Die Piusbruderschaft: Fairness bitter nötig

Ich habe an diesem Artikel schon ziemlich lang gearbeitet; und auch meine eigene Meinung erst langsam ausgearbeitet. Jetzt, nach Franziskus‘ Maßnahme gegen die alte Messe, gewinnt das ganze Thema noch mal neue Relevanz; aber ich dachte mir, diese neueste Entwicklung streife ich hier nur kurz, lasse den Artikel ansonsten so, wie er war, und gehe dann eigens noch mal drauf ein.

Seit ca. fünf Monaten gehe ich jetzt regelmäßig zur Messe bei der Piusbruderschaft. Bitte nicht gleich entrüstet kommentieren oder aufhören zu lesen. Ich hatte auch früher eine relativ negative – allmählich positiver werdende – Meinung zur Piusbruderschaft und habe sie lange als „schön und gut, aber die sind doch trotzdem ungehorsam“ gesehen. Dann habe ich langsam festgestellt, dass das erstens ziemlich oberflächlich und zweitens ziemlich unfair war.

Das Wichtigste zuerst: Die Piusbruderschaft ist, auch wenn sie keinen anständigen kirchenrechtlichen Status (mehr) hat, nicht schismatisch, und war das auch nie; und Rom selbst hat sogar 2002 (als die Beziehungen noch angespannter waren) klargestellt, dass man bei ihr seine Sonntagspflicht erfüllen kann, und ihren Priestern seit dem Jahr der Barmherzigkeit 2015 sogar offiziell die nötige Vollmacht fürs Beichtehören und für Eheschließungen gegeben. Das geht nicht, wenn jemand gar nicht katholisch ist. Die Frage bei der Piusbruderschaft ist, ob es für ihren praktischen Ungehorsam gegenüber der Kirchenhierarchie, die sie anerkennt, genügend Rechtfertigungsgründe gibt; aber schismatisch sind weder die Priester noch ihre Anhänger.

(Und zwischendurch einmal bei ihr die Messe zu besuchen, weil man z. B. sonst keine alte Messe erreichen kann, kann auch von denen nicht als Sünde konstruiert werden, die finden, man sollte ihren Ungehorsam verurteilen und sich nicht damit gemein machen.)

Ihr kirchenrechtlicher Status ist etwas kompliziert; aber er wäre vergleichbar mit dem eines Pfarrers, den sein Bischof wegen angeblicher Finanzvergehen von seinem Pfarramt abgesetzt hat, der aber seine Unschuld beteuert und seine Absetzung nicht anerkennen will. Hier würde niemand behaupten, der Pfarrer oder Ex-Pfarrer wäre nicht mehr katholisch; er begeht weder Kirchenspaltung noch vertritt er Irrlehren, die Frage ist nur, ob er die Beauftragung für dieses konkrete Amt innerhalb der Kirche rechtsgültig hat und im Namen der Kirche lehren und die Sakramente spenden darf. Wenn er unerlaubt die Messe hält, wäre er ungehorsam, nicht schismatisch.

Die Frage ist wie gesagt gar nicht, ob die FSSPX schismatisch ist. Sie ist, ob

a) sie Grund genug für ihren Ungehorsam hatte bzw. heute immer noch hat

b) sie auch supplizierte Vollmacht zur Sakramentenspendung und kirchlichen Leitung hat, ob bei ihr das Prinzip ecclesia supplet greift (das wird dafür wichtig, ob vor 2015 die bei ihr abgelegten Beichten und geschlossenen Ehen gültig waren; mehr dazu unten; ihre Messen sind sowieso immer gültig gewesen)

Zunächst mal stellte sich ja bei ihr keine dieser Fragen; im Jahr 1970 wurde sie ganz normal als eine Vereinigung diözesanen Rechts mit der Zustimmung eines schweizerischen Bischofs gegründet. Auch da feierten die Piusbrüder nur die alte Messe (die nicht offiziell verboten worden war, aber zu dieser Zeit überall durch die neue Messe ersetzt wurde) und hielten an der alten Theologie fest, und es gab zuerst keine rechtlichen Probleme (auch wenn das Seminar in Êcone öfter schief angesehen war); übrigens auch keine lehramtlichen Verurteilungen irgendeiner konkreten Position des Gründers, Erzbischof Lefebvre.

Mgr Lefebvre - Marcel Lefebvre new
(Lefebvre, hier noch Jahre vor dem Konzil mit Papst Pius XII.)

Bzgl. dieser frühen Jahre dürften auch gemäßigtere, zur FSSP oder zu einer diözesanen alten Messe gehende Tradis das Vorgehen des Erzbischofs für absolut legitim und notwendig gehalten haben. Mit dem Konzil passierte nun mal ein Abbruch sondergleichen.

Wenn ich mir als eine, die über dreißig Jahre nach dem Konzil geboren ist, die vorkonziliare Zeit vor Augen halte, wirkt sie erstmal richtig fremd: Im Religionsunterricht werden die klaren, eindeutigen Sätze des Katechismus gelehrt, statt dass nur Gruppenbastelarbeiten veranstaltet werden. Man muss sich sein theologisches Wissen nicht mühsam irgendwo zusammensuchen, sondern bekommt es direkt präsentiert. Man kann bei den theologischen Fakultäten an den Unis davon ausgehen, dass zumindest keine offensichtlichen Häresien gelehrt werden, und wenn Professoren das doch tun sollten, werden sie gemaßregelt. Der Priester liest die Messe einfach nach dem Messbuch. Es besteht praktisch nie ein Anlass, sich Sorgen zu machen, dass man eine ungültige Absolution empfängt. Man hat auch beim Beichten nicht das Gefühl, dass der Priester, bei dem man beichtet, gar nicht mehr wirklich an die Bedeutung der Beichte glaubt oder die Hälfte der Sünden, die man beichtet, gar nicht für Sünden hält, und einem eben nur die Absolution gibt, weil er es soll. Man muss sich nach dem Kommunionempfang keine Sorgen machen, ob irgendwelche Hostienkrumen auf der Erde gelandet sein könnten, weil alle die Kommunion in den Mund empfangen und der Ministrant die Patene drunter hält. Der Altersdurchschnitt in Nonnenklöstern liegt nicht bei 80. Wenn man sich das so vorstellt, denkt man sich doch unwillkürlich: Was mussten die damals eigentlich über ein paar Luxusprobleme jammern.

Ich will gar nicht behaupten, dass damals alles gut gewesen sein muss – als ob das je so sein könnte, es wird immer irgendwelche Missstände, auch schlimme Missstände, geben -, aber zumindest ein Teil dessen, was nicht gut war, dürfte gewesen sein, dass sich in den 50ern (und vorher) eben schon dieselben Probleme ankündigten, die dann beim und nach dem Konzil voll in den Vordergrund treten sollten. Und ich hoffe, man wird es einem nach einem Erdbeben nicht übelnehmen, dass man das halb eingestürzte Haus wehmütig mit dem ein wenig baufälligen Haus vorher vergleicht.

Man kann jetzt langwierig darlegen „aber die Konzilstexte kann man immer noch hauptsächlich in einem rechtgläubigen Sinn interpretieren und das meiste, was darin steht, sind längst bekannte Wahrheiten, und in den Texten der neuen Messe stehen auch keine Häresien“, das ist alles schön und gut: Aber die Modernisten stützten sich trotzdem auf die wenigen falschen und die häufigeren zweideutigen Stellen und die ganze Atmosphäre. Diese Atmosphäre vermittelte: Es bewegt sich jetzt etwas, es soll sich noch mehr bewegen; vorher waren wir eigentlich gar nicht richtig christlich, jetzt entdecken wir langsam das richtige Christentum. Und das Resultat war, dass das ganze übliche katholische Leben aufgegeben wurde und bald kein Kommunionkind mehr wusste, wer Jesus eigentlich ist.

Zum Problem der neuen Messe (und anderer „Reformen“) ein Vergleich:

Man stelle sich ein Land mit etlichen Provinzen vor, in dem ein König herrscht. Der Provinzstatthalter führt regelmäßige Zeremonien durch bzw. lässt sie von unteren Beamten durchführen, z. B. um den Geburtstag des Königs zu feiern oder auch, um ihn selber willkommen zu heißen, wenn er zu Besuch in die Provinz kommt. Dann werden Reformen durchgeführt, bei denen diese Zeremonien massiv abgekürzt und umgeändert werden, und in die einige Gegner der Monarchie neue Ausdrücke hineinbringen, die eine gewisse Ablehnung der Monarchie implizieren oder jedenfalls eine Absicht, die Autorität der Monarche zu schwächen, und eine Geringschätzung des Königs. Das, was man früher feierte, soll auf keinen Fall mehr so stark gefeiert werden. Ein Teil der Beamten des Provinzstatthalters lehnt diese Reformen ab und hält nach dem alten Brauch weiterhin die pompösen Zeremonien ab, wenn es etwas zu feiern gibt oder der König gerade in ihre Stadt kommt. Gleichzeitig wird vom Provinzstatthalter den Gegnern des Königs mehr oder weniger freie Hand gelassen, in seiner Provinz gegen den König zu agitieren und sich mit Vertretern aggressiver ausländischer Mächte in Verbindung zu setzen, die das Land öfter angegriffen haben, die wären ja nach deren Ansicht gar keine wirklichen Feinde; gelegentlich gibt es ein paar mahnende Worte vom Provinzstatthalter, aber nicht viel mehr, während die am alten Brauch hängenden Beamten abgesetzt werden sollen.

Das ist in etwa das, was hier passiert ist. Denn bei jeder Messe kommt unser König, Christus, das Oberhaupt der Kirche, dessen Statthalter der Papst ist, zu uns zu Besuch, und die Messe wurde in einer Weise umgeändert, durch die typisch katholische Wahrheiten in den Hintergrund treten sollten, sodass man nicht mehr so sehr anders wirken würde als die Protestanten und sich mit ihnen besser ökumenisch verständigen könnte (an der Ausarbeitung der neuen Messe waren protestantische Theologen beteiligt), und in einer Weise, durch die die Bedeutung der Messe massiv verdunkelt wurde. Besonders betrifft das den Charakter der Messe als ein Opfer, ein Sühnopfer für die Sünden. Mir war vor einiger Zeit noch gar nicht bewusst, wie viel textlich an der Messe herumgestrichen wurde. (Wenn man sich einen Eindruck davon verschaffen will, kann man z. B. hier stöbern.) Auch der komplette Festkalender wurde verändert. Zum Vergleich: In früheren Zeiten gab es halbe Aufstände, wenn ein Papst nur ein paar Worte im Hochgebet hinzufügen wollte, ohne sonst etwas zu ändern. Und keine einzige dieser Änderungen war positiv – keine stellte Gottes Größe oder Liebe besser heraus, machte die Messe schöner oder die Leute andächtiger. (Übrigens auch der Wechsel von Latein zur Landessprache nicht. Der Islam und andere Religionen zeigen, dass eine heilige Sprache, die unveränderlich ist und den Bereich des Heiligen abgrenzt, den Leuten gerade helfen kann, das Heilige zu verstehen, vor allem dann, wenn man auch in Übersetzungen präsentiert bekommt, was genau sie jetzt eigentlich sagt – und das war ja vor dem Konzil mit den zweisprachigen Volksmessbüchern wie dem Schott der Fall.) Die ganze Reform war rein destruktiv; man wollte sich anpassen, und sich vom typisch Katholischen distanzieren. Es war alles eine Abschwächung, inspiriert von Modernisten, die den Glauben gar nicht mehr so ganz hatten.

Erzbischof Marcel Lefebvre – der in Frankreich aufgewachsen, in Rom im Seminar gewesen, nach kurzer Zeit als diözesaner Kaplan in Frankreich dem Orden der Spiritaner beigetreten war, in Afrika Missionar gewesen war, dort Priester ausgebildet hatte und Erzbischof von Dakar im Senegal geworden war, außerdem Apostolischer Delegat für das ganze französischsprachige Afrika, dann kurze Zeit Bischof einer kleinen französischen Diözese und schließlich Generaloberer der Spiritaner – war einer der Konzilsväter, und gehörte dem traditionellen Flügel an, ebenso wie z. B. der schon sehr alte Kardinal Ottaviani, Leiter des Hl. Offiziums (heute Glaubenskongregation). Wenn man die Schriften des Erzbischofs vom Beginn des Konzils liest, merkt man eine gewisse leichte Besorgnis, aber auch optimistische Aussichten; es war nicht so, dass er das Konzil von vornherein abgelehnt hätte. Die liberale Seite – zu der auch der Konzilsberater Joseph Ratzinger gehörte – hatte allerdings im Endeffekt auf dem Konzil mehr, na ja, Erfolg bei der Organisation, und das auch wegen mancher Intrigen. (Aber das hier soll keine Geschichtsschreibung über das Konzil werden, damit kenne ich mich sowieso insgesamt zu wenig aus.)

Marcel Lefebvre - Wikipedia
(Erzbischof Lefebvre.)

Wenn man Lefebvres Schriften im Lauf des Konzils liest, fällt auf, dass er zuerst auch stark besorgt war, wie die „Kollegialität“ betont wurde, dass viele Theologen z. B. meinten, der Papst habe nicht die volle Jurisdiktionsgewalt in der Kirche, sondern habe sie immer nur zusammen mit den Bischöfen, aber dann erleichtert war, dass die Konzilstexte sich doch einigermaßen klar über diesen Punkt ausdrückten. Lefebvre verteidigte die Autorität des Papstes in der Weltkirche, aber auch die des Bischofs in seiner Diözese, die durch die Bischofskonferenzen und alle möglichen Gremien innerhalb des Bistums eingeschränkt zu werden drohte. Damit hatte er auch Recht; viele Köche verderben den Brei, und bei Gremienarbeit (die noch dazu langwierig und umständlich ist) kommt oft nichts Halbes und nichts Ganzes heraus; außerdem ist sie eine schöne Möglichkeit dafür, persönliche Verantwortung zu verwischen. Jesus hatte ja einen Grund, wieso Er einzelne über die Weltkirche und die Diözesen gesetzt hat.

Ein anderes, gravierenderes Problem, war jedoch die Frage der Religionsfreiheit, und hier muss man wirklich sagen, dass im Konzilstext selber das Problem liegt. Kardinal Ottaviani hatte einen Text „Über die religiöse Toleranz“ vorgeschlagen, aber die liberale Seite brachte einen Text über die „Religionsfreiheit“, verstanden als Menschenrecht, durch. Traditionelle katholische Lehre war nun immer gewesen, dass nicht nur einzelne sich zu Christus bekennen sollen, sondern auch Staaten, und dass andere Religionen in gewissem Umfang toleriert werden können, aber nicht Maßstab des staatlichen Handelns sein sollen, und dass es kein natürliches Recht gibt, etwas Falsches zu bekennen und nach außen hin zu vertreten. Das kann einem erst mal sehr radikal und abwegig vorkommen. Aber im Grunde genommen erkennt jeder heute dasselbe Prinzip an; z. B. will man radikalen Islamisten keine Religionsfreiheit zugestehen (und definiert ihre Religion daher als „nicht wirklichen Islam“, sodass man sich nicht eingesteht, dass man die Religionsfreiheit einschränkt). Auch im politischen Bereich sieht es jeder, dass Meinungen gefährlich sein und Schaden anrichten können, dass Leute Lügen und Halbwahrheiten verbreiten und eine vollkommene Meinungsfreiheit nicht machbar ist. (Auch wenn es wohl sehr unterschiedliche Ansichten dazu gibt, welche Meinungen die gefährlichen sind.) Man sieht es nicht als natürliches Recht an, sämtliche Lügen, Halbwahrheiten, Fehlschlüsse und Irrtümer zu verbreiten, die Menschen schaden können, und das zu Recht. Und falsche Ideen über Gott und das Wesen des Menschen können natürlich noch mehr Schaden zufügen als falsche Ideen über den Staat. Man kann Leute nicht einfach so direkt zwingen, falsche Ideen aufzugeben, aber man kann ihnen zumindest Hilfestellungen dafür anbieten, davon loszukommen, und die Verbreitung der Ideen verbieten – wie man es z. B. auch bei Drogen tut.

Auch heute noch gibt es übrigens Länder, die eine Staatsreligion haben, und die verlangen, dass die Inhaber bestimmter Ämter dieser Religion angehören müssen, oder die eine Religion besonders bevorzugen bzw. andere einschränken. In England darf der Thronfolger kein Katholik sein, in Israel ist Missionsarbeit bei Minderjährigen verboten und Missionsarbeit generell wird sehr misstrauisch beäugt und eher eingeschränkt, in der theoretisch säkularen Türkei durften fast hundert Jahre lang keine neuen Kirchen gebaut werden. So gab es auch Länder mit katholischer Staatsreligion. Der Kanton Wallis in der Schweiz beispielsweise behielt trotz ein paar Gesetzesänderungen immerhin bis 1993 die katholische Religion als Staatsreligion bei. In Spanien war es so gewesen, dass die katholische Religion als Staatsreligion gemäß der Verfassung öffentlichen Schutz genoss und nur öffentliche Kundgebungen dieser Religion zugelassen waren, aber die private Ausübung und das Bekenntnis anderer Religionen toleriert wurde. Auch in Südamerika gab es Länder mit katholischer Staatsreligion (z. B. Kolumbien). Und leider muss man sagen: Dass diese katholischen Länder diese besondere Stellung der Kirche abschafften, kam nicht zuletzt daher, dass es der Kirche selber jetzt auf einmal peinlich war, sie zu fordern, und sie eigentlich sogar dagegen agitierte. Die Kirche wollte virtue signalling betreiben und zeigen, dass sie ganz freundlich zu anderen Religionen war, und gab dadurch ihren Einfluss auf einige Staaten auf, obwohl sie durch diesen Einfluss viel Gutes hätte bewirken können (z. B. auf eine wirklich christliche Gesetzgebung hinwirken hätte können). (Heute gibt es nur noch sehr vereinzelte Länder mit katholischer Staatsreligion, z. B. Malta.)

Erzbischof Lefebvre schreibt:

„Kardinal Ottaviani behandelte seinerseits die Frage sehr korrekt: ‚Ebenso, wie sich die weltliche Gewalt für berechtigt erachtet, die Staatsbürger vor den Verführungen des Irrtums zu schützen, … kann sie auch von sich aus die öffentlichen Kundgebungen anderer Kulte regeln und beschränken und die Staatsbürger gegen die Verbreitung falscher Lehren schützen, die nach dem Urteil der Kirche ihr ewiges Heil gefährden.‘ […]

Die Verbreiter falscher Ideen über natürlich auf die Schwächsten, auf die am wenigsten Gebildeten, einen Druck aus. Wer wird bestreiten, daß der Staat die Pflicht hat, die Schwachen zu schützen? Das ist seine vornehmste Aufgabe, der Grund dafür, daß sich die Menschen zu einer Gesellschaft organisiert haben. […]

Ich glaube, daß kein Katholik, selbst wenn er ratlos wäre, auf die Idee käme, einer Regierung den Vorwurf zu machen, Drogen zu verbieten, weil sie damit auf die Süchtigen einen Zwang ausübt. […]

Die Segnungen, welche die katholische Religion mit sich bringt, zeigen, wie illusorisch die Voreingenommenheit der postkonziliaren Geistlichen ist, die meinen, sich jeden Zwanges, ja sogar jeder Einflußnahme auf die ‚Nichtglaubenden‘ enthalten zu müssen. In Afrika, wo ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe, bekämpfte die Mission die Geiseln der Polygamie, der Homosexualität, der Mißachtung der Frau, die zur Sklavin oder zu einer Sache wird, sobald die christliche Kultur schwindet. Man weiß ja, wie erniedrigend die Lage der Frau auch in der islamische Gesellschaft ist. An dem Recht der Wahrheit, sich durchzusetzen und an die Stelle der falschen Religionen zu treten, ist nicht zu zweifeln. Dennoch befürwortet die Kirche in der Praxis nicht etwa einen blinden Starrsinn hinsichtlich des öffentlichen Kultes dieser Religionen. Sie hat immer offen bekundet, daß dieser Kult von der Staatsgewalt toleriert werden kann, um ein größeres Übel zu vermeiden. Deshalb hat Kardinal Ottaviani die Bezeichnung ‚religiöse Toleranz‘ vorgezogen.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 97-99)

Die Frage ist hier nicht vorrangig, welche Mittel zulässig sind, um andere Religionen einzuschränken – das kommt auch immer drauf an, wie schädlich, wie gewalttätig und wie gefährlich diese konkret sind. Es geht viel grundsätzlicher darum, dass der Glaube das Recht hat, eine Rolle in der Öffentlichkeit zu spielen, dass Katholiken nach einem katholischen Staat streben dürfen. Es geht auch nicht darum, wie durchsetzbar das ist; es geht darum, dass man das Ziel haben darf. Wie Liberale einen liberalen Staat wollen, oder Umweltschützer einen (genau nach ihren Vorstellungen) umweltschützerischen, so sollten auch Katholiken nach einem katholischen Staat streben wollen dürfen, freilich alles auf anständige Weise. Es geht darum, dass Christus König sein soll. „Wenn die Kirche unter einem laizistischen oder atheistischen Regime de facto auf den Rang einer Vereinigung unter anderen in der Gesellschaft reduziert ist, kann sie für den Augenblick kaum etwas anderes für die Gegenwart erhoffen und beanspruchen als einen Status des ‚gemeinen Rechts‘ zusammen mit den anderen Vereinigungen innerhalb des Gemeinwesens, doch diese prekäre Lösung infolge dieser ganz besonderen (wenngleich de facto sehr verbreiteten) Situation kann keineswegs als die allgemeine und unversehrte Lehre betrachtet werden“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 48)

Die weltliche Gesellschaft sollte es den Leuten erleichtern, ihr ewiges Ziel bei Gott zu erreichen, nicht dem neutral gegenüberstehen, meinte der Erzbischof. (Dass der Glaube des einzelnen erzwingbar wäre, behauptete er gar nicht.) Auf das Argument, die Zeiten hätten sich geändert, antwortet er: „Das heißt, das Öffentliche Recht der Kirche vor dem Stand der Dinge beugen zu wollen. Es ist sogar noch schlimmer, es heißt, die Apostasie der Völker zu einer unentrinnbaren geschichtlichen Notwendigkeit zu machen.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 45)  Er führte auch an, dass die gesellschaftliche religiöse Gleichgültigkeit in aller Regel auch die private religiöse Gleichgültigkeit zur Folge hatte.

Und hier war wirklich das Konzilsdokument „Dignitatis Humanae“ das Problem. Denn die offensichtliche Lesart sagt gerade, dass (obwohl private religiöse Indifferenz schlecht sei) religiöse Toleranz auch für den öffentlichen Ausdruck von falschen Religionen nicht nur ein notwendiges Übel, sondern ein natürliches Recht sei. Jetzt kann man an den genauen Formulierungen herumkritteln und z. B. darauf eingehen, dass noch „gebührende Grenzen“ der Religionsfreiheit erwähnt werden. Aber das ist nur so eine kleine Einschränkung; die prinzipielle Stoßrichtung ist klar, und vor allem ist klar, wie der Durchschnittsmensch das verstehen wird. Früher war die Kirche sich dessen bewusst und formulierte Dokumente sehr genau. Manchmal ändern sich Ausdrucksweisen im Lauf der Zeit, oder man muss spezielle Fachausdrücke kennen, aber die Kirche legte Wert auf Klarheit, auf Eindeutigkeit, und machte im Notfall nachträglich klar, was gemeint war. Hier? Jeder normale Mensch musste den Eindruck eines eindeutigen Abweichens von vorigen Aussagen der Päpste haben.

Hier ist eine Sache wichtig: Das Konzil war ein Pastoralkonzil, kein dogmatisches. Es beanspruchte für Dokumente wie „Dignitatis Humanae“ keine Unfehlbarkeit und deswegen kann man auch kein Abtrünniger werden, wenn man dieses Dokument als falsch sieht. Man muss nicht das Konzil als Ganzes für ungültig halten; seine Dokumente beanspruchen keine Unfehlbarkeit, und folglich muss ich ihnen auch keine zusprechen. Natürlich muss man nicht nur die streng genommen unfehlbaren Dokumente des Lehramts im Allgemeinen mit Ehrfurcht behandeln; aber wenn man bereits etliche hat, die gegen etwas sprechen, und dann plötzlich eins, das dafür spricht, muss man nicht speziell dieses eine über die anderen, die noch dazu höhere Autorität haben, stellen.

Damit zusammenhängend sah Erzbischof Lefebvre natürlich auch den Ökumenismus als großes Problem. Vor dem Konzil war die Kirche ja den ökumenischen Ideen, die damals schon unter protestantischen Kirchen verbreitet waren, generell ablehnend gegenübergestanden, einfach weil der Ökumenismus die Ansicht verbreiten konnte, dass alle Kirchen nur einen Teil der Wahrheit hatten und keine es besser wüsste als die anderen oder gar von anderen Christen erwarten sollte, zu ihr zu konvertieren. Jetzt war sie selbst vorne mit dabei. Das Weltgebetstreffen in Assisi oder der Korankuss von Johannes Paul II. schockierten tatsächlich einige – und zurecht. Unter dem Koran waren die Christen jahrhundertelang verfolgt und mit mal mehr, mal weniger hartem Druck abtrünnig gemacht worden; und beim Weltgebetstreffen konnte man quasi den Eindruck gewinnen, als würden Katholiken zum selben Gott beten wie Buddhisten, deren Vorstellungen dem Atheismus näher sind als irgendeiner monotheistischen Religion. Natürlich war das schlimm. Hier wurden viele Katholiken völlig ratlos und wussten gar nicht mehr, ob man jetzt noch dasselbe glauben durfte wie früher. Und Johannes Paul II. – obwohl er ein Papst war, der sicher rechtgläubig sein wollte, der persönlich sympathisch war und gegen manche Exzesse einschritt – war hier auch nicht schuldlos (nicht in Bezug auf seine persönliche Schuld gemeint; aber seine Handlungen waren oft nicht hilfreich). Er wollte praktisch die schlimmsten Auswüchse zurückhalten, aber doch irgendwie daran festhalten, dass mit „dem“ Konzil eine neue Ära gekommen war, und auf jeden Fall Religionsfreiheit und Ökumene hochhalten.

Zu: Koran-Kuss war nutzlos: Papst Johannes Paul stirbt als ein Gottloser  pius.info - PDF Kostenfreier Download
(Johannes Paul II. küsst den Koran.)

Der Erzbischof merkte auch an, wie oft auf dem Konzil quasi das Lehramt der öffentlichen Meinung angerufen wurde, wie oft es auch in den Konzilstexten „die Welt von heute hat erkannt“, „die Welt von heute erwartet von uns“ oder so ähnlich hieß. Statt dass man anhand der gesammelten Weisheit von 2000 Jahren die typischen Fehler der Welt anging, nahm man sie als Lehrmeisterin an. Das wird manchmal auch ein bisschen peinlich – man lese nur mal den Anfang von Gaudium et spes. Und es gibt ja auch sonst noch ein paar Dinge, die man, ohne dass das Konzil viel dazu gesagt hätte, seit dem Konzil quasi aufgehört hat, zu verkünden; z. B. die Lehre, dass, obwohl beides sehr gut ist, Jungfräulichkeit/Zölibat an sich besser ist als die Ehe (ohne dass deswegen alle Zölibatären besser sind als alle Verheirateten).

Und es ist ja nicht so, dass das Konzil ansonsten viel Gutes bewirkt und nur ein paar Flüchtigkeitsfehler in unwesentlichen Dokumenten gehabt hätte. Denen, die sich auf dem Konzil durchsetzten, ging es gerade darum, die zweideutigen und falschen Stellen in Dokumenten wie Dignitatis Humanae und Gaudium et spes durchzubringen, um in dieser Richtung fortschreiten zu können. (Man denke auch an die zweideutige Formulierung, die wahre Kirche sei „verwirklicht in“ der katholischen Kirche.) Das Konzil brachte auch nette Texte heraus, die hauptsächlich altbekannte Wahrheiten wiederholten, aber diese hatten nicht viel Einfluss; und es brachte keine guten Texte heraus, die relevante neue Irrtümer verurteilt hätten o. Ä.

Erzbischof Lefebvre warnte also schon auf dem Konzil vor Fehlentwicklungen, damals noch zusammen mit anderen, und ohne viel Erfolg; 1968 sah er sich gezwungen, sein Amt als Generaloberer der Spiritaner niederzulegen, weil der Orden sich in eine falsche Richtung entwickelte, bei der er sich nicht beteiligen wollte. Dann hatte er eigentlich keinen besonderen Posten mehr und hätte sich zur Ruhe setzen können. Einige Jahre später schrieb er über die Gründung der FSSPX und die Sanktionen gegen ihn:

„Sie gehören vielleicht zu denen, ratlose Leser, die mit Trauer und Angst den Verlauf sehen, welchen die Dinge nehmen, die sich aber doch davor fürchten, eine wahre Messe zu besuchen, obwohl Sie sich danach sehnen, weil man Ihnen weismachen wollte, daß diese Messe verboten ist. […] Sie haben Angst, sich außerhalb der Kirche zu stellen. Diese Angst ist im Prinzip lobenswert, aber sie beruht hier auf falschen Vorstellungen. […]

Schon vor diesem Zeitpunkt [1968] wandten sich zahlreiche Familien und Priester mit der Frage an mich, an welche Ausbildungsstätten sie die jungen Männer weisen sollten, die Priester werden wollten. Ich muß gestehen, daß ich diesbezüglich sehr unschlüssig war. Nachdem ich von meinen Verantwortungen entbunden war und gerade beabsichtigte, mich zurückzuziehen, dachte ich an die Universität Freiburg in der Schweiz, die noch thomistisch orientiert und geleitet war. Der Bischof, Mgr. Charrière, empfing mich mit offenen Armen. Ich mietete ein Haus, und wir nahmen neun Seminaristen auf, die die Vorlesungen an der Universität besuchten und während der übrigen Zeit ein regelrechtes Seminarleben führten. Sie zeigten sehr bald den Wunsch, auch weiterhin miteinander zu arbeiten. Nach einiger Überlegung fragte ich Mgr. Charrière, ob er bereit wäre, ein Gründungsdekret für eine ‚Bruderschaft‘ zu unterzeichnen. Er billigte deren Statuten, und so entstand am 1. November 1970, die ‚Priesterbruderschaft St. Pius X.‘ Damit waren wir in der Diözese Fribourg kanonisch errichtet.

Wie Sie noch sehen werden, sind diese Einzelheiten wichtig. Ein Bischof hat kanonisch das Recht, in seiner Diözese Vereinigungen zu errichten, die Rom schon auf Grund dieser Errichtung anerkennt, und zwar so weit, daß ein anderer Bischof, ein Nachfolger des ersteren, der diese Vereinigung oder Bruderschaft aufheben möchte, dies nicht tun kann, ohne sich an Rom zu wenden. Die römische Oberbehörde schützt das, was der erste Bischof errichtet hat, damit die Vereinigungen nicht einer Widerruflichkeit ausgesetzt sind, die für ihre Entwicklung schädlich wäre. […] Es gibt Hunderte von Ordenskongregationen diözesanen Rechts, die Häuser in der ganzen Welt haben. […]

Als es notwendig wurde, ein regelrechtes Seminar zu eröffnen und ich das Haus in Ecône – ein ehemaliges Erholungsheim für die Chorherrn vom Großen Sankt Bernhard – gemietet hatte, suchte ich den Bischof von Sion [Sitten], Mgr. Adam auf, der mir seine Zustimmung gab. […] Von Jahr zu Jahr ist die Zahl der Seminaristen gewachsen; im Jahr 1970 sind 11 eingetreten, 1974 waren es 40. Bei den Neuerern verbreitete sich Unruhe […]

Und so sind am 11. November 1974, mit dem ersten Schnee, zwei Apostolische Visitatoren im Seminar erschienen. Sie waren von einer Kommission entsandt, die von Papst Paul VI. ernannt worden war und aus den Kardinälen Garrone, Wright und Tabera bestand – letzterer war Präfekt der Heiligen Kongregation für die Ordensleute und die Säkularinstitute. Sie befragten zehn Professoren und zwanzig der hundertvier anwesenden Seminaristen wie auch mich selbst. Zwei Tage später reisten sie wieder ab und hinterließen einen unangenehmen Eindruck: Sie hatten vor den Seminaristen skandalöse Reden geführt, die Priesterweihe Verheirateter für normal erachtet, hatten erklärt, daß sie keine unveränderliche Wahrheit gelten ließen, und Zweifel an der traditionellen Auffassung von der Auferstehung unseres Herrn geäußert. Über das Seminar sagten sie nichts und hinterließen auch keinerlei Protokoll. Daraufhin veröffentlichte ich, empört über die von ihnen geführten Reden, eine Erklärung, die mit folgenden Worten begann: ‚Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens und der zur Aufrechterhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen, am ewigen Rom, der Lehrmeisterin der Weisheit und der Wahrheit.

Wir lehnen es dagegen ab und haben es immer abgelehnt, dem Rom einer neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenz zu folgen, die sich auf und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und in allen Reformen, die aus diesem hervorgegangen sind, klar gezeigt hat.‘ [Hier eine englische Übersetzung der ganzen kurzen Erklärung.]

Diese Sprache war sicher etwas scharf, aber sie drückte damals meine Gedanken aus, die auch heute noch dieselben sind. Die Kardinalskommission hat hierauf beschlossen, unsere Vernichtung auf diesen Text zu gründen, denn sie konnte sich für ihr Vorhaben nicht auf die Führung des Seminars beziehen: Die Kardinäle erklärten mir nämlich zwei Monate später, daß die Apostolischen Visitatoren bei ihren Erhebungen einen guten Eindruck gewonnen hätten.

Die Kardinalskommission hat mich für den 13. Februar des folgenden Jahres zu einer ‚Unterredung‘ nach Rom eingeladen, um einige Punkte zu klären, und ich habe mich dort eingefunden, ohne zu ahnen, dass man mir eine Falle stellte. Die Unterredung verwandelte sich von Anfang an in ein straffes Verhör wie vor Gericht. Es folgte ein zweites am 3. März, und zwei Monate darauf informierte mich die Kommission „mit der vollen Billigung Seiner Heiligkeit“ über die Beschlüsse, die sie getroffen hatte: Mgr. Mamie, dem neuen Bischof von Fribourg, wurde das Recht zuerkannt, die von seinem Vorgänger erteilte Approbation der Bruderschaft zurückzuziehen. Damit hätte diese, ebenso wie ihre Gründungen, in erster Linie das Seminar von Ecône, ihre ‚Existenzberechtigung‘ verloren.

Ohne die amtliche Bekanntmachung dieser Beschlüsse abzuwarten, schrieb mir Mgr. Mamie: ‚Ich informiere Sie also, daß ich die von meinem Vorgänger gesetzten Rechtshandlungen und erteilten Konzessionen hinsichtlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. zurückziehe, insbesondere das Errichtungsdekret vom 1. November 1970. Diese Entscheidung tritt sofort in Kraft.‘

Wenn Sie meinen Ausführungen gefolgt sind, können Sie feststellen, daß diese Aufhebung vom Bischof von Fribourg vorgenommen wurde und nicht vom Heiligen Stuhl. Nach Canon 493 [des damals geltenden Kirchenrechts] ist dies also eine wegen mangelnder Zuständigkeit rechtlich nichtige Maßnahme.

Dazu kommt noch der Mangel an ausreichenden Gründen. […] Meine Erklärung war aber niemals Gegenstand einer Verurteilung durch die Heilige Kongregation für die Glaubenslehre (das ehemalige Heilige Offizium), die allein zu dem Urteil darüber berufen ist, ob sie in Gegensatz zum katholischen Glauben steht. Sie wurde ja nur von drei Kardinälen als ‚in allen Punkten unannehmber‘ befunden, und zwar im Verlauf einer Veranstaltung, die offiziell nach wie vor als Unterredung gilt.

Die rechtliche Existenz der Kommission selbst wurde niemals bewiesen. Mit welchem päpstlichen Akt wurde sie eingesetzt? Unter welchem Datum? In welcher Form wurde der Akt abgefaßt? Wem wurde er amtlich bekanntgegeben? Die Tatsache, daß die römischen Autoritäten seine Vorlage verweigerten, erlaubt Zweifel an seiner Existenz. ‚Im Rechtszweifel verpflichtet das Gesetz nicht‘, sagt das kirchliche Gesetzbuch; um so weniger, wenn die Kompetenz, ja sogar das Vorhandensein einer erkennenden Behörde zweifelhaft ist. Die Worte ‚mit der vollen Billigung Seiner Heiligkeit‘ sind juristisch unzureichend; sie können nicht das Dekret ersetzen, das die Kardinalskommission konstituieren und ihre Vollmachten hätte umschreiben müssen.

Lauter Verfahrensmängel, die die Aufhebung der Bruderschaft nichtig machen. Man darf auch nicht vergessen, daß die Kirche nicht eine totalitäre Gesellschaft von nazistischem oder marxistischem Typ ist, und daß das Recht, selbst wenn es respektiert wird – was in dieser Sache eben nicht der Fall ist -, keinen absoluten Begriff darstellt. Das Kirchenrecht ist geschaffen, um uns das geistige Leben zu ermöglichen und uns so zum ewigen Leben zu führen. Benützt man dieses Gesetz, um uns zu hindern, dorthin zu gelangen, um gewissermaßen unser geistiges Leben abzutöten, dann sind wir verpflichtet, den Gehorsam zu verweigern, genauso wie die Bürger eines Landes verpflichtet sind, dem Gesetz über die Abtreibung nicht zu gehorchen.

Um im Bereich des Juristischen zu bleiben: Ich habe zweimal nacheinander bei der Apostolischen Signatur, die etwas Ähnliches ist wie der Oberste Gerichtshof im bürgerlichen Recht, Berufung eingelegt.

Der Kardinalstaatssekretär, Mgr. Villot, hat diesem höchsten Gericht der Kirche verboten, die Rekurse anzunehmen, was einen Eingriff der Regierungsgewalt in die richterliche Gewalt darstellt.“ (Offener Brief an die ratlose Katholiken, S. 165-171.)

Die Piusbruderschaft sah und sieht also ihre Aufhebung als eine rechtlich mit Verfahrensfehlern belastete und außerdem grundsätzlich ungerechte Maßnahme. Jetzt könnte man sagen: „Aber dann gehorcht man eben einer ungerechten Maßnahme. Gott wird es schon irgendwie zum Guten führen, wenn man gehorcht.“ Aber das ist keine katholische Denkweise. Ein Gesetz ist nur dann wirklich ein Gesetz, wenn es dem Gemeinwohl dient – ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz. Und dieses Gesetz hier schadete dem Gemeinwohl, nicht nur einfach deshalb, weil eine rechtmäßig gegründete Vereinigung sich nicht wirklich etwas zu schulden kommen hatte lassen und nicht einfach aufgelöst werden sollte, sondern vor allem, weil diese Vereinigung für viele Menschen verlässliche Seelsorge bot, die sie sonst bei ihren Pfarrern nicht mehr bekommen konnten. Gerade in den 70ern war ja die Situation oft noch viel katastrophaler, als man aus den Konzilsdokumenten hätte irgendwie begründen können. Da hatte man schon mal ungültige Messen und Priester, die sich weihen ließen in der Erwartung, dass bald der Zölibat fallen würde, und die sowieso nicht mehr an die Auferstehung Jesu glaubten.

Und deshalb hatte die Piusbruderschaft auch recht damit, ihre Aufhebung, da ungerecht, als nichtig anzusehen, und einfach so weiterzumachen.

Da sie das als nichtig sah, schrieb sie sich auch weiterhin die Vollmacht zu, Beichten zu hören und bei Trauungen zu assistieren. Anders als bei anderen Sakramenten ist es hierbei ja so, dass zur Gültigkeit nicht nur der gültig geweihte Priester da sein muss, sondern dieser Priester auch die Beauftragung vom Bischof haben muss; ein suspendierter Priester beispielsweise spendet die Absolution ungültig und auch eine Ehe ist ungültig, wenn sie vor ihm geschlossen wird. Aber hier ist eine Sache wichtig: Es gibt das Prinzip „Ecclesia supplet“ – Die Kirche ersetzt im Notfall die fehlende Vollmacht. Ein einfacher Fall wäre z. B., wenn ein frisch geweihter Priester davon ausgehen konnte, dass seine Beichtvollmacht ab 1.8. gilt, aber wegen irgendeinem Fehler gilt sie erst ab 1.9. In diesem Fall ersetzt die Kirche die fehlende Vollmacht und die im August bei ihm abgelegte Beichte wird gültig. (Es gibt auch noch andere „Notstandsregeln“; z. B. darf die Ehe auch ohne Priester geschlossen werden, wenn man längere Zeit keinen finden kann.)

Auch hier berief sich die Piusbruderschaft eben wieder auf den Notstand: Gläubige, die einen verlässlichen Beichtvater oder eine gute Ehevorbereitung und Brautmesse suchten, hatten oft wenige Möglichkeiten und brauchten sichere Seelsorge. Und hier hatte sie, soweit ich das beurteilen kann, vollkommen Recht. Die Notsituation zu leugnen heißt, sich selber blind stellen und den eigenen Verstand beleidigen. Man muss sich als guter Katholik nicht alles schönreden, damit die Kirchenhierarchie gut herauskommt. Manchmal begehen auch Bischöfe sehr schwere Sünden und vernachlässigen ihre Aufgaben komplett. Ein solcher Fall wie nach dem Konzil ist historisch ziemlich selten, nicht mal die Arianismuskrise im 4. Jh. reicht ganz heran; und besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen; und nach dem Kirchenrecht ist das oberste Gesetz das Heil der Seelen. Die Kirche ist vielleicht eine absolute Monarchie, aber keine totalitäre Diktatur, in der es willkürlich und unsinnig zugeht, sondern eine rechtsstaatliche absolute Monarchie.


(Der Erzbischof ist auf dem Bild in der Mitte zu sehen.)

Es ging dann noch weiter; zuerst erhielt Lefebvre 1976 die Suspension a divinis (was ihm die Spendung der Sakramente untersagte) und es gab ein Verfahren vor der Glaubenskongregation, das Anfang 1978 eingeleitet wurde, bei dem der Erzbischof nach Rom geladen wurde, um Stellung zu einigen Fragen zu nehmen, das aber am Ende zu nichts führte.

Ihm wurden seine Ansichten zur Religionsfreiheit vorgeworfen; auf die Widersprüche mit früheren Päpsten wurde nicht eingegangen. So schrieb Kardinal Seper an ihn: Durch die Konzilserklärung wird dieser Punkt der Lehre klar zum Bestandteil der Unterweisung durch das Lehramt und beansprucht, obwohl er nicht Gegenstand einer Definition ist, willige Aufnahme und Zustimmung.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 15f.) (Was Lefebvre, wie man sich denken kann, nicht anerkannte.)

Auch, dass Lefebvre die neue Messe als etwas sah, das den Glauben schmälerte und angriff, wurde beanstandet: „Ein Gläubiger kann jedenfalls nicht in Zweifel stellen, daß ein vom Obersten Hirten promulgierter sakramentaler Ritus mit der Glaubenslehre im Einklang steht, vor allem wenn es sich um den Ritus der Messe handelt, die das Herzstück des Lebens der Kirche bildet.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 17) Der Erzbischof hielt ja den neuen Ritus nicht für ungültig; aber sehr wohl für etwas, das den Glauben nicht genug zum Ausdruck brachte und die Leute allmählich in eine falsche Richtung lenkte, auch wenn er nichts direkt Häretisches ausdrückte, er sah ihn als „die Häresie begünstigend“, nicht als „häretisch“. Wieso ein Katholik das nicht denken könnte, wurde nicht gesagt.

Ihm wurde vorgeworfen, das 2. Vatikanum und Paul VI. anzugreifen und sich allmählich ins Schisma zu begeben: „Sie beginnen, ob Sie es wollen oder nicht, mit Priestern, die Sie geweiht haben und die faktisch von Ihnen allein abhängen, eine Gruppierung zu bilden, die geeignet ist, eine dissidente kirchliche Gemeinschaft zu werden.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 25) Daraufhin wiederholte Lefebvre schlicht und einfach, dass der Gehorsam gegenüber Menschen Grenzen habe: „Nun wurden die uns auferlegten Verbote dazu erlassen, um uns zu dem Einverständnis zu verpflichten, daß unser Glaube gemindert und angegriffen werde. Deshalb sind wir überzeugt, daß diese Vorschriften keinerlei Gesetzeskraft besitzen.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 115) „Von uns zu verlangen, daß wir unsere Seminare schließen und die neue konziliare und postkonziliare Richtung annehmen, hieße uns zwingen, zur Zerstörung der Kirche beizutragen, die Autorität des römischen Apostolischen Stuhls zu unterminieren. Nur weil wir dem Lehramt der Kirche treu bleiben wollen, flehen wir den Heiligen Vater an, sich auch selbst treu zu sein“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 118)

Hier kann man den Vorwürfen noch am ehesten eine gewisse Glaubwürdigkeit zugestehen; von außen mochte es für unwissende Beobachter so aussehen, als entstünde hier ganz langsam eine eigene Kirche. Aber an dieser Situation ließ sich vonseiten Lefebvres nun einmal nichts ändern, solange er nicht das ganze Wirken der Piusbruderschaft aufgeben wollte; das Problem war, dass Rom dieses Wirken nicht gefiel. Und er machte immer wieder klar, dass er eben keine eigene Kirche aufbaute und nur ungerechten Befehlen nicht gehorchte.

In diese Zeit fielen der Tod von Paul VI., die Wahl und 33 Tage später der Tod von Johannes Paul I., und die Wahl von Johannes Paul II. In einem Brief Ende des Jahres 1978 bat Lefebvre Johannes Paul II., die traditionellen Gemeinschaften doch einfach zuzulassen: „Welche Schwierigkeit bereitet eine derartige Haltung? Keine. Die Bischöfe würden Orte und Zeiten bestimmen, die für diese Überlieferung reserviert wären. Die Einheit wäre auf der Ebene des örtlich zuständigen Bischofs sofort wiedergefunden. […] Die Priorate würden den Diözesen durch Predigten von Pfarrmissionen, Exerzitien nach Art des hl. Ignatius und Dienstleistungen in den Pfarren, in voller Unterordnung unter die Ortsbischöfe dienen.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 150f.)

Im Januar 1979 gab es dann ein Treffen bei der Glaubenskongregation. Man fragte ihn, ob er nicht handle, als ob die Hierarchie nicht mehr existiere, wenn er seinen Priestern supplizierte Jurisdiktion zuschreibe. Er antworte nicht, dass die Hierarchie nicht mehr existiere, sondern sagte: „Man kann der Ansicht sein, daß die Hierarchie in bestimmten Ländern ganz allgemein nicht mehr ihre Aufgabe erfüllt.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 163) Über seine Unterwerfung unter den Papst sagte er: „Solange nicht die päpstliche Unfehlbarkeit betroffen ist, stellt es kein Delikt des Aufruhrs dar, wenn ein Bischof seine Schwierigkeiten öffentlich darlegt, falls er sich dabei auf die Überlieferung stützt. Die Einwände, die ich der Gesamtheit der Liturgiereform entgegenhalte, berücksichtigen die Tatsache, daß Papst Paul VI. die Liturgiereform als disziplinäre Reform betrachtete.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 174) Er erkärte auch, dass es sein Wunsch sei, dass die FSSPX eine Gesellschaft päpstlichen Rechts werde, die ihre Seelsorge und Priesterausbildung so weiterführen könne.

Noch einmal: Er stellte gegenüber seinen Priestern und den Gläubigen, die deren Messen besuchten, immer klar, dass er keine eigene Kirche gründete, kein Oberhaupt einer Gegenkirche war:

„Gleich zu Beginn will ich ein Mißverständnis klären, und zwar so nachdrücklich, daß ich nicht mehr darauf zurückkommen muß: Ich bin kein Anführer einer Bewegung, noch viel weniger das Haupt einer eigenen Kirche. Ich bin nicht, wie man unaufhörlich schreibt, ‚der Anführer der Traditionalisten‘. Ja, man ist soweit gegangen, gewisse Leute als ‚Lefebvristen‘ zu bezeichnen, als ob es sich um eine Partei oder um ein eigenes theologisches Lehrsystem handelte. Das ist eine unzulässige Redeweise.

Ich vertrete auf religiösem Gebiet keine persönliche Lehre. Mein ganzes Leben lang habe ich mich an das gehalten, was man mich auf der Schulbank des Französischen Seminars von Rom gelehrt hatte, nämlich die katholische Lehre, wie sie das Lehramt seit dem Tod des letzten Apostels, der das Ende der Offenbarung bedeutet, von Jahrhundert zu Jahrhundert überliefert hat.

Darin kann nichts enthalten sein, was dem Sensationshunger der Journalisten und, durch sie, der öffentlichen Meinung als Nahrung dienen könnte. Trotzdem geriet am 29. August 1976 ganz Frankreich in Aufregung, als bekannt wurde, daß ich in Lille die Messe lesen würde. Was war so außergewöhnlich daran, daß ein Bischof das heilige Meßopfer zelebriert? Ich mußte vor einem Wald von Mikrophonen predigen, und jeder meiner Sätze wurde als aufsehenerregende Erklärung begrüßt. Was habe ich denn anderes gesagt, als was jeder beliebige andere Bischof hätte sagen können?

