Ein paar Probleme am Feminismus

Es gibt ja auch unter Christen die Tendenz, nett zu seinen Mitmenschen sein zu wollen, und deswegen zu nett zu den Ideologien zu sein, denen diese Mitmenschen unglücklicherweise verfallen sind. Besonders auffällig ist das beim Feminismus. Ich habe schon einen sehr konservativen Kaplan, der immer Soutane trug, die erste Feministinnengeneration loben hören, ohne dass er Anlass gehabt hätte, sie überhaupt zu erwähnen. Irgendwie ist der Feminismus doch so etabliert, dass man irgendetwas Gutes an ihm sehen will. (Ich nehme mich da gar nicht aus, mir ging es früher auch öfter so.) Es gibt auch Christinnen (wirkliche Christinnen, nicht Liberale, die nur aus Gewohnheit noch einer Konfession angehören), die sich als christliche Feministinnen sehen und sich z. B. in der Pro-Life-Bewegung auf ein paar frühe Feministinnen berufen, die Abtreibungen noch abgelehnt haben – wobei man es bei manchen in den letzten Jahren beobachten konnte, dass sie immer feministischer und immer weniger christlich geworden sind.

Ich finde das alles jedenfalls gar nicht so unproblematisch, denn auch in den ersten Stadien des Feminismus waren viele falsche Ideen schon angelegt. Daher mal ein paar Probleme aufgezählt, die praktisch seit seiner Gründerzeit immer wieder auftauchen. (Ach ja, das noch an alle Feministinnen: Ihr könnt mich nicht als Pick-me-girl beleidigen, weil ich nämlich weder in einer Beziehung noch für eine Beziehung offen bin, ällabätsch.)

1) Der Feminismus hat nie wirklich die Frauen vertreten. Die Mehrheit der Frauen hat die jeweils aktuelle Generation von Feministinnen immer als komisch und übertreibend gesehen, oder sich einfach nicht für sie interessiert. Man sieht das gut daran, dass z. B. immer noch die Mehrheit der Frauen bei der Hochzeit den Namen des Mannes annimmt und Gendersprache ablehnt. Sicher: Die vorige Generation der Feministinnen hat immer so weit die Deutungshoheit gewonnen, dass man sagt „ja, damals war der Feminismus ja noch gut, aber jetzt…“ (Ungefähr so, wie man das auch bei der SPD macht.) Dabei haben auch im jeweiligen „Damals“ die meisten Frauen nicht viel vom Feminismus gehalten. Auch zur Zeit der Suffragetten, die hauptsächlich das Wahlrecht wollten, waren die meisten Frauen erst mal dagegen – nicht, weil sie sich selbst für total blöd hielten, sondern z. B. aus solchen Gründen, wie dass Politik etwas Unweibliches sei, oder Frauen sich ihre Überparteilichkeit bewahren sollten. (Der Punkt war eben auch, dass sie das Wahlrecht und andere politische Rechte nicht als grundlegende Menschenrechte sahen, ohne die man erniedrigt war, sondern als bürgerliche Rechte, die je nach Nützlichkeit vergeben wurden oder nicht.) Das heißt nicht, dass man nichts gut finden kann, wofür sich Feministinnen irgendwann mal eingesetzt haben – ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn, und keine Ideologie könnte länger bestehen und Leute anziehen, wenn sie völlig böse wäre. Es heißt nur, dass man auch ein bisschen skeptisch gegenüber den ersten Generationen von Feministinnen sein sollte. Auch die Suffragetten hatten oft unschöne Ideen (z. B. „freie Liebe“) oder haben politische Gewalt eingesetzt (zumindest in England). Und was ihre zentrale Idee angeht: Man kann schon der Meinung sein, dass auch die weibliche Perspektive in der Politik was nützen könnte, aber auch die typische Parteipolitikerin scheint keine Vertreterin der meisten Frauen zu sein.

Aber wie auch immer: die meisten Frauen haben sich eben immer eher auf ihr Privatleben konzentriert und die Feministinnen ignoriert oder sie genervt toleriert und die Feministinnen haben dadurch die Deutungshoheit gewonnen, und das ist ein Problem.

2) Der Feminismus muss zwangsläufig Kinder als Problem sehen; denn Kinder sind es, die Frauen ungleich machen. Kern des Feminismus ist es ja, dass Frauen gleich sein sollen wie Männer; was als typisch weiblich gilt, wird tendenziell als Schande empfunden, und wegen wirklicher Nachteile, die Frauen nun mal haben, ist man verbittert. Ein solcher Nachteil sind die ganzen Probleme mit Schwangerschaft, Stillen und Geburt. Männer sind nur am angenehmen Teil der Fortpflanzung beteiligt, und können sich dann auch viel leichter aus der Verantwortung stehlen, und hier stampft der Feminismus mit dem Fuß auf und sagt „will auch“. Dabei müssen zwangsläufig Kinder unter die Räder geraten. Manche Feministinnen schrecken hier zurück, aber die wirklich überzeugten lassen dann eben die Kinder unter die Räder geraten.

Es ist einfach so: Kinder erfordern Zeit und Anstrengung, und einen Teil dieser Anstrengung erfordern sie notwendigerweise von ihrer Mutter. Und weil Feministinnen es nicht dulden wollen, dass sie einen Nachteil haben, den Männer nicht haben, müssen Frauen das Recht auf Abtreibung haben. Und wenn Kinder doch geboren werden, müssen sie auch irgendwohin; also heißt es eben Kinderkrippe so bald wie möglich und dann Ganztagskindergarten und Ganztagsschule.

(Interessanterweise kommen ja von Feministinnen, die Pro-Lifer angreifen, manchmal solche Argumente wie „wenn es für Frauen keinen Ausweg aus einer Schwangerschaft geben soll, dann für Männer auch nicht“ – als ob sie keine Ahnung haben, dass die meisten Pro-Lifer ja Christen sind, die wollen, dass der Mann die Frau erst mal heiratet und dann auch sein Leben lang für sie und die Kinder da ist, oder, wenn eine Ehe für die beiden wirklich keine gute Idee wäre, sich trotzdem auch um seine unehelichen Kinder kümmert.)

Die Alternative wäre einfach, es so zu machen wie früher, und Mütter gerade für ihre Mutterrolle zu ehren, auch von Kindern Respekt für ihre Mutter zu erwarten, und ihnen andere Anstrengungen (z. B. Berufstätigkeit) eher zu ersparen, aber das wollen Feministinnen natürlich gerade nicht.

3) Der Feminismus hat eigentlich auch keinen Platz für Männer. Sie stören immer irgendwo. Und während kleine Ungleichheiten zulasten von Frauen (z. B. dass typische Frauenberufe tendentiell schlechter bezahlt sind) als Beweis der patriarchalen Unterdrückung genommen werden, werden Ungleichheiten zulasten von Männern ausgeblendet (z. B. dass mehr Männer obdachlos, Selbstmordopfer oder Opfer von Arbeitsunfällen sind). Feministinnen behaupten z. B. öfter, wenn das und das ein Männerproblem statt ein Frauenproblem wäre, hätte „die Gesellschaft“ (wer auch immer das ist) schon lange alles mögliche dagegen unternommen, wobei nicht erklärt wird, wieso die Gesellschaft dann gegen tatsächliche Männerprobleme nicht immer so viel unternimmt. Und auch als Frau, die nichts mit dem Feminismus zu tun hat (wie ich), ist man meistens doch genug von ihm beeinflusst, dass man, wenn es um solche Probleme gehen soll, immer auch betonen muss, dass es natürlich auch Frauenprobleme gibt usw. usf.

Man merkt es z. B. auch in vom Feminismus beeinflussten Filmen, dass es ständig eine starke Frau geben muss, die einen eingebildeten oder unfähigen Mann übertrumpft. Nicht, dass man das nicht mal haben kann; aber das Gegenteil (die unfähige Frau) wäre genauso legitim. Und ein paar gute männliche Figuren zum Ausgleich wären auch nicht schlecht. Auch wenn Feministinnen (manchmal) erklären, dass der Feminismus eine bessere Welt für Männer und Frauen schaffen soll, hat man am Ende doch das Gefühl, es ist eher eine gewisse Verbitterung gegenüber Männern da.

Bei ihnen merkt man eine gewisse Schizophrenie gegenüber dem anderen Geschlecht. Einerseits erklären sie, dass Männer sich mehr Weiblichkeit zutrauen, Schwäche zeigen und über ihre Gefühle reden sollen, andererseits behandeln sie Männer, die Schwäche zeigen, verächtlich und unterstellen ihnen z. B. ein kleines Geschlechtsorgan und sonstige Minderwertigkeitskomplexe. Wenn jemand eine dicke Frau beleidigt, ist das Fatshaming und sie wunderschön; wenn jemand einen dicken Mann beleidigt, ist das verdient und er ein Loser, der wahrscheinlich bei Mama im Keller wohnt (statt dass man einfach gerecht wäre und Übergewicht weder als gut und schön noch als Rechtfertigung für Beleidigungen und Mobbing sehen würde).

Auch die Männer, die sich selber als Feministen sehen und z. B. laut erklären, wie sehr sie selbstbewusste Frauen unterstützen, wirken auf mich irgendwie immer wie Außenseiter unter Feministinnen. Und ich habe nicht mal das Gefühl, dass die Feministinnen solche Männer selber besonders toll finden – eher den Eindruck, dass sie sie auch ein bisschen verachten, und im Geheimen doch männlichere Männer attraktiver finden, die sich nicht so anbiedern. Diese männlichen Feministen wirken auch manchmal ein bisschen creepy; als ob sie sich bei Frauen einschleimen, um leichter mit unschönen Verhaltensweisen durchzukommen, und z. B. auf pro-Abtreibung machen, weil sie keine Lust auf Unterhaltszahlungen im Fall der Fälle haben.

Dabei macht es der Feminismus für die große Masse der Männer schwieriger, eine ganz normale gesunde Männlichkeit zu finden. Die netten Männer neigen dann zu zu viel Nachgiebigkeit gegenüber den Feministinnen, und diejenigen, die das Gelaber von Frauen einen Scheißdreck schert, sind dann im Vergleich die, die auf einmal attraktiver und männlicher wirken, auch wenn ihr Charakter vielleicht nicht der beste ist. Es ist kein Wunder, dass in Zeiten des Feminismus „Shades of Grey“ ein Verkaufsschlager geworden ist, während unsere Urgroßmütter es mehr als abscheulich gefunden hätten, sich auf diese Weise erniedrigen zu lassen, und so ein Buch in den Kohleofen geworfen hätten. So etwas wie Väterlichkeit, Führungsstärke, Mut wird quasi als obsolet behandelt, und dann sehnt man sich am Ende nach einer extrem pervertierten Form davon.

Der Feminismus ist eine egalitäre Idee – d. h. Gerechtigkeit wird mit Gleichheit gleichgesetzt, jede Ungleichheit (auch auf derselben Ebene) wird zur Ungerechtigkeit, und Hierarchie kann man sowieso vergessen. Aber wenn keine offiziellen Hierarchien mehr zugelassen werden, entstehen nur pervertierte Hierarchien, wobei sich Soziopathen inoffiziell das Sagen aneignen, ohne Pflichten zu übernehmen.

Der Feminismus lässt es nicht mal mehr zu, dass Männer sich beschützerisch gegenüber Frauen verhalten, und dann verwechseln junge Mädchen, die sich doch nach einem beschützerischen Mann sehnen, manchmal auch das Besitzdenken aus gewissen unfeministischen „Migrationshintergrund“-Kulturen mit Schutz und Liebe.

4) Der Feminismus kann nie zugeben, dass Frauen ihre typischen Fehler haben. Da gibt es nun mal welche. Frauen lästern öfter, praktizieren mehr Zickereien hintenrum und können manipulativ sein. Frauen sind auch angepasster und konformistischer – gut, das bedeutet auch mehr Verträglichkeit. Vielleicht kommt es einfach daher, dass Frauen immer schwächer waren und sich wohl oft notgedrungen anpassen mussten. Wenn Männer eher gerade aus Trotz dagegen sind, knicken Frauen leichter ein. Aber jedenfalls gibt es nun mal typische Frauenfehler, und auch Frauen, die einfach sehr schlechte Menschen sind, egal, ob ihre Fehler typisch für ihr Geschlecht sind oder nicht. Der Feminismus stellt oft genug noch Tyranninnen als emanzipierte Powerfrauen dar, oder zumindest als tragische Figuren, denen man ihre Verbrechen auf keinen Fall so übel nehmen darf wie männlichen Tyrannen. Wahrscheinlich würden Feministinnen Herodias, die Frau des Herodes, die für die Enthauptung Johannes des Täufers sorgte, als mutige Frau sehen, die sich gegen die Stigmatisierung ihrer Patchworkfamilie wehrt.

Dieses Nichtzugebenkönnen sieht man jedenfalls auch bei Christen, gerade in der Pro-Life-Bewegung. Da betont man z. B. sehr die Fälle, in denen Frauen vom Kindsvater zur Abtreibung gedrängt werden und irgendwie hilflos und in die Enge getrieben sind. Man will schließlich jeden mit christlicher Nächstenliebe behandeln und nicht zu schnell verurteilen. Diese Fälle gibt es natürlich oft genug, das sollte man definitiv nicht unterschlagen, aber es gibt z. B. auch Fälle, in denen eine Frau gegen den Willen ihres Partners abtreibt, oder abtreibt, obwohl er ihr sagt, sie hätte seine Unterstützung, wenn sie es behalten will; und das sollte man auch nicht ganz ausblenden. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer in solchen Situationen können irgendwie hilflos oder hin- und hergerissen sein. In der Beratungsarbeit bekommt man bei Pro-Life-Organisationen wahrscheinlich eher die Fälle mit, in denen die Frau eigentlich nicht wirklich abtreiben will; vielleicht liegt es daran. Aber Frauen sind generell Wesen mit eigenem Verstand, die für ihre eigenen Verbrechen verantwortlich sind, und es meistens auch besser wissen könnten. Und auch Frauen können narzisstische Psychopathinnen sein. Es gibt auch (sicher nicht oft, aber in einzelnen Fällen) Frauen, die abtreiben, weil sie sich an ihrem Exfreund rächen wollen, oder Abtreibung quasi als nachträgliches Verhütungsmittel sehen.

Männliche Ansprüche oder Erwartungen an Frauen sind für Feministinnen absolut tabu – sogar dann, wenn es um absolut grundlegende normale Erwartungen geht, z. B. dass ein Mann sich von seiner Freundin trennen würde, wenn sie ihn betrügen, ihm ein Kuckuckskind unterjubeln oder sich einen Onlyfans-Account zulegen würde, auf dem sie Nacktfotos und -videos von sich verbreitet. Da heißt es dann eher „schau mal, was in eurer Beziehung gefehlt hat, sodass sie es bei jemand anderem gesucht hat“ oder „bist du so unsicher, dass du es nicht erträgst, dass deine Freundin selbstbestimmt und selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgeht“. Ganz heikel wird es, wenn z. B. christliche Männer eine Frau vorziehen würden, die vor der Ehe Jungfrau ist (oder wenn nicht, dann zumindest verwitwet oder so was). Aus christlicher Sicht ist das natürlich kein Muss für eine Beziehung, aber doch was Gutes, und zwar bei Männern wie bei Frauen, und es ist bei Männern wie bei Frauen normal, dass man es schön findet, wenn der jeweils andere noch nichts mit anderen hatte. (Und wie bei allen guten Eigenschaften wäre es auch legitim, wenn einer es als Kriterium für eine Beziehung nehmen würde – wie es auch legitim wäre, wenn eine Frau sagen würde „ich will keinen übergewichtigen Mann“ oder „ich will nur einen Mann, der einen stabilen Job hat und mit dem ich bald eine Familie gründen könnte“. Das schließt nicht aus, dass sie es sich doch anders überlegen würde, wenn sie sich total in einen arbeitslosen Akademiker verlieben würde, aber auch wenn sie es sich nicht anders überlegen würde, wäre das legitim. Leute dürfen ihre Präferenzen haben, und das ist auch keine Herabsetzung von Leuten, die diesen Präferenzen nicht entsprechen.)

5) Der Feminismus tut ständig so, als wären Tugenden wie Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Zurückhaltung, Höflichkeit, Anstand, Mütterlichkeit nur Unterdrückungsmechanismen des bösen Patriarchats. Dabei sind sie schlicht und einfach gut. Es ist nichts besonders Lobenswertes daran, laut, nervig oder fordernd zu sein. Ok, manchmal muss man es sein, das schon. Aber nicht ständig. Und öfter muss man auch fest und prinzipientreu sein, ohne deswegen unverschämt und nervig zu werden. Und wenn eine Vierzehnjährige bescheiden und zurückhaltend ist, ist das etwas Gutes und nichts, das sie sich abtrainieren soll. Man kann übrigens gleichzeitig bescheiden und zurückhaltend sein und sich deswegen nicht von jedem beeinflussen oder einschüchtern lassen; das lässt sich auch üben.

Es ist auch krass, wie Feministinnen jedes Idealbild einer Mutter oder Großmutter angreifen, weil damit andere Mütter herabgewürdigt werden würden – als ob man mit dem Vorbild eines Nationalspielers die normalen Jungs im FSV daheim herabwürdigen würde.

6) Feministinnen reden oft von Wahlfreiheit, aber machen die nicht so feministisch wirkende Wahl manchmal unmöglich (und manchmal bloß verächtlich). Z. B. sind Feministinnen sehr schnell dabei, Hausfrauen als ehrgeizlose, langweilige, unselbstständige Wesen herabzustufen. In den USA wurde es wegen dieses feministischen Einsatzes früh üblich, dass beide Elternteile arbeiten gingen und Kinder sehr früh in Krippen gegeben wurden, und das Resultat war: Die Reallöhne sind so weit gesunken, dass viele Amerikaner sich die Alleinverdienerfamilie nicht mehr leisten können; Arbeitgeber konnten sich eben auf die Doppelverdienerfamilie einstellen und mussten den Vätern keinen gerechten Familienlohn mehr zahlen. In Deutschland ist diese Entwicklung auch im Gang, nur etwas verzögert. Vergleichsweise wenige 30jährige mit kleinen Kindern werden es jetzt noch wagen, nicht wenigstens Teilzeit arbeiten zu gehen, sobald das Kind im Kindergarten ist, einfach, weil man so komisch angeschaut wird.

Darauf könnten Feministinnen jetzt sagen: Dafür waren in Zeiten des Patriarchats andere Wahlen außer Hausfrau & Mutter unmöglich. Worauf ich sagen würde: Nicht so ganz. Auch in früheren Zeiten gab es Nonnen, berufstätige alte Jungfern, intellektuelle Frauen und Künstlerinnen. Gut, einiges war schwieriger; es gab lange zwar Schulen und berufliche Schulen, aber keine Universitäten für Frauen. Und natürlich: Bei verheirateten Frauen mit Kindern (zumindest solchen, die keine Dienstboten und Kindermädchen hatten) wurde es erwartet, dass sie sich um Haushalt und Kinder kümmerten und alles andere nachrangig war. Aber das war auch angemessen; Kinder brauchen jemanden, der sich um sie kümmert, und damals war der Haushalt auch sehr viel Arbeit. Dafür wurde es auch von den Männern erwartet, auf dem Feld oder in der Werkstatt zu arbeiten und das Geld für die Familie heimzubringen; das war auch nicht immer eine tolle Selbstverwirklichung. (Genauso wie heute eigentlich.) Und seien wir mal ehrlich, das Hausfrauendasein hat seine guten und schlechten Seiten. Man muss ständig Wäsche waschen und putzen, aber kann auch ein bisschen kreativ werden beim Kochen, Backen, Dekorieren und der Gartenarbeit. Und Kinder sind nun mal sehr süß.

Außerdem, sind Frauen in den typischen Frauenberufen wie Erzieherin, Krankenschwester und Altenpflegerin denn emanzipierter als Frauen, die mit ihren eigenen Kindern spielen, ihre eigenen kranken Kinder betreuen, und ihre eigenen Eltern pflegen? Interessanterweise sind laut Umfragen die Frauen allgemein auch in den letzten Jahrzehnten nicht glücklicher geworden; so viel scheint die feministischere Lebensweise nicht gebracht zu haben.

Der Feminismus über- und unterfordert Frauen auch gleichzeitig. Einerseits hieß es v. a. früher immer, Frauen könnten gleichzeitig tolle Mütter und Karrierefrauen sein. Andererseits, weil auch Feministinnen nun mal merken mussten, dass der Tag nur 24 Stunden hat, und entweder das eine oder das andere zu kurz kommt, gilt es jetzt praktisch schon als böse, irgendwelche Erwartungen an Mütter zu haben.

7) Der Feminismus hat im Bereich der Sexualität viele Hemmungen und Tabus abgebaut, die Frauen und Männer beide vor Verletzungen geschützt haben. Sexuelle Liberalisierung funktioniert einfach nicht. Z. B. waren es (auch) Feministinnen, die für die damals so genannte freie Liebe eintraten, für erleichterte Scheidung und dergleichen. Damit haben sie es aber auch für Männer leichter gemacht, z. B. ihre Frau zu verlassen, sobald sie 42 ist und Dehnungsstreifen und Krampfadern hat, und eine Jüngere sich bietet. Männer – zumindest attraktive Männer – haben auf sexuellem Gebiet natürliche „Vorteile“ (nicht wirklich Vorteile, denn die leichtere Möglichkeit, das Falsche zu tun, ist kein wirklicher Vorteil); es bringt nichts, hier mit ihnen konkurrieren zu wollen. Während Frauen, wenn sie jung sind und wirklich promiskuitiv sein wollen, sehr leicht Partner finden können, hat diese Attraktivität ein früheres Verfallsdatum; ein Mann kann dagegen auch mit 45 noch attraktiv aussehen und eine jüngere Frau finden, die es vielleicht auch ganz nett findet, dass er schon eine höhere Position und ein bisschen Geld hat.

Überhaupt macht die feministische Liberalisierung in diesem Bereich keinen rechten Sinn. Denn einerseits wird gesagt, Frauen sollen selbstbestimmt sein, Kontrolle haben, usw., andererseits geht es ja normalerweise um Sex mit männlichen Partnern, wobei man zwangsläufig Kontrolle an den Mann abgibt, der irgendwie auch der patriarchale Feind ist.

8) Es gibt ja auch die Radikalfeministinnen, die z. B. Männer so sehr ablehnen, dass sie lieber für generelles Lesbentum sind. Hier kann jeder sehen, dass das nun mal einfach nicht der menschlichen Natur entspricht, und die allermeisten Frauen nicht mitmachen werden. Es gibt auch Radikalfeministinnen, die weniger weit gehen, und z. B. Sex zwischen Männern und Frauen gestatten, aber Vaterschaft für eine böswillige und unnötige Erfindung halten. Die These ist in etwa: In der Steinzeit wussten die meisten Männer doch gar nicht, welche Kinder ihre waren (es wurde wohl einfach wild durcheinandergevögelt); die Frauen waren selbstständig und die Kinder haben ihnen allein gehört; die Männer haben bloß als Onkel ihre Schwestern unterstützt. (Diese Feministinnen sehen immerhin Mutterschaft etwas positiver, aber wollen eben das Matriarchat.) Man könnte jetzt genauer ausführen, wieso diese Anthropologie der reinste Schwachsinn ist, aber der normale Mensch wird sich das schon denken können, wenn er sieht, wie sog. „offene Beziehungen“ in der Praxis aussehen. Sex bindet Leute aneinander, allein schon hormonell, und es geht nie ohne Eifersucht und Verletzungen ab, wenn man versucht, dieses exklusive Band auseinanderzureißen. Allgemeine freie „Liebe“ hat nie funktioniert und wird nie funktionieren.

Und hier wieder: Die meisten Frauen würden dabei einfach nicht mitmachen wollen. Weil sie nun mal doch Männer anziehend finden und irgendwie Romantik wollen statt bloß anonymen Sex. So wie sie auch zumindest ein, zwei Kinder süß finden, und irgendwie weiblich sein wollen statt geschlechtslos.

Der Punkt ist ja letztlich auch der: Gott hat Männer und Frauen gemacht, und wenn Er schon zwei Geschlechter gemacht hat, ist es logisch, dass es da auch von Ihm gewollte Unterschiede geben wird. Als Christin kann man eigentlich schwer Feministin sein.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 11c: Das 5. Gebot – Pflichten gegen Tiere und Umwelt

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

In den letzten beiden Teilen ging es um die Unversehrtheit von Menschen; heute zur nichtmenschlichen Welt.

Bei diesem Thema muss man eins beachten: Einen Schaden zu verursachen ist nicht immer dasselbe wie eine Sünde zu begehen. Auf Handlungen mit Doppelwirkung (einer guten, gewollten Wirkung, und einer nicht gewollten, nur in Kauf genommenen Nebenwirkung) bin ich ja in dieser Reihe schon mehrmals eingegangen (u. a. hier). Ein Arzt, der einem Patienten ein Medikament mit Nebenwirkungen gibt, nimmt dadurch auch die ungewollten Nebenwirkungen in Kauf, aber die Handlung ist trotzdem gut, weil der Patient von seiner Krankheit geheilt wird. Dasselbe gilt z. B. für Autofahren, Heizen, etc: Dadurch kommen Stickoxide in die Luft, die leicht gesundheitsschädlich sind, aber diese leichte Schädigung darf man in Kauf nehmen, weil sich Menschen in einer funktionierenden Gesellschaft nun mal von A nach B bewegen müssen, im Winter Wärme brauchen, etc. Das gilt übrigens schon von der Steinzeit an, als Menschen anfingen, ihr Essen über rauchendem Feuer zu kochen. Es ist auch keine Sünde, das Auto statt den Bus zu nehmen, weil der Unterschied, den der einzelne Mensch hier macht, lächerlich gering ist.

Vieles, was man unter „Umweltschäden“ einordnet, ist eigentlich ein Schaden an anderen Menschen. Wer z. B. giftige Abfälle in einem Wald ablädt, von wo aus sie ins Grundwasser gelangen könnten, gefährdet dadurch nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern vor allem auch andere Menschen. Dasselbe gilt für die Verwendung gesundheitsschädlicher Pestizide o. Ä. Hier kommt es immer darauf an, wie groß der Schaden ist, ob er vermieden werden kann, aus welchem Grund man ihn in Kauf nehmen würde. Illegal Gifte ins Grundwasser zu leiten, damit man nicht die Entsorgungskosten zahlen muss, dürfte schon eine schwere Sünde sein; möglicherweise leicht gesundheitsschädliche Pestizide zu verwenden, weil sonst die Ernte von Insekten gefressen werden würde, ist dagegen recht unbedenklich.

Dann zu eigentlichen Schäden an Tieren. Tiere haben zwar auch ihren eigenen Wert, aber einen geringeren als Menschen, und sind grundsätzlich der Verfügbarkeit für den Menschen unterworfen. (Wie man auch in den ersten Kapiteln von Genesis lesen kann. „Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen. Das alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.“ (Gen 9,3) Das ist so, und dafür müssen wir uns auch nicht schämen. Hier mehr zur Begründung; ich muss ja nicht alles zweimal sagen.) Theologen haben oft vertreten, dass Tiere eigentlich keine Rechtssubjekte sein könnten und deswegen keine strengen Rechte gegenüber Menschen haben könnten und dass Tierquälerei eher deswegen schlecht sei, weil es widervernünftig sei, unnötige Schmerzen zuzufügen, und weil man sich dadurch an Grausamkeit gewöhne. Ich bin mir nicht sicher, ob das ganz richtig ist; ich halte es für relativ einsichtig, dass es an sich falsch ist, ein Tier unnötig zu quälen. Einen Grashalm zu zerrupfen kann einen auch an Zerstörungswut gewöhnen, aber das würde man deswegen nicht besonders stark verurteilen. Tierquälerei dagegen wird generell als schlimmer gesehen. Man könnte evtl. auch sagen, dass Tiere einfach geringere Rechte als Menschen haben – wobei das wieder andere denkerische Probleme bereitet, weil man dann wieder sagen müsste, dass Tiere ihre gegenseitigen Rechte untereinander verletzen, wenn sie sich gegenseitig fressen etc. Man kann Tieren keine Pflichten auferlegen, da fragt es sich, ob man ihnen Rechte geben kann.

Tiere haben jedenfalls keinen solchen Endzweck wie Menschen, da sie nicht fähig sind, Gut oder Böse zu wählen, Verdienste zu erwerben, und am Ende Gott zu schauen. (Bei Menschen kann das jeder, auch der, bei dem die Ausübung dieser seelischen Fähigkeiten in diesem Leben noch durch ein unterentwickeltes oder krankes Gehirn gehemmt ist.) Aber egal, von welcher Theorie aus man herangeht, es gilt folgendes:

  • Tiere unnötig zu quälen ist eine Sünde, deren Schwere von der Schwere der Quälerei abhängt
  • Es dürfte vermutlich auch eine Sünde sein, ganze Tierarten auszurotten, weil man dadurch die Vielfalt von Gottes schönem Garten nachhaltig schädigt; hier ist aber nie nur einer allein schuld und die Schuld des einzelnen daher gemindert (und man muss in Betracht ziehen, dass auch auf natürliche Weise immer wieder Arten ausgestorben sind)
  • Tiere zu schlachten, um sie zu essen, ist vollkommen in Ordnung
  • Tiere zu töten, weil sie einen schädigen (z. B. weil Wölfe in einer dicht besiedelten Gegend Schafe reißen, oder weil Ratten Krankheiten übertragen) ist auch ohne weiteres erlaubt
  • Tiere zu jagen (weil man gerne jagt, weil Rehfleisch gut schmeckt, weil die Rehpopulation unter Kontrolle gehalten werden soll, o. Ä….) ist ebenso erlaubt; eigentlich ist die Jagd sogar besser als die Schlachtung in der Landwirtschaft, weil man hier Tiere zum Essen tötet, die ein absolut artgerechtes Leben hatten; dementsprechend ist es auch erlaubt, Pelze gejagter Tiere zu tragen. Freilich dürfte man nicht so viel jagen, dass die Wildpopulation gefährdet ist.
  • Die Arbeit als Landwirt, Metzger, Jäger, Kürschner, Pelzhändler, Kammerjäger o. Ä. ist also ohne weiteres erlaubt
  • Medizinische Experimente an Tieren sind erlaubt, weil ihre eventuellen Rechte nachrangig gegenüber den Rechten der kranken Menschen sind, und man ohne Tierversuche schwerlich Medikamente entwickeln kann
  • Tiere in der Landwirtschaft nicht artgerecht zu halten ist ein Übel, aber dürfte nicht immer eine Sünde sein; die Versorgung der Menschen mit ausreichend Lebensmitteln hat Vorrang. Soweit möglich, sollte dieses Übel aber nach und nach abgestellt werden.
  • Tiere im Zoo oder im Zirkus zu halten ist wahrscheinlich an sich keine Sünde.
  • Windräder zur Stromversorgung zu bauen, an denen Vögel anstoßen und getötet werden, ist keine Sünde.
  • Stierkämpfe sind fragwürdig; sie waren auch einmal kirchenrechtlich verboten. (Hier muss die Gefahr für den Torero auch betrachtet werden.)

Die Frage, ob Tierseelen nach dem Tod weiterleben / Tiere am Jüngsten Tag wiederauferstehen könnten, oder ob sie einfach ihr kleines Leben haben, das dann vorbei ist, ist theologisch übrigens nicht ganz geklärt; es gibt mehr Theologen, die letzteres sagen würden, aber ersteres zu denken ist m. W. nicht verboten. (Wenn sie weiterleben/auferstehen würden, würden sie sehr sicher ein ähnliches Leben wie jetzt haben, nur ohne Leid, d. h. ein natürliches Glück erleben wie im irdischen Paradies vor dem Sündenfall, nicht das übernatürliche Glück der Anschauung Gottes wie Menschen.)

Was dann die Pflanzenwelt angeht: Pflanzen haben sicher keine Rechte; sie haben aber einen Wert, einen Wert an sich und einen für die Menschen, die eine schöne Pflanzenwelt genießen können. Der Erhalt einer schönen Natur ist daher auch wieder vor allem um der Menschen willen gut.

Die Welt ist ein von Gott anvertrauter Garten, den Menschen auch gestalten dürfen. Die Natur muss nicht als ungestörte Wildnis gelassen werden, wir haben sehr wohl das Recht, sie zu gestalten, zu formen. Aber dabei soll man ihre Schönheit herausbringen und nicht zerstören. In einem Land, das genug Platz hat, ist es sinnvoll, wenn neben landwirtschaftlichen und anderweitig gestalteten Flächen auch Platz für Naturschutzgebiete gelassen wird.

Handlungen wie z. B. ein bisschen Abfall im Wald liegen zu lassen dürften lässliche Sünden sein.

Beim Tier- und Umweltschutz spielt außerdem die Frage nach dem Gehorsam gegenüber Gesetzen hinein. Solange die Gesetze nicht relativ klar unvernünftig/unverhältnismäßig sind, muss man ihnen auch gehorchen und Zuwiderhandeln ist lässliche oder schwere Sünde je nach Fall (i. d. R. wohl lässliche). Der Umweltschutz ist ein Gebiet, auf dem viele kleine Handlungen zusammen größere Auswirkungen haben, obwohl die einzelne Handlung an sich sehr unbedeutend ist, deswegen ist das auch ein Gebiet, auf dem gesetzliche Regelungen notwendig sind, damit alle oder zumindest fast alle bestimmte Handlungen vermeiden. Wenn es aber in einem Bereich keine Gesetze gibt, muss man als Einzelner nicht unbedingt eine Handlung vermeiden, die man insgesamt verbieten würde, wenn man Gesetzgeber wäre; denn die Einzelhandlung ist und bleibt eben sehr unbedeutend, und man wird mit seinem Vorbild normalerweise nicht dafür sorgen, dass auch alle anderen diese Handlung jetzt vermeiden. (Wenn man sich z. B. denkt „Ich würde einen autofreien Sonntag einführen“ – was m. E. nicht sinnvoll wäre -, muss man nicht von da an selbst an jedem Sonntag das Auto stehen lassen.) Auch dafür, dass die natürlichen Ressourcen reichen, dass man nach und nach Technologien entwickelt, die endliche Ressourcen wie Öl und Kohle ersetzen können, sind Regierungen, Großkonzerne, Forscher verantwortlich, nicht der einzelne.

Es kann aber natürlich auch unsinnige Gesetze geben, oder solche, die die Lasten ungerecht verteilen, denen man nicht gehorchen muss.

Beim Thema Umwelt geht es außerdem ständig um den Klimawandel. CO2 ist eigentlich kein „luftverschmutzendes“ Gas – es ist gesundheitlich unschädlich und geruchlos, und Pflanzen brauchen es zum Wachstum. Das einzige Problem wäre der Treibhauseffekt. Da bei diesem Thema vieles umstritten ist und die Frage nach dem richtigen Handeln vor allem von den Fakten abhängt (wie viel Einfluss hat der Mensch, wie schädlich wäre eine Erwärmung, was kann man noch verhindern, hilft Verzicht mehr oder vielleicht doch eher Entwicklung von CO2-armen Technologien, sollte man den Klimawandel bekämpfen, indem man mehr Kernkraftwerke baut, die kein CO2 ausstoßen, oder sind hier die anderen Risiken der Kernkraft wieder vorrangig?) kann man von theologischer Seite aus nicht viel dazu sagen. Hier können Katholiken unterschiedlicher Ansicht sein – was nicht heißt, dass es nicht eine richtige Lösung gäbe, die man suchen sollte, nur, dass man nicht anderen Katholiken Sünde vorwerfen kann, wenn sie zu anderen Ergebnissen gelangt sind.

Was man aber sagen kann: Vorsicht ist sicher nicht schlecht, auch wenn ein schädlicher Effekt noch nicht 100%ig gesichert ist, aber das einzelne Land hat immer nur einen begrenzten Einfluss, und eine Erwärmung wäre es ganz sicher nicht wert, eine totale Klimadiktatur einzuführen. (Insbesondere da die befürchteten Folgen eben mehr Hitzetote im Sommer und Ernterückgänge in manchen Regionen (bessere Ernten in anderen) sind, und nicht das Aussterben der Menschheit. 3°C mehr heißt eben wirklich nur 3°C mehr; d. h. wenn es im Durchschnitt irgendwo im Sommer 25-30°C hatte, und im Extremfall mal 39°C, wird es dann eben 28-33°C haben, und im Extremfall mal 42°C. Unangenehmer, aber aushaltbar.) Der einzelne hat hier sowieso einen so extrem geringen Einfluss (wenn man rechnet, dass Deutschland für 2% des CO2-Ausstoßes weltweit verantwortlich ist, macht das pro Kopf hierzulande 0.000000025% oder 1/4.000.000.000 (ein Viermilliardstel)), dass schwere Sünden wohl kaum möglich sind, und es schwer werden dürfte, auch nur eine lässliche Sünde zu begehen (außer vielleicht durch Verletzen eines gerechten Gesetzes zur Reduktion von CO2). Übrigens haben Deutsche zwar pro Kopf einen überdurchschnittlichen CO2-Ausstoß im Vergleich zu den Bewohnern anderer Länder, aber keinen stark überdurchschnittlichen; wir liegen etwa auf demselben Level wie die Mongolei und nicht sehr viel höher als China.

Mit anderen Worten: Es ist keine Sünde, einfach nur aus Bequemlichkeit mit dem Auto statt mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Hier bewegen wir uns im Bereich von Werken der Übergebühr.

Was Überbevölkerungspanik angeht:

  • Diejenigen, die Hungersnöte für den Fall von Überbevölkerung vorhersagten, hatten immer Unrecht; die landwirtschaftlichen Methoden schritten einfach schnell genug voran. Zurzeit könnte die Erde 12 Milliarden Menschen ernähren, und die Landwirtschaft entwickelt sich immer noch weiter.
  • Es ist extrem viel wert, einen neuen Menschen in die Welt zu setzen, da ist es ziemlich vernachlässigbar, dass er auch CO2 ausstoßen wird.
  • Gerade in Ländern mit zu wenig Kindern ist es gerade im Gegenteil sehr vorbildlich, mehr Kinder zu bekommen, damit die Gesellschaft nicht kollabiert.
  • In Ländern, in denen es wirklich viele Kinder gibt und es daher als Resultat auch mal hohe Jugendarbeitslosigkeit und ähnliche Probleme geben kann, ist es trotzdem an sich gut, Kinder in die Welt zu setzen, und die Situation der einzelnen Familie sollte eher den Ausschlag geben als die politische Gesamtsituation. Freilich kann eine Familie in dieser Situation entscheiden, dass sie lieber nur 3 statt 7 Kinder will. Aber Kinderkriegen ist trotzdem gut.
  • Menschen sind keine Parasiten an „der Erde“, sondern ihre einheimischen Bürger.

Gentechnik, mit deren Hilfe z. B. Goldener Reis entwickelt werden konnte, ist von katholischer Seite aus nicht grundsätzlich abzulehnen, z. B. weil man damit „an Gottes Schöpfung herumpfuschen“ würde; Gentechnik ist nur schnellere Züchtung, und Menschen ist es erlaubt, auf solche Weise auf die Schöpfung einzuwirken, besonders, wenn es darum geht, gefährliche Unter- und Mangelernährung zu bekämpfen und Leben zu retten. Freilich ist es auch jedem erlaubt, erst einmal vorsichtig mit neuen Züchtungen zu sein und genauere Infos über Langzeitwirkungen abzuwarten.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 11b: Das 5. Gebot – Pflichten gegen fremdes Leben

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

In Teil 11a ging es um allgemeine Prinzipien bzgl. Leben und körperlicher Unversehrtheit, und Pflichten gegen das eigene Leben; jetzt zu Pflichten gegen fremdes Leben.

Dass Mord schlecht ist, gilt als Binsenweisheit; aber in manchen Fällen dann doch nicht mehr (s. Abtreibung). Und es gibt ja auch alle möglichen denkbaren Dilemmasituationen, z. B. in Kriegen. Daher zuerst einige Prinzipien; der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

„I. Allgemeine Prinzipien. 1. Direkte Tötung eines Unschuldigen ist immer unerlaubt.

Es ist deshalb verboten, Kranke zu töten, damit sie nicht länger leiden; den Tod der Mutter, die sicher sterben muß, zu beschleunigen, um das Kind, das sie unter dem Herzen trägt, taufen zu können. – Ärzten ist es verboten, den Kranken zu Versuchszwecken eine gefährliche Medizin zu geben, die auch den Tod zur Folge haben kann. Eine Ausnahme besteht nur, wenn der Kranke durch kein anderes Mittel mehr zu retten ist und irgendwie seine Zustimmung zur Anwendung dieses Mittels gibt. Ähnliches gilt von chirurgischen Operationen. – Herzstich oder Öffnung der Pulsader vornehmen, damit jemand nicht scheintot begraben werde, ist unter schwerer Sünde verboten. […]

Auch im Interesse des Staates darf man niemals einen Unschuldigen direkt töten. Wenn nämlich auch die einzelnen Menschen ‚Glieder‘ des Staates sind, so darf man mit ihnen doch nicht verfahren, wie man mit den Gliedern des eigenen Körpers verfahren darf, die man im Notfall zur Heilung des Körpers amputieren darf Vgl. n. 209. Die Glieder des menschlichen Körpers, z. B. Hand und Auge, sind nämlich nur da im Interesse des Ganzen (des menschlichen Körpers). Losgetrennt von ihm haben sie keinen besonderen, eigenen Zweck. Der Einzelmensch aber hat, auch wenn er vom Staate losgetrennt ist, seiner Natur nach einen eigenen, besonderen Zweck, er hat ein persönliches Endziel. (Vgl. n. 212.) Der Einzelmensch ist nicht auf das Wohl des Staates hingeordnet, wie die Glieder des Körpers auf das Wohl des Ganzen hingeordnet sind. Während die Glieder für den Körper da sind, ist der Mensch nicht für den Staat da, sondern der Staat ist für den Menschen da.

