Ein paar Fundstücke zu Politik, Heiligkeit und den kleinen oder doch nicht so kleinen Problemen des Lebens

Heute mal wieder ein paar Fundstücke aus der großen weiten Welt des Internets:

Bei Cicero kommt Hannah Arendts Analyse von Elementen und Ursprüngen des Totalitarismus ausführlich zu Wort (http://cicero.de/salon/Lektionen-von-Hannah-Arendtzu-Trump-die-massen-fluechten-in-die-fiktion):

„Vom Mob hat die totalitäre Propaganda gelernt, dass sie in das Zentrum der Agitation immer das stellen muss, was die öffentliche Meinung und die Propaganda der Parteien jeweils mit Schweigen übergehen. Denn im Unterschied zu der erst später entwickelten totalen Massenherrschaft, die an Existenz von Wahrheit überhaupt nicht glaubt, glaubt der Mob in aufrichtiger Beschränktheit, dass wahr sei, was immer die Heuchelei der guten Gesellschaft oder der offiziellen Kundgebungen der Regierungen verleugnen oder mit Korruption zudecken. […] An diesen wunden Punkten ziehen die Lügen der totalitären Propaganda jenes Minimum an Wahrheit und realer Erfahrung, dessen sie bedürfen, um die Brücke zu schlagen zu können von der Realität in die totale Fiktion. Wo immer sie reale Bedingungen treffen, deren Existenz verborgen gehalten wird, gewinnen sie den Anschein einer überlegenen Realitätsnähe. Skandale in der besseren Gesellschaft, politische Korruption, überhaupt das gesamte Gebiet des Revolverjournalismus liefert totalitärer Propaganda eine Waffe, deren Bedeutung weit über den Sensationswert solcher Dinge hinausgeht. Bekanntlich wurde die Fabel von einer jüdischen Weltverschwörung zur wirksamsten Fiktion der Nazipropaganda vor der Machtergreifung. Es war nur natürlich, dass die antisemitische Stimmung desto mehr anstieg, je beharrlicher alle der Republik ergebenen Parteien eine Diskussion der Judenfrage vermieden. Dass diese als ’nicht salonfähig‘ galt, war für den Mob der schlüssigste Beweis dafür, dass die Juden die wahren Repräsentanten der herrschenden Gewalten sind und machte die Behandlung der Judenfrage als solche zum Symbol für den Kampf gegen die ‚Heuchelei‘ und die ‚Verlogenheit‘ des Systems. […]“

Und bei First Things schreibt George Weigel, nachdem er zuerst auf Probleme der EU, der wirtschaftlichen und politischen Weltordnung und der politischen Eliten im Allgemeinen eingegangen ist (https://www.firstthings.com/web-exclusives/2017/02/a-modest-defense-of-the-liberal-world-order):

„Könnte es also nicht der Fall sein, dass die ‚liberale Weltordnung‘ repariert anstatt demontiert zu werden bräuchte, wie manche ‚Populisten‘ heute vorschlagen? Sicherlich wollen diese Demonteure keine Rückkehr zu der ruiniere-deinen-Nächsten wirtschaftlichen Autarkie und dem kurzsichtigen Nationalismus vorschlagen, die die Große Wirtschaftskrise verstärkten und dabei halfen, den Zweiten Weltkrieg hervorzubringen. Was die Seite der Sicherheit in der Gleichung angeht, zeigt nicht der katastrophale Zustand des Mittleren Osten, nach acht Jahren eines von Amerika angeführten Rückzugs der westlichen Macht aus der Region, was passiert, wenn die, die einer ‚liberalen Weltordnung‘ verpflichtet sind, sich in den brisantesten Regionen der Geschichte aus der Geschichte zurückziehen? Angesichts von Wladimir Putins offensichtlicher Entschlossenheit, das Verdikt der Geschichte im Kalten Krieg umzukehren, könnte in Europa die Ordnung über die nächsten zehn Jahre ohne eine robuste NATO aufrechterhalten bleiben? Was die Fehler der liberalen Demokratie selbst angeht, die Lektion, die gelernt werden muss, ist sicherlich nicht, dass ein effizientes autoritäres Regierungssystem eine Nation besser regiert; die Lektion ist, dass das demokratische Projekt keine Maschine ist, die von selbst laufen kann. […] Eher hängt die Demokratie von einer moralisch-kulturellen Grundlage ab […]. Wenn also das demokratische Projekt nicht entweder in Chaos oder einer Diktatur des Relativismus zerfallen soll, muss ein großes Werk der moralischen und kulturellen Erneuerung im ganzen Westen unternommen werden. […] Bis jetzt ist der neue Populismus, ob in Europa oder Amerika, sehr viel besser darin, zu identifizieren, was kaputt ist, als zu definieren, wie es zu reparieren ist.“

(Meine politische Einstellung lässt sich übrigens im Großen und Ganzen zusammenfassen mit dem berühmten Churchill-Zitat „democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time“ (die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, abgesehen von all diesen anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind) und Heinrich Hoffmann von Fallerslebens „Gott erhalte den Tyrannen, / Den Tyrannen Dionys!“.)

 

Soweit mal zur Politik; dann noch zwei sehr schöne Fundstücke zu ganz anderen Themen bei Aleteia:

Ein Artikel über Leonie Martin, die Schwester der hl. Thérèse Martin von Lisieux, deren Seligsprechung im Gange ist. Leonie hatte es nicht immer einfach; sie litt vielleicht an Autismus, galt als schwieriges Kind und hatte es auch als Erwachsene nicht leicht dabei, einen Orden zu finden, der sie aufnahm. http://aleteia.org/2017/01/26/leonie-martin-st-thereses-difficult-sister-continues-on-the-road-to-canonization/ Irgendwie ein schönes Vorbild; vor allem für alle, die selber an irgendeiner Art von psychischer Krankheit o. Ä. leiden.

Dann hier ein Artikel, der ausspricht, was manchmal dringend ausgesprochen werden muss: „Nur weil andere es schlimmer haben, heißt das nicht, dass dein Leiden nicht zählt.“ http://aleteia.org/2017/02/15/dont-minimize-your-tiny-crosses-and-small-annoyances-god-doesnt/ „Kellers Zitat ist großartig dafür, uns zu erinnern, dass wir es manchmal tatsächlich genießen, aus den Mücken unserer kleinen Probleme Elefanten zu machen. […] Aber zu erwarten, dass es genug sein sollte, sich das Leid anderer Leute in Erinnerung zu rufen, um das eigene irgendwie verschwinden zu lassen? So funktioniert das nicht. Was dieses Denkmuster tatsächlich tut, ist, dir zu sagen, dass deine eigenen Leiden nicht zählen. Dass das Leid nicht real ist. […] Es impft einem die heimtückische Gewohnheit ein, sich selbst mit anderen Leuten zu vergleichen, so dass man, anstatt den Schmerz anzuerkennen, und ihn zu Jesus zu tragen, am Ende sagt ‚Das zählt nicht, weil so-und-so es schlimmer hat‘, und sich dann schlecht fühlt, weil man deswegen so unglücklich ist. […] Gott begegnet jedem von uns so persönlich. Er rationiert seine Liebe zu uns nicht danach, wie weit oben wir auf der Leidensskala stehen.“

 

Rum, Romanism and Rebellion!

Heute mal etwas irische Musik – „Another Irish Drinking Song“ von Da Vinci’s Notebook:

 

„Gather ‚round ye lads and lasses, set ye for a while
and harken to me mournful tale about the Emerald Isle.
Let’s all raise our glasses high to friends and family gone
and lift our voices in another Irish drinkin‘ song.

Consumption took me mother and me father got the pox
me brother drank the whiskey ‚till he wound up in a box.
Me other brother in The Troubles met with his demise
me sister has forever closed her smilin‘ Irish eyes.

Now everybody’s died, so until our tears are dried
we’ll drink and drink and drink and drink and then we’ll drink some more.
We’ll dance and sing and fight until the early mornin‘ light
then we’ll throw up, pass out, wake up and then go drinkin‘ once again!