Aber das ist ja eben des Rätsels Lösung: Diese anderen Bischöfe haben seit einer Reihe von Jahren nicht mehr das Gleiche gesagt. Haben Sie sie zum Beispiel oft vom Königtum unseres Herrn Jesus Christus über die Gesellschaft reden hören?“ (Marcel Lefebvre, Offener Brief an die ratlosen Katholiken, 3. Aufl. Stuttgart 2012, S. 13)

Und bei aller Kritik an den Päpsten war es nicht so, dass die Piusbrüder völlig unfair ihnen gegenüber gewesen wären. Lefebvre äußerte sich mehrmals sehr positiv über das „Glaubensbekenntnis“ von Paul VI., das dieser 1968 öffentlich ablegte, und das eine schöne Darstellung des rechten Glaubens ist.

„Der Heilige Vater veröffentlichte am 30. Juni 1968 sein Glaubensbekenntnis. Das war ein Akt, der vom dogmatischen Gesichtspunkt aus wichtiger ist als das ganze Konzil.

[…] Als der Papst sich erhob, um es zu sprechen, erhoben sich auch die Kardinäle, und alle übrigen Anwesenden wollten es ihnen gleich tun, aber er ließ alle sich wieder niedersetzen; er wollte allein, als Stellvertreter Christi, sein Credo proklamieren, und er tat es mit den feierlichsten Worten, im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, vor den heiligen Engeln, vor der ganzen Kirche. Folglich hat er einen Akt gesetzt, der den Glauben der Kirche bindet.

So haben wir diesen Trost und dieses Vertrauen, zu fühlen, daß der Heilige Geist uns nicht im Stich gelassen hat. Man kann sagen, daß die Arche des Glaubens, die ihren Stützpunkt im Ersten Vatikanischen Konzil hat, einen neuen Stützpunkt in dem Glaubensbekenntnis Pauls VI. findet.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 132.)

Was man der Piusbruderschaft manchmal vorwerfen kann, ist, dass zu leichtfertig Begriffe wie „Konzilskirche“ verwendet werden, was implizieren könnte, dass Novus-Ordo-Gemeinden nicht Teil der wahren Kirche wären, sondern dass auf dem Konzil eine neue Kirche entstanden wäre. Das ist eine Ungenauigkeit im Reden; denn vertreten tut die Piusbruderschaft eine solche Ansicht gerade nicht. Die Ansicht ist, dass die Kirche besetzt und von vielen Übeln geplagt ist, gegen die man sich wehrt, aber nicht, dass sie nicht mehr Kirche ist; die FSSPX wird nicht als die einzig wahre Kirche, sondern als Gruppe innerhalb der Kirche gesehen, die als fast einzige (neben ein paar kleineren Gruppen) ausreichend Widerstand gegenüber den Übeln leistet.

Z. B. sagt Pater Franz Schmidberger in einem neuen Interviewbuch mit Ingo Langner: „Und, um es klar zu sagen, wir haben nicht die Verheißung der Unvergänglichkeit, die hat allein die Kirche. ‚Portae inferi non praevalebunt – Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.‘ Das gilt für die Kirche, das gilt nicht für die Piusbruderschaft! Mit allen menschlichen Abschätzungen muss man sagen, die Piusbruderschaft wird weiterbestehen. Aber das sind rein menschliche Kategorien, während die Kirche als solche die Verheißung hat, dass sie nie untergehen wird.“ (Ausschnitt aus „Die Mächte der Finsternis“, veröffentlicht im Mitteilungsblatt der FSSPX vom Januar 2020, S. 33f.)

Ich finde es auch von Pfarrer Hans Milch, dem Gründer der actio spes unica, der mit der Piusbruderschaft eng verbunden war, schön ausgedrückt:

„Im lockeren Gespräch, wo die Worte nicht auf die Goldwaage gelegt werden, da man voneinander weiß, wie’s gemeint ist, kann man schon mal sagen: ‚Konzils-Kirche‘ oder ‚Neu-Kirche‘, womit – sprachlich unkorrekt zusammengezogen – zum Ausdruck kommen soll die vom neomodernistischen Ungeist bedeckte und besetzte Kirche.

Jemand schrieb mir im Zeichen des Vorwurfs – bezogen auf den letzten spes-unica-Sonntag: ‚Interessant war für mich bei Ihrem gestrigen Vortrag auch die Feststellung, daß auch die Kirche Johannes XXIII. und Pauls VI. usw. die wahre katholische Kirche sei.‘

Meine Freunde! Es gibt nur die eine, heilige, katholische und apostolische römische Kirche. Sonst kann es keine Kirche geben, also auch nicht eine Kirche Johannes XXIII. und Pauls VI. Es gibt freilich die Katastrophe, die sich unter Roncalli und Montini im Innenraum der Kirche ereignet hat, da mit ihrer Duldung das antikirchliche erobernd und verwüstend einbrach. Ob diese Duldung die beiden im Sinne einer subjektiven Schuld belastet oder nicht, können wir nicht beurteilen. Wir haben für beide zu beten. Alle Mutmaßungen über ihre persönlichen Qualifikationen oder Nichtqualifikationen sind Zeitverschwendung. Wir haben uns damit nicht zu befassen. Uns erfüllt einzig die Sorge um die große Wende, da die Kirche wieder, wie ich zu sagen pflege, in ihrem eigenen Licht aufleuchten wird!

Was die Progressisten beherrschen, ist der Raum der Kirche; was sie besetzt halten, ist der Boden der Kirche. Erkennbar sind die Stahlgerüste ihrer ursprünglichen Struktur, die mißbraucht ist und mit Falschem ausgefüllt. Einmal schrieb ich: ‚Sie ist wie ein wankendes Gerippe.‘ Das war keine ‚dichterische Pathetik‘, sondern sehr präzise zu verstehen: das Skelett ist eben noch erkennbar. Die Substanz, das ‚Fleisch‘, ist unsichtbar geworden, im Verborgenen, in innerer oder äußerer Emigration. Der Gedanke, daß da eine ’neue Kirche‘ entstanden wäre, ist theologisch unhaltbar. Hätte sich die katholische Kirche als solche quasi ‚unter der Hand‘ in eine ‚andere‘ verwandelt, so wäre die Verheißung widerlegt: ‚Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!‘ Die Kirche als unerkennbar gewordenes, besetztes Gebiet – in Oasen und scheinbar ‚außen‘ in Erscheinung tretenden Zentren lebend – ist dagegen noch lange nicht überwältigt. Man muß Theologie treiben in Ernst und tiefem Verantwortungsbewußtsein.

Überhaupt – auch in unseren Reihen schläft Satan keineswegs. Auf der einen Seite sehr viel Unwissenheit und mangelnde Unterscheidungskraft, auf der anderen Seite das Herumschwadronieren mit theologischen Privatmeinungen. Die in unseren antiprogressistischen Reihen Lehramt ausüben, müssen, weil das Amt der letztinstanzlichen Entscheidung zur Zeit nicht in Erscheinung tritt, mit doppelter Selbstdisziplin sich auf das beschränken, was absolut gesichert ist.“

Trotzdem, diese Ungenauigkeit im Reden kann man ihr manchmal vorwerfen.

(Ich habe manchmal auch den Eindruck, dass in den Veröffentlichungen der FSSPX manchmal eine gewisse pompös-dramatische Ausdrucksweise überhand nehmen kann. Aber das ist ja auch in allen möglichen christlichen Kreisen der Fall, und ein ziemlich unwichtiger Kritikpunkt; ich schreibe sicher auch immer wieder stilistisch unschön.)

Erzbischof Lefebvre beschreibt den Konflikt zwischen dem Traditionalismus und dem Rest der Kirche folgendermaßen:

„Es gibt Priester, die oft nicht mehr wissen, was sie tun sollen: Entweder gehorchen sie blind dem, was ihre Vorgesetzten ihnen aufzwingen, und verlieren in gewisser Weise den Glauben ihrer Kindheit und ihrer Jugend, sie brechen das Gelöbnis, das sie bei ihrer Weihe durch den Antimodernisteneid abgelegt haben; oder sie leisten Widerstand, haben aber das Gefühl, sich vom Papst zu trennen, der unser Vater und der Stellvertreter Christi ist. Welche Zerrissenheit in beiden Fällen! Viele Priester sind vor Schmerz vorzeitig gestorben.

Und wie viele andere wurden gezwungen, ihre Pfarreien aufzugeben, in denen sie seit Jahren ihren Dienst ausgeübt hatten, weil sie einer offenen Verfolgung durch ihre Hierarchie ausgesetzt waren und obwohl ihre Gläubigen, denen man damit ihren Hirten entrissen hat, sich für sie einsetzten!“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 159.)

„Denn es ist ein Meisterstück Satans, daß er die Katholiken so weit gebracht hat, im Namen des Gehorsams der gesamten Tradition ungehorsam zu sein.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 161.)

Und deshalb beharre ich unabänderlich auf meinem Standpunkt, und wenn Sie den tiefsten Grund dieser Beharrlichkeit wissen wollen, will ich Ihnen sagen: Wenn unser Herr mich in der Stunde meines Todes fragen wird: ‚Was hast du aus deinem Bischofsamt gemacht, was hast du mit deiner bischöflichen und priesterlichen Gnade gemacht?‘ will ich nicht aus Seinem Mund die furchtbaren Worte hören: ‚Du hast mit den anderen dazu beigetragen, die Kirche zu zerstören.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 193)

Und genau das hier ist der Punkt: Dass der Gehorsam nicht das Wichtigste ist, sondern im Dienst der Wahrheit und des Guten steht. Blinder Gehorsam ist nicht katholisch. Wenn eine minderjährige Tochter gegen seinen Willen bei ihrem Vater auszieht, der sie misshandelt, und zu ihrer Tante zieht, ihn aber immer noch grundsätzlich als ihren Vater anerkennt, kann man ihr nichts vorwerfen. Und die Hierarchie der Kirche hat die Gläubigen misshandelt, immer und immer wieder.

Im Jahr 1987 kündigte Lefebvre dann seine Absicht an, Weihbischöfe zu konsekrieren. Er wollte keine Jurisdiktion für sie beanspruchen; sie sollten da sein, um Firmungen und Priesterweihen durchführen zu können, wenn er selbst tot war, aber er wollte sie nicht zu Ortsbischöfen über irgendwelche Orte einsetzen, was er für sich ja auch nicht beanspruchte. Rom war offensichtlich etwas erschrocken, und ging wieder etwas auf die FSSPX zu, bot neue Gespräche an. Pater Schmidberger sagte in einem Vortrag von 1988, in dem er über Roms Motive spekulierte, dass einige wohl inzwischen gemerkt hätten, dass die Kirche zu modernistisch geworden sei und die FSSPX als Korrektiv zulassen wollten, um zu einem Gleichgewicht zu finden: „Solche Leute – ohne Zweifel gehören die Kardinäle Ratzinger und Oddi zu ihnen – wollen also die Priesterbruderschaft als Hofhund gegen den Progressismus einsetzen, der freilich an die Kette gelegt und an kurzer Leine zu halten ist, um einerseits zu bellen, aber ja nicht zu beißen!“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, Stuttgart 1988, S. 25) Man vermutete aber auch, dass Rom quasi den Aufruhr verhindern und ein kontrolliertes Aussterben der traditionellen Gemeinschaften wollte; dass man ihnen genug Zwänge auferlegen würde, um sie nach und nach zu ersticken.

Ein Kardinal Gagnon, der der FSSPX gegenüber freundlich eingestellt war, visitierte sie; es gab dann Anfang 1988 Gespräche in Rom und es wurde in Aussicht gestellt, dass die FSSPX eine Gemeinschaft päpstlichen Rechts werden könnte und man in Rom eine Überbehörde mit der Zuständigkeit für die traditionalistischen Gemeinschaften schaffen könnte. Erzbischof Lefebvre drängte darauf, dass die FSSPX unabhängig gegenüber den Ortsbischöfen sein sollte, dass sie möglichst bald eigene Bischöfe bekommen sollte, und dass die angedachte Kommission in Rom mit traditionalistischen Klerikern besetzt sein sollte. Rom war dabei nicht sehr entgegenkommend; die Kommission sollte aus fünf Mitgliedern der römischen Kurie, darunter Kardinal Ratzinger als Vorsitzender, und zwei Traditionalisten bestehen; Bischöfe wollte man zuerst überhaupt nicht zugestehen, Bischöfe von außerhalb könnten ja die Weihen und Firmungen übernehmen. Da die meisten Bischöfe der FSSPX gegenüber sehr feindlich eingestellt waren, waren deren Vertreter nicht erfreut; schließlich stellte Rom einen Bischof in Aussicht.

„Am Abend kam man zu einem gewissen Rahmenabkommen: In einem ersten Teil erklärt Monseigneur im Namen der gesamten Priesterbruderschaft die Unterwerfung unter den Papst; er ist damit einverstanden, einen kurzen, durchaus korrekten Text des Konzils über das Lehramt (‚Lumen gentium‘ Nr. 25) zu unterschreiben; er anerkennt die sakramentale Gültigkeit des Novus Ordo Missae und der neuen Sakramentsformen gemäß der lateinischen Ausgabe und anerkennt auch das neue Kirchenrecht, wobei für das Konzil, den NOM und die Sakramente wie auch für das neue Kirchenrecht mit der Tradition schwer, sprich nicht vereinbare Punkte später zu klären wären. Diese Reserven wurden also von Rom ausdrücklich anerkannt.

Ein zweiter Teil sah die Errichtung der Priesterbruderschaft als apostolische Gemeinschaft päpstlichen Rechts vor mit relativer Exemption von den Ortsbischöfen. Sie sollte abhängen von einer römischen Kommission, zusammengesetzt wie oben beschrieben im Verhältnis 5:2. Man gestand die Weihe eines Bischofs aus der Reihe der Bruderschaft zu, allerdings ohne Angabe eines konkreten Konsekrationsdatums.

Erzbischof Lefebvre unterzeichnete am 5. Mai dieses Rahmenabkommen, das es nun mit Leben erfüllen galt. Er schrieb am gleichen Tag einen Brief an den Papst mit der Bitte, die Prozedur der Verwirklichung in die Wege zu leiten.

Was hatte den Erzbischof zur Unterschrift bewogen? Gewiß, er hatte seine Bedenken gegen den ersten Teil der Erklärung. Die Zusammensetzung der römischen Kommission war alles andere als zufriedenstellend gelöst und ein Datum für die Bischofskonsekration war nicht zu bekommen. Aber andererseits war das Prinzip eines Bischofs zugestanden; die Türe einmal geöffnet, konnten vielleicht weitere Konsekrationen im Laufe der Zeit folgen.

Intensives Nachdenken brachte ihn allerdings zu der begründeten Überzeugung, die im Rahmenabkommen niedergelegten Bedingungen insgesamt seien bei der derzeitigen Geisteshaltung Roms kein hinreichender Schutz gegen die Auflösung der gesamten Tradition.

Folglich schrieb er sofort am Tage danach, am 6. Mai, einen Brief an Kardinal Ratzinger, in dem er darlegte, daß die im Protokoll enthaltenen Bedingungen, insbesondere bezüglich des Datums der Bischofskonsekration, ganz und gar unzureichend seien. Später sagte er uns, die Muttergottes habe uns aus einer Falle errettet.

Kardinal Ratzinger antwortete noch am gleichen Tag: Der Prozeß der Versöhnung – mit diesem Term bezeichnet er die Normalisierung – könne unter diesen Bedingungen nicht in die Wege geleitet werden. Auch betrachtete man den Brief des Erzbischofs vom 5. Mai, an den Papst gerichtet, als nicht ausreichend; man ließ Monseigneur einen Textentwurf zukommen mit einem eigenen Paragraphen, wo er sich entschuldigen würde für das Unrecht, das er dem Heiligen Stuhl zugefügt habe.

Aufs Neue wird Erzbischof Lefebvre nach Rom geladen. Mit zwei Briefen in der Hand findet er sich am 24. Mai zum Gespräch mit Kardinal Ratzinger ein; der erste Brief ist verfaßt unter dem Datum des 20. Mai und ist an den Papst gerichtet, der zweite trägt des Datum des 24. Mai und wendet sich an Seine Eminenz selbst. Monseigneur legt darin dar, daß a) die Konsekration über den 30. Juni hinaus nicht mehr verschoben werden könne, b) auf Grund der weiten Ausdehnung der Priesterbruderschaft und der überreichlichen Arbeit ein Bischof keineswegs genüge, c) die Besetzung der römischen Kommission mehrheitlich mit Mitgliedern aus der Tradition erfolgen müsse, um einen wirklichen Schutz gegen alle möglichen Einflüsse zu garantieren.

Im Gespräch sichert der Kardinal dem Erzbischof zwar den 15. August als Konsekrationsdatum zu, geht aber auf die Frage nach mehreren Bischöfen überhaupt nicht ein und besteht ausdrücklich auf der vorgesehenen Besetzung der römischen Kommission. […]

Man bat uns außerdem, weitere Namen für die Vorschlagsliste der Bischofskandidaten einzureichen. Offensichtlich waren unsere Vorschläge nicht genehm. Man wollte Kandidaten vom Profil der römischen Vorstellungen, also weich, kompromißbereit, auf zwei Hochzeiten tanzend.

Kurze Zeit später hat Kardinal Ratzinger dann in einem uns hinterbrachten privaten Gespräch die Katze aus dem Sack gelassen: Es handle sich bei der Unterhandlung mit der Priesterbruderschaft um einen langen Versöhnungsprozeß, an dessen Ende Erzbischof Lefebvre das gesamte Konzil anerkennen müsse; die römische Kommission solle nur von kurzer Dauer sein; die ihr unterstellten Ordensgemeinschaften seien schließlich in ihre Ordensverbände zurückzuführen. Ähnliche Vorstellungen hatte der Kardinal auch für die Priesterbruderschaft selbst. […]

An diesem selben 30. Mai fand eine Zusammenkunft der Oberen der verschiedenen mitbetroffenen Ordensgemeinschaften in Frankreich statt, in deren Verlauf der Erzbischof diesen die gesamte Situation vortrug und sie auch um ihren Rat und ihre Stellungnahme bat.

Nach vielen Überlegungen, schlaflosen Nächten, reichem Gebet und dem Einholen des Rates von vielen Seiten hat der Erzbischof am 2. Juni einen Brief folgenden Inhaltes an den Papst geschrieben:

‚Heiliger Vater! Die Unterredungen und Gespräche mit Kardinal Ratzinger und seinen Mitarbeitern, wiewohl in höflicher und liebevoller Atmosphäre stattfindend, haben uns überzeugt, daß der Augenblick für eine freimütige und wirkungsvolle Zusammenarbeit noch nicht gekommen ist … Angesichts der Weigerung, unsere Ersuchen zu berücksichtigen, und da es evident ist, daß das Ziel dieser Versöhnung keineswegs für den Heiligen Stuhl dasselbe ist wie für uns, ziehen wir es vor, günstigere Zeiten für die Rückkehr Roms zur Tradition abzuwarten …‘

Unter dem Datum des 9. Juni antwortet der Papst mit einem feierlichen Appell zugunsten der Einheit der Kirche und mit dem Hinweis auf die kanonischen Strafen, die ausgesetzt sind für den Schritt, den der Erzbischof ins Auge gefasst habe.“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, Stuttgart 1988, S. 35-38)

Erzbischof Lefebvre ließ sich davon nicht mehr abbringen. Er wählte vier Kandidaten aus und schritt zu den Weihen.

„Inzwischen hatte auch Bischof de Castro Mayer seine Teilnahme als Mitkonsekrator zugesagt. Er traf am Samstag, den 25. Juni zusammen mit vier Priestern der Diözese Campos (Brasilien) in Ecône ein.

Am 29. Juni weihte Monseigneur 13 Seminaristen und 3 Ordensleute zu Priestern. Abends um 18 Uhr kam ein Bote der Nuntiatur von Bern mit einem Telegramm von Kardinal Ratzinger, abgesandt im Auftrage des Papstes. Der Erzbischof möge sofort nach Rom kommen! Wohin in Rom? Um wen in Rom zu treffen? Um über was zu sprechen? Tatsächlich stand ein großer schwarzer Mercedes abfahrbereit zur Verfügung. Wäre nicht bei den tage-, um nicht zu sagen wochenlangen Aufenthalten Monseigneurs in Rom im Januar, im April und zweimal im Mai beste Gelegenheit gewesen, alle Unstimmigkeiten auszuräumen und auch, wenn notwendig, eine Audienz beim Papst in die Wege zu leiten? Oder wollte man jetzt im letzten Augenblick ‚das Schlimmste‘ verhindern und sich vor der Welt den Anschein geben, man habe bis zuletzt die Verständigung gesucht und goldene Brücken gebaut? Über solche Initiativen kann man nur den Kopf schütteln.

Folglich schritt Erzbischof Lefebvre am 30. Juni, am letzten Tage des Herz-Jesu-Monats, zusammen mit Bischof de Castro Mayer zur Bischofskonsekration […]

Noch während der Zeremonie ließ der Vatikan durch seinen Sprecher Navarro die für die sechs Bischöfe angeblich eingetretene Exkommunikation feststellen. Im Brief vom 1. Juli wiederholte Kardinal Gantin diese Feststellung. Er spricht von einem schismatischen Akt und bedroht die Gläubigen, die in Zukunft den exkommunizierten Bischöfen und der Priesterbruderschaft die Treue halten, sie verfielen dem Ausschluß aus der Kirche durch ihre Haltung selbst. Im Motu proprio ‚Ecclesia Dei afflicta‘ vom 2. Juli versichert der Papst jene Priester und Gläubigen, die sich von der Bruderschaft lossagen, des größten Entgegenkommens; Rom werde die im Abkommen vom 5. Mai vorgesehene Kommission schleunigst gründen; außerdem sollten die Ortsbischöfe den Gläubigen mit großzügiger Gewährung der überliferten Liturgie Heimatrecht gewähren.

Tatsächlich hatten uns 10 Priester und 13 Seminaristen wegen der Konsekration den Rücken gekehrt. Einige von ihnen wurden sofort vom Papst empfangen; man hat sogar eine neue Priesterbruderschaft St. Petrus gegründet. Derartige Unternehmen werden indes von nicht viel längerer Dauer sein als alle anderen ähnlichen Versuche früherer Jahre, die samt und sonders kläglich gescheitert sind.“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, Stuttgart 1988, S. 39-41)

Ganz so kam es ja nun nicht; die Petrusbruderschaft besteht und wächst immer noch, auch die Kommission Ecclesia Dei besteht noch. Dennoch: Einen Bischof hat die Petrusbruderschaft bis heute nicht, obwohl sie ihn rechtmäßigerweise schon lange hätte bekommen sollen, und besonders am Anfang ihres Wirkens wurde sie von den Ortsbischöfen sehr stark eingeschränkt, z. B. brauchten Besucher ihrer Messen eine schriftliche Erlaubnis vom Bischof. Man kann wohl nicht bestreiten, dass damals manche lieber ein kontrolliertes Aussterben oder der Traditionalisten sehen wollten, oder eine Eingliederung in Novus-Ordo-Gemeinschaften, als eine dauernde Duldung. Als Joseph Ratzinger Papst wurde, hatte sich seine Meinung zur Tradition offenbar zumindest so entwickelt, dass er ihr entgegenkommen wollte, was er mit Summorum Pontificum tat, wobei er erklärte, dass die alte Messe eigentlich nie verboten worden war (wie Lefebvre von Anfang an gesagt hatte) und jeder Priester sie feiern könnte.

(Wegen dieser Behinderung des Traditionalismus halte ich die „Abspaltung“ der Petrusbruderschaft von der Piusbruderschaft zwar eher für falsch, aber verstehe sie generell schon; für ihre Gründer war die Sache mit den Bischofsweihen eben eine Gewissensfrage, in der sie zu einem anderen Urteil kamen als der Rest der FSSPX; und sie haben sich ja seitdem um die Tradition wirklich verdient gemacht. Wobei man sagen muss, dass sie zu problematischen Stellen beim Konzil oft ein bisschen leiser sind als die FSSPX.)

Aber zurück zu den Bischofsweihen. In seiner Predigt dazu sagte Erzbischof Lefebvre u. a. folgendes:

„Es ist notwendig, daß Sie gut verstehen, warum wir um nichts auf der Welt mit dieser Zeremonie ein Schisma wollen. Wir sind keine Schismatiker. Wenn über die Bischöfe Chinas, die sich von Rom getrennt und die sich der chinesischen Regierung unterworfen hatten, die Exkommunikation ausgesprochen wurde, versteht man sehr gut, warum Papst Pius XII. das getan hat. Für uns aber kommt es absolut nicht in Frage, uns von Rom zu trennen und uns irgendeiner Rom fremden Macht zu unterwerfen und eine Art Parallelkirche zu gründen, wie es zum Beispiel die Bischöfe von Palmar de Troya in Spanien gemacht haben, die einen Papst ernannt, die ein Kardinalskollegium gegründet haben. Für uns kommen derartige Dinge auf keinen Fall in Frage! Ferne von uns seien so erbärmliche Gedanken wie die, uns von Rom zu trennen. Ganz im Gegenteil, wir nehmen diese Zeremonie vor, um unsere Verbundenheit mit Rom zu manifestieren, um unsere Verbundenheit mit der Kirche aller Zeiten zu manifestieren, mit dem Papst und mit allen jenen, die die Vorgänger der Päpste waren, die nun seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil leider gemeint haben, Irrtümer annehmen zu müssen, schwere Irrtümer, die im Begriffe sind, die Kirche zu zerstören und das katholische Priestertum zu vernichten.

Nichts liegt mir ferner, als mich zum Papst zu erheben! Ich bin nur ein Bischof der katholischen Kirche, der fortfahrt, die Lehre weiterzugeben. „Accepi quod et tradidi vobis.” Ich glaube, ich werde mir wünschen, daß man das auf mein Grab schreibt — es wird zweifellos nicht lange auf sich warten lassen — daß man auf mein Grab schreibt: „Tradidi quod et accepi”, diese Worte des hl. Paulus: „Ich habe empfangen, was ich euch auch überliefert habe”. (1 Kor 11,23) Ich erfinde nichts, ich bin nur der Briefträger, der einen Brief bringt.“

Was genau hatte die FSSPX noch zu ihrer Rechtfertigung zu sagen? Tatsächlich einiges:

Pater Schmidberger argumentiert:

„Ein bedeutender Theologe der jüngeren Zeit, Dom Gréa, spricht in seinem Buch ‚L’Eglise et sa divine constitution‘ [Die Kirche und ihre göttliche Verfasstheit] über die außergewöhnliche Vollmacht eines Bischofs in der Kirche. Der Einzelbischof kann für die Gesamtkirche verantwortlich sein und in dieser Verantwortlichkeit handeln müssen, wenn a) die Religion selbst in Gefahr ist und b) die römische Autorität unerreichbar ist. Wir brauchen wohl nicht mehr auf die Frage des Erfülltseins der ersten Bedingung einzugehen. Aber auch die zweite Bedingung ist erfüllt; denn die römische Autorität als Hüterin und Verteidigerin des Glaubens ist heute für den Katholiken unerreichbar. Der Papst ist der Gefangene seiner eigenen antichristlichen Ideologie.

Dom Gréa gibt ein konkretes historisches Beispiel für ein solches außerordentliches Handeln eines Bischofs an: Als im 4. Jahrhundert die meisten Diözesen von arianischen Bischöfen besetzt waren, weihte Bischof Eusebius von Samosata rechtgläubige Bischöfe und setzte sie in die verwüsteten Diözesen ein. Man behauptet nun, solches sei wenigstens mit stillschweigendem Einverständnis des Papstes geschehen. Nun regierte aber zu jener Zeit Papst Liberius, der den Arianismus eher begünstigte als bekämpfte. Weder konnte Eusebius noch können wir vom heutigen Wissensstand aus das Einverständnis von Papst Liberius voraussetzen. Eusebius hat sich von der Pflicht der Rettung des Glaubens leiten lassen, und die Kirche hat ihm recht gegeben.“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, S. 48)

Bzgl. der Bischofsweihen und der Exkommunikation argumentiert die FSSPX außerdem folgendermaßen:

Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat sind im Kirchenrecht als Vergehen gegen das Ausüben des kirchlichen Amtes eingeordnet, nicht als Schisma oder Häresie. Das ist einfach eine Tatsache. Von römischer Seite aus wurden gelegentlich Begriffe wie „Schisma“ und „schismatischer Akt“ verwendet, aber in der Erklärung der Exkommunikation auch auf den Can. 1382 verwiesen, der die unerlaubte Weihe als Vergehen bzgl. des kirchlichen Amtes, nicht als Schisma wertet. Und am Ende wertete auch Rom die Piusbruderschaft als nicht im Schisma befindlich, wie man z. B. daran sehen kann, dass der Messbesuch und die Beichte bei ihnen als erlaubt bewertet wurden (ohne Änderung der kirchenrechtlichen Lage). Weiters wird argumentiert:

„Darüber hinaus besteht auch keine Exkommunikation. Sie ist nicht gültig, denn das Kirchenrecht sagt uns (Kanon 1323 u. 1324): ‚Niemand wird mit einer Strafe belegt, der in Verletzung eines Gesetzes oder einer Vorschrift in schwerer Furcht gehandelt hat oder der durch die Not gedrängt war, oder der gehandelt hat, um einen schweren Nachteil zu vermeiden.‘ Also keine Strafe… Nun ist aber dies genau die Beweisführung, die wir seit 1988 vorbringen. Es ist der Notstand. Kanon 1324: ‚Der Urheber einer Gesetzesverletzung ist nicht frei von Strafe, aber die vom Gesetz oder von der Anordnung vorgesehene Strafe muß gemildert werden, oder es muß ein anderes Bußwerk an ihre Stelle gesetzt werden, falls das Vergehen von jemand begangen wurde, der durch einen schuldhaften Irrtum geglaubt hat, daß einer der Umstände eintritt, von denen im Kanon 1323 die Rede ist.‘ Selbst wenn Monseigneur sich also eines Irrtums der Einschätzung der Lage der Kirche schuldig gemacht hätte, selbst wenn er sich ein falsches Urteil über den Notstand der Kirche gebildet hätte, so wäre die Strafe zu mildern. Und der letzte Paragraph dieses selben Kanons sagt folgendes: ‚In den Umständen, von denen im § 1 die Rede ist, verfällt der Schuldige nicht einer Strafe latae sententiae [einer Strafe, welche durch die Tat selbst eintritt].‘ Es gibt also kein Schisma, und folglich gibt es auch keine Exkommunikation.“ (Abbé Michel Simoulin, 1988. Das unauffindbare Schisma, Niederschrift eines Vortrags vom 17. März 1997 in Lyon, übers. von Franz Schmidberger, S. 40)

4 new SSPX bishops receive their crosiers
(Die vier neu geweihten Bischöfe.)

Erzbischof Lefebvre starb 1991; aus römischer Sicht als Exkommunizierter. Die Exkommunikation der vier von ihm geweihten Bischöfe wurde von Papst Benedikt 2009 aufgehoben, und seitdem bahnte sich eine langsame Regularisierung an, zu der überraschenderweise zuerst auch Franziskus beitrug, der eigentlich wirklich von Anfang an seine Feindseligkeit gegenüber allem Traditionellen zeigte. Vielleicht war das reiner Pragmatismus, vielleicht irgendeine seltsame Laune. Jetzt, mit der neuen Maßnahme gegen die alte Messe, ist es fraglich, wie es weitergehen wird.

Was auf jeden Fall klar sein sollte: Es besteht kein Schisma. Ein Schisma kann nicht einfach herbeigeredet werden; jemand ist nicht dann im Schisma, wenn jemand von der Kirchenobrigkeit erklärt, er sei im Schisma, sondern wenn er ins Schisma geht. Und das heißt, dass er die Autorität des Papstes zurückweist und ihm grundsätzlich – nicht situationsbedingt – den Gehorsam aufkündigt. Die Piusbruderschaft hat das nie getan. Und das ganze Vorgehen gegen sie war zutiefst ungerecht. Wenn die alte Messe nie verboten wurde, wieso dann gegen sie vorgehen? Wenn das Konzil keine Unfehlbarkeit beansprucht, wieso dann seine Aussagen so durchsetzen – während man wirkliche Dogmen bei wirklichen Häretikern nicht durchsetzt? Ein Grund könnte sein, dass man es als Vorwurf an sich selber sah, dass die FSSPX nicht zumindest grundsätzlich einsehen wollte, dass es „Reformbedarf“ gegeben habe, die neue Messe gut und nötig sei, usw., dass man sich hier vorwerfen lassen musste, auf einem komplett falschen Weg zu sein, den man ganz aufgeben müsste, und das von einer kleinen Minderheit. Aber ich will hier nicht zu viel Herumpsychologisieren.

Ich will es hier mal deutlich sagen: Ich mache keinem einen Vorwurf, der zur FSSP oder zum Novus Ordo geht. Ich bin schon der Meinung, dass man Tradi sein muss, wenn man sich die Fakten ansieht, aber auch als Tradi kann man sich über das praktische Vorgehen uneinig sein.

Die FSSP und ähnliche Gemeinschaften sagen praktisch: Besser, man übt den Gehorsam, soweit es nur irgend geht; seht doch, wir haben immerhin einen kanonischen Status in der Kirche erreicht. Ihr habt doch schon versöhnliche Angebote bekommen, geht endlich mal auf Rom zu.

Die FSSPX sagt praktisch: Falscher Gehorsam ist eine Untugend; und ohne Druck und Widerstand wäre überhaupt nichts erreicht worden. Ihr von der FSSP habt bis heute noch keinen Bischof bekommen. Schaut doch mal, wie sehr vor allem in den 80ern, 90ern noch versucht wurde, die alte Messe zu unterdrücken. Wenn Rom nicht fürchten müsste, dass Tradis zur „kanonisch irregulären“ FSSPX gehen, wenn man ihnen keine legale alte Messe gibt, sähe es außerdem noch schlimmer aus für die legalen alten Messen. Wir machen einfach unser Ding, bieten anständige Liturgie und Seelsorge, so gut wir es können, sind in der Lehre so klar, wie wir können, irgendwann muss Rom uns weiter entgegen kommen, und dann können wir die Situation regularisieren.

Einige Tradis, die keine alte Messe in der Nähe haben, sagen praktisch: Es ist besser, überhaupt eine Messe zu haben als gar keine. Auch wenn sie verhunzt wird, es ist trotzdem die Messe, Jesus ist dort gegenwärtig, also sollten wir auch dort sein. Und immerhin gibt es auch Priester, die die neue Messe ohne liturgische Missbräuche feiern. Außerdem müssen wir unsere Sonntagspflicht erfüllen, da haben wir gar keine Wahl, zu irgendeiner Messe müssen wir gehen.

Die FSSPX sagt praktisch: Wenn bei einer Messe Jesus verunehrt wird, kann man diese Messe nicht guten Gewissens mitfeiern wollen; man sollte sich aus Protest fernhalten. Wenn man zu einer Hochzeit o. Ä. eingeladen wird, kann man auch zum Novus Ordo gehen, ohne ihn innerlich mitfeiern zu wollen, aber man sollte es nicht von sich aus tun. Vor allem aber gibt es keine Pflicht, zu etwas zu gehen, das den eigenen Glauben schädigt, wenn sein Zweck eigentlich ist, den Glauben zu stärken. Und die neue Messe schadet mit ihrer Verdunkelung katholischer Wahrheiten und ihren häufigen zusätzlichen Missbräuchen und falschen Predigten dem Glauben. Man muss hier besonders auch an den Glauben der eigenen Kinder denken, welcher Umgebung man sie aussetzen will. Man darf die Leute nicht mit „Erfüllt eure Sonntagspflicht bei einer Gott entehrenden Messe oder kommt in die Hölle“ erpressen; Gott verlangt eine solche Teilnahme nicht. Genauso, wie eine Gefahr für die Gesundheit des Körpers vom Messbesuch entschuldigt (z. B. wenn man die Grippe hat und sich ausruhen soll), entschuldigt eine Gefahr für die Gesundheit der Seele.

(Ich habe mal den Pater an meiner FSSPX-Kapelle noch dazu gefragt, und er meinte, es gehe bei dieser Haltung nicht darum, dass jemand, der überhaupt keinen Zugang zu einer alten Messe habe, nie zu einer neuen gehen dürfe, sondern eher darum, dass es besser sei, gelegentlich zu einer alten Messe zu gehen als jeden Sonntag zu einer neuen, und dass man die alte Messe zugänglich machen müsse.)

Erzbischof Lefebvre hat über die neue Messe geschrieben:

„Ihre Ratlosigkeit wird darum vielleicht zu folgenden Fragen führen: Darf ich, wenn keine andere Möglichkeit zur Erfüllung meiner Sonntagspflicht besteht, in eine zwar sakrilegische, aber immerhin gültige Messe gehen? Die Antwort ist einfach. Derartige Messen können nicht Gegenstand einer Verpflichtung sein. Man muß überdies auf sie die Bestimmungen der Moraltheologie und des Kirchenrechts anwenden, die sich auf die aktive Teilnahme an einer für den Glauben gefährlichen oder unter Umständen sakrilegischen Veranstaltung oder auch nur deren Besuch beziehen.

Selbst wenn ein Priester die Neue Messe mit Frömmigkeit und unter Respektierung der liturgischen Vorschriften liest, fällt sie unter dieselben Bestimmungen, weil sie von protestantischem Geist erfüllt ist. Sie enthält ein für den Glauben schädliches Gift. Angesichts dieser Tatsachen sieht sich der französische Katholik heute für sein religiöses Praktizieren Bedingungen gegenüber, die jenen in den Missionsländern gleichen. Dort können Bewohner bestimmter Gebiete nur drei- oder viermal im Jahr einer Messe beiwohnen. Die Gläubigen unseres Landes sollten sich bemühen, wenigstens einmal im Monat die Messe aller Zeiten, die wahre Quelle der Gnaden und der Heiligung, an einem jener Orte zu besuchen, wo sie auch weiterhin in Ehren gehalten wird.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 39.)

Ich bin mir selbst bei dieser Frage mit der Messe nicht ganz sicher. Ich würde sagen: Es stimmt, dass in der neuen Messe der Sühnecharakter (und anderes) viel zu kurz kommt, und dass auch eine gut gefeierte neue Messe den Glauben nicht ganz ausreichend nährt. Aber Mangelernährung ist auf Dauer besser als gar keine Ernährung, und es ist ja auch nicht einfach, den Glauben für sich im stillen Kämmerlein zu erhalten, eine gewisse Gemeinschaft mit anderen braucht man schon. Gerade wenn man also irgendwo in der tiefsten Diaspora wohnt und gar nicht zur alten Messe könnte, wäre es m. E. schon besser, zur neuen zu gehen, am besten eben in einer Pfarrei, wo sie einigermaßen gut gefeiert wird – so, wie es, wenn man gar keine Messe in der Nähe hätte, besser wäre, wenigstens zu einem Bibelkreis zu gehen. Man kann sich ja auch immer daran festhalten: Jesus ist da. Und alles andere ignorieren.

Wobei ich mir aber relativ sicher bin, ist, dass es zumindest keine Verpflichtung gibt, zu einer Messe mit häretischen Predigten und gravierenden liturgischen Missbräuchen zu gehen, und dass, es wenn man die Gelegenheit dazu hat, eine Messe im alten Ritus zu besuchen, das auf jeden Fall die bessere Wahl ist. Wenn es eine so lange Fahrt ist, dass man sie nicht jeden Sonntag machen will (z. B. zwei oder drei Stunden), dann eben nur alle zwei, drei oder vier Wochen; aber es tut wirklich gut, dorthin zu gehen. Man muss nicht so weit gehen, zu sagen, dass, wenn man in eine neue Messe geht, weil die nur 5 min entfernt ist und man zur alten Messe eine halbe Stunde fahren müsste, man die Sonntagspflicht nicht erfüllt; aber es ist geistlich auf die Dauer einfach viel hilfreicher, zur alten zu gehen.

Lefebvre stellte auch die Gültigkeit mancher neuer Messen (nicht der neuen Messe an sich!) infrage, da er nämlich daran zweifelte, ob manche Priester noch die für das Sakrament nötige Intention hätten. Nun bin ich keine Expertin in diesem Bereich der Theologie, frage mich aber, ob er hier zu weit ging; denn als Intention muss ja vorhanden sein, „tun zu wollen, was die Kirche bei so etwas tut“, nicht, auch selbst daran zu glauben. Z. B. schreibt Heribert Jone über die Gültigkeit von Sakramenten:

„Die Absicht muß darin bestehen, die betreffende sakramentale Handlung vorzunehmen.

Diese Absicht kann aber in einer anderen Absicht enthalten sein. Demnach ist die Taufe gültig, die ein jüdischer Arzt spendet [hier ist z. B. an die Nottaufe eines kranken Kindes gleich nach der Geburt gedacht] in der Absicht, dabei zu tun, was die Kirche tut, oder was die Christen tun. – Kein Sakrament aber kommt zustande, wenn jemand das sakramentale Zeichen vornimmt, um sich zu üben (z. B. taufen, Messe lesen) oder um andere zu verhöhnen. […]

Nicht gefordert [für die bloße Gültigkeit] sind Glaube und Gnadenstand.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl. Paderborn 1961, S. 365f., Nr. 451f.)

Erzbischof Lefebvre sah das schon grundsätzlich auch so; er schreibt:

„Die dritte Bedingung für die Gültigkeit eines Sakramentes ist die Intention. Der Bischof oder Priester muß die Intention haben, zu tun, was die Kirche will. Auch das kann selbst der Papst nicht ändern.

Der Glaube des Priesters ist kein unerläßliches Erfordernis. Ein Priester oder ein Bischof kann keinen Glauben mehr haben, ein anderer einen geringeren, wieder ein anderer einen nicht ganz unversehrten Glauben. Das hat alles keinen direkten Einfluß auf die Gültigkeit des Sakramentes, kann aber einen indirekten Einfluß haben. Man erinnert sich an die Erklärung Papst Leos XIII., daß alle anglikanischen Weihen ungültig sind wegen der fehlenden Intention.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 61.)

Die Anglikaner aber, deren Weihen von Leo XIII. für ungültig erklärt wurden, hatten ja auch die Form des Sakraments geändert, worauf Leo XIII. auch eingeht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Erzbischof Lefebvre hier überhaupt ganz richtig verstanden habe; meint er, dass, wenn der Priester ausdrücklich die Absicht hat, etwas zu tun, das die Kirche verurteilt hat, also z. B. die Absicht hat, ein Erinnerungsmahl statt eines Opfers zu feiern, aber die Form und Materie des Sakraments (also Wandlungsworte und Brot und Wein) so belässt, wie sie sind, dann die Messe schon ungültig ist? Ist das so oder ist das ein Fehlschluss? Nochmal: Ich kenne mich in diesem Bereich der Theologie nicht so gut aus, aber vielleicht weiß ja ein Leser hier besser Bescheid.

Alles in allem ist mein Urteil einfach folgendes geworden: Erzbischof Lefebvre war einer von sehr, sehr wenigen Bischöfen nach dem Konzil, die sich noch genug um die Gläubigen geschert haben, um wirklich entschieden etwas zu tun, und einfach bei dem geblieben sind, was sicher feststand. Er wurde ziemlich ungerecht behandelt und angesichts der Haltung des Vatikans hat die Piusbruderschaft Recht behalten damit, einfach ihr Ding durchzuziehen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Und zwar ohne ins Schisma zu gehen.

Soweit mal zur Geschichte und kirchenrechtlichen Situation der FSSPX. Seit alldem ist sie ja ziemlich gewachsen und hat Kapellen auf der ganzen Welt. Ich finde das tatsächlich beachtlich. Die Vorgehensweise „den Baum nach seinen Früchten beurteilen“ kann manchmal oberflächlich sein (eine Gemeinschaft kann bei oberflächlicher Bekanntschaft besser wirken, als sie ist, oder nur kurzfristigen Erfolg haben, der bald zu Ende sein wird), aber einen gewissen Wert hat sie meines Erachtens, und ich finde es tatsächlich bemerkenswert, dass die Piusbrüder nicht nur diese Kapellen haben, sondern z. B. auch Kindergärten, Schulen und Altenheime betreiben (teilweise durch ihren eigenen Frauenorden), also die Kinder und die Alten unter ihren Anhängern nicht in einem säkularen Umfeld allein lassen. Da kann man sich ja schon mal sehr verloren fühlen; und es gibt immer wieder Leute, die dann am Glauben nicht festhalten, weil sie sich gegen die Beeinflussung schlecht wehren können. Klar, die FSSP hat die KPE (Katholische Pfadfinderschaft Europas), die Christkönigsjugend und ähnliche Gruppen, und das ist sehr viel wert, aber es ist schon noch mal etwas Besonderes, wenn z. B. alte Menschen ohne Familie nicht in ein Altenheim gehen müssen, wo es vielleicht einmal im Monat eine ökumenische Andacht gibt.

Zuletzt jetzt noch zu mir persönlich. Ich schiebe das bewusst ans Ende, weil es hier vor allem um die objektive Situation gehen soll, und ich meine Erfahrung eher nur als Beispiel berichte.

Bevor ich bei der Piusbruderschaft war, war ich schon ein paar Mal bei der Petrusbruderschaft in der alten Messe gewesen. Die alte Messe: Sie hält schon Überraschungen bereit. Ich hatte mir im Vorfeld ein kleines Heftchen mit den gleichbleibenden Texten der Messe bestellt, und war beim Durchsehen doch sehr überrascht gewesen, wie viel textlich anders ist als in der neuen. Die Stufengebete am Anfang wurden in der neuen gestrichen; das Vorlesen des 1. Kapitels des Johannesevangeliums am Ende wurde gestrichen. Im Hochgebet wurde herumgestrichen wie sonst was; auch sonst wurde vieles entfernt und umgeschrieben. Auch Annibale Bugnini konnte nicht alles Schöne, Erhabene aus der Messe streichen; aber man muss sagen, dass er doch ein sehr beträchtliches Ausmaß gestrichen hat. Als ich dann im Sommer 2019 tatsächlich bei meiner ersten alten Messe war, hat es mich wieder sehr überrascht, dass das Hochgebet still gebetet wurde, so still, dass man wirklich nichts hörte. Es wird in dieser Messe, wo der Priester ständig dem Hochaltar zugewandt ist, wirklich deutlich, dass der Priester ein Opfer darbringt, an dem man teilnimmt. Ich war begeistert davon, dass bei jedem Sonntagshochamt eine Schola singt, und dass man das Große Glaubensbekenntnis betet, das im neuen Ritus nur alle Jubeljahre mal auftaucht. Das Latein? Ich fand es schön, aber auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig; tatsächlich war es der gewöhnungsbedürftigste Teil für mich, auch wenn ich Latein für eine wunderschöne Sprache halte. Natürlich, es ist erst mal seltsam. Und wenn man dann zurück zur neuen Messe kommt, ist die wieder seltsam. Ich schätze, nachdem man die alte Messe kennt, wird man immer Schwierigkeiten haben, die neue wieder normal zu finden. Wie wenn man sein Leben lang farbenblind war, dann plötzlich Farben gesehen hat, verwirrt davon war, und dann wieder in eine Schwarz-Weiß-Welt zurückkehren muss.

Bei der FSSP war ich also Ende 2019 ein paar Mal; dazwischen immer wieder in der örtlichen Pfarrei im Novus Ordo, wie es praktischerweise eben ging. Die Liturgie, die Predigten bei der FSSP waren schön; die Gemeinden haben freundlich gewirkt. So wirklich Anschluss hatte ich dort nicht, aber ich war ja auch keine sehr regelmäßige Besucherin.

Im Winter 2019/20 habe ich dann von einer Bekannten, die mir anvertraut hat, dass sie zu einer Pius-Familie gehört, nachdem sie gehört hatte, wie ich Erzbischof Lefebvre gegen einen Vorwurf verteidigt hatte, erfahren, dass es in der nahen Umgebung überhaupt Kapellen der Priesterbruderschaft St. Pius X. gibt. Mehr so aus Interesse, und ohne die FSSPX für ganz legitim zu halten, war ich dann einmal (im Januar 2020 kurz vor dem ersten Lockdown) in einer Messe dort.

Dann kam der Lockdown und die Kirchen waren einige Wochen geschlossen; dann war ich länger immer wieder krank und bin zwischendurch nur in die örtliche Pfarrei zum Novus Ordo gegangen; ich war mir auch unsicher, ob man sich bei den Tradikapellen der Umgebung vorher anmelden müsste von wegen Coronaregeln. Im Januar 2021 hatte ich eine kleine OP, vor der ich relativ viel Angst hatte, und habe mich dann schließlich mal getraut, die örtliche Piusbruderschaft per E-Mail zu kontaktieren, und kurz vor der OP kam ein Pater zu mir, brachte mir die Krankenkommunion, nahm mir die Beichte ab, und gab mir den Krankensegen. Er war ein sehr freundlicher Mann, der viel von der Liebe Gottes redete. Nach der OP ging es mir dann bald besser, und seitdem gehe ich jeden Sonntag zur FSSPX.

Der Messbesuch dort hat einen leichten Touch von Untergrundkirche; man fährt auf dem halbstündigen Weg an fünf schönen alten Dorfkirchen vorbei und trifft sich dann in einem Anbau, der von außen nicht leicht die Kapelle erkennen lässt. Den Kapellen der FSSPX merkt man an, dass hier versucht wird, es mit begrenzten Mitteln so schön wie möglich zu machen, also so ziemlich das Gegenteil wie bei den typischen neueren Kirchen, die man mit viel Geld so hässlich wie möglich macht.