2. Indirekte Tötung eines Unschuldigen ist an sich ebenfalls unerlaubt, kann aber aus einem entsprechenden Grunde erlaubt sein.

Über den Begriff der indirekten Tötung vgl. Nr. 207.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl., Paderborn 1961, S. 171f., Nr. 211)

Es ist, wie schon in Teil 11a gesagt, keine Sünde, Schwerkranken nicht mehr alle vielleicht sehr anstrengenden und aufwendigen Behandlungen zuzumuten; wenn sie diese Behandlungen aber wollen, sollen sie sie auch bekommen; Nahrung, Wasser und Atemluft darf man niemandem verweigern; Euthanasie, Sterbehilfe, Selbstmordbeihilfe sind schwere Sünde. Aber siehe dazu (und zu den Themen Organspende, Risikoverhalten, Gesundheitsschädigung, Schönheitsoperationen, Sterilisation etc.) eben Teil 11a.

Bzgl. der indirekten Tötung (vgl. auch hier Teil 11a): Es ist z. B. erlaubt, im Krieg Rüstungsbetriebe, Eisenbahnlinien etc. zu bombardieren, auch wenn man voraussieht (aber nicht will), dass dabei auch Unschuldige sterben können. Es ist aber falsch, gezielt Wohnviertel zu bombardieren, mit dem Ziel, möglichst viele Zivilisten zu töten, damit der Feind schneller den Mut verliert und aufgibt. Es ist erlaubt, ein Flugzeug abzuschießen, das Terroristen entführt haben und in ein Gebäude lenken wollen; denn hier will man den Tod der Menschen im Flugzeug nicht, hofft, dass sie vielleicht den Absturz überleben, und würde das Flugzeug auch abschießen, wenn nur die Terroristen darin säßen. Es ist erlaubt, auf Terroristen zu schießen, die sich hinter menschlichen Schutzschilden verstecken und einen von da aus angreifen, auch wenn man Gefahr läuft, diese Menschen zu treffen; denn deren Tod ist dann die Schuld der Terroristen, von denen man sich nicht erpressen lässt. So ist es z. B. erlaubt, das Feuer zu erwidern, wenn Terroristen ihre Raketen aus einem Wohnhaus heraus abschießen. Es ist erlaubt, um ein bekanntes Gedankenspiel aufzunehmen, einen Zug, der auf eine Gruppe Menschen (die nicht wegrennen können) zurast, auf ein anderes Gleis zu lenken, auf dem sich nur ein Mensch befindet, auch wenn der dann sterben muss, denn man wollte einfach den Zug von der größeren Gruppe weglenken und hätte das auch getan, wenn sich kein Mensch auf dem anderen Gleis befunden hätte. Es wäre aber falsch, wenn es kein zweites Gleis gäbe, einen dicken Mann auf das Gleis zu stoßen, damit sein Körper den Zug aufhält und er die anderen Menschen nicht mehr überfährt, denn hier wäre sein Tod gezielt als Mittel zum Zweck eingesetzt.

Es kommt letztlich immer darauf an: Würde man die Handlung auch vollziehen, wenn niemand dadurch sterben würde, und gibt es einen verhältnismäßigen Grund, um diesen ungewollten Tod in Kauf zu nehmen (z. B. dass sonst mehrere andere sterben würden)? Zu Handlungen mit Doppelwirkungen habe ich hier allgemein etwas geschrieben.

Jede direkte Tötung eines unschuldigen Menschen – d. h. eines lebenden Exemplars unserer Spezies – ist immer schwere Sünde. Dafür ist es völlig gleichgültig, wie alt dieser Mensch ist, wie er aussieht, ob er Bewusstsein und Verstand hat oder nicht. Denn jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele, die ewig leben soll, und spätestens dann in der Ewigkeit wird er seine Fähigkeiten (Vernunft, Wille) auch entfalten können, auch wenn sie im irdischen Leben durch ein krankes oder unterentwickeltes Gehirn gehemmt waren. Und Gott hat als Vorbereitungszeit auf das ewige Leben jedem Menschen seine genaue Lebenszeit bemessen. Das Dasein jedes Menschen hat auch noch einen Zweck, auch wenn er selbst nichts mehr tun kann und z. B. nur noch im Koma liegt oder sehr schwer behindert ist. Auf jeden Fall kann sein Dasein andere zu Mitgefühl und Hilfe bringen, und wenn jemand noch bei Bewusstsein leidet, kann sein Leiden sehr verdienstvoll für ihn sein.

Wegen alldem ist es auch immer falsch, ein ungeborenes Kind zu töten. Das gilt auch schon, wenn es erst aus ein paar Zellen besteht; denn auch diese Zellen stellen einen zusammengehörigen, lebendigen Organismus mit allen seinen volllständigen Genen dar, einen Organismus, der belebt ist, also eine Seele hat, auch wenn sie ihre Fähigkeiten noch nicht entfalten kann. Wenn ein Kind schon einige Wochen alt ist, das Herz schlägt, die Organe angelegt sind, es möglicherweise Schmerzen spürt, ist das ein erschwerender Umstand, aber Abtreibung ist nicht erst dann falsch.

Das gilt, egal welche Gründe es für die Abtreibung gibt. Man muss nur mal alle Fälle durchspielen, mit dem einzigen Unterschied, dass das Kind schon geboren wäre: Würde man ein geborenes Kind töten, weil seine Mutter erst 15 ist und mit ihm nicht zurechtkommt? Würde man ein geborenes Kind töten, weil seine Mutter psychisch krank ist? Würde man ein geborenes Kind töten, weil es durch eine Vergewaltigung gezeugt worden wäre? Aber mehr Argumente zum Thema Abtreibung hier.

(Anmerkung am Rande: In früheren Zeiten war man sich in der Kirche zwar einig, dass Abtreibung in jedem Stadium eine schwere Sünde ist und ein Leben verhindert, von dem Gott will, dass es eine Zukunft hat, aber in einem späteren Stadium der Schwangerschaft standen härtere kirchenrechtliche Strafen darauf (interessanterweise übrigens mehr für die Abtreiber als die Schwangere selbst). Der Grund dafür war, dass man kein genaues Wissen über die Entstehung des Lebens hatte und teilweise der Theorie des Aristoteles folgte, nach der die Beseelung des Kindes nach 40 oder 80 Tagen stattfinde; dahinter stand so ungefähr die Vorstellung, dass sich erst langsam das Menstruationsblut mit dem Samen vermischt und ein Kind geformt wird, und dann die Seele hinzukommt, was dann dafür sorgt, dass die Mutter es sich auch bewegen spürt usw. Inzwischen weiß man dagegen, dass schon am ersten Tag ein lebender Organismus da ist, d. h. dass dieser Organismus ein Lebensprinzip, eine Seele hat, die ihn zusammenhält. Aber selbst wenn man es nicht genau wüsste, wäre im Zweifelsfall davon auszugehen, dass da ein vollwertiger Mensch ist; so wie man auch nicht in die Büsche schießen darf, wenn dort nur vielleicht ein Mensch steht, dürfte man auch nicht ein Kind töten, wenn es nur vielleicht ein Mensch wäre.)

Es ist daher ein Verbrechen gegen das 5. Gebot:

  • Die Pille oder die Pille danach oder andere hormonelle Verhütungsmittel (Spirale, Hormonpflaster, Drei-Monats-Spritze etc.) zu nehmen/anzuwenden, die nicht nur den Eisprung verhindern/verzögern, sondern auch, wenn das nicht geklappt hat, die Einnistung (Nidation) eines schon existierenden Embryos in der Gebärmutter verhindern könnte; das ist zumindest fahrlässige Tötung (Verhütungsmittel, die sicher nicht frühabtreibend sind, z. B. Kondome, sind auch falsch, aber aus anderen Gründen; hier wird zumindest niemand getötet).
  • das gilt eigentlich auch für frühabtreibende (nidationshemmende) Medikamente, z. B. wenn eine die Pille nimmt, nicht um zu verhüten, sondern um eine Endometriose zu behandeln (die sich ja übrigens zum Glück manchmal durch eine Schwangerschaft bessert); freilich nur dann, wenn man schwanger werden/sein könnte, weil man verheiratet ist und regelmäßig Sex hat. Man kann sich fragen: Würde ich dasselbe Risiko in Kauf nehmen, wenn es um ein schon geborenes Kind geht, das z. B. über das Stillen durch meine Medikamente geschädigt werden könnte, oder um das Risiko einer Fehlgeburt in einem späteren Stadium? Ich bin keine Medizinerin; aber es scheint unter Wissenschaftlern unterschiedliche Schätzungen zur Größenordnung dieses Effekts (also, wie oft es passiert, dass ein Kind entsteht, sich aber nicht einnisten kann) zu geben; generell jedenfalls ist das Risiko wohl bei regelgerechter Einnahme der Pille geringer, und bei unregelmäßiger Einnahme, Wirkungsstörung wegen Durchfall, Wechselwirkung mit anderen Medikamenten (Antibiotika, Johanneskraut…) etc. erhöht. Ich (als unverheiratete Frau, die tatsächlich selber Endometriose hat und deswegen aktuell die Pille nimmt) halte das Risiko generell, auch bei ordentlicher Einnahme, für nicht vertretbar und würde deswegen mit der Pille aufhören, wenn ich heiraten würde, auch wenn ich dann wahrscheinlich mehr Probleme hätte und man öfter die Endometrioseherde mittels Bauchspiegelung entfernen müsste. Als Frau, die keinen Sex hat, darf man natürlich solche Medikamente ohne Bedenken nehmen, aber man sollte, wenn man dann heiratet, schon zwei bis drei Monate vor der Hochzeit damit aufhören, weil der Eisprung nach Absetzen schnell wieder stattfindet, aber die nidationshemmende Wirkung noch zwei Monate anhalten kann. Tatsächlich wäre bei einer Frau, deren Endometriose sich nicht bessert und viele Probleme macht, übrigens auch die Gebärmutterentfernung gerechtfertigt.
  • künstliche Befruchtung machen zu lassen, bei der in der Regel mehrere Embryonen kreiert und die überflüssigen weggeworfen oder länger eingefroren, zur Forschung verwendet und dann weggeworfen werden
  • als Forscher mit Embryonen oder deren Zellen zu forschen – ja, auch mit Zelllinien, die ursprünglich von Kindern stammen, die schon vor Jahrzehnten getötet wurden, und weitergezüchtet wurden. Hier handelt es sich nicht nur um Mord, sondern auch um Leichenschändung. (Es ist allerdings aus einem ernsthaften Grund erlaubt, als Patient Medikamente/Impfungen zu nehmen, die in solchen Zellen herangezüchtet oder an solchen Zellen getestet wurden; sie sind nun mal da und man konnte die Leichenschändung nicht verhindern. Es wäre freilich andauernde Leichenschändung und quasi Kannibalismus, Medikamente zu nehmen, deren Wirkstoff direkt diese Zellen wären, d. h. sich mit embryonalen Stammzellen behandeln zu lassen. Interessanterweise sind allerdings Stammzellen, die von erwachsenen Menschen gewonnen werden, mittlerweile vielversprechender und embryonale bieten auch ein Krebsrisiko und werden eher vom Körper abgestoßen; mit beidem wird erst geforscht.)
  • ein Kind abtreiben zu lassen, egal in welchem Stadium der Schwangerschaft, und egal aus welchem Grund, oder dazu zu raten oder zu helfen. Auch die Ausstellung eines Beratungsscheins, der zur Abtreibung berechtigt, ist falsch; Katholiken, die Schwangeren durch Beratung helfen wollen, können daher nur in Beratungsstellen ohne Scheinausstellung arbeiten (z. B. Pro Femina, Caritas). Es ist allerdings keine Sünde, in einem normalen Krankenhaus zu arbeiten, wo auch Abtreibungen stattfinden, oder in einem Gesundheitsamt, das Beratungsscheine ausstellt, wenn man nicht z. B. als Krankenschwester selbst bei Abtreibungen assistieren muss.
  • ohne verhältnismäßigen Grund etwas zu tun, das dem Kind schaden könnte (z. B. in der Schwangerschaft regelmäßig zu rauchen und zu trinken, oder ohne dringende Notwendigkeit Medikamente zu nehmen, die dem Kind schaden könnten). Frauen, die nicht schon schwanger sind, sondern nur schwanger sein könnten, weil sie verheiratet sind und den Sex nicht auf die unfruchtbaren Zeiten beschränken und man eine Schwangerschaft ja nicht sofort bemerkt, sollten mit solchen Medikamenten, Alkohol usw. auch vorsichtig sein.

Noch einmal Jone:

„II. Tötung des Fötus 1. Direkte Tötung des Fötus ist immer schwer sündhaft (ein Mord).

Selbst um das Leben der Mutter zu retten, ist es deshalb nicht erlaubt, das lebende Kind zu zerkleinern, z. B. durch Kraniotomie, Embryotomie usw. – Ebenso ist Abtreibung der Leibesfrucht immer unter schwerer Sünde verboten, auch wenn sonst Kind und Mutter sterben müssen. […] Übrigens kann in den meisten Fällen erlaubterweise durch den Kaiserschnitt und ähnliche Operationen geholfen werden. – Schwer sündhaft ist auch alles, was geschieht in der Absicht, eine Abtreibung zu erreichen, selbst wenn diese Wirkung nicht eintritt. – Das Verbot, ein Kind im Mutterschoß direkt zu töten, beruht auf denselben Gründen, wie das Verbot, irgendeinen andern unschuldigen Menschen direkt zu töten. Jeder Mensch hat nämlich ein persönliches, ewiges Endziel: das ewige Glück in der Anschauung Gottes. Jeder Mensch hat auch die Pflicht, nach diesem Endziel zu streben während der ganzen ihm von Gott geschenkten Lebenszeit. Damit der Mensch diese Pflicht erfüllen kann, hat ihm Gott ein Recht auf sein Leben gegeben. Auf dieses Recht kann der Mensch nicht verzichten. Da ferner dieses Recht nicht von den Eltern ist, nicht vom Staate, noch von irgendeiner anderen menschlichen Autorität, deshalb kann auch niemand in dieses Recht eingreifen und einem Unschuldigen das Leben direkt nehmen zur Erreichung seiner Zwecke. Folglich kann auch kein Mensch und keine menschliche Autorität jemandem ein Recht auf die direkte Tötung eines Unschuldigen geben. Auch kein ärztlicher, eugenischer, sozialer, ökonomischer Gesichtspunkt kann die direkte Vernichtung des Lebens eines Unschuldigen rechtfertigen. Auch der beste Zweck (z. B. die Rettung der Mutter) heiligt die schlechten Mittel nicht. Wer ferner behauptet, daß man zur Rettung der Mutter (also im Interesse des Privatwohls) das Kind im Mutterschoße direkt töten darf, der muß auch – wenn er konsequent sein will – sagen, daß man auch im Interesse des Gemeinwohls einen unschuldigen Menschen direkt töten darf. Die Lehre von der Erlaubtheit der Vernichtung eines ‚unwerten Lebens‘ ist nur die logische Konsequenz von der Lehre, es sei erlaubt, das Kind im Mutterschoß zu töten. Es ist nur eine glückliche Inkonsequenz, wenn viele von denjenigen, die es für erlaubt halten, im Interesse des Privatwohls (der Mutter) einen Unschuldigen direkt zu töten, es nicht für erlaubt halten, im Interesse des Allgemeinwohls (des Staates) ein ‚unwertes Leben‘ direkt zu vernichten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 172f., Nr. 212)

Indirekte Tötung ist gewöhnlich verboten, kann aber aus schwerwiegenden Gründen erlaubt sein.

Frauen in anderen Umständen sündigen schwer, wenn sie ohne hinreichenden Grund etwas tun, das voraussichtlich Abtreibung verursacht. – Bei tödlicher Krankheit aber darf eine Mutter eine Arznei nehmen, auch wenn diese Arznei nicht nur Genesung bewirkt, sondern auch Abtreibung. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß es gegen diese Krankheit keine andere Arznei gibt, und daß die Genesung nicht erst aus der Abtreibung folgt. – Ebenso ist es erlaubt, eine kranke Gebärmutter zu entfernen, auch wenn damit zugleich der Fötus entfernt wird, vorausgesetzt, daß dies das einzige Mittel ist, um das Leben der Mutter zu retten. [Hier ist z. B. ein Fall von Gebärmutterkrebs gemeint.] Unter denselben Bedingungen scheint man durch Eihautstich das Fruchtwasser ablassen zu dürfen, wenn der schwangere Uterus irreponibel im kleinen Becken eingeklemmt ist, um so die Möglichkeit der Reposition zu schaffen. Dies scheint erlaubt, weil hier die Rettung der Mutter nicht folgt aus der Abtreibung, sondern aus der Reposition des Uterus; in anderen Fällen ist deshalb der Eihautstich zur Rettung der Mutter nicht gestattet. – Ebenso scheint man bei extrauteriner Schwangerschaft das krankhafte Gebilde entfernen zu dürfen, das für die Mutter lebensgefährlich ist, auch wenn der Fötus mitentfernt wird, vorausgesetzt, daß man die Mutter nicht mehr anders retten und nicht länger mit einem Eingriff warten kann. Ähnlich scheint man handeln zu dürfen im Zweifel, ob es sich um eine Geschwulst oder extrauterine Schwangerschaft handelt, und wenn man ohne Lebensgefahr der Mutter nicht länger warten kann. Nie aber ist es erlaubt, z. B. durch Elektrizität einen etwa vorhandenen Fötus zu töten. – Arzneien, die nur selten eine Abtreibung bewirken, darf man nehmen, auch wenn keine dringende Lebensgefahr vorhanden ist.

3. Herbeiführung einer Frühgeburt ist aus einem entsprechenden Grunde erlaubt, weil bei einer Frühgeburt das Kind auch getrennt von der Mutter lebensfähig ist.

Wenn es ohne große Gefahr für die Mutter geschehen kann, muß man mit der Einleitung der Frühgeburt warten, bis es moralisch sicher ist, daß das Kind außerhalb des Mutterschoßes leben kann. Wenn aber das Leben der Mutter in großer Gefahr steht, darf mit der Einleitung der Frühgeburt begonnen werden, sobald es wahrscheinlich ist, daß das Kind lebensfähig ist.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 173f., Nr. 213)

Eine extrauterine Schwangerschaft meint eine Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter. Hier muss man unterscheiden: Bei Fällen von Bauchhöhlenschwangerschaft gab es tatsächlich schon Kinder, die überlebt haben. Bei einer Eileiterschwangerschaft dagegen ist es nicht möglich, dass das Kind überlebt, weil der Eileiter reißen würde, was auch für die Mutter lebensgefährlich wäre. Auch hier ist es nicht erlaubt, das Kind direkt zu töten, aber den Eileiter mit ihm zu entfernen wäre erlaubt, denn hier wird ein krankes Organ entfernt, das das Leben der Mutter gefährdet, und der Tod des Kindes nur in Kauf genommen. Der rechtfertigende Grund ist vorhanden, da man auf der einen Seite den natürlichen Tod des Kindes und Lebensgefahr für die Mutter hat und auf der anderen Seite die indirekte Tötung des Kindes.

(Wenn man in irgendeiner Situation auf der einen Seite nur Lebensgefahr für A und auf der anderen Seite die indirekte Tötung von B hätte, dürfte man die indirekte Tötung von B nicht vornehmen, sondern müsste den möglichen natürlichen Tod von A in Kauf nehmen. Nur wenn die Schäden, wenn man die indirekte Tötung nicht vornimmt, überwiegen (oder wenn sie zumindest gleich groß sind), also z. B. weil beide sterben würden, dürfte man sie vornehmen.)

Eine Frage ist noch, ob es erlaubt wäre, das Kind selbst aus dem Eileiter zu entfernen und den Eileiter im Körper der Mutter zu lassen, ohne das Kind dabei z. B. zu zerstückeln oder mit Methotrexat zu töten, auch wenn es außerhalb des Körpers der Mutter sterben wird. An sich wäre das zwar eine Tötung (wie eine normale Abtreibung), denn jemanden in eine Umgebung zu versetzen, in der er unmöglich leben kann, ist Töten, auch dann, wenn man ihn aus einer Umgebung holt, in der er aller Voraussicht nach bald gestorben wäre. Aber man kann dagegen sagen: Aber wenn es möglich wäre, würde man das Kind ja in die Gebärmutter setzen oder z. B. in eine künstliche Gebärmutter, sobald diese entwickelt sind, also will man seinen Tod eigentlich nicht, und man löst hier eine krankhafte Verbindung, die eigentlich an dieser Stelle nicht da sein sollte. Es würde dementsprechend eher unter indirekte Tötung fallen, wie z. B. der in Teil 11a erwähnte Fall, wenn sich jemand aus einem hohen Fenster eines brennenden Gebäudes stürzt, und den einen sicheren Tod dem anderen sicheren Tod vorzieht. Wahrscheinlich also erlaubt. (Und in diesem Fall darf man sich auf diese Wahrscheinlichkeit verlassen, s. die Regeln zur Gewissensbildung.)

Andere Situationen mit Lebensgefahr der Mutter treten zum Glück fast immer in späten Stadien der Schwangerschaft auf, wenn das Kind außerhalb des Mutterleibes mit der modernen Medizin überleben kann. Wenn aber doch in einer solchen Situation einmal die Mutter sterben würde, oder beide sterben würden, weil man nicht bereit war, ein nicht lebensfähiges Kind herauszuholen, wäre niemand schuld daran, denn es wäre schlicht und einfach ein natürlicher Tod, den man nicht verhindern konnte. Mutter und Kind haben beide genau dasselbe Lebensrecht; man darf nicht den einen töten oder auch nur indirekt seinen sicheren Tod verursachen, um den nur möglichen natürlichen Tod des anderen zu verhindern. (Das sieht man klar, wenn man Gedankenspiele mit geborenen Menschen anstellt: Wäre es erlaubt, einen Ebola-Kranken im Dschungel auszusetzen, wo er sicher sterben wird, weil man dadurch den möglichen Tod anderer Menschen, die er anstecken könnte, verhindern könnte? Natürlich nicht.) Es gab auch schon immer wieder Situationen, in denen eine Mutter in einer solchen Situation nicht abtreiben wollte, und entgegen der Prognosen überlebt hat; Ärzte sind eben auch nicht unfehlbar.

Ein totes Kind aus dem Körper der Mutter herauszuholen ist offensichtlich erlaubt; hier nur ein kurzer praktischer Hinweis, dass es manchmal vorkommen kann, dass Ärzte vorschnell meinen, keinen Herzschlag zu hören und gleich zur Geburtseinleitung raten, und man in einem solchen Fall meistens noch lieber eine zweite Untersuchung machen lassen oder eine zweite Meinung einholen sollte.

Fehlgeborene Kinder verdienen ebenso Respekt vor ihrem Leichnam und eine Bestattung wie jeder andere Tote.

Soweit zur Tötung von Unschuldigen; jetzt zu Verletzung & Verstümmelung:

„III. Verstümmelung eines Unschuldigen ist in ähnlicher Weise unerlaubt, wie die Selbstverstümmelung unerlaubt ist (Vgl. n. 209). […]

Mit Zustimmung des Patienten aber kann man bei Krebs usw. auch eine Amputation vornehmen. Dagegen kann jemand seine Zustimmung für eine Verstümmlung nicht geben zur Förderung des wissenschaftlichen Fortschrittes. Vgl. auch die Ausführungen oben I n. 1 über die Medizin zu Versuchszwecken.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 174, Nr. 213)

Was die medizinische Forschung angeht, ist es natürlich erlaubt, an normalen Studien unter den üblichen Sicherheitsvorkehrungen teilzunehmen.

Was Körperverletzung angeht: Wenn z. B. streitende Kinder sich gegenseitig ein bisschen schubsen oder hauen, wäre man im Bereich der lässlichen Sünde; wenn es um ständiges Mobbing, Zusammenschlagen, häusliche Gewalt oder Ähnliches geht, wäre es ziemlich sicher schon Todsünde. Erst recht Todsünde wäre es, wenn der mögliche Tod des Opfers in Kauf genommen wird (z. B. bei Tritten gegen den Kopf).

Was ist mit dem Thema Körperstrafen, die ja früher üblich waren? (Ich meine hier Körperstrafen, die Schmerzen zufügen, aber keinen bleibenden Schaden hinterlassen, z. B. Schläge auf den Hintern.) Hier gilt, dass Eltern/Vormünder und der Staat das Recht, solche Strafen anzuwenden, grundsätzlich haben, aber genauso gut auch andere Strafen anwenden können; an staatliche Verbote dieser Strafen wie in Deutschland sollte man sich allerdings halten. (Übrigens wird staatlicherseits z. B. in Singapur die Prügelstrafe noch angewendet – meiner Ansicht nach wahrscheinlich sogar eine angenehmere Strafe als Gefängnis, da schnell erledigt.) Menschen, auch Kinder und Jugendliche, können nun mal auch einiges ziemlich Falsches tun; was wäre mit einem 13jährigen, der ein kleineres Kind mobbt, einen Hund zu Tode quält, ein Familienerbstück der Eltern ins Klo wirft, um ihnen etwas heimzuzahlen, oder seine Lehrerin mit einem Messer bedroht? Strafe muss nun mal sein, damit er überhaupt wieder ein Gespür dafür bekommt, was richtig und was falsch ist, und ich halte das Argument, Körperstrafen würden Kinder nur daran gewöhnen, Gewalt als akzeptabel zu sehen, für ungefähr so stichhaltig wie das Argument, wenn man ihnen das Handy wegnimmt und ihnen Hausarrest erteilt, würde sie das nur daran gewöhnen, dass Stehlen und Freiheitsberaubung okay wären. Man kann allerdings auch als Katholik der Meinung sein, solche Strafen sollten in der Praxis nicht angewandt werden / verboten sein, z. B. weil Eltern die Verletzlichkeit ihrer Kinder unterschätzen könnten.

Was ist mit Triage, d. h. damit, dass man, wenn man nur begrenzte Ressourcen hat, manche Kranke oder Verletzte nicht behandelt? Das kann manchmal eine Unvermeidlichkeit sein – z. B. wenn nur ein Krankenwagen an einem Unfallort mit vielen Verletzten ist. In einem solchen Fall muss man sich den schwerer Verletzten zuerst widmen (offensichtlich ist eine offene Wunde wichtiger als ein paar Kratzer), aber wenn man zwei Schwerverletzte hat, von denen einer bei Behandlung gute Überlebenschancen und der andere geringe hat, ist es klüger, zuerst den mit den besseren Chancen zu behandeln. Hier wird aber in jedem Fall niemand getötet; man wählt zwischen zwei guten Handlungen (den einen oder den anderen behandeln), von denen man nicht beide gleichzeitig tun kann. Das ist dann eine tragische Situation, aber es ist eigentlich kein moralisches Dilemma.

Es wäre ganz offensichtlich falsch, wenn man z. B. sagen würde, „wer selber schuld an einer Verletzung/Krankheit ist, bekommt keine Behandlung“, auch wenn man ihn behandeln könnte.

Soweit also zur Tötung von Unschuldigen. Dann schreibt Jone folgendes über die Tötung eines Schuldigen:

„I. Ein Verbrecher darf getötet werden, wenn gerichtlich der Beweis erbracht wurde, daß es moralisch sicher ist, er habe ein schweres Vergehen begangen, auf das vom Staate im Interesse des Allgemeinwohls die Todesstrafe gesetzt ist, und wenn dann jemandem vom Staate der Auftrag gegeben wurde, das Todesurteil zu vollstrecken.

Lynchjustiz ist deshalb verboten. – Polizisten usw. dürfen einen zum Tode verurteilten Verbrecher, der flieht, nur dann erschießen, wenn sie dazu den Auftrag haben. – Ein Soldat auf Posten darf auf Befehl des Staates auf jemanden schießen, der trotz der Warnung nicht stehen bleibt; er muß aber darauf sehen, daß er ihn nur verwundet, nicht tötet. – Ähnliches gilt von Grenzbeamten, wenn Schmuggler trotz der erfolgten Warnung fliehen. – Vor der Hinrichtung muß dem Verbrecher Zeit gegeben werden, die heiligen Sakramente zu empfangen. Will er sie nicht empfangen, so darf er doch hingerichtet werden.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 175, Nr. 214)

Die Todesstrafe ist ja inzwischen in der Kirche sehr umstritten. Papst Johannes Paul II. meinte, man solle sie nur anwenden, wenn der Staat sich nicht auf andere Weise vor Verbrechern schützen könnte, und Papst Franziskus ist (wenn auch oft vage formuliert) noch stärker dagegen. Historisch hat die Kirche allerdings immer gesagt, dass die Todesstrafe rechtmäßig sein kann, und zwar nicht nur als gemeinschaftliche Selbstverteidigung, sondern einfach auch als Strafe (auch früher gab es ja sichere Gefängnisse/Kerker, sodass die damaligen Staaten zumindest in einigen Fällen nicht auf die Todesstrafe angewiesen gewesen wären); sie hat auch von Häretikern wie den Waldensern verlangt, die Legitimität von Todesstrafe und gerechtem Krieg anzuerkennen und den totalen Pazifismus abzulehnen, wenn sie wieder zur Kirche zurückkehren wollten. Hier sind die nicht auf unfehlbare Weise (d. h. nicht ex cathedra) getätigten Äußerungen von zwei oder drei neueren Päpsten also nicht ausschlaggebend.

Der Punkt an einer Strafe ist ja, dass dem Verbrecher in verhältnismäßiger Weise etwas zugefügt werden soll, was in etwa seinem Verbrechen entspricht, damit die Gerechtigkeit wiederhergestellt ist. Z. B. wäre eine Geldstrafe für Ladendiebstahl, eine Gefängnisstrafe für Entführung verdient. Eine Strafe ist dann gut, wenn sie verdient ist; nicht nur zur Abschreckung oder zur Besserung des Täters. Abschreckung und Besserung sind legitime Nebenzwecke, aber sie dürfen nicht die Hauptzwecke werden. Denn wenn man die Wiederherstellung der Gerechtigkeit als Hauptzweck ganz abschaffen würde und nur noch auf Abschreckung und Besserung schauen würde, könnte das zu so einigen Ungerechtigkeiten führen. Nicht nur in dem Sinn, dass man manche Verbrecher, die eine schwere Strafe verdient hätten, nur kurz zum Psychologen schicken könnte, sondern auch in dem Sinn, dass man Kleinkriminelle ewig einsperren könnte, bis der zuständige Psychologe sie für ausreichend gebessert hält, oder dass man jemanden auf härtere Weise als verdient bestrafen könnte, um andere abzuschrecken. Man darf nur dann und höchstens in dem Maß strafen, wie jemand es verdient hat, und dann ist Strafe auch etwas Gutes, und sollte in etwa dem entsprechen, was derjenige eben durch die Tat verdient hat. Über diese Strafzwecke heißt es übrigens auch im Katechismus der Katholischen Kirche: „Die Strafe soll in erster Linie die durch das Vergehen herbeigeführte Unordnung wiedergutmachen. Wird sie vom Schuldigen willig angenommen, gilt sie als Sühne. Zudem hat die Strafe die Wirkung, die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Personen zu schützen. Schließlich hat die Strafe auch eine heilende Wirkung: sie soll möglichst dazu beitragen, daß sich der Schuldige bessert.“ (KKK, Nr. 2266)

Und weil die Schwere der Todesstrafe in etwa der Schwere mancher Verbrechen – insbesondere des Mordes, aber auch der Vergewaltigung, der schweren Verstümmelung, des Kindesmissbrauchs o. Ä. – entspricht, ist sie gerechtfertigt. Das ist nicht Rache, sondern Gerechtigkeit.

Das entspricht auch dem Zeugnis der Bibel. Beim Bund mit Noah heißt es: „Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht.“ (Gen 9,6) Hier wird also die Todesstrafe für Mörder gerade mit der Menschenwürde der Opfer begründet. Auch Paulus schreibt im Neuen Testament, dass der Staat durch Gottes Willen „das Schwert trägt“ (Röm 13,4), d. h. von Gott die Autorität erhalten hat, Strafen wie die Todesstrafe an Verbrechern zu vollstrecken, und Jesus zitiert in positiver Weise gegenüber den Pharisäern ein Beispiel für die Todesstrafe aus dem Mosaischen Gesetz (nämlich für schwere Misshandlung der Eltern).

Das Recht auf Leben ist ein Recht, das (wie z. B. das Recht auf Freiheit) verwirkt werden kann, und die Todesstrafe widerspricht auch nicht der Menschenwürde; es entspricht gerade der Menschenwürde, dass ein Verbrecher die volle Verantwortung für seine Taten, die er aus freiem Willen getan hat, akzeptiert und Sühne leistet.

Selbstverständlich muss ein Verbrechen klar bewiesen sein, dem Verurteilten Gelegenheit zur Beichte gegeben werden usw. Dass er, wenn er sich nicht bekehrt, trotzdem hingerichtet werden darf, liegt einfach daran, dass jemand, der sich sogar im Angesicht des Todes nicht bekehrt, sich wahrscheinlich auch in vierzig Jahren im Gefängnis nicht bekehren würde, und dass sonst jeder Verbrecher der Todesstrafe entgehen könnte, indem er Reuelosigkeit demonstriert. Wenn er wirklich nicht bereuen will, ist er selbst dafür verantwortlich.

Man muss als Katholik nicht für die praktische Anwendung der Todesstrafe sein (ich persönlich halte ihre Anwendung allerdings aus diversen praktischen Gründen für gar keine schlechte Idee), man muss sich auch nicht dafür einsetzen, sie in seinem jeweiligen Land wieder einzuführen oder beizubehalten, aber sie völlig verdammen darf man nicht. Wer sich für dieses Thema genauer interessiert und sich sicher sein will, dass die Kirche das wirklich so lehrt, dem sei das Buch „By man shall his blood be shed. A Catholic defense of capital punishment“ von Edward Feser und Joseph Bessette empfohlen.

Lynchjustiz (egal, ob die Täter so weit gehen, den mutmaßlichen Verbrecher zu töten, oder ihn nur anderweitig bestrafen, z. B. verprügeln) ist Sünde, weil ein Verbrecher ein Recht auf einen anständigen Prozess hat und nur die staatliche Autorität von Gott ermächtigt ist, nachträglich zu strafen (während Notwehr gegen eine gegenwärtige Gefahr jedem erlaubt ist). Es fragt sich allerdings, ob, wenn es keine Regierung mehr gibt, in einem Zustand der Anarchie, auch die Bürger selber ein Gericht einrichten und einen Prozess abhalten könnten. Das muss man wahrscheinlich bejahen, denn wenn kein Staat da ist, fällt die Souveränität wieder an das Volk zurück. In dem Fall sollte freilich nicht gerade der Geschädigte den Richter stellen, es müsste auch einen fairen Prozess geben etc.

Dann zum Thema Notwehr:

„II. Ein ungerechter Angreifer darf getötet werden, wenn sämtliche im folgenden aufgezählte Voraussetzungen gegeben sind.

1. Die Güter, die verteidigt werden, müssen einen großen Wert haben.

Als solche Güter gelten: Das Leben, die Unversehrtheit der Glieder, die Keuschheit, auch zeitliche Gütr von großem Wert. – Bei der Verteidigung zeitlicher Güter von geringem Wert kann der Angreifer nur dann getötet werden, wenn er dem Eigentümer, der sie verteidigt, nach dem Leben strebt. – Wie das eigene Leben und die eigenen Glücksgüter, so darf man auch das Leben und die Güter anderer verteidigen.

2. Der Angreifer muss ein actualis und iniustus aggressor sein. [D. h. ein gegenwärtiger und ungerechter Angreifer. Ein nachträglicher Racheakt ist nicht erlaubt, auch nicht die Verteidigung gegen jemanden, der sich z. B. nur seinen rechtmäßigen Besitz zurückholen will, oder dessen bloße Anwesenheit einen gefährdet (z. B. bei einem ansteckenden Kranken), ohne dass er einen irgendwie angreift. Deshalb ist es auch keine Notwehr, wenn man bei Lebensgefahr für die Mutter ein ungeborenes Kind tötet, denn das Kind ist ohne eigene Schuld einfach da und tut nichts, um jemanden anzugreifen.]

Trifft dies zu, dann ist die erwähnte Verteidigung auch gestattet gegen Eltern, Vorgesetzte, Kleriker.

a) Actualis aggressor ist vorhanden, wenn es sich um einen augenblicklichen oder unvermeidlich bevorstehenden Angriff handelt.

Die Verteidigung ist also erlaubt, wenn der andere den Dolch oder Revolver zielt, das Gewehr anlegt, den Hund auf jemanden hetzt, seinen Helfershelfer herbeiruft, nicht aber, wenn es sich nur um einen drohenden oder befürchteten Angriff handelt. – Ist der Angriff bereits vorüber, dann wäre die Tötung nicht mehr Notwehr, sondern Rache. […] Aus demselben Grunde ist es auch verboten, nachträglich seine Ehre gegen vorhergegangene Real- oder Verbalinjurien durch Tötung des Beleidigers zu verteidigen. – Anders ist es selbstverständlich, wenn ein Dieb mit einer großen Summe Geldes flieht.

b) Aggressor iniustus ist vorhanden, wenn der Angriff wenigstens materiell ungerecht ist.

Deshalb darf man in der Notwehr auch einen Irrsinnigen oder Betrunkenen töten.

3. Die Verteidigung muß geschehen cum moderamine inculpatae tutelae, d. h. man darf den Angreifer nicht mehr schädigen, als es unbedingt zur Verteidigung nötig ist.

[…] Kann der Angreifer durch Verwundung unschädlich gemacht werden, so darf man ihn nicht töten. Wegen der großen Aufregung, in der sich der Angegriffene befindet, wird er aber nur selten schwer sündigen durch Überschreiten der Grenzen einer gerechten Notwehr.

Anmerkung. Eine Pflicht, auf diese Weise sein eigenes Leben zu verteidigen, besteht für gewöhnlich nicht.

Eine Ausnahme besteht nur, wenn der Angegriffene entweder für das allgemeine Wohl notwendig ist oder im Stande der Todsünde sich befindet, so daß er im Falle des Todes ewig verlorengeht. – Andere (Gattin, Kinder, Eltern, Geschwister) kann man aus Pietät gegen einen ungerechten Angriff verteidigen müssen. Von Amts wegen können Polizeidiener usw. zur Verteidigung anderer verpflichtet sein.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 175f., Nr. 215)

Dass nicht nur gegen jemanden, der einen ermorden, sondern auch gegen jemanden, der einen vergewaltigen, entführen, versklaven oder verstümmeln will, im Notfall tödliche Notwehr erlaubt ist, sollte relativ unumstritten sein; aber manche werden vielleicht Anstoß daran nehmen, dass sie auch bei einem Einbrecher/Dieb erlaubt sein soll, der etwas Wertvolles stiehlt. „Sollte man das Leben eines anderen für weniger wert erachten als den eigenen Besitz?“ könnte jemand fragen. Aber das trifft den Sachverhalt nicht ganz. Erstens können auch Besitztümer eben sehr wichtig für jemanden sein; nehmen wir mal an, einem Armen in einem Dritte-Welt-Land werden alle seine Ersparnisse gestohlen. Außerdem kann man einfach den Spieß umdrehen und sagen: Einem Dieb, der sein Diebesgut nicht fallen lässt, auch wenn er mit einer Waffe bedroht wird, ist offensichtlich das Diebesgut mehr wert als sein eigenes Leben. Da ist er selbst schuld. Einen Taschendieb, der einem zwanzig Euro geklaut hat, darf man freilich nicht erschießen.

Austin Fagothey schreibt dazu:

„Der Mensch hat ein Recht nicht nur auf das Leben selbst, sondern auf ein menschliches Leben, ein normales und anständiges Leben, das zu einem rationalen Wesen passt. Das Recht des Menschen auf Leben wäre wenig wert, wenn er nicht auch sein Recht verteidigen dürfte, dieses Leben auf eine Weise zu leben, die einem Menschen zukommt. Dieses Recht beinhaltet den Besitz gewisser Güter, die das Leben lebenswert machen, Güter, die manche Autoren dem Leben gleichwertig nennen. Gewalt darf angewendet werden, um diese Güter zu verteidigen, auch bis hin zur Tötung des ungerechten Angreifers, unter denselben Bedingungen, die auf die Verteidigung des Lebens selbst zutreffen. Solche Güter, die dem Leben gleichstehen, sind:

(1) Glieder und Sinne

(2) Freiheit

(3) Keuschheit

(4) Materielle Güter von großem Wert

Die ersten drei sollten offensichtlich sein wegen ihrer persönlichen Natur. Viele würden lieber sterben, als sich solchen Übeln wie Vergewaltigung, Geisteskrankheit, Blindheit oder Versklavung zu unterwerfen, und, ob sie das würden oder nicht, wieso sollte irgendjemand einem Unmenschen nachgeben müssen, der versucht, sie einem aufzuzwingen? Materielle Güter, selbst von großem Wert, können zuerst unverhältnismäßig im Vergleich zum Nehmen von menschlichem Leben wirken, aber der soziale wie auch der persönliche Aspekt müssen beachtet werden, und das Wohl der Gesellschaft verlangt, dass die Menschen sicher im Besitz ihres Eigentums sind. Gewaltakte, ob gegen jemandes Person oder gegen jemandes Eigentum, können nicht ungehindert in der Gesellschaft zugelassen werden, und als letzter Ausweg können sie nur durch Gegengewalt gehindert werden. Der Angreifer kann sein Leben leicht retten, indem er seine Aggression aufgibt.“ (Austin Fagothey, Right and Reason, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 293)

Selbstverteidigung ist auch gegenüber einem Verrückten erlaubt, der nicht realisiert, was er tut, denn der andere ist nicht verpflichtet, seine Rechte verletzen und sich töten zu lassen, weil der Angreifer verrückt ist; das Lebensrecht des Angreifers tritt hier zurück, auch wenn er wenig dafür kann.

