Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 5b: Die Kirche – Ortskirchen und Weltkirche

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Apg 8-28; 1 Kor 1,1f.; 1 Kor 16; 2 Kor 1; 2 Kor 8-9; 2 Kor 11,7-10; 2 Kor 13; Röm 16; Gal 1; Phil 2,19-30; Phil 4; Kol 4; 1 Thess 1-3; 2 Thess 1,1-3; 2 Tim 4; Tit 1,5; Tit 3,12-15.

Heute nur ein kurzer Beitrag dazu, was man davon hört, wie die einzelnen Ortskirchen miteinander verbunden waren und wie weit die Kirche bereits ausgedehnt war.

Die Rolle Roms klammere ich hier wieder aus, weil dazu ein eigener Beitrag kommt.

Auch die Ortskirchen werden, wie gesagt, Kirche genannt. So schreibt beispielsweise Papst Clemens im Jahr 95 n. Chr.:

„Die Kirche Gottes, die zu Rom in der Fremde lebt, an die Kirche Gottes, die zu Korinth in der Fremde lebt, den Berufenen, nach dem Willen Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus Geheiligten, Gnade sei euch und Friede in reicher Fülle von dem allmächtigen Gott durch Jesus Christus.“ (1. Clemensbrief, Anrede)

Polykarp von Smyrna schreibt in einem Brief, der kurz nach den Ignatiusbriefen geschrieben wurde:

„Polykarp und seine Presbyter an die Kirche Gottes, die in Philippi weilt; Erbarmen und Friede sei mit euch von dem allmächtigen Gotte und unserem Erlöser Jesus Christus in reicher Fülle.“ (Brief Polykarps an die Philipper, Anrede)

Auch bei Ignatius heißt es (um ein Beispiel herauszunehmen):

„Ignatius, der auch Theophorus (heißt), der Kirche Gottes des Vaters und des geliebten Jesus Christus, die Erbarmen gefunden in jeglicher Gnadengabe, die vollendet ist in Glaube und Liebe, die keiner Gnadengabe ermangelt, der gotteswürdigen und Mutter von Heiligen, die zu Smyrna in Asien ist, herzliche Grüße in untadeligem Geiste und Werke Gottes.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer, Anrede)

Man beachte: Hier wird die Kirche auch als „Mutter“ bezeichnet.

Davon, wie die einzelnen Gemeinden durch Briefe und Gesandtschaften verbunden waren, bietet Ignatius‘ Geschichte Anschauungsmaterial. Als er von Antiochia nach Rom gebracht wurde, damit ihm dort wegen seines Christseins der Prozess gemacht wurde (römische Bürger hatten ein Recht darauf, dort vor Gericht gestellt zu werden), schickten die Gemeinden auf seinem Weg durch Kleinasien und Griechenland Gesandte zu ihm, die ihn trafen und ihn teilweise ein Stück begleiteten, und er schrieb auf späteren Stationen seines Weges Briefe zurück an die Gemeinden, durch die er gekommen war (und außerdem einen voraus nach Rom), und bat sie, auch noch Gesandte zu seiner Gemeinde in Syrien zu schicken. Er schreibt an Bischof Polykarp von Smyrna:

„Da die Kirche von Antiochien in Syrien, wie mir mitgeteilt wurde, auf euer Gebet hin Friede hat, wurde auch ich freudiger gestimmt in sorglosem Vertrauen auf Gott, wenn ich nur durch meine Leiden zu Gott gelange, damit ich bei der Auferstehung als euer Jünger erfunden werde. Es wäre angebracht, gottseliger Polykarp, dass ihr eine gottgefällige Versammlung veranstaltet und einen Mann wählet, den ihr gar sehr liebet, einen unermüdlichen, den man Gottesläufer nennen kann; dass ihr diesen beehret, nach Syrien zu reisen, damit er eure unverdrossene Liebe kund tue zur Ehre Gottes. […]

Da ich nun allen Kirchen nicht mehr schreiben konnte wegen der plötzlichen Abreise von Troas nach Neapel, wie es (Gottes) Wille gebietet, so schreibe du, da du mit Gottes Gesinnung ausgestattet bist, den vorderen Kirchen, dass auch sie das gleiche tun, dass nämlich die einen, denen es möglich ist, Gesandte, die anderen aber durch die von dir abgeordneten Boten Briefe schicken, damit ihr verherrlicht werdet durch ein bleibendes Werk, wie du es ja verdienst. Ich grüße alle bei Namen, besonders die Frau des Epitropus mit ihrem ganzen Hause und ihren Kindern. Ich grüße meinen geliebten Attalus. Ich grüße den, der die Ehre haben wird, nach Syrien zu reisen. Die Gnade soll mit ihm sein in allem und mit Polykarp, der ihn abschickt. Ich sage euch für immer Lebewohl in unserem Gott Jesus Christus, in dem ihr verharren möget, geeint mit Gott und unter seinen Augen. Ich grüße Alke, den mir lieben Namen. Lebet wohl im Herrn!“ (Brief des Ignatius an Polykarp 7-8)

Polykarp schreibt dann später an die Philipper:

„Sowohl ihr habt mir geschrieben als auch Ignatius, dass, wenn jemand nach Syrien reise, er auch euren Brief mitnehmen solle; das werde ich besorgen, wenn ich günstige Zeit habe, sei es persönlich oder durch einen Boten, den ich auch in eurem Namen abordnen werde. Die Briefe des Ignatius, die er an uns geschickt hat, und andere, die wir bei uns haben, schicken wir euch zu, wie ihr verlangt habt; sie sind diesem Briefe beigefügt; ihr werdet großen Nutzen aus ihnen ziehen können. Denn sie handeln von Glaube, Geduld und jeglicher Erbauung, die auf unseren Herrn abzielt. Auch möget ihr, was ihr über Ignatius selbst und seine Begleiter Sicheres erfahren habet, (uns) kund tun.“ (Brief Polykarps an die Philipper 13)

Aus dem kirchlichen Leben des späteren 2. Jh. findet man Zeugnisse bei dem Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea, der um 300 schreibt. Da schreibt er z. B. über den Umgang mit dem Montanismus (einer Abspaltung von der Kirche, deren Anhänger einen gewissen Montanus für einen Propheten hielten – auch zwei Frauen namens Priscilla und Maximilla traten als montanistische Prophetinnen auf – und sehr streng in ihrer Glaubenspraxis waren, z. B. die Wiederheirat von Witwen & Witwern ablehnten):

„Die Schriften des Apollinarius, die gegen die genannte Sekte gerichtet sind, werden von Serapion erwähnt, der nach der Überlieferung zu jener Zeit nach Maximinus Bischof der Kirche von Antiochien war. Er gedenkt dessen in seinem Briefe an Karikus und Pontius, worin auch er dieselbe Sekte behandelt und dabei also spricht: ‚Damit ihr aber wißt, daß das Treiben dieser lügenhaften Genossenschaft, welche sich als neue Prophetie bezeichnet, von allen Brüdern der Erde verachtet wird, übersende ich euch Briefe des Klaudius Apollinarius, des heiligen Bischofs von Hierapolis in Asien.‘ In diesem Briefe des Serapion finden sich auch Unterschriften verschiedener Bischöfe. Einer derselben unterzeichnet sich also: ‚Ich, Aurelius Quirinius, Märtyrer, bete, daß es euch gut gehe.‘ Eine andere Unterschrift lautet: ‚Älius Publius Julius aus der Kolonie Debeltus in Thrazien, Bischof: so wahr Gott im Himmel lebt, hat der selige Sotas in Anchialos1 den Dämon der Priscilla austreiben wollen, aber die Heuchler haben es nicht zugelassen.‘ Auch noch von mehreren anderen Bischöfen, welche mit diesen Männern übereinstimmten, finden sich eigenhändige Unterschriften in dem erwähnten Briefe.2 Soviel über die Frage des Montanismus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,19)

An einer anderen Stelle schreibt er:

„Was Dionysius betrifft, ist zunächst zu bemerken, daß er den bischöflichen Thron der Kirche in Korinth erhalten hatte und daß er an seinem gottbegeisterten Eifer nicht allein seine Untergebenen, sondern neidlos auch bereits fremde Diözesanen teilnehmen ließ. Besonders nützlich machte er sich allen durch seine katholischen Briefe an die Kirchen. Von diesen Briefen ist einer an die Lacedämonier gerichtet; in demselben lehrt er den rechten Glauben und mahnt zu Friede und Einigkeit. Ein anderer Brief wendet sich an die Athener. In diesem sucht er Glauben und evangelisches Leben zu wecken und macht er den Athenern den Vorwurf, daß sie dies vernachlässigt haben und fast von der Lehre abgefallen seien, seitdem ihr Bischof Publius — es war zu seiner Zeit — den Martertod erlitten hat. Er gedenkt (daselbst) des Quadratus,1 der nach dem Martyrium des Publius ihr Bischof geworden war, und stellt ihm das Zeugnis aus, daß die Athener dank seinem Eifer sich wieder gesammelt haben und zu neuem Glaubensleben erwacht seien. Ferner teilt er (daselbst) mit, daß Dionysius der Areopagite, der nach dem Berichte der Apostelgeschichte2 von dem Apostel Paulus für den Glauben gewonnen worden war, zum ersten Bischof der Kirche in Athen erwählt wurde. Ein weiterer, noch vorhandener Brief des Dionysius ist an die Bewohner von Nikomedien gerichtet. In demselben bekämpft er die Häresie des Marcion und stellt sich auf den Boden des wahren Glaubens. In einem Briefe, der an die Kirche zu Gortyna und zugleich an die übrigen Kirchen auf Kreta gerichtet ist, belobt er deren Bischof Philippus, daß sein Sprengel sich durch blühendes Tugendleben auszeichne, und warnt vor Verführung durch die Häretiker. In dem Briefe, den er an die Gemeinde in Amastris und zugleich an die Gemeinden des Pontus geschrieben, gedenkt er des Bacchylides und Elpistus, sofern sie Anlaß des Schreibens waren, und gibt darin Erklärungen zu Bibelstellen und erwähnt ihren Bischof namens Palmas. Auch richtet er an sie zahlreiche Mahnungen bezüglich der Ehe und Jungfräulichkeit und fordert sie auf, alle jene, welche sich von irgendeinem Falle, einem Irrtum oder selbst von einer Häresie bekehren, wieder aufzunehmen.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,23)

(Marcion war ein Sektengründer, der, grob gesagt, das Alte Testament ablehnte und lehrte, dass der Gott des AT und der Gott des NT verschiedene Götter seien, d. h. der Gott des AT eigentlich nur ein untergeordnetes böses Wesen.)

Über die Ausdehnung der Kirche schreibt Ignatius:

„Denn auch Jesus Christus, unser untrennbares Leben, ist der Wille des Vaters, wie auch die Bischöfe, die bis an die Grenzen der Welt aufgestellt sind, im Willen Jesu Christi sind.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 3,2)

Darüber, wie weit die Apostel herumgekommen waren, liest man etwas bei Eusebius:

„Markus soll als erster in Ägypten das von ihm niedergeschriebene Evangelium gepredigt und in Alexandrien selbst als erster Kirchen gegründet haben. […]

Im achten Jahre der Regierung Neros übernahm Annianus als erster nach dem Evangelisten Markus die Leitung der Kirche in Alexandrien.“ (Eusebius, Kirchengeschichte II,16 u. 24)

„Die heiligen Apostel und Jünger unseres Erlösers aber hatten sich über die ganze Erde zerstreut. Nach der Überlieferung hatte Thomas Parthien (als Wirkungskreis) erhalten, Andreas Scythien, Johannes Asien, wo er nach längerem Aufenthalt in Ephesus starb. Petrus hatte offenbar im Pontus, in Galatien, Bithynien, Kappadozien und Asien den Diasporajuden gepredigt;1 schließlich kam er auch noch nach Rom und wurde seinem Wunsche entsprechend mit dem Kopfe nach unten gekreuzigt. Was soll ich von Paulus sagen, der ‚von Jerusalem bis Illyrien das Evangelium Christi verkündet hatte‘2 und später in Rom unter Nero gemartert wurde? So berichtet wörtlich Origenes im dritten Buche seiner Erklärungen zur Genesis.3(Eusebius, Kirchengeschichte III,1)

Datei:Roman-Empire-39BC-sm.png
(Hier eine Karte, damit man die Namen der Regionen einigermaßen zuordnen kann; sie zeigt allerdings das Römische Reich noch ein paar Jahrzehnte v. Chr. Das Partherreich lag östlich des Römischen Reiches (hier rot) und dehnte sich weit nach Osten aus. Illyrien war auf dem Balkan, mit Asien ist immer nur Kleinasien (heutige Türkei) bzw. auch nur ein Teil davon gemeint, die Skythen lebten nördlich des Schwarzen Meeres. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Borsanova.)

Ihre Nachfolger:

„Daß Paulus durch seine Predigt an die Heiden den Grund zu den Kirchen ‚von Jerusalem und dessen Umgebung bis nach Illyrien‘1 gelegt hat, dürfte sich aus seinen eigenen Worten sowie aus dem Berichte des Lukas in der Apostelgeschichte ergeben. In wievielen Provinzen Petrus denen aus der Beschneidung die frohe Botschaft von Christus gebracht und die Lehre des Neuen Bundes überliefert hat, dürfte sich deutlich aus den Worten Petri, nämlich aus dem erwähnten, allgemein anerkannten Briefe desselben ergeben, in welchem er an die Hebräer der Diaspora im Pontus, in Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien schreibt.2 Wieviele und welche Personen zu den rechtmäßigen Nachfolgern von Paulus und Petrus gehörten, so daß sie würdig befunden wurden, die von diesen gegründeten Kirchen zu weiden, ist nicht leicht zu bestimmen, abgesehen von ausdrücklichen Angaben des Paulus. Zahlreich waren ja dessen Mitarbeiter und, wie er sie selber nannte,3 Mitstreiter. Die meisten derselben hat er eines Andenkens gewürdigt, das nicht vergessen werden wird; ein unverfängliches Zeugnis hat er über sie in seinen Briefen niedergelegt. Doch auch Lukas erwähnt in der Apostelgeschichte die Schüler des Paulus und nennt sie mit Namen. Wie berichtet wird, wurde Timotheus zum ersten Bischof der Kirche von Ephesus4 und Titus zum ersten Bischof der Kirchen von Kreta5 ernannt. Lukas, der aus Antiochien stammte und von Beruf Arzt war, lebte meist in der Gesellschaft des Paulus, verkehrte aber auch eifrig mit den übrigen Aposteln. Beweise der Seelenheilkunde, welche er von den Aposteln erlernt hatte, hinterließ er uns in zwei inspirierten Schriften. Die eine ist das Evangelium, welches er nach seiner Versicherung entsprechend den Überlieferungen ausgearbeitet hat, die ihm die ersten Augenzeugen und Diener des Wortes gegeben haben, denen er allen, wie er sagt, von Anfang an gefolgt ist.6 Die andere Schrift ist die Apostelgeschichte, in welcher er nicht mehr Gehörtes, sondern persönlich Erlebtes aufgezeichnet hat. Wenn Paulus den Ausdruck gebraucht ’nach meinem Evangelium‘7 und damit den Schein erweckt, als hätte er selbst ein Evangelium geschrieben, dann soll er auf das Evangelium nach Lukas verweisen wollen. Von den übrigen Schülern des Paulus reiste Krescens, wie der Apostel erklärt,8 nach Gallien, Linus aber, von dem er im zweiten Briefe an Timotheus erzählt,9 daß er sich bei ihm in Rom befinde, erhielt zunächst nach Petrus den bischöflichen Stuhl der Kirche in Rom, wie ich schon oben10 gesagt habe. Klemens, der dritte Bischof der Kirche in Rom, wird von Paulus selbst als sein Mitarbeiter und Mitkämpfer erklärt.11 Ferner war der bekannte Areopagite, namens Dionysius, von welchem Lukas in der Apostelgeschichte12 schrieb, daß er nach der von Paulus auf dem Areopag an die Athener gehaltenen Rede zuerst den Glauben angenommen habe, der erste Bischof der Kirche von Athen, wie einer von den Alten, ein anderer Dionysius, der Hirte der Kirche von Korinth, berichtet. Die weiteren im Laufe der Jahre sich ablösenden Nachfolger der Apostel werden wir im Verlaufe unserer Kirchengeschichte bei Gelegenheit erwähnen. Gehen wir nun auf das Folgende über!“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,4)


(Noch eine Karte, die eine späteren Zustand des Reiches zeigt. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Andrei nacu, deutsche Version von Furfur.)

„Zu gleicher Zeit machten sich noch mehrere andere einen Namen, welche den ersten Rang unter den Nachfolgern der Apostel einnahmen. Diese bauten als gottesfürchtige Schüler so großer Männer auf dem von den Aposteln überall gelegten kirchlichen Grunde weiter, mehr und mehr ihre Predigttätigkeit ausdehnend und weithin auf dem ganzen Erdkreis den heilbringenden Samen vom Reiche Gottes ausstreuend. Sehr viele von den damals lebenden Jüngern zogen nämlich, nachdem sie, vom göttlichen Worte zu heißer Liebe für Philosophie2 begeistert, in Befolgung eines Erlöserwortes3 ihr Vermögen an die Armen verschenkt hatten, in die Ferne und waren als Evangelisten tätig und eifrig bemüht, denen, die noch gar nichts von der Glaubenslehre gehört hatten, zu predigen und ihnen die Schriften der göttlichen Evangelien zu bringen. Nachdem sie auf fremdem Boden nur erst den Grund des Glaubens gelegt hatten, stellten sie andere Männer als Hirten auf, um diesen die Pflege der Neubekehrten anzuvertrauen. Sodann zogen sie wieder in andere Länder zu anderen Völkern, von Gottes Gnade und Kraft unterstützt; denn damals wirkten noch in ihnen zahlreiche Wunderkräfte des göttlichen Geistes, so daß ganze Scharen gemeinsam schon bei der ersten Predigt bereitwillig den Glauben an den Weltschöpfer von Herzen annahmen. Da es uns nicht möglich ist, alle jene Männer namentlich aufzuzählen, welche am Anfange der nachapostolischen Zeit irgendeinmal in den Kirchen des Erdkreises als Hirten oder Evangelisten aufgetreten sind, so erwähnen wir in unserer Geschichte füglich nur die Namen derer, deren apostolische Lehre uns bis auf den heutigen Tag in Denkmälern überliefert ist.“ (Eusebius, Kirchengeschichte III,37)

„Damals taten sich in der Kirche hervor: Hegesippus, den wir oben kennengelernt haben, Dionysius, Bischof von Korinth, Pinytus, Bischof auf Kreta, ferner Philippus, Apolinarius, Melito, Musanus, Modestus und schließlich Irenäus. Diese haben uns die wahre Lehre des gesunden, von den Aposteln gepredigten Glaubens in Schriften überliefert.“ (Eusebius, Kirchengeschichte IV,21)

Über die Ausdehnung der Kirche im späten 2. Jahrhundert berichtet Eusebius:

„Damals leitete ein wegen seiner Gelehrsamkeit sehr berühmter Mann, namens Pantänus, die Schule der Gläubigen in Alexandrien. Alter Sitte gemäß sollte dort eine Anstalt für den Unterricht in den heiligen Wissenschaften bestehen, die bis in unsere Tage sich erhalten und, wie wir wissen, mit guten philosophischen und theologischen Kräften besetzt war. Unter diesen soll sich damals Pantänus ganz besonders hervorgetan haben. Er war aus der Philosophenschule der sog. Stoiker hervorgegangen. Wie man erzählt, zeigte er solchen Feuereifer für die göttliche Lehre, daß er als Verkünder des Evangeliums Christi unter den Völkern des Ostens auftrat und sogar bis Indien zog. Es gab nämlich tatsächlich damals noch Wortverkündiger die Menge, die das Verlangen hatten, ihren göttlichen Eifer, die Apostel nachzuahmen, in Ausbreitung und Vermehrung des göttlichen Wortes zu betätigen. Zu ihnen gehörte Pantänus, der nach Indien gekommen sein soll, wo er, wie berichtet wird, bei einigen dortigen Bewohnern, die von Christus Kenntnis hatten, das schon vor seiner Ankunft dorthin gelangte Matthäusevangelium vorgefunden habe. Bartholomäus, einer der Apostel, soll diesen gepredigt und ihnen die Schrift des Matthäus in hebräischer Sprache hinterlassen haben, die denn damals noch erhalten gewesen sei. Auf Grund zahlreicher Verdienste wurde Pantänus schließlich Vorsteher der Katechetenschule in Alexandrien,1 wo er mündlich und schriftlich2 die Schätze der göttlichen Lehren auslegte.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,10)

Lieber persönliche Barmherzigkeit statt Wohlfahrtsstaat?

(Ein evtl. etwas polemischer Beitrag; Diskussion gerne erwünscht.)

Bei Neocons und Libertären, gerade bei solchen, die gleichzeitig auch noch an der Religion hängen oder zumindest eine gewisse Sympathie dafür haben, hört man manchmal die Argumentation: Der Wohlfahrtsstaat hat viel zu viel übernommen, Barmherzigkeit und Nächstenliebe sollte keine staatliche Sache sein, sondern das, wozu einzelne aufgerufen sind, statt unpersönlicher Programme sollte es persönliche Hilfe geben, die der erdrückende Sozialstaat nur unmöglich macht, indem er eine hohe Steuerlast aufbürdet.

Was ich dann höre, ist erstmal: Schade, dass der Arbeitslose oder der Erwerbsunfähige auf geregelte Weise seine Wohnung und sein Geld für Essen und Kleidung bekommt, er sollte doch viel lieber auf der Straße betteln und in der Suppenküche anstehen müssen. Das mag nur eine schnell dahingesagte Phrase sein; aber worauf sollte es sonst hinauslaufen?

(Anmerkung: Ich gehöre nicht zu denen, die Betteln für unwürdig/ehrlos halten, diese Einstellung ist eine neuzeitliche Erfindung: Es ist niemandem vorzuwerfen, Bettelei zu betreiben, der nichts hat, und es ist auch nicht entwürdigend, wenn man „milde Gaben“, „Almosen“ annehmen muss, genausowenig, wie es entwürdigend ist, ansonsten auf Hilfe angewiesen zu sein. Aber es ist trotzdem nicht angenehm, das tun zu müssen.)

Jesus hat (was dann gerne herangezogen wird) gesagt, dass wir die Armen immer bei uns haben werden, aber nicht, dass wir diesem Zustand nicht entgegenarbeiten sollen. Das ist eine Voraussage, kein Ideal. Es gibt – vor allem weltweit – immer noch mehr als genug Arme und bis zum Jüngsten Tag wird die Menschheit es nicht schaffen, Armut vollkommen verschwinden zu lassen, aber man kann darauf hinarbeiten.

Der Staat kann einiges dafür tun, indem er bloß für gerechte Regeln unter den Leuten sorgt, die einigermaßen für sich selbst sorgen können – Mindestlöhne, Kündigungsschutz, Förderung von Gewerkschaften und Innungen, Gesetze gegen Kartellbildung usw. -, aber es wird immer auch diejenigen geben, die nicht für sich selbst sorgen können. Kranke, Alte, Behinderte, Arbeitslose, die kein eigenes Vermögen haben und vielleicht nichts hätten ansparen können, die vielleicht auch keine Familie haben, die helfen kann. Und inwiefern kann es eine schlechte Sache sein, dafür zu sorgen, dass die gar nicht erst in totale Armut geraten (aus der sie dann umso schwerer herauskommen würden), sondern eine Sicherung haben, auf die sie sich verlassen können?

