Ein Tag der Freude für die Ungeborenen

Gestern war das Fest des Heiligsten Herzens Jesu, das vor Liebe für alle Menschen brennt, und gleichzeitig das Fest des hl. Johannes des Täufers, der schon als Fötus im Mutterleib den Heiland, der als Zygote im Mutterleib zu ihm kam, erkannte.

Robert Anning Bell, Treffen der hl. Jungfrau und der hl. Elisabeth. „Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.“ (Lk 1,44)

Und passend dazu gab es zwei Nachrichten, eine schlechte und eine sehr sehr gute.

Zuerst die schlechte: Der deutsche Bundestag beschließt, § 219a StGB, also das Werbeverbot für Abtreibungen, abzuschaffen. (Wobei sie natürlich weiter herumlügen und behaupten, es ginge nur um „Informationen“, während der Paragraph ausdrücklich Werbung wegen des Vermögensvorteils unter Strafe stellte; aber offene Lügen sind wir von dieser Seite her ja gewohnt.) Jetzt können wir uns also darauf freuen, auch in Deutschland solche Plakate wie in Österreich…

… oder den USA zu sehen:

Unsere lieben Abgeordneten sind auch ziemlich begeistert darüber, Abtreibungen zu erleichtern und die Zahlen hochzutreiben; und hier kann man nicht nur die Banalität, sondern auch die pure Infantilität des Bösen sehen:

Aber kurz danach kommt eine wahnsinnig großartige Nachricht, auf die wir seit Jahrzehnten gewartet haben: In den USA kippt der Oberste Gerichtshof das Urteil im Fall Roe v. Wade von 1973. Dieses Urteil hatte erklärt, die amerikanische Verfassung schließe implizit ein Recht auf Privatsphäre ein, was wiederum ein Recht auf Abtreibung einschließe; und so war es in den USA wahnsinnig schwierig geworden, noch irgendwelche Gesetze mit Abtreibungsbeschränkungen zu erlassen, die nicht wieder von Gerichten gekippt werden würden. Über 60 Millionen Kinder wurden seitdem in den USA abgetrieben. Mississippi erließ 2018 ein Gesetz, das die meisten Abtreibungen ab 15 Wochen verbat; sofort klagte eine Abtreibungsklinik dagegen und schließlich landete der Fall vor dem Obersten Gerichtshof, der nun erklärt hat, dass die Verfassung kein Recht auf Abtreibung enthält und die Bundesstaaten frei sind, Gesetze dagegen zu erlassen. 13 Staaten hatten schon Gesetze vorbereitet, die Abtreibung verbieten, sobald Roe gekippt wird, und die sie jetzt nach und nach in Kraft setzen:

HURRA. HURRA, HURRA, HURRA.

Abtreibungsaktivisten hatten vorher schon Gewalt angekündigt, und in den letzten Wochen schon einige Schwangerschaftskrisenzentren (die Frauen helfen, die ungeplant schwanger sind, z. B. Beratung und Babyausstattung bieten) und Kirchen angegriffen, teilweise „nur“ Fenster eingeschlagen und Wände beschmiert („wenn Abtreibung nicht sicher ist, seid ihr es auch nicht“), teilweise Gebäude in Brand gesteckt; die Polizei hatte Diözesen und die Diözesen ihre Pfarreien gewarnt, auf extreme Gewalt nach der Gerichtsentscheidung vorbereitet zu sein. Seit gestern gab es jetzt auch Proteste, und Gewaltausbrüche, und Abtreibungsbefürworter sind fleißig dabei, Mordpläne gegen die Richter im Internet anzukündigen; das Schlimmste scheint aber – vorerst – noch auszubleiben. [Update: Es gibt jetzt weitere Berichte von (versuchten) Angriffen; Aktivisten haben u. a. versucht, das Parlament in Arizona zu stürmen.] Gleichzeitig sind sie wieder fleißig dabei, Lügen zu verbreiten, z. B. dass, wenn Abtreibung verboten sei, Frauen nach einer Fehlgeburt von der Polizei verfolgt werden könnten. (Was schlicht nicht passiert; wenn solche Leute versuchen, Beispiele heranzuziehen, kommen sie z. B. auf einen Fall aus El Salvador, wo eine Frau verurteilt wurde, deren Kind tot mit Wunden am Hals in einer Tasche versteckt gefunden wurde, und die behauptete, es wäre schon tot geboren worden und sie hätte ihm die Wunden aus Versehen zugefügt, als sie die um den Hals gewickelte Nabelschnur durchschneiden wollte, oder einen anderen Fall aus demselben Land mit einer Frau, deren Kind tot in einer Klärgrube gefunden wurde; auch sie behauptete, es wäre tot geboren worden, während die Gerichtsmediziner meinten, es hätte da noch gelebt. Diese Fälle würden in Deutschland oder den USA ebenso gerichtlich verfolgt werden, da es eben um Tötung nach der Geburt ging.)

Aber der Teufel tobt eben, wenn er eine Niederlage einstecken muss, kann man sagen.

Dass dieses Urteil gekippt wurde, ist nun einzig und allein den drei Richtern zu verdanken, die Ex-Präsident Trump an den Obersten Gerichtshof gebracht hat: Brett Kavanaugh, Amy Coney Barrett und Neil Gorsuch, die zusammen mit den von den beiden Bushs ernannten Richtern Clarence Thomas und Samuel Alito dafür stimmten; der ebenfalls von einem Bush ernannte Richter Roberts stimmte dafür, das Gesetz aus Mississippi aufrecht zu erhalten, aber dagegen, Roe v. Wade zu kippen, während die drei von Clinton und Obama ernannten Richter Breyer, Sotomayor und Kagan gegen beides stimmten. (Die 9 Richter werden auf Lebenszeit ernannt; und weil sie das letzte Wort in den USA haben, spielt die Aussicht darauf, dass einer von ihnen sterben und der neue Präsident einen anderen Kandidaten ernennen könnte, eine so große Rolle in den US-Präsidentschaftswahlen.)

Vor den letzten und vorletzten Wahlen gab es ja in den USA viele heftige Diskussionen unter Katholiken; die meisten konservativen Katholiken waren grundsätzlich dafür, die Republikaner zu wählen, weil die nun mal (zumindest irgendwie und halbherzig) pro life sind, und weil das Thema Abtreibung wichtiger sei als alle anderen, und weil Trump neue Richter an den Obersten Gerichtshof bringen könnte, die Roe v. Wade kippen könnten. Mehr politisch links geneigte Katholiken behaupteten dagegen immer wieder, die Republikaner würden in der Praxis sowieso nichts gegen Abtreibung tun, der Supreme Court werde auch unter konservativen Richtern Roe v. Wade nicht abschaffen, also solle man eher die Demokraten wählen, die (angeblich) für eine sozialere Politik sorgen würden und damit mittelbar für weniger Abtreibungen, was erst wirklich pro life wäre. Diese Katholiken spielten sich gerne als die Gemäßigten auf, die fähig zur Differenzierung seien, die sich nicht mit der Korruption in der Politik gemein machten.

Aber die Konservativen haben Recht behalten. Ja, die Republikaner haben in den letzten Jahren mehr gegen Abtreibung getan, haben Gesetze auf der Ebene der einzelnen Bundesstaaten erlassen, die schließlich dazu führten, dass das Thema wieder vor den Obersten Gerichtshof kam. Und wenn 2016 Hillary Clinton statt Donald Trump gewählt worden wäre, wäre dieser Gerichtshof mit großer Mehrheit mit abtreibungsfreundlichen Richtern besetzt gewesen, die ein „Recht auf Abtreibung“ noch einmal bekräftigt hätten. Und letztlich kann keiner leugnen, dass der legale Mord an Millionen Menschen das wichtigste Thema ist, wenn Wahlen die Chance bieten, bei diesem Thema wirklich etwas zu ändern; egal, wie man über Sozialhilfe oder illegale Migration aus Lateinamerika oder sonst ein Thema denken mag. (Wenn wir mal davon absehen, dass die Demokraten hier eben keine gute soziale Politik machen; dass in von ihnen kontrollierten Städten und Staaten wie Kalifornien Kriminalität und Obdachlosigkeit ihren Höhepunkt erleben.)

Ich glaube auch nicht, dass diese linken Katholiken immer ganz ehrlich mit sich selbst waren; sie wollten gegenüber ihren säkularen Freunden und der gehobenen Gesellschaft nicht als tumbe Hinterwäldler dastehen, sie wollten sich auch etwas beliebt machen; und auch wenn ihr Gewissen ihnen keinen offensichtlichen Bruch mit der Kirchenlehre bzgl. Abtreibung erlaubte, spielten sie das Thema eben herunter. Und auch ihre Abgrenzung von Trump hatte etwas Heuchlerisches; denn sie hatten kein Problem damit, für extrem korrupte Politiker zu stimmen, die eine respektablere Fassade boten (auch wenn sie wahrscheinlich durch Verleumdungen und Trump Derangement Syndrome beeinflusst waren). Man muss sich tatsächlich auch kein schlechtes Gewissen machen, wenn man für schlechte Politiker stimmt, die immer noch am meisten Gutes und am wenigsten Schlechtes bewirken; das ist eine entfernte materielle Mitwirkung am Bösen, die erlaubt ist; und dieses Prinzip gilt eben bei Demokraten wie bei Republikanern, nur dass die Demokraten eben tatsächlich die wesentlich Böseren sind. Sie sind für Abtreibung bis zur Geburt oder zumindest bis zur Lebensfähigkeit des Kindes (24. Woche) ohne Einschränkungen (und außerdem sind sie auch sonst für vieles Böse, z. B. haben sie politische Gewalt durch Black Lives Matter befeuert und befürworten Geschlechtsumwandlungen bei Kindern).

Gott hat Humor, und ich vermute, Er hat alle diese Never-Trumper ein bisschen getrollt, als Er es so fügte, dass ausgerechnet der vulgäre, mehrfach geschiedene, orangegesichtige Millionär Trump, vor dem sie alle die Nase rümpften, für das Ende von Roe v. Wade sorgte. Ich denke, wir schulden Trump ein paar Gebete für seine Seele; denn wir können ihm wirklich dankbar sein, und er kann sie wahrscheinlich gebrauchen. Und natürlich schulden wir das auch den Richtern, die tatsächlich einiges riskiert haben; vor kurzem erst wurde ein Mann festgenommen, der einen Mord an Richter Kavanaugh geplant hatte, und Aktivisten haben im Vorfeld der Entscheidung ihre Adressen veröffentlicht und ihre Häuser belagert. Aber vielleicht war Kavanaugh, Coney Barrett, Gorsuch jetzt auch klar, dass sie es den Linken nie recht machen können würden und man nicht mehr vor ihnen einknicken darf.

Manche Pro-Lifer sind jetzt quasi der Meinung, wir könnten uns nicht wirklich freuen, weil es immer noch Gründe gäbe, die Frauen zur Abtreibung bewegen, usw., aber doch: Wir können uns freuen, wir sollten uns freuen, wir sollten jubeln und feiern. Die totale Rechtlosigkeit der Ungeborenen in Amerika ist beendet, und vielleicht wird es in absehbarer Zeit sogar möglich sein, Abtreibung per Bundesgesetz oder Verfassungszusatz im ganzen Land zu verbieten, wenn bei den nächsten Wahlen die Demokraten verlieren. Die Pro-Life-Bewegung wird weiterhin Frauen/Eltern in Not helfen, und Frauen/Eltern, die unter vergangenen Abtreibungen leiden, wie sie das die ganzen letzten Jahrzehnte getan hat, und das wird auch nötig sein; aber erst einmal können wir uns freuen. Wir können ein paar Mal „Großer Gott, wir loben dich“ schmettern und eine Flasche Sekt rausholen. Die Leute, die die Ungeborenen zu rechtlosen Nichtmenschen machen wollen, haben erst mal verloren. ÄTSCHI-BÄTSCH.

Gottesliebe und Gottes Liebe

Eins der ewigen Probleme für manche Christen ist: Man kann sich Gottes Liebe für einen nicht direkt vorstellen. Man fragt sich, wie Gott über einen denkt; man will sich gegenüber Gott nicht zu viel herausnehmen; man hat Angst vor Gott; man hat das Gefühl, man würde es Ihm nie recht machen können. Deshalb mal ein paar Gedanken dazu, damit man es sich besser vorstellen kann:

  • Die meisten Menschen haben schon andere Menschen, die es ehrlich gut mit ihnen meinen, ihnen zumindest in gewissem Maß helfen, meistens vor allem die Familie. Und selbst wer von Menschen misshandelt oder verlassen ist, kann darauf zählen, dass die Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, für alle Menschen zu beten oder ihnen Gutes zu tun, z. B. Nonnen, auch für sie beten und ihnen ggf. helfen würden. Und auch man selber kann sich in der Situation immer sagen: Auch ich will manchmal anderen Menschen Gutes und helfe ihnen, zumindest ein wenig. Nun könnte aber kein Mensch auch nur annähernd so wohlwollend und interessiert an anderen Menschen sein, wie Gott es ist; also muss Gott uns wirklich in extremem Maß Gutes wollen und sich für uns interessieren. „Oder ist wohl ein Mensch unter euch, der seinem Sohne, wenn er um Brot bäte, einen Stein darreichen wird? Oder wenn er um einen Fisch bäte, wird er ihm etwa eine Schlange darreichen? Wenn nun ihr, obgleich ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset; wie viel mehr wird euer Vater, der im Himmel ist, denen Gutes geben, die ihn bitten?“ (Mt 7,9-11)
  • Liebe bedeutet grundsätzlich Wohlwollen (und Interesse, Beziehung, Vereinigung); Gott will wirklich, dass es uns am Ende gut geht; wenn Er jetzt Schlechtes für uns zulässt, hat das einen Grund und Er wird es am Ende vielfach wieder gutmachen. Wenn wir erst einmal im Himmel sind, wird alles Schlechte vergangen sein, das Leben wird ein einziger ewiger Moment der reinsten Glückseligkeit sein, die wir uns jetzt gar nicht vorstellen können.
  • Wenn man jetzt in diesem Moment existiert, heißt das, dass Gott einen jetzt in diesem Moment aktiv im Dasein hält und an einen denkt; sonst würde man wieder zu nichts werden.
  • Gott sieht einen gerne an und freut sich an einem, zumindest an den guten Eigenschaften, die man hat, und die hat jeder. Wir sind eben Seine geliebten Kinder. Er freut sich darüber, wenn man anderen etwas Gutes tut oder an Ihn denkt; Er freut sich auch an den moralisch neutralen guten Eigenschaften, die man hat, z. B. dass er einem schöne Augen oder einen klaren Verstand gegeben hat. Vielleicht hat man wenig großartige Eigenschaften, ist von Natur aus unintelligent, unsportlich, wankelmütig und unsicher. Aber dann wird Gott sich gerade darüber freuen, wie man sich trotz dieser schlechten Ausgangssituation bemüht.
  • Gott ist uns auch nicht böse, wenn wir zwischendurch mal entspannen müssen; Er sieht es gern, wenn wir auch mal Spaß haben. Natürlich will Er keine gleichgültigen Kinder, die sich vor allem um sich selber kümmern; Er ist stolz, wenn wir etwas für andere opfern, wie Eltern stolz sind, wenn ihre Söhne in einem gerechten Krieg für den Schutz anderer kämpfen (was diesen Eltern aber natürlich trotzdem weh tut; so würde auch Gott unsere Leiden nicht zulassen, wenn es nicht nötig wäre); aber Er will wirklich dass es einem gut geht, und das gehört auch mal dazu. Man sieht auch das wieder an sich selber: Wenn man z. B. mal einem Freund, der nicht viel Geld hat, zum Geburtstag ein größeres Geldgeschenk macht, will man auch nicht, dass er sich verpflichtet fühlt, damit wieder was für andere zu tun, sondern man will einfach, dass er sich damit mal was gönnt. So will auch Gott, dass wir mal Spaß haben, und dass wir uns an schönen Dingen freuen; auch an solchen scheinbar kleinen Dingen wie dem Blühen von Buschwindröschen und grünen Buchen im Mai. Natürlich will Er auch, dass wir uns an solchen Dingen freuen, die langfristig gut tun und erst mal anstrengend wirken können, z. B. dem Gebet, und ist auch stolz, wenn wir Spaß aufgeben, aber Er ist uns deswegen nicht böse, und Er bietet uns auch immer wieder solche kleinen Geschenke.
  • Keiner hat es wirklich „verdient“, zu Gott zu kommen, aber Er selbst befiehlt es uns.
  • Zu Liebe gehört Zärtlichkeit und Milde. Gott will zärtlich und sanft und geduldig mit uns sein.
  • Gott hat für jeden Menschen eineneigenen Schutzengel, einen mächtigen Geist, abgestellt, der einen an Leib und Seele beschützt.
  • Gott sieht uns, wie wir sind; d. h. Er macht sich nichts vor, wenn Er bei uns Lustlosigkeit oder Selbstsucht oder verletzten Stolz sieht, aber Er sieht auch jeden guten Entschluss, jedes gute Motiv, jede Bemühung.

Aber dann denkt man sich wieder: Ok, Gott mag mich lieben, aber ich erwidere Seine Liebe nicht so besonders gut. Daher:

Man muss sehr gut unterscheiden zwischen Todsünden, lässlichen Sünden und Unvollkommenheiten. Eine Todsünde ist eine Sünde in wichtiger Sache mit vollem Wissen und Willen; damit zerstört man die Liebe in einem. Es ist nicht so, dass Todsünden kaum je in der Welt vorkommen würden, aber die meisten Christen werden auch keine fünf Todsünden pro Tag begehen. Eine lässliche Sünde ist eine Sünde in geringfügiger Sache (auch mit Wissen und Willen) oder eine Sünde in wichtiger Sache ohne vollen Wissen und Willen. Eine Unvollkommenheit ist überhaupt keine Sünde; sie bedeutet eher, sich bei zwei nicht sündhaften Dingen für das weniger Vorbildhafte zu entscheiden; dass man es hätte noch besser machen können, aber nicht gemacht hat, dabei aber auch keine Pflicht verletzt hat.

