Jetzt versteh‘ ich’s!

Ich habe hier ja schon einmal meinen Senf zum Projekt „Valerie und der Priester“ abgegeben (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/22/glauben-meinen-wissen-und-nicht-interessiert-sein/) und bin dabei schon einmal auf das Wichtigste eingegangen, was mich an Valerie Schönians Zugang zum Leben des Priesters Franziskus von Boeselager und zum katholischen Glauben an sich stört: Ihr Fokus auf Emotionalität, ihre feststehende (und gleichzeitig an keiner Stelle begründete) Überzeugung, in der Religion ginge es nur um Halt, Gemeinschaft, Heimat, und nette Gefühle.

Das Projekt ist jetzt nach einem Jahr zu seinem Ende gekommen, und ich muss ehrlich gesagt sagen, ich bin schön langsam froh drum. Anfangs habe ich gerne mitgelesen, es war – trotz des, wie es ein Kommentator auf Facebook mal treffend bezeichnete, gelegentlichen „Schülerzeitungsniveaus“ der Artikel – gar nicht mal uninteressant: ein Einblick in den Alltag eines sehr sympathischen Kaplans, dazu natürlich ein Einblick in den Zugang eines anderen Menschen zur Kirche, der mit der Kirche bisher nie was am Hut hatte. Es kann ganz interessant sein, sich mal anzuschauen, wie der eigene Verein so bei der Außenwelt ankommt; Valerie berichtete ja über etwas, das ihr völlig fremd war – da verzeiht man einige Klischeevorstellungen am Anfang gerne mal, zumal die 25-jährige Journalisten einen, wenn auch nicht besonders kundigen oder genialen, doch alles in allem freundlichen und interessierten Eindruck machte.

Aber allmählich nervt es mich doch, die Valerie-und-der-Priester-Artikel und -Videos im Newsfeed auf Facebook zu haben. Zu nennen wäre bei den unwichtigeren Gründen immer noch der Schreibstil, mit dem Valerie mich nie begeistern konnte (den regelmäßig verwendeten, wirklich wahnsinnig originellen Einstieg in medias res mit dem szenischen Präsens hat sie sich wahrscheinlich aus dem Oberstufendeutschbuch angelesen). Zwar sind da, um ganz ehrlich zu sein, die Artikel in meiner Tageszeitung auch nicht immer viel besser; aber trotzdem macht der Blog manchmal einen Eindruck auf dem Niveau des letzten Berichts von Oberministrantin Martina S. (18) über die Ministrantenfreizeit am Baggersee in der Pfarrzeitung von St. Aloysius, Unterangerried. Des weiteren, und das nervt mehr: So ziemlich das ganze letzte halbe Jahr hindurch wiederholt Valerie in jedem zweiten Satz ihrer Artikel, wie wichtig doch Begegnung zwischen verschiedenartigen Menschen sei, auch wenn sich Standpunkte dadurch nicht änderten; ein wie viel besseres praktisches Verständnis sie dafür entwickelt habe, dass tatsächlich nicht alles schwarz-weiß sei (was sie vorher theoretisch zwar auch unterschrieben, aber nicht so realisiert hätte); und dass es – man höre und staune! – in der Kirche ja auch sehr nette Menschen gebe. Auch wenn Franziskus gegen das Frauenpriestertum ist, sie hält ihn trotzdem noch für einen guten Menschen. Mal ganz abgesehen von der Redundanz des Ganzen hat es stellenweise doch einen etwas seltsamen Beigeschmack. Sehr nett ist zum Beispiel, was sie in einem Interview zu ihrem Projekt beim Onlinemagazin Kirche & Leben sagt: „Man muss eben sich darauf einigen, worüber man spricht, wenn man von ‚der Kirche‘ spricht – spricht man gerade von der Institution, spricht man irgendwie von den Menschen, die in Rom sitzen, oder spricht man von den Menschen, die hier in der Kirche sitzen, von der Gemeinde – und wenn man von denen spricht, also, zumindest die, die ich hier erlebt habe, dann ist die Kirche sehr wohl liebenswürdig.“ (https://www.kirche-und-leben.de/artikel/valerie-und-der-priester-ein-resuemee-am-projektende/) Wow. Wie unendlich vorurteilsfrei. Natürlich, die Menschen, die für die Institution in Rom sitzen, die müssen immer noch schlecht sein, das wissen wir, aber in den deutschen Gemeinden hier, da kann es schon doch auch nette Christen geben! Ich meine, es ist natürlich Allgemeinbildung, wie schlimm die Leute sind, die in der Kurie arbeiten, nicht wahr, die haben wir schließlich alle persönlich kennengelernt, und wieso sollte jemand überhaupt in der Zentrale der katholischen Kirche für den Papst arbeiten wollen, wenn er nicht ein schlechter Mensch wäre, aber ansonsten, so ein Gemeindepriester, der kann eventuell auch mal ein guter Mensch sein, und seine Pfarrkinder vielleicht auch. Hach. Ich bin ganz gerührt.

Okay, vielleicht unterschätze ich hier einfach, aus was für einem kirchenfernen und unterschwellig antiklerikalen Umfeld Valerie eigentlich kommt. Sie hat sicher tatsächlich viel an Vorurteilen überwunden. Anzunehmen, dass ein Kardinalstaatssekretär auch nur ein frommer, freundlicher Mensch sein könnte, gilt mancherorts wahrscheinlich als ebenso abwegig, wie anzunehmen, dass es so etwas wie vernünftig begründete Religion geben könnte – äh, Moment mal… Genau, ja, da liegt, wie schon gesagt, mein eigentliches Problem mit Valeries Berichterstattung.

In ihrem letzten Artikel, in dem sie auf das vergangene Jahr zurückblickt, kommt es wunderbar heraus: Erst einmal beschreibt sie die Fremdheit, mit der sie zunächst konfrontiert und von der sie auch irgendwie überwältigt war: „Zwischen den einzelnen Terminen versuchte ich eine Ordnung in meinen Kopf zu bekommen zwischen Eucharistie, Kommunion, Tabernakel, Monstranz und vielen anderen Begriffen, die ich nicht verstand. Ich fühlte mich wie ein Kind, das eine neue Sprache lernen muss.“ Dann geht es aber interessanterweise gleich folgendermaßen weiter: „Franziskus tat und glaubte Dinge, die von außen betrachtet völlig verrückt erscheinen, schon allein die Wandlung der Hostien in der Messe in den, so glaubt er, Leib Christi. Es war nicht immer einfach, das ernst zu nehmen. Also auf Augenhöhe zu bleiben, sich nicht einfach darüber lustig zu machen. Aber ich nahm mir vor, es zu versuchen. Denn ich wollte Franziskus nicht belächeln. Genauso wenig wie die anderen Menschen, die ich kennenlernte. Ich konnte beobachten, wie zärtlich sie aussehen, wenn sie beten. Und diese Zärtlichkeit war ja nicht verrückt, sondern echt. Da passierte einfach etwas, von dem ich nichts verstand, sie sahen etwas, das ich nicht sah.“ (https://valerieundderpriester.de/das-letzte-kapitel-c52a71d1d64f)

Also, kurz gesagt: Valerie sieht Dinge, die sie nicht einmal ansatzweise versteht und die sie erst einmal von Grund auf kennenlernen muss, und gleichzeitig ist es aber schwierig, auf Augenhöhe mit den Menschen zu bleiben, die sich mit diesen Dingen auskennen, weil ja offensichtlich ist, wie absurd das alles ist. Das Problem mit der Augenhöhe ist, dass sie über Franziskus steht, weil sie ja der aufgeklärte Mensch ist, der erst lernen muss, wie die Begriffe „Monstranz“ und „Eucharistie“ verwendet werden. Ja, da kann man nicht so einfach auf Augenhöhe mit den dummen Gläubigen reden. Da muss man sich schon anstrengen, um sich einzufühlen, wie sie das so erleben. (Okay, vielleicht könnte man diese Passage wohlwollender interpretieren. Wenn jemand etwas erst absurd findet, dann aber selbst merkt und eingesteht, dass es das, zumindest aus Sicht derer, die damit zu tun haben, nicht ist, dann ist das ja schon schön. Trotzdem haben Valeries Formulierungen einen etwas… na ja, wie soll ich sagen… seltsamen Klang.)

Den Vogel abgeschossen hat sie meiner bescheidenen Meinung nach mit diesem Abschnitt hier: „Natürlich habe ich jetzt nicht die ganze katholische Theologie und Institution verstanden. Das war auch nie der Anspruch, konnte es nicht sein, dafür ist ein Jahr zu kurz. Ich habe bewusst auch nicht die Bibel gelesen (außer der Bergpredigt; krasses Stück). Theologische Diskussionen sind wichtig, aber die müssen andere führen. Für mich war es wichtig, Franziskus als Menschen zu verstehen.“

Nein, liebe Valerie, der Anspruch des Projekts war tatsächlich nicht, dich zu einer ausgebildeten Theologin zu machen. Aber dein Job war es, ob du’s glaubst oder nicht, das Leben eines Priesters zu vermitteln. Und wenn man das tun will, sollte man vielleicht zumindest eine grobe Ahnung davon haben, wovon „Franziskus als Mensch[…]“ so überzeugt ist. Bewusst nicht die Bibel gelesen! Sag mal, geht’s eigentlich noch? Wenn ich über Kommunisten berichte, dann lese ich natürlich ganz bewusst nicht das Kommunistische Manifest, und wenn ich über Feministinnen berichte, dann lese ich ganz bewusst kein Fitzelchen feministische Literatur, und wenn ich über Muslime berichte, dann mache ich einen großen Bogen um den Koran. Wird das jetzt so gehandhabt in der Journalistenzunft? Keine Ahnung von den intellektuellen Grundlagen einer Gruppe haben, damit man einen umso authentischeren Blick auf sie kriegt? Das bringt’s mal. Das ist nicht Nachlässigkeit, sondern ganz besonders gute Berichterstattung; ja, genau.

(Komischerweise sah es übrigens bei Projektbeginn sogar noch anders aus: In einem älteren Artikel schreibt Valerie mit einem durchaus realistischen Blick darüber, dass sie mit Franziskus noch gar nicht richtig über die Reizthemen diskutieren könne: „Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren intensiv mit seinem Glauben und der Kirche. Ich seit ein paar Wochen. Das soll sich ändern. Die Bibel kommt auf meine Leseliste.“ (https://valerieundderpriester.de/leben-in-einem-projekt-e980a233ce44) Was ist dann daraus geworden? Natürlich hätte der Katechismus (vielleicht auch das Kompendium oder der Youcat) zuerst auf die Leseliste gehört – wesentlich kürzer, leichter zu verstehen und systematischer aufgebaut als die Bibel -, aber was ist jetzt also aus der Leseliste geworden? Na ja, Theologie ist ja nicht so wichtig.)

Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn solche nicht nur herablassenden, sondern regelrecht schwachsinnigen Abschnitte in Valeries Artikeln herauskommen wie: „Natürlich, klar: Die Kirche gibt Franziskus Halt, sie ist Familie; er liebt sie so sehr, dass seine Verbindung mit ihr keine Entscheidung ist, sondern einfach da ist. Und Gott liebt uns alle unendlich — ganz egal, was wir tun. Die Beziehung zu ihm zu leben, macht uns glücklich. Und der Herr ist unendlich barmherzig und gut. Wenn man all das erstmal akzeptiert, ergibt aus dieser Perspektive heraus auch Sinn, was man von außen betrachtet nicht verstehen kann. Zum Beispiel die ganze Auslegung der Bibel. Ich meine: Im Alten Testament tötet Gott Neugeborene. Das kann nun wirklich niemand wollen. Trotzdem sagt Franziskus, Gott ist unendlich gut und barmherzig — und legt die Bibel so lange aus, bis die Interpreation eben in sein Gottesbild passt, aber in jeder Deutschklausur durchfallen würde. Warum tut er das also? Weil er noch eine andere Interpretationsgrundlage hat als den Bibeltext. Für Franziskus gibt es vor diesem einen anderen, ersten, unumstößlichen Fakt: dass Gott gut ist. Barmherzig. Dass er uns liebt. Das weiß Franziskus aus seiner persönlichen Jesuserfahrung. Eine Interpretation, die diesem Fakt widerspricht, ist aus seiner Perspektive also schlicht: durchgefallen.“ Ich weiß nicht, wo die liebe gute Valerie das Deuschklausuren-Schreiben gelernt hat, aber wenn sie auch das Bibellesen gelernt hätte, hätte sie zum Beispiel etwas über den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament lernen können, über die spezielle Auslegung des Alten, wie sie im Neuen Testament selber sogar u. a. in einem Text, den sie gelesen haben will – der Bergpredigt – exemplarisch vorgemacht wird (fernerhin siehe z. B. auch noch Matthäus 19,7f. oder auch Apostelgeschichte 10), darüber, welche verschiedenen literarischen Genres im Orient vor 3000 Jahren so verwendet wurden, darüber, dass die Bibel nicht aus einem Buch, sondern aus mehreren verschiedenen Büchern mit ganz unterschiedlichen Bedeutungsebenen besteht, und so weiter und so fort – vielleicht hätte sie sogar ein paar Passagen aus Dei Verbum (http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651118_dei-verbum_ge.html) lernen können, bevor sie sich so wissend über die Exegese tausender Jahre alter Texte äußert, vielleicht hätte sie sogar das Alte Testament selber mal lesen können, hätte eine gute kommentierte Bibelausgabe zurate ziehen können, und hätte sich ein paar Infos über die Interpretation bestimmter konkreter Texte aneignen können. Ach, was rede ich, es geht ja bei diesem Projekt nicht um Theologie. [GRRRRR!!!!]