NGOs, die Spendengelder sammeln, oder Freundeskreise, oder Nachbarschaftshilfsprojekte, sind einfach nicht besonders gut dafür geeignet, das regelmäßige Einkommen von Behinderten, deren Werkstättenlohn nicht reicht, von Langzeitarbeitslosen oder armen Rentnern sicherzustellen. Es gibt sicher einige sehr gut funktionierende Organisationen mit Ehrenamtlichen; die Tafeln zum Beispiel. Und ich habe sicher nichts dagegen, wenn die Tafeln die Sozialhilfe ergänzen, vor allem, wenn sie dafür sorgen, dass Leute mal abwechslungsreicheres Essen finden oder anderswo ein paar Euro sparen können, aber man kann offensichtlich nicht alles über solche Organisationen bewirken. Abgelaufenes Essen zu spenden kostet niemanden viel: Wenn es z. B. um Krankenversorgung oder Wohnungen geht, sind hohe Kosten da, die irgendwer übernehmen muss, und zwar in geregelter Weise. Wollen wir amerikanische Verhältnisse, wo wegen hoher Eigenbeteiligung – und freilich enorm überhöhter Kosten für Behandlung und Medikamente – Krebskranke hoffen müssen, über ein GoFundMe Geld zusammenzubekommen, um nicht obdachlos zu werden und in Schulden zu versinken?

Arme sind auch normale Menschen, die nicht darauf erpicht sein werden, ständig von der „persönlichen Hilfe“ anderer abhängig zu sein, die gerade etwas geben wollen bzw. können oder auch nicht. Es ist Aufwand genug, sämtliche Anträge, Nebenkostenabrechnung, Kontoauszüge usw. usf. beim Sozialamt einzureichen.

'Portrait of an Old Man Begging' by Michael Sweerts.jpg
Michiel Sweerts, Porträt eines alten Bettlers. Gemeinfrei.

Persönliche Hilfe ist v. a. da gut, wo es auch um Persönliches geht. Dafür, dass die Wohnung eines Rentners mit zu geringer Rente geheizt ist, genügt eine Überweisung vom Sozialamt; wenn der Rentner einsam ist und keine Familie mehr hat, sind Pfarrgemeinde und Nachbarschaft gut. Freilich kann die Tatsache, dass materiell für das Wichtigste gesorgt ist, verschleiern, dass es jemandem trotzdem schlecht gehen kann; aber das heißt nicht, dass es besser wäre, wenn für das Materielle nicht gesorgt wäre. Sollte der Rentner lieber im Kalten sitzen oder gleich seine Wohnung verlieren?

Gerade in schlechten wirtschaftlichen Zeiten können Staaten sicher nicht immer so viel tun wie wünschenswert wäre, und private Initiativen sind zu allen Zeiten noch notwendig; aber wieso sollte er kaum etwas tun, wenn er etwas tun kann?

Von Libertären, die sich als katholisch verstehen, wird gerne das Subsidiaritätsprinzip aus der katholischen Soziallehre zitiert: Aber genau dieses Prinzip beweist doch, dass es hier Hilfe vom Staat braucht. Es sagt, dass größere Einheiten (wie der Staat) da unterstützend eingreifen sollen, wo kleinere Einheiten (Einzelner, Familie, Gemeinde) es nicht allein schaffen; dass die größeren Einheiten nicht alles an sich reißen und zentralisieren sollen. Aber da, wo es die kleineren Einheiten schlecht schaffen, sollen die größeren eben auch helfen: Subsidium heißt gerade Hilfe, Beistand, Reserve.

Abgesehen davon ist auch das Solidaritätsprinzip Teil der katholischen Soziallehre.

In der libertären Gedankenwelt ist der Staat ein Feind oder ein notwendiges Übel, das so wenig wie nur möglich tun soll, außer vielleicht die Freiheit des einzelnen sicherzustellen. Aber in der katholischen Soziallehre gibt es so etwas wie das Allgemeinwohl und es ist natürlich für die Menschen, in einer staatlichen Gemeinschaft zu leben. Und wieso sollte sich diese Gemeinschaft dann aus einem Teil, der so wichtig für das Gemeinwohl ist, völlig oder sehr stark heraushalten?

Tatsache ist einfach, kein Libertärer hat mehr das 19. Jahrhundert vor Augen gehabt, wo Arbeiter extrem geringe Löhne und schlechte Bedingungen akzeptieren mussten und es bestenfalls noch Armenhäuser für diejenigen gab, die nichts mehr hatten. Mir ist ein „Wohlfahrtsstaat“ doch lieber als Slums oder massenhafte Obdachlosigkeit. Dass der Markt alles regeln wird, ist letztlich ein Aberglaube. Über viele Einzelheiten kann man streiten, vielleicht meinen manche, die sich als liberal oder libertär sehen, auch nur Dinge, die noch völlig im Rahmen sind und lassen sich bloß zu übertriebenen Phrasen hinreißen; aber wenn Leute ein grundlegendes – wie man so sagt – „soziales Netz“ ablehnen, das Hunger und Obdachlosigkeit mit ziemlicher Sicherheit verhindert, begreife ich einfach nicht, wieso.

Ausgefeiltere Versionen libertärer Ideen werden natürlich mit freiwilligen Verbänden kommen, wo man Mitglied sein und sich z. B. gegen Arbeitslosigkeit oder für die Rente versichern und dabei zwischen verschiedenen Programmen wählen soll, aber wo ist hier noch der große Unterschied zum Staat? Es handelt sich um eine größere Gemeinschaft, wo alle einen gewissen, gar nicht so geringen Teil ihres Einkommens einzahlen, und der einzelne im Notfall etwas herausbekommt. Und das Argument von wegen „unpersönlich“ und „bürokratisch“ kann man hier definitiv nicht bringen: Nichts ist unpersönlicher und bürokratischer und unfreundlicher gegenüber den Kunden als eine private Versicherung.

(Und: Was ist mit denen, die das nicht können oder einfach vernachlässigt haben (ja, Menschen sind so dumm)? Was macht man mit dem psychisch Kranken oder Alkoholabhängigen, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommen hat, oder mit dem, der sich einfach zu sicher war, dass er nie arbeitslos werden würde und sein Geld deswegen nicht für eine Versicherung hinauswerfen wollte? In der Obdachlosigkeit kann man auch den nicht enden lassen.)

Von „Instrumentalisierung“, Phrasen, und den Zielen von Terroristen

Als „Instrumentalisierung“ würde man es im normalen Sprachgebrauch bezeichnen, wenn jemand etwas rein taktisch-rhetorisch als Werkzeug benutzt, um etwas nicht oder kaum damit Zusammenhängendes durchzusetzen, und sich für diese Sache selber eigentlich nicht interessiert. Nach jedem islamischen Terroranschlag wird heutzutage denjenigen „Instrumentalisierung“ vorgeworfen, die Analysen und Lösungsvorschläge anbieten.

Da heißt es dann auf der einen Seite ungefähr:

„Menschen werden getötet, und das liegt daran, dass in der Vergangenheit das und das hier falsch gelaufen ist (das hätte man wissen können und manche haben es auch gewusst). Wenn wir wollen, dass nicht noch mehr Menschen getötet werden, müssen wir für die Zukunft endlich xyz tun.“

Und von der respektablen Seite kommt dann eine Antwort, die etwa auf das hier hinausläuft:

„Wie kannst du nur die Toten verunehren, indem du Lösungsvorschläge anbietest? Worauf es jetzt ankommt, ist, die immer gleichen Betroffenheitsphrasen abzuspulen, daher: Wir stehen fest an der Seite unserer Freunde in xyz, wir verurteilen diesen feigen und sinnlosen Terroranschlag, wir stehen zusammen und lassen uns durch Terror und Gewalt nicht einschüchtern, unser Mitgefühl ist bei den Angehörigen der Opfer. So, und jetzt husch-husch weitermachen wie bisher. Wir wollen doch die Terroristen nicht gewinnen lassen, nicht wahr? Und wehe, einer erwähnt den Hintergrund. Terror gibt es in allen Religionen. Das Problem ist Fundamentalismus.“

Da hört man dann auch oft Phrasen wie „Terroristen wollen die Gesellschaft spalten und Hass säen“: Eine unglaublich dumme Erklärung.

Kein Terrorist ist ein hirnloses Monster, das „muss hasserfüllte Gesellschaft haben“ vor sich hin murmelt. Terrorismus ist nicht sinnlos (und normalerweise auch nicht feige: Es erfordert schon Mut, auf andere Menschen loszugehen und sich selbst der Todesgefahr durch Polizeikugeln oder die eigene Bombe auszusetzen; Terroristen kann man pervers, gefühllos, mörderisch, selbstgerecht, hochmütig nennen, aber feige m. E. nicht). Terroristen wollen mit ihrem Terror konkrete Ziele durchsetzen.

Im Fall islamischer Terroristen wollen sie die Gesellschaft einschüchtern und sie mit der Bedrohung durch weiteren Terror davon abbringen, den Islam zu kritisieren oder gegen den wachsenden Einfluss des Islam in der Gesellschaft vorzugehen. Sie wollen Allah oder Mohammed zugefügte Beleidigungen rächen, indem sie konkrete Ungläubige töten. [In diesem Fall halte ich übrigens das schnodderige Gegenargument „dein Gott muss aber schwach und empfindlich sein, wenn du jemanden töten musst, der ihn beleidigt“ für ziemlich schlecht. Jemandem, der sagen würde, „wer meine Mutter beleidigt, den schlag ich zusammen, dass alle seine Knochen gebrochen sind“ würde man auch nicht entgegnen „deine Mutter ist aber empfindlich“. Das wäre noch ein bisschen etwas anderes als Mord und dieser Vergleich soll auch nicht im Entferntesten Sympathie für Mord ausdrücken (Vergleiche sind nun mal keine Gleichsetzungen, auch wenn der Durchschnittsmensch das immer weniger auseinanderhalten kann), sondern einfach klarmachen, dass das Argument nicht zieht.] Sie wollen vielleicht auch ihre eigenen Verbündeten bestärken, indem sie ihre Stärke beweisen und zeigen, dass sie Städte in Angst und Schrecken versetzen können. Und ihr Endziel ist die islamische Weltherrschaft, ganz einfach, das wird offen gesagt. „Weltherrschaft“ klingt immer so nach Zeichentrickfilmschurke, aber eigentlich will ja jeder, dass seine Ideale irgendwann auf der ganzen Welt angenommen werden; andere Leute wollen eben, dass irgendwann die ganze Welt liberal und demokratisch (was übrigens zwei verschiedene Sachen sind) ist. Radikale Muslime wollen, dass auf der ganzen Welt der Islam herrscht, islamische Regeln gelten und die verbliebenen Ungläubigen sich unterwerfen und die Schutzsteuer zahlen, oder einfach konvertieren.

Und hätten sie denn gewonnen, wenn man nicht weitermacht wie bisher? Man kann nicht einfach weitermachen wie bisher, in der Hinsicht, dass man sich einredet, dass es ja nur Einzelfälle sind und man nicht viel machen kann, das schuldet man den Opfern und möglichen zukünftigen Opfern; hier hätten sie gewonnen, wenn man weitermacht wie bisher. Und in anderer Hinsicht wird jetzt bereits nicht weitergemacht wie bisher, trotz aller Phrasen, dass man sich nicht einschüchtern lässt: Je mehr Terror und Gewalt, desto weniger öffentliche Kritik am Islam wird man hören, weil Einzelne das nicht mehr wagen. Die Leute, die davon reden, dass die Gesellschaft sich ihr Leben durch Terror nicht kaputt machen lassen wird, lassen sich vom Terror vielleicht nicht davon abhalten, vom Islam (manchmal zu Recht) als verdorben gesehene Lebensweisen weiter zu leben, aber sehr wohl davon, Mohammed öffentlich als falschen Propheten zu bezeichnen.

Terroristen sagen deutlich, was sie wollen; aufschlussreich z. B. eine Veröffentlichung des IS („Why we hate you and why we fight you“, ab S. 30 – Warnung, weiter unten in anderen Artikeln sind sehr brutale Bilder). Der erste Grund für Kampf und Terror gegen den „Westen“ – ausdrücklich wird gesagt, dass die westliche Außenpolitik ein untergeordneter Punkt ist – ist, dass man Gott verunehre, indem man ihm einen Sohn an die Seite stelle. Islamische Terroristen hassen sicherlich den Säkularismus und Liberalismus (wie sie dann auch an zweiter Stelle, ebenfalls vor der Außenpolitik, sagen), aber sie hassen zuerst auch das Christentum (und manchmal scheinen sie beides kaum auseinanderzuhalten). Illustriert wird dieser Teil des Textes mit einem Bild aus einer traditionellen lateinischen Messe, nicht gerade Ausdruck moderner Dekadenz.

Da helfen auch keine von vierzigjährigen Sozialpädagoginnen durchgeführten Programme zur Demokratiebildung oder Deradikalisierung, über die jeder Sechzehnjährige lachen wird, der sie über sich ergehen lassen muss.

Wenn man will, dass Leute nicht dem radikalen Islam verfallen, muss man ihnen etwas Ernstzunehmendes bieten; das (richtige) Christentum wäre hier nötig, und manchmal funktioniert das auch, aber viele Muslime sind dagegen leider schon zu sehr „geimpft“: Christentum ist Polytheismus, weil man Allah einen Sohn an die Seite stellt, eins ist nicht drei, und Allah kann ja wohl nicht leiden, weiter wird nicht gedacht und nicht diskutiert, obwohl es wunderbare Antworten auf das alles gäbe.

Tatsache ist, in jeder muslimischen Gesellschaft wird es viele Muslime geben, die ihren Glauben ernst nehmen, und die es daher z. B. für unbedenklich halten, in der Polygamie zu leben, die mit enormer Wut auf Mohammedkritik oder -karikaturen reagieren (anbei: mit Charlie Hebdo, diesem Atheistenblatt, kann ich auch nicht viel anfangen), die finden, dass in einer idealen islamischen Gesellschaft die Christen etc. Dhimmis sein sollten, und die es nicht über sich bringen, den historischen Dschihad zu verurteilen. Freilich werden die meisten von denen immer noch finden, dass heutige Terrorgruppen keine rechtmäßige Autorität sind, die den Dschihad ausrufen kann, und werden willkürliche Morde an Zivilisten in Friedenszeiten normalerweise ablehnen – auch wenn sie nicht allzu sehr trauern, wenn ganz gezielt jemand getötet wurde, der Blasphemie gegen den Islam betrieben hat. Aber es wird auch immer eine Minderheit geben, die da fanatischer ist, und die irgendwann Terroranschläge verübt.

Und deswegen muss das Ziel erst mal sein, dass der Anteil der Muslime an der Bevölkerung in Europa nicht immer weiter wächst, denn diese Minderheit ist in allen islamischen Ländern da. Viele Muslime kommen noch durch Einwanderung, daher wären logische Möglichkeiten solche Dinge wie weniger Einwanderung, auch weniger legale; Abschiebung Ausreisepflichtiger; höhere Hürden für Einbürgerungen; Anreize zur freiwilligen Ausreise; Verlust der Aufenthaltsgenehmigung bei vielen Verbrechen; usw. Es gäbe viele gute denkbare Möglichkeiten, mit denen etliche Länder schon lange arbeiten, und die niemandes Rechte verletzen, die ihm geschuldet sind. Dann haben Muslime oft eine höhere Geburtenrate; das ist ihnen nicht vorzuwerfen, denn Kinderkriegen ist gut und ein natürliches Recht, aber man kann auch Anreize für eine höhere Geburtenrate bei Nichtmuslimen schaffen. Wenn die Gesellschaft kinderfreundlich ist, geht die Geburtenrate oft wenigstens ein Stück weit hoch, weil die Leute eigentlich doch ein bisschen mehr Kinder wollen, als sie derzeit haben (nicht in allen Industrienationen ist sie so niedrig wie in Deutschland; Frankreich hat 2 Kinder pro Frau und Israel 3, mehr als einige seiner islamischen Nachbarstaaten). Demographische Fakten sind nun mal mächtig, egal, ob einem das gefällt oder nicht. Dann gibt es auch Konversionen von Nichtmuslimen zum Islam; die verhindert man am besten durch glaubwürdige Alternativen, d. h. die Kirche hat endlich mal wieder ernsthaft das zu verkünden, was sie zu verkünden hat, ohne sich dafür zu schämen oder es zu verwässern. Natürlich müsste man auch diejenigen Moscheen schließen und Imame ausweisen, bei denen Terror verherrlicht wird, strenger gegen Polygamie, Kinderehen und dergleichen vorgehen, und allgemein klarmachen, dass der Islam als etwas Fremdes geduldet wird, aber nicht die Gesellschaft zu prägen hat („christliche Leitkultur“, wie das dann so genannt wird).

Über solche Mittel zur Abwehr oder Eindämmung des radikalen Islam muss man reden. Wenn Säkularisten „Radikalisierung“ verhindern wollen, indem sie versuchen, Muslimen eine verwässerte Version ihrer Religion als modernen Islam unterzujubeln, der kaum mehr als Äußerlichkeiten mit der ursprünglichen Version gemein hat, oder wenn sie muslimische Mädchen zwingen wollen, gegen ihren Willen Kleidungsstücke abzulegen, dann ist das nicht nur bescheuert, sondern auch moralisch falsch. Und mit stärkerer Kontrolle durch Polizei und Verfassungsschutz kann man zwar was tun, aber irgendwann ist das einfach nicht mehr genug. Wenn die Seele raus ist, kann man den Körper nicht mehr reanimieren.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 5a: Die Kirche – was sie ist und woher sie stammt

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Mt 16,18f., 1 Tim 3,15, Lk 10,16, Apg 9,4f., Apg 20,28, Kol 1,18, 1 Kor 12, Eph 1,22f., Eph 3,10, Eph 5,22-33, Apg 14,23, 2 Tim 1,6, Tit 1,5-9, 1 Tim 1-13, 1 Kor 1,1f., 1 Thess 1,1.

Der Begriff „ecclesia“ (=Kirche, „die Herausgerufenen“) wurde zum einen für die einzelnen Ortskirchen unter den einzelnen Bischöfen verwendet und zum anderen für die Weltkirche; in diesem Artikel zunächst zur Weltkirche (zur Rolle Roms in dieser Weltkirche kommt auch ein eigener Artikel, da das für einen zu viel wäre).

Sie wird bezeichnet als die universale – „katholische“ – Kirche; zum ersten Mal taucht dieser Begriff bei Ignatius von Antiochia auf, der um 107 n. Chr. auf dem Weg zu seinem Prozess und Märtyrertod in Rom Briefe an mehrere Gemeinden schreibt:

„Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakonen aber ehret wie Gottes Anordnung. Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man nicht taufen noch das Liebesmahl feiern; aber was immer er für gut findet, das ist auch Gott wohlgefällig, auf dass alles, was geschieht, sicher sei und gesetzmäßig.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 8)

Ignatius of Antioch.jpg
(Martyrium des hl. Ignatius. Gemeinfrei.)

In einem Bericht über das Martyrium des hl. Bischofs Polykarp von Smyrna (Kleinasien), an den Ignatius einen seiner Briefe gerichtet hatte und der in sehr hohem Alter im Jahr 155 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, finden sich folgende Stellen:

„Die Kirche Gottes zu Smyrna an die Kirche Gottes zu Philomelium und an alle Gemeinden der heiligen und katholischen Kirche allerorten. Erbarmung, Friede und Liebe Gottes des Vaters und unseres Herrn Jesus Christus mögen euch in Fülle zuteil werden.“ (Martyrium des hl. Polykarp 1)

„Einer von diesen ist der bewunderungswerte Blutzeuge Polykarp gewesen, der in unserer Zeit durch seine Lehre ein Apostel und Prophet geworden ist, der Bischof der katholischen Kirche zu Smyrna; denn jedes Wort, das aus seinem Munde kam, hat sich erfüllt und wird sich erfüllen.“ (Martyrium des hl. Polykarp 16)

„Denn durch seine Standhaftigkeit hat er den ungerechten Statthalter besiegt und so die Krone der Unsterblichkeit erlangt; er verherrlicht, mit den Aposteln und allen Gerechten in Jubel vereinigt, Gott den Allvater und preist unsern Herrn Jesus Christus, den Heiland unserer Seelen, den Lenker unserer Leiber und den Hirten der katholischen Kirche auf dem weiten Erdkreise.“ (Martyrium des hl. Polykarp 19)

Polycarp.jpg
(Polykarp von Smyrna. Gemeinfrei.)

Die Kirche wird in einem Glaubensbekenntnis erwähnt, das sich in der Epistula Apostolorum findet, einem Werk, das sich als Brief der Apostel ausgibt und einen angeblichen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung enthält:

„an den Vater, den Herrscher der ganzen Welt, und an Jesum Christum, unsern Heiland, und an den heiligen Geist, den Parakleten, und an die heilige Kirche und an die Vergebung der Sünden.

(Epistula Apostolorum 5(16)-6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 129. Englische Übersetzung hier.)

Die einzelnen Bischöfe konnten ihre Einsetzung auf die Apostel zurückführen; die Kirche wurde als diejenige gesehen, die die apostolische Überlieferung bewahrt. Zu diesem Thema findet man sehr viele Stellen.