[…]

Someday soon I’ll leave this world of pain and toil and sin
the Lord will take me by the hand to join all of me kin.
Me only wish is when the Savior comes for me and you –
He kills the cast of Riverdance and Michael Flatley too!

Now everybody’s died, so until our tears are dried
we’ll drink and drink and drink and drink and then we’ll drink some more.
We’ll dance and sing and fight until the early mornin‘ light
then we’ll throw up, pass out, wake up and then go drinkin‘ once again
then we’ll throw up, pass out, wake up and then go drinkin‘ once again
then we’ll throw up, pass out, wake up and then go drinkin‘ once again!“

 

PS: Der Titel dieses Beitrags stammt nicht aus dem Lied; das ist ein Zitat von einem gewissen Reverend Dr. Samuel Burchard, der im Jahr 1884 auf einem Treffen der republikanischen Partei eine Woche vor der Präsidentschaftswahl die Demokraten als die Partei von „Rum, Romanism and rebellion“ charakterisierte (sollte heißen: die werden bloß von trunksüchtigen papistischen irischen Immigranten (und rebellischen Südstaatlern) gewählt). Dieser Kommentar kostete den republikanischen Kandidaten Blaine dann im Endeffekt vor allem in New York entscheidende Stimmen in der Wahl gegen Grover Cleveland. Das hat jetzt nicht so wiiirklich was mit dem Lied zu tun, ich fand das Zitat nur gerade so passend. (Wer hat denn hier was gegen „Rum, Romanism and rebellion“?)

(Amerikanische Karikatur, 1913, Wikimedia Commons)

PPS: Zum besseren Verständnis einiger Zeilen über Tod, Kartoffeln, Engländer, Waffenschmuggel und Troubles, siehe z. B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Hungersnot_in_Irland , http://www.irlandfan.de/geschichte/chronologie/teil-3/ , http://www.irlandfan.de/geschichte/chronologie/teil-4/ , https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Irlands , https://en.wikipedia.org/wiki/The_Troubles

PPPS: Was Riverdance und Michael Flatley angeht – das scheint den Iren meinen kurzen Recherchen zufolge ungefähr das zu sein, was uns Bayern/Österreichern Musikantenstadl und Hansi Hinterseer sind – NICHT unsere Kultur!!!

Glauben, meinen, wissen und nicht-interessiert-sein

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich auf Facebook ein Meme irgendeiner atheistischen Gruppe gesehen; ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut des Spruchs darauf, aber die Aussage jedenfalls war irgendetwas in der Art, dass es eine Ansicht kein bisschen wahrer oder wahrscheinlicher mache, dass man dran „glaube“. Dazu dachte ich mir hinterher: „Hm, ist ja schön, wenn ihr ein fideistisches Glaubensverständnis attackiert, aber könntet ihr bitte so nett sein, dabei zu erwähnen, dass das nicht das Glaubensverständnis aller gottesgläubigen Menschen ist, da z. B. die katholische Kirche ein solches Glaubensverständnis ausdrücklich ablehnt?“

Jeder informierte Katholik sollte der Aussage dieses Memes ohne Probleme zustimmen können.

Man könnte nun sagen, ehe man Memes auf Facebook verbreitet, sollte man sich erst einmal informieren. Aber das Missverständnis, dem diese Atheisten-Gruppe aufgesessen ist, ist ja weit verbreitet, und zugegebenermaßen ist das nicht nur die Schuld von Atheisten, die sich nicht ordentlich über das informieren, was sie angreifen, sondern auch die von Christen, die ihren eigenen Glauben oft nicht mehr wirklich kennen und vermitteln können, und selten klarmachen, was der Unterschied zwischen „glauben“ und „meinen“ ist, und dass „glauben“ im christlichen Sinne eben nicht ein „nicht-wissen“ bedeutet.

Ich bin hier schon einmal darauf eingegangen https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/wie-man-zum-glauben-kommt/, wiederhole es aber gerne noch einmal:

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

Diese Thesen musste der des Fideismus verdächtigte Theologe Louis-Eugène-Marie Bautain im Jahr 1840 auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben, damit sein Werk nicht kirchlich verurteilt wurde.

Louis Eugène Marie Bautain

(Louis-Eugène-Marie Bautain, Wikimedia Commons)

Die Kirche beschäftigte sich zu dieser Zeit dann auch noch weiter mit solchen in manchen traditionalistischen Kreisen verbreiteten fideistischen Thesen. 1844 musste Bautain wieder eine Erklärung unterschreiben, und 1855 erließ die Indexkongregation ein Dekret gegen die Ansichten eines anderen Theologen namens Augustin Bonnetty. Dessen Text lautet:

  1. Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit, eine Gegensätzlichkeit zwischen ihnen angetroffen werden; denn beide stammen von ein und derselben unveränderlichen Quelle der Wahrheit, dem unendlich guten und großen Gott, und leisten sich so wechselseitig Hilfe.
  2. Schlussfolgerndes Denken kann die Existenz Gottes, die Geistigkeit der Seele und die Freiheit des Menschen mit Gewissheit beweisen. Der Glaube ist später als die Offenbarung und kann daher nicht in angemessener Weise zum Beweis der Existenz Gottes gegenüber dem Atheisten oder zum Beweis der Geistigkeit der vernunftbegabten Seele und der Freiheit gegenüber dem Anhänger des Naturalismus und Fatalismus angeführt werden.
  3. Der Gebrauch der Vernunft geht dem Glauben voran und führt den Menschen mit Hilfe der Offenbarung und der Gnade zu ihm hin.
  4. Die Methode, derer sich der heilige Thomas, der heilige Bonaventura und andere Scholastiker nach ihnen bedienten, führt nicht zum Rationalismus und war nicht der Grund dafür, dass bei den heutigen Schulen die Philosophie zum Naturalismus und Pantheismus neigt. Daher darf man jenen Lehrern und Magistern nicht zum Vorwurf machen, dass sie diese Methode – zumal mit Zustimmung oder wenigstens stillschweigender [Duldung] der Kirche – benutzten.

Das ist das Glaubensverständnis der katholischen Kirche. Alles klar? An Gott zu glauben, obwohl man nicht genau weiß, ob es ihn überhaupt gibt, oder gar wider die Vernunft an Gott zu glauben – das wäre Fideismus, ein von der Kirche verurteiltes Glaubensverständnis.

„Glaube“ (fides) meint „Vertrauen“, „Treuebindung“ – nicht „meinen“. Ehe man an den dreifaltigen Gott „glauben“ (d. h. auf ihn vertrauen, sich an ihn binden) kann, muss man durch Vernunftgründe davon überzeugt sein, dass Er überhaupt existiert und sich in Jesus Christus offenbart hat. Intellektuelle Überzeugung von der Wahrheit des Christentums geht dem „Glauben“ voraus.

Sicher ist das in der Praxis nicht immer der Fall – wenn man z. B. katholisch aufgezogen wird, wird man erst einmal seinen Eltern einfach abnehmen, dass es den lieben Gott gibt und idealerweise durch Gebet, Empfang der Sakramente etc. eine Beziehung zu Ihm aufbauen, und später dann erst Argumente für diese Überzeugung kennenlernen; aber das ist ja bei allem, was man als Kind lernt, der Fall; erst einmal wird man seinen Eltern auch ohne Beweise abnehmen, dass die Erde rund ist, man von zu viel Süßigkeiten Bauchweh kriegt, man die Katze nicht am Schwanz ziehen sollte und es in Afrika Löwen und Giraffen gibt. Aber das alles sind Überzeugungen, für die es durchaus logische Begründungen und Beweise gibt, und an die man nicht glauben sollte, wenn sie den Tatsachen oder der Vernunft widersprächen, und an die man auch als Kind aus einem recht vernünftigen Grund heraus glaubt (aus der Erfahrung, dass das, was die Eltern sagen, vertrauenswürdig ist). Dasselbe gilt für die Überzeugung von der Existenz Gottes.

