An die ungeplant Schwangere: Ein offener Brief

Du bist schwanger, und das war nicht geplant. Vielleicht hat die Pille versagt – oder was auch immer. Und jetzt weißt du nicht, wie du mit deinen Problemen umgehen sollst. Vielleicht drängt dein Partner dich zu einer Abtreibung, oder du hast keinen Partner, oder du hast dich noch nicht getraut, es ihm zu sagen, oder er weiß nicht, was er dir raten soll und fühlt sich genauso hilflos wie du. Vielleicht sagen dir Freunde und Familie auch nur, du müsstest das selber lösen.

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(Ca. 6 Wochen alter Embryo. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von lunar caustic.)

Aber du kannst das schaffen. Natürlich kannst du das schaffen. Unzählige Frauen haben Kinder schon unter den schwierigsten Umständen zur Welt gebracht – auch wenn sie genauso gezweifelt haben und Angst hatten wie du jetzt. Es gibt Informations-, Beratungs- und Hilfsangebote: Bei ProFemina. Bei der Caritas. Bei etlichen anderen kleinen und großen Adressen. Selbst eine anonyme Geburt ist möglich, wenn du gar nicht weiter weißt.

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(8 Wochen alter Embryo. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von drsuparna.)

Du hast Ansprüche gegenüber dem Vater – im Notfall zahlt auch das Jugendamt Unterhaltsvorschuss – und du hast Ansprüche auf staatliche Hilfeleistungen. Du hast Rechte gegenüber deinem Arbeitgeber. An Unis gibt es Hilfen für Eltern – Urlaubssemester, Betreuungsangebote usw. Du kannst auch trotz Kind deinen Schulabschluss machen. Es gibt Hilfe bei medizinisch schwierigen Schwangerschaften.

Vielleicht heißt es, dein Kind könnte behindert sein. Aber solche Diagnosen sind alles andere als sicher. Falsche Diagnosen oder Risikoeinschätzungen sind sehr viel häufiger, als man meint. (Das kennt meine Familie beispielsweise aus eigener Erfahrung.)

Und selbst wenn es behindert ist: Sollte man denn alle Behinderten töten? Geh mal zu einem Behinderten – z. B. zu jemandem mit Downsyndrom – hin und frag ihn: „Wäre es dir lieber, weiterzuleben oder soll ich dich töten?“ Und dein Kind wird hier nicht einmal gefragt. Selbst wenn es heißt „dein Kind wird wahrscheinlich schon kurz nach der Geburt sterben, weil es eine so schlimme Fehlbildung hat“, was ist besser: es gleich gewaltsam zu töten oder zu warten und es vielleicht – denn noch mal: sicher ist bei diesen Diagnosen nichts – einen natürlichen Tod zu seiner Zeit sterben zu lassen?

Denk dran: Niemand kann dich zu einer Abtreibung zwingen. Weder deine Eltern noch dein Freund noch dein Ehemann noch ein Arzt, der meint, zu wissen, was das Beste ist.

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(Zwölf Wochen alter Embryo, Ultraschallbild. Gemeinfrei.)

Es ist dein Kind. Es ist auf dich angewiesen. Du wirst nicht erst Mutter, du bist schon eine.

Und du hast nicht das Recht, dein Kind zu töten. Dein Kind hat eine Zukunft, die ihm gehört.

Von dir wird nicht verlangt, dich „für dein Kind zu entscheiden“. Von dir wird verlangt, dich nicht dafür zu entscheiden, dein Kind zu töten. Was du nach seiner Geburt machst – ob du es behältst oder zur Adoption freigibst (auch das ist möglich), welche Beziehung du weiterhin zu seinem Vater hast, ob du bald wieder arbeiten gehst oder erst einmal zu Hause bleibst – das alles musst du selber entscheiden, wie es für dich am besten ist. Aber es ist nicht in Ordnung, zu einem Arzt zu gehen, der einen Schlauch in deine Gebärmutter einführen soll, um dein Kind durch Saugluft in Stücke zu reißen und seine einzelnen Gliedmaßen herauszusaugen. So sieht eine Abtreibung im ersten Trimester aus. Im späteren Verlauf einer Schwangerschaft wird das Kind meistens mit einer Giftspritze ins Herz getötet und dann eine Frühgeburt eingeleitet.

„Mein Körper gehört mir.“ Da ist aber noch ein Körper in deinem Körper  – einer, der dir nicht gehört. Stell dir vor, da wären zwei siamesische Zwillinge, und die eine von beiden würde sagen: „Herr Doktor, trennen Sie uns, ich weiß, dass meine Zwillingsschwester dabei sterben wird, aber das ist mir egal, mein Körper gehört mir.“

Du kannst dieses Kind bekommen. Du bist stark genug dafür. Schwangerschaft sind schwierig, ja – aber die Alternative ist nicht so leicht, wie es manchmal heißt.

Du wirst eine Abtreibung vielleicht nicht so schnell vergessen. Viele Frauen haben jahrelang Albträume und Flashbacks. Es ist eine brutale Sache, die übrigens auch für dich gesundheitliche Risiken hat.

Lass dein Leben nicht von einer Kurzschlussreaktion bestimmen, die du hinterher vielleicht bereust. Hol dir erst einmal Vomex gegen die Morgenübelkeit und heul dich ordentlich bei jemandem aus, der dir helfen will, vielleicht kannst du dann schon wieder klarer denken. Es ist ja eine unglaublich stressige Situation. Ruf bei einer Beratungsstelle an oder geh direkt dorthin oder nimm ein Onlineberatungsangebot in Anspruch und informier dich, bevor du irgendetwas tust, über alle deine Möglichkeiten und alle angebotenen Hilfen.

Und dann stell dir die Frage: Angenommen, ich treibe nicht ab – würde ich mir dann vielleicht in zehn Jahren, wenn mein Kind also etwa in der 3. oder 4. Klasse wäre, wünschen, ich hätte es getan? Und angenommen, ich treibe ab – würde ich mir dann vielleicht wünschen, ich hätte es nicht getan?

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(Neugeborenes Baby. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Krish Dulal.)

 

PS: Wenn du bereits eine Abtreibung hattest und mit den psychischen Folgen zu kämpfen hast, auch da gibt es Menschen, die dir helfen wollen.

PPS: Und wenn du als Mann erfahren hast, dass du Papa wirst: Bitte unterstütz die Mutter deines Kindes. Viele Frauen fühlen sich in einer solchen Situation hilflos – plötzlich ist da ein Kind im eigenen Körper, kannst du dir das vorstellen? (Und dann sämtliche gesundheitlichen Probleme einer Schwangerschaft…) Sei für sie da, und für dein Kind.

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Moraltheologie und Kasuistik, Teil 2: Grundbegriffe und Unterscheidungen

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

 

Heute zu einigen Grundsätzen und Grundbegriffen, die in allen möglichen Situationen wichtig werden. Diesen Teil hätte ich vielleicht als ersten veröffentlichen sollen. Bald wird es konkret, aber das Allgemeine sollte vorher der Vollständigkeit halber auch geklärt werden.

Achtung: Das alles hier ist im Blick auf Nichtskrupulanten, d. h. Menschem mit durchschnittlichem bis laxem Gewissen geschrieben worden. Für Skrupulanten gelten z. B. in Hinblick auf die Beurteilung zweifelhaft schwerer Sünden eigene Regeln. (Siehe etwa hier, hier und hier.)

Die katholische Ethik ist eine Ethik des Naturrechts. Der Begriff „Naturrecht“ hat für viele heute einen ungewohnten Klang und lässt manche sogar an Sozialdarwinismus und ähnlichen Unfug denken. Beim Naturrecht geht es aber nicht darum, zu beobachten, was denn so in der Wildnis passiert und das dann nachzuahmen. Nein: Es geht darum, mit der Vernunft zu schauen, worauf ein Ding seinem Wesen (seiner Natur) nach ausgerichtet ist. Beispiel: Die Sprache ist auf die Weitergabe von Wahrheit ausgerichtet – Lügen pervertiert diesen Zweck, also ist es sozusagen „widernatürlich“, im Sinne von „gegen die göttliche Ordnung, gegen die innere Natur, den Naturzweck der Sprache“, und damit eine Sünde. Wir glauben, dass Gott sich Gedanken über den Aufbau Seiner Welt gemacht hat und halten uns an Seinen Bauplan. Gegen das Naturrecht kann genau genommen selbst Gott nicht verstoßen, weil es in Seinem eigenen Wesen begründet ist – Er könnte zum Beispiel nicht lügen oder Seine Versprechen brechen. Es wäre nicht nur falsch, sondern unmöglich für Ihn, so etwas zu tun.* (Allerdings darf und kann Gott tatsächlich auch dem Naturrecht gemäß ein paar andere Dinge tun, als Menschen dürfen. So ist Gott Herr über Leben und Tod und kann uns das Leben nehmen, ohne dass Er dadurch etwas Böses täte, während wir nicht einfach so töten dürfen. Das könnte man entfernt damit vergleichen, dass in einer menschlichen Gesellschaft der Staat Gewalt anwenden darf, die der einzelne Bürger nicht anwenden darf, was im Endeffekt zum Schutz des einzelnen Bürgers dient, oder damit, dass Eltern für ihr Kind einer Operation zustimmen dürfen, für die die Einwilligung des Kindes allein nicht genügt. Klar: Gott ist allwissend und vollkommen gut, wir nicht.)

Das Naturrecht wird auf Latein ius divinum naturale genannt, natürliches göttliches Recht. Neben dem natürlichen göttlichen Recht gibt es noch das positive (gesetzte) göttliche Recht (ius divinum positivum), d. h. die von Gott in Seiner Offenbarung gestifteten Satzungen, die Er theoretisch auch anders hätte gestalten können. Dazu gehören z. B. das Gebot, den siebten Tag zu heiligen, oder „im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen, usw. Die Bestimmungen des Naturrechts können theoretisch alle Menschen mit Gewissen und Vernunft einsehen, das positive göttliche Recht kommt erst durch Gottes ausdrückliche Anordnung. Es verpflichtet aber prinzipiell genauso aufgrund der Autorität unseres Schöpfers über uns. Dann gibt es noch das bloß kirchliche Recht (ius mere ecclesiasticum), das von der Kirche festgesetzte Recht über den Bereich, für den Gott ihr Autorität verliehen hat. Dazu gehören z. B. die Fastenbestimmungen. Außerdem gibt es noch anderweitiges positives menschliches Recht – das staatliche Recht, oder die Weisungen rechtmäßiger Vorgesetzter. Das menschliche Recht (dazu zählt auch das kirchliche) ist insofern bindend, sofern es dem göttlichen Recht nicht widerspricht, praktisch zumutbar ist und die Autoritäten rechtmäßige Autoritäten in Gottes Ordnung (Kirche, Staat, Eltern gg. minderjährigen Kindern, usw.) sind.

Verstöße gegen alle diese Formen von Recht können je nach Schweregrad entweder schwere oder lässliche Sünden sein. Weder ist ein Verstoß gegen das Naturrecht automatisch schwer, noch einer gegen das kirchliche Recht automatisch lässlich.

Aus dem Konzept des Naturrechts folgt, dass es gewisse Handlungen gibt, die absolut immer falsch sind und unter keinen Umständen ausnahmsweise gerechtfertigt werden können, weil sie gegen die Natur der Dinge sind – die sog. in sich schlechten Handlungen. Diese Handlungen können auch durch keinen noch so guten Zweck richtig werden und ziehen meistens sowieso ziemlich schlechte Folgen nach sich. Andere Handlungen wiederum sind nur aufgrund der konkreten Umstände schlecht.

Wichtig: In sich schlechte Handlungen sind nicht automatisch schlimmer als durch die Umstände schlechte Handlungen. Der Begriff bezeichnet eine bestimmte Art von Sünde, nicht den Grad ihrer Schwere. (Ein Beispiel: Lügen ist immer schlecht, das bloße Vorenthalten einer Wahrheit nicht – man ist ja nicht verpflichtet, jedem immer alles Mögliche zu erzählen, was ihn vielleicht gar nicht betrifft. Aber das Vorenthalten einer wichtigen Wahrheit, die zu wissen jemand ein Anrecht hat, kann sehr wohl schlimm sein. Eine kleine Verlegenheitslüge („Wieso kommst du schon wieder zehn Minuten zu spät?“ – „Äh – der Verkehr draußen…“) wäre offensichtlich weniger schlimm, als wenn z. B. Eltern und Arzt einem Kind das Wissen vorenthalten, dass seine Krankheit so schwer ist, dass es bald daran sterben wird.)

Auch sind nicht alle in sich schlechten Handlungen gleich schwerwiegend; es sind noch nicht einmal alle in sich schlechten Handlungen schwere Sünden – das klassische Beispiel wäre wieder die Verlegenheitslüge in unwichtiger Sache, die zwar ihrer Natur nach falsch, aber wegen ihrer Geringfügigkeit nur eine lässliche Sünde wäre.

Jetzt also noch zu diesen zwei Begriffen: schwere Sünde (=Todsünde) und lässliche Sünde. Eine Sünde ist schwer, wenn in einer wichtigenSache mit Wissenund Willen begangen (so der alte Katechismusmerkspruch). Wenn man nicht wusste, dass etwas eine schwere Sünde ist, oder wenn man irgendeinen Irrtum begangen hat, der die Sache nicht als solche aussehen ließ, war es keine schwere Sünde. Wenn man unter Drohung, Nötigung, dem Einfluss einer Sucht oder psychischen Krankheit o. Ä. gehandelt hat, beeinträchtigt das ebenfalls die Schuldfähigkeit. Aber was ist nun eine wichtige Sache? Dazu komme ich in dieser Reihe ausführlich; prinzipiell kann man sagen, dass ausdrückliche Ge- und Verbote in der Bibel (Zehn Gebote!) wichtige Markierungspunkte sind; auch die Regeln von Staat und Kirche, die diese beiden Institutionen selber als grundlegend wichtig behandeln (d. h. kirchlicherseits etwa die fünf Kirchengebote oder das Beichtgeheimnis, staatlicherseits die meisten Strafgesetze – im Unterschied zu, sagen wir mal, Details einer diözesanen Datenschutzrechtlinie oder Bestimmungen zu bloßen Ordnungswidrigkeiten) verpflichten i. d. R. unter schwerer Sünde.

Die schwere Sünde schneidet von Gott ab, weil sie in einem die Tugend der caritas (Gottes- und Nächstenliebe) ganz zerstört (was auch heißen kann, eine mit dieser zwangsläufig zusammenhängende Tugend, etwa die der Gerechtigkeit, in einem ganz zerstört) – und damit eben die heiligmachende Gnade in einem zerstört. Schwere Sünden sind wie (für die Seele) tödliche Wunden; lässliche wie Kratzer und blaue Flecke und vielleicht auch mal ein ausgeschlagener Zahn oder ein gebrochener Arm – nicht schön, aber man geht davon nicht drauf.

Wenn man allerdings kleine Sünden bewusst, beabsichtigt serienmäßig begeht (z. B. als Dieb von Laden zu Laden zieht und immer nur Waren für ein paar Euro klaut, aber insgesamt damit doch einen großen Schaden anrichtet), können die damit auch zu einer schweren Sünde werden – so, wie man an vielen gleichzeitig zugefügten kleinen Schnitten verbluten kann. Hier handelt es sich nämlich eigentlich nicht um nacheinander begangene lässliche Sünden, sondern um eine schwere Sünde auf Raten. (Ein anderes Beispiel wäre etwa, wenn man einem Familienmitglied oder Arbeitskollegen oder Mitschüler durch ständige strategische kleine Boshaftigkeiten zusetzt, die für sich genommen nur übliche Reibereien im menschlichen Miteinander wären, aber zusammengenommen viel größeren Schaden anrichten.)

Wie erlangt man die heiligmachende Gnade wieder? Gott hat als Mittel dafür die Taufe und – wenn man schon getauft ist und dann wieder schwere Sünden begeht – die Beichte eingesetzt. Er wollte Seine Gnade durch äußere Zeichen vermitteln. Natürlich funktionieren die aber auch nicht einfach so – Reue und der Vorsatz zur Besserung müssen da sein. Ein bloßes Lippenbekenntnis reicht nicht.

Was ist, wenn man keinen Priester erreichen kann? Und was ist mit Menschen, die nichts vom katholischen Glauben wissen? Nun, das ist nicht so schwer. Gott hat zwar die Sakramente eingesetzt, und im Gehorsam Ihm gegenüber halten wir uns an sie, aber Er selbst ist ja nicht nur an sie gebunden, sondern kann Seine Gnade auch anderweitig austeilen, wo die Leute nicht zu ihnen gelangen.

Hier kommt der Begriff der „Liebesreue“ (lat. contritio) ins Spiel: Wenn man eine schwere Sünde begangen hat und dann einen „Akt der Reue setzt“ (hey, ich halte mich nur an die Fachbegriffe), also Reue erweckt, sich vornimmt, sie nicht mehr zu begehen, und (wenn man katholisch ist und um die Wichtigkeit der Beichte weiß) sich vornimmt, sie zu beichten, wenn man die Gelegenheit dazu hat, dann wirkt schon Gottes Gnade in einem. Die Liebesreue wird auch „vollkommene Reue“ genannt, aber eigentlich ist der Begriff der „Liebesreue“ passender; der Punkt bei dieser Reue ist nämlich nicht, dass sie so perfekt sein muss, wie es nur geht, sondern dass sie aus Liebe zu Gott hervorgeht. Eine Stufe drunter gäbe es nämlich die sog. „Furchtreue“ („unvollkommene Reue“, lat. attritio), die eher aus Furcht vor der Hölle hervorgeht. Die Furchtreue ist nicht schlecht – sie ist ein unvollkommener Anfang. In der Beichte selber genügt sie für die Vergebung der Sünden. (Wieso genügt in der Beichte etwas, das sonst nicht genügt? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht, weil Gott es uns anrechnen will, wenn wir uns immerhin überwinden müssen, die Sünden laut zu bekennen?) Liebesreue heißt, dass man es bereut, den liebenden Vater im Himmel mit einer schlechten Tat verletzt zu haben; Furchtreue fürchtet bloß die strafende Gerechtigkeit Gottes. (Sie meint allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun“, sondern eher „Ja, ich weiß irgendwo schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Motivation, zur Beichte zu gehen, ist gerade eher Angst vor der Hölle“.) Wichtig: Für echte Reue muss man nicht intensive Gefühle in sich heranzüchten. Gefühle sind sicher mal eine Hilfe, aber vor allem ist Reue eine Sache des Willens. Man muss sich einfach bewusst machen, dass etwas tatsächlich falsch war und den guten und gerechten Gott verletzt hat, und sich Besserung vornehmen – das ist Liebesreue. Ach ja, die Liebesreue kann übrigens auch zusammen mit einer gewissen Furcht vor der Hölle existieren. Man kann sowohl die „unvollkommene“ als auch die „vollkommene“ Motivation dafür, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, in sich haben. Wäre ja auch nicht sehr schön, wenn man keine Liebesreue erlangen könnte, solange man noch irgendeine Furcht vor der Hölle spürt.

Wenn man eine schwere Sünde auf dem Gewissen hat, darf man vor der nächsten Beichte nicht zur Kommunion gehen – bevor man sich wieder mit Jesus vereinigen kann, muss man sich richtig mit Ihm versöhnt haben, auch äußerlich im Sakrament der Beichte. (Nur in Ausnahmefällen genügt die bloße Liebesreue, um zu kommunizieren – aber dazu in einem anderen Teil.)

Was ist, wenn man eine Sache fälschlich für eine schwere Sünde hielt, als man sie beging, und erst später gehört hat, es sei nur eine lässliche Sünde? Es kommt darauf an. Prinzipiell bestimmen schon die eigenen Intentionen, wie gut oder schlecht das eigene Handeln war – man war bereit, etwas zu tun, das man für eine schwere Sünde hielt. Der Apostel Paulus befasst sich im Römerbrief mit einer solchen Frage: Eigentlich ist es keine Sünde, auf dem Markt Fleisch zu kaufen, das von in heidnischen Tempeln geopferten Tieren stammt; aber wenn jemand überzeugt ist, es sei Sünde und es trotzdem tut, dann sündigt er dabei. (Und deshalb sollen die anderen Christen darauf Rücksicht nehmen, welches Beispiel sie solchen Leuten geben, und nicht Götzenopferfleisch essen, wenn sie dadurch einem anderen den Anschein gäben, sie würden es mit dem Glauben nicht so genau nehmen.) Andererseits werden offensichtlich harmlose oder wenig schlimme Handlungen auch nicht so schnell so furchtbar schlecht, weil man sich darüber irrt, wie schlecht sie wären. Sagen wir, jemand glaubt aufgrund falscher religiöser Erziehung, jede noch so geringfügige Lüge, Alkoholkonsum in egal welcher Menge, und jeder Widerspruch gegenüber den Eltern / Streit mit ihnen sei schwere Sünde. Das ist offensichtlich falsch; die letzten beiden Dinge müssen nicht mal lässliche Sünden sein. Und das spürt man auch irgendwo. (Es gibt ja eine bestimmte Sorte Protestanten, die die Lehre vertreten, jede Sünde sei gleich schwer; das sagen sie sich sicher, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es wirklich innerlich glauben – und in der Praxis behandeln sie Mord und Ruhestörung auch nicht wie dasselbe.) Ein solcher Mensch würde nicht automatisch eine schwere Sünde begehen, weil ihm halt doch mal ein böses Wort gegenüber den Eltern herausrutscht. Gerade, wenn man ein hyperaktives (skrupulöses) Gewissen hat, das einem sagt, alles und jedes müsse bestimmt schwere Sünde sein, kann es gut sein, dass etwas, das man zu dem Zeitpunkt, als man es tat, für schwere Sünde hielt, doch keine war, auch subjektiv nicht.

Was, wenn man sich zu dem Zeitpunkt, zu dem man etwas getan hat, nicht sicher war, ob es schwere oder lässliche Sünde war? Nun, dann war man zumindest bereit, eine potentiell schwere Sünde zu begehen. Zweifelhaft schwere Sünden müssen vom Prinzip her nicht gebeichtet werden; hier gelten aber auch die Regeln für Zweifelsfälle aus Teil 1 dieser Reihe. Wenn man dabei immer noch zu keiner wahrscheinlichen Einschätzung kommt, sollte man am besten einfach beichten und in der Beichte nachfragen, was diese Tat allgemein ist.

Was, wenn einem tatsächlich erst hinterher eingefallen ist, etwas könnte schwere Sünde gewesen sein? Dann war es im Normalfall keine schwere Sünde – außer, man hätte es eigentlich klar sehen müssen und hat sich selber blind gestellt. Das ist manchmal schwierig zu bestimmen. Tut mir leid für die Vagheit an dieser Stelle. Vielleicht im späteren Verlauf der Reihe mehr zum Thema Gewissensbildung.

Wir kennen den Ausdruck der Sünden „in Gedanken, Worten und Werken“. Wann werden bloß gewünschte oder geplante oder angekündigte oder angedrohte Sünden zu Sünden?

Die feste Absicht, eine schwere Sünde zu begehen, ist selbst schwere Sünde. Der feste Wunsch, eine schwere Sünde zu begehen, von dessen Ausführung man nur (nicht auch, sondern nur) wegen dem Gedanken an die Konsequenzen (Rufschädigung, Gefängnis, was auch immer) zurückschreckt, und nicht, weil man weiß, dass besagte Sünde falsch ist, ist selbst schwere Sünde. Etwas schwieriger ist der Fall beim bewussten Schwelgen in Phantasien (im Unterschied zu ungewollten Gedanken, die einem halt so kommen) über schwere Sünden (z. B. Gewalt- oder Sexphantasien), die man aber nicht in die Tat umzusetzen beabsichtigt. Im Bereich des sechsten Gebots sind hier am ehesten schwere Sünden zu befürchten. Generell besteht aber schon noch ein Unterschied zur ausgeführten Tat. Aber dazu in einem anderen Artikel mehr.

Leere Drohungen („Geld her oder ich schieße!“, „Wenn du nicht vor Gericht für mich lügst, schmeiß ich dich raus!“) sind die eigenständige, je nach den Umständen schwere oder lässliche Sünde der Erpressung; Drohungen, die auch die tatsächliche feste Absicht beinhalten, eine schwere Sünde zu begehen sind selbst schwere Sünde (noch zusätzlich zur Erpressung) – wenn auch vielleicht nicht ganz so schwer wie die tatsächlich begangene Tat (es hätte ja sein können, dass man vor der Tat dann doch zurückgeschreckt wäre).

Zwei andere Dinge sind noch wichtig. Erstens: Was ist, wenn man zu fremden Sünden beiträgt oder an ihnen mitwirkt?

Zu fremden Sünden beitragen kann man natürlich entweder durch direkte Anstiftung/Verführung/Nötigung (was eine schwere Sünde ist, wenn zu schweren Sünden angestiftet/verführt/genötigt wird), oder aber, indem man „Ärgernis gibt“. Das hat nichts mit „jemand anderen ärgern“ zu tun – es heißt eher so etwas wie „einem anderen Anlass zur Sünde werden“, oft in der Form von „ein schlechtes Beispiel geben, wodurch andere zu einer Sünde verleitet werden“. Ein Beispiel: Anna, die aus einer katholischen Familie kommt, übernachtet immer mal wieder bei ihrem Freund; obwohl die zwei dabei tatsächlich nicht miteinander schlafen, gehen Annas jüngere Geschwister davon aus, dass sie es wohl täten (v. a., weil Anna nichts Gegenteiliges klarstellt); weil sie sich ihre ältere Schwester zum Vorbild nehmen und allgemein den Eindruck haben, dass die ja trotzdem noch eine gute Katholikin sei, nehmen sie selber das Thema Keuschheit jetzt weniger wichtig. Ein anderes Beispiel wäre die oben erwähnte Götzenopferfleischproblematik. Wenn man ohne rechtfertigenden Grund (so einen Grund kann es geben – sagen wir, Anna musste bei ihrem Freund übernachten, weil sie den letzten Bus zurück zu sich nach Hause verpasst hat, oder man kauft Götzenopferfleisch, weil es sonst nichts anderes mehr auf dem Markt gibt und man Essen braucht) andere zu der naheliegenden Annahme verleitet, man würde schwere Sünden begehen und die als kein moralisches Problem sehen, dann kann das eine lässliche oder schwere Sünde sein (je nachdem, wie sehr der andere einen z. B. als Vorbild nimmt). Man kann auch auf andere Weise zu Sünden verleiten – z. B. kann man jemanden dazu verleiten, einen zu hassen, indem man ihn schlecht behandelt. Auch diese Art der Provokation zu Sünden ist ernst zu nehmen – auch, wenn man die Reaktionen anderer auf das eigene Handeln nicht immer kontrollieren kann und manchmal auch Dinge tun muss, die andere missverstehen könnten o. Ä., sollte man die natürlicherweise, auch bei grundsätzlich wohlwollenden Menschen, erwartbaren Reaktionen anderer auf das eigene Handeln einkalkulieren, und, wenn es möglich ist, darauf Rücksicht zu nehmen.

Etwas anderes ist die Mitwirkung an einer Sünde, wobei man die materielle und die formelle Mitwirkung unterscheiden muss. Formelle Mitwirkung ist direkte Mitwirkung an einer schlechten Tat selber, wobei die eigene Tat einen unverzichtbaren Bestandteil der Handlung darstellt oder eine ausdrückliche Gutheißung dieser Tat bedeutet. Materielle Mitwirkung ist periphere Mitwirkung, die nicht zu der Handlung selber gehört; hier wird eine an sich gute oder moralisch neutrale Handlung durch einen anderen missbraucht und in den Dienst seiner Sünde gestellt. Formelle Mitwirkung wäre etwa die Hilfe eines Assistenzarztes bei einer Abtreibung; materielle Mitwirkung wäre die Versorgung einer Frau nach einer Abtreibung, oder das Putzen des Operationsraums vorher. Eigentlich wäre z. B. auch der klassische Fall des Blumenschmucks für eine Schwulenhochzeit nur materielle Mitwirkung (der Blumenschmuck ist nicht nötig für die Trauung und der Florist drückt damit nicht zwangsläufig seine Zustimmung zu ihr aus; einen Raum mit Blumen zu schmücken ist an sich moralisch indifferent). Ein anderes Beispiel für materielle Mitwirkung wäre die Arbeit einer Angestellten in einem Supermarkt, wo Kondome verkauft werden – dabei beteiligt man sich nicht direkt an der Tat der künstlichen Empfängnisverhütung -; die eines Taxifahrers, dessen Kunden sich auch ins Rotlichtviertel fahren lassen; oder die eines Winzers oder Weinhändlers, der weiß, dass seine Produkte sowohl von Leuten, die ein wenig mit ein paar Gläsern Wein feiern wollen, als auch von Alkoholikern, die sich zusaufen und ihre Gesundheit ruinieren, gekauft werden werden. Oder das klassische Beispiel: Der Kauf von Waren von einem Unternehmen, das seine Angestellten schlecht behandelt oder in andere unethische Dinge involviert ist.

Formelle Mitwirkung ist nie in Ordnung, materielle Mitwirkung lässt sich nicht immer vermeiden (man versuche mal, nur bei ethisch völlig sauberen Unternehmen einzukaufen) und kann in Ordnung sein, wenn es entsprechend gewichtige Gründe gibt, die sie nötig machen (z. B. als Florist nicht wegen Diskriminierung verklagt zu werden). Je entfernter die Mitwirkung, desto leichter ist sie zu rechtfertigen. Außerdem muss man sich fragen, ob man die schlechte Tat verhindern könnte, indem man die Mitwirkung verweigert; ob man eine besondere Verantwortung hat, sie zu verhindern; wie schwerwiegend sie in sich ist; ob es von anderen so betrachtet werden wird, als hätte man durch seine Mitwirkung seine Zustimmung zu der Tat gegeben.

Bloße Mitwirkung ist generell nicht so schwer wie die Sünde selbst; aber trotzdem dürfte die formelle Mitwirkung an einer schweren Sünde meistens schwere Sünde sein.

In diese Ecke gehören auch die Handlungen mit Doppelwirkung. Es geht hier um Handlungen, die eine gute und eine schlechte Wirkung erzielen, von denen erstere intendiert ist und letztere nicht. Man könnte auch „Handlung mit einer schlechten Nebenwirkung“ sagen. Auch in der Medizin gibt es ja Medikamente, die alle möglichen Nebenwirkungen haben. Wenn jetzt ein Arzt einem Patienten ein Antibiotikum gibt, mit der Intention, dessen Infektion zu heilen, dann ist das eine gute Handlung, auch wenn der Patient davon auch nicht intendierte Verdauungsstörungen bekommt; wenn man jemandem dagegen etwas geben würde, damit er Verdauungsstörungen bekommt, wäre das, nun, nicht gerade nett. (Ehrlich, absolut nicht nett. Take it from jemandem, der chronische Probleme mit so was hat.) Es ist offensichtlich, dass die intendierte Wirkung und die Nebenwirkung in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen – so, wie auch bei einem Medikament die Nebenwirkungen nicht mehr schaden sollten als das Medikament nützt. Beispiel für erlaubte Handlungen mit Doppelwirkungen wären etwa:

  • Eine schwangere Frau ist schwer krank und nimmt Medikamente, die ihrem ungeborenen Kind schaden können.
  • Eine Frau nimmt die Pille zur Behandlung einer Krankheit (z. B. Endometriose); die resultierende Unfruchtbarkeit ist eine unerwünschte Nebenwirkung.
  • Ein Staat setzt eine bestimmte Wirtschaftgesetzgebung (z. B. zu Steuern, Zöllen, Mindestlohn…) in Kraft, die Gruppe A sehr hilft und Gruppe B unbeabsichtigterweise etwas schadet.
  • In einem gerechten Krieg wird eine Waffenfabrik des Gegners bombardiert; dabei sterben, was nicht beabsichtigt war, auch Zivilisten, u. a. sogar Zwangsarbeiter, die Kriegsgefangene des Gegners waren und dort arbeiten mussten.
  • Extremes Beispiel: Eine Eileiterschwangerschaft: Ein Embryo hat sich im Eileiter der Mutter statt in ihrer Gebärmutter eingenistet; das natürliche Resultat, wenn man nichts tut, wäre, dass der Eileiter irgendwann reißen würde, wobei das Kind sicher sterben würde und die Mutter vielleicht. Ein Arzt entfernt den Eileiter oder das Kind aus dem Eileiter; das Kind stirbt dabei, weil es noch zu klein ist, um draußen zu überleben. Wenn schon künstliche Gebärmütter entwickelt wären, in die man das Kind setzen könnte, oder wenn es möglich wäre, das Kind aus dem Eileiter in die Gebärmutter der eigenen Mutter zu setzen, würde man aber eine dieser Optionen wählen; das Ziel ist nicht, das Kind zu töten, sondern die Mutter zu heilen; und das Kind hätte sowieso keine Überlebenschance (bei einer Eileiterschwangerschaft gar keine, bei einer Bauchhöhlenschwangerschaft immerhin eine sehr geringe).

Bei Handlungen mit Doppelwirkung muss man sich einfach immer fragen: Würde ich diese Handlung auch noch ausführen, wenn die schlechte Wirkung dank irgendwelcher neuer Umstände nicht auftreten würde? Wenn ja, kann die Handlung erlaubt sein. Wenn dagegen die schlechte Wirkung selber, wenn auch z. B. als Mittel zu einem anderen guten Zweck, gewollt ist, dann kann sie nicht erlaubt sein. Ein Beispiel: Der Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki war nicht moralisch erlaubt, weil die vielen zivilen Opfer keine unerwünschte Nebenwirkung waren, sondern direkt intendiert, wenn auch zu dem guten Zweck, Japan schnell zur Kapitulation zu bewegen und noch höhere Zahlen an Kriegstoten zu vermeiden.

Wenn ein Leser sich mit diesen quasi „gesinnungsethischen“ Konzepten (es gibt in sich schlechte Handlungen, der Zweck heiligt nicht die Mittel) noch schwer tut, empfehle ich diesen sehr lesenswerten Aufsatz von Robert Spaemann (RIP).

 

* Daraus ergäbe sich freilich die Frage: Ist Er dann noch allmächtig, wenn Er manches nicht tun kann? Ja, ist Er. Gott kann alles tun, außer das, was in sich unsinnig oder widernatürlich wäre, weil das Unsinnige und Widernatürliche eigentlich gar keine wirkliche Existenz in sich hat, sondern eine bloße Negation ist. Eine solche Negation ist nur uns nicht-göttlichen Geschöpfen (Engeln, Menschen) möglich. Gott ist das pure Sein, das pure Gute, die pure Vernunft, die pure Schönheit – wir sind ein Stück von Ihm entfernt.

Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2b: Rahab

So, jetzt weiter mit Francine Rivers‘ Roman um Rahab.

Die erste Szene des nächsten Kapitel beginnt bei Rahab in Jericho, die Vorräte für eine längere Belagerung anlegt und ihrem Vater und ihren Brüdern weiterhin predigt, nicht auf den König zu setzen, sondern auf Gott. Dann wechselt der Schauplatz und wir sind bei Salmon im Lager der Israeliten. Das Manna, das Gott regnen lässt, wird allmählich weniger, und Salmon denkt gleichzeitig mit Vorfreude an das Gelobte Land und mit Wehmut an sein bisheriges Leben in der Wüste:

„O Gott, lass uns treu bleiben!, betete er. Lass uns nicht wieder so unmündig wie quengelnde Kinder werden! Lass die Siege, die du uns schenken wirst, uns nicht zu Kopfe steigen. Die Sünden unserer Väter sind uns stets bewusst. Wenn sie nur ein für alle Mal ausgelöscht werden könnten, sodass wir so vor dir stehen können wie eins Adam und Eva, als du sie erschaffen hast…“ (S. 174f.)

Salmon ist halt der ideale Protochrist.

Nun brechen die Israeliten das Lager bei Schittim ab und ziehen zum Jordan. Dort weicht der Fluss vor der Bundeslade zurück und sie ziehen hinüber und richten zum Andenken zwei Steinmale mit Steinen aus dem Fluss auf.

Von Jericho aus sieht man die Israeliten den Fluss durchqueren; auch Rahab sieht es aus ihrem Fenster. „Angst, Begeisterung und Ehrfurcht durchfluteten sie. Sie lachte und weinte gleichzeitig, ihr Herz hämmerte, und sie lehnte sich so weit aus dem Fenster, dass sie fast hinausfiel. Ein Wunder. Sie sah ein Wunder!“ (S 178) Die Menschen, die wie Rahabs Familie vor den Stadtmauern Jerichos wohnen, kommen jetzt entsetzt zur Stadt gelaufen, und am Tor entsteht Gedränge und Panik, Rahab sieht, wie ihre Mutter sich verzweifelt abmüht, einige Bündel mitzuschleppen, und ist wütend, dass sie sie nicht einfach fallenlässt. Aber schließlich findet sich doch ihre gesamte Familie in ihrem Haus ein. Rahabs Vater ist entsetzt: „‚So etwas hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht vorstellen können.‘ Er ballte die Fäuste, sein ganzer Körper steif vor Angst. ‚Noch nie habe ich solch einen furchtbaren Gott gesehen!'“ (S. 181) Rahab beruhigt ihn wieder.

Doch noch geht es nicht mit der Eroberung los. Im Lager der Israeliten werden erst noch alle Männer und Jungen beschnitten, die während der Zeit in der Wüste geboren sind. (Vgl. Jos 5,4-6: „Josua nahm die Beschneidung vor, weil das ganze Volk, das aus Ägypten ausgezogen war, das heißt die Männer, alle Krieger, nach ihrem Auszug aus Ägypten auf dem Weg durch die Wüste gestorben waren. Als das Volk auszog, waren alle beschnitten. Alle aber, die nach dem Auszug aus Ägypten unterwegs in der Wüste geboren wurden, hatte man nicht beschnitten. Denn vierzig Jahre lang wanderten die Israeliten durch die Wüste.“) Und dann wird noch das Passahfest gefeiert; Salmon feiert mit seinen Geschwistern. Sein Bruder Aminadab erzählt den Kindern die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und daraus ergibt sich ein Streit über Rahab:

„‚Ganz Ägypten wurde schwer geschlagen, weil das Herz des Pharaos verhärtet war‘, erklärte Aminadab. ‚Er hatte weder Erbarmen mit Israel noch mit seinem eigenen Volk.‘

‚Einige von ihnen sind mit uns gezogen‘, warf Naschon ein.

