Opfer und Täter, und Sozialpädagogen und Christen

Ein Grund, aus dem Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Schulpsychologen und diese ganze Zunft oft so unerträglich sind, ist ihr Verhalten gegenüber Opfern und Tätern. Nehmen wir mal Mobbing: Auf den Täter wird eingegangen; es wird nach seinem Hintergrund gefragt; es kann doch nicht sein, dass er so etwas einfach so tut, vielleicht hat er ein zu geringes Selbstwertgefühl und muss aufgewertet werden. Er hat sich wütend und ohnmächtig gefühlt und wollte sich abreagieren. Man darf im Umgang mit Mobbing nicht einfach so einseitig Schuld zuweisen. Man muss davon ausgehen, dass die Täter doch eigentlich gar nicht gemein sein wollten und sie anregen, wieder nett zu sein. Sie sollen nicht dadurch frustriert werden, dass man sie noch bestraft. Man muss sie in die Lösung miteinbeziehen (ob das Opfer jemals wieder etwas von ihnen hören will oder lieber nicht, ist gleichgültig).

Da ist ein gewisses Blindstellen dabei. Man will sich nicht eingestehen, dass es das Böse gibt und dass es gegen manche Menschen vorerst nur hilft, sie zu bestrafen und damit unschädlich zu machen oder abzuschrecken. Ich habe oft den Verdacht, dass die, die so mit Mobbing umgehen, ignorieren wollen, dass es sie auch treffen könnte, ohne dass sie mit freundlichem Eingehen auf die Täter etwas daran ändern könnten, dass Opfer manchmal wirklich mehr oder weniger hilflos ausgeliefert und Täter manchmal wirklich bösartig sind.

Manche Menschen sind Psychopathen oder Narzissten, die kein zu geringes Selbstwertgefühl haben, sondern ein zu großes, die sich als den Mittelpunkt der Welt sehen, denen andere schlicht und einfach egal sind bzw. für die andere nur dazu da sind, ihrem Willen zu dienen. Manchen Menschen macht es Spaß, andere zu quälen, in mehr oder weniger großem Maße. Und diese Menschen lachen über Sozialpädagogen und Schulpsychologen, vor allem, wenn sie dadurch bestärkt werden, dass sie keine wirklichen Konsequenzen erleben.

Und manche Menschen neigen erst auch nur ein bisschen zu Narzissmus und Grausamkeit und werden darin bestärkt, weil ihnen keiner sagt, dass sie extremes Leid zugefügt und Schuld auf sich geladen haben und jetzt die Konsequenzen spüren müssen.

Bei alldem wird natürlich das Leid des Opfers kleingeredet. Dem Opfer wird dann manchmal auch gesagt: „Lass dich davon nicht angreifen, du solltest darüber stehen“ – sehr einfach, wenn jemand einen demütigt und quält. Dem Opfer wird gesagt, es soll sich mit dem Täter wieder vertragen, unabhängig davon, ob der um Verzeihung gebeten und gezeigt hat, dass er kapiert hat, wie viel er dem Opfer angetan hat, oder nicht. Das Opfer soll lernen, diese Situation zu bewältigen, sich nicht als Opfer sehen – sehr leicht gesagt, wenn man nun mal zum Opfer gemacht wird. Aber dabei soll es auf keinen Fall zurückschlagen, Notwehr ist selber wieder böse, denn damit „stellt man sich ja auf eine Stufe mit dem Täter!“. Es soll sich besser integrieren und Freundschaften schließen, um kein Außenseiter mehr zu sein, dann wird schon alles gut. Es soll Verständnis für die schwierige Situation des Täters zeigen. Hier muss man „aus Kreisläufen aussteigen“, statt über Schuld und Strafe zu reden. Obwohl sich so langsam die Ansicht verbreitet, dass „victim blaming“ schlecht ist, lädt man die Verantwortung dafür, dass die Situation sich bessern soll, doch öfter wieder beim Opfer ab. Nicht immer, ich weiß; aber diese Tendenzen gibt es immer wieder.

(Damit will ich nicht sagen, dass Opfer nichts tun können oder sollen, um sich selbst zu schützen, und um sich auch in neuen Situationen nicht als verletzliche Person zu zeigen, die eine leichte Zielscheibe für Psychopathen abgibt. Aber wenn Eltern oder Lehrer davon verständigt werden, sollten auch erst mal sie darauf schauen, das Opfer zu beschützen, vielleicht auch Unbeteiligte dazu anhalten, für das Opfer einzustehen, und natürlich den Täter zu bestrafen, und vielleicht ihn oder, wenn man ihm nicht genug nachweisen kann, das Opfer aus dieser Umgebung herauszuschaffen, damit es wieder ein bisschen aufatmen und Kraft aufbauen kann.)*

Soweit mal mein Rant über Sozialpädagogen. Aber wenn wir ehrlich sind: Eine ähnliche Versuchung gibt es nicht nur für säkularistische Möchtegernpsychologen, sondern auch für überenthusiastische Christen, die zu wenig nachdenken.

Im Christentum ist die Bekehrung der Sünder aus guten Gründen ein ziemlich wichtiges Thema; Gott liebt jeden und gibt ihm bis zum Tod immer wieder neue Chancen. Aber wenn man es isoliert sieht, führt das zu schlimmen Fehlern. Da ist dann z. B. bei manchen Leuten die Vorstellung da, dass man verpflichtet ist, sich von grausamen oder manipulativen Familienmitgliedern quälen zu lassen, anstatt denen Grenzen zu setzen oder komplett den Kontakt zu ihnen abzubrechen; indem man alles hinnimmt und dabei lächelt, wird man sie irgendwann schon bekehren. Man soll seine Feinde lieben, die andere Wange hinhalten. Manchmal fürchtet man sich auch davor, das nicht in dieser Weise zu schaffen und hält sich für einen schlechten Christen. (Unter uns Katholiken wird das auch manchmal auf das Verhältnis zur Kirchenhierarchie übertragen: Auch wenn ein Papst oder Ortsbischof dem Glauben schadet, dürfe man kein Wort gegen ihn sagen und müsse sich quasi in Unterwürfigkeit gegenseitig übertreffen. Das stimmt auch nicht.)

Dieses falsche Verständnis von Nächstenliebe und Vergebung ist eine Versuchung für alle Christen, aber ich denke, der Protestantismus begünstigt sie ein bisschen. Viele Protestanten haben die Einstellung, alle Sünden wäre gleich schlimm, also könnte man nicht sagen, dass einer, der seine Frau vergewaltigt und würgt, ein schlimmerer Sünder wäre als andere, die schon mal Ausreden erfunden oder geprahlt haben oder unzuverlässig waren. Das ist absurd, aber das reden sich manche ein. Und außerdem sehen einige klassisch-reformatorische Protestanten es so, dass es sowieso an sich unmöglich wäre, Gottes Gebote zu halten, also könnte der eigentlich nichts dafür, er hätte nur noch nicht von Gott die besondere Gnade bekommen, das zu lassen.

Aber Gott erwartet tatsächlich nicht von einem, dass man sich kaputt quälen lässt. „Die andere Wange hinhalten“ kann manchmal eine sehr gute Idee sein, um jemanden zu entwaffnen und zum Nachdenken zu bringen, besonders auch dann, wenn man gar keine Möglichkeit hätte, sich sonst wirksam zur Wehr zu setzen (z. B. in einer Situation der Christenverfolgung, in der jede Gegenwehr nur zu noch größerer Verfolgung führen würde), aber das heißt nicht, dass das immer in Frage kommt. Jesus spricht besonders davon, dass man einem, der unverschämte Forderungen stellt, erst mal mehr gibt, als er eigentlich verdient („Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm!“ Mt 5,41), dass man ihm gütig entgegenkommt und er dadurch seine Aggressivität verliert und nochmal nachdenkt. Dazu passt auch, was der von Jesus berufene Apostel Paulus über dessen Lehre zur Feindesliebe schreibt: „Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,20f.) Hier geht es auch darum, den in Not geratenen Feind nicht zu ignorieren, obwohl er einen ignoriert hätte – und damit glühende Kohlen auf sein Haupt zu sammeln. Und direkt im Vers davor schreibt Paulus zur Erklärung noch: „Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes; denn es steht geschrieben: Mein ist die Vergeltung, ich werde vergelten, spricht der Herr.“ (Röm 12,19) Dieses Entgegenkommen kann eben auch dann eine gute Idee sein, wenn man nicht genau sagen kann, ob oder wie sehr derjenige schuldig geworden ist; man überlässt das Urteil Gott.

Die andere Wange hinhalten kommt u. a. dann nicht in Frage, wenn einer zeigt, dass es ein Wunder bräuchte, ihn zu bekehren (oder dass auch ein Wunder nicht reichen würde); und auch dann nicht, wenn es nicht nur um einen selber geht, sondern man noch andere vor dem Täter beschützen muss (z. B. wenn in einer Familie der Vater die Mutter und die Kinder misshandelt, hat sie gerade die Verpflichtung, ihn zu verlassen und, wenn möglich, anzuzeigen, damit ihre Kinder vor ihm sicher sind).

Aber auch, wenn es nur um einen selber geht und es eine gewisse Chance der Bekehrung für den Täter gibt, darf man sich gegen Ungerechtigkeit mit allen verhältnismäßigen Mitteln zur Wehr setzen, und natürlich erst recht vor dem Täter und der Situation fliehen. Jesus hat übrigens auch, als ihn der Knecht des Hohenpriesters geschlagen hat, eine herausfordernde Antwort gegeben.

Man muss Leuten auch Grenzen zeigen, ihnen zeigen, dass sie für Quälerei und Grausamkeit geächtet werden, während man ihnen freilich noch den Weg der Bekehrung offen lässt – dann kommen manche vielleicht sogar noch eher dazu, sich zu schämen und sich irgendwann einzugestehen, dass sie bereuen müssen.

Feindesliebe ist eine gute Sache. Aber wenn man sie im Bemühen, ganz besonders heilig dastehen zu wollen, auf eine falsche Weise versteht und die Opfer vernachlässigt, verurteilt Gott das. Manche Leute wollen sich nicht „gesundlieben“ lassen. Es ist auch leichter, zu Opfern zu sagen, sie sollen das nun mal aushalten, als ihnen wirklich zu helfen, soweit es eben geht, oder wenigstens bei ihnen zu sein, während man nichts ändern kann.

Die Feindesliebe bedeutet vor allem, dass man verzeiht (sprich: bereit ist, nicht mehr im Zustand der Feindschaft zu leben); dass man sich für den anderen wünscht, dass er sich bekehrt, irgendwann in den Himmel kommt und die Hölle vermeidet; und auch, dass man ihm z. B. hilft, wenn er in Not ist, niemand sonst ihm helfen kann, und man verpflichtet ist, ihm zu helfen (z. B. wenn man der einzige Anwesende ist, wenn ein persönlicher Gegner einen Unfall hat und sich verletzt).

