Wen nochmal in die Welt tragen?

Ich war dieses Jahr in einer Vorabendmesse zu Fronleichnam; keine Prozession, alles in einer Dreiviertelstunde vorbei, und die Kirche zu (mindestens) drei Vierteln leer. Ging leider nicht anders. Die Predigt war dabei ziemlich kurz, und der Priester führte vor allem einen Gedanken aus: Bei den Fronleichnamsprozessionen (die es nach dieser Messe ja nicht gab, aber Sie verstehen) tragen wir das Kostbarste, das wir haben, nach draußen, aber wir sollen Jesus nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern immer – durch unser Verhalten – nach draußen in die Welt tragen. Guter Gedanke; an sich nichts auszusetzen.

Aber ich glaube, es wäre schöner gewesen, wenn er davor noch mehr dazu gesagt hätte, wer das eigentlich ist, Jesus Christus, und in welcher Weise wir Seine Liebe zu uns an diesem Fest, Fronleichnam, feiern. Was es für ein Wunder ist, dass Er unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft gegenwärtig ist, dass Er sich essen lässt, sich mit einem vereinigt. Dass Er so vollkommen gegenwärtig ist wie damals in Nazareth oder Jerusalem – still, verborgen, aber da. Dass man Ihn hier anschauen, anbeten, lieben kann. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass alle Anwesenden das wissen – und auch wenn man es weiß, muss man es sich wieder bewusst machen.

Wenn man die sich hier zeigende Liebe erst mal begriffen hat, ist doch die natürliche Folge davon, sie nach draußen tragen zu wollen – aber dazu muss man sich die Zeit nehmen, sie zu begreifen. Ich habe das Gefühl, das ist ein gar nicht mal so seltenes Problem: es wird (unterschwellig) vermittelt, man soll die Liebe Gottes nach draußen tragen, und davor bitte keine Zeit im Gebet bei Gott verschwenden und diese Liebe selbst erleben. (Bei anderen Leuten stärker als bei diesem doch ziemlich sympathischen Priester.)

In diesem Zusammenhang musste ich auch wieder mal an das Buch „Die Benedikt-Option“ des orthodoxen Christen Rod Dreher denken, an dem es ja einige legitime Kritikpunkte gibt, das aber (auch von mir, als ich anfangs davon gehört und es noch nicht gelesen hatte) auch schon öfter mit unfairen Kritikpunkten angegriffen wurde. Einer dieser unfairen Kritikpunkte ist: Wieso den Fokus darauf legen, christliche Gruppen, eine christliche Wagenburg, eine christliche Parallelgesellschaft aufzubauen, wo Christen doch eigentlich nach draußen gewandt sein sollen? – Ja, und womit haben sie denn dann nach draußen zu gehen? Wohin sollen sie die von draußen einladen? Bevor man den Glauben weitergeben kann – und auch während man es tut –, muss man ihn doch erst einmal leben. Ich erinnere mich, dass der Übersetzer der „Benedikt-Option“, Dr. Tobias Klein, zu genau diesem Thema irgendetwas Kluges geschrieben hatte, das ich aber gerade nicht wiederfinde und deswegen nicht verlinken kann.

Ich habe das Gefühl, das ist typisch für einen gewissen Trend der letzten Jahrzehnte, vom durchschnittlichen Laien gleichzeitig zu wenig und zu viel zu verlangen. Jeder Laie soll auch missionarisch sein, immer die Liebe Gottes ausstrahlen, aber – ständig in die Kirche springen? Angelus, Rosenkranz oder Stundengebet beten? Zur Eucharistischen Anbetung gehen? Hm, muss das denn sein? Ist das nicht frömmlerische Zeitverschwendung? Ich merke das jedenfalls bei mir selber: Das Gefühl, beim Beten würde man wertvolle Zeit verschwenden und das dürfe man irgendwie nicht, steckt schon noch drin.

Also dann: Frohes Fronleichnamsfest! Tantum Ergo schmettern, Jesus anbeten, und feiern!

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(Adolf Friedrich Erdmann von Menzel, Fronleichnamsprozession in Hofgastein. Gemeinfrei.)

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Über schwierige Heilige

Die Heiligen sind toll. Und manche Heilige sind quasi universell beliebt – Mutter Teresa, Maximilian Kolbe oder Damian de Veuster zum Beispiel. Sich anstelle eines anderen von den Nazis umbringen lassen oder Leprakranke pflegen, bis man selber an Lepra stirbt; das passt – alles wunderbar. Aber wenn man anfängt, sich näher mit den Heiligen der Kirche zu beschäftigen, kann man früher oder später auch auf den einen oder anderen stoßen, der einem sauer aufstößt, oder bei dem man sich fragt: Ist das wirklich vorbildhaft? Soll ich den verehren? Soll ich das, was der gemacht hat, gar nachahmen?

Grundsätzlich gelten hier ein paar Dinge:

 

1) Man muß die Heiligen bewundern, aber braucht sie nicht immer in allem nachzuahmen.“ („Sancti admirandi sed non imitandi sunt semper in omnibus.“)

Das gilt auch bei an sich guten Dingen. Zunächst einmal ist nicht alles ist für jeden geeignet, manches hat Nebenwirkungen oder seine Nützlichkeit hängt vom jeweiligen Stand in der Welt (Laie mit Familie, Ordensangehöriger, Mensch mit Regierungsverantwortung, etc. pp.) ab. Aber auch bei dem, was für jeden nützlich und gut wäre, muss man nicht alles nachahmen, sondern es steht einem oft frei. Es gibt „Werke der Übergebühr“, die nicht verpflichtend sind. Man kann versuchen, gut zu sein, und gleichzeitig jemanden dafür bewundern, dass er besser ist, als man selbst es ist/anstrebt, ohne dessen überragende Heiligkeit als Vorwurf an sich zu verstehen.

Beides gilt bei Heiligen, die extreme Bußen auf sich nahmen (Eremitenleben, extremes Fasten, Schlafentzug, Schlafen auf der Erde…). Solche Dinge sind einerseits nicht verpflichtend, und zweitens sowieso ohne Rücksprache mit einem geistlichen Begleiter nie empfehlenswert, weil sie auch geistlich ihre Nebenwirkungen haben können (Möglichkeit des Stolzes auf der einen Seite, wenn man sie gut schafft, der Mutlosigkeit auf der anderen, wenn man sie nicht gut schafft, etc. pp.), und generell haben die Kirchenlehrer dabei immer zur Vorsicht und Mäßigung geraten. Trotzdem können sie ihren Wert haben.

Nicht jeder Heroismus ist verpflichtend; gerade dann kann er aber sehr bewundernswert sein – das gilt z. B. auch bei Heiligen, die alles hinter sich ließen, um in einem fernen Land unter großen Gefahren zu missionieren (wie der hl. Bonifatius bei den Deutschen), oder auch bei heiligen Frauen, die eine Krebsbehandlung verschoben, um ihr ungeborenes Kind nicht zu gefährden, und dadurch ihr Kind retteten, aber selbst starben, wie die hl. Gianna Beretta Molla (1922-1962) oder die ehrwürdige Dienerin Gottes Chiara Corbella Petrillo (1984-2012). [Eine direkte Abtreibung wäre natürlich auch in diesem Fall nicht erlaubt; hier geht es um Handlungen, die man auch vornehmen würde, wenn das ungeborene Kind nicht da wäre, die ihm aber, ohne dass das gewollt ist, schaden oder es töten könnten (Prinzip der Handlungen mit Doppelwirkung).]

Die hl. Gianna Beretta Molla

(Die hl. Gianna Beretta Molla. Bildquelle: Wikimedia Commons. Eingestellt von Nutzer José Luiz Bernardes Ribeiro.)

Es ist schon ein Problem, wenn man meint, ein Heiliger stelle mit seiner überragenden Heiligkeit einen Vorwurf an einen selber dar, wenn er eigentlich nur ein Vorbild und ein Helfer sein will, es ihm ein bisschen nachzutun. Die Heiligen verachten einen nicht, weil sie besser sind als man selber; gerade weil sie besser sind, ist jede Art von Verachtung ihnen fremd.

Und man kann wirklich lernen, es auszuhalten, dass es nun mal sehr viel bessere Christen gab und gibt.

 

2) Auch Heilige haben Fehler gemacht und Sünden begangen; sie wären die ersten, das zuzugeben. Heiligsprechungen stellen fest, dass jemand im Himmel ist, worauf man sich jedenfalls verlassen kann, und sie stellen ihn insgesamt als Vorbild heraus; was nicht heißt, dass er immer alles richtig gemacht hat. Eigentlich ist es auch ganz tröstlich, dass auch Heilige nicht perfekt waren. Wir haben nicht nur Heilige/Selige/ehrwürdige Diener Gottes, die sich nach einem sehr sündhaften Leben bekehrt haben – wie der Christenverfolger Paulus oder der Mörder Jacques Fesch -, sondern auch grundsätzlich schon bekehrte Heilige/Selige/ehrwürdige Diener Gottes, die dann noch Fehler und Sünden begangen haben.

Die Heiligen waren auch sehr unterschiedlich; zum selben Thema hatten manche sehr verschiedene Ansichten und Ratschläge. Wenige Katholiken werden den hl. Papst Pius V. und den hl. Papst Paul VI. gleichermaßen verehren. Ein paar Beispiele für Ansichten des großen Heiligen Pater Pio, die wohl eher nicht richtig waren, gäbe es z. B. hier unter Fußnote viii – und die betreffen nicht nur Rocklängen.

Öfter einmal kann man auch auf Heilige stoßen, die gegenüber Menschen, die sie schlecht behandelt haben, sehr gefügig und, wie soll man sagen, feindesliebend waren, und alles ertragen und aufgeopfert haben – etwa die hl. Elisabeth von Thüringen oder die hl. Monika. Hier gilt manchmal tatsächlich, dass sie vielleicht in dieser Hinsicht mehr Mitleid als Bewunderung verdienen. Die Verwechslung von Milde und Feindesliebe mit der Duldung von Unrecht kann ja  leicht vorkommen, trotz aller Klärungen durch die Kirchenlehrer und Theologen, und es ist nicht nur nicht jeder Heroismus verpflichtend, es ist auch nicht jeder Heroismus weise oder anzuraten – oder zumindest nicht immer.

Der hl. Augustinus schreibt beispielsweise über seine Mutter, die hl. Monika, und deren Verhältnis zu seinem Vater:

„Ebenso ertrug sie seine eheliche Untreue, so daß sie niemals deswegen mit ihrem Manne in Streit geriet; hoffte sie doch für ihn zu deiner [Gottes] Barmherzigkeit, daß er, wenn er erst an dich glaubte, auch keusch werden würde. Abgesehen hiervon, war er sonst sehr gutmütig, nur hin und wieder jähzornig. Aber sie wußte, daß man einem jähzornigen Manne nicht sich widersetzen durfte, nicht durch Worte, geschweige denn durch Handlungen. Doch wenn er sich ausgetobt und beruhigt hatte, dann ergriff sie wohl eine günstige Gelegenheit und gab ihm Rechenschaft über ihr Verhalten, wenn er sich zu unüberlegter Handlungsweise hatte hinreißen lassen. Wenn endlich viele Frauen, trotzdem sie sanftere Männer hatten, doch Spuren von Schlägen im entstellten Gesichte aufwiesen und im Gespräche mit den Freundinnen ihren Männern Schuld gaben, so gab sie Schuld ihrer Zunge und erinnerte sie, gleichsam scherzend, doch mit ernsten Worten: Seit dem Augenblicke der Vorlesung des Ehekontraktes hätten sie darauf achten müssen, daß sie gewissermaßen Dienerinnen geworden seien; eingedenk ihres Standes hätten sie also nicht gegen ihre Herren übermütig werden sollen. Da nun jene wußten, was sie für einen leidenschaftlichen Mann hatte, und mit Staunen sich erinnerten, daß man noch nie gehört oder auf andere Weise erfahren habe, daß Patricius seine Gattin geschlagen habe oder daß sie auch nur einen Tag sich in häuslichem Streite entfremdet hätten, da fragten sie wohl vertraulich nach der Ursache hiervon; dann belehrte sie Monika über die Art und Weise, die ich oben erwähnt habe. Die ihrem Beispiele folgten und die Probe machten, dankten ihr; die nicht folgten, blieben auch weiterhin schlechter Behandlung unterworfen.

Untreue und solche schlechte Behandlung einfach ertragen? Sind das nicht die klassischen von der Kirche anerkannten Trennungsgründe? Schließlich ist so etwas eine ziemlich schlimme Ungerechtigkeit, und „einfach nichts sagen“ hier als vorbildlich herauszustellen, ist vielleicht nicht immer sinnvoll. Und dann die Beschreibung von Ehefrauen als „Dienerinnen“.

Hier muss man aber auch sehen, dass die hl. Monika in einer noch kaum christlich geprägten Gesellschaft lebte, und schließlich auch einen heidnischen Ehemann hatte, der sich erst kurz vor seinem Tod taufen ließ. In dieser Gesellschaft war eine so schlechte Behandlung von Ehefrauen viel verbreiteter, und es waren nicht nur Psychopathen, die ihre Frauen schlugen und wie Dienerinnen behandelten, denen man auch keine Treue schuldete, sondern viele Männer (und auch die Frauen) waren dazu erzogen worden, das als normal zu sehen. Damals war es vielleicht wirklich erfolgversprechender, dem mit Ertragen beizukommen, als es heute bei einem prügelnden Mann wäre (zumal die hl. Monika nicht viele andere Möglichkeiten hatte). Und wir haben auch vorbildliche katholische Frauen, die eine solche Ehe tatsächlich nicht einfach ertrugen, sondern sich trennten, wie z. B. die ehrwürdige Dienerin Gottes Rose Hawthorne (1851-1926) oder Catherine Doherty (1896-1985; Seligsprechungsprozess vorbereitet).

(Die hl. Monika mit ihrem Sohn Augustinus. Gemeinfrei.)

Aber nicht nur in dieser Hinsicht gibt es Heilige, bei denen man sich leicht denkt: Das ist doch nicht mehr überragend heilig, das ist doch in dieser oder jener Hinsicht so übertrieben, dass es einfach falsch ist. Ein viel kritisierter Heiliger ist z. B. der hl. Nikolaus von der Flüe, der zum Eremiten wurde, obwohl er bereits eine Frau und zehn Kinder hatte.

(Der hl. Nikolaus von der Flüe. Gemeinfrei.)

Ist es nicht furchtbar, seine Familie zu verlassen? Ist die Ehe nicht ein heiliges Sakrament? Sagen nicht so große Heilige wie Franz von Sales, dass man seinem Stand und seinen Pflichten gefälligst treu sein sollte? („Auf keinen Fall kann ich es gutheißen, wenn Leute, die schon in einem Stand und Beruf leben, beständig nach einem anderen Leben verlangen, als ihren Pflichten entspricht, oder nach Andachtsübungen, die mit ihrem Beruf nicht vereinbar sind. Das verwirrt nur ihr Herz und hindert sie an der Erfüllung ihrer Pflichten. Wenn ich mich nach der Einsamkeit der Kartäuser sehne, verliere ich damit nur meine Zeit. Statt dieses Wunsches soll ich den hegen, meine augenblicklichen Pflichten gut zu erfüllen.“ (Einführung in das fromme Leben, 3. Teil, 37. Kapitel))

Nun, generell ist so etwas nicht sehr ratsam. Aber beim hl. Bruder Klaus ist erst einmal zu beachten: Er ließ seine Familie nicht unversorgt zurück, und seine Frau gab ihr Einverständnis, dass er ging. So etwas war grundsätzlich nur mit Einverständnis des Ehepartners möglich, wie ein Mann im Mittelalter auch nur mit Einverständnis seiner Frau auf einen Kreuzzug gehen durfte. Generell ist die Familie auch nicht immer das Höchste; auch z. B. im Zweiten Weltkrieg mussten viele Soldaten ihre Familien verlassen, um ihr Land gegen die Nazis zu verteidigen. Und vielleicht berief Gott in diesem Ausnahmefall den hl. Bruder Klaus wirklich von seiner Familie weg – vielleicht auch, um zu zeigen, dass die Familie nicht immer das Höchste ist.

Vielleicht greift hier aber auch hier das Prinzip, dass Heilige eben – aus den besten Motiven – Fehler begehen können; und trotzdem ihr weiteres Leben hindurch Gott auf großartige Weise dienen können. Ich kann z. B. auch den papa emeritus für einen lebenden Heiligen halten und es trotzdem für möglich halten, dass Benedikts Rücktritt vom Papstamt ein Fehler gewesen sein könnte (auch wenn es natürlich nicht meine Aufgabe ist, das zu beurteilen).

Der hl. Franz von Sales schreibt über die Fehler von Heiligen:

„Der hl. Augustinus sagt ganz richtig, dass Anfänger im Frömmigkeitsstreben leicht gewisse Fehler begehen, die wohl tadelnswert sind, wenn wir sie nach strengen Maßstäben der Vollkommenheit messen; sie sind aber auch lobenswert als gute Vorzeichen eines künftigen Seelenadels, den sie sogar vorbereiten. So ist eine niedrige und grobe Angst, die in der eben erst von der Sünde aufgestandenen Seele Skrupel hervorruft, für den Anfang nur zu begrüßen als sicheres Vorzeichen künftiger Gewissenszartheit. Dieselbe Angst wäre aber an Fortgeschrittenen zu tadeln; in ihrem Herzen soll die Liebe herrschen, die nach und nach diese Art knechtischer Furcht verdrängt.