(Nicht alles an Valeries Text oben ist übrigens falsch, das ist das Problem; er enthält die typischen Halbwahrheiten; unsinnig wird er alles in allem trotzdem am Ende. Wir können keine Bibelstellen einfach ignorieren oder hinwegreden; und die Interpretation folgt durchaus gewissen Regeln. Wer sich mehr für katholische Bibelexegese interessiert, dem empfehle ich mal meine noch unvollendete Reihe zu den „schwierigen Bibelstellen“ (https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/), insbesondere Teil 9 (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/14/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-9-gericht-verdammnis-und-was-war-so-schlimm-an-goetzendienst/), in dem es u. a. genau um die ägyptischen Erstgeborenen geht, und vielleicht auch noch Teil 8 vorher (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). Das sind natürlich wiederum nur meine persönlichen Auslegungen zu einzelnen Stellen, daher noch einmal der Verweis: Das oben verlinkte kirchliche Dokument Dei Verbum erklärt die Prinzipien der katholischen Bibelauslegung im Allgemeinen (ich fasse sie hier in Teil 2 meiner Reihe auch noch zusammen: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/16/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-2-das-katholische-schriftverstaendnis/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/22/ueber-schwierige-bibelstellen-nachtraege-zu-teil-2/).)

Jetzt versteh ich’s jedenfalls, wieso Valerie den Unsinn schreibt, den sie schreibt, wenn es darum geht, was der Glaube für die Gläubigen ist. Die Theorie interessiert hier nicht, weil darum geht’s hier nicht, also ist alles an der Religion nur Emotionalität, weil die Theorie, die ist ja absurd. Das nennt sich dann logisches Denken. Oder so ähnlich. „Wahrheit“ kommt als Kategorie nicht einmal vor.

Vielleicht bin ich hier ein bisschen fies. Valerie hat offenbar tatsächlich in diesem Jahr einiges verstanden und auch etwas an Offenheit aufgebaut – der verlinkte Artikel legt Zeugnis davon ab. Sie versteht besser, wie Katholiken über die „Reizthemen“ Frauenpriestertum, Homosexualität, Missbrauchsskandal denken, und was ihnen das eigentlich Wichtige an ihrer Kirche ist, und sie hatte offenbar wirklich so einiges an Vorbehalten abzubauen im Lauf der Zeit; das dauert sicher auch. Aber meinem Eindruck nach – der trügen kann, da ich sie nur aus ihren Artikeln und Videos kenne, und nicht persönlich – hat sie bei weitem nicht so viel verstanden, wie sie sich einbildet, und ist auch nicht immer so offen, wie sie denkt.

Ihr Hauptproblem ist, dass sie den letzten Zugang nicht findet: Sie scheint unfähig zu sein, einfach nur mal theoretisch anzunehmen, dass Jesus Christus tatsächlich der Sohn Gottes sein könnte. Ich als Katholikin kann in einer Auseinandersetzung mit diesem Thema theoretisch einmal annehmen, dass Gott sich mit der letzten wahren Offenbarung an Mohammed gewandt haben könnte, und kann dann begründen, aus welchen Gründen ich das doch nicht für zutreffend halte. Man möchte Valerie am liebsten selber eine Deutschklausur aufgeben, und zwar eine Erörterung zum Thema „Wieso ich Jesus von Nazareth (nicht) für den Sohn Gottes halte – historische, theologische und philosophische Argumente“. Schön standardmäßig auszuarbeiten mit Pro- und Contraargumenten, jeweils bestehend aus den drei B’s, Behauptung, Begründung, Beispiel, wie wir das gelernt haben. Vielleicht könnte man sie dadurch mal zum logischen Nachdenken über die intellektuellen Grundlagen des Christentums zwingen, die in ihrem Denken einfach inexistent zu sein scheinen.

 

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen

Wie regelmäßige Leser bemerkt haben werden, habe ich diesen Monat bisher ganz ungewöhnlich wenig gepostet – ein Grund war, dass ich vergangene Woche krank war. Deshalb war ich am Sonntag auch nicht in der Messe, die Fernsehmesse habe ich auch nicht gesehen, und die Lesungstexte, die gelesen worden wären, habe ich erst heute nachgeschaut. (Ich bin momentan gerade sehr faul beim Bibellesen, aber wenn ich nicht in die Sonntagsmesse kann, schaue ich zumindest noch die Lesungen der verpassten Messe beim Bibelwerk (https://www.bibelwerk.de/home/sonntagslesungen?show=all) nach.) Ich bin also auch erst heute darauf gestoßen, dass ich einen meiner absoluten Lieblingstexte aus dem Johannesevangelium verpasst habe, nämlich den Anfang von Kapitel 14.

Ich weiß nicht, worauf sich die meisten Predigten des letzten Sonntags konzentriert haben; ich nehme mal an, auf den berühmten Vers 6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Ist ja auch ein sehr schöner Vers, über den sich das Predigen lohnt; aber mich berühren jedes Mal noch sehr viel mehr die Verse 1 und 2, mit denen dieses Evangelium des 5. Sonntags der Osterzeit beginnt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“

Diese Verse stammen aus den Abschiedsreden beim letzten Abendmahl. In Kapitel 13 erzählt das Johannesevangelium von der Fußwaschung, und dann spricht Jesus bis Kapitel 17 im Abendmahlssaal zu seinen Jüngern (d. h. in Kapitel 17 betet Er auch zum Vater). Ich liebe diese Kapitel alle, aber besonders im Gedächtnis geblieben sind mir eben immer diese Worte:

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“

Mein Herz ist leicht verwirrt, und ängstlich, und mutlos. Aber der Vater hält sehr viele Wohnungen bereit, vermutlich auch sehr verschiedene, für jeden eine, und für jeden eine passende. Tja, jetzt wollte ich noch mehr irgendwie Tiefsinniges über diesen Bibeltext schreiben, aber es fällt mir im Moment gar nichts anderes ein als nur immer wieder dieser Satz, der in meinem Kopf herumgeht: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Vielleicht ist damit auch irgendwie schon alles gesagt. Ich nehme nicht an, dass man mich missverstehen wird (jedenfalls dann nicht, wenn man meinen Blog kennt) : Ich predige hier nicht die Apokatastasis. (Hey, wenn man’s schon kann, darf man auch mal seine klugen griechischen Begriffe anbringen.) Aber trotzdem gibt es keinen Grund, sich zu ängstigen. Im Haus des Vaters sind viele Wohnungen bereit.

 

PS: Ich weiß nicht genau, wie oft ich in nächster Zeit zum Bloggen kommen werde; aber ich hoffe, es wird wieder etwas öfter werden. Ein paar weitere Beiträge zur Reihe über die schwierigen Bibelstellen sind in Arbeit; ich habe die Reihe in letzter Zeit vernachlässigt. Die zentralen Themen Tora und Landnahme stehen bald endlich an, und nach einigen weiteren AT-Artikeln werde ich dann auch irgendwann mal noch zum frauenfeindlichen Paulus und zum Lästern des Heiligen Geistes und ähnlichen NT-Stellen kommen. Wie schon mal gesagt: Das Thema reicht für so einige Beiträge.

Eine Entdeckung: Ja, Blockflöten können schön klingen.

Wenn man Berufsmusiker unter seinen Facebook-Bekanntschaften hat, kann man die erstaunlichsten Entdeckungen machen. Wirklich erstaunliche, meine ich. Zum Beispiel die, dass Blockflöten nicht erfunden worden sind, um die unschuldigen Besucher von Kindergottesdiensten zu quälen, die sich das anhören müssen, was das Kindergottesdienstvorbereitungsteam mit ein paar Siebenjährigen zusammen fabriziert hat, und auch nicht, um die unschuldigen Kinder selber zu quälen, die erst die Blockflöte lernen müssen, bevor ihre Eltern sie an Klavier, Schlagzeug oder Geige lassen. Nein; Blockflöten können wunderschön klingen.

Man höre sich das mal an! Gänsehaut! Man fühlt sich nicht wie in der dritten Bankreihe hinter dem Kinderchor, sondern wie in archaischen Zeiten, wie in einer anderen Welt, wie bei Pan, dem Gott der Hirten, wie bei den Elfen, wie in der Höhle eines Fauns im Lande Narnia…

Der Kopp-Verlag informiert! – Von Außerirdischen und Apokalypsen

Vor zwei Tagen hatte ich unerwartete Post im Zeitungskasten: Einen Katalog vom Kopp-Verlag. Woher die meine Adresse bekommen haben, ist mir schleierhaft, aber vielleicht sollte ich ihnen trotzdem dankbar sein; schließlich bieten sie mir „Bücher, die Ihnen die Augen öffnen“. Brauche ich. Unbedingt. Worüber die Augen öffnen? Na, darüber natürlich, was alles an schröcklichen Dingen in der Welt vor uns Normalbürgern geheimgehalten wird!

Auf der Titelseite des Katalogs etwa wird dem geschätzten Kunden ein Werk präsentiert, das bezeugt, „[w]ie Hellseher weltweit seit Jahrhunderten eine 3-tägige Finsternis für unsere Zeit vorhersehen“. Besagte Finsternis soll während eines Weltkriegs auftreten, der beinahe – aber dann doch nicht ganz – zu einem Atomkrieg eskalieren wird (verhindert werden wird letzeres durch das Eingreifen „eine[r] kosmische[n], nicht irdische[n] Kraft“, so der Kopp-Verlag, und ausgelöst werden wird die Finsternis durch ein Himmelsphänomen). Aber keine Bange: Man kann sich vorbereiten. Mit den Handbüchern der Selbstversorgung und Krisenvorsorge, und mit den praktischen Primuskochern und Wasserfiltern, die ebenfalls im Katalog zu finden sind, sind Sie für Atomkriege, verheerende Meteoriteneinschläge und Alienangriffe gleichermaßen gerüstet. Gut gewarnt ist halb überlebt, oder so.

Ach ja, Aliens! Sie wussten noch nicht, dass die Götter der griechischen Mythologie ebenso wie die biblischen Engel in Wahrheit Außerirdische sind, die seit Jahrtausenden heimlich Kontakt mit der Menschheit haben? Jetzt wissen Sie’s. Geheimgehaltene archäologische Funde beweisen es!!! Ein anderer Autor wiederum kann aufzeigen, dass die US-amerikanische Regierung schon seit Kennedy zu denjenigen gehört, die den Kontakt mit den Außerirdischen halten (ob es dieselben Außerirdischen sind wie beim ersten Autor, weiß ich allerdings nicht; aber das Universum ist schließlich groß).

Die US-amerikanische Regierung – die sollte man allgemein nicht unterschätzen. Schließlich unterstützt sie auch den IS mit Militärberatern und so, um in Syrien ihre finsteren Pläne zu verwirklichen. Irgendwie gehört sie wohl auch zur globalen Finanzelite, die die Neue Weltordnung [großgeschrieben] herbeiführen will.