Die Feindesliebe bedeutet nicht automatisch den Verzicht auf etwas, das einem geschuldet ist, oder den Verzicht auf eine zeitliche Strafe für den Täter.

Wer das für unchristlich hält, sehe sich mal einige der Psalmen an. Viele der Psalmen sind in einer Situation tiefer Hilflosigkeit geschrieben worden, in der der Psalmist gequält oder ausgestoßen ist, seine Feinde über ihn lachen und er nur noch darauf hoffen kann, dass Gott dafür sorgen wird, dass ihm irgendwann Gerechtigkeit widerfährt.

„Denn der Arme ist nicht auf ewig vergessen, der Elenden Hoffnung ist nicht für immer verloren.“ (Ps 9,19)

„Warum darf der Frevler Gott verachten und in seinem Herzen sagen: Du ahndest nicht? Du, ja du, hast Mühsal und Kummer gesehen! Schau hin und nimm es in deine Hand! Dir überlässt es der Schwache, der Waise bist du ein Helfer geworden. Zerbrich den Arm des Frevlers und des Bösen, ahnde seinen Frevel, sodass man von ihm nichts mehr findet.“ (Ps 10,13-15)

„Gib mich nicht meinen gierigen Gegnern preis; denn falsche Zeugen standen gegen mich auf und wüten! Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden. Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!“ (Ps 27,12-14)

„Wie ein flüchtiger Schatten schwinde ich dahin, wie eine Heuschrecke schüttelt man mich ab. Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Fleisch nimmt ab und wird mager. Ja, ich wurde ihnen zum Spott, sie schütteln den Kopf, wenn sie mich sehen. Hilf mir, HERR, mein Gott, in deiner Huld errette mich! Sie sollen erkennen, dass dies deine Hand vollbracht hat, dass du, HERR, es getan hast. Mögen sie fluchen – du wirst segnen. Sie haben sich erhoben, aber sie werden zuschanden, doch dein Knecht wird sich freuen.“ (Ps 109,23-28)

Strafe bedeutet die Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Wer etwas Unrechtes getan hat, hat die gerechte Ordnung gestört, deren Gleichgewicht wieder hergestellt werden muss. Wer seinem Willen ohne Rücksicht auf andere gefolgt ist, verdient es, dass ihm etwas gegen seinen Willen geschieht. Eine verhältnismäßige Strafe ist dadurch, dass sie verdient ist, gerechtfertigt.

(Abschreckung anderer und Besserung des Täters sind legitime Nebenzwecke, aber eben nicht mehr als Nebenzwecke – und zwar auch gerade um des Täters willen. Wenn Abschreckung der Hauptzweck wäre, könnte man auch jemanden bestrafen, der unschuldig ist, aber allgemein für schuldig gehalten wird, weil hier der Abschreckungszweck erreicht wird. Wenn die Besserung des Täters der Hauptzweck wäre, könnte man einen Kleinkriminellen für ein geringes Vergehen unbegrenzt lang im Gefängnis festhalten, bis man ihn dazu gebracht hat, ein besserer Mensch zu werden. Die Voraussetzung dafür, dass man bei der Ausgestaltung der Strafe Nebenzwecke wie Abschreckung und Besserung anzielen darf, ist, dass der Täter die Strafe bereits verdient, einfach als Sühne seiner Tat.)

Der hl. Thomas lehrt, dass es gut und tugendhaft ist, zu strafen, wenn der Richter hier nicht an sich darauf abzielt, dass dem Täter etwas Übles widerfährt, sondern darauf, dass durch ein ihm zugefügtes verhältnismäßiges Übel die Gerechtigkeit aufrecht erhalten wird (und der Täter gebessert wird, andere abgeschreckt werden, Gott geehrt wird, o. Ä.); die „Rache“ in diesem Sinn zählt er als Untertugend der Gerechtigkeit. (Siehe Summa Theologiae II/II, 108; hier eine übersichtliche englische Übersetzung und hier eine weniger übersichtliche ältere deutsche Übersetzung.)

Manchmal ist es gut, über die Gerechtigkeit hinauszugehen, barmherzig zu sein, und die Strafe zu verringern oder auf sie zu verzichten. Und Aussöhnung mit dem Täter ist auch gut – aber die Voraussetzung dafür ist, dass der Täter bereut, und Versöhnung muss nicht bedeuten, dass man von da an befreundet ist; ein Ende der Feindschaft genügt für gewöhnlich. Und auch wenn man sich mit dem Täter versöhnt, kann man immer noch wollen, dass er seine gerechte Strafe auf sich nimmt, und er selber kann das auch als gerecht empfinden und sie akzeptieren – so was ist ein Anzeichen dafür, dass er wirklich eingesehen hat, was er getan hat.

Es ist gut, dass es die Hölle gibt (denn wenn das nicht gut wäre, würde Gott ihre Existenz nicht zulassen). Es gibt Menschen, die sich bis zuletzt davor verschließen, einzusehen, was sie anderen angetan haben. Und diese Menschen sollen nicht zuletzt lachen.

* Als generelle Tipps für Mobbingopfer, nach dem, was ich so bisher gehört habe: Alles dokumentieren, damit es nachweisbar ist; den Autoritäten solange auf die Nerven gehen, bis sie sich damit befassen; sich Verbündete suchen, die etwas gelten; sich nichts gefallen lassen, sondern sich so gut wehren, wie es nur geht, egal was die Sozialpädagogenzunft davon hält (im Rahmen des Möglichen und der Gesetze, sonst ist man der, der den Ärger bekommt), denn auch, wenn man dabei keinen Erfolg hat, kann es in der Regel nur schlimmer werden, wenn man sich gar nicht wehrt; laut sein, auf sich aufmerksam machen („du hast mich geschlagen“ / „er hat mich geschlagen“); sich nicht manipulieren lassen, sich nicht einreden lassen, man bilde sich alles ein; und sich, wenn möglich, der Situation entziehen; das ist keine Schande, sondern nötiger Selbstschutz.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 6b: Die Rolle Roms – Primat des Papstes

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (u. a.): Mt 16,18f.; Lk 22,32; Joh 1,42; Joh 21,15-19; Apg 1-5.

 

Im Neuen Testament erwählt Jesus die Apostel und gibt Simon Petrus unter ihnen eine herausgehobene Rolle; am bedeutendsten dürfte hier die Stelle in Mt 16,18f. sein, wo Er ihm zusagt: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Der dem Simon von Jesus gegebene Beiname Petros/Petrus, auf Aramäisch Kephas, bedeutet „Fels“.) Auch an anderen Stellen wird ein besonderer Auftrag, eine besondere Verantwortung für Petrus deutlich; und nach der Himmelfahrt Christi und dem Pfingstereignis leitet er die Urgemeinde in Jerusalem, das er später dann verlassen muss. Sein Martyrium in Rom unter Nero ist gut belegt; und auf dem Bischofsstuhl von Rom hatte er Nachfolger.

(Katholische Sicht ist es, dass Petrus‘ besondere Stellung auf seine Nachfolger übergehen sollte, weil Jesu Zusagen nicht plötzlich aufhören sollten; dass der römische Bischof (für den erst ein paar Jahrhunderte später die Bezeichnung Papst üblich wurde) davor geschützt ist, eine falsche Lehre als Dogma zu verkünden (wenn er auch nicht vor anderen Fehlern geschützt ist); und dass er die oberste Regierungsgewalt über die Gesamtkirche hat.)


(Petrusstatue auf dem Petersplatz.)

Unter den frühkirchlichen Zeugnissen gibt es sowohl allgemeine Texte über die Stellung des römischen Bischofs als auch konkrete Beispiele für sein Handeln und Eingreifen in der Weltkirche. Zuerst ein besonders beeindruckendes Beispiel für ersteres. Bischof Irenäus von Lyon, der noch den Apostelschüler Polykarp von Smyrna gekannt hatte, schreibt um 180 n. Chr. folgendes in einem Werk gegen die esoterischen gnostischen Sekten:

„Weil es aber zu weitläufig wäre, in einem Werke wie dem vorliegenden die apostolische Nachfolge aller Kirchen aufzuzählen, so werden wir nur die apostolische Tradition und Glaubenspredigt der größten und ältesten und allbekannten Kirche, die von den beiden ruhmreichen Aposteln Petrus und Paulus zu Rom gegründet und gebaut ist, darlegen, wie sie durch die Nachfolge ihrer Bischöfe bis auf unsere Tage gekommen ist. So widerlegen wir alle, die wie auch immer aus Eigenliebe oder Ruhmsucht oder Blindheit oder Mißverstand Konventikel gründen. Mit der römischen Kirche nämlich muß wegen ihres besonderen Vorranges jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen.

Nachdem also die seligen Apostel die Kirche gegründet and eingerichtet hatten, übertrugen sie dem Linus den Episkopat zur Verwaltung der Kirche. Diesen Linus erwähnt Paulus in seinem Briefe an Timotheus. Auf ihn folgt Anacletus. Nach ihm erhält an dritter Stelle den Episkopat Klemens, der die Apostel noch sah und mit ihnen verkehrte. Er vernahm also noch mit eignen Ohren ihre Predigt und Lehre, wie überhaupt damals noch viele lebten, die von den Aposteln unterrichtet waren. Als unter seiner Regierung ein nicht unbedeutender Zwist unter den Brüdern in Korinth ausbrach, da sandte die römische Kirche ein ganz nachdrückliches Schreiben an die Korinther, riet ihnen eindringlich zum Frieden und frischte ihren Glauben auf und verkündete die Tradition, die sie unlängst von den Aposteln empfangen hatte. Es gebe einen allmächtigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen und den Menschen gebildet und die Sintflut geschickt und den Abraham berufen habe; der das Volk aus dem Lande Ägypten hinausgeführt, zum Moses gesprochen, das Gesetz gegeben, die Propheten gesandt, dem Teufel und seinen Engeln aber das ewige Feuer bereitet habe. Daß dieser als der Vater unseres Herrn Jesu Christi von den Kirchen verkündet wird und dies als apostolische Tradition aufzufassen ist, können alle, die da wollen, aus jenem Briefe entnehmen; denn der Brief ist älter als die neuen Falschlehrer, die sich über dem Weltenschöpfer und Demiurgen noch einen andern Gott zurechtlügen.