Polizisten haben die Pflicht, andere auf eine solche Weise zu verteidigen, wenn nötig; Väter haben diese Pflicht gegenüber ihren Kindern, etc., aber der durchschnittliche Mensch hat diese Pflicht nicht gegenüber jedem Fremden. Wenn man auf der Straße einen Messerangriff sieht, hat man die Pflicht, die Polizei zu rufen, aber nicht, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, indem man eingreift – auch wenn es sehr heldenhaft wäre und man vielleicht auch andere dazu bringen könnte, mit einem zusammen einzugreifen.

„Selbstverteidigung“ eines Verbrechers gegen Gefängniswärter, die ihn einsperren wollen, ist natürlich nicht erlaubt; denn diese Wärter sind keine ungerechten Angreifer.

Wenn man sicher wüsste, dass jemand einen Mordplan gegen einen schmiedet und ausführen will, und man keine andere Verteidigungsmöglichkeit hat (z. B. indem man die Polizei ruft), wäre es auch erlaubt, demjenigen zuvorzukommen; allerdings nicht, wenn er nur gedroht hat oder man etwas vermutet, denn Drohungen werden oft nicht ausgeführt und Vermutungen können falsch sein. Wenn man aus bloßem Verdacht jemanden töten dürfte, hätten wir bald eine unschöne Gesellschaft, so hart es auch ist, wenn jemand z. B. unter Drohungen eines Stalkers leben muss und ständig Vorkehrungen für mögliche Notwehrsituationen treffen muss.

Dann zu einem anderen Thema, dem Duell, das heute eigentlich nur noch die schlagenden Studentenverbindungen betrifft:

„I. Begriff. Unter Duell versteht man einen Einzelkampf, der auf Verabredung unternommen wurde mit Waffen, die geeignet sind, jemanden zu töten oder schwer zu verwunden.

Ein Einzelkampf ist vorhanden, wenn einer gegen einen oder wenige gegen wenige kämpfen. – Die Verabredung bezieht sich auf Zeit, Ort und Waffen. – Demnach liegt kein Duell vor, wenn zwei im augenblicklichen Zorn sich an einen bestimmten Platz begeben und dort schlagen. Eine schwere Verwundung ist eine schwer sündhafte Verwundung. Ein Kampf mit Stöcken oder Ruten ist demnach kein Duell. Wohl aber fallen die studentischen Mensuren unter den Begriff eines Duells (S. C. C. 13. (20.) Juni 1925).

II. Erlaubtheit des Duells. 1. Auf öffentliche Autorität hin ist das Duell erlaubt im Interesse des Allgemeinwohls, das durch einen Krieg großen Schaden leiden würde. [Hier ist gemeint, dass zwei Kriegsparteien sich einigen, statt einer Schlacht ein Duell zwischen zwei Kämpfern austragen zu lassen, und das Ergebnis dann als Kriegsergebnis zu akzeptieren, wie es im Mittelalter vorkommen konnte.]

Zur Sühne für eine Beleidigung, zur Beilegung von privaten Streitigkeiten usw. ist das Duell auch auf öffentliche Autorität hin nicht erlaubt.

2. Auf private Autorität hin ist das Duell schwer sündhaft.

Dies gilt auch, wenn sich jemand nur duelliert, um den größten Übeln zu entgehen, z. B. Verlust seiner Stellung und seines Lebensunterhaltes.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 177, Nr. 216; es geht dann noch weiter mit den kirchenrechtlichen Strafen für Duellanten, aber das bezieht sich auf das alte Kirchenrecht.)

D. h. im Endeffekt für heutige Katholiken vor allem, dass sie nicht Mitglied in einer schlagenden Studentenverbindung sein können, denn hier wird mit scharfen Waffen gekämpft, die auch Verletzungen verursachen können, unabhängig davon, wie viel Schaden genau die Duellanten anrichten wollen. Das wäre schwere Sünde. Der sportliche Fechtkampf ist unbedenklich; hier sind erstens die Waffen weniger gefährlich, zweitens die Sportler besser geschützt und drittens die Intention eine andere.

Duelle wegen Ehrverletzungen sind eben auch deshalb verboten, weil sie keine geeignete Verteidigung sind, sondern eher Rache; die Unwahrheit einer Verleumdung wird nicht dadurch erwiesen, dass der Verleumdete den Verleumder im Duell tötet.

Auch der hl. Alphons schreibt übrigens über Duelle, dass sie weder als Gottesurteile bei Gerichtsverfahren erlaubt sind noch aus persönlicher Feindschaft oder sonstigen Gründen:

„1. Ein Duell ist nicht erlaubt, um Wahrheit oder Gerechtigkeit zu erkunden, oder zur Reinigung vom Objekt eines Verbrechens, oder um ein Gerichtsverfahren zu beenden, weil es trügerisch ist, ja ein abergläubisches Mittel zu diesem Zweck, da selbst einer, der unschuldig an einem Mord ist, es tun und leiden könnte […]

2. Auch nicht aufgrund von Feindschaft oder um eine Verletzung zu rächen oder um seine Mannhaftigkeit zu zeigen oder aus Vergnügen.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, Band II, aus dem Lateinischen übersetzt von Ryan Grant, Post Falls 2017, S. 447. Meine Übersetzung aus dem Englischen.)

Außerdem schreibt er, dass es auch Sünde wäre, ein Schein-Duell auszufechten, wegen des Ärgernisses (d. h. des schlechten Beispiels) für andere, und ebenso, einen Verleumder, der einen eines Verbrechens beschuldigen will, zu einem Duell herauszufordern, und erwähnt noch einen Sonderfall: „Es ist auch erlaubt, [ein Duell] zu akzeptieren, wenn jemand einen sowieso töten will, aber einem eine Waffe zugesteht, so dass man das Schicksal testen kann. Das ist nur eine Verteidigung, angenommen dass man es nicht auf andere Weise vermeiden kann.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, S. 448)

Dann schreibt Jone über den Krieg:

„I. Erlaubtheit des Krieges. Sowohl der Verteidigungs- als auch der Angriffskrieg kann erlaubt sein, wenn ein gerechter Grund da ist, der wichtig genug ist, so große Übel zuzulassen, wie sie mit dem Kriege verbunden sind.

Die Erlaubtheit des Krieges überhaupt ergibt sich aus der Tatsache, daß es gestattet ist, sich gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen oder seine Rechte auch mit Gewalt geltend zu machen, wenn keine höhere Autorität da ist, welche sie schützt. Vorausgesetzt ist aber immer, daß man auf andere Weise (z. B. durch Verhandlungen) sein Recht nicht erhalten kann.

[Anmerkung: Ein Angriffskrieg könnte z. B. erlaubt sein, um einem sicheren Angriff des anderen Staates zuvorzukommen, oder weil der andere Staat eindeutig Terrorgruppen Unterschlupf gewährt, die einen angreifen wollen, oder weil in diesem Staat ein Völkermord passiert und eine humanitäre Intervention nötig ist, oder weil er vor zwei Jahren ein Gebiet widerrechtlich an sich gerissen hat, das man ihm wieder nehmen will o. Ä. An sich kann man einfach sagen, dass immer eine bedeutende Verletzung der Gerechtigkeit durch die Gegenseite nötig ist, um einen Krieg zu rechtfertigen, ob er dann am Ende direkt wie ein Verteidigungs- oder wie ein Angriffskrieg aussieht.]

II. Teilnahme am Krieg. Ist der Krieg sicher erlaubt, dann kann jedermann am Kriege als Soldat teilnehmen. – Besteht Zweifel an der Gerechtigkeit des Krieges und kann der Zweifel nicht gelöst werden, dann dürfen die schon vorher angeworbenen Soldaten kämpfen, ebenso die Untertanen, die vom Staate zur Teilnahme verpflichtet werden. [Der Grund dafür ist, dass es vorrangig Aufgabe des Staates ist, der auch alle Informationen von Geheimdiensten usw. hat, die Gerechtigkeit des Krieges festzustellen.] – An einem offenbar ungerechten Krieg darf sich niemand beteiligen.

Einem Privatmann wird es unter den modernen Verhältnissen praktisch fast immer unmöglich sein, einen etwaigen Zweifel über die Gerechtigkeit des Krieges zu lösen. – Wer gezwungen an einem offenbar ungerechten Kriege teilnimmt, darf den Feind weder verwunden noch töten, außer derselbe wollte ihn töten, obwohl er sich ergibt.

III. Bei der Kriegsführung ist alles erlaubt, was zur Erreichung des Zieles notwendig oder nützlich ist, vorausgesetzt, daß es nicht durch göttliches Recht oder durch das Völkerrecht verboten ist.

Es ist deshalb erlaubt, einen Hinterhalt zu legen oder sonst eine Kriegslist zu gebrauchen. Das Völkerrecht verbietet, daß solche, die nicht Soldaten sind, sich irgendwie an den Kämpfen beteiligen; daß gefangene Soldaten nur deshalb getötet werden, weil sie Feinde sind; daß Privateigentum geplündert werde. Die Wertsachen, welche die Gefallenen bei sich haben, gehören den Erben, wenn sie ermittelt werden können. Kontributionen, um sich zu bereichern, sind unerlaubt. Gestattet aber ist es, Kriegsleistungen zu fordern, wie sie auch die Landesregierung fordern könnte. Mit Erlaubnis des Vorgesetzten dürfen daher die Soldaten derartige Dinge auch Privatleuten wegnehmen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 178f., Nr. 218f.) (Hier ist gemeint: Wenn man ein feindliches Gebiet besetzt hat, darf man von der Bevölkerung dort etwas für den Unterhalt der Armee fordern, damit ihr nicht die Lebensmittel ausgehen o. Ä., so wie der Staat, dessen Gebiet man besetzt hat, von seinen Bürgern Steuern verlangen könnte.)

Krieg ist generell deswegen nicht an sich schlecht, weil Staaten das Recht auf Selbsterhaltung haben, und daher Verletzungen ihrer Rechte abwehren dürfen. Wenn der Pazifismus korrekt wäre, hieße das, dass sich ein Staat seinen Aggressoren einfach beugen müsste und nicht einmal Druckmittel gegen sie hätte.

Um die Kriterien für den gerechten Krieg noch einmal zusammenzufassen:

  • Gerechter Grund (z. B. ungerechter Angriff des anderen Staates)
  • Gerechte Absicht (z. B. nur den Angriff abzuwehren und zukünftige Angriffe zu verhindern, nicht auch noch das andere Volk auszurotten; Gerechtigkeit, nicht Rache oder Hass)
  • Gerechte Kriegsführung (keine Kriegsverbrechen)
  • Kriegserklärung durch die gerechte Autorität

Was das letzte Kriterium angeht: Ein General darf z. B. nicht selber einfach zum Krieg aufbrechen und Fakten schaffen, wenn das Staatsoberhaupt es noch mit Diplomatie richten will. Es fragt sich aber, ob in Abwesenheit einer funktionierenden Regierung auch der von den Kämpfern selbst begonnene Partisanenkrieg o. Ä. rechtmäßig wäre. Austin Fagothey schreibt dazu:

„Guerillakrieg im Sinn von Überfällen, die von keiner rechtmäßigen Regierung autorisiert wurden, kann nicht gerechtfertigt werden. Aber Guerillataktiken können in einem von der legitimen Autorität erklärten Krieg verwendet werden, insbesondere in vom Feind besetzten Regionen. Sogar die Tatsache, dass eine Regierung sich einem ungerechten Angreifer ergeben hat, bedeutet nicht, dass alle Widerstandsbewegungen im Untergrund aufhören müssen, weil sie keine richtige Berechtigung haben, denn sie haben legitimerweise begonnen und können mit der Hoffnung auf ausländische Hilfe weitermachen. Als die Regierung abgetreten ist, ist die Souveränität wieder dem Volk zugefallen, das nun implizit die Widerstandsführer als seine zeitweiligen Anführer anerkennt. Aber wenn jede Erfolgschance verloren ist und das Volk seine Unterstützung zurückgezogen hat, würden Guerillakämpfer Banditen werden.“ (Austin Fagothey, Right and Reason, S. 563) M. E. müsste man dann auch sagen, wenn der Widerstand noch nicht begonnen hat, bevor die Regierung kapituliert hat, dürfte er trotzdem hinterher beginnen, weil die Souveränität auch da wieder dem Volk zugefallen ist, das den Guerillakrieg autorisieren kann. Anders sieht es aus mit Guerillakrieg, wenn noch eine funktioniernde Regierung da ist, die z. B. mit dem Feind Frieden schließen will, während die Guerillakrieger das für ein schändliches Nachgeben halten und einfach weiterkämpfen.

Es wurde gesagt, dass für den Krieg ein gerechter Grund nötig ist, z. B., dass der andere Staat sich gerade Gebiete unter den Nagel gerissen hat, die man wieder zurückholen und deren Bevölkerung man befreien will, oder dass der andere Staat einen direkt angreift. Mittelalterliche Theologen nennen manchmal auch den strafenden Krieg einen gerechten Krieg; evtl. könnte es laut dieser Theorie gerechtfertigt sein, einen Angriff zu führen, weil man z. B. Kriegsverbrecher (aus einem vorigen Krieg) der anderen Seite fassen und bestrafen will. Angesichts der großen Übel jedes Krieges dürfte es aber heutzutage wohl kaum je klug oder verhältnismäßig sein, allein aus diesem Grund einen neuen Krieg zu beginnen. (Man könnte unter mittelalterlichen Verhältnissen z. B. an einen kleinen Feldzug denken, um einen Raubritter endlich zu fassen und vor Gericht zu stellen. Das wäre dann ja allerdings auch ein Verteidigungskrieg gegen noch weitere zu erwartende Angriffe, nur mit dem zusätzlichen Zweck der Bestrafung.)

Der Grund für den Krieg muss immer ein verhältnismäßiger sein, d. h. die Übel des Krieges müssen die ohne Krieg erwartbaren Übel aufwiegen, und der Krieg muss das letzte Mittel sein.

Dann stellt sich noch die Frage nach den Mitteln. Besondere Schwierigkeiten bereitet hier die Atombombe, die immer ein riesiges Gebiet zerstört und mit der man nicht wirklich auf militärische Ziele zielen und Wohngebiete in Ruhe lassen kann. Deswegen kann sie eigentlich kaum gerechtfertigt werden, auch nicht zu Abschreckungszwecken, denn abschrecken kann man nur mit etwas, das man im Notfall auch einsetzen würde; kein Staat reagiert auf bekanntermaßen leere Drohungen. Ein bedrohter Staat müsste eher stattdessen besonders stark in konventionelle Waffen und Abwehrsysteme investieren. Man kann ein paar Gedankenspiele durchgehen (könnte man eine Atombombe verwenden, wenn der Feind seine wichtigsten Zentren der Waffenherstellung in einem bestimmten Gebiet hat, und man mit der Atombombe alle diese Zentren auf einmal zerstören könnte?), aber am Ende spricht doch das meiste dafür, dass es immer falsch ist, sich Atombomben anzuschaffen. Ähnlich sieht es bei der biologischen Kriegsführung aus, d. h. wenn man neue Krankheiten in die Welt setzt. Diese Krankheiten lassen sich  nicht kontrollieren und treffen Soldaten und Zivilisten gleichermaßen, ergo Kriegsverbrechen.

Staatslenker sind damit beauftragt, den Frieden zu wahren, der nicht nur Abwesenheit bewaffneter Auseinandersetzungen, sondern die „Ruhe in der Ordnung“ ist.

Für Soldaten in einem gerechten Krieg wäre die Desertation eine Sünde, es sei denn, es ist klar, dass jede Hoffnung, noch zu siegen, vergebens ist.

Wie sieht es zuletzt mit dem Tyrannenmord aus? Der wäre, ähnlich wie ein Putschversuch, eine Rebellion allgemein wohl nur im schlimmsten Notfall erlaubt. Siehe dazu auch Teil 10b.

Dann das Thema Hass und Zorn: Dazu, inwiefern die Nächstenliebe den Hass verbietet und was das praktisch bedeutet, habe ich hier schon geschrieben. Ein gewisses Grundmaß an Wohlwollen und Vergebungsbereitschaft ist jedem gegenüber Pflicht; auch wenn sich das gut damit verträgt, z. B. einen Verbrecher in verhältnismäßiger Weise bestraft sehen zu wollen oder mit jemandem, dem man nicht vertrauen kann, nichts mehr zu tun haben zu wollen. Der Zorn ist dann schlecht, wenn er ungerechtfertigt oder unverhältnismäßig ist; und dann gut (nicht nur neutral, sondern gut), wenn er gerechtfertigt und verhältnismäßig ist. Wenn große Ungerechtigkeiten einen gar nicht stören würden, wäre das schlecht. Freilich ist es keine Sünde, wenn man nicht wegen jeder Ungerechtigkeit, von der man in der Zeitung liest, ständig aufgebracht ist; man kann sich nicht auf alles Unrecht in der Welt konzentrieren und muss sich auch über das Gute freuen. Aber einen gewissen Zorn sollte jeder normale Mensch kennen.

Was Beleidigungen, Verleumdungen etc. angeht: Dazu beim 8. Gebot.

Zuletzt noch bzgl. der Achtung vor Sterbenden und Toten: Sterbenden muss Gelegenheit zum Empfang der Sterbesakramente gegeben werden. Tote Körper müssen ehrfürchtig behandelt und angemessen bestattet werden. Eine Autopsie ist allerdings zulässig und jemand darf auch seine Einwilligung geben, seinen Körper nach seinem Tod der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen; diejenigen, die ihn sezieren, müssen seinen Körper freilich so würdevoll wie möglich behandeln. Es stellt sich auch die Frage, ob man Leichen (z. B. Moorleichen, Mumien etc.) in Museen ausstellen darf; wie lange die Betreffenden schon tot sind, spielt keine Rolle, und sie hatten sich nicht vorgestellt, dass Archäologen später ihr Grab öffnen. Besser wäre es sicher, sie nach der Erforschung wieder zu bestatten und nur Nachbildungen ins Museum zu stellen. Die traditionelle christliche Weise der Bestattung ist die Erdbestattung; die Feuerbestattung wurde ursprünglich von Säkularisten eingeführt, die damit auch dem Glauben an die Auferstehung des Leibes widersprechen wollten. (Natürlich wird auch ein verbrannter Leib auferstehen; es geht um Symbolik.) Inzwischen hat die Kirche die Feuerbestattung allerdings auch erlaubt, wenn man sie nicht aus einem solchen Grund durchführt. Allerdings ist eine Erdbestattung zweifellos angemessener, und es ist nicht gut, wenn jemand sich z. B. aus Geldnot für eine Feuerbestattung entscheiden muss. Erlaubt ist es aber.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 11a: Das 5. Gebot – Pflichten gegen das eigene Leben

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Beim 5. Gebot – „Du sollst nicht morden“ – geht es um die Pflichten gegen das menschliche Leben und die körperliche Unversehrtheit; es verbietet nicht nur Mord und Totschlag, sondern auch Verstümmelung, Körperverletzung, Entehrung von Toten etc., und im Endeffekt auch Hass und unmäßigen Zorn. (Die Mäßigung generell kann man auch unter diesem Gebot fassen, wenn man will.) Man kann in diesem Zusammenhang auch die Frage nach dem Leben von Tieren und dem Umgang mit der Umwelt stellen.

Der Grundsatz ist: Gott ist der Herr über das menschliche Leben. In drei Ausnahmefällen „delegiert“ er sein Recht darüber an Menschen, nämlich:

  • im Fall von Notwehr/Nothilfe an jeden, der den Angreifer abwehrt, insoweit das Töten notwendig ist
  • im Fall der Todesstrafe an den Staat
  • im Fall des gerechten Krieges an den sich im Recht befindenden Staat / dessen einzelne Soldaten

Das Recht auf Leben ist ein Recht, das verwirkt werden kann, aber eben nur durch eigene schwerwiegend falsche Handlungen, wenn man z. B. einen anderen mit einer tödlichen Waffe angreift. Aber grundsätzlich hat Gott jedem Menschen seine Lebenszeit zugewiesen, in der er sich bewähren soll, und weder man selbst noch andere haben sie zu beenden. Leben, Gesundheit und körperliche Unversehrtheit haben einen grundlegenden, aber instrumentalen Wert; man braucht sie, um irgendetwas anderes zu tun. Dass Gott das Recht hat, das Leben zu beenden heißt nicht einfach nur „es gehört Ihm, und was man nur verliehen hat, darf man wieder wegnehmen“, sondern eher: Das Leben ist sowieso nur etwas Vorläufiges, die eigentliche Bestimmung kommt in der Ewigkeit, und Gott weiß, wann es am besten ist, die Bewährungszeit zu beenden und den Menschen in sein eigentliches Schicksal aufzunehmen.

Das heißt nicht, dass der Tod nichts Schlechtes mehr ist. Er bedeutet das Auseinanderreißen von Leib und Seele und das ist etwas, das es eigentlich ohne den Sündenfall nicht hätte geben sollen. Trotzdem erkennt die Seele eben nach dem Tod Gott wirklich und geht an ihren eigentlichen Bestimmungsort (Himmel – evtl. mit Umweg über das Fegefeuer – oder Hölle), und am Jüngsten Tag wird der Tod völlig wiedergutgemacht werden, indem auch die Körper auferstehen und sich mit den Seelen wiedervereinen, sodass die Menschen wieder vollständige Menschen sind.

Da Gott dem Menschen das Leben gegeben hat – oder besser gesagt: konstant „gibt“ -, ist man auch verpflichtet, in vernünftigem Maß auf seine Gesundheit zu schauen und sich nicht absichtlich z. B. zu Tode zu saufen oder unnötige Todesrisiken einzugehen.

Daher jetzt genauer zu Pflichten gegen das eigene Leben; und in den nächsten zwei Artikeln zu Pflichten gegen fremdes Leben und dem Umgang mit Tieren und Umwelt.

Auch gegenüber dem eigenen Leben, hat man, wie gesagt, Pflichten. Der Selbstmord ist an sich schwere Sünde, aber man wird in Betracht ziehen müssen, dass Selbstmörder für gewöhnlich schwer psychisch krank sind und nicht ausreichend Kontrolle über ihre Handlungen haben, und eher Hilfe, Medikamente und treue Freunde als Ermahnungen brauchen. (Übrigens wurde dem hl. Pfarrer von Ars einmal offenbart, dass ein Selbstmörder vor dem Todeseintritt noch bereut hatte und nun zeitlich begrenzt im Fegefeuer war, nicht in der Hölle; ähnliches wird man in anderen Fällen erhoffen können. Früher war es kirchenrechtlich verboten, Selbstmörder auf kirchlichen Friedhöfen zu beerdigen, aber der hl. Alphons von Liguori schreibt über dieses Verbot: „Die Canones der Kirche verbieten das. Nichtsdestotrotz sind sie nicht in Bezug auf jene zu verstehen, die dies aus Raserei, Wahnsinn, oder unter extremer Traurigkeit leidend oder von Wahnvorstellungen gestört tun, oder von jemandem, der sicher vor seinem Tod daran gelitten hat. Und wenn es sicher wäre, dass ein Mensch sich selbst getötet hat, und unsicher, ob er das aus freier Entscheidung getan hat, ist ihm in der Praxis das heilige Begräbnis zu verwehren, da aufgrund der äußerlichen Tat angenommen wird, er habe frei gehandelt, außer das Gegenteil kann aus den Umständen geschlossen werden.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, Band II, aus dem Lateinischen übersetzt von Ryan Grant, Post Falls 2017, S. 404. Meine Übersetzung aus dem Englischen.))

Trotzdem ist Selbstmord an sich falsch; und in manchen Fällen sind die Leute sehr wohl schuldig – z. B. wenn man ruhig plant, dass man Euthanasie in Anspruch nehmen will, wenn man nicht mehr selbstständig und gesund genug ist, weil man auf keinen Fall von anderen abhängig sein will, oder wenn man sich (was in manchen Kulturen üblich war) umbringt, um einen Ehrverlust zu vermeiden. Freilich: Die subjektive Schuld kann auch dann gemindert sein, weil viele Leute die Vorstellung internalisiert haben, dass man über sein eigenes Leben entscheiden darf und nicht auf der Erde ist, um einen Zweck zu erfüllen. Trotzdem ist es an sich falsch, wie eine Desertation falsch ist, oder wie es falsch ist, ein anvertrautes Gut zu zerstören; oft wird man damit auch der eigenen Familie Leid zufügen.

Der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

„I. Direkte Tötung seiner selbst ist schwere Sünde, wenn es auf eigene Autorität hin geschieht.

Es ist auch verboten, in der Absicht sich zu töten, einen Akt vorzunehmen, aus dem per accidens [als Nebenwirkung möglicherweise] der Tod folgt, z. B. stark rauchen, trinken usw., um sich das Leben abzukürzen. – […] Ein vom Staate rechtmäßig gefälltes Todesurteil im Auftrage des Staates an sich selbst vollziehen, ist wahrscheinlich erlaubt. [Hier dürfte an solche Fälle gedacht sein, wie sie z. B. in der Antike vorkamen, wenn Todesurteile dadurch vollzogen wurden, dass der Verurteilte Gift trinken musste.]

II. Indirekt sich töten ist an sich verboten, kann aber aus einem entsprechend schwerwiegenden Grunde erlaubt sein.

Indirekt tötet jemand sich selbst, wenn er den Tod zwar durchaus nicht beabsichtigt, aber mit Wissen und Willen eine Handlung vornimmt, aus der nicht nur die beabsichtigte gute Wirkung, sondern auch der Tod folgt. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß die gute Wirkung aus der Handlung wenigstens gleich unmittelbar folgen kann wie der Tod.

Es ist daher erlaubt, sich von einem hohen Punkte herabzustürzen, um dem Feuertode zu entgehen, besonders wenn noch irgendeine Hoffnung besteht, mit dem Leben davonzukommen. Ähnlich darf eine Frau handeln, um sich aus den Händen eines Wüstlings zu retten, der sie ergreifen und vergewaltigen will. – Ebenso ist es im Kriege erlaubt, ein Festungswerk oder ein Schiff in die Luft zu sprengen, um dem Feinde zu schaden, auch wenn man voraussieht, daß man dabei selbst den Tod findet.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl., Paderborn 1961, S. 168f., Nr. 207)

Es wäre dementsprechend auch erlaubt, sich vor eine Kugel zu werfen, damit sie nicht einen Freund trifft, etc. Bei diesen Dingen geht es aber um Erlaubtes; verpflichtend ist all das nicht, es ist nur eben kein verbotener Selbstmord. Verbotener Selbstmord wäre es aber tatsächlich, sich z. B. im Kriegsfall selbst umzubringen, um nicht den feindlichen Truppen in die Hände zu fallen und möglicherweise gefoltert oder vergewaltigt zu werden; hier ist das, was man beabsichtigt, ja der Tod; er ist nicht nur eine Nebenwirkung, die man gern vermieden hätte. Hier würde man Gott vorgreifen, der immer noch etwas mit einem vorhaben kann und einen evtl. auch aus der Situation retten könnte. Selbstmordattentate sind genauso falsch, auch wenn wir den Fall eines gerechten Krieges annehmen. (Samson aus dem Alten Testament wäre wohl ein Sonderfall, da wir annehmen können, dass er mit göttlicher Autorisation handelte, da Gott für ihn ein Wunder wirkte.)

„III. Sich einer Lebensgefahr aussetzen ist nur aus einem hinreichenden Grunde gestattet.

Der Grund muß um so wichtiger sein, je näher die Lebensgefahr ist. Sich ohne hinreichenden Grund einer entfernteren Lebensgefahr aussetzen ist nur läßliche Sünde. – Erlaubt ist die Pflege der Pestkranken auch auf die Gefahr hin, dabei den Tod zu finden. Dachdecker usw. dürfen sich den Gefahren aussetzen, die mit der Ausübung ihres Berufes verbunden sind. Gefangene dürfen eine lebensgefährliche Flucht wagen, um der Hinrichtung oder lebenslänglicher Kerkerhaft zu entgehen. – Verboten ist die Vornahme gefährlicher seiltänzerischer Kunststücke nur aus Gewinnsucht. Infolge persönlicher Geschicklichkeit kann aber die Gefahr zu einer entfernteren gemacht worden sein, so daß wenigstens keine schwere Sünde vorliegt. – Hierher gehören auch unsinnige Wetten, große Mengen von Speisen oder Getränken zu sich zu nehmen.

IV. Verkürzung der Lebenszeit auch um mehrere Jahre oder Schädigung der Gesundheit durch Übernahme einer bestimmten Lebensweise oder bestimmter Arbeiten ist aus einem entsprechenden Grunde erlaubt.

Deshalb ist die Arbeit gestattet an Hochöfen, in Bergwerken, in Glasschleifereien, in gewissen chemischen Fabriken usw. Ebenso ist es erlaubt, vernünftige Bußübungen auf sich zu nehmen. – Wer durch ungeordneten Genuß von Speise und Trank sein Leben voraussichtlich etwas verkürzt, begeht dadurch eine läßliche Sünde. Bedeutende Abkürzung des Lebens und Ruinierung der Gesundheit, z. B. durch ungeordneten Gebrauch von Morphium oder Kokain, ist aber schwere Sünde (vgl. auch Nr. 110).“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 169f., Nr. 208)

Hier noch allgemein zu Drogen, Alkohol und dergleichen: Zunächst einmal sind alle Substanzen, mit denen man sich den Verstand wegsäuft oder -kifft deswegen schlecht: Weil man sich selbst eben der Vernunft beraubt, die gerade das ist, was Menschen auszeichnet, und weil es unter der menschlichen Würde und verantwortungslos ist, sich in einen unkontrollierten Zustand, in dem man vielleicht Dinge tut, die man sonst nie getan hätte, zu versetzen. Hier ist das Ausmaß der Droge wichtig; Alkohol ist deshalb erst nach einer gewissen Menge schlecht, Cannabis schneller. Sich wirklich zu betrinken ist deswegen sogar schwere Sünde. (Ganz unabhängig davon, wie schädlich das langfristig ist.) Es ist aber keine Sünde, z. B. ein normales Grillfest mit etwas Bier zu veranstalten oder auf seiner Hochzeit Alkohol servieren zu lassen, auch auf die Gefahr hin, dass ein Gast sich richtig betrinken wird, denn hier sind die Gäste schlicht und einfach selbst verantwortlich und die meisten werden gemäßigt trinken; es wäre möglicherweise eine, eine Party mit viel Alkohol zu veranstalten, wo erwartet wird, dass sich einige stark betrinken, und insbesondere wäre es eine, den Gästen selber immer noch mehr auszuschenken, auch wenn sie schon halb betrunken sind, z. B. weil man es lustig findet, einen betrunken zu machen.

Die Mäßigung ist generell eine wichtige Tugend; daher ist z. B. auch unmäßiges Essen eine Sünde (in aller Regel eine lässliche).

Es ist keine Sünde, sich ein Narkosemittel geben zu lassen, oder ein Schmerzmittel zu nehmen, das einen benebelt, etc.; hier gibt es einen rechtfertigenden Grund dafür. Das gilt auch für Schmerzmittel, die richtige Drogen sind, z. B. Morphium oder Cannabis, wenn keine anderen Mittel helfen.

Noch einmal Jone:

„Unmäßigkeit ist das ungeordnete Verlangen nach Speise und Trank.

a) Unmäßigkeit im Essen ist an sich nur eine lässliche Sünde ex genere suo [ihrer Art nach].

Dies gilt an sich auch, wenn jemand ißt bis zum Erbrechen. Aus anderen Gründen (z. B. Schädigung der Gesundheit, Ärgernis [schlechtes Vorbild]) aber kann jemand schwer sündigen (vgl. auch Nr. 208).

b) Unmäßigkeit im Trinken, die unmittelbar den Verlust des Vernunftgebrauchs bewirkt, ist eine schwerere Sünde als Unmäßigkeit im Essen.

α) Trunkenheit bis zum teilweisen Verlust des Vernunftgebrauches ist nur eine lässliche Sünde.

Sie kann aber eine schwere Sünde werden wegen Ärgernis, Schaden für die Gesundheit oder die Familie usw.

β) Trunkenheit bis zum völligen Verlust des Vernunftgebrauches ist eine schwere Sünde, wenn sie ohne hinreichenden Grund verursacht wird.

Völliger Verlust des Vernunftgebrauches ist anzunehmen, wenn man Gut und Bös nicht mehr unterscheiden kann, oder sich nachher nicht mehr an das erinnert, was man in der Trunkenheit getan oder gesagt hat, oder wenn man etwas tut, das man im nüchternen Zustande niemals getan hätte.

Ein hinreichender Grund, sich vorübergehend des Vernunftgebrauches zu berauben, ist z. B. die Heilung von Cholera oder die Errettung von einer Vergiftung. Kein hinreichender Grund ist die Vertreibung einer melancholischen Stimmung.

Einen anderen völlig betrunken zu machen, ist ebenfalls schwer sündhaft. Doch gibt es auch hier Entschuldigungsgründe, z. B. wenn man den anderen dadurch an einer schweren Sünde hindern könnte. Noch eher ist es erlaubt, dem anderen Gelegenheit zu geben, sich zu betrinken, z. B. bei einem Feste.

c) Da Morphium, Opium, Chloroform usw. ebenfalls vorübergehend den Vernunftgebrauch nehmen können, so gilt von diesen narkotischen Mitteln dasselbe, was von berauschenden Getränken gilt.

α) In kleineren Mengen und nur vorübergehend narkotische Mittel zu gebrauchen, ist eine läßliche Sünde, wenn es ohne hinreichenden Grund geschieht. Es ist aber erlaubt, wenn ein hinreichender Grund vorliegt (z. B. Beruhigung der Nerven, Vertreibung von Schlaflosigkeit).

Ein derartiger Gebrauch wird aber schwer sündhaft, wenn daraus eine Sucht nach narkotischen Mitteln entsteht, die noch schwerer heilbar ist als Trunksucht und der Gesundheit noch mehr schadet.

β) In großen Mengen narkotische Mittel zu nehmen, so daß man den Vernunftgebrauch verliert, ist an sich eine schwere Sünde. Aus einem entsprechenden Grunde aber ist es erlaubt.

Ein solcher Grund ist vorhanden bei Operationen, damit der Kranke die damit verbundenen großen Schmerzen nicht fühlt, oder damit er bei der Operation sich ruhig verhält. Auf ähnliche Weise darf man auch bei schmerzlichen Krankheiten dem Leidenden durch Anwendung solcher Mittel Linderung verschaffen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 82f., Nr. 110)

Außerdem kommt hier aber eben die langfristige Gesundheitsschädigung ins Spiel; deswegen sind die harten Drogen generell noch mal schwere Sünde (außer eben, jemand leidet unter chronischen Schmerzen, die er ohne Morphium nicht mehr aushält). Ab und zu geringe Mengen Alkohol zu trinken ist unter diesem Gesichtspunkt keine Sünde. Ab und zu eine Zigarette zu rauchen, ist keine Sünde; mehrere am Tag zu rauchen vermutlich eine lässliche.

Als drittes wären die staatlichen Gesetze bzgl. Drogen einzuhalten.

Dann noch zum Riskieren des eigenen Lebens: Extremsportler können hier in den Bereich der Sünde, auch der schweren Sünde, gelangen (z. B. wenn jemand ungesichert an einer gefährlichen Felswand klettert, weil er den Nervenkitzel sucht); aber generell ist das Betreiben von Sportarten, bei denen immer mal wieder Unfälle und Verletzungen passieren, keine Sünde. Man kann nicht alle Gefahren meiden, und sportliche Leistung und Spaß sind gut. Eine leicht erhöhte Risikobereitschaft kann einfach lässliche Sünde sein.

Solche Dinge wie Russian Roulette sind ganz offensichtlich Todsünde. Mutproben sind lässliche oder schwere Sünde, je nachdem wie gefährlich sie sind.

Vorsicht im Straßenverkehr ist durch das 5. Gebot auch geboten; hier betrifft die Gefahr ja meistens sowohl einen selbst als auch andere. Auch hier wieder: Leichte Unvorsichtigkeit lässliche Sünde, schwere Unvorsichtigkeit schwere Sünde. Wer als alter Mensch merkt, dass er nicht mehr sicher fahren kann, hat auch die Pflicht, nicht mehr zu fahren.

Priester sind generell auch unter Lebensgefahr (z. B. bei einer Seuche) verpflichtet, den ihnen Anvertrauten die Sakramente der Taufe und der Beichte zu spenden; andere Sakramente dürfte man freilich aufschieben, und bei der Spendung des Sakraments wären Vorsichtsmaßnahmen wie Schutzkleidung angemessen.

Was die „vernünftigen Bußübungen“ angeht, von denen Jone erwähnt, dass sie gesundheitsschädlich sein könnten: Es gibt ja die Geschichten von Heiligen, die z. B. extrem viel gefastet oder die Nacht über gebetet und kaum geschlafen haben. Als normaler Christ sollte man damit sehr vorsichtig sein und sich nicht gleich zu viel zutrauen; das kann auch geistlich gefährlich werden und entweder zu Hochmut oder Entmutigung führen. Solche Dinge wie gelegentliches Fasten, Knien auf hartem Boden, einmal in der Woche ohne Kopfkissen schlafen, o. Ä. sind leichte, normale Bußübungen, die man sicherlich machen darf. Für mittelschwere Bußübungen (die Jone evtl. meint) sollte man sich aber lieber mit dem Beichtvater absprechen. Es ist gut, ein paar Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen, um sich mit dem Leiden Jesu zu vereinen und sich daran zu gewöhnen, auf etwas zu verzichten; das ist quasi wie Training beim Sport. Das darf nicht selbstzerstörerisch werden, und wer sich z. B. schon aus Selbsthass ritzt, sollte so etwas lieber langsam angehen. Aber hier ist jedenfalls generell ein rechtfertigender Grund vorhanden.

Austin Fagothey schreibt über das Riskieren des Lebens:

„Es gibt ein gewöhnliches, entferntes und mögliches Risiko dabei, Auto zu fahren oder Flugzeug zu fliegen, aber man darf es zum bloßen Vergnügen tun. Auf rutschigen Straßen zu fahren oder bei schlechtem Wetter zu fliegen ist viel gefährlicher und erfordert einen besseren Grund. Die Verhältnisse können so schlecht werden, dass kein Fahren oder Fliegen mehr erlaubt ist, außer vielleicht um ein Leben zu retten, und dann müssen wir sehen, wie gefährdet dieses Leben ist.

Um jemand anderen vor dem sicheren Tod zu retten dürfen wir uns dem sicheren Tod aussetzen. Eine solche Handlung ist normalerweise erlaubt, aber wird nur unter besonderen Bedingungen verpflichtend. Diejenigen, die, entweder von Natur aus oder durch Vertrag, Verantwortung für das Leben anderer tragen, können und müssen manchmal größere Risiken auf sich nehmen, um ihre Anvertrauten zu schützen. Ehemänner werden sich für ihre Frauen opfern und Eltern für ihre Kinder, dem Antrieb der Natur folgend, dass die Starken die Schwachen beschützen sollten. Soldaten, Seeleute, Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, Krankenschwestern und andere mit ähnlichem Beruf sind durch Vertrag, ausdrücklich oder implizit, auch bei der ärgsten Gefahr an ihre Verpflichtungen gebunden.

Je mehr eine Handlung oder ein Beruf der Gesellschaft nützt, desto gefährlicher darf er sein, ohne die Verhältnismäßigkeit zu verlieren. […] Gefährliche Arbeit mit Radium kann gerechtfertigt sein in der Hoffnung, Krebs zu heilen, aber nicht, um leuchtende Zifferblätter zu zeichnen. Akrobaten […] ist es nur moralisch erlaubt, ihren Beruf auszuüben, weil ihr Geschick die Gefahren zu entfernten macht.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 299)

Jone schreibt weiter:

„V. Selbstverstümmelung ist nur gestattet zur Rettung des Lebens.

Selbstverstümmelung ist gewöhnlich eine schwere Sünde. Entfernung eines unbedeutenden Teiles, der zudem keine wichtigen Lebensfunktionen hat (z. B. Ohrläppchen) ist nur eine läßliche Sünde. – […] Vasektomie, Entfernung der Gebärmutter und der Ovarien [Eierstöcke] ist schwer sündhaft, wenn es geschieht zur Verhinderung der Nachkommenschaft. – Bei Krebs, Blutvergiftung und dergl. aber ist die Amputation eines Gliedes erlaubt.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 170, Nr. 209)

Hier stellt sich noch die Frage: Was ist mit Schönheitsoperationen? Wenn es darum geht, z. B. einen Defekt wie eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zu behandeln, der eigentlich krankhaft ist, deutlich stört und dafür sorgen kann, dass jemand ausgegrenzt wird, ist ein geringes Risiko durch eine OP sicher vertretbar; dasselbe dürfte für die Behandlung von extremem Übergewicht (das ja auch gesundheitlich gefährlich ist) durch eine Magenverkleinerung gelten, wenn die Risiken entsprechend abgewogen worden sind. Wenn es um die Korrektur eines normal und gesund geformten Körpers geht, z. B. durch eine Nasen-OP, ist die Entscheidung schwieriger. An sich ist besseres Aussehen kein verbotenes Ziel, aber eine Operation bringt auch immer Risiken mit sich. Meiner Einschätzung nach dürfte das Risiko in den meisten Fällen nicht groß genug sein, dass es schwere Sünde wird, aber ganz unbedenklich wirkt es auch nicht. Vielleicht normalerweise lässlich, aber erlaubt, wenn jemand psychisch besonders unter seinem Aussehen leidet.