Irgendwann, wenn man so durch den Katalog blättert, fragt man sich, wo bei alldem eigentlich die Juden, die Freimaurer und die Jesuiten abgeblieben sind. Bringen die gar nichts mehr auf die Reihe? Okay, ich weiß nicht genau, ob die Juden vielleicht schon zur globalen Finanzelite zählen, und immerhin wird Israel unter den Ländern genannt, die Terroristen „Unterschlupf“ gewähren – ja, Sie haben richtig gelesen, Israel gewährt islamistischen Terroristen Unterschlupf, nein, nicht etwa, weil es auf einmal nationale Selbstmordpläne hegt, nein, das ist alles Teil des großen bösen Plans – , aber die Freimaurer tauchen praktisch nicht auf und die Jesuiten auch nicht. Ich bin allmählich schwer enttäuscht von unseren Leuten. Wenn man zu bedeutungslos wird, um in Verschwörungstheorien aufzutauchen, obwohl man da vor nicht allzu langer Zeit noch ganz vorne dabei war, sollte man eventuell mal die Ordensführung überdenken.

Man könnte sich ein Beispiel an den „Schulmedizinern“ nehmen: Die sind die Bösen einer ganzen Sparte angebotener Werke. Wir lernen: Wir müssen alle nur unsere Vitamine und Öle und unser Johanniskraut zu uns nehmen und den Buchweizen, die Chiasamen und die „Wunderwurzel Kurkuma“ nicht vergessen, und dann brauchen wir auch kein Kortison, keine Antibiotika und keine Antidepressiva mehr, denn schließlich leben die „Schulmedizin“ und die „Pharmaindustrie“ nur davon, uns krank zu halten, während die unterdrückten und verfolgten Homöopathen nur unser wahres Heil im Auge haben. Für nur 4,95 Euro („Preis-Hit“!) erhalten Sie ein kleines Handbuch zum richtigen Einsatz sämtlicher Schüßlersalze, und für 19,95 Euro erfahren Sie alles über die Heilkraft der Kokosnuss. Wenn Sie „Borreliose natürlich heilen“ wollen, müssen Sie annähernd dasselbe aufbringen, 19,90 Euro.

Auch ansonsten findet sich noch allerlei Nützliches beim Kopp-Verlag: Man kann von Vorahnungen, Reiki und Astralreisen lernen, von der „heilsame[n] Kraft des Segnens“, und von „Lichtbotschaften von den Plejaden“. Aber keine Angst, es ist nicht nur Esoterik da. Der Katholizismus kommt tatsächlich auch mal vor – kommt allerdings auch irgendwie zweischneidig weg. Auf Seite 12 wird ein Buch über „Das letzte Geheimnis von Fatima“ angepriesen, und es wird sogar ein Zitat von Papa emeritus Benedikt über den Marienerscheinungsort über der Buchbeschreibung angeführt, um die Autorität dessen zu untermauern, was auch immer in dem Buch dann geschrieben sein wird. Offenbar geht es darum, eine „prophezeite Katastrophe“ zu verhindern. In Fatima wurden nämlich nicht, wie man bisher glaubte, die Verfolgungen von Christen durch den Kommunismus im 20. Jahrhundert und das Attentat auf Johannes Paul II. prophezeiht, sondern irgendeine noch kommende Katastrophe, die irgendetwas mit dem IS zu tun haben muss – ich meine, wo kämen wir denn hin, wenn wir keine Katastrophen für die Zukunft mehr hätten, zu denen wir unheilvolle Prophezeiungen finden könnten.* Wie gesagt, soweit auf Seite 12. Auf Seite 46 dann erfahren wir von einem „Evangelium, das nicht in der Bibel steht“, kurz gesagt, dem Evangelium des Thomas, das, „[v]on der Kirche verfemt und unterdrückt“, doch die „ursprünglichsten, reinsten Worte Jesu“ beinhaltet, und hier nun übersetzt und kommentiert zu erwerben ist. (Wer will, kann es allerdings auch einfach online hier herunterladen: http://www.meyerbuch.de/pdf/Thomas-Evangelium.pdf Aber Vorsicht! Wer auf diesen Link klickt, den werde ich zu finden wissen (ich besitze nicht nur überlegene Hacker-Fähigkeiten, müssen Sie wissen, sondern auch überirdische Eingebungen, und ich WERDE SIE FINDEN KÖNNEN!!!), und den werde ich bei der Heiligen Inquisition melden, und in spätestens zwei Wochen wird er auf dem Petersplatz auf dem Scheiterhaufen brennen! [Man stelle sich an dieser Stelle bitte ein entsprechend schurkisches Lachen vor.])

Na ja, gut, im Katalog findet sich auch normales Zeug. Sogar in der Sparte „Medizin & Gesundheit“ finden sich ein paar Bücher, die aus mehr bestehen könnten als Warnungen vor den fürchterlichen Folgen von Impfungen und Besuchen bei Ärzten mit wissenschaftlicher Ausbildung. (Nein, an sich habe ich übrigens nichts gegen gesundes Essen und den Einsatz von Hausmittelchen, solange man keine Medikamente braucht. Da hat auch kein Arzt was dagegen.) Ein paar gewöhnliche trashige Historienromane mit Titeln wie „Die Ketzerbraut“ gibt es auch, gewöhnliche Bestseller aus dem Bereich Politik ebenso, und sogar einen Schulatlas oder Martin Luthers „95 Thesen. Lateinisch – Deutsch“. Tatsächlich hat der Katalog auffallend viel im Angebot, was nicht beim Kopp-Verlag selbst erschienen ist, sondern bei Heyne oder Droemer oder Knaur oder anderswo. Irgendwie muss man die 146 Seiten ja voll kriegen.

Was haben wir also gelernt: Glauben Sie nicht alles, was Sie hören und lesen. Glauben Sie nur, was in dem Enthüllungsbuch steht, das Sie gerade vor sich haben. Für 22,95 Euro beim Kopp-Verlag erhältlich.

 

PS: Na ja, vielleicht bestelle ich mir ja „Die Ketzerbraut“. Das dürfte für mindestens fünf klugscheißerische Blogartikel reichen, in denen ich mich über Vergangenheitsklischees und mangelnde Geschichtskenntnisse der deutschen Bevölkerung aufregen kann.

 

* Für alle, die sich mit der katholischen Position zu Fatima etc. nicht auskennen: Diese Botschaften zählen zu den „anerkannten“, d. h. von der Kirche erlaubten, Privatoffenbarungen – es ist den Katholiken freigestellt, an die Botschaften, die 1917 von der Gottesmutter Maria an drei Kinder aus dem portugiesischen Dorf Fatima überbracht worden sein sollen, zu glauben, aber wir müssen es nicht.

Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

Ein Problem, das ich mit unserem derzeitigen Papst, wie er manchmal erscheint, oder zumindest mit manchen seiner Anhänger, habe, ist ihre gewissermaßen selektive Barmherzigkeit. (Ich weiß nicht, ob alles oder auch nur ein größerer Teil dessen, was ich in diesem Artikel beschreibe, auf Papst Franziskus persönlich zutrifft, aber es geht mir auch nicht vorrangig um ihn oder irgendeine andere Person, sondern um ein allgemeines Phänomen. Hier also der offizielle Disclaimer: Dieser Artikel hier ist eigentlich nicht als Papstkritik im strengen Sinne gemeint, er kritisiert eher ein Phänomen, das besonders unter dem derzeitigen Papst wieder stärker aufgelebt ist, das aber nicht gerade neu ist.)

Wie gesagt: Selektive Barmherzigkeit. Was ich damit meine, ist Folgendes:

Man redet von Armut, Demut und Barmherzigkeit. Man tritt ganz betont schlicht auf, damit andere sehen, dass man den alten Prunk der Kirchenfürsten verabscheut. Man zeigt sich bestimmten Sünden gegenüber, die in der Welt beliebt sind, barmherzig, nicht verurteilend, manchmal verständnisvoll, manchmal auch verharmlosend. Andere Sünden dagegen verurteilt man mit den schärfsten Worten, die man finden kann. Ersteres sind meistens die Sünden des Fleisches, letzteres bestimmte Sünden des Geistes. Man betont, wie viel Gutes auch in vor- / außerehelichen Beziehungen zu finden sei, während es ja auch Ehen gäbe, in denen keine gute Beziehung zwischen den Partnern bestehe, und man predigt darüber, wie grauenvoll es sei, sich z. B. wegen seines Glaubens für besser als andere Menschen zu halten, oder wie schlimm Heuchelei sei. Die Lieblingsstelle in der Bibel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Besser ein barmherziger Samariter sein als ein gleichgültiger Priester oder Levit; besser ein moralischer Atheist sein als ein heuchlerischer Katholik. Man setzt sich selbst mit dem Heiland gleich, der gegen den Legalismus und die Rigidität der Schriftgelehrten und Pharisäer auftritt und für die Armen, Gebeugten, Ausgestoßenen einsteht.

Und damit tut man – wenn auch vielleicht unbewusst – ganz genau dasselbe wie das, wofür der Heiland die Pharisäer kritisiert hat: Man sichert sich den Beifall der Welt. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Matthäus 6,5)

Ich meine, Leute, bitte: Die ausgestoßenen Sünder unserer Zeit sind nicht wiederverheiratete Geschiedene. Es sind dicke, alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, oder AfD-Wähler, oder auch religiöse Fundamentalisten, sagen wir mal, in der Nachbarschaft umherwandernde Zeugen Jehovas oder Leiter römischer Kurienbehörden – Leute dieser Art. Ausgestoßene Sünder sind diejenigen, die tatsächlich in der Öffentlichkeit und in den Medien schlecht wegkommen, ob nun zu Recht (wie in den Evangelien die Ehebrecherin) oder zu Unrecht (wie in den Evangelien die verschiedenen Leprakranken). (Natürlich kann es je nach speziellem Milieu noch zusätzlich ganz unterschiedliche Ausgestoßene oder Verachtete geben: Fleischesser, Flüchtlinge, Katholiken, Juden, Schulmediziner, Feministinnen, Machos, Trump-Wähler, Clinton-Wähler, Klimaskeptiker, Esoteriker, Hausfrauen, und so ziemlich alles, was es gibt, können dazu gehören.)

Und wenn man barmherzig sein will (was man sollte) : auch Unbarmherzigkeit gegenüber Pharisäern ist Unbarmherzigkeit, ob man sie nun bloß für Pharisäer hält oder ob sie es wirklich sind.

Ich möchte mal ein Gedankenexperiment machen, das in deutschen Landen zwar wenig realitätsnah ist (ich habe noch keine alten Damen getroffen, die sich so verhalten) – aber stellen wir uns einfach mal vor, dass folgendes Geschehnis passiert:

Eine junge Frau, die bisher mit Kirche und Religion nie viel am Hut hatte, fühlt sich irgendwie zum Glauben hingezogen und hat manches über den Katholizismus erfahren, was sie interessiert, also schaut sie einfach mal in eine Kirche in ihrer Nachbarschaft hinein. Sie stellt fest, dass dort gerade die Sonntagsmesse stattfindet und setzt sich also neugierig zu den Gottesdienstbesuchern und ist ganz fasziniert vom Geschehen am Altar. Vorher hat sie nicht besonders auf ihre Kleidung geachtet und so trägt sie also einen etwas kurzen Rock und ein Top, bei dem ihr BH durchschaut. Nach dem Ende der Messe wird sie von einer älteren Dame, die in der Bank hinter ihr gesessen hat, angegiftet, ob ihr eigentlich jeder Respekt vor dem Herrgott abgehe, dass sie eine halbe Stunde zu spät und dann noch in einem solchen unschamhaften Aufzug in der Messe erscheine.

Die Reaktion des durchschnittlichen Lesers dieser Geschichte wäre wahrscheinlich, die alte Dame als arrogant und unverschämt abzuurteilen, oder? Aber das muss nicht zwangsläufig der Realität entsprechen.

Weshalb kann sie so gehandelt haben? Kann der Grund wirklich nur gewesen sein, dass sie eine böse, hochmütige alte Frau ist, die auf alle Mitmenschen herabsieht, die nicht aufs i-Tüpfelchen genau ihren Vorstellungen entsprechen?