Gott zu lieben heißt zunächst mal: Sich für Ihn zu entscheiden, wenn es zu einem wichtigen Konflikt zwischen Ihm und etwas anderem kommt, und den Kontakt zu Ihm nicht abzubrechen.

Gott ist ein Vater. Wenn man dem Vater den Tod wünscht oder seine Geschwister ständig auf boshafte Weise mobbt oder sich monatelang nicht meldet, zerstört man das Verhältnis zum Vater (Todsünde). Wenn man im Umgang mit ihm ab und zu ungerechtfertigterweise ungeduldig oder leicht verärgert ist, belastet man das Verhältnis ein bisschen, aber es ist definitiv nicht zerstört (lässliche Sünde). Und wenn man ihm kurz vor Weihnachten ein gewöhnliches Geschenk kauft, obwohl man sich auch monatelang vorher Gedanken hätte machen können und ihm ein absolut passgenaues Geschenk hätte machen können, freut er sich auch über das normale Geschenk und trägt einem nichts nach, weil man es noch hätte besser machen können (Unvollkommenheit). Anderes Beispiel für eine Unvollkommenheit: Wenn der Vater einem aufträgt, die Küche aufzuräumen und man tut genau das, freut er sich darüber. Wenn man die Küche aufräumt und einem dabei auffällt, dass auch mal das Zeug in der Ramschschublade dringend sortiert werden müsste, und man auch das noch tut, dann freut er sich noch mehr. Aber er würde es einem niemals nachtragen, das nicht getan zu haben.

Auch dass die Heiligen so viel besser waren als wir, muss uns nicht beunruhigen. Nehmen wir an, ein sehr guter, liebender Vater hat zwei Kinder. Das eine ruft ihn einmal in der Woche an, besucht ihn, wenn er im Krankenhaus liegt, zieht ihn in wichtigen Sachen zurate, schenkt ihm zum Vatertag einen Restaurantgutschein, ist ab und zu aber auch unfreundlich zu ihm ist und redet sich bei Familientreffen, auf die es keine Lust hat, gelegentlich heraus, und hatte schon einmal ein schweres Zerwürfnis mit ihm, weil es alkoholsüchtig war; das ist jetzt aber vorbei und es hat ehrlich um Verzeihung gebeten und sich mit der Familie wieder ausgesöhnt. Das andere wohnt noch bei ihm und nimmt ihm immer wieder, auch ohne gebeten zu werden, kleine Arbeiten ab, bei denen es merkt, dass sie ihm schwerfallen, will ihm immer wieder eine besondere Freude machen und organisiert daher z. B. überraschend einen Besuch seiner alten Freunde, ist immer rücksichtsvoll und ehrlich, ist nie beleidigt oder mürrisch, wenn es dem Vater etwas helfen muss, und vertraut ihm sehr vieles an. Da hat der Vater sicher ein innigeres Verhältnis zu dem zweiten Kind, aber er würde definitiv nicht auf die Idee kommen, den Kontakt mit dem ersten Kind abzubrechen und es aus der Familie zu verstoßen. Und das erste Kind muss sich auch nicht schuldig fühlen. (Erst recht wäre es schlecht, wenn das erste Kind dann dem zweiten Kind wegen seiner Gutheit und Vorbildhaftigkeit böse wäre, weil es nicht wollte, dass ein anderer besser ist als es selbst; das wäre wirklich eine Sünde. Man soll seine schlechten Eigenschaften und vergangenen Taten nicht hinwegreden, sondern einfach die bewundern, die es besser machen, und ihnen ab und zu auch nacheifern, und zumindest das Minimum erfüllen.)

Es ist angemessen, immer mehr und mehr für Gott tun zu wollen, weil Er so unendlich gut ist, aber um sich nicht von Ihm zu trennen genügt ein gewisses Minimum (das nicht total minimal ist, aber definitiv zu schaffen).

Gott wird von einem letzlich immer eine gewisse Buße und Sühne für seine Sünden wollen – wie auch der Vater, wenn man fahrlässig sein Auto zu Schrott gefahren hat, von einem wollen wird, dass man es ersetzt, auch wenn man um Verzeihung gebeten und sie erhalten hat. Aber Er gibt sich oft schon mit wenig zufrieden, und auch während man noch dabei ist, die Buße zu erfüllen, ist das Verhältnis schon wieder hergestellt.

Und Gott lässt sich, wenn man um Verzeihung bittet, nicht erst ewig bitten. Hier ist wichtig zu wissen: Liebesreue (vollkommene Reue) sorgt dafür, dass die Sünden schon vergeben werden, bevor man sie dann wirklich in der Beichte bekennt. Zur Liebesreue gehört: die innere Zerknirschung bzw. Abwendung von der Sünde, weil man damit den liebenden guten und gerechten Gott verachtet hat (das muss nicht gefühlsmäßig sein, es kommt auf den Willen an; Gefühle kann man nicht immer lenken), und der ehrliche Vorsatz, zumindest Todsünden nicht mehr zu begehen und sich von den nächsten Gelegenheiten zu Todsünden fern zu halten, und die begangene Todsünde in der Zukunft noch zu beichten (man muss sich nicht vornehmen, sie bei nächster Gelegenheit zu beichten, auch wenn das natürlich gut ist). Wenn man es nicht schafft, sich auch von lässlichen Sünden loszusagen, kann man trotzdem Reue für seine Todsünden haben und das grundlegende Verhältnis mit Gott wiederherstellen. Die Liebesreue kann auch noch mit Furcht vor Gottes Strafe vermischt sein, oder mit dem Wissen, dass man wahrscheinlich dieselbe Sünde wieder begehen wird; sie muss einfach trotzdem ehrlich gemeint sein. Und in der Beichte genügt selbst die Furchtreue, die eher zum großen Teil aus der Furcht vor Gottes gerechter Strafe hervorgeht, für die Vergebung; sie ist schon mal ein Anfang. „Gott ist mehr bereit, einem reuigen Sünder zu verzeihen, als eine Mutter, ihr Kind aus dem Feuer zu retten.“ (Hl. Pfarrer von Ars)

Gott will wirklich jeden Menschen retten und gibt ihm eine Chance. Man kann sich auch ansehen, wie Jesus mit den Leuten um Ihn herum geredet hat. Manchmal musste Er die Apostel zurechtweisen, auch hart zurechtweisen, aber dann war es wieder gut. Er war weiterhin geduldig mit ihnen und hat sie langsam an ihre Aufgabe herangeführt. Auf die Sünder wie Zachäus ist Er selber zugegangen und hat ihnen nicht ewig etwas vorgehalten, nachdem sie dann grundsätzlich Reue gezeigt hatten.

Wenn man bei manchen Heiligen sehr strenge Warnungen liest, kann es sein, dass man hier sagen muss: Ok, sie wollten eben lieber zu viel warnen, zu streng sein, als zu wenig, um die Leute sicher in den Himmel zu bringen – aber das kann eben auch mutlos machen. (Ich behaupte auch nicht, da die perfekte Balance gefunden zu haben, ich halte nur einfach die Gefahr der Mutlosigkeit für manche heute in unseren Kreisen relativ groß.) Und manchmal hatten diese Heiligen auch wirklich schlechte Zustände vor Augen, z. B. als Prediger an einem Fürstenhof mit viel Korruption, Machtstreben und Unzucht.

Gott hat Seine Gründe für alles, für wirklich alles. Am Ende wird alles gut sein, alles. Gott ist die überströmende Liebe; Er will uns trösten und zärtlich umarmen und uns vollkommen glücklich machen. „Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen trocknen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist dahingegangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,4f.)

Transpersonen, TERFs und ihre Fehler

Ich weiß nicht, wie viel meine Leser davon mitbekommen haben, aber: Das Thema Transgenderismus wird mittlerweile ja immer schlimmer. Die zuständigen Aktivisten beteuern, schon Vierjährige könnten und sollten ihr Geschlecht frei wählen; sich in der Pubertät in seinem Körper unwohl zu fühlen, könne ein Zeichen sein, dass man trans wäre; und es wäre Kindesmissbrauch, Zwölfjährigen keine Hormone zu geben, die irreparable Schäden in ihrem Körper anrichten, oder sie sich nicht die Brüste abschneiden zu lassen. Währenddessen wird es zur Strategie von Sexualstraftätern, egal ob sie sich „als Frau fühlen“ oder nicht, sich vorübergehend als Transfrau zu identifizieren, um ins Frauengefängnis verlegt zu werden. Immerhin gibt es ein paar kleine Siege der Gegenbewegung; in Florida ist es jetzt nicht mehr erlaubt, Minderjährigen Pubertätsblocker und Hormone zu verabreichen.

Zu dieser Gegenbewegung gehören nicht nur Konservative und Personen, die sich früher selbst als trans identifiziert und dann darunter gelitten haben (Detransitionierer), sondern auch gender-kritische Radikalfeministinnen, u. a. lesbische Radikalfeministinnen, die von Transaktivisten gern als TERFs (Trans exclusionary radical feminist) beschimpft werden. (Ich übernehme den Begriff jetzt einfach mal für diesen Artikel, als Abkürzung, nicht als Schimpfwort; denn es ist ja eigentlich keins.) Einige dieser TERFs sind Frauen oder Exfrauen von Männern, die einen autogynophilen Fetisch haben, also sexuell von der Vorstellung von sich als Frau erregt werden und z. B. Unterwäsche von weiblichen Familienmitgliedern stehlen, um damit zu masturbieren, und die sich dann plötzlich als „Transfrau“ identifiziert haben. Andere wurden von „Transfrauen“ attackiert, weil sie keine „lesbische“ Beziehung mit ihnen wollen. Wieder andere machen sich vor allem Sorgen darum, wie sich in manchen Gegenden und Schulen plötzlich ganze Gruppen von Kindern und Jugendlichen als trans identifizieren (Rapid Onset Gender Dysphoria).

Wenn TERFs gegen all das argumentieren, kommen immer wieder solche Aussagen:

  • „Vor vierzig Jahren haben wir Mädchen gesagt, dass sie keiner stereotypen Mädchenrolle entsprechen müssen. Heute sagen wir Mädchen, wenn sie nicht genau einer stereotypen Mädchenrolle entsprechen, wären sie vielleicht tatsächlich Jungen.“
  • „Viele Jugendliche, die jetzt transitionieren, würden diese Phase überwinden und einfach homosexuell werden, wenn Transaktivisten sie nicht überzeugt hätten, sie wären trans.“
  • „Transfrauen sind als Männer im Patriarchat sozialisiert und daran gewöhnt, dass sie sich alles nehmen können, was sie wollen; deswegen drängen sie jetzt in geschützte Frauenräume wie Frauenhäuser, Krankenzimmer, Frauengefängnisse usw.“
  • „Wir haben früher immer gesagt, dass man sich nicht aussuchen kann, zu wem man sich sexuell hingezogen fühlt, um für Homosexuellenrechte zu kämpfen; heute sagen Transfrauen uns Lesben, wir könnten uns dazu trainieren, uns auch zu ‚Frauen‘ mit Penis hingezogen zu fühlen. Das ist Homophobie im neuen Gewand.“

Sie sehen in der Genderideologie einen Rückschritt für Homosexuellenrechte und den Feminismus und klagen das ominöse Patriarchat an. Tatsächlich sind Transaktivisten/Transpersonen aber nur auf dem selben Weg etwas weitergegangen als klassische Feministen und Homosexuelle (wobei da natürlich einige Selbstwidersprüche auftauchen), und wenn sie sich dann umwenden und ihre Vorgänger zerfleischen wollen, kann man attestieren: Die Revolution frisst ihre Kinder. Und die Girondisten sind nicht um so vieles besser als die Jakobiner – auch wenn sie hoffentlich eher wieder zur Vernunft kommen, je verrückter die Jakobiner werden.

Während noch das böse „Patriarchat“ an der Macht war, gab es (jedenfalls in christlichen Ländern; in heidnischen Ländern konnte es anders aussehen) keine sonderlich große Toleranz für sexuelle Abweichungen. Gut, die Meinungen dazu, wenn Eheleute coitus interruptus praktizierten, waren gespalten. Aber viel weiter ging man nicht. Statt Pornovideos gab es bloß unter der Hand gehandelte anzügliche Fotos, und es wären die wenigsten Männer auf die Idee gekommen, von ihrer Frau zu verlangen, bei Oralsex, Analsex oder Fesselspielchen mitzumachen, falls ihnen denn bewusst war, dass es solche Sexpraktiken gibt. Man mochte es notgedrungen tolerieren, wenn junge Männer zu Prostituierten gingen, aber niemand hielt es für gut. Homosexualität war eine Sachen von wenigen Gruppen von Männern, die sich nachts zum anonymen Sex im Park trafen. Transsexualität/Transvestismus war wenig bekannt. Sex war nicht etwas, das von normalen Regeln zu Ehrlichkeit, Treue und Rücksichtnahme ausgenommen war, und als natürlich sah man den normalen Geschlechtsverkehr in der Ehe, zwischen einem Mann und einer Frau, die sich aneinander gebunden haben, und die die Kinder, die aus ihrer Verbindung entstehen können, in Liebe empfangen.

Es gehörte auch zum allgemeinen Konsens, dass Frauen einen gewissen Schutz brauchen, dass es Frauenbereiche braucht. Auch ein Verehrer sollte nicht unbedingt allein mit einer Frau sein, was einen Schutz vor Date Rape bot. Frauenumkleidekabinen, -toiletten und dergleichen waren Orte, wo sich kein Mann hineintraute. Man wäre auch nie auf die Idee gekommen, Frauen in den Krieg zu schicken.

Das alte Patriarchat war offensichtlich nicht so drauf, dass es Männern jeden Schutz bot, ihre sexuellen Neigungen auszuüben, auch wenn Frauen darunter leiden sollten. Wenn ein Mann seiner Frau eröffnet hätte, dass er eigentlich schwul oder trans sei, hätte man nicht von ihr erwartet, gefälligst zu lächeln und bei dem Spielchen mitzumachen und ihn sein „wahres Selbst“ sein zu lassen, sondern hätte empört darauf reagiert, dass er das vor ihr verheimlicht und sie trotzdem geheiratet hatte oder sich nicht wenigstens bemühte, seinen Neigungen nicht nachzugeben.

Das alles hat sich mit der Sexuellen Revolution drastisch geändert (und die kam nicht erst in den 60ern, sondern in einigen Schichten schon viel früher – im Berlin der 1920er sieht man das z. B. gut, bei Magnus Hirschfeld usw.), und hier haben die meisten Feministinnen unkritisch mitgemacht. Hier wurde die allgemeine Einstellung verbreitet, dass noch so ungewöhnliche Fetische und Neigungen ausgelebt werden müssen, und es quasi psychisch krank machen würde, das nicht tun zu können. Sex wurde als lebensnotwendig definiert, und das war eine gefährliche Sache, denn so ein starker natürlicher Trieb kann auch in falsche Bahnen gelenkt werden – ebenso wie es Essstörungen gibt, gibt es schädliche sexuelle Verhaltensweisen. (Und das gilt auch, wenn Leute ehrlich glauben, nur glücklich sein zu können, indem sie solchen Neigungen nachgeben, und niemandem etwas Böses wollen.)

Dann haben Feministinnen sich auch mit Enthusiasmus daran gemacht, „Geschlechterrollen zu dekonstruieren“. Deren Zuschreibung sei eigentlich willkürlich, und Mädchen sollten sich männlicher und Jungen sich weiblicher verhalten. (Denn auch wenn behauptet wurde, jeder könne genau so sein, wie er wolle, erwarteten diese Feministinnen doch, dass die Mädchen sich gefälligst wünschen sollten, weniger mädchenartig, und die Jungen, weniger jungenartig zu sein.) Hier könnte man – wie die TERFs das tun – denken, das wäre eigentlich die Antithese zum Transgenderismus, aber tatsächlich war es deren Vorläufer.

TERFs sehen ja selbst, dass es bedeutende biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Männer z. B. stärker und aggressiver sind. Aber dann erklären sie im nächsten Atemzug, dass mit diesen biologischen Unterschieden gefälligst keine sozialen und psychologischen einhergehen sollten, dass es keine Männerrollen und Frauenrollen geben solle, dass beispielsweise Frauen und Männer gleich viel Zeit auf ihre Kinder bzw. auf den Beruf verwenden sollten wie der andere (und tendenziell beide mehr Zeit auf den Beruf als auf die Kinder), und beide die gleichen Berufe lernen sollten (und tendenziell eher Männerberufe). Aber die allermeisten Frauen und Männer suchen Rollen als Frauen oder Männer, in denen sie sich wohl und anerkannt fühlen können. Mädchen wollen irgendwann eine „richtige Frau“ sein und Jungen ein „richtiger Mann“, und nicht geschlechtsneutral. Kein Mensch behauptet, dass das für alle ganz klischeehaft aussehen muss, aber auch Mädchen, die z. B. mathematisch begabt sind und gerne Fußball spielen, werden irgendwann irgendwie fraulich sein wollen. Und gerade Kinder brauchen konkrete Vorbilder, nicht ein „Du kannst alles sein, was du dir vorstellen kannst“. Man will eine Identität, eine Gemeinschaft mit anderen.

