Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 14: Die Taufe

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl):Mt 28,19f.; Mt 3,11; Apg 8,36-39; Mk 16,16; 1 Petr 3,21; Apg 19,3-5; Röm 6,3-11; Eph 4,4-6; Kol 2,11-13; 1 Kor 12,13.

Die Taufe war schon immer das zentrale Ritual zur Aufnahme in die Kirche. Nach katholischer Lehre ist sie eins der sieben Sakramente – Menschen bewirken eine sichtbare, zeichenhafte Handlung, die so von Jesus vorgeschrieben wurde, und Gott bewirkt darin unsichtbar, aber real, das, was dieses Zeichen bedeutet. Die Taufe, gespendet durch Untertauchen/Übergießen mit Wasser und dem Ausspruch „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, reinigt von der Erbsünde und allen persönlich begangenen Sünden, macht den Getauften zum Kind Gottes und öffnet ihm den Himmel. Ihm werden durch die Taufe die Verdienste durch Jesu Leiden am Kreuz als Sühne zugewendet. Die Taufe ist der normale Weg zum Himmel, aber auch der Wunsch nach der Taufe (Begierdetaufe) zählt als Taufe, wenn jemand vor der Wassertaufe stirbt (sogar der implizite Wunsch nach der Taufe, also wenn jemand Gott sucht und bereit ist, Ihm zu gehorchen bzgl. dem, was zur Erlösung zu tun ist). Wenn jemand sich taufen lassen will und davor den Märtyrertod stirbt, bezeichnet man das als „Bluttaufe“.

Jetzt also zu den Aussagen zur Taufe, die sich in frühchristlichen Quellen außerhalb der Bibel finden.

Die Didache, eine Gemeindeordnung von ca. 100 n. Chr. gibt folgende Anweisungen zur Taufe:

„Bezüglich der Taufe haltet es so: Wenn ihr all das Vorhergehende gesagt habt, ‚taufet auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes‘ in fließendem Wasser. Wenn du aber kein fließendes Wasser hast, dann taufe in einem anderen Wasser; wenn du es nicht in kaltem tun kannst, tue es im warmen. Wenn du beides nicht hast, gieße dreimal Wasser auf den Kopf ‚auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes‘. Vor der Taufe soll fasten der Taufende, der Täufling und wer sonst kann; den Täufling lasse ein oder zwei Tage zuvor fasten.“ (Didache 7)

Die Vorbereitung auf die Taufe war also wichtig; und Untertauchen und Übergießen galt beides als gültig.

Justin der Märtyrer beschreibt um 150 n. Chr. die Taufe ausführlich:

„Wie wir uns aber nach unserer Neuschaffung durch Christus Gott geweiht haben, wollen wir jetzt darlegen, damit wir nicht, wenn wir dieses übergehen, in unserer Ausführung eine Unredlichkeit zu begehen scheinen. Alle, die sich von der Wahrheit unserer Lehren und Aussagen überzeugen lassen, die glauben und versprechen, daß sie es vermögen, ihr Leben darnach einzurichten, werden angeleitet zu beten, und unter Fasten Verzeihung ihrer früheren Vergehungen von Gott zu erflehen. Auch wir beten und fasten mit ihnen. Dann werden sie von uns an einen Ort geführt, wo Wasser ist, und werden neu geboren in einer Art von Wiedergeburt, die wir auch selbst an uns erfahren haben; denn im Namen Gottes, des Vaters und Herrn aller Dinge, und im Namen unseres Heilandes Jesus Christus und des Heiligen Geistes nehmen sie alsdann im Wasser ein Bad. Christus sagte nämlich: ‚Wenn ihr nicht wiedergeboren werdet, werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen.‘ Daß es nun aber für die einmal Geborenen unmöglich ist, in ihrer Mutter Leib zurückzukehren, leuchtet allen ein. Durch den Propheten Isaias ist, wie wir früher mitgeteilt haben, gesagt worden, auf welche Weise die, welche gesündigt haben und Buße tun, von ihren Sünden loskommen werden. Die Worte lauten: ‚Waschet, reinigt euch, schafft die Bosheiten fort aus euren Herzen, lernet Gutes tun, seid Anwalt der Waise und helfet der Witwe zu ihrem Rechte, und dann kommt und laßt uns rechten, spricht der Herr. Und sollten eure Sünden sein wie Purpur, ich werde sie weiß machen wie Wolle; sind sie wie Scharlach, ich werde sie weiß machen wie Schnee. Wenn ihr aber nicht auf mich hört, wird das Schwert euch verzehren; denn der Mund des Herrn hat gesprochen.‘ Und hierfür haben wir von den Aposteln folgende Begründung überkommen. Da wir bei unserer ersten Entstehung ohne unser Wissen nach Naturzwang … gezeugt wurden und in schlechten Sitten und üblen Grundsätzen aufgewachsen sind, so wird, damit wir nicht Kinder der Notwendigkeit und der Unwissenheit bleiben, sondern Kinder der freien Wahl und der Einsicht, auch der Vergebung unserer früheren Sünden teilhaftig werden, im Wasser über dem, der nach der Wiedergeburt Verlangen trägt und seine Vergehen bereut hat, der Name Gottes, des Allvaters und Herrn, ausgesprochen, wobei der, welcher den Täufling zum Bade führt, nur eben diese Bezeichnung gebraucht. Denn einen Namen für den unnennbaren Gott vermag niemand anzugeben, und sollte jemand behaupten wollen, es gebe einen solchen, so wäre er mit unheilbarem Wahnsinn behaftet. Es heißt aber dieses Bad Erleuchtung, weil diejenigen, die das an sich erfahren, im Geiste erleuchtet werden. Aber auch im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, und im Namen des Heiligen Geistes, der durch die Propheten alles auf Jesus Bezügliche vorherverkündigt hat, wird der, welcher die Erleuchtung empfängt, abgewaschen. […]

Wir aber führen nach diesem Bade (c. 61) den, der gläubig geworden und uns beigetreten ist, zu denen, die wir Brüder nennen, dorthin, wo sie versammelt sind, um gemeinschaftlich für uns, für den, der erleuchtet worden ist, und für alle andern auf der ganzen Welt inbrünstig zu beten, damit wir, nachdem wir die Wahrheit erkannt haben, gewürdigt werden, auch in Werken als tüchtige Mitglieder der Gemeinde und als Beobachter der Gebote erfunden zu werden, und so die ewige Seligkeit zu erlangen.“ (Justin, 1. Apologie 61.65)

Danach beschreibt Justin die Messe, die nach der Aufnahme des Täuflings stattfindet.

In einem anderen Werk, einem Dialog mit dem Juden Tryphon, sagt er:

„Daher müßt ihr diese Hoffnung eurer Seele beschneiden und euch bemühen um die Erkenntnis des Weges, auf welchem euch die Sünden werden nachgelassen werden und ihr das Erbe der verheißenen Güter erhoffen dürft. Diesen Weg geht ihr aber nur dann, wenn ihr unseren Christus anerkennt, euch in dem durch Isaias verkündeten, der Nachlassung der Sünden dienenden Bade reinigt und dann ohne Sünden lebt.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 44,4)

Der Barnabasbrief kritisiert die nichtchristlichen Juden in Bezug auf die Taufe:

„Lasset uns aber untersuchen, ob dem Herrn daran gelegen war, über das Wasser und über das Kreuz im voraus etwas zu offenbaren. Über das Wasser steht an Israel geschrieben, wie sie die Taufe, die Vergebung der Sünden bringt, nicht annehmen werden, sondern wie sie andere Gebräuche für sich einführen werden.“ (Barnabasbrief 11,1)

Er sieht im Alten Testament schon Vorausdeutungen auf die Taufe, die dann zitiert werden.

Der Hirte des Hermas, eine Reihe von Privatoffenbarungen mit manchmal etwas unorthodoxen Ideen, beschreibt die Vorstellung, dass auch diejenigen, die vor der Einsetzung der Taufe durch Christus gestorben waren, noch nach ihrem Tod auf irgendeine Weise die Taufe hätten empfangen müssen, wozu die Apostel zu ihnen ins Totenreich gekommen wären. Ein Engel zeigt Hermas in einem Gleichnis den Bau eines Turmes, der die Kirche darstellt, und Hermas fragt ihn:

„‚Noch anderes musst du mir erklären, Herr.‘ ‚Was möchtest du wissen?‘ ‚Warum, Herr, kamen diese Steine aus der Tiefe und wurden in den Bau (des Turmes) gelegt, wenn sie doch Träger dieses Geistes waren?‘ ‚Sie mussten notwendig durch das Wasser emporsteigen, damit sie das Leben erlangten; denn sie konnten nicht anders in das Reich Gottes eingehen, als wenn sie die Sterblichkeit des [früheren] Lebens ablegten. So haben also auch diese Entschlafenen die Besiegelung des Gottessohnes erhalten [und sind eingegangen in das Reich Gottes]. Denn bevor der Mensch den Namen des Gottessohnes trägt, ist er tot; sobald er aber die Besiegelung erhalten hat, legt er die Sterblichkeit ab und nimmt das Leben an. Die Besiegelung aber ist das Wasser: ins Wasser tauchen sie unter als Tote und tauchen empor als Lebendige. Auch ihnen ging die Botschaft zu von dieser Besiegelung; sie machten davon Gebrauch, damit sie ins Reich Gottes gelangten.‘ ‚Warum kamen nun, Herr, diese vierzig Steine mit diesen aus der Tiefe empor, obwohl sie das Siegel schon hatten?‘ ‚Weil die Apostel und Lehrer, die Verkündiger des Namens des Gottessohnes, nachdem sie in der Kraft und im Glauben des Gottessohnes entschlafen waren, auch den vorher Entschlafenen predigten und ihnen das Siegel der Botschaft übergaben. Sie tauchten nun mit ihnen ins Wasser und stiegen wieder empor; aber diese waren lebend, als sie untertauchten, und lebend, als sie wieder emporstiegen; aber die vorher Entschlafenen tauchten unter als Tote und kamen empor als Lebendige. Durch sie also haben jene das Leben erlangt und den Namen des Gottessohnes erkannt; deshalb also stiegen sie zugleich mit jenen empor, wurden zugleich mit ihnen dem Bau des Turmes eingefügt und unbehauen dem Bau verbunden; waren sie ja doch in Gerechtigkeit und großer Reinheit entschlafen; nur diese Besiegelung hatten sie nicht erhalten. Nun hast du auch hierfür die Erklärung.‘ ‚Ja, Herr.‘ (Hirte des Hermas III,9,16)

Zum Vergleich: Die Kirche lehrt, dass auch die gerechten Toten, die vor der Zeit Jesu gestorben waren, noch die Erlösung durch Ihn brauchten und vor Seinem Kreuzestod nicht Gott schauen konnten, auch wenn sie im Jenseits keine sonstigen Strafen verdienten. Er stieg nach Seinem Tod ins Totenreich – den sog. Limbus der Väter – und holte sie herauf. Von einer Taufe ist hier aber nicht die Rede; nur wer noch lebt, kann getauft werden. Aber im übertragenen Sinne kann man das wohl so gelten lassen.

In den Petrusakten, einer Erzählung über das Leben des Petrus aus dem 2. Jahrhundert, tauft Petrus einen Schiffskapitän auf der Reise nach Rom im Meer:

„Nach wenigen Tagen aber stand der Kapitän zur Stunde seines Frühstücks auf. Er bat den Petrus, mit ihm zu speisen und sagte zu ihm: ‚O, wer du auch sein magst, ich kenne dich zu wenig, ob du ein Gott oder ein Mensch bist. Aber ich meine – soweit ich es verstehe -, daß du ein Diener Gottes bist. Denn während mitten in der Nacht mein Schiff von mir gesteuert wurde und ich eingeschlafen war, da schien es mir, als ob eine menschliche Stimme vom Himmel her zu mir sagte: ‚Theon, Theon!‘ Zweimal rief sie mich bei meinem Namen und sagte zu mir: ‚Unter allen, die mit dir fahren, sei dir Petrus derjenige, der höchster Verehrung wert ist. Durch ihn werdet ihr, du und die übrigen, aus unverhoffter Situation heraus ohne jeden Schaden heil hervorgehen‘.‘ Petrus aber glaubte, daß Gott denen, die auf dem Schiff waren, auf dem Meere seine Vorsehung zeigen wollte. Daraufhin begann Petrus dem Theon die großen Taten Gottes darzulegen und wie Gott ihn unter den Aposteln erwählt habe und welchen Zweck seine Reise nach Italien habe. Täglich aber teilte er ihm das Wort Gottes mit. Und er betrachtete ihn und erkannte durch den Verkehr mit ihm, daß er gleichgesinnt im Glauben sei und würdig des Dienstes. Als aber das Schiff auf der Adria in eine Windstille geriet, wies Theon den Petrus auf die Windstille hin und sagte: ‚Wenn du mich für würdig halten willst, in das Zeichen des Herrn einzutauchen, so hast du (jetzt) Gelegenheit (dazu).‘ Denn alle, die auf dem Schiff waren, schliefen betrunken. Petrus ließ sich an einem Tau herab und taufte den Theon im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Jener aber stieg fröhlich und in großer Freude aus dem Wasser empor, auch Petrus war froher geworden, weil Gott den Theon seines Namens für würdig gehalten hatte. Es geschah aber, daß an derselben Stelle, an der Theon getauft worden war, ein Jüngling erschien, strahlend vor Glanz, und zu ihnen sprach: ‚Friede (sei) mit euch!‘ Und sofort stiegen Petrus und Theon hinauf und gingen in die Kajüte hinein, und Petrus nahm Brot und dankte dem Herrn, der ihn seines heiligen Dienstes gewürdigt hatte, und (dafür), daß ihnen der Jüngling erschienen wäre, der ‚Friede (sei) mit euch‘ sagte. (Petrus sprach:) ‚Bester und allein Heiliger! Denn du bist uns doch erschienen, Gott Jesus Christus, in deinem Namen ist er (Theon) eben getauft und mit deinem heiligen Zeichen ist er gezeichnet worden. Daher teile ich auch in deinem Namen ihm deine Eucharistie mit, damit er dein vollkommener Diener sei ohne Tadel für immer.'“ (Petrusakten 5, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 195.)

Auch hier beginnt also Petrus gleich nach der Taufe mit der Vorbereitung der Eucharistie, an der der Getaufte jetzt teilnehmen darf.

Auch die Akten des Paulus und der Thekla berichten von der Taufe; sie stammen ebenfalls aus dem 2. Jahrhundert und erzählen von Paulus und Thekla, einem jungen Mädchen, das er bekehrt, das dann geweihte Jungfrau wird, zwei Mal knapp dem Märtyrertod entgeht und dann lange Jahre als Einsiedlerin lebt. Thekla kommt zuerst zu Paulus, als er im Gefängnis ist, bekehrt sich schnell, will geweihte Jungfrau werden und weigert sich, ihren Verlobten zu heiraten, soll dann hingerichtet werden, wird aber von Gott gerettet und zieht mit Paulus fort. Er schiebt dabei ihre Taufe zunächst auf:

„Er aber sprach: ‚Die Zeit ist böse und du bist schön von Gestalt. Daß nur nicht eine andere Versuchung über dich komme, schlimmer als die erste, und du nicht aushältst und feige wirst!‘ Und Thekla sagte: ‚Gib mir nur das Siegel in Christo, und keine Versuchung wird mich ergreifen.‘ Und Paulus antwortete: ‚Thekla, habe Geduld, und du wirst das Wasser empfangen.'“ (Paulusakten 3,25, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 247.)

Als Thekla dann in einer anderen Stadt den wilden Tieren im Amphitheater vorgeworfen werden soll, können die Tiere ihr nicht schaden. Sie will sich selbst taufen und wirft sich in eine Grube Wasser mit wilden Robben:

„Da ließen sie viele Tiere hinein, während sie dastand und die Hände ausgebreitet hatte und betete. Als sie aber ihr Gebet beendet hatte, wandte sie sich um und sah eine große Grube voll Wasser und sprach: ‚Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mich zu waschen.‘ Und sie stürzte sich selbst hinein mit den Worten: ‚Im Namen Jesu Christi taufe ich mich am letzten Tage!‘ Als das die Frauen und das ganze Volk sahen, weinten sie und riefen: ‚Stürze dich nicht selbst ins Wasser!‘ Sogar der Statthalter vergoß Tränen, weil soviel Schönheit von den Robben gefressen werden sollte. Sie also stürzte sich ins Wasser im Namen Jesu Christi; die Robben aber sahen den Glanz eines Blitzes und schwammen tot an der Oberfläche.“ (Paulusakten 3,34, in: Ebd., S. 249.)

Eine Selbsttaufe, noch dazu nicht im Namen der Dreifaltigkeit, ist eigentlich ungültig; deswegen stand dieser Text in der Kritik. Außerdem findet sich dort in den Paulusakten noch eine seltsame, ebenfalls kritisierte Passage, die von einem getauften Löwen handelt. Paulus erzählt dabei Folgendes:

„Als ich mit meinem Gebet zu Ende war, hatte sich das Tier zu meinen Füßen geworfen. Ich ward voll heiligen Geistes, sah es an und sagte zu ihm: ‚Löwe, was willst du?‘ Da sagte er: ‚Ich möchte getauft werden.‘

Ich lobte Gott, der dem Tier Sprache verliehen hatte und seinen Dienern das Heil. Nun gab es an diesem Orte einen großen Fluß; ich stieg dort hinein … [Dann] (ihr) Männer (und) Brüder, rief ich: ‚Der, der in den obersten [Orten] wohnt, der seinen Blick auf die Demütigen richtet, der, der den Erschöpften die Ruhe gegeben hat, der, der das Maul der Löwen bei Daniel verstopft hat, der mir (?) unseren Herrn Jesus Christus gesandt hat, [o du], gib, daß unser … entkommt dem Tier, und den Plan, den du mir [festgelegt] hast, erfülle ihn!‘ Nachdem ich mit diesen Worten gebetet hatte, nahm ich den [Löwen] bei seiner Mähne und im Namen Jesu Christi tauchte (?) ich ihn dreimal unter. Als er dem Wasser wieder entstieg, schüttelte er seine Mähne zurecht und sagte zu mir: ‚Gnade sei mit dir!‘ Und ich sagte zu ihm: ‚Desgleichen mit dir!‘

Der Löwe lief nun zu dem Feld davon, voller Jubel; tatsächlich, es wurde mir im Herzen offenbart.“ (Paulusakten, Ebd., S. 269)

Auch damals gab es eben schon seltsame fromme Legenden.

In der Epistula Apostolorum, einem angeblichen Gespräch Jesu mit den Aposteln, sagt Jesus zu ihnen, dass quasi Er selbst durch sie taufen wird:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Väter werdet ihr genannt werden, weil ihr liebreich und barmherzig ihnen offenbart habt, was im Himmelreich (ist …, weil) sie durch meine Hand empfangen werden die Taufe des Lebens und die Vergebung der Sünde.“ (Epistula Apostolorum 42 (53), äthiopische Fassung, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 150.)

Hier zeigt sich also: Es handeln nicht allein die Menschen, die taufen, sondern da ist wirklich Gott am Werk.

Baptistère, thermes de Cimiez.jpg
(Spätantikes Taufbecken in Cimiez im heutigen Frankreich. Bildquelle hier.)

Was mich in „rechten“ (Online-)Kreisen nervt

Eins vorneweg: Der Artikel ist nicht böse gemeint. „Rechte“ Kreise muss man kritisieren, um sie zu verbessern; linke Kreise muss man kritisieren, um sie zu besiegen.

Wie auch immer: Ich bin ja seit einiger Zeit politisch moderat „rechter“ geworden, und da bekommt man dann (z. B. auf Twitter) immer wieder gewisse Ecken dieses Spektrums mit, für die man dann doch nicht so viel übrig hat. Manche sind mehr in Internetnischen verbreitet, manche zeigen sich mehr „draußen“, z. B. bei Äußerungen des örtlichen AfD-Kreisverbands. „Rechtssein“ (oder was so genannt wird) ist eben doch momentan mehr eine Protestbewegung mit vagen gegenseitigen Ähnlichkeiten als eine Gemeinschaft mit denselben Grunddogmen.

Man könnte die Gemeinsamkeiten, auf die man sich einigen kann, vielleicht so zusammenfassen:

  • Recht und Ordnung sind gut und Verbrecher verdienen Strafe (nicht nur zur Besserung, sondern erst einmal zur Sühne)
  • Man soll das Eigene lieben, und da sind besonders Familie und Heimat wichtig; man ist zuerst den Nächsten verpflichtet, nicht den Fernsten
  • Aufbauen ist besser als zerstören, Revolutionen meistens kontraproduktiv
  • Es gibt natürliche Ungleichheit (z. B. zwischen den Geschlechtern), und die muss nicht schlecht sein; zwanghafte Gleichmacherei ist nicht gut
  • Die westliche Zivilisation hat einiges Erhaltenswertes zu bieten
  • Der Erhalt von verschiedenen Völkern ist gut, ihre demographische Verdrängung nicht

Aber dann gibt es auch vieles, wo man sich nicht so ganz einig ist. Und schwierig sind z. B. folgende Leute:

  • Die dem Liberalismus Verfallenenen, darunter Ex-FDPler und mehr oder weniger anarchistische Libertäre: Für sie ist der Staat der Ursprung allen Übels; sie erkennen nicht, dass, auch wenn der Staat verschwunden wäre, falsche Ideologien noch die Menschen im Griff hätten. Sie wollen vor allem in Ruhe gelassen werden, und rümpfen eher die Nase darüber, dass man an Volk oder Familie gebunden sein soll, die man sich nicht ausgesucht hat. Wenn sie das Sagen hätten, würde sich der einzelne doch recht verloren vorkommen. Und die Leute würden auch nicht aufhören, Überzeugungen zu haben, und andere Menschen davon überzeugen zu wollen – so ganz in Ruhe lassen würde keiner den anderen, es würde einfach nicht funktionieren, würde nicht stabil bleiben, sondern die Gesellschaft würde bald in Extreme kippen, die auch nicht liberal bleiben würden. Meistens leiden diese Leute auch an einem der Grundfehler des Liberalismus: Sie verstehen nicht, dass Böses auch dann böse bleibt, wenn jemand zustimmt, es sich antun zu lassen, und dass auch Dumme, Beeinflussbare und Schwache vor bösen Einflüssen geschützt werden sollten und es nicht verdienen, in der Welt unterzugehen.
  • Die zynischen Realpolitiker: Man hört sie so etwas sagen wie „in der Politik geht es eben hart zu“ oder „in der Außenpolitik gibt es keine Freundschaft, höchstens gemeinsame Interessen“. Das ist völliger Irrsinn. In der Politik mag hart gekämpft werden, aber auch in diesem Kampf muss man fair und ehrenhaft bleiben; und natürlich kann es auch Freundschaft, Nachbarschaft und ehrenhalber einzuhaltende Bündnisse zwischen Völkern geben. Die Moral hört nicht plötzlich auf zu gelten, nur weil wir von kleineren Menschengruppen hin zu größeren Menschengruppen gehen. Manchmal sieht man solche Pragmatiker auch bzgl. der Migrationswelle aus Vorderasien und Afrika vermitteln „wir müssen eben egoistisch sein“. Aber das ist Blödsinn. Wir sind absolut moralisch im Recht, wenn wir sehr wenige Einwanderer aus Nigeria oder Marokko hereinlassen wollen oder illegal Eingewanderte wieder abschieben wollen, und tun denen damit auch kein Unrecht (so wie die Japaner uns kein Unrecht tun würden, wenn sie uns nicht hereinlassen wollten). Es ist sogar Feigheit, Unklugheit und Ungerechtigkeit, unkontrolliert alle Migranten hereinzulassen, denn damit sorgen unsere Regierungen für Chaos und mehr Kriminalität und kulturelle Verdrängung der Einheimischen. Gerade unsere Seite muss moralisch sein. Der Zweck heiligt nie die Mittel und wir haben keinem einzigen Menschen prinzipiell feind zu sein.
    Freilich sind auch eigene Interessen nicht einfach „böse“ oder irgendwie zwielichtig. Jeder darf seine Interessen haben und vertreten, sogar Deutschland gegenüber anderen Ländern.
    Diese Pragmatiker meinen oft auch, irgendwie hätten die Linksgrünen ja auch gute Ideen und Motive, aber sie würden es eben übertreiben, und man könne nicht immer so idealistisch sein. Dabei ist das Problem an den Linksgrünen gerade, dass sie sehr schlechte Ideen und oft auch niedere Motive haben (manche sind natürlich nur fehlgeleitet). Es ist z. B. eine sehr schlechte Idee, zwangsweise Gemeineigentum einzuführen und den Staat über alles entscheiden zu lassen, wie es die Kommunisten woll(t)en, denn eine gewisse Freiheit und das Streben nach Unabhängigkeit für die eigene Familie sind gut und vom Naturrecht geboten und nötig für das Glück der Menschen. Die Linken pflegen sehr oft auch einen extremen Hass auf das Eigene und das Gewöhnliche, Verachtung für die Leute um sie herum, und wollen sich bei exotisch scheinenden Außenstehenden anbiedern. Sie erklären es zum Recht, allen sexuellen Wünschen nachzugeben; sie sind für Entgrenzung, Abschaffung von klaren Regeln, und bereiten damit Missbrauch und Manipulation den Weg. Viele sog. „Umweltschützer“ unter ihnen sind nicht naturliebend, sondern eher menschenfeindlich; sie sehen den Menschen nicht als Teil der Natur und ihren Gärtner, der sie auch nutzen und verschönern darf, sondern als bösen Parasiten, der besser verschwinden sollte. Das ist alles böse und falsch, nicht übertrieben idealistisch.
  • Die Russlandfreunde und die Russlandhasser: Russland ist weder das basierte heimelige idealrechte Land (siehe: astronomisch hohe Abtreibungsraten, Alkoholismus, AIDS, kaum Kirchenbesuch, „Dedowschtschina“) noch der endzeitliche Feind, der zu vernichten wäre. Es ist ein heruntergekommenes, korruptes Großreich, das sich noch nicht vom Stalinismus erholt hat, und das von einem Mann regiert wird, der seit den 90ern diesem Land ein wenig aufgeholfen hat, und der wohl einfach dieses Land kräftigen, vergrößern und seine Macht ausbauen will. Man muss irgendwie neben diesem Land zurechtkommen und dabei das Beste für sich und verbündete Länder herausschlagen, und sich seine Aggressionen auch nicht einfach gefallen lassen. Vor allem sollte man sich in seiner Reaktion ihm gegenüber nicht einfach von „das Gegenteil von dem, was die Linken sagen, wird schon stimmen“ leiten lassen – das mag für die erste Orientierung eine hilfreiche Faustregel sein, aber man sollte sich nicht immer auf sie verlassen.
  • Die Islamversteher: Sie scheinen sich eingeschüchtert zu fühlen von manchen proletenhaften Migrationshintergründlern, die nach Deutschland kommen und deklarieren, dass sie uns ersetzen werden, und meinen irgendwie, der Islam wäre wenigstens eine Religion der Stärke, radikal und kompromisslos, und weniger degeneriert als der Westen. Dabei übersehen sie, dass der Islam eigentlich immer eine Religion der weltlichen Kompromisse war, ganz sicher nicht radikal (an die Wurzel gehend), sondern höchstens mal fanatisch. Und er hat seine eigene Form der Degeneration, für die klassisch der Harem steht: Unzucht wird für Männer weitgehend ermöglicht, aber die Konflikte zwischen Männern dadurch begrenzt, dass die Frauen eben jeweils weggesperrt werden. Von Herzensreinheit, Mäßigung, Treue und selbstloser Liebe hat der Islam wenig Ahnung – ganz abgesehen davon, dass so einige in Deutschland lebende Muslime auch genug von der westlichen Art der Degeneration übernehmen, wenn auch ohne dabei die Verachtung gegenüber dem Westen abzulegen.
  • Die 80er-Jahre-Konservativen: Sie erinnern sich wehmütig daran, dass es in ihrer Jugendzeit noch nicht verboten war „Ind*aner“ zu sagen, und nicht überall zwanghaft gegendert wurde. Sie sind davon überzeugt, dass jetzt einfach alles übertrieben wird, aber haben nur sehr vage oder gar keine Vorstellungen davon, wo die Wurzel des Problems liegt. Ihnen ist irgendwie unwohl zumute bei Drag Queens und Geschlechtsumwandlungen bei Minderjährigen, aber sie können sich kaum vorstellen, dass es ein Problem bei zweifach Geschiedenen geben könnte, die ihre Kinder jede Woche zu einem anderen Teil der Familie schicken. Es gibt bei ihnen einige Überlappungen mit den zynischen Realpolitikern.
  • Die übertrieben Provozierenden: Sie scheinen sich zu denken, „hey, wenn die Linken Adolf Hitler so hassen, dann kann der wohl nicht so schlecht gewesen sein, auf jeden Fall kann man sich doch mal ‚unironisch rechtsextrem‘ nennen, um ein paar Libs zu ärgern“. Abgesehen davon, dass es nervig ist, ist es böse. Dass wir es Tag für Tag in der Schule vorgekaut bekommen haben, ändert nun mal nichts daran, dass der Nationalsozialismus einfach böse war; Wiederholung macht Lügen nicht wahrer und die Wahrheit nicht falscher, und Massenmord von Unschuldigen bleibt eben böse. Im übrigen war er aber auch eine kurzlebige Erscheinung der Moderne, und manchmal eine recht peinliche. Wir können auf viel ältere Prinzipien zurückgreifen – und wir sind auch nicht extrem, sondern im Vergleich mit unseren Vorfahren der letzten paar tausend Jahre schlicht und einfach normal. Wir können Stärke bewundern, ohne Schwache zu verachten, Hierarchien haben, ohne die unteren Stufen der Hierarchie für wertlos zu erklären; wir können tapfer und besonnen sein, ohne an „Der Zweck heiligt die Mittel“ zu glauben, und das mit dem Massenmord bleiben lassen. Und wir können darauf vertrauen, dass Gott alles gut machen wird, besonders, wenn man eben nicht zu allen Mitteln greift, und dass Er die Völker erst mal verfluchen wird, die das tun. Im übrigen wäre es auch ganz wünschenswert, dass es unter Europas Brudervölkern Völkerfreundschaft statt Krieg um Lebensraum gibt, und der normale – im Sinn von: der Norm entsprechend – Zustand von Menschen ist nun mal der des Friedens, nicht des Krieges; die gegenteilige Ansicht ein typischer Fehler der Darwinisten. Wir sind nicht für Chaos geschaffen, sondern für Ordnung.
  • Die Kulturrelativisten: Sie sind der Meinung, dass der Islam hier nun mal nichts zu suchen hat, weil, äh, er nicht schon länger hier ist, und genauso wenig das Christentum etwas in China. Das kann so weit gehen, dass sie es als gerechtfertigt ansehen, dass die chinesische Regierung „subversive“ Christen ins Arbeitslager steckt. Damit gräbt man aber jeder ernsthaften Weltanschauung das Wasser ab. Denn wieso sollte man überhaupt Christ oder Moslem oder Taoist oder Kommunist sein, wenn nicht, weil diese Weltanschauung einer universellen Wahrheit entspricht? Hier kann man auch nicht argumentieren, dass die unterschiedlichen Weltanschauungen eben zu unterschiedlichen Völkern passen würden. Wie könnte das Christentum zu irgendeinem Volk „passen“, wenn es den dreifaltigen Gott nicht gibt und die Menschwerdung nicht wahr ist? Gott ändert Seine Natur nun mal nicht an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei. Irgendwo muss man auch schauen, was die universelle Wahrheit ist; „ich lass dich in Ruhe und du lässt mich in Ruhe“ kann höchstens ein Kompromiss bei einem Waffenstillstand sein, keine ernsthafte Weltanschauung. Wenn es Gott gibt, kann er zwar Neigungen, Fähigkeiten und Temperamente unterschiedlich unter den Menschen verteilt haben, aber doch nicht so, dass nur manche Menschen fähig wären, die Wahrheit zu erkennen oder bestimmte Wahrheiten nur für sie gelten würden.
  • Die darwinistischen Frauenhasser: Sie haben völlig zu Recht genug vom Feminismus, setzen ihm aber leider etwas ähnlich Verkehrtes entgegen. Es ist eine Tatsache, dass die Frauen oft gegen die Männer aufgehetzt worden sind, aber dem kann man wohl kaum damit abhelfen, auch noch die Männer gegen die Frauen aufzuhetzen.
    Zu dem, was sie kritisieren, gehört es z. B., dass Scheidungen zu 70% von Frauen initiiert wären (was nicht ganz stimmt), Frauen also leicht ihre Männer wegwerfen würden, oder dass 80% der Frauen versuchen würden, die „ranghöchsten“ 20% der Männer zu bekommen (was aus Statistiken dazu abgeleitet wird, wie Frauen und Männer sich gegenseitig auf Datingapps bewerten oder zurückschreiben), oder dass Frauen die Annäherungsversuche von Männern zur furchtbaren Belästigung deklarieren, wenn sie denjenigen Mann nicht attraktiv finden, und dieselbe Annäherung von einem attraktiven Mann ersehnen – was alles dazu führen würde, dass die durchschnittlichen oder etwas unterdurchschnittlichen Männer quasi so behandelt werden, als würden sie keine Beachtung oder Liebe verdienen. Aber dazu kann man natürlich sagen: Tinder- oder OkCupid-Daten sind nicht gerade eine sinnvolle Quelle, denn sie spiegeln wider, wie sich in einer verdorbenen Kultur Menschen verhalten, die auf schnellen Sex aus sind und nicht auf eine Beziehung. Da kann es natürlich sein, dass die meisten Frauen versuchen, den zu bekommen, der am besten aussieht und am selbstbewusstesten wirkt, auch wenn der noch ein paar andere Weiber nebenher hat. Aber schauen wir doch mal, wie unsere Urgroßeltern gelebt haben. Da waren auch die etwas unattraktiven oder armen Männer nicht alle zum Junggesellendasein verurteilt, und die Frauen waren eher treuer gegenüber ihren Ehegatten als die Männer (das sind sie eigentlich immer noch, Männer sind statistisch gesehen auch offener für offene Beziehungen). Man könnte sich auch als Frau über die Männer aufregen, über Pornokonsum oder Prostitution oder (wirkliche) sexuelle Belästigung, denn keiner wird bestreiten, dass hier die Männer schlimmer sind. Sowohl Männer als auch Frauen haben sowohl biologische Instinkte als auch die Fähigkeit, zu lieben und zu denken – ja, haben sie – und beide verwenden letztere zu selten und unsere Kultur macht sie immer weniger geneigt, sie zu verwenden. Natürlich brauchen wir ein Patriarchat zurück und die Männer sollten wieder die Führungsrolle übernehmen, aber nicht, weil Frauen einfach unverständliche amoralische Wesen wären.
  • Die Vulgäratheisten: Sie wollen eine Kultur erhalten, die erst der Wunsch, Gott zu ehren und Ihm Ehre zu machen, und das Staunen über Seine Herrlichkeit, aufgebaut hat, und wissen kaum etwas von dieser Kultur, erst recht verstehen sie nichts.
  • Die Neuheiden und Esoteriker: Sie verbreiten Memes und tragen T-Shirts mit Sprüchen wie „Dein Gott wurde ans Kreuz genagelt, mein Gott hat einen Hammer“. (Wobei sie nicht mal merken, dass der Herr Jesus in seiner Zimmermannswerkstatt wohl nicht nur Hämmer, sondern auch noch Feilen, Sägen und was weiß ich was hatte.) Sie scheinen selber gar nicht zu wissen, was sie eigentlich glauben, ob an die Existenz von wirklichen übermenschlichen, aber menschenähnlichen Wesen namens Thor und Odin, an die übernatürlichen Kräfte der Ahnen, an die Existenz von göttlichen Naturkräften, die man mit Götternamen benennen kann, oder ob sie einfach nur Atheisten sind, die irgendwie die alten Mythen mögen (meistens wohl eher letzteres). Dabei haben sie ihre Vorstellung vom germanischen Heidentum natürlich erst aus christlichen frühmittelalterlichen Quellen, denn andere gibt es ja kaum, oder schlimmer noch (denn seien wir mal ehrlich, wie viele lesen schon die Edda?), aus Wikingerfilmen. Vor allem aber fragen sie sich nicht: Wieso glaube ich an dies oder jenes? Was überzeugt mich davon? Bin ich mir sicher, dass das der Wirklichkeit entspricht? Sie übernehmen einfach irgendetwas, weil es ihnen als irgendwie authentisch für ihr Volk erscheint. Dabei kommen sie sich schlau vor, wenn sie Stärke vergöttern, und merken nicht, wie armselig Menschen eigentlich sind.

