LGBTQ, die Wissenschaft, und wir Katholiken

Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, im Geburtenregister müsste zur Eintragung des Geschlechts eine dritte Option neben „männlich“ und „weiblich“ geschaffen werden. Betroffen sind Intersexuelle, also Menschen, die bei der Geburt biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, die also zum Beispiel männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig haben, die seltsame Genkombinationen wie XXY haben.

In der genderskeptischen katholischen Welt ist man ja meistens wenig angetan, wenn man irgendetwas davon hört, dass Gerichte oder Parlamente dritte oder soundsovielte Geschlechter anerkennen wollen. In dem Fall ist das allerdings keine so große Sache – auch wenn die frühere Regelung, die seit ein paar Jahren existierte, dass der Geschlechtseintrag ausgelassen werden kann, an sich bereits ausreichend gewesen wäre. (Intersexualität schafft kein drittes Geschlecht, sondern uneindeutige Zwischenformen zwischen den beiden Geschlechtern.) Aber hier geht es jedenfalls nicht um „Ich definiere mich ab heute so und so, objektive Geschlechter existieren nicht“. Intersexualität existiert; manche Leute sind einfach nicht eindeutig männlich oder weiblich. Übrigens sind Regelungen dieser Art auch nichts völlig Neues; zum Beispiel sah das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 für „Zwitter“ das Recht vor, das ihnen von den Eltern bei der Geburt zugeteilte Geschlecht bei Erreichen der Volljährigkeit zu wechseln: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwitterparagraf .

Wie lässt sich das alles mit unserem Schöpfungsverständnis – Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – vereinbaren? Na ja, wo soll das Problem liegen? Störungen existieren in dieser gefallenen Natur. Gott hat den Menschen an sich auch mit Vernunft erschaffen, trotzdem gibt es Menschen mit geistigen Behinderungen, denen sie fehlt. Gott hat den Menschen an sich mit einem Körper und einer Seele erschaffen; trotzdem gibt es siamesische Zwillinge, die sich gewissermaßen einen Körper teilen. Gott hat den Körper des Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen erschaffen, trotzdem gibt es Menschen, die ohne Arme oder  Beine auf die Welt kommen.

An dieser Stelle gleich zu einem Einwand, den manche Gender-Befürworter hier vielleicht sofort vorbringen würden: Wie kann man die Identität eines Menschen als Störung bezeichnen? Hatespeech.

Ehrlich gesagt kann ich diesen Einwand so überhaupt gar nicht nachvollziehen. Erniedrigt man siamesische Zwillinge, Menschen mit Downsyndrom, Menschen mit Diabetes, Menschen mit Demenz, Menschen ohne Beine oder Menschen mit einer psychischen Krankheit, wenn man sagt, sie leiden an einer Störung? „Störung“ ist kein Schimpfwort; sollte es jedenfalls nicht sein. Und ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand, der in einer Welt lebt, in der die Menschen (ebenso wie alle Säugetiere) von Natur aus in den Varianten männlich – weiblich vorkommen, und der selber irgendwie beides oder nichts davon ist, nicht unter seiner unklaren Geschlechtsidentität leidet, und zwar unabhängig davon, ob er in der Schule dafür gehänselt oder von Tante Inge schief angeschaut wird. Dass man an Intersexualität nicht unbedingt etwas ändern kann – zum Glück werden heute bei Neugeborenen keine unnötigen (langfristig oft schädlichen) Operationen mehr durchgeführt, um sie nach einem bestimmten Geschlecht aussehen zu lassen – spielt in diesem Zusammenhang nicht die geringste Rolle. Downsyndrom kann man genauso wenig heilen. Verurteilt man irgendjemanden dafür, Downsyndrom zu haben? Möchte man andererseits gerne Downsyndrom haben? Kann man trotzdem gut mit Downsyndrom klarkommen, wenn man Menschen hat, die einen unterstützen?

In dem Zusammenhang von angeborener Intersexualität musste ich auch an das Thema Homosexualität denken, und an die Debatte, ob sie genetisch bedingt ist oder nicht. Tatsächlich trifft man ja gelegentlich (inzwischen seltener) auf religiöse Menschen, die darauf bestehen, Homosexualität sei nicht genetisch, sondern eher durch Umwelteinflüsse (wie eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater oder anderen männlichen Vorbildern bei Schwulen) bedingt. Diese Ansicht findet sich gelegentlich auch unter Katholiken, obwohl sie unter Evangelikalen noch weiter verbreitet zu sein scheint. Dabei ist die Fragestellung sinnlos – oder zumindest von geringem praktischem Interesse. (Weshalb die Kirche auch nichts dazu sagt.) Sowohl Gene als auch Umwelt sind äußerliche Kräfte, die eine Neigung verursachen, für die man eben nichts kann und nach der man nach der katholischen Moral eben nicht handeln darf. Wenn ich eine Neigung zu Jähzorn habe, ist es irrelevant, ob meine Erziehung oder die Gene meiner Mutter dafür verantwortlich sind; ich darf trotzdem nicht jeden anschreien, der mich nervt. Nun gibt es ja verschiedene Arten von Homosexualität; phasenweise in der Pubertät bei manchen, bedingt durch die äußere Situation in Gefängnissen oder früher in Jungeninternaten bei anderen, unveränderlich als bleibende, lebenslange Neigung bei wieder anderen. Dass bei letzterer Art von Homosexualität die Gene zumindest eine Rolle spielen, ist meines beschränkten Wissens nach inzwischen wissenschaftlich belegt.

Was es mit Leuten auf sich hat, die sich als transgender/transsexuell identifizieren – die also körperlich gesehen zum Beispiel eindeutig männlich sind, sich aber als Frau fühlen – ist wieder eine andere, aber auch eine mit den vorigen Fragen zusammenhängende Frage. Neuere Studien legen schließlich nahe, dass auch diese Geschlechtsidentität eine biologische Basis hat, die durch die Entwicklung im Mutterleib bedingt ist – in der ersten Schwangerschaftshälfte bilden sich die Geschlechtsorgane, und erst in der zweiten die geschlechtstypischen Unterschiede im Gehirn, und wenn diese beiden Entwicklungsstufen nicht zusammenpassen, passt die gefühlte Identität nicht zum Körper; könnte man Transsexualität, wenn sie wirklich eine solche biologische Basis hat, also als eine spezielle Form der Intersexualität definieren? Vielleicht, je nachdem, wie man Intersexualität definiert. Aber ich würde sagen, eher nicht. Transsexuelle haben genetisch und organisch gesehen eine klare Geschlechtsidentität; dass sie aufgrund einer späteren Fehlentwicklung an Geschlechtsdysphorie (dem Gefühl, zum falschen Geschlecht zu gehören) leiden, löscht die eigentliche Identität nicht aus, und dass diese Geschlechtsdysphorie eine biologische Basis im Gehirn hat, ist auch nicht besonders überraschend, wenn man sich ansieht, dass z. B. auch Zwangsstörungen, Depressionen, Psychosen, bipolare Störungen und andere psychische Störungen eine biologische Basis im Gehirn haben. Meine psychische Störung redet mir sinnlose Ängste ein, z. B. vor Gift in meinen Tabletten und Einbrechern unter meinem Bett, während der für Angst zuständige Teil in meinem Gehirn sich eigentlich a) mäßigen und b) auf reale Gefahren, wie heiße Herdplatten oder den Straßenverkehr, konzentrieren sollte; und diese Fehlfunktion in meinem Gehirn hat wahrscheinlich irgendeine neurobiologische Basis. Bei anderen Menschen machen andere Stellen im Gehirn eben dahingehend etwas falsch, dass sie einem andere irreale Dinge einreden, z. B. dass man nicht zu dem Geschlecht gehört, zu dem man gehört. Meine schlimmen Vorahnungen werden nicht realer dadurch, dass sie real in meinem Gehirn existieren; ebenso wenig wird jemand durch das wirkliche Gefühl, ein Mann zu sein, ein Mann. (Ob die oben erwähnten Forschungen wissenschaftlich endgültig anerkannt sind, weiß ich übrigens nicht. Bin keine Neurobiologin. Habe nur Google.) Ich würde daher Transsexualität deutlich von Intersexualität unterscheiden; das eine ist eine physische, das andere eine psychiche Störung. Angenehm ist beides wohl nicht. Siehe die hohe Rate an Selbstmordversuchen bei Transsexuellen (vor und nach Geschlechtsumwandlungen).

Sowohl Inter- als auch Transsexualität widerlegen übrigens die These, dass das Geschlecht eine rein kulturelle Konstruktion wäre, etwas, das man sich selbst nach Belieben aussuchen könnte. Vor allem Transsexuelle leiden ja gerade darunter, dass sie das nicht können.

Was man dann in der Praxis mit diesen ganzen Fakten macht, sobald man klare Fakten vor sich hat, ist natürlich eine ganz andere Frage. Geschlechtsumwandlungen für Transgender-Personen, da das ja nur eine Angleichung an das „eigentliche“, seelische Geschlecht bedeuten würde? Sicher nicht. Wir können die körperliche Realität nicht einfach ignorieren – und sie auch nicht mit kosmetischen Veränderungen übertünchen. Wir sind nicht, wie Platon meinte, bloß gefangene Seelen im äußerlichen Käfig eines Körpers, sondern der Körper gehört zu unserem Ich. Oder was ist mit Beziehungen und der Ehe? Kann eine intersexuelle Person nach katholischem Verständnis heiraten – bzw. einen Partner welchen Geschlechts kann sie heiraten? Hier darf man natürlich nicht vergessen, dass „Intersexualität“ eine große Bandbreite medizinischer Störungen beschreibt; die Geschlechtsidentität ist nicht immer völlig uneindeutig, nicht alle Intersexuellen sind sog. „echte Zwitter“. (Dann kommt vermutlich auch ins Spiel, dass laut Kirchenrecht „[d]ie der Ehe vorausgehende und dauernde Unfähigkeit zum Beischlaf, sei sie auf seiten des Mannes oder der Frau, sei sie absolut oder relativ, […] die Ehe aus ihrem Wesen heraus ungültig [macht]“ (Codex des Kanonischen Rechts, Canon 1084, § 1; http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3Y.HTM); was natürlich auch wieder nicht bei allen Intersexuellen der Fall ist.) Hier ergeben sich jedenfalls einige schwierige Fragen – und eine Debatte unter, sagen wir mal, Kirchenrechtlern oder Moraltheologen dazu wäre etwas wirklich Interessantes.

Was ich mit alldem sagen wollte: Ich denke, wir Katholiken sollten uns solche Fragen bei Gelegenheit auch mal stellen – und zwar ernsthaft, nach Betrachtung dessen, was die neuere Forschung dazu sagt, und ohne alles zusammenzuwerfen. Ein schlechtes Beispiel bietet in dieser Hinsicht meiner Meinung nach Gabriele Kuby, die in einem Artikel in der Tagespost zur Entscheidung des BVG (http://www.die-tagespost.de/politik/Drittes-Geschlecht-per-Erlass;art315,183100) Inter- und Transsexualität einfach in eins wirft, obwohl diese Dinge nicht dasselbe sind, und dann ausführlich über gewisse Formen der Sexualerziehung und eine „Ideologie, die die Wirklichkeit leugnet“ rantet. Könnten wir bitte mal beim Thema bleiben, differenzieren und klar sagen, wo die Wirklichkeit geleugnet wird und wo nicht?

Ja, es geht hier um kleine Minderheiten, aber diese Minderheiten existieren. Manche Leute – auch manche von uns – gehören zu diesen Minderheiten.

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Immer dran denken: Du bist nur das, wozu deine Geschlechtsorgane dich machen

Jedenfalls scheint der amerikanische Pastor Hans Fiene so zu denken, der hier erklärt hat, wieso Männer und Frauen nie nur Freunde sein können: http://thefederalist.com/2017/04/04/men-women-can-never-just-friends/

Fiene betreibt den Youtube-Kanal Lutheran Satire, auf dem eigentlich einige gute Videos erschienen sind (auch wenn sie ihre Message oft ein bisschen überdeutlich herüberbringen), und in letzter Zeit erscheinen seine Beiträge auch öfter mal im Federalist, einem Onlinemagazin, das typische konservative Ideen vertritt – d. h., das, was in den USA als konservativ gilt, also Nationalismus, liberale bis libertäre Ideen zur Wirtschaft, Waffenbegeisterung und konservativ-protestantische Ansichten zu Religion und Moral; eine seltsame Mischung aus den Werten der Puritaner des 17. Jahrhunderts, der aufklärerisch geprägten amerikanischen Gründervater des 18. Jahrhunderts, und der „Fundamentalisten“ des frühen 20. Jahrhunderts. Und vielleicht noch der Eugeniker und Industriellen des 19. Jahrhunderts. Pastor Fienes neuesten Artikel zu dem neuesten Amoklauf in den USA nimmt sich übrigens Simcha Fisher hier vor (https://www.simchafisher.com/2017/11/07/the-federalist-god-is-a-psychopath/ ); durch einen Link von ihr auf Facebook bin ich auch auf diesen anderen, schon ein paar Monate älteren Artikel gestoßen. Und da dachte ich mir, hey, das gibt wirklich mal ein bisschen Stoff ab, um sich aufzuregen. Fällt mir doch wieder was für einen Blogartikel ein.

Pastor Fiene geht hier von einem gesellschaftlichen Problem aus, für das er eine Lösung haben will: „All of us need to start having more babies or else the upcoming demographic tsunami will consume our nation“ (Wir müssen alle anfangen, mehr Babies zu bekommen, sonst wird der aufkommende demographische Tsunami unsere Nation zerstören). Nun hat Amerika mit 1,9 Kindern pro Frau – Tendenz allerdings, anders als in einigen europäischen Ländern mit an sich noch niedrigerer Rate, tatsächlich sinkend – eine Geburtenrate, die noch so mehr oder weniger das Bevölkerunsniveau aufrechterhält (https://www.welt.de/politik/deutschland/article140454529/Wo-die-Welt-noch-kinderfreundlich-ist.html), aber das Sinken dieser Zahlen kann man ja tatsächlich als Problem sehen. Bei linksliberalen Amerikanern wäre das vielleicht eher ein Grund, sich zu überlegen, ob man nicht als beinahe letztes Land auf der Erde mal bezahlten Mutterschaftsurlaub einführen sollte (bis jetzt gibt es dort unter Umständen zwölf Wochen unbezahlten Urlaub), oder vielleicht sogar so etwas wie Kindergeld, aber Pastor Fiene sieht das Problem offensichtlich eher auf der individuellen Ebene – die ja sicher auch eine Rolle spielt. „One of the best ways we can do so is by reversing the trend of Americans waiting longer to get married.“ (Einer der besten Wege, auf dem wir das erreichen können, ist, den Trend umzukehren, dass die Amerikaner länger damit warten, zu heiraten.) Also, Leute, heiratet, um die Nation zu retten! Und dazu, das ist klar, muss eins geschehen: „We tear down the Friend Zone.“ (Wir zerstören die Friend Zone.)

