Glauben, meinen, wissen und nicht-interessiert-sein

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich auf Facebook ein Meme irgendeiner atheistischen Gruppe gesehen; ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut des Spruchs darauf, aber die Aussage jedenfalls war irgendetwas in der Art, dass es eine Ansicht kein bisschen wahrer oder wahrscheinlicher mache, dass man dran „glaube“. Dazu dachte ich mir hinterher: „Hm, ist ja schön, wenn ihr ein fideistisches Glaubensverständnis attackiert, aber könntet ihr bitte so nett sein, dabei zu erwähnen, dass das nicht das Glaubensverständnis aller gottesgläubigen Menschen ist, da z. B. die katholische Kirche ein solches Glaubensverständnis ausdrücklich ablehnt?“

Jeder informierte Katholik sollte der Aussage dieses Memes ohne Probleme zustimmen können.

Man könnte nun sagen, ehe man Memes auf Facebook verbreitet, sollte man sich erst einmal informieren. Aber das Missverständnis, dem diese Atheisten-Gruppe aufgesessen ist, ist ja weit verbreitet, und zugegebenermaßen ist das nicht nur die Schuld von Atheisten, die sich nicht ordentlich über das informieren, was sie angreifen, sondern auch die von Christen, die ihren eigenen Glauben oft nicht mehr wirklich kennen und vermitteln können, und selten klarmachen, was der Unterschied zwischen „glauben“ und „meinen“ ist, und dass „glauben“ im christlichen Sinne eben nicht ein „nicht-wissen“ bedeutet.

Ich bin hier schon einmal darauf eingegangen, wiederhole es aber gerne noch einmal:

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

Diese Thesen musste der des Fideismus verdächtigte Theologe Louis-Eugène-Marie Bautain im Jahr 1840 auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben, damit sein Werk nicht kirchlich verurteilt wurde.

Louis Eugène Marie Bautain

(Louis-Eugène-Marie Bautain, Wikimedia Commons)

Die Kirche beschäftigte sich zu dieser Zeit dann auch noch weiter mit solchen in manchen traditionalistischen Kreisen verbreiteten fideistischen Thesen. 1844 musste Bautain wieder eine Erklärung unterschreiben, und 1855 erließ die Indexkongregation ein Dekret gegen die Ansichten eines anderen Theologen namens Augustin Bonnetty. Dessen Text lautet:

  1. Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit, eine Gegensätzlichkeit zwischen ihnen angetroffen werden; denn beide stammen von ein und derselben unveränderlichen Quelle der Wahrheit, dem unendlich guten und großen Gott, und leisten sich so wechselseitig Hilfe.
  2. Schlussfolgerndes Denken kann die Existenz Gottes, die Geistigkeit der Seele und die Freiheit des Menschen mit Gewissheit beweisen. Der Glaube ist später als die Offenbarung und kann daher nicht in angemessener Weise zum Beweis der Existenz Gottes gegenüber dem Atheisten oder zum Beweis der Geistigkeit der vernunftbegabten Seele und der Freiheit gegenüber dem Anhänger des Naturalismus und Fatalismus angeführt werden.
  3. Der Gebrauch der Vernunft geht dem Glauben voran und führt den Menschen mit Hilfe der Offenbarung und der Gnade zu ihm hin.
  4. Die Methode, derer sich der heilige Thomas, der heilige Bonaventura und andere Scholastiker nach ihnen bedienten, führt nicht zum Rationalismus und war nicht der Grund dafür, dass bei den heutigen Schulen die Philosophie zum Naturalismus und Pantheismus neigt. Daher darf man jenen Lehrern und Magistern nicht zum Vorwurf machen, dass sie diese Methode – zumal mit Zustimmung oder wenigstens stillschweigender [Duldung] der Kirche – benutzten.

Das ist das Glaubensverständnis der katholischen Kirche. Alles klar? An Gott zu glauben, obwohl man nicht genau weiß, ob es ihn überhaupt gibt, oder gar wider die Vernunft an Gott zu glauben – das wäre Fideismus, ein von der Kirche verurteiltes Glaubensverständnis.

„Glaube“ (fides) meint „Vertrauen“, „Treuebindung“ – nicht „meinen“. Ehe man an den dreifaltigen Gott „glauben“ (d. h. auf Ihn vertrauen, sich an Ihn binden, Ihm alle Einzelheiten glauben, die Er von sich offenbart hat) kann, sollte man durch Vernunftgründe davon überzeugt sein, dass Er überhaupt existiert und sich grundsätzlich in Jesus Christus offenbart hat.

Sicher ist das in der Praxis nicht immer der Fall – wenn man z. B. katholisch aufgezogen wird, wird man erst einmal seinen Eltern einfach abnehmen, dass es den lieben Gott gibt und idealerweise durch Gebet, Empfang der Sakramente etc. eine Beziehung zu Ihm aufbauen, lernen, sich auf Ihn zu verlassen, und später dann erst Argumente für diese Überzeugung kennenlernen; aber das ist ja bei allem, was man als Kind lernt, der Fall; erst einmal wird man seinen Eltern auch ohne Beweise abnehmen, dass die Erde rund ist, man von zu viel Süßigkeiten Bauchweh kriegt, man die Katze nicht am Schwanz ziehen sollte und es in Afrika Löwen und Giraffen gibt. Aber das alles sind Überzeugungen, für die es durchaus logische Begründungen und Beweise gibt, und an die man auch als Kind aus einem recht vernünftigen Grund heraus glaubt (aus der Erfahrung, dass das, was die Eltern sagen, vertrauenswürdig ist). Dasselbe gilt für die Überzeugung von der Existenz Gottes.

Man muss hier auch sehen, dass der Glaube nicht nur etwas ist, das wir tun, sondern etwas, das Gott in uns eingießt, zu dem Gott uns verhilft. Das können auch Kinder haben, oder anderweitig ungebildete Leute, auch wenn sie noch nicht alle theoretischen Begründungen kennen. Aber diesen Glauben kann man nicht als Begründung gegenüber anderen dafür hernehmen, dass sie auch glauben sollen.

Dass die Bedeutung des Wortes „glauben“ oft nicht recht vermittelt bzw. verstanden wird, ist mir z. B. auch bei dem Projekt „Valerie und der Priester“ schon öfter aufgefallen, das ich in den letzten Monaten regelmäßig verfolgt habe. Dabei begleitet eine eher kirchenferne junge Journalistin ein Jahr lang einen Priester und berichtet dann auf einem Blog und über die sozialen Medien darüber. Sehr oft, wenn auch nicht immer, bewegt sich das, was Valerie hier über den Glauben von Kaplan Franziskus von Boeselager und auch den anderer Menschen, die sie in der katholischen Welt so trifft, schreibt (oder auch, was diese selbst direkt von sich sagen), eher auf der Ebene von „Beten hilft mir, die christliche Nächstenliebe ist mir wichtig, die Kirche ist Heimat für mich, der Glaube gibt mir Halt“ – was ja alles wahr ist, aber auch etwas Wichtiges, Grundsätzliches ausklammert.

Der Glaube ist nicht nur eine Lebenshilfe. Bevor er das sein kann, muss er erst einmal wahr sein. (Wobei natürlich auch Erfahrungsargumente („Ich habe im Gebet Gottes Nähe erfahren“) als Gründe für den Glauben nicht völlig ausgeklammert werden sollten, das sage ich gar nicht. Aber es braucht auch die äußeren, intellektuellen Argumente. Erfahrung allein reicht nicht.) Ich habe manchmal das Gefühl, Valerie betrachtet das Ganze eher so mit einem distanzierten „Aha, interessant, dass es Leute gibt, denen diese Idee von Gott so viel bedeutet und hilft“; aber hat sie sich dabei schon einmal die Frage gestellt: „Könnte es denn sein, dass es wahr ist, woran diese Leute glauben?“?

Ich weiß es nicht. Sie wird auch wahrscheinlich bei diesem Projekt nicht sämtliche ihrer innersten Gedanken ausschütten (täte ich auch nicht); aber manchmal habe ich den Eindruck, sie sieht den Katholizismus als etwas so Exotisches und ihre eigene Weltanschauung (die ich unter die Kategorie „individualistischer Säkularismus“ einordnen würde, und die man noch konkreter als links-feministisch beschreiben könnte) als so selbstverständlich, dass ihr der Gedanke gar nicht kommt, dass der Katholizismus etwas sein könnte, das wahr sein und eine Bedeutung auch für sie haben könnte, anstatt etwas, das man von außen studiert, wie ein überzeugter Christ einen antiken babylonischen Kult studieren würde. Dabei habe ich aber eben gerade nicht den Eindruck, dass sie schon längst aus bestimmten, durchdachten Gründen von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt ist (dann wäre eine solche Distanz zu der Welt, über die sie berichtet, völlig logisch), sondern eher den, dass Gott für sie etwas ist, das einfach keine Rolle spielt.

Das ist allgemein, habe ich so das Gefühl, viel häufiger der Grund, wieso Menschen nicht an Gott glauben, als überzeugter Atheismus. Sie sind an dem Thema nicht interessiert.

Und Desinteresse an der Wahrheit ist, finde ich, nun wirklich ein Gegensatz sowohl zum Wissen als auch zum Glauben als auch zum bloßen Meinen. Das ist eine Kategorie, mit der man sich ganz außerhalb der Frage nach der Wahrheit stellt.

(Beide oben zitierten Texte finden sich im „Denzinger“, dem von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann herausgegebenen „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009.)

Und ebenso bin ich in deiner Nähe gewesen

Der Engel aber nahm die beiden beiseite und sagte zu ihnen: Preist Gott und lobt ihn! Gebt ihm die Ehre und bezeugt vor allen Menschen, was er für euch getan hat. Es ist gut, Gott zu preisen und seinen Namen zu verherrlichen und voll Ehrfurcht seine Taten zu verkünden. Hört nie auf, ihn zu preisen.

 Es ist gut, das Geheimnis eines Königs zu wahren; die Taten Gottes aber soll man offen rühmen. Tut Gutes, dann wird euch kein Unglück treffen.

 Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein. Lieber wenig, aber gerecht, als viel und ungerecht. Besser barmherzig sein als Gold aufhäufen.

 Denn Barmherzigkeit rettet vor dem Tod und reinigt von jeder Sünde. Wer barmherzig und gerecht ist, wird lange leben.

 Wer aber sündigt, ist der Feind seines eigenen Lebens.

 Ich will euch nichts verheimlichen; ich habe gesagt: Es ist gut, das Geheimnis eines Königs zu wahren; die Taten Gottes aber soll man offen rühmen.

 Darum sollt ihr wissen: Als ihr zu Gott flehtet, du und deine Schwiegertochter Sara, da habe ich euer Gebet vor den heiligen Gott gebracht. Und ebenso bin ich in deiner Nähe gewesen, als du die Toten begraben hast.

 Auch als du ohne zu zögern vom Tisch aufgestanden bist und dein Essen stehen gelassen hast, um einem Toten den letzten Dienst zu erweisen, blieb mir deine gute Tat nicht verborgen, sondern ich war bei dir.

 Nun hat mich Gott auch gesandt, um dich und deine Schwiegertochter Sara zu heilen.

 Ich bin Rafael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten.

 Da erschraken die beiden und fielen voller Furcht vor ihm nieder.

 Er aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Friede sei mit euch. Preist Gott in Ewigkeit!

 Nicht weil ich euch eine Gunst erweisen wollte, sondern weil unser Gott es wollte, bin ich zu euch gekommen. Darum preist ihn in Ewigkeit!

 Während der ganzen Zeit, in der ihr mich gesehen habt, habe ich nichts gegessen und getrunken; ihr habt nur eine Erscheinung gesehen.

 Jetzt aber dankt Gott! Ich steige wieder auf zu dem, der mich gesandt hat. Doch ihr sollt alles, was geschehen ist, in einem Buch aufschreiben.“

(Tobit 12,6-20)

Ich mag das Buch Tobit sehr. Es beginnt mit Menschen, die schon selbstmordgefährdet sind, und es endet mit Hilfe durch einen Engel.

Eine der tröstlichsten katholischen Lehren ist für mich die Lehre von den Schutzengeln. Es ist offizielle Lehre der katholischen Kirche, dass jeder Mensch einen eigenen Schutzengel hat, einen mächtigen unsterblichen Geist, der von Gott extra dafür bestellt ist, sich um diesen einen Menschen zu kümmern. Dem lieben Gott sind wir wichtig, ja, kostbar.

Wenn es einem schlecht geht, ist es nie verkehrt, zum Schutzengel zu beten. Ja, man muss nicht unbedingt Erscheinungen und Wunder wie im Buch Tobit erwarten (obwohl man die streng genommen auch nicht ausschließen muss), aber hören wird der Schutzengel einen immer, und helfen wird er auf die eine oder die andere Weise.

(Bildquelle hier.)

PS: Dieses Buch wurde übrigens von Martin Luther aus der Bibel entfernt. Happy 2017!

Über schwierige Bibelstellen, Teil 8: „Ich aber will das Herz des Pharao verhärten“

[Dieser Teil wurde noch zweimal überarbeitet. Alle Teile hier.]