Wir brauchen (wenn man es banal herunterbricht) eher die Ästhetik von heiligen Königen, Pfadfindergruppen und Bauernfamilien als von Brutalismus und Stechschritt oder 80er-CDU-und-FDP oder Odin-Gelarpe. Wir brauchen keine Extreme, keinen Zynismus und keinen Pragmatismus. Wir brauchen Recht, Gerechtigkeit, Vernunft, Klugheit, Ehre, Treue, Freiheit, Vaterlandsliebe, Mut und Frömmigkeit. Und vor allem brauchen wir Jesus Christus, denn ohne Ihn geht am Ende sowieso alles den Bach hinunter.

Franz von Defregger, Heimkehrender Tiroler Landsturm.

Abschied von Benedikt XVI.

Papst emeritus Benedikt XVI. ist tot. Nicht überraschend bei einem 95jährigen, aber trotzdem, man trauert.

Benedikt hat vielen Menschen geholfen; darunter auch mir, als ich ca. 2011 richtig zum Glauben gefunden habe. Er war sehr klug, und freundlich, hat vieles in schönen Worten erklärt. Er hat damals 2011 den YOUCAT herausgegeben, und man hat plötzlich eine Alternative zu dem Schwachsinn im Reliunterricht in der Schule gesehen. Er hat einem verstehen geholfen, dass der Glaube nicht ein Gegensatz zur Vernunft ist, hat einem in seinen Büchern erklärt, was Naturrecht ist. (Das nehmen ihm natürlich viele übel, und kaum ein Journalist kann sich Seitenhiebe gegen ihn verkneifen.*) Man hat ihn richtig idealisiert, praktisch schon zum lebenden Heiligen erklärt. Er hat so freundlich und verständnisvoll geschrieben und geredet.

(Bildquelle hier.)

In den letzten paar Jahren habe ich ihn weniger unkritisch gesehen, aber man muss ihn trotzdem mögen. Der Gegensatz zu Papst Franziskus, der sich so ungefähr gar nicht um uns schert, ist krass. Sein theologischer Fehler war meiner Ansicht nach, dass er meinte, bestimmte neue Ideen (z. B. säkularisierte Staaten als Ideal) gut mit der Tradition der Kirche vereinen zu können, dass er das 2. Vatikanum retten wollte, auch wenn es ein Pastoralkonzil ohne unfehlbare Aussagen war. „Hermeneutik der Kontinuität“, wie er es nannte. (Die bessere Strategie wäre aus meiner Sicht gewesen, zu sagen: „Ok, das war eine dumme Phase mit ‚pastoral‘ sein wollendem Gelaber, mit dem wir zu weit auf die gottfeindliche Welt zugegangen sind. Diese Phase beenden wir jetzt und kehren wieder ganz zur Tradition zurück.“ Auch ein Papst, der so etwas getan hätte, hätte natürlich nicht alles auf einmal zum Guten wenden können, aber er hätte einen Anfang machen können: Z. B. die alte Messe in allen Priesterseminaren lehren lassen können, auch in der neuen Messe wieder die Mundkommunion verpflichtend machen können, o. Ä.)

Aber hier sieht man trotzdem, dass er eben katholisch war. Für ihn war der Grundsatz, dass die Kirche vom Herrn gestiftet wurde und geleitet wird, früher und jetzt. Er wollte die Tradition nicht aufgeben, er irrte sich nur darin, wie weit man sie umdeuten könnte. Er hing etwas zu sehr am Konzil, das er mitgeprägt hatte, er hatte in den 60ern irgendeinen Aufbruch sehen wollen, aber er war nicht bereit, deswegen den ganzen Glauben aufzugeben. Er war wirklich gläubig und behandelte Gott als Realität, nicht als Theorie für den Hörsaal; und das ist viel mehr als man über manche andere Bischöfe sagen kann (jedenfalls, soweit man irgendeinen Menschen von außen beurteilen kann).

Benedikt war milde und freundlich; manchmal vielleicht zu sehr. Er hat auch seinen Gegnern immer Respekt entgegengebracht. Das ist auf der einen Seite schön und gut; aber er hätte diese Seite seines Charakters vielleicht manchmal überwinden und härter sein müssen. Er hätte vielleicht andere Männer zu Bischöfen und Kardinälen machen können (er hat einige wirklich gute ernannt, aber auch ein paar schlechte oder feige), sich stärker ihrer unbedingten Loyalität zum Glauben versichern können, hätte universitäre Theologen stärker maßregeln können, hätte sich in der Kurie mit wirklichen Getreuen umgeben können. Hier geht es ja nicht um kleinliche Parteienkämpfe, sondern um die Gläubigen, die er als Hirte vor den Wölfen zu beschützen hatte. Es ist von außen natürlich schwer zu sagen, wie viel Spielraum er hatte; vielleicht ist das auch ein oberflächliches Urteil.

Benedikt hat für uns viel Gutes getan. Er hat ein Ordinariat für ehemalige Anglikaner gegründet und ihnen damit den Übertritt zur Kirche erleichtert. Er hat die alte Messe freigegeben und die (angebliche) Exkommunikation der Weihbischöfe der Piusbruderschaft aufgehoben. Er hat immer wieder klare Aussagen zur katholischen Lehre getroffen. Er hat als Präfekt der Glaubenskongregation auch stärker bei Kindesmissbrauch eingegriffen, soweit ich weiß.** Er wollte uns Gutes, und hatte es nicht immer leicht. Der Teufel lauert dem Papst besonders auf, und böse Menschen tun dasselbe; in der Kurie gab es sicher auch genug Widerstand gegen ihn.

Trotzdem hat er Fehler begangen, das kann man auch nicht ganz unter den Teppich kehren. Er hat nicht genug dafür Sorge getragen, dass wir in Sicherheit sind, wenn er nicht mehr persönlich da ist. Wenn er 2013 nicht zurückgetreten, sondern bis jetzt Papst gewesen wäre, hätte viel Böses verhindert werden können. Selbst wenn er hauptsächlich krank im Bett gelegen hätte: Die Gläubigen wären nicht in solche Verwirrung gestürzt und von der Kirche weggetrieben worden, wie es durch Franziskus geschehen ist, und er hätte noch einige neue, bessere Kardinäle ernennen können, sodass eine Papstwahl nach seinem Tod vielleicht anders ausgegangen wäre. Ich frage mich, wie viel er noch von dem schrecklichen Zustand der Kirche unter Franziskus mitbekommen hat. Vielleicht hat man ihn eher davon abgeschirmt; vielleicht hat er es auch mitbekommen, und hat gedacht, wenn er mehr dazu sagt, würde es die Sache noch schlimmer machen, und hat stattdessen einfach für uns alle gebetet. Offenbar hat er aber schon ein paar Dinge getan; jetzt wurde bekannt, dass er der Petrusbruderschaft nach Traditionis Custodes einen privaten Brief mit Ermutigungen geschrieben haben soll. Vielleicht hat er sich später selber gewünscht, er wäre nicht zurückgetreten. Aber wahrscheinlich dachte er zum Zeitpunkt seines Rücktritts wirklich, dieser Rücktritt wäre das Beste; auf jeden Fall ist es eine tragische Situation. Vielleicht haben wir auch zu wenig für ihn gebetet, als er noch Papst war (was sich ja jetzt nachholen ließe). Vielleicht sehen wir ihn mal im Himmel wieder und können ihn dann nach alldem fragen.

Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Jesus, ich liebe dich.“ Und diese Liebe ist es ja, worauf es ankommt.

Es bleibt abzuwarten, wie es jetzt ohne ihn wird, wenn im Vatikan nicht mehr irgendwo ein Schatten von Rücksicht auf den konservativen Ex-Papst genommen werden muss.

* Manche ausländische Journalisten bringen sogar ihren alten Talking Point von wegen „Benedikt war in der Hitlerjugend“ wieder auf. Ja, genau, war er: er hat so lange vermieden, der Hitlerjugend beizutreten, bis es verpflichtend für alle deutschen Jungen ab 14 wurde, und hat es sogar dann noch geschafft, die meisten Treffen zu meiden.

** Seine Rolle bzgl. diesem Thema in seinen paar Jahren als Erzbischof von München-Freising ist nicht ganz geklärt. Ihm wurde vor einem Jahr von einem Gutachten vorgeworfen, bei drei (noch eher minderschweren) Fällen informiert gewesen zu sein, aber nicht genug eingegriffen zu haben; er erklärte, er wäre nicht informiert gewesen. Es ist schwer, hier Genaues zu sagen.

Auch wenn ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündete: Das Problem mit dem Islam

Der Islam gilt bei vielen als eine der „abrahamitischen Religionen“, die uns Christen doch verwandt wäre, mit der wir doch gut auskommen müssten. Ganz falsch ist das nicht – dazu unten -, aber er ist, wenn man die Sache so durchdenkt, trotzdem genau die Religion, die der Teufel sich im 7. Jahrhundert wünschen konnte.

Die Situation war diese: Das Oströmische Reich (Griechenland, Kleinasien, Naher Osten, Nordafrika) war christlich; die germanischen Stämme, die das Weströmische Reich überrannt hatten, nahmen einer nach dem anderen das Christentum der von ihnen unterworfenen Weströmer an; Irland war christlich; Armenien war christlich; Äthiopien war christlich; in Persien und Arabien gab es schon einige Christen und einzelne sogar in Indien. Es war materiell gesehen nicht die beste Zeit, mit vielen Kriegen und Krankheiten und Klimaverschlechterung, aber dennoch war insgesamt das Christentum auf dem Vormarsch. Die Verehrung von Ahnen, Naturkräften und Geistern verlor an Überzeugungskraft, der eine Gott wirkte logischer und zeigte Seine Macht. Brutale heidnische Sitten wie Stammesfehden waren nicht verschwunden, aber ihnen wurde ganz allmählich entgegengewirkt. (Das Judentum war auch noch relativ stark, auch wenn es nicht so sehr wuchs.)

Nun tritt da in Arabien ein angeblicher Prophet namens Mohammed auf, der erklärt, ein Engel sei ihm erschienen, und ja, es gebe nur einen Gott, aber diese früheren jüdischen und christlichen Offenbarungen seien alle verfälscht, und er sei jetzt als entscheidender Prophet gesandt worden, um alles zu korrigieren. Jesus sei nicht gekreuzigt worden und nicht auferstanden und habe eigentlich überhaupt nichts Besonderes getan, außer zu verkünden, es sei nur ein Gott, und ihn, Mohammed, anzukündigen. Ja, in der Bibel sei alles verfälscht, nur die eine Stelle, an der Jesus ankündigt, den Beistand, den Heiligen Geist, zu senden, sei insoweit nicht verfälscht, als mit dem Beistand nicht der Heilige Geist, sondern er, Mohammed, gemeint sei. („Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Joh 14,26) Nein, er kann keine alten Manuskripte vorzeigen, die unverfälscht sind, nein, auch keine anderen Leute, die noch die ursprüngliche Wahrheit über Jesus bewahrt haben, nein, er kann auch keine öffentlichen Wunder wie Heilungen vorzeigen, die ihn als von Gott gesandt bestätigen würden, obwohl er selbst anerkennt, dass Jesus noch solche Wunder gewirkt hat. Hey, immerhin wäre er nachts einmal nach Jerusalem und in den Himmel entrückt worden, das solle man ihm gefälligst glauben, auch wenn es niemand gesehen hat, das sei doch Zeugnis genug. (Außerdem wird 200 Jahre später in einer Hadithensammlung aufgezeichnet, er habe den Mond gespalten, was ein paar wenige Leute gesehen haben sollen – nein, da macht es nichts, dass niemand von seinen Zeitgenossen etwas davon berichtet und niemand sonst es gesehen haben soll.) Außerdem seien seine zusammenhanglosen Predigten, die zu einem Buch zusammengestellt werden, literarisch auf Arabisch so schön, dass das sein Prophetentum beweise. Wer ihm nicht glaube, der komme eben in die Hölle, selber schuld. Bei seinen Predigten gegen die Christen machte er lachhafte Fehler – z. B. impliziert er an einer Stelle, die Christen würden Jesus und Maria (Maria, nicht einmal den Heiligen Geist!) als getrennte Götter neben Gott anbeten: „Und wenn Allah sagt: ‚O ʿĪsā, Sohn Maryams, bist du es, der zu den Menschen gesagt hat: ‚Nehmt mich und meine Mutter außer Allah zu Göttern!‘?‘, wird er sagen: ‚Preis sei Dir! Es steht mir nicht zu, etwas zu sagen, wozu ich kein Recht habe. Wenn ich es (tatsächlich doch) gesagt hätte, dann wüßtest Du es bestimmt. Du weißt, was in mir vorgeht, aber ich weiß nicht, was in Dir vorgeht. Du bist ja der Allwisser der verborgenen Dinge.“ (Sure 5, Vers 116) (Es ist keine einzige christliche Sekte bekannt, die Maria als Göttin verehrt hätte.)

Mohammeds Himmelfahrt, Persien, 16. Jahrhundert.

Kein kluger und ernsthafter Christ hätte diesen Mann ernst nehmen können. Alle Beweise und Zeugnisse der Apostel, die für ihren Glauben immerhin den Märtyrertod erlitten hatten, standen dagegen, es war schlichtweg lachhaft. Gute Dichtkunst können sehr viele Menschen schaffen, und niemand sieht deshalb Homer als gottgesandten Propheten, der alle anderen Propheten übertrumpfen soll. Wieso sollte man an ihn glauben und alles andere verwerfen? (Auch heute wissen wir, dass alle frühesten Bibelmanuskripte sowie die sonstigen Quellen und archäologischen Beweise übereinstimmen, das Christentum eben nicht ursprünglich etwas anderes lehrte. Das sollte auch das zentrale Argument gegen den Islam sein: Nicht dass diese oder jene seiner Regeln falsch ist, denn damit stößt man bei Moslems sowieso auf taube Ohren, sondern dass er von Grund auf unglaubwürdig, das Christentum aber längst bewiesen ist.)

Wer würde an Mohammed glauben? Vielleicht dumme Leute, die begierig waren, einen richtigen echten Propheten in ihren Tagen zu sehen, oder Polytheisten, die bisher noch nicht viel von Christen- und Judentum mitbekommen hatten. Und zwar insbesondere solche, denen es in ihrem persönlichen Leben entgegenkam, ihm zu glauben.

Mohammed hatte ein paar taktische Vorteile, er kam den heidnischen Arabern entgegen:

  • Seine Religion erlaubte die Polygamie (bis zu vier Frauen), während das Christentum die Monogamie verlangte.
  • Seine Religion erlaubte die Unzucht mit bzw. Vergewaltigung von unbegrenzt vielen Sklavinnen. Auch eine verheiratete Frau, die in Kriegsgefangenschaft geriet, hatte damit automatisch als von ihrem Ehemann geschieden zu gelten und hatte dem sie raubenden Muslim zur sexuellen Verfügung zu stehen. (Es ist fast lustig, wie sich moderne islamische Apologeten verknoten, das zu rechtfertigen. „Nein, wirklich, diese Frauen haben bestimmt bald gesehen, wie die Muslime im Recht waren und ihre Leute im Unrecht und wollten jetzt zu den Muslimen gehören, ganz ehrlich! Und außerdem werfen sich Frauen doch sowieso gern dem Sieger an den Hals und überhaupt!“ Das war im übrigen etwas Neues im Vergleich zu den anderen monotheistischen Religionen. Das Gesetz des Mose verlangte, dass ein Mann eine Sklavin wenigstens ordentlich zur Ehefrau – zumindest zur Nebenfrau – nehmen, also auch zu einer freien Frau machen musste, wenn er Sex mit ihr wollte, und schimpfte über solches Benehmen, und das Christentum verurteilte solche Taten natürlich völlig.)
  • Seine Religion erlaubte die Scheidung, ähnlich wie das Judentum, anders als das Christentum.
  • Seine Religion erlaubte die „Ehe auf Zeit“ z. B. während Feldzügen.
  • Seine Religion erlaubte Abtreibung bis zu einer gewissen Frist.
  • Seine Religion erlaubte es, im Notfall zu lügen und sich nicht zu ihr zu bekennen, wenn man dafür Verfolgung zu befürchten hatte.
  • Seine Religion verlangte keine Feindesliebe.
  • Seine Religion sah ausdrücklich den Krieg als primäres Mittel der Ausdehnung der Gemeinschaft der Muslime vor. Das war damals auch etwas Neues, keine Angelegenheit von „das war eben im 7. Jahrhundert so“. Natürlich hatte Religion oder die Ablehnung einer Religion auch bisher oft eine Rolle in Kriegen oder politischen Konflikten gespielt – wie auch nicht, sie ist zentral wichtig für sämtliche Menschen -, aber Propheten oder Philosophen waren nicht vorrangig als Kriegsherren aufgetreten. Das gilt auch für seltsame Sektengründer. Zarathustra, Mani, Simon Magus, Arius, Markion, Montanus – keiner von ihnen war wie Mohammed gewesen.

Mohammed fand also nach und nach doch genug Anhänger, die ihn als Führer anerkannten und unter ihm gute Positionen fanden, und so wurde das islamische Kalifat begründet und breitete sich schnell immer weiter aus.

Man hört manchmal Christen argumentieren (ich selber fand es nicht ganz unplausibel): „Der Islam kennt wenigstens den Glauben an einen Schöpfer der Welt, der über Gut und Böse richten wird. Das ist besser als nichts, viel besser als der Polytheismus mit seinem absurden Götzendienst und seinen irrsinnigen, abergläubischen Praktiken, auch viel besser als der Atheismus, der Gott komplett die Anerkennung verweigert. Muslime könnten eigentlich unsere Verbündeten gegen einen aggressiven Atheismus sein.“

Das ist nicht ganz falsch, aber hier übersieht man etwas. Gerade, dass der Islam „nicht so schlimm“ ist, ist eine seiner Fallen. Jede falsche Ideologie braucht irgendwo eine Anziehungskraft, und der Islam hat die eher als z. B. der Atheismus oder der Polytheismus. Und so konnte er mächtig werden, und einen mächtigen negativen Einfluss ausüben.

Der Islam verhinderte die weitere Ausbreitung des Christentums. Er schnitt die Äthiopier und Inder vom Rest der Christenheit ab, unterdrückte das aufkeimende Christentum in Persien und Arabien. Er war Gift für jede christliche Mission. Ohne den Islam hätte sich die Kirche vielleicht ganz normal allmählich bis zu den Chinesen und Turkvölkern ausgebreitet, so wie sie sich im Westen zu den Wikingern und Slawen ausbreitete. Die Christen in Ländern wie Ägypten oder Syrien durften zunächst gegen Schutzgeldzahlungen weiterhin unter ihren islamischen Herren leben, aber sie waren beständiger Repression ausgeliefert, und auch einem schädlichen kulturellen Einfluss der islamischen Welt.

Heiden (Polytheisten, Animisten) nehmen viel leichter das Christentum an als Muslime, das haben christliche Missionare in Afrika erlebt. Dort sind die Volksgruppen, die vorher Heiden waren, mittlerweile mit deutlicher Mehrheit Christen (auch wenn sie oft noch Aberglauben beibehalten haben und teilweise bescheuerten Pfingstkirchen folgen); die Volksgruppen, die vorher Muslime waren, sind es auch jetzt noch.

Der Islam impft den Muslimen eine Abwehrreaktion gegen das Christentum ein, v. a. in Bezug auf die Dreieinigkeit. „3 ist nicht 1, 1 ist nicht 3, basta, weiter hören wir nicht zu.“ Dabei übersehen sie, wie gerade das Geheimnis der Dreieinigkeit ein bisschen Licht ins Dunkel um das Wesen Gottes bringt. Wir wissen: Gott ist das Gute und damit ist Er die Liebe; Gott ist sich selbst genug und hatte es nicht nötig, Geschöpfe zu erschaffen, um nicht einsam zu sein (Er hat uns rein aus überfließender Liebe geschaffen); Gott enthält in sich auf irgendeine Weise alles Gute, das wir in den Geschöpfen stückhaft sehen, und eins dieser guten Dinge ist Gegenseitigkeit, Ausgerichtetsein auf einen anderen. Das macht auf einmal viel mehr Sinn, wenn man weiß, dass es in Gott auf irgendeine Weise eine Gemeinschaft, ein Gegenüber gibt. Gleichzeitig ist Er vollkommen eins und besteht nicht aus Teilen; die drei Personen in Gott sind vollkommen eins und damit die wirklichste Liebesgemeinschaft, die es geben kann. Natürlich ist das ein Mysterium, aber was erwartet man denn bei Gott? Auch von Dingen wie Unendlichkeit oder Allwissenheit können wir uns keine rechte Vorstellung machen. Und Gott hat das nun mal offenbart.

Der Islam lässt seine Anhänger glauben, sie wären große Heilige, während sie nur ihre niederen Triebe ausüben, und bringt sogar gute Menschen dazu, Schlechtes gutzuheißen. Er stellt ein paar Forderungen, bei denen sich die Muslime stolz sagen können, wie radikal er sei, aber macht dann wieder bequeme Kompromisse. Er erlaubt es, Hass voll auszuleben. Der Dschihad ist eigentlich etwas für testosterongesteuerte Knaben, die den Kick des Krieges wollen, die irgendeinen Einsatz wollen, und die außerdem arrogant sind und sich über all den dummen Pöbel, die Kuffar, erheben wollen, die sich aber nicht wirklich selbst verleugnen wollen und die sogar für ihren Tod im Krieg noch ein himmlisches Bordell als Belohnung erwarten – nicht für wirkliche Männer. Der Islam verlangt keine Feindesliebe, kein Verständnis für Irrtum, keine langwierigen Bemühungen, jemanden mit Argumenten zu überzeugen, keine Nächstenliebe auch gegenüber Irrenden. Er macht die Menschen, die ihm voll und ganz folgen, zu schlechten Menschen, die im Zuge dessen ihr Gewissen abschalten müssen.

