Über schwierige Heilige: Der sel. Pius IX. und der Mortara-Fall

(Grundsätzliches zu „schwierigen“ Heiligen hier; hier und hier die anderen beiden Teile zu speziellen „schwierigen“ Heiligen.)

Heute zum (voraussichtlich) letzten problematischen Heiligen, den ich anschauen will – d. h. diesmal nur zu einem Seligen. Nicht nur mit Pius V., sondern auch mit einem seiner gleichnamigen Nachfolger haben manche Probleme, nämlich mit dem sel. Pius IX.; u. a. wegen der Angelegenheit um Edgardo Mortara, wegen der insbesondere jüdische Gruppen gegen seine Seligsprechung im Jahr 2000 protestierten.

Pius IX., der von 1846 bis 1878 regierte, war ein Papst, der zuerst als moderat liberal bekannt war, dann aber, als er einen deutlicheren Eindruck vom Liberalismus hatte (genauer: als 1848/49 im Kirchenstaat ein gewaltsamer Putschversuch der italienischen Nationalliberalen unternommen wurde und er zeitweise aus Rom fliehen musste), in eine sehr konservative Richtung umschwenkte. Er war der letzte Papst, der als weltlicher Herrscher über den Kirchenstaat regierte; in seine Zeit fiel nicht nur dieser niedergeschlagene Putschversuch, sondern auch zwei Jahrzehnte später die gewaltsame Eroberung Roms durch das Königreich Piedmont im Herbst 1870. Von ihm stammt der berühmte Syllabus Errorum, eine zusammenfassende Verurteilung vieler moderner Ideologien. Unter ihm fand das 1. Vatikanische Konzil statt, das 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes auch ohne Konzil (bei der Verkündigung von Dogmen natürlich, nicht bei allem, was er sagt, auch wenn manche Nichtkatholiken das nicht wissen) zum Dogma erklärte; und schon 1854 erklärte er die Unbefleckte Empfängnis Mariens (also ihre Freiheit von der Erbsünde von Beginn ihres Lebens, d. h. ihrer Empfängnis, an; hier ist nicht die jungfräuliche Empfängnis Jesu gemeint) zum Dogma. Er legte sich im Kulturkampf der 1870er mit dem deutschen Reichskanzler Bismarck an, der sich daran machte, die Kirche, die er als Feindin der deutschen Nation sah, zu bekämpfen und z. B. Ordensleute ausweisen und Priester für politische Predigten einsperren ließ. Für Pius IX. war klar: Keine Kompromisse mit Nationalliberalen und Protestanten, kein Einknicken vor der Welt.

Unter Katholiken war er sehr beliebt, und als gütiger und heiligmäßiger Papst bekannt. Aber sogar die antiklerikale deutsche Zeitschrift „Die Gartenlaube“ schrieb 1867 über ihn: „Was man ihm sonst auch vorwerfen möge, so lassen sich ihm doch die mildesten echt christlichen Tugenden mit der würdevollsten Einfachheit verbunden, nicht abstreiten, die ihn im Verein mit vielem Unglück zu einer wirkliche Theilnahme erweckenden Erscheinung machen.“ (Diese Zeitschrift war so antiklerikal, dass sie im selben Artikel munkelte, dass die Kirche quasi am Ende und Pius IX. „aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte Nachfolger Petri auf dem apostolischen Stuhle sein dürfte“.)

(Pius IX. Gemeinfrei.)

Sein Antiliberalismus ist eigentlich genug, um ihn bei vielen unbeliebt zu machen, zumindest bei Nichtkatholiken; aber nun, wie gesagt, noch zum Mortara-Fall, einer Sorgerechtsangelegenheit aus den 1850ern, die damals für einen großen Skandal sorgte und heute noch so bekannt ist, dass Steven Spielberg einen Film dazu plant. Erst einmal möglichst ausführlich die Fakten des Falls; weitere Kommentare dann unten.

Edgardo Levi Mortara war ein jüdischer Junge aus Bologna, das, als er dort am 21. August 1851 geboren wurde, noch zum Kirchenstaat gehörte; seine Eltern Salomone und Marianna Mortara, deren neuntes Kind er war, besaßen ein kleines Geschäft. Sie hatten eine katholische Dienstmagd namens Anna Morisi eingestellt, und als er etwas über ein Jahr alt  war, erkrankte Edgardo schwer und stand kurz vor dem Tod, weshalb Anna ihn, als seine Eltern gerade nicht im Zimmer waren, heimlich taufte, damit er nicht ungetauft starb. Völlig überraschend erholte Edgardo sich wieder.

Taufen kleiner Kinder gegen den Willen der Eltern waren (und sind) kirchenrechtlich an sich zwar gültig, aber immer unerlaubt gewesen – außer in Todesgefahr, dann sind sie auch erlaubt. (Auf Taufen von Kindern, die nicht in Todesgefahr waren, gegen den Willen der Eltern standen im Kirchenstaat früher übrigens auch staatliche Strafen; im 16. Jahrhundert jedenfalls hieß es hohe Geldstrafe oder Galeere; wie es im 19. Jahrhundert aussah, weiß ich allerdings nicht.) Der Kirchenstaat hatte außerdem ein Gesetz, das Juden eigentlich verbot, katholische Dienstboten einzustellen, das genau solche Situationen wie Edgardos verhindern sollte. Heutzutage heißt es im Kirchenrecht, sprich im CIC von 1983:

Can. 868 — § 1. Damit ein Kind erlaubt getauft wird, ist erforderlich:

1° die Eltern oder wenigstens ein Elternteil bzw. wer rechtmäßig ihre Stelle einnimmt, müssen zustimmen;

2° es muß die, begründete Hoffnung bestehen, daß das Kind in der katholischen Religion erzogen wird; wenn diese Hoffnung völlig fehlt, ist die Taufe gemäß den Vorschriften des Partikularrechts aufzuschieben; dabei sind die Eltern auf den Grund hinzuweisen:

„Can. 868 — § 2. In Todesgefahr wird ein Kind katholischer, ja sogar auch nichtkatholischer Eltern auch gegen den Willen der Eltern erlaubt getauft.“

Anna Morisi hielt die Taufe zuerst geheim. Ein paar Jahre später erkrankte Edgardos kleiner Bruder Aristide ebenfalls, und als Freundinnen ihr sagten, sie solle Aristide doch die Nottaufe spenden, weigerte sie sich und erklärte, dass sie nicht wollte, dass sich ein Fall wie Edgardos wiederholte. (Aristide starb; ungetauft.) Ihre erschrockenen Freundinnen rieten ihr, ihrem Beichtvater davon zu erzählen, dass Edgardo getauft war, statt es weiter geheim zu halten, was Anna tat, und mit ihrem Einverständnis wandte er sich an die Autoritäten im Kirchenstaat. Der Fall wurde nach Rom gemeldet, und zuerst vergingen ein paar Monate, in denen nachgeforscht wurde, ob die Taufe sicher gültig gewesen war.

Als die Gültigkeit feststand, war für Pius IX. (der sich mit dem Fall persönlich befasste) klar, dass Edgardo christlich erzogen werden musste. Getauft war getauft, ein getauftes Kind gehörte Gott, war ein Mitglied der Kirche, hatte das Recht auf eine christliche Erziehung, und die Kirche war für es verantwortlich – so sah der Papst es. Laut den Gesetzen des Kirchenstaats durften christliche Kinder nicht von Nichtchristen erzogen werden.

Dass die Kirche eine gewisse Verantwortung gegenüber allen Getauften hat, eine katholische Erziehung, wenn möglich, zu vermitteln, gilt übrigens auch heute; noch mal der CIC:

„Can. 217 — Da ja die Gläubigen durch, die Taufe zu einem Leben nach der Lehre des Evangeliums berufen sind, haben sie das Recht auf eine christliche Erziehung, durch die sie in angemessener Weise zur Erlangung der Reife der menschlichen Person und zugleich zur Erkenntnis des Heilsgeheimnisses und zu einem Leben danach angeleitet werden.“

Und:

„Can. 794 — § 1. In besonderer Weise kommt der Kirche Pflicht und Recht zur Erziehung zu; denn ihr ist es von Gott aufgetragen, den Menschen zu helfen, daß sie zur Fülle des christlichen Lebens zu gelangen vermögen.

§ 2. Pflicht der Seelsorger ist es, alles zu tun, damit alle Gläubigen eine katholische Erziehung erhalten.“

Ein gewisser Pater Feletti, der in Bologna zuständig war, ging mehrmals zu Edgardos Eltern und berichtete ihnen von Edgardos Taufe; er schlug ihnen (wie es die Anweisung von Pius IX. war) vor, ihren Sohn auf päpstliche Kosten in ein katholisches Internat in Bologna zu geben, wo er bis zu seiner Volljährigkeit christlich erzogen werden würde, sie ihn aber jederzeit besuchen könnten. Seine Eltern waren am Boden zerstört und weigerten sich, Edgardo in eine christliche Schule zu geben; nachvollziehbarerweise; sie waren schließlich fromme Juden. Erneut auf Anweisung aus Rom informierte Pater Feletti sie, dass die Kirche auf jeden Fall für eine christliche Erziehung Edgardos sorgen würde; allerdings gaben sie weiter nicht nach. Im Juni 1858 – Edgardo war noch nicht ganz sieben Jahre alt – gab Pius IX. deshalb Anweisung, ihn aus seiner Familie zu holen und nach Rom zu bringen.

Edgardo hat sich später öfter über seine Geschichte geäußert (die hier verwendeten Zitate wurden von mir aus englischen Übersetzungen weiter ins Deutsche übersetzt; es kann also sein, dass sie an einzelnen Stellen nicht so akkurat sind, wie es ideal wäre); in einer Aussage berichtet er über sein Eintreffen in Rom (später komme ich noch auf andere Äußerungen zu der Trennung direkt):

„Die Beamten brachten mich nach Rom und präsentierten mich Seiner Heiligkeit Pius IX., der mich mit großer Freundlichkeit empfing und sich zu meinem Adoptivvater erklärte, was er wirklich war, indem er sogar für meine Ausbildung sorgte und meine Zukunft sicherte. Er vertraute mich dem Domherrn Enrico Sarra an, dem Rektor des Instituts der Neophyten [Neugetauften] von St. Maria von den Bergen, geleitet von den Töchtern des Heiligen Herzens. [Das war ein Institut, in dem konvertierte Juden aufgenommen wurden.]

Ein paar Tage nach meiner Ankunft in Rom erhielt ich religiöse Unterweisung, und die Taufzeremonien wurden von Cardinal Ferretti vervollständigt, einem Neffen Seiner Heiligkeit. Das führte einige in einen historischen Fehler: dass ich nach der Trennung von meiner Familie in Rom getauft worden wäre – wie von De Cesare in einem seiner Werke erzählt.“

Edgardo berichtet, wie er seine Eltern das nächste Mal sah:

„Acht Tage später erschienen meine Eltern beim Institut der Neophyten, um die komplexen Prozeduren in die Wege zu leiten, mich zurück in die Familie zu holen. Da sie völlige Freiheit besaßen, mich zu sehen und mit mir zu sprechen, blieben sie einen Monat lang in Rom und kamen mich jeden Tag besuchen. Es ist nicht nötig, zu erwähnen, dass sie mit allen Mitteln versuchten, mich zurückzubekommen – Umarmungen, Tränen, Bitten und Versprechen. Trotz all dessen zeigte ich nie den geringsten Wunsch, zu meiner Familie zurückzukehren, eine Tatsache, die ich selbst nicht verstehe, außer wenn ich auf die Macht der übernatürlichen Gnade schaue.

An dieser Stelle will ich eine Geschichte erzählen, die die Macht dieser Gnade zeigt. Nachdem ich in Alatri [einer Kleinstadt bei Rom, wo Edgardo in dieser Zeit eine kurze Zeit verbrachte] dem Domherrn Vincenzo Sarra (in dessen Haus ich übernachtete) bei der Messe gedient hatte, erschienen meine Eltern plötzlich an der Tür, als ich mit dem Priester zur Sakristei zurückkehrte. Anstatt mich in ihre Arme zu werfen, wie es natürlich gewesen wäre, trat ich zurück, sehr überrascht, und versteckte mich unter der Kasel des Priesters. Wegen dieses Ereignisses gerieten die Leute von Alatri in Wut über meine Eltern, und der Bischof hielt es für das Beste, mich acht Tage lang in seinem Palast zu beherbergen, auch, um eine Entführung durch meine Eltern zu verhindern. Sie überzeugten sich von der Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen und hielten es für vernünftiger, nach Bologna zurückzukehren.“

Über sein Verhältnis zu Pius IX. sagt er:

„Der Heilige Vater Pius IX. wollte, wie ich ihn sagen hörte, mich den Jesuiten anvertrauen, und mich in die Schule für den Adel geben, aber nachdem er sich den Fall besser überlegt hatte, gab er mich in die Schule von St. Peter in den Ketten auf dem Esquilinischen Hügel, geleitet von den Augustiner-Chorherren vom Lateran, um der säkularen Presse keinen Vorwand zur Kontroverse zu liefern. [Der Kommentar zu den Jesuiten bezieht sich darauf, dass dieser Orden als Inbegriff des papsttreuen Katholizismus galt und unter Kirchenfeinden und Nichtkatholiken unzählige Verschwörungstheorien über ihn im Umlauf waren.] Ich wurde von Rektor Sarra am 8. Dezember 1858 dorthin gebracht. Ich wurde seiner Heiligkeit dann bei den Weihnachtsfeierlichkeiten präsentiert, wie es danach jedes Mal getan wurde, da es meine Pflicht war, dem Pontifex den kindlichsten Dank zu sagen für die Geschenke, die er mir regelmäßig schickte, und für die vielen offenen Zeichen väterlicher Güte.

Jeden Monat schickte er einen päpstlichen Angestellten, um die Summe von dreißig Scudos für meinen Unterhalt abzuliefern. Er zeigte mir immer die väterlichsten Beweise der Zuneigung, gab mir weise und nützliche Lektionen, und, wobei er mich zärtlich segnete, sagte mir oft, dass ich ihn viele Schmerzen und Tränen gekostet hatte. Wenn er mich auf einem Gang traf, rief er mich. Wie ein guter Vater spielte er auch mit mir, versteckte mich unter seinem großen roten Umhang, und fragte dann im Scherz, wo der Junge war. Dann nahm er den Umhang weg und zeigte mich den Umstehenden. ‚Da ist er ja!‘ […]

Einmal zeigte ich Seiner Heiligkeit meine Gefühle der kindlichen Ergebenheit mit einer Dichtung, und Pius IX. erinnerte an den berühmten Vorfall mit mir mit energischen und bewegenden Worten. ‚Mein Sohn‘, sagte er, ‚du bist mir sehr lieb, und ich habe viel für dich gelitten.‘

Dann, wobei er sich zu den Leuten um ihn umwandte, fügte er diese exakten Worte hinzu: ‚Die Großen und Geringen wollten mir dieses Kind nehmen, und beschuldigten mich, barbarisch und erbarmungslos zu sein. Sie klagen um seine Eltern und bedenken nicht, dass ich auch ein Vater bin. Keiner fühlt mit mir in der Mitte meiner schmerzhaften Prüfungen, während sie in Russland so viele meiner geliebten Kinder entführen (meine lieben Polen).‘ Er schloss: ‚Ich hatte das Recht und die Pflicht, das zu tun, was ich für diesen Jungen getan habe, und wenn es nötig wäre, würde ich es wieder tun.‘

Ich erinnere mich an eine sehr charakteristische Begrüßung durch den Diener Gottes [d. h. Pius IX., der zu dieser Zeit den Titel „Diener Gottes“ trug, und noch kein Seliger war]. Als er mich mit meinen Freunden knien sah, sagte er, lächelnd: ‚Zu Ihren Diensten, Mortara.‘ Und es war ein wirklicher Dienst, der mir von diesem Mann erwiesen wurde, der sich offiziell ‚Servus servorum Dei‘ [Diener der Diener Gottes, ein päpstlicher Titel] nannte.

Pius IX. hatte immer das Interesse eines Vaters an meinem Fortschritt in der Frömmigkeit und dem Unterricht. Ich habe bereits erwähnt, dass er es nie versäumte, mir sehr nützliche Lektionen zu geben, jedes Mal, wenn ich ihm präsentiert wurde. Als ich ein junger Schüler war, war er eines Tages erfreut darüber, dass ich einige Passagen aus dem Italienischen ins Lateinische und umgekehrt übersetzte. Er billigte meine Entscheidung, in den Orden der Augustinerchorherren vom Lateran einzutreten, als ich noch ziemlich jung war, und erlaubte mir gerne, seinen Namen anzunehmen. ‚Wir hoffen‘, sagte er zum Generaldirektor des Ordens, ‚dass wir einen weiteren Pater Pio haben werden‘. (Er bezog sich auf den Passionisten Pater Pio, der ein paar Jahre zuvor im Ruf der Heiligkeit gestorben war.) Als ich ihm präsentiert wurde, nachdem ich die zeitlichen Gelübde abgelegt hatte, erinnerte er mich daran, dass der hl. Franz von Sales Klöster mit Hospitälern verglichen hatte, in denen es drei Klassen von Personen gibt: die Kranken, die Genesenden und die Gesunden. Er ermutigte mich, zur dritten Klasse zu gehören.

Er sagt hier auch mehr über die enormen diplomatischen Schwierigkeiten, die Pius IX. wegen seinem Fall bekam, und den großen Skandal, für den er in Europa und darüber hinaus sorgte:

„In der Zwischenzeit wurde in den Medien in Europa, und man könnte sagen, in der ganzen Welt, ein großer Schrei erhoben über die Entführung des Knaben Mortara, die so berühmt wurde wie der ‚Raub der Sabinerinnen‘. In kleinen Gruppen, in Dörfern und Cafés redete niemand über etwas anderes, und schließlich kam im königlichen Theater von Paris eine Tragödie auf die Bühne mit dem Titel ‚Le petit Mortara‘ [Der kleine Mortara]. Die jüdische Gemeinde von Alessandria (Piedmont) appellierte an alle Synagogen der Welt und organisierte eine regelrechte Kampagne gegen den Papst und die römische Kirche, und wandte sich an die staatlichen Mächte und bat sie, diplomatisch zu intervenieren und Einspruch zu erheben. Tatsächlich wurden Protestnoten geschickt; die heftige und leidenschaftliche Kontroverse, die alle Feinde des Papsttums und der römischen Kirche vereinte, hielt sechs Monate an.

Es bestand allerdings kein Mangel an tapferen Seelen im katholischen Lager, die den hochherzigen Pius IX. mit heroischem Mut und bewundernswerter Standhaftigkeit verteidigten – er selbst sagte in der Mitte dieses wütenden Sturms dass er, wie unser göttlicher Erlöser, ruhig schlief: ‚Ipse vero dormiebat.‘ […]

Was ich zum Verhältnis Pius‘ IX. zu den Regierungen sagen kann, ist, dass Pius IX., als er die Tatsache meiner Trennung von meiner Familie publik machte, sich in sehr ernste diplomatische und offizielle Probleme mit Frankreich verwickelt fand (s. ‚Les mélanges‘ von Luigi Veuillot, aus dem ich selbst davon erfuhr).

Zur Bestätigung dessen, was ich sage, kann ich die Worte hinzufügen, die ich von den Lippen General Latours, eines hohen Staatsbeamten Napoleons III., hörte. Ich fragte ihn: ‚Wie drückte sich der Kaiser über meinen Fall aus?‘

Er erzählte mir, dass der Kaiser sagte: ‚Wie ist das möglich? Ich habe meine Soldaten in Rom, und er tut mir solche ‚bêtises‘ [Dummheiten] an.‘ [Frankreich war damals militärische Schutzmacht des Kirchenstaates, auch wenn Napoleon III. kein großer Kirchenfreund war und den Papst letztendlich im Stich ließ.]

Wie der gefeierte Kontroversialist Veuillot sagte, wobei er auf diese Probleme Bezug nahm: ‚Der Fall des kleinen Mortara war wie ein Schuss, der abgegeben wurde, um für Konflikt zu sorgen, und ein nicht gerade ehrlicher Vorwand, um die Entwicklung der römischen Frage zu beschleunigen.‘ Der Syllogismus war tatsächlich offensichtlich: Der Mortara-Fall wäre nicht geschehen ohne die weltliche Macht [des Papstes]; darum ist es nötig, diese Macht abzuschaffen. Das war dem Pontifex wohlbekannt, und es resultierte in respektlosen an ihn gerichteten Scheltworten und Drohungen. Trotz dessen blieb er fest und beständig, und wiederholte gelegentlich sein hehres ’non possumus‘ [wir können nicht], vor dem alle menschliche Macht schwand.

Am Ende war das das Dilemma: ‚Bring den Jungen zurück oder wir können nicht für die Sicherheit des Papstes in seinem Staat garantieren.‘ Ich weiß, dass er einmal rief, dass ihn nicht einmal alle Bajonette der Welt zwingen könnten, den Jungen zurückzubringen.

Im Jahr 1870 eroberten, wie oben schon erwähnt, die Truppen des Königreiches Piedmont den letzten Rest des Kirchenstaats (einen Teil hatten sie schon vorher kassiert) und annektierten ihn, und Pater Pio Maria Mortara schreibt über diese Zeit:

Die väterliche Sorge des Heiligen Vaters offenbarte sich besonders bei der Gelegenheit der politischen Ereignisse des Jahres 1870. Nachdem die piedmontesischen Truppen in diesen Tagen der Anarchie, die der Formierung der neuen Regierung vorangingen, in Rom eingezogen waren, wandte sich ein Mob, den die Polizei unfähig war zu kontrollieren, Richtung St. Peter in den Ketten, um mich zu entführen, nachdem sie schon den Neophyten Coen aus der Schule der Piaristen entrissen hatten. Allerdings erfolgte das glücklicherweise nicht. Pius IX., besorgt über mein Schicksal, fragte mehrere Male, ob ich aus Rom heraus gebracht worden war. Als er dann über meine Flucht informiert wurde, sagte er diese exakten Worte: ‚Wir danken dem Herrn, dass Mortara geflohen ist.‘

Der Segen Pius‘ IX. begleitete mich bei allem. Vor allem gab er mir die Kraft und den Mut, mich nicht den Appellen und Drohungen der liberalen Autoritäten zu beugen, die mich zwingen wollten, trotz meiner Ordensgelübde, zu meiner Familie zurückzukehren, der Gefahr ausgesetzt, eidbrüchig oder sogar zum Apostaten zu werden. Tatsächlich kam Herr Berti, der Polizeipräfekt, zu St. Peter in den Ketten, schalt mich und bat mich, die Öffentlichkeit zufriedenzustellen, die verärgert war über die ‚Exzesse der theokratischen Macht‘, indem ich zu meiner Familie zurückkehrte. Ich bemerkte, dass es nicht der Ort für solche Zufriedenstellung war, da ich gerade erst meinem Vater in Rom [wo er zu dieser Zeit war] alle Beweise meiner zärtlichsten kindlichen Zuneigung gegeben hatte. ‚Sei das, wie es sei‘, antwortete der Präfekt, ‚für Ihr eigenes Wohl und das Ihrer Gemeinschaft, befehle ich Ihnen, zu Ihrer Familie zurückzukehren.‘

Die Polizei verfolgte jeden meiner Schritte, und jede Nacht platzierten sie Wachposten nahe beim Konvent, um eine Flucht zu verhindern. Um mich vor diesen Belästigungen zu schützen, wurde mir geraten, seine Exzellenz General Lamormora aufzusuchen, damals Statthalter von König Victor Emmanuel in Rom. Ich suchte um die Audienz nach, die sofort gestattet wurde. Seine Exzellenz empfing mich auf die höflichste Weise. Nachdem ich ihm den Fall erklärt hatte, sagte er zu mir:
‚Aber was wollen sie dann von Ihnen?‘
‚Die Polizei‘, antwortete ich, ‚will mich zwingen, zu meiner Familie zurückzukehren.‘
‚Aber wie alt sind Sie?‘ fragte er mich.
‚Neunzehn, Exzellenz.‘
‚Dann sind Sie frei‘, sagte er. ‚Tun Sie, was Sie wollen.‘
‚Aber Exzellenz, mir wird mit Repressalien gedroht.‘
‚In diesem Fall, kommen Sie zu mir und ich werde Sie schützen.‘

Trotz dessen und obwohl Kardinal Antonelli gesagt hatte, dass er es nicht für nötig hielt, sahen meine Ordensoberen Komplikationen voraus und entschieden, mich ins Ausland zu schicken. Was Kardinal Antonelli angeht, möchte ich bemerken, dass er, als meine Mutter kurz nach meiner Trennung von meiner Familie zu ihm kam, zu ihr sagte, um sie zu trösten: ‚Meine Dame, sie haben Ihnen das Kind weggenommen; versuchen Sie, ihn zurückzubekommen.‘

Am 22. Oktober 1870, um 10 Uhr abends, begleitet von einem anderen Mönch – und wir beide in Zivilkleidung – ging ich durch den Garten der Pfarrei hinaus, und um der Beobachtung durch die Wachposten zu entgehen, ging ich zum Zentralbahnhof, wo mein Mentor mir sagte, dass er meinen Vater gesehen habe. Tief bewegt betete ich in meinem Herzen zu Gott, dass er mir diese Begegnung ersparen würde, und mein Gebet wurde erhört. Ohne Zwischenfall nahm ich den Zug nach Falconara-Bologna.

