichtet weiter, ‚du hast drei Monate, um sie zu beschaffen. Ihr habt Beischlaf gehalten, ohne verheiratet zu sein, deshalb könnt ihr erst heiraten, wenn Fatima dreimal die Regel hatte, es sei denn… Wenn sie in Umständen sein sollte, könnt ihr erst nach der Geburt heiraten.'“ Wieso hat Aischa den beiden also nicht einfach gleich gesagt, sie sollen heiraten? (Oder wieso könnten sie ihre Liebesnacht nicht verheimlichen?) Immerhin riskieren sie auf diese Weise, dass Ibrahim zurückkehrt, ehe sie verheiratet sind – was auch geschieht.

Zuvor allerdings wird noch Aben Humeya, der zu einem tyrannischen Lebemann geworden ist, von seinen eigenen Leuten ermordet; kurz vor seinem Tod ruft er den christlichen Gott an. Aben Aboo wird zum neuen König von al-Andalus ausgerufen, und Ibrahim ist inzwischen dessen enger Vertrauter. Aber es kommt noch schlimmer: Kurz nach deren gemeinsamer Rückkehr wird entdeckt, dass der Händler Salah christliche sakrale Gegenstände – Heiligenstatuen, Priestergewänder usw. – in seinem Keller versteckt hält, wohl um sie später zu Geld zu machen, und unglücklicherweise wird Hernando, der den Händler eben mit diesem Wissen erpresst hat, zusammen mit Salah in dem Keller angetroffen. Die beiden werden als angeblich zum christlichen Glauben Abgefallene zum Tod verurteilt; Hernando wird nur dadurch gerettet, dass der Korsar Barrax Aben Aboo bittet, ihn ihm stattdessen als Sklaven zu verkaufen. Freilich tut er das nicht aus Nächstenliebe, sondern um einen neuen Lustknaben zu bekommen. Hernando verweigert sich dem Korsar allerdings und erhält seltsamerweise gleichzeitig den Eindruck aufrecht, er sei ein Christ, was wohl beides irgendwie zusammenhängen soll. „Jetzt musste er so tun, als wäre er ein Christ, um Barrax nicht in die Hände zu fallen…“ (S. 206) Bitte? Seit wann ist es notwendig, religiöse/moralische Vorbehalte vorzutäuschen (die ein Muslim übrigens ebenso anführen könnte), um sich gegen irgendwelche sexuellen Avancen zu wehren? Ja, Barrax denkt sich einmal „Zahllose junge Christen führten in Algier ein angenehmes Leben als Gespielen der Türken und Barbaresken, nachdem sie vom Christentum abgefallen waren und sich zum wahren Glauben bekehrt hatten“ (S. 205), und offensichtlich will er bei Hernando ebenfalls beides erreichen, aber Hernando müsste das Spiel schließlich nicht mitmachen. Ich kapiere Hernando nicht.

Jedenfalls wird er in seiner Zeit als Barrax‘ Sklave in eine neue Identitätskrise gestürzt. Ein paar Mal fragt er sich, zu welcher Religion er sich eigentlich zugehörig fühlen soll: „Oder war er vielleicht doch ein Christ? Aber ihm stand nicht der Sinn nach Glaubensfragen.“ (S. 206) Tatsächlich werden die Glaubensfragen nicht wirklich näher durchdacht, oder auch nur im Einzelnen gestellt. Fragen wie „Ist die Bibel oder der Koran das glaubwürdigere Buch?“ werden an keiner Stelle angeführt, und Hernando fragt sich immer nur „Was bin ich?“, weniger „Was glaube ich und warum?“; die Religion erscheint hier eher als eine Angelegenheit der persönlichen Identität, wie Heimat oder Kultur oder Familie; es geht mehr um Zugehörigkeit als um Überzeugungen.

Unterdessen findet Ibrahim, der mittlerweile zum hauptsächlichen Schurken der Geschichte** avanciert ist – grausam und feige zugleich, egozentrisch, hasserfüllt gegenüber Hernando und despotisch gegenüber seiner ganzen Familie -, weitere Dinge, mit denen er Fatima bedrohen kann, und zwingt sie damit, ihn zu heiraten. Sie ist übrigens noch immer „keine vierzehn Jahre alt“ (S. 210). Keine Ahnung, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Punkten der Handlung verstreicht.

Jetzt wendet sich das Kriegsglück wieder zugunsten der Christen; Don Juan de Austria (der Don Juan de Austria von der Seeschlacht von Lepanto***) kommt im Auftrag seines Halbbruders, König Philipps II. von Spanien, mit weiteren Truppen zu Hilfe. Schließlich nehmen die Morisken Kapitulationsverhandlungen auf, was ihre ausländischen Verbündeten gleich mal dazu veranlasst, sich wieder ins Ausland abzusetzen, und der König erlässt ein neues Angebot zur Amnestie. Auch er kann Frieden im Inneren ganz gut gebrauchen, da der Sultan die Zeit, in der Spanien mit seinen inneren Angelegenheiten beschäftigt ist, nutzt, um Zypern und Dalmatien anzugreifen, und Papst Pius V. den König dazu drängt, doch endlich Truppen dorthin zu schicken. (Was zur Seeschlacht von Lepanto führen wird!)

(Paolo Veronese, Die Schlacht von Lepanto; Quelle: Wikimedia Commons)

In einer der letzten Schlachten des Krieges nimmt Barrax einen verwundeten christlichen Adligen gefangen und trägt Hernando auf, diesen gesund zu pflegen, damit er für ihn Lösegeld verlangen kann, bevor er mit seinen Leuten ebenfalls Spanien verlässt. Der Gefangene, der mitbekommen hat, dass Hernando ein Christ sein soll, überredet diesen jedoch zur gemeinsamen Flucht.**** Hernando lässt den Adligen (dessen Namen er übrigens noch immer nicht erfahren hat) schließlich auf einem Maultier ziehen und kehrt selbst ins nächtliche Heerlager zurück, um nach Aischa und Fatima zu suchen; bevor er sich auf den Weg zu denen macht, sucht er allerdings noch Barrax‘ Zelt auf, schlägt diesem den Kopf ab und stopft ihn in einen Sack. Der Hauptgrund dafür ist wohl, dass Barrax nach Hernandos Flucht einen Jungen aus seinem Gefolge hat töten lassen, weil der die Flucht nicht bemerkt und verhindert hat; Hernando sieht die Leiche, als er ins Lager zurückkommt. Dann findet er seine Mutter und Musa; Ibrahim ist mit Fatima, Humam und Aquil schon geflohen, um sich den Christen zu ergeben. In dem Erlass des Königs wird jedem Krieger, der eine Waffe abliefert, für sich und zwei Angehörige zusätzlich zu ihrem Leben auch die Freiheit versprochen, daher hat Ibrahim einen Teil der Familie zurückgelassen. (Fatima hofft, dass ihr noch sehr junger Sohn vielleicht nicht gezählt werden wird.) Hernando flieht nun mit Aischa und Musa ebenfalls zu Don Juan de Austrias Feldlager.

Dort treffen sie zunächst auf Andrés, den jungen Sakristan aus Juviles, der das Massaker an den Christen dort überlebt hat, und dieser erzählt den Soldaten voller Zorn, wie Aischa damals den Dorfpfarrer getötet hat. Diese bestehen jedoch darauf, dass die Amnestie für alle Verbrechen gilt und dass nichts getan werden soll, was die Bedingungen des Erlasses bricht und die Morisken wieder aufstachelt; Don Juan hat seine Soldaten offensichtlich besser im Griff als der Marquis von Mondéjar. Außerdem kommt es natürlich gut an, dass Hernando den Kopf eines Korsaren mitbringt. In dem Heerlager treffen sie auch Ibrahim wieder, der sich mit Fatima gerade in eine Liste hat eintragen lassen, und als auch Aischa sich als seine Frau bezeichnet, bezichtigen die anwesenden Geistlichen ihn natürlich sofort der Bigamie. Ibrahim versucht, sich damit herauszureden, dass man ihn falsch verständen hätte und Fatima seine Schwiegertochter, Hernandos Frau, wäre, und die Beamten geben sich damit zufrieden, die Angelegenheit für ein Missverständnis aufgrund von Sprachschwierigkeiten zu halten.

Die Familie wird mit anderen Morisken für einige Monate in die Gegend von Granada gebracht, und dort heiraten Fatima und Hernando in einer kirchlichen Zeremonie. Zuvor müssen sie noch die Beichte ablegen, und das ist eine dieser Szenen, bei denen ich mich frage, wie die Spanier es damals für eine irgendwie sinnvolle Idee halten konnten, die Morisken mit solchem Druck dazu zu bringen, sich weiterhin wie Christen zu verhalten (da sie getauft waren), obwohl sie wissen konnten, dass sie im Geheimen weiterhin den Islam praktizieren würden. Ich kann nachvollziehen, wieso man die Morisken als Fünfte Kolonne der gerade erst vertriebenen Besatzer sah; ich kann sogar noch irgendwo nachvollziehen, wieso man sie deshalb aus Spanien ausweisen wollte. Aber sie dazu zu zwingen, sich taufen zu lassen und dann eine Lüge zu leben – die sie ja auch nicht loyaler machte? Ja, diese Szene hier wird ziemlich klischeehaft geschildert, in einem Roman über Kirchengeschichte muss schließlich irgendwann der Beichtstuhl als Ort der Unterdrückung (oder auch der sexuellen Belästigung) auftauchen („‚Soll das etwa alles sein?‘ zischte der Priester im Beichtstuhl, nachdem Fatima fertig war. […] ‚Ich kann leider weder Reue noch Bußfertigkeit erkennen.'“ S. 248); aber die Tatsache bleibt, dass hier ziemlich grausam mit dem Gewissen von Menschen umgegangen wird.

Später müssen sie dann zusammen mit einigen Tausend Morisken in einer langen Kolonne, bewacht von Soldaten, nach Córdoba ziehen, und auf dem kalten Marsch stirbt Humam.

Teil I des Buches – dem Falcones, was ich in meinem ersten Teil zu erwähnen vergessen habe, den Titel „In Allahs Namen“ gegeben hat, endet bei der Ankunft in Córdoba mit den Worten „Es war der 12. November 1570.“ (S. 252) Teil II trägt dann den Titel „Im Namen der Liebe“ – dazu im nächsten Post.

 

* Falcones verwendet durchgehend die christliche Verhunzung „Aben Humeya“ des Namens „Ibn Umayya“, obwohl fast alle Szenen, in denen der König von al-Andalus auftritt, sich hauptsächlich unter Muslimen abspielen. In der direkten Rede bei anderen muslimischen Figuren heißt er dann allerdings wieder „Ibn Umayya“. Keine Ahnung, was das soll; eigentlich blickt Falcones ja aus der Perspektive der Morisken auf die Geschehnisse.

** Die anderen Mächte des Bösen, die für die Handlung an sich vielleicht noch eine größere Rolle spielen, sind eher gesellschaftliche Institutionen, oder aber auch unpersönliche „Kräfte“ wie „gegenseitiger Hass auf Andersgläubige“, die sich in verschiedenen Figuren auf unterschiedliche Weise manifestieren, wobei diese Figuren nicht zwangsläufig völlig böse sein müssen. Ibrahim ist bis jetzt die böseste Persönlichkeit.

*** Es gehört zwar eigentlich nicht hierher, aber man muss die Gelegenheiten eben nutzen:

Lepanto

White founts falling in the courts of the sun,
And the Soldan of Byzantium is smiling as they run;
There is laughter like the fountains in that face of all men feared,
It stirs the forest darkness, the darkness of his beard,
It curls the blood-red crescent, the crescent of his lips,
For the inmost sea of all the earth is shaken with his ships.
They have dared the white republics up the capes of Italy,
They have dashed the Adriatic round the Lion of the Sea,
And the Pope has cast his arms abroad for agony and loss,
And called the kings of Christendom for swords about the Cross,
The cold queen of England is looking in the glass;
The shadow of the Valois is yawning at the Mass;
From evening isles fantastical rings faint the Spanish gun,
And the Lord upon the Golden Horn is laughing in the sun.

 

Dim drums throbbing, in the hills half heard,
Where only on a nameless throne a crownless prince has stirred,
Where, risen from a doubtful seat and half attainted stall,
The last knight of Europe takes weapons from the wall,
The last and lingering troubadour to whom the bird has sung,
That once went singing southward when all the world was young,
In that enormous silence, tiny and unafraid,
Comes up along a winding road the noise of the Crusade.
Strong gongs groaning as the guns boom far,
Don John of Austria is going to the war,
Stiff flags straining in the night-blasts cold
In the gloom black-purple, in the glint old-gold,
Torchlight crimson on the copper kettle-drums,
Then the tuckets, then the trumpets, then the cannon, and he comes.
Don John laughing in the brave beard curled,
Spurning of his stirrups like the thrones of all the world,
Holding his head up for a flag of all the free.
Love-light of Spain—hurrah!
Death-light of Africa!
Don John of Austria
Is riding to the sea.

 

Mahound is in his paradise above the evening star,
(Don John of Austria is going to the war.)
He moves a mighty turban on the timeless houri’s knees,
His turban that is woven of the sunset and the seas.
He shakes the peacock gardens as he rises from his ease,
And he strides among the tree-tops and is taller than the trees,
And his voice through all the garden is a thunder sent to bring
Black Azrael and Ariel and Ammon on the wing.
Giants and the Genii,
Multiplex of wing and eye,
Whose strong obedience broke the sky
When Solomon was king.

 

They rush in red and purple from the red clouds of the morn,
From temples where the yellow gods shut up their eyes in scorn;
They rise in green robes roaring from the green hells of the sea
Where fallen skies and evil hues and eyeless creatures be;
On them the sea-valves cluster and the grey sea-forests curl,
Splashed with a splendid sickness, the sickness of the pearl;
They swell in sapphire smoke out of the blue cracks of the ground,—
They gather and they wonder and give worship to Mahound.
And he saith, “Break up the mountains where the hermit-folk can hide,
And sift the red and silver sands lest bone of saint abide,
And chase the Giaours flying night and day, not giving rest,
For that which was our trouble comes again out of the west.
We have set the seal of Solomon on all things under sun,
Of knowledge and of sorrow and endurance of things done,
But a noise is in the mountains, in the mountains, and I know
The voice that shook our palaces—four hundred years ago:
It is he that saith not ‘Kismet’; it is he that knows not Fate ;
It is Richard, it is Raymond, it is Godfrey in the gate!
It is he whose loss is laughter when he counts the wager worth,
Put down your feet upon him, that our peace be on the earth.”
For he heard drums groaning and he heard guns jar,
(Don John of Austria is going to the war.)
Sudden and still—hurrah!
Bolt from Iberia!
Don John of Austria
Is gone by Alcalar.

 

St. Michael’s on his mountain in the sea-roads of the north
(Don John of Austria is girt and going forth.)
Where the grey seas glitter and the sharp tides shift
And the sea folk labour and the red sails lift.
He shakes his lance of iron and he claps his wings of stone;
The noise is gone through Normandy; the noise is gone alone;
The North is full of tangled things and texts and aching eyes
And dead is all the innocence of anger and surprise,
And Christian killeth Christian in a narrow dusty room,
And Christian dreadeth Christ that hath a newer face of doom,
And Christian hateth Mary that God kissed in Galilee,
But Don John of Austria is riding to the sea.
Don John calling through the blast and the eclipse
Crying with the trumpet, with the trumpet of his lips,
Trumpet that sayeth ha!
      Domino gloria!
Don John of Austria
Is shouting to the ships.

 

King Philip’s in his closet with the Fleece about his neck
(Don John of Austria is armed upon the deck.)
The walls are hung with velvet that is black and soft as sin,
And little dwarfs creep out of it and little dwarfs creep in.
He holds a crystal phial that has colours like the moon,
He touches, and it tingles, and he trembles very soon,
And his face is as a fungus of a leprous white and grey
Like plants in the high houses that are shuttered from the day,
And death is in the phial, and the end of noble work,
But Don John of Austria has fired upon the Turk.
Don John’s hunting, and his hounds have bayed—
Booms away past Italy the rumour of his raid
Gun upon gun, ha! ha!
Gun upon gun, hurrah!
Don John of Austria
Has loosed the cannonade.

