Christliche Kultur am Sonntag: „Die Frau des Pilatus“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Gertrud von Le Fort: „Die Frau des Pilatus“

Diese Novelle von 1955 handelt von, wie der Titel es sagt, der Frau des Pontius Pilatus, die in der Bibel nur mit einem Satz erwähnt wird: Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten. (Mt 27,19)

Wie man weiß, hörte Pilatus darauf nicht. In den Legenden, die sich später zu ihr finden, heißt seine Frau Procula oder Claudia Procula und wurde mancherorts auch als Heilige verehrt.

Die Novelle schildert zuerst das Geschehen rund um den Karfreitag: Claudia Proculas Traum, und wie sie vergeblich versucht, ihren Mann von der Hinrichtung Jesu abzuhalten, was sie auch weiterhin nicht vergessen kann. Und sie schildert dann, wie Claudia Jahrzehnte später, wieder in Rom, auf die kleine ärmliche religiöse Gruppe der „Nazarener“ stößt, in deren Versammlung sie den Satz hört, den sie auch in ihrem Traum lauter Gruppen von Menschen hat sagen hören: „gelitten unter Pontius Pilatus“. Um diese Zeit beginnt in Rom die Christenverfolgung, die Pilatus aufgetragen wird.

Es geht um Claudia Proculas Liebe – trotz allem – für ihren Mann, und ihren Weg zu Gott.

(Griechische Ikone der hl. Prokula. Gemeinfrei.)

Wo Sie gerade hier sind, darf man Ihre Organe haben?

Man könnte es fast für ein Wunder halten (na ja, das vielleicht nicht, aber gerechnet habe ich nicht damit): Der Bundestag hat einen komplett bescheuerten Gesetzesentwurf abgelehnt.

Die Widerspruchsregelung bei der Organspende kommt nicht. Es ist also nicht jeder automatisch Organspender, wenn er nicht rechtzeitig widersprochen hat; der Staat beansprucht nicht die Organe von Menschen, die sich aus Antriebslosigkeit oder Gedankenlosigkeit nicht mit diesem speziellen Thema beschäftigt haben.

Öfter darauf ansprechen soll man die Leute stattdessen („erweiterte Zustimmungsregelung“). Wenn man aufs Amt muss, um den Personalausweis zu erneuern, soll es in Zukunft heißen: Möchten Sie nicht doch Ihre Organe spenden? Sie können hier gleich zustimmen. Zusätzlich sollen die Hausärzte einen zur Spende ermuntern. Druck statt Zwang soll jetzt das Ziel erreichen, mehr Organe zu bekommen.

Auch wenn ich froh bin, dass die Widerspruchsregelung nicht kommt, finde ich dieses Vorgehen, wenn ich ganz ehrlich bin, abstoßend. Es wird ja sehr offen gesagt, dass es das Ziel ist, „die Organspendebereitschaft zu erhöhen“; nicht einfach nur, die Leute mal auf dieses Thema aufmerksam zu machen, sondern mehr Leute zu einer bestimmten Entscheidung zu diesem Thema zu bringen. Und wenn sie trotzdem nicht bereit sind? Dann sind sie wohl einfach egoistisch.

Das Ziel ist sehr gut und richtig, natürlich: Kranken das Leben zu retten. Aber nicht alle Mittel zu einem guten Ziel sind gut. Und viele der hier angewandten Mittel sind sehr, um das Mindeste zu sagen, fragwürdig. Es ist hart, wenn man eine tödliche Krankheit hat und es ein Mittel gäbe, das einem helfen könnte, das man aber nicht auf eine moralisch erlaubte Weise bekommen kann; selbstverständlich. Aber das macht das Mittel nicht erlaubt. Und irgendwann muss sowieso jeder sterben; der Tod lässt sich nicht vermeiden. Zudem ist auch die Organtransplantation eine sehr risikoreiche, schwierige Sache (das Organ kann wieder abgestoßen werden usw.).

Das Vorgehen der meisten Befürworter der Organspende ist schlicht völlig falsch. Da wäre zunächst mal die Tatsache, dass die „Aufklärung“ über die Organspende (schon bisher gab es ja Post von der Krankenkasse deswegen) nie darin besteht, über strittige Punkte aufzuklären, sondern immer nur in Werbung. Vor allem das Thema Hirntod wird auf den „Aufklärungs“broschüren für gewöhnlich gar nicht erst erwähnt. Es heißt immer nur: Möchten Sie nach Ihrem Tod Organe spenden? Wenn der Hirntod so unproblematisch wäre, sollte es kein solches Problem dabei geben, tatsächlich darüber zu informieren, dass Organe nur bei den wenigen entnommen werden, bei denen das Gehirn vor dem Restkörper abschaltet, bevor dieser Restkörper dann wirklich tot ist.

Der Tod ist die Trennung von Leib und Seele; das ist die Definition. Es ist nun nicht komplett unmöglich, dass der Hirntod der Tod sein könnte; man kann postulieren, dass die Seele den Körper verlassen hat, wenn die Gehirnfunktionen erloschen sind und nur noch ein paar, sozusagen, Restzuckungen im Körper bleiben; wie auch kopflose Hühner noch kurz herumflattern können. Diese Restzuckungen sind in jedem Fall bald weg; in den extremsten Fällen ist es allerdings gelungen, sie für ein paar Monate zu erhalten.

Aber für deutlich plausibler halte ich die andere Ansicht, die man so beschreiben kann: Solange noch Leben im Körper ist (und man kommt einfach nicht umhin, es als „Leben“ zu beschreiben, was einem zu denken geben sollte; übrigens auch bei den kopflosen Hühnern), ist die Seele noch da, auch wenn ein Organ schon ausgefallen ist; der Sitz der Seele ist nicht das Gehirn, sondern der ganze Körper. Erst wenn sie weg ist, ist er nur noch Materie, tot, ohne Bewegung. Wenn ein Körper atmet, das Herz schlägt, er Reflexe hat, sogar im Extremfall noch ein ungeborenes Kind austragen kann, ist noch etwas da, das ihn eben belebt: Die Seele. Dass der Sterbeprozess unumkehrbar und zwangsläufig und nur noch mühevoll kurz aufzuhalten ist, heißt nicht, dass der Sterbende schon ein Toter ist. Man würde es auch sonst nicht als gerechtfertigt ansehen, bei einem bewusstlosen, unumkehrbar im Sterben Liegenden schnell noch Organe zu entnehmen, um jemand anderen zu retten.

Die katholische Kirche hat sich bisher nicht dazu geäußert, ob der Hirntod als Tod zählt, das ist ja auch eine wissenschaftliche Frage; aber sie sagt ganz prinzipiell, dass der Tod vor der Organentnahme feststehen muss.

Wenn man jetzt Gründe hat, die man als gewichtig beurteilt, den Hirntod nicht als Tod gelten zu lassen, muss man es als immer falsch beurteilen, nach dem Hirntod Organe zu spenden; selbst als Kranker Organe Hirntoter anzunehmen; oder sich als Arzt an einer Entnahme zu beteiligen. Dann müsste der Staat das System komplett verbieten, und solange er das nicht tut, müsste der Einzelne seine Beteiligung verweigern.

Aber selbst wenn man den Hirntod als Tod sieht, kann man es niemandem zur Pflicht machen, seine Organe zu spenden. Der Körper ist ein Teil des Menschen; der Mensch ist Körper und Seele, nicht nur die Seele; und auch nach dem Tod behält der Körper seine Würde. Es hat seinen Grund, dass man Tote bestattet, ihre Gräber besucht, und die Störung der Totenruhe bestraft. Der Körper wird am Jüngsten Tag bei der Auferstehung des Fleisches auferstehen, erneuert werden, und sich wieder mit der Seele vereinen. (Wem dann das gespendete Organ gehören wird, ist eigentlich ganz einfach: dem Spender. Aber solche Fragen haben ja schon die Kirchenväter geklärt, die sich damit befassten, was für den Fall von Kannibalismus gilt, wenn einer den Körper eines anderen isst. So ganz mechanisch muss man sich die Auferstehung des Fleisches ja auch nicht vorstellen.) Wenn man den Hirntod als Tod sieht, ist die Organspende sicher ein besonderes Opfer der Nächstenliebe, aber eben keines, das man einfordern kann. Es gibt Dinge, die gut sind, aber keine Pflicht sind. Und bei Organentnahmen wird mit dem Körper tatsächlich nicht sehr schön umgegangen; Zeit zur Verabschiedung für die Angehörigen bleibt auch nicht.

(An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich es ehrlich gesagt auch seltsam finde, dass manchmal dieselben Leute, die keine Pflicht einer Mutter sehen, ihr eigenes Kind auszutragen (bzw. es nicht gewaltsam töten zu lassen), meinen, dass man es zur Pflicht machen kann, fremden Menschen seine Organe zur Verfügung zu stellen.)

Dass es schon einzelne Fälle gab, in denen der Hirntod fälschlich diagnostiziert wurde und ein „Hirntoter“ wieder erwachte, ist noch ein zusätzlicher Punkt; ich halte dieses Risiko nicht für besonders groß, aber das ist etwas, über das man Bescheid wissen sollte. Es kann im Einzelfall schon vorkommen, dass übereifrige Ärzte, die das Leben anderer Patienten retten wollen, nicht genau genug hinsehen, ob jemand wirklich hirntot oder nur komatös ist.

Wenn man die Organspende nach Hirntod für falsch hält, muss die Konsequenz sein, auch selbst keine Organe anzunehmen, wenn man krank werden sollte. Ich würde keine Organe annehmen. Und wenn man sie nicht für falsch hält, aber trotzdem selbst nicht dazu bereit ist, wäre es vielleicht nicht das Allervorbildichste, aber auch nicht unbedingt moralisch verboten, selbst Organe anzunehmen, auch wenn man keine spenden wollen würde; man darf vom Prinzip her auch ein freiwilliges Opfer anderer annehmen, das man selbst nicht zu bringen bereit ist.

Das Ganze ist mal wieder ein Thema, bei dem sich zeigt: Wenn die Welt heute das Moralisieren versucht (man kann sagen: immerhin versucht sie es manchmal noch), macht sie es falsch.

Ein bisschen MEHR

(Ein etwas verspäteter Bericht.)

Am Wochenende vor Dreikönig fand ja auf dem Augsburger Messegelände die vom Gebetshaus Augsburg organisierte MEHR-Konferenz statt; für alle, die noch nicht oder nur am Rand mitbekommen haben, worum genau es da ging: Die MEHR ist eine jedes Jahr oder alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung mit einer Menge christlichen Vorträgen, einer Menge Lobpreismusik, einer Menge Gelegenheit zur Vernetzung für christliche Gruppen, diesmal auch mit etwas Austausch von Berufstheologen, und natürlich immer mit diversen Gottesdiensten; eine gemeinsame Veranstaltung von Katholiken und Evangelikalen; mit heuer um die 12.000 Besuchern. Johannes Hartl, der Gebetshausleiter, ist rechtgläubiger Katholik, aber einer, der durchaus Wert auf die Ökumene mit den Freikirchlern legt, und die Katholiken, für die die MEHR gedacht ist, scheinen eher in die charismatische Richtung zu tendieren, auch wenn auch viele standardmäßig konservative hingehen.

Ich habe es in den letzten Jahren nie geschafft, hinzugehen, aber dieses Mal hat es dann endlich geklappt; wenn auch nur für einen Nachmittag. (Das ganze Programm lief von Freitag bis Montag.) Meine Hauptgründe, hinzugehen, waren eigentlich:

  • Ich wollte ein paar Leute, die ich bisher nur aus dem Internet gekannt hatte, mal sehen.
  • Ich wollte mir aus Neugier ein Bild davon machen, wie das Ganze so aussieht.

Und wo ich schon mal da war, dachte ich, dass meine Leser auch einen Erfahrungsbericht verdienen.

 

Am Sonntag, dem 5. Januar, habe ich also einen kurzen Abstecher nach Augsburg unternommen. Weil ich nur für sechs bis sieben Stunden da sein konnte, habe ich keinen kompletten Vortrag gehört; war nicht im Raum der Stille (wo eucharistische Anbetung stattfand); und habe nicht einmal alle Stände angesehen, die im aus zwei Messehallen bestehenden „MEHR-Forum“ aufgebaut waren (aber immerhin einige). Die MEHR ist eben wirklich etwas, für das man sich eigentlich das ganze Wochenende Zeit nehmen müsste. Ein bisschen Lobpreis habe ich mitgekriegt, außerdem die Messe am späten Nachmittag mit Weihbischof Florian Wörner aus Augsburg; und einen großen Teil des Nachmittags habe ich damit zugebracht, mich am Stand des Bistums Trier mit besagten Internetbekannten (u. a. einem anderen katholischen Blogger) endlich mal im realen Leben zu unterhalten.

Mein hauptsächliches Fazit:

  • Weihbischof Wörner möge bitte unser nächster Augsburger Bischof werden.
  • Internetbekannte treffen ist schön!
  • So richtig kann ich mit dem ganzen Evangelikalenkram immer noch nicht.

Aber jetzt mal ein bisschen mehr für neugierige Leser. Den Mittag habe ich hauptsächlich damit verbracht, die Stände im MEHR-Forum anzusehen und überall Flyer einzustecken.

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So in etwa sah das MEHR-Forum übrigens aus; an den meisten Plätzen voller als hier, aber ich wollte keine fremden Leute aus der Nähe aufs Photo bringen:

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Unter den Besuchern waren, wie nicht anders erwartet, viele jüngere Leute und Familien mit Kindern.

Es waren, was die Stände angeht, natürlich einige Gruppen da, die ich gekannt und mehr oder weniger erwartet hatte. Es gab ein paar Stände von Aktivisten u. Ä.: „Demo für alle“; „Jugend für das Leben“; eine mir bisher unbekannte Organisation namens „Perlenschatz“, die muslimischen Frauen Hilfe bei häuslicher Gewalt usw. anbietet; einen Stand, an dem über Pornosucht informiert wurde.

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Als ich zum zweiten Mal am Stand von „Demo für alle“ vorbeigekommen bin, ist mir da übrigens ein Mann aufgefallen, der mir irgendwie bekannt vorkam und bei dem mir im Nachhinein klargeworden ist, dass es Alexander Tschugguel gewesen sein dürfte, der österreichische Katholik, der die Pachamama-Statuen in den Tiber geworfen und neuerdings ein „St. Boniface Institute“ gegründet hat, das bisher aus ihm und einer Internetseite zu bestehen scheint.

Dann gab es geistliche Gemeinschaften wie die Gemeinschaft Emmanuel, und ein paar wenige Bistümer; außerdem viele Infos über Orientierungsjahre und Freiwilligendienste für Jugendliche/junge Erwachsene. Einige dieser Orientierungsjahre/-halbjahre betitelten sich als „Jüngerschaftsschule“; die waren für gewöhnlich evangelikal, aber es gab sie auch auf Katholisch.

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Bei den Freiwilligendiensten, die vorgestellt wurden, hatte ich ein gewisses skeptisches Gefühl, weil man ja öfter die Kritik hört (nicht nur an christlichen Freiwilligendiensten, aber leider besonders an denen, und davon besonders an freikirchlichen), dass dabei Jugendliche schnell mal als Aushilfslehrer oder Kinderbetreuer für Heimkinder in exotische Länder geschickt werden, ohne viel vorbereitet zu werden, und bald wieder durch die nächsten Freiwilligen ersetzt werden. Freilich; ich habe keine großen Anhaltspunkte, inwiefern das auf die Freiwilligendienste zutrifft oder nicht, die sich auf der MEHR vorgestellt haben. Die Internetseite einer dieser Organisationen wirkt für mein ungeschultes Auge nicht ganz unprofessionell.

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Es war auch eine (wohl evangelikale) Organisation da, die Glaubensgrundkurse für Menschen mit muslimischem Hintergrund anbietet. Das fand ich wiederum sehr löblich und nachahmenswert.

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Es gab christliche Verlage, nett aussehende Kaffee- und Essensstände, an denen ich allerdings nichts gegessen habe, und ein paar Verkaufsstände, wo man Handschmeichler, Tassen, Türschilder oder (übrigens fair gehandelte) T-Shirts erstehen konnte. Ich habe mir mal ein T-Shirt mitgenommen. Gefiel mir. Die Tassen und Türschilder weniger.

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Manches war schon etwas überkandidelt.

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Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn die Freikirchler auf einmal Mittelalterfans werden, aber dieses Coverdesign!