Als wir am Bahnhof in Foligno ankamen, stiegen wir aus, um uns im Restaurant zu stärken. Einige Jugendliche saßen vor uns, und aus den roten Bändern, die sie trugen, schloss ich, dass sie zur Garibaldi-Fraktion gehörten. Sie sprachen miteinander über die kürzliche Flucht des jungen Mortara, die wie für gewöhnlich den Jesuiten zugeschrieben wurde. Um die Wahrheit zu sagen, ich zitterte wie Espenlaub. Mein Begleiter allerdings sprach mit ihnen so geschickt, ohne die Fassung zu verlieren, dass sie das Gesprächsthema wechselten und nicht weiter an den Entflohenen dachten, der seine Flucht in Ruhe nach Bressanone [Brixen] (im österreichischen Tirol) fortsetzte, wo ich die großzügigste Gastfreundschaft bei den Brüdern der Pfarrei von Nova Cella [Neustift] fand. In der Zwischenzeit schürte die liberale Presse Wut gegen den Klerus, und vor allem gegen die Jesuiten, die sie beschuldigten, mich mit ihrem papalistischen Fanatismus beeinflusst und die Flucht bewirkt zu haben, was in einem Affront gegen meine Familie resultierte.

Um auf diese unbegründeten Anschuldigungen zu antworten, schrieb ich eine Widerrede, die im katholischen Journal de Bruxelles veröffentlicht und in anderen katholischen und säkularen Zeitungen weiter abgedruckt wurde. So verbreitete sich die Nachricht, dass ich mich angeblich in Brüssel aufhielte, während ich mich in Ruhe theologischen Studien im diözesanen Seminar von Brixen widmete. Der Pontifex vergaß seinen Adoptivsohn nicht und mehrere Male sandte er mir seinen Segen durch den Generaldirektor des Ordens, wenn er meine Nachrichten mit Grüßen und Glückwünschen empfing.

In Neustift legte Edgardo – d. h. inzwischen Pio Maria – am 31. Dezember 1871, also mit zwanzig Jahren, seine ewigen Gelübde ab.

Außerdem schreibt er über seine Beziehung zu seiner Familie:

Sie werden wissen wollen, wie meine Beziehung zu meinen Eltern aussah, nachdem sie Alatri verließen. Ich hörte nichts weiter von ihnen, obwohl ich ihnen mehrmals Briefe mit dringlichen Bitten betreffs der Religion schrieb, und sie von der Wahrheit des katholischen Glaubens zu überzeugen versuchte. Sie dachten, dass diese Briefe, nichtsdestotrotz sie Ausdruck meiner sehr großen persönlichen Überzeugung waren, nicht ausschließlich mein Werk sein konnten, also blieben sie ohne Antwort. Erst im Mai 1867, als ich ein Novize war, erhielt ich meinen ersten Brief von meinen Eltern, in dem sie, nachdem sie mich ihrer unvergänglichen Zuneigung versicherten, bemerkten, dass sie nicht auf meine Briefe geantwortet hatten, weil sie nur meinen Namen und die Unterschrift enthielten. Sie hofften nun allerdings, dass ich mit ihnen ‚ohne Überwachung‘ korrespondieren könnte.

Das erste Mal, dass ich meinen Vater wiedersah, war in Rom Anfang Oktober 1870. Dieses erste Treffen war außerordentlich herzlich. Er setzte seine Besuche in St. Peter in den Ketten häufiger und für längere Zeiträume fort, und als er mir vor seiner Rückkehr nach Florenz (damals die Hauptstadt des Königreichs) Lebewohl sagte, nahm er freudig die Andenken und Geschenke für meine Brüder an. Ich dachte, dass mein Vater Rom verlassen hätte. Allerdings schrieben die Zeitungen ein paar Tage nach diesem letzten Treffen, dass der Vater des jungen Mortara (dessen Spitzname Momolo war) in Rom war und bei der Regierung Versuche machte, seinen Sohn zurückzubekommen. Das Ergebnis dieser Neuigkeit war, dass Berti sich für den Fall zu interessieren begann, der Besuch bei General Lamarmora, und meine Flucht aus Rom.“

Und über die Zeit, als er Priester wurde (mit zweiundzwanzigeinhalb wurde er geweiht; mit Sondererlaubnis, weil er noch nicht das Mindestalter erreicht hatte), schreibt er:

Die väterliche Zuneigung Pius‘ IX. mir gegenüber blieb unverändert bis zum Tod. Nach der Aufhebung der Klöster [gemeint sind wohl die Klöster in Italien] schickte er mich sofort zu dem berühmten und heiligen Bischof von Poitiers, Luigi Eduardo Pie, der 1880 starb. (Er wurde 1879 von Leo XIII. zum Kardinal ernannt.) Um den Wunsch des Heiligen Vaters zu erfüllen, fasste er den Plan einer [Ordens-]Niederlassung in seiner Diözese, was er dann 1873 in die Tat umsetzte. Pius IX. sandte dem Bischof einen Brief mit Glückwünschen, in dem er, unter anderen Dingen, seine Befriedigung darüber ausdrückte, zu wissen, dass sein Adoptivsohn nun in dieser Diözese war. (Siehe „Werke von Kardinal Pie“, Poitiers, Audin-Verlag.)

Bei den ‚ad limina‘-Besuchen dieses Bischofs fragte der Pontifex oft nach dem Fortschritt seines Schützlings und wann er Priester werden würde. Als der Bischof antwortete, dass ich noch immer ziemlich jung war, sagte Pius IX.: ‚Gut, dann werden wir ihm eine anständige Dispens für sein Alter zugestehen.‘ Tatsächlich erhielt ich, als diese Frage angegangen wurde, Dispens für zwanzig Monate. Da ich aufgrund von zu viel Arbeit an Nervenschwäche litt, war ich gezwungen, alle Beschäftigung beiseite zu lassen und mich körperlichen Übungen zu widmen. Das war eine große Prüfung für mich. Als Pius IX. durch Bischof Pie davon hörte, sandte er mir seinen besonderen Segen, und forderte mich zu Geduld und Erholung auf. An dem glücklichen Tag meiner ersten Messe ehrte er mich mit einem persönlich unterzeichneten Brief, den ich als eine wertvolle Reliquie behalten habe. In dem Brief drückte er seine Zufriedenheit darüber aus, mich zum Dienst am Altar aufsteigen zu sehen. Er bat mich, vor allem für ihn zu beten und bis an die Grenzen meiner Kraft für die Ehre Gottes und das Wohl der Seelen zu wirken.

Als Krönung seiner väterlichen Güte mir gegenüber hinterließ Pius IX. mir eine Lebensrente von 300 Lire im Jahr aus seinem Privatvermögen. Das Kapitel dieser Rente, das heißt, 7000 Lire, wurde dem Oberhaupt meines Ordens von Seiner Heiligkeit Leo XIII. übergeben. Ich sah Pius IX. nie wieder. Nach 1878 ging ich bei vielen meiner Besuche in der Ewigen Stadt zum Campo-Verano-Friedhof und warf mich tief bewegt auf dem Grab meines erhabenen Vaters und Beschützers nieder, gegenüber dem meine Dankbarkeit keine Grenzen kennt, und den ich immer für einen weisen und heiligen Pontifex halten werde. In seinem Epitaph lädt er die Gläubigen ein, für ihn zu beten: ‚Orate pro eo.‘ Ich bekenne, dass, wenn immer ich diese Worte las, ich in meinem Herzen sagte, ‚Heiliger Pius, bete für mich.‘ […]

Ich ersehne die Seligsprechung und Heiligsprechung des Dieners Gottes sehr. […]

Ich bin fest überzeugt, nicht nur wegen dessen, was ich dargelegt habe, sondern wegen des ganzen Lebens meines erhabenen Beschützers und Vaters, dass der Diener Gottes ein Heiliger ist. Ich habe die fast instinktive Überzeugung, dass er eines Tages zur Ehre der Altäre erhoben werden wird. […] Ich bete zu Gott durch die Fürsprache seines Dieners, Erbarmen mit mir zu haben und mir meine Sünden zu vergeben, und mich in seiner Gegenwart im Paradies glücklich sein zu lassen.“

Diese Aussagen machte Pater Pio Maria Mortara als Zeuge im Seligsprechungsprozess für Pius IX.

Affaire Mortara. Edgardo Mortara

(Pater Pio Maria Mortara. Bildquelle hier.)

Pius IX. war an sich nicht judenfeindlich eingestellt; Pater Pio Maria sagt des weiteren:

„Selbst meine Mutter war überzeugt von seiner Güte. Als sie mir von ihrem Leben und den Anstrengungen erzählte, die sie unternommen hatte, um mich zurück in ihr Heim zu bekommen, sagte sie, dass, wenn sie es geschafft hätte, eine Audienz beim Heiligen Vater zu erhalten, sie ihren Sohn zurückbekommen hätte. Sie fügte hinzu: ‚Pius IX. ist so gütig.‘

Dazu, dass er die Tore zum Ghetto entfernen ließ, erinnere ich mich vage daran, dass der Diener Gottes auch die Vorschrift entfernte, dass Juden einen Ausweis oder erkennbare Kleidung tragen mussten, die sie als Juden kenntlich machte.'“

Sabatino Scazzocchio, Sekretär der jüdischen Gemeinde von Rom zur Zeit von Edgardos Trennung von seiner Familie, schrieb an Edgardos Vater Salomone Mortara nach dessen erstem Besuch in Rom:

„Über Edgardo kann ich Ihnen nichts sagen, außer dass er vollkommen gesund ist. Was den Fall angeht, habe ich keine andere Alternative als Ihnen gegenüber zu wiederholen, was Signor Alatri und wir alle jetzt schon tausend Mal gesagt haben: nämlich, dass das indiskrete Geschwätz so vieler Zeitungen, die aus jedem möglichen Ereignis Brennstoff für politische Leidenschaften beziehen, die Angelegenheit vergiftet hat. Indessen, wenn sie es uns überlassen hätten, uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern, hätte die gesetzmäßige Vorgehensweise, die nach unserem Grundsatz immer befolgt worden ist, uns vielleicht erlaubt, unser ersehntes Ziel zu erreichen, angesichts des gütigen und mildtätigen Charakters von ihm, der auf dem Thron sitzt [d. h. Pius IX.]. Sicherlich kann sie nicht in diesen Schuldzuweisungen gegenüber dem Journalismus Trost für ihren ungemeinen Kummer finden, aber ich kann mir nicht helfen, den Worten Luft zu machen, die sich an meine Seele klammern und sie mit Bitterkeit und Zorn bewässern.“ (Zitiert in: Vittorio Messori (Hrsg.): Kidnapped by the Vatican? The unpublished memoirs of Edgardo Mortara, S. 11)*

(Die römische Gemeinde beteiligte sich dementsprechend auch nicht wirklich an der Kampagne um Edgardo; hier war die Gemeinde in Alessandria führend.)

Sowohl Edgardos Mutter als auch Scazzocchio irrten sich ziemlich sicher, wenn sie meinten, mit einer persönlichen Audienz beim Papst oder ohne die politische Ausschlachtung des Falls durch die Presse hätte Pius IX. nachgegeben; dazu war er seinen Prinzipien zu treu. Aber es sagt doch etwas aus, dass sie in dieser Weise über ihn dachten.

Der italienische Historiker Vittori Messori, der Pater Pio Marias Memoiren herausgegeben hat, erwähnt in seiner Einleitung dazu (aus der ich auch dieses Zitat habe) ein weiteres Zitat von Scazzocchio, das belegt, dass Edgardo tatsächlich schon kurz nach seiner Ankunft in Rom am christlichen Glauben hing und das nicht nur eine spätere Rückprojektion seinerseits war:

„Schon am 11. August 1858, also nur etwas mehr als anderthalb Monate nach der Trennung des Jungen von seiner Familie, schreibt der Sekretär der römischen jüdischen Gemeinde, Sabatino Scazzocchio, den wir schon getroffen haben, den Eltern in Bologna, dass das erste Hindernis, dem sie sich gegenüberstellen müssen würden, unvorhersehbarerweise ‚der Widerstand, den Edgardo gegenüber der Rückkehr zur Ausübung unserer Religion zeigt‘ war.“ (S. 28)

Diese Memoiren, die Messori vor nicht allzu langer Zeit herausgegeben hat, verfasste Pater Pio Maria Mortara 1888; zu dieser Zeit war er in Spanien mit einigen anderen Augustiner-Chorherren vom Lateran mit der Gründung einer neuen Ordensniederlassung mitsamt einem Kleinen Seminar beschäftigt. Er schrieb sie, um den ständigen Gerüchten um sein Leben entgegenzutreten und seiner eigenen Perspektive Gehör zu verschaffen. Sie sind nicht allzu lang, aber natürlich ausführlicher als seine spätere Aussage im Seligsprechungsprozess; daher hier jetzt noch ein paar Zitate aus diesen Memoiren, um ergänzende Fakten, die in der oben zitierten Zeugenaussage nicht vorkommen, für die daran Interessierten zusammenzutragen. Pater Pio Maria spricht hier von sich in der dritten Person.

Über seine Trennung von seiner Familie schreibt er:

„Um zu unserer Geschichte zurückzukehren: Eines Tages im Juni 1858 wachte Edgardo zwischen zwei Wachposten auf, die spät nachts am Haus seines Vaters aufgetaucht waren, um zu verhindern, dass der Junge weggebracht wurde, während Vorbereitungen für die Trennung getroffen wurden.

Man kann sich das Entsetzen des armen kleinen Geschöpfes leicht vorstellen, als er sich von den Wachen flankiert sah, da er immer große Furcht beim Anblick eines Soldaten gezeigt hatte. Die Soldaten, die die Familienmitglieder in der konziliantesten und freundlichsten Weise, die möglich war, behandelten, verließen Edgardo nicht einen Augenblick lang; sie begleiteten ihn in jeden Raum des Hauses, in den er gehen musste. In diesen Tagen hatte sich die Mutter, Marianna, in ein Haus auf dem Land zurückgezogen, während Edgardo mit seinem Vater und den anderen Geschwistern geblieben war.

Schließlich kam der endgültige Befehl aus Rom. Am 24. Juni, bei Anbruch der Nacht, kamen der Polizeichef und zwei Wachen zu Pferd zum Haus der Mortaras, um zuzusehen, dass die Trennung vor Tagesanbruch geschah.

Die Mutter, Marianna, war zuvor nach Hause zurückgekommen, um das Kind ein letztes Mal zu umarmen. […]

Schließich kam der Zeitpunkt der Trennung. Der Vater protestierte wieder vehement gegen die Tat, die er als barbarisch beschrieb, während die Mutter in Seufzen, Tränen und durchdringende Schreie ausbrach. Die Mutter war wahrhaft in einem bemitleidenswerten Zustand; als sie Edgardo ein letztes Mal umarmte, war sie völlig in Tränen gebadet. Sie erlag der Heftigkeit ihres Kummers, wurde ohnmächtig und fiel zu Boden. Ihr Mann und die anderen Kinder hoben sie auf. Jeder schluchzte bitterlich.

Edgardo erinnert sich nicht, viel geweint zu haben. Er erinnert sich an die folgende Tatsache. Als ihn eine der Wachen auf die Arme nahm, um ihn zu der Kutsche zu tragen, die vor der Haustür wartete, fragte er mit schlichtem Freimut: ‚Und werdet ihr jetzt meinen Kopf abschneiden?‘ Nach ein paar gütigen Worten von der Wache beruhigte er sich und leistete keinen Widerstand.

Sie setzten ihn zwischen drei Wachposten in die Kutsche; berittene Gendarmen bildeten die Eskorte. Sie breiteten einen Mantel über ihn, damit er sich ausruhen konnte. Die Nacht war tatsächlich sehr kühl. Nachdem er das Haus seines Vaters verlassen hatte, und sah, dass er unter Soldaten und Fremden war, begann das Kind zu weinen. Er rief laut, und schrie nach seinen Eltern.

Die Wachen sprachen freundlich mit ihm; sie gaben ihm kleine Kuchen und Schokolade. Eine große Ruhe, ein tiefer, friedlicher Schlaf folgte auf diese ersten verstörenden Momente.

Den Wachen war befohlen worden, Uniformen zu tragen, um Respekt für die Obrigkeit zu gebieten und sich gegen mögliche Unruhen zu verteidigen. Nachdem sie den Ort der Trennung verlassen hatten, an den Stadttoren, verließen die Wachen in Uniform Edgardo. Nur ein Korporal, der Zivilkleidung trug, blieb bei ihm, aus Rücksicht auf das natürliche Unbehagen, das das Kind gegenüber allem Militärischen empfand. Der Reisegefährte hatte strikte Befehle, das Kind mit großer Güte und Freundlichkeit zu behandeln, es mit allen Arten von Aufmerksamkeiten und Fürsorge zu überhäufen, und er tat dies sehr gewissenhaft. […]

Zwei sehr fromme Damen, die mit ihm reisten, merkten bald, was passiert war. Sie boten an, ihn mit den Grundlagen der christlichen Lehre bekannt zu machen. Edgardo nahm das gern an und lernte, das Vaterunser und das Gegrüßet seist du Maria aufzusagen, das Kreuzzeichen zu machen, und Maria, die Allerseligste, anzurufen. (S. 84-86)

Edgardo erwähnt in diesen Memoiren auch, dass er in die Schule der Augustinerchorherren vom Lateran gegeben wurde, weil er diesen Wunsch aussprach, als er sie in der Kirche sah, wo er mit den Schwestern des Rektors Enrico Sarra, der sich in dieser ersten Zeit um ihn kümmerte, zur Messe ging.

Über seine religiöse Erziehung bei seinen Eltern schreibt er:

„Der kleine Junge wusste kaum, dass es Christen gab, über die zu Hause nie gesprochen wurde, weder im Guten noch im Schlechten.

Überdies lernte Edgardo seit seiner frühesten Kindheit von seiner Mutter, einer Frau, die sehr fromm in ihrem Glauben war, die ersten Grundlagen der mosaischen Religion. Er betete jeden Tag mit ihr, wobei er die üblichen Gebete auf Hebräisch sprach.

In der jüdischen Schule, die Edgardo besuchte, als er noch sehr jung war, war er mit der Geschichte des mosaischen Glaubens und des Talmuds bekannt gemacht worden, und mit der Sprache Palästinas. […] Er bekam für seinen frühzeitigen Eifer viele Geschenke, Süßigkeiten und Spielsachen.

Was natürlich daraus hervorging und sich im Grunde seines Herzens zeigte, war eine sehr erhabene Vorstellung von Gott, begleitet von einem Gefühl tiefen Respekts und exzessiver Furcht.“ (S. 101f.)

Dann, nach seiner Reise nach Rom:

„Seit diesen glücklichen Momenten ist Edgardo ein Christ gewesen. Es ist, als ob er so geboren wäre. Er gehört, mit aller Kraft seiner Seele, an die mütterliche Brust der Kirche, seiner Adoptivmutter. Er will katholische Kirchen besuchen, mit der Kirche beten. Er beginnt schon, für seine Eltern zu beten, für die er immer eine sehr kindliche, sehr zärtliche Zuneigung bewahren wird. (S. 105)

Aus seiner weiteren Kindheit erzählt er:

„Wenn der junge Edgardo in der Öffentlichkeit war, in großen Menschenmengen, zeigte der Papst immer großes Unbehagen, da er fürchtete, dass ’sie ihn rauben könnten‘, wie er es schlicht ausdrückte. Das verursachte häufige Witze unter Edgardos Mitschülern und Freunden, die manchmal über die naive Unschuld des Kindes lachten, das Angst davor hatte, ‚geraubt‘ zu werden, als ob er ‚eine wertvolle Sache‘ wäre (wie sie belustigt zu sagen pflegten).

Das Gefühl von Angst und Verlegenheit war augenfällig bei Edgardo, besonders bei den sehr häufigen Siuationen, in denen Ausländer aus jeder Nation, angezogen durch Neugier, ‚den kleinen Mortara‘ sehen wollten, und speziell wenn die Klasse des Kollegs, zu dem er gehörte, durch das Ghetto, das heißt den jüdischen Distrikt, ging.“ (S. 107)

Diese Ängste waren nicht ganz unbegründet; Messori schreibt in seiner Einleitung:

„[D]er Mortara-Fall veranlasste die Gründung der immer noch existierenden Alliance Israélite Universelle, der ersten jüdischen Organisation zur Selbstverteidigung mit globaler Perspektive. Diese Organisation handelte schnell und entschieden, wenn man bedenkt, dass sie – in Zusammenarbeit mit Archives Israélites, einer der wichtigsten jüdischen Zeitungen – eine Belohnung von 20.000 Francs, ein wahres Vermögen, auslobte für jeden, der ein bewaffnetes Eindringen in Rom organisieren würde, um das Kind aus den Fängen seines Entführers zu befreien.“ (S. 17)

Pater Pio Maria erwähnt auch, dass er, als 1867 wieder eine regelmäßige briefliche Korrespondenz mit seiner Familie begann,  die nachträgliche Zustimmung seines Vaters zu seinem Ordenseintritt einholen musste (in diesem Jahr, mit 16, wie es das Mindestalter gerade so zuließ, legte er seine zeitlichen Gelübde ab) und sie erhielt:

„Die Eltern allerdings waren völlig in Unkenntnis davon, was geschehen war. Mit Blick auf die jüngste Gesetzgebung, sehr günstig für die elterlichen Rechte, aber nachteilig für die persönliche Freiheit und das göttliche Gesetz, war es zwingend erforderlich, die nachträgliche Zustimmung des Vaters zu erhalten, um die Entscheidung, die Edgardo getroffen hatte, sich ganz Gott zu weihen, zu bestätigen und zu genehmigen.

Dem stand allerdings die sine-qua-non-Bedingung entgegen, von Beginn der Familienkorrespondenz an festgesetzt, dass ‚wir nie über irgendetwas sprechen werden, das die Religion betrifft‘.

Es war daher notwendig, zuerst die Erlaubnis zu erlangen, das Thema anzusprechen. Edgardo bat seinen Vater darum. Er stimmte zu, nachdem er korrekterweise erfahren hatte, dass es nicht darum ging, über die Religion zu diskutieren, sondern nur darum, ein Geheimnis anzuvertrauen. Der junge Mann erzählte seinen Eltern die Nachricht über die Art und das Wesen des Standes, in den er gerade eingetreten war. […] Er sagte, dass er bei dieser Entscheidung einer festen und freien Bewegung seines Willens gefolgt war, ohne Beeinflussung durch irgendeine Art von Druck oder Zwang. Er berichtete, dass, auch wenn er auf der Grundlage dieser freien Wahl allen materiellen Besitztümern entsagt hatte, und sich ganz Gott geweiht hatte, dies ihn nicht daran hinderte, als ein guter Sohn, mit seiner ganzen Seele seine lieben Eltern und Familie zu lieben, und Anteil an ihrem wahren Glück zu nehmen.

Auf all das antworteten seine Eltern, dass, ‚wenn das seine Entscheidung war, und er sie in Freiheit getroffen hatte, sie keine Einwände hatten, und völlig zufriedengestellt waren.'“ (S. 112f.)

Es wurde in den Briefen auch davon gesprochen, dass seine Familie ihn besuchen könnte, aber:

„Trotz wiederholter Versicherungen und Ankündigungen setzten sie allerdings nie ein Datum für den Besuch fest, was Edgardo sehr verwirrte, der nichts mehr wünschte als seine umgehende Verwirklichung.“ (S. 114)

Dann kam 1870 die Eroberung des Kirchenstaates, Pater Pio Maria beschreibt, wie er im Kloster stundenlang die Kampfgeräusche hörte, und wie dann die weiße Flagge über dem Petersdom wehte. „Sein [Pius‘ IX.] edelmütiges Herz konnte nicht länger zulassen, dass die tapferen Helden, die ihn verteidigten, für ihn ihr Blut vergossen und für ihn starben. Die Flagge, die über dem Vatikan wehte, setzte den Kämpfen ein Ende. Aber das heißt nicht, dass der Papst sich dem Prinzip ‚Macht vor Recht‘ und der brutalen Theorie des ‚fait accompli‘ unterwarf.“ (S. 115) Kurz danach besuchten sein Vater und ein Bruder ihn erstmals, der Rest wurde oben schon erzählt; er floh nach Tirol.

Dort blieb er zwei Jahre (unter falschem Namen), dann kam er nach Frankreich; als dort die ausländischen Ordensleute ausgewiesen wurden, ging er kurz zurück nach Italien (inkognito, da er sich dem Militärdienst entzogen hatte, und blieb bei Bekannten, da die italienischen Orden inzwischen vom Staat enteignet worden waren), wo er eine Zeit lang ziemlich krank war, dann ging er kurz zurück nach Tirol, dann, wie oben erwähnt, nach Spanien. 1891 konnte er erstmals offen nach Italien zurückkehren,  da die Sache mit dem Militärdienst verjährt war. Er kam in den nächsten Jahren in einem großen Teil Europas herum – Spanien, England, Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, hauptsächlich, um zu predigen und Spenden für seinen Orden zu sammeln (für die neue Niederlassung in Spanien, und für die unterdrückten Ordensbrüder in Italien), obwohl er immer noch häufig krank war. Er sprach neben Italienisch auch Deutsch, Französisch, Spanisch, Baskisch und Englisch, zusätzlich zu Latein, Griechisch, Hebräisch, und muss ein guter Prediger und Seelsorger gewesen sein; u. a. trat er übrigens beim Deutschen Katholikentag 1893 in Würzburg auf.