 

The Pope was in his chapel before day or battle broke,
(Don John of Austria is hidden in the smoke.)
The hidden room in man’s house where God sits all the year,
The secret window whence the world looks small and very dear.
He sees as in a mirror on the monstrous twilight sea
The crescent of his cruel ships whose name is mystery;
They fling great shadows foe-wards, making Cross and Castle dark,
They veil the plumèd lions on the galleys of St. Mark;
And above the ships are palaces of brown, black-bearded chiefs,
And below the ships are prisons, where with multitudinous griefs,
Christian captives sick and sunless, all a labouring race repines
Like a race in sunken cities, like a nation in the mines.
They are lost like slaves that sweat, and in the skies of morning hung
The stair-ways of the tallest gods when tyranny was young.
They are countless, voiceless, hopeless as those fallen or fleeing on
Before the high Kings’ horses in the granite of Babylon.
And many a one grows witless in his quiet room in hell
Where a yellow face looks inward through the lattice of his cell,
And he finds his God forgotten, and he seeks no more a sign—
(But Don John of Austria has burst the battle-line!)
Don John pounding from the slaughter-painted poop,
Purpling all the ocean like a bloody pirate’s sloop,
Scarlet running over on the silvers and the golds,
Breaking of the hatches up and bursting of the holds,
Thronging of the thousands up that labour under sea
White for bliss and blind for sun and stunned for liberty.
Vivat Hispania!
Domino Gloria!
Don John of Austria
Has set his people free!

 

Cervantes on his galley sets the sword back in the sheath
(Don John of Austria rides homeward with a wreath.)
And he sees across a weary land a straggling road in Spain,
Up which a lean and foolish knight forever rides in vain,
And he smiles, but not as Sultans smile, and settles back the blade….
(But Don John of Austria rides home from the Crusade.)

 

(G. K. Chesterton)

 

**** Dieser Gefangene ist übrigens – neben Gonzalico – so ziemlich meine Lieblingsfigur in diesem Buch: Er hat eine authentische Persönlichkeit; er verhält sich tollkühn, frohgemut, ehrbewusst; er sagt theatralische Sachen wie: „Meine Stahlklinge aus Toledo hat bislang noch jedes maurische Eisen durchschlagen“ (S. 230) oder „Bei den Nägeln des Kreuzes Christi!“ (ebd.). Er ist übrigens verwundet worden, als er seinen Soldaten Deckung geben wollte, und er bringt Hernando sogar dazu, kurz über „Glaubensfragen“ nachzudenken:

„‚Ich werde für Christus sterben [gemeint ist: wenn wir auf der Flucht erwischt werden]‘, flüsterte der Gefangene.

Er hatte diese Worte schon einmal gehört, von Gonzalico. Aus ihnen sprach die gleiche Demut, die gleiche Hingabe. Und was war mit dem Islam? Bedeutete Islam nicht Demut und Hingabe? Und…

‚Aber wir werden nur sterben, wenn Gott es so bestimmt hat. Wir sind freie Menschen, wir können kämpfen‘, unterbrach der Christ Hernandos Gedanken.

Hernando verzog das Gesicht.“ (S. 225)

Das klingt doch vielversprechend!

 

Die Pfeiler des Glaubens, Teil 1: Von Morisken und Märtyrern

Letztens ist mir bei einem Blick in mein Bücherregal dieser historische Roman hier aufgefallen, den ich vor ein paar Jahren von einer Patentante zu Weihnachten bekommen haben müsste:

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Worum es geht, verrät der Klappentext:

20171220_002643[1]

Pseudohistorisches, schlecht recherchiertes Christenbashing wahrscheinlich, habe ich mir damals gedacht, mich nett bei der Patentante bedankt, und das Buch ungeöffnet ins Regal gestellt. Aber inzwischen habe ich ja einen Blog, und da kann man, wenn ein Buch sich als schlecht herausstellt, andere an seinen genervten Gefühlen teilhaben lassen. Also, frisch ans Werk.

Als ich den Klappentext vor ein paar Tagen wieder gelesen habe, war ich überrascht davon, wie unsympathisch mir der Protagonist in dieser kurzen Beschreibung erscheint; ich hatte nicht mehr in Erinnerung, dass Hernando „sich als Christ ausgibt und für das Domkapitel in Córdoba arbeitet – scheinbar gegen die Muslime“. Wenn du schon einer falschen Religion anhängst, dann steh doch wenigstens dazu, habe ich mir gedacht. Aber ich greife mir vor.

Ildefonso Falcones ist als Schriftsteller kein unbekannter Anfänger; von ihm stammt auch der Bestseller „Die Kathedrale des Meeres“, der im 14. Jahrhundert in Barcelona spielt. Besonders gut geschrieben ist „Die Pfeiler des Glaubens“ trotzdem nicht. Die Perspektive wechselt oft abrupt, an manchen Stellen alle paar Sätze; mal berichtet ein allwissender Erzähler von der politischen Lage, dann blickt man wieder in den Kopf einer Nebenfigur, gleich darauf dann in den des Protagonisten, dann für zwei Sätze in den einer anderen Nebenfigur. Dazu kommen, gleich ab der ersten Seite, Adjektive über Adjektive. Beispiele gefällig?

„Das metallische Echo [der Kirchenglocken] brach sich in den felsigen Schluchten des Südhanges, erfüllte das fruchtbare Tal mit seinen Flüssen Guadelfo, Adra und Andarax, die sich aus den zahllosen Gebirgsbächen der verschneiten Gipfel speisten, und wurde schließlich von den steilen Hängen der Sierra Contraviesa zurückgeworfen.“ (S. 11)

„Vor dem schlichten ockerfarbenen Gotteshaus mit seinem wuchtigen Glockenturm lag ein weitläufiger Vorplatz, von dem aus sich ein Gewirr aus engen Gassen über den Hang ausbreitete.“ (Ebd.)

Der Roman beginnt an einem Sonntagmorgen im Dezember 1568 in diesem spanischen Bergdorf namens Juviles, wo eine Minderheit aus Altchristen mit einer unterdrückten Mehrheit aus Morisken zusammenlebt – Muslimen, die nach der Vertreibung der muslimischen Herrscher aus Spanien 1492 zunächst toleriert, dann allerdings vor die Wahl zwischen Taufe oder Ausweisung gestellt worden waren, und die die Taufe gewählt hatten. Diese Familien praktizieren im Geheimen weiterhin den Islam, erscheinen aber pflichtgemäß zur Sonntagsmesse, wo der Pfarrer ihre Anwesenheit kontrolliert und zwei Frauen, die am vergangenen Sonntag unentschuldigt gefehlt haben, Geldstrafen aufbrummt. Schon in diesen ersten Seiten begegnet man auch vor bzw. in der Kirche zwei gedemütigten Büßern, die für das Vergehen der Hexerei bloßgestellt werden; es handelt sich um eine alte Moriskin, die einer Kranken hat helfen wollen, indem sie deren Hemd in angeblich heilkräftigem Wasser gewaschen hat, und den Ehemann der Kranken, der ihr das Hemd gegeben hatte. Reizend. (Aber, nach meinen (geringen) Kenntnissen der spanischen Kirchenzucht in der frühen Neuzeit, auch nicht ganz unplausibel.*) Erstaunlicherweise scheint die Messe dann übrigens auf Spanisch, nicht auf Latein, gehalten zu werden – es wird erwähnt, dass viele Morisken nicht gut Spanisch sprechen, aber gelernt haben, die Gebete in der Kirche mitzusprechen -, obwohl auch ausdrücklich gesagt wird, dass der Priester bei der Wandlung „mit dem Rücken zur Gemeinde“ steht. Na ja, Flüchtigkeitsfehler können passieren.

In Juviles lebt auch der 14-jährige Hernando, der unter den Morisken eine Art Außenseiterrolle einnimmt, da, wie der Klappentext oben verrät, seine Mutter Aischa von einem christlichen Priester in ihrem Heimatdorf vergewaltigt worden und Hernando dabei herausgekommen ist. Sein Stiefvater Ibraham, der Maultiertreiber ist, und andere Dorfbewohner beschimpfen ihn als „Nazarener“ (S. 18) und „Christenhund“ (ebd.), und als einziger unter den Morisken hat er nur einen christlichen Namen und keinen im Geheimen gebrauchten muslimischen. Auch der christliche Sakristan und der Pfarrer bemühen sich übrigens besonders um Hernando – „so als wollten sie den Bastard des Priesters vor Mohammeds Anhängern retten“ (S. 20). (Ähnliche Formulierungen kommen immer wieder heraus, wenn Falcones dramatisch werden will.)

Hamid, ein alter islamischer Gelehrter, der einst zu einer edlen Familie in Granada gehört hat, jetzt aber in Armut in Juviles lebt, hat Hernando jedoch ebenfalls gern und lehrt ihm seinerseits die heiligen Texte des Islam. Als Hernando wieder einmal bei Hamid zu Besuch ist, kommt ein Besucher vorbei, der Hamid in Aufstandspläne der Morisken einweiht, und bald geht der Aufstand los, auch in Juviles. Die Altchristen dort werden in der Kirche zusammengetrieben, und Hernando, der gerade dem Sakristan geholfen hat, die Christmette vorzubereiten**, mit ihnen; aber als Hamid sich für ihn einsetzt und Hernando das islamische Glaubensbekenntnis ablegt, wird er freigelassen. Von da an beteiligt er sich ebenfalls am Aufstand, da Ibrahim ihn als Maultiertreiber braucht, um Beute zu transportieren, die gegen Waffen getauscht werden soll. Während er sich in der Kirche von Juviles selbst noch nicht ganz sicher gewesen ist, was er eigentlich ist, Christ oder Muslim, entscheidet er sich nun offensichtlich zur Loyalität gegenüber dem Islam. Auch die Sympathie des Autors scheint eher auf dieser Seite zu liegen; vielleicht einfach deshalb, weil die katholische Kirche als die Seite des Bösen von Anfang an feststeht und die Gegenseite daher zwangsläufig zumindest ein bisschen besser sein muss, oder auch deshalb, weil sich die Morisken nach der erfolgreich abgeschlossenen Reconquista in der Rolle der Unterdrückten wiederfinden, und man für die Unterdrückten immer Sympathie hat. (Und überhaupt, auch die Zeit der islamischen Herrschaft war doch so eine tolle, tolerante, kultivierte Zeit für Spanien! Ähm, ja, sicher.)

Bei der Schilderung des Aufstands verzichtet Falcones jedenfalls auf Schwarz-Weiß-Malerei; die Morisken werden durchaus auch als fanatisch und brutal gezeigt, wenn sie etwa christliche Gefangene traktieren, verstümmeln, mit Drohungen zu bekehren versuchen, oder schließlich töten. Es kommen gute Christen und schlechte Christen, gute Muslime und schlechte Muslime vor. In Bezug auf die historische Genauigkeit oder die historisch richtige Darstellung der religiösen Atmosphäre gibt es an dieser Stelle wenig zu bemängeln; alle kämpfen für ihren Glauben, weil es der ihre ist und sie ihn für wahr halten, verabscheuen den der Gegenseite als Gotteslästerung, und wollen sich für vergangenes Unrecht rächen. Aber jetzt kommen wir auch zu einem Thema, das mich an diesem Buch ziemlich nervt: Hernandos Sicht auf Wahrhaftigkeit und Märtyrertum.

An einer Stelle soll Hernando einen in einem anderen Dorf gefangenen christlichen Jungen namens Gonzalico dazu bringen, zum Islam überzutreten. Und ja, in der folgenden Szene, in der Falcones übrigens wieder mal die Zeitform nicht einhalten kann, soll Hernando offenbar mitfühlend und human herüberkommen, nicht wie der ölige Agent in einem Thriller, der den Helden geschickt von seiner Mission abzubringen versucht***:

„‚Eure Könige haben uns gezwungen, unseren Glauben aufzugeben‘, hatte Hernando dem Jungen in der Nacht erklärt. ‚Und das haben wir gemacht. Sie haben uns getauft.‘ Gonzalico sah ihn mit seinen großen graubraunen Augen an. ‚Und da wir jetzt herrschen werden…‘

‚Aber ihr werdet niemals im Himmel herrschen‘, unterbrach ihn Gonzalico.

‚Und selbst wenn es so wäre‘, hatte er ihm geantwortet, ohne weiter auf die dahinterstehende Frage einzugehen, ‚was hindert dich daran, hier auf Erden deinen Glauben aufzugeben?‘

Der Junge fuhr erschrocken zusammen.

‚Ich soll Jesus leugnen?‘, fragte er mit kaum vernehmbarer Stimme.

Wie dumm waren diese Christen denn eigentlich? Also erzählte Hernando ihm von dem Fatwa, das der Mufti von Oran bei der Zwangsbekehrung der spanischen Muslime ausgesprochen hatte. ‚Wenn man euch zwingt, Wein zu trinken, so trinkt ihn, allerdings nicht mit der Absicht, ihn zu genießen‘, zitierte er. ‚Und wenn sie euch den Verzehr von Schweinefleisch auferlegen, dann esst es, auch wenn ihr es in euren Herzen verabscheut und so an seinem Verbot festhaltet.‘ Er versuchte den Jungen zu überzeugen. ‚Gonzalico, das bedeutet, wenn du dazu gezwungen wirst, gibst du in Wirklichkeit deinen Glauben nicht auf. Du bleibst dann deinem Gott immer noch treu.‘

‚Du bist also ein Ketzer‘, stellte Gonzalico fest.

Hernando seufzte tief und sah zur Alten [einem Maultier] hinüber, die immer in seiner Nähe war.

‚Sie werden dich umbringen‘, sagte er nach einer Pause.

‚Ich werde für Christus sterben‘, antwortete der Junge mit einer Ergriffenheit, die weder das Dunkel noch die schützenden Decken verbergen konnten.“ (S. 57f.)

(Wieso auch? Seit wann verbirgt Dunkelheit Geräusche?)

Gonzalico stirbt (zusammen mit vielen anderen Gefangenen) tatsächlich für Christus; am nächsten Morgen wird ihm die Kehle durchgeschnitten, und dann wird noch sein Herz herausgerissen und seiner Schwester Isabel vor die Füße geworfen. (Die weiblichen Gefangenen werden nicht getötet, wohl, um später verkauft werden zu können.) Hernando ist entsetzt von all der Grausamkeit, während um ihn herum gefeiert wird; es wird klar, dass er, als die Identifikationsfigur, Grausamkeit auf allen Seiten nicht mag, obwohl er sich für die Seite des Islam entschieden hat. Am Ende des Kapitels gibt er sich den islamischen Namen Hamid ibn Hamid, und der Erzähler berichtet von der Ausrufung des 22-jährigen Don Fernando de Valor / Muhammad ibn Umayya, von den Christen Aben Humeya genannt, zum König von Granada und Córdoba. Hernando kehrt mit den anderen Männern schließlich nach Juviles zurück, wo in der Burg ein Quartier eingerichtet wird, und auch in diesem Dorf werden die örtlichen Christen getötet, da sie noch immer die Bekehrung verweigern.

Zurück zu Gonzalicos und Hernandos Gespräch. Der Islam kennt kein Märtyrertum; ja, ich weiß, er kennt etwas, das er mit demselben Wort bezeichnet, aber er kennt die Sache an sich nicht, die bedeutet, sich lieber töten zu lassen, als Gott zu verleugnen. Ja, es ist für Christen moralisch erlaubt, ihren Glauben vor Verfolgern zu verstecken; aber ihn zu verleugnen oder bei einer falschen Religion mitzumachen, das kann nie erlaubt sein. Das Prinzip der Taqiyya dagegen lautet: Wenn es sein muss, um dich vor Verfolgung zu bewahren, musst du die Gebote nicht unbedingt halten. Was du nach außen hin tust, ist nicht so wichtig; dein Glaube muss sich nicht in deinem Leben zeigen. Practice what you preach? Wozu? Du musst dich nicht unbedingt zur Wahrheit bekennen, du darfst auch einem falschen Gott Ehre erweisen, wenn nötig.**** Dass Falcones – der meines Wissens nach kein Muslim ist – diesem Prinzip offensichtlich größere Sympathie entgegenbringt als der christlichen Sturheit, die einen zum Märtyrer werden lässt (und ja, das zeigt sich auch noch an späteren Stellen im Buch deutlicher), ist eigentlich gar nicht mal so überraschend. Die Taqiyya passt ganz gut zu einer prägenden Ansicht des Säkularisten: Es gibt keine absolute Moral. Alles ist situationsabhängig. So etwas wie in sich schlechte Handlungen, die man nie begehen darf, gibt es nicht. Manchmal muss man einfach klug sein und für sein Überleben sorgen. Der Islam ist nicht immer so radikal, wie man meint; er ist manchmal eher eine pragmatische Religion der moralischen Kompromisse, so etwa auch bei den Themen Scheidung, Polygamie oder – bei den Schiiten – Genussehe; das ist eben sein Problem. „Du bist also ein Ketzer. Ich werde für Christus sterben“ ist genau die richtige Antwort auf eine solche Einstellung. Der eigentliche Held dieses Buches ist Gonzalico.