Die Sterilisation ist, wie oben gesagt, eine Verstümmelung, da sie eine zentrale Fähigkeit des Menschen abschaltet; Kinder zu haben ist etwas Wichtiges. Sie darf auch nicht vom Staat gegenüber Unschuldigen befohlen werden, um z. B. zu verhindern, dass Behinderte sich fortpflanzen, oder dass Überbevölkerung entsteht. Hier ergäbe sich nur noch die Frage: Wäre sie als Strafe für Sexualstraftäter erlaubt, die hier selbst ein Recht verwirkt haben? Prinzipiell wäre hier die bloße Sterilisation schlicht und einfach ungeeignet, weil sie den Sexualtrieb nicht ausschaltet; die chemische oder physische Kastration wäre dagegen möglich und theoretisch erlaubt (natürlich bei schweren Verbrechen wie Vergewaltigung und Kindesmissbrauch – nicht bei Catcalling oder ungefragtem Versenden von Penisbildern), wenn ein Staat sich dafür entscheidet. In manchen Staaten ist es schon nötig, wenn ein solcher Sexualstraftäter Bewährung will, dass er chemische Kastration, d. h. stark libidosenkende Medikamente, akzeptiert. In einzelnen Ländern, z. B. Polen und Moldawien, ist die chemische Kastration auch als Strafe möglich.

Sogenannte „geschlechtsangleichende Operationen“ bei Transpersonen, also wenn z. B. einer Frau die Brüste entfernt werden, oder einem Mann die Geschlechtsteile entfernt werden und eine künstliche Wunde zwischen den Beinen geschaffen wird, sind immer verbotene Verstümmelungen.

Ohrlochstechen, Tattoos, Piercings usw. sind keine Sünde.

Jone schreibt weiter:

„VI. Sich den Tod wünschen ist in Unterordnung unter Gottes Willen aus einem entsprechenden Grunde erlaubt.

Ein solcher Grund ist das Verlangen nach der Anschauung Gottes oder die Bewahrung vor einem überaus großen irdischen Unglück oder Leid (z. B. eine überaus schmerzliche und langdauernde Krankheit). – Wegen der gewöhnlichen Beschwerden des Lebens im Ernste sich den Tod wünschen ist schwere Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 170, Nr. 209)

Das ist eigentlich recht tröstlich: Wenn das Leben schwer erträglich wird, darf man nicht Gott vorgreifen und sich selber töten, aber man darf Ihm sehr wohl sein Leid klagen und Ihn bitten, einen bald zu holen.

Über die Sorge für das eigene Leben schreibt er:

„VII. Zur Erhaltung des Lebens und der Gesundheit muß man auch die ordentlichen Mittel anwenden.

Zu den ordentlichen Mitteln gehört vor allem entsprechende Nahrung. Deshalb ist Hungerstreik eine schwere Sünde, wenn jemand dabei wirklich die Absicht hat, eher zu verhungern als auf die Erreichung seines Zieles zu verzichten. Zu den ordentlichen Mitteln gehören ferner: entsprechende Kleidung, Wohnung, körperliche Erholung; ebenso Anwendung entsprechender Arzneien und Heilmittel, vorausgesetzt, daß sie für den Kranken nicht zu teuer sind; ferner Heranziehung eines Arztes. Dabei ist immer vorausgesetzt, daß es sich nicht um eine leichtere Krankheit handelt, die auch von selbst heilt, und daß begründete Hoffnung vorhanden ist, daß der Arzt oder die Arznei helfen kann.

Außerordentliche Mittel zur Erhaltung des Lebens anwenden ist für gewöhnlich nicht Pflicht. Deshalb müssen auch sehr reiche Leute nicht entlegene Länder oder Bäder aufsuchen, noch die berühmtesten Ärzte kommen lassen, auch dann nicht, wenn sie sonst sterben müßten. Ebenso ist an sich niemand verpflichtet, sich einer schwierigen chirurgischen Operation zu unterziehen. – Eine Ausnahme findet nur statt, wenn jemand seiner Familie oder dem Staate sehr notwendig ist, und der Erfolg moralisch gewiß ist. Nur in einem solchen Falle scheint der Vater oder der Obere jemandem auch befehlen zu können, sich der Operation zu unterziehen.“ (Heribert Jone, Katholisch Moraltheologie, Nr. 210, S. 170f.)

Man kann sich eben auch selbst töten, indem man etwas Bestimmtes nicht mehr tut, z. B. nicht mehr isst, und das ist ebenso falsch wie der direktere Selbstmord. Aber gefährliche/beschwerliche außergewöhnliche Mittel sind eine Sache der Freiwilligkeit.

Das alles heißt auch, dass man einem alten Menschen nicht mehr sämtliche Behandlungsmöglichkeiten zumuten muss (z. B. Operationen), aber die Ernährung (auch über Schläuche) und die Luftzufuhr abzubrechen, wäre schwere Sünde, denn Atemluft, Flüssigkeit und Nahrung sind normale Pflege, keine außerordentlichen Behandlungen. Das darf man also auch nicht für sich in einer Patientenverfügung festlegen. (Eine Ausnahme besteht, wenn der Körper gar keine Nahrung mehr aufnehmen kann; dann darf man die sinnlos gewordene künstliche Ernährung abbrechen.)

(Katholisches medizinisches Personal darf sich nicht daran beteiligen, so jemanden durch Nahrungsentzug etc. zu töten, aber muss nicht versuchen, es zu verhindern, was sowieso in aller Regel vergeblich wäre.)

Aktive Sterbehilfe und Beihilfe zum Selbstmord sind beide schwere Sünden, ebenso wie Euthanasie ohne die Zustimmung des Kranken. Es ist allerdings keine Sünde, Menschen, die voraussichtlich bald sterben werden, starke Schmerzmittel zu geben, die ihren Tod möglicherweise ungewollt beschleunigen könnten (unter der Voraussetzung, dass man sie ihnen gibt, um die Schmerzen zu lindern, und nicht, weil man hofft, den Tod zu beschleunigen).

Aber es ist nicht ganz so einfach, wenn der Kranke komplett betäubt werden soll, damit er gar nichts mehr von seinem Tod mitbekommt:

„Im Interesse eines schmerzlosen Todes […] den Kranken durch derartige Mittel zu betäuben, ist im allgemeinen unerlaubt.

Erlaubt ist aber ein solches Verfahren bei einem Kranken, der auf den Tod gut vorbereitet ist, wenn Gefahr besteht, daß er sonst noch in Sünden fällt. Manche Autoren halten ein solches Verfahren auch noch für erlaubt, wenn dadurch ungewöhnlich große Schmerzen gelindert werden sollen, und man mit Grund die Zustimmung des Sterbenden voraussetzen kann. – Nach allgemeiner Ansicht aber ist es nicht erlaubt, wenn dadurch nur die gewöhnlichen Beängstigungen behoben werden sollen, die mit dem Todeskampf verbunden sind. Verlangt der Kranke im guten Glauben danach, und ist keine Hoffnung, daß er sich belehren läßt, so soll man ihm seinen guten Glauben nicht nehmen.

Unerlaubt aber ist ein solches Verfahren immer, wenn der Kranke auf den Tod nicht vorbereitet ist und Hoffnung besteht, er werde sich noch vorbereiten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 83f., Nr. 110)

Mit dem Tod ist eben nicht alles aus und die noch möglichst bewusste Vorbereitung darauf ist wichtig, deswegen sollte man einem Kranken nicht die Möglichkeit dieser Vorbereitung nehmen.

Die Frage nach dem Hirntod und der Organspende kommt hier auch noch auf. Hirntote können ja noch atmen, schwitzen, etc., aber haben keine Chance mehr, sich wieder zu erholen, und im Normalfall werden sie in kurzer Zeit völlig tot sein. (Wobei es manchmal Fehldiagnosen gab und mutmaßlich Hirntote wieder aufgewacht sind.) Ich halte es jedoch für sehr klar, dass Hirntote sich eben erst im Sterbeprozess befinden und noch nicht tot sind (auch wenn sie bald tot sein werden), dass die Seele (die anima, die den Körper belebt, „animiert“), ihn noch nicht verlassen hat, auch wenn ein Organ (das Gehirn) schon abgeschaltet hat.

Generell darf man erst dann Organe entnehmen, wenn jemand sicher tot ist, nicht wenn er sich erst im Sterbeprozess befindet. (Organspende ist ja nur bei Hirntoten möglich, deren restlicher Körper noch nicht abgeschaltet hat, und weil die meisten Menschen zuerst herztot und dann erst hirntot sind, statt umgekehrt, gibt es einen solchen Mangel an Spenderorganen.) Wer also nicht völlig davon überzeugt ist, dass der Hirntod der Tod ist (und das sind oft auch die Befürworter der Organspende nicht, und auch das medizinische Personal fühlt sich oft sehr unwohl bei Organentnahmen), darf sich nicht als Organspender zur Verfügung stellen, als Arzt keinem Hirntoten Organe entnehmen, und selbst als Kranker keine Organe von Hirntoten annehmen. Wenn jemand hirntot ist, muss man allerdings nicht mehr sämtliche irgendwie möglichen intensivmedizinischen Maßnahmen ergreifen, um diesen Zustand noch zu erhalten und den endgültigen Tod hinauszuzögern.

Bei einer schwangeren Hirntoten muss man das allerdings; es gab Fälle, in denen ein Körper noch ein paar Monate am Leben erhalten werden konnte, so dass ein gesundes Baby geboren wurde. Hier gibt es eine Verpflichtung, das Leben des Babys zu erhalten.

Wenn der Hirntod sicher der Tod wäre, wäre Organspende ein Akt der Nächstenliebe, aber keine Pflicht; denn es gibt kein Anrecht auf den Körper eines anderen, auch nicht auf den toten Körper; die Integrität des Leichnams und der respektvolle Umgang mit ihm ist auch ein Wert. (Vor allem, da auch die Körper am Jüngsten Tag in veränderter Weise auferstehen und sich mit den Seelen wieder vereinen werden. Ein Spenderorgan wird dann übrigens zum ursprünglichen Körper gehören.)

Die Organspende bei Lebenden von nicht lebenswichtigen Organen (z. B. Niere) ist ein Akt der Nächstenliebe, aber auch nie eine Pflicht, auch dann nicht, wenn es z. B. um eine Spende für ein Familienmitglied geht; denn ein anderer hat kein Recht darauf, dass man seinen Körper gewissermaßen verstümmelt und sich einer Operation unterzieht, ohne dass es die eigene Gesundheit erfordert.

Blutspende und Knochenmarkspende sind ebenfalls Akte der Nächstenliebe, und ebenfalls keine Pflicht.

Essstörungen (Magersucht, Bulimie) wären an sich Sünde, aber hier ist der freie Wille oft ja nicht oder nur eingeschränkt vorhanden. Dasselbe gilt, wenn jemand sich ritzt.

Es gibt keine allgemeine Pflicht, z. B. immer nur gesund zu essen und dreimal die Woche Sport zu machen, auch wenn das sicher schön und gut ist und einem selber sehr gut tun kann; und man kann es mit der Sorge um die eigene Gesundheit auch übertreiben (z. B. Hypochonder).

Der Synodale Weg und die „Sexualmoral“

Der Schismatische Weg hat mal wieder eine neue Etappe zu Ende gebracht, und zwar eine mit vielen Lächerlichkeiten und, wie soll man sagen, Idiotien. Man will in der Synodalversammlung Enthaltungen als Nein-Stimmen zählen, um nicht von Evangelisierung reden zu müssen (das nennt sich Demokratie!) und eine knappe Mehrheit stimmt dafür, zu diskutieren, so wörtlich „ob es das Priesteramt überhaupt braucht“. (Woran man mal wieder sehen kann, dass z. B. auch die Befürworter des Frauenpriestertums kein Frauenpriestertum wollen, sprich keine zölibatären Frauen, deren wichtigster Lebensinhalt es ist, das Messopfer darzubringen.) Am Ende wird die Versammlung beschlussunfähig, weil so viele schon gegangen sind.

Was ich mich hauptsächlich bei alldem frage, ist: Was machen eigentlich die guten Bischöfe, Voderholzer und Oster usw.? Vermutlich meinen sie noch, durch Mitmachen und Abstimmen einen guten Einfluss auszuüben und Schlimmes zu verhindern. Aber damit verleihen sie dem Ganzen eine Grundlegitimität, und geben der ganzen Öffentlichkeit den Eindruck: Offensichtlich kann man in der katholischen Kirche über das alles diskutieren, die kann sich wohl doch ändern. Wenn ein paar gute Bischöfe einfach erklären würden, dass sie das ganze – an sich illegale und unbedeutende – Getue des sog. Synodalen Weges nicht anerkennen, in ihrem Bistum nichts davon umsetzen werden, und sich keinen Petitionen an den Papst anschließen, wäre das sehr viel nützlicher als jede Mitwirkung.

Aber jetzt zu einem speziellen Thema: Die Synodalversammlung hat auch mit großer Mehrheit einen sehr hochtrabenden Text über die „Sexualmoral“ angenommen, und es lohnt sich, den ein bisschen genauer anzusehen. Am Anfang beginnen die Synodalen damit, so halb einzugestehen, dass sie nichts zu sagen haben, aber dann doch wieder zu erklären, dass sie gefälligst Macht wollen:

„Die Synodalversammlung ist sich bewusst, dass viele der vorgeschlagenen Neuakzentuierungen wesentlich in die Lehrkompetenz des Bischofs von Rom fallen und deshalb nicht von der Kirche in Deutschland vorgenommen werden können. In diesem Sinne legt sie dem Papst die nachfolgenden Überlegungen und Voten vor und bittet ihn eindringlich, sie als ortskirchlichen Ausdruck der Mitverantwortung aller Getauften und Gefirmten für das Wohl der einen Kirche Christi zu prüfen und aufzugreifen. Die Synodalversammlung ist sich aber auch bewusst, dass die vom Papst letztzuverantwortende Lehre ihre Plausibilität und Sinnhaftigkeit wesentlich in den kirchlichen Gemeinden und Gemeinschaften vor Ort und vor allem im Leben jedes einzelnen Menschen unter Beweis stellen muss. Von dieser Verantwortung kann niemand dispensieren oder dispensiert werden. Der Synodale Weg versucht, die diesbezüglichen Erfahrungen und Überlegungen für die katholische Kirche in Deutschland zu bündeln. In diesem Sinne nimmt die Ortskirche in Deutschland verbunden mit den Ortskirchen weltweit und dem Bischof von Rom ihre Verantwortung für das dreifache Amt Christi wahr: im Amt des Heiligens, im Amt des Leitens und im Amt des Lehrens (LG 32).“

Sprich: Ja, wir wissen, entscheiden darf eigentlich nur der Papst (wobei sie wissen könnten, dass auch der Papst die Lehre nicht ändern darf), aber eigentlich sind wir doch die Ortskirche, und alle Macht geht vom Volke aus, also haben wir eigentlich mehr zu sagen. (Dass niemand sie gewählt hat, ist natürlich irrelevant.)

Es ist der übliche Modus operandi seit knapp sechzig Jahren: Wir tun so, als hätten wir noch den katholischen Glauben und würden Rom irgendwie anerkennen, aber machen in der Praxis einfach, was hier gerade üblich ist, und reden wortreich drumherum. Das hatten wir schon mit der Königsteiner Erklärung von 1968.

Ein Problem an diesen Kirchenleuten: Sie wirken zuerst mal sehr lebensfern – in etwa so lebensfern wie eben die deutschen Bischöfe von 1968, die entgegen der Enzyklika Humanae Vitae verlautbaren ließen, manchmal müssten sich Ehepaare vielleicht eingehend prüfen, ob sie in Notsituationen die Verwendung von künstlichen Verhütungsmitteln nicht doch mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten, während in den Kommunen schon die sog. freie Liebe zelebriert wurde. Aber dann scheint diese Lebensferne wieder nur eine Tarnung zu sein und sie scheinen nicht viel anderes zu wollen als Pornoproduzenten. Es gibt Leute, die sich an die Lehre halten, und Leute, denen sie egal ist; es gibt wenige, die sich so halb an sie halten.

Gehen wir doch mal ein paar Abschnitte durch:

„Im falsch verstandenen Bemühen, die kirchliche Lehre hochzuhalten, kam es in der Pastoral immer wieder zu unbarmherzigen Haltungen, die Leid über Menschen gebracht haben, insbesondere über ledige Mütter und außerehelich geborene Kinder, über Menschen in vorehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, über homosexuell orientierte Menschen und über Geschiedene und Wiederverheiratete.“

Die Grundthese ist hier: Es sorgt für Leid, die Lehre aufrechtzuerhalten; und im Umkehrschluss: es kann für kein Leid sorgen, die Lehre aufzugeben. Und genau das ist falsch. Die Lehre, dass Sex & Kinder zusammengehören und in die Ehe gehören, hat gerade viel Leid verhindert, das wir jetzt haben.

Unehelich geborene Kinder oder Kinder geschiedener Eltern haben immer darunter zu leiden, dass sie mit ihren Eltern keine wirkliche Familie bilden und sie von Wohnung zu Wohnung gereicht werden, und ihre Eltern dann auch irgendwelche neuen Partner anbringen. Und weil Scheidung nicht mehr etwas für Notfälle und skandalbehaftete Filmstars ist, hat jeder normale Grundschüler irgendwo die Angst: Was wenn sich meine Eltern scheiden lassen? Auch die Ehepartner selber müssen immer die Angst haben, dass der andere sie verlassen könnte, weil es für ihn irgendwie nicht mehr passt. Wenn Scheidung von vornherein keine Option ist, ist einfach ein anderes Vertrauensverhältnis da. Der Punkt ist ja der: Nach katholischem Verständnis entsteht durch die Eheschließung eine neue Familie, und die ist mindestens so unauflöslich wie die leibliche. Unter schlimmen Umständen kann man sein Kind weggeben müssen – z. B. in eine Schule für verhaltensauffällige Kinder, oder zu Pflegeeltern oder Verwandten, weil man selbst zu krank ist, um für es zu sorgen – oder den Kontakt zu seinen Eltern abbrechen, aber das ist das letzte Mittel, sie bleiben trotzdem die eigenen Kinder bzw. Eltern und man kann sich nicht einfach irgendwen anders zu Kindern/Eltern erklären, und idealerweise ist die Trennung nicht von Dauer. Ebenso sollte eine Trennung von Eheleuten das letzte Mittel sein, z. B. weil der eine den anderen betrügt oder misshandelt, und auch dann bleibt er der Ehepartner, und niemand anders kann diese Stelle einnehmen.

Jungen stoßen im Durchschnitt mit 11 Jahren auf Internetpornos, und die sind wirklich nicht harmlos. Ekelhafte und gesundheitlich gefährliche Sexualpraktiken, von denen unsere Großeltern noch gar nicht gewusst hätten, sind heute viel normalisierter. Jedes Jahr erklären sich neue Rekordzahlen von Jugendlichen für transgender, weil das bei aller Verwirrung irgendwie eine Identität und etwas Besonderes bietet, und wenn sie nach ein paar Jahren wieder detransitionieren wollen, ist ihr Körper schon ruiniert durch Hormone und vielleicht schon verstümmelnde Operationen.

Wie sollte/könnte/würde eine ideale katholische Gesellschaft z. B. damit umgehen, wenn eine Frau unehelich schwanger wird oder ein Paar unehelich zusammenlebt? Nun, m. E. ungefähr so, wie sie damit umgehen sollte, wenn jemand kleinkriminell wird, oder aus Faulheit arbeitslos ist, oder wegen seines unverschämten Benehmens in der Probezeit aus seinem Job rausgeschmissen wird. Es ist absolut unstrittig, dass man das nicht zu tun hat, man tut auch ihm gegenüber nicht so, als würde man es irgendwie gutheißen, aber vor allem, wenn es in der Vergangenheit liegt, hält man es ihm nicht andauernd vor, und es ist kein das Leben ruinierender Weltuntergang.

Und wenn wir mal ehrlich sind, auch eine Frau, die 1920 im ländlichen Bayern unehelich schwanger wurde (was gar nicht so selten war), hatte noch eine ganz gute Chance, dass, wenn der Kindsvater sie nicht heiratete, sie irgendwann noch einen anderen Mann fand, und musste nicht ihr ganzes Leben lang schief angesehen werden. Das hier war nie Afghanistan.

Und man muss nun mal auch sagen, dass die Menschen damals auch Verantwortung für ihr eigenes Leben hatten und wussten, was sie taten. Einer Frau damals war bewusst, dass es billig und verantwortungslos ist, sich vor der Ehe herzugeben. (Was Leute heute überhaupt nicht realisieren, wofür sie freilich meistens nichts können. Heute müssen sich ja eher die rechtfertigen, die Sex vor der Ehe verweigern. Aber heute hätten z. B. auch noch die allermeisten Leute, vorsichtig ausgedrückt, Hemmungen, in Pornos mitzuspielen oder sich auf Gruppensex einzulassen. Dass bei diesem Thema nicht alles gleichgültig ist, spürt man schon.) Übrigens war es auch damals keineswegs so, dass nur den Frauen ihre Vergehen angelastet wurden – z. B. konnte eine Frau Schadensersatzansprüche geltend machen, wenn ein Mann sie mit einem falschen Heiratsversprechen verführt hatte.

Konnte es vorkommen, dass jemand ungerecht war zu einer ledigen Mutter? Natürlich konnte es das. Aber sicher nicht so oft, wie es heute vorkommt, dass Leute ungerecht sind zu Kindern von geschiedenen Eltern, denen implizit oder explizit klargemacht wird, dass sie sich nicht über das Auseinanderreißen ihrer Familie zu beklagen haben, weil ihre Eltern nun mal eine Selbstfindungsphase brauchen. Bei der Durchsetzung aller gesellschaftlichen Ansprüche und Tabus kann es zu Ungerechtigkeiten kommen; die Frage ist, welche Ansprüche an sich gerecht sind und wie man die auf möglichst gerechte Weise durchsetzt.

Und eine extreme Ungerechtigkeit, besser gesagt ein extremes Verbrechen, sollte man nicht außer Acht lassen: Abtreibung. Vor 100 Jahren gab es auch schon einige Ärzte, die (oft sogar legalerweise) Abtreibungen aus medizinischen oder sog. eugenischen Gründen vornahmen, oder die heimlich Geld mit illegalen Abtreibungen an unehelich Schwangeren verdienten. Aber es wurden nicht 100.000 Kinder im Jahr allein in Deutschland abgetrieben.

Und was ist jetzt mit den Homosexuellen? Nun, hier muss man einfach klipp und klar sagen: Solche Handlungen sind nicht natürlich. Auch die Neigung ist nicht natürlich, wobei für die jemand nichts kann – sie ist eher wie eine ungewollte Verletzung. Homosexualität ist noch anti-natürlicher als Inzest, bei dem heute noch die meisten Leute irgendwo sehen, dass „Liebe“ ihn nicht rechtfertigen kann und er sowieso keine gesunde Liebe sein kann. Homosexualität schließt notwendigerweise die Offenheit für neues Leben aus, und zumindest Schwule (anders als Lesben) haben meistens extrem viele Partner und führen, auch wenn sie „verheiratet“ sind, in aller Regel eine offene Ehe. Die Liberalen in der Kirche tun immer so, als ginge es um reine, überirdische Liebe, wenn sogar die, für deren Liebe sie sich einsetzen wollen, eher ein Recht auf Sex wollen.

Aber weiter im Text:

„Insbesondere die Lehre die den Geschlechtsverkehr nur im Rahmen einer rechtmäßigen Ehe und nur in der ständigen Offenheit zur Zeugung von Nachkommen für ethisch legitim erachtet, hat zu einem weitgehenden Bruch zwischen Lehramt und Gläubigen geführt.“

Man beachte: An solchen Stellen wird immer „Nachkommen“ o. Ä. gesagt, nie einfach Kinder. Es soll ja irgendwie kalt-mechanisch klingen, wie die Phrase von „Gebärmaschinen“ (als gäbe es irgendetwas weniger Maschinenhaftes als Mutterschaft). Dabei ist die katholische Lehre sehr einfach einsichtig: Liebe sollte offen für Kinder sein (wenn ein Ehepaar Kinder von vornherein komplett ausschließen will, ist ihre Ehe ungültig), Kinder sollten aus Liebe entstehen (und nicht z. B. als Unfall bei einem One-Night-Stand oder im Labor durch künstliche Befruchtung). Unterschlagen wird natürlich auch die Erlaubtheit von NFP, sprich, dass Ehepaare, die gerade aus einem guten Grund mit dem nächsten Kind warten wollen und sich dabei einig sind, vorerst nur in den unfruchtbaren Zeiten des weiblichen Zyklus miteinander schlafen können, weil Gott für die menschliche Natur auch solche unfruchtbaren Zeiten festgelegt hat.

„Damit drohen andere wichtige Akzente der Frohen Botschaft Gottes vollends verdunkelt zu werden, die für die menschenwürdige Gestaltung der Sexualität befreiend wirken könnten.“

Menschenwürde nach katholischer Lesart schließt freilich die Unzucht gerade aus, weil das etwas dem Menschen Unwürdiges ist. Was entspricht mehr der Würde und Vernunftbegabung des Menschen: seine Triebe, die auch mal entarten können, zu kontrollieren und nur mit einem Menschen, dem man wirklich vertraut und an den man sich gebunden hat, zu schlafen, oder mit jedem ins Bett zu gehen, wenn man gerade Lust drauf hat? „Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1 Kor 6,18-20)

„Nimmt man heute die kirchliche Sexuallehre in den Blick, tritt eines ihrer Grundprobleme unübersehbar zu Tage: ihre tiefe Umstrittenheit.“

Im alten Rom war es auch „umstritten“, ob man Kinder nicht doch auf der Müllkippe aussetzen darf.

Nachdem zusammengefasst wird, was alles von der Kirche verurteilt wird, heißt es:

„In der Logik dieser Verurteilung sind diese sexuellen Handlungsweisen als sündhaft anzusehen und potentiell mit der Bedrohung der christlichen Heilszusage und des Gnadenstandes verbunden.“

Sprich: Es stellt sich gar nicht die Frage, ob Gott hier vielleicht irgendwas zu verurteilen haben könnte, nein; alle Warnungen, die andere Christen aussprechen, sind eigenmächtige Drohungen, hinter denen keine Realität steht. Die Synodalen sind eigentlich funktionale Atheisten, oder besser gesagt Götzendiener. Ihr Gott befindet sich letztlich in ihrem Gehirn und tut und denkt genau das, was sie wollen.

Es wird sodann gesagt, die kirchliche Lehre sei nicht „nachvollziehbar“ – als ob der Durchschnittsmensch je die Begründungen dafür gehört hätte – und „Erkenntnisse der Human- und Sozialwissenschaften“ werden erwähnt – welche das sein sollen, bleibt offen.

Sexualmoral wird als „Kontrolle“ bezeichnet:

„Die kirchliche Sexualmoral wird in der Wahrnehmung vieler Gläubiger als Instrument eingesetzt, um subtile oder offensichtliche Macht über die Lebensführung von Menschen ausüben zu können. Subtil verläuft die Macht, wenn sie etwa über die Fokussierung der Beichte auf das Sexualleben erheblichen Druck auf die Beichtenden ausübt und ein lehramtskonformes Sexualleben gleichsam zum Schlüssel der Erfahrung sakramentlicher Vergebung und Versöhnung stilisiert.“

Blöde Frage, aber: Was genau für eine Macht hat mein Beichtvater über mich dadurch, dass ich zum Beispiel schmutzige Fantasien meide? Als eine, die, im Gegensatz zu den Synodalen vermutlich, regelmäßig beichtet, habe ich übrigens noch bei keinem Priester irgendwelche unschicklichen Fragen zum Thema „Sexualmoral“ erlebt.

„Offensichtliche Macht wird ausgeübt, wenn von kirchlichen Dienstnehmer:innen die Einhaltung der Sexualmoral als Lackmustest für ihre Loyalität zum kirchlichen Dienstgeber gewichtet und ihre gravierende Verletzung mit schweren Sanktionen bis hin zur Kündigung des Dienstverhältnisses geahndet wird.“

Denn die Kirche kann natürlich nicht von einer Pastoralreferentin oder einem Religionslehrer verlangen, dass sie das vorleben, was sie anderen im Auftrag der Kirche beibringen sollen, wofür sie sie bezahlt wrden.

Um noch so zu tun, als würden sie der kirchlichen Lehre wenigstens für „früher“ eine gewisse Berechtigung zugestehen, schreiben sie dann:

„Menschheitsgeschichtlich war und ist die Ehe eine überlebenswichtige Institution: Sie regelte die Zugehörigkeit zu einer Familie und damit elementare Versorgungsansprüche und Versorgungspflichten. Darin lag und liegt die Bedeutsamkeit eindeutig zuordenbarer Kinder. Der Einbruch in solche elementaren Solidarbeziehungen durch die außereheliche Zeugung hätte erhebliche Konsequenzen. Schon von daher muss das strikte Verbot des Ehebruches eine Grundnorm einer Gemeinschaft sein, die ein auskömmliches und verlässliches Leben ihrer Mitglieder absichern will. In diesem Sinne sind nicht nur das grundsätzliche Verbot des Ehebruchs im Dekalog (Ex 20,14; Dtn 5,18), sondern auch die zahllosen biblischen Verurteilungen von Unzucht und ähnlichem aus der besonderen Bedeutung der Ehe unmittelbar einsichtig.“

Hier fragt man sich doch, ob diese Leute jemals irgendwelche normalen Menschen kennengelernt haben. Ich wage zu behaupten, dass auch heutige Männer nicht gerne ein Kuckuckskind untergejubelt bekommen, und zwar nicht vor allem, weil sie pragmatischerweise genau wissen wollen, für wessen Unterhalt sie verantwortlich sind. Wie kann man in Ehebruch nicht einen absolut grundsätzlichen Vertrauensbruch sehen?

Übrigens ist die katholische Sexualmoral auch heute eigentlich noch lebenswichtig für die Menschheit. Man sieht ja, was für soziale Probleme auf eine Gesellschaft zukommen, wenn keiner mehr Kinder kriegt. Wenn die Rentner heute schon Flaschen sammeln, was machen sie dann erst in dreißig Jahren?

„So wird verständlich, dass sich in der biblischen Tradition nur wenige ausdrückliche Aussagen zu konkreten sexuellen Handlungen finden. Das gilt gerade auch für Jesus Christus. Er sieht sich voll und ganz in der Tradition seiner jüdischen Glaubensgemeinschaft, die sich deutlich gegen andere altorientalische Fruchtbarkeitskulte mit ihrer teilweisen Vergötterung der Sexualität absetzt.“

Es ist zwar schön, dass man eine halbherzige Verurteilung der Tempelprostitution noch schafft, aber es könnte auch bekannt sein, dass Jesus zur Tempelprostitution nie ein ausdrückliches Wort gesagt hat, aber sehr wohl ganz ausdrücklich Unzucht und Ehebruch beide unter die schweren Sünden zählt (Mk 7,21f.) schon Gedankensünden gegen die Ehe verurteilt (Mt 5,27-30), und dass es ihm wohl kaum um reinen Pragmatismus ging, wenn er das pragmatische Gesetz des Mose verschärfte und Scheidung mit Wiederheirat für grundsätzlich falsch erklärte (Mk 10,2-12; Mt 5,31f.; Mt 19,3-12).

Sie versuchen sich anschließend an Gelaber über die Gottebenbildlichkeit des Menschen und die Arten der Liebe, das wohl schön hochgestochen-theologisch klingen soll und in dem auch ein paar altgriechische Begriffe untergebracht werden. „Ihrer Würde entspricht es, auch in der sexuellen Kommunikation einen voll-personalen Selbstausdruck zu vollziehen und den der anderen Person empfangen zu können. Es begegnen sich nie nur Leiber oder Seelen. Sondern ein leibseelisches Ich und ein leibseelisches Du zeigen einander, wie sehr sie je mit und für die andere Person da sein wollen.“ Usw. Natürlich könnte man auch aus solchem umständlichen Gelaber die korrekte Moral ableiten, aber das will man ja nicht; man braucht es einfach als Ablenkungsmanöver.

Dann geht es an den Teil mit den eigentlichen Voten. Das erste Thema lautet „Sexualität als Geschenk und als Gestaltungsauftrag Gottes“, und erst einmal kommt wieder viel Gelaber über Freiheit, die nicht beliebig sei, usw., und man ahnt, wo die Reise hingeht: „Die Gebote Gottes sind nicht beliebig – für keinen Lebensbereich -, auch nicht für die lebensdienliche und darin Gott gefällige Gestaltung menschlicher Sexualität. Das je konkret zu erkennen und in die Erfordernisse der persönlichen Lebensgestaltung zu übersetzen, bedarf es aber der höchstpersönlichen Einsicht. […] In unserer Kirche
werden freilich die Akzente, worin diese verantwortliche Freiheit von Christ*innen konkret be-
steht, unterschiedlich gesetzt.“

Votum 1 lautet dann im Endeffekt:

„Wir verstehen menschliche Sexualität als von Gott geschenkte, grundsätzlich positive Lebenskraft. Sie ist wesentlicher Teil der personalen Identität jedes Menschen und seiner Lebensgestaltung. Die Frohe Botschaft Gottes umfasst das ganze Menschsein. Deshalb ist auch die Sexualität von ihrer Verheißung erfasst. Wir wollen daher alle Getauften und Gefirmten ermutigen, die Gestaltung ihrer Sexualität aus dem neuen Sein in Christus (vgl. 2 Kor 5,17) zu leben. Das kann – je nach Lebensstand und Lebensphase – Unterschiedliches bedeuten: Zölibatär oder allein lebende Menschen werden ihre Sexualität legitimer Weise anders gestalten als Jugendliche, homosexuelle Paare oder Eheleute. Die verantwortungsvolle Gestaltung ist Ausdruck menschlicher Freiheit und wichtiger Teil der personalen Identität. Sie mindert die Gefahr von Missbrauch und Gewalt, vor der gerade auch die Gestaltung menschlicher Sexualität steht. Für alle Sexualität gilt: Sie muss immer die Würde der betroffenen Personen als Ausdruck der Ebenbildlichkeit Gottes achten. Zur Würde gehört das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Sie zu unterstützen und in ihrer Bindung an das moralisch Gute zu stärken gehört ebenso zum Grundauftrag der Kirche wie die Achtung der sexuellen Identität – unabhängig des Alters oder der jeweiligen sexuellen Orientierung.“

Mit anderen Worten: Langwieriges Gerede um ein „ich will das aber anders“ zu verpacken.

Im nächsten Votum geht es um „geschlechtliche Identität“ und „sexuelle Orientierung“:

„Jede personale Identität ist in Entwicklung. Auch die Sexualität entwickelt sich über die Lebensspanne hinweg. Unverzichtbares Gestaltungsprinzip von Sexualität ist die wechselseitige, liebende Achtung der Würde des Gegenübers wie der Würde der eigenen Person. Eine solche Achtung gilt es auch jeder Form geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung entgegenzubringen. Sowohl sexuelle Orientierung als auch geschlechtliche Identität sind das Ergebnis eines höchstpersönlichen Wachstumsprozesses, den festzustellen der betreffenden Person obliegt. Deshalb verbietet sich alle Formen von Diskriminierung und Forderungen ihrer nicht medizinisch indizierten Manipulation, z.B. durch Konversionstherapien.“

Mit anderen Worten: Du darfst jede „sexuelle Identität“ haben; aber wenn du sie wieder ändern willst, hast du Pech gehabt.

Votum 3 zum Thema „Die Vielseitigkeit menschlicher Sexualität ernstnehmen“ lautet dann:

„Sexualität gehört zu den leiblichen und geistigen Sprachen des Menschen. Sie macht Liebe und Zuneigung mit ihren unterschiedlichen Gestalten des leiblichen Berührens und sinnlichen Spürens konkret erfahrbar und weist nicht selten über sich hinaus auf das Transzendente und Göttliche menschlicher Existenz. Sie ist vielstimmig: Sie umfasst die lustvolle Erfahrung der eigenen wie der anderen Person, ist Quelle neuen Lebens sowie Ausdruck vertrauensvoller Beziehungen, die Freude am Anderen und Geborgenheit vermitteln. Genitale Sexualität ist eine sehr wichtige, keinesfalls aber die einzige Gestalt sexueller Berührung. Auch das Umarmen, das Küssen, das Streicheln, das Liebkosen oder die erregende Zärtlichkeit angenehmer Berührungen sind wichtige Ausdrucksformen menschlicher Sexualität. Alle Ausdrucksformen und Dimensionen prägen die Identität jedes Menschen mit.“

Wie man halt so drum herum redet, wenn man Blowjobs und Selbstbefriedigung rechtfertigen will.

Als nächstes geht es darum, dass Fruchtbarkeit nicht nur biologisch sei, sondern sich auch in anderem zeige, und es geht darum, wieso nicht nur NFP (jetzt wird NFP schließlich erwähnt), sondern auch Pille etc. zu rechtfertigen seien:

„Dem wird entgegengehalten, dass die Sexualisierung in manchen Teilen der Gesellschaft kaum auf die Entkopplung von Fruchtbarkeit und Geschlechtsakt zurückgeführt werden können. Diese hätten vielmehr ihre Wurzeln in einer sozial-ökonomischen Fehlentwicklung, die selbst den Menschen zur Ware macht. Gerade die Verpflichtung auf sogenannte natürliche Methoden der Verhütung könne die Zahl ungewollter Schwangerschaften und damit das Risiko der Tötung menschlichen Lebens durch Schwangerschaftsabbruch dramatisch in die Höhe treiben.“

Mit anderen Worten, sexuelle Objektivierung liegt in Wahrheit am Kapitalismus, und brave katholische Paare treiben ja sicher ständig ihre Kinder ab, wenn NFP mal nicht funktioniert, was Paare, die sich auf die Pille verlassen, nie tun. Angesichts dieser Chuzpe weiß man nicht mehr so ganz, was man noch sagen soll.

Als nächstes wird behauptet „Das Untrennbarkeitsdiktum hat sich in der Lehre der katholischen Kirche erstmals in der Enzyklika Humanae vitae (1968) geltend gemacht“ – mit anderen Worten, es wird offen gelogen, als ob es keine vorherigen Verurteilungen von Kondomen und coitus interruptus gegeben hätte. Votum 4 lautet am Ende:

„Sexualität ist in vielfacher Hinsicht eine lebensspendende Kraft. Ein besonderer Aspekt dieser Fruchtbarkeit ist die Zeugung neuen Lebens. Die Fruchtbarkeit menschlicher Sexualität besitzt immer auch eine soziale Dimension. Sie konkretisiert ihre Offenheit für neues Leben in der Übernahme von persönlicher Verantwortung für die Erziehung und Förderung aufwachsender junger Menschen. Zweifellos besitzen auch gleichgeschlechtliche und weitere Paare, die zwar kein neues Leben zeugen können, aber Kinder aufziehen, das Potenzial für ein Leben, das auch in dieser Hinsicht fruchtbar ist. Auch zölibatär lebende oder alleinstehende Personen verfügen grundsätzlich über dieses Potential.
Die christlich gelebte Ehe ist ein angemessener, ja bevorzugter Ort, alle Dimensionen der Fruchtbarkeit zu integrieren. Sie selbst schöpft aus der Offenheit für diese Fruchtbarkeit. Das bedeutet aber nicht, dass ausnahmelos jede geschlechtliche Vereinigung diese Offenheit biologisch realisieren muss. Die Eheleute selbst stehen vor der Aufgabe, die grundsätzliche Offenheit in ihre verantwortete Elternschaft gewissenhaft zu integrieren.“

Jetzt sagt halt einfach, wir wollen Kondome.

Thema Nr. 5 hat als Überschrift „Die Fruchtbarkeit homosexueller Partnerschaften“. Der kirchlichen Lehre gegenüber „wird geltend gemacht, dass sich die ‚natürliche Finalität‘ menschlicher Sexualität nicht in der biologischen Zeugung neuen Lebens erschöpfe, sondern gerade in der leiblichen Ausdruckhandlung personaler Liebe bestehe“. Wie sagt man es am besten: Nicht alles, was Menschen aus Triebhaftigkeit heraus tun, hängt auch mit Liebe zusammen, und nicht jede Weise, wie Menschen ihre Geschlechtsorgane irgendwohin stecken, ist Ausdruckshandlung von Liebe.

„Zudem stelle sich die Frage, welche sexuellen Ausdrucksformen homosexueller Liebe unter das Verdikt des ‚objektiv ungeordnet‘ fallen (nur genitale oder auch alle anderen Sprachformen) und ob man ernstlich das Einfrieren eines zentralen Identitätsmerkmals einer Person fordern könne, nur weil sie bestimmte normativen Erwartungen nicht erfülle, ohne dabei sich oder eine andere Person zu schädigen.“ Die Frage ist ganz einfach zu beantworten: Ja, auch das homosexuelle Verliebtsein ist ungeordnet, weil Verliebtsein auf die Ehe vorbereiten soll; die tiefe, freundschaftliche, geordnete Liebe, die es auch zwischen zwei Männern geben kann, ist von vollkommen anderer Art.

Die Synodalen verweisen auf die Unterscheidung zwischen Neigung und Handlung durch das Lehramt und schreiben dann: „Andere hingegen werten die Unterscheidung zwischen Veranlagung und Handlung als eine unzulässige Spaltung der betreffenden Person und verweisen auf die große Bedeutung gelebter Sexualität für die meisten Menschen, die keinesfalls per se diskreditiert und unterbunden werden dürfe.“ Mit anderen Worten: Ohne Sex fällt man quasi tot um. Dementsprechend dürfte man auch Leuten, die sich in verheiratete Menschen vergucken, nicht das Ausleben ihrer Liebe verbieten, und Leuten, die sich in ihre Schwestern vergucken, nicht den Inzest. Das ist gar nicht so hypothetisch; den meisten Leuten fällt es inzwischen tatsächlich schwer, ihre instinktive Ablehnung von Inzest theoretisch zu begründen, denn wenn das beide Seiten so wollen und sich lieben… Aber Inzest zerstört gesunde Familienverhältnisse, wie Homosexualität das gesunde Verhältnis zum eigenen und anderen Geschlecht zerstört.