Hier findet man übrigens auch autobiographische Notizen von ihm, wo er noch mehr von seinem späteren Leben erzählt (auf Deutsch; allerdings enthält der Text ein paar kleinere Unstimmigkeiten, z. B. was Edgardos Alter bei seiner Taufe angeht; vielleicht Fehler des Setzers oder des Übersetzers, falls der Text nicht ursprünglich auf Deutsch geschrieben wurde) und seine beiden Reden vom Katholikentag, in denen er die deutschen Katholiken für diese Veranstaltung, für ihre Papsttreue und ihre Einigkeit z. B. bei der Sozialen Frage sehr lobt; außerdem sagt er dabei u. a.:

„Es genügt nicht, im Privatleben ein Christ zu sein, das Übernatürliche der Kirche muß sich geltend machen im christlichen Leben, in der Schule, in der Bildung der Jugend, überhaupt im öffentlichen Leben des Menschen. Und gerade diesem Übernatürlichen habe ich es zu verdanken, daß ich durch die Gnade Gottes bin, was ich bin. Der Betonung dieses übernatürlichen Rechts der Kirche, wie es Pius IX. so hervorhebt, habe ich es zu verdanken, daß ich heute ein Christ, ein Katholik bin, daß ich der katholischen Kirche angehöre [Stürmischer Beifall!], daß ich ein Religiose, ein bescheidener Sohn des heiligen Augustin als regulierter Chorherr vom Lateran bin, daß ich die Ehre habe, der Katholikenversammlung der deutschen Nation beizuwohnen. [Lebhafter Beifall!]“

Pio Edgardo Mortara

(Pater Pio Maria in späteren Jahren.)

Er wurde fast neunzig und starb 1940 in Belgien. Messori schreibt im Vorwort zu den Memoiren über sein Leben:

„Sein Leben war so erbaulich, dass seine Ordensoberen, nachdem sie den Ruf der Heiligkeit, der den Verstorbenen umgab, und die Pilgerreisen der Gläubigen zu seinem Grab anerkannten, sich entschlossen, den Prozess zu seiner Seligsprechung einzuleiten. Aber der Wirbelsturm des 2. Weltkriegs vereitelte diese Pläne. Es gibt allerdings manche, die vorschlagen, die Prozedur neu zu beginnen. […]

Der Priester starb, kurz bevor er neunzig geworden wäre, am 11. März 1940 in der Abtei von Bouhay in Belgien, einem Land, in das ein paar Wochen später die Deutschen einmarschieren würden. […]

In seinen letzten Lebensjahren hatte Pater Mortara den Wunsch ausgedrückt, sein langes Leben in seiner Heimat Italien zu beenden, die er sehr liebte, auch wenn er aus ihr hatte fliehen müssen, um der ‚Befreiung‘ zu gehen, die die Piedmonteser ihm aufzwingen wollten, als sie mit Kanonendonner in Rom einzogen. Seine Mitbrüder trafen daher 1939 Vorbereitungen für den Transport des kranken alten Mannes in eines ihrer Häuser in Genua, aber der Ausbruch der Kampfhandlungen durchkreuzte auch diesen Plan.“ (S. 2)

 

So viel zu ihm persönlich; über das weitere Schicksal seiner Familie schreibt Pater Pio Maria in seinen Memoiren:

„Was die Mortara-Familie angeht, müssen wir berichten, dass die berühmte Entführung nicht ihren Ruin verursachte, sie nicht in die Armut sank, im Gegensatz zu dem, was die Feinde der Kirche und der weltlichen Macht des Papstes gerne wiederholen, um diese Vorwände zu benutzen, um ihn zu zerstören. [Hier ist gemeint, dass manche verbreiteten, die Mortaras könnten sich wegen ihrer Bemühungen, ihren Sohn wiederzubekommen, nicht mehr um ihren Lebensunterhalt kümmern.] Stattdessen war die Trennung der Beginn, wenn nicht direkt von Reichtum, dann doch zumindest eines Wohlstandes, den sie zuvor nicht genossen hatten. Tatsächlich wurden Signor und Signora Mortara großzügige Spenden geschickt […]. Der Name Mortara erlangte unerwartete Berühmtheit. […]

Von den elf Kindern, Frucht der Verbindung von Signor und Signora Mortara, lebten zwei nur ein paar Monate. Riccardo, der älteste, trat der Armee bei und wurde ein Offizier. Dann kehrte er zu seiner Familie zurück.

Nach dem Tod des Vaters, Salomone, erwarb Augusto einen Doktortitel in der Rechtswissenschaft. Die anderen drei Brüder arbeiteten in verschiedenen Bereichen des Handels und der Industie. Die drei Schwestern gingen, nachdem sie ihre Ausbildung beendet hatten, anständige Ehen ein.

1872 erhielt Don Pio die überaus traurige Nachricht vom Tod seines geliebten Vaters, der sich unter Umständen ereignete, die zu schmerzhaft und unerfreulich sind, um sie auf diesen Seiten zu berichten. Möge die unendliche, unerschöpfliche Güte Gottes geruhen, auf ihn mit Liebe und Barmherzigkeit zu blicken!“ (S. 148f.)

Mit den schmerzhaften Umständen meint Pater Mortara hier, dass sein Vater in einem Mordprozess wegen des Todes einer Dienstmagd angeklagt war und einige Monate in Untersuchungshaft verbrachte, aber letztlich freigesprochen wurde, und wenig später starb. Über seine Mutter schreibt er:

„Die trauernde ältere Mutter lebt noch und hat fast das Alter von siebzig erreicht. Sie ist sehr streng und gewissenhaft in ihrer jüdischen Religion und will das Gesetz des Mose in ihrer Familie beachtet sehen. Sie ist voll der Empfindungen des grenzenlosen Vertrauens in Gott, dessen Namen sie immer im Mund führt. In Bezug auf die Religion sind ihre drei Töchter, Erminia, Ernesta und Imelda, wahre Abbilder ihrer Mutter.

Als Folge der politischen Ereignisse, die 1870 stattfanden, und der kritischen und delikaten Situation, in der sich Don Pio befand, endete die Korrespondenz mit seiner Familie. Er konnte sie erst 1876 wieder aufnehmen. Seitdem ist zwischen Don Pio und allen seinen Geschwistern, aber besonders zwischen ihm und seiner geliebten, verehrten Mutter, deren Porträt er immer in Sichtweite behält, eine zärtliche, kindliche, herzliche Korrespondenz ausgetaucht worden.

Diese arme Dame, die in dem berühmten Mortara-Fall die Frau des Leidens war und immer sein wird, wird von allen ihren Kindern verehrt und liebt sie alle zutiefst, aber hat eine Vorliebe, wie es natürlich ist, für ihren ‚Sohn des Kummers‘, Edgardo. Er hat ihr ungewollt viele Tränen und viel Bitterkeit verursacht. […]

In den dreißig Jahren, die er von zu Hause fort verbracht hat, hat Don Pio seine geliebte Mutter nur zweimal getroffen, auf eine kurze, flüchtige Weise, während seines erzwungenen Exils in fremden Ländern. Sie scheint nur an ihn zu denken. Sie ist auch sehr unglücklich, weil ihre Gesundheit nicht sehr robust ist. Sie wünscht, dass sie Flügel hätte, um zu ihrem geliebten Sohn zu fliegen, und wartet, wie sie sagte, auf einen  Tag, der kommen möge, an dem Gott ‚ihr helfen und ihr Seine Gunst zeigen‘ möge.

Mehr als einmal hat der Priester versucht, zu seiner Mutter über Jesus zu sprechen, und ihr unglückliches Herz in Berührung mit dem des geliebten Erlösers zu bringen. Die Frau allerdings begann zu weinen, und was kann man zu einer weinenden Mutter sagen? Welche andere Antwort kann man geben als respektvolles Schweigen? […]

Viele Male, unfähig, zu seiner Mutter über Ihn zu sprechen, spricht er zu Ihm über seine Mutter, ganz besonders, wenn er das Heilige Opfer des Altares darbringt und die reine, heilige und makellose Opfergabe in seinen Handen hält und auf seine Lippen legt. […]

Ah, Don Pio lebt von der Hoffnung und weiß, dass Hoffnung nie völlig enttäuscht wird: spes non confundit.

Don Pio hofft, dass der gute Glaube und die natürliche Frömmigkeit seiner Mutter sie retten werden, wie sie die gute Kanaaniterin retteten.“ (S. 149-151)

Seine Mutter starb letztlich im jüdischen Glauben.

Famille Mortara

(Von links nach rechts: Ricardo Mortara (Pater Pio Marias älterer Bruder), seine Mutter Marianna Mortara, und Pater Pio Maria Mortara. Bildquelle hier.)

 

Wie es mit anderen Beteiligten weiterging:

Schon 1859 wurde, wie erwähnt, ein großer Teil des Kirchenstaats, darunter auch Bologna, von den Piedmontesern besetzt; Pater Pio Maria schreibt über das weitere Schicksal des alten Dominikanerpaters Feletti von der Inquisition in Bologna (ja, so hieß diese Behörde noch, auch wenn es im Kirchenstaat schon eine ganze Weile keine Häretikerverbrennungen mehr gegeben hatte):

„Bei diesem Anlass wurde der hochwürdige Pater Feletti, immer noch Vorsitzender der Inquisition, in seinem Zimmer festgenommen, während er um drei Uhr morgens in seinem Bett war. Er wurde sicherheitshalber ins Gefängnis gebracht, angeklagt und beschuldigt als derjenige, der unmittelbar und direkt für die Entführung des Mortara-Kindes verantwortlich gewesen war. Ein Prozess wurde angesetzt, aber der erwähnte Priester wurde freigesprochen und nach drei Monaten Haft freigelassen. Die Darstellung seines vom Gericht gestellten Anwalts triumphierte, wonach Pater Feletti nicht verantwortlich war, da er nichts getan hatte als die strengen Befehle seiner rechtmäßigen Obrigkeit, des römischen Pontiex, auszuführen, der hauptsächlich verantwortlich für die Entführung war. In Rom umarmte Pater Feletti mit großer Freude und Tränen in  den Augen das Mortara-Kind, für dessen ewiges Heil er so viel gelitten hatte, und er  zeigte immer eine besondere Zuneigung zu ihm. Pater Mortara wird diesen ehrenwerten Ordensmann immer in guter Erinnerung behalten, der einer derer war, die direkter bei der geistlichen Wiedergeburt und Erneuerung seiner Seele eingriffen.“ (S. 84)

Über Anna Morisi schreibt er:

„Was die gute Anna Morisi angeht, die das Mortara-Kind  taufte, habe ich schon vorher geschrieben, wenn ich nicht irre, dass, als die Entführung auf ausdrückliche Anordnung von Pius IX. stattfand, das arme Mädchen in Schwierigkeiten war und Bologna verlassen musste, um gewaltsamer Belästigung und Vergeltung zu entgehen.

In dem Verfahren, das 1860 gegen den hochwürdigen Pater Feletti, Vorsitzender der Inquisition in Bologna, stattfand […], wurde es verzeichnet, dass Anna Morisi zu ihrem Geburtsort, Tossignano, in der Nähe von Bologna, zurückgekehrt war. Dort ließ sie sich nieder, nachdem sie kirchlich geheiratet hatte.

Der Pontifex Pius IX. sprach mehr als einmal in Edgardos Gegenwart über das Mädchen. Vermutlich versäumte es der gute Papst nicht, Anteil an ihrer kompromittierten Zukunft zu nehmen und schickte ihr etwas Unterstützung.

Pater Mortara verlor dann völlig die Spur der Morisi.“ (S. 148)

Er schreibt an mehreren Stellen, dass er sie im geistlichen Sinne als seine Mutter betrachtete.

 

Über die Prinzipien, die seinen Fall betreffen, schreibt Pater Pio Maria Mortara:

„Die katholische Religion ist die eine wahre, übernatürliche Religion; sie ist eine Gesellschaft einer höheren Ordnung, wesensmäßig unterschieden von der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Mortaras bekennen die jüdische Religion, die mit ihr unvereinbar und von der Geschichte überholt ist.

Folglich ist die elterliche Autorität von Signor und Signora Mortara vermindert, versehrt und nicht im vollen Besitz ihrer Rechte, noch kennt sie ihre Pflichten. Ihre Pflicht ist es, die wahre, christliche Religion anzunehmen und ihre Kinder in ihr zu erziehen. Das ist eine unausweichliche, absolute Pflicht, bei der es moralisch nicht möglich ist, sich gegen sie zu stellen.

Die Mortaras sind allerdings frei, und Gott achtet ihre Freiheit und will und befiehlt, dass die Menschen sie achten. Daher wird niemand die Mortaras zwingen, ihre Religion aufzugeben, um die katholische Religion anzunehmen, und niemals, niemals dachte die Kirche daran, sie mit Gewalt aufzuzwingen.

Daher folgen die Kinder der Mortaras […] ihren Eltern auf demselben fehlgeleiteten, irrigen Weg. Bis sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind, werden sie zwangsläufig Juden sein, und niemandem wird es erlaubt sein, ihnen irgendwelche anderen Glaubenslehren aufzuzwingen.

Sobald sie allerdings das Alter des Vernunftgebrauchs und den vollen Gebrauch ihrer moralischen Fähigkeiten erreicht haben, werden sie fähig sein, sich umstimmen zu lassen, und können von der Wahrheit angezogen werden, ohne dass die heiligen Rechte der menschlichen Freiheit verletzt werden.

Nichtsdestotrotz betraf der berühmte Mortara-Fall nicht ein jüdisches Kind, sondern ein schon getauftes Kind, eins, das in articulo mortis getauft worden war, als es an dem Punkt war, seinen letzten Atemzug zu tun. […]

An der Schwelle des Todes, wenn der Organismus sich verwandelt, auseinanderfällt und zerstört wird, hört das Kind auf, zu seinen Eltern zu gehören. Dieses versehrte, gebrochene Wesen gehört jetzt der Ewigkeit und Gott, und steuert auf sie zu. […]

Nun, genau in dieser sehr ernsten und schrecklichen Notsituation, als er kurz davor ist, in die Ewigkeit einzugehen, nimmt Gottes unendliche Güte die Seele dieses Kindes, das jetzt aufgegeben ist, in Besitz.

Wer hat sich hier eingemischt, wer die heilige Macht der Freiheit entweiht; wer hat dem Willen dieses Kindes Gewalt angetan?

Alle ‚Schuld‘, wenn es ‚Schuld‘ gibt, liegt bei Gott. Es gibt keinen Zweifel, dass Gottes Rechte denen der elterlichen Autorität übergeordnet sind, der in diesem Fall selbst bloß scheinbare Rechte fehlen. […]

Das Dilemma ist eindeutig. Er wird […] ein erzwungener Apostat, ein tyrannisierter Sohn werden, der nie erfährt, was er ist. […] Oder aber er wird erfahren, was er ist, und wird sich weigern, zu der göttlichen Religion zu gehören, in die Gott ihn aufgenommen hat, und wird frei, willentlich abtrünnig sein; und das wäre ein schreckliches Verbrechen.

Oder aber er wird erfahren, was er ist, und wird Gott folgen wollen, der ihn wie Abraham ruft und ihn einlädt, sein Land und seine Vorväter zu verlassen. Was werden seine Eltern dann tun? Die Feder wagt nicht, es zu berichten, aber die Vorstellungskraft erahnt es und zuckt alarmiert zurück. (S. 159-162)

Nun könnte man sagen: Pius IX. sagte doch selbst, dass in sog. „unüberwindlicher Unwissenheit“ gefangene Nichtkatholiken, die gute Menschen sind, durch Gottes Gnade in den Himmel kommen können; und wenn das für gewöhnliche Juden, Muslime oder Protestanten aus Unwissenheit gilt, müsste es doch auch für Apostaten aus Unwissenheit gelten, auch wenn Apostasie prinzipiell schlimmer ist als Unglaube. Das ist sicherlich so; aber beim Mortara-Fall ging es dem Papst eben wohl einfach um das Prinzip: Ein katholisch getauftes Kind muss katholisch erzogen werden.

 

Abschließende Bemerkungen:

Der Fall wird oft als „Entführung“ Edgardos bezeichnet. Tatsächlich ist das kein besonders sinnvoller Vergleich. Man kann ihn viel mehr damit vergleichen, dass ein Jugendamt aus fester Überzeugung, das Beste für ein Kind zu tun, es aus seiner Familie holt und in eine gute Pflegefamilie gibt, die es selbst dann nicht mehr verlassen will, während seine Eltern, die es lieben, es natürlich unbedingt zurückhaben wollen.

Tatsächlich achtete der Kirchenstaat die Rechte von Eltern, die seine Prinzipien nicht anerkannten, deutlich mehr, als das einige heutige Staaten tun. Der deutsche Staat will ja schon mal die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ (Olaf Scholz) erobern und Eltern, die ihre Kinder auch nur im Homeschooling unterrichten wollen, diese Kinder entziehen. In Norwegen ist es deutlich schlimmer: Hier nimmt das Jugendamt (Barnevernet) Kinder bei den geringsten Anschuldigungen aus ihren Familien (vor allem bei ausländischen Familien), verbietet oft fast völlig den Kontakt zu den Eltern, versucht nicht, Familien wieder zusammenzubringen, und seine Entscheidungen können praktisch nicht angefochten werden. In Kanada können Eltern ihre Kinder weggenommen werden, wenn sie deren Geschlechtsdysphorie nicht bestärken und ihnen keine Pubertätsblocker (mit möglicherweise gravierenden, nicht genau erforschten langfristigen medizinischen Folgen) als Vorbereitung zur Geschlechtsumwandlung verabreichen lassen wollen. In England haben Gerichte in den letzten Jahren in mehreren Fällen (Alfie Evans, Charlie Gard, Tafida Raqeeb) den Tod von kranken Kindern durch Abbruch der Versorgung mit Wasser, Nahrung oder Sauerstoff oder durch Abbruch der medizinischen Behandlung gegen den Willen ihrer Eltern angeordnet, haben mit Polizeigewalt verhindert, dass man sie in ein ausländisches Krankenhaus gebracht hätte, wo man sie weiter versorgt hätte, und eine englische Richterin wollte schon einmal eine Frau mit einer Lernbehinderung gegen ihren Willen zu einer Abtreibung zwingen.

Auch gegenüber der jüdischen Religion hat man heute nicht immer Respekt; es gibt ja in letzter Zeit genügend Leute, die die Beschneidung am liebsten illegal machen würden, also jüdischen Eltern verbieten wollen würden, ihre Söhne überhaupt in ihre Religion aufzunehmen, was der Kirche nie in den Sinn gekommen ist.

Wenn sich also jemand über den Mortara-Fall beschweren will, dann vielleicht nicht gerade die heutige Welt; das ist dann doch etwas heuchlerisch.

Auch damals im 19. Jahrhundert hatte der Protest schon etwas Heuchlerisches; ich möchte noch einmal Messori zitieren:

„Während wir beim Thema Heuchelei sind: Wie Pius IX. selbst mit Bitterkeit bemerkte (es gibt auch Spuren von Bitterkeit in Mortaras Autobiographie) : während die ganze Welt sich wegen des kleinen Jungen aus Bologna empörte, setzte der Zar an, einen der monströsesten Akte des kulturellen Genozids auszuführen – der auf völliges Schweigen der europäischen Mächte traf. In einem Versuch, mit Polens Irredentismus fertig zu werden, sequestrierten die Russen die Söhne der führenden katholischen Familien, um sie zu verschleppen und in Internaten, die vom orthodoxen Klerus geführt wurden, aufzuziehen.

Die menschliche ‚Beute‘, die der Zar, als der oberste Repräsentant der Nationalkirche, wünschte, war weiter angewachsen als Ergebnis des russischen Gesetzes, das vorschrieb, das im Fall einer Mischehe zwischen katholischen und orthodoxen Partnern die Söhne von den orthodoxen Priestern getauft und in deren Glauben erzogen werden müssten, selbst wenn beide Eltern dagegen waren.“ (S. 57)

Der sel. Pius IX. jedenfalls war zutiefst überzeugt, im Mortara-Fall das Richtige zu tun; das, denke ich, ist offensichtlich, auch für Leute, die den Preis für zu hoch und seine Entscheidung nicht für gerechtfertigt halten wollen. Und letztlich ist es doch erstaunlich, was durch die Gnade Gottes – der auch auf krummen Linien gerade schreiben kann – aus Edgardo Mortara wurde.

 

* Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf: Vittorio Messori (Hrsg.): Kidnapped by the Vatican? The unpublished memoirs of Edgardo Mortara, Ignatius Press, San Francisco 2017.

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Ein bisschen mehr Regelfixiertheit, bitte!

Regeln sind ja allgemein nicht immer gut angesehen – zum Beispiel in gewissen liberaleren oder auch in charismatischeren christlichen Kreisen. Da soll lieber „der Geist wehen, wo er will“ und man nicht so „gesetzlich“ denken und überhaupt.

Dabei sind Regeln sehr gut. Hier nur ein paar ihrer Vorteile:

  • Regeln bedeuten, dass jeder sein Recht bekommt und seine Freiheiten hat.
  • Regeln bedeuten, dass jeder seine Verantwortlichkeiten kennt und seine Pflichten erfüllt.
  • Regeln bedeuten, dass nicht mit zweierlei Maßstäben gemessen wird; dass keiner mehr in Anspruch nimmt, als ihm zusteht, oder anderen mehr aufbürdet, als gerecht ist.
  • Regeln nehmen einem die Mühe ab, das Rad immer neu erfinden zu müssen. Wieso sich nicht an etwas halten, was viele erprobt haben?

Chesterton hat einmal so was gesagt wie: Man soll Regeln nie deshalb abschaffen, weil man ihren Sinn nicht sieht; erst dann, wenn man sieht, wieso sie ursprünglich eingeführt wurden, kann man darüber reden, ob sie noch sinnvoll sind oder nicht. Sonst schafft man sie ab und merkt hinterher, dass man auf einmal ungeahnte Probleme bekommt.

Regeln haben oft einen Sinn, der einem zuerst gar nicht auffällt: Ich komme mir z. B. ein bisschen dumm vor dafür, dass mir erst vor gar nicht allzu langer Zeit aufgefallen ist, dass früher die „Als unverheiratete Frau keine Männer nach einer Verabredung mit aufs Zimmer/allein noch mit in die Wohnung nehmen“-Regel nicht nur vor der eigenen Versuchbarkeit oder nachbarlichem Gerede, sondern auch ganz einfach vor date rape schützte.

Noch ein Verweis auf Chesterton: Irgendwo hat er auch gesagt: „If you will not have rules, you will have rulers“ – „Wenn ihr keine Gesetze haben wollt, werdet ihr Gebieter bekommen“. Irgendwie werden immer Entscheidungen getroffen, wird Macht ausgeübt – und entweder läuft das nach anerkannten, für alle geltenden Gesetzen ab, oder nach den Launen derer, die Macht und Einfluss haben, im schlimmsten Fall informellen, nicht von außen nachvollziehbaren Einfluss. Deshalb haben Orden auch Ordensregeln, und Sekten haben Gurus.

Oft ist es schon genug, überhaupt irgendwelche Regeln zu haben, auch wenn der Inhalt unterschiedlich sein kann. Wenn z. B. A sich als Regel setzt, täglich Laudes und Komplet zu beten, B täglich den Rosenkranz betet, und C täglich das Angelus betet und eine Viertelstunde lectio divina betreibt, haben die drei ein Gebetsleben auf ziemlich demselben hohen Niveau, auch wenn sie Unterschiedliches tun. Diese Art von Regeln sorgt auch dafür, dass man etwas wirklich erfüllt – vage Vorsätze („ich sollte mehr beten“) bringen viel weniger als klare Regeln.

Für den Fall, dass jemand mit „Die Wirklichkeit ist so komplex, da kann man doch nicht mit einfachen Regeln kommen!!!111“ gegen „Regelfixiertheit“ ins Feld ziehen will:

  • Manchmal ist die Wirklichkeit im Gegenteil sehr einfach.
  • Für „komplexe“ Wirklichkeiten macht man komplexe Regeln. Mal Juristen fragen, wie komplex das werden kann. Auch Naturgesetze sind machmal kompliziert. Komischerweise ist das dann solchen Leuten oft wieder zu „kleinkariert“, was zeigt, dass das Geschrei von wegen „komplex“ von Anfang an nur ein als Ausrede verwendetes Schlagwort war.

Natürlich gelten rein menschliche Regeln nicht absolut. Aber dafür gibt es ja die Tugend der Epikie: Wenn man vernünftigerweise davon ausgehen kann, dass der, der die Regel aufgestellt hat, sie in diesem Fall nicht beobachtet sehen wollen würde, kann man sich davon entbunden sehen. Einfaches Beispiel: Wenn eine Fußgängerampel rot zeigt, aber auf der anderen Straßenseite ein verletztes Kind liegt, dem ich zu Hilfe kommen muss, kann ich davon ausgehen, dass der Gesetzgeber nicht wollte, dass ich hier brav auf Grün warte.

Anders ist es freilich beim Naturrecht (= den Regeln, die das Wesen der Dinge betreffen; „Natur“ bezieht sich hier nicht auf „was Tiere machen“) und dem positiven (gesetzten) göttlichen Recht, also dem, was Gott angeordnet hat. Das gilt sehr wohl absolut. Und hier gilt auch: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Joh 14,15)

Wie es einer der Psalmen so schön sagt:

„Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN.
  Selig, die seine Zeugnisse bewahren, ihn suchen mit ganzem Herzen,
  die kein Unrecht tun und auf seinen Wegen gehn.
  Du hast deine Befehle gegeben, damit man sie genau beachtet.
  Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet, deine Gesetze zu beachten.
  Dann werde ich nicht zuschanden, wenn ich auf all deine Gebote schaue.
  Mit lauterem Herzen will ich dir danken, wenn ich deine gerechten Entscheide lerne.“
(Ps 119,1-7)

039.Moses Comes Down from Mount Sinai.jpg

(Mose kommt mit den Gesetzestafeln vom Sinai herunter, Darstellung von Gustave Doré. Gemeinfrei.)