Der Islam macht es außerdem Muslimen, die seine Falschheit erkannt haben, sehr schwer, ihn zu verlassen (er schreibt immerhin die Tötung von abgefallenen Muslimen vor), und bringt auch sie damit dazu, gegen ihr Gewissen zu handeln.

Es wird sicher einige Muslime geben, die, da sie immerhin Gott und eine rudimentäre Moral kennen, mithilfe von unverschuldeter Unwissenheit in den Himmel kommen – meiner Vermutung nach wahrscheinlich vor allem fromme, altmodische, friedlich gesinnte Leute, die sich eher auf Aspekte wie Gebet, Fasten und Almosen konzentrieren, die zwar wollen, dass ihre Frauen aus Sittsamkeit Kopftuch tragen, aber den Gesichtsschleier für übertrieben halten, und die lieber nicht an Aspekte wie Sexsklaverei denken bzw. sich da mit dem angeblichen historischen Kontext herausreden. Aber das sind nicht alle Muslime. Es gibt auch die Sorte junge Männer, die sich sonst was auf ihre Herkunft einbilden, aus islamischen Einstellungen heraus sämtliche kopftuchlosen Frauen als Schlampen verachten und selber Pornos konsumieren, und sich wie Mehmed der Eroberer vorkommen, wenn sie sich in der Integrationsklasse der Berufsschule aufführen wie der letzte Depp. Der Islam versperrt den Zugang zu vielen Gnadenhilfen und sorgt damit auch dafür, dass die Muslime nicht mal seinen kompromisslerischen Vorschriften nachkommen, und er pervertiert den Sinn für Gut und Böse, sodass Muslime Dinge tun, die sie auch ohne Christentum als falsch erkennen müssten.

Der Islam ist, kurz gesagt, eine verdrehte Nachäffung des Christentums, und gerade dadurch gefährlicher als die Kulte von Jupiter und Odin.

Es gibt ja verschiedene Theorien, wieso Mohammed sich zum Propheten erklärte:

  • Er war ein Lügner.
  • Er hatte psychische Probleme.
  • Er war von einem Dämon getäuscht, der sich als „Engel des Lichts“ ausgab.

Dass er ein Lügner war, halte ich für unwahrscheinlich, er scheint schon selbst von seiner Botschaft überzeugt gewesen zu sein; da macht eine der beiden anderen Theorien dann mehr Sinn. Gerade da der Islam dem Teufel so viel genützt haben muss.

Maria, voll der Gnade

Mir ging es so: Ich habe Maria in den letzten zehn Jahren immer irgendwo mit verehrt (natürlich, das gehört dazu, wenn man katholisch ist), aber habe manchmal eher ihre Verehrung anderen gegenüber verteidigt als wirklich persönlich verinnerlicht. Aber wenn man sich erst einmal auf sie einlässt, fängt man an, sie immer mehr zu lieben und zu ehren.

Wir wissen eigentlich sehr viel über sie aus dem Neuen Testament. Vielleicht nicht sehr viele Daten, aber sehr viel über ihren Charakter. Sie ist keine Randfigur und kein Klischee.

„Sei gegrüßt, du Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir“ – so begrüßt der Erzengel Gabriel die Jungfrau Maria, als er zu ihr nach Nazareth gesandt wird (Lk 1,28). Und dann heißt es da weiter: „Sie erschrak über seine Rede und dachte nach, was dieser Gruß bedeuten solle. Der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Dieser wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; er wird über das Haus Jakobs für ewig herrschen, und seines Reiches wird kein Ende sein. Da sprach Maria zum Engel: Wie wird dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten dich überschatten. Deswegen wird auch das Heilige, das [von dir] geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden. Siehe, auch deine Verwandte Elisabeth hat in ihrem hohen Alter einen Sohn empfangen; schon der sechste Monat ist es bei ihr, die als unfruchtbar gilt; bei Gott ist ja kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte!“ (Lk 1,29-38)

(Helena Vurnik, Verkündigung.)

Maria ist zunächst verständlicherweise erschrocken über den Engel, aber sie fasst sich schnell und stellt ihm die schlichte Frage, wie das geschehen soll, was er ihr verkündet. Sie fragt nicht aus Zweifel – sie will einfach wissen, wie. Als Gabriel vorher bei dem Priester Zacharias war, um ihm die Geburt seines Sohnes, Johannes des Täufers, anzukündigen, hat auch Zacharias nachgefragt, aber auf andere Weise: „Woran soll ich dies erkennen? Bin ich doch ein Greis, und mein Weib steht in vorgerücktem Alter.“ (Lk 1,18) Er fordert ein Zeichen, obwohl er den Engel schon sieht, weil er eigentlich nicht glaubt, was dieser ihm sagt – und Gabriel gibt ihm wie gewünscht eins: „Siehe, du wirst stumm sein und nicht reden können bis zu dem Tage, da dies geschieht, weil du meinen Worten, die zu ihrer Zeit in Erfüllung gehen werden, nicht geglaubt hast.“ (Lk 1,20) Maria dagegen erhält keine Rüge von Gabriel, sondern einfach nur eine Antwort.

An ihrer Frage sieht man auch schon eins: Sie hat geplant, Jungfrau zu bleiben, auch obwohl sie schon verlobt war; hat wahrscheinlich ein Gelübde abgelegt, sich Gott als Jungfrau zu weihen, und ihr Verlobter muss es gewusst haben und einverstanden gewesen sein – eine normale Braut, der man die Geburt eines Kindes ankündigen würde, hätte es nicht nötig, nachzufragen, wie das denn passieren soll. Maria sagt es einfach als Tatsache: „da ich keinen Mann erkenne“.

Und als der Engel es ihr erklärt hat, weiß sie alles, was sie wissen muss; sie weiß, dass Gott nicht plant, ihr Gelübde aufzuheben; und weiter braucht sie nichts; sie sagt schlicht und einfach: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte.“ Sie stimmt ausdrücklich und bewusst zu, weil sie vollkommen auf Gott vertraut, auch ohne noch mehr Informationen. Laut dem apokryphen, also vermutlich teilweise legendarischen, Jakobusevangelium war Maria zu dieser Zeit 16 Jahre alt, also noch relativ jung, aber geistig sehr reif und zu ihrer Aufgabe bereit.

Alexandr Ivanov, Verkündigung.

Maria ist gleichzeitig demütig, klug, würdevoll.

Die ausführlichsten Worte, die wir von ihr haben, ist das Magnificat, den Lobpreis, den sie spricht, als sie gleich nach der Verkündigung ihre Verwandte Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers, besucht:

„Hoch preist meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heiland. Denn er hat herabgeschaut auf seine kleine Magd. Siehe, von nun an werden alle Geschlechter mich seligpreisen. Denn Großes hat an mir der Mächtige getan, und heilig ist sein Name. Sein Erbarmen wächst von Geschlecht zu Geschlecht für die, welche ihn fürchten. Er übet Macht mit seinem Arme, zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Die Gewalthaber stürzt er vom Throne und erhöhet die Niedrigen. Die Hungernden erfüllt er mit Gütern, und die Reichen läßt er leer ausgehen. Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, eingedenk seines Erbarmens, wie er es unsern Vätern verheißen hat, dem Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lk 1,46-55)

Sie preist nicht sich selbst, sondern Gottes Wirken an ihr, ihr ist vollkommen klar, dass sie ihre Größe nicht aus sich selbst hat, aber sie weiß, dass diese Größe da ist und versteckt sie nicht verschämt. Da ist eine vollkommene Demut und Freude; sie jubiliert über das, was Gott Großes in ihr wirkt. Sie jubiliert auch darüber, dass Gott der Beschützer der Kleinen, Niedrigen ist und dass Er die Hohen, die Machthaber zur Verantwortung ziehen wird. Sie ist vollkommen sicher in Gott. Man könnte es Selbstbewusstsein oder Selbstsicherheit nennen, wenn man einen üblichen Begriff nehmen wollte, aber es ist wohl eher Gottesbewusstsein oder Gottessicherheit. Sie kennt die Verheißungen, die ihr Volk seit über tausend Jahren bekommen hat, ist sich ihrer Geschichte bewusst, und vertraut darauf.

C. S. Lewis (ein Anglikaner) schreibt einmal über sie:

„Bei Maria finden sich keine Verwünschungen, kein Hass, keine Selbstgerechtigkeit. Statt dessen stellt sie einfach fest: Er hat die Hoffärtigen zerstreut, die Machthaber gestürzt, Reiche leer ausgehen lassen […] und tut das nicht etwa in wildem Triumph, sondern – wer könnte es überhören? – in ruhiger und furchtbarer Freude.

Hier bin ich versucht, für einen Moment abzuschweifen auf eine Spekulation, die uns in einer Hinsicht vielleicht etwas beruhigt, während sie uns in einer anderen erschreckt. Die Christen sind sich leider nicht darüber einig, auf welche Weise die Mutter Gottes verehrt werden sollte, doch es gibt eine Wahrheit, an der wohl niemand zweifeln kann. Wenn wir an die Jungfrauengeburt glauben und wenn wir an die menschliche Natur unseres Herrn glauben (denn es ist ketzerisch, sich ihn als einen Menschen vorzustellen, in dessen Körper statt einer menschlichen Seele die zweite Person der Dreieinigkeit wohnte), dann müssen wir für diese Menschennatur auch an eine menschliche Vererbung glauben. Für diese gibt es nur eine Quelle (wiewohl in dieser Quelle das ganze wahre Israel vertreten ist). Wenn in Jesus ein eiserner Zug ist – dürfen wir nicht, ohne unehrerbietig zu sein, mutmaßen, woher er stammt? Sagten wohl die Nachbarn in seiner Kindheit von ihm: ‚Er ist ganz der Sohn seiner Mutter?‘ Das könnte die Härte mancher Dinge, die er zu oder von seiner Mutter gesagt hat, in ein neues und weniger schmerzliches Licht rücken. Wir dürfen annehmen, dass sie das sehr gut verstand. (Aus: C. S. Lewis, Die Psalmen)

Edward von Steinle, Madonnenkopf.

„Maria aber behielt alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“ heißt es über sie bei der Weihnachtsgeschichte, als die Hirten zu ihr in den kleinen Stall, die Felsgrotte, kommen und erzählen, ihnen seien Engel erschienen und hätten zu ihnen von ihrem Sohn gesprochen (Lk 2,19).

Albert Edelfelt, Madonna.

Sie denkt immer daran, was Gott getan hat. Sie weiß vielleicht noch nicht alles, verkündet wahrscheinlich auch nicht gleich alles vor ihren Freunden und Nachbarn; sie bewahrt es in ihrem Herzen und denkt darüber nach, denn sie hat da viel nachzudenken. Sie weiß wohl auch, dass sie nie zum Ende damit kommen wird, Gottes Weisheit und Vorsehung zu betrachten. Auch an einer späteren Stelle, als sie ihren zwölfjährigen Sohn im Tempel findet, heißt es: „Seine Mutter bewahrte all diese Vorgänge in ihrem Herzen.“ (Lk 2,51)

Geburtsgrotte in der Geburtskirche in Bethlehem.

Sie ist arm; vermutlich nicht bettelarm (ihr Mann ist kein Tagelöhner oder Bettler, sondern Handwerker), aber doch arm, muss sparen und verzichten. Bei der Darstellung Jesu im Tempel heißt es, dass Maria und Josef das Opfer darbrachten, das bei der Geburt des Erstgeborenen dargebracht werden musste; normalerweise war das ein Lamm, für die Armen aber zwei Tauben, und sie brachten zwei Tauben dar. Sie führt das gewöhnliche schlichte Leben einer armen jüdischen Hausfrau in einer Kleinstadt, und ist zufrieden damit.

Mutmaßliches Geburtshaus Mariens, das von Engeln nach Loreto getragen worden sein soll, und in dem ein Altar und über dem eine Basilika errichtet wurden.

Sie ist vor allen Dingen Mutter, die Mutter des Herrn.

Jeanne Labrousse, Madonna und Kind.

Sie liebt ihren Sohn und zieht Ihn groß, sorgt sich um Ihn, ist eben Seine Mutter, mit allem, was dazugehört. Sie hört Seine ersten Worte, sie singt Ihn in den Schlaf, sie macht Ihm Essen, sie wechselt Seine Windeln. Sie merkt als erste, dass an Ihm etwas sehr Besonderes ist, das Er noch nicht allen zeigt; vielleicht ist Er auch noch ihr gegenüber zurückhaltend, aber vielleicht zeigt und sagt Er ihr auch schon manche Dinge, die Er den übrigen Menschen erst später zeigen und sagen wird. Sie lebt mit Ihm in der Zurückgezogenheit von Nazareth und lernt Ihn kennen wie niemand sonst.

Und Er bringt ihr auch – weil Er das 4. Gebot vollkommen erfüllt – die Liebe, die Ehrfurcht und den Gehorsam entgegen, den eine Mutter erwarten kann. Er ehrt sie; Er achtet auf ihre Worte; Er sorgt für sie, nachdem der hl. Joseph gestorben ist.

Viktor Vasnetsov, Muttergottes.

Da ist die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel:

„Seine Eltern gingen alljährlich nach Jerusalem zum Osterfeste. Als der Knabe zwölf Jahre alt war, zogen sie gemäß dem Festbrauch nach Jerusalem hinauf. Als die Tage vorüber waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Jesusknabe aber blieb in Jerusalem zurück, ohne daß es seine Eltern merkten. Sie meinten, er sei bei der Reisegesellschaft, gingen eine Tagereise weit und suchten ihn bei den Verwandten und Bekannten. Da sie ihn aber nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn. Und es geschah nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel, wie er unter den Lehrern saß, ihnen zuhörte und sie fragte. Alle, die ihn hörten, gerieten außer sich über seine Einsicht, und seine Antworten. Als sie ihn sahen, waren sie entsetzt, und seine Mutter sagte ihm: Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist? Sie aber verstanden nicht, was er ihnen mit diesem Worte sagen wollte. Er zog mit ihnen nach Nazareth hinab und war ihnen untertan. Seine Mutter bewahrte all diese Vorgänge in ihrem Herzen. Jesus aber nahm zu an Weisheit, Alter und Wohlgefallen bei Gott und den Menschen.“ (Lk 2,41-52)

Maria ist keine Helikoptermutter; sie traut ihrem zwölfjährigen Sohn zu, bei der Großfamilie zu bleiben. Aber dann erlebt sie schreckliche Sorgen, wie sie jeder Mutter sehr wehtun müssen. Und es fragt sich hier wirklich: Wieso ist Jesus in Jerusalem geblieben, was genau musste Er hier manchen Menschen sagen, wobei ihnen vielleicht helfen, etwas zu verstehen, oder was hat Er in den ersten Tagen sonst noch getan, bevor Seine Eltern Ihn fanden? Wir wissen es einfach nicht; Maria hat es vielleicht auch (auf Erden) nie erfahren. Jesus sind seine Mutter und sein Pflegevater nicht egal, und gerade deswegen glaube ich, dass es einen besonderen Grund geben muss, aus dem Er ausgerechnet in einer solchen Weise Seine dreißigjährige Zurückgezogenheit, das Schweigen Seiner Vorbereitungszeit brach; Er hatte den Gelehrten wirklich etwas zu sagen, das sie in diesem Moment hören mussten. Er weist seine Eltern zwar in gewisser Weise zurecht, erwartet irgendwo, dass sie (die Ihn so sehr kannten) hätten ahnen können, dass Er nicht einfach irgendwo in der Stadt verloren gegangen war, aber hier tadelt Er (ganz leicht) einen Fehler aus Angst und Besorgnis, keine Sünde.

In den Fußnoten zur Keppler-Bibel heißt es zu dem Vers: „Wusstet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?“ als Anmerkung: „Das Festhalten am Willen des Vaters ist für Jesus die oberste Norm. Darin geht er ganz auf, auch wenn er dabei der Mutter und dem Pflegevater Schmerz bereiten muß. Nicht vom Hause des Vaters ist das Wort zu verstehen.“, der Vers wird also so interpretiert, dass Jesus im Willen des Vaters ist. Und offensichtlich wollte Gott der Vater von Ihm in diesem Moment, dass Er irgendetwas im Tempel tut, und Er sagt Seinen Eltern: Habt ihr euch nicht gedacht, dass ich nicht einfach verloren gegangen sein kann, sondern einen Grund gehabt haben muss, zurückzubleiben? Marias Frage war erlaubt und berechtigt und Er sagt ihr: Keine Sorge, du weißt doch, dass ich das aus einem guten Grund getan haben muss.

Und dann heißt es, Er war Seinen Eltern untertan oder gehorsam. Er, der menschgewordene Gott, hat sich selbst daran gebunden, konkreten Menschen gehorsam zu sein. Den Geboten Gottes war Er (in Seiner Menschheit) sowieso gehorsam, und man wird auch nicht erwarten können, dass Seine Eltern je etwas von Ihm verlangten, das diesen Geboten widersprochen hätte. Aber Er hat sich daran gebunden, mit besonderer Ehrfurcht auch ihre Weisungen oder Bitten zu beachten, etwas zu tun, das er nicht allein schon aufgrund der göttlichen Gebote hätte tun müssen. Daher bitten wir auch so besonders gerne Maria, und an zweiter Stelle den hl. Joseph, um ihre Fürbitte bei Ihm. Er ist in Seiner verklärten Menschheit im Himmel kein Kind mehr, sondern erwachsen, aber Er achtet weiterhin Seine Mutter und Seinen Pflegevater, und wenn sie Ihn bitten, einer Seele noch mehr als nötig zu helfen oder ihr besondere Gnaden zu erweisen oder noch mehr Nachsicht mit ihr zu üben, als Er sowieso schon geübt hätte, wird Er gerne geneigt sein, dem zu entsprechen.

Maria ist gleichzeitig Jungfrau und Ehefrau. Sie hat sich als Jungfrau Gott versprochen, für Ihn gelobt, auf etwas zu verzichten, und ihr Mann hat sie geheiratet, um sie zu behüten und zu lieben, und auch bewusst auf eine normale Ehe verzichtet.

Edward von Steinle, Vermählung Mariä.

Trotzdem liebten sich die zwei als Eheleute. Es war eine wirkliche Ehe, auch wenn es keine normale Ehe war. Wir können davon ausgehen, dass Maria eine sehr gute, sehr liebevolle Ehefrau war. Der hl. Joseph konnte auf den Engel hören und voller Liebe ein Kind großziehen, das nicht sein eigenes war, weil er völlig darauf vertrauen konnte, dass Maria keusch und treu und gut war.

Die Theologen und Kirchenväter sind sich ja uneinig, warum er zuerst vorhatte, Maria ohne öffentliches Aufsehen einen Scheidebrief zu geben (Mt 1,19): Die einen meinen tatsächlich, er habe hier schon geahnt/geglaubt, dass Gott am Werke sein könnte, und sich nicht für würdig gehalten, diese Frau als seine Frau zu haben (daher auch der Satz des Engels, er sollte sich nicht fürchten, Maria zu sich zu nehmen). Vielleicht hatte sie ihm die Wahrheit gesagt und er hatte ihr schon geglaubt, weil er ihren Charakter kannte. Die anderen meinen, er hätte wirklich gedacht, sie wäre von einem anderen Mann schwanger; vielleicht hatte er ihre Schwangerschaft bemerkt, bevor sie gewusst hatte, wie sie es ihm erklären sollte. Vielleicht war er völlig verwirrt und zornig, konnte nicht glauben, wie ein so gutes Mädchen verführt worden war, dachte möglicherweise, jemand hätte sie genötigt oder Schlimmeres. Auf jeden Fall machte alles für ihn wieder Sinn, nachdem er die Botschaft des Engels bekommen hatte.

Modesto Faustini, Tod Josephs.

Auch sein Pflegesohn ehrte und liebte ihn sehr

Feministinnen mögen Maria nicht besonders, gerade weil sie Jungfrau, Ehefrau und Mutter zugleich war und damit quasi ein unerreichbares Idealbild darstelle, mit dem man alle anderen Frauen herabwürdigen könne. Dabei ist das doch gerade der Punkt: Sie ist der vollendete Mensch, die vollendete Frau, und vereint Dinge in sich, die andere nicht in sich vereinen können. Natürlich kann keine andere sie erreichen. Einen solchen Menschen muss man nicht beneiden, sondern bewundern. Keine andere Frau ist wie Maria, genau wie kein Mann wie Joseph – oder gar wie Jesus – ist. Männer dürfen nicht ihren Frauen vorhalten, dass sie nicht wie die hl. Jungfrau sind (wobei ich keine Männer kenne, die das täten), und Frauen ihren Männern nicht, dass sie nicht wie der hl. Joseph sind, aber beide danach streben, ihrem jeweiligen Vorbild ähnlich zu werden.

Maria ist Jungfrau vor, in und nach der Geburt.

Heutige Protestanten behaupten oft, sie habe nach Jesus noch andere Kinder gehabt, sei also keine Jungfrau „nach der Geburt“ geblieben. Die Bibel legt freilich nichts dergleichen nahe. Da ist von „Brüdern und Schwestern“ Jesu die Rede, aber damit waren oft alle möglichen Verwandten gemeint (z. B. nennt Abraham seinen Neffen Lot seinen Bruder). Von zweien dieser „Brüder“, nämlich Joses und Jakobus, wissen wir auch, wer ihre Eltern waren – eine andere Maria, eine Schwester (Schwägerin?) von Maria, und ein Mann namens Klopas/Kleophas; auch diese Maria stand mit der Gottesmutter Maria unter dem Kreuz. (Vgl. folgende Stellen: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“ Joh 19,25. „Auch einige Frauen sahen von Weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome“ Mk 15,40. „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ Mk 6,3. „Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.“ Mt 27,56.) Dann wird da behauptet, Mt 1,25 lege nahe, dass Joseph nach der Geburt Jesu mit Maria geschlafen habe: „Aber er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar.“ Aber nichts dergleichen ist zwingend. Das Wort „bis“ kann in so einem Satz auch einfach in dem Sinne von „er erkannte sie nicht und dann gebar sie einen Sohn“ verwendet werden. Zum Vergleich: Wenn man sagt „er vertraute auf Gott, bis dann sein Gebet erhört wurde“, wird damit wohl kaum impliziert, derjenige habe nach der Gebetserhörung nicht mehr auf Gott vertraut. Und es wird wohl selbst der entschiedenste Protestant nicht behaupten wollen, Maria und Joseph hätten gleich nach der Geburt im Stall von Bethlehem prompt ihre Ehe vollzogen.

Solche Protestanten behandeln Maria tatsächlich wie eine Mischung aus Leihmutter und Kindermädchen – Gott benutzt sie, um ein paar Aufgaben zu erfüllen, aber diese Aufgaben machen nicht ihr Leben und ihre Identität aus. Aber sie war die Mutter Jesu, des Gottmenschen. Es hat etwas beinahe Obszönes, sich vorzustellen, dass noch andere Kinder diese Gebärmutter beanspruchten, in der Gott Mensch wurde. Das ist, als würde man auf dem Altar in der Kirche ein Sommerpicknick veranstalten. Normale Kinder zu bekommen ist etwas absolut Wunderbares, da entsteht ein neues Menschenwesen, das vorher nicht existiert hat und das Gottes Abbild trägt, aber es ist etwas ganz anderes als die Menschwerdung Gottes. Maria ist wie die Bundeslade, wie der Tempel; reserviert für den Herrn. „Da sprach der Herr zu mir: Dies Tor soll verschlossen bleiben, es wird nicht geöffnet werden und niemand soll durch dasselbe eintreten; denn der Herr, der Gott Israels, ist durch dasselbe eingezogen und darum soll es geschlossen bleiben.“ (Ez 44,2) Ein Jakobus oder Joses hätte nicht das Recht gehabt, diese Gebärmutter zu beanspruchen; es wäre absolut unangemessen gewesen. Es ist genug der Ehre, dass sie Cousins Gottes sein durften.

Maria hatte, wie oben gesehen, schon vorher vor, Jungfrau zu bleiben. Nicht, weil eine normale Ehe irgendwie schlecht wäre, sondern weil sie ganz besonders Gott geweiht sein und für Ihn auf etwas Gutes verzichten wollte. Und der Bereich der Sexualität ist schon einer, der für einige Probleme und Verwicklungen sorgen kann; davon hält sich Maria einfach fern. Sie ist ungeteilt und rein für Gott da.

Feminstinnen mögen Maria auch nicht, weil sie als so brav, so gehorsam gilt. Aber das ist nun mal etwas Gutes. Maria ist nicht duckmäuserisch und sie verkündet triumphierend, dass Gott ungerechte Herrscher zur Rechenschaft ziehen wird, aber sie hat absolut kein Problem damit, sich gerechter Herrschaft einfach unterzuordnen, ihren eigenen Willen mal hintanzustellen. Sie hat zuerst ihren Eltern gehorcht, dann ihrem Ehemann gehorcht; und vor allem hat sie Gott gehorcht. Gleichzeitig hat sie von ihrem Kind in manchen Dingen, vor allem in Seiner Kindheit, Gehorsam beansprucht; denn nur, wer gut gehorchen kann, kann auch gut befehlen.

Sie ist Jungfrau „in der Geburt“, heißt es in der Lehre. Da kratzen sich natürlich immer wieder Leute am Kopf und denken sich: Hä? Was hat Jungfräulichkeit mit Geburt zu tun? Die Definition von Jungfräulichkeit ist „keinen Sex gehabt haben“, nicht „ein unverletztes Hymen haben“ (das ja bei einer normalen Geburt verletzt werden würde, wenn es das nicht schon beim Sex geworden wäre). Das ist der Kirche schon auch klar. (Deswegen interpretiert z. B. auch Ludwig Ott in seinem Handbuch der Dogmatik diese Sache eher in einem anderen Sinn, Fehlen von sexuellen Regungen zu absolut jeder Zeit.) Aber wieso sollte Maria nicht auch körperlich unverletzt sein? Das ist gerade sehr angemessen, aus zwei Gründen: Erstens, das ist normalerweise ein Zeichen der Jungfräulichkeit, wie das jeder Frauenarzt bestätigen kann, auch wenn es nicht die Jungfräulichkeit selbst ist; zweitens, die Schmerzen bei der Geburt sind eine Folge der Erbsünde, wie Gott zu Eva sagte; da ist es angemessen, dass Maria davor bewahrt wurde; dass ihr Sohn sie zumindest in diesem freudigen Moment Seiner Geburt vor allen Schmerzen bewahren wollte.

Denn sie ist „voll der Gnade“, wie der Engel Gabriel zu ihr gesagt hat. Gott hat sie vom ersten Augenblick ihres Lebens an (also ihrer Empfängnis) vor der Erbsünde bewahrt, was die Kirche als die Unbefleckte Empfängnis bezeichnet. Nicht so, als ob sie keine Erlösung gebraucht hätte; sie nennt Gott im Magnificat ihren Heiland. Aber Gott hat ihr diese Erlösung schon im Vorhinein angerechnet. Sie sollte ganz rein sein, weil sie eben ein Tempel für Gott sein sollte. Sie musste sich sicher auch mal die Hände schmutzig machen, aber ihre Seele war rein. Sie ist frei von bösen Neigungen, die die Folge der Erbsünde sind, und sie hat auch keine einzige persönliche Sünde begangen.

Maria ist in dieser Hinsicht das, was alle Menschen hätten sein sollen, was Eva vor dem Sündenfall war, sie ist die zweite Eva, die reine Idee Gottes vom Menschen, und sie hat das nicht wie Eva verspielt, sondern bewahrt. Gott hat ihr so viel Gnade gegeben, dass sie niemals auch nur im geringsten gesündigt hat.

Maria tröstet Eva, Schwester Grace Remington OCSO.

Sie kennt dennoch das Leid; insoweit nahm sie, wie auch ihr Sohn, Folgen der Erbsünde ohne eigene Schuld auf sich, einige derjenigen Folgen der Erbsünde, die kein moralisches, sondern ein physisches Übel sind. Schon der hl. Simeon sagte es ihr im Tempel voraus: „Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist bestimmt zum Fall und zum Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem man widerspricht; deine eigene Seele aber wird ein Schwert durchdringen. So werden die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“ (Lk 2,34f.)

Schon die Geburt Jesu fand unter schwierigen Umständen statt, aber dann, nachdem die Familie aus dem Tempel noch einmal nach Bethlehem zurückgekehrt war, kamen auch die drei Weisen aus dem Morgenland, und durch sie wurde König Herodes auf das Kind aufmerksam, und Joseph erhält eine Warnung im Traum. Er gehorcht dieser Warnung und Maria vertraut ihm und geht sofort mit ihm nach Ägypten.

Eugène Girardet, Flucht nach Ägypten.