Auf genannten Klemens folgte Evaristus, auf Evaristus Alexander, als sechster von den Aposteln wurde Sixtus aufgestellt, nach diesem kam Telesphoros, der glorreiche Märtyrer, dann Hyginus, dann Pius, dann Anicetus. Nachdem dann auf Anicetus Soter gefolgt war, hat jetzt als zwölfter von den Aposteln Eleutherius den Episkopat inne. In dieser Ordnung und Reihenfolge ist die kirchliche apostolische Überlieferung auf uns gekommen, und vollkommen schlüssig ist der Beweis, daß es derselbe Leben spendende Glaube sei, den die Kirche von den Aposteln empfangen, bis jetzt bewahrt und in Wahrheit uns überliefert hat. (Irenäus, Gegen die Häresien III,3,2-3)

 

Das älteste erhaltene Zeugnis für eine besondere Autorität der Päpste in der Gesamtkirche, das Irenäus hier auch erwähnt, ist der 1. Clemensbrief, ca. aus dem Jahr 95 n. Chr., verfasst von Clemens von Rom wegen Streitigkeiten und Unruhen in der Gemeinde von Korinth.

Man beachte hier besonders das Datum: Zu diesem Zeitpunkt war wahrscheinlich sogar noch Johannes als der letzte der Apostel am Leben (und wäre von Griechenland aus vielleicht sogar leichter zu erreichen gewesen als die römische Gemeinde); sogar im Vergleich zu einem Apostel hatte Rom schon eine herausgehobene Rolle. Clemens schickte nicht nur diesen Brief, sondern auch mehrere Abgesandte, die in Korinth wieder für Ordnung sorgen sollten (s. den Schluss des Briefes unten).

Der Brief beginnt mit:

„Die Kirche Gottes, die zu Rom in der Fremde lebt, an die Kirche Gottes, die zu Korinth in der Fremde lebt, den Berufenen, nach dem Willen Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus Geheiligten, Gnade sei euch und Friede in reicher Fülle von dem allmächtigen Gott durch Jesus Christus.

Wegen der plötzlichen und einander nachfolgenden Drangsale und Leiden bei uns, Brüder, glauben wir, etwas lässig sein zu dürfen, bis wir unsere Aufmerksamkeit den bei euch lebhaft verhandelten Dingen zuwendeten; wir meinen, Geliebte, den für die Auserwählten Gottes unpassenden und fremdartigen, den ruchlosen und unseligen Streit, den einige wenige hitzige und verwegene Leute, die da sind, bis zu einem solchen Grade von Unverstand angefacht haben, dass euer ehrwürdiger, hochgerühmter und bei allen Menschen beliebter Name in hohem Grade beschimpft wurde.“ (1. Clemensbrief Vorwort-1,1)

Die römische Kirche / der römische Bischof sieht offenbar für sich eine Pflicht, in innere Konflikte anderer Gemeinden einzugreifen und sie zu befrieden. (Vielleicht hat sich auch jemand aus Korinth selbst nach Rom gewandt, weshalb sich der Verfasser wegen der verspäteten Nachricht entschuldigt.) Vor allem mahnt Clemens die Korinther zu Friedfertigkeit, Liebe, Gehorsam und Achtung gegenüber ihren Kirchenoberen und verurteilt Eifersucht, Zorn, Prahlerei, Hochmut.

Speziell über das Amt der Bischöfe sagt er an einer Stelle:

„Jeder von uns, Brüder, soll in seinem Stande Gott danken, indem er sich ein gutes Gewissen bewahrt und die für seine Verrichtung festgesetzte Regel nicht übertritt, in würdigem Wandel. Nicht an allen Orten, Brüder, werden Gott immerwährende Opfer oder Gelübdeopfer oder Sühnopfer oder Schuldopfer dargebracht, sondern nur in Jerusalem; aber auch dort wird nicht überall geopfert, sondern vor dem Heiligen am Altare, wobei die Opfergabe genau untersucht wird durch den Oberpriester und die vorerwähnten Diener des Heiligtums. Wer nun nicht seinem Willen entsprechend etwas tut, erleidet den Tod als gebührende Strafe. Ihr sehet, Brüder, je größer die Erkenntnis ist, deren wir gewürdigt worden sind, um so größer ist auch die Gefahr, der wir ausgesetzt sind.

Die Apostel haben uns das Evangelium verkündet, (das sie) vom Herrn Jesus Christus (bekommen haben), Jesus Christus aber ist gesandt von Gott. Christus ist also von Gott und die Apostel von Christus (gesandt); beides ist demnach geschehen in aller Ordnung nach dem Willen Gottes. Sie empfingen also ihre Aufträge, wurden durch die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus mit Gewissheit erfüllt, wurden im Glauben an das Wort Gottes gefestigt, und dann zogen sie voll des Heiligen Geistes hinaus zur Predigt, dass das Reich Gottes nahe sei. Indem sie nun in Ländern und Städten predigten, setzten sie die Erstlingsfrüchte ihrer (Predigt), nach vorhergegangener Prüfung im Geiste, zu Bischöfen und Diakonen der zukünftigen Gläubigen ein. Und dies war nichts Neues; denn schon seit langer Zeit war geschrieben über Bischöfe und Diakone. So nämlich sagt einmal die Schrift: „Ich will einsetzen ihre Bischöfe in Gerechtigkeit und ihre Diakone in Treue“. […]

Auch unsere Apostel wussten durch unseren Herrn Jesus Christus, dass Streit entstehen werde um die Bischofswürde. Aus diesem Grunde setzten sie auch, da sie eine genaue Kenntnis hiervon zum voraus erhalten hatten, die oben Genannten ein und gaben ihnen dazu Auftrag, dass, wenn sie entschlafen wären, andere erprobte Männer ihren Dienst übernähmen. Die also von jenen oder hernach von anderen ausgezeichneten Männern unter Zustimmung der ganzen Gemeinde eingesetzten (Bischöfe), die das Hirtenamt Christi in Demut untadelig, ruhig, uneigennützig verwaltet haben, die lange Zeit hindurch von allen ein gutes Zeugnis erhalten haben, diese von ihrem heiligen Amte abzusetzen, ist nach unserer Ansicht ein Unrecht. Denn es wird für uns keine kleine Sünde sein, wenn wir Männer, die tadellos und heiligmäßig ihre Opfer dargebracht haben, aus ihrem Bischofsamte vertreiben. Selig sind die Presbyter, die ihren Lebensweg bereits durchlaufen und eine vollkommene, an Früchten reiche Auflösung erreicht haben; denn sie müssen nicht fürchten, dass man sie verdrängt von dem für sie festbestimmten Platze. Wir müssen es nämlich erleben, dass ihr einige, die einen guten Wandel führten, vertrieben habt aus dem heiligen Dienste, dem sie durch tadellose Verwaltung alle Ehre gemacht hatten.

Streitsüchtig seid ihr, Brüder, und eifersüchtig in den Dingen, die zum Heile nötig sind. Die heiligen Schriften, die wahren, die vom Heiligen Geist eingegebenen, habt ihr genau durchforscht. Ihr wisst, dass nichts Unrechtes und nichts Verkehrtes in denselben geschrieben steht. (Da) werdet ihr nicht finden, dass Gerechte abgesetzt worden sind von heiligen Männern. Es wurden zwar Gerechte verfolgt, aber von Bösen; sie wurden eingekerkert, aber von Gottlosen, sie wurden gesteinigt von Missetätern, sie wurden getötet von solchen, die mit verruchter und sündhafter Eifersucht erfüllt waren. Solches haben sie in rühmlicher Geduld ertragen.“ (1. Clemensbrief 41-42.44-45,1-5)

Es gab also offenbar einige, die den Bischof oder vermutlich größere Teile des Klerus absetzen und sich selbst an dessen Stelle setzen wollten.

Clemens mahnt die Korinther, sich nicht diesen Spaltern anzuschließen:

„Es ist daher recht und heilig, Männer, Brüder, mehr Gott Untertan zu sein, als denen zu folgen, die in Prahlerei und Abfall Führer zu verruchter Eifersucht sind. Denn wir werden nicht in den nächsten besten (= geringen) Schaden, vielmehr in große Gefahr uns stürzen, wenn wir uns verwegen dem Willen von Leuten ausliefern, die es auf Streit und Zwist abgesehen haben, um uns von dem, was gut ist, abzubringen.“ (1. Clemensbrief 14,1f.)

Der Streit hatte offenbar größere Ausmaße; Clemens schreibt:

„Eure Spaltung hat viele verführt, viele in Mutlosigkeit versetzt, viele in Wankelmut, euch, alle in Trauer; und euer Zwist dauert noch immer fort.“ (1. Clemensbrief 46,9)

„Eine Schande, Geliebte, eine große Schande und eine Schmach für den Wandel in Christo, wenn man hören muss, wie die festgegründete und uralte Kirche von Korinth wegen einer oder zweier Personen sich empört gegen ihre Presbyter. Und diese Kunde ist nicht nur zu uns gedrungen, sondern auch zu den Andersgesinnten, so dass dem Namen des Herrn Schmach angetan wird wegen eures Unverstandes, für euch selbst aber Gefahr entsteht.“ (1. Clemensbrief 47,6f.)

Gegen Ende mahnt er:

„Ihr nun, die ihr den Grund zum Aufruhr gelegt habt, unterwerfet euch den Presbytern, lasset euch die Züchtigung dienen zur Umkehr, beuget die Knie eures Herzens. Lernet Unterwürfigkeit, leget ab die großsprecherische und hochfahrende Kühnheit eurer Zunge; es ist nämlich besser für euch, wenn ihr in der Herde Christi klein, aber ehrenhaft befunden werdet, als wenn ihr in scheinbarer Größe ausgeschlossen seid von ihrer Hoffnung.“ (1. Clemensbrief 57,1f.)

Zuletzt beschließt er den Brief folgendermaßen:

Ihr werdet uns Freude und Vergnügen bereiten, wenn ihr, gehorsam gegen das, was wir durch den Heiligen Geist (geleitet) geschrieben haben, den sündhaften Zorn eurer Erbitterung ableget, entsprechend der Mahnung, die wir euch über Frieden und Eintracht in diesem Briefe gegeben haben. Wir haben euch zuverlässige und verständige Männer geschickt, die von Jugend auf bis in ihr Alter einen tadellosen Wandel unter uns geführt haben, diese sollen auch Zeugen zwischen euch und uns sein. Dies haben wir getan, damit ihr einsehet, dass wir jede Sorgfalt angewendet haben und anwenden, damit ihr in Bälde den Weg zum Frieden findet. […]

Unsere Abgesandten Klaudius Ephebus, Valerius Biton und Fortunatus schicket uns bald und in Frieden mit Freuden zurück, damit sie recht schnell Kunde bringen, dass der von uns sehnlichst erwünschte Friede und die Eintracht hergestellt sei, auf dass auch wir uns schneller freuen können über eure wohlgeordneten Verhältnisse.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch und überall mit allen, die berufen sind von Gott und durch ihn, durch den ihm Ruhm, Ehre, Stärke und Verherrlichung, ewige Herrschaft sei von Ewigkeit in alle Ewigkeit. Amen. (1. Clemensbrief 63,2-4.65)

Man beachte: Der Verfasser schickt nicht nur Abgesandte, die die Sache regeln und dann wieder Bericht erstatten sollen, sondern nimmt auch bei seinem Brief eine Leitung durch den heiligen Geist für sich in Anspruch.