„Every year, countless young men find themselves trapped in the Friend Zone, a prison where women place any man they deem worthy of their time but not their hearts, men they’d love to have dinner with but, for whatever reason, don’t want to kiss goodnight. Being caught in the Friend Zone is an inarguable drag on fertility rates, as a man who spends several years pledging his heart to a woman who will never have his children is also a man who most likely won’t procreate with anyone else during that time of incarceration. Free him to find a woman who actually wants to marry him, however, and he’ll have several more years to sire children who will laugh, create, sing, fill the world with love and, most importantly, pay into Social Security.“

(Jedes Jahr finden sich unzählige junge Männer gefangen in der Friend Zone, einem Gefängnis, in das Frauen jeden Mann stecken, den sie als ihrer Zeit, aber nicht ihrer Herzen für würdig befinden, Männer, mit denen sie liebend gerne zu Abend essen würden, denen sie aber, aus welchem Grund auch immer, keinen Gutenachtkuss geben wollen. In der Friend Zone gefangen zu sein ist ein unbestreitbares Hemmnis für die Fruchtbarkeitsrate, denn ein Mann, der mehrere Jahre damit verbringt, sein Herz an eine Frau zu hängen, die nie seine Kinder bekommen wird, ist auch ein Mann, der sich während dieser Zeit der Haft aller Wahrscheinlichkeit nach mit niemand anderem fortpflanzen wird. Befrei ihn allerdings, damit er eine Frau finden kann, die ihn tatsächlich heiraten will, und er wird einige Jahre mehr Zeit haben, um Kinder zu zeugen, die lachen werden, kreativ sein werden, singen werden, die Welt mit Liebe füllen werden, und, am wichtigsten, in die Sozialversicherung einzahlen werden.)

Okay… Was haben wir gelernt:

  • Der hauptsächlich Daseinszweck von Menschen ist es, in die Sozialversicherung einzuzahlen. (Ich nehme zu Pastor Fienes Gunsten mal an, dass er hier selber ein bisschen ironisch spricht.)
  • Wenn eine Frau einem Mann ihre Zeit schenkt, hat er das Recht, von ihr auch eine Beziehung zu erwarten. Wie kann sie erwarten, dass er mit ihr isst, wenn sie ihn dann nicht küssen, heiraten und seine Kinder bekommen will? (Man beachtete die Formulierung: „seine Kinder bekommen“, nicht „mit ihm Kinder bekommen“.)
  • Wenn eine Frau klar macht, dass sie nur Freundschaft will, der Mann so tut, als wäre das für ihn okay, aber insgeheim – jahrelang! – darauf hofft, sie doch noch als Partnerin zu gewinnen, dann ist das Problem nicht er, sondern sie. Bitch.
  • So viele Männer versuchen jahrelang, uninteressierte Frauen über „Freundschaft“ zu bekommen, dass die Leute im Durchschnitt so spät heiraten, dass sie kaum noch Kinder bekommen (können), weshalb die amerikanische Nation untergeht.

Pastor Fiene erklärt dem Weibsvolk, wie es aussieht: „women must accept the following truths: you don’t have any guy friends and, in fact, you can’t have any guy friends.“ (Frauen müssen die folgenden Wahrheiten akzeptieren: Ihr habt keine Männer als Freunde, und ihr könnt tatsächlich keine Männer als Freunde haben.)

Er erklärt auch, wieso Männer nur dann Zeit zu zweit mit weiblichen Freunden verbringen, wenn sie insgeheim in die verliebt sind – und das gibt interessante Einblicke in seine Einstellung zu Beziehungen im Allgemeinen:

„Imagine that friendship is a good that people acquire in exchange for the currency of their time. The average man lives in a competitive friendship market where some forms of friendship appeal to him more than others and therefore get his business.“

(Stell dir vor, dass Freundschaft ein Gut ist, das Leute im Gegenzug für die Währung ihrer Zeit erwerben. Der durchschnittliche Mann lebt in einem konkurrenzbetonten Markt der Freundschaft, wo einige Formen der Freundschaft ihn mehr als andere ansprechen und daher das Geschäft machen.)

Freundschaft ist ein Konsumgut; man geht sie nicht ein, weil man den anderen mag, sondern weil man im Austausch für seine Zeit etwas bekommt.

„What then, is the average man looking for in a friend? By and large, something along these lines:

  1. Someone who shares his interest in activities such as watching movies where things explode, playing video games where things explode, or putting fireworks in things so they’ll explode. Bonus points if you enjoy yelling at football players through the television set and laughing at noxious flatulence.
  2. Someone who won’t pressure him to open up beyond his comfort level if his girlfriend breaks up with him,he loses his job, or his mom gets eaten by a yeti.
  3. Someone who cherishes the man tradition of showing affection through insults and general jackassery.

If you are a lady who believes your dude friends are genuinely ‚just friends,‘ ask yourself this: Which of these things are you better at giving a man than another man is?“

(Nach was sucht dann der durchschnittliche Mann bei einem Freund? Im Großen und Ganzen, nach etwas in dieser Art: 1. Jemand, der sein Interesse an Aktivitäten teilt wie: Filme zu schauen, in denen Dinge explodieren, Videospiele zu spielen, in denen Dinge explodieren, oder Feuerwerk in Dinge zu stecken, sodass sie explodieren. Bonuspunkte, wenn du es genießt, Footballspieler durch den Fernseher anzuschreien und über eklige Blähungen zu lachen. 2. Jemand, der ihn nicht drängen wird, sich mehr zu öffnen, als ihm angenehm ist, wenn seine Freundin mit ihm Schluss macht, er seinen Job verliert, oder seine Mutter von einem Yeti gefressen wird. 3. Jemand, der die Männertradition in Ehren hält, Zuneigung durch Beleidigung und generelle Gemeinheit zu zeigen. Wenn du eine Lady bist, die glaubt, dass ihre männlichen Freunde ernsthaft „bloß Freunde“ sind, frag dich das: Welches von diesen Dingen kannst du einem Mann besser geben als ein anderer Mann das kann?)

Vielleicht sollte man auch sich noch etwas anderes fragen: Ist das wirklich das, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen? Oder ist das alles, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen?

„The answer is clear. None of them. You are not especially good at liking ‚Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury,‘ or informing the offensive line of the Chicago Bears, via your Samsung, that they are all false starting idiots. […] By and large, you are not very good at supplying the kind of friendship the average man demands.“

(Die Antwort ist klar. Nichts davon. Du bist nicht besonders gut dabei, „Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury“ zu mögen oder die Stürmer der Chicago Bears via dein Samsunggerät zu informieren, dass sie alle falsche verschreckte Idioten sind. […] Im Großen und Ganzen bist du nicht sehr gut dabei, die Art von Freundschaft bereitzustellen, die der durchschnittliche Mann fordert.)

Und das weiß Hans Fiene nochmal woher genau?

In der realen Welt gibt es sehr viele Interessen, die bestimmte Männer und Frauen gemeinsam haben (und bestimmte andere Männer und Frauen dann nicht): eine bestimmte Musikrichtung, Der Herr der Ringe, thomistische Theologie, Politik, Schach, lateinamerikanischer Tanz, Tennis, Leichtathletik, Blasmusik, Hundezucht, Evolutionsbiologie… Männer und Frauen sind zusammen in allen möglichen Vereinen, Kursen, Berufen. Und ja, es gibt sogar Frauen, die Videospiele spielen, Footballfans sind, Karate machen, ein Auto reparieren können, gut in Mathe sind, Informatik studieren, oder aggressiv oder vulgär oder gefühlsmäßig distanziert sind (was Fiene für notwendige Attribute der Männlichkeit zu halten scheint). Genauso, wie es Männer gibt, die gern kochen, gut mit Kindern umgehen können oder sensibel sind (was er den Frauen zugesteht).

Fienes Fazit ist jedenfalls klar: Wenn ein Mann dein Freund ist, dann sicher nicht, weil er deine Freundschaft schätzt, dafür wäre jeder Mann besser geeignet. Stell dir bloß nicht vor, deine Persönlichkeit könnte ihm gerade gefallen haben. Jeder Mann wäre besser als du. Es kann gar nicht sein, dass du persönlich und dieser Mann da zufällig mehr Gemeinsamkeiten haben als er und jeder andere Mann auf der Welt. Aber, es gibt ja Trost:

„Just because men don’t want to be your friend, however, doesn’t mean they don’t enjoy your company. They most certainly do. They love discovering how you see the world, what you think about life, the universe, and everything. They love your kindness, thoughtfulness, sensitivity, support, and your nurturing heart. They love being in your presence when you display the wonders of the feminine virtues.

But because God designed these virtues to entice men into marriage, the average man will never be content to receive those gifts in a form of companionship that doesn’t lead to marriage. Quite simply, men can’t be at peace being just friends. And there’s nothing you can do to change that.“

(Aber nur weil Männer nicht deine Freunde sein wollen, bedeutet das nicht, dass sie deine Gesellschaft nicht mögen. Das tun sie sicher. Sie lieben es, zu entdecken, wie du die Welt siehst, was du über das Leben, das Universum und alles und jedes denkst. Sie lieben deine Güte, Rücksichtnahme, Sensibilität, Unterstützung und dein sorgendes Herz. Sie lieben es, in deiner Nähe zu sein, wenn du die Wunder der weiblichen Tugenden zeigst. Aber weil Gott diese Tugenden dafür geschaffen hat, Männer in die Ehe zu locken, wird der durchschnittliche Mann nie damit zufrieden sein, diese Gaben in der Form einer Kameradschaft zu erhalten, die nicht zu einer Ehe führt. Männer können ganz einfach nicht damit zufrieden sein, nur Freunde zu sein. Und da gibt es nichts, was du tun kannst, um das zu ändern.)

Wir lernen: Es gibt keine allgemein menschlichen Tugenden, sondern Männer müssen bestimmte Tugenden zeigen und Frauen müssen bestimmte Tugenden zeigen. Männer sind von Güte, Rücksichtnahme und Sensibilität entschuldigt, und Frauen offenbar, wie ich dem verlinkten Artikel über weibliche Tugenden entnehme, von Mut und Aufopferungsbereitschaft.

Das Problem bei Leuten wie Hans Fiene – besonders ausgeprägt bei konservativen amerikanischen Protestanten, aber durchaus auch mal bei anderen konservativen Christen zu sehen – ist, dass sie politisch inkorrekt sein wollen, um dem wahren Glauben zu folgen, und dabei völlig von der Tradition des wahren Glaubens abgeschnitten sind. Die Kirchenväter zum Beispiel hielten geistliche Freundschaften zwischen Männern und Frauen sehr wohl für möglich, sogar für erstrebenswert. Laut Fiene hätte also der hl. Hieronymus nicht mit der hl. Paula oder der hl. Eustochium befreundet sein dürfen, der hl. Franz von Sales nicht mit der hl. Johanna Franziska von Chantal, und der hl. Johannes Paul II. nicht mit Anna Teresa Tymieniecka (eine verheiratete polnisch-amerikanische Philosophin, mit der der Papst dreißig Jahre lang einen regelmäßigen Briefwechsel unterhielt). Nun ist Fiene ja Lutheraner und scheint in der Tradition Luthers zu stehen, der die Enthaltsamkeit für etwas hielt, was sowieso niemand hinkriegt, weswegen die Leute alle heiraten sollen, also weiß ich nicht, ob Fiene Franz und Johanna Franziska eine unterdrückte Verliebtheit unterstellen würde oder so was, aber gut: Protestantische Irrungen halt.

Fienes Text jedenfalls klingt so, als würde jeder Mann, der eine nette Frau kennenlernt, die „weibliche Tugenden“ besitzt, von ihr auf die Weise angezogen werden, dass er sie gleich heiraten will. Dass man Menschen unterschiedlichen Geschlechts mögen kann, ohne sich in sie zu verlieben, scheint keine Möglichkeit zu sein. Leute, bitte: Als Ehepartner kommt nur ein Mensch im Leben in Frage (solange der nicht stirbt), aber man wird mit vielen Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammenkommen, und manche davon wird man vielleicht auch so gerne mögen, dass man sie etwas näher kennenlernen und mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Was ist so schlimm daran?

Natürlich kann die Situation vorkommen, dass in einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau der eine sich mehr erhofft als der andere (es kann auch mal die Frau sein, die verliebt ist!); es kann auch mal vorkommen, dass der eine sich unsicher ist, ob der andere vielleicht mehr erwartet oder ob man selber nur zu viel in normale freundschaftliche Gesten hineinliest. Und manche Freundschaften entwickeln sich zu ernsthaften Beziehungen, und andere nicht. Aber erwachsene Menschen können mit so etwas umgehen. Glaubt Fiene ernsthaft, dass es sich in der Heiratsstatistik niederschlägt, dass unzählige junge Männer jahrelang uninteressierten Frauen hinterherlaufen? Ich will hier mal ganz ehrlich sein: Ich denke, dass die meisten Männer (und Frauen) nicht auf diese Weise ihre Zeit verschwenden würden. Irgendwann merkt man, dass das nichts wird.

Fienes gesamter Artikel zeigt eigentlich eine irgendwo menschenverachtende Haltung: Wir brauchen mehr Kinder zum Nutzen der Gesellschaft. – Du bist verpflichtet, Kinder zu bekommen. – Heirate gefälligst! Und dulde ja nichts, was andere Leute eventuell vom Heiraten abhalten könnte!

Man könnte auch noch erwähnen, dass das Problem bei einer niedrigen Geburtenrate in diesem Fall sowieso nicht ein zu hohes Heiratsalter ist – so hoch liegt das durchschnittliche Heiratsalter in den USA nun wirklich nicht, und auch eine Frau, die mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig heiratet, kann auf jeden Fall noch ohne Probleme zwei oder drei Kinder bekommen.