Der hl. Bernhard war am Anfang ganz streng und hart gegen jene, die sich seiner Leitung unterstellten. Gleich beim Eintritt erklärte er ihnen, sie müssten ihren Leib draußen lassen und dürften zu ihm nur mit ihrer Seele kommen. Wenn er ihre Beichte hörte, verurteilte er mit unerhörter Strenge alle, auch die kleinsten Fehler und drängte seine Beichtkinder mit solchem Ungestüm zur Vollkommenheit, dass er damit gerade das Gegenteil erreichte; denn sie verloren Atem und Mut, weil er sie auf einem so steil ansteigenden Weg mit solcher Heftigkeit antrieb. Sieh, es war brennender Eifer für die vollkommene Reinheit, die diesen großen Heiligen zu solcher Handlungsweise veranlasste, und dieser Eifer war eine große Tugend; trotzdem war er tadelnswert. Deshalb wies Gott selbst in einer Erscheinung ihn zurecht und goss den Geist der Milde und Güte in seine Seele; nun änderte er sich vollständig, warf sich selbst seine Strenge vor und wurde gegen jedermann so gütig und so entgegenkommend, dass er allen alles ward, um sie alle zu gewinnen.

Der hl. Hieronymus erzählt von seiner geliebten geistlichen Tochter Paula, sie sei in der Übung von Kasteiungen nicht nur übereifrig, sondern auch so eigensinnig gewesen, dass sie den gegenteiligen Weisungen ihres Bischofs, des hl. Epiphanius, nicht gehorchen wollte. Außerdem habe sie sich von der Trauer über den Tod ihrer Angehörigen so hinreißen lassen, dass sie jedes Mal in Lebensgefahr schwebte. Er fügte hinzu: ‚Man wird mir vorwerfen, dass ich mit meinen Worten die Heilige tadle, statt sie zu loben. Ich rufe Jesus, dem sie gedient und dem ich dienen will, zum Zeugen an, dass ich weder nach der einen noch nach der anderen Seite die Unwahrheit sage, sondern nur ganz schlicht von ihr als Christ über eine Christin berichte; das heißt, ich schreibe ihre Geschichte, nicht eine Lobrede; ihre Fehler wären bei anderen Menschen Tugenden.‘ […]

Denken wir also gut von solchen, die fromm leben wollen, auch wenn wir Fehler an ihnen sehen; auch die Heiligen hatten Fehler.“ (Einführung in das fromme Leben, 3. Teil, 2. Kapitel)

 

3) Man kann auch der Ansicht sein, dass ein Heiliger für eine bestimmte Sache nicht verehrt werden sollte – nicht nur Heilige, sondern auch die Verehrung, die sie erhalten, ist nicht über jede Kritik erhaben. Manchmal haben spätere Generationen auch ein verzerrtes Bild von Heiligen und vereinnahmen sie für irgendeinen Zweck. Beim hl. Franz von Assisi ist das öfter der Fall; auch die hl. Hildegard von Bingen oder die hl. Katharina von Siena werden ja gerne mal zu Schutzheiligen des Feminismus erklärt.

Man sollte sich auch angewöhnen, mit der Hagiographie ein bisschen kritisch umzugehen – hagiographische Texte neigen dazu, Heilige zu idealisieren, zu verniedlichen, und den Idealvorstellungen der eigenen Zeit anzupassen, indem sperrige Details ausgeblendet oder nur vage angedeutet werden. Manche moderne Texte über Heilige lassen auch Wundergeschichten weg, die den Verfassern zu over the top vorkommen.

 

4) Dann muss man Heilige (klingt ausgelutscht, ist aber so) im Kontext ihrer Zeit verstehen – aber umgekehrt sollte man dann auch den Kontext seiner eigenen Zeit kritisch betrachten. Lehnt man etwas an ihnen nur ab, weil es einem ungewohnt vorkommt?

In einem anderen Kontext war einerseits manches wirklich angebracht, das es inzwischen nicht mehr wäre; und andererseits neigten die Leute zu anderen Zeiten leichter dazu, gewisse Fehler zu machen, die heute nicht mehr so häufig sind, wofür dann Verständnis (weil man selber schließlich auch zeittypische Fehler macht), wenn auch keine völlig Entschuldigung angebracht wäre; und in wieder anderen Dingen waren sie einfach besser als die meisten Christen heute, und da sollte man eher seine eigenen Urteile zurückstellen und von ihnen lernen.

 

5) Wenn die Kirche etwas ständig als vorbildlich herausstellt und Leute ständig dafür heiligspricht (also nicht nur in fünf oder zehn Fällen, sondern zu hunderten und tausenden), sollte man es in jedem Fall als einen vorbildlichen Weg des Christseins akzeptieren. Kontemplatives Leben, Martyrium, Mission, so etwas sind etwa Dinge, die bei den Heiligen ständig auftauchen.

 

6) Die Verehrung für Heilige geht oft vom Kirchenvolk aus, das dann an den Vatikan appelliert, denjenigen oder diejenige zu kanonisieren; Heiligsprechungen sind meistens weniger eine Initiative der Kirchenhierarchie als eine Anerkennung der Verehrung, die jemand schon durch die Laien genießt. Wenn man die Verehrung einer bestimmten Person nicht gutheißt, muss man sich also meistens eher beim Kirchenvolk beschweren.

 

7) Es gibt auch manche Menschen, die nie offiziell heiliggesprochen wurden, deren (evtl. lokal begrenzte) Verehrung zumindest als Selige die Kirche aber duldet – dazu gehören ein paar Herrscher, die viel für die Kirche getan haben, wie Karl der Große (dessen Verehrung als Seliger seit 1176 geduldet, aber nicht anerkannt ist), oder Kaiser Konstantin (der nur in der Ostkirche wirklich als Heiliger gilt, und im Westen selten verehrt wird). Hier gibt es keine höchstoffizielle Bestätigung, dass sie im Himmel sind, und sie waren wohl nicht die allervorbildlichsten Christen, aber man muss auch nicht gerade annehmen, dass sie in der Hölle sind, und es gibt Gründe, aus denen manche sie verehren wollen.

Aber, wie gesagt, sie werden nicht offiziell von der Kirche als Vorbilder herausgestellt.

Kaiser Konstantin und Kaiserin Helena - Germanisches Nationalmuseum - anagoria.jpg

(Östliche Ikone, die Konstantin und seine Mutter, die hl. Helena, zeigt. Gemeinfrei.)

Entfernt vergleichbar damit sind ein paar mittelalterliche Fälle von kleinen Kindern, die ermordet worden waren, und deren Tod man angeblichen Ritualmorden durch Juden zuschrieb – etwa William von Norwich, Simon von Trient oder „Little Saint Hugh of Lincoln“ – , und die, wenn auch ohne förmliche Heiligsprechung, bald vom Volk in ihrer Gegend verehrt wurden. (Ob in solchen Fällen letztlich Juden als Mörder verurteilt wurden, oder es Freisprüche oder Begnadigungen gab, oder die Morde nicht weiter verfolgt wurden, war sehr unterschiedlich.) Hier gab es (soweit ich es gefunden habe) keine offiziellen Heiligsprechungen; nachdem ich ein bisschen gesucht habe, habe ich eine einzige Seligsprechung bei Andreas Oxner, einem 1462 ermordeten dreijährigen Jungen, gefunden, der von Papst Benedikt XIV 1752 seliggesprochen wurde, der ihn dann aber doch nicht heiligsprach. Die Verehrung dieser Kinder wurde von der Kirche eher toleriert als gefördert. (Die Russisch-Orthodoxe Kirche sprach ein solches Kind 1820 heilig.)

Im übrigen handelt es sich hier um getaufte Kinder, die zum Teil noch vor, zum Teil nicht lange nach dem Erreichen des Alters des Vernunftgebrauchs starben. Wenn davor, sind sie zu hundert Prozent sicher im Himmel; wenn danach, ist es immerhin wahrscheinlich; hier bestand damals jedenfalls keine besondere Gefahr, jemanden zu verehren, der nicht im Himmel war.

Ihre Verehrung im Zuge einer antisemitischen Verschwörungstheorie muss man deshalb selbstverständlich nicht rechtfertigen oder gutheißen.

(Angeblicher Ritualmord an Simon von Trient, Darstellung in der Schedelschen Weltchronik. Gemeinfrei.)

 

Eigentlich wollte ich hier noch mehr über ein paar spezielle „problematischere“ Heilige schreiben; aber weil das zu lang geworden wäre, habe ich es auf ein paar kommende Artikel aufgeteilt. Wir haben schon einige Heilige und Selige, die man gegenüber den nicht so kirchennahen Verwandten lieber nicht erwähnt (oder bei denen man zumindest lieber nicht ausführlichst auf alle Details ihres Lebens eingeht).

Das 2. Vatikanische Konzil und ein paar Probleme mit ihm

Das 2. Vatikanum: Die Liberalen unter den Katholiken berufen sich gerne darauf, und schauen mit Grausen auf die Zeit davor, die Konservativen bestehen immer darauf, was das Konzil eigentlich gesagt hat, und die Tradis meiden es bei aller prinzipiellen Anerkennung als 21. Ökumenisches Konzil oft lieber – wofür es tatsächlich ganz gute Gründe gibt. Ein genauerer Blick darauf lohnt allerdings auch einmal.

 

Wenn man zuerst einmal die Zeit anschaut, in der das 2. Vatikanum einberufen wurde, fällt auf: Es war auf den ersten Blick keine Krisenzeit, sondern eine optimistische Blütezeit.

In der Nachkriegszeit, den 50ern und frühen 60ern erlebte die Kirche erst einmal eine kleine Renaissance. In dieser Zeit schienen auch Liberalismus und Sozialdemokratie mit den großen Religionen im Westen (Protestantismus, Katholizismus und Judentum) deutlich besser auszukommen als vorher. Der Faschismus war erledigt; es war die Blütezeit der europäischen Christdemokratie (man denke an Namen wie Adenauer, Gasperi usw., an die Gründung der Montanunion); auch in den USA war man sehr gläubig, und die Protestanten gleichzeitig so tolerant gegenüber religiösen Minderheiten wie Katholiken und Juden wie selten zuvor. Nach dem Albtraum von Weltkriegen und Totalitarismus wollte man vergessen, leben, zu Humanität und Gottesfurcht zurückkehren, und Völker und Religionen versöhnen. Man proklamierte die Menschenrechte, und man wollte unbedingt an den Fortschritt glauben. Das alles geschah seltsamerweise zeitgleich mit der von unglaublicher Brutalität begleiteten Ausbreitung des Kommunismus in Osteuropa, großen Teilen Asiens und schließlich auch Teilen Lateinamerikas und Afrikas.

Es war keine Krisenzeit für die Kirche (außer unter besagten kommunistischen Diktaturen, aber auch hier waren die Gläubigen oft verfolgt, aber treu – Polen ist ein Beispiel). Papst Pius XII., der nach einer fast zwanzigjährigen Zeit als Papst 1958 starb, war hoch angesehen und beliebt in aller Welt (der Mythos von „Hitlers Papst“ war noch nicht erfunden), unter Protestanten ging der Antikatholizismus zurück, die Arbeiterschicht und sogar die Intelligentsia war weniger antiklerikal als früher, in Missionsgebieten wie Afrika breitete sich der Glaube stetig aus und eine einheimische Kirchenhierarchie entstand allmählich, islamische Länder wurden liberaler, westlicher und toleranter. Zu Gottesdiensten, Wallfahrten, Heiligsprechungen usw. kamen große Massen. Auch die religiöse Bildung war auf einem guten Stand; die Katholiken hatten oft ihre Volksmessbücher (in Deutschland den Schott) und kannten die Liturgie (der Mythos, sie hätten nicht gewusst, was bei der lateinischen Messe passierte, ist schlicht das: ein Mythos), die Kinder lernten ihren Katechismus. Es gab große katholische Laienbewegungen wie die Katholische Aktion, die Piusvereine, die Abendländische Bewegung. Die Verbände waren damals noch wirklich katholisch – ob Katholische Landjugend oder Katholischer Frauenbund. Erzbischof Fulton Sheens Radio- und Fernsehprogramme waren in den USA unglaublich beliebt. Über mangelnde Priester- und Ordensberufungen konnte man sich nicht beklagen.

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(Papst Pius XII. Gemeinfrei.)

Es gab einige vorsichtige Reformen in der Kirche – Pius XII. führte z. B. ein paar kleinere liturgische Reformen durch und erkannte die positiven Seiten der sog. historisch-kritischen Exegese an (wobei das nichts absolut Neues war). Aber gleichzeitig war man stolz auf die Tradition, beharrte fest auf der Lehre, die Kleriker leisteten ihren Anti-Modernisten-Eid, das Heilige Offizium (später in „Glaubenskongregation“ umbenannt) gab den Index der verbotenen Bücher heraus. Erst recht wurden Dogmen und Morallehre nicht infrage gestellt – d. h. von Nichtkatholiken natürlich schon, auch zu dieser Zeit, aber es wurde nicht die Ansicht verbreitet, auch die Kirche würde ihre Dogmen und Morallehre schon bald aufgeben; und an theologischen Fakultäten wurde im Allgemeinen keine Häresie gelehrt. Die Kirche wurde grundlegend als Bastion der Tradition wahrgenommen – und auch die, die sie dafür ablehnten, brachten ihr immerhin noch einen gewissen Respekt entgegen.

Es war die Zeit einiger großer katholischer Theologen, Intellektueller und Schriftsteller: Romano Guardini, Réginald Garrigou-Lagrange, Dietrich von Hildebrand, Flannery O’Connor, Gertrud von Le Fort, Reinhold Schneider, Paul Claudel, Charles Péguy, Evelyn Waugh, Bruce Marshall, Graham Greene, und wen es noch alles gab.

Es war auch die Zeit einiger Theologen und Philosophen, die keine Modernisten, sondern recht treu katholisch waren, aber wegen einiger Aspekte ihrer Theologie trotzdem von der Kirchenhierarchie und den neuthomistischen Theologen ab und an kritisch beäugt und teilweise mit Disziplinarmaßnahmen belegt wurden – etwa Vertreter der Nouvelle theologie wie Henri de Lubac und Yves Congar, oder der Philosoph Jacques Maritain (der an der Ausarbeitung der UN-Menschenrechtserklärung beteiligt war) und andere sog. Personalisten. Es gab genügend junge Theologen und Studenten, denen der damals noch relativ starke Thomismus und die „Handbuchtheologie“ (man denke hier an Namen wie Ludwig Ott und Heribert Jone) zu muffig waren, und die auch in Bezug z. B. auf die Religionsfreiheit etwas liberaler dachten als bisher im Katholizismus üblich. Dann gab es etwa die Arbeiterpriester in Frankreich, die sich nach und nach dem Kommunismus annäherten und deren Tätigkeit von Rom nach anfänglicher Unterstützung schließlich verboten wurde, weil sie ihre eigentlichen priesterlichen Aufgaben nicht wie nötig ausübten; schon ein bisschen länger hatte es ja katholische Bewegungen gegeben, die politisch in eine sehr sozialistische Richtung gingen – Le Sillon in Frankreich, das Catholic Worker Movement in den USA.

Sicher gab es auch das ein oder andere anderweitige Problem in dieser Zeit; und als eine, die Jahrzehnte später geboren ist, kann ich mich vermutlich nicht perfekt einfühlen; aber allgemein scheint es (im Westen) doch eine der besseren Zeiten der Kirchengeschichte für die Kirche gewesen zu sein.

Es gab jedenfalls keine Krise, die es unbedingt notwendig gemacht hätte, ein Konzil zu ihrer Klärung einzuberufen – keine große neu aufgetauchte Irrlehre, kein weitverbreitetes skandalöses Verhalten im Klerus. Eher war man beflügelt von Optimismus und wollte die Situation weiter verbessern – die Hand stärker ausstrecken, die Türen weiter aufmachen, und so mit etwas mehr Offenheit die Welt in die Kirche holen.

Wobei, nun ja: vielleicht merkte man auch am Beginn der 60er schon, dass die Renaissance der Religion ihrem Ende zuging (der Schock des Weltkrieges wollte allmählich begraben werden, das Wirtschaftswunder richtete die Gedanken der Menschen auf anderes), und dass z. B. die sexuelle Liberalisierung sich fortsetzte. 1968 kam nicht aus dem Nichts, und auch wenn dieselben Ideen schon seit Jahrzehnten und noch länger in bestimmten Zirkeln ihre Anhänger hatten, jetzt verbreiteten sie sich vielleicht stärker. Also hatte man den Eindruck, man müsste auch deswegen ein wenig offener und freundlicher werden, um nicht weitere Katholiken aus der Kirche zu treiben.

Das war der Anfang, bei solchen Leuten wie dem hl. Papst Johannes XXIII., der das 2. Vatikanische Konzil (sehr überraschend für die Welt und die Kirche) einberief und noch vor seinem Ende starb. Wie es weiterging, und vor allem, wie es wahrgenommen wurde, ist eine andere Geschichte.

Das Konzil war von Anfang an als reines Pastoralkonzil geplant; dogmatische Fragen sollte es gar nicht ansprechen. Die Dogmen standen fest, der Plan war, sie höchstens anders zu präsentieren. Freilich gab es auch dabei bald einige Streitereien zwischen den liberaleren und den konservativeren Konzilsvätern, Kurienmitarbeitern und Konzilsberatern (zu den Konservativen zählte z. B. Kardinal Ottaviani, der Präfekt des Heiligen Offiziums); in den Konzilstexten setzten sich dann oft schwammige Kompromissformulierungen durch. Das Konzil gab Texte zu allen möglichen Themen heraus – was ist eigentlich die Kirche, was bedeutet eigentlich die Bibel -, aber auch zu ein paar modernen Spezialthemen, die auftauchten, wie der Religionsfreiheit, dem Ökumenismus, dem Verhältnis zu anderen Religionen, den sozialen Kommunikationsmitteln. Es wurden natürlich viele pastorale Fragen angesprochen: Laienapostolat, Ordensleben, christliche Erziehung, Mission usw.; bedeutend und ziemlich typisch für die Konzilsstimmung war die Pastoralkonstitution Gaudium et spes, die mit den Worten beginnt:

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.

Ich fand diesen Anfang ja immer ein bisschen, hm, komisch. Sind die „Jünger Christi“ Außerirdische, die die Erde erforschen? Freilich geht es dann weiter mit

„Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist.

Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“,

aber, ach ne. Christen sind Menschen. Gut, dass wir das geklärt hätten.

Das Konzil war geprägt von einem angestrengten überfreundlichen Anbiedern an die außerkirchliche Welt, und einem gewissen Fortschrittsoptimismus, dem Gefühl, dass die Menschen in den 1960ern zu einem tieferen moralischen und religiösen Gespür gekommen wären als die Menschen früher, dem Glauben daran, dass man Gottes Fingerzeig überall um einen herum in der Welt von heute (d. h. damals) sehen könne. Das ist zwar nicht völlig falsch; jede Epoche hat ihre klaren Momente – aber sie hat leider auch ihre besonderen Fehler, auf die man aus dem zeitlosen Glauben der Kirche antworten muss, und darauf wurde zu dieser Zeit viel zu wenig geachtet.

Das Problem ist nicht so sehr, was dann im Endeffekt in den Texten landete. Die Texte des 2. Vatikanums (die übrigens zwar Lehramtstexte sind, aber nicht zu den unfehlbaren Lehramtstexten zählen) drücken viele Glaubenswahrheiten aus (die meisten konservativeren Katholiken werden die Aussage aus Lumen Gentium 11 kennen, dass das eucharistische Opfer Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist). Das Problem war die Verschiebung im Tonfall, und oft das, was ausgelassen wurde; die mangelnde Klarheit.

Am deutlichsten ist das beim Thema Religionsfreiheit und Verhältnis zu anderen Religionen: Die Kirche hatte immer z. B. Zwangstaufen abgelehnt, aber den typischen Indifferentismus der sog. „Aufklärung“ (alle Religionen seien gleich gut (oder gleich schlecht) und der einzelne brauche nicht nach der einen wahren zu suchen, denn jede umfasse nur einen Aspekt der Wahrheit, keine die ganze Wahrheit) auch immer klar zurückgewiesen; das tat sie auch weiterhin in Dignitatis Humanae und Nostra Aetate; trotzdem bekamen viele in- und außerhalb der Kirche durch die Berichterstattung über das Konzil den Eindruck, die Kirche würde diese Ansicht von jetzt an billigen oder sich zumindest in die Richtung bewegen, all das einzugestehen. Die Kirche hatte auch gelehrt, dass ein Staat nicht alle Religionen/Sekten/Ideologien in derselben Weise tolerieren müsse, und den konfessionell-katholischen Staat (also einen Staat, der (wie das z. B. offiziell immer noch in Malta oder Liechtenstein der Fall ist), die katholische Religion als Staatsreligion anerkennt, und seinen Gesetzen eine katholische Weltanschauung zugrundelegt, mit der Kirche zusammenarbeitet, und andere Religionen höchstens duldet) als Ideal behandelt. Auch das wurde nicht offiziell widerrufen, auch nicht in Dignitatis Humanae, aber es wurde in den kirchlichen Verlautbarungen irgendwie fallengelassen. Man sprach jetzt vom Recht des einzelnen Gewissens gegenüber dem Staat, und fast nur noch davon. Gerade die Welt außerhalb der Kirche, die die einzelnen Schattierungen der Lehre nicht genau kannte und nicht gut im Zwischen-den-Zeilen-Lesen ist, musste den Eindruck bekommen, dass die Kirche ihre Lehre fallenließ, eingestand, dass sie geirrt hatte, und sich dem Fortschritt der ihr überlegenen Welt unterwarf.

Man begann, den Glauben weniger wie etwas zu behandeln, das unversehrt weitergegeben muss, und ihn mehr wie etwas zu behandeln, das sich weiterentwickeln muss, indem die Kirche auf die Stimme Gottes in der Gegenwart hört. Das ist, wie so viele falsche Ideen, nicht zu einhundert Prozent falsch; es gab tatsächlich eine Entwicklung der Glaubenslehre im Lauf der Kirchengeschichte. Aber das war eine Vertiefung und Klärung, keine Umwandlung; und vor allem kam sie nicht durch das Hören auf eine oft genug antikatholische Welt.

Dann kam die Liturgiereform – nicht während des Konzils, sondern im Anschluss: Und ein gewisser Annibale Bugnini schnitt die Liturgie und den Festkalender auf teilweise sehr brachiale und nicht unbedingt gründlich geplante Weise zusammen, auf eine Weise, die von den Konzilsvätern gar nicht beabsichtigt worden war (z. B. hatten die Konzilsväter das Latein in der Messe keinesfalls abschaffen wollen). Und die Umsetzung fiel in vorauseilendem Gehorsam oft nach radikaler aus, als es die neuen Rubriken vorsahen: Man nahm eben an, dass „das Konzil“, „die Kirche“ wünsche, dass alles neu werde. Als die Handkommunion per Indult zusätzlich zur Mundkommunion gestattet wurde, wechselte man vielerorts komplett zur Handkommunion, und Erstkommunionkindern wurde nichts anderes mehr beigebracht. An manchen Orten kamen schlimme liturgische Missbräuche vor, die u. U. sogar die Messe ungültig machen konnten.

Eine weitere Entwicklung fällt in diese Zeit: Im Jahr 1960 wurde die Anti-Baby-Pille erfunden. Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, dass künstliche Empfängnisverhütung damals noch anrüchig war; aber das war sie tatsächlich, vor allem, wenn dafür geworben wurde, dass unverheiratete Paare sie verwenden sollten; es galt noch bei vielen als zumindest irgendwie unmoralisch, Sex nur zur Befriedigung zu verwenden und Kinder künstlich auszuschließen. Dennoch: Die Akzeptanz wuchs in genau dieser Zeit rapide, zumindest, wenn es um die Verwendung durch Ehepaare ging; einige progressive Weltuntergangspropheten schürten Ängste wegen „Überbevölkerung“; die Argumente der Eugeniker des frühen 20. Jahrhunderts, die der Meinung gewesen waren, man müsse die Vermehrung der Armen und Erbkranken eindämmen, waren auch noch in den Köpfen; und natürlich war es bequemer, weniger Kinder zu haben, auch, da die Kindersterblichkeit zurückgegangen war und man nicht mehr mehrere Kinder haben musste, damit welche überlebten. Die von der Kirche erlaubte Natürliche Familienplanung (damals noch als Ogino-Knauss-Methode bezeichnet) war noch nicht besonders ausgereift und sicher, so dass einige katholische Paare nur auf fast oder ganz vollständige Enthaltsamkeit hätten zurückgreifen können, wenn sie gerade keine Kinder zeugen wollten. Die Pille bot nun eine neue Alternative. Und sie war nichts so Vulgäres wie Kondome und coitus interruptus (sie störte nicht so offensichtlich die „eheliche Vereinigung“); und nichts so Endgültiges wie die Sterilisation. Damals waren tatsächlich einige Theologen genuin verwirrt, ob sie nach katholischer Lehre unerlaubt sein müsse. Auf dem Konzil wurde die Diskussion darüber allerdings unterbunden; aber dann setzte der Papst eine Kommission ein, um diese Frage langwierig zu studieren.

Es war die Zeit, in der vieles neu zu werden schien; vorher schwer Denkbares wurde zur Regel. Nicht wenige Priester vermittelten Ehepaaren, sie könnten die Verwendung der Pille mit ihrem Gewissen vereinbaren, das würde auch Rom in Kürze verkünden. Dass Paul VI. dann schließlich doch (gegen die Mehrheitsmeinung der Kommission) 1968 in der Enzyklika Humanae Vitae verkündete, dass die Pille unter das Verbot der Künstlichen Empfängnisverhütung fiel, und dass dieses Verbot weiterhin galt, kam wie eine kalte Dusche. Man hatte damit gerechnet, dass es erlaubt werden würde; man hatte schon so gehandelt. Dementsprechend antworteten die deutschen Bischöfe in der Königsteiner Erklärung mit gespaltener Zunge auf die Enzyklika:

„Das neue päpstliche Rundschreiben hat in der Kirche und in der Welt sehr viel Zustimmung gefunden – ein Zeichen für die Übereinstimmung vieler Gläubigen, ja auch nichtkatholischer Christen mit den Zielen des Papstes und mit grundsätzlichen Gedanken und Forderungen seiner Enzyklika. Die Enzyklika ist aber auch auf Widerspruch gestoßen. Bei Katholiken beruht dieser nicht auf einer grundsätzlichen Ablehnung der päpstlichen Autorität. 
In den letzten Jahren sind die Themen, die jetzt in der Enzyklika behandelt wurden, sehr eingehend diskutiert worden. Neue Fragestellungen und neue Gesichtspunkte theologischer und profaner Wissenschaften, die auch in Rom bei der Vorbereitung der Enzyklika erörtert wurden, sind weiten Kreisen bekannt. Sie fanden im Schrifttum ihren Niederschlag, haben die katholische Ehe- und Familienarbeit mitbestimmt und sind in den verschiedenen Formen der Erwachsenenbildung und des Apostolates der Laien wirksam geworden. Sie hatten auch ihre Auswirkung auf die seelsorgliche Praxis. Die Methoden der Verwirklichung verantwortlicher Elternschaft wurden vielfach dem verantwortungsbewußten Gewissensurteil der Eheleute überlassen, ohne daß dabei dem Ungehorsam gegen die Kirche, dem Subjektivismus oder der Willkür das Wort geredet wurde. So ist es verständlich, daß viele Priester und Laien vom Heiligen Vater eine andere Entscheidung erwartet hatten. Das erklärt auch das zwiespältige Echo auf das Erscheinen der Enzyklika. […]

Die Diskussion um die strittigen Fragen ist nicht beendet, sondern aufs stärkste entfacht. Bei vielen Priestern und Laien, die ebenso in Liebe zur Kirche stehen wollen, herrscht große Ratlosigkeit. Sie leiden nicht nur unter den Schwierigkeiten, diese Lehre zu leben oder in die seelsorgliche Praxis umzusetzen; sie haben vielfach auch ernste Gewissensbedenken, die in der Enzyklika ausgesprochenen Verpflichtungen zu bejahen und zu vertreten. […]

Auf der anderen Seite wissen wir, daß viele der Meinung sind, sie könnten die Aussage der Enzyklika über die Methoden der Geburtenregelung nicht annehmen. Sie sind überzeugt, daß hier jener Ausnahmefall vorliegt, von dem wir in unserem vorjährigen Lehrschreiben gesprochen haben. Soweit wir sehen, werden vor allem folgende Bedenken geltend gemacht: Es wird gefragt, ob die Lehrtradition in dieser Frage für die in der Enzyklika getroffene Entscheidung zwingend ist, ob gewisse neuerdings besonders betonte Aspekte der Ehe und ihres Vollzuges, die von der Enzyklika auch erwähnt werden, nicht ihre Entscheidung zu den Methoden der Geburtenregelung problematisch erscheinen lassen. 
Wer glaubt, so denken zu müssen, muß sich gewissenhaft prüfen, ob er – frei von subjektiver Überheblichkeit und voreiliger Besserwisserei – vor Gottes Gericht seinen Standpunkt verantworten kann. Im Vertreten dieses Standpunktes wird er Rücksicht nehmen müssen auf die Gesetze des innerkirchlichen Dialogs und jedes Ärgernis zu vermeiden trachten. Nur wer so handelt, widerspricht nicht der rechtverstandenen Autorität und Gehorsamspflicht. Nur so dient auch er ihrem christlichen Verständnis und Vollzug.“

Kurz gesagt, hier findet man, was die DBK am besten versteht: Unter vielen wohlklingenden Worten ein Messer in den Rücken der Kirche rammen.

(Am lächerlichsten finde ich persönlich das Vorbringen von „ernsten Gewissensbedenken“ gegenüber der kirchlichen Lehre: Als ob es irgendjemand für möglicherweise unmoralisch ansehen hätte können, die Pille nicht zu verwenden.)

Auch der Fall des Priesterzölibats wurde in dieser Zeit von vielen vorhergesagt. Seminaristen wurde vermittelt, in wenigen Jahren würde die Kirche ihn nicht mehr verlangen, und in diesem Bewusstsein ließen sie sich weihen. Auch hier stellte Papst Paul VI. die Sache in einer Enzyklika klar (Sacerdotalis Caelibatus von 1967), aber für viele bedeutete das kein Ende der Vorhersagerei, die Kirche würde sich in dieser Hinsicht bald ändern. (Ja, hier ist es komplizierter, in der Hinsicht, dass die Kirche den Zölibat theoretisch abschaffen könnte; was freilich kein Argument ist, eine so extrem alte, universale* und sinnvolle Tradition abzuschaffen; und jedenfalls tat sie es entgegen der Vorhersagen nicht.)

Auf Berufungen wurde jetzt weniger Wert gelegt; und vor allem bei den Frauenorden brach die Zahl der Ordenseintritte katastrophal ein. Viele Nonnen wechselten ihre Ordenskleidung mit weltlicher Kleidung aus und gaben auch andere Aspekte ihres Lebens auf; sie versuchten sich nicht mehr von der Welt zu unterscheiden und verloren dadurch auch das, was an ihrem Leben anziehend für Katholikinnen gewesen war. Aber noch schlimmer als das Fehlen neuer Berufungen und die Veränderung der Orden war, wie viele Nonnen, Mönche und Priester ihre Berufung ganz aufgaben und sich von ihren Gelübden/Versprechen entbinden ließen.

Die nachkonziliare Zeit ließ auch die religiöse Bildung auf ein geradezu lächerliches Niveau absinken, weil man die klassische katechetische Unterrichtsweise verwarf und meinte, Schüler müssten selber dazu finden, was sie glauben (als ob Jugendliche sich einfach ihren eigenen Glauben zusammenbasteln würden, ohne Ideen von irgendwo aufgenommen zu haben – wenn nicht aus der Kirche, dann aus der Welt). Aber religiöse Erziehung schien eben fast genauso unnötig zu werden wie Mission: schließlich konnte man, wie Rahner es ausdrückte, auch ein „anonymer Christ“ sein, jemand der christlich lebte, ohne ausdrücklich Christ zu sein; wozu dann soviel Wert darauf legen, bestimmte Lehren weiterzugeben?

Die Glaubenspraxis schien irgendwie verweltlicht, normalisiert, eingeebnet zu werden – sowohl Prunk und „Triumphalismus“ als auch Fasten, Buße, Sühne wurden zurückgefahren. Mit anderen Worten: Festliche Freude galt ebenso nicht mehr wie tiefes Leid, Trauer, Demut. Stattdessen hielt eine deprimierende Effizienz und Kargheit Einzug. Auch Autorität und Gehorsam wurden nunmehr als reine Hindernisse der Freiheit gesehen – nicht mehr wie vorher als Mittel zum Schutz der Schwachen und Teil einer heiligen Ordnung, die Gott eingesetzt hatte.

Am klarsten sieht man die Früchte des Konzils, wenn man sich einzelne Personen ansieht. Es ist ziemlich bedrückend, finde ich,wenn man den Wandel von bestimmten berühmten Katholiken nach dem Konzil betrachtet.

Theologen wie Bernhard Häring oder Karl Rahner, die bisher klar katholisch gewesen waren, vielleicht mal ein wenig unkonventionell gedacht hatten, aber immer Wert darauf gelegt hatten, sich innerhalb der vom Lehramt festgesteckten Grenzen zu halten, schienen jetzt überzeugt zu werden, dass die Kirchenlehre doch nicht so unveränderlich war wie bisher geglaubt. Sie wurden allmählich ungehorsamer, kamen zu der Ansicht, künstliche Empfängnisverhütung könne gerechtfertigt sein, oder die Jungfrauengeburt sei nicht wirklich real gewesen. Thomas Merton, ein US-amerikanischer Trappist und bereits sehr bekannter geistlicher Schriftsteller, der seinem Orden viele Berufungen beschert hatte, begann sich stark mit östlichen Religionen zu beschäftigen, begann eine kurze Affäre mit einer sechsundzwanzig Jahre jüngeren Frau, und vernachlässigte Gebet und klösterliche Gemeinschaft für seinen Status als bei der politischen Linken beliebter Celebrity-Mönch. Der belgische Theologe Edward Schillebeeckx ging weiter als andere: Im Holländischen Katechismus, an dem er mitarbeitete, und seinen übrigen Veröffentlichungen leugnete er zahlreiche katholische Dogmen. Das alles wurde dadurch verschlimmert, dass die Glaubenskongregation inzwischen kaum noch gegen solche Auswüchse einschritt.

Schilleebeckx und andere legten besonders den Fokus darauf, wer Jesus „für mich“ sei, nicht darauf, wer Er in sich ist; typisch für den nachkonziliaren Relativismus. Auch in der Moral hielt dieser Einzug: Die „Lebenserfahrung“ der Leute sollte jetzt mehr gelten als Prinzipien – was natürlich alles mögliche rechtfertigen konnte, das jemand vor sich rechtfertigen wollte. Es wurde auch von manchen insinuiert, der „historische Jesus“ habe die Kirche vielleicht gar nicht oder zumindest nicht so gewollt; die übliche Taktik des Protestantismus, einen Keil zwischen Christus und die Braut Christi zu treiben, war in der Kirche angekommen. Damit wurde natürlich auch Jesu Autorität und Wirken selbst geschmälert: Er war plötzlich für manche nicht mehr der Gott, der die Kirche vom Himmel aus lenkt und in ihr präsent ist, sondern der tote Gründer aus der Vergangenheit.

Das wirklich Perfide war, wie die Frommen im Zug der Nachkonzilszeit dazu gebracht wurden, sich den „vom Konzil gewollten“ Veränderungen zu beugen, still zu sein und zu gehorchen – von denen, die den Gehorsam in der Kirche in jedem anderen Zusammenhang jetzt verspotteten oder geringschätzten. Der Papst wollte es ja. Sollte man sich anmaßen, katholischer zu sein als der Papst? Man konnte mit der neuen Liturgie zwar nichts anfangen, die Bilderstürmerei in der Pfarrkirche war verstörend, aber man konnte sich doch nicht gegen die Kirche stellen. Und wenn man doch etwas dagegen tun wollte, wurde man als ungehorsamer Fanatiker abgestempelt – während offene Häretiker toleriert wurden. Ich kann mir ziemlich gut vorstellen, wie hilflos manche sich gefühlt haben müssen.