Zu den schwierigen Bibelstellen im Alten (und teilweise im Neuen) Testament gehören auch solche, die es so aussehen lassen, als ob Gott direkt verantwortlich für Böses sei, als ob er sogar in Versuchung führe oder auf den freien Willen von Menschen einwirke. Die in dieser Hinsicht problematischsten Stellen sind wahrscheinlich die folgenden aus dem Buch Exodus:

 „Der HERR sprach zu Mose: Wenn du gehst und nach Ägypten zurückkehrst, halte dir alle Wunder vor Augen, die ich in deine Hand gelegt habe, und vollbring sie vor dem Pharao! Ich will sein Herz verhärten, sodass er das Volk nicht ziehen lässt.“ (Exodus 4,21)

 „Ich aber will das Herz des Pharao verhärten und dann werde ich meine Zeichen und Wunder im Land Ägypten häufen. Der Pharao wird nicht auf euch hören. Deshalb werde ich meine Hand auf Ägypten legen und mit gewaltigen Entscheiden meine Scharen, mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führen. Erst wenn ich meine Hand gegen die Ägypter ausstrecke, werden sie erkennen, dass ich der HERR bin, und dann werde ich die Israeliten aus ihrer Mitte herausführen.“ (Exodus 7,3-5)

„Aber der HERR verhärtete das Herz des Pharao, sodass er nicht auf sie hörte. So hatte es der HERR dem Mose vorausgesagt.“ (Exodus 9,12)

„Der HERR sprach zu Mose: Geh zum Pharao! Ich habe sein Herz und das Herz seiner Diener verschlossen, damit ich diese Zeichen unter ihnen vollbringen konnte und damit du deinem Sohn und deinem Enkel erzählen kannst, was ich den Ägyptern angetan und welche Zeichen ich unter ihnen vollbracht habe. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin.“ (Exodus 10,1f.)

„Der HERR aber verhärtete das Herz des Pharao, sodass er die Israeliten nicht ziehen ließ.“ (Exodus 10,20)

„Der HERR verhärtete das Herz des Pharao, sodass er sie nicht ziehen lassen wollte.“ (Exodus 10,27)

„Mose und Aaron vollbrachten alle diese Wunder vor dem Pharao, aber der HERR verhärtete das Herz des Pharao, sodass er die Israeliten nicht aus seinem Land fortziehen ließ.“ (Exodus 11,10)

„Ich will das Herz des Pharao verhärten, sodass er ihnen nachjagt; dann will ich am Pharao und an seiner ganzen Streitmacht meine Herrlichkeit erweisen und die Ägypter sollen erkennen, dass ich der HERR bin. Und so taten sie es. […] Der HERR verhärtete das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, sodass er den Israeliten nachjagte, die Israeliten aber zogen aus mit hoch erhobener Hand.“ (Exodus 14,4.8)

Ähnlich klingt z. B. auch eine Stelle im 1. Buch Samuels: „Der Geist des HERRN war von Saul gewichen und ein böser Geist vom HERRN verstörte ihn.“ (1 Samuel 16,14) [Mit dem bösen Geist wird entweder eine psychische Krankheit oder aber dämonische Besessenheit gemeint sein.] Sogar im Vaterunser (!) beten wir ja immer noch: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ (Matthäus 6,13)

Alldem entgegen stehen ziemlich deutlich u. a. der Jakobusbrief und der 1. Johannesbrief:

Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung. Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt. Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor. Lasst euch nicht irreführen, meine geliebten Brüder und Schwestern: Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung oder Verfinsterung gibt. Aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren, damit wir eine Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien.“ (Jakobus 1,13-18)

„Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.“ (1 Johannes 1,5)

Und auch schon im Alten Testament gibt es bekanntlich unzählbare Stellen, die betonen, dass Gott gerecht und gut ist und jedes Unrecht hasst.

So, wie harmonisieret man das jetzt?

Zunächst einmal muss ich erklären, dass ich beim obersten Beispiel, der Exodusgeschichte, ziemlich selektiv zitiert habe.

Das Thema der Sturheit des Pharao wird zum ersten Mal in Kapitel 3, am brennenden Dornbusch, aufgebracht. Dort sagt Gott zu Mose: Ich weiß, dass euch der König von Ägypten nicht ziehen lässt, es sei denn, er würde von starker Hand dazu gezwungen. Erst wenn ich meine Hand ausstrecke und Ägypten niederschlage mit allen meinen Wundern, die ich in seiner Mitte vollbringe, wird er euch ziehen lassen.“ (Exodus 3,19f.) Dann kommen die beiden oben zitierten Stellen in Kapitel 4 (Mose zieht in diesem Kapitel nach Ägypten zurück) und 7 (nach den ersten erfolglosen Verhandlungen zwischen Mose, Aaron und dem Pharao in Kapitel 5 und 6), in denen Gott schon voraussagt, das Herz des Pharao „verhärten“ zu wollen.

In Kapitel 7 heißt es dann auch: „Das Herz des Pharao aber blieb hart und er hörte nicht auf sie. So hatte es der HERR vorausgesagt. Der HERR sprach zu Mose: Das Herz des Pharao ist ungerührt und er ist nicht bereit, das Volk ziehen zu lassen. […] Sag zu ihm: Der HERR, der Gott der Hebräer, hat mich zu dir gesandt und lässt dir sagen: Lass mein Volk ziehen, damit sie mir in der Wüste dienen können! Bis jetzt hast du nicht hören wollen.“ (Exodus 7,13-14.16) Dann kommen die ersten Plagen – das Nilwasser verwandelt sich in Blut und eine Froschplage kommt übers Land. Der Pharao bittet Mose, das Land wieder davon zu befreien, Mose betet zu Gott, und die Frösche verschwinden. „Als der Pharao sah, dass die Not vorbei war, verschloss er sein Herz wieder und hörte nicht auf sie. So hatte es der HERR vorausgesagt.“ (Exodus 8,11) Dann kommt die Stechmückenplage. „Da sagten die Wahrsager zum Pharao: Das ist der Finger Gottes. Doch das Herz des Pharao blieb hart und er hörte nicht auf sie. So hatte es der HERR vorausgesagt. “ (Exodus 8,15) Dann kommt Ungeziefer über das Land, Mose und der Pharao verhandeln noch einmal, der Pharao gibt nach, das Ungeziefer verschwindet auf Moses Gebet hin. „Der Pharao aber verschloss sein Herz auch diesmal und ließ das Volk nicht ziehen.“ (Exodus 8,28) Als nächstes kommt eine Seuche über das Vieh der Ägypter. „ Doch der Pharao verschloss sein Herz und ließ das Volk nicht ziehen.“ (Exodus 9,7)

Die nächste Plage sind Hautgeschwüre bei den Ägyptern. Hier ist dann zum ersten Mal in der Gegenwartsform die Rede davon, dass „der Herr […] das Herz des Pharao [verhärtete]“ (Exodus 9,12, s. o.) Als nächstes kommen Unwetter und schwerer Hagel über Ägypten. „Da ließ der Pharao Mose und Aaron rufen und sagte zu ihnen: Diesmal bekenne ich mich schuldig. Der HERR ist im Recht; ich aber und mein Volk, wir sind im Unrecht. Betet zum HERRN! Der Donner Gottes und der Hagel, das ist zu viel. Ich will euch jetzt ziehen lassen; ihr müsst nicht länger bleiben. Mose antwortete ihm: Sobald ich außerhalb der Stadt bin, werde ich meine Hände vor dem HERRN ausbreiten; der Donner wird aufhören und es wird kein Hagel mehr fallen. So wirst du erkennen, dass das Land dem HERRN gehört. Du und deine Diener aber, das weiß ich, ihr fürchtet euch noch immer nicht vor Gott, dem HERRN. […] Doch als der Pharao sah, dass Regen, Hagel und Donner aufgehört hatten, blieb er bei seiner Sünde; er und seine Diener verschlossen wieder ihr Herz. Das Herz des Pharao blieb hart und er ließ die Israeliten nicht ziehen. So hatte es der HERR durch Mose vorausgesagt.“ (Exodus 9,27-30.34f.) Gleich im nächsten Vers – 10,1 – heißt es dann wieder, Gott habe das Herz des Pharao und seiner Diener verschlossen. Dann kommen noch Heuschrecken und eine dreitägige Finsternis, der Pharao ändert wieder mehrmals seine Meinung, und wieder ist zweimal die Rede davon, dass Gott sein Herz verhärtete (10,20; 10,27).

Nach der Ankündigung der letzten Plage (des Todes der Erstgeborenen) heißt es noch einmal zusammenfassend: „Mose und Aaron vollbrachten alle diese Wunder vor dem Pharao, aber der HERR verhärtete das Herz des Pharao, sodass er die Israeliten nicht aus seinem Land fortziehen ließ. “ (Exodus 11,10, s. o.) Dann kommt diese letzte Plage und die ganze Geschichte mit dem Passahmahl, der Pharao und die Ägypter verjagen die Israeliten schließlich sogar selber aus ihrem Land und sie ziehen bis zum Schilfmeer. Hier findet sich noch einmal die Aussage: „Als der Pharao hart blieb und uns nicht ziehen ließ, erschlug der HERR alle Erstgeborenen im Land Ägypten, bei Mensch und Vieh.“ (Exodus 13,15) Dann kommen die oben zitierten Stellen über die Herzensverhärtung aus Kapitel 14, in dem die ägyptische Streitmacht die Israeliten verfolgt und im Schilfmeer ertrinkt, nachdem die Israeliten trockenen Fußes hindurchgezogen sind.

Okay, langer Rede kurzer Sinn: Hier ist teilweise die Rede davon, dass der Pharao selbst hart bleibt oder „sein Herz verschließt“, was Gott vorausgesehen (nicht verursacht) hat, und davon, dass Gott „das Herz des Pharao verhärtet“. Das liegt daran, dass zwischen diesen beiden Aussagen, recht verstanden, kein Widerspruch besteht.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/92/Tissot_Moses_Speaks_to_Pharaoh.jpg

(James Tissot, Moses speaks to Pharaoh. Gemeinfrei.)

Besonders im Alten Testament ist häufig die Rede davon, dass Gott etwas tut, wenn man genauer gesagt sagen müsste, dass Er es geschehen lässt.

Hier hilft es vielleicht weiter, sich den biblischen Sprachgebrauch näher anzuschauen. Eine Stelle, die hier weiterhilft, wäre 2 Samuel 12,7-12, wo der Prophet Natan zu David spricht, nachdem David mit Batseba Ehebruch begangen und den Tod ihres Mannes arrangiert hat: „Da sagte Natan zu David: Du selbst bist der Mann. So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König von Israel gesalbt und ich habe dich aus der Hand Sauls gerettet. Ich habe dir das Haus deines Herrn und die Frauen deines Herrn in den Schoß gegeben und ich habe dir das Haus Israel und Juda gegeben, und wenn das zu wenig ist, gebe ich dir noch manches andere dazu. Aber warum hast du das Wort des HERRN verachtet und etwas getan, was ihm missfällt? Du hast den Hetiter Urija mit dem Schwert erschlagen und hast dir seine Frau zur Frau genommen; durch das Schwert der Ammoniter hast du ihn umgebracht. Darum soll jetzt das Schwert auf ewig nicht mehr von deinem Haus weichen; denn du hast mich verachtet und dir die Frau des Hetiters genommen, damit sie deine Frau werde. So spricht der HERR: Ich werde dafür sorgen, dass sich aus deinem eigenen Haus das Unheil gegen dich erhebt, und ich werde dir vor deinen Augen deine Frauen wegnehmen und sie einem andern geben; er wird am hellen Tag bei deinen Frauen liegen. Ja, du hast es heimlich getan, ich aber werde es vor ganz Israel und am hellen Tag tun. Ich denke, es ist ziemlich deutlich, dass in dem letzten Satz nicht wirklich die Rede von etwas ist, was Gott selbst tun würde, sondern von etwas, was er geschehen lassen würde.

Na ja, Natan hat David mit seiner Strafpredigt tatsächlich dazu gebracht, zu bereuen, und die Geschichte geht dann erst einmal so weiter: „Darauf sagte David zu Natan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt. Natan antwortete David: Der HERR hat dir deine Sünde vergeben; du wirst nicht sterben. Weil du aber durch diese Tat den HERRN verworfen hast, muss der Sohn, der dir geboren wird, sterben. Dann ging Natan nach Hause. Der HERR aber schlug das Kind, das die Frau des Urija dem David geboren hatte, und es wurde schwer krank.“ (2 Samuel 12,13-15) [Zur Frage nach dem Tod von Batsebas Kind, ebenso wie zur Frage nach den ägyptischen Erstgeborenen, in einem anderen Teil dieser Reihe.] Allerdings gibt es dann im Lauf dieses Buches dennoch tatsächlich noch viele, sagen wir, Unstimmigkeiten in Davids Familie. Gleich im nächsten Kapitel wird geschildert, wie Amnon, einer von Davids Söhnen, seine Halbschwester Tamar vergewaltigt, woraufhin Abschalom, Tamars Bruder, Amnon tötet. Abschalom flieht dann, wird aber schließlich doch wieder von seinem Vater in Jerusalem aufgenommen. Dennoch zettelt er dann ein paar Jahre später einen Aufstand gegen David an. David flieht aus Jerusalem, wobei er seine zehn Nebenfrauen zurücklässt, und Abschalom nimmt die Stadt ein, und vergewaltigt Davids Nebenfrauen. „Ahitofel sagte zu Abschalom: Geh zu den Nebenfrauen deines Vaters, die er hiergelassen hat, um das Haus zu bewachen! So wird ganz Israel erfahren, dass du dich bei deinem Vater verhasst gemacht hast, und alle, die zu dir halten, werden ermutigt. Man errichtete für Abschalom ein Zelt auf dem Dach und Abschalom ging vor den Augen ganz Israels zu den Nebenfrauen seines Vaters. Ein Rat, den Ahitofel gab, galt in jenen Tagen so viel, als hätte man ein Gotteswort erbeten. So viel galt jeder Rat Ahitofels, bei David wie bei Abschalom.“ (2 Samuel 16,21-23) So erfüllte sich letztendlich Natans Prophezeiung.