Aber gleichzeitig wirkt es alles so angenehm normal. Die Predigt trägt unaufgeregt katholische Wahrheiten vor, die Leute sind freundlich, und es sind viele kleine Kinder da, die zwischen ihren drei oder vier Geschwistern auf der Bank herumzappeln und in Bilderbüchern blättern. Gleich bei meiner zweiten Messe dort wurde ich von einer anderen jungen Frau angesprochen, die zur KJB (Katholische Junge Bewegung) gehört, eine alte Frau hat mir eine wundertätige Medaille in die Hand gedrückt. Sogar in Coronazeiten wird man gewissermaßen einbezogen. Ich hatte von Anfang an den Eindruck: Die sehen mich gern da.

Man könnte den Piusleuten, wenn man wollte, vorwerfen, dass sie quasi aus purem Trotz an alten Formen hängen – dass die Leute das Vaterunser und das Ave Maria nach der älteren Übersetzung (z. B. „du bist gebenedeit unter den Weibern“ statt „du bist gebenedeit unter den Frauen“) beten oder dass der Priester einen als unverheiratete junge Frau mit „Fräulein“ statt „Frau“ anredet – aber gerade das hat für mich einen gewissen Charme. Ich fühle mich wohl dort.

Es gibt ja diese Klischees: Die Traditionalisten sind die grimmigen, humorlosen, selbstgerechten Leute, die überall den drohenden Weltuntergang sehen. Solche Leute gibt es sicher, online habe ich sie auch schon getroffen. (Wobei es ja auch Gründe dafür gibt, wieso jemand so wird, und Schwarzseherei nicht immer falsch ist.) Aber in der Piusgemeinde hier hatte ich einfach überhaupt nicht diesen Eindruck. Es wirkt dort auch relativ tolerant bei den Sachen, bei denen Katholiken es so oder so sehen können. Die bereits erwähnte junge Frau aus der Gemeinde hat mir von ihrem Einsatz bei den Querdenkern erzählt und mir Videos auf Whatsapp geschickt, und man hat definitiv nicht den Eindruck, dass irgendjemand sich an ihr stören würde, aber auch nicht davon, dass von allen dieselbe Einstellung verlangt wird. Besonders an den Priestern der Piusbruderschaft, die ich bis jetzt kenne, fällt mir auf, dass sie in politischen Fragen, eben gerade nicht zu sehr Partei ergreifen wollen (solange es nicht um Offensichtliches wie das Lebensrecht der Ungeborenen geht). Ich bin auch nie seltsam angesehen worden, weil ich Hosen trage, während fast alle anderen Frauen und Mädchen zumindest zur Messe in Röcken und Kleidern kommen. Und ich habe dort auch alte Bekannte getroffen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mit der FSSPX zu tun haben. Kurz, ich fühle mich wirklich sehr wohl da.

Ich will mit alldem nicht sagen, dass man sich seinen Messort nur nach sympathischen Leuten usw. aussuchen soll; ich will nur von einer schönen Erfahrung berichten.

Und noch etwas: Wenn man anfängt, zur Piusbruderschaft zu gehen, hat das nichts davon, einer neuen Kirche beizutreten. Man fängt einfach an, dort zur Messe zu gehen, dann zur Beichte, lernt langsam Leute kennen, wird vielleicht zur KJB eingeladen. Man muss kein Glaubensbekenntnis ablegen, keine Generalbeichte, keinen Häresien abschwören. Es gibt gar keine organisierte Gemeinschaft der FSSPX-Messbesucher – zwar gibt es Gruppen, die von der FSSPX ausgehen, aber man muss dabei nicht Mitglied sein.

Ich hatte auch inhaltlich nie den Eindruck, zu einer anderen Religion zu wechseln – sondern einfach den, endlich die im Keller versteckten Schätze derselben Religion zu sehen, die auch die konservativen Kapläne in meiner Novus-Ordo-Pfarrei eigentlich verkündet haben.

Von kanadischen Internaten und irischen Mutter-Kind-Heimen

Vielleicht haben es einige mitbekommen: Überschriften in den Zeitungen über angeblich gefundene „750 unmarkierte Gräber“ bei einem ehemaligen kirchlichen Internat in Kanada für Kinder aus indigenen Familien. Die offensichtlich gewünschte Assoziation (denn natürlich wissen Journalisten, dass die meisten Leute nur Überschriften lesen, und schreiben öfter auch ihre Artikel vage genug, um diese Assoziation noch zuzulassen) ist: Da haben irgendwelche Nonnen hunderte Kinder ermordet und verscharrt.

Sobald man ein bisschen tiefer gräbt, stellt sich dann heraus:

  • Es handelt sich um einen Friedhof, auf dem sowohl Schulkinder als auch andere Menschen aus der Umgebung begraben wurden
  • Die Gräber waren nicht unmarkiert, sondern bloß mit Holzkreuzen oder Ähnlichem markiert, die irgendwann verrottet sind
  • Die Toten starben an natürlichen Ursachen
  • Der Friedhof wurde auch nicht wirklich neu entdeckt

Es ist absolut krass, wie man mithilfe von Halbwahrheiten so lügen kann: Da gehen ein paar Leute mit Radar über alte Friedhöfe neben aufgegebenen Gebäuden irgendwo im tiefsten ländlichen Kanada, und daraufhin wird in der Öffentlichkeit der Eindruck verbreitet, hier hat die Kirche lauter Kinder ermordet. (Was übrigens dazu geführt hat, dass mittlerweile ca. 10 Kirchen in Brand gesteckt wurden.)

Im Gefolge dieser Vorwürfe wurden ja noch weitere, ernstzunehmendere Vorwürfe zu Gewalt oder Vernachlässigung berichtet, von denen manche auch schon länger bekannt waren. Daher erst einmal grundsätzlich zu diesen Schulen: Im 20. Jahrhundert entschied der kanadische Staat, dass die indigene Bevölkerung, die ihr traditionelles Leben als Jäger und Sammler nicht mehr wirklich leben konnte, in die Gesellschaft integriert werden müsste, und zwang die Familien in den Reservaten, ihre Kinder in Internate, sog. „residential schools“, zu geben (da es vor Ort bei den zerstreut lebenden Stämmen oft keine Schulen gab). Hierbei delegierte der kanadische Staat diese Aufgabe an kirchliche (katholische und anglikanische) Schulen, die evtl. auch schon länger bestanden und auch indigene Kinder unterrichtet hatten, als der Schulbesuch noch freiwilig gewesen war.

(Eine solche Strategie war übrigens kein Einzelfall aus Kanada: Dass u. a. mithilfe einer Schulpflicht eine national einheitliche Sprache und Kultur durchgesetzt werden sollte und Minderheiten zwangsweise assimiliert werden sollten, findet man in der Neuzeit in vielen Ländern von Frankreich bis Indien.)

Hätte die Kirche sich hier anders verhalten sollen? Eigentlich war sie ja immer für das Recht der Eltern (auch ungetaufter Eltern) eingetreten, ihre Kinder zu erziehen, wie sie es für richtig hielten, und hätte nicht einfach so dabei mitmachen sollen, Familien für einen großen Teil des Jahres auseinanderzureißen. Offensichtlich sahen es die damaligen beteiligten Ordensleute und Lehrer allerdings so, dass die Kinder eine zivilisierte und christliche Erziehung bräuchten, die sie auf das Leben im modernen Kanada vorbereitete, und dass das vorging.

Gab es jetzt ansonsten, abgesehen von der unsinnigen Friedhofsgeschichte, Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung in den Internaten? Hier schwirren verschiedene Berichte herum, und manche glaubwürdiger als andere. Ich habe vor, da mal etwas Recherche zu betreiben und zu schauen, ob und wo man belastbare Informationen finden kann, z. B. auch bei den Informationen, die die sog. „Truth and Reconciliation Commission“ gesammelt hat. Hier will ich nur fürs erste mal davor warnen, alles sofort zu glauben, was man liest. Unter den Sachen, die Leute im Internet verbreiten, findet sich nämlich z. B. auch so was:

Bild

Ja, hier wird behauptet, dass ein paar kanadische Nonnen in den späten 1940ern einfach mal ein Baby in einen Ofen geworfen hätten, und zwar vor den Augen einer Schülerin und einer anderen Nonne, ohne sich die Mühe zu machen, irgendetwas auch nur ansatzweise zu verbergen. Schließlich gab es ja keine Polizei und nichts in Kanada. Das wirkt in etwa so, wie wenn eine alte Frau von den Erfahrungen aus ihrer deutschen Dorfschule in den 50ern berichten würde: „Fräulein Hintermeier war ziemlich streng und hat mir mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen, wenn ich mit meiner Banknachbarin geflüstert habe. Sie hat das eine Roma-Mädchen in unserer Klasse oft ungerecht behandelt. Außerdem hat sie mal ein rothaariges Mädchen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.“

Wie kommt es, dass so etwas verbreitet wird? Manchmal denken sich Leute einfach irgendwas aus, fertigen eine Grafik an und stellen sie ins Internet. Manchmal gibt es auch wirkliche Zeugenaussagen, aber die Zeugen haben aus irgendeinem Grund gelogen. Manchmal gibt es aber auch das „false memory syndrome“, manchmal haben auch Leute, die eine wirkliche Traumatisierung erlebt haben (z. B. durch eine frühe Trennung von der Familie und Vernachlässigung in einem Internat), Schwierigkeiten, Reales und Nicht-Reales auseinanderzuhalten, und es entwickeln sich in ihren Gedanken falsche Erinnerungen an weitere Traumatisierungen, gerade, wenn sie damals noch Kinder waren. Manchmal werden Menschen aber auch solche Kindheitserinnerungen durch Suggestivfragen eingeredet, z. B. von unseriösen Therapeuten, die sich darauf versteifen, sie würden etwas verdrängen.

Bei alldem kann man sich an eine Geschichte aus Irland erinnert fühlen. Die Medien bringen skandalös wirkende Überschriften: Bei einem kirchlichen Kinderheim in Tuam sollen hunderte Kinderleichen in einer Klärgrube entsorgt worden sein. Auch hier stellt sich dann heraus, es handelt sich um einen normalen Kinderfriedhof neben einer ehemaligen, zugeschütteten Klärgrube; und die Kindersterblichkeit in den Heimen waren genauso hoch, wie man es in dem bettelarmen Land, das Irland zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, in überfüllten Heimen erwarten konnte. Todesursachen waren Tuberkulose, Masern, Magen-Darm-Krankheiten usw.

Die Magdalenenheime blieben in den Schlagzeilen. Dabei ging völlig unter, wofür sie eigentlich da waren. Gegründet wurden solche Heime im 19. Jahrhundert zuerst zur Rehabilitation von Prostituierten, die der Prostitution entkommen wollten, dann auch, um unehelich schwangere Frauen aufzunehmen, deren Familien sie nicht bei sich haben wollten, oder die ihre Kinder heimlich gebären wollten. (Manchmal wurden auch sonstige Obdachlose oder Not leidende Leute aufgenommen.) Den Frauen wurde geholfen, eine Arbeit zu finden, bevor sie die Heime wieder verließen, und keine Frau wurde gezwungen, in ein solches Heim zu gehen, wenn sie unehelich schwanger war; aber viele hatten wohl nicht viele Alternativen, weil sie sonst auf der Straße gesessen hätten. Die Nonnen, die diese Heime betrieben, hatten meistens finanzielle Schwierigkeiten (der Staat gab auch nur wenig Geld dazu, auch wenn die Nonnen immer wieder darum baten), weshalb auch die aufgenommenen Frauen dort z. B. in Wäschereien arbeiten mussten, damit überhaupt Geld hereinkam. Oft wurden die in den Heimen geborenen Kinder dann zur Adoption freigegeben; es gab wohl auch einen gewissen Druck auf die Frauen, die Kinder adoptieren zu lassen, da man sie selbst nicht für geeignet als Mütter hielt. Manche wurden auch in den Heimen selbst aufgezogen. Was wohl tatsächlich stimmt, ist, dass es öfter eine gewisse Vernachlässigung und Kaltherzigkeit gegenüber den Frauen und ihren Kindern gab, und eben auch, dass Druck gemacht wurde, die Kinder zur Adoption freizugeben, aber nichts davon kommt an das Bild der höllischen Konzentrationslager heran, das gewisse Medien sich in den letzten Jahren bemüht haben zu verbreiten.

Auch erinnert fühlen kann man sich an das 19. Jahrhundert, als in antiklerikalen und protestantischen Kreisen Geschichten herumschwirrten, in katholischen Nonnenklöstern würden junge Frauen eingesperrt, Nonnen hätten Beziehungen mit Priestern und würden die daraus resultierenden Kinder töten und heimlich vergraben, usw. Die (erwiesenermaßen gefälschten) Geschichten über Maria Monk fallen einem da ein.

Wobei man hier auch sagen muss, dass falsche Geschichten über Gräueltaten ja nicht nur die Kirche betreffen, und manchmal auch um ganz wirkliche Verbrechen herum gestrickt wurden (wie z. B. bei Leuten, die sich, um sich wichtig zu machen, als Holocaustopfer ausgaben). Falsche Geschichten schließen nicht aus, dass es auch wirkliche Verbrechen gab; aber solange man noch keine Beweise für diese wirklichen Verbrechen gesehen hat, sollten die falschen Geschichten zumindest einen gewissen Skeptizismus hervorrufen.

Jedenfalls, woher kommt hier die Leichtgläubigkeit so vieler Leute? Vielleicht ist es teilweise berechtigtes Grundmisstrauen gegenüber Heimerziehung, vielleicht ist es teilweise die Lust am Grusel beim Zusammentreffen des Heiligseinsollenden und des Grausigen. Ich weiß auch nicht.

Am Ende jedenfalls würde ich sagen: Das Ganze wirkt bis jetzt etwa so, wie wenn im Jahr 2100 jemand herausfände, dass im frühen 21. Jahrhundert alte Leute oft in Altenheime abgeschoben wurden, dass einige Altenheime von der Kirche betrieben wurden, und dass die Heimbewohner dort manchmal vernachlässigt wurden, dass es Pfleger gab, denen sie egal waren oder die ihre Macht über sie ausspielten, und dann dazudichten würde, dass irgendwelche Nonnen hunderte alte Leute ermordet hätten, und deswegen Kirchen anzünden würde.

Es ist etwas sehr Ernstes, Menschen schlimmer Verbrechen zu beschuldigen, besonders dann, wenn viele von diesen Menschen sehr alt oder tot sind und sich nicht mehr wehren können. Und man sollte es nicht einfach mal schnell so leichtfertig tun, auch wenn man sich dann Vorwürfe anhören muss, als wären einem Missbrauchsopfer und tote Kinder egal.

Es gibt kein drittes Geschlecht

Bei Menschen kann man zwei große Gruppen unterscheiden:

1) die, deren Körper grundsätzlich Eizellen hat/haben könnte/gehabt haben könnte („Frauen“ genannt)

2) die, deren Körper grundsätzlich Spermien hat/haben könnte/gehabt haben könnte („Männer“ genannt)

(„haben könnte“, weil es manchmal Fehlentwicklungen geben kann, und „gehabt haben könnte“, weil Embryonen manchmal sterben, bevor sich diese Organe entwickeln, und es auch schon geborene Leute gibt, denen sie aus irgendeinem Grund, z. B. Krebs, herausoperiert werden mussten; das ändert aber an dem grundsätzlichen Wesen dieser Leute nichts. Im Bauplan einer Katze ist angegeben, dass sie vier Beine hat, aber wenn sie eins verliert, wird sie nicht zur Nicht-Katze, sondern zur verstümmelten Katze.)

Es gibt schlichtweg keine Menschen, deren Körper beides produziert/produzieren könnte; keine wirklichen „Zwitter“, die sich selbst befruchten könnten, nicht mal als seltene Abweichung. (Während es das bei manchen Tieren gibt.) Und es gibt auch keine Menschen, die in keine dieser beiden Gruppen passen.

Was es gibt, sind Menschen, bei denen diese Merkmale wenig oder seltsam ausgeprägt sind oder die auch Sekundärmerkmale haben, die typisch für die andere Gruppe sind. Z. B. kommen unter sog. Intersexuellen Männer mit Mikropenis und Frauen mit übergroßer Klitoris vor. Menschen mit Agonadismus sind genetisch ganz normal männlich (XY-Chromosomen) oder weiblich (XX-Chromosomen), aber wegen einer Fehlbildung entwickeln sich die Keimdrüsen (Eierstöcke/Hoden), die sie gehabt haben könnten, nicht. Das Turnersyndrom ist eine Krankheit bei Frauen, die auch gut als Frauen erkennbar sind, denen aber ein Chromosom fehlt (d. h. sie haben nur ein X-Chromosom statt zwei) und die unfruchtbar sind. Männer mit dem Klinefelter-Syndrom haben ein X-Chromosom zu viel (d. h. XXY-Chromosomen), verkleinerte Hoden und einen Testosteronmangel und sind oft, aber nicht immer, unfruchtbar, aber sie sind Männer, und deutlich erkennbar als Männer. Beim Swyer-Syndrom bilden sich bei einem genetisch männlichen Embryo wegen einer Störung keine männlichen Keimdrüsen (Hoden) aus, und dann entwickelt sich der Körper weiterhin auf eine gewissermaßen weibliche Weise, bildet also eine Art Vagina und Gebärmutter aus, aber keine weiblichen Keimdrüsen (Eierstöcke). Jungen mit Swyer-Syndrom erscheinen anhand der äußeren Genitalien als Mädchen, ihr übriger Körper wirkt eher männlich, sie erleben keine Pubertät und sind unfruchtbar. Bei einem 5α-Reduktase-Mangel werden Jungen geboren, die zuerst wie Mädchen wirken, weil ihre Hoden zunächst im Körper verborgen sind und sich ihr Penis nicht entwickelt hat, die dann aber eine männliche Pubertät durchmachen und dann auch nach außen hin wie Männer aussehen.

Intersexuelle sind oft unfruchtbar, sehen manchmal sicher auch seltsam aus, aber sind nicht a-geschlechtlich – höchstens stecken sie zwischen zwei genau bestimmbaren Geschlechtern und haben Merkmale von beiden, aber im Grunde gehören sie immer noch klar zu einem der beiden.

Transpersonen wiederum sind etwas völlig anderes als Intersexuelle – nämlich Menschen, die körperlich klar einem Geschlecht zugehörig sind und keine solchen Gendefekte haben, die aber psychisch einfach nicht mit ihrem körperlichen Geschlecht klarkommen. Geschlechtsdysphorie ist nicht gleich Intersexualität.

Männer und Frauen kann man bezeichnen, wie auch immer man will: Sie bleiben trotzdem in der Realität als abgegrenzte Gruppen bestehen; und das wird man auch niemals ändern können. Auch Operationen, bei denen z. B. Männern die Geschlechtsteile abgeschnitten werden und eine künstliche Öffnung zwischen ihren Beinen geformt wird, ändern daran nichts und können auch nicht dazu führen, dass jemand sich als das andere Geschlecht fortpflanzen könnte.

Transgenderideologen kommen manchmal mit folgendem Argument, um die klare Abgegrenztheit der Kategorien „Mann“ und „Frau“ zu verunklaren: „Hast du deine Chromosomen testen lassen? Weißt du, ob in deinem Körper wirklich Eizellen sind? Siehst du, du gehst einfach davon aus, dass du eine Frau bist, du fühlst es einfach, wie Transpersonen es auch fühlen.“ Das ist aber erstens Blödsinn und zweitens Gaslighting. Bei einem normal aussehenden Nutellaglas muss ich es nicht erst bis unten auslöffeln, um davon ausgehen zu können, dass auch im ganzen Glas Nutella ist, oder es vielleicht nur innen dunkelbraun angemalt ist. Und als durchschnittliche Frau kann ich davon ausgehen, dass Merkmale, die etwas mehr äußerlich sind, schon zeigen, was weiter innen ist (abgesehen davon, dass gerade in der Pubertät, bei frauenärztlichen Untersuchungen, bei Bauchoperationen oder bei Gentests ja innere Auffälligkeiten entdeckt werden würden, aber in den seltensten Fällen entdeckt werden). Es gibt extrem seltene Fälle, in denen man sich bei der Geschlechtsbestimmung irren kann – aber nicht deshalb, weil das Neugeborene ein drittes Geschlecht hätte, sondern eben, weil es wegen einer seltenen medizinischen Fehlentwicklung schwer zu sehen ist, zu welchem Geschlecht es gehört. Normalerweise kann man sich da aber sicher sein.

Das Geschlecht kann körperlich eindeutig bestimmt werden, und jeder Mensch hat ein bestimmtes Geschlecht.

Selbst die LGBTQ-Bewegung geht irgendwie davon aus, indem die Kategorien jetzt eben nicht mehr „Mann“ und „Frau“, sondern „Cis-Mann“, „Transfrau“, „Cis-Frau“ und „Transmann“ heißen; und „Cis-Frauen“ und „Transmänner“ zusammengenommen sind einfach nur das, was man früher als „Frauen“ bezeichnete, und „Cis-Männer“ und „Transfrauen“ zusammengenommen einfach nur das, was man früher als „Männer“ bezeichnete. Man kann Begriffsverschiebungen durchführen, ohne den Realitäten dahinter zu entkommen.

Und auch die Versuche, aus Geschlecht ein „Spektrum“ zu machen, oder „divers“ als drittes Geschlecht einzuführen, gehen ja immer noch zutiefst von der Geschlechterdualität aus. Transgender – ich will zum anderen der zwei Geschlechter gehören. Genderfluid – ich will mal zu dem, mal zu dem der zwei Geschlechter gehören. A-gender/Non-binary – ich will zu keinem der beiden Geschlechter gehören. Man kann kein genuin drittes Geschlecht mit einer ganz eigenen Rolle erfinden, weil es nun mal bei der Fortpflanzung der Menschheit nur zwei Rollen gibt.

Das, was die zwei Geschlechter grundsätzlich unterscheidet, ist ihre Rolle bei der Fortpflanzung. (Und wenn man über die redet, könnte man gefälligst mal aufhören, so zu tun, als wäre sie eine unwichtige Sache, eine rein pragmatisch-materielle Geschichte. Hier geht es darum, neue einmalige Menschen zu machen, deren Seelen ewig leben werden. Natürlich sind diese Unterschiede wichtig.)

Andere Unterschiede gehen normalerweise damit einher, aber nicht in allen Fällen: Frauen entwickeln Brüste, Männer nicht; Männer sind fast immer stärker als Frauen; Männer sind im Durchschnitt körperlich aggressiver und gehen mehr Risiken ein, Frauen sind angepasster; Männer denken sachlicher und Frauen personenbezogener; usw. Diese Merkmale bestimmen nicht das Geschlecht, sondern sind seine Ausprägungen. Auch eine flachbrüstige, groß und breit gebaute Frau, die unsere Großeltern als „Mannweib“ bezeichnet hätten und die gerne Extremsport betreibt, bleibt eine Frau. Es ist generell nicht schlimm, wenn man nicht alle diese Ausprägungen hat, es gibt keine moralische Verpflichtung, einem bestimmten idealtypischen Bild genau zu entsprechen; aber die meisten Menschen haben zumindest viele davon und diese Dualität, diese gegenseitige Ergänzung von Männern und Frauen, ist auch gut so. Sie ist u. a. auch deswegen gut, weil sie der Rolle bei der Fortpflanzung zugutekommt: Frauen stillen das Kind und kümmern sich direkter um es; Männer, die unabhängiger vom Kind und körperlich stärker sind, beschaffen derweil den Lebensunterhalt für Frau und Kind. Aber diese gegenseitige Ergänzung und Verschiedenheit ist auch in anderen Lebensbereichen nützlich, und generell ist es gut, wenn man sich hier mit seiner jeweiligen Rolle identifizieren kann.

Zuletzt gibt es rein äußerliche Merkmale, die von Menschen selbst festgelegt sind, und mit denen Frauen und Männer sich voneinander abgrenzen – z. B. dass nur Frauen Röcke tragen (außer in Schottland). Ein Mann, der sich im Fasching zum Spaß einen Rock anzieht und sich Lippenstift auf die Lippen malt, bleibt genauso sehr ein Mann wie einer, der sich ernsthaft einen Rock anzieht und sich Lippenstift auf die Lippen malt, weil er gerne eine Frau sein möchte. Es ist aber auch gut, dass es diese Merkmale gibt; so, wie es gut ist, dass es überhaupt Begrüßungsrituale oder Tischsitten gibt, auch wenn die von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein können, man manchmal zum Spaß darauf verzichten kann und sie sich ändern können. Man muss auch hier nicht immer total stereotyp sein; aber sich ernsthaft – nicht nur im Fasching – als das andere Geschlecht zu verkleiden, weil man wie dieses Geschlecht wirken will und seines hasst, ist falsch, weil das Motiv dahinter falsch ist.

Gott hat einem ja ein Geschlecht zugewiesen. Das waren nicht die Eltern oder ein Arzt, es war Gott. Und Schwierigkeiten dabei, sich mit dem Geschlecht, das man nun mal hat, zu identifizieren, sind dasselbe wie andere Schwierigkeiten dabei, mit dem Leben, wie es nun mal ist, zurechtzukommen, z. B. Autismus oder eine Angststörung. Die Realität zurechtzubiegen ist dabei ebenso so sinn- wie aussichtslos; man muss eben irgendwie mit ihr zurechtkommen; und solange man nichts wirklich Falsches tut, ist es auch nicht schlimm, wenn man dabei ab und zu etwas seltsam auf andere Menschen wirkt. Aber wenn man ein Mann ist, ist man ein Mann, wird ein Mann bleiben und sollte nicht versuchen, sich ernsthaft als Frau zu präsentieren. Wenn man sich wie ein ungewöhnlicher Mann verhält, ist das eine Sache; wenn man vorgibt, eine Frau zu sein, eine andere.

In der ganzen Debatte ums Transgendertum werden ja auch viele andere Realitäten oft zurechtgebogen – z. B. die Tatsache, dass die Zahl von Kindern, die sich als transgender identifizieren, in den letzten fünf Jahren um ein Vielfaches gestiegen ist, und dass oft innerhalb derselben Klasse oder Gruppe andere Kinder, die bisher keine Geschlechtsdysphorie hatten, sich davon anstecken lassen. Sich als transgender zu identifizieren (etwas, von dem man vorher gar nicht wusste, dass es das gibt) kann als Ausweg aus Schwierigkeiten erscheinen, als Möglichkeit, jemand ganz anderer zu werden. Sog. Rapid Onset Gender Dysphoria ist gut dokumentiert. Und in vielen Fällen werden solchen Kindern dann schon vor der Pubertät einfach Pubertätsblocker gegeben, die den Körper schädigen und unfruchtbar machen. Psychologen und Ärzte wollen ja nicht transfeindlich wirken. Auch gerne übersehen werden die Menschen, die nach einer Transition gemerkt haben, dass es nicht funktioniert, und sie es eigentlich doch nicht wollen, und die wieder ihre ursprüngliche Identität angenommen haben. Auch übersehen wird gerne, dass es unter Transfrauen auch einige Männer mit Autogynophilie gibt, d. h. Männer, die sexuell von der Vorstellung von sich als Frau erregt werden; nicht nur Männer, die sich einfach als Frauen fühlen. Auch übersehen wird gerne, wie aggressiv gerade Transfrauen oft gegenüber Frauen werden, die keine biologischen Männer in Damentoiletten, Frauenhäusern und Frauengefängnissen wollen, also Orten, wo Frauen besonders verletzlich und ausgeliefert sind. Auch übersehen wird gerne, dass die enorme Selbstmordrate unter Transpersonen (um die 40%) nach einer Geschlechtsumwandlung nicht nach unten geht. Und das darauf zu schieben, dass einfach die Unterdrückung noch immer so schlimm wäre, funktioniert nicht ganz – eine solche Selbstmordrate können wahrscheinlich nicht mal Sklavinnen beim IS vorweisen.

Es geht hier nicht um Menschen, die einfach innerlich schon immer sicher waren, dass sie zum anderen Geschlecht gehören (wie will man überhaupt wissen, wie es sich anfühlt, etwas zu sein, das man nie war?), und die dann glücklich und zufrieden sind, wenn sie das endlich leben können. Das ist nicht alles harmlos und nett, genauso wie Homosexualität nicht Händchenhalten ist. Auch wenn man gerne so tut, als wäre es das.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 10a: Das 4. Gebot – Eltern und Kinder

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Im 4. Gebot – „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – geht es um die Familie; obwohl hier nach dem Wortsinn nur die Pflichten der Kinder gegenüber den Eltern erwähnt werden, hat man darunter auch die Pflichten der Eltern gegenüber ihren Kindern miteinbegriffen, und im erweiterten Sinn auch die Pflichten in größeren Gesellschaften, v. a. dem Staat. In diesem Gebot geht es eigentlich darum, was es bedeutet, als Gemeinschaftswesen zu leben.

Daher hier erst mal ein paar allgemeinere Begründungen:

Nach der katholischen Naturrechtslehre ist es für Menschen natürlich, in Gesellschaft zu leben; Menschen sind auf Kontakt mit anderen ausgerichtet, kommen allein meistens nicht zurecht und werden schon in einer Gemeinschaft geboren (der Familie), die sie sich nicht selber ausgesucht haben und in die sie sich eingliedern müssen. Ohne eine Gemeinschaft können Menschen ihre typisch menschlichen Fähigkeiten (rationales Denken, Sprache, etc.) nicht ausbilden.

Der Moraltheologe Austin Fagothey definiert eine Gesellschaft als „eine bleibende Vereinigung einer Anzahl von Personen, die moralisch verpflichtet sind, unter einer Autorität für ein Gemeinwohl zusammenzuarbeiten“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason. Ethics in theory and practice, 2. Ausg., St. Louis 1959, S. 356). Das Gemeinwohl ist nicht nur die Zusammenfassung des Privatwohls der einzelnen Mitglieder (z. B. dass jeder einzelne von ihnen jeweils genug Nahrung und Besitz hat), sondern etwas, das sie alle gemeinsam genießen können und das nicht dadurch verringert wird, dass man es mit anderen teilt. Güter wie Freundschaft, Ordnung oder Wissen werden nicht dadurch verringert, dass andere auch an ihnen teilhaben, sondern eher vergrößert. Das höchste „Gemeingut“ in gewisser Weise, dem alle Menschen zustreben, ist Gott, die Summe alles Guten.

Die Kirche unterscheidet natürliche Gesellschaften, übernatürliche Gesellschaften und künstliche Gesellschaften. Natürliche Gesellschaften sind Gesellschaften, bei denen es von Gott gewollt ist, dass es sie gibt, und die Menschen nicht komplett beliebig umformen können, und die zunächst einmal auf rein natürliche Ziele ausgerichtet sind (ein friedliches Leben in Gemeinschaft, Ordnung, Gerechtigkeit… und als höchstes Ziel die natürliche Erkenntnis Gottes). Das sind zwei Gesellschaften: Familie und Staat. Die einzige übernatürliche Gesellschaft ist die Kirche; sie ist auf noch direktere Weise von Gott eingesetzt worden und auf ein übernatürliches Ziel ausgerichtet, nämlich auf die Anschauung Gottes, darauf, ihre Mitglieder in den Himmel zu führen, und hat die direkte Offenbarung von Gott zur Hilfe, nicht nur die natürlichen Kräfte der Vernunft. Dann gibt es noch quasi „künstliche“ Gesellschaften; das sind alle anderen Gesellschaften. Künstlich ist hier nicht abwertend gemeint; es sagt einfach nur, dass sie von Menschen begründet wurden und abänderbar sind. Dazu gehören z. B. Gewerkschaften und Vereine.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den künstlichen Gesellschaften auf der einen Seite und den natürlichen und übernatürlichen Gesellschaften auf der anderen Seite ist, woher die Autorität in ihnen kommt. Bei Staat, Familie und Kirche ist diese Autorität direkt von Gott gewollt und man kann sich nicht aussuchen, ob man überhaupt eine Autorität haben will oder nicht. Das heißt nicht, dass der Inhaber der Autorität direkt von Gott ausgewählt wird. Um den Unterschied deutlich zu machen: Wenn jemand ein Kind zeugt, wird er dadurch zum Vater und hat eine gewisse Autorität und Fürsorgepflicht in Bezug auf das Kind, und Gott stützt und bejaht diese konkrete Autorität und Verantwortung dieses konkreten Vaters, unabhängig davon, ob es eine gute Idee für ihn war, Kinder zu bekommen, oder ob er als Vater auch Fehler macht (diese Fehler unterstützt Gott nicht, aber sie machen ihn nicht zum Nicht-Vater). Und genauso sieht es aus, wenn jemand Staatsoberhaupt oder Regierungsmitglied wird: Damit bekommt er eine objektive Autorität und Verantwortung, für die ihn Gott wiederum zur Verantwortung ziehen wird und die Gott auch stützt. Er hat damit einen Anspruch auf Gehorsam vonseiten der Staatsbürger, die irgendwer anders nicht hat. (Jedenfalls solange er keine Gesetze einführen will, die gegen Gerechtigkeit und Allgemeinwohl verstoßen: „Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz“. Gegen solche Gesetze ist zumindest passiver Widerstand erlaubt, und im alleräußersten Notfall, wenn eine Regierung sich völlig gegen das Gemeinwohl wendet und nur noch willkürlich und tyrannisch ist, während sie ihre eigentlichen Aufgaben vernachlässigt, wäre auch die Absetzung einer Regierung und die Einführung einer neuen Staatsverfassung erlaubt – genauso, wie man, wenn es entsprechend schlimm wird, Kinder aus ihrer Familie nehmen und die Vormundschaft jemand anderem übertragen darf, weil die Eltern durch die Verletzung ihrer Pflichten ihre Rechte verspielt haben.)

Wie Familien ihre Angelegenheiten unterschiedlich regeln können, können das auch Staaten. Ob es eine Monarchie oder eine Republik ist, oder ein parlamentarisches oder präsidiales System, ist nicht so wichtig. Ein Staatsoberhaupt kann durch Erbfolge bestimmt werden, durch ein Gremium oder eine Gruppe gewählt werden, durch das Volk gewählt werden, oder sonstwie bestimmt werden. Aber in jedem Fall ist dann seine Autorität von Gott gewollt und gestützt, genau wie die Autorität der Eltern von Gott gewollt und gestützt ist, egal auf welche Weise sie Eltern geworden sind und wie genau sie ihre Familie leiten.

Bei einer künstlichen Gesellschaft dagegen bekommt die Autorität ihre Berechtigung durch die Mitglieder: z. B. dadurch, dass sie denjenigen wählen, oder sich damit einverstanden erklären, dass er durch Losentscheid bestimmt wird, oder einen Arbeitsvertrag mit ihm unterschreiben.

Jetzt also zu den Pflichten in der Familie.

Es geht bei den Pflichten speziell gegenüber den Eltern nicht nur um Respekt und Gehorsam in der Kindheit – das natürlich auch – sondern auch um Respekt und Fürsorge für die Eltern, wenn man erwachsen ist und sie alt sind. Die richtige Haltung gegenüber den Eltern wird als die Tugend der pietas (Pietät) bezeichnet, was meint, die Eltern besonders zu ehren, da man von ihnen herkommt, und Dankbarkeit für ihre Mühen usw. einschließt. Die Eltern wiederum haben vor allem Pflichten in Bezug darauf, ihre Kinder zu lieben, für sie zu sorgen, sie auf ihr Leben vorzubereiten, und vor allem, ihnen den Glauben zu vermitteln; sie haben sie ja als abhängige, schwache Wesen in die Welt gebracht. In der Familie gibt es natürlich auch Pflichten zwischen Ehemann und Ehefrau; aber auf dieses Thema, und anderes, was die Ehe angeht, will ich in einem anderen Artikel eingehen.

Heribert Jone schreibt über die Familie:

Viertes Gebot

Das vierte Gebot bestimmt ausdrücklich die Pflichten, welche die Kinder gegen die Eltern haben. Damit verwandt sind die Pflichten gegen alle jene, die an der elterlichen Autorität irgendwie Anteil haben, sowie die Pflichten, welche Eltern und Vorgesetzte gegen ihre Untergebenen haben, also alle Pflichten in der Familie und im Staate.

Erstes Kapitel

Die Pflichten in der Familie

I. Die Pflichten der Kinder gegen die Eltern. Aus Pietät schulden die Kinder den Eltern:

1. Ehrfurcht, und zwar sowohl in der inneren Gesinnung als auch im äußeren Betragen.

Eine Verletzung der Ehrfurcht findet statt durch innere Verachtung, beleidigende Reden, geringschätzige Haltung, Schlagen. Auch eine unbedeutende aber ernsthafte Mißhandlung kann schwere Sünde sein. [Gemeint ist hier: Eine Misshandlung, die den Eltern nicht stark körperlich schadet – z. B. leichtes Schlagen, Stoßen o. Ä. -, das aber schwere Verachtung verkörpert, was sehr leicht einzusehen ist.] Gegen die Ehrfurcht sündigt man auch, wenn man sich seiner Eltern schämt, sie verleugnet wegen ihres niedrigen Standes, wegen ihrer ärmlichen Kleidung und dergl. – Nicht gegen die Ehrfurcht aber ist es, wenn jemand seine Eltern, welche den Verstand verloren haben (z. B. wegen Irrsinn, Alter, Trunkenheit) in guter Absicht mit Gewalt, aber ohne innere Verachtung an etwas hindert. Dasselbe gilt, wenn jemand aus einem gerechten Grund (z. B. Verbrechen der Eltern) die Eltern nicht bei sich haben will, vorausgesetzt, daß er ihnen die nötige Unterstützung zukommen läßt.

2. Liebe in der Gesinnung und in der Tat.

Sünden gegen die schuldige Liebe sind: Unwille, Haß, Verwünschung, üble Nachreden, kränkende Worte und Handlungen, Verursachung von Kummer, Unterlassung des Gebetes sowie der Unterstützung bei seelischer und leiblicher Not. – Befinden sich die Eltern in schwerer Not, so dürfen die Kinder nicht ins Kloster gehen, wenn sie ihnen durch das Verbleiben in der Welt helfen können (vgl. auch Nr. 255). – Eine Pflicht, nach dem Tode der Eltern ihre Schulden zu bezahlen, besteht nicht, wenn man von den Eltern nichts geerbt hat, selbst dann nicht, wenn die Schulden für die Erziehung der Kinder gemacht wurden (vgl. auch Nr. 321).

3. Gehorsam in allen erlaubten Dingen [gemeint ist mit „erlaubten Dingen“: Dinge, die keine Sünde sind], die sich auf ihre Erziehung, sowie auf die häusliche Ordnung beziehen.

Ungehorsam ist eine schwere Sünde, wenn es sich um etwas Wichtiges handelt und die Eltern ein wirkliches Gebot geben. – In Erziehungsfragen dauert die Pflicht des Gehorsams bis zur Großjährigkeit. – Minderjährigen ist es daher nicht erlaubt, gegen den Willen der Eltern eine bestimmte Arbeit zu übernehmen oder in Dienst zu gehen. In der Berufswahl aber sind sie frei. [Gemeint dürfte sein: Auch wenn man einen bestimmten Ausbildungsvertrag bei einem bestimmten Arbeitgeber nicht gegen den Willen der Eltern unterzeichnen darf, darf man sich selbst aussuchen, dass man Bäcker werden will und nicht Schreiner, wenn die Eltern wollen, dass man Schreiner wird.] – Auch Großjährige müssen, solange sie im Elternhause wohnen, gehorchen in Dingen, die sich auf die häusliche Ordnung beziehen, z. B. abends zeitig nach Hause kommen. – Vor der Heirat sollen die Kinder den Rat ihrer Eltern einholen. Wenn sie aber selbst auf einen vernünftigen Rat nicht hören, begehen sie gewöhnlich nur eine lässliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 199)

Als schwere Sünden hätten wir also Dinge, die in schwerwiegender Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam verstoßen, z. B.:

  • Ungehorsam bei einem wirklichen Befehl in wichtigen Dingen
  • Jede Form von körperlicher Misshandlung
  • Zeigen von deutlichem Hass oder Verachtung, z. B. den Eltern wünschen, dass sie tot umfallen, oder sich gezielt mit etwas über sie lustig machen, bei dem man weiß, dass es sie schwer verletzt
  • Vernachlässigung bei schwerer seelischer oder materieller Not (Vernachlässigung in schwerer seelischer Not wäre z. B., den sterbenden katholischen Eltern keinen Priester zu rufen)
  • ihnen schwere Sorgen bereiten, z. B. weil man sie komplett aus seinem Leben ausschließt, nachdem sie irgendeine Lebensentscheidung von einem nicht gutgeheißen haben
  • nie für sie beten

Als lässliche Sünden hätten wir Dinge, die in leichterer Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam verstoßen, z. B.:

  • unnötige Streitereien mit den Eltern im „normalen“ Rahmen, nicht ernst gemeinte Beleidigungen im Affekt, wenig schwerwiegende Beleidigungen
  • rein innerliche Verachtung (wobei es möglich ist, dass die in besonders schwerwiegenden Fällen schwerwiegend wird)
  • missmutiger Gehorsam
  • Ungehorsam in wenig wichtigen Dingen
  • Handlungen, von denen man weiß, dass die Eltern sie nicht so gut finden, die sie aber nicht wirklich verbieten wollten (wenn diese Handlungen nicht schon von sich aus Sünde sind)
  • ein paar Tage nicht für die Eltern beten, weil man wegen einem Streit mit ihnen beleidigt ist
  • den Eltern leichte Sorgen bereiten, weil man in schulischen Dingen etwas zu nachlässig ist
  • eine gewisse Nachlässigkeit oder Unsensibilität gegenüber den Eltern

Keine Sünden sind z. B.:

  • eine andere Meinung haben als seine Eltern, mit ihnen friedlich darüber diskutieren (wobei man als Minderjähriger ihre praktischen Entscheidungen am Ende akzeptieren muss)
  • über eine ungerechte Entscheidung der Eltern innerlich wütend sein
  • sich als Erwachsene nicht von seiner alten Mutter in allen Einzelheiten vorschreiben lassen, wie man den Haushalt erledigt
  • seinen Eltern nicht alle persönlichsten Gefühle erzählen wollen
  • nicht viel Kontakt zu seinen alten Eltern haben, die einen nur kritisieren und heruntermachen und immer eins ihrer anderen Kinder vorgezogen haben
  • jemanden zu heiraten, den die Eltern aus ungerechtfertigten Gründen nicht mögen
  • versehentlicher „Ungehorsam“ aus Vergesslichkeit

Zur Unterscheidung von schwerwiegenden und noch lässlichen Beleidigungen schreibt der hl. Alfons von Liguori: „Daher sagt Roncaglia richtigerweise, dass in der Praxis jener nicht von Todsünde entschuldigt ist, der seine Mutter ‚verrückt‘, eine ‚Trinkerin‘, eine ‚Schlampe‘, eine ‚Hexe‘ oder eine ‚Diebin‘ nennt, und ähnliche Dinge. Aber einer, der nur sagt, sie sei ‚alt‘, ‚dumm‘ oder ‚ahnungslos‘ und ähnliche Dinge, kann, denke ich, nicht absolut wegen einer Todsünde verurteilt werden, es sei denn, die Eltern würden durch diese Worte schwer verletzt. Außerdem würde der Sohn schwer sündigen, der seinen Eltern ständig eine schlechte Gesinnung zeigt, oder auf bittere Weise mit ihnen spricht, um ihnen zu zeigen, dass er sie hasst.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis – Moral Theology, Bd. 2, Buch IV, ins Englische übersetzt von Ryan Grant, Mediatrix Press 2017, S. 362 (Übersetzung ins Deutsche von mir).) D. h. im Endeffekt, es kommt darauf an, ob Beleidigungen (auch je nach Kultur) als schwer verletzend verstanden werden, wirklich starke Abneigung kommunizieren, oder eben nicht; und auch, ob man eine konstante verletzende Haltung zeigt, oder einem nur ab und zu in einem Streit eine Beleidigung herausrutscht. (Es geht hier darum, ob etwas objektiv eine schwere Verletzung ausdrückt; es gibt ja auch Leute, die auch dann schwer beleidigt sind, wenn ein anderer nur ganz leichte Kritik angedeutet hat.) Außerdem sagt der hl. Alfons, dass Verwünschungen, mit denen man nicht ernstlich Böses wünscht, lässliche Sünde, und solche, mit denen man Böses wünscht, schwere Sünde sind.

Zum Ungehorsam sagt er: „Ein Sohn sündigt schwer gegen den Gehorsam: a) wenn er in einer wichtigen Angelegenheit ungehorsam ist in Bezug auf jene Dinge, die die Ordnung des Hauses, die guten Sitten oder das Seelenheil betreffen […]

Daher ist ein Sohn gehalten, seinen Eltern zu gehorchen in den Dingen, die gerade erörtert wurden, und er sündigt schwer durch eine eigene Art von Sünde, die in der Beichte erwähnt werden muss, wenn die Angelegenheit wichtig war und die Eltern auf eine ernsthafte Weise ein ausdrückliches Gebot gegeben haben. Es ist anders, wenn die Eltern sie nur gewarnt haben, wie die Autoren sagen […] Cardinal de Lugo, de poenit. d. 16 n. 226 und Bonacina eod. tit. part. 6 n. 3, mit Navarre und Rodriguez, fügen hinzu, dass der Sohn diese spezielle Sünde begeht, wenn die Eltern etwas befehlen, bei dem sie beabsichtigen, ihn zum Gehorsam zu verpflichten. Oder vielmehr sagen die Autoren, dass der Sohn dann sündigt, wenn er dieses Gebot für gewöhnlich übertritt; es ist anders, wenn es gelegentlich einmal aus Nachlässigkeit geschieht […].

Anbei müssen wir hier darauf hinweisen, dass die Söhne nicht in den Dingen gehorchen müssen, die die Wahl eines Standes betreffen. Daher sündigen Eltern schwer, wenn sie ihre Söhne, selbst indirekt, gegen ihren Willen zwingen, einen Stand zu wählen, ob Ordensleben, Klerikerstand oder Ehe, oder auf der anderen Seite, wenn sie sie ungerechterweise, selbst ohne Gewalt oder Täuschung, ohne gerechten Grund von Ordensleben, Klerikerstand oder Ehe fortzwingen, da Eltern besonders verpflichtet sind, das geistliche Wohl ihrer Söhne im Auge zu haben […] Daher darf ein Sohn, wenn er denkt, dass er von Gott zu Ordensleben oder Klerikerstand berufen ist und weiß, dass seine Eltern ihn ungerechterweise daran hindern werden, die Sache verheimlichen und den göttlichen Willen ausführen.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis, S. 365-367)

Dominikus Prümmer meint über den Gehorsam: „Es ist schwierig, zu bestimmen, was schwerwiegende Materie bei Verstößen gegen den geschuldeten Gehorsam ausmacht. Wenn allerdings der Akt des Ungehorsams den Eltern oder dem Kind bedeutenden Schaden verursacht, ist die Sünde sicher schwer.“ (Dominikus Prümmer, Handbook of Moral Theology, aus dem Lateinischen ins Englische übersetzt von Gerald W. Shelton, Mercier Press 1956, S. 212 (Übersetzung ns Deutsche von mir).)

Es wurde gesagt, dass Ungehorsam dann Sünde ist (lässlich oder schwer), wenn die Eltern ihren minderjährigen Kinder etwas bezüglich der Erziehung oder der häuslichen Ordnung befehlen, das keine Sünde ist. Eltern haben also eine ziemlich weite, aber keine unbegrenzte Befehlsgewalt: Sie können einen z. B. nicht zwingen, ihnen alles zu erzählen, das man vorhin seinem Beichtvater erzählt hat. Generell ist es außerdem so, dass – wie bei jeder Autorität – Befehle, die völlig nutzlos, schädlich, entwürdigend sind, nicht im Gewissen verpflichten; freilich wird man in vielen Fällen sagen müssen, dass die Eltern wahrscheinlich besser wissen, was schädlich und was nicht schädlich ist und das Kind vielleicht gar nicht verstehen kann, wieso es etwas scheinbar Nutzloses jetzt tun soll. Aber natürlich gibt es auch Fälle, wo etwas ganz klar schädlich ist (z. B. wo ein Kind durch den Rat sämtlicher anderer Vertrauenspersonen, sagen wir, des Priesters und zweier erwachsener Geschwister und der Tante, wissen kann, dass etwas ziemlich sicher schlecht ist). Sagen wir, eine 17jährige nimmt seit Jahren Medikamente gegen eine chronische Krankheit, die ihr sehr helfen, und plötzlich ist ihre Mutter der Meinung, sie solle sie absetzen, weil alle „Chemie“ schlecht wäre. In dem Fall wäre die Tochter im Recht, wenn sie die Medikamente heimlich weiternehmen würde. (Wobei das Beispiel nicht ganz passt, weil es eigentlich auch eine Sünde wäre, der eigenen Gesundheit zu schaden, indem man die ganz gewöhnlichen Mittel dafür nicht anwendet,, also würde das Gehorsamsgebot auch aus diesem Grund nicht greifen.) Auch bei physischer oder moralischer Unmöglichkeit verpflichten Gebote nicht. (Moralische Unmöglichkeit bedeutet in etwa: Die Beobachtung eines Gebots erfordert völlig unverhältnismäßige Mühe, kann jemandem nicht zugemutet werden.) Die Eltern haben ihre Autorität dafür, für das Wohl des Kindes zu sorgen, und wenn sie sie entgegen diesem Zweck verwenden, verlieren sie den Anspruch auf Gehorsam.