Einer der ersten Päpste, Clemens von Rom, schreibt um 95 n. Chr. in einem Brief an die Ortskirche von Korinth:

„Die Apostel haben uns das Evangelium verkündet, (das sie) vom Herrn Jesus Christus (bekommen haben), Jesus Christus aber ist gesandt von Gott. Christus ist also von Gott und die Apostel von Christus (gesandt); beides ist demnach geschehen in aller Ordnung nach dem Willen Gottes. Sie empfingen also ihre Aufträge, wurden durch die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus mit Gewissheit erfüllt, wurden im Glauben an das Wort Gottes gefestigt, und dann zogen sie voll des Heiligen Geistes hinaus zur Predigt, dass das Reich Gottes nahe sei. Indem sie nun in Ländern und Städten predigten, setzten sie die Erstlingsfrüchte ihrer (Predigt), nach vorhergegangener Prüfung im Geiste, zu Bischöfen und Diakonen der zukünftigen Gläubigen ein.“ (1. Clemensbrief 42,1-4)

Justin der Märtyrer, ein zum Christentum konvertierter Philosoph, der in Rom lebte, schreibt um 150:

„Und daß das eingetroffen ist, davon könnt ihr euch überzeugen; denn von Jerusalem gingen Männer aus in die Welt, zwölf an der Zahl, ganz ungebildet und der Rede nicht mächtig; aber durch die Kraft Gottes haben sie dem ganzen Menschengeschlechte gezeigt, daß sie von Christus gesandt waren, allen das Wort Gottes zu predigen.“ (Justin, 1. Apologie 39)

Im Diognetbrief heißt es (mit „Logos“ (griechisch Wort, Rede, Vernunft) ist Jesus, das Wort Gottes, gemeint):

„Nicht Fremdartiges predige ich und stelle keine vernunftwidrigen Untersuchungen an, sondern nachdem ich Schüler der Apostel geworden bin, werde ich Lehrer der Heiden und biete das Überlieferte in rechter Weise solchen dar, die Schüler der Wahrheit werden. Denn welcher Mensch, der rechtgläubig unterwiesen und dem Logos befreundet geworden ist, hat nicht das Bestreben, klar zu erfassen, was durch den Logos den Jüngern deutlich gezeigt wurde, denen der Logos, als er sichtbar erschienen war, es offenbarte, indem er freimütig zu ihnen redete? Von den Ungläubigen wurde er zwar nicht begriffen, zu den Jüngern aber redete er deutlich, die, als Gläubige von ihm erkannt, die Geheimnisse des Vaters kennen lernten. Deswegen sandte er den Logos, damit er der Welt erschiene, der von seinem Volke missachtet, von den Aposteln gepredigt und von den Heiden gläubig aufgenommen wurde. Dieser ist es, der von Anfang an war, als ein Neuer erschien und als der Alte erfunden wurde, der immerfort neu in den Herzen der Heiligen geboren wird. Er ist der Ewige, von dem es heisst, er sei ‚heute der Sohn‘1; durch ihn wird die Kirche bereichert und die Gnade, die sich in den Heiligen entfaltet, vermehrt, die da Verständnis gewährt, Geheimnisse erschliesst, Zeiten ankündigt, sich an den Gläubigen erfreut, sich den Suchenden mitteilt, jenen nämlich, von denen die Gelöbnisse des Glaubens nicht gebrochen und die von den Vätern gesteckten Grenzen nicht überschritten werden. Dann wird die Gesetzesfurcht gepriesen, die Prophetengabe erkannt, der Glaube der Evangelien gefestigt und die Überlieferung der Apostel bewahrt; es frohlockt die Gnade der Kirche. Wenn du diese nicht betrübst, wirst du erkennen, was der Logos verkündet, durch wen und wann er will. Denn was wir nach dem Willen des gebietenden Logos mühsam auszudrücken bewogen wurden, das teilen wir euch mit aus Liebe zu dem Geoffenbarten.“ (Diognetbrief 11)

Bischof Irenäus von Lyon, der noch Polykarp gekannt hatte, schreibt um 180 n. Chr. (die meisten Zitate sind aus einem Werk, das er gegen die Gnostiker, eine Ansammlung esoterischer Sekten, die besonderes Geheimwissen versprachen, verfasste):

„Die Kirche erstreckt sich über das ganze Weltall bis an die äußersten Grenzen der Erde. Sie hat von den Aposteln und ihren Schülern den Glauben empfangen, den Glauben an den einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde und der Meere und alles was in ihnen ist, und an den einen Christus Jesus, den Sohn Gottes, der, um uns zu erlösen, Fleisch angenommen hat, und an den heiligen Geist, der durch die Propheten die Heilsordnung Gottes verkündet hat, die zweifache Ankunft des Herrn, seine Geburt aus der Jungfrau, sein Leiden, seine Auferstehung von den Toten und die leibliche Himmelfahrt unseres lieben Herrn Christus Jesus und seine Wiederkunft vom Himmel in der Herrlichkeit des Vaters, um ‚alles wiederherzustellen‘1 und alles Fleisch der ganzen Menschheit wiederzuerwecken, damit vor Jesus Christus, unserm Herrn und Gott, unserm Heiland und König, nach dem Wohlgefallen des unsichtbaren Vaters, ‚jedes Knie sich beuge derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, und jegliche Zunge ihn preise‘2 . Dann wird er ein gerechtes Gericht über alle halten. Die Geister der Bosheit und die ungehorsamen Engel, die von Gott abfielen, und die Gottlosen und Ungerechten und Frevler und Gotteslästerer wird er in das ewige Feuer schicken. Den Gerechten aber und Frommen und denen, die seine Gebote beobachtet haben, und die in seiner Liebe verharrt sind teils von Anfang, teils seit ihrer Bekehrung, denen wird er das ewige Leben in Gnaden schenken und mit ewiger Herrlichkeit sie umkleiden.

Nun wohl, diese Botschaft und diesen Glauben bewahrt die Kirche, wie sie ihn empfangen hat, obwohl sie, wie gesagt, über die ganze Welt zerstreut ist, sorgfältig, als ob sie in einem Hause wohnte, glaubt so daran, als ob sie nur eine Seele und ein Herz hätte, und verkündet und überliefert ihre Lehre so einstimmig, als ob sie nur einen Mund besäße. Und wenngleich es auf der Welt verschiedene Sprachen gibt, so ist doch die Kraft der Überlieferung ein und dieselbe. Die in Germanien gegründeten Kirchen glauben und überliefern nicht anders als die in Spanien oder bei den Kelten, die im Orient oder in Ägypten, die in Lybien oder in der Mitte der Welt. So wie Gottes Sonne in der ganzen Welt eine und dieselbe ist, so dringt auch die Botschaft der Wahrheit überall hin und erleuchtet alle Menschen, die zur Erkenntnis der Wahrheit kommen wollen. Der größte Redner unter den Vorstehern der Kirche kann nichts anders verkünden, denn niemand geht über den Meister; und auch der Schwachbegabte wird nichts von der Überlieferung weglassen. Es ist nur ein und derselbe Glaube, ihn kann nicht vermehren, wer viel versteht zu reden, nicht vermindern, wer wenig spricht..“ (Irenäus, Gegen die Häresien I,10,1-2)

„Die von den Aposteln in der ganzen Welt verkündete Tradition kann in jeder Kirche jeder finden, der die Wahrheit sehen will, und wir können die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe der einzelnen Kirchen aufzählen und ihre Nachfolger bis auf unsere Tage. Diese haben von den Wahngebilden jener nichts gelehrt und nichts gehört. Denn wenn die Apostel verborgene Geheimnisse gewußt hätten, die sie in besonderem, geheimem Unterricht nur die Vollkommenen lehrten, dann hätten sie die Geheimnisse am ehesten denen übergeben, denen sie sogar die Kirchen anvertrauten. Ganz vollkommen nämlich und in allem untadelig wünschten sie die, denen sie ihren Lehrstuhl übergaben, und die sie als ihre Nachfolger zurückließen, von deren gutem oder schlechtem Verhalten für das Wohl und Wehe der Ihrigen soviel abhing.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,3,1)

Da also die apostolische Tradition, wie gesagt in der Kirche ist und bleibt, so wollen wir zurückkehren zu dem Beweise aus den Schriften der Apostel, die das Evangelium verfaßt haben, indem wir aus dem, was sie als Lehre über Gott geschrieben haben, den Nachweis führen, daß unser Herr Jesus Christus die Wahrheit, und daß keine Lüge in ihm ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,5,1)

„Die Kirche aber hat über die gesamte Welt hin ihren sicheren Ursprung von den Aposteln und verharrt in ein und derselben Lehre über Gott und seinen Sohn.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,12,7)


(Christus und die zwölf Apostel, Fresko aus der Domitilla-Katakombe in Rom. Bildquelle: Wikimedia Commons, Nutzer Dnalor 01.)

Die Predigt der Kirche aber ist in jeder Hinsicht unveränderlich und gleichmäßig; sie hat für sich, wie nachgewiesen, das Zeugnis der Propheten und Apostel und aller Jünger, wie am Anfang der Zeiten, so in der Mitte und am Ende, die ganze Heilsordnung Gottes hindurch und in all dem, was er zum Heil der Menschen zu tun gewohnt war, wie unser Glaube es lehrt. Diesen haben wir von der Kirche empfangen und bewahren ihn so auf. Ihn hat der Hl. Geist gleichsam in ein ganz kostbares Gefäß jugendfrisch hineingetan, und jugendfrisch erhält er das Gefäß, in dem er sich befindet. Dieses göttliche Geschenk nämlich ist der Kirche anvertraut, damit gleichsam das Geschöpf beseelt werde und alle Glieder, die an ihr Anteil haben, das Leben empfangen. In ihr ist niedergelegt die Gemeinschaft mit Christus, d. h. der Hl. Geist, die unverwesliche Arche, die Befestigung unseres Glaubens, die Himmelsleiter zu Gott. ‚In der Kirche nämlich‘, heißt es, ‚hat Gott eingesetzt Apostel, Propheten, Lehrer und die gesamte übrige Wirksamkeit des Geistes‘1 , an der keinen Anteil haben, die sich von der Kirche fernhalten und durch ihre schlechte Lehre und ihr ganz schlechtes Leben sich selber des Lebens berauben. Wo die Kirche, da ist auch der Geist Gottes; und wo der Geist Gottes, dort ist die Kirche und alle Gnade; der Geist aber ist Wahrheit. Die den Geist der Wahrheit nicht aufnehmen, empfangen von den Brüsten der Mutter keine Nahrung zum Leben, noch das von dem Leibe Christi ausgehende, hellsprudelnde Quellwasser, sondern ‚graben sich durchlöcherte Zisternen aus Erdlöchern‘2 , und trinken aus Gruben faules Wasser. Um nicht widerlegt zu werden, fliehen sie vor dem Glauben der Kirche; um nicht belehrt zu werden, verwerfen sie den Hl. Geist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,24,1)

„Angesichts solcher Beweise darf man nicht lange bei andern nach der Wahrheit suchen. Ohne Mühe kann man sie von der Kirche in Empfang nehmen. In sie haben die Apostel wie in eine reiche Schatzkammer auf das vollständigste alles hineingetragen, was zur Wahrheit gehört, so daß jeder, der will, aus ihr den Trunk des Lebens schöpfen kann. Sie ist der Eingang zum Leben; alle übrigen sind ‚Räuber und Diebe‘1 . Diese muß man deshalb meiden, alles aber, was zur Kirche gehört, auf das innigste lieben und die Überlieferung der Wahrheit umklammern. Sollte jedoch über eine unbedeutende Frage ein Zwiespalt entstehen, dann muß man auf die ältesten Kirchen zurückgehen, in denen die Apostel gewirkt haben, und von ihnen die klare und sichere Entscheidung über die strittige Frage annehmen. Hätten nämlich die Apostel nichts Schriftliches uns hinterlassen, dann müßte man eben der Ordnung der Tradition folgen, die sie den Vorstehern der Kirchen übergeben haben.

Diese Anordnung befolgen viele Barbarenvölker, die an Christum glauben. Ohne Papier und Tinte haben sie ihr Heil durch den Heiligen Geist in ihren Herzen geschrieben, und sorgfältig bewahren sie die alte Tradition. An einen Gott glauben sie als den Schöpfer des Himmels und der Erde und alles dessen, was darin ist, durch Jesum Christum, Gottes Sohn, der aus überfließender Liebe gegen sein Geschöpf aus der Jungfrau geboren werden wollte, der in sich den Menschen mit Gott vereinigte, unter Pontius Pilatus litt, auferstand, in Herrlichkeit aufgenommen wurde und in Majestät kommen wird als der Erlöser derjenigen, die gerettet werden, und als Richter derer, die gerichtet werden. In das ewige Feuer wird er die Entsteller der Wahrheit und die Verächter seines Vaters und seiner Ankunft schicken. Die diesen Glauben ohne Schrift angenommen haben, sind hinsichtlich unserer Sprache zwar Barbaren, in Anbetracht ihrer Gesinnung, ihrer Gebräuche und ihres Lebenswandels freilich wegen ihres Glaubens höchst weise und Gott wohlgefällig, da sie in aller Gerechtigkeit, Keuschheit und Weisheit wandeln. Käme ihnen einer mit den häretischen Erfindungen und wollte darüber mit ihnen in ihrer Sprache reden, dann würden sie sich sogleich die Ohren zuhalten und weit, weit fliehen, weil sie das gotteslästerliche Gerede nicht ertragen könnten. All deren Wundergerede hat in ihrem Geiste keinen Platz, denn keine1 [gemeint: gnostische] Versammlung oder Unterweisung hat bei ihnen bisher stattgefunden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,4,1-2)

Deswegen muß man auch den Priestern der Kirche gehorchen, die, wie wir gezeigt haben, Nachfolger der Apostel sind. Sie haben mit der Nachfolge des Episkopats das sichere Charisma der Wahrheit nach dem Wohlgefallen des Vaters empfangen. Die anderen aber, die der apostolischen Nachfolge fernstehen und irgendwo zusammenkommen, muß man als Häretiker oder Irrlehrer betrachten, die sich von der Kirche aus Stolz oder Eitelkeit trennen, oder als Heuchler, die sich um Geld oder eitlen Ruhmes wegen mühen. Sie alle sind von der Wahrheit abgefallen, und jene Häretiker, die fremdes Feuer, d. h. fremde Lehren, zum Altare Gottes bringen, werden vom himmlischen Feuer verzehrt werden wie Nadab und Abiud1 . Die sich aber gegen die Wahrheit erheben und andere gegen die Kirche Gottes aufhetzen, die werden von dem Abgrund der Erde verschlungen und in der Hölle bleiben wie die mit Kore, Dathan und Abiron2 . Die aber die Einheit der Kirche spalten und trennen, werden von Gott dieselbe Strafe empfangen wie Jeroboam3 . […]

Von all solchen Personen muß man sich fernhalten, anhängen aber jenen, welche, wie gesagt, die Lehre der Apostel bewahren und außer dem Range des Priesters eine gesunde Lehre und einen Wandel ohne Tadel aufweisen zur Stärkung oder Zurechtweisung der übrigen. […]

Wo also die Charismen des Herrn niedergelegt sind, da muß man die Wahrheit lernen, da ist die apostolische Nachfolge der Kirche, ein vernünftiger, untadeliger Wandel und offenbar die unversehrte, unverfälschte Lehre. Sie bewahren nämlich unseren Glauben an den einen Gott, der alles gemacht hat, und vermehren unsere Liebe zu dem Sohn Gottes, der unseretwegen so große Dinge getan hat, und legen ohne Gefahr uns die Schriften aus, sodaß wir weder Gott lästern, noch die Patriarchen verunehren, noch die Propheten verachten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,26,2.4-5)

Die wahre Gnosis [Erkenntnis] ist die Lehre der Apostel und das alte Lehrgebäude der Kirche für die ganze Welt. Den Leib Christi erkennt man an der Nachfolge der Bischöfe, denen die Apostel die gesamte Kirche übergeben haben. Hier sind die Schriften in treuer Überlieferung bewahrt; nichts ist hinzugetan, nichts ist fortgenommen. Hier werden sie unverfälscht verlesen und gesetzmäßig, sorgfältig, gefahrlos und gottesfürchtig erklärt. Hier ist vor allem das Geschenk der Liebe, das kostbarer ist als die Erkenntnis, ruhmvoller als die Prophetengabe, vortrefflicher als alle übrigen Charismen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,33,8)

„Sind sie [die Häretiker] doch alle viel später als die Bischöfe, denen die Apostel die Kirchen übergeben haben, was wir im dritten Buche mit aller Sorgfalt nachwiesen. Da nun also die genannten Häretiker für die Wahrheit blind sind, so schweifen sie immer auf andere Wege ab, und ohne Sinn oder Zusammenhang sind die Spuren ihrer Lehre. Der Pfad derer aber, die zur Kirche gehören, führt um die ganze Welt herum; er hat die feste, apostolische Tradition und läßt uns erkennen, daß aller Glaube ein und derselbe ist: alle bekennen ein und denselben Gott Vater, alle glauben an dieselbe Ordnung der Menschwerdung des Sohnes Gottes, wissen von ebenderselben Gabe des Geistes, beobachten ebendieselben Gebote und bewahren ebendieselbe Form der kirchlichen Verfassung, erwarten ebendieselbe Ankunft des Herrn und erhoffen ebendieselbe Heiligung des ganzen Menschen, d. h. des Leibes und der Seele. Wahr und fest ist die Predigt der Kirche; ein und derselbe Weg zum Heil wird in der gesamten Welt gewiesen. Ihr ist das Licht Gottes anvertraut, und deshalb wird die Weisheit Gottes, die alle Menschen rettet, ‚an dem Ausgang besungen, und auf den Straßen wirkt sie mit Zuversicht, oben auf den Mauern wird sie gepriesen, an den Toren der Stadt redet sie ständig‘1 . Überall nämlich predigt die Kirche die Wahrheit, sie ist der siebenarmige Leuchter, der Christi Licht trägt. (Irenäus, Gegen die Häresien V,20,1)

„Das ist, Geliebter, die Predigt der Wahrheit, das ist die Art und Weise unserer Erlösung, das ist der Weg des Lebens. Ihn haben die Propheten angekündigt, ihn hat Christus bestätigt, ihn haben die Apostel bekannt gemacht und die Kirche hat ihn ihren Kindern auf der ganzen Welt eröffnet1 .“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 98)

„Von keinem andern als von denen, durch welche das Evangelium an uns gelangt ist, haben wir Gottes Heilsplan gelernt. Was sie zuerst gepredigt und dann nach dem Willen Gottes uns schriftlich überliefert haben, das sollte das Fundament und die Grundsäule unseres Glaubens werden. Frevelhaft ist die Behauptung, sie hätten gepredigt, bevor sie die vollkommene Kenntnis besessen hätten, wie jene zu sagen sich erkühnen, die sich rühmen, die Apostel verbessern zu können. Nicht eher nämlich zogen sie aus bis an die Grenzen der Erde, allen die frohe Botschaft zu bringen und den himmlischen Frieden den Menschen zu verkünden, als unser Herr von den Toten auferstanden war und sie alle die Kraft des Heiligen Geistes empfangen hatten, der über sie kam. Dadurch empfingen sie die Fülle von allem und die vollkommene Erkenntnis, und so besitzt auch jeder einzelne von ihnen das Evangelium Gottes, Matthäus verfaßte seine Evangelienschrift bei den Hebräern in hebräischer Sprache, als Petrus und Paulus zu Rom das Evangelium verkündeten und die Kirche gründeten. Nach deren Tode zeichnete Markus, der Schüler und Dolmetscher Petri, dessen Predigt für uns auf. Ähnlich hat Lukas, der Begleiter Pauli, das von diesem verkündete Evangelium in einem Buch niedergelegt. Zuletzt gab Johannes, der Schüler des Herrn, der an seiner Brust ruhte, während seines Aufenthaltes zu Ephesus in Asien das Evangelium heraus.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,1,1)

„Die Schüler desselben und die Zeugen aller seiner Guttaten, seiner Lehre, seiner Leiden, seines Todes und seiner Auferstehung, und der nach der leiblichen Auferstehung folgenden Auffahrt in den Himmel waren die Apostel. Dieselben wurden von ihm, nachdem sie die Kraft des Hl. Geistes empfangen hatten2 , in alle Welt hinausgesandt und vollführten die Berufung der Heiden, indem sie den Menschen den Weg des Lebens zeigten, und sie zur Abkehr vom Götzendienst, von der Unzucht und dem Wucher bewegten. An Seele und Leib heiligten sie dieselben durch die Taufe im Wasser und den Hl. Geist, den sie vom Herrn empfangen hatten. Indem sie diesen den einzelnen Gläubigen erteilten, begründeten sie die Kirche. Durch Glaube, Liebe und Hoffnung führten sie die Berufung der Heiden ins Werk, welche zuvor von den Propheten verheißen worden war gemäß der Barmherzigkeit Gottes, welche auch über diese sich aufgetan hatte. Durch ihre Amtserfüllung brachten sie diese zur Offenbarung und nahmen diejenigen, die glaubten und Gott liebten, auf zur Teilnahme an den den Vätern gewordenen Verheißungen. An den Stätten der Heiligkeit, Gerechtigkeit und Beharrlichkeit sollten auch sie von Gott allen Zutritt zum ewigen Leben erhoffen durch die Auferstehung von den Toten. So war es verheißen durch den, der gestorben und auferstanden ist, Jesus Christus. Ihm ist gegeben die Herrschaft über alle Wesen und die Macht über die Lebendigen und die Toten und das Gericht3 . Sie gaben also durch das Wort der Wahrheit auch die Anleitung, den Leib für die Auferstehung unbefleckt und die Seele in Lauterkeit zu erhalten.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 41)

Eusebius von Cäsarea zitiert aus einer nicht mehr erhaltenen Schrift des Irenäus:

„Gegen die, welche in Rom die gesunde Ordnung der Kirche störten, verfaßte Irenäus verschiedene Briefe. Einen betitelte er ‚An Blastus über das Schisma‘, einen anderen ‚An Florinus über die Monarchie oder daß Gott nicht der Urheber des Bösen sei‘. Diese Meinung schien nämlich Florinus zu verfechten. Wegen dieses Mannes, der sich zum Irrtum des Valentinus hinüberziehen ließ, verfaßte Irenäus auch noch die Studie ‚Über die Achtzahl‘.1 Darin gibt er auch zu erkennen, daß er der ersten nachapostolischen Generation nahegestanden. Ebendort haben wir gegen Ende des Buches eine sehr beachtenswerte Bemerkung gefunden, die wir unserer Schrift einfügen zu müssen glauben. Sie lautet: ‚Wenn du dieses Buch abschreiben willst, dann beschwöre ich dich bei unserem Herrn Jesus Christus und bei seiner glorreichen Wiederkunft, wann er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten, daß du deine Abschrift sorgfältig vergleichest und nach dieser Urschrift berichtigest, von der du sie abgeschrieben hast. Auch diese Beschwörung sollst du in gleicher Weise abschreiben und deinem Exemplare beigeben!‘2 Diese heilsame Bemerkung des Irenäus geben wir wieder, auf daß wir jene alten, wahrhaft heiligen Männer als schönstes Beispiel einer äußerst gewissenhaften Sorgfalt vor Augen haben. In dem vorhin erwähnten Briefe an Florinus gedenkt Irenäus auch seines Verkehrs mit Polykarp, wenn er sagt: ‚Diese deine Lehren, Florinus,3 sind — um mich schonend auszudrücken — nicht gesunder Anschauung entsprungen. Diese Lehren widersprechen der Kirche; sie stürzen ihre Bekenner in die größte Gottlosigkeit. Selbst die außerhalb der Kirche stehenden Häretiker haben niemals solche Lehren aufzustellen gewagt. Auch die vor uns lebenden Presbyter, die noch mit den Aposteln verkehrten, haben dir diese Lehren nicht überliefert. Denn als ich noch ein Knabe war, sah ich dich im unteren Asien bei Polykarp; du hattest eine glänzende Stellung am kaiserlichen Hofe und suchtest die Gunst Polykarps zu erwerben. Ich kann mich nämlich viel besser an die damalige Zeit erinnern als an das, was erst vor kurzem geschah; denn was man in der Jugend erfährt, wächst mit der Seele und bleibt mit ihr vereint. Daher kann ich auch noch den Ort angeben, wo der selige Polykarp saß, wenn er sprach, auch die Plätze, wo er aus- und einging, auch seine Lebensweise, seine körperliche Gestalt, seine Reden vor dem Volke, seine Erzählung über den Verkehr mit Johannes und den anderen Personen, welche den Herrn noch gesehen, seinen Bericht über ihre Lehren, ferner das, was er von diesen über den Herrn, seine Wunder und seine Lehre gehört hatte. Alles, was Polykarp erfahren von denen, die Augenzeugen waren des Wortes des Lebens, erzählte er im Einklang mit der Schrift. Seine Worte habe ich durch die mir gewordene Gnade Gottes damals mit Eifer aufgenommen; nicht auf Papier, sondern in mein Herz habe ich sie eingetragen. Ich erinnere mich auch immer wieder durch die Gnade Gottes genau daran. Vor Gott kann ich bezeugen, daß, wenn jener selige, apostolische Presbyter solche Irrlehren gehört hätte, er laut aufgeschrien, sich die Ohren verstopft und seiner Gewohnheit gemäß ausgerufen hätte: ‚O guter Gott, für welche Zeiten hast du mich aufbewahrt, daß ich solches erleben muß!’ Er wäre fortgeeilt von dem Orte, an dem er sitzend oder stehend solche Lehre vernommen hätte. Diese Wahrheiten werden bestätigt durch die Briefe, welche Polykarp4 teils an benachbarte Gemeinden, die er zu befestigen suchte, teils an einzelne Brüder, die er mahnte und ermunterte, geschrieben hat.‘5 So berichtet Irenäus.“ (Eusebius, Kirchengeschichte V,20)

Der Autor des Berichts über das Martyrium der hl. Perpetua und Felicitas (Nordafrika, 203 n. Chr.) schreibt, dass der Hl. Geist noch immer in der Kirche wirke, Gott habe nicht nur den Menschen früherer Generationen beigestanden – der Hl. Geist wirke jetzt sogar noch mehr als früher, findet er:

„Die aber die gleiche Kraft des einen Heiligen Geistes allen Zeitaltern zuschreiben, mögen sich vorsehen, da das Neuere für größer zu halten ist, weil es dem Ende näher steht und ein Überfluß der Gnade gerade für die letzten Zeiten vorbehalten ist. Denn in den letzten Tagen, spricht der Herr, werde ich von meinem Geiste ausgießen über alles Fleisch und ihre Söhne und Töchter werden weissagen; auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geiste ausgießen, Jünglinge werden Gesichte sehen und Greise Traumerscheinungen haben1 . Darum müssen wir, da wir, wie die Prophezeiungen, so auch die neuen gleichfalls verheißenen Gesichte anerkennen und verehren und auch die übrigen Gnadenwirkungen des Heiligen Geistes als bestimmt zur Unterstützung der Kirche ansehen — dieser ist er gesandt worden, der alle Gaben in allen wirkt, wie der Herr einem jeden zuerteilt hat –, das aufzeichnen und durch Lesung zur Ehre Gottes verherrlichen, damit nicht Schwachheit oder Verzweiflung am Glauben meine, nur mit den Alten sei die Gnade Gottes gewesen und habe sie der Märtyrer und Offenbarungen gewürdigt, da doch Gott immer wirkt, was er verheißen hat, den Ungläubigen zum Zeugnis, den Gläubigen zum Troste.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 1)

Die Christen werden in den Paulusakten (einer Erzählung aus dem späten 2. Jahrhundert mit Legenden und Überlieferungen über Paulus) als Söhne der Kirche bezeichnet. Die Paulusakten enthalten einen angeblichen Brief des Paulus, den sog. 3. Korintherbrief, in dem es heißt:

„Denn ihr seid nicht Söhne des Ungehorsams, sondern der geliebtesten Kirche. Deswegen ist die Zeit der Auferstehung gepredigt worden.“ (3 Kor 22f., in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 260)

Im „Hirten des Hermas“, einer Privatoffenbarung eines römischen Laien, bringt die Kirche, personifiziert als eine ehrwürdige alte Frau, die sich nach und nach verjüngt, Hermas einige Offenbarungen. Da heißt es zum Beispiel:

„Brüder, im Schlafe erhielt ich eine Offenbarung von einem gar schönen Jüngling, der mir sagte: ‚Was meinst du, wer die alte Frau war, von der du das Büchlein bekamst?‘ Ich sagte: ‚Die Sibylle‘1. ‚Du irrst‘, versetzte er, ‚die ist es nicht.‘ ‚Wer ist es denn?‘ fuhr ich fort. ‚Die Kirche‘, war seine Antwort. Ich sagte ihm: ‚Warum ist sie alt?‘ ‚Weil sie‘, antwortete er, ‚von allem zuerst gegründet wurde; deswegen ist sie alt, und ihretwegen wurde die Welt geschaffen.‘ Danach sah ich ein Gesicht in meinem Hause. Die alte Frau kam und fragte mich, ob ich das Buch schon den Presbytern gegeben habe. Ich sagte: ‚Nein.‘ ‚Du hast recht getan‘, fuhr sie fort. ‚Ich habe noch einiges hinzuzufügen. Wenn ich nun vollends alle Worte hinzugefügt habe, werden sie durch dich allen Auserwählten bekanntgegeben werden. Du wirst zwei Abschriften fertigen und eine dem Klemens, eine der Grapte senden. Klemens wird es an die auswärtigen Städte schicken, das ist ihm aufgetragen worden; Grapte wird die Witwen und Waisen mahnen. Und du wirst es in dieser Stadt gemeinsam mit den Presbytern, den Vorstehern der Kirche, vorlesen.'“ (Hirte des Hermas I,2,4)

Und etwas später:

„Bei dem ersten Gesichte voriges Jahr war sie mir, Brüder, als eine ganz alte Frau, auf einem Sessel sitzend, erschienen. Bei der zweiten Erscheinung hatte sie ein jüngeres Gesicht, aber einen alten Körper und graue Haare, und sie stand, als sie mit mir sprach; sie war aber in besserer Stimmung als das erste Mal. Bei der dritten Erscheinung war sie ganz jung und von ausgezeichneter Schönheit, nur hatte sie graue Haare; aber sie war fröhlich bis zum Schlusse und saß auf einer Bank. Dies machte mich ganz traurig, weil ich die Deutung hiervon kennen wollte. Da schaute ich in einem nächtlichen Gesichte die alte Frau, und sie sagte mir: ‚Jedes Gebet bedarf demütiger Gesinnung; faste also und du wirst erhalten, was du vom Herrn begehrst.‘ So fastete ich denn einen Tag, und in der gleichen Nacht erschien mir ein Jüngling, der mir sagte: ‚Warum verlangst du im Gebete die Offenbarungen der Reihe nach? Sieh zu, dass du nicht zuviel verlangst und so deiner Gesundheit schadest. Diese Enthüllungen genügen dir. Oder kannst du stärkere Offenbarungen als die erlebten aushalten?‘ Ich antwortete ihm: ‚Herr, nur um das eine bitte ich, nämlich (um Aufklärung) über die dreifache Gestalt der alten Frau, damit die Offenbarung vollständig werde.‘ Da erwiderte er: ‚Wie lange seid ihr noch unverständig? Vielmehr sind es die Zweifel, die euch das Verständnis nehmen, und der Umstand, dass ihr euer Herz nicht beim Herrn habet.‘ Ich antwortete ihm, indem ich nochmals sagte: ‚Aber von dir, o Herr, werde ich es genauer erfahren.‘

‚So höre denn über die drei Gestalten, wie du es verlangst. Warum sie bei dem ersten Gesichte dir alt erschien und auf einem Sitze ruhend? Weil euer Geist schon alterte und schon abgezehrt war und keine Kraft mehr hatte wegen eurer Schwäche und eurer Zweifel; wie nämlich die alten Leute, weil sie keine Aussicht haben, wieder jung zu werden, nur noch auf das Einschlummern warten, so habt auch ihr, durch die zeitlichen Sorgen geschwächt euch der Sorglosigkeit überlassen und habt nicht alle eure Sorgen auf den Herrn geworfen1; vielmehr wurde euer Sinn niedergebeugt, und ihr seid gealtert durch eure Kümmernisse.‘ ‚Warum sie auf einem Sessel ruhte, möchte ich wissen, Herr.‘ ‚Weil jeder Schwache sich auf einen Ruheplatz niedersetzt wegen seiner Schwäche, damit die Schwäche seines Körpers überwunden werde. Damit hast du die Bedeutung des ersten Gesichtes.

Bei der zweiten Erscheinung sahest du sie stehend, mit einem jugendlicheren Gesichte und fröhlicher als das erste Mal, nur mit älterem Körper und grauem Haar. Vernimm‘, sagte er, ‚auch dieses Gleichnis! Wenn einer schon alt ist und sich schon wegen seiner Schwäche und seiner Armut aufgegeben hat, dann erwartet er nichts anderes mehr als den letzten Tag seines Lebens; da fällt ihm plötzlich eine Erbschaft zu, und er springt bei der Nachricht hiervon auf, und voll Freude bekommt er wieder Kraft und bleibt nicht mehr liegen, sondern steht auf, und sein Geist, der infolge der früheren Arbeiten schon abgemattet war, lebt wieder auf; er bleibt nicht mehr sitzen, sondern rührt sich männlich: so ist es auch euch ergangen, als ihr die Offenbarung hörtet, die euch der Herr gegeben hat. Weil er sich erbarmt hat über euch, hat sich auch euer Geist erneuert, habt ihr eure Schwäche abgelegt, habt ihr wieder Kraft geschöpft und seid wieder stark geworden im Glauben, und als der Herr eure Erstarkung sah, freute er sich; und deshalb hat er auch den Bau des Turmes geoffenbart und wird euch noch mehr offenbaren, wenn ihr aus ganzem Herzen unter euch Frieden bewahrt1.

Bei der dritten Erscheinung sahst du sie jung, schön, fröhlich und von edler Gestalt. Wie nämlich ein Trauriger, dem plötzlich eine gute Botschaft zukommt, sogleich das alte Leid vergisst und nichts anderes erwartet als die (Erfüllung der) frohen Botschaft, von der er hörte, und wie er künftighin stark sein wird im Hinblick auf das Gute und wie sein Geist sich erneuert wegen der Freude, die ihm zuteil geworden, so habt auch ihr eine Erneuerung eures Geistes erlebt, als ihr diese Güter sahet. Und wenn du sie auf einer Bank sitzen sahest, so wisse, dass es ein starker Sitz war, weil die Bank vier Füße hatte und fest stand; denn auch die Welt beruht auf vier Elementen. Wer also völlig sich bekehrt, wer nämlich aus ganzem Herzen seine Gesinnung ändert, der wird neu werden und fest gegründet. Nun hast du die Offenbarung vollständig, und du sollst fernerhin gar nichts mehr fragen über die Offenbarung; sollte aber etwas notwendig sein, so wird es dir geoffenbart werden.““ (Hirte des Hermas I,3,10,3-13,4)

Außerdem wird in dieser Schrift die Kirche in mehreren Visionen als Turm dargestellt, den Engel auf Geheiß Christi aufbauen; die einzelnen Christen sind die einzelnen Steine und sie können aus dem Bau entfernt werden, wenn sie sich von Gott abkehren, und wieder eingefügt werden, wenn sie Buße tun. Da heißt es etwa:

„Die aus der Tiefe heraufgezogenen Steine fügten sie alle so in den Bau; denn sie eigneten sich so und passten in den Mauerverband mit den übrigen Steinen; sie wurden so untereinander verbunden, dass man die Fugen nicht sah. Es schien, als ob das Gefüge des Turmes aus einem Stein hergestellt sei.“ (Hirte des Hermas I,3,2,6)

Eine etwas seltsame Stelle findet sich im 2. Clemensbrief (der wohl nicht wirklich von Clemens stammt):

„Wenn wir also, Brüder, den Willen Gottes, unseres Vaters, tun, werden wir angehören der ersten, der geistigen Kirche, die vor Sonne und Mond gestiftet ist; wenn wir aber den Willen des Herrn nicht tun, werden wir zu der gehören, von der die Schrift sagt: ‚Mein Haus ist geworden zu einer Räuberhöhle‘1. Deshalb wollen wir es vorziehen, der Kirche des Lebens anzugehören, auf dass wir gerettet werden. Ich glaube, es ist euch wohlbekannt, dass die lebende Kirche der Leib Christi ist2; denn die Schrift sagt: ‚Gott schuf den Menschen als Männliches und Weibliches‘3; das Männliche ist Christus, das Weibliche die Kirche. Auch die Bücher der Propheten und die Apostel (lehren), dass die Kirche nicht aus der jetzigen Zeit stamme, sondern aus früheren Zeiten; sie war nämlich geistig, wie auch unser Jesus; aber in den letzten Tagen ist er sichtbar erschienen, damit er uns erlöse. Die Kirche aber, die geistig ist, ist in dem Fleische Christi erschienen, um uns kund zu tun, dass, wer sie von uns behütet im Fleische und sie nicht entehrt, sie bekommen wird im Heiligen Geiste; denn dieses Fleisch ist das Abbild des Geistes; keiner also wird das Urbild bekommen, der das Abbild entehrt hat. Demnach also, Brüder, hat dies den Sinn: behütet das Fleisch, damit ihr teilbekommet am Geiste.“ (2. Clemensbrief 14,1-3)

An die, die daran denken, die Kirche (oder Papst Franziskus) zu verlassen

Ab und zu trifft man – online vor allem – auf Katholiken, die sich von Argumenten von Atheisten oder Säkularisten oder – manchmal – Anhängern anderer Religionen ziemlich nervös machen und durcheinanderbringen lassen, weil sie die Gegenargumente nicht kennen. Ein ähnliches Problem findet sich jetzt gerade bei manchen Katholiken, die an unserem derzeitigen Papst schier verzweifeln und gar nicht mehr wissen, was hier eigentlich los ist. Ein paar kurze generelle Worte an solche Katholiken über selbstverständliche Dinge, die man leicht vergisst (und unten noch ein bisschen zum Papst im speziellen).

1. Wenn etwas bereits bewiesen ist, und dann eine Schwierigkeit auftaucht, macht sie die Beweise nicht zunichte. Sagen wir, zahlreiche sicher belegte chemische Experimente beweisen eindeutig, dass Stoff X diese Eigenschaften hat. Dann reagiert Stoff X aber in einem weiteren Experiment ähnlich wie Stoffe, die diese Eigenschaften nicht haben. Was macht man? Man forscht weiter, man will herausfinden, wie sich das vereinbaren lässt. Vielleicht lief in dem letzten Experiment etwas falsch, vielleicht hat Stoff X aber auch weitere Eigenschaften, die diese untypische Reaktion erklären.

Was macht man nicht? Die ganzen Ergebnisse, die man bereits hatte, einfach verwerfen.

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Schwierigkeit und einem Gegenbeweis, einer Widerlegung. Das eine ist: „Okay, das scheint bewiesen zu sein, aber wie funktioniert es dann, dass das und das trotzdem so und so ist?“ Das andere ist: „Das hier beweist, dass das falsch ist.“

2. Es gibt auch einen Unterschied zwischen der Kritik, dass ein Beweis nicht ausreiche, und einer Widerlegung. „Das und das beweist noch nicht, dass Jesus auch wirklich Gottes Sohn ist“ ist eine andere Behauptung als „Das ist ein Beweis, dass Jesus nicht Gottes Sohn ist“, so wie „Die Studie reicht noch nicht aus, um zu sagen, ob dieses Medikament auch sicher bei der Mehrheit der Patienten wirkt, weil wir zu wenig Teilnehmer hatten“ eine andere Aussage ist als „Dieses Medikament wirkt nicht“.

Wenn man einmal zu dem Ergebnis gekommen ist, dass es philosophisch und/oder historisch durch die biblische Offenbarung bewiesen ist, dass Gott existiert, dann können Schwierigkeiten wie „Wieso lässt Gott das Leid zu?“ an diesem Beweis nichts ändern. Das sind wichtige Fragen, aber wenn einem darauf nicht auf Anhieb Antworten einfallen, dann ändert das nichts daran, dass Gottes Existenz bereits bewiesen ist.

Die Sache ist die: Es gibt sehr viele hervorragende Antworten auf die Argumente von Säkularisten und Atheisten und auf die Schwierigkeiten, die einen als Christ selber plagen können. (Ich habe hier sehr viele Quellen dafür zusammengestellt.) Aber keiner kann die auf Anhieb alle wissen, und es ist würdelos und lächerlich, wenn man sich von jeder neuen Schwierigkeit aus der Bahn werfen lässt. Das Wichtige ist, ein gutes Fundament zu haben und darauf fest zu stehen. Dazu gehört vor allem, ein paar wichtige historische Argumente für die Glaubwürdigkeit Jesu und dafür, dass Er die katholische Kirche gegründet hat, zu kennen. (Wenn das so ist, ist auch klar, dass es Gott gibt, auch wenn es sehr gut ist, zusätzlich im Vorhinein die philosophischen Gottesbeweise zu kennen, die nicht davon abhängen, ob Gott selber sich in der Geschichte offenbart hat, und die schon die alten griechischen Philosophen kennen konnten.) Dieses Fundament bleibt. Weiters kann (und sollte) man sich mit all seinen Schwierigkeiten befassen, aber das Fundament muss man dafür nicht verlassen.

Dann sollte man nicht zu schüchtern und defensiv sein: Sämtliche alternativen weltanschaulichen Systeme zum Katholizismus laufen an vielen Stellen in enorme Probleme. Ruhig mal zum Angriff übergehen! „Okay: Du sagst, das würde Gott nicht beweisen; ich bin anderer Ansicht, aber lassen wir das kurz beiseite. Die Alternativen zum Theismus (es gibt etwas Höheres hinter der Welt) sind Pantheismus (die Welt selbst ist göttlich) und Atheismus (es gibt keinen Gott, die Welt ist aus dem Nichts aufgeploppt). Man muss sich in der Praxis nach irgendeiner Ansicht richten. Du richtest dich nach dem Atheismus: Dann sag doch mal deine Argumente dafür und widerleg diese und jene Gegenargumente und Schwierigkeiten.“

Dann sollte man daran denken, dass manche Leute – ohne es böse zu meinen – einfach Dinge nachplappern, die nicht stimmen. Dass jemand etwas als historischen Fakt behauptet, muss nicht bedeuten, dass das stimmt. Wenn Leute z. B. behaupten, in der antiken Kirche hätte es das Papsttum nicht gegeben, ist das nur eins: Falsch. Das haben sie aus vagen Klischees über die Kirchengeschichte, nicht aus den Quellen, die etwas ganz anderes sagen.

Ein letzter Punkt. Manchmal sieht man, dass Leute, die sich kurzfristig für den Katholizismus interessiert haben, oder auch, dass solche, die damit aufgewachsen sind, ihn innerhalb relativ kurzer Zeit aufgeben aus einem einfachen Grund: Man kommt in ein anderes Umfeld, wo man sich bewusst oder unterbewusst anpassen will, und/oder man hat schlicht und einfach keine Lust auf das 6. Gebot. Bischof Fulton Sheen soll mal einen Priester, der meinte, er würde am Glauben zweifeln, gefragt haben „Ist sie blond oder brünett?“. Manchmal ist der Wunsch der Vater des Gedankens und die Zweifel folgen dem Gefühl, dass es doch eigentlich irgendwie nett wäre, wenn man sich Tinder holen und ein Date mit Aussicht auf mehr haben könnte. Bei wem das nicht zutrifft, der braucht sich nicht angesprochen zu fühlen, aber manche Leute sollten sich fragen, ob sie dem Katholizismus auch mit all seinen Ansprüchen folgen würden, wenn sie Beweise sehen würden, die ihnen genügten, oder ob sie solche Beweise lieber nicht sehen wollen. (Und ob sie dieselben Maßstäbe dafür, dass etwas als bewiesen zählt, hier anlegen wie anderswo.)

Ich sage das auch an die Katholiken gerichtet, die immer meinen, wer die Kirche verlassen hat, müsse ja irgendwie traumatisiert worden sein oder man müsse ihm zumindest die intellektuellen Gründe für den Katholizismus nicht gut genug dargelegt haben. Manchmal stimmt das; manchmal nicht; und man kann auch nicht davon ausgehen, dass jeder über die Zeit seines Lebens, von der er sich abgewandt hat und mit der er nichts mehr zu tun haben will, immer hundertprozentig ehrlich redet. Apostasie, Abfall vom Glauben bei einem, der einmal ehrlich geglaubt hat, ist etwas Schreckliches, und sie beginnt meistens dann, wenn jemand irgendetwas in der Welt als seine eigentliche Autorität anerkennt und anhand dieser Autorität den Glauben beurteilt statt umgekehrt. Man kann nicht zwei Herren dienen.

Jetzt zum Papst. Wenn man einmal zum Ergebnis gekommen ist, dass das Papsttum als ununterbrochene Institution von Beginn der Kirche an historisch sehr gut belegt ist, dass es geholfen hat, in der Kirche immer dieselbe Lehre zu erhalten, sodass nie ein Dogma revidiert wurde, dass die Bibel seine Einsetzung und die Vernunft seine Notwendigkeit belegt: Dann bleiben diese Argumente und Beweise, auch wenn neue Schwierigkeiten auftauchen.

Wieder einmal, wie öfter seit 2013, sind Katholiken verwirrt nach Papst Franziskus‘ letztem verworrenen Kommentar, diesmal zu eingetragenen Lebenspartnerschaften für Homosexuelle.

Die eigentliche Sache mit Papst Franziskus ist, dass er viele wohl nach und nach mürbe macht und immer weiter demoralisiert. Man versucht, seinen Glauben normal zu leben, und verteidigt ihn, wenn nötig, gegen die Angriffe von säkularen Familienmitgliedern und Bekannten, und dann fällt der Papst einem in den Rücken, statt einen zu stärken. Säkularisten gefällt das, während sie weiterhin alles, wofür der Papst als Papst steht, ablehnen und gar nicht daran denken würden, zu Jesus zu beten. Wieder mal.

Seine jetzigen Kommentare sind eigentlich im Vergleich zu früheren weniger schlimm: Die Fußnote in Amoris Laetitia war näher an der Häresie. Es ist, wie die Kirche bisher immer wieder klargestellt hat, ein Irrtum, für „Lebenspartnerschaften“ zu sein, weil sie homosexuellen Beziehungen eine gesetzliche Anerkennung geben, die sie nicht verdienen, und weil sie in der Praxis ein Schritt auf dem Weg zur Homo“ehe“ sind. Aber eine Befürwortung einer rein juristischen Regelung einer Sache, die man weiterhin als unmoralisch sieht, ist noch keine Häresie, sondern ein Irrtum auf einer niedereren Stufe, und Papst Franziskus hat auch schon einige Kommentare abgegeben, die deutlich machen, dass er Sodomie als Sünde sieht (Bischöfe sollten nicht links sein „und wenn ich links sage, meine ich homosexuell“, sehr deutliche Statements gegen die Homoehe und dergleichen). Das Fatalste ist der praktische Effekt: Die Leute, die das über die Medien mitkriegen, meinen „aha, so langsam und allmählich gibt die katholische Kirche auf und gesteht zu, dass homosexueller Sex gut ist“.

Manche Katholiken schielen dann nach der Orthodoxie: Bewahren die den Glauben nicht auf traditionellere Weise? Einfache Antwort: Nein. Sie haben seit langem ziemlich genau die Probleme, die manche bei uns herankommen sehen.

1) Sie haben seit Ewigkeiten Wiederheirat nach Scheidung; und ich kann keine Kirche ernst nehmen, die das an mehreren Stellen in mehreren Evangelien und bei Paulus klar und deutlich kundgetane Verbot der Wiederheirat ignoriert, was so ziemlich jede Kirche getan hat, sobald sie sich von Rom getrennt hat; anscheinend verlieren sie die Gnade, diese extrem unpopuläre Lehre beizubehalten, als erstes.

2) Seit einiger Zeit hat sie eine unklare Position zu künstlicher Empfängnisverhütung, die am weitesten verbreitetste Meinung ist, dass künstliche Verhütungsmittel in Ordnung sind, wenn sie nicht frühabtreibend wirken, man gute Gründe hat und es mit seinem Priester besprochen hat. Bei diesem Thema genau wie bei der Scheidung findet man öfter die Ansicht, dass manche Menschen eben die Gebote nicht vollauf erfüllen können und man ihnen Zugeständnisse machen muss, was dann Oikonomia genannt wird – eine furchtbare Sache, denn hier unterstellt man Gott, er würde Unmögliches befehlen.

3) Auch bei weiblichen Diakonen „bewegt sich etwas“, wie Säkularisten sagen würden; es gibt inzwischen die ersten orthodoxen Diakoninnen, die zwar keine Weihe wie die männlichen Diakone haben, d. h. das Amt an sich ist nichts Schlimmes, sondern nur eine Art Pastoralreferentin mit nettem Titel, es wird aber ja auch manchmal als Durchgangsstufe zum richtigen Diakonat und zur Priesterweihe gesehen bzw. gefordert.

Eine schöne Liturgie ändert nichts an alldem. Was diesen zerstrittenen Nationalkirchen, die sich gegenseitig exkommunizieren, völlig fehlt, ist irgendeine Einheit. Auch die Klarheit in der Lehre – z. B. wann sind Taufen anderer Konfession gültig – findet man nicht; und in den letzten Jahrzehnten werden oft Lehren abgelehnt, die in der Orthodoxie früher normal und anerkannt waren, weil sie als zu „römisch“ gelten (z. B. wollen manche Orthodoxe auf Gedeih und Verderb einen Unterschied in der Erbsündenlehre von Ost und West finden).