Die 68er-Bewegung: Am Ende nur Fehler und Verbrechen

Eine Rezension zu Bettina Röhls Buch „‚Die RAF hat euch lieb‘: Die Bundesrepublik im Rausch von 68 – eine Familie im Zentrum der Bewegung“.*

 

Über die 68er, die RAF/“Baader-Meinhof-Gruppe“ und von der RAF besonders über Ulrike Meinhof wurden ja schon einige Bücher geschrieben; das Buch der Journalistin Bettina Röhl ist in zweierlei Weise besonders: Erstens, sie war als Ulrike Meinhofs Tochter als Kind von der Gründung der RAF persönlich betroffen; zweitens, sie nimmt eine grundsätzlich kritische Haltung zur 68er-Bewegung ein. Letzteres unterscheidet sie von Autoren wie Stefan Aust („Der Baader-Meinhof-Komplex“) oder gar Jutta Ditfurth („Ulrike Meinhof. Die Biographie“), die ja aus einer sehr linken Perspektive schreibt und Ulrike Meinhof schon mal öffentlich unter feministischen Vorbildern erwähnt:

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Zurück zu diesem Buch: „Die RAF hat euch lieb“ ist eigentlich die Fortsetzung zu Frau Röhls „So macht Kommunismus Spaß! – Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte konkret“ und beginnt im Frühling 1968, als Ulrike Meinhof, zu dieser Zeit eine relativ bekannte und engagierte linke Journalistin Mitte dreißig, sich von ihrem notorisch untreuen Mann Klaus Rainer Röhl (dem Herausgeber der linken Zeitschrift konkret) scheiden lässt und mit ihren fünfeinhalbjährigen Zwillingstöchtern Bettina und Regine vom Hamburg nach Westberlin zieht, und endet 1974 bei ihrer Zeit in der Untersuchungshaft, bevor sie aus der Einzelhaft in Köln-Ossendorf nach Stuttgart-Stammheim verlegt wird, wo sie wieder mit den anderen RAF-Terroristen zusammenkommen, wo der Prozess gegen sie geführt werden, und wo sie 1976 Selbstmord begehen wird.

 

Auf ungefähr 600 Seiten wird Meinhofs Leben in Berlin 1968-1970 beschrieben, wo sie sich weiter radikalisiert, ihr Gang in den Untergrund anlässlich der Baader-Befreiung 1970, die Ausbildung in einem palästinensischen Terrorcamp, der RAF-Terror bis 1972, und die erste Zeit der Haft bis 1974. Es hilft vielleicht, wenn man sich schon ein bisschen mit Meinhofs früherem Leben auskennt; wie sie sich von der evangelischen Christin zur Kommunistin wandelte, wie sie Klaus Rainer Röhl heiratete, wer ihre Pflegemutter Renate Riemeck war usw.; und damit, was überhaupt so die politischen Debatten dieser Zeit waren – aber ich glaube, man wird auch so keine großen Schwierigkeiten haben (ich habe vor mehreren Jahren Alois Prinz‘ Biographie „Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof“ in der 9.oder 10. Klasse als Schullektüre gelesen, was ganz hilfreich war).

Das Buch ist keine Meinhof-Biographie; eher geht es um den Kontext von 1968 und den linken Terrorismus, und in diesem Kontext um Ulrike Meinhof und ihre Familie. In den Text sind drei Essays von Bettina Röhl eingebettet: einer am Anfang über die Bundesrepublik vor 1968, einer in der Mitte über den Erfolg der 68er und einer etwas weiter hinten über Meinhof als linke Ikone.

Im ersten Essay macht die Autorin deutlich, wie gut der Zustand der BRD in den 50ern und 60ern tatsächlich war – vor allem in Bezug auf die Wirtschaft und den weit verbreiteten Wohlstand, aber auch in Bezug auf Sicherheit, Sozialstaat, Rechtsstaat, Kultur; sie bemerkt auch eine gewisse Liberalisierung schon ohne 68. (Wie man die bewertet, ist freilich Ansichtssache.)

Danach, im langen Teil I („Auf dem Höhepunkt von 68″), schreibt sie über Ulrike Meinhofs Zeit in Westberlin ab März 1968, wo Meinhof Anschluss an die Neue Linke dort – die sog. Außerparlamentarische Opposition (APO), den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) – suchte; es geht um die großen Demonstrationen und Kongresse mit Leuten wie Rudi Dutschke, wo es z. B. gegen das militärische Eingreifen der USA im Vietnamkrieg oder den persischen Schah oder den Springer-Verlag („BILD“, „Welt“) und ähnliche Themen ging. Wobei, so groß waren sie im Vergleich nicht: Eine große Demonstration in Berlin fand 12.000 Teilnehmer, und ein paar Tage später gingen 80.000 Berliner gegen die Neue Linke auf die Straße. Es handelte sich, wie Frau Röhl deutlich macht, um eine kleine Minderheit, die aber eine ziemliche Medienpräsenz fand und bald ziemlich ernst genommen wurde.

Die Autorin dokumentiert an dieser Stelle sehr gut die Seiten der 68er, die heute nicht mehr so sehr betont werden: Vor allem die riesige Begeisterung für Mao Zedong, dessen Rote Garden die Bevölkerung in China damals auf unglaubliche Weise terrorisierten (diese Passagen sind besonders interessant), die Begeisterung für weitere Diktatoren und Terrorgruppen der Dritten Welt, außerdem die völlig fehlenden konkreten Vorstellungen davon, was man denn in der Bundesrepublik revolutionieren müsse (irgendwie müsse es mit Enteignungen und Sozialismus funktionieren), und ihr nebulöses Geschwafel von der Schaffung eines „Neuen Menschen“; oder auch die Tatsache, dass die Aufarbeitung der Naziverbrechen gar nicht wirklich in ihrem Fokus war, wie später oft behauptet. Außerdem geht sie z. B. auf ihren – noch immer nachwirkenden – doch sehr einseitigen Blick auf den Vietnamkrieg ein, wo sie sich einfach auf die Seite des grausamen Aggressors Nordvietnam stellten. Sie zeigt sehr gut, wie sich die Neue Linke weigerte, das zu sehen, was sie nicht sehen wollte (v. a. das Elend in China unter Mao).

Sie macht auch deutlich, wie hilflos und milde der westdeutsche Staat von da an immer öfter gegenüber linker Gewalt reagierte: Etwa bei einer Massenamnestie von 1970 für Verbrechen, die mit unter acht Monaten Haft bestraft worden waren, und die speziell für die oft ziemlich randalierenden Studenten geschaffen worden war. Linke Gewalt wurde zur kleingeredeten und für viele zur gerechtfertigten Gewalt; das zeigte sich auch bei den Bombenanschlägen der „Tupamaros West-Berlin“ um Dieter Kunzelmann aus der Kommune 1 (z. B. einem versuchten Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin; aus dem sog. Antizionismus der Neuen Linken wurde schon bald tätlicher Antisemitismus), und der Kaufhausbrandstiftung durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein, die später zu zentralen Figuren der RAF wurden.

In dieser Zeit wollte Meinhof auch ihre Töchter im revolutionären Sinn umerziehen. Frau Röhls Schilderungen haben hier etwas sehr Ironisches:

„Niemand sollte uns mehr zwingen, ins Bett zu gehen. Eine gewisse Verdrecktheit war angesagt. Wir sollten laut, rücksichtslos, aggressiv auftreten, Nachbarn stören und auf keinen Fall ‚Bitte‘ oder ‚Danke‘ sagen.
 Ich sollte nicht mehr mit Puppen spielen, was mir ganz und gar missfiel. […]
 Das war jetzt das Diktat der Mutter im Befreiungskampf. Ich war, obschon noch keine sechs Jahre alt, auch wenn ich nicht alles verstand oder, besser gesagt, gar nichts verstand, fassungslos. Ich kämpfte plötzlich um meine Kleider, ich kämpfte um meine Haare, ich kämpfte um mein früheres kleines Leben, das mir sehr gut gefallen hatte. Und ich bekam einen Wutanfall nach dem anderen, die einen irrsinnig heftigen Widerstand bei ihr erzeugten und ein endloses, erschöpfendes und ziemlich autoritäres Diskutieren und Erklären, bis ich vor Erschöpfung umfiel. Ob ich es nun wohl endlich verstanden hätte, dass Kleider und Schmuck repressiv seien und Mädchen zu Puppen machten!“ (S. 121)

Ulrike Meinhof zeigte sich auch sonst nicht als die beste Mutter; ihre Kinder waren z. B. ständig zu spät und ohne Pausenbrot und anständige Ausstattung in der Schule, nachdem sie im Herbst 1968 in einer Privatschule eingeschult worden waren. In dieser Zeit lernte sie auch einen neuen Partner kennen, Peter Homann, ein ehemaliger Kunststudent, der ebenfalls zur sozialistischen Szene in Berlin gehörte, der zu ihr zog und sich besser um die Zwillinge kümmerte, und von dem Frau Röhl viele Aussagen in ihr Buch aufgenommen hat. (Sie bringt etliche lange Zitate aus Interviews mit Zeitzeugen, was sehr interessant ist.)

Während sie in Berlin lebte, schrieb Ulrike Meinhof außerdem weiter für konkret und startete auch einige Versuche, die Zeitschrift ihres Exmannes mit ihren Leuten zu übernehmen; als das nicht gelang, kündigte sie und organisierte dann noch eine Besetzung des Verlags und einen Überfall ihrer Leute auf das Wohnhaus von Klaus Rainer Röhl. Ihre Beziehung zu ihrem Exmann war überhaupt nicht die beste: ihrem Scheidungsanwalt gegenüber verbreitete sie Lügen über Klaus Rainer Röhl, sie hetzte Bettina und Regine gegen ihn auf, verhinderte seine Besuche und fing schließlich seine Briefe an die Kinder ab. Auch wenn Röhl durchaus nicht immer sympathisch und oft etwas eigen wirkt: Meinhof macht hier erst recht nicht den besten Eindruck.

Zudem schrieb sie in dieser Zeit das Drehbuch für ein Fernsehspiel über Heimkinder, und verschiedene Linke aus APO-Kreisen – u. a. Baader; die Kaufhausbrandstifter waren auf freiem Fuß, während ihre Revision lief – aus Frankfurt und aus Berlin fuhren auch tatsächlich zu Heimen für schwer erziehbare Jugendliche und brachten einige dazu, aus dem Heimen zu fliehen, woraufhin sie in deren WGs aufgenommen wurden. Besonders gut durchdacht war das nicht; Frau Röhl zitiert die spätere RAF-Terroristin Astrid Proll: „Und in allen Wohngemeinschaften gab es Streit mit den zum Teil kriminellen Jugendlichen, die alles klauten, asozial waren und nicht mehr wussten, wo es langging. Eine Diskussion lief an. Die Frage wurde diskutiert, ob man die Jugendlichen zu Revolutionären erziehen oder sie für ein normales Leben fit machen sollte. Baader wollte sie kriminalisieren. Gudrun und Andreas waren die ‚Stars‘, sie fuhren mit einem dicken Mercedes herum, nahmen reichlich Drogen, vor allem Haschisch und LSD.“ (S. 212f.) Trotzdem schafften die Leute um Baader es sogar, für ihre ‚Lehrlingskollektive‘ Subventionen vom Jugendamt zu bekommen.

An diesem Buch zeigt sich beispielhaft, wie die totale linke Politisierung ein Familienleben ruinieren konnte (alles war für Meinhof in dieser Zeit politisch und sie muss dabei anscheinend ziemlich unglücklich gewesen sein; es ist krass, wie sie z. B. in ihrem Osterurlaub 1969 Peter Homann als Faschist beschimpfte, weil er mit ihren Kindern Sheriff und Banditen spielte); und wie die versuchte Auflösung aller Strukturen durch die 68er oft einfach nicht funktionierte (z. B. bei den Heimkindern um Baader).

Dann kommt Frau Röhls zweiter Essay: „Der Triumph von 68“. Sie dokumentiert hier, wie Ende 1968, nach dem Attentat auf Dutschke, bei der engagierten Minderheit der neulinken Dauerprotestierer irgendwie „die Luft raus“ war und sie sich weiter zersplitterten, obwohl sie sich gerade da in der Gesellschaft durchzusetzen begannen und ihre Ideen sich weiter verbreiteten, v. a. nachdem Willy Brandt 1969 Kanzler wurde. Sie schreibt:

„Fast alle wollten nun mitmachen, wollten jetzt links sein, bald wollte jeder in der Gesellschaft beweisen, dass er irgendwie auch etwas links war und jedenfalls ‚Verständnis‘ für die guten Ziele der APO hatte. In einer Umfrage des Allensbacher Instituts erklärten zwischen 60 und 70 Prozent der Schüler und Studenten, dass sie Rudi Dutschke, der immerhin das System, die Bundesrepublik Deutschland, abschaffen wollte und von ‚Stadtguerilla‘ gesprochen hatte, gut fänden.
[…]
Der Staat, was immer das im 68er-Verständnis, in den nebulösen Abstrakta von ‚Repression‘, ‚Imperialismus‘ und dergleichen gewesen sein mag, hat damals verloren, das ist meine These. Er ist seither ein verdächtiger Staat, und das alleine ist bereits die Niederlage: Der Staat ist seit dem Paradigmenwechsel von 68 ein zutiefst im Kern bemakelter, ein im Mark erschütterter Staat. Ihm wurde damals eine enorme Bringschuld au
fgebürdet und nur eine extrem eingeschränkte Grundlegitimation zugestanden.“ (S. 249f.)

Es wird hier auch deutlich, wie diese linken Studenten eigentlich wenig wirklich (selbst aus ihrer Sicht) Konstruktives machen wollten, wie es ihnen langweilig wurde, als sie bei der Mehrheit beliebter wurden und nicht mehr so sehr Avantgarde spielen konnten. Sie hatten sich auf Revolution festgelegt; und jetzt sollte es plötzlich ohne Revolution gehen?!

Die Bewegung zersplitterte sich zwar, wurde aber zahlenmäßig groß und erlangte die Deutungshoheit; ihr wurde wenig entgegengesetzt. Über die Protestmode schreibt Frau Röhl:

„68, das heißt: Protestkultur statt Kultur. Protestpolitik statt Politik, heißt Protestjournalismus statt Journalismus, heißt Protestjustiz statt Justiz. Nur dass, wenn Protest Mainstream ist, wenn Protest Regierung und Opposition gleichzeitig ist, Subkultur und Hochkultur, vom Protest nichts übrig bleibt; dass dann linker Protest der aalglatteste, angepassteste, opportunistischste Mainstream und kein echter Protest mehr, nur noch Attitüde ist.“ (S. 255)

Nach diesem Essay kommt Teil II: „Die Entstehung der RAF“. Interessanterweise schreibt Frau Röhl hier zunächst wenig über Andreas Baader und Gudrun Ensslin und mehr über Horst Mahler, einen Berliner Anwalt und Begründer des „Sozialistischen Anwaltskollektivs“ (zusammen mit u. a. dem späteren Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele). Mahler wollte eine Stadtguerilla aufbauen, sprach dafür einige Leute im SDS-Umfeld an und war zentral an der Gründung der RAF beteiligt, wurde aber dann später früh festgenommen.

Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren inzwischen abgetaucht, um ihre Haftstrafe nach der erfolglosen Revision nicht absitzen zu müssen, und zogen im Februar 1970 zu Ulrike Meinhof und ihren Kindern. Frau Röhl beschreibt sie: „Er schrie und pöbelte herum. Baader benahm sich, wie man sich vielleicht den Zuhälterkönig einer kleineren deutschen Großstadt vorstellt. […] Ensslin machte hier und da ihre Statements und war ähnlich aufgekratzt wie Baader, was vermutlich an den Aufputschmitteln und sonstigen Drogen lag, die sie nahmen. […] Auch sie sah und hörte uns Kinder nicht. Das war neu. Alle anderen Genossen, die wir bis dahin gekannt hatten, hatten sich mindestens den Anschein einer gewissen Kinderfreundlichkeit gegeben.“ (S. 276-278) Meinhof fand Baader offenbar sehr interessant; die Beziehung zu Homann ging zu Ende. Die Meinhofsche Wohnung wurde zum Treffpunkt der Linksradikalen, die von der „Stadtguerilla“ redeten; Meinhof war die Agitation durch Journalismus und Film jetzt zu wenig geworden, zu einer Art Heuchelei: Es musste etwas Richtiges passieren – aka Gewalt.

Dann wurde Andreas Baader doch noch festgenommen und hätte seine – ziemliche kurze – restliche Strafe absitzen müssen. Aus irgendeinem Grund wollte man ihn befreien, wofür ein fingierter Vertrag mit einem linken Verlag für ein Buchprojekt mit Baader und der Journalistin Meinhof abgeschlossen wurde, wegen dem Baader Ausgang für die Recherche in einer Bibliothek bewilligt wurde. (Das Ganze war im Mai 1970.) In dieser Bibliothek setzten die bewaffneten Befreierinnen Gudrun Ensslin, Irene G., Ingrid Schubert und ein Helfer namens Jürgen B. die Baader begleitenden Polizisten außer Gefecht und ein Angestellter namens Georg Linke wurde lebensgefährlich angeschossen, bevor sie mit Baader aus dem Fenster sprangen – Ulrike Meinhof hinterher – und in bereitgestellten Fluchtautos, von zwei Frauen namens Astrid Proll und Hanna K. gefahren, flüchteten.

Frau Röhl vertritt hier die von ihr gut begründete These, dass Meinhofs Mitabtauchen von ihr geplant war; dass sie nicht, wie manche meinten, nur quasi aus Versehen oder in einer Augenblicksentscheidung mitkam, statt, wie es ursprünglich gedacht gewesen wäre, scheinbar verdattert zurückzubleiben.

„Alles spricht dafür, dass Meinhof selber ganz dringend gemeinsam mit der Gruppe in den gemeinsamen Untergrund abtauchen wollte, dass sie in einem effektvollen Sprung die Welten wechseln wollte. […] Etliche Terroristen haben mir von diesem Reiz erzählt, von dieser Flucht vor den Sachzwängen des Lebens. Und die große Revolution, das große Ziel, das Phantasma, das alles legitimiert, verdrängt die eigenen täglichen Probleme, die allerdings, wer hätte das gedacht, im Untergrund binnen kürzester Zeit wie ein Bumerang doppelt und zehnfach zurückkehren. […]
In ihrem solidarischen Abtauchen in den Untergrund lag wahrscheinlich auch etwas Anbiederndes, sie wollte die Wärme einer Gruppe, ein Gruppengefühl, die Solidarität einer Familie, das Ideal, durch die Illegalität zusammengeschweißt zu werden. Und ganz wichtig für
Meinhof, dass sie, wie sie es oft zum Ausdruck brachte, sich selber immer wieder durch gemeinsame Taten revolutionieren konnte und nicht heimlich doch verbürgerlichte.“ (S. 310f.)

Die werdenden Terroristen verbargen sich zuerst bei Freunden und reisten dann mit gefälschten Pässen über Ostberlin nach Jordanien in ein Ausbildungslager der Fatah, die sich in ihrem Kampf gegen Israel mit vielen Linken weltweit verbündete. Auch Homann, der sich geweigert hatte, sich bei der Baader-Befreiung zu beteiligen, und noch versuchte, Ulrike Meinhof zu überreden, sich der Polizei zu stellen (aber nicht selbst die Polizei rief) ging mit, weil er fälschlicherweise statt Jürgen B. gesucht wurde und vielleicht auch, weil er sich irgendwie für Meinhof verantwortlich fühlte; auch Horst Mahler und andere kamen. Bevor sie nach Jordanien ging, sprach Ulrike Meinhof eine Art Manifest der RAF auf Tonband, das dem Spiegel zugespielt wurde und das er tatsächlich veröffentlichte; der Anfang einer Gier der Medien nach RAF-Geschichten. So erreichte die RAF die „intellektuellen Linken“, an die sie sich wenden wollte: Die müssten endlich etwas tun, sich bewaffnen, statt nur reden, proklamierte Meinhof. Dabei betrieb sie die totale Entmenschlichung der Gegner, d. h. der Polizisten. („Das ist ein Problem, und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“) Viele Kampfgenossen bekam sie dadurch zwar nicht; aber berühmt wurde sie allerdings.

Und da waren dann noch Meinhofs Töchter, die jetzt gerade erst sieben Jahre alt waren. Da sie auf ihren Exmann einen extremen Hass hegte und sich auch mit ihrer Pflegemutter zerstritten hatte, fragte Meinhof, bevor sie in den Untergrund ging, eine Zeitlang im Bekanntenkreis herum, wer vielleicht ihre Kinder nehmen könnte; am Tag der Baaderbefreiung ließ sie ihre Kinder zunächst von ihren Verbündeten Jan-Carl Raspe und Marianne Herzog bei einem befreundeten Ehepaar, den Holtkamps, in Hannover unterbringen. Als ein Gericht eilig Klaus Rainer Röhl das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die verschwundenen Kinder zusprach und Holtkamps merkten, dass er bemerkt hatte, wo sie waren, ließ die RAF sie von Marianne Herzog, Monika Berberich und Hanna K. nach Sizilien verschleppen, in ein Barackenlager für Erdbebenopfer, wo einige kommunistische Genossen aktiv waren. (Röhl hatte seinen Bruder nach Hannover geschickt, um die Kinder zu finden, der zu spät ankam.) Herzog und Berberich fuhren abrupt wieder aus Sizilien ab; die zurückgelassene Hanna K., die eigentlich nur als Fahrerin hatte fungieren sollen, blieb eine Zeitlang mit den Zwillingen dort und wurde nach sechs Wochen von vier Hippies abgelöst; dann ging sie kurz nach Jordanien, reiste aber schnell entsetzt wieder ab und seilte sich von der entstehenden RAF ab. Regine und Bettina blieben insgesamt mehrere Monate in Sizilien, den ganzen Sommer über (eine Erklärung erhielten sie nicht), während ihre Mutter und deren Freunde bei der Fatah das Schießen und Handgranatenwerfen lernten.

In diesem Ausbildungslager wurden Baader und Ensslin, die sich auf brutale Weise durchsetzen konnten, zu den Anführern der RAF.

Peter Homann, der von Anfang an nicht richtig dazugehört hatte, wurde bald verdächtigt, möglicherweise zum Verräter werden zu können und die ganze Gruppe, inklusive Meinhof, beschloss ihn zu liquidieren; nur die Palästinenser schützten ihn vor den eigenen Genossen. Er konnte im Gegenzug für Versprechen gegenüber den Palästinensern getrennt von den anderen nach Deutschland zurückreisen. Er hatte auch gehört, wie die Gruppe einen Plan geschmiedet hatte, Meinhofs Kinder in ein Waisenlager der Fatah zu geben; in Deutschland, wo er sich bei palästinensischen Kontaktleuten melden sollte, erfuhr er, dass Bettina und Regine tatsächlich dorthin kommen sollten, sprach dann mit dem jungen Journalisten Stefan Aust, den er von konkret kannte, und nahm Kontakt zu Hanna K. auf, durch die er den Kontakt nach Sizilien bekam. Aust fuhr dorthin (Homann wurde immer noch polizeilich gesucht), um die Kinder zu holen und brachte sie ihrem Vater zurück. Kurze Zeit später traf Ulrike Meinhof – allein, mit gefälschtem syrischem Pass – in  dem sizilianischen Barackenlager ein; ihre Kinder waren weg. Für Regine und Bettina, die einem ziemlich entsetzlichen Schicksal gerade noch entkommen waren, ging in Hamburg eine anscheinend ziemlich unbeschwerte Kindheit weiter, in der ihre Mutter praktisch keine Rolle spielte.

Die Autorin erwähnt noch die ersten Banküberfälle der RAF und die Festnahme der ersten Mitglieder – darunter Mahler –; dann beginnt Teil III: „Mythos Meinhof“, der sich mit der Zeit nach 1970 befasst.

Die Taten der RAF – die Bombenanschläge auf amerikanische Soldaten, die Morde an Polizisten usw. – werden nicht im Detail beschrieben, auch wenn die Autorin Wert darauf legt, kurz auf die einzelnen Todesopfer einzugehen. „Die Taten der RAF“, schreibt Frau Röhl, „also der von den Beamten gemeinte Baader-Meinhof-Komplex, ist dagegen nur eine mittelinteressante Story, ein mittelinteressanter Krimi mit unheimlichen Längen. Die Reaktion der Gesellschaft und der Politik auf die RAF – das ist das spannende Thema.“ (S. 464) Es geht also hier mehr um Leute wie den zuständigen BKA-Kommissar Alfred Klaus, der sich bemühte, sich in das Denken der Terroristen hineinzuversetzen und psychologische Gründe für ihre Taten zu finden; Klaus Rainer Röhl, der fest überzeugt war, dass seine Exfrau, an der er irgendwie noch hing, von anderen in den Terrorismus hineingezogen worden war und diese Sicht weithin propagierte; Renate Riemeck, die in konkret empathisch und ganz auf kommunistischer Basis an ihre Ziehtochter appellierte, vernünftig zu werden; Heinrich Böll, der im Spiegel die Gewalttaten der RAF herunterspielte und Gnade für Meinhof forderte; oder auch um die ganze lächerliche Diskussion in der Bundesrepublik darüber, ob man in diesem Fall von Bandenkriminalität denn wirklich von der „Baader-Meinhof-Bande“ sprechen dürfte oder nicht eher „Gruppe“ sagen müsse.