Davids Heer gewann dann übrigens den Bürgerkrieg, aber als David hörte, dass Abschalom im Kampf getötet worden war, trauerte er zutiefst: „Da zuckte der König zusammen, stieg in den oberen Raum des Tores hinauf und weinte. Während er hinaufging, rief er: Mein Sohn Abschalom, mein Sohn, mein Sohn Abschalom! Wäre ich doch an deiner Stelle gestorben, Abschalom, mein Sohn, mein Sohn!“ (2 Samuel 19,1)

Wie gesagt, was Natan über das Unheil, das sich aus Davids eigenem Haus erheben würde, vorausgesagt hatte, erfüllte sich damit letztendlich, und das ist irgendwie auch kein Wunder – Davids Söhne waren offensichtlich von klein auf an Dinge wie Polygamie, Krieg und Mordkomplotte gewöhnt, ihr Vater bot ihnen nicht gerade ein leuchtendes Beispiel. Aber man kann bei dieser ganzen Geschichte eben auch kaum behaupten, Abschaloms (oder vorher: Amnons) Taten entsprächen irgendwie Gottes Willen. Das ist eindeutig; aber sie wurden von Gott zugelassen und waren letztlich mehr oder weniger das natürliche Resultat von Davids eigenem Handeln.

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(Gustave Doré, David betrauert Absaloms Tod. Gemeinfrei.)

Dieses Prinzip – Gott ist nie der Verursacher von Bösem, lässt Böses aber manchmal zu, damit Gutes daraus entsteht – wird auch wunderbar deutlich im Buch Ijob. Dort gibt Gott dem Satan freie Hand, gegen Ijob vorzugehen. Ijob sagt nun zu seinem Leid, das Satan über ihn gebracht hat: Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen; gelobt sei der Name des HERRN.“ (Ijob 1,21) Und: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Ijob 2,10) Es wird letztendlich nicht erklärt, wieso genau Gott Ijobs Leid zulässt; bei den beiden Reden Gottes in Kapitel 38-41 erklärt Gott Ijob nichts – Er sagt ihm eigentlich nur, dass Ijob nicht wissen kann und Gott ihm nicht sagen wird, weshalb er so viel leiden musste. Man könnte, anhand der Gespräche mit Satan in Kapitel 1 und 2, vermuten, dass es geschehen ist, um Ijob zu prüfen; aber auch das wird eigentlich nicht ausdrücklich gesagt. Gott gibt Satan die Erlaubnis, Ijob Leid zuzufügen, sagt dabei aber nicht, weshalb. Ijobs Leid ist jedenfalls durch Satan direkt verursacht; durch Gott nur indirekt durch Seine Erlaubnis, und für diese Erlaubnis wird Gott seine Gründe haben, worauf Ijob letztlich vertraut.

Hier helfen andere Sprachen vielleicht auch weiter: Im Französischen zum Beispiel ist „faire faire“ (wörtlich: machen machen) etwas anderes als „laisser faire“ (machen lassen). Eine Mutter, die ihre Kinder zum Fußballspielen ermuntert und sie jede Woche zum Training fährt, „macht“ sie Fußball spielen; eine Mutter, die zwar zu ihren Kindern sagt, sie sollen in ihren Zimmern Ordnung halten, aber sie seien selbst verantwortlich dafür, hinter ihnen herräumen werde sie nicht, die „lässt“ sie in ihrem Zimmer im Chaos leben.

Regel Nummer 14: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes.

Aber wieso gibt es dann Stellen, die Gott auf den ersten Blick direkt für Schlechtes verantwortlich zu machen scheinen? Um eines deutlich zu machen, das zu der Zeit, als diese Texte verfasst wurden, dringend deutlich gemacht werden musste: Nichts auf der Welt kann gegen Gottes Willen geschehen. Gott ist allmächtig; Er herrscht über die ganze Welt; wenn etwas Schlechtes geschieht (z. B. dass der Pharao die Israeliten nicht freilassen will, oder dass die Babylonier Jerusalem plündern), dann muss das auch in irgendeiner Weise nach Gottes Willen geschehen sein. Gott ist kein minderer Gott, dem andere Götter oder Geister einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Diese Stellen sagen letztlich: Gott hält alles in der Hand. Wenn es Israel schlecht geht, dann nicht deshalb, weil die Götter anderer Völker mächtiger wären als Israels Gott. (Deshalb finden sich solche Stellen auch hauptsächlich im Alten Testament, wo die Propheten noch deutlich machen mussten: Es gibt nur einen Gott.)

Das wird an manchen anderen Stellen noch deutlicher als hier im Buch Exodus (obwohl da ja auch immer wieder betont wird, dass die Ägypter erkennen sollen, dass Jahwe der Herr ist). Im 2. Buch der Makkabäer zum Beispiel sagt einer der sieben Bruder, die durch Antiochus Epiphanes das Martyrium erleiden: „Du aber, der sich alle Bosheit gegen die Hebräer ausgedacht hat, du wirst Gottes Händen nicht entkommen. Denn wir leiden nur, weil wir gesündigt haben. Wenn auch der lebendige Herr eine kurze Zeit lang zornig auf uns ist, um uns durch Strafen zu erziehen, so wird er sich doch mit seinen Dienern wieder versöhnen. Du Ruchloser aber, du größter Verbrecher der Menschheit, überheb dich nicht vergeblich im Übermut ungewisser Hoffnungen, wenn du deine Hand gegen die Kinder des Himmels erhebst!“ (2 Makkabäer 7,31-34) Wenn Gottes Volk leidet, dann nicht, weil Gott machtlos ist.

Dieses Prinzip kann man jetzt auch auf das Buch Exodus anwenden. Der Pharao verschloss sein Herz schon selbst; Gott sah voraus, wie er sich entscheiden würde, und ließ zu, dass sein Herz immer härter wurde; aber Er wirkte nicht auf seinen freien Willen ein.

Dass man, wenn man sich immer wieder vor dem Guten verschließt, sich irgendwann fast unfähig macht, sich noch so einfach wieder zu ändern – sprich, dass man sein Herz durch Gewöhnung an das Böse verhärtet und zur Aufnahme des Guten unfähig macht –, ist allerdings auch eine Erkenntnis aus dieser Geschichte, der wahrscheinlich alle Menschen zustimmen können. Jemand, der achtzig Jahre lang Rassist war, oder geldgierig, oder hochmütig, wird sich in seinem Altersstarrsinn nicht mehr so leicht ändern. C. S. Lewis hat das in „Das Wunder von Narnia“ einmal so ausgedrückt: „Und je länger und schöner der Löwe sang, desto mehr redete Onkel Andrew sich ein, dass es nur Gebrüll war, was er da hörte. Und wenn man versucht sich selbst dümmer zu machen, als man ist, dann gelingt einem das blöderweise auch meistens. So ging es jetzt Onkel Andrew. Schon nach kürzester Zeit hörte er tatsächlich nur noch Löwengebrüll. Ein kleines Weilchen später hätte er das Lied auch dann nicht mehr gehört, wenn er gewollt hätte.“

In diesem Sinne ist auch eines bemerkenswert an den Stellen oben: Gott sagt zuerst voraus, dass der Pharao Israel nicht ziehen lassen wird, und dann erst, dass Er das Herz des Pharao verhärten wird; und als dann tatsächlich die Konfrontation mit dem Pharao da ist kommen zuerst fünf Stellen, an denen der Pharao selbst „hart bleibt“ / „sein Herz verschließt“ und Israel nicht ziehen lässt, und erst dann ist die Rede davon, dass Gott sein Herz verhärtet (d. h. die weitere Verhärtung seines Herzens zulässt).

Der Kirchenvater Origenes interpretiert diese Stellen übrigens so, dass nicht Gott beabsichtigtermaßen Herzen „verhärtet“, sondern dass diese Verhärtung davon kommt, wie unterschiedlich gute und schlechte Menschen auf Gottes (Wunder)Taten reagieren; die einen werden dadurch offener für Gott, die anderen verhärten sich nur umso mehr, je mehr Gott sich ihnen eigentlich offenkundig zeigt:

„Vielleicht können wir durch ein Beispiel, das der Apostel im Briefe an die Hebräer gebraucht, klar machen, wie Gott mittelst einerlei Wirkung des Einen sich erbarmt, den Andern verstockt: nicht weil er die Verstockung vorherbestimmt hat, sondern im Sinne einer gütigen Vorherbestimmung, vermöge welcher, bei einigen die Verstockung erfolgt, weil Bosheit die Grundlage des Bösen in ihnen ist, heißt es von ihm, er verstocke den, der verstockt wird. ‚Das Land, sagt er (Hebr. 6, 7. 8.), das den auf dasselbe fallenden Regen trinkt, und denen, die es bauen, nützliche Pflanzen erzeugt, empfängt Regen von Gott; das aber Dornen und Disteln trägt, ist werthlos, und dem Fluch nahe, seine Frucht kommt ins Feuer.‘ Nun ist aber die Wirksamkeit im Regen nur Eine; bei einer und derselben Wirksamkeit des Regens also trägt das angebaute Land Früchte, das ungebaute und wüste aber Dornen. Nun mag es eine harte Rede scheinen, wenn der, welcher regnen läßt, spricht: ‚Ich habe die Früchte und die Dornen auf der Erde geschaffen.‘ Hart ist sie, aber wahr. Denn wäre kein Regen gekommen, so wären weder Früchte, noch Disteln gewachsen; weil aber dieser zur Zeit und in gehörigem Maaße kam, so wuchs beides. Nun wird das Land, das, nachdem es oft den fallenden Regen getrunken, Dornen und Disteln trägt, werthlos und dem Fluch nahe; es, kam ja doch die Wohlthat des Regens auch auf das schlechtere Land; aber die Grundlage war vernachlässigt und ungebaut, deßwegen trug es Dornen und Disteln. So sind nun auch die von Gott gewirkten Wunder, wie der Regen, die verschiedenen Willensrichtungen dagegen, sind das angebaute oder vernachläßigte Land, das als Land an sich von gleicher Beschaffenheit ist.

Es ist gerade, wie wenn die Sonne, Falls sie reden könnte, spräche: schmelze und verhärte. Da doch Schmelzen und Verhärten einander entgegengesetzt ist. Allein in Beziehung auf den Gegenstand würde sie recht haben; indem von derselben Wärme das Wachs schmilzt, der Leimen verhärtet. So hat Eine Wirksamkeit Gottes durch Moses Verhärtung bewirkt bei Pharao, wegen seiner Bosheit; Gehorsam bei den übrigen Aegyptern, die mit den Hebräern zugleich auszogen.(Origenes, Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft III,1,10f.)

Außerdem überlässt Gott manchmal Menschen auch für längere Zeit der Sünde, damit sie sich dann wirksam und langfristig bekehren, wenn sie merken, wie schlecht ihr Zustand wirklich ist:

„So wird also der, den Gott dahin gehen läßt, dem göttlichen Gericht überlassen: und gegen einige Sünder übt Gott Langmuth, nicht ohne Absicht, vielmehr soll das der Unsterblichkeit und ewigen Fortdauer ihrer Seele heilsam seyn, daß sie nicht schnell für ihre Rettung gewonnen, sondern langsam und durch die Erfahrung vieles Ungemachs dahin geführt werden. Wie manchmal die Aerzte zwar auch schneller heilen könnten, aber wenn sie merken, daß ein verborgenes Gift in dem Körper stecke, gerade daß Gegentheil von der Heilung thun, um diese selbst desto sicherer zu bewirken, in der Ueberzeugung, daß es besser sey, wenn einer längere Zeit mit Schwellen und Schmerzen behaftet ist, um eine desto dauerhaftere Gesundheit zu erhalten, als wenn er zwar schneller zu genesen scheint, nachher aber wieder rückfällig wird, und die schnellere Genesung, bloß für den Augenblick war. […]

Denn unergründlich, möcht’ ich sagen, sind die Seelen, und unergründlich ihre Neigungen, unzählig ihre Bewegungen. Vorsätze, Absichten und Triebe. Und der einzige und beste Führer derselben, der die Zeiten und die angemessensten Mittel der Wege und Stege kennt, ist der Allvater Gott. Er wußte auch, warum er den Pharao durch so vieles und selbst durch die Ersäufung durchführen mußte, mit welcher jedoch Pharao’s Führungen nicht endeten.“ (Origenes, Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft III,1,13f.)

Besser ist es, in die Hände des Herrn zu fallen als in die Hände der Menschen

Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, hofft auf sein Erbarmen, weicht nicht ab, damit ihr nicht zu Fall kommt. Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, vertraut auf ihn und er wird euch den Lohn nicht vorenthalten. Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, hofft auf Heil, auf immer währende Freude und auf Erbarmen! Schaut auf die früheren Generationen und seht: Wer hat auf den Herrn vertraut und ist dabei zuschanden geworden? Wer hoffte auf ihn und wurde verlassen? Wer rief ihn an und er erhörte ihn nicht? Denn gnädig und barmherzig ist der Herr; er vergibt die Sünden und hilft zur Zeit der Not.

 Weh den mutlosen Herzen und den schlaffen Händen, dem Menschen, der auf zweierlei Wegen geht. Weh dem schlaffen Herzen, weil es nicht glaubt; darum wird es keinen Schutz haben. Weh euch, die ihr die Hoffnung verloren habt. Was werdet ihr tun, wenn euch der Herr zur Rechenschaft zieht?