Andere werden zu Sedisvakantisten: Auch keine gute Idee. Ich halte nichts von der leicht dahingesagten „Sedisvakantisten sind auch nur Protestanten“-Phrase; denn der Protestantismus ist eine bestimmte Kategorie von Häresie und leugnet, dass es überhaupt ein von Christus eingesetztes Papsttum gibt, während der Sedisvantismus meint, dass ein bestimmter Mann nicht der gültige Papst ist; aber trotzdem: Sedisvakantismus bedeutet erstens Schisma und zweitens massive theologische Probleme bis hin zur Häresie. Das ist auch wahr, wenn Sedisvakantisten gutgläubig in diesem Irrtum sind.

Nicht nur diejenigen, die meinen, wir hätten seit sechzig Jahren keine gültigen Päpste mehr, sondern auch diejenigen, die Benedikt noch für den gültigen Papst halten (und die den nicht ganz passenden Spitznamen „Benevacantisten“ erhalten haben), verfallen einer antikatholischen Denkweise:

Denn die Tatsache, dass ein bestimmter Mann der gültige Papst ist, muss akzeptiert werden, wenn nach einer friedlichen (d. h. nicht bestrittenen, umkämpften) Wahl die überwältigende Mehrheit der Kirche ihn anerkennt, diese Akzeptanz ist das Zeichen dafür, dass die Wahl gültig war. Sonst könnte jeder sich zum Papst aufstellen – à la „Pope Michael“ – und Katholiken könnten sagen „ich folge, wem ich will, ich leugne ja das Papsttum nicht, ich sage einfach, dass der und der Papst ist“.

Auch die konkrete Identität des Papstes gehört zu den Glaubenswahrheiten, die von Katholiken akzeptiert werden müssen, weil sie so eng mit den Dogmen zusammenhängen (wenn ein Papst ein Dogma verkündet, muss klar sein, dass er der Papst ist; dasselbe gilt für ein Konzil); auch sie sind sekundärer Gegenstand der Unfehlbarkeit der Kirche, direkt nach den Dogmen im ganz strengen Sinn. Bei einzelnen Fällen von umstrittenen Wahlen im Mittelalter, resultierend in einem Papst und einem oder zwei Antipäpsten, von denen alle, Papst und Antipapst, eine große Nachfolgerzahl hatten, war der Fall oft komplizierter und es war schwieriger für Katholiken, zu sehen, wer der gültige Papst war. Aber es gibt keinen Fall in der Kirchengeschichte, in denen der gültige Papst sich selbst nicht für den gültigen Papst hielt und so gut wie keine Anhänger hatte, und in denen die ganze Kirche einen falschen Papst akzeptierte; davor ist die Kirche geschützt. (Antworten auf Einwände unter dem obigen Link.)

Die „benevacantistische“ Position entbehrt auch jeder Logik; sie beruht z. B. darauf, dass Benedikt in seiner Abdankungsrede ein bestimmtes lateinisches Wort hätte verwenden müssen, damit es gültig ist. Das ist völlig lächerlich, denn ein päpstlicher Amtsverzicht ist an keine Form gebunden und Benedikt hatte offensichtlich die Absicht, zurückzutreten, hat diese Absicht zum Ausdruck gebracht, und sieht Franziskus als den jetzigen Papst.

Es ist außerdem Dogma, dass es bis zum Ende der Zeiten Päpste geben wird (s. 1. Vatikanisches Konzil von 1870, Dogmatische Konstitution „Pastor Aeternus“: „Was aber der Fürst der Hirten und große Hirt der Schafe, der Herr Christus Jesus, im seligen Apostel Petrus zum ewigen Heil und immerwährenden Wohl der Kirche eingesetzt hat, das muß auf sein Geheiß hin in der Kirche, die, gegründet auf dem Felsen, bis zum Ende der Zeiten sicher stehen wird, beständig fortdauern. […] Wer also sagt, es sei nicht aus der Einsetzung Christi, des Herrn, selbst bzw. göttlichem Recht, daß der selige Petrus im Primat über die gesamte Kirche fortdauernd Nachfolger hat: oder der Römische Bischof sei nicht der Nachfolger des seligen Petrus in ebendiesem Primat: der sei mit dem Anathema belegt.“). Und vor allem bei denen, die meinen, dass es seit 60 Jahren keinen gültigen Papst mehr gegeben hat, fragt man sich doch, wie die sich eigentlich vorstellen, dass dieses Versprechen des Herrn eingehalten werden wird. Eine kurze Sedisvakanz von ein paar Wochen oder Monaten oder einem Jahr nach dem Tod eines Papstes – selbst von mehreren Jahren – ist offensichtlich etwas anderes als eine von mehreren Jahrzehnten, bei der es auch keine Aussicht auf ein Ende gibt.

Auch das, was Sedisvakantisten darüber lehren, dass ein (öffentlich & formell) häretischer Papst automatisch sein Amt verlieren würde, ist eine theologische Meinung, keine Kirchenlehre, und eine ziemlich umstrittene theologische Meinung; hier ein guter Text von Weihbischof Athanasius Schneider zur Möglichkeit eines häretischen Papstes.

Sedisvakantisten verhalten sich oft inkonsequent; bei einem häretischen Bischof oder Priester gehen sie nicht davon aus, dass er gleich automatisch jede Jurisdiktionsgewalt in der Kirche verliert (oder jedenfalls habe ich sie das noch nie tun sehen). (Anmerkung: Die Jurisdiktionsgewalt, die Ausübung von Herrschaft in der Kirche, ist etwas anderes als die Vollmacht, z. B. eine gültige Eucharistie zu feiern. Ein von seinem Bischof wegen eines Vergehens abgesetzter Pfarrer hat z. B. nicht mehr die Jurisdiktionsvollmacht, um einem Angehörigen der Pfarrei Dispens von der Sonntagspflicht zu erteilen, aber er hat die Weihevolllmacht und könnte gültig die Eucharistie feiern, auch wenn ihm das vielleicht verboten worden ist.)

Sedisvakantisten verlieren auch Fälle von Häresie bei Päpsten früherer Zeiten aus dem Blick (wie Honorius, der von einem späteren Konzil verurteilt wurde), und dass die Hürden für den Beweis öffentlicher, formeller Häresie hoch sind. Es gibt Päpste, die zumindest materielle Häretiker waren (Honorius wohl, auch Liberius und Johannes XXII. sind Kandidaten); wieso sollte das bei diesem so undenkbar sein? Auch der Fall von Papst Vigilius ist interessant: „Was wir also haben ist ein Papst, den heterodoxe Parteiungen mochten und dessen Wahl sie anzettelten; der zum Papst gemacht wurde, während sein Vorgänger, der unter Druck gewesen war, zurückzutreten, noch lebte; dessen Legitimität als Papst daher von manchen in Frage gestellt wurde; und der dafür bekannt war, mal so und mal so zu reden, und für zweideutige theologische Positionen. Klingt das bekannt?“

Was uns versprochen ist, ist nur, dass kein Papst Häresie als Dogma verkünden wird, d. h. im Namen seiner höchsten päpstlichen Autorität Häresie als bindend für die Kirche erklären wird, nicht, dass einer nicht zumindest materielle Häresie in anderen Aussagen vertreten wird.

Kann ein Papst formeller Häretiker werden? Würde er dann sein Amt verlieren, oder dürfte er wenigstens von den Bischöfen abgesetzt werden, oder würde er es behalten und dürfte nicht abgesetzt werden? Das sind alles sehr umstrittene und auch komplizierte Fragen. Und wenn Sedisvakantisten behaupten, wer ihren Schlussfolgerungen darüber, was in so einem Fall passieren würde und wann genau formelle Häresie vorliegt, nicht folgt, wäre auf dem Weg in die Hölle – nun ja, dann verhalten sie sich einfach lächerlich und versuchen auf unredliche Weise, Katholiken Angst einzujagen.

Abgesehen davon, dass sie in einer Fantasiewelt leben, wenn sie denken, wir wären noch im Mittelalter, wo irgendwelche einflussreichen Bischöfe auch nur auf die Idee kommen könnten, zu versuchen, einen Papst für abgesetzt zu erklären, und irgendeine ihnen genehme Lösung der Papstfrage wäre in absehbarer Zeit in Aussicht.

[Anmerkung: Nur materielle Häresie besteht, wenn jemand etwas vertritt, von dem er denkt, es wäre keine Häresie, obwohl es Häresie ist (z. B. weil er die Kirchenlehre einfach nicht genau kennt, oder denkt, diese Lehre wäre veränderlich und nicht unfehlbar). Das ist v. a. bei Laien manchmal noch nicht tragisch – wobei Kleriker die Verantwortung haben, die Kirchenlehre wirklich zu kennen. Wenn derjenige dann lernt, wie die Lehre wirklich aussieht, und sie daraufhin akzeptiert, ist alles in Ordnung. Wenn er dann allerdings weiter an seiner Häresie festhält, obwohl er weiß, dass sie unfehlbar von der Kirche verworfen wurde, wird er ein formeller Häretiker. Ein bloß materieller Häretiker ist kein richtiger Häretiker.

Wenn z. B. Papst Franziskus einfach die Fähigkeit oder die Geduld zu klarem theologischen Denken abgeht und er denkt, es würde das Dogma von der Unauflöslichkeit der Ehe nicht anfechten, wenn man Ehebrecher zur Kommunion zulässt, dann hat er absolut Unrecht, aber ist kein formeller Häretiker.

Es macht außerdem einen Unterschied, ob jemand im Geheimen Häresie glaubt oder sie öffentlich vertritt. Ein geheimer Häretiker ist Mitglied der Kirche.]

Wir alle wissen seit Jahren, dass Papst Franziskus ein schlechter, ein extrem schlechter Papst ist, definitiv unter den Top Ten der schlechtesten Päpste der Kirchengeschichte, vielleicht auch ganz an der Spitze. Sich etwas anderes einreden zu wollen, wenn er gerade mal in den letzten Tagen nichts extrem Irreführendes gesagt hat, oder sich zu sagen, dass ihn die Medien einfach nur missverstehen wollen, hat etwas davon, wenn Frauen, die mit einem blauen Auge und ein paar gebrochenen Rippen im Krankenhaus sind, sich einreden, dass der Mann, der sie ihnen beigebracht hat, sie ja eigentlich trotzdem liebt. (Zu den Medien: Natürlich haben die meistens keine Ahnung. Aber es ist die Aufgabe des Papstes, hier für Klarheit zu sorgen; im Vatikan bekommt man mit, wie die Medien ihn interpretieren. Wenn er für Klarheit sorgen wollte, könnte er das sofort: Die Dubia sind übrigens immer noch unbeantwortet.)

Wenn einen das zu sehr angreift, ist es am besten, sich gewissermaßen von Franziskus fernzuhalten – ihn zu ignorieren, so weit es geht, und einfach seinen Glauben zu leben. Wir beten zu Gott, nicht zum Papst. Er hat ein bestimmtes Amt, dieses Amt verrät und vernachlässigt er und er tut nichts in diesem Amt, das beachtenswert wäre; also muss man ihn auch nicht beachten.

Und sonst, wenn man sich nicht zu sehr angreifen lässt, ruhig ab und zu mal kontra geben, z. B. bei Kommentaren von Säkularisten, die Papst Franziskus‘ Kommentare für ihre Zwecke verwenden wollen. Manchmal muss man auch einem Papst „ins Angesicht widerstehen“ (bzw. widerstehen ohne dass man sein Angesicht vor sich hätte), vgl. Gal 2,11. Wir müssen halt noch etwas länger den nötigen Widerstand leisten, bis wir erwarten können, dass es evtl. unter dem nächsten Papst besser wird.

Dass man – wie es wohl nicht anders zu erwarten ist, solange Gott bei ihm keine wundersame Bekehrung wirkt – immer neue Beweise dafür sieht, dass Franziskus ein außergewöhnlich schlechtes Exemplar eines Papstes ist, bedeutet nicht, dass deswegen die Argumente, dass er Papst ist, ungültig werden, oder die Argumente gegen den Katholizismus im Allgemeinen an Glaubwürdigkeit gewinnen. Hier muss man sich von einer rein gefühlsgesteuerten Sichtweise lösen und einfach nur die Fakten sehen. Es ist vorerst nichts anderes zu erwarten.

Der hl. Petrus mit den Schlüsseln, Ikone aus dem 6. Jh. aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai.

Säkularisten und die Nächstenliebe

Bei Säkularisten und der Nächstenliebe ist es ganz einfach:

Erst erzählen sie dir ausführlich, dass Christen keine Ahnung von der Nächstenliebe haben, die sie proklamieren, dass sie sie mit rigiden Regeln korrumpiert haben und sich eigentlich gar nicht um ihren Nächsten kümmern (z. B. weil sie es Leuten verbieten wollen, sich von einem scheiden zu lassen, mit dem sie sich auseinandergelebt haben und nicht mehr glücklich sind).

Wenn sie damit fertig sind, erzählen sie dir, dass man nicht immer an andere denken soll (z. B. in dem Sinne, dass man sich ja wohl von einem scheiden lassen darf, auch wenn der sich dann verraten und verlassen fühlt und die Kinder unglücklich sind*), weil der Zweck des Lebens ist, auf sein eigenes Glück zu schauen, weil man ja nur einmal lebt, und jeder sich selbst der Nächste ist.

Und ja, in ein und derselben Unterhaltung.

* Und bitte keine Kommentare zu „Was wenn er dich schlägt oder betrügt“. Jeder weiß, dass die katholische Kirche in solchen Fällen eine Trennung natürlich erlaubt (aber keine Wiederheirat, weil das Eheband bleibt). Den Leuten, die so argumentieren, geht es nicht um diese Extremfälle, sondern um Ablenkung und Ausreden, weil sie Scheidungen auch in Normalfällen wollen.

Wie viele werden gerettet werden? Ein paar Bemerkungen

Es handelt sich hier um ein Thema, das viele Christen ziemlich beunruhigen kann; und das nicht nur, wenn es um die eigenen Chancen auf den Himmel geht, sondern auch, wenn es um die anderer geht. Man kann sich manchmal sehr damit quälen.

Aus der göttlichen Offenbarung selbst wissen wir nichts über die Anzahl der Erlösten und der Verdammten; es handelt sich hier also immer um Spekulationen. Aber es ist ein Thema, über das man spekulieren darf.

Die Lehre der Allerlösung wurde verurteilt: Die Hölle ist eine reale Möglichkeit, Christus warnt davor. (Lustigerweise findet man bei Christus mehr Warnungen vor der äußersten Finsternis und dem Heulen und Zähneknirschen als in den Apostelbriefen.) Aber Er sagt nicht, wie groß genau die jeweiligen Anteile der Erlösten und Verdammten sein werden. Es gibt hier, grob gesagt, folgende rechtgläubige Ansichten:

  1. Die Mehrheit der Menschheit und die Mehrheit der Katholiken gehe verloren.
  2. Die Mehrheit der Katholiken werde erlöst, aber die Mehrheit der Menschheit insgesamt gehe verloren.
  3. Die Mehrheit der Menschheit werde erlöst; die Verdammten seien insgesamt eine Minderheit.

Alle Ansichten finden sich bei rechtgläubigen Theologen im Lauf der Kirchengeschichte; die dritte Ansicht ist in der Minderheit, aber vor allem für die zweite findet man schon so einige Autoritäten. Und es steht einem vollkommen frei, sich für irgendeine davon zu entscheiden; auch diejenigen Kirchenväter beispielsweise, die meinten, nur eine relativ kleine Minderheit werde erlöst, sagen das als ihre Meinung und nicht als Lehre der Kirche.

Vasnetsov-Savior
(Viktor Vasnetsov, Der Erlöser. Gemeinfrei.)

Der französische Thomist Reginald Garrigou-Lagrange OP (1877-1964) hat einige gute Ausführungen dazu (von mir aus der englischen Ausgabe von „Life everlasting“ – online hier – übersetzt; der Ausschnitt ist aus dem letzten Kapitel):

„Manche bestehen auf der Gnade, andere auf der Gerechtigkeit Gottes. Weder die eine noch die andere Seite gibt uns Gewissheit. Und die Angemessenheitsgründe, die jede anführt, unterscheiden sich sehr von den Angemessenheitsgründen, die für ein Dogma angeführt werden, das schon sicher feststeht durch die Offenbarung, während wir hier von einer Wahrheit sprechen, die nicht gesichert ist.

Die Theologen neigen generell dazu, das, was uns die Schrift und die Tradition sagen, auszufüllen, indem sie die Heilsmittel, die Katholiken gegeben sind, von denen unterscheiden, die Menschen guten Willens jenseits der Grenzen der Kirche gegeben sind.

Wenn wir die Frage auf Katholiken beschränken, finden wir die Lehre, allgemein vetreten vor allem seit Suarez, dass, wenn wir nur Erwachsene in Betracht ziehen, die Zahl der Erwählten die der Verworfenen übertrifft. Wenn erwachsene Katholiken an diesem oder jenem Punkt eine Todsünde begehen, können sie dennoch vor dem Gerichtshof der Beichte wieder aufstehen, und es gibt relativ wenige, die am Ende ihres Lebens nicht bereuen oder sich sogar weigern, die Sakramente zu empfangen. [Anmerkung: Mit Erwachsenen sind hier alle gemeint, die den Vernunftgebrauch erlangt haben, also fähig zu Todsünden sind, d. h. auch Kinder ab einem gewissen Alter; jüngere getaufte Kinder sind des Himmels sicher.]

Aber wenn wir von allen Christen sprechen, von allen, die getauft worden sind, katholisch, schismatisch, protestantisch, ist es wahrscheinlicher, sagen die Theologen im Allgemeinen, dass die große Menge gerettet wird. Erstens ist die Zahl der Kleinkinder, die im Stand der Gnade sterben, bevor sie das Alter des Vernunftgebrauchs erreichen, sehr groß. Zweitens können viele Protestanten, da sie heutzutage guten Glaubens sind, mit Gott durch einen Akt der Reue versöhnt werden, besonders in Todesgefahr. Drittens können Schismatiker [hier sind wohl v. a. die Orthodoxen gemeint] eine gültige Absolution empfangen.

Wenn von der ganzen menschlichen Rasse die Rede ist, muss die Antwort unsicher bleiben, aus den oben angeführten Gründen. Aber selbst wenn die absolute Zahl der Erwählten weniger groß ist [als die der Verworfenen], kann die Herrlichkeit von Gottes Vorsehung nicht darunter leiden. Die Qualität siegt über die Quantität. Eine erwählte Seele ist ein spirituelles Universum. Außerdem geschieht kein Übel, das nicht um eines höheren Gutes willen zugelassen wird. Außerdem gibt es unter Nicht-Christen (Juden, Mohammedanern, Heiden) Seelen, die erwählt sind. Juden und Mohammedaner bekennen sich nicht nur zum Monotheismus, sondern haben auch Fragmente primitiver Offenbarung und der Mosaischen Offenbarung beibehalten. Sie glauben an einen Gott, der auf übernatürliche Weise [das Gute und das Böse] vergilt, und können so, mit der Hilfe der Gnade, einen Akt der Reue setzen. Und selbst den Heiden, die in unüberwindlicher, unfreiwilliger Unwissenheit der wahren Religion leben, und die trotzdem versuchen, das natürliche Sittengesetz zu beachten, werden übernatürliche Hilfen geboten, auf Wegen, die Gott bekannt sind. Diese können, wie Pius IX. sagt, zur Erlösung gelangen. Gott befiehlt nie das Unmögliche. Dem, der tut, was in seiner Macht steht, verweigert Gott die Gnade nicht.

Wir können in dieser Frage keine Gewissheit erreichen. Es ist besser, unsere Unwissenheit einzugestehen, als die Gläubigen mit einer Lehre zu entmutigen, die zu rigide, oder sie der Gefahr auszusetzen mit einer Lehre, die zu leichtsinnig ist.

Das Wichtige ist, die Gebote Gottes zu beachten. Der hl. Augustinus sagt, und das Konzil von Trient wiederholt: ‚Gott befiehlt nie das Unmögliche. Aber er mahnt uns, das zu tun, was wir können, und von Ihm die Gnade zu erbitten, das zu leisten, was wir aus uns heraus nicht können, und Er hilft uns, zu vollbringen, was Er befiehlt.‘

Lasst uns unser Vertrauen in Jesus Christus setzen, ‚das Sühnopfer für unsere Sünden‘, ‚das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt‘. ‚Lasst uns also voll Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit!‘

Die Zeichen der Erwählung

Das Konzil von Trient hat erklärt, dass wir auf Erden keine Sicherheit unserer Bestimmung haben können ohne spezielle Offenbarung. Ohne diese spezielle Offenbarung kann kein Mensch wissen, ob er in guten Werken ausharren wird bis ans Ende. Dennoch gibt es Anzeichen der Bestimmung, die eine Art moralischer Sicherheit geben, dass man ausharren wird. Die Väter, vor allem der hl. Chrysostomus, der hl. Gregor der Große, der hl. Bernhard, der hl. Anselm, haben einige dieser Zeichen aufgezählt, wobei sie der Richtung der Schrift folgten.

Die Theologen zählen acht Zeichen der Bestimmung auf. Erstens, ein gutes Leben; zweitens, das Zeugnis eines guten Gewissens; drittens, Geduld in Widrigkeiten aus Gottesliebe; viertens, Behagen am Licht und Wort Gottes; fünftens, Erbarmen mit denen, die leiden; sechstens, Liebe zu den Feinden; siebtens, Demut; achtens, eine besondere Verehrung der Seligen Jungfrau.

Geduld in Widrigkeiten zeigt, wie Ungleichheit in natürlichen Bedingungen von der göttlichen Gnade kompensiert wird. Das ist die Wahrheit, die in den Seligpreisungen ausgedrückt wird: Selig die Armen im Geiste, selig die Sanftmütigen, selig die Weinenden, selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, selig die Barmherzigen, selig, die reinen Herzens sind, selig, die Frieden stiften, selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen. Diese besitzen das Reich Gottes. Ein schweres Kreuz geduldig und standhaft zu tragen ist ein großes Zeichen der Bestimmung.

[…]

Wir möchten hier den Leser an das große Versprechen des Heiligsten Herzens an die erinnern, die die Kommunion an neun aufeinanderfolgenden ersten Freitagen [im Monat] gut empfangen. […]

Niemand ist im Himmel, außer wenn er im Stand der Gnade gestorben ist. Niemand kann in die Hölle kommen außer durch seine eigene Schuld. Wir sind Erben Gottes, Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, auf dass wir mit ihm verherrlicht werden.“

Gott will tatsächlich für jeden einzelnen, dass er gerettet wird, und das bedeutet, dass Er jedem eine reale Chance dazu gibt: „er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4) (Zur Erkenntnis der Wahrheit wird man dann spätestens im Himmel gelangen, wenn man vorher in unüberwindlicher Unwissenheit war.) Sicher können Menschen es anderen Menschen leichter oder schwerer machen, gerettet zu werden, Gott lässt zu, dass wir durch unsere Bemühungen anderen helfen und lässt uns in Seinem Plan mitwirken; aber Gott gibt jedem auch so eine Mindestchance und verlangt nichts, was nicht machbar wäre. Das ist der Punkt, den man immer wieder betonen muss: Gott verlangt nicht das Unmögliche.