Eine der größten Ausstellungsflächen gehörte Open Doors (einer Organisation, die sich weltweit gegen Christenverfolgung einsetzt), und da war nicht nur ein normaler Tisch mit Flyern, sondern auch eine Art nachgebautes Minigefängnis, wo es viertelstündliche Führungen gab – d. h. einer der Aussteller führte kleine Gruppen in diesen abgedunkelten Raum mit Gitterstäben, und zeigte dort einen Film, in dem ein iranischer Konvertit von seinem Schicksal im Gefängnis erzählte. Der ganze Stand fokussierte sich dieses Jahr auf den Iran, wo Muslime, die zum Christentum konvertieren, regelmäßig langen Gefängnisstrafen inklusive Folter und manchmal Hinrichtungen ausgesetzt sind.

Bevor man das „Gefängnis“ wieder verließ, wurde in der Gruppe für die verfolgten Christen weltweit gebetet (frei gebetet, wobei jeder, der wollte, etwas sagen konnte; sogar eins der in meiner Führung anwesenden Kinder hat ein bisschen vorgebetet); und an dieser Stelle möchte ich meine Leser bitten, das auch kurz zu tun.

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Die meisten Stände waren weniger deprimierend. Eine Ausstellungsfläche war ganz originell:

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Damit man sich daran erinnert, wer hier der König ist. Auch wenn Er bei Seiner Wiederkunft bitte einen geschmackvolleren Thron bekommen soll.

Wenn man an vielen freikirchlichen Ständen vorbeikommt, entdeckt man allerlei Kurioses, z. B. Bücher, die dazu anleiten sollen, wie man anhand der Bibel Erfolg im Geschäft hat. Ich bin ja sehr für „der Glaube soll alle Lebensbereiche durchdringen“, aber irgendwie hatte das was Naja-weiß-nicht-Mäßiges.

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Dass dem Autor und Verlag an dem ausgewählten Titel „Geschäfte mit Gott“ nichts Komisches aufgefallen ist, ist schon auffällig. Aber gut, vielleicht ist hier Humor gewollt gewesen. Hoffe ich mal. Auch wenn es mich tatsächlich interessieren würde, ein wie erfolgreiches Geschäft die mit Gott machen.

In eine entschieden andere (zu andere, dürfte man sagen) Richtung ging es am Stand des anscheinend sehr antikapitalistisch eingestellten „Bruderhofs“ (einer täuferisch inspirierten protestantischen Kommunität, die Säkularisten zweifellos sofort als Sekte betiteln würden, wobei ich mir vorstellen kann, dass sich vermutlich auch Gründe dafür finden lassen würden). Dort gab es auch eine Zeitschrift mitzunehmen (kostenlos), die ich mir gleich mal eingesteckt habe, nachdem ich gesehen habe, dass sie u. a. einen Artikel eines katholischen Mönchs aus dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz, Pater Edmund Waldstein, enthält. Und man muss sagen, dass das „Plough Publishing House“ Coverdesign kann. Allerdings bin ich noch nicht dazu gekommen, viel in der Zeitschrift zu lesen; mit einer genaueren Beurteilung muss ich also noch warten. Von David Bentley Hart, einem neuerdings aggressiv die Allerlösung predigenden Orthodoxen, erwarte ich deutlich weniger als von Pater Waldstein.

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In der Nähe dieses Standes sah man auch ein paar Frauen in etwas unförmigen langen karierten Kleidern und mit weißen, die Haare halb bedeckenden Kopftüchern. Hat mir irgendwie gefallen – besonders diese „Soll die Welt doch sagen, was sie will“-Einstellung, die das transportiert. Auch wenn ich nicht vorhabe, selber solche Kleider zu tragen.

Es gab aber nicht nur den vorherrschenden „hipper Jugendpastor“-Stil und den in jener Nische zu findenden „Puritaner“-Stil auf der MEHR, sondern auch den „Zeugen-Jehovas-Kitsch“-Stil.

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Dann doch lieber Sonnenuntergangspostkarten mit inspirierenden Sprüchen.

Soweit mal ein Best-off MEHR-Forum (nicht wirklich ein Best-off; oft habe ich einfach nicht daran gedacht, Photos zu machen). Im „MEHR-Auditorium“ derweil sah es, während zwischen den anderen Programmpunkten ruhiger Lobpreis gespielt wurde, so aus:

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Der Lobpreis war schön; da nimmt man doch mal wieder eine gewisse Dosis „Jesus liebt dich“ mit.

An den Ausgängen des MEHR-Auditoriums könnte man auch für sich beten lassen; ich habe mich allerdings nicht recht zu den Leuten hingetraut, die das in Zweierteams angeboten haben.

Ein bisschen was habe ich im MEHR-Auditorium später auch noch von einem „messianischen Juden“, Asher Intrater, mitgekriegt, der am Samstag als Redner geladen war. Von seinem letzten Workshop/Vortrag eigentlich nur, wie er Leuten beigebracht hat, ein paar Worte auf Hebräisch zu beten, um den Herrn um sein Kommen zu bitten oder so ähnlich. Wenn er nicht gerade Hebräisch sprach, sprach er Englisch, und seine Dolmetscherin musste sich ziemlich beeilen, seine Worte auf Deutsch wiederzugeben, bevor er weiterredete bzw. -schrie. Protestantische Prediger aus anderen Ländern sind wohl enthusiastischer als deutsche katholische.

(Die „messianischen Juden“ sind, knapp gesagt, eine Gruppe jüdischstämmiger Protestanten, die sich lieber „messianische Juden“ als „Christen“ nennen, noch das Gesetz des Mose halten, Judenmission betreiben, was die meisten Kirchen / kirchlichen Gemeinschaften ja leider verschämt aufgegeben haben, und trotz ihrer Bemühungen, alles, was sie antisemitisch finden, aus dem Christentum zu entfernen, bei den nichtchristlichen Juden ganz und gar nicht beliebt sind. (Ist m. E. verständlich: Eine Gegenpartei, die sich als Gegenpartei zu erkennen gibt, ist einem immer lieber als eine, die sich gibt, als wäre sie ganz auf derselben Seite wie man selbst.)

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Aber zu den messianischen Juden, zu denen ich auch ein Infoblatt mitgenommen habe, das einer meiner Internetbekannten mir gegeben hat, der es bei ihnen bekommen hatte, würde sich wohl noch ein eigener Beitrag lohnen.

Ich fand es sehr schade, dass ich nicht noch für Johannes Hartls Vortrag am späteren Abend bleiben konnte; ich habe ihn schon einmal bei einer anderen Gelegenheit live gehört und fand ihn damals sehr gut.

Zur Messe war es im MEHR-Auditorium dann richtig voll, und Weihbischof Wörner (mit ein paar Konzelebranten und mindestens dreißig oder vierzig Priestern zum Kommunionausteilen) hat sie schön feierlich gehalten und schön über den Prolog des Johannesevangeliums gepredigt.

Es war etwas seltsam, dass nach dem Einzug der Priester und Ministranten eine Frau (vom Gebetshaus?) auf der Bühne es noch für nötig hielt, den Weihbischof vorzustellen wie vor einem Vortrag; aber gut. Es hatte auch etwas Komisches, dass sich dieselbe Frau hinterher bei ihm noch für (ungefähres Zitat) „das Vorstehen des Gottesdienstes und die Predigt“ bedankte. Was allerdings sehr gut war: Es wurde (ebenfalls von ihr, glaube ich) schon im Vorfeld der Messe ausdrücklich darauf hingewiesen, nur im Gottesdienst der eigenen Konfession die Kommunion zu empfangen.

Meine Meinung zur musikalischen Gestaltung der Messe:

Feierliche Messen sind was Wunderbares. Lobpreisabende können schön sein. Aber beides vermischt passt einfach nicht recht.

Mal hat man den feierlichen, altehrwürdigen Singsang der Liturgie, dann wieder die schnellen, irgendwie schmachtenden Lobpreislieder. Lobpreismusik bringt Konzertstimmung rein; nichts dagegen einzuwenden, wieso nicht religiöse Konzerte haben. Aber eben nicht während der Messe. Was auf irritierende Weise zu dieser Konzertstimmung gepasst hat: Die Kamera, die das Geschehen auf der Bühne auf zwei Leinwände an den Seiten der Halle geworfen hat, damit alle mitbekommen, was passiert, hat sich relativ oft und relativ lang auf das Gesicht des Sängers der Lobpreisband fokussiert.

Wobei man tatsächlich sagen muss, dass die Lobpreisversionen von zwei bekannten alten Kirchenliedern (die zum Einzug und nach der Kommunion gesungen wurden; mir will allerdings partout nicht mehr einfallen, welche Lieder es waren) durchaus etwas hatten.

 

Mein Gesamtfazit:

Etwas zu evangelikal und charismatisch war es mir doch. Das Evangelikale und das Charismatische hat so etwas Adrettes und Energiegeladenes an sich, neben dem ich mich immer gleichzeitig schlampig, hausbacken, rigide und ein bisschen erschöpft fühle. Gut; so fühle ich mich auch in der Berufsschule oder in der Arbeit, also liegt es wohl nicht nur an den Evangelikalen und Charismatikern.

Trotzdem. Lobpreissänger erinnern mich manchmal zu sehr an Schlagersänger (nicht musikalisch; vom Aussehen der Band her). Da ziehe ich Orgelspieler vor.

Aber es sind nicht nur ästhetische Vorbehalte. Ich schwanke bei Veranstaltungen wie der MEHR immer zwischen der Befürchtung, dass sich Katholiken von evangelikalen Irrtümern verleiten lassen könnten, und der Hoffnung, dass Evangelikale Vorurteile gegenüber der Kirche abbauen könnten. Vermutlich passiert beides bei verschiedenen Leuten.

Und ersteres ist keine Gefahr, die man ganz ausblenden sollte. Es stimmt nun mal leider, dass man sich ziemlich leicht von den Leuten beeinflussen lassen kann (auch ungewollt und unterbewusst), mit denen man seine Zeit verbringt, ganz besonders, wenn man sie als Freunde oder zumindest Verbündete betrachtet; und wenn sich auf so einer ökumenischen Veranstaltung ganz selbstverständlich nicht ganz unproblematische Protestanten präsentieren, nehmen Katholiken, die es mit ihrem eigenen Glauben ernst meinen, aber ihn nicht so genau kennen, sicher unterschwellig einige von deren Ideen als mutmaßlich „einfach nur christlich“ auf. Außerdem ist es eben so ein Kreuz mit den ökumenischen Veranstaltungen, dass sie fast immer, sogar wenn die Veranstalter noch mal das Gegenteil sagen, unterschwellig die Botschaft vermitteln: Eigentlich kommt es ja nicht so sehr darauf an, zu welcher Kirche man gehört, Hauptsache, man ist Christ; eigentlich sind wir doch alle eins. Was leider gerade eine typisch protestantische Irrlehre und kein ökumenischer Konsens ist. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen wir uns auch zu der einen katholischen Kirche, nicht nur zu dem einen Christus, der ihr Begründer und bleibendes Haupt ist. Ich schätze, es wird auch den ein oder anderen Katholiken geben, der den Freikirchlern, die er auf solchen Wegen kennenlernt, einen feurigeren Glauben attestiert als seinesgleichen, v. a. wenn er eine schlechte Pfarrei hat, und dann rüberwechselt, eben weil er das Gefühl bekommt, dass es auf die Konfession ja nicht so sehr ankomme.

Auch von manchen Initiativen unter Evangelikalen und charismatischen Katholiken bin ich erstmal nicht über die Maßen begeistert. Einer meiner Internetbekannten hat die schon erwähnten „Jüngerschaftsschulen“ sehr gelobt und von Bekannten erzählt, die durch solche Schulen richtig gute Christen geworden seien. Da würde man die eigenen Wunden angehen, die eigene Beziehung zu Gott, den Platz im Leben, den Gott für einen gedacht hat. Das kann sein; ich will es gar nicht in Abrede stellen. Mir ist hinterher allerdings auch der Gedanke gekommen: Könnte man dasselbe Ziel nicht evtl. besser mit den langen, traditionellen Ignatianischen Exerzitien erreichen? Manchmal habe ich den Eindruck (nicht nur in diesem Bereich), heutige geistliche Bewegungen in- wie außerhalb der katholischen Kirche versuchen das Rad neu zu erfinden, nachdem irgendjemand in den 60ern entschieden hat, dass wir es nicht mehr brauchen, und sie dann festgestellt haben, dass wir es eben doch noch brauchen; aber weil keiner mehr weitergegeben hat, wie das denn früher gegangen ist mit der Herstellung, kommt irgendetwas annähernd Richtiges, aber Unausgegorenes und Unpräzises heraus. Es ist oft, als hätten wir einen ungenutzten Palast im Keller. Sicher, die Evangelikalen, von denen die Jüngerschaftsschulen kommen, hatten keine nachkonziliare Krise, aber sie sind im Grunde in einer ähnlichen Situation: Ihnen fehlt tradiertes Wissen, die Weisheit der Heiligen, jede neu gegründete Freikirche  fängt in etlichen Dingen bei Null an. Und bei uns schaut man dann noch auf die Freikirchen, weil man sowohl die Tradition der Heiligen vergisst als auch nicht so ganz den Mut hat, selber was ganz Eigenes anzufangen.

Das Schöne an der MEHR allerdings war dieses Gefühl, unter tausenden Leuten zu sein, die genauso wenig zur säkularistischen Welt passen wie man selber. Für alle war es normal, zu Jesus zu beten, Jesus für das Wichtigste im Leben zu halten, und überzeugt zu sein, dass sich nicht Gottes Offenbarung der Postmoderne anzupassen hat, sondern die Postmoderne sich Gottes Offenbarung. Das ist eine nette Abwechslung, wenn man die übrige Zeit unter Säkularisten und vom Modernismus beeinflussten Christen verbringt; selbst wenn auf der MEHR noch so einige Häretiker anderer Richtungen dabei sind.

Am Ende ist meine Einstellung zu ihr nach der MEHR wohl dieselbe wie vor der MEHR: Ich bin kein riesiger Fan von ihr, aber auch keine spezielle Gegnerin. Ich würde mir eher eine andere Sorte MEHR wünschen, aber auch so, wie sie ist, kann es sich schon mal lohnen, hinzufahren.

 

Korrekturen: Kräutler, Papst und Kasuistik

Ich wollte noch auf Korrekturen in älteren Artikeln aufmerksam machen:

Ansonsten allen frohe Weihnachten!

Christliche Kultur am Sonntag: „Eine Weihnachtsgeschichte“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Charles Dickens: „Eine Weihnachtsgeschichte“

Zweiter Advent, es geht auf Weihnachten zu, also heute ein passender Klassiker:

Der geizige Geschäftsmann Ebenezer Scrooge wird am Vorabend des Weihnachtstages vom Geist seines toten Partners Jacob Marley besucht, der Ketten trägt und ihm kundtut, dass er wegen seines schlechten Lebens jahrelang ruhelos durch die Welt wandern muss, und dass er für Scrooge seinerseits eine Warnung hat. Er kündigt ihm den Besuch dreier weiterer Geister an: dem der vergangenen, dem der gegenwärtigen und dem der zukünftigen Weihnacht. Die Geister kommen und führen Scrooge zu Szenen aus seinem vergangenen Leben, aus dem Weihnachtsfest anderer Menschen und dem Weihnachtsfest in zukünftigen Jahren.

(Scrooge und Marleys Geist. Gemeinfrei.)

Dickens‘ Buch ist sehr schön, wirklich schön geschrieben, nicht allzu lang und geeignet für ältere Kinder und Erwachsene; vielleicht ein Buch zum Vorlesen in den Weihnachtsferien. Den Text gibt es auch online in einer älteren deutschen Übersetzung und auf Englisch für alle, die ein bisschen hineinlesen wollen.

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(Der berühmte Beginn des 1. Kapitels.)

Es gibt etliche Verfilmungen, die zwar nicht so gut wie das Buch sind, aber oft trotzdem nicht schlecht: ich kenne z. B. Disney’s Animationsfilm von 2009 oder „Eine Weihnachtsgeschichte“ von 1984.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 8: Selbst-, Nächsten-, Feindesliebe und Vergebung: einige Grundsätze

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Bis jetzt ging es in dieser Reihe um das direkte Verhältnis zu Gott (wobei teilweise auch die Kirche eine Mittlerrolle spielt); also das, was die erste Tafel der 10 Gebote anbelangt. Auf der zweiten Tafel des Dekalogs (4.-10. Gebot) geht es um das Verhältnis zu Gottes Geschöpfen.