Nicht unbedingt. Es kann ebenso gut möglich sein, dass sie eine Neurotikerin ist – im religiösen Bereich nennt man so etwas Skrupulantin – , die fürchtet – obwohl sie vielleicht ahnt oder weiß, dass dieses Gefühl irrational ist -, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht jeden ihrer Mitmenschen auf seine von ihr vermuteten Sünden hinweist, damit er sich bekehren kann. Denn wenn sie das nicht tut, ist sie schließlich an deren Sünden und möglicher ewiger Verdammnis mit schuld, und das ist eine große Sünde, mit der wiederum sie sich die ewige Verdammnis verdient, so ihre zwangsgestörte Logik. Dabei hegt sie persönlich keinerlei Abneigung gegen die junge Frau oder sonst jemanden; sie fühlt tatsächlich vor allem Furcht und Mitleid – um sich selbst und um die von ihr gescholtenen Menschen. Sie hat Angst vor dem richtenden Gott, der diese und sie selbst verdammen könnte. Ihr Tonfall war unbeabsichtigt, und zu Hause angekommen verbringt sie zweieinhalb Stunden damit, den Vorfall noch mal in ihrem Kopf durchzuspielen, um sagen zu können, ob sie die junge Frau mit besagtem Tonfall vielleicht so sehr verletzt haben könnte, dass diese nie wieder etwas mit der Kirche zu tun haben will, womit sie dann ebenfalls wieder an deren ewiger Verdammnis mit schuld wäre. Dann verbringt sie noch eine halbe Stunde damit, Gott um Verzeihung anzuflehen und zu versuchen, vollkommene Reue zu erwecken, nur für den Fall, und am nächsten Tag geht sie zur Beichte. Ihrem Pfarrer ist sie schon bekannt, und er versucht, sie so gut es geht zu beruhigen, so wie er es jede Woche wieder wegen irgendeinem Vorfall tut. Allmählich ist er ratlos, wie er ihr helfen soll.

Oder vielleicht war die alte Frau geistig gesund, aber einfach gestresst und wütend wegen etwas, das gar nichts mit der jungen Frau zu tun hatte, die ihr nicht sittsam genug gekleidet war. Vielleicht hat sie direkt vor der Messe noch mit ihrer Tochter telefoniert, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und diese und deren Familie freundlich zu Weihnachten eingeladen, was die Tochter abgelehnt hat, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Für sie und ihre Familie passe das nicht so gut, nein, zu Ostern wohl auch nicht, nein, auch die Faschingsferien seien schlecht. Im Lauf des Gesprächs hat die Tochter außerdem noch mehr als deutlich ihre Verachtung darüber zu erkennen gegeben, dass die Mutter immer noch die Vorbeterin beim Rosenkranzgebet in der Pfarrei macht und tagtäglich in die Messe geht; dann hat sie das Gespräch abgebrochen. Außerdem hat die alte Frau als Kind gelernt, die Ehrfurcht vor dem lieben Herrgott für sehr wichtig zu halten, und so ist ihr in ihrem aufgebrachten Gefühlszustand nach der Messe gegenüber der jungen Frau, die erstens viel zu spät und zweitens ihrer Ansicht nach nicht im Geringsten angemessen gekleidet gekommen ist, einfach ihr Temperament durchgegangen. Hinterher tut es ihr leid und sie hofft, dass die junge Frau am nächsten Sonntag wieder in die Messe kommt, sodass sie sich entschuldigen kann.

Das Problem ist eben: Kein Mensch, der heute hier auf Erden lebt, ist der Heiland. Daher kann auch kein Mensch anderen Menschen ins Herz schauen und endgültig sagen, ob sie nun arrogante Pharisäer sind oder nicht, und erst recht nicht, ob sie sich nicht vielleicht, wenn sie es sind, und wissen, dass sie es manchmal sind, eigentlich gerne bessern wollen.

Diese Art von selektiver Barmherzigkeit ist sicher oft gut gemeint und entwickelt sich dann nur falsch. Aber falsch entwickeln, das muss man sagen, das tut sie sich leider häufig.

Wir alle brauchen eben Barmherzigkeit.

 

Dinge, die keine Sünden sind

Es ist keine Sünde, fett zu sein.

Es ist keine Sünde, Süßes zu essen.*

Es ist keine Sünde, Fleisch zu essen.*

Es ist keine Sünde, Zigaretten zu rauchen.*

Es ist keine Sünde, World of Warcraft zu spielen.*

Es ist keine Sünde, keinen Sport zu machen.

Es ist keine Sünde, hässlich zu sein.

Es ist keine Sünde, alt zu sein.

Es ist keine Sünde, krank zu sein.

Es ist keine Sünde, psychisch gestört zu sein.

Es ist keine Sünde, behindert zu sein.

Es ist keine Sünde, dumm zu sein.

Es ist keine Sünde, ungebildet zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Spießer mit Bausparvertrag und Doppelhaushälfte zu sein.

Es ist keine Sünde, Hausfrau zu sein.

Es ist keine Sünde, mehr als zwei, drei Kinder zu haben. (Tatsächlich ist es sogar sehr vorbildlich. Wir zahlen mal eure Rente!)**

Es ist keine Sünde, Hartz-IV-Empfänger zu sein.

Es ist keine Sünde, ein niedriges Selbstbewusstsein zu haben.

Es ist keine Sünde, unbeliebt zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Opfer zu sein.

 

Die Ansprüche der Welt sind dieser Tage hoch, und sie ist nicht immer barmherzig; nicht selten bestraft sie die, die ihnen nicht genügen, mit Acht und Bann.

Ich finde es bemerkenswert, dass die meisten derzeit beliebten Schimpfwörter – fett, dumm, hässlich, krank, gestört, behindert, Opfer – alle Dinge bezeichnen, die eigentlich keinen Anlass zu einer Beschimpfung bieten. Kein Mensch kann etwas dafür, dass er zur Fettleibigkeit neigt, oder dass er einen niedrigen IQ hat, oder dass er Pickel und abstehende Ohren hat, oder dass er eine Zwangsstörung oder das Downsyndrom hat; man kann Fetten, Dummen, Hässlichen, Gestörten und Behinderten kein moralisches Fehlverhalten vorwerfen. Schon gar nicht kann man es jemandem vorwerfen, ein Opfer geworden zu sein (wie denn auch?). In manchen Fällen erkennt die Welt das theoretisch zwar irgendwo noch mit Lippenbekenntnissen an, z. B. bei Behinderten (Downsyndrom-Kinder werden zwar, wenn man sie rechtzeitig entdeckt, in über 90% der Fälle noch rasch beseitigt, ehe sie geboren werden können, aber wenn sie doch mal das Licht der Welt erblicken sollten, wird den Kameraden im Kindergarten immerhin erklärt, dass man Behinderte nicht beleidigen solle, und keine Vorurteile und so), aber in anderen Fällen gibt es nicht einmal das.

Bei Dicken und Hässlichen zum Beispiel sieht es schon ganz anders aus. Ich bin durchaus froh, dass ich in dieser Hinsicht positive Gene mitbekommen habe. Wenn man dick ist, weiß man gleich, welchen Eindruck man schon auf den ersten Blick bei manchen entsprechend gesonnenen Fremden hinterlassen wird: faul, verfressen, undiszipliniert, asozial. Dass Dicksein nicht unbedingt von maßlosem Pommes- und Colakonsum verursacht wird, dass es Menschen gibt, die Pommes und Cola in Unmengen verzehren könnten, ohne ihre dürre Figur zu verlieren, während andere fett bleiben würden, auch wenn sie sich nur von Gemüsesuppe ernähren würden, dass es auch für dicke Menschen genau genommen keine moralische Verpflichtung gibt, so viel Sport zu machen und so lange extreme Diäten zu halten, bis sie auf Normalgewicht sind (falls das für sie überhaupt möglich sein sollte, was gerade bei kranken Menschen nicht immer der Fall ist) – das zählt alles nicht. Dick ist asozial und faul; wer dick ist, ist selber schuld und hat nicht den Respekt verdient, den man normalen Menschen entgegenbringen kann. Dasselbe gilt für Hässliche im Allgemeinen, besonders – aber eindeutig nicht nur! – für hässliche Frauen. Wenn sie sich nur gesund ernähren und sich eine andere Gesichtscreme kaufen würde, würden ihre Pickel schon verschwinden; wenn sie nur lernen würde, sich ordentlich zu schminken, sich ein paar neue Klamotten und ein Anti-Schuppen-Shampoo besorgen würde, würde sie schon besser aussehen; wenn sie sich nur etwas anstrengen und öfter mal zum Friseur gehen würde, würde sie das Gewicht, das sie in ihren Schwangerschaften gewonnen hat, schon noch verlieren und man würde ihre grauen Haare nicht mehr sehen – aber sie kümmert sich ja nicht darum, sie vernachlässigt sich selbst, also ist sie auch selber schuld, wenn man sie für das asoziale Wesen hält, das sie ist.

Es spricht nichts dagegen, wenn man sich selbst dafür entscheiden will, Gewicht zu verlieren oder mehr auf sein Aussehen zu achten. Aber es ist keine moralische Pflicht.

Leider ist es eben so: Die Welt legt großen Wert darauf, gegenüber wirklichen Sünden ihre Nachsicht und Toleranz zu erklären, aber sie kommt ohne Sünden nicht aus, also muss sie irgendeinen Ersatz finden, den sie rigoros verurteilen kann; und den findet sie manchmal leider an den scheußlichsten Stellen. Irgendetwas muss sie verurteilen; und wenn sie Ehebruch und Lügen und das Töten störender Menschen nicht mehr verurteilen will, verurteilt sie eben Fettsein, Dummheit und Krankheit, oder irgendwelche Nachlässigkeiten wie das Zigarettenrauchen oder vergessenes Beinerasieren. (Anmerkung: Ich persönlich kann den Gestank von Zigaretten übrigens nicht ausstehen; aber ich kann das Rauchen nicht zur Sünde erklären, solange die Kirche das nicht tut, und das tut sie nicht, solange es nicht maßlos wird. Mein persönlicher Geschmack ist nicht aussschlaggebend dafür, was Sünde ist und was nicht.)

So gesehen bin ich wirklich froh, katholisch zu sein. Die katholische Kirche hält bloß solche Dinge wie Habgier, Arroganz, Lieblosigkeit, Heuchelei, Selbstsucht, Neid, Mord, Unzucht, Stehlen und Lügen für Sünden. Sie ist milde und nachsichtig gegenüber allen Unvollkommenheiten und schiebt einem nicht die Verantwortung für Schicksalsschläge zu, und sie verlangt auch nicht, auf gewöhnliche Vergnügungen und Zerstreuungen zu verzichten. Was sie verlangt? Nicht Perfektion, sondern Liebe. Sie verlangt nicht, die Welt zu retten, indem man sich einer rigorosen Mangelernährung unterwirft, und sie stellt auch nicht das unmenschliche Gebot auf, nie zum Opfer von Genen und Krankheiten und Unfällen und mangelnden Chancen und anderen Menschen zu werden.

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deuteronomium 30,11-14)

Ach ja, es ist übrigens auch keine Sünde, Katholik zu sein, auch wenn uns die Welt das ebenfalls gerne mal einreden möchte. Nicht mal dann, wenn man zu diesen dogmatischen, mittelalterlichen Katholiken gehört, die tatsächlich jeden Sonntag – oder Gott bewahre, noch öfter – in die Kirche rennen (wie pharisäerhaft!) und auch noch jeden Tag beten (haben die eigentlich nichts Besseres zu tun?).

Kurz gesagt: Wie wäre es, wenn wir alle einfach mal etwas freundlicher und respektvoller einander gegenüber wären?

 

* In Maßen, versteht sich. Maßlosigkeit in allen Dingen wird irgendwann zur Sünde, egal, ob es sich um den Verzehr von Schokolade, Aktivität auf Facebook oder das ehrgeizige Training für den nächsten Marathon (bei Maßlosigkeit in diesem Fall schadet man sich selbst) handelt. Selbst das Lesen der Werke des heiligen Thomas könnte irgendwann maßlos werden, wenn man darüber Dinge wie Essen, Schlafen und das Helfen beim Abwasch vergäße.

** Hierzu vielleicht noch eine interessante Anekdote: Als meine Mutter gerade mit ihrem vierten (und letzten) Kind schwanger geworden war, erzählte meine Großmutter ihren Arbeitskollegen davon. Dann hörte sie einen dieser Kollegen fragen: „Ja, sind die denn asozial?“ Wir reden hier, nebenbei bemerkt, von einem verheirateten Paar mit Eigenheim – der Mann in Vollzeit beschäftigt und gut bezahlt, die Frau damals Hausfrau und Mutter – die nur das Verbrechen begangen hatte, zusätzlich zu den drei bereits vorhandenen Kindern noch ein viertes zu erwarten. Das ist schon einige Jahre her, und ich weiß nicht, ob die Vorurteile immer noch so stark sind, aber sie sind definitiv da. Vier Kinder markieren gerade so die Grenze, glaube ich – drei sind noch akzeptabel, und fünf bedeuten auf jeden Fall schon eine „Großfamilie“, bei der irgendetwas nicht stimmen kann.