Es gab Katholiken, die gerade unter den liturgischen Veränderungen litten (darunter z. B. so bekannte Namen wie Evelyn Waugh und J. R. R. Tolkien), und solche, die auch Warnungen aussprachen, etwa Dietrich von Hildebrand in seinen Büchern „Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“ und „Der verwüstete Weinberg“. Und dann gab es auch einen gewissen französischen Bischof namens Marcel Lefebvre, ehemals Erzbischof von Dakar (Senegal) und selbst Konzilsvater, der sich angesichts der nachkonziliaren Verwüstungen entschloss, eine Priesterbruderschaft zu gründen, die die traditionelle Liturgie feiern und an der traditionellen Theologie klar festhalten sollte. Bald gab es Spannungen zwischen Rom und der Priesterbruderschaf St. Pius X.; Lefebvre wurde 1976 von Paul VI. suspendiert. Unter dem hl. Papst Johannes Paul II. schien sich wieder eine Einigung anzubahnen, doch dann weihte Lefebvre, der Rom nicht mehr traute, ohne Genehmigung vier Bischöfe und wurde exkommuniziert. Einige Priester verließen die Piusbruderschaft, gründeteten die Petrusbruderschaft und erreichten dafür eine Genehmigung vom Heiligen Stuhl. Das Verhältnis der Piusbrüder zu Rom blieb gespannt; Lefebvre starb als Exkommunizierter – eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, gerade wenn man darüber nachdenkt, wie mit Häretikern währenddessen umgegangen wurde.

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(Lefebvre (links) zu glücklicheren Zeiten bei seiner eigenen Bischofsweihe. Gemeinfrei.)

Unter Johannes Paul II. (und seiner rechten Hand, Kardinal Joseph Ratzinger, ehemals Konzilsberater und jetzt Präfekt der Glaubenskongregation) gab es zumindest ein wenig mehr Toleranz für die Traditionalisten, und auch sonst schien es ein gewisses konservatives Roll-back zu geben. Man betonte, dass das und das häretische Zeug gar nicht in den Konzilstexten stehe und das Konzil dies und jenes gar nicht gewollt habe. Johannes Paul II. war sehr klar in der Lehre z. B. beim Lebensrecht. Und er war, anders als Paul VI., fähig, größere Massen für den Glauben zu begeistern – durch seine Reisen, durch die Weltjugendtage. Auch führte er wieder eine andere Ostpolitik im Vatikan ein und behandelte den Kommunismus nicht mehr, wie die beiden Päpste vor ihm, wie etwas Unbesiegbares, mit dem man sich irgendwie arrangieren musste. Gegenüber häretischen Theologen wurden etwas mehr halbherzige Versuche unternommen, sie zur Vernunft zu bringen oder ihnen die Lehrerlaubnis zu entziehen. Andererseits betonte auch dieser Papst die Religionsfreiheit, veranstaltete interreligiöse Gebetstreffen in Assisi, und beließ die neue Liturgie, wie sie war. Ein „Zurück vors Konzil“ gab es nicht.

Leider.

Mir persönlich ging es genau umgekehrt wie der Konzilsgeneration: Ich bin mit dem liberalen häretischen Katholizismus aufgewachsen, habe dann den etwas liberalen, aber deutlich auf Lehramtstreue schauenden Nachkonzilskatholizismus endeckt, und am Ende Neuthomismus, Handbuchtheologie, Integralismus, kurz gesagt den Traditionalismus. Und ich bin ehrlich gesagt relativ wütend darüber, was mir so lange vorenthalten worden ist. Handbuchtheologie ist erfrischend!

Die Johannes-Paul-II.-Generation hat den Traditionalismus gemieden; die nächste Generation findet vielleicht eher zu ihm. Weil man merkt, dass einem etwas geraubt wurde, dass die Nachkonzilsrechtgläubigkeit vielleicht doch ein nicht nötiger Kompromiss war, und dass die goldene Mitte nicht bei ihr liegt. Es bringt doch nichts, immer nur darüber zu reden, dass das Konzil ja das und das gar nicht gesagt habe; natürlich hat es das nicht, aber eine gewisse Zweideutigkeit, ein gewisser Mangel an klarer Verkündigung bisher verkündigter Glaubenswahrheiten, ein falscher Tonfall findet sich eben schon in den Konzilsdokumenten.

Es ist doch okay, sich einzugestehen, dass „das“ Konzil ein ziemliches Desaster war – aus welchem Grund auch immer sich die einzelnen Faktoren damals zu einem solchen Desaster aufsummiert haben. Es hat schlicht keine Erneuerung gebracht, sondern Verwirrung. Es hat Katholiken aus der Kirche getrieben – viele in „liberale“ Häresien oder am Ende kompletten Unglauben, ein paar, die nicht fassen konnten, wie die Kirche sich zu ändern schien, auch in einen verschwörungstheoretischen Sedisvakantismus. Es hat unglaublich vielen Katholiken eingeimpft, die Kirche könne und würde sich bei Dingen ändern, bei denen sie noch beteuere, sie könne sich nicht ändern; und die Kirche vor „dem“ Konzil wäre gar nicht richtig christlich gewesen, erst jetzt fände sie langsam zu ihrer wirklichen Bestimmung. So wurde an dem Ast gesägt, auf dem man sitzt: Denn wenn die Kirche nicht verlässlich ist, wieso dann überhaupt noch katholisch sein? Die Konzilsgeneration blieb vielleicht noch großteils in der Kirche; die Generation danach ging schon seltener zur Kirche und nahm den Glauben weniger ernst; die Generation danach kann mit dem Glauben großteils wenig anfangen. In meiner Familie sehe ich das jeden Tag.

Das 2. Vatikanische Konzil samt den Reformen der Nachkonzilszeit war ein zunächst wohlmeinender, und dann völlig fehlgeschlagener und von den falschen Leuten gesteuerter Versuch, mit einer Welt zu dialogisieren, die eigentlich gar nicht mit der Kirche dialogisieren wollte. Mal ehrlich: Schon 1968 hätte kein Hippie, der freie Liebe propagierte, die Geduld aufgebracht, sich mit ein paar alten Bischöfen zusammenzusetzen, die vorschlugen, dass manche Ehepaare es ja vielleicht doch nach eingehender Prüfung mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten, zeitweise die Pille zu nehmen. Und auch bei den förmlichen Dialogen, die geführt wurden (z. B. mit protestantischen Kirchenvertretern) – was gab es dabei denn für Ergebnisse?

Ein weiteres Problem ist, dass „dem“ Konzil oft Dinge zugeschrieben werden, die nicht von ihm stammen, sondern schon lange existierten – z. B. die Lehre, dass es auch in anderen Religionen Elemente der Wahrheit gibt, und auch jemand, der einer anderen Religion angehört, in den Himmel kommen kann (dank praktisch „unüberwindlicher Unwissenheit“ über die wahre Religion). Interessanterweise wurde gerade unter Pius XII. ein Priester namens Leonard Feeney, der diese Lehre leugnete, und behauptete, dass ausschließlich getaufte Katholiken in den Himmel kommen könnten, und der nicht einmal die Begierde- und die Bluttaufe gelten lassen wollte, 1949 suspendiert und 1953 dann exkommuniziert; unter Paul VI. wurde seine Exkommunikation 1972 aufgehoben. Auch die Evolutionstheorie wurde (auch wenn er aus damaliger Sicht zur Vorsicht bei der vorschnellen Interpretation der Forschungsergebnisse mahnte) schon von Pius XII. für vereinbar mit dem katholischen Glauben gehalten und nie verurteilt. Die Sachlage ist klar: Die Vergangenheit soll diffamiert werden, indem man ihr Undifferenziertheit, Unbarmherzigkeit, Ahnungslosigkeit unterstellt; und die Nachkonzilszeit damit aufgewertet.

An allen anderen Konzilien und Synoden der Kirchengeschichte ist Kritik erlaubt und wird oft genug geübt; wieso sollte das letzte Konzil eine Vorrangstellung haben? Natürlich haben die „Pforten der Hölle“ die Kirche auch hier nicht überwunden; sie hat nichts Falsches zum Dogma erklärt. Aber unterhalb einer solchen Katastrophe verhindert der Heilige Geist leider nicht sämtlichen Mist, den Kleriker und andere Katholiken anrichten wollen.

Dietrich von Hildebrand fällt ein Gesamturteil über das 2. Vatikanum, das mir ziemlich passend vorkommt:

„Mag vieles vor dem Konzil reformbedürftig gewesen sein – ein Vergleich der Kirche im Jahr 1956 und 1972 drängt einem die Worte des Psalmisten auf: ‚Super flamina Babylonis illic sedimus et flevimus cum recordaremur Sion.‘ Psalm 136 (‚An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, als wir Sions gedachten.‘)“ (Der verwüstete Weinberg, 7. Kapitel)

 

* Auch die Ostkirchen kennen den Zölibat, auch wenn hier die Regeln weniger streng sind: Es können Verheiratete geweiht werden; wer unverheiratet geweiht wird, oder nach der Weihe zum Witwer wird, muss unverheiratet bleiben; und die Bischöfe werden nur aus den Unverheirateten gewählt.

Ein persönlicher Gott?

Der folgende Text ist ein Auszug aus Msgr. Ronald Knox‘ 1927 veröffentlichtem Buch „The belief of Catholics“ (5. Kapitel); für die Übersetzung und die Fußnoten danke ich Nepomuk. Das gesamte Werk findet sich auf Englisch hier.

In einem früheren Blogpost habe ich Msgr. Knox‘ Belege für die Existenz Gottes zitiert; hier geht es um die Eigenschaften Gottes. Viele Nichtchristen gehen bekanntlich noch mit, wenn man die Existenz einer ersten Ursache für die Welt postuliert, einer höheren Macht, oder halten sie zumindest nicht für unplausibel; zögern dann aber, wenn es um die Frage geht: Ist das denn ein persönlicher Gott? Oder nicht vielleicht eher eine unpersönliche Kraft? Jetzt also Knox zu dieser Frage.

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(Ronald Knox (1888-1957). Gemeinfrei.)

 

Wenn die Argumente, die im vorhergegangenen Kapitel angeführt wurden, gültig sind, vermitteln sie uns nicht nur einen Glauben an Gottes Existenz, sondern auch Ansichten zu gewissen Einzelheiten(60), die seine Natur betreffen. Ich habe hier nicht vor, wie ein Theologielehrbuch die verschiedenartigen „Eigenschaften Gottes“ zu diskutieren oder auch nur aufzuzählen, aus Furcht davor, die Leinwand unzweckmäßig überzubefüllen. Es ist für unsere gegenwärtigen Zwecke genug, darauf zu bestehen, daß der Gott, auf den man durch Betrachtung seiner Werke in der Natur schließt, ein transzendenter Gott sein muß, ein allmächtiger Gott, und ein persönlicher Gott.

Der Knackpunkt unserer Behauptung selbst war, daß die materielle Welt, die uns in unserer Erfahrung begegnet, nicht die Erklärung ihrer eigenen Existenz, der Kräfte, die sie kontrollieren, oder der Gesetze, die sie regieren, bietet, daß man nach der Erklärung folglich an einer Stelle Ausschau halten muß, die außerhalb ihrer selbst ist und über sie selbst geht. Will unser Gedanke zufriedengestellt sein, so muß er davon ausgehen, daß ein notwendiges Seiendes existiert, demgegenüber all dieses kontingente Seiende, die Schöpfungswelt, sekundär ist und von dem sie abhängt.

Ein Seiendes, oder, genauergenommen, ein Seiender. Wer müssen immer das Niedere mit dem Höheren erklären, nicht umgekehrt. Und die höchste Existenzform, von der wir irgendeine Erfahrung haben, ist Geist. Der Mensch findet heraus, daß er selbst dieses anscheinend einzigartige Privileg besitzt, das Objekt seiner eigenen Gedanken werden zu können. Er kann seine Aufmerksamkeit nicht nur auf Dinge außerhalb seiner selbst, sondern auf sich selbst als Denker, auf sich selbst beim Denken richten. Adam muß viele seltsame Erfahrungen gemacht haben, als er im Paradies erwachte, aber keine seltsamere denn die, sich selbst zu treffen. Der Unterschied zwischen diesem Sichseiner-selbst-Bewußtsein und bloßem Bewußtsein ist so real und so vital wie der Unterschied zwischen Bewußtsein und bloßem Leben, oder dem zwischen Leben und bloßer Existenz. Dieses spirituelle Prinzip, dieses sich seiner selbst bewußte Leben im Menschen, ist nicht zu erklären (und noch weniger zu verdeutlichen) durch seine Bedürfnisse als bloßer Bürger der natürlichen Schöpfung. Es ist etwas ganz außerhalb des Schemas gewöhnlichen organischen Lebens; es existiert um seiner selbst willen, und muß daher als höhere Existenzordnung betrachtet werden. Es ist naturgemäß auf diese höhere Existenzordnung, auf die er jene höchste aller möglichen Existenzen bezieht, die er mit dem Namen „Gott“ benennt.

Es war ein Lieblingsspott der Ungläubigen von XENOPHANES bis Rupert BROOKE: „Hätten Pferde sich Theologie ausgedacht, hätten sie Gott wie sich selbst vorgestellt, hätten Fische eine Theologie erfunden, hätten sie sich Gott wie sich selber vorgestelt.“ Die Kritik ist eine von der Art, daß sie das das Ziel derart weit verfehlt, daß sie gleich ihre eigene Widerlegung bietet. Denn die Tatsache ist, daß der Mensch Pferden und Fischen in genau einem Punkt überlegen ist, nämlich seinem Sichseiner-selbst-Bewußtsein, seinem spirituellen Leben; und es ist präzise kraft dieser spirituellen Qualität und kraft ihr allen, daß er es gewagt hat, sich Gott als ihm ähnlich vorzustellen: Er stellt sich Gott nicht als Starken Mann, sondern als Großen Geist vor, präzise jener Merkmale niederer Ordnung ermangelnd, die den Menschen in seiner dualen Natur mit den Tieren verbinden. Die Seele des Menschen, die im Gedächtnis, im Intellekt und im Willen außerhalb und über dem zufälligen Umstand seiner Sterblichkeit steht, ist der einzige Spiegel, den er in der Natur findet: der einzige Spiegel von jenem puren Akt, jener unermüdlichen Energie, die Gott ist.

Und ist Gott Geist, dann ist er ein persönlicher Gott. Denn all unsere Erfahrung mit Geist, all unsere Evidenz für seine Existenz, beruht auf dem Bewußtsein erster Hand, das jeder Mensch von sich selbst hat, und Indizien zweiter Hand, die auf die Existenz eines ähnlichen Bewußtseins in seinem Nächsten hinweisen. Jeder Geist, wie er uns in unserer Erfahrung gegeben wird, ist ein einsamer Punkt bewußter Existenz. Die Materie, wie wir sie kennen, kann in verschiedene Kombinationen eintreten und verschiedenartige Formen annehmen; aber „Geist“ treffen wir nirgends an, nur „Geister“.(61) Und der Gedanke, daß Gott nicht ein Geist, sondern die Gesamtheit existierender Geister und nichts weiter sei, der Gedanke, daß er „Geist“ und nicht ein Geist sei, ist reine Mythologie. Er übersieht, jene Individualität, jene Unübertragbarkeit, die alle Geister unserer Erfahrung nach gemeinsam haben. Ich stelle freilich nicht in den Raum, daß das Seiende, das uns geschaffen hat, all jenen Grenzen unterworfen ist, welche unsere Vorstellungen mit dem Wort „Persönlichkeit“ möglicherweise assoziieren. Aber indem wir denken, daß Gott ein Geist ist, können wir die Idee bewußter Individualität nicht ausschließen, denn jene Idee ist für unser ganzes Konzept einer Geistnatur essentiell.
Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen: indem wir die Natur Gottes so als transzendent, allmächtig und persönlich abgrenzen, haben wir die Weggemeinschaft nicht nur mit den Irreligiösen, sondern auch mit einer großen Anzahl des eher religiös empfindenden Teils der Menschheit aufgekündigt. Wir haben bis jetzt noch nichts gesagt, was ein Jude oder ein Mohammedaner nicht wiederholen könnte. Aber wir haben – schon jetzt – den Kampf mit jenem pantheistischen Begriff des göttlichen Wesens aufgenommen, welcher einen so profunden Einfluß auf andere Religionen des Ostens gehabt hat.

Das Laster des Pantheismus ist, daß seine Theologie das Leben, nicht den Geist, als Anknüpfungspunkt nimmt. Nachdem er die Welt (fälschlich) als Dichotomie aus Materie und Leben aufgefaßt hat, nimmt der Pantheist an, daß der lebendige Organismus der Spiegel des Universums sei. Und wie im Lebewesen als solchem die Materie ein Lebensprinzip finde, das sie organisiere, so müsse die ganze Materiesumme, die existiere, ein Leben haben, das sie organisiere, ein Leben, daß die Aufsummierung all des Lebens (es sei pflanzlich oder tierisch) sei, das existiere. Dieses Leben sei Gott; Gott sei der Welt, was die Seele (in ihrem weitesten Sinn) dem Körper ist. So bringt es die pantheistische Theologie einerseits fertig, eine Erklärung der Existenz zu geben, die gar keine Erklärung ist: die Totalität unserer Erfahrungen plus Weltseele bringt nun einmal nicht durch die Addition allein irgendeine Erklärung, wie oder warum sie begonnen hat zu existieren. Und andererseits bringt sie es fertig, unsere Gedanken mit einem Begriff von „Gott“ zu belasten, der nicht Gott ist: der tatsächlich nur eine Abstraktion ist, wie „tierisches Leben“ gegenüber Materie eine Abstraktion ist; eine Abstraktion, die weder unsere Schicksale beeinflussen, noch unser Verhalten vorschreiben, noch unsere Anbetung beanspruchen kann: machtlos, amoralisch – und nur aus Höflichkeit unterläßt es der Engländer, den Namen „Gott“ in diesem Zusammenhang wie jedes andere Substantiv kleinzuschreiben.