Jesus fasst das gesamte Sittengesetz bekanntlich so zusammen:

„Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,35-40)

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit ist nicht gemeint: Du sollst deinen Nächsten genauso behandeln, wie du dich selbst behandelst (man kann sich auch selbst mit Hass oder Verachtung behandeln), sondern: Du sollst sowohl deinem Nächsten als auch dir selbst Gutes wollen, du sollst deinem Nächsten Gutes wollen, wie du natürlicherweise dir selbst Gutes willst. Ich habe hier schon mal einiges dazu gesagt, was diese Liebe, die eben nicht gefühlsmäßige Sympathie sein muss, sondern ein grundsätzliches Wollen des Guten für den anderen, eine grundsätzliche Bejahung seiner Existenz, bedeutet – auf Latein würde man sagen: caritas, nicht amor.

Eigentlich fallen alle Gebote – Du sollst nicht morden, Du sollst nicht stehlen, usw. – unter die Liebe (Caritas), aber in diesem Artikel kommen jetzt eher Überlegungen zu praktischen Konsequenzen, die generell zur Liebe gehören (und dabei z. T. über die bloße Gerechtigkeit, die einen großen Teilbereich der Liebe umfasst, hinausgehen, und unter den Teilbereich Barmherzigkeit fallen) und schwer unter genau einem der 10 Gebote eingeordnet werden können.

Fr. Austin Fagothey SJ schreibt in der 1959 erschienenen zweiten Ausgabe seines Moraltheologiehandbuchs über die Liebe: „Sie schließt Milde, Güte, Wohlwollen, Freundlichkeit, Nachbarschaftlichkeit, Rücksichtnahme und Selbstlosigkeit ein, hat aber eine umfassenderen Reichweite als all diese. Die Gerechtigkeit und die Liebe werden einander oft gegenübergesetzt, aber sie entspringen aus derselben Wurzel. Die Gerechtigkeit ist die Liebe, die auf die absoluten Ansprüche der grundlegenden menschlichen Gleichheit beschränkt ist; die Liebe ist die Gerechtigkeit, die zur vollen Bandbreite der Würde der menschlichen Person ausgedehnt ist. […] Die Liebe erlegt Pflichten auf, die ebenso ernst und wichtig wie die nach der Gerechtigkeit sein können, aber von anderer Art. Da Rechte und Pflichten einander entsprechen, verleiht die Liebe sozusagen Rechte oder Ansprüche, aber sie sind von nicht erzwingbarer oder nicht juridischer Art. Verletzungen der Liebe sind moralische Verfehlungen oder Sünden, aber keine rechtlichen Verfehlungen oder Verbrechen. Sie enthalten keine Verletzung im technischen Sinn und verlangen keine Entschädigung oder Strafe in diesem Leben.“*

Die Fragen, um die es hier gehen soll, sind v. a.:

  • Was bedeutet Selbstliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Was bedeuten Vergebung und Feindesliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Wann ist man aufgrund der Nächstenliebe verpflichtet, jemandem zu helfen / wann ist es eine schwere oder eine lässliche Sünde, das nicht zu tun?

Dann werden auch noch zwei Beispiele für leibliche und geistliche Werke der Nächstenliebe angesprochen, nämlich das Spenden (Almosengeben nach der früheren Terminologie), und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna).

Geistliche Sünden gegen die Nächstenliebe wären es auch, irgendjemandem Anlass zu einer Sünde zu geben (z. B. durch „Ärgernis“, der alte Fachbegriff dafür, jemanden durch ein schlechtes Beispiel dazu zu bringen, eine Sünde für gut zu halten), ihn zu einer Sünde zu verführen, dabei mitzuwirken etc.; aber darum soll es später in einem gesonderten Artikel zur Mitschuld an fremden Sünden gehen. Es kann ja eine ernstzunehmende Schuld sein, wirklich an der Schädigung oder sogar dem Tod der Seele eines anderen mitzuwirken, auch wenn derjenige selber immer noch schuld an seiner Sünde und letztlich selbst verantwortlich ist, und manche entfernten, indirekten Mitwirkungen nicht vermieden werden können.

 

Die Liebe jedenfalls heißt also grundsätzlich: jemandem Gutes wollen. Und dieses Wollen muss irgendwie, sofern man dazu fähig ist, auch in gewisse Taten umgesetzt werden.

Es gibt ja im Neuen Testament den Satz Wer also das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt (Jak 4,17), der einer dieser Sätze ist, die für viele Skrupel sorgen können. Nun ist es natürlich so, dass man immer noch mehr und noch mehr Gutes tun könnte, oder dass man statt eines Guten etwas noch Besseres hätte tun können, usw. usf., was niemand tut; dementsprechend müsste jeder die ganze Zeit über sündigen. Das ist hier natürlich nicht gemeint. Es geht um dasjenige Gute, zu dem man an sich durch die Liebe verpflichtet ist. Wenn man dazu auch fähig ist, es aber nicht tut, sündigt man.

Es gibt ein gewisses Mindestmaß an positivem Interesse für Gott, den Nächsten und einen selbst, das da sein muss, damit die Liebe in einem sein kann. Ein Verstoß dagegen durch Hass (schaden wollen um des Schadens willen) auf der einen, oder Desinteresse auf der anderen Seite, verstößt erst lässlich und dann, wenn es ein wichtiger Verstoß ist, schwerwiegend gegen die Liebe.

Etwas, das z. B. immer gegen die Nächsten- bzw. Feindesliebe verstößt, ist, jemandem die ewige Verdammnis, also die ewige Entfernung von Gott, zu wünschen. Was nicht immer dagegen verstößt, ist, jemandem eine zeitliche Strafe (z. B. irdisches Gefängnis oder auch das Fegefeuer) zu wünschen (sofern er das verdient hat, natürlich). Es verstößt ganz und gar nicht gegen die Pflicht zur Feindesliebe und Vergebung, einen Verbrecher anzuzeigen; im Gegenteil, das ist oft gut und kann zur Wiedergutmachung des Schadens, zum Schutz anderer vor ihm usw. führen. Auch Gefühle der Abneigung verstoßen an sich nicht gegen die Nächstenliebe. Was aber gegen sie verstößt ist: Abneigung in sich heranzüchten, sich in seine Wut auf jemanden hineinsteigern, jemanden über das hinaus, was er verdient, bestraft sehen wollen, nicht zur Verzeihung bereit sein. Fr. Fagothey schreibt wiederum:

„Das Laster, das der Liebe direkt entgegensteht, ist der Hass. Er ist kein vorübergehender Anfall von Zorn, wie stark auch immer, noch ist er die bloße Abneigung gegen eine Person. Manche Leute machen uns natürlicherweise kirre und wir können uns nicht helfen, von ihnen abgestoßen zu sein; dieses Gefühl ist unfreiwillig und wir sind nicht dafür verantwortlich. Es ist nichts Falsches dabei, solche Personen zu meiden, solange wir ihnen nicht das Gefühl geben, verachtet zu werden. Hass bedeutet, dass wir mit willentlicher Bosheit andere verletzen oder ihnen Übel wünschen oder uns über ein Übel freuen, das sie befallen hat. […]

Ist der Hass so böse, dass wir nicht einmal unsere Feinde hassen dürfen? Das natürliche Sittengesetz steigt nicht zu solcher Höhe auf, dass es uns verpflichtet, unsere Feinde in dem Sinn zu lieben, dass wir ihnen positiv gute Taten erweisen müssten, aber es verbietet uns tatsächlich, sie zu hassen. […] Daher ist die fortwährende Verweigerung der Vergebung falsch. Die emotionalen Schwierigkeiten, die im Prozess der Vergebung überwunden werden müssen, können unüberwindlich scheinen, aber dies ist keine Frage der Emotionen, sondern des Willens.

Wenn jemand, der uns verletzt hat, damit ein Verbrechen begangen hat, haben wir gemäß der Gerechtigkeit das Recht, ihn den öffentlichen Autoritäten zur Strafe zu überantworten, und wir können sogar die Pflicht dazu haben, wenn er sonst seine Verbrecherkarriere gegen das Gemeinwohl fortsetzen würde. Die Sicherung der Gerechtigkeit ist etwas ganz anderes als persönlicher Hass und privates Suchen nach Rache. Wir haben auch das Recht, aber nicht die Pflicht, Wiedergutmachung für uns selbst zu fordern, denn das steht uns gemäß der Gerechtigkeit zu, aber wir haben nicht das Recht, ihm für immer die Vergebung zu verweigern, die ihm gemäß der Liebe zusteht.“**

Vergebung ist also eine Sache des Willens, und man kann jemandem vergeben, auch wenn man es noch nicht schafft, alle Gefühle des Hasses gegen ihn loszuwerden. Diese Vergebung ist immer verpflichtend; wir beten zu Gott: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

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(Die Bergpredigt Jesu, Mosaik an der Fassade der Altenburger Brüderkirche. Gemeinfrei.)

Außerdem ist bei der Nächstenliebe – wie immer – zu bedenken: Wenn es um positive Pflichten (=Pflichten, etwas zu tun (im Unterschied zu Pflichten, etwas zu unterlassen)) geht, greifen sie immer nur, wenn ihre Erfüllung physisch und moralisch möglich ist. („Moralisch unmöglich“ heißt so etwas wie „praktisch unzumutbar“. Z. B. kann für jemanden, der an einer Depression leidet, etwas, das physisch für ihn möglich wäre, trotzdem unzumutbar sein.) Je schwerer es wäre, sie zu erfüllen, desto weniger binden sie, und desto weniger schwer sind Verstöße dagegen. Wenn jemand seine Pflichten ganz leicht hätte erfüllen können, ist ein Verstoß natürlich schwerer als bei jemandem, dem es einiges zugemutet hätte. Außerdem gibt es Pflichten, die weniger dringend sind, und solche, die dringender sind; z. B. kann man leichter davon entschuldigt werden, an einem Tag, an dem man krank ist, in der Arbeit zu erscheinen, als davon, sein Neugeborenes mit Nahrung zu versorgen; solange man nicht gerade im Koma liegt o. Ä., muss man letzteres immer tun; bei ersterem genügt eine Erkältung, um davon entschuldigt zu sein.

Es gibt auch eine Art Ordnung in der Liebe. Ebenfalls in der Bibel, in den Paulusbriefen, heißt es: Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen! (Gal 6,10) und Wenn aber jemand für seine Angehörigen, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger. (1 Tim 5,8).

Den einem persönlich nahestehenden Menschen ist man zuerst verpflichtet; der Familie, dann den Freunden, entfernteren Verwandten, Nachbarn, tatsächlich auch den Mitkatholiken („Glaubensgenossen“) und dem eigenen Land etwas mehr als der gesamten Menschheit. Was nicht heißt, dass man keine Pflichten gegenüber jedem Angehörigen der gesamten Menschheit hätte (wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, kann auch ein ganz Fremder, der in Not ist, zum Nächsten werden, dem man helfen muss), aber gegenüber den Näherstehenden hat man mehr Pflichten.

Noch ein fundamental wichtiger Punkt: Die Liebe rechtfertigt es nie, für den Nächsten eine Sünde zu begehen. Freilich sind manche Dinge, die es für gewöhnlich sind, in Notsituationen keine Sünden (z. B. für seine hungrigen Kinder Essen zu stehlen; jemanden zu verletzen oder zu töten, der einen Mord oder eine Vergewaltigung begehen will, um ihn unschädlich zu machen), aber andere Dinge sind nie erlaubt (z. B. sich zu prostituieren, um für seine hungrigen Kinder Essen zu haben; zu lügen, um jemandes Geheimnisse zu schützen); dementsprechend darf auch niemanden ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, weil er diese Dinge nicht zu tun bereit ist; man ist nie dafür verantwortlich, was passiert, wenn man etwas Schlechtes nicht tut, auch nicht dafür, was andere, die einen erpressen wollen, dann tun.

Gott trägt die Gesamtverantwortung für die Welt und wir sind nur dafür verantwortlich, unseren uns zugewiesenen Teil zu tun. Wenn wir dann das Gute tun und das Böse lassen, wird Er es insgesamt zum Guten führen; und am Ende wird es auch dem anderen, dem man helfen will, nichts geholfen haben, dass man für ihn gesündigt hat. Man weiß nie, was gewesen wäre, wenn man es nicht getan hätte; man kennt Gottes Gründe hinter dem zugewiesenen Schicksal nicht. Die Gottesliebe und das Vertrauen auf Gott verlangen es, Gott zu gehorchen.

 

Ich würde jetzt wieder einmal einige Passagen aus Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“ von 1930 (wie immer rückübersetzt aus der französischen Übersetzung von 1935) zu allen diesen Themen zitieren.*** Wie immer zu beachten: Er redet hier meistens nicht davon, was das Beste, Idealste wäre, sondern davon, was unter Sünde verpflichtend ist.

Zur Selbstliebe schreibt er:

I. Die Notwendigkeit der Selbstliebe resultiert aus dem Gebot selbst: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ (Mt 22,39)

Außerdem resultiert die Notwendigkeit der Selbstliebe aus der Tatsache, dass, wer Gott liebt, natürlicherweise auch alles liebt, was Gott liebt, alles, was Gott angehört, und alles, was die göttlichen Vollkommenheiten widerspiegelt.

II. Man praktiziert die Selbstliebe, indem man zusieht, sich die übernatürlichen Güter zu verschaffen, die geistlichen Güter, danach die Güter, die zum Erhalt unseres zeitlichen Lebens notwendig sind, und sogar die äußerlichen Güter.

Dabei ist es nicht nötig, immer aus dem Motiv der theologischen [übernatürlichen] Caritas zu handeln, weil die natürliche Tugend der Selbstliebe auch ihren moralischen Wert hat.

III. Die Sünden gegen die Selbstliebe werden begangen durch den Egoismus und durch den Selbsthass.

Man sündigt durch Egoismus, wenn man z. B. sein eigenes Wohl der Ehre Gottes oder dem Gemeinwohl vorzieht; durch Selbsthass, wenn man nicht auf vernünftige Weise für seinen Körper oder seine Seele sorgt. Genau genommen ist jede Sünde auch eine Sünde gegen die Selbstliebe, aber weil sich das von selbst versteht, ist es nicht nötig, sich dessen [in der Beichte] im Speziellen anzuklagen.“

Wenn Jone sagt, dass der Egoismus gegen die Selbstliebe verstößt, was erst einmal seltsam klingt (man würde vielleicht meinen, dass er nur gegen die Nächstenliebe verstöße), dann meint er, dass die Selbstliebe hier ungeordnet und übermäßig wird, was eben gegen die richtige, gesunde Selbstliebe verstößt.

Es geht bei der Selbstliebe um die vernünftige Sorge für den eigenen Körper und die eigene Seele. Nicht jede kleine Vernachlässigung z. B. der eigenen Gesundheit durch ungesundes Essen ist schon eine Sünde gegen die Selbstliebe; sein Leben oder schwere Gesundheitsschäden grundlos zu riskieren ist aber definitiv eine; aber dazu dann ausführlicher beim 5. Gebot, wo es um Leben, Sicherheit, Gesundheit geht. Natürlich ist es erlaubt und sogar gut, um Gottes und des Nächsten willen manche persönlichen Schaden in kauf zu nehmen; manche Dinge darf man aber auch sich selbst nicht antun, um anderen zu nutzen (eindeutigstes Beispiel: man darf nicht Selbstmord begehen, weil man sich für eine Last für seine Angehörigen hält). So viel Liebe ist man sich schuldig. Was zu tun in sich schlecht ist, darf man auch sich selbst nicht antun.

Es verstößt auch gegen die Selbstliebe, der eigenen Seele zu schaden, indem man sich z. B. grundlos der näheren Gefahr der schweren Sünde (also Situationen, in denen man damit rechnen muss, dass man wohl eine schwere Sünde begehen wird) aussetzt; aber dazu auch in einem eigenen Beitrag zu Gelegenheiten zur Sünde.

Zur Nächsten- und zur Feindesliebe sagt Jone folgendes:

I. Die Pflicht der Liebe zum Nächsten.

1. Generell ist man verpflichtet, um Gottes willen alle Geschöpfe zu lieben, die an der ewigen Seligkeit teilhaben können.

[…]

Die moralische Tugend der Nächstenliebe ist auch gut; sie besteht darin, den Nächsten zu lieben, weil er etwas Schätzenswertes an sich hat.

