Was ist Rassismus? Teil 2a: Geschichtsmythen: Afrika vor dem Kolonialismus und der Sklavenhandel

Hinter dem heutigen „Anti-Rassismus“ der Linken steckt ein bestimmtes Weltbild, ein bestimmtes Geschichtsbild. Unter vielen Afrikanern ist (verstärkt durch panafrikanische Propaganda oder „black nationalism“) die Sichtweise verbreitet: Wo es Afrika/Schwarzen schlecht geht, ist das der Unterdrückung durch Weiße zu verdanken; wenn diese Unterdrückung nicht gewesen wäre, wäre Afrika haushoch überlegen. Quasi Wakanda. Und im Grunde genommen wollen Weiße Schwarze immer noch unterdrücken, wo sie können; dass es jetzt nicht mehr so schlimm wie früher ist, verdankt sich nur dem geeinten Widerstand der Schwarzen, ohne den käme praktisch die Sklaverei wieder. Unter Weißen wiederum wird es immer mehr verbreitet, zu glauben, die eigene Geschichte sei eine einzige Ansammlung von Gräueltaten und Überlegenheitsdünkel; es gäbe hier nichts, worauf man irgendwie stolz sein könnte. Das natürliche, erwartbare Resultat davon ist Hass und Paranoia unter Schwarzen (und die hat Folgen), und Scham, Minderwertigkeitsgefühle und Selbsthass unter Weißen.

Daher will ich hier mal ein paar Fakten aufzählen, um die Perspektive etwas zurechtzurücken. Öfter geht es wirklich um eine Umkehrung des allgemein verbreiteten Bildes, manchmal auch nur um eine Abmilderung; aber auch „mildernde Umstände“ sollte man erwähnen. (Wenn jemand einen Einbruch begangen und dabei eine Person leicht verletzt hat, ist es auch falsch, ihm einen geplanten Doppelmord vorzuwerfen; dasselbe gilt für Verbrechen von historischen Persönlichkeiten. Die Wahrheit ist ein Wert an sich.)

Der zentrale Punkt, den ich meinen Lesern einhämmern möchte, ist: Sklaverei und Kolonialismus waren zwei verschiedene Epochen in der afrikanischen Geschichte, und der Kolonialismus und nur der Kolonialismus hat die Sklaverei beendet.

Der transatlantische Sklavenhandel fällt in die Zeit, als Afrika unabhängig war und Afrikaner aus eigenem Willen ihre Nachbarn verkauften; es waren die Europäer, die beschlossen, ihn zu beenden, und es waren auch sie, die etwas später, als sie Afrika kolonialisierten, den so oft vergessenen Sklavenhandel mit der islamischen Welt unterdrückten, der im Lauf der Jahrhunderte locker 20 Millionen Opfer gefordert hatte (im Vergleich zu 11-12 Millionen beim transatlantischen Sklavenhandel). Der Kolonialismus hat einige sehr große Übel beendet, von denen das schlimmste der Sklavenhandel war; und er hat neben manchem Schlechten auch viel Gutes gebracht. (In späteren Artikeln will ich auf den Kolonialismus und einige Geschichtsmythen und Fälschungen diesbezüglich eingehen, die v. a. unter Afrikanern verbreitet werden, wie die „Charta des Imperialismus“.)

Aber jetzt der Reihe nach einige Fakten zur afrikanischen Geschichte vor dem Kolonialismus.

Manche Leute, die nur vage Geschichtskenntnisse haben, machen den Fehler, wenn sie über afrikanische Geschichte reden, nicht zu beachten, dass man von einem Kontinent spricht, der zweigeteilt ist durch die Sahara: Afrika nördlich der Sahara, mit seinen hellhäutigeren Bewohnern, die nicht wirklich anders aussehen als Spanier und Griechen, war immer in den Mittelmeerraum eingebunden; es war der Sitz von Reichen wie Ägypten und Karthago, später Teil des Römischen Reiches, früh christianisiert, Heimat von solchen Heiligen wie Augustinus, Clemens von Alexandria, Athanasius, Antonius. Dieser Teil Afrikas wurde im 7. Jahrhundert von arabischen Muslimen erobert und war später teilweise Teil des Osmanischen Reiches (heutige Türkei); freilich wurde der Anteil der christlichen Bevölkerung auch unter muslimischer Herrschaft nur langsam kleiner. Afrika südlich der Sahara, mit seinen schwarzen Bewohnern, bestand größtenteils aus sehr dezentralisierten Gesellschaften und war sehr lange größtenteils heidnisch (polytheistisch, animistisch). Auch die größeren Reiche dort (Dahomey, Kongo, Buganda etc.), waren meistens technologisch ziemlich wenig entwickelt.

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(Links: Ehemaliger Königspalast, später ein Königsgrab, von Buganda. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer not not phil. Rechts: König (Eze) Obalike von Nri, 1913. Gemeinfrei.)

(Die größte Ausnahme bildet Äthiopien, das über den Nil viel Kontakt zu Ägypten hatte, dessen König im 4. Jahrhundert das Christentum annahm, und das eine Schriftkultur und ein paar ganz beeindruckende Kirchen und Paläste hatte (und das leider zusammen mit den Ägyptern der monophysitischen Häresie verfiel, nach der Christus nur eine Natur, die göttliche, hat).)

Bete Abba Libanos.jpg ET Gondar asv2018-02 img03 Fasil Ghebbi.jpg Aethiopisch orthodoxer Moench.jpg(Bilder aus Äthiopien: Felsenkirche in Lalibela, Palast in Gondar, Mönch mit einer Bibelhandschrift. Bildquelle: Wikimedia Commons, Fotos von Nutzern Bernard Gagnon, A. Savin, Klemens Reidlinger.)

Wenn man an afrikanische Geschichte denkt, denkt man sofort an das Stichwort Sklaverei. Daher eine Klarstellung: Vor 2000 Jahren gab es auf der ganzen Welt Sklaverei. Korea, Indien, Afrika, Rom, Germanien, Irland: Man wird kein Land finden, in dem es keine Sklaverei gab. Die Sklaven stammten nicht aus einer bestimmten Rasse, und Afrika spielte nicht die Rolle eines Sklavenexporteurs für den Rest der Welt. Nachdem manche Länder (vorrangig das Römische Reich) das Christentum annahmen, ging die Sklaverei dort sehr langsam zurück oder nahm mildere Formen an; noch verschwand sie allerdings nicht.

Die ganze Situation änderte sich ab dem 7. Jahrhundert, als eine neue, recht militante Religion entstand, nämlich der Islam. Die islamischen Reiche führten massiv Kriege und importierten massiv Sklaven, teils durch Raubzüge, teils durch Handel. Sie waren nicht wählerisch bei deren Ursprung: Sklaven aus Franken wurden ebenso genommen wie Sklaven aus Osteuropa oder aus Indien (der Name „Hindukusch“ bedeutet übrigens „Hindu-Tod“, da beim Marsch über dieses Gebirge so viele indische Sklaven zu Tode kamen) – oder eben auch aus Afrika.

Die muslimischen Herrscher in Nordafrika bauten militärischen Druck auf die weiter südlich lebenden (schwarzen) Völker auf und zwangen sie dazu, Sklaven als Tribut zu liefern, um nicht selbst versklavt zu werden; die gingen also in der Sahelzone auf Menschenjagd und lieferten die gewünschte Ware nach Norden. Teilweise machten sich die Araber auch selbst einen Spaß an der Sklavenjagd, und teilweise wurde Handel von einzelnen Schwarzafrikanern aus schlichter Geldgier ohne fürstlich organisierte Sklavenjagden betrieben. In Westafrika waren es eher schwarze Fürsten, die auf Sklavenjagd gingen; an der ostafrikanischen Küste legten die Araber selbst Städte an.

„Im 15. Jh. gab es zwischen Kilwa und Mogadischu 37 regelmäßig angelegte Städte mit eigenen Moscheen und raffiniertem persischem Dekor. Alle dienten sie als Exporthäfen für Sklaventransporte in den Irak, nach Persien, auf die arabische Halbinsel, nach Indien und sogar nach China. […] Die Sklaven wurden teils von Händlern im Landesinnern erworben, zusammen mit Elfenbein, welches sie zur Küste tragen mussten; teils wurden sie durch die Raubzüge der Emire erbeutet. So vermerkt der Schriftsteller Ibn Battuta, welcher 1331 Kilwa besuchte, dass der Sultan jährlich zu Sklavenjagden auszog. […] Als Oman im 16. Jh. Seemacht wurde, importierte der Sultan in manchen Jahren 20.000 Schwarzafrikaner.“ (Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, 3. Auflage, München 2018, S. 101-103)


(Schwarzafrikanische Sklaven in Sansibar, 1889. Gemeinfrei.)

Die niedrigste Schätzung für die von den Muslimen zwischen dem 7. und dem 20. Jahrhundert aus Afrika importierten Sklaven beträgt 17 Millionen; dabei sind aber die beim Transport gestorbenen und in den Versklavungskriegen getöteten Menschen nicht mitgerechnet; und selbst diese Schätzung ist höchstwahrscheinlich zu niedrig. Man wird von 20 Millionen und noch mehr auf den arabischen Märkten angekommenen Sklaven ausgehen können.


(Sklavenmarkt im Jemen, Illustration aus dem 13. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

In Nordwesteuropa (England, Frankreich, Deutschland etc.) verschwand im Hochmittelalter die Sklaverei, in Südeuropa (Italien, Spanien, Portugal) blieb sie etwas länger erhalten, war aber nicht sehr bedeutend. Europa blieb allerdings in dieser Zeit noch (wenn auch in geringerem Maße als Afrika) ein Herkunftsgebiet für Sklaven: Die muslimischen Kaperfahrer aus den sog. Barbareskenstaaten wie Algier und Tunis erbeuteten im Lauf der Jahrhunderte mehr als eine Million Europäer von Schiffen oder aus Küstendörfern; in einzelnen Fällen fuhren sie bis Irland und sogar Island, aber hauptsächlich konzentrierten sie sich auf das Mittelmeer und die Mittelmeerstaaten: Italien, Malta, Frankreich, Spanien (das die christlichen Spanier langsam von den Arabern zurückeroberten, die von Nordafrika aus dort eingefallen waren) usw. Diese Sklavenjagden dauerten bis ins frühe 19. Jahrhundert; im mittelalterlichen Europa wurden Orden wie die Mercedarier gegründet, die in muslimische Länder gingen, um dort Sklaven freizukaufen. Zu den berühmten Personen, die einige Jahre lang Sklaven der Muslime waren und dann fliehen konnten, gehören der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes und der hl. Vincent de Paul. Der Großteil der Sklaven konnte allerdings weder freigekauft werden noch fliehen. Osteuropa und Russland litten ebenfalls stark unter muslimischen Sklavenjagden.*


(Linkes Bild: Mönche kaufen europäische Sklaven in den Barbareskenstaaten frei. Gemeinfrei. – Rechtes Bild: Kaufmann aus Mekka (rechts) mit seinem tscherkessischen Sklaven (links), ca. 1888. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu Afrika: Die Muslime importierten, wie gesagt, besonders viele Sklaven aus Schwarzafrika und in Ländern wie Marokko bildete sich nach und nach eine „color-line“ zwischen hellhäutigeren und dunkelhäutigeren Bevölkerungsschichten: Bei einem Schwarzen war es typisch, dass er Sklave war. Für die Versklavung von Schwarzen wurde als Rechtfertigung manchmal Noahs Fluch über Ham (der u. a. als Stammvater von Kusch, also Äthiopien, gilt) herangezogen, der aus der Bibel stammt (Gen 9,24-27), aber den auch der Islam kannte. Diese Interpretation war etwas vom Islam, nicht vom Christentum Erfundenes; im Christentum wurde sie erst deutlich später von einzelnen übernommen.

Unter muslimischen Gelehrten finden sich sehr viele sehr unfreundliche Äußerungen über Schwarze; hier ein paar Kostproben:

„Ein Anonymus aus dem Irak (um 902) führt die Entstehung unterschiedlicher Rassen von defizienten Untermenschen auf das Klima zurück; in der heißen Klimazone würden die Kinder im Mutterleib zu lange ‚gekocht‘:

’so daß das Kind zwischen schwarz und dunkel gerät, zwischen übelriechend und stinkend, kraushaarig, mit unebenmäßigen Gliedern, mangelhaftem Verstand und verkommenen Leidenschaften, wie etwa die Zanj, die Äthiopier und andere Schwarze, die ihnen ähneln‘.

Eine persische geographische Abhandlung (928 n. Chr.) behauptet:

‚Was die Länder des Südens angeht, so sind alle ihre Einwohner schwarz … Es sind Leute, die dem Maßstab des Menschseins nicht genügen‘.

Desgleichen notiert der Geograph Maqdisi (10. Jh.) über Schwarzafrikaner:

‚Es gibt bei ihnen keine Ehen; das Kind kennt seinen Vater nicht; und sie essen Menschen … Was die Zanj (Ostafrikaner südlich Äthiopiens) angeht, so sind es Menschen von schwarzer Farbe, flachen Nasen … und geringem Verstand oder Intelligenz‘.

Interessanterweise handelt es sich zumeist nicht um einen dichotomischen Rassismus (Schwarz-Weiß), sondern um einen trichotomischen: Zwei minderwertige Rassen (Schwarz und Weiß), beheimatet in den extremen Klimazonen, stehen einer hochwertigen (Rot oder Hellbraun) in der ‚mittleren‘ Zone gegenüber. Demgemäß gelten auch Türken, Slawen und Chinesen als minderwertige Rassen. Die große arabische Philosophie übernahm diesen Hautfarbenrassismus. So untermauert der große Avicenna (Ibn Sina, gest. 1037) die aristotelische Theorie des Untermenschen klimatheoretisch; extremes Klima produziere Sklaven von Natur: ‚denn es muß Herren und Sklaven geben‘; und im Liber Canonis behauptet er, die Schwarzafrikaner seien intellektuell minderwertig. Auch im islamischen Spanien grassierte diese Rassentheorie: Sa’id al-Andalusi (gest. 1070) lehrt eine klimatologisch begründete Minderwertigkeit der Schwarzafrikaner; desgleichen tat der jüdische Philosoph Maimonides (gest. 1204) aus Córdoba, der sowohl Schwarzafrikaner als auch Türken zwischen Menschen und Affen einstuft. Ebenso lässt der große Gelehrte Ibn Khaldun (1332-1406) keinen Zweifel am Untermenschentum der Schwarzen:

‚Daher sind in der Regel die schwarzen Völker der Sklaverei unterwürfig, denn (sie) haben wenig Menschliches und haben Eigenschaften, die ganz ähnlich denen von stummen Tieren sind, wie wir festgestellt haben‘.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 128f.)

Jetzt werden sich manche Leser fragen: Wieso gibt es dann heute keine schwarze Minderheit mehr in Saudi-Arabien, dem Iran oder der Türkei? Die Gründe sind recht einfach: Erstens wurden Sklaven (z. B. auf den Zuckerrohrplantagen oder in den Minen) stärker verheizt als z. B. später in den Südstaaten der USA; sie arbeiteten sich zu Tode, ohne Nachkommen zeugen zu können. Zweitens vermischten sich die hellhäutigeren Herren leichter mit schwarzen Sklavinnen als das in christlichen Gesellschaften der Fall war, wo die Monogamie erwartet wurde und es keine Harems gab. Drittens, und das ist ein noch wichtigerer Grund: Die männlichen Sklaven wurden vor ihrem Import für gewöhnlich kastriert.

Dann kam eine neue Entwicklung. Die Iberische Halbinsel wurde von den Arabern befreit (abgeschlossen war die Reconquista 1492); Europa insgesamt wurde technologisch, wirtschaftlich und militärisch stärker, neue, bessere Schiffe wurden gebaut; die Portugiesen und die Spanier (und später die Hollländer, Franzosen und Engländer) begannen einige Entdeckungsfahrten. Die Portugiesen waren die Vorreiter. Sie segelten schon mal ein Stück auf den Atlantik hinaus und die afrikanische Küste entlang; entdeckten schon im 14. Jahrhundert die Kanarischen Inseln; umrundeten Ende des 15. Jahrhunderts das Kap der Guten Hoffnung, die Südspitze Afrikas. Und die Portugiesen waren die ersten Europäer, die schwarzen Stammesfürsten in Westafrika Menschen abkauften.

Beim transatlantischen Sklavenhandel waren es nicht die europäischen Sklavenhändler, die in Westafrika auf Menschenjagd gingen; diese Mühe mussten sie sich gar nicht machen. Sie kauften Afrikanern ihre Gefangenen aus anderen Stämmen ab; manche der Fürstentümer an der westafrikanischen Küste (z. B. Dahomey, Asante) waren richtiggehend auf das Sklavenjagen spezialisiert.


(Sklavenhändler in Gorée, Senegal, 18. Jh. Gemeinfrei.)

„Welche Modalitäten des Versklavens gab es? 1594 nennt Alvares de Almada für das Gebiet am Gambia-Fluss drei: Krieg und Gefangenschaft, dann die Verstoßung von Straftätern, schließlich Entführungen. König Eyo Honesty, der am Ende des 18. Jhs. am Calabar-Fluß (Bucht von Biafra) als großer Menschenverkäufer agierte, fügt noch zwei Arten hinzu: den Selbstverkauf von Schuldnern, und den Verkauf von entfernten Verwandten. Der Missionar S. W. Koelle befragte 1834 in Sierra Leone angesiedelte Ex-Sklaven und erhielt folgendes Bild: 34% waren Kriegsgefangene, 31% gewaltsam Entführte, 7% Schuldner, 11% Straftäter, 7% von Verwandten und Behörden Verkaufte. Der letzte Punkt indiziert ein bedenkliches Ausmaß von Entsolidarisierung […] Doch eine solche Haltung ist ein historisches Resultat; sie kann sich ergeben aus der unablässigen Erfahrung, den Angriffen überlegener Feinde wehrlos ausgesetzt zu sein, ohne jegliche Aussicht, diese Situation politisch verändern zu können. Dann zerbröckelt der Zusammenhalt, zunächst eines Stammes, schließlich auch der Verwandtschaftsgruppen selber.

Die Eliten der afrikanischen Raubstaaten begingen keine ‚Kollaboration‘; denn man kollaboriert mit einem Überlegenen, um ihm gefällig zu sein. Diese Eliten waren ebenbürtige Partner im Spiel und diktierten den Europäern normalerweise die Marktbedingungen […]. Alle Forts an der Küste des afrikanischen Festlandes waren gemietet gegen einen Tribut an die einheimischen Herrscher; zeigten sich die Europäer widerspenstig, zerstörten die Afrikaner das jeweilige Fort. Ferner legten die Afrikaner fest, wie viele Sklaven sie verkaufen wollten, an wen und in welcher Zeit, ja sogar, welche Sklaven nicht exportiert wurden: das Königreich Benin verhängte ein Ausfuhrverbot für männliche Sklaven und hielt es durch, von 1516 bis tief ins 18. Jh. hinein. […]

Afrikaner versklavten andere Afrikaner, sie deportierten ihre Opfer, und sie verkauften diese an der Küste wie Vieh an europäische Händler. Warum? Weil sie überhaupt keine Gemeinsamkeit zwischen sich und ihren versklavten Opfern sahen. […] Eine ‚afrikanische Solidarität‘ oder gar ‚Identität‘ ist niemals entstanden. Die Täter handelten ihren Zwecken und Interessen gemäß – völlig ‚rational‘. […]

Die Europäer bezahlten ihren Einkauf keineswegs mit Tand oder minderwertiger Ware, sondern mit einem breiten Sortiment hochwertiger Güter: Mit Kaurimuscheln, Silbermünzen, Waffen, mit europäischen Stoffen und indischen Textilien, mit Perlen und mit schwedischen Eisenbarren. Ab 1670 stiegen die Preise kontinuierlich. In Wydah (Dahomey) kostete um 1730 ein Sklave 25 Gewehre oder 40 Leinenballen, um 1750 kostete er 40 Gewehre, bzw. 70 Ballen. […] Josef Inikori spricht von einem Gewehr-Sklaven-Zyklus: Die Afrikaner kauften Gewehre, um noch mehr Sklaven zu machen, um noch mehr Gewehre zu kaufen usw. […]. Diese These ist inzwischen widerlegt: Man benutzte nämlich in weiten Teilen Afrikas bis tief ins 19. Jh. fast nie Gewehre, um Sklaven zu erbeuten. Schnell operierende Reiterverbände gebrauchten blanke Waffen, keine Gewehre; als Fernwaffen blieben die Giftpfeile viel gefährlicher. Die militärische Stärke des Yorubastaates Oyo stützte sich auf die Schlagkraft seiner Reiter und Bogenschützen; weiter nördlich waren Angriffsoperationen vollständig auf das Pferd angewiesen. Daraus folgt, daß es keinen Zyklus Gewehr-Sklaven gab, im Gegensatz zum Zyklus Pferd-Sklaven in der Savannen-Region. Wozu dann aber die 19 Millionen importierten Gewehre? Überwiegend dienten sie den großen Versklaverstaaten als Statusdemonstration für ihre militärischen Apparate, vor allem bei Festen. Ferner taugten sie hervorragend, um Städte und befestigte Dörfer zu verteidigen; und dieser defensive militärische Gebrauch der Musketen war politisch entscheidend: Diese Waffe half staatlichen Gebilden, sich gegen mächtige Nachbarn zu behaupten. Solche Staaten überlebten länger; nicht verwunderlich also, dass die Hauptimporteure von Gewehren zu den größten Lieferanten von Sklaven gehörten.

Die Überfahrt nach Amerika war gefürchtet; sie dauerte auf der Strecke Angola-Brasilien 30 bis 40 Tage, von Guinea zur Karibik zwei Monate. […] Es starben insgesamt etwa 15% der Verschleppten bei der Überfahrt, anfangs durchschnittlich 20%, im 18. Jh. anfangs 15%, um 1750 noch 10%, um 1800 noch 8%. In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. bedeutete jeder gestorbene Sklave eine durchschnittliche Einbuße von 0,67% des Gewinns; starben mehr als 15% lohnte das Unternehmen kaum noch. Da jedem Sklaven unter Deck nur etwa 0,5m² zustand, zwang man sie, sich tagsüber an Deck zu bewegen, sogar zu tanzen, ferner zu täglichem Waschen und Mundpflege. Für alle Verschleppten war die Überfahrt ein tiefer biographischer Einschnitt, welcher ihnen jegliche Hoffnung auf Heimkehr raubte, und ein weiteres traumatisches Ereignis, welches ihre frühere Identität entwertete und sie gefügiger machte, eine neue anzunehmen.

Die Todesrate war – im Vergleich mit anderen Transporten – nicht sehr hoch; sie ‚lag im 18. Jh. nicht über jener, die bei transatlantischen Truppen- oder Sträflingstransporten ermittelt worden ist‘. Die Sklavenschiffe transportierten allerdings überwiegend junge, gesunde Männer. Maßgeblich war einerseits, wie lange die Überfahrt dauerte, anderseits, aus welchen Regionen die Sklaven stammten, denn sie waren auf unterschiedlichste Weise epidemiologisch anfällig. Die Tropenkrankheiten sind auch der Grund für einen weiteren Umstand: die höchste Sterberate auf Sklavenschiffen betraf nämlich die europäischen Seeleute; auf französischen Transportern des 18. Jhs. betrug sie durchschnittlich 15%, auf englischen oft 25%. Besonders gefährlich waren die Liegezeiten vor der afrikanischen Küste; hierbei verloren mehrere Liverpooler Transporter um 1770 etwa 45% ihrer Mannschaften. Aus diesem Grunde benötigten die Sklaventransporter, obwohl sie so klein waren, so dermaßen viele Matrosen. Die Kapitäne erhielten 2-5% Provision und waren – unter finanziellen Gesichtspunkten – eher daran interessiert, daß Sklaven überlebten als Matrosen.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 172-177)

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(Karte aus: Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 181.)

„Der Augenblick des Ablegens war traumatisch. ‚Die Sklaven die ganze Nacht in Aufruhr‘, heißt es im Bordtagebuch eines Seemanns. ‚Sie spürten, wie sich das Schiff in Bewegung setzte. Ein Geheul, schrecklicher als ich es je zuvor gehört hatte, wie bei den armen Irren im Bedlam Hospital. Die Männer rüttelten an ihren Ketten, was einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht.‘

Diese Angst rührte zum Teil daher, daß viele Westafrikaner glaubten, Europäer seien Meereslebewesen, Kannibalen aus dem Land der Toten, das schwarze Leder ihrer Schuhe sei die Haut von Afrikanern, der Rotwein, den sie tranken, das Blut von Afrikanern, und ihr Schießpulver bestehe aus verbrannten und zermahlenen Knochen von Afrikanern. Ähnliche Ängste gab es in Mosambik und bei den Völkern, die dem transsaharischen Sklavenhandel ausgesetzt waren.“ (John Iliffe, Geschichte Afrikas, übers. von Gabriele Gockel und Rita Seuß, München 1997, S. 183)

Nicht in allen amerikanischen Kolonien gab es Sklaven. In spanischen Kolonien gab es sie weniger; ins portugiesische Brasilien wurden Millionen importiert. In den englischen Kolonien in Nordamerika bildeten sich sklavenhaltende (im Süden) und sklavenfreie Gebiete (im Norden) heraus; im Allgemeinen brauchte man da Sklaven, wo man Plantagen (für Zuckerrohr, Tabak, Baumwolle usw.) anlegte. Die Freilassungsquoten waren unterschiedlich hoch (in Nordamerika geringer als in Südamerika); aber praktisch überall bildete sich neben der Schicht der Sklaven eine mehr oder weniger große Schicht aus freien Schwarzen und „Mulatten“ heraus. Auch das Ausmaß der Rassenvermischung war verschieden; in Südamerika höher als in Nordamerika.

Anfangs wurden weiße Schuldknechte (die z. B. als verurteilte Kriminelle aus Europa in die Kolonien gebracht worden waren) und aus Afrika hergebrachte Schwarze manchmal ähnlich behandelt; sie mussten mehrere Jahre arbeiten und wurden dann freigelassen. Erst nach und nach ging die Zufuhr an weißen Schuldknechten zurück.

„Die Geschichte der Karibikinsel Barbados zeigt exemplarisch, welche Dynamik nun einsetzte: Ab 1628 übernahmen Kapitalgesellschaften große Teile der Insel, legten binnen zweier Jahre 120 Plantagen mit durchschnittlich 115 ha an. Sie importierten mehrere tausend englische Sträflinge oder Verarmte, von denen etwa 20% auf der Überfahrt starben und die angesichts der expandierenden Plantagen keine Aussicht mehr hatten, eine eigene Parzelle zu erhalten. 1634 machten die Schuldknechte einen Aufstand, den 800 Milizionäre erstickten. Danach verschlechterte sich ihre Lage; 1647 kamen die Pflanzer einem Aufstand zuvor und exekutierten die Anführer. Von 1648 bis 1655 wurden 12 000 irische politische Gefangene nach Barbados geschickt. Die Schuldknechte wurden nicht nach englischem Recht behandelt, sondern nach lokalem Gewohnheitsrecht. Gemäß dem 1661 erlassenen ‚Act for Ordaining of Rights between Masters and Servants‘ konnte man sie verkaufen, vermieten und verpfänden, ihren Dienst bei Vergehen um ein bis zwei Jahr verlängern und sie auspeitschen. Der Fall Barbados dokumentiert, wie leicht ein sklavistisches System auf der Basis weißer Sklaven hätte entstehen können. Warum geschah das nicht? Erstens weil die Zufuhr fast völlig versiegte; die Betroffenen taten alles, um ihre Strafen anderswo abzubüßen oder sich anderweitig zu verdingen; ihnen boten sich inzwischen viele Alternativen an; hatte doch mittlerweile die europäische Besiedlung Nordamerikas begonnen. Zweitens waren die Kosten der ständigen Repression zu hoch: Menschen, die als öffentliche Sträflinge oder als Verarmte bestimmte Erniedrigungen hinzunehmen bereit waren, wehrten sich verbissen dagegen, in eine private Quasi-Sklaverei hineingepresst zu werden. Drittens gab es Arbeitskräfte, von denen ein viel höherer Prozentsatz die Tropenkrankheiten überlebten: afrikanische Sklaven.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 167f.)