Falcones‘ Überzeugung, dass die Wahrheit nur von untergeordnetem Wert ist, wird nicht lange nach Gonzalicos Martyrium auch noch an einem anderen Beispiel gezeigt. Ein anderer, schon früher krimineller, aber von den christlichen Autoritäten nie verurteilter Maultiertreiber namens Ubaid bedroht Hernando und versucht an einer Stelle sogar, ihn zu töten (komplizierte Geschichte). Hernando versteckt daraufhin ein wertvolles Beutestück in Ubaids Sachen und sorgt dafür, dass es von Ibrahim entdeckt wird. Hamid, den die Morisken zum Richter ernennen, lässt Ubaid nach einem Prozess wegen Diebstahls die rechte Hand abschlagen, und am Tag darauf erfährt Hernando, dass Hamid schon ahnte, was in Wahrheit geschehen war, und berichtet dem Gelehrten noch die Einzelheiten. („‚Er wollte mich dazu bringen, den Schatz zu stehlen. Dann hat er sogar versucht, mich umzubringen, und er hat mir damit gedroht, es wieder zu versuchen.'“, S. 78) Hamid meint daraufhin, Hernando solle seinen Verstand benutzen, um auch in Zukunft vor Ubaid sicher zu sein, und fährt fort: „‚Unsere Sitte verlangt, dass ein Richter niemals Unrecht walten lässt‘, sagte der Gelehrte schließlich. ‚Wenn er die Wahrheit unterdrückt, dann nur, um nützlich zu sein. Und ich bin davon überzeugt, dass ich meinem Volk nützlich gewesen bin.'“ (S. 78) Man hätte Ubaid also nicht wegen seiner wirklichen Verbrechen verurteilen können, schon klar. Auf die Wahrheit kommt es ja nicht an.

Dass Lügen, die nützlich sind, etwas Positives seien, wird vor allem auch am Ende des Buches noch einmal sehr deutlich gemacht; da kommen dann nämlich die Bleibücher vom Sacromonte vor. Aber ich will mir hier nicht vorgreifen; bis dahin sind es noch ein paar Jahrzehnte, und jetzt geht es erst einmal damit weiter, dass die Kämpfer aus Juviles weiterziehen, um sich unter Aben Humeyas Kommando einem christlichen Marquis entgegenzustellen, und bald darauf beginnt sich auch schon ihre Niederlage abzuzeichnen…

Weiter geht’s nach den Feiertagen.

 

* Wobei es in Spanien bekanntlich keinen Hexenwahn wie im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gab; aber offenbar fanden im 16. Jahrhundert noch ein paar Hexenprozesse statt, und eine solche Bußstrafe im Jahr 1568 klingt daher durchaus möglich. Öffentliche Kirchenbuße und Geldstrafen wurden von Kirchengerichten ja häufiger verhängt, etwa auch für Gotteslästerung.

** Schon zwei Anspielungen auf Weihnachten in diesem Artikel. Niemand kann sagen, ich bringe keine passenden Beiträge zum anstehenden Fest.

*** Oder wie Lord Voldemort: „Die Schlacht ist gewonnen. Ihr habt die Hälfte eurer Kämpfer verloren. Meine Todesser sind in der Überzahl gegen euch, und der Junge, der überlebt hat, ist erledigt. Der Krieg darf nicht länger währen. […] Kommt aus dem Schloss, unverzüglich, und kniet vor mir nieder, und ihr werdet verschont werden. Eure Eltern und Kinder, eure Brüder und Schwestern werden leben, und es wird ihnen verziehen, und ihr werdet euch mir anschließen in der neuen Welt, die wir gemeinsam errichten werden.“ (J. K. Rowling, Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, S. 736f.)

**** Ich will hier übrigens nicht leugnen, dass man sich bei einer Verfolgung seiner Religion in einer sehr schlimmen Situation wiederfinden kann, in der es nicht immer leicht ist, das Richtige zu tun. Aber das sind einfach „mildernde Umstände“, die das Verleugnen der Wahrheit an sich nicht richtiger machen.

Nichts Neues von Margot

Beim evangelischen Nachrichtenportal idea erfährt man, passend zur Saison, welche Gedanken Margot Käßmann sich gerade so über die Weihnachtsgeschichte macht: „Käßmann äußerte sich in der ‚Bild am Sonntag‘ auf die Frage, ob man seiner Tochter erzählen solle, dass Maria eine Jungfrau war. Wie sie schreibt, will der Evangelist Matthäus deutlich machen, dass schon die Propheten auf Jesus hingewiesen haben. Deshalb zitiere er Jesaja, der weissagte, eine junge Frau würde schwanger werden und den Retter Israels zur Welt bringen. Käßmann: ‚Das hebräische Wort dafür lautet ‚almah‘, junge Frau. Im Griechischen wird sie zu ‚parthenos‘, ein Wort, bei dem sexuelle Jungfräulichkeit mitschwingt.‘ Matthäus erzähle ‚deshalb‘, Maria sei schwanger geworden vom Heiligen Geist: ‚So wollte er zeigen, dass Jesus eben ganz besonders war.'“ (https://www.idea.de/glaube/detail/kaessmann-ueber-jungfrauengeburt-maria-war-eine-junge-frau-103645.html) Frau Käßmanns Sorge gilt der möglichen Bewertung der Sexualität als etwas, das „etwas mit Unreinheit zu tun“ hätte, die durch die Geschichte von der Jungfrauengeburt rüberkommen könnte. Klar, ich meine, seitdem Jesus die Brote auf wundersame Weise vermehrt hat, haben wir Christen schließlich auch unsere Vorbehalte dagegen, das Brot ganz normal beim Bäcker zu kaufen oder gar selber zu backen. Brot backen, statt es vermehrt zu bekommen, das ist so unrein, die Hände werden so voll Mehl, und die ganze Küche ist auch voll davon, wenn man nicht aufpasst, und wenn man häufig zähe Teigreste aus der Schüssel spült, kann das irgendwann auch noch den Abfluss des Spülbeckens verstopfen… (Kein Scherz, das geht.) Vor solchen falschen Ideen müssen natürlich vor allem die Töchter geschützt werden. Also, das Brotbacken toll finden müssen sie nicht unbedingt, aber…

Ach, Mensch, Margot. Klar, Matthäus kannte keine Geschichte von Josefs Zweifeln an Marias Treue und seinen anschließenden Offenbarungen im Traum, der Evangelist hat bloß aus einer „schlecht“ übersetzten Prophezeiung in der Septuaginta eine Geschichte spinnen müssen, um zeigen zu können, dass die alttestamentlichen Prophezeiungen auf seinen Messiaskandidaten passten. Also – wieso genau vertrauen wir Matthäus ansonsten noch gleich, laut dem Evangelium nach Margot? (Und Lukas hat natürlich nie geschrieben, also reden wir über den gar nicht erst.)

Und wenn wir schon die Übersetzung der griechischen Septuaginta – die zumindest uns Katholiken auch als Heilige Schrift gilt; mehrere Bücher des (katholischen) AT sind nur in dieser griechischen Version überliefert – verwerfen müssen, dann sollten wir uns das hebräische „almah“ doch zumindest noch mal genauer anschauen. Ja, ich weiß, das hier ist schon oft genug klargestellt worden, aber Käßmanns falsche Behauptung wird ja auch immer wieder wiederholt. Also: „Almah“ bedeutet sowohl „Jungfrau“ als auch „junge Frau“ und zwar – obacht! – weil beides in der Vorstellungswelt der damaligen Menschen zusammenhing. Eine junge, unverheiratete Frau hatte Jungfrau zu sein. Das Gegenteil dazu war die erwachsene, verheiratete Frau, nicht die ältere Jungfrau oder die junge Nicht-mehr-Jungfrau. „Almah“ wurde etwa so verwendet wie das deutsche „Jungfer“ oder das englische „maiden“. Als Beispiel für diesen immer irgendwo zweideutigen Sprachgebrauch kann man sich mal diesen Abschnitt aus dem Drama „Die Kindermörderin“ von 1776 anschauen, wo Evchen nach der Geburt ihres unehelichen Kindes mit der Frau spricht, bei der sie anonym untergekommen ist:

Fr. Marthan. Behüt und bewahre! da käm sie ja ins Tollhaus! – weiß sie was, Jungfer –

Evchen. Spricht sie mit mir, Frau Marthan?

Fr. Marthan. Mit wem sonst? – Soll ich sie etwa nit Jungfer heißen? Kurios! – gehn so viele vornehme und geringe in der Stadt herum, die schon drey, vier so Puppelchen in der Kost haben, thäten einem die Augen auskratzen, oder gar einen Jurienprozeß an Hals hängen, wenn man sie nit hinten und vornen Jungfern hieß!

Eine als „Jungfer“ betitelte junge Frau musste nicht immer auch im sexuellen Sinn Jungfrau sein, aber es wurde eigentlich schon im Begriff impliziert. Ähnlich bei „almah“. Es hat vorrangig die Bedeutung „junge Frau“, aber eben auch die Nebenbedeutung „Jungfrau“. Daraus folgt zunächst mal, dass man „almah“ an sich mit „Jungfrau“ oder mit „junge Frau“ übersetzen kann, wie’s beliebt, auch an anderen Stellen wird das Wort mit „Jungfrau“ übersetzt; wenn man sich im Zweifelsfall dann allerdings an der Septuaginta orientieren würde, die immerhin auch schon ein gutes Stück vor Christi Geburt (3. Jhd. v. Chr.) datiert, bliebe „Jungfrau“; und wenn man dann noch den Kontext beachten würde, um auf die richtige Weise der Übersetzung zu kommen, könnte man sich fragen, was Jesaja hier eigentlich sagen wollte. Achtung, er macht eine Prophezeiung über den Messias! Große Neuigkeiten! Wir erfahren ein Erkennungsmerkmal des Messias! Der Herr wird ein bedeutsames Zeichen geben! Der Messias wird von – jetzt kommt’s – einer jungen Frau geboren werden! Seine Mutter wird keine Vierzigjährige sein! Äh, ja.

Und noch etwas. Selbst, wenn die Jesaja-Stelle eindeutig „junge Frau“ lauten würde, wie würde Frau Käßmann dann den Gedankenschritt machen zu „Maria war also keine Jungfrau, weil sie eine junge Frau war“? Ja, ich weiß, sie macht ihn, weil sie alle Schilderungen der Evangelisten nur für Erfindungen zum Promoten ihres Messias hält, die anhand diverser prophetischer AT-Stellen zusammengesponnen wurden, und nicht wirklich glaubt, dass Jesus eben tatsächlich „ganz besonders“ war, zumindest nicht „ganz besonders“ im Sinne von „Gottes Sohn“… Na ja. Wir haben ja auch in der katholischen Kirche den ein oder anderen Bischof, den man nicht mögen muss, aber die Lutherischen können einem manchmal schon leid tun.

Na ja. Es ist Advent. In diesem Sinne, freuen wir uns darauf, zu hören: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“

Was ist „geistlicher Missbrauch“?

  • Wenn man von der Familie oder den Freunden isoliert wird
  • Wenn man am besten alle Kontakte zu Außenstehenden oder – noch schlimmer – Aussteigern abbrechen soll
  • Wenn man davor gewarnt wird, dass Außenstehende, die vielleicht in Zukunft versuchen könnten, einen von der Gruppe abzubringen, vom Teufel gesandt wären und man sie gar nicht anhören dürfte
  • Wenn einem klar ist, dass man die Freundschaft der anderen Mitglieder automatisch verlieren würde, sobald man aus der Gruppe aussteigen würde
  • Wenn die Kleinigkeiten des Alltagslebens überwacht werden
  • Wenn eine Gruppe Druck ausübt, um die gesamte freie Zeit zu beanspruchen
  • Wenn man gedrängt wird, in Gruppensitzungen alle seine Sünden oder Probleme aufzudecken, auch wenn man sich dabei nicht wohl fühlt
  • Wenn solche vertraulichen Informationen dann unangekündigt vom Gruppenleiter an andere weitergegeben werden und später dazu verwendet werden, Kontrolle über einen auszuüben
  • Wenn ehrliche Fragen (Wieso lässt ein guter Gott Leid zu? Will Gott wirklich von mir, dass ich dieser speziellen Gruppe folge? Ist es wirklich eine Pflicht der Sittsamkeit für Frauen, nur Röcke und keine Hosen zu tragen?) nicht ernst genommen und beantwortet, sondern wie Vergehen behandelt werden
  • Wenn einem, sobald man Einsprüche wagt, Kritik äußert oder versucht, auf seinen Rechten zu bestehen, oder auch, sich gegen Vorwürfe zu verteidigen, die gegen einen erhoben werden, gesagt wird, man sei rebellisch, ungehorsam, hochmütig oder stelle sich gegen den Heiligen Geist, kurz, man sei selber das Problem
  • Wenn Leiter nicht hinterfragt werden dürfen und niemandem rechenschaftspflichtig sind
  • Wenn Leiter beanspruchen, dass Gott / der Heilige Geist / whatever in allen ihren Entscheidungen direkt durch sie spreche – oft, ohne dass sie irgendwelche Beweise dafür bringen müssen, dass Gott sie auf diese Weise auserwählt hat
  • Wenn gesagt wird, man müsste den Leitern oder anderen Autoritätspersonen auch dann gehorchen, wenn sie Unsinniges oder sogar Sündhaftes befehlen würden – vor Gott wäre man nur dafür verantwortlich, zu gehorchen; alle Sünden, die man dabei vielleicht begehen würde, würden einem nicht angerechnet werden
  • Wenn Informationen über Aufbau und Praktiken der Organisation geheim gehalten werden sollen
  • Wenn vor einem selbst beim Eintritt in die Organisation noch manche wichtige Dinge geheim gehalten werden, die man erst auf einer späteren Stufe der Initiation erfahren soll
  • Wenn gleich mal mit der Hölle gedroht wird – z. B. dafür, dass man nicht oft genug an der Haustürmission teilnimmt oder dabei nicht genügend Bekehrungserfolge vorweisen kann. Solche Drohungen können subtil oder weniger subtil sein. Gerne wird auch mal die Drohung von der unwiderruflichen Verdammnis verwendet – sprich, man bezeichnet ein bestimmtes Fehlverhalten als die unvergebbare Sünde, als die „Sünde gegen den Heiligen Geist“. [Die katholische Kirche interpretiert diese Bibelstelle übrigens ganz anders: Jede Sünde wird bei Reue vergeben werden, die Sünde gegen den Heiligen Geist meint einfach nur Reuelosigkeit, mit dem alten Ausdruck „Unbußfertigkeit“.]
  • Wenn man gedrängt wird (vielleicht auch mithilfe von impliziten oder expliziten Höllendrohungen), Fehlverhalten von Leitern – ob es sich dabei um Zweckentfremdung von Spendengeldern, außereheliche Affären oder sogar den sexuellen Missbrauch von Kindern handelt – nicht publik zu machen, um der Organisation oder der „Sache Gottes“ nicht zu schaden
  • Wenn man nach außen hin nicht von irgendwelchen Problemen in der Organisation sprechen soll

Zusammengefasst: Abschottung, erzwungene Intimität, Kontrolle, Manipulation, Anmaßung von absoluter Autorität, Drohungen, Geheimhaltung – das alles sind typische Beispiele für das, was man als „geistlichen Missbrauch“ bezeichnet.

Solche Dinge sind normalerweise Kennzeichen von Gemeinschaften, die man im allgemeinen Sprachgebrauch als „Sekten“ bezeichnet – aber es gibt sie nicht nur dort. Auch in Organisationen innerhalb der katholischen Kirche kann es gelegentlich dazu kommen. Die Legionäre Christi (und ihr Laienapostolat Regnum Christi) wären ein Beispiel: Gegründet von einem Kinderschänder, der ein Doppelleben führte und einen autoritären Personenkult um sich selbst aufbaute. Kinder in den Internaten der Legionäre wurden oft auf totalen Gehorsam getrimmt und durften wenig Kontakt zu ihren Familien haben, dem Anwerben von neuen Mitgliedern und – vor allem – von Spenden wurde oft mehr Bedeutung zugemessen als allem anderen, die Legionäre wurden als die einzig wahren Katholiken dargestellt, es gab ein spezielles Gelübde der „Nächstenliebe“, das vorschrieb, Kritik an Vorgesetzten nur mit diesen selbst zu besprechen, und Vorgesetzte waren gleichzeitig Beichtväter – ganz anders als etwa in jedem normalen Priesterseminar. Solche Regeln mussten immerhin durch die von Rom erzwungenen Reformen nach dem Bekanntwerden von Maciels Vergehen geändert werden; ich weiß nicht, ob die Legionäre sich inzwischen auch wirklich in der Tiefe erneuert haben. (Dass erst dieses Jahr der Rektor ihres Priesterseminars seine Amtszeit noch beenden durfte, nachdem er seinen Ordensoberen bereits mitgeteilt hatte, dass er ein Kind gezeugt hatte,  was diese auf seinen Wunsch hin erst einmal vertraulich behandelten (http://www.kath.net/news/61242 ), spricht nicht unbedingt für den Orden. Aber ich kenne mich sonst nicht näher mit seinem jetzigen Zustand aus.)