Dass die Bedeutung des Wortes „glauben“ oft nicht recht vermittelt bzw. verstanden wird, ist mir z. B. auch bei dem Projekt „Valerie und der Priester“ (https://valerieundderpriester.de/) schon öfter aufgefallen, das ich in den letzten Monaten regelmäßig verfolgt habe. Dabei begleitet eine eher kirchenferne junge Journalistin ein Jahr lang einen Priester und berichtet dann auf einem Blog und über die sozialen Medien darüber. Sehr oft, wenn auch nicht immer, bewegt sich das, was Valerie hier über den Glauben von Kaplan Franziskus von Boeselager und auch den anderer Menschen, die sie in der katholischen Welt so trifft, schreibt (oder auch, was diese selbst direkt von sich sagen), eher auf der Ebene von „Beten hilft mir, die christliche Nächstenliebe ist mir wichtig, die Kirche ist Heimat für mich, der Glaube gibt mir Halt“ – was ja alles wahr ist, aber auch etwas Wichtiges, Grundsätzliches ausklammert.

Der Glaube ist nicht nur eine Lebenshilfe. Bevor er das sein kann, muss er erst einmal wahr sein. (Wobei natürlich auch Erfahrungsargumente („Ich habe im Gebet Gottes Nähe erfahren“) als Gründe für den Glauben nicht völlig ausgeklammert werden sollten, das sage ich gar nicht. Aber es braucht auch die äußeren, intellektuellen Argumente. Erfahrung allein reicht nicht.) Ich habe manchmal das Gefühl, Valerie betrachtet das Ganze eher so mit einem distanzierten „Aha, interessant, dass es Leute gibt, denen diese Idee von Gott so viel bedeutet und hilft“; aber hat sie sich dabei schon einmal die Frage gestellt: „Könnte es denn sein, dass es wahr ist, woran diese Leute glauben?“?

Ich weiß es nicht. Sie wird auch wahrscheinlich bei diesem Projekt nicht sämtliche ihrer innersten Gedanken ausschütten (täte ich auch nicht); aber manchmal habe ich den Eindruck, sie sieht den Katholizismus als etwas so Exotisches und ihre eigene Weltanschauung (die ich unter die Kategorie „individualistischer Säkularismus“ einordnen würde, und die man noch konkreter als links-feministisch beschreiben könnte – wobei letzteres ja eigentlich nur die politische Seite bezeichnet, und man auch als Katholik gewisse linke oder feministische Positionen teilen kann, wenn man will – dazu vielleicht ein andermal) als so selbstverständlich, dass ihr der Gedanke gar nicht kommt, dass der Katholizismus etwas sein könnte, das wahr sein und eine Bedeutung auch für sie haben könnte, anstatt etwas, das man von außen studiert, wie ein überzeugter Christ einen antiken babylonischen Kult studieren würde. Dabei habe ich aber eben gerade nicht den Eindruck, dass sie schon längst aus bestimmten, durchdachten Gründen von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt ist (dann wäre eine solche Distanz zu der Welt, über die sie berichtet, völlig logisch), sondern eher den, dass Gott für sie etwas ist, das einfach keine Rolle spielt.

Das ist allgemein, habe ich so das Gefühl, viel häufiger der Grund, wieso Menschen nicht an Gott glauben, als überzeugter Atheismus. Sie sind an dem Thema nicht interessiert.

Und Desinteresse an der Wahrheit ist, finde ich, nun wirklich ein Gegensatz sowohl zum Wissen als auch zum Glauben als auch zum bloßen Meinen. Das ist eine Kategorie, mit der man sich ganz außerhalb der Frage nach der Wahrheit stellt.

 

(Beide oben zitierten Texte finden sich im „Denzinger“, dem von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann herausgegebenen „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009.)

Und ebenso bin ich in deiner Nähe gewesen

Der Engel aber nahm die beiden beiseite und sagte zu ihnen: Preist Gott und lobt ihn! Gebt ihm die Ehre und bezeugt vor allen Menschen, was er für euch getan hat. Es ist gut, Gott zu preisen und seinen Namen zu verherrlichen und voll Ehrfurcht seine Taten zu verkünden. Hört nie auf, ihn zu preisen.

 Es ist gut, das Geheimnis eines Königs zu wahren; die Taten Gottes aber soll man offen rühmen. Tut Gutes, dann wird euch kein Unglück treffen.

 Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein. Lieber wenig, aber gerecht, als viel und ungerecht. Besser barmherzig sein als Gold aufhäufen.

 Denn Barmherzigkeit rettet vor dem Tod und reinigt von jeder Sünde. Wer barmherzig und gerecht ist, wird lange leben.

 Wer aber sündigt, ist der Feind seines eigenen Lebens.

 Ich will euch nichts verheimlichen; ich habe gesagt: Es ist gut, das Geheimnis eines Königs zu wahren; die Taten Gottes aber soll man offen rühmen.

 Darum sollt ihr wissen: Als ihr zu Gott flehtet, du und deine Schwiegertochter Sara, da habe ich euer Gebet vor den heiligen Gott gebracht. Und ebenso bin ich in deiner Nähe gewesen, als du die Toten begraben hast.

 Auch als du ohne zu zögern vom Tisch aufgestanden bist und dein Essen stehen gelassen hast, um einem Toten den letzten Dienst zu erweisen, blieb mir deine gute Tat nicht verborgen, sondern ich war bei dir.

 Nun hat mich Gott auch gesandt, um dich und deine Schwiegertochter Sara zu heilen.

 Ich bin Rafael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten.

 Da erschraken die beiden und fielen voller Furcht vor ihm nieder.

 Er aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Friede sei mit euch. Preist Gott in Ewigkeit!

 Nicht weil ich euch eine Gunst erweisen wollte, sondern weil unser Gott es wollte, bin ich zu euch gekommen. Darum preist ihn in Ewigkeit!

 Während der ganzen Zeit, in der ihr mich gesehen habt, habe ich nichts gegessen und getrunken; ihr habt nur eine Erscheinung gesehen.

 Jetzt aber dankt Gott! Ich steige wieder auf zu dem, der mich gesandt hat. Doch ihr sollt alles, was geschehen ist, in einem Buch aufschreiben.“

(Tobit 12,6-20)

 

Ich mag das Buch Tobit sehr. Es beginnt mit Menschen, die schon selbstmordgefährdet sind, und es endet mit Hilfe durch einen Engel.

Eine der tröstlichsten katholischen Lehren ist für mich die Lehre von den Schutzengeln. Es ist offizielle Lehre der katholischen Kirche, dass jeder Mensch einen eigenen Schutzengel hat, einen mächtigen unsterblichen Geist, der von Gott extra dafür bestellt ist, sich um diesen einen Menschen zu kümmern. Dem lieben Gott sind wir wichtig, ja, kostbar.

Wenn es einem schlecht geht, ist es nie verkehrt, zum Schutzengel zu beten. Ja, man muss nicht unbedingt Erscheinungen und Wunder wie im Buch Tobit erwarten (obwohl man die streng genommen auch nicht ausschließen muss), aber hören wird der Schutzengel einen immer, und helfen wird er auf die eine oder die andere Weise.

 

(Bildquelle hier: http://brautdeslammes.blogspot.de/2011/07/der-engel-des-herrn.html)

 

PS: Dieses Buch wurde übrigens von Martin Luther aus der Bibel entfernt. Happy 2017!

 

 

 

Nochmal zu #sinedubiis und dazu, was über zweihundert Päpste nicht geschafft haben

Ein sehr lesenswerter Beitrag von Josef Bordat: https://jobo72.wordpress.com/2017/02/20/offener-brief-an-die-judaeische-volksfront/

Diesem Anliegen kann ich mich nur anschließen. Eine Versöhnung zwischen der Katholischen Volksfront, der Volksfront der Katholischen Kirche und der Katholikenfront, etwas Gelassenheit und gegenseitiges Verständnis in der Debatte und eine gemeinsame Konzentration auf das Wesentliche wären wirklich sinnvoll. Auch wenn man in manchen Dingen ja unterschiedlicher Meinung bleiben kann. (Aber irgendwie ist in diesem Fall hier jetzt auch nicht ganz von der Hand zu weisen: „Der Cathwalk hat aber angefangen!“ Okay, ich hör schon auf. Bin schon wieder ernst.)