Die Verwirrung dazu, was das Geschlecht sozial bedeuten soll, trug tatsächlich dazu bei, dass man dahingehend verwirrt wurde, ob es biologisch noch etwas bedeuten soll. (Und tatsächlich ist es ja vor allem so, dass Frausein Mütterlichkeit nach dem Vorbild der hl. Jungfrau Maria (auch bei Nichtmüttern) und Mannsein Väterlichkeit nach dem Vorbild des hl. Joseoph (auch bei Nichtvätern) bedeuten soll.)

Der klassische Feminismus und die Homosexualität sind auch nicht die großartige Alternative zur Genderideologie. Eine 13jährige, die sich unwohl damit fühlt, dass ihr Brüste wachsen und Jungs sie jetzt als sexuelles Wesen sehen könnten, und die irgendwie linkisch ist und kein rechtes Modegespür hat, sollte weder dazu gebracht werden, zu glauben, sie könnte eigentlich ein Junge sein, noch dazu, sie wäre vielleicht lesbisch.

(Und, das ist ein untergeordneter Punkt, aber Feministinnen haben auch sehr gerne die Rolle der „starken Frau“ propagiert, die z. B. auch Kriegerin wird, weswegen in Filmen gerne mal so getan würde, als hätten 1,70 große dünne Schauspielerinnen tatsächlich eine Chance gegen Männer in einer Prügelei oder einem Kampf. Erst jetzt entdecken diese Feministinnen wieder, dass das so nicht klappt, weil Transfrauen in den Frauensport drängen und logischerweise die tatsächlichen Frauen, die ihnen körperlich unterlegen sind, abdrängen.)

Das eigentliche Problem, die Wurzel des Ganzen ist aber der Relativismus, der der Sexuellen Revolution schon voranging, und erst ihre Grundlage war. „Wenn das für dich so ist, dann ist es so“, „Dir deine Wahrheit, mir meine Wahrheit“. Um ehrlich zu sein, ich habe nie im Ansatz verstanden, wie man so weit gehirngewaschen sein kann, dass man das auch nur ernstnimmt, aber offensichtlich sind die Leute das.

Sie huldigen einer Tinkerbell-Weltsicht: Tinkerbell lebt, wenn die Kinder an Feen glauben, und stirbt, wenn sie es nicht tun – als wäre es irgendwie tugendhaft, an Märchenfiguren zu glauben, weil man es gern hätte, dass es sie gäbe. [Hier darf man sich auch nicht verwirren lassen: Leuten zu vertrauen, die man als vertrauenswürdig kennt, ohne für jede Einzelheit, die sie einem erzählen, misstrauisch Beweise zu verlangen, ist sehr wohl eine Tugend (und so in etwa stellt sich auch der religiöse Glaube da); Wunschdenken ist etwas völlig anderes.] Ebenso sagt man uns jetzt, wenn wir nur ganz fest glauben, dass Männer im Kleid Frauen sind, sind sie es auch. (Sogar die Negativseite ist hier da: Man erzählt uns auch, wenn wir Trans“frauen“ nicht mit Lob überhäufen, sind wir schuld, dass sie Selbstmord begehen; eine ziemlich perverse Form der Erpression, bei der auch nie gefragt wird, wo denn früher die Massen an Transpersonenselbstmorden waren, und wieso die Selbstmordrate bei Transpersonen auch nach „geschlechtsangleichenden“ OPs nicht sinkt.)

Die Welt ist einfach nichts, was wir uns erschaffen. Sie tritt an uns heran, ob wir es wollen oder nicht, und es ist Gott, der sie gemacht hat (und böse Menschen und gefallene Engel, die sie teilweise verdorben haben). Auch ein Mann, der gern eine Frau wäre, vielleicht, weil er das Gefühl hat, kein richtiger Mann sein zu können, wird immer ein Mann sein.

Und auch die Homosexuellenideologie war da schon dasselbe wie die Genderideologie; auch die ignorierte schon, wie die menschlichen Geschlechtsteile eigentlich zusammenpassen, und führte zu selbstschädigenden Lebensweisen.

(Dein Körper ist nicht dazu gemacht, Reißnägel zu verdauen, Mann. – Haha, netter naturalistischer Fehlschluss!)

Auch dass dieser Trend Kindern und Jugendlichen aufgedrängt wird, damit sich Erwachsene mit solchen Neigungen bestärkt fühlen, ist nichts Neues; zuerst wurde eben Homosexualität und dann Transgenderismus in die Lehrpläne aufgenommen. Drag Queen Story Hours im Kindergarten sind da zu erwarten.

Aber Kinder haben ein Recht auf das Wirkliche und das Natürliche.

Sie müssen generell nicht allzu früh mit Infos über Sex überhäuft werden, aber ihnen in der 4. Klasse zu erklären, woher die Babies kommen und was sich in der Pubertät bei ihnen verändern wird, ist sinnvoll. Bei der Genderideologie dagegen ist es nicht so, dass Schulkinder dafür einfach zu jung wären; sie ist zwar besonders schädlich für sie, weil sie so jung sind, aber sie ist auch noch schädlich für Ältere. Natürlich müssen sie irgendwann davon erfahren, dass es sie gibt – im selben Sinn, wie sie irgendwann erfahren müssen, dass es Scientology und Wahrsager gibt. Man muss sie irgendwann darüber aufklären, was die Genderideologie tatsächlich ist, und sie davor warnen. Aber eine Zeitlang können sie auch einfach davor geschützt werden.

Das Sein ist auch das Gute. Wir haben eine bestimmte Natur, und der kann man nie wirklich entkommen; man kann sich bei dem Versuch nur selber zerstören.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 11b: Wo sind die Toten vor dem Weltgericht und was ist mit dem Fegefeuer?

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich:

Zum Fegefeuer: 2 Makk 12,40-45; 1 Kor 3,15

Zum Schicksal der Toten vor dem Weltgericht: Lk 16,19-31

Unter manchen christlichen Gemeinschaften ist heute noch die Vorstellung vom sog. „Seelenschlaf“ verbreitet; nach dem Tod würden die vom Körper getrennten Seelen erst einmal quasi schlafen oder sterben, und erst beim Weltende und Jüngsten Gericht, wenn die Körper auferstehen, würden die Seelen wieder erwachen und sich mit ihnen vereinigen, und dann würde der Mensch erst von Gott gerichtet werden. Die katholische Sicht ist dagegen: Nach dem Tod wird die Seele gleich gerichtet und kommt zu Gott in den Himmel (bzw. vorübergehend ins Fegefeuer und dann in den Himmel) oder in die Hölle; beim Weltgericht wird sie mit ihrem Körper wiedervereinigt, auch der erhält jetzt seine Strafe oder Belohnung, und das ganze Gericht über alle Menschen wird noch einmal öffentlich gemacht, aber das Urteil über den einzelnen ändert sich nicht. (Und natürlich werden jetzt auch die Menschen erstmals gerichtet, die beim Weltende noch nicht gestorben waren.) Dieses Thema war unter den frühen Christen durchaus noch umstritten; sie betonten sehr die leibliche Auferstehung und waren sich offenbar nicht ganz einig, was vorher mit den Seelen geschieht. Noch Papst Johannes XXII. im 14. Jahrhundert vertrat die Idee vom Seelenschlaf als theologische Privatmeinung in einigen Predigten, widerrief aber, als die Theologen dagegen protestierten, und sein Nachfolger klärte diese Frage endgültig 1336 in einer päpstlichen Bulle. (Das ist insofern ein gutes Beispiel für die Lehrentwicklung, und für die Tatsache, dass auch Päpste, wenn sie nicht ex cathedra sprechen (also nicht im Namen der Kirche eine Lehre als verbindlich für alle Christen verkünden wollen), irren können.)

Noch ein anderes Thema hängt damit zusammen, nämlich die katholische Lehre vom Fegefeuer oder Läuterungsort (Purgatorium), wo die Seelen, die zwar keine bewusste, unbereute schwere Sünde mehr auf dem Gewissen hatten, aber zu ihrem Todeszeitpunkt noch gewisse Dinge zu sühnen hatten und sich von manchen lässlichen Sünden nicht lossagen wollten, vor ihrem Eintritt in den Himmel geläutert werden. Das Gebet anderer kann dabei helfen, ihre Sünden zu sühnen und ihre Läuterung zu beschleunigen. Diese Lehre findet sich bereits im Alten Testament in den Makkabäerbüchern (2 Makk 12,40-45). Protestanten lehnen sie ab; es gäbe nur entweder Himmel oder Hölle (oder eben, die Seelen befänden sich im Seelenschlaf), und beten deshalb auch nicht für die Toten und erkennen die Makkabäerbücher nicht als Teil der Bibel an.

Fangen wir erst einmal mit dem Fegefeuer und dem Gebet für die Toten an.

Eine Aussage der heiligen Perpetua ist hier sehr interessant; sie war eine junge Christin aus Nordafrika, die im Gefängnis vor ihrem Martyrium im Jahr 203 n. Chr. ihre Erlebnisse aufschrieb. Da heißt es:

„Nach wenigen Tagen, während wir alle beteten, brach mir plötzlich mitten im Gebete die Stimme hervor und ich nannte den Dinokrates. Ich staunte, daß er mir nie in den Sinn gekommen war als nur in diesem Augenblicke, und ich dachte mit Trauer an sein Schicksal. Ich erkannte auch sofort, daß ich würdig sei und für ihn beten müsse, und fing an, für ihn viele Gebete zu sprechen und zum Herrn zu seufzen. Sofort noch in derselben Nacht hatte ich folgendes Gesicht. Ich sehe den Dinokrates aus einem finsteren Orte, wo viele ganz erhitzt und durstig waren, in schmutziger Kleidung und blasser Farbe hervorkommen mit einer Wunde im Gesicht, die er hatte, als er starb. Dieser Dinokrates war mein leiblicher Bruder, der im Alter von sieben Jahren aus Schwäche wegen eines Krebsleidens im Gesichte elend starb, so daß sein Tod allen Menschen ein Abscheu war. Für diesen also hatte ich gebetet, und es war zwischen mir und ihm ein großer Zwischenraum, so daß wir beide nicht zueinander kommen konnten. Es war ferner an dem Orte, an welchem Dinokrates sich befand, ein Bassin voll Wasser, dessen Rand aber höher war als die Größe des Knaben, und Dinokrates streckte sich aus, als ob er trinken wollte. Ich war traurig darüber, daß jenes Bassin voll Wasser war und er doch wegen der Höhe der Umfassung nicht trinken konnte. Da erwachte ich und wurde inne, daß mein Bruder leide; aber ich vertraute, daß ich seiner Not abhelfen werde, an all den Tagen, bis wir in den Kerker des Lagers übersiedelten; denn bei den Spielen nahe dem Lager sollten wir kämpfen; es war damals der Geburtstag des Cäsars Geta. Und ich betete für ihn Tag und Nacht mit Seufzen und Tränen, damit er mir geschenkt werde.

An dem Tage, an welchem wir im Kerker gefesselt blieben, hatte ich folgende Erscheinung. Ich sehe jenen Ort, den ich früher gesehen hatte, und den Dinokrates mit gewaschenem Leibe, gut gekleidet und sich erholend; wo die Wunde gewesen war, sehe ich eine Narbe, und die Umfassung jenes Teiches war tiefer geworden bis an den Nabel des Knaben; ohne Aufhören schöpfte er Wasser aus dem Bassin. Über der Umfassung war auch eine goldene Schale voll Wasser; Dinokrates trat hinzu und fing an, aus der Schale zu trinken, und diese wurde nicht leerer; nachdem er genug Wasser getrunken hatte, fing er froh nach Art der Kinder an zu spielen. Da erwachte ich und erkannte, daß er aus der Strafe entlassen war.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 7-8)

Etwas ganz Ähnliches kommt in den Akten des Paulus und der Thekla (wohl aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts) vor, die diverse Geschichten aus Paulus‘ Leben erzählen, die in der Apostelgeschichte fehlen. Thekla, eine geweihte Jungfrau, die Paulus begleitet, ist in Antiochia zum zweiten Mal vor ein Gericht gebracht worden (nachdem sie sich gegen die sexuelle Belästigung durch einen hochrangigen Mann gewehrt hat) und zum Tod durch wilde Tiere verurteilt worden; dann heißt es:

„Thekla aber bat den Statthalter, daß sie unberührt bliebe, bis sie mit den Tieren kämpfen müsse. Und eine reiche Frau, namens Tryphäna, deren Tochter gestorben war, nahm sie in ihre Obhut und fand an ihr Trost. […] Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!‘ Und als Thekla so sprach, trauerte Tryphäna, da sie daran dachte, daß solche Schönheit vor die Tiere geworfen werden sollte.“ (Paulusakten 3,27-29, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 248; hier eine englische Übersetzung.)

Die Tiere greifen Thekla dann übrigens nicht an, und sie wird freigelassen, führt noch ein längeres Leben und verkündet Christus.

Diese Stelle ist auch dahingehend interessant, dass die frühen Christen sich durchaus vorstellen konnten, dass Heiden, die Christus ohne eigene Schuld nicht gekannt hatten, in den Himmel kommen könnten (evtl. eben nach einem Läuterungsprozess und mit Hilfe des Gebets von Christen); Tryphäna lernt erst durch Thekla das Christentum kennen. Das schreibt ja auch Justin der Märtyrer (1. Apologie 46), den ich hier schon zitiert habe: „Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann.“


(Paulus und Thekla auf einem Fresko aus dem 6. Jh.)

Bischof Aberkios von Hierapolis in Phrygien bittet gegen Ende des 2. Jahrhunderts in seiner Grabinschrift (die nur verschlüsselt über den christlichen Glauben spricht) andere um ihr Gebet für ihn:

„Einer auserwählten Stadt Bürger habe ich dies errichtet,
da ich noch lebe, auf dass ich hätte seiner Zeit für
meinen Leib hier eine Stätte.
Aberkios bin ich mit Namen, der welcher Jünger ist
eines reinen Hirten,
der da weidet der Schafe Herden auf Bergen und Fluren,
der Augen hat gewaltig, die überall herniederschauen;
denn er hat mich gelehrt … untrügliche Zeichen.
Der nach Rom mich sandte, einen König zu schauen
und eine Königin zu sehen mit goldnem Gewand und
goldnen Sandalen;
einen Stein aber sah ich dort mit einem leuchtenden Gepräge.
Und Syriens Flur sah ich und seine Städte alle; ich überschritt
den Euphrat und sah Nisibis. Überall aber gewann ich Kultgenossen;
Paulos war mein (Begleiter?). Nestis leitete mich überall
und schaffte mir Nahrung überall, einen Fisch vom Quellwasser
gar gross und rein, den gefangen hatte eine reine Jungfrau,
und den gewährte sie den Genossen immer zu essen
und spendete Wein in guter Mischung mit Brot.
Dies habe ich Aberkios unter meiner eignen Aufsicht so
zu schreiben geheissen.
Das zweiundsiebzigste Jahr hab‘ ich wirklich vollbracht.
Wer dies versteht, bitte für Aberkios, ein jeder Genosse.
Aber keiner soll in mein Grab noch einen andern oben
darauf beisetzen.
Wenn er es thut, soll er dem römischen Fiscus spenden
zweitausend Goldstücke
und der guten Vaterstadt Hierapolis tausend Goldstücke.“ (Aberkiosinschrift)


(Nachbau von Aberkios‘ Grabstein.)

Das waren jetzt alles keine Lehrschreiben von Theologen, und die Paulusakten sind an ein paar Stellen auch theologisch fehlerhaft (z. B. tauft Thekla sich selbst) oder vielleicht etwas legendarisch, aber diese Aussagen zeigen alle, dass unter den Christen des 2. und frühen 3. Jahrhunderts die Ansicht verbreitet war, man sollte für die Toten beten und könnte ihnen damit helfen, an einen besseren Ort zu kommen.

Jetzt zum Schicksal der Seelen vor dem Weltgericht:

Der hl. Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg zu seiner Gerichtsverhandlung und seinem Martyrium in Rom an eine Gemeinde, dass er, wenn er im Himmel sei, für sie beten werde, was impliziert, er werde bei Gott sein, während die Trallianer noch auf Erden leben:

„Meine Seele opfert sich für euch nicht nur jetzt, sondern auch wenn ich zu Gott gelangt bin.“ (Brief des Ignatius an die Trallianer 13,3)

Vor ihrem Tod wird von mehreren Märtyrern von Visionen berichtet. Die oben schon erwähnte Perpetua berichtet von einem ihrer Leidensgenossen, dass er eine Vision hatte, laut der sie gleich nach ihrem Martyrium in den Himmel kommen würden:

„Aber auch der selige Saturus hat folgende Erscheinung, die er selbst gehabt hat, aufgeschrieben und bekannt gemacht. Wir hatten, sagt er, gelitten und gingen aus dem Fleische hinaus; da wurden wir von vier Engeln, deren Hände uns nicht berührten, nach Osten getragen. Wir machten den Weg aber nicht mit dem Rücken liegend und aufwärts gerichtet, sondern so, als wenn wir einen sanften Hügel hinanstiegen. Und als wir aus der ersten Welt heraus waren, sahen wir ein großes Licht, und Perpetua, die an meiner Seite war, sagte: Das ist, was uns der Herr verheißen hat, wir haben die Verheißung empfangen. Und indem wir so von den vier Engeln getragen wurden, öffnete sich uns ein weiter Raum, wie ein Lustgarten; darin waren Rosenbäume und Blumen aller Art. Die Bäume waren so hoch wie Zypressen und ihre Blätter fielen ohne Unterlaß herab. Dort in dem Lustgarten waren vier andere Engel, herrlicher als die vorigen; als diese uns sahen, erwiesen sie uns Ehre und sagten zu den anderen Engeln: Da sind sie, da sind sie! Mit Verwunderung und staunend setzten uns nun jene Engel, die uns getragen hatten, ab und wir durchschritten den Raum zu Fuß auf einem breiten Wege. Dort fanden wir den Jokundus, den Saturninus und den Artaxius, die in derselben Verfolgung lebendig verbrannt wurden, und den Quintus, der als Märtyrer im Kerker gestorben war, und fragten sie, wo die übrigen seien. Die Engel aber sprachen zu uns: Kommt zunächst hinein und grüßet den Herrn.