Die Legionäre sind allerdings nicht die einzige Gemeinschaft, die in der Hinsicht kritisiert wird. Der Neokatechumenale Weg zum Beispiel hat ebenfalls keinen einwandfreien Ruf (https://de.wikipedia.org/wiki/Neokatechumenaler_Weg#Inhaltliche_Kritik ). Und natürlich kann es auch mal in normalen Pfarreien, kirchlichen Vereinen oder Klöstern, wenn es dort entsprechend machtbewusste Persönlichkeiten gibt, zu geistlichem Missbrauch kommen.

Ich habe so etwas persönlich noch nie erlebt, sondern nur von Erlebnissen anderer gehört und gelesen. Aber ich finde, es ist wichtig, die Anzeichen zu kennen – nur für den Fall, dass man mal in eine interessante neu gegründete geistliche Gemeinschaft hineingerät, die dann anfängt, immer stärkere Kontrolle über das Alltagsleben zu verlangen, unter dem Deckmantel, einem zur Heiligung zu verhelfen. Nein, zur Heiligung ist es eben nicht nötig, alle seine Sünden öffentlich in einer Gruppe, vor Leuten, die man kaum kennt, darzulegen und dann die ganze Fastenzeit über nur Wasser und Brot zu sich zu nehmen, weil das dem Gruppenleiter als die beste Übung der Demut für einen vom Heiligen Geist persönlich offenbart worden ist.

Sektenartige Gemeinschaften oder sehr autoritäre Kleriker haben natürlich eine gewisse Anziehungskraft: Sie machen ernst. Sie sind radikal. Sie stellen das ganze Leben unter Gottes Willen. Aber Gottes Wille ist eben nicht automatisch der Wille eines Katecheten beim Neokatechumenalen Weg. Es gibt Gründe, wieso es in der Kirche zum Beispiel das Beichtgeheimnis gibt, und wieso sie genau festgelegt hat, was Sünden sind und wo im Gegenzug jeder seinen eigenen Weg finden darf: Um die Leute vor so etwas zu schützen. Nicht, dass zusätzliche persönliche Gelübde, oder der Anschluss an Gruppen, in denen man zusätzliche persönliche Gelübde macht, generell schlecht wären, das würde niemand behaupten; oft geht das Schlechte erst da los, wo ein solcher Weg nicht mehr als ein Weg unter vielen in der Kirche, sondern als der einzig wahre katholische Weg dargestellt wird, als etwas, das man nicht ausschlagen kann, ohne das eigene Heil zu gefährden. Oft erkennt man fragwürdige Gemeinschaften auch an ihrem Verhalten gegenüber kritischen Bischöfen: Sie akzeptieren keine Verurteilungen, stellen sich grundsätzlich als die Opfer hin, wenn sie kritisiert werden, als Märtyrer, als die letzte Bastion Gottes, die vom Satan in Gestalt der Kirchenhierarchie angegriffen wird. Mit Gehorsam ist es dann nicht mehr weit her.

Fazit: Prüfet alles, das Gute behaltet. Auch bei geistlichen Gemeinschaften. Manche von ihnen, wenn sie sich selbst absolut setzen, können einem authentischen katholischen geistlichen Leben im Weg stehen, statt dabei zu helfen.

Über blinde Flecke und säkulare Dogmen

Gelegentlich hat man auch von seinen katholischen Glaubensgenossen mal genug. Nicht von allen vielleicht; aber wenn man in seinen Facebookgruppen irgendwann zu viele Aufrufe, zur Rettung des Abendlandes täglich den Rosenkranz zu beten, und kitschige Heiligenbilder, unter denen jeweils drei bis fünf Leute mit „Amen!!!“ und ❤ ❤ ❤ kommentiert haben,  kriegt, nervt es schließlich. Dazu kommen dann immer wieder reflexhaft-antifeministische Wortmeldungen, das ewig gleiche Gemecker über EKD, DBK und das deutsche Kirchensteuersystem (was haben da alle dagegen?? Also gegen Letzteres), mir persönlich etwas zu große ökumenische Nähe zu gewissen Freikirchen, die grausige Worship-Songs singen, pausenlos davon reden, sich in Jesus zu verlieben und manchmal dazu neigen, Katholiken nicht für Christen zu halten, oder auch diese unerträgliche Franziskus-Fanbegeisterung, die aus mir unbekannten Gründen immer noch anhält. Kurz gesagt: Manchmal fühlt man sich aus den verschiedensten Gründen, als bräuchte man ein bisschen Abstand.

Die eigenen Leute nerven manchmal; aber dann, so habe ich gemerkt, muss man nur lange genug beim ideologischen Gegner herumhängen, um zu merken, wieso man trotz pseudo-inspirierender Sprüche, trotz Glaubensgeschwistern, die die falsche Partei wählen, oder trotz in neongrün leuchtender Herz-Jesu-Bilder katholisch ist.

Ich habe in letzter Zeit öfter amerikanische Blogs gelesen, die das evangelikale / konservative / fundamentalistische Christentum von einem atheistischen oder liberal-christlichen Standpunkt aus kritisieren und die allgemein feministische und „linke“ (für amerikanische Verhältnisse) Meinungen vertreten. (Weder „links“ noch „feministisch“ widersprechen natürlich an sich schon dem katholischen Glauben – es kommt darauf an, wie man beides definiert.) Und da liest man oft Interessantes; auch mal Interessantes über Fehlentwicklungen in bestimmten Gemeinden / Kirchen, die wir in unserer am besten vermeiden sollten. Der beliebte Blog „Love, Joy, Feminism“ (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/ ) wäre ein gutes Beispiel: Bloggerin Libby Anne ist in einer evangelikalen Familie mit einem Dutzend Kindern aufgewachsen, in der man an das Patriarchat glaubte und in der die Kinder zuhause unterrichtet und körperlich gezüchtigt wurden, wenn sie nicht sofort und ohne Widerspruch gehorchten. Inzwischen ist sie Atheistin (dem Christentum gegenüber aber nicht grundsätzlich feindselig eingestellt) und erzieht ihre eigenen Kinder auf andere Weise. Sie schreibt sowohl über ihre eigenen Erfahrungen als auch über allgemeine Entwicklungen im amerikanischen Christentum und der amerikanischen Politik; am interessantesten finde ich persönlich ihre detaillierten Besprechungen von Büchern wie „Created to be his helpmeet“ von Debi Pearl (wage es nicht, deinem Mann nicht zu gehorchen, solange er von dir nicht gerade verlangt, ihm bei einem Bankraub zu helfen), „To train up a child“ von Michael Pearl (gute Christen müssen fünf Monate alte Babys mit Gummischläuchen schlagen, um ihnen Gehorsam beizubringen), oder „A voice in the wind“ von Francine Rivers (ein historischer Liebesroman, der im alten Rom spielt, mehr oder weniger „Twilight“ für christliche Teenager). Andere Beispiele wären Samantha Fields Blog (http://samanthapfield.com/ ) – Field ist eine sehr liberale Christin, die ebenfalls aus konservativeren Kreisen kommt – oder das Gemeinschafts-Blogprojekt „No longer quivering“ (http://www.patheos.com/blogs/nolongerquivering/ ), das vor allem das randständige, extrem konservative Quiverfull Movement kritisiert.

Wie gesagt: Ich habe auf solchen Blogs manche interessante Sachen gelesen. Besonders zum Thema „geistlicher Missbrauch“, also dem Missbrauch von religiöser Autorität, um Anhängern zum Beispiel Angst davor zu machen, einem Pastor oder einem Familienmitglied nicht zu gehorchen, um sie dazu zu bringen, Probleme in der Gemeinde unter den Teppich zu kehren, o. Ä., wird hier immer wieder Interessantes geschrieben (es gibt übrigens auf der interreligiösen Plattform Patheos auch einige katholische Blogger, die das Thema öfter mal ansprechen, vor allem Mary Pezzulo: http://www.patheos.com/blogs/steelmagnificat/ ). Oder auch die Auswüchse dessen, was in den USA als „purity culture“ bezeichnet wird – wozu gehören kann, Mädchen, die vor der Ehe Sex gehabt haben, mit angebissenen Schokoriegeln zu vergleichen, oder nicht nur sexuelle „Reinheit“ (wozu für manche Christen kein Körperkontakt vor der Hochzeit gehört… kein Kommentar), sondern auch emotionale Reinheit zu verlangen, weshalb man bitteschön darauf aufpassen soll, mit jemandem, mit dem man noch nicht verheiratet ist, eine zu tiefe emotionale Verbindung aufzubauen, schließlich wäre es schrecklich, wenn man einen Teil seines Herzens an jemanden weggegeben hätte, den man am Ende nicht heiratet. Während das noch irgendwie lachhaft wirkt, ist es schlimm, zu lesen, wie zum Beispiel die Beratungsstelle ihrer christlichen Universität reagierte, als Samantha Field versuchte, darüber zu sprechen, dass ihr Ex-Verlobter sie vergewaltigt hatte (https://www.xojane.com/issues/samantha-field-pensacola-christian-college-rape-stalking ) – welchen Anteil sie denn an der Sünde gehabt hätte? Und außerdem sollte sie ihrem Ex vergeben, sonst würde sie „bitter“ werden und ihre Beziehung zu Gott schädigen. Ähm… ja.

Ich habe auch Interessantes über feministische Theorien im Allgemeinen oder politische Debatten in den USA um Waffengesetze, Naturschutz oder Krankenversicherung erfahren. Konservative, die Republikanische Partei wählende Christen tendieren dort ja oft dazu, alle staatlichen Vorschriften und Einschränkungen für Tyrannei zu halten, während Liberale für mehr Regulierung und Sozialstaat sind. Und hier ist die liberale Position aus unserer europäischen Sicht ja oft die einzig vernünftige – wie kann man nur dagegen sein, eine allgemeine Krankenversicherung oder bezahlten Mutterschaftsurlaub einzuführen oder zu kontrollieren, ob jemand ein Krimineller ist, bevor man dem eine Waffe verkauft? Dann gibt es zum Beispiel auch Artikel, die kreationistische Behauptungen widerlegen; auch spannend. Der Kreationismus ist ja eine dieser theologischen Ideen, die ich besonders hasse, weil sie unseren Glauben bescheuert aussehen lassen und im Grunde genommen Fideismus propagieren.

Aber dann dauert es auch wieder nicht lange, bis man sich fragt: Wie kann das sein? Eben noch redet ihr von Respekt vor allen Menschen und Mitgefühl mit den an den Rand Gedrängten und jetzt… das?

Geschenkt, dass einige als „non-religious“ deklarierte Blogs sich hauptsächlich damit beschäftigen, Dinge aus der christlichen Welt herauszusuchen, über die sie sich aufregen können, statt eine eigene Botschaft zu verkünden, und sich dabei auch nicht immer Mühe geben, zu verstehen, was dieser und jener Christ eigentlich gemeint hat. Geschenkt, dass das wohlige Gefühl, besser zu sein als diese heuchlerischen, legalistischen Fundamentalisten, sich in den Kommentarspalten gelegentlich deutlich zeigt. Geschenkt, dass manchmal so getan wird, als wären alle, die anderer Meinung sind, entweder böse oder Idioten. Das alles ist alles andere als ideal (es kann leicht in die Wurzelsünde Hochmut übergehen), aber Zorn über das Böse ist ja an sich nicht von Grund auf schlecht. Auch geschenkt, dass Mrs. Field zum Beispiel sehr kreativ in ihrer Bibelinterpretation werden kann (Orpah, die unwichtige, nicht wirklich schlechte, vor allem aber an ihre eigenen Interessen denkende Nebenfigur aus dem Buch Ruth soll eine Heldin sein? Bitte? (http://samanthapfield.com/2017/09/25/finding-new-meaning-in-familiar-characters/ )).

Seltsamer wird es zum Beispiel, wenn Leute sich nicht sicher zu sein scheinen, was sie als Feministinnen von (freiwilliger) Prostitution, (freiwilliger) Produktion von Pornographie, dem Konsum von Pornographie, Sadomasochismus oder offenen Beziehungen halten sollen. Das Prinzip der „consenting adults“ wird in der liberalen Sexualethik ständig betont; ein Lehrer, der sich an eine Fünfzehnjährige heranmacht, oder ein Mann, der seiner Freundin Druck macht, Sexpraktiken auszuprobieren, die sie nicht ausprobieren möchte – solche Leute sind klar die Bösen. Aber wenn eine Frau sich ganz frei und emanzipiert für „Sexarbeit“ entscheiden möchte, kann das dann falsch sein? Facepalm. (Genau diese Einstellung hat Deutschland durch die Legalisierung der Prostitution übrigens zum Paradies für Menschenhändler gemacht, just saying. Ich sage ja nicht, dass es nie freiwillige Prostitution gibt, aber seien wir mal realistisch.) Dass es Dinge gibt, die in sich erniedrigend sind, die man einfach nicht mit sich machen lassen sollte, diese Vorstellung erscheint gar nicht auf dem Radar. Dass „consent“ eine unabdingbare Mindestvoraussetzung, aber kein allein ausreichendes Kriterium ist: Das kommt diesen Leuten nicht in den Sinn. Ein meiner Meinung nach ziemlich ironisches Beispiel bietet Libby Anne von „Love, Joy, Feminism“ hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2013/10/ctbhhm-dont-talk-to-me-about-pain.html ), wo sie die Vorstellung einer Debi Pearl (einer Vertreterin des Christian Patriarchy Movement), dass Frauen ihren Ehemännern grundsätzlich und immer, wenn die es wollten, Sex zu liefern hätten, kritisiert – und dann sagt, dass, wenn zwei Partner unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse hätten, sie zuallererst miteinander kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen sollten, dass aber, wenn das nicht helfe „einige Optionen eine offene Ehe oder sogar Scheidung einschließen“. Aha. Heißt das jetzt, etwas auf die Spitze getrieben, dein Mann darf dich zwar nicht vergewaltigen, aber dafür betrügen oder verlassen?