Nebenbei noch: Ich habe mit meinem Artikel zu dem „Weckruf“ mehrmals so viele Besucherzahlen gekriegt wie sonst irgendwann. Nicht, dass ich mich darüber beschweren würde (und nein, es ist nichts Schlimmes dabei, sich mit kontroversen Themen zu beschäftigen), aber: Ich habe hier auch noch viele andere Artikel, die meiner Meinung nach lesenswert sind. Ich mache mir gerade viel Mühe, ausführlichst verschiedene schwierige Bibelstellen zu erklären – die bisher fertigen Teile gibt es hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/ Auch was ich zum Thema Skrupulosität geschrieben habe, lohnt sich vielleicht zu lesen: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/ , https://nolitetimereweb.wordpress.com/category/skrupulositat/ Oder wie wäre es mit etwas Grundsätzlichem zum Thema Glaube und Vernunft, komplett mit einem lehramtlichen Dokument aus dem 19. Jahrhundert, das die Wichtigkeit der Vernunft darlegt (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/wie-man-zum-glauben-kommt/)? Oder ein paar Anekdoten über Pius VII. (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/11/03/die-pforten-der-hoelle-werden-sie-nicht-ueberwaeltigen/) oder Paul VI. (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/17/es-ist-nicht-sicher-dass-ich-ins-paradies-eingehen-werde/)? Werbeblock aus.

Die Anekdote über Pius VII. in dem oben verlinkten Artikel handelt übrigens davon, dass dieser Papst Napoleon Bonaparte, der ihn nach Frankreich hatte entführen lassen und damit prahlte, dass er die Macht habe, die Kirche zu zerstören, geantwortet haben soll: „Das haben zweihundert Päpste vor mir nicht geschafft. Warum sollte es ausgerechnet Ihnen gelingen?“ Keep calm, everybody.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 8: „Ich aber will das Herz des Pharao verhärten“

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

Zu den schwierigen Bibelstellen im Alten (und teilweise im Neuen) Testament gehören auch solche, die es so aussehen lassen, als ob Gott direkt verantwortlich für Böses sei, als ob er sogar in Versuchung führe oder auf den freien Willen von Menschen einwirke. Die in dieser Hinsicht problematischsten Stellen sind wahrscheinlich die folgenden aus dem Buch Exodus:

 „Der Herr sprach zu Mose: Wenn du gehst und nach Ägypten zurückkehrst, halte dir alle Wunder vor Augen, die ich in deine Hand gelegt habe, und vollbring sie vor dem Pharao! Ich will sein Herz verhärten, sodass er das Volk nicht ziehen lässt.“ (Exodus 4,21)

 „Ich aber will das Herz des Pharao verhärten und dann werde ich meine Zeichen und Wunder in Ägypten häufen. Der Pharao wird nicht auf euch hören. Deshalb werde ich meine Hand auf Ägypten legen und unter gewaltigem Strafgericht meine Scharen, mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führen. Erst wenn ich meine Hand gegen die Ägypter ausstrecke, werden sie erkennen, dass ich der Herr bin, und dann werde ich die Israeliten aus ihrer Mitte herausführen.“ (Exodus 7,3-5)

„Aber der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er nicht auf sie hörte. So hatte es der Herr dem Mose vorausgesagt.“ (Exodus 9,12)

„Der Herr sprach zu Mose: Geh zum Pharao! Ich habe sein Herz und das Herz seiner Diener verschlossen, damit ich diese Zeichen unter ihnen vollbringen konnte und damit du deinem Sohn und deinem Enkel erzählen kannst, was ich den Ägyptern angetan und welche Zeichen ich unter ihnen vollbracht habe. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.“ (Exodus 10,1f.)

„Der Herr aber verhärtete das Herz des Pharao, sodass er die Israeliten nicht ziehen ließ.“ (Exodus 10,20)

„Der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er sie nicht ziehen lassen wollte.“ (Exodus 10,27)

„Der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er sie nicht ziehen lassen wollte. Der Pharao sagte zu Mose: Weg von mir! Hüte dich, mir jemals wieder unter die Augen zu treten. Denn an dem Tag, an dem du mir unter die Augen trittst, musst du sterben.“ (Exodus 10,27f.)

„Mose und Aaron vollbrachten alle diese Wunder vor den Augen des Pharao, aber der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er die Israeliten nicht aus seinem Land fortziehen ließ.“ (Exodus 11,10)

„Ich will das Herz des Pharao verhärten, sodass er ihnen nachjagt; dann will ich am Pharao und an seiner ganzen Streitmacht meine Herrlichkeit erweisen und die Ägypter sollen erkennen, dass ich der Herr bin. […] Der Herr verhärtete das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, sodass er den Israeliten nachjagte, während sie voll Zuversicht weiterzogen.“ (Exodus 14,4.8)

Ähnlich klingt z. B. auch eine Stelle im 1. Buch Samuels: „Der Geist des Herrn war von Saul gewichen; jetzt quälte ihn ein böser Geist, der vom Herrn kam.“ (1 Samuel 16,14) [Mit dem bösen Geist wird entweder eine psychische Krankheit oder aber dämonische Besessenheit gemeint sein.] Und in den Klageliedern heißt es sogar ganz grundsätzlich: „Geht nicht hervor aus des Höchsten Mund das Gute wie auch das Böse?“ (Klagelieder 3,38) Sogar im Vaterunser (!) beten wir ja immer noch: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ (Matthäus 6,13)

Alldem entgegen stehen ziemlich deutlich u. a. der Jakobusbrief und der 1. Johannesbrief:

Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung. Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt. Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor. Lasst euch nicht irreführen, meine geliebten Brüder; jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt. Aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren, damit wir gleichsam die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien.“ (Jakobus 1,13-18)

„Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.“ (1 Johannes 1,5)

Und auch schon im Alten Testament gibt es bekanntlich unzählbare Stellen, die betonen, dass Gott gerecht und gut ist und jedes Unrecht hasst.

Okay, wie harmonisieren wir das jetzt?

Zunächst einmal muss ich erklären, dass ich beim obersten Beispiel, der Exodusgeschichte, ziemlich selektiv zitiert habe.