2. Im Speziellen erstreckt sich die Pflicht der Nächstenliebe auch auf die Feinde.

a) Die Verzeihung ist infolgedessen eine Pflicht, auch wenn der Feind sie nicht erbittet.

Feindseligkeit, Hass, Wunsch nach Rache, Verwünschen sind schwere Sünden, wenn es sich um bedeutende Angelegenheiten handelt. – Man darf mit diesen Sünden weder die natürliche Antipathie verwechseln noch die Unzufriedenheit oder die Abneigung, die von einem bösartigen oder verletzenden Vorgehen oder auch den Dispositionen des Nächsten verursacht wird. – Verwünschungen sind keine schweren Sünden, wenn man (z. B. infolge von Empörung) bei ihnen keine ausreichende Überlegtheit aufbringt, oder wenn man nicht im Ernst spricht, oder wenn es sich nur um ein geringes Übel handelt [das man dem anderen wünscht]. Im Interesse des Nächsten selbst oder eines entsprechend großen Gutes kann man dem Nächsten ein Übel und sogar den Tod wünschen, z. B.: auf dass ein leichtfertiger junger Mann sich nicht vom Bösen fortreißen lässt, das ihn seine ewige Seligkeit aufs Spiel setzen lassen würde, oder auch, auf dass ein Familienvater nicht sein ganzes Geld für den Alkohol verschwendet.

Der Beleidiger ist gehalten, denjenigen um Verzeihung zu bitten, den er verletzt hat. Wenn zwei Personen einander gegenseitig verletzt haben, liegt die Pflicht, zuerst um Verzeihung zu bitten, bei dem, der zuerst oder eine schwerere Verletzung zugefügt hat. Aber das Beste ist, wenn beide diesen Schritt machen. – Es ist nicht nötig, dass die Bitte um Verzeihung auf explizite Weise geschieht. Oft wird sie sich genausogut durch eine besondere Geste der Sympathie kundtun, durch das Entbieten eines Grußes etc…

Der Beleidigte ist gehalten, sich zu bemühen, die Versöhnung herbeizuführen, wenn sein Gegner andernfalls in der schweren Sünde bleibt oder Ärgernis daraus entstehen muss.

b) Es braucht auch eine äußere Manifestation des Verzeihens, die dadurch geschieht, dass man die üblichen Zeichen der Freundlichkeit entgegenbringt.

[…] Wenn der andere nicht auf diese allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit eingeht, z. B. nicht auf den Gruß antwortet, ist man nicht mehr verpflichtet, sie ihm als erster entgegenzubringen.

α) Es ist eine schwere Sünde, die allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit zu verweigern, wenn das aus Hass geschieht oder der, dem man diese Zeichen verweigert, davon bedrückt ist, oder auch, wenn daraus ein schweres Ärgernis entsteht.

Sich vom Weg des Gegners fernzuhalten, um nicht unnötig in Zorn zu geraten, ist keine Sünde, wenn daraus kein Ärgernis oder Kümmernis für den Nächsten entsteht. Wenn zwei Nachbarn, zwei Brüder oder zwei Schwestern wegen einer leichten Unstimmigkeit eine gewisse Zeit nicht miteinander reden oder einander nicht grüßen, besteht keine schwere Sünde.

β) Das Verweigern der allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit kann erlaubt sein, wenn es ein ausreichendes Motiv gibt und kein Ärgernis entsteht.

Solche Motive sind: die Besserung oder gerechte Bestrafung des Beleidigers, ferner der Wunsch, zu zeigen, wie sehr sein schlechtes Verhalten einen verletzt hat.

c) Man ist nicht verpflichtet, auf die Genugtuung und die Wiedergutmachung des Schadens zu verzichten.

Dementsprechend kann man eine gerichtliche Klage einreichen, auch wenn der Beleidiger um Verzeihung gebeten hat, aber man darf es nicht aus Hass tun. – Dementsprechend muss man auf die Genugtuung verzichten, wenn der Schaden unbedeutend ist, wenn, um ihn wiedergutzumachen, der Beleidiger einen schweren und unverhältnismäßigen Schaden leiden müsste.

d) Besondere Zeichen der Zuneigung werden von der Feindesliebe nicht verlangt, selbst wenn man sie zuvor gegenseitig ausgetauscht hat. – In Ausnahmefällen kann man aber aus anderen Gründen dazu gehalten sein.

Das geschieht, wenn die Verweigerung dieser Zeichen der Zuneigung Ärgernis entstehen lassen würde, oder wenn, indem man sie austauscht, man den anderen dazu führt, seine Einstellung zu ändern. Man ist allerdings nicht verpflichtet, dafür ein großes Opfer zu bringen.

II. Die Ordnung, der wir in der Liebe zum Nächsten folgen müssen, wird bestimmt durch die Not des Nächsten und unser Verhältnis zu ihm.

1. Die Not des Nächsten kann geistlich oder zeitlich sein, beide können sein: extrem, schwerwiegend oder leicht.

Jemand befindet sich in extremer Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen gar nicht oder nur sehr schwer dem ewigen oder zeitlichen Tod entrinnen kann. Es ist fast dasselbe bei jemandem, der an dem Punkt ist, in eine extreme Gefahr zu geraten, oder der, ohne die Hilfe des anderen, einem schweren und lang andauernden Übel nicht entkommen kann, z. B.: einer harten Gefangenschaft, dem Verlust seiner Güter, seiner Stellung. [Hier spricht Jone natürlich aus Sicht einer Zeit, in der letzteres noch sehr viel gravierendere Folgen hatte als heute; heute ist Arbeitslosigkeit sicher kein extremes Übel mehr.]

Jemand befindet sich in schwerwiegender Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen nur schwer der ewigen Verdammnis entgehen kann; wenn er schwerwiegende zeitliche Probleme erlebt, die aber nicht lange andauern oder nicht exzessiv schwerwiegend sind.

Jemand ist in leichter Not, wenn er von einem wenig wichtigen Übel bedroht ist oder von einem schwerwiegenden Übel, dem er aber leicht entkommen kann.

a) In extremer geistlicher Not muss man dem Nächsten selbst bei Gefahr des eigenen Lebens zu Hilfe kommen.

Man ist allerdings nur in den folgenden Fällen verpflichtet, sein Leben aufs Spiel zu setzen: wenn man die sichere Hoffnung hat, den nächsten mit diesem Beistand zu retten, wenn es niemand anderen gibt, der helfen kann und will, und zuletzt, wenn man, indem man ihm zu Hilfe kommt, nicht mehrere andere Personen der ewigen Verdammnis aussetzt. – Das ist der Grund, aus dem man in der Praxis eine Mutter nicht verpflichten kann, sich einer Kaiserschnittoperation zu unterziehen, um die gültige Taufe des Kindes sicherzustellen [gemeint ist: wenn das Kind eine Geburt auf natürlichem Wege nicht überleben würde; damals waren Kaiserschnitte noch viel gefährlicher als heute], und zwar aus den folgenden Gründen: es ist wahrscheinlich, dass die Taufe im Mutterschoß gültig ist, es ist nicht sicher, dass das Kind lebendig zur Welt käme, noch, dass es gerettet würde, wenn es im Erwachsenenalter stürbe. – Eine Todsünde oder auch nur eine lässliche Sünde zu begehen, um jemanden zu retten, ist nie erlaubt, da das Wohlgefallen Gottes über allem stehen muss.

b) In extremer zeitlicher Not ist man verpflichtet, dem Nächsten zu helfen, selbst zum Preis eines großen persönlichen Nachteils, aber nicht unter Lebensgefahr, wenigstens, wenn man dazu durch seine Stellung verpflichtet ist oder das Gemeinwohl die Rettung derer, die in Gefahr sind, erfordert.

[…] Es ist erlaubt und verdienstvoll, aus einem übernatürlichen Motiv heraus sein Leben aufs Spiel zu setzen, um das des Nächsten zu retten.

c) In schwerwiegender geistlicher oder zeitlicher Not muss man helfen, soweit man es ohne große Beschwerlichkeiten tun kann; man ist nur dann verpflichtet, es trotz großer Beschwerlichkeiten zu tun, wenn man wegen seiner Standespflichten, durch die Gerechtigkeit oder durch die familiäre Liebe dazu gehalten ist.

Das ist der Grund, aus dem z. B. ein Pfarrer verpflichtet ist, auch zum Preis großer Beschwerlichkeiten, seinen Pfarrkindern die Hilfe seines Dienstes zukommen zu lassen, wenn diese es sonst schwer hätten, ihr Heil zu erwirken.

d) Bei gewöhnlichem geistlichen oder zeitlichen Bedarf ist man nicht verpflichtet, jedem unserer Mitmenschen im Einzelnen zu Hilfe zu kommen.

Man darf allerdings nicht in der Einstellung sein, niemals jemandem in diesem Fall zu Hilfe zu kommen; man muss im Gegenteil oft anderen helfen, wenn man es ohne größere Schwierigkeiten kann. Man darf sogar, im geistlichen oder zeitlichen Interesse des Nächsten, große geistliche Güter aufgeben, die nicht notwendig sind, um die ewige Seligkeit zu erlangen, z. B.: seinen Eintritt ins Kloster aufschieben, auf den Verdienst aller seiner guten Werke zugunsten der Seelen im Fegefeuer verzichten, sich der entfernten Gefahr der Sünde aussetzen.

2. Unsere Beziehungen zum Nächsten verpflichten uns, bei gleicher Not, zuerst denen zu helfen, die uns am nächsten stehen.

[…] Die Ordnung, der zu folgen ist, ist dementsprechend die folgende: Der Ehemann oder die Ehefrau, die Kinder, der Vater und die Mutter, die Brüder und Schwestern, die anderen Vorfahren [Großeltern etc.], die Freunde etc… In extremer Not muss man den Vater und die Mutter allen anderen vorziehen, da wir ihnen unsere Existenz verdanken.“

Wenn er hier die Ehepartner vor den Kindern nennt, klingt das vielleicht kontraintuitiv macht aber letztlich Sinn; Ehepartner bleiben z. B. eng aneinander gebunden, wenn ihre erwachsenen Kinder schon ausgezogen sind. Ein großer Unterschied in der Nähe besteht hier aber freilich nicht; beides ist die engste Familie.

Dann schreibt Jone noch etwas über zwei Werke der Nächstenliebe; das Almosengeben, worunter er offensichtlich mehr Hilfe fasst, die beim zeitlichen Leben hilft als nur die normalen Geldspenden, also z. B. auch den kostenlosen Beistand eines Arztes oder Anwalts für jemanden in Not, und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna), mit der gemeint ist, jemand anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er etwas Falsches tut oder getan hat (also z. B. so etwas wie „Mit dem, was du gesagt hast, hast du sie wirklich verletzt“, oder „Du hättest dieses Gerücht über ihn nicht verbreiten dürfen“). Zu den geistlichen Werken der Barmherzigkeit gehört es ja, „die Unwissenden zu lehren“, „die Zweifelnden zu beraten“ und „die Sünder zurechtzuweisen“; die correctio fraterna kann jemandes Seele nützen und auch anderen zeigen, was das Richtige und das Falsche ist, die ihn sonst nachahmen könnten; freilich sollte man es mit ihr auch nicht übertreiben (und, wie Jone schreibt, sollten gerade Skrupulanten sich lieber nicht mit ihr befassen).

Beim Almosen erwähnt Jone hier ab und zu den Begriff „standesgemäßes Leben“; das klingt heute seltsam, hat aber seinen Sinn; man könnte sagen, es umfasst das, was in der Wirtschaftslehre als „Kulturbedürfnisse“ im Unterschied zu „Existenzbedürfnissen“ und „Luxusbedürfnissen“ bezeichnet wird. Hier ist ein Leben gemeint, bei dem man in der Gesellschaft, zu der man gehört, in seiner jeweiligen Position dazugehören und bequem leben kann. Was genau dazu zählt, ändert sich auch; z. B. ist es heute in Deutschland normal, sich Kühlschrank und Waschmaschine leisten zu können und die wenigsten schaffen es, ohne zurechtzukommen, also würde die Kühlschrankreparatur eindeutig unter das „standesgemäße Leben“ fallen. Das „standesgemäße Leben“ ändert sich auch wirklich mit dem „Stand“; z. B. wird von der Queen nun mal einfach etwas anderes erwartet als von ihren Putzfrauen; und diese Unterschiede sind okay so, jedenfalls sicherlich, solange alle genug haben.

Auch zum Thema Almosen zu beachten ist, dass heutzutage in vielen Staaten schon größere Teile der Steuergelder sozialen Zwecken zugutekommen, für die früher Spenden nötig  waren.

Jone schreibt also, wobei er zunächst vor allem von Situationen spricht, in denen man den Hilfe benötigenden Nächsten persönlich kennt:

„Unter den verschiedenen Werken der Nächstenliebe betrachten wir hier vor allem: das Almosen und die brüderliche Zurechtweisung.

 

I. Das Almosen. 1. In extremer Not ist man verpflichtet, unter schwerer Sünde, dem Nächsten zu helfen, selbst unter Opferung der Güter, die nötig sind, um ein standesgemäßes Leben zu führen.

Wir sind nicht verpflichtet, das zu opfern, was für unseren Unterhalt und den der Personen, für die wir verantwortlich sind, nötig ist.

a) Es ist nicht nötig, eine größere Hilfe zu gewähren, als die Linderung der Not verlangt. […]

b) Was man nicht verpflichtet wäre, zu tun, um sein eigenes Leben zu retten, ist man nicht verpflichtet, zu tun, um das des anderen zu retten.

[…]

2. In schwerwiegender Not ist man verpflichtet, dem Armen so weit zu helfen, wie man es kann, ohne das aufzugeben, was notwendig ist, um ein standesgemäßes Leben zu führen. Diese Pflicht ist für gewöhnlich eine schwerwiegende Pflicht.

Im Fall dass ein Armer in dieser Not leicht anderswo Hilfe finden könnte, wäre man nicht unter der schwerwiegenden Verpflichtung, ihm persönlich zu Hilfe zu kommen. […] Wer keinen Überfluss besitzt, aber trotzdem behaglich lebt, sündigt lässlich, wenn er nicht einmal ein kleines Opfer akzeptieren will, um einem Armen in schwerwiegender Not zu helfen.

3. Bei gewöhnlicher Not muss man, auf generelle Weise, den Armen aus seinem Überfluss helfen, und das, nach der Meinung der meisten Autoren, nur unter lässlicher Sünde.

[…] Wer jedes Jahr 2% aus seinem Überfluss dafür aufwendet, erfüllt seine Pflicht, in Bezug auf diese Armen. Es sind auch die der lässlichen Sünde schuldig, die nur das Genügende besitzen und nie etwas für die Armen tun.

Bemerkung: Da in unseren Tagen oft eine große Not herrscht, ob in unserer unmittelbaren Umgebung oder in fremden Ländern, und es durch die modernen Organisationen leicht ist, diesen Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen, ist man gehalten, jedes Jahr mehr als 2% aus seinem Überfluss den Armen zu geben. Es ist allerdings nicht nötig, alles abzugeben, was man entbehren kann, wenn ganze Regionen, z. B. in China oder Indien, sich in extremer Bedürftigkeit befinden. Selbst wenn eine Person allein ihr ganzes Vermögen gäbe, wäre eine solche allgemeine Not nicht behoben; aber wenn jedermann seine Pflicht erfüllen würde, wäre es normalerweise relativ einfach, ihr abzuhelfen. Aber man muss ausdrücklich bemerken, dass man hier nur die äußerste Grenze der Sünde anzeigt. Ein wahrer Christ wird sicherlich ein größeres Almosen geben, selbst im Fall der gewöhnlichen Bedürftigkeit.“

Lazarus-and-the-rich-man-Bronnikov

(Fyodor Bronnikov, Das Gleichnis von Lazarus und dem Reichen. Gemeinfrei.)

„II. Die brüderliche Zurechtweisung. 1. Es gibt die schwerwiegende Pflicht, den Nächsten von der Sünde abzuziehen oder ihn aus der nächsten Gefahr zur Sünde zu entfernen, wenn alle folgenden Vorbedingungen erfüllt sind.

a) Der Nächste befindet sich in einer wirklichen geistlichen Not.

Diese Not existiert, wenn die Sünde oder der Wille zur Sünde nicht angezweifelt werden kann; sodann, wenn der Nächste sich ohne die brüderliche Zurechtweisung nicht bessern wird; zuletzt, wenn niemand anderes, zumindest niemand Kompetentes, diese Zurechtweisung unternimmt.