Aber das schlimmste Beispiel ist natürlich eins, das nicht in den Bereich des sechsten, sondern des fünften Gebotes fällt: Abtreibung. Ich kann nicht verstehen – und habe nie verstanden, auch nicht, als ich noch nicht besonders religiös war – wie man der Meinung sein kann, eine Abtreibung könnte in Ordnung oder sogar etwas Gutes sein. [Note: Ich will mit alldem, was ich jetzt sagen werde, nicht leugnen oder ignorieren, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine Belastung, in manchen Fällen eine sehr schwere Belastung, sein kann. Auch ein geborenes Kind kann eine schwere, für manche Menschen eine sehr schwere Belastung sein – und es ist nicht recht, es zu töten. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen, die Abtreibungen hinter sich haben, manchmal sicher dachten, sie tun für alle das Beste. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen es sich für gewöhnlich nicht leicht machen, wenn sie sich für eine Abtreibung entscheiden. Das alles ist wahr. Und natürlich kann es immer Heilung und Vergebung geben. Aber das macht die Sache an sich nicht besser. Für Frauen in schwierigen Situationen gibt es andere, bessere Hilfe als Abtreibungen – zum Beispiel hier: https://www.profemina.org/ ]

Abtreibung: Man reißt einen kleinen Menschen mit Metallinstrumenten oder Saugluft auseinander oder gibt ihm eine Giftspritze ins Herz; wie kann das, egal aus welchem Grund, etwas Gutes oder auch nur ein notwendiges Übel sein, das man um des größeren Wohls – oder des Wohls größerer Menschen – willen in Kauf nehmen müsste? Wir wissen, dass es ein kleiner Mensch ist; wir wissen, dass ein Embryo nach der Befruchtung sich nur noch weiterentwickeln muss, ebenso, wie er sich nach der Geburt noch weiterentwickeln muss; wenn ein Embryo in der zehnten Woche weniger wert ist als ein Neugeborenes, muss logischerweise auch ein Neugeborenes weniger wert sein als ein Dreijähriger und ein Dreijähriger weniger als ein Achtzehnjähriger. Wir treiben manche Menschen (vor allem behinderte Menschen) inzwischen im selben Lebensstadium ab, in dem wir andere Menschen in Brutkästen am Leben erhalten. Das sind biologische Tatsachen. Noch sind natürlich wenige Abtreibungsbefürworter so konsequent, diese Tatsachen anzuerkennen, aber das werden sie wahrscheinlich noch irgendwann tun (Peter Singer zum Beispiel ist einer, der es bereits tut); wir sind mit der allmählichen Legalisierung der Euthanasie auf dem besten Weg dazu, die letzten Reste des Lebensrechts auch noch für geborene Menschen auszuhöhlen. Man kann Abtreibung natürlich auch mit dem Argument verteidigen, dass das Baby sich nicht einfach im Körper der Mutter einnisten dürfte, wenn sie das nicht wollte, weil es schließlich ihrer sei – wobei sie ja in den allermeisten Fällen nicht ganz unschuldig daran ist, dass es da gelandet ist; wer Sex hat muss immer mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft rechnen – ; damit würde man natürlich ganz elegant auch ein Argument dafür liefern, dass einer von zwei siamesischen Zwillingen den anderen umbringen darf. Wer hat das Recht, Platz in meinem Körper für sich zu beanspruchen? Wenn einer das wagt, bringe ich ihn um. Genau dieses Argument bringt beispielsweise Libby Anne hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2012/12/the-anti-abortion-movement-erasing-women-edition.html ): Die Lebensrechtsbewegung lösche in ihrer Propaganda die Frauen und deren Rechte aus und spreche nur über die Rechte von Zygoten, Embryonen, Föten. Nicht völlig falsch, würde ich sagen, denn darum geht es: die Zygoten, Embryonen, Föten sind die, die getötet werden sollen; sollte man also nicht über sie sprechen? Libby Anne ihrerseits erwähnt in ihrem Artikel kein einziges Mal die Rechte der Zygoten, Embryonen, Föten als irgendwie relevanten Faktor. (Sie erwähnt allerdings, dass die Lebensrechtsbewegung die Frauen doch nicht ganz ignoriere – aber wenn die Frauen von Lebensrechtlern als „hilflose ausgebeutete Opfer“ dargestellt würden, ist ihr das offensichtlich auch nicht recht. Es geht ja nicht an, dass eine Frau, die verzweifelt genug ist, ihr Kind töten zu lassen, (auch) ein Opfer sein könnte.)

Die meisten Argumente für ein Recht auf Abtreibung, die man heutzutage liest, versuchen natürlich, neben dem Fokus auf „körperlicher Selbstbestimmung“, auch, irgendwie eine Minderwertigkeit des ungeborenen Kindes zu konstruieren, weil es für die meisten Leute einfach nicht machbar wäre, klar zu sagen „Ja, eine Mutter darf ihr Kind töten lassen, solange es noch in ihrem Bauch ist, wenn sie das will“, wenn sie das Kind als gleichwertige Person anerkennen müssten. Es ist das klassische „Nicht alle Wesen, die biologisch Menschen sind, sind Personen„-Argument: Menschen im frühesten Lebensstadium – in dem sie übrigens nicht abgetrieben werden, da die Schwangerschaft in diesem Stadium noch nicht erkannt ist – sehen wie kleine Klümpchen aus und man kann sie zum Teil erst unter dem Mikroskop erkennen, und deshalb scheinen manche Leute geneigt zu sein, sie als „Nicht-Personen“ abzustempeln; aber ob ein Mensch ein Mensch ist, hängt nicht davon ab, ob er so aussieht, wie ich mir einen Menschen vorstelle (und auch nicht davon, ob er sich jemals so weit entwickeln wird, dass er so aussehen wird). Es gab Zeiten (frühe Neuzeit – 20. Jahrhundert), da stellten manche Leute sich vor, dass ein vollwertiger Mensch, eine menschliche Person, eine weiße Hautfarbe zu haben hatte. Wie muss eine „Person“ aussehen? Was sind denn „Personen“? Sind Neugeborene, Demente, geistig Behinderte „Personen“? Bei dem Nicht-Personen-Argument wird zwangsläufig auch oft mit Verdrehungen gearbeitet und vom Thema abgelenkt. Man nehme zum Beispiel das altbekannte Gedankenspiel: „Wenn du aus einem brennenden Gebäude eine Petrischale mit mehreren Zygoten oder ein neugeborenes Baby retten könntest, würdest du doch sicher das neugeborene Baby nehmen, oder???? Also sind Zygoten keine lebenswerten Personen.“ Ähm, hm, weiß nicht, wen ich retten würde. Bin ich als Elternteil o. Ä. für das Baby oder die Zygoten verantwortlich? Würde das Baby unter Schmerzen sterben? Wie viele Zygoten sind es? Würden die Zygoten später einer Frau eingesetzt oder wahrscheinlich sowieso für die medizinische Forschung getötet werden? Hätte ich in so einer Situation überhaupt die Ruhe, vernünftig zu durchdenken, wen ich rette? Aber, am wichtigsten: In einer Situation, in der es darum geht, die eine oder die andere(n) Person(en) vor dem Tod zu retten, gibt es nur zwei richtige Möglichkeiten; in einer Situation, in der es dagegen darum ginge, die eine oder die andere(n) Person(en) aktiv zu töten [Notwehr und Nothilfe ausgenommen] gäbe es nur zwei falsche Möglichkeiten. Wenn ich ein neugeborenes Kind und eine alte Frau mit derselben potenziell tödlichen Krankheit vor mir habe, aber nur Medizin genug für einen von ihnen, wen rette ich dann? Egal, wie ich antworte: Die Antwort impliziert nicht, dass dann logischerweise auch Infantizid oder Euthanasie an Alten gerechtfertigt wäre, weil ich entweder das Kind oder die alte Frau sterben lassen würde. So kann man eine Debatte verunklaren und vom eigentlichen Thema – gibt es ein unveräußerliches Lebensrecht für alle Menschen oder nicht? – ablenken.

Ein anderer blinder Fleck bei solchen Leuten ist beispielsweise auch der Islam. Man ist anti-rassistisch und diese Religion wird irgendwie mit Ausländern in Verbindung gebracht, die eine dunklere Hautfarbe haben und aus eher ärmeren Ländern stammen (obwohl – Saudi-Arabien?). Außerdem ist man gegen die Konservativen, die sich vor dem Islam ängstigen, und der Feind meines Feindes ist mein Freund: Also muss der Islam zumindest an sich harmlos sein, oder jedenfalls „auch nicht schlimmer“ als das Christentum. Muslime sind die Unterdrückten und wir stehen auf der Seite der Unterdrückten. Die lange Geschichte islamischer Reiche als mächtige, versklavende, kolonialisierende Imperien (genau das, was man eigentlich so ausdrücklich verabscheut), die Sklavenjagden im Sudan, die Harems, die Judenpogrome (oder der heutige islamische Antisemitismus), das alles ist wieder nicht auf dem Schirm.

Ähnliches gilt für den Kommunismus. Man leugnet Stalins Verbrechen nicht unbedingt, aber irgendwie… sympathisiert man ein bisschen mit dieser Bewegung, unterschwellig zumindest. Feind-meines-Feindes. Waren die Kommunisten nicht wenigstens auf der Seite der Armen? Ja, genauso, wie der IS auf der Seite Gottes ist.

Und so häufen sich die Ungereimtheiten und die Widersprüche und man fragt sich: Wo habt ihr eigentlich eure Weltanschauung her? Auf welchen Prinzipien beruht sie? Wie begründet ihr die?

Ich habe den Verdacht, dass liberale Christen und Atheisten / Agnostiker / säkulare Menschen nicht deshalb für ein Recht auf Abtreibung – oder für legale Prostitution, oder für eine Akzeptanz von Polyamorie – sind, weil sie sich selbst davon überzeugt haben; sondern weil sie ein Glaubenssystem (vielleicht zu Recht? Je nachdem, welcher Kirche oder Religion sie angehört haben) abgelehnt und dafür ein anderes angenommen haben – mit all seinen unerklärlichen Dogmen. Und da diese Dogmen ganz relativistisch nicht durch Traditionen oder heilige Schriften begründet, sondern durch die gegenwärtige öffentliche Meinung bestimmt sind, können sie sich leider auch jederzeit ändern und machen nicht unbedingt in sich Sinn. Die „Person“-Definition der säkularen öffentlichen Meinung zum Beispiel ist nicht durchdacht; entweder sind alle Mitglieder der biologischen Spezies Mensch Personen, oder wir haben außer Ungeborenen noch weitere Ausnahmen. Trotzdem reagiert man empört auf jeden, der das eine oder das andere behauptet.

Die liberalen Christen und Atheisten aus meinen Beispielen sind nicht böswillig; sie sind sogar idealistisch. Sie sind auch nicht dumm. Aber sie haben so offensichtliche blinde Flecke, deren Existenz ich einfach nicht begreife. Es gibt ein paar Punkte unter meinen Überzeugungen, bei denen ich es verstehen könnte, wenn ein nichtgläubiger Mensch sie nicht einfach so nachvollziehen könnte – ein absolut geltendes Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung, zum Beispiel. Aber wie kann ein normaler Mensch bei Dingen wie Pornographie, Ehebruch, Abtreibung nicht instinktiv mit Abscheu reagieren? Hier werden doch natürliche Reaktionen durch die Richtinstanz über das Dogma – die öffentliche Meinung oder die Meinung der vorrangigen Intellektuellen der eigenen Seite – abgewürgt. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Also gebt mir ruhig die zeternden Rosenkranzbeter, die von Fatima und dem Erzengel Michael reden, oder die Charismatiker mit ihren in die Luft gestreckten Händen und ihren Gitarren, oder die Tradis, die über weibliche Ministranten die Nase rümpfen. Lasst uns über die EKD meckern, so viel wir wollen! Das hat im Grunde schon seine Berechtigung. Ich nehme gerne die Unvollkommenheiten in der Umsetzung des katholischen Glaubens bei den Menschen, die wie ich katholisch sind, in Kauf, wenn ich dafür nur den katholischen Glauben habe.

Der katholische Glaube macht Sinn. Er ist ein logisches System, in dem sich alles zusammenfügt. Ich weiß, was ich denke, und ich weiß, wie es sich begründet. Ich weiß, wieso ich alle Menschen für wertvolle Personen halte – weil sie alle von Gott geliebt und mit einer unsterblichen Seele ausgestattet sind. Das ist mein Dogma, für das ich wiederum Gründe habe. Atheisten wissen letztlich nicht, wieso sie an eine Menschenwürde für alle (oder fast alle) Menschen glauben, wenn sie es tun; es handelt sich um einen Glauben, der auf Sand gebaut ist.

LGBTQ, die Wissenschaft, und wir Katholiken

Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, im Geburtenregister müsste zur Eintragung des Geschlechts eine dritte Option neben „männlich“ und „weiblich“ geschaffen werden. Betroffen sind Intersexuelle, also Menschen, die bei der Geburt biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, die also zum Beispiel männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig haben, die seltsame Genkombinationen wie XXY haben.

In der genderskeptischen katholischen Welt ist man ja meistens wenig angetan, wenn man irgendetwas davon hört, dass Gerichte oder Parlamente dritte oder soundsovielte Geschlechter anerkennen wollen. In dem Fall ist das allerdings keine so große Sache – auch wenn die frühere Regelung, die seit ein paar Jahren existierte, dass der Geschlechtseintrag ausgelassen werden kann, an sich bereits ausreichend gewesen wäre. (Intersexualität schafft kein drittes Geschlecht, sondern uneindeutige Zwischenformen zwischen den beiden Geschlechtern.) Aber hier geht es jedenfalls nicht um „Ich definiere mich ab heute so und so, objektive Geschlechter existieren nicht“. Intersexualität existiert; manche Leute sind einfach nicht eindeutig männlich oder weiblich. Übrigens sind Regelungen dieser Art auch nichts völlig Neues; zum Beispiel sah das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 für „Zwitter“ das Recht vor, das ihnen von den Eltern bei der Geburt zugeteilte Geschlecht bei Erreichen der Volljährigkeit zu wechseln: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwitterparagraf .

Wie lässt sich das alles mit unserem Schöpfungsverständnis – Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – vereinbaren? Na ja, wo soll das Problem liegen? Störungen existieren in dieser gefallenen Natur. Gott hat den Menschen an sich auch mit Vernunft erschaffen, trotzdem gibt es Menschen mit geistigen Behinderungen, denen sie fehlt. Gott hat den Menschen an sich mit einem Körper und einer Seele erschaffen; trotzdem gibt es siamesische Zwillinge, die sich gewissermaßen einen Körper teilen. Gott hat den Körper des Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen erschaffen, trotzdem gibt es Menschen, die ohne Arme oder  Beine auf die Welt kommen.

An dieser Stelle gleich zu einem Einwand, den manche Gender-Befürworter hier vielleicht sofort vorbringen würden: Wie kann man die Identität eines Menschen als Störung bezeichnen? Hatespeech.

Ehrlich gesagt kann ich diesen Einwand so überhaupt gar nicht nachvollziehen. Erniedrigt man siamesische Zwillinge, Menschen mit Downsyndrom, Menschen mit Diabetes, Menschen mit Demenz, Menschen ohne Beine oder Menschen mit einer psychischen Krankheit, wenn man sagt, sie leiden an einer Störung? „Störung“ ist kein Schimpfwort; sollte es jedenfalls nicht sein. Und ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand, der in einer Welt lebt, in der die Menschen (ebenso wie alle Säugetiere) von Natur aus in den Varianten männlich – weiblich vorkommen, und der selber irgendwie beides oder nichts davon ist, nicht unter seiner unklaren Geschlechtsidentität leidet, und zwar unabhängig davon, ob er in der Schule dafür gehänselt oder von Tante Inge schief angeschaut wird. Dass man an Intersexualität nicht unbedingt etwas ändern kann – zum Glück werden heute bei Neugeborenen keine unnötigen (langfristig oft schädlichen) Operationen mehr durchgeführt, um sie nach einem bestimmten Geschlecht aussehen zu lassen – spielt in diesem Zusammenhang nicht die geringste Rolle. Downsyndrom kann man genauso wenig heilen. Verurteilt man irgendjemanden dafür, Downsyndrom zu haben? Möchte man andererseits gerne Downsyndrom haben? Kann man trotzdem gut mit Downsyndrom klarkommen, wenn man Menschen hat, die einen unterstützen?

In dem Zusammenhang von angeborener Intersexualität musste ich auch an das Thema Homosexualität denken, und an die Debatte, ob sie genetisch bedingt ist oder nicht. Tatsächlich trifft man ja gelegentlich (inzwischen seltener) auf religiöse Menschen, die darauf bestehen, Homosexualität sei nicht genetisch, sondern eher durch Umwelteinflüsse (wie eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater oder anderen männlichen Vorbildern bei Schwulen) bedingt. Diese Ansicht findet sich gelegentlich auch unter Katholiken, obwohl sie unter Evangelikalen noch weiter verbreitet zu sein scheint. Dabei ist die Fragestellung sinnlos – oder zumindest von geringem praktischem Interesse. (Weshalb die Kirche auch nichts dazu sagt.) Sowohl Gene als auch Umwelt sind äußerliche Kräfte, die eine Neigung verursachen, für die man eben nichts kann und nach der man nach der katholischen Moral eben nicht handeln darf. Wenn ich eine Neigung zu Jähzorn habe, ist es irrelevant, ob meine Erziehung oder die Gene meiner Mutter dafür verantwortlich sind; ich darf trotzdem nicht jeden anschreien, der mich nervt. Nun gibt es ja verschiedene Arten von Homosexualität; phasenweise in der Pubertät bei manchen, bedingt durch die äußere Situation in Gefängnissen oder früher in Jungeninternaten bei anderen, unveränderlich als bleibende, lebenslange Neigung bei wieder anderen. Dass bei letzterer Art von Homosexualität die Gene zumindest eine Rolle spielen, ist meines beschränkten Wissens nach inzwischen wissenschaftlich belegt.