Übrigens gab es auch freie Schwarze, die selbst Sklaven besaßen; ein bekanntes Beispiel wäre Anthony Johnson, ein Schwarzer aus Angola, der 1621 nach Virginia gebracht worden war, nach mehreren Jahren freikam, sich einigen Wohlstand erwarb, und vor Gericht um das Recht stritt (und es erhielt), einen anderen Schwarzen namens John Casor lebenslang in seinem Dienst zu halten statt nur begrenzte Zeit als Schuldknecht.

Sklaverei war eine Sache der Kolonien; in den europäischen Mutterländern existierte sie in aller Regel nicht, und Sklaven wurden frei, sobald sie europäischen Boden betraten (die Ausnahme bildeten Portugal und italienische Städte). Die Menschen in Europa sahen die Sklaverei für gewöhnlich nicht als gut, sondern als eine unschöne Angelegenheit in Übersee, wie man heute Kinderarbeit oder Lohndumping in Fabriken der Dritten Welt sieht, in denen Subunternehmer europäischer Unternehmer produzieren. Erst recht nicht mochten sie den Sklavenhandel, der dafür sorgte, dass ständig immer weitere freie Menschen in die Sklaverei geführt wurden (ab dem 16. Jahrhundert schon findet man übrigens päpstliche Verurteilungen dieses Handels; z. B. hier eine von 1537, hier eine von 1838; auch wenn das Sklavenhalten nicht als in sich falsch kirchlich verurteilt wurde). (Für mehr dazu, was Bibel und Kirche zu Versklavung, Sklavenhandel und Sklaverei sagen bzw. sagten, siehe diesen (ein wenig geupdateten) Artikel hier.)

Die rechtlichen Bestimmungen, denen Sklaven unterworfen waren, variierten. „Als die karabischen Besitzungen Frankreichs immer mehr zu Sklavenkolonien wurden, erachtete es die Krone für nötig, die im Mutterland so verabscheute Sklaverei rechtlich zu regeln; im März 1685 erließ Ludwig XIV. den ‚Code Noir‘. Wie jedwedes Sklavenrecht leidet der Code Noir unter dem Widerspruch, daß Sklaven als Besitz und nicht als Rechtspersonen gelten sollen, anderseits aber Menschen sind, für deren Seelenheil der König höchste Sorge trägt (Artikel 2). Sklaven sind zwar weder als Zeuge noch als Ankläger gerichtsfähig, doch bei schweren Vergehen werden sie nicht vom Herrn bestraft, stattdessen spricht ein Gericht über sie das Urteil. Somit begrenzt der Code Noir die Strafgewalt des Herrn erheblich: Zwar kann der Herr widerspenstige Sklaven ketten, sie mit Ruten oder Seilen schlagen lassen; doch es ist ihm untersagt, sie zu foltern oder zu verstümmeln, andernfalls werden die Sklaven konfisziert. Tötet er einen Sklaven, droht ihm eine Anklage wegen Mordes. Die Arbeit ruht sonntags und an katholischen Feiertagen. Sklaven können nur mit Erlaubnis ihres Herrn heiraten, es ist anderseits verboten, wenn eine Ehe besteht, die Ehegatten und die vorpubertären Kinder getrennt zu halten oder zu verkaufen. Art. 58 erklärt, daß Freigelassene ihren ehemaligen Herrn Respekt zu bekunden haben, aber frei von jeglichen Dienstleistungen sind. Sie gelten automatisch als eingebürgerte Untertanen, mit gleichen Rechten und Pflichten. Falls der verheiratete Herr eine Sklavin als Konkubine hält, so wird diese mitsamt den gemeinsamen Kindern konfisziert, und sie erhält kene Aussicht auf Freilassung. Hingegen darf der unverheiratete Herr eine Sklavin, welche damit automatisch frei wird, ehelichen; die Kinder sind freie Franzosen. […] Die Rechtspraxis der englischen Sklavenregionen folgte nicht dem Code Noir; sie anerkannte keine Sklavenehe, erschwerte die Freilassungen, zog zwischen Freigelassenen und den Weißen eine scharfe politische und soziale Demarkationslinie.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 182f.)

(Eine englische Übersetzung des Code Noir findet man übrigens hier. U. a. enthält er auch Bestimmungen, die Ansammlungen von Sklaven verbieten, Herren befehlen, ihren Sklaven eine bestimmte Menge an Nahrung und Kleidung zur Verfügung zu stellen, die Todesstrafe für Sklaven festlegen, die ihre Herren ins Gesicht schlagen, und festlegen, dass Herren kranke Sklaven pflegen oder einem Hospital für ihre Pflege eine bestimmte Summe zahlen müssen.)

Die Südstaaten der USA zählen zu den bekanntesten Sklavenhalterregionen der Neuen Welt. Die Sklaverei dort war, wenn auch in rechtlicher Hinsicht schlimmer als die Sklaverei in französischen Kolonien, in mancher Hinsicht nicht so schlimm wie andere Sklavensysteme (z. B. im islamischen Machtbereich) – vielleicht gerade „nicht so schlimm“ genug, dass die Südstaatler, denen bewusst war, dass man anderswo auch ohne Sklaverei leben konnte, sich sagen konnten, dass sich am System eigentlich nichts ändern müsste.

Sklaven waren nicht völlig rechtlos und wurden gut genug behandelt, dass sie sich relativ stark vermehren konnten, was in anderen Sklavenhaltergesellschaften der Weltgeschichte, die auf ständigen Nachschub von Sklaven von außerhalb angewiesen waren, nicht der Fall war. Es war verboten, ihnen lesen und schreiben beizubringen, sie durften sich nicht ohne schriftliche Erlaubnis von ihrer Plantage entfernen, und das Schlimmste war natürlich, dass Familien legal getrennt werden konnten; zwar war das nicht so häufig, wie manchmal angenommen wird, aber es kam vor, vor allem, wenn beim Tod eines Sklavenbesitzers sein Erbe zu Geld gemacht und verteilt wurde, und es gab keinen Schutz dagegen. Für die Vergewaltigung von Sklavinnen gilt dasselbe: Sie war nicht so häufig wie manchmal gedacht, aber es gab keinen wirklichen Schutz dagegen. Ein großer Vorteil für Sklaven in den Südstaaten war allerdings, dass ihre Herren oft keine abwesenden Großunternehmer waren, sondern auf der Plantage lebten und ihren Sklaven öfter eine gewisse paternalistische Fürsorge angedeihen ließen. Die Sklaven waren relativ gut ernährt; lebten nicht in großen Baracken, sondern in einzelnen Hütten für eine Familie; wurden versorgt, wenn sie krank waren; oft wuchsen ihre Kinder mehr oder weniger zusammen mit denen ihrer Herren auf. (Einen ganz guten direkten Eindruck von der Sklaverei bekommt man übrigens in den sog. „Slave narratives“, Interviews aus den 1930ern mit Afroamerikanern, die in ihrer Kindheit noch die Sklaverei erlebt hatten.)

Es gibt manchmal eine gewisse Südstaatenschwärmerei, vor allem in den konservativen Kreisen der Südstaaten. Da wird dann die Bedeutung der Sklaverei heruntergespielt – sie wäre mit der Industrialisierung sowieso verschwunden, beim Bürgerkrieg sei es nicht vorrangig um die Sklaverei gegangen – oder auf die Fehler des Nordens verwiesen – den Arbeitern in den Industriestädten des Nordens sei es viel schlimmer gegangen; während der Sklavenhalter des Südens für seine Sklaven gesorgt habe, hätte der Fabrikherr des Nordens seine Arbeiter einfach entlassen können; und überhaupt hätten die Nordstaaten im Bürgerkrieg keine humanen Motive gehabt und es wäre ihnen nicht um die Sklaven gegangen.

Hier ist einiges Wunschdenken dabei. Während man im 18. Jahrhundert in den Südstaaten die Sklaverei noch als etwas Unschönes, als ein Übel, wenn auch vielleicht ein notwendiges Übel, gesehen hatte, das im Lauf der Zeit verschwinden müsste, hatte man sich dort Mitte des 19. Jahrhunderts an sie gewöhnt, wollte sich nicht mehr eingestehen, dass man oder seine Vorfahren die Sklaverei hätten abschaffen können oder sollen. Wer sagt, dass man Sklaven nicht auch als Fabrikarbeiter eingesetzt hätte? Der Süden war sehr überzeugt von dieser Institution. Die Südstaaten haben in ihren Abspaltungserklärungen überdeutlich klargemacht, dass es ihnen um die Sklaverei ging und wie wichtig ihnen diese Institution war; auch die „Cornerstone Speech“ des konföderierten Vizepräsidenten, in der er die Sklaverei als „Eckstein“ der Konföderation bezeichnet, ist aufschlussreich. Das war der Grund der Abspaltung, nichts anderes; und die Abspaltung führte zum Krieg.

Natürlich gab es dann im Norden einige Politiker die mit „wir sind jetzt auch keine so radikalen Abolitionisten, uns geht es jetzt im Krieg erst mal darum, die Union zu bewahren, nicht um die Sklavenbefreiung“ kamen, um auf die öffentliche Meinung einzugehen, denn auch im Norden war die Frage der Sklavenbefreiung keineswegs allen einen Krieg wert. Aber insgesamt war man im Norden doch gegen die Sklaverei und schaffte sie dann ja auch ab. Es stimmt, dass die prakischen Folgen nicht sofort gut waren; dass es im Chaos der Nachkriegszeit den befreiten Sklaven zunächst manchmal schlechter ging als vorher auf den Plantagen. Aber dass der Norden die Befreiung schlecht geplant und durchgeführt hatte, heißt nicht, dass er sie nicht aus wirklicher Empörung über einen schlimmen Missstand beschlossen hatte. Auch die Tatsache, dass es den Fabrikarbeitern im Norden manchmal praktisch schlechter ging, ändert nichts daran; manchmal lenkt man sich ja von eigenen Fehlern damit ab, dass man sich gegen Unrecht anderswo einsetzt, und dieses Unrecht anderswo existiert trotzdem. Und dass die Situation nach den Wirren der Nachkriegszeit besser wurde, wird auch kaum jemand bestreiten wollen.

(Was übrigens die Religion angeht: Norden und Süden waren gleichermaßen religiös (größtenteils protestantisch), und verteidigten ihre Ansichten zur Sklaverei gleichermaßen mit der Bibel.)

Soweit zur Sklaverei in Amerika; am Rande seien hier noch die „Kammermohren“ oder „Hofmohren“ in Europa erwähnt: Schwarze, die auf irgendwelchen Umwegen (oft durch Sklavenhändler) nach Europa gelangten und dort zu Dienern von Fürsten wurden. In Europa war die Situation ganz anders als in den amerikanischen Kolonien; Schwarze waren keine niedere Klasse, sondern als faszinierend gesehene vereinzelte Exoten, die die Fürsten gern um sich haben wollten, denen sie oft Bildung und hohe Gehälter oder Erbschaften zukommen ließen und als deren Taufpaten sie selbst fungierten: der „Hofmohr“ in den Salons von Wien oder Salzburg war etwas ganz anderes als der „Negersklave“ auf der karibischen Zuckerplantage. Auch wenn die Kammermohren (oft als Kinder) als Sklaven nach Europa gebracht worden waren, das europäische Recht kannte, wie oben schon gesagt, eigentlich keine Sklaverei und dementsprechend wurden die Hofmohren im Endeffekt als normale Diener und Höflinge behandelt. Ehen mit Europäerinnen waren nichts Außergewöhnliches.

Einige Kammermohren erlangten eine gewisse Bekanntheit. Anton Wilhelm Amo war ein Philosoph und Jurist, der gegen Ende seines Lebens nach Ghana zurückkehrte; Angelo Soliman ein Prinzenerzieher beim Fürst von Liechtenstein (und leider ein Freimaurer); Abraham Petrowitsch Hannibal erreicht in Russland sehr hohe Stellungen in Politik und Militär und wurde Großgrundbesitzer, außerdem ist er der Urgroßvater des russischen Dichters Puschkin; Ignatius Fortuna war ein typischerer Kammerdiener ohne besondere sonstige Leistungen, allerdings war er recht wohlhabend und wurde er von seiner Fürstin mit einer hohen Erbschaft bedacht und auf ihren Wunsch hin in der Nähe ihres eigenes Grabes bestattet.

(Links: Fürstäbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach mit Ignatius Fortuna, von Johann Jakob Schmitz, 1772. Gemeinfrei. Rechts: Angelo Soliman. Gemeinfrei.)

Aber jetzt zur Abschaffung der Sklaverei.

Der ab dem 15. Jahrhundert neu entstandene transatlantische Sklavenhandel war, wie schon gesagt, keineswegs allgemein gern gesehen. Ab dem 18. Jahrhundert entwickelte sich eine stärkere Bewegung für die Abschaffung (Abolition) der Sklaverei; in englischsprachigen Gebieten geprägt von Freikirchlern – Methodisten, Quäkern, usw. England beschloss 1807 ein Verbot des Sklavenhandels; kurz darauf untersagten auch die USA den Import neuer Sklaven. Die Sklaverei selbst blieb im Britischen Empire noch ein wenig länger erhalten, aber relativ bald lief es auf ihre Abschaffung zu, während dieser Weg in den US-Südstaaten schwieriger war. Diese Bemühungen waren nicht auf die englischsprachigen Gebiete beschränkt; in ganz Europa entwickelte sich Empörung über die Grausamkeiten des Sklavenhandels und es entstanden Organisationen, um ihn zu bekämpfen.


(Logo britischer Abolitionisten. „Bin ich nicht ein Mensch und ein Bruder?“ Gemeinfrei.)

Dass v. a. die Briten es ernst mit der Unterdrückung des Sklavenhandels meinten, zeigt sich an einer einfachen Tatsache: Sie steckten Geld und Einsatz hinein.

„Nachdem in Europa 1814 der Friede wiederhergestellt war, versuchte die britische Regierung, über internationale Verträge den Sklavenhandel lahmzulegen, um die Sklaverei auszutrocknen. Denn das interne britische Verbot hatte nicht verhindert, daß die transatlantischen Überfahrten neue Rekordziffern erreichten. Den ersten bilateralen Vertrag zur Abschaffung des Sklavenhandels unterzeichneten 1814 Großbritannien und Frankreich; im Februar 1815 gaben auf dem Wiener Kongreß acht europäische Monarchien eine Erklärung ab, sie seien entschlossen, den Sklavenhandel zu unterdrücken. 1817 und 1823 folgten bilaterale Verträge mit Portugal und Spanien, um die gegenseitige Durchsuchung von Schiffen zu legalisieren, danach zahlreiche andere. Englische Kapitäne, die man beim Transportieren von Sklaven ergriff, wurden gehenkt. Den ständigen Druck der britischen Marine empfanden freilich andere Länder als Bruch des internationalen Rechts und der nationalen Souveränität. In der Tat drängten die Abolitionisten auf direkte imperiale Intervention, wobei die Quaker in Gewissensnot gerieten, da sie Gewalt ablehnten. Jahrzehntelang leisteten britische Kriegsschiffe humanitäre Interventionen und machten Großbritannien zum Weltpolizisten.

1823 verbot das Parlament das Auspeitschen und begrenzte den Arbeitstag der Sklaven auf 9 Stunden; das Zwangssystem begann zu wanken. Es vervielfachten sich die Revolten, welche jedoch niedergeschlagen werden mussten, da das System immer noch legalerweise bestand. 1833 beschloß das Parlament, die Sklaverei im gesamten Empire abzuschaffen; die Sklavenhalter wurden mit insgesamt 20 Mio Pfund entschädigt, die Sklaven sollten noch 7 Jahre als ‚Lehrlinge‘ bei ihren Herren arbeiten. 1841 kam es zu einem multilateralen Vertrag, welcher den Sklavenhandel auf eine Stufe mit Piraterie stellte und vorsah, die Weltmeere zu überwachen und Seeblockaden zu verhängen – im Dienste der Humanität. Danach patrouillierten regelmäßig bis zu 60 Kriegsschiffe in afrikanischen Gewässern, zuvorderst britische, aber auch französische und US-amerikanische. Im Februar 1848 brach in Frankreich die Revolution aus; am 27. April erklärte ein Dekret in allen französischen Besitzungen die Sklaverei mit sofortiger Wirkung für aufgehoben; nach alter Tradition bestimmte Artikel 7, jeder Sklave werde frei, ’sobald er französischen Boden betritt‘. Ab 1849/50 setzte die britische Marine eine weitgehende Blockade der westafrikanischen Küste durch und erdrosselte tatsächlich den dortigen atlantischen Sklavenhandel. Von 1807 bis 1867 fing man insgesamt 1287 Sklavenschiffe ab. Den Sklavenhandel zu unterbinden war teuer; 90% der gesamten Last trugen die Briten, deren Marine zu diesem Zweck 15% ihrer Schiffe verwandte. ‚Insgesamt wendeten die Briten ein halbes Jahrhundert lang rund 250.000 £ (Pfund) pro Jahr oder … rund 2 bis 6% ihres gesamten Marinebudgets auf.‘ Von 1816 bis 1862 kostete die Unterdrückung des Sklavenhandels ebensoviel wie die britischen Händler von 1760 bis 1807 am Verkauf Versklavter verdient hatten.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 206-208)

„‚Sie nahmen uns die Fesseln von den Füßen und warfen sie ins Wasser‘, erinnerte sich ein befreiter Sklave, ’sie gaben uns Kleider, um unsere Blöße zu bedecken, sie öffneten die Wasserfässer, damit wir unseren Durst stillen konnten, und wir aßen, bis wir satt waren.'“ (Iliffe, Geschichte Afrikas, S. 199.)

HMS Brisk and Emanuela.jpg Captain Sir George Ralph Collier.jpg
(Links: Darstellung eines britischen Marineschiffs, das ein Sklavenschiff aufbringt. Rechts: Sir George Ralph Collier, erster Commodore der ‚West Africa Squadron‘. Gemeinfrei.)

Man muss kein Freund der Briten des 19. Jahrhunderts sein; in ihrem eigenen Land schufteten Kinder in Minen und Fabriken, sie nahmen den Hungertod etlicher Iren billigend in Kauf und mit China begannen sie Krieg, um den Chinesen weiterhin Opium verkaufen zu können; aber in Bezug auf den Sklavenhandel muss man schlicht sagen: Ohne sie würde wahrscheinlich immer noch weltweit Sklavenhandel betrieben.

Von Schiffen befreite Sklaven wurden oft in eigens angelegten Städten in Afrika angesiedelt; dazu gehören Libreville im heutigen Gabun und Freetown im heutigen Sierra Leone. Abolitionistischen Bemühungen verdankt sich auch die Existenz der einzigen amerikanischen Kolonie in Afrika, einer Kolonie besonderer Art: Liberia (von lateinisch liber = frei), gegründet im Jahr 1822 von der „American Colonization Society“, die freigelassenen Afroamerikanern, die auf den Heimatkontinent ihrer Vorfahren zurückkehren wollten, einen Platz zur Ansiedlung verschaffen wollte. (Liberia wurde 1847 unabhängig.)

West Virginia slaves for settlement in Liberia 1837.png
(Ausschnitt eines Zeitungsberichtes im ‚African Repository‘ von 1837 über einen Sklavenbesitzer aus Virginia, der zwölf Sklaven freilassen und für die Reise nach Liberia ausstatten will. Gemeinfrei.)

Sklaverei endete nie von selbst; es brauchte immer die Entscheidung dazu, und den Willen, diese Entscheidung durchzusetzen. In Europa und europäischen Kolonien brachten Aktivismus und Gesetzesänderungen meistens viel; um die muslimische Sklaverei zu beenden, waren militärische Interventionen von außen nötig; diplomatischer Druck tat nur wenig, und aus muslimischen Gesellschaften heraus kam kein Wille zur Veränderung. Sklavenaufstände waren derweil für gewöhnlich zum Scheitern verurteilt. Der einzige größere erfolgreiche Sklavenaufstand der Weltgeschichte fand von 1791 bis 1804 auf Haiti statt; und den Siegern gelang nach ihrem Sieg kein wirklich erfolgreicher Aufbau eines Staates.


(Pétion und Dessalines, zwei Anführer der Haitianischen Revolution, Bild von Guillon-Lethière. Gemeinfrei.)

Das Vorgehen gegen den Sklavenhandel zur See zeigte gewisse Erfolge, wobei immer noch eine gewisse Anzahl an Sklaven von gewinnsüchtigen Kapitänen geschmuggelt wurde (ihr Preis war unter diesen Umständen natürlich gestiegen); die Nachfrage in Amerika verschwand dann erst, nachdem in den USA der Bürgerkrieg (1861-1865) zu Ende und die Sklaverei abgeschafft war, und zuletzt Brasilien sie 1888 abschaffte. Dennoch beendete das Versklavungsprozesse nicht: Dann verkauften westafrikanische Versklaver ihre Sklaven eben in andere afrikanische Reiche, oder (da die Europäer den „legitimen Handel“ mit Gütern wie Palmöl förderten) setzten sie selbst auf Palmölplantagen in Westafrika ein, um das Palmöl dann den Europäern zu verkaufen. Die Sklavenjagden der Araber in Afrika, v. a. Ostafrika, wurden im 19. Jahrhundert unterdessen immer schlimmer; und hier befinden wir uns am Vorabend der Kolonialisierung Schwarzafrikas.

Aber zur Kolonialisierung und der großflächigen Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei innerhalb Afrikas im nächsten Artikel.

* Im Frühmittelalter gab es noch mehr Versklavungsprozessse und Europa war stärker gefährdet: „Es lassen sich 4 wichtige Routen ermitteln: auf der ersten importierten friesische Händler Sklaven irischer und englischer Herkunft aus London, um sie in den Binnenhäfen Westeuropas und Deutschlands zu verkaufen; auf der zweiten verbrachte man Sklaven aus den noch heidnischen slawischen Gebieten durch Bayern über die Alpen nach Venedig, von wo aus sie zu den islamischen Märkten verfrachtet wurden; auf der dritten kamen verschleppte Slawen durch Deutschland über Verdun, das als Sammellager und Kastrationsanstalt diente, das Rhône-Tal abwärts nach Arles und Marseilles, von wo aus sie ins moslemische Spanien gelangten, um die Mamlukenschaft des Kalifats zu ergänzen; die vierte Route führte von England zum islamischen Spanien, welches die meisten importierten Sklaven absorbierte und einen Teil nach Nordafrika und Ägypten weiterverkaufte.

Es war im fränkischen Reich untersagt, Versklavte in andere ‚Staaten‘ oder Christen an nichtchristliche Händler zu verkaufen. Das Verbot wurde ständig missachtet. Wiederholt versuchten kirchliche Synoden diesen Handel zu stoppen, schlugen sogar vor, daß französische Christen die Sklaven kaufen sollten, damit diese nicht in die Hände der Muslime fielen, vergebens.

Es blieb nicht beim Sklavenhandel. Zwischen 827 und 972 schienen die verbliebenen funktionierenden Königreiche zu kollabieren: Seit 825 griffen die Wikinger die Küsten an, drangen entlang der Flussläufe ins Innere, plünderten, zerstörten und verschleppten gefangene Menschen. Ihre Ausgriffe reichten bis tief nach Russland, wo sie 882 das Reich der Waräger gründeten; sie verschifften ihre Opfer von Irland bis ins moslemische Spanien, aber auch nach Osten, entweder über Nowgorod zur oberen Wolga, dann wolgaabwärts bis Bulgar, wo die Händler der moslemischen Niederlassung die Sklaven einkauften und sie über einen weiten Landweg zu den großen Sklavenmärkten und Kastrationszentren von Buchara und Samarkand verschleppten; oder über die Düna-Dnjepr-Linie bis nach Kiew; von dort führte ein Transportweg über das Schwarze Meer nach Konstantinopel und bis Ägypten, ein anderer nach Osten, den Don aufwärts, hinüber zur Wolga bis nach Itil im Norden des Kaspischen Meeres, wo ein riesiger moslemischer Sklavenmarkt die Opfer empfing, um Persien und den Irak zu beliefern. Ab 845 zahlten die Franken Tribute, um dieses Übel abzuwenden (Danegeld), was nur beding half. Gefährlicher war der Angriff aus dem Süden: 827 setzten nordafrikanische Emire nach Sizilien über, 840 besetzten sie Tarent, 846 richteten sie in Bari ein Emirat ein; ihre ständigen Razzien führten 846 zum ersten, 878 zum zweiten Angriff auf Rom; von Bari fuhren die Sklavenschiffe regelmäßig nach Tunis und Ägypten. 890 setzten sich die Truppen des Emirats von Córdoba im südfranzösischen Fraxinetum fest und unternahmen von dort ihre Feldzüge in das obere Rhonetal. 940 sperrten sie die westlichen Alpenpässe. Der südliche Rand Europas drohte zur okkupierten Lieferzone für die militärisch weit überlegene islamische Welt zu werden. Dazu kamen die Invasionen aus dem Osten: Seit 886 machten die Ungarn, ein Reitervolk der eurasischen Steppe ihre Raubzüge tief nach Mitteleuropa; auch sie zerstörten Siedlungen und deportierten Gefangene; 899 traf es Pavia, 911 Köln. Wohin kamen die Versklavten? Wen die Ungarn nicht benötigten, wurde wahrscheinlich donauabwärts verfrachtet, um übers Schwarze Meer nach Konstantinopel zu gelangen; da die Byzantiner nicht mehr die Mittel hatten, große Sklavenmengen zu importieren, dürfte der Großteil zu Schiff nach Syrien, dem Irak und Ägypten verschleppt worden sein. Erst 955 konnte Otto I. mit dem Sieg auf dem Lechfeld dieses Ausbluten der Bevölkerung im ostfränkischen Reich beenden. Die Invasionen der Wikinger endeten, als der westfränkische König 911 ihre Ansiedlung in Nordfrankreich akzepierte; 972 vertrieb das westfränkische Reich die Araber aus Südfrankreich. Angenommen, die fränkischen Reiche wären politisch zusammengebrochen, was wäre geschehen? Das christliche Resteuropa wäre eine ständig heimgesuchte Zone für mehrere kriegerische Versklaver geworden, welche ihre nicht zu absorbierenden Sklavenüberschüsse an das islamische Weltreich lieferten. Wäre Europa eine Lieferzone – vielleicht afrikanischen Typs – geworden, hätte die Weltgeschichte einen anderen Lauf genommen.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklavere, S. 154-157)

Christliche Kultur am Sonntag: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“

Der Historienfilm von 1966 (Originaltitel: „A man for all seasons“) handelt vom hl. Thomas Morus (gespielt von Paul Scofield), den König Heinrich VIII. von England 1535 wegen angeblichen Hochverrats enthaupten ließ.

Der Film beginnt, als Heinrich VIII. beginnt, sich beim Papst um eine Annullierung seiner Ehe mit Königin Katharina zu bemühen, um seine Mätresse Anne Boleyn heiraten zu können; sein Lordkanzler, Kardinal Wolsey, ist ihm dabei behilflich. Thomas Morus, humanistischer Schriftsteller, Richter und Mitglied des Kronrats, im Gegensatz zu den typischen Höflingen unbestechlich als Richter und trotz seiner Kritik an kirchlichen Missständen frommer Katholik, ist zwar dagegen, verhält sich aber nach außen hin diskret und hält sich eher fern von den höfischen Intrigen. Als Wolsey stirbt, wird Morus vom König (der ihn schätzt und irgendwie bewundert) auf dessen Amt erhoben, das er erfüllt, bis der König, der vom Papst das Urteil erhalten hat, dass seine Ehe gültig und daher nicht auflösbar ist, sich selbst zum obersten Herrn der Kirche von England erklärt, die Ehe für ungültig erklären lässt, Katharina verstößt und Anne heiratet. Thomas Morus tritt vom Amt des Lordkanzlers zurück, in Stille und ohne Gründe anzugeben, und zieht sich auf das Anwesen seiner Familie in der Umgebung von London zurück. Er schweigt zu allem, was der König nun tut.

(Thomas Morus als Lordkanzler, Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren. Gemeinfrei.)