In Teil III ist auch der dritte Essay der Autorin eingebettet, über die Ikone Meinhof, die wesentlich bekannter wurde als andere linksextreme Terroristen. Frau Röhl schreibt: „Meinhof besetzt viel zu singulär das Terrorfeld in den Köpfen vieler Menschen, und dies, ohne dass sie als echte ‚Terroristin‘ empfunden wird. So wie sie in den Köpfen vorkommt, verdrängt sie jedoch vor allem ihre Opfer regelrecht aus dem öffentlichen Bewusstsein.“ (S. 501)

Auf den letzten hundert Seiten wird Meinhofs erste Zeit im Gefängnis, in Isolationshaft, beschrieben, es wird beschrieben, wie Angehörige und Anwälte erfolglos versuchten, sie zu deradikalisieren. Jetzt entstand wieder ein kleiner Briefwechsel mit ihren Töchtern, und es gab ein paar wenige Besuche im Gefängnis; aber dann bricht Meinhof den Kontakt wieder ab, auch zu ihren anderen Verwandten. (Der Titel des Buches, „Die RAF hat euch lieb“, stammt aus einem von Meinhofs Briefen an Bettina und Regine.) Im Gefängnis schrieb Ulrike Meinhof auch eine jubelnde Erklärung zum Mord an den israelischen Sportlern durch palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München 1972, die sie ihrem Anwalt schickte, und veranstaltete, wie andere RAF-ler, Hungerstreiks, um gegen die Isolationshaft zu protestieren, womit sie in der Gesellschaft einiges an Sympathie einheimsen konnten. Frau Röhl wertet hier die Akte von Meinhofs Anwalt Heinrich Hannover detailliert aus, was ziemlich spannend ist; interessant ist dabei auch, wie Meinhofs Briefe an ihren Anwalt immer verworrener werden.

Das Buch endet, wie gesagt, 1974; eine Fortsetzung wäre sicher ebenfalls noch lesenswert.

 

Ulrike Meinhof kommt in diesem Buch negativer herüber als in Prinz‘ „Lieber wütend als traurig“ (mit anderen Büchern kann ich es ja nicht direkt vergleichen). Ihre Rachsucht gegenüber ihrem Exmann, ihr oft unverschämtes und immer forderndes Verhalten z. B. gegenüber ihren Anwälten (bei ihrer Scheidung wie nach ihrer Festnahme als Terroristin) oder gegenüber Klaus Rainer Röhl bei den Verhandlungen über ihre Honorare und Vertragsbedingungen bei konkret, ihr mangelndes Interesse an ihren Kindern, ihre (mindestens passive, vielleicht aber auch sehr aktive) Beteiligung am Mordplan gegenüber Peter Homann, ihr völlig fehlendes Unrechtsbewusstsein wegen der Morde an Polizisten und amerikanischen Soldaten; alle diese unsympathischen Seiten werden hier deutlicher. Erschreckend war eine Stelle in einem Interview mit Peter Homann, in dem Homann erzählt (das war vor der Gründung der RAF):

„In dieser Zeit bat sie mich, während wir am Abend wieder mal viel zu viel Wein getrunken hatten, nach Hamburg zu fahren und heimlich nachts die Schrauben der Autoreifen an Klaus Röhls Auto, ein weißer Mercedes, zu lockern, damit er sich am nächsten Tag totfahren würde. Sie meinte das ganz im Ernst. Sie bat mich, das für sie zu tun. Und ich erschrak unheimlich.
 Ich sagte zu ihr: Also jetzt, Ulrike, bist du verrückt geworden, das mache ich nicht, das geht zu weit. Da sagte sie: Ach so, und ich dachte, das würdest du für mich tun. Ich habe lange überlegt, ob ich das irgendjemandem erzähle, aber es zeigt, wie weit damals ihr Hass ging.“ (S. 234)

Mir ist außerdem aufgefallen, dass Frau Röhl ab und zu Hintergrundinfos bringt, die Aussagen der RAF-Terroristen, die bei Alois Prinz unhinterfragt dastehen, als falsch entlarven. Z. B. schrieb Meinhof in einem Brief Ende 1968 an Freunde über die Zwillinge: „In den Herbstferien waren sie bei ihrem Pappi in Hamburg und haben Terror gemacht. Da standen 6 Marmeladen auf dem Tisch, ‚alle zu 6 Mark‘ – und dann ist meine Schwiegermutter fast in Ohnmacht gefallen, weil sie erklärten, sechs genügten nicht, unter acht fingen sie nicht an zu essen. Ich habe denen gesagt, wenn ihr nichts anderes anzubieten habt als Marmeladen, dürft ihr euch nicht wundern – wenn ihr Konsumterror macht, dürft ihr euch nicht wundern, wenn die Kinder auch Konsumterror machen.“ Prinz erwähnt diese Aussage in seiner Biographie. Frau Röhl schreibt, dass ihre Mutter sich die Geschichte schlichtweg zusammenfantasiert hatte, nachdem die Zwillinge ihr erzählt hatten, dass ihr Vater (der gern einen großen Wirbel veranstaltete und seine Kinder verwöhnte) mit ihnen zu einem Feinkostgeschäft gefahren war und acht oder zehn Marmeladensorten für sie ausgesucht hatte (was ihnen gefallen hatte).

Es kommen praktisch unglaubliche Details aus der RAF-Geschichte zutage: Frau Röhl hat z. B. recherchiert, wie sich Meinhofs Anwälte in Berlin tatsächlich noch einen Sorgerechtsstreit mit Klaus Rainer Röhl um die Zwillinge lieferten, nachdem Meinhof schon abgetaucht war und die Kinder in Sizilien waren: Meinhof beabsichtige, ihre Kinder zu ihrer Schwester zu geben „bis die gegen sie angeblich vorliegenden Verdachtsmomente der Begehung strafbarer Handlungen entkräftet sind und sie in ihre Wohnung nach Berlin zurückkehren kann“, hieß es in einem von Hans-Christian Ströbele unterzeichneten Antrag (S. 396), also solle man ihr das Sorgerecht, das sie seit der Scheidung hatte, doch bitte lassen.

Dass Meinhof ihre Mutterrolle schon vor der RAF-Zeit nicht allzu gut ausfüllte, wird deutlich. Die Autorin erwähnt auch dieses Videointerview, das Meinhof kurz vor ihrem Gang in den Untergrund gab und in dem sie traurig darüber redet, wie schwer es sei, alleinerziehend und gleichzeitig politisch aktiv zu sein, und am Ende ein bisschen kryptisch über das Verlassen der Familie redet:

Frau Röhl urteilt:

„Meinhof fabuliert über die klugen alleinerziehenden Frauen, zu denen sie sich selber zählt, die es unheimlich schwer hätten, politisch zu arbeiten, der Kinder wegen. Sie verschweigt, dass sie neben unserer Schule einen Kinderladen in Anspruch nahm, dass sie ganz viele dienstbare Geister um sich hatte, an die sie ihre Mutteraufgaben delegierte. Und sie verschweigt, dass sie seit der Geburt von uns Zwillingen immer Hauspersonal beschäftigt hatte, was sie jetzt aus ideologischen, nicht etwa aus finanziellen Gründen ablehnte. […]
 Und die erfahrene Journalistin, die schon mehrfach im Fernsehen aufgetreten war, also wusste, wie man auftritt und wie man wirkt, inszenierte sich für diese Filmsequenz ganz bewusst als eine Frau, die droht kaputtzugehen. Der 68-Revoluzzer mit Weltgeltungsanspruch wollte das Bild des an der Welt Verzweifelnden abgeben, der sich für die Menschheit opfert, Äußerlichkeiten nicht mehr wahrnimmt und so sensibel ist, dass man ihm das ‚Nicht-mehr-aushalten-Können‘, das ‚innere Weinen und Schreien‘ sofort und unmittelbar ansieht. […]
 Das Video ist ein mittelmäßig gelungenes Buhlen um Sympathie und Verständnis un gleichzeitig auch eine Abschiedsbotschaft.“ (S. 289f.)

Über das Problem von Meinhof mit ihren Kindern urteilt Frau Röhl schlicht:

„Eine Mutter ist Mutter, weil sie Kinder hat. Das ist die Definition. Wenn eine Mutter mit ihren Kindern Probleme hat, dann hat sie Probleme, die Kinder haben originär keins. Wenn eine Mutter ihre Kinder loswerden will, ist das ihr Problem, nicht das Problem der Kinder. Und vor allem: Die Kinder an sich sind kein Problem. Sie haben vielleicht eins mit ihrer Mutter, die ein Mutterproblem hat, mit einer Mutter, die eine Problemmutter ist. […]
Fakt ist:  Meinhof war eine Frau, die ihre Mutterrolle nie gefunde
n hat; zwischen partiellem Überengagement und aversivster Ablehnung schwankte sie hin und her und wusste nicht, wie sie es ihrer Umwelt verkaufen sollte, dass sie sich ihrer Kinder entledigen wollte. Vermutlich wusste sie auch vor sich selbst nicht, wie sie ihre Abstoßungsreaktionen erklären sollte.
Die Idee, dass Kinder ihre Mütter am Leben hinderten, am Beruf, an der Selbstverwirklichung, an der sexuellen Erfüllung oder eben auch an der revolutionären Selbstverwirklichung, lag damals schwer im Trend, ein Trend, der sich in den extremen Kommunen wie zum Beispiel der Otto-Mühl-Kommune, aber auch bei den Sannyasins fortsetzte. Auch dort war es Programm, dass Kinder für die Selbstverwirklichung vor allem der Frau gezielt und bewusst von ihren Müttern getrennt, verlassen, zurückgelassen oder sogar weggegeben wurden. Es galt teilweise als fortschrittlich, die überkommene Mutterbindung brutal zu brechen und zu überwinden, um auch die Kinder zu selbstständigen neuen Menschen zu erziehen.“
(S. 291f.)

Dass sich Meinhof immer weniger für ihre Kinder interessierte, wird immer wieder an Details deutlich; am entsetzlichsten zu lesen sind aber die Passagen über die Pläne der RAF, sie in dem Waisenlager der Fatah unterzubringen. Es ist krass, wie auch mehrere ehemalige RAF-ler sich der Autorin gegenüber über dieses Thema äußerten; wie z. B. Monika Berberich in einem Interview aus dem Jahr 1995 gegenüber Bettina Röhl versuchte, Meinhofs Taten herunterzuspielen und zu rechtfertigen:

„Monika Berberich: Ja, sie ist davon ausgegangen, dass ihr ’ne Menge Positives in eurem Leben schon mitgekriegt habt, und dass ihr zu zweit wart, war auch total wichtig. Und es war zuerst nicht die Überlegung, dass sie euch gleich gar nicht mehr sieht. Erst in dem Moment ist das eine Überlegung geworden, wo klar war, dass euer Vater versucht mit allen Mitteln, euch zu kriegen, denn – das vergess ich nicht…
Bettina Röhl: Was meinst du?
Monika Berberich: Willst du das wirklich genau wissen? Weil sie ihn für ein Schwein gehalten hat, und zwar im buchstäblichen Sinne.
Bettina Röhl: Ein bisschen genauer bitte.
Monika Berberich: Sie meinte, er wird sich auf die eine oder andere Weise irgendwie an euch vergreifen, und es gab schon Zeichen dafür.
Bettina Röhl: Also sexueller Missbrauch?
Monika Berberich: Ja – ja, jetzt vielleicht nicht im allerschlimmsten Sinne, aber..
Bettina Röhl: Hm.“ (S.379)

Oder wie Horst Mahler ihr gegenüber sagte „Sie wollte nicht, dass ihr in einem bürgerlichen Leben bei eurem Vater verkommt“ (S. 378).

Oder Manfred Grashof in einem Interview von 1999:

„Manfred Grashof: […] da kann ich sagen, ich hab dafür plädiert, dass ihr in ein Camp kommt, da kannst du mich jetzt hassen […], weil, das war für mich die einfachste und die plausibelste und die richtigste Lösung. […] es gab da auch Schulen, die hatten dann auch so eine Jugendorganisation, das war dann natürlich total militärisch, die jungen Löwen, na ja, Jungs und Mädchen zusammen, ab einem gewissen Alter, also es gab da soziale Strukturen, die nicht irgendwie behauptet waren, sondern die real existierten. […]
[…]
Bettina Röhl: Und hattest du auch die Idee, eventuell deine Tochter……?
Manfred Grashof: Na ja, die ging zur Schule, die war zu dem Zeitpunkt […] schon längst bei meinen Eltern und, also ich hatte ja eigentlich nicht so die Veranlassung, da das Mädchen zu kidnappen, um es dann in den Libanon oder sonst wohin […] zu bringen.“ (S. 383-385)

Nochmal im Klartext: Es ging darum, zwei siebenjährige Mädchen bei Fremden aus einer Terrororganisation in einem arabischen Kriegsgebiet zurückzulassen.

(Im selben Interview erzählt Grashof auf Nachfrage noch, wie das Camp mit den Waisenlagern kurze Zeit später bei einem Bombenangriff des israelischen und jordanischen Militärs zerstört wurde.)

Die Autorin urteilt: „Auch Mahler, Baader, Ensslin hatten Kinder in unserem Alter, und auch sie sahen ‚eigentlich nicht so die Veranlassung‘, ihre Kinder zu ‚kidnappen‘ und in ein Waisenlager in den Nahen Osten zu bringen. Der Kinderirrsinn, der tätliche Hass auf ihren Exmann sowie die Tatsache, dass sie dem Plan, Peter Homann zu liquidieren, schweigend zugestimmt hatte oder gar diejenige war, die den Liquidierungsplan durch ihren Verdacht befördert hatte, war ganz offenkundig eine Meinhof’sche Besonderheit.“ (S. 385)

Frau Röhl berichtet in diesem Zusammhang auch, wie Mahler und Baader später, als die Zwillinge wieder bei ihrem Vater waren, noch bei Hanna K. mit Pistolen auftauchten, sie bedrohten und erfahren wollten, wo die Kinder waren, wie sie auch bereit gewesen wären, Homann und Aust zu erschießen, und dann doch von ihren Plänen abließen, wie ernst es mit der Verschleppung der Mädchen also war und was ihre Befreier riskierten; und sie berichtet, wie RAF-Apologeten später oft versuchten, die Pläne mit der Verschleppung nach Jordanien herunterzuspielen (z. B. Jutta Ditfurth in ihrer Meinhof-Biographie), oder sie zumindest rasch übergingen.

„Meinhof hat ihre Kinder nicht ‚verlassen‘, wie es immer so schön traurig heißt“, urteilt Frau Röhl. „Im Gegenteil, sie hat ihre Kinder mit in ihren Abgrund reißen wollen. […]
 Ich begreife Meinhofs sogenannten Sprung aus dem Fenster des Instituts für Sozialforschung am 14. Mai 1970 als den ersten Akt ihres sich lang hinziehenden Selbstmords.“ (S. 456f.)

Ulrike Meinhof muss offenbar ein sehr unglücklicher Mensch gewesen sein, mit dem Wunsch, so radikal wie nur möglich zu sein, aber gleichzeitig auch mit sehr unangenehmen Seiten und absurden Rationalisierungsstrategien.

Weitere interessante Punkte:

Es tauchen immer wieder bekannte Namen im linksextremen Umfeld, aus dem die RAF entstand, auf: Hans Magnus Enzensberger, Johannes Rau, Heinrich Böll, und viele mehr. Die Anwälte der RAF, wie Otto Schily und Hans-Christian Ströbele waren deutliche Sympathisanten und Helfer ihrer Mandanten, oft Freunde, die sie von früher kannten, und sie wurden später erfolgreich in der deutschen Gesellschaft. Es wird dokumentiert, wie viele der RAF in den frühen 70ern halfen, wie gut gerade Ulrike Meinhof in der Gesellschaft vernetzt war, bei wie vielen Leuten sie, während sie im „Untergrund“ war, auftauchen und Unterkunft, Geld und sogar Pässe bekommen konnte, ohne dass jemand die Polizei rief. Man bekommt eine Ahnung, wie weit der absurde Hass der Linken auf die Polizei ging; lieber half man Terroristen, als die Polizei zu holen.

Man merkt Frau Röhl immer wieder einen gerechtfertigten Ärger über die selektive Geschichtsrezeption der Alt-68er an, aber dabei bleibt sie gerecht und klar. Sie schreibt ziemlich pragmatisch; manchmal vielleicht etwas sehr pragmatisch. Wo man vielleicht noch mehr ideologische Kritik an  den theoretischen Prinzipien des Linksextremismus üben könnte, und andererseits deutlicher anerkennen könnte, dass der Wunsch nach Radikalität, den damals so viele irgendwie romantisch fanden, doch auf irgendeiner guten Wurzel basieren musste (ich meine hier weniger die Terroristen als vielmehr ihre Fans – wie sehr fehlten vielen Leuten Radikalität und Prinzipientreue, wenn sie meinten, wenigstens das bei der blödsinnigen Zerstörungswut dieser Terroristen zu finden?) kanzelt sie das Ganze ab und zu einfach mit dem Hinweis auf den fehlenden wirtschaftlichen Sachverstand der Neuen Linken ab (was ja auch berechtigt ist).

Sie hat übrigens auch ein paar klare Worte übrig für das ideologiegeleitete Interesse mancher Journalisten usw. an ihrem Leben und dem ihrer Schwester:

Was für ein Roman, was für eine schöne dramatische Geschichte: zwei blonde Mädchen mit der Kalaschnikow in der Hand, das war das Bild, das sich viele Menschen von meiner Schwester und mir machten. In etlichen Theaterstücken und Filmen wurden meine Schwester und ich tatsächlich so dargestellt. Dass wir längst wieder ein normales Leben führten und mit dem Terror von Meinhof gar nicht in Berührung kamen, ja, dass es uns gut, sogar ganz hervorragend ging, dass wir unser eigenes Leben fröhlich und interessiert lebten, passte nicht in die gierigen Journalistengeschichten der Tragödie von den ‚armen Kinder‘, die von der guten, armen tollen Terroristin für die Revolution geopfert worden wären. Es nervt, kann ich nur sagen! […] Und wenn man nicht dem Bild entsprach, waren viele beleidigt oder etwas böse. Haben die Kinder denn gar keine Gefühle für ihre Mutter? Dann sind sie eiskalt und gefühlsmäßig abgestumpft, wie eigentlich doch alle Nachgeborenen nach 68, oberflächlich und vielleicht auch etwas dumm und ohne Empathie für die große Revolutionsidee.“ (S. 493f.)

„Ulrike Meinhof hat vor 42 Jahren entschieden, ohne Reue und ohne Versöhnung mit der Gesellschaft aus dem Leben zu gehen. Und doch wünschen sich immer wieder so viele Menschen eine große Versöhnungsgeschichte: Die Opfer der RAF sollen den RAF-Tätern vergeben, der Staat soll sich mit der RAF aussöhnen, und immer wieder riefen mich Filmleute an, sie wollten so gerne die Geschichte schreiben, wie sich eine Ulrike Meinhof, die doch irgendwie heimlich überlebt hätte, nun – so der Plot – mit ihrer Tochter, einer fiktiven Bettina Röhl, träfe, auseinandersetzte und schließlich versöhnte. Die ‚Tochter‘ sollte der Mutter ganz fürchterliche Vorwürfe machen und mindestens genauso schlimm oder noch schlimmer sein als ihre Mutter. Ich habe diese Filmanliegen, bei denen ich auch noch am Drehbuch mitwirken sollte, abgelehnt, aber dann erschien tatsächlich im Jahr 2009, ohne mein Mittun, der grässliche Kitsch ‚Es kommt der Tag‘ mit Iris Berben als leidende, uneinsichtige RAF-Mutti und Katharina Schüttler in der Rolle der unversöhnlichen, rachsüchtigen erwachsenen Tochter. So viel zur Fiktion!
 Die Wirklichkeit ist doch viel besser.“

(Im Anschluss beschreibt sie, wie Hanna K., die an ihrer Rettung aus Sizilien beteiligt war und deren Nachnamen sie bisher nicht gekannt hatte, ihr 2007 eine E-Mail schrieb und wie sie und Hanna einander kennenlernten und Hanna die Patentante ihrer Tochter wurde; womit sie das Buch abschließt.)

Bettina Röhl hat eine einfache These: Die Neue Linke hatte sich verrannt, es wäre besser, wenn es diese Bewegung nie gegeben hätte, und Ulrike Meinhof war auf einem zerstörerischen und selbstzerstörerischen Trip. Dass sie damit bei den Nachfolgern der 68er – die, wie sie es gut beschreibt, immer noch höchstens Detailkritik aus den eigenen Reihen zulassen wollen, nie grundsätzliche Kritik von außen – nicht gut ankommt, ist nicht erstaunlich.

Fazit: Ein sehr informatives und empfehlenswertes Buch.

Wer noch ein paar Infos will, hier ein interessantes Interview mit Bettina Röhl:

 

* Alle Zitate aus der 3. Auflage, Heyne-Verlag 2018.

Die Freundschaft Christi

Der folgende Text ist ein kleiner Auszug aus Msgr. Robert Hugh Bensons „The Friendship of Christ“ (die Übersetzung ist von mir; hier findet sich der vollständige Text auf Englisch). Um der Lesbarkeit willen habe ich längere Absätze in kürzere aufgebrochen.

Für Leser, die Probleme mit Skrupulosität haben könnten, sei vorsichtshalber gesagt, dass es hier nicht um Fragen von schwerer Sünde geht; nicht darum, dass man zwangsläufig den Himmel verpassen würde, wenn man auf Erden die Freundschaft Christi noch nicht vollkommen kennt; sondern um ein größeres Geschenk, das Jesus einem schon  jetzt geben will, und eine größere Vollkommenheit.

Monsignor R. H. Benson in Oct. 1912, Aged 40.jpg

(Msgr. Robert Hugh Benson (1871-1914). Gemeinfrei.)

„Katholiken also neigen, mehr als jeder andere, dazu – gerade durch ihr Wissen um die Mysterien des Glauben, gerade durch ihr Erfassen von Jesus Christus als ihrem Gott, ihrem Hohepriester, ihrem Opfer, ihrem Propheten und König – , zu vergessen, dass es mehr Seine Freude ist, bei den Menschensöhnen zu sein als über die Seraphim zu herrschen, dass, während Seine Majestät Ihn auf dem Thron Seines Vaters hielt, Seine Liebe Ihn hinunter auf eine Pilgerreise brachte, auf dass Er Seine Diener in Seine Freunde verwandeln könnte.

Zum Beispiel klagen fromme Seelen oft über ihre Einsamkeit auf Erden. Sie beten, sie empfangen häufig die Sakramente, sie tun ihr Bestes, um die christlichen Gebote zu erfüllen; und, wenn alles getan ist, finden sie sich einsam wieder. Es könnte kaum einen offensichtlicheren Beweis ihres Scheiterns geben, zumindest eines der großen Motive der Inkarnation zu verstehen. Sie beten Christus als Gott an, sie zehren von Ihm in der Kommunion, machen sich rein in Seinem kostbaren Blut, erwarten den Zeitpunkt, wenn sie Ihn als ihren Richter sehen werden; aber von dieser intimen Kenntnis von und Gefährtenschaft mit Ihm, in der die göttliche Freundschaft besteht, haben sie wenig oder nichts erfahren.

Sie sehnen sich, sagen sie, nach einem, der nicht nur das Leid fortnehmen kann, sondern selbst mit ihnen leiden kann, einem, dem gegenüber sie in Stille die Gedanken ausdrücken können, die kein Wort hervorbringen kann; und sie scheinen nicht zu verstehen, dass das genau die Position ist, die Jesus Christus selbst zu erlangen sehnt, dass es das höchste Sehnen Seines Heiligen Herzens ist, dass Er eingelassen werde, nicht nur zum Thron des Herzens oder dem Gerichtshof des Gewissens, sondern in diese innere Kammer der Seele, wo ein Mensch am meisten er selbst ist, und daher ganz und gar allein.

Sieh, wie voll die Evangelien von diesem Sehnen Jesu Christi sind! Es gab tatsächlich glanzvolle Augenblicke, in denen der Gott in der Menschheit in Herrlichkeit aufflammte – Augenblicke, in denen selbst die Kleider, die Er trug, in Seiner Gottheit strahlend leuchteten: es gab Augenblicke der göttlichen Kraft, in denen blinde Augen sich durch das erschaffende dem geschaffenen Licht öffneten, in denen Ohren, die taub gegenüber irdischen Geräuschen waren, die göttliche Stimme hörten, in denen die Toten aus ihren Gräbern ausbrachen, um Ihn anzusehen, der am Anfang ihr Leben gegeben und es dann wiederhergestellt hatte. Und es gab erhabene und schreckliche Augenblicke, in denen Gott mit Gott beiseite ging in die Wildnis oder den Garten, in denen Gott durch die Lippen der verwüsteten Menschheit schrie: ‚Warum hast du mich verlassen?‘

Aber zum größten Teil ist es Seine Menschheit, von der die Evangelien uns erzählen; eine Menschheit, die nach Ihrer Art rief; eine Menschheit, die nicht nur versucht wurde, sondern auch, gleichsam, besonders war in allen Punkten, in denen wir es sind.