Das Thema der Sturheit des Pharao wird zum ersten Mal in Kapitel 3, am brennenden Dornbusch, aufgebracht. Dort sagt Gott zu Mose: „Ich weiß, dass euch der König von Ägypten nicht ziehen lässt, es sei denn, er würde von starker Hand dazu gezwungen. Erst wenn ich meine Hand ausstrecke und Ägypten niederschlage mit allen meinen Wundern, die ich in seiner Mitte vollbringe, wird er euch ziehen lassen.“ (Exodus 3,19f.) Die nächste Stelle ist dann die erste oben zitierte in Exodus 4 (Mose zieht in diesem Kapitel nach Ägypten zurück), in der Gott schon voraussagt, das Herz des Pharao „verhärten“ zu wollen. Die nächste Stelle, nach den ersten erfolglosen Verhandlungen zwischen Mose, Aaron und dem Pharao in Kapitel 5 und 6, ist dann die zweite oben zitierte in Kapitel 7. Im selben Kapitel heißt es aber auch: „Das Herz des Pharao aber blieb hart und er hörte nicht auf sie. So hatte es der Herr vorausgesagt. Der Herr sprach zu Mose: Das Herz des Pharao ist ungerührt und er ist nicht bereit, das Volk ziehen zu lassen. […] Sag zum Pharao: Jahwe, der Gott der Hebräer, hat mich zu dir gesandt und lässt dir sagen: Lass mein Volk ziehen, damit sie mich in der Wüste verehren können. Bis jetzt hast du nicht hören wollen.“ (Exodus 7,13-14.16) Dann kommen die ersten Plagen – das Nilwasser verwandelt sich in Blut und eine Froschplage kommt übers Land. Der Pharao bittet Mose, das Land wieder davon zu befreien, Mose betet zu Gott, und die Frösche verschwinden. „Als der Pharao sah, dass die Not vorbei war, verschloss er sein Herz wieder und hörte nicht auf sie. So hatte es der Herr vorausgesagt.“ (Exodus 8,11) Dann kommt die Stechmückenplage. „Da sagten die Wahrsager zum Pharao: Das ist der Finger Gottes. Doch das Herz des Pharao blieb hart und er hörte nicht auf sie. So hatte es der Herr vorausgesagt.“ (Exodus 8,15) Dann kommt Ungeziefer über das Land, Mose und der Pharao verhandeln noch einmal, der Pharao gibt nach, das Ungeziefer verschwindet auf Moses Gebet hin. „Der Pharao aber verschloss sein Herz auch diesmal und ließ das Volk nicht ziehen.“ (Exodus 8,28) Als nächstes kommt eine Seuche über das Vieh der Ägypter. „Doch der Pharao verschloss sein Herz und ließ das Volk nicht ziehen.“ (Exodus 9,7) Die nächste Plage sind Hautgeschwüre bei den Ägyptern. Dann ist wieder die Rede davon, dass „der Herr […] das Herz des Pharao [verhärtete]“ (Exodus 9,12, s. o.) Als nächstes kommen Unwetter und schwerer Hagel über Ägypten. „Da ließ der Pharao Mose und Aaron rufen und sagte zu ihnen: Diesmal bekenne ich mich schuldig. Jahwe ist im Recht; ich aber und mein Volk, wir sind im Unrecht. Betet zu Jahwe! Die Donnerstimme Gottes und der Hagel, das ist zu viel. Ich will euch jetzt ziehen lassen; ihr müsst nicht länger bleiben. Mose antwortete ihm: Sobald ich außerhalb der Stadt bin, werde ich meine Hände vor Jahwe ausbreiten; der Donner wird aufhören und es wird kein Hagel mehr fallen. So wirst du erkennen, dass das Land Jahwe gehört. Du und Deine Diener aber, das weiß ich, ihr fürchtet euch noch immer nicht vor dem Gott Jahwe. […] Doch als der Pharao sah, dass Regen, Hagel und Donner aufgehört hatten, blieb er bei seiner Sünde; er und seine Diener verschlossen wieder ihr Herz. Das Herz des Pharao blieb hart und er ließ die Israeliten nicht ziehen. So hatte es der Herr durch Mose vorausgesagt.“ (Exodus 9,27-30.34-35) Gleich im nächsten Vers – 10,1 – heißt es dann jedoch wieder, Gott habe das Herz des Pharao und seiner Diener verschlossen. Dann kommen noch Heuschrecken und eine dreitägige Finsternis, der Pharao ändert wieder mehrmals seine Meinung, und wieder ist zweimal die Rede davon, dass Gott sein Herz verhärtete (10,20; 10,27). Nach der Ankündigung der letzten Plage (des Todes der Erstgeborenen) heißt es noch einmal zusammenfassend: „Mose und Aaron vollbrachten alle diese Wunder vor den Augen des Pharao, aber der Herr verhärtete das Herz des Pharao, sodass er die Israeliten nicht aus seinem Land fortziehen ließ.“ (Exodus 11,10, s. o.) Dann kommt diese letzte Plage und die ganze Geschichte mit dem Passahmahl, der Pharao und die Ägypter verjagen die Israeliten schließlich sogar selber aus ihrem Land und sie ziehen bis zum Schilfmeer. Hier findet sich noch einmal die Aussage: „Als der Pharao hart blieb und uns nicht ziehen ließ, erschlug der Herr alle Erstgeborenen in Ägypten, bei Mensch und Vieh.“ (Exodus 13,15) Dann kommen die oben zitierten Stellen über die Herzensverhärtung aus Kapitel 14, in dem die ägyptische Streitmacht die Israeliten verfolgt und im Schilfmeer ertrinkt, nachdem die Israeliten trockenen Fußes hindurchgezogen sind.

Okay, langer Rede kurzer Sinn: Hier ist abwechselnd die Rede davon, dass der Pharao selbst hart bleibt oder „sein Herz verschließt“, was Gott vorausgesehen (nicht verursacht) hat, und davon, dass Gott „das Herz des Pharao verhärtet“. Das liegt daran, dass zwischen diesen beiden Aussagen, recht verstanden, kein Widerspruch besteht.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/92/Tissot_Moses_Speaks_to_Pharaoh.jpg

(James Tissot, Moses speaks to Pharaoh, Wikimedia Commons)

Besonders im Alten Testament ist häufig die Rede davon, dass Gott etwas tut, wenn man genauer gesagt sagen müsste, dass Er es geschehen lässt.

Hier hilft es vielleicht weiter, sich mal den biblischen Sprachgebrauch näher anzuschauen. Eine Stelle, die hier weiterhilft, wäre 2 Samuel 12,7-12, wo der Prophet Natan zu David spricht, nachdem David mit Batseba Ehebruch begangen und den Tod ihres Mannes arrangiert hat: „Da sagte Natan zu David: Du selbst bist der Mann. So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe dich zum König von Israel gesalbt und ich habe dich aus der Hand Sauls gerettet. Ich habe dir das Haus deines Herrn und die Frauen deines Herrn in den Schoß gegeben und ich habe dir das Haus Israel und Juda gegeben, und wenn das zu wenig ist, gebe ich dir noch manches andere dazu. Aber warum hast du das Wort des Herrn verachtet und etwas getan, was ihm missfällt? Du hast den Hetiter Urija mit dem Schwert erschlagen und hast dir seine Frau zur Frau genommen; durch das Schwert der Ammoniter hast du ihn umgebracht. Darum soll jetzt das Schwert auf ewig nicht mehr von deinem Haus weichen; denn du hast mich verachtet und dir die Frau des Hetiters genommen, damit sie deine Frau werde. So spricht der Herr: Ich werde dafür sorgen, dass sich aus deinem eigenen Haus das Unheil gegen dich erhebt, und ich werde dir vor deinen Augen deine Frauen wegnehmen und sie einem andern geben; er wird am hellen Tag bei deinen Frauen liegen. Ja, du hast es heimlich getan, ich aber werde es vor ganz Israel und am hellen Tag tun. Ich denke, es ist ziemlich deutlich, dass in diesen letzten Sätzen nicht wirklich die Rede von etwas ist, was Gott selbst tun würde, sondern von etwas, was er geschehen lassen würde.

Na ja, Natan hat David mit seiner Strafpredigt tatsächlich dazu gebracht, zu bereuen, und die Geschichte geht dann erst einmal so weiter: „Darauf sagte David zu Natan: Ich habe gegen den Herrn gesündigt. Natan antwortete David: Der Herr hat dir deine Sünde vergeben; du wirst nicht sterben. Weil du aber die Feinde des Herrn durch diese Sache zum Lästern veranlasst hast, muss der Sohn, der dir geboren wird, sterben. Dann ging Natan nach Hause. Der Herr aber ließ das Kind, das die Frau des Urija dem David geboren hatte, schwer krank werden.“ (2 Samuel 12,13-15) [Zur Frage nach dem Tod von Batsebas Kind, ebenso wie zur Frage nach den ägyptischen Erstgeborenen, in einem anderen Teil dieser Reihe.] Allerdings gibt es dann im Lauf dieses Buches dennoch tatsächlich noch viele, ähem, Unstimmigkeiten in Davids Familie. Gleich im nächsten Kapitel wird geschildert, wie Amnon, einer von Davids Söhnen, seine Halbschwester Tamar vergewaltigt, woraufhin Abschalom, Tamars Bruder, Amnon tötet. Abschalom flieht dann, wird aber schließlich doch wieder von seinem Vater in Jerusalem aufgenommen. Dennoch zettelt er dann ein paar Jahre später einen Aufstand gegen David an. David flieht aus Jerusalem, wobei er seine zehn Nebenfrauen zurücklässt, und Abschalom nimmt die Stadt ein. „Ahitofel sagte zu Abschalom: Geh zu den Nebenfrauen deines Vaters, die er hiergelassen hat, um das Haus zu bewachen. So wird ganz Israel erfahren, dass du dich bei deinem Vater verhasst gemacht hast, und alle, die zu dir halten, werden ermutigt. Man errichtete für Abschalom ein Zelt auf dem Dach, und Abschalom ging vor den Augen ganz Israels zu den Nebenfrauen seines Vaters. Ein Rat, den Ahitofel gab, galt in jenen Tagen so viel, als hätte man ein Gotteswort erbeten. So viel galt jeder Rat Ahitofels, bei David wie bei Abschalom.“ (2 Samuel 16,21-23) So erfüllte sich letztendlich Natans Prophezeiung.