Und wir kamen zu einem Orte, dessen Wände aus Licht gebaut zu sein schienen; vor dem Eingange dieses Ortes bekleideten uns, als wir eintraten, vier Engel mit weißen Gewändern. Wir traten ein und hörten eine vereinte Stimme, die unaufhörlich: Heilig, heilig, heilig rief. Und wir sahen in diesem Orte einen alten Mann sitzen, der schneeweißes Haar, aber ein jugendliches Angesicht hatte; seine Füße aber sahen wir nicht. Zu seiner Rechten aber und zu seiner Linken standen vier Älteste und hinter ihnen noch mehrere andere Älteste. Voller Bewunderung traten wir ein und standen vor dem Throne; die vier Engel hoben uns in die Höhe, wir küßten ihn und er warf es uns von seiner Hand ins Antlitz zurück. Die übrigen Ältesten aber sagten uns: Laßt uns stehen! Und wir stellten uns und gaben den Friedenskuß. Und die Ältesten sagten zu uns: Gehet jetzt und spielet! Da sagte ich zu Perpetua: Da hast du, was du verlangst. Und sie entgegnete mir: Gott sei Dank; wie ich im Fleische fröhlich war, will ich es jetzt noch mehr sein.

Wir gingen hinaus und sahen vor der Türe den Bischof Optatus zur Rechten und den Priester und Lehrer Aspasius zur Linken; sie standen da voneinander getrennt und traurig, warfen sich uns zu Füßen und sagten: Stiftet Frieden unter uns, weil ihr hinausgegangen seid und uns so zurückgelassen habt. Und wir sagten zu ihnen: Bist du nicht unser Bischof und du unser Priester, daß ihr euch uns zu Füßen leget? Und wir wurden gerührt und umarmten sie. Perpetua redete griechisch mit ihnen und wir gingen mit ihnen in den Lustgarten unter einen Rosenbaum. Und während wir mit ihnen redeten, sagten die Engel zu ihnen: Lasset sie, sie sollen sich ergötzen; und wenn ihr Streitigkeiten untereinander habt, so vergebet einander; sie trieben sie fort und sagten zu Optatus: Bessere dein Volk. Denn so kommt man bei dir zusammen, als ob man aus dem Zirkus zurückkehrte und in Parteien geteilt stritte. Es schien uns aber, als wollten sie die Tore schließen. Und wir erkannten dort viele Brüder, die auch Märtyrer waren; wir alle wurden mit einem unbeschreiblichen Wohlgeruche erfüllt, der uns sättigte. Darauf erwachte ich in freudiger Stimmung.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 11-13)

Bischof Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr., dass die Seelen der Toten schon vor dem Gericht an unterschiedliche Orte kämen; er wendet sich hier hauptsächlich gegen die Lehre von der Seelenwanderung, die manche antike Sekten vertraten:

„Hierdurch [das Gleichnis vom armen Lazarus und dem Reichen] ist deutlich erklärt worden, daß die Seelen nicht von Körper zu Körper übergehen, sondern fortdauern, die menschliche Gestalt beibehalten, um erkannt zu werden, und sich an die irdischen Dinge erinnern; daß ferner dem Abraham die Lehrgabe innewohnt, und daß auch schon vor dem Gerichte jede Menschenart den ihr gebührenden Wohnplatz erhält.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,34,1)

Außerdem schreibt er allerdings:

„Wenn also der Herr das Gesetz der Toten beobachtet hat, um der Erstgeborene von den Verstorbenen zu werden, und bis zum dritten Tage in den Tiefen der Erde sich aufhielt, dann aber, im Fleische auferstand, um den Jüngern die Male der Nägel zu zeigen, ehe er zum Vater aufstieg, dann sind die widerlegt, die da sagen, die Unterwelt, das sei diese irdische Welt, und dieser ihr unterer Mensch lasse hier seinen Leib zurück, um an den überhimmlischen Ort emporzusteigen. Wenn nämlich der Herr ‚mitten im Todesschatten hinging‘, wo die Seelen der Verstorbenen waren, dann aber leiblich auferstand und nach der Auferstehung emporgehoben wurde, dann werden offenbar auch die Seelen seiner Jünger, derentwegen der Herr dies getan hat, an jenen unsichtbaren Ort abgehen, der ihnen von Gott bestimmt ist, und dort bis zur Auferstehung verbleiben, ihre Auferstehung erwartend. Dann aber werden sie, ihre Leiber wieder empfangend und vollkommen, d. h. leiblich auferstehend, wie auch der Herr auferstanden ist, zur Anschauung Gottes gelangen. (Irenäus, Gegen die Häresien V,31,2)

Hier scheint er zu implizieren, die Seelen wären zwar in dieser „Zwischenzeit“ lebendig, würden aber noch nicht Gott schauen, sondern an einem anderen Ort warten.

Der hl. Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. ganz entschieden, die Auferstehung komme erst am Ende der Zeiten und verurteilt diejenigen, die anderer Ansicht sind, als Ketzer (wobei unklar ist, ob vielleicht diese anderen Gruppen die Auferstehung des Fleisches am Ende der Zeiten ganz leugnen):

„Wenn ihr zusammenkommen solltet mit solchen, welche sich Christen nennen und obige Anschauung nicht teilen, welche dazu aber noch sich erkühnen, den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs zu lästern, und ferner behaupten, es gäbe keine Auferstehung der Toten, sondern ihre Seelen würden schon beim Tode in den Himmel aufgenommen werden, dann haltet sie nicht für Christen, so wenig als einer, wenn er richtig urteilt, behaupten dürfte, die Sadduzäer oder die verwandten Sekten der Genisten, Meristen, Galiläer, Hellenianer, Pharisäer-Baptisten seien Juden; mögen sie auch sich Juden oder Kinder Abrahams nennen und mit den Lippen Gott bekennen, ihr Herz ist aber doch, wie Gott selbst gerufen hat, ferne von ihm. Höret nicht unwillig auf mich, wenn ich alles sage, was ich denke! Ich aber und die Christen, soweit sie in allem rechtgläubig sind, wissen, daß es eine Auferstehung des Fleisches gibt, und daß tausend Jahre kommen werden in dem aufgebauten, geschmückten und vergrößerten Jerusalem, wovon der Propheten Ezechiel und Isaias und die übrigen sprechen. […]

Ferner hat einer, der bei uns war, Johannes hieß und zu den Aposteln Christi gehörte, in einer Offenbarung prophezeit, die, welche an unseren Christus glauben, werden in Jerusalem tausend Jahre verbringen, und dann werde für alle ohne Ausnahme die allgemeine und sogenannte ewige Auferstehung und das allgemeine und sogenannte ewige Gericht folgen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 80,4f. u. 81,4)

Tatian wiederum (der allgemein etwas unorthodox war) vertritt in den 170ern n. Chr. ganz eigene Ansichten; die Seelen der Ungerechten würden sich im Tod auflösen, aber beim Jüngsten Gericht zusammen mit den Körpern wieder auferstehen, um bestraft zu werden, die Seelen der Gerechten dagegen würde es zu Gott hinziehen, weil sie mit seinem Geist Gemeinschaft haben:

„Nicht unsterblich, ihr Bekenner des Griechentums, ist unsere ‚Seele‘ an sich, sondern sterblich: sie kann aber trotzdem dem Tode entrinnen. Denn sie stirbt und erfährt zusammen mit dem Körper ihre Auflösung,  wenn sie die Wahrheit nicht erkannt hat; später, am Ende des Weltlaufs, steht sie freilich mit dem Körper auf, aber nur, um als Strafe den Tod in der Unsterblichkeit zu empfangen: dagegen stirbt sie überhaupt nicht, mag auch ihre zeitweilige Auflösung erfolgen, wenn sie mit der Erkenntnis Gottes ausgerüstet ist. An und für sich ist sie Finsternis und kein Licht ist in ihr und hierauf eben bezieht sich das Wort: ‚Die Finsternis fasset nicht das Licht‘. Denn nicht die Seele ist es, die den Geist rettet, sondern sie wird von ihm gerettet und ‚das Licht fasset die Finsternis‘, wobei der Logos als das von Gott ausgehende ‚Licht‘, als ‚Finsternis‘ aber die unkundige Seele zu verstehen ist. Wenn sie daher allein für sich lebt, so neigt sie sich niederwärts zur Materie und stirbt zugleich mit dem Fleische; hat sie aber Gemeinschaft mit dem göttlichen Geiste, so ist sie nicht hilflos, sondern steigt hinauf in jene Lande, zu denen sie der Geist führt: denn seine Wohnung ist in der Höhe, ihr Ursprung dagegen in der Tiefe. Im Anfang also wohnte der Geist mit der Seele zusammen; der Geist aber hat sie verlassen, als sie ihm nicht folgen wollte. Doch da sie gleichsam einen Funken seiner Kraft behielt und nur infolge der Scheidung das Vollkommene nicht erschauen konnte, suchte sie Gott in der Irre und bildete sich viele Götter, indem sie den streitsüchtigen Dämonen folgte. Der Geist Gottes ist nun nicht mehr bei allen Menschen; bei einigen aber, deren Wandel gerecht war, ist er eingekehrt und vermählte sich mit ihrer Seele, um durch Weissagungen den übrigen Seelen das Verborgene kundzutun: und die Seelen, die der Weisheit folgten, zogen den verwandten Geist an sich, die aber nicht folgten und den Boten des Gottes, der gelitten hat, verschmähten, die zeigten sich mehr als Gottesfeinde, denn als Gottesdiener. […]

So bleibt uns nichts übrig, als nach dem, was wir besaßen und verloren haben, jetzt zu suchen: die Seele mit dem heiligen Geist zu verbinden und die gottgewollte Vermählung mit ihm zu bewirken.

Die Seele der Menschen ist nicht ein-, sondern vielteilig; denn sie ist zusammengesetzt, so daß sie überall am Leibe offenbar wird: ja sie könnte ebensowenig ohne den Leib in Erscheinung treten wie das Fleisch ohne die Seele aufstehen kann. Denn der Mensch ist nicht, wie die Rabenkrächzer lehren, ein vernünftiges, für Verstehen und Wissen empfängliches Tier (nach ihnen wird man auch von den unvernünftigen Tieren ’nachweisen‘ können, daß sie fähig seien, zu verstehen und zu wissen), sondern der Mensch allein ist Ebenbild und Gleichnis Gottes und ich nenne nicht den einen Menschen, der wie die Tiere handelt, sondern den, der über sein Menschentum hinaus zu Gott selbst gelangt ist. […] Unvergleichbar ist nur das absolut Seiende (d.i. Gott), vergleichbar nur das Ebenbildliche (d.i. der Mensch). Unfleischlich ferner ist der vollkommene Gott, der Mensch aber ist Fleisch: das Band seines Fleisches ist die Seele, Träger seiner Seele das Fleisch. Nehmen wir nun an, dieser so gestaltete (aus Fleisch und Seele bestehende) Organismus gleiche einem Tempel, so will Gott in ihm wohnen durch den Geist, seinen Abgesandten; ist er aber kein solches Heiligtum, so ist der Mensch den Tieren nur durch seine artikulierte Stimme überlegen und, da seine anderen Lebensäußerungen durchaus den tierischen gleichen, auch kein ‚Gleichnis Gottes‘. […]

Aber (wohl gemerkt): die Dämonen, die mit den Menschen schalten, sind nicht die Seelen der abgeschiedenen Menschen. Denn wie sollten sie just nach dem Tode tatkräftig werden, außer man nähme an, daß der Mensch ohne Verstand und ohne Kraft ins Leben trete und erst durch den Tod eine gewisse Kraftfülle empfange. Doch das stimmt nicht, wie ich anderswo bewiesen habe, und es wäre auch schwer zu begreifen, daß die ‚unsterbliche‘ Seele von den Gliedern des (sterblichen) Leibes gehemmt sein und erst dann, wann sie sich von ihm trenne, vernünftiger werden so.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 13 u. 15,1-4.6f. u. 16,1f.)

Man sieht also, dieses Thema war noch umstritten.

Zum Verständnis des Mittelalters

Ich habe den Eindruck, viele Menschen verstehen einfach nicht, wie mittelalterliche Christen über ihr Christentum gedacht haben, wie die so engstirnig sein konnten, sich wegen theologischer Fragen die Köpfe einzuschlagen. Daher mal ein Vergleich:

Für die Europäer des Mittelalters und der frühen Neuzeit war das Christentum etwa das, was für Europäer der späten Neuzeit die Demokratie ist. D. h. eine völlig selbstverständliche Grundlage für das gesellschaftliche Leben – bzw. im Fall des Christentums eigentlich noch wesentlich mehr, nämlich auch eine Grundlage für das private Leben, und zwar über den Tod hinaus.

Die paar (zunächst) noch im eigenen Land verbliebenen Heiden sah man so, wie man heute die paar noch verbliebenen Monarchisten sieht: Eine winzige kuriose Minderheit von Spinnern, deren Argumente man nicht mal anhören muss, weil sie sowieso nur dumm sein können. Wie kann jemand nur gegen Demokratie sein? Offensichtlich muss er für Tyrannei, Unterdrückung, Rechtlosigkeit sein. Wie kann jemand nur gegen Christus sein? Offensichtlich muss er ein gottloser Frevler sein. [Hier hatten die damaligen Christen natürlich viel eher Recht als die heutigen Demokraten.*]

Die Heiden (Polytheisten, Muslime) im Ausland sah man so, wie man heute die Taliban oder die Saudis sieht: Fremdartig, bedrohlich, ab und zu vielleicht interessant-exotisch, auf jeden Fall aber völlig irre und auch ziemlich grausam; ihre Opfer/Untertanen können einem nur leid tun.

Die Ketzer im eigenen Land sah man so, wie man heute sog. Extremisten, z. B. Neonazis, sieht: Gefährlich und entweder dumm oder böse oder beides, Sektierer, die die Menschen verführen. Die Ketzer währenddessen leugneten, dass sie selber Ketzer wären; im Gegenteil, sie hätten das wahre Christentum entdeckt – ungefähr so, wie Linksextreme behaupten, der Sozialismus wäre die wahre Demokratie. Die sozialistischen Länder (vor allem vor 1990) kann man etwa mit den protestantischen Ländern in der frühen Neuzeit vergleichen: Eine neue Lehre hatte sich mancherorts durchgesetzt und behauptete weiterhin, die einzig wahre Verwirklichung von Demokratie bzw. Christentum zu sein, viel besser als dieser Kapitalismus-Faschismus bzw. dieser Antichrist-Papst.

In der Außenpolitik gegenüber nichteuropäischen Ländern sah man sich selbstverständlich als Vertreter der Christenheit (des demokratischen Westens), und das war auch bei eher skrupellosen, weltlich denkenden Politikern nicht unbedingt Heuchelei, sondern ein völlig selbstverständlicher Glaube. Natürlich sollten auch andere Länder früher oder später erkennen müssen, dass sie das Christentum (die Demokratie) zu ihrem eigenen Nutzen annehmen müssten; natürlich versucht man sie dahingehend zu beeinflussen, lehrt das auch den ausländischen Schülern und Studenten und sonstigen Einwanderern, die ins eigene Land kommen, und erwartet, dass sie sich dahingehend integrieren. Jeder vernünftige Mensch sieht das doch ein, sobald er es nur entsprechend präsentiert bekommt. Wie die heutigen Reaktionen auf unintegrierbare strenge Muslime variieren (Polen verhält sich anders als Schweden usw.), variierten auch die damaligen Reaktionen auf unintegrierbare strenge Muslime (Spanien wies sie irgendwann aus, die Kreuzfahrerstaaten konnten gar nicht anders, als die vergleichsweise große muslimische Bevölkerung zu tolerieren).

Man sah es nicht als persönliches Verdienst an, an Christus (an die Demokratie) zu glauben, das tun doch sowieso alle normalen Menschen; und man konnte sich mit den anderen Menschen, die diese Grundsätze teilen, trotzdem noch um alles mögliche streiten und sich gegenseitig spinnefeind sein. Und auch, wenn man sich selber so verhält, wie es dem Christentum eigentlich widerspricht, gibt man nicht bewusst das Christentum auf, sondern sucht noch nach Gründen, sein Handeln doch als christlich hinzustellen – so, wie heutige Politiker, die ihnen unangenehme Wahlergebnisse am liebsten rückgängig machen wollen, auch nicht gegen die Demokratie wettern, sondern behaupten, solche Wahlergebnisse wären „undemokratisch“ und durch illegitime Beeinflussung entstanden, und außerdem würden die Gewählten in Wirklichkeit die Demokratie abschaffen wollen.

Wenn man Opfer eines Verbrechens durch andere Christen oder gar Kleriker wurde, beeinflusste das die Meinung über das System Kirche etwa so, wie es bei heutigen Leuten die Sicht auf das System Demokratie beeinflusst, wenn sie Opfer eines Verbrechens durch andere Personen werden, die an die Demokratie glauben oder gar im Stadtrat oder Bundestag sitzen.

Die Behauptung „Der Staat sollte religiös neutral sein“ hätte für mittelalterliche Christen etwa so viel Sinn gemacht wie für heutige Durchschnittsmenschen die Behauptung „die Gesellschaft sollte politisch neutral sein und sich nicht von demokratischen Ideen wie Selbstregierung und Mehrheitsentscheidungen beeinflussen lassen“.

Und mal ehrlich: Die Wahrheit über Gott und die Welt ist doch tatsächlich wesentlich wichtiger als ein bloßes System dafür, die zeitlichen Herrscher eines Landes zu bestimmen.