Wenn Sünden, die aus unüberwindlicher Unwissenheit begangen werden, keinen Schaden verursachen, gibt es keine Pflicht der Nächstenliebe, jemanden z. B. auf eine Abstinenz- oder Fastenvorschrift aufmerksam zu machen. Im Gegensatz dazu, wenn eine selbst nur materielle Sünde Schaden verursacht, entweder für den Sünder selbst (Sünden gegen das sechste Gebot), für einen Dritten (z. B.: Unterlassung eines Schadensersatzes, Ärgernis), verpflichtet uns die Nächstenliebe, darauf hinzuweisen, selbst wenn der Sünder sich in unüberwindlicher Unwissenheit befindet. – Selbst in den Fällen, in denen man nicht durch die Pflicht zur Nächstenliebe gehalten ist, darauf hinzuweisen, kann man, unter lässlicher Sünde, verpflichtet sein, in Anbetracht der Ehre Gottes darauf hinzuweisen (z. B.: um eine Gotteslästerung zu vermeiden). Im übrigen sind viele Leute aufgrund ihrer Verantwortung oder durch die familiäre Liebe verpflichtet, andere anzuleiten.

b) Die geistliche Not ist groß.

Die Not existiert immer, wenn es sich um eine Todsünde handelt. Im Ausnahmefall kann ein Oberer die schwerwiegende Pflicht haben, gegen die [nicht schwer sündigen] Verfehlungen seiner Untergebenen einzuschreiten, z. B. wenn diese Verfehlungen die Ordensdisziplin gefährden.

c) Man hat die fundierte Hoffnung, den Nächsten sich bessern zu sehen.

Dementsprechend existiert diese Pflicht für gewöhnlich nicht gegenüber Unbekannten. Skrupulanten tun gut, sich nicht um die brüderliche Zurechtweisung zu kümmern, da sie absolut keine Kompetenz dafür haben. Man kann die brüderliche Zurechtweisung aufschieben, wenn die Chance besteht, dass sie später effektiver sein wird.

Wenn es keine Hoffnung auf Besserung gibt, muss man die brüderliche Zurechtweisung nur üben, wenn ihre Unterlassung Ärgernis verursachen würde.

d) Die Zurechtweisung lässt sich ohne schweren persönlichen Schaden bewerkstelligen.

Wer aus einem Übermaß an Schüchternheit die Zurechtweisung unterlässt, begeht für gewöhnlich keine schwere Sünde. – Die Bischöfe, die Pfarrer, etc…. kraft ihres Amtes, die Eltern kraft der familiären Pflichten, sind gehalten, die Zurechtweisung selbst unter großem persönlichen Nachteil zu üben. – Desgleichen können Privatpersonen verpflichtet sein, auf die Zurechtweisung zurückzugreifen, wenn ihre Unterlassung dem Gemeinwohl schaden würde, z. B. wenn ein korrumpierter Schüler eine ganze Anstalt verderben könnte, oder ein Priester, der sich zum Versucher macht, den Gläubigen einen großen Schaden verursacht.

2. Die Weise, auf die die brüderliche Zurechtweisung geschehen soll. Sie kann durch Worte geschehen, einen Blick, oft auch dadurch, das Gespräch anderswohin zu lenken oder jemandem seine Mitwirkung zu verweigern.

3. Die bei der Zurechtweisung zu folgende Ordnung ist die folgende: Zuallererst zeigt man seine Meinung dem Einzelnen, dann tut man es vor ein oder zwei anderen Personen; wenn dieses zweite Mittel auch scheitert, informiert man die Oberen.

Eine sofortige Anzeige ist erlaubt, wenn die Sünde öffentlich ist, oder an dem Punkt, es zu werden, wenn das Gemeinwohl oder das Wohl eines Dritten eine sofortige Anzeige erfordert, wenn es einen großen Schaden verursachen würde, jemanden direkt zur Ordnung zu rufen, wenn ein privater Hinweis wenig Erfolgschancen hätte. […]“

Jone bezieht sich hier natürlich auf Jesu Anweisung in Mt 18,15-17: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“

Das Anzeigen beim Oberen betrifft z. B. Fälle, wo ein Pfarrer sich fragwürdig verhält und die Pfarreimitglieder sich an den Bischof wenden könnten, damit er Abhilfe schafft.

Vielleicht ist es zur Ergänzung noch interessant, wie Fagothey über die gegenseitige Hilfe schreibt, auch wenn es im Endeffekt praktisch auf dasselbe hinausläuft wie bei Jone:

„Die Nächstenliebe verpflichtet uns, dem Nächsten in Not zu Hilfe zu kommen. Wie bindend diese Verpflichtung ist, hängt von drei Faktoren ab:

(1) Wie groß seine Not ist

(2) Wie viel Schwierigkeiten es uns kosten wird

(3) Wie nützlich unsere Hilfe sein wird

Da wir unseren Nächsten wie uns selbst, aber nicht mehr als uns selbst, lieben müssen, sind wir nie verpflichtet, obwohl es uns erlaubt ist, eine gleichwertige Mühsal auf uns zu nehmen wie die, von der wir ihn befreien wollen. Uns für andere aufzuopfern ist heroisch und bewundernswert, kann aber kaum als Pflicht auferlegt werden, da wir selbst Rechte haben und die andere Person auch Pflichten uns gegenüber hat. Und es wäre unvernünftig, wenn wir zu sinnlosen Gesten gegenüber denen verpflichtet wären, die jenseits unserer Hilfsmöglichkeiten sind.

Sich zu weigern, einem Menschen in extremer Not zu helfen, selbst bei ernsthaften Beschwerlichkeiten für uns, ist unmenschlich und unentschuldbar. Wenn er nicht in extremer, aber in wirklich schwerer Not ist, nimmt die Verpflichtung proportional ab, ist aber immer noch schwerwiegend. Je geringer die Not, desto geringer die Verpflichtung, aber sie verschwindet nicht, solange wir ohne unangemessene Schwierigkeiten helfen können. Aber den gewöhnlichen Nöten der Menschheit im Allgemeinen abzuhelfen, da sie ein Teil des Lebens sind und zu zahlreich für die Ressourcen irgendeines einzelnen, kann unter normalen Umständen nicht die Pflicht von Privatpersonen sein. Diejenigen, die für das Gemeinwohl verantwortlich sind, müssen Maßnahmen konzipieren, um ihnen abzuhelfen; das ist eine Pflicht der Gerechtigkeit, aber es sollte über die Verpflichtungen der bloßen Gerechtigkeit hinausgehen.

Die Reichen haben eine Pflicht, die Armen zu unterstützen. Diese Verpflichtung ruht eher auf den Reichen als Klasse als auf einem einzelnen Reichen, außer er wäre der einzige in der Gemeinschaft, der der Situation entgegentreten könnte. Die Unterstützung der Armen kann auf verschiedene Weise geschehen. Wenn die Regierung alles davon effizient und ausreichend erledigt, etwas, das wahrscheinlich niemals in der Geschichte geschehen ist, würden die Reichen ihre Pflicht tun, indem sie ihre Steuern zahlen. Wenn die Regierung nichts davon tut, was zumeist in früheren Zeitaltern der Fall war, sind die Wohlhabenden verpflichtet, es aus eigener Initiative zu tun, und weder Gleichgültigkeit noch Faulheit noch Habsucht können sie entschuldigen. Wenn es von privaten Einrichtungen mit öffentlicher Unterstützung, die aber hauptsächlich von freiwilligen Spenden abhängen, getan wird, ist der Reiche verpflichtet, je nach dem Maß seines Überflusses dazu beizutragen. Es kann eine Kombination all dieser Mittel geben, aber, welche auch immer sie seien, die Unterstützung der Bedürftigen ist keine bloße Empfehlung, sondern eine strenge Verpflichtung durch das natürliche Sittengesetz. Diese Bemerkungen betreffen die Pflichten Einzelner. Später werden wir über die Pflicht der Gesellschaft sprechen, ungerechten wirtschaftlichen Bedingungen abzuhelfen.

Die Hilfe, die wir unserem Nächsten geben können, ist verschiedener Art, sie geht vom Sagen eines ermutigenden Wortes zur Rettung seines Lebens, aber der größte Dienst, den wir ihm tun können, ist, ihm zu helfen, sein höchstes Ziel zu erreichen. […] Es gibt viele Weisen, auf dem wir ihm aktive geistliche Hilfe geben können, aber eine, die immer in unserer Macht steht, ganz gleich, was unsere Ressourcen oder unsere Stellung im Leben sein mag, ist das Beisiel unserer eigenen guten moralischen Leben.“****

Vielleicht lohnt es sich, hier am Ende noch einmal alle jeweils sieben leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit aufzuzählen, also diverse Weisen, auf denen sich die Nächstenliebe besonders betätigen kann.

Leiblich:

  • Hungernde speisen
  • Dürstenden zu trinken geben
  • Nackte bekleiden
  • Fremde aufnehmen
  • Kranke besuchen
  • Gefangene besuchen
  • Tote begraben

Geistlich:

  • Unwissende lehren.
  • Zweifelnden recht raten.
  • Trauernde trösten.
  • Sünder zurechtweisen.
  • Beleidigern gerne verzeihen.
  • Lästige geduldig ertragen.
  • für Lebende und Tote beten.

Und das war es für heute wieder.

 

* Austin Fagothey SJ: Right and Reason. Ethics in theory and practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, Charlotte, North Carolina 2000 (Nachdruck der 2. Ausgabe von 1959), S. 332. Eigene Übersetzung.

** Ebd., S. 333f.

*** Die folgenden Zitate sind aus: Heribert Jone, Précis de théologie morale catholique. Adapté aux règles du nouveau Code de droit canon et aux prescriptions du Code civil, 5. Aufl., Mulhouse 1935, S. 77-81. Eigene Übersetzung.

**** Fagothey, Right and Reason, S. 335f.

Sexueller Anarchokapitalismus

Es ist mal wieder an der Zeit für einen kurzen Rant.

Der Anspruch der Sexuellen Revolution soll ja damals vor ca. 50 Jahren, wie man so hört, im Grunde genommen peace, love and harmony gewesen sein. Sex = Liebe, und man soll ja jeden lieben, nicht? Wenn sich erst mal alle balgen wie die Bonobo-Äffchen, haben sich auch alle lieb, so der einfache Syllogismus.

Dahinter stand natürlich eine selbstgeschaffene Blindheit, die ableugnete, dass Sex eben nicht einfach immer Liebe bedeutet – Vergewaltigungsopfer und Prostituierte können ein Lied davon singen, aber auf niedrigerer Stufe auch sämtliche verführten und dann sitzengelassenen unverheirateten Mütter der Weltgeschichte usw. – und dass Sex etwas ist, das enorme Konsequenzen haben kann, u. a. das Entstehen neuer Menschen, aber auch viele Bindungen und Verletzungen usw. usf.; aber die Theorie mal beiseite; jetzt befinden wir uns ja ein paar Jahrzehnte nach dem Beginn besagter Revolution, und können einen Blick auf ihre realen Folgen werfen.

Ihre realen Folgen waren folgende:

  • Die sexuelle Liberalisierung hat natürlich nicht dafür gesorgt, dass Sex gleich verteilt wäre; und anstatt dass alle zufrieden und glücklich in allgemeiner Liebe vereint wären, haben wir daher also Pick-up-artists, die mit Seminaren zur Manipulation von Frauen Geld machen, und Incels, die, weil sie deren Ratschläge nicht umgesetzt bekommen und keine rumkriegen, aus Hass auf die Welt auch mal zu Terrorismus greifen. Beiden gemeinsam: Ihre fixe Idee, Anspruch auf die Körper anderer Menschen zu haben. Aber das ist eben eine natürliche Folge davon, wenn sich die Einstellung verbreitet, dass jeder Sex brauche und es ohne nicht ginge. Irgendjemand muss den Sex liefern. (Und wenn niemand sonst bereit ist, müssen es dann auch mal rumänische Zwangsprostituierte sein.)
  • Grausamkeit und Gewalt als Teil von Sex: Strangulierung, Schläge, Fisting (nicht googeln, wenn man nicht kotzen will); was auch immer kranken Gehirnen einfallen kann, wird ausprobiert. Freie Liebe, tatsächlich. In der Pornographie sind sadistische Praktiken inzwischen Mainstream, weil Pornoabhängige immer mehr und immer extremere Dosen ihrer Droge benötigen (und dank frei verfügbarer Internetpornographie werden ja schon elf- und zwölfjährige Kinder davon abhängig gemacht), und das schwappt so sehr in reale Beziehungen über, dass es von einigen Männern als völlig normal erwartet wird, dass ihre Partnerinnen sich beim Sex würgen und strangulieren lassen. Früher war selbst Oralsex für viele undenkbar (und ehrlich gesagt wird mir als vergleichsweise abgeschirmter Tradikatholikin schon beim Gedanken an so was schlecht); was haben wir heute? Normaler Sex wurde irgendwann als „bürgerlich“ aka schlecht dargestellt, und die Jagd nach dem noch als besonders Anerkannten (denn in einer so depperten Gesellschaft wie dieser ist ja nur das „Besondere“ gut) führt dann in extrem ekelhafte und brutale Gefilde, weil die destruktive Tendenz des Menschen seit der Erbsünde ja auch noch da ist. Natürlich ist das (davon gehe ich mal aus) bei vielen Paaren nicht so, weil auch die normale, natürliche Tendenz zur Liebe und Zärtlichkeit noch da ist, aber es hat anscheinend epidemische Ausmaße angenommen.
  • Der Erwartungsdruck ist ein ganz anderer – auch bzgl. der Treue des Partners. Es wird von manchen schon absurd gefunden, wenn Frauen – diese Kampfemanzen! – von ihren Freunden doch tatsächlich erwarten, keine Pornographie zu konsumieren. Wenn ein Partner eine offene Beziehung will, scheint allmählich auch erwartet zu werden, dass der andere sich nicht quer stellt. Davon, dass auf Leute, die mit dem Sex gar bis zur Ehe warten wollen, schon länger enorm viel mehr gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird, brauchen wir da gar nicht zu reden. Die Sexuelle Revolution hat das Fenster der Möglichkeiten eben nicht erweitert, sondern verschoben.

Aber am schlimmsten waren die Folgen natürlich nicht für die selber beteiligten Erwachsenen, sondern für die Kinder, die dann irgendwie unter die Räder gerieten.

Zuerst das Offensichtliche: Die Sexuelle Revolution sorgte für viel mehr Kinder, die in zerbrochenen Familien aufwachsen. Scheidungsraten von 30-50% tun Kindern nicht gut. „Die Kinder werden es schon aushalten“, wird dazu vermittelt. Fragt sich nur, wie. „Leben in einer kaputten Familie mit zerstrittenen Eltern tut Kindern auch nicht gut.“ Man kann mir nicht erzählen, dass über 30% aller Ehen zum Scheitern verurteilt wären und Streit ein Fall von höherer Gewalt ist, bei dem nichts zu machen ist. Klar, in manchen Fällen ist eine Trennung auch für die Kinder besser – z. B. wenn ein Elternteil sie oder das andere Elternteil misshandelt. Aber das ist nicht bei über 30% aller Ehen der Fall, und wenn eine Gesellschaft nicht vermitteln würde, dass man sich trennen soll, sobald man nicht mehr dasselbe fühlt wie vorher, oder „sich selbst finden“ will, würden viele ihre Ehen nicht so schnell aufgeben. Und dann muss man sich mal ansehen, wie es dann weitergeht: Irgendwann nach der Trennung zieht der nächste und dann vielleicht der übernächste Freund der Mutter ein; und wenn Kinder mit nicht verwandten Erwachsenen zusammenleben, ist z. B. das Risiko von sexuellem Missbrauch schon einmal gesteigert; ganz zu schweigen von der Instabilität, die das mit sich bringt. Kinder werden hin und her geschoben, geraten zwischen die Fronten, lieben beide Elternteile und sollen gleichzeitig neue Stiefeltern annehmen, die vielleicht gar nicht viel mit ihnen anfangen können.

Die Frage ist eigentlich ganz einfach: Wenn ein Kind die Wahl hätte zwischen den bestmöglichen Situationen in beiden Fällen, also zwischen zwei es liebenden, sich wieder zusammenraufenden und gut miteinander klar kommenden, zusammenlebenden Eltern und zwei es liebenden, sich verhältnismäßig gut miteinander arrangierenden, getrennten und sich neue nette Partner suchenden Eltern: Was würde es wählen?