Was es mit Leuten auf sich hat, die sich als transgender/transsexuell identifizieren – die also körperlich gesehen zum Beispiel eindeutig männlich sind, sich aber als Frau fühlen – ist wieder eine andere, aber auch eine mit den vorigen Fragen zusammenhängende Frage. Neuere Studien legen schließlich nahe, dass auch diese Geschlechtsidentität eine biologische Basis hat, die durch die Entwicklung im Mutterleib bedingt ist – in der ersten Schwangerschaftshälfte bilden sich die Geschlechtsorgane, und erst in der zweiten die geschlechtstypischen Unterschiede im Gehirn, und wenn diese beiden Entwicklungsstufen nicht zusammenpassen, passt die gefühlte Identität nicht zum Körper; könnte man Transsexualität, wenn sie wirklich eine solche biologische Basis hat, also als eine spezielle Form der Intersexualität definieren? Vielleicht, je nachdem, wie man Intersexualität definiert. Aber ich würde sagen, eher nicht. Transsexuelle haben genetisch und organisch gesehen eine klare Geschlechtsidentität; dass sie aufgrund einer späteren Fehlentwicklung an Geschlechtsdysphorie (dem Gefühl, zum falschen Geschlecht zu gehören) leiden, löscht die eigentliche Identität nicht aus, und dass diese Geschlechtsdysphorie eine biologische Basis im Gehirn hat, ist auch nicht besonders überraschend, wenn man sich ansieht, dass z. B. auch Zwangsstörungen, Depressionen, Psychosen, bipolare Störungen und andere psychische Störungen eine biologische Basis im Gehirn haben. Meine psychische Störung redet mir sinnlose Ängste ein, z. B. vor Gift in meinen Tabletten und Einbrechern unter meinem Bett, während der für Angst zuständige Teil in meinem Gehirn sich eigentlich a) mäßigen und b) auf reale Gefahren, wie heiße Herdplatten oder den Straßenverkehr, konzentrieren sollte; und diese Fehlfunktion in meinem Gehirn hat wahrscheinlich irgendeine neurobiologische Basis. Bei anderen Menschen machen andere Stellen im Gehirn eben dahingehend etwas falsch, dass sie einem andere irreale Dinge einreden, z. B. dass man nicht zu dem Geschlecht gehört, zu dem man gehört. Meine schlimmen Vorahnungen werden nicht realer dadurch, dass sie real in meinem Gehirn existieren; ebenso wenig wird jemand durch das wirkliche Gefühl, ein Mann zu sein, ein Mann. (Ob die oben erwähnten Forschungen wissenschaftlich endgültig anerkannt sind, weiß ich übrigens nicht. Bin keine Neurobiologin. Habe nur Google.) Ich würde daher Transsexualität deutlich von Intersexualität unterscheiden; das eine ist eine physische, das andere eine psychiche Störung. Angenehm ist beides wohl nicht. Siehe die hohe Rate an Selbstmordversuchen bei Transsexuellen (vor und nach Geschlechtsumwandlungen).

Sowohl Inter- als auch Transsexualität widerlegen übrigens die These, dass das Geschlecht eine rein kulturelle Konstruktion wäre, etwas, das man sich selbst nach Belieben aussuchen könnte. Vor allem Transsexuelle leiden ja gerade darunter, dass sie das nicht können.

Was man dann in der Praxis mit diesen ganzen Fakten macht, sobald man klare Fakten vor sich hat, ist natürlich eine ganz andere Frage. Geschlechtsumwandlungen für Transgender-Personen, da das ja nur eine Angleichung an das „eigentliche“, seelische Geschlecht bedeuten würde? Sicher nicht. Wir können die körperliche Realität nicht einfach ignorieren – und sie auch nicht mit kosmetischen Veränderungen übertünchen. Wir sind nicht, wie Platon meinte, bloß gefangene Seelen im äußerlichen Käfig eines Körpers, sondern der Körper gehört zu unserem Ich. Oder was ist mit Beziehungen und der Ehe? Kann eine intersexuelle Person nach katholischem Verständnis heiraten – bzw. einen Partner welchen Geschlechts kann sie heiraten? Hier darf man natürlich nicht vergessen, dass „Intersexualität“ eine große Bandbreite medizinischer Störungen beschreibt; die Geschlechtsidentität ist nicht immer völlig uneindeutig, nicht alle Intersexuellen sind sog. „echte Zwitter“. (Dann kommt vermutlich auch ins Spiel, dass laut Kirchenrecht „[d]ie der Ehe vorausgehende und dauernde Unfähigkeit zum Beischlaf, sei sie auf seiten des Mannes oder der Frau, sei sie absolut oder relativ, […] die Ehe aus ihrem Wesen heraus ungültig [macht]“ (Codex des Kanonischen Rechts, Canon 1084, § 1; http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3Y.HTM); was natürlich auch wieder nicht bei allen Intersexuellen der Fall ist.) Hier ergeben sich jedenfalls einige schwierige Fragen – und eine Debatte unter, sagen wir mal, Kirchenrechtlern oder Moraltheologen dazu wäre etwas wirklich Interessantes.

Was ich mit alldem sagen wollte: Ich denke, wir Katholiken sollten uns solche Fragen bei Gelegenheit auch mal stellen – und zwar ernsthaft, nach Betrachtung dessen, was die neuere Forschung dazu sagt, und ohne alles zusammenzuwerfen. Ein schlechtes Beispiel bietet in dieser Hinsicht meiner Meinung nach Gabriele Kuby, die in einem Artikel in der Tagespost zur Entscheidung des BVG (http://www.die-tagespost.de/politik/Drittes-Geschlecht-per-Erlass;art315,183100) Inter- und Transsexualität einfach in eins wirft, obwohl diese Dinge nicht dasselbe sind, und dann ausführlich über gewisse Formen der Sexualerziehung und eine „Ideologie, die die Wirklichkeit leugnet“ rantet. Könnten wir bitte mal beim Thema bleiben, differenzieren und klar sagen, wo die Wirklichkeit geleugnet wird und wo nicht?

Ja, es geht hier um kleine Minderheiten, aber diese Minderheiten existieren. Manche Leute – auch manche von uns – gehören zu diesen Minderheiten.

Immer dran denken: Du bist nur das, wozu deine Geschlechtsorgane dich machen

Jedenfalls scheint der amerikanische Pastor Hans Fiene so zu denken, der hier erklärt hat, wieso Männer und Frauen nie nur Freunde sein können: http://thefederalist.com/2017/04/04/men-women-can-never-just-friends/

Fiene betreibt den Youtube-Kanal Lutheran Satire, auf dem eigentlich einige gute Videos erschienen sind (auch wenn sie ihre Message oft ein bisschen überdeutlich herüberbringen), und in letzter Zeit erscheinen seine Beiträge auch öfter mal im Federalist, einem Onlinemagazin, das typische konservative Ideen vertritt – d. h., das, was in den USA als konservativ gilt, also Nationalismus, liberale bis libertäre Ideen zur Wirtschaft, Waffenbegeisterung und konservativ-protestantische Ansichten zu Religion und Moral; eine seltsame Mischung aus den Werten der Puritaner des 17. Jahrhunderts, der aufklärerisch geprägten amerikanischen Gründervater des 18. Jahrhunderts, und der „Fundamentalisten“ des frühen 20. Jahrhunderts. Und vielleicht noch der Eugeniker und Industriellen des 19. Jahrhunderts. Pastor Fienes neuesten Artikel zu dem neuesten Amoklauf in den USA nimmt sich übrigens Simcha Fisher hier vor (https://www.simchafisher.com/2017/11/07/the-federalist-god-is-a-psychopath/ ); durch einen Link von ihr auf Facebook bin ich auch auf diesen anderen, schon ein paar Monate älteren Artikel gestoßen. Und da dachte ich mir, hey, das gibt wirklich mal ein bisschen Stoff ab, um sich aufzuregen. Fällt mir doch wieder was für einen Blogartikel ein.

Pastor Fiene geht hier von einem gesellschaftlichen Problem aus, für das er eine Lösung haben will: „All of us need to start having more babies or else the upcoming demographic tsunami will consume our nation“ (Wir müssen alle anfangen, mehr Babies zu bekommen, sonst wird der aufkommende demographische Tsunami unsere Nation zerstören). Nun hat Amerika mit 1,9 Kindern pro Frau – Tendenz allerdings, anders als in einigen europäischen Ländern mit an sich noch niedrigerer Rate, tatsächlich sinkend – eine Geburtenrate, die noch so mehr oder weniger das Bevölkerunsniveau aufrechterhält (https://www.welt.de/politik/deutschland/article140454529/Wo-die-Welt-noch-kinderfreundlich-ist.html), aber das Sinken dieser Zahlen kann man ja tatsächlich als Problem sehen. Bei linksliberalen Amerikanern wäre das vielleicht eher ein Grund, sich zu überlegen, ob man nicht als beinahe letztes Land auf der Erde mal bezahlten Mutterschaftsurlaub einführen sollte (bis jetzt gibt es dort unter Umständen zwölf Wochen unbezahlten Urlaub), oder vielleicht sogar so etwas wie Kindergeld, aber Pastor Fiene sieht das Problem offensichtlich eher auf der individuellen Ebene – die ja sicher auch eine Rolle spielt. „One of the best ways we can do so is by reversing the trend of Americans waiting longer to get married.“ (Einer der besten Wege, auf dem wir das erreichen können, ist, den Trend umzukehren, dass die Amerikaner länger damit warten, zu heiraten.) Also, Leute, heiratet, um die Nation zu retten! Und dazu, das ist klar, muss eins geschehen: „We tear down the Friend Zone.“ (Wir zerstören die Friend Zone.)

„Every year, countless young men find themselves trapped in the Friend Zone, a prison where women place any man they deem worthy of their time but not their hearts, men they’d love to have dinner with but, for whatever reason, don’t want to kiss goodnight. Being caught in the Friend Zone is an inarguable drag on fertility rates, as a man who spends several years pledging his heart to a woman who will never have his children is also a man who most likely won’t procreate with anyone else during that time of incarceration. Free him to find a woman who actually wants to marry him, however, and he’ll have several more years to sire children who will laugh, create, sing, fill the world with love and, most importantly, pay into Social Security.“

(Jedes Jahr finden sich unzählige junge Männer gefangen in der Friend Zone, einem Gefängnis, in das Frauen jeden Mann stecken, den sie als ihrer Zeit, aber nicht ihrer Herzen für würdig befinden, Männer, mit denen sie liebend gerne zu Abend essen würden, denen sie aber, aus welchem Grund auch immer, keinen Gutenachtkuss geben wollen. In der Friend Zone gefangen zu sein ist ein unbestreitbares Hemmnis für die Fruchtbarkeitsrate, denn ein Mann, der mehrere Jahre damit verbringt, sein Herz an eine Frau zu hängen, die nie seine Kinder bekommen wird, ist auch ein Mann, der sich während dieser Zeit der Haft aller Wahrscheinlichkeit nach mit niemand anderem fortpflanzen wird. Befrei ihn allerdings, damit er eine Frau finden kann, die ihn tatsächlich heiraten will, und er wird einige Jahre mehr Zeit haben, um Kinder zu zeugen, die lachen werden, kreativ sein werden, singen werden, die Welt mit Liebe füllen werden, und, am wichtigsten, in die Sozialversicherung einzahlen werden.)

Okay… Was haben wir gelernt:

  • Der hauptsächlich Daseinszweck von Menschen ist es, in die Sozialversicherung einzuzahlen. (Ich nehme zu Pastor Fienes Gunsten mal an, dass er hier selber ein bisschen ironisch spricht.)
  • Wenn eine Frau einem Mann ihre Zeit schenkt, hat er das Recht, von ihr auch eine Beziehung zu erwarten. Wie kann sie erwarten, dass er mit ihr isst, wenn sie ihn dann nicht küssen, heiraten und seine Kinder bekommen will? (Man beachtete die Formulierung: „seine Kinder bekommen“, nicht „mit ihm Kinder bekommen“.)
  • Wenn eine Frau klar macht, dass sie nur Freundschaft will, der Mann so tut, als wäre das für ihn okay, aber insgeheim – jahrelang! – darauf hofft, sie doch noch als Partnerin zu gewinnen, dann ist das Problem nicht er, sondern sie. Bitch.
  • So viele Männer versuchen jahrelang, uninteressierte Frauen über „Freundschaft“ zu bekommen, dass die Leute im Durchschnitt so spät heiraten, dass sie kaum noch Kinder bekommen (können), weshalb die amerikanische Nation untergeht.

Pastor Fiene erklärt dem Weibsvolk, wie es aussieht: „women must accept the following truths: you don’t have any guy friends and, in fact, you can’t have any guy friends.“ (Frauen müssen die folgenden Wahrheiten akzeptieren: Ihr habt keine Männer als Freunde, und ihr könnt tatsächlich keine Männer als Freunde haben.)

Er erklärt auch, wieso Männer nur dann Zeit zu zweit mit weiblichen Freunden verbringen, wenn sie insgeheim in die verliebt sind – und das gibt interessante Einblicke in seine Einstellung zu Beziehungen im Allgemeinen:

„Imagine that friendship is a good that people acquire in exchange for the currency of their time. The average man lives in a competitive friendship market where some forms of friendship appeal to him more than others and therefore get his business.“

(Stell dir vor, dass Freundschaft ein Gut ist, das Leute im Gegenzug für die Währung ihrer Zeit erwerben. Der durchschnittliche Mann lebt in einem konkurrenzbetonten Markt der Freundschaft, wo einige Formen der Freundschaft ihn mehr als andere ansprechen und daher das Geschäft machen.)

Freundschaft ist ein Konsumgut; man geht sie nicht ein, weil man den anderen mag, sondern weil man im Austausch für seine Zeit etwas bekommt.

„What then, is the average man looking for in a friend? By and large, something along these lines:

  1. Someone who shares his interest in activities such as watching movies where things explode, playing video games where things explode, or putting fireworks in things so they’ll explode. Bonus points if you enjoy yelling at football players through the television set and laughing at noxious flatulence.
  2. Someone who won’t pressure him to open up beyond his comfort level if his girlfriend breaks up with him,he loses his job, or his mom gets eaten by a yeti.
  3. Someone who cherishes the man tradition of showing affection through insults and general jackassery.

If you are a lady who believes your dude friends are genuinely ‚just friends,‘ ask yourself this: Which of these things are you better at giving a man than another man is?“

(Nach was sucht dann der durchschnittliche Mann bei einem Freund? Im Großen und Ganzen, nach etwas in dieser Art: 1. Jemand, der sein Interesse an Aktivitäten teilt wie: Filme zu schauen, in denen Dinge explodieren, Videospiele zu spielen, in denen Dinge explodieren, oder Feuerwerk in Dinge zu stecken, sodass sie explodieren. Bonuspunkte, wenn du es genießt, Footballspieler durch den Fernseher anzuschreien und über eklige Blähungen zu lachen. 2. Jemand, der ihn nicht drängen wird, sich mehr zu öffnen, als ihm angenehm ist, wenn seine Freundin mit ihm Schluss macht, er seinen Job verliert, oder seine Mutter von einem Yeti gefressen wird. 3. Jemand, der die Männertradition in Ehren hält, Zuneigung durch Beleidigung und generelle Gemeinheit zu zeigen. Wenn du eine Lady bist, die glaubt, dass ihre männlichen Freunde ernsthaft „bloß Freunde“ sind, frag dich das: Welches von diesen Dingen kannst du einem Mann besser geben als ein anderer Mann das kann?)

Vielleicht sollte man auch sich noch etwas anderes fragen: Ist das wirklich das, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen? Oder ist das alles, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen?

„The answer is clear. None of them. You are not especially good at liking ‚Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury,‘ or informing the offensive line of the Chicago Bears, via your Samsung, that they are all false starting idiots. […] By and large, you are not very good at supplying the kind of friendship the average man demands.“

(Die Antwort ist klar. Nichts davon. Du bist nicht besonders gut dabei, „Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury“ zu mögen oder die Stürmer der Chicago Bears via dein Samsunggerät zu informieren, dass sie alle falsche verschreckte Idioten sind. […] Im Großen und Ganzen bist du nicht sehr gut dabei, die Art von Freundschaft bereitzustellen, die der durchschnittliche Mann fordert.)

Und das weiß Hans Fiene nochmal woher genau?

In der realen Welt gibt es sehr viele Interessen, die bestimmte Männer und Frauen gemeinsam haben (und bestimmte andere Männer und Frauen dann nicht): eine bestimmte Musikrichtung, Der Herr der Ringe, thomistische Theologie, Politik, Schach, lateinamerikanischer Tanz, Tennis, Leichtathletik, Blasmusik, Hundezucht, Evolutionsbiologie… Männer und Frauen sind zusammen in allen möglichen Vereinen, Kursen, Berufen. Und ja, es gibt sogar Frauen, die Videospiele spielen, Footballfans sind, Karate machen, ein Auto reparieren können, gut in Mathe sind, Informatik studieren, oder aggressiv oder vulgär oder gefühlsmäßig distanziert sind (was Fiene für notwendige Attribute der Männlichkeit zu halten scheint). Genauso, wie es Männer gibt, die gern kochen, gut mit Kindern umgehen können oder sensibel sind (was er den Frauen zugesteht).