Davids Heer gewann dann übrigens den Bürgerkrieg, aber als David hörte, dass Abschalom im Kampf getötet worden war, trauerte er zutiefst: „Da zuckte der König zusammen, stieg in den oberen Raum des Tores hinauf und weinte. Während er hinaufging, rief er (immer wieder): Mein Sohn Abschalom, mein Sohn, mein Sohn Abschalom! Wäre ich doch an deiner Stelle gestorben, Abschalom, mein Sohn, mein Sohn!“ (2 Samuel 19,1) Wie gesagt, was Natan über das Unheil, das sich aus Davids eigenem Haus erheben würde, vorausgesagt hatte, erfüllte sich damit letztendlich, und das ist irgendwie auch kein Wunder – Davids Söhne waren offensichtlich von klein auf an Dinge wie Polygamie, Krieg und Mordkomplotte gewöhnt, ihr Vater bot ihnen nicht gerade ein leuchtendes Beispiel. Aber man kann bei dieser ganzen Geschichte eben auch kaum behaupten, Abschaloms (oder vorher: Amnons) Taten entsprächen irgendwie Gottes Willen. Das ist eindeutig; aber sie wurden von Gott zugelassen und waren letztlich mehr oder weniger das natürliche Resultat von Davids eigenem Handeln.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/00/Desolation_of_Tamar_by_J.Tissot.jpg

Dieses Prinzip – Gott ist nie der Verursacher von Bösem, lässt Böses aber manchmal zu, damit Gutes daraus entsteht – wird auch wunderbar deutlich im Buch Ijob. Dort gibt Gott dem Satan freie Hand, gegen Ijob vorzugehen. Ijob sagt nun zu seinem Leid, das Satan über ihn gebracht hat: Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn.“ (Ijob 1,21) Und: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Ijob 2,10) Es wird letztendlich nicht erklärt, wieso genau Gott Ijobs Leid zulässt; bei den beiden Reden Gottes in Kapitel 38-41 erklärt Gott Ijob nichts – Er sagt ihm eigentlich nur, dass Ijob nicht wissen kann und Gott ihm nicht sagen wird, weshalb er so viel leiden musste. Man könnte, anhand der Gespräche mit Satan in Kapitel 1 und 2, vermuten, dass es geschehen ist, um Ijob zu prüfen; aber auch das wird eigentlich nicht ausdrücklich gesagt. Gott gibt Satan die Erlaubnis, Ijob Leid zuzufügen, sagt dabei aber nicht, weshalb. Ijobs Leid ist jedenfalls durch Satan direkt verursacht; durch Gott nur indirekt durch Seine Erlaubnis, und für diese Erlaubnis wird Gott seine Gründe haben, worauf Ijob letztlich vertraut.

Hier helfen andere Sprachen vielleicht auch weiter: Im Französischen zum Beispiel ist „faire faire“ (wörtlich: machen machen) etwas anderes als „laisser faire“ (machen lassen). Eine Mutter, die ihre Kinder zum Fußballspielen ermuntert und sie jede Woche zum Training fährt, „macht“ sie Fußball spielen; eine Mutter, die zwar zu ihren Kindern sagt, sie sollen in ihren Zimmern Ordnung halten, aber sie seien selbst verantwortlich dafür, hinter ihnen herräumen werde sie nicht, die „lässt“ sie in ihrem Zimmer im Chaos leben. Regel Nummer 14: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes.

Die Stellen, die Gott für Schlechtes verantwortlich zu machen scheinen, wollen letztlich vor allem eins aussagen: Nichts auf der Welt kann gegen Gottes Willen geschehen. Gott ist allmächtig; Er herrscht über die ganze Welt; wenn etwas Schlechtes geschieht (z. B. dass der Pharao die Israeliten nicht freilassen will, oder dass die Babylonier Jerusalem plündern), dann muss das auch in irgendeiner Weise nach Gottes Willen geschehen sein. Gott ist kein minderer Gott, dem andere Götter oder Geister einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Diese Stellen sagen letztlich: Gott hält alles in der Hand. Wenn es Israel schlecht geht, dann nicht deshalb, weil die Götter anderer Völker mächtiger wären als Israels Gott. (Deshalb finden sich solche Stellen auch hauptsächlich im Alten Testament, wo die Propheten noch deutlich machen mussten: Es gibt nur einen Gott.) Das wird an manchen anderen Stellen noch deutlicher als hier im Buch Exodus (obwohl da ja auch immer wieder betont wird, dass die Ägypter erkennen sollen, dass Jahwe der Herr ist). Im 2. Buch der Makkabäer zum Beispiel sagt einer der sieben Bruder, die durch Antiochus Epiphanes das Martyrium erleiden: „Du aber, der sich alle diese Bosheiten gegen die Hebräer ausgedacht hat, du wirst Gottes Händen nicht entkommen. Denn wir leiden nur, weil wir gesündigt haben. Wenn auch der lebendige Herr eine kurze Zeit lang zornig auf uns ist, um uns durch Strafen zu erziehen, so wird er sich doch mit seinen Dienern wieder versöhnen. Du Ruchloser aber, du größter Verbrecher der Menschheit, überheb dich nicht und werde nicht durch falsche Hoffnungen übermütig, wenn du deine Hand gegen die Kinder des Himmels erhebst.“ (2 Makkabäer 7,31-34) Wenn Gottes Volk leidet, dann nicht, weil Gott machtlos ist.

Dieses Prinzip kann man jetzt auch auf das Buch Exodus anwenden. Der Pharao verschloss sein Herz schon selbst; Gott sah voraus, wie er sich entscheiden würde, und ließ zu, dass sein Herz immer härter wurde; aber Er wirkte nicht auf seinen freien Willen ein. (Dass man, wenn man sich immer wieder vor dem Guten verschließt, sich irgendwann fast unfähig macht, sich noch so einfach wieder zu ändern – sprich, dass man sein Herz durch Gewöhnung an das Böse verhärtet und zur Aufnahme des Guten unfähig macht –, ist wohl auch eine Erkenntnis aus dieser Geschichte, der wahrscheinlich alle Menschen zustimmen können. Jemand, der achtzig Jahre lang Rassist war, wird sich in seinem Altersstarrsinn auch nicht mehr so leicht ändern. C. S. Lewis hat das in „Das Wunder von Narnia“ einmal so ausgedrückt: „Und je länger und schöner der Löwe sang, desto mehr redete Onkel Andrew sich ein, dass es nur Gebrüll war, was er da hörte. Und wenn man versucht sich selbst dümmer zu machen, als man ist, dann gelingt einem das blöderweise auch meistens. So ging es jetzt Onkel Andrew. Schon nach kürzester Zeit hörte er tatsächlich nur noch Löwengebrüll. Ein kleines Weilchen später hätte er das Lied auch dann nicht mehr gehört, wenn er gewollt hätte.“)

Okay, soweit mal zu diesem Thema. Zuletzt, weil es gerade so gut passt, noch ein schönes Video aus einem der wenigen Bibelfilme, die ich wirklich mag. Auch wenn „Prince of Egypt“ an sich ebenso zur Verharmlosung neigt wie alle Bibelfilme für Kinder – dieses Lied hier ist schon rein musikalisch wirklich genial. Thus saith the Lord!