Zuletzt will ich meinen Lesern nicht vorenthalten, was der Pastor den angesprochenen Frauen als Lösung verschlägt, wenn sie männliche Freunde haben sollten, an denen sie bei näherer Betrachtung tatsächlich kein romantisches Interesse haben:

„Call him up and tell him, ‚It’s not my fault that your facial symmetry grosses out my ovaries, but it was my fault that I got your hopes up by putting you in the Friend Zone. As restitution, please accept the phone numbers of five girls I know who find you attractive. Stop wasting your time with me and go hang out with a girl who might one day bear your children.‘

Do this now. Don’t hesitate, thinking that you don’t want to lose him as a friend.“

(Ruf ihn an und sag ihm: „Es ist nicht meine Schuld, dass deine Gesichtssymmetrie meine Eierstöcke anwidert, aber es war meine Schuld, dass ich dir Hoffnungen gemacht habe, indem ich dich in die Friend Zone gesteckt habe. Als Entschädigung nimm bitte die Telefonnummern von fünf Mädchen an, von denen ich weiß, dass sie dich attraktiv finden. Hör auf, deine Zeit mit mir zu verschwenden und häng mit einem Mädchen herum, das eines Tages deine Kinder gebären könnte.“ Tu das jetzt. Zögere nicht, weil du denkst, dass du ihn nicht als Freund verlieren willst.)

Okay. Kein Kommentar.

Der Pastor beendet seinen Artikel mit der Aufforderung an Frauen, zu heiraten, ein paar Mal schwanger zu werden und ein paar hübsche kleine zukünftige Steuerzahler in die Welt zu setzen. Achtung, Achtung! Hans Fiene hat das elfte Gebot wiederentdeckt! No, Sir. Ich habe nicht vor, in nächster Zeit zu heiraten und ein paar zukünftige kleine Steuerzahler in die Welt zu setzen.

Was genau ist eigentlich Hexerei/Magie?

Nicht lange, nachdem ich meinen jetzigen Ex-Freund kennengelernt hatte, erzählte er mir einmal von seiner westafrikanischen Heimat (einem mehrheitlich christlichen Land mit einer größeren muslimischen und einer kleineren heidnischen Minderheit), und erwähnte dabei, dass es dort, obwohl, wie gesagt, die meisten Leute Christen seien wie er und ich, auch noch Menschen gäbe, die an „Magie“ glaubten. Diese Wortwahl kam mir damals sehr seltsam vor. Bei „Magie“ denke ich an Harry Potter oder Bibi Blocksberg, erfundene Figuren in harmlosen Büchern und Filmen, die von Geburt an besondere Fähigkeiten haben, mit denen sie besondere Dinge bewirken können; und nicht an irgendetwas Okkultes, was normale Menschen hier und heute tatsächlich zu praktizieren versuchen. Aber diese Verwendung des Begriffs „Magie“ ist ja eigentlich die ursprüngliche – und sie ist eindeutig nicht auf Afrika beschränkt.

Daran musste ich wieder denken, als ich diese Diskussion im Kommentarbereich von Huhn meets Ei über „Hexen“ und Neopaganismus/Schamanismus gelesen habe: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2017/08/wer-darf-gast-sein-in-deinem-zelt.html Der Artikel an sich bemängelt vor allem die mangelnde Anstrengung der Kirche, ihr eigenes Angebot zu „bewerben“, und zieht dazu zum Vergleich ein Beispiel aus der Welt der Esoterik heran, nämlich eine sich selbst so nennende „Hexe Minerva“, die in Niedersachsen einen „Hexenhof“ (http://www.minervas-hexenhof.de/) betreibt und dort eine große Auswahl an Produkten und Dienstleistungen für nicht unbedingt niedrige Preise feilbietet, darunter Kräuterseifen, Talismane, Edelsteine, Orakel, persönliche Lebensberatung, Enttaufungen, „spirituelle Hochzeiten“, „Schamanische Reinigungen“ und „Auftragszauber“. Ich muss zugeben, was mich als allererstes am meisten schockiert hat, als ich einen Blick auf ihre Webseite geworfen habe, war ihre Form der Zeichensetzung und Rechtschreibung (hier zum Beispiel (http://www.minervas-hexenhof.de/philosophie.html) ist von „Rieten“ und „Uhrvölkern“ die Rede – finde den Fehler); aber was sie dort so anbietet, ist natürlich auch nicht ganz unproblematisch aus christlicher Sicht.

In den Kommentaren unter dem besagten Artikel jedenfalls konzentrierte sich die Diskussion weniger auf die Frage nach der kirchlichen PR-Arbeit; katholische Kommentatoren bezeichneten insbesondere die „Enttaufungen“ als „etwas Dämonisches“ und „Teufelswerk“, woraufhin sich andere Kommentatoren zugunsten der „Hexe Minerva“ einschalteten, z. B. eine Kommentatorin mit längeren Beiträgen über das Thema Toleranz (also darüber, wie schlimm es ist, Begriffe wie „Teufelswerk“ zu verwenden) und ihre Meinung darüber, wie grässlich das Christentum doch ist. Und ich dachte mir, das wäre eine gute Gelegenheit, anzusehen, um welche spirituellen Praktiken genau es hier eigentlich geht, wieso jemand die als „etwas Dämonisches“ sehen kann, und wieso sie aus christlicher Sicht überhaupt problematisch sind. Bleiben wir bei diesem „Hexenhof“ als Beispiel.

Auf Hexe Minervas Webseite heißt es über Auftragszauber:

„Magie ist Energie und Energie fließt. Sie kann also überall eingesetzt werden, wo sie benötigt wird, je nach Wunsch. Ich biete so genannte „Auftragszauber “ an. Das heißt, Du erteilst mir einen Auftrag, für einen bestimmten Zauber und ich führe diesen aus.

Dies könnte sein:

Zauber für Liebe und Leidenschaft

Arbeit und Karriere

Gesundheit und Wohlergehen

Kraft und Heilungszauber

Glück und Schutz

Gegen Angriffe / Schwarze Magie

gegen Flüche / Familienschutz/Aufhebung

Loslassen und Trennungszauber

Erfolg“

Weiter unten stellt sie klar:

„Was ich aus meiner Ethik als Hexe heraus nicht tue: Ich absolviere grundsätzlich keine Zauber, die mit „Dritten“ zu tun haben und / oder jemand „Drittes“ beeinflussen sollen. Des Weiteren auch keinen Schadenszauber & so genannte Partnerrückführungen. Ich übernehme keinerlei Verantwortung für das Leben anderer Menschen, die für Ihr tun selbst Verantwortlich sind! Meine Magie ist eine Hilfestellung. Sie macht aus einem Tellerwäscher keinen Millionär. Ich verspreche nicht das „Blaue vom Himmel“, sehe meine Magie als eine Hilfestellung für Sie an, Dinge in Gang zu bringen, zu beschleunigen oder nachzuhelfen.“ (http://www.minervas-hexenhof.de/auftrags-zauber.html)

Na, immerhin. Auch in den Abschnitten dazwischen hat sie übrigens schon erklärt, wieso man sich nicht wundern soll, wenn ihre Magie nicht gleich wirkt, oder nicht so, wie man es sich eigentlich vorgestellt; nicht, dass sich Kunden noch beschweren. Die Annahme, dass es sich bei den Zaubern für je 125 Euro schlichtweg um Betrug handeln könnte, klingt damit nicht völlig unplausibel – aber das muss auch nicht unbedingt der Fall sein. Jemand kann auch gutes Geld mit etwas verdienen, an das er ernsthaft glaubt. (Das gilt übrigens auch für, sagen wir mal, Renaissancepäpste.) Und sie kann ja ernsthaft glauben, dass Zauber auf ihre eigene Art und Weise wirken müssen und ihre Zeit brauchen.

Schauen wir hier weiter, was sie über schamanische Orakelsitzungen (30 min macht 60 Euro) schreibt:

„Eine Sitzung ist immer ein wenig unterschiedlich, findet im Geschützen Geister Raum statt. Sie ist sehr persönlich. Sie können direkt daran teilnehmen und Ihre Fragen stellen. Ihre Geister und Ahnen werden angehalten zu helfen und sich Ihnen durch das Orakel mitzuteilen. Diese Art von Schau, basiert auf verschiedenen Uralten Schamanischen Techniken.“

Ihr seht langsam, was ich mit der Rechtschreibung und der Zeichensetzung meine, oder?

Nehmen wir also mal an, sie ist vollkommen ehrlich und glaubt an alles, was sie so auf ihrer Webseite über „Energie“ und „Energie Wesen“ (Das ist ein zusammengesetztes Substantiv!!!!! Da gehört keine Leerstelle hin!!!!!!! Entschuldigung.), „Geister und Ahnen“, „uralte schamanische Techniken“ und „Kraftquellen“ schreibt, und das ist nicht nur Geldmacherei. Schön.

Bei dieser Art Magie geht es also, zusammengefasst, darum, diverse Geistwesen – seien es die eigenen Ahnen oder irgendwelche Erdgöttinnen oder Energiegeister – anzurufen, um von ihnen entweder Informationen zu bekommen oder sie dazu zu bringen, Dinge für einen zu bewirken, z. B. Erfolg im Beruf, oder auch, was Minerva hier allerdings eben nicht anbietet, Schaden für persönliche Feinde; oder es geht darum, bestimmte Gegenstände als Talismane zum eigenen Schutz oder Nutzen zu verwenden, was sowohl eher harmlos – Heilkristalle, Amulette – als auch unter manchen Umständen ziemlich schlimm aussehen kann (zum Beispiel in manchen afrikanischen Ländern (soweit ich weiß, im Heimatland meines Ex-Freundes nicht), wo Albinos ermordet und ihre Körperteile als Glücksbringer verkauft werden: https://www.welt.de/wissenschaft/article138413514/Albinos-werden-in-Teilen-Afrikas-wie-Tiere-gejagt.html, http://www.sueddeutsche.de/panorama/aberglaube-in-afrika-albinos-abgeschlachtet-1.147634) Auch die Anrufung von Geistern kann natürlich ganz unterschiedlich aussehen; ein Phönizier, der ein Kleinkind opfert, ist offensichtlich etwas anderes als ein Teenager mit einem Ouija-Brett oder Hexe Minerva mit was auch immer genau sie in ihren Sitzungen verwendet. Zu dieser Art von Magie gehören Gläserrücken, Wahrsagen, Voodoo-Puppen (oder das europäische Pendant: Atzmänner: https://de.wikipedia.org/wiki/Atzmann_(Magie)), Tarotkarten, Pendeln, und dergleichen – keine Zauberstäbe und Quidditch-Spiele. Schade.

Die christliche Kritik an alldem kann natürlich erstens lauten, dass es Blödsinn ist, der nicht funktioniert. Ein Stein, den du um deinen Hals trägst, wird dir kein Glück bringen. Da besteht kein logischer Zusammenhang. Für einen Menschenknochen gilt dasselbe. Solcher Aberglaube ist schlecht, weil man sein Vertrauen in unsinnige und unlautere (und manchmal entsetzliche) Praktiken statt in Gott setzt, er ist ein Verstoß gegen das erste Gebot, nur den einen wahren Gott zu verehren. Die ganzen Lehren, die dahinter stehen, sind einfach falsch; es ist ein unethischer und letztlich fruchtloser Versuch, geheime Macht über das Schicksal, die Natur oder andere Menschen zu gewinnen. Ich glaube, ein Großteil der Anziehungskraft des Okkultismus liegt darin, dass es sich hier um eine Art geheimes Wissen, um besondere Kräfte handelt, von denen andere Menschen nichts ahnen. Man kommt in einen inneren Kreis der Privilegierten, der Eingeweihten hinein. Man macht sich eine Welt zunutze, die andere gar nicht kennen. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es dazu:

„Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen: Indienstnahme von Satan und Dämonen, Totenbeschwörung oder andere Handlungen, von denen man zu Unrecht annimmt, sie könnten die Zukunft „entschleiern“ [Vgl. Dtn 18,10; Jer 29,8.]. Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.

Sämtliche Praktiken der Magie und Zauberei, mit denen man sich geheime Mächte untertan machen will, um sie in seinen Dienst zu stellen und eine übernatürliche Macht über andere zu gewinnen – sei es auch, um ihnen Gesundheit zu verschaffen -‚ verstoßen schwer gegen die Tugend der Gottesverehrung. Solche Handlungen sind erst recht zu verurteilen, wenn sie von der Absicht begleitet sind, anderen zu schaden, oder wenn sie versuchen, Dämonen in Anspruch zu nehmen. Auch das Tragen von Amuletten ist verwerflich. Spiritismus ist oft mit Wahrsagerei oder Magie verbunden. Darum warnt die Kirche die Gläubigen davor. Die Anwendung sogenannter natürlicher Heilkräfte rechtfertigt weder die Anrufung böser Mächte noch die Ausbeutung der Gutgläubigkeit anderer.“ (KKK, Nr. 2116-2117; http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P7L.HTM)

Problematischer als bloße Talismane sind natürlich alle Praktiken, bei denen Geister direkt angerufen werden – vor allem aus den Gründen, die der Katechismus nennt, aber nicht nur. Wir Katholiken glauben auch, dass es tatsächlich Geistwesen gibt, nämlich die sog. Engel, die wie wir Menschen einen freien Willen haben, und sich für oder gegen Gott entscheiden mussten, weshalb es gute Engel und böse Engel (die gefallenen Engel oder Dämonen) gibt. Dämonen sind, ebenso wie die guten Engel, weder allwissend noch allmächtig. Sie können uns daher nicht einfach nach Belieben schaden. Aber… es gibt die theoretische Möglichkeit, dass Dämonen Zugang zu und Einfluss über Menschen gewinnen könnten, wenn die sich durch okkulte Praktiken selbst für „Geister“ öffnen, indem sie sich zum Beispiel als „Medium“ zur Verfügung stellen. Geister sind nicht immer gut, und manchmal kommen vielleicht tatsächlich Geister, die man lieber nicht hätte da haben wollen, wenn sie denn schon eingeladen werden. Natürlich können Geschöpfe immer nur so viel Schaden anrichten, wie Gott zulässt. Zwar lässt Gott auch uns Menschen mit unserem freien Willen so einigen Schaden anrichten, aber wir haben genauso wenig unbegrenzte Macht wie eben die Engel. Aber trotzdem, aus katholischer Sicht ist es wirklich nicht anzuraten, nur mal zum Spaß Gläserrücken auszuprobieren. Nein, ich glaube nicht, dass der Teufel auf jeden Abergläubischen lauert. Mich hat man als Kind mal zum Warzenabbeten mitgenommen (ja, ja, auch im katholischen Bayern hat der Aberglaube seine Wurzeln geschlagen…), und, guess what, keine dämonische Besessenheit, kein Bedarf, sich wegen eines Exorzisten ans Bistum zu wenden. (Die Warzen waren allerdings auch nicht weg.) Aber trotzdem würde ich ohne Ausnahme die Finger von so etwas lassen. Wie Arthur Weasley in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ so weise gesagt hat: „Vertraue niemals etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Hirn hat.“ (Ich zitiere aus dem Gedächtnis, weil ich das Buch nicht hier habe.) Man hat keine Ahnung, was für ein Geist beim Gläserrücken antwortet, wenn denn da ein Geist antwortet und das Ganze nicht nur durch Autosuggestion und Betrug funktioniert.