Es wurde gesagt, dass die Kinder in der Standeswahl frei sind; aber solange sie noch minderjährig sind, dürfen die Eltern ihnen tatsächlich manches verbieten, was auf die Standeswahl vorbereitet (z. B. sich weiter mit einem Freund zu treffen, den sie für einen schlechten Einfluss halten; in dem Fall muss man auch davon ausgehen, dass die Eltern mehr Weitblick haben); auch ihren minderjährigen Kindern dürfen sie aber natürlich keine Standeswahl aufzwingen oder sie endgültig von einer abhalten. (Da fällt mir übrigens eine schöne Geschichte über den jungen J. R. R. Tolkien ein: Als er noch minderjährig war, traf er sich öfter mit einem Mädchen, das etwas älter als er und außerdem Protestantin war; sein Vormund verbat ihm schließlich den Kontakt mit ihr. Tolkien gehorchte. An seinem 21. Geburtstag (damals war man mit 21 volljährig) schrieb er ihr wieder, sie trafen sich, ein Jahr später konvertierte Edith zum Katholizismus, zwei weitere Jahre später heirateten sie und hatten eine sehr lange, glückliche Ehe.)

Bei der Versorgung der alten Eltern ergeben sich manche Fragen: Was ist z. B., wenn die Kinder die Eltern nicht bei sich zu Hause haben wollen, weil sie aus weniger wichtigen Gründen keine Lust darauf haben, aber ihnen einen Heimplatz bezahlen? Da hier die Gefahr von Vereinsamung und Vernachlässigung nicht gerade abwegig ist, würde ich das nicht als einfach so in Ordnung sehen, aber weiß nicht, ob man es schon als schwere Sünde bezeichnen kann; freilich müssten die Kinder ihre Eltern zumindest öfter besuchen, auch, um einigermaßen sicherzustellen, dass das Pflegepersonal anständig mit ihnen umgeht, aber auch dann wäre es zumindest aus meiner subjektiven Sicht noch problematisch. Seine Eltern in ein Heim zu geben, weil sie ständige Pflege brauchen, die man selbst nicht leisten kann, oder weil ihnen selber das sogar lieber ist, ist offensichtlich keine Sünde (wobei es auch da eine Sünde wäre, sie nie zu besuchen, wenn man es kann); es ist auch keine Sünde, wenn man aus gerechtfertigten Gründen nicht mit ihnen zusammenleben will (z. B. bei Eltern, die einen immer schlecht und geringschätzig behandelt haben).

Für katholische Kinder mit nichtkatholischen oder nur kulturkatholischen Eltern könnte sich auch die Frage ergeben: Vernachlässige ich meine Eltern in seelischer Not, wenn ich nicht genug Mühe aufwende, sie vom Glauben zu überzeugen? Ich denke, das Wichtigste hier ist, sie ins tägliche Gebet einzuschließen, und offen dafür zu sein, mit ihnen über Gott zu reden, wenn sie offen dafür sind – durchaus auch mal von sich aus, sie z. B. in die Kirche einzuladen, aber man muss nicht ständig Diskussionen vom Zaun brechen, wenn man merkt, dass sie nicht bereit dafür sind und schlecht reagieren. (Dasselbe gilt bei anderen Familienmitgliedern.)

Franz von Defregger, Tischgebet. Gemeinfrei.

Dann zu den Pflichten der Eltern. Jone schreibt:

II. Die Pflichten der Eltern gegen die Kinder.

1. Liebe.

Die Liebe ist die Grundpflicht, welche die Eltern gegen die Kinder haben. Aus ihr ergeben sich alle anderen Pflichten.

2. Sorge für Leben, Gesundheit und Fortkommen.

Vor der Geburt muß alles vermieden werden, was der Leibesfrucht schädlich ist. Nach der Geburt soll die Mutter selbst ihr Kind stillen. Durch Nichterfüllung dieser Pflicht wird dem Kinde gewöhnlich ein großer Schaden zugefügt; trifft diese Voraussetzung zu, dann sündigt die Mutter schwer, wenn sie sich ihrer Pflicht entzieht, trotzdem sie durch keinen entsprechend schwerwiegenden Grund entschuldigt ist. – Hierher gehört auch die Sorge für Nahrung, Kleidung und Wohnung, sowie die Pflicht, durch Arbeit und Sparsamkeit womöglich eine materielle Sicherung für die Zukunft der Kinder zu schaffen. – Für den Unterhalt der unehelichen Kinder müssen an sich Vater und Mutter in gleicher Weise aufkommen. In den meisten Staaten aber ist durch das Gesetz in erster Linie dem Vater die Pflicht auferlegt, für das uneheliche Kind zu sorgen. Nach erfolgtem Richterspruch ist der Vater auch im Gewissen dazu verpflichtet. Näheres vgl. Nr. 357.

3. Erziehung der Kinder

Die Eltern haben ein naturhaftes, unverletzliches Recht und die Pflicht zur guten Erziehung ihrer Kinder. Kraft dieser Pflicht müssen die Eltern ihre Kinder standesgemäß ausbilden lassen, sie frühzeitig an Arbeit und Selbsttätigkeit gewöhnen, besonders aber für ihr sittliches [=moralisches] und ewiges Wohl sorgen. Besonders aus letzterer Pflicht entspringt auch die Pflicht eines guten Beispiels, der Zurechtweisung und der Wachsamkeit. Im Interesse einer katholischen Erziehung ist auch der Besuch katholischer Schulen Pflicht. Nach can. 1347 [im alten Codex des Kanonischen Rechts] dürfen katholische Kinder keine akatholischen, neutralen oder Simultanschulen besuchen. Nur der Ortsordinarius [=Bischof] kann entscheiden, unter welchen Umständen und Vorsichtsmaßnahmen der Besuch derartiger Schulen geduldet werden kann.

Anmerkung. Dadurch, daß die Eltern den Lehrern und Erziehern einen Teil ihrer Autorität übertragen, entstehen zwischen letzteren und den Kindern in manchen Punkten ähnliche Pflichten wie zwischen Eltern und Kindern.

Die Kinder schulden den Lehrern daher Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam in Dingen, die sich auf das Studium und die guten Sitten beziehen. – Die Lehrer haben die Gerechtigkeits- und Liebespflicht, den Kindern die entsprechenden Kenntnisse und eine gute Erziehung zu vermitteln.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 200)

Der hl. Alfons schreibt u. a.:

„Eine Mutter ist gehalten (aber unter lässlicher Sünde) ihr Kind mit ihrer eigenen Milch zu stillen, außer sie hat eine gerechte Entschuldigung. […] Aber dann ist sie unter schwerer Sünde gehalten, eine gute Amme zu suchen. […] Der Vater ist gehalten, für den Lebensunterhalt seiner Kinder zu sorgen, nicht nur der ehelichen, sondern auch der unehelichen (wo wir sehen, dass das bürgerliche Gesetz vom kirchlichen korrigiert wird, nach Cum haberet), das heißt, für Essen, Trinken, Kleidung und anständige Kenntnisse, je nach ihrem Stand. […] Zuletzt ist er gehalten, eine Mitgift für seine Tochter bereitzustellen.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis, S. 368f.) Außerdem sagt er, dass die Eltern nur aufgrund eines besonderen Grundes ihre Kinder aus dem Haus werfen (und ihnen dann aber ihren Unterhalt für ein Leben außerhalb bereitstellen) dürften.

Zur Erziehung sagt er: „Eltern sind durch eine schwerwiegende Verpflichtung gehalten, ihre Kinder persönlich oder durch andere in Angelegenheiten zu belehren, die zum Heil notwendig sind. Daher sündigen sie schwer: a) Wenn sie nicht zusehen, dass ihre Kinder moralisches Verhalten lernen, die christliche Lehre oder die Grundlagen des Glaubens lernen, die Gesellschaft schlechter Kinder vermeiden, die Gebote Gottes und der Kirche beachten, die Sakramente empfangen und Sünden vermeiden (Azor, Filliuci, Bonacina, l. c.); b) Wenn sie sie nicht von Gelegenheiten zur Sünde abkehren oder ihnen erlauben, Zeit an verdächtigen Orten oder Häusern zu verbringen (Trullenchus, t. 1 d. 3 n. 4); c) Wenn ihre Kinder durch ihren Rat oder ihr schlechtes Beispiel verdorben werden; d) Wenn sie zügellose Kinder nicht ermahnen und züchtigen, aber maßvoll.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis, S. 371)

Die rein irdischen Pflichten sind relativ offensichtlich und werden ja auch von den meisten Eltern erfüllt: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Sorge dafür, dass das Kind einen anständigen selbstständigen Platz in der Gesellschaft finden kann, wenn es erwachsen ist (was z. B. heißt, dass die Eltern darauf schauen sollen, dass die Kinder in der Schule einigermaßen mitarbeiten, sich Gedanken um einen Ausbildungsplatz machen, usw.; und früher z. B. bei Töchtern auch hieß, ihnen eine Mitgift bereitzustellen, wie der hl. Alfons erwähnt). Am schwierigsten ist wahrscheinlich zu bestimmen, wie es mit den Sünden bei der Sorge für ungeborene Kinder oder Säuglinge aussieht, weil die relativ leicht zu gefährden sind – z. B. wenn eine Mutter in der Schwangerschaft öfter gegen den Rat des Arztes schwere Sachen hebt oder das Kind mit der Flasche füttert, statt es zu stillen. Ich bin keine Ärztin oder Hebamme oder Mutter und kann nicht bestimmen, wie gut heute Milch aus der Flasche ist, aber da generell bei mit der Flasche gefütterten Kindern manche Krankheiten häufiger sind, wäre es wohl schon zumindest eine lässliche Sünde, ein Kind nicht zu stillen, wenn es vernünftigerweise machbar ist. Bei ungeborenen Kindern kann man sagen, dass alles, was das reale Risiko einer Fehlgeburt mit sich bringt, nur aus ernsthaftem Grund getan werden dürfte. Natürlich kann man nicht alle Risiken vermeiden und auch bei einer vorsichtigen Mutter kann es eine Fehlgeburt geben.

Das Gebot der Liebe verlangt natürlich mehr als nur die rein materielle Versorgung, sondern auch Interesse, Zuwendung. „Die Liebe, die sie zu zeigen verpflichtet sind, muss sowohl affektiv [gefühlsmäßig] als auch effektiv [in Taten] sein, sodass Eltern nicht nur allen Hass und Übelwollen vermeiden müssen, sondern ihren Kindern auch Gutes wollen müssen, sie gut behandeln und ihnen in Not helfen müssen.“ (Prümmer, Handbook of Moral Theology, S. 213)

Als schwere Sünden könnte man sich z. B. folgendes vorstellen, was die Liebe schwer beeinträchtigt:

  • Vernachlässigung (z. B. Unterernährung, mit dem Kind fast nie zum Arzt gehen, wenn es krank ist)
  • Gewohnheitsmäßiges Hintansetzen und verbales Piesacken eines Kindes und Vorziehen eines anderen
  • Rauchen und Trinken in der Schwangerschaft

Leichte Sünden wären so etwas wie:

  • Gelegentliche Ungeduld mit den Kindern
  • Meistens Fertigessen auf den Tisch bringen
  • Mal nicht viel Aufmerksamkeit für ihre Fragen über die Hausaufgaben aufbringen, weil man gerade Zeug auf Instagram lesen will

Die Eltern müssen dann (was schwieriger ist), was Glaube und Moral angeht, darauf schauen, dass ihre Kinder wissen, was und wieso sie glauben sollen, sie zu anständigem Verhalten anhalten, dafür sorgen, dass sie getauft und gefirmt werden, mit zur Messe kommen, auch mal zur Beichte gehen, sie von schlechten Freunden fernhalten, ihnen ein gutes Beispiel geben (z. B. gemeinsam mit der Familie beten, Verzeihung üben, ehrlich sein…): sprich, ihren Kindern eine gute Chance auf den Himmel mitgeben. Einfach zu sagen, dass ein Kind später selber herausfinden soll, was es glauben will und was gut für es ist, wäre eine extreme Vernachlässigung; wie wenn man Kindern keine Liebe zeigt, damit sie sich später selbst für Liebe entscheiden, oder ihnen keine Sprache beibringt, weil sie selber wissen müssten, welche Sprache sie lernen wollen. Eltern sind natürlich nicht allmächtig; und es kann immer auch mal passieren, dass Kinder vom Glauben abfallen, obwohl sie alle Gründe dafür kennen und gute Vorbilder hatten, weil sie sich z. B. anpassen wollen. Aber Eltern haben hier eine wichtige Pflicht und können viel bewirken.

Auch hier ist es natürlich eine Frage des Grades, was schwere und was lässliche Sünden sind, und die Abgrenzung wird manchmal nicht so einfach sein. Eine schwere Sünde könnte es z. B. vermutlich sein, sich gar nicht dafür zu interessieren, wo die Kinder ihre Zeit verbringen; oder sich zu denken, dass sie schon im Religionsunterricht das Wichtigste über den Glauben lernen werden und man selber sich da heraushalten kann; oder ihnen einfach durchgehen zu lassen, dass sie andere Kinder mobben und irgendwann kriminell werden; oder sie nicht taufen zu lassen. (Die Taufe sollte so bald wie möglich nach der Geburt stattfinden. „Nach vielen Autoren ist es eine Todsünde, wenn die Taufe ohne Grund über einen Monat verschoben wird, oder mit Grund über zwei Monate.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologe, Nr. 476))

Man müsste auch hinzufügen, dass die Eltern eine ganz besondere Pflicht in Bezug darauf haben, den Internetgebrauch ihrer Kinder zu regeln, da inzwischen Kinder im Durchschnitt mit elf oder zwölf Jahren auf Pornographie stoßen und v. a. Jungen sehr schnell davon abhängig werden, und es ja auch sonstige Gefahren gibt, wie Grooming durch Pädophile. (Es braucht natürlich Internetfilter, auch wenn die nicht perfekt sind. Außerdem könnte man ihnen z. B. keine internetfähigen Handys kaufen und ihnen nur erlauben, an einem Computer, der fest im Wohnzimmer steht, ins Internet zu gehen, wobei nur die Eltern das Passwort kennen und sie ihn nicht einschalten können, wenn sie allein zu Hause sind (als Beispiel). Aber natürlich muss man auch früh genug mit den Kindern über solche Dinge reden, sie über Gefahren aufklären und eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufbauen, sollte aber auch nicht unterschätzen, wie neugierig, naiv und leicht beeinflussbar auch gut aufgeklärte Kinder sein können.) In dem Fall bringt es nichts, zu sagen, hier soll man nicht paranoid sein; in manchen Situationen ist die Welt eben verdreht genug geworden, dass man ein bisschen paranoid sein muss. Und es ist besser, dass ein Junge sich mit 13 beschwert, dass er kein Smartphone bekommt, als dass er mit 19 dagegen kämpfen muss, eine langjährige Pornosucht loszuwerden.

Mit der katholischen Erziehung und Bildung ist es heute natürlich generell ziemlich schwierig; früher konnte man bei der örtlichen katholischen Schule einfach darauf vertrauen, dass im Grunde schon nichts Falsches unterrichtet werden würde, und die Kirche bestand auch gegenüber den Regierungen darauf, dass katholische Schulen für katholische Kinder zur Verfügung stehen müssten. Heute ist die Situation eher so, dass man darauf vertrauen kann, dass die durchschnittliche Schule dem Kind schaden wird, und man wenige Alternativen hat.

Daher ein paar persönliche Überlegungen, die im Grunde nichts mit Moraltheologie zu tun haben, aber vielleicht ein paar Leuten helfen könnten, die schon mal hier sind:

Wenn man keine gute Schule in der Nähe zur Verfügung hat, kann man das natürlich durch andere katholische Gruppen ausgleichen, in denen die Kinder mit anderen katholischen Kindern und Jugendlichen zusammenkommen – z. B. die KPE (Katholische Pfadfinderschaft Europas; mit der FSSP (Petrusbruderschaft) verbunden), die Christkönigsjugend (auch mit der FSSP verbunden) oder die KJB (Katholische Jugendbewegung; von der FSSPX (Piusbruderschaft)*). (Eine Möglichkeit, Kindern wenigstens theoretisches Glaubenswissen zu vermitteln, wäre der Fernkatechismus der Ordensschwestern der FSSPX.) Wenn man weniger tradimäßig unterwegs ist, wäre die Jugend2000 mit ihren Prayerfestivals etc. gut. Auch nicht rein kirchliche Gruppen, in denen man sich für etwas engagieren kann, wie die Jugend für das Leben, gäbe es noch. Natürlich kommen gute Gruppen in einzelnen Pfarreien hinzu; aber dass man sich auf die Ministrantengruppen in der Durchschnittspfarrei nicht verlassen kann, versteht sich von selbst. Dass das Kind nicht nur von seinen Eltern, von denen es sich irgendwann abgrenzen wird, das Richtige theoretisch lernt, sondern auch von Gleichaltrigen praktisch unterstützt wird, ist schon wichtig.

Aber wenn man wirklich für eine katholische Bildung sorgen will und dafür zu „radikaleren“ Schritten bereit ist, gäbe es z. B. folgende Möglichkeiten:

1. Kindergärten und Schulen der FSSPX (Piusbruderschaft). Für Eltern mit geringem Einkommen kann das Schulgeld erlassen werden. Man kann in die Nähe einer der Schulen ziehen und/oder die Kinder ab der 5. Klasse in eins der Internate geben, wenn man nicht in der Nähe der Schule wohnen kann (alle Zweige außer Förderschule im deutschsprachigen Raum vorhanden; hier ein Schaubild). Ich habe von einer Familie aus dem Saarland schon von sehr guten Erfahrungen mit diesen Schulen gehört; auch die pädagogischen Konzepte (nach dem hl. Don Bosco und Maria Montessori) wirken überzeugend.

2. In ein Land ziehen, in dem Homeschooling erlaubt ist, wie Österreich, die Schweiz (je nach Kanton), Liechtenstein (mit Einschränkungen), oder auch andere mit deutschsprachiger Minderheit wie Luxemburg, Frankreich (Elsass-Lothringen), Italien (Südtirol). Für manche könnten auch englischsprachige Länder eine Alternative sein.

Homeschooling ist tatsächlich in fast allen Ländern außerhalb von Deutschland erlaubt, sorgt im Durchschnitt für überdurchschnittliche Lernergebnisse, man kann auf die Eigenheiten der Kinder eingehen, das Lerntempo anpassen und Begabungen fördern; und das Kind geht nicht in einer Klasse unter und hat auch weniger Stress. Und die Sozialisation? Ja, sperrt man seine Kinder denn ein? Homeschool-Kinder kommen meistens schneller mit dem Stoff durch und haben mehr Zeit für Vereine, Freunde und Hobbies. Außerdem haben sie meistens Geschwister, mit denen sie sich beim Homeschooling mehr beschäftigen werden. Homeschoolfamilien vernetzen sich auch untereinander. Damit entgeht man auch all den Problemen, die es in Schulen mit Mobbing geben kann; Kinder können doch sehr grausam sein.

Ggf. kann man zwischen diesen beiden Varianten wechseln, wenn z. B. ein Kind sich im Internat nicht wohl fühlt oder ein anderes statt Homeschooling mehr Kontakt zu anderen Kindern will.

Vielleicht wären an manchen Orten evangelikale Privatschulen, die auch Kinder anderer Konfessionen aufnehmen, das geringere Übel gegenüber staatlichen Schulen, aber auch hier muss man natürlich vorsichtig sein, dass die Kinder nicht von der ganzen evangelikalen Atmosphäre geprägt werden, und man keine Glaubensstatements unterschreiben muss, die man nicht teilt.

Wären Dinge wie Homeschooling oder Internate nicht eher radikale Schritte? Die Sache ist eben die, dass a) jeder sich eher seiner Peergroup anpasst als seinen Eltern (das ist vollkommen normal) und b) man auch durch den Unterricht in der Schule sehr geprägt werden kann. Jedes Kind bildet sich irgendwann seine eigenen Urteile und plappert nicht mehr einfach seine Eltern nach, aber dabei wird es natürlich auch von anderen sehr beeinflusst, zum Guten oder zum Schlechten. Und das ganze normale schulische Umfeld ist nicht nur nichtchristlich, sondern positiv christentumsfeindlich, auch normale katholische Privatschulen sind da nicht so sehr anders. Es ist nicht leicht, an etwas festzuhalten, dem ständig entgegengewirkt wird und für das es kein Verständnis gibt; und ein einzelnes verlorenes Kind an einer Schule wird an der Atmosphäre dort nichts ändern. Erst recht wird es nicht im Glauben gestärkt.

Manche Katholiken versuchen sich diese Situation schönzureden, indem sie dann sagen, dass die katholischen Kinder an den normalen Schulen ja „Sauerteig sein“ könnten. Sorry, nein. Es ist nicht die Aufgabe eines 11-jährigen Kindes, seine Mitschüler, geschweige denn seine Lehrer, zu bekehren, funktionieren tut das in aller Regel sowieso nicht. Es soll ruhig eine unbeschwerte Kindheit haben dürfen, erst einmal selbst stabil in den Glauben hineinwachsen und die Gründe dafür kennenlernen, Freunde finden können, die seinen Glauben teilen, und nicht ständig in die Defensive geraten. Wenn mehrere gläubige Kinder an einer Schule sind und Gruppen bilden – wie das ja oft genug bei den Moslems der Fall ist – ist es schon einfacher, aber das löst auch nicht alle Probleme.

Ein anderes, etwas besseres Argument ist, dass die Kinder so gleich besser lernen, sich in einer säkularen Umgebung zu behaupten; dass sie hier quasi geimpft werden und mit der Unterstützung der Eltern gleich lernen, den Säkularismus zu durchschauen. Das stimmt manchmal, aber manchmal auch nicht; manchmal ist das Kind zu schwach oder die Umgebung zu stark. Bei einer Impfung werden erregerähnliche Stoffe verabreicht, die die allermeisten nicht wirklich krank machen können; das hier hat eher etwas von der Strategie „lassen wir das Kind gleich Masern und Keuchhusten durchmachen, dann ist es später immun“. Das Umfeld kann sehr stark krank machen. Auch im Homeschooling etc. kann man Kinder darüber informieren, was Säkularisten denken – und sie werden auch so oder so oft mit denen zusammenkommen. Aber sie sind nicht jeden Tag den großen Teil des Tages in einem solchen Umfeld verloren, wo sie wissen, dass man sie eigentlich nicht so will, wie sie und ihre Familie sind.

Probleme machen in den normalen Schulen ja auch der Religionsunterricht, in dem man sich manchmal eher mit Grausen von dem abwendet, was da als Religion präsentiert wird, und die Lehrer manchmal ziemlich genau durchblicken lassen, dass sie selber nicht wirklich dran glauben, und die mittlerweile sehr übergriffige Frühsexualisierung schon in der Grundschule. Daran lässt sich kurzfristig nichts ändern; und man ist zuallererst für seine konkreten eigenen Kinder verantwortlich, nicht für die Schule im Ort.

Es ist auch oft besser, schon vorhandene gute Strukturen zu fördern, als sich als Einzelkämpfer in schlechten Strukturen aufzureiben; und je mehr Schüler z. B. die FSSPX-Schulen bekommen, desto mehr Schulen an mehr Orten wird die FSSPX aufbauen können; je mehr Eltern Homeschooling verlangen, desto mehr muss die Politik eventuell ihre Unterdrückungsmaßnahmen dagegen zurückfahren.

Aber das waren jetzt alles, wie gesagt, persönliche Überlegungen, keine Moraltheologie. Seine Kinder in ein Internat zu geben oder umzuziehen kann ja schon schwieriger sein; und eine katholische Gruppe außerhalb der Schule kann zusammen mit einer guten Familie schon viel ausrichten, sodass die Kinder ausreichend gestärkt werden.

Soweit mal dazu. Im nächsten Teil dann zu den Pflichten im Verhältnis Bürger-Staat und dann im übernächsten weiter mit dem 5. Gebot.

* Die Piusbruderschaft hat keinen anständigen kirchenrechtlichen Status (mehr), aber auch der Vatikan hat inzwischen ausdrücklich erlaubt, zu ihnen zur Messe zu gehen, zu beichten und zu heiraten, kurz gesagt, ihre Seelsorge in Anspruch zu nehmen. Sie sind definitiv gut katholisch, keine Schismatiker, und dazu, ob ihre praktische Herangehensweise gegenüber Rom richtig ist oder immer richtig war oder zum Teil richtig ist, können Katholiken im Grund sehr unterschiedlicher Ansicht sein. Hier mehr zu dem Thema; ich möchte auch noch mal was dazu schreiben; aber das gehört eigentlich nicht hierher.

Ein beleidigter Gott?

Im klassischen Akt der Reue, einem Gebet zur Erweckung der Liebesreue, heißt es: „Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“

Das Wort „beleidigt“ kann einem hier erst mal komisch vorkommen – ist Gott beleidigt und zieht sich schmollend zurück, wenn wir etwas Falsches tun? Da sieht man aber einfach, wie sich Worte wandeln: früher meinte „beleidigt“ weniger „schmollend“ und eher einfach „verletzt“. Beleidigung = Verletzung. Be-LEID-igung = Zufügen von Leid. Wie ein Vater, der dich liebt und dir das Richtige beigebracht hat, verletzt ist, wenn du kriminell wirst, ist Gott gewissermaßen durch unsere Sünden verletzt, weil Er uns liebt, und weil Er auch die anderen Menschen liebt, gegen die wir sündigen, und weil Er das Gute in Person ist, das hier angegriffen wird.

Wobei man hier sagen muss, dass es das Wort „verletzt“ immer noch nicht hundertprozentig trifft; denn es ist so, dass Gott sich nicht wirklich angreifen und unglücklich machen lässt; Er hat in sich vollkommenes Glück. Und wenn Menschen sündigen, machen sie damit im Endeffekt sich selbst unglücklich und nicht Gott. Er ist verletzt nur in einem übertragenen, uneigentlichen Sinn.

Ein passender Vergleich könnte sein: Wer einen Leichnam schändet, kann damit dem Toten nicht mehr schaden, aber er zeigt trotzdem seine Verachtung oder seinen Hass oder seine Kaltherzigkeit – nur wütet er quasi ins Leere. Wer einen Altar anspuckt oder eine Kirche beschmiert, kann damit Gott nicht schaden, er macht sich nur selbst hasserfüllt. Sein Wüten ist real, es ist eine reale Verachtung Gottes, aber es geht ins Leere. Genauso haben wir bei allen Sünden nicht die Macht, Gott zu schaden – wäre ja noch schöner, wenn wir Macht darüber hätten, Ihn unglücklich zu machen -, aber damit verachten wir Ihn, zeigen unsere Verachtung dafür, wie sehr Er uns liebt und was Er für uns tut und getan hat, „beleidigen“ Ihn.

Man könnte also auch gut beten: „weil ich dich verachtet habe“ – dich und deine Liebe, Güte, Barmherzigkeit.

Wieso man als Katholik nicht libertär sein kann

Unter Katholiken findet man ja bei einigen Dingen eine gewisse Meinungsvielfalt, z. B. auch bei der Politik. Und das ist auch manchmal ganz schön. Aber manchmal geht das in etwas seltsame Richtungen, z. B. wenn Leute unironisch den Libertarismus annehmen.

Der Libertarismus ist ja nicht nur einfach wirtschaftsliberal, sondern leugnet komplett die Notwendigkeit des Staates: Die Autorität des Staates soll z. B. durch freie Privatstädte ersetzt werden, wo die Besitzerfirma die Regeln aufstellt und Verbrechen entsprechend bestraft; Krankenversorgung und Ähnliches ganz durch private Versicherungen und Krankenhäuser; Schulbildung ganz durch private Schulen. Idee dahinter: Man spart sich die Steuern und zahlt nur für das, was man will; dabei sorgt der Wettbewerb für angemessene Preise und Qualität und jeder kann zu dem wechseln, was er gerade will. Nur freiwillige Verträge zwischen grundsätzlich Gleichberechtigten sollen die, die sie abschließen, binden, keine übergeordnete Staatsmacht soll ihr untergeordneten Bürgern etwas befehlen. Der Libertarismus versteht sich quasi als vollendete Form der Selbstregierung; nicht wie die standardmäßige Demokratie, bei der auch in der direkten Demokratie Mehrheiten über Minderheiten herrschen und letztere nicht selbstbestimmt sind.

Das kann in der Theorie erst mal ok klingen, funktioniert in der Praxis freilich nicht (dazu unten), aber für Katholiken kommt es grundsätzlich sowieso nicht in Frage, weil es sich einfach nicht mit der kirchlichen Lehre vereinbaren lässt. (Was einem ja schon mal sagen sollte, dass er nicht funktionieren wird, ebenso wie beim Sozialismus.)

Einige Katholiken, insbesondere liberal oder libertär Gesonnene, scheinen ja die Ansicht zu haben, die Kirche solle sich nicht in die Politik einmischen, sondern sich rein um die Seelen kümmern und sich auf diesen ihren Bereich beschränken. Da ist ein ziemlicher Denkfehler drin. Zwar sollen Bischöfe sich nicht in sämtliche tagespolitischen Fragen einmischen, aber bzgl. der Grundsätze gilt, dass jede politische Gemeinschaft sich nach dem Guten richten sollte, und nicht nach dem Schlechten, und das Gute ist nun einmal identisch mit Gott. Christus soll nicht nur im stillen Kämmerlein herrschen, sondern auch über die Taten der Menschen, ob das jetzt individuelle oder gemeinschaftliche Taten sind. Die Seelen der Menschen werden ja beeinflusst durch das, was sie in der Öffentlichkeit tun, erlangen dadurch Verdienst oder werden dadurch mit Schuld belastet. Und die Kirche Christi kann nun mal nicht den Libertarismus gutheißen, und war immer sehr klar in Bezug darauf, dass der Staat erstens notwendig ist und zweitens nicht nur dazu da ist, Freiheiten zu verteidigen, sondern z. B. auch dazu, die Schwachen zu schützen und die objektive Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten.

Damit man sieht, dass ich mir das nicht aus den Fingern sauge, hier mal eine Zusammenfassung von ein paar lehramtlichen und biblischen Aussagen dazu:

Die Kirche lehrt, dass es zwei natürliche Gesellschaften gibt – die Familie und den Staat – und eine übernatürliche – die Kirche – und dass diese drei alle von Gott gewollt und für das Wohlergehen des Menschen nötig sind. Andere Gesellschaften, z. B. Gewerkschaften, Vereine etc., können auch sehr gut und nützlich sein, aber sie sind von Menschen gemacht, nicht so grundlegend nötig und könnten auch völlig umgestaltet werden.

Bei der Familie dürfte es offensichtlich sein; alle Menschen werden in Familien geboren, da fühlt man sich verbunden und es gibt in den meisten Fällen zumindest ein gewisses Maß an Zuneigung und Fürsorge. Aber Familien können in den allerwenigsten Fällen völlig autark leben; in jedem Fall brauchen sie auch immer wieder Neuzugänge von außen und Verbindungen mit anderen Familien, damit die Menschheit weiterbesteht. Familien leben in einer größeren Gemeinschaft, und auch hier braucht es eine gewisse Identität und ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Diese Gemeinschaft kann so klein wie ein Stamm aus 200 Personen sein, oder so groß wie ein Volk aus einer Milliarde Personen. Hier identifiziert man sich mit einer gewissen Gemeinschaft, lebt nach gemeinsamen Regeln, kümmert sich gemeinsam um gewisse Aufgaben. Die Kirche, das Volk Gottes, bietet dann noch eine darüber hinausgehende Verbindung und natürlich die Verbindung mit Gott.

Manche Staaten sind schlecht oder nur rudimentär organisiert oder es ist unsicher, welche Legitimität sie haben, z. B. wenn die Ansprüche einer Separatistenregierung und einer Zentralregierung einander entgegenstehen. Aber so etwas wie Staatlichkeit existiert überall, wo es Menschen gibt und nicht völliges Chaos herrscht. Leute gehören von ihrer Geburt an zu einer größeren Gemeinschaft, es wird von ihnen erwartet, deren Regeln zu folgen, auch wenn sie denen nicht zugestimmt haben, und es gibt eine Autorität, die diese Regeln vorgibt oder jedenfalls durchsetzt.

Die Bibel ist zur Notwendigkeit und Legitimität von Staaten ziemlich klar. Der Apostel Paulus schreibt:

„Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest! Denn sie steht im Dienst Gottes für dich zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht nämlich im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der das Böse tut. Deshalb ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben. Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, Steuer, wem ihr Steuer schuldet, Zoll, wem ihr Zoll schuldet, Furcht, wem ihr Furcht schuldet, Ehre, wem ihr Ehre schuldet!“ (Röm 13,1-7)

Damit, dass die staatliche Gewalt von Gott eingesetzt ist, ist nicht gemeint, dass Gott sich in jedem Staat den idealen Kandidaten herauspickt (man kann davon ausgehen, dass Paulus das nicht glaubte, angesichts der Tatsache, dass die römische Regierung ihn lange Zeit in Haft hielt und später hinrichtete). Hier ist erstens gemeint, dass es von Gott gewollt ist, dass Menschen in staatlichen Gemeinschaften leben und irgendjemand dort staatliche Autorität ausübt. Zweitens ist auch gemeint, dass die konkreten Träger dieser Macht quasi von Gott gestützt werden. Um das deutlich zu machen: Wenn jemand ein Kind zeugt, wird er dadurch zum Vater und hat eine gewisse Autorität und Fürsorgepflicht in Bezug auf das Kind, und Gott stützt und bejaht diese konkrete Autorität und Verantwortung dieses konkreten Vaters, unabhängig davon, ob es eine gute Idee für ihn war, Kinder zu bekommen, oder ob er als Vater auch Fehler macht (diese Fehler unterstützt Gott nicht, aber sie machen ihn nicht zum Nicht-Vater). Und genauso sieht es aus, wenn jemand Staatsoberhaupt oder Regierungsmitglied wird: Damit bekommt er eine objektive Autorität und Verantwortung, für die ihn Gott wiederum zur Verantwortung ziehen wird und die Gott auch stützt. Er hat damit einen Anspruch auf Gehorsam vonseiten der Staatsbürger, die irgendwer anders nicht hat. (Jedenfalls solange er keine Gesetze einführen will, die gegen Gerechtigkeit und Allgemeinwohl verstoßen: „Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz“. Gegen solche Gesetze ist zumindest passiver Widerstand erlaubt, und im äußersten Notfall, wenn eine Regierung sich völlig gegen das Gemeinwohl wendet und nur noch willkürlich und tyrannisch ist, während sie ihre eigentlichen Aufgaben kaum erfüllt, wäre auch die Absetzung einer Regierung und die Einführung einer neuen Staatsverfassung erlaubt – genauso, wie man, wenn es entsprechend schlimm wird, Kinder aus ihrer Familie nehmen und die Vormundschaft jemand anderem übertragen darf, weil die Eltern durch die Verletzung ihrer Pflichten ihre Rechte verwirkt haben.)

Wie Familien ihre Angelegenheiten unterschiedlich regeln können, können das auch Staaten. Ob es eine Monarchie oder eine Republik ist, oder ein parlamentarisches oder präsidiales System, ist nicht so wichtig. Ein Staatsoberhaupt kann durch Erbfolge bestimmt werden, durch ein Gremium oder eine Gruppe gewählt werden, durch das Volk gewählt werden, oder sonstwie bestimmt werden. Aber in jedem Fall ist dann seine Autorität von Gott gewollt und gestützt, genau wie die Autorität der Eltern von Gott gewollt und gestützt ist, egal auf welche Weise sie Eltern geworden sind und wie genau sie ihre Familie leiten.

Diese Autorität hängt auch nicht davon ab, ob die Regierung christlich ist oder nicht; auch eine nichtchristliche Regierung bleibt Regierung. Bei der Familie ist es ja dasselbe. Wenn ein Sechzehnjähriger nichtchristliche Eltern hat, muss er ihnen zwar nicht gehorchen, wenn sie ihm verbieten wollen, in die Kirche zu gehen; aber sehr wohl, wenn sie ihm sagen, er soll um zwölf Uhr zu Hause sein.

Diese Lehre machen die Päpste deutlich; z. B. Leo XIII. in „Diuturnum Illud“ (1881). Er lehnt hier die Theorie, dass die staatliche Ordnung nur ein Vertrag zwischen den Bürgern wäre, den sie jederzeit völlig auflösen könnten, wenn sie wollten, überdeutlich ab:

„Denn die Not selbst zwingt jede menschliche Vereinigung und Gemeinschaft, einen Vorgesetzten zu haben, damit die Gesellschaft ohne Haupt und leitende Gewalt nicht zerfällt und nicht den Zweck verfehlt, weswegen sie entstanden ist und sich gebildet hat. […]

Ja, sehr viele, die in neuerer Zeit in die Fußstapfen derer traten, die im vorigen Jahrhundert sich Philosophen nannten, lassen alle Gewalt vom Volk ausgehen. Jene, welche diese Gewalt im Staate ausüben, üben sie demgemäss nicht als eine ihnen zukommende Gewalt aus, sondern nur als vom Volk übertragene, und zwar unter der Bedingung, dass sie durch den Willen des Volkes, von dem sie übertragen wurde, widerrufen werden kann. Diesen gegenüber leiten die Katholiken das Recht zu befehlen, von Gott als seinem natürlichen und notwendigen Ursprung ab.

Hierbei ist jedoch zu bemerken, dass in vollem Einklang mit der katholischen Lehre jene, welche an die Spitze des Staatswesens zu treten haben, in bestimmten Fällen durch den Willen und nach dem Urteil des Volkes gewählt werden können. Durch eine solche Wahl wird nun allerdings der Gewaltinhaber bezeichnet, aber die obrigkeitlichen Rechte werden hiermit nicht verliehen; auch wird die Befehlsgewalt nicht übertragen, sondern es wird nur bestimmt, wer dieselbe auszuüben hat. Ebenso handelt es sich hier nicht um die Formen der politischen Gewalt; denn die Kirche findet weder in der Herrschaft eines Einzigen, noch in der von vielen etwas Unangemessenes, wenn diese nur gerecht ist und durch sie das allgemeine Wohl besorgt wird. Wenn daher die Gerechtigkeit nicht verletzt wird, ist es den Völkern unbenommen, jene Regierungsform bei sich einzuführen, die ihrem Charakter oder den tradierten Einrichtungen und Gewohnheiten am meisten entspricht.

[Es werden Bibelstellen und Kirchenväter zitiert]

Denn es ist in der Tat ein Gebot der Natur oder, richtiger, Gottes, des Urhebers der Natur, auf dem das Zusammenleben der Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft beruht; einen Beweis hierfür bieten sowohl die Sprache, die in höchster Weise ein gesellschaftsbildendes Prinzip ist, als auch aus so vielen der Seele innewohnenden Neigungen und so vielfache und höchst wichtige Bedürfnisse, die der Mensch in seiner Vereinzelung nicht befriedigen kann, wohl aber im Verband und gesellschaftlichen Verkehr mit anderen. Eine Gesellschaft kann nun aber gar nicht bestehen, ja nicht einmal gedacht werden, in der nicht einer die Bestrebungen ihrer Glieder derart leitet, dass aus vielen gewissermaßen ein Einziges wird und die vielen Bestrebungen in rechtmäßiger und geordneter Weise einen Impuls nach dem Gemeinwohl hin empfangen. Darum wollte Gott, dass in der bürgerlichen Gesellschaft Herrscher seien, die der Menge zu gebieten haben. – Daher wollte es Gott so, dass jene, die durch ihr Ansehen das Gemeinwesen verwalten, derart die Bürger zum Gehorsam zu zwingen die Befugnis haben müssen, dass für diese der Ungehorsam eindeutig Sünde ist. Niemand aber hat in sich oder aus sich die Macht, durch die Bande der Befehlsgewalt in solcher Weise den freien Willen anderer zu binden. Gott allein, dem Schöpfer aller Dinge und Gesetzgeber, kommt diese Gewalt zu; wer sie darum ausübt, kann sie notwendigerweise nur als eine von Gott ihm übertragene ausüben. ‚Einer ist Gesetzgeber und Richter, der die Macht hat, zu retten und zu verderben‘. Dasselbe gilt bezüglich jeder Art von Gewalt. Dass jene, die den Priestern innewohnt, von Gott stammt, ist so bekannt, dass die Priester bei allen Völkern als Diener Gottes gelten und auch so genannt werden. Ebenso ist die Gewalt der Familienväter gewissermaßen ein Abbild der Autorität, die in Gott ist, von dem ‚alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat‘. So haben auf diese Weise die verschiedenen Arten von Gewalt eine wunderbare Ähnlichkeit untereinander, da, was irgendwo an Befehlsgewalt und Autorität gefunden wird, von ein und demselben Schöpfer und Herrn, von Gott, ausgegangen ist.

Jene, welche die bürgerliche Gesellschaft von einer freien Übereinkunft der Menschen ausgehen lassen und in ihr den Ursprung der Gewalt selbst erblicken, nehmen an, ein jeder habe etwas von seinem Recht abgetreten, und so hätten die einzelnen sich freiwillig unter die Herrschaft dessen begeben, der jene Rechte in ihrer Gesamtheit in sich vereinigt hat. Es ist jedoch ein großer Irrtum, die offenkundige Tatsache nicht zu erkennen, dass der Mensch von Natur aus nicht einzeln umherschweift, sondern vor jeder freien Willensentscheidung zur natürlichen Lebensgemeinschaft geboren ist; auch ist jener Vertrag, von dem sie reden, offenbar ganz willkürlich erfunden und erdichtet und vermag nicht, der politischen Gewalt so viel Kraft Würde und Festigkeit zu verleihen, wie der Schutz des Staates und der allgemeine Nutzen der Bürger es erfordern. Nur dann wird die bürgerliche Gewalt solche Beachtung und solchen allseitigen Schutz erlangen, wenn man anerkennt, dass ihr Ursprung aus Gott, der erhabensten und heiligsten Quelle herkommt.

Nur einen Grund haben die Menschen, nicht zu gehorchen, wenn nämlich etwas von ihnen gefordert werden sollte, was dem natürlichen oder göttlichen Gesetz offenbar widerspricht; denn nichts von allem, wodurch das Naturgesetz oder der Wille Gottes verletzt wird, ist zu gebieten oder zu tun erlaubt. Sollte daher einer in die Lage kommen, dass er sich gezwungen sieht, eines von beiden zu wählen, nämlich entweder Gottes oder des Staatsoberhauptes Gebote zu verletzen, dann hat er Christus zu gehorchen, der gebietet, ‚dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, Gott aber, was Gottes ist‘, und nach dem Beispiel des Apostels mutig zu antworten: ‚Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen‘. Auch gibt es keinen Grund, jene, die so handeln, wegen Verweigerung des Gehorsams anzuklagen; denn wenn der Wille der Staatsoberhäupter Gottes Willen und Gesetzen widerspricht, dann überschreiten sie ihre Machtbefugnis und verletzen die Gerechtigkeit; dann kann eben ihre Autorität keine Anwendung finden, denn wo keine Gerechtigkeit, da keine Autorität.

Damit aber in der Regierung die Gerechtigkeit gewahrt werde, müssen die Lenker der Staaten vor allem erkennen, dass die politische Gewalt ihrer Natur nach nicht dem Vorteil eines einzelnen zu dienen hat und dass das Staatswesen zum besten derer verwaltet werden muss, die ihnen anvertraut sind, nicht jener, denen es anvertraut ist. Möchten doch die Staatsoberhäupter Gott, das höchste und beste Wesen, von dem sie ihre Gewalt zu Lehen empfangen haben, sich zum Beispiel nehmen und, nach seinem Vorbild den Staat verwaltend, ihr Volk regieren in Gerechtigkeit und Treue, indem sie mit der Strenge, wenn sie notwendig ist, väterliche Liebe verbinden. Deswegen werden sie durch die Aussprüche der Heiligen Schrift ermahnt, dass auch sie dereinst dem König der Könige, dem Herrn der Herrscher Rechenschaft ablegen müssen, dass sie aber, wenn sie ihre Pflicht versäumten, Gottes Strenge nicht entgehen werden. ‚Der Allerhöchste wird euere Werke untersuchen und euere Gedanken erforschen. Denn wenn ihr als Diener seines Reiches nicht recht gerichtet habt, … wird er schrecklich und schnell über euch kommen, weil das strengste Gericht über die ergeht, die andern vorstehen … Denn Gott wird niemandes Person ausnehmen, noch irgendeines Größe scheuen, weil er den Kleinen wie den Großen gemacht hat und auf gleiche Weise sorgt für alle; dem Stärkeren aber steht eine größere Strafe bevor.‘ […]

Die Kirche war immer bestrebt, diese christliche Anschauung von der bürgerlichen Gewalt nicht nur dem Bewusstsein der Menschen einzuprägen, sondern sie auch im öffentlichen Leben der Völker und in deren Sitten zum Ausdruck zu bringen. Solange heidnische Kaiser an der Spitze der Regierung standen, die, in Aberglauben befangen, zur christlichen Auffassung vom Wesen der bürgerlichen Gewalt, wie Wir sie skizziert haben, nicht gelangen konnten, suchte sie dieselbe dem Bewusstsein der Völker einzuflößen. Sobald diese aber in den Lehren des Christentums unterwiesen waren, musste ihnen daran liegen, danach auch ihr Leben zu ordnen.“

Man kann auch das libertäre „Steuern sind Raub“ einfach kontern mit Jesu Kommentar zu Steuern: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Wenn Jesus die libertäre Ansicht gebilligt hätte, hätte er dann zu Pilatus (!) gesagt: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre“ (Joh 19,11)?

Die Kirche hat außerdem auch einfach immer die Ansicht abgelehnt, dass etwas dadurch gut wird, dass Leute sich freiwillig darauf einigen.

Leute könnten sich freiwillig auf eine Ehe auf Zeit oder auf Probe einigen; aber das macht diese Beziehung nach Ansicht der Kirche zu einer verkehrten und ungültigen Pseudo-Ehe. (Entsprechend schreibt Pius XI. in „Casti Connubii“: „Wenn nun aber auch die Ehe ihrem Wesen nach von Gott stammt, so hat doch auch der Wille des Menschen, und zwar in hervorragender Weise, seinen Anteil an ihr. Denn die einzelne Ehe entspringt, sofern sie die eheliche Verbindung zwischen diesem Mann und dieser Frau ist, dem freien Jawort der beiden Brautleute. Diese freie Willensentscheidung, durch die jeder Teil das der Ehe eigentümliche Recht gibt und nimmt, ist zu einer wahren Eheschließung derart notwendig, daß sie durch keine menschliche Macht ersetzt werden kann. Diese Freiheit hat jedoch nur das eine zum Gegenstand, ob die Eheschließenden wirklich eine Ehe eingehen und ob sie dieselbe mit dieser Person eingehen wollen. Dagegen ist das Wesen der Ehe der menschlichen Freiheit vollständig entzogen, so daß jeder, nachdem er einmal die Ehe eingegangen hat, unter ihren von Gott stammenden Gesetzen und wesentlichen Eigenschaften steht. Denn der Doctor Angelicus sagt da, wo er von der ehelichen Treue und der Nachkommenschaft handelt: ‚Sie gehen in der Ehe aus dem Ehevertrag hervor, und zwar so, daß, falls in dem Jawort, durch das die Ehe zustande kommt, etwas ihnen Entgegengesetztes Ausdruck fände, überhaupt keine wahre Ehe vorläge.'“)

Leute könnten mehr oder weniger freiwillig ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und Löhnen zustimmen, aber das macht laut Kirche diese Verträge ungerecht, da der Arbeitgeber den gerechten Familienlohn schuldet. (Leo XIII. schreibt in „Rerum Novarum“, einer Enzyklika, in der er sowohl die Fehler des Sozialismus darlegt als auch den Arbeitgeber und den Staat an seine Pflichten gegenüber den Arbeitern erinnert: „Da der Lohnsatz vom Arbeiter angenommen wird, so könnte es scheinen, als sei der Arbeitgeber nach erfolgter Auszahlung des Lohnes aller weiteren Verbindlichkeiten enthoben. Man könnte meinen, ein Unrecht läge nur dann vor, wenn entweder der Lohnherr einen Teil der Zahlung zurückbehalte oder der Arbeiter nicht die vollständige Leistung verrichte, und einzig in diesen Fällen sei für die Staatsgewalt ein gerechter Grund zum Einschreiten vorhanden, damit nämlich jedem das Seine zuteil werde. Indes diese Schlußfolgerung kann nicht vollständigen Beifall finden; der Gedankengang weist eine Lücke auf, indem ein wesentliches, hierher gehöriges Moment übergangen wird. a ist das folgende: Arbeiten heißt, seine Kräfte anstrengen zur Beschaffung der irdischen Bedürfnisse, besonders des notwendigen Lebensunterhaltes ‚Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen‘. Zwei Eigenschaften wohnen demzufolge der Arbeit inne: sie ist persönlich, insofern die betätigte Kraft und Anstrengung persönliches Gut des Arbeitenden ist; und sie ist notwendig, weil sie den Lebensunterhalt einbringen muß und eine strenge natürliche Pflicht die Erhaltung des Daseins gebietet. Wenn man nun die Arbeit lediglich, soweit sie persönlich ist, betrachtet, wird man nicht in Abrede stellen können, daß es im Belieben des Arbeitenden steht, in jeden verringerten Ansatz des Lohnes einzuwilligen; er leistet eben die Arbeit nach persönlichem Entschluß und kann sich auch mit einem geringen Lohne begnügen oder gänzlich auf denselben verzichten. Anders aber stellt sich die Sache dar, wenn man die andere, unzertrennliche Eigenschaft der Arbeit mit in Erwägung zieht, ihre Notwendigkeit. Die Erhaltung des Lebens ist heilige Pflicht eines jeden. Hat demnach jeder ein natürliches Recht, den Lebensunterhalt zu finden, so ist hinwieder der Dürftige hierzu allein auf die Händearbeit notwendig angewiesen.Wenn also auch immerhin die Vereinbarung zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, insbesondere hinsichtlich des Lohnes, beiderseitig frei geschieht, so bleibt dennoch eine Forderung der natürlichen Gerechtigkeit bestehen, die nämlich, daß der Lohn nicht etwa so niedrig sei, daß er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft. Diese schwerwiegende Forderung ist unabhängig von dem freien Willen der Vereinbarenden. Gesetzt, der Arbeiter beugt sich aus reiner Not oder um einem schlimmeren Zustande zu entgehen, den allzu harten Bedingungen, die ihm nun einmal vom Arbeitsherrn oder Unternehmer auferlegt werden, so heißt das Gewalt leiden, und die Gerechtigkeit erhebt gegen einen solchen Zwang Einspruch.“)

Leute können sich freiwillig auf Inzest einlassen, das macht ihn auch nicht gut. Bei vielen Dingen ist es wichtig, dass die Leute freiwillig zustimmen (z. B. bei Eheschließung und Arbeitsvertrag; das macht sie erst gültig), aber das heißt nicht, dass man den Inhalt des Vertrags beliebig aushandeln darf.