 

Zu dem Bild von einer besonderen Stellung Roms passt auch die ausführliche Anrede, die Bischof Ignatius von Antiochia (um 107 n. Chr. auf dem Weg zu seinem Prozess und Märtyrertod in Rom) in dem Brief verwendet, den er an die römische Gemeinde vorausschickt:

„Ignatius, der auch Theophorus (heißt), an die Kirche, die Gottes Barmherzigkeit erfahren in der Herrlichkeit des höchsten Vaters und Jesu Christi, seines einzigen Sohnes, die geliebt und erleuchtet ist im Willen dessen, der alles Seiende gewollt hat, gemäß der Liebe Jesu Christi, unseres Gottes, die auch den Vorsitz führt am Orte des römischen Bezirkes, die Gottes würdig, ehrwürdig, preiswürdig, lobwürdig, des Erfolges würdig, keusch und Vorsteherin ist des Liebesbundes, die das Gesetz Christi hat, des Vaters Namen führt, die ich auch grüße im Namen Jesu Christi, des Sohnes des Vaters; denen, die dem Fleische und dem Geiste nach eins sind in jeglichem Gebot desselben, die unzertrennlich erfüllt sind mit der Gnade Gottes und völlig gereinigt sind von jeglicher fremden Farbe, sage ich herzlichen, vollkommenen Gruß in Jesus Christus, unserem Gott.“ (Brief an die Römer, Anrede)

Hier werden Einzelheiten nicht deutlich, aber es ist von irgendeiner Art von besonderer Vorrangstellung Roms in der Kirche die Rede.

 

Ein weiteres konkretes Beispiel für das Eingreifen eines Papstes in der Weltkirche wäre der Osterfeststreit Ende des 2. Jahrhunderts. Es war eigentlich „nur“ ein liturgischer, kein dogmatischer Streit (in der Liturgie können unterschiedliche Traditionen an sich legitim sein), aber er erhitzte die Gemüter offenbar ziemlich. Man konnte sich nicht auf das genaue Datum des Osterfests einigen; die Gemeinden in Kleinasien feierten Ostern immer am 14. Nisan nach dem jüdischen Kalender, auch wenn der 14. auf einen Wochentag fiel, der Rest der Kirche hielt es anders und feierte es immer am Sonntag.

Um 300 n. Chr. schreibt der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea darüber und zitiert Beteiligte. Zuerst gab es wegen dieses Streits Lokalsynoden, dann griff Papst Viktor I. direkt ein, weil die kleinasiatischen Bischöfe, an ihrer Spitze ein gewisser Polykrates, sich uneinsichtig zeigten und sich weiterhin auf ihre Tradition beriefen.

„Damals war ein nicht unbedeutender Streit entstanden. Während nämlich die Gemeinden von ganz Asien [=Kleinasien] auf Grund sehr alter Überlieferung glaubten, man müsse den 14. Tag des Mondes, an welchem den Juden die Opferung des Lammes befohlen war, als Fest des Erlösungspascha feiern und auf jeden Fall an diesem Tage, gleichviel welcher Wochentag es gerade sein mochte, die Fasten beenden, war es bei den Kirchen auf dem ganzen übrigen Erdkreise nicht üblich, es auf diese Weise zu halten; man beobachtete vielmehr gemäß apostolischer Überlieferung den noch heute giltigen Brauch, daß an keinem anderen Tage als dem der Auferstehung unseres Erlösers die Fasten beendet werden dürfen.

Es fanden daher Konferenzen und gemeinsame Beratungen von Bischöfen statt, und alle gaben einstimmig durch Rundschreiben die kirchliche Verordnung hinaus, daß das Geheimnis der Auferstehung des Herrn an keinem anderen Tage als am Sonntage gefeiert werden dürfe und daß wir erst an diesem Tage das österliche Fasten beenden dürfen. Noch jetzt sind vorhanden ein Schreiben der damals in Palästina zusammengetretenen Bischöfe, von welchen Bischof Theophilus von Cäsarea und Bischof Narcissus von Jerusalem den Vorsitz führten, ein Schreiben der in Rom versammelten Bischöfe, welches die gleiche Streitfrage behandelt und den Namen des Bischofs Viktor trägt, ein Schreiben der Bischöfe des Pontus, deren Vorsitzender Palmas als der Älteste war, ein Schreiben der Gemeinden in Gallien, deren Bischof Irenäus war, ferner ein Schreiben der Bischöfe in Osroëne und in den dortigen Städten, ein Privatschreiben des Bischofs Bacchyllus von Korinth und noch Schreiben von sehr vielen anderen Bischöfen. Sie bekunden eine und dieselbe Meinung und Ansicht und geben das gleiche Urteil ab. Ihr einstimmiger Beschluß ist erwähnt.

An der Spitze der Bischöfe Asiens, welche behaupteten, man müsse an dem ihnen von alters her überlieferten Brauche festhalten, stand Polykrates. In dem Briefe, welchen er an Viktor und die römische Kirche schrieb, äußerte er sich über die Überlieferung, die auf ihn gekommen, also:

‚Unverfälscht begehen wir den Tag; wir tun nichts dazu und nichts hinweg. Denn auch in Asien haben große Sterne ihre Ruhestätte gefunden, welche am Tage der Wiederkunft des Herrn auferstehen werden. An diesem Tage wird der Herr mit Herrlichkeit vom Himmel kommen und alle Heiligen aufsuchen, nämlich: Philippus, einen der zwölf Apostel, der in Hierapolis entschlafen ist, mit seinen beiden bejahrten, im jungfräulichen Stande verbliebenen Töchtern, während eine andere Tochter, die im Heiligen Geiste wandelte, in Ephesus ruht, und Johannes, der an der Brust des Herrn lag, den Stirnschild trug, Priester, Glaubenszeuge und Lehrer war und in Ephesus zur Ruhe eingegangen ist, ferner den Bischof und Märtyrer Polykarp von Smyrna und den Bischof und Märtyrer Thraseas aus Eumenea, der in Smyrna entschlafen. Soll ich noch den Bischof und Märtyrer Sagaris, der in Laodicea entschlafen, und den seligen Papirius und Melito, den Eunuchen, anführen, welcher stets im Heiligen Geiste wandelte und nun in Sardes ruht, wartend auf die Heimsuchung vom Himmel, da er von den Toten erstehen soll? Diese alle haben gemäß dem Evangelium das Pascha am 14. Tage gefeiert; sie sind keine eigenen Wege gegangen, sondern der vom Glauben gewiesenen Richtung gefolgt. Auch ich, Polykrates, der geringste unter euch allen, halte mich an die Überlieferung meiner Verwandten, von denen einige auch meine Vorgänger waren. Sieben meiner Verwandten waren nämlich Bischöfe, und ich bin der achte. Und stets haben meine Verwandten den Tag gefeiert, an welchem das Volk den Sauerteig entfernte. Ich nun, Brüder, der 65 Jahre im Herrn zählt und mit den Brüdern der ganzen Welt verkehrt hat und die ganze Heilige Schrift gelesen hat, ich lasse mich durch Drohungen nicht in Schrecken setzen. Denn Größere als ich haben gesagt: ‚Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Dem fügt er über die Bischöfe, die bei ihm waren, als er das Schreiben abfaßte, und die seine Meinung teilten, folgendes bei: ‚Ich könnte die Bischöfe erwähnen, die bei mir waren und die ich eurem Wunsche gemäß einberufen mußte und auch einberufen habe. Wollte ich ihre Namen niederschreiben: ihre Zahl wäre groß. Obwohl diese wissen, daß ich ein unbedeutender Mensch bin, so stimmen sie doch meinem Briefe zu. Und sie wissen, daß ich nicht vergebens meine grauen Haare getragen, daß ich vielmehr stets in Christus Jesus gewandelt bin.‘

Daraufhin versuchte Viktor, der Bischof der römischen Kirche, die Gemeinden von ganz Asien sowie die angrenzenden Kirchen insgesamt als ketzerisch von der Gemeinschaft und Einheit auszuschließen, und rügte sie öffentlich in einem Schreiben, worin er alle dortigen Brüder als außerhalb der Kirchengemeinschaft stehend erklärte. Doch nicht allen Bischöfen gefiel dies Vorgehen Viktors. Sie stellten an ihn geradezu die Gegenforderung, für Friede, Einigung und Liebe einzutreten. Noch sind ihre Briefe erhalten, in denen sie Viktor ziemlich scharf angreifen.

Unter anderen richtete auch Irenäus im Namen der ihm untergebenen gallischen Brüder ein Schreiben an ihn. Darin tritt er zwar dafür ein, daß man nur am Sonntage das Geheimnis der Auferstehung des Herrn feiern dürfe, aber er mahnt auch Viktor würdig und eindringlich, er solle nicht ganze Kirchen Gottes, die an alten, überlieferten Bräuchen festhalten, ausschließen, und fährt wörtlich also fort: ‚Es handelt sich nämlich in dem Streite nicht bloß um den Tag, sondern auch um die Art des Fastens. Die einen glauben nämlich, nur einen einzigen Tag, andere zwei, andere noch mehr fasten zu sollen; wieder andere dehnen die Zeit ihres Fastens auf vierzig Stunden, Tag und Nacht, aus. Diese verschiedene Praxis im Fasten ist nicht erst jetzt in unserer Zeit aufgekommen, sondern schon viel früher, zur Zeit unserer Vorfahren, welche wohl nicht umsichtig genug waren und darum eine aus Naivität und Ungeschicklichkeit entstandene Gewohnheit auf die Folgezeit vererbten. Aber trotz dieser Verschiedenheit lebten all diese Christen in Frieden, und leben auch wir in Frieden. Die Verschiedenheit im Fasten erweist die Einheit im Glauben.‘