Am Ende versucht man es noch mit einer scheinheiligen Geste in Richtung der Konservativen: „Der Respekt gebührt freilich auch jenen Menschen, die gleichgeschlechtlich empfinden, die zugleich aber nach der kirchlichen Lehre leben wollen und ebenfalls Begleitung durch die Kirche wünschen. Eine solche Begleitung soll gewährt werden. Sie zielt nicht auf therapeutische Konversion, sondern auf Akzeptanz einer selbstbestimmten Lebensentscheidung des geistlich begleiteten Menschen. Die seelsorgliche Begleitung von homosexuellen Gläubigen soll grundsätzlich auf die positive Integration der sexuellen Orientierung in die Person abzielen und nicht das Verdrängen oder Unterdrücken der sexuellen Orientierung fördern. Der Verzicht auf bestimmte Formen sexueller Praxis kann bei Menschen aller sexuellen Orientierungen Ausdruck einer bewusst entschiedenen zölibatären Lebensform sein – unabhängig von den unterschiedlichen Motiven, die zu dieser Entscheidung führen oder sie erforderlich machen. Als christlicher Lebensentwurf beinhaltet Enthaltsamkeit notwendig das Moment der Freiheit.“

Mit anderen Worten: Wenn irgendwelche Schwulen jetzt unbedingt zölibatär leben wollen, wollen wir ihnen das ja gar nicht verbieten – sie sollen aber bitte nichts versuchen, was ihre Neigung ändern würde, und auf keinen Fall so ganz auf Sexualität verzichten („Verdrängung“); ein bisschen muss man sich schon noch über solche Neigungen definieren, auch wenn man die Imitation des Geschlechtsakts nicht vollzieht. (Kurze Anmerkung zu Konversionstherapien: Solche Therapien haben offenbar, wo das probiert wird, sehr unterschiedliche Erfolge, und können manchen – je nach Ursache der Neigung – sehr wohl helfen. Allerdings lässt sich wohl nicht viel Sicheres dazu sagen, weil ja jede ergebnisoffene Forschung in dieser Richtung ein absolutes Tabu ist. Nun sind solche Therapien nicht nötig, um als homosexueller Katholik lehramtstreu zu leben, man kann auch mit ungeänderter Neigung enthaltsam leben; aber es ist grausam, schon den Versuch verbieten zu wollen, wenn solche Therapien manchen homosexuellen Katholiken den Weg zu einer glücklichen heterosexuellen Ehe bahnen könnten.)

Votum 5 lautet am Ende:

„Die Grundsätze und Kriterien einer christlich gelebten Sexualität – Achtung der Selbstbestimmung und verantwortlich gelebte Sexualität sowie Treue, Dauerhaftigkeit, Ausschließlichkeit und Verantwortung füreinander in Beziehungen – gelten auch für homosexuelle Menschen. Homosexualität ist kein Ausschlusskriterium für den Zugang zu Weiheämtern. Ein prinzipieller Ausschluss zeugt von einer Defizitorientierung, die keinen sachlichen Anhalt hat. Sogenannte Konversionsbehandlungen und ähnliche Angebote, die auf die Desintegration der personalen Identität in Bezug auf die geschlechtliche Identität oder die sexuelle Orientierung abzielen und somit die Gesundheit und den Glauben von homosexuellen sowie transgeschlechtlichen Menschen gefährden, sind strikt abzulehnen und zu unterbinden.“

Man beachte auch die Wortwahl bzgl. der Kriterien: Dauerhaftigkeit wird noch genannt, Unauflöslichkeit nicht mehr. Ausschließlichkeit wird interessanterweise auch noch genannt; man fragt sich, wie sich wohl die Menschen, die Polyamorie betreiben, mit dieser Ausgrenzung fühlen?

Die Überschrift zu Thema Nr. 6 lautet „Sexuelle Lust in ihrer Schönheit lebensdienlich gestalten“, und ich glaube, man muss nicht so prüde sein, wie ich das bin, um ein bisschen peinlich berührt zu sein. Ich glaube, viele Menschen würden lieber alles mögliche andere tun, als Gremienkatholiken aus der Boomergeneration langatmig über Lust reden zu hören, als wären sie verhinderte Softpornoschreiber. Kostprobe gefällig?

„Lust lässt sich als sinnliche Antriebskraft menschlichen Lebens auffassen, die einerseits ein motivationsförderliches und darin lebenswichtiges Wohlgefühl stimuliert, sich andererseits nur bedingt bewusst gestalten und in ihrem innewohnenden, überschießenden Potential begrenzen lässt. […] Lust und mit ihr Sexualität werden weniger als triebgebundene Erregung wahrgenommen, deren überschießendes Potential durch Triebabfuhr entlastet werden müsste, sondern als Vollzug einer leiblich erfahrbaren Energie, die sich der Anziehungskraft des Eros verdankt und damit dem Wohlgefühl leiblich erspürter Nähe Ausdruck verschafft.“

Die Erotik ist bei diesen Herrschaften ja quasi mit Händen zu greifen.

Ein bisschen vorsichtig sind die Damen und Herren noch:

„Wie alle Sinngehalte menschlicher Sexualität ist auch die sexuelle Lust nicht frei von Ambivalenz. Sie kann durch das stimulierte erotische Wohlgefühl Anerkennung und Geborgenheit vermitteln. Sie kann zum bloßen Objekt eigener Lusterfahrung instrumentalisiert werden, etwa durch einen ungezügelten Konsum von Pornographie.“

Wer wird denn hier die Pornosüchtigen diskriminieren wollen? Ich meine, wenn man den Grundsätzen des Synodalen Weges folgen würde, müsste man es auch für zu verbietende Konversionstherapie halten, Pornosüchtigen zu helfen, damit aufzuhören.

Die Überschrift zu Punkt Numero 7 lautet dann „Sexualität als Beziehung zu sich selbst wie zu Anderen“, und man denkt sich schon: oh weia. Dementsprechend heißt es dann auch: „Wie jede Form sexueller Beziehung und Praxis ist auch die selbststimulierende Sexualität (Masturbation) ambivalent. Sie eröffnet einerseits die Möglichkeit, sich in der Leiblichkeit selbst zu entdecken, zu erleben und die Dimensionen der Sexualität von Lust, Identität und Transzendenz zu erfahren. Dieser Erfahrungsraum ist über die ganze Lebensspanne bedeutsam. Für den psychosexuellen Reifungsprozess ist er bei nahezu jedem Menschen eine wichtige graduelle Entwicklung. Selbststimulierende Sexualität ist keine Form reiner Selbstverliebtheit, sondern eine weitere wichtige Form menschlicher Sexualität neben zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist Aufgabe jeder Person, die lustvolle Selbstbezüglichkeit menschlicher Sexualität nie zu verabsolutieren. Sie ist aber Ausdruck menschlicher Sexualität noch diesseits von Paar-Beziehungen. […] Für alle Menschen kann die selbststimulierte lustvolle Erfahrung des eigenen Körpers ein wichtiger Baustein der Annahme ihrer selbst sein.“

Thema Nr. 8 nennt sich dann „Christlich gelebte Ehe und verbindliche Partnerschaften aus dem Zuspruch Gottes gestalten“. Nach dem üblichen einleitenden Gelaber kommt natürlich die Sprache auf die Wiederverheiratet-Geschiedenen, die man zur Kommunion zulassen solle. „Es stellt sich weiterhin die Frage, wie die Kirche Menschen in solchen neuen Partnerschaften, von denen sich viele aus ihrem Glauben heraus danach von Herzen sehnen, die barmherzige Zuwendung Gottes durch seinen Segen erfahrbar machen kann.“ Mit anderen Worten: Ob Gott selbst das segnen will, muss gar nicht mehr diskutiert werden; Er ist ein Automat, bei dem sich jeder seinen Segen abholen kann. Das gleiche natürlich in Bezug auf unverheiratete und homosexuelle Paare.

Dann kommt Thema Nr. 9, „Gewissenhafte Gestaltung eigener Sexualität inmitten der Gemeinschaft der Glaubenden“, wobei sich als allererstes auf die Königsteiner Erklärung berufen wird. Gewissensfreiheit und so. Das Gelaber erspare ich mal meinen Lesern. Nr. 10, „Zur Freiheit des Wagnisses unbedingter Liebe befreit“, redet von Brüchen, und Wagnissen, und noch mehr Schlagworten, und warnt vor einer sog. Idealisierung (die natürlich im Verlauf dieses Textes gar nirgends zu finden war).

Was sollen wir nun dazu sagen? Tja, manche Menschen können sehr viel labern, wenn sie ihre absolute Ablehnung der kirchlichen Lehre in kirchliche Begriffe kleiden wollen, um sich endlich bei der Welt beliebt zu machen, und mal erklären wollen, dass sie ja wohl gefälligst Sex haben und das schön finden, jawoll! Und in all dem Gelaber bringen sie kein einziges Argument dafür unter, was z. B. der Vorteil für manche dabei sein soll, schon vor der Ehe miteinander zu schlafen.

Letztlich zeigt ja schon ihr Symbol, wohin es geht: Weg vom Kreuz, weg von Jesus.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 10b: Das 4. Gebot – Bürger und Staat

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Nur zur Klarstellung: Das hier ist alles die grundsätzliche Theorie, um die Anwendung in der derzeitigen politischen Situation soll es überhaupt nicht gehen. Darüber schreibe ich schon bei anderen Gelegenheiten.

Unter dem 4. Gebot – „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – hat man im erweiterten Sinn auch die Pflichten in größeren Gesellschaften, v. a. dem Staat, zusammengefasst. In diesem Gebot geht es eigentlich darum, was es bedeutet, als Gemeinschaftswesen zu leben. Hier in Teil 10a habe ich schon darüber geschrieben, wieso Familie und Staat natürliche Gesellschaften sind, in denen es Autoritäten braucht, und worauf diese Gesellschaften ausgerichtet sind.

Der Staat ist, ebenso wie die Kirche und anders als die Familie, eine vollkommene/vollständige Gesellschaft – das heißt nicht fehlerlos, sondern ist ein Fachbegriff für eine souveräne Gesellschaft, die in sich alles hat, was sie zur Erreichung ihres Zwecks braucht (anders als die einzelne Familie, die selbst nicht für alles sorgen kann, was sie zu einem guten menschlichen Leben braucht, und daher ein Teil des Staates ist). Der Staat ist eine natürliche Gesellschaft, d. h. es ist natürlich und notwendig für Menschen, sich in Staaten zu organisieren. Er ist keine übernatürliche Gesellschaft wie die Kirche. Das heißt aber nicht, dass er Gott ganz ausklammern und sich nur für materielle Zweckmäßigkeit interessieren könnte. Die höchste natürliche Fähigkeit des Menschen ist die Vernunft, der höchste natürliche Zweck des menschlichen Lebens die natürliche Erkenntnis des Schöpfers, die Kontemplation seiner Herrlichkeit. Und auch Staaten – die ja nur Gemeinschaften von Menschen sind – haben wie die einzelnen Menschen die Pflicht, erstens durch die Vernunft Gott zu suchen und zweitens dann auch eine eventuelle Selbstoffenbarung Gottes anzuerkennen – was ja eigentlich nur heißt, dass der Staat sich in seinen Handlungen nach der Wirklichkeit richten soll und nicht nach irgendeiner falschen Idee, denn Ansichten über Gott und die Welt haben sehr reale Auswirkungen, nicht nur in der Ewigkeit, sondern auch irdisch. (Erlaubt man assistierten Suizid? Leihmutterschaft? Abtreibung? Etc.)

Ein Staat der noch nichts von dieser Offenbarung gehört hat, hätte also die Pflicht, sich nach der natürlichen Erkenntnis von Gott und dem Guten zu richten (wozu auch gehören würde, diejenigen monotheistischen Religionen zu fördern, die sich nicht gegen das Gute richten); ein Staat, der schon davon gehört hat, hätte die Pflicht, diese Offenbarung anzuerkennen und mit der von Gott eingerichteten übernatürlichen Gemeinschaft (also der katholischen Kirche) zusammenzuarbeiten und sie zu fördern, was in früheren Zeiten dadurch getan wurde, dass die katholische Religion Staatsreligion wurde und ihr solche Dinge wie die Zuständigkeit für das Eherecht der im Staat lebenden Katholiken überlassen wurden, die Staatsoberhäupter den Staat unter den Schutz Gottes gestellt haben und bei ihren Handlungen (zumindest theoretisch) darauf geschaut haben, was an natürlichen Mitteln den Menschen am besten hilft, ihr übernatürliches Ziel, d. h. ihr Seelenheil, zu erreichen. Der Staat ist für die natürlichen Dinge verantwortlich, und sollte sie mit Blick auf die übernatürlichen regeln. Und auch wenn man andere Religionsgemeinschaften natürlich tolerieren kann: Eigentlich sollte jeder Staat ein katholischer Staat sein. (Das kann radikal klingen, ist aber so banal, wie wenn z. B. Feministen wollen, dass jeder Staat sich nach feministischen Grundsätzen richtet.)

(Gott hat es konkret so einrichten wollen, dass zeitliche und geistliche Herrschaft getrennt sind; das hat auch Vorteile, weil im gefallenen Zustand der Menschheit einer Person zu viel Macht nicht guttut. Das heißt aber nicht, dass es zwangsläufig so hätte sein müssen und eine Gemeinschaft, die gleichzeitig Staat und Kirche wäre, in sich ungerecht gewesen wäre. Aber so hat es Gott nicht einrichten wollen, und auch Fürstbistümer o. Ä., in denen eine Person die zwei unterschiedlichen Gewalten in sich vereint, sollten eher Ausnahmefälle bleiben. Auf jeden Fall müssen aber auch die, die für die natürlichen Dinge wie Krankenversorgung, Infrastruktur oder öffentliche Sicherheit und Ordnung zuständig sind, dabei daran denken, nichts zu tun, was dem übernatürlichen Ziel der Menschen schadet.)

Eine Gemeinschaft ist ausgerichtet auf ein Gemeinwohl, ein Gemeingut (bonum communae), an dem alle teilhaben können, ohne dass es dadurch verringert wird. Das extrinsische Gemeingut ist der außerhalb der Gemeinschaft liegende Endzweck, das, wofür man in Gemeinschaft lebt, und das ist hier nicht nur das Überleben (das zwar auch), für das man zusammenarbeitet, sondern das gute menschliche Leben (im Endeffekt das Wahre, Gute, Schöne und damit Gott, in dem auch das Glück jedes einzelnen besteht). (Bei einem „Verein zur Erhaltung der Eichenallee“ wäre das extrinsische Gemeingut die Erhaltung der Eichenallee.) Das intrinsische Gemeingut einer Gemeinschaft ist der Frieden, die Freundschaft, die Gerechtigkeit, die Ordnung unter ihren Gliedern.

Das richtig verstandene Gemeinwohl steht daher nicht dem Privatwohl entgegen, denn das Gemeinwohl ist wirklich das, von dem alle am Ende am meisten haben, auch wenn einzelne Opfer gebracht werden müssen. Der Staat ist für die Menschen da, nicht der Mensch für den Staat; aber der Mensch ist eben als Gemeinschaftswesen auf dieses Gemeinwohl ausgerichtet; es ist etwas Gutes für jeden einzelnen, Teil einer guten Gemeinschaft zu sein, und das auch, wenn er in einer Extremsituation am Ende sogar sein Leben für diese Gemeinschaft opfern muss (z. B. in einem Verteidigungskrieg). Man dürfte nicht die unveräußerlichen/unbedingten Rechte eines einzelnen Menschen opfern, um einer größeren Zahl anderer Menschen zu nützen; damit würde man etwas Falsches tun, was übrigens somit auch wieder dem Wohl aller schaden würde; aber einige Rechte sind nicht bedingungslos und müssen manchmal dem Gemeinwohl untergeordnet werden. Freilich muss das in gerecht aufgeteilter Weise geschehen.

(Gemeinsam genutzte materielle Güter wie z. B. Straßen, Schulen, Parks sind übrigens kein Gemeingut im strengen Sinn, sondern eher geteilte Privatgüter.)

Generell steht die Kirche über dem Staat, weil das Übernatürliche über dem Natürlichen steht, wie die Seele über dem Körper steht. Das heißt allerdings nicht, dass der Staat nicht mehr eigenständig wäre und nicht mehr in seinem Zuständigkeitsbereich selbst entscheiden könnte (er sollte freilich, wie gesagt, dabei die übernatürlichen Ziele der natürlichen Dinge beachten). Päpste und Bischöfe haben keine spezielle Kompetenz von Gott in politischen Sachfragen erhalten. Die Kirche hat allerdings z. B. das Recht, katholische Politiker zu exkommunizieren, die für ein gravierend falsches Gesetz stimmen (z. B. eins das Abtreibungen erlaubt) – weil sie dieses Recht ja gegenüber allen Katholiken hat. Von den großen Theologen im Lauf der Kirchengeschichte wurde aber auch generell gesagt, dass der Papst innerhalb der Christenheit, d. h. bei offiziell ihrer Verfassung nach christlichen Staaten, in Notfällen das Recht hat, tyrannische Staatsoberhäupter abzusetzen oder schwerwiegend ungerechte Gesetze für null und nichtig zu erklären – aber diese Frage ist gerade nicht besonders relevant, da die Christenheit leider schlicht nicht mehr existiert. Auch innerhalb der Christenheit dürfte ein Papst nicht die Tagespolitik diktieren und nicht in minder schweren Fällen eingreifen.

Ähnliches wie für Staat und Kirche gilt für Staat und Familie oder Kirche und Familie; auch die Familie als natürliche Gesellschaft hat ihre Rechte gegenüber Staat und Kirche (z. B. darf man ihr nicht ohne Grund die Kinder wegnehmen oder die genaue Art der Erziehung diktieren). Auch Individuen haben noch ihre Rechte gegenüber all diesen Gemeinschaften. Die verschiedenen Einheiten innerhalb der Menschheit heben sich gegenseitig nicht auf.

Nichtkatholische Staaten sind nicht ideal, aber verlieren deswegen nicht ihre Legitimität, ebenso wie nichtkatholische Familien, die ja auch das Recht haben, ihre Kinder zu erziehen usw. Katholiken können auch in nichtkatholischen Staaten, bei denen es nicht abzusehen ist, dass man bald die Mehrheit ihrer Bürger bekehren kann, an der Staatsgewalt Anteil haben und dem Gemeinwohl dienen. Ein Eid auf eine Verfassung ist in dem Fall natürlich ebenso erlaubt – hier verpflichtet man sich ja einfach zur Achtung dieser Verfassung (was gut ist) und erklärt nicht, dass man sie für die uneingeschränkt beste Verfassung aller Zeiten hält. (Soweit man nicht von Staaten ausgeht, die grundfalsche Verfassungen haben, die man auch nicht als geringeres Übel o. Ä. akzeptieren könnte, oder die von einem verlangen, sich zu einer falschen Weltanschauung zu bekennen. Wenn es z. B. im alten Rom Teil der Verantwortung eines Regierungsbeamten war, heidnische Opfer darzubringen, konnte ein Christ zumindest dieses spezielle Amt nicht guten Gewissens ausüben.)

Es gibt kein natürliches Recht darauf, nur von Staatsoberhäuptern regiert zu werden, die man sich selbst ausgesucht hat. Genau genommen ließe sich das in der Praxis gar nicht durchsetzen; und Gott verlangt nichts, was man unmöglich erfüllen kann, sodass man quasi notwendig sündigen müsste. (Selbst in einer Demokratie, in der alle Amtsinhaber direkt gewählt werden, muss sich die Minderheit der Mehrheit beugen, statt dass jeder das von ihm gewünschte Staatsoberhaupt bekommt, und die Kandidaten hat man sich auch nicht ausgesucht, außerdem handeln sie nach der Wahl oft genug gegen den Willen des Volkes.) Dass es einen Staat gibt, kommt vom göttlichen Gesetz, von der Art und Weise, wie Gott die Welt eingerichtet hat, nicht von den Menschen selbst, als ob sie ganz ohne Staat hätten leben können, und mehrere Arten von Verfassungen sind gut, solange sie dem Gemeinwohl dienen.

Wenn man in der Menschheitsgeschichte weit zurückgeht, kann man sagen, dass Staaten aus Zusammenschlüssen von Familien/Sippen entstanden sein müssen, die bestimmt haben, welche „Verfassung“ für sie und ihre Nachkommen gelten soll, aber in diesem Zustand, in dem man sich erst zusammenschließen muss, sind wir nicht mehr. Theologen wie Bellarmin und Suarez haben es etwa so formuliert: An sich sind Menschen frei und keiner darf über einen anderen regieren (auch nicht die Mehrheit über eine Minderheit); Gott hat aber diese Macht zu regieren den Menschen gegeben, weil sie in einer Gemeinschat leben sollten, und die Menschen, die sich erstmals zu einer solchen Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, haben diese Macht auf einen bestimmten Inhaber übertragen, sich eine bestimmte Form der Verfassung gegeben. Der Zusammenschluss an sich war naturnotwendig, die genaue Weise nicht. (Es gibt auch noch die andere Theorie, dass nicht nur durch die ausdrückliche oder stillschweigende Übereinstimmung der ersten Menschen, die sich zusammenschlossen, sondern auch dadurch, dass jemand fähig war, die Macht gut auszuüben, und sie praktisch immer mehr innehatte (z. B. der Anführer eines Klans), Gott ihm auch die Autorität dazu übertragen haben könnte, ohne den Umweg über die Zustimmung der großen Masse.)

Wichtig ist, dass das Staatsoberhaupt (und die Inhaber anderer Ämter) auf geregelte Weise bestimmt wird; verschiedene Formen von Monarchie (Herrschaft eines einzelnen), Aristokratie (Herrschaft einer Gruppe) und Demokratie (Herrschaft des Volkes) sind legitim, genauso wie Mischformen. Tatsächlich wurde traditionell eine Mischform als am geeignetsten gesehen, wobei der Monarch sowohl ein Erb- als auch ein Wahlmonarch sein kann, die Aristokratie sowohl ein Erbadel als auch eine auf andere Weise bestimmte Elite. (Siehe Teil 10a für genauere Erklärungen.) Von jeder dieser möglichen Formen gibt es auch eine pervertierte Form, die nicht legitim wäre und in der nur auf das Privatwohl statt auf das Gemeinwohl geschaut würde; das wären die Tyrannei, die Oligarchie und die Herrschaft des Mobs.

Usurpatoren, d. h. einzelne oder Gruppen, die entgegen der geregelten Ordnung widerrechtlich die Macht übernehmen (durch Putsch, Wahlfälschung, Königsmord o. Ä.), erlangen dadurch nicht das Recht zur Herrschaft, und solange es möglich ist, darf man sie bekämpfen.

„Derjenige, dem die Macht geraubt wurde, verliert dadurch nicht seine Autorität, d. h. sein Recht zu regieren. Er kann sie verlieren, indem er öffentlich darauf verzichtet, ausdrücklich oder implizit, denn da er sie unter der Bedingung hat, für das Wohl seiner Untergebenen zu regieren, hat er sie aus freiem Willen und hat daher die Möglichkeit zum Rücktritt. Wenn er seine Autorität nicht in dieser Weise aufgibt, darf er versuchen, dem Usurpator die Macht wieder zu entreißen, solange das Übel eines solchen Konflikts aufgewogen wird von dem Guten, das durch den Erfolg erreicht werden kann, was von der Überlegenheit seiner Prinzipien über die des Usurpators, und der Zahl, Stärke und Macht der Untergegebenen, die ihn willkommen heißen würden, abhängt. Wenn er allerdings sieht, dass das Übel des Konflikts das Gute überwiegen würde, und das, aller Wahrscheinlichkeit nach, ob der Versuch jetzt unternommen würde oder später von denen, die seine legitimen Nachfolger gewesen wären, zum Beispiel weil der überwiegende Teil des Volkes den Usurpator willig akzeptiert hat, dann sollte er seinen Anspruch aufgeben, denn wenn er weiterhin beabsichtigen würde, seine Macht wiederzugewinnen, hätte er nicht mehr das allgemeine Wohl des Volkes im Sinne, und würde daher selbst ein Tyrann werden. Wenn er sieht, dass das Gute des Konflikts wahrscheinlich irgendwann in der Zukunft das Übel aufwiegen wird, so wenn das Volk sich dem Usurpator nur widerwillig fügt, kann er seinen Anspruch aufrechterhalten und auf seinen Moment der Rückkehr warten. Die katholischen Familien Spaniens zum Beispiel, davon können wir ausgehen, akzeptierten die Usurpatoren nicht, als sie von den Mauren überrannt wurden; daher die Rechtmäßigkeit der Reconquista. Wenn er seinen Anspruch zurückzukehren nicht deutlich macht, wenn er das tun kann, kann man davon ausgehen, dass er auf sein Amt verzichtet hat.

Wenn nach einer Usurpation der rechtmäßige Herrscher auf sein Amt verzichtet hat, oder wenn es aufhört, wahrscheinlich zu sein, dass das Gute des Konflikts das Übel aufwiegen würde, besitzt der Usurpator nicht allein aufgrund dieser Tatsache das Recht, zu regieren, denn das würde aus Diebstahl einen Anspruch auf Eigentum machen. Eher hört die zeitliche Gesellschaft jetzt streng genommen auf, zu existieren, da sie ihr Oberhaupt verloren hat. Die Haushaltsoberhäupter, oder wenn sie nicht protestieren, wenn sie könnten, eine in ihrem Namen sprechende Körperschaft, kann daher diese Gesellschaft neu gründen, indem sie ihre Autorität verwenden, eine neue Verfassung zu etablieren. […]

Zuletzt, während der Usurpator de facto die Macht hat, obwohl er nicht das Recht besitzt, zu regieren, und die Leute vielleicht weder das Recht noch die Pflicht haben, seine Autorität anzuerkennen, können sie nichtsdestotrotz die Pflicht haben, individuellen Gesetzen oder Geboten, die er erlässt, zu gehorchen, zum Beispiel einem Gebot, wie man sich im Fall irgendeiner Naturkatastrophe zu verhalten hat, wo jemand die Führung übernehmen muss, und niemand außer ihm in der direkten Position ist, das zu tun.“ (Thomas Crean und Alan Fimister, Integralism. A manual of political philosophy, editiones scholasticae 2020, S. 99f. Meine Übersetzung.)

(Auch hier, wenn, wie im Urzustand der Menschheit, kein legitimes Staatsoberhaupt existiert, stellt sich die Frage, ob nur durch die ausdrückliche oder stillschweigende Übereinkunft des Volkes oder auch aufgrund der Umstände ein neuer Herrscher bestimmt werden kann, den man dann als von Gott bestätigt sehen kann.)

Im äußersten Notfall, wenn ein Staatsoberhaupt immer wieder zeigt, dass es nicht gewillt ist, für das Gemeinwohl zu handeln, wäre es erlaubt, auch dieses früher legitime, jetzt illegitime Staatsoberhaupt abzusetzen und die Staatsverfassung zu ändern (ähnlich wie es erlaubt wäre, im äußersten Notfall Kinder aus ihrer Familie zu holen und zu Pflegeeltern zu geben, oder als Kind selbst wegzulaufen und sich bei Verwandten zu verstecken), was am besten durch die nächstrangige nichttyrannische Institution in der Gesellschaft geschehen sollte. Voraussetzung ist allerdings wieder, dass ein solcher Putsch nicht voraussichtlich zu noch größeren Übeln führen wird, was im Lauf der Geschichte häufig der Fall war. Ein Beispiel für einen legitimen Putschversuch wäre z. B. der der Gruppe um Stauffenberg, ein Beispiel für einen offensichtlich illegitimen die Französische Revolution (genauer: die Gründung der Ersten Republik 1792 und der Königsmord 1793). Generell: Putsche und Bürgerkriege sind große Übel und bringen viele Risiken mit sich, die wirklich nur in Extremsituationen in Kauf genommen werden können.

In solchen Fällen ist auch eine Intervention von außen durch einen anderen Staat erlaubt.

Wenn man unter einer Diktatur lebt, gibt es aber keine generelle moralische Pflicht zum aktiven Widerstand, bewaffnet oder nicht. Sich durchzuwursteln, ohne sich selber direkt am Bösen zu beteiligen, ist moralisch in Ordnung, auch wenn Widerstand heldenhafter wäre, und manchmal das einzig Sinnvolle.

Gewaltsame Rebellionen, illegale Verschwörungen und humanitäre Interventionen sind also wirklich nur im Notfall, und wenn sie nicht für noch schlimmere Verhältnisse sorgen, erlaubt. Eine Änderung der Staatsverfassung mit Zustimmung der Autorität wäre wieder etwas anderes, also wenn z. B. die Regierung zustimmt, über eine neue Verfassung oder die Abspaltung oder weitgehende Autonomie eines Landesteils abstimmen zu lassen. Solche Änderungen anzustreben, sofern sie an sich vernünftig und gut sind, dürfte m. E. nicht verwerflich sein, solange man damit nicht auch totalen Unfrieden im Land stiftet.

Gegenüber ungerechten Rebellionen, Putschversuchen, Terrorismus hat ein Staat natürlich das Recht und die Pflicht, sie zu bekämpfen und so schnell wie möglich die Ordnung wiederherzustellen. Das ist auch dann der Fall, wenn kleinere oder gelegentliche Machtmissbräuche den Terrorismus oder Putschversuch provoziert haben; denn so etwas kommt überall vor, und der öffentliche Friede und die Sicherheit all der anderen nicht-terroristischen Bürger gehen vor.

Die ganze Menschheit hat unter sich eine gewisse Einheit (gleiche Natur, gleiche Abstammung von Adam) und ein gemeinsames Ziel (Gott). Gegenüber anderen Staaten hat ein Staat die Pflicht, das Völkerrecht zu beachten (sowohl das gewohnheitsrechtliche Völkerrecht als auch die konkreten Verträge). Außerdem haben reiche Staaten gegenüber armen Staaten vergleichbare Pflichten wie reiche Personen gegenüber armen Personen, d. h. sie müssen nicht gerade zwangsläufig die Hälfte ihres Besitzes abgeben, aber sehr wohl in gewissem Maß helfen. Flüchtlingen in schwerer Not (Lebensgefahr, persönliche Verfolgung) beispielsweise muss man helfen; ein allgemeines Recht auf Migration gibt es allerdings nicht, da ein Staat hier auch darauf sehen muss, was dem Wohl seiner Bürger dient oder schadet, und Migranten haben Pflichten gegenüber dem sie aufnehmenden Staat.

Krieg zu führen ist erlaubt, wenn einem Unrecht mit friedlichen, diplomatischen Mitteln nicht abgeholfen werden kann und folgende Bedingungen erfüllt sind: rechte Absicht (also z. B. nur einen Angriff abzuwehren oder ihm zuvorzukommen, nicht aber, das andere Volk dann auch noch auszurotten oder ihm seinen Besitz zu rauben), Kriegserklärung durch die legitime Autorität, gerechter Grund (z. B. ein Angriff des anderen Staates) und gerechte Kriegsführung (keine gezielten Angriffe auf Zivilisten, keine Misshandlung von Kriegsgefangenen o. Ä.). Ein Krieg ist auch dann erlaubt, wenn man nicht viel Aussicht auf Erfolg hat, wenn es darum geht, ein extrem schwerwiegendes Unrecht abzuwehren oder zumindest abzuschwächen.

Der Staat hat das Recht, Gesetze zu erlassen, die dann unter Sünde verpflichten, d. h. es wäre eine Sünde, ihm (in gerechten Dingen) nicht zu gehorchen. Moraltheologen unterschieden manchmal zwischen Gesetzen, bei denen der Gesetzgeber im Gewissen verpflichten will, damit man das Gewünschte auch wirklich tut, und bloßen Pönalgesetzen, bei denen er nur zur Übernahme der Strafe verpflichten will. Um den Unterschied ein bisschen näherzubringen: Wenn der Gesetzgeber sagt, man soll Diebstahl unterlassen, will er einen wirklich im Gewissen verpflichten, Diebstahl zu unterlassen; ein Dieb, der später seine Strafe akzeptiert, hat das Gesetz nicht erfüllt. Wenn der Gesetzgeber sagt, dass eine Firma soundsoviel Prozent Schwerbehinderte einstellen oder stattdessen eine Ausgleichsabgabe zahlen soll, erfüllt die Firma das Gesetz durch Zahlung der Ausgleichsabgabe. In diesem Fall macht es der Staat wirklich selber ganz deutlich, dass er bloß ein Pönalgesetz einführt, in anderen Fällen kann man unter Umständen davon ausgehen. (Z. B. wenn kaum einer es für wirklich schlimm hält, das Gesetz zu übertreten, und der Staat es eher nutzt, um mit den Geldbußen seine Finanzen aufzubessern, wie z. B. wahrscheinlich bei unerlaubtem Parken. (Wobei es auch hier darauf ankommt: Wenn man durch das Parken unerlaubt eine Feuerwehrzufahrt blockiert, kann man davon ausgehen, dass derjenige, der das Verbotsschild aufgestellt hat, das sehr wohl wirklich verbieten wollte.))

Auch wer z. B. als Parlamentarier Immunität genießt, ist im Gewissen verpflichtet, sich an die Gesetze zu halten.

„Das Gesetz ist eine vernunftgemäße, dauernde Norm des freien Handelns, die vom Obern eines öffentlichen Gemeinwesens zum Zwecke des Allgemeinwohls erlassen und genügend bekanntgemacht wurde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 40, Nr. 43.) Der Zweck der Gesetze ist es letztendlich, die Menschen gut zu machen; das Gesetz ist auch ein Lehrer und formt Einstellungen und Gewohnheiten.

Es gibt das Naturrecht, das von Gott in die Natur der Dinge gelegt wurde; das Naturrecht verpflichtet absolut. (Z. B. ist es gegen das Naturrecht, zu lügen, da der natürliche Zwecke der Sprache die Verständigung, die Weitergabe der Wahrheit unter Menschen ist.) Für Naturrecht sagt man auch natürliches Sittengesetz oder Moral. Dann gibt es das positive (=gesetzte, von lat. ponere) göttliche Gesetz, das Gott so erlassen hat, aber auch anders hätte erlassen können (z. B. das Gebot, den siebten Tag zu heiligen, oder für die Eucharistie Weizenbrot und Wein zu verwenden). Dann gibt es positive menschliche Gesetze, erlassen von Kirche oder Staat.

Gesetze befehlen, verbieten, erlauben oder bestrafen. Der Zweck von Strafen ist es, die gestörte gerechte Ordnung wiederherzustellen, dem Täter quasi etwas gegen seinen Willen zuzufügen, weil er seinen Willen auf Kosten anderer ausgelebt hat. Nebenzwecke sind der Schutz der Gesellschaft vor weiteren Verbrechen, die Besserung des Täters, die Wiedergutmachung (z. B. durch Schadensersatzzahlungen) und die Abschreckung anderer. (Das sind legitime Nebenzwecke, aber dürfen nur Nebenzwecke bleiben; denn wenn man die Wiederherstellung der Gerechtigkeit als Hauptzweck ganz abschaffen würde und nur noch auf Abschreckung und Besserung schauen würde, könnte das zu so einigen Ungerechtigkeiten führen. Nicht nur in dem Sinn, dass man manche Verbrecher, die eine schwere Strafe verdient hätten, nur kurz zum Psychologen schicken könnte, sondern auch in dem Sinn, dass man Kleinkriminelle ewig einsperren könnte, bis der zuständige Psychologe sie für ausreichend gebessert hält, oder dass man jemanden auf härtere Weise als verdient bestrafen könnte, um andere abzuschrecken. Man darf nur dann und höchstens in dem Maß strafen, wie jemand es verdient hat, und dann ist Strafe auch etwas Gutes, und sollte in etwa dem entsprechen, was derjenige eben durch die Tat verdient hat.) Ein Staat hat grundsätzlich auch das Recht, schwere Verbrechen (Mord, Landesverrat, Vergewaltigung o. Ä.) mit der Todesstrafe zu ahnden, wenn er das für zweckmäßig erachtet. „Denn nicht ohne Grund trägt sie [die staatliche Gewalt] das Schwert.“ (Röm 13,4) Gen 9,6 begründet die Todesstrafe für Mörder sogar mit der Menschenwürde der Opfer.

Verbrechen gegen das Naturrecht (z. B. Mord) dürfte man auch rückwirkend bestrafen, da es immer gilt, auch wenn die positiven Gesetze diesen Mord zuerst erlaubt haben (Bsp.: Bestrafung von Ärzten, die in der Nazizeit Kranke und Behinderte getötet haben), aber Verbrechen gegen positive menschliche Gesetze dürfen nicht rückwirkend bestraft werden; diese Gesetze gelten erst ab Promulgation, d. h. wenn die Menschen sie auch kennen können. Es kann freilich auch unzweckmäßig sein, naturrechtliche Verbrechen rückwirkend zu bestrafen, z. B. wenn es sehr viele Täter gibt, die Täter nicht mehr genau ermittelt werden können, oder viele Täter unter Zwang oder Gehirnwäsche gehandelt haben, aber das hängt vom Einzelfall ab.

Ein Staat sollte dem Naturrecht zusätzlichen Schutz durch positive Gesetze geben, wobei er nicht alles bestrafen muss, was das Naturrecht verbietet; z. B. wenn es Kleinigkeiten sind, die mit Gewalt durchzusetzen unverhältnismäßig und aufwendig wäre. (Z. B. könnte ein Staat schwerlich Notlügen mit Bußgeldern belegen.) Außerdem müssen die positiven Gesetze auf dem Naturrecht basieren, indem sie sich innerhalb des naturrechtlich erlaubten Rahmens bewegen und/oder die allgemeinen Vorschriften des Naturrechts auf den konkreten Fall anwenden. Ein Staat kann allerdings Übel, die er schlecht verhindern kann, zulassen, um größere Übel zu vermeiden.

Es gibt Fälle, in denen man Gesetzen nicht gehorchen darf, und Fälle, in denen man ihnen nicht gehorchen muss. (Genau genommen sind ungerechte Gesetze gar keine Gesetze, sondern nur Scheingesetze. Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz.) Nur naturrechtliche Vorschriften, die die Unterlassung einer bestimmten Handlung (z. B. direkte Tötung eines unschuldigen Menschen, Ehebruch o. Ä.) ausnahmslos zur Pflicht machen, gelten immer und können auch immer erfüllt werden, während naturrechtliche Vorschriften, die eine bestimmte Handlung zur Pflicht machen, nicht immer erfüllt werden können. Staatliche Gesetze gelten generell nicht ausnahmslos.

Man darf nicht gehorchen, wenn ein staatliches Gesetz eine Sünde befiehlt.

Man muss nicht gehorchen, wenn:

  • es physisch unmöglich ist, das Gesetz zu erfüllen (z. B. man zu einem Gerichtstermin erscheinen müsste, aber im Krankenhaus liegt)
  • es moralisch unmöglich ist, d. h. eine unverhältnismäßig große Anstrengung erfordert. Was unverhältnismäßig ist, hängt natürlich davon ab, wie wichtig das Gesetz ist, von weniger wichtigen Gesetzen ist man leichter entschuldigt. Außerdem: Das Allgemeinwohl kann in besonderen Fällen manchen extreme Anstrengungen abverlangen (z. B. Soldaten in einem Krieg), und auch ein freiwillig gewählter Stand, z. B. Missionar, kann besondere heroische Verpflichtungen auferlegen.

Bei Pflichtenkollision geht die höhere Pflicht vor, die andere muss zurücktreten und verliert ihre verpflichtende Kraft. „Kann jemand bei Pflichtenkollision trotz aller angewandten Mühe nicht erkennen, welche Pflicht die wichtigere ist, so sündigt er nicht, für welchen Teil er sich auch immer entscheiden mag“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 53, Nr. 70)

Das Gesetz verpflichtet auch nicht, wenn man davon ausgehen kann, dass der Gesetzgeber es nicht für einen bestimmten Einzelfall gedacht haben kann. Z. B. wird ein Gesetzgeber nicht wollen, dass man eine rote Fußgängerampel achtet, wenn kein Auto in Sicht ist, aber auf der anderen Straßenseite jemand zusammengebrochen ist, und man schnell hinüberrennen muss, um ihm zu helfen. Diese Auslegung der Absicht des Gesetzgebers nennt sich Epikie. (Wobei man die Auslegung durch den Gesetzgeber selbst zurate ziehen muss, wenn das leicht geschehen kann; vielleicht hat er ja schon ausdrücklich geklärt, ob es in einem solchen Fall gilt oder nicht. In dem Fall mit der Ampel wäre die Sachlage allerdings offensichtlich.)

Wenn das Gesetz seinen Zweck verliert, gilt folgendes:

„Seinen Zweck kann ein Gesetz verlieren für die Gesamtheit oder nur für Einzelpersonen; ferner so, daß seine Beobachtung nur nutzlos oder auch schädlich wird.

1. Wird für die Allgemeinheit ein Gesetz auch nur nutzlos, so hört es damit auf.

Einem solchen Gesetze fehlt ein wesentliches Merkmal: es dient nicht mehr dem Allgemeinwohl (vgl. Nr. 43).

2. Wird für eine Einzelperson das Gesetz schädlich, so hört seine Verpflichtung für den Betreffenden auf, wenn die Beobachtung für ihn moralisch unmöglich wird, oder wenn man Epikie anwenden kann. […]

3. Wird für eine Einzelperson die Beobachtung eines Gesetzes nutzlos, so bleibt diese Person nach der weitaus allgemeinen Ansicht zur Beobachtung des Gesetzes verpflichtet.