*Das Problem bei den meisten heutigen Demokraten ist, dass sie Wahlen nicht als ein mögliches legitimes System zur Bestimmung der Herrscher sehen, sondern als das einzig legitime System, weil das Volk sich eigentlich selbst regieren sollte. Dabei übersieht man, dass das Volk sich nie wirklich selbst regiert; eine reine Demokratie kann es nicht geben, sondern bloß demokratische Elemente in einem Staat, wobei Volksabstimmungen mehr von Demokratie haben als Parlamentswahlen. Bei der Bestimmung der Herrscher sollte es nun darum gehen, bei welchem System am meisten einigermaßen gute und am wenigsten wirklich schlechte Herrscher herauskommen. Und hier kann man jetzt vergleichen, was zu welchen Ergebnissen führt: Der Zufall der Erbfolge; Parteiintrigen und anschließende Wahlen, bei denen man sich zwischen den zwei oder drei innerparteilichen Siegern entscheiden kann; Wahlen ohne Beteiligung von Parteien; Losentscheid; oder meinetwegen zeremonieller Wettkampf mit den Disziplinen Schach und Speerwerfen. Ich bin mir nicht sicher, ob Parteienwahl immer für die besten Ergebnisse sorgt. Aber das ist hier nicht so wichtig; hier geht es nicht um Monarchismus vs. Republikanismus; und der Parteienparlamentarismus ist ein legitimes System, wenn auch nicht das einzige legitime System.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 11a: Himmel und Hölle

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Offb 21-22; Offb 4; Lk 16,19-31; Mt 13,36-43; Mt 22,23-33; Mt 25; Lk 13,22-30; Jes 66,18-24; Phil 3,20

In den letzten Teilen ging es bereits um den Jüngsten Tag und das Weltgericht und dergleichen; heute dazu, wie man sich dann das Leben bei Gott im Himmel bzw. in der Hölle konkret vorstellte. Kurz die katholische Lehre zusammengefasst: Der Himmel bedeutet die Anschauung Gottes, bedeutet Liebe, Erkenntnis, Vereinigung, und enthält noch zusätzliches Glück z. B. durch das Wiedersehen mit den verstorbenen Angehörigen; alle im Himmel sind völlig selig und leiden keinen Mangel, aber die großen Heiligen werden von Gott noch besonders geehrt und mehr belohnt. In der Hölle gibt es zwei Arten von Strafen: Der Verlust der Anschauung Gottes, der alle Verdammten betrifft, und die „Sinnenstrafen“, also zusätzliche Strafen, deren Schwere sich nach der Schwere der Sünden richtet; wer sich mehr von Gott entfernt hat, ist eben am Ende mehr von Gott entfernt. Glückseligkeit bzw. Strafen betreffen zunächst nur die Seele; dann, nach der Auferstehung des Fleisches, auch den wieder mit der Seele vereinigten Körper, der ja auch das seinige getan hat und am Ende Anteil am Schicksal der Seele haben soll, damit der Mensch wieder vollständig ist. Sowohl für die Erlösten als auch für die Verdammten ist ihr Zustand endgültig; die Erlösten beharren in der Liebe zu Gott, die Verdammten im Hass auf Gott, und wollen sich gar nicht mehr ändern.

Fangen wir mit dem Himmel an. Der hl. Irenäus von Lyon hat um 180 n. Chr. einige sehr schöne Stellen darüber geschrieben, was der Himmel ist:

Denn wie die, welche das Licht schauen, in dem Lichte sind und an seinem Glanze teilnehmen, so sind die, welche Gott schauen, in Gott und haben teil an seiner Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit aber macht sie lebendig, denn das Leben empfangen, die Gott schauen. Und auf diese Weise macht sich der Unfaßbare und Unbegreifbare und Unsichtbare sichtbar, begreifbar und faßbar für die Gläubigen, damit er lebendig macht, die ihn durch den Glauben fassen und schauen. Denn wie seine Größe unerforschbar ist, so ist seine Güte unaussprechbar, durch die er sich sehen läßt und Leben verleiht denen, die ihn sehen. Denn zu leben ohne das Leben ist unmöglich; die Subsistenz des Lebens aber kommt her von der Teilnahme an Gott. An Gott aber teilnehmen, heißt ihn schauen und seine Güter genießen. Die Menschen also werden Gott sehen, damit sie leben, indem sie durch das Schauen unsterblich geworden sind und in Gott eintauchen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,5-6)

„Denn unser Angesicht wird schauen das Angesicht Gottes, des lebendigen, und wird sich freuen in unaussprechlicher Freude, wenn es nämlich seine Freude sieht.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,7,2)

„Wenn wir also jetzt, wo wir bloß das Unterpfand haben, Abba, Vater, rufen, was wird dann erst geschehen, wann wir nach der Auferstehung ihn von Angesicht zu Angesicht schauen werden, wann alle Glieder in überströmender Freude den Jubelhymnus anstimmen und den preisen werden, der sie von den Toten auferweckt und mit dem ewigen Leben beschenkt hat? Denn wenn schon das Unterpfand dadurch, daß es den Menschen umfängt, ihn rufen läßt: Abba, Vater, was wird dann die gesamte Gnade des Geistes bewirken, die dem Menschen von Gott verliehen werden wird? Ähnlich mit ihm wird sie uns machen und vollenden nach dem Willen des Vaters, denn sie wird den Menschen machen nach dem Bild und Gleichnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,8,1)

Par 05, Gustave Doré.jpg
(Gustave Doré, Darstellung des Himmels.)

Über die Erlösten und die Verdammten und ihr jeweiliges selbstgewähltes Los schreibt er:

„Gott aber, der alles voraussieht, hat beiden passende Wohnungen zubereitet: Denen, die das unvergängliche Licht suchen und nach ihm laufen, schenkte er gütig das Licht, das sie begehren; für die anderen aber, die es verachten und sich von ihm abwenden, die es fliehen und gleichsam sich selbst blenden, machte er die Finsternis, die für die Feinde des Lichtes paßt. So legte er denen, die sich dem Gehorsam gegen ihn entzogen, die geziemende Strafe auf. Der Gehorsam aber gegen Gott ist die ewige Ruhe; und die, welche vor dem Licht fliehen, haben einen Platz, der ihrem Fliehen entspricht, und die, welche die ewige Ruhe fliehen, haben eine Wohnung, passend zu ihrer Flucht. Da aber bei Gott alles Gute ist, so berauben sich jene selbst aller Güter, die aus eigenem Entschluß Gott fliehen, und fallen dementsprechend in das gerechte Gericht Gottes. Wer die Ruhe flieht, wird gerechterweise in Strafe umherziehen, wer das Licht flieht, wird gerechterweise in Finsternis wohnen. Wie aber die, welche dies zeitliche Licht fliehen, sich der Finsternis überantworten, sodaß es ihre Schuld ist, wenn sie von dem Lichte verlassen werden und in Finsternis wohnen und das Licht, wie gesagt, daran keine Schuld hat, so sind auch die, welche das ewige Licht Gottes fliehen, das alles Gute in sich enthält, allein daran schuld, daß sie in der ewigen Finsternis wohnen, verlassen von allen Gütern.

Es ist ein und derselbe Vater, der denen, die nach seiner Gemeinschaft verlangen und im Gehorsam gegen ihn verharren, seine Güter bereitet hat, dem Urheber des Abfalls aber und seinen Mitschuldigen das ewige Feuer, in das nach den Worten des Herrn die zur Linken Abgesonderten geschickt werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,39,4 u. IV,40,1)

„Und wer immer die Liebe zu ihm bewahrt, dem schenkt er seine Gemeinschaft. Die Gemeinschaft mit Gott aber ist Licht und Leben und der Genuß der Güter, die bei ihm sind. Welche nun immer aus eigenem Entschluß von ihm sich abwenden, die führt er in die von ihnen erwählte Trennung. Die Trennung von Gott aber ist der Tod, und die Trennung von dem Licht ist die Finsternis, und die Trennung von Gott ist der Verlust aller Güter, die in ihm sind. Die aber wegen ihrer Apostasie die genannten Güter verloren haben — aller Güter sind sie ja verlustig gegangen —, die verfallen jeglicher Strafe, ohne daß Gott die Bestrafung im voraus in die Hand nimmt; auf dem Fuße folgt ihnen die Strafe, indem sie aller Güter beraubt werden. Weil aber die Güter bei Gott ewig und ohne Ende sind, deswegen ist auch ihre Strafe ewig und ohne Ende, wie ja auch bei der Unermeßlichkeit des Lichtes die, welche sich selbst blenden oder von andern geblendet werden, endlos des Genusses des Lichtes beraubt sind, ohne daß das Licht sie mit Blindheit bestraft. Denn gerade ihre Blindheit ist ihr Unglück. Deswegen sprach auch der Herr: ‚Wer an mich glaubt, wird nicht gerichtet‘, d. h., wird nicht von Gott getrennt, denn immer ist er mit Gott durch den Glauben vereinigt. ‚Wer aber nicht glaubt‘, spricht er, ‚der ist schon gerichtet, da er an den Namen des eingeborenen Sohnes nicht geglaubt hat‘, d. h., sich selbst durch freiwilligen Entschluß von Gott getrennt hat. ‚Das ist nämlich das Gericht, daß das Licht in diese Welt gekommen ist, und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht. Denn jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht an das Licht, damit seine Werke nicht gerügt werden. Wer aber den Willen tut, kommt ans Licht, damit seine Werke offenbar werden, die er in Gott gewirkt hat.‘

Da nun in dieser Welt einige dem Lichte zueilen und durch den Glauben sich mit Gott vereinen, die andern aber sich vom Lichte abwenden und von Gott sich absondern, so kam das Wort Gottes, um allen die passende Wohnung zu bereiten: Die da im Lichte sind, sollten das Licht genießen und alle Güter, die darinnen sind; die aber in der Finsternis sind, sollten ihren Teil haben an all dem Übel, das in dieser ist. Und deswegen sagt er, daß die zur Rechten in das Reich des Vaters gerufen würden, daß er die zur Linken aber in das ewige Feuer senden werde. Denn diese beraubten sich selber aller Güter.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,27,2 u. V,28,1)

Im 2. Clemensbrief heißt es, dass Gottes Gericht alles richtigstellen wird; die Bösen, denen es gut gegangen ist, bestrafen, und die Guten, denen es schlecht gegangen ist, entschädigen und belohnen wird:

„Darum lasst uns die Gerechtigkeit üben, dass wir schließlich gerettet werden. Glückselig, die diese Vorschriften befolgen; auch wenn es ihnen kurze Zeit auf dieser Welt übel ergeht, so werden sie doch die unsterbliche Frucht der Auferstehung ernten. Deshalb soll sich der Fromme nicht kränken, wenn er in dieser Zeit dulden muss; eine glückselige Zeit wartet auf ihn; dort oben wird er neu aufleben unter den Vätern und wird frohlocken durch eine selige Ewigkeit.

Aber auch dies soll euch nicht beunruhigen, dass wir die Bösen in Reichtum und die Diener Gottes in Armut sehen. Wir wollen den Glauben festhalten, Brüder und Schwestern! Wir müssen die Prüfung des lebendigen Gottes bestehen und werden in diesem Leben geschult, damit wir im künftigen gekrönt werden. Keiner der Gerechten hat alsbald seinen Lohn bekommen, sondern er erwartet ihn. Denn wenn Gott den Lohn der Gerechten unverzüglich ausbezahlen würde, dann würden wir eilends ein Geschäft betreiben, aber nicht die Gottesverehrung; denn wir würden als gerecht gelten, nicht wenn wir die Frömmigkeit, sondern den Gewinn erstrebten. Und deshalb verwirft das Gericht einen Geist, der nicht gerecht ist und legt ihn in schwere Ketten.“ (2. Clemensbrief 19,3-20,4)

Athenagoras schreibt in einer Schrift, in der er die Christen gegenüber heidnischen Gerüchten, sie würden alle möglichen Verbrechen begehen, verteidigt, dass die Christen das wohl kaum tun würden, da sie um das Gericht Gottes wissen:

„Hätte wir nämlich den Glauben, daß sich unser Leben auf diese Welt allein beschränke, so könnten wir wohl auch in den Verdacht kommen zu sündigen, etwa indem wir den Regungen des Fleisches und Blutes nachgeben oder der Gewinnsucht und Begehrlichkeit unterliegen. Nachdem wir aber wissen, Gott wacht Tag und Nacht über unsere Gedanken und Worte, er sieht, da er ganz Licht ist, auch unser Inneres, nachdem wir ferner überzeugt sind, wir werden nach diesem Leben ein anderes Leben führen, entweder ein besseres als das gegenwärtige, ein himmlisches, kein irdisches, insofern wir bei Gott und mit Gott sein werden, durch nichts mehr in der Seele beeinflußt und beirrt, nicht als Fleisch, obwohl wir Fleisch noch haben werden, sondern als himmlischer Geist, oder, wenn wir mit den übrigen zusammenfallen, ein schlechteres, ein Leben im Feuer (denn Gott hat uns nicht wie Herdenvieh und Zugtiere als Nebensache erschaffen mit der Bestimmung umzukommen und zu verschwinden), nach all dem ist nicht zu erwarten, daß wir Schlechtes begehen und uns der Bestrafung des großen Richters aussetzen wollen.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 31)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. über die Hölle:

„Schaut nur hin auf das Ende eines jeden der früheren Herrscher, sie starben den allen gemeinsamen Tod. Führte nun dieser zu einem Zustande der Bewußtlosigkeit, so wäre er für alle Ungerechten ein Glück; da aber allen, die einmal gelebt haben, Empfindung verbleibt und ewige Strafe ihnen bevorsteht, so versäumt es nicht, euch überzeugen zu lassen und zu glauben, daß diese Dinge wahr sind. […] Die Hölle aber ist ein Ort, wo diejenigen gezüchtigt werden sollen, die unrecht gelebt haben und nicht an die Erfüllung dessen glauben, was Gott durch Christus gelehrt hat.“ (Justin, 1. Apologie 18f.)

Da Gott gerecht ist, folgt logischerweise die Existenz von Himmel und Hölle, sonst kämen ja die Ungerechten mit ihren bösen Taten davon:

„Damit aber niemand das nachspreche, was die vermeintlichen Philosophen einzuwenden pflegen, daß es nur Prahlerei und Schreckmittel sei, wenn wir von der Bestrafung der Ungerechten in ewigem Feuer sprechen, und daß wir verlangen, die Menschen sollten aus Furcht tugendhaft leben und nicht, weil es schön und beglückend sei, so will ich kurz darauf antworten. Wenn jene unsere Behauptung nicht zutrifft, so gibt es entweder keinen Gott, oder, wenn es einen gibt, kümmert er sich nicht um die Menschen; Tugend und Laster sind dann leere Worte und die Gesetzgeber bestrafen dann, wie wir schon sagten, mit Unrecht die Übertreter ihrer guten Anordnungen. Aber da weder diese ungerecht sind noch ihr Vater, der durch den Logos dasselbe zu tun lehrt, was er selbst tut, so sind auch die, welche diesen folgen, nicht ungerecht. Sollte aber jemand die Verschiedenheit der menschlichen Gebräuche geltend machen und sagen, bei den einen Menschen gelten gewisse Dinge als löblich, die bei anderen als schimpflich betrachtet werden, gewisse Dinge aber als schimpflich, die bei anderen hinwiederum als löblich angesehen werden, so mag er hören, was wir hierüber zu sagen haben. Einerseits wissen wir, daß die bösen Engel Gebräuche eingeführt haben, die ihrer eigenen Bosheit entsprechen; andererseits erweist die rechte Vernunft nicht alle Lehrmeinungen und Satzungen, an die sie herantritt, als gut, sondern die einen als schlecht, die andern als gut. Darum will auch ich solchen Leuten Gleiches oder Ähnliches und, wenn es nötig ist, sogar in größerer Ausführlichkeit antworten. Für jetzt aber kehre ich zu meinem Gegenstande zurück.“ (Justin, 2. Apologie 9)

Minucius Felix schreibt folgendes über die Hölle, wobei er auch meint, dass diejenigen, die Gott bewusst nicht kennen wollten, dorthin kommen (vgl. Röm 1,19f., wo Paulus schreibt, dass grundsätzlich alle Menschen Gottes Existenz erkennen können):

„Und für diese Martern gibt es weder Maß noch Ende. Dort brennt ein klug berechnendes Feuer die Glieder und heilt sie wieder, zerfrißt sie und nährt sie wiederum. Und wie das Feuer des Blitzes den Körper berührt, aber nicht verzehrt, wie die Feuer des Ätnaberges und des Vesuvs und sonstiger Erdbrände lodern, ohne sich zu verbrauchen, so wird jenes strafende Feuer nicht durch Verzehrung der brennenden Körper genährt, sondern durch deren unaufhörliche Zerfleischung erhalten. Daß aber diejenigen, welche Gott nicht kennen, mit Recht gemartert werden, als Ruchlose, als Ungerechte, das kann nur ein Gottloser bezweifeln; ist es ja gewiß kein geringerer Frevel, den Vater des Alls und Herrn des Alls nicht zu kennen, als ihn zu beleidigen. Es reicht nun zwar schon die Unkenntnis Gottes zur Strafwürdigkeit hin, wie seine Erkenntnis zur Aussicht auf Verzeihung beiträgt. Indessen werden wir Christen im Vergleich mit euch, wenn auch bei einigen unsere Vorschriften zu wenig ausgeprägt sind, viel besser als ihr befunden. Denn ihr verbietet den Ehebruch und begeht ihn; wir sind als Ehemänner nur für unsere Ehefrauen auf der Welt. Ihr straft Vergehen, die ihr zulaßt; bei uns gilt schon der bloße Gedanke daran als Sünde. Ihr fürchtet die Mitwisser, wir sogar das Gewissen allein schon, ohne das wir nicht sein können. Von euren Leuten endlich wimmeln die Gefängnisse; Christ ist dort keiner, es sei denn, er ist wegen seiner Religion angeklagt oder abtrünnig geworden.“ (Minucius Felix, Octavius 35,3-6)

Dann gäbe es die sog. Offenbarung des Petrus (ein Text, der sich als von Petrus geschrieben ausgibt), in der die Hölle ausführlich beschrieben wird. (Ich zitiere aus der äthiopischen Version; die Unterschiede zwischen den Versionen sind aber nicht groß.)