Man kann davon ausgehen, dass sie dort schon einigermaßen zurechtgekommen sein werden; vielleicht fanden sie Anschluss an die jüdische Gemeinde in Alexandria, und Joseph hatte einen Beruf, der überall nützlich war; und dann waren da noch die Geschenke von den drei Weisen. Aber trotzdem machte ihr Sohn seine ersten Schritte in einem fremden Land, zwischen Tempeln mit Tiergöttern, und Maria wusste wahrscheinlich nicht, wie es ihrer Verwandtschaft in Nazareth ging, und auch nicht, ob Herodes irgendwann seine Finger nach Ägypten ausstrecken würde und sie weiter fliehen müssten.

Aber viel schlimmer war es, als sie sehen musste, wie ihr Sohn verhaftet und verurteilt wurde, wie er ans Kreuz genagelt wurde und dort stundenlang hing und dann starb, und schließlich abgenommen und ihr in den Schoß gelegt wurde, bevor sie ihn mit ein paar seiner Anhänger in ein nahes Grab legen musste. Er begann sein menschliches Leben in ihrem Schoß, und nachdem er es beendet hatte, wurde er wieder in ihren Schoß gelegt. Sie vereinigte ihre Schmerzen mit Seinen, als sie ohnmächtig zusehen musste, wie Er litt. Schon menschliche Mütter sind oft so; meine Mutter (ich liebe sie sehr) sagt immer wieder Dinge wie „wenn es meinen Kindern gut geht, geht es mir auch gut“ oder „es ist das Schlimmste, wenn es deinen Kindern schlecht geht“. Aber keine Mutter konnte so sehr lieben und so sehr leiden wie Maria. Sie hätte nie gewollt oder von Ihm verlangt, dass Er dem Auftrag des Vaters ausweicht; aber das machte ihr Leiden nicht geringer.

In der Offenbarung des Johannes taucht Maria auch wieder auf:

„Am Himmel erschien ein großes Zeichen: Ein Weib, bekleidet mit der Sonne, der Mond zu seinen Füßen und eine Krone von zwölf Sternen auf seinem Haupte. Es ist gesegneten Leibes und schreit in seinen Wehen und Geburtsnöten. Und ein anderes Zeichen erschien am Himmel: Siehe, ein großer, roter Drache mit sieben Häuptern; zehn Hörnern und sieben Kronen auf seinen Häuptern. Sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels weg und warf sie zur Erde. Der Drache stellte sich hin vor das Weib, dessen Stunde bevorstand, um nach der Geburt ihr Kind zu verschlingen. Es gebar einen Sohn, der alle Völker mit eisernem Zepter regieren sollte, und sein Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Throne. Das Weib aber floh in die Wüste, wo von Gott ein Ort für es bereitet war, um dort zwölfhundertsechzig Tage lang gepflegt zu werden. […]

Als der Drache sah, daß er zur Erde herabgestürzt sei, verfolgte er das Weib, das den Knaben geboren hatte. Dem Weibe aber wurden beide Flügel des großen Adlers gegeben, damit es an seine Stätte in der Wüste fliege, wo es eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit ernährt wird, fern von der Schlange. Die Schlange spie aus ihrem Rachen Wasser dem Weibe nach gleich einem Strome, damit es von dem Strome fortgerissen werde. Aber die Erde half dem Weibe. Sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte. Da ergrimmte der Drache gegen das Weib und begann Krieg zu führen mit seinen übrigen Kindern, die Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu [Christi] bewahren.“ (Offb 12,1-6.13-17)

Es geht hier wohl kaum um Geburtsschmerzen bei der Geburt in Bethlehem, sondern symbolisch um alle Schmerzen, die Marias Mutterschaft ihr bereitet hat, die sie durchstehen musste, während der Teufel (erfolglos) gegen sie und ihren Sohn kämpfte. Gott behütete sie weiterhin, auch nachdem ihre hauptsächlichen Schmerzen vorbei waren und ihr Sohn die Erlösung gewirkt hatte und in den Himmel zurückgekehrt war.

Ihr Sohn muss sich sehr gefreut haben, als Er sie schließlich am Ende ihres Lebens in den Himmel aufnehmen und dort mit allen Ehren einer Königinmutter ehren konnte. Sie stand bei Ihm unter dem Kreuz; nun hat Er den Siegespreis des Kreuzes errungen und lässt sie daran teilhaben. Es ist nicht ganz sicher, ob Maria gestorben ist oder ohne zu sterben von Gott in den Himmel aufgenommen wurde; denn den Tod, die Strafe der Sünde, hätte sie nicht verdient. Aber wahrscheinlich ist sie gestorben, um ihrem Sohn gleich zu werden, um auch die Trennung von Leib und Seele zu leiden, die Er gelitten hat. Und dann hat Er sie wieder auferweckt und mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen, was bei uns allen erst am Jüngsten Tag passieren wird, wenn sich die Seelen im Himmel wieder mit ihren Leibern vereinigen. Der Körper, in dem Gott Mensch wurde, sollte nicht verwesen. (Es gibt daher auch keine Reliquien Mariens, außer ein paar Haaren.)

Fra Angelico, Krönung Mariens.

Sie musste ein wenig darauf warten, nachdem ihr Sohn auferstanden war und in den Himmel aufgefahren war. Sie empfing mit den Aposteln am Pfingsttag den Heiligen Geist, und dann muss sie noch bei dem hl. Apostel Johannes in Jerusalem und Ephesus einige Jahre oder vielleicht Jahrzehnte gelebt haben. Sie wirkte weiter; sie war es wahrscheinlich, die dem hl. Lukas all die Begebenheiten aus Jesu Kindheit erzählte, und sie hat sicher auch die anderen Christen gestärkt. Die Einzelheiten sind uns verborgen; Maria ist demütig und musste ihr Wirken nicht vor aller Welt bekannt wissen. Und bei jeder Messe, die der hl. Johannes feierte, muss sie ihren Sohn noch einmal empfangen haben; Er, der von Gott in ihre Gebärmutter gelegt wurde, wurde jetzt in ihren Mund gelegt und nährte sie. Vielleicht sprach Er zu ihr: Noch eine kleine Weile, dann siehst du mich wieder richtig; jetzt bin ich unter dieser Gestalt mit dir.

Die Jungfrau Maria empfängt die Kommunion vom hl. Johannes.

Und Maria ist nicht nur die Mutter Jesu, sie ist auch unsere Mutter. Er hat sie zunächst unter dem Kreuz Johannes zur Mutter gegeben (daraus kann man auch was lernen: wer, anders als die anderen Apostel, unter dem Kreuz bleibt und ausharrt, steht auch unter dem besonderen Schutz Mariens), aber sie hat nun noch eine viel größere Kinderschar, alle, die ihr Sohn zu Gotteskindern gemacht, also als seine Geschwister adoptiert hat – natürlich ist sie auch deren Mutter.

Edward von Steinle, Maria, Schirmherrin der Christenheit.

Sie hat schon zur Zeit des Erdenlebens Jesu bei ihm für andere gebeten. Auf ihre Initiative hat Jesus Sein erstes öffentliches Wunder gewirkt. Bischof Fulton Sheen schreibt über die Hochzeit zu Kana:

„Johannes der Evangelist, der bereits als Jünger erwählt worden war, war bei diesem Fest anwesend; und er war es, der Augen- und Ohrenzeuge dessen war, was Maria in Kana tat. Er war auch mit ihr am Fuß des Kreuzes, und er zeichnete beide Ereignisse treu in seinem Evangelium auf. Im Tempel und am Jordan erhielt unser Herr den Segen und die Billigung Seines Vaters, Sein Werk der Erlösung zu beginnen. In Kana erhielt Er die Einwilligung Seines menschlichen Elternteils. Später, in der schrecklichen Einsamkeit von Kalvaria, würde ein dunkler Augenblick kommen, in dem Sein Vater sich scheinbar von Ihm zurückzuziehen schien, und Er den Psalm zitieren würde, der beginnt mit:

‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ Psalm 21,1

Ein weiterer Augenblick würde kommen, in dem Er sich von Seiner Mutter zurückzuziehen schien:

‚Frau, siehe, dein Sohn.‘ Johannes 19,26

Als der Wein in Kana ausging, ist es interessant, dass Maria mehr an die Gäste dachte als der Speisemeister; denn es war sie, und nicht er, die ihren Bedarf an Wein bemerkte. Maria wandte sich an ihren Sohn in einem vollkommenen Geist des Gebets. In vollkommener Sicherheit und Vertrauen auf Seine Barmherzigkeit, sagte sie:

‚Sie haben keinen Wein mehr.‘ Johannes 2,3

Es war keine persönliche Bitte; sie war schon eine Mediatrix [Mittlerin] für alle, die die Fülle der Freude suchten. Sie war nie nur eine Zuschauerin, sondern eine voll Beteiligte, die sich bereitwillig mit den Nöten anderer befasst. Die Mutter nutzte die besondere Macht, die sie als Mutter über ihren Sohn hatte, eine Macht, die von gegenseitiger Liebe geschaffen wird. Er antwortete ihr mit scheinbarem Zögern.

‚Frau, was ist das mir und dir? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.‘ Johannes 2,4

Zuerst betrachte die Worte: ‚Was ist das mir und dir?‘ Das ist ein hebräischer Ausdruck, den man schwer auf Englisch übersetzen kann. Der hl. Johannes übertrug ihn sehr wörtlich ins Griechische, und die Vulgata bewahrt diese Wörtlichkeit in ‚Quid mihi et tibi‘, was bedeutet: ‚Was mir und dir?‘ […]

Um vollkommener zu verstehen, was Er meint, betrachte die Worte ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen‘. Die ‚Stunde‘ bezieht sich offensichtlich auf Sein Kreuz. Immer, wenn das Wort ‚Stunde‘ im Neuen Testament gebraucht wird, wird es in Beziehung zu Seinem Leiden, Seinem Tod und Seiner Verherrlichung gebraucht. […]

In Kana verwies unser Herr auf Kalvaria und sagte, dass die Zeit, die dafür bestimmt war, die Aufgabe der Erlösung zu beginnen, noch nicht da war. Seine Mutter bat um ein Wunder; Er implizierte, dass ein Wunder, das als ein Zeichen Seiner Göttlichkeit gewirkt werden würde, der Beginn Seines Todes sein würde. In dem Augenblick, in dem Er sich vor den Menschen als der Sohn Gottes zeigte, würde Er ihren Hass auf sich ziehen, denn das Böse kann die Mittelmäßigkeit dulden, aber nicht das höchste Gute. […]

Es gab in Seinem Leben zwei Gelegenheiten, bei denen Seine menschliche Natur eine Unwilligkeit zu zeigen schien, Seine Last des Leidens auf sich zu nehmen. Im Garten bat Er Seinen Vater, ob es möglich wäre, Seinen Kelch des Leidens wegzunehmen. Aber gleich danach ergab Er sich in den Willen des Vaters: ‚Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.‘ Dasselbe scheinbare Widerstreben zeigte sich auch gegenüber dem Willen Seiner Mutter. Kana war eine Probe für Golgotha. […] Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Bitte Seines Vaters an Ihn um Seinen öffentlichen Tod und der Bitte Seiner Mutter an Ihn um Sein öffentliches Leben. Der Gehorsam triumphierte in beiden Fällen; in Kana wurde das Wasser in Wein verwandelt; auf Kalvaria wurde der Wein in Blut verwandelt.

Er sagte Seiner Mutter, dass sie quasi ein Todesurteil über Ihn sprach. Es gibt wenige Mütter, die ihre Söhne auf das Schlachtfeld schicken; hier war eine, die tatsächlich die Stunde des tödlichen Konflikts ihres Sohnes mit den Mächten des Bösen beschleunigte. Wenn Er ihrer Bitte nachgab, würde Er Seine Stunde des Leidens und der Verherrlichung beginnen. Zum Kreuz würde Er mit einem doppelten Auftrag gehen, von Seinem Vater im Himmel und von Seiner Mutter auf Erden.

Sobald Er zugestimmt hatte, Seine ‚Stunde‘ zu beginnen, fuhr Er damit fort, ihr zu sagen, dass ihre Beziehung mit Ihm von nun anders sein würde. Bis dahin, während Seines verborgenen Lebens, war sie als die Mutter Jesu bekannt gewesen. Aber nun, da Er das Werk der Erlösung begonnen hatte, würde sie nicht mehr länger nur Seine Mutter sein, sondern auch die Mutter all Seiner menschlichen Brüder, die Er erlösen würde. Um diese neue Beziehung zu signalisieren, spricht Er sie jetzt nicht mit ‚Mutter‘ an, sondern als die ‚Universelle Mutter‘ oder ‚Frau‘. Welchen Klang diese Worte für Menschen hatten, die im Licht des Alten Testaments lebten. Als Adam fiel, sprach Gott zu Satan und sagte voraus, dass Er Feindschaft zwischen seinen Samen und ‚die Frau‘ setzen werde, denn das Gute würde ebenso Nachkommenschaft haben wie das Böse. […] Die ‚Frau‘ hatte einen Samen, und es war ihr Samen, der jetzt bei dem Hochzeitsfest stand, der Samen, der zu Boden fallen und sterben würde und dann in neues Leben ersprießen würde.

In dem Augenblick, in dem die ‚Stunde‘ begann, wurde sie ‚die Frau‘; sie würde auch andere Kinder haben, nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist. Wenn Er der neue Adam sein sollte, sollte sie die neue Eva sein, und die Mutter dieser neuen Menschheit. […] Johannes, der bei dieser Hochzeit war, war auch am Höhepunkt der ‚Stunde‘ auf Kalvaria da. Er hörte, wie unser Herr sie vom Kreuz aus ‚Frau‘ nannte, und dann zu ihr sagte: ‚Siehe, dein Sohn.‘ Es war, als ob er, Johannes, jetzt das Symbol ihrer neuen Familie war. Als unser Herr den Sohn der Witwe von Naim von den Toten auferweckte, sagte er: ‚Gebt ihn seiner Mutter zurück.‘ Am Kreuz tröstete Er Seine Mutter, indem Er ihr einen weiteren Sohn gab, Johannes, und mit ihm die ganze erlöste Menschheit.

Bei der Auferstehung gab Er sich ihr zurück, um ihr zu zeigen, dass, obgleich sie neue Kinder gewonnen hatte, sie Ihn nicht verloren hatte. […]

Als Er andeutete, dass Sein erstes Wunder unweigerlich zu Seinem Kreuz und Tod führen würde, und dass sie von nun an eine Schmerzensmutter werden würde, wandte sie sich sofort an den Speisemeister [genau genommen an die anderen Diener, Anmerkung von mir – Crescentia] und sagte: Alles, was Er euch sagt, das tut.

Was für ein glorreiches Abschiedswort! Sie spricht in der Schrift nie mehr. Sieben Mal hatte sie in den Schriften gesprochen, aber nun, da Christus sich selbst gezeigt hatte, wie die Sonne im vollen Glanz Seiner Gottheit, wurde unsere liebe Frau willig überschattet wie der Mond, wie Johannes sie später beschrieb.“

Jesus hat auch in Seiner Menschheit nie gesündigt, hätte gar nicht sündigen können, aber Er hatte eben eine menschliche Natur, und dieser menschlichen Natur half der Anstoß Seiner Mutter, schon etwas früher mit Seinem Wirken zu beginnen, als Er es sonst vielleicht getan hätte. Auch im Ölgarten hat Er immer nur darum gebeten, dass der Kelch an Ihm vorübergeht, wenn es möglich ist, und wusste dabei selbst schon, dass es das nicht war, wenn Er Seinen Auftrag so vollkommen erfüllen wollte, wie Er selbst es eigentlich entschieden hatte. (Rein theoretisch hätte auch weniger Leid genügt, um uns zu erlösen, da all das Leid des Gottmenschen einen unendlichen Sühnewert hat. Jesus ging also aus Gehorsam und aus freiwilligem Entschluss ans Kreuz.) Und Maria wollte eben wirklich, dass ihr Sohn Seinen Auftrag erfüllt, egal wie schmerzlich es wird (die Einzelheiten konnte sie nur ahnen); sie wollte kein Hindernis für Ihn aus falsch verstandener Liebe sein. Sie wollte, dass Er das Richtige tut, wie es jede gute Mutter wollen sollte, die nicht will, dass ihr Kind sich vor sich selber schämen muss, sondern will, dass es stolz sein kann.

Es gibt u. a. noch zwei Stellen in der Bibel, in denen Maria vorkommt. Da wäre Lk 11,27f.:

„Es geschah aber, als er so redete, erhob eine Frau aus der Volksmenge ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die du gesogen hast. Er erwiderte: Ja freilich, selig, die das Wort Gottes hören und beobachten.“

Gott hätte rein theoretisch Seinen Sohn auch durch eine unwillige und/oder böse Frau gebären lassen können; Seine Mutter ist nicht allein durch die körperliche Verwandtschaft selig. Die Kepplerbibel zitiert in den Fußnoten den hl. Augustinus: „Seliger ist Maria durch den Glauben an Christus als durch die Empfängnis seiner Menschheit. Sogar die mütterliche Verwandtschaft hätte ihr nichts genützt, hätte sie nicht freudiger Jesus im Herzen als im Schoße getragen.“ Aber diese körperliche Verwandtschaft und ihre geistige Nähe zueinander, Marias Gehorsam, das alles hängt so eng zusammen. Maria ist gerade dadurch Mutter Gottes geworden, dass sie das Wort Gottes gehört und beobachtet hat, dass sie dazu gesagt hat: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte.“ Gott hat es nicht für passend befunden, Seinen Sohn durch eine unwillige und/oder böse Frau gebären zu lassen. Man beachte auch: Diese Stelle ist im Lukasevangelium, dessen Autor am ausführlichsten die Kindheitsgeschichte Jesu beschreibt, und zwar vor allem aus Marias Sicht. Vielleicht erzählte Maria selbst dem Evangelisten auch diese Begebenheit, um zu vermitteln: Auch ihr seid selig wie ich, wenn ihr auf das Wort Gottes hört. Dazu passt auch eine zweite Stelle, die auch Lukas berichtet, und zwar eher gegen Beginn seines Evangeliums (Lk 8,19-21):

„Seine Mutter und seine Brüder kamen zu ihm, konnten aber wegen der Volksmenge nicht zu ihm gelangen. Man meldete ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber entgegnete ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche das Wort Gottes hören und es befolgen.“

Markus berichtet noch ausführlicher (Mk 3,20-21.31-35):

„Als er nach Hause kam, versammelte sich wieder das Volk, so daß sie nicht einmal essen konnten. Da die Seinen dies hörten, gingen sie hin, um sich seiner zu bemächtigen. Denn sie sagten: Er ist außer sich. […] Nun kamen seine Mutter und seine Brüder. Sie blieben draußen stehen, schickten zu ihm hinein und ließen ihn rufen. Das Volk saß um ihn her. Man sagte ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich. Da antwortete er ihnen: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er schaute auf die, welche rings um ihn her saßen, und sprach: Sehet da meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“

Die Cousins und vielleicht die Onkel und Tanten Jesu waren erschrocken darüber, wie Jesus auftrat, den sie doch so lange gekannt hatten. Man kann davon ausgehen, dass Maria diese Gefühle nicht teilte, aber sie ging trotzdem mit ihnen, wollte vielleicht gerade, dass sie Jesus gegenüberstehen und dann sehen würden, dass er kein Verrückter war, den man wieder schön nach Hause schaffen sollte. Und dann will Jesus sie nicht sofort sehen, weil Er noch anderes zu tun hat. Das ist keine Zurückweisung: Er liebt Seine Mutter, und auch Seine „Brüder“ (besonders Jakobus) und Seine Tante Maria, die Schwester (Schwägerin?) Seiner Mutter und Frau des Klopas/Kleophas/Alphäus, finden sich im späteren Verlauf der Evangelien an Seiner Seite und erfüllen wichtige Aufgaben. Jakobus wurde Bischof von Jerusalem und Maria Kleophae war unter den Frauen am Grab Jesu. Aber Er zeigt ihnen: Auch all diese Menschen, die mich jetzt hören, nehme ich in meine Familie auf und auch um sie muss ich mich kümmern; ich betreibe keine Vetternwirtschaft. Wenn ihr bei mir sein wollt, dann kommt mit mir und helft mir, haltet mich nicht ab von dem, was meine Pflicht ist. Und zur Zeit Seines Leidens in Jerusalem sehen wir tatsächlich auch Seine Verwandtschaft dort. Er sagt damit auch zu jeder Christin: Auch du kannst meine Schwester und Mutter sein. Du kannst mich in deinem Leben zur Welt bringen und zu anderen tragen, du kannst mich um etwas bitten und ich werde dich erhören.

Maria ist die Tochter Gottes des Vaters, die Mutter Gottes des Sohnes, die Braut Gottes des Heiligen Geistes. Sie ist ganz mit Gott und deshalb auch mit uns. Sie lächelt und nickt uns zu und sagt: „Tapfer sein. Mein Sohn wird siegen und du, mein Adoptivkind, mit Ihm.“

Lasst uns froh und triumphalistisch sein!

Viele Christen sind vorsichtig dabei, zu selbstsicher oder „triumphalistisch“ aufzutreten; teilweise ist das auch sehr gut. Es ist gut, wenn man daran denkt, dass man vollkommen von Gottes Gnade abhängt, dass man einige Sünden begangen hat und es auch in Zukunft nicht sicher ist, ob man treu bleiben wird, dass man sich bemühen und an Gottes Gericht denken muss, usw. Aber man darf auch die andere Seite nicht vergessen. Daher ein paar Dinge zur Erinnerung:

Ja, wir hängen von Gottes Gnade ab, aber Er wird sie uns nicht entziehen; Er wird uns immer genug Gnade geben, und meistens viel mehr als genug. Und wir sind im Moment schon mal grundsätzlich auf der Seite Gottes; auch wenn wir etwas Falsches tun, bitten wir Ihn wieder um Seine Hilfe dabei, umzukehren. Selbst wenn wir Ihn wirklich durch eine schwere Sünde verraten, wissen wir zumindest: Er wartet auf uns. Und das Gewissen drängt uns zurück. Das ist nicht dasselbe, wie wenn man grundsätzlich auf Gottes Gebote scheißt. Der fromme Durchschnittskatholik begeht keine zehn Todsünden pro Woche, und in die Hölle kann man nur kommen durch eine unbereute Todsünde. Auch vor der Beichte wird durch Liebesreue (Reue aus Liebe zu Gott, den man beleidigt hat) und Vorsatz zur Beichte jede Sünde schon getilgt. (Auch wer Gewohnheitssünden hat, sich aber bemüht, sie zu bekämpfen, ist grundsätzlich auf Gottes Seite, und seine Schuldhaftigkeit ist vermindert.)

Ja, wir sind wirklich Gotteskinder, wir gehören zu seinem Heerlager. Gott ist mit uns. Jeder, der im Stand der Gnade ist, kann sagen: Gott ist auf meiner Seite, und alles andere kann mir nichts anhaben. Uns umgeben Heerscharen von Engeln; wovor sollten wir uns fürchten?

Kann man sich über den eigenen Gnadenstand täuschen? Freilich kann man das, einige selbstgerechte Menschen werden das auch tun. Aber wenn man sich immer wieder ehrlich prüft, anhand von objektiven Kriterien, z. B. mit Zuhilfenahme eines Beichtspiegels oder indem man Rat bei anderen sucht, die ehrlich zu einem sind, kann man dieses Risiko jedenfalls minimieren. Es hilft auch, zu beten: „Wer merkt die Sünden alle? Von meinen verborgenen Sünden reinige mich“ (Ps 19,13) Denn Gott erhört Gebete, und wird einem bewusst machen, was einem unbewusst war.

Gott ist auch auf unserer Seite gegenüber den Leuten, die uns Böses wollen; im Idealfall sollen die sich bekehren, und dafür beten wir auch, aber ob sie es tun oder nicht, Gott ist es nicht egal, was sie uns antun, und er wird sie zur Rechenschaft ziehen. Wir dürfen beten wie die Psalmisten, deren Worte in jeder heiligen Messe nach dem alten Ritus der Priester betet: „Schaff Recht mir, Gott, und führe meine Sache gegen ein unheiliges Volk; von frevelhaften, falschen Menschen rette mich.“ „Wie könnte ich dem Herrn all das vergelten, was Er an mir getan hat! Den Kelch des Heiles will ich nehmen und anrufen den Namen des Herrn. In frohem Jubel rufe ich zum Herrn und werde sicher sein vor meinen Feinden.“ Gott wird uns Recht verschaffen gegenüber Leuten, die uns hassen oder verhöhnen.

Man sollte nicht allzu sehr zagen vor dem Gericht nach dem Tod. Gott wird uns über alle noch so kleinen Sünden richten, aber dabei auch jede noch so kleine gute Tat anerkennen. Es gilt beides: „Ich sage euch aber: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tage des Gerichtes Rechenschaft geben müssen.“ (Mt 12,36) Und: „Und wer einem von diesen Kleinen nur einen Becher frischen Wassers zu trinken reicht wegen seines Jüngernamens, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren.“ (Mt 10,42) Lässliche Sünden werden schnell begangen, aber auch schnell getilgt durch gute Werke und Gebet; „die Liebe deckt eine Menge Sünden zu“ (1 Petr 4,8). Gott sieht jedes noch so kleine Opfer, auch wenn es jetzt erbärmlich und zaghaft wirken kann.

Der Hölle zu entgehen ist nicht allzu schwer; und selbst dem Fegefeuer kann man entgehen durch Sühne und insbesondere Ablässe (hier die aktuelle Ablassordnung; Vorbedingung für den vollkommenen Ablass sind normalerweise Beichte, Kommunion und Gebet in der Meinung des Hl. Vaters). Die Kirche ist z. B. sehr großzügig dabei, einen Ablass in der Todesstunde zu vergeben. Einen vollkommenen Ablass in der Todesstunde gibt es für:

„Empfang der Sterbesakramente von einem Priester, zusammen mit dem apostolischen Segen.

Wenn in der Sterbestunde kein Priester da sein kann, gewährt die Kirche jedem Gläubigen, der in seinem Leben regelmäßig gebetet hat, einen vollkommenen Ablaß. Die Kirche ersetzt dabei die sonst für einen solchen Ablaß erforderlichen drei Bedingungen. Dazu soll man sich, wenn möglich, einem Kreuz oder Kruzifix zuwenden.“

Für vollkommene Ablässe ist natürlich außerdem gefordert, dass man sich von jeder Sünde, auch jeder lässlichen Sünde, abwendet; aber diesen Willensakt zu erwecken wird für viele einigermaßen machbar sein. Es kommt auf den guten Willen an.

Wenn fromme Menschen mit dem Empfang der Sterbesakramente oder dem Gebet sterben, ist es jedenfalls gut möglich, dass sie direkt in den Himmel kommen, auch wenn man natürlich für sie beten soll, falls sie doch noch etwas im Fegefeuer abzubüßen haben. Und auch wenn sie ins Fegefeuer kommen: Das ist irgendwann vorbei, und dann wird man unendliches Glück in unendlicher Dauer erleben in der vollkommenen Vereinigung mit Gott.

Wir können uns unmöglich vorstellen, wie schön der Himmel sein wird. Da wird man vollkommen angenommen sein, umhegt sein, sicher sein, über Gottes Größe jubilieren, die Wahrheit erkennen. Man wird Gott sehen, wie Er ist, und das kann kein Mensch beschreiben. Man wird auch vereint sein mit all den Menschen, die man geliebt hat, und sehen, wer alles für einen gebetet und einem auf diese Weise geholfen hat, und auch sehen, was das eigene Gebet anderen geholfen hat. Man wird vereint sein mit den Menschen, die auf Erden nicht sichtbar ganz auf unserer Seite waren, aufgrund von Vorurteilen und Täuschungen, und wird zu ihnen sagen können: Na, siehst du, es ist doch so, lass uns jetzt gemeinsam Gott preisen, den wir beide doch lieben! Alle Missverständnisse und Streitigkeiten werden Vergangenheit sein.

Das Leid auf dieser Erde kann extrem schlimm sein. Aber Gott hat uns versprochen, dass der Himmel all das unendlich aufwiegen wird, und Gott neigt dazu, Seine Versprechen zu halten. Gerade weil es oft so extrem schlimm ist, kann man sich denken, wie groß das Glück im Himmel dann erst sein muss.

Die Modernisten hassen es, wenn andere Christen triumphalistisch auftreten. Sie sind sich selber eigentlich nicht sicher, was Gott jetzt macht und haben kein besonderes Vertrauen in Ihn, vor allem sind sie duckmäuserisch gegenüber einer Welt, die nicht will, dass Gott triumphiert. Aber wir dürfen das, denn wir wissen, dass Er existiert und verlässlich ist, und können daher fest alles glauben, was Er versprochen hat, und Er hat versprochen, uns all das zu geben, wenn wir uns nur nicht entschlossen von Ihm abwenden. Kopf hoch, Brust raus, gerade Haltung. Wir können darüber lächeln, wenn Atheisten keifen oder Muslime über die Schwäche der Christenheit spotten. Denn Gott siegt am Ende. Er hält sich jetzt noch zurück, prüft, wer zu Ihm hält, solange es wenig greifbare Vorteile bringt, aber dann wird Er sich zeigen, und jedem geben nach seinen Werken, denn Er liebt uns.