Der Libertarismus übersieht, dass es Grenzen der Freiwilligkeit gibt. Manche Leute lassen sich leicht überrumpeln oder beeinflussen, oder stimmen etwas aus Not und Überforderung zu, oder werden durch Scheingründe und Schlagworte verführt. Besonders absurd wird der Libertarismus, sobald es um Kinder geht, also abhängige Menschen, die meistens gar nicht wissen können, was gut für sie ist, sprich solche Menschen, mit denen der Libertarismus einfach nichts anfangen kann. Da kommt dann bei Libertären völlig unironisch z. B. die Ansicht heraus, Eltern dürften mit ihren Kindern Handel treiben und sie an den Meistbietenden verkaufen. Umgekehrt sollen dafür die Kinder weglaufen dürfen und sich ein neues Zuhause aussuchen, sobald sie dazu physisch fähig sind, und es wäre Gewalt, wenn die Eltern sie zurückholen. (Es wäre auch interessant, zu wissen, was Libertäre dazu zu sagen hätten, ob Kinder sich freiwillig auf sexuelle Beziehungen einlassen könnten.)

Ich will hier nicht darüber streiten, ob der Libertarismus schon Häresie ist oder nur „nahe an der Häresie“ oder „zur Häresie hinführend“, oder welche der Zensuren, die die Kirche früher für falsche Meinungen vergab, er nun genau verdienen würde. Tatsache bleibt: Der Libertarismus widerspricht der konstanten Lehre der Päpste, und der Bibel, die nach katholischer Lehre frei von jedem Irrtum ist, daher kann kein Katholik libertär sein.

Bei manchen – nicht allen – bloß liberalen Ideen können Leute eher noch nach Schlupflöchern suchen und mit „lässt sich das nicht doch irgendwie mit diesen Enzykliken vereinbaren“ kommen; beim Libertarismus sehe ich nicht, wie auch nur das möglich sein sollte. Und selbst bei den meisten Liberalen ist das Problem, dass sie erst den Liberalismus als Grundsatz hernehmen und dann versuchen, ihn in die Kirchenlehre hineinzuzwängen, statt von der Kirchenlehre auszugehen und zu schauen, was nach dieser Lehre die beste politische, wirtschaftliche, soziale Ordnung sein könnte. Das ist gefährlich.

Zuletzt noch ein paar praktische Gründe gegen den Libertarismus aus meiner Sicht:

Kaum einer will wirklich in einer Welt leben, in der alles ein großer Markt ist. Ich jedenfalls will nicht, dass aus meiner Heimat eine Privatfirma wird. Es ist nicht alles durch den Markt bestimmt, und Menschen verlassen ihre Städte nicht gleich, wenn die Angebote irgendeiner „Privatstadt“ besser sind, weil es nun mal ihre Heimat ist; eine Besitzerfirma könnte also mit sehr viel durchkommen. Der Staat dagegen ist immer noch in gewisser Weise „unserer“ – auch wenn man praktisch keinen Einfluss auf seine Politik hat (was meistens der Fall ist), gehört man hier trotzem zu einer größeren Gemeinschaft, die einen nicht einfach rausschmeißen kann. Jemandem zu verbieten, eine Privatstadt zu betreten, ist sehr viel leichter, als jemandem die Staatsbürgerschaft abzuerkennen, vor allem, wenn er nur diese eine Staatsbürgerschaft hat. Ein Volk, eine Nation, ein Staat ist mehr als ein Unternehmen.

Der Libertarismus würde nicht mal immer praktische Vorteile bieten in dem Sinne, dass der Markt für beste Preise und Bedingungen sorgen würde. Bei einigen Dingen tut der Markt das, weil es viel Konkurrenz gibt, aber es gibt Monopole, die sich automatisch entwickeln: Straßen, Eisenbahnen, Wasserversorgung. Wenn das örtliche Wasserwerk die Preise extrem erhöht und an Reparaturen spart, werden die wenigstens anfangen, sich einen Brunnen im Garten zu graben und sich Wasserfilter zu kaufen. Und wer in einer Mietwohnung wohnt, hätte höchstens noch die Möglichkeit, Regenwasser in einer Wanne auf dem Balkon zu sammeln – nicht gerade die beste Alternative. Bei solchen Dingen, wo oft auch stetige Aufgabenerfüllung wichtiger ist als Effizienz und technische Verbesserung, ist der Staat tatsächlich besser als der Markt.

Der Staat hat seine Nachteile; aber Großfirmen – die immer entstehen, wenn man den Markt völlig frei lässt – haben auch ihre Nachteile. Haben es Arbeiter bei Amazon denn besser als die Postbeamten beim früheren Staatsmonopol? Sind private Versicherungen großartig und kundenorientiert?

Die totale freie Marktwirtschaft der Libertären ist ebenso eine Illusion wie der Kommunismus. Eigentlich lernt man schon in der Schule in Wirtschaft und Recht, dass ein „vollkommener Markt“, auf dem sich alle nur nach objektiven Vorteilen richten und einen gesamten Überblick über den Markt haben und alle Anbieter die gleichen Chancen haben, nicht existiert.

Und noch ein sehr wichtiger Grund:

Leute hören auch nicht auf, Meinungen zu haben und sie durchsetzen zu wollen, wenn man den Staat abschafft. Es kann genauso ideologische Zensur und Bespitzelung der Nachbarn geben, wenn man in einer „Privatstadt“ lebt. Der Libertarismus ist nicht stabil; er rechnet nicht mit Überzeugungen. Und Überzeugungen, die sich gegenseitig ausschließen, sorgen nun mal dafür, müssen dafür sorgen, dass es Konflikte gibt.

Freiheit ist etwas Gutes; das merkt man gerade dann, wenn man sie nicht mehr hat (z. B. jetzt gerade in vielen Angelegenheiten), oder wenn man nur daran denkt, sie zu verlieren (z. B. wenn man sich vorstellt, entmündigt und in ein Heim gegeben zu werden). Aber man kann sie wie alle guten Dinge – wie Ordnung, wie Sicherheit, wie Barmherzigkeit – nicht verabsolutieren und als einzigen Wert hinstellen.

Kurz gesagt: Freiheit gehört zum Guten; aber Freiheit ist nicht das ganze Gute.

Hatten die Tradis doch Recht: Ein paar Entschuldigungen

Wer schon länger bei mir mitliest, wird vielleicht an manchen Sachen gemerkt haben, dass sich ein paar meiner Einstellungen mit der Zeit geändert haben. Als ich diesen Blog begonnen habe, habe ich mich als konservative Katholikin bezeichnet; jetzt, ein paar Jahre später, sehe ich mich ziemlich klar auf der Tradi-Seite, und Konservativsein eher als Kompromiss auf halbem Weg. (Ein paar politische Einstellungen haben sich bei mir auch geändert, aber dazu vielleicht ein andermal.)

Jedenfalls, ich wollte mich an dieser Stelle mal entschuldigen, weil ich in den vergangenen Jahren hier ein paar Mal überheblich oder abschätzig war gegenüber Meinungen, die mir übertrieben oder zu unnormal vorkamen. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich ja auch dazu kommen, was genau ich über manche Sachen jetzt denke. Es ist mir eben manchmal so gegangen, dass ich natürlich nichts von der Kirche Verurteiltes glauben wollte, aber erst mal skeptisch gegenüber manchen früher weit verbreiteten katholischen Einstellungen war, und dabei dann selber wieder übertrieben habe, und manche kirchlichen Äußerungen auch nicht so gut kannte.

(Ich meine eher hier nicht Zeug, das ich vor ein paar Monaten geschrieben habe, sondern wollte mal im Rückblick einen gesammelten Artikel über einige meiner Einstellungen von vor ein paar Jahren schreiben.)

Und dann habe ich mit der Zeit eben gemerkt, dass die Radtrads doch manchmal Recht haben, und dass es nicht immer eine gesunde Reaktion ist, wenn man zu sehr drauf schaut, sich von Leuten „abzugrenzen“, die grundsätzlich auf derselben Seite, aber vielleicht irgendwie radikal oder irgendwie komisch sind, und gleichzeitig drauf schaut, Leute, die einen nicht mögen und auf einer ganz anderen Seite sind, möglichst nicht vor den Kopf zu stoßen. Ich will nicht sagen, dass ich das immer so gemacht habe (und auch nicht, dass man jetzt die Gegner ständig vor den Kopf stoßen soll oder gar keine innerkatholischen Streitereien mehr ehrlich austragen darf, die sind schon auch wichtig), aber ich glaube, ich hatte schon eine gewisse Tendenz in diese parteiliche Richtung.

Ich glaube, manchmal habe ich mir auch ein bisschen was drauf eingebildet, bei der und der Sache nicht stereotyp erzkonservativ zu sein. Wahrscheinlich habe ich mir auch schon vor meiner katholischen Zeit manchmal was drauf eingebildet, anders als andere zu sein, z. B. intellektueller zu sein als andere Mädchen, oder mich nicht zu schminken. Ich meine damit nicht, dass man sich immer an andere anpassen muss, sondern nur, dass Anderssein etwas Neutrales ist. Ich schminke mich auch jetzt noch nicht. Man muss definitiv nicht alles annehmen, nur weil es manche auf der eigenen Seite denken, aber man muss es deswegen auch nicht ablehnen.

Und auch die Radikalen oder die Griesgrämigen können mal Recht mit einem harten Urteil haben. Ich bin selber von meiner Gemütslage her öfter so drauf (außerhalb des Internets mehr als im Internet), dass ich keine unnötigen Streitereien will und die nötige Mäßigung in allem haben will. Aber manchmal – nicht immer – stimmen eben auch die harten, scheinbar unverhältnismäßigen Aussagen, weil die scheinbar normalen Aussagen die Verhältnismäßigkeit verloren haben. Deswegen muss man nicht griesgrämig werden. Man kann fröhlich sein und sich um das kümmern, was man gerade zu tun hat, und Gott alles Restliche in die Hände legen. Aber manchmal sind Dinge einfach sehr schlecht und ableugnen hilft nichts.

(Für eventuelle an Skrupulosität leidende Leser: Ich meine damit nicht, dass ich meine Aussagen in meinen Artikeln über Moraltheologie radikalisieren müsste; um dieses Thema geht es hier nicht, denn dabei habe ich schon einigermaßen recherchiert.)

Ein paar Beispiele für das, was ich meine:

Vor zehn Jahren (noch zu Papst Benedikts Zeiten), als ich angefangen habe, den Glauben ernst zu nehmen, habe ich mir noch gedacht: Wow, wir haben ja wirklich Glück mit den Päpsten und der Kirche jetzt, das war sicher total schwierig für die Leute im Mittelalter und so. Wir haben jetzt Benedikt und den Youcat und die Jugend2000 und Nightfever, und Glaubenswissen ist für uns zugänglich und der Glaube wird nicht so politisch missbraucht. Mittlerweile sehe ich es ziemlich genau umgekehrt – heute wird es einem schwer gemacht, zu wissen, was man jetzt eigentlich glauben soll und was verlässlich ist, es gibt die komischsten Cliquen in der Kirche und die Bischöfe kuschen vor dem Staat, und das soll man alles nur im Vergleich dazu gut finden, dass es angeblich im imaginären Mittelalter viel schlimmer gewesen wäre. (Ich kann mich auch nicht mehr so für Benedikt begeistern wie früher, auch wenn ich ihn immer noch persönlich sehr sympathisch finde. Manches, was er z. B. noch als Konzilsberater oder Kardinal getan hat, kann man nicht uneingeschränkt gut finden.) Mit der Zeit ist mir wirklich auch klar geworden, wie extrem der Glaube hierzulande in den letzten paar Jahrzehnten zerfallen ist, auch in meiner eigenen Familie, während meine Vorfahren von Generation zu Generation katholisch waren (und ja, Glaubenswissen hatten), wahrscheinlich seit dem 8. Jahrhundert. In den letzten 60 Jahren ist ein solcher Abbruch passiert, dass man ihn mit sehr wenigem in der Kirchengeschichte vergleichen kann, nicht einmal wirklich mit der Arianismus-Krise im 4. Jahrhundert. Da kann man ruhig sagen, dass es schlimm ist, und dass dieser Zustand die Dämonen freut. Man muss nicht ständig nur daran denken, vor allem nicht an all das, was man nicht ändern kann, aber es ist einfach trotzdem sehr, sehr traurig.

Ich habe jetzt kein Problem mehr damit, zu sagen, dass sich die Dämonen sicher übers 2. Vatikanum gefreut haben: Eine der größten Gelegenheiten jemals, bei denen die Hüter der Kirche ihr Amt verraten haben. Wenn man von einzelnen Schwierigkeiten bei den Texten absieht (viele waren ganz normal, sogar schön, aber einige waren tatsächlich schlecht in dem, was sie vermittelt haben): ein Konzil besteht ja nicht nur aus Texten, sondern hat auch eine Wirkung und eine Umsetzung durch die daran beteiligten Bischöfe. Und das Schlimmste daran war nicht eine bestimmte Lehre oder Neuerung, sondern der vom Konzil verbreitete Eindruck, alles müsse jetzt irgendwie neu und auf den Prüfstand gestellt werden und bis jetzt wäre man gar nicht wirklich christlich gewesen. Ich hatte Glück, da trotzdem noch zur Kirche zu finden.

[Anmerkung: Das soll kein Zweifel an der Gültigkeit des Konzils sein. Aber als Pastoralkonzil war es nicht unfehlbar.]

Dann noch ein paar weniger wichtige Beispiele, bei denen ich gemerkt habe, dass die Tradi-Sichtweise doch ganz stimmig ist:

Da wäre z. B. das Thema „Modesty“ (schamhafte Kleidung): Spielt in Deutschland keine so große Rolle in Diskussionen, in den USA schon eher. Da ist man schnell dabei, sich über die Radikalen lustig zu machen, für die wohl alles unanständig wäre, und zu sagen, dass Männer doch wohl Frauen respektieren können, auch wenn die sich nicht in eine Burka hüllen würden. (Mit „man“ meine ich hier katholische Mädels, die auch ein bisschen feministisch sein wollen, wenn auch nicht so sehr wie die richtigen Feministinnen, also praktisch das, was ich auch vor nicht so langer Zeit war. Ich hab hier ja auch mal einen Artikel geschrieben, in dem ich mich über komisch wirkende Schamhaftigkeitsvorstellungen geärgert habe – der ist inzwischen nicht mehr öffentlich, weil ich nicht mehr so ganz dahinter stehen würde.) Aber auch hier bekämpft man manchmal Strohmänner. Es ist nun mal eine Tatsache, dass viele Frauenklamotten von den Designern so gemacht werden, dass sie sexuell anziehend sein sollen (auch wenn irgendein Mädchen sie nur kauft, weil ihr gerade die Farbe gefällt oder was weiß ich); es ist keine Erfindung von katholischen Tradis, dass Männer öfter auf visuelle Reize anspringen, mehr als Frauen. Natürlich gilt trotzdem: Wenn einem ungewollt unanständige Gedanken kommen, ist das noch keine Sünde und man kann und muss diese Gedanken auch ignorieren oder wegschieben. Es stimmt auch, dass solche Gedanken auch zwischendurch kommen werden, wenn alle sich normal anziehen. Aber es ist auch einfach eine leicht einsichtige Tatsache, dass man das nicht zusätzlich hervorrufen und es Leuten zusätzlich unnötig schwer machen muss. Außerdem sorgt es auch einfach für normalere Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die oft ja gar nichts Romantisches voneinander wollen, wenn man nichts trägt, bei dem andere sich ständig bemühen müssen, sich nicht ablenken zu lassen. Dazu kommt, dass man ja nicht anderen Leuten alles herzeigen muss, auch wenn die sich nicht für einen interessieren würden.

Auch das „Sollen sich Mädchen von Kopf bis Fuß verhüllen?“-Argument ist Blödsinn. Männerklamotten sind auch nicht tief ausgeschnitten oder reichen kaum über den Hintern, trotzdem gehen Männer nicht im Sommer an Hitze zugrunde. (Das ist ja auch ein Grund, warum bei dem Thema öfter über Frauenkleidung als über Männerkleidung geredet wird: Männerklamotten werden nicht so designt wie Frauenklamotten.) In einem etwas lockeren T-Shirt mit hohem Ausschnitt und einem knielangen Rock oder einer knielangen Hose ist es einem nicht wirklich heißer als in einem engen T-Shirt mit tiefem Ausschnitt und einem Minirock oder Hotpants. Die Hotpants können sogar unbequemer und unpraktischer sein, weil dann z. B. die schwitzenden Oberschenkel am Stuhl kleben. Die Regeln, die die Durchschnittstradis aufstellen, sind auch nicht total übertrieben: Rock bis zu den Knien (er rutscht ja auch leichter mal hoch, wenn man sich z. B. hinsetzt oder rennt), der Brustansatz sollte nicht zu sehen sein, auch wenn man sich vorbeugt, die Sachen sollten nicht zu eng sein und z. B. nicht an der Brust oder dem Hinterteil total spannen (auch Leggins sind keine Hosen, die man ohne etwas drüber tragen sollte), schulter-, rücken- und bauchfrei ist grenzwertig. Das ist vernünftig und wirklich machbar. Wenn manche finden, dass Mädchen besser nur Röcke statt Hosen tragen sollten, halte ich das tatsächlich für übertrieben; Crossdressing ist zwar falsch, aber Hosen sind heute genauso Frauenkleidung, und Männer- und Frauenhosen unterscheiden sich auch noch genug. Aber wenn man es für besser befindet, dass Frauen ihre Femininität betonen, wieso nicht? Mir schadet es ja nicht, wenn andere Frauen es vorziehen, nur Röcke zu tragen, solange sie mich mit meinen Hosen in Ruhe lassen. Man kann es übertreiben, natürlich gibt es ab und zu jemanden, der es unschamhaft findet, wenn nackte Oberarme gezeigt werden, aber das ist nicht der Durchschnittstradi, und solche Übertreibungen sind auch keine unvergebbare Sünde.

Das Thema „Modesty“ ist eben auch eins, bei dem das allgemeine Verhältnis zum Feminismus hineinspielt. Ich hatte ja zeitweise vor ein paar Jahren auch die Einstellung, dass man Feministinnen doch dieses oder jenes zugutehalten müsse, dass sie doch sicher bei einigem Recht hätten, man sich auf sie zubewegen müsse etc. Jetzt finde ich das viel weniger. Zum Beispiel lässt sich manchmal feststellen, dass sie einfach unehrlich mit sich selber sind, wenn es um ihre Beschreibung der patriarchalen Vergangenheit geht. Ja, doch, auch „früher“ fand man häusliche Gewalt schlecht und nein, Frauen galten nicht als Besitztümer ihrer Männer. Außerdem muss man auch nicht so tun, als gäbe es keine typischen Frauenfehler, die auch nicht besser sind als typische Männerfehler, als wären Frauen generell irgendwie moralisch überlegen. Das wird häufig getan, um feministisch Gesonnenen entgegenzukommen: Man führt die Fehler von Frauen irgendwie auf Fehler von Männern zurück, um nicht so zu wirken, als würde man Frauen „dämonisieren“ – gerade so, als hätten Frauen keinen eigenen freien Willen. Und man darf auch mal zugeben, wenn Männer etwas besser können.

Ein Beispiel: Bei der Frage nach dem Frauenpriestertum wird von konservativ-katholischer Seite oft betont, dass es hier nicht darum geht, zu sagen, dass Frauen nicht predigen könnten o. Ä., sondern dass es eben darum geht, dass der Mann Jesus Christus bei der Spendung der Sakramente durch einen Mann repräsentiert wird. Nun ist es natürlich klar, dass v. a. deswegen nur Männer Priester sein können (ausnahmslos), weil sie Christus repräsentieren, eben auch in seiner Rolle als Bräutigam der Kirche / der einzelnen Seele, und dass wir ein „männliches“ Gottesbild haben (der Vater im Himmel, der die von sich irgendwie getrennte Welt schafft), während weibliche Gottesbilder oft zu pantheistischen Vorstellungen führen können (die Mutter Erde, die aus sich das Leben gebiert). (Jetzt ganz grob halbwegs erklärt.) Aber das rein männliche Priestertum hat tatsächlich auch noch mehr praktische Vorteile.

Es ist m. E. wirklich so, dass Männer im Durchschnitt besser dazu geeignet sind, zu lehren und zu leiten. Das betrifft den Durchschnitt und nicht den Einzelfall; aber Frauen sind einfach oft konformistischer gegenüber herrschenden Ideen, nachgiebiger, wollen den Frieden erhalten, oder tragen Konflikte nicht offen aus, sondern durch verdeckte Zickereien, oder behandeln intellektuelle Konflikte als persönliche, oder neigen zu Emotionalisierung. Vielleicht kann sich das auch mal in positiver Weise auswirken, wenn man z. B. nicht mit Absicht dagegen ist oder besser sieht, was Leuten bei einer bestimmten Sache emotional wichtig ist, aber bei Aufgaben der Lehre und Leitung ist es oft nicht hilfreich; denn hier muss man drauf aufpassen, keine falschen Kompromisse einzugehen und muss sich auch eher mal unbeliebt machen, und darf sich nicht zu sehr von persönlichen Sympathien leiten lassen. Das ist eine Tendenz, kein immer feststehendes Gesetz, aber es ist eine feststellbare Tendenz, und deswegen ist es m. E. auch in der Politik an sich besser, wenn eher Männer es machen, aber es hat auch schon gute Fürstinnen gegeben (und sogar einzelne gute Parteipolitikerinnen). (Ich merke das übrigens an mir selber, dass ich irl manchmal zu nachgiebig-beeinflussbar bin, auch wenn ich zu emotionalisierte Sachen gar nicht mag.) Vielleicht liegt es auch an der Sorte Frauen, die sich zu diesem Beruf hingezogen fühle, aber ich habe einfach den Eindruck, die meisten predigenden Gemeindereferentinnen behandeln die Leute wie Kindergartenkinder und können nur mit symbolischen Kerzen und pseudotiefen Sprüchen arbeiten, statt z. B. die Dreifaltigkeit zu erkläre; das ist diese Emotionalisierung, die ich meine.

Wegen alldem bin ich auch Christen nicht mehr böse, die – sagen wir – solche radikalen Ansichten haben wie z. B., dass das Frauenwahlrecht besser nicht eingeführt worden wäre. Ich selbst bin mir bei dem Thema nicht ganz sicher, aber jedenfalls hätte ich gerne weniger Frauen als Politikerinnen. Es bringt so etwas Tantenhaftes, Pseudoharmonisches in die Politik hinein. Es gibt weniger Politiker, die sich mal trauen, anzuecken. Und die Gegnerinnen (ja, -innen) des Frauenwahlrechts vor hundert Jahren hatten zumindest ernstzunehmende Argumente, die man allein aus historischer Neugier mal gehört haben sollte, und an die überhaupt keiner mehr denkt. Ich werde jetzt nicht zur Kämpferin für die Abschaffung des Frauenwahlrechts (der Käse ist sowieso gegessen), aber ich sehe die Sichtweise, dass man es damals hätte bleiben lassen können, nicht mehr als etwas, auf das man mit Entsetzen und Empörung reagieren muss.

Oder ein anderes Beispiel: Beim Thema Todesstrafe ist es beliebt, zu sagen: Wir sind für den Schutz von allem menschlichen Leben, wir stellen uns nicht auf dieselbe Stufe mit dem Mörder, den wir bestrafen wollen, etc. Die Todesstrafe gilt als etwas Barbarisches, das höchstens noch im wilden wilden Westen überlebt hat. Man will nicht in einen Topf mit den blutrünstigen Christen im Europa von vor 200 Jahren oder den blutrünstigen Christen im heutigen Texas geworfen werden. Damit bekommt man freilich ein Problem mit annähernd 2000 Jahren Kirchengeschichte; denn die Todesstrafe wurde praktisch einmütig als grundsätzlich gerechtfertigte Strafe für schwere Verbrechen gesehen, und diese Sicht von Päpsten mehrfach bekräftigt (und das wissen Nichtkatholiken auch so ungefähr, auch wenn sie sonst einen sehr falschen Blick auf Kirchengeschichte haben, und vieles, was sie mit der Kirche assoziieren, wie z. B. Folter zur Befragung, gerade nicht unumstritten für gut befunden wurde). Natürlich kann man jetzt im Sinn eines Johannes Pauls II. sagen, ja, ja, im Notfall kann eine Gesellschaft auf die Todesstrafe zurückgreifen müssen, aber das ist doch jetzt nicht mehr nötig, wir haben Hochsicherheitsgefängnisse. Nur hatte man auch früher zumindest in vielen, wenn auch nicht in allen, Kulturen schon sehr sichere Kerker; Riegel und Wärter sind keine Erfindung aus dem Jahr 1960. Und manche Länder in der Dritten Welt, in denen es sehr korrupt zugeht und man mit Bestechung einiges erreicht, haben auch heute keine sicheren Gefängnisse.

Die Todesstrafe kann jedenfalls gerecht sein, denn: Eine Strafe ist dazu da, die durch die Tat gestörte Gerechtigkeit wiederherzustellen. Dem Täter, der seinen Willen auf Kosten anderer ausgelebt hat, soll jetzt etwas Vergleichbares gegen seinen Willen zu geschehen. Dass bei der Strafe vor allem auf diesen Aspekt der Sühne geschaut wird, ist auch wichtig, um dem Täter gegenüber gerecht zu sein; denn wenn Abschreckung der Hauptzweck wäre, könnte man auch jemanden bestrafen, der unschuldig ist, aber für schuldig gehalten wird, und wenn Besserung der Hauptzweck wäre, könnte man einen Kleinkriminellen jahrzehntelang im Gefängnis festhalten, bis man ihm seine letzten schlechten Neigungen ausgetrieben hat, statt ihn einfach nur so lange dazubehalten, bis er seine Taschendiebstähle abgebüßt hat. Nein, Voraussetzung für eine Strafe ist, dass sie als Sühne verdient ist. Und es ist gerecht, dass sie in gewisser Weise der Tat entspricht: Es ist gerecht, dass ein Dieb eine Geldstrafe zahlen muss, also auch einen Eingriff in sein Eigentum erleidet, oder dass ein Entführer ins Gefängnis kommt, also seine Freiheit einbüßt. Und für einen Mörder ist es gerecht, wenn auch er sein Leben hergeben muss. Christliche Vergebung steht dem nicht entgegen; denn Vergebung bedeutet vor allem ein Ende der Feindschaft, eine Reparatur einer Beziehung, nicht der Verzicht auf jede Strafe oder Wiedergutmachung. Man kann jemandem vergeben, und trotzdem wollen, dass er seine Strafe auf sich nimmt, und er kann sie auch auf sich nehmen wollen. Wer einem etwas kaputt gemacht hat, dem wird man verzeihen können, aber er selber wird es (hoffentlich) als gerecht empfinden, wenn er trotzdem noch Schadensersatz zahlen muss. Manchmal legt die christliche Nächstenliebe es nahe, mehr zu tun, und auf eine geschuldete Wiedergutmachung zu verzichten, und es nicht so genau zu nehmen. Aber bei schwersten Verbrechen sollte man es ein bisschen genauer nehmen, als man es heute manchmal tut.

Und die Todesstrafe ist m. E. nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis sinnvoll, da sie Täter viel eher zur Reue führt als 40 Jahre im Gefängnis mit lauter anderen verhärteten Kriminellen, und wahrscheinlich einen spürbaren Abschreckungseffekt hat (Soziologen sind sich nicht ganz einig, ob sie abschreckt oder ob sie keinen Unterschied macht; einen schlechten Effekt hat m. W. niemand gefunden, und manche Studien einen sehr positiven; leider gibt es aber einfach zu wenig Daten), und auch eine Möglichkeit bietet, Tätern beizukommen, die noch im Gefängnis Verbrechen an anderen Gefangenen oder an Wärtern begehen. Aus all diesen Gründen ist es eben nicht barbarisch, sondern vernünftig, zu sagen, dass die Todesstrafe auch angewandt werden kann, wenn man die Bevölkerung auch schützen könnte, indem man den Täter wegsperrt. Übrigens wenden auch heute noch so generell angesehene, als zivilisiert geltende Länder wie Singapur oder Japan sie an.

In Gen 9,6, als Gott den Bund mit Noah eingeht, wird die Todesstrafe für Mörder damit begründet, dass sie die Würde ihrer Opfer aufrechterhält: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll vergossen werden; denn nach Gottes Bilde ist der Mensch geschaffen.“ Das heißt nicht, dass für jeden Fall von Mord oder Totschlag die Todesstrafe nötig ist (der Bund mit Noah ist auch nicht mehr in allen Teilen in Geltung), aber sie ist sehr wohl eine gerechte Strafe, und irrelevant ist diese Begründung für Christen sicher nicht. Ich finde einfach, es ist unwahrscheinlich, dass es so wenigen Christen früherer Zeiten eingefallen wäre, dass etwas total unchristlich ist, wenn es wirklich total unchristlich ist.

Oder dann wäre da das Thema Monarchismus. Ich habe früher auch eher gedacht, dass man, auch wenn die jetzigen Demokratien sich in ihrem Anfangsstadium gegen christliche Monarchien richteten, doch deswegen nicht für Monarchien sein muss. Muss man auch nicht deswegen; aber für die Monarchie sprechen schon einige Argumente. Nicht für die absolute Monarchie, aber die war auch eher ein historischer Ausnahmefall, es gab auch in Monarchien andere Institutionen und grundlegende Gesetze, die die Macht des Monarchen begrenzten. Aber Monarchien haben eben schon Vorteile. Zunächst mal ist es ja so, dass in jedem Staat irgendjemand regiert; eine reine Volksherrschaft gibt es nirgends, und es geht im Grunde genommen nur darum, das System, Herrscher zu bestimmen, zu finden, bei dem am häufigsten gute und am wenigsten häufig katastrophale Herrscher herauskommen. Im Parteienparlamentarismus oder Präsidialsystem nun bewerben sich tendentiell eher machtgierige Leute, die sich durch undurchsichtige Parteistrukturen hochgearbeitet haben, und man hat in manchen Fällen nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. In der Erbmonarchie ist es dem Zufall der Geburt überlassen, wer der Herrscher wird, d. h. der Herrscher wird eher ein durchschnittlicher Mensch sein, der dann auch damit aufwächst, dass er zukünftig Verantwortung haben wird. Erbmonarchen können auch langfristiger denken statt nur daran, wie sie die Wähler zum Zeitpunkt der nächsten Wahl gewinnen. Und um die schlimmsten Beispiele zu nehmen: Die Erbmonarchie hat uns Iwan den Schrecklichen gebracht, aber Wahlen und Parlamente Adolf Hitler. Das heißt jetzt nicht, dass republikanische Systeme illegitim wären; sie sind eine legitime Form der staatlichen Organisation, und manche Länder sind eben jetzt Republiken. Aber andere Systeme können eben auch legitim sein.

Auch sonst: Die Vergangenheit war oft besser als dargestellt. Oft wird das Schlechte aus der Vergangenheit völlig verzerrt dargestellt und nicht mit dem heutigen Schlechten, sondern mit dem heutigen Guten verglichen, während das frühere Gute und das heutige Schlechte unterschlagen werden. Man muss die Nachteile einer Zeit mit den Nachteilen einer anderen vergleichen, nicht mit ihren Vorteilen. Und manchmal muss man sich wirklich genauer mit einer Zeit beschäftigen, um zu verstehen, wieso die Christen damals dieses taten und jenes nicht, und erst mal seine Vorurteile zurückstellen. Es gab früher Dinge, die schlecht waren, und die von den Leuten damals nicht ernst genommen wurden; jede Zeit hat ihre blinden Flecke. Aber oft war es besser als man denkt.

Oder dann nehmen wir das Thema Evolution. Ich war früher sehr leicht genervt von (häufig evangelikalen) Kreationisten, die (Makro-)Evolution grundsätzlich ablehnen, ob jetzt Langzeit- oder Kurzzeitkreationisten (aber mehr von Kurzzeitkreationisten). Ich bin jetzt nicht selbst Kreationistin geworden, sondern halte es immer noch überzeugend, dass es Evolution gibt und gab, und sehe nicht viele Argumente für das Gegenteil, aber kann eher respektieren, wenn Leute das anders sehen. Gerade in den letzten Jahren ist mir einfach mehr aufgefallen, wie viele Scheuklappen Journalismus und Wissenschaftsbetrieb beide aufhaben können, und wenn da einer noch skeptischer ist als ich, und zu anderen Schlussfolgerungen kommt, will ich ihm das nicht verübeln (solange der nicht gerade sagt, wer nicht Kreationist ist, wäre kein Christ o. Ä.). Da habe ich auch keine Lust mehr, mich damit stressen zu lassen. Solche theologischen Meinungsverschiedenheiten kann man tolerieren.

So weit mal dazu.

Aber Jesus war doch Jude!

„Aber Jesus war doch Jude!“ Diesen reflexhaft ausgesprochenen Satz kann man öfter mal hören, z. B. dann, wenn es um die Frage geht, wieso es irgendwann christlichen Antisemitismus geben konnte. Aber dabei wird nie ganz klar, was damit gemeint ist.

Ist gemeint: Jesus war Jude im Sinn der Volkszugehörigkeit/Nationalität? Das weiß eigentlich jeder – gut, es gab mal ein paar Nazis, die mit der Verschwörungstheorie um die Ecke kamen, Jesus wäre unehelich von einem römischen (arischen) Soldaten gezeugt worden und somit nur Halbjude, aber da wir nicht mehr im Jahr 1936 leben, kann man die wohl vernachlässigen.

Ist gemeint: Jesus war Jude im Sinn der Religionszugehörigkeit? Und wenn ja: Im Sinn der damaligen oder der heutigen? „Jesus war Jude“ in dem Sinn, dass Er ziemlich genau dasselbe geglaubt hätte wie heutige Juden, kann man nun mal nicht ganz sagen.

Dass Jesus sich selbst für den Messias hielt und beanspruchte, einen Neuen Bund aufzustellen, der den Alten Bund erfüllte, muss man auch anerkennen, wenn man selbst Jesus nicht für den Messias hält. Jesus gründete etwas Neues, und die Juden seiner Zeit spalteten sich dann auf in die, die Ihm und Seinen ersten Anhängern dabei folgten, und die, die Ihn für einen falschen Propheten und Gotteslästerer hielten. (Das ist übrigens viel logischer, als Jesus für einen netten Rabbi und weiter nichts zu halten; Jesus beanspruchte weit mehr, und entweder war Er wirklich Gottes Sohn oder ein schlimmer Gotteslästerer.)

Oft schwingt in dem Satz „Jesus war doch Jude“ unterschwellig die Idee mit: Er wollte doch bestimmt keine neue Religion gründen, war halt ein Rabbi innerhalb des Judentums, der dann von Seinen Anhängern so aufgebauscht wurde. Und diese Idee ist lächerlich falsch. In den Evangelien hat man keine vagen Erinnerungen an einen weisen Meister, sondern die klar hervortretende Persönlichkeit eines Mannes, der Seine Jünger zu einer Aufgabe beruft und aussendet, und der klare Ansprüche über Seine eigene Sendung aufstellt, die viel zu unglaublich wirken, als dass andere sie Ihm einfach zuschreiben würden (ja, Er beanspruchte, Gottes Sohn zu sein, Er sagte „Ehe Abraham wurde, bin ich“, und beanspruchte die Vollmacht, Sünden zu vergeben), und die Seine Gegner empören und zu Seiner Hinrichtung führen. Wieso, denken manche Leute, hätte man Ihn hinrichten sollen, wenn Er bloß ein gewöhnlicher Rabbi gewesen wäre, und man Ihn keiner Gotteslästerung für schuldig befunden hätte? Denn eine Bedrohung für die weltliche Macht stellte Er in keiner Weise dar; nach allem, was wir von Ihm wissen, kümmerte er sich nicht groß um Politik und forderte die Leute nur mal dazu auf, brav ihre Steuern zu zahlen („dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“). Auch jüdische Berichte über sein Leben, wie die einige Jahrhunderte nach seiner Lebenszeit entstandene „Toledot Jeshu“, stellen Ihn übrigens als Wundertäter (durch seltsame unlautere Mittel, wie z. B. die Kenntnis eines geheimen Gottesnamens, der Ihn Wunder tun lässt) und Messiasprätendenten dar.

Und auch wenn wir mal von alldem absehen, und uns nur die Religion ansehen, wie sie Jesu Familie und Seine späteren Anhänger praktizierten, bevor Er als Messias auftrat und starb und auferstand, muss man sagen, dass sie nicht einfach komplett identisch mit der heutigen jüdischen Religion ist; es gab seitdem auch eine Weiterentwicklung im Judentum.

Die damalige jüdische Religion war auf den Tempel und die Opferrituale dort zentriert; der Tempel wurde 70 n. Chr. zerstört und im Judentum haben seitdem notgedrungen die Synagoge und die „Wortgottesdienste“ der Rabbis die Opferzeremonien der Priester und Leviten ersetzt. Dann wäre da die Rolle des Talmuds, einer Sammlung von Aussagen und Diskussionen bekannter jüdischer Gelehrter, die in der Spätantike zusammengestellt wurde. Der Talmud wurde ganz entscheidend für die Auslegung des Alten Testaments im Judentum, zur Zeit Jesu existierte er noch gar nicht. (Und im Talmud finden sich übrigens auch ein paar sehr beleidigende Äußerungen über Jesus, da er zu dieser Zeit ja schon als der falsche Prophet par excellence galt. Auch im Achtzehnbittengebet, das religiöse Juden dreimal täglich beten, wurde um 100 n. Chr. eine Verwünschung der Christen („Nazarener“) eingefügt.) Natürlich entwickelten sich auch noch Äußerlichkeiten und Bräuche weiter, wie man das überall findet, aber auch die jüdische Theologie entwickelte sich im Lauf der Zeit, auch nach der Abfassung des Talmud noch. Man sieht z. B. bei spätantiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Theologen eine stärkere Betonung der jüdischen Auserwähltheit als noch im Alten Testament. Im Mittelalter entwickelte sich auch die Kabbala, die auch einen gewissen Einfluss hatte. Im Judentum gibt es heute auch Lehren über die Wiedergeburt, und das ist keine ganz randständige Idee. Die Jenseitsvorstellungen unterscheiden sich oft mehr von denen der Christen, als man das erwarten würde. (Wobei es im Judentum zu vielen Fragen ja auch große Uneinigkeit gibt.)

Kurz gesagt: Das heutige Judentum ist komplizierter als einfach nur „Altes Testament ohne Neues Testament“. Unabhängig davon, ob man diese theologische Entwicklung bejaht oder sie ablehnt, es gab sie nun mal. (Am ehesten vertritt die heute ziemlich winzige, früher etwas einflussreichere Gruppe der Karäer, die den Talmud ablehnen, eine Form des Judentums, die einfach Altes ohne Neues Testament ist.)

Die Aussage „Jesus war doch Jude!“ wird manchmal dazu gebraucht, zu vermitteln, wie absurd die historische Feindseligkeit von Christen gegenüber dem Judentum gewesen sei. So einfach ist es damit aber auch nicht geklärt; die Leute „früher“ wussten schon, dass sie sich um etwas Reales stritten (manchmal mit recht heftigen Mitteln und großer Feindseligkeit), nämlich darum, was dieser Jude Jesus bedeutete.

Die jüdisch-christlichen Beziehungen im Lauf der Geschichte sind nicht ganz einfach auf einen Nenner zu bringen, selbst wenn man nur Gruppendynamiken anschaut und Individuen ignoriert. Die beiden Gruppen waren sich schon bei ihrer Aufspaltung – als sich wohl viele Angehörige des jüdischen Volkes noch nicht mal ganz sicher waren, ob sie diesem Jesus oder den jüdischen Autoritäten folgen sollten – bald spinnefeind. Der jüdische Hohe Rat ließ die Apostel auspeitschen, Stephanus steinigen, später noch Jakobus töten; noch beim Bar-Kochba-Aufstand im 2. Jahrhundert gingen jüdische Eiferer gewaltsam gegen Christen vor. Die Christen wiederum waren erwartbarerweise nicht gut auf diejenigen Juden zu sprechen, die Jesus ablehnten, und bezeichneten die Zerstörung des jüdischen Tempels im Jahr 70 n. Chr. und die Zerstreuung der Juden als göttliche Strafe dafür.

Die Machtverhältnisse änderten sich langsam, nachdem die Juden mit den beiden verlorenen Aufständen gegen die Römer ihren Tempel und ihre Heimat verloren hatten. Nach diesen desaströsen Kriegen (135 n. Chr. war der zweite zu Ende) waren sie eine heimatlose zerstreute Minderheit im Römischen Reich (und den Ländern darum herum), aber immerhin noch eine zahlenmäßig große Minderheit, deren Religion offiziell toleriert war, während das Christentum noch verfolgt wurde. Das Christentum gewann allerdings immer mehr Anhänger (nicht nur Heiden, sondern auch immer noch so einige Juden) und wurde Anfang des 4. Jahrhunderts schließlich legalisiert und von den Kaisern bald favorisiert. In dieser Zeit, als beide Religionen jetzt legal waren, kann man durchaus noch solche Vorkommnisse beobachten wie zum Beispiel, dass Juden eine Kirche anzünden und als Rache dafür Christen eine Synagoge niederbrennen; man war sich eher feindselig gesonnen. (Vielleicht auch deshalb, weil das Christentum doch relativ viele Juden abspenstig machte: Zur Zeit Jesu gab es ca. 5-6 Millionen nicht-christliche Juden im Römischen Reich, ein paar Jahrhunderte später nur noch etwa eine Million.)

Das Christentum gewann immer mehr Anhänger und Einfluss, auch nachdem die kleinen Fürstentümer der Germanen im Westen das Römische Reich abgelöst hatten, und war schließlich die einzige Seite, die wirklich eine Verfolgerposition hätte einnehmen können. (Mit wenigen Ausnahmen; im Frühmittelalter hat man z. B. noch einen südarabischen Fürsten, der zum Judentum konvertiert war und Christen umbringen ließ.) Im Hoch- und Spätmittelalter hat man in Europa die Situation, dass die Juden eine eher kleine, abgegrenzt im Ghetto lebende Gemeinschaft sind, die gesetzlich toleriert, aber nicht gerade besonders beliebt ist und gegen die es auch mal spontane Pogrome durch die Stadtbevölkerung geben kann (was übrigens kirchlicher- und staatlicherseits verurteilt wurde). Die Abneigung war auch da immer noch gegenseitig; und z. B. die Anschuldigung, dass die Juden bei der maurischen Eroberung Spaniens, und bei der spanischen Rückeroberung, ab und zu den Mauren halfen, ist wohl nicht ohne Grundlage. Das ist nicht ganz unlogisch; sie sahen die Christen als besondere Gotteslästerer und hatten in deren Gesellschaft ja auch sonst nicht viel zu erwarten, standen immer am Rand. Die Grundlage der mittelalterlichen Gesellschaft war der katholische Glaube, und eine wirkliche Zugehörigkeit konnten auch tolerierte Andersgläubige, wie die Juden im Ghetto oder die Muslime in den Kreuzfahrerstaaten, nicht haben. (Eine „jüdisch-christliche“ Kultur gab es in Europa nie, sondern immer eine christliche Mehrheitskultur und eine jüdische Minderheitskultur, die einander nicht nur feind, sondern oft auch ganz fremd waren. Interessanterweise mögen manche Juden den in gewisser Weise vereinnahmenden Begriff der „jüdisch-christlichen Kultur“ gar nicht.)

Sowohl vorher in der Antike als auch noch im Mittelalter bestand die Auseinandersetzung übrigens nicht nur aus gewalttätigen Aktionen und politischen Intrigen, sondern auch aus intellektuellen Auseinandersetzungen. Ein mittelalterliches Beispiel wäre die Disputation von Paris am 12. Juni 1240. Nicholas Donin, ein Konvertit vom Judentum zum Christentum und Franziskanermönch, hatte erstmals den Talmud übersetzt und Vorwürfe über die darin enthaltenen Angriffe gegen Jesus und Maria (und ein paar andere Stellen) aufgestellt. Bei der Disputation diskutierte er mit vier Rabbis, die den Talmud verteidigten. (Das Ende der Geschichte war, dass zwei Jahre später jüdische Bücher wie der Talmud öffentlich verbrannt wurden. Die Kirche hatte bisher nicht viel über eigene Auslegungstraditionen der jüdischen Seite gewusst.) Auch über die Frage, welche Gründe für oder gegen Jesus als Messias sprachen, wurde natürlich immer mal wieder diskutiert. Die Juden meinten z. B., er habe nicht das endgültige, vollkommene Königreich Gottes aufgerichtet; die Christen antworteten darauf, dass im Alten Testament, wenn es um den Messias geht, sowohl vom leidenden Gottesknecht, der sein Leben hingibt (s. z. B. Jesaja 53) die Rede ist, als auch vom König, der in Herrlichkeit kommt, und dass der Messias deswegen zweimal kommen müsse, einmal leidend, später dann triumphierend, und verwiesen au durch Jesus erfüllte Prophezeiungen. Außerdem wiesen sie auf die Wunder Jesu hin; Juden erklärten diese Wunder zwar nicht für nichtexistent, aber für Hexerei und Teufelswerk und Jesus für einen Betrüger. Aus christlicher Sicht waren die Juden von Gott abgefallen, als er nicht mehr ihren weltlichen Vorstellungen entsprach, aus jüdischer Sicht waren die Christen einem Irrlehrer hinterhergelaufen und praktizierten Götzendienst.

[Vielleicht an dieser Stelle noch kurz eine Bemerkung zum Thema: „Wer ist schuld am Tod Jesu?“ Auch früher (z. B. im Römischen Katechismus aus dem 16. Jahrhundert) sagte die Kirche klipp und klar, dass im wichtigsten Sinn alle Menschen durch ihre Sünden verantwortlich für den Tod Jesu sind, Heiden wie Juden; und dass die Schuld der Christen u. U. größer sein kann, weil sie wissen, was das Richtige wäre und dass wegen ihrer Sünden Jesus ans Kreuz ging. Wenn man die Leute ansieht, die zusätzlich noch direkt an seiner Kreuzigung damals beteiligt waren, waren es Juden (nicht „die Juden“, aber eben einfach „Juden“), die Seinen Tod wollten und ihre Forderung bei Pilatus durchsetzten; der Römer Pilatus war ein feiger Mensch, der bereit war, einen erkennbar unschuldigen Menschen hinrichten zu lassen, um dem einflussreichen Hohen Rat entgegenzukommen; beides Schuld, und beides eine unterschiedliche Sorte Schuld. Jesus sagte über sie alle: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Ähnliches Unwissen wird man evtl. denen zuschreiben können, die auch später noch Jesu Kreuzigung für eine gerechte Strafe hielten, wie z. B. den Autoren des Talmuds.]

Diese Zeit bot bekanntlich noch andere Nachteile für die Juden. Oft durften sie keinen Grundbesitz haben, und auch nicht den Zünften beitreten (die religiöse Vereinigungen waren, die ihre eigenen Schutzpatrone hatten und für ihre verstorbenen Mitglieder Messen lesen ließen), und wurden in die paar anderen verbliebenen Berufe abgedrängt, wozu u. a. der des Geldverleihers gehörte (wenn auch nicht nur; ein Jude konnte z. B. auch Arzt werden). Dazu kam, dass die Kirche den Christen die Zinsnahme verbot und Juden von ihren jüdischen Brüdern keinen Zins verlangen durften; die pragmatische Lösung war oft, dass sich Christen von Juden Geld für Zinsen liehen, und oft nicht unbedingt geringe Zinsen. Die Rolle des Geldverleihers war keine schöne; man konnte damit reich werden, aber auch die Wut der Schuldner auf sich ziehen, die sich ausgebeutet fühlten und vielleicht auch mal mit Gewalt reagierten. Abgesehen von den sporadischen Gewaltakten, die von Päpsten, Bischöfen, Kaisern verurteilt wurden, gab es auch immer wieder offizielle Ausweisungen der Juden aus verschiedenen Städten, Regionen oder ganzen Ländern, sodass sie sich irgendwie eine neue, vielleicht auch nur vorübergehende, Heimat suchen mussten.