Zwei Dinge bei der Beschreibung der Hölle sind auffällig: Erstens, die Strafen sind unterschiedlich; zweitens, die Strafen hängen mit den Vergehen zusammen. Wer mit Worten gesündigt hat, wird an der Zunge aufgehängt usw. Unter den Bestraften sind auch solche, die Christen an ihre Verfolger verraten und umgebracht haben, oder die die Armen schlecht behandelt haben:

„Dann werden Männer und Weiber an den ihnen bereiteten Ort kommen. An ihrer Zunge, mit der sie den Weg der Gerechtigkeit gelästert haben, wird man sie aufhängen. Man breitet ihnen hin nie verlöschendes Feuer. …

Und siehe wiederum ein Ort: da ist eine große volle Grube. Darin die, welche verleugnet haben die Gerechtigkeit. Und Strafengel suchen (sie) heim, und hier in ihr zünden sie das Feuer ihrer Strafe an. Und wiederum zwei Weiber: Man hängt sie an ihren Nacken und Haaren auf, in die Grube wirft man sie. Das sind die, welche sich Haarflechten gemacht haben nicht zur Schaffung des Schönen, sondern um sich zur Hurerei zu wenden, damit sie fingen Männerseelen zum Verderben. Und die Männer, die sich mit ihnen in Hurerei niedergelegt haben, hängt man an ihren Schenkeln in diesen brennenden Ort und sie sagen untereinander: ‚Wir haben nicht gewußt, daß wir in die ewige Pein kommen müßten.'“ (Petrusoffenbarung 7, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 475f.)

„Es bringt der Zornengel Ezrael Männer und Weiber zur Hälfte (des Körpers) brennend und wirft sie an einen Ort der Finsternis, der Hölle der Männer, und ein Geist des Zornes züchtigt sie mit jeglicher Züchtigung, und nimmer schlafendes Gewürm frißt ihre Eingeweide. Das sind die Verfolger und Verräter meiner Gerechten.

Und bei denen, die hier waren, andere Männer und Weiber, die kauen ihre Zunge, und man quält sie mit glühendem Eisen und verbrennt ihre Augen. Das sind die Lästerer und Zweifler an meiner Gerechtigkeit.

Anderen Männern und Weibern – und ihre Taten (bestanden) in Betrug – schneidet man die Lippen ab, und Feuer geht in ihren Mund und in ihre Eingeweide. [Das sind die], welche die Märtyrer getötet haben lügnerischerweise.

Und an einem nahe bei ihnen gelegenen Orte, auf dem Stein eine Feuersäule (?), und die Säule ist spitzer als Schwerter – Männer und Weiber, die man kleidet in Lumpen und darauf wirft, damit sie das Gericht unvergänglicher Qual erleiden. Das sind die, welche vertrauen auf ihren Reichtum und Witwen und das Weib (mit) Waisen … verachtet haben Gott ins Angesicht.“ (Petrusoffenbarung 9, in: Ebd., S. 477f.)

Die Bestrafung der Bösen bedeutet eine Genugtuung für deren Opfer – also z. B. die Opfer von Mord, Abtreibung und Kindstötung:

„Und die Mörder und die mit ihnen gemeinschaftliche Sache gemacht haben, wirft man ins Feuer, an einen Ort, der angefüllt ist mit giftigen Tieren, und sie werden gequält ohne Ruhe, indem sie ihre Schmerzen fühlen, und ihr Gewürm ist so zahlreich wie eine finstere Wolke, und der Engel Ezrael bringt die Seelen der Getöteten herbei; und sie sehen die Qual [derer, die sie] getötet haben, und sie sagen untereinander: ‚Gerechtigkeit und Recht ist das Gericht Gottes. Denn wir haben es zwar gehört, aber nicht geglaubt, daß wir an diesen ewigen Gerichtsort kommen würden.‘

Und bei dieser Flamme ist eine große und sehr tiefe Grube, und es fließt dahinein (?) alles von überall her: Gericht (?) und Schauderhaftes und Aussonderungen. Und die Weiber (sind) verschlungen (davon) bis an ihren Nacken und werden bestraft mit großem Schmerz. Das sind also die, welche ihre Kinder abtreiben und das Werk Gottes, das er geschaffen hat, verderben. Gegenüber von ihnen ist ein anderer Ort, wo ihre Kinder sitzen; aber beide lebendig, und sie schreien zu Gott. Und Blitze gehen aus [und] von diesen Kindern, welche die Augen derer durchbohren, welche durch diese Hurerei ihren Untergang bewirkt haben.

Andere Männer und Weiber stehen nackt oberhalb davon. Und ihre Kinder stehen hier ihnen gegenüber an einem Ort des Entzückens. Und sie seufzen und schreien zu Gott wegen ihrer Eltern: ‚Das sind die, welche vernachlässigt und verflucht und deine Gebote übertreten haben. Und sie töteten uns und fluchten dem Engel, der (uns) geschaffen hatte, und hängten uns auf. Und sie enthielten das Licht, das du für alle bestimmt hast, (uns) vor.‘ Und die Milch ihrer Mütter fließt von ihren Brüsten und gerinnt und stinkt, und daraus gehen fleischfressende Tiere hervor, und sie gehen heraus, wenden sich und quälen sie in Ewigkeit mit ihren Männern, weil sie verlassen haben das Gebot Gottes und ihre Kinder getötet haben. Und ihre Kinder wird man dem Engel Temlakos geben. Und die sie getötet haben, wird man ewig quälen, weil Gott es so will.“ (Petrusoffenbarung 7-8, in: Ebd., S. 476f.)

Am Ende der Beschreibung der Hölle wird das noch einmal im Allgemeinen gesagt:

„Darauf brachten Engel meine Auserwählten und Gerechten, die vollkommen sind in aller Gerechtigkeit, indem sie sie trugen auf ihren Händen, indem sie bekleidet waren mit den Kleidern des ewigen Lebens. Sie sehen (ihre Lust) an jenen, die ihn gehaßt haben, indem er sie bestraft. Qual (ist) einem jeden in Ewigkeit nach seinem Tun.“ (Petrusoffenbarung 13, in: Ebd., S. 480)

Jetzt bereuen die Verdammten zwar, aber es ist zu spät:

„Und alle, die in der Qual sind, sagen einstimmig: ‚Erbarm dich unser, denn jetzt haben wir erkannt das Gericht Gottes, das er uns vorher angekündigt hat und wir nicht geglaubt haben.‘ Und es kommt der Engel Tatirokos (=Tartarouchos) und züchtigt sie mit noch größerer Qual und sagt zu ihnen: ‚Jetzt habt ihr Reue, wo es nicht mehr Zeit zur Reue gibt und nichts vom Leben übriggeblieben ist.‘ Und alle sagen: ‚Gerecht ist das Gericht Gottes; denn wir haben gehört und erkannt, daß gut ist sein Gericht, denn wir werden gestraft nach unserm Tun.'“ (Petrusoffenbarung 13, in: Ebd., S. 480)

Die Gerechten dagegen werden mit dem Himmel belohnt:

„Dann werde ich meinen Erwählten und Gerechten die Taufe und das Heil geben, um das sie mich gebeten haben, bei dem Gefilde: Akrosja (=Acherusia), das man nennt: ‚Anelasleja (= Elysium). Sie schmücken mit Blumen das Teil der Gerechten, und ich gehe, … ich mich mit ihnen erfreuen. Ich lasse eintreten die Völker in mein ewiges Reich, und erweise ihnen das Ewige, worauf ich ihre Hoffnung gerichtet habe, ich und mein himmlischer Vater.“ (Petrusoffenbarung 14, in: Ebd., S. 480)

Die Petrusoffenbarung schildert auch die Verklärung Jesu auf dem Berg, wobei Mose und Elija erscheinen. Petrus stellt Fragen und erhält einen kurzen Einblick in den Himmel (oder noch den limbus patrum?):

„Und ich trat zu Gott Jesus Christus und sagte zu ihm: ‚Mein Herr, wer ist das?‘ Und er sagte zu mir: ‚Das ist Moses und Elias.‘ Und ich sagte zu ihm: ‚(Wo sind denn) Abraham, Isaak, Jakob und die anderen gerechten Väter?‘

Und er zeigte uns einen großen geöffneten Garten. (Er war) voll von schönen Bäumen und gesegneten Früchten, voll von Duft von Wohlgerüchen. Sein Duft war schön, und sein Duft reichte zu uns. Und von ihm … sah ich viele Früchte.

Und es sagte zu mir mein Herr und Gott Jesus Christus: ‚Hast du gesehen die Scharen der Väter? Wie ihre Ruhe ist, so ist die Ehre und Herrlichkeit derer, die man um meiner Gerechtigkeit willen verfolgt.“ (Petrusoffenbarung 16, in: Ebd., S. 481f.)

In den christlichen Sibyllinen gibt es auch Stellen über Hölle und Himmel, und es kommt eine Stelle, die (anders als die anderen frühen Christen es normalerweise glaubten und die Kirche es lehrt) nahelegt, durch Fürbittgebete der Erlösten könnten die Verdammten doch noch aus der Hölle befreit werden:

„Und dann werden sie alle den Strom des Feuers durchschreiten,
Unauslöschlicher Flammen verzehrende Glut. Die Gerechten
Werden gerettet; verloren, verdammt sind auf ewige Zeiten
Alle, die früher in Sünden gelebt und Böses getan und
Morde verübet, auch alle, die Mitwisser waren, die Lügner,
Diebe, Betrüger und schreckliche Frevler an anderer Habe,
Schlemmer, Ehebrecher und solche, die üble Nachrede führen,
Schlimme Verbrecher und Frevler, vor allem die Götzenanbeter,
Solche, die abgefallen vom großen, unsterblichen Gott, und
Alle, die Gotteslästerung getrieben, die Frommen verfolgten,
Gläubige gemordet, und die nach dem Leben Gerechter getrachtet,
Auch alle, welche mit schlauem und schamlosem Mienenspiele
Einst als Presbyter und ehrwürd’ge Diakonen schauten
Auf die Person und den Reichtum der Partner und ungerecht richtend (?)
Anderen Unrecht taten, von falschen Zeugen beeinflußt …
Schlimmer als Perdel und reißende Wölfe …
Und die entsetzlichen Stolz und Hochmut zeigten, die Wuch’rer,
Welche sich häuserweise ihr Geld auf Zinsen anlegten
Und arme Witwen und Waisen sogar um das Letzte gebracht und
Welche den Witwen und Waisen nur geben von unrechtem Gute,
Die aber, wenn sie für ehrliche Arbeit haben gegeben,
Noch dafür schmähen; und solche, die ihre Eltern im Alter
Haben verlassen, ohn‘ ihnen etwas zu geben; den Eltern
Nicht mal die Notdurft des Lebens gegeben; und die nicht gehorchten,
Gegen die Eltern nur harte Worte im Munde geführet;
Ferner die Treu und Glauben genommen und dann es geleugnet,
Auch die Diener, die gegen den eigenen Herrn auftraten,
Und wieder die ihr eigenes Fleisch mit Unzucht befleckten,
Und alle, die den jungfräulichen Gürtel gelöset und heimlich
Beilager suchten, und Frauen, die töten im Leibe die Frucht, und
Welche den Eltern ganz recht- und gesetzlos weisen die Schwelle,
Giftmischer oder Giftmischerinnen mitsamt ihrem Anhang
Wird der Zorn des himmlischen, unvergänglichen Gottes
Nun an den Pranger stellen da, wo um sie alle im Kreise
Unermüdlich der Feuerstrom fließt, doch all diese zusammen
Fesseln mit unzerreißbaren Ketten von oben herab und
Zücht’gen gar schrecklich mit lodernden Peitschen und feurigen Ketten
Abgesandte des ew’gen und immerwährenden Gottes.
Dann aber werden im schwarzen Dunkel der Nacht sie geworfen
Unter die vielen und schrecklichen Tiere im Tartarus drunten,
In der Gehenna, wo undurchdringliche Finsternis herrschet.
Aber wenn sie dann vielerlei Pein allen auferlegt haben,
Deren Herz grundschlecht war, dann wieder das feurige Drehrad
Aus dem mächtigen Strom sie dränget und wirbelt umher, weil
All ihr Sinnen und Trachten auf törichte Werke gerichtet. […]
Nicht wird der Tränen je Sättigung sein, und niemand vernimmt das
Flehen der bald hier bald dort wehklagenden Jammergestalten
Drunten jedoch in des weiten und breiten Tartarus Dunkel
Marter erduldend sie schrein, an unheiligem Orte sie büßen
Dreifach jeglichen Frevel, den einst sie aus Bosheit begangen
Brennend in ewiger Glut. Mit den Zähnen knirschen sie alle,
Furchtbar geplagt von brennendem Durst und harter Bedrängnis.
Und sie rufen: ‚Wie schön wär‘ der Tod!‘, doch der meidet sie alle;
Denn sie wird nicht mehr der Tod, nicht mehr die Nacht sie erlösen.
Ach, vergebens sie flehen zu Gott, dem Herrscher der Höhe.
Offensichtlich wendet er jetzt sein gnädiges Antlitz von ihnen.
Siebenmal schon ist verstrichen die Frist zur Bekehrung und Buße,
Die er den Irrenden gab durch der heiligen Jungfrau Vermittlung.
Aber die anderen Menschen, die Werke der Tugend verrichtet,
Und in Frömmigkeit wandelnd, die rechte Gesinnung betätigt,
Werden, von Engeln entrückt, aus dem Strome des brennenden Feuers
Auf zum Lichte geführt in ein Leben voll Wonne und Freude.
Wo der ewige Pfad des gewaltigen Gottes hinführt und
Dreifach Quellen entspringen von Wein und von Milch und von Honig.
Gleich ist die Erde für alle, und nicht durch Mauern und Schranken
Abgeteilt, bringt dann sie hervor noch viel mehr Früchte
Ganz von selber: gemeinsam das Leben im herrenlosen Reichtum!
Knechte gibt es nicht dort noch Gebieter, nicht hoch oder niedrig,
Könige nicht noch Fürsten, und alle sind gleich vor dem Höchsten.
Niemand sagt mehr: ‚Die Nacht bricht an‘, und keiner: ‚Auf morgen‘;
Niemand spricht mehr von Gestern und zählet die Menge der Tage,
Kümmert sich nicht um Frühling und Herbst, um Sommer und Winter,
Nicht um Hochzeit und Tod, um Käufe nicht oder Verkäufe,
Nicht um Morgen und Abend: es gibt nur verlängerte Tagzeit.
Und der allherrschende ewige Gott wird noch etwas andres
Jenen Frommen verleihen, wenn sie flehen zum ewigen Gotte:
Aus dem schrecklichen Feuer und unvergänglichen Peinen
Wird er die Menschen zu retten verleiten. Dies wird er vollführen.
Denn er sammelt sie wieder, versetzt sie aus rastloser Flamme
Anderswohin und entsendet sie seinem Volke zuliebe
Zu einem andern und ewig währenden Leben, zur Flur des
Sel’gen Elysiums, wo weithin Wasser ihm fließen
Des Acherussischen Sees, des ew’gen, von grundloser Tiefe.
Wehe mir Armen, wie wird’s mir an jenem Tage ergehen!
Habe ich Törin doch alle an Frevelmut überboten,
Hab‘ nicht an Heirat gedacht und keine Vernunft angenommen.
Und auch im eig’nen Palast eines schwerreichen Mannes verwies ich
Darbende oft von der Schwelle. Und wieviel Schlechtes hab‘ früher
Wissentlich ich getan! Du Heiland, errette mich Hündin,
Vor meinen Peinigern mich, die so schamlose Dinge getan hat!
Dich auch flehe ich an, laß ein wenig vom Sange mich ausruhn,
Heiliger Mannaspender, du König des mächtigen Reiches!“
(Christliche Sibyllinen II,252-347, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 507-509.)

Man beachte auch die Stelle, dass Gott den Menschen „durch der heiligen Jungfrau Vermittlung“ mehr Zeit zur Buße gegeben hatte – mit der heiligen Jungfrau könnte Maria (oder evtl. auch die gesamte Kirche oder beide) gemeint sein.

In der Epistula Apostolorum sagt Jesus über den Himmel:

„Und er sprach zu uns: ‚Ihr werdet ein Licht sehen, das mehr leuchtet als Licht und vollkommener ist als das Vollkommene. Und der Sohn wird durch den Vater, das Licht, vollendet werden – denn der Vater ist vollkommen -, welchen Tod und Auferstehung vollenden, und die eine Vollendung übertrifft die andere. Und die Rechte des Vaters bin ich ganz, ich bin in ihm, der vollendet.‘ […] ‚Habt Vertrauen und seid guten Mutes! Wahrlich, ich sage euch, eine solche Ruhe wird euch zuteil werden, wo es nicht Essen und Trinken und nicht Trauer und Singen (oder Sorge) und weder irdisches Gewand noch Vergänglichkeit gibt. Und nicht an der Schöpfung von unterhalb werdet ihr Anteil haben, sondern werdet zur unvergänglichen meines Vaters gehören, ihr, die ihr nicht vergehen werdet. Wie ich beständig im Vater bin, so auch ihr in mir.'“ (Epistula Apostolorum 19 (30) (äthiopische Version), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 136.)