Im entgegengesetzten Falle würde nämlich das Allgemeinwohl leiden, weil viele sich einbildeten, das Gesetz sei für sie nutzlos. – Nur wenn in einem Einzelfall die Nutzlosigkeit evident und kein Ärgernis zu befürchten ist, dürfte man der milderen Ansicht folgen. Aber auch diese letztere Ausnahme ist unstatthaft bei Gesetzen, die erlassen wurden, um einer allgemeinen Gefahr vorzubeugen“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 58, Nr. 78)

(Man darf also nicht, sagen wir, eine gefährliche Schlange halten, wenn das Gesetz das verbietet, weil man sich denkt, in diesem Fall wäre das Gesetz überflüssig, weil man sich gut genug mit Schlangen auskennt und schon aufpasst.)

Man ist nicht verpflichtet, alle Gesetze zu kennen, aber muss sich auf gewöhnliche Weise informieren, wenn man etwas tun will, wobei man weiß, dass irgendwelche Vorschriften gelten (z. B. ein Unternehmen gründen will).

Gewohnheitsrecht kann auch Gesetzeskraft haben, wenn es in einem Bereich keine ausdrücklich geregelten Gesetze gibt.

Der hl. Thomas von Aquin schreibt über gerechte und ungerechte Gesetze:

„Ich antworte, die menschlichen Gesetze seien entweder gerecht oder ungerecht. Im ersten Falle haben sie vom ewigen Gesetze her die Kraft, im Gewissen zu verpflichten, nach Prov. 8.: ‚Durch mich herrschen die Könige und entscheiden Rechtes die Gründer der Gesetze.‘ Gerecht aber sind die Gesetze 1. vom Zwecke aus, wenn sie auf das Gemeinbeste sich richten; — 2. vom Urheber her, wenn sie von dem ausgehen, der rechtmäßige Gewalt hat und die Grenzen seiner Gewalt nicht überschreitet; — 3. von ihrer inneren Form aus, wenn sie nach rechtmäßigem, gleichem Verhältnisse den Unterthanen Lasten auflegen für das allgemeine Beste. Denn da jeder Mensch ein Glied der Menge ist und sonach das, was er ist und hat, dem Ganzen schuldet, so werden ihm, wenn das richtige Verhältnis zu den anderen eingehalten erscheint, mit Recht Lasten aufgelegt zu Gunsten des Ganzen; duldet ja auch die Natur, daß ein Glied Nachteil erleidet, damit das Ganze heil sei. Ungerecht sind die Gesetze also: 1. vom Zwecke aus, wenn jemand, nicht für das gemeine Beste, sondern zur Befriedigung seiner Geld- oder Ruhmgier Gesetze macht; — 2. vom Urheber aus; wenn jemand über seine Gewalt hinaus Gesetze aufstellt; — 3. von der Form aus, wenn in der Verteilung der Lasten nicht das gebührende Verhältnis gewahrt wird. Dergleichen sind mehr Gewaltthaten wie Gesetze; denn, sagt Augustin, ‚es ist kein Gesetz jenes, das nicht gerecht ist.‘ Solche Gesetze also verpflichten nicht im Gewissen außer etwa, damit man Ärgernis vermeide oder Verwirrung; weshalb ja der Mensch auch bisweilen sein Recht aufgeben muß, nach Matth. 5.: ‚Wer dir das Kleid genommen hat, gieb ihm auch den Mantel.‘ Sind aber die Gesetze ungerecht, weil sie dem göttlichen Gute entgegengesetzt sind und gegen Gottes ausdrückliches Gebot befehlen, so darf man sie nicht beobachten, sondern ‚man muß Gott mehr gehorchen wie den Menschen.‘ (Act. 4.)“ (Summa Theologiae II/I,96,4)

Ein Staat hat das Recht, Steuern zu erheben (was ja auch Jesus und Paulus bestätigt haben), in dem Maße, wie er sie für die Erfüllung seiner Aufgaben benötigt. Es ist allerdings eine Sünde (von unterschiedlicher Schwere) vonseiten der Staatsbeamten, Steuergelder zu verschwenden, und vonseiten der Gesetzgeber, unnötig hohe Steuern zu erheben oder die Steuerlast ungerecht zu verteilen. (Bei einer ungerecht hohen Steuerlast wäre es theoretisch keine Sünde, wenn jemand seine Steuern insoweit zahlt, als sie gerecht sind, und den Rest hinterzieht. Besonders klug wäre das allerdings normalerweise sicher nicht, insbesondere wegen des Schadens für sein Leben, seinen Ruf, seine Familie, wenn seine Steuerhinterziehung herauskäme.)

Die katholische Soziallehre kennt das „Subsidiaritätsprinzip“, d. h. größere Institutionen sollten untergeordneten Institutionen das überlassen, was sie selbst schaffen können, und nur bei größeren Aufgaben helfend eingreifen. (Z. B. ist es sinnvoll, wenn der Staat den Gemeinden das Einrichten von Kindergärten überlässt, aber selber Autobahnen baut.) Föderalistische Staaten wie Deutschland entsprechen diesem Prinzip besser als zentralistische wie Frankreich. Das Subsidiaritätsprinzip gilt auch in der Wirtschaft; der Staat sollte den einzelnen und den privaten Zusammenschlüssen (Firmen, Genossenschaften, Innungen…) nicht alle Entscheidungen abnehmen und alles diktieren, sondern Raum für Eigenständigkeit lassen, aber eben auch helfen, wenn es nötig ist.

Das Subsidiaritätsprinzip wird ergänzt durch das Solidaritätsprinzip, d. h. dass der einzelne der Gemeinschaft und die Gemeinschaft dem einzelnen verpflichtet ist. Beispielsweise entspricht die Einrichtung einer Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung (oder anderer Systeme, die Ähnliches leisten) dem Solidaritätsprinzip.

Noch kurz ein bisschen genauer zur Wirtschaft (wobei das eher ins 7. Gebot gehört): Die Güter der Erde wurden an sich der ganzen Menschheit von Gott gegeben, um für ihre Bedürfnisse zu sorgen, aber es entspricht der menschlichen Natur, dass es konkret aufgeteiltes Privateigentum gibt, sodass jeder für seines verantwortlich ist und auch etwas von seiner eigenen Arbeit damit hat; der Sozialismus ist widernatürlich und schädlich. Eigentum verpflichtet. Es ist generell besser, wenn das Eigentum an den Produktionsmitteln auf viele kleinere Besitzer aufgeteilt ist, und wenn z. B. größere Betriebe genossenschaftlich von den Beschäftigten selber geführt werden. Wer andere einstellt, ist verpflichtet, ihnen im Austausch für ihre Arbeit einen Lohn zu zahlen, der für ihr Leben und das ihrer Familie reicht; denn der Zweck der Arbeit ist es, den Lebensunterhalt für die Familie zu beschaffen, so dass sie in der jeweiligen Gesellschaft einigermaßen anständig leben kann. Der Staat hat das Recht, die Verwendung des Eigentums durch Gesetze zu regeln, z. B. Preis- und Zinswucher zu unterbinden, einen Mindestlohn festzulegen, Steuern zu verlangen etc. Politiker müssen sich, so weit möglich, nach solchen Grundsätzen der katholischen Soziallehre richten. Wirtschaftssysteme, die immerhin von dieser Lehre inspiriert waren/sind, waren/sind Korporatismus, Distributismus und soziale Marktwirtschaft.

So weit mal einige allgemeine Prinzipien. Generell haben sowohl die Teilhaber an der Staatsgewalt als auch die Untergebenen der Staatsgewalt die Pflichten, in ihrer jeweiligen Situation das Gemeinwohl zu respektieren, d. h. nicht gegen das Gemeinwohl zu handeln, ihre Pflichten gegenüber der Gemeinschaft zu erfüllen.

Heribert Jone schreibt über die genauen Pflichten der Amtsinhaber eines Staates:

Zweites Kapitel

Die Pflichten im Staate

I. Die Obrigkeit hat die Pflicht, in erster Linie für das allgemeine Wohl zu sorgen.

Sie muß deshalb nach Kräften alle Übel vom Staate fernhalten und sein Wohl fördern, Religion und Sittlichkeit beschützen, für gerechte Verteilung der Rechte und Pflichten sorgen, die Gesetze ohne persönliche Rücksichten durchführen, die öffentlichen Ämter nur geeigneten Personen geben und ungeeignete aus denselben entfernen.

II. Die Abgeordneten müssen ähnlich wie die Obrigkeit in positiver Weise das Allgemeinwohl fördern, besonders in den Punkten, in denen sie es ihren Wählern ausdrücklich versprochen haben.

1. Annahme der Wahl ist verboten, wenn jemand nicht die nötigen Fähigkeiten hat. Sie ist aber Pflicht, wenn jemand die entsprechenden Fähigkeiten hat und sonst keine geeignete Person zu finden ist, außer man hätte triftige Entschuldigungsgründe.

2. Teilnahme an den Beratungen und Beschlußfassungen ist Pflicht.

Besonders gilt dies von der Teilnahme an den Sitzungen, von denen das Zustandekommen eines guten Gesetzes oder die Verhütung eines schlechten abhängt.

3. Mitwirkung zu einem schlechten Gesetz ist Sünde.

Eine Ausnahme ist nur dann zulässig, wenn die Abgeordneten durch ihre Mitwirkung noch Schlimmeres verhüten können (vgl. Nr. 144, 147); sie müssen dann aber ihren Standpunkt öffentlich darlegen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 165, Nr. 203)

Der konkrete Teilhaber an der Staatsgewalt – Abgeordnete, Richter, Minister, Kanzler, Verwaltungsbeamte, Polizisten etc. – hat vor allem die Pflicht, die Pflichten seines jeweiligen Amtes gewissenhaft zu erfüllen und sich natürlich auch die nötigen Kenntnisse zu erwerben; das zu vernachlässigen ist je nach Fall lässliche oder schwere Sünde. Was die Mitwirkung an der Ausführung schlechter Gesetze o. Ä. angeht, siehe Teil 9b.

Korruption und Bestechlichkeit sind Sünden, deren Schwere davon abhängt, was auf dem Spiel steht. Ein Richter, der sich bestechen lässt, um einen Unschuldigen für zehn Jahre ins Gefängnis zu stecken, begeht offensichtlich eine schwerere Sünde als ein Polizist, der jemanden laufen lässt, der außerorts auf einer geraden übersichtlichen Strecke 25 km/h zu schnell gefahren ist, weil der sein Nachbar ist und sie sich gut verstehen. Insgesamt unterminiert Korruption allerdings das ganze Funktionieren des Staates und das Vertrauen in ihn und in andere Bürger (wer seinen Nachbarn verklagt, würde den von vornherein auch noch verdächtigen, den Richter zu bestechen etc.), was die Schwere der Sünde verstärkt.

Jone schreibt dann über die Staatsbürger:

III. Die Untertanen haben folgende Pflichten:

1. Liebe gegen das Vaterland, dem wir den Schutz und die weitere Ausbildung unserer von den Vorfahren überkommenen gemeinsamen guten Anlagen verdanken.

Diese Liebe zum Vaterland muß uns besonders veranlassen, sein Wohl zu fördern und in Eintracht mit unseren Mitbürgern zu leben. – Besonders muß man sich davor hüten, zum Vorteil eines Standes oder einer Interessengruppe das Allgemeinwohl zu schädigen.

2. Achtung vor der Obrigkeit.

Innerliche Verachtung der Obrigkeit als solcher, d. h. der obrigkeitlichen Gewalt (formelle Verachtung), ist schwere Sünde. Innere Verachtung gegenüber der Privatperson, welche die obrigkeitliche Gewalt innehat, ist insofern sündhaft, als Verachtung anderer Privatpersonen sündhaft ist. Schmähung des Inhabers der obrigkeitlichen Gewalt ist schwer sündhaft, unter anderem besonders, wenn sie öffentlich ist oder leicht öffentlich werden kann; ferner wenn sie ihm in seiner Gegenwart zugefügt wird. [Dazu unten mehr, Anmerkung von mir.]

3. Wahl von guten Abgeordneten

Wahlenthaltung ohne Grund scheint wenigstens eine läßliche Sünde zu sein, wenn der gute Kandidat einen schlechten Gegenkandidaten hat. Eine schwere Sünde kann es sein, wenn man durch Wahlenthaltung Ursache ist, daß ein schlechter Kandidat gewählt wird. [Anmerkung von mir: Das könnte ja z. B. in kleinen Wahlkreisen oder bei lokalen Wahlen ausnahmsweise der Fall sein, oder wenn ein Gremium, z. B. der Gemeinderat, jemanden wählt.]

Einem schlechten Kandidaten darf man nur dann seine Stimme geben, wenn dies notwendig ist, um die Wahl eines schlimmeren Kandidaten zu verhindern; durch eine entsprechende Erklärung aber soll der Grund dieser Handlungsweise angegeben werden. Ausnahmsweise dürfte man auch einmal einem unwürdigen Kandidaten seine Stimme geben, um einem ungewöhnlich großen persönlichen Nachteil zu entgehen. [Anmerkung von mir: Hier ist vielleicht an Länder gedacht, die keine geheimen Wahlen haben und wo man Schwierigkeiten bekommen kann, je nachdem, wie man wählt.]

4. Treue gegen die rechtmäßige Autorität und Gehorsam gegen die Gesetze im allgemeinen.

Die heimliche Flucht eines Gefangenen ist aber kein positiver Widerstand gegen die Staatsgewalt und daher an sich nicht verboten.

Unsittlichen Gesetzen eines gottlosen Staates darf man nicht gehorchen; ihrer Ausführung darf man passiven Widerstand entgegensetzen. – Offene Gewalt darf man in einem solchen Falle auch mit Gewalt abwenden, vorausgesetzt, daß man begründete Hoffnung auf Erfolg hat und das Gemeinwohl durch den Widerstand nicht noch größeren Schaden leidet als durch die Gewalttätigkeit der Regierenden. Nach einigen Autoren ist in höchster Not des Volkes und nach Erschöpfung aller gesetzlichen Mittel auch Absetzung des Herrschers und Änderung der Staatsverfassung erlaubt.

5. Gehorsam gegen die Steuergesetze im besonderen. […]

IV. Die Soldaten, die sich freiwillig anwerben lassen, sind durch die ausgleichende Gerechtigkeit verpflichtet, ihren Dienstvertrag zu erfüllen und ihren Dienst zu leisten.

Im Falle eines Krieges verpflichten die Gesetze, welche allgemeine Wehrpflicht vorschreiben, im Gewissen, sogar in jenen Staaten, in welchen der Gesetzgeber die übernatürliche Sanktion seiner sämtlichen Gesetze ausschließen möchte. (Vgl. n. 57).“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 165-168, Nr. 204-206.)

Bzgl. dem, was Jone zur Schmähung von Staatsoberhäuptern sagt: Eine Regierung zu kritisieren ist natürlich erlaubt, manchmal (manchmal auch oft) auch notwendig. („Minister X ist ungeeignet für sein Amt, weil er seine Meinung beinahe täglich ändert.“) Aber das Amt an sich ist eben doch achtenswert. Dass es überhaupt legitimerweise einen Staat gibt, muss man respektieren; die jeweilige Person, die ein Amt innehat, verdient an sich Respekt, da sie eine wichtige Aufgabe ausfüllt und die staatliche Macht repräsentiert. Wenn sie diesen Respekt durch ihre eigene Schuld verwirkt und ihre Aufgabe nicht mehr erfüllt, verdient sie evtl. weniger Respekt je nach Situation, aber ein gewisses grundsätzliches Maß an Respekt sollte wohl trotzdem da sein (ähnlich wie gegenüber einem schlechten Priester). Es gibt ja den alten Spruch: „Man grüßt die Uniform, nicht den Träger.“ Der Respekt ist vor allem dann wichtig, wenn man direkt mit dem Amtsinhaber zu tun hat, der ja eben auch die Staatsgewalt repräsentiert; dem Staatsoberhaupt bei einer öffentlichen Veranstaltung ins Gesicht zu spucken wäre daher ein Stück weit schlimmer, als das bei einem privaten Feind zu tun. (Wobei auch das nicht schön ist.)

Der Moraltheologe Augustin Lehmkuhl bringt ein paar Beispiele (von mir und einem Freund aus dem Lateinischen übersetzt):

„Blasius, vom Wein erhitzt, wettert in der Kneipe vor seinen Freunden gegen Minister und Könige: Regierung und Herrscher seien nun abzuschaffen, Steuern ihnen zu verweigern, und sie verdienten es wohl, dass die Zahlung gegenüber den Bürgern zu verhöhnen sei, ferner, in der Öffentlichkeit bei der Ankunft des Königs sollten sich alle von Zeichen der Freude enthalten, im Gegenteil sollte man das Bild des Fürsten zu Hause verhöhnen und dem Diener befehlen, dass er ein solches öffentlich ausgestelltes Bild heimlich mit Dreck beschmiert.

Fragen:

1) Was sind die Verpflichtungen gegenüber Fürsten und der Verwaltung?

2) Auf welche Weise hat Blasius gesündigt?

Lösung

Zu Frage 1)

1. Die Untergebenen sind gegenüber jenen, die die öffentliche Gewalt innehaben, zur Unterordnung und zum Respekt verpflichtet.

2. Aufgrund der Unterordnung ist ihnen die Rebellion verboten, sie sind verpflichtet, sich an die gerechten Gesetze zu halten und die gerechten Steuern, die verlangt werden, zu entrichten; aufgrund der Ehrfurcht sind sie gehalten, den höheren und niederen Obrigkeiten Ehre zu erweisen, innerliche Verachtung und äußerliche Beschimpfung/Schmähung/Misshandlung sind ihnen verboten. Wie es die heilige Schrift darlegt im Brief an die Römer 13,1-7.

3. Sündhaft ist immer die Verachtung der Staatsgewalt [selbst]; die Verachtung der Person [des Amtsinhabers] ist sündhaft, wenn und insofern sie auch ohne gerechten Grund geschieht.

Zu Frage 2)

1. Wenn man die objektive Gegebenheit betrachtet, enthalten Blasius‘ Worte schwere Sünden gegen die Pflicht zur Unterordnung, da sie nach Rebellion riechen und durch das Aufstacheln zur Verweigerung der Steuern zur schweren Sünde anstiften. Subjektiv kann er von der Todsünde entschuldigt sein, wenn er weder von Herzen gesprochen hat noch mit der Gefahr, dass die anderen zu solchem Verhalten überredet werden, sondern nur aus einer gewissen eitlen Prahlerei.

2. Wenn sich Blasius von allen Ehrenbezeigungen enthalten hat, müsste man betrachten, aus welchem Grund er so gehandelt hat. Wenn er aus Verachtung der Autorität so handelt, sündigt er schwer. Wenn er wirklich einen gerechten Grund gehabt hat, was z. B. sein könnte, um seine Trauer und Empörung zu zeigen, wenn dem Volk oder der Religion etwas Schlechtes und Ungerechtes durch den Fürst angetan worden wäre, sündigt er nicht, im Gegenteil, es könnte eine Pflicht, so zu handeln, bestehen, damit nicht Freudenzeichen als Gutheißen der ungerechten Gesetze und der Unterdrückung der katholischen Angelegenheiten verstanden worden wären.

3. Das öffentlich ausgestellte Bild des Fürsten zu entehren ist sicher schwerwiegende Verachtung, weil der Fürst in seinem Bildnis angegriffen wird, und deswegen an sich schwere Sünde. Hier ist nicht der Ort, danach zu forschen, ob von außen ein Grund hinzukommen könnte, aus dem subjektiv keine schwere Sünde begangen wird.

Etwas Ähnliches zuhause oder privat, nicht vor anderen, zu tun, kann Todsünde sein aufgrund der innerlichen Verachtung, wenn jene tödlich sündhaft ist; wegen der [äußerlichen] Schmähung besteht keine schwere Sünde, denn diese Schmähung, damit sie existiert, muss entweder im Herzen der Person sich offenbaren, oder die Sache muss bekannt werden, oder man muss aus der Natur der Sache vorhersehen können, dass sie bekannt wird.

4. Den staatlichen Bediensteten, die im Namen des Fürsten den Staat regieren, gebührt freilich nicht dieselbe Ehrerbietung wie dem Fürsten; daher können ihre öffentlichen Taten frei diskutiert und sie für die entstandenen Dinge getadelt werden. Nichtsdestoweniger gebührt ihnen Ehre für ihren Dienst und gewiss muss man sich davor hüten, nicht durch zügellose Rede und auf zersetzende Weise die gemeinsame Liebe oder Gerechtigkeit zu beschädigen oder die Legitimität der staatlichen Grundordnung selbst zu erschüttern. Die Nächstenliebe, die ein jeder schuldet, kann auch verpflichten, dass man sich auf diese Weise vor offensichtlich unnützer Schmähung in der Regel hütet.“

Eine gewisse Rolle spielt vielleicht auch das, was man klassischerweise „Landesbrauch“ oder „Gewohnheit“ nennen kann. Z. B. wird eine normale Karikatur über einen Politiker heutzutage nicht als schwerwiegende Beschimpfung verstanden. Die Frage wäre eher noch, wie es sich verhält, wenn z. B. jemand auf Facebook oder in einem Leserbrief über „dieses Arschloch, den Ministerpräsidenten“ schimpft, angenommen, dass der jeweilige Ministerpräsident wirklich einiges Schlechte zu verantworten hat und persönlich auch nicht den Eindruck von Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit macht. Ich würde schon davon ausgehen, dass es zumindest eine lässliche Sünde wäre; man kann ein hartes Urteil auch ohne solche Beschimpfungen abgeben. Die innerliche Verachtung wäre hier keine Sünde, aber äußerlich sollte man wohl ein Mindestmaß an Respekt wahren.

Generell: Die Beschimpfung ist dann eine schwere Sünde, wenn man die Ehre eines anderen ungerechterweise in schwerwiegender Weise angreift, also z. B. jemanden als Nazi oder Verbrecher beschimpft, weil man eine persönliche Abneigung aus banalen Gründen gegen ihn hat. Eine leichte Beschimpfung („Wieso bist du jetzt so zickig??“) ist nur lässliche Sünde, auch wenn sie ungerecht ist und die angesprochene Person sich nicht wirklich zickig verhalten hat. (Unbekannte Sünden vor anderen bekannt zu machen, ohne dass es nötig ist, ist auch falsch, aber bei Politikern reden wir in der Regel eher von bereits öffentlichen Sünden, oder Sünden, die zu erfahren die Öffentlichkeit ein Recht hat.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 9: Endzeit, Wiederkunft Christi und Weltgericht

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Mt 24-25; Lk 21; Mk 13; Offb; 1 Kor 15,51-53; 1 Thess 4,15-17; 2 Thess 2; Dan 7.

Über die Wiederkunft Christi, die stetige Wachsamkeit wegen des unbekannten Zeitpunkts, die Schwierigkeiten der Endzeit, die Tyrannei des Antichrists vor der Wiederkunft des Herrn usw. finden sich etliche Aussagen bei den frühen Christen. Sie glaubten auch (ebenso wie Christen heute) daran, dass dann die leibliche Auferstehung der Toten (wobei ihre Körper sich wieder mit ihren Seelen vereinen) und das Jüngste Gericht, bei dem die Guten und Bösen öffentlich vor allen geschieden werden, folgen werden.

In der Didache, einer Gemeindeordnung von ca. 100 n. Chr., heißt es ganz am Ende über die Prüfungen und Leiden der Endzeit und dann über die Wiederkunft Christi:

„‚Wachet‘ für euer Leben; ‚eure Lampen sollen nicht ausgehen und der Gurt um eure Lenden‘ soll sich nicht lockern, ’seid vielmehr bereit, denn ihr wisset nicht die Stunde, in der unser Herr kommt‘. Ihr sollt fleißig zusammenkommen, indem ihr nach dem strebet, was euren Seelen zukommt; denn es wird euch die ganze Zeit des Glaubens nichts nützen, wenn ihr nicht in der letzten Stunde vollkommen seid. Denn in den letzten Tagen werden sich mehren die falschen Propheten und die Verderber, und die Schafe werden zu Wölfen umgewandelt, und die Liebe wird verwandelt werden in Hass. Wenn nämlich die Gesetzwidrigkeit sich steigert, werden sie einander hassen, verfolgen und ausliefern, dann wird erscheinen der Verführer der Welt, wie der Sohn Gottes wird er auch ‚Zeichen und Wunder tun‘, und die Erde wird in seine Hände überliefert werden, und er wird Greuel verüben, wie sie von Ewigkeit her noch nicht geschehen sind. Dann wird das Geschlecht der Menschen kommen in das Feuer der Prüfung, und ‚viele werden Ärgernis nehmen‘ und zugrunde gehen; die aber ausharren in ihrem Glauben, werden von dem (durch die Verführer) Verfluchten selbst ‚gerettet werden‘. ‚Und dann werden die Zeichen der Wahrheit erscheinen; zuerst das Zeichen, dass der Himmel sich auftut, dann das Zeichen des Trompetenschalles‘ und das dritte: die Auferstehung der Toten, aber nicht aller, sondern, wie gesagt ward: ‚Kommen wird der Herr und alle Heiligen mit ihm‘. ‚Dann wird die Welt den Herrn kommen sehen auf den Wolken des Himmels‘.“ (Didache 16)

Papst Clemens von Rom schreibt um 95 n. Chr.:

„Wahrhaftig, schnell und plötzlich wird sein Wille Vollendung finden, da ja auch die Schrift selbst hierfür Zeugnis gibt: ‚Schnell wird er kommen und nicht zögern, und plötzlich wird einziehen der Herr in seinen Tempel und der Heilige, den ihr erwartet‘.“ (1. Clemensbrief 23,5)

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. in seinen Briefen folgendes:

„Die letzten Zeiten sind da; deshalb wollen wir auf der Hut sein und Furcht haben vor Gottes Langmut, dass sie uns nicht zum Gerichte werde. Entweder müssen wir Furcht haben vor dem kommenden Zorn oder die gegenwärtige Gnade lieben, eins von beiden, nur dass wir in Christus Jesus erfunden werden zum wahren Leben.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 11,1)

„Lerne die Zeiten kennen. Den erwarte, der über der Zeit ist, den Zeitlosen, den Unsichtbaren, der unseretwegen sichtbar geworden, den Unbetastbaren, den Leidenlosen, der unseretwegen gelitten hat, der auf alle Arten unseretwegen geduldet hat.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 3,2)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. in einer Schrift, in der er den christlichen Glauben gegenüber den Heiden verteidigt:

„Die Propheten haben nämlich ein zweimaliges Kommen Christi vorhergesagt, das eine, das schon der Geschichte angehört, als das eines mißachteten und leidensfähigen Menschen, das andere aber, wenn er ihrer Verkündigung gemäß in Herrlichkeit vom Himmel her mit seiner Engelschar erscheinen wird, wenn er auch die Leiber aller Menschen, die je gelebt haben, wieder auferwecken und die der Würdigen mit Unverweslichkeit bekleiden, die der Ungerechten aber in ewiger Empfindungsfähigkeit mit den bösen Geistern ins ewige Feuer verweisen wird.“ (Justin, 1. Apologie 52)

In einer Fortsetzung dieser Schrift schreibt er:

„Darum, nämlich um der zarten Saat des Christentums willen, das Gott als Grund für den Fortbestand der Natur ansieht, verzögert er den Untergang und die Zerstörung der ganzen Welt, durch die dann auch die bösen Engel, Dämonen und Menschen ihr Ende finden würden. Wenn das nicht wäre, so könntet auch ihr nicht mehr solches tun und euch von den bösen Dämonen als Werkzeuge gebrauchen lassen; es hätte vielmehr das herniederfahrende Feuer des Gerichtes schonungslos allein ein Ende gemacht, wie einst die große Flut, die niemanden übrig ließ als den Noe allein mit den Seinen; so nennen wir jenen, während er bei euch Deukalion heißt, von dem dann wieder so viele Menschen entstammt sind, teils schlechte, teils gute.“ (Justin, 2. Apologie 6)

Und in einem Dialog mit einem Juden namens Tryphon sagt er:

„Wenn sich aber zeigt, daß seine Leidensmacht von solchen Wundern begleitet wurde und begleitet ist, wie groß sind erst die Wunder, wenn er in Herrlichkeit erscheint? Denn, wie Daniel offenbarte, wird er als Menschensohn auf den Wolken unter Begleitung von Engeln kommen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 31,1)

Auf die jüdische Ansicht, dass Jesus nicht der Messias gewesen sei, weil er nicht in Macht und Herrlichkeit gekommen sei, erwidert er, dass von den Propheten sowohl ein Leiden als auch ein Triumph des Messias vorhergesagt worden war:

„Die Toren, nicht verstehen sie, was immer wieder dargetan worden ist, daß es nämlich nach den Prophezeiungen zwei Parusien von ihm gibt; bei der einen leidet er, ist er der Herrlichkeit und der Ehre beraubt und wird er gekreuzigt gemäß der Verkündigung; bei der anderen wird er in Herrlichkeit vom Himmel erscheinen. Diese tritt dann ein, wenn der Mann der Apostasie, der auch gegen den Höchsten Ungehöriges predigt, auf Erden Sündhaftes gegen uns Christen wagt, die wir von dem Gesetze und dem Worte, das aus Jerusalem durch Jesu Apostel ausging, Gottesverehrung gelernt und zu dem Gotte Jakobs und dem Gotte Israel unsere Zuflucht genommen haben.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 110,2)

Im 2. Clemensbrief heißt es:

„Wisset nämlich, dass bereits der Tag des Gerichtes kommt wie ein glühender Ofen, und ein Teil der Himmel wird schmelzen, und die ganze Erde (wird sein) wie Blei, das auf dem Feuer schmilzt, und dann werden sichtbar werden die geheimen und offenen Werke der Menschen.“ (2. Clemensbrief 16,3)

„Denn der Herr hat gesagt: ‚Ich komme, um alle Völker, Stämme und Sprachen zu versammeln.‘ Damit meint er den Tag seines Erscheinens, wenn er kommen und uns erlösen wird, jeden nach seinen Werken. Und sehen werden seine Herrlichkeit und seine Macht die Ungläubigen, und sie werden verwundert anstaunen das Weltreich Jesu und sagen: Wehe uns, da du warst, und wir wussten es nicht und glaubten nicht und gehorchten nicht den Presbytern, die uns von unserem Heile predigten; und ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen, und sie werden am Pranger stehen für jegliches Fleisch. Er meinte jenen Tag des Gerichtes, wenn sie diejenigen sehen werden, die unter uns gottlos lebten und die Gebote Jesu Christi übertraten. Wenn aber die Gerechten, die Gutes taten, die Prüfungen bestanden und die Lüste der Seele hassten, sehen, wie die vom Ziele Abgeirrten, die in Wort und Tat Jesus verleugneten, mit schrecklichen Qualen durch das unauslöschliche Feuer gepeinigt werden, werden sie ihren Gott verherrlichen und sprechen: Gute Hoffnung wird sein für den, der Gott aus ganzem Herzen gedient hat.“ (2. Clemensbrief 17,4-7)

Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr.:

„Aber für alle zumal ist er der Erhalter und Ernährer, der König und Richter. Denn niemand wird seinem Gerichte entrinnen, nicht Jude noch Heide und kein Sünder aus den Reihen der Gläubigen und kein Engel. Diejenigen, welche jetzt seiner Güte nicht vertrauen, werden im Gerichte seine Macht erkennen, gemäß dem Worte des Apostels: ‚Du weißt nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße führt, sondern sammelst in Halsstarrigkeit und Unbußfertigkeit des Herzens den Zorn für den Tag der Rache und der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken.'“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 8)

„Auferstanden und erhöht verharrt er zur Rechten des Vaters bis zur vom Vater festgesetzen Stunde des Gerichts über alle seine Feinde nach ihrer Unterwerfung. Die Zahl seiner Feinde in ihrer Gesamtheit besteht aus den abgefallenen Engeln, Erzengeln, Mächten und Thronen, welche die Wahrheit mißachten.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 85)

Über den Antichrist, der in der Endzeit auftreten soll, schreibt Irenäus:

„Weiterhin erweist sich auch aus dem, was unter dem Antichrist geschehen soll, daß der Apostat und Räuber als Gott verehrt werden und als König ausgerufen werden will, obwohl er doch ein Sklave ist. Indem nämlich jener alle Kraft des Teufels annehmen wird, wird er nicht als gerechter König kommen, nicht als gesetzmäßiger in der Unterwerfung unter Gott, sondern als ein ungerechter, gesetzloser, gottloser, als Apostat, Übeltäter, Menschenmörder und Räuber, der die Apostasie des Teufels in sich rekapituliert. Die Götzen wird er abtun und sich selbst als Gott ausgeben, sich als den einzigen Götzen erheben, der in sich den mannigfachen Irrtum der übrigen Götzenbilder enthält, damit die, welche in mancherlei Greueln den Teufel anbeten, ihm in dem einen Götzen dienen. Von ihm spricht der Apostel in dem zweiten Thessalonicherbriefe, wenn er sagt: ‚Zuerst muß der Abfall kommen und der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, offenbar werden, der bekämpft und sich erhebt über alles, was Gott heißt oder als Gott verehrt wird, so daß er sitzet im Tempel Gottes, indem er sich selbst zeigt, gleich als ob er Gott sei.‘ Deutlich also hat der Apostel seine Apostasie kundgetan und verkündet, dass er sich über alles, was Gott heißt, erheben wird, oder was als Gott verehrt wird, d. h. über alle Götzenbilder — denn diese werden von den Menschen so genannt, sind es aber nicht —, und daß er nach Tyrannenart versuchen wird, sich als Gott zu zeigen.

Ferner lehrt er auch offenkundig, was wir schon vielfach gezeigt haben, daß der Tempel zu Jerusalem auf Anordnung des wahren Gottes erbaut wurde. Denn der Apostel nennt für seine Person ihn ausdrücklich den Tempel Gottes. Wir haben aber im dritten Buche gezeigt, daß die Apostel für ihre Person niemand Gott nennen als den, welcher in Wahrheit Gott ist, den Vater unseres Herrn, auf dessen Befehl der Tempel in Jerusalem aus den angegebenen Gründen gebaut worden ist. Hier wird der Feind sitzen und versuchen, sich als Christus auszugeben, wie der Herr spricht: ‚Wenn ihr aber sehen werdet den Greuel der Verwüstung, welcher durch den Propheten Daniel verkündet ist, der auf dem heiligen Orte steht, wer es liest, verstehe es, dann mögen fliehen, die in Judäa sind, auf die Berge, und wer auf dem Dache ist, steige nicht herab, etwas aus dem Hause zu holen. Es wird nämlich dann eine große Angst sein, wie sie nicht geschehen ist vom Anfang der Welt bis jetzt, noch geschehen wird.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,25,1-2)

Außerdem schreibt er über die Zahl 666, die in der Offenbarung des Johannes (Offb 13,18: Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert des Tieres. Denn es ist die Zahl eines Menschennamens; seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig“) mit dem Antichrist verbunden wird (im Griechischen konnten die Buchstaben auch Zahlen bedeuten, und jeder Name konnte daher auch als Zahl, nämlich als Quersumme seiner einzelnen Buchstaben, gelesen werden).

„Wenn daher am Ende die Kirche plötzlich erhöht werden wird, dann wird, wie geschrieben steht, ‚eine Trübsal sein, wie sie von Anfang an nicht gewesen ist, noch sein wird‘. Das ist nämlich der letzte Kampf der Gerechten, in welchem die Sieger mit Unverweslichkeit gekrönt werden.

Deshalb ist das ‚kommende Tier‘ die Zusammenfassung aller Ungerechtigkeit und allen Truges, damit in ihm der Abschluß und die Summe aller apostatischen Macht in den Feuerofen geworfen wird. Entsprechender Weise nun wird auch sein Name die Zahl 666 aufweisen, indem sie in sich alle Bosheit zusammenfaßt, die vor der Sintflut gewesen ist und eine Folge der Apostasie der Engel war. Noe nämlich war 600 Jahre alt, als die Sintflut über die Erde hereinbrach und die Empörung der Erde wegen des ganz verdorbenen Geschlechtes hinwegschwemmte, das zu Noes Zeiten lebte. Und dann rekapitulierte es auch den gesamten Greuel der Götzenbildner nach der Sintflut und die Ermordung der Propheten und die Verbrennung der Gerechten. Denn das von Nabuchodonosor errichtete Götzenbild war 60 Fuß hoch und 6 Ellen breit; und seinetwegen wurden Ananias, Azarias und Misael, die es nicht anbeteten, in den Feuerofen geworfen, indem sie durch ihr Schicksal auf die Verbrennung der Gerechten am Ende der Zeiten hinwiesen. Das Bild als solches aber wies hin auf die Ankunft jenes, der von allen Menschen überhaupt als der Einzige angebetet werden wollte. Die 600 Jahre des Noe also, unter dem die Sintflut wegen der Apostasie hereinbrach, und die Ellenzahl des Bildes, dessentwegen die Gerechten in den Feuerofen geworfen wurden, weist auf die Namenszahl dessen hin, in dem alle Apostasie, Ungerechtigkeit, Bosheit, Pseudoprophetie und List der sechstausend Jahre rekapituliert wird, derentwegen die Feuerflut hereinbrechen wird.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,29,1-2)

„So also verhält sich die Sache, und in allen bewährten und alten Handschriften findet sich diese Zahl; und die, welche Johannes von Angesicht zu Angesicht gesehen haben, bezeugen es, und die Rechnung lehrt es, daß die Namenszahl des Tieres nach griechischer Zählung in den einzelnen Buchstaben die Zahl 666 ergibt, in der die Zehner gleich den Hunderten und die Hunderte gleich den Einern sind. Die Zahl 6, dreimal wiederholt, stellt die Rekapitulation der gesamten Apostasie im Anfang, in den mittleren Zeiten und am Ende dar. So weiß ich nicht, wie einige irrtümlicher Weise, die Zahl um 50 vermindernd, auf 616 gekommen sind. Doch vermute ich einen Fehler der Abschreiber, die den gewöhnlichen griechischen Buchstaben, der 60 bedeutet, für Jota, d. h. 10, genommen haben. Dann haben die einen das ohne Untersuchung angenommen, die andern schlecht und recht den Zehner beibehalten; andere aber wagten dann in ihrer Unwissenheit, auch Namen aufzusuchen, welche diese falsche und irrtümliche Zahl aufweisen. Die nun arglos und in Einfalt dies getan haben, denen wird es Gott Ja verzeihen. Die aber eitlen Ruhmes halber Namen mit dieser falschen Zahl aufstellen, und den von ihnen erfundenen Namen als den Namen desjenigen ausgeben, der da kommen soll, die werden nicht straflos ausgehen, da sie sich selbst und ihre Anhänger verführt haben. Zunächst besteht ihre Strafe darin, daß sie eben von der Wahrheit abgewichen sind und das nicht Seiende als wirklich annehmen; sodann wird notwendig keine geringe Strafe den treffen, der zu der Schrift etwas hinzusetzt oder von ihr etwas fortnimmt. Und schließlich besteht keine geringe Gefahr für die, welche sich fälschlich einbilden, seinen Namen zu wissen. Wenn er nämlich in Wirklichkeit einen andern Namen haben wird, als sie glauben, dann werden sie leicht von ihm verführt werden, so als ob der noch gar nicht da wäre, vor dem sie sich geziemend hüten sollten. […]

Wissen sie aber die von der Schrift angegebene zuverlässige Zahl, d. h. 666, dann mögen sie zunächst die Teilung des Reiches unter die 10 Könige abwarten. Wenn dann diese regieren und anfangen, ihre Sachen auszuführen und ihr Reich zu mehren, und alsdann unvermutet der kommt, der die Herrschaft an sich reißt und die Vorgenannten in Schrecken setzt und den Namen mit der genannten Zahl führt, dann mögen sie diesen in Wahrheit als den Greuel der Verwüstung erkennen. […]

Sicherer und gefahrloser ist es also, die Erfüllung dieser Prophetie abzuwarten, als allerlei Namen zu vermuten und zu weissagen. Gibt es doch viele Namen der genannten Zahl, und somit kommt die Sache nicht weiter. Denn wenn es viele Namen gibt, welche diese Zahl aufweisen, dann bleibt immer die Frage offen, welchen von diesen er führen wird. Dies sagen wir nicht aus Mangel an solchen Namen, sondern aus Gottesfurcht und Liebe zur Wahrheit. Der Name Eythanos hat die gesuchte Zahl, doch wollen wir darüber nichts sagen. Lateinos hat auch die Zahl 666, und es ist sehr wahrscheinlich, daß das letzte Reich so heißen wird. Denn die Lateiner herrschen heute, doch wollen wir uns dessen nicht rühmen. Aber am meisten von allen Namen, die sich bei uns vorfinden, ist der Name Teitan glaubwürdig, die erste Silbe mit den beiden griechischen Vokalen e und i geschrieben. Er weist die genannte Zahl auf und hat sechs Buchstaben, indem jede Silbe aus drei Buchstaben besteht, und ist alt und abgelegen. Denn keiner von unsern Königen hieß Titan, noch trug einer von den griechischen oder barbarischen Götzen diesen Namen. Trotzdem gilt er bei vielen als göttlich, so dass bei den Modernen die Sonne Titan genannt wird, und enthält auch einen gewissen Hinweis auf Rache und einen Rachebringer, weil jener sich den Anschein gibt, die schlecht Behandelten zu rächen. Und auch sonst ist es ein alter, glaubwürdiger, königlicher oder vielmehr tyrannischer Name. Da also der Name Titan soviel Gründe für sich hat, so hat nach all dem es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß der, welcher kommen wird, vielleicht Titan genannt wird. Doch wollen wir uns nicht in Gefahr begeben und den Anschein erwecken, als ob wir über den Namen des Antichrists etwas Bestimmtes wüßten. Läge nämlich für die Verkündigung desselben im gegenwärtigen Zeitpunkt eine Notwendigkeit vor, dann wäre er gewiß durch den gemeldet worden, der die Apokalypse geschaut hat. Das ist aber vor gar nicht langer Zeit geschehen, sondern soeben erst am Ende der Regierung des Domitian.