Im späten 18., im 19., im frühen 20. Jahrhundert, als sich die westlichen Gesellschaften säkularisierten, blieb dieser Grund für Abneigung gegen Juden; sie wurden als sich bereichernde, privilegierte Elite gesehen, außerdem weiterhin als eine sich absondernde Parallelgesellschaft, die sich einfach nicht mit den Grundsätzen der Gesellschaft identifizierte und auf deren Loyalität man sich deswegen nie verlassen konnte. Manche Juden reagierten darauf damit, zu erklären, dass sie ebenso gute Deutsche oder Franzosen sein konnten wie jeder andere, auch mit einer anderen Religion, viele nahmen damit zusammenhängend eine liberale Einstellung an, wonach man religiöse Unterschiede nicht zu wichtig nehmen sollte, und befürworteten säkularere Politik (eine Tendenz, die viele Christen natürlich noch mehr ablehnten als das streng religiöse Judentum). Andere sagten, ja, die Juden seien eine eigenständige Nation, und deshalb sollten sie ihren eigenen Staat haben, damit diese Situation endlich geklärt wäre; der Zionismus entstand. Kurz gesagt: Man hatte auch hier noch einfach zwei Gruppen, die jetzt – nachdem die Ghettos verschwunden waren und Juden gleiche politische Rechte bekommen hatten – ein wenig enger zusammenlebten, zu wenig gemeinsame Grundsätze für ein Zusammenleben hatten, und an ein langes Gegnertum gewöhnt waren.

Der Nationalsozialismus (und Vorläuferideen) brachten dann eine recht neue Idee hinein, den auf Rasse basierenden Hass gegen die Juden. Nach dieser Ansicht waren sie praktisch determiniert dazu, Schaden anzurichten, und eine Konversion zum Christentum (oder wozu auch immer) machte keinen Unterschied. Das war weit entfernt von den religiösen Streitigkeiten; und obwohl man die Päpste dieser Zeit sicher nicht als die größten Zionisten bezeichnen kann, ließ Pius XII etliche Juden verstecken und vor der Deportation durch die Nazis retten. Nach dem Schock des Holocausts – vor allem ab den 1960ern, als sich der erste Schock gesetzt hatte – wollte man dann freundlicher zueinander sein und irgendwie Dialog und Zusammenarbeit haben, auch wenn vielleicht nicht so ganz klar war, wie.

Miteinander menschlich gut auskommen zu wollen, sich gegenseitig als normale Menschen statt als Feindbilder zu sehen, ist ja auch sehr lobenswert; aber wenn man dabei möglichst krampfhaft verschweigt, wobei man sich in den letzten zwei Jahrtausenden nicht einig war, ist auch niemandem geholfen. Wenn man denkt, man kann sich nur gegenseitig als Menschen sehen, wenn man alle Uneinigkeiten über wichtige Fragen beiseite schiebt, na ja, das ist eine komische Vorstellung.

Juden und Christen sind sich einfach nicht einig dabei, ob Jesus der Messias ist, und ehrliche Auseinandersetzungen darüber wären hilfreicher als Verschweigen. (Ich habe auch den Verdacht, dass oft die eine Seite die Argumente der jeweils anderen Seite gar nicht wirklich kennt, und manchmal nicht mal die der eigenen.) Die Juden und Christen früherer Zeiten waren auch nicht so blöd, dass sie sich wegen Nebensächlichkeiten die Köpfe eingeschlagen hätten. Nein, wer der Messias ist, was Gott von uns will, wozu Gott die nichtjüdischen Völker beruft, usw. usf., das alles sind wichtige Fragen (die man idealerweise ohne Köpfeeinschlagen klären kann). Und dass Jesus aus dem jüdischen Volk stammte, wussten sowohl Juden als auch Christen auch früher schon, da muss man nicht als Gotcha „Jesus war übrigens Jude!“ rufen. Die Christen warfen den Juden ja gerade vor, dass sie den Messias, der aus ihrem Volk kam und an erster Stelle zu ihrem Volk gesandt war, abgelehnt hatten (wobei es genau genommen ja so war, dass die große Mehrheit der Juden schon in der Antike Christen wurde und in der Kirche aufging, was später nur nicht mehr weiter auffiel), während die Juden Jesus als einen Verräter an der Religion seines Volkes sahen, als jemanden, der sich gegen den Willen Gottes selbst zum Messias ernannt hatte und Leichtgläubige dazu brachte, ihn anzubeten.

Einen ganz seltsamen Mittelweg hat neuerdings eine theologische Strömung im Christentum versucht zu finden, die behauptet, dass Gott sozusagen zwei Bünde mit der Menschheit am Laufen hat; für die Juden gelte der Alte Bund noch (mit Beschneidung und Mosaischem Gesetz usw.), sie müssten nicht unbedingt Jesus anerkennen oder sich taufen lassen – aber er sei trotzdem Gottes Sohn und zumindest für die Heiden gekommen. Damit würde man aber ja gerade sagen, dass der Messias gerade für die, die am längsten auf ihn gewartet hatten, nicht wirklich gekommen wäre; dabei ging Jesus selber zuerst zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, bevor Er Seine Jünger zu allen Völkern sandte. Wer „Judenmission“ ablehnt, will im Endeffekt den Messias den Heiden vorbehalten. Wenn Gott einen Neuen Bund aufstellt, macht es auch keinen Sinn, beim Alten bleiben zu wollen, als wüsste Gott nicht, was Er tut. Und was sagt man damit den vielen Judenchristen, die das Gesetz des Mose aufgegeben haben – allen voran mal den Aposteln? Hätten Sie zu Jesus sagen sollen: Ach, nein danke, wir haben schon den Alten Bund, dich brauchen wir jetzt nicht unbedingt? Und schließlich: In welche Situation bringt das die Juden, die Jesus nicht nur kaum kennen oder ihm gegenüber gleichgültig sind, sondern Ihn wirklich klar ablehnen? Auch die würden kaum sagen, ja, ja, der könne schon Messias sein, aber eben nur für die Heidenvölker. Sie sagen klipp und klar, Er sei nicht der Messias, für niemanden.

Kurz: Man kann hier keinen Kompromiss finden, mit dem alle zufrieden sind, ohne ihre Ansichten ändern zu müssen. Manche Uneinigkeiten müssen zwangsläufig bestehen bleiben. Zumindest so lange, bis alle endlich sehen, dass Jesus der Messias ist.

Nikolai Koshelev, Kopf Christi.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (kleine Auswahl):

AT: Dtn 30,15-20; Sir 15,11-20; Sir 17; Ez 18.

NT: Joh 3; Mt 7,21-23; Jak 2; Mt 25,31-46; Mt 13; Mk 16,16; Lk 15; Joh 12,44-50; Tit 3,3-8; Röm 1-8; Gal 3; 1 Kor 9,23-27; 1 Tim 6,12.

Heute also der zweite Artikel zum Thema Rechtfertigungslehre (mit den Theologen aus dem späteren 2. Jh.: Irenäus von Lyon, Tatian, Theophilus von Antiochia, Athenagoras, dem Märtyrerbericht über den hl. Apollonius und Minucius Felix); Teil 1 mit den früheren Schriften hier. Auch in Teil 2 wird wieder deutlich: Selbsterlösung ist unmöglich, das Heil kommt von Gott, aber der Mensch kann es ablehnen oder annehmen, es gibt einen freien Willen, Glaube und Werke sind beide zur Rechtfertigung nötig.

Irenäus von Lyon, der um 180 n. Chr. schreibt, hat einiges zu diesem Thema zu sagen.

Sehr schön ist eine Stelle, an der er sowohl sagt, dass der Glaube rechtfertigt, als auch, dass die guten Taten rechtfertigen, und, dass das Mosaische Gesetz zeitgebunden, aber das Naturrecht (also die universalen Regeln von Gut und Böse) immer gilt:

Da nun im Gesetz und im Evangelium das erste und größte Gebot ist, Gott den Herrn aus ganzem Herzen zu lieben, und das zweite, diesem ähnlich, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, so ist offenkundig der Urheber des Gesetzes und der Urheber des Evangeliums ein und derselbe. Die Übereinstimmung der Gebote für das vollkommene Leben in beiden Testamenten weist auf denselben Gott hin. Die besonderen Gebote passte er den besonderen Umständen an; die wichtigsten und höchsten Gebote aber, ohne die man nicht gerettet werden kann, sind in beiden Testamenten dieselben. […]

Die Naturgebote des Gesetzes aber, durch die der Mensch gerechtfertigt wird, und welche schon vor der Gesetzgebung diejenigen beobachteten, die durch den Glauben gerechtfertigt wurden und Gott gefielen, die hat der Herr nicht aufgehoben, sondern ausgedehnt und erfüllt, wie aus seinen Reden offenbar ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,12,3 u. IV,13,1)

Allgemeiner Heilswille Gottes (auch in Bezug auf die Menschen, die vor Christus lebten), das Heil kommt von Gott, aber der Mensch muss auch daran mitarbeiten:

„Denn nicht allein wegen derjenigen, die zu der Zeit des Kaisers Tiberius an ihn glaubten, kam Christus, noch allein wegen der Menschen, die jetzt leben, traf der Vater seine Fürsorge, sondern wegen aller Menschen ohne Ausnahme, die von Anfang an, jeder gemäß seinen Kräften in seiner Art, Gott fürchteten und liebten, in Gerechtigkeit und Frömmigkeit gegen den Nächsten wandelten und begehrten, Christus zu sehen und seine Stimme zu hören. Deshalb wird er diese alle bei seiner zweiten Ankunft vom Schlafe auferwecken und sie aufrichten, ebenso wie die übrigen, die gerichtet werden sollen, und sie einsetzen in sein Reich.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,22,2)

„Aber nicht wegen des eigenen Bedürfnisses nahm das Wort Gottes die Freundschaft Abrahams an, war es doch von Anfang an vollkommen: ‚Ehe denn Abraham war, bin ich‘, sagte es, sondern weil es dem Abraham in seiner Güte das ewige Leben schenken wollte. Denn Unsterblichkeit schenkt die Freundschaft Gottes denen, die sich darum bemühen. (Irenäus, Gegen die Häresien IV,13,4)

„Und wiederum spricht Moses: ‚Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott von dir, als daß du den Herrn deinen Gott fürchtest, auf allen seinen Wegen wandelst, und ihn liebst und dem Herrn deinem Gott dienest aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele?‘ Dies machte den Menschen herrlich und verlieh ihm das, was ihm fehlte, d. h, die Freundschaft Gottes; Gott aber gab es nichts, denn Gott gebrauchte nicht die Liebe des Menschen. Dem Menschen aber fehlte die Herrlichkeit Gottes, die er auf keine andere Weise erreichen konnte als durch den Gehorsam gegen Gott. Und deswegen spricht Moses abermals: ‚Erwähle das Leben, damit du lebest, du und dein Same; zu lieben den Herrn, deinen Gott, auf seine Stimme zu hören, und ihn zu ergreifen, das ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage.‘ Um für dieses Leben den Menschen zu erziehen, sprach der Herr durch sich selber die Worte des Dekalogs zu allen in gleicher Weise, und darum dauern sie gleicher Weise auch bei uns fort, indem sie Ausdehnung und Erweiterung, nicht aber Aufhebung durch seine Ankunft empfangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,16,4)

„Durch ihn erlöst, preisen wir unaufhörlich Gott, welcher in seiner großen, unerforschlichen und abgründigen Weisheit uns gerettet hat und das Heil vom Himmel her verkündigt hat, die sichtbare Ankunft unseres Herrn, d. h, seinen Wandel als Mensch. Wir hätten dies für uns nicht erlangen können. Doch was unmöglich ist bei den Menschen, das ist möglich vor Gott. (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 97)

Gott macht den Anstoß, dann muss der Mensch mitwirken:

„So sollten wir zum Frieden mit Gott gelangen, indem wir das ihm Gefällige tun, nachdem die Feindschaft gegen Gott, welche die Ungerechtigkeit ist, aufgehoben ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 86)

Rechtfertigung durch Glaube (der sich auch in Werken zeigt):

„Also war dem Abraham der Herr nicht unbekannt, dessen Tag er zu sehen wünschte, noch der Vater des Herrn. Denn er hatte es von dem Worte des Herrn gehört und glaubte ihm, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit vom Herrn angerechnet. Denn der Glaube an den höchsten Gott rechtfertigt den Menschen, und deswegen sprach er: ‚Ich will ausstrecken meine Hand zu dem höchsten Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,5,5)

„Das Versprechen, welches einst Gott dem Abraham gegeben hatte, sein Geschlecht [zahlreich und herrlich] zu machen wie die Sterne des Himmels, hat Christus nun auch erfüllt. Er tat das dadurch, daß er selbst aus dem Geschlechte Abrahams seinen Ausgang nahm in der Jungfrau, von der er geboren wurde, und dadurch, daß er in jenen, die an ihn glaubten, der Welt Leuchten aufstellte und durch denselben Glauben mit Abraham die Heiden rechtfertigte, ‚denn es glaubte Abraham Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet‘. In gleicher Weise werden auch wir durch den Glauben an Gott gerechtfertigt, denn ‚der Gerechte lebt aus dem Glauben‘. ‚So ist nun nicht durch das Gesetz die Verheißung dem Abraham geworden, sondern durch den Glauben.‘ Denn Abraham wurde durch den Glauben gerechtfertigt und für den Gerechten besteht das Gesetz nicht. In gleicher Weise werden auch wir nicht durch das Gesetz gerechtfertigt, sondern durch den Glauben, welcher vom Gesetz und von den Propheten bezeugt wird, die uns das Wort Gottes bestellt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 35) (Gemeint ist hier das Mosaische Gesetz.)

„Dazu aber hat der Vater den Sohn offenbart, damit er durch ihn allen bekannt werde und er die Gerechten, welche an ihn glauben, in die Unvergänglichkeit und ewige Ruhe aufnehmen kann — ihm glauben heißt nämlich seinen Willen tun — die aber, welche ihm nicht glauben und somit sein Licht fliehen, in die selbsterwählte Finsternis verdientermaßen verbanne. Allen also hat sich der Vater offenbart, indem er allen sein Wort sichtbar machte; und das Wort wiederum zeigte allen den Vater und den Sohn, da er von allen gesehen wurde. Darum ergeht das gerechte Gericht Gottes über alle, die ihm, obwohl sie ihn ebenso wie die andern sahen, nicht ebenso glaubten.

Denn durch die Schöpfung selber offenbart das Wort Gott als den Schöpfer und durch die Welt den Herrn als den Schöpfer der Welt und durch das Geschöpf, das er geschaffen hat, den Künstler, und durch den Sohn als Vater den, der den Sohn erzeugt hat. So ähnlich sind auch die Worte aller, aber verschieden ist ihr Glaube. Doch auch durch Gesetz und Propheten hat das Wort in ähnlicher Weise sich und den Vater verkündet — und obwohl das gesamte Volk es in gleicher Weise hörte, glaubten nicht alle in gleicher Weise. Auch wurde durch das sichtbar und greifbar gewordene Wort der Vater allen gezeigt. Es glaubten nicht alle ihm gleichmäßig, und doch sahen alle in dem Sohne den Vater, denn das Unsichtbare an dem Sohne ist der Vater, und das Sichtbare des Vaters ist der Sohn. […]

Es mußte nämlich die Wahrheit von allen Zeugnis empfangen und ein Gericht sein zum Heile der Gläubigen und zur Verdammnis der Ungläubigen, damit alle gerecht gerichtet würden und der Glaube an den Vater und den Sohn von allen bestätigt, d. h. von allen bekräftigt werde, indem er von allen das Zeugnis empfing, von den Hausgenossen als ihren Freunden und von den Fremden als ihren Feinden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,5-7)

Werke sind nötig (Auslegung des Gleichnisses vom königlichen Hochzeitsmahl):

„Weiter tat der Herr kund, daß wir, abgesehen von der Berufung, uns auch mit den Werken der Gerechtigkeit schmücken müssen, damit über uns der Geist Gottes ruhe. Das ist das hochzeitliche Kleid […]. Die aber zu dem Mahle Gottes berufen sind, wegen ihres schlechten Wandels jedoch den Hl. Geist nicht empfangen haben, die werden nach seinem Worte ‚in die äußerste Finsternis hinausgeworfen werden‘. Es ist also offenbar derselbe König, der die Gläubigen von allen Seiten zu der Hochzeit seines Sohnes berufen hat und das unvergängliche Gastmahl ihnen schenkte, und andererseits in die äußerste Finsternis den werfen läßt, der kein hochzeitliches Kleid an hat, d. h. ihn verachtet. Denn wie in dem Alten Testamente er ‚an vielen von ihnen kein Wohlgefallen hatte‘, so sind auch hier ‚viele berufen, wenige auserwählt‘. Derselbe Gott also, der richtet, ist auch der Vater, der zum Heile beruft, er schenkt den einen das ewige Licht und läßt die, welche kein hochzeitliches Kleid anhaben, in die äußerste Finsternis hinauswerfen. Derselbe Herr, der Vater unseres Herrn, der die Propheten gesandt hat, beruft wegen seiner unendlichen Güte zwar Unwürdige, sieht aber darauf, ob die Berufenen auch ein geziemendes Kleid anhaben, wie es sich schickt für die Hochzeit seines Sohnes. Denn nichts Unpassendes oder Schlechtes kann ihm gefallen. So sagt ja auch der Herr zu dem, den er geheilt hatte: ‚Siehe, du bist gesund geworden, sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres geschehe.‘ Denn der Gute, Gerechte, Reine und Unbefleckte wird nichts Böses, Ungerechtes oder Abscheuliches in seinem Brautgemache dulden. Das ist aber der Vater unseres Herrn, durch dessen Vorsehung alles besteht, und auf dessen Befehl alles gelenkt wird. Unverdienterweise gibt er seine Geschenke, denen es zukommt; nach Verdienst aber vergilt er ganz geziemend den Undankbaren, die seine Güte nicht erkennen wollen, als gerechtester Vergelter, und deswegen heißt es: Er sandte seine Heere aus und vernichtete jene Mörder und zündete ihre Stadt an.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,36,6)

„Durch ihn und von ihm erlangen die, welche Gott glauben und seinem Worte folgen, ihr Heil; die aber von ihm sich abwenden und seine Gebote verachten und durch ihre Werke den verunehren, der sie geschaffen hat, und in ihrem Herzen den lästern, der sie ernährt, die beschworen auf sich sein gerechtes Gericht.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,33,15)

Taufe auf den dreifaltigen Gott zur Nachlassung der Sünden, dann Glaube und Werke:

„Wohlan, um nicht von ihr [der Irrlehre] zu kosten, müssen wir treu an der Regel des Glaubens festhalten und die Gebote Gottes erfüllen, vom Glauben an Gott geleitet und aus Furcht vor ihm, weil er der Herr ist, zugleich aus Liebe zu ihm, weil er ein Vater ist. Das Vollbringen kommt aus dem Glauben, wie Isaias sagt: ‚Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht verstehen‘, und zum Glauben führt die Wahrheit, denn der Glaube ruht auf wahrhaften Tatsachen. Das Tatsächliche werden wir glauben, wie es ist, und im Glauben an das Tatsächliche, wie es immer ist, auch in fester Zustimmung zu demselben verharren. Da der Glaube die Bürgschaft für unser Heil ist, so ist es unsere ehrenvolle Pflicht, auf dieses Heilmittel viele Sorgfalt zu verwenden, um die wahre Einsicht in die Dinge zu erlangen. Der Glaube bewirkt dies in uns, wie uns die Alten, die Schüler der Apostel, überliefert haben. Zuvörderst mahnt er uns zu gedenken, daß wir die Taufe zur Nachlassung der Sünden im Namen Gottes des Vaters empfangen haben, und im Namen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, der einen Leib angenommen hat, gestorben und von den Toten auferstanden ist, und im heiligen Geist Gottes, und daß diese Taufe das Siegel des ewigen Lebens und der Wiedergeburt in Gott ist, so daß wir nicht mehr Kinder der sterblichen Menschen, sondern des ewigen, immerwährenden Gottes sind.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung, Einleitung 3)

„Das ist das Betragen der Gläubigen, da der Hl. Geist in ihnen ist und dauernd weilt, der in und mit der Taufe gegeben wird und vom Empfänger bewahrt wird, wenn er in Wahrheit, Heiligkeit, Gerechtigkeit und Beharrlichkeit wandelt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 42)

Nicht das alttestamentliche Gesetz, sondern der Glaube und die Gottes- und Nächstenliebe führen zum Heil:

Und daß die Menschen nicht nach den vielen Verordnungen des Gesetzes, sondern gemäß der Einfalt des Glaubens und der Liebe zum Heil gelangen sollten, spricht Isaias so aus: ‚Ein kurzes und bündiges Wort mit Gerechtigkeit. Denn ein kurzes Wort wird der Herr vollführen auf der ganzen Erde.‘ Deswegen sagt der Apostel Paulus: ‚Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe‘, denn derjenige, welcher Gott liebt, hat auch das Gesetz erfüllt. Ja als der Herr gefragt worden war, welches das erste Gebot sei, hat auch er gesagt: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen und aus allen Kräften; und das zweite ist diesem gleich, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten‘, sagt er, ‚hängt das ganze Gesetz und die Propheten‘. Er hat nun durch den Glauben an ihn die Liebe zu Gott und zum Nächsten großgezogen, indem er uns fromm, gerecht und gut macht, und in diesem Sinn hat er ein kurzes Wort auf der ganzen Erde durchgeführt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 87)

Irenäus beschreibt die falsche Lehre der Gnostiker, die Simon Magus eingeführt habe, der in der Apostelgeschichte den Aposteln die Gabe des Heiligen Geistes abkaufen wollte, folgendermaßen (die Gnostiker glaubten generell an verschiedene jenseitige Wesen, dass ein schlechter Untergott die materielle Welt erschaffen hatte, und dass man aus dieser Welt durch Erkenntnis entkommen musste):

„Dieser Mann nun [Simon Magus], der von vielen wie ein Gott verherrlicht wurde, lehrte von sich selbst, er sei unter den Juden als Sohn erschienen, in Samaria als Vater herabgestiegen und bei den übrigen Völkern als der Heilige Geist angekommen. Er sei die allerhöchste Kraft, d. h. der über alles erhabene Vater, and lasse es sich gefallen, unter jedem beliebigen Namen von den Menschen angerufen zu werden.

Dieser Simon von Samaria, von dem sämtliche Sekten abstammen, trägt folgende Irrlehre vor: Mit einer gewissen Helena, die er zu Tyrus in Phönizien als Lohndirne erstand, zog er herum und sagte, dies sei die erste Vorstellung seines Geistes, die Mutter aller, durch die er im Anfang gedachte, Engel und Erzengel zu erschaffen. Indem diese Ennoia von ihm ausging und erkannte, was der Vater wollte, stieg sie in die unteren Regionen hinab und zeugte die Engel und Mächte, von denen diese Welt gemacht worden sein soll. Dann aber wurde sie aus Neid von ihren eigenen Kindern zurückgehalten, da diese nicht für die Kinder irgend jemandes gehalten werden wollten. Er selbst blieb ihnen gänzlich unbekannt, die Ennoia aber hielten die Engel und Mächte zurück, die sie selbst geboren hatte, und jegliche Schmach mußte sie von ihnen erleiden, so daß sie nicht zu ihrem Vater zurückkehren konnte und sogar in menschlichem Körper eingeschlossen, in Ewigkeit wie von einem Gefäß in das andere in weibliche Körper überging. So war sie auch in dem Leib der Helena, deretwegen der trojanische Krieg unternommen wurde. Stesichorus, der auf sie Schmählieder dichtete, wurde deswegen geblendet, und erst als er reuevoll durch Gegenlieder Abbitte leistete, bekam er das Augenlicht wieder. Bei ihrer Wanderung von Körper zu Körper erlitt sie in jedem immer neue Schmach und landete zuletzt in einem öffentlichen Hause — sie ist das verlorene Schaf.

Da kam er nun selber, um sie zunächst zu erheben und von ihren Fesseln zu befreien, aber auch den Menschen durch die eigene Erkenntnis das Heil zu bringen. Die Engel nämlich regierten die Welt schlecht, weil jeder von ihnen der erste sein wollte. Deshalb kam er, um die Welt aufzurichten, wurde umgestaltet und ähnlich den Mächten, Kräften und Engeln, so daß er wie ein Mensch aussah und doch keiner war, in Judäa gelitten zu haben schien und doch nicht gelitten hatte. Die Propheten haben gesprochen, indem sie von den Engeln inspiriert wurden, welche die Welt gemacht hatten. Wer darum an ihn und an seine Helena glaube, der braucht sich um sie nicht weiter zu kümmern, sondern kann als Freier tun, was ihm beliebt. Durch seine Gnade werden die Menschen gerettet und nicht durch die Werke ihrer Gerechtigkeit. Die Werke sind nicht gut per se, sondern nur per Akzidens. Die entgegengesetzte Lehre haben die Engel, die die Welt gemacht haben, erfunden, um durch solche Vorschriften die Menschen zu knechten. Wenn aber die Welt aufgelöst werde, dann versprach er ihnen, sollten sie von der Herrschaft jener Engel befreit werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, I,23,1.3)

Noch etwas über die Gnostiker:

„Doch zu den andern Punkten ihrer Lehre müssen wir noch zurückkehren. Sie sagten nämlich, daß beim Weltenende ihre Mutter in das Pleroma zurückkomme und als Bräutigam den Erlöser empfange; daß sie als die Geistigen, nachdem sie ihrer Seelen entkleidet wären, zu Bräuten der geistigen Engel würden, und dass der Demiurg, der ja nur seelisch sei, an den Platz der Mutter trete, die Seelen der Gerechten aber an dem Ort der Mitte ausruhten, weil ja das Seelische zu dem Seelischen, das Geistige zu dem Geistigen sich hinziehen, das Materielle aber im Materiellen verbleiben müsse. Doch widersprechen sie sich damit selber. Es sollen ja die Seelen nicht wegen ihrer Natur an den Ort der Mitte zu ihresgleichen gehen, sondern wegen ihrer Werke, die gerechten nämlich dorthin und die gottlosen in das Feuer. Kommen nämlich alle Seelen an den Ort der Ruhe und der Mitte, eben weil sie Seelen von der gleichen Wesenheit sind, dann wäre der Glaube überflüssig und überflüssig die Herabkunft des Heilands. Geschieht es aber wegen ihrer Gerechtigkeit, dann ist der Grund der Rettung nicht mehr ihre Wesenheit. (Irenäus, Gegen die Häresien II,29,1)

Freier Wille:

„Wenn aber einige mit Rücksicht auf die ungehorsamen und verlorenen Israeliten sagen wollten, daß der Lehrer des Gesetzes also schwach war, so werden sie auch in dem Ruf, der an uns ergangen ist, viele Berufene, aber wenige Auserwählte finden und solche, die inwendig Wölfe, von außen aber mit Schaffellen bekleidet sind. Denn immer hat Gott und seine Ermahnung den freien Willen und das Selbstbestimmungsrecht im Menschen gewahrt, damit die Ungehorsamen gerechterweise verurteilt werden, deshalb weil sie nicht gehorchten. Die aber ihm gehorchten und glaubten, die sollten mit der Unvergänglichkeit geehrt werden. (Irenäus, Gegen die Häresien IV,15,2)

„Jenes Wort: ‚Wie oft wollte ich versammeln deine Söhne, und du hast nicht gewollt‘, weist auf das alte Gesetz von der Freiheit des Menschen hin. Denn frei hat ihn Gott im Anfang erschaffen, mit eigener Macht wie mit eigener Seele, sodaß er mit freiem Willen ohne Zwang von Seiten Gottes Gottes Einsicht folgen sollte. Denn bei Gott ist kein Zwang; gute Erkenntnis aber ist bei ihm immerzu, und deswegen gibt er auch allen guten Rat. Er legte aber in den Menschen wie in die Engel die Gewalt zu wählen, denn auch die Engel sind mit Vernunft begabt, damit die, welche ihm gehorchen würden, mit Recht das Gute besäßen, von Gott verliehen, aber von ihnen bewahrt. Die aber ihm nicht gehorchten, die werden gerechterweise nicht bei dem Guten gefunden und empfangen die verdiente Strafe. Gab ihnen doch Gott in seiner Güte das Gute; sie aber bewahrten es nicht sorgfältig, noch erachteten sie es als wertvoll, sondern verachteten die überaus große Güte. Die also das Gute fortwerfen und es gleichsam ausspeien, die werden alle verdientermaßen dem gerechten Gerichte Gottes verfallen, wie der Apostel Paulus im Römerbriefe mit den Worten bezeugt: ‚Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte und Geduld und Langmut, ohne zu wissen, daß die Güte Gottes zur Buße dich hinführt? Aber gemäß deiner Härte und deinem unbußfertigen Herzen häufst du dir den Zorn Gottes auf an dem Tage des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes. Ehre aber und Ruhm jedem, der Gutes tut.‘ Gott also gab das Gute, wie auch der Apostel in diesem Briefe bezeugt, und die es tun, die werden Ehre und Ruhm erlangen, da sie das Gute getan haben, wo sie es auch nicht tun konnten; die es aber nicht tun, die werden das gerechte Gericht Gottes erdulden, weil sie das Gute nicht getan haben, wo sie es doch tun konnten.

Wären von Natur die einen gut, die anderen schlecht geworden, dann wären die Guten nicht lobenswert, da sie ja so gemacht worden sind, noch jene tadelnswert, da von ihnen das Gleiche gilt. Da aber alle von der gleichen Natur und imstande sind, das Gutes sowohl an sich zu ziehen und zu tun, als auch von sich zu stoßen und nicht zu tun, so werden mit Recht bei verständigen Menschen, also vielmehr noch bei Gott, die einen gelobt und empfangen das ihrer guten Wahl und Ausdauer gebührende Zeugnis; die anderen aber werden getadelt und empfangen die gebührende Strafe, weil sie das Schöne und Gute von sich gewiesen haben. Und deshalb ermahnten auch die Propheten die Menschen, gerecht zu handeln und das Gute zu tun, wie wir vielfach gezeigt haben, weil dies in unserer Kraft steht, und weil wir durch vielfache Nachlässigkeit vergeßlich geworden sind und uns die Erkenntnis des Rechten fehlt, die uns der gute Gott durch die Propheten geben wollte.

Deshalb sagte auch der Herr: ‚Es leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater verherrlichen, der im Himmel ist. Habet acht auf euch, daß nicht vielleicht eure Herzen beschwert werden in Rausch und Trunkenheit und weltlichen Sorgen.‘ Und: ‚Eure Lenden seien umgürtet und eure Lampen brennend, und ihr ähnlich den Leuten, die ihren Herrn erwarten, wann er zurückkommt von der Hochzeit, damit, wann er kommt und klopft, sie ihm öffnen. Glücklich jener Knecht, den sein Herr, wann er kommt, so tun findet.‘ Und andererseits: ‚Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt und nicht tut, wird viele Streiche bekommen.‘ Und: ‚Was sagt ihr zu mir: ‚Herr, Herr‘, und tut nicht, was ich sage?‘ Und abermals: ‚Wenn aber der Knecht in seinem Herzen spricht: Es zögert mein Herr, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, so wird sein Herr an dem Tage kommen, wo er nicht hofft, und er wird ihn absondern und ihm seinen Teil mit den Heuchlern geben.‘ All dies beweist, daß der Mensch frei und selbständig ist, und Gott uns mit seinem Rate nur leitet, indem er uns zum Gehorsam ermahnt und vom Unglauben hinwegführt, nicht aber mit Gewalt uns zwingt.

Wenn also jemand dem Evangelium nicht folgen will, so steht es ihm frei, aber es nützt ihm nicht. Der Mensch kann sich für den Ungehorsam gegen Gott entscheiden und für den Verlust des Guten, zieht sich aber dadurch einen gewaltigen Nachteil und Schaden zu. Darum sagt Paulus: ‚Alles steht mir frei, aber nicht alles bringt Nutzen.‘ ‚Alles ist erlaubt‘, weist hin auf die Freiheit des Menschen, die keinem Zwange Gottes unterliegt, ‚es nützt aber nichts‘, warnt uns, die ‚Freiheit zum Deckmantel der Bosheit zu mißbrauchen‘, was nichts nützt. […] Läge es also nicht in unserer Hand, dies zu tun oder nicht zu tun, welchen Grund hätte dann der Apostel und noch viel mehr der Herr selbst gehabt, uns den Rat zu geben, daß wir einiges tun, von anderem aber uns enthalten sollen? Weil jedoch der Mensch von Anfang an einen freien Willen hat, wie Gott einen freien Willen hat, nach dessen Ebenbild er erschaffen worden ist, so gibt er ihm immer den Rat, das Gute festzuhalten, welches im Gehorsam gegen Gott vollendet wird.

Aber nicht nur in den Werken, sondern sogar im Glauben hat Gott die Freiheit und Selbstentscheidung des Menschen beachtet, indem er spricht: ‚Nach deinem Glauben möge dir geschehen‘, womit gesagt ist, daß der Glaube ebenso Eigentum des Menschen ist wie sein freier Wille. Und abermals heißt es: ‚Alles ist möglich dem, der da glaubt‘, und: ‚Gehe, wie du geglaubt hast, soll dir geschehen!‘ Alle derartigen Stellen lehren, daß der Glaube von der freien Zustimmung des Menschen abhängt. Deswegen hat auch ‚der, welcher ihm glaubt, das ewige Leben; wer aber dem Sohne nicht glaubt, der hat nicht das ewige Leben, sondern der Zorn Gottes wird über ihm bleiben‘. In dem Sinne also erklärt der Herr das Gute für sein Eigentum und beläßt dem Menschen den freien Willen und die Selbstentscheidung, wenn er zu Jerusalem spricht: ‚Wie oft wollte ich deine Söhne versammeln, wie die Henne ihre Küchlein unter den Flügeln, und du hast nicht gewollt. Deshalb wird euch euer Haus öde gelassen werden.‘

Die aber die gegenteilige Ansicht vertreten, stellen sich den Herrn als zu schwach vor, so daß er das nicht durchsetzen konnte, was er wollte, oder als einen, der die Natur der von ihnen sogenannten Choiker nicht kannte, da diese ja seine Unsterblichkeit nicht annehmen konnten. Aber dann hätte er weder die Engel so schaffen dürfen, daß sie sündigen konnten, noch solche Menschen, die sogleich gegen ihn undankbar wurden. Wurden diese doch mit Verstand, Unterscheidungs- und Urteilskraft begabt und waren keineswegs wie die unverständigen und leblosen Geschöpfe, die nach eigenem Willen nichts tun können, sondern mit Zwang und Notwendigkeit zum Guten gezogen werden, so daß in ihnen ein Sinn und eine Sitte ist, so daß sie, unveränderlich und urteilslos, nichts anders sein können als das, wozu sie erschaffen wurden. Dann aber wäre ihnen das Gute nicht angenehm, noch wertvoll die Gemeinschaft mit Gott, noch das Gute sehr begehrenswert, wenn es ihnen ohne eigene Tätigkeit, Sorge und Eifer zufallen, sowie ohne eigenes Zutun und mühelos verliehen würde. Dann hätten auch die Guten nichts zu bedeuten, weil sie mehr von Natur als aus eigenem Willen so geworden wären und das Gute von selbst, aber nicht aus eigener Wahl hätten, und folglich würden sie auch nicht einmal einsehen, wie schön das Gute ist, noch könnten sie es genießen; denn nur das kann man als ein Gut genießen, was man als ein Gut kennt. Welchen Ruhm aber würden sie haben, wenn sie sich darum nicht bemüht haben, und welche Krone sollte ihnen werden, wenn sie sie nicht wie die Sieger im Kampfe erlangt haben?

[…] Und deswegen sagt auch Paulus im Korintherbriefe: ‚Wisset ihr nicht, daß die, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, daß aber nur einer den Preis erhält? So laufet, daß ihr ihn erlanget. Jeder aber, der da kämpft, ist in allem enthaltsam, jene, damit sie eine vergängliche Krone empfangen, wir aber eine unvergängliche. Ich aber laufe so, nicht auf ein Ungewisses; ich kämpfe so, nicht als ob ich die Luft schlage, sondern ich züchtige meinen Körper und bringe ihn in Knechtschaft, damit ich nicht vielleicht, andern predigend, selbst verworfen werde.‘ Als guter Streiter also ermahnt er uns zum Kampfe um die Unvergänglichkeit, damit wir gekrönt werden und die Krone als wertvoll schätzen, da sie nur durch Kampf erworben wird und nicht von selbst uns zufällt. Und je mehr sie uns durch Kampf zuteil wird, um so wertvoller ist sie; je wertvoller aber sie uns ist, um so mehr sollen wir sie immer lieben. Auf verschiedene Weise lieben wir das, was uns von selbst kommt, und das, was mit vieler Sorgfalt erst errungen wird. Weil es aber bei uns stand, Gott mehr zu lieben, hat uns der Herr gelehrt und der Apostel gezeigt, dies mit Anstrengung zu finden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,37,1-7)

„Wäre unser Lehrer, das Wort, nicht Mensch geworden, so hätten wir auf keine andere Weise lernen können, was Gottes ist. Denn kein anderer konnte uns vom Vater erzählen als sein eigenes Wort. ‚Wer hat nämlich sonst den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sonst sein Ratgeber geworden?‘ Auch konnten wir es nicht anders lernen, als indem wir unsern Lehrer sahen und mit unsern Ohren seine Stimme hörten, auf daß wir ‚die Nachahmer seiner Werke und die Vollbringer seiner Worte geworden‘, die Gemeinschaft mit ihm hätten, indem wir von dem Vollkommenen und dem, der vor aller Schöpfung da war, den Zuwachs empfingen. Wir sind ja eben erst geworden, von dem allein Guten und sehr Guten und dem, der Unvergänglichkeit schenken kann, nach seinem Ebenbild erschaffen, vorausbestimmt, zu sein, als wir noch nicht waren, nach dem Vorauswissen des Vaters, ‚zum Anfang der Schöpfung‘ gemacht. So haben wir zur vorherbestimmten Zeit durch Vermittlung des Wortes, das in allem vollkommen ist, empfangen, daß er als das allmächtige Wort und wahrer Mensch mit seinem Blute uns rechtmäßig erlöst und sich zum Lösegeld für die hingegeben hat, die in die Gefangenschaft geführt waren. Da also die Herrschaft der Apostasie über uns nicht zu Recht bestand und wir von Natur des allmächtigen Gottes Eigentum waren, er also wider die Natur uns ihm entriß, indem er uns zu seinen Jüngern machte, so hat sich das in allem mächtige Wort Gottes, dessen Gerechtigkeit nicht nachläßt, mit Recht auch gegen die Apostasie erhoben und sein Eigentum davon erlöst. Aber nicht Gewalt wandte er an, wie sie im Anfang über uns herrschte, indem jener fremdes Eigentum unersättlich an sich riß, sondern bloßen Rat, wie es sich für Gott geziemt, der da rät, aber nicht zwängt, ihm zu folgen, damit das Recht nicht gebeugt würde und das Urgeschöpf Gottes nicht zugrunde ging. Da also mit seinem Blute der Herr uns erlöste und seine Seele für uns hingab und sein Fleisch für unser Fleisch, und da er den Geist des Vaters ausgoß, um den Menschen mit Gott auf das innigste zu verbinden, indem er in dem Menschen durch den Geist Gott niederlegte und durch seine Menschwerdung den Menschen in Gott hineinlegte, und da er wahrhaft und wirklich in seiner Ankunft durch die Gemeinschaft mit ihm Unvergänglichkeit schenkte — so sind verloren alle Lehren der Häretiker.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,1,1)

„In den vorausgegangenen Büchern haben wir die Gründe dargelegt, warum Gott solches geschehen läßt, und wir haben gezeigt, daß dies alles dem Menschen dient, der gerettet wird, weil es den mit Wahl- und Willensfreiheit begabten Menschen zur Unsterblichkeit heranreifen läßt und ihn zum ewigen Gehorsam gegen Gott anpaßt und vorbereitet. Deshalb dient auch die Schöpfung dem Menschen. Denn der Mensch ist nicht wegen der Schöpfung, sondern die Schöpfung wegen des Menschen geworden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, V,29,1)

Reprobation? Über „Gott verhärtete das Herz des Pharao“ u. Ä.:

Da nun Gott alles vorausweiß, so überläßt er die, von denen er weiß, daß sie nicht glauben werden ihrem Unglauben, wendet sein Angesicht von solchen ab und läßt sie in der Finsternis zurück, die sie sich selbst erwählt haben. Was Wunder also, wenn er den Pharao, der ja niemals geglaubt hätte, samt seinem Anhang dem Unglauben preisgab? So spricht das Wort aus dem Dornbusche zu Moses: ‚Ich aber weiß, daß Pharao, der König von Ägypten, euch nicht wird fortziehen lassen, wenn nicht in meiner starken Hand.‘ Und geradeso wie der Herr in Gleichnissen redete und Israel verblendete, damit sie sehen sollten und nicht sehen, da er ihren Unglauben kannte, geradeso verhärtete er auch das Herz des Pharao, damit er sah, daß es der Finger Gottes ist, der das Volk herausführt, und doch nicht glaubte, sondern sich in das Meer des Unglaubens stürzte, weil er wähnte, daß ihr Auszug durch eine Zauberkraft geschähe, und daß das Rote Meer nicht infolge göttlicher Kraft dem Volk den Durchgang gewähre, sondern daß es so natürlich zugehe.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,29,2)

Die Menschen sind selbst schuld, wenn sie verloren gehen:

Wer deshalb das Geschenk des Lebens bewahrt und dankbar ist gegen den Geber, der wird in Ewigkeit die Länge der Tage empfangen. Wer es aber von sich wirft und seinem Schöpfer undankbar wird, keinen Dank dafür weiß, daß er geworden, und den Geber nicht erkennt, der beraubt sich selbst der Fortdauer in Ewigkeit. Deshalb spricht der Herr zu solchen Undankbaren: ‚Wenn ihr im Kleinen nicht getreu gewesen, was Großes wird man euch geben können?‘ Das soll heißen: Wer in dem kurzen zeitlichen Leben undankbar gewesen ist gegen den, der es gab, wird gerechterweise von ihm in Ewigkeit die Länge der Tage nicht empfangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,34,3)

„Denn der Tag des Herrn ist wie eine glühende Esse, und Stroh werden sein alle Sünder, die Unrecht tun, und der kommende Tag wird sie verbrennen. Wer aber der Herr ist, der solchen Tag hereinbringt, das verkündet Johannes der Täufer, indem er von Christus sagt: ‚Er wird euch mit dem Hl. Geiste und Feuer taufen, indem er die Wurfschaufel in seiner Hand hat, um seine Tenne zu reinigen, und die Frucht wird er sammeln in die Scheune, die Spreu aber verbrennen in unauslöschlichem Feuer.‘ Nicht also macht einer den Weizen, ein anderer die Spreu, sondern ein und derselbe, der sie auch richten wird, d. h. trennen. Weizen und Spreu aber, die ohne Leben und Verstand sind, wurden von Natur aus so; der vernünftige Mensch jedoch, hierdurch das Ebenbild Gottes, daß er frei wählen und sich selbst bestimmen kann, trägt in sich die Ursache, wenn er einmal Weizen, das anderemal Spreu wird. Deshalb wird er auch mit Recht verdammt werden, wenn er trotz seines Verstandes den wahren Verstand verloren hat, und unverständig lebend, die Gerechtigkeit Gottes herausforderte, indem er sich allem Erdengeiste ergab und allen Lüsten diente, nach dem Worte des Propheten, der da sagt: ‚Da der Mensch in Ehre war, hat er es nicht verstanden; er ist gleich geworden den unverständigen Tieren und ihnen ähnlich geworden.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,4,3)

„Wo aber der Prophet sagt: ‚In Demut ward sein Gericht hinweggenommen‘, so schildert er damit die Erscheinung seiner Demut. Infolge der Erscheinung seiner Niedrigkeit geschah die Wegnahme des Gerichts. Und die Wegnahme des Gerichts gereicht manchem zur Erlösung, manchem zum Verhängnis voll Qualen. Denn wo etwas weggenommen wird, da geschieht es zu des einen Gunsten und zu des andern Nachteil. So ist es auch beim Gericht. Diejenigen, über die es ergeht, diese müssen es tragen im Verhängnis ihrer Qualen, die aber, die mit ihm verschont wurden, sind dadurch erlöst worden. Somit haben diejenigen das Gericht auf sich geladen, welche ihn kreuzigten und, indem sie das taten, nicht an ihn glaubten. Denn durch dieses Gericht, das an ihnen genommen wurde, wurden sie von den Qualen ergriffen. Von denjenigen aber, welche an ihn glaubten, wurde das Gericht abgewälzt und sie unterliegen ihm nicht mehr.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 69)

Gott richtet unparteiisch:

„Denn Gott läßt sich von niemand beeinflussen noch rühren, als allein vom Gerechten. Und sich zu erbarmen, ist ganz besonders Gott eigen“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verküdigung 60)

Ursache der Schlechtigkeit eines Teils der Geschöpfe:

„Ähnlich verhält es sich mit der Frage, warum einige Geschöpfe, wo doch alle von Gott erschaffen sind, seinen Willen übertraten und sich gegen ihn auflehnten, andere aber und bei weitem die meisten ihm treu blieben und im Gehorsam gegen ihren Schöpfer verharren, welcher Natur jene und welcher Natur diese sind. Das muß man Gott und seinem Worte überlassen, zu dem allein er gesprochen hat: ‚Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße.‘ Wir aber, die wir auf Erden weilen, sitzen noch nicht neben seinem Throne, Der Geist des Erlösers, der in ihm ist, durchforscht freilich alles, auch die Tiefen Gottes. Bei uns aber sind die Gnadengaben verschieden, und die geistlichen Verrichtungen und die Wunderkräfte, und solange wir auf Erden sind, ist, wie der hl. Paulus sagt, Stückwerk unser Erkennen und Stückwerk unser Prophezeien. Wie also unser Erkennen beschränkt ist, so müssen wir uns auch in den verschiedenen Fragen dem anvertrauen, der uns stückweise seine Gnade schenkt. Daß den Ungehorsamen das ewige Feuer zubereitet ist, hat der Herr ausdrücklich gelehrt, und bekunden auch die übrigen Schriften; daß er dies als zukünftig voraus gewußt hat, lehrt ebenfalls die Schrift, wie er auch, das ewige Feuer denen zubereitet hat, die ungehorsam sein würden, aber die Ursache ihrer Natur hat keine Schrift berichtet, noch ein Apostel benannt, noch der Herr gelehrt. Also müssen wir auch diese Kenntnis Gott überlassen, wie die Kenntnis des Tages und der Stunde.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,28,7)

Bzgl. früherer Generationen:

„Denn jene, welche entschlafen waren, ehe Christus erschien, hatten Hoffnung, im Gerichte des Auferstandenen Heil zu finden, sofern sie Gott fürchteten, in Gerechtigkeit entschlafen waren und den Geist Gottes in sich getragen hatten wie die Patriarchen, die Propheten und die Gerechten. Jenen aber, die nach der Erscheinung Christi nicht an ihn geglaubt haben, droht beim Gerichte unbarmherzige Rache.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 56)

Gott hatte nach dem Sündenfall wieder Erbarmen:

„Für uns also hat der Herr alles so eingerichtet, damit wir, in allem unterrichtet, in Zukunft in allem vorsichtig seien und in aller Liebe zu ihm verharren, durch unsere Vernunft belehrt, Gott zu lieben. Denn Gott war großmütig bei dem Falle des Menschen, der Mensch aber sollte dadurch belehrt werden, wie der Prophet sagt: ‚Bessern soll dich dein Abfall.‘ Denn alles hat Gott zur Vollendung des Menschen bestimmt und zur Durchführung und Offenbarung der Heilsordnung. So soll seine Güte sich zeigen, die Gerechtigkeit sich vollenden, die Kirche dem Bilde seines Sohnes angepaßt und der Mensch endlich einmal reif werden, indem er auf solchem Wege heranreift zur Anschauung und zum Besitz Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,37,7)

Wieso hat Gott die Menschen nicht sündenlos gemacht?