An diese Worte schließt Irenäus noch Bemerkungen, die ich als hierher gehörig anführen möchte. Sie lauten: ‚Auch die vor Soter lebenden Presbyter, welche der Kirche vorstanden, an deren Spitze du nunmehr stehst, nämlich Anicet, Pius, Hyginus, Telesphorus, Xystus, haben weder selbst diese Praxis beobachtet, noch sie ihren Gemeinden gestattet. Doch, trotzdem sie dieselbe nicht beobachteten, hatten sie nichtsdestoweniger Friede mit denjenigen, welche aus Gemeinden kamen, in denen die Praxis eingehalten wurde. Und doch hätte die Ausübung des Brauches denen, die ihn nicht hatten, den Gegensatz erst recht zu Bewußtsein bringen sollen. Niemals wurden aus solchem Grunde Leute ausgeschlossen, vielmehr schickten die, welche vor dir Presbyter waren, obwohl sie die Praxis nicht hatten, an die, welche sie hatten und aus solchen Gemeinden kamen, die Eucharistie. Als der selige Polykarp unter Anicet in Rom weilte und zwischen ihnen wegen einiger anderer Fragen kleine Differenzen entstanden waren, schlössen sie sogleich Frieden. Denn in dieser wichtigsten Frage kannten sie unter sich keinen Streit. Weder vermochte Anicet den Polykarp zu überreden, jenen Brauch nicht mehr festzuhalten, den dieser mit Johannes, dem Jünger unseres Herrn, und mit den übrigen Aposteln, mit denen er verkehrte, ständig beobachtet hatte; noch überredete Polykarp den Anicet, ihn zu beobachten, da dieser erklärte, er müsse an der Gewohnheit der ihm vorangegangenen Presbyter festhalten. Trotz dieser Differenzen blieben beide in Gemeinschaft. Und Anicet gestattete aus Ehrfurcht dem Polykarp in seiner Kirche die Feier der Eucharistie. Und im Frieden schieden sie voneinander. Und es hatten Frieden mit der ganzen Kirche sowohl die, welche es so hielten, als jene, welche es nicht so hielten.‘ In solcher Weise mahnte Irenäus, der seinen Namen verdiente und tatsächlich ein Friedensmann war, zum Frieden der Kirchen und trat für ihn ein. Nicht nur mit Viktor, sondern auch mit sehr vielen anderen Kirchenfürsten verhandelte Irenäus brieflich in ähnlicher Weise über die entstandene Streitfrage.

Die vor kurzem erwähnten Bischöfe von Palästina, nämlich Narcissus und Theophilus, sowie Kassius, Bischof von Tyrus, Klarus, Bischof von Ptolemais, und die mit ihnen versammelten Bischöfe, behandelten ausführlich die durch apostolische Überlieferung auf sie gekommene Erblehre bezüglich des Osterfestes und schlössen ihr Schreiben mit den Worten: ‚Sorget dafür, daß von unserem Briefe an jede Gemeinde Abschriften geschickt werden, damit wir keine Schuld denen gegenüber haben, welche leichtsinnig in die Irre gehen. Wir tun euch kund, daß man in Alexandrien das Fest am gleichen Tage begeht wie bei uns. Wir stehen nämlich miteinander im brieflichen Verkehr, so daß wir den heiligen Tag übereinstimmend und zugleich feiern.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,23-25)

Hier werden mehrere Dinge deutlich: Der Bischof von Rom hatte offenbar das Recht, andere Bischöfe zu exkommunizieren, und es gab keinen Einwand gegen dieses grundsätzliche Recht, obwohl viele andere Bischöfe fanden, dass er in diesem Fall überreagiert hätte und ein solcher Unterschied bei den Osterbräuchen es nicht rechtfertigen würde, jemanden aus der Kirche auszuschließen. Auch Irenäus, der oben mit der Aussage zitiert worden ist, bei der Lehre müsse jeder mit der römischen Kirche übereinstimmen, sah offenbar kein Problem dabei, eine aus seiner Sicht falsche praktische Entscheidung von Papst Viktor zu kritisieren – wobei er sich auch darauf beruft, dass frühere Päpste wegen dieser Unterschiede nie die Kirchengemeinschaft mit den kleinasiatischen Bischöfen aufgekündigt hatten; diese Unterschiede würden die Einheit nicht beeinträchtigen.

Eusebius berichtet nicht genau, wie der Streit beigelegt wurde, wer zuerst nachgab; aber später feierten auch die kleinasiatischen Gemeinden Ostern wie die anderen und es entstand jedenfalls keine längere Kirchenspaltung.

 

In Eusebius‘ „Kirchengeschichte“ finden sich auch immer wieder kurze Notizen über Amtsantritt und Regierungszeiten der römischen Bischöfe bis zu seiner Zeit (er identifiziert dabei die frühesten Nachfolger Petri als in den Paulusbriefen erwähnte Mitarbeiter Pauli). Bei ihm findet sich folgende Reihenfolge der Päpste (er datiert die Amtszeiten anhand der Amtszeiten der römischen Kaiser):

„Nach dem Martertod des Paulus und Petrus erhielt zuerst Linus den bischöflichen Stuhl der römischen Kirche. Paulus gedenkt seiner bei Anführung der Namen am Ende des von Rom aus an Timotheus gerichteten Briefes.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,2)

„Von den übrigen Schülern des Paulus reiste Krescens, wie der Apostel erklärt, nach Gallien, Linus aber, von dem er im zweiten Briefe an Timotheus erzählt, daß er sich bei ihm in Rom befinde, erhielt zunächst nach Petrus den bischöflichen Stuhl der Kirche in Rom, wie ich schon oben gesagt habe. Klemens, der dritte Bischof der Kirche in Rom, wird von Paulus selbst als sein Mitarbeiter und Mitkämpfer erklärt.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,4)

„Im zweiten Jahre der Regierung des Titus hinterließ Linus, Bischof der Kirche von Rom, die bischöfliche Würde dem Anenkletus, nachdem er selbst dieselbe zwölf Jahre innegehabt hatte. Dem Titus aber folgte, nachdem er zwei Jahre und ebensoviel Monate Kaiser gewesen war, sein Bruder Domitian. […]

Im zwölften Jahre der Regierung des gleichen Kaisers folgte auf Anenkletus, welcher zwölf Jahre Bischof der römischen Kirche gewesen war, Klemens, den der Apostel in seinem Briefe an die Philipper als seinen Mitarbeiter bezeichnete, da er sagt: ‚mit Klemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buche des Lebens stehen‘.

Ein echter, umfangreicher und bedeutsamer Brief des Klemens ist uns überliefert. Klemens hatte ihn im Namen der römischen Gemeinde an die Gemeinde zu Korinth geschrieben, weil damals dort Streitigkeiten ausgebrochen waren. Wie wir in Erfahrung gebracht haben, ist dieser Brief in den meisten Kirchen wie früher so auch jetzt noch in öffentlichem Gebrauch. Dafür, daß es zur erwähnten Zeit unter den Korinthern tatsächlich einen Aufstand gegeben hat, ist Hegesippus glaubwürdiger Zeuge.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,13.15-16)

„Im dritten Jahre der Regierung des oben erwähnten Kaisers starb von den römischen Bischöfen Klemens und überließ das Hirtenamt dem Evaristus. Klemens hatte im ganzen neun Jahre der Lehre des göttlichen Wortes vorgestanden.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,34)

„In Rom besteigt zu gleicher Zeit, nachdem Evaristus acht Jahre die Würde inne gehabt hatte, Alexander als fünfter Nachfolger von Petrus und Paulus den Bischofstuhl.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,1)

„Im dritten Jahre der gleichen Regierung stirbt Alexander, Bischof von Rom, nach zehnjähriger Amtstätigkeit. Sein Nachfolger war Xystus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,4)

„Im zwölften Jahre der kaiserlichen Regierung folgt auf dem bischöflichen Stuhle in Rom Telesphorus als siebter Nachfolger der Apostel dem Xystus, nachdem dieser zehn Jahre im Amte tätig gewesen war.“ (Eusebius, Kirchengeschichtet IV,5)

„Nachdem Hadrian 21 Jahre regiert hatte, zahlte er dem Tode seinen Tribut, und an seine Stelle trat in der römischen Regierung Antoninus mit dem Beinamen ‚der Fromme‘. In dem ersten Jahre seiner Regierung schied Telesphorus, nachdem er zehn Jahre die Kirche verwaltet hatte, aus dem Leben, und Hyginus erhielt die bischöfliche Würde in Rom. Irenäus erzählt, daß Telesphorus sein Lebensende durch den Martertod verherrlicht habe. […]

Nach vier Jahren bischöflichen Wirkens starb Hyginus, worauf Pius mit der kirchlichen Regierung in Rom betraut wurde. […] Nachdem in Rom Pius im 15. Jahre seines bischöflichen Wirkens verschieden war, trat Anicet dort an die Spitze.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,10-11)

„Im achten Jahre der erwähnten Regierung folgte auf Anicet, welcher volle elf Jahre die römische Kirche geleitet hatte, Soter.“ (Eusebius, Kirchengeschiche IV,19)

„Der römische Bischof Soter starb nach achtjähriger Regierung. Ihm folgte als zwölfter Bischof nach den Aposteln Eleutherus, und zwar im 17. Jahre der Regierung des Kaisers Antoninus Verus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,Vorwort)

„Im zehnten Jahre der Regierung des Kommodus folgte Viktor auf Eleutherus, welcher das bischöfliche Amt dreizehn Jahre innegehabt hatte.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,22)

„Soviel über Viktor. Nachdem dieser zehn Jahre regiert hatte, wurde Zephyrin etwa im zehnten Jahre der Regierung des Severus sein Nachfolger.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,28)

„Auf Antoninus, der sieben Jahre und sechs Monate regierte, folgte Makrinus. Nachdem dieser ein Jahr die Herrschaft innegehabt, erhielt ein zweiter Antoninus die Regierung über das römische Reich. Im ersten Jahre seiner Herrschaft starb der römische Bischof Zephyrin, nachdem er volle 18 Jahre sein Amt bekleidet hatte. Nach diesem wurde Kallistus zum Bischof erwählt.  Er lebte noch fünf Jahre und hinterließ die bischöfliche Würde dem Urbanus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,21)

„Damals folgte auf Urbanus, der acht Jahre Bischof der römischen Kirche gewesen war, Pontianus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,23)

„Als Gordianus nach Maximinus die römische Herrschaft übernommen hatte, folgte in der Kirche zu Rom auf Pontianus, der sechs Jahre Bischof gewesen war, Anteros und auf diesen nach dessen einmonatigem Wirken Fabianus. Dieser soll nach dem Tode des Anteros mit noch anderen Männern vom Lande her nach Rom gekommen sein und hier auf ganz wunderbare Weise durch die göttliche und himmlische Gnade die Würde erlangt haben. Als sämtliche Brüder zusammengekommen waren, um den zukünftigen Bischof zu wählen, waren von den Meisten schon sehr viele angesehene und berühmte Männer in Aussicht genommen; an Fabianus aber, der ebenfalls anwesend war, dachte niemand. Plötzlich soll da vom Himmel eine Taube herabgeflogen sein und sich auf das Haupt des Fabianus niedergelassen haben, gemahnend an den Heiligen Geist, der sich in Gestalt einer Taube auf den Erlöser herabgelassen hatte. Daraufhin habe das ganze Volk wie von dem einen göttlichen Geiste getrieben in aller Begeisterung und einstimmig ‚Würdig‘ gerufen und ihn ohne Zögern ergriffen und auf den bischöflichen Thron erhoben.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,29)