‚Nun liebte Jesus Martha, und ihre Schwester Maria, und Lazarus‘ (Johannes 11,5). ‚Jesus, der ihn ansah, liebte ihn‘ (Markus 10,21) – liebte ihn, scheint es, mit einer Empfindung, die unterschieden ist von der göttlichen Liebe, die alle Dinge liebt, die sie geschaffen hat; liebte ihn wegen des Ideals, das er im besonderen vielleicht noch erreichen mochte, mehr als nur für die Tatsache, dass er einfach existierte wie andere seiner Art – liebte ihn, wie ich meinen eigenen Freund liebe, und wie er mich liebt.

Es sind wahrscheinlich diese Augenblicke, mehr als alle anderen, die Jesus Christus die Zuneigung der Menschheit gewonnen haben – Augenblicke, in denen Er sich selbst als wahrhaft einer von uns zeigte. Es ist, als er ‚erhöht‘ ist – nicht in der Herrlichkeit der triumphierenden Gottheit, sondern in der Schande der geschlagenen Menschheit, da er uns an sich zieht.

Wir lesen von Seinen Machttaten und fühlen Ehrfurcht und Verehrung: aber wenn wir lesen, wie Er erschöpft am Brunnen saß, während Seine Freunde essen holen gingen; wie Er sich im Garten in gequältem Vorwurf an die wendet, von denen Er sich Trost erhofft hatte – ‚Was? Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?‘ (Matthäus 26,40) – wenn Er sich noch einmal umwendet und zum letzten Mal diesen heiligen Namen dem gegenüber benutzt, der ihn für immer verwirkt hatte – ‚Freund, wofür bist du gekommen?‘ (Matthäus 26,50) – sind wir uns dessen bewusst, was Ihm noch mehr bedeutet als all die Anbetung aller Engel in Herrlichkeit – Zärtlichkeit und Liebe und Mitleid – Gefühle, zu denen nur die Freundschaft ein Anrecht hat.

Oder wiederum: Jesus Christus spricht mehr als einmal in der Schrift zu uns, nicht nur in Hinweisen und Andeutungen, sondern in bewussten Aussagen, von Seinem Wunsch, unser Freund zu sein. Er zeichnet für uns ein kleines Bild des einsamen Hauses bei Einbruch der Nacht, von Ihm selbst, der dasteht und an der Tür klopft, und von dem vertrauten kleinen Mahl, das Er erwartet. ‚Und wenn irgendeiner öffnet – (irgendeiner!) – werde ich zu ihm eintreten und werde mit ihm Mahl halten und er mit mir‘ (Offenbarung 3,20).

Oder wiederum sagt er jenen, deren Herzen krank werden angesichts des Verlustes, der so rasch auf sie herabkommt: ‚Ich nenne euch jetzt nicht mehr Knechte; vielmehr habe ich euch Freunde genannt‘ (Johannes 15,15). Oder wiederum verspricht Er Seine bleibende Gegenwart, entgegen dem Anschein, denen, die Seine Wünsche kennengelernt haben. ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen‘ (Matthäus 18,20) ‚Seht, ich bin bei euch alle Tage‘ (Matthäus 28,20). Und ‚was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘ (Matthäus 25,40).

Wenn etwas in den Evangelien eindeutig ist, dann dies – dass Jesus Christus zuallererst unsere Freundschaft ersehnt. Es ist Seine Vorhaltung gegenüber der Welt, nicht dass der Retter zu den Verlorenen kam und dass die Verlorenen von Ihm wegliefen, um sich noch weiter zu verlieren, nicht dass der Schöpfer zum Geschöpf kam und das Geschöpf Ihn zurückwies; sondern dass der Freund ‚zu den Seinen kam, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf‘ (Johannes 1,11).

Nun ist das Bewusstsein der Freundschaft Jesu Christi gerade das Geheimnis der Heiligen. Gewöhnliche Menschen können gewöhnliche Leben leben, mit wenig oder keiner offenen Missachtung Gottes, aus hundert zweitrangigen Motiven. Wir halten die Gebote, damit wir ins Leben eintreten; wir vermeiden die Sünde, damit wir der Hölle entkommen; wir kämpfen gegen die Weltlichkeit an, damit wir die Achtung der Welt behalten. Aber kein Mensch kann drei Schritte auf dem Weg zur Vollkommenheit vorangehen, ohne dass Jesus Christus neben ihm geht.

Es ist dann dies, das den Weg des Heiligen unterscheidet – und das ihm auch das scheinbare Groteske gibt – (denn was ist in den Augen der fantasielosen Welt grotesker als die Ekstase des Liebenden?) […]

Aber es ist die wahnsinnig machende Freude der bewussten Gefährtenschaft Jesu Christi, die die Liebenden, und damit die Giganten der Geschichte geschaffen hat. […]

II. Nun muss man bedenken, dass, während diese Freunschaft zwischen Christus und der Seele von einem Blickpunkt aus vollkommen vergleichbar mit der Freunschaft zwischen zwei Menschen ist, sie von einem anderen Blickpunkt aus unvergleichlich ist. Sicherlich ist es eine Freundschaft zwischen Seiner Seele und unserer; aber diese Seine Seele ist vereint mit der Gottheit. Eine einzige individuelle Freundschaft mit Ihm erschöpft daher nicht Seine Fähigkeiten. Er ist Mensch, aber Er ist nicht nur Ein Mensch: Er ist Der Menschensohn statt Ein Menschensohn. Er ist das ewige Wort, durch das alle Dinge geschaffen wurden und im Dasein erhalten werden.

Er kommt daher auf unzähligen Wegen zu uns, auch wenn es dieselbe Gestalt ist, die sich auf jedem Weg nähert. Es ist nicht genug, Ihn nur innerlich zu kennen: Er muss erkannt werden (wenn Seine Beziehung zu uns die sein soll, die Er ersehnt) in all jenen Tätigkeiten und Erscheinungsformen, in denen Er sich zeigt.

Einer, der Ihn daher ausschließlich als innerlichen Gefährten und Führer kennt, wie nahe und lieb auch immer, aber Ihn nicht im Heiligsten Sakrament kennt –  einer, dessen Herz brennt, während Er mit Jesus auf dem Weg geht, aber dessen Augen mit Blindheit geschlagen sind, sodass er Ihn nicht beim Brechen des Brotes erkennt, kennt nur eine Vollkommenheit aus zehntausend. Und wiederum, er, der Ihn in der Kommunion Freund nennt, aber dessen Ergebenheit so eng und beschränkt ist, dass er Ihn nicht in jenem mystischen Leib erkennt, in dem Er auf Erden wohnt und spricht – einer, in der Tat, der ein dévot ist, ein Individualist, und der daher nicht diese gemeinschaftliche Gottesverehrung versteht, die gerade das Wesen des Katholizismus ist – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt, aber Ihn nicht in Seinem Stellvertreter, oder in Seinem Priester, oder in Seiner Mutter erkennt – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt – (der, im üblichen Sprachgebrauch, ein ‚bewundernswerter Katholik‘ ist) – aber der nicht das Recht des Sünders erkennt, in Seinem Namen um Gnade zu bitten, oder des Bettlers, um Almosen zu bitten: oder wiederum, der Ihn unter spektakulären Umständen erkennt, aber nicht unter armseligen – der dem ersten Bettler auf der Straße, der in Christi Namen bittet, verschwenderisch gibt, aber dem es nicht gelingt, ihn in dem uninteressanten Dummkopf zu finden – jene, in Kürze, die Christus in einem oder zwei oder drei oder mehr Aspekten erkennen, aber nicht in allen – (zumindest nicht in all denen, von denen Christus selbst ausdrücklich gesprochen hat) – können nie zu dieser Höhe der Vertrautheit und Erkenntnis dieses idealen Freundes aufsteigen, die Er selbst ersehnt, und von der Er erklärt hat, dass sie zu erreichen in unserer Kraft steht.“

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(Zeichnung von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Eunuchen um des Himmelreiches willen

Im 19. Kapitel des Matthäusevangeliums, nachdem Jesus klargestellt hat, dass Scheidung und erst recht Wiederheirat hinterher nicht drin ist, bemerken seine Jünger, anscheinend etwas bestürzt: „Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten.“ (Mt 19,10) Heiraten, wenn man sie nicht mehr einfach verstoßen kann? Hm. Und Jesus sagt darauf schlicht, dass es tatsächlich (wenn auch nicht aus den Gründen der Jünger) besser ist, ehelos zu bleiben. Die Einheitsübersetzung verharmlost es wieder mal:

„Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19,11f.)

Tatsächlich verwendet Jesus hier nicht „zur Ehe unfähig“, sondern das Wort „Eunuchen“ – also Kastrierte. (Die Lutherbibel z. B. hat akkurater: „Denn es gibt Verschnittene, die von Geburt an so sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen.“) Vielleicht eine Anspielung auf die Eunuchen, die an orientalischen Königshöfen in wichtigen Positionen dienten, wie der Eunuch und Schatzmeister der äthiopischen Königin, der sich im 8. Kapitel der Apostelgeschichte taufen lässt? So hat auch das „Königreich der Himmel“, wie Jesus es nennt, quasi seine Hofbeamten.

Das soll kein Plädoyer für Selbstverstümmelungen (die ja auch gegen Gottes Gebot verstoßen würden) sein: Natürlich spricht Jesus im übertragenen Sinne von der Ehelosigkeit. Aber ich denke, er hat einen Grund für dieses irgendwie brutal wirkende Bild.

Jungfräulichkeit/ehelose Keuschheit um des Himmelreiches willen bedeutet Verzicht, bedeutet Unfruchtbarkeit, bedeutet ausschließliche Weihung an Gott. Nonnen zum Beispiel schneiden sich die Haare ab, verschleiern sich und ziehen sich zurück, um für Gott da zu sein. Wer dieses Leben lebt, verzichtet eben auf einen bestimmten Lebensbereich und kettet sich an Gott. Wer im Himmelreich auf einer besimmten Position dienen will, muss zu einem gewissen Opfer bereit sein.

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(Louis Émile Adan, Zu Seiner Ehre. Gemeinfrei.)

Im 18., 19. Jahrhundert hätten noch viel mehr Leute darüber geklagt, dass Nonnen, Mönche und Priester keine Kinder bekommen, auf ein Familienleben verzichten, nichts zum Fortbestand der Menschheit beitragen; heute klagen sie manchmal auch noch darüber, wenn sie nicht direkt sagen wollen, dass sie es schlimm finden, dass diese Leute auf Sex verzichten, aber das Kinderkriegen ist doch auch nicht mehr so gut angesehen, dass es der hauptsächliche Fokus wäre.

Screenshot (921)

(Neulich auf Twitter gefunden. Ab und zu gibt es dieses Argument noch. Natürlich wird von solchen Leuten dann nicht auch dafür argumentiert, dass alle, die heiraten, ein Dutzend Kinder bekommen sollen; da hört der Bevölkerungsutilitarismus plötzlich auf.)

Aber dann klagt man eben über anderes: Keine Freiheit mehr, keine Reisen mehr, keine bestimmten Karrieren mehr; und eben kein Sex mehr. Was auch immer. Vergeudetes Potential jedenfalls, und/oder vergeudeter Genuss.

Und genau das ist es: Nicht nur vergeudeter Genuss, sondern auch vergeudetes Potential, über Bord geworfen für Gott, verschwendet für Gott. „Von den Erstlingsfrüchten deines Ackers sollst du die besten in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen“, hieß es im Alten Bund (Ex 34,26); im übertragenen Sinne gilt das jetzt auch noch. Wer den drei evangelischen Räten (Gehorsam, Armut, ehelose Keuschheit) folgt, opfert Gott Selbstbestimmung, Eigentum und die Aussicht auf Ehe und Familie; auch wer als Weltpriester im Zölibat lebt, opfert Gott die Möglichkeit der Ehe – nicht, weil diese Dinge nicht gut wären, sondern gerade weil sie gut sind, und es besser ist, auf etwas Gutes für Gott zu verzichten, es Ihm zu opfern. Eine, die Nonne wird und die ehelose Keuschheit lebt, hätte auch Kinder bekommen können; na und? Muss alles, was möglicherweise gut wäre, verwirklicht werden? Es kann zurückbehalten werden für Gott. Das Dasein vor Gott ist wertvoll, nicht nur das praktische Machen und Tun in der Welt.

Man könnte jetzt natürlich davon reden, dass Jungfräulichkeit/ehelose Keuschheit die Hofbeamten des Himmelreiches freier macht für den Dienst an diesem Himmelreich, und wie viel Gutes sie leisten und im Lauf der Kirchengeschichte schon geleistet haben; in der Caritas, in der Seelsorge, in der Mission, und auch die rein kontemplativen Orden im fürbittenden Gebet für den Rest der Welt. Die Leute im 18., 19. Jahrhundert, die Orden für unnütz hielten, erlebten eine böse Überraschung, als sie die Orden z. B. 1803 in Bayern auflösten und plötzlich an manchen Orten niemand mehr die Armen- und Krankenfürsorge übernahm. Aber das ist nicht der einzige Zweck der Gelübde. Sie sind nicht nur aus praktischen Gründen da; mit etwas Anstrengung lässt sich Seelsorge, Mission und Caritas auch halbwegs anständig ohne Zölibatäre organisieren, auch wenn es schwieriger wird.

Diese Gelübde verweisen auf Gott. Sie zeigen, dass Gott allein genügt; dass ein Priester z. B. die Einsamkeit ohne Familie aushalten kann, weil er Gott hat. Natürlich ist die Folge, wenn Menschen für Gott auf etwas verzichten, dass sie von Ihm viel mehr zurückerhalten, wenn sie sich auf Ihn einlassen (und durch sie dann auch die Leute um sie herum), aber von außen sieht man das nicht immer so leicht. Ein normaler, in der Welt lebender christlicher Laie, auch einer, der heilig lebt und eine intime Verbindung zu Gott im Gebet hat, ist kein solches, gewissermaßen, „Zeichen, dem widersprochen werden wird“, weil er auch ohne seinen Glauben noch diverse Dinge hätte, die sein Leben irgendwie ausfüllen würden. Nonnen, Mönche, Priester, geweihte Jungfrauen setzen quasi mehr auf Gott, sind stärker auf Ihn geworfen. Natürlich muss das nicht jeder tun; die Laien in der Welt braucht es genauso. Aber es ist gut, dass dieses Leben einen festen, anerkannten Platz in der Kirche hat.

Für manche Leute ist das anscheinend schwer zu sehen. Von Liberalkatholiken wird ja gerne gesagt, natürlich habe der Zölibat noch irgendwie seinen Platz in der Kirche, wer unbedingt zölibatär sein möge, könne das ja sein, nur solle der Zölibat eben optional für Priester werden… und dann proklamieren sie meistens im selben Atemzug, ein Leben ohne Sexualität sei doch ungesund und das könne eh keiner aushalten. Ja, diese Leute würden es natürlich sehr gerne sehen, wenn dann Leute sagen, sie wollen freiwillig zölibatär sein. Ironie off. Das ist eben das Problem, wenn man sich nicht so ganz sicher ist, ob Gott wirklich da ist und/oder wirklich ein Opfer wert ist.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 5: Das 2. Gebot

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Das 2. Gebot richtet sich gegen die Verunehrung des Namens Gottes: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen.“ Der Name Gottes ist heilig, weil der, den er bezeichnet, heilig ist.

Bei diesem Gebot geht es um Meineide im Namen Gottes, den Bruch von Eiden, den Bruch von Gelübden, die man Gott gemacht hat, Blasphemie, den unehrfürchtigen Gebrauch des Gottesnamens, falsches Segnen und falsches Verfluchen.

 

Erst einmal zum Eid (in der Form von eidlichen Aussagen oder eidlichen Versprechungen):

Der Eid besteht darin, dass jemand Gott zum Zeugen der Wahrhaftigkeit einer Aussage oder der Ehrlichkeit und Einhaltung eines Versprechens macht („ich schwöre bei Gott, dass das wahr ist“, „so wahr mir Gott helfe“, „ich schwöre beim Himmel, dass ich das tun werde“). (Wenn jemand bei einem Heiligen oder auf die Bibel schwört, bezieht sich das indirekt auf Gott.) Der Name Gottes wird missbraucht, wenn jemand bei ihm etwas Gelogenes oder Zweifelhaftes beschwört (z. B. vor Gericht) und Ihn damit zum Zeugen für etwas Falsches machen will; oder bei Ihm etwas verspricht, das er nicht zu halten beabsichtigt; oder etwas, das er bei Ihm versprochen hat, nicht erfüllt. Meineid und Eidbruch sind an sich schwere Sünden.

Bei einer eidlichen Aussage ist auch eine Teilwahrheit, von der derjenige weiß, dass sie falsch ausgelegt werden wird (also eine Aussage mit „mentaler Reservation“, dazu mehr beim 8. Gebot), gegenüber Leuten ausgesprochen, die das Recht haben, die Wahrheit zu kennen, eine schwere Sünde. Gegenüber Leuten, die dieses Recht nicht haben, ist sie aus einem ernsten Motiv heraus erlaubt; wenn kein solches Motiv da ist, eine lässliche Sünde.

Den Eid zu gebrauchen, um Auskünfte zu beschwören, die zwar wahr sind, die man aber nicht weitergeben soll, wäre bei solchen Dingen wie geringfügigem Lästern, Angeberei o. Ä. lässliche Sünde, in schwerwiegenden Fällen, die auch so schwere Sünde wären (z. B. bei einem bedeutenden Geheimnis, das man kein Recht hat, weiterzugeben – natürlich gelten nicht alle Geheimnisse absolut, aber solche gibt es), wohl schwere Sünde.

Mit einem Eid zu versprechen, eine Sünde zu begehen, ist schwere Sünde, zumindest jedenfalls, wenn es sich bei der versprochenen Sache selbst um eine schwere Sünde handelt. Ein solcher Eid ist ungültig. Wenn man etwas unter Eid verspricht, sich aber später herausstellt, dass die Erfüllung in diesem Fall Schaden anrichten würde und eine Sünde wäre, verpflichtet der Eid natürlich auch nicht.

Der Versprechenseid verpflichtet unter schwerer oder lässlicher Sünde, je nachdem, ob es sich bei der versprochenen Sache um etwas Schwerwiegendes oder Unwichtiges handelt.

Manche christliche Gruppierungen wollen den Eid grundsätzlich verwerfen, weil Jesus in der Bergpredigt gesagt hat: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Mt 5,33-37)

Aber das ist kein grundsätzliches Verbot des Eides, sondern meint eher, dass man nicht nur bei einem Eid zur Wahrhaftigkeit verpflichtet ist, sondern immer. Jesus sagt nicht, Schwören ist böse, sondern es kommt vom Bösen, wenn man (oft) schwört und dann meint, nur wahrhaftig sein zu müssen, wenn man schwört; und Er hebt ja ganz grundsätzlich das Alte Testament nicht auf, wenn Er darüber hinausgeht. Auch der hl. Paulus benutzt den Eid in seinen Briefen: „Ich rufe aber Gott zum Zeugen an bei meinem Leben, dass ich nur, um euch zu schonen, nicht mehr nach Korinth gekommen bin.“ (2 Kor 1,23) „Was ich euch hier schreibe – siehe, bei Gott, ich lüge nicht.“ (Gal 1,20) Im Katechismus heißt es dazu:

„2154 In Anlehnung an den hl. Paulus [Vgl. 2 Kor 1,23; Gal 1,20.] hat die Überlieferung der Kirche das Wort Jesu so verstanden, daß es den Eid dann, wenn er sich auf eine schwerwiegende und gerechte Sache (z. B. vor Gericht) bezieht, nicht verbietet. ‚Ein Eid, das ist die Anrufung des göttlichen Namens als Zeugen für die Wahrheit, darf nur geleistet werden in Wahrheit, Überlegung und Gerechtigkeit‘ (CIC, can. 1199, § 1).

2155 Die Heiligkeit des Namens Gottes verlangt, daß man ihn nicht um belangloser Dinge willen benutzt. Man darf auch keinen Eid ablegen, wenn er aufgrund der Umstände als eine Billigung der Gewalt, die ihn ungerechterweise verlangt, verstanden werden könnte. Wenn der Eid von unrechtmäßigen staatlichen Autoritäten verlangt wird, darf er verweigert werden. Er muß verweigert werden, wenn er zu Zwecken verlangt wird, die der Menschenwürde oder der Gemeinschaft der Kirche widersprechen.“

Drei Kriterien gelten also für einen Eid: Wahrheit, Überlegung, Gerechtigkeit. Man soll auch einen guten Grund haben, um zu schwören, weil man den Namen Gottes nicht leichtfertig anrufen soll (Überlegung). Wenn jemand ohne guten Grund schwört – aber hier nichts Falsches oder Zweifelhaftes beschwört (Wahrheit) oder etwas Sündhaftes verspricht (Gerechtigkeit) – ist das aber nur lässliche Sünde.

Der hl. Thomas sagt zur Auslegung dieser Stelle aus der Bergpredigt:

„Ich antworte, es könne ein Ding an sich etwas Gutes sein, demjenigen aber zum Übel gereichen, der sich dessen nicht geziemendermaßen bedient. So ist es etwas Gutes, das heilige Abendmahl zu nehmen; wer aber es unwürdig nimmt, der ißt und trinkt sich das Gericht. (1. Kor. 11.) So verhält es sich hier. Der Eidschwur ist an und für sich erlaubt etwas Gutes. Denn 1. ist sein Ursprung gut, da die Menschen der Glaube an die unfehlbare Wahrheit Gottes dazu gebracht hat, den Eid einzuführen; — 2. ist sein Zweck gut; denn der Eidschwur soll den Menschen Recht verschaffen und jeden Streit beenden, nach Hebr. 6. Wer aber ohne Not und ohne gebührende Ursache des Eidschwures sich bedient, dem gereicht er zum Übel. Denn das zeigt, daß der betreffende wenig Achtung vor Gott hat, da er Ihn leichthin zum Zeugen nimmt, was er sich nicht vermesssen würde gegenüber einem anständigen Menschen. Es droht zudem einem solchem leichtsinnigen Schwören die Gefahr des Meineides; denn leicht fällt der Mensch im Sprechen: ‚Wer in seinen Worten nicht fehlt,‘ sagt Jakobus (3, 2.), ‚ist ein vollkommener Mann.‘ Deshalb heißt es Ekkli. 23.: ‚Dein Mund gewöhne sich nicht ans Schwören: denn viel wird darin gefehlt.'“ (Summa Theologiae II/II,89,2)

Und:

„Ich antworte; was nur gesucht wird, damit es einer gewissen Schwäche und einem Mangel abhelfe, kann nicht zu dem gezählt werden was an und für sich erstrebenswert ist, sondern nur als etwas Notwendiges wie die Medizin gesucht wird, um dem Kranken zu helfen. Der Eid wird gefordert, um der Schwäche des Menschen zu Hilfe zu kommen, deren der eine dem anderen nicht glaubt. Der Eid ist also nicht an sich erstrebenswert, sondern wie etwas für das menschliche Leben Notwendige und wer über die Grenzen des Notwendigen hinaus ihn gebraucht, mißbraucht denselben.“ (Summa Theologiae II/II,89,5)

Im Kodex des Kanonischen Rechtes (CIC) heißt es über eidliche Zeugenaussagen und Versprechen:

„Can. 1199 — § 1. Ein Eid, das ist die Anrufung des göttlichen Namens als Zeugen für die Wahrheit, darf nur geleistet werden in Wahrheit, Überlegung und Gerechtigkeit.

§ 2. Der Eid, den die Canones vorschreiben oder zulassen, kann durch einen Vertreter nicht gültig geleistet werden.

Can. 1200 — § 1. Wer freiwillig schwört, etwas tun zu wollen, ist aufgrund der besonderen Pflicht der Gottesverehrung gehalten zu erfüllen, was er durch den Eid bekräftigt hat.

§ 2. Ein aufgrund von arglistiger Täuschung, Zwang oder schwerer Furcht geleisteter Eid ist von Rechts wegen nichtig.

Can. 1201 — § 1. Der Versprechenseid folgt der Natur und den Bedingungen des Aktes, dem er beigefügt ist.

§ 2. Wenn der Eid einem Akt beigefügt wird, der unmittelbar zum Schaden anderer, zum Nachteil des öffentlichen Wohls oder des ewigen Heils führt, erfährt der Akt dadurch keine Bekräftigung.

Can. 1202 — Die durch Versprechenseid entstandene Verpflichtung entfällt:

1° wenn derjenige verzichtet, zu dessen Gunsten der Eid geleistet wurde;

2° wenn die beschworene Sache sich wesentlich ändert oder infolge veränderter Umstände entweder schlecht oder völlig indifferent wird oder schließlich einem höheren Gut entgegensteht;

3° wenn der Beweggrund oder die Bedingung, unter der der Eid etwa geleistet wurde, weggefallen bzw. nicht eingetreten ist;

4° durch Dispens oder Umwandlung nach Maßgabe des can. 1203.

Can. 1203 — Diejenigen, die ein Gelübde aufschieben, von ihm dispensieren oder es umwandeln können, haben diese Gewalt in gleicher Weise auch hinsichtlich des Versprechenseides; wenn aber die Dispens vom Eid anderen zum Nachteil gereicht und diese es ablehnen, auf die Einhaltung der Verbindlichkeit zu verzichten, kann allein der Apostolische Stuhl vom Eid dispensieren.

Can. 1204 — Der Eid ist eng auszulegen gemäß dem Recht und gemäß der Absicht des Schwörenden bzw., wenn dieser arglistig handelt, gemäß der Absicht dessen, dem der Eid geleistet wird.“

Zu Dispens und Umwandlung weiter unten bei dem, was für Gelübde gilt; „eng auszulegen“ heißt, dass man nur das tun muss, wozu der Eid eindeutig verpflichtet.