Genau dieses Schweigen jedoch hält Heinrich VIII. nicht aus; während alle anderen Höflinge und Staatsmänner, denen er es abverlangt, ihm zustimmen und dann auch den Eid auf die schließlich erlassene Suprematsakte und die Anerkennung der neuen Ehe mit Anne Boleyn ablegen, schweigt Morus. Dafür wird er in den Tower geworfen und immer wieder von Untersuchungskommissionen verhört, denen gegenüber er sich weigert, seine Gründe anzugeben. Er ist sogar bereit, Annes Nachkommen als Thronfolger anzuerkennen, wenn der König das bestimmt, auch wenn er sie nicht als ehelich anerkennt, und sich weigert, das Papsttum zu verleugnen. Überall erntet er Unverständnis; der Herzog von Norfolk, früher sein Freund, bemüht sich, ihm Vernunft einzubläuen, selbst seine Familie will ihn irgendwann überreden, nachzugeben, nachdem er lange im Tower eingekerkert war.

Morus schweigt weiter. Er legt es nicht darauf an, dem König entgegenzutreten; er sieht sich nicht als jemand, der das Martyrium suchen will. Aber er ist nicht bereit, sein Gewissen zu verletzen und den Eid zu schwören. Schließlich wird ihm der Prozess gemacht.

Eindrucksvoll ist die Szene, in der Thomas Morus betet, bevor er in den Gerichtssaal geht; eindrucksvoll auch der Gegensatz zwischen den letzten Worten von Kardinal Wolsey auf dem Sterbebett – „Hätte ich meinem Gott nur halb so treu gedient wie meinem König, müsste ich jetzt nicht so verlassen sterben“ – und den letzten Worten von Thomas Morus auf dem Schafott – „Ich sterbe als treuer Diener des Königs, aber vor allem als treuer Diener Gottes“.

Wo finde ich gute Infos über den Katholizismus?

Da diese Frage immer mal wieder aufkommt, dachte ich, ich stelle hier mal eine Sammlung zusammen, von Webseiten, Büchern, Apps, Youtubekanälen, Verlagen usw., die ich kenne und die mir geholfen haben. Einiges ist vielleicht anspruchsvoll oder uninteressant für Anfänger, aber ich wollte eine möglichst vollständige Zusammenstellung schaffen, in der jeder etwas finden kann; ich habe viele Texte aufgenommen, für die keine Urheberrechte mehr bestehen und die man einfach im Internet lesen/herunterladen kann. Ggf. kommen Updates hinzu. Weitere Tipps in den Kommentaren sind sehr willkommen!

(Petrusstatue auf dem Petersplatz. Gemeinfrei.)

 

Zur Einführung in den Glauben gibt es natürlich erst einmal Katechismen, die den ganzen Glauben übersichtlich darstellen; ausführlich der Katechismus der Katholischen Kirche, kürzer das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche (beide natürlich auch in Buchform erhältlich). Der Katechismus der Katholischen Kirche hat leider ein paar kleinere Ungenauigkeiten; er ist eben nur eine Zusammenfassung der Lehre und nicht die Lehre selbst, aber insgesamt doch sehr hilfreich.

Ein m. E. noch besserer Katechismus ist der Basler Katechismus von 1947; eine Infoseite über den Glauben hat ihn als PDF; als Buch kann man ihn beim Sarto-Verlag bestellen. (Der Basler Katechismus wurde als Katechismus für Schüler im Religionsunterricht verfasst. Ich dachte mir zuerst, dass er vielleicht etwas vereinfachend wäre, als es in einer der ersten Fragen darum ging, dass man ohne den Glauben nicht selig werden kann, bis ich gemerkt habe, dass weiter unten sehr differenziert klargestellt wird, unter welchen Bedingungen Andersgläubige selig werden können. Da er für Schüler geschrieben wurde, sagt er beim Thema 6. & 9. Gebot nicht viel zu den Einzelsünden und beendet die Fragen dazu mit der Empfehlung, bei Unsicherheiten die Eltern oder den Beichtvater zu fragen. Außerdem enthält er logischerweise keine kirchlichen Stellungnahmen zu Themen, die damals technisch/medizinisch noch nicht möglich waren, wie Anti-Baby-Pille oder Leihmutterschaft. Sonst ist er allerdings sehr gut, sehr klar, und die Formulierungen sind wohlüberlegt und enthalten nichts Fragwürdiges.)

Screenshot (432)

(Ein Beispiel. Die heutige Welt lässt sich ja durch solche „einfachen Antworten“ ziemlich aufregen – auch wenn sie einfach wahr sind.)

Eine gute Möglichkeit, sich schnell über den Glauben zu informieren, wenn man sich nicht gern auf Texte konzentriert, wäre der 3-Minuten-Katechismus auf Youtube mit seinen vielen Folgen:

 

Es gibt einige Infoseiten, auf denen man zu so gut wie allen Themen genauere Erklärungen findet:

  • Glaubenswahrheit.org, eine Seite von Prof. Dr. Georg May, der dort Predigten aus den letzten Jahrzehnten zu allen relevanten Themen eingestellt hat.
  • Das „Portal zur katholischen Geisteswelt“, betrieben von einem Priester der Petrusbruderschaft (FSSP), Pater Engelbert Recktenwald FSSP, mit Beiträgen von vielen katholischen Intellektuellen, von Josef Bordat bis Robert Spaemann, Infos über alle möglichen Themen, die den Katholizismus angehen, und alle möglichen Persönlichkeiten aus der Kirchengeschichte. Da findet man auch ein paar vollständige ältere Werke (z. B. hier eine detaillierte Auseinandersetzung mit den reformatorischen Glaubensbekenntnissen von Johann Adam Möhler aus dem 19. Jahrhundert).
  • Die englischsprachige Seite „Catholic Answers“; teilweise ein bisschen von typisch US-amerikanischen Ansichten beeinflusst; enthält aber Antworten zu vielen Einzelfragen.
  • Die Seite katholisches.de* hat ein paar gute Infoangebote (z. B. ältere Bücher als PDFs; auch wenn manche der Texte für mein Empfinden zu sehr zu „Intelligent Design“ neigen); sie ist nicht zu verwechseln mit katholisch.de, einer Seite, deren Redakteure sich leider nicht mit dem katholischen Glauben identifizieren, wie er von der Kirche gelehrt wird, und hauptsächlich darüber schreiben, dass sie endlich Frauenweihe, Zölibatsabschaffung usw. usf. wollen.
  • Hier gibt es eine Sammlung von Texten von Fr. John Hardon (1914-2000).
  • Zwei gute Blogs mit vielfältigen Artikeln und einer guten Übersicht wären Katholisch ohne Furcht und Tadel und Shameless Popery; beide besonders nützlich für die Auseinandersetzung mit dem Protestantismus.

Dann gäbe es auch noch Kathpedia, die katholische Version von Wikipedia, und die über hundert Jahre alte Catholic Encyclopedia.

Es gibt natürlich auch gute Bücher zur Einführung in den Glauben, z. B. Ronald Knox‘ Klassiker „The belief of Catholics“ (online oder als Buch) von 1927, das leider bis heute nicht auf Deutsch veröffentlicht wurde. Ich habe auf meinem Blog ein paar Auszüge einer privat von einem Freund erstellten Übersetzung veröffentlicht.

(Aus Notre Dame de Paris. Gemeinfrei.)

Im Onlineshop der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) findet man sehr gute Dinge; die kleineren Heftchen kann man oft kostenlos bzw. gegen Spende bestellen. Z. B. gibt es Gebetbücher, einen Beichtspiegel für Erwachsene, einen Beichtspiegel für Kinder, Volksmessbücher, einen „Kleinen Katechismus“, Bücher über Spiritualität, Sakramente, Kinderbücher usw. Ähnliche kleine Gratisschriften findet man hier.

Einige Infos über gute Bücher usw. gibt es hier.

Der Sarto-Verlag** hat viele gute Bücher, auch einige Neuauflagen älterer Werke. (Und übrigens nicht nur Sachbücher, sondern auch Romane und Kinderbücher, aber das ist hier ja nicht das Thema.) Ein anderer guter Verlag wäre der Lepanto-Verlag.

Es gibt ein paar gute katholische Apps; am liebsten ist mir die „Laudate“-App, die die Grundgebete, Tageslesungen, die Bibel insgesamt, das Stundengebet nach dem alten Ritus usw. enthält. Es gibt auch eine „Stundenbuch“-App, die bloß das Stundengebet nach dem neuen Ritus enthält. Auch den 3-Minuten-Katechismus (3 Minute Catechism, 3MC) gibt es als App.

Das lateinische Stundengebet und die Texte der Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus (alte Messe) mit englischer Übersetzung findet man online hier (als Bücher und mit deutscher Übersetzung im Shop der FSSP).

Eine Reihe guter Predigten von Pfarrer Hans Milch (1924-1987) findet man hier.

Autel du Sacré-Cœur, Basilique Notre Dame de Bonne Nouvelle, R

(Herz-Jesu-Altar in der Basilika Notre Dame de Bonne Nouvelle, Rennes; Foto von Édouard Hue (Ausschnitt). Bildquelle hier.)

Lehramtliche Texte, also offiziell von der Kirche herausgegebene, in unterschiedlichem Grad verbindliche Texte, findet man z. B. auf der Seite des Heiligen Stuhls; dort gehen die Texte allerdings nur bis etwa ins 18. Jahrhundert zurück und viele ältere Texte sind bis jetzt nur in italienischer Übersetzung eingestellt worden; ältere päpstliche Schreiben bis zurück ins Mittelalter findet man dafür in englischer Übersetzung hier. Für Lehramtstexte (nicht nur von Päpsten, auch von Konzilien und Regionalsynoden) aus der ganzen Kirchengeschichte ist der „Denzinger“ hilfreich, das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung, vom 1. bis zum 21 Jahrhundert; die enthält natürlich nicht alle jemals erschienenen Texte vollständig, aber schon eine größere Auswahl in Auszügen.

Dann gäbe es noch das Kirchenrecht (das im Gegensatz zur Kirchenlehre teilweise veränderlich ist, aber trotzdem natürlich befolgt werden muss). Auf der Seite des Heiligen Stuhls findet man den Codex des Kanonischen Rechtes (CIC = Codex Iuris Canonici), das Gesetzbuch der lateinischen Kirche; den CCEO, das Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen, gibt es dort auch, allerdings nur auf Latein. Gesetzbücher sind aber bekanntlich als Anfänger nicht immer leicht zu verstehen und man kann auch Zusammenhänge übersehen, daher hier noch zwei (englische) Seiten, die genauere Infos über kirchenrechtliche Einzelfragen haben: Canon Law Made Easy und In the Light of the Law.

Außerdem wären da katholische Zeitungen und Nachrichtenseiten wie die Tagespost, die Catholic News Agency (Deutsch), kath.net, die Fernsehsender EWTN und K-TV und der Radiosender Radio Horeb.

Einige empfehlenswerte katholische/christliche Autoren, die zu verschiedenen Themen geschrieben haben wären z. B.:

  • G. K. Chesterton („Der unsterbliche Mensch“, „Orthodoxie“)
  • Ronald Knox („The belief of Catholics“)
  • Robert Hugh Benson („The Friendship of Christ“, „Confessions of a convert“, „Lourdes“, „Paradoxes of Catholicism“)
  • Hilaire Belloc („The Great Heresies“, „Characters of the Reformation“)
  • C. S. Lewis [Anglikaner] („Pardon, ich bin Christ“, „Über den Schmerz“, „Dienstanweisungen an einen Unterteufel“, „Die große Scheidung“)
  • Adrian Fortescue
  • Robert Spaemann
  • Dietrich von Hildebrand („Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“, „Der verwüstete Weinberg“)
  • Bischof Fulton Sheen („Life of Christ“)
  • Robert Kardinal Sarah („Gott oder nichts“, „Die Kraft der Stille“)
  • Der hl. John Henry Kardinal Newman („Über die Entwicklung der Glaubenslehre“).

Praktisches:

Infos zum Eintritt oder Wiedereintritt in die Kirche gibt es hier. (Generell ist es am besten, einfach mit einem Priester zu reden.)

Wenn man eine Gemeinde sucht, die die Messe im alten Ritus feiert, wird man bei dieser Karte hier fündig. Gemeinschaften, die die alte Messe anbieten, wären z. B. die Petrusbruderschaft (FSSP), das Institut St. Philipp Neri (Berlin), das Institut Christus König und Hoherpriester; ansonsten gibt es natürlich auch normale diözesane Gemeinden, die es tun.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ab/Marianne_Stokes_Madonna_and_Child.jpg

(Marianne Stokes, Madonna mit Kind. Gemeinfrei.)

 

Wenn man zu Einzelthemen tiefer einsteigen will, gäbe es z. B. folgendes:

 

1) Existenz und Eigenschaften Gottes, grundlegender Aufbau der Wirklichkeit

Edward Feser, Philosophiedozent an einem amerikanischen College, und einer der wenigen Thomisten, die es heute noch gibt, hat dazu einige sehr gute Bücher geschrieben, z. B. Fünf Gottesbeweise. Aristoteles, Plotin, Augustinus, Thomas von Aquin, Leibniz“ und „Der letzte Aberglaube. Eine philosophische Kritik des Neuen Atheismus“. (Einige andere wurden noch nicht auf Deutsch übersetzt, sind aber auch sehr zu empfehlen, z. B: Aristotle’s Revenge: The Metaphysical Foundations of Physical and Biological Science“, Scholastic Metaphysics: A Contemporary Introduction“ oder „Aquinas: A Beginner’s Guide“.)

Feser betreibt auch einen Blog.

Hilfreich (sofern man gesprochenes Englisch gut versteht und nichts gegen Fachbegriffe hat) ist auch der Youtube-Kanal von „Classical Theist“.

Eine englische Seite, die einen durch den Gottesbeweis vom „notwendigen Sein“ führt, ist hier.

 

2) Historischer Jesus und Seine Auferstehung, Anfangszeiten der katholischen Kirche

„Strange Notions“, eine Seite, die sich dem Dialog mit Atheisten verschrieben hat, hat ein paar gute Beiträge zu dem Thema, wie Jesu Auferstehung bewiesen ist.

Wenn man antike nichtchristliche Texte über Jesus sucht, wird man hier bei der Uni Siegen fündig.

Wenn man wissen will, was die Urkirche zu diversen Themen geglaubt hat, verweise ich auf meine eigene (im Aufbau befindliche) Sammlung außerbiblischer, größtenteils christlicher Texte ab dem späten 1. Jahrhundert. Auch die Artikel zu „What the early Church believed“ von Catholic Answers sind hilfreich, oder das Buch „The Mass of the early Christians“ von Mike Aquilina. „Altar und Kirche. Prinzipien christlicher Liturgie“ von Stefan Heid (ein ausführliches Buch mit schönen knappen Zusammenfassungen am Ende der Kapitel) ist auch sehr hilfreich und räumt mit dem Irrglauben von den kultlosen Hauskirchen der Urkirche auf.

Ansonsten verweise ich zu diesem Thema aber vor allem auf die oben verlinkten allgemeinen Quellen (z. B. Glaubenswahrheit.org, das Portal zur katholischen Geisteswelt, Shameless Popery).

 

3) Sämtliche Lehren der Kirche

Der Klassiker hier, in dem haarklein aufgeführt wird, was die Kirche lehrt, und ob eine Lehre unfehlbares Dogma oder nur eine von den meisten Theologen im Lauf der Kirchengeschichte vertretene Meinung ist, ist Ludwig Otts „Grundriss der katholischen Dogmatik“.

 

4) Spiritualität, Gebet

Einige Grundgebete (z. B. Ehre sei dem Vater, Gegrüßet seist du Maria, Angelus, Seele Christi, Memorare, Akt des Glaubens, Akt der Hoffnung, Akt der Liebe, Akt der Reue) finden sich hier am Ende des Kompendiums des Katechismus. Die Lauretanische Litanei gibt es hier, die Josefslitanei hier, eine Anleitung zum Rosenkranz hier.

Die Geistlichen Übungen des hl. Ignatius von Loyola findet man in einer Ausgabe von 1922 hier auf Internet Archive, auch als PDF zum Download. Einen anderen Klassiker über das geistliche Leben (Gebet, Sakramente, persönliche Besserung) vom hl. Franz von Sales, die „Philothea. Einführung in das fromme Leben“, gibt es online hier (als Büchlein auch wieder im Shop der FSSP). „The Friendship of Christ“ von Robert Hugh Benson von 1912 findet man online hier. Dann gäbe es noch die „Nachfolge Chrisi“ (Imitatio Christi) von Thomas von Kempen, ein großer Klassiker aus dem Spätmittelalter.

Ein systematisches Werk über die Theologie des geistlichen Lebens von Adolphe Tanquerey mit hilfreichen, konkreten Unterscheidungen, in dem auch darauf eingegangen wird, was alle Christen und was manche Christen (Ordensleute, Priester…) in Bezug auf Streben nach Heiligkeit und Vollkommenheit nun eigentlich tun müssen, gibt es auf Englisch im Internet Archive (hier als PDF).

Pater Engelbert Recktenwald FSSP hat eine Seite speziell mit Zitaten zur Barmherzigkeit Gottes. Fulton Sheens „Life of Christ“ ist empfehlenswert; die deutsche Übersetzung allerdings nicht sehr gut.

Über ein spezielles Problem des geistlichen Lebens (Skrupulosität) habe ich z. B. hier oder hier geschrieben und auch andere Dinge (z. B. von Adolphe Tanquerey oder William Doyle) dazu verlinkt; hier ein Beitrag mit zusammenfassenden Tipps.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0f/Millais_-_Das_Tal_der_Stille.jpg

(John Everett Millais, Das Tal der Stille. Gemeinfrei.)

 

5) Bibel

Übersetzungen: Die Einheitsübersetzung ist aktuell katholischer Standard in Deutschland, aber nicht die allerbeste Übersetzung. Die Übersetzung von Hamp/Stenzel/Kürzinger hat einen guten Ruf; auch die Kepplerbibel oder die noch ältere Alliolibibel. Die Vulgata (die lateinische Standardübersetzung) findet man online hier. Diverse Übersetzungen in einigen Sprachen, hauptsächlich protestantische, aber auch die Einheitsübersetzung, gibt es online hier.

Interpretation: Bibelexegese gehört leider zu den Feldern, zu denen extrem viel pseudowissenschaftlich-spekulatives Zeug geschrieben wird; aber ein paar gute Exegeten gibt es natürlich auch. Dazu gehören Scott Hahn oder der Neutestamentler Klaus Berger; zum Alten Testament ist auch „A Catholic Introduction to the Bible – The Old Testament“ von John Bergsma und Brant Pitre gut. „Das Alte Testament und der Vordere Orient. Zur historischen Zuverlässigkeit biblischer Geschichte“ von Kenneth A. Kitchen ist recht interessant. Dann mache ich hier einfach nochmals Eigenwerbung und empfehle meine Reihe über die „schwierigen“ Bibelstellen. Auch „Hard Sayings. A Catholic approach to answering Bibel difficulties“ von Trent Horn ist zu diesem Thema hilfreich.

Wer sich vor pseudowissenschaftlichen Spekulationen schützen will, sollte unbedingt C. S. Lewis‘ Essay „Laiengeblök“ gelesen haben, den es auf Deutsch in diesem Buch gibt, oder auf Englisch unter dem Originaltitel „Fern seeds and elephants“ online hier [Update: Hier ein Link zu einer besser lesbaren PDF].

 

6) Moral

Hier empfehle ich natürlich erst mal meine „Moraltheologie und Kasuistik“-Reihe, die praktische Einzelfragen behandelt; die ist allerdings noch unvollendet. Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“ von 1930 ist ein ganz wunderbares Standardwerk, das nicht nur die Grundlagen von Gut und Böse kurz darlegt, sondern vor allem auch viele praktische Gewissensfragen beantwortet (solche Bücher wurden früher für Beichtväter geschrieben, zu denen die Leute mit ihren Fragen kamen); allerdings findet man das sogar antiquarisch nur noch schwer (in Übersetzungen oder auf Deutsch per Fernleihe in der Bücherei findet man es eher). Wer gut Englisch kann, dem sei„Right and Reason. Ethics in theory and practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas“ von Austin Fagothey SJ empfohlen. Edward Feser hat ein paar gute Beiträge zu ein paar moralischen Fragen; z. B. hier zur Sexualethik; in diesem Essay hier erklärt er auf den ersten Seiten auch allgemeine Grundlagen des Naturrechts. Auf archive.org gibt es eine englische Übersetzung von Dominikus Prümmers Handbuch der Moraltheologie.

 

7) Kirchengeschichte

Hier seien einige Bücher empfohlen, die populäre Mythen über die Kirchengeschichte angehen: „Die Dunkelmänner. Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte“ von Michael Hesemann, „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ von Arnold Angenendt, „Von Ablasshandel bis Zölibat. Das ‚Sündenregister‘ der Katholischen Kirche“ von Josef Bordat, „Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition“ von Hans Conrad Zander, „Gottes Krieger. Die Kreuzzüge in neuem Licht“ von Rodney Stark, „Inquisition“ von Edward Peters (auf Englisch).

Ein guter Blog zu diesem Thema ist „History for Atheists“; der wird zwar von einem Atheisten betrieben, aber dieser Atheist ist ehrlich genug, um einige Geschichtsmythen, die unter den „Neuen Atheisten“ verbreitet sind, anzugehen.

 

8) Liturgie

Allgemeines dazu (vor allem zur ordentlichen Form des Römischen Ritus, der neuen Messe) findet man am besten in den Katechismen; Erklärungen zur außerordentlichen Form des Römischen Ritus (alte Messe) findet man hier oder hier.

File:Bonhams - Jean Béraud (French, 1849-1936) The Elevation of the Host 81 x 65 cm. (32 x 25 1-2 in.).jpg

(Jean Béraud, Die Elevation der Hostie. Gemeinfrei.)

 

9) Ältere Klassiker:

In der Bibliothek der Kirchenväter findet man vor allem antike Texte, angefangen im Jahr 95 n. Chr.; aber auch die Summa Theologiae des hl. Thomas von Aquin aus dem 13. Jahrhundert (das meiste in Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert). Die Summa, ein sehr umfangreiches Werk, hat dort leider kein anständiges Inhaltsverzeichnis; wenn man wissen will, was Thomas zu einem bestimmten Thema sagt, ist es daher hilfreich, das Inhaltsverzeichnis dieser englischen Übersetzung zurate zu ziehen, um gleich zum richtigen Artikel zu kommen.

 

Zwei generelle Tipps: Wenn man ältere Bücher sucht, kann man manche, die man nicht mehr oder nur noch zu hohen Preisen zu kaufen findet, einfach am besten per Fernleihe in der örtlichen Bücherei bestellen. Eigentlich offensichtlich, aber man kann es vergessen. Auch im Internet Archive wird man öfter noch ältere Ausgaben der Schriften von Heiligen, Kirchenlehrern, Theologen usw. finden. (Ein schönes Beispiel wären etwa die „Ten Reasons“ des späteren Märtyrers Edmund Campion aus dem 16. Jahrhundert, eine Schrift, in der er seine Gründe gegen die Reformation und für seine Bekehrung zum Katholizismus angibt.)

 

Und dann zuletzt ein paar Warnungen:

„katholisch.de“ wurde oben schon erwähnt; die Seite hat aus gutem Grund den Spitznamen häretisch.de. Sie hat zwar auch ein paar auf den ersten Blick harmlos wirkende Infos zu Themen wie dem Kirchenjahr, aber dort schreiben eigentlich nur Leute, die sich innerlich schon vom Katholizismus verabschiedet haben, aber aus unerfindlichen Gründen nicht zur EKD übergehen wollen, und ihre meiste Zeit verwenden sie darauf, alles Katholische anzugreifen.

Auf der anderen Seite gäbe es z. B. eine Seite, die sich „Zeugen der Wahrheit“ nennt (kath-zdw.ch); diese Seite hat zwar auch ein paar gute Infos, verbreitet aber auch sämtliche irgendwo erhältlichen Privatoffenbarungen, inklusive derer, die von der Kirche verurteilt worden sind, und Verschwörungstheorien bis hin zu den Protokollen der Weisen vom Zion; außerdem setzen die Autoren etwas zu viel darauf, den Leuten möglichst viel Angst vor der Hölle zu machen.

Auch mit der (kommerziellen) Seite „Tradition und Glauben“ ist man schlecht bedient; es finden sich zwar ein paar gute Beiträge dort, aber auch viel sensationalistisches Zeug darüber, wieso der Rücktritt von Benedikt XVI. ungültig sei usw., und viel ekelhaftes Zeug (z. B. wird Benedikt unironisch für sein „Jet-Setten“ beschimpft, weil er seinen sterbenden Bruder besucht hat); insgesamt merkt man den Autoren sehr einen gewissen Hochmut an.

 

* Sie wird betrieben vom Verlag der Piusbruderschaft (FSSPX), die ja leider, anders als die ähnlich klingende Petrusbruderschaft (FSSP), zurzeit noch einen kirchenrechtlich irregulären Status hat, aber trotzdem katholisch ist und ein paar Fakultäten vom Papst erhalten hat. Wenn sich jemand fragt, wieso ich hier auch Infos von der Piusbruderschaft verlinke:

1) Die verlinkten Infos sind größtenteils aus älteren Quellen, die nur zufällig von dieser Organisation bereitgestellt werden; wieso sollte man, weil die Piusbruderschaft ihn ins Internet hochgeladen hat, einen Katechismus ablehnen, der geschrieben wurde, als sie noch nicht einmal existiert hat?

2) Die Piusbruderschaft vertritt nirgends Irrlehren, sie erkennt den Papst an und befindet sich nicht im Schisma; was ihr vorgeworfen wird, ist eher Ungehorsam, und dass ihre Priester kein richtiges Amt in der Kirche haben. Sie sind damit ebenso katholisch, wie z. B. ein Pfarrer, der wegen einem Streit mit dem Pfarrgemeinderat seines Amtes enthoben worden ist, noch katholisch ist (und die Anhänger eines solchen Pfarrers, die finden, dass er im Recht und sein Bischof im Unrecht ist und illegalerweise an seinen Messen teilnehmen, sind natürlich erst recht noch katholisch). Die Frage, inwiefern sie hier im Recht oder im Unrecht sind (auch für Ungehorsam kann es Rechtfertigungsgründe geben), ist zu kompliziert, um sie in einer Fußnote zu beantworten; aber sie hat auch mit ihren Infoseiten nichts zu tun. Jedenfalls halte ich auch gegenüber der so oft angefeindeten Piusbruderschaft etwas christliche Nächstenliebe und den Versuch, deren Perspektive zu sehen, für angebracht; einfach ist diese Situation nicht. (Übrigens hat der Vatikan schon seit langem klargestellt, dass ein Katholik seine Sonntagspflicht bei ihren Messen erfüllen kann, und inzwischen dürfen sie wieder Beichten hören und bei Trauungen assistieren.)

Ein Vorteil der FSSPX ist übrigens, dass sie im deutschsprachigen Raum auch mehrere Schulen und ein Altenheim betreibt.

** Der Verlag der Piusbruderschaft (s. Fußnote 1).

Facade de Notre Dame de Reims.png

(Kathedrale von Reims, Foto von Johan Bakker.)

 

Christliche Kultur am Sonntag: „Ich beichte“ (Hitchcock)

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Ich beichte“

Dieser Hitchcock-Film von 1953 (dessen Titel „I confess“ in der deutschen Synchronisation besser „Ich bekenne“ genannt hätte werden sollen; aber man kann nun mal nicht alles haben) ist wahrscheinlich der großartigste Film über die Bedeutung des Beichtgeheimnisses, der je gemacht wurde.

Québec, Kanada, Anfang der 1950er: Otto Keller, der als Hausmeister bei einer katholischen Pfarrei arbeitet, bricht eines späten Abends, verkleidet mit einer priesterlichen Soutane, bei dem wohlhabenden Rechtsanwalt Villette ein, um Geld zu stehlen; als der ihn überrascht, schlägt er ihn im Affekt tot. Er flüchtet, legt die Soutane ab, und geht in die Kirche, wo er den jungen Priester Michael Logan (großartig gespielt von Montgomery Clift) trifft. Der von seiner Tat verstörte Keller legt bei Pater Logan die Beichte ab.