„Siehe, dein König kommt zu dir“: Lassen wir uns doch von Ihm lieben

(Ein etwas verspäteter Palmsonntagsbeitrag. Sorry, ich hatte in den letzten Tagen viel um die Ohren und habe diesen Beitrag daher länger halb fertig liegen lassen.)

„Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers. Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.“ (Matthäus 21,1-11)

„Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde. Auch deine Gefangenen werde ich um des Blutes deines Bundes willen freilassen aus ihrem Kerker, der wasserlosen Zisterne.“ (Sacharja 9,9-11)

Vergangenes Wochenende war ich seit längerem einmal wieder beichten (Fastenzeit und so); und es war ein außergewöhnlich schönes Erlebnis. Ich gehe jedes Mal in der Kirche in meiner Nachbarschaft bei dem Priester, der an dem Tag, an dem ich mir das Beichten vorgenommen habe, gerade im Beichtstuhl sitzt; meistens ist das der Stadtpfarrer. An diesem Wochenende erwischte ich erstmals den neuen Kaplan. Ich bin vom Pfarrer her eher die Art Beichte gewohnt, bei der man seine Sünden aufzählt, dann einen kurzen, eher allgemeinen Zuspruch erhält, und dann gleich die Absolution; alles in fünf Minuten vorbei. Diesmal merkte ich schon während des Schlangestehens vor dem Beichtstuhl (in der Karwoche muss man manchmal tatsächlich mal länger Schlange stehen, in meiner Pfarrei jedenfalls), dass die Leute vor mir schon etwas länger dort drin waren als für gewöhnlich, so eine Viertelstunde konnte es schon dauern. Als ich dann an die Reihe kam und schließlich mit meiner Sündenaufzählung fertig war, unterhielt sich der neue Kaplan auch mit mir noch länger als für gewöhnlich, offensichtlich, um das Ganze persönlicher zu machen anstatt mehr oder weniger als Blockabfertigung. Er begann einfach damit, nachzufragen, welche der Sünden, die ich genannt hatte, ich denn als am schwerwiegendsten bewerten würde. Ich stotterte erst einmal herum und entschuldigte mich dafür dann wiederum mehrmals; jedenfalls fragte er noch manches andere nach und ich konnte noch manches erzählen und manche Fragen stellen, und es ergab sich am Ende ein gutes Gespräch über mein neurotisches Gewissen. (Über das ich schon mehrfach geschrieben habe; siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/ und hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/category/skrupulositat/)

Wie gesagt, ich bin so etwas in der Beichte bisher eigentlich nicht gewohnt gewesen. Mit meinen religiösen Zwängen und Ängsten versuche ich meistens eher selber fertigzuwerden, anhand von Internet, Büchern, und eigenen Überlegungen. Zum Beichten bin ich immer gegangen, um Sachen bei Gott abzuladen, nicht, um persönlichen Trost und Tipps zu erhalten – ersteres geschieht natürlich immer und ist auch tatsächlich der eigentliche Zweck dieses Sakraments, aber er sollte letzteres nicht ausschließen; es muss schließlich Gründe geben, wieso Gott die Sündenvergebung in ein Zweiergespräch mit einem Seelsorger eingebunden hat. Einmal erst habe ich bisher außerhalb der Beichte mit einem Priester über meine religiöse Zwangsgestörtheit gesprochen (außerdem habe ich vor kurzem eine Psychotherapie begonnen; was natürlich nicht ganz dasselbe ist, aber trotzdem sehr notwendig); in der Beichte nie. Dabei ist sie eigentlich ein sehr geschützter Raum – schon allein durch die Architektur des Beichtstuhls mit seiner Abgeschlossenheit von der Außenwelt, seiner Dunkelheit, dem Gitter zwischen Priester und Pönitent, aber noch mehr natürlich durch das Wissen um das absolut ausnahmslos in jedem Fall geltende Beichtgeheimnis -, aber trotzdem ist es auch in so einem geschützten Raum nicht immer ganz einfach, dem Beichtvater, ob er nun ein Fremder oder ein guter Bekannter ist, mehr zu erzählen als unbedingt für eine gültige Beichte notwendig, und ihn noch um Rat für konkrete Situationen zu bitten, gerade, wenn vielleicht draußen noch andere Pönitenten warten, die sich eventuell noch fragen könnten, was man so lange da drin macht. Da kann es manchmal hilfreich sein, wenn der Priester von sich aus die Sache etwas persönlicher gestaltet. (Natürlich: Wenn es einem Pönitenten unangenehm ist, manche Dinge genauer zu besprechen und er gerade nicht sein ganzes Seelenleben diskutieren möchte, sollte er das auch sagen können. Es haben ja nicht alle Leute so viel Gesprächsbedarf wie ich.) Aber in meinem Fall jedenfalls war es sehr tröstlich: Einfach einmal wieder mit einem aufmerksam zuhörenden Menschen reden zu können; laut aussprechen zu können, was mich manchmal fertigmacht. Die Beichte bei einem guten Seelsorger bietet einen Raum unglaublicher Freiheit. In diesem Raum kann man Sätze aussprechen wie: „Ich habe Angst vor der Hölle.“ Es mag vielleicht lächerlich klingen, das zu sagen, aber lächerliche Dinge aussprechen zu können, befreit eben. Ich stelle mir den Himmel als einen Ort vor, an dem niemand mehr die lächerlichen und dummen Dinge, die er gedacht und gesagt und getan hat, verstecken muss; überhaupt als einen Ort, an dem man keine Angst mehr haben muss. Wie schön wäre so ein Ort.

Der Herr Kaplan brauchte bei mir wohl ein wenig, bis er aus meinem Gestotter ganz klug wurde, jedenfalls verstand er dann irgendwann, dass ich mir oft nicht sicher bin, wie schwer meine Sünden sind; dass ich lange über derartige Fragen nachgrüble; dass ich z. B. Angst habe, dass es eine Sünde ist, wenn ich etwas nicht gleich und sofort beichten gehe und mich dann vor dem Beichten wiederum verkrampfe und Bauchschmerzen bekomme; dass ich Angst habe, Dinge falsch zu machen, nicht genug zu tun, vor Gott nicht zu genügen; dass ich manchmal Angst habe, in die Hölle zu kommen.

Zuerst sagte er mir dann eine sehr wichtige Sache, die ich eigentlich schon oft genug gehört und über die ich selber schon öfter geschrieben habe (das täglich Darandenken ist so eine Sache) : Wir werden nie genügen können; wir können nie genug leisten; wir können uns nicht den Himmel erarbeiten. Alles ist Gnade. Auch die Beichte, d. h. die Absolution in der Beichte (die theoretisch vom Priester übrigens sogar verweigert werden könnte, unter gewissen, seltenen Umständen). Gott schuldet uns keine Vergebung, wenn wir diese und jene Regeln genau erfüllen (Vergebung, auch menschliche Vergebung, ist immer etwas Ungeschuldetes); Er will sie uns schenken und hat uns dafür einen Weg gezeigt. Es ist schon vom Ansatz her völlig falsch, mit diesem Leistungsdenken an die Sache heranzugehen. Wir müssen nicht denken „Wenn ich das und das tue, muss Gott mich doch mögen“; nein – Gott liebt uns, ohne dass wir irgendetwas getan hätten, und trotz allem, was wir tun.* Ja, wir sollen auch auf Seine Liebe antworten, aber wir müssen weg von diesem Leistungsdenken. Wir werden niemals vollkommen sein, und man kann Liebe nicht verdienen. Gott stellt uns auch keine unerfüllbaren Aufgaben; einfach mal platt gesagt, es genügt, ein gewisses Mindestmaß an Reue für seine Sünden zu haben (was für uns Katholiken bei Gelegenheit dann auch einschließt, sie zu beichten), und sich nicht mehr durch eine schwere Sünde von Gott abzuschneiden, um zu Ihm zu kommen (bzw. wenn doch, diese dann wieder zu bereuen, etc. etc.).

Nebenbei machte er mir dann noch klar, dass vorgeschrieben nur die einmal jährliche Beichte sei, es also keine Sünde wäre, nur so oft beichten zu gehen (meine letzte Beichte ist übrigens noch lange kein Jahr her; ach ja, noch eine Anmerkung für alle eventuell hier mitlesenden Skrupulaten: Der Vorsatz, beichten zu gehen, ist vor Gott übrigens auch was wert; Er wird uns nicht böse sein, wenn wir z. B. zufällig sterben sollten, ehe wir die Gelegenheit hatten, eine schwere Sünde (falls wir denn schwere Sünden auf dem Gewissen haben) zu beichten – gilt ja analog z. B. auch für die sog. „Begierdetaufe“). Etwas anderes, was ich noch sehr gut fand, war, dass er auch kurz das Thema Psychotherapie ansprach, in Bezug auf das es ja in Deutschland immer noch viele Vorurteile gebe.

Dann fragte er mich noch etwas: Wie es denn bei mir mit dem Beten so gehe? Na ja, ich würde eben so das Vaterunser beten, und für meine Familie etc. beten, und so. Daraufhin riet er mir, im Gebet auch mal etwas anderes zu versuchen: Mich einfach von Gott lieben zu lassen. Einfach vor Gott da zu sein, jeden Tag eine Viertelstunde lang, mir vorzustellen, bei Ihm zu sein; und mich von Ihm lieben zu lassen.

Gefühlsmäßig… kommt mir so etwas manchmal beinahe anmaßend vor. Einfach davon auszugehen, dass Gott mich liebt? Dass ich bei Ihm sein kann, ruhig eine Viertelstunde vor Ihm sitzen kann, ohne etwas beteuern oder bereuen oder erbitten oder bedanken zu müssen, ohne Angst zu haben, sondern einfach nur bei Ihm sein und von Ihm geliebt werden könnte? Einfach nur ruhig da sein könnte, ohne viel zu besprechen, oder auch, Ihm auf ehrliche Weise meine Ängste und meine Bitterkeit anzuvertrauen könnte? Was, wenn… ich weiß nicht, wenn da irgendeine unerkannte Schuld noch da ist, wenn ich eigentlich noch so vieles andere falsch gemacht habe und es mir vielleicht unbewusst nicht eingestehen will, ein verkleideter innerlicher Hochmut oder etwas in der Art, und ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass Gott einfach so mit mir zufrieden ist…

Stop jetzt.

Gott liebt uns; wir sind doch Seine Kinder. Paulus schreibt: „Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden.“ (Römer 8,15-17)

Am Palmsonntag haben wir unseren König in Seiner Stadt begrüßt. Aber wir sind nicht eigentlich die Untertanen oder Dienstboten dieses Königs; nein, wir sind Seine Kinder, Königskinder. Gott liebt mich; ich bin Seine Tochter, Seine Prinzessin.

Jesu Einzug in Jerusalem und Sein Leiden einige Tage später lesen sich in gewissem Sinne wie eine durchgängige Parodie auf die Zeremonien von Königen und Kaisern (man denke gerade an die römischen Kaiser dieser Zeit) : Der Einzug auf einem Esel, einem dreckigen Lasttier der Armen, statt auf einem Streitross, mit einem Gefolge von Gruppen seiner Jünger, unter dem Jubel der Stadtbevölkerung, aber ohne Kriegsmacht, ohne Soldaten, Sklaven und Gefangene, und unter den missbilligenden Blicken der Obrigkeit und der intellektuellen Eliten (vgl. Lukas 19,39). Als König verworfen, verspottet, und zum Tod verurteilt. „Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf.“ (Matthäus 27,27-30)

Ein König mit Dornenkrone und Kreuzesthron, über dessen Kopf bei Seinem Tod eine Tafel proklamiert: Jesus von Nazareth, der König der Juden. „Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ (Johannes 19,21f.)

Dieser König ist ein wahrer König, aber ein König des Leidens, ein König der Liebe; Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist ein König des Friedens, der auf einem Esel und mit Palmzweigen zu Seiner Begrüßung in Jerusalem, der Stadt des Friedens, einzieht; kein Fürst, vor dem wir uns fürchten müssten.

 

* (Ja, liebe Lutheraner, wir brauchen keinen Luther, um „Werkgerechtigkeit“ anzuprangern. Das können konservativ-katholische Kleriker ganz genauso; das ist der Standard dessen, was in den Dogmatiklehrbüchern steht und was man einer Skrupulantin predigt.)