Diese Namenszahl offenbarte er, damit wir uns vor seinem Kommen hüten und wissen, wer er ist. Seinen Namen aber hat er verschwiegen, weil er nicht würdig ist, vom Hl. Geiste verkündet zu werden. Wäre er verkündet worden, dann würde er vielleicht für lange bleiben. Nun aber ‚war er und ist nicht, er wird aufsteigen aus dem Abgrunde und geht ins Verderben‘, gleich als ob er nicht wäre. So ist auch sein Name nicht verkündet worden, denn was nicht ist, davon wird auch der Name nicht verkündet. Wenn aber dieser Antichrist alles auf dieser Welt verwüstet haben wird, indem er drei Jahre und sechs Monate regierte und in dem Tempel zu Jerusalem thronte, dann wird der Herr vom Himmel in den Wolken in der Herrlichkeit des Vaters kommen. Jenen wird er samt seinem Anhang in den Feuerpfuhl werfen, für die Gerechten aber wird er die Zeiten des Reiches herbeiführen, d. h. die Ruhe, den heiligen siebenten Tag; wiederherstellen wird er die dem Abraham versprochene Erbschaft, und in diesem Reiche werden nach dem Worte des Herrn ‚viele vom Aufgang und Untergang kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,30,1-4)

Interessant ist auch die „Offenbarung des Petrus“. Entstanden vermutlich in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, gab sie sich als Schrift des Apostels Petrus aus. Ihr Status war umstritten; der Kanon Muratori erkennt sie als Teil der Bibel an; letztlich wurde sie aber nicht in den Kanon aufgenommen. Dennoch wurde sie als rechtgläubig betrachtet.

In diesem Text ist Jesus mit den Aposteln auf dem Ölberg und erklärt ihnen Dinge über das Weltgericht, die Hölle und den Himmel. Dabei zitiert die Petrusapokalypse die kanonischen Evangelien und schmückt deren Texte aus. Ein falscher Messias (der Antichrist) wird für die Endzeit angekündigt, der vor der Wiederkunft Jesu auftreten soll. Ausführlich geht es dann um die leibliche Auferstehung der Toten, und darum, dass alle, die so auferstanden sind, zum Gericht zitiert werden. Ebenso wie bei Paulus wird hier auch eine Bekehrung vieler Juden am Ende der Zeiten vorhergesagt.

„Und indem er auf dem Ölberg saß, traten zu ihm die Seinigen, und wir beteten ihn an und flehten einzeln ihn an und baten ihn, indem wir zu ihm sagten: ‚Tue uns kund, was die Zeichen deiner Parusie [Wiederkunft] und des Endes der Welt sind, damit wir erkennen und merken die Zeit deiner Parusie und die nach uns Kommenden unterweisen, denen wir das Wort deines Evangeliums predigen und die wir in deiner Kirche einsetzen, damit sie, wenn sie es hören, sich in acht nehmen, daß sie merken die Zeit deiner Parusie.‘ Und unser Herr antwortete uns, indem er zu uns sagte: ‚Gebt acht, daß man euch nicht verführe und daß ihr nicht Zweifler werdet und anderen Göttern dienet. Viele werden kommen in meinem Namen, indem sie sagen: ‚Ich bin Christus.‘ Glaubet ihnen nicht und nähert euch ihnen nicht. Denn die Parusie des Gottessohnes wird nicht offenbar sein, sondern wie der Blitz, der scheint vom Osten bis zum Westen, so werde ich kommen auf der Wolke des Himmels mit großem Heer in meiner Herrlichkeit; indem mein Kreuz vor meinem Angesicht hergeht, werde ich kommen in meiner Herrlichkeit; indem ich siebenmal so hell wie die Sonne leuchte, werde ich kommen in meiner Herrlichkeit mit allen meinen Heiligen, meinen Engeln, wenn mein Vater mir eine Krone aufs Haupt setzt, damit ich richte die Lebendigen und die Toten und jedem vergelte nach seinem Tun.

Und ihr – nehmet von dem Feigenbaum das Gleichnis davon: Sobald sein Sproß hervorgekommen und seine Zweige getrieben sind, wird eintreten das Ende der Welt.‘ – Und ich, Petrus, antwortete ihm und sagte zu ihm: ‚Deute mir betreffs des Feigenbaums, [und] woran wir das erkennen, denn alle seine Tage hindurch sproßt der Feigenbaum und jedes Jahr bringt er seine Frucht [und] seinen Herren. Was bedeutet (also) das Gleichnis vom Feigenbaum? Wir wissen es nicht.‘ Und es antwortete mir der Meister und sagte zu mir: ‚Verstehst du nicht, daß der Feigenbaum das Haus Israel ist? Wie ein Mann in seinem Garten einen Feigenbaum gepflanzt hatte und der brachte nicht Frucht. Und er suchte seine Frucht lange Jahre. Und da er sie nicht fand, sagte er zu dem Hüter seines Gartens: ‚Reiß diese Feige aus, damit sie uns nicht unser Land unfruchtbar sein läßt!‘ Und der Gärtner sagte zu Gott: ‚Wir Diener (?) wollen ihn (vom Unkraut) reinigen und den Boden unter ihm umgraben und ihn mit Wasser begießen. Wenn er dann nicht Frucht bringt, wollen wir sogleich seine Wurzeln aus dem Garten entfernen und einen anderen an seiner Statt pflanzen.‘ Hast du nicht begriffen, daß der Feigenbaum das Haus Israel ist? Wahrlich, ich sage dir, wenn seine Zweige getrieben haben am Ende, werden lügnerische Christusse kommen und die Hoffnung erwecken (mit den Worten): ‚Ich bin der Christus, der ich (einst) in die Welt gekommen bin.‘ Und wenn sie die Bosheit seines Tuns sehen, werden sie sich abwenden hinter ihnen her und den verleugnen, dem unsere Väter Lobpreis sagten (?), die den ersten Christus kreuzigten und damit schwer sündigten. Dieser Lügnerische ist aber nicht Christus. Und wenn sie ihn verschmähen, wird er mit Schwertern (Dolchen) morden, und es wird viele Märtyrer geben. Alsdann werden die Zweige des Feigenbaumes, d. h. des Hauses Israels, treiben, allein es werden viele durch seine Hand Märtyrer werden, sie werden sterben und Märtyrer werden. Henoch und Elias werden gesandt werden, um sie zu belehren, daß das der Verführer ist, der in die Welt kommen und Zeichen und Wunder tun muß, um zu verführen. Und deshalb werden diese, welche durch seine Hand gestorben sind, Märtyrer und werden gerechnet zu den guten und gerechten Märtyrern, welche Gott in ihrem Leben gefallen haben.‘

Und er zeigte mir in seiner Rechten die Seelen von allen (Menschen) und auf seiner rechten Handfläche das Bild von dem, was sich am jüngsten Tage erfüllen wird; und wie die Gerechten und die Sünder geschieden werden, und wie diejenigen tun (?) werden, die rechten Herzens sind, und wie die Übeltäter für alle Ewigkeit ausgerottet werden. Wir sahen, wie die Sünder in großer Betrübnis und Trauer weinten, bis alle, die es mit ihren Augen sahen, weinten, seien es Gerechte oder Engel oder auch er selbst. Ich aber fragte ihn und sagte zu ihm: ‚O Herr, erlaube mir, daß ich inbetreff dieser Sünder dein Wort sage: ‚Es wäre ihnen besser, sie wären nicht geschaffen‘.‘ Und der Heiland antwortete mir und sagte zu mir: ‚O Petrus, warum redest du so, ‚das Nichtgeschaffensein wäre ihnen besser‘? Du bist es, der wider Gott streitet. Du würdest dich seines Gebildes nicht mehr erbarmen als er; denn er hat sie geschaffen und hat sie dahin gebracht, wo sie (vorher) nicht waren (wohl = und hat sie aus dem Nichtsein ins Dasein gebracht). Und weil du gesehen hast die Klage, welche die Sünder treffen wird in den letzten Tagen, darum ist dein Herz betrübt, aber ich will dir ihr Tun zeigen, mit dem sie sich an dem Höchsten versündigt haben.

Sieh jetzt, was sie treffen wird in den letzten Tagen, wenn der Tag Gottes kommt. Und am Tage der Entscheidung des Gerichtes Gottes werden alle Menschenkinder vom Osten bis zum Westen vor meinem Vater, dem ewig Lebendigen, versammelt werden, und er wird der Hölle gebieten, daß sie ihre stählernen Riegel öffnet und alles, was in ihr ist, zurückgibt. Und den wilden Tieren und Vögeln wird er gebieten, daß sie alles Fleisch, was sie gefressen haben, zurückgeben, indem er will, daß die Menschen (wieder) sichtbar werden; denn nichts geht für Gott zugrunde und nichts ist ihm unmöglich, da alles sein ist. Denn alles (geschieht) am Tage der Entscheidung, am Tage des Gerichtes mit dem Sprechen Gottes, und alles geschieht, wie er die Welt schafft, und alles, was darin ist, hat er geboten, und alles geschah; ebenso in den letzten Tagen, denn alles ist Gott möglich und also sagt er in der Schrift: ‚Menschenkind, weissage über die einzelnen Gebeine und sage zu den Knochen: Knochen zu den Knochen in Glieder, Muskel, Nerven, Fleisch und Haut und Haare darauf‘. Und Seele und Geist soll der große Urael [ein außerbiblischer Engelsname] auf Befehl Gottes geben. Denn ihn hat Gott bestellt bei der Auferstehung der Toten am Tage des Gerichtes. Sehet und bedenkt die Samenkörner, die in die Erde gesät sind. Wie etwas Trockenes, das seelenlos ist, sät man sie in die Erde. Und sie leben auf, bringen Frucht, und die Erde gibt (sie) wieder wie ein anvertrautes Pfand. Und dieses, was stirbt, was als Same in die Erde gesät wird, lebendig wird und dem Leben zurückgegeben wird, ist der Mensch. Wie viel mehr wird Gott die an ihn Gläubigen und von ihm Erwählten, um derentwillen er (die Erde) gemacht hat, auferwecken am Tage der Entscheidung, und alles wird die Erde wiedergeben am Tage der Entscheidung, weil sie an ihm zugleich mit gerichtet werden soll und der Himmel mit ihr.

Und es wird geschehen am Tage des Gerichtes derer, die abgefallen sind vom Glauben an Gott und die Sünde getan haben: Feuerkatarakte werden losgelassen, und Dunkel und Finsternis wird eintreten und die ganze Welt bekleiden und einhüllen, und die Wasser werden sich verwandeln und gegeben werden in feurige Kohlen und alles in ihr (d. Erde?) wird brennen, und das Meer wird zu Feuer werden; unter dem Himmel ein bitteres Feuer, das nicht verlöscht, und fließt zum Gericht des Zorns. Und die Sterne werden zerfließen durch Feuersflammen, als ob sie nicht geschaffen wären, und die Festen des Himmels werden aus Mangel an Wasser dahingehen und werden wie ungeschaffen. Und nicht (?) mehr werden sein die Blitze des Himmels, und durch ihre Zauberei werden sie die Welt erschrecken (vielleicht: Der Himmel wird zu Blitzen werden, und seine Blitze werden die Welt erschrecken). Und der Geist der Leichname wird ihnen gleichen und auf Befehl Gottes Feuer werden. Und sobald die ganze Schöpfung sich auflöst, werden die Menschen im Osten nach Westen fliehen [und die im Westen] nach Osten fliehen; und die im Süden werden nach Norden fliehen und die im [Norden nach] Süden, und überall wird sie der Zorn schrecklichen Feuers treffen. Und indem eine unverlöschliche Flamme sie treibt, bringt sie sie zum Zorngericht in den Bach unverlöschlichen Feuers, der fließt, indem Feuer darin flammt, und indem seine Wogen sich eine von der anderen im Sieden trennen, entsteht viel Zähneknirschen der Menschenkinder.

Und alle werden sehen, wie ich auf ewig glänzender Wolke komme und die Engel Gottes, die mit mir sitzen werden auf dem Thron meiner Herrlichkeit zur Rechten meines himmlischen Vaters. Der wird eine Krone auf mein Haupt setzen. Sobald das die Völker sehen, werden sie weinen, jedes Volk für sich. Und er wird ihnen befehlen, daß sie in den Feuerbach gehen, während die Taten jedes einzelnen von ihnen vor ihnen stehen. [Es wird vergolten werden] einem jeden nach seinem Tun. Betreffs der Erwählten, die Gutes getan haben, sie werden zu mir kommen, indem sie den Tod verzehrenden Feuers nicht sehen werden (?). Die Bösewichter, Sünder und Heuchler aber werden in den Tiefen nicht verschwindender Finsternis stehen, und ihre Strafe ist das Feuer, und Engel bringen ihre Sünden herbei; und bereiten ihnen einen Ort, wo sie für immer bestraft werden, je nach ihrer Versündigung.“ (Petrusoffenbarung 1-6, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 472-475.)

(Anschließend werden einzelne Sündergruppen und ihre Strafen aufgezählt; u. a. finden sich da Mörder, Ehebrecher, Eltern, die ihre Kinder abgetrieben haben, Christenverfolger, unbarmherzige Reiche. Dann geht es noch um den Lohn der Auserwählten. Aber zu genauen Vorstellungen von Himmel und Hölle in einem anderen Teil.)

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift, die sich als Brief der Apostel ausgibt, sagt Jesus den Jüngern nach Seiner Auferstehung folgendes:

„Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, ich werde kommen wie die Sonne, die erglänzt, so werde ich, indem ich siebenmal mehr als sie in Herrlichkeit leuchte, während ich auf dem Flügel der Wolke getragen werde in Glanz und indem mein Kreuz vor mir einhergeht, auf die Erde kommen, daß ich richte die Lebendigen und die Toten.

Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, wie viel Jahre noch?‘ Und er sprach zu uns: ‚Wenn das hundertundfünfzigste Jahr vollendet ist, zwischen Pfingsten und Pascha wird stattfinden die Ankunft meines Vaters.‘ Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, jetzt hast du zu uns gesagt: Ich werde kommen – und wiederum hast du gesagt: es wird kommen, der mich gesandt hat.‘ Und er sprach zu uns: ‚Ich bin ganz im Vater und der Vater in mir.'“ (Epistula Apostolorum 16(27)-17(28), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 134f.)

Und:

„Wahrlich ich sage euch: ‚Das Fleisch wird auferstehen mit der Seele lebendig, damit sie bekennen und gerichtet werden mit dem Werk, was sie getan haben, es sei Gutes oder Böses, auf daß es werde zu einer Auswahl und Darstellung für die, welche geglaubt und getan haben das Gebot meines Vaters, der mich gesandt hat. Darauf wird das gerechte Gericht stattfinden; denn so will es mein Vater, und er sprach zu mir: Mein Sohn, am Tage des Gerichts sollst du dich vor dem Reichen nicht scheuen und den Armen nicht schonen, sondern übergib einen jeden gemäß seiner Sünde ewiger Bestrafung. Denjenigen aber, die mich geliebt haben und mich lieben und welche mein Gebot getan haben, werde ich Ruhe im Leben verleihen im Reiche meines himmlischen Vaters. Siehe, schaut, was für eine Macht er mir verliehen hat, und er hat mir gegeben, daß, … was ich will und wie ich gewollt habe, … und denen ich Hoffnung erweckt habe.“ (Epistula Apostolorum 26(37), in: Ebd., S. 140f.)

Und:

„Und er sprach zu uns: Dann werden die Gläubigen und auch die, welche nicht glauben werden, ein Horn am Himmel sehen und das Gesicht großer Sterne, die, während es Tag ist, sichtbar sind, und einen Drachen, indem er vom Himmel bis zur Erde reicht und indem Sterne, die wie Feuer sind, herabfallen und große Hagelschlossen von heftigem (?) Feuer, und wie Sonne und Mond miteinander streiten, und beständig der Schrecken von Donner und Blitzen, Donnerkrachen und Erdbeben wie Städte einstürzen und bei ihrer Zerstörung Menschen sterben, beständig Dürre infolge Ausbleiben des Regens, eine große Pest und ein ausgebreitetes und häufiges schnelles Sterben, so daß denen, die sterben, das Begräbnis fehlen wird; und es wird das Hinausgehen (=Hinausgetragenwerden) von Kindern und Verwandten auf einem Bett (=Bahre) geschehen. Und der Verwandte wird sich seinem Kinde nicht zuwenden noch die Kinder ihrem Verwandten, und ein Mensch wird sich seinem Nächsten nicht zuwenden. Die Verlassenen aber, welche verlassen wurden, werden auferstehen und die sehen, welche sie verlassen haben, indem sie sie hinausbrachten, weil Pest (war). Alles ist Haß und Bedrängnis und Eifersucht, und dem einen wird man nehmen und dem anderen schenken, und wie dies wird sein, was nach diesem kommt.

Dann wird mein Vater wegen der Bosheit der Menschen in Zorn geraten; denn zahlreich sind ihre Versündigungen, und der Schauder vor ihrer Unreinheit ist sehr wider sie in der Verderbnis ihres Lebens. […]

Und er sprach zu uns: ‚In jenen Jahren und Tagen (wird) Krieg über Krieg (sein), und die vier Ecken der Welt werden erschüttert werden und werden sich gegenseitig bekriegen. Und darauf (wird eintreten) eine Wolkenbewegung, Finsternis und Dürre und Verfolgung derer, die an mich glauben und (trotzdem) der Bosheit folgen und eitle Lehre lehren. Und diesen wird man folgen und wird sich ihrem Reichtum, ihrer Verworfenheit, ihrer Trunksucht und ihrem Bestechungsgeschenk unterwerfen, und Ansehen der Person wird unter ihnen herrschen.“ (Epistula Apostolorum 34(45)-37(48), in: Ebd., S. 145-147.)

Über Endzeit und Antichrist heißt es im Barnabasbrief:

„Das vollkommene Ärgernis ist nahe gerückt, von dem in der Schrift steht, wie Henoch sagt. Dazu nämlich hat der Herr die Zeiten und die Tage abgekürzt, damit sein Geliebter sich beeile und zu seinem Erbe gelange. Es sagt aber auch der Prophet so: ‚Zehn Königsherrschaften werden herrschen auf Erden, und danach wird ein kleiner König aufstehen, der drei von den Königen auf einmal erniedrigen wird.‘ Ähnlich sagt über denselben Punkt Daniel: ‚Und ich sah das vierte Tier, böse und stark und wilder als alle Tiere des Meeres, und wie aus ihm herauswuchsen zehn Hörner und wie aus ihnen ein kleines Nebenhorn wuchs und wie es auf einmal drei der großen Hörner erniedrigte.'“ (Barnabasbrief 4,3-5)

Wie zu allen Zeiten gab es auch damals schon Vermutungen, wer konkret der Antichrist sein könnte oder wann konkret er kommen werde; der Kirchenhistoriker Eusebius erwähnt folgendes:

„Um diese Zeit gab Judas, ein anderer Schriftsteller, in einer Abhandlung über die siebzig Wochen Daniels eine Chronographie bis zum zehnten Jahre der Regierung des Severus. Er glaubte, das vielbesprochene Erscheinen des Antichrist sei schon damals nahe gewesen. So sehr hatte die damals gegen uns wütende Verfolgung die Gemüter der Massen erregt.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,7)

(Diese Verfolgung fand ca. um 200 n. Chr. herum statt.)

Die christlichen Sibyllinen (dichterische Weissagungen) sagen über die Endzeit und das Jüngste Gericht folgendes (dabei kommt auch der nicht in der Bibel erwähnte Engelsname Uriel vor):

„Und Gott wird alsdann ein großes Zeichen vollführen.
Denn es erglänzt ein Stern einem leuchtenden Kranze fast ähnlich,
Glänzend und überall leuchtend herab vom strahlenden Himmel
Und nicht wenige Tage hindurch; denn vom Himmel wird er dann
Zeigen am Siegerkranz den Menschen, die ihn sich erkämpfen.
Dann aber kommt auch die Zeit des festlichen großen Triumphzugs
In die himmlische Stadt, und zwar sämtlichen Menschen gemeinsam
Wird auf Erden er sein und den Ruhm der Unsterblichkeit haben.
Und es wird jedes Volk alsdann in unsterblichen Kämpfen
Ringen um herrlichen Sieg; denn nicht wird einer dann schamlos
Dort einen silbernen Kranz um Geld sich können erwerben;
Denn als Ordner des Kampfs mit strenger Gerechtigkeit waltet
Christus: den Besten verleiht er den Kranz, und die Märtyrerkrone
Allen, die treu und beharrlich den Kampf bis zum Tode durchkämpften.
Auch jungfräulichen Seelen, die rühmlich durchmaßen die Laufbahn,
Gibt er den Preis und jedem, der Recht und Gerechtigkeit übte,
Unter den Menschen zumal und den Völkern anderer Länder,
Welche untad’lig gelebt und Gott den Einen erkannten.
Denen jedoch, die lieben die Eh‘ und der Buhlerei fremd sind,
Gibt er reiche Geschenke dazu und ewige Hoffnung.
Denn eine jegliche Seele der Menschen ist göttliche Gabe,
Und kein Recht hat der Mensch, sie mit allerlei Schmach zu beflecken.
Dies ist der Kampf, dies ist das Bemühen und solches der Kampfpreis;
Das ist des Lebens Tür und das der Unsterblichkeit Eingang,
Welchen der himmlische Gott den gerecht befundenen Menschen
Setzte als Siegespreis. Die eher ruhmreich erhalten
Jenen Kranz, die werden durch diesen Eingang hindurchgehen.
Wenn aber einst auf der ganzen Welt dies Zeichen erscheinet,
Kinder von der Geburt an ergraut sind an ihren Schläfen,
Dann überkommt Pest, Hunger und Krieg als Drangsal der Menschen,
Wechsel der Zeiten und Kummer und Leid und zahllose Tränen.
Ach, wie vieler Kinder in allen Ländern verzehren
Jammervoll klagend die Eltern, das Fleisch in die Mäntel gehüllet
Sie im Mutterschoß der Erde bestatten, besudelt
Ganz von Blut und von Staub; ihr elenden, feigen Gesellen,
O des letzten Geschlechts unglückliche Menschen, ihr Frevler,
Merket ihr nicht, verblendetes Volk, sobald zu gebären
Aufhört der Weiber Geschlecht, daß nahe die Ernte?
Nah ist Vernichtung und Ernte, sobald gleich Gottes Propheten
Lügner erscheinen auf Erden und predigen unter den Menschen.
Und auch Beliar kommt und tut viel Zeichen und Wunder
Unter den Menschen. Und dann wird große Verwirrung entstehen
Unter den Frommen und Treuen; Vernichtung der Auserwählten,
Auch der Hebräer erfolgt. Doch gewaltige Wut überkommt sie,
Wenn das Volk, in zwölf Stämme geteilt, von Osten erscheinet,
Um zu suchen das Volk, das Assyriens Sproß hat vernichtet,
Der vereinten Hebräer. Die Heiden dann gehen zugrunde.
Und dann werden beherrschen die übermütigen Menschen
Auserwählte und treue Hebräer, nachdem sie geknechtet
All ihre Feinde wie vordem, da niemals die Kraft sie verlassen.
Und der Höchste im Himmel, der alles und jegliches schauet,
Wird die Menschen in Schlummer versenken, die Lider beschwerend.
O glückselige Knechte, die wachsam, wenn er erscheinet,
Findet der Herr, die den bleiernen Schlaf von den Lidern verscheuchten
Stets sein Kommen erwartend mit nimmer ermüdenden Augen.
Früh wird’s sein oder spät, vielleicht auch mitten am Tage,
Einmal kommt er gewiß und so, wie ich sage, geschieht es.
Schlummernden wird er erscheinen, wenn einst am sternenreichen Himmel
Alle Gestirne am hellichten Tag werden allen sich zeigen
Samt den zwei Leuchten in rasch verlaufender Folge der Zeiten.
Und dann fährt der Thesbite vom Himmel herab auf die Erde,
Lenkend den himmlischen Wagen, und gibt drei Zeichen den Menschen,
Welche die Erde bewohnen, die Zeichen des endenden Lebens. […]
Weh den Unseligen, weh! die den Tag des Grauens erleben!
Denn stockfinstere Nacht umhüllt den unendlichen Erdkreis,
Mitternachtslande zugleich und Morgen und Abend und Mittag.
Dann aber wird ein mächtiger Strom von brennendem Feuer
Fließen vom Himmel herab und vernichten die herrliche Schöpfung:
Trocknes Land und Meer, des Ozeans bläuliche Fluten,
Seen und Flüsse und Quellen, den unerbittlichen Hades
Und das Himmelsgewölbe. Der Mond und die leuchtende Sonne
Fließen zusammen in eins, und alles wird Wüste und Öde;
Denn vom Himmel herab in den Ozean fallen die Sterne.
Sämtliche lebenden Menschen da werden mit Zähnen knirschen,
Brennend im Strom voller Schwefel und von dem anstürzenden Feuer
In der gewaltigen Flur, und Asche wird alles verhüllen.
[Und es veröden zugleich die sämtlichen Weltelemente:
Luft und Erde und Meer, Licht, Himmel und Tage und Nächte]
Nimmer durcheilen die Luft unzähliger Vögel Geschlechter,
Nicht mehr ziehn in den Fluten die Scharen der schwimmenden Fische,
Kein beladenes Schiff fährt über die schaukelnden Wogen,
Nimmer durchschneiden am Pflug die Stiere mit Furchen das Erdreich;
Aufhört das Rauschen der Bäume von Winden geschüttelt. Doch alles
Klumpt sich in eins zusammen und trennt sich zur Läuterung wieder.
Wenn aber nun die unsterblichen Boten des ewigen Gottes,
Michael, Gabriel, kommen zusammen mit Raphael, Uriel,
Die da wissen genau, was vordem Böses begangen
Jeglicher Mensch: die führen sodann aus nebligem Dunkel
Alle die Seelen heran zum Richterstuhl des großen
Ewigen Gottes und Herrn; denn unvergänglich allein ist
Er, der Beherrscher des Alls, und Er ist Richter der Menschen.
Seele und Atem hierauf und Stimme verleiht den Entschlaf’nen
Neuerdings Gottes Geheiß; die Gebeine, verbunden zu Gliedern
Mancherlei Zwecken gemäß, im Fleische die kräftigen Sehnen,
Adern und Haut, die die Muskeln umspannt, das frühere Haupthaar.
Wunderbar kräftig gefügt, beseelt und frei sich bewegend,
werden der Sterblichen Leiber an einem Tage erstehen.
Unerbittlich und unzerreißbar, erbarmungslos ist
Hades‘ Riesenverschluß der ganz aus Erz gefertigten Tore:
Doch Uriel, der gewaltige Bote zerreißt sie und öffnet,
Alle Gestalten voll Trauer er führt zum Gottesgerichte:
Jene Schattenbilder der längst vergang’nen Titanen
Und der Giganten [Anmerkung: mit Titanen und Giganten werden einige der frühesten Menschen gemeint sein], und welche die Sintflut hatte verschlungen,
Und die auf hoher See vernichtet die Woge des Meeres,
Und die die Tiere und Schlangen und Vögel haben zerrissen,
All die wird er jetzt rufen zum Throne des göttlichen Richters;
Wiederum all die Gestalten, die fleischvernichtendes Feuer
Hatte verbrannt, die sammelt und stellt er vor Gottes Gerichtsstuhl.
Wenn er die Toten erwecket, nachdem er ihr Schicksal erfüllet,
Und auf dem himmlischen Thron sich gesetzet und eine gewaltige Säule
Festgefügt Sabaoth Adonai, der Donn’rer der Höhe,
Dann in den Wolken der Ewige selber zum Ewigen kommet,
Christus in all seinem Glanz mit all seinen heiligen Engeln,
Und er setzt sich dem Großen zur Rechten und richtet vom Thron das
Leben der Frommen und auch der gottlosen Männer Gesinnung.
Moses erscheint, der Große, der Freund des unsterblichen Gottes,
Fleischumkleidet, und Abraham selbst, der Große, wird kommen,
Isaak und Jakob zugleich, Elias und Josua, Daniel,
Jonas und Habakuk auch, und die die Hebräer erschlugen.“
(Christliche Sibyllinen II,34-248, S. 504-507)

Und:

„Jedes Geschöpf auf Erden erwartet den Richttag in Angstschweiß.
Endlich erscheint vom Himmel herab der ewige König,
Seiner Verheißung getreu, was Fleisch ist auf Erden, zu richten.
Und es erblicken sodann die Sterblichen, seien sie gläubig,
Seien sie Feinde des Glaubens, am Ende der Zeiten den Höchsten:
Christum, gefolgt von der Heiligen Schar, der alles, was Fleisch ist,
Richtet, sobald verdorrt ist das Land und Dornen nur sprießen.
Ihre armseligen Götzen verwerfen die Menschen, mit Abscheu,
Spähendes Feuer verzehrt den Himmel, die Erd‘ und des Meeres
Tosende Flut und verbrennt die Kerkertore des Hades.
Und an das Licht der Freiheit gelangt von den Toten ein jeder,
So sich im Leben bewährt; die Bösen erwartet das Feuer.
Gründlich und offen bekennt, was er heimlich gesündigt, ein jeder.
Ohne Erbarmen durchleuchtet der Herr des Herzens Geheimnis.
Tausende heulen vor Wut, man hört das Knirschen der Zähne.
Traurig verbleichen die Sterne, der Glanz der Sonne verliert sich.
Ebenso schwindet der Mond. Es wankt das Himmelsgewölbe.
Schluchten und Täler erblickst du nicht mehr, die Berge versinken:
Scheidet ja doch auch Menschen nicht mehr der leidige Rangstreit.
Offenes Land ersetzt die Gebirge, und keines der Meere
Hat jetzt Schiffe zu tragen. Die Erde ist dürr und vertrocknet.
Nicht mehr murmelt der Quell, die rauschenden Ströme versiegen.
Eines nur störet die Stille des Tods: der Klang der Trompete.
Ruchlose Greuel beklagt sie, beklagt den Jammer der Menschheit.
Lüstern nach menschlichem Fleisch gähnt furchtbar des Tartarus Rachen.
Öffentlich flehn um gnädigen Spruch die stolzesten Herrscher.
Schwefliger Dampf, dem Feuer gesellt, ergießt sich vom Himmel.
Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.“
(Christliche Sibyllinen VIII,217-248, in: Ebd., S. 519)

Und:

„Der Bedrückten nimm dich stets an und hilf dem Erschöpften,
Bring dieses lebende Opfer doch mir, dem lebendigen Gotte,
Jetzt nur säend ins Wasser, damit auch ich dir einst gebe
Unvergängliche Früchte; das ewige Leben sollst du haben,
Unverwesliches Leben, wenn alle ich prüfe im Feuer.
Alles werde ich schmelzen und wieder zur Läuterung scheiden,
Werde den Himmel erschüttern, die Schlünde der Erde eröffnen,
Und dann will ich die Toten erwecken, das Schicksal lösend
Und den Stachel des Todes, und alsbald komm‘ ich zum Gerichte,
Um zu richten das Leben der frommen und gottlosen Menschen;
Und da werd‘ ich dem Widder den Widder, dem Hirten den Hirten,
Und den Stier dem Stier gegenüberstellen zur Prüfung.
Alle, die waren erhöht, überführt bei dem großen Verhör, und
Jedem den Mund verstopften, um selber voll Neid und voll Mißgunst
Alle, die Gutes getan, gleichermaßen zu knechten und schinden,
Schweigen ihnen gebietend, doch nur dem Gewinne nachjagten,
Die werden alle, bei mir nicht bewährt, jetzt abtreten müssen.
Nicht mehr sagst du in Zukunft voll Trauer: ‚Wird’s morgen wohl sein?‘
Oder: ‚Ist’s gestern gewesen?‘ Nicht sorgst du für mehrere Tage;
Frühling, Sommer und Winter und Herbsteszeit gibt es nicht mehr,
Auch keinen Abend und Morgen; verlängern werd ich den Tag jetzt,
Aber auf ewig ersehnt wird das Licht des gewaltigen Gottes.“
(Christliche Sibyllinen VIII,407-428, in: Ebd., S. 523f.)

Wieso ich AfD wählen werde

So, ich oute mich jetzt mal: Bei der Bundestagswahl werde ich meine Kreuzchen bei der AfD machen. Ich weiß, das gehört sich nicht, bei „AfD“ muss man sofort zurückschrecken und klarstellen, dass die natürlich überhaupt nicht gehen. Aber, doch. Früher hätte ich das auch nicht getan, aber ich musste meine Ansichten ein bisschen revidieren.

Mein Gedankengang ist ganz einfach der: Das gravierendste Problem, das wir im Moment haben und das sich noch einigermaßen abmildern lassen würde, wenn man es angehen würde, ist das der massenhaften Einwanderung und der Verkleinerung des deutschen Bevölkerungsansteils, und um dieses Problem abzumildern, ist es taktisch am klügsten, die AfD zu wählen. (Gründe: siehe weiter unten.) Außerdem schneidet sie auch bei einigen anderen Problemen (auch bei solchen, bei denen eine wirkliche Lösung nicht in Aussicht steht, wie z. B. der Abtreibungsgesetzgebung) immer noch um einiges besser oder zumindest weniger schlecht ab als die anderen Parteien. Außerdem ist sie einfach in vielen Fällen dazu bereit, Opposition zu machen, was sich andere nicht trauen, gerade jetzt in Coronazeiten; das sorgt zumindest für ein gewisses Gegengewicht zu anderen Parteien. Ihr Wahlprogramm kann jeder lesen, und darin finde ich weniges, was ich ablehne. (Ein paar Sachen gibt es immer.) Die meisten Punkte – z. B. solche wie Volksentscheide auf Bundesebene, keine Änderung des Grundgesetzes ohne Volksentscheid, Begrenzung der Amtszeit von Abgeordneten und Kanzler, Ablehnung von Frauenquoten, Erhalt des Bargelds, Abschaffung mancher Steuern wie Erbschafts- und Grunderwerbssteuer, Betreuungsgeld für Eltern oder Großeltern in den ersten drei Lebensjahren eines Kindes, Kontrolle der Jugendämter, um unnötige Kindesentziehungen zu verhindern, Ablehnung von Leihmutterschaft, keine Geschlechtsumwandlungen bei Kindern und Jugendlichen, keine Legalisierung von Cannabis außer als Medikament, Erhalt des mehrgliedrigen Schulsystems und der Förderschulen, Förderung von Wohneigentum – gefallen mir.

Ich bin keine Spezialistin, was die inneren Querelen der AfD angeht, ich weiß nur, dass es da genug gibt, sicher auch genug Inkompetenz und persönliche Rivalitäten. Ich weiß, dass viele AfDler sich bei Wirtschafts- und Umweltthemen nicht ganz einig sind. Aber solche Querelen oder Debatten finde ich jetzt nicht dermaßen schlimm, das kann manchmal auch gut sein. Die Idee vom deutschen EU-Austritt finde ich relativ sinnlos, aber das kümmert mich eigentlich auch nicht sehr (und die Schuldenunion und die Idee vom europäischen Bundesstaat lehne ich auch ab). Bei finanzpolitischen Fragen kenne ich mich selber nicht sehr gut aus und kann deswegen die Parteien nicht gut beurteilen. Manche AfDler denken für meinen Geschmack zu isolationistisch (wenn sie z. B. grundsätzlich Auslandseinsätze der Bundeswehr ablehnen), aber auch das ist zu ertragen. Banal gesagt: Ich will nicht, dass noch mehr vierzehnjährige Mädchen von Algeriern oder Marokkanern vergewaltigt werden, die dann Bewährung bekommen und natürlich nicht abgeschoben werden. Ich will nicht, dass sich die Kölner Silvesternacht wiederholt, und Messerangriffe finde ich auch nicht so toll. Und ja, natürlich habe ich auch selber eine gewisse Angst vor so etwas. Angst ist manchmal sehr rational, man macht Kindern nicht ohne Grund Angst davor, die heiße Herdplatte anzufassen oder über die Straße zu gehen, ohne nach links und rechts zu schauen. Angst zu haben, bedeutet nicht automatisch, in Panik zu handeln, sondern kann auch das Fundament dafür sein, rational zu handeln, um eine reale Gefahr anzugehen. Und diese Gefahr ist mir jetzt erst einmal das Wichtigste.

Wieso das Einwanderungsthema so gravierend ist:

Erstens: Kriminalitätsstatisken kann man nicht ignorieren. Die sog. „Zuwanderer“ (Asylzuwanderer der letzten Jahre) sind einfach stark überrepräsentiert bei Mord, Totschlag, sexueller Gewalt. Nehmen wir allein Gruppenvergewaltigungen, von denen es in Deutschland mittlerweile zwei am Tag gibt: Die Hälfte der Täter haben keine deutsche Staatsbürgerschaft – hier sind Männer mit Migrationshintergrund, aber Staatsbürgerschaft, noch gar nicht eingerechnet. Afghanen allein beispielsweise machen 0,3% der Bevölkerung aus, aber 6% (also das 20fache) bei den Tätern bei Gruppenvergewaltigungen. In den Gefängnissen stellen Ausländer einen ziemlich überproportionalen Teil der Insassen.

Um das klarzustellen: Niemand sagt „Alle Flüchtlinge sind Verbrecher“. (Genau genommen ist das Hetze und Verleumdung, zu behaupten, jemand würde das sagen.) Es wird nicht mal gesagt „die meisten Flüchtlinge sind Verbrecher“. Aber es sind überdurchschnittlich viele.

Wenn in einem Land durchschnittlich 2% Rothaarige leben, aber in einer Region 15% Rothaarige, sind unter den Einwohnern dieser Region überdurchschnittlich viele Rothaarige im Vergleich zum Rest des Landes, auch wenn sie nicht die Mehrheit stellen. Und die Rothaarigen aus dieser Region werden einen auf jeden Fall überdurchschnittlichen, wahrscheinlich einen mehrheitlichen Teil der Rothaarigen dieses Landes insgesamt stellen. Ähnlich ist es bei Ausländerkriminalität.

Da kann man jetzt langwierig die kulturellen oder sonstigen Gründe untersuchen, es bleibt einfach eine Tatsache: Einige – natürlich nicht alle, aber numerisch gesehen so einige – dieser in den letzten Jahren neu gekommenen Einwanderer verachten den Westen, verachten vor allem westliche Frauen, und sind schneller zu Gewalt bereit als Deutsche, auch die, die noch nicht gleich die schlimmsten Verbrechen begehen. Und da kann man noch so sehr sagen „es gibt aber auch deutsche Verbrecher“ – ja, und deswegen sollen wir uns noch mehr Verbrecher ins Land holen? Dann geht es uns bestimmt besser. Außerdem kommen ja auch aus einigen Ländern gerade die Leute, die diese Länder gerne los sind und nicht die friedfertigen und strebsamen.

Viele dieser Männer zeigen auch ganz offen ihre Verachtung für den Westen insgesamt, und besonders für die westliche Zahnlosigkeit, die es ihnen erlaubt, das Ausländer- und das Sozialamt anzulügen, sich als 17jährige Syrer auszugeben, wenn sie 30jährige Algerier sind, und unter mehreren Identitäten Sozialhilfe zu kassieren. Wenn Deutschland meint, es mache sich hier mit Milde beliebt, irrt es gewaltig. Solche Leute sehen den Westen als degeneriert (wobei sie nicht völlig Unrecht haben, aber der Islam ist ebenfalls eine sehr degenerierte Kultur, siehe allein seine abartige höchstoffizielle Position zu Polygamie und Sexsklaverei) und götzendienerisch (weil er irgendwie noch als christlich gilt), sehen keine Gemeinsamkeit zwischen sich und uns, und erst recht keinen Grund zur Dankbarkeit gegenüber dem Land, das sie aufnimmt. Bestenfalls sehen sie es als ihr gutes Recht, von Deutschland versorgt zu werden, weil sie ein völlig verzerrtes Geschichtsbild haben, in dem der Westen grundsätzlich der böse Aggressor und Imperialist und sowieso schuld an allen Problemen in ihren eigenen Ländern ist (auch wenn diese Länder selber im Lauf der Geschichte wahnsinnig aggressiv waren und entweder nie/kaum unter westlicher Herrschaft standen oder unter dieser Herrschaft weniger unter Korruption, Gewalt und Armut gelitten haben).

Es ist okay, anzuerkennen, dass manche Leute, die behaupten, Schutz zu suchen und dann Messerstechereien begehen, nicht nur missverstanden, traumatisiert und eigentlich nett sind. Deutschland verhält sich manchmal wie eine hilflose alte Tante, die sich selbst einreden muss, dass ihr Neffe doch nur Spaß machen wollte, als er die Katze in Brand gesteckt hat, und bestimmt von seinen Freunden irgendwie unter Druck gesetzt wurde, als er am Busbahnhof Gras verkauft hat, statt zu Onkel Manfreds Beerdigung zu kommen. Es ist nicht böse, anzuerkennen, wenn jemand einem feind ist, und es ist erst recht nicht böse, für Verbrechen höhere Strafen als Bewährung zu geben, oder Verbrecher abzuschieben.

Leute lassen sich auch nicht schnell mal durch Integrationskurse umformen; sie haben immer noch ihren eigenen Willen. Wenn man andere Kulturen herholt, hat man diese anderen Kulturen da. „Die muss man nur integrieren und ihnen Sprachkurse, Arbeit und Therapien bieten“ ist lächerliches Wunschdenken, auf einer Stufe mit „Ich kann meinen Freund ändern, er will mich eigentlich gar nicht schlagen“.

Das gilt nicht nur für Kriminelle. Auch jemand, der nicht kriminell ist, eine anständige Ausbildung als Koch macht und Deutsch auf Stufe B2 spricht, wird deswegen nicht seine Überzeugungen aufgeben, weder die guten noch die schlechten.