Eben.

Trotzdem ist schon der Gedanke, hier auf die Kinder Rücksicht nehmen zu sollen, für viele unerträglich. Wieso eigentlich? Die einzige Erklärung: Weil sie es einfach nicht wollen.

Dazu kam dann die Sexualisierung von Kindern und Jugendlichen: Die Behauptung ist, dass viel Sex nur gut tut, und wer das so lebt, will auch die Kinder möglichst früh davon überzeugen und in diesen Lebensstil hineinnehmen. In den 70ern wollte man wirklich Pädophilie legalisieren und war der Ansicht, dass „einvernehmlicher“ Sex zwischen Kindern und Erwachsenen den Kindern nur gut tun könne; dann kam eine Zeit, in der es wieder weniger schlimm war; inzwischen geht es wieder darum, Erstklässler über homosexuelle Sexualpraktiken und Selbstbefriedigung zu unterrichten (und wer dagegen protestiert, ist ein gefährlicher Reaktionärer), Kinder mit Geschlechtsdysmorphie zu bestärken, sie keine normale Pubertät erleben zu lassen und sie möglichst bald unfruchtbar zu machen und zu verstümmeln (und wer dagegen protestiert, ist ein gefährlicher Reaktionärer), und elfjährige Jungen als „Drag Kids“ in Schwulenbars tanzen zu lassen (und wer dagegen protestiert, ist ein gefährlicher Reaktionärer). Feministinnen tragen Schülerinnen beim Sexualkundeunterricht Masturbieren als Hausaufgabe auf, was man nicht anders als als Missbrauch Schutzbefohlener bezeichnen kann; übergriffiger geht es kaum. Wer es nicht so toll findet, wenn zwölfjährige Jungen regelmäßig Pornographie konsumieren, der ist auch ein gefährlicher Reaktionärer und gefährdet die freiheitliche Gesellschaft.

Aber viele Kinder überlebten seit der Sexuellen Revolution ja gar nicht lange genug, um das alles zu erleben. Die Legalisierung der Abtreibung aus jedem beliebigen Grund war praktisch eine notwendige Konsequenz der zentralen Lehren der Sexuellen Revolution: Bei Sex können Kinder herauskommen, auch wenn man verhütet, und wenn man diese Möglichkeit von vornherein ausschließen wollte, weil man meint, ein Recht zu haben, Sex in jeder Konstellation zu haben, in der man für Kinder vielleicht gar nicht vorbereitet ist, muss man das Unglück eben hinterher beseitigen. Inzwischen werden ungeborene Kinder von feministischer Seite als Parasiten bezeichnet.

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Kinder stören bei der Sexuellen Revolution. Sie passen einfach nicht hin, sie müssen zerstört, abgeschoben, zurechtgebogen werden.

Es ist immer Wunschdenken gewesen, zu meinen, beim Bereich Sex käme man ohne Regeln aus. „Keine Regeln“ bedeutet nur das Recht des Stärkeren, oder, wie es Chesterton gesagt hat: „If you will not have rules, you will have rulers“ – wenn ihr keine Gebote haben wollt, werdet ihr Gebieter haben. Und die „consenting-adults“-Regel genügt eben nicht. Menschen können auch – aus Geldnot, Unsicherheit, Angst, Liebesbedürfnis oder emotionaler Abhängigkeit heraus – zustimmen, sich selber ungerecht behandeln zu lassen. Gerade wenn es um wichtige, kostbare Dinge geht, kommt man nicht ohne Regeln aus.

Tatsächlich ist das Denken, dem die meisten Leute im Bereich Sex verfallen sind, einer politisch-wirtschaftlichen Ideologie ähnlich, die glücklicherweise weniger weit verbreitet ist: Dem Anarchokapitalismus. Das einzige Gebot, das der Anarchokapitalismus anerkennt, ist das Nicht-Schadens-Prinzip (Non-aggression-principle): Jeder darf alles tun, solange er einen anderen nicht direkt angreift, und ist nicht verpflichtet, irgendetwas für irgendeinen anderen zu tun. Wenn alle tun, was sie wollen, pendelt sich dann das richtige Gleichgewicht ein. Dass sich kein Gleichgewicht einpendelt, sondern im Gegenteil eine Tyrannei (zur Zeit der Industrialisierung z. B., als es teilweise ziemlich anarchokapitalistisch zuging, wurde nicht ohne Grund von der „Lohnsklaverei“ vieler Arbeiter gesprochen), wird ignoriert; dass man sich oft nicht einmal darauf einigen kann, was „schadet“, auch. Aber am deutlichsten sieht man, in welcher Fantasiewelt Anarchokapitalisten leben, wenn es um das Thema Kinder geht.

Der Anarchokapitalismus geht ja von lauter autonomen, nach ihrem eigenen Interesse handelnden Einzelwesen aus. Nun kommt allerdings niemand als autonomes Einzelwesen zur Welt (und ist es eigentlich sein Leben lang nicht). Dass der Anarchokapitalismus auf nicht ganz korrekten Grundlagen beruhen könnte, sieht man nun daran, welche Schlussfolgerungen die konsequenten Anarchokapitalisten aus ihrer Ideologie ziehen:

Ein Staat dürfe Eltern niemals zwingen, ihre Kinder zu ernähren und zu pflegen und Eltern dürften das Sorgerecht für ihre Kinder auf dem freien Markt verkaufen.

Klingt so abstoßend, dass es schon abstrus ist? Klar. Aber wieso ist es dann nicht abstrus, ein Recht für Mütter zu proklamieren, ihre Kinder zu ermorden, solange es nur bis kurz vor der Geburt geht? Wieso ist es dann nicht abstoßend, ein Leben als Prostituierte für befreiend zu erklären, und Gewaltpornographie für so harmlos wie Asterix-Comics?

Kann mir das irgendjemand mal erklären?

Christliche Kultur am Sonntag: „Der Schatten des Bären“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Regina Doman: „Der Schatten des Bären“

„Der Schatten des Bären“ (im englischen Original erstmals 1997 veröffentlicht) ist der erste Band der „Fairy Tale Novels“, einer Reihe von nach Märchen verfassten Jugendbüchern der amerikanischen katholischen Autorin Regina Doman, und bisher der einzige davon, der auf Deutsch übersetzt wurde. Leider ist er schriftstellerisch ein wenig schwächer als die späteren Bände, und die Übersetzung hat Schwachstellen (das Deutsch wirkt an ein paar Stellen wie aus den 80ern gefallen), aber das sind kleinere Mankos, die sich aushalten lassen.

Grundlage des Romans ist das Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“, und es geht um zwei Schwestern, die 18-jährige Blanche und die 17-jährige Rose, die mit ihrer Mutter (ihr Vater ist an Krebs gestorben) in New York City leben. Eines Winterabends lernen sie einen jungen Mann kennen, der ihre Mutter vor dem Zusammenstoß mit einem Auto bewahrt hat, und den ihre Mutter (die Krankenschwester ist) hereinbittet, weil er Erfrierungen an den Füßen hat. Er hat Dreadlocks und wirkt relativ abgerissen, Blanche meint, ihn öfter bei den Drogendealern an ihrer Highschool gesehen zu haben, und er will ihnen nur seinen Spitznamen sagen – „Bär“. Außerdem gibt er offen zu, dass er diesen Spitznamen aus dem Jugendgefängnis hat, wo er und sein Bruder nach einer Verurteilung wegen Drogenbesitz waren. Blanche hat Angst vor ihm, aber Rose findet ihn sympathisch und unterhält sich mit ihm, und stellt überraschenderweise fest, dass sie, Blanche und Bär die selben Dichter mögen – G. K. Chesterton, T. S. Eliot… Bär kommt wieder, um die Stiefel, die sie ihm geliehen haben, zurückzubringen, und Rose lädt ihn dann ein, sie öfter besuchen zu kommen, was er in den Wochen und Monaten darauf auch tut. Er ist katholisch wie sie, sie mögen dieselben Dinge und führen einige tiefgreifende Unterhaltungen, und so langsam freundet sich Blanche mit Bär an, der sich als vertrauenswürdig und hilfsbereit herausstellt. Aber er hat Geheimnisse, die er nicht preisgeben will, muss schließlich den Kontakt zu den Mädchen abbrechen, und dann stellen sie fest, wer er eigentlich ist und dass er einem Verbrechen auf der Spur ist.

Das Buch ist nicht dick und schätzungsweise für Jugendliche ab 13, 14 Jahren geeignet. Schön finde ich es, wie die Autorin in ihren Romanen die Details der originalen Grimm’schen Märchen hineinbringt; das gilt auch für die folgenden Bände: „Black as night“ (nach Schneewittchen), „Waking Rose“ (nach Dornröschen), „The Midnight Dancers“ (nach Die zertanzten Schuhe) und „Alex O’Donnell and the 40 Cyberthieves“ (nach Ali Baba und die 40 Räuber). Die sind leider nur auf Englisch zu haben, aber wenn eine ihr Englisch aufbessern will, ist das eine gute Gelegenheit.

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Mehr Angriff statt Verteidigung!

In allen möglichen Debatten über religiöse und ethische Themen (im Internet oder sonstwo) hat man (oder jedenfalls ich) gar nicht mal so selten den Eindruck, dass Katholiken ihren Gegnern (ob Säkularisten, Protestanten, Orthodoxen oder sonstwem) zu viel zugestehen. Manchmal denke ich mir, unserer Seite könnte ein bisschen mehr von der Angriffslust gut tun, die die Gegner eher haben.

 

1) Ein Beispiel dafür: von Gegnern werden oft keine Belege verlangt. Die haben auch eine Beweispflicht. Es ist natürlich nötig, Protestanten nachzuweisen, dass sola scriptura Quatsch ist; aber man könnte sie auch fragen, wie sie überhaupt darauf kommen, sola scriptura zu postulieren. Ihr Glaube ist nicht die Default-Variante, auch wenn sie in interkonfessionellen Diskussionen oft so behandelt wird.

Atheisten versuchen gerne, eine solche Beweispflicht für sich zu leugnen, und dann auch noch zu behaupten, der Theismus wäre eine so „außergewöhnliche“ Idee, dass sie nur ganz „außergewöhnliche“ Beweise akzeptieren würden, wobei sie unter „außergewöhnlich“ oft verstehen, was ihnen gerade passt, was beides trotz diverser Scheinargumente letzten Endes völlig unsinnig ist. (Ihr Problem ist natürlich auch, dass sie von Gott wie von einem übermächtigen Außerirdischen reden statt wie vom Urgrund allen Seins, weil sie oft nicht wissen oder gar nicht wissen wollen, woran religiöse Leute eigentlich glauben.)

 

2) Damit zusammenhängend: Eine Schwierigkeit ist kein Gegenbeweis. Es besteht z. B. auch eine Schwierigkeit dabei, zu erklären, wieso Licht sich wie eine Welle und wie Teilchen verhält, aber Wissenschaftler wissen, dass beides der Fall ist, und können dann darauf vertrauen, dass sich die Schwierigkeit irgendwie lösen lassen muss. Genauso kann man z. B. Schwierigkeiten damit haben, genau zu erklären, was es mit der Dreifaltigkeit auf sich hat, oder wieso Gott ein bestimmtes Leiden zulässt, aber das ist noch kein Beweis dagegen, dass Er existiert, dreifaltig ist, und Gründe hat, das Leiden zuzulassen.

 

3) Ein anderes Beispiel ist dieses „Ja, Christen haben / die Kirche hat so viele furchtbare Verbrechen begangen, aber sieh dir doch mal die Botschaft Jesu an!“. Manchmal nervt es schon sehr.

An der Aussage ist kein prinzipielles Problem; selbst wenn Christen die schlimmsten Verbrecher der Weltgeschichte wären, würde das das Christentum nicht falsch machen. Aber meistens basiert sie nicht auf einem wirklichen Wissen über die angeblichen Verbrechen der Christenheit und mehr auf dem vagen Gefühl, dass der Gegner schon Recht haben wird mit seinen selbstbewussten Behauptungen über christliche Verbrechen, die er aber vermutlich aus dem letzten Iny-Lorentz- oder Dan-Brown-Roman geklaubt hat.

Bevor man christliche Verbrechen „eingesteht“, erst mal nachprüfen, ob es sie gab! Das ist nicht nur eine Sache der strategisch klugen Argumentation, sondern auch der Wahrhaftigkeit, der Fairness gegenüber unseren Vorfahren. Wenn man gleich mal „zugibt“, dass die Christen des Mittelalters ja alle blutrünstige Monster waren, ist das eine irrwitzige Verleumdung, gegen die sie sich selber nicht mehr wehren können.

Es geht hier nicht nur um die klassischen Themen Kreuzzüge-Hexenverbrennung-Inquisition. Sicher, gerade da ist es nötig, sich ein bisschen Wissen anzulesen, damit man abspulen kann, inwiefern die Kreuzzüge als Verteidigung gegen die islamische Aggression entstanden; dass der Hexenwahn nicht ursprünglich von der Kirche ausging und nicht ins Mittelalter (sondern in die Frühe Neuzeit) fiel und es keineswegs „Millionen“ Opfer gab (wie die Nazis in Umlauf brachten), sondern 50.000-60.000, und die meisten davon in Deutschland, und Christen wie der Jesuit Friedrich Spee den Hexenwahn bekämpften; dass Inquisitionsverfahren nach klaren Regeln verliefen, die Folter selten vorkam, und viele Angeklagte frei kamen oder nur eine Bußstrafe erhielten, usw. usf. … und klarstellen kann, dass das Mittelalter eben kein blutrünstiger Albtraum, sondern weltgeschichtlich betrachtet eine ganz schöne Zeit war. (Hilfreich gerade für solche klassischen Themen sind übrigens z. B. die entsprechenden Bücher von Bordat, Hesemann, Stark, Zander, oder, anspruchsvoller, Angenendt.) Aber es gibt noch mehr Themen.

Ein Dauerbrenner ist z. B. das Thema Mission. In den Köpfen unzähliger Menschen steckt die vage Vorstellung, dass die christliche Mission in Amerika, Afrika, Asien irgendwie mit Zwang, Gewalt und Unterdrückung zu tun gehabt haben müsse. Tatsächlich ist das Quatsch. Es gab in eher seltenen Fällen Zwangstaufen in der Kirchengeschichte; man denke an die gelegentlichen mittelalterlichen Judenpogrome; aber Zwangstaufen sind aus sich heraus ungültig, wurden kirchlicherseits verurteilt, und spielten bei der neuzeitlichen Missionsarbeit auf anderen Kontinenten keine Rolle. Die Missionare wollten natürlich, dass die Menschen wirklich glaubten, und es gab z. B. auch festgelegte Mindestanforderungen, was das Glaubenswissen betraf, das ein Taufbewerber haben musste. Viele Säkularisten können sich offenbar einfach nicht vorstellen, dass Afrikaner oder Indianer tatsächlich vom Glauben angezogen werden konnten, aber das wurden sie nun mal. Wenn Ordensleute beharrlich von einem liebenden Gott predigten, und Schulen und Hospitäler bauten, Leprakranke pflegten und Arme speisten, hatte das nach und nach Erfolg. (Das sieht man z. B. auch heute in Indien, wo Christen die einzigen sind, die sich für Kastenlose usw. interessieren, und sich bedroht fühlende Hindu-Nationalisten deswegen schon Anti-Konversions-Gesetze machen müssen.) Dazu kam himmlische Hilfe: Z. B. bekehrten sich in Mexiko Millionen Azteken, nachdem einer der ersten aztekischen Konvertiten, der hl. Juan Diego, 1531 eine Marienerscheinung hatte, die ein wundersames Marienbildnis auf seinem Mantel hinterließ.