 

Ein kurzes PS: Falls manche Leser sich noch Fragen zum Thema Himmel und Hölle stellen, könnten vielleicht diese Artikel für sie hilfreich sein:

Wie viele werden gerettet werden? Ein paar Bemerkungen

Heilsmöglichkeit für Nichtkatholiken: Kirchliche Aussagen vor dem 2. Vatikanum

Die Gefahren des „linken“ Katholizismus

Es ist ein wiederkehrendes Phänomen in der Geschichte der Kirche: Katholiken, die sich irgendwie von der für sie langweiligen Kirche abgrenzen, aber trotzdem (vorerst) noch gute Katholiken bleiben wollen, die in gewissem Maße zeittypischen beliebten Strömungen verfallen, und die in ein gewisses utopistisch-idealistisches Denken verfallen. Seit 200 oder 300 Jahren sind das eben diese Leute, die man gemeinhin „links“ nennt. Und das ist kein harmloses Phänomen, vor allem, weil diejenigen unter Umständen nicht mehr für längere Zeit Katholiken bleiben.

Linke Christen geraten einfach sehr leicht in eine der folgenden typischen linken Fallen (auch wenn sie erst mal aus guten Motiven links werden) :

  • Man denkt, dass die Sache mit dem Jenseits nur als Vertröstung verwendet wird (auch wenn sie an sich vielleicht wahr sei), und dass es vor allem drauf ankomme, jetzt die Welt zu verbessern, wofür dann immer mehr Mittel den Zweck heiligen sollen.
  • Man will besonders radikal und konsequent sein oder erscheinen und sich von den „verbürgerlichten“ Christen abgrenzen, also muss man sich dafür irgendwelche Methoden suchen. Das wird dann z. B. radikaler Pazifismus, den man damit begründet, man würde endlich die Bergpredigt ernst nehmen, oder Zusammenleben in Gütergemeinschaft auch bei Familien statt nur bei ledigen, unabhängigen Personen in Ordensgemeinschaften. Dorothy Day zum Beispiel (die sicher eine sehr fromme und idealistische Frau war) trieb diesen Pazifismus in ihrer Gemeinschaft so weit, dass sie es ablehnte, irgendetwas gegen Mitglieder zu tun, die andere bestahlen und die Gemeinschaft ausnutzten. Damit stellt man sich aber früher oder später gegen das, was die Kirche 2000 Jahre lang verkündet und gelebt hat. Notwehr z. B. ist völlig legitim und gut; und ein normales „bürgerliches“ Leben mit Bürojob, Einfamilienhaus, vier Kindern und einmal im Jahr Urlaub in Italien ist ebenfalls gut und passend für Laien und keine Sünde. Die sind dadurch nicht schlechte Christen und können auch so in ihrer Familie ein starkes Gebetsleben aufrecht erhalten und die Nächstenliebe füreinander und für andere pflegen, und die Kirche hat sie nie für verurteilenswert gehalten, auch wenn man vielleicht noch heiliger leben könnte. Und so entfernt man sich nach und nach, zuerst vielleicht unbewusst und nur gefühlsmäßig, immer mehr von der Kirche. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sagt: Ok, die Kirche lehrt das als angeblich unveränderliche Lehre, aber nein, das nehme ich nicht an.
  • Man wird arrogant, weil man für das große Ganze, den Weltfrieden, die Beendigung aller Armut und Unterdrückung eintreten will, und dabei leicht vergisst, dass man ein konkreter Mensch mit konkreten Verantwortlichkeiten für andere konkrete Menschen ist. Linke halten es oft für wichtiger, auf die richtigen Demos zu gehen (egal, ob die was bewirken oder nicht), als ihre Familie zu lieben. Ein Beispiel dafür wäre Ulrike Meinhof, die in ihrer Jugend- und Studentenzeit evangelische Christin war, bevor sie sich zum Kommunismus bekehrte.
  • Man gewinnt an Beliebtheit bei den Medien und der Öffentlichkeit, die selber links sind und denen erst mal alle Christen sympathisch sind, die sich von der bösen Kirche abgrenzen. Diese Beliebtheit kann einem leicht zu Kopf steigen, oder man wird sich einfach daran gewöhnen und sie nicht mehr verlieren wollen, und deswegen dazu neigen, Aspekte des Glaubens, die die Linken ablehnen, nicht so sehr zu betonen, sondern eher peinlich berührt zu verstecken, und sich sehr schnell und auf übertriebene Weise von weniger linken Christen abgrenzen; wer nicht links sei, wäre gar kein „wirklicher“ Christ mehr. Ein gutes Beispiel dafür ist Thomas Merton. Er konvertierte 1938 zum Katholizismus, wurde Mönch in einem amerikanischen Trappistenkloster, und bald sehr bekannt für seine geistlichen Schriften, die Konversionen und Ordenseintritte inspirierten. Nach und nach wurde er jedoch immer „linker“, suchte Kontakt zu den bekannten Köpfen der Pazifisten und Sozialisten der 60er, wurde seine Klostergemeinschaft leid, und zog sich in eine „Eremitage“ auf dem Klostergelände zurück, was er statt zur Zurückgezogenheit einfach dazu nutzte, Kontakte nach außen aufzubauen. Er hatte eine kurze Affäre mit einer halb so alten Krankenschwester, wurde recht ruhmsüchtig und eitel, und interessierte sich für östliche Religionen.
  • Es ist eine gewisse Zerstörungswut da, die sich als Radikalität tarnt. Man ist irgendwie missmutig, will was kaputt machen, und sagt sich, dass es eben nötig sei, bestehende Realitäten radikal zu zerschlagen, um dann irgendetwas Besseres aufbauen zu können. Dabei vergisst man leicht, dass Zerstören viel leichter ist als Aufbauen, und es nicht garantiert ist, dass nach der Zerstörung etwas Besseres aufgebaut wird.
  • Man übernimmt das Narrativ, dass Hierarchie dasselbe wie Unterdrückung und Gleichheit dasselbe wie Gerechtigkeit sei. Jede Art von Herrschaft gilt als ungerecht. Das steht in einem ziemlichen Kontrast zur klassisch-christlichen Vorstellung, dass verschiedene Hierarchien notwendig und gut sind, und auch der Gehorsam gegenüber anderen – das Hintanstellen des eigenen Willens – oft etwas Gutes ist (im richtigen Maß und im richtigen Zusammenhang natürlich).

Dabei ist es einfach nur sinnlos und unnötig, sich irgendwie an Linken zu orientieren.

Nehmen wir das traditionelle Thema der sozialen Gerechtigkeit. Marx baut auf lauter Fehlannahmen auf und seine Ideologie war nie erfolgreich; wieso sollte man bei ihm Inspiration suchen? Der traditionelle Katholizismus gibt schon genug Grundlagen dafür, z. B. gegen Zins- und Preiswucher zu sein, einen gerechten Familienlohn (also einen Lohn, mit dem ein Vollzeitarbeiter eine mittelgroße Familie ernähren kann) als striktes Recht zu sehen, Pflichten der Arbeitgeber gegenüber den Arbeitnehmern zu sehen, für Solidarität bei der Sicherstellung des Lebensunterhalts für Alte, Kranke, Behinderte, Arbeitslose zu sein, und die Ansammlung von extremem Reichtum in den Händen weniger zu kritisieren. Der Katholizismus sagt auch, dass die Güter der Erde eigentlich für das Wohl der gesamten Menschheit bestimmt sind; es muss nicht jeder genau gleich viel haben, aber es ist kein gutes System, wenn viele Leute zu wenig haben. Aber gleichzeitig sagt der Katholizismus eben auch, dass es gut ist, dass die Güter der Erde als Privateigentum aufgeteilt sind; dass es ein natürliches Recht ist, sich Privateigentum zu erwerben; dass gewaltsame Änderungen normalerweise sehr viel mehr schaden als nützen und Klassenkampf falsch ist; dass nicht alles vom Staat zentral geplant werden soll, weil es besser ist, Dinge vor Ort selbstständig zu erledigen, solange das praktisch möglich ist; dass nicht genaue Gleichheit herrschen muss, sondern es völlig ok ist, wenn manche mehr haben, als sie benötigen, solange sie dabei nicht andere ungerecht behandeln. Auch sehr „rechte“ Christen haben für soziale Verbesserungen gesorgt, z. B. Engelbert Dollfuß in Österreich oder (um ein heikleres Beispiel zu nehmen) Antonio Salazar in Portugal, und natürlich auch „mittige“ Christen wie Konrad Adenauer. Nicht nur der Sozialismus hatte Ideen für soziale Gerechtigkeit, sondern auch Korporatismus, Distributismus, soziale Marktwirtschaft.

Auch die Kritik an schlechten Herrschern ist nichts, was Linke erfunden haben; zu allen Zeiten haben unsere Heiligen den Herrschern gepredigt, dass sie sich damit, wie sie mit ihrer Verantwortung umgehen, entweder ewige Glückseligkeit oder ewige Strafen verdienen, und dass Gott nicht auf die Person sieht. Und im christlichen Mittelalter war man auch nicht der Ansicht, dass man sich von Tyrannen alles gefallen lassen muss. Freilich sah man immer auch die Gefahren bei gewaltsamen Umsturzversuchen, die am Ende meistens nur zum Putsch eines neuen Tyrannen werden, daher gab man sich eher damit zufrieden, wenn ein König nach einem Verbrechen öffentlich Buße tun und Besserung geloben musste.

Aber soziale Gerechtigkeit ist ja nicht das einzige Thema, auf das sich Linke konzentrieren. Heute sind es in viel größerem Ausmaß: Migration, Kriminalität, Feminismus, LGBTQ. Und dabei wird es manchmal noch deutlicher, wie sehr sie sich vom Christentum entfernen.

Thema Migration: Hier ist es noch nicht gleich so klar. Migration ist etwas, worüber die Kirche wenig Vorschriften macht, und das sehr vom Kontext abhängig ist. Sie sagt dazu grundsätzlich sogar: Die Erde ist als Ganze für die ganze Menschheit da, und deshalb sollen Staaten für Einwanderer in Not da sein, und ihnen Möglichkeiten zur Ansiedlung und Arbeit bieten. Das ist allerdings nicht absolut; so schreibt Papst Pius XII in „Exsul Familia“ (Hervorhebungen von mir): „Deshalb darf die Grundherrschaft der einzelnen Staaten, wenn sie auch zu achten ist, nicht so gesteigert werden, dass, während die Erde ringsum eine Fülle von Lebensmitteln für viele darbietet, aus ungenügenden und unbilligen Gründen den anderswo geborenen und wohlgesitteten Bedürftigen der Zutritt verweigert wird, sofern dies dem gerecht abgewogenen öffentlichen Interesse nicht widerspricht. Daraus ergibt sich: Kein Staat ist verpflichtet, Kriminelle aufzunehmen oder weiter zu beherbergen; es kann gerechte Gründe des Gemeinwohls geben, bestimmte Migranten nicht aufzunehmen, oder allgemein wenig Migranten aufzunehmen; und ein Recht auf Aufnahme kann es nur für wirklich Bedürftige geben. Und solche gerechten Gründe des Gemeinwohls sind offensichtlich da vorhanden, wo die Migranten aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen, sich normalerweise nicht anpassen, den sie aufnehmenden Staat oft verachten, überdurchschnittlich oft kriminell sind, und oft über ihre Herkunft lügen, und auch andere Alternativen haben und sicher nicht dem Tod ausgeliefert sind, wenn man sie abweist. Nächstenliebe gilt auch für die eigenen Leute; in unserem Fall z. B. für deutsche Kinder, die zur gemobbten Minderheit an sog. „Brennpunktschulen“ werden, oder für Verbrechensopfer wie Maria Ladenburger. Und dann ist die sog. „Hilfe vor Ort“ ja oft auch effektiver; und wenn man die ganze Dritte Welt aufnähme, würde man nur selber zu Dritten Welt. Und es entspricht auch – besonders in einer Demokratie, wo das Volk herrschen soll – dem Gemeinwohl, dass die Zusammensetzung des Volkes nicht einfach so drastisch geändert wird, sodass es plötzlich zur Hälfte aus Leuten besteht, die zwar auf schnellem Weg eine Staatsbürgerschaft erwerben konnten, aber sich kaum mit dem Volk identifizieren. Das ist im Endeffekt eine Art Putsch. Mit Exsul Familia lässt es sich sehr gut begründen, z. B. Flüchtlinge vor dem Ukrainekrieg großzügig aufzunehmen, aber keine Wirtschaftsmigranten aus Nigeria oder Marokko.

Bei diesem Thema ist nicht so sehr die Einstellung „linkerer“ Christen verstörend, sondern vor allem, wie hasserfüllt sie auf Christen reagieren, die mit solchen Abwägungen zu einem eher migrationskritischen Fazit kommen; denen wird sofort vorgeworfen, keine Nächstenliebe zu haben und keine wirklichen Christen mehr zu sein. Niemand leugnet, dass Migranten Rechte haben; aber wer leugnet, dass es manchmal völlig legitim ist, Leuten nur temporär Asyl zu gewähren, bis sie in ihr Heimatland zurückkehren können, oder dass man Leuten nicht Asyl gewähren muss, die schon in einem anderen sicheren Staat untergekommen sind, stellt sich einfach blind, und der Grund hierfür wird vor allem der sein, dass man sich bei den herrschenden Linken nicht unbeliebt machen will, dass man als „die Guten“ gelten will (statt es zu sein).

Thema Kriminalität: Hier wird es schon etwas deutlicher, und hier sind Linke ja vor allem bekannt dafür, für gewöhnliche Kriminelle immer geringere Strafen [und für politische Gefangene in kommunistischen Ländern immer höhere] gewollt zu haben. Manche amerikanische Linke sind mittlerweile so weit, dass sie dafür eintreten, Polizei und Gefängnisse ganz abzuschaffen; mit genug Sozialarbeitern und dem, was sie unter sozialer Gerechtigkeit verstehen, werde schon alles gut werden, und die Leute würden gar keinen Anreiz mehr sehen, Verbrechen zu begehen. Hier sieht man eine typische linke Verdrehung. Typisch für Linke ist eine arrogante Überheblichkeit gegenüber dem Gewöhnlichen und Geordneten; die normalen Bürger, die z. B. Opfer von Einbrechern werden, werden verachtet. Auch typisch für Linke ist eine Neigung, die Ausgegrenzten zu Wort kommen zu lassen, was an sich eine sehr gute Neigung ist, aber hier dazu führt, dass Kriminelle, weil sie (zu Recht) ausgegrenzt werden, als die Unterdrückten gelten – und wer unterdrückt ist, muss laut linker Lehre gut sein – und daher alle Aufmerksamkeit bekommen. Also hat der Einbrecher eben keinen Anschluss gefunden, und muss rehabilitiert werden; man tritt ihm mit dem festen Glauben gegenüber, er wolle eigentlich lieb sein. Dass es einfach Menschen gibt, die auf eine dumme, gewöhnliche Weise brutal, gehässig, gierig sind, wird nicht mehr registriert. Eine solche Barmherzigkeit wird aber interessanterweise gewöhnlichen „Bürgerlichen“, die die falsche politische Einstellung (z. B. gegenüber Kriminellen) haben, nicht entgegengebracht; das sind die eigentlich Bösen.

Hier sieht man jedenfalls einen ziemlich klaren Unterschied zu dem, was früher im Christentum üblich war. Auch früher begleiteten Priester jeden Verurteilten noch bis zum Schafott, redeten ihm gut zu, brachten ihn oft dazu, zu bereuen und zu beichten. Aber sie redeten ihm auch zu, seine Strafe als Sühne zu akzeptieren, und lehnten die strafende Gerechtigkeit des Staates nicht im geringsten ab, auch wenn sie unter Umständen für Milderungen und Begnadigungen eintraten. Ich will hier nichts gegen humane Gefängnisse sagen; auch ein serienmäßiger Einbrecher muss nicht im finstersten Kerker bei einem halben Stück Brot auf einem fauligen Strohhaufen sitzen. Aber er braucht auch keinen Fernseher im Zimmer und keine Bewährung nach einem halben Jahr. Schön sieht man den Unterschied zwischen linken Katholiken und traditioneller eingestellten Katholiken beim Thema Todesstrafe, besonders in den USA, wo linke Katholiken seit Jahrzehnten Aktivismus gegen die Todesstrafe betreiben, und rechten Katholiken vorwerfen, sie wären nicht konsistent, weil sie für die Todesstrafe sind, aber sich gegen Abtreibung einsetzen – als wäre es nicht völlig konsistent, für die Todesstrafe für Serienmörder zu sein, aber gegen das Töten von unschuldigen ungeborenen Kindern. Und wie auch immer man zur praktischen Anwendung der Todesstrafe steht (nach traditioneller katholischer Lehre muss ein Staat sie nicht anwenden, sie ist aber grundsätzlich legitim, und auch Papst Franziskus kann daran nichts ändern): es ist schon ein Zeichen eines kaputten Gewissens, keinen Unterschied zu sehen zwischen der Hinrichtung von fünf Mördern im Jahr nach einem sehr langen Prozess, in dem sie sämtliche Instanzen anrufen konnten, und dem Töten von hunderttausenden ungeborenen Kindern im Jahr auf Auftrag ihrer Mütter. Sich hauptsächlich gegen ersteres einzusetzen und sich damit über andere zu erheben, die sich hauptsächlich gegen letzteres einsetzen, ist jedenfalls nicht katholisch.