Am nächsten Tag ist seine Reue von seiner Angst vor Entdeckung und dem Tod durch Hängen überschattet; auf keinen Fall will er sich stellen, und er denkt nur noch daran, wie er seine Tat verbergen kann. Er geht zu Villette, bei dem er einmal in der Woche gearbeitet hat, tut so, als ob er die Leiche fände, und verständigt die Polizei. Die findet bald zwei Mädchen, die gesehen haben, wie am fraglichen Abend ein Priester Villettes Haus verlassen hat. Die Ermittler überprüfen die Alibis aller Priester aus der Gegend; nur Pater Logan hat für die halbe Stunde der Tatzeit keines, der Inspektor Larrue meint verdächtiges Verhalten an ihm zu sehen, und dann taucht ein mögliches Motiv auf. Pater Logan, der an das Beichtgeheimnis gebunden ist, kann nur schweigen oder sagen: Ich kann nichts sagen. Schließlich wird er des Mordes angeklagt.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3c: Biographische Einzelheiten und heute fehlende Quellen und Überlieferungen über Jesus

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich: Evangelien.

 

Die Christen des 2. Jahrhunderts waren Jesus offensichtlich näher als wir; daher ist es durchaus interessant zu wissen, auf welche Quellen sie sich beriefen oder welche Infos sie beiläufig erwähnen, die wir heute nicht mehr haben. Wer in diesem Artikel schädigende und sensationelle Enthüllungen erhofft, ist allerdings fehl am Platz.*

 

Justin der Märtyrer, der um 150 schreibt, erwähnt heute nicht mehr vorhandene Gerichtsakten des Pilatus; ob er sie selbst gesehen hatte oder nur wusste oder davon ausging, dass sie existierten, bleibt allerdings unklar:

„Daß das so geschehen ist [die Kreuzigung], könnt ihr aus den unter Pontius Pilatus angefertigten Akten ersehen.“ (Justin, 1. Apologie 35)

„Daß ferner unser Christus alle Krankheiten heilen und Tote erwecken werde, das entnehmet folgenden Worten: ‚Bei seinem Erscheinen wird springen der Lahme wie ein Hirsch und deutlich wird reden die Zunge des Stummen. Blinde werden sehen, Aussätzige rein werden, Tote auferstehen und umhergehen‘1. Daß er das wirklich getan hat, könnt ihr aus den unter Pontius Pilatus aufgenommenen Akten ersehen.“ (Justin, 1. Apologie 48)

(Christus vor Pilatus, Mihály von Munkácsy. Gemeinfrei.)

Ebenso erwähnt er Zensuslisten zur Volkszählung bei Jesu Geburt:

„Höret nun, wie Michäas, ein anderer Prophet, seinen Geburtsort vorhergesagt hat. Er sagte nämlich1: ‚Und du Bethlehem im Lande Juda bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird ein Führer hervorgehen, der mein Volk weiden wird.‘ Es ist das eine Ortschaft im jüdischen Lande, 35 Stadien von Jerusalem entfernt, in der Jesus Christus geboren wurde, wie ihr auch aus den Zensuslisten ersehen könnt, die unter Quirinius, eurem ersten Landpfleger in Judäa2 , angefertigt worden sind.“ (Justin, 1. Apologie 34)

 

Eusebius von Cäsarea, der um 300 in seiner Kirchengeschichte auch über die beiden teilweise abweichenden Stammbäume Jesu in den Evangelien schreibt, erwähnt einen Bericht von Julius Africanus aus dem 2. Jahrhundert, der sich für eine Erklärung dafür auf Verwandte Jesu und den Brauch der Schwagerehe berief:

„Da Matthäus1 und Lukas2 uns auf verschiedene Weise in ihren Evangelien das Geschlechtsregister Christi überliefert haben und da die meisten glauben, daß sich dieselben widersprechen und alle Gläubigen sich in Unkenntnis der Wahrheit abmühen, eine Erklärung der Stellen ausfindig zu machen, darum teilen wir einen hierüber auf uns gekommenen Bericht mit, welchen der etwas weiter oben von uns erwähnte Afrikanus bezüglich der Übereinstimmung der evangelischen Geschlechtsregister in einem Briefe an Aristides gegeben hat und worin er die Anschauungen der anderen als gezwungen und unrichtig dartut. Die Erklärung, welche er selbst übernommen hat, gibt er also wieder:3

‚Die Aufzählung der Namen in den Stammtafeln war in Israel entweder physisch oder gesetzlich; physisch war sie, wenn der leibliche Sohn folgte, gesetzlich, wenn ein Fremder an Kindes Statt angenommen wurde auf den Namen des ohne Kinder gestorbenen Bruders. Da nämlich die Hoffnung auf die Auferstehung noch nicht klar war, so suchte man einen Ersatz für die künftige, verheißene Auferstehung in der sterblichen Auferstehung,4 damit der Name des Hingeschiedenen nicht ausgetilgt würde. Da nun von den in unseren Geschlechtsregistern genannten Personen die einen als leibliche Kinder den Vätern folgten, während die anderen nach Männern benannt wurden, von denen sie nicht erzeugt worden waren, so sind die aufgezählten Männer zum Teil Väter der Natur nach, zum Teil Väter der Form nach. Weil nun die Evangelien im einen Falle die natürliche Zeugung berücksichtigten, im anderen Falle eine gesetzliche Gewohnheit, so irrt sich keines der beiden. Die von Salomon und die von Nathan abstammenden Geschlechter wurden durch die Neubelebungen5 der Kinderlosen bzw. die zweiten Ehen sowie durch die natürliche Zeugung6 so sehr miteinander verkettet, daß man mit Recht behaupten kann die gleichen Personen stammen zugleich von verschiedener Seite ab, nämlich von Vätern, die es dem Scheine nach sind, und von solchen, die es in Wirklichkeit sind. Die beiden Berichte sind also vollständig richtig; wenn auch unter verschiedenen Verschlingungen, führen sie doch wahrheitsgemäß zu Joseph.

Damit das Gesagte verständlich wird, will ich die Verkettungen der Familien erklären. Zählt man die Glieder von David über Salomon, dann ist das drittletzte Matthan; denn dieser erzeugte Jakob, den Vater Josephs. Zählt man aber wie Lukas von Davids Sohn Nathan ab, dann ist das drittletzte Melchi; denn Joseph war der Sohn des Heli, des Sohnes des Melchi.7 Mit Bezug auf Joseph müssen wir nun zeigen, inwiefern sowohl Jakob in der auf Salomon zurückführenden Linie wie Heli in der auf Nathan zurückgehenden Linie als Josephs Vater erklärt wird, inwiefern beide, nämlich Jakob und Heli, Brüder waren und inwiefern deren Väter, nämlich Matthan und Melchi, obwohl sie verschiedenen Geschlechtern angehören, als Großväter Josephs bezeichnet werden, Matthan und Melchi heirateten einer nach dem anderen dasselbe Weib, und ihre Söhne wurden Brüder als Kinder der gleichen Mutter; denn das Gesetz verbot einer Witwe nicht, sich wieder zu verheiraten, mochte sie geschieden leben oder mochte ihr Mann gestorben sein. Aus Estha — nach der Überlieferung sein Weib — erzeugte zuerst Matthan, der von Salomon abstammte, den Jakob; nach seinem Tode heiratete Melchi, der sein Geschlecht auf Nathan zurückführte, also wenn auch dem gleichen Stamme, so doch, wie gesagt, einem anderen Geschlechte angehörte, die Witwe und erhielt von ihr als Sohn den Heli. Wir können also verstehen, daß Jakob und Heli, die zwei verschiedenen Geschlechtern angehören, doch als Kinder der gleichen Mutter Brüder waren. Jakob nun nahm, da sein Bruder Heli kinderlos starb, dessen Weib zu sich und erzeugte aus ihr als drittes Glied den Joseph, welcher zwar der Natur nach ihm gehörte, weshalb das Schriftwort sagt: ‚Jakob erzeugte den Joseph’, dem Gesetze nach aber ein Sohn des Heli war; denn ihm hatte Jakob, sein Bruder, den Samen erweckt. Die Stammtafeln Josephs bleiben also zu Recht bestehen. Denn im einen Falle sagt der Evangelist Matthäus in seinem Berichte: ‚Jakob aber erzeugte den Joseph’, während im anderen Falle dagegen Lukas schreibt: ‚(Jesus) war, wie man glaubte’, — so fügt er bei — ‚der Sohn des Joseph, des Sohnes des Heli, des Sohnes des Melchi.’ Lukas hätte die gesetzliche Abstammung nicht klarer andeuten können; er bediente sich bei der Eigenart seiner Genealogie bis zum Schluß nicht des Ausdruckes ‚er erzeugte’, da er allmählich bis zu ‚Adam, den Sohn Gottes’ hinaufstieg.

Dieser Bericht ist keineswegs unbegründet und aus der Luft gegriffen. Die leiblichen Verwandten des Erlösers haben auch noch, sei es rühmend, sei es einfach erzählend, auf jeden Fall wahrheitsgemäß, folgendes überliefert. Nachdem idumäische Räuber die Stadt Askalon in Palästina überfallen und aus dem Götzentempel des Apollo, welcher an der Stadtmauer lag, den Antipater, den Sohn des Götzendieners Herodes, mit der übrigen Beute in Gefangenschaft geschleppt hatten, wurde Antipater infolge der Unfähigkeit des Priesters, für seinen Sohn Lösegeld zu zahlen, in den Sitten der Idumäer erzogen und befreundete sich später mit dem jüdischen Hohenpriester Hyrkanus. Als er zu Pompeius eine Gesandtschaft für Hyrkanus übernommen und diesem das von seinem Bruder Aristobul bedrängte Reich wieder frei gemacht hatte, ward ihm das Glück, Verwaltungsbeamter in Palästina zu werden. Nachfolger des Antipater wurde, nachdem dieser aus Neid wegen seines großen Glückes hinterlistig ermordet worden war, sein Sohn Herodes, welchem später von Antonius und Augustus durch Senatsbeschluß die königliche Gewalt zuerkannt wurde. Des Herodes Söhne waren Herodes und die anderen Tetrarchen. So weit stimmt der Bericht mit der griechischen Geschichte überein. Die bis zu jener Zeit in den Archiven aufbewahrten Aufzeichnungen der Geschlechter der Hebräer und derjenigen, welche auf Proselyten wie auf Achior, den Ammoniter,8 oder auf Ruth, die Moabiterin, zurückführten, sowie derjenigen welche sich mit solchen vermischt hatten, die gleichzeitig aus Ägypten eingewandert waren, ließ Herodes verbrennen,9 da das Geschlecht der Israeliten zu ihm keinerlei Beziehung hatte und ihn das Bewußtsein seiner niederen Herkunft ärgerte. Er glaubte nämlich als Edel-geborener zu erscheinen, wenn auch andere nicht die Möglichkeit hätten, aus den öffentlichen Urkunden nachzuweisen, daß sie von den Patriarchen oder Proselyten oder den sog. Fremdlingen (γειῶραι)10, den Mischlingen, abstammen.

Einige wenige jedoch konnten, weil sie sich entweder aus dem Gedächtnis oder durch Benützung von Abschriften Privatregister besorgt hatten, sich rühmen, die Erinnerung an ihre edle Abstammung gerettet zu haben. Zu diesen gehörten die Erwähnten, welche wegen ihrer Beziehung zu dem Geschlechte des Erlösers ‚Herrenverwandte’ (δεσπόσυνοι) genannt wurden und welche sich von den jüdischen Dörfern Nazareth und Kochaba11 aus über das übrige Land ausgebreitet und die vorliegende Ahnentafel teils nach dem Gedächtnis, teils aus ihren Familienbüchern so gut wie möglich erklärt hatten. Sei dem, wie ihm wolle, niemand dürfte eine verlässigere Erklärung finden können. Da man keine bessere und verlässigere Erklärung finden kann, wollen wir uns mit der erwähnten zufriedengeben, wenn sie auch nicht mit Beweisen belegt werden kann. Auf jeden Fall sagt das Evangelium die Wahrheit.‘

Am Ende des gleichen Briefes fügt Afrikanus noch bei: ‚Matthan, der Nachkomme des Salomon, erzeugte den Jakob. Nach dem Tode des Matthan erzeugte Melchi, der Nachkomme des Nathan, aus dem gleichen Weibe den Heli. Heli und Jakob waren also Brüder als Söhne der gleichen Mutter. Da Heli ohne Kinder starb, erweckte ihm Jakob einen Samen und erzeugte ihm den Joseph, welcher also der natürliche Sohn des Jakob und der gesetzliche Sohn des Heli ist. Joseph war somit der Sohn des einen wie des anderen.‘

Soweit geht der Bericht des Afrikanus.12 Da dies die Ahnenreihe des Joseph war, so ist sie selbstverständlich auch der Stamm, aus welchem zugleich Maria hervorgegangen war; denn nach dem Gesetze des Moses war es nicht gestattet, eine Ehe mit Fremdstämmigen einzugehen. Es war Gesetz, daß die Ehe nur mit Gliedern desselben Volkes und desselben Stammes geschlossen werden dürfe, damit nicht das Familienerbteil von einem Stamm auf den anderen übergehe.13 Soviel hierüber.“ (Eusebius, Kirchengeschichte I,7)

 

Über die Lebenszeit Jesu schreibt Irenäus von Lyon:

„Denn unser Herr wurde erst um das einundvierzigste Jahr der Regierung des Augustus geboren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,21,3)

Eusebius, der sich auch hier auf ältere Quellen (speziell den jüdischen Historiker Flavius Josephus aus dem 1. Jahrhundert) beruft, hat darüber das zu sagen:

„Es war das 42, Jahr der Regierung des Augustus und das 28. Jahr seit der Unterwerfung Ägyptens und dem Tode des Antonius und der Kleopatra, womit die Herrschaft der Ptolemäer in Ägypten ihr Ende gefunden hatte,1 da wurde unser Erlöser und Herr Jesus Christus unter Quirinius,2 dem Statthalter von Syrien, zur Zeit der damaligen ersten Volkszählung gemäß den Prophezeiungen zu Bethlehem in Judäa geboren. Über diese Volkszählung unter Quirinius berichtet auch Flavius Josephus, der berühmteste Schriftsteller der Hebräer, indem er zugleich die zu derselben Zeit entstandene Sekte der Galiläer erwähnt, von der unser Lukas in der Apostelgeschichte also erzählt: ‚Hierauf erhob sich Judas, der Galiläer, in den Tagen der Volkszählung und gewann das Volk für sich; auch er kam um, und alle, welche ihm gefolgt waren, zerstreuten sich.‘3 Damit stimmt der erwähnte Josephus im 18. Buche seiner ‚Altertümer‘ überein. Er berichtet wörtlich: ‚Der Senator Quirinius, ein Mann, der schon die übrigen Ämter bekleidet hatte, durch alle Stufen bis zur höchsten Würde emporgestiegen war und auch sonst großen Einfluß besaß, kam mit einigen Begleitern nach Syrien, vom Kaiser als Richter entsandt und mit der Aufgabe der Vermögensschätzung betraut.‘4 Bald darauf schreibt er: ‚Judas, der Gaulaniter, ein Mann aus der Stadt Gamala, reizte gemeinsam mit dem Pharisäer Saddok zum Aufstande auf; sie gaben aus, daß die Schätzung nichts anderes als die volle Knechtung bezwecke, und forderten das Volk auf, für die eigene Freiheit einzutreten.‘5 Über diesen Judas bemerkt Josephus im zweiten Buche seines ‚Jüdischen Krieges‘: ‚Damals reizte ein Galiläer, namens Judas, seine Landsleute zum Aufstande auf und schalt sie, daß sie sich die Steuern an die Römer gefallen ließen und außer Gott noch sterbliche Herrscher annähmen.‘6 Soweit Josephus.7 (Eusebius, Kirchengeschichte I,5)

Eusebius gibt damit das Jahr 2 v. Chr. als Geburtsjahr Jesu an. (Unsere Zeitrechnung wurde erst im sechsten Jahrhundert berechnet, und zwar ein bisschen fehlerhaft; von heutigen Historikern wird meistens allerdings angenommen, dass die Geburt Jesu sogar schon zwischen 4 und 7 v. Chr. lag.)

 

Irenäus erwähnt an einer Stelle seines Werkes auch eine etwas seltsame (und ziemlich sicher falsche) mündliche Überlieferung, für die er sich auf kleinasiatische Priester beruft, nämlich dass Jesus jahrelang gelehrt habe und erst mit fünfzig gekreuzigt worden sei:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. […] Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte. Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten. […]

Denn als er zur Taufe kam, hatte er die Dreißig noch nicht vollendet, so nämlich gibt Lukas seine Jahre an, indem er schreibt: ‚Jesus aber war ungefähr ins dreißigste Jahr gehend‘1 . Nach der Taufe hat er nur noch ein Jahr gepredigt und gelitten, nachdem er das dreißigste Jahr vollendet hatte? Damals war er erst ein Jüngling, der das Alter der Reife noch nicht erreicht hatte. Allgemein aber gilt das dreißigste Jahr erst als der Anfang der Reife, die sich bis in das vierzigste Jahr erstreckt. Vom vierzigsten bis zum fünfzigsten Jahr reicht das Alter der Vollendung, welches unser Herr hatte, als er lehrte. Das bezeugen das Evangelium und die Priester in Kleinasien, die es so von Johannes, dem Schüler des Herrn, empfangen haben. Dieser aber blieb mit ihnen zusammen bis zu den Zeiten Trajans. Manche aber von ihnen haben nicht nur Johannes, sondern auch andere Apostel gesehen und dieses ebenso von ihnen empfangen und sind dafür Zeugen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4-5)

Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass Jesus nur ein Jahr gepredigt habe; andere, bekanntere Traditionen geben diese Zeit aber als drei Jahre an, und sehr viel mehr passt nicht in den Zeitrahmen zwischen den Daten zur Geburt Jesu und der Zeit von Pontius Pilatus als Statthalter in Judäa. Man wird also auch für diesen Zeitraum schon ein bisschen Legendenbildung annehmen dürfen.

 

* Auf die im 2. und 3. Jahrhundert entstandenen Evangelien der gnostischen Sekten oder Ansichten von Gegnern des Christentums werde ich ein andermal in eigenen Artikeln eingehen, aber auch die sind nicht gerade das, was man sich heute unter ihnen vorstellt; und hier geht es nur darum, was das Mainstream-Christentum (oder mit anderen Worten, die katholische Kirche) von Jesus dachte und wusste.

Was ist Rassismus? Teil 1: Ein paar Probleme mit dem Intersektionalismus

Rassismus ist: Jemanden wegen seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe zu hassen, zu verachten oder ungerecht zu behandeln; den moralischen Wert eines Menschen an seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe festzumachen; jemanden ausschließlich als Exemplar seiner Rasse/Ethnie/Hautfarbe zu behandeln anstatt als Individuum. Ungefähr so würden das viele wahrscheinlich definieren.*

Die an den Unis dominierenden – besser gesagt, tyrannisierenden – Theorien (Intersektionalismus, „critical race theory“ und wie das ganze Gelump noch so genannt wird) definieren das lange nicht mehr so. Allein diese Definition sehen sie schon als rassistisch. Und mittlerweile bleiben sie nicht mehr nur an den Unis, daher hier mal ein paar Anmerkungen zu ihnen; zu ihren schlimmsten Auswirkungen komme ich ein gutes Stück weiter unten.

 

Diese Theorien gehen grundsätzlich davon aus, dass „das System“, das gegenwärtig existiert, Unterdrückung bedeuten muss, und man diese Unterdrückung abbauen, zerlegen muss, aus Strukturen ausbrechen muss (ich muss bei diesem Bild an entgleißende Züge und von Stahl durchbohrte Tote denken); Dekonstruktion und Problematisierung sind die Stichworte. Zum Intersektionalismus gehört eine gewisse Opferhierarchie: Schwarze haben es schwerer als Weiße, Frauen schwerer als Männer, Homosexuelle schwerer als Heterosexuelle, „Transpersonen“ schwerer als „Cisgender“, Muslime schwerer als Christen, Behinderte schwerer als Nicht-Behinderte, und müssen deshalb besonders bevorzugt werden; besonders trifft das zu, wenn mehrere Unterdrückungsmerkmale zusammentreffen (die chronisch kranke schwarze lesbische Muslima z. B. steht relativ weit oben). In der Theorie ist diese Theorie anfangs noch nicht so schlimm, wie sie dann wird. Sie sagt auch nicht, dass jeder Schwarze es schlechter hat als jeder Weiße, sondern dass es ein Weißer, der es schlecht hat, in derselben Situation noch schlechter hätte, wenn er schwarz wäre, also nicht, dass ein schwarzer Millionär es schlechter hat als ein weißer Obdachloser, sondern dass ein schwarzer Obdachloser es schlechter hat als ein weißer Obdachloser und ein schwarzer Millionär immer noch mit mehr Vorurteilen zu kämpfen hat als ein weißer Millionär. Diese Theorie ist oft falsch, denn in vielen Situationen gibt es gerade einen gewissen Minderheitenbonus; aber selbst wenn sie in der Theorie wahr wäre, wird sie in der Praxis extrem falsch: Denn die Intersektionalisten handeln so, als würden sie glauben, dass z. B. ein weißer heterosexueller Mann kein Opfer mehr  sein kann und auch kein Mitleid und keine Aufmerksamkeit verdient. Sie sehen zuerst die Gruppenzugehörigkeit eines Menschen an, und erst dann den Menschen selbst, wenn sie ihn überhaupt noch ansehen.

Rassismus gilt dabei als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, weshalb es auch einen „antimuslimischen Rassismus“ geben kann, obwohl Muslime gerade eine Gruppe sind, die sich durch gemeinsame Überzeugungen statt durch unveränderliche Merkmale wie die Abstammung definiert; es gibt ja sowohl indonesische als auch albanische als auch kenianische als auch „biodeutsche“ Muslime. Dass diese Definition nicht konsistent durchgehalten wird, ist eh klar; gegen eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gegen AfD-Wähler haben Linke überhaupt nichts. Ich sage das nicht, weil Linke selbst sich vom Vorwurf der Heuchelei und Inkosistenz beeindrucken ließen, denn das tun sie nicht; sie sind von Hass auf das, was ist und ihnen als dominant erscheint, getrieben, nicht von logisch konsistenten Überzeugungen; ich sage es für die Leser, die diesen Ideologien noch nicht verfallen sind.

Die Denkweise hinter dem „Anti-Rassismus“ dieser Leute ist einfach:

Weiße haben so lange Schwarze immer nur unterdrückt, jetzt ist es mal an der Zeit, dass Schwarze Weiße unterdrücken.

(Dass der erste Halbsatz historisch eigentlich nicht ganz richtig ist (nein, ist er tatsächlich nicht), dazu in einem kommenden Beitrag.**)

„Weiße“ und „Schwarze“ können oft auch durch andere Gruppen ersetzt werden, wie „Heterosexuelle“ und „Homosexuelle“, aber ich will mich in diesem Beitrag mal auf das Thema Rassismus konzentrieren, weil das gerade dominant ist.

Zum Intersektionalismus gehört grundsätzlich die Leugnung, dass es „reverse racism“ („Umkehr-Rassismus“) geben kann. Schwarze könnten nicht rassistisch gegenüber Weißen sein, weil es zu Rassismus gehöre, dass derjenige, der feindselig oder ungerecht sei, institutionelle Macht habe, und Weiße würden grundsätzlich institutionelle Macht haben. Wenn also z. B. tausende weiße Farmer in Südafrika ermordet werden, weil sie weiß sind, dann ist das nicht Rassismus, und eigentlich auch irgendwie verständlich; wenn „biodeutsche“ Kinder in mehrheitlich „Migrationshintergrund habenden“ Klassen gemobbt werden, dann ist das nicht Rassismus, und eigentlich auch irgendwie verständlich.

Das ist eigentlich eine etwas seltsame Sichtweise, wenn man bedenkt, dass sich Feindseligkeit, historisch gesehen, oft gegen angebliche oder wirkliche Unterdrücker, gegen angeblich oder wirklich privilegierte Eliten gerichtet hat – die Tutsi oder die Armenier sind Beispiele für Opfer einer ins Extreme getriebenen solchen Feindseligkeit. Nun kann man sagen, „aber in Wirklichkeit waren die eine unterdrückte oder zumindest angefeindete Minderheit“. Waren sie das mehr als, sagen wir, die Weißen im heutigen Südafrika? Die politische Macht haben letztere verloren; rechtlich haben sie keine Vorteile mehr (in einzelnen Fällen sogar Nachteile, weil Schwarze z. B. bei der Vergabe von Studienplätzen offiziell bevorzugt werden, damit angenommene Nachteile ausgeglichen werden sollen); vermögensmäßig sind sie durchschnittlich besser aufgestellt, aber das, nun ja, waren auch andere angefeindete Minderheiten; und es gibt Parteien, die offen dazu aufrufen, sie zu ermorden. (Ja, richtig gelesen. Bei Parteiführern wie Julius Malema (Economic Freedom Fighters, EFF; die drittgrößte Partei in Südafrika) findet man Aussagen wie „Wir rufen nicht zur Abschlachtung der Weißen auf, jedenfalls nicht vorerst“. „Kill the farmer, kill the boer“ ist auch so ein beliebter Spruch bei diesen Leuten. (Die Buren/Afrikaaner (boers) sind die Nachfahren der calvinistischen niederländischen Siedler, die schon seit dem 17. Jahrhundert Südafrika besiedelten und später die Apartheid einführten.) Die Farmmorde werden mit unglaublicher Brutalität ausgeführt. Bei den derzeitigen „Protesten“ in den USA und anderswo, bei denen Statuen gestürzt werden usw., wird ja auch ganz gern so was wie „Kill whitey“und „Kill all whites“ an die Sockel hingesprüht. Denkt man, das würde nur Gerede bleiben? Das tut es schon jetzt nicht.)

Wer weiß ist, ist nach diesem Denken schuldig; wächst mit Rassismus auf, profitiert von Rassismus, verinnerlicht rassistisches Denken; und ist daher Rassist. Darum müssen Weiße alles tun, um „allies“ zu sein, um jetzt POC (people of color) nach vorne zu bringen, selbst zurücktreten, und ihre eigene „Whiteness“ zu bekämpfen. Wer das nicht tut: Rassist. „White silence is violence“, „weißes Schweigen ist Gewalt“. Aber selbst die, die es tun, sind keine guten Menschen, sondern höchstens weniger schlechte.

Von Kritikern der Linken wird diese Unveränderlichkeit des Rassist-Seins gern mit der Erbsünde verglichen; dieser Vergleich ist Schwachsinn. Erstens geht es bei der Erbsünde um etwas Reales, zweitens gibt es von ihr Erlösung, drittens sind reuige Sünder im Christentum willkommen. Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lk 15,7) In der Linken herrscht keine Freude über „allies“, eher eine „jetzt bildest du dir auch noch was drauf ein, dass du nicht mehr ganz so scheiße bist, was?“-Einstellung.

Ein schönes Beispiel für den Umgang der Weißen und Nicht-Weißen in der linken Szene untereinander kann man in diesem Facebookbeitrag sehen:

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„Deine Aufgabe ist es, ein Körper zu sein.“ Wie oben gesagt: Weiße haben so lange Schwarze immer nur unterdrückt, jetzt ist es mal an der Zeit, dass Schwarze Weiße unterdrücken. 

Es gibt natürlich eine Idee, die solche „Leitlinien“ attraktiv machen kann: Wenn es um die Belange, Probleme, Rechte einer bestimmten Gruppe geht, soll man die lieber selber zu Wort kommen lassen, statt für sie zu reden. Aber hier wird daraus gefolgert, dass andere ihr „zu allen Zeiten“ zu gehorchen haben, dass sie nichts bedeuten, dass sie nichts zu sein haben als Werkzeuge, als Körper. Kann sich irgendwer vorstellen, dass die schwarzen und weißen Organisatoren solcher Proteste miteinander befreundet sein könnten? Ehrlich Freunde sein, sich gegenseitig mögen könnten? Ich mir nicht.

Man halte so was bitte nicht für einen Einzelfall; solche Äußerungen kann man tausendfach finden, ohne lange suchen zu müssen. Um mal ein anderes Beispiel für den Wunsch, die Unterdrückung umzukehren, zu nehmen: Da gäbe es einen neuen Film aus den USA namens „Cracka“, der nur aus einer sadistischen Phantasie des „reverse racism“ besteht, in der Schwarze Weiße als Sklaven halten.