Aminadabs Augen blitzten. ‚Ja, aber die meisten starben in der Wüste, weil sie ihre Götzen nicht aufgeben konnten.‘ Er sah Salmon an. ‚Sie führen unser Volk in die Irre.‘

‚Salmon errötete heftig. Alle im Raum hatten von Rahab gehört. ‚Unser eigenes Herz ist es, das uns in die Irre führt‘ sagte er leise. ‚Gott sagt: ‚Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.‘

‚Ich kenne das Gesetz‘, sagte Aminadab.

‚Rahab kennt nicht den Buchstaben des Gesetzes, aber sie gehorcht ihm dennoch, weil ihr Herz Gott erkannt hat.‘

Amindadab ließ sich nicht besänftigen. ‚Es ist nicht gut, wenn wir Fremde unter uns haben. Sie bringen ihre falschen Götter mit und verursachen Unruhe!‘

‚Das stimmt‘, sagte Salmon. ‚Aber wenn sie ihre falschen Götter ablegen und den Herrn lieben, sind sie keine Fremden mehr.‘

Aminadabs Augen blitzten wieder. ‚Und wie willst du wissen, ob sie es ehrlich meint? Wie kannst du einer Frau glauben, die sich anderen Göttern hingegeben hat – ganz zu schweigen von anderen Männern?‘

‚Wer?‘ meldete sich ein Kind, doch niemand reagierte.

‚So wie unsere Väter und Mütter sich dem Goldenen Kalb hingegeben haben?‘ Salmon hatte jetzt Mühe, seinen Zorn zu zügeln. ‚Du vergisst ja schnell unsere eigene Schwäche und siehst nur die der anderen, die nicht den Segen der Gegenwart Gottes gehabt haben!'“ (S. 191f.)

Blitzende Augen. Das ist so eine dieser Phrasen aus dem Standartrepertoire von Romanautoren, die ich gerne verschwinden lassen würde. Wie soll ’n das aussehen, Augen sind keine Blitzgeräte.

Aminadab behauptet, Rahab am Leben zu lassen wäre eine Gefahr für sie, während Salmon weiter darauf besteht, dass Gott Rahab retten wolle und auch die Israeliten Seiner Gnade und Auserwählung nicht würdig gewesen seien. Der Herr hat uns errettet. Der Herr hat uns zu seinem Volk gemacht. Unsere Erlösung gründet nicht darauf, wer wir sind, sondern darauf, wer er ist.“ (S. 193) Mrs. Rivers sollte wirklich lieber Predigten als Romane schreiben, die Rhetorik passt schon mal. (Ehrlich, für eine Sonntagspredigt in der Kirche wäre das kein schlechter Anfang.)

In der Zwischenzeit bei Rahab. Rahab zerstört eine tönerne Götterfigur, die ihre Schwester Hagri mit in ihr Haus gebracht hat und predigt ihr wütend, dass diese keine Macht habe.

„‚Wenn dieses Ding Macht hätte, hätte es sich dann von mir aus dem Fenster werfen lassen? Benutze doch mal deinen Kopf, Hagri. Glaubst du im Ernst, so ein Götze kann uns etwas antun? Das ist eine Tonfigur, sonst nichts. Es gibt nur einen Gott, und er ist der Gott des Himmels und der Erde. Der Gott, der vor ein paar Tagen den Jordan zurückgedrängt hat! Hast du das so schnell vergessen? Wirf dich vor ihm nieder!‘

Ihre Eltern und Geschwister standen da und starrten sie mit offenem Mund an. Sie war so wütend, dass sie zitterte, aber sie merkte, dass sie mit Schreien nichts erreichen würde.

 Sie zwang sich, ruhiger zu sprechen. ‚Unsere einzige Hoffnung ist der Gott der Hebräer. Wir müssen uns von allem trennen, was ihn beleidigt. Habt ihr noch andere Götzenfiguren dabei?‘ Sie sahen sie stumm an, und sie platzte fast. ‚Kommt, zeigt mir alles! Zeigt mir, was für Scheußlichkeiten ihr noch mit in mein Haus gebracht habt!‘

Sie begannen zögernd, ihre Sachen hervorzuholen. Waheb, Hagris Mann, legte einen mit Ton gefüllten Totenschädel, in dessen Augenhöhlen Muschelschalen lagen, auf den Tisch. ‚Mein Vater‘, erklärte er. ‚Er war ein weiser Mann.‘

‚Weise und tot.‘

‚Unsere Ahnen geben uns Hilfe und Rat!‘

‚Wozu? Damit wir so werden wie sie? Glaubst du, dieser Totenschädel voll Dreck kann dir sagen, wie du dem kommenden Gericht entfliehen kannst? Wirf ihn weg!‘

‚Das ist mein Vater!‘

‚Dein Vater ist tot, Waheb. Warum habt ihr seinen Kopf nicht mit ihm begraben?'“ (S. 184f.)

Rahab droht schließlich sogar, Waheb und seine Familie hinauszuwerfen, wenn sie den Schädel nicht zerstören, und weist noch einmal auf das echte göttliche Wunder am Jordan hin, das sie gesehen haben. Schließlich gibt Waheb nach, und Rahabs Vater bringt dann auch noch seine Frau dazu, den Götzenschrein und die Ahnenschädel, die sie mitgebracht hat – das war in den schweren Bündeln – auszupacken.

„Rahab schauderte. Sie erinnerte sich noch gut daran, welche Angst die Totenschädel ihrer Ahnen mit ihren leeren Augen ihr als Kind eingejagt hatten. Sie hatten einen Ehrenplatz in der Hütte ihres Vaters gehabt – gruselige Erinnerungen an vergangene Generationen.

‚Können wir nicht wenigstens den Schrein behalten?‘ fragte ihre Mutter.

‚Warum?‘, sagte Rahab.

‚Er ist kostbar. Dies ist Elfenbein, und diese Steine hier…'“ (S. 187)

Äh, was? Ich dachte, das soll eine arme Bauernfamilie sein. Rahab jedenfalls schert sich nicht um das Elfenbein, das ihre Familie unlogischerweise besitzt:

„‚Er würde uns nur an die Götzen erinnern, die darin gewesen sind.‘

Ihr Vater warf den Schrein aus dem Fenster hinaus. Er prallte auf, und die steinerne Statue in ihm rollte heraus und den Wall hinunter. Als Nächstes warf ihr Vater die Schädel hinunter. Einer nach dem anderen krachten sie auf die Steine.“ (Ebd.)

Während Rahabs Gleichgültigkeit gegenüber irdischen Kostbarkeiten ja sehr lobenswert ist und Nekromantie jetzt auch nicht gerade toll ist, ist das hier trotzdem schlicht und ergreifend Leichenschändung. Wieso die Schädel nicht im Hinterhof begraben, oder so? Wahebs Instinkt, seinen toten Vater ehren zu wollen, indem er die Leiche ehrt, ist eben gerade nicht falsch, sondern sehr richtig; erst dann, wenn man Leichenteile als Glücksbringer verwendet oder Totengeister zur Zukunftsweissagung heraufbeschwören will (wie das etwa Saul in 1 Sam 28 tut), wird es falsch. Mrs. Rivers, die als Christin schon die Hoffnung auf die Auferstehung des Leibes kennen sollte, sollte das eigentlich sehr genau wissen, und selbst in alttestamentlichen Zeiten, als man diese Hoffnung noch nicht hatte, wusste man, dass ein Körper nicht einfach nur eine wertlose äußere Hülle für die Seele war (wie einige spätere griechische Philosophen glaubten), sondern wirklich zu einem Menschen gehörte und Achtung verdiente.

Aber gut. Protestanten haben ja ein seltsames Verhältnis zu den Toten. Sie halten es ja auch jetzt noch für Nekromantie, Seelen im Himmel um ihre Fürsprache bei Gott zu bitten, und das nach dem Abstieg Christi ins Totenreich und der Befreiung der Seelen aus demselben.

(Christliche Eschatologie ist ein bisschen komplizierter als „nach dem Tod ist die Seele im Himmel“, ja.)

Auch Rahab spürt, wie Salmon, eine Sehnsucht nach Reinigung von Schuld: „Was hatte sie nicht alles für unsichtbare Götzen und Talismane gehabt  ihr Streben nach Geld und Sicherheit; ihre Fähigkeit, innerlich aus ihrem Körper herauszutreten, während unzählige Männer ihn benutzten; ihre Bereitschaft, einem König zu dienen, der sein Volk als seinen persönlichen Besitz betrachtete. Oh, wenn sie nur noch einmal von vorn anfangen, ein neues Geschöpf werden könnte! Wenn sie nur gereinigt werden könnte von all dem Schmutz, sodass sie in Dankbarkeit und ohne Scham vor diesem Gott niederfallen konnte!“ (Ebd.)

Sie und ihre Familie hören die Geräusche des Festes aus dem Lager der Israeliten, und während der Angriff noch auf sich warten lässt, werden Rahabs Angehörige nervös. Ob die Israeliten überhaupt angreifen werden, nachdem sie die Mauern gesehen haben? Oder sollten sie vielleicht doch versuchen, aus der Stadt zu fliehen, bevor der Angriff kommt? Rahabs Mutter regt sich darüber auf, dass Rahab ständig über Gott redet. Alle sind eben nervös und hocken zu eng aufeinander. Spannenderes passiert bei ihnen dann auch nicht mehr. Tatsächlich hätte man in die Geschichte – deren Ende die Leserinnen ja eh schon kennen – an dieser Stelle noch ein bisschen zusätzliche Spannung bringen können, z. B. indem ein Mann der Stadtwache entdeckt, dass Rahabs Familie Götterstatuen zerstört hat und sie für diesen gefährlichen Frevel beim König anzeigt; oder der König Rahabs männliche Angehörige auf die Stadtmauern holen will, damit sie bei der Verteidigung Jerichos helfen; oder der König Rahab das Angebot schickt, während der Belagerung in seinen Palast zu kommen, damit sie dort sicherer ist; oder oder oder… Aber gut, das wäre vielleicht auch etwas viel dichterische Freiheit.

Wir bekommen noch eine kurze Szene, die auf folgender Bibelstelle beruht: „Als Josua bei Jericho war und die Augen erhob, schaute er und siehe: Ein Mann stand vor ihm, mit einem gezückten Schwert in der Hand. Josua ging auf ihn zu und fragte ihn: Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden? Er antwortete: Nein, ich bin der Anführer des Heeres des HERRN. Ich bin soeben gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, um ihm zu huldigen, und fragte ihn: Was befiehlt mein Herr seinem Knecht? Der Anführer des Heeres des HERRN antwortete Josua: Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort, wo du stehst, ist heilig. Und Josua tat es.“ (Jos 5,13-15)

Rahab sieht beim ersten Morgenlicht aus dem Fenster und sieht einen alten Mann – Josua -, der seltsamerweise „[i]n Bogenschützenreichweite von der Stadtmauer“ steht, und dann, als sie ein zweites Mal hinsieht, einen jüngeren Mann, einen Soldaten, bei ihm. Sie beobachtet, wie Josua niederfällt und seine Schuhe auszieht. Nachdem sie kurz vom Fenster weggegangen ist, um ihren Bruder Mizraim zu holen, ist der jüngere Mann wieder fort, als sie zurückkehrt, und der alte kehrt ins israelitische Lager zurück. Sie ahnt, dass es nun losgehen wird mit der Eroberung.

Im nächsten Kapitel ist es dann tatsächlich allmählich so weit. Die Israeliten ziehen, wie ihnen geboten wurde, schweigend und die sieben Widderhörner blasend mit der Bundeslade um Jericho. Rahab hat schon davon gehört, was die Bundeslade ist, und erklärt es ihrer Familie – und auch, dass man Gott nicht beherrschen könnte, indem man die Bundeslade erbeuten würde, weil Gott sich nicht darin einsperren ließe. Wie schon mal gesagt: Wenn die Leute sich öfter so akkurates theologisches Wissen durch Hörensagen erwerben würden, wäre es wirklich schön. Zum Erstaunen der Bewohner Jerichos ziehen die Israeliten wieder ab, nachdem sie die Stadt umrundet haben.

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(James Tissot, The Seven Trumpets of Jericho, Gemeinfrei.)

„‚Sie gehen wieder! Sie gehen wieder!‘, kamen die Schreie von der Mauer, als die israelitische Armee zurück in die Ebene marschierte. Die Soldaten Jerichos riefen und lachten und johlten.

Rahab zuckte zusammen, als sie die Spottrufe hörte, mit denen sie die fortmarschierende Armee und ihren Gott bedachten. Wussten diese Männer nicht, dass sie ihre Eroberer verspotteten? Sie hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Wie sie sich schämte über ihr Volk, über seinen Hochmut, über seine Verachtung vor dem allmächtigen Gott. Wenn sie nur ein bisschen Verstand gehabt hätten, sie hätten Boten mit Geschenken zu den Israeliten geschickt! Der König selbst wäre hinausgegangen, um dem Gott Israels seine Aufwartungen [sic] zu machen! Das Volk hätte die Tore Jerichos geöffnet und den Herrn des Himmels und der Welt willkommen geheißen. Doch stattdessen hatten diese stolzen, dummen Menschen die Stadt verriegelt und verrammelt und zu einem Grab gemacht.“ (S. 200)

Nun ja. Ich will jetzt wirklich nicht die Jerichoaner zu den Guten erklären – für die Gründe siehe den ersten Teil dieser Rezension – aber aus ihrer Sicht ist es doch nicht unlogisch, dass sie noch hoffen, dass ihre Götter doch noch etwas gegen diesen israelitischen Gott ausrichten werden, auch wenn der gerade erst den Jordan aufgehalten hat, und dass sie sich nicht einfach ihren Feinden ergeben wollen. Sie sind, wie gesagt, nicht die Guten der Geschichte, aber sie handeln auch nicht uneingeschränkt frei. (An dieser Stelle nochmal ein allgemeiner Aufruf zu einem Ave Maria für Jerichos Tote.)

Rahabs Familie meint zuerst wie alle anderen, die Israeliten würden nun endgültig abziehen, doch Rahab wankt nicht in ihrer Überzeugung, dass sie zurückkehren würden.

Und natürlich kehren sie an den nächsten Tagen zurück und marschieren wieder und wieder um die Stadt. Hier bekommen wir wieder Salmons Perspektive, der mitmarschiert, zu Rahabs Fenster hinaufsieht und sehnsüchtig und besorgt an sie denkt, während die Soldaten Jerichos die israelitische Armee verspotten. Und dann kommt am siebten Tag ein anderer Marschbefehl als zuvor:

„Heute also würde der Kampf beginnen. Heute würde er sich einen Weg in die Stadt bahnen, Rahab finden und sie und die Ihren in Sicherheit bringen, bevor das Gericht über sie kam.

Denn heute würde Jericho fallen!“ (S. 205)

Diesmal ziehen die Israeliten nicht nur ein, sondern sieben Mal um die Stadt. Rahab ist aufgeregt, als sie merkt, dass sie nicht nach einer Runde wieder abziehen, und fordert ihre Familie auf, sich festlich anzuziehen. „Sollten wir unsere Befreier mit staubigen Gesichtern und schmutzigen Kleidern begrüßen? […] Heute ist der Tag unserer Erlösung!“ (S. 206) Echt jetzt. Dass an diesem Tag all ihre Nachbarn der Tod erwartet, scheint Rahab inzwischen nicht mehr zu kümmern.

Es geht mir hier nicht um Schuld oder Verbrechen. Das ist – siehe Teil a – ein komplizierteres Thema. Aber sie scheint all das nicht einmal als etwas Tragisches, Betrauernswertes zu sehen. Ich nehme es den Russen, die im 2. Weltkrieg meinen Großonkel getötet haben, auch nicht übel, was sie getan haben – sie haben einen gerechten Verteidigungskrieg geführt –, aber trotzdem kann ich es schlimm finden.

Die Reaktion von Rahabs Familie? Stöhnen und genervte Hinweise darauf, dass sie das auch schon die vorigen Tage gesagt habe. Auch hier keine Trauer.

Wir sind wieder draußen bei den Israeliten. Josua befiehlt, nach der siebten Runde ein Kampfgeschrei zu erheben, die Stadt zu stürmen und als Opfer für den Herrn völlig zu zerstören, nur die metallenen Geräte in den Schatz des Herrn zu bringen und die Dirne Rahab zu verschonen. Die Mauern stürzen ein, wie wir alle wissen, nachdem sie das Kriegsgeschrei erhoben haben, und die Israeliten erstürmen die Stadt.

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(James Tissot, The Taking of Jericho, Gemeinfrei.)

Rahab verliert auch jetzt, wo ihr  halbes Haus einstürzt, nicht den Mut. „‚Stellt euch alle hinter mich, schnell!‘, schrie sie über den Lärm hinweg. ‚Habt keine Angst, steht fest!'“ (S. 208)

Josua schickt Salmon und Ephraim zu  Rahabs Haus:

„Er sprang über die Trümmer, das Schwert in der Hand, und machte einen gegnerischen Soldaten nieder, der versuchte, der entfesselten Gottesarmee zu entkommen. […] Er trat durch die Öffnung in der Mauer. Ja, da stand sie und hinter ihr über ein Dutzend weiterer Menschen. Ihre Arme waren ausgestreckt, als wolle sie ihre Familie beschirmen. Ihr schönes Gesicht war blass, aber ihre Augen leuchteten.“ (S. 208f.)

Salmon und Ephraim bringen alle schnell aus der Stadt, wobei wir einen flüchtigen Eindruck von dem Chaos bekommen, das dort herrscht. („Gegenüber auf der Straße brannte ein Haus. Die Leichen von Rahabs Nachbarn lagen in der Tür. Aus dem Stadtzentrum kamen Schreie.“ (S. 209)) Jericho geht in Flammen auf, während Rahabs Familie zu einem Platz außerhalb des israelitischen Lagers gebracht wird.

„Rahab saß zitternd da, die Knie an die Brust gezogen. Erschöpfung, Erleichterung über ihre Rettung und eine abgrundtiefe Traurigkeit stritten in ihr. All diese Menschen – tot, weil sie ihr Vertrauen auf von Menschen errichtete Mauern gesetzt hatten und nicht auf den lebendigen Gott, der die Steine geschaffen hatte. Die Geschichten über Israel hatten sie doch genauso gehört wie sie. Warum hatten sie nur nicht glauben wollen? […]

Rahab ließ ihren Kopf auf die Knie sinken. Sie wollte nicht, dass Salmon oder Ephraim ihre Tränen sahen. Womöglich würden sie sie falsch verstehen und denken, dass sie über die gefallene Stadt trauerte oder nicht dankbar war, dass sie ihren Eid gehalten hatten. Ihr Herz war voll Dankbarkeit gegenüber Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde, der diese Menschen an ihr Versprechen gebunden hatte. Sie und alle ihre Lieben waren am Leben und in Sicherheit.

Aber sie hatte auf mehr gehofft. Oh, auf so viel mehr.“ (S. 210f.)

Ihre Familie ist froh um ihre Rettung und ihr Vater dankt Rahab für ihre Weisheit, aber:

„Keiner ihrer Angehörigen würde ihren Schmerz verstehen. Selbst jetzt, nach allem, was sie gehört und gesehen hatten, teilten sie nicht ihren Glauben und die Sehnsucht ihres Herzens nach Gott. […]

Ihre Schultern bebten; sie schlug die Hände vor den Mund, um ihr Schluchzen zu unterdrücken.

‚Weinst du um die Gefallenen, Rahab?‘

‚Nein‘, sagte sie rau.

Sie weinte, weil ihr Traum, dem wahren Gott nachzufolgen, dabei war, zu Staub zu zerfallen. Sie hatten sie nicht mitgenommen in das Lager Israels.“ (S. 212)

Am nächsten Tag kommen aus dem Lager der Israeliten Josua, Salmon und Ephraim zu ihnen. Hier stellt sich heraus, dass Rahabs Vater Abjasaf Josua schon einmal gesehen hat – vor vierzig Jahre, als der in Moses‘ Auftrag das Land erkundet hat.

„‚Du und ich, wir sind uns vor vielen Jahren hier in diesem Palmenhain begegnet‘, sagte Rahabs Vater. ‚Ich wusste, dass du wiederkommen würdest.‘

‚Ich erinnere mich an dich, Abjasaf.'“ (S. 213)

Mehr erfährt man seltsamerweise nicht über diese Begegnung; man würde glauben, dass die Autorin noch die Gelegenheit nutzen möchte, mehr aus der Figur von Rahabs Vater oder der von Josua zu machen, aber das tut sie nicht.

(Ich habe keine Bibelstelle gefunden, auf der diese Geschichte beruhen könnte. In Numeri 13 steht nichts dergleichen.)

Josua garantiert für ihr Leben und fragt, wohin sie gehen wollen; Abjasaf sagt, wenn sie es sich aussuchen könnten, würden sie gern in ihr altes Haus außerhalb der zerstörten Stadt zurückkehren.

In der Bibel heißt es hier bloß: „Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, und holten Rahab, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Brüder und alles, was ihr gehörte; sie führten ihre ganze Verwandtschaft heraus und wiesen ihnen einen Platz außerhalb des Lagers Israels an. Die Stadt aber und alles, was darin war, brannte man nieder; nur das Silber und Gold und die Geräte aus Bronze und Eisen brachte man in den Schatz im Haus des HERRN. Die Dirne Rahab und die Familie ihres Vaters und alles, was ihr gehörte, ließ Josua am Leben. So wohnt ihre Familie bis heute mitten in Israel; denn Rahab hatte die Boten versteckt, die Josua ausgesandt hatte, um Jericho auskundschaften zu lassen.“ (Jos 6,23-25)

Aber weil Rahab ja mit Salmon zusammenkommen muss, lässt Mrs. Rivers sie jetzt noch Josua darum bitten, ins Volk Israel aufgenommen zu werden. Josua sagt zunächst nur „Wenn Rahab hierbleiben will, so darf sie das tun“ (S. 215), nimmt sie aber nicht ins Lager mit.

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(Illustration von 1891, die Rahab, ihre Familie, Josua und die israelitischen Krieger nach der Eroberung Jerichos zeigt. Gemeinfrei.)

Rahab streitet sich noch mit ihrer Familie, bevor diese abzieht; ihr Vater sagt, der Gott, der Jericho zerstört habe, sei nicht der ihrige, und gerade einem so mächtigen Gott gehe man lieber aus dem Weg. Hier wird es interessant. Mrs. Rivers hat sich ja bisher kaum mit der Tatsache aufgehalten, dass „dieser Gott ist ein wirklicher, mächtiger Gott, mit dem wir rechnen müssen“ für die Leute damals nicht automatisch hieß „dieser Gott ist ein guter Gott, dem wir nahe sein wollen“. Aber auch hier scheint sie keine wirkliche Antwort darauf zu haben. Rahab führt nichts in Bezug auf Gottes Güte und Gerechtigkeit an – spricht nicht über seine gerechten Gebote und Gesetze, seine Liebe zu den Armen und Versklavten (gerade die Bücher Exodus und Deuteronomium gäben da ja einiges an Stoff her) -, sondern fragt nur:

„‚Und wie willst du das machen, Vater? Wo kannst du dich vor ihm verstecken?‘

Er sah einen Augenblick unsicher aus, dann sagte er. ‚Wir werden still für uns unter den Palmen wohnen, wie Josua es uns erlaubt hat. Wir werden uns abseits halten und die Israeliten nicht stören. Auf diese Weise werden wir Frieden haben mit dem Volk Israel und mit seinem Gott.“ (S. 216f.)

Abjasaf tut mir irgendwie leid.

Während ihre Familie abzieht, lässt Josua Rahab noch einige Tage vor dem Lager warten. Als sie vier Tage lang treu dort ausharrt, darf Salmon schließlich zu ihr gehen. Er wechselt nur wenige Worte mit ihr – wobei sie ihre Entschlossenheit deutlich macht, bei den Israeliten zu bleiben -, bevor er ihr seinen  Heiratsantrag macht. Sie ist zuerst ganz verdattert: Was, dieser junge Mann will ausgerechnet eine Hure heiraten? Sie lehnt zunächst ab und sagt ihm, in ein paar Tagen werde er froh darüber sein. Aber er lässt nicht locker:

„Als ich dich das erste Mal in der Mauer von Jericho sah, sah ich nur eine Hure. Aber als ich in dein Haus kam und du mit uns geredet hast, da sah ich, was du wirklich bist – eine Frau voller Weisheit, eine Frau, die des Ruhmes würdig ist. […] Von dem Augenblick an, in dem du deinen Glauben an Gott erklärt hast, habe ich dich geliebt.“ (S. 219)

Rosamunde Pilcher auf Evangelikal. – Salmon wird sogar zum Propheten:

„Von dir werden Propheten kommen… wer weiß, vielleicht sogar der Messias.“ (S. 219f.)

Rahab ist überwältigt:„Sie schluckte, sprachlos vor der Güte Gottes. Erst hatte er ihr das Leben gerettet, und jetzt schenkte er ihr einen Mann Gottes als Ehemann. Einen Ehemann! Das hätte sie sich nie träumen lassen.“ (S. 220) Und so endet das Buch. „Salmon hob ihr Bündel auf, nahm ihre Hand und führte sie nach Hause.“ (S. 221)

Was die Botschaften des Buches angeht, so ist außer einer etwas verworrenen Vorstellung davon, was Gottvertrauen eigentlich bedeutet (wieviel Vorausplanung und Eigeninitiative ist jetzt noch gleich Sünde?) nicht viel Schlimmes dabei. Na gut: Die wirklich schlimm stereotype Liebe auf den ersten Blick. Die zwei sehen gewisse Anzeichen dafür, dass die jeweils andere Person gläubig ist, finden sie attraktiv, und mehr müssen sie nicht voneinander wissen. Es ist mir wirklich schleierhaft, wieso die Autorin sich die zwei nicht nach der Eroberung Jerichos erst mal richtig kennenlernen gelassen hat.

Im nächsten Teil zu Ruth.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 1: Entscheidungsfindung bei Unsicherheiten – über Tutiorismus, Probabilismus und Laxismus

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Bevor ich zu den Einzelfragen komme, erst einmal zu den Prinzipien. Heute zu einer sehr grundsätzlichen Frage: Das Ergebnis, wenn man mit allgemeinen moralischen Prinzipien an einen konkreten Fall herangeht, kann sein: „Es ist klar: Du musst das und das tun / darfst das und das nicht tun.“ Oder: „Es ist klar: Du kannst frei zwischen den und den Möglichkeiten wählen.“ Aber es kann auch mal  sein: „Das ist ein Grenzfall; es ist nicht ganz klar, was deine Pflicht ist, am wahrscheinlichsten ist es so, aber andere würden vielleicht sagen, es wäre so, wahrscheinlich wäre auch noch diese dritte Möglichkeit erlaubt, diese vierte hier wohl eher nicht.“ Diese Fälle sind immer die schwierigsten. Und hier kommen die sog. Klugheitsregeln und die sog. Moralsysteme ins Spiel.

Grundsätzlich gilt in der Moraltheologie die Regel „ein zweifelhaftes Gesetz bindet nicht“ (lex dubia non obligat). Aber was heißt das jetzt für die Praxis? Wann ist ein Gesetz zweifelhaft? Sagen wir, mir geht es nicht so gut und ich bin mir nicht sicher, ob die Sonntagspflicht (das Gebot, sonntags eine Messe zu besuchen) für mich noch gilt oder ich auch zuhause bleiben kann. Wonach entscheide ich?

Im 17. und 18. Jahrhundert war das ein ziemlicher Streitpunkt unter den Theologen. Sie entwickelten dabei die folgenden sog. Moralsysteme:

Der Tutiorismus (von „tutior“, lateinisch für „sicherer“) wäre die Ansicht, man müsste immer die strengste, die sicherste, die beste aller Möglichkeiten wählen. Die Tutioristen erkannten das Prinzip lex dubia non obligat eigentlich gar nicht erst an. Du bist dir nicht völlig sicher, ob du krank genug bist, um von der Messe daheim zu bleiben? Dann geh zur Messe. Du weißt nicht hundertprozentig, ob du bei deinem Job vielleicht in Gewissenskonflikte gerätst? Dann kündige. Man muss das Gebot immer befolgen, auch wenn sehr starke Gründe gegen seine Geltung in einem bestimmten Fall sprechen. Diese Ansicht billigt die Kirche nicht. Das macht ja auch Sinn: Sie ist letztlich nicht lebbar. Bei jeder noch so kleinen Unsicherheit gäbe es keinen Spielraum mehr. Und so würden auch viele falsche Entscheidungen getroffen werden – weil manche Leute sich z. B. auch bei Krankheiten, bei denen sie wirklich im Bett bleiben sollten, nicht völlig sicher wären, ob sie es nicht doch in die Kirche schaffen könnten. Einer vernünftigen Abwägung kann man nicht entgehen, indem man immer nach der einen Seite steuert. So landet man nur im Graben. Als die Jansenisten verurteilt wurden, wurde in einem Dekret von 1690 u. a. der Satz „Es ist nicht erlaubt, einer [wahrscheinlichen] Meinung oder unter wahrscheinlichen der wahrscheinlichsten zu folgen“ verurteilt.

Dann gäbe es den Probabilismus, von „probabilis“, „wahrscheinlich“. Wenn wahrscheinliche Gründe gegen die Geltung eines Gebots in meinem Fall sprechen, ist es nicht bindend. Neben dem reinen Probabilismus gibt es noch ein paar Unterformen. Da ist der Probabiliorismus (probabilior = wahrscheinlicher), nach dem die Gründe, die gegen die Geltung sprechen, zumindest wahrscheinlicher sein müssen als die Gründe dafür. Dann der Äquiprobabilismus, nach dem die Gründe dagegen zumindest genauso groß sein müssen wie die Gründe dafür. Nach dem Kompensationssystem kann es auch einmal sein, dass gute Gründe gegen die Verpflichtung sprechen, die aber weniger gewichtig sind als die, die dafür sprechen, und dass man trotzdem nicht verpflichtet ist, weil gewichtige praktische Gründe dagegen sprechen, d. h. es sehr schwer durchführbar ist. (Extremes Beispiel: Ich bin mir nicht sicher, ob ich xyz nach dem göttlichen Gesetz tun muss, es gibt ganz gute Gründe dagegen, aber noch bessere Gründe dafür – aber wenn ich es tue, steckt mich der ungerechte Staat, in dem ich lebe, für zwanzig Jahre ins Arbeitslager. Ergo: nach dem Kompensationssystem nicht verpflichtend.) Die probabilistischen Moralsysteme werden von der Kirche gebilligt.

Der Laxismus wäre die Ansicht, man dürfte frei zwischen allen Möglichkeiten wählen, die nicht ganz und gar absolut sicher verboten sind. Für als laxistisch bezeichnete Theologen war ein Gesetz schon dann zweifelhaft, wenn nur sehr schwache Gründe gegen seine Geltung sprachen – mit anderen Worten, für sie hätte man auch mit einem leichten Schnupfen von der Kirche daheim bleiben können. Wie die etwas abfällige Bezeichnung schon nahelegt, ist das eine Ansicht, die die Kirche nicht so ganz billigt; verschiedene laxistische Sätze wurden von Rom als „zumindest ärgerniserregend und in der Praxis verderblich“ verurteilt.

Bei Skrupulanten (also Leuten mit einer religiösen Zwangsstörung) im Speziellen ist es allerdings etwas komplizierter: Weil die dazu neigen, alles stundenlang hin und her zu wälzen und immer auf Nummer sicher gehen wollen und Angst haben, sich bei einem zweifelhaften Gebot nicht als gebunden zu betrachten, auch wenn die Gründe dafür eigentlich wahrscheinlich wären, weil man sich bei der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit ja irren könnte, was ja vielleicht davon kommen könnte, dass man unterbewusst Gott nicht gehorchen will, usw. usf., dürfen die sich in der Praxis nach einem eher laxistischen Prinzip verhalten. Wenn man dazu neigt, immer in die eine Richtung zu steuern, muss man jetzt erst einmal mehr in die andere Richtung steuern, um das zu korrigieren. Weil Skrupulanten die Geltung eines Gebots in ihrem Einzelfall oft erst dann anzweifeln, wenn es wirklich wahrscheinliche Gründe dagegen gibt, und weil es für sie sowieso erst einmal wichtig ist, ihre ungesunde Angst abzulegen, sollen sie sich erst dann gebunden sehen, wenn sie sich wirklich sicher sind.

Soweit zu den Prinzipien. Und nicht vergessen: Wenn man sich in der Beurteilung eines konkreten Falls mal geirrt hat, dann ist das nicht so schlimm. Gott rechnet einem nichts an, was man im guten Glauben, es wäre erlaubt, getan hat. In diesem Sinne stimmt es, dass Gott kein Erbsenzähler ist – Er sieht mehr auf die Absicht als auf die Tat.

 

Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 2a: Rahab

Heute Teil 2 meiner Rezension zu dem Sammelband „Saat des Segens“ von Francine Rivers, zu Band 2, der als Einzelband unter dem Titel „Frau des Glaubens – Rahab“ (Originaltitel: „Unashamed“) erschienen ist und bei mir „Rahab – Zukunft und Hoffnung“ heißt. (Wohl eine Anspielung auf Jer 29,11 – „Denn ich, ich kenne die Gedanken, die ich für euch denke – Spruch des HERRN – , Gedanken des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“ -, ein extrem beliebter Vers für Grußkarten und Instagramposts in evangelikalen Kreisen.) Die Rezension zu diesem Band habe ich auf zwei Posts aufgeteilt, weil er so viel Stoff abgegeben hat.

Der Band ist nicht der schlechteste der Reihe. Aus der Geschichte um Rahab hätte etwas Ordentliches werden können. Wohlgemerkt: hätte.

Ich war ein wenig gespannt auf diese Geschichte, weil sie mich selber mal sehr fasziniert hat – zugegebenermaßen in meiner bibelkritischen Phase mit zwölf, als ich das Alte Testament furchtbar brutal fand. Das ist ja ein Problem, das man am besten nicht einfach ignorieren sollte, wenn man einen Roman schreibt, der zur Zeit der Landnahme spielt. Hier wird eine Stadt (Jericho) erobert und fast die ganze Bevölkerung abgeschlachtet, und die, die das tun, sind die Guten der Geschichte. Einige Leser werden Probleme damit haben.

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(Rahab und die beiden Spione, links; die einstürzenden Mauern Jerichos, rechts; franz. Buchillustration aus dem 15. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Die biblische Welt, vor allem die des Alten Testaments, ist uns ja auch erst einmal relativ fremd. Und die Aufgabe eines guten Autors wäre es jetzt, die Leser in diese Fremdheit eintauchen zu lassen, sie sie wirklich spüren zu lassen (so, wie man sie auch beim Lesen der Bibel selbst spürt), statt zu versuchen, sie zu überspielen. (Einen hervorragenden Job macht bei so einer  Aufgabe übrigens C. S. Lewis in seinem Roman „Du selbst bist die Antwort“ („Till we have faces“), der eine Nacherzählung der Sage von Amor und Psyche ist und in der vorchristlichen Antike irgendwo nördlich von Griechenland spielt. Muss man unbedingt mal gelesen haben. Werbeblock Ende.) Aber dafür muss der Autor sich erst einmal richtig in die Denkweise seiner Figuren einfühlen können, sich ihrer nie ausgesprochenen Grundannahmen bewusst werden. Mrs. Rivers kratzt hier nur an der Oberfläche.

Die Geschichte befindet sich in der Bibel in den ersten paar Kapiteln des Buches Josua; Rahab selber taucht in Kapitel 2 und dann wieder am Ende von Kapitel 6 auf. Sie ist eine Dirne aus Jericho, die zwei israelitische Spione versteckt, die Josua ausgesandt hat, und die daher zusammen mit ihrer Familie am Leben gelassen wird, als die Israeliten später Jericho erobern. Mrs. Rivers hat sich eigentlich keine schlechte Hintergrundgeschichte für sie ausgedacht. Ihre Rahab kommt aus einfachen Verhältnissen und wurde als junges Mädchen in den Harem des Stadtfürsten von Jericho gerufen, um als seine Geliebte zu dienen;  nachdem der König genug von ihr hatte, erreichte sie, da sie nicht ohne irgendetwas dastehen wollte, dass er ihr ein Haus in der Stadtmauer nahe beim Tor einrichtete, von wo aus sie seitdem die Leute beobachten und als Hure Kunden bedienen konnte (z. B. Boten aus anderen Städten), denen sie für den König nützliche Informationen entlocken konnte. So lebt sie zu Beginn des Buches seit zwölf Jahren; und obwohl sie ein bequemes Leben und bescheidenen Wohlstand erreicht hat, hasst sie ihr Leben und fühlt sich wie in einem Gefängnis.

Hier im ersten Kapitel, als die Autorin Rahabs Lebensgeschichte ausbreitet – übrigens, ohne sich die Mühe zu machen, die Informationen irgendwie in Gespräche o. Ä. einzubetten, das Ganze wird einfach rückblickend erzählt, während Rahab an ihrem Fenster sitzt und nachdenkt – findet sich übrigens eine Stelle, die ein gutes Beispiel für das ist, was ich oben gemeint habe; die Autorin bringt die Fremdheit von Rahabs Welt nicht gut herüber: „Hatte sie nicht ein gutes, ja beneidenswertes Leben? Der König achtete sie, die Männer begehrten sie, und sie konnte sich ihre Kunden aussuchen. So manche Frau in der Stadt neidete ihr ihre Unabhängigkeit. Sie wussten nicht, wie das war, benutzt und entmenschlicht zu werden.“ (S. 126) Jetzt mal abgesehen davon, dass so manche  Frau in dieser Stadt eine Sklavin oder Nebenfrau sein und ein solches Gefühl sehr wohl kennen wird: Das Wort „entmenschlicht“ passt hier nicht. Es setzt ein Konzept von Menschenwürde voraus, das die Kanaaniter noch nicht kannten. Die historische Rahab hätte vielleicht ein solches unangenehmes Gefühl gehabt, es aber nicht in diese Worte gefasst.

Doch Rahab hat auch vom Gott der Israeliten gehört, die schon auf der anderen Seite des Jordan kampieren:

„Aber sie hatte andere Pläne, andere Träume und Hoffnungen.

Und sie hingen alle an dem Gott da draußen, dem Einen, der die Macht hatte, seine Erwählten zu retten. Schon als junges Mädchen, als sie die Geschichten zum ersten Mal gehört hatte, hatte sie tief in ihrem Inneren gewusst, dass er ein wahrer Gott war, ja der einzige. Wenn er sein Volk über den Jordan brachte, würde er diese Stadt packen und zerschmettern, wie er alle seine Feinde zerschmettert hatte.

Das Ende der Welt, wie sie sie kannte, war in Sicht.