„Auf Philipp, der sieben Jahre regiert hatte, folgte Decius. Aus Haß gegen Philipp begann dieser eine Verfolgung gegen die Kirchen. Nachdem während derselben Fabian in Rom gemartert worden war, folgte ihm Kornelius in der bischöflichen Würde.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,39)

„Nachdem Kornelius die bischöfliche Würde in Rom ungefähr drei Jahre innegehabt, wurde Lucius sein Nachfolger, welcher nach einer Regierung von nicht ganz acht Monaten sterbend das Amt Stephanus übertrug.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,2)

„Auf Stephanus folgte, nachdem dieser zwei Jahre die Bischofswürde bekleidet hatte, Xystus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,5)

„Nachdem Xystus die römische Kirche elf Jahre regiert hatte, folgte ihm Dionysius, ein Namensvetter des Bischofs von Alexandrien.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,27)

„Kurz zuvor war auf den römischen Bischof Dionysius, der neun Jahre die Regierung innegehabt, Felix gefolgt.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,30)

„Um diese Zeit folgte auf Felix, der fünf Jahre die römische Kirche geleitet, Eutychianus. Dieser regierte nicht ganz zehn Monate und hinterließ das Amt unserem Zeitgenossen Gaius. Und nachdem dieser ungefähr fünfzehn Jahre vorgestanden, trat Marcellinus an seine Stelle, der gleiche, den die Verfolgung ereilte.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,32)

 

Wir haben also bei Eusebius wie bei Irenäus die Reihenfolge: Petrus – Linus – Anacletus – Clemens – Evaristus – Alexander – Sixtus/Xystus – Telesphorus – Hyginus – Pius – Anicetus – Soter – Eleutherus. Nach Eleutherus, den Irenäus in seiner Liste als gegenwärtigen Papst erwähnt, geht es bei Eusebius weiter mit: Viktor – Zephyrinus – Kallistus – Urbanus – Pontianus – Anterus – Fabianus – Cornelius – Lucius – Stephanus – Xystus – Dionysius – Felix – Eutychianus – Gaius – Marcellinus.

 


(Kuppel des Petersdoms, an deren Rand der Vers Mt 16,18 („Du bist Petrus“ usw.) steht. Bildquelle hier.)

 

Außerdem zitiert Eusebius an anderer Stelle Dionysius von Korinth (Bischof in Korinth um 170 n. Chr); Dionysius erwähnt u. a., dass die Römer andere Gemeinden und Verurteilte in den Bergwerken mit Almosen unterstützten, und dass ein Brief von Papst Soter in der Kirche von Korinth verlesen wurde, ebenso, wie noch immer der Clemensbrief dort verlesen wurde:

„Auch wird ein Brief des Dionysius an die Römer überliefert. Er ist an den damaligen Bischof Soter gerichtet. In demselben sind vor allem erwähnenswert die Worte, in denen Dionysius eine bis auf die Verfolgung unserer Tage von den Römern festgehaltene Sitte lobt. Er schreibt nämlich: ‚Von Anfang hattet ihr den Brauch, allen Brüdern auf mannigfache Weise zu helfen und vielen Gemeinden in allen Städten Unterstützungen zu schicken. Durch die Gaben, die ihr von jeher geschickt habt, da ihr als Römer einen überlieferten römischen Brauch festhaltet, erleichtert ihr die Armut der Dürftigen und unterstützt ihr die in den Bergwerken lebenden Brüder. Euer heiliger Bischof Soter hat diesen Brauch nicht nur festgehalten, er hat ihn auch noch erweitert, soferne er sowohl reichliche Gaben an die Heiligen spendet als auch die (nach Rom) kommenden Brüder wie ein liebender Vater seine Kinder mit frommen Worten tröstet.‘ In dem gleichen Briefe erwähnt Dionysius auch den Brief des Klemens an die Korinther und bemerkt, daß er schon von jeher nach altem Brauche verlesen wurde. Er sagt: ‚Wir feiern heute den heiligen Tag des Herrn und haben an demselben euren Brief verlesen, welchen wir gleich dem früheren durch Klemens uns zugesandten Schreiben stets zur Belehrung verlesen werden.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,23)

Eusebius erwähnt dann noch einen Brief gallischer Christen im 2. Jh. (zur Zeit Kaiser Mark Aurels), der nach Kleinasien und Rom geschickt wurde; dabei wird Papst Eleutherus als „Vater Eleutherus“ bezeichnet:

„Auch übermittelten sie von den Märtyrern, welche bei ihnen gestorben waren, verschiedene Briefe, welche diese, da sie noch in Ketten waren, an die Brüder in Asien und Phrygien und auch an Eleutherus, den damaligen römischen Bischof, im Interesse des kirchlichen Friedens geschrieben hatten.

Dieselben Märtyrer empfahlen dem erwähnten römischen Bischof auch Irenäus, der damals bereits Priester der Kirche von Lugdunum war. Sie stellten dem Manne ein sehr rühmliches Zeugnis aus, wie die folgenden Worte bekunden: ‚Wir beten für dich, Vater Eleutherus, um Freude in Gott jetzt und immer. Unseren Bruder und Genossen Irenäus haben wir beauftragt, dieses Schreiben zu überbringen, und bitten dich, daß du dich seiner annehmest wegen seines Eifers für den Bund Christi. Denn wenn wir wüßten, daß der Stand einem Manne Gerechtigkeit gebe, dann würden wir ihn vor allem als Priester, was er tatsächlich ist, empfehlen.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,3-4)

 

Es besuchten offenbar relativ viele wichtige Christen Rom; Eusebius erwähnt zum Beispiel einen gewissen Hegesippus:

„Hegesippus hat uns in den fünf Büchern ‚Erinnerungen‘, die auf uns gekommen sind, ein ganz vollständiges Bild seines eigenen Geistes hinterlassen. Darin erzählt er, daß er auf einer Reise nach Rom mit sehr vielen Bischöfen zusammengekommen sei und daß er von allen die gleiche Lehre erhalten habe. Hören wir, was er nach einigen Bemerkungen über den Brief des Klemens an die Korinther sagt! Er erklärt: ‚Die Kirche in Korinth blieb im rechten Glauben bis auf Primus, Bischof von Korinth. Auf meiner Fahrt nach Rom kam ich mit den Korinthern zusammen, mit welchen ich einige Tage verkehrte, während welcher wir uns gemeinsam des wahren Glaubens freuten. In Rom verweilte ich bei Anicet, dessen Diakon Eleutherus war. Auf Anicet folgte Soter und auf diesen Eleutherus. In jeder Stadt, wo ein Bischof auf den anderen folgte, entsprach das kirchliche Leben der Lehre des Gesetzes, der Propheten und des Herrn.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,22)

Ein anderes Beispiel wäre Bischof Aberkios von Hierapolis in Phrygien. Er schreibt in seiner Grabinschrift (die er schon vor seinem Tod in Auftrag geben ließ und die nur verschlüsselt über den christlichen Glauben spricht; sie datiert von irgendwann vor 216 n. Chr.) über seinen Besuch in Rom; die römische Kirche wird hier als Königin bezeichnet:

„Einer auserwählten Stadt Bürger habe ich dies errichtet,
da ich noch lebe, auf dass ich hätte seiner Zeit für
meinen Leib hier eine Stätte.
Aberkios bin ich mit Namen, der welcher Jünger ist
eines reinen Hirten,
der da weidet der Schafe Herden auf Bergen und Fluren,
der Augen hat gewaltig, die überall herniederschauen;
denn er hat mich gelehrt . . . untrügliche Zeichen.
Der nach Rom mich sandte, einen König zu schauen
und eine Königin zu sehen mit goldnem Gewand und
goldnen Sandalen;
einen Stein aber sah ich dort mit einem leuchtenden Gepräge.
Und Syriens Flur sah ich und seine Städte alle ; ich überschritt
den Euphrat und sah Nisibis. Überall aber gewann ich Kultgenossen;
Paulos war mein (Begleiter?). Nestis leitete mich überall
und schaffte mir Nahrung überall, einen Fisch vom Quellwasser
gar gross und rein, den gefangen hatte eine reine Jungfrau,
und den gewährte sie den Genossen immer zu essen
und spendete Wein in guter Mischung mit Brot.
Dies habe ich Aberkios unter meiner eignen Aufsicht so
zu schreiben geheissen.
Das zweiundsiebzigste Jahr hab‘ ich wirklich vollbracht.
Wer dies versteht, bitte für Aberkios, ein jeder Genosse.
Aber keiner soll in mein Grab noch einen andern oben
darauf beisetzen.
Wenn er es thut, soll er dem römischen Fiscus spenden
zweitausend Goldstücke
und der guten Vaterstadt Hierapolis tausend Goldstücke.“ (Aberkiosinschrift)

Das war gesammelt so ziemlich alles, was ich bis ca. 200 n. Chr. über das Amt des Bischofs von Rom gelesen habe.

Die glorreiche Antike und das finstere Mittelalter: Ein paar Fakten

Es herrscht ja öfter der Eindruck, dass das Mittelalter eine Zeit tumber Bauerntrottel gewesen sei, die sich nie wuschen, während ihre tyrannischen Obrigkeiten jeden, dessen Nase ihnen nicht gefiel, erst auf die Streckbank und dann auf den Scheiterhaufen brachten; die Antike gilt unterdessen als bewundernswerte Zeit der Zivilisation, Toleranz und Bildung, mit weißen Säulen (genau genommen waren sie bunt bemalt) und Philosophen in Togen. Daher dachte ich, eine kleine Gegenüberstellung der wahren Verhältnisse wäre sinnvoll.

Erst mal Grundsätzliches zum Übergang von der Antike zum Mittelalter:

Im Westen wurde das Römische Reich im 4., 5., 6. Jh. im Zug der Völkerwanderung von Warlords aus Nordeuropa erobert und zerfiel in viele Barbarenfürstentümer. Die Leute verließen die großen Städte wie Rom, deren Infrastruktur und Versorgung nicht mehr aufrechterhalten werden konnten, Straßen und Aquädukte verfielen. Allerdings nahmen die barbarischen Eroberer bald die Religion der Eroberten, das Christentum an, und übernahmen auch manches von ihrer Kultur; Mönche bewahrten Wissen und machten sich daran, auch Völker weiter nördlich und östlich zu missionieren und der Christenheit einzugliedern (z. B. Friesen, Iren etc.). Im 8., 9., 10. Jahrhundert litt Westeuropa wieder unter kriegerischen Angriffen von drei Seiten: Die Wikinger kamen aus dem Norden, die Ungarn aus dem Osten und die Sarazenen aus dem Süden. Die Wikinger und Ungarn ließen sich allerdings schließlich bekehren und stellten ihre Überfälle ein und die Verteidigung gegen die Sarazenen lief allmählich besser. Nach 1000 konnte Westeuropa sich wieder aufrappeln; die politischen Einheiten wurden stabiler, die Technik schritt voran. Es half auch, dass das Klima nach einer Kälteperiode im Frühmittelalter (die zu den Auslösern der Völkerwanderung gehört hatte) wieder wärmer wurde.