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(„Ihr habt unsere Töchter vergewaltigt, was, wenn wir eure vergewaltigen würden?“ „Was, wenn“? Bei einem Afroamerikaner ist es fünf Mal so wahrscheinlich, dass er eine Vergewaltigung begeht, wie bei einem weißen Amerikaner (und acht Mal so wahrscheinlich, dass er einen Mord, und drei Mal so wahrscheinlich, dass er einen Einbruch begeht).)

Es ist auch immer ganz lustig, wie darum gerungen wird, wer als unterdrückte Minderheit gelten darf, wieder v. a., wenn man die amerikanischen Linken so beobachtet. Dürfen Juden als unterdrückt zählen, oder sind sie schon wieder Unterdrücker, und die Palästinenser von ihnen unterdrückt? Dürfen „white-passing“ Leute (Leute mit dunkelhäutigeren Vorfahren, die aber selbst „als weiß durchgehen“) sich unterdrückt fühlen oder profitieren sie wieder von Unterdrückung und sind darum Unterdrücker? Wie sieht es mit weißen Frauen aus? Einerseits ist man in diesen Kreisen auch sehr feministisch eingestellt, was heißt, dass Frauen Opfer sind, andererseits wurden früher Schwarze gelyncht, wenn sie weiße Frauen vergewaltigt hatten oder dessen verdächtigt wurden, also zählen weiße Frauen zu den Unterdrückern. „White women’s tears“ gelten als Rassismus gegen schwarze Männer.

Ein weiteres Merkmal der Rassismus-Theorien der heutigen Linken ist, dass es nicht darauf ankomme, wie etwas gemeint sei, sondern darauf, wie es auf das Gegenüber wirke. Wenn ich etwas nicht rassistisch meine, es aber einen Schwarzen verletzt, ist es rassistisch.

Das ist wieder halb richtig. Die, die von etwas getroffen werden, wissen besser, wie es sich anfühlt. Aber dann ist wieder das Problem: Wer genau entscheidet? Ein Afrikaner wird sich wegen etwas überhaupt keine Gedanken machen, das ein anderer Afrikaner beleidigend findet. Wenn es immer der einzelne definieren soll, dann gibt es gar keine Anhaltspunkte mehr, wie man sich verhalten soll, und jede Interaktion wid ein Minenfeld, und es wird für Menschen, die es genießen, auf anderen herumzutrampeln (und solche gibt es in jeder Gruppe), sehr leicht, andere einer „Mikroaggression“ zu beschuldigen. Was es hier braucht, sind natürlich objektive Höflichkeitsregeln, die dem Empfinden der großen Mehrheit entsprechen. (Zum Beispiel: Die Mehrheit der Betroffenen wird nicht darauf bestehen „person/people of color“ genannt zu werden statt „schwarz“, „dunkelhäutig“, „schwarzafrikanisch / afroamerikanisch / afrodeutsch / afrikanischer Herkunft“ o. Ä., aber das Wort „Neger“ gilt praktisch bei 100% als beleidigend, auch wenn es noch einzelne alte Leute gibt, die aus ihrer Kindheit gewohnt sind, es als neutrale Bezeichnung zu verwenden (vor 50 Jahren haben ja auch die Schwarzen selbst es noch als neutrale Bezeichnung verwendet), und das Wort „Nigger“ wurde eigentlich immer als irgendwie beleidigend verstanden, und ist es jetzt erst recht.) Und genau das haben wir nicht, sondern sich ständig verschiebende Torpfosten.

Verschiedene Empfindungen gibt es ja nicht nur bei Rassismus, sondern auch bei Feminismus oder „Ableismus“. Ich fühle mich als psychisch gestörte Frau überhaupt nicht beleidigt, wenn jemand keine Gendersprache verwendet oder „Der gehört doch ins Irrenhaus“ sagt.

Und es kommt auch nicht nur darauf an, wie etwas ankommt, sondern sehr wohl darauf, wie etwas gemeint ist. Es gibt immer Leute, die etwas Harmloses missverstehen wollen und sich wegen allem gleich beleidigt fühlen. („Schatz, sollen wir zur Feier des Tages mal Essen bestellen? Dann musst du dir auch nicht die Mühe mit dem Kochen machen.“ – „Dir schmeckt wohl mein Essen nicht, was?“)

Wenn man sagt, dass nur die Betroffenen etwas beurteilen können, kann man auch bei „Wer nicht Soldat war, darf auch nicht darüber urteilen, ob etwas ein Kriegsverbrechen ist“ landen, oder bei „Wer nie im Gefängnis war, darf auch nicht behaupten, dass ich nur meine gerechte Strafe für meine Betrügereien bekommen habe“.

Und es geht ja nicht nur darum, was man tun oder lassen sollte, sondern auch um die Schuld derer, die etwas getan oder gelassen haben. Und wenn jemand etwas freundlich meint, aber dabei etwas unsensibel oder gedankenlos ist oder vielleicht einfach ohne jede Schuld nie gehört hat, dass es unfreundlich sein könnte, dann kann man den nicht wie jemanden behandeln, der gegenüber einem Afrikaner Affenlaute macht.

Dieses „Die Absicht zählt nicht, es zählt, wie es ankommt!“-Denken führt zu den absurdesten Konsequenzen. In einem Park in Oakland wird ein Seil in einem Baum gefunden, irgendjemand meint, das sollte eine Schlinge sein, die jemand hingehängt habe, um Schwarzen zu drohen und sie an die Lynchmorde erinnern, die es bis vor einigen Jahrzehnten gab; ein Schwarzer meldet sich und erklärt, er habe das Seil als Teil einer Schaukelkonstruktion aufgehängt; die Bürgermeisterin erklärt, es werde trotzdem weiter wegen eines Hassverbrechens ermittelt, weil die Absicht nicht zähle. Hm.

Dann wird manches vielleicht Rassismus zugeschrieben, das nicht von Rassismus kommt – z. B. wenn manche Weiße einfach Schwarzen an die Haare fassen, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Solche Menschen fassen auch in einen Kinderwagen, um das (weiße) Baby an der Wange zu streicheln, oder fassen einer (weißen) Schwangeren an den Bauch; das Problem (und es ist ein Problem) ist hier Übergriffigkeit wegen Neugier/Faszination, nicht Rassenhass oder Verachtung. Auch diese Übergriffigkeit geht allerdings nicht über eine lässliche Sünde hinaus.

Oder nehmen wir die Beschuldigung, dass Ärzte oft die Klagen von „südländischen“ Patienten über Schmerzen nicht ernst nehmen und das verächtlich als „morbus mediterraneus“ (mediterrane Krankheit) oder Ähnliches bezeichnen. Nun ja, als chronisch kranke Biodeutsche kann ich sagen, dass Ärzte (mit ein paar rühmlichen Ausnahmen) Schmerz- und Symptombehandlung meistens gar nicht ernst nehmen und ihnen das alles relativ egal ist. Aber dass sie eine eigene Beleidigung für bestimmte Patienten haben, zeigt schon eine gewisse Verächtlichkeit. Freilich kann die aus Erfahrungswerten kommen, dass manche Patienten mehr klagen als andere – wobei Studien darauf hinweisen, dass die aus biologischen Gründen ein höheres Schmerzempfinden haben könnten. Medizinische Unterschiede zwischen Ethnien und Rassen gibt es ja; z. B. auch bei der Anfälligkeit für Laktoseintoleranz oder Sichelzellenanämie, und auch wenn sich Ärzte damit wenig auskennen, vielleicht, weil sie einfach in einem Land leben, das bis vor kurzem ethnisch relativ homogen war, ist das schlecht für Minderheiten. Aber statt dass man vernünftig darüber redet, endet man dabei, das wieder als Beweis für eine durchgängige, überall präsente Unterdrückung zu nehmen. Dabei könnte man solche „Beweise“ bei allen Gruppen finden. Ein Beispiel: Männer gelten allgemein als privilegiert, aber sie haben ein höheres Risiko für Obdachlosigkeit, eine kürzere Lebenserwartung und bekommen seltener vor Gericht das Sorgerecht zugesprochen. Ist das ein Beweis für ein gegen Männer gerichtetes System? Jede Gruppe ist irgendwo mal benachteiligt; es müsste darum gehen, herauszufinden, wie häufig das der Fall ist und was die Ursachen sind. Und dann darum, die Sache konkret zu verbessern, soweit es möglich ist.

Das System ist böse: Das ist das Grunddogma, auf dem alles beruht. Das System ist rassistisch, irgendwo muss immer Rassismus drinstecken, muss unterschwellig Rassismus gelehrt werden, in Kinderbüchern, in der Schule, in der Werbung. Im Ernst? Diese Biodeutsche hier ist mit Jim Knopf aufgewachsen (sehr gutes Buch) und mit Lesebuchtexten darüber, wie Leute ihre Vorurteile gegenüber türkischen Nachbarn und Mitschülern verlieren (cringe). In der Werbung würden nur weiße Körper als schön gelten? Wieso sehen wir dann überdurchschnittlich viele dunkelhäutige Models in der Werbung?

Die Intersektionalisten behaupten, dass manche Gruppen systematisch von Macht, Teilhabe, Wohlstand usw. ausgeschlossen werden; das müssen sie beweisen. Woran sieht man es, dass POC systematisch daran gehindert werden, etwas zu erreichen, und nicht gerade besonders gefördert werden?

Klischees werden in ihren Theorien grundsätzlich als böse behandelt, inklusive positive Klischees. Ob man annimmt, Afrikaner wären gute Basketballer oder Tänzer oder Asiaten wären erfolgreich und gut in der Schule, es ist böse. Nun ist es natürlich so, dass es ziemlich nerven kann, wenn man als Einzelner als Exemplar eines Klischees behandelt wird. Aber Klischees entstehen nun mal überall, wo verschiedene Gruppen miteinander zu tun haben – über Männer, Frauen, Boomer, Millenials, Norddeutsche, Rheinländer, Franzosen, Beamte, Hartz-IV-Empfänger, Ärzte – und die sind nicht einfach beliebig entstanden, sondern oft genug ein erworbener Ruf. (Über Gruppen, die sich praktisch gar nicht von anderen unterscheiden, wie, sagen wir, Linkshänder oder Menschen mit großen Ohrläppchen, gibt es gar keine Klischees.) Vielleicht manchmal ein verzerrter, von Gerüchten und nicht repräsentativen Erfahrungen geprägter Ruf, vielleicht sogar ein von böswilligen Verleumdungen geprägter Ruf (man bedenke, dass in der Antike über Christen das Klischee verbreitet war, sie würden kleine Kinder fressen), aber auch das nicht immer.

Wenn man immer wieder die Erfahrung macht, dass Frauen untereinander mehr zu Zickigkeit neigen als Männer untereinander oder als Frauen und Männer in gemischten Gruppen, ergibt sich eben dieses Klischee. Natürlich sollte man den Einzelnen nicht als jemanden sehen, der sowieso dem Klischee entsprechen wird, aber es ist nichts Böses, generell den Ruf einer Gruppe einzukalkulieren, bevor man persönliche Entscheidungen trifft (z. B., wenn man entscheiden muss, ob man seine Tochter wirklich auf eine Mädchenschule schicken will). Man kann nicht immer alle einzelnen Leute kennen, und muss vernünftig abwägen. Genauso ist es z. B. vollkommen legitim, es sich vorher zu überlegen, ob man wirklich das Risiko einer Beziehung mit jemandem eingehen will, der aus einem sehr anderen Kulturkreis kommt; denn ja, das kann große Probleme geben.

Man darf bei so einer Abwägung nicht gegen ein göttliches Gebot verstoßen; aber weder hat die Schule einen Anspruch darauf, dass man seine Tochter dahin schickt, noch hat ein Typ einen Anspruch darauf, dass man mit ihm ausgeht. In den USA wird manchmal „white flight“ kritisiert, also dass Weiße aus innerstädtischen Gebieten, in die mehr Schwarze gekommen sind, in die Vorstädte gezogen sind. Nun ist es leider so, dass Afroamerikaner überdurchschnittlich kriminell sind (inzwischen sind ein Drittel aller schwarzen Männer einmal vor Gericht wegen eines Verbrechens verurteilt worden; ein Anteil, der in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen ist, während Rassismus weniger geworden ist) und viele dieser Innenstädte zu No-Go-Areas geworden sind; und niemand hat einen Anspruch darauf, dass ein anderer in seiner Nachbarschaft wohnen bleibt. Bei Einstellungen für einen Job ist es natürlich komplizierter, denn Menschen brauchen Arbeit; aber hier kann man schließlich auch den einzelnen Bewerber ansehen.

(Es ist übrigens auch nicht böse, einfach mal nicht-feindselige Witze über Klischees zu machen, über die ein Betroffener auch selber lachen kann.)

Auch dass man andere „exotisiert“, sie als faszinierende fremdartige Touristenattraktionen behandelt, ist nichts, was auf Weiße gegenüber Schwarzen beschränkt wäre. Ich war mal mit einer Trachtengruppe an einer bayerischen Touristenattraktion (nicht Schloss Neuschwanstein übrigens), als zwei Reisebusse mit Japanern angekommen sind; die Japaner sind sofort hergekommen und haben angefangen, die kleinen Kinder in Tracht zu fotografieren; die selber sind auch hergelaufen und haben den Japanern gezeigt, wie sie schuhplatteln können. Ist das „othering“ und „dehumanizing“? Meine Güte.

Eins der bösesten Dinge ist für Linke inzwischen cultural appropriation, „kulturelle Aneignung“, also wenn z. B. Weiße Rastalocken haben oder von chinesischer Mode inspirierte Kleider anziehen. Für sie bedeutet das immer, eine Kultur in den Staub zu ziehen, egal, wie sehr derjenige diese Kultur wertschätzt. Eine Kultur wird als Besitz einer Gruppe behandelt, der ihr weggenommen wird, wenn andere sie imitieren. Begegnung zwischen Gruppen, gegenseitige Inspiration? Alles böse. (Nicht, dass ich besonders viel von Rastalocken halten würde.)

Es geht ihnen ständig um zwei Dinge: Macht und Identität, ohne dass die Macht einen objektiv guten Zweck oder die Identität einen objektiv guten Inhalt hat. Und ihr Gebaren ist oft genug ein einziges „Teile und herrsche“, bei dem sie andere Gruppen gegeneinander ausspielen.

Aber eins der größten Probleme bei den heutigen Anti-Rassisten ist, dass sie einerseits von „Mikroaggressionen“ und unbewusstem, „systemischen“ Rassismus reden, also von Dingen, die dann kleine, nicht-sündhafte Fehler bis lässliche Sünden sein müssten, das aber trotzdem als schwere, genauer gesagt sehr schwere, und auch nicht wirklich vergebbare Sünden behandeln.

Überhaupt ist ihre ganze Theorie ein „Motte-and-bailey“-Trick („Bergfried und Vorhof“) in Aktion: Wenn man angegriffen wird, zieht man sich auf den leicht zu verteidigenden Bergfried zurück („andere wegen ihrer Hautfarbe zu hassen ist schlecht“), wenn die Angriffe nachlassen, besetzt man wieder den schwer zu verteidigenden Vorhof („wer seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden lässt, ist ein böser Mensch“), und dann tut man so, als wären Bergfried und Vorhof identisch. Wer seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden lässt, begeht ein Hassverbrechen gegen amerikanische Ureinwohner, wer gegen Rassenhass ist, muss auch dagegen sein, seine Kinder sich im Fasching als Indianer verkleiden zu lassen.

Die Linken rufen oft naiven übertriebenen Anti-Rassismus (eine „Zu den Ausländern muss man besonders nett sein“-Einstellung, die zugegebenermaßen für alle Beteiligten nervig und peinlich sein kann) hervor, und nennen den dann auch wieder rassistisch. Einerseits kommen sie mit „Wenn du ’nicht mehr weißt, was du noch sagen darfst‘, zeigt das nur, dass du nicht mit den Leuten gesprochen hast, die es betrifft“; und darauf, dass Leute dann ihre einzige schwarze Bekannte schüchtern fragen „Du, Michaela, ist ’schwarz‘ eigentlich beleidigend, soll man lieber ‚dunkelhäutig‘ sagen???“, heißt es wiederum „POC sind nicht verpflichtet, für dich emotionale Arbeit zu erledigen und dir beizubringen, wie du nicht rassistisch bist, informier dich selber!“, als wäre das etwas anderes, als wenn Leute bei Problemen mit ihrem Excel-Programm erst mal dem einzigen Informatiker, den sie kennen, auf WhatsApp schreiben, anstatt einfach zu googeln. (Vielleicht kommt die Reaktion gegen solche Fragen aber auch aus dem Bewusstsein heraus, dass Michaela einiges nicht rassistisch finden wird, das die Infoseiten darüber, wie man ein guter Anti-Rassist ist, für rassistisch erklären?)

Diese Leute verlangen von Weißen, dass sie anerkennen sollen, dass sie Rassisten sind – und zwar jeder, denn es sei nicht möglich, als Weißer nicht von Rassismus geprägt und damit kein Rassist zu sein – , dass sie Geständnisse vorbringen, wo sie rassistisch waren. Und das führt zu den abstrusesten Selbstkritiksitzungen wie im maoistischen China. Wenn jemand sich nicht selbst als Rassist anklagen will, gilt das als white fragility, als neuer Beweis für Rassismus; hier ist jemand, der privilegiert ist und gar nicht sehen will, wie andere leiden, sofort beleidigt, wenn er ihr Leid sehen soll, wird behauptet. Der Intersektionalismus ist sehr praktisch für seine Befürworter, denn er ist nicht falsifizierbar, alles zählt als Beweis für ihn und nichts als Beweis gegen ihn.

Das alles ist eigentlich eine einzige Verschwörungstheorie: Der Westen ist böseböseböse, komplett vom Bösen durchdrungen, also muss man ihn überall angreifen, alles hier muss einfach böse sein und irgendwo von white supremacy kommen. Das hat die abstrusesten Folgen. Ich erinnere mich an einen Linken, der sich auf Twitter beschwert hat, er könne im Internet nichts zum rassistischen Ursprung des Begriffs „schwarzfahren“ finden. Spoiler: Dieser Begriff hat keinen rassistischen Ursprung. Er kommt nicht mal von einer Farbe, sondern von einem jiddischen Wort, das „arm“ bedeutet. Gerade werden überall von „Demonstranten“ und „Aktivisten“ Statuen gestürzt oder beschmiert, einfach, weil es Statuen von weißen Männern sind, egal, ob das Männer waren, die z. B. gegen die Sklaverei gekämpft haben oder wie der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes, der von muslimischen Piraten nach Algier verschleppt und ein paar Jahre lang als Sklave gehalten wurde, bevor er fliehen konnte, selbst Sklaven waren. Jep. Leute halten sich für Kämpfer für eine gerechte Welt, indem sie eine Statue von Cervantes beschmieren. Auch ein Kriegerdenkmal für schwarze Freiwillige der Unionsarmee im Sezessionskrieg wird da schon mal beschmiert.

Lustig ist auch die Geschichte mit dem Stadtwappen der Stadt Coburg, das einen Mohr enthält, dessen Entfernung seit neuestem vehement gefordert wird; lustig deshalb, weil es sich um den hl. Mauritius handelt, der schon von den Nazis aus dem Wappen entfernt und durch Schwert und Hakenkreuz ersetzt wurde. (Das Wort „Mohr“ war übrigens nie dasselbe wie das Wort „Neger“ oder gar das Wort „Nigger“.) Ob Nazi oder Intersektionalist: Schwarze Heilige wollen sie uns nicht verehren lassen. Ähnliches gilt ja für den Mohrenkönig bei den Sternsingern: Deutsche Linke haben irgendwie von amerikanischen Linken die Ansicht vermittelt bekommen, dass es Rassismus ist, wenn Weiße sich als Schwarze verkleiden („blackfacing“); in den USA ist das gar nicht so falsch, weil man dort die Geschichte der sich über Schwarze lustig machenden „minstrel shows“ aus früheren Zeiten hat, aber wenn deutsche Kinder sich als ein heiliger König verkleiden, der dem Sohn Gottes Geschenke gebracht hat, wird man das wohl kaum zur Verächtlichmachung deklarieren können. Die Legende, dass die Weisen aus dem Morgenland aus den drei im Mittelalter bekannten Erdteilen – Asien, Afrika und Europa – gekommen wären, hat gerade einen anti-rassistischen (im guten, normalen Sinn) Ursprung, nämlich die Überzeugung, dass alle Völker der Welt zu Christus gerufen sind. (Auch in den USA führt Anti-Blackface-Panik inzwischen freilich zu abstrusesten Ergebnissen, z. B. dass Folgen einer TV-Serie gestrichen werden, in denen weiße Figuren Schlammmasken im Gesicht haben, weil das ja als blackfacing verstanden werden könnte.)

Das könnte man alles nur für Dummheit und Übereifer halten, aber es ist nicht nur das, es ist Paranoia und Bosheit. Und schlimmer zeigt sich das bei anderen Themen.

Eins der beliebtesten Beispiele für „Alltagsrassismus“, das „südländische“ (arabische, türkische, nordafrikanische) oder schwarze Männer in deutschen Talkshows vorbringen, ist, dass Frauen, wenn sie sie sehen, ihre Handtasche enger an sich ziehen, sich in der Straßenbahn nicht neben sie setzen, oder sogar vor ihnen die Straßenseite wechseln. Und dieses Beispiel ist einfach nur völlig verdreht: Wenn eine Gruppe Männer sich tendenziell so verhält, dass Frauen tendenziell vor ihnen Angst haben, wer soll dann sein Verhalten ändern, die Männer oder die Frauen? „Aber der und der ist ja vielleicht ein sehr netter Mensch und kann nichts dafür“ Und? Auf wen soll er dann wütend sein, auf die nervöse Frau abends auf der Straße, die sich nach ihm umschaut, oder auf die anderen Männer, deren Verhalten dafür sorgt, dass sie nervös ist? Vorsicht ist nichts, wofür man sich rechtfertigen muss. Andere haben keinen Anspruch darauf, dass man unvorsichtig ist, damit sie sich besser fühlen. Wer hat hier die Macht? Der Mann oder die Frau? Wer hat hier Schlimmeres zu befürchten? Der Mann oder die Frau?

Machen wir das Ganze mal an einem Gedankenspiel deutlicher: Du stehst als junge Frau nachts um 11 Uhr an einem verlassenen ländlichen Bahnhof und musst noch zwanzig Minuten auf deinen Zug warten, Handy und Pfefferspray hast du zuhause liegenlassen, und jetzt kommt ein Mann auf den Bahnsteig. Du musst dir aussuchen, was für einer es sein soll: Ein Biodeutscher, ein Deutschtürke, ein Nigerianer oder ein Afghane. Die Herkunft ist das einzige Merkmal, das du weißt; kein Linker wird von deiner Wahl erfahren, aber du musst mit dieser Wahl leben.

Ich denke, ich habe gezeigt, was ich zeigen wollte. Und ich denke, es sollte klar, sein, dass das kein Rassismus ist.

Manchmal sind „Vorurteile“ gerade keine vorher gefällten Urteile. Ein Klischee kann, wie gesagt, ein selbst erworbener Ruf sein Ich habe sicherlich heute mehr Angst vor gewissen Asylbewerbern als im Jahr 2014. Der Unterschied? Die sind inzwischen seit Jahren im Land. Es gibt inzwischen leider viele Beispiele von Frauen und teilweise sehr jungen Mädchen, die von der linken Willkommenspropaganda geförderte Beziehungen mit (teilweise pseudo-„unbegleitet minderjährigen“) Flüchtlingen eingegangen sind und dann ein böses Erwachen bzgl. gewisser kultureller Unterschiede erlebt haben.

Es ist einfach eine Tatsache, dass manchmal gerade die, die eine Minderheit kennen, die größeren „Vorurteile“ haben. Europäer werfen weißen Amerikanern ihre Klischees bzgl. Afroamerikanern vor, Amerikaner können auf die Klischees der Europäer bzgl. der Roma hinweisen.

Besonders der Polizei wird gern „racial profiling“ vorgeworfen. Aber wenn die Polizei weiß, dass in einer Gegend der Drogenhandel in den Händen von Schwarzafrikanern liegt, und sie dann öfter Schwarzafrikaner kontrollieren, weil die sich öfter verdächtig verhalten, dann ist das einfach nur vernünftig. Es ist die Arbeit der Polizei, Verbrechen zu bekämpfen; und wenn eine Gruppe mehr Verbrechen begeht als andere, ist das deren Schuld und nicht die der Polizei. Der unbescholtene Schwarze, der öfter an dem Bahnsteig ist, an dem andere Schwarze mit Drogen dealen, weil er von da aus zur Arbeit fährt, und dann auch mal kontrolliert wird, weil die Polizei sein Verhalten falsch interpretiert, sollte nicht zornig auf die Polizei sein, sondern lieber auf die anderen Schwarzen, die ihm diesen Ruf einbringen. Auch hier wird wieder an einem Beispiel deutlich, dass die Polizei eben nicht einfach Rassenvorurteile hat: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Schwarzen mit Anzug und Aktentasche kontrollieren wird, der sie freundlich grüßt, oder eine schwarze Erzieherin, die mit einer Gruppe Kindergartenkinder unterwegs ist? Die Polizei geht nach Merkmalen, die ein Verbrechen wahrscheinlicher machen, und dazu gehören auch Kleidung, Geschlecht, Alter etc., was keine Ungerechtigkeit bedeutet. Und für den, der nichts zu verbergen hat und nicht gewalttätig wird, bedeutet eine Polizeikontrolle in Deutschland nichts anderes als eine kurzfristige Störung, wie jedem bewusst ist.

Wer nicht sehen will, dass „gewisse Gruppen“ objektiv krimineller sind (aus welchen Gründen auch immer), muss sich darüber beschweren, dass die Polizei rassistisch ist; und das bedeutet, dass die Polizei in Zukunft gefälligst nicht nach Verbrechen, sondern nach Rassenquoten kontrollieren und verhaften soll. Dabei kommen dann solche Sachen heraus wie die aus Pakistanis bestehenden „Grooming gangs“ von Rotherham, die sich jahrzehntelang sehr junge englische Mädchen gefügig gemacht und sie zur Prostitution gezwungen oder in Gruppen vergewaltigt hatten; die Polizei hatte die ganze Zeit über weggesehen. Oder man denke an die Kölner Silvesternacht, die ca. eine Woche lang von den Medien verheimlicht wurde. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Natürlich werden gerade dadurch Probleme verfestigt und es ändert sich nichts. Kriminalität ist ja nichts Angeborenes, sondern eine Entscheidung; freilich manchmal eine von Kulturen geförderte Entscheidung.

Aber zu verlangen, dass Gruppen sich kollektiv ändern können (und sollen), ist natürlich ein lupenreines Beispiel für Rassismus aus Sicht der Linken. Bei diesen Linken werden dann eben Pünktlichkeit, Vorausplanung und Höflichkeit als „white culture“ bezeichnet, die nachzuahmen man von POC gefälligst nicht erwarten sollte.

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(Nicht, dass alles in dieser Grafik gut wäre. Einiges ist zu typisch amerikanisch.)

Das objektiv Richtige ist hier natürlich völlig für einen Kulturrelativismus aufgegeben worden, also darf man auch von Leuten nicht erwarten, sich objektiv richtig zu verhalten. Diese Leute merken gar nicht, wie beleidigend ihr Getue gegenüber den Leuten ist, denen sie „helfen“ wollen.

Dafür kann man unzählige Beispiele sammeln. Von Angestellten Verlässlichkeit und Loyalität zu erwarten ist Rassismus, weil Schwarze das anscheinend nicht können:

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Mathematik ist rassistisch, weil Schwarze anscheinend nicht begreifen können, dass 2+2=4:

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Das sind keine extremen Äußerungen bei Einzelnen; dass Mathe und Naturwissenschaft rassistisch sind, weil sie zu westlich und „rationalistisch“ wären und „andere Formen von Wissen und Erkenntnis nicht als gültig ansehen würden“, ist inzwischen bei vielen dieser Leute anerkannt.

In anti-rassistischen Trainingseinheiten (wie sie in den USA in Firmen, Behörden, Unis schon üblich sind) werden alle möglichen Behauptungen aufgestellt und Erwartungen vorgegeben, damit man ein guter Verbündeter für POC sein kann:

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Wieso genau nochmal ist „körperliche Sicherheit“ aufzugeben?