Wir werden alle sterben! Warum sieht das niemand? Sind sie denn alle blind und taub für das, was in den letzten vierzig Jahren geschehen ist? […]

Sie hatte Angst vor dem Tod – aber noch stärker war die tiefe Sehnsucht, ein Teil davon zu sein, zu diesem Gott gehören zu dürfen. Sie kam sich wie ein kleines Mädchen vor, das sich danach sehnt, von den starken Armen ihres Vaters aus Not und Gefahr gerettet zu werden.“ (S. 126f.)

Sie hat u. a. von einem Ägypter, dessen Vater noch die Zeit der Plagen erlebt hat, von der Macht des israelitischen Gottes gehört, und hat auch den König davor gewarnt, der ihr aber nicht zugehört hat und das alles für Ammenmärchen hält.

Vergleichen wir das mal mit der biblischen Darstellung. Die biblische Rahab sagt später zu den beiden Spionen:

„Ich habe erfahren, dass der HERR euch das Land gegeben hat und dass uns Furcht vor euch befallen hat und alle Bewohner des Landes aus Angst vor euch vergehen. Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser des Roten Meeres euretwegen austrocknen ließ, als ihr aus Ägypten ausgezogen seid. Wir haben auch gehört, was ihr mit Sihon und Og, den beiden Königen der Amoriter jenseits des Jordan, gemacht habt: Ihr habt den Bann an ihnen vollzogen. Als wir das hörten, zerschmolz unser Herz und jedem stockte euretwegen der Atem; denn der HERR, euer Gott, ist Gott droben im Himmel und hier unten auf der Erde. Nun schwört mir beim HERRN, dass ihr der Familie meines Vaters Gnade erweist, wie ich sie euch erwiesen habe, und gebt mir ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr meinen Vater und meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was ihnen gehört, am Leben lasst und dass ihr uns vor dem Tod bewahrt!“ (Jos 2,9-13)

In Mrs. Rivers‘ Darstellung schmilzt den Bewohnern Jerichos nicht angesichts der Macht Gottes das Herz und stockt ihnen nicht der Atem; im Gegenteil, außer Rahab sind sie alle relativ gelassen, vertrauen auf den Schutz durch ihre Stadtmauern und geben nicht viel auf den israelitischen Gott. Sie stehen hier natürlich für moderne Ungläubige. Nur leider entspricht das halt nicht der Bibel.

Außerdem lässt die Autorin Rahab ganz ähnliche Bedenken gegen die kanaanitischen Götter hegen wie Tamar in Band 1: Sie sind „von Menschenhänden gemachte Steinfiguren“ (S. 129) und sie verlangen Kinderopfer. Okay, wenn ich einen Roman über das Thema schreiben würde, würde ich wohl auch an prominenter Stelle die Kinderopfer erwähnen, um darzustellen, was für Leutet die Kanaaniter eigentlich waren. Aber auch hier wirkt Rahab irgendwie zu sehr über ihrer Kultur stehend, zu unabhängig. „Als ob ein ermordetes Kind jemals Glück bringen konnte!“ (S. 132), denkt sie sich; hat ihre Kultur ihr tatsächlich nicht mal Zweifel eingeredet, ob das nicht vielleicht doch manchmal notwendig sein oder helfen könnte, wenn man einen entsprechenden Gott besänftigen will?

Rahab bewundert Gott dafür, dass er ausgerechnet ein versklavtes Volk erwählt und befreit hat und wünscht sich, Jericho verlassen und sich den Israeliten anschließen zu können; allerdings fürchtet sie auch, dass der König dann ihre Familie bestrafen lassen könnte. Und sie hält es auch für unmöglich, dass ihre Familie mit ihr gehen würde: „Ihr Vater glaubte jedes Wort aus dem Mund des Königs; er war es nicht gewohnt, selbstständig zu denken.“ (S. 129) Höre ich hier ein mahnendes „Glaubt nicht alles, was die Regierung und die Mainstreammedien euch erzählen!“ heraus? Rahab hofft außerdem tatsächlich, dass die Israeliten Kundschafter schicken und sie sie erkennen und ihnen helfen kann. Mit ihren Vorausdeutungen ist Mrs. Rivers nicht unbedingt subtil.

In dieser ersten Szene passiert nicht mehr, als dass Rahab, wie gesagt, nachdenklich an ihrem Fenster sitzt, sich vom Hauptmann der Stadtwache verabschiedet, der die Nacht bei ihr verbracht hat, und ein paar Worte mit Männern unter ihrem Fenster wechselt.

Mrs. Rivers hat die für einen spannend sein sollenden Frauenroman naheliegende Entscheidung getroffen, Rahab mit einem der beiden Spione zusammenkommen zu lassen, was die bibelkundige Leserin weiß, sobald die nächste Szene im Lager der Israeliten beginnt. Salmon – Rahabs Zukünftiger, wie wir aus Mt 1,5 schließen können – trainiert zusammen mit seinem Freund Ephraim für den Kampf. Auch hier bekommen wir in dieser ersten Szene erst einmal einige Einblicke in Salmons Erinnerungen und Gedanken, um die Vorgeschichte zu verstehen.

Salmon denkt daran, wie die Israeliten die letzten Jahrzehnte in der Wüste umhergezogen sind, weil sie damals vor vierzig Jahren nicht darauf vertrauen wollten, dass sie das Land erobern könnten (vgl. Num 13-14):

„Salmon war noch nicht auf der Welt gewesen, als Gott das Volk in die Wüste geschickt hatte, aber er war im Schatten dieser Konsequenz aufgewachsen. Wie oft hatte er es gehört, das ‚Hätten wir nur…‘ seines Vaters. ‚Wenn wir nur Josua und Kaleb geglaubt hätten… Hätten wir Gott nur gehorcht, dann würden wir jetzt nicht wie verirrte Schafe durch die Wüste wandern…‘ Wenn es möglich gewesen wäre, Gott mit Jammern zu zermürben – Salmons Vater hätte es geschafft.

Salmon verzog unwillkürlich das Gesicht bei der Erinnerung an das Selbstmitleid seines Vaters, das so stark nach dem alten, rebellischen Unglauben roch. Barmherziger Gott, betete er, bewahre mich davor, auch so zu denken. Mache mich zu dem Mann, als den du mich gedacht hast – einen Mann voller Gehorsam und Entschlossenheit.

Aber es war einfach, über die Fehler der anderen die Nase zu rümpfen. Und hochmütig. Salmon wusste, dass er nicht besser war als der Mann, der ihn gezeugt hatte. Die große Gefahr war, zu weit nach vorne zu schauen. Er musste warten, so wie Josua wartete. Der Herr würde sprechen, wenn der rechte Zeitpunkt da war. Und wenn er redete, hatte Salmon nur die Wahl zwischen Gehorsam und Ungehorsam.“ (S. 134f.)

In der nächsten Szene kommt Josua in Salmons Zelt und fragt ihn, ob er bereit ist, einen gefährlichen Auftrag zu übernehmen. Salmon erklärt sich natürlich sofort bereit und Josua erklärt, dass es darum geht, Jerichos Verteidigungsanlagen und die Stimmung der Menschen dort auszukundschaften. Er lässt Salmon amoritische Kleider und ein Schwert da. „Die Kleider mussten von der Leiche eines getöteten Feindes stammen, denn Salmon sah einen Blutfleck. Er würde vorsichtig sein müssen, wenn er dieses Gewand trug, am besten einen Mantel darüber tragen. Jeder, der den Blutfleck sah, würde ahnen, dass der vorherige Besitzer des Gewandes eines gewaltsamen Todes gestorben war – keine gute Voraussetzung, um unauffällig zu sein.“ (S. 137) Und Kleider kann man natürlich nicht waschen. Für den Job als Spion scheint Salmon eher mäßig geeignet.

Jedenfalls schwimmen Salmon und Ephraim in der nächsten Nacht über den Jordan – d. h., schwimmen können sie als in der Wüste Aufgewachsene eigentlich nicht richtig, aber sie sagen sich, dass sie auf Gott vertrauen müssten und schaffen es irgendwie hinüber – und machen sich auf nach Jericho. Das nächste Kapitel beginnt wieder bei Rahab, die aus ihrem Fenster blickt und die beiden sich dem Stadttor nähernden scheinbaren amoritischen Soldaten beobachtet:

„Aber als sie näher kamen, sah sie, dass sie keinerlei Gepäck dabei hatten, dafür aber die Stadtmauern mit sichtlichem Interesse musterten und sich eifrig gestikulierend unterhielten. Jetzt waren sie fast unterhalb von ihr. Ihre Gesichter waren merkwürdig ernst. Aber das Auffälligste war, dass sie sich keinen Deut für sie zu interessieren schienen. Es gab keinen Soldaten, der nicht ständig Ausschau nach Frauen wie Rahab hielt. […] Vor allem die Amoriter, deren Geilheit sprichwörtlich war.

Ah, jetzt hatten sie sie doch gesehen. ‚Seid gegrüßt, hübschen Freunde!‘ rief sie, ihnen zuwinkend. Sie wandten ihre Gesichter ab. Seltsam.“ (S. 142)

Nicht, dass hier noch jemand denkt, anständige israelitische Spione wären aus gewöhnlichen Gründen bei einer Prostituierten gelandet!

Rahab jedenfalls wird misstrauisch. „Jetzt riss ein Windstoß das Obergewand des Größeren auf. Er zog es hastig wieder zu, aber nicht schnell genug für Rahab. Ein Blutfleck. Aha.“ (S. 143) Schlechteste. Spione. Ever.

Jetzt ist sie sich sicher, israelitische Kundschafter vor sich zu haben. „Ihr wurde mulmig. Wussten die beiden denn nicht, in welcher Gefahr sie waren? Bildeten sie sich wirklich ein, die Torwächter würden sich von ihrer Verkleidung täuschen lassen?“ (S. 144) Sie versucht, die Aufmerksamkeit der beiden zu erregen, und ruft ihnen schließlich zu, sie wisse, was sie wollten, und „Der Jordan ist tief um diese Jahreszeit, nicht wahr?“ (S. 144) Salmon reagiert darauf jetzt doch. Sie ruft, sie werde im Tor auf die beiden warten, rennt hinunter, und verwickelt dort unten erst einmal den Hauptmann, der in der letzten Nacht bei ihr war, einen Mann namens Kabul, in ein Gespräch. Er bemerkt schließlich dennoch, dass sie sich für die beiden amoritischen Soldaten zu interessieren scheint, die jetzt zum Tor gekommen sind, und auch er wird misstrauisch – es seien gefährliche Zeiten, sagt er zu Rahab, das könnten Spione sein, sie hätten so ungewöhnlich kurzes Haar. (Außerdem werden sie so beschrieben, dass sie „sich so auffällig darum bemühten, unauffällig zu erscheinen“ (S. 146). Allerschlechteste. Spione. Ever.) Rahab sagt ihm, er solle noch etwas warten, bevor er zum König schicken lasse, sie wolle sehen, ob sie etwas aus den beiden herausbekommen könnte, falls es Spione seien, er solle ihr eine Stunde Zeit geben; sie würde sie mit Wein abfüllen und ihnen Informationen entocken und er könne dann etwas von der Belohnung haben, die der König ihr geben würde. Er geht darauf ein.

Salmon und Ephraim gelangen also in die Stadt, gehen mit Rahab mit, und in ihrem Haus angekommen, konfrontiert sie sie sofort mit ihrem Wissen, dass sie hebräische Spione seien und lässt sie sich auf dem Dach verstecken. Ein wenig Romantik bekommen wir auch schon. „Sie sah Salmon an, und er fand, dass sie die schönsten Augen hatte, die er je gesehen hatte. Kein Wunder, dass Josua und Kaleb sie so oft vor den fremden Frauen gewarnt hatten.“ (S. 148) Hach.

In ihrem Versteck auf dem Dach streiten die zwei sich ein wenig; der nervöse Ephraim meint, sie hätten diese Hure sofort umbringen und verschwinden sollen, statt sich auf ihrem Dach zu verstecken, und äußert sich abfällig über ihre Tätigkeit. Salmon beruhigt ihn wieder. „Sei ruhig! Wir sind genau dort, wo Gott uns hingestellt hat.“ (S. 149)

Als die Soldaten wiederkommen, begrüßt Rahab sie mit einem „Wärt ihr nur eher gekommen!“ (S. 150) und sagt ihnen, die beiden Männer wären schon wieder gegangen und hätten die Stadt verlassen; sie könnten sie sicher noch erwischen. Kabul wird nicht misstrauisch und marschiert wieder ab.

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(Rahab hilft den beiden Spionen, aus einer Kinderbibel von 1897. Gemeinfrei.)

Rahab geht zu den beiden aufs Dach. Hier sagt sie jetzt doch so etwas Ähnliches, wie in der Bibel steht („Ich weiß, dass Gott der Herr euch dieses Land gegeben hat. Alle zittern vor euch“ (S. 152) usw.), und bittet sie, sie und ihre Familie bei der Eroberung Jerichos zu verschonen. Die beiden versprechen es. Die erleichterte Rahab lädt sie ein, es sich gemütlich zu machen und etwas zu essen, aber Ephraim lehnt sofort ab. Salmon dagegen ist neugierig, was es mit ihr auf sich hat, und lässt sich auf ein Gespräch darüber ein, wie es dazu kommt, dass sie an Gott glaubt. Dabei sagt Rahab auch über die anderen Bewohner Jerichos: „Ja. Sie haben Angst vor euch, wie vor jedem anderen Eroberer. Aber sie begreifen nicht, dass es euer Gott ist, der euch den Sieg gibt.“ (S. 153) Ah ja, so hat sich das vorher nicht angehört.

Zwischen Salmon und Rahab entwickelt sich schon etwas: „Es war überdeutlich, dass sie ihm gefiel. Und ihr ging es andersherum genauso.“ (S. 154) Rahab erklärt, wie gern sie zum Volk der beiden gehören würde. Doch halt! Die Israeliten haben da gewisse Gesetze.

„Salmon sah sie einen Augenblick lang an und sagte dann leise. ‚Es gibt zum Beispiel Gesetze gegen Unzucht und Ehebruch.‘

‚Ephraim fuhr fort: ‚Prostitution ist nicht erlaubt. Wer das missachtet, ist des Todes.‘

Rahab erinnerte sich, wie sie sich aus ihrem Fenster gelehnt und die beiden angesprochen hatte, wie bei Hunderten anderen schon, und die Röte schoss ihr ins Gesicht. Sie ekelte sich plötzlich vor sich selbst. Kein Wunder, dadss die Israeliten so gezögert hatten und ihr Essen nicht wollten.

‚Ich habe mir meinen Beruf nicht ausgesucht‘, sagte sie rasch. ‚Mein Vater brachte mich zum König, als ich noch ein Kind war und…‘ Sie unterbrach sich, als sie Salmons Gesichtsausdruck sah. War es wirklich so wichtig, wie sie zu dem geworden war, was sie war? Dass sie ein Mädchen gewesen war, das keine Wahl hatte – war das eine Entschuldigung dafür, dass sie als erwachsene Frau ihren Beruf beibehalten und sich damit ihre Taschen gefüllt hatte? […] ‚Wenn euer Gott es so hasst, dann höre ich auf.'“ (S. 154f.)

Dass das Gesetz des Mose (zu dessen „schwierigen“ Stellen ich übrigens hier mal was geschrieben habe, wenn es jemanden interessieren sollte) Prostitution mit der Todesstrafe belege, stimmt schlicht nicht. Darin gibt es Gesetze zu Unzucht und Ehebruch, durchaus. Das sechste Gebot lautet „Du sollst nicht die Ehe brechen“. Dann gibt es folgendes Gesetz zur Verführung eines Mädchens: „Wenn jemand ein noch nicht verlobtes Mädchen verführt und bei ihm schläft, dann soll er das Brautgeld zahlen und sie zur Frau nehmen.Weigert sich aber ihr Vater, sie ihm zu geben, dann hat er ihm so viel zu zahlen, wie der Brautpreis für eine Jungfrau beträgt.“ (Ex 22,15f.) Ähnliche Gesetze stehen in Dtr 22, wo es um Ehebruch, Unzucht mit einer bereits Verlobten (was wie Ehebruch zählt), und Vergewaltigung/Verführung einer noch nicht Verlobten geht, und eine Faustregel für die Unterscheidung von Vergewaltigung und konsensualer Unzucht gegeben wird. Es gilt: Todesstrafe für Ehebruch; keine Todesstrafe, sondern Schadensersatz des Mannes an der Frau bei vorehelicher Verführung/Vergewaltigung, entweder durch Heirat oder durch Geld. Allerdings gibt es da auch ein Gesetz, das die Todesstrafe für eine Frau festlegt, bei der der Mann erst irgendwann nach der Eheschließung gemerkt hat, dass sie nicht mehr Jungfrau war, als sie ihn geheiratet hat – vielleicht deshalb, weil er getäuscht wurde, vielleicht steht da auch die Befürchtung dahinter, sie könnte schon bei der Heirat von einem anderen schwanger gewesen sein und ihm ein Kuckuckskind ins Haus gebracht haben, grundsätzlich heißt es im Text einfach: „denn sie hat eine Schandtat in Israel begangen, indem sie in ihrem Vaterhaus Unzucht trieb.“ (Auch eine falsche Beschuldigung wegen vorehelichen Verkehrs soll hier übrigens bestraft werden.) Dann wären da die Bestimmungen von Lev 18 und 20, die Ehebruch, Inzest, homosexuelle Unzucht (interessanterweise nur unter Männern), Verkehr mit einer menstruierenden Frau (wegen der kultischen Reinheit) und Bestialität unter Todesstrafe stellen.*  Zwar heißt es in Lev 19,29 auch noch „Entweih nicht deine Tochter, indem du sie als Hure preisgibst, damit das Land nicht der Hurerei verfällt und voller Blutschande wird!“, aber hier ist keine Strafe vorgeschrieben. Die Tempelprostitution wird auch verboten. „Unter den Frauen Israels soll es keine Geheiligte geben und unter den Männern Israels soll es keinen Geheiligten geben. Du sollst weder Dirnenlohn noch Hundegeld in den Tempel des HERRN, deines Gottes, bringen. Kein Gelübde kann dazu verpflichten; denn auch diese beiden Dinge sind dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel.“ (Dtr 23,18f.) Aber Rahab ist ja keine Tempelprostituierte, und auch hier: keine konkrete Strafe. Lev 21,7 legt zwar bzgl. der Priester fest: „Sie dürfen weder eine Dirne noch eine Entweihte noch eine Frau heiraten, die ihr Mann verstoßen hat; denn der Priester ist seinem Gott geheiligt.“ Aber gerade das impliziert ja, dass Dirnen (die nicht einen Mann heirateten, dem sie vorschwindelten, Jungfrau zu sein) nicht mit dem Tod bestraft wurden, sondern relativ unbehelligt in Israel lebten.

Mrs. Rivers, das mit dem Bibellesen üben wir noch mal! Natürlich stimmt es, dass Unzucht nicht gern gesehen war, aber bei normaler, heterosexueller, nicht-ehebrecherischer, nicht-inzestuöser, nicht gegen Reinheitsbestimmungen verstoßender Unzucht/Prostitution war man mit den Strafen nicht so streng wie bei anderen Formen.

Nachdem sie noch mit Rahab verabredet haben, dass sie ein rotes Seil aus dem Fenster hängen lassen soll, damit sie erkennen können, welches Haus sie verschonen müssen, lassen Salmon und Ephraim sich an eben diesem Seil aus dem Fenster hinunter.

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(Rahab und die beiden Gesandten Josuas, von einem unbekannten Maler, Italien, 17. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Sie gehen dann auf Rahabs Rat hin in die nahen Berge und verstecken sich dort drei Tage, bis nicht mehr nach ihnen gesucht wird.

Rahab währenddessen schließt sich vor allen ab. „Sie erklärte ihm [Kabul], dass sie sich nicht gut fühle. Das war keine Lüge. Ihr war wirklich schlecht – wegen ihm, wegen des Lebens, das sie führte, wegen der Erkenntnis, dass bald alle in dieser Stadt tot sein würden.“ (S. 158) Der König hat sie zwar wegen der Spione befragt, ihre Lügen aber geglaubt; diese Szene bekommen wir übrigens nicht mit, sondern bloß rückblickend in zwei Sätzen zusammengefasst. Mrs. Rivers ist schon etwas faul; man erfährt auch nicht mehr viel über die Zustände in der Stadt oder irgendwelche anderen Einwohner Jerichos – abgesehen von Rahabs Familie, die sie jetzt kontaktiert.

Ihr Vater ist ein nicht besonders wohlhabender Bauer, und sie hat zwei Brüder und zwei Schwestern, die alle verheiratet sind und Kinder haben. Sie lädt zunächst ihren Vater und ihre beiden Brüder Mizraim und Jobab zu sich ein, um ihnen zu erklären, was sie getan hat. Zuerst sind vor allem ihre Brüder alles andere als erfreut. Rahab hält ihnen eine ausführliche Predigt: „‚Wir sind all die Jahre vor den Baalen niedergefallen und haben gedacht, sie seien die Herren des Landes. Aber das Land gehört dem Gott da draußen, und er wird es sich nehmen!‘ Sie lachte tonlos. ‚Bildet ihr euch ein, uns könne nichts passieren, weil wir den Götzenbildern Opfer gebracht haben, die wir uns selbst gemacht haben? […] Alles gehört ihm, und er kann dieses Land und alles, was darin ist, geben wem er will.'“ (S. 162) Ich wünschte, Andersgläubige würden öfter durch bloßes Hörensagen so akkurate theologische Kenntnisse erwerben, und dann auch noch gleich den Jargon übernehmen („Götzenbilder“). Die Autorin lässt Rahab ihre Überzeugung folgendermaßen begründen:

„‚Jedes Mal, wenn ich etwas über ihn [Gott] vernommen habe, habe ich eine… Gewissheit gespürt. Ich kann es nicht erklären, aber ich weiß, dass dies Gott ist – der einzige Gott. Und ich habe beschlossen, meinen Glauben und meine Hoffnung auf ihn zu setzen.‘ Sie lehnte sich zurück und sah die anderen an. ‚Ihr müsst selbst entscheiden, ob ihr das Leben oder den Tod wählen wollt.‘

‚Wir wählen das Leben‘, antwortete ihr Vater.“ (S. 163f.)

Die Einwände von Rahabs Brüdern in diesem Gespräch bewegen sich alle auf der Ebene von „Was, wenn der König das herausfindet“, „Unsere Mauern sind doch stark“, Woher willst du wissen, dass du diesen Spionen vertrauen kannst“ – kein einziger moralischer Einwand im Sinne von „Wir müssen für unser Volk kämpfen“ taucht auf. Das könnte zwar irgendwo Sinn machen – wenn man weiß, dass man sowieso verlieren wird, ist auch die Pflicht zum Kampf nicht mehr so wirklich da -, aber dennoch hat es etwas Unrealistisches. So ganz unproblematisch ist Rahabs Handeln ja aus kanaanitischer Sicht nicht – sehr untertrieben ausgedrückt.

Denken wir uns mal eine moderne Parallele; nehmen wir dafür einen Krieg, bei dem es für alle einsichtig und unumstritten ist, wer die Guten und wer die Bösen sind. Sagen wir, eine Deutsche hilft im Zweiten Weltkrieg englischen Spionen und erfährt durch sie von einem bevorstehenden Bombenangriff auf ihre Stadt, sodass sie und ihre Familie diese rechtzeitig verlassen und den Bomben entgehen können. (Irgendwie gefällt mir das Beispiel, denn auch hier muss der Bombenangriff speziell nicht moralisch gerechtfertigt sein, auch wenn die Kriegserklärung der Engländer an Deutschland das grundsätzlich war – genauso, wie es bei Rahabs Geschichte grundsätzlich egal ist, ob man die Bibel so interpretiert, dass Gott eindeutig direkt selber befohlen habe, alle Kanaaniter inklusive Frauen, Kinder, Alte auszurotten, oder die Israeliten das auf dieser Stufe der Offenbarung halt so verstanden hätten.**) Auch in diesem Fall würden die Angehörigen dieser „Verräterin“ ihr vermutlich erst mal vorhalten, sie habe ihr Volk verraten, und sie müssten für Deutschland kämpfen, usw.

Am Ende dieses Gesprächs kommt eine etwas lächerliche Stelle. Rahabs Bruder fragt:

„Wir sind zwanzig Menschen, Rahab. Wie willst du uns alle unterbringen – uns und den Proviant, den wir [gemeint: während der Belagerung] brauchen werden?“ (S. 164)

Weil es ja offensichtlich so schwierig ist, zwanzig Menschen in einem Haus unterzubringen! Die Antwort lautet:

„Oh, Mizraim, du sorgst dich um so viele Dinge – darum, was du essen und wo du schlafen wirst. Aber nur eins ist wirklich wichtig: Folge den Anweisungen! Wenn du überleben willst, pack deine Sachen und komm in mein Haus.“ (Ebd.)

Man könnte es auch ein bisschen unauffälliger machen, als Rahab ein zusammengestoppeltes Zitat aus der Bergpredigt (Mt 6,25.31) und der Marta-und-Maria-Geschichte (Lk 10,41f.) in den Mund zu legen. Mrs. Rivers nimmt ihren Predigtauftrag wirklich sehr ernst.

Aber zurück zu Salmon und Ephraim. Die beiden haben es zurück ins israelitische Lager geschafft und erstatten Josua und Kaleb Bericht. Sie stellen fest, dass ihr Bericht eigentlich gar nicht mehr nötig war; in der Zwischenzeit hat Gott bereits zu Josua gesprochen und alles ist entschieden; sie werden in drei Tagen den Jordan überqueren. Salmon jedoch ist nicht etwa enttäuscht deswegen: „Er hatte den Eindruck, dass er und Ephraim aus einem ganz anderen Grund nach Jericho gesandt worden waren, einem Grund, den nur der Herr selbst gekannt hatte. Vielleicht hatten sie Rahab finden und die Tür zu ihrer Rettung öffnen sollen.“ (S. 167) Als sie von Rahab erzählen, erklären sich Josua und Kaleb einverstanden mit der Abmachung.

„Josuas Augen wurden schmaler. ‚Und habt ihr diesen Eid geschworen?‘

Salmon spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Hatte er vielleicht eigenmächtig gehandelt und den Willen Gottes übertreten? ‚Wenn ich falsch gehandelt habe, bete ich darum, dass Gott, der Herr, allein mich zu Rechenschaft ziehen und diese Frau nicht bestrafen wird. Ja, wir haben vor dem Herrn, unserem Gott, geschworen, dass jeder, der in Rahabs Haus ist, verschont wird.‘

‚Dann wird es so sein‘, sagte Josua.“ (S. 166)

Schön gesagt. Kaleb trägt Salmon und Ephraim auf, bei der Eroberung für die Sicherheit von Rahab und ihrer Familie zu sorgen.

Nachdem Josua und Ephraim gegangen sind, spricht Salmon noch weiter mit Kaleb über Rahab:

„‚Sie will eine der Unseren werden.‘ Salmon überlegte kurz. Doch, es war das Beste, wenn er seine Gefühle vor Kaleb offenlegte und um Rat bat. ‚Und ich… ich möchte diese Frau in mein Zelt führen.'“ (S. 167)

Na, das geht ja mal wirklich fix.

Kaleb ist erst ein bisschen skeptisch, rät von Eile ab.

„Kaleb schüttelte den Kopf, halt amüsiert, halb sorgenvoll. ‚Es sind immer die heidnischen Frauen, die unsere Männer von Gott wegziehen.‘

‚Rahab ist keine Heidin!‘

‚Sie ist eine Kanaaniterin.‘

‚Diese Frau hat mehr Glauben an den Tag gelegt als mein Vater und meine Mutter. Aber zählen wir doch gleich alles auf, was gegen sie spricht: Sie ist älter als ich, und sie hat sich ihr Brot als Hure verdient.‘

In Kalebs Augen war ein merkwürdiges Leuchten. ‚Und eine solche Frau willst du dir zur Ehefra wählen?‘

‚Rahab ist tatsächlich etwas Besonderes.‘

Kaleb schürte das Feuer mit einem Stock. ‚Vielleicht ist sie nur eine raffinierte Lügnerin, die ihr eigenes Volk verrät, um ihre Haut zu retten.‘

‚Aber wer ist ihr Volk?‘

Kaleb hob seine Hand, wie um Salmons Worte wegzuwischen. Salmon sprach rasch weiter. ‚Du und Josua, ihr habt mich gelehrt, in allem nach Gottes Willen zu fragen. Hilf mir, ihn zu finden, was diese Frau angeht!‘

Kaleb atmete langsam aus und rieb sich mit beiden Händen über sein Gesicht. ‚Josua hat dir bereits seine Anweisungen gegeben. Du wirst für die Sicherheit dieser Frau und all derer sorgen, die zu ihr gehöre. Und wenn du willst, wird sie als Kriegsbeute dir gehören.'“ (S. 168)

Kriegsbeute? Wie kommen wir jetzt aufs Thema Kriegsbeute? Rahab ist eine Verbündete, mit der es eine friedliche Vereinbarung gab, in der nie von „Kriegsbeute“ die Rede war!

„Salmons Herz schlug heftig. Es fühlte sich an, als habe Kaleb ihm gerade ein kostbares Geschenk überreicht, so kühl seine Worte auch klangen.

Der  Ältere ließ seine Hände sinken. ‚Du solltest sie und ihre Familie allerdings zunächst draußen vor dem Lager lassen. Vielleicht will sie gehen und die Ihren mitnehmen.‘

‚Sie möchte eine von uns werden.‘

‚Wie kannst du da so sicher sein?‘

Salmon hockte sich hin. ‚Ich habe ihre Augen gesehen und ihre Worte gehört.'“ (S. 168f.)

Er erklärt seine Überzeugung, dass Gott ihn und Ephraim nach Jericho geschickt hat, damit Rahab gerettet wird. Kaleb warnt ihn davor, Gott seine eigenen Wünsche in den Mund zu legen. Aber Salmon hat noch mehr Argumente parat:

„‚Seit ich ein kleiner Junge war, hast du mich die Wahrheit gelehrt und sie vor meinen Augen ausgelebt. Eines ist mir immer ganz klar gewesen: Gott hat uns nicht aus Ägypten befreit, weil wir so gut gewesen wären oder die Freiheit verdient hätten, sondern er hat uns aus Gnade gerettet.‘ Salmon breitete seine Hände aus. ‚Und will der Herr seine Gnade nicht jedem geben, der sich danach sehnt, zu ihm zu gehören? Ich habe diese Sehnsucht in Rahabs Augen gesehen, ich habe sie davon reden gehört. Sie glaubt, dass der Herr Gott ist, und sie hat ihre Treue zu ihm darin gezeigt, dass sie uns das Leben gerettet hat.'“ (S. 169)

Denken Sie dran, meine Damen, sola gratia und sola fide!

Kaleb mahnt wieder zur Geduld. Der verliebte Salmon unterbreitet ihm noch eine ziemliche Schnapsidee: „Wenn jemand in der Stadt herausfindet, dass sie Ephraim und mir geholfen hat, bleibt sie vielleicht nicht lange genug am Leben, dass wir sie retten können. Ob ich wohl zurückgehen sollte?“ (S. 170) Jemand müsste Salmon mal erklären, dass das wohl viel eher irgendjemand herausfinden würde, wenn er noch einmal versuchen würde, in die Stadt und zu Rahab zu kommen, und sich dabei vor allem noch einmal so blöd anstellen würde. Das Spionagehandwerk hat der junge Mann echt nicht drauf. Kaleb tut das nicht, sondern sagt ihm einfach, Gott werde Rahab retten, wenn das Sein Plan sei. Salmon bittet um Vergebung für seinen Unglauben. Aber noch einmal versucht er, Kalebs Segen für seine Pläne zu bekommen:

„‚Dann wärst du also nicht dagegen, dass ich Rahab in mein Zelt führe?‘

Kaleb sah ihn halb mitleidig an. ‚Es wäre weise, wenn du erst einmal abwartest, was sie darüber denkt. Wenn Gott sie aus Jericho errettet, wird sie zu entscheiden haben, was sie mit dem Leben anfängt, dass [sic] er ihr geschenkt hat.‘ Er zwinkerte Salmon zu. ‚Wenn sie so klug ist, wie du sagst, wird sie vielleicht einem älteren Mann den Vorzug geben.

Salmon lachte, alle Anspannung auf einmal wie weggeblasen. Hatte Kaleb ihn nur testen wollen? ‚Vorhin hast du gesagt, dass sie mir als Kriegsbeute gehört.‘

Kaleb lachte mit. ‚Ja, das stimmt, aber eine Frau mit so viel Glauben und Mut wird ihren eigenen Kopf haben.'“ (S. 171)

Ähm, dann hätten wir das Thema Kriegsbeute auch einfach weglassen können.

„Er legte eine Hand auf Salmons Schulter, sein Blick wurde wieder ernst. ‚Wenn der Kampf vorbei ist, wird Josua über ihr Schicksal entscheiden, und ihre Gründe werden auf die Probe gestellt werden.‘ Er ließ ihn los. ‚Wenn sie so ist, wie du sagst, brauchst du dich nicht um das Ergebnis zu sorgen.‘

Salmon war nicht zufrieden. Er hatte eine eindeutige Antwort gewollt und stattdessen die Anweisung bekommen zu warten.

Würde Rahab sich als die Frau erweisen, für die er sie hielt? Wenn nicht, würde ihm die Aufgabe zufallen, dafür zu sorgen, dass sie sich von Israel fernhielt.“ (Ebd.)

Und damit endet das Kapitel. Hat diese Liebe eine Chance? Sie werden es erfahren…

 

* „Ihr sollt nicht tun, was man in Ägypten tut, wo ihr gewohnt habt; ihr sollt nicht tun, was man in Kanaan tut, wohin ich euch führe. Ihre Satzungen sollt ihr nicht befolgen. […] Niemand von euch darf sich einer Blutsverwandten nähern, um ihre Scham zu entblößen. Ich bin der HERR. [Bestimmungen über die Grade der Verwandtschaft, die Inzest zu einem Verbrechen machen.] Die Scham einer Frau und gleichzeitig die ihrer Tochter darfst du nicht entblößen; weder die Tochter ihres Sohnes noch die Tochter ihrer Tochter darfst du nehmen, um ihre Scham zu entblößen. Sie sind leiblich verwandt, es wäre Blutschande. Du darfst neben einer Frau nicht auch noch deren Schwester heiraten; du würdest sie zur Nebenbuhlerin machen, wenn du zu Lebzeiten der einen die Scham der anderen entblößt. Einer Frau, die wegen ihrer Regel unrein ist, darfst du dich nicht nähern, um ihre Scham zu entblößen. Mit der Frau deines Mitbürgers darfst du nicht schlafen; du würdest durch sie unrein. Von deinen Nachkommen darfst du keinen hingeben, um ihn für Moloch hinübergehen zu lassen. Du darfst den Namen deines Gottes nicht entweihen. Ich bin der HERR. Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel. Keinem Vieh darfst du beiwohnen; du würdest dadurch unrein. Keine Frau darf vor ein Vieh hintreten, um sich mit ihm zu begatten; das wäre eine schandbare Tat. Ihr sollt euch nicht durch all das verunreinigen; denn durch all das haben sich die Nationen verunreinigt, die ich vor euch vertreibe.“ (Lev 18,3.6.17-24) „Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, hat den Tod verdient, der Ehebrecher und die Ehebrecherin. Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Schläft einer mit seiner Schwiegertochter, so haben beide den Tod verdient. Sie haben eine schändliche Tat begangen, ihr Blut kommt auf sie selbst. Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Heiratet einer eine Frau und ihre Mutter, so ist das Blutschande. Ihn und die beiden Frauen soll man verbrennen, damit es keine Blutschande unter euch gibt. Ein Mann, der einem Tier beiwohnt, hat den Tod verdient und das Tier sollt ihr töten. Nähert sich eine Frau einem Tier, um sich mit ihm zu begatten, dann sollst du die Frau und das Tier töten. Sie haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst. Nimmt einer seine Schwester, eine Tochter seines Vaters oder eine Tochter seiner Mutter und sieht ihre Scham und sie sieht die seine, so ist es eine Schandtat. Sie sollen vor den Augen der Angehörigen ihres Volkes ausgemerzt werden. Er hat die Scham seiner Schwester entblößt; er muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit einer Frau während ihrer Regel schläft und ihre Scham entblößt, hat ihre Blutquelle aufgedeckt und sie hat ihre Blutquelle entblößt; daher sollen beide aus ihrem Volk ausgemerzt werden. Die Scham der Schwester deiner Mutter oder der Schwester deines Vaters sollst du nicht entblößen; denn wer seine eigene Verwandte entblößt, muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit seiner Tante schläft, hat die Scham seines Onkels entblößt. Sie müssen die Folgen ihrer Sünde tragen; sie sollen kinderlos sterben. Nimmt einer die Frau seines Bruders, so ist das Befleckung. Er hat die Scham seines Bruders entblößt; sie sollen kinderlos bleiben.“ (Lev 20,10-21)

** Ich habe hier mal eher für letzteres plädiert – grob gesagt, mit der „Das-ist-Altes-Testament“-Begründung – und würde das immer noch für eine mögliche Interpretation halten, neige aber selber inzwischen eher zu ersterem. Grundsätzlich gilt ja: Das Leben ist ein ungeschuldetes Geschenk von Gott, weshalb Er es uns prinzipiell nehmen kann, und prinzipiell auch andere dazu delegieren kann, es zu nehmen (selbst, wenn wir annehmen, dass Er das selten tun wird); natürlich kann Gott nichts in sich Böses tun oder befehlen – z. B. Folter oder Lüge – aber jemanden zu töten ist nichts in sich Böses, sondern nur etwas, zu dem Menschen unter normalen Umständen kein Recht haben, weil wir nicht Gott spielen dürfen. Und schließlich werden die unschuldigen Kanaaniter, die bei der Landnahme getötet wurden, inzwischen im Himmel sein. (Oder höchstens vielleicht noch im Fegefeuer. Bitte alle mal ein Ave Maria für sie beten.) Prinzipiell sah es nach dem Auszug aus Ägypten so aus: Gott wollte Seinem aus der Sklaverei befreiten heimatlosen Volk eine Heimat geben; in dem ihnen versprochenen Land saßen noch die Kanaaniter, die, nun, ein wirklich ziemlich verkommenes Volk waren, mit Kinderopfern und Tempelprostitution und Totenbeschwörung zur Wahrsagerei und was weiß ich noch allem. Gott wusste, dass die Israeliten, wenn sie z. B. nur einen Teil des Gebiets erobern, mit einigen kanaanitischen Städten Frieden schließen, Kriegsgefangene am Leben lassen und als Sklaven halten, Götzenbilder als Beute rauben würden usw., sich wohl zumindest teilweise auch von kanaanitischen religiösen Vorstellungen anstecken lassen würden („vielleicht gibt es Baal und Moloch ja doch, seien wir mal lieber vorsichtig, und bringen ihnen die Opfer dar, die sie fordern“). Deshalb befahl Er vielleicht tatsächlich direkt den „Bann“ (oder die „Vernichtungsweihe“ oder wie das in verschiedenen Bibelübersetzungen so heißt) – alle töten, auch die Frauen, auch die Kinder, selbst das Vieh, alles niederbrennen, keine Beute übrig lassen. Das führten die Israeliten übrigens laut den biblischen Schriften nicht immer so vorschriftsmäßig aus – und das Ergebnis war genau diese Ansteckung mit dem Heidentum. Ein Paradebeispiel dafür ist König Saul (vgl. 1 Sam 15, und das folgende Debakel mit seinen Taten etwa in 1 Sam 28 und 1 Sam 31). Ich will hier auch noch einen Kommentar, der hier mal bei mir von Nepomuk hinterlassen wurde, zitieren: „Ich kann natürlich nicht ausschließen, daß Gott gewissermaßen ‚Hintergedanken‘ hatte, die z. B. so gelautet hätten haben können (der Herr möge entschuldigen, daß ich das in saloppe Worte kleide): ‚Hm, Ich hab jetzt unter anderem zwei Möglichkeiten. Die Kanaaniter müssen, so wie sie jetzt sind, irgendwie weg; das steht fest. Nach Lage der Dinge wird Mein Volk hier einfallen, ein riesiges Gemetzel unter ihnen anrichten, sich mords gegen sie und gegen Mich versündigen, und ein riesiges Gemetzel unter sich selbst anrichten, der Verteilung der Beute wegen – oder Ich befehl‘ ihnen *gleich*, die Stämme und insbesondere ihren ganzen Besitz zu vernichten – *Ich* darf das ja – und das erspart zum einen die Sünden, die sie bei ihrem Gemetzel sonst begehen würden, und zum anderen den Zwist hernach wegen der Beute.‘ (Jetzt, wo ich das so formuliere, kommt mir das sogar wahrscheinlich vor.)“  Wie gesagt: Man kann diese alttestametlichen Stellen auch noch anders lesen, aber das ist so die direkte, naheliegende Lesart.

Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 1: Tamar

Man soll ja nicht immer nur die anderen kritisieren, sondern auch mal die Fehler der eigenen Seite anschauen. Also dachte ich mir, nach einer ausführlichen genervten Rezension zu einem feministisch-antichristlichen Roman könnte ich mich auch mal über einen christlich-antifeministischen lustig machen.

Ach, wem will ich hier was vormachen. Die Autorin besagten Romans ist evangelikal, und wer mich kennt, weiß, dass die Evangelikalen zu meinen Lieblingsgegnern zählen. (Nach Luther und Calvin.)

Wie auch immer, ich dachte, es könnte Spaß machen und vielleicht auch ein paar Leser interessieren, mal anzuschauen, wie ein schlechter christlicher (evangelikaler) Roman ausschauen kann. Es ist ja unter der neueren christlichen Literatur, die es so auf dem Markt gibt, gar nicht mal so wenig schlechtes Zeug dabei; Autoren in diesem Genre scheinen nicht selten entweder zu meinen, dass a) man das mit einem christlichen Publikum ja machen könne, weil das eh nicht viel Auswahl an weltanschaulich passender Unterhaltung hat und eh alles kaufen wird, was angeboten wird, oder b) es vor allem auf die transportierte Botschaft ankomme und man lieber darauf schauen anstatt an der künstlerischen Qualität arbeiten müsse.* Ausgesucht habe ich mir dafür „Saat des Segens“ von Francine Rivers: ein Sammelband aus fünf Romanen, in denen es jeweils um eine der Frauen geht, die in Jesu Stammbaum im Matthäusevangelium auftauchen – Tamar, Rahab, Ruth, Batseba, und natürlich seine Mutter Maria. Mrs. Rivers ist in amerikanischen christlichen Kreisen ziemlich bekannt; vor ihrer Bekehrung 1986 schrieb sie Liebesromane, und danach machte sie mit Liebesromanen auf Christlich weiter, von denen die meisten auch ins Deutsche übersetzt worden sind. Auf ihrer Webseite schreibt sie über ihre Ambitionen:

“Ich sehne mich danach, dass der Herr meine Geschichten benutzt, damit die Leute nach Seinem Wort, der Bibel, dürsten. Ich hoffe, dass das Lesen meiner Geschichten in dir einen Hunger auf das gelesene Wort [vielleicht ein Tippfehler auf der Webseite; statt „read Word“ könnte auch „real Word“ gemeint sein], Jesus Christus, das Brot des Lebens, erweckt. Ich bete, dass du meine Bücher beendest und dann die Bibel mit einer neuen Begeisterung und Vorfreude auf eine wirkliche Begegnung mit dem Herrn selbst aufschlägst. Mögest du die Schrift aus purer Freude, in Gottes Gegenwart zu sein, erforschen.

Geliebter, ergib dich mit ganzem Herzen Jesus Christus, der dich liebt. Wenn du aus dem tiefen Brunnen der Schrift trinkst, wird der Herr dich beleben und reinigen, dich formen und dich neu schaffen durch Sein Lebendes Wort. Denn die Bibel ist der wahrhafte Odem Gottes, der ewiges Leben denen gibt, die ihn suchen.“

Ich habe einen ihrer Romane mit dem Titel „Redeeming Love“, eine Nacherzählung der Geschichte des Propheten Hoesea, vor einigen Jahren im englischen Original gelesen und mochte ihn damals irgendwie, auch wenn mir ein Detail schon problematisch vorkam**; wieder daran erinnert habe ich mich, als ich vor einiger Zeit auf feministischen Blogs auf (nicht mal völlig zu Unrecht) sehr kritische Rezensionen gestoßen bin. „Saat des Segens“ habe ich mir dann vor kurzem bestellt, weil das Thema der Romane sehr interessant klang – und ich irgendwie gespannt war, was man bei einer evangelikalen Autorin, die über die allerseligste Jungfrau schreibt, wohl bekommen würde (ich verrate schon mal: es wird schlimmer als befürchtet). Und, wie gesagt, in der Hoffnung auf Stoff für den Blog.

Nacherzählungen biblischer Geschichten sind an sich ja etwas sehr Spannendes. Und sie sind schwierig hinzubekommen – weil man irgendwie Gott als handelnde Person hineinbringen muss; weil man dem Bibeltext treu bleiben will, aber es sich auch komisch anhört, wenn man einfach wörtlich abschreibt; weil man, wenn es um die frühen Bücher des Alten Testaments geht, so wenig über die Zeit weiß; weil man Menschen aus einer anderen Epoche der Offenbarungsgeschichte nicht einfach das eigene heutige Glaubensverständnis unterstellen darf. Spoiler: Francine Rivers bekommt diese Aufgabe nicht hin.

Wie gesagt, der Zusammenhang zwischen den fünf Büchern besteht darin, dass nur genau diese fünf Frauen in Jesu Stammbaum bei Matthäus auftauchen: „Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar. Perez zeugte den Hezron, Hezron zeugte den Aram, Aram zeugte den Amminadab, Amminadab zeugte den Nachschon, Nachschon zeugte den Salmon. Salmon zeugte den Boas mit der Rahab. Boas zeugte den Obed mit der Rut. Obed zeugte den Isai, Isai zeugte David, den König. David zeugte den Salomo mit der Frau des Urija. (…) Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird.“ (Mt 1,3-6.16) Auf Englisch sind die Bücher unter dem Titel „Lineage of Grace“ (etwa: Abstammungslinie der Gnade) erschienen.

Tamars Geschichte findet sich in der Bibel in Genesis 38. In meinem Sammelband ist dieses Buch überschrieben mit „Tamar – Der Gott, der mich segnet“; als Einzelband ist es unter dem Titel „Unveiled – Tamar“ bzw. auf Deutsch „Frau der Hoffnung – Tamar“ erschienen. Die biblische Erzählung ist relativ knapp, Mrs. Rivers hat hier also Gelegenheit, die Details relativ frei auszugestalten. (Bitte die Bibelgeschichten selber noch mal nachlesen, wenn man sie noch nicht kennt.)

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(Tammar, Dr. Lidia Kozenitzky.)

Das Buch beginnt, als die vierzehnjährige Tamar sieht, wie Juda sich mit einem mit Geschenken beladenen Esel ihrem Vaterhaus nähert. (Ihr Vater ist ein wohlhabender kanaanitischer Bauer.) Sie gerät in Panik, weil sie schon befürchtet, dass Juda sie als Braut für seinen ältesten Sohn Er bekommen möchte, von dem sie viel Schlechtes gehört hat – und so geschieht es auch. Tamar wird geholt und ihre Mutter und Schwestern schmücken sie, damit sie sich gut vor Juda präsentiert. Ihre Mutter predigt ihr noch, dass so nun mal der Lauf der Welt sei und sie sich einer Heirat fügen müsse, falls Juda sich mit ihrem Vater einig werden sollte. „Sie packte Tamars Schulter. ‚Sei eine gute Tochter und gehorche ohne Widerworte. Werde eine gute Ehefrau, die viele Söhne bekommt. Tu das, und du wirst Ehre ernten und wenn du Glück hast, wird dein Mann dich lieben. Und auch wenn keine Liebe zwischen euch wächst, wird deine Zukunft doch in den Händen deiner Söhne sicher sein; wenn du alt bist, werden sie für dich sorgen, so wie deine Brüder für mich sorgen werden. Die einzige Befriedigung, die eine Frau in dieser Welt bekommen kann, ist viele Söhne zu bekommen und die Familie ihres Mannes aufzubauen.’“ (S. 17) Tamar nimmt sich, wie das rechtliche Buch zeigt, diese Ermahnung zu Herzen.

Tamars Vater Zimran hat seine eigenen Gründe, seine Tochter mit Judas Sohn verheiraten zu wollen; er fühlt sich von den Hebräern bedroht, auch wenn Juda seine Leute verlassen, eine kanaanitische Frau geheiratet und sich unter Kanaanitern niedergelassen hat. Die Kanaaniter erinnern sich noch gut daran, wie Juda und seine Brüder Jahre vorher die Sichemiter überlistet und niedergemetzelt haben als Rache für die Vergewaltigung ihrer Schwester durch den Sohn des Stadtfürsten von Sichem (vgl. Gen 34). Zimran will also mit einer Heirat den Frieden zwischen seiner Sippe und der Judas sichern.

Die Geschichte wird nicht nur aus Tamars Sicht erzählt, sondern immer wieder auch aus der Judas. So auch gleich hier am Anfang. Man erfährt seine Motive, eine Braut für seinen Ältesten zu suchen:

„Ihre Augen waren dunkel, aber nicht hart, ihre Haut rein und leuchtend. Ein solches Mädchen konnte vielleicht das verbogene Herz seines Sohnes anrühren und ihn von seinen krummen Wegen abbringen. Ob sie wohl den Mut hatte, den es brauchte, um Ers Respekt zu gewinnen? (…) Sie würde stark und widerstandsfähig sein müssen.

Juda wusste, dass er selbst sein Maß Schuld daran trug, dass sein Sohn so missraten war. Er hätte seiner Frau nie freie Hand bei der Erziehung seiner Söhne geben dürfen. Er hatte gedacht, dass völlige Freiheit sie glücklich und stark machen würde. Und sie waren auch glücklich – solange alles nach ihrem Willen ging. Und stark genug, ihre Fäuste zu benutzen, wenn es nicht danach ging. Sie waren stolz und arrogant und kannten keine Grenzen. Hätte er nur öfter die Rute benutzt!“ (S. 21)

Also, kurz gesagt, Juda hatte Pech mit seinen Söhnen und seinen gewissermaßen „antiautoritären“ Erziehungsmethoden (die übrigens etwas aus der Zeit gefallen wirken), konnte sich nie durchsetzen und will jetzt die Verantwortung für seine Fehler auf ein vierzehnjähriges Mädchen abschieben. Er reflektiert an dieser Stelle auch die Fehler bei der Wahl seiner Frau:

„Es war die pure Lust gewesen, die ihn dazu gebracht hatte, die Mutter des Jungen zu heiraten. Schönheit war ein Fallstrick für einen Mann, und ungezügelte Leidenschaft verbrannte den Verstand. Der Charakter einer Frau war das Wichtigste. Juda wusste, dass er besser daran getan hätte, der Sitte zu folgen und seinen Vater die Frau für ihn aussuchen zu lassen. Jetzt zahlte er bitter für seine Eile und Starrsinnigkeit damals.“ (S. 24)

Ah… ja. Wir sollten hier nicht vergessen, dass die Autorin ihr Buch nicht nur als Geschichte, sondern – s. o. – vor allem als Predigt schreibt. Es gibt da ja durchaus so Tendenzen in gewissen amerikanischen „fundamentalistischen“ Kreisen, arrangierte Ehen zu verherrlichen und selber „parent-led courtship“ (d. h. Kennenlernen unter den Augen der Eltern, Heirat nur mit deren Zustimmung) zu praktizieren. Der Witz ist natürlich, dass Juda die Frau für seinen Sohn auch nur aufgrund eines sehr oberflächlichen Eindrucks auswählt und kaum Worte mit ihr wechselt.

„Es reichte nicht, dass eine Frau die Leidenschaft ihres Mannes anfachte. Sie musste auch stark sein, aber gleichzeitig bereit, sich zu fügen. Eine störrische Frau war ein Fluch für einen Mann.“ (S. 24.)

Okay… ist wohl mehr oder weniger Standardpredigt bei konservativen Protestanten.

Ansonsten erfährt man in diesem Kapitel auch noch, wie sehr Juda von der Erinnerung an das geplagt wird, was er und seine Brüder einst seinem jüngeren Bruder Joseph angetan haben – wie sie ihn nach Ägypten verkauft und ihrem Vater weisgemacht haben, er sei tot.

Aber weiter im Text. Juda und Zimran werden sich einig, Juda lässt die Brautgeschenke da, und Tamar muss ihn gleich zurück zu sich nach Hause begleiten. Eine Dienerin, ihre frühere Amme Aksa, kommt mit ihr. Als sie ankommen – Juda lebt hier interessanterweise in einem Steinhaus, nicht in Zelten –, ist Er mit seinen Freunden unterwegs und Judas Frau Batsuba reagiert abschätzig und wenig einladend auf ihre neue Schwiegertochter. Tamar versucht zunächst noch, sich selbst Mut zu machen: „Während sie so dasaß und wartete, befahl sie sich selbst, all das Schlimme zu vergessen, das sie über Er gehört hatte. Vielleicht hatten die Menschen, die so schlecht über ihn sprachen, unlautere Motive gehabt. Nein, sie würde ihn so achten, wie es einem Ehemann gebührte; und auf seine Wünsche eingehen. Wenn der Gott von Ers Vater gnädig auf sie herabsah, würde sie Er Söhne schenken, und dies schon bald, und sie würde sie zu starken, ehrlichen Männern erziehen, die treu und verlässlich waren. Ja, falls Er dies wünschte, würde sie sogar den Gott Judas anbeten und ihre Söhne dazu erziehen, ihn zu ehren und nicht die Götter ihres Vaters. Aber ihr Herz zitterte, und mit jeder Stunde wuchs ihre Angst.“ (S. 29) Als ihr Bräutigam schließlich, betrunken und zusammen mit seinen betrunkenen Freunden, wiederkommt, heißt auch er sie nicht gerade herzlich willkommen.

„Es lag Stolz in der Art, wie er seinen Kopf hielt, Grausamkeit im Schwung seines Mundes, Gleichgültigkeit in seinen Gesten. Er ergriff nicht ihre Hand.

‚Ist das also die Frau, die du für mich ausgesucht hast, Vater.’

Sein Tonfall ließ Tamar frösteln.“ (S. 29f.)

Ich finde es ja etwas nervig, wenn man den Bösen immer gleich ansieht, dass sie die Bösen sind. So einfach ist das im realen Leben ja nicht.

Er jedenfalls behandelt Tamar in den folgenden Monaten grausam, lässt seine Wut an ihr aus, schlägt sie, und ist nie mit ihr zufrieden. Außerdem ist er faul und nicht für die Arbeit bei Judas Herden zu gebrauchen. Tamar hat es auch sonst nicht einfach: Ihre Schwiegermutter hat es besonders auf sie abgesehen. Ständig herrscht Unfriede zwischen Er und Onan oder zwischen den Söhnen und ihrer Mutter. Juda schreitet nicht ein und flieht zu seinen Schafen und Ziegen, wenn er nur kann. Auch der schlechte Einfluss von Ers und Onans Freunden wird immer wieder ausgebreitet; auch das natürlich als Mahnung für die Mütter von Söhnen im Teenageralter, die das Buch lesen könnten.

Tamar sehnt sich danach, endlich schwanger zu werden: „Sie sehnte sich mehr nach einem Kind als alle anderen, mehr auch als ihr Mann, dessen Wunsch nach einem Sohn nur eine Erweiterung seines Stolzes war als ein echtes Bedürfnis, eine Familie zu gründen. Mit einem Sohn würde Tamar endlich etwas gelten in diesem Haus – und sie würde sich nicht mehr so grenzenlos einsam fühlen.“ (S. 35)

Mehr oder weniger als Ursache allen Übels stellt die Autorin Batsuba dar: „War Batsuba wirklich blind für das, was sie in diesem Haus anrichtete? Dauernd brachte sie den Sohn gegen den Vater und Bruder gegen Bruder auf. Über alles und jedes stritt sie mit Juda, und das vor ihren Söhnen, wie um ihnen zu demonstrieren, wie sie es sich möglichst mit allen verdarb und das Schlechteste für die Familie tat. Kein Wunder, dass ihre Schwiegermutter unglücklich war. Und der Rest des Hauses mit ihr.“  (S. 37) Also, meine Damen, streitet euch nicht vor den Kindern mit euren Männern! (An sich ja kein schlechter Ratschlag. Mrs. Rivers ist halt nur sehr überdeutlich mit ihren Predigten.) Tamar währenddessen versucht, gehorsam zu sein und sich einzufügen. Auch in religiösen Dingen wird sie als Gegenbild zu Batsuba präsentiert. Batsuba verlässt sich auf die kanaanitischen Götterbilder, während Tamar irgendwie fasziniert von Judas Gott ist, der vor wenigen Generationen die beiden Städte Sodom und Gomorra zerstört haben soll. Ihr Schwiegervater allerdings spricht nicht viel über diesen Gott. Das Problem hier ist, dass Mrs. Rivers den religiösen Konflikt sehr vereinfacht und teilweise falsch darstellt.

Als Batsuba sich darüber beschwert, dass ihr Mann immer, nachdem er seinen alten Vater besucht habe, tagelang vor sich hinbrüte, sich betränke und davon spräche, dass die Hand Gottes auf ihm läge, entwickelt sich ein Streitgespräch zwischen ihr und Tamar:

„Batsuba erhob sich und begann, hin- und herzulaufen. ‚Wie kann der Mann nur so blöd sein und an einen Gott glauben, den es gar nicht gibt?’

‚Vielleicht gibt es ihn doch.’

Batsuba warf ihr einen finsteren Blick zu. ‚Und wo ist er dann, bitte sehr? Hat dieser Gott einen Tempel, in dem er wohnt, und Priester, die ihm dienen? Er hat noch nicht einmal ein Zelt!’ Sie trat an ihren Schrein. ‚Das hier – das sind richtige Götter!’ Sie ließ die Finger über eine der Statuen gleiten. ‚Man kann sie sehen und anfassen. Diese Götter hier, die kanaanitischen, machen unser Land und unsere Frauen fruchtbar.’ Ihre Augen glitzerten kalt. ‚Wenn du mehr Ehrfurcht vor ihnen hättest, wäre dein Bauch vielleicht nicht mehr so flach!’

Tamar spürte den Stich, aber diesmal ließ sie ihn nicht tief eindringen. ‚Hat Judas Gott nicht Sodom und Gomorra zerstört?’

Batsuba lachte spöttisch auf. ‚Ja, so heißt es, aber ich glaube das nicht.’ Sie funkelte Tamar an. ‚Würdest du deine Söhne vor einem Gott knien lassen, der ganze Städte auslöscht?’

‚Wenn Juda es will.’“ (S. 37f.)

In diesem Gespräch sagt Batsuba auch noch: „Die Götter haben mich mit drei guten Söhnen gesegnet, und ich habe sie in der wahren Religion erzogen, wie jede gute Mutter es tun würde.“ (S. 39)

Tamar gibt den Versuch, mit ihrer Schwiegermutter zu streiten, schließlich auf, macht sich aber noch ihre eigenen Gedanken. Sie denkt mit Mitleid an ihre ältere Schwester, die als Tempelprostituierte in den Baalstempel in Timna gegeben wurde. „Diese Götter und der Glaube an sie machten einfach keinen Sinn. Ihre halbherzigen Versuche, sie zu verehren, erfüllten sie nur mit einer eigenartigen Mischung aus Widerwillen und Scham.“ (S. 39) Und: „Wenn die Götter der Kanaaniter so mächtig waren, warum hatten sie dann die Menschen von Sodom und Gomorra nicht beschützt? Ein Dutzend Götter musste doch wohl stärker sein als einer – wenn es denn Götter waren. Nein, sie waren nichts als Steine, Holzstücke und Tonklumpen, die Menschenhände bearbeitet hatten!“ (S. 40)

So. Jetzt erst mal stop. Von vorn:

Die Heiden unterschieden nicht zwischen „wahren“ und falschen Göttern, sondern zwischen ihren Göttern und denen anderer Völker/Städte/Sippen/Zuständigkeitsbereiche. Ihre Götter waren mehr so etwas wie bei uns Christen die Schutzengel und die Dämonen. Die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Göttern kam erst durch den Glauben Israels auf; der Ägyptologe Jan Assmann hat sie die „Mosaische Unterscheidung“ genannt. Judas kanaanitische Frau hätte nicht von den „wahren“ Göttern gesprochen.

Dementsprechend war das Problem, wenn die Israeliten sich mit Heiden vermischten und heidnische Götter verehrten, auch nicht, dass sie dann Jahwe für einen falschen Gott gehalten und ganz aufgehört hätten, Ihn zu verehren. Ne; sie wollten nur auf Nummer sicher gehen und andere Götter auch noch verehren; sie hatten nicht andere Götter statt Ihm, sondern neben Ihm. Dagegen richtet sich das Erste Gebot. Aus dem späteren Israel sind Inschriften erhalten, in denen von „Jahwe und seiner Aschera“ die Rede ist (Aschera war eine kanaanitische Fruchtbarkeitsgöttin, die auch in dem Gespräch zwischen Batsuba und Tamar erwähnt wird); hier war das Problem gerade das: Jahwe wurden Götter an die Seite gestellt. (Diese Inschriften sind Jahrhunderte bis ein Jahrtausend jünger als die Zeit, in der diese Geschichte spielt, aber für die Zeit, als Gott gerade erst begonnen hatte, sich den Patriarchen zu offenbaren, gilt das Gesagte ja noch erst recht.)

Es wirkt außerdem unglaubwürdig, dass Tamar sich schon so für den Gott ihres Schwiegervaters interessiert, obwohl sie eigentlich nichts über Ihn weiß – außer, dass Er zwei Städte zerstört hat. Sie scheint noch nicht einmal genau zu wissen, ob Er denn dafür einen gerechten Anlass hatte. Umgekehrt wirkt es nicht sehr glaubwürdig, dass Batsuba fragt: „Würdest du deine Söhne vor einem Gott knien lassen, der ganze Städte auslöscht?“ Die Kanaaniter gingen nicht davon aus, dass die Götter vollkommen gut seien. Für die Heiden machte es Sinn, gerade den Göttern Opfer zukommen zu lassen, von denen man befürchtete, dass sie nicht besonders gut waren, sondern launenhaft und gefährlich. Wesentlich realistischer wäre es gewesen, wenn Batsuba Jahwe vorsichtshalber zusammen mit ihren anderen Göttern verehrt hätte (und sich dabei vielleicht auch ein fassbares Götterbild für Ihn gemacht hätte), um nicht seinen Zorn zu erregen. Batsuba steht hier für moderne Ungläubige, die fragen: Wollt ihr echt an einen Gott glauben, der Städte zerstört und Kinder umgebracht haben soll? Aber das fragen die ja nur, weil Juden und Christen seit Jahrtausenden darauf bestehen, dass Gott vollkommen gut und gerecht ist. Und so macht es zwar auch Sinn, dass Tamar rituellen Geschlechtsverkehr im Tempel abstoßend findet, aber keinen Sinn, dass sie daraus schließt, Baal und Aschera könnte es vielleicht gar nicht geben.

Es wird noch „besser“:

„Vielleicht gab es überhaupt keinen wahren Gott.

Aber auch gegen diesen Gedanken rebellierte ihr Herz. Die ganze Welt um sie herum – der Himmel, die Erde, der Wind und der Regen – sagte ihr, dass da etwas sein musste. Vielleicht war der hebräische Gott dieses Etwas. Ein Schild gegen Feinde. Eine Zuflucht im Sturm. Eine sichere Burg… Wie sie sich danach sehnte, einen solchen Gott zu kennen.“ (S. 40)

Das sind fast wörtliche Psalmenzitate. Gleich fängt sie noch an, Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu singen.

Wenig später findet Tamar dann auch eine Gelegenheit, Juda über seinen Gott auszufragen.

„‚Und wo ist er?’

‚Wo er will. Überall.’ Juda zuckte die Achseln. ‚Ich kann dir nicht erklären, was ich selbst nicht verstehe.’ Seine Brauen zogen sich zusammen, als blickte er in eine weite Ferne. ‚Manchmal will ich nicht wissen…’

(…)

‚Und hat er je mit dir geredet?’

‚Nein, und ich hoffe, er wird es nie tun.’

‚Warum?’

‚Weil ich weiß, was er sagen würde.’ Juda seufzte schwer und warf das Brot auf das Tablett.

‚Jeder Gott verlangt Opfer. Welches Opfer verlangt deiner?’

‚Gehorsam.’ Er winkte ungeduldig mit der Hand. ‚Aber jetzt hast du genug gefragt. Gönn mir etwas Ruhe!’“ (S. 44f.)

Mrs. Rivers scheint davon auszugehen, die Kanaaniter hätten gemeint, die Götter würden nur in den Götterstatuen wohnen und seien nicht auch um sie herum (z. B. im Wind, in der Erde) präsent; so einfach war es dann doch nicht. Bei der Sache mit den Opfern spielt sie wohl auf Stellen wie 1 Sam 15,22 („Samuel aber sagte: Hat der HERR an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des HERRN? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern.“) oder Hos 6,6 („Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“) an; aber so ganz passt das irgendwie auch nicht. Erstens sind das spätere Stellen, und zweitens gab es ja trotzdem Opfer bei den Israeliten. Abraham, Isaak und Jakob errichteten Gott immer wieder Altäre und brachten auch Schlachtopfer dar; z. B. heißt es in der Bibel nur drei Kapitel weiter vorn: „Gott sprach zu Jakob: Steh auf, zieh nach Bet-El hinauf und lass dich dort nieder! Errichte dort einen Altar dem Gott, der dir auf der Flucht vor deinem Bruder Esau erschienen ist!“ (Gen 35,1) Wobei man „Gott will vor allem Gehorsam“ evtl. auch aus der Geschichte mit der Beinahe-Opferung Isaaks herauslesen könnte; oder vielleicht bezieht die Autorin sich auch auf den Bundesschluss mit Abraham in Gen 17: „Geh vor mir und sei untadelig!“ (Gen 17,1) (wo allerdings auch die Beschneidung befohlen wird).

Wieder geht es weiter mit Juda und seinen Gewissensbissen:

„Manchmal dachte er an die alten Tage mit seinen kanaanitischen Gefährten zurück. Hira, sein Freund aus Adullam, hatte die passende Lebensphilosophie parat gehabt. ‚Iss, mein Bruder, trink, und freu dich des Lebens! Und wenn die Leidenschaft brennt, dann fach die Flamme noch an.’“ (S. 47) Diese Stelle erinnert mich stark an verschiedene biblische Beschreibungen der „Frevler“, aber mir fällt gerade keine genaue Stelle ein.

„Was Juda auch tat, sein Leben stank nach kalter Asche. Er konnte den Folgen seiner Taten nicht entfliehen. Es war zu spät, um seinen Bruder zu suchen und zu retten, zu spät, ihn vor einem Leben zu bewahren, das schlimmer war als der Tod, zu spät, die Sünde ungeschehen zu machen, die Judas eigenes Leben vergiftete. Die Sünde, die er begangen hatte, war so scheußlich, so unvergebbar, dass er mit ihrer Schwärze auf seiner Seele in den Scheol hinabfahren würde.“ (S. 47f.)

Was für ein Käse. Der Glaube an eine Auferstehung der toten Gerechten kam erst deutlich später auf – das findet sich vielleicht in Büchern aus der hellenistischen Zeit wie den Makkabäerbüchern (die die Protestanten übrigens aus der Bibel geworfen haben). In den frühen Büchern des AT ist der Scheol, eine dunkle Unterwelt wie der Hades, aber nicht unbedingt ein Ort der Qualen, der Aufenthaltsort für alle Toten. Die alttestamentlichen Hebräer hatten noch keine Offenbarung über ein Gericht nach dem Tod, sondern glaubten nur daran, dass Gott im Diesseits lohnen und strafen würde.

Schließlich ordnet Juda an, ein Festmahl vorzubereiten, bei dem er mit seinen Söhnen über ihre Zukunft sprechen will. Als die Familie bei Tisch sitzt, verkündet er, dass er noch nicht entschieden habe, wer sein Erbe sein werde.

„‚Ich bin dein Erbe’ presste Er hervor. ‚Ich bin der Erstgeborene!’

Juda sah ihn ruhig an, seine Augen kühl. ‚Wer mein Erbe wird, bestimme ich. Wenn ich will, kann ich auch alles einem Diener vermachen.’

‚Wie kannst du auch nur an so etwas denken?’ kreischte Batsuba.

Juda ignorierte sie. Seine Augen waren weiter auf seinen Ältesten geheftet. ‚Die Schafe leiden unter dir, statt zu gedeihen. Und deine Frau ebenso.’“ (S. 51)

Er ist ganz und gar nicht erfreut, stößt offene Drohungen aus („Onan ist besser mit den Schafen, schön, aber ich bin besser mit dem Schwert!“, S. 52), und ruft schließlich die Götter Kanaans an, ihm zu helfen: „Ich gelobe hiermit, dass ich meine erste Tochter dem Tempel in Timna opfern werde und meinen ersten Sohn dem Feuer des Moloch!“ (Ebd.) Tamar ist entsetzt über diesen Schwur, und schreit „Nein!“ aber… im selben Moment erleidet Er einen urplötzlichen Herzanfall oder etwas in der Art und ist nach wenigen Augenblicken tot. Ein Problem gelöst, gewissermaßen.

Ach ja, zur Erinnerung, die ganze bisherige Handlung (abgesehen von der Vorgeschichte von Judas Familie) umfassen in der Bibel nur zwei Verse: „Juda nahm für seinen Erstgeborenen Er eine Frau namens Tamar. Aber Er, der Erstgeborene Judas, missfiel dem HERRN und so ließ ihn der HERR sterben.“ (Gen 38,7f.) Jetzt kann es dann langsam mit dem zentralen Konflikt der biblischen Geschichte losgehen: Tamar (die übrigens sehr beeindruckt durch den mutmaßlichen Machterweis des Hebräer-Gottes an ihrem Mann ist) steht als kinderlose Witwe nicht besonders gut da, aber damals gab es ja den Brauch der Schwagerehe, auch Leviratsehe genannt: Ein Bruder – oder evtl. ein anderweitiger Verwandter des Verstorbenen, s. das Buch Ruth – konnte dessen Witwe heiraten; der erste Sohn aus dieser Verbindung galt dann rechtlich als Sohn des Verstorbenen, damit dessen Name weiterlebte. Im nächsten Kapitel wird deutlich, dass Tamar hofft, dass Juda ihr nach der Trauerzeit seinen zweiten Sohn Onan zum Mann geben wird; und das tut Juda letztlich auch, obwohl seine Frau überzeugt ist, Tamar hätte einen bösen Zauber auf Er gelegt und wäre die Schuldige an dessen Tod.

Onan unterscheidet sich etwas von seinem Bruder, hat aber im Großen und Ganzen auch keinen besseren Charakter. Er ist klüger und ehrgeiziger, als Er es gewesen ist, und war immer neidisch auf seinen älteren Bruder – und auch begierig nach dessen Frau. Aber er will seinem Bruder ganz sicher keinen Nachkommen verschaffen, der dann dessen Erbteil bekommen würde, und greift daher in der Hochzeitsnacht auf eine Verhütungsmethode zurück, die damals schon zur Verfügung stand, nämlich den coitus interruptus. Mrs. Rivers setzt in ihrer Erzählung bei dem Streit zwischen Tamar und Onan hinterher ein:

„Sie hatte gewusst, dass er von der gierigen Sorte war, aber diese schreiende Ungerechtigkeit hatte sie nicht erwartet. ‚Du willst nicht nur deinen Erbteil, sondern Ers noch dazu!‘

‚Und warum nicht? Ich habe dafür gearbeitet.‘

‚Du hast deinen eigenen Erbteil. Du hast kein Recht auf Ers; er gehört seinem Sohn.‘

Onan grinste. ‚Welchem Sohn?‘

Wütende Tränen stiegen in ihre Augen. ‚Das kannst du nicht machen, Onan! Ich bin keine Hure!‘

‚Jetzt sei doch vernünftig, Tamar. Wer hat sich denn um die Herden gekümmert – Er oder ich? Habe ich dich geschlagen und beschimpft? War Er auch nur einmal freundlich zu dir? Was hat mein Bruder dir je Gutes getan?‘

‚Darum geht es doch gar nicht! Er war der älteste Sohn deines Vaters, der Erstgeborene. Du musst deine Pflicht gegenüber deinem Bruder erfüllen, oder seine Linie wird aussterben. Was meinst du, was Juda davon halten wird, wenn ich ihm sage, was du heute getan hast?‘

‚Dann sag’s ihm besser nicht.‘

‚Ich will bei dieser Sache nicht mitmachen! Was für eine Zukunft habe ich, wenn du deinen Kopf durchsetzt?‘

‚Die Zukunft, die ich dir biete.‘

‚Ich soll also einem Mann vertrauen, der seinem eigenen Bruder den Erben versagt?'“ (S. 65)

Ich muss sagen, ich habe Onan nicht immer so ganz verstanden – solange Tamar kein Kind für Er geboren hat, kann sie ja auch kein weiteres Kind gebären, das dann Onans Erbe wäre; und dass ein Mann dieser Zeit willentlich ganz auf eigene Kinder verzichtet, ist schwer vorstellbar. Kinder waren ja nicht nur nötig, um einen später zu versorgen, sondern waren auch ein Zeichen der Ehre, führten den eigenen Namen weiter (weshalb es ja ein schlimmes Vergehen war, sie seinem Bruder zu versagen). Aber vielleicht hoffte Onan ja darauf, später noch eine zweite Frau zu heiraten, die dann nur Kinder bekommen würde, die rechtlich auch als seine zählen würden.

Tamar wendet sich tatsächlich an ihren Schwiegervater, aber der will sich nicht einmischen und rät ihr, es bei Onan mit „den Waffen einer Frau“ (S. 69) zu versuchen. Tamar ist absolut sauer. An dieser Stelle denkt die Autorin sich einen „kanaanitischen Brauch“ aus, um den Rest der Geschichte noch etwas plausibler zu machen:

„Sie schluckte heftig, ihre Wangen brannten. ‚Wenn dir das lieber ist, kannst du auch dem kanaanitischen Brauch folgen und diese Pflicht selbst erfüllen.‘

Sein [Judas] Kopf fuhr hoch. Ihr Vorschlag widerte ihn sichtlich genauso an wie sie selbst. ‚Ich bin ein Hebräer und kein Kanaaniter.‘

‚Ich wollte dich nicht beleidigen.'“ (S. 70f.)

Das Gespräch mit Juda führt also zu nichts. In der nächsten Nacht tut Onan wieder das Gleiche – und schon am Morgen darauf ist er tot.

Wie zu erwarten schreit Batsuba Zeter und Mordio. Juda brütet einige Zeit lang stumm vor sich hin und gibt schließlich dem Drängen seiner Frau in gewisser Weise nach:

„Juda wusste, dass es Gott gewesen war, der Er und Onan getötet hatte. Wenn er Tamars Bitte erfüllt und Onan wegen seiner Sünde zur Rede gestellt hätte, vielleicht… Juda verwarf den Gedanken sofort wieder. Selbst wenn es Gott gewesen war, der seine Söhne weggenommen hatte – dieses Mädchen war ein schlechtes Omen. Seit er sie ins Haus geholt hatte, hatte er nichts als Ärger mit ihr gehabt. Vielleicht würe er endlich etwas Frieden finden, wenn er sie wieder los war.

Schela war der einzige Sohn, der ihm noch geblieben war. Batsuba hatte recht; er musste ihn schützen.“ (S. 75f.)

Er lässt Tamar schließlich rufen und sagt ihr, Schela – der zwei Jahre älter ist als sie – wäre noch zu jung zum Heiraten; sie solle ins Haus ihres Vaters zurückkehren und dort leben, bis er sie wieder holen lasse. Sie ist verzweifelt und nimmt ihm nicht wirklich ab, dass er sein Versprechen ernst meint, aber ihr bleibt nichts anderes übrig, als zusammen mit Aksa zu ihrer Familie zurückzukehren. Ihr Vater ist alles andere als begeistert, sie wiederzusehen und meint, sie würde seiner Familie Unglück bringen. In den nächsten paar Jahren hat sie es bei ihrer Familie schwer, gibt sich aber nach außen hin überzeugt, dass Juda sie noch holen lassen werde, und versucht auch, sich selbst davon zu überzeugen.