[Mission hing übrigens auch nicht immer mit Kolonialisierung zusammen; Missionare gingen in Länder, die keine Kolonien waren (z. B. nach Japan, wo die Jesuitenmissionare und die japanischen Konvertiten lange Zeit grausam verfolgt und später nur toleriert wurden), und Kolonialherren waren nicht immer freundlich gegenüber den Missionaren eingestellt (Frankreich war in seiner Hochphase als Kolonialmacht in Afrika im frühen 20. Jahrhundert ein aggressiv säkularistischer Staat, der im Mutterland sämtliche Kirchen enteignete; in der Frühen Neuzeit wollten Plantagenbesitzer in der Karibik keine Mission unter ihren aus Afrika importierten Sklaven, weil es als noch anrüchiger galt, Mitchristen als Sklaven zu halten als überhaupt Sklaven zu halten, weshalb dort auch synkretistische Kulte wie Voodoo entstanden). Das heißt nicht, dass es keine Zusammenhänge gegeben hätte (und, das nur nebenbei bemerkt, auch nicht, dass die Kolonialisten immer einfach nur böse waren; z. B. wäre ohne die Beharrlichkeit der Kolonialmächte England und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert bei der Bekämpfung des weltweiten Sklavenhandels Schwarzafrika vermutlich immer noch Sklavenlieferzone für die arabische Welt, wie es das über 1000 Jahre lang gewesen war; aber das nur am Rande). Aber Mission und Kolonialismus waren eben nicht einfach deckungsgleich; und Ordensleute, Abenteurer, Siedler, Forscher etc. reisten aus unterschiedlichen Gründen in ferne Kontinente; und gerade im 19., 20. Jahrhundert hatten die Missionierten in Afrika, Indien usw. übrigens auch oft eine große freie Auswahl zwischen den um sie konkurrierenden Missionaren verschiedener Kirchen. Wenn jemand ein bisschen Gespür für reale Geschichten von Missionaren und Missionierten bekommen will, ist übrigens dieser Blog mit Originalquellen ganz interessant.]

Oder das Thema Sklaverei: Auch hier herrscht irgendwie die Vorstellung, „früher“ hätte die Kirche sie für gut befunden und erst später dann verurteilt. Das ist falsch. Als problematisch und als etwas, das erst seit dem Sündenfall existiert, wurde sie immer gesehen, und es gab große Kontroversen um sie. Tatsache ist, dass die Kirche in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit nicht von jedem Christen verlangte, seine Sklaven freizulassen (auch wenn das als gutes Werk galt), solange er sie anständig behandelte, dass aber das Versklaven und der Sklavenhandel deutlich verurteilt wurden – wie das übrigens auch der Apostel Paulus hielt, der den entlaufenen Sklaven Onesiumus zu seinem Herrn Philemon zurückschickte (und ihm einen Brief mitgab, der ziemlich deutlich implizierte, dass Philemon ihn freilassen sollte), der aber auch in seinem ersten Brief an Timotheus „Menschenhändler“ zusammen mit „Vatermördern und Muttermördern, den Totschlägern, den Unzüchtigen, den Knabenschändern, […], den Lügnern, den Meineidigen“ zu den Ungerechten, Gottlosen, Unheiligen zählt (1 Tim 1,9f.). (Ab dem 18., 19. Jahrhundert gab es dann eine größere Bewegung für die generelle Abschaffung der Sklaverei unter Christen.)

So konnte z. B. auch Papst Gregor XVI. im Jahr 1839 in In supremo apostolatus fastigio schreiben: „Wir sehen, daß es zu Unserer Hirtensorge gehört, daß Wir Uns bemühen, die Gläubigen vom unmenschlichen Handel mit Negern oder irgendwelchen anderen Menschen völlig abzubringen. […] Freilich unterließen es mehrere Römische Bischöfe glorreichen Angedenkens, Unsere Vorgänger, nicht, in Ausübung ihres Amtes die Vorgehensweise von jenen als ihrem geistlichen Heile schädlich und für den christlichen Namen schmachvoll schwer zu tadeln; sie durchschauten, daß daraus auch jenes folge, daß die Völker der Ungläubigen mehr und mehr darin bestärkt würden, einen Haß auf unsere wahre Religion zu haben. […] Keiner soll es künftig wagen, Indianer, Neger oder andere derartige Menschen ungerecht zu quälen, ihrer Güter zu berauben, in die Sklaverei zu führen, anderen, die solches wider sie verüben, Hilfe oder Unterstützung zu leisten oder jenen unmenschlichen Handel auszuüben, in dem Neger, die, als ob sie keine Menschen, sondern bare und bloße Tiere wären, wie auch immer in die Sklaverei geführt wurden, ohne jede Unterscheidung entgegen den Geboten der Gerechtigkeit und Menschlichkeit gekauft, verkauft und dazu verdammt werden, die bisweilen härtesten Arbeiten zu erdulden.“ (Zitiert nach Denzinger-Hünermann 2745-2746)

Tatsächlich war es zu Gregors Zeit in Europa so normal, gegen die Sklaverei in den Kolonien (und den unabhängigen heidnischen Ländern wie Arabien und China) zu sein, wie es das heute ist, gegen Kinderarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Bangladesch zu sein.

Ein anderes interessantes (wenn auch nicht so schlimmes) Thema sind Ehen im jugendlichen Alter und von der Familie arrangierte Ehen (nicht gleich Zwangsehen). Auch hier herrscht die Vorstellung, bei gläubigen Christen wäre es früher Standard gewesen, 14- oder 15jährige Mädchen zu verheiraten, obwohl es das einfach nicht war. Tatsächlich gab es hierzulande das sog. „westeuropäische Heiratsmuster“, d. h. sowohl Männer als Frauen heirateten eher spät, nämlich erst, wenn sie einen eigenen Hausstand gründen konnten, und über 10% heirateten nie. (Ausnahmen gab es eher mal in Adel und Königsfamilien, wo früh taktische Bündnisse arrangiert wurden, und manchmal, nicht immer, wurde, wenn junge Mädchen unehelich schwanger wurden, schnell geheiratet. Und in Osteuropa wurde ein wenig früher geheiratet.) Frühe Ehen, mit 16 oder 18 zum Beispiel, waren nicht so verpönt wie heute, aber definitiv nicht Standard. Und für gewöhnlich lernten sich die Leute einfach selber kennen, gingen eine Zeitlang miteinander aus und heirateten dann, von Eltern oder gar Heiratsvermittlern wurde da wenig arrangiert; das sieht man ja schon, wenn man sich seine eigenen Urgroßeltern ansieht. Deutschland im 19. Jahrhundert war nicht wie die Türkei im 19. Jahrhundert.

Bild

(Netzfund. Quelle hier.)

Gut, ich bin jetzt ein bisschen in die Details der Themen geraten, die mich manchmal nerven. Und natürlich gibt es auch echte Verbrechen und Fehler von Christen, auch wenn sich die oft an anderen Stellen finden, als Säkularisten meinen. Worauf ich eigentlich hinauswollte, waren aber nicht nur Vorurteile über die angeblichen oder realen Fehler oder Verbrechen früherer Christen, sondern auch umgekehrt Unwissen oder Ignorieren der realen Fehler und Verbrechen moderner Religionsgegner.

Die unglaublichen Verbrechen der Kommunisten, die in schön atheistischer Manier (es rettet uns schließlich kein höheres Wesen, man muss sich also selbst behelfen, und Feindesliebe ist auch keinen Gedanken wert) jedes Mittel zur Erreichung ihres Ziels für gerechtfertigt hielten, ihre 100 Millionen Todesopfer im 20. Jahrhundert in der Sowjetunion, Osteuropa, China, Kambodscha usw., Gulags, Schauprozesse, Folter, Erschießungen, Mauertote verdienen durchaus Erwähnung, wo plötzlich wieder Leute blöd genug sind, unironisch nach Sozialismus zu rufen. Aber ihre sind ja nicht die einzigen säkularistischen Verbrechen. Die Französische Revolution begann schon unglaublich blutig, später hatte man z. B. die Katholikenverfolgungen in Mexiko in den 1920ern.

(Der sel. Miguel Pro, ein mexikanischer Priester, unmittelbar vor seiner Erschießung am 23. November 1927, also heute vor 92 Jahren. Gemeinfrei.)

Man könnte zum Beispiel sagen: „Die Römische Inquisition hat im Lauf von 200 Jahren genau 97 Menschen hingerichtet; die Spanische Inquisition im Lauf von 300 Jahren nach den höchsten Schätzungen 3000-5000. Die Erste Republik in Frankreich, also die Regierung, die durch die Französische Revolution an die Macht kam, hat innerhalb eines Jahres (während der ‚Schreckensherrschaft‘ 1793/94) um die 30.000-50.000 hingerichtet – sie war demnach allein darin 3000mal so schlimm wie die Spanische Inquisition, und oft waren es noch dazu schnelle Schauprozesse. Und diese Zahlen schließen die hunderttausenden Opfer des Völkermords in der Vendée noch nicht ein.“

Diese Opfer für „Freiheit und Demokratie“ beachtet man nicht so gerne. Aber bevor man davon redet, wie viele Leute im Namen Gottes umgebracht wurden, sollte man wirklich erst einmal erwähnen, wie viel mehr im Namen von Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Ähnlichem umgebracht wurden. Im Namen aller großen Ideale wurde schon Gewalt verübt, aber im Namen unseres Gottes doch vergleichsweise wenig, weil die christliche Religion auch immer nach Frieden, Mäßigung, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, und Liebe zu den erlösungsfähigen Feinden rief.

Auch andere historische Verbrechen der progressiven, kirchenfeindlichen Seite wie z. B. ihr Eintreten für Eugenik und „Rassenhygiene“ (in der Praxis hieß das, für die Zwangssterilisation von Behinderten und Kriminellen und Ähnliches) im frühen 20. Jahrhundert werden gerne vergessen.

Manche Leute bringen auch gerne Variationen von „sicher gibt es viele schlechte Christen, und viele gute Atheisten“ vor. An sich ist das eine Binsenweisheit. Aber manche Leute scheinen das im Sinne von „Ja, gut, bei uns sind etliche nur Fantatiker, Heuchler und böse, und bei euch alle ganz toll und nett und tolerant, das sehen wir schon auch ein, aber…“ wahrzunehmen, was nicht mehr so wahr wäre. Jeder, der in entsprechenden Kreisen unterwegs ist, wird wissen, dass überall die meisten Menschen (inklusive für gewöhnlich einem selber) durchschnittlich und oft ganz nett und manchmal nervig, manchmal hilfsbereit, manchmal überheblich, manchmal großartig sind, und man auch einige Idioten und Psychopathen findet und jede Gruppe ihre typischen Fehler hat, aber ich bewege mich ehrlich gesagt doch lieber unter Christen, wo die guten Anteile stärker zu sein scheinen und wenigstens das Ideal klar ist. Und ganz ehrlich: Was gibt es eigentlich für vorbildliche Atheisten, die es mit christlichen Heiligen aufnehmen können dabei, wie sie anderen Menschen geholfen haben? Wo ist die atheistische Mutter Teresa, wo ist der atheistische Damian de Veuster oder Maximilian Kolbe?

„Ich kann auch ohne Gott gut sein“, sagen Leute, die gleichzeitig kein Problem damit haben, dass es in Deutschland 100.000 Abtreibungen im Jahr gibt und Kinder mit durchschnittlich 11 oder 12 Jahren auf sadistische Internet-Pornographie stoßen, die oft genug von Opfern von Menschenhandel hergestellt wurde. Ja, danke auch, ich sehe, wie gut man ohne die Hilfe des Herrn im Endeffekt praktisch ist. Nicht alles, was theoretisch möglich wäre, wird in der Praxis was.

 

4) Noch ein möglicher Fehler: Manche Christen sind in vielen Debatten lieber mal freundlich, gehen von den Voraussetzungen des anderen aus, und versuchen ihm anhand von dem, was er schon glaubt, zu zeigen, wieso die christlichen Vorstellungen plausibel sind, oder zumindest seine eigenen Vorstellungen widersprüchlich. Auffällig ist das bei den Themen Abtreibung und Transgenderismus.

Sicher hilft es mal dabei, „Pro-Choicer“ (zumindest solche, die keine extremen Abtreibungsbefürworter sind) zum Nachdenken zu bringen, indem man deutlich macht, dass Abtreibung oft gerade nicht Entscheidungsfreiheit für Frauen bedeutet, weil viele Frauen vom Kindsvater, von der Familie oder anderen zur Abtreibung gedrängt werden, oder von denen keine Unterstützung bekommen, wenn sie nicht abtreiben wollen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, aus dem wir gegen Abtreibung sind. Der ist, dass es immer und unter allen Umständen falsch ist, einen unschuldigen Menschen direkt zu töten. Das wäre es auch, wenn die Mutter selbst unbedingt abtreiben wollte.

Diese Art der Argumentation kann eigentlich nur als Einstieg dienen. Jemand, der einem dabei vielleicht zustimmen und zu lamentieren beginnen würde, dass es wirklich noch immer keine echte Wahlfreiheit gäbe, würde dadurch noch nicht automatisch pro-life.

Überhaupt ist es beim Thema Abtreibung manchmal so, dass die Lebensrechtsbewegung ein bisschen, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, vorsichtig ist. Man wird selten z. B. die Forderung hören, Abtreibungsärzte ins Gefängnis zu stecken, einige Lebensschützer sehen das vielleicht selber gar nicht als ihre Forderung (oder denken nicht viel über so etwas nach, weil wir es auf absehbare Zeit eh nicht durchsetzen könnten). Aber eigentlich ist es genau die logische Folge aus unseren Überzeugungen. Abtreibungsärzte verdienen Geld damit, serienmäßig hilflose Kinder zu töten. Abtreibung hat wieder so undenkbar zu sein wie nachgeburtlicher Kindsmord, und dazu sind auch staatliche Strafen nötig; Kinder haben ein striktes Recht auf Leben, das geschützt werden muss. (Man kann m. E. darüber diskutieren, ob es Sinn macht, auch die Mutter zu bestrafen. Dagegen spräche evtl., dass Frauen, die sich bei einer selbst vorgenommenen Abtreibung verletzt haben, sich sonst nicht ins Krankenhaus trauen würden. Aber es ist nun einmal ein Verbrechen, das eigene Kind umzubringen, und man muss auch sehen, dass es für das Seelenheil der Betreffenden hilfreich ist, wenn sie das einsehen, was durch gesellschaftliche Ächtung der Tat unterstützt werden könnte. Man könnte freilich niedrigere Strafen für verzweifelte Mütter als für von ihnen profitierende Ärzte haben, Selbstanzeigen als strafmildernd zählen o. Ä., und müsste natürlich die Umstände im Einzelfall miteinbeziehen, wie das Gerichte aber ja auch bei anderen Verbrechen tun.)

Vielleicht ist es taktisch klug, nicht zu radikal aufzutreten, das kann durchaus sein, ich beanspruche hier nicht, genau zu wissen, was die beste Taktik ist; und es ist ja nicht unbedingt moralisch verpflichtend, mit solchen aus säkularistischer Sicht „radikalen“ Forderungen an die Öffentlichkeit zu gehen und sich Feinde zu schaffen, gerade, wenn man sie eh nicht durchsetzen kann. Aber andererseits: Linke (und auch manche rechte und mittige) Säkularisten hassen Lebensschützer ja eh. Die halten Leute, die sich für das Lebensrecht der Ungeborenen äußern oder gar beim Marsch für das Leben mitlaufen, sowieso für gefährliche Fanatiker, die vermutlich am liebsten Bomben in Abtreibungskliniken legen würden (was wir ja dann doch für falsch halten). Und wenn man als Lebensschützer dann, um unbedrohlich zu wirken, nur sagt „Es ist eine Tragödie, dass in einem reichen Land wie unserem jährlich hunderttausend Kinder abgetrieben werden. Willkommenskultur für Kinder!“, hat man keine praktischen Forderungen gestellt und erreicht dementsprechend grundsätzlich auch nichts Praktisches. Gut, vielleicht lässt sich die CDU so weit beeindrucken, dass sie der nächsten Aufweichung des Abtreibungsrechts erst ein halbes Jahr später zustimmt, als sie es sonst getan hätte, aber das war es auch schon. Wer radikale Forderungen stellt, bringt eher mal zumindest einen Teil davon durch, das sieht man bei den Grünen.

(Natürlich haben die Grünen die Medien für sich, und wir nicht, und ohne die erreicht man vermutlich gar nichts. Aber das wäre so oder so der Fall, unabängig von unserer Taktik.)