Hier behandelt der hl. Thomas außerdem ausführlich die Frage, ob man von jemand anderem einen Eid verlangen darf: Knapp gesagt ja, darf man, vor allem, wenn ein Amtsträger das anhand der Gesetze z. B. vor Gericht tut. Im privaten Kontext darf man von einem anderen einen Eid verlangen, auch wenn das nicht ideal ist, um sich sicherer zu sein, dass er die Wahrheit sagt; wenn man aber schon weiß, dass er falsch schwören wird, darf man ihn in diesem Fall nicht dazu treiben, einen Meineid zu leisten.

Ein fingierter Eid ist ungültig, aber für den, der ihn geleistet hat, kann es die Verpflichtung geben, den, den er damit getäuscht hat, zu entschädigen.

 

Dann geht es beim 2. Gebot, wie gesagt, um Gelübde. Während ein Eid gegenüber einem Menschen abgelegt werden und sich auf alles mögliche beziehen kann (Eid auf eine Verfassung, „ich schwöre dir bei Gott, dass ich dir bei xyz helfe“, usw. usf.), ist das Gelübde eine speziellere Form des Versprechens: ein Gott gemachtes Versprechen betreffs einer möglichen und guten Sache, die besser ist als ihr Gegenteil. Das Gelübde ist noch mehr als der Eid ein Akt der Gottesverehrung. Es gibt öffentliche, von vielen abgelegte, kirchlich regulierte Gelübde wie die Ordensgelübde, aber jemand kann sich auch durch ein privates Gelübde z. B. dazu verpflichten, eine bestimmte Wallfahrt zu machen.

Der hl. Thomas sagt über den Nutzen von Gelübden:

„Gott aber versprechen wir zu unserem eigenen Nutzen. Deshalb sagt Augustin I. c.: ‚In seiner Güte fordert Er das Ihm Gelobte, nicht weil Er dessen bedürfte; nichts wächst Ihm zu aus dem, was wir Ihm schulden. Aber die Ihm etwas schulden, die läßt Er wachsen in allem Guten. Was Ihm gegeben wird, das wird hinzugefügt zu dem, was Er uns entgilt.‘ Da wir also Gott etwas geloben zu eigenem Nutzen, damit nämlich unser Wille unverrückbar fest werde in dem, was zu thun heilsam ist; deshalb ist es nützlich, etwas zu geloben.“ (Summa Theologiae II/II,88,4)

Er sieht für den Nutzen von Gelübden drei hauptsächliche Gründe: 1) Das Gelübde ist ein Akt der Gottesverehrung; Fasten o. Ä. aufgrund eines Gelübdes ist verdienstvoller als ohne Gelübde, weil es Gott besonders geweiht wird. 2) Wer etwas gelobt, gibt Gott nicht nur dieses einzelne Werk an sich, sondern er nimmt sich selbst die Möglichkeit, sich in Zukunft wieder dagegen entscheiden; es ist also ein größeres Opfer. „So würde jemand seinem Freunde mehr geben, der ihm den ganzen Baum mitsamt den Früchten, als jener, der bloß die Früchte gäbe (Anselmus de Similitud. c. 84.).“ (Summa Theologiae II/II,88,6) 3) Das Gelübde hilft bei der Festigung des Willens im Guten.

Es gibt keine moralische Verpflichtung, irgendwelche Gelübde zu machen; aber gemachte sind bindend. „Es ist besser, wenn du nichts gelobst, als wenn du etwas gelobst und nicht erfüllst.“ (Kohelet 5,4)

Im CIC heißt es:

„Can. 1191 — § 1. Ein Gelübde, das ist ein Gott überlegt und frei gegebenes Versprechen, das sich auf ein mögliches und besseres Gut bezieht, muß kraft der Tugend der Gottesverehrung erfüllt werden.

§ 2. Wenn es nicht vom Recht verboten ist, sind alle fähig, Gelübde abzulegen, die den entsprechenden Vernunftgebrauch besitzen.

§ 3. Ein Gelübde, das aufgrund schwerer und unrechtmäßig eingeflößter Furcht oder aufgrund arglistiger Täuschung abgelegt wurde, ist von Rechts wegen nichtig.“

Und:

„Can. 1193 — Das Gelübde verpflichtet aufgrund seiner Natur nur denjenigen, der es ablegt.“

Zu einem Gelübde gehören, um es ausführlich zu erklären, also folgende Bedingungen:

  • Die Sache wird eindeutig gelobt, es handelt sich nicht um einen bloßen Vorsatz. War es ein ausdrückliches und festes, klares Versprechen, kein möglicherweise schwankendes Vornehmen, und vor allem: wollte man sich unter Sünde binden, z. B. auf diese Pilgerfahrt zu gehen?
  • Die Sache wird Gott versprochen (wer bei einem Heiligen o. Ä. gelobt, gelobt es normalerweise Gott quasi durch diesen Heiligen).
  • Derjenige ist sich bewusst, was er gelobt, also was das Wesen der Sache ist, die er gelobt; ein Beispiel: Jemand muss in etwa wissen, was die Ehe ist, bevor er Ehelosigkeit geloben kann. Auch wenn jemand sich über entscheidende Umstände irrt – z. B. einen bestimmten kurzen Pilgerweg gehen wollte, und dann merkt, dass der doppelt so weit ist, wie er dachte – muss er das Gelübde nicht erfüllen; das Gleiche gilt bei einem Irrtum über das entscheidende Motiv für das Gelübde, also wenn z. B. jemand ein Gelübde abgelegt hat für den Fall, dass ein Angehöriger wieder gesund wird, und dann herauskommt, dass der nur vorgetäuscht hat, krank zu sein. Alle einzelnen Nebenumstände einer Sache muss man aber nicht kennen, damit ein Gelübde gültig ist.
  • Derjenige ist mindestens desselben Vernunftgebrauchs fähig, der nötig ist, um eine schwere Sünde begehen zu können; Kinder, geistig Behinderte, durch Alkohol oder Drogen in ihrem Vernunftgebrauch Eingeschränkte, Personen im Halbschlaf etc. können grundsätzlich keine Gelübde ablegen.
  • Die Sache ist für einen persönlich möglich, ist etwas moralisch Gutes (niemand kann sich zu einer Sünde verpflichten; und etwas Indifferentes zu geloben macht keinen Sinn) und ist besser als ihr Gegenteil (z. B. ist es besser, ein regelmäßiges Almosen zu geben als es nicht zu geben; es ist es besser, ehelos zu bleiben als zu heiraten); wenn man schon ein Gelübde macht, soll es einen auch zu etwas Höherem führen. Eine Sache kann entweder an sich oder durch die Umstände besser sein als ihr Gegenteil; z. B. kann es durch die Umstände besser werden, bestimmte Situationen zu vermeiden, die einen persönlich negativ beeinflussen, auch wenn sie an sich indifferent sind. „Möglich“ heißt nicht nur „physisch möglich“, sondern auch „moralisch möglich“; dieser Fachbegriff meint so etwas wie „praktisch sinnvollerweise durchführbar“. Wenn z. B. jemand gelobt hat, zur Werktagsmesse zu gehen, aber Bauchschmerzen oder eine ansteckende Grippe hat, wäre es ihm zwar physisch vielleicht möglich, sich in die Kirche zu schleppen, aber es wäre nicht „moralisch möglich“, weil zu unverhältnismäßig anstrengend (und bei der Grippe evtl. schädlich für andere Kirchgänger).
  • Wenn man merkt, dass ein Teil des Gelübdes erfüllbar und ein anderer nicht erfüllbar ist, kommt es darauf an, ob man den Gegenstand sinnvollerweise „teilen“ kann; wenn ja, muss der erfüllbare Teil noch erfüllt werden – wenn z. B. jemand gelobt hat, jeden Dienstag und Donnerstag zur Werktagsmesse zu gehen, und dann an eine Arbeitsstelle versetzt wird, an der er jeden Dienstag zu der Uhrzeit arbeiten muss, zu der die Messe stattfindet, kann er den einen Teil nicht mehr erfüllen, aber den anderen schon noch; am Donnerstag muss er also noch zur Werktagsmesse gehen. Wenn der erfüllbare und der unerfüllbare Teil eine Einheit bilden, gilt das nicht – wenn z. B. jemand eine Wallfahrt nach Jerusalem machen wollte, aber kein Visum für Israel bekommt, muss er nicht bis zu den israelischen Landesgrenzen pilgern und dann umkehren, sondern kann die Wallfahrt ganz lassen. (Etwas weit hergeholte Beispiele, ich weiß.)
  • Wenn ein Gelübde mit einer bestimmten Bedingung abgelegt wird (z. B.: „ich gelobe, wenn ich gesund werde, diese Pilgerfahrt zu machen“), gilt es natürlich nur, wenn die Bedingung auch eintritt. Wer, weil er sein Gelübde bereut, bewusst verhindert, dass eine Bedingung eintritt, sündigt gegen sein Gelübde und muss diese Sünde bereuen und bekennen; aber wenn die Bedingung nicht da ist, muss er die Sache streng genommen trotzdem nicht mehr erfüllen.
  • Ein Gelübde ist ungültig, wenn es wegen ungerecht eingeflößter schwerer Furcht abgelegt wurde (gerechtfertigte Furcht ist dabei nicht gemeint; wenn jemand z. B. die in diesem Fall normale Angst hat, an seiner schweren Krankheit zu sterben, kann er ein gültiges Gelübde für den Fall seiner Heilung ablegen; aber wenn z. B. jemand einen bedroht („Wenn du nicht das Gelübde ablegst, tue ich dir das und das an“), kann das Gelübde nicht gültig sein).
  • Wenn jemand aus krankhafter Angst, aus irgendeiner psychischen Störung heraus meint, Gelübde ablegen zu müssen (was öfter bei Skrupulanten der Fall ist), ist das Gelübde nicht gültig. Hier Genaueres dazu, was Skrupulanten bei diesem Thema beachten müssen.
  • Mit einem Gelübde kann man nur sich selbst binden, nicht z. B. seine Kinder oder andere. (Aber wenn z. B. ein Ordensoberer gelobt, in seiner Ordensgemeinschaft etwas einzuführen, das einzuführen er die Autorität hat, müssen die anderen Ordensmitglieder natürlich wie immer gehorchen (wegen der allgemeinen Gehorsamsverpflichtung, nicht wegen dem Gelübde); auch, wenn jemand für sein Erbe bestimmte Bestimmungen gelobt, sind die, die das Erbe annehmen, dadurch gebunden; wenn jemand eine bestimmte Spende gelobt hat, aber stirbt, bevor er sie machen kann, müssen die Erben sie machen.)
  • Auch etwas sowieso schon moralisch Verpflichtendes kann gelobt werden; der Moraltheologe Karl Hörmann sagt dazu: „ein solches Gelübde hätte den Sinn, das gebotene Verhalten ausdrückl. in die Gottesverehrung einzubeziehen und die Bereitschaft zu ihr zu bestärken“. Hier würde die Verpflichtungskraft dieser verpflichtenden Sache noch mal verstärkt, und es wäre dann nicht nur eine sonstige Sünde, sondern auch ein Gelübdebruch, sie von da an zu unterlassen. Aber hauptsächlich geht es bei Gelübden sinnvollerweise um die sog. Werke der Übergebühr, die an sich nicht moralisch verpflichtend sind.

Es gibt verschiedene Arten von Gelübden:

„Can. 1192 — § 1. Ein Gelübde ist öffentlich, wenn es im Namen der Kirche von einem rechtmäßigen Oberen entgegengenommen wird, anderenfalls ist es privat.

§ 2. Feierlich ist ein Gelübde, wenn es als solches von der Kirche anerkannt worden ist, anderenfalls ist es einfach.

§ 3. Persönlich ist ein Gelübde, wenn eine Leistung des Gelobenden versprochen wird; es ist dinglich, wenn irgendeine Sachleistung versprochen wird; gemischt ist es, wenn es sowohl persönlicher wie dinglicher Art ist.“

Ein Gelübde verpflichtet unter schwerer oder lässlicher Sünde, je nach der Intention des Gelobenden oder nach der gelobten Sache.

Man kann sich nicht unter schwerer Sünde verpflichten, etwas Unbedeutendes zu erfüllen (z. B.: ein Ave Maria sprechen, 5 Euro spenden); bei einer wichtigen Sache kann man sich je nach Intention unter schwerer oder lässlicher Sünde dazu verpflichten. Wenn man dazu keine bestimmte Intention hatte, gilt, dass eine wichtige Sache unter schwerer Sünde verpflichtet. (Wichtige Sachen sind Sachen, die die Kirche auch mal vorschreibt – z. B. zur Messe / zur Kommunion gehen, zur Beichte gehen, fasten (und bei denen man eben gelobt, sie öfter als vorgeschrieben zu erfüllen), oder solche, die etwas Großes zur Verherrlichung Gottes beitragen (z. B. Gelübde der ehelosen Keuschheit, der Armut, des Gehorsams), oder für einen selbst oder andere von großer Nützlichkeit sind (z. B. große Spenden).)

Bei der Interpretation eines Gelübdes, bei dem man sich vorher nicht in allen Einzelheiten überlegt hatte, was genau man geloben wollte, kann man der mildesten Interpretation folgen; wenn z. B. jemand versprochen hat, drei Wochen lang zu fasten, kann er sich an den Tagen, an denen die kirchlichen Fastenregeln Fastende sonst vom Fasten entschuldigen (z. B. an Sonntagen) vom Fasten entschuldigt sehen.

Wenn man ein Gelübde, für das man keinen bestimmten Zeitpunkt festgesetzt hatte, längere Zeit hinausschiebt, ist das nur lässliche Sünde, außer, wenn die realistische Gefahr besteht, dass der Wert des Gelübdes später verringert ist, oder es nicht mehr erfüllbar ist, oder man es vergisst.

Wenn man ein Gelübde länger nicht erfüllt hat und es dann nicht mehr möglich ist, es zu erfüllen, hört die Verpflichtung auf und man muss es prinzipiell auch durch kein anderes Gelübde ersetzen; trotzdem war das eine Sünde, die bereut werden muss; und was man noch erfüllen kann, muss man erfüllen. Der hl. Thomas schreibt:

„Wird das Gelobte unmöglich, so muß der betreffende thun was er kann, damit er wenigstens seinen guten Willen zeige. Wer also in einen Orden einzutreten gelobt hat, muß sein Möglichstes thun, um aufgenommen zu werden. Und hat er sich an erster Stelle zu keinem bestimmten Orden verpflichten wollen, so muß er, wenn ihm der Eintritt in dem einen Kloster verweigert wird, suchen, in ein anderes aufgenommen zu werden. Hat er aber sein Gelübde nur auf einen bestimmten Orden gerichtet wegen des Wohlgefallens an der da herrschenden Lebensart; so ist er zu Weiterem nicht verpflichtet, falls er daselbst keine Aufnahme findet. Ist es jedoch seine eigene Schuld, daß der Eintritt in einen Orden ihm unmöglich geworden, so muß er noch dazu diese seine Schuld bereuen und büßen; gleichwie die Jungfrau, welche, nachdem sie Jungfräulichkeit gelobt, verletzt worden, nicht nur das, was ihr möglich ist, thun, d. h. beständige Enthaltsamkeit beobachten, sondern auch wegen dessen, was sie durch die Sünde verloren, Buße thun muß.“ (Summa Theologiae II/II,88,3)

Die Verpflichtung eines Gelübdes kann in folgenden Fällen aufhören:

„Can. 1194 — Ein Gelübde erlischt durch Ablauf der Zeit, die als Endpunkt der Verpflichtung festgesetzt wurde, durch wesentliche Veränderung des versprochenen Gegenstandes, durch Wegfall bzw. Nichteintritt der Bedingung, von der das Gelübde abhängt, oder seines Beweggrundes, durch Dispens und durch Umwandlung.

Can. 1195 — Wer die Gewalt über den Gegenstand des Gelübdes hat, kann die Erfüllung der Verpflichtung so lange aufschieben, wie die Erfüllung des Gelübdes ihm zum Nachteil gereicht.

Can. 1196 — Außer dem Papst können aus gerechtem Grund von privaten Gelübden dispensieren, unter der Voraussetzung, daß die Dispens nicht wohlerworbene Rechte Dritter verletzt:

1° der Ortsordinarius und der Pfarrer alle ihnen Untergebenen wie auch die Fremden;

2° der Obere eines Ordensinstituts bzw. einer Gesellschaft des apostolischen Lebens, wenn sie klerikale Verbände päpstlichen Rechts sind, die Mitglieder, die Novizen und die Personen, die Tag und Nacht in der Niederlassung des Instituts bzw. der Gesellschaft leben;

3° diejenigen, denen der Apostolische Stuhl oder der Ortsordinarius die Dispensvollmacht übertragen hat.

Can. 1197 — Die durch ein privates Gelübde versprochene Leistung kann vom Gelobenden selbst in ein besseres oder gleichwertiges Gut umgewandelt werden; in eine mindere Leistung aber von dem, der die Dispensvollmacht nach Maßgabe des can.1196 hat.

Can. 1198 — Die vor einer Ordensprofeß abgelegten Gelübde bleiben so lange in der Schwebe, wie der Gelobende in dem Ordensinstitut bleibt.“

(Der Ortsordinarius ist i. d. R. der Bischof; Can. 1198 meint, dass jemand, der in einen Orden eintritt, durch früher abgelegte Gelübde nicht mehr verpflichtet ist, solange er in dem Orden bleibt.)

Wenn man ein privates Gelübde gemacht hat, das sich als unüberlegt herausstellt, kann man also den Pfarrer (Achtung: nicht jeden Priester, nur einen Pfarrer) bitten, einen zu dispensieren, d. h. davon zu entbinden, oder es einen durch etwas Geringeres ersetzen zu lassen; oder man ersetzt es einfach selbst durch ein gleichwertiges oder besseres Werk; bei öffentlichen, feierlichen Gelübden – wie den Ewigen Gelübden in einem Orden – geht es natürlich nicht so leicht.

Für Dispens von einem Privatgelübde braucht es einen „gerechten Grund“; das ist in der Kirchenrechtssprache eine Stufe unter dem „schwerwiegenden Grund“ und noch eine unter dem „sehr schwerwiegenden Grund“. Ein gerechter Grund ist nicht arg schwer zu finden, aber man darf nicht einfach ohne Grund um Dispens bitten. (Natürlich kann man das Gelübde immer einfach so durch ein besseres ersetzen, wenn man das will, aber keinen Grund für Dispens findet.)

Der hl. Thomas sagt über Dispense, dass solche, die offensichtlich ohne jeden Grund gegeben werden, denjenigen nicht von der moralischen Verpflichtung seines Gelübdes entschuldigen; im Zweifelsfall kann die zuständige Autorität aber dispensieren:

„Also würde in Dingen, die offenbar vorliegen und keinen Zweifel zulassen, die Dispens des Oberen von der Schuld nicht freisprechen; z. B. wenn der Obere dispensieren wollte jemanden vom Gelübde in einen Orden zu treten, während keinerlei Grund für die Dispens vorliegt. Erscheint aber ein Grund, welcher die Sache zum mindesten zweifelhaft macht, so kann der untergebene mit dem Urteile des Oberen sich begnügen, der da dispensiert oder das Gelübde umwandelt. Er darf aber nicht mit seinem eigenen Urteile sich begnügen, denn er vertritt nicht die Macht Gottes; es müßte denn das, was er gelobte, offenbar unerlaubt und ein Befragen des Oberen unmöglich sein.“ (Summa Theologiae II/II,88,12)

Und über Gelübde bzgl. Fasten u. Ä., die sich z. B. als gesundheitsschädlich herausstellen:

„Leidet die Natur offenbar sehr unter solchen Gelübden, so ist der Mensch zu ihrer Beobachtung nicht verpflichtet; auch wenn es ihm nicht freisteht, den Oberen um seinen Rat oder Dispens zu fragen. Die Gelübde, welche auf unnütze Dinge sich beziehen, sind vielmehr zu verlachen wie zu beachten.“ (Summa Theologiae II/II,88,2)

Wenn ein berechtigter Zweifel besteht, ob ein einfaches, privates Gelübde gültig / noch bindend ist, besteht keine Verpflichtung.

 

Dann noch zu weiteren Verwendungen des Gottesnamens:

Das Beschwören, lat. adiuratio, also jemanden mit Anrufung Gottes dazu bewegen wollen, etwas zu tun („ich beschwöre dich bei Gott, hilf mir!“, „ich verlange von dir in Gottes Namen, dass du das lässt!“) ist erlaubt aus einem angemessenen Motiv und wenn es ernsthaft gemeint ist (unernstes oder unbegründetes Beschwören ist aber nur lässliche Sünde), und natürlich wenn die Sache, die man erreichen will, moralisch erlaubt ist; auf diese Weise etwas Falsches erreichen zu wollen, ist zumindest dann, wenn es sich um etwas schwer Sündhaftes handelt, schwere Sünde. (Moralisch zwingen kann man jemanden damit an sich natürlich auch nicht.)

Auch der Exorzismus ist eine Art Beschwören – dem Dämon wird bei Gott befohlen (hier handelt es sich um einen Befehl, nicht eine Bitte wie bei Menschen), die von ihm belästigte Person zu verlassen – ; er ist allerdings nur beauftragten Priestern erlaubt; vgl. dazu diese Vorschrift im CIC:

„Can. 1172 — § 1. Niemand kann rechtmäßig Exorzismen über Besessene aussprechen, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat.

§ 2. Diese Erlaubnis darf der Ortsordinarius nur einem Priester geben, der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet.“

 

Außerdem ist das 2. Gebot gerichtet  falsches Verfluchen („Gott strafe dich dafür, dass du mir bei dem Diebstahl in die Quere gekommen bist!“, „Ich hasse dich, Gott soll dich ewig verdammen!“). Fluchen, maledicere, „Schlechtes sagen, schlechtreden“ meint verdammen, Schlechtes wünschen, um Schlechtes beten. (Es kommt für die moralische Beurteilung nicht auf die Effektivität des Wunsches an (Gott erhört natürlich keine falschen Gebete), sondern auf den Wunsch an sich.)

Das falsche Verfluchen ist je nach der Schwere dessen, was es betrifft, und der Intention (überlegt oder unüberlegt etc.) schwere oder lässliche Sünde. (Ausdrücke wie „Soll dich doch der Teufel holen“ dürften oft nur lässliche Sünden sein, weil nicht ernst gemeint – wobei der Ausdruck an sich schon sehr falsch ist.)

Tatsächlich ist laut dem hl. Thomas aber nicht jedes „Verfluchen“ falsches Verfluchen. Er schreibt:

„Wenn jemand somit dem anderen Übles wünscht oder es befiehlt, insoweit dieses ein Übel, also sein Augenmerk auf das Übel selber als solches gerichtet ist, so ist in beiderlei Weise das Verwünschen oder Verfluchen unerlaubt; — und das nennt man im eigentlichen Sinne: Verfluchen. Wenn aber das Üble gewünscht wird unter dem Gesichtspunkte des Guten, so ist dies erlaubt; denn dann richtet sich die Hauptabsicht auf das Gute.

Nun kann man, wenn man Übles wünscht, sei es in befehlender oder wünschender Weise, dies unter dem Gesichtspunkte eines doppelten Gutes thun: 1. unter dem Gesichtspunkte des Gerechten; — und so verwünscht oder verflucht der Richter jenen, der eine gerechte Strafe tragen soll; oder die Kirche, insofern sie jemanden mit dem Anathem belegt; oder die Propheten, welche nach der Schrift, der Richtschnur des gerechten Willens Gottes gleichförmig, die Sünder verfluchen, obwohl dies auch als Vorhersagung aufgefaßt werden kann; — 2. unter dem Gesichtspunkte des Nützlichen, wie wenn man dem Sünder eine Krankheit oder Ähnliches wünscht, damit er besser werde oder wenigstens anderen zu schaden aufhöre.“ (Summa Theologiae II/II,76,1)

(Auch in einem anderen Abschnitt der Summa, wo er die Vergeltung, also das Zufügen eines Übels zur Strafe, an sich behandelt, erklärt Thomas sie dann – und nur dann – für gerechtfertigt, wenn sie auf etwas Gutes wie die Besserung des Sünders, die Verhinderung weiterer schlechter Taten durch ihn, die Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit oder die Ehre Gottes gerichtet ist.)

Solches laut Thomas gerechtfertigtes Verfluchen kann man vielleicht eher ein „Gebet um Gerechtigkeit“ nennen; tatsächlich enthalten schon die sog. Fluchpsalmen in der Bibel Bitten an Gott, einem gegen ungerechte Bedränger zu Hilfe zu kommen und sie zu bestrafen. Nun ist das eine etwas komplizierte Angelegenheit, diese Psalmen sind im Alten Testament und werden im Neuen Bund gerne auch geistlich ausgelegt (Feinde = Sünde & Teufel statt bestimmte Menschen), und zu ihrer Auslegung gibt es verschiedene Meinungen; was jedenfalls immer falsch ist, ist 1) jemandem die ewige Verdammnis wünschen, 2) jemandem Schaden um des Schadens willen wünschen.

 

Außerdem verbietet das 2. Gebot die Blasphemie (Gotteslästerung) und einen respektlosen Gebrauch des Namens Gottes.