Weiße haben „bedingungslose Solidarität“ zu zeigen. Wenn jemand sagt „Weiße machen mich so wütend, die würde ich am liebsten alle umbringen“, darf man also nicht sagen „Also, jetzt warte mal“.

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Als am unterdrücktesten gelten ja weltweit die Schwarzen, aber lustig sind auch immer Türken und Araber, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen und verfolgte Minderheiten spielen – und die Linken, die dabei mitmachen. Für westliche, v. a. amerikanische, Linke ist es ganz klar: Es gibt „white people“, „black people“, und „brown people“, die erste Kategorie ist schlecht, die letzteren beiden sind praktisch gleich (beide zusammen „people of color“), nur wird die dritte vielleicht etwas weniger unterdrückt. Das sollten sie mal den philippinischen Gastarbeitern erzählen, die von extrem reichen Saudis wie Sklaven gehalten werden (beide „brown“), den schwarzafrikanischen Migranten, die in Libyen, seitdem dort nach Gaddafis Tod Anarchie herrscht, wieder auf realen Sklavenmärkten landen, oder den von den hellhäutigeren, aus höheren Kasten stammenden verachteten dunkelhäutigeren Unberührbaren in Indien. Der Rassismus der Nordafrikaner oder Chinesen gegenüber den Schwarzafrikanern oder der der hellhäutigeren Inder gegenüber den dunkelhäutigeren Indern ist ja etwas, das nicht so wirklich bekannt, aber sehr groß ist. Und die Türkei beispielsweise ist gerade kein unterdrücktes Dritte-Welt-Land, sondern ein etwas heruntergekommenes völkermordendes und versklavendes Imperium.

Lächerlich ist z. B. auch, wie gerade auf „weißen“ Darstellungen Jesu herumgehackt wird. Antike ägyptische Ikonen sehen übrigens so aus:

(Christus Pantokrator, aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai. Gemeinfrei.)

Besonders dunkelhäutig sind auch heutige Juden (oder Libanesen oder Syrer…) nicht, sogar den ein oder anderen Braunhaarigen oder Blonden findet man im Nahen Osten.

Aber natürlich sind auch solche ganz europäisierten Bilder vollkommen legitim:

(Bildquelle hier. Gemeinfrei.)

Solche Bilder sind es ja auch:

Chinese Madonna. St. Francis' Church, Macao.jpg

(Bildquelle hier. Gemeinfrei.)

„Inkulturation“, wie man so sagt. Der Herr ist eben tatsächlich für alle gekommen, sogar für blonde blasse blauäugige Europäer.

 

Und viel zu wenige etwas gegen all das. Man will nicht als Rassist gelten, natürlich; aber auf solche Verleumdungen darf man einfach möglichst nichts mehr geben, und wenigstens ein bisschen etwas sagen kann man oft. Wir wissen ja ungefähr, was kommt, wenn den Linken nichts entgegengehalten werden wird. Man sieht das teilweise jetzt schon.

Der Vorwurf des Rassismus ruiniert Leben, zurzeit besonders in den USA; man könnte unzählige Beispiele von Doxxing, Entlassungen, Todesdrohungen und Gewalt wegen angeblichem oder tatsächlichem „Rassismus“ und „Mikroaggressionen“ aufzählen. Der derzeitige Anti-Rassismus sorgt dafür, dass es für die Buren kein Asyl in Europa oder Amerika gibt, weil sie eine Gruppe sind, der kein Opferstatus zusteht, er sorgt dafür, dass Verbrechen von zertifizierten Opfergruppen nicht benannt werden dürfen, und da haben wir noch gar nicht von der ganzen generellen Gewalt geredet, die der Vorwurf gegen „DAS SYSTEM“ gerade hervorbringt – die Randale, die Plünderungen, die zusammengeschlagenen oder sogar getöteten Leute, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren, die Gewalt gegen Polizisten. (Wenn der BBC Überschriften wie „27 Polizisten bei größtenteils friedlicher Demonstration verletzt“ schreibt, weiß man nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Wie sähe denn eine unfriedliche Demonstration aus?) In Berlin gibt es seit neuestem ein Antidiskriminierungsgesetz, das bei Beschwerden gegen die Polizei etc. die Beweislast umkehrt (§ 7 LADG: „Werden Tatsachen glaubhaft gemacht, die das Vorliegen eines Verstoßes gegen § 2oder § 6 wahrscheinlich machen, obliegt es der öffentlichen Stelle, den Verstoß zuwiderlegen.“) und damit natürlich kriminellen Clans ein gutes Instrument an die Hand gibt, die Polizeiarbeit zu erschweren. Und Berlin ist zwar linksextremistisch regiert, aber noch nicht ganz so linksextremistisch, wie es möglich wäre; für etwas, das näher an das Traumbild der Linken herankommt, lohnt sich ein Blick auf die kurzzeitig existierende Autonome Zone in Seattle (CHAZ/CHOP), die von einer Art Warlord, dem Hip-Hop-Künstler Raz Simone, übernommen wurde und mit diversen Schießereien geendet hat, deren Opfer schwarze Teenager waren. Ach ja, eine Art Segregation wurde dort auch eingeführt (für Weiße verbotene Zonen).

Anti-Rassismus scheint manchmal so harmlos und selbstverständlich. „Black Lives Matter“, „schwarze Leben sind von Bedeutung“ – welcher Mensch würde gegen einen solchen Slogan argumentieren? Aber die Mitglieder der Organisation BLM und die Demonstranten, die ihnen folgen, wollen eben nicht einfach sagen, dass schwarze Leben von Bedeutung sind, sondern dass für alle, die nicht genau ihrer politischen Einstellung folgen, schwarze Leben nicht von Bedeutung sind.

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Und BLM ist eine marxistische Organisation, die auf ihrer Website auch erstaunlich viel darüber redet, LGBTQ-Zeug zu fördern (v. a. in Bezug auf Transpersonen), die Kernfamilie durch eine Art Kollektivismus ersetzen will, und die Polizei reduzieren oder gleich ganz abschaffen und durch Sozialarbeiter o. Ä. ersetzen („defund the police“ / „abolish the police“) will. Ich denke mir das nicht aus. Etliche Linke sind inzwischen wirklich überzeugt, dass, wenn man nur ihre Lieblingspolitik umsetzen würde, es keine Einbrüche und Überfälle mehr gäbe und es keine Polizei mehr bräuchte. Viele US-Linke machen sehr klar, dass sie keine reformierte, gute Polizei wollen, sondern dass sie die Existenz der Polizei an sich als Problem sehen. (Und das schwappt rüber nach Deutschland, wo wir nicht mal das Problem mit Polizeigewalt haben, das in den USA gibt, sondern nur eins mit Gewalt gegen Polizei.***)

Man unterstellt Linken immer so gute Motive. Sie wollen ja nur das Beste; sie wollen Unterdrückten helfen. Das ist falsch.

Linke – nicht alle, aber einige, vor allem die Radikaleren und die Anführer – sind unfähig, etwas zu lieben, das da ist, und etwas aufzubauen. Sie können Strukturen nur abbauen, nur dekonstruieren; nicht ohne Grund klingen Dekonstruktion und Destruktion so ähnlich. Man liebt seine Familie oder seine Heimat? Ab ins Gulag. Linke erklären ihre Liebe für das Ferne und Abstrakte, nie für das Nahe und Reale; sobald etwas nahe und real wird, hassen sie es wieder.

(Das sieht man auch schön daran, wie schnell sie ihre Familien hassen. Ich bin mir in vielen Dingen mit Familienmitgliedern uneinig, und würde nie auf die Idee kommen, sie deswegen so zu hassen.)

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Sie haben ein Problem mit Autorität und erklären deshalb alle Autorität für böse. (Natürlich wird die Sache dadurch verkompliziert, dass Autoritäten manchmal böse sind; aber eine Gesellschaft ohne sie wird ein reines Chaos, in dem Macht für Recht gilt, und sich sehr viel bösere neue Autoritäten herausbilden.) Sie fühlen sich überlegen, indem sie für etwas scheinbar Gutes kämpfen, das aber nie da sein wird und nie da sein kann, und weil das nie da sein wird und nie da sein kann, können sie immer weiter kämpfen und gegen ihre Feinde als gegen Feinde der Menschheit vorgehen und ihren Sadismus gegen sie ausleben. Einerseits erklären Linke, dass Einbrecher und Schläger keine bösen Menschen wären und nur traumatisiert oder in Not wären, andererseits sind alle Nicht-Linken für sie das fleischgewordene Böse; denen wird keine schwere Kindheit angerechnet.

In etwas lustigerer Form ausgedrückt (ja, das ist ernst gemeint):

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Es wird so gern propagiert, dass die „Rebellen“ und „Revolutionäre“ die Guten sind; dabei sind sie meistens fanatische Terroristen und machtgierige Putschisten.

Das Ironische ist, dass Linke nicht mal denen helfen, denen sie zu helfen vorgeben. Wo machen „Menschen mit Migrationshintergrund“ häufiger Schulabschluss und Ausbildung oder Studium? Im linksextremen Berlin oder im nicht ganz so linken Bayern? Eben. Wo leiden Leute mit weniger Einkommen in den Vierteln, in denen sie leben müssen, eher unter Kriminalität und Arbeitslosigkeit? In Berlin oder in Bayern? Eben. Selbst in den USA ist es ja so, dass es mit Gewaltkriminalität in von Demokraten regierten Städten am schlimmsten ist.

 

Zuletzt:

Es ist in Ordnung, für sich selbst einzustehen, und erst recht in Ordnung, für seine Freunde einzustehen. Es ist in Ordnung, zu sagen: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich entschuldige mich nicht bei euch, ich distanziere mich nicht in vorauseilendem Gehorsam von Freunden oder Bekannten oder auch Unbekannten, von denen ich mich distanzieren soll, weil sie angeblich unsensibel gewesen sein sollen, ich gehe bei Rassismusvorwürfen nicht von ’schuldig bis zum Beweis der Unschuld‘ aus, sondern gerade nach diesen vielen falschen Vorwürfen gehe ich von ‚unschuldig bis zum Beweis der Schuld‘ aus, und ich behandle solche Dinge in keinem Fall als unvergebbar.“ (Und wenn man doch was hat, wofür man sich wirklich zu entschuldigen hat? Dann macht man das erstens (wenn nötig) in der Beichte und zweitens mit den direkt Betroffenen aus, nicht vor einem Mob, den man nie zufriedenstellen können wird. Linke sind wie ein missbräuchlicher Partner oder ein Erpresser: Man kann es ihnen nie recht machen, egal wie sehr man sich anstrengt; und je mehr man nachgibt, desto mehr tyrannisieren sie einen. Selbst wenn man einen Fehler gemacht hat, es bringt nichts, das vor ihnen zuzugeben; von ihnen muss man nur wegkommen.)

Als Hobbykasuistin will ich keine moralischen Verpflichtungen behaupten, die nicht da sind. Was gut und vorbildlich wäre, ist nicht immer verpflichtend; und es ist nie eine Sünde, etwas nicht Verpflichtendes nicht zu tun, weil man es einfach nicht will. Es ist nicht immer verpflichtend, alles zu sagen, was man sich denkt, und manchmal kann es erlaubt sein, „an sich wahre Dinge“ zu sagen, die in eine falsche Richtung gehen, weil man sonst entsprechende Nachteile zu befürchten hätte, z. B. im Beruf, oder seine Familie von sich entfremden würde; manchmal ist das sogar aus Klugheit notwendig und gut. Aber generell ist es nicht gut, und zwar auch nicht gut für einen selber. Man mag sich selbst irgendwann nicht mehr. Man sollte so wahrhaftig sein, wie man eben kann, und mit erhobenem Haupt vor anderen stehen. Kriecherei ist keine Demut, Selbstachtung kein Hochmut. Es ist gut, zu sagen, was man sagen kann, und andere zu unterstützen, die sich mehr zu sagen trauen, als man sich selbst traut. Auf keinen Fall sollte man anderen auf der eigenen Seite in den Rücken fallen; auch wenn sie es übertreiben, sollte man das nie mehr verurteilen, als man gleich große Übertreibungen auf linker Seite verurteilt. Es ist gut, die Wahrheit zu wissen über den Wahnsinn, der gerade abgeht, sogar, wenn man nichts daran ändern kann; man fühlt sich sehr erleichtert, wenn man alles einordnen kann und nicht mehr bei Lügen und Verdrehungen beteiligt sein muss.

Man sollte keine allgemeinen „Rassismus ist böse, wir sind alle gegen Rassismus“-Statements abgeben, gerade nicht als größere Organisation, gerade nicht als katholische Organisation. Denn diese Statements werden nicht im Sinn von „Rassismus ist böse, wir sind alle gegen Rassismus“ verstanden, sondern im Sinn von „Ja, es stimmt, dass es bei uns furchtbaren, alles durchdringenden Rassismus gibt und alle Weißen sich für gewöhnlich im gewohnheitsmäßigen Zustand der schweren Sünde befinden, erst recht aber jene, die nicht uneingeschränkt die Ziele von BLM unterstützen, also geht alle zu den entsprechenden Protesten, wählt links und sagt auf keinen Fall etwas gegen Gewalt bei besagten Protesten“. Wenn man unter kommunistischer Herrschaft allgemeine „Ausbeutung ist schlecht“-Phrasen von sich gibt, um seine Herren zufriedenzustellen, wird das als „Ich bin für den Sozialismus“ verstanden. Das muss man sich vor Augen halten.

 

* Kurze Anmerkung zum Begriff „Rasse“: Die Verwendung dieses Begriffs ist nicht rassistisch. (Witzigerweise etwas, wobei die US-Linken mit mir übereinstimmen; es sind die deutschen Linken, die ein unerklärliches Problem damit haben.) Der Begriff „Rassismus“ (ungerechte Behandlung wegen der Rasse) setzt gerade den Begriff der „Rasse“ voraus, wie der Begriff „Sexismus“ (ungerechte Behandlung wegen des Geschlechts) den Begriff des „Geschlechts“ (Englisch „sex“) voraussetzt. Die Bezeichnung der Menschheit als „menschliche Rasse“ ist übrigens irreführend; die Menschheit ist eine Spezies, womit man in der Biologie die Gesamtheit der Individuen bezeichnet, die miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen können. Rassen sind nur Untergruppen innerhalb einer Spezies mit gewissen Gemeinsamkeiten, wobei die Übergänge zwischen ihnen fließend sind und es immer „Mischlinge“ gibt. (Pferde sind eine Spezies, Haflinger eine Rasse.) Ethnien (ethnos = Volk) sind noch kleinere Untergruppen der menschlichen Spezies, die sich nicht nur durch Abstammung, sondern auch durch eine gemeinsame Identität bestimmen. Igbo und Bamiléké sind verschiedene Ethnien, gehören aber zur selben Rasse; dasselbe bei Belgiern und Franzosen.

** Hier mal nur so viel: Es wird hier meistens an die Schlagworte Sklaverei und Kolonialismus gedacht; die in Verbindung zu bringen ist allerdings ziemlich blöd, denn die Sklaverei in Afrika wurde erst durch den Kolonialismus abgeschafft, und das war tatsächlich ein Anliegen, das den Kolonialherren wichtig war und für das sie einigen personellen und finanziellen Einsatz aufwandten. Wenn Schwarzafrikaner heute nicht mehr auf den Märkten von Sansibar, Mekka und Istanbul landen, ist das nur den europäischen Schutztruppen mit ihren Tropenhelmen zu verdanken.

*** Zu den USA auch nochmal ein eigener Post; hier sei nur kurz angemerkt, dass es da sicherlich ein gewisses Problem mit Polizeigewalt gibt, die aber ziemlich gerecht unter den Rassen aufgeteilt ist, wenn man die Statistiken ansieht.

Christliche Kultur am Sonntag: „Krabat“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Otfried Preußler: „Krabat“

Preußlers Jugendbuch, das im 17. Jahrhundert spielt und auf einer sorbischen Sage beruht, handelt von dem vierzehnjährigen Waisenjungen Krabat, der sich mit Betteln durchschlägt, bis er um die Neujahrszeit herum mehrmals einen seltsamen Traum hat, in dem er aufgefordert wird, zu einer Mühle in einem ihm fremden Dorf zu kommen. Er entscheidet sich schließlich, der Aufforderung zu folgen und gelangt zu einer unheimlichen Mühle mit einem sehr unheimlichen Meister, der ihn auffordert, sein Lehrjunge zu werden; Krabat stimmt zu.

In der Mühle sind bereits elf Müllergesellen und bald findet Krabat heraus, dass der Meister ihm und ihnen nicht nur den Müllerberuf, sondern auch noch etwas anderes beibringt: Die schwarze Magie. Doch dieses Wissen hat seinen Preis: In jeder Silvesternacht stirbt einer unter den Gesellen. Und aus der Mühle wieder zu entkommen ist nicht einfach.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3b: Bedeutung Jesu – Konsequenzen der Erlösung für den Menschen

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): 1 Joh 2-5, Offb 20-22, Kol 1,12-14, Kol 3,1-17, Röm 2,6-8, Röm 8, Eph 2, 1 Kor 1,26-2,16, 1 Kor 6,19f., Phil 1,21, Phil 2,12-18, Phil 3,20f.

 

In diesem Teil soll es darum gehen, was das Leben in Christus für das weitere Leben des Christen bedeutet.

 

Papst Clemens von Rom schreibt ca. 95 n. Chr.:

„Betrachten wir, wie nahe er ist, und dass ihm nichts verborgen ist von unseren Gedanken oder von den Plänen, die wir schmieden. Es ist also recht, dass wir uns seinem Willen nicht entziehen. Lieber wollen wir bei Menschen, bei törichten, unverständigen, stolzen, die eingebildet sind auf ihre prahlerischen Reden, Anstoß erregen als bei Gott.“ (1. Clemensbrief 21,3-5)

„Der in allem barmherzige und gütige Vater hat ein Herz für die, die ihn fürchten, gerne und freudig gibt er seine Gnadenerweisungen denen, die einfältigen Herzens zu ihm kommen. Deshalb sollen wir nicht zweifeln, und unsere Seele soll sich nicht aufblähen ob seiner überreichen und herrlichen Gnadengaben.“ (1. Clemensbrief 23,1f.)

„Durch diese Hoffnungen also sollen unsere Seelen fest gekettet sein an den, der treu ist in seinen Verheißungen und gerecht in seinen Gerichten. Der verboten hat zu lügen, wird viel weniger selber lügen; denn bei Gott ist nichts unmöglich außer die Lüge. Entzünden soll sich daher in uns der Glaube an ihn, und wir wollen beherzigen, dass ihm alles nahe ist. In seinem mächtigen Worte hat er das All aufgebaut, und in seinem Worte kann er es niederreißen. ‚Wer wird ihm sagen: Was hast Du gemacht? oder wer wird entgegentreten seiner gewaltigen Stärke?‘1 Wann er will und wie er will, wird er alles machen, und nichts darf vergehen von dem, was er bestimmt hat. Alles liegt da vor seinem Auge, und nichts ist seinem Rate verborgen.“ (1. Clemensbrief 27,1-6)

Wie selig und wunderbar sind die Geschenke Gottes, Geliebte! Leben in Unsterblichkeit, Glanz in Gerechtigkeit, Wahrheit in Freimut, Glaube in Vertrauen, Enthaltsamkeit in Heiligung; und dies alles ist schon in unser Verständnis gedrungen. Was nun fürwahr ist denen bereitet, die ausharren? Der Schöpfer und Vater der Ewigkeit, der Allheilige selbst kennt die Größe und Schönheit dieser Güter. Wir nun wollen kämpfen, damit wir erfunden werden in der Zahl derer, die ausharren, auf dass wir teilhaben an den versprochenen Gütern.“ (1. Clemensbrief 35,1-4)

 

Bischof Ignatius von Antiochia beschreibt nicht viel später die Christen

„als Bausteine für den Tempel des Vaters, zubereitet für den Bau Gottes des Vaters, in die Höhe gehoben durch das Hebewerk Jesu Christi, welches ist das Kreuz, während euch als Seil diente der Heilige Geist; euer Glaube ist euer Führer nach oben, die Liebe der Weg, der zu Gott emporführt. Ihr seid also alle Weggenossen, Gottesträger und Tempelträger, Christusträger, Heiligenträger, in allen Stücken geschmückt mit den Geboten Jesu Christi; ich frohlocke auch über euch, da ich gewürdigt worden bin, durch diesen Brief mit euch zu reden und mich mit euch zu freuen, weil ihr entsprechend einem anderen (das ist nicht fleischlichen) Leben nichts liebet als Gott allein.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 9)

„Davon bleibt euch nichts verborgen, wenn ihr vollkommen seid in Glaube und Liebe zu Jesus Christus; denn das ist Anfang und Ende des Lebens. Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Diese beiden, zur Einheit verbunden, sind Gott! Alles Übrige, was zum rechten Leben gehört, folgt aus diesen. Keiner, der den Glauben bekennt, sündigt, und keiner, der die Liebe besitzt, hasst. Den Baum erkennt man an seinen Früchten1; so werden die, welche sich zu Christus bekennen, an ihren Werken erkannt werden. Denn jetzt kommt es nicht an auf das Bekenntnis, sondern darauf, dass einer in der Kraft des Glaubens befunden wird bis ans Ende.

Besser ist schweigen und etwas sein, als reden und nichts sein. Gut ist das Lehren, wenn man tut, was man sagt. Einer nun ist der Lehrer, der ’sprach und es geschah‘1, und das, was er schweigend getan hat, ist des Vaters würdig. Wer Christi Wort besitzt, kann wahrhaftig auch sein Schweigen vernehmen, damit er vollkommen sei, damit er durch sein Wort wirke und durch sein Schweigen erkannt werde. Nichts entgeht dem Herrn, sondern auch unsere Geheimnisse sind nahe bei ihm. Deshalb wollen wir alles tun, als ob er in uns wohnte, damit wir seine Tempel seien und er, unser Gott, in uns wohne, wie es auch ist und sich zeigen wird vor unserem Angesicht; deshalb sollen wir ihn auch richtig lieben. (Brief des Ignatius an die Epheser 14f.)

 

Bischof Irenäus von Lyon schreibt:

„Kein anderer weder im Himmel, noch auf der Erde, noch unter der Erde konnte das Buch des Vaters öffnen, noch ihn sehen, als das Lamm, welches geschlachtet wurde und mit seinem Blute uns erlöste. Von ebendemselben, der alles durch das Wort gemacht und mit seiner Weisheit geschmückt hat, empfing er auch die Gewalt über alles, als das Wort Fleisch wurde. Nun herrscht das Wort auch auf Erden, wie es im Himmel geherrscht hat, denn als gerechter Mensch ‚tut es keine Sünde, noch wird in seinem Munde Falsch gefunden‘6 , herrscht auch unter der Erde, da es der Erstgeborene der Toten geworden ist. So sah, wie wir gesagt haben, alles seinen König, und im Fleische des Herrn begegnete uns das Licht des Vaters, strahlte von seinem Fleische auf uns aus, und so kam der Mensch zur Unverweslichkeit, indem er von dem väterlichen Lichte umgeben wurde. […]

Das ist aber sein Wort, unser Herr Jesus Christus, der in den letzten Zeiten Mensch unter Menschen geworden ist, um das Ende mit dem Anfang zu verbinden, d. h. den Menschen mit Gott. Deswegen empfingen die Propheten von demselben Worte die Prophetengabe und verkündeten seine Ankunft im Fleische, wodurch die Vermischung und Vereinigung des Menschen mit Gott nach dem Wohlgefallen des Vaters bewirkt wurde. Hatte doch das Wort von Anfang an vorherverkündigt, daß ‚Gott von den Menschen geschaut werden‘1 und mit ihnen auf Erden verkehren und sprechen wird und beistehen seinem Geschöpfe, und es retten und von ihm sich aufnehmen lassen wird und uns ‚erretten werde aus den Händen aller, die uns hassen‘2 , d. h. von jedem Geist des Ungehorsams, and bewirken, daß wir ‚ihm dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle unsere Tage‘3 , damit der Mensch den Geist Gottes umarme und eingehe in die Herrlichkeit des Vaters.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,2.4)

 

Und Theophilus von Antiochia schreibt:

„Dessen5 Odem redest du, dessen Odem atmest du, und diesen Gott kennst du nicht, o Mensch! Das ist die Folge der Blindheit deiner Seele und der Verhärtung deines Herzens. Doch du kannst geheilt werden, wenn du willst. Überlasse dich dem Arzte, und er wird dir an den Augen des Geistes und des Herzens den Star stechen. Wer ist der Arzt? Es ist Gott, der da heilt und lebendig macht durch sein Wort und seine Weisheit. Durch sein Wort und seine Weisheit hat Gott alles erschaffen, denn ‚durch sein Wort sind die Himmel gefestigt worden, und durch seinen Geist all ihre Kraft‘6. Ganz gewaltig ist seine Weisheit. ‚Durch seine Weisheit hat Gott die Erde grundgelegt, er hat die Himmel zugerichtet durch seine Klugheit; mit Kenntnis wurde der tiefe Abgrund gebildet und strömten die Wolken ihr Naß‘7. Wenn du das bedenkst, o Mensch, dabei rein, gerecht und heilig lebst, dann kannst du Gott sehen. Vor allem aber halte zuvörderst Einkehr in deinem Herzen der Glaube und die Furcht Gottes, dann wirst du diese Dinge verstehen. Wenn du die Sterblichkeit wirst abgelegt und die Unsterblichkeit angezogen haben, dann wirst du Gott in entsprechender Weise schauen. Denn Gott wird deinen Leib auferwecken, unsterblich mit deiner Seele, und dann wirst du, selbst unsterblich geworden, den Unsterblichen schauen, wenn du jetzt an ihn glaubst; und dann wirst du auch erkennen, daß du mit Unrecht ihn gelästert hast.“ (Theophilus, An Autolykus I,7)

Notwendigkeit des Glaubens:

„Aber du glaubst nicht an die Auferweckung der Toten. Wann sie eintreten wird, dann wirst du daran glauben, du magst wollen oder nicht. Und dein Glaube wird dir (dann) als Unglaube gerechnet werden, wenn du nicht jetzt glaubst. Warum aber glaubst du nicht? Weißt du nicht, daß bei allen Werken der Glaube vorangeht?1 Denn welcher Landmann kann ernten, wenn er nicht den Samen der Erde anvertraut; oder wer kann über die See fahren, wenn er sich nicht zuvor dem Schiffe und dem Steuermann anvertraut? Welcher Kranke kann geheilt werden, wenn er sich nicht dem Arzte zuvor anvertraut? Welche Kunst oder Wissenschaft kann man lernen, ohne daß man sich dem Lehrer hingibt und ihm glaubt? Während also der Landmann der Erde, der Seefahrer dem Schiffe, der Kranke dem Arzte vertraut, willst du dich Gott nicht anvertrauen, obwohl du so viele Unterpfande (seiner Glaubwürdigkeit) von ihm hast? Denn erstens hat dich Gott aus dem Nichts ins Dasein gerufen — denn da dein Vater einmal nicht war, und auch deine Mutter nicht, so warst noch viel weniger du zuvor da —, er hat dich gebildet aus einem kleinen flüssigen Stoff, aus einem ganz kleinen Tropfen, der selbst einmal nicht da war und hat dich so in dies Leben geführt. Zweitens glaubst du, daß die von Menschen verfertigten Bilder Götter seien und Wunderdinge wirken; daß aber Gott, der dich erschaffen hat, dich auch wieder ins Leben zurückrufen kann, glaubst du nicht? […]

Sei also nicht ungläubig, sondern gläubig, denn auch ich habe einst nicht geglaubt, daß es also sein wird. Jetzt aber habe ich die Sache erwogen und glaube, weil mir zugleich auch die hl. Schriften der hl. Propheten in die Hände kamen, die da im Geiste Gottes voraussagten die Vergangenheit, wie sie war, die Gegenwart, wie sie ist, und die Zukunft, wie sie sein wird. Da ich nun die Gegenwart und die Weissagungen derselben als Zeugnis habe, bin ich nicht mehr ungläubig, sondern glaube, gehorsam gegen Gott. Und diesem gehorche doch auch du im Glauben, damit du nicht, jetzt ungläubig, einst zu deinem Schmerze, in den ewigen Strafen nämlich, glauben mußt! […] So nimm denn auch du mit gutem Willen und ehrfurchtsvoll die prophetischen Schriften zur Hand, und sie werden dir deutlicher den Weg zeigen, wie du den ewigen Strafen entfliehen und die ewigen Güter Gottes erlangen kannst. Denn derjenige, der den Mund gegeben zum Sprechen, der die Ohren gebildet zum Hören und die Augen erschaffen hat zum Sehen, wird alles zur Rechenschaft ziehen und ein gerechtes Urteil fällen und jedem nach Verdienst seinen Lohn geben2. Denen, die mit Beharrlichkeit in guten Werken die Unsterblichkeit suchen, wird er geben ewiges Leben, Freude, Friede, Ruhe und eine Fülle von Gütern, wie sie kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, noch in eines Menschen Herz gekommen3; den Ungläubigen aber, den Verächtern, die der Wahrheit nicht beipflichten, sondern der Ungerechtigkeit sich hingeben, indem sie sich wälzen im Ehebruch, Hurerei, Knabenschändung, Übervorteilung anderer, in lasterhaftem Götzendienst: Zorn, Ungnade, Trübsal und Angst4; und zuletzt wird solchen das ewige Feuer zuteil werden. Weil du nun, mein Freund, gesagt hast: ‚Zeige mir deinen Gott!‘ so siehe, dies ist mein Gott; und ich rate dir, ihn zu fürchten und an ihn zu glauben.“ (Theophilus, An Autolykus I,8.14)

Schuldgefühle, früher und heute

Es ist wahrscheinlich eine der pervertiertesten Ideen, die existieren: Wenn eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes stirbt, würde sich das Kind sicher sein Leben lang entsetzlich schuldig fühlen, dass „es seine Mutter getötet hat“, ergo muss logischerweise die Mutter das Kind durch ihren Arzt töten lassen, um ihm dieses schreckliche Schicksal zu ersparen. (Ob ihr dann das Schicksal des schlechten Gewissens erspart bleibt, sei hier dahingestellt.)