Der Gott, den wir Katholiken anbeten – wir Katholiken, mit den Juden und den Mohammedanern(62) –, ist wirklich so scharf geschieden von dem Begriff einer Gottheit, der die vielköpfigen Monster des heidnischen Ostens synkretisiert, spiritualisiert oder überlagert hat. – Ist der Gott der modernen Protestanten so klar von seinem orientalischen Gegenüber abgegrenzt? Ich gestehe, daß ich akute und wachsende Bedenken in diesem Punkte habe. Die Tendenz im Protestantismus, wie ich im letzten Kapitel erörtert habe, ist die Evidenz von Gottes Existenz eher in einem angeblichen Instinkt oder einer Intuition zu finden als in irgendeinem Schluß von Prämissen, die in Erfahrung gegründet sind. Aber solche Beweismethoden, selbst wenn wir ihre Gültigkeit zugestehen sollten, würden nur dafür dienen, die Tatsache seiner Existenz zu akzeptieren, ohne uns irgendetwas über seine Natur zu erzählen. Die meisten Menschen glauben an Gott, ja – aber wenn man es näher betrachtet, ist ein großer Prozentsatz von ihnen Pantheisten der einen oder anderen Schattierung; der allgemeine Glaube der Menschheit führt also nicht dazu, die Existenz einer transzendenten Gottheit zu verkünden. Es gibt in der Natur des Menschen etwas, weswegen es ihn juckt anzubeten, einen Religionsinstinkt, ja – aber zu welcher Art von Religion? Warum sollte nicht (zum Beispiel) der Buddhismus das Verlangen befriedigen können? Die Mystiker haben direkte Erfahrungen von Gottes Gegenwart gemacht, es ziemt sich also für uns, ihren Erfahrungen eher als unseren erdgebundenen Vorstellungen zu trauen, ja – aber welchen Mystikern? Den christlichen oder den buddhistischen? Wenn wir nicht bereit sind, auf die Lehre von Descartes und BERKELEY zurückzufallen, die Gott unmittelbar für jene Ideen verantwortlich machen, durch die allein wir in Kontakt mit irgendeiner äußeren Realität kommen, scheint mir, daß all diese „direkten“ Beweise für Gottes Existenz bloß eine blanke Formel abwerfen, und wir keinen intellektuellen Apparat haben, sie auszufüllen.

Welche Art Gott also will der Protestantismus uns zur Anbetung vorstellen? Unsere idealistischen Philosophen, die immer noch wehmütig den Hegelianismus wiederkäuen, haben weder eine Garantie anzubieten, daß Gott allmächtig ist, noch, in welchem Sinne er persönlich ist. Es bleibt nur das moralische Argument, um den Protestantismus in seinen abenteuerlicheren Formen von den rauheren Formen des Pantheismus unterscheiden zu können.

Zweifelsohne wird wenigstens in der westlichen Hemisphäre immer daran festgehalten werden, daß das Höchste Wesen, wie vorgestellt auch immer, die Spitze sein muß, die in sich all jenes Anstreben nach Güte vereint, in welches unsere eigene moralische Erfahrung uns lehrt sich hineinzustürzen. Aber: Ist so ein Gott notwendig der Richter der Lebenden und der Toten? Ist es zulässig, zu ihm zu beten, in dem Sinne, daß man um Gefallen bittet, die er gewähren kann? Hat er die Eigenschaften des Gottes, von dem Jesus von Nazareth gepredigt hat und den zu offenbaren er anscheinend den Anspruch erhoben hat? – Es ist gewiß an der Zeit, daß die protestantischen Theologen über die Fundamente ihres Denkens einmal ernsthaft nachdenken sollten; und über diese Frage nicht am wenigsten, nämlich was wir von Gottes Natur wissen und auf welcher gedanklichen Grundlage ruht unser Wissen? Denn in dieser Angelegenheit sind die Ideen ihrer halbherzigen Unterstützer beklagenswert unzusammenhängend; und solches Zögern kann recht einfach, bevor viel Zeit verstrichen ist, eine Handhabe für die Propaganda der „Theosophie“ und ähnlicher Gedanken sein.

Die Lehre von Gottes Allmacht bringt mit sich eine weitere Annahme, die von beachtlicher Wichtigkeit in den folgenden Kapiteln sein wird – ich meine die stetige Möglichkeit eines Wunders.

Wenn die Gesetze der natürlichen Schöpfung nicht ein Ausdruck der Natur Gottes sind, wie der Pantheist sagen würde, sondern „nur“ seines Willens, dann folgt daraus, daß er die Freiheit hat, wenn er es will, ihr In-Aktion-Treten zu suspendieren, oder um es genauer zu sagen, ihr In-AktionTreten durch das höherer Gesetze zu verdrängen, die uns nicht bekanntgemacht sind. Es ist nur vernünftig – wäre diese Selbstverständlichkeit doch nur so verbreitet, wie sie vernünftig ist! Nämlich damit wir einen klaren Begriff von der theoretischen Möglichkeit zu haben, daß Wunder passieren.

Erst dann können wir hergehen und die Beweislage – wie jede historische Beweislage an und für sich diskutierbar – abschätzen für die einzelnen(63) Behauptungen, daß es in der Geschichte tatsächlich Wunder gegeben hat.

Vor anderthalb Jahrhunderten wäre es in diesem Zusammenhang notwendig gewesen, in diesem Zusammenhang das als Deismus bekannte philosophische System sorgfältig zu untersuchen. Es war nur natürlich, daß die Errungenschaften der mechanischen Wissenschaft im achtzehnten Jahrhundert die Geister der Menschen mit der Idee des „Mechanismus“ prägen würden; es war nur natürlich, daß die christliche Apologetik der Epoche im Gegenzug diese Idee reflektieren würde. Der Deismus behauptet mit Nachdruck die ersten zwei bzw. vier scholastischen Beweise der Existenz Gottes, vernachlässigt aber den dritten bzw. fünften(64). Wenn wir an Gott nur als an die Erste Ursache und den Primären Beweger denken, ist es nicht notwendig zu denken, daß er den Lauf der natürlichen Schöpfung im Hier und Jetzt beeinflußt. Man kann sich stattdessen vorstellen, daß er zu einem Zeitpunkt in der unendlich weit zurückliegenden Vergangenheit eine Welt gefertigt und ihr Gesetze physikalischer und biologischer Art gegeben habe, um ihre Bewegungen zu leiten, und sie dann sich selbst überlassen habe, wie ein Schiff, dessen Ruder festgebunden ist, auf daß sie ihr unausweichliches und vorhergesehenes Schicksal erreiche. Die Metapher PALEYS von der ein für allemal aufgezogenen Uhr ist natürlich die klassische Illustration dieses deistischen Konzepts. Sie stellt sich Gott so vor, als habe er das Universum gemacht, aber es nicht von Moment zu Moment führe, ganz zu schweigen davon, daß er es im Dasein erhielte. Ein solches System war in beträchtlichem Maße peinlich berührt, wenn es Raum für die Möglichkeit von Wundern finden sollte. Ein Wunder in einen so regierten Kosmos hineinzuschmuggeln, hieße, eine Speiche in die Räder der Maschine zu tun, mit für das Schema im ganzen fatalen Konsequenzen.

Vom Deismus spricht man heutzutage nur als von einer Schrulle der Vergangenheit; er hat wenige lebende Unterstützer, wenn überhaupt welche. Es ist daher kaum nötig, den Leser zu erinnern, daß Gesetze sich nicht selbst ausführen; sie sind Prinzipien, die ganz wie die politischen(65) Gesetze eine Exekutive brauchen, die sie umsetzt; und sich vorzustellen, die Naturgesetze würden aus Eigeninitiative handeln, unabhängig von Gottes concursus, wie die Scholastiker das nennen(66), heißt diese Gesetze zu personifizieren, wenn nicht gar zu vergöttlichen. Die katholische Idee von Gott ist ein für allemal in dem Ausspruch unseres Heilandes zusammengefaßt, daß kein Spatz zu Boden fallen kann ohne unseren Himmlischen Vater(67); es kann kein Ereignis geben, wie unbedeutend, wie scheinbar zufällig, wie grausam in seiner Auswirkung auf das Individuum auch immer, das nicht hier und jetzt des concursus der göttlichen Macht bedürfte. Damit meine ich übrigens nicht, daß das katholische Denken diesen Glauben mit diesem Ausspruch unseres Heilandes begründete, als ob wir davon sonst nichts wissen könnten; das gehört zur natürlichen, nicht zur rein geoffenbarten Theologie. Gott allein existiert mit Notwendigkeit; unsere Existenz ist kontingent, hängt, heißt das, von Augenblick zu Augenblick auf einer Ausübung seines Willens ab. Er hat die Zügel nicht fallen gelassen, er hat das Ruder nicht angebunden, er werkt nicht durch die Gesetze, sondern nur gemäß den Gesetzen, die er für sich selbst niedergelegt hat, als er die Grundsätze für die Regierung seiner Geschöpfe niederlegte.

Man wird leicht sehen: Sobald mal einmal diese Ansicht von der göttlichen Ökonomie (wie der Theologe das nennt)(68) begriffen hat, kann es kein weiteres Gerede geben, daß Wunder wegen Unmöglichkeit auszuschließen sind. Dem Debattengegner steht nach wie vor offen zu sagen, daß es mit unserer Idee von Gottes Würde nicht zusammenpasse, sich ihn als in seinen eigenen Gesetze eingreifend vorzustellen, oder daß es eine Kritik gegen jene Gesetze selbst sei, anzunehmen, daß es jemals notwendig sei, sie zugunsten eines individuellen Bedarfs zu suspendieren. Solchen Einwänden werden wir später begegnen müssen; fürs erste ist es genug, darauf hinzuweisen, daß die Wunder, soweit es um ihre Möglichkeit geht, in das Schema der Dinge eben doch hineinpassen. Tatsächlich heißt, Gott als allmächtig zu beschreiben, zuzugeben, daß Wunder möglich sind. Die Schwierigkeit, kann man sogar sagen, ist für unsere menschliche Vorstellung sogar eher der Fall des Spatzen als die Speisung der Fünftausend. Denn im Fall des Spatzen ist die göttliche Macht ebenso am Werk wie in der Speisung der Fünftausend; nur ist in diesem Fall der concursus Gottes als der Primärursache mit jenen Sekundärursachen, die wir geneigt sind, für in sich selbst vollständig zu halten, eine Sache, die für die Vorstellung so verwirrend ist wie für das Denken notwendig.

Wir haben erst den ersten Artikel des Credos betrachtet, das Katholiken wie Protestanten gleichermaßen anerkennen:„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen.“ Man wird gesehen haben, daß die Umrisse des katholischen Systems bereits anfangen, auf der Leinwand Gestalt anzunehmen; es beginnt schon, sich im Relief abzuheben nicht nur gegen die pantheistischen Religionen des Ostens, die für unsere Landsleute nie attraktiv waren(69), sondern auch gegen viel Vagheit und Unentschiedenheit, die man in nichtkatholischen theologischen Werken lesen oder vermuten kann.

Nicht daß der Protestantismus in seinen offiziellen Formularen einen Grund für eine Meinungsverschiedenheit mit uns in solch fundamentalen Angelegenheiten wie diesen fände oder je gefunden hätte: aber ich wäre wirklich sehr überrascht, wenn die Argumente, die ich in diesem und dem vorangegangen Kapitel angeführt habe, und die Schlüsse, die ich daselbst aus ihnen gezogen habe, nicht doch einige meiner klerikalen Freunde in der anglikanischen Kirche dazu bewegten, die Hände empört wegen meiner katholischen Intransigenz, wegen dem hier vorgestellten gedanklichen Mittelaltertum zu erheben. Die katholische Idee von Gott sollte von der protestantischen nicht verschieden sein; aber ich fürchte, daß in der Praxis ein Schatten eines Unterschiedes schon jetzt zwischen ihnen erkennbar ist. Und wenn das so ist, dann ist der Grund dafür an erster Stelle der Lokalpatriotismus der einzelnen Fachbereiche in der theologischen Fakultät, die Abwesenheit eines Systems, die unter den nichtkatholischen Theologen regiert, und dann teilweise der Geist des unautorisierten Abenteuers, der sie dazu führt, fröhlich zur Verfolgung irgendeiner neuen These aufzubrechen, schließlich teilweise teils der extreme Mangel an Neugier, mit dem der durchschnittliche Gottesdienstbesucher alle lehrmäßigen Details betrachtet.

Ich wünschte, ich könnte denken, daß meine Einschätzung der Situation übertrieben sei, und meine Vorahnungen der Zukunft bloß Geunke.

 

(60) „Ansichten zu gewissen Einzelheiten“: zur Verdeutlichung eingefügt, im Original nur: „gewisse Ansichten“.

(61) Problematisch ist daher die in gewissen, auch katholischen, charismatischen Kreisen verbreitete Ausdrucksweise, Gott habe „viel Geist“, gar „viel Heiligen Geist“ ausgeschüttet, man bitte um viel Heiligen Geist usw. Man darf „Geist“ nicht mit etwas verwechseln, daß im intendierten Sinn wohl „Ausmaß von emotionaler Begeisterung“ heißen soll.

(62) Und natürlich auch mit den Orthodoxen.

(63) „einzelnen“ eingefügt.

(64) „bzw. vier“ und „bzw. fünften“ dem Sinn entsprechend eingefügt: je nachdem, ob man Bewegung, Ursache und Kontingenz als drei Beweise oder als einen auffaßt.

(65) „ganz wie die politischen“: zur Verdeutlichung eingefügt.

(66) „concursus, wie die Scholastiker das nennen“: zur Verdeutlichung der lateinische Fachbegriff mit einem Einschub. Im Original concurrence, was genau den concursus der Scholastiker meint, aber hier wörtlich nicht zu übersetzen ist.

(67) Mt 10,29

(68) Einschub eingefügt.

(69) An dieser Stelle übertreibt Msgr. Knox eher oder bezieht sich auf die historische Vergangenheit. Tatsächlich kann ein Sittengemälde, das eben doch von der Attraktivität der fernöstlichen Religionen spricht, schon für seine eigenen Zeiten Chestertons Kriminalgeschichten entnommen werden (in Ermangelung besserer Quellen); heute sind selbige Kulte, auch wenn man der Auffassung der Europäer von ihnen wohl begrenzten Umfang und verwestlichende Überlagerung attestieren wird können, jedenfalls unbestreitbar von gewisser Attraktivität: ich verweise dabei nicht nur auf etwa die Beatles, was man ja als Künstlerschrullen abtun könnte, sondern auch auf so offenkundig glaubwürdige ost-begeisterte Figuren wie den „Effendi“ der beliebten Serie Irgendwie und Sowieso.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 4c: Das 1. Gebot – was die Tugend der Gottesliebe praktisch bedeutet

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Die wichtigsten ethischen Pflichten kann man anhand der 10 Gebote durchgehen. Das 1. lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Es gibt nur einen Gott; und dem gebührt der vorrangige Platz im Leben. Im dritten Teil bin ich schon darauf eingegangen, wieso es richtig und geboten ist, an Gott zu glauben, auf Gott zu hoffen und Gott zu lieben; außerdem schreibt das 1. Gebot vor, Gott zu ehren und anzubeten, und verbietet, irgendetwas Ihm in dieser Hinsicht gleichzustellen.

In Teil 4a habe ich mehr zum Glauben gesagt, in Teil 4b zur Hoffnung; jetzt etwas mehr zur göttlichen Tugend der (Gottes-)Liebe.

(Noch einmal zur Erinnerung: Pflichten gegenüber Gott ergeben sich nicht daraus, dass Gott Menschen bräuchte oder es Ihm schaden würde, wenn sie Ihn nicht angemessen verehren würden. Gott kommt sehr gut ohne uns aus. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass das die angemessene Haltung gegenüber Gott ist. Ein Vergleich: Wenn man über einen Toten Lügen verbreitet, kann man ihm damit auch nicht mehr schaden; trotzdem ist es eine Sünde ihm gegenüber. Und letztlich schadet es immer dem Menschen selbst, wenn er Gott durch etwas anderes ersetzt (egal welche falsche Religion oder Ideologie das ist); die Gebote sind um unsretwillen da.)

Die Liebe (lateinisch caritas, griechisch agape; nicht zu verwechseln mit eros oder anderen Formen der Liebe) ist wie der Glaube und die Hoffnung eine übernatürliche, von Gott „eingegossene“ Tugend; also keine, die mit den rein natürlichen menschlichen Kräften  zu erreichen ist; mithilfe von Gottes Gnade selbstverständlich trotzdem für jeden möglich. Zu ihr gehören die Gottesliebe, die Nächstenliebe und die Selbstliebe, gemäß den Worten Jesu: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22,37-39)

Hier nur näher zu dem, was die Gottesliebe konkret meint; die Nächsten- und die Selbstliebe kommen im 4.-10. Gebot ins Spiel und sind für diese Gebote die Grundlage wie die Gottesliebe für das 1.-3.

 

Was bedeutet „Gottesliebe“ überhaupt? Ich bin hier schon einmal ausführlich darauf eingegangen, dass die Nächsten- und Selbstliebe eine grundsätzliche Bejahung, ein grundsätzliches Wohlwollen, ein Sehen des Wertes eines Menschen bedeuten. Gott kann man nun zwar im Grunde genommen nichts Gutes tun (Er braucht einen nicht), sehr wohl aber kann man Ihn als das höchste Gut, als den einzigen im echten Sinne Guten und aller Liebe und Anbetung Werten anerkennen, sich vornehmen, Ihm den höchsten Platz im Leben einzuräumen (also Ihm zu gehorchen, wenn es zum Konfliktfall kommt), Ihm gefallen wollen, wünschen, Ihn zu sehen und mit Ihm eins zu werden. Der hl. Thomas sagt schon, dass jede Liebe – ob menschliche Freundschaft oder andere Formen der Liebe – eine Art Vereinigung mit dem Geliebten beinhaltet.