Die meisten, die kommen, sind junge, unverheiratete Männer; und ein Überschuss an solchen Männern ist in jeder Gesellschaft gefährlich, vor allem, wenn sie unzufrieden werden, weil es eben doch, so reich Europa ist, in anderen Erdteilen immer überzogene Erwartungen daran gibt, was man hier bekommen kann, oder weil man nicht so richtig dazugehört.

Viele, die kommen, sind Muslime, und zwar überzeugte. Je mehr Muslime da sind, desto schwieriger ist es für andere Muslime, den Islam zu verlassen, und desto mehr Konvertiten zum Islam gibt es. Und auch wenn eine atheistische Gesellschaft an sich theoretisch schlimmer ist als eine muslimische: sie wieder christlich zu machen ist nicht so schwierig, wie eine muslimische wieder christlich zu machen. Für Muslime ist die Bedrohung, wenn sie den Islam wieder verlassen, viel zu groß. Und ich will in keiner muslimischen Gesellschaft leben.

Ich hatte auch schon meine Einblicke dazu, wie es in Ausländerämtern so funktioniert, und da ist es wohl ziemlich normal, dass bei Asyl und Migration getrickst wird, auch von Leuten, die sonst brav und nicht kriminell sind. Man denkt sich eben, uns kann Deutschland ja wohl auch noch aufnehmen, und denkt sich dann ein paar schlimme Details der Fluchtgeschichte aus.

Die Linken wollen, dass man hier wegschaut, aber im Grunde können sie es nicht leugnen, und ich glaube, in ihrem Inneren wissen sie, dass es diese Probleme gibt. Sie denken nur, dass man das alles nun mal in Kauf nehmen muss, weil man eine Pflicht hätte, diese Männer trotzdem aufzunehmen. Aber die hat man nicht. So eine Pflicht kann man gar nicht proklamieren; man kann nicht die halbe Welt aufnehmen, und wenn man das versucht, wird nur Deutschland zum Dritte-Welt-Land und in anderen Ländern ändert sich gar nichts. Die Leute, die hierherkommen, sind größtenteils nicht aus Kriegsgebieten geflohen, und wenn, dann haben sie zwischendrin schon so einige sichere Länder durchquert. Das ist einfach eine Tatsache. Es wäre etwas völlig anderes, wenn in Frankreich oder Polen plötzlich Krieg wäre, dann müssten natürlich wir helfen, nicht Syrien oder Afghanistan – aber wieso sollten nicht so reiche islamische Länder wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate mal ausnahmsweise Flüchtlinge aus ihrem eigenen Kulturkreis aufnehmen? Das ist natürlich Kalkül vonseiten dieser Länder, dass sie die Leute lieber nach Europa schicken; man hat selber keine Probleme damit, sie zu integrieren und weitet den islamischen Einfluss aus. Und wer nicht nur zu einer überdurchschnittlich kriminellen Gruppe gehört, sondern selber persönlich schwer kriminell ist, hat sein Gastrecht sowieso grundsätzlich verwirkt.

Natürlich sind die Durchschnittsmenschen in Nigeria oder Marokko ärmer; aber deswegen sind sie in aller Regel nicht am Verhungern und werden nicht persönlich verfolgt und gefoltert. Es gibt Grenzen dessen, wobei man helfen muss, und es gibt sinnvollere und weniger sinnvolle Weisen der Hilfe. Mit der sog. „Hilfe vor Ort“ erreicht man auch mehr mit weniger Geld. Ich glaube ehrlich gesagt aber auch nicht, dass es den politisch Linken wirklich darum geht, was am effektivsten hilft. Eher haben sie so eine grundsätzliche Neigung zum Masochismus, einen Hass auf ihr eigenes Land, wollen ihre Landsleute dazu zwingen, angebliche oder tatsächliche Sünden der Vergangenheit zu sühnen, und gehen davon aus, dass das, was Deutschland am meisten schadet und/oder es am ehesten weniger deutsch macht, das moralisch Beste sein muss. Dabei wäre es für alle besser, wenn diese Männer ihre eigenen Länder aufbauen würden. In Deutschland werden sie am Ende auch relativ entwurzelt sein und es schwer finden, dazuzugehören, und die nächste Generation wird noch weniger wissen, womit sie sich identifizieren soll. (Man könnte auch zynischerweise spekulieren, ob die linken Parteien sich einfach neue Wähler heranholen wollen, weil Migranten kaum konservativ wählen, aber ich weiß nicht, ob das so zentral ist.)

[Hier noch kurz zum Thema Afghanistan, das aufkam, als ich diesen Artikel schon fast fertig hatte: Ja, auch hier bin ich dagegen, Afghanen aufzunehmen, und das hat mehrere Gründe:

  1. Die Alternative lautet nicht „von den Taliban massakrieren lassen oder herholen“. Ich hätte absolut nichts dagegen, Nachbarländer wie Tadschikistan, Usbekistan oder Pakistan finanziell und/oder mit Hilfspersonal zu unterstützen, damit sie afghanische Flüchtlinge versorgen können. In diesen Ländern herrscht einigermaßen Sicherheit, und dort können Afghanen sich viel schneller in der Gesellschaft zurechtfinden. Teile der afghanischen Bevölkerung gehören ja auch zu den Volksgruppen der Usbeken und Tadschiken. Wieso soll man sie um die halbe Welt in ein völlig fremdes Land fliegen? Hier in den Nachbarländern wäre Unterstützung aber wirklich angebracht; man sollte sich nach einem so langen Militäreinsatz nicht einfach so davonstehlen, und auch schauen, dass die Hilfe ankommt und nicht bei irgendwelchen korrupten Regierungen versickert.
  2. Sobald es heißt, dass Deutschland afghanische Hilfskräfte der Bundeswehr aufnimmt, wird jeder Pakistani oder Iraner, der mal sein Glück in Europa versuchen wollte, sich auf einmal zur afghanischen Hilfskraft deklarieren, wie vor ein paar Jahren jeder Flüchtling ein Syrer war. Hilfe vor Ort bietet keine solchen falschen Anreize, aber hilft gleichzeitig effektiver.
  3. Auch die Afghanen, die vielleicht nicht von den Taliban kontrolliert werden wollen, die sogar Musik verbieten und denen das Kopftuch noch nicht Verhüllung genug ist, sind in aller Regel überzeugte Muslime und eine völlig andere Kultur gewöhnt als Europäer. Auch im Afghanistan vor den Taliban wurde die Konversion vom Islam zu einer anderen Religion mit der Todesstrafe bedroht, und das von der Bevölkerung weit überwiegend gutgeheißen.
  4. Die Leute, die mit der Bundeswehr und den übrigen ausländischen Streitkräften zusammengearbeitet haben, waren oft ja gerade diejenigen, die Afghanistan nach dem Truppenabzug vor den Taliban hätten verteidigen sollen. Sie haben sich selber als Soldaten usw. gemeldet und wurden ausgebildet. Afghanistan hatte eine hochgerüstete und zahlenmäßig starke Armee, die aber fast überall ohne Kampf kapituliert hat. Es geht doch hier um deren eigenes Land, da haben sie auch eine eigene Verantwortung, nicht nur ausländische Armeen. Und leider haben viele von diesen Soldaten einfach aufgegeben oder sind gleich zu den Taliban übergelaufen. Zum Vergleich: Die syrische Armee kämpft seit ungefähr 10 Jahren gegen hochgerüstete Terrorgruppen, und das erfolgreich. Und dann die ganzen Geschichten, die jetzt auf den Nachrichtenseiten auftauchen, von einzelnen Flüchtlingen, so gut wie immer Männern, bei denen es sehr häufig heißt, dass ihre Familien in Afghanistan zurückgeblieben sind. Krieg ist grässlich, Leute reagieren in Panik, aber wer, selbst wenn er Panik hat, würde Frau und Kinder einfach schutzlos zurücklassen? Mit anderen Worten: Nein, diese Leute sind nicht einfach hochverdiente, treue, moderat-liberal eingestellte Menschen, wie sie manchmal dargestellt werden. Das heißt absolut nicht, dass man ihnen nicht helfen soll, aber siehe Punkt 1.]

Man könnte gegen diese ganze Entwicklung jedenfalls noch einiges tun. Man könnte die Ausreisepflichtigen abschieben. Man könnte von den Leuten mit subsidiärem Schutz verlangen, dass sie in ihr Heimatland zurückkehren, wenn ihnen dort keine Gefahr mehr droht. Und vor allem: Man könnte in Zukunft die Grenzen dicht machen, und Asylanträge außerhalb des Staatsgebiets entgegennehmen, weil es immer schwieriger ist, Leute loszuwerden, wenn sie schon mal da sind. Das würde nebenbei auch die Anreize verringern, die Reise überhaupt zu probieren, was für weniger Tote auf den gefährlichen Routen sorgen würde. Man könnte mehr Anreize für einheimische Deutsche schaffen, Kinder zu kriegen – das sollte man sowieso machen, weil Kinderkriegen einfach eine gute Sache ist, das Leben ist gut. Man könnte auch legal Eingewanderte nach einer schweren Straftat abschieben, und legale Arbeitsmigration beschränken (z. B. entweder indem man die Anforderungen höher macht oder ein festes Kontingent für die Neuerteilung von Arbeitsvisen schafft, pro Jahr nur soundsoviele). Den Fachkräftemangel kann man auch mit Deutschen (oder zumindest EU-Bürgern) angehen, man kann mehr deutsche Jugendliche motivieren, die entsprechenden Ausbildungen zu machen (und die Jobs besser bezahlen). Wieso sollten wir den Brain Drain aus Indien ausnutzen?

Mit lauter solchen Maßnahmen, die niemandes grundlegende Rechte verletzen, könnte man den Teil der Bevölkerung, der aus ganz anderen Kulturen kommt, immer noch auf einem akzeptabel kleinen, nicht viel weiter wachsenden Niveau halten.

Tatsache ist, dass demographische Fakten sehr mächtig sind. Das, was man offiziell „Ersatzmigration“ oder „Bestandserhaltungsmigration“ nennt, ist nichts Unproblematisches: Eine ethnische Gruppe wird kleiner, eine wird größer, Mehrheiten verschieben sich. Und das erinnert an den alten Witz von der Regierung, die sich ein neues Volk wählen sollte. Wenn, ohne das Volk zu fragen oder zumindest ohne sehr gute Gründe, die Zusammensetzung des Volkes grundlegend geändert wird, ist das schlimmer als ein Putsch. Wenn China massenhaft Han-Chinesen in die Gebiete der Tibeter und Uiguren schickt, sehen auch linkere Leute das ein. Manche sehen es auch, wenn Italien lauter Italiener nach Südtirol schickt, gegenüber denen die deutschsprachige Minderheit schwächer werden soll. Demographie ist, selbst dann, wenn die einzelnen Menschen nichts dafür können, oft genug eine politische Waffe.

Ich liebe meine Heimat, das habe ich schon immer, auch, als ich noch nicht die AfD gewählt hätte. Ich könnte mich nicht wirklich zuhause fühlen, wenn ich mehr als 30-40 km von daheim entfernt leben müsste, auch wenn das immer noch mein Land wäre, und auch wenn es ein sehr schönes Land ist. Erst recht nicht könnte ich im Ausland wirklich glücklich sein, auch wieder egal, wie schön es da ist. Und ich liebe mein Land mit den Leuten, die dazugehören. Ich will nicht, dass auf einmal die Bevölkerungsmehrheit aus Afrikanern und Arabern besteht. Ich möchte auch nicht, dass sie auf einmal aus Argentiniern, Japanern und Mongolen besteht; Verbrechen und Verachtung verschlimmern die ganze Sache, und gegen die Einwanderung von Japanern hätte ich weniger, aber das wäre trotzdem nicht ideal. Minderheiten sind okay, nichts dagegen einzuwenden; aber die einheimische Bevölkerung sollte in ihrem eigenen Land doch die Mehrheit stellen dürfen.

Ich mache absolut nicht dem einzelnen Einwanderer (ob Flüchtling oder nicht), der herkommt, einen Vorwurf, er tut ja durch die Einwanderung an sich nichts Böses; aber Deutschland ist es (wie jedes andere Volk/Land auch) einfach wert, erhalten zu werden, in etwa mit der Bevölkerung, die es als historisch gewachsene ethnisch-kulturelle Gemeinschaft hat, und deshalb sollte Deutschland nur eine begrenzte Menge an Einwanderern hereinlassen. Deutschland ist historisch gesehen auch kein Einwanderungsland wie die USA, die sich (bis zu einem gewissen Grad) als Schmelztiegel, offen für alles, definiert haben. Die letzte große Einwandererwelle, die es aufgenommen hat, kam zur Zeit der Völkerwanderung, und jeder weiß, wie brutal und katastrophal die ablief. (Oder könnte es wissen.) Seitdem kamen höchstens mal ein paar polnische Erntearbeiter oder aus Frankreich emigrierte Hugenotten.

Ebenso wie bei Deutschland ist es bei anderen Ländern; wenn ich mich auf einmal für Japan oder Neuseeland begeistern würde, würde ich es auch akzeptieren, wenn ich bei deren strengen Systemen kein Visum kriegen würde. Japan ist das Land der Japaner, und die sollen entscheiden dürfen, wie viele Gäste sie haben wollen, und als Gast würde ich das japanische Volk (nicht nur den abstrakt gedachten japanischen Staat, sondern die konkreten Leute) auch respektieren.

Es ist absolut nichts daran auszusetzen, wenn mal ein Deutscher eine Nigerianerin heiratet und sie herzieht und die beiden ein paar Kinder haben, oder wenn mal ein australischer Spezialist für die Arbeit nach Deutschland zieht, oder wenn mal ein Brasilianer ein paar Jahre in Deutschland studiert. Gastschüler, ausländische Studenten, wirklich gebrauchte Fachkräfte, u. U. mal ein Kontingent aus besonders bedrohten Flüchtlingen – alles gut, da ist ein bisschen internationaler Kontakt auch schön und hilfreich, so im Sinne der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe und „Völkerfreundschaft“, wie man das vor sechzig oder siebzig Jahren genannt hätte. Es kommt schlicht und einfach auf die Menge an. Der einzelne Einwanderer muss überhaupt nicht die Absicht haben, die Deutschen/Europäer zu ersetzen oder zu dominieren, aber im Endeffekt kommt es nun mal so, dass eine Gruppe desto mehr dominiert (gesellschaftlich, kulturell, politisch), je größer sie wird. Niemand hat was dagegen, mal einen Gast aufzunehmen, das kann sogar sehr schön sein, aber man will nicht, dass er noch seine ganze Verwandtschaft mitbringt. Niemand hat was dagegen, wenn mal eine neue Familie ins Dorf zieht, aber wenn auf einmal ganze Horden von komischen Hippies und Sektenmitgliedern herziehen, die bald die Ortschaft dominieren und die Immobilienpreise hochtreiben, ist man nicht mehr so erfreut. Sogar Linke sind gegen „Gentrifizierung“ von Stadtvierteln, wo die Ärmeren verdrängt werden.

Multikulturelle Gesellschaften schaffen viel eher Probleme, als dass sie sie lösen. Je weniger man gemeinsam hat, desto weniger fühlt man sich wie eine Gemeinschaft, und kann dann auch Probleme weniger leicht gemeinsam angehen. Man kann weniger leicht zusammen gegen ein tyrannisches Gesetz protestieren oder sich für Nachbarschaftshilfe zusammenschließen. Das wird einfach schwieriger, wenn man oft nicht mal dieselbe Sprache spricht und wenig Kontakt hat. Multikulturelle Gemeinschaften sind oft extrem zerstritten und gespalten; man schaue mal nur auf den Balkan. Natürlich kann man diese Probleme in gewissem Maß angehen, wenn jeder gerecht und wohlwollend ist, aber es bleiben zusätzliche Probleme, die man sich sparen könnte (solange man noch kann). Und in der Praxis ist nicht jeder gerecht und wohlwollend.

Es ist okay, wenn eine kleine Gruppe, die nicht wirklich dazugehört, als Gäste in einem Land lebt, für sich bleibt und weiterhin ihre eigene Kultur pflegt, aber nicht die der Mehrheit beeinflussen will, und ihr Gastland auch respektiert. (Ja, gegen solche kleinen Parallelgesellschaften habe ich tatsächlich absolut nichts, solange zu ihrer Kultur keine besonders schlimmen Praktiken wie Witwenverbrennung, Genitalverstümmelung von Mädchen oder Polygamie und Kinderehen gehören.) Es ist auch okay, wenn eine gewisse Zahl an einzelnen Einwanderern herkommt, die die inländische Kultur als neue Kultur annehmen und unter den Einheimischen aufgehen. Absolut okay. Aber eine große Masse an Einwanderern, die ihre Kultur behalten und sie den Einheimischen evtl. auch noch aufdrängen und diese Einheimischen verachten, ist etwas komplett anderes.

Ich möchte Ausländern niemals die Rechte nehmen, die ihnen zustehen; auch gute Beziehungen zu anderen Ländern sollte man sich erhalten, solange man irgend kann; aber Deutsche haben auch Rechte.

Man muss das Thema angehen, ohne mit irrationalen Abwehrreaktionen heranzugehen, und ohne sich darum zu kümmern, was die Nachbarn sagen könnten. (Die Wahlentscheidung selbst ist ja sowieso zum Glück geheim.) Wieso soll man die AfD nicht genauso rational bewerten können wie die CDU oder die SPD? Sobald das Kürzel „AfD“ fällt, zucken alle zurück, als handle es sich um den Leibhaftigen. Wieso? Nur, weil gepredigt wird, man müsste das tun.

Es ist auch wahltaktisch sinnvoll, die AfD zu wählen, auch wenn es keine realistische Chance gibt, dass sie an die Regierung kommt. Erstens: Der Slogan „Eine Stimme für die AfD ist eine Stimme für Rot-Rot-Grün“ ist Unsinn. Je mehr Leute Parteien wählen, die nicht Rot-Rot-Grün sind, desto weniger Chancen hat Rot-Rot-Grün, eine absolute Mehrheit zu bekommen; dafür ist es egal, ob man AfD oder CDU wählt. Und wenn es keine Mehrheit für Rot-Rot-Grün gibt, müssen eben wieder linke Parteien mit CDU, FDP oder Freien Wählern koalieren. Eine starke AfD-Fraktion im Bundestag kann aber außerdem dazu beitragen, schlechte Verfassungsänderungen zu verhindern. Wenn man noch ein paar Abweichler aus den anderen Parteien hat und die AfD geschlossen dagegen stimmt, bekommt eine solche Verfassungsänderung nicht die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit. Außerdem können auch Oppositionsparteien Druck machen, für Untersuchungen von Skandalen sorgen etc. Die AfD muss auch endlich normalisiert werden, man muss sich dem Versuch der Linken, das Overton-Fenster (den Bereich des Sagbaren) immer weiter zu verkleinern, entgegenstellen. Eine Oppositionspartei – vor allem, wenn sie genug außerparlamentarische Überzeugungsarbeit betreibt – kann allmählich die Überzeugungen der Bevölkerung und das Handeln der anderen Politiker verändern; das hat man an den Grünen gesehen. (Natürlich ist das schwerer, wenn man sämtliche Medien gegen sich hat, aber die öffentliche Meinung schwenkt manchmal sehr schnell um.)

Aber vor allem: Die AfD kann auch eine strengere Migrationspolitik durchgesetzt bekommen, wenn sie nicht an der Regierung ist, weil ihre Existenz und vor allem ein relativ gutes Abschneiden bei Wahlen eine permanente Drohung gegenüber den anderen Parteien ist: Wenn ihr noch mehr Migranten holt, wird die AfD noch stärker, also macht mal lieber die Grenzen nicht ganz so weit auf. Und das funktioniert nur, wenn auch genug Menschen bereit sind, zumindest als letzten Ausweg AfD zu wählen. Wenn die anderen Parteien wissen, dass sie sich darauf verlassen können, als alternativlos zu gelten, weil die AfD der Leibhaftige in Person ist, dann können sie ruhig durchziehen, was auch immer sie wollen.

Man kann auch einfach mit dem Ausschlussverfahren zur AfD kommen.

Dass SPD, Grüne und Linke überhaupt nicht in Frage kommen, ist von vornherein klar. Sie wollen durch die Abschaffung von § 218 StGB Abtreibung bis zur Geburt legalisieren, was gemäß den Erfahrungen anderer Länder für noch höhere Abtreibungszahlen als die jetzigen jährlichen 100.000 sorgen würde. Außerdem sind sie alle extrem pro-Einwanderung, wollen oft nicht mal Verbrecher und Terroristen abschieben, und haben nicht gut versteckte diktatorische Neigungen. Viele von ihnen sind pathologische Deutschlandhasser, die wahrscheinlich am liebsten nachträglich den Morgenthauplan vollstrecken würden. Die Linke will es übrigens verbieten, Kinder in eine Religionsgemeinschaft aufzunehmen – ja, das steht im Wahlprogramm.

Ich mache dagegen keinem einen Vorwurf, der die Freien Wähler wählt. Die sind echt manchmal besser als die Union, und Hubert Aiwanger ist, ganz im Gegensatz zu Markus Söder, ein Mann, der für einen Politiker recht sympathisch, ehrlich und standhaft wirkt. Vielleicht könnten die Freien Wähler im Bundestag einen guten Einfluss ausüben. Aber im Ganzen finde ich eben doch, dass sie zu wenig Opposition sind und zu viel Schlechtes mittragen, manchmal sogar extrem Schlechtes. Im Europaparlament haben die beiden einzigen Abgeordneten der Freien Wähler, Ulrike Müller und Engin Eroglu, für den Matic-Bericht gestimmt, der Abtreibung zum Menschenrecht deklariert.

Ich mache auch keinem einen Vorwurf, der die Union wählt mit der Begründung „dann haben die wenigstens in ihrer Koalition, mit wem auch immer sie sie eingehen, eine stärkere Position und der Weg zur grünlinken Neu-DDR wird ein bisschen verlangsamt“. Aber ich halte das für eine falsche Taktik, und halte es für völlig absurd, mehr von der Union zu erwarten als eine solche geringfügige Verlangsamung. Die Union war mal christlich, aber dann wurde sie zu einer bräsigen Partei, in der es hauptsächlich um Machterhalt und vielleicht noch eine gewisse Bürgerlichkeit und ein „aber nicht zu schnell mit den Reformen, Kinder!“ ging. Am Ende hat sie jede Reform, die die linken Parteien durchgeboxt haben, mitgetragen.

Ähnliches gilt für die FDP, von der man erwarten würde, sich gegen unverhältnismäßige Grundrechtseinschränkungen zu stellen; mehr als eine halbherzige Verlangsamung wird man nicht bekommen, wenn überhaupt. Dazu kommt, dass die FDP sowieso von grundfalschen Ideen ausgeht, was z. B. dazu führt, dass die JuLis Inzest und Leihmutterschaft legalisieren wollen. Vollkommen konsequent entsprechend der Grundideologie des Liberalismus.

Ich mache auch keinem einen Vorwurf, der eine wirklich christliche Kleinstpartei wählt, die kaum 1% zusammenbekommt, oder meinetwegen die Bayernpartei; aber ich halte das für eine verschwendete Stimme.

Der Punkt ist eben auch der: Ich glaube AfDlern/Rechten im Großen und Ganzen, was sie sagen; Leute zeigen früher oder später schon, was sie meinen. Und es ist lachhaft, so zu tun, als würde die AfD, wenn sie die absolute Mehrheit hätte, schnell mal ein paar Millionen Türken und Afghanen vergasen wollen. Vielleicht sind Linke ja so schnell bereit, bei anderen Verstellung anzunehmen, weil sie selber so daran gewöhnt sind? Ich sehe nicht, dass in der AfD massenhaft Leute wären, die jedes Mittel für gerechtfertigt halten würden, um Probleme anzugehen. Ich erwarte auch nicht, dass die Wahl der AfD für solches Unrecht sorgen würde wie z. B. Leuten, die auf legale Weise ohne Täuschung eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen haben und nicht kriminell werden, die Aufenthaltsgenehmigung einfach zu entziehen. Das Schlimmste, was sie aus meiner Sicht vertritt, ist die Forderung nach einem Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen auch für Schülerinnen – diese Gewissensfreiheit muss man muslimischen Schülerinnen lassen, die sich ja die Schulpflicht nicht ausgesucht haben; ich würde auch nicht mitmachen, wenn man mich zwingen wollte, in der Öffentlichkeit mit Minirock oder Bikini zu erscheinen.

Man kann sie auch mit ähnlichen rechten Parteien im Ausland vergleichen, die schon länger etabliert sind und an Regierungen beteiligt waren oder sind. Ruft die FPÖ zu Pogromen auf?

Ja, ich weiß, dass es unter „Rechten“ auch Leute gibt, die die Nazis verharmlosen oder sie als Irrweg, aber gut verstehbaren Irrweg sehen, und dann auch die Leute, die noch radikaler sind. Aber Mainstream in der AfD scheint doch zu sein: Natürlich war das Dritte Reich sehr schlimm, aber deswegen war es nicht die einzige Inkarnation des Bösen, die es je in der Weltgeschichte gab, und es bringt nichts, deswegen noch bis in die dritte und vierte Generation Leuten einreden zu wollen, dass sie sich für ihre Nationalität schämen sollen, und in der deutschen Geschichte gibt es auch vieles, auf das man stolz sein kann. Manche werden dann eher auf das Kaiserreich stolz sein, manche eher auf das mittelalterliche Heilige Römische Reich deutscher Nation, aber Nazibewunderung sehe ich wirklich nicht in großem Ausmaß. Und ich werde nicht deshalb, weil auch ein Nazi die wählen könnte, weil er sie aus seiner Sicht als das geringste Übel sieht, eine Partei nicht wählen, die ich aus meiner Sicht als das geringste Übel sehe und die in vielen Dingen sogar sehr vernünftig ist.

Und na ja, es wurde schon oft gesagt, ist aber einfach wahr, dass die Linken heute jeden, der vor zehn Jahren übliche Meinungen vertreten hat, als Nazi sehen würden. Jemand wie Konrad Adenauer, den die Nazis 1933 von seinem Posten als Kölner Oberbürgermeister entfernt haben, wäre für sie ein absoluter Nazi.

Die AfD ist sicher nicht perfekt. Vor allem glaube ich nicht, dass es langfristig wirklich gut geht, wenn man seine Weltanschauung auf irgendetwas anderes als Jesus Christus baut, und die AfD besteht ja nicht nur aus Leuten wie Beatrix von Storch, sondern auch aus einigen rabiat antikirchlichen Konfessionslosen. (Wobei man sagen muss, dass es kein Wunder ist, wenn manche AfDler und AfD-Wähler einen redditmäßigen Antiklerikalismus vertreten, so verächtlich und verteufelnd, wie unsere lieben Bischöfe sie manchmal behandeln, ohne dass das irgendwie durch die unveränderliche Lehre der Kirche gerechtfertigt wäre.) Was mich auch ein wenig nervt, ist, wenn AfD-Politiker zu einer zynisch-realpolitischen Argumentation à la „Man muss auch mal egoistisch sein“ greifen, wenn sie ihre Positionen (z. B. dass man, um Deutschland zu schützen, nicht unbegrenzt viele Migranten herholen soll) wunderbar mit Moral und Gerechtigkeit begründen könnten. Aber ich wähle jetzt das Beste, was zu haben ist, und das ist die AfD.

Ich muss sagen, ich mag auch den neuen Spruch aus dem Wahlprogramm: „Deutschland. Aber normal.“ Einfach deswegen, weil es von den Leuten, die hier als normal gelten, absolut abgelehnt wird, zu sagen, irgendetwas wäre normal und anderes unnormal. „Normal“ bedeutet „Norm“, sprich, es gibt einen guten Zustand und einen schlechten. Ich finde es ehrlich gesagt großartig, wie man mit einem so völlig – na ja – normalen unaufgeregten Spruch manche Leute maximal provozieren kann. Das ist vielleicht kindisch von mir, aber es ist objektiv gesehen auch eine gute Taktik.

Und noch was: Ich habe keine Lust mehr, ständig aufzupassen, mit wem ich rede. Ich würde im sog. realen Leben einiges nicht öffentlich sagen, was ich hier sage, zumindest nicht so deutlich (allein schon, weil es in meiner Familie, die ich sehr liebe, auf ziemliches Unverständnis stoßen würde; und es ist moralisch nichts daran auszusetzen, eine harmonische Familie einer politischen Diskussion vorzuziehen, die eh nicht viel an Deutschlands Zustand ändern würde; da diskutiere ich mit meiner Familie lieber über die Religion, das ist schon Minenfeld genug). Und ich weiß auch, dass man vieles mit Disclaimern ausdrücken muss, damit es Leuten zumindest schwerer fällt, es zu verdrehen. Aber ich habe keine Lust mehr auf dieses Kontaktschuldgetue, und habe nicht vor, unfreundlich zu Leuten sein, weil „man nicht mit denen redet“.

Ich habe nichts gegen Leute, die nicht die AfD wählen. Wenn jemand was gegen mich hat, weil ich sie wähle, ist das seine Sache.

Pro-Life aus Sicht von Pro-Choice

Wenn Pro-Choicer (der beliebte Euphemismus für Abtreibungsbefürworter) versuchen, die Argumente von uns Abtreibungsgegnern in ihren eigenen Worten wiederzugeben, kommt da manchmal etwa das heraus:

„Ihr wollt doch nur Frauen dafür bestrafen, dass sie Sex haben – wenn sie Sex haben, müssen sie damit gestraft werden, dass ihr Leben zerstört wird und sie neun Monate lang ihre komplette körperliche Autonomie verlieren.“

Aus Pro-Life-Sicht wäre das etwa so, als würde man sagen „Wer will, dass Männer den Unterhalt für ihre Kinder zahlen, will sie doch nur dafür bestrafen, dass sie Sex hatten und ihre ganze finanzielle Unabhängigkeit ruinieren“ – völliger Blödsinn. (Wobei Väter unter normalen Umständen mehr Pflichten und auch mehr Rechte haben als bloß den Unterhalt zu zahlen, aber belassen wir es mal bei dem Beispiel.) Pro-Choicer versuchen so krampfhaft, das Kind, um dessen Beseitigung es hier eigentlich geht, zu vergessen, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, dass andere an es denken. Nein, natürlich muss es darum gehen, die Frau zu bestrafen.

Aber ein Kind ist keine Strafe für eine Frau – die Existenz keines Menschen ist die Strafe für einen anderen. Es ist ein Mensch mit seinem eigenen Leben und seinen eigenen Rechten. Ein Kind ist einfach da, und verdient Fürsorge und Liebe statt Tötung. Wenn die Frau es beseitigen will, obwohl sie selber das Risiko in Kauf genommen hat, dass es überhaupt entsteht, ist das ein Umstand, der die Sache verschlimmert, aber nichts grundsätzlich ändert. Es gibt auch Fälle, in denen die Frau überhaupt nichts dafür kann. In der Serie „Jane the Virgin“ (von der ich nur die Vorschau gesehen habe und zu der ich weiter nichts sagen kann, das soll keine Schleichwerbung sein) wird eine junge Frau aus Versehen von ihrem Frauenarzt künstlich befruchtet und schwanger. In dieser Situation war sie überhaupt nicht verantwortungslos, hat nichts Falsches getan, aber trotzdem ist ihr Kind jetzt da und hat ein Recht auf Leben. (In der Serie bekommt sie es auch.)

Anderes Beispiel: Man hat einen Autounfall auf einer einsamen Straße, der andere Fahrer wird schwer verletzt, einem selbst passiert nichts. Jetzt ist man verpflichtet, dem anderen zu helfen und den Rettungsdienst zu rufen, egal, ob man schuld war. Wenn man Fahrerflucht begeht, nachdem man den Unfall fahrlässig verursacht hat, ist das noch schlimmer, aber man dürfte auch keine Fahrerflucht begehen, wenn nur unvorhersehbare Umstände (z. B. ein aus dem Wald herausstürmendes Reh) verantwortlich waren und man selbst nichts dafür kann.

Bei der Frage, ob man einen Menschen, der sich nichts zu Schulden kommen hat lassen, sondern einfach da ist (Notwehr ist etwas anderes), gezielt töten darf, ist es völlig gleichgültig, wie seine Existenz andere Menschen betrifft und ob die Umstände banal oder tragisch sind. Es spielt schlichtweg keine Rolle. Man kann darüber debattieren, wie man über mildernde und verschlimmernde Umstände debattiert, aber es lenkt eher von der eigentlichen Frage ab.

Menschen haben nicht Gott zu spielen und anderen ihr Leben zu stehlen, und Punkt.

8 Wochen altes Kind.

Alles Pharisäer, diese Traditionalisten

Die Unterstellung kommt recht oft, manchmal explizit, manchmal unterschwellig, und man hat sie auch schon von unserem lieben Heiligen Vater gehört: Diese Traditionalisten, das sind doch alles Pharisäer. Bilden sich was auf ihre Riten und ihre Gesetzestreue ein; Jesus hätte sie verurteilt. Vielleicht mag es noch einzelne tolerierbare geben, aber der Traditionalismus kann einen sicher nicht näher zu Jesus bringen und ist seinem Geist voll und ganz entgegengesetzt.

Ich habe manchmal einen ganz gegensätzlichen Eindruck. Oh, nicht dass alle Tradis immer perfekt wären (auch wenn ich in meiner neuen Tradi-Gemeinde immer noch einen praktisch ungetrübt positiven Eindruck habe, und im Internet einen eher positiven). Aber ich meine, dass im Großen und Ganzen die Tradis öfter diejenigen sind, die zu unterscheiden wissen, wann man den Regeln und Befehlen folgen muss, und wann nicht, weil der Geist des Gesetzes verletzt wird.

Man muss schauen, was Jesus den Pharisäern eigentlich vorgeworfen hat: Dass sie Gottes einfache, alte, schon beim Exodus offenbarte Gebote durch neue, nur menschengemachte Regeln und Detailvorschriften außer Kraft setzten, und sich mehr um die Gebote der Theologen, die jetzt gerade in Mode waren, als die Gebote Gottes kümmerten. Ein Beispiel: „Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten. Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter schmäht, soll mit dem Tod bestraft werden. Ihr aber lehrt: Wenn einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Korbán – das heißt: Weihgeschenk sei, was du von mir als Unterstützung erhalten solltest – , dann lasst ihr ihn nichts mehr für Vater oder Mutter tun. So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.“ (Mk 7,9-13) Pharisäer konnten also ihren Besitz für geweiht erklären, um ihre alten Eltern nicht mehr unterstützen zu müssen. Ein klarer Verstoß gegen Gottes Gesetz, das Jesus hier sehr fundamentalistisch ernst nimmt. (Anmerkung: Bei dem, was von Mose mit der Todesstrafe bedroht wurde, geht es um schwere Misshandlung der Eltern, nicht um eine kleine Beleidigung.)

Dann wären da Seine Heilungen am Sabbat; es lohnt sich, hier näher hinzusehen. Eine Begebenheit sah so aus: „Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge. Und siehe, da war eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Geist geplagt wurde; sie war ganz verkrümmt und konnte nicht mehr aufrecht gehen. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott. Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat! Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Frau aber, die eine Tochter Abrahams ist und die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen? Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte.“ (Lk 13,10-17)

Die Pharisäer waren also nicht generell dagegen, dass Jesus heilte; aber man könnte doch bitte einen Tag warten! Gehorcht doch einfach dem Gesetz, das ist doch wirklich kein übertriebenes Opfer, noch einen Tag zu warten, wenn man schon achtzehn Jahre lang krank ist! Das klingt erst einmal nicht völlig unlogisch. Aber darauf entgegnet Jesus: Nein, das ist nicht nötig, solche Lasten muss man nicht aufbürden. Eine Kranke soll nicht wegen eines falsch ausgelegten Gesetzesbuchstabens noch einen Tag länger leiden müssen.

Die Pharisäer erinnern mich hier an die Leute, die immer den Tradis (manchmal auch den Konservativen) vorhalten: Was stellt ihr euch denn so an, seid doch einfach gehorsam. Dann verbietet euch der Papst eben die alte Messe, also nehmt gefälligst mit der neuen vorlieb. Dann verbietet der Bischof eben während des Corona-Lockdowns, eure Kinder zu taufen, also wartet eben ab. Dass diese Gesetze keinen Sinn machen und gegen die gesamten überlieferten Grundsätze unserer Religion verstoßen, interessiert nicht; solange diejenigen befehlen, die jetzt etwas gelten, gelten nur deren Befehle. Hier kann man sich über die überheben, die sich zerrissen fühlen und zum Ungehorsam gezwungen sehen, und sich dabei wunderbar gerecht vorkommen. Man ist gut, man hält sich an die Gesetze.

Aber hier haben eben die Gesetze nicht recht. Um das Beispiel der Taufe zu nehmen: Als Taufen verboten waren, wären alle Eltern im Recht gewesen, die ihre Kinder selbst getauft hätten, und alle Priester, die trotzdem heimlich getauft hätten. Wegen des Gesetzesbuchstabens soll einem Kind nicht auch nur einen Tag die Gemeinschaft mit Gott vorenthalten werden. Manchmal hat man das Recht, gegen einen Befehl zu handeln, und manchmal sogar die Pflicht. Bei Pflichtenkollision geht das höhere Gesetz vor, und ungerechte Gesetze haben überhaupt keine Gesetzeskraft.

In den letzten fünfzig, sechzig Jahren waren es die Tradis, die gezwungen waren, nachzugrübeln, was eigentlich der Sinn von kirchlichen/päpstlichen/bischöflichen Geboten ist, und auch mal ungehorsam zu sein. Den einfachen Luxus, den Gesetzen unbeschwert folgen zu können, hatten wir da nicht mehr. In den letzten Jahren unter Franziskus (den ich, ohne Übertreibung, für den schlechtesten Papst aller Zeiten halte, das muss man leider so sagen) ist es immer mehr Katholiken so gegangen. Und da bekommt man dann sehr schnell von triumphierenden selbstgerechten Leuten vorgehalten, dass man eben der Autorität folgen müsse. Der Papst sagt das, die führenden Theologieprofessoren sagen das, was bildet man sich also ein. Es wird nicht darüber nachgedacht, was der Zweck dahinter ist, das gilt eben gerade als So-muss-man-das-machen, und wer es nicht so macht, wird gemieden – asoziales Fundamentalistengesindel.

Manchmal brüstet sich diese Art von Pharisäern sogar damit, sich brav an Gesetze zu halten, die (noch) gar keine Gesetze sind; das sieht man z. B. bei Leuten, die stolz darauf sind, dass sie alle Coronaauflagen übererfüllen, und die z. B. Ärzte verteidigen, die Ungeimpfte nicht behandeln wollen. Die könnten sich ja einfach impfen lassen, warum es einer nicht will, interessiert nicht (nicht mal, wenn es z. B. um Schwangere geht, die unbekannte Reaktionen bei ihrem Baby befürchten). Dass es keine Impfpflicht gibt, wird dabei leicht vergessen; auch, dass es sehr wohl eine Pflicht für Kassenärzte gibt, Kranke zu behandeln. Der perfekte Pharisäer interessiert sich nicht einmal mehr für den Gesetzesbuchstaben, auf den er vorher so gepocht hat, wenn er sich weiter für besser als andere halten kann (und meint, dass er das Gesetz bald auch noch auf seiner Seite haben wird).

Bei einer anderen Gelegenheit heißt es im Neuen Testament: „Von dort ging er weiter und kam in ihre Synagoge. Und siehe, dort saß ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Sie fragten ihn: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen? Sie suchten ihn nämlich anzuklagen. Er aber sprach zu ihnen: Wer von euch, der ein einziges Schaf hat, wird es nicht packen und herausziehen, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt? Wie viel mehr ist ein Mensch als ein Schaf? Darum ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun. Dann sagte er zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und die Hand wurde wiederhergestellt – gesund wie die andere. Die Pharisäer aber gingen hinaus und fassten den Beschluss, Jesus umzubringen.“ (Mt 12,9-14)

Im Judentum gab es tatsächlich zu dieser Zeit unterschiedliche Meinungen zu genau diesem Lehrbeispiel mit dem Schaf in der Grube. Manche hielten sogar das Herausholen des Schafs für falsch. Andere hielten es wegen ihrer Grundsätze für falsch, das Schaf mithilfe von Arbeitsgeräten herauszuholen, erlaubten aber, Kissen und Decken in die Grube zu werfen, damit es selbst herausklettern konnte – eine blödsinnige Verkomplizierung. Daran, dass manche sogar bei den einfachsten, deutlichsten Notwendigkeiten nicht sehen wollten, dass man nach dem Zweck eines Gebotes fragen muss, statt bloß dem Buchstaben (oder den Gewohnheitsregeln) zu folgen, sieht man, wie weit Pharisäertum gehen kann.

Und bei alldem war Jesus gar nicht zwangsläufig gegen Details des Gesetzes (solange sie nicht unter besonderen Umständen außer Kraft gesetzt waren, und solange sie als Bestandteil des Alten Bundes immer noch galten): „Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.“ (Lk 11,42)

Jesus war überhaupt nicht gegen das Gesetz, sondern korrigierte schlicht und einfach seine Auslegung. „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ (Mt 5,17)

Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund, sich als Tradi zu fühlen, als wäre Jesus wütend auf einen.

Aber hey, auch zu den Pharisäern kam Jesus ja, und manche kamen zu ihm, man denke an Nikodemus, der am Ende zusammen mit Josef von Arimathäa einen der wichtigsten Dienste an Jesus leistete, nämlich nach Seiner Kreuzigung Seinen Leichnam anständig balsamierte und bestattete. Ich will auch nicht behaupten, dass übertriebene Gesetzestreue immer vor allem aus Selbstgerechtigkeit kommt – manchmal hat man vielleicht nur die Dinge nicht ganz durchdacht, oder will sich an den vermeintlich sichersten Weg halten. Nur sieht dieser Weg nicht immer so aus, wie es scheint.