 Wer den Herrn fürchtet, ist nicht ungehorsam gegen sein Wort, wer ihn liebt, hält seine Wege ein. Wer den Herrn fürchtet, sucht ihm zu gefallen, wer ihn liebt, ist erfüllt von seinem Gesetz. Wer den Herrn fürchtet, macht sein Herz bereit und demütigt sich vor ihm.

 Besser ist es, in die Hände des Herrn zu fallen als in die Hände der Menschen. Denn wie seine Größe, so ist sein Erbarmen, und wie sein Name, so sind auch seine Werke.“

(Jesus Sirach 2,7-18)

 

PS: Dieses Buch wurde übrigens von Martin Luther aus der Bibel entfernt. Happy 2017!

Es ist Valentinstag!

Zum hl. Valentin (gest. um 268) gibt es verschiedene Überlieferungen. Er soll Kranke geheilt, unerlaubt christliche Trauungen vorgenommen und mit Kaiser Claudius über den christlichen Glauben diskutiert haben, ehe er das Martyrium durch Enthaupten erlitt. (Im Zuge der Liturgiereform wurde er allerdings aus dem liturgischen Kalender gestrichen, weil er zu den Heiligen gehört, deren Leben und Taten historisch ungesichert oder schwer greifbar sind.) Ein großes Vorbild der Glaubensstärke, und Patron der Jugendlichen, Reisenden und Imker, bei Wahnsinn, Epilepsie und Pest. Ach ja, und der Liebenden und Verlobten auch noch. Wer also an Epilepsie leidet, wer einen guten Honigertrag wünscht oder wem es um eine gute Vorbereitung auf das Sakrament der Ehe gelegen ist, der möge den heiligen Valentin anrufen.

Der heilige Valentin(Ölmalerei von Leonhard Beck, um 1510)

(Leonhard Beck, Der Heilige Valentin, um 1510. Der Heilige ist hier mit einem kranken Kind dargestellt.)

(Sehr coole Beiträge zum Valentinstag („Meanwhile, in Heaven“) hat übrigens Jason Bach in den letzten Jahren gebracht.)

Außerdem ist heute auch noch der Gedenktag der Heiligen Kyrill und Method, zweier aus dem Oströmischen Reich stammender Brüder, die im 9. Jahrhundert zu den Aposteln der Slawen wurden. Sie schufen ein eigenes Alphabet und eine eigene Liturgie in Altkirchenslawisch, die von Papst Hadrian II. bestätigt wurde; tatsächlich sind sie so ziemlich die Begründer der slawischen Schriftkultur. 1980 wurden sie vom hl. Papst Johannes Paul II. zu Mitpatronen Europas ernannt (zusammen mit Benedikt von Nursia).

(Kyrill und Method, Wandgemälde im Kloster Trojan in Bulgarien)

(Fun fact: „Gott, der will, dass alle zu Erkenntnis der Wahrheit kommen, hat deinen Glauben gesehen und hat eine Schrift für eure Sprache geoffenbart, damit auch ihr zu den großen Völkern hinzugefügt werdet, die Gott in ihrer eigener Sprache preisen. So senden wir dir den, dem es Gott geoffenbart hat, einen ehrbaren, rechtgläubigen und gelehrten Mann, einen Philosophen. Nimm diese Gabe an, die größer und ehrbarer ist als Gold, Silber und Edelsteine.“ Das steht laut Wikipedia in dem Brief, den der oströmische Kaiser Michael III. als Antwort auf den Brief des Fürsten Ratislav von Großmähren, in dem dieser um einen Bischof und Lehrer des christlichen Glaubens gebeten hatte, schickte. Aber wir wissen natürlich, dass vor dem tapferen Martin Luther die Kirche alle Völker in Unwissen halten wollte und nie geduldet hätte, dass Völker in ihrer eigenen Sprache Gott preisen. (Ja, ich muss in jedem zweiten Beitrag hier auf Lutherlegenden herumhacken. Ist was Persönliches.))

Über schwierige Bibelstellen, Teil 7: Ein Beispiel – die rachsüchtigen und selbstgerechten Psalmen

[Dieser Teil wurde noch einmal überarbeitet.]

 

In der ersten Version dieses Artikels habe ich einfach nur den unten folgenden Essay von C. S. Lewis über die Fluchpsalmen für sich stehen lassen; in der neuen möchte ich einige Anmerkungen anbringen. Ich lasse Lewis‘ Text hier zwar mal noch stehen, weil einige sehr gute Einsichten darin sind, und er mir vor einigen Jahren geholfen hat, erstmals manche Dinge nachzuvollziehen; aber trotzdem könnte ich manche Dinge, die er sagt, nicht mehr unterschreiben.

Zunächst: Lewis behandelt das Alte Testament teilweise wie etwas, das nicht so ganz Heilige Schrift ist, jedenfalls nicht wie das Neue; und dabei redet er teilweise von den alttestamentlichen Israeliten wie von Wilden, die man nicht ganz für voll nehmen kann (trotz der im Allgemeinen antikolonialistischen und antirassistischen Einstellung, die er hatte). Er redet von den Psalmen an manchen Stellen wie von etwas, das einem etwas über diese Beter beibringen soll, das man sich aber nicht selbst als eigenes Gebet zu eigen machen kann. Dabei müssen wir im Stundengebet genau das; und das können wir auch.

Hier sind, denke ich, drei Dinge wichtig:

1) Die Psalmen sind Gebete: weniger Aussprüche Gottes, sondern eher an Gott gerichtete Aussprüche, freilich aufgeschrieben von von Gott inspirierten Verfassern, denen Gott die Einsicht gab, welche Gebete er annimmt, welche Gebete ihm gefallen. Und beim Beten lässt Gott uns, wie uns die Psalmen offenbaren, sogar schlechte Gefühle, die wir nicht ganz willentlich bejahen dürfen, vor ihn bringen; Gefühle der fast völligen Verzweiflung und einen Wunsch nach übermäßiger Vergeltung beispielsweise.

2) Lewis ist hier trotz allem ein wenig beeinflusst von der gleichzeitig pessimistischen und übermäßig idealistischen protestantischen Ansicht, dass alle Menschen eigentlich von Grund auf nicht nur schlecht, sondern alle gleich schlecht seien, und man sich nie wirklich mal ganz und gar im Recht fühlen dürfe, und deshalb auch nie nach Vergeltung gegen andere verlangen dürfe, auch nicht nach maßvoller, gerechter, wenn einem Schlimmes angetan worden ist; Vergeltung wäre immer böse. Dabei darf man das. Der Wunsch, dass die, die einen gequält, tyrannisiert, gefoltert, verhöhnt, im Stich gelassen, verraten, vergewaltigt (oder was auch immer) haben, ihre gerechte Strafe bekommen ist ein gerechter, den auch Gott bejaht. Es gibt wirklich Menschen, die aus freiem Willen anderen Böses antun, weil es ihnen Spaß macht, weil andere sie nicht kümmern, und die das nicht bereuen, und die am Ende ihre Strafe verdienen.

3) Wir sollen uns, wie gesagt, die Psalmen im Gebet zu eigen machen, und das gilt auch für die Stellen, an denen die Feinde verflucht werden, selbst wenn wir selber gerade gar keine menschlichen Feinde haben, und sogar für die, an denen die Feinde nach dem wörtlichen Sinn unmäßig verflucht werden. Denn: Gott hat noch einen tieferen Sinn in die Psalmen gelegt als den, der den Psalmisten vielleicht bewusst war (wobei man nicht ausschließen kann, dass den Psalmisten dieser tiefere Sinn auch bewusst war). Was wir hier vor allem hassen und verfluchen sollen, wenn wir uns diese Gebete zu eigen machen, sind die Sünde und die Dämonen, die uns zur Sünde bringen und in die Hölle herabziehen und quälen wollen. Die Sünde ist der eigentliche Feind, viel mehr als irgendein menschlicher Sünder. Ich habe beispielsweise einmal gehört, dass ein Kirchenvater Psalm 137,9, den Vers, in dem es darum geht, dass Babylons Kinder am Felsen zerschmettert werden sollen (die neue Version der Einheitsübersetzung hat: „Selig, wer ergreift und zerschlägt am Felsen deine Nachkommen!“) so interpretiert hat, dass die Kinder Babylons die sündigen Gedanken sind, die am Fels des Glaubens zerschlagen werden müssen, bevor sie groß werden und zu Taten werden können. (In diesem Psalm geht es generell um die Babylonische Gefangenschaft, und auch wir befinden uns ja alle seit dem Sündenfall in einer Art Babylonischen Gefangenschaft, gefangen im Reich der Sünde und des Todes, fern vom Gelobten Land, und erbitten von Gott die Zerstörung dieses „Babylonischen“ Reiches mit allem, was zu ihm gehört.)

Nun aber Lewis‘ Text*:

 

Die Psalmen

I.

Ein Merkmal der Psalmen, das mir beim Lesen besonders in die Augen springt, ist ihre Altertümlichkeit. Mir ist, als blickte ich hinab in einen tiefen Abgrund der Zeit, jedoch als schaute ich dabei durch ein Fernrohr, das die Gestalten, die dort in der Tiefe wohnen, meinem Auge nahe bringt. So nah herangeholt, sind sie mir geradezu schockierend fremd; unbeherrschte Kreaturen, die in Selbstmitleid schwelgen, schluchzen, fluchen, lautes Triumphgeschrei ausstoßen, mit ungeschlachten Waffen klirren oder zum ohrenbetäubenden Lärm fremdartiger Musikinstrumente tanzen. Doch Seite an Seite mit diesem Bild steht mir noch ein anderes vor Augen: Anglikanische Chöre, blendendweiße Chorhemden, frischgewaschene Knabengesichter, Kniekissen, eine Orgel, Gebetsbücher und vielleicht der Geruch von frischgemähtem Friedhofsgras, der mit dem Sonnenlicht durch eine offene Türe kommt. Manchmal verblasst der eine, dann wieder der andere Eindruck, doch keiner von beiden verschwindet wohl jemals ganz. Die Ironie erreicht ihren Höhepunkt, wenn einer der Chorknaben mit diesem von aller persönlichen Anteilnahme so wunderbar freien Sopran die Worte singt, mit denen einstige Krieger sich in rasende Wut gegen ihre Feinde hineinsteigerten; und singt das im Dienst des Gottes der Liebe und denkt dabei selber vielleicht weder an diesen Gott noch an einstige Kriege, sondern an Pfefferminzbonbons und Comics. Diese Ironie, diese doppelte oder dreifache Vision, gehört zum Lesevergnügen. Ich beginne zu ahnen, dass sie auch zum Gewinn gehört.

 In seinen meisten Äußerungen ist mir der Geist der Psalmen fremder als jener der ältesten griechischen Literatur. Doch das ist nicht eine Frage der Epoche. Unterschiede in der Geisteshaltung decken sich nicht immer mit zeitlichen Unterschieden. Den meisten von uns, vielleicht uns allen (außer wir wären entweder sehr ungebildet oder sehr heilig oder womöglich beides) ist die Kultur, die von den Griechen und Römern herkommt, vertrauter, geistesverwandter, als das, was wir vom alten Israel haben. Schon die Bezeichnungen und Begriffe, die wir in Wissenschaft, Philosophie, Kritik, Staatsführung, Grammatik gebrauchen, sind durchweg graeko-romanisch. Dieser Einfluss, und nicht der jüdische, hat uns im landläufigen Sinne „kultiviert“. Doch kein Christ kann die Bibel lesen, ohne zu entdecken, dass ihm diese alten, uns für gewöhnlich so fern stehenden Hebräer jederzeit auf eine Weise Brüder sein können, wie kein Grieche oder Römer es je gewesen ist. Welch eine langweilige, vage Sache scheint uns beispielsweise auf den ersten Blick das Buch der Sprüche: Bärtige Orientalen, die endlose Binsenwahrheiten von sich geben, als wollten sie Tausendundeine Nacht parodieren. Verglichen mit Plato oder Aristoteles – verglichen selbst mit Xenophon – ist das überhaupt kein Denken. Dann, plötzlich, wenn wir drauf und dran sind aufzugeben, fällt unser Blick auf die Worte: „Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, so gib ihm Wasser zu trinken“ (Spr 25,21). Wir reiben uns die Augen. So etwas war damals schon sprichwörtlich! Sie kannten das schon so lange, bevor Christus kam! Es gibt nichts Entsprechendes im Griechentum und, wenn ich mich recht erinnere, auch nicht bei Konfuzius. Und solche Überraschungen können wir in den Psalmen oft erleben. Diese sonderbaren, fremden Gestalten können uns jeden beliebigen Augenblick beweisen, dass hinsichtlich der geistlichen Abstammung (im Unterschied zur kulturellen) letztlich sie unsere Ahnen sind und die Völker des Klassischen Altertums Fremde. Umgekehrt erleben wir beim Lesen der Klassiker manchmal die entgegengesetzte Überraschung. Diese geliebten, so gebildeten, toleranten, humanen und aufgeklärten Schriftsteller geben da und dort plötzlich zu erkennen, dass uns ein Abgrund von ihnen trennt. Daher das ständige verschmitzte Gekicher Platos über die Knabenliebe oder die elitäre Haltung, die Aristoteles’ Ethik fast lächerlich macht. Wir beginnen zu zweifeln, ob auch nur einer von ihnen (und wäre es selbst Vergil), wenn wir sie von den Toten zurückrufen könnten, nicht schon in der ersten Stunde des Gesprächs etwas von sich gäbe, was uns zutiefst befremden würde.