Fienes Fazit ist jedenfalls klar: Wenn ein Mann dein Freund ist, dann sicher nicht, weil er deine Freundschaft schätzt, dafür wäre jeder Mann besser geeignet. Stell dir bloß nicht vor, deine Persönlichkeit könnte ihm gerade gefallen haben. Jeder Mann wäre besser als du. Es kann gar nicht sein, dass du persönlich und dieser Mann da zufällig mehr Gemeinsamkeiten haben als er und jeder andere Mann auf der Welt. Aber, es gibt ja Trost:

„Just because men don’t want to be your friend, however, doesn’t mean they don’t enjoy your company. They most certainly do. They love discovering how you see the world, what you think about life, the universe, and everything. They love your kindness, thoughtfulness, sensitivity, support, and your nurturing heart. They love being in your presence when you display the wonders of the feminine virtues.

But because God designed these virtues to entice men into marriage, the average man will never be content to receive those gifts in a form of companionship that doesn’t lead to marriage. Quite simply, men can’t be at peace being just friends. And there’s nothing you can do to change that.“

(Aber nur weil Männer nicht deine Freunde sein wollen, bedeutet das nicht, dass sie deine Gesellschaft nicht mögen. Das tun sie sicher. Sie lieben es, zu entdecken, wie du die Welt siehst, was du über das Leben, das Universum und alles und jedes denkst. Sie lieben deine Güte, Rücksichtnahme, Sensibilität, Unterstützung und dein sorgendes Herz. Sie lieben es, in deiner Nähe zu sein, wenn du die Wunder der weiblichen Tugenden zeigst. Aber weil Gott diese Tugenden dafür geschaffen hat, Männer in die Ehe zu locken, wird der durchschnittliche Mann nie damit zufrieden sein, diese Gaben in der Form einer Kameradschaft zu erhalten, die nicht zu einer Ehe führt. Männer können ganz einfach nicht damit zufrieden sein, nur Freunde zu sein. Und da gibt es nichts, was du tun kannst, um das zu ändern.)

Wir lernen: Es gibt keine allgemein menschlichen Tugenden, sondern Männer müssen bestimmte Tugenden zeigen und Frauen müssen bestimmte Tugenden zeigen. Männer sind von Güte, Rücksichtnahme und Sensibilität entschuldigt, und Frauen offenbar, wie ich dem verlinkten Artikel über weibliche Tugenden entnehme, von Mut und Aufopferungsbereitschaft.

Das Problem bei Leuten wie Hans Fiene – besonders ausgeprägt bei konservativen amerikanischen Protestanten, aber durchaus auch mal bei anderen konservativen Christen zu sehen – ist, dass sie politisch inkorrekt sein wollen, um dem wahren Glauben zu folgen, und dabei völlig von der Tradition des wahren Glaubens abgeschnitten sind. Die Kirchenväter zum Beispiel hielten geistliche Freundschaften zwischen Männern und Frauen sehr wohl für möglich, sogar für erstrebenswert. Laut Fiene hätte also der hl. Hieronymus nicht mit der hl. Paula oder der hl. Eustochium befreundet sein dürfen, der hl. Franz von Sales nicht mit der hl. Johanna Franziska von Chantal, und der hl. Johannes Paul II. nicht mit Anna Teresa Tymieniecka (eine verheiratete polnisch-amerikanische Philosophin, mit der der Papst dreißig Jahre lang einen regelmäßigen Briefwechsel unterhielt). Nun ist Fiene ja Lutheraner und scheint in der Tradition Luthers zu stehen, der die Enthaltsamkeit für etwas hielt, was sowieso niemand hinkriegt, weswegen die Leute alle heiraten sollen, also weiß ich nicht, ob Fiene Franz und Johanna Franziska eine unterdrückte Verliebtheit unterstellen würde oder so was, aber gut: Protestantische Irrungen halt.

Fienes Text jedenfalls klingt so, als würde jeder Mann, der eine nette Frau kennenlernt, die „weibliche Tugenden“ besitzt, von ihr auf die Weise angezogen werden, dass er sie gleich heiraten will. Dass man Menschen unterschiedlichen Geschlechts mögen kann, ohne sich in sie zu verlieben, scheint keine Möglichkeit zu sein. Leute, bitte: Als Ehepartner kommt nur ein Mensch im Leben in Frage (solange der nicht stirbt), aber man wird mit vielen Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammenkommen, und manche davon wird man vielleicht auch so gerne mögen, dass man sie etwas näher kennenlernen und mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Was ist so schlimm daran?

Natürlich kann die Situation vorkommen, dass in einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau der eine sich mehr erhofft als der andere (es kann auch mal die Frau sein, die verliebt ist!); es kann auch mal vorkommen, dass der eine sich unsicher ist, ob der andere vielleicht mehr erwartet oder ob man selber nur zu viel in normale freundschaftliche Gesten hineinliest. Und manche Freundschaften entwickeln sich zu ernsthaften Beziehungen, und andere nicht. Aber erwachsene Menschen können mit so etwas umgehen. Glaubt Fiene ernsthaft, dass es sich in der Heiratsstatistik niederschlägt, dass unzählige junge Männer jahrelang uninteressierten Frauen hinterherlaufen? Ich will hier mal ganz ehrlich sein: Ich denke, dass die meisten Männer (und Frauen) nicht auf diese Weise ihre Zeit verschwenden würden. Irgendwann merkt man, dass das nichts wird.

Fienes gesamter Artikel zeigt eigentlich eine irgendwo menschenverachtende Haltung: Wir brauchen mehr Kinder zum Nutzen der Gesellschaft. – Du bist verpflichtet, Kinder zu bekommen. – Heirate gefälligst! Und dulde ja nichts, was andere Leute eventuell vom Heiraten abhalten könnte!

Man könnte auch noch erwähnen, dass das Problem bei einer niedrigen Geburtenrate in diesem Fall sowieso nicht ein zu hohes Heiratsalter ist – so hoch liegt das durchschnittliche Heiratsalter in den USA nun wirklich nicht, und auch eine Frau, die mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig heiratet, kann auf jeden Fall noch ohne Probleme zwei oder drei Kinder bekommen.

Zuletzt will ich meinen Lesern nicht vorenthalten, was der Pastor den angesprochenen Frauen als Lösung verschlägt, wenn sie männliche Freunde haben sollten, an denen sie bei näherer Betrachtung tatsächlich kein romantisches Interesse haben:

„Call him up and tell him, ‚It’s not my fault that your facial symmetry grosses out my ovaries, but it was my fault that I got your hopes up by putting you in the Friend Zone. As restitution, please accept the phone numbers of five girls I know who find you attractive. Stop wasting your time with me and go hang out with a girl who might one day bear your children.‘

Do this now. Don’t hesitate, thinking that you don’t want to lose him as a friend.“

(Ruf ihn an und sag ihm: „Es ist nicht meine Schuld, dass deine Gesichtssymmetrie meine Eierstöcke anwidert, aber es war meine Schuld, dass ich dir Hoffnungen gemacht habe, indem ich dich in die Friend Zone gesteckt habe. Als Entschädigung nimm bitte die Telefonnummern von fünf Mädchen an, von denen ich weiß, dass sie dich attraktiv finden. Hör auf, deine Zeit mit mir zu verschwenden und häng mit einem Mädchen herum, das eines Tages deine Kinder gebären könnte.“ Tu das jetzt. Zögere nicht, weil du denkst, dass du ihn nicht als Freund verlieren willst.)

Okay. Kein Kommentar.

Der Pastor beendet seinen Artikel mit der Aufforderung an Frauen, zu heiraten, ein paar Mal schwanger zu werden und ein paar hübsche kleine zukünftige Steuerzahler in die Welt zu setzen. Achtung, Achtung! Hans Fiene hat das elfte Gebot wiederentdeckt! No, Sir. Ich habe nicht vor, in nächster Zeit zu heiraten und ein paar zukünftige kleine Steuerzahler in die Welt zu setzen.

Was genau ist eigentlich Hexerei/Magie?

Nicht lange, nachdem ich meinen jetzigen Ex-Freund kennengelernt hatte, erzählte er mir einmal von seiner westafrikanischen Heimat (einem mehrheitlich christlichen Land mit einer größeren muslimischen und einer kleineren heidnischen Minderheit), und erwähnte dabei, dass es dort, obwohl, wie gesagt, die meisten Leute Christen seien wie er und ich, auch noch Menschen gäbe, die an „Magie“ glaubten. Diese Wortwahl kam mir damals sehr seltsam vor. Bei „Magie“ denke ich an Harry Potter oder Bibi Blocksberg, erfundene Figuren in harmlosen Büchern und Filmen, die von Geburt an besondere Fähigkeiten haben, mit denen sie besondere Dinge bewirken können; und nicht an irgendetwas Okkultes, was normale Menschen hier und heute tatsächlich zu praktizieren versuchen. Aber diese Verwendung des Begriffs „Magie“ ist ja eigentlich die ursprüngliche – und sie ist eindeutig nicht auf Afrika beschränkt.

Daran musste ich wieder denken, als ich diese Diskussion im Kommentarbereich von Huhn meets Ei über „Hexen“ und Neopaganismus/Schamanismus gelesen habe: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2017/08/wer-darf-gast-sein-in-deinem-zelt.html Der Artikel an sich bemängelt vor allem die mangelnde Anstrengung der Kirche, ihr eigenes Angebot zu „bewerben“, und zieht dazu zum Vergleich ein Beispiel aus der Welt der Esoterik heran, nämlich eine sich selbst so nennende „Hexe Minerva“, die in Niedersachsen einen „Hexenhof“ (http://www.minervas-hexenhof.de/) betreibt und dort eine große Auswahl an Produkten und Dienstleistungen für nicht unbedingt niedrige Preise feilbietet, darunter Kräuterseifen, Talismane, Edelsteine, Orakel, persönliche Lebensberatung, Enttaufungen, „spirituelle Hochzeiten“, „Schamanische Reinigungen“ und „Auftragszauber“. Ich muss zugeben, was mich als allererstes am meisten schockiert hat, als ich einen Blick auf ihre Webseite geworfen habe, war ihre Form der Zeichensetzung und Rechtschreibung (hier zum Beispiel (http://www.minervas-hexenhof.de/philosophie.html) ist von „Rieten“ und „Uhrvölkern“ die Rede – finde den Fehler); aber was sie dort so anbietet, ist natürlich auch nicht ganz unproblematisch aus christlicher Sicht.

In den Kommentaren unter dem besagten Artikel jedenfalls konzentrierte sich die Diskussion weniger auf die Frage nach der kirchlichen PR-Arbeit; katholische Kommentatoren bezeichneten insbesondere die „Enttaufungen“ als „etwas Dämonisches“ und „Teufelswerk“, woraufhin sich andere Kommentatoren zugunsten der „Hexe Minerva“ einschalteten, z. B. eine Kommentatorin mit längeren Beiträgen über das Thema Toleranz (also darüber, wie schlimm es ist, Begriffe wie „Teufelswerk“ zu verwenden) und ihre Meinung darüber, wie grässlich das Christentum doch ist. Und ich dachte mir, das wäre eine gute Gelegenheit, anzusehen, um welche spirituellen Praktiken genau es hier eigentlich geht, wieso jemand die als „etwas Dämonisches“ sehen kann, und wieso sie aus christlicher Sicht überhaupt problematisch sind. Bleiben wir bei diesem „Hexenhof“ als Beispiel.

Auf Hexe Minervas Webseite heißt es über Auftragszauber:

„Magie ist Energie und Energie fließt. Sie kann also überall eingesetzt werden, wo sie benötigt wird, je nach Wunsch. Ich biete so genannte „Auftragszauber “ an. Das heißt, Du erteilst mir einen Auftrag, für einen bestimmten Zauber und ich führe diesen aus.

Dies könnte sein:

Zauber für Liebe und Leidenschaft

Arbeit und Karriere

Gesundheit und Wohlergehen

Kraft und Heilungszauber

Glück und Schutz

Gegen Angriffe / Schwarze Magie

gegen Flüche / Familienschutz/Aufhebung

Loslassen und Trennungszauber

Erfolg“

Weiter unten stellt sie klar:

„Was ich aus meiner Ethik als Hexe heraus nicht tue: Ich absolviere grundsätzlich keine Zauber, die mit „Dritten“ zu tun haben und / oder jemand „Drittes“ beeinflussen sollen. Des Weiteren auch keinen Schadenszauber & so genannte Partnerrückführungen. Ich übernehme keinerlei Verantwortung für das Leben anderer Menschen, die für Ihr tun selbst Verantwortlich sind! Meine Magie ist eine Hilfestellung. Sie macht aus einem Tellerwäscher keinen Millionär. Ich verspreche nicht das „Blaue vom Himmel“, sehe meine Magie als eine Hilfestellung für Sie an, Dinge in Gang zu bringen, zu beschleunigen oder nachzuhelfen.“ (http://www.minervas-hexenhof.de/auftrags-zauber.html)

Na, immerhin. Auch in den Abschnitten dazwischen hat sie übrigens schon erklärt, wieso man sich nicht wundern soll, wenn ihre Magie nicht gleich wirkt, oder nicht so, wie man es sich eigentlich vorgestellt; nicht, dass sich Kunden noch beschweren. Die Annahme, dass es sich bei den Zaubern für je 125 Euro schlichtweg um Betrug handeln könnte, klingt damit nicht völlig unplausibel – aber das muss auch nicht unbedingt der Fall sein. Jemand kann auch gutes Geld mit etwas verdienen, an das er ernsthaft glaubt. (Das gilt übrigens auch für, sagen wir mal, Renaissancepäpste.) Und sie kann ja ernsthaft glauben, dass Zauber auf ihre eigene Art und Weise wirken müssen und ihre Zeit brauchen.

Schauen wir hier weiter, was sie über schamanische Orakelsitzungen (30 min macht 60 Euro) schreibt:

„Eine Sitzung ist immer ein wenig unterschiedlich, findet im Geschützen Geister Raum statt. Sie ist sehr persönlich. Sie können direkt daran teilnehmen und Ihre Fragen stellen. Ihre Geister und Ahnen werden angehalten zu helfen und sich Ihnen durch das Orakel mitzuteilen. Diese Art von Schau, basiert auf verschiedenen Uralten Schamanischen Techniken.“

Ihr seht langsam, was ich mit der Rechtschreibung und der Zeichensetzung meine, oder?

Nehmen wir also mal an, sie ist vollkommen ehrlich und glaubt an alles, was sie so auf ihrer Webseite über „Energie“ und „Energie Wesen“ (Das ist ein zusammengesetztes Substantiv!!!!! Da gehört keine Leerstelle hin!!!!!!! Entschuldigung.), „Geister und Ahnen“, „uralte schamanische Techniken“ und „Kraftquellen“ schreibt, und das ist nicht nur Geldmacherei. Schön.

Bei dieser Art Magie geht es also, zusammengefasst, darum, diverse Geistwesen – seien es die eigenen Ahnen oder irgendwelche Erdgöttinnen oder Energiegeister – anzurufen, um von ihnen entweder Informationen zu bekommen oder sie dazu zu bringen, Dinge für einen zu bewirken, z. B. Erfolg im Beruf, oder auch, was Minerva hier allerdings eben nicht anbietet, Schaden für persönliche Feinde; oder es geht darum, bestimmte Gegenstände als Talismane zum eigenen Schutz oder Nutzen zu verwenden, was sowohl eher harmlos – Heilkristalle, Amulette – als auch unter manchen Umständen ziemlich schlimm aussehen kann (zum Beispiel in manchen afrikanischen Ländern (soweit ich weiß, im Heimatland meines Ex-Freundes nicht), wo Albinos ermordet und ihre Körperteile als Glücksbringer verkauft werden: https://www.welt.de/wissenschaft/article138413514/Albinos-werden-in-Teilen-Afrikas-wie-Tiere-gejagt.html, http://www.sueddeutsche.de/panorama/aberglaube-in-afrika-albinos-abgeschlachtet-1.147634) Auch die Anrufung von Geistern kann natürlich ganz unterschiedlich aussehen; ein Phönizier, der ein Kleinkind opfert, ist offensichtlich etwas anderes als ein Teenager mit einem Ouija-Brett oder Hexe Minerva mit was auch immer genau sie in ihren Sitzungen verwendet. Zu dieser Art von Magie gehören Gläserrücken, Wahrsagen, Voodoo-Puppen (oder das europäische Pendant: Atzmänner: https://de.wikipedia.org/wiki/Atzmann_(Magie)), Tarotkarten, Pendeln, und dergleichen – keine Zauberstäbe und Quidditch-Spiele. Schade.