„Sollte aber jemand sagen: ‚Wie denn? Konnte Gott nicht von Anfang an den Menschen vollkommen machen?‘ so soll er wissen, daß Gott, der Unveränderliche und Unerschaffene, an und für sich alles vermag, das Erschaffene aber, eben weil es seinen Anfang erst später genommen hat, deshalb auch seinem Schöpfer nachstehen muß. Was eben geworden ist, kann nicht unerschaffen sein. Weil sie nicht unerschaffen sind, daher bleiben sie hinter dem Vollkommenen zurück. […]

In Gott aber offenbart sich Macht und Weisheit und Güte zugleich: Seine Macht und Güte darin, daß er aus freiem Willen das, was noch nicht war, gründete und schuf; seine Weisheit aber darin, daß er alles, was ist, so zweckmäßig und harmonisch gestaltet hat. Einige Wesen aber empfangen wegen seiner unendlichen Güte Wachstum, dauern fort für die Länge der Zeit und nehmen teil an der Herrlichkeit des Unerschaffenen, indem Gott ihnen neidlos das Gute schenkt. Insofern sie gemacht sind, sind sie nicht unerschaffen; insofern sie aber fortdauern in langen Ewigkeiten, nehmen sie die Kraft des Unerschaffenen an, da ihnen Gott in Gnaden ewige Fortdauer schenkt. Und auf diese Weise bewahrt Gott in allem den Vorrang, da er allein der Unerschaffene, eher als alles andere und die Ursache von allem anderen ist. Das übrige also bleibt alles Gott untertan. Der Gehorsam gegen Gott bedeutet Fortdauer und Unvergänglichkeit; die Unvergänglichkeit aber ist der Ruhm des Unerschaffenen. Durch solche Ordnung, Harmonie und Führung wird der erschaffene Mensch zum Bild und Gleichnis des unerschaffenen Gottes, indem der Vater es will und beschließt, der Sohn es bewirkt und bildet, der Geist Nahrung und Wachstum gewährt, der Mensch aber allmählich vorwärts kommt und zur Vollkommenheit gelangt, d. h. dem Unerschaffenen ganz nahe kommt. Vollkommen nämlich ist nur der Unerschaffene, d. i. Gott. Der Mensch aber mußte zuerst werden, dann wachsen, dann erstarken, dann sich vervielfältigen, dann genesen, dann verherrlicht werden und schließlich seinen Gott schauen. Die Anschauung Gottes nämlich ist unser Ziel und die Ursache der Unvergänglichkeit; die Unvergänglichkeit aber führt uns in die Nähe von Gott.

Unvernünftig also in jeder Hinsicht sind die, welche die Zeit des Wachstums nicht abwarten und die Schwäche ihrer Natur Gott zuschreiben. Diese Unersättlichen und Undankbaren kennen weder Gott noch sich, wenn sie das nicht sein wollen, was sie doch zuerst geworden sind: leidensfähige Menschen; und das Gesetz des menschlichen Geschlechtes übertretend, wollen sie, noch bevor sie Menschen geworden sind, dem Schöpfergott ähnlich sein und keinen Unterschied zulassen zwischen dem unerschaffenen Gott und dem jetzt entstandenen Menschen. Unverständiger sind sie als die stummen Tiere. Denn diese machen Gott keinen Vorwurf daraus, daß er sie nicht zu Menschen gemacht hat, sondern jedes von ihnen dankt mit dem, was es geworden ist, dafür, daß es geworden ist. Wir werfen ihm nämlich vor, daß wir nicht von Anfang an Götter geworden sind, sondern zunächst Menschen und dann erst Götter. Ist doch Gott in seiner einzigartigen Güte, damit niemand ihn für neidisch oder geizig halte, so weit gegangen, daß er spricht: ‚Ich habe gesagt: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten allesamt.‘ Von uns aber, die wir die Macht seiner Gottheit nicht zu tragen vermochten, sagt er: ‚Ihr aber werdet wie Menschen sterben.‘ So hebt er beides hervor: seine Güte im Schenken und unsere Schwäche samt dem freien Willen. Denn gemäß seiner Güte gab er uns gütig das Gute und machte die Menschen sich ähnlich durch den freien Willen, gemäß seiner Vorsehung aber kannte er die Schwäche der Menschen, und was daraus folgen würde. Gemäß seiner Liebe und Kraft jedoch wird er das Wesen der erschaffenen Natur überwinden. Zuerst aber mußte die Natur erscheinen, dann das Sterbliche von dem Unsterblichen besiegt und verschlungen werden und das Vergängliche von dem Unvergänglichen, und der Mensch nach dem Bild und Gleichnis Gottes werden, nachdem er die Kenntnis des Guten und Bösen erlangt hatte. […]

Denn du machst Gott nicht, sondern Gott macht dich. Wenn du also ein Werk Gottes bist, so erwarte die Hand deines Künstlers, die alles zur rechten Zeit macht, zur rechten Zeit nämlich für dich, der du gemacht wirst! Bringe ihm aber ein weiches und williges Herz entgegen und bewahre die Gestalt, die dir der Künstler gegeben, und halte die Feuchtigkeit in dir fest, damit du nicht verhärtest und die Spur seiner Finger verlierest! Wenn du so das Gefüge behütest, so wirst du zur Vollkommenheit emporsteigen, denn durch die Kunst Gottes wird der Lehm in dir verborgen. Gemacht hat den Stoff in dir seine Hand, umgeben wird sie dich von innen und außen mit reinem Gold und Silber und wird so sehr dich schmücken, daß sogar ‚der König nach deiner Schönheit verlangt‘. Wenn du jedoch sogleich verhärtest und seine Kunst verwischst und undankbar gegen ihn wirst, weil du nur ein Mensch geworden bist, so hast du durch deine Undankbarkeit gegen Gott mit einem Schlag seine Kunst und das Leben verloren. Das Schaffen nämlich kommt der Güte Gottes zu, geschaffen zu werden ist die Eigentümlichkeit der menschlichen Natur. Wenn du ihm also das Deinige gibst, d. h. den Glauben an ihn und den Gehorsam gegen ihn, dann wirst du seine Kunst an dir erfahren und ein vollkommenes Werk Gottes sein.

Wenn du ihm aber nicht glaubst und seinen Händen entfliehst, so ist die Ursache der Unvollkommenheit in dir, der du nicht geglaubt hast, aber nicht in dem, der dich berufen hat. Denn ‚er sandte seine Boten aus, dich zur Hochzeit zu rufen‘; die aber ihm nicht gehorchten, haben sich selbst vom königlichen Mahle ausgeschlossen. Also fehlt es nicht an der Kunst Gottes, denn er vermag ‚aus Steinen Abraham Söhne zu erwecken‘; vielmehr wird der, welcher sie nicht annimmt, sich selbst die Ursache seiner Unvollkommenheit. Wird doch auch das Licht nicht schwächer durch die, welche sich selbst blenden, es bleibt wie es ist; die, welche sich selbst blendeten, sitzen durch ihre Schuld in der Finsternis. Und wie das Licht keinen mit Zwang unter seine Gewalt bringt, so zwingt auch Gott niemand, seine Kunst anzunehmen, wenn er nicht will. Die sich also von dem Lichte des Vaters abwenden und das Gesetz der Freiheit übertreten, die fielen ab durch eigene Schuld, da sie freien Willen und Selbstenscheidung erhalten hatten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,38,1.3-4 u. IV,39,2-3)

Abstieg Christi ins Totenreich zur Erlösung der Gerechten, die vor Seiner Ankunft gelebt hatten:

„Von einem Priester, der es von Schülern und Hörern der Apostel gehört hatte, hörte ich, daß für die Alten wegen der Taten, die sie ohne den Rat des Geistes begangen hatten, die Strafe genüge, welche die Schriften androhen. Da ‚bei Gott kein Ansehen der Person gilt‘, so verhängt er für die Taten, die nicht seinem Willen entsprechen, eine geziemende Strafe. [Gute Taten und Sünden Davids & Salomos werden aufgezählt] Genugsam hat die Schrift ihn [Salomo] getadelt, sagt ein Priester, damit gar kein Fleisch sich rühme im Angesichte Gottes.

Deswegen sei der Herr in die Unterwelt hinabgestiegen und habe jenen seine Ankunft verkündet, indem es Nachlassung der Sünden für die gab, die an ihn glaubten. Es glaubten aber an ihn alle, die auf ihn hofften, d. h. die seine Ankunft vorher verkündigten und seinen Anordnungen Folge leisteten, die Gerechten, die Patriarchen und Propheten. Ihnen erließ er ähnlich wie uns ihre Sünden, die wir ihnen nicht weiter anrechnen dürfen, wofern wir nicht die Gnade Gottes verachten. Denn wie jene uns nicht unsere Unenthaltsamkeit anrechneten, die wir begangen haben, bevor Christus in uns sich offenbarte, so dürfen auch wir gerechterweise ihnen das nicht anrechnen, was sie vor der Ankunft Christi sündigten. Denn ‚alle Menschen entbehren des Ruhmes Gottes‘; sie werden aber nicht durch sich selbst gerechtfertigt, sondern durch die Ankunft des Herrn, wenn sie auf sein Licht achten. Zu unserer Besserung aber seien ihre Taten aufgeschrieben, damit wir wüßten, daß erstlich ihr und unser Gott ein und derselbe ist, dem die Sünden nicht gefallen, auch wenn sie von Hochgestellten getan werden, und zweitens, daß wir uns von dem Bösen enthalten. Denn wenn schon die Alten, die uns in den Charismen vorausgingen, und wegen deren der Sohn Gottes noch nicht gelitten hatte, wofern sie irgendwie sündigten und den Lüsten des Fleisches dienten, so große Schmach erlitten haben, was werden dann die erdulden, die jetzt leben und die Ankunft des Herrn verachten und ihren Lüsten dienen? Für jene war der Tod des Herrn Heilung und Erlösung, für die aber, welche jetzt sündigen, wird ‚Christus schon nicht mehr sterben, denn der Tod wird schon nicht mehr über ihn herrschen‘, sondern es wird kommen der Sohn in der Herrlichkeit des Vaters und verlangen von seinen Verwaltern und Haushaltern das Geld, das er ihnen anvertraut hat, mit Zinsen, und denen er sehr viel gegeben hat, von denen wird er auch viel verlangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,27,1-2)

„Bei Jeremias verkündet er seinen Tod und sein Absteigen zur Hölle mit den Worten: ‚Und es gedachte der Herr, der Heilige Israels, seiner Toten, der zuvor im Staub der Erde Schlafenden; und er stieg zu ihnen hinab, um ihnen sein Heil zu verkünden und sie zu retten.‘ Hierselbst erfüllt er auch die Ursachen seines Todes. Denn sein Niedersteigen zur Hölle war das Heil der Abgeschiedenen.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 78)

Der Mensch wird ganz wiederhergestellt:

„Das Wort Gottes, das alles erschaffen und im Anfang den Menschen gebildet hat, heilte sein Geschöpf von Grund aus, da es fand, daß es durch Arglist zu Fall gebracht war. Und zwar erneuerte er jedes einzelne Glied an seinem Gebilde und stellte auch den Menschen als Ganzes wieder heil und unversehrt her, indem er ihn für die Auferstehung vollkommen vorbereitete.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,12,6)

Über Gottes Geduld, wieso Er die Sünde zuließ und dann den Menschen wieder erlöste:

„Langmütig also war Gott, als der Mensch fehlte, und sah jenen Sieg voraus, den das Wort für ihn davontragen würde. Denn da die Kraft in der Schwachheit vollendet wurde, zeigte es die Güte Gottes und seine allgewaltige Kraft. Wie er nämlich geduldig hinnahm, daß Jonas von dem Walfisch verschlungen wurde, nicht um verschlungen zu werden und gänzlich zugrunde zu gehen, sondern damit er ausgespieen wurde und Gott besser gehorchte und den mehr verherrlichte, der ihm das unerwartete Heil geschenkt hatte, und zu rechter Buße die Niniviten führte, damit sie sich zu Gott, der sie vom Tode errettet hatte, bekehrten, da sie durch das Zeichen erschreckt worden waren, das er an Jonas getan hatte, gemäß dem Worte der Schrift: ‚Und sie bekehrten sich ein jeder von seinem bösen Wege und von der Ungerechtigkeit, die an ihren Händen war, indem sie sagten: Wer weiß, ob Gott nicht Mitleid haben und seinen Zorn von uns abwenden wird, und wir nicht untergehen werden‘: so ließ Gott auch im Anfang zu, daß der Mensch von dem großen Walfisch, welcher der Urheber der Übertretung war, verschlungen wurde, aber nicht um verschlungen zu werden und gänzlich unterzugehen. Vielmehr bereitete Gott die Annahme des Heils sorgfältig vor, die durch das Wort in dem Zeichen des Jonas geschehen sollte für die, welche dieselbe Gesinnung wie Jonas in Betreff Gottes haben und wie jener bekennen and sprechen würden: ‚Ein Knecht des Herrn bin ich und ich verehre den Herrgott des Himmels, der das Meer und die Erde geschaffen hat.‘ Denn indem der Mensch wider alle Hoffnung von Gott das Heil empfing, sollte er von den Toten auferstehen und Gott preisen und mit dem Propheten Jonas bekennen: ‚Ich habe gerufen zu dem Herrn, meinem Gott, in meiner Betrübnis, und er hat mich erhört aus dem Bauche der Unterwelt.‘ Und immer sollte er verharren in der Lobpreisung Gottes und ohne Unterlaß Dank sagen für das Heil, das er von ihm erlangt hatte, damit kein Fleisch vor dem Herrn sich rühme, noch jemals von Gott die irrige Meinung erhalte, daß eine Unsterblichkeit ihm von Natur aus zukomme, oder von der Wahrheit abweichend, sich in eitlem Stolze brüste, als ob er von Natur Gott gleich wäre. Das wäre ein noch größerer Undank gegen den Schöpfer und würde die Liebe Gottes zu den Menschen verdunkeln und den Sinn des Menschen verblenden, daß er nicht mehr fühlte, was Gottes würdig ist, wenn er sich mit Gott vergliche und sich ihm gleich hielte.

Das war also die Langmut Gottes, daß der Mensch, durch alles hindurchgehend und seine sittliche Aufgabe erkennend, schließlich zur Auferstehung von den Toten gelangte und aus Erfahrung lernte, woher er erlöst wurde, und immer dankbar gegen Gott war, weil er von ihm das Geschenk der Unvergänglichkeit erlangt hatte und ihn deswegen mehr liebte — wem nämlich viel vergeben wird, der liebt mehr —, sich selbst aber als sterblich und schwach erkannt hatte. Auch sollte er verstehen, daß Gottes Unsterblichkeit und Macht sich so weit erstreckt, daß er auch dem Sterblichen Unsterblichkeit und dem Zeitlichen Ewigkeit verleiht, und alle übrigen Gnadenerweise Gottes begreifen, die sich an ihm offenbarten, und daraus lernen und fühlen, wie groß Gott ist. Denn des Menschen Ruhm ist Gott, das Werk Gottes und das Gefäß seiner Weisheit und Kraft ist der Mensch. Wie der Arzt an den Kranken sich als tüchtig erweist, so offenbart sich Gott an den Menschen. Deswegen sagt auch Paulus: ‚Es verschloß aber Gott alles im Unglauben, um sich aller zu erbarmen.‘ Das sagte er nicht von den geistigen Äonen, sondern von dem Menschen, der gegen Gott ungehorsam gewesen und von der Unsterblichkeit ausgeschlossen war, dann aber Barmherzigkeit erlangte, indem er durch den Sohn Gottes allein an Kindesstatt angenommen wurde. Wer nämlich ohne Prahlerei und Aufgeblasenheit die wahre Ehre der Geschöpfe und des Schöpfers, d. h. des allmächtigen Gottes, der allen das Dasein verleiht, im Auge behält, und in der Liebe, Demut und Dankbarkeit verharrt, der wird noch größere Herrlichkeit von ihm empfangen und fortfahrend dem ganz ähnlich werden, der für ihn gestorben ist. Nahm doch auch er die Ähnlichkeit des sündigen Fleisches an, um die Sünde zu verurteilen und sie gleichsam aus dem Leibe zu verbannen, den Menschen aber zu seiner Nachfolge aufzurufen, indem er ihn zur Nachahmung Gottes bestimmte und ihm Gott als Richtschnur vorhielt, damit er ihn schaue. So machte das Wort Gottes, das im Menschen wohnte, den Menschen fähig, den Vater zu begreifen, und wurde zum Menschensohne, damit der Mensch sich gewöhne, Gott aufzunehmen, und Gott sich gewöhne, im Menschen zu wohnen nach dem Wohlgefallen des Vaters.

Demgemäß ist der Herr selbst jener als Zeichen unseres Heils aus der Jungfrau verheißene Emmanuel. Er war es, der da die erlöste, die aus sich selbst nicht erlöst werden konnten. Auf diese Schwäche des Menschen weist Paulus hin, wenn er sagt: ‚Ich weiß ja, dass in meinem Fleische nicht das Gute wohnt.‘ Oder mit anderen Worten: Nicht aus uns, sondern aus Gott ist das Gut unseres Heils. Und wiederum spricht er: ‚Ich armer Mensch, wer wird mich erlösen von dem Körper dieses Todes?‘ Dann nennt er als Erlöser: ‚Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi.‘ Dasselbe lehrt auch Isaias: ‚Werdet stark, ihr müden Hände und ihr schwankenden Knie, ermuntert euch, ihr Kleinmütigen, werdet stark und fürchtet euch nicht: Siehe, unser Gott wird Gericht abhalten und vergelten, er selbst wird kommen und uns erlösen.‘ Also nicht aus uns, sondern durch Gottes Hilfe sollen wir gerettet werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,20,1-3)


(Gustave Doré, Darstellung des Himmels (Illustration zu Dantes „Paradiso“).)

Tatian, ein Schüler von Justin dem Märtyrer (s. Teil 1), schreibt ca. in den 170ern folgendes.

Er richtet sich gegen den heidnischen Schicksalsglauben und die Astrologie:

„Wir aber sind über das Fatum [=Schicksal] erhaben und kennen statt der irrenden Dämonen nur den einen, nicht irrenden Herrn: darum haben wir, frei von der Herrschaft des Fatums, diejenigen verworfen, die es zum Gesetze gemacht haben.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 9)

Der freie Wille des Menschen hat die Sünde und den Tod hervorgebracht:

„Stirb der Welt, indem du der Tollheit ihres Treibens entsagst; lebe für Gott, indem du dich durch Erkenntnis seines Wesens des alten Menschen entledigst. Wir sind nicht zum Sterben geboren: wir sterben durch eigene Schuld. Zugrunde gerichtet hat uns die Freiheit unseres Willens: Sklaven sind wir geworden, die wir frei waren, und durch die Sünde sind wir verkauft. Nichts Böses ist von Gott geschaffen, die Bosheit haben erst wir hervorgebracht: aber die sie hervorgebracht, können sie auch wieder abtun.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 11,5f.)

Anders als andere Theologen war Tatian der Ansicht, dass die Seele nicht an sich unsterblich wäre und die Seelen der Sünder zuerst sterben, am Jüngsten Tag wieder entstehen und dann erst bestraft werden würden; außerdem macht er deutlich, dass die Erlösung von Gott kommt, aber der Mensch mitarbeiten muss:

„Nicht unsterblich, ihr Bekenner des Griechentums, ist unsere ‚Seele‘ an sich, sondern sterblich: sie kann aber trotzdem dem Tode entrinnen. Denn sie stirbt und erfährt zusammen mit dem Körper ihre Auflösung,  wenn sie die Wahrheit nicht erkannt hat; später, am Ende des Weltlaufs, steht sie freilich mit dem Körper auf, aber nur, um als Strafe den Tod in der Unsterblichkeit zu empfangen: dagegen stirbt sie überhaupt nicht, mag auch ihre zeitweilige Auflösung erfolgen, wenn sie mit der Erkenntnis Gottes ausgerüstet ist. An und für sich ist sie Finsternis und kein Licht ist in ihr und hierauf eben bezieht sich das Wort: ‚Die Finsternis fasset nicht das Licht‘. Denn nicht die Seele ist es, die den Geist rettet, sondern sie wird von ihm gerettet und ‚das Licht fasset die Finsternis‘, wobei der Logos als das von Gott ausgehende ‚Licht‘, als ‚Finsternis‘ aber die unkundige Seele zu verstehen ist. Wenn sie daher allein für sich lebt, so neigt sie sich niederwärts zur Materie und stirbt zugleich mit dem Fleische; hat sie aber Gemeinschaft mit dem göttlichen Geiste, so ist sie nicht hilflos, sondern steigt hinauf in jene Lande, zu denen sie der Geist führt: denn seine Wohnung ist in der Höhe, ihr Ursprung dagegen in der Tiefe. Im Anfang also wohnte der Geist mit der Seele zusammen; der Geist aber hat sie verlassen, als sie ihm nicht folgen wollte. Doch da sie gleichsam einen Funken seiner Kraft behielt und nur infolge der Scheidung das Vollkommene nicht erschauen konnte, suchte sie Gott in der Irre und bildete sich viele Götter, indem sie den streitsüchtigen Dämonen folgte. Der Geist Gottes ist nun nicht mehr bei allen Menschen; bei einigen aber, deren Wandel gerecht war, ist er eingekehrt und vermählte sich mit ihrer Seele, um durch Weissagungen den übrigen Seelen das Verborgene kundzutun: und die Seelen, die der Weisheit folgten, zogen den verwandten Geist an sich, die aber nicht folgten und den Boten des Gottes, der gelitten hat, verschmähten, die zeigten sich mehr als Gottesfeinde, denn als Gottesdiener.

Etwas Ähnliches seid auch ihr Bekenner des Griechentums: in Worten großmäulig, aber im Erkennen schwachsinnig, habt ihr sogar die Vielherrschaft statt der Alleinherrschaft ins Werk gesetzt, um den vermeintlich mächtigen Dämonen zu folgen. Aber wie die Räuber in ihrer Unmenschlichkeit ihresgleichen frech zu überwältigen pflegen, so haben auch die Dämonen euere vereinsamten Seelen in den Pfuhl der Bosheit geführt und mit Lügen und Gaukeleien getäuscht. Da sie nicht leicht den (physischen Tod) sterben, zumal sie ohne Fleisch sind, so können sie zwar fortlebend Werke des (Sünden-) Todes verrichten, sterben aber trotzdem (obwohl sie fortleben) gerade so oft (den Sündentod), als sie ihre Anhänger im Sündigen unterrichten; was sie also derzeit vor den Menschen voraushaben: nicht wie die Menschen (den physischen Tod) sterben zu müssen, das (der ewige Tod der Verdammten) wird sie einst treffen, wenn sie gerichtet werden, indem sie dann keinen Anteil haben werden am ewigen Leben, das sie etwa (wie die Gerechten) statt ewigen Todes gewinnen könnten. Wie vielmehr wir, denen jetzo das Sterben leicht fällt, nachher entweder die ewige Glückseligkeit oder die ewige Verdammnis erlangen werden, so werden auch die Dämonen, die das jetzige Leben immerdar zu Freveln mißbrauchen und so schon während ihres Lebens sterben, dereinst derselben ewigen Verdammnis (wie die Ungerechten) anheim fallen gemäß ihrer Beschaffenheit, die fürwahr keine andere ist als bei jenen Menschen, die aus freien Stücken vollbrachten, was ihnen die Dämonen zu ihren Lebzeiten vorgeschrieben haben, ganz zu schweigen davon, daß sich natürlich bei den Menschen, die ihnen folgen, weniger Arten von Sünden entwickeln, da ihr Leben nur kurz ist, jene Dämonen aber die Frevel häufen, weil ihr Leben unbegrenzte Dauer hat.

So bleibt uns nichts übrig, als nach dem, was wir besaßen und verloren haben, jetzt zu suchen: die Seele mit dem heiligen Geist zu verbinden und die gottgewollte Vermählung mit ihm zu bewirken.

[…] Unvergleichbar ist nur das absolut Seiende (d.i. Gott), vergleichbar nur das Ebenbildliche (d.i. der Mensch). Unfleischlich ferner ist der vollkommene Gott, der Mensch aber ist Fleisch: das Band seines Fleisches ist die Seele, Träger seiner Seele das Fleisch. Nehmen wir nun an, dieser so gestaltete (aus Fleisch und Seele bestehende) Organismus gleiche einem Tempel, so will Gott in ihm wohnen durch den Geist, seinen Abgesandten; ist er aber kein solches Heiligtum, so ist der Mensch den Tieren nur durch seine artikulierte Stimme überlegen und, da seine anderen Lebensäußerungen durchaus den tierischen gleichen, auch kein ‚Gleichnis Gottes‘. […] Doch die Menschen haben nach dem Verlust der Unsterblichkeit durch die im Glauben vollzogene Selbstabtötung den Tod besiegt und mittels der Buße ward ihnen Berufung zuteil gemäß dem Worte: ’nachdem sie nur eine kurze Zeit unter die Engel erniedrigt worden waren‘. Jeder Besiegte kann eben wiederum siegen, wenn er den Zustand des Todes abtut. Was darunter zu verstehen sei, werden die Menschen, die nach der Unsterblichkeit streben, leicht erkennen. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 13-15)

„Daher müssen wir in dem sehnsüchtigen Streben nach dem ursprünglichen Zustande alles abwerfen, was uns hindern kann. […] Möglich aber ist es für jeden, der entblößt ist, jenes Kleinod (den himmlischen Harnisch) zu erlangen und so zur ursprünglichen Gemeinschaft (der Seele mit dem Geiste) zurückzukehren. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 20,3.7)

„Denn wir wissen, daß die Natur des Bösen der des kleinsten Samenkornes gleicht, das ja schon bei geringer Veranlassung Wurzel faßt, aber wiederum ausgerodet werden wird, wenn wir dem Worte Gottes gehorchen und uns nicht selbst aus seinem Schutz verjagen. Durch einen verborgenen Schatz nämlich ist das Wort Herr über all das Unsrige geworden, einen Schatz, bei dessen Ausgrabung wir zwar mit Staub bedeckt werden, dem Worte aber erst die Möglichkeit bieten, bei uns zu sein. Denn wer des Wortes ganzen Besitz erringt, der hat damit die Macht über den kostbareren Reichtum empfangen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 30,2f.)

Theophilus von Antiochia schreibt um 180 n. Chr. folgendes.

Über Glaube und Werke:

„Sei also nicht ungläubig, sondern gläubig, denn auch ich habe einst nicht geglaubt, daß es also sein wird. Jetzt aber habe ich die Sache erwogen und glaube, weil mir zugleich auch die hl. Schriften der hl. Propheten in die Hände kamen, die da im Geiste Gottes voraussagten die Vergangenheit, wie sie war, die Gegenwart, wie sie ist, und die Zukunft, wie sie sein wird. Da ich nun die Gegenwart und die Weissagungen derselben als Zeugnis habe, bin ich nicht mehr ungläubig, sondern glaube, gehorsam gegen Gott. Und diesem gehorche doch auch du im Glauben, damit du nicht, jetzt ungläubig, einst zu deinem Schmerze, in den ewigen Strafen nämlich, glauben mußt! […] So nimm denn auch du mit gutem Willen und ehrfurchtsvoll die prophetischen Schriften zur Hand, und sie werden dir deutlicher den Weg zeigen, wie du den ewigen Strafen entfliehen und die ewigen Güter Gottes erlangen kannst. Denn derjenige, der den Mund gegeben zum Sprechen, der die Ohren gebildet zum Hören und die Augen erschaffen hat zum Sehen, wird alles zur Rechenschaft ziehen und ein gerechtes Urteil fällen und jedem nach Verdienst seinen Lohn geben. Denen, die mit Beharrlichkeit in guten Werken die Unsterblichkeit suchen, wird er geben ewiges Leben, Freude, Friede, Ruhe und eine Fülle von Gütern, wie sie kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, noch in eines Menschen Herz gekommen; den Ungläubigen aber, den Verächtern, die der Wahrheit nicht beipflichten, sondern der Ungerechtigkeit sich hingeben, indem sie sich wälzen im Ehebruch, Hurerei, Knabenschändung, Übervorteilung anderer, in lasterhaftem Götzendienst: Zorn, Ungnade, Trübsal und Angst; und zuletzt wird solchen das ewige Feuer zuteil werden.“ (Theophilus, An Autolykus I,14)

Freier Wille:

„Der Mensch ist also von Natur weder sterblich noch unsterblich erschaffen. Denn hätte ihn Gott von Anfang an unsterblich erschaffen, so hätte er ihn zum Gotte gemacht; hinwiederum, wenn er ihn sterblich erschaffen hätte, so würde es scheinen, als ob Gott an seinem Tode schuld sei. Weder unsterblich also noch auch sterblich hat er ihn erschaffen, sondern, wie gesagt, fähig für beides, daß er, wenn er durch die Beobachtung des göttlichen Gebotes der Unsterblichkeit sich zuwendete, die Unsterblichkeit als Lohn von Gott empfing und ein Gott würde, hinwiederum aber, wenn er durch Ungehorsam gegen Gott sich auf Seite des Todes stellte, selbst die Ursache seines Todes würde. Denn Gott hat den Menschen mit Freiheit und Selbstbestimmung begabt erschaffen. Was er sich nun durch seinen Leichtsinn und Ungehorsam zugezogen, das gibt ihm Gott jetzt seinerseits als Geschenk aus Liebe und Erbarmung, wenn sich der Mensch gehorsam unterwirft. Denn gleichwie der Mensch durch seinen Ungehorsam dem Tode hörig geworden ist, so kann durch Gehorsam gegen den Willen Gottes jeder, der will, sich das ewige Leben erwerben. Gott hat uns nämlich sein Gesetz und heiligen Gebote gegeben, auf daß durch deren Erfüllung ein jeder das Heil erlangen, zur Auferstehung gelangen und die Unverweslichkeit erben kann.(Theophilus, An Autolykus II,27)

Da wäre Athenagoras, der ca. 176/177 n. Chr. schrieb.

Himmel als Lohn:

„Würden wir uns nun solcher Reinheit befleißen, wenn wir nicht glaubten, daß Gott über der Menschheit walte? Gewiß nicht; sondern weil wir überzeugt sind, daß wir Gott, der uns und die Welt erschaffen hat, über unser ganzes Erdenleben einst Rechenschaft geben müssen, deshalb entscheiden wir uns für das maßvolle, menschenfreundliche und unscheinbare Leben, im Glauben, daß uns hier auf Erden, selbst wenn man uns das Leben nimmt, kein Übel zustoßen wird, das so groß ist wie die Güter, die wir im Jenseits aus der Hand des erhabenen Richters für unser sanftmütiges, menschenfreundliches und anständiges Leben erhalten werden.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 12) (Hier verteidigt er die Christen gegen den Vorwurf des Atheismus)

Freier Wille bei Menschen und Engeln:

„Wie aber nun unter den Menschen, deren Tugend und Schlechtigkeit freier Willensentscheidung entspringen (Ihr würdet ja sonst die Guten nicht auszeichnen und die Bösen nicht strafen, wenn Tugend und Schlechtigkeit nicht von ihnen selbst abhinge), die einen in dem ihnen von Euch anvertrauten Amte als eifrig, die andern als unzuverlässig befunden werden, so steht es auch bei den Engeln.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24)

In einem Märtyrerbericht über das Martyrium des hl. Apollonius (Mitte der 180er) wird der Himmel als Lohn für die Guten beschrieben:

„Dieser unser Erlöser Jesus Christus, als Mensch geboren in Judäa, in allem gerecht und erfüllt mit göttlicher Weisheit, lehrte uns menschenfreundlich, wer der Gott des Weltalls und welches der Endzweck der Tugend zu einem heiligen Leben ist, in Anpassung an die Seelen der Menschen. Durch sein Leiden hat er der Herrschaft der Sünden ein Ende gemacht. Er lehrte nämlich, den Zorn zu bändigen, die Begierde zu mäßigen, die Gelüste zu zügeln, die Traurigkeit zu bannen, verträglich zu sein, die Liebe zu mehren, die Eitelkeit abzulegen, sich nicht zur Rache gegen Beleidiger hinreißen zu lassen, den Tod auf Grund eines Richterspruches zu verachten, nicht weil man Unrecht getan hat, sondern indem man es geduldig erträgt, ferner dem von ihm gegebenen Gesetze zu gehorchen, den Kaiser zu ehren, Gott aber, der allein unsterblich ist, anzubeten, an die Unsterblichkeit der Seele und eine Vergeltung nach dem Tode zu glauben, einen Lohn für die Tugendbestrebungen zu erhoffen nach der Auferstehung, die von Gott denen zuteil werden soll, die fromm gelebt haben. Indem er dieses uns nachdrücklich lehrte und durch viele Beweise uns davon überzeugte, erwarb er sich selbst großen Ruhm der Tugend, wurde aber auch von den Ungelehrigen beneidet, wie schon die Gerechten und Philosophen vor ihm; denn die Gerechten sind den Ungerechten verhaßt. […]

Und wenn das ein Irrglaube ist, wie ihr meint, die Ansicht, die Seele sei unsterblich und es gebe nach dem Tode ein Gericht und eine Belohnung der Tugend in der Auferstehung und Gott sei der Richter, so werden wir gerne diese Täuschung hinnehmen, durch die wir am meisten das tugendhafte Leben kennen gelernt haben in der Erwartung der zukünftigen Hoffnung, wenn wir auch das Gegenteilige leiden. (Martyrium des hl. Apollonius 36-38.42)

Minucius Felix schreibt um 200 n. Chr. in einem Werk, das den Dialog eines Christen mit einem Heiden wiedergibt, über den freien Willen; Gott wisse die Handlungen des Menschen vorher, bestimme sie aber nicht vorher:

„Suche sich niemand mit einem Verhängnis zu trösten oder sein Endschicksal zu entschuldigen. Angenommen, das Lebensgeschick hänge vom Zufall ab, so ist doch der Geist frei und deshalb bildet die Handlungsweise des Menschen, nicht seine Stellung, den Gegenstand des Urteils. Was ist denn das Verhängnis anderes, als was Gott über einen jeden von uns bestimmt hat. Da er unseren Charakter zum voraus kennt, bestimmt er entsprechend den Verdiensten und Eigenschaften der einzelnen auch ihre Geschicke. So wird an uns nicht unser angeborenes Naturell bestraft, sondern unsere Geistesrichtung. Doch genug vom Verhängnis, wenn es auch wenig ist für jetzt; wir wollen ein anderes Mal ausführlicher und erschöpfender darüber handeln.“ (Minucius Felix, Octavius 36,1f.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (kleine Auswahl):

AT: Dtn 30,15-20; Sir 15,11-20; Sir 17; Ez 18.

NT: Joh 3; Mt 7,21-23; Jak 2; Mt 25,31-46; Mt 13; Mk 16,16; Lk 15; Joh 12,44-50; Tit 3,3-8; Röm 1-8; Gal 3; 1 Kor 9,23-27; 1 Tim 6,12.

Weil sehr viele Stellen zusammengekommen sind, die irgendwie dieses Thema behandeln, und ich ein wirklich umfassendes Bild präsentieren will, damit gerade Protestanten sich überzeugen können, dass ich hier kein „cherry-picking“ betreibe, habe ich Teil 8 auf zwei Artikel aufgeteilt. Bei diesen Stellen wird folgendes immer wieder deutlich:

  • die Rettung hängt von Gott ab, der Mensch kann seine Gnade nur annehmen, aus eigener Kraft könnte er sich nicht retten
  • diese Gnade wird allen angeboten – allgemeiner Heilswille Gottes
  • der Mensch antwortet auf Gottes Gnade mit dem Glauben, der sich auch in den Werken zeigen muss; die Werke sind heilsrelevant
  • der freie Wille der Menschen; der heidnische (stoische) Schicksalsglaube wird klar abgelehnt (besonders z. B. bei Justin dem Märtyrer und Minucius Felix)
  • das einmal empfangene Heil kann verloren gehen, wenn jemand wieder schwere Sünden begeht (und dann durch Reue und Buße wiedererlangt werden)
  • wer in die Hölle kommt, ist selbst schuld; die Gebote sind erfüllbar
  • die Verdienstlichkeit der Werke
  • die Tatsache, dass Sünden verschieden schwer sind

Die Stellen sind grob chronologisch geordnet, nicht thematisch. Im 1. Teil kommt alles bis etwa zur Mitte des 2. Jahrhunderts (Didache, 1. Clemensbrief, Ignatiusbriefe, Brief des Polykarp von Smyrna, Barnabasbrief, Hirte des Hermas, Werke von Justin dem Märtyrer, Apologie des Aristides, 2. Clemensbrief und noch der schwer zu datierende Diognetbrief, die Epistula Apostolorum und die christlichen Sibyllinen), im 2. alles aus dem späteren 2. Jahrhundert (hauptsächlich Aussagen aus dem umfangreichen Werk des Irenäus von Lyon, außerdem Justins Schüler Tatian, Theophilus von Antiochia, Athenagoras und Minucius Felix, und ein Märtyrerbericht).

Speziell zum Sündenfall und der Erbsünde, die ja auch mit der Rechtfertigungslehre zusammenhängen, s. Teil 7.

Hervorhebungen alle von mir.

In der Didache (ca. 100 n. Chr), einer Gemeindeordnung, heißt es über den Weg des Lebens und den Weg des Todes:

„Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode; der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß.

Der Weg des Lebens nun ist dieser: ‚erstens du sollst deinen Gott lieben, der dich erschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst‘; ‚alles aber, von dem du willst, daß man es dir nicht tue, das tue auch du keinem anderen.'“ (Didache 1,1f.)

„Der Weg des Todes aber ist dieser: vor allem ist er schlecht und voll von Fluch: ‚Mord, Ehebruch, Leidenschaft, Unzucht, Diebstahl, Götzendienst, Zauberei, Giftmischerei, Raub, falsches Zeugnis, Heuchelei, Falschheit, Hinterlist, Stolz, Bosheit, Anmaßung, Habsucht, üble Nachrede, Missgunst, Frechheit, Hoffart, Prahlerei, Vermessenheit‘. Leute, die das Gute verfolgen, die Wahrheit hassen, die Lüge lieben, den Lohn der Gerechtigkeit nicht kennen, ‚dem Guten nicht nachstreben‘ und nicht dem gerechten Urteil, die ein wachsames Auge haben nicht für das Gute, sondern für das Schlechte; Leute, die weit entfernt sind von Sanftmut und Geduld, ‚die Eitles lieben, nach Lohn trachten‘, die kein Mitleid haben mit den Armen, sich nicht annehmen um den Bedrückten, die ihren Schöpfer nicht kennen, ‚ihre Kinder töten‘, das Gebilde Gottes (im Mutterleibe) umbringen, vom Bedürftigen sich abkehren, den Elenden unterdrücken, den Reichen beistehen, die Armen gegen das Gesetz richten, in allem sündigen; reißet euch los, Kinder, von allen diesen.“ (Didache 5)

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt in einem Brief an die Korinther ca. im Jahr 95 n. Chr. folgendes.

Rettung aus Gnade durch Glaube:

„Suchen wir uns also seinen Segen und schauen wir, welches die Wege seines Segens sind! Lasset uns die Geschichte von Anfang an betrachten! Weswegen wurde unser Vater Abraham gesegnet? Nicht deshalb, weil er Gerechtigkeit und Wahrheit übte durch Glauben? Isaak ließ sich voll Vertrauen, da er die Zukunft kannte, freudig zum Opfer bringen. Jakob verließ demütigen Sinnes seine Heimat wegen des Bruders, ging zu Laban und diente ihm, und ihm wurden verliehen die zwölf Stämme Israels.“ (1. Clemensbrief 31)

Alle haben demnach Ehre und Herrlichkeit erlangt nicht durch sich selbst oder durch ihre Werke oder wegen ihrer Gerechtigkeit, die sie übten, sondern durch seinen Willen. Und auch wir, die wir durch seinen Willen in Christus Jesus berufen sind, werden nicht durch uns selbst gerechtfertigt noch durch unsere Weisheit oder Einsicht oder Frömmigkeit oder durch die Werke, die wir vollbracht haben in der Heiligkeit des Herzens, sondern durch den Glauben, durch den alle von Anbeginn an der allmächtige Gott gerechtfertigt hat. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Was sollen wir demnach tun, Brüder? Sollen wir ablassen von guten Werken und die Liebe aufgeben? Möge es der Herr niemals zugeben, dass dies bei uns geschehe, sondern beeilen wir uns, mit Beharrlichkeit und Bereitwilligkeit jedes gute Werk zu vollbringen. Denn der Schöpfer und Herr des Weltalls frohlockt über seine Werke. […] Beachten wir, dass alle Gerechte mit guten Werken verherrlicht waren und dass der Herr selbst, nachdem er sich selbst durch gute Werke verherrlicht hatte, darüber erfreut war. Da wir nun ein solches Vorbild haben, wollen wir unverzüglich seinem Willen nachkommen; mit all unserer Kraft wollen wir Werke der Gerechtigkeit tun.

Der gute Arbeiter nimmt freimütig das Brot für seine Arbeit, der faule und untätige aber wagt nicht, dem Blicke seines Arbeitgebers zu begegnen. Daher ist es nötig, dass wir bereit sind zu guten Werken; von ihm kommt ja alles. Er sagt nämlich zu uns: ‚Siehe, hier ist der Herr und sein Lohn ist vor ihm, damit er jedem gebe nach seinem Werke.‘ Deshalb ermahnt er uns, die wir aus ganzem Herzen ihm vertrauen, weder träge noch nachlässig zu sein ‚in jeglichem guten Werke‘. Unser Ruhm und unsere Zuversicht sei in ihm; seinem Willen wollen wir uns fügen; denken wir an die ganze Schar seiner Engel, wie sie bereit stehen, seinen Willen zu erfüllen. Denn die Schrift sagt: ‚Zehntausendmal zehntausend standen vor ihm, und tausendmal tausend dienten ihm und riefen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Sabaoth, die ganze Schöpfung ist voll seiner Herrlichkeit.‘ Auch wir, in Eintracht versammelt, einmütigen Sinnes, wollen wie aus einem Munde anhaltend zu ihm rufen, damit wir teilhaftig werden seiner großen und herrlichen Verheißungen. Er sagt ja: ‚Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die auf ihn harren.‘ […]

Was nun fürwahr ist denen bereitet, die ausharren? Der Schöpfer und Vater der Ewigkeit, der Allheilige selbst kennt die Größe und Schönheit dieser Güter. Wir nun wollen kämpfen, damit wir erfunden werden in der Zahl derer, die ausharren, auf dass wir teilhaben an den versprochenen Gütern. Wie aber wird das geschehen, Geliebte? Wenn unsere Gesinnung in Treue gefestigt ist gegen Gott, wenn wir nachstreben dem, was ihm angenehm und wohlgefällig ist, wenn wir tun, was seinem heiligen Willen entspricht, wenn wir gehen auf dem Wege der Wahrheit, wenn wir wegwerfen von uns alles Unrecht und alle Schlechtigkeit, Habsucht, Streit, Bosheit und Hinterlist, Verleumdung und üble Nachrede, Hass gegen Gott, Aufgeblasenheit und Prahlerei, Eitelkeit und ungastliches Wesen. Denn wer solches tut, ist bei Gott verhasst; aber nicht allein die solches tun, sondern auch die, welche ihnen zustimmen. Es sagt nämlich die Schrift: ‚Zu dem Sünder aber sprach Gott: Warum zählst du meine Satzungen auf und warum nimmst du meinen Bund in deinen Mund? Du hast die Zucht gehasst und hast meine Worte verworfen. Wenn du einen Dieb sähest, gingst du mit ihm, bei den Ehebrechern hattest du Anteil. Dein Mund ging über von Schlechtigkeit, und deine Zunge spann trügerische Tücke. Du setztest dich hin und sprachest gegen deinen Bruder, und dem Sohn deiner Mutter stelltest du eine Falle. Das tatest du, und ich habe geschwiegen. Du nahmst an, Gottloser, dass ich dir gleich sei. Ich werde dich überführen und dein Antlitz gegen dich kehren. Beherziget dies, ihr Gottvergessenen, damit er euch nicht wegschleppe wie ein Löwe und niemand da sei, der rettet; ein Lobopfer wird mich ehren, und dort ist der Weg, den ich ihm zeigen will, das Heil Gottes.‘

Das ist der Weg, Geliebte, auf dem wir unser Heil finden, Jesus Christus, den Hohenpriester unserer Opfergaben, den Anwalt und Helfer in unserer Schwäche. Durch ihn streben wir standhaft nach den Höhen des Himmels, durch ihn schauen wir sein heiliges und erhabenes Antlitz, durch ihn wurden die Augen unseres Herzens geöffnet, durch ihn ringt sich unser unweiser und dunkler Verstand durch zum Licht, durch ihn wollte der Herr uns kosten lassen von dem unsterblichen Wissen, der, ‚da er der Abglanz ist seiner Majestät, um soviel größer ist als die Engel, um wieviel sein Name sich unterscheidet, den er erhalten hat‘. Es steht nämlich also geschrieben: ‚Der Geister zu seinen Boten macht und Feuerflammen zu seinen Dienern‘. Zu seinem Sohne aber sprach der Herr also: ‚Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt; verlange von mir, und ich will dir Völker geben zum Erbe und zu deinem Besitze die Enden der Erde.‘ Und wiederum sagt er zu ihm: ‚Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege.‘ Welches sind aber die Feinde? Die Schlechten, die Gottes Willen sich widersetzen.

Lasset uns also kämpfen, Männer, Brüder, mit aller Ausdauer unter seinen untadeligen Gesetzen. […]

Wie denn? Soll denn ein Sterblicher rein sein vor Gott?(1. Clemensbrief 32,3-39,2)

Schön ausgedrückt finde ich es in dem kurzen Halbsatz: Durch ihn streben wir – alles Streben geht nur durch Ihn, aber es ist ein wirkliches Streben, das wir dann tun müssen.

Werke nötig fürs Heil:

„Wir wollen daher gehorchen seinem allheiligen und herrlichen Namen, um zu entgehen den erwähnten Drohungen, die seine Weisheit gegen die Ungehorsamen gerichtet hat, damit wir wohnen im Vertrauen auf seinen heiligsten und erhabensten Namen. Nehmet an unseren Rat, und es wird euch nicht gereuen. Denn es lebt Gott und es lebt der Herr Jesus Christus und der Heilige Geist, der Glaube und die Hoffnung der Auserwählten, dass der, welcher in Demut mit beharrlichem Gehorsam ohne Wanken die von Gott gegebenen Satzungen und Gebote hält, dass dieser wird eingeordnet und eingereiht werden in die Zahl der durch Jesus Christus Geretteten, durch den ihm die Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ (1. Clemensbrief 58)

Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg nach Rom zu seinem Prozess und Martyrium folgendes.

Kein Glaube ohne Werke; man muss treu bleiben bis zum Ende:

„Davon bleibt euch nichts verborgen, wenn ihr vollkommen seid in Glaube und Liebe zu Jesus Christus; denn das ist Anfang und Ende des Lebens. Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Diese beiden, zur Einheit verbunden, sind Gott! Alles Übrige, was zum rechten Leben gehört, folgt aus diesen. Keiner, der den Glauben bekennt, sündigt, und keiner, der die Liebe besitzt, hasst. Den Baum erkennt man an seinen Früchten; so werden die, welche sich zu Christus bekennen, an ihren Werken erkannt werden. Denn jetzt kommt es nicht an auf das Bekenntnis, sondern darauf, dass einer in der Kraft des Glaubens befunden wird bis ans Ende.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 14)

„Niemand lasse sich täuschen; sogar die himmlischen Mächte und die Herrlichkeit der Engel und die sichtbaren und unsichtbaren Herrscher, auch sie müssen des Gerichtes gewärtig sein, wenn sie nicht an das Blut Jesu Christi glauben. Wer es fassen kann, der fasse es! Keinen blähe seine Stellung auf; das Ganze nämlich ist Glaube und Liebe; diese übertrifft nichts. Lernet sie kennen, die Sonderlehren aufstellen über die Gnade Jesu Christi, die zu uns gekommen ist, wie sehr sie dem Willen Gottes entgegen sind! Um die (Nächsten-) Liebe kümmern sie sich nicht, nicht um die Witwe, nicht um die Waise, nicht um den Bedrängten, nicht um den Gefangenen oder Freigegebenen, nicht um den Hungernden und Dürstenden. (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 6)

„Denn falls wir in ihm allen Übermut des Fürsten dieser Welt ertragen und meiden, werden wir Gottes teilhaftig werden.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 1)

Verdienstlichkeit der Werke:

„Gewinnet die Zufriedenheit eures Kriegsherrn, von dem ihr ja auch den Sold empfanget; keiner werde fahnenflüchtig. Eure Taufe bleibe als Rüstung, der Glaube als Helm, die Liebe als Speer, die Geduld als volle Rüstung. Eure Einlage seien eure Werke, damit ihr würdig euren Lohn empfanget.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 6,2)

Polykarp von Smyrna, einer der Empfänger von Ignatius‘ Briefen, schrieb kurze Zeit später einen Brief an die Philipper.

Erlösung durch Gnade:

„und weil gefestigt ist die Wurzel eures Glaubens, der seit ursprünglichen Zeiten verkündet wird, bis heute fortlebt und Früchte bringt für unseren Herrn Jesus Christus, der es auf sich nahm, für unsere Sünden bis in den Tod zu gehen, den Gott auferweckt hat, nachdem er die Leiden der Unterwelt gelöst hatte; an den ihr, ohne ihn gesehen zu haben, glaubet in unaussprechlicher und herrlicher Freude, in die viele einzugehen wünschen, weil sie wissen, dass ihr durch die Gnade erlöst seid nicht kraft der Werke vielmehr nach dem Willen Gottes durch Jesus Christus.“ (Brief Polykarps an die Philipper 1,2f.)

Im Barnabasbrief finden sich auch ein paar Stellen.

Werke sind nötig, um die Erlösung, die durch Jesus geschehen ist, zu bewahren:

„Der Weg des Lichtes nun ist dieser: Wenn einer seinen Weg gehen will bis zum vorgesteckten Ziele, so soll er sich beeilen durch seine Werke. Die Erkenntnis nun, die uns gegeben wurde darüber, wie wir auf diesem Wege wandeln müssen, ist also: Liebe den, der dich erschaffen, fürchte den, der dich gebildet, verherrliche den, der vom Tode dich erlöst hat! Sei geraden Herzens und reich im Geiste! Verkehre nicht mit denen, die wandeln auf dem Wege des Todes! Hasse alles, was Gott nicht gefällt, hasse jegliche Heuchelei! Versäume nichts von Gottes Geboten!“ (Barnabasbrief 19,1f.)