Auch Judas Familie ergeht es nicht besser: Seine Viehherden werden vom Unglück heimgesucht und seine Frau ist immer noch besessen von dem Gedanken daran, dass Tamar am Tod ihrer beiden Söhne schuld sei, betet zu ihren Göttern um Rache und liegt ihm damit in den Ohren, dass er Tamar nicht gleich noch getötet hat. Sie wird dann auch krank, was die Autorin als Resultat ihrer Sünden darstellt. „Dann wurde Batsuba krank, als die Unzufriedenheit sich wie ein Gift in ihren Körper fraß.“ (S. 85) Diese Darstellung finde ich gar nicht unproblematisch. Im evangelikalen Bereich findet sich ja die Ansicht, dass Krankheiten von Sünden wie Bitterkeit und Unzufriedenheit her kämen, gar nicht mal so selten; und auch wenn so etwas (damit kenne ich mich nicht aus) vielleicht manchmal tatsächlich zu Krankheiten beitragen könnte, ist es doch nicht so gut, Kranken das Gefühl zu geben, sie wären an ihrer Krankheit wahrscheinlich selber schuld; und das widerspräche ja auch der Bibel (Joh 9).

Sechs Jahre nach Onans Tod sieht Tamar, die mit ihrer Mutter auf dem Markt in der nahen Stadt Stoffe verkauft, zufällig Schela, der sich zusammen mit einem kanaanitischen Freund betrunken zwischen den Ständen hindurchdrängt und der sie nicht erkennt – und der inzwischen ganz deutlich erwachsen geworden ist. Endlich muss sie sich eingestehen, dass Juda tatsächlich sein Wort gebrochen hat. Kurz darauf erfährt sie auch durch Zufall, dass Batsuba gestorben ist; man hat ihr keine Nachricht geschickt und sie nicht geholt, um sie mit dem Rest der Familie zu betrauern. Ihre Mutter spricht mit ihr darüber:

„‚Hast du gar nichts dazu zu sagen? Dieser elende Kerl hat dich verraten!‘

‚Genug!‘ Tamar funkelte ihre Mutter an. ‚Ich werde nicht gegen Juda oder seine Söhne sprechen. Ich werde dem Haus meines Mannes treu bleiben, egal, wie sie mich behandeln. Oder wie ihr mich behandelt.‘ Sie wünschte sich, ihre Gedanken genauso gut zügeln zu können wie ihre Zunge.

‚Wir geben dir zu essen.‘

‚Von dem ich mir jeden Bissen verdienen muss.‘

‚Dein Vater sagt, du sollst nach Kesib gehen und im Tor ausrufen, dass dir Unrecht geschehen ist.‘

Ihr Vater wusste also alles. Die Demütigung war komplett. Tamar drückte ihre Stirn gegen die Flanke der Ziege, der Schmerz zu tief für Tränen.

‚Und das hättest du schon längst tun sollen!‘ Ihre Mutter ließ nicht locker. ‚Es ist dein gutes Recht! Willst du für den Rest deines Lebens hier sitzen und nichts tun? Wer wird für dich sorgen, wenn du alt wirst? Was soll aus dir werden, wenn du nicht mehr arbeiten kannst?‘ Sie kniete sich neben Tamar und nahm ihren Arm. ‚Sag den Stadtältesten, wie dieser Hebräer dich behandelt und uns gedemütigt hat! Sie sollen alle erfahren, dass Juda wortbrüchig ist!‘

Tamar sah sie an. ‚Ich kenne den Mann besser als du, Mutter. Er wird mich nicht segnen, wenn ich ihn vor ganz Kesib und Adullam bloßstelle! Wenn ich den Namen meines Schwiegervaters schlechtmache, wird er mir dann wohl Gnade zeigen und mir Schela geben?'“ (S. 92f.)

Die Idee davon, Juda im Tor zur Rede zu stellen, hat die Autorin wohl aus den späteren Bestimmungen des Gesetzes des Mose über die Schwagerehe: „Wenn zwei Brüder zusammenwohnen und der eine von ihnen stirbt und keinen Sohn hat, soll die Frau des Verstorbenen nicht die Frau eines fremden Mannes außerhalb der Familie werden. Ihr Schwager soll sich ihrer annehmen, sie heiraten und die Schwagerehe mit ihr vollziehen. Der erste Sohn, den sie gebiert, soll den Namen des verstorbenen Bruders weiterführen. So soll dessen Name in Israel nicht erlöschen. Wenn der Mann aber seine Schwägerin nicht heiraten will und seine Schwägerin zu den Ältesten ans Tor hinaufgeht und sagt: Mein Schwager will dem Namen seines Bruders in Israel keinen Bestand sichern und hat es deshalb abgelehnt, mit mir die Schwagerehe einzugehen!, wenn die Ältesten seiner Stadt ihn dann vorladen und zur Rede stellen, er aber bei seiner Haltung bleibt und erklärt: Ich will sie nicht heiraten!, dann soll seine Schwägerin vor den Augen der Ältesten zu ihm hintreten, ihm den Schuh vom Fuß ziehen, ihm ins Gesicht spucken und ausrufen: So behandelt man einen, der seinem Bruder das Haus nicht baut. Ihm soll man in Israel den Namen geben: Barfüßerhaus.“ (Dtr 25,5-10)

Ich muss sagen, die biblische Geschichte an sich gefällt mir besser als Mrs. Rivers‘ Interpretation von Tamars Motiven. Ich fürchte, Leserinnen, die in missbräuchlichen Beziehungen/Familien stecken, könnten bei diesem Buch genau die falschen Lektionen mitnehmen. Sei immer brav und gehorsam gegenüber deinem Mann, auch wenn er dich brutal misshandelt, so gewinnst du ihn vielleicht für dich; und auch wenn das nicht klappt, sei trotzdem brav und gehorsam. Und rede nie nach außen hin schlecht über die Familie, auch wenn sie dir Unrecht antun, das du sogar gerichtlich verfolgen lassen könntest, sonst werden sie dich erst recht nicht mehr annehmen.

Schließlich wird Tamar von ihrer Mutter, die ihr sagt, dass Juda zum Schafschurfest nach Timna gehen werde, auf eine Idee gebracht. Sie nimmt am nächsten Tag Kleider, die ihre Mutter genäht hat, um sie ihrer Schwester nach Timna in den Tempel zu schicken, verkleidet sich damit und setzt sich (während die übrige Familie denkt, sie wäre bei der Arbeit auf einem entfernten Feld) in einen kleinen Hain bei einer Wegkreuzung bei Enajim. Als sie schließlich Juda und seinen Freund Hira aus Adullam näherkommen sieht, zeigt sie sich, und tatsächlich halten die beiden die geschmückte und verschleierte Tamar für eine Prostituierte, und sie muss nicht einmal besondere Verführungskünste aufwenden, um Juda für sich zu gewinnen. Sie bringt ihn sogar dazu, ihr sein Siegel zu überlassen (als Pfand für einen jungen Ziegenbock, den er ihr als Bezahlung zu schicken verspricht). Während Hira weitergeht, geht Juda mit ihr in den Hain.

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(Jacopo da Ponte, Tamar und Juda, 2. Hälfte 16. Jh. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Als Juda hinterher schläft, verschwindet Tamar schnell und zieht sich ihre Witwenkleider wieder an; das Siegel behält sie versteckt bei sich. Juda versucht später, der Prostituierten durch Hira den Ziegenbock schicken zu lassen, um sein Siegel wiederzubekommen, aber natürlich findet der sie nicht. Tamar stellt währenddessen fest, dass sie, wie sie gehofft hat, tatsächlich schwanger geworden ist, was sie sorgfältig geheimhält.

Als sie etwa im dritten Monat ist und gerade auf dem Feld arbeitet, kommt Aksa (der sie sich schon anvertraut hat), zu ihr gelaufen und erzählt ihr panisch, ihr Vatere wüsste von ihrer Schwangerschaft; eine andere Dienerin hätte ihren Bauch gesehen und sie hätte es ihm sagen müssen. Da kommen auch schon ihre Brüder und zerren Tamar mit sich; ihr Vater ist außer sich vor Zorn und tritt auf sie ein; aber auch Tamar ist jetzt zornig und schreit, Zimran hätte kein Recht, über sie zu richten, sie würde zu Judas Haus gehören. Und tatsächlich lässt Zimran zu Juda schicken, um ihm das Urteil über Tamar zu überlassen.- und Juda reagiert nicht besonders nett:

„Wenn er jetzt gnädig war und sie am Leben ließ, würde dieses Kind – egal, wer sein Vater war – ein Mitglied seines Hauses werden! Das durfte nicht geschehen; er würde es nicht zulassen.

Doch in die Wut mischte sich auch eine hinterlistige Befriedigung. Tamar gab ihm eine Gelegenheit, sie endgültig loszuwerden! Sie hatte sich auf die schändlichste Art gegen sein Haus versündigt, und es war sein gutes Recht, sie zu richten. Schade nur, dass Batsuba das nicht mehr erleben durfte. […]

‚Verbrennt sie! Sie soll im Feuer sterben!‘ rief er.

Noch bevor Zimrans Diener wieder durch die Tür hinaus war, wusste Juda, dass das Blatt sich endlich gewendet hatte. Morgen schon könnte er eine Frau für Schela suchen. Es war Zeit, dass er für den Fortbestand seiner Familie sorgte.“ (S. 106f.)

Als Tamar den Diener zurückkommen hört und erfährt, welche Nachricht er bringt, schickt sie schnell Aksa mit dem Siegel zu Juda. Mir ist nicht ganz klar, wieso sie es nicht schon vorher getan hat; in dem Buch hat Mrs. Rivers die Entfernung bis zu Judas Haus mit immerhin einer halben Tagesreise angegeben, was in so einem Notfall ganz schön weit ist. Als ihr Vater und ihre Brüder kommen, um das Urteil auszuführen, setzt Tamar sich zur Wehr und verlangt, sie sollen sie zu Juda bringen; sollte der das Urteil selbst vollziehen! Währenddessen erreicht Aksa Juda und richtet ihm Tamars Botschaft aus: „Der Mann, dem dieses Siegel und dieser Stock gehören, ist der Vater meines Kindes. Erkennst du sie wieder?“ (S. 109) Und Juda wird klar, was passiert ist.

„Ihm wurde kalt, dann heiß. Scham überflutete ihn. Sein Abenteuer war nicht im Verborgenen geschehen. Nichts war im Verborgenen geschehen. Gott hatte alles gesehen. Seine Haut kribbelte, seine Nackenhaare standen ihm zu Berge.

‚Wann wirst du tun, was recht ist, Juda?‘

Die Worte waren wie ein Flüstern in seinen Ohren. Einst hatte Tamar sie zu ihm gesagt, aber jetzt war die Stimme eine andere – leise und schrecklich, die in die letzten Winkel seines Herzens drang.“ (S. 109)

Juda rennt los und trifft Zimran und dessen Söhne, die Tamar mitschleppen, auf dem Weg. Ihn überkommt Reue für sein Verhalten Tamar gegenüber und er gesteht, dass das Kind von ihm ist.  Hier hat Mrs. Rivers sich nicht mehr viel Mühe mit der Szene gemacht; Zimrans Reaktion wird in nur ein paar Sätzen beschrieben: „‚Ich… gut, dann… nimm sie. Mach mit ihr, was du willst.‘ Zimran drehte sich zögernd um und ging fort. Juda sah, wie er den Kopf schüttelte. Seine Söhne folgten ihm.“ (S. 111) Juda bittet Tamar um Vergebung und nimmt sie mit zu sich und ist von da an nur noch der fürsorgliche Schwiegervater für sie.

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(Jacopo da Ponte, Tamar wird zum Scheiterhaufen geführt, 1566/67. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Auch religiös kommt jetzt alles in Ordnung:

„Er ging zu seinen Herden und wählte das beste Schaf aus, das er finden konnte, ein fehlerloses männliches Lamm. Er bekannte seine Sünden vor Gott und vergoss das Blut des Tieres zur Sühne, dann fiel er vor dem Gott Abrahams Isaaks und Jakobs nieder und bat um Vergebung und Heilung.

In dieser Nacht hatte Juda keine Albträume. Zum ersten Mal seit wie vielen Jahren? Er wusste es nicht.“ (S. 112)

Tamar lässt Batsubas Götterbilder zerstören und bringt schließlich auch die abergläubische Aksa dazu, von den alten Göttern abzulassen, indem sie droht, sie ansonsten wegzuschicken. Dann werden Tamars Zwillinge Perez und Serach geboren; ein seltsames Detail, das sich nicht in der Bibel findet, ist mir bei der Szene aufgefallen:

„Aksa hatte schon viele Male bei Geburten in Zimrans Haus geholfen, doch noch nie hatte sie eine so schwere Geburt erlebt. Dass Tamar trotzdem nicht jammerte, machte ihre Liebe zu ihr noch größer. Die Stunden vergingen und Tamar schwitzte und litt. Sie biss fest auf einen Lederriemen, um nicht zu schreien.

‚Schrei ruhig, Tamar, das hilft!‘

‚Nein, dann hört es Juda und macht sich Sorgen.‘

‚Er ist doch die Ursache deiner Schmerzen! Lass es ihn hören! Batsuba hat bestimmt so laut geschrien, dass man es bis nach Jerusalem gehört hat!‘

‚Ich bin nicht Batsuba!'“ (S. 114)

Was soll dieser Unsinn? Will die Autorin tatsächlich sagen, eine Frau sollte bei einer Geburt am besten nicht schreien, weil das eine Botschaft an den Kindsvater wäre, dass sie ihm die Schhuld an ihren Schmerzen gibt? Geburten sind ja nicht eh schon schwer genug, da kann man ruhig noch zusätzlichen Druck machen, wie die Mutter am besten mit ihren Schmerzen umgehen soll.

Nach der Geburt kehrt die Familie zu den Zelten Jakobs zurück, statt weiter unter den Kanaanitern zu leben, und in einem Epilog wird noch knapp berichtet, wie Juda und seine Brüder später Joseph in Ägypten wiederbegegnen. Was ich etwas schade finde: Man erfährt nicht mehr, was aus Schela wird, sprich, ob er sich bessert oder weiterhin in die Fußstapfen seiner großen Brüder tritt. Der Epilog endet mit:

„Auf dem Sterbebett versammelte Jakob seine Söhne um sich und gab jedem von ihnen einen Segen. Den größten bekam Juda: Nie würde das Zepter aus seiner Hand weichen, und von ihm und den Söhnen, die Tamar ihm geboren hatte, würde einst der Verheißene kommen – der Messias.

Bis zu seinem letzten Erdentag blieb Juda seinem Versprechen an Tamar treu. Obwohl er sie liebte, schlief er nie wieder mit ihr.

Und auch mit keiner anderen Frau.“ (S. 117)

Das Buch ist genau wie die restlichen vier der Reihe relativ kurz; um die 100 Seiten. Immer wieder denkt man sich, es wäre interessant gewesen, ein paar mehr Details oder bessere Beschreibungen der Häuser, Städte und Landschaften zu bekommen. Trotzdem ist die Erzählgeschwindigkeit noch in Ordnung – jedenfalls im Vergleich zu einigen der anderen Bücher. Tamars Geschichte umfasst in der Bibel ja auch nur ein Kapitel. Die Nebenfiguren – wie Tamars Familienmitglieder – werden nicht wirklich lebendig und die „Bösen“ (Er, Onan, deren Freunde, Hira aus Adullam) sind deutlich zu klischeehaft geraten; gerade die Art, wie sie sprechen, wirkt oft seltsam. Die – vergleichsweise – beste Figur ist noch Juda, aber das ist nicht das Verdienst der Autorin: bei ihm hatte sie einfach am meisten Stoff zu verwerten. Die Regel „show, don’t tell“ missachtet sie gerne mal und ihr Schreibstil ist nicht gerade herausragend. Besonders, wenn sie irgendwelche religiösen Erkenntnisse Tamars oder Judas herüberbringen will, wirkt es einfach zu bemüht bedeutungsschwanger. Immerhin schafft sie es teilweise nicht schlecht, ihren Leserinnen damalige Denkweisen zu erklären – der Gedankengang „ich habe ein Recht auf Sex von meinem Schwager, damit ich ein Kind kriege, das den Namen meines Mannes weiterführt“ ist ja doch eher gewöhnungsbedürftig.

 

Im nächsten Teil dann zu Rahab und der Eroberung Jerichos!

 

* Ich schreibe ja selber hobbymäßig Romane und gelegentlich mal Kurzgeschichten und weiß sehr gut, dass es nicht so einfach ist, gut zu schreiben, aber solange man nichts Passables zustande bringt, macht man auch kein Geld damit, Leute. Solange übt man halt weiter.

** Die Ehe zwischen den beiden Hauptfiguren in diesem Buch ist eigentlich eine Zwangsehe, die nach katholischem Kirchenrecht eindeutig ungültig wäre und nicht mal besonders viel Sinn im Plot macht. (Das Ganze spielt in Kalifornien im 19. Jahrhundert. Der Protagonist, dem Gottes Stimme gesagt, hat, dass er die Protagonistin heiraten soll, nimmt sie aus dem Bordell, in dem sie arbeiten musste, mit, nachdem sie dort fast totgeschlagen wurde, und aus irgendeinem Grund lässt er dann auch noch schnell einen Prediger kommen und eine Trauungszeremonie durchführen, bei der sie kaum bei Bewusstsein ist und auch nur mit „Warum nicht?“ statt mit „ja“ antwortet, bevor er mit ihr auf seine Farm zurückkehrt. Das macht zwar aus Sicht der Autorin Sinn – dann hat sie die zwei für den Rest der Handlung aneinandergekettet – aber aus der Sicht der Figuren gibt es keine  Gründe dafür, und es lässt den Protagonisten nicht unbedingt toll aussehen. Vielleicht sehen wir hier noch ein Überbleibsel aus Mrs. Rivers‘ säkularer Schriftstellerkarriere – auch in säkularen Schundromanen finden sich die zwei füreinander Bestimmten gerne mal in irgendwelchen Zwangssituationen, aus denen sie nicht so leicht herauskönnen und in denen sie miteinander auskommen müssen -, vielleicht ist es aber auch ein Resultat falscher protestantischer Theologie über die Mensch-Gott-Beziehung (unwiderstehliche Gnade). (Den ausführlichen Exkurs dazu, was der Sündenfall in Beziehungen zwischen Mann und Frau ruiniert hat, und den dazu, was in der protestantischen Theologie alles so falsch läuft, hebe ich mir jetzt mal für ein anderes Mal auf.))

Was habe ich eigentlich gegen die sog. Aufklärung? Teil 3: Weitere Kritikpunkte

Im den ersten beiden Teilen habe ich auf die wichtigsten Argumente geantwortet, die gerne pro Aufklärung vorgebracht werden; heute noch ein bisschen eigene Kritik.

 

1) Zu etwas, das ich teilweise schon angesprochen habe: Bei einigen der beliebten Schlagworte der Aufklärung, wie Freiheit und Gleichheit, handelt es sich einfach oft um beliebig deutbare Schlagworte. Diese zwei Dinge etwa können gut oder schlecht sein, je nachdem, was genau damit gemeint ist – z. B. ist Gleichheit vor dem Gesetz etwas Gutes, erzwungene Einheitlichkeit in anderen Dingen etwas Schlechtes. (Vielleicht wäre es praktischer, den Begriff Gleichheit durch den Begriff Gerechtigkeit zu ersetzen?) Und Freiheit: Freiheit wovon? Freiheit wozu? Oft wird das nicht so ganz klar.

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“? Nun ja, zumindest bei der Art Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die die sog. Aufklärung historisch gebracht hat, ist auch einiges Schlechte dabei gewesen.

Die aufklärerische Freiheits-Idee hat viel zu viel Gleichgültigkeit gegenüber dem objektiv Guten und Wahren gebracht. Soll doch jeder seine eigene Wahrheit haben. Über den religiösen Indifferentismus habe ich hier aber eigentlich schon genug gesagt. Die Ideen gewisser libertins im Bereich der Moral normalisierten auch die Scheidung und andere wirklich schädliche Dinge. Der wirtschaftliche Liberalismus dann (Abschaffung der Zünfte!) führte mit zur Verelendung und Rechtlosigkeit der großen Masse der Arbeiter im 19. Jahrhundert. Der Meinungsliberalismus half allgemein dabei, dass auch die allerdümmsten und schädlichsten Ideen Anhänger gewinnen konnten, weil, „soll doch jeder seine Meinung haben, wie kannst du dem sagen, er soll das und das nicht glauben“.

Darunter waren auch die Ideen eines Karl Marx, der auf besagte Verelendung reagierte, und es mit der Gleichheit dafür arg übertrieb. Gewaltsame Gleichmacherei funktioniert halt doch nicht immer. Es sollte bekannt sein, zu wie vielen Millionen Toten der Kommunismus geführt hat.

Und Brüderlichkeit? Die späte Aufklärung und die Französische Revolution haben auch den Nationalismus hervorgebracht, indem sie die nationale Brüderlichkeit zum Idol erhoben (siehe z. B. in Deutschland die „national-liberale Bewegung“), und damit sind sie auch nicht ganz unschuldig an solchen Schlamasseln wie dem Deutsch-Französischen Krieg, einem daraus resultierenden Deutschen Reich unter Preußenführung, und dem Ersten Weltkrieg.

Man kann den Begriff „Brüderlichkeit“ auch noch von einer anderen Warte aus betrachten: als Gegenbegriff zum „Patriarchat“. Bei den Revolutionen des 18./19. Jahrhunderts befreiten sich die Amerikaner oder Franzosen einerseits von ihren „Landesvätern“, den Königen, und richteten Republiken gleichberechtigter „Brüder“ auf – jedenfalls war das das proklamierte Ideal -, aber man muss die Brüderlichkeit nicht nur als politischen Begriff verstehen: Die Aufklärung trat gewissermaßen auch für eine „brotherhood of men without the fatherhood of God“ ein, um einen Ausdruck zu zitieren, den Chesterton irgendwo verwendet haben müsste. Aber da es überhaupt erst der gemeinsame Vater ist, der die Brüder zu Brüdern macht*, lässt sich eine solche Brüderschaft nicht so gut durchhalten; wenn der gemeinsame Schöpfer nicht mehr gesehen wird, sieht man auch weniger, was einen mit anderen Menschen verbindet.

 

2) Die Aufklärung ist Marta, die Maria nicht verstehen will.

Viele Aufklärer waren einem strengen, innerweltlichen Nützlichkeitsdenken verfallen. Ich habe in den letzten Teilen schon auf ihre Abneigung gegen die kontemplativen Orden hingewiesen; auch dem Beten allgemein konnten sie nicht viel abgewinnen, woran sie an die heutigen Internetatheisten erinnern, die sich ja auch jedes Mal aufregen, wenn Gläubige es wagen, für die Opfer irgendeiner Naturkatastrophe zu beten, und dann fleißig ihre Zeit dafür aufwenden, zu predigen, dass man lieber spenden sollte, was sie, da bin ich sicher, auch selber in ganz besonders hohem Maße tun, während Christen es natürlich neben ihrem Beten nie tun. (Sorry für den Sarkasmus.) Aufgeklärte Fürsten reduzierten oft die Zahl der Feiertage, damit die Leute mehr arbeiteten und die Wirtschaft angekurbelt wurde. Die Aufklärer erinnern mit alldem an die hl. Marta, die der Herr einmal zurechtweisen musste:

„Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.“ (Lk 10,38-42)

Man könnte bei dieser Erzählung annehmen, dass Marta sich zu viel Mühe macht, einen zu großen Wirbel um die Gäste veranstaltet, und Jesus schon von ihr genervt ist. So könnte es gewesen sein. Muss es allerdings nicht; an sich tut Marta etwas Gutes und Notwendiges; und Jesus wird sich sicher auch über das gute Essen und das warme Feuer gefreut haben. Aber noch mehr hat er sich offensichtlich darüber gefreut, dass Maria ihm einfach zuhören wollte, und erst, als Marta ihre Schwester davon wegholen will, weist er sie zurecht.

Für so etwas hätten die Aufklärer kein Verständnis gehabt. Zeitverschwendung, einfach bei Gott zu sein, ohne etwas zu tun; Selbstsucht, die Arbeit anderen zu überlassen.

Das liegt vielleicht auch daran, dass sie nicht mehr glaubten, dass Gott letztlich für die Welt sorgte; dass sie meinten, sie selbst erlösen zu müssen (und das zu können – auch die Illusion, ein irdisches Paradies schaffen zu können, kam unter ihnen auf). Wenn man den Leuten eine Universalverantwortung auflädt, die sie tatsächlich nicht haben, dann schafft man ihnen halt ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht jederzeit alles tun, um die Welt zu retten. Ich will hier keinen Fatalismus predigen; aber ein realistischer Blick darauf, wie viel der einzelne tatsächlich ändern wird, ist schon manchmal ganz gut.

Und letztlich hat Gott die Menschen ja nicht zu einem bestimmten praktischen Zweck gemacht, sondern dazu, dass sie sind und leben und sich an der Gemeinschaft mit Ihm erfreuen – so ähnlich, wie ein Künster Kunstwerke schafft, so ähnlich, wie Eltern Kinder zeugen. Dann dürfen Sie das auch mal tun: einfach nur bei Gott sein, einfach nur beten. Darf jeder mal. Braucht auch jeder mal – auch, um dann die Kraft für das praktische Handeln zu gewinnen.

Und natürlich war es bei den kontemplativen Orden durchaus so, dass sie zwar nicht für so viele karitative Tätigkeiten verantwortlich waren wie andere Orden, aber auch Handarbeit betrieben, um für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, und dass ja gerade ihr Gebet alles andere als unnütz für andere war. (Die Aufklärer glaubten zwar nicht mehr an die Wirkung des fürbittenden Gebets, aber das heißt ja nicht, dass sie nicht da ist.) Jedenfalls waren sie ganz sicher „nützlicher“ als irgendein weltkluger Schreiberling, der sich von seinen adligen Mäzenen aushalten ließ. Sorry-not-sorry.

Auch Chesterton hat einmal etwas über Maria und Marta geschrieben:

„Etwas Ähnliches mag über den Vorfall mit Martha und Maria gesagt werden, der im Rückblick und aus der Innenperspektive von den Mystikern des christlichen kontemplativen Lebens interpretiert wurde. Aber das war überhaupt keine offensichtliche Sicht darauf; und bei den meisten Moralisten des Altertums und der Moderne könnte man darauf vertrauen, dass sie auf das Offensichtliche anspringen würden. Welche Ströme von müheloser Eloquenz wären aus ihnen geflossen, um jede kleine Überlegenheit auf Marthas Seite aufzublähen, welche glanzvollen Predigten über die Freude-des-Dienens und das Evangelium-der-Arbeit und Die-Welt-besser-zurücklassen-als-wir-sie-vorgefunden haben, und generell all die zehntausend Platitüden, die dafür geäußert werden können, sich Mühe zu machen – von Leuten, die sich keine Mühe damit machen müssen, sie zu äußern. Wenn Christus in Maria, der Mystikerin und dem liebenden Kind, den Samen etwas Subtilerem bewahrte, wer hätte das wohl zu dieser Zeit verstanden? Niemand sonst konnte Klara und Katharina und Teresa über dem kleinen Dach in Bethanien leuchten sehen.“**

 

3) Die Aufklärung zensiert den Gott, der ihr nicht passt.

Ich habe noch nie eine sinnvolle Begründung für die aufklärerische Ablehnung des Christentums gelesen. In dieser Zeit kam ja z. B. die Idee auf, Jesus wäre nur ein Moralprediger gewesen, den seine Anhänger später zum Gott erklärt hätten. Das ist immer Wunschdenken der reinsten Sorte gewesen. Halbwegs logisch wäre es noch gewesen, wenn sie Ihn einfach abgelehnt hätten für Seine Ansprüche, Sünden vergeben und die Welt erlösen zu können (manche taten das auch und erklärten ihn einfach zum Betrüger – obwohl sie auch dafür die gut bezeugten Wunder, die Er getan hat, und Seine Auferstehung leugnen mussten), aber das? Als ob es bei den streng monotheistischen Juden jemals vorgekommen wäre, dass ein normaler Prophet für göttlich erklärt worden wäre. Als ob sie irgendeinen Ansatzpunkt für ihre Thesen dazu gehabt hätten, was in den Evangelien vom „historischen Jesus von Nazareth“ stamme und was nicht.

Ich hatte ja in der 9. und 10. Klasse (also etwa zu der Zeit, als ich begonnen habe, meinen Glauben ernst zu nehmen) mal eine ziemlich schreckliche Religionslehrerin, eine etwas ältere Frau Doktor, die in Teilzeit an meinem Gymnasium und in Teilzeit an einer theologischen Hochschule unterrichtete. Diese Lehrerin meinte einmal, die Stellen in den Evangelien, an denen Jesus von der Hölle redet, seien erst später von den Gemeindeleitern der frühen Kirche eingefügt worden, um ihre Gemeinden auf Linie zu bringen, das haben „Bibelwissenschaftler herausgefunden“ oder so ähnlich (wie genau, sei jetzt zu kompliziert zu erklären). Tatsächlich ist es ganz interessant, dass in denjenigen Schriften aus dem Neuen Testament, die von den Autoritätsfiguren der frühen Kirche direkt an bestimmte Gemeinden gerichtet waren, gerade eher wenig von der Hölle die Rede ist, und wenn, dann eher in indirekter Sprache – so etwas wie „Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt“ (1 Kor 11,29). Beinahe wie in heutigen Predigten, wo man ja auch lieber von der Erlösung spricht und höchstens verschämt und mit vielen Erklärungen mal von der theoretischen „Möglichkeit der ewigen Trennung von Gott“ oder so redet. Aber wenn jemand Lebensbeschreibungen unseres Herrn schreibt, kriegen wir auf einmal so drastische Sätze wie „Wenn dir deine Hand Ärgernis gibt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer (Mk 9,43), oder, in einem Gleichnis, „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“ (Mt 25,30), oder, bei der Rede vom Weltgericht, „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.“ (Mt 25,41-43).

Die meisten Aufklärer wollten Jesus nicht ganz aufgeben, weil er überall als das große Vorbild galt und die Leute an Ihm hingen, also deuteten sie Ihn eben so um, bis Er ihnen passte, bis Er bloß noch ein großes moralisches Vorbild war – egal, wie sehr sie dafür die Quellen in unlogischster Weise verstümmeln mussten.

Das komischste – und deutlichste – Beispiel für diese Art von selbstgebasteltem Jesusbild ist ja die sog. Jefferson-Bibel. Der US-amerikanische Gründervater und dritte Präsident schnitt aus seiner Bibel Stellen aus den Evangelien aus, die er dann in ein leeres Buch klebte, das er „The Life and Morals of Jesus of Nazareth“ nannte (das Buch war nur für den privaten Gebrauch bestimmt, wurde in der Familie weitergegeben und dann erst 1904 im Auftrag des amerikanischen Kongresses veröffentlicht); das waren eben vor allem die Stellen, die Jesu Morallehre enthalten.  Wundergeschichten, Engel, Sätze über den Menschensohn oder die Vergebung der Sünden oder darüber, dass seine Jünger das Martyrium zu erwarten hätten, das alles wurde bei dieser Bastelei verworfen. Als „Life and Morals of Jesus of Nazareth“ hatte nur das zu gelten, was Thomas Jefferson gefiel.

Auch hier passt wieder etwas, das Chesterton geschrieben hat, sehr gut:

„Das Argument, das das Rückgrat dieses Buches bilden soll, ist von der Art, die reductio ad absurdum genannt wird. Es zeigt auf, dass die Resultate, wenn man die rationalistische These annimmt, irrationaler sind als die unsrigen; aber um das zu beweisen, müssen wir diese These annehmen. Daher habe ich im ersten Teil den Menschen oft als ein bloßes Tier behandelt, um zu zeigen, dass das Ergebnis unvorstellbarer wäre als wenn man ihn als einen Engel behandeln würde. In dem Sinne, wie es nötig war, den Menschen als ein bloßes Tier zu behandeln, ist es nötig, Christus als bloßen Menschen zu behandeln. […] Ich muss versuchen, mir vorzustellen, was einem Menschen passieren würde, der die Geschichte Christi wirklich als die Geschichte eines Menschen lesen würde; und sogar als die eines Menschen, von dem er noch nie zuvor gehört hat. Und ich will aufzeigen, dass eine solche wirklich unparteiische Lesart, wenn nicht direkt zum Glauben, so zumindest zu einer Verwirrung führen würde, für die es wirklich keine andere Lösung gibt als den Glauben. […]

Nun ist es überhaupt nicht leicht, das Neue Testament als ein Neues Testament zu lesen. […] Da gibt es eine psychologische Schwierigkeit, diese wohlbekannten Worte einfach so zu sehen, wie sie dastehen, und ohne darüber hinauszugehen, wofür sie in sich stehen. Und diese Schwierigkeit muss tatsächlich sehr groß sein; denn das Resultat daraus ist oft sehr kurios. Das Resultat daraus ist, dass die meisten modernen Kritiker und die meiste derzeitige Kritik, sogar die populäre Kritik, einen Kommentar abgibt, der das genaue Gegenteil der Wahrheit ist. Er ist so vollständig das Gegenteil der Wahrheit, dass man sie fast verdächtigen könnte, das Neue Testament überhaupt nie gelesen zu haben.

Wir alle haben die Leute hunderte Male sagen hören, denn sie scheinen nie müde zu werden, es zu sagen, dass der Jesus des Neuen Testaments tatsächlich ein besonders barmherziger und humaner Freund der Menschheit sei, aber dass die Kirche seinen menschlichen Charakter hinter abstoßenden Dogmen versteckt und ihn mit sakralen Schrecken hart gemacht habe, bis er einen unmenschlichen Charakter angenommen habe. Das ist, ich wage es, mich zu wiederholen, fast das genaue Gegenteil der Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass es das Bild Christi in den Kirchen ist, das fast nur gütig und barmherzig ist. Es ist das Bild Christi in den Evangelien, das auch noch eine ganze Menge anderer Dinge ist. Die Figur in den Evangelien spricht tatsächlich in Worten von beinahe herzzerbrechender Schönheit ihr Mitleid für unsere zerbrochenen Herzen aus. Aber das ist bei weitem nicht die einzige Sorte Worte, die er ausspricht. Dennoch ist das fast die einzige Sorte Worte, von denen die Kirche in ihrer populären Darstellung zeigt, wie er sie ausspricht. Diese populäre Darstellung ist inspiriert durch einen absolut gesunden populären Instinkt. Die große Masse der Armen ist gebrochen, und die große Masse der Menschen ist arm, und für die große Masse der Menschheit ist es die Hauptsache, die Überzeugung von der unglaublichen Barmherzigkeit Gottes in sich zu tragen. Aber niemand, der seine Augen offen hat, kann daran zweifeln, dass es vor allem diese Vorstellung von Barmherzigkeit ist, die die populäre Maschinerie der Kirche zu transportieren sucht. Die populäre Darstellung transportiert absolut im Übermaß die Vorstellung des ‚gütigen und milden Jesus‘. Das ist das erste, was ein Außenseiter an einer Schmerzensmutter oder einem Schrein des Heiligen Herzens Jesu bemerkt und kritisiert. Wie ich meine, während die Kunst vielleicht unzulänglich sein mag, bin ich mir nicht sicher, dass der Instinkt unzuverlässig ist. Auf jeden Fall ist etwas Erschreckendes, etwas, das das Blut gerinnen lässt, an der Vorstellung davon, eine Statue von Christus im Zorn zu haben. Da ist etwas Unerträgliches selbst an der Vorstellung davon, um eine Straßenecke zu biegen oder auf einen Marktplatz hinauszutreten, um die versteinernde Steinfigur dieser Gestalt zu sehen, wie sie sich einer Generation von Vipern zuwendet, oder dieses Gesicht, wie es in das Gesicht eines Heuchlers blickt. Die Kirche kann daher vernünftigerweise gerechtfertigt werden, wenn sie den Menschen das barmherzigste Gesicht oder den barmherzigsten Aspekt zuwendet; aber es ist sicher der barmherzigste Aspekt, den sie ihnen zuwendet. Und der Punkt ist hier, dass er in besonderer und exklusiver Weise sehr viel barmherziger ist als irgendein Eindruck, den ein Mensch, der das Neue Testament einfach zum ersten Mal liest, erhalten könnte. Ein Mensch, der einfach die Worte der Erzählung so liest, wie sie dastehen, würde einen ganz anderen Eindruck erhalten; einen Eindruck voll des Unerklärlichen und vielleicht des Widersprüchlichen; aber sicherlich nicht nur einen Eindruck der Milde. Es wäre extrem interessant; aber ein Teil des Interessanten würde darin bestehen, dass es eine Menge zu erraten oder zu erklären übrig lässt. Es ist voller plötzlicher Gesten, die offensichtlich bedeutsam sind, nur dass wir kaum wissen, was sie bedeuten, voll von rätselhaftem Schweigen und ironischen Entgegnungen. Die Zornesausbrüche, wie Stürme über unserer Atmosphäre, scheinen nicht genau da auszubrechen, wo wir sie erwarten würden, sondern einer ganz eigenen Wetterkarte zu folgen. Der Petrus, den die populäre Kirchenlehre präsentiert, ist ganz richtig der Petrus, zu dem Christus vergebend sagt ‚Weide meine Schafe‘. Er ist nicht der Petrus, zu dem Christus sich wendet, als ob er der Teufel wäre, in diesem undurchsichtigen Zorn ausrufend ‚Weiche von mir, Satan‘. Christus klagte mit nichts als Liebe und Mitleid um Jerusalem, das ihn ermorden sollte. Wir wissen nicht, welche seltsame geistliche Atmosphäre oder geistliche Einsicht ihn dazu brachte, Bethsaida tiefer in die Grube zu senken als Sodom. […]

Das erste, was man bemerkt, ist, dass, wenn man es nur als eine menschliche Geschichte ist, es in mancher Weise eine sehr seltsame Geschichte ist. […] An ihr sind eine Menge Dinge, die niemand erfunden hätte, da sie Dinge sind, aus denen niemand je einen besonderen Nutzen gezogen hat; Dinge, die, wenn sie überhaupt notiert wurden, eher Rätsel geblieben sind. Zum Beispiel ist da dieses lange Schweigen im Leben Christi bis zum Alter von dreißig. […] Die gewöhnliche Tendenz zur Heldenverehrung und Legendenbildung würde viel eher das genaue Gegenteil sagen. Sie würde viel eher sagen (wie, so glaube ich, es einige der Evangelien sagen, die die Kirche abgelehnt hat) dass Jesus eine göttliche Frühreife zeigte und seine Mission in einem wundersam jungen Alter begann. […] Nun ist die ganze Geschichte voll von diesen Dingen. Sie ist in keiner Weise, wie es unverblümt schwarz auf weiß behauptet wird, eine Geschichte, bei der es einfach ist, zum Kern vorzustoßen. Sie ist alles andere als das, was diese Leute ein einfaches Evangelium nennen. Relativ gesehen ist es das Evangelium, das den Mystizismus hat, und die Kirche, die den Rationalismus hat. Ich würde natürlich sagen, dass das Evangelium das Rätsel ist und die Kirche die Antwort. Aber was auch immer die Antwort sein mag, das Evangelium ist, wie es dasteht, beinahe ein Buch der Rätsel.