Ein anderes Thema ist der Transgenderismus. Es wird auf unserer Seite gerne auf extreme Fälle hingewiesen, wo Männer, die Frauen vergewaltigt oder getötet haben, in Frauengefängnisse überstellt werden, weil sie sich plötzlich als Transfrauen identifizieren. Oder auf die weniger extremen Fälle, wo „Transfrauen“ den weiblichen Sport dominieren, weil sie eine größere Muskelmasse und höhere Testosteronwerte haben. Oder auf die Fälle, wo Transpersonen selbst die Opfer sind – wo schon Kindern und Jugendlichen Hormone gegeben werden und sie bleibend unfruchtbar gemacht und schließlich verstümmelt werden, weil sie in sehr kurzer Zeit die Vorstellung entwickeln, zum anderen Geschlecht zu gehören (Rapid Onset Gender Dysphoria), oder wo Transpersonen ihre Geschlechtsumwandlung bereuen, sich auch nach ihrer OP nirgends wirklich zugehörig fühlen (logisch, männliche Geschlechtsteile abzuschneiden und eine künstliche Wunde zwischen den Beinen zu schaffen macht einen Mann nicht zur Frau und lässt die meisten anderen Männer ihn nicht als für eine Beziehung infrage kommende Frau anerkennen) und wegen ihrer Identitätsprobleme Selbstmord begehen, oder wo besagte OP schlimme medizinische Folgen hat, was gar nicht so selten der Fall ist.

Und es ist ja auch richtig und nötig, darauf hinzuweisen, zu welchen extremen Konsequenzen der Transgenderismus führt. Aber wir sind vom Prinzip her nicht nur deswegen dagegen. Wir sind nicht nur dagegen, dass Kinder oder Leute, die sich plötzlich als transgender fühlen und keine Zeit für tiefe Überlegungen hatten, sich als zum anderen Geschlecht zugehörig erklären und es plötzlich ein Hassverbrechen ist, sie mit dem richtigen Pronomen zu bezeichnen und Ärzte, die sich dem Prinzip „primum non nocere“ verpflichtet haben, sie verstümmeln. Wir sind immer dagegen, weil jemand, der ein Y-Chromosom und einen männlichen Körper hat und prinzipiell vom Körperaufbau her Kinder zeugen könnte, nun mal ein Mann ist, und jemand, der kein Y-Chromosom und einen weiblichen Körper hat und prinzipiell vom Körperaufbau her Kinder empfangen könnte, nun mal eine Frau ist,  und man nicht lügen darf.* Es ist ein schlimmes Leiden, wenn jemand sich einfach nicht zu seinem Geschlecht zugehörig fühlen kann, aber wenn er sich anlügt, macht das die Situation nicht besser. Es hilft auch nicht, einer Magersüchtigen zu sagen, ja, klar, wenn sie sich so fühle, sei sie zu dick, und bei ihr eine Fettabsaugung zu machen.

In eine ähnliche Richtung geht es, wenn Christen gegenüber antichristlich eingestellten Gruppen, die gesellschaftlich angesehen sind, betonen, wie viele Gemeinsamkeiten man habe; z. B. bei den Grünen, die ja für Abtreibung on demand und dergleichen sind. Ihnen gegenüber redet man auch oft nur davon, wie toll doch die „Bewahrung der Schöpfung“ sei (was ja nicht falsch ist), und sagt wenig dazu, wie verzerrt die grünen Vorstellungen dazu, was das beinhaltet, oft sind (z. B., dass man wegen „Überbevölkerung“ keine Kinder bekommen solle, oder das Essen von tierischen Produkten unmoralisch wäre).

Sicher, es ist oft gut, bei dem Guten anzusetzen,  das jemand schon erkannt hat, aber es ist auch gut, wenn der dafür bereit ist, eigene Voraussetzungen und Alternativen zu erklären, an die er vielleicht bisher nicht gedacht hat.

Wenn man nur zeigen will, dass Christen die „besseren Grünen“ oder „wahren Feministen“ sind (und dabei vielleicht nicht allzu überzeugend ist, weil beim Ökologismus und Feminismus, wie sie praktisch in der Moderne existieren, eben einige schwerwiegende grundsätzliche Denkfehler drin sind, auch wenn nicht alle ihre Ideen und Schlussfolgerungen falsch sind, und die Kirche deswegen nie so ganz mit beiden konnte, was sehr wohl bekannt ist), kann es sein, dass der andere sich herablassend denkt, schön und gut, dass die sich an uns ranschmeißen wollen, ich bleib trotzdem beim Original, diese zusätzliche Religionsdeko brauche ich nicht.

Und sowieso ist es oft nicht sinnvoll, in den verkehrten Begriffen und Kategorien der Gegenseite zu denken. Wir haben eigene Kategorien und müssen unsere Inhalte nicht in ein falsches Korsett zu pressen versuchen.

Wir sollten bei allen Themen zum eigentlichen Kern kommen.

(Und natürlich auf logische Fehlschlüsse beim Gegner (oder einem selbst) aufpassen, und darauf, ob er von diesem eigentlichen Kern ablenkt.)

 

5) Ein anderer Fehler könnte es sein, unterschwellig davon auszugehen, dass wir auf verlorenem Posten kämpfen würden und die Zeit sich eh nicht zurückdrehen ließe. Vielleicht ist das irdisch gesehen so; und kämpfend unterzugehen, bevor am Ende der Herr wiederkommt und alles gut macht, wäre keine Schande. Aber vielleicht ist es zumindest langfristig, oder bei Einzelthemen evtl. sogar kurz- und mittelfristig, auch nicht so. Es gab in der Geschichte alle möglichen Trends, die wieder umgekehrt wurden. In den 70er-Jahren war es eine sehr einflussreiche Mode in progressiven Kreisen, Pädophilie gutzuheißen (oder sexuelle Befreiung der Kinder, wie man das dann nannte). Und man kann auch viel langlebigere Entwicklungen nennen, die dann doch wieder umgekehrt wurden. Die Reconquista war mühsam und langwierig, aber erfolgreich, ebenso wie die Befreiung Osteuropas und Griechenlands von den türkischen Besatzern, oder die Irlands von den englischen.

 

Ein paar weitere Ideen für Diskussionen:

 

6) Bevor man seinen Glauben verteidigt, muss man ihn gut kennen. Was lehrt die Kirche z. B. wirklich über Gottesbeweise? Darüber, wofür man in die Hölle kommt und was die Hölle ist? Usw. Man kann sich ruhig genug Zeit nehmen, sich hier einzulesen. Selbst relativ gute Katholiken kennen sich nicht bei allen Themen gut mit der traditionellen Kirchenlehre aus. Das ist ja nicht arg tragisch, aber eben kontraproduktiv, wenn man sich verteidigen muss.

 

7) Man kann ruhig mal versuchen, das Overton-Window, also den Bereich des Sagbaren, ein gutes Stück weit zu erweitern. Man muss nicht ständig unnötigerweise schockieren – aber ein bisschen schockieren hilft ab und zu. Vielleicht mal nur ein wenig, passend dosiert, damit jemand nicht komplett mit Unverständnis vor einem steht, aber doch ein wenig, damit er merkt, dass man manche Dinge eben doch sagen kann. (Z. B. so was wie „natürlich denke ich, dass meine Religion richtig und andere falsch sind“. Danach kann man ja geduldig erklären, wieso man das denkt.)

 

8) Klarheit über alles! In dem, was man sagt, sollte man klar und eindeutig sein. Schlagworte sind nicht per se schlecht, aber dann müssen es Schlagworte sein, die passen, kein vages Gelaber, wie man das in der Politik so hat („Wir sind für Offenheit und Demokratie.“ Ürgs.). Oh, und: Man muss nicht immer alles sagen, was man sich so denkt – aber in dem, was man sagt, muss man wahrhaftig sein. Immer.

 

9) Man redet oft nicht nur für den direkten Gegner, sondern auch für Mithörende/-lesende. Klar, die können sich mal denken „Was für eine Idiotin“, aber vielleicht denken sie sich auch mal „ganz unrecht hat sie nicht“ oder „ich bin froh, dass sie das gesagt hat, ich denke eigentlich dasselbe“.

 

10) Man braucht sich nicht zu entschuldigen, wenn man weiß, dass man nichts falsch gemacht hat. Das hat Jesus auch nicht getan. Und es bringt nichts, vor dem Gegner zu kriechen.

(„Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.Jesus antwortete ihm: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen. Nichts habe ich im Geheimen gesprochen. Warum fragst du mich? Frag doch die, die gehört haben, was ich zu ihnen gesagt habe; siehe, sie wissen, was ich geredet habe. Als er dies sagte, schlug einer von den Dienern, der dabeistand, Jesus ins Gesicht und sagte: Antwortest du so dem Hohepriester? Jesus entgegnete ihm: Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ (Joh 18,19-23))

 

11) Das betrifft nicht so sehr Diskussionen als vielmehr den Alltag generell: Selbstbewusst sein. Wenn man etwas aus Gewissensgründen nicht tun kann, dann tut man es nicht. Man darf Ausnahmen verlangen. Hier können wir vielleicht von den Muslimen lernen, die ja auch oft einfach nicht mitmachen, wenn es kein halal-Essen gibt oder jemand ihnen Kopftücher verbieten will.

Sicher; man muss keinen unnötigen Zirkus veranstalten und Leuten auf den Geist gehen, wenn es nicht um Gewissensfälle geht. Aber wenn doch, muss man sich nicht dafür entschuldigen. Mutig sein (und um Mut beten) ist da besser.

 

12) Unnötiges „Ich bin nicht so wie andere erzreligiöse Leute, ich bin auch ganz normal“ sollte man eher vermeiden. Die Einstellung ist toxisch und überheblich gegenüber den Geschwistern in Christo, und gleichzeitig eine unnötige Unterwerfung gegenüber der Welt. (Nichts gegens Normalsein, solange es gegen kein Gebot verstößt. Normalsein ist völlig in Ordnung.) Manchmal muss man sich von bestimmten Mitkatholiken abgrenzen, klar, aber das sind dann bestimmte Einzelsituationen, da braucht es keine so allgemeinen Disclaimer. Und der eigentliche Gegner ist nicht der orthodoxe Mitkatholik, der es irgendwo übertreibt.

 

13) Öfter mal muss man daran denken, dass jemand etwas, das für einen selbstverständlich ist, oder vielleicht auch an sich offensichtlich ist, noch nie so gehört haben könnte, und deswegen die gegnerischen Schlagworte intus hat. Ich denke auch an so einfache offensichtliche Argumente wie „Kein Priester wird gezwungen, zölibatär zu leben, er entscheidet sich selbst fürs Priestertum“. Oder, weniger offensichtlich, „bei der alten Messe steht nicht der Priester mit dem Rücken zum Volk, Volk und Priester schauen gemeinsam in eine Richtung, auf Gott“. Manche Standardargumente, die man selber schon in- und auswendig kennt, muss man öfter mal wiederholen.

 

* Intersexualität spielt hier erstens keine Rolle; Transpersonen sind für gewöhnlich körperlich klar männlich oder weiblich und keine Intersexuellen. Zweitens ist die Tatsache, dass es zu Fehlentwicklungen bei der Ausprägung der Geschlechtsmerkmale kommen kann oder manche Menschen körperliche Merkmale beider Geschlechter haben (also Intersexualität), genauso wenig ein Argument dagegen, dass die Zweigeschlechtlichkeit der normale Zustand des Menschen ist, wie die Existenz siamesischer Zwillinge ein Argument dagegen ist, dass normalerweise jeder Mensch genau einen eigenen, von anderen Menschen getrennten Körper hat. Und Intersexualität ist ja auch für die Betroffenen nichts Schönes, sondern eben eine Störung. (Auch wenn einige Intersexuelle den Begriff der Störung ablehnen, weil sie ihn abwertend finden. Aber wenn ich sage, dass meine psychische Störung eine psychische Störung ist, werte ich mich ja auch nicht ab. Und es ist ja Tatsache, dass wohl kaum jemand sich die Ambiguität der Intersexualität selbst aussuchen würde, und es genießt, intersexuell zu sein.)

Christliche Kultur am Sonntag: „Du selbst bist die Antwort“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Erst einmal: Entschuldigung, dass in den letzten Wochen keine Beiträge gekommen sind – manchmal ist man ein bisschen im Stress. Jetzt sollte es wieder normal weitergehen.

 

Heute: C. S. Lewis: „Du selbst bist die Antwort“ (Originaltitel: „Till we have faces“)

Dieser Roman ist meiner Meinung nach eins von Lewis‘ besten Werken (auf jeden Fall besser als die Perelandra-Trilogie, und sogar besser als Narnia), und komischerweise eins der am wenigsten bekannten. (Der deutsche Titel gibt übrigens einen falschen ersten Eindruck; er klingt sehr nach „Selbstfindung“, dabei ist es ein Satz, den die Ich-Erzählerin am Ende an jemand anderen richtet.)

Der Autor beschreibt die Geschichte vor dem Beginn des Buches so:

Lewis_Du_selbst_bist_die_Antwort_klein

Es handelt sich bei dem Roman um eine Nacherzählung der griechischen Sage von Amor und Psyche, und zwar aus der Sicht von Psyches ältester Schwester. Das Ganze spielt in der Antike, in einem kleinen Fürstentum irgendwo nördlich von Griechenland. Die Ich-Erzählerin Orual beginnt ihre Geschichte aufzuschreiben, als sie alt ist und auf ihr Leben zurückblickt, und zwar als Anklage gegen die Götter. Das erste Kapitel beginnt so:

Till_we_have_faces

Orual erzählt  zuerst von ihrer Kindheit als älteste Tochter des Königs von Glome, mit ihrem jähzornigen Vater, ihrer hübschen flatterhaften jüngeren Schwester Redival und dann ihrer jüngsten Halbschwester Istra, die auf Griechisch, das ihnen ihr Erzieher, ein griechischer Sklave und Philosoph, den alle wegen seiner roten Haare nur den Fuchs nennen, beibringt, Psyche genannt wird. Istra/Psyche (um die sich vor allem Orual und der Fuchs kümmern, da ihre Mutter schon im Kindbett gestorben ist, und ihr Vater, freundlich ausgedrückt, nicht begeistert davon ist, nur Töchter zu haben), ist von Anfang an ein besonderes Kind, und als sie älter wird, beginnen die Menschen von Glome, sie zu verehren und kommen mit Krankheiten zu ihr, damit sie ihnen die Hände auflegt. Aber als dann einiges Unglück auf einmal Glome trifft, und die Priester der Göttin Ungit ein Menschenopfer verlangen und darauf kommen, dass Psyche die Götter beleidigt haben könnte, wendet sich das Blatt. Der höchste Priester setzt tatsächlich durch, dass Psyche in ein nahes Gebirge gebracht und dort als Opfer für den Gott des Berges an einen Baum gekettet zurückgelassen wird. Orual ist völlig verzweifelt, Psyche dagegen, die immer schon eine seltsame Sehnsucht nach der Welt der Götter gespürt hat, deutlich gefasster.

Ihre trauernde ältere Schwester geht einige Zeit später ins Gebirge, um zu sehen, ob sie wenigstens Überreste ihrer Schwester begraben kann. Aber sie trifft Psyche sehr lebendig an, und die erzählt ihr, dass sie mit dem Gott des Berges vermählt worden sei, und will ihr ihren Palast zeigen – den Orual nicht sehen kann. Sie sagt ihr auch, ihr Gemahl käme nur nachts zu ihr und sie dürfe ihn nicht sehen und keine Lampe in ihr Schlafgemach bringen. Orual will alles nicht glauben und kehrt schließlich nach Hause zurück. Sie überzeugt sich selbst, dass etwas Finsteres dahinterstecken müsse und schließlich kommt sie ein zweites Mal zu Psyche und droht ihr, sich selbst zu töten, wenn Psyche nicht eine Lampe, die sie ihr mitgebracht hat, nachts anzündet, um den Gott anzusehen…

In dem Buch geht es um einen gewissen Konflikt zwischen dem Kult des Priesters, für den heilige Orte dunkle Orte sind und Religion im Kern irrational ist, und den rationalen Maximen des griechischen Philosophen von der göttlichen Natur, und letzten Endes darum, wo beide Unrecht haben, aber Orual will eigentlich gar nichts mit der Welt des Göttlichen zu tun haben, und darum geht es ganz zentral.

Lewis hat ja auch in seinen theologischen Werken einiges dazu geschrieben, inwiefern es in den Legenden und Kulten des Heidentums schon Ahnungen von der wahren Religion gab, und dieser Roman führt das in einer mythologischen Weise aus, was ihn teilweise etwas seltsam macht (v. a. gegen Ende), aber letztlich passt das alles zusammen. Zwischendurch ist der Roman dunkel und traurig und hart, und das Ende ist dann wahnsinnig schön. Tatsächlich ist das eins der wenigen Bücher, bei denen ich an manchen Stellen jedes Mal heulen muss.