Auch Nächsten- und Selbstliebe folgen eigentlich gleich direkt aus der Gottesliebe, da der, der Gott liebt, auch alles lieben muss, was Gott geschaffen hat, liebt und zu lieben befiehlt.

So, wie man ab und zu einen „Akt des Glaubens“ oder einen „Akt der Hoffnung“ setzen muss, so auch einen „Akt der Liebe“; also die Entscheidung zur Gottesliebe treffen. (Ein bewusster Akt der Liebe kann z. B. so aussehen: „Herr und Gott, ich liebe dich über alles und meinen Nächsten um deinetwillen. Denn du bist das höchste, unendliche und vollkommenste Gut, das aller Liebe würdig ist. In dieser Liebe will ich leben und sterben. Amen.“(Quelle: Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Anhang.)) Aber ebenso wie beim Glauben und der Hoffnung setzt der Christ im Normalfall automatisch immer wieder zumindest implizit Akte der Gottesliebe (z. B. beim Gebet). Ein (zumindest impliziter) Akt der Gottesliebe gehört auch zur Liebesreue, die nötig ist, um Gottes Vergebung für schwere Sünden zu erlangen, wenn man (noch) nicht zur Beichte kommt; außerdem braucht es die Gottesliebe besonders dann, wenn man ohne sie eine Versuchung nicht überwinden kann.

 

Sünden gegen die Gottesliebe sind (naheliegendermaßen) das Fehlen der Gottesliebe (also nie oder extrem selten die Gottesliebe erwecken) und der Hass gegen Gott: Was sich z. B. darin äußert, dass man Gott hasst, weil Er etwas verbietet, das man gern tut (oder tun würde); wenn man damit prahlt, etwas getan zu haben, das Gott verbietet; sich wünscht, es würde Ihn nicht geben oder Er wäre nicht gerecht oder allwissend; sich wirklich gegen seine Vorsehung auflehnt; wenn man Ihm gerne schaden würde (wenn das möglich wäre); Seine Ehre angreifen möchte z. B. durch Verfolgung der Kirche oder Blasphemie (Verfolgung der Kirche oder Blasphemie müssen nicht aus Hass auf Gott geschehen, es können auch Dummheit, Gruppenzwang u. Ä. Auslöser sein; sie können es aber); oder Ähnliches.

Wenn ein wirklicher, willentlicher Hass auf Gott da ist, v. a. ein konstanter, sich in Worten und Taten äußernder, ist das offensichtlich eine schwere Sünde; aber es kann wohl auch mal z. B. ein flüchtiges Spielen mit einer Abneigung gegen Gott da sein, die nicht die wirkliche Entscheidung zum Gotteshass beinhaltet, ein gewisses leichtes Hadern mit Gottes Vorsehung, eine Art Zorn auf Gott aus Angst oder Traurigkeit in einer schlimmen Situation, bei der man nicht wirklich Gott hasst oder wirklich an Ihm zweifelt, aber trotzdem Zorn fühlt und ihm ein wenig nachgibt, weil es gerade gut zu tun scheint; was dann lässliche Sünden wären. (Gefühle sind generell noch keine Sünde, sondern Versuchung; wenn die Zulassung des Willens da ist, ist etwas Sünde. Solche Gefühle als Gefühle anerkennen, und sie vor Gott zu bringen, wobei man sich bewusst macht, dass Gott im Endeffekt alles besser weiß und Antworten haben wird, ist genau das Richtige und keine Sünde; mit solchen Gefühlen flirten und sie nicht wirklich vor Gott bringen, ihnen aber auch nicht ganz nachgeben, wohl eher eine lässliche.)

Skrupel vs. Gewissen

Eine Falle für Skrupulanten, die ihre Skrupulosität überwinden wollen, kann der Gedanke sein: Gut, das und das scheint nach der Lehre der Kirche prinzipiell keine Sünde zu sein. Aber irgendwie kommen mir doch Bedenken, dass es in meinem Fall wegen dieser und jener Umstände falsch sein könnte. Und sollte man nicht nach katholischer Lehre auch auf sein Gewissen hören – auch dann, wenn es etwas verbietet, das nicht so eindeutig allgemein verboten ist?

Immerhin sagt auch der Apostel Paulus in Römer 14, dass man nicht gegen das Gewissen handeln soll – auch wenn das Essen von Götzenopferfleisch, worum es in diesem Fall geht, tatsächlich nicht schlimm ist. „Wer aber Zweifel hat, wenn er etwas isst, der ist gerichtet, weil er nicht aus der Überzeugung des Glaubens handelt. Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde.“ (Römer 14,23)

Nun: Paulus sagt tatsächlich, dass man nicht gegen das Gewissen handeln darf. Aber dann sagt er eben nicht, dass es nicht noch besser wäre, wenn diejenigen, die eine falsche Vorstellung vom Richtigen und Falschen, ein falsch geformtes Gewissen, haben, das einfach korrigieren. Das Gewissen muss man formen; das sagt die Kirche auch. Man sollte schon lernen, was richtig und was falsch und was moralisch neutral ist, um sich kein unnötiges schlechtes Gewissen zu machen (oder umgekehrt zu arg lax zu werden). Und wenn jemand dann gelernt hat, dass es (z. B.) keine Sünde ist, Götzenopferfleisch zu essen, dann spricht sein Gewissen auch nicht mehr dagegen. Bei Skrupulanten ist es zudem oft so, dass man eigentlich irgendwo schon weiß, dass das und das nicht Sünde ist, dann aber doch die krankhaften Zweifel kommen.

Und Skrupel sind eben nicht die Stimme des Gewissens. Das Gewissen sieht man in der Vernunft, in dem vernunftgeleiteten Urteil am Werk, dass diese und jene harmlose Handlung nicht Sünde ist. Der Zwangsgedanke, der dann sofort hineingrätscht und fragt „Aber wenn doch?“ ist nicht die Stimme des Gewissens, sondern eine Krankheit. Deshalb hilft es auch, sich auf das Gewissen eines Beichtvaters zu verlassen, das hoffentlich gesund ist und nicht von Zwangsgedanken bedrängt und verwirrt wird.

„Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde“ – ja, aber die Bekämpfung der Skrupel und der Gehorsam gegenüber dem Beichtvater, wenn man einen hat, geschehen „aus Glauben“.

Wieso kein Frauenpriestertum?

Und sie können es nicht lassen: In den letzten fünfzig oder sechzig Jahren hatten wir offenbar noch nicht genug davon, also findet gerade wieder mal eine Protestaktion für Priesterinnen in der katholischen Kirche statt, die sich mit größerer Hybris als üblich „Maria 2.0“ nennt: Verbessern wir doch einfach mal die Gottesmutter. Darauf ließe sich knapp mit einem Zitat der realen Maria antworten: „Er [Gott] zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.“ Auch die Strategie ist blasphemischer als üblich: Man boykottiert Mariens Sohn und ruft zur schweren Sünde auf, nämlich dem Fernbleiben von der sonntäglichen Eucharistie und damit von Jesus. Damit zeigt man es dem bösen Klerus aber mal.

Man könnte jetzt darüber lästern, dass die Grüppchen, die sich diese Woche vor ein paar Kirchentüren im Lande versammelt haben und ihre Sonntagspflicht verletzen, hauptsächlich aus Frauen über 60 zu bestehen scheinen, aber man soll ja nicht schadenfroh sein. Und man muss zugeben, dass auch die meisten jüngeren Frauen in Deutschland, wenn man sie fragen würde, meinen würden, die Kirche sollte Priesterinnen zulassen; der Unterschied ist freilich, dass die sich nicht mehr für die Kirche und kircheninterne Streiks interessieren und auch nicht kommen würden, wenn die Kirche Priesterinnen zulassen würde – was zu einem nicht geringen Teil das Verdienst der älteren Damen (und Herren) sein könnte, die für Priesterinnen werben. Wenn etliche Katholikinnen selbst ihr Bestes dazu tun, die Kirche als völlig auf dem Holzweg darzustellen, muss man nicht damit rechnen, dass man ihr viele neue Anhängerinnen bringt.

Screenshot (143)

Aber: Wieso jetzt eigentlich keine Frauen als katholische Priesterinnen? Das Thema kommt ja immer wieder auf; und ich habe früher auch nicht verstanden, wieso eigentlich nicht. (Woran, wie gesagt, diese ältere Generation in der Kirche schuld war, die einem keinen Katholizismus beibringt.)

Die einfachste und prinzipiell ausreichende Antwort darauf ist, dass Jesus es nicht wollte. Er hat in den Kreis der Zwölf nur Männer berufen; nicht eine einzige Frau unter Zwölf, was Er gekonnt hätte (Er hielt sich nicht immer an gesellschaftliche Konventionen, und auch damals gab es in anderen Kulten Priesterinnen); auch die Apostel haben nirgendwo Frauen als ihre Nachfolger eingesetzt. Jesus ist Gott; was Gott tut, ist richtig; wir haben Gott zu folgen. Außerdem wurde von der Kirche bereits wiederholt festgestellt und bestätigt, dass die Lehre vom ausschließlich männlichen Priestertum unveränderlich und als „zum Glaubensgut gehörend“ zu betrachten ist, also von jedem Katholiken angenommen werden muss; und auf die von Jesus eingesetzte Kirche vertrauen wir.

So weit, so gut; aber alles, was Gott tut, muss auch einen Grund haben, muss aus irgendeinem Grund notwendig oder zumindest angemessen sein. Und da kann man weiter suchen.

Grundsätzlich gilt zunächst, dass Priester nach katholischer Vorstellung vom Priesteramt eben nicht nur eine Gemeinde organisieren und Predigten halten, sondern dass sie vor allem Christus, das Haupt der Kirche, in heiligen Riten (v. a. der Eucharistie) repräsentieren, in denen Er durch sie handelt. Es gab im Lauf der Geschichte viele Kulte mit Priesterinnen; aber das waren dann normalerweise Priesterinnen einer als weiblich gedachten Gottheit.

Aber wieso denn keine weiblich gedachte Gottheit?, könnte man einwenden. Gott steht über der menschlichen Geschlechterpolarität, Er ist weder männlich noch weiblich. Wieso Ihn also nicht auch „Sie“, „Göttin“, „Mutter“ nennen?

Aus einem einfachen Grund: Er hat sich in männlicher Form zu erkennen gegeben, uns angewiesen, Ihn „Vater“ (und nicht „Mutter“) zu nennen, und ist als Mann Mensch geworden – Priester handeln in persona Christi, in der Person Christi, eines Mannes. Gott wird in der Bibel an ein paar vereinzelten Stellen mit einer Mutter verglichen, aber nie so angesprochen. Das hat auch seine Gründe: Der Glaube an Muttergottheiten hat immer etwas Pantheistisches (man denkt an die Erde, die das Leben gebiert), während das Bild des Vatergottes besser zu einem außerhalb der Welt stehenden Schöpfer passt, an den Christen glauben. Es ist wichtig, in welchen Bildern und Begriffen man von Gott spricht.

Wenn das ausschließlich männliche Priestertum verteidigt wird, wird oft der Vergleich herangezogen, dass Männer auch nicht schwanger werden könnten, so wenig, wie Frauen Priester werden könnten, was auch keine Diskriminierung der Männer durch den Schöpfer von Mann und Frau sei. Dagegen könnte man einwenden, dass Männer zwar keine so zentrale Rolle beim Kinderkriegen spielen wie Frauen und keine so ursprüngliche, intime Bindung zu ihren Kindern haben wie sie, aber trotzdem eine ziemlich wichtige komplementäre Rolle: Zu jeder Mutter braucht es einen Vater. Gibt es eine ergänzende Rolle für Frauen zu den männlichen Priestern?

Es gibt tatsächlich eine: Die geweihte Jungfrau. „Die geweihte Jungfrau (virgo consecrata) ist vor allem Braut Christi (sponsa Christi). Dies ist der Kern des Weihegebetes. (…) Durch ihre Weihe wird die geweihte Jungfrau zu einem Zeichen, das auf die bräutliche und unzertrennliche Liebe der Kirche zu Christus hinweist.“ (Quelle hier.) Der Priester vertritt also Christus; die geweihte Jungfrau repräsentiert die Kirche, die Braut Christi. Geweihte Jungfrau können tatsächlich nur Frauen werden. (Auf eine gewisse Weise kann und soll natürlich jeder Christ beide Rollen verkörpern: In uns soll Christus gegenüber anderen lebendig werden und wir sagen andererseits auch alle als Glieder der Kirche zu Christus: „Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, / mein König und mein Bräutigam, / du hältst mein Herz gefangen. […] Er hat mich ganz sich angetraut, er ist nun mein, ich seine Braut; drum mich auch nichts betrübet.“)

Es ist natürlich für beide Geschlechter möglich, in einer Ordensgemeinschaft oder als Privatgelübde ein Gelübde der ehelosen Keuschheit (und evtl. die weiteren Gelübde der Armut und des Gehorsams) abzulegen; das ist aber unterschieden von der Jungfrauenweihe. Übrigens besteht ein weiterer Unterschied zwischen den Nonnen & Frauen mit Privatgelübden und den vom Bischof geweihten Jungfrauen darin, dass die geweihten Jungfrauen tatsächlich Jungfrauen sein müssen – also niemals freiwillig Sex gehabt haben oder (nach den neuen Statuten) zumindest „niemals eine Ehe eingegangen sind und auch nicht offenkundig ein dem jungfräulichen Stand widersprechendes Leben geführt haben“ (was auch immer genau das heißen soll) –  während auch Witwen oder reuige ehemals promiskuitive Frauen als Nonnen in einen Orden eintreten oder Privatgelübde ablegen können: Bei geweihten Jungfrauen steht ihre symbolische Bedeutung mehr im Vordergrund, sie repräsentieren die gesamte Kirche, von der Paulus schreibt „ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen“ (2 Korinther 11,2). „Die Lebensform der geweihten Jungfrau ist zu verstehen als Zeichen für die virgo ecclesia, die dem kommenden Herrn auf Erden betend und ihn bezeugend entgegenharrt und sich für ihren Bräutigam bewusst bereitet.“ (Quelle hier.)

(Barna da Siena, Mystische Hochzeit der hl. Katharina von Siena. Gemeinfrei.)

Witzigerweise gab es tatsächlich einmal jemanden, der es den geweihten Jungfrauen neidete, dass sie eine Position hatten, die Männern nicht offen stand: den etwas überheblichen und etwas frauenfeindlichen antiken Theologen (und gegen Ende seines Lebens zu den Montanisten übergegangenen Ketzer) Tertullian (gest. nach 220 n. Chr.), der folgendes über die in der Kirche besonders geehrten geweihten Jungfrauen schrieb (er argumentiert an dieser Stelle dafür, dass die geweihten Jungfrauen ebenso wie die anderen Frauen in der Kirche Kopftücher tragen sollen, um nicht ihre Position zur Schau zu stellen):

„Es ist schon hart genug, dass die Weibsleute, die doch in allem den Männern untergeordnet sind, ein ehrendes Kennzeichen ihrer Jungfrauschaft zur Schau tragen, um dessentwillen sie von den Brüdern hochgeachtet, geehrt und verherrlicht werden, während so viele jungfräuliche Männer, so viele freiwillig Verschnittene einhergehen, ohne dass ihr Vorzug bemerkbar wäre, indem sie nichts tragen, was sie auszeichnete. Sie sollten doch auch irgend welche Abzeichen für sich in Anspruch nehmen, entweder die Federbüsche der Garamanten, die Kopfbinden der Barbaren, die Cicaden der Athener, die Haarbüschel der Deutschen, die Tätowierungen der Bretonen, oder im Gegenteil, sie sollten sich mit verschleiertem Haupte in der Kirche verbergen. Wir sind überzeugt, dass der h. Geist den jungfräulichen Männern Zugeständnisse der Art viel eher hätte machen können, wenn er sie den Weibern gemacht hätte, da den Männern, abgesehen von dem höhern Ansehen ihres Geschlechtes, auch um der Enthaltsamkeit selbst willen höhere Ehre gebührt hätte. Je stärkere und brennendere Begierde dieses Geschlecht gegen die Weiber empfindet, desto schwieriger ist die Beherrschung des heftigeren Triebes, und desto mehr jeder Auszeichnung würdig, wenn die Schaustellung der Jungfräulichkeit überhaupt etwas würdiges ist. […] Wie wäre es also möglich, dass Gott nicht viel eher den Männern etwas derartiges als Auszeichnung zugebilligt haben sollte, schon weil sie ihm als sein Ebenbild näher stehen und weil sie sich mehr angestrengt haben. Wenn er aber dem Manne nichts zugebilligt hat, dann der Frau noch viel weniger.“ (Über die Verschleierung der Jungfrauen, 10. Kapitel)

Schön, könnte man einwenden, es gibt also eine entsprechende Position für Frauen. Aber geweihte Jungfrauen haben in der Kirche weniger Einfluss als Priester. Sie haben kein Amt, keinen bestimmten Beruf in der Kirche, arbeiten oft weiter in einem zivilen Beruf. Und auch Nonnen haben oft weniger Macht als Priester, zumindest aber weniger als Bischöfe.

Das Priesteramt beinhaltet schließlich auch nicht nur die Feier der Eucharistie in persona Christi; die Aufgabe des Klerus ist es, in persona Christi das Volk der Kirche 1) zu lehren, 2) zu leiten und 3) zu heiligen. An allen diesen Aufgaben haben Laien mehr am Rand und ausnahmsweise und dann, wenn der Klerus Aufgaben an sie delegiert, Anteil, nicht nur an Nr. 3). (Ihre eigenen Aufgaben haben sie in der Welt.)