Zunächst einmal würde ein Mensch, der die Aussagen in den Evangelien liest, keine Binsenweisheiten finden. Wenn er selbst mit dem respektvollsten Geist die Mehrheit der antiken Philosophen und modernen Moralisten gelesen hätte, würde er die einzigartige Bedeutung dessen schätzen, sagen zu können, dass er keine Binsenweisheiten gefunden hat. Das ist mehr, als sogar über Plato gesagt werden kann. Es ist sehr viel mehr als über Epiktet oder Seneca oder Mark Aurel oder Apollonius von Tyana gesagt werden kann. Und es ist unermesslich viel mehr als über die meisten agnostischen Moralisten und die Prediger der Ethischen Gesellschaften gesagt werden kann; mit ihren Lobliedern auf das Dienen und ihrer Religion der Brüderlichkeit. Die Moral der meisten antiken und modernen Moralisten war ein massiver und hochglanzpolierter Katarakt von Binsenweisheiten, der bis in alle Ewigkeit weiterfloss. Das wäre sicherlich nicht der Eindruck des imaginären unabhängigen Außenseiters, der das Neue Testament studiert. […] Er würde eine Reihe seltsamer Behauptungen finden, die klingen mochten wie die Behauptung, der Bruder von Sonne und Mond zu sein; eine Reihe sehr überraschender Ratschläge; eine Reihe verblüffender Zurechtweisungen; eine Reihe seltsam schöner Geschichten. Er würde einige gigantische Redewendungen über die Unmöglichkeit, eine Nadel mit einem Kamel aufzufädeln, oder die Möglichkeit, einen Berg ins Meer zu werfen, sehen. Er würde eine Reihe sehr gewagter Vereinfachungen der Schwierigkeiten des Lebens sehen, wie den Rat, über jeden gleichermaßen zu leuchten wie der Sonnenschein oder sich nicht mehr Sorgen um die Zukunft zu machen wie die Vögel. […]

Aber der Punkt hier ist, dass, wenn wir die Berichte der Evangelien als so etwas Neues wie Zeitungsberichte lesen könnten, sie uns viel mehr verwirren und vielleicht erschrecken würden als dasselbe, wie es sich im historischen Christentum entwickelt hat. Zum Beispiel sagte Christus nach einer klaren Anspielung auf die Eunuchen der östlichen Königshöfe, dass es Eunuchen des Königreichs des Himmels geben würde. Wenn das nicht den freiwilligen Enthusiasmus der Jungfräulichkeit meint, könnte man es nur als etwas sehr viel Unnatürlicheres oder Brutaleres verstehen. Es ist die historische Religion, die es für uns durch die Erfahrung von Franziskanern oder Schwestern der Barmherzigkeit humanisiert. Die bloße Aussage, wie sie in sich selbst dasteht, könnte auch eine eher entmenschlichte Atmosphäre suggerieren; die finstere und unmenschliche Stille des asiatischen Harems und Divans. Das ist nur ein Beispiel von vielen; aber die Moral der Geschichte ist, dass der Christus der Evangelien vielleicht tatsächlich seltsamer und schrecklicher scheinen könnte als der Christus der Kirche. […]

Ich halte daher daran fest, dass ein Mensch, der das Neue Testament geradeheraus und frisch lesen würde, nicht den Eindruck von dem bekommen würde, was jetzt oft mit einem menschlichen Christus gemeint ist. Der bloß menschliche Christus ist eine erfundene Figur, ein Teil, das von künstlicher Auslese her kommt, wie der bloß evolutionäre Mensch. Überdies hat es zu viele dieser menschlichen Christusse gegeben, die in derselben Geschichte gefunden wurden, genauso, wie es zu viele Schlüssel zur Mythologie  gegeben hat, die in den selben Geschichten gefunden wurden. Drei oder vier separate Schulen des Rationalismus haben den Grund abgegrast und drei oder vier gleich rationale Erklärungen seines Lebens gefunden. Die erste rationale Erklärung seines Lebens war, dass er nie gelebt hat. Und das hat wiederum die Gelegenheit für drei oder vier verschiedene Erklärungen gegeben, so wie etwa, dass er ein Sonnenmythos oder ein Kornmythos war oder irgendeine andere Art eines Mythos, der auch eine Monomanie ist. Dann hat die Vorstellung, dass er ein göttliches Wesen war, das nicht existiert hat, der Vorstellung Platz gemacht, dass er ein menschliches Wesen war, das existiert hat. In meiner Jugend war es Mode zu sagen, dass er bloß ein ethischer Lehrmeister nach Art der Essener gewesen sei, der anscheinend nicht viel zu sagen hatte, was nicht Hillel oder hundert andere Juden gesagt haben könnten; wie etwa, dass es eine gute Sache ist, gütig zu sein, und der Läuterung dienlich, lauter zu sein. Dann sagte jemand, er sei ein Verrückter mit einer messianischen Wahnvorstellung. Dann sagten andere, dass er tatsächlich ein origineller Lehrer war, weil er sich um nichts anderes kümmerte als den Sozialismus; oder (wie andere sagten) um nichts als den Pazifismus. Dann erschien ein grimmigerer wissenschaftlicher Charakter, der sagte, dass man überhaupt nie von Jesus gehört hätte, wenn nicht wegen seiner Prophezeiungen über das Ende der Welt. Er war von Bedeutung nur im selben Sinne wie ein Milleniarist wie Dr. Cumming; und schuf eine provinzielle Panik, indem er das genaue Datum des Jüngsten Gerichts ankündigte. Unter anderen Variationen derselben Melodie war die Theorie, dass er ein spiritueller Heiler war und nichts anderes; eine Sicht, die von der Christian-Science-Sekte angenommen wird, die tatsächlich ein Christentum ohne die Kreuzigung lehren muss, um die Heilung der Mutter von Petrus‘ Frau oder der Tochter eines Centurios zu erklären. Da ist noch eine andere Theorie, die sich ganz auf das Geschäft des Diabolismus konzentriert und das, was sie den zeitgenössischen Aberglauben über von Dämonen Besessene nennen würde, als ob Christus, wie ein junger Diakon, der seine erste Weihe empfängt, nur bis zu Exorzismen gekommen wäre und nie weiter. Nun scheint mir jede dieser Erklärungen für sich genommen ziemlich inadäquat, aber zusammengenommen zeigen sie etwas von dem Mysterium, das sie verfehlen. Da muss sicher etwas nicht nur Mysteriöses, sondern Vielseitiges an Christus gewesen sein, wenn man so viele kleinere Christusse aus ihm ausschneiden kann. […]

Vor allem, würde nicht ein solcher neuer Leser des Neuen Testaments über etwas stolpern, das ihn viel mehr erschrecken würde, als es uns erschreckt? […] Wir sollten einen schlimmeren Schock erleben, wenn wir uns wirklich vorstellen würden, dass die Natur Christi zum ersten Mal benannt würde. Was würden wir fühlen beim ersten Flüstern einer gewissen Andeutung über einen gewissen Mann? Sicherlich ist es nicht an uns, irgendjemandem Vorwürfe zu machen, der dieses erste wilde Gerücht einfach nur pietätlos und verrückt finden würde. Im Gegenteil, über diesen Stein des Anstoßes zu stolpern ist der erste Schritt. Nackte Ungläubigkeit ist ein sehr viel loyalerer Tribut gegenüber dieser Wahrheit als eine modernistische Metaphysik, die aus ihr nur eine Sache des Grades machen würde. Es wäre besser, unsere Gewänder zu zerreißen mit einem Schrei über Gotteslästerung, wie Kaiaphas bei der Verurteilung, oder den Mann als einen von Teufeln besessenen Wahnsinnigen festnehmen zu wollen wie die Verwandten und die Menge, anstatt dämlich dazustehen und feine Schattierungen des Pantheismus zu debattieren im Angesicht einer so katastrophalen Behauptung. Da ist mehr Weisheit, die eins ist mit Überraschung, in jeder einfachen Person, die voll der Empfindsamkeit der Einfachheit ist, und die erwarten würde, dass das Gras verdörrt und die Vögel tot vom Himmel fallen, als ein herumwandernder Zimmermannslehrling ruhig und beinahe nachlässig, wie einer, der über seine Schulter blickt, sagte: ‚Bevor Abraham wurde, bin ich.'“ ***

Generell behaupteten die Aufklärer ja auch gerne, die Religion sei einfach als Betrug geld- und machtgieriger Priester entstanden. Sie behaupteten es; und sie versuchten gar nicht erst, es zu begründen. Tatsachen, die dem entgegenstanden (z. B. dass das Christentum in seiner Entstehungszeit erst einmal lange verfolgt wurde) ignorierten sie einfach.

 

4) Einige Aufklärer glaubten an das Konzept vom „edlen Wilden“ – besonders Rousseau: Von Natur aus sei der Mensch gut, nur durch die Prägung durch Umwelt und Erziehung in der Gesellschaft werde er manchmal schlecht. Wenn man Kinder quasi anti-autoritär aufwachsen lasse, würden sie automatisch gut sein. Vielleicht reagierten die Aufklärer damit ja auf das übermäßig pessimistische Bild, das vorher die Reformation vom durch die Erbsünde „total verdorbenen“ Menschen gezeichnet hatte – aber auf jeden Fall redeten sie Unsinn (was ich heutzutage hoffentlich nicht mehr weiter begründen muss).

 

5) Die Aufklärer hatten dementsprechend auch so ihre falschen Vorstellungen von „Natürlichkeit“. Zölibat und Ordensleben beispielsweise lehnten sie grundsätzlich ab. Askese, Verzicht, Sühne, Buße – alles finsteres Zeug, das man nicht brauchte, denn wir sind doch alle schon mehr oder weniger gute Menschen, oder so. Ich glaube, die Aufklärer hätten mit einem bekehrten Verbrecher wie dem guten Schächer am Kreuz oder Paulus von Tarsus nicht viel anfangen können. Sie waren halt überhebliche intellektuelle bürgerliche Typen, die so die üblichen Sünden begingen, vielleicht mal mit ihrer verheirateten Gönnerin schliefen oder so, ohne das besonders schlimm zu finden. (Okay, ich generalisiere. Der gute Kant war, glaube ich, ein recht strenger Moralist.) Ich habe den Eindruck, dass sie schlimme Verbrechen ebenso wenig verstanden wie große Tugenden. Z. B. redeten sie manchmal so, als würden eh alle Ordensleute ihre Gelübde brechen. (Als ob das so extrem schwierig wäre, die zu halten!) Dazu kann man nur sagen: Schließt mal nicht von euch selber auf andere.

 

6) Noch mal zu einem der Aufklärer, die ich am wenigsten ausstehen kann, Rousseau. Der war ja, wie hier schon angedeutet, ziemlich totalitär eingestellt; noch ein paar Zitate, die das weiter illustrieren. Rousseau schreibt in seinem Buch über den „Gesellschaftsvertrag“, dass sich jeder Bürger seinem idealen Staat bedingungslos unterordnen müsse, was er mit der Fiktion eines „Gemeinwillens“ begründet, der nicht irren könne (bei dem jedoch nicht ganz klar, wie er bestimmt werden soll); seine Vorstellungen sind hier völlig realitätsfern und für die Praxis gefährlich. Während der Schreckensherrschaft 1793-94 berief sich Robespierre, der Frankreich zu dieser Zeit als dominierendes Mitglied des „Wohlfahrtsausschusses“ quasi diktatorisch regierte, als überzeugter rousseauistischer Fanatiker für seine Säuberungsmaßnahmen auf genau diesen „Gemeinwillen“. Rousseau schreibt:

„Alle diese Klauseln lassen sich, wenn man sie richtig auffaßt, auf eine einzige zurückführen, nämlich auf das gänzliche Aufgehen jedes Gesellschaftsgliedes mit allen seinen Rechten in der Gesamtheit, denn indem sich jeder ganz hingibt, so ist das Verhältnis zunächst für alle gleich, und weil das Verhältnis für alle gleich ist, so hat niemand ein Interesse daran, es den anderen drückend zu machen.

Da ferner dieses Aufgehen ohne allen Vorbehalt geschieht, so ist die Verbindung so vollkommen, wie sie nur sein kann, und kein Gesellschaftsgenosse hat irgend etwas Weiteres zu beanspruchen, denn wenn den einzelnen irgendwelche Rechte blieben, so würde in Ermangelung eines gemeinsamen Oberherrn, der zwischen ihnen und dem Gemeinwesen entscheiden könnte, jeder, der in irgendeinem Punkte sein eigener Richter ist, auch bald verlangen, es in allen zu sein; der Naturzustand würde fortdauern, und die gesellschaftliche Vereinigung tyrannisierend oder zwecklos sein.

Während sich endlich jeder allen übergibt, übergibt er sich damit niemandem, und da man über jeden Gesellschaftsgenossen das nämliche Recht erwirbt, das man ihm über sich gewährt, so gewinnt man für alles, was man verliert, Ersatz und mehr Kraft, das zu bewahren, was man hat.

Scheidet man also vom Gesellschaftsvertrage alles aus, was nicht zu seinem Wesen gehört, so wird man sich überzeugen, daß er sich in folgende Worte zusammenfassen läßt: ‚Jeder von uns stellt gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Leitung des allgemeinen Willens, und wir nehmen jedes Mitglied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.'“ (Buch 1, Kapitel 6)

„Aus dem Vorhergehenden ergibt sich, daß der allgemeine Wille beständig der richtige ist und immer auf das allgemeine Beste abzielt; daraus folgt jedoch nicht, daß Volksbeschlüsse immer gleich richtig sind. Man will stets sein Bestes, sieht jedoch nicht immer ein, worin es besteht. Das Volk läßt sich nie bestechen, wohl aber oft hinter das Licht führen, und nur dann scheint es Böses zu wollen.

Oft ist ein großer Unterschied zwischen dem Willen aller und dem allgemeinen Willen; letzterer geht nur auf das allgemeine Beste aus, ersterer auf das Privatinteresse und ist nur eine Summe einzelner Willensmeinungen. Zieht man nun von diesen Willensmeinungen das Mehr und Minder, das sich gegenseitig aufhebt, ab, so bleibt als Differenzsumme der allgemeine Wille übrig.

Hätten bei der Beschlußfassung eines hinlänglich unterrichteten Volkes die Staatsbürger keine feste Verbindung untereinander, so würde aus der großen Anzahl kleiner Differenzen stets der allgemeine Wille hervorgehen, und der Beschluß wäre immer gut. Wenn sich indessen Parteien, wenn sich kleine Genossenschaften zum Nachteil der großen bilden, so wird der Wille jeder dieser Gesellschaften in Beziehung auf ihre Mitglieder ein allgemeiner und dem Staate gegenüber ein einzelner; man kann dann sagen, daß nicht mehr soviel Stimmberechtigte wie Menschen vorhanden sind, sondern nur so viele, wie es Vereinigungen gibt. Die Differenzen werden weniger zahlreich und führen zu einem weniger allgemeinen Ergebnis. Wenn endlich eine dieser Vereinigungen so groß ist, daß sie über alle anderen das Übergewicht davonträgt, so ist das Ergebnis nicht mehr eine Summe kleiner Differenzen, sondern eine einzige Differenz; dann gibt es keinen allgemeinen Willen mehr, und die Ansicht, die den Sieg davonträgt, ist trotzdem nur eine Privatansicht.

Um eine klare Darlegung des allgemeinen Willens zu erhalten, ist es deshalb von Wichtigkeit, daß es im Staate möglichst keine besonderen Gesellschaften geben und jeder Staatsbürger nur für seine eigene Überzeugung eintreten soll.Deshalb war die auf diesem Grundsatze beruhende Einrichtung des großen Lykurg so einzig in ihrer Art und so erhaben. Gibt es nun solche besondere Gesellschaften, so muß man ihre Anzahl vermehren und ihrer Ungleichheit vorbeugen, wie Solon, Numa und Servius Tullius taten. Diese Vorsichtsmaßregeln können es einzig und allein bewirken, daß der allgemeine Wille immer klar ersichtlich ist, und das Volk sich nicht irrt.“ (Buch 2, Kapitel 3)

„Alle Dienste, die der Staatsbürger dem Staate zu leisten vermag, ist er ihm schuldig, sobald das Staatsoberhaupt sie verlangt; dagegen kann das Staatsoberhaupt von seiner Seite aus die Untertanen mit keiner dem Gemeinwesen unnützen Fessel belasten, ja, es kann es nicht einmal wollen, denn nach dem Gesetze der Vernunft geschieht ebensowenig wie nach dem Gesetze der Natur etwas ohne Ursache.“ (Buch 2, Kapitel 4)

Und zum Verhältnis von Staat und Religion schreibt er:

„In diese Verhältnisse hinein [die antiken Verhältnisse, in denen die Religion nicht vom Staat getrennt war] kam Jesus, um ein geistiges Reich auf Erden zu errichten; dies hatte durch die Trennung des theologischen Systems vom politischen zur Folge, dass der Staat aufhörte, einer zu sein, und verursachte die Spaltungen, die nie aufgehört haben, Unruhe unter den christlichen Völkern zu stiften. Da nun diese Vorstellung eines Königreichs von einer anderen Welt den Heiden nie in die Köpfe wollte, betrachteten sie die Christen immer als echte Aufständische, die, bei heuchlerischer Unterwürfigkeit, nur auf den Augenblick warteten, sich unabhängig und zu Herren zu machen und sich geschickt der souveränen Gewalt zu bemächtigen, die sie in ihrer Schwäche anzuerkennen vorgaben. Das war der Grund für die Verfolgungen.

Was die Heiden befürchtet hatten, ist eingetreten; hierauf hat alles sein Gesicht verändert, die demütigen Christen haben ihren Ton geändert, und alsbald hat man dieses Königreich, angeblich von einer anderen Welt, auf dieser hier unter einem sichtbaren Oberhaupt zum härtesten Despotismus werden sehen.

Unterdessen ist aus dieser doppelten Gewalt – da es immer einen Fürsten und bürgerliche Gesetze gab – ein ständiger Konflikt der Gesetzgebung erwachsen, der in den ersten christlichen Staaten jede gute Staatsordnung unmöglich gemacht hat, und nie war man endgültig sicher, ob man dem Herrn oder dem Priester zum Gehorsam verpflichtet war.
Mehrere Völker, selbst in Europa oder in seiner Nachbarschaft, wollten indes das alte System bewahren oder erneuern, jedoch ohne Erfolg; der Geist des Christentums hat alles bezwungen. Der Gottesdienst ist immer vom Souverän unabhängig geblieben oder es wieder geworden, ohne notwendige Verbindung mit dem Staatskörper. Mohammed hatte sehr gesunde Ansichten; er knüpfte sein politisches System fest, und solange seine Regierungsform unter seinen Nachfolgern, den Kalifen bestand, war diese Regierung eine völlig einheitliche und darin gut. Aber die Araber, reich, gelehrt, verfeinert, schlaff und faul geworden, wurden von Barbaren unterworfen; da begann die Spaltung von neuem; obwohl sie bei den Mohammedanern weniger offenbar ist als bei den Christen, gibt es sie doch, besonders in der Sekte des Ali, und es gibt Staaten wie Persien, wo sie sich ständig bemerkbar macht.

In unserem Bereich haben sich die englischen Könige zu Häuptern der Kirche gemacht, und ein Gleiches haben die Zaren getan; aber durch diesen Titel sind sie weniger deren Herren geworden als deren Verwalter; sie haben weniger das Recht erworben, sie zu ändern, als die Berechtigung, sie zu bewahren. Sie sind dort nicht Gesetzgeber, sie sind dort nur Fürsten. Überall, wo der Klerus eine Körperschaft bildet, ist er in seinem Bereich Herr und Gesetzgeber. Es gibt deshalb in England und Russland wie auch sonst überall zwei Gewalten, zwei Souveräne.“

Was er weiter über die ideale Staatsreligion schreibt, habe ich hier schon zitiert.

 

7) Dann wäre da Adam Smiths amoralischer Wirtschaftsliberalismus.

„Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe.“

Ach ja, das kennen vermutlich noch einige aus dem Unterricht in Wirtschaft und Recht. – Natürlich sind alle Menschen bei ihrem wirtschaftlichen Handeln erst einmal auf ihren eigenen Lebensunterhalt bedacht. Diese Art von Selbstliebe ist auch nicht falsch – aber eben nur, solange sie einen nicht dazu bringt, die Nächstenliebe, oder, anders ausgedrückt, die Gerechtigkeit, zu verletzen. Wirtschaftsliberale wie Smith gingen davon aus, die frei waltenden selbstsüchtigen Wünsche der Leute würden sich von allein gegenseitig ausgleichen („unsichtbare Hand“), was aber nie so ganz funktioniert hat, wie man am Kapitalismus des 19. Jahrhunderts sehen kann, allein schon deshalb, weil manche Menschen eine bessere Ausgangsposition haben als andere, um ihrer Selbstsucht zu frönen, und manche Menschen dabei skrupelloser sind als andere. Gesetze gegen zu hohe Preise, gegen zu niedrige Löhne, gegen zu schlechte Arbeitsbedingungen usw. haben sich sehr wohl als nötig herausgestellt. Die „Menschenliebe“ aus der Wirtschaft heraushalten zu wollen, ist halt falsch. Christus hat König über alle Lebensbereiche zu sein.

 

8) Insgesamt sieht man bei den Aufklärern ein absolut dämliches, naives Fortschrittsdenken. Vor der Aufklärung glaubten die Menschen ja tendenziell eher, die Welt würde immer schlechter werden, sich immer mehr von dem ursprünglichen „Goldenen Zeitalter“ bzw. dem Paradieszustand entfernen. Okay, die Renaissance war da schon etwas anders, etwas selbstbewusster und optimistischer, und die Aufklärung trieb das dann auf die Spitze. Vielleicht war die Ursache dafür die damalige technologische Entwicklung – man hatte schon die Dampfmaschine und die Spinnmaschine und den Heißluftballon erfunden, aber Atombombe und Gaskammern noch nicht, also hielt man den technologischen Fortschritt halt für uneingeschränkt toll.

Aber sie glaubten ja nicht nur an technischen, medizinischen, wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch an moralischen und erkenntnismäßigen – als ob jemand ein besserer Mensch wäre, weil er ein späteres Geburtsdatum hat, oder als ob eine spätere Zeit nicht auch wichtige Erkenntnisse einer früheren verlieren und auf neue dumme Ideen kommen könnte.

Von der Tugend der menschlichen Demut sprachen die Aufklärer fast gar nicht mehr. Ich finde es interessant, dass die Figur des Faust, der bisher als mahnendes Beispiel dafür gegolten hatte, was Hochmut und Selbstüberhebung anrichten können, in etwas positiverer Richtung umgedeutet wurde – „wer immer strebend sich bemüht“ usw., um Goethe zu zitieren.

 

9) Bei den Ideen einzelner Aufklärer, von denen ich nicht viel halte, wäre auch noch Leibniz‘ Gerede davon, unsere Welt sei die beste aller möglichen Welten – wobei das auch ein anderer Aufklärer, Voltaire, in „Candide“ auf die Schippe genommen hat (allerdings nur auf die Schippe genommen, nicht mit Argumenten widerlegt). Tatsächlich denke ich nicht, dass unsere Welt die beste aller möglichen Welten ist. Vielleicht hat Gott noch andere bessere Welten erschaffen, vielleicht auch nicht; jedenfalls hätte Er wahrscheinlich eine bessere Welt als unsere erschaffen können, hat aber unsere erschaffen. Er musste auch nicht die beste aller möglichen Welten erschaffen – genausowenig, wie ein Künstler das beste aller möglichen Werke erschaffen muss. Ein Künstler kann einfach gute Werke erschaffen, die er mag.

 

10) Außer den in den letzten zwei Teilen erwähnten angeblichen Errungenschaften der Aufklärung wird ihr auch gerne ein Anteil an der Emanzipation der Frau zugeschrieben. Nun kann man annehmen, dass die aufklärerischen Ideen von Freiheit und Gleichheit letztlich auch zur Frauenbewegung beitrugen. Aber so einfach ist das doch nicht. Olympe de Gouges wurde immerhin von der Ersten Republik guillotiniert. Die meisten Aufklärer hatten für Frauen ausschließlich eine häusliche Rolle vorgesehen, ihrer „Natur“ entsprechend; auch hier wird ihr Beitrag überbewertet, mit politischer Beteiligung der Frau hatten sie gar nichts am Hut. (Wobei ich hier nicht leugnen will, dass ja auch die spätere Frauenbewegung dann nicht ganz so unproblematisch war, in dem Sinne, dass sie teilweise durchaus familienfeindlich war, dann auch für sexuelle „Befreiung“ eintrat, und schließlich sogar für ein Recht auf Abtreibung.)

 

11) Ich weiß, ich weiß, man soll lieber Ideen als Personen bewerten. Aber ich möchte trotzdem noch anmerken, dass mir wenige Aufklärer untergekommen sind, die ich persönlich sympathisch finden kann. Ich habe hier schon erwähnt, dass Jefferson ein Sklavenhalter war – er hielt sich auch eine seiner Sklavinnen als Geliebte – und Rousseau alle fünf Kinder, die er mit seiner Mätresse hatte, in Findelheime mit hohen Kindersterblichkeitsraten gab. Der Marques de Pombal ging über die Leichen seiner politischen Gegner, Friedrich II. von Preußen war recht kriegslustig. Voltaire hatte ein Verhältnis mit seiner eigenen Nichte, Diderot war ein serienmäßiger Ehebrecher. Kant scheint in Ordnung gewesen sein, gut. Aber unter allen berühmten Aufklärern gibt es jedenfalls keinen, den man auf eine Stufe mit unseren Heiligen stellen könnte. Oder habe ich hier jemanden übersehen?

 

Also: Zurück hinter die Aufklärung! Zurück hinter die Reformation! Zurück ins Mittelalter!

 

* Ja, ich formuliere genderunsensibel, ich weiß.

** G. K. Chesterton, The everlasting man, 2. Teil, 2. Kapitel, Übersetzung von mir.

*** Ebd.

Was habe ich eigentlich gegen die sog. Aufklärung? Teil 2: Zu Toleranz und Demokratie

Heute zu zwei weiteren „Errungenschaften“, für die die Aufklärung gerne gefeiert wird:

 

3) Glaubens-, Meinungs-, Pressefreiheit

„3) Die Aufklärer haben immer wieder bekräftigt, dass es jedem Menschen erlaubt sein sollte, seine Meinung frei zu äußern. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass wir heute über Presse- und Meinungsfreiheit verfügen. Dank der Aufklärung müssen wir uns nicht mehr fürchten, als Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, wenn wir eine unbequeme Meinung kundtun und die Dogmen der Kirche hinterfragen (Beispiel: Johannes Hus auf dem Konzil von Konstanz).“

Mit der Glaubens- und der Meinungsfreiheit ist das eine sehr komplizierte Sache. Und ich glaube, ich muss hier erst mal wieder ein bisschen ausholen und einige geschichtliche Sachen nacheinander erzählen, bevor ich zum Punkt kommen kann. Also:

Die Kirche hat immer gelehrt, dass Zwangstaufen ungültig und unerlaubt sind, da Gott will, dass die Menschen freiwillig zu Ihm kommen, und es gar nicht möglich ist, Glauben zu erzwingen. Aber ganz simpel und friedlich war der Umgang mit anderen Glaubensvorstellungen in der Kirchengeschichte bekanntlich trotzdem nicht immer – wofür es vielfältige Gründe gab.

In Antike und Frühmittelalter wurden gelegentlich heidnische Tempel und Götterbilder durch Herrscher, die den christlichen Glauben angenommen hatten, zerstört – bzw. manchmal auch durch christliche Missionare, wie beim hl. Bonifatius und der Donareiche der Fall -, sodass gewisse heidnische Kulthandlungen nicht mehr möglich waren; einerseits wurden so Handlungen, die man als Affront gegen Gott sah, gestoppt; andererseits war das aber auch einfach eine effiziente Methode, um die Heiden von der Machtlosigkeit ihrer Götter zu überzeugen.

File:Bonifatius Donareiche.jpg

(Bonifacius haut in Hessen einen Opferbaum um, Radierung von Bernhard Rode 1781, Gemeinfrei.)

Richtig vorzugehen begannen christliche Herrscher nach der Konstantinischen Wende allerdings nicht gegen Juden oder Heiden – die Heiden ließen sich nach und nach taufen und wurden bis dahin auch toleriert, die Juden hatten einen festen Status als geduldete Außenseiter, für die eigene Regeln galten -, sondern gegen Theologen und Sektengründer innerhalb der Christenheit, die von der Kirchenlehre abweichende Lehren verkündeten (also Häretiker/Ketzer). Mit Verrätern im Inneren geht man ja meistens härter um als mit Feinden da draußen.

Das begann schon in der Antike: Hier wurden z. B. manche solche Theologen von den römischen Autoritäten in ein anderes Gebiet verbannt (das konnte allerdings auch mal die rechtgläubige Seite treffen, wenn der Kaiser einer häretischen Partei, etwa den Arianern, folgte). Nachdem sich etwa in Nordafrika die Donatisten (die glaubten, dass Christen, die in den Zeiten der Verfolgung von der Kirche abgefallen waren, bei ihrer Rückkehr ein zweites Mal getauft bzw., wenn Kleriker, ein zweites Mal geweiht werden müssten) abgespalten hatten, wurden ihre Schriften und Gebäude schließlich konfisziert und wieder der katholischen Seite übergeben, Laien, die nicht zur katholischen Kirche zurückkehren wollten, wurden mit hohen Geldstrafen belegt, und Kleriker wurden verbannt. Die Donatisten waren freilich keine ganz harmlose Gruppe: Eine militante donatistische Gruppierung, die Circumcellionen, verübte gerne Terroranschläge. Mit diesen Häretikern hatte übrigens der hl. Augustinus sich besonders auseinanderzusetzen; er hieß die Anwendung staatlicher Zwangsmittel in diesem Fall gut, mit Berufung auf Lk 14,23: „dränge/nötige/zwinge sie einzutreten“; in der Übersetzung, die er gebrauchte: „cogite intrare“, d. h. „zwinge sie einzutreten“, was er als „zwinge sie, in die Kirche einzutreten“ interpretierte. Wenn die Donatisten zuerst auch nur gezwungermaßen zurück zur wahren Kirche kämen, würden vielleicht zumindest die nächsten Generation ihr wieder richtig folgen.

Auch die erste Hinrichtung eines Ketzers – Priscillian – fällt noch in die Antike, nämlich ins Jahr 383; allerdings protestieren damals die einflussreichsten Bischöfe, wie der hl. Martin von Tours, der hl. Ambrosius von Mailand, und der hl. Papst Siricius ausdrücklich dagegen. Im Hochmittelalter wurde neben solchen Strafen wie der Exkommunikation oder der Klosterhaft auch die Reichsacht oder die Todesstrafe für hartnäckige Häretiker schließlich üblich; der hl. Thomas von Aquin argumentierte, die Anwendung der Todesstrafe sei ganz richtig, weil man ja schon Münzfälscher mit dem Tod bestrafe, Häretiker aber etwas sehr viel Wichtigeres verfälschten. „Denn weit schwerere Schuld ist es, den Glauben zu fälschen, welcher der Seele das Leben gewährt, wie Geld zu fälschen, das nur zum Unterhalte des zeitlichen Lebens dient.“ Es war nicht so, dass man nicht auch versucht hätte, die Häretiker (besonders die, die nur den Sektenführern nachliefen) mit Argumenten zu überzeugen – der Dominkanerorden etwa wurde deshalb als Predigerorden gegründet, um die Albigenser in Südfrankreich zur Kirche zurückzuführen -, aber es gab auch andere Maßnahmen. Häretiker galten als Bedrohung für das Fundament der Gesellschaft, den christlichen Glauben, den die Kirche hütete, und oft genug hatten ihre Lehren auch ganz praktische schädliche Auswirkungen: So lehrten etwa die Albigenser des 12./13. Jahrhunderts, Ehe und Kinderkriegen seien quasi dämonisch und ihre „Vollkommenen“ praktizierten in manchen Fällen sogar Selbstmord durch Verhungern; die Wiedertäufer des 16. Jahrhunderts lehnten die Leistung von Eiden und den Kriegsdienst – selbst für Verteidigungskriege – ab. Auf jeden Fall wurden solche Gruppen als gefährliche Sektierer gesehen, die nicht nur die irdische Gesellschaft, sondern auch das ewige Heil der einzelnen gefährdeten. Öfter einmal führten solche Abspaltungen auch zu Aufständen und Bürgerkriegen (etwa den Hussitenkriegen).

Bis ins frühe 16. Jahrhundert wurden die meisten Häresien früher oder später unterdrückt und verschwanden wieder oder blieben nur ein lokales Problem; nach 1517 allerdings gewannen gewisse Häretiker die Gunst einiger Fürsten, die eine gute Gelegenheit gekommen sahen, den Besitz der Klöster zu beschlagnahmen und – im Fall Heinrichs VIII. von England – die Ehefrau loszuwerden, weshalb sie wesentlich mehr Erfolg hatten. Das Ganze lief dann, nachdem sich die Fragen nicht mit Disputationen und päpstlichen Schreiben aus der Welt schaffen hatten lassen, erst einmal auf diverse brutal geführte Kriege bzw. auch Bürgerkriege, ein paar Revolutionen oder Staatsstreiche, versuchte und gelungene Attentate sowie Terroranschläge und natürlich beiderseitige staatliche Maßnahmen gegen die andere, als häretisch betrachtete Seite hinaus.

Aber irgendwann fand man doch irgendwelche Friedensvereinbarungen zwischen Katholiken und Protestanten und wurde der ganzen Kämpfe müde. Die Aufklärung mit ihrem religiösen Indifferentismus und ihrer gleichzeitigen Abneigung gegen alle dogmatischen Religionen folgte letztlich daraus – .nicht nur aus der Erfahrung der ganzen Brutalität, sondern auch daraus, dass diese Brutalität nichts genützt hatte. Nach ein wenig Hin und Her zu Beginn blieb halb Europa protestantisch, und halb Europa katholisch; es war eine Pattsituation, die sich nicht auflösen ließ.

„Und das ist ein Gefühl, das man nur eins der Zwecklosigkeit nennen kann. Es kam von dem Missverhältnis zwischen den Gefahren und Nöten der Religionskriege und dem wirklich unvernünftigen Kompromiss her, mit dem sie endeten; cuius regio ejus religio, was man übersetzen kann mit, „jeder Staat soll seine Staatskirche errichten“, aber was in der Renaissance hieß, „jeder Fürst mag tun, was er will“.

Das siebzehnte Jahrhunderte endete mit einem Fragezeichen. […] Es war eine offene Frage, aber es war auch eine offene Wunde. […] sie erwarteten, dass sich die Wunde schließen würde. Wir tendieren heute natürlich dazu, diesen Punkt zu übersehen. Wir haben fast vierhundert Jahre ein geteiltes Christentum gehabt und haben uns daran gewöhnt; und es ist die Wiedervereinigung der Christenheit, die wir als das außerordentliche Ereignis ansehen. Aber sie sahen immer noch die Spaltung der Christenheit als ein außergewöhnliches Ereignis. Keine der beiden Seiten hatte je wirklich erwartet, dass sie in einem Zustand der Spaltung verbleiben würde. Alle ihre Traditionen seit tausend Jahren sprachen von irgendeiner Art von Einheit, die aus einer Kontroverse folgte, von jeher, seit eine geeinte Religion sich über ein geeintes Römisches Reich ausgebreitet hatte. Von einem protestantischen Standpunkt aus war es ganz natürlich, dass der Protestantismus Europa erobern würde, so wie das Christentum Europa erobert hatte. In diesem Fall wäre der Erfolg der Gegenreformation nur das letzte Aufzüngeln einer sterbenden Flamme, wie das letzte Gefecht des Julian Apostata. Von einem katholischen Standpunkt aus war es ganz natürlich, dass der Katholizismus Europa zurückerobern würde, wie er mehr als einmal Europa zurückerobert hatte; in diesem Fall wäre der Protestant dasselbe wie die Albigenser: ein vorübergehendes Element, das schlussendlich reabsorbiert würde. Aber keins dieser beiden natürlichen Dinge geschah. Preußen und die anderen protestantischen Fürstentümer kämpften im Dreißigjährigen Krieg gegen Österreich als den Erben des Heiligen Römischen Reiches. Sie bekämpften einander bis zum Waffenstillstand. Es war absolut und offensichtlich hoffnungslos, Österreich protestantisch oder Preußen römisch-katholisch zu machen. Und von dem Moment an, wo diese Tatsache begriffen wurde, änderte sich das Wesen der ganzen Welt. Der Fels war gespalten worden und würde sich nicht wieder schließen, und in dem Spalt oder Abgrund begann eine neue Art von seltsamem und stacheligem Unkraut zu wachsen. Die offene Wunde eiterte.“ (G. K. Chesterton, „Anti-Religious Thought In The Eighteenth Century“, Übersetzung von mir.)

Auch an anderen Fronten herrschte eine Art religiöse Pattsituation; während im Altertum tatsächlich noch viele Juden Christen geworden waren, war das seit dem Mittelalter nur noch in seltenen Einzelfällen vorgekommen – woran wohl ihre unfreundliche Behandlung durch Christen auch nicht ganz unschuldig war, allerdings war das sicher nicht der einzige Faktor. Luther hatte ja noch gemeint, wenn er den Juden nur freundlich sein korrektes „Evangelium“ präsentiere, würden sie schon bald Jesus als den Messias anerkennen; da hatte er seine Rechnung allerdings ohne die Juden gemacht, weshalb er dann auch ziemlich sauer geworden war und gefordert hatte, man solle ihre Synagogen und Häuser zerstören, den Rabbinern bei Todesstrafe das Lehren verbieten und die jungen Juden zur Zwangsarbeit heranziehen. Aber auch der Islam stand der Christenheit weiterhin sowohl unversöhnlich wie unbesiegt gegenüber; das expandierende Osmanische Reich war in der Frühen Neuzeit sogar eine immense Bedrohung. Und der letzte Versuch – ein sehr vielversprechender Versuch übrigens – einer Union mit den Orthodoxen war schon Mitte des 15. Jahrhundert gescheitert.