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde! denn es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben.“ (Lk 12,32)

Heidentum, Dämonen und Menschenopfer

Wenn man Säkularisten erklären will, vor was für einer Welt das Christentum uns gerettet hat, stößt man öfter auf die Schwierigkeit, dass sie es sich gar nicht richtig vorstellen können. Es hat unsere Kultur so lange geprägt, dass zu vieles zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist; und selbst auf heidnische Regionen wie Asien hatte es über die politische Macht und die kulturelle Dominanz Europas und Amerikas mittelbar einen gewissen Einfluss. Wenn man Leuten darlegt, dass z. B. die alten Kanaaniter/Phönizier Menschenopfer und Tempelprostitution pflegten, wird das leicht zu feindlicher Propaganda erklärt (zumindest solange, bis ein Haufen geopferter Kinderleichen in phönizischen Siedlungen im Mittelmeerraum ausgegraben wird).

Überbleibsel einer phönizischen Opferstätte, Karthago, heutiges Tunesien.

Aber die Sache ist ja die: Das Heidentum existiert immer noch. In geschwächter Form, aber es existiert, und die Leute wissen es nur oft nicht. Indien ist ein gutes Beispiel; dort schafften die englischen Kolonialherren zwar z. B. die Witwenverbrennung ab, aber vieles andere bestand ungehindert fort. (Die East India Company verhinderte übrigens bis Anfang des 19. Jahrhunderts aus geschäftlichen Interessen eine christliche Mission in Indien; andernfalls wäre es vielleicht inzwischen schon besser.)

Menschenopfer existieren heute noch. Sie passieren eben z. B. in Indien, und selbst wenn die Täter zur Rechenschaft gezogen werden, gibt es einflussreiche Hindu-Politiker, die alles zur Verleumdungskampagne erklären. Auch in Afrika kommen sie vor; Uganda hat deswegen erst Anfang 2021 ein eigenes Gesetz zu ihrer Verhinderung erlassen. Das sind nicht zentral geplante Veranstaltungen in großen Tempeln, sie folgen keinen geschriebenen Regeln; eher kommt es vor, dass ein Dorfbewohner, dem ein Heiler eingeredet hat, er sei verhext worden, heimlich ein Nachbarskind entführt und in seiner Hütte auf brutale Weise umbringt, um dadurch einen bösen Geist zu besänftigen oder von ihm Macht zu erlangen. Und doch kann das Ganze einen größeren Umfang annehmen; in Ibadan, Nigeria gab es 2014 Unruhen, als im Wald ein „Haus des Schreckens“ entdeckt wurde, voller Leichen, Leichenteile und halbtoter Gefangener (übrigens wurde es nicht von der Polizei entdeckt, sondern von Motorrad-Taxi-Fahrern, die auf eigene Faust nach einem entführten Kollegen suchten). In Indien gibt es auch trotz eines staatlichen Verbots noch Tempelprostituierte – Devadasi, „Göttersklavinnen“. Junge Mädchen werden mit einer Gottheit „verheiratet“ und vollziehen für diese Gottheit Tänze und Sex; das Geld, das sie mit der Prostitution verdienen, geht teilweise an den Tempel. Früher waren diese Frauen wohl noch mächtiger, heute stammen sie vor allem aus den untersten, armen Kasten; und die halbherzigen Bemühungen der Regierung dagegen helfen nicht viel.

Devadasis um 1920.

Wenn sie an indische/südostasiatische Religion denken, haben die meisten Deutschen wahrscheinlich ein Bild von orangegekleideten Mönchen im Kopf, die im Schneidersitz sitzen und „Om“ sagen. Das ist ein geringer Teil dieser Religionen.

Das Hauptsächliche am Heidentum ist doch seine Verworrenheit. Man hat vage Vorstellungen von einer Welt der Geister und „Götter“, die man besänftigen muss, die man fürchtet. Man hat keine abgegrenzten Lehren, es muss keinen Sinn ergeben; man nimmt alles mögliche auf, was irgendein Guru verkündet, egal, welcher Tradition der angehört. Diese Geister müssen nicht rational zu verstehen sein; vielleicht wollen sie gerade, dass man Irrationales, Böses tut, um ihnen seine Gefolgschaft zu beweisen. Vielleicht sind sie Totengeister, vielleicht verkörpern sie Naturkräfte, vielleicht sind sie böse Geister, die man gerade durch die perversesten Riten gefügig machen oder beeindrucken will, vielleicht sind sie mehr oder weniger gute Geister, die einen für Gastfreundschaft belohnen und für Betrug bestrafen. Banaler Aberglaube existiert neben Philosophen, die die alten Göttergeschichten für irgendwie bildlich gemeint erklären; irgendwo im Hintergrund wird vielleicht ein höchster Schöpfer erkannt, der die ganze Welt gemacht hat, aber im Vordergrund steht ein Schwarm von „Göttern“, die innerhalb der Welt leben und miteinander konkurrieren.

Die indische Göttin Yellamma, zu deren Ehren es Tempelprostituierte gibt.

Die Christen in der Antike, die mit der verworrenen Götterwelt im Mittelmeerraum zu tun hatten (wenn auch solche Dinge wie Menschenopfer dort nicht so häufig waren wie in anderen heidnischen Kulturen), erklärten diese Dinge nicht nur mit menschlicher Dummheit, sondern auch mit einem wirklichen übernatürlichen Einfluss; dem der Dämonen. Die Dämonen sind nach christlichem Verständnis gerade keine Götter, sondern Geschöpfe Gottes, Engel, also reine Geistwesen, die aber durch ihren Hochmut von Ihm abgefallen sind, und, von Gott getrennt, sich selbst zugrunde richteten. Diese Christen waren der Ansicht, dass zumindest manchmal, wenn jemand beanspruchte, eine Vision zu haben, oder von einer Gottheit besessen zu sein, oder die Stimme einer Gottheit zu hören, nicht nur Einbildung oder Lüge, sondern diese Dämonen dahinter steckten. Sie ließen sich gerne als angebliche Götter anbeten, wollten die Menschen vom wirklichen Gott abziehen, und sie nebenbei noch zu an sich schon bösen Riten verführen. Das lässt sich auch bestätigen durch den Psalmvers „Alle Götter der Heiden sind Dämonen“ (Ps 96,5). Wie sehr diese Götter vor allem im Alten Testament verurteilt werden, wird auch verständlich, wenn man sieht, dass einige Israeliten selbst sich verleiten ließen, zu glauben, man solle sich mit ihnen verbünden und ihre Gunst erlangen. „Ja, die Söhne Judas taten, was böse ist in meinen Augen – Spruch des HERRN. Sie haben in dem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, ihre Scheusale aufgestellt, um es zu entweihen. Auch haben sie die Kulthöhen des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und ihre Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist.“ (Jeremia 7,30f.)

Und wenn man so manche Vorgänge in heidnischen Ländern sieht, wirkt die Deutung mit den Dämonen schon ganz überzeugend.

Die einfache Wahrheit des Christentums ist: Es gibt nur einen Gott, Er hat alles in der Hand und Er ist vollkommen gut und will nicht, dass man Ihm seine Kinder schlachtet. Die Dämonen mögen ein wenig wüten, aber letztlich sind sie machtlos, wenn man sich Gott dem Herrn anvertraut. Und diese Wahrheit bedeutet eine große Befreiung.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 13: Dämonen und Satan

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Gen 3; Mt 4,1-11; Mk 1,12f.; Lk 4,1-13; Mt 25,41; Mt 8,28-34; Mt 9,32-34; Lk 13,16; Mk 1,23-27; Mk 3,11f.; Joh 8,44; 1 Petr 5,8; 1 Joh 3,8; Jud 1,9; Offb 20,10; Hiob 1-2; 2 Kor 11,3.14; Sach 3,1f.

Im letzten Teil ging es schon um die Engel, reine Geistwesen, wie die Menschen mit freiem Willen begabt. Laut der christlichen Lehre wurden sie nach ihrer Erschaffung (vor der Erschaffung der Menschen) von Gott einer Prüfung unterworfen, und ein Teil der Engel wandte sich von Gott ab; ihr Wesen verfinsterte sich und sie verfielen der Strafe. Ihre Sünde war der Hochmut, der Stolz. (Manche Theologen sagen, dass sich Offb 12,4 – Sein Schwanz [des Drachen] fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab“ – so interpretieren lässt, dass ein Drittel der Engel gefallen und zwei Drittel Gott treugeblieben seien.) Satan/Teufel ist der Oberste dieser bösen Engel, d. h. der Dämonen; als Engel hieß er noch Lucifer – Lichtträger -, da er ein mächtiger und hoher Engel war. Die Dämonen können auch Menschen bedrängen und in Einzelfällen sogar „besessen“ machen, also von ihrem Körper Besitz ergreifen; vor allem aber versuchen sie, die Menschen zum Bösen zu verführen, weil sie ihnen nicht das Glück der Gemeinschaft mit Gott gönnen, das sie selbst verworfen haben. Der Satan verführte die ersten Menschen, Adam und Eva, sodass sie die Ursünde begingen. Er klagt die Menschen vor Gott an, er will, dass sie auch seine Strafe teilen. Er ist „der Vater der Lüge“ und „ein Mörder von Anfang an“ (Joh 8,44). Die Dämonen sind zwar klug und mächtig, aber nicht allwissend und allmächtig; sie vermögen nur, was Gott zulässt und wussten z. B. nicht unbedingt im voraus, auf welche Weise Gott die Menschen erlösen würde. Gott lässt sie jetzt etwas wüten, aber nach dem Jüngsten Gericht wird Er ihnen auch diese Möglichkeit nehmen, und sie werden nur noch Strafe leiden. Der Teufel ist keine Gott ebenbürtige böse Macht, sondern nur ein abgefallenes Geschöpf. Die Dämonen können sich nicht mehr bekehren, da ihre Erkenntnis viel klarer war als die der Menschen und sie im vollen Bewusstsein Nein zu Gott gesagt und sich in dieser Abtrünnigkeit verhärtet haben.

Jetzt also dazu, welche Aussagen zu Satan und seinen Engeln sich bei den frühen Christen finden lassen.

Satan hat verschiedene Namen:

„Bei uns wird nämlich das Oberhaupt der bösen Dämonen Schlange, Satan und Verleumder genannt, wie ihr, wenn ihr nachforschen wollt, in unsern Schriften finden könnt. Daß dieser mit seiner Heerschar und den ihm anhangenden Menschen ins Feuer werde geworfen werden zu ewig dauernder Bestrafung, hat Christus vorhergesagt.“ (Justin, 1. Apologie 28)

„Oder es bezeichnete der Logos [das Wort Gottes, d. h. Jesus] als ‚Löwen, der wider ihn brüllt‘, den Teufel, der von Moses Schlange genannt wird, bei Job und Zacharias Teufel heißt und von Jesus Satanas angeredet worden ist, ein zusammengesetztes Wort, mit welchem der Teufel, wie Jesus zu erkennen gibt, wegen seines Verhaltens benannt wurde; denn Sata heißt in der Sprache der Juden und Syrer ein Abtrünniger, und das Wort Nas wird mit Schlange übersetzt, und aus diesen beiden Worten ist das eine Wort Satanas gebildet. Denn gleich nachdem Jesus aus dem Flusse Jordan gestiegen war und die Stimme zu ihm gesprochen hatte: ‚Mein Sohn bist du, heute habe ich dich erzeugt‘, trat, wie in den Denkwürdigkeiten der Apostel geschrieben ist, dieser Teufel zu ihm, versuchte ihn und sprach schließlich zu ihm: ‚Bete mich an!‘ worauf Christus ihm antwortete: ‚Weiche von mir, Satanas! Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten und ihm allein dienen!‘. Wie er nämlich Adam betrogen hatte, so meinte er auch mit Jesus verfahren zu können.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 103,5f.)

„Der Teufel heißt auch der Drache, weil er Gott wie ein flüchtiger Sklave entflohen ist [dia to apodedrakenai](διὰ τὸ ἀποδεδρακέναι); denn er war anfänglich ein Engel.“ (Theophilus, An Autolykus II,28)

Auch „Fürst dieser Welt“ (vgl. Joh 12,31; Joh 14,30; Joh 16,11) wird er genannt:

„Denn falls wir in ihm [Jesus] allen Übermut des Fürsten dieser Welt ertragen und meiden, werden wir Gottes teilhaftig werden.“ (Brief des  Ignatius an die Magnesier 1,2)

Über die abtrünnigen Engel vs. die abtrünnigen Menschen schreibt Irenäus von Lyon:

„Seitdem nämlich er das Geschöpf Gottes benedeite, seitdem ist sein Engel abtrünnig geworden und sein Feind, und schickte sich an, auch dieses Gott zum Feinde zu machen. Deswegen hat auch Gott den, der heimlich aus eigenem Antrieb Unkraut säte, d. h. zur Übertretung verleitete, von seinem Umgang ausgeschlossen, über den Menschen aber, der ohne Überlegung, aber doch in Bosheit sein Gebot übertrat, sich erbarmt, und die Feindschaft, die jener gestiftet hatte, gegen den Urheber der Feindschaft selbst gekehrt, indem er seine Feindschaft gegen den Menschen aufgab und sie lediglich auf die Schlange zurückwarf. Deshalb sprach der Herr, wie die Schrift sagt, zu der Schlange: ‚Und Feindschaft werde ich setzen zwischen dir und der Schlange und zwischen deinem Samen und dem Samen des Weibes. Er wird deinen Kopf zertreten, und du wirst beobachten seine Ferse.‘ Und diese Feindschaft rekapitulierte der Herr in sich selbst, der von dem Weibe Mensch geworden war, und zertrat ihren Kopf, wie wir in dem vorigen Buche gezeigt haben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,40,3)

Der Teufel ist nur ein Geschöpf, die Dämonen nicht von ihm geschaffen:

„Wenn er einige Engel des Teufels nannte, denen das ewige Feuer bereitet ist, und von dem Unkraut wiederum sagt: ‚Das Unkraut sind die Söhne des Bösen‘, dann muß man bemerken, daß er alle Abtrünnigen dem zuschreibt, welcher der Urheber der Übertretung ist. Aber keineswegs hat jener aus eigener Kraft Engel oder Menschen gemacht. Denn offenbar konnte der Teufel gar nichts machen, da er ja wie die übrigen Engel selbst ein Geschöpf Gottes ist. Denn alles hat Gott gemacht, wie auch David sagt: ‚Er sprach, und es ist geworden; er befahl, und es ist erschaffen.‘

Obgleich Gott alles gemacht hat und der Teufel für sich und die anderen nur die Ursache des Abfalls geworden ist, so nennt die Schrift mit Recht diejenigen, welche im Abfall verharren, immer Söhne des Teufels und Engel des Bösen. Sohn nämlich kann, wie einer vor uns gesagt hat, in zweifachem Sinne verständen werden: Der eine gilt als Sohn der Natur nach, weil er als solcher geboren wurde, der andere insofern, als er dazu gemacht wurde, wiewohl zwischen beiden ein Unterschied ist, da ja der eine sein leiblicher Sohn ist, der andere aber nur dazu gemacht wurde, sei es durch die Erschaffung oder durch Lehrunterricht. Wer nämlich von jemand unterrichtet ist durch das Wort, der wird Sohn des Lehrers und jener sein Vater genannt. Infolge der natürlichen Erschaffung aber sind wir alle gleichsam Söhne Gottes, weil wir alle von Gott gemacht sind. In anbetracht ihres Gehorsams aber und ihrer Anschauungen sind nicht alle Söhne Gottes, sondern nur die, welche ihm glauben und seinen Willen tun. Die aber ihm nicht glauben und seinen Willen nicht tun, sind Engel und Söhne des Teufels, Da nun dem so ist, spricht er bei Isaias: ‚Söhne habe ich erzeugt und erhöht, sie aber haben mich verachtet.‘ Und ein andermal nennt er diese fremde Söhne: ‚Fremde Söhne haben mir gelogen.‘ Der Natur nach sind sie seine Söhne, weil er sie gemacht hat, aber nach ihren Werken sind sie nicht seine Söhne.

Wie nämlich bei den Menschen ungehorsame Söhne, von den Vätern verstoßen, der Natur nach zwar ihre Söhne sind, aber nicht mehr dem Gesetz nach, weil sie ihre natürlichen Eltern nicht mehr beerben, geradeso werden bei Gott die, welche ihm nicht gehorchen, vom ihm verstoßen und hören auf, seine Söhne zu sein. Daher können sie auch von ihm kein Erbe empfangen, wie David sagt: ‚Entfremdet sind die Sünder seit dem Mutterleibe, der Zorn ist über ihnen nach dem Bilde der Schlange.‘ Deshalb nannte der Herr gewisse Menschen Natterngezücht, weil sie wie jene Tiere in Arglist wandeln und die anderen verletzen. […] Und als Isaias in Judäa predigte und mit Israel rechtete, nannte er sie Fürsten von Sodoma und Volk von Gomorrha, gebrauchte ähnliche Ausdrücke, weil ihr Abfall und ihre Sünden sie den Sodomitern ähnlich machten. Und weil sie nicht Gott von Natur so gemacht hatte, sondern weil sie auch gerecht hätten handeln können, gibt er ihnen den guten Rat: ‚Waschet euch und seid rein, schaffet weg die Bosheiten eurer Seelen aus meinen Augen, stehet ab von euren Ungerechtigkeiten!‘ Wenn sie ebenso wie die Sodomiter frevelten und sündigten, erhielten sie denselben Tadel wie jene; wollten sie sich aber bekehren und Buße tun und von ihrer Bosheit abstehen, dann konnten sie auch Söhne Gottes sein und die Erbschaft der Unvergänglichkeit erlangen, welche er gewährt. Insofern sie aber dem Teufel glauben und seine Werke tun, nennt er sie Engel des Teufels und Söhne des Bösen, obgleich von Anfang alle von ein und demselben Gott gemacht wurden. Wenn sie also glauben und im Gehorsam gegen Gott verharren und seine Lehre bewahren, dann sind sie Söhne Gottes, wenn sie aber von ihm abfallen und gegen ihn sündigen, dann gehören sie zu dem Teufel als Herrn, der zuerst für sich und dann für die anderen der Urheber des Abfalls geworden ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,41,1-3)


(Die Versuchung Christi, Juan de Flandes.)

Die Eucharistie und die Gemeinschaft der Kirche hält Satan fern, schreibt Ignatius von Antiochia:

„Befleißiget euch daher, dass ihr häufiger zusammenkommt zur (Feier der) Eucharistie Gottes und zum Lobe. Denn wenn ihr euch oft versammelt, wird die Macht Satans gebrochen, und sein verderblicher Einfluss wird in der Eintracht eures Glaubens aufgehoben.“ (Brief des  Ignatius an die Epheser 13,1)

Christen brauchen den Teufel eigentlich nicht zu fürchten, heißt es im Hirten des Hermas:

„Den Teufel sollst du nicht fürchten; denn in der Furcht des Herrn wirst du den Teufel überwinden, weil er keine Macht besitzt. Wer aber keine Macht hat, den braucht man auch nicht zu fürchten; wessen Macht aber anerkannt ist, vor dem hat man auch Furcht. Jeder, der Macht hat, flößt auch Furcht ein; nur wer machtlos ist, wird allgemein übersehen. Furcht haben sollst du vor des Teufels Werken, weil sie böse sind. Wenn du nun den Herrn fürchtest, fürchtest du auch die Werke des Teufels und tust sie nicht, sondern hältst dich fern von ihnen. Demnach gibt es also eine zweifache Furcht: fürchte den Herrn, wenn du etwas Böses tun willst, dann wirst du es nicht tun; wenn du aber etwas Gutes tun willst, so fürchte den Herrn, und du wirst es tun. So ist die Furcht des Herrn stark, mächtig und rühmlich. Fürchte also den Herrn, und du wirst ihm leben; und alle, die ihn fürchten und seine Gebote halten, werden in Gott leben.“ (Hirte des Hermas II,7,2-4)

„Nehmet also ihr, die ihr leer seid und geringen Glaubens, den Herrn in euer Herz auf, und ihr werdet erkennen, dass nichts leichter, nichts süßer und milder ist als diese Gebote. Bekehret euch daher, die ihr in den Geboten des Teufels wandelt, von diesen schweren, bitteren, wilden und wüsten Geboten und fürchtet den Teufel nicht, weil er keine Gewalt wider euch besitzt. Denn ich, der Engel der Buße, werde mit euch sein, und ich habe Gewalt über ihn. Der Teufel flößt nur Furcht ein, aber diese Furcht ist ohne Belang; fürchtet ihn also nicht, und er wird von euch weichen. Ich sprach zu ihm: ‚Höre, o Herr, ein paar Worte von mir an.‘ ‚Sprich, was du willst.‘ ‚Der Mensch‘, begann ich, ‚o Herr, hat zwar den guten Willen, die Gebote Gottes zu halten, und es gibt niemand, der nicht den Herrn um die Gnade anflehen würde, in den Geboten gefestigt zu werden und ihnen untertan zu sein; aber der Teufel gibt nicht nach und wird Herr über die Menschen.‘ ‚Aber‘, versetzte er, ‚er kann nicht Herr werden über die Diener Gottes, die von ganzem Herzen auf ihn hoffen. Der Teufel kann zwar ringen (wider den Menschen), aber niederringen kann er ihn nicht. Wenn ihr ihm also widerstehet, wird er besiegt voll Schmach von euch abziehen. Allerdings die leeren Menschen fürchten den Teufel, wie wenn er Macht hätte.'“ (Hirte des Hermas II,12,4,6-II,12,5,2)

Der Teufel und die Dämonen sorgen auch für falsche Beschuldigungen gegen die Christen, schreibt Justin der Märtyrer, sodass diese von anderen Menschen verfolgt werden:

„Und wir meinen, daß es im Interesse aller Menschen liegt, daß sie von der Erkenntnis dieser Dinge nicht abgehalten, vielmehr zu ihr hingeführt werden. Denn was die menschlichen Gesetze nicht zuwege bringen konnten, das hätte der Logos, da er göttlich ist, bewirkt, wenn nicht die bösen Dämonen viele Lügen und gottlose Beschuldigungen verbreitet hätten, indem sie sich verbündeten mit der jedem Menschen innewohnenden, zu allem Bösen neigenden und ihrer Natur nach vielgestaltigen Lust, Beschuldigungen, von denen uns doch keine trifft.“ (Justin, 1. Apologie 10)

Lucifer
(Lucifer, Illustration zu Dantes Inferno von Alessandro Vellutello.)

Über Besessenheit schreibt Justin:

„Denn, wie wir schon gesagt haben, er ist Mensch geworden, nach dem Willen Gottes des Vaters zur Welt gekommen für die gläubigen Menschen und zum Sturze der Dämonen, wie ihr noch jetzt aus dem ersehen könnt, was vor euren Augen geschieht. Haben doch viele von den Unsrigen, nämlich von den Christen, eine ganze Menge von Besessenen in der ganzen Welt und auch in eurer Hauptstadt, die von allen anderen Beschwörern, Zauberern und Kräutermischern nicht geheilt worden waren, durch Beschwörung im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, geheilt und heilen sie noch, indem sie die Dämonen, welche die Menschen festhalten, außer Kraft setzen und vertreiben.“ (Justin, 2. Apologie 5)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon sagt Justin:

„‚Denn gerade im Namen dieses Sohnes Gottes und Erstgeborenen aller Schöpfung, des durch eine Jungfrau geborenen Menschen, der leiden mußte, unter Pontius Pilatus von eurem Volke gekreuzigt wurde, starb, von den Toten auferstand und in den Himmel auffuhr, wird jeglicher Dämon beschworen, besiegt und unterworfen. Keiner der Dämonen wird sich aber unterwerfen, wenn ihr sie in irgendeinem Namen eurer Könige, Gerechten, Propheten oder Patriarchen beschwört. Sollte jedoch einer von euch im Namen des Gottes Abrahams, des Gottes Isaaks und des Gottes Jakobs sie beschwören, dann werden sie sich wohl unterwerfen. Der gleichen Mittel wie die Heiden‘, fügte ich bei, ‚des Weihrauchs, der Binden bedienen sich nunmehr eure Exorzisten bei den Beschwörungen.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 85,2f.)

„Jedermann weiß es, daß wir, seine Gläubigen, ihn auch bitten, er möge uns vor den ‚Fremdlingen‘, das ist vor den schlechten und falschen Geistern, bewahren, wie es das Prophetenwort bildlich im Namen eines Gläubigen sagt. Um Befreiung von den Dämonen, welche die ‚Fremdlinge‘ der göttlichen Religion sind, und welche wir ehedem anbeteten, flehen wir nämlich immer zu Gott durch Jesus Christus, um uns durch diesen zu Gott zu bekehren und unbescholten zu sein. Wir nennen jenen ja Helfer und Erlöser. Auch erbeben die Dämonen vor seinem gewaltigen Namen, und sie unterwerfen sich heutigentags ihm, beschworen im Namen Jesu Christi, der gekreuzigt wurde unter Pontius Pilatus, dem Prokurator von Judäa. Aus der Geschichte der Gegenwart ist es nun allen klar, daß sein Vater ihm so große Gewalt gegeben hat, daß selbst die Dämonen seinem Namen und der Heilswirkung seines Leidens sich unterwerfen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 30,2f.)

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(Satan verschlingt die Verdammten in der Hölle, Illustration zu Dantes Inferno von Henry John Stock.)

Gemäß dem Psalmenwort „Alle Götter der Heiden sind Dämonen“ (Ps 96,5) waren die frühen Christen überzeugt, dass die Dämonen sich gegenüber den Menschen als Götter ausgegeben hatten; sie wären es, durch die Wahrsager sprachen, die Träume und Erscheinungen schickten, und denen die Heiden Tier- und manchmal Menschenopfer darbrachten. Justin schreibt:

„Wie ist das nun? Inbezug auf uns, die wir geloben, kein Unrecht zu begehen und solche gottesleugnerischen Ansichten nicht zu hegen, stellt ihr keine genauen Untersuchungen an, sondern strafet uns in unvernünftiger Leidenschaft und vom Stachel böser Dämonen getrieben ohne Überlegung und unbekümmert. Denn es soll die Wahrheit gesagt werden: Vor alters hatten böse Dämonen, die Gestalten angenommen hatten, Weiber entehrt, Knaben geschändet und den Menschen Schreckbilder vorgezeigt, so daß die, welche die Vorgänge nicht mit Einsicht unterschieden, verwirrt wurden; von Furcht berückt und verkennend, daß es böse Dämonen waren, nannten sie jene Götter und legten den einzelnen den Namen bei, den ein jeder der Dämonen sich selbst gab. Als aber Sokrates mit wahrer Vernunft und nach genauer Prüfung diese Dinge ans Licht zu bringen und die Menschen von den Dämonen abzuziehen versuchte, haben die Dämonen es durch Menschen, die an der Schlechtigkeit ihre Freude hatten, dahin gebracht, daß er als Gottesleugner und Religionsfrevler hingerichtet wurde, indem sie vorgaben, er führe neue Götter ein und in gleicher Weise setzen sie gegen uns ganz dasselbe ins Werk. Denn nicht allein bei den Griechen wurden durch Sokrates vom Logos [Wort, Vernunft, Geist] diese Dinge ans Licht gebracht, sondern auch bei den Barbaren von demselben Logos, als er Gestalt angenommen hatte, Mensch geworden war und Jesus Christus hieß. Diesem folgend erklären wir, daß die Geister, die solches getan haben, nicht nur keine richtigen Gottheiten, sondern böse und ruchlose Dämonen sind, die nicht einmal dieselben Handlungen aufweisen können, wie die nach Tugend strebenden Menschen.“ (Justin, 1. Apologie 5)

„Denn wir sagen es euch im voraus: Hütet euch, daß nicht die oben von uns angeschuldigten Dämonen euch berücken und euch von allem Lesen und Verstehen unserer Werke abziehen; denn sie bemühen sich, euch zu Sklaven und Untergebenen zu haben und bald durch Traumgesichte, bald hinwiederum durch Zauberränke machen sie sich alle untertänig, die in keiner Weise auf ihr Seelenheil bedacht sind; wie auch wir, nachdem wir dem Logos gefolgt sind, von jenen uns losgesagt haben und Gott allein, dem Ungezeugten, durch seinen Sohn anhangen.“ (Justin, 1. Apologie 14)

Die Dämonen inspirieren auch Sektengründer:

„Auch den Markion aus Pontus schoben, wie wir früher sagten, die bösen Dämonen vor, der auch jetzt noch Gott, den Schöpfer aller himmlischen und irdischen Dinge, und seinen Sohn, den von den Propheten vorherverkündeten Christus, zu leugnen lehrt, und einen andern Gott neben dem Schöpfer des Alls und ebenso einen andern Sohn verkündet. Ihm haben viele Glauben geschenkt, als ob er im Alleinbesitz der Wahrheit sei, und spotten unser, obschon sie keinen Beweis haben für das, was sie sagen, sondern gedankenlos wie vom Wolf geraubte Schafe eine Beute der gottlosen Lehren und Dämonen werden. Denn auf nichts anderes arbeiten die genannten Dämonen hin, als die Menschen von dem Schöpfergott und seinem Erstgeborenen, nämlich Christus, abzuziehen, und die, welche sich über die Erde nicht erheben können, die ketteten sie und ketten sie jetzt noch an die irdischen Dinge und an die Werke von Menschenhand; die sich aber zur Betrachtung göttlicher Dinge emporschwingen, die drängen sie, wenn sie sich nicht ein gesundes Urteil und ein reines, von Leidenschaften freies Leben bewahren, unversehens vom rechten Wege ab und stürzen sie in Gottlosigkeit.“ (Justin, 1. Apologie 58)

In einem Bericht über einige Märtyrer sagt einer von ihnen gegenüber einem Prokonsul folgendes:

„Der Prokonsul aber sprach. zornig: Opfert den Göttern und seid vernünftig! Karpus entgegnete lächelnd: Götter, die den Himmel und die Erde nicht geschaffen haben, mögen zugrunde gehen! Der Prokonsul sprach: Du mußt opfern; denn der Kaiser hat es befohlen. Karpus antwortete: Die Lebenden opfern nicht den Toten. Der Prokonsul sprach: Die Götter hältst du für tot? Karpus entgegnete: Willst du hören? Sie haben nicht einmal als Menschen gelebt, um zu sterben. Willst du sehen, daß das wahr ist? Entzieh ihnen deine Ehre, die du ihnen zu erweisen scheinst, und du wirst erkennen, daß sie nichts sind; Erdstoff sind sie und gehen mit der Zeit unter. Unser Gott nämlich, der zeitlos ist und die Zeit geschaffen hat, bleibt selbst immer unvergänglich und ewig; er ist immer derselbe und erleidet keinen Zugang noch Abgang; jene aber werden von Menschen gemacht und, wie ich sagte, von der Zeit vernichtet. Daß sie aber Orakel geben und täuschen, möge dich nicht wundern; denn der Teufel macht von Anbeginn an, nachdem er aus seiner erhabenen Stellung gefallen ist, vermöge der ihm eigenen Bosheit die Liebe Gottes gegen die Menschen zuschanden, arbeitet den Heiligen, die ihm zusetzen, entgegen, erregt Feindschaften und gibt von diesen im voraus seinen Anhängern Kunde. In gleicher Weise erschließt er auch aus dem, was uns täglich zustößt, da er der Zeit nach älter ist, die Zukunft und sagt das Schlimme voraus, das er selbst zu tun beabsichtigt. Denn infolge der Verfluchung Gottes sinnt er auf Ungerechtigkeit und mit Zulassung Gottes versucht er den Menschen, den er von der Frömmigkeit abzubringen sucht. Glaube mir also, Konsular, daß ihr in nicht geringem Wahne seid.“ (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 2)

Die Götterbilder sind also nur vergängliche Materie, und hinter ihnen stehen irgendwo die Dämonen, die den Menschen manchmal die Zukunft voraussagen, die sie besser abschätzen können als Menschen, um sie sich dienstbar zu machen; daher sind heidnische Orakel nicht immer falsch.