Lehren: Offizielle Lehrentscheidungen treffen können nur die Bischöfe und v. a. der Papst, in der Messe predigen nur Bischöfe, Priester und Diakone, auch wenn Laien Religionslehrer, Theologieprofessoren oder Katecheten sein können.

Leiten: Eine Diözese wird immer vom Bischof geleitet, auch wenn er Laien als Mitarbeiter in der Verwaltung haben kann. Auch eine Pfarrei wird, außer bei extremem Priestermangel, von einem Priester geleitet.

Heiligen: Die Eucharistie feiern, die Beichte abnehmen, die Firmung spenden etc. können nur Kleriker; auch wenn Laien Nottaufen vornehmen (z. B. bei einem Todkranken), einen Wortgottesdienst leiten, beim Rosenkranz vorbeten können.

Wenn also die Priester nur aus den Männern ausgewählt werden, haben Frauen auch an Lehre & Leitung weniger Anteil. Und dass auch das Lehren & Leiten vom Klerus ausgeht, gehört zur Grundstruktur der Kirche.

Auf das Machtargument wird gerne – und völlig richtig – geantwortet, dass es in der Kirche nicht um Macht zu gehen habe, sondern ums Dienen. Wer Macht wolle, sei dafür nicht geeignet. Außerdem ist das Priesteramt nicht gedacht als vorteilhafte Stellung, sondern als aufopferungsvoller Dienst; Priestersein ist auch eine stressige und fordernde Aufgabe, und bringt vor allem viel Verantwortung mit sich. Vor dem Richterstuhl des Herrn werden Priester strenger beurteilt werden als Laien. So wie (um an einen Vergleich von oben zu erinnern) Mütter zwar eine engere Bindung zu ihren Kindern haben als Väter, haben sie es beim Kinderkriegen auch schwerer; dafür haben Priester, die in der Kirche mehr zu sagen haben, es auch schwerer als geweihte Jungfrauen.

Die Befürworter des Frauenpriestertums könnten auf dieses Argument hin sagen, dass es ihnen nicht um Macht, sondern um Gerechtigkeit ginge: Die Kirche sollte nicht einfach eine Gruppe vom Priesteramt ausschließen; sie sollte z. B. genauso wenig wie alle Frauen alle Rothaarigen vom Priesteramt ausschließen. Oder anders formuliert: Sie würden vermutlich sagen, dass der Wunsch nach einer anderen Verteilung von Macht (da Macht nun mal vorhanden ist und irgendjemand sie ausüben muss) nicht aus persönlicher Machtgier, sondern aus Gerechtigkeitssinn komme.

In dieser Argumentation liegt aber ein einfacher Denkfehler, der aus der neuzeitlichen Politik kommt: Die Vorstellung, dass Herrschaft, an der die Beherrschten nicht alle gleichen Anteil und gleiche Mitwirkungsmöglichkeiten hätten, grundsätzlich ungerecht und tyrannisch sein müsse. Wer so denkt, geht z. B. auch davon aus, dass die Erbmonarchie prinzipiell eine illegitime Regierungsform sei; was sie allerdings nach der Lehre der Kirche nicht ist (genauso wenig wie die Wahlmonarchie oder der Parlamentarismus u. Ä.).

Eine reine Demokratie ist auch in der Politik allein schon nirgends möglich. Auch da, wo Wahlen stattfinden, wird nur zwischen wenigen Kandidaten ausgewählt, von denen vielleicht alle sehr unbeliebt sind; die Ämterstruktur ist schon vorher festgelegt und wird nicht einfach verändert; nach der Wahl entscheiden die Gewählten in den nächsten Jahren allein und bieten vielleicht auch ihren Wählern böse Überraschungen; und selbst bei den seltenen Volksabstimmungen hat man nicht einfach „den Willen des Volkes“ vor sich, weil immer viele Wähler schlecht informiert sein werden, über welche konkreten Änderungen sie abstimmen, und vielleicht anders abstimmen würden, wenn sie informiert wären, und weil den Wählern auch nur wenige Möglichkeiten zur Auswahl gestellt werden. Es entscheidet auch niemand, in welchem Land mit welcher Verfassung er geboren wird. Kurz gesagt: „Alle Macht geht vom Volk aus“ ist eine Illusion.

Und sie ist eine Illusion, die man eigentlich nicht nötig hätte: Macht kann auch anständig ausgeübt werden, wenn jemand nicht den Rückhalt (einer Mehrheit) des Volkes hat oder nicht jeder die Möglichkeit hätte, ebenfalls auf seinen Posten zu gelangen. Auch in der Politik gibt es Menschen, die kein aktives und passives Wahlrecht haben (Kinder; geistig Behinderte; Demente; ansässige Ausländer) oder die keine reale Chance haben, selber auf einen mächtigen Posten zu kommen (schwer chronisch Kranke, Menschen ohne Schulabschluss, Analphabeten, Obdachlose). Der Demokratismus müsste davon ausgehen, dass alle diese Gruppen zwangsläufig unterdrückt werden müssen; das werden sie aber nicht.

Da heutzutage niemand mehr Vergleiche und Gleichsetzungen auseinander halten kann: Ich sage nicht „Frauen = Demente/Kinder“; ich mache an einem Vergleich deutlich, dass eine Gruppe nicht zwangsläufig unterdrückt sein muss, wenn sie nicht in Machtpositionen vertreten ist.

Es entspricht der Natur der Menschen, die zusammenleben, dass irgendjemand (bzw. mehrere) das Sagen haben muss; und um sicherzustellen, dass diese Macht nicht falsch verwendet wird, ist anderes entscheidend als ein allgemeines passives Wahlrecht. (Übrigens können Machthaber gerade dann, wenn sie meinen, sie hätten ihre Position nur durch ihre eigenen überlegenen Fähigkeiten erreicht, da angeblich alle anderen dieselben Chancen gehabt hätten, sie zu erreichen, sehr überheblich werden, was für ihre Untergebenen nicht angenehm ist. Das klingt vielleicht wie eine Abschweifung, aber es ist m. E. wichtig, es zu betonen: Die Kirche ist keine Meritokratie und der Bischof muss nicht der klügste Theologe oder der größte Heilige sein; dass es auch kluge Menschen und Heilige außerhalb des Klerus gibt, und man nicht so tut, als müssten alle klugen Theologen oder heiligmäßigen Christen Kleriker werden, bewahrt auch den Klerus vor Anmaßung.)

Die Kirche ist keine Demokratie; und damit ist sie keine Diktatur. Wenn Gott entschieden hätte, alle Rothaarigen vom Priesteramt auszuschließen, hätte er auch dazu das Recht gehabt. Die Kirche hat ihre Verfassung von Gott, der auch „monarchisch“ über die Welt regiert. Eine untergeordnete Position ist nichts Schlimmes, und zu gehorchen völlig in Ordnung. Darüber hat aber vor einiger Zeit Pater Edmund Waldstein OCist (hauptsächlich mit Bezug auf den politischen Bereich) besser geschrieben.

Mir ist schon klar, dass diese Argumentation von der Gegenseite vermutlich als propagandistische Rechtfertigung unterdrückerischer Machtstrukturen wahrgenommen werden wird (die bei einer Frau wie mir nur von internalisierter Misogynie (oder was auch immer) kommen kann). Aber dass das so wahrgenommen wird, liegt ja nur an der Propaganda des Liberalismus und Demokratismus, mit der die heutigen Machthaber einen zudröhnen (ich will nicht sagen, dass sie sie verwenden, um zu verschleiern, dass sie selbst Machthaber mit an sich „undemokratischer“ Legitimation sind, denn sie glauben ja i. d. R. wirklich, was sie sagen). Man sollte sich mal ernsthaft fragen: Würde eine Welt funktionieren, in der (in der Praxis, nicht in der Theorie!) von niemandem erwartet werden würde, sich Autoritäten zu unterwerfen, deren Vorhandensein und deren Regeln er nicht vorher zugestimmt hat? Natürlich würde sie das nicht. Hier sieht man schon einen Grundfehler des Liberalismus und Demokratismus.

Und sich zu beschweren, dass man nicht Priesterin werden kann ist eben letztlich genauso sinnlos wie die Beschwerde, dass man nicht englische Königin werden kann.

Vielleicht gäbe es noch weitere Angemessenheitsgründe für diese Lehre der Kirche; das hier waren nur ein paar Stichpunkte, die man nennen könnte, um auf die Vorwürfe der Gegner zu antworten.

„Lieber wenige richtige Christen“?

Ich habe eigentlich nicht viel zu der Studie über die Entwicklung der Kirchenmitgliederzahlen bis 2060 zu sagen; darauf, dass die Studie eher noch zu optimistisch ist und Prognosen, die so weit in die Zukunft reichen, von vornherein ziemlich fehleranfällig sind (und auf ein paar andere Dinge) ist ein anderer Blogger schon eingegangen. Mir ist nur ein Gedanke zu einer typischen Reaktion gekommen, mit der sich verschiedene Seiten das konstante Sinken der Kirchenmitgliederzahlen schönreden wollen.

Von offiziell-kirchlicher Seite, z. B. von Bischöfen, kann man manchmal so etwas hören wie:

„Na ja, diese Zahlen sind wenigstens ehrlicher. Früher war noch sozialer Druck in Bezug darauf da, zur Kirche zu gehen. Wer heute noch Mitglied bei uns ist, der hat sich bewusst dafür entschieden und dem ist die Kirche auch wichtig. Das ist doch auch etwas Schönes!“

Ich glaube, ich habe eine ähnliche Äußerung eines evangelischen Bischofs zufällig im Radio mitbekommen; aber man nagle mich nicht drauf fest. Ich habe auch vor ein paar Jahren in einem ähnlichen Kontext einen Studentenpfarrer sagen hören, es seien doch sowieso immer nur 10-20% der Leute wirklich gläubig gewesen, nur sehe man das heute eben mehr, weil nur noch diese Leute zur Kirche kämen und die anderen sich nicht mehr dazu gedrängt fühlten.

Das wäre etwa vergleichbar damit, wenn in einem Land 90% der Bevölkerung zu Analphabeten werden würden, weil kaum einer mehr im Lesen und Schreiben unterrichtet werden würde, und von den übrigen 10% viele gerade mal ihren Namen schreiben oder vielleicht noch mit Müh und Not einen Einkaufszettel verfassen könnten, und ein Deutschprofessor das dann mit der Aussage kommentieren würde, heute würden sich die, die lesen könnten, wenigstens wirklich für Literatur begeistern.

Leute.

Eine schrumpfende Kirche ist nicht automatisch eine bessere Kirche – und in diesem Fall ist sie es sicher nicht. Die zentrale Aufgabe der Kirche ist es, den Glauben weiterzugeben, die Getauften zu Gott zu führen, sie in der Kirche zu halten, bis sie zum Herrn gehen, und die erfüllt sie derzeit in Deutschland überhaupt nicht. (Natürlich soll sie auch den Ungetauften das Evangelium verkünden, aber wenn sie nicht mal den Getauften den Glauben weitergeben kann, wird sie sich damit schwer tun.) Sicher schrumpft die Kirche auch aufgrund von Dingen, die sie nicht kontrollieren kann; z. B. der anhaltenden antikatholischen Propaganda der letzten paar Jahrhunderte. Aber sie versagt oft genug bei den Dingen, die sie kontrollieren kann. Die Kirche schrumpft, und die Mitglieder, die bleiben, sind oft keine besonders guten Christen und wandern nach und nach auch noch ab. Sicher gibt es die wirklich engagierte, fromme Minderheit; aber die gab es immer; auch in den Zeiten der Volkskirche; nur war sie da eher noch größer.

Außerdem ist es eine ziemliche Verleumdung, zu behaupten, die Menschen, die in, sagen wir, den 1850ern in irgendeinem bayerischen Dorf zur Kirche gegangen wären, wären alle nur irreligiöse Heuchler gewesen, die von den Nachbarn nicht schief angeschaut werden wollten. Ist heute jeder, der, sagen wir, die Menschenrechte gut findet, ein Heuchler, weil er von den Nachbarn schief angeschaut werden würde, wenn er sagen würde, er sei gegen die Menschenrechte? Natürlich nicht. Dass jemandem ein Glaube beigebracht wird und er nie ernsthaft daran denkt, ihn zu verlassen, und dieser Glaube relativ selbstverständlich für seine Gesellschaft ist, hindert ihn nicht daran, diesem Glauben ehrlich anzuhängen – ganz im Gegenteil. Die Menschen früher waren ehrliche Christen; sie beteten mehr als wir, sie wussten mehr über den Glauben als wir (das sind schlicht Tatsachen), und sie waren Gott vermutlich oft auch dankbarer und gehorsamer als wir. Ja, ist so, auch wenn es heutzutage anathema ist, nur anzudeuten, irgendeine andere Zeit könnte in irgendeiner Hinsicht besser gewesen sein als das 21. Jahrhundert.

Und natürlich sind die heutigen Christen auch nicht immer aus dieser sog. „bewussten Entscheidung“ heraus dabei, sondern vielleicht einfach deshalb, weil sie noch zu der Minderheit gehören, die in gläubigen Familien aufgewachsen ist, während andere von klein auf in den Säkularismus hineingewachsen sind – und sich dafür auch nie bewusst entschieden haben. Sicher, man hat heute mit mehr Widerständen zu tun, wenn man als Erwachsener beim Glauben bleiben will; das schon. Aber das ist prinzipiell nichts Gutes, auch wenn es zu Gutem führen kann, weil Gott auch aus dem Schlechten und aus schwierigen Prüfungen Gutes hervorbringen kann. Es sollte möglichst einfach gemacht werden, Christ zu sein.

Denn vor allem ist es so: Wir glauben, dass Gott für alle da ist. Ein Schachklub könnte sagen „wir wollen lieber wenige, aber dafür begeisterte und engagierte Mitglieder“, weil es nichts besonders Wichtiges für die Menschen ist, Mitglied in einem Schachklub zu sein; die Kirche kann das nicht. Sie muss sagen: „Wir wollen alle Menschen, und wir wollen von ihnen genau das und das, was wir immer von ihnen wollten.“ Der Herr hat gesagt: „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ Er liebt alle, Er will alle an sich ziehen. Die Kirche ist nicht etwas, das für eine Sorte Menschen nun mal nicht geeignet wäre; es gibt keinen Menschen, für den Gott, sein Schöpfer, nicht geeignet wäre. Über irgendwelche Menschen in elitärer Überheblichkeit zu sagen „ach, mei, die haben einfach nicht dasselbe religiöse Gespür wie wir, die sind nicht fromm genug veranlagt, für die ist die Kirche wohl nichts, die brauchen nicht zu kommen, wir bleiben lieber unter uns“ ist dem Christentum völlig zuwider. Sicher wollen die Leute das damit nicht aussagen; aber darauf kann diese Aussage hinauslaufen.

Während die Aussage in der Form, wie ich sie oben zusammengefasst habe, eher von der etwas liberaleren Seite kommt, kann man sie so ähnlich auch von konservativer Seite hören: Die Kirche müsse schrumpfen, lieber Qualität statt Quantität, eine kleine Kirche des heiligen Rests quasi. Klar, als ob wir verbliebenen Ultra-Katholiken schon Heilige  wären, weil wir das Glück hatten, mitzukriegen, was die Kirche wirklich ist, und andere nicht.

Ich bin vielleicht gerade etwas zynisch und hart gegenüber denen, die solche und ähnliche Aussagen tätigen. So sind sie ja meistens absolut nicht gemeint. Man sucht sich eben irgendeinen Trost.

Ich würde einen anderen Trost anbieten: Wegen der wegbrechenden Kirchensteuer muss man sich vielleicht nicht zu viele Sorgen machen. Es gibt viele kleinere religiöse Minderheiten in Deutschland, die es auch schaffen, ihre Gebäude zu unterhalten, den ein oder anderen hauptamtlichen Mitarbeiter zu bezahlen, Gottesdienste und Seelsorge anzubieten, und die ein oder andere Schule zu betreiben. Dann ist man eben nicht mehr in jedem Dorf vertreten; das ist die Kirche auch in anderen Ländern nicht, in denen Katholiken eine kleine Minderheit bilden. Das werden wir überleben, wenn die Leute sich irgendwann daran gewöhnt haben, dass es kein Weltuntergang ist, wenn die Messe zehn Kilometer entfernt stattfindet. Es gibt doch Schlimmeres.

Aber in Bezug auf alles andere ist die Entwicklung schlimm genug und man sollte sie nicht schönreden.

Ein paar Gedanken zur Missbrauchskrise und den „Sittlichkeitsprozessen“ der 1930er

Vor nicht allzu langer Zeit hat der emeritierte Papst einen Text zu den Gründen der Missbrauchskrise veröffentlicht, in dem er auch auf die Sexuelle Revolution der 60er-80er und – was wenig beachtet wurde – die Tatsache hingewiesen hat, dass in derselben Zeit im Kirchenrecht eine falsche Milde Einzug hielt. Von den üblichen Seiten wurde Benedikt dafür bereits zur Genüge kritisiert; die Frage ist jetzt: Hatte er Recht?

Natürlich denkt keiner der älteren Generationen gern daran zurück, dass in den angeblich so glorreichen 60ern-80ern Pädophilie bis zu einem gewissen Grad destigmatisiert wurde; das wurde sie aber; und in gewissen Kreisen sehr stark. Die Idee, dass Kinder Sexualität genießen könnten und man „einvernehmlichen“ Sex zwischen Erwachsenen und Kindern nicht „kriminalisieren“ sollte, verbreitete sich weithin und auch die, die nicht völlig darauf hereinfielen, wurden von ihr beeinflusst. Gerade im nicht ganz so extremen Bereich bei Jugendlichen wurde vieles enttabuisiert; sie würden sowieso Sex haben, also sollte man das auch erleichtern und für Aufklärung und Verhütung sorgen, und außerdem das Schutzalter heruntersetzen, wenn man es nicht gleich ganz abschaffen wollte.