Der Osten des Römischen Reiches mit der Hauptstadt Konstantinopel konnte sich gegen die frühmittelalterliche Völkerwanderung behaupten, hier gab es keinen solchen Bruch; allerdings entstand dann im 7. Jh. mit dem Islam eine neue Bedrohung; Nordafrika und der nahe Osten gingen den christlichen Kaisern in Konstantinopel früh verloren. Endgültig besiegt wurde Ostrom allerdings erst 1453.

Ostrom wird sehr gern übersehen, daher hier der Hinweis darauf, dass es so lange weiterbestand; aber in diesem Artikel soll es hauptsächlich um das mittelalterliche Westeuropa und das antike Rom und Griechenland gehen, die einander gerne gegenübergestellt werden.

Also jetzt hier mal eine Gegenüberstellung nach Themenbereichen (beim Mittelalter betrachte ich v. a. das Hoch- und Spätmittelalter, nachdem die schlimmsten äußeren Krisen des Frühmittelalters überwunden waren, also die Zeit zwischen 1000 und 1500):

Technik und Alltagsleben:

In der Landwirtschaft gab es im Lauf der Zeit große Verbesserungen: In der Antike hatte man vor allem Handmühlen; im Mittelalter verbreiteten sich überall Wind- oder Wassermühlen. Im Mittelalter wurde auch die Drei-Felder-Wirtschaft erfunden, der Räderpflug, das Kummet: Damit wurde die Nahrungsmittelproduktion erhöht und erleichtert. Es kamen andere Erfindungen fürs Alltagsleben auf: Das Spinnrad (vorher hatte man nur mit einer Spindel gesponnen), die Schubkarre.

Es gab Erfindungen, die dem intellektuellen Leben nützten: Im 13. Jahrhundert wurde in Italien die Brille erfunden, dann gegen Ende des Mittelalters, Mitte des 15. Jahrhunderts in Deutschland der Buchdruck, der es erst ermöglichte, dass ein gewisses Maß an Bildung größeren Schichten zugänglich war. In der Antike hatte man nur Sonnen- und Wasseruhren; im Mittelalter wurde die Räderuhr erfunden. So sieht z. B. die astronomische Uhr am Prager Rathaus aus dem Jahr 1410 aus:

Es entstanden bessere Hochöfen zur Eisenverarbeitung und bessere Schiffe; dazu kamen militärische Erfindungen, das Schießpulver und die Armbrust zum Beispiel. (Die militärischen Erfindungen kann man freilich so oder so sehen: Die mittelalterliche Kirche versuchte zunächst erfolglos, die Armbrust für Kriege unter Christen zu verbieten.)

Es gab ein paar Erfindungen, die aus Asien nach Europa kamen, etwa das Papier (statt Pergament oder dem antiken Papyrus). Auch der Kompass kam aus China, wurde aber im mittelalterlichen Europa weiterentwickelt.

Hygiene:

Im Mittelalter haben Menschen sich sehr wohl täglich gewaschen, haben ihre Wäsche gewaschen, und sich auch regelmäßig gebadet. Auch einfache Leute besaßen Seife (aus Asche und Fett hergestellt). In den Städten gab es Badehäuser – nicht die luxuriösen Anlagen der Antike, die massenhaft Sklaven erforderten, aber eben trotzdem Badehäuser. Man legte Wert auf sauberes Trinkwasser. Es war bei Strafe verboten, Fäkalien auf die Straße zu schütten. Man meinte, dass Krankheiten über schlechte Gerüche / schlechte Luft übertragen werden würden und achtete allein schon deshalb auf Sauberkeit.

Es gab zwar wenige Aquädukte oder größere öffentliche Toilettenanlagen, aber das war bei der geringen Größe der westeuropäischen mittelalterlichen Städte auch gar nicht so nötig wie im antiken Rom; Brunnen reichten zur Wasserversorgung und einzelne Latrinen reichten als Sanitäranlagen aus.

Folter und Todesstrafe:

In der römischen Antike war die Folter allgegenwärtig; bei Gerichtsprozessen wurde routinemäßig gefoltert, und zwar nicht nur Angeklagte, sondern auch Zeugen. Die Aussagen von Sklaven in Gerichtsprozessen waren sogar nur dann gültig, wenn unter Folter gemacht; hier war die Folter vorgeschrieben, egal, was ein Sklave schon von sich aus aussagen mochte. Auch die Strafen waren teilweise sehr grausam, v. a. für Verurteilte, die keine römischen Bürger waren: Kreuzigung oder Scheiterhaufen waren normal. Ja, Scheiterhaufen gab es in der Antike; auch manche Christen wie der heilige Polykarp von Smyrna wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Kaiser Konstantin beschränkte die Folter etwas, später auch Kaiser Justinian, der die Unzuverlässigkeit von Aussagen unter Folter erkannte.

Im Frühmittelalter in Westeuropa verwendete man die Folter weniger, sondern hatte gemäß dem germanisch geprägten Recht eher Gerichtsbräuche wie Reinigungseid (ein Angeklagter, für dessen Unschuld die Indizien sprachen, konnte sich durch einen Eid, dass er unschuldig war, von der Anklage reinwaschen; man ging davon aus, dass er aus Furcht vor Gottes Strafe keinen Meineid bei Seinem Namen schwören würde), Gottesurteile (nein, das war keine christliche Erfindung; die Kirche machte zwar öfter mit, aber von der Kirchenobrigkeit kamen dann auch Verurteilungen dieser Praxis, weil sie eigentlich bedeutete, Gott zu versuchen), Leumundszeugen (ein Angeklagter konnte soundsoviele Zeugen dafür aufbringen, dass er ein anständiger Mensch war) und als Strafe sogar bei schlimmeren Verbrechen wie Mord das Wergeld, also eine Entschädigungszahlung. (Natürlich gab es manchmal auch grausamere Strafen.)

Im Hochmittelalter wurde das römische Recht wiederentdeckt; beim Volk war es eher unbeliebt, weil es den Herrschern oft mehr Macht gab als das althergebrachte Gewohnheitsrecht und mit gewohnten Bräuchen und lokalen Rechten brach. Es brachte aber auch gute Neuerungen, z. B. das Inquisitions- statt dem Akkusationsprinzip. (Beim Akkusationsprinzip muss der Ankläger seine Anschuldigung beweisen und wird sonst bestraft, beim Inquisitionsprinzip ermitteln obrigkeitliche Behörden von Amts wegen den Sachverhalt.) Aber es brachte auch wieder die Folter mit sich.

Zur mittelalterlichen kirchlichen Einstellung zur Folter: Im 9. Jahrhundert hatte Papst Nikolaus I. in einem Brief an die Bulgaren die Folter verboten, weil sie oft zu falschen Ergebnissen führe. Im 13. Jahrhundert erlaubte die Kirche die Folter für Ketzerprozesse unter Auflagen: Es durften keine bleibenden Schäden entstehen, man musste schon starke Indizien für die Schuld eines Angeklagten haben, es durfte nur einmal gefoltert werden, und ein Geständnis unter Folter musste hinterher ohne Folter wiederholt werden, damit es gültig war. Diese Restriktionen wurden in der Praxis in weltlichen und kirchlichen Verfahren leider immer wieder unterlaufen; es stellte sich als schwierig heraus, den Gebrauch der Folter einzugrenzen. Allerdings wurden auch Richter für einen solchen Missbrauch der Folter manchmal verurteilt. Erst lange nach dem Mittelalter, ca. im 18. Jahrhundert entstand dann eine stärkere Ablehnung der Folter als Befragungsmethode; 1816 rief Papst Pius VII. zu ihrer Abschaffung auf.

Auch im Mittelalter gab es grausame Bestrafungsmethoden: Rädern, Vierteilen, Scheiterhaufen. (Zusätzlich zu den einfacheren Methoden wie Hängen und Köpfen.) Mit harten Strafen für erwiesene Verbrecher, anders als mit Folter zur Befragung von Angeklagten, hatte die Kirche wesentlich weniger Probleme.

Man muss sich übrigens vor Augen halten, dass die meisten Hingerichteten in der Antike und dem Mittelalter eben keine unschuldig Verurteilten oder politische oder religiöse Dissidenten waren, sondern normale Mörder, Straßenräuber, Brandstifter, Vergewaltiger, Kinderschänder, Betrüger (z. B. Münzfälscher), Einbrecher… Für kleinere Verbrechen wurde nicht die Todesstrafe verhängt; ein armer Bettler, der ein Stück Brot gestohlen hatte, landete im Mittelalter nicht gleich am Galgen. Geldstrafen und Pranger waren viel häufiger.

Hexenglaube:

Der Hexenglaube existierte schon in der Antike – und zwar sowohl in dem Sinn, dass man fürchtete, dass andere einem mit Hexerei schaden könnten, als auch in dem Sinn, dass man meinte, mit Hexerei selbst etwas bewirken zu können. Antike Menschen vergruben z. B. sogenannte Fluchtäfelchen, um sich einen Sieg vor Gericht zu sichern, einem Feind geschäftlichen Schaden zu bescheren, oder jemanden dazu zu bringen, sich in einen zu verlieben. Es gab Schutzamulette und Zaubersprüche, Geisterbeschwörung (z. B. mithilfe eines Jungen als Medium), Wahrsagerei; manche Leute übten die Magie berufsmäßig im Auftrag ihrer Kunden aus. Schadenszauber standen in Rom unter Strafe; ab und zu wurden Magier hingerichtet oder aus Rom ausgewiesen. Diese Strafverfolgung war sehr sporadisch, wie allgemein die Strafverfolgung im Römischen Reich.

Die christlichen Theologen im Lauf der letzten 2000 Jahre waren sich nicht ganz einig, ob Hexerei immer nur wirkungsloser Aberglaube/Betrügerei ist, oder ob hier manchmal Dämonen auf die Geisterbeschwörung antworten und dadurch, dass man sie einlädt, in gewissem Rahmen etwas bewirken können (freilich nur, solange Gott es zulässt; und das Gebet zu Gott schützt davor).