Beim Feminismus wird es auch deutlicher. Während man bei Migration leichter verschiedene Meinungen finden kann, wird man im Lauf der katholischen Geschichte kaum Theologen oder Heilige finden, die irgendetwas für den Feminismus übrig hatten. Nicht dass jede einzelne Idee von Feministinnen von der Kirche verdammt wurde; aber die Grundsätze, die Grundstimmung des Feminismus wurden immer abgelehnt. Nein, die Geschlechter sind nicht genau gleich/austauschbar; die Mutterrolle als zentrale Rolle für die Mehrheit der Frauen ist nichts zu Überwindendes; Frauen sind nicht automatisch die besseren Menschen; und es hat auch seine Gründe, wieso die Kirchenhierarchie nur aus Männern besteht und der Mann in der christlichen Familie das Familienoberhaupt ist. Das ist ok, das ist absolut auszuhalten.

Und es ist einfach nicht hilfreich, wenn christliche Feministinnen z. B. behaupten, Abtreibung sei ein Werkzeug des Patriarchats – damit übernimmt man nur das Framing des Gegners und ordnet sich seinen Wertungen unter.

Richtig klar sieht man es aber beim Thema LGBTQ. Linke gehen davon aus, dass die Buchstabensuppenleute eine unterdrückte Minderheit sind, und dass sie deshalb verteidigt werden müssen. Nun sind sie das schlicht und einfach nicht – sog. „Homophobie“ zählt mittlerweile als ziemliches Verbrechen, und die Leute hüten sich davor, Dinge zu sagen, die so ausgelegt werden könnten, und Teenager identifizieren sich mittlerweile gerne als bi, wenn sie irgendwie Anteil am Prestige der LGTBQ-Leute haben wollen, ohne besonders tiefe homoerotische Neigungen zu haben, oder als trans, wenn sie Probleme haben, eine Identität zu finden. Aber auch für früher gilt: Es hatte seinen Grund, wieso die Leute nicht viel von Transvestismus hielten, oder es nicht so toll fanden, wenn Männer „vom anderen Ufer“ sich im Park oder auf der Bahnhofstoilette zum anonymen Sex trafen. All dieses Zeug bedeutete immer, natürliche Geschlechterrollen zu verdrehen und naturwidrigen sexuellen Neigungen nachzugeben. Betroffenen müsste man eher helfen, mit ihrem Geschlecht zurechtzukommen und eine gesunde Identität zu finden und falsche sexuelle Neigungen zu ignorieren, wie man einem Mädchen mit Magersucht helfen müsste, mit seinem Körper zurechtzukommen, statt an ihm eine Fettabsaugung vorzunehmen. Und hier ist die Kirchenlehre nun mal sehr klar, da gibt es noch weniger herumzudeuteln als beim Feminismus. Auch Christen, die z. B. auf die Idee kommen, man solle eben auch in homosexuellen Beziehungen Treue praktizieren und eine unauflösliche kirchliche Homo-Ehe einführen, stellen sich gegen die Kirchenlehre, und wissen auch, dass die Kirche jede homosexuelle Handlung immer verurteilt hat.

(Linkskatholisches Marienbild)

Und ja, es kann natürlich nicht nur Gefahren des „linken“, sondern auch Gefahren des „rechten“ Christentums geben – z. B. dass man die Religion einfach als einen Teil der „abendländischen Kultur“ behandelt, die vor allem deswegen wertvoll ist, weil sie unsere ist, und nicht, weil sie auf der objektiven Wahrheit aufbaut. Rechte Katholiken kommen manchmal in die Gefahr, den Glauben nur als eine Art untergeordnetes identitätsstiftendes Brauchtum zu behandeln (wobei er natürlich identitätsstiftendes Brauchtum entwickelt hat, auch unterschiedliches Brauchtum in unterschiedlichen Ländern). Aber man muss nun mal sagen, dass mehr Ideen, die gemeinhin als „links“ gelten, kirchlich verurteilt oder aus katholischer Sicht sehr problematisch sind als Ideen, die gemeinhin als „rechts“ gelten.

Das Grundproblem ist dasselbe: Es beginnt immer dann, wenn man die Lehre der Kirche (natürlich immer zu unterscheiden von den Meinungen mancher Heiliger oder Theologen) nicht mehr als das Hauptkriterium behandelt, als den Rahmen, in dem man sich bewegt, sondern als eine Richtlinie unter anderen, eine interessante und beeindruckende Tradition, etwas, das vielleicht zum Teil göttlich inspiriert ist, aber doch nicht unfehlbar. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass man eben irgendwie ungewöhnlich, irgendwie ein Freidenker sein will. Es ist aber völlig ok, ein ganz gewöhnlicher Katholik zu sein, und auch in diesem Rahmen kann man radikal sein (wie die Heiligen eben), kann mitdenken, und wird ab und zu wahrscheinlich sogar zu Meinungen im Rahmen der Kirchenlehre gelangen, die nicht alle anderen Katholiken teilen.

Abtreibung und Selbstbestimmung

Vorbemerkung: Das ist KEIN Kommentar zum Ukrainekrieg. Zu diesem Krieg fällt mir nicht mehr ein, als dass wir beten und Ukraineflüchtlingen nach Möglichkeit helfen müssen, was anderes können wir eh nicht tun.

Das hier ist ein kleiner Gastbeitrag von einem lieben Freund von mir, entstanden aus einer Unterhaltung zwischen uns über einige neulich bekannt gewordene besonders brutale Fälle von Spätabtreibungen. Dieser Freund meinte dazu sehr passend, wenn man dieselbe Argumentation, die Abtreibungsaktivisten verwenden, auf anderen Gebieten anwenden würde, könnte z. B. so etwas herauskommen:

„Putin geht doch nur seinen Rechten nach, als Diktator muss man doch frei sein, über seine Gebiete herrschen zu dürfen, ohne durch ungewollte Bewohner, die eh für ihn keine Menschen sind, eingeschränkt zu werden durch Gesetze, die nur dazu dienen Diktatoren zu unterdrücken.

Diese Diktatorenhasser wollen nur kontrollieren, was Diktatoren mit ihrer Macht tun.

Das geht aber niemanden etwas an. Es ist nur eine Sache zwischen einem Diktator und seinen Soldaten.

Kein Soldat darf das Recht haben, sich gegen die Entscheidung eines Diktators zu stellen, der das Recht hat, mit seinen Gebieten zu machen, was er will.

Er hat nicht zugestimmt, dass es unabhängige Bewohner mit eigenem Existenzrecht gibt, und selbst wenn, hat er jederzeit das Recht, sich umzuentscheiden.

Keiner hat das Recht, die Freiheit von Diktatoren einzuschränken. Diktatorenrechte sind Menschenrechte.

Wenn ein Diktator sagt, dass ihm ein Gebiet gehört, dann gehört es ihm auch. No Ukraine, no Opinion.“

Und besser kann man es meiner Meinung nach nicht ausdrücken.

Ja, Menschen sind mehr wert als Tiere

Wenn man diesen Satz so ausdrücklich sagt, wird die Reaktion bei anderen öfter mal Unbehagen oder Protest sein. Zu sagen, dass etwas mehr wert ist als etwas anderes, wird in unserer von der Ideologie des Egalitarismus geprägten Gesellschaft sowieso schon ungern gesehen, auch wenn man beides für wertvoll hält. (Wahrscheinlich würde man sogar noch auf „Gold ist mehr wert als Silber“ ein „So einfach kannst du das doch nicht sagen!!“ als Antwort zu hören bekommen.) Aber es stimmt nun mal: Menschen sind mehr wert als Tiere.

Der erste Hinweis auf diese Tatsache ist schon, dass man sich schwer daran halten kann, das Gegenteil zu glauben und zu praktizieren; es klappt einfach nicht, wenn man versucht, Tiere wie Menschen zu behandeln. Wenn man ganz radikal sein möchte und sagen würde „alle Lebewesen sind gleich viel wert“ würde man sofort in arge Schwierigkeiten geraten, denn Bakterien tötet man automatisch ständig, und mit Stechmücken, die einem vor die Windschutzscheibe fliegen, ist es nicht viel anders. Die meisten machen daher den Wert eher an den körperlichen Gefühlen der Lebewesen fest – alle Lebewesen, die Schmerz fühlen können, sollen gleich viel wert sein. Radikale Veganer scheinen sich recht konsequent an dieses Prinzip zu halten, auf den ersten Blick. Aber auch sie geraten in gewisse Schwierigkeiten, wenn es um die Rechte von Tieren untereinander geht: Soll man Löwen davon abhalten, Gnus zu töten, weil sie damit einen Mord begehen würden? Und wie soll man sie dann ernähren? Eine mögliche Antwort darauf wäre, dass die Welt nun mal grausam eingerichtet ist und manche Wesen – evtl. auch Menschen, wenn sie nicht ausreichend pflanzliche Nahrung finden könnten – eben verhungern müssten, um nichts Böses zu tun. Der Zweck heiligt nicht die Mittel; das glauben Christen ja auch. Zum Glück ist das aber nicht nötig, da Menschen ja mehr wert sind als Tiere, und Tiere sich auch untereinander töten dürfen, ohne damit etwas Böses zu tun.

Aber das Problem zeigt sich nicht nur darin, dass man daran scheitert, Tiere wie Menschen zu behandeln. Die Konsequenz dieses Scheiterns ist nämlich oft (und das kann man halbwegs konsequent praktizieren!), dass man stattdessen Menschen wie Tiere behandelt.

Wenn man es nicht durchhalten kann, Tieren denselben Wert und dieselben Rechte zuzugestehen wie Menschen, geraten solche Leute dann in eine Situation, in der sie glauben: „Okay, Tiere kann man zumindest dann töten oder an ihnen experimentieren, wenn es für einen selber oder andere notwendig ist, oder wenn es ihnen selber schlecht geht; man darf sie auch züchten und sterilisieren. Dann sollte man das doch auch bei Menschen tun dürfen.“ Da kommt dann so etwas heraus wie bei dem australischen Philosophen Peter Singer, der meint, dass erwachsene Affen mehr Rechte haben sollten als menschliche Babies, und findet, dass man behinderte Neugeborene definitiv einschläfern sollte.

Er ist hier nur konsequent. Tatsächlich ist es für solche Leute offensichtlich schwer zu begründen, wieso z. B. ein schwer behinderter Mensch, der kaum etwas mitbekommt und nur im Bett liegt, mehr Rechte haben soll als ein lebhafter Affe, weil sie den Wert nur an Gefühlen festmachen. Für uns Christen dagegen ist es ganz leicht: Menschen sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Jeder Mensch ist mit Vernunft und Willen begabt und kann sich für das Gute oder das Böse entscheiden – auch wenn er diese Fähigkeiten, behindert durch ein krankes oder noch sehr junges Gehirn, vielleicht erst nach dem Tod entfalten kann -, wird ewig leben und kann Gott schauen. Tiere haben das nicht und können das nicht. Wir wissen nicht, ob Gott sie vielleicht am Jüngsten Tag wiedererwecken könnte, das wäre durchaus möglich, aber auch dann werden sie nicht diese innige Erkenntnis von Gott haben wie Menschen, sondern einfach ein besseres natürliches Leben ohne Schmerzen und Probleme. Tiere sind zwar auch geschaffen, damit sie da sind und ihr Leben leben, aber sie sind auch für den Menschen geschaffen. Es ist völlig legitim, wenn sie hier ihr kleines Leben leben, in dem sie bloß im Augenblick leben und keine tiefere Erkenntnis dessen haben, was um sie herum ist, und dann zum Beispiel geschlachtet werden und als Braten auf dem Tisch enden.

Als Christ wird man den Veganern zustimmen: Tieren Schmerz zuzufügen ist an sich nicht gut. Dass es Schmerzen gibt, ist überhaupt an sich nicht gut, das ist Teil der gefallenen Welt; auch die Tierwelt scheint in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein durch den Fall der Engel und den Fall der Menschen. (Der Tod, die Tatsache, dass Tiere nur eine endliche Lebensspanne haben, ist dagegen etwas Natürliches, was Gott von Anfang an so vorgesehen haben kann, auch wenn es keine gefallenen Engel gegeben hätte, als Er diese Welt erschaffen hat, die sie zum Schlechten hin beeinflussen konnten.) Aber Tieren ein gewisses Maß Schmerzen zuzufügen lässt sich durch Notwendigkeit rechtfertigen (z. B. wenn man ein Tier schlachten muss, um zu essen zu haben, aber keine Betäubungsmittel hat). Und ein Tier zu töten eben erst recht.

Als Christ kann man praktisch gar nicht anderer Meinung sein, denn Jesus drückt sich hier sehr klar aus. Wir müssen da gar nicht ins Alte Testament (Schöpfungsgeschichte, Sintflut usw.) oder zu den Aposteln schauen, denn Jesus selber erwähnt es als etwas ganz Selbstverständliches:

  • „Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“ (Mt 6,26)
  • „Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. (Mt 10,29-31)
  • „Verkauft man nicht fünf Spatzen für zwei Pfennige? Und doch ist nicht einer von ihnen vor Gott vergessen. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. (Lk 12,6f.)
  • „Er aber sprach zu ihnen: Wer von euch, der ein einziges Schaf hat, wird es nicht packen und herausziehen, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt? Wie viel mehr ist ein Mensch als ein Schaf? Darum ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun.“ (Mt 12,11f.)

Bei all diesen Beispielen macht Er gerade nicht den Wert von Tieren herunter, sondern sagt: Sogar um Tiere kümmern sich Gott und Menschen, aber ihr seid noch viel wertvoller. Und Jesus hat auch das Paschalamm gegessen und mit seinen Jüngern Fische gefangen. (Und ja, in der Antike gab es schon andere Philosophen oder Sekten, die vegetarisches Essen propagierten; das war also nicht völlig undenkbar.)

Also: Menschen sind mehr wert als Tiere. Soll man uns ruhig „Spezieszismus“ vorwerfen; Spezieszismus entspricht nun einmal der objektiven Realität.

Freut euch und jubelt!

Der Papst wird Russland (und die Ukraine) dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen, wie es die Gottesmutter in Fatima 1917 von den Seherkindern Lucia, Jacinta und Francisco gewünscht hat, und wie es jetzt viele Katholiken wieder gewünscht haben; wahrscheinlich hat das inzwischen jeder mitbekommen. Das ist so ziemlich das Beste – und eins der wenigen guten Dinge überhaupt -, die seit 2013 aus Rom gekommen sind (und es zeigt auch, dass Gott noch die allerschlimmsten Kleriker wie diesen Papst zu seinen Werkzeugen machen kann). Ich freue mich schon wahnsinnig, und wahrscheinlich realisiere ich nicht mal wirklich, wie sehr ich mich freuen müsste; man realisiert so etwas kaum, wenn man mittendrin ist. Es musste zwar erst ein Krieg passieren – und davor eine Mehr-oder-weniger-Pandemie und ein paar halbe Diktaturen -, aber es wird passieren, Russland wird Maria geweiht werden.

Ja, schon Johannes Paul II. hat 1984 die Welt dem Herzen Mariens geweiht, und dabei im Stillen hinzugefügt: „insbesondere Russland“ (nur im Stillen aus diplomatischen Gründen). Und laut der Seherin Lucia hat der Himmel das anerkannt, und wenig später begann Gorbatschow mit „Glasnost und Perestroika“, der Ostblock brach zusammen, die Christenverfolgung dort hatte ein Ende, und viel Leid war vorbei. Das war extrem unerwartet, und lässt sich eigentlich nur durch ein Eingreifen des Himmels erklären.

Aber es ist doch noch einmal etwas anderes, ob man es noch einmal ganz ausdrücklich so macht, und jedes Bemühen, dem Wunsch Mariens besonders direkt zu folgen, und nicht aus diplomatischen Gründen zurückhaltend zu sein, wird der Himmel sicher gern sehen. Manche Leute sind jetzt schon wieder etwas pessimistisch, weil es auch wieder nicht genau so gemacht würde, wie Maria es wollte, aber ich denke, dass es vor dem Himmel sehr viel wert sein wird. Es ist groß angekündigt worden, sodass sämtliche Bischöfe die Gelegenheit haben, mitzumachen, und zwar unter ausdrücklicher Erwähnung Russlands; und die Hinzufügung der Ukraine bedeutet doch, eher mehr zu machen, als gefordert, nicht weniger?

Ich glaube, wir können von jetzt an ein bisschen optimistischer in die Zukunft sehen. Vielleicht ist es schon zu spät, um manches abzuwenden, vielleicht auch nicht; aber auf jeden Fall ist es eine gute Nachricht. Und hoffentlich wird es wenigstens der Ukraine bald den Frieden bringen.

Übrigens: Bischof Athanasius Schneider hat ein Novenengebet veröffentlicht, für das Anliegen, dass die Bischöfe alle mitmachen, und das Ganze auch wirkungsvoll ist – denn natürlich hängt die Wirkung auch von den Gebeten aller ab. Also ab heute jeden Tag bis zum nächsten Freitag beten:

PS: An dieser Stelle vielleicht noch eine Erklärung für nichtkatholische Mitleser, die sich fragen könnten, wieso Gott (durch seine Heiligen) Forderungen stellt, die man erst erfüllen muss, bevor er eingreift, und noch dazu Forderungen nach Gebeten an Ihn? Nun, ganz einfach: Gott will unsere Mitwirkung an allem, Er gibt uns Macht, wirklich etwas in dieser Welt zu bewirken, durch zwei Mittel, nämlich Taten und Gebet, und Er will, dass wir für die ganze Welt, besonders unsere Nächsten und unsere Feinde, beten, und sie Ihm anempfehlen. Und er fordert (in diesem Fall) nicht mal große Heldentaten, sondern wirklich bloß das Gebet und den Gehorsam bzgl. der Art dieses Gebets, und hat uns dafür viel versprochen. Allgemeines zum Bittgebet hier.