 Ich meine keineswegs, dass die Hebräer einfach „besser“ waren als die Griechen und die Römer. Im Gegenteil, wir finden in den Psalmen Äußerungen einer Grausamkeit, die rachedurstiger, und einer Selbstgerechtigkeit, die totaler ist als irgend etwas bei den Klassikern. Wenn wir diese Abschnitte übergehen und nur ein paar ausgesuchte Lieblingspsalmen lesen, verpassen wir das Entscheidende. Denn das Entscheidende ist genau dies: dass ausgerechnet diese fanatischen und mordlustigen Hebräer, und nicht die aufgeklärteren Völker, geistlich immer wieder – für kurze Augenblicke – ein christliches Niveau erreichen; nicht dass sie besser oder schlechter wären als die Heiden, sondern dass sie besser oder schlechter zugleich sind. Wir müssen wohl oder übel anerkennen, dass diese uns so fremden Dichter, zumindest in einer Hinsicht, unsere Vorfahren waren, und zwar die einzigen Vorfahren, die wir in der ganzen antiken Welt finden können. Sie haben etwas, was die Heiden nicht haben. Sie wissen etwas, das Sokrates nicht wusste. Dieses Etwas wächst offenbar durchaus nicht natürlicherweise aus dem hervor, was wir sonst von ihrem Charakter zu sehen bekommen. Es sieht aus wie etwas, das ihnen von außen geschenkt worden ist; tatsächlich wie das, wofür es sich ausgibt: eine Offenbarung. Ihre Behauptung, das „auserwählte Volk“ zu sein, hat Hand und Fuß.

 Wir können über diese Auserwählung freilich erstaunt sein. Wenn wir die Welt hätten sehen können, wie sie, sagen wir, im fünfzehnten Jahrhundert vor Christus war, und wenn wir hätten raten müssen, welchem von den damaligen Volksstämmen einst das Wissen von Gott und die Fortpflanzung jenes Blutes, das eines Tages einen Leib für die Menschwerdung Gottes hervorbringen sollte, anvertraut würde – ich glaube nicht, dass viele von uns richtig geraten hätten. (Ich denke, meine Auserwählten wären die Ägypter gewesen.)

 […]

 Unter diesem Gesichtspunkt gibt es als Einstieg keinen besseren Psalm als Nummer 109. Er endet mit einem Vers, den jeder Christ sofort für sich in Anspruch nehmen kann: „Denn er steht dem Armen zur Rechten, um ihn zu retten vor denen, die ihn verdammen.“ Das ist eine charakteristische Tonart in den Psalmen und eine der Seiten, um derentwillen wir sie lieben. Es ist ein Vorgeschmack auf die Grundstimmung im Magnificat. Sie findet kaum eine Parallele in der heidnischen Literatur (die griechischen Götter waren zwar tatkräftig dabei, Stolze niederzuwerfen, aber selten, Niedrige zu erhöhen). Sie wird sogar einen gutgesinnten modernen Ungläubigen ansprechen; vielleicht bezeichnet er es als Wunschdenken, aber er wird den Wunsch achten. Kurz, wenn wir nur den letzten Vers läsen, wären wir in vollem Einvernehmen mit dem Psalmisten. Im Augenblick aber, wo wir zurückblicken auf das, was diesem Vers vorausgeht, merken wir, dass uns Welten von ihm trennen, oder schlimmer noch, dass er uns widerwärtig nahe verwandt ist in dem, was auszumerzen die Hauptbeschäftigung unseres Lebens ist. Psalm 109 ist ein Hasslied, wie es hemmungsloser nie geschrieben wurde. Der Dichter legt ein detailliertes Programm gegen seinen Feind vor, von dem er hofft, dass Gott es ausführen wird. Der Feind soll vor „frevelhafte Richter“ gebracht werden. „Ein Ankläger“ soll ihm dauernd zur Rechten stehen, sei es ein böser Geist, sei es bloß ein menschlicher Ankläger – ein Spion, ein agent provocateur, ein Mitglied der Geheimpolizei (V. 6). Falls dem Feind noch etwas am Glauben liegt, soll ihn das, weit davon entfernt, seine Lage zu verbessern, nur noch schlechter machen: „Sogar sein Gebet soll ihm als Sünde gelten.“ (V. 7). Und nach seinem Tode – der bitte recht bald erfolgen möge – sollen seine Witwe und seine Kinder und Kindeskinder in niemals endendem Elend leben (V. 8-13). Was uns, mehr noch als der ungezähmte Rachedurst, das Blut in den Adern stocken lässt, ist das ruhige Gewissen des Schreibers. Er hat keine Bedenken, keine Skrupel oder Vorbehalte; keine Scham. Er lässt dem Hass freien Lauf, peitscht ihn auf, feuert ihn an – in einer Art unglaublicher Naivität. Er bringt diese Gefühle, so wie sie sind, Gott dar, keine Sekunde zweifelnd, dass sie Annahme finden werden; indem er von seinen Verwünschungen unvermittelt zu den Worten findet: „Du aber, Herr, mein Gott, tritt für mich ein um deines Namens willen! Weil deine Gnade köstlich ist, errette mich“ (V. 21).**

 Gewiss, dieser Mensch selber hat vor sehr langer Zeit gelebt. Das ihm widerfahrene Unrecht war vielleicht, menschlich gesprochen, unerträglich. Er war zweifellos ein heißblütiger Barbar und glich mehr einem Kind als einem Manne unserer Zeit. Und wenn wir auch glauben (und es sogar aus dem letzten Vers sehen können), dass seinem Geschlecht eine gewisse Erkenntnis des wahren Gottes zuteil geworden war, so hat er doch in der kalten Jahreszeit, im Vorfrühling der Offenbarung, gelebt, und diese ersten Lichtblicke der Erkenntnis waren wie Schneeglöckchen im Frost. Für ihn mag es daher eine Entschuldigung gegeben haben. Wir aber – was kann es uns nützen, solches Zeug zu lesen?

 Eines auf alle Fälle: Wir haben hier einen elementaren Ausdruck jener Gefühle, die von Unterdrückung und Ungerechtigkeit natürlicherweise hervorgerufen werden. Der Psalm ist ein Portrait, unter dem geschrieben stehen sollte: „Das machst du aus einem Menschen, wenn du ihn schlecht behandelst.“ Bei einem modernen Kind oder Primitiven könnten die Reaktionen genau dieselben sein. Bei einem heutigen westeuropäischen Erwachsenen – besonders, wenn er sich zum Christentum bekennt – wären sie gesitteter; als uneigennützige Gerechtigkeitsliebe getarnt, der es angeblich ums Allgemeinwohl geht. Doch hinter der Fassade und um so schlimmer in den Augen Gottes sind die Gefühle wohl immer noch da. (Ich denke hier an eine mir völlig unbekannte Frau, die mir, weil sie es „für ihre Pflicht“ hielt, wie sie sagte, einen Brief weitergab, in dem eine andere mir völlig Unbekannte mich ihr gegenüber angeschwärzt hatte.) In einem Fall nun, den wir im landläufigen Sinn als „Verführung“ bezeichnen (nämlich dem der sexuellen Verführung) fänden wir es ungeheuerlich, auf der Schuld des einen Beteiligten zu beharren, welcher der Versuchung erlegen ist, und über die des anderen, der ihn versucht hat, hinwegzugehen. Doch genau so ist jedes Unrecht und jede Unterdrückung eine Versuchung, eine Versuchung zum Hass, und ist in diesem Sinne eine Verführung. Mit jedem Unrecht, das wir einem Mitmenschen angetan haben, haben wir ihn in die Versuchung geführt, solch ein Mensch zu sein wie der, der Psalm 109 geschrieben hat. Wir haben vielleicht über unser Unrecht Buße getan; aber ob auch er über seinen Hass Buße getan hat, das wissen wir oft nicht. Wie steht unsere Rechnung heute, falls er es nicht getan hat?

 Ich weiß keine Antwort auf diese Frage. Aber ich würde meinen, wir sollten uns lieber genau ansehen, was wir angerichtet haben; wie junge Hunde sollte man uns mit der Nase hineinstoßen. Ein Mann, auch wenn er darüber Buße getan hat, dass er einmal ein Mädchen verführt und es dann sitzengelassen und aus dem Blickfeld verloren hat, sollte seine Augen nicht einfach vor der rauen Wirklichkeit verschließen, in der sie heute vielleicht lebt. Genau darum sollten wir die Psalmen lesen, die den Unterdrücker verfluchen; sollten sie lesen mit Furcht. Wer weiß, ob nicht ähnliche Verwünschungen auch schon gegen uns ausgestoßen worden sind? Was für Gebete schwarze Menschen und rote und braune und gelbe gegen uns zu ihren Göttern oder manchmal zu Gott selbst emporgeschickt haben. Von der ganzen Erde „stinkt“ das Unrecht des Weißen Mannes zum Himmel; es stinkt nach Massakern, nach Vertragsbruch, Diebstahl, Menschenraub, Sklaverei, Deportation, Auspeitschungen, Lynchmord, Überfällen, Vergewaltigung, Raub, Beschimpfung, Hohn und widerlicher Heuchelei. Aber die Sache geht uns noch näher an. Diejenigen von uns, die wenig Macht haben, wenig Leute, die in ihrer Hand sind, können dankbar sein. Wie aber, wenn man Offizier ist (oder, vielleicht noch schlimmer, Unteroffizier)? Oberin in einem Krankenhaus? Regierungsbeamter? Gefängniswärter? Schulvorsteher? Gewerkschaftssekretär? Vorgesetzter irgendeiner Art? Kurz jemand, dem keiner „zurückgeben“ kann? Es ist, auch mit dem besten Willen, schwer genug, gerecht zu sein. Es ist schwer, unter dem Druck von Zeitnot, Unbehagen, schlechter Laune, Selbstzufriedenheit und Eitelkeit auch nur schon immer gerecht sein zu wollen. Macht verdirbt den Menschen; die „Amtsroutine“ schleicht sich ein. Wir sehen sie so deutlich bei unseren Vorgesetzten; ist es dann unwahrscheinlich, dass unsere Untergebenen sie bei uns sehen? Wie viele von denen, die über uns sind, haben nicht schon manchmal (vielleicht oft) unsere Vergebung nötig gehabt? Seien sie sicher, dass wir genauso die Vergebung derer nötig haben, die unter uns stehen.

 Sie wird uns aber nicht immer zuteil. Vielleicht sind unsere Untergebenen gar nicht gläubig. Vielleicht sind sie noch nicht weit genug gekommen auf dem Weg, dieses schwere Werk des Vergebens, das wir ihnen auferlegt haben, zu bewältigen. Vielleicht schwelt gegen uns, erfolglos bekämpft oder auch nicht, bitterer, chronischer Groll; der Geist von Psalm 109.

 Ich meine nicht, dass Gott auf Gebete, wie sie dieser Psalmist vorgebracht hat, hört und sie gutheißt. Sie sind böse. Er verurteilt sie. Alle Rachsucht ist Sünde. Wir können auch hoffen, dass das, was unsere Untergebenen uns nachtragen, in Wirklichkeit nicht halb so schlimm war, wie sie sich einbilden. Die Schroffheit war unbeabsichtigt; das anmaßende Benehmen bei Gericht hatte seinen Grund in Unwissenheit und dem unangenehmen Gefühl der eigenen Ohnmacht; die scheinbar ungerechte Verteilung der Arbeit war nicht wirklich ungerecht oder war es nicht absichtlich; die unerklärliche persönliche Abneigung gegen einen bestimmten Untergebenen, für ihn und einige seiner Kameraden so offensichtlich, ist etwas, dessen wir uns überhaupt nicht bewusst sind (sie erscheint in unserem bewussten Denken als „erziehen“ oder als die Notwendigkeit, „ein Exempel zu statuieren“). Wie dem auch sei, es ist sehr böse von ihnen, uns zu hassen. Ja, aber das Törichte ist, dass wir uns einbilden, Gott sähe ihre Bosheit losgelöst von unserer Bosheit, die den Anlass dazu gegeben hat. Sie sündigen durch ihren Hass, weil wir sie dazu versucht haben. Wir haben sie, in diesem Sinne, verführt, verdorben. Sie sind gleichsam die Mütter dieses Hasses; wir sind die Väter.