 

Die Frage „Sind Religionen gut oder schlecht?“…

…macht in etwa so viel Sinn wie die Frage „Sind politische Parteien gut oder schlecht?“.

Mit schöner Regelmäßigkeit kommt nach islamistischen Anschlägen oder bei Diskussionen um ein Burkaverbot oder auch ohne näheren Anlass von anti-theistischer* Seite die Behauptung auf, Religionen seien einfach alle problematisch und sie alle hätten zumindest in der Öffentlichkeit nichts verloren – als „Privatsache“ könne man sie ja evtl. noch dulden, aber mehr bitte schön nicht.

Hier sind mehrere blödsinnige Vorstellungen vorhanden; aber eine, die sofort ins Auge sticht, ist natürlich diese – geben wir der Sache mal einfach einen positiv klingenden Namen – Gleichsetzung aller Religionen.

Sorry, aber: Das funktioniert einfach nicht. Die Azteken opferten am laufenden Band Menschen und führten sogar eigene Kriege, um genügend Gefangene für ihre Zeremonien zusammenzubekommen, da sie glaubten, dass die Götter von menschlichem Blut ernährt werden müssten und die Sonne nicht mehr aufgehen würde, wenn die Opfer aufhörten. Das war auch eine Religion. Scientology ist auch eine „Religion“, und auch deren Praktiken sind, na ja, ähm… nicht immer sauber. Die paar Dutzend Mitglieder der US-amerikanischen Westboro Baptist Church stehen bei Soldatenbegräbnissen und vor Gebäuden anderer Religionen mit Schildern wie „Gott hasst Schwuchteln“, „Gott hasst Amerika“, „Priester vergewaltigen Kinder“, „Israel ist verdammt“ oder „Gott hasst Oklahoma“ herum, und darin besteht ihre Verkündigung und Glaubenspraxis. 900 Mitglieder der Gruppierung „Peoples Temple“ töteten sich 1978 auf Anweisung ihres Gurus. Und es gibt eben andere Religionen, die tun so etwas nicht, sondern tun vielleicht sogar ab und zu mal Gutes, auch wenn sich das manche Leute kaum vorstellen zu können scheinen.

Die Evangelikalen nicht dasselbe wie die Zeugen Jehovas, und Voodoo ist nicht dasselbe wie Konfuzianismus, und Buddhismus ist nicht dasselbe wie Mormonentum, und Salafismus ist nicht dasselbe wie Katholizismus. Sollte eigentlich nicht allzu schwer zu verstehen sein.

Okay, ich denke, wir sind uns mal alle einig (Hand hoch, wer es anders sieht), dass ein Staat, in dem verschiedene religiöse Gruppen zusammenleben, diesen nicht vorzuschreiben hat, irgendeine bestimmte Religion anzunehmen. Aber die Religionsfreiheit ist, wie alle Rechte, auch kein grenzenloses Recht. Sie gilt so lange, wie die Leute die grundsätzlichen Regeln eines friedlichen Zusammenlebens achten, und ja, das kann auch heißen, dass ein Staat im Rahmen der Religionsfreiheit den größten Schmarrn tolerieren muss (ich betone: muss), weil er nicht die Regeln des Zusammenlebens gefährdet, aber manchmal gilt sie eben nicht mehr. Zum Beispiel dann, wenn man im Namen seiner Religion Terroranschläge verüben, abgefallene Gläubige oder unkeusche weibliche Familienmitglieder töten, Schariagerichte einführen oder für den Dschihad werben will.

Wie gesagt, das ist ein bisschen wie bei politischen Parteien. Ich kann die SPD nicht leiden, aber sie bewegt sich noch immer im Rahmen des Erlaubten – ähnlich wie im religiösen Bereich vielleicht, sagen wir mal, die EKD. In diesem Rahmen bewegen sich sehr viele Parteien – CDU, CSU, FDP, ÖDP, Freie Wähler, Grüne, was es sonst noch so gibt. Natürlich kann man als Wähler der Meinung sein, dass nur eine dieser Parteien die beste Lösung für die Probleme im Land bietet, ebenso wie man als religiöser Mensch der Meinung sein wird, dass nur seine eigene Gemeinschaft die Wahrheit verkündet; aber deswegen kann man die anderen trotzdem noch dulden. Dann gibt es so „Randfälle“ wie die Nachfolgepartei der SED oder die Reichsbürgerbewegung (keine Partei, ich weiß, aber trotzdem ein guter Vergleich aus dem säkularen Bereich) – vergleichbar mit Mehr-oder-weniger-Sekten wie den Zeugen Jehovas oder richtigen Sekten wie den Zwölf Stämmen oder Scientology, vor denen Sektenberatungsstellen warnen und gegen die der Staat evtl. mal mit einzelnen Maßnahmen (Kindesentzug, Maßnahmen gegen Beamte oder Angestellte im Öffentlichen Dienst, die sich diesen Gruppierungen angeschlossen haben) vorgeht, die er aber nicht ganz verbieten kann und will. Dann gibt es klar verfassungsfeindliche Parteien wie die NPD (für deren ausbleibendes Verbot das Bundesverfassungsgericht eine meiner Meinung nach sehr seltsame und nicht stichhaltige Begründung geliefert hat); im religiösen Bereich vergleichbar mit gewaltbereiten Dschihadisten.

Die SPD ist nicht dasselbe wie die NSdAP, die Republikaner sind nicht dasselbe wie die KPdSU, der Front National ist nicht dasselbe wie die Grünen, die CSU ist nicht dasselbe wie die Piratenpartei. Sollte eigentlich auch klar sein.

Was nun speziell den Islam angeht, da wir von ihm als Beispiel ausgegangen sind: Der ist natürlich wie das Christentum in ganz verschiedene Konfessionen und Fraktionen gespalten, und jede muss für sich betrachtet werden; aber ich denke, es ist trotzdem unschwer zu erkennen, dass er schon problematischer sein könnte als eben – beispielsweise – das Christentum. (Oder das Judentum, oder der Konfuzianismus, oder der Taoismus…) Um das zu beurteilen, würde ich erst einmal alle späteren Entwicklungen und Streitigkeiten und Abspaltungen außer Acht lassen und ganz einfach auf die Gründer dieser beiden Weltreligionen schauen. Da könnte man sich zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  1. Wie viele Kriege hat Jesus geführt?
  2. Wie viele Stämme hat Jesus massakrieren (Männer) bzw. versklaven (Frauen und Kinder) lassen?
  3. Wie viele Sklavinnen hatte Jesus?
  4. Mit wie vielen Kindern hatte Jesus Geschlechtsverkehr?

Wenn man mittlerweile vor Empörung aufhören will, zu lesen, weil die Fragen schon zu blasphemisch klingen, dann Gratulation! Wir haben erfolgreich einige Dinge herausgefunden, in denen sich Jesus von Nazareth von Mohammed – und ja, dem Mohammed der islamischen Geschichtsschreibung, der Hadithen und des Korans – unterscheidet.** Also, ja, ich würde sagen, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Christentum besser ist als der Islam.

Nun noch zur generellen Frage: Sollen Religionen „Privatsache“ sein? Nein, natürlich sollen sie das nicht! Jede Überzeugung [die sich innerhalb des oben umrissenen Rahmens befindet] darf ja wohl bitte schön auch zu gesellschaftlichem Engagement führen und muss nicht im stillen Kämmerlein verborgen werden. Ist Vegetarismus „Privatsache“? Ist der Glaube an „aufklärerische Werte“ [dem Mythos „Aufklärung“ muss ich übrigens dringend mal noch ein paar eigene Beiträge widmen] „Privatsache“? Sind sogar so blödsinnige Überzeugungen wie die von Impfgegnern oder Homöopathen Privatsache? Nein, natürlich nicht; jeder dieser Leute hat das Recht, für sie in der Öffentlichkeit einzutreten.

Auch Anti-Religiöse, die dafür eintreten, alle religiösen Äußerungen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, haben dieses Recht übrigens. Wobei man bei ihnen natürlich schon irgendwann fragen dürfte, wo evtl. die Grenze zur verfassungsfeindlichen Forderung nach unzulässiger Beschränkung der Meinungs- und Glaubensfreiheit überschritten werden könnte…

 

* Ich habe bewusst dieses Wort verwendet, da Anti-Theismus nicht deckungsgleich mit Atheismus ist; nicht alle Atheisten sind Anti-Theisten.

** (Für weitere Informationen, s. z. B. hier: 1. https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed, 2. https://de.wikipedia.org/wiki/Banu_Quraiza, 3. https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_al-Qibtiyya, 4. https://de.wikipedia.org/wiki/Aischa_bint_Abi_Bakr )

 

Schon wieder

Schon wieder sind in Ägypten Kirchen angegriffen worden. Am Palmsonntag, wo sie voll waren. Viele Tote, viele Verletzte. (https://www.welt.de/politik/ausland/article163547379/IS-bekennt-sich-zu-Bombenexplosionen-in-zwei-Kirchen.html) Wir bedanken uns bei der Religion des Friedens.

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Und hilf den verletzten Opfern, und den trauernden Familien. Hilf, dass dieser Terror ein Ende findet.

 

Nein, es ist nicht „okay, egal was du machst“: Über Abtreibung

Ich bin heute durch Zufall auf einen Erfahrungsbericht zu einem Thema gestoßen, über das im Allgemeinen wenig geredet wird – ja, Abtreibung: http://www.jetzt.de/kleiner-drei/gedanken-vor-dem-schwangerschaftsabbruch . Geschrieben von einer jungen Frau, 27 Jahre alt, die, es wird nicht gesagt, vor wie langer Zeit genau, ihr ungeplantes Kind abgetrieben hat, wohl in der 5.-6. Schwangerschaftswoche (sie schreibt, dass sie die Abtreibung drei Wochen nach einem Schwangerschaftstest, der „2.-3. Woche“ angab, vornehmen ließ).

[Gleich mal von vornherein Karten auf den Tisch für alle neuen Leser hier: Ja, ich gehöre zu diesen gestörten dogmatischen radikal religiösen Abtreibungsgegnerinnen, die Abtreibung für die immer ungerechtfertigte Tötung eines unschuldigen Menschen halten. Wenn Sie von diesem Thema selber betroffen sein sollten: Nein ich verurteile hier niemanden. Ich kenne Ihre Gründe nicht, und urteile nicht über den Seelenzustand von irgendjemandem. Ich sage, es ist falsch – und damit, dass man sagt, dass irgendetwas Falsches falsch ist, hat man noch keinen moralischen Blumentopf gewonnen. Man wird auch nicht dadurch ein besserer Mensch, dass man Diebstahl, Lügen oder Völkermord als falsch deklariert. Die Tatsachen bleiben dennoch, dass durch Diebstahl, Lügen und Völkermord Schaden angerichtet und anderen Menschen Unrecht angetan wird. Und durch Abtreibung. Wenn Sie das anders sehen – nun, dann werden Sie sich doch von einer religiösen Fundamentalistin keine Schuldgefühle einreden lassen, wenn sie diesen Text lesen, oder? Und wenn Sie das nicht anders sehen und selber schon Schuldgefühle haben: Es gibt keinen Grund, zu verzweifeln. Es gibt im Leben aller Menschen vieles, was man wider besseres Wissen getan hat und bereuen muss. Es gibt Heilung für Schuld.]