Das Interessante an dieser Idee ist, dass sie ziemlich jung zu sein scheint. In Zeiten, in denen das Risiko, bei der Geburt oder hinterher am Kindbettfieber zu sterben, ziemlich hoch war, scheinen Kinder oder andere überlebende Familienmitglieder dieses Gefühl nicht gehabt bzw. dem Kind keine Schuld eingeredet zu haben. Da scheint man so damit umgegangen zu sein, wie wir heute damit, dass wir wissen, dass unsere Mütter bei der Geburt extreme Schmerzen hatten, dass sie an Schwangerschaftsübelkeit gelitten haben, Komplikationen hatten, wegen denen sie während der Schwangerschaft ins Krankenhaus mussten. Selbst der skrupulöseste Mensch würde wahrscheinlich nicht darauf kommen, sich ein schlechtes Gewissen zu machen, weil „ich meine Mutter stundenlang gefoltert habe, bis ich endlich geboren war“. Schon die Vorstellung ist lächerlich.

Man ehrt und liebt Mütter für gewöhnlich einfach für die Leiden und Gefahren, die sie auf sich genommen haben (und weiterhin nehmen). Und das war’s. Wenn jemand für mich gelitten hat, oder sogar für mich gestorben ist, was fühle ich dann für den? Liebe.

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(Christus wird vom Kreuz abgenommen. Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Unter Christen beklagt man oft, dass die Leute heute zu wenig Schuldgefühle hätten. Das ist oft richtig (beispielsweise wenn sie ihre ungeborenen Kinder töten). Aber manchmal haben sie auch zu viele – bzw. sie haben sie an den falschen Stellen. Es scheint seit einiger Zeit auch sehr beliebt zu sein (wenn man nach Belletristik und Film geht), sich die dümmsten Schuldgefühle einzureden à la „Ich bin schuld am Tod meines Bruders, wenn ich ihm nicht gesagt hätte, er sollte sich diesen Urlaub gönnen, wäre er nicht in dieses Flugzeug gestiegen, das dann abgestürzt ist“. In vielen Fällen scheint das wirklich nur eine Sache der Fiktion zu sein, aber manchmal erlebt man es schon, dass Leute sich ihre Vorstellungen davon, was die angemessenen Gefühle in einer bestimmten Situation sind, davon prägen lassen.

[Ähnliches gilt vermutlich für das „Eltern verlieren den Glauben, weil ihr Kind stirbt oder permanent behindert wird“-Motiv. Zu den Zeiten, als die Kindersterblichkeit ziemlich hoch war und die meisten Eltern mindestens ein Kind verloren haben und es auch noch keine Heilung für Kinderlähmung u. Ä. gab, hieß es „Not lehrt beten“, kaum „wie kann Gott mir das antun; Ihn kann es also nicht geben“. Selbst wenn man verzweifelt fragte „Wie kann Gott mir das antun?“, erwartete man eher, dass Gott einem irgendwann eine Antwort darauf geben würde, statt den Atheismus zu postulieren. Aber vielleicht kommt das Problem in diesem Fall daher, dass die Menschen „früher“ das Thema Leid einfach weniger ignoriert haben, und sich mehr bewusst waren, dass Gott einen nicht immer vor schlimmen Leid bewahrt, dass es dafür tatsächlich gute Gründe geben kann, und dass sogar der Sohn Gottes selbst schlimmes Leid auf sich genommen hat. Aber selbst heute scheint „Not lehrt beten“ häufiger zu sein als „Wie kann Gott mir das antun“ – meinem persönlichen Eindruck nach, der täuschen kann. Über die Theodizeefrage spekulieren, das tun vielleicht eher Theologen vom Schreibtisch aus; sich an Gott wenden, das tun vielleicht eher Krebskranke und Verwitwete. Aber ich schweife ab.]

Man könnte spekulieren, ob Leute sich zuerst Schuldgefühle für abstruse Dinge einreden, um sich dann zu sagen, dass ihre realen Schuldgefühle genauso abstrus wären wie jene und sie beide verdrängen sollten. Wenn man weiß, dass es unsinnig ist, sich Schuldgefühle einzureden, weil man jemandem zu dem Flug geraten hat, bei dem das Flugzeug abgestürzt ist, bringen wohl auch die Schuldgefühle nichts, die man hat, weil man die Sicherheitsvorkehrungen in der Fabrik nicht eingehalten hat und ein anderer einen schweren Arbeitsunfall hatte. „Gib dir nicht die Schuld.“ Das kommt wahrscheinlich auch daher, dass es keinen guten Weg mehr gibt, mit als real anerkannter Schuld umzugehen. Man glaubt nicht, dass es Verzeihung dafür gäbe. Auf eine Entschuldigung scheint die erwartete Antwort immer zu sein „ist okay, war nicht so schlimm“, nicht „ist verziehen“ oder so etwas. Dass etwas wirklich Schlimmes bei Reue und eventueller Wiedergutmachung verziehen werden kann, scheinen viele nicht mehr zu glauben.

Aber das ist ziemlich sicher nicht alles. Viele Leute glauben wirklich an unvermeidbare Schuld, und haben Angst davor. Vor kurzem hat man das wegen der Corona-Epidemie gesehen, wenn es darum ging, dass die Intensivbetten und Beatmungsgeräte zu irgendeinem Zeitpunkt nicht reichen könnten (wie das in italienischen Krankenhäusern ja schon der Fall war) und man auswählen muss, wen man beatmet und wen nicht. Viele Leute glauben wirklich, dass man es dann nicht vermeiden kann, schuldig zu werden – dass man hier durch muss, und es auf sich nehmen muss, schuldig zu werden.

Dabei ist es gerade das, was persönliche Schuld ausmacht, dass man das Gute hätte wählen können und es nicht gewählt hat. Sie ist vermeidbar; durch Unvermeidbares kann man keine persönliche Schuld auf sich laden. Wenn man nun aber sieben Patienten und fünf Beatmungsgeräte hat, kann man nicht jedem eins geben. Nicht jede Tragödie beinhaltet Schuld. Manchmal passiert etwas Schlimmes, ohne dass der Betroffene Schuld hat. (Letzten Endes resultiert zwar alles Schlechte irgendwo aus freien Entscheidungen von Geschöpfen für das Böse, aber diese freien Entscheidungen können so weit in der Vergangenheit liegen wie die Ursünde der ersten Menschen.)

Es gibt einerseits protestantische Theologen, die so denken, weil für sie generell die Sünde etwas Unvermeidbares ist, es keinen freien Willen gibt, und der Mensch zutiefst verdorben ist, ohne irgendetwas daran ändern zu können, und für sie die Gnade darin besteht, dass Gott die Sünden dann nicht anrechnet, ohne dass man irgendwelche Bedingungen dafür erfüllen muss. (Eine schöne Gnade, etwas zu vergeben, für das man nicht verantwortlich war.)

Aber das ist doch eine Minderheit; die Mehrheit denkt nicht mehr lutherisch oder reformiert, auch wenn das im Unterbewusstsein irgendwo drin sein könnte. Nein, bei der Mehrheit ist es wahrscheinlich einfach ein zutiefst pessimistischer Ausblick auf die Welt: Man darf nicht sagen, dass Gott alles lenkt, dass alles am Ende gut werden wird, dass alles seinen Sinn hat, dass es (letzten Endes) gerecht zugeht in der Welt. Das wäre triumphalistisch und naiv; erwachsene Menschen sehen die Finsternis. Gerade in Deutschland ist das sehr, sehr weit verbreitet; der Schock der Nazizeit scheint eine gewisse Verantwortung dafür zu tragen.

Entscheidende Argumente kommen dafür aber eigentlich nicht. Es ist wohl mehr ein Gefühl, das aus Müdigkeit, Überdruss und Unsicherheit geboren wird. Dass Gott sowohl vollkommen gut als auch allmächtig als auch die Vernunft selbst ist, ergibt sich logisch sowohl aus den klassischen philosophischen Gottesbeweisen als auch aus der göttlichen Offenbarung; und ein solcher Gott wird Menschen nicht in Situationen unvermeidbarer Schuld geraten lassen. Es ist für mich eine der gesündesten, tröstlichsten und erhellendsten Lehren des Christentums: Die Wirklichkeit ist im tiefsten Inneren gut, logisch, freundlich.

Sog. Dilemmata sind auflösbar. Um auf das Beispiel zurückzukommen, mit dem ich diesen Artikel begonnen habe, die Mutter mit der lebensbedrohlichen Schwangerschaft: Eigentlich sollte jeder Mensch wissen, dass es keine Notwehr ist, jemanden zu töten, der unschuldig ist und nichts tut, um einem zu schaden, und dass es nicht gerechtfertigt ist, jemanden zu töten, dessen bloße Anwesenheit Lebensgefahr für einen bedeutet. Manchmal kommt hier das Argument „wenn mich ein unzurechnungsfähiger Mörder mit einer Waffe angreift, darf ich ihn notfalls auch töten, obwohl er vielleicht keine Schuld trägt“, aber das zieht nicht. Derjenige tut etwas objektiv Böses, und seine subjektive Schuldfähigkeit ist bzgl. der Notwehr nachrangig. Man könnte kaum verlangen, dass Angegriffene immer erst einmal herausfinden sollen, wie schuldfähig ihre Angreifer sind und ob sie vielleicht an Wahnvorstellungen leiden.

Bessere Beispiele wären: Darf ich jemanden in einen Abgrund stoßen, weil er mir im Weg steht, damit ich auf einem schmalen Weg schneller vor einem Mörder wegrennen kann? Darf ich, wenn ich über einem Abgrund hänge und jemand sich an meinen Beinen festhält, nach ihm stoßen, damit er fällt und ich mich nach oben ziehen kann? Natürlich nicht.

Es gibt hier kein „schwieriges Dilemma“, keine „unvermeidbare Schuld“. Manchmal gibt es unvermeidbare Tragik. Und das war es.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier Teil 2.

Распятый Иисус Христос.jpg

(Viktor Vasnetsov, Gekreuzigter Christus. Gemeinfrei.)

 

So beschreiben also verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Im apokryphen, dem Apostel Barnabas zugeschriebenen (aber ziemlich sicher nicht authentischen, wenn auch wohl immerhin schon vor 130 n. Chr. entstandenen) Barnabasbrief heißt es:

Denn dazu hat es der Herr auf sich genommen, hinzugeben sein Fleisch zum Verderben, damit wir durch die Nachlassung der Sünden geheiligt werden in der Aussprengung seines Blutes. […]

Auch das noch (muss ich sagen), meine Brüder: wenn der Herr es auf sich nahm, für unsere Seele zu leiden, obwohl er der Herr der ganzen Welt ist, zu dem Gott bei der Grundlegung der Welt sprach: ‚Lasset uns den Menschen schaffen nach unserem Bild und Gleichnis‘3, wie nun hat er es auf sich genommen, von Menschenhand zu leiden? Verstehet! Die Propheten, welche von ihm die Gnade hatten, weissagten auf ihn hin; weil er aber im Fleische sich offenbaren musste, damit er den Tod entkräfte und die Auferstehung von den Toten zeige, nahm er (das Leiden) auf sich, damit er den Vätern die Verheißung einlöse und sich selbst das neue Volk bereite und auf Erden wandelnd nachweise, dass er die Auferstehung bewirken und dann richten werde. Überdies lehrte er Israel, und indem er solche Zeichen und Wunder tat, trat er als (Gottes) Herold auf, und gar sehr liebte er es (das Volk Israel). Als er aber seine eigenen Apostel, die sein Evangelium verkünden sollten, Leute, die über alles Sündenmaß ungerecht waren, auserwählt hatte, um zu zeigen, dass er nicht gekommen ist, die Gerechten, sondern die Sünder zu berufen4, da offenbarte es sich, dass er der Sohn Gottes ist. Wenn er nämlich nicht im Fleische erschienen wäre, wie wären die Menschen am Leben geblieben bei seinem Anblick, die es nicht aushalten können, in die Sonne zu sehen, seiner Hände Werk, das jetzt noch besteht, einmal aber nicht mehr sein wird, und in ihre Strahlen ihr Auge zu richten? (Barnabasbrief 5,1.5-10)

 

Im 2. Clemensbrief (der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern eine einige Jahrzehnte später, in der Mitte des 2. Jahrhunderts, entstandene Fälschung ist), heißt es:

Brüder, wir müssen von Jesus Christus so denken wie von Gott, wie von einem Richter über Lebende und Tote1; und wir dürfen nicht gering denken über unser Heil. Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.“ (2. Clemensbrief 1)

 

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift aus dem 2. Jahrhundert, die sich als Brief der zwölf Apostel ausgibt und einen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung berichtet, heißt es:

„Das wissen wir: unser Herr und Heiland Jesus Christus (ist) Gott, Sohn Gottes, der gesandt worden ist von Gott, dem Herrscher der ganzen Welt, dem Schaffer und Schöpfer dessen, was mit jedem Namen benannt wird, der über allen Herrschaften ist, (als) Herr der Herren und König der Könige, der Gewaltige der Gewaltigen, der Himmlische, der über Cherubim und Seraphim ist und zur Rechten des Thrones des Vaters sitzt, der durch sein Wort den Himmeln gebot und die Erde und, was auf ihr ist, erbaute und das Meer begrenzte, daß es nicht seine Grenze überschreite, und (machte, daß) Tiefen und Quellen sprudeln und auf der Erde fließen Tag und Nacht; der die Sonne, den Mond und die Sterne am Himmel gründete und der Licht und Finsternis schied, der der Hölle gebot und im Augenblick entbietet den Regen zur Winterszeit und Nebel, Reif und Hagel und die Tage (?) zu ihrer Zeit; der erschüttert und festigt; der den Menschen nach seiner Gestalt und seinem Bilde geschaffen hat; der durch die Patriarchen und Propheten in Bildern geredet hat und in Wahrheit durch den, den die Apostel verkündigt und die Jünger betastet haben. Und Gott, der Herr, der Sohn Gottes – wir glauben: das Wort, welches aus der heiligen Jungfrau Maria Fleisch wurde, wurde in ihrem Schoße getragen (verursacht) vom heiligen Geiste, und nicht durch Lust des Fleisches, sondern durch den Willen Gottes wurde es geboren und wurde in Bethlehem (in Windeln) gewickelt und offenbart und daß es großgezogen wurde und heranwuchs, indem wir es sahen. […]

Und dies offenbarte und zeigte uns unser Herr und Heiland und wir euch gleicherweise, damit ihr Genossen an der Gnade des Herrn und unseres Dienstes und an unserer Herrlichkeit seid, indem ihr auf das ewige Leben sinnt. Seid, ohne zu wanken, fest in der Erkenntnis und Erforschung unseres Herrn Jesu Christi, und er wird sich gnädig erweisen und retten immerdar und in alle niemals endende Ewigkeit.“ (Epistula Apostolorum 3(14) u. 6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 128f.)

Jesus sagt in dieser Schrift:

Und deshalb habe ich alle Barmherzigkeit vollendet: ohne gezeugt zu werden, bin ich von Menschen geboren (oder: gezeugt) und, ohne Fleisch zu haben, habe ich Fleisch angezogen und bin aufgewachsen, damit (ich) euch, die ihr im Fleisch gezeugt werdet, (wiedergebäre) und ihr in der Wiedergeburt die Auferstehung in eurem Fleisch erhaltet, einem Gewande, das nicht vergehen wird, mit allen, die hoffen und glauben an den, der mich gesandt hat; denn so hat mein Vater an euch Wohlgefallen gefunden, und denen, welchen ich will, gebe ich die Hoffnung des Reiches.‘ Darauf sprachen wir zu ihm: ‚Groß ist, wie du hoffen läßt und redest.‘ Er antwortete und sprach zu uns: ‚Glaubet (richtig müßte es heißen: Glaubt ihr), daß alles, was ich euch sage, geschehen wird!‘ Und wir antworteten ihm und sprachen zu ihm: ‚Ja, o Herr.'“ Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, daß ich alle Gewalt von meinem Vater empfangen habe, damit ich die in Finsternis Befindlichen ins Licht zurückführe und die in Vergänglichkeit Befindlichen in die Unvergänglichkeit und die im Irrtum Befindlichen in die Gerechtigkeit und die im Tode Befindlichen ins Leben und damit die in Gefangenschaft Befindlichen entfesselt werde, wie das, was von seiten der Menschen unmöglich ist, von seiten des Vaters möglich ist. Ich bin die Hoffnung der Hoffnungslosen, der Helfer derer, die keinen Helfer haben, der Schatz der Bedürftigen, der Arzt der Kranken, die Auferstehung der Toten.‘ (Epistula Apostolorum 21(32), in: ebd., S. 138 (äthiopische Fassung).)

 

In einem Bericht über das Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike (irgendwann zwischen 161 und 180) sagt Karpus vor Gericht folgendes:

„Karpus entgegnete: Ich bin ein Christ und verehre Christus, den Sohn Gottes, der in den letzten Zeiten zu unserm Heile gekommen ist und uns von dem Truge des Teufels befreit hat; diesen Götzenbildern da aber opfere ich nicht. Tu, was du willst; denn mir ist es unmöglich, Truggestalten der Dämonen zu opfern; sind doch die, welche diesen opfern, ihnen gleich. Wie nämlich die wahren Verehrer – nach der göttlichen Erzählung des Herrn die, welche Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten1 – der Herrlichkeit Gottes ähnlich werden und mit ihm unsterblich sind, teilhaftig des ewigen Lebens durch den Logos, so werden auch die, welche diesen2 dienen, ähnlich der Eitelkeit der Dämonen und gehen mit ihnen in der Hölle unter; sie teilen die gerechte Strafe mit demjenigen, der den Menschen, das auserwählte Geschöpf Gottes, hintergangen hat, ich meine mit dem Teufel, der in seiner Schlechtigkeit den Menschen beneidet hat. Darum wisse, Prokonsul, daß ich diesen nicht opfere. (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 1)

 

Dann gäbe es die Petrusakten (spätes 2. Jahrhundert), die Legenden über Petrus, v. a. sein Wirken in Rom und sein Martyrium, berichten. In den Petrusakten kommt zu Anfang noch eine Predigt des Paulus vor; dabei sagt er ganz deutlich: Jesus = Gott.

„Da gebot Paulus Schweigen und sagte: ‚Ihr Brüder, die ihr jetzt an Christus zu glauben begonnen habt, wenn ihr nicht in eurem früheren Wandel und in euren väterlichen Überlieferungen bleibt und euch enthaltet von allem Betrug und Jähzorn, von aller Grausamkeit und Ehebruch und Befleckung und von Hochmut und Eifersucht, Hoffart und Feindseligkeit, so wird euch Jesus, der lebendige Gott, nachlassen, was ihr in Unwissenheit getan habt. Deswegen, ihr Knechte Gottes, wappnet euch, ein jeder an seinem inwendigen Menschen, mit Frieden, Gleichmut, Milde, Glaube, Liebe, Erkenntnis, Weisheit, Bruderliebe, Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit, Güte, Gerechtigkeit! Dann werdet ihr in Ewigkeit den Erstgeborenen der gesamten Schöpfung zu eurem Führer haben und Tugend in Frieden mit unserem Herrn.‘ Als sie dieses aber von Paulus gehört hatten, baten sie ihn, er möge für sie beten. Paulus aber erhob seine Stimme und sprach: ‚Ewiger Gott, Gott der Himmel, Gott von unaussprechlicher Majestät, der du alles durch dein Wort befestigt hast, der du [die dem Menschen] angebundene Fessel [zerbrochen hast, der du das Licht] deiner Gnade aller Welt hast zuteil werden lassen, Vater deines heiligen Sohnes Jesu Christi, wir bitten dich miteinander durch deinen Sohn Jesus Christus, die Seelen zu stärken, die einst ungläubig waren, jetzt aber gläubig sind.“ (Petrusakten 1/2, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 192)

Als dann Petrus nach Rom kommt, hält er seine erste Predigt dort:

„Am ersten Tage der Woche aber kam die Menge zusammen, um den Petrus zu sehen. Daher begann Petrus mit sehr lauter Stimme zu reden: ‚Ihr hier versammelten Männer, die ihr auf Christus hofft, ihr, die ihr eine kleine Weile Versuchung erlitten habt, merket auf! Warum hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt oder warum hat er (ihn) durch die Jungfrau Maria hervorgebracht, wenn er nicht irgendeine Gnade und einen Heilsweg schaffen wollte? Denn er wollte beseitigen alles Ärgernis und alle Unwissenheit und alle Macht des Teufels, (seine) Anschläge und Kräfte unwirksam machen, durch welche er einst die Oberhand hatte, bevor unser Gott in der Welt als Licht erstrahlte. Weil sie (die Menschen) mit ihren vielen und mannigfaltigen Schwachheiten durch Unwissenheit in den Tod stürzten, hat der allmächtige Gott, von Mitleid bewegt, seinen Sohn in die Welt gesandt, wobei ich zugegen gewesen bin.“ (Petrusakten 3/7; in: ebd., S. 197)

Jesus unter uns:

„Daher wollen wir unsere Knie vor Christus beugen, der uns erhört, auch wenn wir nicht gerufen haben. Er ist es, der uns sieht, auch wenn er nicht mit diesen Augen gesehen wird; aber er ist unter uns. Wenn wir wollen, wird er nicht von uns weichen. Darum laßt uns unsere Seelen reinigen von jeder schändlichen Versuchung, dann wird Gott nicht von uns weichen; und wenn wir nur mit den Augen zuwinken, so ist er bei uns.“ (Petrusakten 6/18, in: ebd., S. 206)

Petrus sagt an späterer Stelle über die Schriften und über Jesus folgendes:

„Petrus aber ging in das Speisezimmer und sah, daß das Evangelium gelesen wurde. Er rollte es zusammen und sagte:

‚Ihr Männer, die ihr an Christus glaubt und hofft, ihr sollt erfahren, wie die heilige Schrift unseres Herrn verkündet werden muß. Was wir nach seiner Gnade, soweit wir es verstanden haben, niedergeschrieben haben, erscheint euch zwar bisher noch schwach; dennoch (haben wir es geschrieben) gemäß unseren Kräften, soweit es erträglich ist, es in menschliches Fleisch zu bringen. Wir müssen also zuerst Gottes Willen oder (seine) Güte kennenlernen, da ja einst der Betrug weit verbreitet war und viele Tausende von Menschen in das Verderben stürzten, und (darum) der Herr in seiner Barmherzigkeit veranlaßt war, sich in anderer Gestalt zu zeigen und im Bilde des Menschen zu erscheinen, bezüglich dessen weder die Juden noch wir in der Lage sind, würdig erleuchtet zu werden. Denn jeder von uns sah (ihn), wie er es zu fassen vermochte, je nachdem er es konnte.

Jetzt aber will ich euch erklären, was euch gerade vorgelesen worden ist. Unser Herr wollte mich seine Herrlichkeit auf heiligem Berge sehen lassen; als ich aber mit den Söhnen des Zebedäus den Glanz seines Lichtes sah, fiel ich wie tot nieder und schloß meine Augen und hörte seine Stimme so, wie ich es nicht beschreiben kann; ich glaubte, daß ich von seinem Glanz erblindet sei. Und als ich ein wenig aufatmete, sprach ich zu mir: ‚Vielleicht hat mein Herr mich hierher führen wollen, um mich des Augenlichts zu berauben‘. Und ich sagte: ‚Und wenn das dein Wille ist, Herr, dann widerspreche ich nicht‘. Und er gab mir die Hand und richtete mich auf. Und als ich aufstand, sah ich ihn wiederum so, wie ich ihn fassen konnte.

So also geliebteste Brüder, hat der barmherzige Gott unsere Schwachheiten getragen und unsere Sünden auf sich genommen, wie der Prophet sagt: ‚Er trägt unsere Sünden und für uns leidet er Schmerzen; wir aber glaubten, daß er in Schmerzen sei und von Wunden geplagt würde‘. Denn ‚er ist ja im Vater und der Vater in ihm‘; er selbst ist auch die Fülle aller Herrlichkeit, der uns alle seine Güte gezeigt hat. Er hat gegessen und getrunken unsertwegen, obwohl er weder hungrig noch durstig war, er hat ertragen und Beschimpfungen erduldet unsertwegen, er ist gestorben und auferstanden um unsertwillen. Er, der auch mich, als ich sündigte, verteidigt und gestärkt hat in seiner Größe, wird auch euch trösten, auf daß ihr ihn liebt, diesen Großen und ganz Kleinen, den Schönen und Häßlichen, Jüngling und Greis, in der Zeit erscheinend und (doch) in Ewigkeit gänzlich unsichtbar, den eine menschliche Hand nicht gehalten hat und der von seinen Dienern gehalten wird, den das Fleisch nicht gesehen hat und der jetzt gesehen wird, der kein Gehör gefunden hat, der aber jetzt bekannt und das gehörte Wort geworden ist; dem die Leiden fremd waren und der jetzt gleichsam wie wir gezüchtigt ist, er, der niemals gezüchtigt war, ist jetzt gezüchtigt; der vor der Welt ist und in der Zeit wahrgenommen wurde, aller Herrschaft großer Anfang und (doch) den Fürsten ausgeliefert; schön, aber unter uns niedrig und hässlich erschienen, aber voller Fürsorge: Diesen Jesus habt ihr, Brüder, die Tür, das Licht, den Weg, das Brot, das Wasser, das Lebendige, die Auferstehung, der Trost, die Perle, den Schatz, den Samen, die Sättigung, das Senfkorn, den Weinstock, den Pflug, die Gnade, den Glauben, das Wort. Dieser ist alles, und es ist kein anderer größer als er. Ihm sei Lob in alle Ewigkeit, Amen. (Petrusakten 7/20, in: ebd., S. 207f.)