Übrigens, das Argument, dass okkulte Praktiken fruchtlos sind, bleibt bestehen, wenn man annimmt, dass böse Geister gelegentlich antworten könnten. Wer glaubt denn, dass der „Vater der Lüge“ (als angeblicher Geist von Onkel Manfred) einem beim Gläserrücken tatsächlich die Wahrheit erzählen würde? Oder dass er die Macht hätte, einem selber Glück im Beruf zu verschaffen, oder dem bösen Nachbarn eine Krankheit, im Fall eines Schadenszaubers? Und gute Engel lassen sich nicht auf diese Weise herbeizitieren, und Tote auch nicht. Vielleicht erscheinen sie einem manchmal von selber mit Gottes Erlaubnis / auf Gottes Anweisung hin. Aber man kann sie nicht herbeizwingen.

Das also sind, grob gesagt, die Gründe, wieso Hexerei im Sinne von Okkultismus und Spiritismus – die immer existiert hat, zu manchen Zeiten und Orten bloß etwas auffälliger als zu anderen (zum Beispiel war der Spiritismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der feinen europäischen Gesellschaft sehr beliebt) – aus christlicher Sicht schlecht ist.

Man sollte hier vorsichtig sein, auf der Seite von Schamanen oder deren Kunden böse Absichten zu vermuten. Die Schamanen glauben (vermutlich) an das, was sie tun, wenn nicht immer, dann doch oft genug, und haben wohl auch das Gefühl, mit ihren Diensten Gutes zu tun (wie die Hexe Minerva, die als ethische Hexe keine Schadens- oder Liebeszauber anbieten möchte). Sie wollen keine bösen Geister herbeirufen, sondern gute – wie sie auch auf die Idee gekommen sind, dass das immer funktionieren wird. Die meisten ihrer Kunden wollen vielleicht einfach mal gucken, nehmen das selber gar nicht so richtig ernst, oder aber lassen sich von der Verbundenheit-mit-der-Natur-Rhetorik von Leuten wie Minerva von deren Theorien überzeugen. Diese Vorstellungen sind ja auch nicht – auch wenn Heilkristalle o. Ä. das sind – von vorne bis hinten vollkommen falsch. Nö, Irrlehren haben oft einen wahren Kern, den sie dann überdehnen. Zum Beispiel hier:

„Die Natur ist für uns beseelt , heilig und voller Magie. Alles ist mit dieser Essenz versehen und jeder Mensch, jedes Tier, ja sogar jeder Stein besitzt seine Heiligkeit und seine Kraft. […] ‚Anam cara‘ – alle Seelen sind miteinander verbunden.- So sagen die Kelten… Das Hauptanliegen ist es, Sie mit Techniken vertraut zu machen, welche es Ihnen  ermöglichen wieder Kontakt zu Ihren  Wurzeln und Ahnen aufzunehmen. Die Gesetzmäßigkeiten der Natur kennenzulernen, zu leben und so Kraft und innere Heilung zu erfahren. Die eigene Mitte zu finden Ein Treffpunkt, ein Versammlungspunkt, wie ein Kraftquelle-, soll der Hexen Hof sein, Kreativität und Spiritualität fördern, egal wo Sie herkommen und egal wo Sie hin wollen. Den Bezug zur Mutter Erde wollen wir herstellen und viel Raum für eigene Erfahrungen lassen. Der Heiligkeit der Natur und unsere Ahnen erfahren, sich somit selbst in unserem Innersten begegnen…. Ihr sollt bei uns einen Ort finden, der neugierig macht, nach innen zu forschen – die eignen Kraftquellen und Wurzeln kennenzulernen, ganz ohne die Ablenkung der Zivilisation. Wir sind kein Seminar Hof im herkömmlichen Sinne, vielmehr sind wir ein Ort der Begegnung und des Erfahrungsaustausches. Wo Einfachheit und ursprüngliche Natur ihre Wirkung entfalten sollen und Seelen sich in ihrem tiefsten inneren Begegnen…“ (http://www.minervas-hexenhof.de/philosophie.html)

Mir wäre es lieber, wenn sie sich „in ihrem tiefsten Inneren begegnen“ würden.

Okay, zum eigentlichen Punkt. Lassen wir die Fehler Fehler sein und nehmen wir das Gelaber mal auseinander:

  • „Die Natur ist beseelt und heilig“: Kommt darauf an, was man darunter versteht. Die Natur ist von Gott geschaffen und, ja, sie spiegelt etwas von Seinem Wesen wider. Die ganze Schöpfung ist wunderbar. Ich liebe es, Buchenblätter oder Buschwindröschen anzusehen. Tiere sind faszinierend, Geologie ist faszinierend, und Astrophysik ist faszinierend. Pflanzen oder Tiere sind nicht einfach nur verwendbares Material, sie sind mehr. Wir sollen sie behüten. ABER: Die Natur ist gefallen, sie ist nicht perfekt, wie sie sein sollte. In ihr gibt es schlechte Dinge – Tod, Schmerzen, „Fressen oder gefressen werden“. Und in einem Stein steckt nun einmal kein Geist, und die Natur ist auch nicht selbst göttlich.
  • „Bezug zur Mutter Erde“: Wie gesagt, die Natur ist etwas sehr Gutes. Bezug zur Natur ist etwas Gutes, das unter manchen Umständen tatsächlich der Psyche helfen könnte. Ein Waldspaziergang muntert auf, ja, doch, soweit okay. Verständnis für die Natur und Rücksicht auf sie ist auch gut. Man muss beim Waldspaziergang ja nicht seinen Müll zwischen die Bäume werfen. Aber das hier klingt wieder nach Vergöttlichung der Natur, also nach Pantheismus, und speziell nach einem Pantheismus mit einer weiblichen Erdgöttin. Hier wird vielleicht deutlich, wieso Gott im Christentum mit männlichen Pronomen versehen und als „Vater“ angeredet wird, obwohl es in der Bibel auch weibliche Metaphern für Gott gibt und Gott natürlich nicht unseren Geschlechterkategorien untergeordnet ist: Der Vatergott bringt die Vorstellung eines ferneren Schöpfers mit sich, während die Muttergöttin eher eine pantheistische Vorstellung der Erde / der Natur, die die einzelnen Geschöpfe dann „gebiert“, weckt. Es gibt aber eben keine „Mutter Erde“ als Person, zu der wir eine persönliche Beziehung haben können – falls das hier gemeint ist. Der Pantheismus ist in sich unlogisch, denn er nimmt einem letztlich die Möglichkeit, das Schlechte in der Natur – Tod etc. – als wirklich schlecht anzuerkennen – schließlich gehört es ja auch zur Natur. Ein außerhalb und oberhalb der gefallenen Welt stehender Schöpfergott, der das Gute liebt und gerecht über Gut und Böse richtet, lässt einem diese Möglichkeit.
  • „Alle Seelen sind miteinander verbunden“: Wir haben einen gemeinsamen Vater im Himmel, wir sind alle Geschwister, sind eine solidarische Gemeinschaft, jep, alles gut. Solange man diesen Satz nicht in dem Sinne interpretiert, dass es nur eine große Weltseele gibt, von der jede einzelne Seele nur ein kleiner Teil ist – aber das sagt er ja eigentlich nicht.
  • „ein Ort, der neugierig macht, nach innen zu forschen – die eignen Kraftquellen und Wurzeln kennenzulernen, ganz ohne die Ablenkung der Zivilisation“: Zivilisation ist nichts Schlechtes, by the way. Zivilisation bedeutet einfach gut organisiertes, solidarisches menschliches Zusammenleben. Ohne Zivilisation gäbe es auch den Hexenhof nicht. Okay, ja, manchmal will man sich von anderen Menschen zurückziehen. Aber das heißt eben nicht, dass Autobahnen, Abwasserleitungen, Supermärkte und Büros etwas Schlechtes sind. Nach innen forschen – klingt okay. Ab und zu braucht es den Blick auf die eigene Seele wohl. Bei Exerzitien wird wohl auch so was Ähnliches gemacht. Eigene Kraftquellen – was ist damit gemeint? Ominöse Energieströme? Oder soll man einfach die eigenen Stärken erkennen, damit man sie sich bei zukünftigen Problemen zunutze machen kann?
  • „Kontakt zu ihren Wurzeln und Ahnen“: Okay, und was ist mit dem Urgroßvater, der in der SS gekämpft hat und den man nie kennengelernt hat, weil er in Stalingrad gefallen ist? Oder der giftigen, mit der ganzen Verwandtschaft zerstrittenen Großtante, die vorletztes Jahr an Krebs gestorben ist und bei deren Beerdigung – seien wir ehrlich – man ihr zwar nichts Böses mehr gewünscht hat, aber auch nicht allzu viele Tränen um sie geflossen sind? Oder dem Alkoholiker-Großonkel, dessen Frauen-Witze man bei den Familienfesten stets geflissentlich überhört hat, als er noch am Leben war? Ernsthaft: Was soll das mit den Ahnen? Ja, meine Ahnen haben eine gewisse Bedeutung dafür, wer und was ich jetzt bin, aber sie waren auch nur Menschen. Es ist gut, den lieben verstorbenen Großvater in Ehren zu halten, es schadet nicht, die Geschichte der eigenen Familie zu verstehen, aber sollte ich nicht lieber mehr Kontakt zu meiner noch lebenden Familie haben? Und von den Toten heraufbeschwören möchte ich meine armen Großeltern oder Urgroßeltern, die jetzt endlich ihre Ruhe vor dieser Welt haben, ganz sicher nicht mehr, falls es hier darum gehen sollte.
  • „Die eigene Mitte finden“: Was genau will uns das sagen? Das eigene Ziel im Leben finden, um das man das Leben dann ausrichten kann? Ausgeglichenheit finden? Was heißt das hier genau?

Solche Texte enthalten viel Selbstverständliches gepaart mit einigem Blödsinn und viel, viel Gelaber, bei dem man nicht weiß, in welche Richtung es geht: Perfektes Rezept, um Leute anzulocken.

So viel zu der ganzen Naturmystik, die nicht zwangsläufig mit Hexerei zusammenhängt, allerdings im Fall solcher Anbieter von natürlicher / schamanischer Spiritualität oft mit ihr einhergeht und dabei hilft, Leute zu „magischen“ Praktiken hinzuführen.

Noch eines, was die Bezeichnung „Neopaganismus“ für dieses ganze Konglomerat angeht: Die halte ich für sehr unpassend, denn als pagane („heidnische“) Religionen bezeichnet man im Christentum ja eigentlich alle nicht-jüdischen, vorchristlichen Mythologien, Philosophien und spirituellen Praktiken – und der Konfuzianismus, die Stoa, der Zoroastrismus oder der Buddhismus haben nun wirklich nicht viel mit Gläserrücken oder Auftragszaubern zu tun. Auch den ursprünglichen afrikanischen oder indianischen Religionen wird man nicht gerecht, wenn man sie mit deutschem Schamanismus gleichsetzt. (Viele dieser unterschiedlichen Religionen kennen zum Beispiel den Glauben an einen einzigen Gott, auch wenn der als sehr weit entfernt von der Welt der Menschen gedacht wird, und man sich für praktische Probleme eher an die Zwischenwelt der Geister wendet. Aber auch in anderen Dingen unterscheiden sie sich vom „Neopaganismus“.) Wir sollten fairer gegenüber dem Heidentum sein.

 

Für ein besseres Verständnis des („fundamentalistischen“) Islam

Aus der muslimischen Welt kommen ja gerade etwas gemischte Signale. Londoner Imame verweigern Terroristen das Totengebet; zu einer von den großen Islam-Verbänden nicht unterstützten „Nicht-mit-uns“-Demo gegen den islamischen Terror in Köln, zu der 10.000 Muslime erwartet wurden, kommen ein paar hundert bis dreitausend Teilnehmer (widersprüchliche Angaben in den Medienberichten), und auf den Bildern sieht es danach aus, dass die Hälfte oder mehr davon Nichtmuslime waren; eine liberale Moschee in Berlin mit einer unbekopftuchten Vorbeterin wird eröffnet und erhält Morddrohungen und eine ägyptische Fatwa erklärt sie für unislamisch; allgemein haben Muslime anscheinend keine Lust, sich ständig von Anschlägen distanzieren zu sollen; wenn sie gefragt werden, erklären sie den Islam zur Religion des Friedens; und gleichzeitig scheinen sie es immer strenger mit dem Fasten und dem Verschleiern und ähnlichen Vorschriften zu halten.

Ich glaube, viele Nichtmuslime hier in der westlichen Welt haben ein gewisses Verständnisproblem dem Islam gegenüber. Die meisten Leute hierzulande sind von ihrer religiösen Einstellung her Säkularisten – damit meine ich nicht, dass sie alle Atheisten sind, vielleicht glauben sie sogar in einem unbestimmten Sinn an „irgendwas da oben“ (man weiß nichts Sicheres), aber die Religion spielt keine große Rolle für sie. Okay, vielleicht stellt man sich die Sinnfrage, wenn ein Verwandter stirbt oder man selber Krebs kriegt. Not lehrt Beten. Vielleicht (etwas unwahrscheinlicher, Anti-Klerikalismus kommt eigentlich immer gut) findet man auch noch, dass die Kirchen gute Arbeit im sozialen Bereich leisten. Aber man hat da keine klare Meinung und das ist für das Leben auch nicht so wichtig. Vor der Vorstellung, dass Religion – egal, welche Religion – irgendeinen spezifischen Einfluss auf den Alltag oder gar die Politik haben sollte, zuckt man entsetzt zurück. Wir sind ja aufgeklärt, weil wir nach dem 18. Jahrhundert geboren sind, also selbstverständlich besser denken können als unsere Vorväter, und das heißt, die Religion muss im Zaum gehalten werden, denn sonst sorgt sie noch für Bürgerkrieg und Terror und Hausfrauen in langen Röcken, die mit fünf kleinen Kindern neben sich am Herd stehen. Zu viel Religion ist gefährlich, besonders, wenn es sich dabei um „unaufgeklärte“ Religion handelt – soll heißen, ursprüngliche, strenge Religion, die nicht in allen Einzelheiten allen Ansichten des Jahres 2017 nach der Geburt des Herrn angepasst ist.