Besser ist es, in die Hände des Herrn zu fallen als in die Hände der Menschen

Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, hofft auf sein Erbarmen, weicht nicht ab, damit ihr nicht zu Fall kommt. Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, vertraut auf ihn und er wird euch den Lohn nicht vorenthalten. Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, hofft auf Heil, auf immer währende Freude und auf Erbarmen! Schaut auf die früheren Generationen und seht: Wer hat auf den Herrn vertraut und ist dabei zuschanden geworden? Wer hoffte auf ihn und wurde verlassen? Wer rief ihn an und er erhörte ihn nicht? Denn gnädig und barmherzig ist der Herr; er vergibt die Sünden und hilft zur Zeit der Not.

 Weh den mutlosen Herzen und den schlaffen Händen, dem Menschen, der auf zweierlei Wegen geht. Weh dem schlaffen Herzen, weil es nicht glaubt; darum wird es keinen Schutz haben. Weh euch, die ihr die Hoffnung verloren habt. Was werdet ihr tun, wenn euch der Herr zur Rechenschaft zieht?

 Wer den Herrn fürchtet, ist nicht ungehorsam gegen sein Wort, wer ihn liebt, hält seine Wege ein. Wer den Herrn fürchtet, sucht ihm zu gefallen, wer ihn liebt, ist erfüllt von seinem Gesetz. Wer den Herrn fürchtet, macht sein Herz bereit und demütigt sich vor ihm.

 Besser ist es, in die Hände des Herrn zu fallen als in die Hände der Menschen. Denn wie seine Größe, so ist sein Erbarmen, und wie sein Name, so sind auch seine Werke.“

(Jesus Sirach 2,7-18)

 

PS: Dieses Buch wurde übrigens von Martin Luther aus der Bibel entfernt. Happy 2017!

Wieso ich den „Weckruf“ zur Solidarität mit dem Papst bei The Cathwalk nicht unterzeichnet habe

(Hier der Text des Weckrufs: https://thecathwalk.net/2017/02/18/sinedubia-wir-gehen-mit-papst-franziskus/ )

  • Weil er legitime und illegitime Papstkritik nicht auseinanderhält.
  • Weil er die Debatte in unnötig polemischer Weise anheizt.
  • Weil er mir zu sehr in Richtung „Ich danke dir, Herr, dass ich nicht bin wie dieser Pharisäer dort“ tendiert.

Ich bin kein riesiger Fan von Papst Franziskus. Das muss ich auch nicht sein. Ich bin auch kein riesiger Fan vom sel. Pius IX. (jawohl, ich habe Pius IX. gesagt) oder manchen anderen Päpsten. Muss man als Katholik jetzt auch alles gut finden, was Julius II. oder Alexander VI. getan haben? Ich finde nicht einmal alles gut, was die Päpste getan oder gesagt haben, die zu meinen Lieblingspäpsten gehören. Paul VI., der für die meisten Leute so uninteressante und bei den Tradis eher unbeliebte Nachkonzilspapst, gehört zu ihnen (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/17/es-ist-nicht-sicher-dass-ich-ins-paradies-eingehen-werde/ ), und seine Ostpolitik zum Beispiel finde ich falsch. Benedikt XVI., dieser so gütige, demütige, und einfach nur brillante Mann, der für meine Hinwendung zum Glauben eine entscheidende Rolle gespielt hat, soll sich einmal in negativer Weise über die Harry-Potter-Bücher geäußert haben, die ich absolut liebe. Vielleicht werde ich sogar beim hl. Johannes Paul II. irgendwann einmal etwas entdecken, das ich nicht uneingeschränkt toll finden kann.

Zu Amoris Laetitia und seiner Interpretation habe ich mich hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/21/ein-paar-gedanken-ueber-die-liberale-auslegung-von-amoris-laetitia/ ) und hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/23/ein-kurzer-nachtrag-zu-der-sache-mit-amoris-laetitia-ueber-unbarmherzigkeit/ ) schon geäußert.

Ich achte Papst Franziskus. Ich finde manche Dinge gut, die er macht. An erster Stelle das Jahr der Barmherzigkeit, dann z. B. auch den Versuch des Zugehens auf die FSSPX (an sich mag ich die FSSPX nicht besonders, aber es ist selbstverständlich gut, wenn man sie wieder mit der Kirche zu versöhnen versucht). Ich finde manche Dinge nicht gut, die er macht. Er soll einen relativ autokratischen Führungsstil haben, sein Predigtstil ist manchmal ein bisschen verworren (nein, hier geht es mir jetzt gar nicht um Inhalte, sondern nur um Satzstrukturen – manchmal weiß ich einfach nicht ganz, was genau er überhaupt sagen will, wenn ich mir im Internet Predigten von ihm durchlese; deshalb habe ich das auch aufgegeben und lese stattdessen lieber was anderes), und oft äußert er sich in unklarer Weise. Ich habe das Gefühl, der Papst will manchmal eher Debatten anregen, als sich klar zu positionieren – vielleicht hat er deshalb auch nicht auf die Dubia geantwortet. Und hier, finde ich, erfüllt er die Aufgabe nicht, zu der er berufen wurde. Ein Papst ist der oberste Hirte der Kirche; seine Aufgabe ist es, Orientierung und Klarheit zu bieten. Er ist kein Theologe, der in einem Seminar mit interessierten Studenten, die sich in der Materie auskennen, alle möglichen Thesen in den  Raum stellen und diskutieren sollte. Er sollte den Durchschnittskatholiken, die sich eben nicht so genau damit auskennen, was die sakramentale Ehe (oder auch anderes) bedeutet und auch nicht so genau wissen, ob die Kirche  nicht ihre Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe (oder auch anderem) irgendwann einmal einfach ändern könnte, klare Orientierung geben.

Das ist also meine Meinung zu Papst Franziskus; und diese meine Meinung berührt in keiner Weise meine Achtung vor ihm als dem Stellvertreter Christi auf Erden, die ich ihm als Katholikin schulde.

Solidarität mit dem Papst gegen ultratraditionalistische und fast schon zum Sedisvakantismus tendierende Kritiker, denen er nie etwas recht machen kann? Gerne. Aber bitte keine blinde Gefolgschaft, die Jubel über jeden Nebensatz fordert, der aus seinem Mund kommt.

Das Problem bei diesem „Weckruf“ ist, dass er die vier Kardinäle, die mit ihren Dubia einfach um etwas Klarheit gebeten haben, mit seinem #sinedubia (was grammatikalisch übrigens falsch ist – es hieße „sine dubiis“) in die Ecke solcher böswilliger, pharisäischer, grundsätzlich unzufriedener Papstkritiker rückt, die alles besser zu wissen meinen als die ihrer Ansicht nach von Satan persönlich unterwanderte Kirchenhierarchie. Ich wage zu behaupten, dass die Herren Meisner, Burke, Brandmüller und Caffara nicht so denken. (Der Chefredakteuer von The Cathwalk hat inzwischen übrigens auf Facebook geschrieben, schuld seien nicht die Dubia-Kardinäle selbst – was aber irgendwie seltsam klingt angesichts der ausdrücklichen Distanzierung von den Dubia im Text des Weckrufs.) Die Verfasser des Weckrufs setzen außerdem Papst Franziskus einfach mit Jesus gleich, der ja auch auf die Fragen der Pharisäer manchmal demonstrativ geschwiegen habe. Sorry, aber: Papst Franziskus ist der Stellvertreter Christi, nicht Christus selbst. Er ist immer noch ein fehlbarer Mensch, und er kann keinem seiner Kritiker ins Herz schauen, wie es Jesus konnte. Und in verworrenen Situation auf Fragen klare Antworten zu geben – das ist sein Job.