Petrus sagt in den Petrusakten bei seiner eigenen Kreuzigung folgendes (teilweise ist diese Rede etwas rätselhaft, und evtl. von gnostischen Gedanken beeinflusst; an einer Stelle zitiert er einen Spruch, der so ähnlich im gnostischen Thomasevangelium vorkommt):

„Als er aber hinzukam und bei dem Kreuze stand, begann er zu sprechen: ‚O Name des Kreuzes, verborgenes Geheimnis; o unaussprechliche Gnade, die mit dem Namen des Kreuzes ausgesprochen ist; o Natur des Menschen, die von Gott nicht getrennt werden kann, o unsagbare und unzertrennbare Liebe, die von unreinen Lippen nicht bekannt werden kann; ich erfasse dich jetzt am Ende, da ich mich von hier löse. Ich will dich bekannt machen, wie du bist. Ich will das meiner Seele einst verschlossene und verborgene Geheimnis des Kreuzes nicht verschweigen. Das Kreuz sei euch, die ihr auf Christus hofft, nicht das, was sichtbar erscheint; denn etwas anderes als das Sichtbare ist dieses (Leiden) gemäß dem Leiden Christi. Und jetzt vor allem, da ihr, die ihr zu hören vermögt, (es hören) könnt von mir, der ich in der letzten Stunde und am Ende meines Lebens stehe, höret: von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern, von allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist. Verschließet diese eure Augen, verschließet diese eure Ohren, (haltet euch fern) von den Dingen, die sichtbar erscheinen! Und ihr werdet das, was Christus betrifft und das ganze Geheimnis eures Heils erkennen. Und dies sei euch, die ihr es hört, gesagt, als wäre es nicht gesagt. Die Stunde aber (ist da) für dich, Petrus, deinen Leib denen, die ihn nehmen wollen, hinzugeben. Nehmt ihr also hin, deren Beruf es ist. Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders! Und warum, das werde ich den Hörenden sagen.‘

Als sie ihn nun in der Art, wie er es gefordert hatte, aufgehängt hatten, begann er wieder zu reden: ‚Ihr Männer, die ihr zum Hören berufen seid, vernehmt, was ich gerade jetzt, während ich (am Kreuz) hänge, euch verkündigen werde! Erkennet das Geheimnis der ganzen Schöpfung und den Anfang aller Dinge, wie er war. Denn der erste Mensch, dessen Art ich in (meiner) Gestalt trage, mit dem Kopf nach unten gestürzt, zeigte eine Entstehungsart, die ehemals nicht so war; denn sie war tot, da sie keine Bewegung hatte. Als er nun herabgezogen wurde, er, der auch seinen Ursprung auf die Erde warf, hat er das Ganze der Anordnung festgestellt, aufgehängt nach Art der Berufung, bei der er das Rechte als Linkes und das Linke als Rechtes gezeigt hat, und hat alle Zeichen der Natur geändert, (nämlich) das Nichtschöne als schön zu betrachten und das wirklich Schlechte als Gutes. Darüber sagt der Herr im Geheimnis: ‚Wenn ihr nicht das Rechte macht wie das Linke und das Linke wie das Rechte und das Obere wie das Untere und das Hintere wie das Vordere, so werdet ihr das Reich (Gottes) nicht erkennen.‘ Dieses Verständnis nun habe ich zu euch gebracht, und die Art, in der ihr mich hängen seht, ist die Abbildung jenes Menschen, der zuerst zur Entstehung kam. Ihr nun, meine Geliebten, die ihr es jetzt hört und die ihr hören werdet, müßt ablassen von dem ersten Irrtum und wieder zurückkehren. Denn es sollte sich geziemen, an das Kreuz Christi zu kommen, der da ist einzig und allein das ausgebreitete Wort, von dem der Geist sagt: ‚Denn was ist Christus anders als das Wort, der Schall Gottes?‘ damit Wort sei dieses aufrechtstehende Holz, an dem ich gekreuzigt bin; der Schall aber ist der Querbalken, (nämlich) die Natur des Menschen; der Nagel aber, der an dem geraden Holz den Querbalken in der Mitte festhält, ist die Bekehrung und Buße des Menschen.

Da du mir nun dieses kundgetan und offenbart hast, o Wort des Lebens, wie von mir jetzt das Holz genannt worden ist, so danke ich dir, nicht mit diesen Lippen, die angenagelt sind, auch nicht mit der Zunge, durch die Wahrheit und Lüge hervorgeht, auch nicht mit diesem Worte, das von der Kunst irdischer Natur hervorgebracht wird, sondern mit jener Stimme danke ich dir, o König, die durch Schweigen vernommen wird, die nicht im Offenbaren gehört wird, die nicht durch die Organe des Körpers hervorgeht, die nicht in fleischliche Ohren eingeht, die nicht vom vergänglichen Wesen gehört wird, die nicht in der Welt ist und auf der Erde ertönt, auch nicht in Büchern geschrieben wird, auch nicht dem einen gehört, dem anderen nicht, sondern mit dieser (Stimme), Jesus Christus, danke ich dir: Mit dem Schweigen der Stimme, der der Geist in mir, der dich liebt und mit dir spricht und dich sieht, begegnet. Du bist nur dem Geist erkennbar. Du bist mir Vater, du mir Mutter, du mir Bruder, du Freund, du Diener, du Haushalter. Du (bist) das All, und das All (ist) in dir; und du (bist) das Sein, und es gibt nichts anderes, was ist, außer dir allein. Zu ihm fliehet nun auch ihr, Brüder, und lernt, dass ihr euer Wesen in ihm habt, und ihr werdet dann das erlangen, von dem er zu euch sagt: ‚Was weder ein Auge gesehen hat, noch ein Ohr gehört hat, noch in ein Menschenherz gekommen ist.‘ Wir bitten nun um das, was du uns zu geben versprochen hast, unbefleckter Jesus; wir loben dich, wir danken dir und bekennen dich, indem wir – noch schwache Menschen – dich preisen. Denn du allein bist Gott und kein anderer, dem der Ruhm sei jetzt und in alle Ewigkeiten Amen.'“ (Petrusakten 9/37(8)-39(10), in: ebd., S. 219f.)

 

In den christlichen Sibyllinen, prophetischen Schriften, in denen es vor allem um das Ende der Welt geht, heißt es über Christus:

„[Wenn das Mädchen den Logos des höchsten Gottes gebären,
Aber als eh’liches Weib dem Logos den Namen wird geben,
Dann wird im Osten ein Stern am hellerlichten Tage
Glanzvoll strahlend erscheinen erdwärts von himmlischer Höhe,
Kündend ein großes Zeichen den armen sterblichen Menschen.]
Ja, dann kommt zu den Menschen der Sohn des gewaltigen Gottes,
Irdischen Leibs, vom Fleische umhüllt und den Sterblichen ähnlich.
Vier Vokale er hat und zweimal den Konsonanten,
Und nun will ich dir auch die gesamte Zahl noch verkünden:
Einer sind acht vorhanden und Zehner noch ebensoviele;
Hunderter acht noch dazu verrät ungläubigen Menschen
Seines Namens Gestalt; doch du im gläubigen Herzen
Denke sofort an Christus, den Sohn des erhabenen Gottes.
Gottes Gebot erfüllet er selbst, nicht löst er die Satzung,
Bietet als Muster sich dar den Seinen und lehret sie alles.
Diesem nahen die Priester und bringen ihm reiche Geschenke:
Gold und Weihrauch und Myrrhen; denn so wird alles er fügen.
Wenn man dereinst seine Stimme vernimmt im Schweigen der Wüste,
Botschaft bringend den Menschen und alle eindringlich ermahnend,
Eben zu machen die Pfade und auszutilgen im Herzen
Bosheit jeglicher Art, im Bade des Heiles zu läutern
Ganz den sündigen Leib, auf daß sie, aufs neue geboren
Meiden die Sünde und nie des Rechtes Pfade verlassen, –
Dann ein Barbar, von der Tänzerin Kunst berückt und bezaubert,
Lohnet den Tanz mit des Rufenden Haupt, und ein plötzliches Wunder
Bietet den Menschen sich dar, wenn sicher und frei aus Ägypten
Kommt der köstliche Stein, an dem sich das Volk der Hebräer
Stößt mit strauchelndem Fuß, die heidnischen Völker dagegen
Sammeln sich freudig um ihn: des waltenden Gottes Gebote
Lernen sie kennen durch ihn und den Pfad im gemeinsamen Lichte.
[…]
Und dann heilt er die Kranken und bringt den Gequälten Erlösung,
Die an ihn glauben und froh den Namen des Höchsten bekennen.
Sehend macht er die Blinden, und hurtig laufen die Lahmen;
Taube verstehen genau, es reden der Sprache Beraubte;
Böse Dämonen vertreibt er, und Tote erweckt er zum Leben,
Wandelt zu Fuß übers Meer und in öder, verlassener Gegend
Macht er tausende satt mit fünf armseligen Broten
Und einem winzigen Fisch; die Reste des leckeren Mahles
Füllen zum Rande zwölf Körbe noch voll für die heilige Jungfrau.

[…]
Wenn seine Arme am Kreuz, weit offen, umspannen das Weltall,
Dornengekrönt sein Haupt, wenn nach dem Gesetze die Seite
Grausam geöffnet der Speer, dann wird durch volle drei Stunden
Mitten am Tage die Welt in schauriges Dunkel gehüllt sein.
Dann wird der Tempel, den Salomon schuf, ein mächtiges Wunder,
Zeigen dem Menschengeschlecht, wenn jener hinab in den Hades
Wandert, dem Volke der Toten die Auferstehung zu bringen.
Wenn er dereinst dreitägigem Schlafe des Grabes entronnen,
Wenn er ein Vorbild den Seinen gezeigt und alles gelehrt hat,
Fährt er auf Wolken empor in die Wohnung des himmlischen Vater;
Aber der Welt hinterläßt er des Evangeliums Satzung.
Und es erblüht aus heidnischem Stamm die neue Gemeinde;
Christi Geboten getreu ererbt sie den Namen des Meisters.
Aber auch dann leiten als kundige Führer des Lebens
Weise Berater das Volk anstatt der Propheten und Seher.“

(Christliche Sibyllinen I,323-386, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 502-504.)

An einer anderen Stelle heißt es:

„Singen will ich aus Herzensgrund von dem großen, berühmten
Sohn des Unsterblichen, dem seinen Thron gab der höchste Erzeuger
Vor der Geburt; denn im Fleisch, das ihm ward, trat er auf und
Ließ sich taufen im strömenden Wasser des Jordanflusses,
Der mit bläulichem Fuß seine Wogen wälzend dahinrollt:
Feurigem Glanze entsteigend er schaut Gottes lieblichen Geist, der
Kommt vom Himmel herab in der Taube weißem Gefieder.
Aufblühen wird eine reine Blüte, es springen die Quellen.
Zeigen wird er den Menschen die Wege und zeigen die Pfade
Himmelwärts und auch alle mit weisen Worten belehren,
Führt sie zum Recht und bekehrt die verstockten Herzes des Volkes,
Laut bekennend den ruhmreichen Stamm seines himmlischen Vaters,
Wandelt zu Fuß übers Meer und von Krankheit befreit er die Menschen.
Wecken wird er die Toten zum Leben, verscheuchen viel Schmerzen.
Aber aus einem Ranzen mit Brot er sättigt die Menschen,
Wenn Davids Haus seinen Schößling treibt. Aber in seiner Hand ruht
Alle Welt: die Erde sowohl wie das Meer und der Himmel.
Hinblitzen über die Erde wird er, wie ihn einstmals erscheinen
Sahen die zwei, aus den Seiten erzeugt voneinander.
Da wird die Erde sich freuen der Hoffnung aus dieses Knäblein.
[…]
O du gepriesenes Holz, auf dem ausgestreckt war der Herrgott,
Nicht mehr birgt dich die Erde, am Firmamente erscheinst du,
Wenn dein feuriges Auge, o Gott, wird erblitzen am Himmel.

(Christliche Sibyllinen VI,1-28; in: ebd., S. 509f.)

An einer weiteren Stelle:

Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.
Unsern Erlöser und Herrn, den Ewigen habe ich also

Zum Gedächtnis der Welt in Akrostichen besungen.
Er war bezeichnet, da Moses streckte die heiligen Arme
Siegend ob Amalek im Glauben, dem Volke zur Kenntnis,
Daß erwählt bei Gott dem Vater und immer geehrt sei
Davids Rute, sowie auch der Stein, den er einstens versprochen,
Dem man gläubig vertrauen soll, um ewiges Leben zu haben.
Denn nicht in Herrlichkeit, sondern als Mensch wird er kommen auf Erden,
Elend, entehrt, unansehnlich, den Elenden Hoffnung zu geben.
Er wird vergänglichem Fleische Gestalt und himmlischen Glauben
Den Ungläubigen geben und ausgestalten den Menschen,
Welchen im Anfang Gottes heilige Hände geschaffen,
Und den die Schlange betörte, daß nun er zum Schicksal des Todes
Kam und nach Wunsch die Erkenntnis gewann vom Guten und Bösen,
So daß er Gott verließ und huldigte sterblichem Wesen.
Ihn auch nahm als Berater im Anfang Gott der Allmächt’ge,
Sprechend die Worte: ‚So wollen wir beide zusammen, mein Kind, un
Sterblicher Menschen Geschlecht abbilden nach unserem Gleichnis!
Jetzt will ich mit den Händen, doch du alsdann mit dem Logos
Sorgen für unsere Gestalt und gemeinsam schaffen Erstehung!‘
Dieses Beschlusses gedenkend wird er jetzt kommen auf Erden,
Und mit Wasser taufend zugleich durch ältere Hände,
Alles bewirkend durchs Wort und heilend jegliche Krankheit.
Durch sein Wort wird er stillen die Winde und glätten die Meerflut,
Während sie tobt, sie mit Füßen des Friedens im Glauben betretend.
Mit fünf Broten zumal und einem einzigen Seefisch
Wird in der Wüste er sätt’gen fünftausend hungrige Menschen.
Und mit den übriggebliebenen Brocken allein wird er füllen
Zwölf gewaltige Körbe zur Hoffnung der schmachtenden Völker.
Und er wird rufen die Seelen der Sel’gen, die Elenden lieben,
Die zwar boshaft verspottet, doch Böses mit Gutem vergelten
Und trotz Schlägen und Peitschenhieben nach Armut sich sehnen.
Alles merken und alles erschauend und alles erhörend,
Wird er ins Herz tief blickend das Inn’re zur Prüfung enthüllen;
Denn er selber ist aller Gehör und Verstand und Gesichte.
Und das Wort, das die Welten erschuf und dem alles gehorsam,
Das sogar Tote erweckt und Heilung bringet den Siechen,
Kommt in der Bösen Gewalt, gottloser, ungläubiger Menschen.
Schläge versetzen dem Gott ruchlose, unheilige Hände,
Und aus ekelem Mund besudelt ihn giftiger Speichel.
Er aber bietet geduldig den blutigen Rücken der Geißel.
Trotz aller Schläge wird stille er schweigen, daß keiner erkenne,
Wer und wessen er sei und woher, um die Toten zu rufen.
Und von Dornen den Kranz wird er tragen; denn immerdar kommen
Wird aus den Dornen der Kranz der Heiligen, welche erwählt sind.
Auch schlägt man mit dem Rohr seine Seite nach ihrem Gesetze…
Doch wenn all dies dann sich erfüllt hat, was ich geredet,
Dann wird in ihm sich lösen jedes Gesetz, das von Anfang
Wegen des trotzigen Volkes durch menschliche Satzungen aufkam.
Doch er wird ausbreiten die Hände und messen das Weltall.
‚Und sie reichten ihm Galle zur Speise und Essig zum Trinken‘:
Solchen ungastlichen Tisch ihm werden die Gottlosen zeigen.
Und der Vorhang zerreißt im Tempel, und mitten am Tage
Wird drei Stunden hindurch ganz dunkle gewaltige Nacht sein.
Denn nicht mehr nach geheimem Gesetz noch im Tempel verborgen
Vor den Erscheinungen in dieser Welt den Gottesdienst zu halten
Wurde gezeigt, als der ewige Herrscher auf Erden herabstieg.
Und dann steigt er zur Hölle hinab, den Seelen der Frommen
Hoffnung zu künden, das Ende der Zeit und den jüngsten der Tage.
Wo ist dein Stachel, o Tod, wenn jeder drei Tage entschlafen?
Denn dann kehrt er zurück ans Licht aus dem Reiche des Hades
Auferstehung und Leben den Auserwählten zu bringen,
Tilgend im Wasser unsterblichen Quells ihrer früheren Bosheit
Schlacken und häßlichen Schmutz, auf daß sie aufs neue geboren
Nicht mehr frönen hinfort der Welt abscheulichen Bräuchen.
Seinen Erwählten zuerst erscheint der Erstandene wieder
Menschlichen Leibs, wie er ehemals war; doch Hände und Füße
Zeigen vier Male, von Nägeln gebohrt in die göttlichen Glieder:
Osten verstehe und Westen, an Mitternacht denke und Mittag;
das sind die Reiche der Erde, die Gottes erhabenen Sohn einst
Morden verblendeten Sinns, das Vorbild unseres Lebens.
Freu dich, Tochter Sion, du heil’ge, nach so vielen Leiden!
Selber dein König kommt auf zahmen Füllen geritten.
Siehe, gar sanftmütig kommt er, damit er das Sklavenjoch trage,
Das schwer tragbar auf unserm Nacken jetzt lieget und lastet,
Und uns löse die gottlose Satzung und drückende Fesseln.
Ihn erkenne als deinen Gott, der zugleich Gottes Sohn ist;
Diesen preise und trag‘ ihn in deinem Herzen und lieb‘ ihn
Aus deiner ganzen Seele und halt‘ seinen Namen in Ehren.
Alte Gesetze lasse beiseite und wasch‘ dich von Blutschuld!
Nicht durch deine Gesänge und deine Gebete wird er versöhnt, nicht
Achtet vergängliche Opfer der unvergängliche Herrscher,
Sondern stimm‘ aus verständigem Mund ein heiliges Lied an
Und erkenne sein Wesen, so wirst du dann schaun den Erzeuger.“ (Christliche Sibyllinen VIII,249-336; in: ebd. S. 519-521.)

Und:

„Selbsterzeugt und rein, beständig während und ewig
Er vermag auch den feurigen Hauch abzumerzen des Himmels (?),
Hemmet des Donners Szepter zugleich  mit dem schrecklichen Blitze
Und besänftigt das Rollen des furchtbar krachenden Donners,
Und die Erde erschütternd er hemmt das Tosen [des Meeres],
Mildert auch die feuerflammenden Geißeln der Blitze,
Und des Regens gewaltige Güsse, den Hagelschlag, den
Kalten, der Wolken Entladung, die tobenden Sturmesgewitter.
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Der schon vor jeglicher Schöpfung bei dir war als Sohn und Berater,
Er ist der Schöpfer der Menschen und er der Spender des Lebens.
Damals nahmst du als erster das Wort und redetest also:
‚Laß den Menschen uns machen, o Sohn, nach unserem Bilde,
Hauchen wir ihm in die Brust den lebenerhaltenden Odem;
Ist er auch sterblichen Leibs, so soll doch alles ihm dienen,
Und der aus Erde geformt, soll König und Herrscher der Welt sein.‘
Also sprachst du zum Logos, und alles geschah, wie du wolltest,
Deinem Geheiß gehorchten sofort die Weltelemente:
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[…]
Alles erschuf er im Bunde mit dir nach deinem Ermessen.
Und in der Fülle der Zeit entsprang dem Schoße Marias
Gott in Kindergestalt als Licht, die Welt zu erleuchten.
Und der dem Himmel entstammt, verschmähte der Menschen Gestalt nicht.
Gabriel ward auf die Erde gesandt, vom Glanze umflossen;
Denn zu der Jungfrau sprach die Stimme des himmlischen Boten:
‚Nimm, Holdselige, Gott in deinen jungfräulichen Schoß auf.‘
Sprach’s und hauchte der Lieblichen ein die göttliche Gnade.
Sie aber faßte beim Hören Erstaunen zugleich und Verwirrung;
Zitternd stand sie vor ihm wie erstarrt, der Sprache nicht mächtig,
Klopfenden Herzens, erschreckt von der unvermuteten Botschaft.
Dann aber freute sie sich und Wärme durchströmte die Glieder;
Bräutlich lachte sie drauf, von Rot übergossen die Wange,
Höchlich entzückt, von lieblicher Scham die Sinne befangen.
Also faßte sie Mut; und das Wort, in Demut empfangen,
Wurde zu Fleisch mit der Zeit, und im Schoße der Mutter
Reift es heran zur Menschengestalt und wurde ein Knäblein
Durch einer Jungfrau Geburt: ein großes Wunder den Menschen,
Aber kein Wunder vor Gott und Gottes unsterblichem Sohne.
Kaum war geboren das Kind, so ward es mit Jubel empfangen,
Himmel und Erde frohlockten, es lachte vor Freude das Weltall,
Und ein prophetischer Stern erregte das Staunen der Weisen.
Bethlehem ward die Heimat des Logos durch göttliche Wahl.
Zahlreich wallte zur Krippe im Stall die Menge der Frommen,
Hirten der Rinder und Schafe und Hirten der meckernden Ziegen.“ (Christliche Sibyllinen VIII,429-479; in: ebd. S. 524f.)

 

In den Paulusakten, einer Schrift, die Ende des 2. Jahrhunderts, etwa um 190 entstanden sein müsste, und diverse Legenden über den heiligen Paulus und die heilige Thekla enthält (Thekla soll von Paulus bekehrt worden sein, ihre Familie gegen sich aufgebracht haben, weil sie sich als Jungfrau Gott weihte, zweimal durch ein göttliches Wunder vor dem Martyrium errettet worden sein und später noch viele Jahrzehnte als Einsiedlerin gelebt haben), heißt es:

„Und Paulus erhob seine Stimme und sprach: ‚Wenn ich heute verhört werde, was ich lehre, so höre, Prokonsul: Der lebendige Gott, der Gott der Rache, der eifrige Gott, der Gott, der kein Bedürfnis kennt, der hat, weil er das Heil der Menschen will, mich gesandt, daß ich sie der Vergänglichkeit und der Unreinigkeit entreiße und aller Lust und dem Tode, damit sie nicht mehr sündigen. Darum hat Gott seinen Sohn gesandt, den ich als die frohe Botschaft verkünde und lehre, daß in ihm die Menschen Hoffnung haben, er, der allein Mitleid hatte mit der verirrten Welt, damit die Menschen nicht mehr unter dem Gericht seien, sondern Glauben hätten und Gottesfurcht und Erkenntnis der Ehrbarkeit und Liebe zur Wahrheit. Wenn ich nun lehre, was mir von Gott offenbart ist, was tue ich dann für ein Unrecht, Prokonsul?‘ Als der Statthalter das gehört hatte, gab er Befehl, Paulus zu binden und in das Gefängnis abzuführen, bis er Muße finden werde, ihn gründlicher zu verhören.“ (Paulusakten in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 246)

Als Thekla (zum zweiten Mal) verurteilt worden ist und im Amphitheater den wilden Tieren vorgeworfen werden soll, wird sie bis zur geplanten Vollstreckung des Urteils von einer angesehenen Frau namens Tryphäna aufgenommen, die sie bittet, für ihre verstorbene Tochter zu beten. In ihrem Gebet bezeichnet Thekla Jesus als „Gott der Himmel, Sohn des Höchsten“:

„Und nach dem Umzug nahm Tryphäna sie wieder zu sich. Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!'“ (Ebd., S. 248)

Als sie dann den Tieren vorgeworfen wird, die ihr aber nichts tun, kommt diese Stelle:

„Und der Statthalter ließ Thekla mitten aus den Tieren heraus rufen und sprach zu ihr: ‚Wer bist du und was hat es mit dir auf sich, daß auch nicht eines von den Tieren dich anrührte?‘ Sie antwortete: ‚Ich bin eine Dienerin des lebendigen Gottes; was es aber mit mir auf sich hat: Ich habe an den geglaubt, an dem Gott Wohlgefallen hatte, an seinen Sohn. Um seinetwillen hat mich keines von den Tieren angerührt. Denn er allein ist das Ziel der Rettung und die Grundlage unsterblichen Lebens. Ist er doch für die, die vom Sturm geplagt sind, eine Zuflucht, für Bedrängte Erquickung, für Verzweifelte Schutz, mit einem Wort: wer nicht an ihn glaubt, wird nicht leben, sondern tot sein in Ewigkeit.“ (Ebd., S. 250)

Die Paulusakten enthalten auch einen apokryphen Briefwechsel der Korinther mit Paulus (einen Brief der Korinther an Paulus und einen, den er zurückschreibt; letzterer wird auch als 3. Korintherbrief bezeichnet). Die Korinther schreiben Paulus, weil doketistische/gnostische Irrlehrer in ihre Gemeinde gekommen sind, und Paulus schreibt in seiner Antwort gegen den Doketismus (der Verfasser der Paulusakten lehnt sich hier an den originalen 1. Korintherbrief an, insbesondere Kapitel 15):

„Ich habe euch ja im Anfang überliefert, was ich von den Aposteln vor mir empfangen habe, die allezeit mit dem Herrn Jesus Christus zusammengewesen waren, nämlich daß unser Herr Jesus Christus von Maria aus dem Samen Davids geboren ist, indem der heilige Geist aus dem Himmel vom Vater in sie herabgesandt war, damit er in die Welt käme und alles Fleisch durch sein eigenes Fleisch erlöse und damit er uns Fleischliche von den Toten auferwecke, wie er selbst sich als Urbild erwiesen hat. Und weil der Mensch von seinem Vater geschaffen ist, deswegen wurde er auch, als er verloren gegangen war, gesucht, auf daß er lebendig gemacht würde durch die Annahme zur Kindschaft. Denn der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, sandte zuerst die Propheten den Juden, daß sie ihren Sünden entrissen würden; er hatte nämlich beschlossen, das Haus Israel zu retten, deshalb sandte er einen Teil vom Geiste Christi in die Propheten, welche die irrtumslose Gottesverehrung verkündeten zu vielen Zeiten. Aber da der Fürst, der ungerecht war [d. h. der Teufel, Anmerkung von mir], selbst Gott sein wollte, legte er Hand an sie und tötete sie, und so fesselte er alles Fleisch der Menschen an die Begierden [an seinen Willen und die Vollendung der Welt trieb dem Gericht entgegen]. Aber Gott, der Allmächtige, der gerecht ist und sein eigenes Geschöpf nicht verstoßen wollte, sandte den [heiligen] Geist [durch Feuer] in Maria, die Galiläerin, die von ganzem Herzen glaubte, und sie empfing im Leibe den heiligen Geist, damit in die Welt Jesus einträte, damit der Böse, durch dasselbe Fleisch, durch das er sein Wesen trieb, besiegt, überführt wurde, daß er nicht Gott sei. Denn durch seinen eigenen Leib hat Jesus Christus alles Fleisch gerettet [und zum ewigen Leben geführt durch den Glauben], indem er den Tempel der Gerechtigkeit darstellte in seinem Leibe, durch den wir erlöst sind.(Ebd., S. 259)

An späterer Stelle sagt Paulus in den Paulusakten:

„Und jetzt, Brüder, steht eine große Versuchung bevor; wenn wir diese ertragen haben, werden wir den Zugang zum Herrn haben und werden als Zuflucht und Schild des Wohlgefallens empfangen Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, wenn ihr nun das Wort so empfanget, wie es ist. Einen Geist der Kraft hat Gott am Ende der Zeiten um unsertwillen ins Fleisch herabgesandt, das heißt in Maria die Galiläerin, gemäß dem prophetischen Worte, der als Leibesfrucht getragen und geboren wurde von ihr, bis sie entband und gebar [Jesus,] den Christus, unseren König, aus Bethlehem in Judäa, aufgezogen in Nazareth, hingehend aber nach Jerusalem und lehrend ganz Judäa: ‚Das Reich der Himmel (sc. Gottes) ist nahe herbeigekommen! Laßt ab von der Finsternis, ergreifet das Licht, die ihr im Dunkel des Todes dahinlebt. Ein Licht ist euch aufgegangen!‘ Und er tat große und wunderbare Dinge, sodaß er sich aus den Stämmen zwölf Männer erwählte, die er in Verständnis und Glauben mit sich hatte, Tote erweckend und Krankheiten heilend, Aussätzige reinigend und Blinde heilend, Krüppel gesund machend und Gelähmte gehend machend, Besessene reinigend …“ (Danach ist eine Lücke im Text.) (Ebd., S. 264)

Paulus erzählt von der Zeit seiner Bekehrung:

„In der Tat, es gibt kein Leben außer dem, das in Christus ist. Ich trat in eine große Kirche ein, bei dem seligen Judas, dem Bruder des Herrn, der mir von Anfang an die hohe Liebe des Glaubens gegeben hat. Ich führte meinen Wandel in der Gnade, bei dem seligen Propheten, und [beschäftigte mich] damit, Christus zu enthüllen, ihn, der vor [allen] Zeiten erzeugt ward.“ (Ebd., S. 269)