Säkularisten haben meistens keine Ahnung davon, was genau Katholiken und Lutheraner und Reformierte und Orthodoxe und Kopten und Sunniten und Schiiten und Juden und Zeugen Jehovas überhaupt glauben – geschweige denn davon, wieso man sich bitteschön darüber streiten sollte, ob Heiligenverehrung nun Götzendienst ist, ob Gott dreifaltig ist oder nicht, oder wie viel Haut eine fromme Frau zu bedecken hat. Säkularisten verstehen das alles einfach nicht. Wieso machen sich Menschen darüber Gedanken? Am meisten zeigt sich ihre Hilflosigkeit dem Phänomen Religion gegenüber dann, wenn es etwa um die Frage geht, wieso junge Türkinnen, deren Mütter nie ein Kopftuch getragen haben, wieder eins anlegen, wieso jugendliche Muslime stolz darauf sind, alle Fasten- und Gebetsregeln einzuhalten, oder wieso sogar westliche, von ihren „aufgeklärten“ Eltern säkularistisch erzogene junge Leute zum Islam konvertieren. Da wird dann davon geredet, dass die es bestimmt irgendwie schwer hatten und dann Halt in den Regeln und der Gemeinschaft der Moschee gefunden haben, dass sie auf „einfache Antworten“ hereingefallen sind, und dergleichen mehr: Halbwahrheiten, die völlig am Kern dessen vorbeigehen, was solche Leute am Islam anzieht.

Der strenge Islam wächst, weil er sich selbst ernst nimmt. Er tritt mit einem Wahrheits- und Veränderungsanspruch auf. Er hat eine klare Botschaft, anstatt auf die zentralen Fragen der Menschheit mit einem ausweichenden, gestellt demütigen „Können wir nicht so genau wissen [und wollen es eigentlich auch gar nicht so genau wissen]“ zu antworten – er gibt in einem gewissen Sinne „einfache Antworten“ (nicht immer so einfach und unkompliziert zwar, wie religiös Unwissende sich das vorstellen), ja, aber woher kommt denn eigentlich diese seltsame Überzeugung, die derzeit en vogue ist, dass alle einfachen, klaren Prinzipien von vornherein als schlecht und falsch erwiesen sind? Der strenge Islam stellt Ansprüche. Er behandelt den Koran und den Propheten als Autorität, nicht als etwas, das man sich zurechtlegt, bis es in die heutige Zeit passt. Er lehrt Gehorsam und Unterordnung – „Unterwerfung“, ganz genau. Der Koran hat das Sagen – nicht der Leser. Der strenge Islam behandelt die moderne Welt nicht als etwas, das fatalistisch hinzunehmen ist, sondern als etwas, das man verändern, zu den gottgegebenen Gesetzen zurückführen kann. Seine Botschaft, seine Gesetze, die klingen vielleicht nicht immer alle schön und modern und human – aber wer hat denn gesagt, dass Gott sein Wort unseren Vorstellungen anzupassen hat? Gott kann von uns Gehorsam erwarten, und zwar in allen Bereichen unseres Lebens. So denken gläubige Muslime.

Ich glaube, dass Leute wie ich, die selber gläubig sind, auch wenn sie einer anderen Religion angehören, den Islam in mancher Hinsicht vielleicht besser verstehen können als jemand, dem Religion überhaupt nichts bedeutet. Für mich ist es so sonnenklar wie für jeden Muslim, dass Gottes Gesetz über dem des Menschen steht und dass ich mir von keinem Staat vorschreiben lasse, Gottes Gesetz zu verraten. Gottes Gesetz ist Wahrheit, ewiggültige Wahrheit. Das ändert sich nicht von heute auf morgen. Wenn man mir beweisen will, dass etwas nicht Gottes Gesetz ist, soll man es mir beweisen – nicht einfach entsetzt auf unsere Jahreszahl hinweisen.

Ich kann den Islam ernster nehmen, weil sein Problem für mich nicht darin liegt, dass er eine strenge Religion mit Wahrheitsanspruch ist, sondern dass er falsch ist. Der Islam hat keine Ahnung von Liebe – von der unendlichen Liebe, die den Sohn Gottes dazu brachte, für uns am Kreuz zu sterben, von der Liebe, die den heiligen Stephanus dazu brachte, vor seinem Tod für die Menschen zu beten, die ihn steinigten. Er hat keine Ahnung vom wahren Wesen Gottes, der in sich eine dreifaltige Gemeinschaft der Liebe ist, und der sich innig danach sehnt, uns einmal bei sich im Himmel zu haben. Der Islam stellt einen Wahrheitsanspruch auf, den er nicht beweisen kann und meinem Eindruck nach nicht einmal besonders eifrig zu beweisen versucht. Mohammed hat gesagt, er ist Gottes Prophet, und er ist Gottes Prophet. Wie er das belegt hat? Du wagst es, am Wort Gottes zu zweifeln? Du Frevler wirst auf ewig in der Hölle schmoren! Der Islam hat nicht viel dafür übrig, seine gottgegebenen Gesetze daraufhin zu untersuchen, aus welchen Gründen sie vernünftig sind und wozu genau sie dienen, wie das bei uns Katholiken zum Beispiel schon die mittelalterlichen Scholastiker gemacht haben. (Das erinnert mich daran, dass ich ja auch mal was über dieses dumme Klischee schreiben muss, das christliche Mittelalter sei genauso gewesen wie die heutige islamische Welt. War es nämlich nicht, kurz gesagt.) Gott hat gesprochen, mehr muss man nicht wissen. Der Islam hat auch nicht viel für die Feinheiten abstrakten philosophischen Wissens übrig; seine Gelehrten beschäftigen sich mit praktischen Dingen, mit Rechtsangelegenheiten, wie der Frage, ob dieser oder jener ein umzubringender Abtrünniger ist, oder wie man sich als Muslim verhält, wenn man eine Zweitfrau heiraten will, aber in einem Land lebt, in dem der Staat die Vielehe verboten hat, oder ob dieses oder jenes Freizeitvergnügen oder Kleidungsstück für Muslime erlaubt ist. Der Islam war schon immer mehr ein Rechtssystem und ein System von Anweisungen für das Alltagsleben als ein theologisches System. Deshalb kann man ihn auch nicht einfach aus dem öffentlichen Leben verbannen, solange überzeugte Muslime an diesem Leben teilnehmen, denn er bietet ihnen eben gerade keinen Glauben fürs stille Kämmerlein, sondern eine Ordnung, die für die Gesamtgellschaft gedacht ist. Mohammed war ein Warlord mit Macht und Einfluss, der über Verbrecher zu richten und Beute zu verteilen hatte, kein Wanderprophet, der von Feindesliebe und Beten redete. Der Koran ist ein unzusammenhängendes Bündel seiner angeblichen Offenbarungen über Höllenstrafen, Jüngstes Gericht, Erbregelungen, Götzenverehrung, Fasten, Gebet, Almosengeben, den Heiligen Krieg, und dergleichen mehr. Der Islam ist eine klare, praktische, brutale, intolerante, stolze und auf Herrschaft ausgerichtete Religion, in der das Individuum nicht viel zählt und in der Gehorsam und Ehrfurcht großgeschrieben werden.

Die allermeisten Muslime sind keine Terroristen. Ist uns allen klar. Wenn es anders wäre, wäre es auch nicht besonders schön. Na, okay, wenn über eine Milliarde Muslime auf der Welt sich jetzt Bomben basteln würden, dann könnte sich so ziemlich die ganze Menschheit wahrscheinlich sehr bald auf das Leben nach dem Tod freuen, das hätte irgendwie auch wieder was für sich, alle Dinge haben schließlich auch etwas Gutes. Okay, ich bin wieder ernst: Die allermeisten Muslime sind keine Terroristen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie auch einen Islam vertreten, der den Ansprüchen von Westeuropäern an einen akzeptablen, humanen, freiheitlichen Islam, den sie zu mögen bereit wären, genügen würde.

Es gibt eine gewisse Bandbreite im Islam. Mohammed und seine Anhänger haben sich verhalten wie der IS (bis auf Bombenanschläge, da war die Technik noch nicht so weit), das ist uns allen klar, und Mohammeds Nachfolger haben den Dschihad weitergeführt und nach und nach u. a. das Oströmische und das Persische Reich zu Fall gebracht. Der Islam war es lange Zeit gewohnt, zu kämpfen, zu erobern, und zu herrschen. (Bis auf ein paar kleinere Rückschläge im Lauf der Jahrhunderte wie die Reconquista Spaniens.) Erst die politische Schwäche der islamischen Länder, allen voran des riesigen Osmanischen Reiches, ab dem 18. Jahrhundert hat zu dem ungewöhnlich friedfertigen Verhältnis geführt, das jetzt gerade zwischen islamischen Staaten und nichtislamischen Staaten herrscht. (Ich meine das vollkommen ohne Ironie. Fragen Sie die Anwohner des Mittelmeers, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein mit ständigen muslimischen Piratenangriffen zu rechnen hatten, oder die Griechen und Kroaten, die Jahrhunderte osmanischer Besatzung aushalten mussten, oder die Opfer der Sklavenjagden im Sudan. Wir leben, gesamtgeschichtlich gesehen, in einer Zeit, in der der Islam ungewöhnlich friedlich ist.) Dazu kamen dann in Gegenden wie Algerien und Ägypten der englische und französische Kolonialismus und nach und nach auch die Übernahme westlicher Ideen durch manche Leute in islamischen Ländern, die dazu führte, dass im 20. Jahrhundert in einigen dieser Staaten verschiedenene mehr oder weniger sozialistische Regierungen, Militärdiktaturen, oder, im Fall etwa der Türkei nach dem 1. Weltkrieg, sogar eine aggressiv laizistische, gewählte parlamentarische Regierung nach französischem Vorbild an die Macht kamen. Im umbenannten ehemaligen Osmanischen Reich war die Religion jetzt etwas, das bekämpft werden sollte und aus der Öffentlichkeit zu verschwinden hatte, sogar das Tragen von Kopftüchern an Universitäten wurde verboten. Man war schließlich in der Neuzeit angekommen. In den 50er-, 60er-Jahren war die ganze islamische Welt offensichtlich dabei, sich zu modernisieren. Die Frauen in Kairo und Istanbul trugen keine Kopftücher mehr und ergriffen akademische Berufe, aufgeklärte Absolutisten wie der afghanische König Mohammed Zahir Schah modernisierten ihre Länder von oben her und führten Parlamente und das Frauenwahlrecht ein, und sogar Länder wie Saudi-Arabien, Katar und Jemen sahen sich tatsächlich zur Abschaffung der Sklaverei gezwungen. Diese Entwicklung hatte damals in den 60ern ihren Höhepunkt, und seitdem ist sie auf dem Niedergang. Im Iran übernahmen nach dem Sturz des Schahs 1979 die Mullahs die Macht, in Afghanistan kamen nach dem Abzug der Sowjets auch die Islamisten ran, in Ägypten gewann die Muslimbruderschaft immer mehr an Einfluss, und in der Türkei… ich glaube, zur Entwicklung in der Türkei muss ich nicht mehr sagen, oder? Die Zurückdrängung des Religiösen hat dort nicht geklappt, sie wird auch nicht klappen.

Okay, wieder zurück zu Mohammed und dem Dschihad. Der Dschihad ist so offensichtlich etwas Ur-Islamisches, dass ich mich frage, wie irgendjemand ernsthaft die Augen davor verschließen kann. Aber das heißt tatsächlich noch nicht, dass jeder heutige den Propheten innig verehrende und den Koran streng auslegende Muslim auch logischerweise jeden Selbstmordanschlag eines IS-Kämpfers befürworten müsste. Nö, er kann sehr gut, ohne sich selbst zu widersprechen, der Meinung sein, dass das falsche Kriegstaktik oder unnötig grausam ist, oder er kann – mit, wenn man sich die islamische Theologie ansieht, guten Gründen – finden, dass Abu Bakr Al-Baghdadi einfach nicht die Autorität hat, einen Dschihad auszurufen und anzuführen. Aber was er nicht finden kann, wenn er nicht seine ganze Theologie umschmeißen und sich einer Seyran Ates und einer Lamya Kaddor mit ihren bemühten historisch-kritischen Umdeutungen anschließen will, das ist, dass der Dschihad an sich nie rechtmäßig ist. Ebenso, wie er nicht finden kann, dass islamische Praktiken wie z. B. die Polygamie nicht rechtmäßig sind. Er kann gegen Anschläge auf Weihnachtsmärkte sein, und trotzdem finden, dass – auf jeden Fall in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft – die Scharia gelten sollte. Es gibt einen „fundamentalistischen“ Islam, der nicht gewalttätig ist. Das macht ihn nicht gut. Die Mehrheit der Muslime sind keine Terroristen, jap, weiß ich. Trotzdem hängen sie einer zerstörerischen Weltanschauung an.

Seyran Ates und Lamya Kaddor und Mouhanad Khorchide, die liberalen Theologen unter den deutschen Muslimen, besitzen beste Absichten, zu wenig Bereitschaft, manchen Tatsachen über ihre Religion ins Auge zu sehen, sehr viel Aufmerksamkeit und Sympathie bei deutschen Medien und Politikern, und kaum Einfluss unter denen, die sie zur Moderne bekehren wollen und die absolut keine Absicht haben, sich bekehren zu lassen.

Von daher kann ich übrigens auch gut verstehen, wieso so wenige Muslime bei „Nicht mit uns“ aufgetaucht sind, während so viele zu Pro-Erdogan-Kundgebungen erscheinen. Einerseits hat man einfach keine Lust, immer wieder zeigen zu sollen, dass man kein Verbrecher ist, der einen Lastwagen in eine Menschenmenge fährt, wenn man einfach friedlich sein Leben lebt; andererseits aber kann man sich einer gewissen Sympathie für Hamas, Al Kaida, IS & Co. auch wieder nicht erwehren. Jedenfalls haben die noch mehr von der wahren Religion begriffen als die herumhurenden und Schweinefleisch essenden deutschen Nachbarn und die häretischen sogenannten islamischen Theologen und Islamwissenschaftler, die den Glauben durch ihre Verdrehungen in den Schmutz ziehen, nicht wahr? (Und überhaupt – ist ja Ramadan, was soll man sich da verausgaben, um irgendein „Zeichen zu setzen“, das sich die Ungläubigen wünschen?)