„Wir erinnern die genannten populistischen Einheizer im Hintergrund daran, dass sie sich für ihren geschürten Argwohn eines Tages verantworten werden müssen“, schreiben die Autoren des Weckrufs. Nun, ich würde mich nicht zu populistischen Einheizern zählen, die grundsätzlichen Argwohn gegen den Heiligen Vater schüren, aber ja, mir ist bewusst, dass ich mich für alles, was ich im Leben so tue, irgendwann einmal werde verantworten müssen. Vielleicht könnten wir alle mal runterkommen und das Ganze etwas weniger emotional diskutieren. Ich stimme den Verfassern und Unterzeichnern dieses Weckrufs zu, dass es eine gewisse Solidarität mit dem Papst braucht. Aber vielleicht können sie mir auch zustimmen, dass diese Solidarität nicht völlig kritiklos sein muss.

Vergessen wir nicht: „Als Kephas [aramäisch für Petrus] aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte.“ (Galater 2,11) Was bringt es denn, wenn jetzt schon wieder gesagt wird „ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus“ (1 Korinther 1,12)?

Wir sind doch eigentlich gar nicht so weit auseinander, vermute ich jetzt einfach mal. Wir sind uns wohl einig, dass die Ehe unauflöslich ist; dass Wiederheirat objektiv nicht richtig ist; dass man Menschen, die sich in einer solchen Situation befinden, trotzdem nicht wie Aussätzige behandeln sollte und dass die Kirche ihnen helfen sollte; dass der Papst kein Häretiker ist; dass es zur traditionellen Sakramentenpastoral gehört, nur dann die Kommunion zu reichen, wenn jemand sich in einem zumindest einigermaßen objektiv richtigen Verhältnis mit Gott befindet. Über alles weitere kann man dann ruhig diskutieren. Aber bitte ohne unsinnige Vorwürfe und Generalisierungen. Ich fürchte, dass der Weckruf eher dafür sorgen könnte, die Fronten in einer sowieso schon hitzigen Debatte weiter zu verhärten – aber wenn ich mich irren sollte, wäre es ja gut.

Macht man was falsch, wenn es einem gut geht?

Hier ein wunderbarer Artikel von the one and only Simcha Fisher zum Thema „Sieht Gott uns gerne leiden?“ http://www.simchafisher.com/2017/02/15/does-god-get-off-on-seeing-us-suffer/ Bitte lesen!

Ich habe bei mir selber gemerkt – und andere Skrupulanten kennen das Gefühl wahrscheinlich auch – dass es leicht passieren kann, dass ich, wenn ich es gerade bequem habe und alles gut läuft, automatisch, ohne weitere Gründe dafür, das Gefühl bekomme, dass ich irgendetwas falsch machen muss. Als Christin ist man ja schließlich zur Heiligkeit gerufen – wie uns immer wieder gesagt wird –; und kann das denn irgendwie nach Heiligkeit aussehen, wenn man nichts Besonderes macht, vielleicht sogar lange geschlafen und sich sein Lieblingsessen gekocht hat und einfach nur ein neues Buch liest oder einen Film anschaut oder über irgendwelche Youtube-Videos lacht – anstatt sich mit, was weiß ich, Fasten, Beten, Werken heldenhafter Nächstenliebe zu beschäftigen? Müsste ein richtiger Christ nicht zwangsläufig alle möglichen Werke tun und Schwierigkeiten und Leiden und Anfeindungen auf sich nehmen? (Auch wenn man im Moment keine ganz genaue Vorstellung davon hat, was man konkret genau jetzt zu tun hätte oder tun könnte.)

Wie so oft steckt in diesem falschen Gefühl ein Korn Wahrheit: Es ist etwas Gutes, besonderen Einsatz für eine gute Sache zu zeigen, und das Richtige zu tun kann manchmal schwierig sein. Aber das muss es nicht zwangsläufig sein. Manchmal macht es einen sogar glücklich. Und in manchen Dingen ist ein vernünftiges Mittelmaß, das einem nicht radikal genug für ein richtiges christliches Leben vorkommt, manchmal auf lange Sicht sogar das Beste (wenn man sich z. B. nie Ferien gönnt, hat man irgendwann keine Energie mehr für das, was man außerhalb der Ferien tut); es kann moralisch falsch sein, sich unbedachterweise zu viel auf einmal aufhalsen zu wollen.

Mrs. Fisher nimmt hier zwei Beispiele: Die Entscheidung, (vorerst oder endgültig) keine weiteren Kinder mehr zu bekommen (ja, wir reden von NFP, nicht der Pille oder Ähnlichem – alles gut katholisch), und die Entscheidung, nicht zur Sonntagsmesse zu gehen, wenn man krank ist. Sie geht darauf ein, dass es von vornherein nicht immer die beste und selbstloseste Entscheidung sein muss, ja noch ein Kind zu bekommen oder sich ja in die Kirche zu schleppen, solange es noch irgendwie geht – im ersten Fall, wenn man sich dann z. B. nicht mehr so um die schon vorhandenen Kinder kümmern könnte, wie die es bräuchten, im zweiten Fall, wenn man etwas Ansteckendes hat, das für Menschen mit schwachem Immunsystem, die man in der Kirche träfe, gefährlich sein könnte (was bei einer Grippe etwa der Fall ist). Dann spricht sie ein weiteres grundsätzliches Problem bei dieser Denkweise an (Übersetzung von mir):

 

Der „Leid=Heiligkeit“-Zugang geht davon aus, dass Gott nur wirklich zufrieden ist, wenn wir die ganze Zeit schreckliche Schmerzen leiden, und dass der einzige Weg, um zu wissen, ob wir wirklich Gott folgen, ist, ob wir zusammenbrechen. Wenn das Leben erträglich ist, müssen wir etwas falsch machen. […]

 So.

 Ist.

 Gott.

 Nicht.

 Er hasst uns nicht. Er ist nicht darauf aus, uns dranzukriegen. Er brennt nicht darauf, uns zwischen den Schraubstöcken des Folterinstruments zappeln zu sehen, das Er „Moral“ nennt. Ich weiß, dass das 21. Jahrhundert nicht voll von Katholiken ist, die zu streng mit sich sind, aber es ist auch nicht voll von Katholiken, die wirklich auf Christus als Quelle der Liebe und des Trostes in unseren Sorgen schauen.

 Gott ist kein Sadist. Gott genießt es nicht, zu sehen, dass wir uns quälen. Er lässt es manchmal zu, dass wir in Leid geraten […] Aber wenn wir in dunkle Zeiten geraten, dann springt Er zu uns nach unten in diese Grube, um uns zu helfen, unseren Weg hinaus zu graben, um uns zu helfen, stärker zu werden, und um uns Gesellschaft zu leisten, während wir dort sind. Er steht nicht am Rand und schaut spottend und johlend hinunter, während wir uns unten vor Schmerzen winden. Er ist das Lamm, das geschlachtet wurde, nicht der Ausbildungsfeldwebel, der das Leiden genießt.

 Wir müssen bereit sein, zu leiden, aber wir sind nicht verpflichtet, Leid zu suchen. Wir sind nicht verpflichtet, unser eigenes Leid ständig anzukurbeln.

 Wir sind verpflichtet, die Liebe zu suchen. Wir sind verpflichtet, unser Sehnen, Gott in allem und jedem zu sehen, ständig anzukurbeln.

 Und rate mal? Manchmal sieht Gott nach Freude aus. Manchmal sieht Gott nach Frieden aus. Manchmal sieht Gott nach Besonnenheit aus. Manchmal sieht Gott sogar nach Behaglichkeit aus.

 Also sei gehorsam, bete oft, und such Gott und Seine Liebe in Gehorsam, anstatt dich auf die Regeln an sich zu fokussieren. […]

 Überdenke deine Entscheidungen noch einmal, falls nötig. Aber nimm nicht automatisch an, dass die Sache, die dir zusagt, Gott enttäuschen muss. Gehorsam bringt nicht immer Schmerz. Manchmal bringt er Erleichterung. Sei zufrieden damit, geliebt zu werden.

 

Wenn man immer alles perfekt machen will, ist das Ergebnis oft nicht, dass alles perfekt wird. Sondern dass man an der Aufgabe verzweifelt und am Ende mutlos aufgibt. Angst und selbsterzeugter Druck stammen nicht von Gott.