Tatian (der manchmal etwas eigensinnige Ideen hatte) schrieb den Dämonen eine gewisse Materialität („wie Rauch und Nebel“) zu; er betont auch, dass sie keine Totengeister sind, sondern eine andere Art von Wesen:

„Gleich den Menschen haben also auch die Dämonen, wie ihr sie nennt, eine materielle Konstitution mit einem materiellen Geist erhalten und sind sündhaft und üppig geworden, da sich nur einige von ihnen der Reinheit zuwandten, die anderen aber den Schmutz der Materie wählten und demgemäß ihren Wandel einrichteten. Diese betet ihr an, ihr Bekenner des Griechentums, obgleich sie aus irdischem Stoffe geworden sind und weitab von der rechten Ordnung befunden wurden. Denn da sie sich in ihrer Torheit ruhmsüchtiger Eitelkeit hingegeben und alle Zügel abgeworfen hatten, erfrechten sie sich sogar, Gottesräuber zu werden. Der Herr des Alls aber läßt sie ihren Übermut treiben, bis die Welt ein Ende nimmt und aufgelöst wird und der Richter erscheint und alle Menschen, die während des Aufruhrs der Dämonen nach der  Erkenntnis des vollkommenen Gottes gestrebt haben, am Tage des Gerichtes ein um so makelloseres Zeugnis um ihrer Kämpfe willen empfangen werden. […]

Etwas Ähnliches seid auch ihr Bekenner des Griechentums: in Worten großmäulig, aber im Erkennen schwachsinnig, habt ihr sogar die Vielherrschaft statt der Alleinherrschaft ins Werk gesetzt, um den vermeintlich mächtigen Dämonen zu folgen. Aber wie die Räuber in ihrer Unmenschlichkeit ihresgleichen frech zu überwältigen pflegen, so haben auch die Dämonen euere vereinsamten Seelen in den Pfuhl der Bosheit geführt und mit Lügen und Gaukeleien getäuscht. Da sie nicht leicht den (physischen Tod) sterben, zumal sie ohne Fleisch sind, so können sie zwar fortlebend Werke des (Sünden-) Todes verrichten, sterben aber trotzdem (obwohl sie fortleben) gerade so oft (den Sündentod), als sie ihre Anhänger im Sündigen unterrichten; was sie also derzeit vor den Menschen voraushaben: nicht wie die Menschen (den physischen Tod) sterben zu müssen, das (der ewige Tod der Verdammten) wird sie einst treffen, wenn sie gerichtet werden, indem sie dann keinen Anteil haben werden am ewigen Leben, das sie etwa (wie die Gerechten) statt ewigen Todes gewinnen könnten. Wie vielmehr wir, denen jetzo das Sterben leicht fällt, nachher entweder die ewige Glückseligkeit oder die ewige Verdammnis erlangen werden, so werden auch die Dämonen, die das jetzige Leben immerdar zu Freveln mißbrauchen und so schon während ihres Lebens sterben, dereinst derselben ewigen Verdammnis (wie die Ungerechten) anheim fallen gemäß ihrer Beschaffenheit, die fürwahr keine andere ist als bei jenen Menschen, die aus freien Stücken vollbrachten, was ihnen die Dämonen zu ihren Lebzeiten vorgeschrieben haben, ganz zu schweigen davon, daß sich natürlich bei den Menschen, die ihnen folgen, weniger Arten von Sünden entwickeln, da ihr Leben nur kurz ist, jene Dämonen aber die Frevel häufen, weil ihr Leben unbegrenzte Dauer hat. […]

Die Dämonen dagegen sind alle ohne Fleisch und haben einen geistigen Organismus wie von Rauch und Nebel. Nur die vom Geiste Gottes Beschützten vermögen daher die Gestalten der Dämonen zu sehen; die übrigen Menschen, ich meine diejenigen, in denen nur die Seele ohne den Geist wohnt, vermögen es nicht, weil das Niedrigere nicht das Höhere zu erfassen vermag. Das freilich ist auch der Grund, warum das Wesen der Dämonen keine Möglichkeit der Buße besitzt; denn sie sind bloß Spiegelbilder der Materie und der Bosheit. Die Materie aber wollte die Seele knechten und so haben die Dämonen, da sie willensfrei sind, den Menschen Gesetze des Todes geben können. […]

Aber (wohl gemerkt): die Dämonen, die mit den Menschen schalten, sind nicht die Seelen der abgeschiedenen Menschen. Denn wie sollten sie just nach dem Tode tatkräftig werden, außer man nähme an, daß der Mensch ohne Verstand und ohne Kraft ins Leben trete und erst durch den Tod eine gewisse Kraftfülle empfange. Doch das stimmt nicht, wie ich anderswo bewiesen habe, und es wäre auch schwer zu begreifen, daß die ‚unsterbliche‘ Seele von den Gliedern des (sterblichen) Leibes gehemmt sein und erst dann, wann sie sich von ihm trenne, vernünftiger werden so. Die Dämonen – nicht die Seelen der Abgeschiedenen – sind es, die in ihrer Bosheit gegen die Menschen wüten und durch mancherlei verlogene Kniffe ihre Gedanken, die ohnedies am Weltlichen haften, ablenken, damit sie sich nicht mehr zur himmlischen Wanderung erheben können. Doch sind einerseits uns Barbaren die irdischen Dinge nicht verborgen, andererseits werdet auch ihr das Göttliche leicht erfassen können, wenn die Kraft, welche die Seelen unsterblich zu machen vermag, zu euch kommt. Aber auch von denjenigen, die dieser Kraft entbehren, werden zuweilen die Dämonen gesehen, wann sie sich nämlich selbst den Menschen zeigen, um als etwas zu gelten oder als schlecht gesinnte Freunde den Menschen wie Feinden etwas Übels anzutun oder um ihresgleichen Gelegenheit zu ihrer Anbetung zu geben. Denn wär’s ihnen möglich gewesen, so hätten sie allerdings sogar den Himmel samt der übrigen Schöpfung zerstört: jetzt haben sie das völlig aufgegeben, denn sie vermögen es nicht, aber mittels der niederen Materie kämpfen sie wider die ihnen ähnliche Materie. Will sie daher einer besiegen, so muß er die Materie abtun; denn mit dem Panzer des himmlischen Geistes gewappnet wird er alles, was von diesem Panzer umschossen wird, zu retten imstande sein.

In der Materie an uns gibt es Krankheiten und Kämpfe. Treten sie ein, so schreiben die  Dämonen sich die Ursachen davon zu, obwohl sie erst hinzukommen, wenn die Krankheit schon um sich gegriffen hat. Bisweilen freilich erschüttern sie auch selber durch einen Ansturm ihrer Verworfenheit den Zustand unseres Leibes; aber durch ein Machtwort Gottes getroffen, weichen sie erschreckt von hinnen und der Kranke wird geheilt. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 12,7-9 u. 14 u. 15,8-11 u. 16)

Bei der Auslegung der Versuchung Jesu schreibt Irenäus von Lyon folgendes; er betont, dass der Teufel immerzu ein Lügner ist und seine Versuchungen nicht stimmen:

„Der abtrünnige Engel Gottes aber wird durch seinen Wortlaut entlarvt und vom Menschensohne besiegt, indem dieser das Gebot Gottes beobachtet. Denn da er im Anfang den Menschen überredete, das Gebot des Schöpfers zu übertreten, so hatte er ihn in seiner Gewalt. Seine Gewalt aber ist die Übertretung und der Abfall; und hiermit band er den Menschen. Darum mußte er umgekehrt gerade durch den Menschen besiegt und mit denselben Binden gefesselt werden, durch die er den Menschen gefesselt hatte, damit der Mensch, losgelöst, zu seinem Herrn zurückkehre und dem, durch den er gebunden war, die Fesseln überlasse, d. h. die Übertretung. Seine Fesselung nämlich ist die Befreiung des Menschen geworden, denn niemand kann in das Haus des Starken eingehen und seine Gefäße plündern, wenn er nicht zuerst den Starken selbst gebunden hat. So überführte ihn der Herr als Feind dessen, der alles gemacht hat und unterwarf ihn durch das Gebot— denn das Gebot Gottes ist das Gesetz —. Sein Mensch entlarvte ihn als Deserteur, Übertreter des Gesetzes und Empörer gegen Gott, und alsdann hat das Wort ihn für immer als Deserteur gebunden und seine Gefäße an sich gebracht, d. h. die Menschen, die von ihm in angemaßter Herrschaft niedergehalten wurden. Und rechtmäßigerweise ist der gefangen genommen, der den Menschen zu Unrecht gefangen hatte. Der vorher in die Gefangenschaft geratene Mensch aber ist gemäß der Barmherzigkeit Gottes des Vaters der Gewalt seines Besitzers entrissen. Er erbarmte sich seines Geschöpfes und gab ihm aufs neue das Heil durch das Wort, d. h. durch Christus, damit aus der Erfahrung der Mensch lerne, daß er nicht von sich selbst, sondern aus Gottes Gnade die Unverweslichkeit empfängt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,21,3)

„Nicht von dem Reichtum oder dem Ruhm der Welt oder einer augenblicklichen Vorstellung sollen wir uns fangen lassen, sondern wissen, daß nur nötig ist, Gott den Herrn anzubeten und ihm allein zu dienen, aber dem nicht zu glauben, der fälschlich das versprach, was er nicht besaß, indem er sagte: ‚Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.‘ Gesteht er selbst doch, daß ihn anbeten und seinen Willen tun, den Abfall von der Herrlichkeit Gottes bedeutet. Welches Schöne oder Gute aber kann dem Gefallenen zuteil werden? Oder was kann ein solcher anders hoffen und erwarten als den Tod? Denn dem Gefallenen ist der Tod ganz nahe. Also wird er ihm auch das Versprochene nicht geben; denn wie kann er es ihm geben, wenn er gefallen ist? Ferner herrscht über die Menschen wie über ihn Gott, und ‚ohne den Willen unseres Vaters, der im Himmel ist, fällt nicht einmal ein Sperling auf die Erde‘. Das Wort also: ‚Dies alles ist mir übergeben, und wem ich will, gebe ich es‘, beweist nur seinen Hochmut. Die Schöpfung steht nicht unter seiner Gewalt, ist er doch selbst nur eins von den Geschöpfen. Ebensowenig wird er die Herrschaft über die Menschen den Menschen verleihen, sondern alles und auch das, was den Menschen betrifft, wird nach dem Willen Gottes des Vaters angeordnet. Der Herr sagt aber, daß der Teufel ein Lügner von Anbeginn ist und in der Wahrheit nicht bestanden ist. Wenn er aber ein Lügner ist und in der Wahrheit nicht besteht, dann ist auch unwahr sein Wort: ‚Dies alles ist mir übergeben und wem ich will, gebe ich es‘, und er ist ein Lügner.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,22,2)

Auch wenn Satan manchmal Fürst der (gefallenen) Welt genannt wird, weil er diese Welt sehr beeinflusst, kann er also im Endeffekt nichts tun und keine Macht verleihen, wenn Gott es nicht zulässt. Weiter schreibt Irenäus über die Lügen des Teufels beim Sündenfall:

„Hatte er sich doch schon bei der Verführung des Menschen daran gewöhnt, gegen Gott zu lügen. Im Anfang hatte ja Gott dem Menschen viele Speise gegeben und ihm nur verboten, von einem Baume zu essen, wie nach der Schrift Gott zu Adam sprach: ‚Von jedem Baum im Paradiese sollst du Speise essen, von dem Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen aber, von ihm sollt ihr nicht essen; an welchem Tage ihr esset von ihm, werdet ihr des Todes sterben.‘ Da log jener gegen den Herrn, um den Menschen zu versuchen, und die Schlange sprach nach der Schrift zu dem Weibe: ‚Was hat doch Gott euch gesagt? Nicht sollt ihr essen von jedem Baume des Paradieses?‘ Da wies jene die Lüge zurück und gab einfach das Gebot wieder, indem sie sprach: ‚Von jedem Baume des Paradieses werden wir essen, von der Frucht des Baumes aber, der in der Mitte des Paradieses ist, hat Gott gesagt, von der sollt ihr nicht essen, noch sie anrühren, damit ihr nicht sterbet.‘ Als er nun von dem Weibe das Gebot Gottes vernommen hatte, da nahm er zur List seine Zuflucht und täuschte sie abermals, indem er sprach: ‚Nicht werdet ihr des Todes sterben. Es wußte Gott nämlich, daß, an welchem Tage ihr davon essen werdet, eure Augen sich öffnen werden und ihr sein werdet wie die Götter, indem ihr das Gute und Böse wisset.‘ Erstlich also sprach er in Gottes Paradiese von Gott, als ob er nicht zugegen wäre, denn er kannte ja nicht die Größe Gottes. Und zweitens: Als er von Eva gehört hatte, daß Gott gesagt hatte, daß sie sterben würden, wenn sie von dem genannten Baume gekostet hätten, sprach er die dritte Lüge, indem er sagte: ‚Ihr werdet nicht des Todes sterben.‘ Daß aber Gott wahr ist und die Schlange ein Lügner, zeigte die Wirkung, indem der Tod denen folgte, die gegessen hatten. Denn zugleich mit der Speise zogen sie sich auch den Tod zu, da sie im Ungehorsam aßen. Ungehorsam nämlich gegen Gott bringt den Tod. Deshalb stehen sie seitdem unter dem Tode und wurden seine Schuldner.

Gerade an dem Tage also, an welchem sie aßen, sind sie gestorben und Schuldner des Todes geworden, da es derselbe Schöpfungstag war. ‚Denn‘, heißt es, ‚es wurde Abend, und es wurde Morgen, ein Tag.‘ An diesem Tage aßen sie, und an ebendiesem sind sie auch gestorben. Will aber jemand genau wissen, an welchem von den sieben Wochentagen nach dem Kreislauf der Tage Adam gestorben ist, so ergibt sich das aus dem Heilsplan des Herrn. Indem er nämlich den ganzen Menschen von Anfang bis zu Ende in sich rekapitulierte, rekapitulierte er auch seinen Tod. Offenbar also nahm er an jenem Tage in Gehorsam gegen den Vater den Tod auf sich, an welchem Adam im Ungehorsam gegen Gott gestorben ist. An dem Tage aber, da er starb, hatte er auch gegessen. Denn der Herr sprach: ‚An dem Tage, an welchem ihr davon essen werdet, an dem werdet ihr des Todes sterben.‘ Indem also der Herr diesen Tag in sich rekapitulierte, kam er zur Passion an dem Tage, der dem Sabbat vorausgeht, d. i. der sechste Schöpfungstag, an dem auch der Mensch erschaffen wurde, indem er ihm durch sein Leiden die zweite Erschaffung, die ihn vom Tode erlöste, schenkte. Einige aber verlegen den Tod des Adam auf das tausendste Jahr, da ja ‚der Tag des Herrn wie tausend Jahre‘. Diese tausend Jahre hat Adam nicht überschritten, sondern ist innerhalb derselben gestorben, indem er gemäß dem über seinen Ungehorsam gefällten Urteilsspruche starb. Mag man also den Ungehorsam schon als den Tod betrachten, oder annehmen, daß sie seitdem dem Tode überliefert und Schuldner des Todes wurden, oder daß sie an demselben Schöpfungstage, an dem sie gegessen hatten, auch gestorben sind, oder daß sie an demselben Wochentage, an dem sie aßen, auch starben, d. h. an dem Freitag der Parasceve, auf deutsch das reine Mahl, auf den auch der Herr durch sein Leiden hinwies, oder auch, daß er tausend Jahre nicht überschritten hat, sondern innerhalb derselben gestorben ist, in jedem Falle ist Gott wahrhaft; denn gestorben sind, die vom Baume kosteten, die Schlange aber ist als Lügner und Menschenmörder entlarvt, wie der Herr von ihr sagte, ‚daß sie von Anbeginn ein Menschenmörder ist und in der Wahrheit nicht bestanden ist‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,23,1-2)

„Wie er also im Anfange gelogen hat, so log er auch am Ende, indem er sprach: ‚Dies alles ist mir übergeben, und wem ich will, gebe ich es.‘ Denn nicht er verteilte die Königreiche dieser Welt, sondern Gott. ‚Das Herz des Königs nämlich ist in der Hand Gottes.‘ Und durch Salomon spricht er das Wort: ‚Durch mich herrschen die Könige, und die Mächtigen halten die Gerechtigkeit. Durch mich werden die Fürsten erhöht werden, und die Tyrannen regieren durch mich die Erde.‘ Auch Paulus sagt mit Bezug hierauf: ‚Allen höheren Gewalten seid Untertan, denn es ist keine Gewalt außer von Gott. Die aber sind, sind von Gott angeordnet.‘ Und weiter heißt es: ‚Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert; Gottes Dienerin nämlich ist sie, Rächerin zum Zorn dem, der Böses tut.‘ Daß er aber dies nicht von den Gewalten der Engel, noch von den unsichtbaren Fürsten sagt, wie es einige zu erklären wagen, sondern von den menschlichen, spricht er: ‚Deswegen entrichtet ihr auch Abgaben, denn sie sind Gottes Diener, hierzu dienend.‘ Das hat auch der Herr bestätigt, indem er nicht tat, was ihm vom Teufel geraten wurde; vielmehr ließ er den Steuereinnehmern für sich und den Petrus die Steuer geben, denn ‚Diener Gottes sind sie, hierzu dienend‘.

Da nämlich der von Gott abtrünnige Mensch so verwilderte, daß er selbst seinen Blutsverwandten als Feind betrachtete und in allerlei Unruhe und Menschenmord und Geiz ohne Scheu sich erging, so legte Gott ihm die Furcht vor den Menschen auf, da er die Furcht vor Gott nicht kannte. Menschlicher Gewalt unterworfen und menschlichem Gesetze verbunden, sollten sie in etwa wenigstens zur Gerechtigkeit gelangen und sich gegenseitig zügeln, indem sie das Schwert vor ihren Augen fürchteten, wie der Apostel sagt: ‚Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert; Gottes Dienerin nämlich ist sie, Rächerin zum Zorn dem, der Böses tut.‘ Deswegen werden auch die Obrigkeiten, die die Gesetze als Gewand der Gerechtigkeit haben, über das nicht gefragt, was immer sie gerecht und gesetzlich tun, noch bestraft. Was sie aber zur Unterdrückung des Gerechten ungerecht, gottlos, gegen das Gesetz und nach Tyrannenart verüben, das bringt ihnen Verderben ein; denn alle erreicht das gerechte Gericht Gottes gleichmäßig und macht vor keinem Halt. Also sind die irdischen Reiche zum Nutzen der Völker von Gott auf gestellt, und nicht vom Teufel, der doch niemals ruhig ist und demgemäß auch nicht will, daß die Völker in Ruhe leben. Die irdische Herrschaft fürchtend, sollen die Menschen sich nicht nach Art der Fische gegenseitig verschlingen, sondern durch die Bestimmungen der Gesetze die vielfache Ungerechtigkeit der Heiden hinten anhalten. Und in diesem Sinne sind die, welche von uns Steuern fordern, Diener Gottes, indem sie hier zudienen.

[…] Der Teufel aber, der doch nur ein abtrünniger Engel ist, kann, wie er im Anfange offenbart hat, weiter nichts als den Sinn des Menschen ablenken und ihn verführen, die Gebote Gottes zu überschreiten, und die Herzen derer, die sich einließen, ihm zu dienen, allmählich so verblenden, daß sie den wahren Gott vergessen, ihn aber als ihren Gott anbeten.

Wie wenn ein Rebell ein Land erobert und seine Einwohner so verwirrt, daß sie ihm königliche Ehre erweisen, ohne zu ahnen, daß er nur ein Rebell und Räuber ist, so hat auch der Teufel, einer von den Engeln, die über den Geist der Luft gesetzt waren, wie der Apostel Paulus im Briefe an die Epheser kundtut, in Neid gegen den Menschen das göttliche Gesetz übertreten; denn der Neid entfremdet von Gott. Und weil durch einen Menschen seine Apostasie aufgedeckt wurde und der Mensch der Prüfstein seiner Absicht wurde, deswegen stellte er sich immer mehr dem Menschen entgegen, da er ihn um sein Leben beneidete und ihn mit der Macht seines Abfalls umstricken wollte. Das Wort Gottes aber, das alles vermag, besiegte ihn durch den Menschen und stellte ihn als Apostaten bloß, ja unterwarf ihn sogar dem Menschen. ‚Siehe‘, sprach es, ‚ich gebe euch die Gewalt, über Schlangen und Skorpionen und über alle Gewalt des Feindes zu wandeln.‘ Wie er durch seine Apostasie über den Menschen herrschte, so sollte durch den Menschen, der sich zu Gott zurückwandte, wiederum seine Apostasie vernichtet werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,24,1-4)


(Versuchung Jesu, Félix Joseph Barrias.)

Satan kennt die Zukunft nicht:

„Nun und nicht früher sieht man, wie Satan durch diese Gott lästert, der das ewige Feuer für alle Apostasie bereitet hat. Denn offenkundig wagt er selbst nicht, seinen Herrn zu lästern, wie er auch im Anfang durch die Schlange den Menschen verführt hat, gleich als ob er Gott verborgen blieb. Treffend sagte Justinus, daß niemals vor der Ankunft des Herrn Satan gewagt hat, Gott zu lästern, da ihm seine Verdammnis noch nicht bekannt war, weil dies nur in Parabeln und Allegorien von den Propheten über ihn so verkündet var. Nach der Ankunft des Herrn aber erfuhr er aus den Worten Christi und der Apostel deutlich, daß das ewige Feuer dem bereitet ist, der mit freiem Willen von Gott sich abwendet, und allen, die ohne Buße in der Apostasie verharren. Durch solche Menschen nun lästert er den Gott, dem das Gericht zusteht, da er ja schon verdammt ist, und die Sünde seines Abfalls rechnet er seinem Schöpfer zu und nicht seinem eigenen Entschluß und Willen, wie die, welche die Gesetze übertreten und bestraft werden, nicht sich, sondern die Gesetzgeber anklagen. So schleudern auch die, welche voll des teuflischen Geistes sind, zahllose Anklagen gegen unsern Schöpfer, der den Geist des Lebens uns geschenkt hat und allen das passende Gesetz gegeben hat. Sie wollen das Gericht Gottes nicht als gerecht anerkennen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,26,2)

Bei der Auslegung des Sündenfalls schreibt Irenäus folgendes; u. a. meint er nebenbei, Satan habe eine reale Schlange besessen gemacht und durch sie gesprochen:

„Dieses Gebot hat der Mensch nicht gehalten, sondern er wurde ungehorsam gegen Gott, mißleitet vom Engel. Dieser letztere war wegen der vielen Gaben, die Gott dem Menschen verliehen hatte, von bitterem Neid erfüllt. In diesem richtete er sich selbst zu Grund und machte den Menschen zum Sünder, indem er ihn zum Ungehorsam gegen das Gebot Gottes verleitete. Durch die Lüge zum Anstifter und Urheber der Sünde geworden, verfiel er zwar selbst dem göttlichen Strafgerichte im Abfall von Gott; aber er hatte auch bewirkt, daß der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde. Weil der Engel nach einem aus sich selbst gefaßten Entschluß von Gott abgefallen ist, wurde er in hebräischer Sprache Satan genannt, was so viel ist als Widersacher. Doch wird er auch noch Verleumder [Teufel] genannt. — Die Schlange, welche den Teufel in sich trug, verfluchte also Gott. Sein Fluch traf das Tier, aber er ging auch über auf den in ihm listig verborgenen Teufel. Den Menschen verwies er von seinem Angesichte und gab ihm seinen Wohnsitz vor den Toren des Paradieses. Denn das Paradies nimmt die Sünder nicht in sich auf.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 16)

Die Petrusakten erzählen von einem reichen römischen Christen, einem Senator namens Marcellus, der sehr wohltätig war, aber seine Wohltätigkeit bereute, als er sich von der Kirche abwandte und ein Anhänger eines gewissen Simon Magus wurde (wie zeitweise die meisten Christen der jungen römischen Gemeinde). Dieser Simon Magus ist derselbe, der in der Apostelgeschichte (Apg 8) auftaucht, für kurze Zeit Christ wird und die Gabe des Heiligen Geistes von den Aposteln für Geld kaufen will, und später als Begründer der gnostischen Sekten galt. Hier wird es auch so dargestellt, dass Simon Zaubertricks und scheinbare Wunder wirken kann und mit den Dämonen gemeinsame Sache macht. Zunächst predigt Petrus der Gemeinde:

„Teuerste Brüder, ich habe unsern Herrn Jesus Christus verleugnet, und nicht nur einmal, sondern dreimal. Es waren nämlich die, die mich umringt hatten, schlechte Hunde, wie der Prophet des Herrn sagt. Aber der Herr hat es mir nicht angerechnet. Er wandte sich zu mir und erbarmte sich der Schwachheit meines Fleisches, so daß ich nachher bitterlich weinte, und ich war betrübt über meinen so schwachen Glauben, da ich von dem Teufel um den Verstand gebracht war und das Wort meines Herrn nicht im Sinn hatte. Und jetzt sage ich euch, ihr Brüder, die ihr im Namen Jesu Christi zusammengekommen seid: auch auf euch richtet der Betrüger Satan seine Pfeile, damit ihr vom Wege abweicht. Aber werdet nicht abtrünnig, Brüder, und fallt nicht im Geist, sondern seid stark und stehet fest und zweifelt nicht! Denn wenn mich, den der Herr in so hoher Ehre hielt, Satan in Anfechtung gebracht hat, so daß ich das Licht meiner Hoffnung verleugnete, wenn er mich niederwarf und überredete, ich solle fliehen, als ob ich an einen Menschen glaubte, was glaubt ihr wohl, die ihr Neubekehrte seid? Meintet ihr, daß er euch nicht aus der Bahn werfen würde, um euch zu Feinden des Reiches Gottes zu machen und durch den schlimmsten Irrtum euch ins Verderben zu stürzen? Denn jeder, den er von der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus abdrängt, der ist ein Kind des Verderbens in alle Ewigkeit. Bekehrt euch also, vom Herrn erwählte Brüder, und seid stark in dem allmächtigen Herrn, dem Vater unseres Herrn Jesu Christi, den niemand je gesehen  hat noch sehen kann außer dem, der an ihn glaubt. Erkennet aber, woher euch die Versuchung gekommen ist. Denn nicht nur deswegen, um euch mit Worten zu überzeugen, dieser, den ich verkündige, sei Christus, sondern auch durch Taten und großartige Kräfte mahne ich euch durch den Glauben an Christus Jesus, daß keiner von euch einen anderen erwartet (sc. als Heiland) als den Verachteten und von den Juden Geschmähten, diesen gekreuzigten Nazarener, der starb und am dritten Tage auferstand.“ (Petrusakten 3, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 198.)