Ich finde, man kann den Islam in mancher Hinsicht gut mit dem Kommunismus vergleichen. Nicht alle Kommunisten haben bei der RAF mitgemacht. Nicht einmal die sowjetische Führung hätte Gudrun Ensslin und Andreas Baader in den Kreml eingeladen, ebenso wenig, wie die saudi-arabische Regierung Osama Bin Laden. Trotzdem ließ es sich in der Sowjetunion unter der Herrschaft der Ideologie, für die die Terroristen anderswo kämpften, nicht besonders schön leben. Es gab auch friedliche Kommunisten im Westen, sogar pazifistische. Es gab solche, die einen Kompromiss zwischen Kommunismus und Demokratie suchten. Aber trotz alldem ist der Kommunismus eine falsche und zerstörerische Ideologie, die die Leute am besten einfach aufgeben sollten. Es macht keinen besonderen Sinn, einen „eigentlich wahren“ freiheitlich-demokratisch-gemäßigten Kommunismus neu konstruieren zu wollen und dabei alle von Marx‘ Prinzipien aufzugeben. Nö, wenn man die Grundideen des Kommunismus über Bord wirft, sollte man auch ehrlich sein und den Kommunismus ganz über Bord werfen. Es gibt keinen Grund, einen liberalen Islam zu konstruieren. Der Islam ist die falsche, unlogische, und durch nichts belegte Botschaft eines vermutlich geistesgestörten Warlords, der leider heutzutage ein großer Teil der Weltbevölkerung folgt. Aber aus welchen Gründen sollten sie ihr weiterhin folgen?

Der Unterschied zwischen diesen beiden Ideologien ist allerdings, dass der Kommunismus sich, nachdem er ausprobiert wurde und seine Verheißungen sich nicht erfüllten, für jeden sichtbar als falsch erwiesen hatte, was beim Islam leider nicht so leicht ist. Der hat seine Verheißungen aufs Jenseits verlegt, und da werden wir leider noch ein bisschen warten müssen, bis wir den endgültigen, alle überzeugenden Beweis sehen, dass Gott nicht der Gott Mohammeds ist.

Langes Herumgerede, kurzer Sinn: Ich denke einfach, dass viele Säkularisten begreifen müssen, wie wenig ihre Argumente strenggläubige Menschen eigentlich berühren. Das ist ja wie im Mittelalter! – Ja, das ist wie in den gesegneten Zeiten, die wir wiederherzustellen gedenken. Du hast doch auch ein Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung! Nö, wenn mein Schöpfer das anders sieht, habe ich das allerdings nicht. So denken strenggläubige Menschen nun mal.

Ansehen!

Die Antisemitismus-Doku, die Arte in Auftrag gegeben hatte und dann nicht veröffentlichen wollte, wird heute – nur heute, leider – von der BILD (ja, ja, ich weiß) im Internet gezeigt: http://www.bild.de/politik/inland/bild/zeigt-die-doku-die-arte-nicht-zeigen-will-52155394.bild.html

Diese Doku sollte jeder sehen, der

  • …meint, „ich bin nicht antisemitisch, sondern antizionistisch, Zionismus ist Imperialismus“
  • …meint, „Israel verhält sich so, wie sich früher die Nazis verhalten haben / Israel ist ein Apartheidsregime“
  • …“richtigen“ Antisemitismus höchstens für ein Problem der NPD hält
  • …das pure Ausmaß an linkem, an rechtem und an muslimischem Antisemitismus einfach nicht kennt
  • …die Verbindungen zwischen diesen Formen des Antisemitismus nicht kennt (z. B. Hitlers Draht zu Großmufti Al-Husseini von Jerusalem, oder die vielen linken Verbindungen zu palästinensischen Terrororganisationen)
  • …nicht weiß, wie viel Geld Organisationen wie die Hamas von EU oder UNO erhalten – oder nicht weiß, wie die Vorstellungen von Organisationen wie der Hamas von einem Frieden in Nahost aussehen. (Tipp: Wenn das ganze Land judenrein ist, gibt es auch keinen Konflikt mehr.)
  • …nicht weiß, wo zuletzt von wem unwidersprochen und ohne jeden gesellschaftlichen Aufschrei „Juden ins Gas“ auf einer Demonstration gerufen wurde. (Tipp: Es waren keine sächsischen Skinheads bei Pegida.)
  • …nicht weiß, wie weit Verschwörungstheorien über das internationale Finanz(juden)tum, das hinter der Macht Amerikas steht, noch verbreitet sind.

Die Doku zeigt vor allem eines, nämlich dass die klare Grenze, die für gewöhnlich so bequemerweise zwischen Antisemitismus (der bösen Nazi-Weltanschauung, die natürlich niemand vertritt) und Antizionismus (akzeptiert im Mainstream, auf Kirchentagen, im EU-Parlament und ganz offenbar bei Arte vertreten) gezogen wird, nicht ganz so einfach zu ziehen ist.  Die Doku geht außerdem ein paar der Vorurteile gegen Israel nach und zeigt so, dass diese oft lediglich auf Fehlinformationen beruhen (z. B. über die Situation im Westjordanland oder im Gazastreifen, oder über den Krieg von 1948). Außerdem informiert sie ein wenig über den historischen Hintergrund des Antisemitismus, über Holocaustleugnung usw.

Sie hat ein paar kleine Mängel – zum Beispiel gegen Anfang, als es einleitend um die weiter zurückliegende Geschichte des christlichen Antisemitismus (der spätere Antisemitismus des 19. und 20. Jahrunderts war bekanntlich eher rassistisch motiviert als religiös) geht. An einer Stelle wird sich ernsthaft darüber beschwert, dass der Verräter in den christlichen Evangelien den Namen „Judas“ trägt. Ähm, na ja, Judas Iskariot hieß nun mal so, ebenso wie der heilige Apostel Judas Thaddäus oder Judas der Makkabäer aus dem Alten Testament. Aber auch wenn ein paar solche Mängel existieren, die Dokumentation des heutigen Judenhasses ist auf jeden Fall sehenswert.

Bitte ansehen!

 

Update: Jetzt auch auf Youtube:

 

 

 

Die Frage „Sind Religionen gut oder schlecht?“…

…macht in etwa so viel Sinn wie die Frage „Sind politische Parteien gut oder schlecht?“.

Mit schöner Regelmäßigkeit kommt nach islamistischen Anschlägen oder bei Diskussionen um ein Burkaverbot oder auch ohne näheren Anlass von anti-theistischer* Seite die Behauptung auf, Religionen seien einfach alle problematisch und sie alle hätten zumindest in der Öffentlichkeit nichts verloren – als „Privatsache“ könne man sie ja evtl. noch dulden, aber mehr bitte schön nicht.

Hier sind mehrere blödsinnige Vorstellungen vorhanden; aber eine, die sofort ins Auge sticht, ist natürlich diese – geben wir der Sache mal einfach einen positiv klingenden Namen – Gleichsetzung aller Religionen.

Sorry, aber: Das funktioniert einfach nicht. Die Azteken opferten am laufenden Band Menschen und führten sogar eigene Kriege, um genügend Gefangene für ihre Zeremonien zusammenzubekommen, da sie glaubten, dass die Götter von menschlichem Blut ernährt werden müssten und die Sonne nicht mehr aufgehen würde, wenn die Opfer aufhörten. Das war auch eine Religion. Scientology ist auch eine „Religion“, und auch deren Praktiken sind, na ja, ähm… nicht immer sauber. Die paar Dutzend Mitglieder der US-amerikanischen Westboro Baptist Church stehen bei Soldatenbegräbnissen und vor Gebäuden anderer Religionen mit Schildern wie „Gott hasst Schwuchteln“, „Gott hasst Amerika“, „Priester vergewaltigen Kinder“, „Israel ist verdammt“ oder „Gott hasst Oklahoma“ herum, und darin besteht ihre Verkündigung und Glaubenspraxis. 900 Mitglieder der Gruppierung „Peoples Temple“ töteten sich 1978 auf Anweisung ihres Gurus. Und es gibt eben andere Religionen, die tun so etwas nicht, sondern tun vielleicht sogar ab und zu mal Gutes, auch wenn sich das manche Leute kaum vorstellen zu können scheinen.

Die Evangelikalen nicht dasselbe wie die Zeugen Jehovas, und Voodoo ist nicht dasselbe wie Konfuzianismus, und Buddhismus ist nicht dasselbe wie Mormonentum, und Salafismus ist nicht dasselbe wie Katholizismus. Sollte eigentlich nicht allzu schwer zu verstehen sein.

Okay, ich denke, wir sind uns mal alle einig (Hand hoch, wer es anders sieht), dass ein Staat, in dem verschiedene religiöse Gruppen zusammenleben, diesen nicht vorzuschreiben hat, irgendeine bestimmte Religion anzunehmen. Aber die Religionsfreiheit ist, wie alle Rechte, auch kein grenzenloses Recht. Sie gilt so lange, wie die Leute die grundsätzlichen Regeln eines friedlichen Zusammenlebens achten, und ja, das kann auch heißen, dass ein Staat im Rahmen der Religionsfreiheit den größten Schmarrn tolerieren muss (ich betone: muss), weil er nicht die Regeln des Zusammenlebens gefährdet, aber manchmal gilt sie eben nicht mehr. Zum Beispiel dann, wenn man im Namen seiner Religion Terroranschläge verüben, abgefallene Gläubige oder unkeusche weibliche Familienmitglieder töten, Schariagerichte einführen oder für den Dschihad werben will.

Wie gesagt, das ist ein bisschen wie bei politischen Parteien. Ich kann die SPD nicht leiden, aber sie bewegt sich noch immer im Rahmen des Erlaubten – ähnlich wie im religiösen Bereich vielleicht, sagen wir mal, die EKD. In diesem Rahmen bewegen sich sehr viele Parteien – CDU, CSU, FDP, ÖDP, Freie Wähler, Grüne, was es sonst noch so gibt. Natürlich kann man als Wähler der Meinung sein, dass nur eine dieser Parteien die beste Lösung für die Probleme im Land bietet, ebenso wie man als religiöser Mensch der Meinung sein wird, dass nur seine eigene Gemeinschaft die Wahrheit verkündet; aber deswegen kann man die anderen trotzdem noch dulden. Dann gibt es so „Randfälle“ wie die Nachfolgepartei der SED oder die Reichsbürgerbewegung (keine Partei, ich weiß, aber trotzdem ein guter Vergleich aus dem säkularen Bereich) – vergleichbar mit Mehr-oder-weniger-Sekten wie den Zeugen Jehovas oder richtigen Sekten wie den Zwölf Stämmen oder Scientology, vor denen Sektenberatungsstellen warnen und gegen die der Staat evtl. mal mit einzelnen Maßnahmen (Kindesentzug, Maßnahmen gegen Beamte oder Angestellte im Öffentlichen Dienst, die sich diesen Gruppierungen angeschlossen haben) vorgeht, die er aber nicht ganz verbieten kann und will. Dann gibt es klar verfassungsfeindliche Parteien wie die NPD (für deren ausbleibendes Verbot das Bundesverfassungsgericht eine meiner Meinung nach sehr seltsame und nicht stichhaltige Begründung geliefert hat); im religiösen Bereich vergleichbar mit gewaltbereiten Dschihadisten.

Die SPD ist nicht dasselbe wie die NSdAP, die Republikaner sind nicht dasselbe wie die KPdSU, der Front National ist nicht dasselbe wie die Grünen, die CSU ist nicht dasselbe wie die Piratenpartei. Sollte eigentlich auch klar sein.

Was nun speziell den Islam angeht, da wir von ihm als Beispiel ausgegangen sind: Der ist natürlich wie das Christentum in ganz verschiedene Konfessionen und Fraktionen gespalten, und jede muss für sich betrachtet werden; aber ich denke, es ist trotzdem unschwer zu erkennen, dass er schon problematischer sein könnte als eben – beispielsweise – das Christentum. (Oder das Judentum, oder der Konfuzianismus, oder der Taoismus…) Um das zu beurteilen, würde ich erst einmal alle späteren Entwicklungen und Streitigkeiten und Abspaltungen außer Acht lassen und ganz einfach auf die Gründer dieser beiden Weltreligionen schauen. Da könnte man sich zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  1. Wie viele Kriege hat Jesus geführt?
  2. Wie viele Stämme hat Jesus massakrieren (Männer) bzw. versklaven (Frauen und Kinder) lassen?
  3. Wie viele Sklavinnen hatte Jesus?
  4. Mit wie vielen Kindern hatte Jesus Geschlechtsverkehr?

Wenn man mittlerweile vor Empörung aufhören will, zu lesen, weil die Fragen schon zu blasphemisch klingen, dann Gratulation! Wir haben erfolgreich einige Dinge herausgefunden, in denen sich Jesus von Nazareth von Mohammed – und ja, dem Mohammed der islamischen Geschichtsschreibung, der Hadithen und des Korans – unterscheidet.** Also, ja, ich würde sagen, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Christentum besser ist als der Islam.

Nun noch zur generellen Frage: Sollen Religionen „Privatsache“ sein? Nein, natürlich sollen sie das nicht! Jede Überzeugung [die sich innerhalb des oben umrissenen Rahmens befindet] darf ja wohl bitte schön auch zu gesellschaftlichem Engagement führen und muss nicht im stillen Kämmerlein verborgen werden. Ist Vegetarismus „Privatsache“? Ist der Glaube an „aufklärerische Werte“ [dem Mythos „Aufklärung“ muss ich übrigens dringend mal noch ein paar eigene Beiträge widmen] „Privatsache“? Sind sogar so blödsinnige Überzeugungen wie die von Impfgegnern oder Homöopathen Privatsache? Nein, natürlich nicht; jeder dieser Leute hat das Recht, für sie in der Öffentlichkeit einzutreten.

Auch Anti-Religiöse, die dafür eintreten, alle religiösen Äußerungen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, haben dieses Recht übrigens. Wobei man bei ihnen natürlich schon irgendwann fragen dürfte, wo evtl. die Grenze zur verfassungsfeindlichen Forderung nach unzulässiger Beschränkung der Meinungs- und Glaubensfreiheit überschritten werden könnte…

 

* Ich habe bewusst dieses Wort verwendet, da Anti-Theismus nicht deckungsgleich mit Atheismus ist; nicht alle Atheisten sind Anti-Theisten.

** (Für weitere Informationen, s. z. B. hier: 1. https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed, 2. https://de.wikipedia.org/wiki/Banu_Quraiza, 3. https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_al-Qibtiyya, 4. https://de.wikipedia.org/wiki/Aischa_bint_Abi_Bakr )

 

Schon wieder

Schon wieder sind in Ägypten Kirchen angegriffen worden. Am Palmsonntag, wo sie voll waren. Viele Tote, viele Verletzte. (https://www.welt.de/politik/ausland/article163547379/IS-bekennt-sich-zu-Bombenexplosionen-in-zwei-Kirchen.html) Wir bedanken uns bei der Religion des Friedens.

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Und hilf den verletzten Opfern, und den trauernden Familien. Hilf, dass dieser Terror ein Ende findet.