Die christliche Kritik an alldem kann natürlich erstens lauten, dass es Blödsinn ist, der nicht funktioniert. Ein Stein, den du um deinen Hals trägst, wird dir kein Glück bringen. Da besteht kein logischer Zusammenhang. Für einen Menschenknochen gilt dasselbe. Solcher Aberglaube ist schlecht, weil man sein Vertrauen in unsinnige und unlautere (und manchmal entsetzliche) Praktiken statt in Gott setzt, er ist ein Verstoß gegen das erste Gebot, nur den einen wahren Gott zu verehren. Die ganzen Lehren, die dahinter stehen, sind einfach falsch; es ist ein unethischer und letztlich fruchtloser Versuch, geheime Macht über das Schicksal, die Natur oder andere Menschen zu gewinnen. Ich glaube, ein Großteil der Anziehungskraft des Okkultismus liegt darin, dass es sich hier um eine Art geheimes Wissen, um besondere Kräfte handelt, von denen andere Menschen nichts ahnen. Man kommt in einen inneren Kreis der Privilegierten, der Eingeweihten hinein. Man macht sich eine Welt zunutze, die andere gar nicht kennen. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es dazu:

„Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen: Indienstnahme von Satan und Dämonen, Totenbeschwörung oder andere Handlungen, von denen man zu Unrecht annimmt, sie könnten die Zukunft „entschleiern“ [Vgl. Dtn 18,10; Jer 29,8.]. Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.

Sämtliche Praktiken der Magie und Zauberei, mit denen man sich geheime Mächte untertan machen will, um sie in seinen Dienst zu stellen und eine übernatürliche Macht über andere zu gewinnen – sei es auch, um ihnen Gesundheit zu verschaffen -‚ verstoßen schwer gegen die Tugend der Gottesverehrung. Solche Handlungen sind erst recht zu verurteilen, wenn sie von der Absicht begleitet sind, anderen zu schaden, oder wenn sie versuchen, Dämonen in Anspruch zu nehmen. Auch das Tragen von Amuletten ist verwerflich. Spiritismus ist oft mit Wahrsagerei oder Magie verbunden. Darum warnt die Kirche die Gläubigen davor. Die Anwendung sogenannter natürlicher Heilkräfte rechtfertigt weder die Anrufung böser Mächte noch die Ausbeutung der Gutgläubigkeit anderer.“ (KKK, Nr. 2116-2117; http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P7L.HTM)

Problematischer als bloße Talismane sind natürlich alle Praktiken, bei denen Geister direkt angerufen werden – vor allem aus den Gründen, die der Katechismus nennt, aber nicht nur. Wir Katholiken glauben auch, dass es tatsächlich Geistwesen gibt, nämlich die sog. Engel, die wie wir Menschen einen freien Willen haben, und sich für oder gegen Gott entscheiden mussten, weshalb es gute Engel und böse Engel (die gefallenen Engel oder Dämonen) gibt. Dämonen sind, ebenso wie die guten Engel, weder allwissend noch allmächtig. Sie können uns daher nicht einfach nach Belieben schaden. Aber… es gibt die theoretische Möglichkeit, dass Dämonen Zugang zu und Einfluss über Menschen gewinnen könnten, wenn die sich durch okkulte Praktiken selbst für „Geister“ öffnen, indem sie sich zum Beispiel als „Medium“ zur Verfügung stellen. Geister sind nicht immer gut, und manchmal kommen vielleicht tatsächlich Geister, die man lieber nicht hätte da haben wollen, wenn sie denn schon eingeladen werden. Natürlich können Geschöpfe immer nur so viel Schaden anrichten, wie Gott zulässt. Zwar lässt Gott auch uns Menschen mit unserem freien Willen so einigen Schaden anrichten, aber wir haben genauso wenig unbegrenzte Macht wie eben die Engel. Aber trotzdem, aus katholischer Sicht ist es wirklich nicht anzuraten, nur mal zum Spaß Gläserrücken auszuprobieren. Nein, ich glaube nicht, dass der Teufel auf jeden Abergläubischen lauert. Mich hat man als Kind mal zum Warzenabbeten mitgenommen (ja, ja, auch im katholischen Bayern hat der Aberglaube seine Wurzeln geschlagen…), und, guess what, keine dämonische Besessenheit, kein Bedarf, sich wegen eines Exorzisten ans Bistum zu wenden. (Die Warzen waren allerdings auch nicht weg.) Aber trotzdem würde ich ohne Ausnahme die Finger von so etwas lassen. Wie Arthur Weasley in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ so weise gesagt hat: „Vertraue niemals etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Hirn hat.“ (Ich zitiere aus dem Gedächtnis, weil ich das Buch nicht hier habe.) Man hat keine Ahnung, was für ein Geist beim Gläserrücken antwortet, wenn denn da ein Geist antwortet und das Ganze nicht nur durch Autosuggestion und Betrug funktioniert.

Übrigens, das Argument, dass okkulte Praktiken fruchtlos sind, bleibt bestehen, wenn man annimmt, dass böse Geister gelegentlich antworten könnten. Wer glaubt denn, dass der „Vater der Lüge“ (als angeblicher Geist von Onkel Manfred) einem beim Gläserrücken tatsächlich die Wahrheit erzählen würde? Oder dass er die Macht hätte, einem selber Glück im Beruf zu verschaffen, oder dem bösen Nachbarn eine Krankheit, im Fall eines Schadenszaubers? Und gute Engel lassen sich nicht auf diese Weise herbeizitieren, und Tote auch nicht. Vielleicht erscheinen sie einem manchmal von selber mit Gottes Erlaubnis / auf Gottes Anweisung hin. Aber man kann sie nicht herbeizwingen.

Das also sind, grob gesagt, die Gründe, wieso Hexerei im Sinne von Okkultismus und Spiritismus – die immer existiert hat, zu manchen Zeiten und Orten bloß etwas auffälliger als zu anderen (zum Beispiel war der Spiritismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der feinen europäischen Gesellschaft sehr beliebt) – aus christlicher Sicht schlecht ist.

Man sollte hier vorsichtig sein, auf der Seite von Schamanen oder deren Kunden böse Absichten zu vermuten. Die Schamanen glauben (vermutlich) an das, was sie tun, wenn nicht immer, dann doch oft genug, und haben wohl auch das Gefühl, mit ihren Diensten Gutes zu tun (wie die Hexe Minerva, die als ethische Hexe keine Schadens- oder Liebeszauber anbieten möchte). Sie wollen keine bösen Geister herbeirufen, sondern gute – wie sie auch auf die Idee gekommen sind, dass das immer funktionieren wird. Die meisten ihrer Kunden wollen vielleicht einfach mal gucken, nehmen das selber gar nicht so richtig ernst, oder aber lassen sich von der Verbundenheit-mit-der-Natur-Rhetorik von Leuten wie Minerva von deren Theorien überzeugen. Diese Vorstellungen sind ja auch nicht – auch wenn Heilkristalle o. Ä. das sind – von vorne bis hinten vollkommen falsch. Nö, Irrlehren haben oft einen wahren Kern, den sie dann überdehnen. Zum Beispiel hier:

„Die Natur ist für uns beseelt , heilig und voller Magie. Alles ist mit dieser Essenz versehen und jeder Mensch, jedes Tier, ja sogar jeder Stein besitzt seine Heiligkeit und seine Kraft. […] ‚Anam cara‘ – alle Seelen sind miteinander verbunden.- So sagen die Kelten… Das Hauptanliegen ist es, Sie mit Techniken vertraut zu machen, welche es Ihnen  ermöglichen wieder Kontakt zu Ihren  Wurzeln und Ahnen aufzunehmen. Die Gesetzmäßigkeiten der Natur kennenzulernen, zu leben und so Kraft und innere Heilung zu erfahren. Die eigene Mitte zu finden Ein Treffpunkt, ein Versammlungspunkt, wie ein Kraftquelle-, soll der Hexen Hof sein, Kreativität und Spiritualität fördern, egal wo Sie herkommen und egal wo Sie hin wollen. Den Bezug zur Mutter Erde wollen wir herstellen und viel Raum für eigene Erfahrungen lassen. Der Heiligkeit der Natur und unsere Ahnen erfahren, sich somit selbst in unserem Innersten begegnen…. Ihr sollt bei uns einen Ort finden, der neugierig macht, nach innen zu forschen – die eignen Kraftquellen und Wurzeln kennenzulernen, ganz ohne die Ablenkung der Zivilisation. Wir sind kein Seminar Hof im herkömmlichen Sinne, vielmehr sind wir ein Ort der Begegnung und des Erfahrungsaustausches. Wo Einfachheit und ursprüngliche Natur ihre Wirkung entfalten sollen und Seelen sich in ihrem tiefsten inneren Begegnen…“ (http://www.minervas-hexenhof.de/philosophie.html)

Mir wäre es lieber, wenn sie sich „in ihrem tiefsten Inneren begegnen“ würden.

Okay, zum eigentlichen Punkt. Lassen wir die Fehler Fehler sein und nehmen wir das Gelaber mal auseinander:

  • „Die Natur ist beseelt und heilig“: Kommt darauf an, was man darunter versteht. Die Natur ist von Gott geschaffen und, ja, sie spiegelt etwas von Seinem Wesen wider. Die ganze Schöpfung ist wunderbar. Ich liebe es, Buchenblätter oder Buschwindröschen anzusehen. Tiere sind faszinierend, Geologie ist faszinierend, und Astrophysik ist faszinierend. Pflanzen oder Tiere sind nicht einfach nur verwendbares Material, sie sind mehr. Wir sollen sie behüten. ABER: Die Natur ist gefallen, sie ist nicht perfekt, wie sie sein sollte. In ihr gibt es schlechte Dinge – Tod, Schmerzen, „Fressen oder gefressen werden“. Und in einem Stein steckt nun einmal kein Geist, und die Natur ist auch nicht selbst göttlich.
  • „Bezug zur Mutter Erde“: Wie gesagt, die Natur ist etwas sehr Gutes. Bezug zur Natur ist etwas Gutes, das unter manchen Umständen tatsächlich der Psyche helfen könnte. Ein Waldspaziergang muntert auf, ja, doch, soweit okay. Verständnis für die Natur und Rücksicht auf sie ist auch gut. Man muss beim Waldspaziergang ja nicht seinen Müll zwischen die Bäume werfen. Aber das hier klingt wieder nach Vergöttlichung der Natur, also nach Pantheismus, und speziell nach einem Pantheismus mit einer weiblichen Erdgöttin. Hier wird vielleicht deutlich, wieso Gott im Christentum mit männlichen Pronomen versehen und als „Vater“ angeredet wird, obwohl es in der Bibel auch weibliche Metaphern für Gott gibt und Gott natürlich nicht unseren Geschlechterkategorien untergeordnet ist: Der Vatergott bringt die Vorstellung eines ferneren Schöpfers mit sich, während die Muttergöttin eher eine pantheistische Vorstellung der Erde / der Natur, die die einzelnen Geschöpfe dann „gebiert“, weckt. Es gibt aber eben keine „Mutter Erde“ als Person, zu der wir eine persönliche Beziehung haben können – falls das hier gemeint ist. Der Pantheismus ist in sich unlogisch, denn er nimmt einem letztlich die Möglichkeit, das Schlechte in der Natur – Tod etc. – als wirklich schlecht anzuerkennen – schließlich gehört es ja auch zur Natur. Ein außerhalb und oberhalb der gefallenen Welt stehender Schöpfergott, der das Gute liebt und gerecht über Gut und Böse richtet, lässt einem diese Möglichkeit.
  • „Alle Seelen sind miteinander verbunden“: Wir haben einen gemeinsamen Vater im Himmel, wir sind alle Geschwister, sind eine solidarische Gemeinschaft, jep, alles gut. Solange man diesen Satz nicht in dem Sinne interpretiert, dass es nur eine große Weltseele gibt, von der jede einzelne Seele nur ein kleiner Teil ist – aber das sagt er ja eigentlich nicht.
  • „ein Ort, der neugierig macht, nach innen zu forschen – die eignen Kraftquellen und Wurzeln kennenzulernen, ganz ohne die Ablenkung der Zivilisation“: Zivilisation ist nichts Schlechtes, by the way. Zivilisation bedeutet einfach gut organisiertes, solidarisches menschliches Zusammenleben. Ohne Zivilisation gäbe es auch den Hexenhof nicht. Okay, ja, manchmal will man sich von anderen Menschen zurückziehen. Aber das heißt eben nicht, dass Autobahnen, Abwasserleitungen, Supermärkte und Büros etwas Schlechtes sind. Nach innen forschen – klingt okay. Ab und zu braucht es den Blick auf die eigene Seele wohl. Bei Exerzitien wird wohl auch so was Ähnliches gemacht. Eigene Kraftquellen – was ist damit gemeint? Ominöse Energieströme? Oder soll man einfach die eigenen Stärken erkennen, damit man sie sich bei zukünftigen Problemen zunutze machen kann?
  • „Kontakt zu ihren Wurzeln und Ahnen“: Okay, und was ist mit dem Urgroßvater, der in der SS gekämpft hat und den man nie kennengelernt hat, weil er in Stalingrad gefallen ist? Oder der giftigen, mit der ganzen Verwandtschaft zerstrittenen Großtante, die vorletztes Jahr an Krebs gestorben ist und bei deren Beerdigung – seien wir ehrlich – man ihr zwar nichts Böses mehr gewünscht hat, aber auch nicht allzu viele Tränen um sie geflossen sind? Oder dem Alkoholiker-Großonkel, dessen Frauen-Witze man bei den Familienfesten stets geflissentlich überhört hat, als er noch am Leben war? Ernsthaft: Was soll das mit den Ahnen? Ja, meine Ahnen haben eine gewisse Bedeutung dafür, wer und was ich jetzt bin, aber sie waren auch nur Menschen. Es ist gut, den lieben verstorbenen Großvater in Ehren zu halten, es schadet nicht, die Geschichte der eigenen Familie zu verstehen, aber sollte ich nicht lieber mehr Kontakt zu meiner noch lebenden Familie haben? Und von den Toten heraufbeschwören möchte ich meine armen Großeltern oder Urgroßeltern, die jetzt endlich ihre Ruhe vor dieser Welt haben, ganz sicher nicht mehr, falls es hier darum gehen sollte.
  • „Die eigene Mitte finden“: Was genau will uns das sagen? Das eigene Ziel im Leben finden, um das man das Leben dann ausrichten kann? Ausgeglichenheit finden? Was heißt das hier genau?

Solche Texte enthalten viel Selbstverständliches gepaart mit einigem Blödsinn und viel, viel Gelaber, bei dem man nicht weiß, in welche Richtung es geht: Perfektes Rezept, um Leute anzulocken.

So viel zu der ganzen Naturmystik, die nicht zwangsläufig mit Hexerei zusammenhängt, allerdings im Fall solcher Anbieter von natürlicher / schamanischer Spiritualität oft mit ihr einhergeht und dabei hilft, Leute zu „magischen“ Praktiken hinzuführen.

Noch eines, was die Bezeichnung „Neopaganismus“ für dieses ganze Konglomerat angeht: Die halte ich für sehr unpassend, denn als pagane („heidnische“) Religionen bezeichnet man im Christentum ja eigentlich alle nicht-jüdischen, vorchristlichen Mythologien, Philosophien und spirituellen Praktiken – und der Konfuzianismus, die Stoa, der Zoroastrismus oder der Buddhismus haben nun wirklich nicht viel mit Gläserrücken oder Auftragszaubern zu tun. Auch den ursprünglichen afrikanischen oder indianischen Religionen wird man nicht gerecht, wenn man sie mit deutschem Schamanismus gleichsetzt. (Viele dieser unterschiedlichen Religionen kennen zum Beispiel den Glauben an einen einzigen Gott, auch wenn der als sehr weit entfernt von der Welt der Menschen gedacht wird, und man sich für praktische Probleme eher an die Zwischenwelt der Geister wendet. Aber auch in anderen Dingen unterscheiden sie sich vom „Neopaganismus“.) Wir sollten fairer gegenüber dem Heidentum sein.