Es lohnt sich, den Punkt „unüberwindliche Unwissenheit“ noch genauer anzusehen: Gott rechnet es, wie oben gesagt, einem Menschen nicht an, wenn er ohne eigene Schuld nicht weiß, was richtig und falsch ist, wenn er gutgläubig irregeführt wird und z. B. mit dem Islam oder dem Evangelikalismus aufwächst. Und was bedeutet unüberwindlich hier? Nicht absolut unüberwindlich.

„Wer es schuldbarerweise vernachlässigt, den wahren Glauben kennenzulernen, sündigt leicht oder schwer, je nachdem seine Nachlässigkeit leicht oder schwer ist. – Solange aber jemand an seiner bisherigen Religion noch keinen vernünftigen Zweifel hat, besteht auch keine schwere Pflicht, weiter nachzuforschen. – Sind jemand die Glaubenswahrheiten hinreichend zu glauben vorgestellt, so ist Unglaube immer eine schwere Sünde.“ (Heribert Jone OFMCap, Katholische Moraltheologie auf das Leben angewandt unter kurzer Andeutung ihrer Grundlagen und unter Berücksichtigung des CIC sowie des deutschen, österreichischen und schweizerischen Rechtes, 17. Aufl., Paderborn 1961, Nr. 121, S. 93.

„Vincibilis [überwindlich] wird die Unwissenheit genannt, wenn sie abgelegt werden könnte unter Anwendung der moralischen Sorgfalt, entsprechend den näheren Umständen der Person und der Sache. Kann sie mit Anwendung einer solchen Sorgfalt nicht abgelegt werden, dann heißt sie invicibilis [unüberwindlich], auch wenn sie bei noch größerer Sorgfalt abgelegt werden könnte.“ (Ebd., Nr. 16, S. 27)

D. h. ein gutgläubiger Evangelikaler, der keinen Grund sieht, an seiner Kirche zu zweifeln, ist in „unüberwindlicher Unwissenheit“, obwohl er sich rein theoretisch im Internet über den Katholizismus informieren könnte.

Freilich: Wenn er aus stichhaltigen Gründen den Verdacht bekommt, dass der Katholizismus wahr sein könnte, aber dann lieber nicht weiter nachforscht, weil er entschlossen ist, nicht zu konvertieren, ist das keine unüberwindliche Unwissenheit mehr.

Paradiso Canto 31.jpg
(Gustave Doré, Darstellung von Dante und Beatrice, die in den höchsten Himmel blicken. Gemeinfrei.)

Oft wird diese Bibelstelle angeführt, wenn jemand belegen will, dass die Erlösten in der Minderheit oder sogar deutlich in der Minderheit – ein kleiner Rest – seien: „Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden.“ (Mt 7,13f.)

Aber hier sind zwei Sachen zu bedenken:

Erstens geht es um den Weg, der dann zu einem endgültigen Ziel führt. Es wird aber noch manche geben, die erst auf dem Weg zum Verderben laufen, ihn aber vor dem Ziel noch rechtzeitig verlassen.

Zweitens, auch wenn man davon ausgeht, dass „viele“ verlorengehen, muss das nicht zwangsläufig eine Mehrheit bedeuten; wenn aus einer Familie mit sechzehn Kindern und Enkelkindern sieben bei einem Autounfall sterben, würde man auch sagen „die Familie hat viele ihrer Mitglieder verloren, jetzt sind nur noch wenige da“. Gott ist jedes seiner Kinder wichtig, und daher ist es ihm auch leid, wenn nur eine Minderheit verloren gehen sollte.

Es kann kaum einer leugnen wollen, dass es numerisch gesehen viele sein werden, die in die Hölle kommen. Es werden viele sein. Vielleicht auch eine gewisse Mehrheit; das müsste aber auch dann keine übergroße Mehrheit sein.

Es wird in der Tradition der Kirche gesagt, dass ein Drittel der Engel gefallen ist (abgeleitet aus Offb 12,4: „Sein Schwanz [des Drachen] fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab.“). Vielleicht ist das Verhältnis bei der Menschheit nicht ganz so anders: Etwa ein Drittel Verdammte, zwei Drittel Erlöste. Man hört auch die Interpretation, dass zum Ausgleich für die gefallenen Engel ein Drittel der Menschheit erlöst (und dann zwei Drittel verdammt) seien. Beides ist m. E. nicht unplausibel.

Die Verdammnis ist ein reales Risiko für den Normalmenschen, nicht etwas, das bloß Hitler und Stalin angeht; aber die Erlösung ist auch kein Privileg für die größten Heiligen à la Franz von Assisi, sondern auch etwas dem Normalmenschen Zugedachtes.

Gott liebt Seine Kinder. Er liebt uns wirklich, das ist keine Phrase: Jeden einzelnen.

Es gibt auch die Interpretation dieser Bibelstelle, dass Jesus hier speziell zu seinen Zeitgenossen spricht. Garrigou-Lagrange zitiert Monsabre, einen Verfechter einer milderen Ansicht: „Wenn Jesus will, dass wir an die Zukunft denken, spricht Er auf andere Weise. So sagt Er zu Seinen Jüngern: ‚Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen‘ ‚Die Pforten der Hölle werden (meine Kirche) nicht überwältigen‘.“

Er zitiert Monsabre weiter: „Man beachte, dass Er uns nicht definitiv die Zahl der Guten und der Bösen sagt. Denen gegenüber, die eine klare Festlegung wollten, genügte es ihm, zu antworten: ‚Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele … werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.‘ Die Rigoristen sagen mir, dass Jesus hier vielleicht das Mysterium Seiner Gerechtigkeit verbirgt, um furchtsame Seelen nicht zu ängstigen. Was mich angeht, ich ziehe es vor, zu denken, dass Er hier das Mysterium Seiner Gnade verbirgt, sodass wir die Vermessenheit meiden mögen.“

Auch andere Bibelstellen werden manchmal angeführt; z. B. der Satz „Denn viele sind gerufen, wenige aber auserwählt“, der in einzelnen Handschriften in Mt 20,16 auftaucht und dann generell noch mal in Mt 22,14. Die vorkonziliare Stuttgarter Kepplerbibel gibt zu Mt 20,16 in den von Prof. Dr. Peter Ketter verfassten Anmerkungen an: „Der Satz ‚Denn viele sind berufen, wenige aber sind auserwählt‘, fehlt in den meisten griechischen Handschriften. Er bedeutet nicht, die Mehrzahl der Menschen komme in die Hölle. Aus den berufenen Juden fanden nur wenige das Heil.“ Jesus spricht hier von der Undankbarkeit derer, die eigentlich eine bevorzugte Behandlung erhalten hätten (was nicht nur auf die damaligen Juden zutreffen muss, aber erst mal schon sie meint): dafür werden dann andere hereingerufen. In Mt 22,14 steht der Satz ja gerade am Ende des Gleichnisses vom Hochzeitsmahl, in dem haargenau das passiert. Die zuerst geladenen Gäste haben keine Lust und bringen sogar diejenigen um, die sie zu dem Fest beim König einladen wollten (nicht gerade eine lässliche Sünde). Dann lässt der König alle möglichen Leute hereinbringen, wie er sie gerade findet: Und nur einer von diesen vielen wird am Ende noch hinausgeworfen. (Wofür? Weil er „kein Hochzeitsgewand anhatte“. Damals wurden die Gewänder den Gästen aber von der Gemeinschaft gestellt, er hätte sehr leicht eins anziehen können, wenn er den mindesten Respekt vor der Hochzeitsgesellschaft gehabt hätte.)

Nicholas Walsh SJ, ein Vertreter einer sehr milden Meinung, schreibt in einem kleinen Buch über diese Frage aus dem Jahr 1898 über die Bibel und die mildere Sicht:

„Die Autoren, aber vielleicht noch mehr die Prediger, die die strengen Meinungen vertreten, berufen sich auf die Schrift oder benutzen sie wenigstens, als ob sie voll und ganz auf ihrer Seite wäre. Sie sehen Vorbilder oder Zeichen der Verlorenen und Geretteten in den wenigen Trauben oder Oliven oder Getreideähren, die nach einer sorgfältigen Lese und Ernte übrig bleiben (Jesaja, Kapitel 17 und 24); in nur acht bei der Sintflut Geretteten, in Abraham, der allein von der übrigen Welt abgesondert wurde, darin, dass nur drei aus den bösen Städten [Sodom und Gomorrha] gerettet wurden, darin, dass Hiob der einzige Gerechte in seinem Land war, und die drei Kinder die einzigen Unschuldigen in Babylon, darin, dass nur einer Witwe während der Hungersnot in Israel geholfen wurde und nur ein Leprakranker von vielen in den Tagen von Elischa dem Propheten geheilt wurde. Eine sehr zufriedenstellende Antwort könnte gegeben werden, und wird gegeben, auf jedes der oben erwähnten Vorbilder. Ich beschränke mich auf eine allgemeine. Diese Vergleiche würden zunächst, wenn man sie konsequent weiterdenkt, zu einer Schlussfolgerung führen, die so düster, so verzweifelnd, ’so hart und Gott entehrend‘ ist, dass sie fast unglaublich ist: Schlussfolgerungen, die keine Person akzeptieren sollte, wenn sie nicht wirklich bewiesen sind. Sie werden vor allem, aber nicht ausschließlich, von Predigern benutzt, die in Schrecken versetzen wollen, und die zu diesem Zweck oft die Heilige Schrift in einer sehr freien und weit hergeholten Weise an ihre Sicht anpassen. […]

Die Vertreter der zwei milden Meinungen haben auch einige Vorbilder in der Schrift, die sie als Ausgleich zu denen ihrer Gegner zitieren. Es wird gemeinhin gesagt, dass nur ein Drittel der Engel, oder allenfalls eine Minderheit von ihnen, fiel. Die weisen und törichten Jungfrauen waren gleich an Zahl; in einem einigermaßen gepflegten Feld übertrifft der Weizen das Unkraut; und im Fang des Fischers übertreffen die guten Fische in der Regel die schlechten. Im Gleichnis der Talente werden zwei belohnt – nur einer verurteilt. Von dem Hochzeitsfest, zu dem ‚die Guten und die Schlechten versammelt wurden‘ wurde nur einer ausgestoßen. Alle Arbeiter im Weinberg erhielten denselben Lohn, der nach einer sehr wahrscheinlichen Interpretation das ewige Leben meint, aber in unterschiedlichen Graden von Verdienst und Glorie. Diese, wenn sie Argumente genannt werden können – ich rechne sie nicht als solche – sind sicherlich so stark wie die auf der anderen Seite erbrachten.“ (Nicholas Walsh SJ, The comparative number of the saved and lost. A study, Dublin 1898, S. 107f. und 112)

Auf die Argumente, dass bei der Sintflut nur acht Menschen gerettet wurden oder Lot der einzige Gerechte in Sodom war, könnte man natürlich noch antworten, dass bei der Sintflut und in Sodom die Menschen so extrem und ungewöhnlich böse geworden waren, dass Gott mit einem besonderen Strafgericht antwortete; den Nachbarstädten Sodoms wurde nichts getan. Dem ausgesonderten Abraham wird versprochen, dass in ihm alle Geschlechter der Erde Segen erlangen sollen. Dass Gott manchen ein Wunder (wie eine Heilung von Lepra) schenkt und anderen nicht, beweist nichts: Denn er hat niemandem ein Wunder versprochen, aber Er hat uns sehr wohl das Heil versprochen, wenn wir die entsprechenden Bedingungen erfüllen. Auch in Lourdes beispielsweise werden heute nur wenige geheilt.

Par 05, Gustave Doré.jpg
(Gustave Doré, Himmelsdarstellung. Gemeinfrei.)

Die Leute, die in den Gleichnissen Jesu in die Hölle kommen, sind dort nicht grundlos. Dives zum Beispiel, der reiche Mann, der den armen Lazarus mit seinen Geschwüren, der direkt vor seiner Tür lag, sein Leben lang ignoriert hat: Ist er etwa grundlos da?

Lazarus wird dann im Jenseits getröstet; man kann damit rechnen, dass Gott für viele, die auf der Erde viel leiden mussten, Trost vorgesehen hat. Das heißt nicht, dass jemand, der viel leiden muss, nicht trotzdem ein schlechter Mensch sein oder werden kann, auch davon gibt es mehr als genug Beispiele; es soll nur sagen, dass Gott es ihm nicht extra schwer machen will.

Natürlich muss man auch sehen:

Garrigou-Lagrange und die anderen hier zitierten Theologen gehen von einer weniger krisengeschüttelten Kirche aus. In den meisten Zeiten der Kirchengeschichte empfingen die meisten Katholiken, wie er es beschreibt, am Ende ihres Lebens die Sterbesakramente, wobei man davon ausgehen kann, dass sie zumindest nach einer Zeit im Fegefeuer im Himmel gelandet sind; für die Vergebung in der Beichte genügt schon die Furchtreue. Sicher verweigerten manche die Sterbesakramente oder starben unerwartet; aber das war eine Minderheit und die unerwartet Sterbenden konnten auch Liebesreue erwecken. Dazu war die Kindersterblichkeit ziemlich hoch, und getaufte Kinder sind sicher im Himmel. (Ungetaufte Kinder sind entweder im Himmel oder im Limbus puerorum; auch wenn man davon ausgeht, dass sie in letzterem sind, haben sie dort vollkommene natürliche Glückseligkeit, wenn auch keine übernatürliche; in jedem Fall geht es ihnen uneingeschränkt gut. Aber die meisten katholischen Kinder wurden schon im Alter von einem oder zwei Tagen getauft.)

Diese Situation hat sich in der derzeitigen Kirchenkrise grundlegend geändert, und auch Katholiken haben viel weniger Resistenz gegenüber dem Säkularismus, synkretistischen Einstellungen, Gleichgültigkeit gegenüber Gott und dergleichen. Wir reden natürlich von der gesamten Menschheit über alle Zeitalter hinweg; aber andererseits ist die Menschheit heute ein gutes Stück gewachsen und überproportional viele Menschen müssen mit dieser Krise klarkommen. Das bedeutet nicht, dass heutige verwirrte oder säkularisierte Katholiken automatisch verloren sind; aber sehr wohl, dass sie es schwerer haben, nicht nur deswegen, weil sie nicht immer wissen, was richtig und falsch ist, sondern auch, weil ihnen die größere Motivation, die der Glaube und die Gnadenmittel geben, das zu tun, was man als richtig erkannt hat, fehlt.

Ein paar letzte Punkte, die vielleicht zu bedenken sind:

1) Dass etwas nicht mühelos zu bekommen ist, heißt nicht automatisch, dass wenige es schaffen; der Schulabschluss ist auch nicht mühelos zu bekommen, trotzdem schaffen ihn die meisten.

2) Das Böse ist oft auffälliger als das Gute; und man weiß oft nicht, ob jemand etwas Böses später bereut hat. Der Zustand der Welt, wie man ihn so sieht, ist schlimm genug; aber man weiß nicht, wie Gott die Menschen ihn ihren letzten Stunden bewegt. Und selbst wenn man sich den Zustand der Welt rein äußerlich ansieht, gibt es immer noch viel Gutes: Liebe in Familien zum Beispiel. Die missbräuchlichen, zerbrochenen Familien sind nicht gerade extrem selten, aber auch nicht die Mehrheit. Freilich muss man zugestehen, dass es Dinge gibt, die auf eine höhere Anzahl von Verdammten hindeuten: Z. B. wie weitverbreitet offensichtliche Verbrechen gegen die Schwächsten wie Abtreibung und Kindesaussetzung im Lauf der Menschheitsgeschichte waren. Aber auch hier gibt es immer noch viele Menschen, die so etwas nicht tun oder taten, selbst wenn es als eher normal gilt oder galt.

3) Man wird sehr viele Christen finden, die um die Erlösung von anderen besorgt sind, die sich Sorgen um diejenigen machen, die Christus nicht kennen, die sich bemühen, ihren Freunden zu helfen, gewohnheitsmäßige Sünden zu überwinden, o. Ä.: Nun, wird Gott weniger besorgt um Seine Geschöpfe sein? Wird Er sich nicht auch bemühen, ihnen Hilfe zu geben? Der gute Hirt ging dem verlorenen Schaf nach.

4) Das Fegefeuer wird in der Tradition der Kirche generell für eine relativ schwerwiegende, schmerzhafte Läuterungszeit gehalten; ist es da nicht logisch, dass Gott hierdurch noch viele Seelen rettet, die in ihrem Leben viele (lässliche) Fehler gemacht oder mit einer relativ unvollkommenen Reue noch die Kurve bekommen haben?


(Guter Hirte. Gemeinfrei.)

Ich behaupte nicht, zu wissen, dass eine Mehrheit erlöst sein wird. Ich halte die Sicht, dass eine Mehrheit der Katholiken aller Zeiten erlöst wird, für sehr wahrscheinlich; und die Sicht, dass eine Mehrheit der Menschheit erlöst wird, für möglich, kann mir aber auch vorstellen, dass die Verdammten überwiegen, wenn auch vielleicht nicht dermaßen stark. Wenn ich mich beim Spekulieren auf Zahlen festlegen müsste, würde ich alles zwischen 80/20 so herum und 20/80 andersherum für wahrscheinlich halten. Aber das alles sind Spekulationen. Ich behaupte nur, dass manche Leute aufhören sollten, zu reden, als müssten gute brave Tradi-Katholiken glauben, die allermeisten Menschen kämen in die Hölle.

Eine Anmerkung noch: In manchen Internetkreisen wird seit neuestem eine Predigt aus dem 17. Jahrhundert von Leonard von Port Maurice verbreitet mit dem Titel „The little number of those who are saved“; darin erzählt Leonard von einer Vision, die der hl. Vincent Ferrer gehabt haben soll; ein Erzdiakon sei ihm erschienen und habe erzählt, er sei zur selben Stunde wie der hl. Bernhard und 33.000 andere Menschen gestorben; er und Bernhard seien in den Himmel gekommen, drei andere in das Fegefeuer und der Rest in die Hölle. Diese Vision ist buchstäblich unmöglich:

  1. In einer Stunde dürften bei der damaligen Weltbevölkerung keine 33.000 Menschen gestorben sein. (Nach meinen Schätzungen eher ein Hundertsel dieser Zahl. Selbst heute, bei einer um vieles größeren Weltbevölkerung, sterben jährlich 50-60 Millionen, was ca. 6000 in der Stunde macht.)
  2. Die Vision ist – soweit ich herausfinden konnte – erst bei Leonard bezeugt, obwohl Vincent Jahrhunderte vorher lebte.
  3. In jeder großen Menge von Toten müssen getaufte Kleinkinder dabei gewesen sein, die automatisch in den Himmel gekommen wären (bei Kindern nahe dem Vernunftgebrauch, die schon zu lässlichen Sünden fähig gewesen wären, aber noch nicht zu Todsünden, u. U. noch ein wenig ins Fegefeuer).
  4. Dabei müssen in einem mittelalterlichen Kontext auch große Mengen von Toten gewesen sein, die die Sterbesakramente empfangen hatten, und Furchtreue zu erwecken, die für eine gültige  Beichte genügt, ist sehr leicht. Für wie ineffektiv muss man Gottes Gnadenmittel halten, wenn man das für glaubwürdig hält?

Die Ansicht, dass z. B. 10%, oder auch nur 5%, der Menschheit erlöst werden, kann eine gewisse Plausibilität beanspruchen. Eine solche Behauptung ist lächerlich und unhaltbar.

Vielleicht war Leonard – wie so viele Katholiken – einfach der Überzeugung, dass man strenger predigen müsste, um die Leute anzuspornen, aber nach meiner Erfahrung – nach dem, was ich von anderen Katholiken mitbekommen habe – funktioniert das nicht. Die Leute verfallen so in Verzweiflung und denken sich „eh schon alles egal“: Man stürzt sie nur in die Sünde, wenn man alles so schwer wie möglich erscheinen lässt. (Was übrigens auch der hl. Alphons sagt: Ich kann auch meine Heiligen zum Proof-Texting anführen.)

Luther-prayerbook-Beham-1527.jpg
(Guter Hirte. Gemeinfrei.)

Zuletzt: Viele Leute, die sich hier so viele Gedanken machen, sind gläubige, traditionelle Katholiken, und die haben es am einfachsten, erlöst zu werden. „Durch den richtigen Gebrauch des Gebets, durch das ehrfürchtige Hören der Messe, durch den würdigen Empfang der Sakramente, besonders derer der Buße und der Eucharistie, und durch den frommen Gebrauch einiger der approbierten Frömmigkeitsübungen […] können Katholiken immer die Gnade herbeirufen, durch deren rechten Gebrauch sie Versuchungen überwinden, die Gebote beachten, ihre Standespflichten erfüllen, bereuen, wenn sie sündigen, und ihre Seelen retten können.“ (Nicholas Walsh SJ, The comparative number of the saved and lost. A study, Dublin 1898, S. 84f.)

Gott ist nicht darauf aus, denen, die sich schon bemühen, zu sagen: „Ah, na schau mal, da kann ich dir ja noch ein paar Extrahindernisse in den Weg legen, hehe“.

Aber heißt es nicht Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen. (Lk 12,48)? Ja: Aber der Kontext ist folgender: „Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen.“ (Lk 12,47f.) D. h. für diejenigen, die Sünden unter mildernden Umständen begehen, gibt es mildernde Umstände; für die, die genau wissen, was Sünde ist und was nicht, gelten keine mildernden Umstände. Aber deswegen ist für uns auch nur das Todsünde, was Todsünde ist; uns werden nicht noch zusätzlich Extralasten auferlegt.

Ja, es gibt Prüfungen. Aber Gott hat seine Gründe, wieso Er Prüfungen zulässt, und jeder, ob Katholik oder nicht, muss irgendwelche Prüfungen bestehen; wir haben es dabei einfacher, weil uns mehr Gnadenmittel zur Verfügung stehen.

Immer dran denken: Wenn man eine Todsünde begangen hat, kann man sofort den Stand der Gnade wiedererlangen, indem man Liebesreue erweckt, wobei der Vorsatz eingeschlossen ist, beizeiten zu beichten (man muss sich nicht vornehmen, baldmöglichst zu beichten; die Beichte ist sogar nur einmal im Jahr streng vorgeschrieben). Und Gott will, dass man sofort zu Ihm zurückkehrt; man muss nicht das Gefühl haben, es wäre irgendwie ungebührlich, direkt nach einer Sünde gleich bereuen zu wollen. Das gilt auch bei Gewohnheitssünden. Sinnvoll ist es (auch wenn man nur lässliche Sünden auf dem Gewissen hat), jeden Abend einen Akt der Reue zu setzen:

„Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“

Dann noch alle ein, zwei Monate zur Beichte, das regelmäßige Gebet niemals aufgeben, und es wird schon alles werden.

Бог_Саваоф
(Von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Liebe, Barmherzigkeit und der Traditionalismus

(Ein paar vielleicht eher unsortierte Gedanken.)

Eine Weise, auf die liberalere Christen einen heute am liebsten von konservativeren/traditionalistischen Spielarten des Christentums abhalten wollen, besteht darin, ein Schreckensbild von der Kirche der 50er, des Mittelalters oder sonst irgendeiner Zeit aus der Vergangenheit zu zeichnen: Allüberall wurde der strafende Gott gepredigt, den Leuten für den geringsten Fehler die Verdammnis angedroht, es gab keine Gnade und Barmherzigkeit, die Religion war das Mittel, die Leute niederzuhalten, sie zu kontrollieren und ihnen Geld abzupressen. Von der „wahren Botschaft Jesu“ hatten die Leute ja eh keine Ahnung, die Bibel durften sie nicht lesen und die Messe haben sie nicht verstanden.