 

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat“

Die berühmte Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor der Regensburger Universität ist inzwischen schon über zehn Jahre her; in dieser Rede ging es um das Verhältnis von Vernunft und Religion, und um dieses Verhältnis zu illustrieren, zitierte der Papst an einer Stelle den mittelalterlichen oströmischen Kaiser Manuel II. Palaeologos. Hier ein ausführlicher Ausschnitt (Hervorhebung zur besseren Wiederfindung des damals dann so heftig kritisierten Zitats von mir):

All dies ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich kürzlich den von Professor Theodore Khoury (Münster) herausgegebenen Teil des Dialogs las, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit führte. Der Kaiser hat vermutlich während der Belagerung von Konstantinopel zwischen 1394 und 1402 den Dialog aufgezeichnet; so versteht man auch, daß seine eigenen Ausführungen sehr viel ausführlicher wiedergegeben sind, als die seines persischen Gesprächspartners. Der Dialog erstreckt sich über den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgefüges und kreist besonders um das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder notwendigerweise um das Verhältnis der, wie man sagte, „drei Gesetze“ oder „drei Lebensordnungen“: Altes Testament – Neues Testament – Koran. Jetzt, in dieser Vorlesung möchte ich darüber nicht handeln, nur einen – im Aufbau des ganzen Dialogs eher marginalen – Punkt berühren, der mich im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert hat und der mir als Ausgangspunkt für meine Überlegungen zu diesem Thema dient.

 In der von Professor Khoury herausgegebenen siebten Gesprächsrunde (διάλεξις  – Kontroverse) kommt der Kaiser auf das Thema des Djihād, des heiligen Krieges zu sprechen. Der Kaiser wußte sicher, daß in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist wohl eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns ein Teil der Kenner sagt, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von „Schriftbesitzern“ und „Ungläubigen“ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, für uns unannehmbar schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut”, sagt er, „und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann…“.

Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazm so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.

 An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, daß an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist, und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar wird. Den ersten Vers der Genesis, den ersten Vers der Heiligen Schrift überhaupt abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt „σὺν λόγω”, mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft.

(Der vollständige Text inklusive Fußnoten findet sich hier: http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg.html)

Daran ist vieles interessant – nicht zuletzt, dass es für einen mittelalterlichen Christen klar war, dass Gewalt kein adäquates Mittel der Bekehrung ist, während wir heutzutage ja gerne zu hören kriegen, die Christen seien damals ja genauso schlimm wie (oder: „auch nicht besser als“) die Muslime gewesen. [Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht auch die Beurteilung Mohammeds durch den berühmtesten westlichen Theologen des Mittelalters, Thomas von Aquin (1205-1274): Mohammed hat den Menschen sexuelle Vergnügungen versprochen, zu denen uns die Fleischeslust antreibt. […] Er hat keine Zeichen auf eine übernatürliche Weise [Wunder] gewirkt, was der einzig angemessene Beleg für eine göttliche Eingebung bei einem Lehrer der göttlichen Wahrheit [Prophet] ist. […] Davon abgesehen sind ihm keine Gelehrten, keine in den göttlichen und menschlichen Dingen unterrichtete Menschen, von Anfang an gefolgt. Diejenigen, die an ihn glaubten, waren brutale Männer und Wüstenwanderer, die absolut keine Ahnung von irgendeiner göttlichen Lehre hatten. Durch ihre große Zahl zwang Mohammed mit der Macht seiner Waffen andere gewaltsam, ihm zu folgen. Ferner erwähnen ihn die göttlichen Verkündigungen von früheren Propheten überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er verfälscht fast alle Zeugnisse des Alten und Neuen Testaments, indem er seine eigenen Lügenmärchen daraus macht.“ Quelle der deutschen Übersetzung hier: http://www.marcogallina.de/2016/08/20/er-hat-sie-zu-einer-sekte-verfuehrt/; hier noch die Originalquelle auf Latein und in englischer Übersetzung http://dhspriory.org/thomas/ContraGentiles1.htm#6 ]

Aber das eigentlich Interessante ist meiner Meinung nach, dass die Frage, die Manuel II. Palaeologos – nicht so sehr Papst Benedikt, dem ging es ja nicht um das Thema Islamkritik, sondern um das Verhältnis von Vernunft und Religion im Allgemeinen, und er hat später auch noch einmal betont, dass er sich hier nicht Manuels „Polemik“ zueigne – hier aufgeworfen hat, inmitten all der lächerlichen und hysterischen Angriffe, die auf die Rede folgten, (meines Wissens nach) nicht beantwortet wurde.

Was hat Mohammed Neues gebracht?

Oder, besser gesagt: Was hat Mohammed an guten neuen Dingen gebracht? Der Islam ist nicht durch und durch schlecht; keine Weltanschauung ist das. (Am nächsten kommt einer durch und durch schlechten Weltanschauung vielleicht noch der Satanismus.) Natürlich gibt es gute Elemente im Islam; Gebet, Fasten, Almosen, einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit, Verantwortung und Gottesfurcht, und dergleichen. Aber diese Elemente sind alle auch im Christentum und schon im Judentum vorhanden. In welcher Hinsicht stellt die Lehre Mohammeds einen Fortschritt gegenüber der Lehre Jesu Christi dar?

Es gab vor Mohammed in Arabien schon Monotheisten; Christen und Juden. Natürlich, den Christen würden Muslime noch eine Art von verkapptem Vielgötterglauben (wegen der Dreifaltigkeitslehre) unterstellen, der bekämpft werden musste (wozu man als Christ natürlich sagen müsste, dass sie erstens die Dreifaltigkeitslehre nicht ordentlich verstanden haben, wenn sie sie für polytheistisch halten; und dass Gott sich zweitens nun einmal als dreifaltig offenbart hat, und wir nur annehmen, was Gott selbst von sich gezeigt hat); aber den Juden können sie ihren kompromisslosen Monotheismus wohl nicht absprechen. Was unterscheidet den Islam nun vom Judentum? Ich meine damit nicht, darin, welche Propheten und welche Bücher diese beiden Religionen anerkennen, sondern darin, was diese Propheten und diese Bücher lehren.

Welche Unterschiede gibt es darin? Na ja, der Koran macht genauere Aussagen über Paradies und Hölle und das Ende der Welt – allgemein über das Jenseits – als die jüdische Religion, wenn ich mich recht entsinne, das könnte man erwähnen. (Ob die auch „besser“ oder „wahrer“ sind, ist dann die Frage.) Eine wichtige Sache ist wohl außerdem, dass die Juden sich als das auserwählte Volk betrachten und in der Regel nicht aktiv missionieren – wobei man ja nicht behaupten kann, sie hätten nicht schon in der Antike Proselyten aus den Heidenvölkern akzeptiert. Muslime würden also wohl die Universalität ihres Glaubens (ungestört von den Irrlehren des ebenfalls universalistischen Christentums in Bezug auf das Wesen Gottes und Seine Menschwerdung) als wichtige Neuerung anführen.

Was sonst noch? Eine konkretere Rechtsordnung für die umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, mit allem, was dazugehört (wie viele Frauen darf ein Mann haben, wie sind Kriegsgefangene zu behandeln, für welche Verbrechen wird man gesteinigt)? Ja, das wohl auch noch. (Wobei manche – nicht alle – dieser rechtlichen Bestimmungen auch aus außerkoranischen Überlieferungen wie den Hadithen stammen, und daher nicht von allen islamischen Konfessionen als göttliche Offenbarung akzeptiert werden; das sollte man vielleicht noch erwähnen, um die verschiedenen Strömungen des Islam hier nicht zu sehr in eins zusammenzuwerfen.) Und ansonsten – na ja, da wäre eben doch noch der Dschihad. Und der ist in der Anfangszeit des Islam ja gerade mit dem muslimischen Universalismus und der muslimischen Rechtsordnung untrennbar verbunden: „Geht zu allen Völkern“ hieß für Mohammed und die Kalifen: „Unterwerft alle Völker, zwingt die Heiden, das Glaubensbekenntnis zu sprechen (ansonsten tötet sie), und lasst die Schriftbesitzer in Friedenszeiten ungestört unter euch leben, wenn sie euch die Schutzsteuer zahlen.“

[Anbei: Interessanterweise gab es übrigens tatsächlich schon vor Mohammed arabische Monotheisten, die weder Juden noch Christen waren, sich aber auf Abraham beriefen, die sog. Hanifen (https://de.wikipedia.org/wiki/%E1%B8%A4an%C4%ABf). (Hier könnte man als Muslim vielleicht einwenden, dass die bloß eine kleine Splittergruppe ohne göttliche Bestätigung durch eine spezielle Offenbarung waren (falls sie nicht vielleicht ihre eigenen Propheten hatten) – und natürlich hatten sie auch keine göttlich bestätigte spezielle Rechtsordnung und keinen göttlich bestätigten Auftrag zum Heiligen Krieg.)]

Mir geht es dabei einfach darum: Wenn Muslime glauben, dass Mohammed ein Prophet Gottes war, der eine absolut entscheidende Rolle in der Weltgeschichte gespielt hat (schließlich ist er neben Gott die einzige in ihrem sehr kurzen Glaubensbekenntnis erwähnte Person – „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet“), dann müssen sie wohl auch glauben, dass Gott Mohammed entscheidende neue Dinge offenbart hat. Welche entscheidenden Dinge waren das?

Vielleicht würden Muslime jetzt sagen, ich habe meine Frage oben schon selbst beantworten: Klar monotheistischer Universalismus, gereinigt von der christlichen Dreifaltigkeitslehre auf der einen Seite und der jüdischen Exklusivität auf der anderen, dazu Anweisungen fürs praktische Leben. Aber das, wie soll ich sagen, erscheint mir doch fast ein bisschen – wenig; na ja, was heißt, wenig; ein besserer Ausdruck wäre vielleicht: Es erscheint mir vor allem sehr verunreinigt mit anderem Zeug, das humane Muslime heutzutage oft lieber ignorieren. Dieses Problem tritt hier eben dann auf, wenn man sich den liberalen Islam ansieht, der Mohammeds Feldzüge und die seiner Nachfolger ebenso wie etwa die Scharia unter dem Label „historisch bedingt“ beiseite schieben und jetzt mehr von Barmherzigkeit und auch Religionsfreiheit und dergleichen reden will, sich also in dieser Hinsicht an Religionen wie das Christentum und außer-religiöse „westliche Werte“ annähern möchte.

Die logische Schwierigkeit beim liberalen Islam ist natürlich zunächst einmal, dass manche Taten und Anweisungen Mohammeds und der Kalifen nach ihm eben nicht historisch bedingt – und vor allem auch nicht völlig alternativlos in der damaligen Welt – waren. Die antiken christlichen Religionsgründer zettelten keine Feldzüge an, um ihren Glauben durchzusetzen. Sie bekehrten einzelne, und irgendwann bekehrten sich dann evtl. auch die Fürsten ihrer Länder (wie Kaiser Konstantin, oder der Frankenkönig Chlodwig), und so wurden ihre Gesellschaften christlich. Sie übernahmen nicht die Macht in einer Stadt und verbündeten sich dann mit Banditen, um eine andere anzugreifen und beschlossen schließlich, die ganze Welt der Herrschaft ihrer Religion zu unterwerfen. Das war bei antiken Religionsstiftern nicht zwangsläufig der Fall; tatsächlich ist mir außer Mohammed kein Religionsstifter oder bedeutender religiöser Führer bekannt, bei dem es der Fall gewesen wäre.*

Und ich rede hier nicht nur von Johannes dem Täufer und Jesus und Paulus. Auch die Gründer häretischer christlicher Sekten in späteren Jahrhunderten verhielten sich nicht so. Die Gnostiker verhielten sich nicht so, Arius und Nestorius auch nicht. Sie nutzten vielleicht die Gunst ihrer Herrscher, um für ihre Lehre Begünstigungen zu erreichen oder ihren Gegnern zu schaden (man denke an die Verbannung katholischer Bischöfe wie dem hl. Athanasius unter arianischen Kaisern, oder arianischer Bischöfe wie Arius unter katholischen Kaisern im Römischen Reich des 4. Jahrhunderts), aber sie kannten einfach kein Konzept des Dschihad zur Ausbreitung ihrer Religion. Sie redeten nicht vom „Haus des [Name ihrer Religion]“ und vom „Haus des Krieges“ (https://de.wikipedia.org/wiki/D%C4%81r_al-Isl%C4%81m, https://de.wikipedia.org/wiki/D%C4%81r_al-Harb). Selbst andersgläubige – „heidnische“, wie wir von den abrahamitischen Offenbarungsreligionen sie nennen würden – Religionsgründer, Mani oder Zarathustra zum Beispiel, verhielten sich nicht so. Es war tatsächlich in der damaligen Zeit etwas Neues, dass Mohammed „vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

Und deshalb: Wenn das „Schlechte und Inhumane“, das Mohammed tat, nicht einfach damit erklärt werden kann, dass „das eben damals so war“ – ist es dann aus muslimischer Sicht nicht zwangsläufig auch Teil der bedeutenden göttlichen neuen Offenbarungswahrheiten? Wenn zu diesen Wahrheiten zentral gehört, dass man den wahren Glauben über die ganze Welt ausbreiten soll, wieso dann nicht auch mit den Mitteln, die seine frühesten Propheten und Herrscher anwendeten? Und wenn dieser Glaube also zwangsläufig „Schlechtes und Inhumanes“ (und ja, liebe Dschihadisten, das Konzept des Dschihad ist zwangsläufig schlecht und inhuman – zur Begründung siehe Kaiser Manuel oben) gebracht hat – wie kann er dann der wahre Glaube sein?

Wenn Mohammed im Allgemeinen, in der Gotteslehre, so viele entscheidende neue Erkenntnisse brachte, wenn sein Auftreten den bisherigen Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte bedeutet, wieso war seine Lehre dann in Bezug auf Barmherzigkeit und Frieden und Liebe – man denke zum Beispiel allein an das Konzept der Feindesliebe! – so offensichtlich ein Rückschritt gegenüber der Lehre Jesu von Nazareth?

Gehört der Dschihad nun zur Offenbarung oder nicht? Und wenn ja – meint ihr wirklich, dass Gott so ist? Meiner Meinung nach ist der radikale Islam zwar die in sich stimmigste Auslegung des Islam; aber er ist ganz offensichtlich falsch und letztlich gotteslästerlich; er macht Gott zu einem Tyrannen.

Ich bin keine Islamexpertin. Vielleicht habe ich manches aus dem Koran hier nicht auf dem Schirm. Wenn mir jemand eine bessere Antwort auf diese Frage geben kann – dann, schön und gut. Es ist keine rhetorische Frage: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat.“ In welcher Hinsicht brachte der Prophet des Islam, im Vergleich zu Christen- oder Judentum oder der Religion der Hanifen, größere Wahrheit, größere Barmherzigkeit, größere Gerechtigkeit, größeren Frieden, größere Humanität?