Pädophile sind sehr gut darin, sich selbst einzureden, dass ihre Opfer es auch wollen; dass sie selbst nicht anders können; dass sie nur etwas ausleben wollen, das man nun mal ausleben muss, um natürlich und glücklich leben zu können; dass die Gesellschaft sie nicht versteht und sie über diesen dummen, spießigen Regeln stehen – und diese Lügen wurden auch in anderen, nicht ganz so schlimmen Kontexten von der Sexuellen Revolution propagiert: wenn z. B. ein einzelner Partner dich langweilt, hast du doch das Recht, dir weitere zu suchen, du musst schließlich glücklich werden. Natürlich hatten es Pädophile in diesem Kontext noch leichter, ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen, und andere entwickelten größere Hemmungen, gegen Pädophile einzuschreiten und sie anzuzeigen.

Übrigens sollte man auch heute nicht so tun, als wären das nur schlimme, aber kurzfristige „Wirren“ gewesen, und man sei darüber hinweg, Kinder sexualisieren zu wollen. Seit neuestem gibt es Kinder, die sich für homosexuell oder transgender halten und von ihren Eltern als „Drag Kids“ in Bars vorgeführt werden, was von LGBTQ-was-weiß-ich-Gruppen groß gefeiert wird – so, wie in den 80ern bei den Grünen die Schwulen zusammen mit den Päderasten eine AG bildeten. Dann hätten wir auch so etwas:

Screenshot (72).png

Ja, die Sexuelle „Befreiung“ greift immer noch nach Kindern.

Eine andere schlimme Entwicklung, die in den 60er-80ern zeitgleich damit ablief, hatte vielleicht noch gravierendere Folgen, was den Missbrauch angeht: Die Verbreitung der Ansicht, Verbrecher wären auch nur Opfer, könnten nichts für ihre Straftaten, würden sich durch Therapie schnell ändern, und man sollte ihnen vor allem mit Mitleid und Verständnis begegnen – wodurch die Opfer egal wurden. Wenn die Psychologenzunft so etwas verbreitete, ließen sich auch Bischöfe leichter dazu verleiten, Priester, von denen ihnen vielleicht gemeldet wurde, dass sie Teenager oder Kinder begrapscht hatten, zu versetzen und ihnen Therapie verordnen zu wollen, als kirchenrechtlich gegen sie vorzugehen. Eine falsche Barmherzigkeit schlich sich offenbar auch unter Kirchenrechtlern ein; Benedikt schreibt etwa: „Dazu kam aber ein grundsätzliches Problem in der Auffassung des Strafrechts. Als ‚konziliar‘ galt nur noch der sogenannte Garantismus. Das heißt, es mußten vor allen Dingen die Rechte der Angeklagten garantiert werden und dies bis zu einem Punkt hin, der faktisch überhaupt eine Verurteilung ausschloß.“ Alles in allem scheint es kein Wunder zu sein, dass auch die Missbrauchsfälle in der Kirche in den 60ern-80ern ihren Höhepunkt erreichten, und so schlimme Fälle wie dieser hier vorkamen.

 

Manche wenden dagegen ein, die Dunkelziffer sei in den Zeiten vor den 60ern höher gewesen: man habe damals zu wenig über Sex und sexuelle Gewalt geredet und außerdem seien Priester zu sehr Respektspersonen gewesen, als dass man ihren Opfern Glauben geschenkt hätte.

Aber da lohnt sich vielleicht ein Blick auf einen älteren Missbrauchsskandal: Die sog. „Sittlichkeitsprozesse“ gegen katholische Laienbrüder und Priester in den Jahren 1936/37. Den Nazis war die katholische Kirche bekanntermaßen ein Dorn im Auge, und in dieser Zeit versuchte man sich an Propaganda gegen die Kirche anlässlich sexueller Vergehen von Geistlichen, v. a. in Klöstern – freilich ging es hier in vielen Fällen nicht um Pädophilie, sondern um damals noch strafbare Homosexualität. Es wurden Sonderkommandos eingerichtet, die mit großem Eifer nach sexuellen Vergehen in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen (Schulen, Behindertenheimen usw.) suchten, und Goebbels persönlich wetterte in einer reichsweit übertragenen Rede gegen die angeblich sexuell so verdorbene Kirche.

Es wurden damals insgesamt etwa 2500 Verfahren gegen Priester und v. a. Laienbrüder (einige auch schon aus ihren Orden ausgetretene oder entlassene) angestrengt, von denen allerdings die meisten wieder eingestellt werden mussten, weil man doch nicht unbegrenzt Beweise fabrizieren konnte; die übrigen endeten mit (offenbar tatsächlich juristisch gerechtfertigten) Verurteilungen von insgesamt 64 Welt- oder Ordenspriestern und 170 Laienbrüdern (davon etwa 60 ehemalige) – teilweise wegen des Missbrauchs von Kindern oder behinderten Erwachenen, teilweise wegen homosexueller Handlungen unter Ordensbrüdern; so einige Urteile betrafen auch die Verführung von jungen Novizen. Vor allem summierten sich Vergehen in einzelnen Laienkongregationen, besonders bei den Waldbreitbacher Franziskanerbrüdern, die geistig behinderte Männer betreuten. Die verurteilten Priester (im Unterschied zu den Laienbrüdern, bei denen ich keine prozentualen Angaben gefunden habe) machten etwa 0,23% aller deutschen Priester aus – und noch mal, das schließt Fälle von einvernehmlichen homosexuellen Handlungen unter erwachsenen Männern ein.

Das Interessante daran ist auch: Die Bischöfe damals waren interessiert daran, bei der Aufklärung mitzuwirken; sie versuchten nicht zu vertuschen. Die Täter wurden in aller Regel auch kirchenrechtlich verurteilt, viele waren bereits aus ihren Orden entlassen; aus der Waldbreitbacher Gemeinschaft wurden dann auch noch 31 Brüder entlassen und 1937 wurde die Gemeinschaft von Rom auf Initiative des Bischofs von Trier hin aufgelöst. In dieser Zeit sieht man nicht das Denken mancher Bischöfe bei späteren Skandalen – lieber alles vertuschen, um den Ruf der Kirche nicht zu beschädigen -, sondern das Bewusstsein, dass es das Beste ist, wenn alles herauskommt, und dass die Verbrechen bestraft werden müssen. Natürlich wehrte man sich gegen die Propaganda der Nazis, die die Kirche als „Sexualsumpf“ betitelten und anhand dieser Fälle von Missbrauch und Homosexualität gegen unabhängige kirchliche Schulen usw. ins Feld zogen; die Vergehen einzelner dürften nicht gegen die Kirche als Ganze benutzt werden; und man verurteilte auch willkürliche Übergriffe der Gestapo, usw. Aber das war ja auch begründet.

Ich kann mir schon vorstellen (auch wenn ich mich damit zu wenig auskenne), dass „früher“ Opfer von Missbrauch es manchmal schwerer hatten, weil das Problembewusstsein in der Gesellschaft bzgl. Kindesmissbrauch nicht so sehr da war, oder man Anklagen von Kindern gegenüber respektierten Autoritäten nicht ernst genug nahm. Aber speziell in diesen Jahren wurde von der Gestapo intensiv nach solchen Geschichten gefahndet und Klosterschüler und Heimbewohner auch mit unlauteren Mitteln unter Druck gesetzt, damit sie Kleriker belasteten. Für diese Zeit wird man keine sehr hohe Dunkelziffer annehmen können. Und sexuelle Verbrechen an Kindern, Jugendlichen und Behinderten wurden damals auch immer als solche gesehen, ihre Schwere nicht infrage gestellt wie in den 60ern-80ern. Und hier scheint dann im Endeffekt doch die Anzahl an Tätern unter den Priestern relativ gering gewesen zu sein.

Es ist natürlich wichtig, daran zu denken, dass Kindesmissbrauch immer und überall passieren kann; den wird es bis zum Jüngsten Tag in allen Institutionen geben, gerade auch durch sympathische Leute, denen man das nie zugetraut hätte, und da heißt es, Schutzmechanismen und Strafen haben. Das ist nie ein endgültig gelöstes Problem. Aber: Ich denke, Benedikt hatte schon seine Gründe, darauf hinzuweisen, dass der Missbrauch zu manchen Zeiten schlimmer war als zu anderen.

 

[Update: Interessant dazu auch dieser Artikel in der Süddeutschen, in dem es über Missbrauchsfälle in der Kirche heißt:

„Wenn man die Akten aus den 1950er- und 1960er-Jahren durchblättert, fällt auf, dass damals mehr Opfer bereit waren zu reden, Jugendliche traten als Zeugen auf, Kirchenleute wurden zu Haftstrafen verurteilt. Später ließ die Anzeigebereitschaft nach, von den 1970er-Jahren an drang kaum mehr etwas nach außen, es sei ‚offenbar so ein Deckel draufgegangen‘, sagt Ines Karl.“

Es wäre sehr interessant, hier mehr über die Hintergründe zu erfahren.]

Wieso wir schöne Kirchen brauchen

Meine Pfarrkirche ist eine typische 60er-Jahre-Kirche: Viel Grau, viele nackte Wände, wenig Kunst und die in eher dunklen Farben und etwas verfremdet. Es gibt schlimmere Kirchen; aber sie macht alles in allem einen etwas deprimierenden Eindruck und kein Nichtkatholik würde je auf die Idee kommen, sie sich aus Spaß an der Freud anzusehen, wenn er als Tourist in der Gegend unterwegs ist. Meistens gehe ich (aus hier nicht weiter zu diskutierenden Gründen) dort zur Messe; in der Osternacht war ich dieses Jahr nach längerer Zeit wieder einmal in einer Rokokokirche. Die Osternacht mit allem drum und dran ist natürlich immer etwas Besonderes; die Osterkerze, die Erneuerung des Taufversprechens, sämtliche Lesungen, die Heiligenlitanei, und was eben sonst noch dazu gehört – und das dann noch in einer Kirche, in der man umgeben ist von triumphalen Deckenfresken, Bildern verzückter Heiliger, überall Gold, Weiß, Stuck, überbordende Pracht, als würde der Himmel offenstehen, vorn ein unglaublich lebensechtes Kruzifix über dem silbergeschmückten Tabernakel –

Man fühlt sich daheim. Man fühlt sich angekommen. Man setzt sich aufrecht hin und lächelt spontan. Man muss, bevor die Messe beginnt, ständig umherblicken, um die ganze Pracht anzusehen. Man hat dann keine Schwierigkeiten, sich auf die Liturgie zu konzentrieren. Alles passt zusammen. Ich bin eigentlich eine Verfechterin der Ansicht, dass die Gotik der Höhepunkt der katholischen Baukunst ist, aber im Vergleich zu grauen Modernistenkirchen ist der Rokoko eine so krasse Erleichterung, dass man gar nicht mehr weiß, wie man jemals irgendetwas an ihm auszusetzen haben konnte.

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(Nicht die Kirche, in der ich Ostern war, aber ein noch schöneres Beispiel für den Rokoko. Bildquelle hier.)

Eine schöne Kirche ist nicht alles; das ist mir völlig klar. Eine schöne Kirche sorgt von selbst noch nicht für eine Begegnung mit Gott. Und die Messe ist ebenso gültig und Jesus ebenso gegenwärtig, wenn die Kirche scheußlich aussieht; selbstverständlich. Aber was eine schöne Kirche tut: Sie bietet Hilfestellungen und räumt Hindernisse aus dem Weg, damit man sich leichter auf Gott einlassen kann. Vielleicht können Heilige völlig gleichgültig gegenüber ihrer Umgebung sein, solange nur Jesus wirklich da ist. Aber als nicht so fortgeschrittene Katholikin hat man ein bisschen Hilfe gern: lauter Zeichen, die einem überdeutlich sagen: HIER IST GOTT. SCHAU AUF IHN HIN. DA IST ER, UND GROSS UND HERRLICH IST ER.

Manche Katholiken ziehen vielleicht schlichtere Kirchen vor, wie die Kichen vieler Zisterzienserklöster. Aber auch die sind in ihrer Schlichtheit klar, schön und harmonisch. Sie haben etwas auszusagen. Sie weisen ebenso auf den Gott hin, zu dessen Ehre sie gebaut wurden. Gegen solche schlichten Kirchen soll hier kein Wort gesagt werden – solange man mir nur auch meine überbordend prunkvollen lässt.

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(Abteikirche im Kloster Kamp. Gemeinfrei.)

Was genau wollen viele nach 1960 gebaute Kirchen eigentlich aussagen?

(Kirche des sel. Rupert Mayer in Poing. Bildquelle hier.)

Was sagt z. B. ein unförmiges weiß-graues Gebilde über Gott? Tatsache ist, dass es den meisten modernen Kirchenarchitekten vermutlich gar nicht darum geht, etwas über Gott auszusagen, sondern eher darum, irgendwie originell und modern zu sein. Und dann haben wir im Endergebnis graue Klötze und Innenräume mit dem ganzen Charme einer Tagungshalle, die bei der Einweihung vermutlich als „mutig“ und „innovativ“ (oder so ähnlich) gelobt werden. Wer unbedingt originell sein will, ist es meistens nicht.

(Canisiuskirche, Berlin-Charlottenburg. Bildquelle hier.)

Die Erbauer älterer Kirchen legten es nicht darauf an, auf Gedeih und Verderb originell zu sein. Sie wollten Gott verherrlichen, wollten den Leuten, die ihre Kirche betreten würden, helfen, sich auf Gott einzulassen, hatten vermutlich auch einfach Vergnügen am Erschaffen von Schönheit, wollten etwas Bleibendes hinterlassen und sich vielleicht ein wenig Ruhm erwerben, und sie gaben sich dafür tatsächlich Mühe und schämten sich nicht, von Vorbildern zu lernen.

Aber krampfhaftes Bemühen um Originalität – nur ja nicht etwas nachmachen, das den Leuten seit Jahrhunderten gefällt – ist ja nicht das Einzige. Manchmal scheint bei modernen Architekten und Künstlern geradezu ein Vergnügen daran da zu sein, den Leuten Hässliches vorzusetzen und Erwartungen an sakrale Kunst zu enttäuschen (zu „dekonstruieren“) – eine Lust am Destruktiven; eine enorme Verachtung und Überheblichkeit gegenüber den Leuten, die sich nach lebensechter und konventionell-schöner Kunst sehnen; Überdruss gegenüber dieser Art Kunst, Lustlosigkeit, Faulheit.

Abtei Seckau Engelskapelle Schmerzensmann 01.jpg

(Schmerzensmann. Abtei Seckau, Engelskapelle. Gemeinfrei.)

Wer solche Bilder malt, macht sich ganz offensichtlich keine Gedanken darum, ob seine Bilder anderen beim Gebet helfen könnten – oder er kennt die Leute nicht, was immerhin nicht ganz so schlimm wäre. Aber diese Leute müssen seine Bilder in der Kirche trotzdem ansehen. Wenn eine Kirche einfach nur kahl ist, bietet sie keine große Hilfe; wenn eine Kirche hässliche Bilder oder Statuen enthält, die man erst zwanzig Minuten lang analysieren müsste, um zu verstehen, was sie überhaupt möglicherweise sagen wollen, stört sie, irritiert sie, lenkt sie ab von dem eigentlichen Geschehen, anstatt darauf hinzuweisen; man muss sich anstrengen, um das alles auszublenden. Kein Mensch mag diese Art moderner Kunst tatsächlich (ja, ich weiß, dass es auch andere Arten moderner Kunst gibt); nur manche Menschen tun so, um nicht ungebildet zu wirken.

Ich nehme nicht an, dass hässliche Kirchen immer nur von Hochmut und Geltungssucht kommen. Vielleicht meinen manche dafür Verantwortliche wirklich, heutzutage müsste man so etwas bauen, um den „modernen“ Menschen den Glauben in ihrer „Lebenswirklichkeit“ zu vermitteln – offensichtlich falsch, wie man schon daran sieht, dass kein einziger Nichtkatholik von der Heiligkeit oder Schönheit modernistischer Kirchen beeindruckt ist und sie sich mal ansehen will, aber immer noch halbwegs verständlich.

Aber generell kann ich mir vorstellen, dass das nicht unbedeutende Motive hinter diesen Neuerungen sind.

 

Es sage niemand, es sei unmöglich, heute Kirchen wie früher zu bauen. Es wird getan. Das zum Beispiel ist eine russische Kirche, die 2012 fertiggestellt wurde. Was fehlt, ist der Wille – oder der Glaube, aus dem früher Kirchen gebaut wurden.

The Cathedral Church of the Holy Igor Chernigov.jpg

(Bildquelle hier.)

Es sage auch niemand, es koste zu viel. Modernistische Kirchen sind nicht billig, nur wird hier das ganze Budget für bewusste Hässlichkeit (und Sitzheizungen und Soundanlagen – nein, gegen die habe ich prinzipiell gar nichts) verwendet. Was würde wohl herauskommen, wenn man versuchen würde, mit genau demselben Budget etwas so Schönes wie möglich zu bauen? Und mit „schön“ meine ich etwas, bei dem ein fünfjähriges Kind spontan „wow“ sagen würde.

Es sage auch niemand, das alles sei unnötig. Menschen brauchen Schönheit. Ich kann gut verstehen, wieso gerade im Barock – dieser schweren Zeit mit schlimmen Kriegen, Seuchen und der Kleinen Eiszeit* – jeder noch so kleine Weiler sich eine prächtige Kapelle oder zumindest einen Marienschrein oder etwas Ähnliches bauen wollte. Es ist so tröstlich. Es gibt einen kleinen Vorgeschmack auf den Himmel und das ewige Leben dort, das viel wichtiger und unglaublich viel schöner sein wird als alles hier.

Wenn materialistische Atheisten etwas gegen Schönheit und gegen diese weltlich betrachtet sinnlose Jenseitsfixierung haben, gut. Aber wie könnte irgendein Christ das so sehen?

 

* Die Frühe Neuzeit war definitiv eine schwerere Zeit als z. B. das Mittelalter.