Wer verloren geht, ist selbst schuld:

„Es sagt aber die Schrift: ‚Nicht mit Unrecht werden Netze ausgespannt für die Vögel‘, das besagt, dass mit Recht ein Mensch zugrunde gehen wird, der sich wegbegibt auf den Weg der Finsternis, obwohl er den Weg der Gerechtigkeit kennt.“ (Barnabasbrief 5,4)

Das Heil kann also auch verloren gehen:

„Sorgfältig müssen wir also, Brüder, bedacht sein auf unser Heil, damit nicht der Böse einen Schlupfwinkel für den Irrtum in uns bereite und uns so wegschleudere von unserem Leben.“ (Barnabasbrief 2,10)

„Denn die ganze Zeit unseres Lebens und Glaubens wird uns nichts nützen, wenn wir nicht jetzt in der zuchtlosen Zeit und in den bevorstehenden Ärgernissen Widerstand leisten, wie es Kindern Gottes geziemt. Damit also der Schwarze sich nicht einschleichen könne, wollen wir vor jeglicher Eitelkeit fliehen, wollen wir ganz und gar hassen die Werke des bösen Wandels. Ziehet euch nicht auf euch selbst zurück und bleibet nicht allein, als ob ihr schon gerechtfertigt wäret, sondern kommet an einem Ort zusammen und strebet vereint dem nach, was der Gesamtheit nützlich ist. Denn die Schrift sagt: ‚Wehe denen, die sich selbst weise und die in ihren eigenen Augen verständig sind.‘ Werden wir doch Geistesmenschen, werden wir ein vollkommener Tempel für Gott! Streben wir, soviel es an uns liegt, nach der Furcht Gottes und ringen wir um die Erfüllung seiner Gebote, damit wir froh werden in seinen Satzungen. Der Herr wird die Welt richten ohne Ansehen der Person. Ein jeder wird empfangen nach seinen Werken. Wenn er gut ist, wird seine Gerechtigkeit ihm vorangehen; wenn er böse ist, wird der Lohn seiner Schlechtigkeit vor ihm her sein. (Hüten wir uns), dass wir nicht ausruhend wie Berufene einschlafen über unseren Sünden und der böse Fürst Gewalt über uns bekomme und uns hinausstoße aus dem Reiche des Herrn. Auch das bedenket noch, meine Brüder! Wenn ihr sehet, dass nach so vielen Zeichen und Wundern, die in Israel geschehen sind, sie auch so noch verlassen worden sind, dann wollen wir sorgen, dass nicht wir erfunden werden gemäß dem Worte der Schrift: ‚Viele sind berufen, aber wenige auserwählt.'“ (Barnabasbrief 4,9-14)

Über Taufe und Erbsünde:

„Als er nun uns erneuerte in der Vergebung unserer Sünden, da machte er uns zu einer anderen Art, so dass wir die Seele von Kindern haben, wie wenn er uns ein zweites Mal geschaffen hätte.“ (Barnabasbrief 6,11)

„Bevor wir nämlich unserem Gotte glaubten, war die Wohnung unseres Herzens dem Verderben zugänglich und schwach, wie ein wirklich von Händen erbauter Tempel, weil es voll war von Götzendienst und weil es war eine Behausung für Dämonen, weil wir taten, was Gott zuwider war. Er wird aber aufgebaut werden auf den Namen des Herrn. Gebet aber acht, auf dass der Tempel des Herrn prachtvoll aufgebaut werde. Wie? Das vernehmet! Da wir Verzeihung der Sünden erlangten und gehofft haben auf den Namen des Herrn, sind wir neu geboren worden, wiederum von neuem geschaffen; deshalb wohnt in uns im Gemache (unseres Herzens) Gott wahrhaftig. Wieso? Sein Wort der Treue, seine Berufung zur Verheißung, die Weisheit seiner Satzungen, die Forderungen seiner Lehre, ja er selbst, der in uns weissagt, er selbst, der in uns wohnt, der uns, dem Tode Unterworfenen, die Türe des Tempels, das ist den Mund öffnet, der uns Bußgeist verleiht, er zieht ein in den unvergänglichen Tempel.“ (Barnabasbrief 16,7-9)

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(Fra Angelico, Jüngstes Gericht.)

Im Hirten des Hermas, einer Privatoffenbarung eines römischen Laien, spätestens zwischen 140 und 155 entstanden, gibt es folgende Stellen.

Das Halten der Gebote ist nötig fürs Heil:

„‚Fürchte den Herrn‘, sprach er, ‚und halte seine Gebote; wenn du nämlich die Gebote Gottes hältst, wirst du mächtig sein in all deinem Tun, und dieses wird unvergleichlich sein. Denn in der Furcht des Herrn wirst du alles trefflich machen. Das ist die Furcht, die du haben musst, um das Heil zu erlangen. […] Fürchte also den Herrn, und du wirst ihm leben; und alle, die ihn fürchten und seine Gebote halten, werden in Gott leben.‘ ‚Warum, Herr‘, fragte ich, ’sagtest du von denen, die seine Gebote halten: Sie werden in Gott leben?‘ ‚Weil‘, entgegnete er, ‚weil jedes Geschöpf den Herrn zwar fürchtet, aber seine Gebote nicht hält. Wer aber ihn fürchtet und seine Gebote hält, der wird das Leben haben bei Gott; wer aber seine Gebote nicht hält, der wird auch das Leben nicht haben.‚“ (Hirte des Hermas II,7,1.4f.)

„‚Künde mir auch, Herr, die Bedeutung der guten Dinge, damit ich in ihnen wandle und ihnen diene und dadurch das Heil erlangen könne.‘ ‚So höre auch die guten Werke, die du tun musst und nicht unterlassen darfst. Vor allem ist es der Glaube, die Furcht des Herrn, Liebe, Eintracht, gerechte Rede, Wahrheit, Geduld; etwas Besseres als dies gibt es nicht im Leben des Menschen. Wenn einer dieses tut und nicht unterlässt, wird er glückselig in seinem Leben. Höre auch, was diese Tugenden nach sich ziehen: den Witwen beistehen, Waisen und Unglückliche besuchen, die Diener Gottes aus Bedrängnis befreien, Gastfreundschaft üben (in der Ausübung der Gastfreundschaft findet man einmal Wohltätigkeit), mit niemand Feindschaft halten, in Ruhe leben, sich kleiner machen als alle (anderen) Menschen, das Alter ehren, die Gerechtigkeit üben, die Bruderliebe pflegen, Übermut erdulden, langmütig sein, Unrecht nicht nachtragen, die Niedergeschlagenen trösten, die im Glauben Strauchelnden nicht verstoßen, sondern zurückbringen und ihnen das Gleichgewicht der Seele geben, die Fehlenden zurechtweisen, die Schuldner und die Bedürftigen nicht drängen und noch vieles dieser Art. Dünkt dich dies gut?‘ ‚Was soll es denn Besseres geben als dies, o Herr?‘ ‚So wandle denn‘, fuhr er fort, ‚in ihnen und halte dich nie fern von ihnen, dann wirst du das Leben haben in Gott.'“ (Hirte des Hermas II,8,8-11)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Gewiss, über alles, auch über alle diese Gebote kann der Mensch Herr werden, wenn er den Herrn in seinem Herzen trägt. Für diejenigen aber, die den Herrn nur auf den Lippen haben, deren Herz aber verstockt und vom Herrn weit entfernt ist, für solche sind diese Gebote schwer und nur mit Mühe zu erfüllen. Nehmet also ihr, die ihr leer seid und geringen Glaubens, den Herrn in euer Herz auf, und ihr werdet erkennen, dass nichts leichter, nichts süßer und milder ist als diese Gebote. Bekehret euch daher, die ihr in den Geboten des Teufels wandelt, von diesen schweren, bitteren, wilden und wüsten Geboten und fürchtet den Teufel nicht, weil er keine Gewalt wider euch besitzt. Denn ich, der Engel der Buße, werde mit euch sein, und ich habe Gewalt über ihn. Der Teufel flößt nur Furcht ein, aber diese Furcht ist ohne Belang; fürchtet ihn also nicht, und er wird von euch weichen.“ (Hirte des Hermas II,12,4,3-7)

Es kommen mehrere Gleichnisse vor.

In einem sehr ausführlichen Gleichnis wird die Kirche als ein Turm dargestellt, der aufgebaut wird, und die Menschen als Steine, die in ihn eingefügt werden. Manche werden eingefügt, aber später wieder entfernt, weil sie sich verfärbt und Risse bekommen haben, andere werden zunächst neben den Turm gelegt, weil sie untauglich sind, aber später behauen und doch noch eingefügt. Aber selbst die entfernten Steine können sich nochmals ändern und wieder eingefügt werden. Das soll darstellen, dass auch gute Christen das Heil verlieren und andererseits Sünder durch Buße wieder zu Gott  zurück kommen können. Das Tor zum Bauplatz und das Fundament ist Jesus; es sind die Taufe und die Tugenden nötig, um zum Bau hinzukommen. Die Steine stammen aus verschiedenen Bergen, die sämtliche Menschengruppen auf der Erde darstellen. (Hirte des Hermas III,9)

Die Sünden derer, die einmal gläubig wurden, sind schlimmer als die der Heiden, sagt der Engel zu Hermas:

„‚Wieso, Herr‘, fragte ich, ‚wurden sie schlechter, nachdem sie doch Gott erkannt hatten?‘ ‚Wer Gott nicht kennt‘, sprach er, ‚und sündigt, der wird bestraft für seine Sünde; wer aber Gott erkannt hat, darf nichts Böses mehr tun, sondern er muss recht handeln. Wenn nun der, welcher recht handeln muss, Böses tut, scheint der nicht ein größeres Unrecht zu begehen als der, welcher Gott nicht kennt? Deshalb sind die, welche ohne Gott zu kennen Böses tun, zum Tode verurteilt, und die, welche Gott kennen und seine Großtaten gesehen haben und dennoch sündigen, werden doppelt bestraft und zum ewigen Tode verurteilt werden. Auf diese Weise wird die Kirche Gottes gereinigt werden. Wie du es beim Turme sahest, dass die Steine herausgenommen, den bösen Geistern übergeben und von dort entfernt wurden, so werden die Gereinigten einen Leib bilden, und wie der Turm nach der Reinigung wie aus einem Steine geformt dastand, so wird es auch mit der Kirche Gottes sein, wenn sie gereinigt und gesäubert ist von den Bösen, den Heuchlern, den Verleumdern, den Zweiflern und von denen, die alles mögliche Unrecht tun. Nach der Entfernung dieser wird die Kirche Gottes sein wie ein Leib, eine Gesinnung, ein Geist, ein Glaube, eine Liebe. Dann wird der Sohn Gottes frohlocken und sich freuen unter ihnen, wenn er sein Volk rein bekommen hat.'“ (Hirte des Hermas III,9,18,1-4)

In einem anderen Gleichnis wird die verschiedene Schwere der Sünden dadurch dargestellt, dass die Menschen alle grüne Weidenzweige von einem Engel bekommen, die er später wieder einsammelt; manche Zweige bleiben grün oder tragen sogar noch Frucht, und die Träger dieser Zweige werden sofort belohnt. Andere werden dürr und bekommen Risse, teilweise sind sie auch von Motten angefressen, andere werden zur Hälfte dürr, oder werden nur an der Spitze dürr, oder zu zwei Dritteln, usw. in allen möglichen Variationen. Die Menschen, deren Zweige teilweise dürr sind, bekommen noch eine Chance; ihre Zweige werden bewässert und viele werden wieder ganz grün und treiben aus. Hermas bekommt auch eine Erklärung dafür:

Du siehst den Zweig von jedem einzelnen; denn die Zweige sind das Gesetz. Du siehst nun, dass viele Zweige verdorben sind; daraus wirst du jeden, der das Gesetz nicht gehalten hat, erkennen, auch wirst du sehen, wo ein jeder wohnen wird.‘ Ich fragte ihn: ‚Herr, warum schickte er die einen in den Turm und überließ dir die anderen?‘ ‚Alle, die das von ihm überkommene Gesetz übertreten haben, übergab er in meine Gewalt zur Buße; wer aber dem Gesetze bereits Genüge getan und es erfüllt hatte, den behielt er in seiner eigenen Gewalt.‘ ‚Wer sind nun, Herr, die, welche mit Kränzen geschmückt in den Turm gingen?‘ ‚[Bekränzt wurden die, welche mit dem Teufel gerungen und ihn niedergerungen haben]; das sind solche, die für das Gesetz gelitten haben [=die Märtyrer]. Die anderen aber, die zwar gleichfalls grünende Zweige mit Trieben, aber ohne Fruchtansatz übergeben haben, das sind die, welche für das Gesetz wohl Mühsal getragen, aber nicht gelitten noch ihr eigenes Gesetz verleugnet haben. Grün, wie sie dieselben bekommen hatten, gaben ihre Zweige die ab, welche heilig und gerecht in sehr großer Herzensreinheit gelebt und die Gebote des Herrn gehalten haben. Das übrige sollst du erfahren, wenn ich nach diesen eingepflanzten und begossenen Zweigen gesehen habe.'“ (Hirte des Hermas III,8,3)

Das Gleichnis geht noch ein gutes Stück weiter; einige Menschen tun Buße, andere nicht, und der Engel erläutert ihre verschiedenen Kategorien von Sünden. Der Engel sagt schließlich zu Hermas:

„Als er mit der Auslegung aller Zweige fertig war, sprach er zu mir: ‚Gehe hin und sage zu allen, sie sollen Buße tun, und sie werden in Gott leben; denn der Herr hat in seiner Erbarmung mich gesandt, allen Buße zu gewähren, auch wenn einige wegen ihrer Werke sie nicht verdienen. Aber in seiner Langmut will der Herr, dass alle das Heil erlangen, die durch seinen Sohn berufen worden sind.‘ Darauf sagte ich: ‚Herr, ich hoffe, dass alle, die es hören, Buße tun; denn ich bin überzeugt, dass ein jeder in der Erkenntnis seiner eigenen Werke und aus Furcht vor Gott Buße tun wird.‘ Da antwortete er mir: ‚Alle, die aus ganzem Herzen [Buße tun und] sich von den genannten Sünden reinigen und fernerhin keine Ungerechtigkeit mehr begehen, werden Heilung ihrer begangenen Sünden vom Herrn erhalten und werden in Gott leben, wenn sie nicht wanken in diesen Geboten. [Wer aber in seinen Sünden weiterlebt und in den Lüsten dieser Welt wandelt, der schreibt sich selbst das Todesurteil.] Und du selbst wandle in meinen Geboten, und du wirst leben [in Gott; und alle, die in ihnen wandeln und recht handeln, werden in Gott leben].'“(Hirte des Hermas III,8,11,1-4)

Laut Hermas ist die Geduld des Herrn begrenzt und die Christen haben nur noch eine begrenzte Zeit der Buße, während den Heiden länger Zeit gelassen wird (eine der Aussagen, die man als Christ nicht unbedingt übernehmen sollte):

„Wenn du ihnen diese Worte mitgeteilt hast, die mir der Herr aufgetragen hat, damit du sie offen erkennest, dann werden ihnen alle Sünden nachgelassen, die sie früher begangen haben, ebenso allen Heiligen, was sie bis auf diesen Tag gesündigt haben, wenn sie aus ganzem Herzen sich bekehren und aus ihrem Herzen den Zwiespalt nehmen. Denn der Herr hat bei seiner Herrlichkeit gegen seine Auserwählten geschworen: wenn nach diesem festgesetzten Tage noch eine Sünde geschieht, dann sollen sie das Heil nicht erlangen; denn die Bußzeit hat ein Ende für die Gerechten; die Tage der Buße sind erfüllt für alle Heiligen; für die Heiden aber gibt es eine Buße bis zum Jüngsten Tage. Sage daher den Vorstehern der Kirche, auf dass sie ihre Wege bessern in Gerechtigkeit und mit großer Herrlichkeit aus dem Vollen die Verheißungen empfangen. Fahret fort, die Gerechtigkeit zu üben und duldet keinen Zwiespalt im Herzen, damit ihr eingehen werdet zu den heiligen Engeln! Glückselig seid ihr alle, wenn ihr die kommende große Trübsal aushaltet und wenn ihr euer Leben nicht verleugnet. Denn der Herr hat durch seinen Sohn geschworen, dass denen, die ihren Herrn verleugnen, ihr Leben abgesprochen ist, nämlich denen, die in den kommenden Tagen ihn verleugnen werden; wer es früher getan, dem zeigte sich der Herr gnädig wegen seiner Barmherzigkeit.“ (Hirte des Hermas I,2,2,4-8)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 folgendes.

Das Heil kommt von Gott, aber dann hat der Mensch den freien Willen:

„Und wir sind ferner gelehrt worden, daß er im Anfange, weil er gut ist, alles aus formloser Materie der Menschen wegen erschaffen hat; wir haben die Überlieferung, daß diese, wenn sie sich nach seinem Ratschlusse in Werken dessen wert erweisen, des Umganges mit ihm gewürdigt werden und mit ihm gemeinsam herrschen, nachdem sie unvergänglich und leidenlos geworden sind. Denn so gewiß er sie im Anfange, als sie nicht waren, geschaffen hat, ebenso gewiß werden, so glauben wir, die, welche das ihm Wohlgefällige erwählen, wegen dieser Wahl der Unsterblichkeit und des Zusammenwohnens mit ihm gewürdigt werden. Denn daß wir im Anfange ins Dasein gerufen wurden, war nicht unser Verdienst; daß wir aber dem nachstreben, was ihm lieb ist, indem wir es mit Vernunftkräften, die er selbst uns schenkte, frei wählen, dazu leitet er uns an und dazu führt er uns zum Glauben.“ (Justin, 1. Apologie 10)

„Ihr habt aber in der ganzen Welt keine bessern Helfer und Verbündeten zur Aufrechthaltung der Ordnung als uns, die wir solches lehren, wie, daß ein Betrüger, Wucherer und Meuchelmörder so wenig wie ein Tugendhafter Gott verborgen bleiben könne und daß ein jeder ewiger Strafe oder ewigem Heile nach Verdienst seiner Taten entgegengehe. Denn wenn die Menschen insgesamt zu dieser Überzeugung kämen, so würde niemand für die kurze Zeit dem Laster sich hingeben, weil er wüßte, daß er der ewigen Strafe im Feuer entgegengehe, sondern man würde auf alle Weise sich zusammennehmen und mit Tugend schmücken, um der göttlichen Belohnungen teilhaftig zu werden und von den Strafen frei zu bleiben.“ (Justin, 1. Apologie 12)

Freier Wille:

Damit aber niemand aus dem vorher von uns Gesagten den Schluß ziehe, wir behaupten, daß das, was geschieht, nach der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe, weil wir ja vorhin bemerkten, es sei vorhergewußt, so wollen wir auch diese Schwierigkeit lösen. Daß die Strafen und Züchtigungen wie auch die Belohnungen nach dem Werte der Handlungen eines jeden zugeteilt werden, darüber sind wir von den Propheten belehrt worden und verkünden es als wahr. Wenn das nicht der Fall wäre, sondern alles nach einem Verhängnisse geschähe, so gäbe es gar keine Verantwortlichkeit; denn wenn es vom Schicksale bestimmt ist, daß dieser gut und jener schlecht ist, so ist der eine so wenig zu loben als der andere zu tadeln. Und wiederum: Wenn das Menschengeschlecht nicht das Vermögen hat, aus freier Wahl das Schändliche zu fliehen und sich für das Gute zu entscheiden, so ist es unschuldig an allem, was es tut. Daß es aber nach freier Wahl sowohl recht als auch verkehrt handelt, dafür führen wir folgenden Beweis. Man sieht ein und denselben Menschen den Übergang zum Entgegengesetzten machen; wenn es ihm aber vom Schicksale bestimmt wäre, daß er entweder schlecht oder gut ist, so wäre er niemals empfänglich für das Entgegengesetzte und ändert sich nicht so oft. Aber es wären auch nicht einmal die einen gut, die andern schlecht; denn wir müßten sonst erklären, daß das Verhängnis die Ursache des Guten und des Bösen sei und sich selbst widerspreche, oder wir müßten jenen früher erwähnten Satz (c. 18,4) für wahr halten, daß Tugend und Laster nichts seien, sondern nur nach der subjektiven Meinung das eine für gut, das andere für schlecht gehalten werde; das wäre aber, wie die wahre Vernunft zeigt, die größte Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Wir sehen vielmehr das unentrinnbare Verhängnis darin, daß denen, die das Gute wählen, die entsprechende Belohnung und ebenso denen, die das Gegenteil wählen, die entsprechende Strafe zuteil wird. Denn nicht wie die übrigen Wesen, z. B. die Bäume und die Vierfüßler, die nichts nach freier Wahl zu tun vermögen, hat Gott den Menschen geschaffen; auch verdiente er weder Strafe noch Lohn, wenn er nicht aus sich das Gute wählte, sondern dazu geboren wäre, und ebenso könnte ihn nicht, wenn er böse wäre, mit Recht Strafe treffen, da er nicht aus sich so wäre, sondern nichts anderes sein könnte, als wozu die Natur ihn gemacht hätte.

Es hat uns aber dieses der heilige prophetische Geist gelehrt, der durch Moses bezeugt, Gott habe zu dem ersten Menschen, den er gebildet hatte, also gesprochen: ‚Siehe, vor deinem Angesichte liegt das Gute und das Böse, wähle das Gute!‘ Und wiederum ist durch Isaias, den andern Propheten, in der Person Gottes, des Allvaters und Herrn, in gleichem Sinne folgendes gesagt worden: ‚Waschet euch, werdet rein, schaffet die Bosheiten fort aus euren Seelen, lernet Gutes tun, schaffet Recht der Waise und laßt Recht widerfahren der Witwe, und dann kommt und wir wollen miteinander verhandeln, spricht der Herr. Und wenn eure Sünden sind wie Purpur, ich werde sie weiß machen wie Wolle, und wenn sie sind wie Scharlach, ich werde sie weiß machen wie Schnee. Und wenn ihr wollt und auf mich hört, so sollt ihr das Beste des Landes essen; hört ihr aber nicht auf mich, so wird das Schwert euch verzehren; denn der Mund des Herrn hat dies gesprochen.‘ […] Demgemäß hat auch Platon seinen Ausspruch: ‚Die Schuld fällt auf den Wählenden, Gott ist ohne Schuld‘ dem Propheten Moses entnommen; denn Moses ist älter als alle griechischen Schriftsteller. […] Wenn wir also behaupten, zukünftige Begebenheiten seien geweissagt worden, so sagen wir damit nicht, daß sie mit der Notwendigkeit des Verhältnisses sich zutragen; vielmehr liegt die Sache so: Weil Gott die zukünftigen Handlungen aller Menschen vorausweiß und weil es sein Grundsatz ist, jedem der zukünftigen Menschen nach dem Verdienste seiner Taten zu vergelten, so sagt er durch den prophetischen Geist vorher, was ihnen nach dem Werte ihrer Handlungen von seiner Seite begegnen werde, und führt dadurch allezeit das Menschengeschlecht zur Überlegung und Besinnung, indem er ihm zeigt, daß er sich um die Menschen kümmert und Vorsorge für sie trifft. (Justin, 1. Apologie 43-44)

„Aber ebensowenig glauben wir, daß die Menschen nach einem Verhängnisse handeln oder leiden, was ihnen begegnet, sondern vielmehr, daß jeder nach freier Wahl recht oder unrecht tut und daß, wenn die Guten, wie Sokrates und seinesgleichen, verfolgt werden und in Banden liegen, dagegen ein Sardanapal, Epikur und ihresgleichen in Überfluß und Ruhm glücklich zu sein scheinen, dies auf Anstiften der bösen Dämonen geschieht. Das haben die Stoiker nicht bedacht, wenn sie den Satz aufstellten, daß alles mit der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe. Aber weil Gott das Geschlecht der Engel und das der Menschen ursprünglich frei erschaffen hat, werden sie mit Recht für ihre Vergehungen in ewigem Feuer gestraft werden. Alles Gewordene ist von Natur der Schlechtigkeit und der Tugend fähig; es wäre ja auch keines davon des Lobes wert, wenn es nicht auch die Fähigkeit hätte, sich dem einen wie dem anderen zuzuwenden. Das beweisen auch jene Männer, die in den verschiedenen Ländern nach der wahren Vernunft Gesetze gegeben oder Forschungen angestellt haben, indem sie das eine zu tun, das andere zu lassen gebieten. Und selbst die stoischen Philosophen vertreten in ihrer Sittenlehre entschieden dieselbe Anschauung, woraus sich ergibt, daß sie in ihrer Lehre von den Grundprinzipien und von den übersinnlichen Dingen nicht auf dem rechten Wege sind. Denn wenn sie behaupten, daß das, was menschlicherseits geschieht, nur ein Werk des Verhängnisses sei oder daß Gott nichts anderes sei als was sich beständig umwandelt, verändert und in dieselben Bestandteile wieder auflöst, dann wird es offenkundig sein, daß sie nur von vergänglichen Dingen eine Vorstellung gewonnen haben, daß ihre Gottheit selbst sowohl in ihren Teilen als auch im Ganzen mit jeder Schlechtigkeit behaftet ist; sie müßten denn lehren, daß Tugend und Laster überhaupt nichts sind, was freilich gegen alles gesunde Denken und gegen Vernunft und Verstand ist.“ (Justin, 2. Apologie 6)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„Daß jedoch diejenigen, deren Ungerechtigkeit man vorherwußte, seien sie Engel oder Menschen, nicht durch Gottes Schuld Sünder werden, sondern daß jeder durch seine eigene Schuld das ist, als was er erscheinen wird, habe ich auch schon oben dargetan. Damit ihr aber nicht einwendet: ‚Es war notwendig, daß Christus gekreuzigt wurde, oder daß in unserem Volke Sünder sind, es konnte nicht anders sein‘, habe ich zum voraus kurz bemerkt: da Gott wollte, daß Engel und Menschen seinem Willen gehorchen, wollte er dieselben, damit sie gerecht handeln, mit freiem Willen ausstatten, ihnen, damit sie wissen, wer sie erschaffen hat, und um wessen willen sie aus dem Nichts ins Dasein gerufen worden sind, Verstand geben und ein Gesetz, damit sie gerichtet werden, wenn sie gegen den gesunden Verstand handeln. Wir selbst, Menschen wie Engel, werden die Schuld an unserer Verurteilung sein, wenn wir sündigen und uns nicht rechtzeitig bekehren. Wenn der Logos Gottes die sichere Bestrafung gewisser Engel und Menschen prophezeit, so hat er es deshalb getan, weil er vorauswußte, daß sie verstockte Sünder sein werden, nicht aber deshalb, weil Gott sie zu Sündern gemacht hat. Daher können alle, wenn sie wollen, an der göttlichen Barmherzigkeit teilhaben; sie brauchen sich nur zu bekehren. Solchen prophezeit der Logos Glück mit den Worten: ‚Selig der Mann, dem Gott die Sünde nicht anrechnet‘, das heißt derjenige, welcher seine Sünden bereut und daher Nachlassung der Sünden von Gott erhält. Ihr jedoch wie noch mancher, der da eurer Gesinnung ist, belügt euch über diese Worte und legt sie also aus: mögen sie auch Sünder sein, so rechnet doch der Herr, wenn sie nur Gott kennen, ihnen ihre Sünde nicht an. Beweis für unsere Auslegung ist uns die eine Sünde Davids, in welche ihn sein Hochmut fallen ließ: die Sünde wurde dann nachgelassen, nachdem er sie so sehr beweint und beklagt hatte. So erzählt die Schrift. Wenn aber einem solchen Manne nicht, ehe er seine Sünde bereut hatte, Nachlassung gewährt wurde, sondern erst nachdem dieser große König, Gesalbter und Prophet in bekannter Weise geweint und gehandelt hatte, können dann die Unreinen und die ganz Verkommenen, ohne unter Weinen und Klagen Buße zu tun, Hoffnung haben, daß der Herr ihnen ihre Sünde nicht anrechne?“ (Justin, Dialog mit Tryphon 140,4-141,3)

Hier lehnt Justin also ganz deutlich die These ab, Gott würde die Sünden der Gläubigen nur zudecken, und sie wären nicht wirklich umgewandelt und müssten nicht weiterhin die Gebote halten, um erlöst zu werden.

Man wird von Gott erlöst; nur wenn man die Gebote hält, behält man die Erlösung:

„Wie aus einem Feuer sind wir gerettet, da wir befreit wurden sowohl von unseren früheren Sünden als auch von der Drangsal und dem Brande, welche uns der Satan und alle seine Diener bereiten. Wiederum Jesus, der Sohn Gottes rettet uns aus deren Händen. Für den Fall daß wir seine Gebote beobachten, versprach er, uns mit den bereit gehaltenen Kleidern auszustatten, und verhieß, ein ewiges Reich zu bereiten.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 116,2)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Und er hat von Anbeginn das Menschengeschlecht mit Vernunft begabt und mit der Fähigkeit geschaffen, das Wahre zu erwählen und das Gute zu tun, so daß die Menschen samt und sonders vor Gott keine Entschuldigung haben, weil sie als vernünftige und erkenntnisfähige Wesen auf die Welt gekommen sind. Wer aber glaubt, Gott kümmere sich um die Menschen nicht, der leugnet entweder indirekt sein Dasein oder er sagt, wenn er existiere, habe er Freude am Bösen oder verharre in Ruhe wie ein Stein, Tugend und Laster seien leere Begriffe und es sei nur ein Wahn, wenn die Menschen das eine für gut, das andere für bös halten; das ist freilich die größte Ruchlosigkeit, die gedacht werden kann.“ (Justin, 1. Apologie 28)

Bzgl. früherer Generationen schreibt Justin:

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

Justin schreibt auch an mehreren Stellen darüber, dass nicht mehr die Beschneidung und das Einhalten der alttestamentlichen Zeremonialgesetze nötig sind, sondern die Taufe, die jetzt im Neuen Bund von Gott angeordnet wurde:

„Wenn nämlich vor Abraham die Beschneidung und vor Moses die Sabbatfeier, die Feste und Opfer kein Bedürfnis waren, dann sind sie in gleicher Weise auch jetzt kein Bedürfnis, da nach dem Willen Gottes Jesus Christus, der Sohn Gottes, ohne Sünde durch die aus dem Volke Abrahams stammende Jungfrau geboren worden ist. Denn auch Abraham wurde, als er noch unbeschnitten war, gerechtfertigt und gesegnet, und zwar wegen seines Glaubens an Gott, wie die Schrift dartut. Die Beschneidung aber erhielt er als Zeichen, nicht jedoch um gerechtfertigt zu werden. Schrift und Geschichte zwingen uns, das anzunehmen. Mit Recht heißt es daher von jenem Volke: ‚Ausgetilgt soll werden aus seinem Stamme jener, der nicht am achten Tage beschnitten wird.‘ Auch die Unmöglichkeit, daß das weibliche Geschlecht die fleischliche Beschneidung empfängt, beweist, daß diese Beschneidung als Zeichen, nicht aber als eine Tat der Gerechtigkeit gegeben worden ist; denn Gott hat in gleicher Weise auch dem Weibe die Möglichkeit verschafft, all das zu tun, was gerecht und tugendhaft ist. Wir wissen doch, daß nicht wegen des Körperbaues, der, wie wir sehen, bei Mann und Weib verschieden ist, dieselben gerecht oder ungerecht sind, sondern daß Frömmigkeit und Gerechtigkeit entscheiden.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 23,3-5)

Und hierfür haben wir von den Aposteln folgende Begründung überkommen. Da wir bei unserer ersten Entstehung ohne unser Wissen nach Naturzwang aus feuchtem Samen infolge gegenseitiger Begattung unserer Eltern gezeugt wurden und in schlechten Sitten und üblen Grundsätzen aufgewachsen sind, so wird, damit wir nicht Kinder der Notwendigkeit und der Unwissenheit bleiben, sondern Kinder der freien Wahl und der Einsicht, auch der Vergebung unserer früheren Sünden teilhaftig werden, im Wasser über dem, der nach der Wiedergeburt Verlangen trägt und seine Vergehen bereut hat, der Name Gottes, des Allvaters und Herrn, ausgesprochen, wobei der, welcher den Täufling zum Bade führt, nur eben diese Bezeichnung gebraucht. Denn einen Namen für den unnennbaren Gott vermag niemand anzugeben, und sollte jemand behaupten wollen, es gebe einen solchen, so wäre er mit unheilbarem Wahnsinn behaftet. Es heißt aber dieses Bad Erleuchtung, weil diejenigen, die das an sich erfahren, im Geiste erleuchtet werden. Aber auch im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, und im Namen des Heiligen Geistes, der durch die Propheten alles auf Jesus Bezügliche vorherverkündigt hat, wird der, welcher die Erleuchtung empfängt, abgewaschen. […] Wir aber führen nach diesem Bade den, der gläubig geworden und uns beigetreten ist, zu denen, die wir Brüder nennen, dorthin, wo sie versammelt sind, um gemeinschaftlich für uns, für den, der erleuchtet worden ist, und für alle andern auf der ganzen Welt inbrünstig zu beten, damit wir, nachdem wir die Wahrheit erkannt haben, gewürdigt werden, auch in Werken als tüchtige Mitglieder der Gemeinde und als Beobachter der Gebote erfunden zu werden, und so die ewige Seligkeit zu erlangen“ (Justin, 1. Apologie 61.65)

„Daher müßt ihr diese Hoffnung eurer Seele beschneiden und euch bemühen um die Erkenntnis des Weges, auf welchem euch die Sünden werden nachgelassen werden und ihr das Erbe der verheißenen Güter erhoffen dürft. Diesen Weg geht ihr aber nur dann, wenn ihr unseren Christus anerkennt, euch in dem durch Isaias verkündeten, der Nachlassung der Sünden dienenden Bade reinigt und dann ohne Sünden lebt.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 44,4)

Über Jesu Erlösungstat schreibt er:

„er wollte ja auch nicht deshalb, weil er es notwendig gehabt hätte, geboren werden und am Kreuze sterben. Es war ihm vielmehr um das Menschengeschlecht zu tun, welches seit Adam dem Tode und dem Truge der Schlange verfallen war, da jeder sich selbst mit Schuld belud und sündigte. Gott hat nämlich bei Erschaffung der Engel und Menschen gewollt, daß sie, ausgestattet mit freiem Willen und dem Selbstbestimmungsrecht, das tun, wozu er jeden einzelnen befähigt hat; er wollte sie, wenn sie sich für Gottes Willen entscheiden, vor Vergänglichkeit und Strafe bewahren, jedem dagegen nach seinem Gutdünken bestrafen, wenn sie sündigten. (Justin, Dialog mit Tryphon 88,4f.)

„Da er es jedoch so für gut hielt, stattete er Engel und Menschen mit freiem Willen aus, damit sie gerecht handelten, und bis zu einer von ihm bestimmten Zeit sah er, daß der freie Wille für sie gut war. Und wiederum weil er es für gut erachtete, hielt er allgemeine und besondere Gerichte ab, aber den freien Willen ließ er.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 102,4)

Aristides von Athen schreibt irgendwann zwischen 138 und 161 in einer Verteidigungsschrift der Christen gegenüber den Heiden folgendes:

„Sie [die Christen] bemühen sich gerecht zu sein, erwarten sie ja in großer Herrlichkeit ihren Christus zu sehen und die ihnen gemachten Verheißungen von ihm zu empfangen. Ihre Sprüche und Gebote aber, o Kaiser, den Ruhm ihres (Gottes-) Dienstes und den Lohn [der Vergeltung], den sie entsprechend dem Tun eines jeden einzelnen von ihnen in der andern Welt erwarten, magst du aus ihren Schriften kennen lernen. […]

Kommt es indes vor, daß einer von ihnen [den Heiden] sich bekehrt, so schämt er sich vor den Christen seiner begangenen Missetaten, bekennt (sie) Gott und spricht: ‚Aus Unwissenheit habe ich diese begangen.‘ Und er reinigt sein Herz, und seine Sünden werden ihm nachgelassen, weil er sie aus Unwissenheit in der früheren Zeit beging, wo er (noch) die wahre Erkenntnis der Christen lästerte und schmähte. Ja wahrhaft selig ist das Geschlecht der Christen vor allen Menschen auf der Erdoberfläche. […] Und wahrhaft ist Gottes, was durch der Christen Mund geredet wird, und ihre Lehre ist die Pforte des Lichts. Es sollen sich ihr nun alle die nahen, die Gott (noch) nicht erkannt haben, und sollen die unvergänglichen Worte aufnehmen, die von jeher sind und von Ewigkeit. Mögen sie also zuvorkommen dem furchtbaren Gericht, das durch Jesus Christus über das ganze Menschengeschlecht kommen soll.“ (Aristides von Athen, Apologie 16,2-17,8)

Eine Stelle bzgl. der verstorbenen Kinder ist interessant:

„Und wenn ein Gerechter von ihnen aus der Welt scheidet, so freuen sie sich und danken Gott und geben seiner Leiche das Geleite, gleich als zöge er (nur) von einem Ort zum andern. Und wenn einem von ihnen ein Kind geboren worden, so preisen sie Gott; und sollte es dann (schon) in seiner Kindheit sterben, so preisen sie Gott überaus, ist es doch ohne Sünde aus der Welt geschieden. Müssen sie hinwiederum sehen, wie einer von ihnen in seiner Gottlosigkeit und seinen Sünden stirbt, so weinen sie über diesen bitterlich und seufzen, soll er ja zur Strafe hingehen.“ (Aristides von Athen, Apologie 15,11)

Im 2. Clemensbrief, der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern etwas später entstanden ist, heißt es:

„Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.

‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst, jauchze auf und rufe, die du keine Wehen hast; denn die Kinder der Alleinstehenden sind zahlreicher als die Kinder derer, die den Mann hat.‘ Mit den Worten: ‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst‘, meint er uns; denn unsere Kirche war unfruchtbar, bevor ihr Kinder geschenkt waren. […] Eine andere Schriftstelle sagt: ‚Ich bin nicht gekommen, Gerechte, sondern Sünder zu berufen.‘ Dies sagte er, weil man die Untergehenden retten muss. Denn das ist groß und bewunderungswürdig, nicht das Stehende zu stützen, sondern das Fallende. So wollte auch Jesus Christus das Untergehende retten, und er hat viele gerettet, da er erschienen ist und uns berufen hat, die wir schon am Verderben waren.

Da er nun uns gegenüber soviel Erbarmen geübt hat, so ist es das erste, dass wir, die Lebenden, den toten Göttern nicht opfern und sie nicht verehren; vielmehr haben wir durch ihn den Vater der Wahrheit erkannt; worin besteht die zu ihm (= Gott) führende Erkenntnis anders als im Bekenntnis dessen, durch den wir ihn erkannt haben? Auch er selbst sagt: ‚Wer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich auch vor meinem Vater bekennen.‘ Dies also ist unser Lohn (für ihn), wenn wir den bekennen, durch den wir erlöst worden sind. Wodurch sollen wir ihn aber bekennen? Wenn wir tun, was er sagt, und seine Gebote nicht überhören und ihn nicht bloß mit den Lippen ehren, sondern aus ganzer Seele und aus ganzer Gesinnung. Es heißt nämlich bei Isaias: ‚Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit weg von mir.‘

Wir wollen ihn daher nicht Herr nennen; denn das wird uns nicht retten. Er sagt nämlich: ‚Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird gerettet werden, sondern wer die Gerechtigkeit übt.‘ Deshalb, Brüder, wollen wir ihn bekennen durch die Werke, dadurch, dass wir einander lieben, die Ehe nicht brechen, nichts Böses über den anderen reden, nicht eifersüchtig sind, vielmehr enthaltsam, barmherzig und gütig sind; auch müssen wir Mitleid miteinander haben und dürfen nicht geldgierig sein. Durch diese und nicht durch die entgegengesetzten Werke wollen wir ihn bekennen; auch müssen wir Gott mehr fürchten als die Menschen. […]

Auch wollet ihr bedenken, Brüder, dass der Aufenthalt in dieser Welt des Fleisches kurz und von geringer Dauer, die Verheißung Christi aber groß und wunderbar ist und Ruhe im künftigen Reiche und im ewigen Leben. Was müssen wir nun tun, um diese Güter zu erlangen? Nichts als heilig und gerecht wandeln, die Dinge dieser Welt für feindlich halten und ihrer nicht begehren. Denn wenn wir nach ihrem Besitze verlangen, verlieren wir den Weg der Gerechtigkeit. […]

Wenn wir nämlich den Willen Christi erfüllen, werden wir Ruhe finden; wo nicht, wird nichts uns vor der ewigen Strafe erretten, wenn wir nämlich auf seine Gebote nicht hören. Die Schrift sagt auch bei Ezechiel: ‚Wenn Noë und Job und Daniel aufstehen, so werden sie ihre Kinder nicht befreien, die in der Gefangenschaft sind.‘ Wenn aber selbst solche Gerechte es mit ihrer Gerechtigkeit nicht vermögen, ihre eigenen Kinder zu befreien, worauf können dann wir bauen, dass wir eingehen dürfen in das Reich Gottes, wenn wir die Taufe nicht rein und unbefleckt bewahren? Oder wer wird unser Beistand sein, wenn wir nicht erfunden werden mit heiligen und gerechten Werken?

So lasst uns denn kämpfen, meine Brüder; denn wir wissen ja, dass der Kampf uns vorgelegt ist und dass zu den vergänglichen Kämpfen viele herbeisegeln, aber nicht alle gekrönt werden, wenn sie nicht vieles auf sich genommen und rühmlich gekämpft haben. Wir also wollen kämpfen, damit wir alle gekrönt werden. […]

Solange wir also auf Erden sind, geschehe unsere Sinnesänderung. Denn wir sind Lehm in des Meisters Hand; wie nämlich der Töpfer, wenn er ein Gefäß fertigt, es in seinen Händen umbiegt und zusammendrückt und dann es wieder neugestaltet, wenn er es aber einmal in den Brennofen gebracht hat, ihm nicht mehr nachhelfen kann, so wollen auch wir, solange wir in dieser Welt sind, was wir im Fleische Böses getan, aus ganzem Herzen bereuen, damit wir vom Herrn gerettet werden, solange wir noch Zeit zur Umkehr haben.“ (2. Clemensbrief 1,2-8,2)

Im Diogenetbrief heißt es:

„Als er nun bereits alles bei sich mit seinem Sohne geordnet hatte, liess er uns bis zu der nun abgelaufenen Zeit, wie wir es wollten, von ungeordneten Trieben geleitet werden, von Lüsten und Begierden fortgerissen; durchaus nicht etwa aus Freude an unseren Sünden, sondern in Langmut, auch nicht, als hätte er Wohlgefallen an der damaligen Zeit der Ungerechtigkeit, sondern zur Vorbereitung auf die jetzige Zeit der Gerechtigkeit, damit wir, in der damaligen Zeit durch unsere eigenen Werke überführt, dass wir des Lebens unwürdig seien, jetzt durch die Güte Gottes würdig gemacht würden und, nachdem wir den Beweis von unserer eigenen Ohnmacht, in das Reich Gottes einzugehen, geliefert hätten, durch die Kraft Gottes dazu befähigt würden. Als aber das Mass unserer Ungerechtigkeit voll und es völlig klar geworden war, dass als ihr Lohn Strafe und Tod uns erwarte, und als der Zeitpunkt gekommen war, den Gott vorausbestimmt hatte, um fortan seine Güte und Macht zu offenbaren, – o überschwengliche Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes! – da hasste und verstiess er uns nicht und gedachte nicht des Bösen, sondern war langmütig und geduldig und nahm aus Erbarmen selbst unsere Sünden auf sich; er selbst gab den eigenen Sohn als Lösepreis für uns, den Heiligen für die Unheiligen, den Unschuldigen für die Sünder, den Gerechten für die Ungerechten, den Unvergänglichen für die Vergänglichen, den Unsterblichen für die Sterblichen. Denn was anders war imstande, unsere Sünden zu verdecken als seine Gerechtigkeit? In wem konnten wir Missetäter und Gottlose gerechtfertigt werden, wenn nicht allein im Sohne Gottes? Welch süsser Tausch, welch unerforschliches Walten, welch unverhoffte Wohltat, dass die Ungerechtigkeit vieler in einem Gerechten verborgen würde und die Gerechtigkeit eines einzigen viele Sünder rechtfertige! Nachdem er also in der früheren Zeit die Ohnmacht unserer Natur, zum Leben zu gelangen, dargetan hatte, zeigte er jetzt, dass der Erlöser Macht habe, auch das Ohnmächtige zu retten; durch beides aber wollte er uns zum Glauben an seine Güte bringen, ihn anzusehen als Ernährer, Vater, Lehrer, Ratgeber, Arzt, Geist, Licht, Ehre, Ruhm, Kraft und Leben, und für Kleidung und Nahrung nicht ängstlich zu sorgen.

[…] Von welcher Freude aber glaubst du wohl erfüllt zu werden, wenn du ihn erkannt hast? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Liebst du ihn aber, so wirst du auch ein Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er kann es, weil er Gott es will. […]

Wenn ihr darauf achtet und es mit Eifer anhöret, werdet ihr inne werden, was Gott denen bietet, die ihn in rechter Weise lieben, die ihr geworden seid ein Paradies der Wonne und in euch aufsprossen lasset einen herrlich blühenden, fruchtbeladenen Baum, mit allerlei Früchten geschmückt.“ (Diognetbrief 9-10.12)

Dann wäre da Epistula Apostolorum, die sich als Brief der 12 Apostel ausgibt.

In diesem Werk spricht Jesus zu den Aposteln davon, dass die Werke wichtig sind:

„Wer aber an mich glaubt und mein Gebot nicht tut, hat, obwohl er an meinen Namen glaubt, keinen Nutzen davon. Vergeblich ist er einen Lauf gelaufen. Sein Ende ist für das Verderben und für die Strafe großen Schmerzes bestimmt, denn er hat gesündigt gegen mein Gebot.“ (Epistula Apostolorum 27(38), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 141)

Freier Wille:

„Und wir sprachen zu ihm ‚Wird man an jenem Tage nicht zu dir sagen: Du hast führen lassen zu Gerechtigkeit und Sünde und hast geschieden Finsternis und Licht, Böses und Gutes?‘ Und er sprach zu uns: ‚Adam ist die Macht gegeben worden, daß er von den zweien, was er wollte, erwähle, und er wählte das Licht und streckte seine Hände aus und nahm (es) und ließ die Finsternis und entfernte sich von ihr. Ebenso ist jeder Mensch ermächtigt, zu glauben an das Licht, dies ist das Leben des Vaters, der mich gesandt hat. Und wer an mich geglaubt hat, wird leben, wenn er das Werk des Lichtes getan hat. Wenn er aber bekennt, daß das Licht ist, und tut das der Finsternis (Eigentümliche), so hat er weder etwas, was er zur Verteidigung wird sagen können, noch wird er das Antlitz erheben können und anblicken den Sohn, der ich bin. Und ich werde zu ihm sagen: Du hast gesucht und gefunden, hast gebeten und empfangen. Was tadelst du uns? Weshalb hast du dich von mir und meinem Reiche entfernt? Du hast mich bekannt und (dann doch) verleugnet. Nun also sehet, daß jeder ermächtigt ist, sowohl zu leben als zu sterben. Und wer mein Gebot tut und bewahrt, wird ein Sohn des Lichtes, d. h. meines Vaters, sein. Und denen, die bewahren und tun, um des willen ich herabgestiegen vom Himmel, ich, das Wort, bin Fleisch geworden und bin gestorben, indem ich lehrte und überführte, daß die einen gerettet werden, die andern aber ewiglich zugrundegehen werden, indem sie im Feuer gestraft werden am Fleisch und am Geist.'“ (Epistula Apostolorum 39(50), in: Ebd., S. 147-149)

In den christlichen Sibyllinen, Weissagungen über das Weltende in Gedichtform, heißt es:

„Hab‘ ich doch selbst zwei Wege gesetzt, den des Lebens und Todes,
Und ihren Willen empfohlen, das gute Leben zu wählen;
Sie aber sind in den Tod und das ewige Feuer gestürzet.
Abbild von mir ist der Mensch, mit rechter Vernunft ausgestattet.
Diesem stell‘ einen reinen und unbefleckten Tisch hin,
Füll‘ ihn mit Gütern voll und gib dem Hungernden Brot und
Reiche dem Durstigen Trank und Kleider dem nacketen Leibe,
Aus dem eigenen Kummer gewährend mit heiligen Händen!
Der Bedrückten nimm stets dich an und hilf dem Erschöpften,
Bring dieses lebende Opfer doch mir, dem lebendigen Gotte,
Jetzt nur säend ins Wasser, damit auch ich dir einst gebe
Unvergängliche Früchte; das ewige Licht sollst du haben,
Unverwesliches Leben, wenn alle ich prüfe im Feuer.
Alles werde ich schmelzen und wieder zur Läuterung scheiden,
Werde den Himmel erschüttern, die Schlünde der Erde eröffnen,
Und dann will ich die Toten erwecken, das Schicksal lösend
Und den Stachel des Todes, und alsbald komm‘ ich zum Gerichte,
Um zu richten das Leben der frommen und gottlosen Menschen“ (Christliche Sibyllinen VIII,399-416, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 523)