Das Erschreckende an ihrem Bericht ist, wie wenig erschreckend die geschilderte Situation dem Leser erscheint. Es geht hier nicht um die in theoretischen Diskussionen gerne mal herangezogene vergewaltigte Elfjährige, auch nicht um eine Frau, deren Leben durch eine Schwangerschaft gefährdet ist, nicht um eine Achtzehnjährige ohne Schulabschluss, deren Freund droht, mit ihr Schluss zu machen, wenn sie „es nicht wegmachen lässt“ und deren Eltern sie zu derselben Entscheidung drängen. Die Autorin war nicht psychisch krank, erwartete kein schwerstbehindertes Kind mit einer Lebenserwartung von sechs Monaten. Die Gründe waren… na ja: „Der Klassiker: prekäre Arbeitsverhältnisse, nicht abgeschlossenes Studium, kein fester Job in Sicht, Angst vor schwieriger Wohnungssuche, Fernbeziehung, Selbstfindungsstruggle, unklare Einstellung zum Konzept Familie, der ganze Generation-Y-Shit halt.“

Das alles sind Probleme, die man angehen kann, und die (abgesehen von der unklaren Einstellung) gelegentlich auch mal junge Paare haben, die gewollt Kinder bekommen. Es gibt Möglichkeiten, ein Studium mit Kind fortzusetzen, man kann auch ein paar Monate oder ein, zwei oder mehr Jahre aussetzen und sich dann einen Job suchen, prekäre Arbeitsverhältnisse hat praktisch jeder in den ersten Jahren nach dem Studium, ob mit oder ohne Kind, und finanziell ist das mit Unterstützung des Staates in Deutschland durchaus zu überbrücken. An einer Fernbeziehung lässt sich im Lauf von neun Monaten in der Regel auch etwas ändern; auch bei schwieriger Wohnungssuche muss man hierzulande keine Obdachlosigkeit fürchten. Die Autorin steht nicht alleine da. Es würde irgendwie gehen, wie sie selbst, und wie auch ihr Umfeld – inklusive des Vaters ihres Kindes – ihr mitteilt: „Erst als mir mein komplettes Umfeld, also Freundinnen, mein Freund und meine Familie versichern, dass es bestimmt – irgendwie – ginge, wenn ich es wollte, stelle ich fest: Ich will es nicht. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht irgendwie. Ein bisschen fühlt es sich an, wie eine Liebesabfuhr zu bekommen. Es erinnert an ein ‚Ich liebe dich, aber ich kann das gerade nicht‘. Obwohl ich diejenige mit der Abfuhr sein würde, denn ich würde mich ja dagegen entscheiden. Das traurige daran ist, dass es auch eine Entscheidung des Nichtkönnens ist. ‚Ich kann das gerade nicht‘.“

Sie schreibt weiter: „Das Gute aber ist die Erkenntnis, dass ich es eben in der Hand habe. Dass ich den Zeitpunkt bestimmen kann. Dass es ein anderer werden kann – oder auch nie. Aber dass ein Nein jetzt kein Nein für immer ist. Ich muss mich keinem Schicksal ergeben, nein, ich kann mein Leben für den Moment gestalten, ohne es entwerfen zu müssen. […] Wir müssen noch ein paar Dinge machen, bevor wir Eltern werden. Unter anderem herausfinden, ob wir Eltern sein wollen. […] Mir dämmert, dass trotz aller Liebe, aller Unterstützung, allen ‚Es ist okay’s, ich mit der endgültigen Entscheidung allein bin. My body, my choice. Juhu! Und: Oh Gott! Beantworte ich die Frage nach dem ‚Kann ich es wirklich wegmachen?‘ mit ‚Nein‘, dann trage ich die Verantwortung für drei Lebensläufe. Beantworte ich sie mit ‚Ja‘, dann ist es, wie es ist. […] Man muss das Thema nicht über das Individuelle hinaus emotional aufladen und man darf aus der eigenen Betroffenheit keine Moral für andere ableiten. Aber man soll damit umgehen können, wie man möchte. Die Entscheidung für einen Abbruch kann ganz leichtfallen, das ist in Ordnung. Sie kann aber auch schwerfallen und das ist ebenso okay. Das heißt nicht, dass ein Abbruch falsch ist. Das soll jede schwangere Person für sich klären können.“

Es gibt durchaus Dinge, bei denen eine solche Herangehensweise angemessen sein wird. Die Frage, ob man Abi machen will oder ob einem der Hauptschulabschluss reicht; ob man jemals heiraten will oder nicht; ob man diesen oder jenen Beruf ergreifen will; ob man sein Übergewicht unbedingt loswerden will oder ob einem ein paar Pfunde zu viel völlig egal sind. Da kann man nicht verallgemeinern und jeder sollte danach entscheiden, womit er sich wohlfühlt. Aber es gibt auf der Welt leider nun mal auch andere Entscheidungen, bei denen es eindeutig nicht hilft, zu sagen: „Das soll jeder für sich selbst klären“, oder: „Egal was du tust, es ist okay“. Manche Entscheidungen sind nicht ebenso gut wie andere; manche Entscheidungen sind objektiv gesehen falsch; manche Entscheidungen haben schwerwiegende Konsequenzen – für einen selber, und für andere Menschen. Manche Dinge gehen nicht nur einen selbst was an.

Newsflash, Leute: Die Welt ist ungerecht, und manchmal scheiße. Man kann sein „Schicksal“ nicht frei wählen, man hat sein Leben nicht immer „in der Hand“, und man kann nicht für alles „den Zeitpunkt bestimmen“, den man gern hätte. Ich hätte es auch gerne so, aber so ist es nicht. Wenn man sein Leben auf Teufel komm raus genau so einrichten will, wie man es jetzt im Moment haben will, übergeht man im Zweifelsfall das Leben anderer Menschen, insbesondere solcher, die hilflos und einem völlig ausgeliefert sind.

(Im Übrigen: Bin ich eigentlich die einzige, die den Eindruck hat, dass der Satz „Ich unterstütze dich, egal wofür du dich entscheidest“ im Allgemeinen oft bloß eine billige Ausrede ist, um keinen richtigen Rat geben zu müssen?)

Die Autorin schreibt auch über ihre Internetrecherchen vor ihrer Entscheidung (die nicht von Anfang an feststand; sie war offensichtlich sehr hin- und hergerissen) und über andere Wahrnehmungen in dieser Zeit: „Das Internet ist die Hölle. Zum Thema Abtreibungserfahrungen finde ich fast ausschließlich Horrorgeschichten von Abtreibungsgegnern und -gegnerinnen, moralisch-durchtränkte Märchen, Dogmamantren und antiwissenschaftliche Lügen. Zum Thema Babys nur Glückseligkeit und ‚Wird schon und alles!‘, supidupi, ‚Sinn des Lebens‘, ‚Wunder‘. […] Während der Schwangerschaft bin ich oft im Kino. Es ist eine Unternehmung ohne unmittelbare Kommunikation, es ist Alleinsein ohne Einsamkeit. Es ist eine Möglichkeit, nachzudenken, aber dank Ablenkung ohne ständiges Kopfrodeo. Dort: Werbung. Strahlende Kinder, als Symbol. Die Gleichung: Kind = Glück. Die absolute Lebensfreude ist ein Kind. Das Ultimo an Schönheit ist Kinderlachen. Meine Mutter sagt: ‚Ein Kind kann ein Leuchtturm im Leben sein‘. Ich denke über meine Momente absoluter Lebensfreude nach, über meine Leuchttürme. Es sind Konzerte, bei denen ich mit einem Bier in der Menge stehe, es sind Songs auf meinem Kopfhörer im Bett, es ist Sex mit dem besten Menschen der Welt, es ist das Gröhlen von Trashpop nachts um fünf in irgendeiner WG, es ist das stundenlange Sitzen im Fernbus und Freuen auf Neues. Es ist nie ein Kind. Es war nie die Vorstellung von einem Kind. Ich sehe auf der Straße Menschen mit Babys. Ich versuche, mir ihr Glück abzugucken. Ich verstehe es. Ich verstehe sie. Aber ich bin nicht sie. Ihr Leben ist ein anderes.“

Oh, sie hat hier in manchen Dingen recht. Kinder sind nicht einfach das größte Glück im Leben, das einem passieren kann. Sind sie nicht. (Musik und Partys und Reisen sind das zwar auch nicht zwangsläufig für immer, aber darum geht es hier nicht.) Sie bedeuten absolut nicht die pure Glückseligkeit, und es ist nicht immer einfach, sie sein ganzes weiteres Leben lang am Hals zu haben. Ich bin noch selber nah genug an dem Alter dran und habe ein ausreichendes Gedächtnis und außerdem auch noch genügend Geschwister (drei, wenn es jemanden interessiert), um das aus eigener Erfahrung zu wissen. Eltern, inklusive meine Eltern, haben es mit Kindern nicht immer einfach. Erst einmal muss man vollgeschissene Windeln wechseln, und das oft genug nachts um halb drei, dann muss man sie ständig im Blick haben und hat keine freie Minute, während sie in Windeseile vom Wohnzimmer ins Bad krabbeln, und es fällt einem erst auf, wie viele Kanten in Kniehöhe es eigentlich in der Wohnung gibt, dann kommt ihre Trotzphase und sie beginnen, wie am Spieß zu brüllen, wenn man im Supermarkt an der Kasse steht und EINFACH NUR NOCH NACH HAUSE WILL. Später wird es auch nicht immer einfacher; sie entwickeln ADHS oder sind gemein zu ihren Mitschülern, sie haben Lernschwierigkeiten, schreien einen an, wenn sie den Fernseher ausschalten sollen, wollen nicht mit ihren Geschwistern teilen und waschen sich nicht die Hände vor dem Essen, egal wie oft man es ihnen sagt. Dann werden sie mit 17 magersüchtig oder depressiv oder entwickeln eine Nahrungsmittelunverträglichkeit und man muss mit ihnen von Arzt zu Arzt tingeln, bis man endlich herausfindet, was los ist; oder vielleicht werden sie auch so komisch religiös, fiebern enthusiastisch dem nächsten Weltjugendtag oder der Ministrantenwallfahrt nach Rom entgegen, kleben sich Jesus-Bilder in ihr Zimmer und schlafen auch nach drei Monaten Beziehung nicht mit ihrem Freund. Sie brechen bei der Weihnachtsfeier mit der Verwandtschaft Diskussionen über verschiedene Formen des Feminismus oder das Reformationsjubiläum vom Zaun. Sie gehen zur Uni und haben keinen rechten Plan für ihr Leben und stellen sich vor, dass man ihnen ihr Leben finanziert, bis sie sich mit Ende 20 irgendwann mal entscheiden, dass der Studiengang doch nicht das Richtige für sie war. Sie beteiligen sich bei der Antifa oder wählen die AfD. Sie bringen Partner mit heim, die man einfach nur grässlich findet und reagieren zickig bis zum Geht-nicht-mehr, wenn man sie darauf anspricht, ob der denn wirklich der Richtige für sie ist; dann werden sie selber ungeplant schwanger und kommen heulend bei einem an und in Zukunft muss man dem Enkelkind die vollgeschissenen Windeln wechseln…

Wenn ich mal von mir selber als potentieller Mutter ausgehe: Ich könnte mir im Moment absolut nicht vorstellen, ein Kind zu haben. Ich bin jetzt zwar schon Anfang zwanzig und habe eine tolle Familie, die mich sicherlich unterstützen würde, aber ich habe auch eine chronische körperliche Krankheit, die mich derzeit schlaucht, und dazu geht es mir auch psychisch gesehen, na ja, nicht so ganz optimal. Ich wäre mit einem Kind entsetzlich überfordert – mit Vorsorgeterminen, an die gedacht werden muss, mit zu wenig Schlaf, mit dem Einkaufen von altersgerechtem Spielzeug und dem Zubereiten von drei gesunden Mahlzeiten am Tag, mit der Fahrt zum Fußballtraining und der Tatsache, dass sie unbedingt, unbedingt noch ein neues Faschingskostüm brauchen, und zwar jetzt noch, bevor der ALDI zumacht, weil Lisa hat sie für morgen zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen und da sollen alle verkleidet kommen, weil Fasching ist, und nein, das konnten sie nicht früher sagen, weil sie haben die Einladung gerade erst gekriegt, und außerdem hast du versprochen, dass ich noch ein neues Kostüme kriege, die alten passen alle nicht mehr und außerdem sind sie scheiße!!! Es heißt ja, man wächst an seinen Aufgaben, aber ohne die großzügige Unterstützung liebender Großeltern ginge bei mir, falls ich durch irgendeine Fügung des Schicksals von jetzt auf gleich schwanger wäre, sicherlich überhaupt nichts. Wahrscheinlich würde ich kaum eine Schwangerschaft ohne fünf oder sechs Nervenzusammenbrüche überstehen.

Aber, ob ihr’s glaubt oder nicht: Kinder sind Personen. Sie sind nicht das Glück auf Erden, weil sie Personen sind – Personen mit ihren schlechten Seiten und ihrer Selbstsucht und ihren Bedürfnissen und ihren Ausscheidungen und ihrem Hunger und ihren Krankheiten und ihrem Kummer oder Zorn wegen ihres Übergewichts oder dem Mobbing auf dem Schulhof.

Sie sind Personen, und deshalb haben sie Rechte.