Jetzt kann man anfangen, alle möglichen Einzelheiten zu korrigieren, z. B. aufzählen, dass es früher sehr wohl katholische Bibelübersetzungen gab, auch vor Luther, und die Kirche nur ungenehmigte und nicht katholische Übersetzungen wegen tendenziöser und falscher Übersetzungen und Kommentierungen verurteilte; dass es ab dem späten 19. Jahrhundert (als Bücher ziemlich billig geworden waren und die meisten Leute lesen konnten) unter Laien absolut üblich war, ein Volksmessbuch zu besitzen, in denen die Texte der Messe mit Übersetzung standen und mit denen man ihr folgen konnte; oder dass es, als noch Fürstbistümer und Fürststifte existierten, das Sprichwort „Unter dem Krummstab ist gut leben“ gab, und man unter der Herrschaft eines kirchlichen Fürsten oft Vorteile wie z. B. eine große Zahl an Feiertagen hatte; dass es die kirchlichen Orden waren, die für eine Armenfürsorge, Krankenversorgung und Schulbildung fürs gemeine Volk sorgten, die es in heidnischen Zeiten und Ländern absolut nicht gab, und die Armenfürsorge erst mal zusammenbrach, wenn kirchenfeindlich gesonnene Staaten Orden zwangsweise auflösten (z. B. bei der Säkularisierung 1803); dass kirchliche Prediger im Mittelalter Zinswucher und dergleichen verdammten, unter dem normale Leute litten.

Aber jetzt mal zu der eigentlichen Botschaft der Kirche, die damals gepredigt wurde. Denn eins ist klar: Das religiöse Wissen war „früher“ auf einem wesentlich besseren Stand als heute, wo zwar jeder sämtliche Bibelübersetzungen abrufen, aber oft nicht mal das Vaterunser aufsagen kann. Im Mittelalter war es besser, in der Frühen Neuzeit war es besser, und ganz besonders war es im 19. und 20. Jahrhundert besser, als jedes Bauernkind in der Dorfschule beim Katechismusauswendiglernen beim hochwürdigen Herrn Kaplan mehr über die katholische Lehre lernte als heute so manche Theologiestudenten.

Und was war denn der Inhalt dieses religiösen Wissens? Natürlich Gottes Liebe, Güte, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Natürlich haben damals die Leute vom lieben Herrgott und vom lieben Heiland geredet und ihre Andachtsbildchen vom Guten Hirten und der Schmerzensmutter und dem lieben Jesuskind verteilt bekommen und „Ich will dich lieben, meine Stärke“ und „O Jesu, all mein Leben bist du“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „Näher mein Gott zu dir“ gesungen.


(Andachtsbildchen, 1895. Gemeinfrei.)

Ziemlich oft gab es sogar eher eine etwas zu verkitschte Version von Jesus Christus als das Bild vom strengen Weltenrichter. (Freilich gab es beides mal; wieso denn auch nicht.)

Andachtsbild 10 Seele.jpg Andachtsbild 30 Primiz.jpg
(Links: Andachtsbildchen 1879. Rechts: Andachtsbildchen 1917, „Venite ad me“ (Kommt zu mir). Gemeinfrei.)

Klar hat man deswegen das Böse und das Leid nicht geleugnet; das konnte man auch weniger, weil z. B. der Tod viel präsenter war. Aber man hat es auf Gott bezogen: Christus erlöst von der Schuld und wird am Ende alle Tränen abwischen. Ein heutiger Stuhlkreis, in dem nur Banales gesagt werden darf, ist nicht tröstlicher als eine damalige Krankensalbung.

Andachtsbild 7 Pieta.jpg
(Andachtsbildchen mit Zitat aus den Klageliedern 1918. Gemeinfrei.)

Die Sache mit den Modernisten ist ja gerade, dass sie oft genug das christliche Brauchtum, das dem Durchschnittsmenschen Gottes Liebe für ihn vor Augen führt – die Wallfahrten mit der Bitte um Heilung, die Herz-Jesu-Verehrung, die Marienverehrung etc. – abgelehnt haben oder ihm jedenfalls sehr kühl gegenübergestanden sind. Weil Gott v. a. für die Schlimmeren unter ihnen nicht wirklich real ist, sondern eine Kraft, eine Idee, eine nette Täuschung, die einem beibringt, unter sich lieb und nett zu sein.


(Tiroler Herz-Jesu-Feuer. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Noclador.)

Gerade das, worin sich Gottes Liebe für uns konkret, wirklich, zeigt, ist ihnen meistens ein Dorn im Auge: Die Eucharistie, wo Jesus sich selber mit uns vereinigt, bescheiden, unscheinbar und innig zu uns kommt.

Andachtsbild 31 Ecce panis.jpg
(Andachtsbildchen 1903. Gemeinfrei.)

Die Modernisten sind nicht besonders barmherzig: Ihr Spielchen besteht ja auch oft genug darin, implizit oder explizit zu leugnen, dass Gott alles gut machen wird. Nein, da ist zu wenig Raum für „Zweifel“ und „Ambiguität“ und das ist doch alles zu „triumphalistisch“ und einfach und zu viel Vertröstung. Nun ist es eben aber einfach so: Die tiefste Realität ist gut (das Böse hat ja gar kein Sein in sich selbst, es ist immer nur eine Perversion des Guten oder ein Mangel an Gutem) und am Ende wird alles gut. Manche Geschöpfe mögen sich Gott verweigern, aber dass sie sich schmollend zurückziehen und keinen Anteil daran haben wollen, kann nicht verhindern, dass alles gut wird.

Andachtsbild 26 Dornenkrönung.jpg
(Andachtsbild 1902. Gemeinfrei.)

Aber man verinnerlicht eben doch manchmal etwas von dieser Propaganda. Da kann es einem dann passieren, dass man etwas überrascht ist, wenn man von den Lebensgeschichten einiger Figuren aus der Tradi-Bewegung liest: Dass z. B. Erzbischof Lefebvre, der Gründer der Piusbruderschaft*, jahrzehntelang Missionar in Afrika gewesen war, eine recht beschwerliche Tätigkeit, bei der man sich vor allem Tropenkrankheiten einfing, und sich als Bischofsmotto das wunderschöne Bibelwort „Und wir haben an die Liebe geglaubt“ (Et nos credidimus caritati, 1 Joh 4,16) ausgesucht hatte; oder dass Pfarrer Hans Milch, der Gründer der actio spes unica, 1987 von einem psychisch schwer kranken Mann ermordet wurde, um den er sich gekümmert hatte.

Archbishop Lefebvre in Lille.jpg

(Links: Erzbischof Lefebvre predigt in Lille, 1976. Gemeinfrei. Rechts: Sein Bischofswappen, Bildquelle hier.)

Sogar, wenn man das alles weiß, kann man noch nervös dabei sein, wenn man sich endlich zu Tradigemeinden hinwagt; ich war gerade vor meiner ersten Beichte bei einem Priester der Petrusbruderschaft schon nervös. Im Endeffekt gab es keinen Grund dazu.

Natürlich wurde auch „früher“ von der Nächstenliebe geredet und die Nächstenliebe getan. Früher hatte jedes Kaff seine Nonnen und seine kirchlichen Wohltätigkeitsvereine und hat man den Kindern beigebracht, dass die Gottes- und Nächstenliebe die obersten Gebote sind. Natürlich war deswegen nicht alles gut, weil die Menschen nun mal ziemlich verdorben sind und das Christentum immer zu einem großen Teil mit Schadensbegrenzung beschäftigt sein wird; aber ich halte es nicht für glaubwürdig, dass es mit der Kirche und den Durchschnittskatholiken heute besser wäre.

Andachtsbild 18 Durst.jpg
(Andachtsbildchen, 1899. „Ich war durstig und ihr habt mich getränkt.“)

Natürlich stimmt bei alldem auch, dass man über der Liebe die Regeln nicht verstecken darf, die sich aus der Liebe selbst ergeben und das Gute schützen. Aber selbst hier war die Kirche „früher“ – wo es klare Regeln gab – manchmal lockerer als z. B. heutige charismatischer gesonnene Katholiken (nicht dasselbe wie die Standard-Modernisten, aber trotzdem auch eine Gruppe, die oft falsche Vorstellungen von der schrecklichen früheren Rigidität verbreitet und sich davon abgrenzen will), die finden, dass man eigentlich als „wirklicher Christ“ nie genug tun kann. Damals war den Leuten viel eher klar, wann sie eine schwere Sünde begehen und wann nicht, und die schweren Sünden ist man eben durch Reue und dann Beichte losgeworden.

Die wichtigste Sache ist einfach, sich sein Vergangenheitsbild nicht von historischen Romanen zu holen, die oft genug Katholiken und Anglikaner nicht auseinanderhalten können oder die Anrede für den Bischof nicht kennen, sondern von Leuten aus der jeweiligen Zeit, von denen, um die es hier geht und die oft genug verleumdet werden.

Ein Anspruch der Tradi-Bewegung ist es ja, mehr oder weniger das christliche Leben so fortzusetzen, wie es vor „dem“ Konzil war, ohne bestimmte Änderungen, die man als schädlich und aus dem falschen Geist kommend sieht (auch ein gültiges Konzil und gültige Päpse können so was bringen), weil es eben gerade nicht so war, dass unsere Vorfahren 1960 Jahre lang gar nicht begriffen hatten, was Jesus eigentlich wollte. Fehler gab es zu allen Zeiten und man muss nicht sklavisch alles nachahmen, weil es älter ist; aber wenn es so gewesen wäre, dass die Kirche jahrtausendelang das meiste falsch gemacht hätte, wären Jesu Versprechen an sie nicht wahr und es gäbe auh keinen Grund, ihr heute zu trauen. Heute gibt es mehr Fehler als „früher“, und es macht Sinn, erst einmal bei Vorbildern anzusetzen.

Und von diesen Vorbildern kann man erstmal lernen, dass die Barmherzigkeit, die Milde und die Liebe keine Erfindung von Modernisten sind.

* Ich möchte mal eigens noch darauf eingehen, was meine Meinung zu Erzbischof Lefebvre ist und inwiefern er m. E. im Recht oder im Unrecht war; jedenfalls hat er in der nachkonziliaren Krise als einer von sehr wenigen Klerikern versucht, verwirrten Katholiken zu helfen.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9c: Gelegenheiten zur Sünde

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Während Verführung, Ärgernis und Mitwirkung an den Sünden anderer Sünden gegen die Nächstenliebe sind, kann es eine Sünde gegen die Selbstliebe sein, sich selbst Gelegenheiten zur Sünde auszusetzen.

Natürlich lassen sich nicht alle Gelegenheiten zur Sünde vermeiden, solange man auf der Welt lebt; einige allerdings schon. Man unterscheidet vor allem die nächste und die entfernte Gelegenheit zur Sünde; dann die notwendige und die nicht notwendige Gelegenheit zur Sünde.

Die nächste Gelegenheit zur Sünde ist eine, in der man vernünftigerweise damit rechnen kann, dass man sündigen wird oder in der es zumindest relativ wahrscheinlich ist; wenn man z. B. in acht von zehn Fällen, in denen man sich Alkohol gekauft hat, sich nicht mäßigen konnte und sich total betrunken hat, ist der Kauf von Alkohol eine nächste Gelegenheit. Eine entfernte Gelegenheit ist eine, in der man in etwas größerer Versuchung als sonst ist, aber ihr noch relativ leicht widerstehen kann. Wenn man sich ein paar Mal in seinem Leben betrunken hat und sich manchmal dazu verleiten lassen möchte, mehr zu trinken als gut ist, wenn man mit seinen Freunden weggeht, sich aber relativ leicht beherrschen und davon zurückhalten kann, ist es eine entfernte Gelegenheit.

Notwendig ist eine Gelegenheit, wenn man sich ihr aus einem verhältnismäßigen Grund aussetzt. (Wenn man sich ihr aus einem geringfügigeren, nicht verhältnismäßigen Grund aussetzt, zählt sie im strengen Sinn als nicht notwendig, noch mehr, wie wenn man sich ihr völlig ohne Grund oder aus einem schlechten Grund aussetzt.)

Zwei Beispiele: Wenn ein frisch zum Katholizismus bekehrtes, bisher unverheiratet zusammenlebendes Paar, das erst in zwei Monaten heiraten kann, sich entscheidet, bis zur Hochzeit noch weiterhin zusammenzuleben, weil sie ein gemeinsames Kind haben, das sie beide braucht, und weil es außerdem praktisch kaum machbar wäre, dass sich einer in der Zwischenzeit eine andere Unterkunft sucht, obwohl sie dabei immer wieder in Versuchungen gegen die Keuschheit geraten, ist das eine notwendige Gelegenheit zur Sünde; wenn das Paar kein Kind hätte, sich auch noch gar nicht sicher wäre, ob sie überhaupt irgendwann heiraten wollten, und einer leicht in absehbarer Zeit eine andere Wohnung finden könnte, wäre es eine nicht notwendige Gelegenheit zur Sünde.

Erstmal ein paar Grundprinzipien:

  1. Sich einer a) nicht notwendigen b) nächsten Gelegenheit zur c) schweren Sünde auszusetzen, ist selbst eine schwere Sünde.
  2. Wenn man sich einer notwendigen nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde aussetzt, muss man etwas dafür tun, um sie zu einer entfernteren Gelegenheit zu machen (bestimmte Vorkehrungen treffen, die es einem schwerer machen, in die Sünde zu fallen oder es leichter machen, ihr zu widerstehen; zu Gott um Seine Hilfe beten). Da die Gelegenheit notwendig ist, wird Gott einem auch Seine Hilfe gewähren, aber man muss auch das Seine tun, also praktische Vorkehrungen treffen.
  3. Je entfernter eine Gelegenheit zur schweren Sünde, desto leichter lässt es sich rechtfertigen, dieses Risiko einzugehen. Je größer die Gefahr zur Sünde, und je größer die Sünde, desto bedeutender muss der Grund sein, das Risiko einzugehen. Es kann in manchen Fällen auch eine lässliche Sünde sein, wenn man sich einer noch relativ nahen, aber nicht mehr ganz nahen Gelegenheit nicht ganz grundlos, aber aus einem gerade so nicht mehr verhältnismäßigen Grund aussetzt.
  4. Bei wirklich entfernten Gelegenheiten zur schweren Sünde, denen man also leicht widerstehen kann und bei denen man weiß, dass das Risiko nicht groß ist, gibt es keine Pflicht, sie unter Sünde zu meiden, oder jedenfalls ist es höchstens eine lässliche Sünde bzw. lässt sich mit einem relativ geringfügigen Grund rechtfertigen.
  5. Auf Gelegenheiten zu lässlichen Sünden muss man im Allgemeinen nicht besonders achten, weil sie ziemlich zahlreich sind und es sehr umständlich wäre, wenn man sie alle vermeiden wollte; vielleicht wird es Situationen geben, in denen man eine Gelegenheit für bestimmte häufige lässliche Sünden meiden/entfernen sollte. Aber sie nicht zu meiden geht jedenfalls nicht über lässliche Sünde hinaus.

Oft gibt es Grenzfälle zwischen der entfernten und der nächsten Gelegenheit; dazu weiter unten mehr.

Heribert Jone schreibt über die Plichten des Beichtvaters gegenüber Gelegenheitssündern:

„I. Begriff der Gelegenheit. Unter Gelegenheit versteht man einen äußeren Umstand, der jemand zur Sünde anlockt und es leicht macht, sie zu begehen.

Hier kommt nicht die entferntere, sondern nur die nächste Gelegenheit in Betracht, d. h. jene Gelegenheit, in der jemand immer oder fast immer sündigt, so daß es auch für die Zukunft moralisch sicher oder sehr wahrscheinlich ist, daß jemand sündigt, wenn er in diese Gelegenheit kommt. Dabei ist es gleich, ob nun die Menschen im allgemeinen fallen (absolute Gelegenheit) oder nur ein bestimmter wegen seiner besonderen Anlagen (relative Gelegenheit). – Die entferntere Gelegenheit kommt hier nicht in Betracht, weil man sich ihr aus einem vernünftigen Grunde aussetzen darf. [Anmerkung: Mit einem „vernünftigen Grund“ ist in der Moraltheologie nicht dasselbe gemeint wie mit einem „schwerwiegenden Grund“; ein vernünftiger Grund ist relativ leicht gefunden.]

Die nächste Gelegenheit kann sein eine freiwillige oder eine notwendige. Erstere kann man leicht meiden. Die Meidung der letzteren ist physisch oder moralisch unmöglich wegen des mit der Meidung verbundenen großen Schadens für Leben, Gesundheit oder guten Namen. Notwendige nächste Gelegenheit zur Sünde ist z. B. eine Bekanntschaft, bei der Aussicht auf baldige Heirat vorhanden ist.

2. Absolution von solchen, die sich in der nächsten Gelegenheit zur Sünde befinden.

a) Wer die nächste freiwillige Gelegenheit zur Sünde nicht meiden will, kann nicht losgesprochen werden.

Dies gilt auch, wenn er die Gelegenheit durch Gebet usw. zu einer entfernteren machen will. [Anmerkung: Ein Grund wird sein, dass man nicht unbedingt mit Gottes großer Hilfe rechnen können wird, wenn man eine nicht notwendige Gelegenheit nicht aufgeben will.]

Wer aufrichtig verspricht, diese Gelegenheit sofort zu meiden, kann auch sofort absolviert werden. – Wer schon öfters dieses Versprechen gebrochen hat, dessen Disposition ist zweifelhaft. Er kann deshalb gewöhnlich nicht absolviert werden, bevor er die Gelegenheit tatsächlich aufgegeben hat (vgl. Nr. 605). […]

b) Wer die nächste notwendige Gelegenheit zur schweren Sünde nicht entfernt, aber durch Anwendung geeigneter Mittel zu einer entfernteren machen will, kann absolviert werden.

Derartige Mittel können entweder die geistigen Kräfte stärken (Gebet, Sakramente, Erwägung der ewigen Wahrheiten) oder die Macht der Gelegenheit mindern (Bewachung der Augen; Vermeidung eines vertrauten Verkehrs mit der Person; es meiden, mit dieser Person allein zusammen zu sein).

Wer trotz der angewandten Mittel immer wieder fällt, kann nicht gezwungen werden, um jeden Preis die Gelegenheit aufzugeben, er muß aber nachdrücklich zur eifrigeren Anwendung der Gegenmittel aufgefordert werden. – Wenn ihn aber diese Gelegenheit in die nächste Gefahr der ewigen Verdammnis brächte, müßte er sie sogar um den Preis seines Lebens aufgeben. Nicht absolviert werden kann derjenige, der die entsprechenden Mittel nicht anwenden will, um eine solche Gelegenheit zu einer entfernteren zu machen.

Anmerkung: Zwischen der entfernteren und nächsten Gelegenheit gibt es verschiedene Zwischenstufen. Je größer die Gefahr zu sündigen ist, um so wichtigere Gründe werden erfordert, damit man diese Gelegenheit nicht aufzugeben braucht.

Wer ohne hinreichenden Grund eine Gelegenheit nicht meidet, die eigentlich keine entferntere mehr ist, aber auch noch keine nächste, begeht wenigstens eine lässliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie auf das Leben angewandt, 17. Aufl., Paderborn 1961.)

Hier wären wir wieder bei den Grenzfällen. Vielleicht weiß man, dass man bei dieser Gelegenheit eine 2-prozentige oder 5-prozentige Chance hat, eine Sünde zu begehen, und sich leicht zurückhalten kann – gut, das ist entfernt. Aber wie ist es bei einer 30-prozentigen, oder 40-prozentigen, oder 50-prozentigen Chance, bei einer Gelegenheit, bei der man weiß, dass man es mit Anstrengung schon schaffen kann, ihr zu widerstehen, es aber auch schon öfter nicht geschafft hat? Was ist diese Gelegenheit dann und was für eine Art Sünde wäre es, sie nicht zu meiden? Wie Jone schon schreibt, ist es zumindest eine lässliche Sünde, kann aber öfter auch eine schwere sein; es kommt auch darauf an, aus welchem Grund man es tut.

Zu dieser Frage möchte ich John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ zitieren, die einige ausführlichere hilfreiche Überlegungen bieten:

„Es ist ein allgemein anerkanntes Prinzip, dass jedes Gesetz implizit die Verpflichtung enthält, die gewöhnlichen Mittel anzuwenden, um es zu erfüllen; und ein solches Mittel ist die Vermeidung von Dingen, die eine nicht zu rechtfertigende Gefahr schaffen, das Gesetz zu brechen. […]

Und es gibt wahrscheinlich kein besseres Beispiel für die Notwendigkeit der Kasuistik, wie auch für ihre Schwierigkeiten, als die Versuche angesehener Theologen, Prinzipien und praktische Regeln in Bezug auf Gelegenheiten zur Sünde aufzustellen.

Darüber hinaus ist das Problem der Gelegenheiten zur Sünde eine exzellente Illustration der Aussage des Heiligen Vaters, dass es Situationen geben kann, auf die keine absolut bindenden Gebote direkt anwendbar sind, und in denen daher besondere Notwendigkeit für die Tugend der Klugheit besteht. Das bedeutet natürlich nicht, dass es irgendein moralisches Problem gibt, das unabhängig von einem allgemeinen Prinzip gelöst wird. Es bedeutet einfach, dass es für die Anwendung mancher Prinzipien einer ungewöhnlich sorgfältigen Prüfung aller konkreten Umstände bedarf. Die Klugheit führt diese Prüfung durch und zieht die Schlussfolgerung, nicht durch das mysteriöse ‚lumen internum‘ [inneres Licht] der Situationsethiker, sondern indem man ein vernünftiges Prinzip auf die Situation anwendet.

Drittens, wie wir mehr als einmal in unseren frühen Kapiteln erwähnt haben, gibt es unter katholischen Theologen viele legitime Kontroversen – Kontroversen, die der Heilige Stuhl erlaubt und die nur der Heilige Stuhl autoritativ lösen kann. Der Streit unter Moraltheologen, der die Natur einer nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde betrifft, ist eine solche Kontroverse, und eine sehr wichtige.

Zuletzt […] möchten wir daran erinnern, was wir in Kapitel 6 über die unbesonnene Veröffentlichung der Meinungen einzelner Moralisten gesagt haben, als ob diese Meinungen die autoritative Lehre der Kirche wären. Unglücklicherweise ist das in unserem Land innerhalb etwa des letzten Jahrzehnts nur zu häufig passiert, mit dem Ergebnis, dass die Gläubigen hochgradig verwirrt wurden über gewisse wichtige moralische Probleme des täglichen Lebens. Einige dieser praktischen Probleme betreffen Pflichten in Bezug auf Gelegenheiten zur Sünde. […]

DIE GENERELLE KONTROVERSE

Punkte, in denen Übereinstimmung herrscht

Bevor wir versuchen, die generelle Kontroverse betreffs der nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde zu skizzieren, möchten wir kurz die Punkte erwähnen, bei denen sich die Moralisten einig sind. Zunächst ist nach allen Autoren eine Gelegenheit zur Sünde ein äußerer Umstand, der einen Impuls oder eine Verlockung zur Sünde enthält mit einer daraus folgenden Wahrscheinlichkeit oder Gefahr zu sündigen, und diese Wahrscheinlichkeit oder Gefahr wäre nicht da, oder wäre bedeutend niedriger, wenn der äußere Umstand vermieden würde. Der Zweck dieser Definition ist es, zwischen einer Gefahr der Sünde zu unterscheiden, die vor allem aus dem äußeren Umstand resultiert, und einer Gefahr, die vor allem wegen einer persönlichen Schwäche existiert. Wenn daher ein Junge nur dann in unreinen Gedanken schwelgt, wenn er eine gewisse Art von Zeitschrift liest, besteht die Annahme, dass das Lesen für ihn eine Gelegenheit zur Sünde darstellt.  Andererseits, wenn er zu fast jeder Zeit und unter fast allen Umständen unreine Gedanken unterhält, ist die vernünftige Schlussfolgerung, dass die Quelle des Problems in ihm liegt; er ist kein occasionarius im technischen Sinn. Außerdem sollte ein Umstand, der bewusst gewählt wird als Mittel, um eine Sünde zu begehen, nicht mit einer Gelegenheit im strengen Sinn verwechselt werden. Eine solche Entscheidung ist eine direkte Entscheidung zur Sünde, nicht die Wahl einer Gelegenheit zur Sünde. Eine Gelegenheit wird nicht zum Zweck gewählt, eine Sünde zu begehen. Es wird davon ausgegangen, dass sie aus einem anderen Grund gewählt wird und dann eine Verleitung zur Sünde wird. Wenn daher ein Mann, nachdem er sich in den Kopf gesetzt hat, zu sündigen, die Person oder den Ort aufsucht, die es ihm ermöglichen wird, ist diese Person oder dieser Ort nicht die ‚Gelegenheit‘ zu seiner Sünde. Ein Beichtvater, der verlangen würde, dass ein solcher Pönitent ‚verspricht, die Gelegenheit zur Sünde zu meiden‘ würde harmlosen, aber ungeeigneten Rat geben. Er würde das wirkliche Problem des Pönitenten nicht erkennen und dabei scheitern, es zu lösen.