Nirgendwo zeichnete sich der „Sieger der Geschichte“ ab, den die Leute fälschlicherweise erwarteten, und die Wiederkunft des Herrn, die in der Krisenzeit des 16. und frühen 17. Jahrhunderts nicht nur ein paar der radikalsten Sekten erwartet hatten, blieb ebenfalls aus. Also kamen die Leute auf den Gedanken, dass möglicherweise keine all der Seiten wirklich im Recht gewesen war, dass man diese ganzen Streitereien lassen und einfach friedlich und human nebeneinander leben und alle allzu dogmatischen religiösen Lehren aufgeben sollte; sich nicht mehr so sehr um den Himmel, sondern mehr um die Erde sorgen sollte; nicht mehr darüber predigen sollte, wie man einen gerechten Gott kriegte, sondern wie man gute Menschen machte.

Das Problem war nur, dass diese Idee am Ende nicht funktionierte.

Nachdem die Leute aufgehört hatten, die Religion als wichtigsten Teil des Lebens zu betrachten und einander ihretwegen zu bekämpfen, kamen nach und nach andere Dinge auf, um derentwillen sie einander bekämpften. Nationalstolz, faschistische Eroberungslust, Rassenhass, Versuch der proletarischen Weltrevolution; alles Mögliche. Die Ideologien, die nach der Aufklärung aufkamen, sorgten für wesentlich größere Blutbäder als die Religionen der Epoche zuvor.

Schon mit der Toleranz der Aufklärer selber war es ja nicht immer so einfach. Dem großen französischen Aufklärer Voltaire wird ja gerne (fälschlich)  das Zitat zugeschrieben: „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“ Als Beschreibung der Einstellung einiger Aufklärer taugt es tatsächlich bis zu einem gewissen Grad – denn sie traten ja schon für allgemeine Toleranz und Glaubensfreiheit ein, aber gleichzeitig missbilligten (oder im Fall von Voltaire: hassten) sie eben schon so gut wie alle Glaubensrichtungen, die da hätten toleriert werden sollen (abgesehen von ihrem eigenen vagen Deismus). Damit meine ich nicht nur den Katholizismus; man muss sich mal die Beschimpfungen durchlesen, die Voltaire oder auch Rousseau zum Judentum einfielen. „Das jüdische Volk wagt, einen unversöhnlichen Haß gegen alle Völker zur Schau zu tragen. Es empört sich gegen alle seine Meister, immer abergläubisch, immer gierig nach dem Gute anderer, immer barbarisch, kriechend im Unglück und frech im Glück.“ (Voltaire, Sur les Moeurs 42, gemäß Wikiquote.) Das letztliche Ziel der Aufklärer war tatsächlich das Ende dieser Religionen – Voltaire unterzeichnete seine Briefe gerne mit „Ecrasez l’infame“ – „Zermalmt die Niederträchtige“, was sich auf die Kirche bezog. Lassen wir noch einen anderen Aufklärer zu Wort kommen, um zu erfahren, was für Vorstellungen diese Leute von Toleranz hatten. Ich übergebe das Wort an Jean-Jacques Rousseau, dessen Ideen (über seinen Fan Robespierre) die Französische Revolution sehr stark prägten:

Es gibt daher [in Rousseaus idealem Staat] ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis, dessen Artikel festzusetzen dem Souverän zukommt, nicht regelrecht als Dogmen einer Religion, sondern als Gesinnung des Miteinander, ohne die es unmöglich ist, ein guter Bürger und ein treuer Untertan zu sein. Ohne jemand dazu verpflichten zu können, sie zu glauben, kann er jeden aus dem Staat verbannen, der sie nicht glaubt; er kann ihn nicht als Gottlosen verbannen, sondern als einen, der sich dem Miteinander widersetzt und unfähig ist, die Gesetze und die Gerechtigkeit ernstlich zu lieben und sein Leben im Notfall der Pflicht zu opfern. Wenn einer, nachdem er öffentlich ebendiese Dogmen anerkannt hat, sich so verhält, als ob er sie nicht glaube, soll er mit dem Tode bestraft werden; er hat das größte aller Verbrechen begangen, er hat vor den Gesetzen gelogen.

Die Dogmen der bürgerlichen Religion müssen einfach, gering an Zahl und klar ausgedrückt sein, ohne Erklärungen und Erläuterungen. Die Existenz der allmächtigen, allwissenden, wohltätigen, vorhersehenden und sorgenden Gottheit, das zukünftige Leben, das Glück der Gerechten und die Bestrafung der Bösen sowie die Heiligkeit des Gesellschaftsvertrags und der Gesetze – das sind die positiven Dogmen. Was die negativen Dogmen anbelangt, so beschränke ich sie auf ein einziges: die Intoleranz; sie gehört jenen Kulten an, die wir ausgeschlossen haben.

Meiner Meinung nach täuschen sich diejenigen, die einen Unterschied machen zwischen der bürgerlichen Intoleranz und der religiösen Intoleranz. Diese beiden Arten von Intoleranz sind nicht zu trennen. Es ist unmöglich, mit Menschen in Frieden zu leben, die man für unselig hält; sie lieben hieße, Gott, der sie straft, hassen; man muss sie unbedingt bekehren oder sie bedrängen. […]

Heute, wo es eine ausschließliche Staatsreligion nicht mehr gibt noch geben kann, muss man alle jene tolerieren, die ihrerseits die anderen tolerieren, sofern ihre Dogmen nicht gegen die Pflichten des Bürgers verstoßen. Wer aber zu sagen wagt ‚Es gibt kein Heil außerhalb der Kirche‘ muss aus dem Staat ausgestoßen werden, es sei denn, der Staat ist die Kirche und der Fürst der Pontifex.“ *

Mit anderen Worten: Der Staat soll eine eigene Religion einführen und alle Abweichler – alle, die den Staat nicht für heilig erklären wollen, alle, die ihre eigene Religion ernst nehmen und missionieren wollen, aber z. B. auch alle Atheisten – verbannen oder hinrichten. Das nennt sich Freiheit und Toleranz, nicht wahr? (Dass Rousseau keine Ahnung vom Christentum hat und meint, Menschen zu lieben wäre das Gegenteil davon, sie von der Wahrheit überzeugen zu wollen, lassen wir mal beiseite, ebenso wie die Tatsache, dass „Kein Heil außerhalb der Kirche“ ja gar nicht heißt, dass alle Nichtkatholiken in die Hölle kommen („unüberwindliche Unwissenheit“ usw.).)

Dass es die Aufklärer in der Praxis nicht immer so mit der Toleranz hatten, sieht man z. B. schon bei dem aufgeklärt-absolutistischen Kaiser Joseph II., der in Österreich hunderte „unnütze“, d. h. vor allem kontemplative Klöster aufheben ließ. Die eigene Lebensform frei wählen? Nix da, wenn diese Lebensform die der klausurierten Nonne ist. Eine Aufhebung der Orden war etwas, das die Aufklärer wieder und wieder forderten, und das sie auch immer wieder erreichten. Am klarsten sieht man die „Toleranz“ der Aufklärung während der Französischen Revolution, der Gelegenheit, bei der aufklärerisch inspirierte Leute erstmals so richtig zum Zug kamen.

Anfangs war sie ja noch nicht so schlimm. Anfangs ging es um konkrete Abhilfe für berechtigte Probleme – z. B. ein ungerechtes Steuersystem. Dass eine Verfassung geschaffen werden sollte, dass die Leibeigenschaft abgeschafft wurde, dass Richterämter nicht mehr käuflich sein sollten usw., alle diese Reformen der Jahre 1789/90 waren gut. Der sinnlose Gewaltausbruch in Paris im Juli 1789, bei dem ein Gefängnis mit ganzen sieben Insassen gestürmt wurde und Männern, denen man freies Geleit zugesagt hatte, dann der Kopf abgehackt wurde, war freilich nicht sehr schön, hätte aber eine Fußnote in der Geschichte bleiben können, wenn es nur dabei geblieben wäre.

Wie gesagt, soweit der Beginn. Aber bald ging die Revolution in eine Richtung, an der man gut viele Fehler der Aufklärung sehen kann.

Das zeigt sich schon bald im direkten Umgang mit der Kirche: Da der Kirchenzehnte abgeschafft wurde, sollte der Staat für die Bezahlung der Priester aufkommen; im Gegenzug wurde von ihnen ein Eid auf die Verfassung verlangt – mit anderen Worten, die Kirche sollte unter die Kontrolle des Staates gebracht werden. Etwa die Hälfte der Priester verweigerte diesen Eid (den zu leisten auch der zögerliche Papst Pius VI. 1792 schließlich für unzulässig erklärte) und wurde dafür abgesetzt und bestraft oder musste ins Exil fliehen. Dann wären auch hier die Orden: Schon 1790 wurden die meisten Orden abgeschafft; diejenigen, die sich dem Schulwesen und der Krankenpflege gewidmet hatten, durften immerhin noch bis 1792 bestehen bleiben, aber dann vertrieb man auch hier die Mönche und Nonnen aus den Klöstern.

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(Bleiglasfenster in der Kirche Saint-Honoré d’Eylau (Avenue Raymond-Poincaré im 16. Arrondissement von Paris). Es zeigt die 14 Karmelitinnen von Compiègne, die 1794 auf der Guillotine hingerichtet wurden, weil sie ihr Ordensleben nicht hatten aufgeben wollen. Hersteller: Félix Gaudin nach einem Karton von Raphaël Freida. Bildquelle: Wikimedia, eingestellt von GFreihalter.)

Die Revolution wurde immer radikaler; die „Nation“ galt immer mehr, und alle ihre Feinde hatten beseitigt zu werden. Da haben wir die Septembermassaker in den Pariser Gefängnissen 1792; die Absetzung und schließlich die Hinrichtung des Königs (der eigentlich ein sehr friedfertiger und gleichzeitig schwacher Mensch gewesen war, der immer versucht hatte, das Richtige zu tun); die „Schreckensherrschaft“ der Jahre 1793 und 1794, wo die Guillotine kaum mehr zum Stillstand kam. Während man die ersten Gesetzesänderungen der Revolution noch mit einem feierlichen Te Deum gefeiert hatte, sollte jetzt mit der „Dechristianisierung“ das Christentum komplett ausradiert werden – stattdessen wurden ein deistischer „Kult des Höchsten Wesens“, ein „Kult der Vernunft“ und die Verehrung von „Revolutionsmärtyrern“ gefördert.

File:Fête de la Raison 1793.jpg

(„Fest der Vernunft“ in der Pariser Kathedrale Notre-Dame 1793, bei dem eine Schauspielerin die Vernunft verkörperte. Gemeinfrei.)

Als 1793 in der Vendée (einem ländlichen Gebiet im Westen Frankreichs) anlässlich einer massenhaften Einberufung zur Armee ein Aufstand gegen die brutale Regierung der Ersten Republik ausbrach, wurde der mit extremer Brutalität niedergeschlagen. „Mein Freund, ich verkünde Dir mit großem Vergnügen, dass die Räuber endlich vernichtet sind. […] Die Zahl der hierher gebrachten Räuber ist nicht abzuschätzen. Jeden Augenblick kommen neue an. Weil die Guillotine zu langsam ist, und das Erschießen auch zu lange dauert und Pulver und Kugeln vergeudet, hat man sich entschlossen, je eine gewisse Anzahl in große Boote zu bringen, in die Mitte des Flusses etwa eine halbe Meile vor der Stadt zu fahren, und das Boot dort zu versenken. So wird unablässig verfahren.“ So ein Bericht, der im Nationalkonvent verlesen wurde.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d8/Noyadesnantes.jpg

(Ertränkungen bei Nantes, Jean Duplessis-Bertaux. Gemeinfrei.)

Die „höllischen Kolonnen“ der revolutionären Pariser Regierung waren alles andere als zimperlich. „Es gibt keine Vendée mehr. Sie starb unter unserem blanken Säbel, mitsamt Frauen und Kindern. Ich habe sie in den Sümpfen und Wäldern von Savenay begraben. Man kann mir keine Gefangenen vorwerfen. Ich habe alles ausgelöscht.“ So berichtete ein General.

(Symbol des Vendée-Aufstands: Heiliges Herz Jesu mit der Aufschrift „Dieu“ (Gott) auf der einen Seite und „Le Roi“ (Der König) auf der anderen.)

Die Erste Republik in Frankreich war eine totalitäre Diktatur – und weitere totalitäre Diktaturen sollten in den nächsten zwei Jahrhunderten folgen, die sich auf Prinzipien der Aufklärung beriefen. Gleichheit etwa – darum ging es den Kommunisten. Brüderlichkeit und Einheit und die Unteilbarkeit der Nation (auch das beliebte Schlagworte der Revolutionspropaganda) – darum den Faschisten.

Also: Die Freiheit der Aufklärung ist nie eine wirkliche Freiheit gewesen. Religionsfreiheit? Nur für die, denen ihre Religion eh nicht so wichtig ist; nur für die, deren religiöse Praxis nichts einschließt, was die Aufklärer zu „Aberglaube“ und „Fanatismus“ erklären, oder was gegen die neuen Götzen gerichtet ist, die man anstelle Gottes aufrichtet.

Aber, könnte man einwenden, heißt das nicht nur, dass einige Leute Prinzipien der Aufklärung verraten haben, die an sich gut gewesen wären? Und haben diese Prinzipien sich nicht doch zumindest in manchen Staaten und zu manchen Zeiten in gewisser Weise durchgesetzt und positive Folgen gehabt? Da wären die Judenemanzipation; die Katholikenemanzipation in England oder Schweden; Toleranz für die französischen Protestanten; konfessioneller Friede in Deutschland. Sollte man nicht, auch wenn die Erste Republik das in der Praxis nicht getan hat, auch Meinungen dulden, die man nicht gut findet?

Nun ja: Dass Einschränkungen von Freiheiten und staatliche Strafmaßnahmen nicht so schön sind, gilt letztlich immer. Und wir können uns sicher darauf einigen, dass der Scheiterhaufen recht brutal ist und nicht unbedingt das Mittel der Wahl sein sollte. Trotzdem stellt sich, wenn es um die Toleranz geht, für jeden Staat die Frage, welche Weltanschauung ihm selber zugrunde liegt, was davon Abweichendes er tolerieren will, und was nicht mehr, denn eine Toleranz von wirklich allem und jedem lässt sich praktisch nicht durchhalten.  Hier ein paar Beispiele für Vertreter von Meinungen, die heute nicht gern gesehen werden:

  • Holocaustleugner
  • Reichsbürger
  • Scientology
  • Muslimbruderschaft
  • IS
  • Pädophilieapologeten (Kein Strohmann. In den 70ern und 80ern behaupteten viele, z. B. in den Reihen der Grünen, dass Kinder von „einvernehmlichen“ sexuellen Beziehungen mit Erwachsenen profitieren würden.)

Auch heutige Staaten kennen so etwas wie Verfassungsfeinde. Wenn man zum Beispiel in Bayern für den Staat arbeiten will, muss man erst einmal eine lange Liste von linksradikalen, rechtsradikalen, islamistischen, türkisch-nationalistischen, kurdisch-nationalistischen usw. Organisationen unterschreiben, mit denen man nichts zu tun haben darf; und ein eigenes Formblatt gibt es noch für Scientology. Weltanschauungsbeauftragte warnen vor Sekten, der Verfassungsschutz beobachtet gewisse Gruppen, um zuschlagen zu können, wenn Gewalttaten geplant werden sollten. Manchmal werden auch Internetseiten abgeschaltet oder Social-Media-Konten gelöscht, und natürlich bekommen verfassungsfeindliche Gruppen keine Fördergelder vom Staat und nicht so leicht Demonstrationen genehmigt. So etwas sind recht humane Methoden, aber auch diese Methoden bedeuten eine Einschränkung der Freiheit – eine, die gerechtfertigt sein kann.

Es gibt ja die Ansicht, jede auch noch so schlimme Meinung sollte offen gesagt werden dürfen, denn am Ende würde sich dann dank der Überzeugungskraft der Wahrheit von selbst die richtige durchsetzen. Das ist aber illusorisch; am Ende gewinnt erfahrungsgemäß eher der, der am lautesten schreit und am geschicktesten Propaganda macht. Das wissen wir nicht erst seit, sagen wir, dem Jahr 1933, sondern spätestens seit etwa dem Jahr 33.

File:Hieronymus Bosch - Ecce Homo - Google Art Project.jpg

Ans Kreuz mit ihm! (Hieronymus Bosch, „Ecce Homo“, zwischen 1480 und 1490. Gemeinfrei.)

(Und dazu hat auch Papst Gregor XVI. schon 1832 in seiner Enzyklika Mirari vos das Passende geschrieben: „Leider aber gibt es Leute, die in ihrer Vermessenheit so weit gehen, dass sie hartnäckig behaupten, diese aus der Pressefreiheit hervorgehende Flut von Irrtümern würde übergenug wettgemacht durch irgendein Buch, das inmitten dieses großen Sturmes von Schlechtigkeiten zur Verteidigung von Religion und Wahrheit herausgegeben wird. […] Welcher vernünftige Mensch wird je sagen, es dürfe Gift frei ausgestreut, öffentlich verkauft, mit sich getragen, ja, gebraucht werden, weil es wohl irgendein Heilmittel gibt, durch dessen Gebrauch man vor dem Tode bewahrt wird?“)

Nein: Es ist tatsächlich nicht gut, wenn jedem uneingeschränkt erlaubt wird, seine Meinung frei zu äußern. Es gibt Meinungen, die nicht nur harmlose Irrtümer, sondern böse und schädlich sind. Und es kann auch durchaus sein, dass derjenige, der sie vertritt, damit sündigt. Ich habe früher nicht verstanden, wieso Ketzerei eine Sünde sein könnte; okay, da kam jemand auf etwas Falsches, aber ein Irrtum war doch noch kein Vergehen, oder? Aber es kann eben doch Sünden des Intellekts geben. Bei Leuten wie Jan Hus oder Martin Luther kann es ihr Stolz gewesen sein, der sie dazu brachte, das, was die Kirche lehrte, nicht anerkennen zu wollen, auch wenn ihnen bewusst gewesen sein sollte, dass die Kirche ihre Autorität vom Sohn Gottes hatte; bei diversen Sektengründern war/ist es wohl Gewinnsucht oder Größenwahn; bei den Rassisten des 19. Jahrhunderts oder den Pädophilieverteidigern der 1980er war es einfach so, dass sie ihre Lieblingssünden (Sklavenhaltung bzw. Kindsvergewaltigung) rechtfertigen wollten. Unbelehrbarkeit, Hochmut, Vorurteile, Selbsttäuschung, alle diese Dinge führen zu falschen Lehren, und vor allem zum Beharren auf falschen Lehren.

Ich finde hier einen Text von Lessing – dessen Ringparabel der Anlass für meine Aufklärungskritik hier war – sehr aufschlussreich. In „Über die Wahrheit“ schreibt er:

„Ein Mann, der Unwahrheit unter entgegengesetzter Überzeugung in guter Absicht ebenso scharfsinnig als bescheiden durchzusetzen sucht, ist unendlich mehr wert als ein Mann, der die beste, edelste Wahrheit aus Vorurteil, mit Verschreiung seiner Gegner, auf alltägliche Weise verteidigt.

Will es denn eine Klasse von Leuten nie lernen, daß es schlechterdings nicht wahr ist, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsetzlich sein selbst verblendet habe? Es ist nicht wahr, sag ich; aus keinem geringern Grunde, als weil es nicht möglich ist. Was wollen sie denn also mit ihrem Vorwurfe mutwilliger Verstockung, geflissentlicher Verhärtung, mit Vorbedacht gemachter Plane, Lügen auszustaffieren, die man Lügen zu sein weiß? Was wollen sie damit? Was anders, als – – Nein; weil ich auch ihnen diese Wahrheit muß zugute kommen lassen; weil ich auch von ihnen glauben muß, daß sie vorsetzlich und wissentlich kein falsches verleumdrisches Urteil fällen können: so schweige ich und enthalte mich alles Widerscheltens.

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz –

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“

Das ist ein ziemliches Potpourri aus Wahrem und Idiotischem. So stimmt es natürlich, dass jemand, der „aufrichtige Mühe“ aufgewandt hat, um auf die Wahrheit zu kommen, aber dabei ohne eigene Schuld bei etwas Falschem gelandet ist, ein besserer Mensch sein kann als einer, der aus den falschen Gründen bei der Wahrheit gelandet ist. Die Kirche kennt hierfür auch Begriffe wie „irrendes Gewissen“. Aber dann widerspricht es einfach jeder Erfahrung, zu behaupten, die Leute würden sich nie selbst täuschen. Die Leute sind nicht so gut, dass sie immer offen für die Wahrheit wären. Das kann jeder an sich selber sehen, schon bei alltäglichen Streitereien ist man voreingenommen für die eigene Seite.

Und das Ende dieses Abschnitts ist so blödsinnig, dass es jeder Beschreibung spottet. Das Ziel der Suche nach Wahrheit ist die Wahrheit. Der Weg ist nicht das Ziel. Lessing ist sich gar nicht bewusst, wie viel die Wahrheit wert ist, wie sehr man sie im Leben braucht, sonst würde er nicht so reden, als wäre bloß die Suche nach ihr nützliches Training. Und der „Besitz“ der Wahrheit macht eben nicht ruhig und träge und stolz – gerade, wenn man eine wichtige Wahrheit erkannt hat, wird man sie immer noch tiefer ergründen wollen. (Wenn wir mal davon absehen, dass es sowieso, wenn, dann Er (Jesus Christus, die Wahrheit in Person) ist, der uns „besitzt“, nicht wir Ihn, wenn ich mal diesen Spruch von einem Bekannten klauen darf.)

Lessing ist sich scheinbar gar nicht bewusst, wie absolut widersinnig und undankbar es wäre, eine Offenbarung von Gott über die Wahrheit nicht annehmen zu wollen.

Darüber, wie effektiv und sinnvoll staatliches Vorgehen gegen Irrtümer und Lügen ist, mögen die Meinungen auseinandergehen, ebenso, wie darüber, welche Mittel dabei in Ordnung sind, aber ein Recht auf absolute Meinungs- und Pressefreiheit gibt es tatsächlich nicht. Bei den Aufklärern war es so, dass sie Religionen eigentlich nur unter der Prämisse dulden wollten, dass alle Religionen als zweitrangig, möglicherweise falsch, nette Folklore ohne zentrale Bedeutung für das Leben, gelten sollten; ihre Toleranz war untrennbar verbunden mit religiösem Indifferentismus. Wesentlich schwieriger ist es, Dinge zu tolerieren, die dem eigenen Weltbild absolut widersprechen und es wirklich bedrohen. Auch hier kann man um der christlichen Nächstenliebe und der Achtung vor dem Gewissen des einzelnen Waffenstillstände mit seinen Gegnern schließen und es nur mit friedlicher Bekehrung versuchen – so wie es auch schon manche Fürsten der Frühen Neuzeit gegenüber Ketzern taten, etwa Henri IV. mit dem Edikt von Nantes 1598. Aber das ist etwas anderes als die Toleranz, die auf der Ansicht beruht, welche Religion die richtige sei, sei letztlich so unentscheidbar und so unwichtig wie die Frage, welche Farbe die schönste oder welches Nudelgericht das leckerste sei.

Aber was heißt das jetzt für die Praxis? Was wäre denn, wenn – sagen wir – Deutschland, ganz ideal, sich zu 95% zum katholischen Glauben bekehren würde, und der Bundestag auch gleich noch die katholische Religion zur Staatsreligion erklären würde, aber noch, sagen wir, 5% Muslime da bleiben würden? Nun ja, man könnte mit ihnen z. B. so umgehen wie heute mit Scientologyanhängern: vor ihrer Ideologie warnen, sie nicht in den Staatsdienst lassen, besonders radikale Prediger beobachten, sie ihre Religion ansonsten für sich leben lassen, inklusive Kopftuchtragen und Beschneidung und halal-Fleisch und Moscheebauten.

Ich als Katholikin freue mich natürlich irgendwo darüber, dass in England und Schweden keine Priester mehr hingerichtet werden. Und ich vermute, gerade die Juden freuen sich darüber, dass Berufsverbote und Ghettos Geschichte sind. (Auch wenn die furchtbarste Judenverfolgung der Geschichte in die Zeit nach der Aufklärung fällt, was man auch erwähnen sollte.) Aber ganz so einfach ist es mit der Toleranz eben nicht – wie ja die Geschichte erwiesen hat, sind gerade die, die sich so viel auf ihre Toleranz eingebildet haben, besonder intolerant gegenüber denen geworden, die sie als intolerant angesehen haben. Da ist es doch besser, seine weltanschaulichen Gegner als Gegner zu achten, denen gegenüber auch die Gebote der Gerechtigkeit und Nächstenliebe gelten, die man aber trotzdem manchmal gewissermaßen bekämpfen muss. (Unterscheiden kann man dabei sicher oft auch zwischen Sektenführern und denen, die auf sie hereinfallen.) Das Zweite Vatikanische Konzil hat daher sicherlich nicht Unrecht damit, dass es „innerhalb der gebührenden Grenzen“ jedem möglich sein sollte, „nach seinem Gewissen zu handeln“, aber das ist doch ein anderes Konzept als das der Aufklärer – und die Grenzen, von denen da die Rede ist, sind nicht immer leicht zu bestimmen.

 

4) Demokratie

„4) Die Aufklärer haben auch die Forderung erhoben, dass alle Menschen an politischen Prozessen beteiligt werden sollen. Die Aufklärung bildet also das Fundament unserer freiheitlichen Demokratie.“

Hier sollte man ein paar Dinge klarstellen.

Als Katholik muss man anerkennen, dass der heute übliche Parteienparlamentarismus – oder auch allgemein die Demokratie – nicht die einzige legitime Regierungsform ist. Erbmonarchie, Wahlmonarchie, Erbaristokratie, lokale Basisdemokratie, ständestaatliche Vertretungen, verschiedene Mixturen daraus usw. können alle legitime Regierungsformen sein, solange sie für das Recht sorgen. Prinzipiell illegitim sind nur Anarchie, Tyrannei (d. h. Willkürherschaft) und Totalitarismus, d. h. die Staatsformen in denen das Recht nicht gilt oder die die Nation, die Partei o. Ä. zum Götzen machen und den Leuten elementare Freiheiten nehmen.

Katholische Lehre ist: Es muss, das ist die von Gott eingesetzte Ordnung, in Gesellschaften jemanden geben, der herrscht und damit für das Recht sorgt; wie diese Person(en) bestimmt werden, ist der Kirche eher egal. Und es ist nicht zwangsläufig so, dass die Minderheiten in einem Land sich allem fügen müssten, was die Mehrheit sagen würde, und auch nicht so, dass alles, was die Mehrheit sagen würde, deswegen schon gut wäre; ein Naturrecht auf Demokratie gibt es nicht.

„Daß in jeder Vereinigung und Gemeinschaft von Menschen irgendwelche vorstehen , erzwingt die Notwendigkeit selbst. […] Es ist aber an dieser Stelle wichtig, darauf zu achten, daß diejenigen, die dem Gemeinwesen vorstehen sollen, in bestimmten Fällen nach dem Willen und Urteil der Menge gewählt werden können, ohne daß die katholische Lehre [dem] widerspricht oder widerstreitet. Bei dieser Wahl freilich wird der Herrscher bestimmt, werden nicht die Rechte der Herrschaft übertragen; auch wird nicht die Herrschaft übergeben, sondern festgelegt, von wem sie auszuüben sei. Auch wird hier nicht nach den Arten der Gemeinwesen gefragt: denn es gibt keinen Grund, warum von der Kirche nicht die Herrschaft sowohl eines einzigen als auch die mehrerer gebilligt werden sollte, wenn sie nur gerecht und auf den gemeinsamen Nutzen ausgerichtet ist. Deshalb werden die Völker, wenn die Gerechtigkeit gewahrt ist, nicht daran gehindert, sich jene Art des Gemeinwesens einzurichten, die entweder ihrer eigenen Veranlagung oder den Sitten und Gebräuchen der Vorfahren angemessener entspricht.“ (Papst Leo XIII., Enzyklika „Diuturnum Illud“, 1881.)

Was die Aufklärung gebracht hat, war zunächst vor allem die Vorstellung des Gesellschaftsvertrages: Ein Staat entsteht dadurch, dass die im Naturzustand freien Menschen sich zusammenschließen und ihre Freiheit an ihn abgeben. Diese Vorstellung wirkt auf den ersten Blick logisch, oder? Tatsächlich ist sie gar nicht unproblematisch (weshalb Leo sie dann auch im weiteren Verlauf der Enzyklika ablehnt). Der gedachte Naturzustand ist nämlich eine Illusion, da Menschen von Anfang an Teil von Gemeinschaften sind. Zur Illustration wieder ein Zitat von Rousseau:

„Die älteste aller Gesellschaften und die einzig natürliche ist die der Familie. Und selbst dort bleiben die Kinder nicht länger an den Vater gebunden als sie seiner zu ihrer Erhaltung bedürfen. Sobald diese Bedürftigkeit aufhört, löst sich das natürliche Band. Die Kinder, befreit vom Gehorsam, den sie dem Vater schuldeten, und der Vater, befreit von der Sorge, die er den Kindern schuldete, beide kehren gleichermaßen in die Unabhängigkeit zurück. Wenn sie weiter zusammenbleiben, geschieht dies nicht mehr natürlich, sondern willentlich, und die Familie selbst wird nur durch Übereinkunft aufrechterhalten.

Die allen gemeinsame Freiheit ist eine Folge der Natur des Menschen. Dessen oberstes Gesetz ist es, über seine Selbsterhaltung zu wachen, seine erste Sorge ist diejenige, die er sich selber schuldet, und sobald der Mensch erwachsen ist, wird er so sein eigener Herr, da er der einzige Richter über die geeigneten Mittel zu seiner Erhaltung ist.“**

Das ist Unsinn. Allein schon offensichtlich deshalb, weil die Familienbande sich eben nicht auflösen; die Eltern werden irgendwann alt, und dann müssen wieder die Kinder für sie sorgen. Das Eheband, von dem Rousseau gar nicht spricht, bindet auch bis zum Tod. Für Rousseau sind Familien ein Ausnahmefall, eigentlich sind die Menschen ungebundene Individuen; tatsächlich ist es andersherum, Familien sind natürlich und normal. Die Menschen gehören von Anfang an in eine Gemeinschaft hinein und sind auf sie angewiesen und ihr verpflichtet. (Aber bei jemandem, der alle seine fünf Kinder gleich als Säuglinge in Findelheime gegeben hat, wird man wohl nicht erwarten können, dass er familiäre Bindungen besonders achtet.) Und so wie mit der Familie ist es eben auch mit größeren Gemeinschaften.

Als Katholik darf man also Erbmonarchie oder Parteienparlamentarismus oder einen Mix daraus – oder was auch immer – vorziehen, ganz wie man möchte. Der oben zitierte Chesterton zum Beispiel war sehr (basis)demokratisch eingestellt; bei anderen Katholiken ist auch der (konstitutionelle) Monarchismus beliebt – wofür z. B. solche Gründe angeführt werden wie hier im Kommentarbereich. Die klassische Position nach Aristoteles ist, dass eine Mischung aus Republik, Aristokratie und Monarchie am besten sei; Aristoteles würde freilich Parlamente als Aristokratie und Kanzler und Präsidenten als Monarchen betrachten und eher in Volksabstimmungen demokratische Elemente sehen; insofern leben wir also in Deutschland in einem solchen gemischten System.

Der frühneuzeitliche Absolutismus, mit dem man es im 18. Jahrhundert zu tun hatte und gemäß dem der Herrscher von allen Gesetzen losgelöst („absolutus“) sein soll, ist übrigens eine Staatsform, die zu dieser Zeit noch gar nicht so alt war und die auf eigentlich sehr unchristlichen Überlegungen basiert – etwa denen von Thomas Hobbes, dass, da der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, es einen geben müsse, der die absolute Kontrolle hätte, damit es nicht in Anarchie ausarte. Im Mittelalter sah man den Herrscher sehr wohl an die alten Gesetze und das Gewohnheitsrecht gebunden und meinte, dass er Rücksicht auf die Ständevertretungen usw. nehmen müsste.

Und natürlich war auch die Aufklärung nicht immer ganz so demokratisch. Der „aufgeklärte Absolutismus“, dem z. B. Friedrich II. von Preußen oder Joseph II. von Österreich folgten, sollte bekannt sein. Die Aufklärung war oft genug etwas, wo die väterlichen Herrscher, die es besser wussten, ihren ungebildeten Volksmassen, die ja nie in irgendwelchen Salons über Kant und Voltaire debattiert hatten, bis ins kleinste Detail vorschrieben, was sie zu tun und zu lassen, was sie zu trinken und was sie zu essen und wie sie ihre Haare zu tragen hatten.

Ob die Demokratie zu so idealen Ergebnissen führt, ist jedenfalls letztlich nicht ausgemacht. Nicht vergessen: Hitler kam über ein demokratisches System an die Macht (weshalb übrigens nach dem Krieg das Grundgesetz absichtlich weniger demokratisch gestaltet wurde als die Verfassung von 1918). Da ist mir doch jeder König oder Kaiser lieber – ja, selbst Friedrich II. oder Joseph II. Bei Wahlen bewerben sich machtgierige Leute; bei einem Erbkönigtum bleibt es dem Zufall überlassen, wer die Herrschaft erhält. Es ist unbestritten, dass die Aufklärung mehr demokratische Elemente in der Politik durchgesetzt hat (auch wenn es sie mancherorts, z. B. in den freien Reichsstädten oder in England, schon lange gab); ob das im Endeffekt so gut war – ich weiß es nicht. Ganz ehrlich: Keine Ahnung. Gewisse Mitbestimmungsrechte haben sicher ihre Vorteile, aber über die Errungenschaften und Nachteile des Strebens nach Demokratie in den letzten 250 Jahren insgesamt erlaube ich mir noch kein Urteil.

Was man der Aufklärung meiner Meinung nach eher zugute halten kann, ist, dass sie Rechtsgleichheit gebracht hat (Abschaffung der Adelsprivilegien, Vereinheitlichung von verschiedenen Rechtsbräuchen), und festgeschriebene Verfassungen. Hier will ich sie mal loben; das war gut.

 

Im nächsten Teil dann noch zu ein paar weiteren Problemen mit aufklärerischen Ideen.

 

* Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts, übersetzt von Hans Brockard und Eva Pietzcker, Reclam 2004, S. 151-153. (4. Buch, 9. Kapitel.)

** Ebd., S. 6. (1. Buch, 2. Kapitel.)

Was habe ich eigentlich gegen die sog. Aufklärung? Teil 1: Zu Menschenwürde und Vernunft

In meinem letzten Artikel habe ich ein bekanntes Werk der sog. Aufklärung kritisiert – Lessings Ringparabel – und mich dabei auch allgemein kritisch zu dieser Bewegung geäußert. Unter diesem Artikel wurde ein Kommentar hinterlassen, in dem es heißt:

„Die meisten Menschen haben positive Assoziationen zu dem Begriff ‚Aufklärung‘ wie Freiheit, Vernunft oder Gleichheit.

Die Argumente lauten dabei meist wie folgt: […]

Was sagst du zu diesen Argumenten, die in der öffentlichen Meinung weit verbreitet sind?“

Das war eine sehr gute Frage und der nötige Anstoß zu ein paar Artikeln, die ich schon lange einmal schreiben wollte. Der Kommentar fasst gängige Argumente für die Aufklärung gut zusammen, deshalb hier jetzt ausführliche Antworten auf sie. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass:

  • die Aufklärer sich für ein paar gute Ziele einsetzen, für die sich aber auch schon vor ihnen rechtgläubige Christen eingesetzt hatten; sie werden extrem überbewertet.
  • die Aufklärer gleichzeitig mehrere falsche und z. T. absolut toxische neue Ideen aufbrachten.

Heute erst einmal zu den ersten zwei mutmaßlichen Errungenschaften der Aufklärung, die der Kommentar nennt; zu den übrigen zwei im nächsten Beitrag; und im übernächsten dann noch ein paar weitere eigene Gedanken.

 

1) Menschenwürde und Menschenrechte

„1) Die Aufklärung ist die Grundlage für die heutigen Menschenrechte. Die Intellektuellen der Aufklärung haben immer wieder betont, dass alle Menschen frei und gleich sein sollen. Ebenso wurde die Humanitätsidee, die besagt, dass alle Menschen eine Würde haben und entsprechend behandelt werden sollen, entwickelt. Auf der Grundlage dieser aufklärerischen Prinzipien wurden Folter und Leibeigenschaft abgeschafft. Religiöse Toleranz und Religionsfreiheit wurden eingeführt, sodass ab dem Zeitalter der Aufklärung erste Ansätze zur Judenemanzipation sichtbar wurden.“

Gehen wir das Ganze nacheinander durch.

Die Idee der Menschenwürde ist eine christliche Idee. Sie beruht darauf, dass Gott alle Menschen mit einer unsterblichen Seele ausgestattet und nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Sie ist eine Kirchenlehre, die sich aus atheistischer, agnostischer oder heidnischer Sicht nicht begründen lässt. Es ist kein Wunder, dass es sie in vorchristlicher Zeit nicht gab und auch die großen Philosophen der Antike auf Sklaven, Frauen, Ungebildete, geistig Behinderte etc. herabsahen. Nun waren viele der Aufklärer des 18. Jahrhunderts immerhin noch Deisten (d. h. sie glaubten an einen Gott, der die Welt irgendwann einmal gemacht, geordnet, mit Gesetzen ausgestattet, dann aber sich selbst überlassen hatte), oder manchmal auch noch Theisten (d. h. sie glaubten an einen Gott, der auch noch persönlich ansprechbar war), aber auch gemäß einem solchen Weltbild ist es, wenn man den christlichen Glauben abgelegt hat, nicht so einfach, abzuleiten, wieso z. B. ein schwer geistig Behinderter dieselbe Menschenwürde haben soll wie alle anderen Menschen.

Mit anderen Worten: die Aufklärer redeten zwar von Menschenrechten, hatten aber oft keine theoretische Grundlage, auf der sie diese Menschenrechte aufbauen konnten, sondern zehrten von einem christlichen Weltbild, das viele von ihnen (nicht alle – es gab auch christliche Aufklärer) gleichzeitig ablehnten; und sie waren definitiv nicht die Erfinder der Idee der Menschenwürde.