Dann geht es folgendermaßen weiter; Satan wird hier als einer dargestellt, der gute Menschen versucht, nötigt, fast schon zwingt, Böses zu tun:

„Voll Reue aber baten die Brüder den Petrus, den Simon zu überwinden, der von sich behauptete, er sei die Kraft Gottes – er hielt sich im Hause des Senators Marcellus auf, der von seinen Zaubersprüchen beschwatzt war -, und sie sprachen: „Glaube uns, Bruder Petrus, niemand war so weise unter den Menschen wie dieser Marcellus. Alle Witwen, die auf Christus hofften, fanden bei ihm Zuflucht; alle Waisen wurden von ihm ernährt. Was weiter, Bruder? Marcellus nannten alle Armen ihren Schutzherren, sein Haus trug den Namen (Herberge) der Pilger und Armen. Zu ihm sprach der Kaiser: ‚Von jedem Amt halte dich fern, damit du nicht die Provinzen ausplünderst und den Christen (die Erträge) zukommen läßt‘. Ihm erwiderte Marcellus: ‚Und alles, was mein ist, gehört dir‘. Ihm entgegnete der Kaiser: ‚Es wäre mein, wenn du es für mich bewahren würdest; jetzt aber ist es nicht mein, weil du es schenkst, wem du willst, und ich weiß nicht welchen niedrigen Leuten‘. Das also, Bruder Petrus, haben wir vor Augen, und berichten dir, wie sich die große Barmherzigkeit des Mannes in Gotteslästerung verwandelt hat. Wenn nämlich jener sich nicht gewandelt hätte, dann hätten auch wir uns nicht entfernt von dem heiligen Glauben an Gott, unseren Herrn. Dieser Marcellus ist jetzt wütend und bereut sein Wohltun, indem er spricht: ‚Ein so großes Vermögen habe ich so lange Zeit verwendet in dem vergeblichen Glauben, ich verausgabte es zur Erkenntnis Gottes‘. Soweit (geht er in seiner Wut), daß, wenn einer von den Fremden zu ihm an die Tür seines Hauses kommt, er ihn mit dem Stock schlägt und hinauswerfen läßt und sagt: ‚O hätte ich doch für jene Betrüger nicht soviel Geld ausgegeben!‘ Aber er sagt noch mehr Gotteslästerungen. Wenn aber in dir noch etwas von dem Erbarmen unseres Herrn oder von der Güte seiner Vorschriften verblieben ist, so hilf seinem Irrtum auf; er hat doch in so großer Zahl den Dienern Gottes Almosen gegeben.‘ Als aber Petrus dies sah, wurde er von großem Schmerz ergriffen und schalt: ‚O mannigfaltige Künste und Versuchungen des Teufels! O Listen und Erfindungen von Bösem! Der für sich auf den Tag des Zorns das große Feuer nährt, Verwüstung einfältiger Menschen, ein reißender Wolf, ein Verschlinger und Zerstreuer des ewigen Lebens! Du hast den ersten Menschen in böse Lust verstrickt und hast ihn durch deine frühere Schlechtigkeit und ein körperliches Band (an dich) gefesselt. Du bist die Frucht des Baumes der Bitterkeit, die ganz bitter ist, der du mannigfaltige Lüste einflößest. Du hast meinen Mitschüler und Mitapostel Judas gezwungen, gottlos zu handeln, daß er verriet unsern Herrn Jesus Christus, der dich dafür notwendigerweise strafen muß. Du hast das Herz des Herodes verstockt und den Pharao entflammt und ihn gezwungen zu kämpfen gegen den heiligen Diener Gottes, Moses; du hast dem Kaiphas die Kühnheit beigebracht, daß er der feindlichen Menge unsern Herrn Jesus Christus übergab; und auch jetzt noch schießest du mit deinen giftigen Pfeilen auf unschuldige Seelen. Du gottloser Feind aller, als ein Fluch wirst du von der Kirche des Sohnes des heiligen allmächtigen Gottes (getrennt) und wie ein vom Herd geworfener Feuerbrand von den Dienern unseres Herrn Jesu Christi ausgelöscht werden. Gegen dich möge sich kehren deine Schwärze und gegen deine Söhne, den schlechtesten Samen, gegen dich mögen sich kehren deine Schlechtigkeiten und gegen dich deine Drohungen und gegen dich deine Versuchungen und gegen deine Engel, du Anfang der Schlechtigkeit, Abgrund der Finsternis! Deine Finsternis, die du hast, sei mit dir und mit deinen Gefäßen, die du besitzest. Weiche darum von denen, die Gott glauben wollen, weiche von den Dienern Christi und denen, die für ihn Kriegsdienste leisten wollen! Behalte du für dich deine Tore der Finsternis; vergeblich klopfst du an fremde Türen, die nicht dir gehören, sondern Christus Jesus, der sie bewacht. Denn du, reißender Wolf, willst die Schafe rauben, die nicht dir, sondern Jesus Christus gehören, die sie eifrig mit dem höchsten Eifer bewacht‘.

Während Petrus dies unter großem Schmerz seiner Seele sprach, wurden weit mehr, die an den Herrn glaubten, hinzugetan. Die Brüder aber baten den Petrus, er möge sich mit Simon in einen Kampf einlassen und nicht zugeben, daß er noch länger das Volk aufhetze. Unverzüglich verließ Petrus die Versammlung und ging zum Hause des Marcellus, wo Simon wohnte. Es folgten ihm aber große Volkshaufen. Als er aber zur Tür kam, rief er den Türhüter und sprach zu ihm: ‚Geh, sag dem Simon: Petrus, dessentwegen du aus Judäa geflohen bist, erwartet dich an der Tür!‘ Der Türhüter antwortete dem Petrus: ‚Ob du Petrus bist, weiß ich nicht, Herr. Ich habe aber einen Befehl: Er (sc. Simon) erfuhr nämlich, daß du gestern die Stadt betreten hast; da sagte er zu mir: ‚Ob bei Tag, ob bei Nacht, und zu welcher Stunde er auch kommen sollte, sag, daß ich nicht zu Hause bin!“ Petrus aber sagte zu dem Jüngling: ‚Du hast recht geantwortet, daß du das vermeldet hast, von ihm (dazu) gezwungen.‘ Und Petrus wandte sich zum Volk, das ihm folgte, und sprach: ‚Ihr werdet gleich ein großes und wunderbares Zeichen schauen.‘ Und Petrus sah hinter sich einen großen Hund, der an einer großen Kette gebunden war, ging auf ihn zu und band ihn los. Als aber der Hund losgebunden war, nahm er menschliche Stimme an und sprach zu Petrus: ‚Was befiehlst du mir zu tun, du Diener des unaussprechlichen, lebendigen Gottes?‘ Petrus sprach zu ihm: ‚Geh hinein und sag dem Simon inmitten seiner Gesellschaft: ‚Petrus läßt dir sagen: Komm hervor in die Öffentlichkeit; deinetwegen bin ich nach Rom gekommen, du Gottloser und Aufwiegler einfältiger Seelen!“ Und auf der Stelle rannte der Hund los und ging hinein, stürmte mitten hinein in die Gesellschaft, die um Simon versammelt war, erhob seine Vorderfüße und rief mit lauter Stimme: ‚Du Simon, Petrus, der Diener Christi, der an der Tür steht, läßt dir sagen: ‚Komm hervor an die Öffentlichkeit; denn deinetwegen bin ich nach Rom gekommen, du Gottlosester und Verführer einfältiger Seelen‘!‘ Als Simon das hörte und die unglaubliche Erscheinung sah, verschlug es ihm die Rede, mit der er die Umstehenden verführt hatte; alle (anderen) aber staunten.

Als aber Marcellus dies sah, lief er hinaus zum Tor, warf sich dem Petrus zu Füßen und sprach: ‚Petrus, ich umfasse deine Füße, du heiliger Knecht des heiligen Gottes; ich habe viel gesündigt! Strafe nicht meine Sünden, wenn etwas von dem wahren Glauben an Christus in dir ist, den du predigst, wenn du seiner Gebote eingedenk bist, niemanden zu hassen, gegen niemanden böse zu sein, wie ich von deinem Mitapostel Paulus gelernt habe. Rechne mir nicht meine Sünden an, sondern bitte für mich den Herrn, den heiligen Sohn Gottes, den ich zum Zorn verleitet habe, weil ich seine Knechte verfolgt habe. Bitte also für mich als guter Anwalt bei Gott, daß ich nicht mit den Sünden Simons dem ewigen Feuer übergeben werde, der mich sogar überredet hat, ihm ein Standbild zu errichten, mit der Inschrift: ‚Dem Simon, dem jugendlichen Gott‘. Wenn ich wüßte, Petrus, daß du durch Geld gewonnen werden könntest, würde ich mein ganzes Vermögen geben; ich würde es verachtet und dir gegeben haben, um meine Seele zu gewinnen. […] Ich gestehe aber, daß er mich dadurch verführt hat, daß er behauptete, er sei die Kraft Gottes. Und doch will ich dir berichten, lieber Petrus: nicht war ich würdig, dich zu hören, du Knecht Gottes, noch war ich befestigt im Glauben an Gott, der in Christus beruht. Deshalb bin ich gestrauchelt. Darum bitte ich dich, nimm mir nicht übel, was ich sagen werde. Christus, unser Herr, den du in Wahrheit verkündigst, sagte zu deinen Mitaposteln in deiner Gegenwart: ‚Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berge sagen: hebe dich weg, und sogleich wird er sich wegheben.‘ Dich aber, Petrus, hat dieser Simon einen Ungläubigen genannt, weil du auf den Wassern gezweifelt hast. Ich hörte nämlich, daß er auch gesagt hat: ‚Die mit mir sind, haben mich nicht verstanden‘. Darum wenn ihr, denen er sogar die Hände aufgelegt und die er selbst erwählt hat, mit denen er auch Wunder gewirkt hat, in Zweifel geraten seid, so habe ich also dieses Zeugnis und werde von Reue ergriffen, und ich nehme zu deinen Gebeten Zuflucht. Nimm dich doch meiner Seele an, der ich von unserem Herrn und seiner Verheißung abgefallen bin. Aber ich glaube, daß er sich meiner erbarmen wird, wenn ich Buße tue. Denn treu ist der Allmächtige, mir die Sünde zu vergeben.‘ Petrus aber sagte mit lauter Stimme: ‚Dir, unser Herr, (sei) Ruhm und Preis, allmächtiger Gott, Vater unseres Herrn Jesu Christi. Dir sei Lob und Ruhm und Ehre in alle Ewigkeit, Amen. Da du auch uns jetzt voll gestärkt und auf dich fest gegründet hast vor den Augen aller, die es sehen, heiliger Herr, so befestige den Marcellus und sende heute deinen Frieden in ihn und sein Haus; alles aber, was verlorengegangen ist oder in die Irre geht, du allein kannst es zum Rechten wenden. Dich flehen wir alle an, o Herr, du Hirt der einst zerstreuten Schafe, jetzt aber werden sie durch dich wieder vereinigt werden. So nimm auch den Marcellus (wieder) auf wie eines von deinen Schäflein und dulde nicht, daß er noch länger in Irrtum oder Unwissenheit umherschweift; sondern nimm ihn auf in die Zahl deiner Schafe. Ja, Herr, nimm ihn auf, ihn, der mit Schmerzen und Tränen dich bittet.‘

So sprach Petrus und umarmte den Marcellus. Petrus wandte sich der Menge zu, die bei ihm stand, und sah in der Menge einen lächeln; in dem war ein sehr bösartiger Dämon. Zu ihm sprach Petrus: ‚Wer du auch bist, der du gelacht hast, zeige dich offen allen Umstehenden!‘ Als der Jüngling dieses gehört hatte, stürzte er in die Vorhalle des Hauses und rief mit lauter Stimme, warf sich gegen die Wand und sagte: ‚Petrus, es herrscht ein gewaltiger Streit zwischen Simon und dem Hund, den du geschickt hast. Denn Simon sagt zu dem Hund: ‚Sag, ich sei nicht hier!‘ Zu ihm aber spricht der Hund noch mehr, als du ihm aufgetragen hast. Und wenn er die geheimnisvolle Sache, die du ihm befohlen hast, erledigt haben wird, dann wird er vor deinen Füßen sterben.‘ Petrus aber sprach: ‚Und du nun, was du auch immer für ein Dämon bist, im Namen unseres Herrn Jesu Christi fahre aus dem Jüngling heraus, ohne ihm zu schaden; zeige dich allen Umstehenden!‘ Als der Jüngling das gehört hatte, fuhr er aus; dabei ergriff er eine große Marmorstatue, die in der Vorhalle des Hauses stand, und zertrümmerte sie mit Fußtritten.“ (Petrusakten 4, in: Ebd., S. 198-201)

Marcellus wirft Simon letztlich aus dem Haus, und Petrus wirkt weitere Wunder und berichtet der Gemeinde, wie Simon in Judäa eine reiche Frau beraubt hat, was durch Gott und Petrus aufgedeckt wurde. Am nächsten Sabbat stellt Simon sich Petrus auf dem Forum. Der Präfekt ordnet eine Probe an. Simon tötet einen Jungen mit seiner Zauberei, und Petrus macht ihn wieder lebendig (dann erweckt er auch noch zwei andere Tote). Simon wirkt auch in den nächsten Tagen weiterhin scheinbare Wunder/Zaubertricks, wird aber jedes Mal von Petrus mit echten Wundern widerlegt, und muss schließlich verletzt aus Rom abziehen.

Zuletzt noch zu einem etwas sonderbaren Thema. Justin der Märtyrer unterscheidet den Satan, die gefallenen Engel und außerdem noch halbmenschliche Dämonen. Er bezieht sich hier auf die rätselhafte Bibelstelle Genesis 6,1-4: „Als sich die Menschen auf Erden zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen allen Frauen, die sie auswählten. Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er eben Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen. In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die namhaften Männer.“ Diese Stelle ist unterschiedlich interpretiert worden; die „Gottessöhne“ wurden tatsächlich von manchen Theologen als „Engel“ gelesen. Andere interpretierten die „Gottessöhne“ als Nachkommen von Adams Sohn Set, die „Menschentöchter“ als Nachkommen von seinem abtrünnigen Sohn Kain. Auch die „Riesen“ wurden unterschiedlich interpretiert; es ist nicht ganz klar, was das hebräische Wort meint (langlebige Menschen? besonders herausragende oder kriegerische Menschen?). Justin jedenfalls schreibt:

„Sollte aber jemandem der Gedanke kommen, wenn wir einen hilfreichen Gott bekennten, würden wir nicht, wie wir doch behaupten, von Ungerechten vergewaltigt und gestraft werden, so will ich auch darüber sprechen. Als Gott das Weltall geschaffen und das, was auf Erden ist, den Menschen unterstellt, die Himmelskörper aber zum Wachstum der Früchte und zum Wechsel der Zeiten geordnet und ihnen, die er ersichtlich auch der Menschen wegen geschaffen hatte, ein göttliches Gesetz vorgezeichnet hatte, da übertrug er die Vorsorge für die Menschen und für alles, was unter dem Himmel ist, Engeln, die er über sie setzte. Die Engel aber übertraten diese Anordnung, erniedrigten sich zum Verkehr mit Weibern und zeugten Kinder, die sogenannten Dämonen. Außerdem machten sie sich fortan das Menschengeschlecht dienstbar teils durch Zauberzeichen, teils durch Furcht und durch Strafen, die sie verhängten, teils durch Anleitungen zu Opfern, Räucherwerk und Trankspenden, deren sie bedürftig geworden waren, seitdem sie von der Leidenschaft ihrer Begierden sich hatten unterjochen lassen; auch verbreiteten sie unter den Menschen Mord, Krieg, Ehebruch und jede Art von Schandtaten. Daher haben Dichter und Sagenerzähler, weil sie nicht wußten, daß die Engel und ihre Kinder, die Dämonen, jenes über Männer, Weiber, Städte und Völker gebracht hatten, das, was sie niederschrieben, auf den Gott (Zeus) selbst und auf die angeblich von ihm gezeugten Söhne und auf seine vermeintlichen Brüder Poseidon und Pluton und auf deren Kinder übertragen. Sie benannten nämlich einen jeden mit dem Namen, den jeder der Engel sich und seinen Kindern beigelegt hatte.“ (Justin, 2. Apologie 4)

Auf dieselbe Stelle bezieht sich wohl Irenäus: „Zu den Zeiten des Noe führte es [das Wort Gottes, d. i. Jesus] die Sintflut herbei, um das arge Geschlecht der damaligen Menschen auszulöschen, die für Gott keine Frucht bringen konnten, da sich die treulosen Engel mit ihnen vermischt hatten, und um ihren Sünden Einhalt zu gebieten, den Urtypus des Menschen aber, die Gestalt des Adam, zu bewahren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,36,4)

Die gefallenen Engel hätten die Menschen Böses gelehrt, u. a. auch Zauberei (=Okkultismus, Geisterbeschwörung, Satanismus):

„Die Bosheit gewann nun eine sehr weite Verbreitung und erfaßte das ganze Menschengeschlecht so sehr, daß nur sehr wenige Keime der Gerechtigkeit in ihm erhalten blieben. Dem Naturgesetz widerstrebende Verbindungen wurden auf Erden eingegangen. Engel verbanden sich mit den Töchtern der Menschen. Diese gebaren ihnen Söhne, welche wegen ihrer außerordentlichen Größe Riesensprossen genannt wurden. Als Gabe brachten diese Engel ihren Weibern die Anleitung zum Bösen mit. Sie lehrten sie die Kraft der Wurzeln und Kräuter, das Färben und das Schminken, die Erfindung wertvoller Stoffe, Mittel zur Beförderung der Anmut, zum Wecken des Hasses und der Liebe, Sicherungen der Lebensdauer, Hexenbünde, jegliche Gaukelei und gottverhaßten Götzendienst. Durch die Einführung dieser Dinge in die Welt fand die Sache der Bosheit Aufschwung und Verbreitung, Die [Sache] der Gerechtigkeit aber nahm ab und verkümmerte.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 18)

Auch Athenagoras von Athen schreibt etwas Ähnliches:

„Denn nach unserer Lehre existiert ein Gott und ein Sohn, sein Wort, und ein Heiliger Geist, die hinsichtlich der Macht ein einziges Wesen sind, der Vater, der Sohn, der Geist; denn der Sohn ist des Vaters Verstand, Wort, Weisheit und der Geist ist Ausfluß wie Licht von Feuer; ebenso kennen wir die Existenz anderer Kräfte, die sich im Umkreis und innerhalb der Materie befinden, darunter auch die Existenz einer gottwidrigen Kraft, nicht als ob es etwas gäbe, was Gott prinzipiell gegenüberstünde wie der Haß der Liebe im Sinne des Empedokles und wie die Nacht dem Tage auf dem Gebiete der Naturerscheinungen (denn stünde etwas Gott gegenüber, so müßte es aufhören zu sein, da es infolge der göttlichen Kraft und Stärke allen Halt verlöre), sondern weil der Güte Gottes, die ihm als Eigenschaft zukommt und mit ihm so notwendig existiert wie die Haut mit dem Leibe und ohne die er nicht existiert (nicht als ob sie ein Teil von ihm wäre, sondern weil sie eine notwendige Folge ist und mit ihm vereint und verbunden ist wie das Rot mit dem Feuer und das Blau mit dem Himmel), der die Materie umschwebende Geist gegenübersteht, der von Gott geschaffen ist, wie auch die übrigen Engel von ihm geschaffen sind, und mit der Verwaltung der Materie und der Erscheinungsformen der Materie betraut wurde. Diese, die Engel, hat Gott erschaffen aus Fürsorge für das von ihm Geordnete, damit, während Gott im allgemeinen sorgt für das Ganze und für das Große, für jeden Teil die hiefür beordneten Engel sorgen. Wie aber nun unter den Menschen, deren Tugend und Schlechtigkeit freier Willensentscheidung entspringen (Ihr würdet ja sonst die Guten nicht auszeichnen und die Bösen nicht strafen, wenn Tugend und Schlechtigkeit nicht von ihnen selbst abhinge), die einen in dem ihnen von Euch anvertrauten Amte als eifrig, die andern als unzuverlässig befunden werden, so steht es auch bei den Engeln. Die einen blieben (Gott hat sie natürlich mit freiem Willen ausgestattet) bei dem, wozu Gott sie geschaffen und bestimmt hatte, die andern aber wurden stolz auf ihre Natur und Herrschaft, darunter auch jener Beherrscher der Materie und ihrer Erscheinungsformen und noch andere, deren Bereich diese unsere Welt ist (seid überzeugt, wir lehren nicht etwas Unbeglaubigtes, sondern was wir verkünden, wurde schon von den Propheten ausgesprochen); die letzterwähnten Engel wurden von Begierde nach Jungfrauen erfüllt und unterlagen der Fleischeslust, jener hingegen zeigte sich nachlässig und schlecht in der Verwaltung des ihm anvertrauten Amtes. Von den Engeln nun, die sich mit Jungfrauen eingelassen hatten, wurden die sogenannten Giganten erzeugt. Daß auch die Dichter über die Giganten teilweise Richtiges vorbrachten, braucht Euch nicht zu befremden; zwischen der prophetischen Weisheit und der Weltweisheit besteht ein ähnlicher Unterschied wie zwischen der Wahrheit und der Wahrscheinlichkeit; jene beschäftigt sich mit himmlischen Dingen, diese mit irdischen und darum auch mit dem Beherrscher der Materie. ‚Meist ist unser Wissen ein Trug, dem Wahren nur ähnlich.‘

Diese Engel nun, die aus den Himmeln gestürzt wurden und nunmehr in der Luft und auf der Erde wohnen, da sie sich zum Himmlischen nicht mehr emporschwingen können, und die Seelen der Giganten, das sind die in der Welt umherirrenden Dämonen. Die Erregungen, die sie hervorbringen, entsprechen bei den einen [den Dämonen] der Natur, die sie empfangen haben, bei den andern [den Engeln] den Begierden, von denen sie erfaßt wurden; der Beherrscher der Materie führt, wie man unmittelbar aus Tatsachen ersehen kann, Aufsicht und Verwaltung in einer der Güte Gottes widersprechenden Weise.

‚Oft schon dacht ich in meiner Seele,
Ob Zufall in den menschlichen Dingen herrscht oder ein Dämon.
Denn gegen Erwartung und gegen Recht
Kommen die einen um Haus und Hof,
Von Gott verlassen, während andere im Glücke schwelgen‘

Weil also gegen Erwartung und Recht die einen glücklich, die andern unglücklich sind, so konnte es sich Euripides nicht erklären, wer die Verwaltung der irdischen Dinge habe, bei der man ausrufen möchte:

‚Wie sollten wir beim Anblick solcher Dinge noch
An Götter glauben oder halten ein Gesetz?‘

Dies bewog auch einen Aristoteles zu dem Ausspruche, daß es für die Dinge unter dem Himmel keine Fürsorge gebe. Aber die ewige Fürsorge Gottes bleibt uns nach wie vor:

‚Ob gern, ob ungern sprießt die Erde Weide mir.
Naturnotwendig, und ernährt zur Mast mein Vieh‘

und auch die Fürsorge für die Teile erstreckt sich tatsächlich, nicht bloß vermeintlich, auf die würdigen; auch für das übrige ist, soweit es der gemeinsame Zweck der Schöpfung fordert, durch weise Einrichtung gesorgt. Weil aber die vom feindseligen Geiste ausgehenden Erregungen und Einwirkungen besagte Unordnung hineinbringen, da sie nunmehr auch die Menschen, den einen so, den andern anders, bald einzelne, bald ganze Völker durch geteilten oder gemeinschaftlichen Ansturm, je nach dem Verhältnisse eines jeden zur Materie und nach dem Grade seiner Empfänglichkeit fürs göttliche, innerlich und äußerlich in Erregung versetzen, so haben einige und zwar Autoritäten gemeint, daß das Universum nicht auf einer Ordnung beruhe, sondern der Tummelplatz blinden Zufalls sei; sie haben dabei übersehen, daß von all den Dingen, von denen eigentlich der Fortbestand der Welt abhängt, kein einziges ungeordnet und vernachlässigt ist, sondern ein jedes eine vernünftige Einrichtung zeigt, so daß sie die ihnen gesetzte Ordnung nicht überschreiten. Auch der Mensch, wie er aus des Schöpfers Hand hervorging, ist ein wohlgeordnetes Wesen, mag man nun die Art und Weise seiner Entstehung betrachten, die einen einheitlichen, für alle gültigen Plan aufweist, oder sein organisches Wachstum, welches das hiefür maßgebende Gesetz nicht überschreitet, oder das Ende des Lebens, das gleich und gemeinschaftlich bleibt für alle. Aber nach seiner eigenen individuellen Vernunft und nach der Einwirkung jenes drängenden Herrschers und seines Dämonengefolges wird der eine so, der andere anders beeinflußt und erregt, obschon die Fähigkeit vernünftigen Denkens allen in gleicher Weise innewohnt.(Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24-25)

Beziehungstipps für Christen (oder so)

Gelegentlich einmal stellt man fest, dass Freunde oder Bekannte Beziehungsstress haben, der vermeidbar gewesen wäre, oder dass allgemein Leute sich im Unklaren sind, was sie selbst von einer guten Beziehung erwarten oder wie sie eine finden sollten. Und da macht man sich doch mal Gedanken über das Thema, auch anhand von eigenen vergangenen Erfahrungen. Also, hier ein paar Tipps, die vielleicht manchen ein bisschen helfen könnten. Diesen Text habe ich mit einem männlichen Freund abgesprochen, um nicht nur meine weibliche Perspektive hineinzubringen. Ergänzungen/Korrekturen in den Kommentaren zu dieser persönlichen Ideensammlung sind sehr willkommen!

Ich beziehe mich hier auf Dating unter ernsthaften Christen, speziell Katholiken. Ich will nicht wissen, wie es auf Tinder aussieht, und das muss uns alle auch nicht interessieren.

Im Vorfeld:

Man kann nicht immer kontrollieren, welche Menschen man trifft und wie sie auf einen reagieren. Aber man kann sich selbst zu einer Person machen, die eine gute Ehe führen kann. Und das sollte man auch tun, bevor man mit dem Dating beginnt; ein gewisses Maß an Reife ist sinnvoll.

Es ist z. B. gut, wenn man chronische Sünden im Bereich des 6. Gebots (zumindest solche wie Pornographie und Selbstbefriedigung) einigermaßen überwunden hat (womit ich nicht sagen will, man dürfe nicht heiraten, wenn man das noch nicht geschafft hat). Seien wir realistisch: Die wenigsten Männer heutzutage werden niemals solche Sünden begangen haben, schon zwölfjährige Jungs werden durch ihre Smartphones leicht zu so etwas verführt und stecken dann bald in einer Sucht fest, und auch manche Frauen sind davon betroffen. (Es ist aber im Gegensatz dazu schon realistisch, jemanden zu finden, der/die noch Jungfrau ist, was nicht als Verurteilung für die gemeint ist, die es nicht mehr sind.) Aber diese Sünden lassen sich überwinden. Die Ehe macht die Keuschheit sicher etwas leichter, sonst hätte der hl. Paulus sie nicht dafür empfohlen, aber auch in der Ehe kann es gezwungenermaßen längere Phasen der Abstinenz geben, z. B. während einer Krankheit oder nach der Geburt eines Kindes, und es ist gut, wenn man damit umgehen kann.

Wenn man jemanden kennenlernen will, muss man sich auch Gelegenheiten verschaffen. Nach der Kirche oder beim Gemeindefest mit Leuten reden, auf einen Ausflug der Jugendgruppe mitgehen, im Internet Kontakte knüpfen… Man kann nicht abwarten und davon ausgehen, dass die Leute an der Haustür klopfen.

Natürlich sollte man von vornherein nur ernsthafte Katholiken in Betracht ziehen; wenn man merkt, dass man einen Atheisten etwas zu attraktiv findet, kann man den Kontakt minimieren und sich diese Probleme ersparen. Und noch ein Hinweis aus persönlicher Erfahrung: Beziehungen werden generell schwierig, wenn man zu wenig gemeinsam hat; das gilt, wie gesagt, vor allem für die Religion, aber auch für solche untergeordneten Dinge wie Herkunft und Kultur. Wenn man eine Beziehung mit einem Inder oder Südamerikaner eingeht, können die verschiedenen Kulturen auch dann für einige Reibereien sorgen, wenn der katholisch ist. Und auch in Ländern, die noch katholischer sind als Deutschland, z. B. den Philippinen oder Polen, gibt es genug Leute, die schon noch irgendwie gläubig sind, aber z. B. ganz selbstverständlich die Pille nehmen. Und generell: Dass jemand katholisch ist, ist notwendig, aber nicht ausreichend; nicht alle halbwegs ernsthaften Katholiken sind auch schon gute Menschen oder für einen persönlich geeignet.