(Im Großen und Ganzen, muss ich gestehen, habe ich persönlich den Eindruck, dass dieser Prophet vor allem die Botschaft brachte, dass er Gottes Prophet war, und dass ganz einfach alles das Gottes Botschaft war, was er verkündete.**)

 

* Man könnte hier, wenn man wollte, als Gegenargument die teilweise durchaus brutalen Feldzüge durch religiöse Anführer wie Mose oder Josua im Zuge der israelitischen Landnahme anführen (auf die ich im Lauf meiner Reihe über die „schwierigen Bibelstellen“ noch ausführlicher eingehen werde). Aber das war a) ein ganz anderes („anders“ heißt erst einmal noch nicht „besser“, sondern einfach „anders“) Konzept – die Landnahme war ausdrücklich auf das Gelobte (= „versprochene“) Land beschränkt; sie diente der Eroberung eines Ortes, wo ein herumwanderndes Volk, das gerade aus der Sklaverei geflohen war, leben konnte; nicht der Eroberung weiterer Gebiete und eindeutig auch nicht der Ausbreitung der jüdischen Religion, b) im Alten Testament, und c) etwa 1800 Jahre vor Mohammeds Zeiten. Mir geht es hier um Religionsgründer, die noch nicht allzu weit entfernt von Mohammeds Zeit waren und zu dieser Zeit noch immer Einfluss ausübten. In irgendeinem Sinne mit Religion zusammenhängende Gewalt gab es sicherlich auch in anderen Zusammenhängen im Lauf der Weltgeschichte immer wieder – aber eben kein Konzept wie das des islamischen Dschihad zur gewaltsamen Ausbreitung einer Religion.

** Ich will damit nicht sagen, dass ich persönlich Mohammed für einen Betrüger halte; ich halte ihn zwar für einen falschen Propheten, der wahrscheinlich psychisch nicht völlig gesund war, aber für einen, der zumindest selbst davon überzeugt war, was er predigte.

Basisausrüstung zur Häresiebekämpfung für das Jubiläumsjahr 2017

Eine andere Bloggerin hat bereits mehrfach zu gegenreformatorischem Engagement anlässlich des Reformationsjahres aufgerufen (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/11/16/sola-scriptura-warmtippen-gegen-das-reformationsjubilaeum-1/ , https://maryofmagdala.wordpress.com/2017/02/07/soll-das-jetzt-das-ganze-jahr-lang-so-weitergehen/ ), und ich schließe mich der Taskforce Fatima natürlich gerne an. Hier versorge ich meine Leser also gern mit ein paar Argumenten, die zur einfachen Grundausstattung zur Bekämpfung von Häresie und Schisma im reformatorischen Bereich gehören:

 

1) Protestanten kann man leicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie glauben an sola scriptura? Okay:

Matthäus 16,18f.: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“

1 Timotheus 3,15: „Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Hauswesen Gottes verhalten muss, das heißt in der Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule und das Fundament der Wahrheit ist.

Johannes 6,55: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank.“

Lukas 1,46.48: „Da sagte Maria: […] Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“

Das Beste zum Schluss:

Jakobus 2,24: „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.“

Daraus folgt selbstverständlich: Papsttum, Bedeutung der Kirche, Transsubstantiation, Marienverehrung und Zusammenwirken von Glaube & Werken – das ist alles ganz offensichtlich GANZ UND GAR unbiblisch. (Ich kann auch nur einen kleinen Grundbestand an Bibelzitaten aus dem Gedächtnis auf Kapitel oder sogar Vers genau angeben, aber gelegentlich ist es wirklich ganz nützlich, sich manches zu merken – natürlich nicht nur in Bezug auf gegenreformatorische Argumente.)

[Ach ja: in der Lutherbibel von 2017 wird das griechische „ekklesia“ in den beiden ersten Stellen übrigens beide Male mit „Gemeinde“ statt „Kirche“ wiedergegeben. In 1 Tim 3,15 heißt es außerdem, die „Gemeinde“ sei „ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit“, während sie Joh 6,55 übersetzt haben mit „Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank“ (was irgendwie einen anderen Beiklang hat als „das ist richtige, wirkliche Nahrung“, und mehr in die Interpretationsrichtung geht „das ist die eigentlich wichtige, geistliche Speise“). In beiden Fällen steht im griechischen Original kein Artikel; das Altgriechische hat übrigens keine unbestimmten Artikel, sondern hätte nur bestimmte. Bei Johannes heißt es wörtlich „alethes estin brosis“, „ist wahre Speise“ („eine / die wahre Speise“? nicht völlig eindeutig). Im Timotheusbrief steht „[hetis estin ekklesia theou zontos,] stylos kai hedraioma tes aletheias“, „[die die Kirche des lebendigen Gottes ist,] Säule und Fundament (oder: Pfeiler und Grundfeste) der Wahrheit“ („eine / die Säule und ein / das Fundament (oder: ein / der Pfeiler und eine / die Grundfeste) der Wahrheit.“?). Da muss der Übersetzer jetzt irgendwie selber anhand des Kontexts schauen, wie er das in der Übersetzung mit den Artikeln hält. Im Jakobusbrief z. B. haben sie dagegen fast wortgleich mit der Einheitsübersetzung übersetzt: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“]

 

2) Eigentlich braucht man aber gar nicht so sehr in das Gezänk um einzelne Bibelstellen einzusteigen. Stattdessen ist es von vornherein immer noch die sinnvollste Strategie, einfach zu fragen:

a) „Wo steht sola scriptura in der Bibel?“ (Antwort: Nirgends. In der Schrift gibt es mehrere Stellen, an denen von der Wichtigkeit und Nützlichkeit der Schrift gesprochen wird, aber dort wird nie davon gesprochen, dass die Schrift allein zählt und die Kirche etwa nicht – und wenn etwa in den Paulusbriefen von der Schrift die Rede ist, ist damit übrigens das Alte Testament gemeint, da das Neue gerade erst in diesem Moment geschrieben wurde und noch keineswegs kanonisiert war.)

b) „Wenn es da nicht steht, woher kommt das Prinzip dann?“ (Antwort: Von Dr. Luther. Welche Autorität hatte Dr. Luther?)

c) „Woher wissen wir überhaupt, welche Bücher zur Schrift gehören?“ (Der Kanon wurde schließlich auf den Konzilien der katholischen Kirche festgelegt. Und Dr. Luther entfernte sieben Bücher – Judit, Tobit, Baruch, Jesus Sirach, Weisheit, 1 und 2 Makkabäer – und Teile der Bücher Daniel und Ester aus diesem Kanon. (Es handelt sich dabei um den sog. Deuterokanon, Texte, die ursprünglich auf Griechisch statt wie der Rest des AT auf Hebräisch geschrieben wurden.) Woher wissen Protestanten, dass sein Kanon richtig ist? (Hier noch ein paar Informationen zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/reason-1-to-reject-the-reformation-the-canon-of-scripture/ , http://shamelesspopery.com/is-scripture-self-attesting/ ))

d) „Nach welchem Prinzip richteten sich die ersten Christen, um zu wissen, was die christliche Lehre ist, als noch umstritten war, ob z. B. die Offenbarung des Johannes (drin) oder der Barnabasbrief (nicht drin) zur Schrift gehören? Hätten sie sich damals überhaupt schon nach dem Prinzip sola scriptura richten können?“ (Ich denke, die Antwort darauf ist offensichtlich.)

e) „Wenn sich zwei Protestanten in ihrer Bibelinterpretation nicht einig sind – wer entscheidet dann, wer von ihnen recht hat?“

Das Prinzip „Allein die Schrift“ ist ganz offensichtlich in sich unlogisch. Das ist der Grund, wieso wir die Autorität von Konzilien und Päpsten zur Klärung von Streitfragen brauchen.

 

3) Ein bisschen Geschichtswissen kann auch ganz hilfreich sein:

a) Einerseits ist Geschichtswissen in Bezug auf die frühe Kirche sehr nützlich. Nur wer keine Ahnung von Kirchengeschichte hat, stellt sich unter der Urkirche etwas Protestantisches vor. Man denke allein an den 1. Clemensbrief: Ein Brief des Römischen Bischofs (für dieses Amt wurde später die Bezeichnung „Papst“ üblich) an die Gemeinde in Korinth, in dem die Kirche von Rom besondere Autorität über die Kirchen anderenorts beansprucht (in Korinth gab es einige Streitigkeiten). Der Brief wird auf kurz vor 100 n. Chr. datiert; damals war wahrscheinlich sogar noch der Apostel Johannes am Leben. Zu anderen Beispielen in einem eigenen Beitrag mal.

b) Andererseits ist auch Geschichtswissen über Luther und die Reformation – die man besser als die Kirchenspaltung bezeichnen sollte – nicht schlecht: Luthers Antijudaismus, seine Befürwortung von Hexenprozessen, sein Aufruf, die aufständischen Bauern im Bauernkrieg totzuschlagen, und sein allgemeiner Hang dazu, jeden aufs Wüsteste zu beschimpfen, der es wagte, anderer Meinung zu sein als er, wurden wohl schon oft genug breitgetreten, dass ich hier eigentlich nichts mehr dazu wiederholen muss; aber auch andere Aspekte dieser Zeit verdienen Beachtung: Vor allem der allgemeine Fanatismus und die Kriege, die innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte nach 1517 folgten, stechen ins Auge. Werden wir in 10 Jahren auch dem sacco di Roma (der Plünderung Roms) von 1527 gedenken, am besten mit einer reuevollen Entschuldigung des EKD-Ratsvorsitzenden? (Ja, ich weiß, dass nicht der persönlich Rom geplündert hat. Aber hey, der hl. Papst Johannes Paul II. hat auch keine Scheiterhaufen angezündet, und war sich trotzdem für große Gesten zur Anerkennung historischer Schuld nicht zu schade.) Im Heiligen Römischen Reich gab es den Bauernkrieg von 1525 und den Schmalkaldischen Krieg von 1546-47. Die französischen Religionskriege am Ende des 16. Jahrhunderts waren nicht weniger grausam, in England oder anderen Ländern lief auch nicht alles friedlich ab; und schließlich führte das Ganze in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648); zumindest für das Heilige Römische Reich wahrscheinlich die schlimmste Katastrophe nach der großen Pestwelle von 1348/49, würde ich vermuten. Vielleicht wird hier langsam klar, wieso Ketzerei damals so gefürchtet war: Sie führte zu Aufruhr, Bürgerkrieg und Krieg, bitteschön. Ketzerei war das, was heute „Volksverhetzung“ ist. Ach ja, und 1529 standen übrigens auch noch die Osmanen unter Sultan Süleyman vor Wien, und ein geeintes Vorgehen der Christenheit zur Verteidigung gegen irgendwelche äußeren Feinde war inmitten der ganzen inneren Konflikte dann auch keine so einfache Sache mehr (hier ein Beitrag zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/revisiting-the-reformation-pope-a-defense-of-pope-leo-x/ ). Ketzerei bedrohte für die Menschen damals ganz real das Überleben der Christenheit. Man könnte sich auch noch andere historische Fakten in Erinnerung rufen: Dass es auch vor Luther schon einige Ansätze zur Kirchenreform gab (genau im Jahr 1517 endete gerade das 5. Laterankonzil, bitteschön!) und dass überall unumstritten war, dass Reformbedarf da war. Dass der Ablasshandel zwar ein Skandal, aber kein Verkauf von Sündenvergebung war – Sünden werden in der Beichte vergeben, nicht durch Ablässe. Dass Luther nicht als Ketzer verdammt wurde, sobald er es wagte, seine 95 Thesen zu äußern, sondern erst 1521 (also vier Jahre später) exkommuniziert wurde, nach ausführlichen Unterredungen und Streitgesprächen mit Kardinal Cajetan und dem Theologen Johannes Eck in den Jahren zuvor. Dass die Reformation in den reformierten Gebieten nicht dazu führte, dass die Kirchenoberen alle fromm und gut wurden, sondern dazu, dass die in der Regel nicht so frommen und guten weltlichen Herren nun auch zur Obrigkeit in kirchlichen Dingen wurden (Heinrich VIII., anyone?), und dass ihnen die Reformation neben diesem allgemeinen Machtzuwachs auch die Gelegenheit bot, die Klöster aufzulösen und deren Besitz zu konfiszieren, sprich, auch einen greifbaren finanziellen Gewinn.

 

So, das jetzt so weit ganz grob zum Thema sola scriptura und einigen historischen Mythen. Zu ein paar weiteren Mythen über die lutherische und auch die calvinistische Häresie werde ich dann im Lauf dieses Jahres noch öfters mal kommen.

Jedenfalls, wie vielleicht hier schon deutlich geworden ist, eins sollte man meiner Meinung nach in diesem Jahr nicht tun: Feiern. (D. h. Weihnachten und Ostern und Geburtstage und Namenstage und alles andere, was sich so findet, natürlich schon. Bloß das Reformationsjubiläum nicht!) Auch aus evangelischer Sicht finde ich es übrigens fraglich, ob es hier tatsächlich so viel zu feiern gibt. 150 Jahre Religionskriege vielleicht? Luther hat die Kirche nicht, wie er ursprünglich wollte, nach seinen Ideen umformen können (zum Glück, aus katholischer Sicht); wo liegt hier also selbst aus Sicht der Protestanten der große Triumph? Die Kirche wurde gespalten. Wir Katholiken sind uns sicher mit den Lutheranern nicht einig, wer da schuld dran war (außer, dass keine Seite ganz schuldlos war, auch wenn eine Seite theologisch gesehen gänzlich im Recht war), aber ich denke, man sollte sich doch wenigstens einigen können, dass 500 Jahre Kirchenspaltung eher ein Anlass zur Trauer als zum Feiern sind. Hey, ich erwarte ja nicht gleich, dass Margot Käßmann in Sack und Asche nach Rom pilgert und vom Papst die Absolution erbittet (wobei – eigentlich wäre das schon keine schlechte Idee… 😉 ), aber wenigtens könnte man seinem Bedauern über die Kirchenspaltung Ausdruck geben, anstatt von uns Katholiken zu erwarten, dass wir den ganzen Schmarrn auch noch mit feiern sollen. Und was die katholische Seite angeht, solche Aktionen wie Rosenkränze für Luthers Seelenheil (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/01/25/ich-weiss-ja-nicht-was-ihr-naechstes-jahr-so-so-macht/ ) wären anlässlich des Reformationsjubiläums natürlich nie verkehrt. Wir sollten ja immer versöhnungsbereit sein.

Aber ich sehe auf jeden Fall nicht ein, was ich hier zu feiern hätte.