Gutes Anschauungsmaterial für die Entwicklung der Ideen von Menschenwürde und Menschenrechten – und für deren Umsetzung – bietet die Entwicklung der Sklaverei. Um Christi Geburt war sie auf der ganzen Welt eine normale Gegebenheit. Im Christentum wurde sie zu einer Folge der Sünde erklärt und es fanden sich schon in Antike und Frühmittelalter vereinzelte Stimmen, die sie für grundsätzlich unrechtmäßig hielten und ihre Abschaffung forderten, etwa im 4. Jahrhundert Gregor von Nyssa („Wenn ein Mensch das ‚Eigentum‘ Gottes zu seinem eigenen Eigentum macht und sich die Herrschaft über seine eigene Gattung anmaßt, so daß er sich für den Herrn von Männern oder Frauen hält, was macht er dann anderes als hochmütig die Natur überschreiten, indem er sich für etwas anderes als die Beherrschten hält?“*) und Johannes Chrysostomus; die Synode von Chalons um 650; oder etwas später Atto von Vercelli (885-960). Papst Gregor der Große erklärte in einer Freilassungsurkunde im Jahr 595, es sei heilsam gehandelt, „wenn Menschen, welche die Natur als Freie hervorbrachte und die vom Recht der Völker unters Joch der Sklaverei gezwängt wurden, durch die Wohltat eines Freilassers in jene Freiheit zurückversetzt werden, in der sie geboren wurden“**. In Nordwesteuropa wurde aus der Sklaverei allmählich die Leibeigenschaft, wo der Leibeigene zumindest einige Rechte hatte (dieser Prozess geschah etwa in England zwischen 1066 und ca. 1120); und Städte führten das Recht „Stadtluft macht frei“ ein. Der Sachsenspiegel von 1235 erklärt die Unfreiheit grundsätzlich für Unrecht und begründet das mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Der französische König Philipp der Schöne erklärte 1299 alle Leibeigenen auf seinen Krongütern für frei, und seine Ordonnanz beginnt mit „Berücksichtigend, daß jegliches menschliche Geschöpf, welches nach dem Bild unseres Herrn geformt ist, kraft des natürlichen Rechts im allgemein frei sein muß“***. Wir sehen also: die Begriffe und Argumente zur Menschenwürde sind da, auch wenn sich – was nicht verwunderlich ist – nicht alle Herrscher bequemen, sich in der Praxis danach zu richten. Das ist ja heute nicht anders; in wie vielen Staaten, die die ein oder andere Menschenrechtserklärung unterschrieben haben, gelten denn die Menschenrechte tatsächlich?

Als die Portugiesen und Spanier dann die „Neue Welt“ entdeckten und gleich mal zu erobern begannen, geschah wieder ein Rückschritt: So legten sie dort auch Plantagen an, wofür sie Arbeitskräfte brauchten; also wurden in Südamerika und der Karabik die Einheimischen unterjocht und an der westafrikanischen Küste afrikanischen Fürsten Sklaven abgekauft und nach Amerika importiert (weil die Indios zu schnell wegstarben). In Europa brachen kirchliche und juristische Dispute darüber aus; 1537 schrieb Papst Paul III. folgende Enzyklika:

„Der höchste Gott hat das Menschengeschlecht so sehr geliebt, dass Er den Menschen in einer solchen Weise geschaffen hat, dass er nicht nur an den Gütern, an denen sich andere Geschöpfe erfreuen, teilhaben sollte, sondern ihn mit der Möglichkeit ausgestattet hat, das unzugängliche und unsichtbare Höchste Gut [= Gott] zu erreichen und von Angesicht zu Angesicht zu sehen […]

Der Feind des Menschengeschlechts [= der Teufel], der sich allen guten Werken entgegenstellt, um den Menschen zu zerstören, hat, da er dies sah und neidisch war, ein Mittel erfunden, von dem nie zuvor gehört wurde, durch das er die Verkündigung von Gottes rettendem Wort zu den Menschen verhindern könnte: er stiftete seine Anhänger an, die, um ihm zu Gefallen zu sein, nicht zögerten, in der Fremde verlauten zu lassen, dass die Indianer des Westens und Südens und andere Völker, von denen wir vor kurzem erfahren haben, wie stumpfsinnige Tiere behandelt werden sollten, die zu unserem Dienst geschaffen wären, wobei sie vorgaben, diese wären unfähig, den katholischen Glauben zu empfangen.

Wir, die wir, obgleich unwürdig, auf Erden die Macht unseres Herrn ausüben und mit all unserer Kraft versuchen, die Schafe seiner Herde, die draußen sind, in den Pferch zu bringen, der unserer Verantwortung untersteht, sagen allerdings, dass die Indianer wirklich Menschen sind und dass sie nicht nur fähig sind, den katholischen Glauben zu verstehen, sondern dass sie sich laut unseren Informationen auch außerordentlich nach ihm sehnen. Da wir wünschen, diesen Übeln abzuhelfen, bestimmen und erklären wir mit diesen unseren Briefen, oder mit jeglicher Übersetzung derselben, die von irgendeinem öffentlichen Notar unterschrieben und mit dem Siegel irgendeines Würdenträgers der Kirche versiegelt sind, welche genauso angesehen werden sollen wie die Originale, dass, gleich, was Gegenteiliges gesagt worden sein mag oder gesagt werden möge, die besagten Indianer und alle anderen Völker, die vielleicht später von Christen entdeckt werden mögen, auf keine Weise ihrer Freiheit oder ihres Besitzes beraubt werden sollen, selbst wenn sie sich außerhalb des Glaubens Jesu Christi befinden; und dass sie frei und rechtmäßig ihre Freiheit und ihre Besitztümer genießen sollen, und nicht auf irgendeine Weise versklavt werden sollen; sollte das Gegenteil passieren, soll es nichtig sein und keine Wirkung haben.“

(Paul III., Sublimus Dei, Übersetzung von mir aus der englischen Übersetzung.)

Der spanische König war gar nicht erfreut und untersagte die Verbreitung dieser Enzyklika, aber 1550 befahl er doch ein vorläufiges Ende der Eroberungen und ließ eine Disputation stattfinden, in der der Humanist Juan Ginés de Sepúlveda, der sich auf Aristoteles berief, um zu begründen, dass die Indios von Natur aus minderwertig und damit zur Sklaverei bestimmt seien, gegen Bischof Bartolomé de las Casas antrat, der sich jahrzehntelang für die Indios eingesetzt hatte. In Spanien wurde die Versklavung der Indios schließlich verboten; afrikanische Sklaven wurden allerdings in begrenztem Maß noch importiert (wenn auch weniger als bei den Portugiesen in Brasilien). Auch der französische Staatstheoretiker Jean Bodin, obwohl einer der Vordenker des Absolutismus, forderte schon 1570, man solle die Sklaverei völlig abschaffen und den ehemaligen Sklaven das Bürgerrecht geben. Und auch wenn die Sklaverei in den Kolonien noch weiter bestand, wurde sie in den europäischen Mutterländern – außer in Portugal und einigen italienischen Städten – nicht mehr geduldet; wer als Sklave dorthin kam, wurde frei.

Die Idee natürlicher Rechte, die allen Menschen zustehen, war also definitiv nichts, auf das erst im 18. Jahrhundert jemand gekommen wäre.

Das Thema Sklaverei bietet übrigens auch ein gutes Beispiel für die Zwiespältigkeit der Aufklärung: Es waren gar nicht alle Aufklärer gegen die Sklaverei und Unterdrückung der Einheimischen in den Kolonien (bzw. besonders engagiert dagegen). Thomas Jefferson etwa hielt selbst Sklaven – jawohl, Thomas Jefferson, Mitautor einer gewissen Unabhängigkeitserklärung, in der es heißt: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ Oder sehen wir die sog. „Jesuitenreduktionen“ an. In Südamerika bauten die Jesuiten, die als Missionare zu einigen entlegenen Stämmen gingen, eigene kleine selbstverwaltete Quasi-Staaten auf, zu denen Weiße keinen Zutritt hatten und in denen die Indios vor Sklavenjägern geschützt waren. Unter den Kolonialisten gingen bald Gerüchte um, diese seien unheimlich reich; und überhaupt wurden die Jesuiten zu dieser Zeit ziemlich angefeindet. Was geschah? 1750 ging das Gebiet, auf dem einige dieser Reduktionen lagen, von Spanien an Portugal, Portugal ließ die Reduktionen auflösen, ein Aufstand der Indios dagegen wurde niedergeschlagen, und 1759 wurden die Jesuiten aus den portugiesischen Gebieten ausgewiesen. Verantwortlich für all das war der Erste Minister Portugals, der Marques de Pombal – ein besonders überzeugter Aufklärer und Kirchenfeind.

(Louis-Michel van Loo und Claude Joseph Vernet, Darstellung der Ausweisung der Jesuiten durch den Marques de Pombal. Gemeinfrei.)

Der Abolitionismus des 18. und 19. Jahrhunderts dann war eine Bewegung, die vor allem von englischen und nordamerikanischen Evangelikalen und Quäkern geprägt war; einer der wichtigsten englischen Abolitionisten, John Newton, ein bekehrter Sklavenhändler, ist der Autor des berühmten Kirchenliedes „Amazing Grace“; William Wilberforce, der nach endlosen Bemühungen in England das Verbot des Sklavenhandels erreichte, war ein Erweckungsprediger. Unter den Rationalisten kamen im 19. Jahrhundert unterdessen auch Rassentheorien auf, die die Unterlegenheit z. B. von Schwarzen wissenschaftlich begründen wollten.

Natürlich waren auch einige Aufklärer gegen die Sklaverei und die Leibeigenschaft. Sie erreichten manchmal auch etwas; die Leibeigenschaft in Frankreich wurde, wo sie noch bestand, zu Beginn der Französischen Revolution abgeschafft; in den deutschen Gebieten geschah das zu Napoleonischer Zeit ebenfalls unter französischem Einfluss. Aber prinzipiell hätte es keine „Aufklärung“ gebraucht, um beides abzuschaffen (mancherorts war die Leibeigenschaft damals auch schon fast verschwunden), und ob der Beitrag von Aufklärern in der Praxis entscheidend war, oder ob dasselbe auch ohne sie geschehen wäre, ist fraglich. Tatsache ist, dass die sog. Aufklärung keine neuen Argumente auf den Tisch gebracht hat, die man vorher nie gehört gehabt hätte.

Was die Folter angeht, gegen die sprach sich schon Papst Nikolaus I. im 9. Jahrhundert aus. Ja, ich weiß; viele Gerichte in Europa wendeten sie noch lange Zeit weiter an, weil sie Angeklagte nur nach einem Geständnis, nicht aufgrund von Indizien verurteilen wollten; also mussten Geständnisse eben erzwungen werden. Für einige Zeit (zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert) übernahmen auch Kirchengerichte die Folter hin und wieder in begrenztem Maß. Die Römische Inquisition stellte ihre Anwendung allerdings schon im frühen 17. Jahrhundert ganz ein; und jemand, der sich besonders gegen sie einsetzte, war auch der Autor der Cautio Criminalis – der Jesuit Friedrich Spee. (Weier unten mehr zu ihm.) Ja: Auch Aufklärer setzten sich gegen die Folter ein, und ich meine (ich müsste das genauer recherchieren), dass ihr Beitrag hier auch bedeutender war als bei der Sklaverei. Aber auch hier hätte es sie nicht gebraucht, und sie brachten keine prinzipiell neuen Argumente.

Zur Judenemanzipation und zur Religionsfreiheit im Allgemeinen unter Punkt 3 (Meinungsfreiheit) im nächsten Post.

 

2) „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – Die Aufklärer und die Vernunft

„2) Philosophen der Aufklärung wie Immanuel Kant haben immer wieder darauf hingewiesen, dass wir unseren Verstand benutzen und kritisches Denken üben sollen. Aufgrund dieses wichtigen Prinzips der Aufklärung wurde Schulbildung gefördert und Aberglauben eingedämmt, sodass ab dem 18. Jahrhundert keine Hexen mehr in Europa verbrannt wurden. Rationale Instrumente der Beweisführung wurden nun eingeführt und auf Aberglauben basierende Praktiken wie die Wasserprobe wurden dafür eingestellt.“

Den eigenen Verstand benutzen ist etwas sehr Gutes. Das sollten die Leute tatsächlich öfter tun. Freilich ist es auch manchmal nötig, anzuerkennen, dass der eigene Verstand und das eigene Wissen begrenzt sind und andere vielleicht klüger sein oder mehr Ahnung haben könnten als man selber, aber ja: Natürlich sollten die Leute prinzipiell öfter selber denken. Aber nicht jeder, der mal gesagt hat „Denkt selber!“ oder, etwas fancier, „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, hat sich selber auch gute Gedanken gemacht, wenn er selber gedacht hat. Auch jeder Verschwörungstheoretik fordert zum Selberdenken auf.

Zudem ist es ja nicht so, dass die Kirche eine Feindin des vernünftigen Denkens wäre – das genaue Gegenteil ist der Fall. Man lese mal Thomas von Aquin und behaupte, der habe nicht selber gedacht. Wir brauchen die Vernunft – sie ist uns von Gott gegeben; wieso sollte sie also von Ihm wegführen? Die Kirche hat die Vernunft immer als eine der höchsten Fähigkeiten des Menschen betrachtet und ihr z. B. auch zugetraut, Gottes Existenz und das Naturrecht zu erkennen.

Freilich kann man es mit dem Rationalismus auch mal übertreiben. Wenn man meint, es gäbe nichts in der Welt, was der Vernunft widersprichen kann, dann hat man Recht; aber wenn man meint, es gäbe überhaupt nichts, was die begrenzte Vernunft des Menschen übersteigen kann, keine Mysterien, denen er sich mit ihr nur annähern kann, dann hat man Unrecht.

Die Aufklärer hatten ein sehr simples Weltbild. Man hat ihren deistischen Gott zu Recht als „Uhrmachergott“ bezeichnet: Er richtet eine simple mechanische Welt ein, in der alles nach ganz einfachen Regeln funktioniert. Das Weltbild der Aufklärer passt gut zum Universum von Newton – allerdings weniger zum wirklichen Universum, dem komplizierteren Universum, das die Quantenphysik erforscht. Und ihre Theologie passt eben auch nicht zum wirklichen Gott, der ebenfalls etwas komplizierter ist, als sie Ihn sich vorstellten – in einem Wesen drei Personen, und eine der drei Personen noch dazu aus Liebe zu den Menschen Mensch geworden. Die Newtonschen Gesetze sind nicht falsch, sie sind nur nicht alles; ebenso ist die deistische Gottesvorstellung nicht direkt falsch, aber sie ist defizitär.

Auch die Bildung fördern kann man ohne die Ideen der Aufklärer. Im Mittelalter wurden in Europa zahlreiche Universitäten gegründet, während der Reformation und der Gegenreformation förderte man die Schulbildung weiter. Der Fortschritt der Bildung war eher eine Sache des technologischen Fortschritts – z. B. konnten ab 1450 Bücher mit der Druckerpresse leichter produziert werden – als geänderter Weltanschauungen. Aber ja, auch einige Aufklärer machten sich darum verdient, Schulbildung für breitere Schichten des Volkes zugänglich zu machen. Freilich taucht hier auch das Problem auf, dass sie die Schulen unter der Kontrolle des Staates haben und vor allem treue und nützliche Staatsdiener heranziehen wollten und z. B. von Ordensgemeinschaften geführte Schulen am liebsten aufgelöst sehen wollten…

Was die Hexenverfolgungen angeht, so endeten sie nicht unbedingt wegen irgendwelcher Aufklärer. In den deutschen Gebieten war der oben bereits erwähnte Jesuit Friedrich Spee besonders einflussreich, der 1631 sein Buch „Cautio Criminalis oder Rechtliche Bedenken wegen der Hexenprozesse“ veröffentlichte. Darin argumentiert er übrigens wie folgt gegen die Folter:

„27. Ist die Folter ein geeignetes Mittel zur Enthüllung der Wahrheit?

Bei der Folter ist alles voll von Unsicherheit und Dunkel […]; ein Unschuldiger muß für ein unsicheres Verbrechen die sichersten Qualen erdulden.

28. Welches sind die Beweise derer, die sofort die auf der Folter erpressten Geständnisse für wahr halten?

Auf diese Geständnisse haben alle Gelehrten fast ihre ganze Hexenlehre gegründet, und die Welt hat’s ihnen, wie es scheint, geglaubt. Die Gewalt der Schmerzen erzwingt alles, auch das, was man für Sünde hält, wie lügen und andere in üblen Ruf bringen. Die dann einmal angefangen haben, auf der Folter gegen sich auszusagen, geben später nach der Folter alles zu, was man von ihnen verlangt, damit sie nicht der Unbeständigkeit geziehen werden. […] Und die Kriminalrichter glauben dann diese Possen und bestärken sich in ihrem Tun. Ich aber verlache diese Einfältigkeit. […]

29: Muss die so gefährliche Folter abgeschafft werden?

Ich antworte: entweder ist die Folter gänzlich abzuschaffen oder so umzugestalten, dass sie nicht mit moralischer Sicherheit Unschuldigen Gefahr bringt. […] Man darf mit Menschenblut nicht spielen, und unsere Köpfe sind keine Bälle, die man nur so hin und her wirft. Wenn vor dem Gericht der Ewigkeit Rechenschaft für jedes müßige Wort abgelegt werden muss, wie steht’s dann mit der Verantwortung für das vergossene Menschenblut? […]“

(Titelblatt des Erstdrucks der Cautio Criminalis, 1631. Gemeinfrei.)

Auch um Hexenproben abzulehnen braucht es keine Aufklärer: Die Kirche erklärte schon im Mittelalter sog. Gottesurteile (bei Prozessen im Allgemeinen, nicht nur bei Hexenprozessen) für unzulässig, da man hier Gott zwingen wollte, ein Wunder zu wirken – und es gilt ja: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“

Auch andere wichtige Gegner der Hexenprozesse waren Theologen, etwa der reformierte Geistliche Anton Praetorius, der schon 1598 ein Buch gegen die Verfolgungen veröffentlichte, und der ebenfalls die Folter ablehnte. Die Argumentation christlicher Gegner der Hexenprozesse lautete meist, dass es gar nicht möglich sei, durch einen Pakt mit Dämonen wirkliche Macht z. B. für Wetterzauber zu erhalten, weil Gott in seiner Allmacht den Dämonen keine solche Macht einräume.

Das war übrigens in der Frühen Neuzeit nichts Neues. Schon in der Antike glaubten die Leute an Schwarze (und Weiße) Magie, fürchteten sich vor ihr und praktizierten sie selber; und die Kirchenväter sagten dazu: Christus hat die Dämonen besiegt, sie können euch nichts mehr anhaben, wenn ihr Ihm vertraut. (Ich schreibe gerade eine Arbeit zu diesem Thema und werde hier sicher auch noch einmal etwas zu Magie in der griechisch-römischen Antike veröffentlichen. Sehr spannendes Thema.) Im Frühmittelalter unterband die Kirche Hexenverfolgungen direkt – die Synode von Paderborn im Jahr 785 legte fest, dass, wer vom Teufel verleitet nach Art der Heiden behaupte, dass es Hexen gäbe, und diese verbrenne, selbst mit dem Tod bestraft werden sollte; auch den noch mehr oder weniger heidnischen Sachsen wurde von Kaiser Karl dem Großen die Hexenverfolgung untersagt.

Gegen Aberglauben – die Verwendung von Talismanen, den Glauben an den bösen Blick und Ähnliches – war die Kirche schon immer. Das wurde den Leuten auch immer gepredigt. Freilich hielten sie sich nicht immer daran – auch wenn ich mich frage, ob sie sich zumindest mehr daran hielten als heutzutage, wo sie ja auch ziemlich gerne Traumfänger und Heilkristalle im Wohnzimmer deponieren und zum Warzenabbeten und Pendeln gehen.

Die moderne wissenschaftliche Methode – wiederholbare Experimente, Falsifizierbarkeit usw. – stammt übrigens schon spätestens aus dem 17. Jahrhundert und von Leuten wie Galilei oder Newton, die ohne Zweifel fromme Christen waren (auch wenn Galilei sich mal ein wenig mit seinem Gönner, dem Papst, überwarf, weil er die heliozentrische Theorie nicht als Hypothese, sondern als bereits bewiesen dargestellt hatte; zur Galilei-Angelegenheit ausführlicher hier, wenn es jemanden interessiert). Natürlich prägte die neue Wissenschaft auch die Aufklärung – aber die Aufklärung erfand nicht diese Wissenschaft.

Zuletzt eine Frage: Haben die Leute denn inzwischen gelernt, wirklich kritisch zu denken? Hinterfragen sie denn immer das, was in den Schulbüchern oder der Bravo Girl! steht, was in der Tagesschau oder bei RTL News gesagt wird, was die gute Bekannte oder der Heilpraktiker oder die Sozialberatungsstelle erzählt oder die Leute, denen man auf Twitter folgt, schreiben, usw.?

Nun ja, sagen wir mal so. Es gibt sehr viele Leute, die homöopathische Medikamente – also Zuckerkügelchen – nehmen. Eine gar nicht so geringe Anzahl an Menschen lässt ihre Kinder nicht gegen potentiell tödliche Krankheiten impfen, weil sie meinen, das verursache Autismus. Manche meinen, man solle Kinder um der „frühkindlichen Bildung“ willen im Alter von einem Jahr von den Eltern trennen. Es gibt sogar Leute, die an eine flache Erde glauben. Und eine Mehrheit der Leute in Deutschland ist nicht katholisch. Nein, ich meine tatsächlich, dass die Menschheit allgemein nicht sehr viel besser im kritischen Denken geworden ist.

Die Aufklärung hat eher für ein zusätzliches Problem gesorgt: Die Leute meinen, sie wären besser im kritischen Denken, weil sie ja schließlich nach dem 18. Jahrhundert geboren sind und deshalb aufgeklärt sein müssen – oder so. Das macht sie erst recht blind für ihre Vorurteile, z. B. auch derer zugunsten der Meinungen der sog. Aufklärer.

 

* zitiert nach: Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, 3. Aufl., C. H. Beck 2018, S. 81.

** Ebd., S. 82.

*** Ebd., S. 159.

Die Ringparabel: Ein kurzer Rant über das lächerlichste Werk der sog. Aufklärung

Ich bin ja allgemein keine Freundin der sog. Aufklärung – auch wenn ich diesen eingebildeten Intellektuellen aus dem 18. Jahrhundert zugestehen muss, dass sie sich eine propagandistisch kluge Selbstbezeichnung gewählt haben. Wer ist schon gegen „Aufklärung“? Ungefähr so viele Leute, wie für „Hass und Hetze“ sind. (Das soll kein Endorsement der AfD sein (ich wähle diese Partei aus diversen Gründen nicht, u. a. weil sie mir zu sehr von gewissen „aufklärerischen“ Positionen geprägt ist), es geht mir um die Ähnlichkeit von Propagandabegriffen.) Ich würde mir wünschen, dass das Wort „Aufklärung“ bei den Leuten ähnliche Assoziationen wecken würde wie der Begriff „Antifaschistischer Schutzwall“ – denn besonders viel Licht und Klarheit und Vernunft hat die sog. Aufklärung tatsächlich nicht gebracht.

Besonders nervig an vielen sog. Aufklärern ist ja ihre unerklärliche Feindseligkeit gegenüber allen Offenbarungsreligionen; ein vager Deismus, die Anerkennung eines Höchsten Wesens ist noch in Ordnung, aber doch bitte kein Gott, der sich tatsächlich in die Welt einmischt, die Er gemacht hat; das darf nicht sein. Und die Kirche – diesen Hort von „Aberglauben“ und „Fanatismus“ (noch so zwei Schlagworte aus der Propagandakiste), diese weltabgewandte Institution, die ihre Mönche und Nonnen in Klöster sperrt, um zu beten, statt was Nützliches für Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten, diese Feindin der Natur, die immer noch an der Lehre von der Erbsünde festhält und sich nicht dazu bringen lässt, zu glauben, die Menschen seien von Natur aus gut – die konnten sie gleich mal gar nicht leiden. Eins der dämlichsten Werke, das die religiösen Ansichten der sog. Aufklärer populär gemacht hat und mit dem leider immer noch Schüler gequält werden – ich vor einigen Jahren auch -, ist ja die Ringparabel aus Lessings Stück „Nathan der Weise“.

(Nathan der Weise, Erstdruck. Bildquelle: Wikimedia: Foto H.- P. Haack.)

Hier noch mal der Text (Quelle hier) :

 

„Nathan.       Traun, ein schöner Titel!
Doch, Sultan, eh‘ ich mich dir ganz vertraue,
Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
Erzählen?

Saladin.       Warum das nicht? Ich bin stets
Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
Erzählt.

Nathan.       Ja, gut erzählen, das ist nun
Wohl eben meine Sache nicht.

Saladin.       Schon wieder
So stolz bescheiden? – Mach! erzähl, erzähle!

Nathan.
Vor grauen Jahren lebt‘ ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Daß ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, daß dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn‘ Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. –
Versteh mich, Sultan.

Saladin.       Ich versteh dich. Weiter!

Nathan.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte, – sowie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergießend Herz
Die andern zwei nicht teilten, – würdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es ging. – Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. – Was zu tun? –
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden insbesondre;
Gibt jedem insbesondre seinen Segen, –
Und seinen Ring, – und stirbt. – Du hörst doch, Sultan?

Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
Ich hör, ich höre! – Komm mit deinem Märchen
Nur bald zu Ende. – Wird’s?

Nathan.       Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. –
Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; –
(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt – der rechte Glaube.

Saladin.       Wie? das soll
Die Antwort sein auf meine Frage? …

Nathan.       Soll
Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen ließ,
Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

Saladin.
Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte,
Daß die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis‘ und Trank!

Nathan.
Und nur von seiten ihrer Gründe nicht.
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! – Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? –
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. –
Kann ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? –

Saladin.
(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
Ich muß verstummen.)

Nathan.       Laß auf unsre Ring‘
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. – Wie auch wahr! – Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Genießen. – Wie nicht minder wahr! – Der Vater,
Beteurt‘ jeder, könne gegen ihn
Nicht falsch gewesen sein; und eh‘ er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen lass‘: eh‘ müss‘ er seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verräter
Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

Saladin.
Und nun, der Richter? – Mich verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

Nathan.
Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel
Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? –
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? – Oh, so seid ihr alle drei
Betrogene Betrüger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
Die drei für einen machen.

Saladin.       Herrlich! herrlich!

Nathan.
Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur! – Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. – Möglich; daß der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden willen! – Und gewiß;
Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. – Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf‘! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! – So sagte der
Bescheidne Richter.

Saladin.       Gott! Gott!

Nathan.             Saladin,
Wenn du dich fühlest, dieser weisere
Versprochne Mann zu sein: …

Saladin (der auf ihn zustürzt und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren läßt).
Ich Staub? Ich Nichts?
O Gott!

Nathan.       Was ist dir, Sultan?

Saladin.       Nathan, lieber Nathan! –
Die tausend tausend Jahre deines Richters
Sind noch nicht um. – Sein Richterstuhl ist nicht
Der meine. – Geh! – Geh! – Aber sei mein Freund.“

 

Was. Für. Ein. Scheiß.

Das Ganze geht einfach komplett am Thema vorbei. Lessings Argument ist etwa so stichhaltig, wie wenn jemand auf „Iss Obst, das ist gesund“ hin antworten würde: „Wieso soll ich Obst essen? Äpfel sind oft rot oder blau, und eigentlich ist Lila meine Lieblingsfarbe, oh, guck mal, da draußen ist ein Eichhörnchen! Wusstest du, dass Eichhörnchen auch Obst essen, und mir hat ein Eichhörnchen auch schon mal so nervige Predigten über blaue Äpfel gehalten, und wir sind doch keine Tiere!“

Dröseln wir mal ein paar der einzelnen Denkfehler auf:

1. Die drei Religionen sind nicht ununterscheidbar. Das ist so offensichtlich, dass ich gar nicht weiß, wie irgendjemand darauf kommt, etwas anderes zu behaupten. Was kommt nach dem Tod? Wie werde ich meine Schuld los? Wie soll Gott verehrt werden? Kann ich mich scheiden lassen und dann wieder heiraten? Kann ich mehrere Frauen haben? Überall geben die Religionen verschiedene Antworten. Um Chesterton zu zitieren:

„Was unsere Progressiven vor riesigen Zuhörermassen mit ruhiger Gewissheit erzählen, ist meistens das Gegenteil der Tatsachen; gerade unsere Binsenwahrheiten sind unwahr. Hier ein Beispiel: In jeder ‚Ethischen Gesellschaft‘ und jedem ‚Religionsparlament‘ hört man die bequeme liberale Phrase: ‚Die Religionen unserer Erde unterscheiden sich zwar in Riten und Formen, aber in dem, was sie lehren, stimmen sie überein.‘ Diese Aussage ist falsch; sie widerstreitet den Tatsachen. In Riten und Formen unterscheiden sich die Religionen unserer Erde gar nicht erheblich; erheblich jedoch unterscheiden sie sich in dem, was sie lehren. Es ist, als sagte man: ‚Lasst euch nicht täuschen von der Tatsache, dass die Church Times und der Freethinker völlig anders aussehen, dass die eine Zeitung auf Pergament gezeichnet und die andere in Marmor gemeißelt, dass die eine dreieckig und die andere sechseckig ist; lest sie, und ihr werdet sehen; dass sie dasselbe sagen.‘ Ein atheistisch gesonnener Börsenmakler in Surbiton sieht genauso aus wie ein für Swedenborg schwärmender Börsenmakler in Wimbledon. Man kann endlos um sie herumgehen und sie einer ganz persönlichen und eindringlichen Prüfung unterziehen, ohne etwas Swedenborgartiges am Hut oder etwas besonders Gottloses am Regenschirm zu entdecken. Was sie voneinander trennt, ist nämlich ihr Inneres. In Wahrheit sind also die Religionen unserer Erde gar nicht so beschaffen, wie es die billige Sentenz behauptet: daß sie in der Bedeutung übereinstimmen, im Prozedere jedoch nicht. Genau das Gegenteil ist der Fall. Im Prozedere stimmen sie überein; fast jede große Weltreligion arbeitet mit denselben Methoden, mit Priestern, heiligen Schriften, Altären, Mönchsgelübden und besonderen Festtagen. Die Form, das Wie der Lehre ist überall gleich; der Inhalt, das Was der Lehre, ist überall anders. Heidnische Optimisten und orientalische Pessimisten haben beide ihre Tempel, so wie Liberale und Tories beide ihre Zeitungen haben. Religionen, die dazu da sind, einander zu vernichten, haben jede ihre heiligen Schriften, so wie Armeen, die dazu da sind, einander zu vernichten, jede ihre Geschütze haben.“ (G. K. Chesterton, „Orthodoxie“, aus Kapitel 8)

Lessing hat es sich natürlich auch ein wenig einfacher gemacht, indem er drei gewissermaßen zusammenhängende Religionen genommen hat – hätte er noch Hinduismus, Buddhismus, Platonismus, Manichäismus, Shintoismus, Konfuzianismus, Zoroastrismus und die Kulte der Römer, Germanen, Phönizier und Azteken hinzugezogen, wäre es noch deutlicher geworden, dass er Unsinn schreibt. Aber auch diese drei Religionen haben ihre deutlichen Unterschiede.

2. Damit, dass der Ring „die geheime Kraft [hatte], vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen“ soll wohl so etwas gemeint sein wie „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“. Dann sehen wir doch mal die Früchte an. Ganz banal: Wo wäre es schöner, zu leben, in Polen, Israel oder der Türkei? Oder, sagen wir, im Irland der 1930er oder dem Saudi-Arabien der 1930er? Unter Richard Löwenherz oder unter Sultan Saladin?

Oder will Lessing gar behaupten, die wahre Religion solle ihre Anhänger bei anderen beliebt machen? Nun, das hat keine der drei Religionen je für sich beansprucht. Mohammed hat einen beständigen Krieg gegen die ungläubige Welt geführt, und Jesus hat seinen Jüngern angekündigt, sie würden von dieser ungläubigen Welt verfolgt werden. Die Juden hatten es auch nie einfach mit ihr.

3. Die drei Religionen wurden nicht zum selben Zeitpunkt an unterschiedliche Leute verteilt. Sie sind nacheinander entstanden. Das Christentum beansprucht, die angekündigte Erfüllung des Judentums durch den Messias zu sein; der Islam behauptet, Juden und Christen wären von Gottes ursprünglicher Botschaft abgefallen und Mohammed habe die reine Lehre dann wiederhergestellt. (Etwas Ähnliches behaupteten später auch die Reformatoren oder die Mormonen, wobei Luther freilich keine neue Offenbarung von Gott beanspruchte, sondern sich bloß auf die Auslegung eines Textes berief.)

4. Die wahre Religion ist nichts, was ein einzelner oder ein einzelnes Volk besitzen kann, wodurch ein anderer dann leer ausgeht. Eine solche Konkurrenzsituation wie in der Parabel besteht in der Realität einfach nicht. Die drei Religionsgemeinschaften sind erst dadurch entstanden, dass es die drei Religionen gab und einzelne sich ihnen zugehörig erklärten. In der Parabel existieren aber die drei Söhne schon vorher und der Vater kann nur einem den Ring geben. Tatsächlich ist es ja so, dass gerade, wenn alle dieselbe Religion hätten, sich nicht einer über die anderen aufspielen könnte – wenn z. B. jemand vom Christentum zum Islam konvertiert, würden andere Muslime ihn gerade dann als gleichberechtigtes Mitglied der Umma anerkennen. Im frühen Mittelalter wurden Völker wie die Franken oder Dänen, indem ihre Könige sich taufen ließen, als ebenbürtige Mitglieder in die Christenheit aufgenommen. Evtl. könnte man beim frühmittelalterlichen Christentum und Islam noch damit kommen, dass mehr oder weniger alle Christen den Papst und alle Muslime den Kalif anerkennen mussten, die Religionsfrage also zu einer Konkurrenzfrage zwischen Papst und Kalif erklären; aber die Muslime waren schon zu Saladins Zeiten zersplittert, und die Juden passen natürlich überhaupt nicht in dieses Konzept.

Und natürlich ist es ganz grundsätzlich so, dass es bei der Wahrheitsfrage nicht um Herrschaft geht. Wenn ich jemanden von der Wahrheit überzeugen will, dann aus Wahrheitsliebe und weil ich meine, dass es gut für denjenigen ist, die Wahrheit zu kennen, nicht, weil ich dann irgendwie über ihn herrschen könnte. (Das gilt übrigens auch dann, wenn man, wie Lessing, meint, dass Deismus und religiöser Indifferentismus die Wahrheit wären.)

5. Wie gesagt, die Parabel mit den drei Söhnen, von denen nur einer den Ring haben kann, macht keinen Sinn. Aber selbst im Kontext der Parabel, was ist das für ein Vater, der seine Söhne täuscht und den abzusehenden Zank billigend in Kauf nimmt? Aber natürlich macht auch der eine Vater keinen Sinn. Der Vater scheint ja im Kontext der Parabel für die Vorfahren – nicht etwa für Gott; die Annahme eines Gottes, der verschiedene Offenbarungen sendet, wäre ja auch gar zu dämlich – zu stehen; das sind allerdings eben nicht dieselben für Juden, Christen und Muslime. Lessing müsste in seiner Parabel verschiedene Familien haben, die miteinander streiten, nicht drei Söhne desselben Vaters.

6. Und hier kommen wir jetzt zur Entstehung der Religionen laut Nathan/Lessing:

„Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! – Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?“

NEIN, NEIN, UND NOCHMALS NEIN.

Nein, es ist nicht recht, das, was einem die eigenen Leute sagen, ohne Belege anzunehmen, und das, was einem andere sagen, ohne Belege zu verwerfen. Geschichte muss nicht auf Treu und Glauben angenommen werden, und es ist in Ordnung, anzuerkennen, dass die eigenen Vorfahren sich geirrt haben könnten.

Ich kann die Argumente dafür und dagegen, dass Jesus der Messias oder Mohammed ein Prophet war, ansehen. Schauen wir mal zur Entstehung der Religionen hin, ins 1. Jahrhundert etwa. Ein Jude in Ephesus oder Korinth, dem Paulus erzählte, der Messias sei gekommen – ein gewisser Jesus von Nazareth -, konnte sich die Berichte von der Auferstehung anhören, von Pfingsten, von den Wundern Jesu; er konnte Jesu Leben mit den Prophezeiungen über den Messias vergleichen; usw. (Übrigens sind, entgegen anderslautender Gerüchte, sehr viele Juden im antiken Römischen Reich Christen geworden.) Ähnlich ein Jude oder Christ in Mekka im 7. Jahrhundert: Er konnte sich anhören, was dieser neue Prophet sagte und ob es einen Anhaltspunkt dafür gab, dass der ein wahrer Prophet Gottes war, konnte sehen, ob er Wunder wirkte, ob er von früheren Propheten angekündigt worden war, usw. (was nicht der Fall war).

Wir sind heute ja im Vergleich zu damals z. T. in einer noch besseren Position. Wir können z. B., anders als Mohammeds Zeitgenossen in Arabien, frühe Bibelhandschriften, andere frühchristliche Werke aus dem späten 1. oder dem 2. Jahrhundert, und Ähnliches, vergleichen und sehen, ob irgendwann im frühen Christentum diese Verfälschung, dieser Abfall von dem, was Jesus laut Mohammed gepredigt habe, geschehen ist. Das Ergebnis ist einfach zu sehen: Es gab diesen Abfall nicht. Die Evangelien sahen im 1. Jahrhundert schon genauso aus wie im 7. oder im 21.

Es ist kein Zeichen der Bescheidenheit, nicht nach der Wahrheit suchen zu wollen, sondern eins intellektueller Feigheit. Man muss im Leben nach irgendwelchen Prinzipien handeln – etwas anderes bleibt einem gar nicht übrig, man wird immer mit Situationen konfrontiert, in denen man Entscheidungen treffen muss -, und da kann man sehr wohl versuchen, herauszufinden, welches denn die richtigen wären.

Lessing behauptet einfach, die drei Religionen seien ja eh praktisch dasselbe, und eh alle nur unbewiesene Traditionen, die man eben aus Respekt vor den eigenen Ahnen weiterpflegen solle (aber wohl, ohne sie eigentlich ernst zu nehmen, denn sie sind ja letztlich doch nur Anleitungen zum moralisch guten Leben, und alles andere an ihnen ist unwichtiger Mythos). Aber jeden Beleg dafür bleibt er schuldig. Er verurteilt damit auch Konvertiten, die die Suche nach der Wahrheit ernst genommen und die Religionen ihrer Eltern verlassen haben.

Kurz gesagt, er ist ein typischer „Aufklärer“: Undurchdachte Schlagworte und Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit und dem lebendigen Gott, der „gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“.