Und obwohl sie sich uneinig dabei sind, die Unterscheidung zu erklären, sprechen alle Autoren von entfernten und nächsten Gelegenheiten. Außerdem, wenn sie von der nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde sprechen, unterscheiden sie generell zwischen der allgemeinen oder absoluten und der persönlichen oder relativen Gelegenheit. Letzteres bezieht sich auf eine Gelegenheit, die erfahrungsgemäß eine nächste Gelegenheit für dieses Individuum ist, zum Beispiel nach seiner persönlicher Erfahrung; ersteres bezieht sich auf eine Gelegenheit, die mutmaßlich für die Menschen im Allgemeinen eine nächste Gelegenheit ist, oder für alle normalen Mitglieder einer bestimmten Gruppe, z. B. Jugendliche. […]

Ein anderer Punkt, über den es keinen theoretischen Streit gibt (obwohl praktische Fälle vielleicht schwierige Probleme bieten können und unterschiedliche Meinungen zulassen) ist die Unterscheidung zwischen freiwilligen und notwendigen Gelegenheiten zur Sünde. Eine Gelegenheit wird freiwillig genannt, wenn sie mit Leichtigkeit oder wenigstens mit relativ geringen Schwierigkeiten vermieden werden kann; während sie notwendig ist, wenn ihre Vermeidung entweder physisch oder moralisch unmöglich ist. [Mit „moralisch unmöglich“ ist hier „praktisch kaum möglich“ gemeint, während physische Unmöglichkeit absolute Unmöglichkeit ist. Jemandem, der bewusstlos ist, ist es „physisch unmöglich“, aufzustehen, jemandem, dem der Arzt gesagt hat, er muss liegen bleiben, oder der unter Schwindel leidet, ist es „moralisch unmöglich“, aufzustehen.] Und soweit es die Theorie betrifft, besteht Übereinstimmung, dass eine Person berechtigterweise in einer notwendigen Gelegenheit bleiben oder sie nicht vermeiden kann, selbst zur Todsünde. Dieser letzte Punkt ist selbst von notwendigen Gelegenheiten wahr, die je nach den unterschiedlichen Definitionen, nächste Gelegenheiten zur Todsünde sind. Die übliche Bedingung ist natürlich, dass angemessene Mittel angewandt werden, um die nächste Gelegenheit zur entfernten zu machen.

Zuletzt gibt es keinen Streit unter den Theologen darüber, dass bei einer Gelegenheit zur schweren Sünde, die freiwillig und wirklich nahe ist, eine schwerwiegende Pflicht besteht, sie zu entfernen oder zu meiden. […]

Selbst die strengsten Autoren sind generell gewillt, die Frage der Gelegenheiten zur lässlichen Sünde beiseitezulassen – und das aus zwei Gründen: erstens, die Einstellung eines Pönitenten in Bezug auf solche Gelegenheiten hätte selten, wenn überhaupt jemals, irgendeinen Einfluss auf die Gültigkeit der Absolution [Fußnote: Es scheint theoretisch möglich, dass ein Widerwille, die nächste Gelegenheit zur lässlichen Sünde aufzugeben, sich auf die Gültigkeit der Absolution auswirken könnte, z. B. wenn diese lässliche Sünde die einzige Materie der Beichte darstellen würde, sodass nicht anderes selbst allgemein gefasst enthalten wäre.]; und zweitens sind Gelegenheiten zur lässlichen Sünde so zahlreich, dass es unmöglich wäre, sie alle zu vermeiden, und in vielen bestimmten Fällen wäre es unmöglich, zu bestimmen, ob die Gelegenheit notwendig oder freiwillig war. Aus ähnlichen Gründen messen einige Autoren der Pflicht, wirklich entfernte Gelegenheiten zur Todsünde zu meiden, wenig Gewicht bei; und viele leugnen explizit, dass es irgendeine Verpflichtung gibt, solche Gelegenheiten zu meiden.

Die Kontroverse

Es mag ein paar Meinungsverschiedenheiten über den einen oder anderen der vorigen Punkte geben, aber sie wären so gering, dass sie zu einem bloßen Streit um Worte werden würden. Aber, trotz der Tatsache, dass die Frage manchmal durch unterschiedliche Terminologien verkompliziert wird, gibt es ganz klar mehr als einen Streit um Worte in der Kontroverse über die Definition (und daher die wirkliche Bedeutung) einer nächsten Gelegenheit zur Todsünde im Unterschied zu einer entfernten Gelegenheit. Diese Kontroverse wird in den folgenden Beispielen von A. Regan CSSR genau aufgezeigt:

‚Ein Mann geht in ein Hotel und trinkt unter Umständen, die es ihm unmöglich machen, definitiv zu versichern, dass er nicht ernsthaft betrunken werden wird. Vielleicht war er unter denselben Umständen in der Vergangenheit häufig betrunken oder vielleicht wird der Einfluss, den der Alkohol auf ihn hat, schnell so groß, dass ernsthafter Missbrauch definitiv wahrscheinlich ist. Dennoch kann niemand definitiv sagen, dass er bei diesem oder jenem Anlass  betrunken werden wird, denn wir können annehmen, dass die Chancen in beide Richtungen ungefähr gleich sind. Nach dem hl. Alphons macht sich ein solcher Mann jedes Mal der Todsünde schuldig – wenigstens objektiv -, wenn er sich freiwillig in diese gefährlichen Umstände begibt. Unverheiratete Paare treffen sich an Orten oder zu Zeiten oder unter anderen Umständen, die sie wahrscheinlich zur Todsünde führen werden: sie wissen das, weil sie vielleicht in der Vergangenheit gefallen sind, oder vielleicht müssen sie sich ehrlich eingestehen, dass ihr Sinn der Schamhaftigkeit so sehr zusammenbricht, dass es ein ernsthaftes Risiko eines Falls bedeuten würde, die Versuchung sogar nur noch ein Mal zu suchen. Ein solches Risiko sogar nur einmal einzugehen ist in den Augen des heiligen Kirchenlehrers eine Todsünde, obwohl es auch wahrscheinlich sein mag, dass sie nicht fallen, denn der springende Punkt ist, dass, solange ein Fall wahrscheinlich bleibt, kein Raum für ein Klugheitsurteil besteht, dass die Sünde tatsächlich vermieden werden wird.‘

Was die von Pater Regan gewählten Beispiele angeht, sollte erwähnt werden, dass diese dem Beichtvater oft als Gewohnheiten präsentiert werden, sich in Gelegenheiten zu begeben, in denen man oft tödlich sündigt. Das ist nicht der Punkt der Kontroverse. Fast alle Autoren, so scheint es, würden zustimmen, dass man die schwerwiegende Pflicht hat, die Gewohnheit aufzugeben, sich häufig in eine freiwillige Gelegenheit zu begeben, in der man oft tödlich sündigt, weil das gewohnheitsmäßige Aufsuchen dieser Gelegenheit eine praktische Sicherheit einschließt, dass Sünde stattfinden wird. Offensichtlich ist das nicht der Punkt, den Pater Regan betont. Seine These betrifft die Pflicht, eine einzelne Handlung zu meiden. Zudem ist sie nicht auf die Beispiele im Text beschränkt. Es ist eine generelle These, die sich auf jede Todsünde bezieht, ob innerlich oder äußerlich, ob allein oder mit anderen begangen. Die These ist, dass, was alle diese Sünden angeht, eine Gelegenheit eine nächste ist, wenn die Gefahr zu sündigen wirklich wahrscheinlich ist, obwohl es genauso wahrscheinlich ist, dass trotz der Gelegenheit die Sünde vermieden werden wird. Und da dieser Grad der Gefahr eine nächste Gelegenheit darstellt, wird (objektiv) jedes Mal eine Todsünde begangen, wenn man sich dieser Gefahr ohne einen verhältnismäßigen Grund aussetzt.

Pater Regans Text enthält auch das Hauptargument, das zur Verteidigung dieser These gebraucht wird: nämlich, dass ein Mensch, der sich ohne genügenden Grund dieser wahrscheinlichen Gefahr der Todsünde aussetzt, sich einer schwerwiegenden Verfehlung gegen die Klugheit schuldig macht. Die Argumentation hinter dieser Aussage ist, dass aktuale Gnade nötig ist, um erfolgreich einer ernsthaften Versuchung zu widerstehen und dass einer, der nicht tut, was er kann, um diese Gnade zu erhalten, sie nicht bekommen wird. Nebenargumente, die vorgebracht wurden, sind die folgenden: Ein solcher Mensch handelt im Zustand des praktischen Zweifels; er stellt Gott auf die Probe; er verletzt das Gebot der Liebe zu sich selbst in derselben Weise (tatsächlich in stärkerer Weise) wie derjenige, der sich oder andere ohne guten Grund der wahrscheinlichen Gefahr der ernsthaften körperlichen Verletzung aussetzt.

Pater Regans These ist natürlich nicht neu; noch sind es die Argumente, die vorgebracht werden, um sie zu stützen. Im Lauf vieler Jahre haben zahlreiche Theologen diese Argumente sorgfältig abgewogen. Sehr viele waren beeindruckt genug, um sich der These anzuschließen; viele andere sind nicht überzeugt worden. Aus diesem oder jenem Grund glauben diese letzteren Theologen nicht, dass die strengere Ansicht bewiesen werden kann; oder wenigstens glauben sie nicht, dass sie universell bewiesen werden kann, sodass ein Beichtvater das Recht hätte, die Absolution zu verweigern, sobald er festgestellt hat, dass ein Pönitent sich freiwillig (d. h. ohne verhältnismäßigen Grund) einer Gelegenheit aussetzt, die die wahrscheinliche Gefahr irgendeiner schweren Sünde beinhaltet.

Die Position derer, die eine mildere Ansicht haben, wird im Licht der folgenden Überlegungen besser verstanden werden.

Zunächst einmal behandeln wir hier nicht die Frage, ob es eine Sünde ist, sich in eine wahrscheinliche Gefahr der Todsünde ohne verhältnismäßigen Grund zu begeben. Alle stimmen überein, dass das sündhaft ist. Die Frage ist: Wie sündhaft? Ist es notwendigerweise schwer sündhaft?

Eine Pflicht unter Todsünde muss bewiesen werden, und die Beweislast liegt bei denen, die die Verpflichtung behaupten. Nach denen, die die mildere Meinung vertreten, beweisen alle von Pater Regan und anderen vorgebrachten Argumente lediglich, dass irgendeine Verpflichtung besteht, in jedem Fall die wahrscheinliche Gefahr der Todsünde zu meiden; sie beweisen nicht, dass die Verpflichtung immer eine schwere ist.

Wenn wir eine Skala der Gefahren zur schweren Sünde, wie sie in verschiedenen Gelegenheiten enthalten sind, aufstellen wollten, würden die Gefahren von sicher, zu moralisch sicher, zu sehr wahrscheinlich, zu wahrscheinlicher [als das Gegenteil], zu gleich wahrscheinlich, zu wahrscheinlich, zu weniger wahrscheinlich, zu geringfügig wahrscheinlich, zu kaum wahrscheinlich, zu möglich, zu kaum möglich, zu unmöglich reichen. Mit anderen Worten sind die Grade der Gefahr unendlich zahlreich. Mit der allmählich nachlassenden Wahrscheinlichkeit der Sünde kommt eine allmählich nachlassende Schuld, bis schließlich ein Punkt erreicht ist, wo alle übereinstimmen würden, dass überhaupt keine tödliche Schuld mehr besteht, sondern nur lässliche Schuld.

Da nun das stärkste und schlagendste Argument dafür, an irgendeinem bestimmten Punkt Todsünde zu behaupten, ein Appell an die Tugend der Klugheit ist, wie kann es gezeigt werden, dass Ter Haar und andere das richtige Verständnis davon haben, was die Klugheit sub gravi verlangt, wenn sie die Linie bei „weniger wahrscheinlich“ oder „gleich wahrscheinlich“ ziehen, und wer kann sagen, dass Vermeersch falsch liegt, wenn er sie bei „wahrscheinlicher“ zieht, oder dass Gericot falsch liegt, wenn er sie, wie es De Lugo und andere große Theologen getan haben, bei „sehr wahrscheinlich“ oder „moralisch sicher“ zieht? […]

Im Grunde nehmen manche Theologen daher nur diese negative Position ein: Schwere Schuld ist nicht in allen Fällen bewiesen, wenn eine wahrscheinliche Gefahr freiwillig eingegangen wird. […]

Zweitens muss man die Schweregrade bei Todsünden in Betracht ziehen. Es wird offensichtlich unklüger sein, sich der wahrscheinlichen Gefahr auszusetzen, eine sehr große Todsünde zu begehen, als eine geringere Todsünde. Todsünden lassen auch unzählig viele Schweregrade zu, von einer einzigen innerlichen Gedankensünde, zu einer äußerlichen Sünde, zu einer Sünde, die eine oder mehrere andere Personen betrifft, zu Sünden, die die Güter oder Körper oder Seelen anderer schädigen, zu Sünden, die das Gemeinwohl der Gemeinschaft oder der Nation oder der Kirche Christi selbst schädigen. Da die Klugheit das Kriterium ist, wird es einer viel größeren Notwendigkeit bedürfen, um es zu rechtfertigen, sich in die Gelegenheit zu einer dieser größeren Sünden zu begeben. […]

Drittens kann der folgende Grund vorgebracht werden, um die Allgemeingültigkeit der strengeren Sicht in Zweifel zu ziehen. In einem Fall, in dem der Pönitent keinen verhältnismäßigen Grund hat (d. h. keinen wirklich adäquaten rechtfertigenden Grund), sich in die Gelegenheit zu begeben, wird die Gelegenheit eine freie oder freiwillige genannt. Und doch mag er einen Grund haben, sich in sie zu begeben. Er würde sich in eine freiwillige Gelegenheit und in die Gefahr zur Todsünde ohne verhältnismäßigen Grund begeben, aber nicht ohne jeden Grund. In einem solchen Fall, obwohl er sündhaft und unklug handeln würde, würde seine Unklugheit vielleicht hinter schwerer Schuld zurückbleiben. […]

Die Unterscheidung zwischen freiwilligen und notwendigen Gelegenheiten ist terminologisch klar und vollständig. Aber wenn der Begriff der Notwendigkeit untersucht wird, finden wir, dass dieser auch, wie die Wahrscheinlichkeit, unzählige Grade zulässt, die von bloßer Vorliebe (die überhaupt nicht Notwendigkeit genannt werden kann), zu leichter moralischer Notwendigkeit, zu wirklicher moralischer Notwendigkeit, zu schwerer moralischer Notwedigkeit, zu sehr schwerer moralischer Notwendigkeit, zu praktisch physischer Notwendigkeit, zu absoluter physischer Notwendigkeit reichen. Da es nicht völlig klar ist, an welchem Punkt entlang dieser Linie eine Gelegenheit aufhört, freiwillig zu sein, und in manchen Fällen als notwendig betrachtet werden kann, können vernünftige Zweifel vorgebracht werden bezüglich der schweren Schuld einer Person, die sich in diesen Grenzfällen in eine Gelegenheit zur Sünde begibt. […]

Viertens gibt es praktische Überlegungen, die manche Theologen zögern lassen, die strengere Sicht zu akzeptieren. Diese Sicht führt leicht zu eine unvorhersagbaren Vervielfältigung nächster Gelegenheiten zur Todsünde im täglichen Leben, und endet manchmal dabei, sich selbst zu besiegen. ‚Die Menschen werden in keiner Weise aus dem Morast der Sünde gezogen, sondern nur noch tiefer, da umso mehr in Verzweiflung, hineingestürzt.‘ Michael Fabregas SJ meint, dass das Argument, dass der Mensch tun muss, was er kann, um die Sünde zu meiden, leicht so weit geführt werden kann, dass es sogar eine leichte oder weniger wahrscheinliche Gefahr einschließen würde.“ (John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ, Contemporary Moral Theology. Volume I: Questions in Fundamental Moral Theology, Westminster, Maryland 1958, S. 141-154.)

Korrumpierung des Glaubens?

Es ist eine bekannte Phrase: Jetzt, da [nicht total säkularisierte] Christen so gut wie keine politische Macht mehr haben, wird doch wenigstens ihr Christentum nicht von der Tagespolitik korrumpiert. Entweltlichung! Die Kirche wird rein und unbefleckt, nicht so wie in der Renaissance oder zu solchen schrecklichen Zeiten.

Das ist aber im Grunde genommen die Einstellung: Wenn man etwas falsch machen könnte, versucht man es gar nicht erst. Wenn man als Christ in der Politik Fehler machen könnte, lieber keine christliche Politik machen.

Gott hat bekanntlich die ganze Welt geschaffen, nicht nur die Kirche, das Pfarrheim und die eigene Wohnung, und Er hat den Menschen als Wesen geschaffen, das politische Organisation braucht (wie schon der Apostel in Röm 13 klarstellt). Wenn Christen die Politik aufgeben, übernehmen andere, und das hat mehr als genug schlimme Folgen. [Das soll kein Angriff auf einzelne sein: Heute haben wir einfach zu wenig Christen, die fähig dazu wären und denen es praktisch möglich wäre, in die Politik zu gehen und dort was auszurichten. Aber egal, ob die Christen sich zurückziehen oder einfach ihre Zahlen schrumpfen: Das Vakuum füllt sich.]

Bereich Wirtschaft: Mal hat man extrem liberale, mal sozialistische Ideen, wenn man die katholische Soziallehre aufgibt, und beide führen zu Ungerechtigkeit.

Bereich Lebensrecht: Es werden Abtreibung, Euthanasie, Suizidbeihilfe, Embryonenforschung erlaubt.

Bereich Familie: Leihmutterschaft und Homoehe (mitsamt Adoptionsrecht) kommen, davor wird die Scheidung normalisiert. Die Familie wird zugunsten des Staates zurückgedrängt, der die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ will.

Man muss nicht für Fürstbischöfe sein; man kann schon das Argument vorbringen, dass ein Bischof sich hauptsächlich auf bischöfliche Aufgaben konzentrieren sollte. (Wobei Fürstbistümer für die Untertanen gar nicht so schlecht waren; „unter dem Krummstab ist gut leben“ war sprichwörtlich.) Aber gegen katholische Laien in der Politik zu sein, die sich nach ihrem katholischen Glauben richten und mit der Kirche zusammenarbeiten, ob nun Erbmonarchen wie der sel. Karl I. von Österreich-Ungarn, der hl. Ludwig IX. von Frankreich, Albert I. von Belgien oder sonstige Politiker wie Engelbert Dollfuß, Ellen Ammann, Konrad Adenauer, Gabriel Garcia Moreno oder der hl. Thomas Morus? Welchen Sinn ergibt das?

Reichsapfel des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Arnoldius.

Es ist lustig, dass man dieses Argument manchmal von Leuten hört, die sonst entsetzt zurückschrecken würden, wenn es hieße, der Christ solle sich „von der Welt unbefleckt“ halten. (Das soll er ja auch; von manchen Dingen muss man sich einfach abgrenzen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel und man ist nicht für alles verantwortlich. Nur heißt das eben nur in manchen Systemen, dass er sich aus Gewissensgründen ganz dem politischen System entziehen muss, weil es dermaßen dysfunktional ist.) Was, wir sollen uns absondern, uns als die Reinen aufspielen? Niemals; das wäre doch ein Verrat an unseren Mitmenschen. Wenn es an die Politik geht, soll man es aber plötzlich doch. Hier sieht man, dass der Grund wohl eher der ist, dass man nicht als Theokrat gelten will, der anderen „seine religiösen Überzeugungen aufzwingen“ will – also lässt man sich von anderen ihre atheistischen Überzeugungen aufzwingen und lässt diejenigen im Stich, denen man mit seinen christlichen Überzeugungen helfen würde.

Und wie rein wird die Kirche denn? Intrigen im Vatikan und den Bistümern gibt es heute mehr als genug.

„Aber die Kirche sollte sich nicht der Politik / dem Staat anbiedern.“ Mir scheint es, als ob die Kirche das früher, als es noch katholische Parteien wie die Zentrumspartei und die Bayerische Volkspartei gab, oder noch früher, als die meisten Länder von christlichen Monarchen regiert wurden, weniger getan hat als heute.

Gerade weil sie eine mächtige Partei war, die ihre Interessen offensiv vertrat und eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft einnahm, musste sie sich weniger anbiedern und andere mussten sich ihren Forderungen mehr anpassen. Dem Sonnenkönig Ludwig XIV., der täglich die Messe besuchte, wurde jahrelang die Kommunion verweigert, als er eine Mätresse hatte (in späteren Jahren war er seiner zweiten Frau treu); unsere Bischöfe schaffen es selten, im Ehebruch lebenden Politikern die Kommunion zu verweigern. Die Kirche damals hatte es nicht so sehr nötig, sich mit den Mächtigen gut zu stellen. Der hl. Bischof Ambrosius von Mailand verwehrte nach dem Massaker von Thessaloniki im Jahr 390 dem römischen Kaiser Theodosius den Zugang zum Dom und brachte ihn dazu, Buße zu tun.

Ambrosius und Theodosius. Gemälde von Anthonis van Dyck, 17. Jh. Gemeinfrei.

Das ist natürlich verallgemeinernd; es wird sicher auch Gegenbeispiele und andere Nachteile geben. Aber hier kommen wir zum Punkt zurück: Dass man etwas falsch machen könnte, heißt nicht, dass man es einfach aufgeben sollte oder kann.

Oft, vermute ich, kommt die Abneigung gegen die Idee einer christlichen Verfassung, eines christlichen Staates, eines christlichen Staatsoberhauptes, christlicher Politiker einfach von vagen und falschen Vorstellungen davon, wie so was früher ausgesehen hätte. Schreckensvorstellungen vom finsteren Mittelalter mit seiner allgegenwärtigen Unterdrückung wabern eben immer noch umher. Daher lohnt es sich, sich über Herrschaft in der christlichen Vergangheit und konkrete christliche Herrscher – vor allem die besonders frommen – zu informieren; und die am besten auch mal mit nicht- oder antichristlichen Herrschern zur selben Zeit zu vergleichen.

(Und aufzuhören, die Herrscher zur eigenen Zeit für den Maßstab aller Dinge zu halten. Vielleicht wäre man ja vor 100, 200 oder 700 Jahren ziemlich entsetzt gewesen, wenn man unsere Herrscher und unsere Gesetze hätte sehen können.)