Eine lokale Kirchensynode, die Synode von Paderborn im Jahr 785, verurteilte den Hexenglauben und die Hexenverfolgung „nach Art der Heiden“ – Hexen zu töten wurde sogar selbst wieder mit der Todesstrafe bedroht. Später setzte sich eher die Meinung durch, dass ein Teufelspakt wirklich etwas bewirken könnte und man wurde strenger mit Menschen, die anderen durch Zauber schaden wollten. Im Mittelalter gab es sehr wenig Hexenprozesse, erst in der Frühen Neuzeit (v. a. im 16., 17. Jh.) brach manchmal eine regelrechte Panik vor Hexen aus, die anderen Krankheiten angehext oder für schlechtes Wetter gesorgt hätten. (In dieser Zeit, der Kleinen Eiszeit, verschlechterte sich das Klima wieder.) Insgesamt forderte die frühneuzeitliche Hexenverfolgung in Europa ca. 60.000 Opfer, bei weitem die meisten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Es gab auch damals einzelne, die sich selbst als Hexen verstanden und Kunden Schadenszauber anboten, z. B. Catherine Monvoisin (ca. 1640 – 1680), aber vor allem gab es damals Massenpaniken. In Spanien verbot die Spanische Inquisition Anfang des 17. Jh.s weitere Hexenprozesse, nachdem sie in einem Fall mit vielen Angeklagten festgestellt hatte, dass die erfindungsreichten Anschuldigungen und Selbstbezichtigungen nur von einer Massenhysterie verursacht worden waren. Die Hexenverfolgung war keine speziell katholische Sache; in protestantischen Gebieten fanden genauso Prozesse statt und viele Prozesse liefen vor weltlichen, nicht vor kirchlichen, Gerichten ab. Auch die Römische Inquisition lehnte Hexenprozesse ab.

Sklaverei und Leibeigenschaft:

In der Antike war die Sklaverei ein völlig selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Kriegsgefangene wurden zu Sklaven; man konnte sogar seine eigenen Kinder in die Sklaverei verkaufen. Die Wirtschaft basierte auf der Sklaverei.

Das änderte sich nicht sofort mit der Annahme des Christentums durch die antiken Menschen, allerdings kamen langsam Verbesserungen (z. B. legten Kirchensynoden Strafen für das Töten oder Verstümmeln von Sklaven fest, Sklaven konnten legale Ehen eingehen) und die Freilassung von Sklaven wurde als gutes Werk gesehen. Im Hochmittelalter wurde in nordwesteuropäischen Ländern nach und nach die Sklaverei ganz abgeschafft. Die Leibeigenschaft blieb noch lange erhalten, allerdings hatte der Leibeigene festgelegte Rechte und arbeitete eigenverantwortlich auf seinem Land, nicht als Sklave auf einem großen Gut unter Aufsehern. (Übrigens war bei weitem nicht jeder Bauer ein Leibeigener; es gab große soziale und rechtliche Unterschiede zwischen armen, reichen, freien, halbfreien, unfreien Bauern.)

Medizin und Astronomie:

Das Wissen der Gelehrten in Medizin und Astronomie war im Mittelalter dasselbe wie in der Antike. In der Medizin übernahm man Galens Vier-Säfte-Lehre und das medizinische Wissen war insgesamt eher begrenzt und spekulativ oder beruhte auf Hausmitteln. In der Astronomie übernahm man das Weltbild des Ptolemäus (runde Erde im Zentrum des Universums). Ja, im Mittelalter war es für jeden gebildeten Menschen absolut selbstverständlich, dass die Erde rund war. Und man sah sie übrigens nicht nur im Zentrum, sondern damit auch am tiefsten Punkt des Universums; die Himmelssphären galten als etwas Höheres, Majestätischeres.

Architektur:

Im Frühmittelalter war architektonisch wirklich nicht viel los; aber beim Hoch- und Spätmittelalter kann man guten Gewissens sagen, dass die gotischen Kathedralen die antiken Tempel übertrumpfen(auch wenn es oft sehr lange dauerte, sie zu bauen). Wenn man z. B. die Kathedrale Notre Dame in Paris mit dem (durchaus sehr beeindruckenden) Pantheon in Rom vergleicht:

Der Bau mittelalterlicher Großbauten war vor allem auch von der sozialen Seite her besser organisiert: Man beschäftigte gut ausgebildete Meisterhandwerker und dazu freie Tagelöhner, keine Sklaven.

Auch sonst war man architektonisch durchaus fähig: Der Ponte delli Torri, das einzige bekannte mittelalterliche Aquädukt, ist höher als alle antiken Aquädukte.

Pest:

Die Pest trat auch in der Antike auf; die letzte schlimme Pestwelle war die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert. Dann verschwand die Pest für Jahrhunderte aus Europa, bis sie 1348 wieder auftrat. Dabei kam sie aus Asien, wo sie genauso schlimm gewütet hatte wie in Europa. In Nordafrika trat die Pest noch im 19. Jahrhundert auf, als sie aus Europa schon verschwunden war. Und die Menschen des Mittelalters kannten sehr wohl Methoden wie die Quarantäne zur Eingrenzung von Seuchen.

Städte:

Im Frühmittelalter ging in Westeuropa die Einwohnerzahl vieler Städte stark zurück; im Osten blieb dagegen z. B. Konstantinopel eine Großstadt. Die westeuropäischen mittelalterlichen Städte wuchsen erst langsam wieder. Aber sie entwickelten auch eine beeindruckende Stadtkultur, z. B. sieht man das bei italienischen Städten wie Venedig oder den freien Reichsstädten des Heiligen Römischen Reiches, mit ihren vielen Zünften oder Gilden. In den Städten hieß es auch oft: „Stadtluft macht frei“, d. h. Leibeigene wurden frei, wenn sie sich eine gewisse Zeit in der Stadt aufgehalten hatten; ein riesiger Unterschied zu den antiken Städten mit ihren Massen von Sklaven.

Philosophie, Bildung und Kultur:

In der Antike gab es Philosophenschulen: Schülerkreise, die sich um einzelne Lehrer wie Platon oder Aristoteles scharten; dabei gab es eine Vielfalt von Richtungen, die z. T. auch sehr bizarre Lehren vertraten und z. T. an heutige östliche Religionen erinnern: Platoniker, Stoiker, Peripatetiker, Kyniker, Epikuräer…

Im Hochmittelalter wurden Universitäten gegründet, an denen die sieben freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie), Theologie, Jura und Medizin gelehrt wurden. Dazu kamen die Klosterschulen, die auch schon im Frühmittelalter existiert hatten; die Klöster hatten eine wichtige Funktion dafür, Wissen zu bewahren, Bücher abzuschreiben. In den Klöstern wurden auch Kinder erzogen, die später nicht dort eintraten. Die mittelalterliche Philosophie ist v. a. durch die Scholastik geprägt; es gab aber auch hier größere Streitereien zwischen Philosophenschulen (z. B. Nominalisten und Realisten). Die Philosophie bewegte sich normalerweise auf dem allgemein anerkannten Fundament des Christentums, wobei einzelne Thesen/Richtungen immer mal wieder kirchlich verurteilt werden konnten.

Sowohl die antike als auch die mittelalterliche Philosophie waren sehr geprägt von theologischen und metaphysischen Fragestellungen; Naturphilosophie gab es auch, aber sie war nicht so bedeutend, und vor allem war sie eine spekulative Sache; man führte keine praktischen Experimente durch.

In der Antike gab es Dichter wie Homer (Ilias, Odyssee), Horaz, Vergil, Ovid; aus dem Mittelalter hat man den Minnesang, die Edda, die Artuslegende, Ritterepen, den Gregorianischen Choral.

Straßenbau:

Gut, hier war die Antike überlegen.

Noch ein paar Verbesserungen:

  • In der griechischen Antike war die Päderastie, die „Knabenliebe“, normal; durch das Christentum wurde sie tabu.
  • Die mittelalterliche Kirche bekämpfte Zwangsehen und Verwandtenehen. Das durchschnittliche Heiratsalter war in Westeuropa auch höher, als man denkt; normalerweise heirateten sowohl Männer als auch Frauen erst zwischen 20 und 30. (Und leider konnten es sich manche ihr ganzes Leben lang gar nicht leisten, zu heiraten.)
  • In der Antike war die Tötung von Neugeborenen legal, im Mittelalter verboten. Neugeborene wurden in der Antike auch öfter einfach ausgesetzt und dann manchmal von Bordellbesitzern aufgesammelt, aufgezogen und zur Prostitution abgerichtet.
  • Die Gladiatorenkämpfe wurden in der christlichen Spätantike verboten.

Weitere Mythen über das Mittelalter:

  • Das „Recht der ersten Nacht“ hat nie existiert; es ist eine reine Erfindung.
  • Es herrscht oft die Vorstellung „sobald man gewagt hat, irgendeinen Bischof oder irgendeine Form von Korruption in der Kirche zu kritisieren, landete man sofort im Kerker und auf dem Scheiterhaufen“. Das ist Unsinn. Es gab viele Reformbestrebungen in der Kirche, wobei man gegen Ämterkauf, Zölibatsbruch, Verweltlichung und dergleichen vorging – öfter auch auf eine Weise, die heute als grauenvoll fundamentalistisch und radikalisiert gesehen werden würde. Die hl. Katharina von Siena hat den Papst brieflich (respektvoll) zurechtgewiesen; der hl. Franz von Assisi hat einen Orden mit strengster Armut gegründet. Reformen gingen auch von Kirchenoberen wie Papst Gregor VII. aus.
  • Es war ganz unterschiedlich, wie viele Steuern, Abgaben oder Frondienste Bauern ihren Grund- oder Leibherren und der Kirche (Kirchenzehnt) schuldeten; das Maximum scheint etwa bei einem Drittel des jährlichen Haushaltseinkommen gelegen zu haben. Im Lauf des Spätmittelalters wurde die Situation der Bauern generell besser und die Abgabenlast geringer. In Städten gab es oft Steuervergünstigungen.

Noch eine Sache: Man sollte am besten dieselben Länder in Antike und Mittelalter vergleichen – z. B. Schweden im Jahr 200 vs. Schweden im Jahr 1400, nicht nur Rom im Jahr 200 vs. Schweden im Jahr 1400.

Um zusammenzufassen:

Das Hoch- und Spätmittelalter war sozial gerechter und barmherziger, und zwar um Längen, als die Antike, und technisch war es im Ganzen definitiv weiter entwickelt (auch wenn Technik ja kein moralischer Wert ist, aber Fakten sind Fakten).

Links:

Comparing Roman and Medieval Technology

Torture: Historical and Ethical Perspectives

Die Hexenverfolgung – Missverständnisse und Mythen

Notre Dame und die Bedingungen auf mittelalterlichen Kirchenbaustellen

Von Abgaben bis Zehnt – Steuern und andere lästige Pflichten

Sauberkeit im Mittelalter

Rechtsprechung um 1300

Cats, the Black Death and a Pope

The Great Myths: The medieval flat earth