 Unter diesem Gesichtspunkt nun ist der Lobpreis der Maria erschreckend. […] Die Ähnlichkeit zwischen dem Lobgesang und der überlieferten hebräischen Dichtung der Psalmen beschränkt sich nicht auf literarische Eigentümlichkeiten. Natürlich gibt es einen Unterschied. Bei Maria finden sich keine Verwünschungen, kein Hass, keine Selbstgerechtigkeit. Statt dessen stellt sie einfach fest: Er hat die Hoffärtigen zerstreut, die Machthaber gestürzt, Reiche leer ausgehen lassen. Ich habe vorhin vom ironischen Kontrast zwischen dem wutentbrannten Psalmisten und dem Sopran des Chorknaben gesprochen. Diesen Kontrast finden wir hier auf einer höheren Ebene wieder. Einmal mehr haben wir die Sopranstimme, eine Mädchenstimme, und sie verkündet ohne Sünde, dass die sündigen Gebete ihrer Vorfahren nicht ganz unerhört bleiben; und tut das nicht etwa in wildem Triumph, sondern – wer könnte es überhören? – in ruhiger und furchtbarer Freude.***

 Hier bin ich versucht, für einen Moment abzuschweifen auf eine Spekulation, die uns in einer Hinsicht vielleicht etwas beruhigt, während sie uns in einer anderen erschreckt. Die Christen sind sich leider nicht darüber einig, auf welche Weise die Mutter Gottes verehrt werden sollte, doch es gibt eine Wahrheit, an der wohl niemand zweifeln kann. Wenn wir an die Jungfrauengeburt glauben und wenn wir an die menschliche Natur unseres Herrn glauben (denn es ist ketzerisch, sich ihn als einen Menschen vorzustellen, in dessen Körper statt einer menschlichen Seele die zweite Person der Dreieinigkeit wohnte), dann müssen wir für diese Menschennatur auch an eine menschliche Vererbung glauben. Für diese gibt es nur eine Quelle (wiewohl in dieser Quelle das ganze wahre Israel vertreten ist). Wenn in Jesus ein eiserner Zug ist – dürfen wir nicht, ohne unehrerbietig zu sein, mutmaßen, woher er stammt? Sagten wohl die Nachbarn in seiner Kindheit von ihm: „Er ist ganz der Sohn seiner Mutter?“ Das könnte die Härte mancher Dinge, die er zu oder von seiner Mutter gesagt hat, in ein neues und weniger schmerzliches Licht rücken. Wir dürfen annehmen, dass sie das sehr gut verstand.****

 Ich habe dies einen Exkurs genannt, doch ich bin nicht sicher, dass es einer ist. Zweierlei leitet von den Psalmen hinüber zu uns. Das eine ist der Lobpreis der Maria, das andere sind die wiederholten Zitate, die unser Herr gebrauchte, wenn auch – das stimmt – nicht solche wie Psalm 109. Wir können ein Buch, von dem sein Denken so durchdrungen war, nicht aus unserem Denken verbannen. Die Kirche selbst ist ihm nachgefolgt und hat auch unser Denken durch dieses Buch geprägt.

 Mit einem Wort, die Psalmisten und wir gehören beide zur Kirche. Als einzelne mögen sie – gleich wie wir – manchmal sehr schlechte Glieder dieser Kirche sein; Unkraut – aber Unkraut, das auszureißen wir nicht befugt sind. Sie – wie wir – mögen oft nicht wissen (wenn auch vielleicht anders als wir) wes Geistes Kinder sie sind. Aber die Zugehörigkeit zur Kirche können weder wir ihnen noch sie uns absprechen.

 Ich meine keineswegs (obwohl Sie, wenn Sie sich umsehen, sicher einen Kritiker finden werden, der sagt, ich meine es), dass wir ihre Grausamkeit in irgendeiner Weise gutheißen sollen. Aber wir können lernen, das Gute zu sehen, das sich in diese Grausamkeit mischt. Durch all ihre Exzesse hindurch zieht sich ein leidenschaftliches Sehnen nach Gerechtigkeit. Man ist zuerst versucht zu sagen, dass dieses Sehnen, da sie ja zu den Unterdrückten gehören, kein besonderes Verdienst ist; dass auch die schlechtesten Menschen noch aufbegehren und nach Fairness schreien, wenn ihnen unfaires Spiel geboten wird. Doch leider ist das nicht wahr. Vielmehr ist der Geist, der nach Gerechtigkeit schreit, vielleicht gerade jetzt am Aussterben.

 Dazu ein alarmierendes Beispiel: Ich hatte einen Schüler, der bestimmt Sozialist, wahrscheinlich sogar Marxist war. Für ihn war das „Kollektiv“, der Staat, alles, der einzelne nichts; Freiheit ein bourgeoiser Wahn. Er schloss dann sein Studium ab und wurde Lehrer. Ein paar Jahre später besucht er mich, als er in Oxford vorbeikam. Er sagte, er hätte den Sozialismus aufgegeben. Er war restlos enttäuscht vom totalitären Staat. Die Einmischungen des Erziehungsministeriums in die Angelegenheiten von Schule und Lehrerschaft waren, das hatte er erlebt, arrogant, inkompetent und unausstehlich; die reinste Tyrannei. Ich konnte ihn gut verstehen, und das Gespräch nahm vergnügt seinen Lauf. Dann, plötzlich, rückte er mit dem wahren Grund seines Kommens heraus: Er hatte es „so gründlich satt“, dass er den Lehrerberuf aufgeben wollte; und – könnte ich wohl – läge es wohl in meiner Macht – würde ich wohl ein paar Drähte ziehen, um ihm einen Posten zu verschaffen – im Erziehungsministerium?

 So ist der moderne Mensch. Er kann hassen, aber er dürstet nicht, wie die Psalmisten, nach Gerechtigkeit. Wenn er findet, dass er unterdrückt wird, fragt er sofort: „Wie kann ich mich auf die Seite der Unterdrücker schlagen?“ Er hat nichts gegen eine Welt, die in Tyrannen und Opfer gespalten ist; es kommt nur darauf an, zu welcher von diesen beiden Gruppen man selber gehört. (Die Moral der Geschichte bleibt dieselbe, ob Sie seine Ansichten über das Erziehungsministerium teilen oder nicht.)

 So mischt sich also in den Hass der Psalmisten ein Funke, der angefacht, nicht ausgetreten werden sollte. Diesen Funken hat Gott gesehen und angefacht, bis er im Lobpreis der Maria hell brannte. Der Schrei nach dem „Gericht“ musste erhört werden. Doch die alte jüdische Vorstellung vom „Gericht“ wird ein Essay für sich nötig machen.

 

II.

Das Jüngste Gericht ist uns Christen ein sehr vertrauter und sehr schrecklicher Gedanke. „In Zeiten der Drangsal, in Zeiten des Wohlergehens, in der Stunde des Todes und am Tage des Gerichts rette uns, Herr, unser Gott.“ Wenn es eine Vorstellung gibt, die durch kein Bitten und Flehen aus der Lehre unseres Herrn weggebetet werden kann, dann ist es die von der großen Scheidung: Schafe und Böcke, der breite und der schmale Weg, das Unkraut und der Weizen, die Worfschaufel, die klugen und die törichten Jungfrauen, die guten und die schlechten Fische, die verschlossene Türe bei der Hochzeit, wo manche drinnen, andere draußen in der Finsternis sind. Wir können zu hoffen wagen – manche wagen es zu hoffen –, dass das nicht die ganze Geschichte ist, dass, wie Juliana von Norwich gesagt hat, „es allen wohlergehen und mit allen Dingen zum Besten stehen wird“. Doch aus den Worten unseres Herrn selbst müssen wir diese Hoffnung nicht nehmen wollen. Von Paulus bekommen wir Andeutungen; von Jesus keine Spur. Es sind seine eigenen Worte, die das Bild vom Jüngsten Gericht ins Christentum gebracht haben.

 Eine Folge davon ist, dass wir beim Wort „Gericht“ im Zusammenhang mit dem Glauben immer gleich an ein Strafgericht denken: den Richter auf dem  Richterstuhl, der Angeklagte auf der Anklagebank, Hoffnung auf Freispruch und Angst vor dem Schuldurteil. Doch die alten Hebräer verbanden mit dem Wort „Gericht“ für gewöhnlich ganz andere Vorstellungen.

 In den Psalmen ist das Gericht nicht etwas, wovor der von Gewissensbissen verfolgte Gläubige Angst hat, sondern etwas, worauf der in den Staub getretene Gläubige hofft. Gott „wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit“ und ist „eine Burg den Bedrückten“ (9,9.10). „Schaffe mir Recht nach deiner Gerechtigkeit, Herr“, ruft der Dichter (35,24). Noch mehr überrascht uns Psalm 67, wo selbst „die Nationen“, die Heiden, „sich freuen“ und „jubeln“ sollen, weil Gott „die Völker gerecht richtet“ (V. 5). (Genau das ist doch unsere Angst, dass das Gericht vielleicht sehr viel gerechter sein wird, als wir es ertragen können.) Im Freudenpsalm 96 sollen sich sogar Himmel und Erde „freuen“, die Flur soll „jauchzen“ und alle Bäume des Waldes „frohlocken vor dem Herrn“, denn „er kommt, die Erde zu richten“. Die Aussicht auf dieses von uns so gefürchtete Gericht löst einen Jubel aus, wie ein heidnischer Dichter ihn allenfalls gebraucht hätte, um das Kommen des Dionysos anzukündigen.

 So sehr unser Herr selbst uns, wie gesagt, die heutige christliche Vorstellung vom Jüngsten Tag eingeprägt hat, so illustrieren seine Worte doch an anderen Stellen die alte hebräische Vorstellung. Ich denke an den ungerechten Richter im Gleichnis. In den meisten von uns – es sei denn wir hätten dies Gleichnis direkt vor Augen – weckt die Erwähnung eines bösen Richters auf der Stelle das Bild eines Menschen wie Richter Jeffreys: eines brüllenden, ständig unterbrechenden, blutrünstigen Rohlings, der Geschworene und Zeugen einschüchtert, fest entschlossen, den Gefangenen hängen zu sehen. Wir können nur hoffen, nicht von ihm gerichtet zu werden. Die Rolle des „ungerechten Richters“ bei Jesus ist eine ganz andere. Man will von ihm gerichtet werden, man liegt ihm in den Ohren, dass er einen richte. Die einzige Schwierigkeit ist, sich bei ihm Gehör zu verschaffen. Was unser Herr im Auge hat, ist offensichtlich gar kein Strafgericht, sondern ein Schlichtungsgericht. Nicht aus dem Blickwinkel eines Gefangenen sehen wir die Gerechtigkeit, sondern aus dem eines Antragstellers; eines Antragstellers, der eindeutig im Recht ist – wenn es ihm nur gelänge, den Angeklagten vor den Richterstuhl zu bringen.

 Dieses Bild ist uns nur darum fremd, weil wir uns in unserem Land einer ungewöhnlich guten Rechtspflege erfreuen. Wir betrachten es als selbstverständlich, dass man Richter nicht bestechen muss und nicht bestechen kann. Das ist jedoch kein Naturrecht, sondern eine hohe Errungenschaft; auch wir könnten sie einmal verlieren (und werden sie sicher verlieren, wenn wir uns nicht um ihre Erhaltung bemühen); sie geht nicht automatisch mit dem Gebrauch der englischen Sprache einher. In vielen Teilen der Welt und zu vielen Zeiten bestand die Schwierigkeit für arme und unbedeutende Leute nicht nur darin, zu erreichen, dass man ihr Anliegen unvoreingenommen anhörte, sondern darin, dass man sie überhaupt anhörte. Ihre Stimmen sind es, die aus der unentwegten Hoffnung der Hebräer auf das Gericht sprechen, dieser Hoffnung, dass irgendwann, irgendwie einmal, das Recht wiederhergestellt sein wird.

 Doch die Vorstellung kommt nicht nur aus dem Gerichtswesen. Die „Richter“, nach denen ein höchst interessantes Geschichtsbuch im Alten Testament genannt ist, hießen nämlich nicht nur deshalb so, weil sie manchmal etwas taten, was wir als Ausübung richterlicher Funktionen betrachten würden. Das Buch hat tatsächlich über das „Richten“ in diesem Sinne sehr wenig zu sagen. Seine „Richter“ sind in erster Linie Helden, Kämpfer, die Israel von fremden Tyrannen befreien: Riesentöter. Das Substantiv, das wir als „Richter“ übersetzen, ist offensichtlich mit einem Verb verwandt, das heißt: verteidigen, rächen, das Recht wiederherstellen. Man könnte sie genausogut Vorkämpfer, Rächer nennen. Der fahrende Ritter im mittelalterlichen Roman, der seine Tage damit zubrachte, bedrängte Edelfräulein zu retten und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, wäre bei den Hebräern so etwas wie ein „Richter“ gewesen.

 Ein solcher Richter – Er, der uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lässt, der Retter, der Beschützer, der Tyrannenbezwinger – ist es, dessen Bild in den Psalmen dominiert. Es gibt tatsächlich ein paar wenige Stellen, wo der Psalmist mit Zittern ans Gericht denkt: „Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht! Denn vor dir ist kein Lebender gerecht“ (143,2); oder: „Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst, o Herr, wer kann bestehen?“ (130,3). Doch die gegenteilige Haltung ist sehr viel geläufiger: „Höre, o Herr, die gerechte Sache“ (17,1); „Schaffe mir Recht, o Herr“ (26,1); „Streite, Herr, mit denen, die mich bestreiten“ (35,1); „Führe meinen Rechtsstreit“ (43,1); „Erhebe dich, Richter der Erde“ (94,2). Gerechtigkeit ist es, Gehör vor dem Richter, worum die Psalmisten ungleich häufiger beten als um Vergebung.

 Verallgemeinernd kommen wir damit zu einer sehr paradoxen Überlegung. Für gewöhnlich, und selbstverständlich zu Recht, werden Judentum und Christentum, die Herrschaft Moses und die Herrschaft Jesu, einander gegenübergestellt als Gesetz gegen Gnade, Gerechtigkeit gegen Barmherzigkeit, Härte gegen Milde. Aber offenbar hoffen die, welche unter der unerbittlicheren Verkündigung stehen, auf Gottes Gericht, während die, welche unter der milderen Botschaft leben, Angst davor haben. Woher kommt das? Die Antwort wird jedem in etwa klar sein, der die Psalmen aufmerksam gelesen hat. Die Psalmisten, mit wenigen Ausnahmen, blicken dem Gericht sehnsüchtig entgegen, weil sie glauben, dass sie völlig im Recht sind. Andere haben gegen sie gesündigt; ihr eigenes Verhalten war (wie sie uns oft genug beteuern) untadelig. Sie flehen die göttliche Untersuchung inständig herbei, gewiss, dass sie siegreich daraus hervorgehen werden. Der Gegner mag alles mögliche zu verbergen haben, aber sie nicht. Je mehr Gott ihre Sache untersucht, um so mehr wird sie sich als einwandfrei erweisen. Der Christ andererseits zittert, weil er weiß, dass er ein Sünder ist.