Am Anfang, wenn man jemanden erst kennenlernt und noch nicht einmal das erste Date hatte, muss man alles noch nicht so ernst nehmen. Man tastet sich heran; kein Grund, gleich den Hochzeitskuchen zu bestellen. Natürlich ist Dating auf die Ehe ausgerichtet, aber es ist ein längerer Weg. Man kann es ruhig angehen lassen, mehrere Leute kennenlernen und sich nett unterhalten, bis es dann mit einer Person ernster wird.

Was man generell tun sollte:

Das Allerwichtigste in Beziehungsdingen ist dann, immer offen, direkt und ehrlich zu sein. Damit erspart man sich sehr viele Verletzungen.

Wenn ein Mann offensichtlich Interesse an einer engeren Freundschaft mit einer Frau hat, aber sie nicht weiß, ob er jetzt noch mehr will, verunsichert sie das. Manchmal verhalten Männer sich so, weil sie erst noch abwarten wollen, sich nicht zu früh verletzbar machen wollen, und es noch so aussehen lassen wollen, dass sie es plausibel leugnen könnten, verliebt zu sein. Ein bisschen abwarten ist auch in Ordnung, aber irgendwann kommt die Zeit, wo ein Mann sagen sollte „hey, ich finde dich toll, wollen wir mal ein richtiges Date haben und schauen, ob mehr draus werden könnte?“. Ja, es kann sein, dass sie dann Nein sagt. Aber das ist immer noch besser, als wenn sie ein halbes Jahr später den Mut aufbringt, zu fragen, ob er irgendwie in sie verliebt ist, und verschämt erklärt, dass sie ihn eigentlich einfach nicht attraktiv findet… Man spart sich die Zeit. Der Mann kann sich gleich nach einer anderen Frau umschauen, und sie muss nicht das Gefühl haben, dass sie mit ihm spielt. Die beiden können Freunde bleiben (ja, manchmal geht das) oder einfach auseinander driften; man beendet die Sache im Guten. Und vielleicht sagt sie ja auch: Ja. Und drei Jahre später bringt man dann das erste Kind zur Taufe. Zu langes Zögern hätte ihn unattraktiv gemacht.

Auch die Frauen sollten ehrlich und offen sein. Eine Frau sollte z. B., wenn sie einen Mann attraktiv und nett und interessant findet, nicht darauf warten, dass er ihre Gedanken liest. Nicht nur zu ihm hingehen und Andeutungen machen, sondern ihn einfach mal direkt fragen! „Hey, wollen wir uns mal treffen?“ ist nicht so schwer – oder meinetwegen auch „Hey, willst du mich nicht mal bitten, mit dir auszugehen?“. Männer können einfach begriffsstutzig sein und gar nicht merken, dass sie bei einer Frau eine Chance hätten, auch wenn die mit dem Zaunpfahl winkt. Ja, ein bisschen Eigeninitiative ist erlaubt, auch wenn man keine Feministin ist. (Aber wenn man dafür zu schüchtern ist, ist es immerhin besser, zu flirten und Andeutungen zu machen, als gar nichts zu tun; das macht es ihm leichter, den ersten Schritt zu wagen. Ach ja, und ein Tipp an die Jungs: Wenn sie oft von sich aus schreibt oder einen anspricht, dann ist das schon mal ein gutes Zeichen – kein unfehlbares Zeichen, aber ein gutes Zeichen.)

Wie es nicht sein sollte.

Das gilt auch im Gegenzug bei Ablehnungen. Wenn eine Frau einen Mann – obwohl er vielleicht nett ist und ok aussieht – einfach nicht attraktiv findet, oder sich nicht vorstellen kann, mit ihm zusammenzuleben, weil sie einfach seine ganze Art irritiert, sollte sie ihn nicht hinhalten à la „vielleicht verliebe ich mich im Lauf der Zeit noch in dich“, weil sie ihn nicht verletzen will. Sie sollte auch nicht früher Gefühle zeigen, als sie eigentlich fühlt, sondern z. B. einfach sagen, wenn sie sich unsicher ist. Lange gehegte enttäuschte Hoffnungen können viel verletzender sein als ein frühes „Nein“ oder „ich weiß noch nicht“.

Wenn man jemanden nicht mag, sollte man ihn das freilich niemals in demütigender Weise spüren lassen. Es ist ihm vielleicht schon schwer genug gefallen, einen überhaupt anzusprechen.

Man hat auch ehrlich zu meinen, was man zu jemandem sagt, mit dem man schon zusammen ist. Wenn man sagt „nein, du brauchst mir nichts zum Geburtstag zu schenken, ich weiß, dass du gerade nicht viel Geld hast“, darf man dann nicht beleidigt sein, wenn der Freund einem tatsächlich nichts schenkt. Hey, er hat darauf vertraut, dass man ehrlich ist und aus Liebe auf ein Geschenk verzichten will. (Allerdings, Tipp an die Jungs: In einem solchen Fall wird es von dem Mädchen trotzdem geschätzt, wenn man vielleicht eine kleine Geburtstagsüberraschung hat, die nichts kostet.)

Wenn man sich zu Priesterberuf oder Ordensleben hingezogen fühlt und ernsthaft anfängt, sich darauf vorzubereiten, sollte man sich nicht gleichzeitig noch die Option offenhalten, eine Beziehung zu beginnen. Ein Seminarist sollte sich auf seine priesterliche Berufung konzentrieren und nicht nebenbei schauen, ob die Mädchen, die er im Kirchenchor kennenlernt, vielleicht doch ganz attraktiv wären. Wenn das Priesteramt sich doch nicht als seine Berufung herausstellt, kann er sich dann noch nach einem Mädchen umsehen; aber man sollte nicht zweigleisig fahren. So wie man ja auch nicht die Augen nach anderen Mädchen offenhält, wenn man mit einer fest zusammen und evtl. schon verlobt ist; auch wenn es im Einzelfall schon ok sein kann, wenn man die Beziehung abbricht, weil man sich unerwarteterweise total in eine andere verliebt hat. Im Gegenzug sollten auch die Mädchen sich von den Seminaristen fernhalten und sich nicht damit herausreden, dass der, für den sie schwärmen, ja noch kein Zölibatsversprechen abgelegt hat. Auch was keine offensichtliche Sünde ist, muss nicht sinnvoll sein.

Bevor man überhaupt mit Leuten ausgeht, sollte man geprüft haben: Bin ich zu Priestertum oder Ordensleben berufen, oder will ich eine Ehe führen? Es ist nicht hilfreich, wenn man sich total verliebt, und sich dann erst denkt: Hm, aber vielleicht sollte ich doch noch eine Berufung prüfen.

Außerdem sollten beide Seiten nicht zu anspruchsvoll, aber auch nicht zu anspruchslos sein.

Man sollte nicht mit dem Gedanken „Ich kann ihn/sie ändern“ eine Beziehung anfangen. Menschen ändern sich oft nicht, man muss sie nehmen, wie sie kommen, und bei ihren Fehlern davon ausgehen, dass es keinen grundlegenden Wandel geben wird. Und man ist nicht verpflichtet, eine Beziehung mit jemandem anzufangen, um ihn dazu zu bringen, ein besserer Mensch zu werden, sich für Gott zu interessieren und dergleichen. Flirt to convert ist eine ganz schlechte Idee. Dabei sollte man auch beachten: Der Partner soll irgendwann Vater/Mutter der eigenen Kinder sein, und die brauchen ein gutes Vorbild, nicht jemanden, der noch zu bekehren ist. Sie sollen auch ein gutes Verhältnis ihrer Eltern zueinander erleben.

Man sollte sich auch nicht zwingen wollen, sich in jemanden zu verlieben, weil man sich irgendwie denkt, dass der theoretisch so ein guter Partner wäre.

Man sollte aber auch nicht erwarten, dass man jemanden finden wird, der absolut perfekt ist und dessen Eigenschaften einen nie irritieren. Menschen sind nicht perfekt. Wenn der andere ein guter Katholik ist, man gut zusammenpasst, sich gut vorstellen kann, zusammenzuleben und gemeinsam Kinder großzuziehen, sich auch lange genug kennt, und etwas gegenseitige Anziehung da ist, ist es genug.

Und man sollte sich dabei keine Sorgen machen, „ob ich meine Berufung verfehle“, wenn man den einen heiratet statt den anderen. Gott legt uns öfter verschiedene gute Möglichkeiten vor, aus denen wir auch frei wählen können, und wenn wir dann etwas Gutes wählen und etwas noch Besseres verfehlen, hält Er uns das nicht vor und lenkt trotzdem unser Schicksal in gute Bahnen. Man muss nicht zwanghaft auf Zeichen und Hinweise achten, ob Gott will, dass man genau mit dem und dem zusammenkommt. Es ist wirklich eine freie Entscheidung, die Gott einem überlässt; man muss sich selbst entscheiden, ob man jemanden heiratet oder das vielleicht einfach nicht will.

Bevor man sich aber wirklich auf Verlobung und Hochzeit einlässt, sollte man auf Warnhinweise achten, die vielleicht erst nach einiger Zeit auftauchen, z. B.:

  • Stimmen ihre Handlungen nicht mit ihren Worten überein? Ist sie unzuverlässig, launisch, unberechenbar?
  • Ist sie manipulativ, lügt sie häufiger?
  • Ist er kriminell?
  • Verlangt er von einem, schlimme Geheimnisse zu bewahren?
  • Behandelt sie ihre Familie oder auch einfach die Bedienung im Restaurant herablassend und arrogant?
  • Ist er extrem eifersüchtig, kontrollierend, jähzornig, hat man Angst vor ihm oder ist während des Zusammenseins mit ihm ständig auf der Hut? Greift er im Extremfall sogar zu körperlicher Gewalt? Wer einmal dazu fähig war, dem sollte man so schnell nicht wieder trauen.
  • Hat sie einen betrogen? Untreuen Leuten sollte man normalerweise keine zweite Chance geben, auch wenn sie Besserung versprechen.

Jemand kann in anderen Dingen sehr anziehend sein, vielleicht ist er liebevoll, macht sich Sorgen, überrascht einen immer wieder mit netten Dingen, aber wenn er so extrem eifersüchtig ist, dass er Wutausbrüche hat, wenn man mit anderen Männern auch nur redet, macht das alles zunichte. Einen vergifteten Apfel isst man nicht, auch wenn das Gift nur ein geringer Bestandteil des Apfels ist.

Wenn man erst einmal verheiratet ist, kann man die Beziehung nicht mehr so einfach beenden und neu anfangen. Eine Trennung ist im Extremfall natürlich möglich, aber man bleibt trotzdem an denjenigen gebunden. Aber wenn man es noch nicht ist, hat man sich noch nicht verpflichtet und kann die Sache beenden, auch aus wesentlich banaleren Gründen, z. B. weil man wenig Gemeinsamkeiten hat oder sich gegenseitig auf die Nerven geht.

Hilfreich ist hier auch der Rat von Familie und Freunden. Wenn man selbst zu verliebt ist, um Warnhinweise deutlich genug zu sehen, können sie einem die Augen öffnen. Dabei sollte man ehrlich mit ihnen sein, und die Dinge nicht schönreden.

Man sollte sich zum Zeitpunkt der Hochzeit lange genug kennen; man muss den Partner nicht fünf Jahre lang hinhalten, aber eine Verlobung nach zwei Monaten und Hochzeit noch mal zwei Monate später wäre doch ein bisschen schnell.

Unter Christen sollte es selbstverständlich sein, dass Sex vor der Ehe nicht geht. Aber (und das ist auch vielen Katholiken nicht bewusst): Nach der Lehre der katholischen Kirche sollte man auch andere Handlungen meiden, die auf sexuelle Erregung ausgerichtet sind, also z. B. langwieriges Herummachen – das macht es einem auch leichter, weitergehende Sünden zu vermeiden. Kurze Küsse auf die geschlossenen Lippen, Umarmungen, Händchenhalten, also Berührungen, die einfach nur Zärtlichkeit und Zuneigung zeigen, sind dagegen gut und erlaubt, solange sie bei einem oder beiden nicht regelmäßig zu sexueller Erregung führen (was ungewollt selten mal dazu führt, ist erlaubt). Man sollte sich auch von Gelegenheiten zu Sünden fernhalten, also z. B. möglichst nicht zu zweit allein an Orten sein, an denen man nicht von anderen überrascht werden könnte.

Außerdem: Lieben heißt grundsätzlich: Jemandem Gutes wollen. Man sollte fähig sein, dem anderen wirklich Gutes zu wollen, auch wenn das heißt, dass man nicht zusammenkommt, und sich jemanden suchen, der ebenfalls dazu fähig ist.

Was Frauen brauchen/wollen:

Frauen tut es wirklich gut, einen starken Mann zu haben – das ist einfach so. Körperliche Stärke ist gut und nett, aber es braucht mehr: Ein selbstbewusster Mann, der ihr auch sagt, wenn sie Schmarrn macht, gemein ist oder eine falsche Meinung hat. Ein ruhiger, gefestigter Mann, der sich nicht von allem aus der Ruhe bringen lässt. Ein belastbarer Mann, der ihr gut helfen kann, wenn sie krank ist oder gerade ein Kind bekommen hat. Ein mutiger Mann, der sie verteidigen würde, wenn ein anderer Mann sie auf der Straße begrapschen würde. Ein Mann, der wüsste, was zu tun ist, wenn eine Überschwemmung oder ein Stromausfall passiert. Ein Mann, der ihre Kinder beschützen würde, ihnen aber auch Grenzen setzen würde, der zu ihr stehen würde, wenn sie den Kindern etwas verbieten müsste.

Er muss nicht immer stark sein. Eine anständige Frau wird ihrem Mann auch helfen wollen, wenn es ihm gerade mal schlecht geht, und ihm auch heraushelfen, wenn er wegen einer Depression oder Krankheit oder Sucht in ein tiefes Loch fällt. Aber eine gewisse grundsätzliche Stärke zum Zeitpunkt der Hochzeit sollte er haben.

Es ist nun mal so: Frauen wollen gerne einen Mann, zu dem sie aufsehen können, und der ein wenig klüger oder talentierter oder erfahrener ist als sie. Es muss nicht viel sein; man soll ja auch noch Gemeinsamkeiten haben. Aber es ist gut, wenn es da ist.

Manchmal fühlen sich Frauen leider zu einem Mann hingezogen, der etwas „Gefährliches“ hat, weil sie das unterbewusst mit Stärke assoziieren. Das ist nicht besonders klug, und von zwielichtigen und unberechenbaren Typen sollte man sich wirklich fernhalten. Kein „er ist bestimmt nur missverstanden und ich kann seine gute Seite zum Vorschein bringen“. Einfach nein.

Was Männer brauchen/wollen:

Männern tut es gut, wenn sie eine Frau haben, die sie respektiert, der sie vollkommen vertrauen können, die liebevoll ist und die keine Spielchen mit ihnen spielt. Eine treue Frau, bei der einer nicht damit rechnen muss, dass sie mit anderen Männern flirtet, weil sie sich rächen will. Eine Frau, die einfach liebevoll und zärtlich sein kann, ihm zuhört, ihm helfen will, und deutlich macht, dass sie nie über ihn lachen oder seine Geheimnisse herumerzählen wird. Eine Frau, die nicht ständig genervt ist oder ihn herumkommandieren will. Eine Frau, die es respektiert, wenn er etwas besser weiß, und die auch mal interessiert zuhören kann, wenn er sich Spezialwissen angeeignet hat, das sie nicht hat. Eine verantwortungsbewusste Frau, die ohne langwieriges Herumgerede eigene Fehler zugeben kann. Es ist leider so, dass der Feminismus ziemlich die Einstellung verbreitet hat, dass Frauen ständig irgendwie über Männer auftrumpfen sollen und Männer ständig armselig oder lächerlich sind. Von dieser Vergiftung durch den Feminismus muss man sich lösen. Es tut einer Beziehung wirklich gut, wenn man jemanden einfach unironisch liebt und respektiert.

Außerdem: Eine Dramaqueen geht nicht. Wenn sie herumschreit und ihn heruntermacht, wenn sie sich gerade ärgert, oder wenn sie passiv-aggressiv und manipulativ wird, ist sie nicht verlässlich.

Beidseitiges:

Natürlich sollten auch Frauen eine gewisse Stärke entwickeln, und auch Männer treu, liebevoll und respektvoll sein. Ich habe gerade nur davon geredet, wonach sich beide manchmal besonders sehnen und was besonders nötig ist. Rücksichtnahme, Wahrhaftigkeit, eigenständiges Denken, Gerechtigkeit und Bereitschaft zum Verzeihen und dazu, die eigenen Fehler und Sünden zuzugeben, tut den Rest. Und vielleicht ein bisschen Humor.

Unter- und Überordnung:

Nach der katholischen Lehre (die einfach aus der Bibel folgt) ist es eine Tatsache, dass der Mann das Familienoberhaupt ist und die Frau ihm eine gewisse Unterordnung und einen gewissen Gehorsam schuldet. Das gilt nicht bei missbräuchlichen, völlig blödsinnigen, klar schädlichen oder sündhaften Befehlen (wie immer); aber grundsätzlich gilt es schon. Häufig wird man Kompromisse finden, aber im Zweifelsfall hat der Mann das letzte Wort, und er trägt die Gesamtverantwortung für die Familie.

Dein Freund oder Verlobter ist noch nicht dein Mann; ihm schuldest du noch keinen Gehorsam. Aber jetzt ist die Zeit, auszutesten, ob er jemand ist, dem du genug vertrauen könntest, um ihm für die Zukunft Gehorsam zu versprechen. Gehorsam bei wichtigeren Dingen könnte z. B. in solchen Fällen ins Spiel kommen:

  • „Auch wenn du meinst, dass du dich bei einer Hausgeburt wohler fühlen würdest und du zu Recht Vorbehalte gegen manche Ärzte hast, ich erlaube dir das nicht: Du gehst zur Geburt ins Krankenhaus. Wenn etwas schief geht und es für dich und unser Kind um Leben und Tod geht, muss sofort ein Arzt da sein. Ich versuche trotzdem, dir das so angenehm wie möglich zu machen.“
  • „Ich weiß, du würdest lieber hier wohnen bleiben, weil deine Familie in der Nähe ist, aber hier wird es mit der Kriminalität wirklich zu schlimm, und da und da haben wir eine gute katholische Schule, wenn unser Kind nächstes Jahr eingeschult wird. Das ist für unsere Kinder jetzt wichtiger, also werden wir umziehen.“
  • „Deine Mutter behandelt dich ständig schlecht, mischt sich in alle unsere Angelegenheiten ein und ist auch kein guter Einfluss für unsere Kinder. Beschränke den Kontakt mit ihr endlich auf das Nötigste. Wenn du ihr nicht sagst, dass sie uns nicht mehr jedes Wochenende besuchen soll, sage ich es ihr.“

Könnte ich ihm vertrauen, dass er genug gesunden Menschenverstand hat? Meine Belange und Einwände ausreichend in Betracht zieht? Feste Entscheidungen treffen kann, statt ständig in seinen Meinungen zu schwanken? Das Beste für mich will und Gott an die erste Stelle setzt? Er muss nicht perfekt sein, aber im Großen und Ganzen sollte er vernünftig und gerecht sein.

Umgekehrt darf auch der Mann schauen: Kann sie kluge Ratschläge geben? Mir sagen, wenn ich etwas falsch mache? Aber auch Kompromisse eingehen, und im Zweifelsfall mal meine Meinung akzeptieren? Kaum ein Mann wird eine Frau ohne eigene Meinung wollen, aber es ist legitim, eine haben zu wollen, die nicht immer Recht behalten muss.

Attraktivität:

Oberflächliche Attraktivität ist nicht alles – ja, es kommt tatsächlich auf die inneren Werte an. Aber wir alle finden es leichter, jemanden und dessen innere Werte näher kennenzulernen, wenn er oder sie auf den ersten Blick attraktiv wirkt. Sowohl Männer als auch Frauen haben sowohl ihre ererbten Instinkte als auch die Fähigkeit zum vernünftigen Denken und dazu, mal über diese Instinkte hinwegzusehen; beides muss man in Betracht ziehen.

Übergewicht, vor allem starkes Übergewicht, ist das Unattraktivste, und das kann fast jeder verlieren, der nicht gerade spezielle Medikamente nimmt oder Krankheiten hat. (Und wenn letzteres auf jemanden zutrifft, ist es gut, wenn er offen damit umgeht.) Dann noch ein anständiger Haarschnitt, normale ordentliche Kleidung und gute Körperhygiene, und die meisten Leute werden zumindest durchschnittlich und ok aussehen. Auch schlechte Zähne und schlechte Haut lassen sich zumindest meistens bis zu einem gewissen Grad verbessern. Und ein solches durchschnittliches, gepflegtes, normales Aussehen sollte für andere Leute, die nicht zu oberflächlich sind, auch genügen. Bonus: Vor allem Männer sehen noch besser aus, wenn sie öfter Sport machen (das zeigt sich nicht nur an den Armmuskeln, sondern auch am Gesicht), und bei Frauen dürfte Weiblichkeit attraktiv sein, also z. B. lange Haare oder Flechtfrisur und Röcke, aber kein trashiges Aussehen – er sollte nicht das Gefühl haben, dass sie allen Männern ihre Reize präsentiert. Und in gewisser Weise zeigt das auch ein paar innere Werte, zumindest Sekundärtugenden – dass man sich anstrengen kann, dass man sich nicht gehen lässt, dass man es mit der Eitelkeit aber nicht übertreibt.

Freilich: Gerade wenn man selber eher durchschnittlich oder unterdurchschnittlich attraktiv ist, braucht man auch beim Partner nicht übermäßig anspruchsvoll zu sein. Man wünscht sich, dass der andere einen so akzeptiert, wie man ist; also sollte man mit gutem Beispiel vorangehen. Es ist auch ok, wenn man sich in dieser Hinsicht mit jemandem „zufrieden gibt“, wenn die Freunde einem sagen, dass man vielleicht „noch was Besseres hätte finden können“. (Das ist auch keine Beleidigung des anderen, wenn man sich selber denkt, dass man sich mit ihm zufrieden gibt, obwohl man noch was Besseres hätte finden können. Vielleicht denkt sich der andere auch, er gibt sich mit einem zufrieden – und ein bisschen Demut schadet keinem.)

Auch durch seine Handlungen und Leistungen wirkt man attraktiv. Die Männer legen anscheinend gar nicht so viel Wert auf erfolgreiche Frauen; aber christliche Frauen werden sich eher zu Männern hingezogen fühlen, die schon einen guten Job haben oder in absehbarer Zeit einen haben werden, als zu solchen, die schon das dritte Studium abgebrochen haben und ihr Leben einfach nicht auf die Reihe bekommen. Es ist nun mal unser Ideal, dass der Mann die Familie versorgt, und die Frau sich um Haushalt und mehrere Kinder kümmern kann; da ist es normal, dass man jemanden mag, mit dem dieses Ideal leichter möglich ist. Natürlich: Man sollte als Frau auch nicht Männer ausschließen, die vielleicht einen schlechter bezahlten Job haben, sodass man selber noch Teilzeit arbeiten müsste oder sich kein eigenes Haus leisten könnte und Wohngeld beantragen müsste o. Ä. Wir sind auch nicht zu erhaben für einen Müllmann oder eine Putzkraft. Und es wird nun mal zurzeit schwieriger, eine große Familie mit einem Gehalt zu ernähren, dafür können die Männer nichts. Man sollte als Frau auch auf seinen Teil vorbereitet sein, und zu einem selbstständigen und verantwortungsbewussten Menschen werden – sich mit Haushalt und Finanzen auskennen, eine sinnvolle Ausbildung machen, mit der man zum Familieneinkommen beitragen könnte, sich ein bisschen mit Babies auskennen, vielleicht schon wissen, wie NFP geht, o. Ä.

Tipps für Männer: Aufmerksam sein! Wenn man sie fragt „wie geht es dir“ und sie antwortet „na ja, passt schon“ – lieber noch mal nachfragen, ob das denn heißt, dass es ihr nicht so wirklich gut geht. Und wenn sie in der Woche zuvor erzählt hat, womit sie beschäftigt ist, ruhig noch mal fragen, wie es inzwischen damit läuft. Frauen schätzen Aufmerksamkeit. Sie schätzen es auch, wenn ein Mann besonders zuvorkommend ist und z. B. die Tür aufhält. Sie erwarten solche Gesten nicht mehr unbedingt – was logisch ist, da Feministinnen Männer dafür anzicken -, und wenn es jemand dann trotzdem tut, sind sie freudig überrascht. Außerdem: Am Anfang Geduld für Small Talk haben. Und noch ein Tipp: Frauen unterschätzen manchmal, dass auch Männer, die 1,75 m groß und nicht arg trainiert sind, merklich stärker sind als sie, weil sie das letzte Mal in der Grundschule mit vorpubertären Jungs ihre Kräfte gemessen haben. Wenn man ein Mädchen beeindrucken will, kann man ihr z. B. mal spaßeshalber anbieten, mit ihr Armdrücken zu machen. (Aber nicht auf allzu angeberische Weise!) Es ist gut möglich, dass sie einen dann gleich ein gutes Stück attraktiver findet, weil sie plötzlich den Eindruck hat, dass der sie wirklich beschützen könnte.

Tipps für Frauen: Männer bekommen oft nicht viele Komplimente und auch nicht immer viel Bestärkung. Starke Männerfreundschaften sind seltener geworden, weil irgendwie des Schwulseins verdächtig, und weil es nicht mehr so viele reine Männergruppen gibt, in denen sie sich entwickeln können. Ein ehrliches Kompliment kann einem Mann wirklich guttun. Wichtig: Ehrliche Komplimente, die man hundertprozentig unterschreiben kann, keine netten Worte, die man nicht so meint. Es kann ihm auch sehr guttun, wenn man ihm einfach mal zuhört, wenn er über seine Interessen redet, Männer fachsimpeln gern – und ein halbstündiger Vortrag über mittelalterlichen Burgenbau kann sehr interessant sein.

Es gibt diesen Dating-„Markt“, auf dem man seine Chancen maximieren kann, das ist eben so. Aber das ist zumindest nicht allzu schlimm, solange gewisse Regeln gelten – vor allem, dass mit offenen Karten gespielt wird, jeder nur einen Partner bekommt, und man den später nicht mehr eintauschen kann.

Nicht verzagen:

Man muss nicht gleich mit 20 heiraten, auch wenn das schön ist. Mit 27 reicht es auch noch, oder mit 32. Es ist auch nicht schlimm, wenn man schon 39 ist; auch wenn man seinen Stammbaum durchgeht, wird man die ein oder andere Ururgroßmutter finden, die das getan hat. Und wenn man gar keinen findet – na ja, schon ziemlich viele einsame Junggesellen und alte Jungfern sind uns in den Himmel vorausgegangen, wo es kein Heiraten mehr geben wird. Am Ende ist doch Gott allein das Wichtigste. (Das ist so, auch wenn es klischeehaft klingt.)

Zum kommenden Winter

Irgendein weiser Mensch (ich weiß tatsächlich nicht mehr, wer) hat einmal gesagt: Der Unterschied zwischen rechten Verschwörungstheorien und Schlagzeilen in den Mainstreammedien sind zwei Wochen. Da wir von unserer Regierung inzwischen heftige Beteuerungen bekommen, dass niemand die Absicht hat, einen Blackout zu verursachen, also die Stromversorgung ungefähr so sicher ist wie die Rente (der WDR beruhigt inzwischen schon damit, dass es statt Stromausfällen ja auch geplante Stromabschaltungen geben könnte), wäre es wahrscheinlich ganz sinnvoll, sich mal ganz unverschwörungstheoretisch die Tipps des Bundesamts für Katastrophenschutz anzuschauen, und ein bisschen vorzusorgen. Ich jedenfalls habe mir den Gaskocher besorgt und angefangen, Wasser und Essen einzulagern. Ja, unser Hauptproblem ist, dass man sich nicht klarmacht, dass es wirkliche harte Probleme in Deutschland geben kann – als wäre es ein Naturgesetz, dass die BRD wohlhabend sein und funktionieren muss.

Und wenn man damit fertig ist, schadet es wohl nicht, das ein oder andere Rosenkranzgesätz dafür zu beten, dass unsere Politiker den ein oder anderen launischen Anfall von halbwegs sinnvollen Ideen haben, und in den kommenden Monaten nicht allzu viele Menschen pleite gehen, arbeitslos werden oder in ihren Wohnungen frieren. Aber hey, vielleicht werden wir kommenden Winter Gelegenheiten für christliche Nächstenliebe bekommen – oder wenigstens anderen Anlass bieten, christliche Nächstenliebe zu üben. Und das ist gar nicht so zynisch gemeint, wie es vielleicht klingt. Wir müssen eben irgendwie durchstehen, was kommt, und hoffentlich alle nicht ganz allein.