Die Autorin erwähnt im Lauf des Textes (s. o.) „antiwissenschaftliche Lügen“ (aus dem Kontext: von Abtreibungsgegnern und -gegnerinnen) im Internet und nennt das, was sie ambulant von einer freundlichen, verständnisvollen Ärztin entfernen hat lassen, ein paar Mal einen „Zellklumpen“. Nun, ich weiß ja nicht, welches Biologiebuch zu ihrer Zeit im Aufklärungsunterricht verwendet wurde; aber ich bin natürlich gern bereit, eventuelle Wissenslücken aufzufüllen: In der 5. bis 6. Woche sieht ein Baby eher aus wie eine Kaulquappe als wie ein „Klumpen“; man sieht sein Rückenmark und seine sich entwickelnden Augen; Organe wie Nieren, Leber, Darm bilden sich; in der 6. Woche beginnt das Herz zu schlagen; man sieht die Ansätze von Armen und Beinen. (Für genauere Infos und Bilder siehe zum Beispiel hier eine Seite für werdende Mütter – mir nicht bekannt, dass sie irgendeinen Bezug zur Lebensrechtsbewegung hätte: https://www.babycenter.de/05-wochen-schwanger , https://www.babycenter.de/06-wochen-schwanger ) Mit zwölf Wochen – der Grenze für straffreie (nicht legale) Abtreibungen nach der Beratungsregelung – sieht ein Embryo wie ein ganz normaler kleiner Mensch mit übergroßem Kopf und mickrigen Gliedmaßen aus. Aber ja, er ist auch davor – auch, wenn sein Herz noch nicht schlägt, auch, wenn er in Woche 1 oder 2 noch wie ein „Klumpen“ aussieht, kurz gesagt ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle – ein einmaliges menschliches Wesen mit einer einmaligen DNA, das sich nur noch weiter entwickeln muss – so, wie sich auch geborene Babys noch weiterentwickeln und erst noch Zähne bekommen und sprechen und laufen lernen müssen. Man sage mir, wo hier in diesem Absatz eine Lüge liegt.

Im Endeffekt ist jeder Mensch ein großer Klumpen aus Zellen in einem bestimmten Entwicklungsstadium, so wie jeder Text aus schwarzen Zeichen auf weißem Grund besteht (oder im Fall von panikgetriebenen Internetseiten über den nahenden Weltuntergang wegen eines Maya-Kalenders oder sonst was: aus neongelben Zeichen auf schwarzem Grund); aber er ist gleichzeitig auch noch mehr. Man kann nun natürlich Lebensrecht über „Personsein“ definieren und „Personsein“ über Denkfähigkeit und Bewusstsein; dann haben aber logischerweise folglich auch Babys weniger Rechte als Dreijährige, und Dreijährige weniger Rechte als Erwachsene, man bräuchte also eine Art gestuftes Lebensrecht – so wie beispielsweise im Alten Rom, wo es legal war, Neugeborene auszusetzen, wenn man sie nicht haben wollte. Es gibt Leute, die das tatsächlich so definieren – Peter Singer ist das bekannteste Beispiel – ; ich als Christin tue es nicht. Man kann auch definieren, dass jemand, der auf einen anderen angewiesen oder mit dessen Körper verbunden ist, ohne dessen Zustimmung kein Recht auf Leben hat und getötet werden darf; damit stellt sich zwar evtl. das Problem, wer von zwei siamesischen Zwillingen jetzt der mit dem Lebensrecht ist, oder, wenn man diesen Spezialfall mal beseite lässt, wie groß eine Abhängigkeit sein muss, ehe das Lebensrecht verloren geht (wiederum: normale Neugeborene, die ohne Eltern nicht überleben können? Schwerstbehinderte oder Komapatienten, die gepflegt werden müssen?). Aber diese Schwierigkeiten überlasse ich mal den Abtreibungsbefürwortern. Ich gehöre ja zu den fundamentalistischen unaufgeklärten im Mittelalter zurückgebliebenen Dogmatikern, die eine Menschenwürde für jeden Menschen, unabhängig von Entwicklungsstand oder Abhängigkeit von anderen Menschen, annehmen.

In der Lebensschutzbewegung wird tatsächlich sehr viel davon geredet, dass Abtreibung auch den Frauen schadet, dass das Leben mit einem Kind schön ist, dass viele Frauen eine Abtreibung bereuen, dass sie sich oft nur unter Druck und in Notsituationen dafür entscheiden, weshalb die Väter ihre Partnerinnen unterstützen müssten und man Notsituationen abhelfen müsste, anstatt das Kind loszuwerden. Das stimmt an sich, und sollte beachtet werden. Aber es gibt eben auch die andere Seite, von der dieser Artikel zeugt: Dass eine Abtreibung medizinisch ohne jede Komplikation verlaufen und psychisch eine Erleichterung sein kann; dass das Leben mit Kindern nicht immer besonders schön ist und dass manche Frauen es überhaupt nicht bereuen, ihr Kind abgetrieben zu haben, auch wenn sie in keiner sozialen oder medizinischen oder psychologischen Notsituation waren, sondern es nur gerade irgendwie ungelegen kam und sie noch nicht gleich ihr ungebundenes Leben aufgeben wollten. Das gibt es auch.

Aber das macht es eben nicht besser; ganz im Gegenteil. Eine Abtreibung ist immer die Tötung eines kleinen Kindes; manchmal geschieht sie aus subjektiv nachvollziehbaren, schrecklichen Gründen, und manchmal aus – na ja, nicht so schrecklichen Gründen. Eine Abtreibung in einem solchen Fall – weil es eigentlich ungelegen kommt, weil man lieber noch ein paar Jahre warten würde, weil man jetzt auf die Schnelle seinen Lebensplan umstellen müsste – ist einfach eine Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, eine Weigerung, ein Kind anzunehmen, das schon da ist. Wenn man schwanger ist, kann man ganz einfach nicht mehr sagen „Ich bin erst in ein paar Jahren wirklich bereit für ein Kind“. Das Kind ist da. Wenn man schwanger ist, ist man schon Mutter; dann ist es zu spät, zu überlegen, ob man es werden will. Und man wird bis in alle Zukunft entweder die Mutter eines lebenden oder die Mutter eines toten Kindes sein.

Ja, man sollte planen, wann man Kinder bekommen will, aber das sollte man vorher überlegen; wenn man Sex hat, geht man immer das, wenn auch noch so geringe, Risiko ein, dass ein Kind dabei raus kommt – egal, welche Verhütungsmethode(n) man verwendet. Wenn man dieses Risiko unter keinen Umständen eingehen kann, sollte man dementsprechend handeln. Das ist vielleicht scheiße, aber das ist die Realität. Ich habe das System der Fortpflanzung der Säugetiere nicht erfunden, da muss man sich anderswo beschweren.

Der Autorin dieses Textes kann man vielleicht nicht allein den Vorwurf für die Traumwelt machen, in der sie lebt. Viele Menschen leben darin, und Menschen meiner und ihrer Generation sind irgendwie schon darin aufgewachsen. Es wird ja überall von „Selbstverwirklichung“ geredet und davon, dass man, wenn man logisch gesehen verantwortungslos handelt, doch „nur das Beste für alle“ tue; dass man sich kein schlechtes Gewissen machen solle; dass gut sei, wofür auch immer man sich entscheide; dass nur religiöse Fanatiker wie die Verfasserin dieser Zeilen etwas anderes denken könnten und aufgeklärte Menschen sich von denen keine Schuldgefühle einreden lassen sollten. So wie die Autorin des Artikels redet – ruhig, locker, neutral, tolerant, mit sich selbst im Reinen -, kann man nur reden, wenn man die Tatsache leugnet oder ignoriert, dass die eigenen Handlungen ein anderes Wesen mit eigenen Rechten getroffen haben, das gelebt hat und eine eigene Zukunft gehabt hätte. (Nicht dass es jetzt außerhalb dieser Welt keine Zukunft mehr hätte; ich gehe mal davon aus, dass es sich jetzt wohl in der ewigen Herrlichkeit befinden wird und vielleicht gerade mit seinem vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt verstorbenen Urgroßonkel oder mit dem heiligen Thomas von Aquin oder dem heiligen Moses dem Äthiopier oder der heiligen Afra von Augsburg Bekanntschaft schließt. Aber darum geht es hier nicht.)

Das Leben ist nun mal manchmal scheiße, und manchmal schwierig, und manchmal ungerecht. Manchmal ist es auch gewöhnlich und spießig und langweilig. Man kann sich nicht immer selbst verwirklichen, und man hasst sein Leben manchmal, und manchmal muss man einfach das Richtige tun. Oft wird es dann schon irgendwie, manchmal wird es besser als gedacht, manchmal kann man noch das „Beste aus beiden Welten“ haben, und manchmal geht das nicht und nichts scheint mehr zu funktionieren. So funktioniert das Leben eben leider. Es ist kein Selbstbedienungsladen, sondern eher „wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt“.

Eins noch: In dem ganzen Text wurde übrigens kein einziges Mal die Möglichkeit erwähnt, das Kind auszutragen und zur Adoption freizugeben. Ich weiß nicht, ob die Autorin nicht an diese Möglichkeit gedacht hat, ob sie auch in der Schwangerschaftskonfliktberatung vielleicht gar nicht erwähnt wurde, oder ob sie sie bewusst verworfen hat, weil sie z. B. fürchtete, es wäre vielleicht „zu schmerzhaft“ für sie, ein Kind erst auszutragen und es dann abzugeben. (Was aus Sicht des Kindes wiederum wohl anders aussähe.)

 

PS: Ein kurzer Gedanke noch: Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Welt sich vielleicht auch deshalb so schwer tut, anzuerkennen, dass es vielleicht doch falsche Entscheidungen und reale Schuld geben könnte, weil sie nicht glaubt, dass es einen wirklichen Ausweg aus realer, großer Schuld geben kann… Aber den gibt es.

PPS: Falls eine Leserin dieser Zeilen sich selbst in der Situation befinden sollte, ungewollt schwanger zu sein und nicht weiter zu wissen, z. B. hier auf dieser Seite gibt es Informationen und Beratung – E-Mail, kostenlose Hotline, Forum, etc. – zu allen Fragen und so zeitintensiv wie nötig: https://www.profemina.org/ Auch bei der Caritas gibt es natürlich ebenso Beratung, s. hier: https://www.caritas.de/glossare/schwangerschaftsberatung ; hier zur Onlineberatung: https://www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/schwangerschaftsberatung/schwangerschaft-onlineberatung Ich möchte an dieser Stelle ein bisschen Mut machen: Ich kenne ein paar Mädchen (flüchtig), die im späten Teenageralter ungewollt schwanger geworden sind und deren Kinder inzwischen so zwischen einem und drei Jahren alt sind. Es ist hinzukriegen. Ja, manches muss zurückstehen; ja, das Leben ändert sich radikal, wenn ein Kind da ist. Aber es ist normalerweise nicht der absolute Horror und nicht das Ende des Lebens. Man wird Probleme haben und man wird wahrscheinlich nicht alles perfekt machen und manchmal wird man wahrscheinlich unzufrieden sein. Das ist in jedem Menschenleben der Fall; auch ohne Kinder ist selten alles perfekt und genau so, wie man es haben möchte. Ja, vielleicht muss man manches aufgeben, aus Verantwortung gegenüber dem Kind, was man sonst hätte machen können. Eine meiner Bekannten war eine Zeitlang bei ihrem Kind daheim und macht jetzt mit ihrer Ausbildung weiter, eine andere holt etwas unmotiviert ihren Hauptschulabschluss nach, weil sie schon vor ihrer Schwangerschaft die Schule abgebrochen hatte, eine andere ist noch bei dem Kind zu Hause, während ihr Mann arbeiten geht – sie hat ihren Freund geheiratet und es ist offenbar eine gute Beziehung; andere dagegen sind aus Gründen nicht mehr mit den Väter ihrer Kinder zusammen. Sie alle kriegen es hin, sich um ihre Kinder zu kümmern. Bevor man beim Gedanken an eine Schwangerschaft in totale Panik ausbricht: Erst einmal tief durchatmen. Sich etwas Zeit nehmen, um sich zu informieren und einfach mal ruhig nachdenken. Überlegen, wen man um Unterstützung bitten könnte und was für konkrete Probleme oder Aufgaben auf einen zukommen würden (wenn man Angst hat, steigert man sich manchmal zu sehr in Vorstellungen von scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten hinein; ich tue das jedenfalls). Sich vielleicht vorstellen, wie es sein könnte, in etwa fünf oder zehn oder fünfzehn Jahren, mit dem Kind, was man für es fühlen und wie man mit ihm leben würde. Ich weiß nicht, ob das hilft, aber vielleicht könnte es helfen.