 Man könnte also in gewissem Sinne sagen, dass die jüdische Zuversicht im Hinblick auf das Gericht eine Begleiterscheinung der jüdischen Selbstgerechtigkeit sei. Aber das ist viel zu verallgemeinernd. Wir müssen die ganze Erfahrung mit in Betracht ziehen, aus der diese selbstgerechten Äußerungen herauswachsen; und zweitens, was diese Äußerungen, auf einer tieferen Stufe, wirklich bedeuten.

 Diese Erfahrung ist dunkel und schrecklich. Wir dürfen sie nicht „die Große Trübsal der Seele“ nennen, denn diese Bezeichnung wird schon für eine andere Trübsal und für einen anderen Schrecken gebraucht, denen wir auf einer ungleich höheren Ebene begegnen, als sie irgendeiner der Psalmisten (vermute ich) je erreicht hat. Aber wir können sie „die Große Trübsal des Fleisches“ nennen, wobei wir unter „Fleisch“ den natürlichen Menschen verstehen. […]

 Zugegeben, wir können, wenn wir wollen, all die Stellen, welche diese Trübsal schildern, als Anzeichen einer Neurose betrachten. Wenn wir unbedingt behaupten wollen, dass einige Psalmisten in einer Nervenkrise oder am Rande eines Nervenzusammenbruchs geschrieben haben, dann werden wir für unsere Theorie genug Bestätigung finden. Das heißt, die Psalmisten versuchen in genau den Dingen auf ihrem Recht zu beharren, von denen auch ein Patient in einem bestimmten neurotischen Zustand zu Unrecht meint, dass sie auf seine Situation zuträfen. Für unser Anliegen ist das im Moment jedoch nicht wichtig. Neurosen kommen vor; vielleicht sind wir selber schon durch dieses Tal hindurchgegangen oder müssen einmal hindurchgehen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wie gewisse an Gott gläubige Menschen vor uns sich darin verhalten haben. Und letzten Endes ist „Neurose“ ein relativer Begriff. Wer kann sagen, dass er ihr nie nahegekommen ist? Selbst wenn die Psalmen von Neurotikern geschrieben worden wären, so würden sie uns noch etwas angehen.

 Doch natürlich können wir keineswegs sicher sein, dass sie das sind. Der Neurotiker glaubt fälschlicherweise, dass er von gewissen Übeln bedroht werde. Ein anderer Mensch (oder der Neurotiker selbst zu einem anderen Zeitpunkt) kann jedoch tatsächlich von genau diesen Übeln bedroht sein. Es sind vielleicht nur die Nerven des Patienten, die ihm so überzeugend einreden, dass er Krebs hat oder finanziell ruiniert ist oder in die Hölle kommt; doch das beweist nicht, dass es so etwas wie Krebs oder Bankrott oder Verdammnis nicht gibt. Die Vermutung, dass die in gewissen Psalmen geschilderten Zustände Einbildung sein müssen, scheint mir auf reinem Wunschdenken zu beruhen. Es gibt diese Zustände im wirklichen Leben. Falls jemand das bezweifelt, möge er sich, während ich versuche diese Trübsal des Fleisches darzustellen, überlegen, wie leicht sie für irgendeine der folgenden Personen nicht subjektives Empfinden, sondern konkrete Wirklichkeit sein dürfte.

1. Für einen kleinen, hässlichen, unsportlichen, unbeliebten Jungen in der zweiten Klasse einer hundsmiserablen englischen Volksschule. 2. Für einen unbeliebten Rekruten in einer Militärbaracke. 3. Für einen Juden in Hitlerdeutschland. 4. Für einen Mann in einer schlechten Firma oder Staatsstelle, den eine Gruppe von Rivalen hinauszuekeln versucht. 5. Für einen Papstanhänger im England des sechzehnten Jahrhunderts. 6. Für einen Protestanten im Spanien des sechzehnten Jahrhunderts. 7. Für einen Afrikaner unter Malan. 8. Für einen amerikanischen Sozialisten in der Hand von Senator McCarthy oder einen Zulu während einer der alten, wilden Hexenverfolgungen.

 Die Finsternis des Fleisches kann objektive Tatsache sein; sie ist nicht einmal besonders selten.

 Man ist allein. Der Mit-Rekrut, der  einem am ersten Tag ein Freund zu sein schien, die Jungen, die einem in der letzten Klasse Freunde waren, die Nachbarn, mit denen man befreundet war, bevor die Judenhetze losging (oder bevor man Senator McCarthys Aufmerksamkeit auf sich zog) und sogar die eigenen Bekannten und Verwandten haben angefangen, einem aus dem Wege zu gehen. Niemand will gerne mit einem gesehen werden. Wenn man auf der Straße Bekannten begegnet, blicken sie zufällig immer auf die andere Seite. „Von meinen Nachbarn bin ich gemieden und ein Schrecken für meine Bekannten: Wer mich sieht auf der Straße, flieht scheu vor mir“ (31,12). „Meine Freunde und Genossen, … meine nächsten Verwandten halten sich fern“ (38,11). „Ein Fremdling bin ich meinen Brüdern geworden“ (69,9). „Meine Bekannten hast du mir entfremdet, hast mich ihnen zum Abscheu gemacht“ (88,9). „Blick ich nach rechts und halte Umschau: ach, da ist keiner, der mich versteht. Verschlossen ist mir jede Zuflucht“ (142,5).

 Manchmal macht nicht ein einzelner diese Erfahrung, sondern eine Gruppe (ein religiöser Orden oder sogar ein ganzes Volk). Mitglieder fallen ab; Verbündete fliehen; der gewaltige Zusammenschluss gegen uns wächst und festigt sich von Tag zu Tag. Schwerer noch als unsere schwindenden Zahlen und die zunehmende Isolation sind die wachsenden Anzeichen dafür zu ertragen, dass „unsere Seite“ nichts ausrichtet. Die Welt wird von schlechten Menschen auf den Kopf gestellt, und „was kann da der Gerechte noch leisten?“ (11,3), wo bleiben unsere Gegenmaßnahmen? „Wir sind ein Spott und Hohn“ geworden (79,4). Einst sprach so vieles zu unseren Gunsten, und große Führer waren auf unserer Seite. Doch diese Zeiten sind vorbei: „Unsere Zeichen sehen wir nicht mehr, kein Prophet ist mehr da“ (74,9). So fühlen wir Christen uns oft im heutigen Europa.

 Und rings um den vereinsamten Menschen sind tagaus, tagein die Ungläubigen. Sie wissen sehr wohl, was wir glauben oder zu glauben versuchen („hilf meinem Unglauben!“), und achten das für eine totale Illusion. „Gar viele sagen von mir: ‚Es gibt keine Rettung für ihn bei Gott’!“ (3,2). Als hätte Gott, falls es ihn gibt, nichts weiter zu tun, als sich um uns zu kümmern! (10,13); aber überhaupt: „Es gibt keinen Gott“ (14,1). Wenn es den Gott des Leidenden wirklich gibt, dann „möge er ihn retten“ (22,9), und zwar jetzt! „Wo ist nun dein Gott?“ (42,4)

 Der Mensch in der Trübsal des Fleisches ist in den Augen aller anderen äußerst komisch; die Witzfigur einer ganzen Schule oder Militärbaracke oder Arbeitsstelle. Sie können ihn nicht ansehen, ohne zu lachen; sie schneiden ihm Grimassen (22,8). Zechbrüder verulken ihn in ihren Liedern (69,13). Er wird „sprichwörtlich“ (44,15). Zu allem Unglück ist dieses ganze Gelächter keineswegs ein ehrliches, spontanes Gelächter, keines, das ein Mensch mit einer irgendwie komischen Stimme oder einem kauzigen Aussehen lernen könnte zu ertragen und in das er schließlich sogar miteinstimmen könnte. Diese Spötter lachen nicht, obwohl es ihn verletzt, und nicht einmal, ohne zu fragen, ob es ihn vielleicht verletzt; sie lachen, weil es ihn verletzt. Jede Demütigung und jedes Missgeschick, die er erleidet, ist ihnen wie Honig; sie zeigen ihm ihre Überlegenheit, wenn er am Boden liegt. „Ich spreche: Dass sie sich nur nicht freuen über mich, die wider mich grosstun, wenn mein Fuß wankt“ (38,17).

 Wenn man eine gewisse Art von aristokratischem oder stoischem Stolz hätte, so könnte man vielleicht Spott mit Spott vergelten oder sogar frohlocken, wie Coventry Patmore darüber frohlockte, dass er „in der Hochgebirgsluft öffentlichen Verrufs“ lebte. Wenn man das könnte, so wäre man der Trübsal nicht ganz preisgegeben. Aber was auch geschehe, so ist der Leidende nicht – oder nicht mehr, falls er es früher einmal war. Er ist den unaufhörlichen Neckereien, Verächtlichkeiten und Demütigungen (durch die Blume oder grausam verhohlen, je nach Milieu) wehrlos ausgeliefert, sie gehen ihm unter die Haut. Auch in seinen eigenen Augen ist er das, wozu sie ihn gemacht haben. Er kann nicht noch einmal von vorne anfangen. „Beschämung bedeckt sein Antlitz“ (69,8). Er könnte genauso gut stumm sein; in seinem Mund ist keine Widerrede (38,15). Er ist „ein Wurm und kein Mensch“ (22,7).

 

* Dieser Essay findet sich in: C. S. Lewis, „Gedankengänge. Essays zu Christentum, Kunst und Kultur“, Brunnen-Verlag, Basel 1986, S. 151-168. Lewis hat auch ein kleines Buch über die Psalmen geschrieben (Titel der dt. Übersetzung: „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“) – ebenfalls sehr empfehlenswert.

** Der vollständige Text von Psalm 109 lautet nach der Einheitsübersetzung: „Für den Chormeister. Ein Psalm Davids. Gott meines Lobes, schweig doch nicht! Denn ein Mund voll Frevel, ein Lügenmaul hat sich gegen mich aufgetan. Sie reden zu mir mit falscher Zunge, umgeben mich mit Worten des Hasses und bekämpfen mich grundlos. Sie klagen mich an für meine Liebe, ich aber bete. Sie vergelten mir Gutes mit Bösem, mit Hass meine Liebe: Einen Frevler bestelle gegen ihn als Zeugen, ein Ankläger trete zu seiner Rechten. Als Verurteilter gehe er aus dem Gericht hervor und sein Gebet erweise sich als Sünde. Nur gering noch sei die Zahl seiner Tage, sein Amt erhalte ein anderer. Zu Waisen sollen werden seine Kinder und seine Frau zur Witwe. Unstet sollen seine Kinder umherziehen und betteln, aus den Trümmern des Hauses vertrieben. All seinen Besitz reiße an sich ein Gläubiger, Fremde sollen plündern, was er erworben hat. Niemand sei da, der ihm Huld bewahrt, keiner, der sich seiner Waisen erbarmt. Seine Nachkommen soll man vernichten, im nächsten Geschlecht schon erlösche ihr Name. Der Schuld seiner Väter werde beim HERRN gedacht, ungetilgt bleibe die Sünde seiner Mutter. Ihre Schuld stehe dem HERRN allzeit vor Augen, ihr Andenken lösche er aus auf Erden. Denn dieser Mensch dachte nie daran, Huld zu üben; er verfolgte den Gebeugten und den Armen und wollte den Verzagten töten. Er liebte den Fluch – der komme über ihn; er verschmähte den Segen – der bleibe ihm fern. Er zog den Fluch an wie ein Gewand; der dringe in seinen Leib wie Wasser und wie Öl in seine Knochen. Er werde für ihn wie das Kleid, in das er sich hüllt, wie der Gürtel, mit dem er sich allzeit umgürtet. So treiben es die, die mich anklagen mit Berufung auf den HERRN, die Böses gegen mein Leben reden. Du aber, GOTT und Herr, handle an mir, wie es deinem Namen entspricht! Ja, gut ist deine Huld, befreie mich! Denn ich bin gebeugt und arm, mein Herz ist durchbohrt in meinem Innern. Wie ein flüchtiger Schatten schwinde ich dahin, wie eine Heuschrecke schüttelt man mich ab. Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Fleisch nimmt ab und wird mager. Ja, ich wurde ihnen zum Spott, sie schütteln den Kopf, wenn sie mich sehen. Hilf mir, HERR, mein Gott, in deiner Huld errette mich! Sie sollen erkennen, dass dies deine Hand vollbracht hat, dass du, HERR, es getan hast. Mögen sie fluchen – du wirst segnen. Sie haben sich erhoben, aber sie werden zuschanden, doch dein Knecht wird sich freuen. Meine Ankläger müssen sich mit Schmach bekleiden, wie in einen Mantel sich in Schande hüllen. Ich will dem HERRN danken mit lauter Stimme, inmitten der Menge will ich ihn loben. Denn er steht zur Rechten des Armen, um sein Leben vor bösen Richtern zu retten.“

*** Das Magnificat lautet in der Einheitsübersetzung: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lukas 1,46-55)

**** Lewis meint hier wohl diese Stellen:

„Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten nach ihm. Da geschah es, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie voll Staunen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen.“ (Lukas 2,41-51)

„Als Jesus noch mit den Leuten redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Siehe, meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Matthäus 12,46-50)

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.“ (Johannes 2,1-11)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Tissot_The_Songs_of_Joy.jpg

(James Tissot, The Songs of Joy. Gemeinfrei.)

Basisausrüstung zur Häresiebekämpfung für das Jubiläumsjahr 2017

Eine andere Bloggerin hat bereits mehrfach zu gegenreformatorischem Engagement anlässlich des Reformationsjahres aufgerufen, und ich schließe mich der Taskforce Fatima natürlich gerne an. Hier versorge ich meine Leser also gern mit ein paar Argumenten, die zur einfachen Grundausstattung zur Bekämpfung von Häresie und Schisma im reformatorischen Bereich gehören:

1) Protestanten kann man leicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie glauben an sola scriptura? Okay:

Matthäus 16,18f.: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“

1 Timotheus 3,15: „Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Hauswesen Gottes verhalten muss, das heißt in der Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule und das Fundament der Wahrheit ist.

Johannes 6,55: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank.“

Lukas 1,46.48: „Da sagte Maria: […] Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“

Das Beste zum Schluss:

Jakobus 2,24: „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.“

Daraus folgt selbstverständlich: Papsttum, Bedeutung der Kirche, Transsubstantiation, Marienverehrung und Zusammenwirken von Glaube & Werken – das ist alles ganz offensichtlich GANZ UND GAR unbiblisch. (Ich kann auch nur einen kleinen Grundbestand an Bibelzitaten aus dem Gedächtnis auf Kapitel oder sogar Vers genau angeben, aber gelegentlich ist es wirklich ganz nützlich, sich manches zu merken – natürlich nicht nur in Bezug auf gegenreformatorische Argumente.)

[Ach ja: in der Lutherbibel von 2017 wird das griechische „ekklesia“ in den beiden ersten Stellen übrigens beide Male mit „Gemeinde“ statt „Kirche“ wiedergegeben. In 1 Tim 3,15 heißt es außerdem, die „Gemeinde“ sei „ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit“, während sie Joh 6,55 übersetzt haben mit „Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank“ (was irgendwie einen anderen Beiklang hat als „das ist richtige, wirkliche Nahrung“, und mehr in die Interpretationsrichtung geht „das ist die eigentlich wichtige, geistliche Speise“). In beiden Fällen steht im griechischen Original kein Artikel; das Altgriechische hat übrigens keine unbestimmten Artikel, sondern hätte nur bestimmte. Bei Johannes heißt es wörtlich „alethes estin brosis“, „ist wahre Speise“ („eine / die wahre Speise“? nicht völlig eindeutig). Im Timotheusbrief steht „[hetis estin ekklesia theou zontos,] stylos kai hedraioma tes aletheias“, „[die die Kirche des lebendigen Gottes ist,] Säule und Fundament (oder: Pfeiler und Grundfeste) der Wahrheit“ („eine / die Säule und ein / das Fundament (oder: ein / der Pfeiler und eine / die Grundfeste) der Wahrheit.“?). Da muss der Übersetzer jetzt irgendwie selber anhand des Kontexts schauen, wie er das in der Übersetzung mit den Artikeln hält. Im Jakobusbrief z. B. haben sie dagegen fast wortgleich mit der Einheitsübersetzung übersetzt: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“]

2) Eigentlich braucht man aber gar nicht so sehr in das Gezänk um einzelne Bibelstellen einzusteigen. Stattdessen ist es von vornherein immer noch die sinnvollste Strategie, einfach zu fragen:

a) „Wo steht sola scriptura in der Bibel?“ (Antwort: Nirgends. In der Schrift gibt es mehrere Stellen, an denen von der Wichtigkeit und Nützlichkeit der Schrift gesprochen wird, aber dort wird nie davon gesprochen, dass die Schrift allein zählt und die Kirche etwa nicht – und wenn etwa in den Paulusbriefen von der Schrift die Rede ist, ist damit übrigens das Alte Testament gemeint, da das Neue gerade erst in diesem Moment geschrieben wurde und noch keineswegs kanonisiert war.)

b) „Wenn es da nicht steht, woher kommt das Prinzip dann?“ (Antwort: Von Dr. Luther. Welche Autorität hatte Dr. Luther?)

c) „Woher wissen wir überhaupt, welche Bücher zur Schrift gehören?“ (Der Kanon wurde schließlich auf den Konzilien der katholischen Kirche festgelegt. Und Dr. Luther entfernte sieben Bücher – Judit, Tobit, Baruch, Jesus Sirach, Weisheit, 1 und 2 Makkabäer – und Teile der Bücher Daniel und Ester aus diesem Kanon. (Es handelt sich dabei um den sog. Deuterokanon, Texte, die ursprünglich auf Griechisch statt wie der Rest des AT auf Hebräisch geschrieben wurden.) Woher wissen Protestanten, dass sein Kanon richtig ist? (Hier und hier noch ein paar Informationen zu diesem Thema.)

d) „Nach welchem Prinzip richteten sich die ersten Christen, um zu wissen, was die christliche Lehre ist, als noch umstritten war, ob z. B. die Offenbarung des Johannes (drin) oder der Barnabasbrief (nicht drin) zur Schrift gehören? Hätten sie sich damals überhaupt schon nach dem Prinzip sola scriptura richten können?“ (Ich denke, die Antwort darauf ist offensichtlich.)

e) „Wenn sich zwei Protestanten in ihrer Bibelinterpretation nicht einig sind – wer entscheidet dann, wer von ihnen recht hat?“

Das Prinzip „Allein die Schrift“ ist ganz offensichtlich in sich unlogisch. Das ist der Grund, wieso wir die Autorität von Konzilien und Päpsten zur Klärung von Streitfragen brauchen.

3) Ein bisschen Geschichtswissen kann auch ganz hilfreich sein:

a) Einerseits ist Geschichtswissen in Bezug auf die frühe Kirche sehr nützlich. Nur wer keine Ahnung von Kirchengeschichte hat, stellt sich unter der Urkirche etwas Protestantisches vor. Man denke allein an den 1. Clemensbrief: Ein Brief des Römischen Bischofs (für dieses Amt wurde später die Bezeichnung „Papst“ üblich) an die Gemeinde in Korinth, in dem die Kirche von Rom besondere Autorität über die Kirchen anderenorts beansprucht (in Korinth gab es einige Streitigkeiten). Der Brief wird auf kurz vor 100 n. Chr. datiert; damals war wahrscheinlich sogar noch der Apostel Johannes am Leben. Zu anderen Beispielen in einem eigenen Beitrag mal.

b) Andererseits ist auch Geschichtswissen über Luther und die Reformation – die man besser als die Kirchenspaltung bezeichnen sollte – nicht schlecht: Luthers Antijudaismus, seine Befürwortung von Hexenprozessen, sein Aufruf, die aufständischen Bauern im Bauernkrieg totzuschlagen, und sein allgemeiner Hang dazu, jeden aufs Wüsteste zu beschimpfen, der es wagte, anderer Meinung zu sein als er, wurden wohl schon oft genug breitgetreten, dass ich hier eigentlich nichts mehr dazu wiederholen muss; aber auch andere Aspekte dieser Zeit verdienen Beachtung: Vor allem der allgemeine Fanatismus und die Kriege, die innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte nach 1517 folgten, stechen ins Auge. Werden wir in 10 Jahren auch dem sacco di Roma (der Plünderung Roms) von 1527 gedenken, am besten mit einer reuevollen Entschuldigung des EKD-Ratsvorsitzenden? (Ja, ich weiß, dass nicht der persönlich Rom geplündert hat. Aber hey, der hl. Papst Johannes Paul II. hat auch keine Scheiterhaufen angezündet.) Im Heiligen Römischen Reich gab es den Bauernkrieg von 1525 und den Schmalkaldischen Krieg von 1546-47. Die französischen Religionskriege am Ende des 16. Jahrhunderts waren nicht weniger grausam, in England oder anderen Ländern lief auch nicht alles friedlich ab; und schließlich führte das Ganze in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648); zumindest für das Heilige Römische Reich wahrscheinlich die schlimmste Katastrophe nach der großen Pestwelle von 1348/49, würde ich vermuten. Vielleicht wird hier langsam klar, wieso Ketzerei damals so gefürchtet war: Sie führte zu Aufruhr, Bürgerkrieg und Krieg, bitteschön. Ketzerei war das, was heute „Volksverhetzung“ ist. Ach ja, und 1529 standen übrigens auch noch die Osmanen unter Sultan Süleyman vor Wien, und ein geeintes Vorgehen der Christenheit zur Verteidigung gegen irgendwelche äußeren Feinde war inmitten der ganzen inneren Konflikte dann auch keine so einfache Sache mehr (hier ein Beitrag zu diesem Thema). Ketzerei bedrohte für die Menschen damals ganz real das Überleben der Christenheit. Man könnte sich auch noch andere historische Fakten in Erinnerung rufen: Dass es auch vor Luther schon einige Ansätze zur Kirchenreform gab (genau im Jahr 1517 endete gerade das 5. Laterankonzil, bitteschön!) und dass überall unumstritten war, dass Reformbedarf da war. Dass der Ablasshandel zwar ein Skandal, aber kein Verkauf von Sündenvergebung war – Sünden werden in der Beichte vergeben, nicht durch Ablässe. Dass Luther nicht als Ketzer verdammt wurde, sobald er es wagte, seine 95 Thesen zu äußern, sondern erst 1521 (also vier Jahre später) exkommuniziert wurde, nach ausführlichen Unterredungen und Streitgesprächen mit Kardinal Cajetan und dem Theologen Johannes Eck in den Jahren zuvor. Dass die Reformation in den reformierten Gebieten nicht dazu führte, dass die Kirchenoberen alle fromm und gut wurden, sondern dazu, dass die in der Regel nicht so frommen und guten weltlichen Herren nun auch zur Obrigkeit in kirchlichen Dingen wurden (Heinrich VIII., anyone?), und dass ihnen die Reformation neben diesem allgemeinen Machtzuwachs auch die Gelegenheit bot, die Klöster aufzulösen und deren Besitz zu konfiszieren, sprich, auch einen greifbaren finanziellen Gewinn.

So, das jetzt so weit ganz grob zum Thema sola scriptura und einigen historischen Mythen. Zu ein paar weiteren Mythen über die lutherische und auch die calvinistische Häresie werde ich dann im Lauf dieses Jahres noch öfters mal kommen.

Jedenfalls, wie vielleicht hier schon deutlich geworden ist, eins sollte man meiner Meinung nach in diesem Jahr nicht tun: Feiern. (D. h. Weihnachten und Ostern und Geburtstage und Namenstage und alles andere, was sich so findet, natürlich schon. Bloß das Reformationsjubiläum nicht!) Auch aus evangelischer Sicht finde ich es übrigens fraglich, ob es hier tatsächlich so viel zu feiern gibt. 150 Jahre Religionskriege vielleicht? Luther hat die Kirche nicht, wie er ursprünglich wollte, nach seinen Ideen umformen können (zum Glück, aus katholischer Sicht); wo liegt hier also selbst aus Sicht der Protestanten der große Triumph? Die Kirche wurde gespalten. Wir Katholiken sind uns sicher mit den Lutheranern nicht einig, wer da schuld dran war (außer, dass keine Seite ganz schuldlos war, auch wenn eine Seite theologisch gesehen gänzlich im Recht war), aber ich denke, man sollte sich doch wenigstens einigen können, dass 500 Jahre Kirchenspaltung eher ein Anlass zur Trauer als zum Feiern sind. Hey, ich erwarte ja nicht gleich, dass Margot Käßmann in Sack und Asche nach Rom pilgert und vom Papst die Absolution erbittet (wobei – eigentlich wäre das schon keine schlechte Idee… 😉 ), aber wenigtens könnte man seinem Bedauern über die Kirchenspaltung Ausdruck geben, anstatt von uns Katholiken zu erwarten, dass wir den ganzen Schmarrn auch noch mit feiern sollen. Und was die katholische Seite angeht, solche Aktionen wie Rosenkränze für Luthers Seelenheil wären anlässlich des Reformationsjubiläums natürlich nie verkehrt. Wir sollten ja immer versöhnungsbereit sein.

Aber ich sehe auf jeden Fall nicht ein, was ich hier zu feiern hätte.

Voll Erbarmen durchwaltest du das All

„Du aber, unser Gott, bist gütig, wahrhaftig und langmütig; voll Erbarmen durchwaltest du das All. Auch wenn wir sündigen, gehören wir dir, da wir deine Stärke kennen; doch wir wollen nicht sündigen, da wir wissen, dass wir dein Eigentum sind. Denn es ist vollendete Gerechtigkeit, dich zu verstehen; und deine Stärke zu kennen ist die Wurzel der Unsterblichkeit.“ (Weisheit 15,1-3)

 

PS: Dieses Buch wurde übrigens von Martin Luther aus der Bibel entfernt. Happy 2017!

Pünktlichkeit – die feinen Unterschiede

Preußische Pünktlichkeit: Man kommt zwei Minuten vor der verabredeten Zeit an und erntet von den anderen fragende Blicke – wo ist man denn so lange gewesen?

Bayerische Pünktlichkeit: Ach mei, mal fünf Minuten später als verabredet, das geht schon noch.

Afrikanische Pünktlichkeit: Was, du hast dir Sorgen gemacht, weil wir vor einer Stunde verabredet waren und ich nicht angerufen habe?