Im Katechismus heißt es:

„2148 Gotteslästerung ist ein direkter Verstoß gegen das zweite Gebot. Sie besteht darin, daß man – innerlich oder äußerlich – gegen Gott Worte des Hasses, des Vorwurfs, der Herausforderung äußert, schlecht über Gott redet, es in Worten an Ehrfurcht vor ihm fehlen läßt und den Namen Gottes mißbraucht. Der hl. Jakobus tadelt jene, ‚die den hohen Namen [Jesu] lästern, der über euch ausgerufen worden ist‘ (Jak 2,7). Das Verbot der Gotteslästerung erstreckt sich auch auf Worte gegen die Kirche Christi, die Heiligen oder heilige Dinge. Gotteslästerlich ist es auch, den Namen Gottes zu mißbrauchen, um verbrecherische Handlungen zu decken, Völker zu versklaven, Menschen zu foltern oder zu töten. Der Mißbrauch des Namens Gottes zum Begehen eines Verbrechens führt zur Verabscheuung der Religion.

Gotteslästerung widerspricht der Ehrfurcht, die man Gott und seinem heiligen Namen schuldet. Sie ist in sich eine schwere Sünde [Vgl. CIC, can. 1369].

2149 Flüche, die den Namen Gottes ohne gotteslästerliche Absicht mißbrauchen, sind ein Mangel an Ehrfurcht vor dem Herrn. Das zweite Gebot untersagt auch den magischen Gebrauch des Namens Gottes.“

Die wirkliche Blasphemie meint, wie in Nr. 2148, deutlich wird, solche Ausdrücke wie „Ich hasse Gott“, „Gott ist ungerecht“, „Gott kann mir gestohlen bleiben“ (oder schlimmeres); auch eine Verächtlichmachung des Heiligen z. B. durch bestimmte Theaterstücke, Kunstwerke, Plakate u. Ä. ist Blasphemie. Ein Scherz mit irgendeinem Bezug auf heilige Dinge, bei dem es nicht darum geht, das Heilige verächtlich zu machen, ist keine Blasphemie („Wieso sind die Israeliten 40 Jahre durch die Wüste gewandert? Weil Männer nicht nach dem Weg fragen“). Bloße Gedanken mit blasphemischem Inhalt, denen man nicht mit dem Willen zustimmt, sondern die einem ungewollt in den Kopf kommen, sind noch keine Sünde. Die Gotteslästerung ist an sich schwere Sünde, aber laut Thomas können unüberlegt z. B. aus Schock geäußerte Blasphemien im Einzelfall nur lässliche Sünde sein (also wenn z. B. jemand bei einem Schicksalschlag im Schmerz ohne nachzudenken sagt „Wie kann Gott nur so ungerecht sein!“).

Der unehrfürchtige Gebrauch des Gottesnamens / heiliger Namen ohne gotteslästerliche Absicht (s. Nr. 2149) aus Überraschung oder gerechtem Zorn („Himmelherrgottnochmal!“)  ist nur lässliche Sünde; ein solcher Gebrauch aus ungerechtem Zorn o. Ä. („Sakrament nochmal, jetzt lass mich doch in Ruhe!“) wäre normalerweise im Einzelfall auch lässliche Sünde, wenn auch eine der schwereren unter den lässlichen. (Noch weniger ist es blasphemisch, den Namen des Teufels im Zorn zu gebrauchen („Teufel nochmal“).) „Jesus, Maria und Josef, was ist da passiert!“ oder „Oh mein Gott!“ dürfte eher eine Art „informelles Gebet“ sein und damit keine Sünde; allerdings gibt es Länder, wo das als unehrfürchtig gilt (z. B. halten viele US-amerkanische Christen „Oh my God!“ oder „Jesus!“ für unehrfürchtig), und dort wäre es wohl besser, diese Ausdrücke zu unterlassen, um nicht falsch verstanden zu werden.

Insgesamt ist die Frage, wann unehrfürchtiger Gebrauch des Gottesnamens lässliche oder schwere Sünde ist, leider ein bisschen umstritten unter den Moraltheologen; manche stellen auch die Frage auf, ob eine unbekämpfte Angewohnheit, solche Ausdrücke zu verwenden, irgendwann schwere Sünde wird. Aber man kann wohl schon sagen: Der einzelne unbedachte Gebrauch heiliger Namen aus Zorn, Überraschung und ähnlichen Motiven, bei dem man nicht gegen Gott wettern will, sie nicht verwendet, speziell weil man etwas Heiliges in den Dreck ziehen will, und mit ihnen keine Blasphemie ausdrückt, ist lässliche Sünde.

In Can. 1369, auf den der Katechismus verweist, heißt es:

„Wer in einer öffentlichen Aufführung oder Versammlung oder durch öffentliche schriftliche Verbreitung oder sonst unter Benutzung von sozialen Kommunikationsmitteln eine Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt, gegen die Religion oder die Kirche Beleidigungen ausspricht oder Haß und Verachtung hervorruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden.“

Den Namen Gottes vorschnell für eigene Ideen in Anspruch zu nehmen („Jesus würde bei der nächsten bayerischen Landtagswahl hundertprozentig nur die Freien Wähler wählen“) kann auch ein unehrfürchtiger Gebrauch des Namens Gottes sein; noch viel mehr gilt das für Dinge, von denen man durch die Offenbarung eindeutig weiß, dass sie Gott missfallen („Die Einführung des Frauenpriestertums wäre der Wille Gottes“); was natürlich nicht heißt, dass man sich nie auf Gott berufen darf. Abusus non tollit usum; der Missbrauch macht den Gebrauch nicht schlecht. „Ich denke, dass es Gott gefallen würde, wenn wir dieses gute Werk tun“ wäre selbstverständlich kein falscher Gebrauch des Gottesnamens.

Das 2. Gebot ist also nicht nur, wie oben erwähnt, gegen falsches Verfluchen, sondern auch gegen falsches Gutheißen im Namen Gottes und falsches Segnen gerichtet. Segnen, lat. benedicere heißt wörtlich „Gutes sagen, gutreden, Gutes wünschen, Gutes herabrufen“; und man darf nicht Gottes Segen auf etwas herabrufen, das Gott nicht gefällt. Ein Beispiel für falsches Segnen wäre, was in einzelnen Fällen in den USA schon vorgekommen ist, dass protestantische Pastoren Abtreibungskliniken segnen.

Ein solcher Gebrauch des Gottesnamens kann je nach Schwere der Angelegenheit schwere oder lässliche Sünde sein (bei dem Beispiel mit den Freien Wählern wohl eher lässliche, bei dem mit der Abtreibungsklinik schwere).

Es gibt in der Kirche öfter die Diskussion, ob man Paare, die in dauernder Sünde leben (z. B. wiederverheiratet-geschiedene oder homosexuelle Paare) segnen könnte, wobei manchmal das Argument „sie als Personen kann man ja segnen, auch ohne die Beziehung zu segnen“ kommt. Hier kommt es darauf an, ob das Argument denn wirklich gilt. Wenn eine wiederverheiratet-geschiedene Person sich bei einem Primizsegen oder Blasiussegen anstellt, bekommt sie  ganz eindeutig einfach den Segen als Person, alles in Ordnung; wenn sie den Pfarrer aber zu ihrem „Hochzeitstag“ einlädt und er dort sie und ihren Partner segnet, ist es wahrscheinlich, dass das von ihr oder anderen als Segen für ihre Beziehung verstanden wird, was nicht in Ordnung wäre. Oder wenn eine Pfarrei eine Messe mit angebotenem Segen speziell für Schwule und Lesben am Vorabend des Christopher-Street-Day veranstalten würde: Das würde von der Öffentlichkeit ziemlich sicher als implizites Gutheißen der Auslebung der homosexuellen Neigung empfunden werden und damit die Botschaft verkünden „Aha, endlich ändert sich die Kirche“ o. Ä. (Das wäre offensichtlich etwas völlig anderes als wenn ein Apostolat für enthaltsam lebende homosexuell empfindende Katholiken wie „Courage“ einen Gottesdienst veranstalten würde.)

 

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit & Liberalismus, Kommunismus, Nationalismus

Vor ein paar Tagen war wieder mal französischer Nationalfeiertag mit den obligatorischen Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestags der Erstürmung eines fast leeren Gefängnisses, nach der die Köpfe von Männern, die sich ergeben hatten, auf Piken durch Paris getragen wurden: aber hey, darauf kann ein Land wohl stolz sein. Aber gut: Am 14. Juli wird ja in Frankreich nicht nur ein sinnloser Gewaltausbruch gefeiert, sondern die ganze Revolution mit ihren vielen weiteren noch stärker ideologisch motivierten Gewaltausbrüchen; und diese Revolution hat die letzten 230 Jahre doch ziemlich geprägt, wenn auch leider meistens nicht zum Guten.

Der Spruch aus der Revolutionszeit, der heute noch am bekanntesten ist, lautet bekanntlich: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und anhand dieses Spruchs kann man, wie ich finde, eigentlich ganz gut die verschiedenen falschen, und auch untereinander widersprüchlichen Ideologien aufzählen, die in dieser Zeit (und schon in der die Revolution vorbereitenden Zeit der sog. Aufklärung) ihren Anfang nahmen.

Datei:Unité Indivisibilité de la République.jpg

(„Einheit und Unteilbarkeit der Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder der Tod.“ Druck von 1793. Gemeinfrei.)

Da wäre zuerst das Schlagwort der Freiheit und die entsprechende Ideologie des Liberalismus.

Es kursierte ja damals schon längere Zeit unter den Intellektuellen Frankreichs und Europas die Idee von größerer Freiheit – Freiheit von der Macht des Königs und der Macht der Kirche, Freiheit, veröffentlichen zu dürfen, was man wollte, ohne zensiert oder bestraft zu werden. Darüber wurde auch relativ frei in gewissen Salons geredet; so ganz entsetzlich unterdrückerisch war das Ancien Régime dann wieder nicht. Die Adligen ließen sich auch mal durch provokante neue Ideen unterhalten, solange es nicht zu provokant wurde oder zu sehr damit ernst gemacht wurde. Die Vorstellung der Freidenker war, dass sich auf dem freien Markt der Ideen die besten durchsetzen würden, und alle mit denselben Voraussetzungen starten sollten.

Ein Grund für die Ausbreitung liberaler Ideen war das Schachmatt, zu dem die religiösen Debatten und auch die Religionskriege der Frühen Neuzeit geführt hatten: Von Protestanten und Katholiken hatte sich keine Seite endgültig durchgesetzt, und jetzt meinten einige, die den Streit müde waren, dass vielleicht einfach beide im Unrecht gewesen waren, und/oder der Streit nicht so wichtig war, und/oder man einfach jedem seine persönliche Wahrheit lassen müsste; im Bereich der Religion breitete sich eine gewisse Gleichgültigkeit und eine Abwendung von der tradierten Offenbarungsreligion aus.

Oft wollten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts auch größere wirtschaftliche Freiheit; Freiheit von den alten Zünften und Handwerksordnungen und den merkantilistischen Gesetzen der Fürsten, die Industrie, Handel und Innovation einschränkten: Es braucht keine Gesetze zur Lenkung der Wirtschaft; wenn jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, gleicht sich das am Ende von selbst aus und alle haben was davon; auch hier der freie Markt. Einige libertins waren natürlich auch moralisch „liberaler“ eingestellt als z. B. die katholische Kirche.

Die Grundidee der Liberalen war: Der Staat (und andere Institutionen mit öffentlicher Macht) sollte sich auf ein Minimum beschränken, um dem Individuum Raum zu geben, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden. Sie waren dabei nicht immer konsequent; da sie ein klösterliches Leben beispielsweise für unfrei hielten, wollten sie es staatlich verbieten lassen und setzten das auch öfter in einigen Ländern um – vor, während und nach der besagten Revolution. Aber von den Inkonsequenzen zurück zu den Prinzipien des Liberalismus: „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet“, heißt es in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789.

Die Frage, die bleibt, ist nur: was schadet einem anderen Menschen, was schadet vielleicht der gesamten Gesellschaft?

Um eher aktuelle Beispiel zu nehmen: Schadet es anderen, wenn einige Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen? Schadet es dem Familienleben, wenn Inzest unter Erwachsenen legalisiert wird? Schadet es einer Gesellschaft, wenn Pornographie frei verbreitet werden kann? Besonders bei einem besonderen Anliegen der sog. Aufklärer und der Revolutionäre wird diese Frage akut: Bei der Meinungs- und Pressefreiheit. Schadet die Verbreitung aller möglichen Ansichten wirklich nicht? Was ist mit Ansichten wie… Angehörige bestimmter „Rassen“ wären weniger wert und sollten rechtlich benachteiligt sein? Behinderte würden eine Gesellschaft nur belasten und sollten getötet werden? Soll auch für solche Ansichten Meinungsfreiheit gelten? Die christlichen Staaten der Vormoderne hatten oft Gesetze gegen die Verbreitung von Häresie, also die Verfälschung der christlichen Glaubenslehre; heute wird das als entsetzlich freiheitsfeindlich abgelehnt, aber andererseits gibt es den Straftatbestand der Volksverhetzung – ist das mit der Theorie des Liberalismus vereinbar? Oft sind Liberale sogar dafür, Dinge zu legalisieren, die sehr eindeutig anderen schaden; z. B. die Abtreibung, die ja dem getöteten Kind nicht unbedingt gut tut.

Und dann ist da noch die grundsätzliche Frage: Darf denn jeder sich selbst schaden, wie er will? Die klassische katholische Lehre würde dazu nein sagen: Auch sich selbst schuldet man Wohlwollen, Liebe, und sein eigenes Leben hat man sowieso nur von Gott erhalten und soll es gut verwalten. Der Liberalismus erkennt dem eigenen Leben dagegen keinen klaren Wert zu; laut dieser Ansicht gäbe es keine Rechtfertigung dafür, zu sagen, man müsse es besonders schützen oder achten.

Aber wenn jemand etwas zustimmt, das ihm schadet, ist das wirklich in Ordnung? Unter Druck oder aus Selbsthass können Menschen vielem zustimmen, das ihnen selbst schadet. Das Opfer des Kannibalen von Rotenburg hat dem Mord an ihm auch zugestimmt; der zuständige Gerichtshof ließ das nicht als Verteidigung gelten. Darf jemand sich selbst in die Sklaverei verkaufen, oder einem Arbeitsvertrag, der ihn ungerechten Bedingungen unterwirft, zustimmen? Ist es in Ordnung, wenn Menschen zustimmen, in der Prostitution oder der Pornoindustrie zu arbeiten und an den Arbeitsbedingungen dort kaputtgehen? Ist es in Ordnung, wenn alte oder kranke Menschen aus Angst vor Abhängigkeit, Einsamkeit oder Schmerzen, oder unter Druck von Verwandten, denen sie nicht auf der Tasche liegen wollen, zustimmen, sich töten zu lassen? Was schadet, ist eben Definitionssache; hier müssen Fragen von Gut und Böse, Richtig und Falsch entschieden werden, die der Liberalismus am liebsten ausklammern oder offen lassen würde.

Der zu Ende gedachte Liberalismus führt in die Anarchie, die einfach nur das Recht des Stärkeren bedeutet; den Vorteil dessen, der andere am besten manipulieren und überreden kann und durch irgendwelche Zufälle am meisten Gehör findet oder Macht ausüben kann. Wie gesagt, der zu Ende gedachte: In der Praxis bleibt der Liberalismus pragmatischerweise irgendwo auf dem Weg dahin stehen.

Letztlich waren aber auch viele Liberale im Lauf der Geschichte nicht ohne eigene konkrete Vorstellungen von Gut und Böse; „Jetzt lass mich, ich schade dir doch nicht!!“ ist halt nur eine passable Argumentation, wenn man nach und nach die Maßstäbe von Gut und Böse verschieben will. Um einen Kommentar von Erzbischof Charles Chaput aus den USA zum Thema Abtreibung zu zitieren: „Das Böse redet nur von Toleranz, wenn es schwach ist. Wenn es die Oberhand gewinnt, erfordert seine Eitelkeit immer die Zerstörung des Guten und Unschuldigen, weil das Beispiel guter und unschuldiger Leben ein andauernder Zeuge gegen es ist. So war es immer. So wird es immer sein.“ Wenn zuerst nur gefordert wurde, andere Leute bei XYZ in Ruhe zu lassen, soll man bald ausdrücklich gutheißen und unterstützen, was sie tun; statt Toleranz wird Akzeptanz verlangt. (Die LGTBQ-Bewegung ist ein aktuelles Beispiel.)

Man kann (wie andere das schon besser dargelegt haben) einen harten Liberalismus (es gebe wirklich keine Wahrheit) und einen weichen Liberalismus (die Wahrheit muss eben individuell freiheitlich auf dem freien Markt der Ideen erkannt werden) unterscheiden, die aber am Ende in der Praxis oft auf dasselbe hinauslaufen. Als geradezu prototypisch für die liberale Einstellung wird besonders in liberalismuskritischen amerikanischen Kreisen oft ein Satz aus dem Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA im Fall Casey vs. Planned Parenthood von 1992 zitiert:

„Im Herzen der Freiheit liegt das Recht, sein eigenes Konzept der Existenz, des Sinns, des Universums, und des Mysteriums des menschlichen Lebens zu definieren. Überzeugungen zu diesen Angelegenheiten könnten nicht die Attribute des Personsein definieren, wenn sie unter dem Zwang des Staates geformt würden.“

(„At the heart of liberty is the right to define one’s own concept of existence, of meaning, of the universe, and of the mystery of human life. Beliefs about these matters could not define the attributes of personhood were they formed under compulsion of the State.“)

Hier ging es natürlich um das Thema Abtreibung – weil jeder seine eigenen Ansichten haben soll, darf der Staat nicht definieren, ob ein ungeborenes Kind eine Person ist. Damit wird natürlich die Ansicht der Partei, die findet, dass es keine Person ist, ermächtigt; während scheinbar keine Entscheidung getroffen wird, wird eine getroffen.

Der Liberalismus vertritt in der Theorie einen unhaltbaren moralischen Relativismus (Wenn es keine Wahrheit gibt, ist es dann wahr, dass es keine Wahrheit gibt? Wenn für jeden seine eigene Wahrheit gelten soll, was genau ist das dann, das für ihn gilt und woher hat er es?), und ignoriert, dass Menschen von Anfang an nur in Gemeinschaft existieren, nicht als Einzelwesen, deren einziges Ziel die Maximierung von Freiheit und Eigentum ist; in der Praxis ist er dagegen oft nur ein Feigenblatt für welche (guten oder schlechten) Ideen auch immer jemand gerade durchbringen will.

Dann wäre da das Schlagwort Gleichheit; und aus einem gewissen in manchen Strömungen der Aufklärung grundgelegten Egalitarismus entstand im frühen 19. Jahrhundert die Idee des Kommunismus.

Die Gleichheit war zum Teil schon eine Forderung von Montesquieu, Voltaire, Diderot und ihresgleichen; vor allem Gleichheit vor dem Gesetz, Abschaffung der Privilegien des Adels: Gleichheit vor allem als Vorbedingung der Freiheit. Auch hier hilft ein Blick in die Menschenrechtserklärung von 1789: „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten.“ „Diese Rechte sind Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung.“

Aber als die Revolution dann so richtig losbrach, war sie bald nicht mehr nur eine politische Revolte von Abgeordneten, sondern auch das Volk meldete sich und randalierte und verlangte nach Brot. Hier meldeten sich Leute, die den Begriff der Gleichheit aufgeschnappt hatten und wirtschaftliche Gleichheit wollten, weil sie Not litten. Hier kann man die Sansculotten (die Pariser Kleinbürger und Arbeiter, die die Revolution unterstützten) und Hébert einordnen; es gab auch schon ein paar utopistische Vordenker im 18. Jahrhundert und früher. Die sozialrevolutionären Kreise konnten zwar zwischendurch ein paar Dinge durchsetzen, erlangten allerdings in der Revolutionszeit keinen nachhaltigen Einfluss; Hébert zum Beispiel wurde 1794 während Robespierres Schreckensherrschaft hingerichtet. Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis sich der Frühkommunismus voll entwickelt hatte, aber hier hat er – u. a. – seine Wurzeln.

Zunächst setzten sich, als in den 1790ern in Frankreich und dann zu Napoleons Zeiten u. a. auch in den deutschen Fürstentümern die Gesetze nachhaltig geändert wurden, die schon länger propagierten, gewohnten Ideen der Aufklärer durch: Abschaffung der letzten Reste der Leibeigenschaft und gewisser Adelsprivilegien, Aufhebung der Zünfte, stärkere Unterdrückung der Kirche. Keine Versuche, wirtschaftliche Gleichheit herzustellen, eher das Gegenteil. Die rechtliche sollte genügen, die rechtliche Gleichheit als Voraussetzung der allgemeinen, möglichst großen Freiheit. In dieser Zeit, als die wirtschaftliche Ungleichheit durch diese Laissez-Faire-Politik und durch die rapide Industrialisierung weiter zunahm, der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gingen die Liberalen und die Frühkommunisten getrennte Wege.

Die rechtliche Gleichheit hatte sicher ihre sehr guten Seiten; auch wenn beileibe nicht bei allen Bürgern die Abschaffung ihrer Partikular- und Gewohnheitsrechte beliebt war. Aber die Gleichheit, die die Kommunisten jetzt forderten, war sehr viel totaler. Wenn nur einzelne das Eigentum an den Produktionsmitteln besitzen und ihre Rechte nicht eingeschränkt sind, üben sie eine ungerechte Herrschaft über die Masse aus, sahen die Kommunisten, als während der Industiellen Revolution die Masse der Bevölkerung zu rechtlosen und überarbeiteten Fabrikarbeitern wurde, sehr richtig; also müsse die Gemeinschaft – was in der Praxis natürlich heißt: der Staat – alles besitzen und allen das gleiche zuteilen. Das führte, als es umgesetzt wurde, natürlich nur zu einer noch stärkeren Machtkonzentration und schlimmen Unterdrückung. Reguliertes, auf viele einzelne verteiltes Privateigentum wie zuvor stand für viele gar nicht mehr zur Debatte; die Idee des Distributismus konnte sich nicht viel Gehör verschaffen.

Typisch für das, was ich hier mal Egalitarismus nennen will, da es nicht nur den wirtschaftlichen Kommunismus umfasst, ist die Ansicht, dass jede Ungleichheit ungerecht und unterdrückerisch sei und mit Zwangsmitteln abgeschafft werden müsse; dass es in allem möglichen Ergebnisgleichheit geben müsse. Diese Denkweise findet man z. B. auch in der heutigen Debatte um frühkindliche Betreuung: Wenn einige Kinder Eltern haben, die sie besonders fördern, und andere solche, die sie eher vernachlässigen oder ihnen einfach nicht viel bieten können, muss der Staat für „Chancengleichheit“ sorgen und also alle Kinder möglichst früh aus ihren Familien reißen und den gleichen überforderten Erzieherinnen übergeben. (Dass natürlich staatliche Erzieherinnen auch individuelle Personen sind und gut oder schlecht in ihrem Beruf sein können, wird hier gerne übersehen.) Die Leute dürfen sich auch nicht mehr selbst für Ungleiches entscheiden; wenn z. B. Frauen freiwillig tendenziell andere Berufe als Männer wählen, muss man sie dazu nötigen, sich anders zu entscheiden.  Individuelle Freiheiten, die der Liberalismus übertreibt, werden hier zum totalen Feind, zur bloßen Gefahr; man darf sie nicht riskieren, egal, was daraus Gutes kommen könnte; der Staat über alles. Der historische Kommunismus war ja extrem feindlich gegenüber allem, was dem Totalitätsanspruch des Staates gegenüberstand, v. a. der Familie und der Kirche; daher z. B. die Wochenkrippen in der DDR, die Massenorganisationen für die Jugend, die Benachteiligung derer, die sich diesen Organisationen entziehen wollten, usw.

Der Kommunismus – und auch andere von Linken aufgegriffene Ideen wie die heutigen extremeren intersektionell-feministischen oder massenmigrationsbefürwortenden (mir fällt gerade kein besserer Begriff ein) Ideen – kam nicht mehr mit einem resignierten „Ach mei, die Wahrheit können wir eh nicht wissen, machen wir uns ein schönes Leben und seien wir tolerant“ daher wie der (theoretische) Liberalismus, sondern mit einem inhaltlichen Wahrheitsanspruch, und noch mehr, mit einem Weltrettungsanspruch. Entschlossenheit, wirklicher Einsatz war hier da, wenn auch leider oft fehlgeleiteter Einsatz, Sehnsucht nach einem Ende des Bösen. Sicher, das Böse wird hier ausschließlich materialistisch begriffen, man meint, in einer Welt mit gerechter Güterverteilung oder mit Frauenquoten und allgemeiner staatlicher Kinderbetreuung oder ohne Staatsgrenzen und Nationen gäbe es keine Probleme mehr, und für den Einsatz dafür gelten oft alle Mittel als gerechtfertigt, auch RAF-Terror, sowjetische Gulags, Antifa-Gewalt; aber dennoch, auf eine Weise hat es was Sympathischeres als der Liberalismus.

Aber eine perfekte Welt zu schaffen klappt hier unten eben nicht. Den Gedanken an eine andere perfekte Welt hatten die Egalitaristen ja schon lange als bloße Ablenkung von den „wichtigen“ Fragen beiseitegeschoben – obwohl sie selber am Ende auch alle mit dem Tod klarkommen mussten -, also setzten sie alle ihre Hoffnungen auf diese und wurden zwangsläufig enttäuscht.

Noch eine dritte moderne Bewegung findet sich in ihren Grundzügen schon in der Zeit der Französischen Revolution: Der Nationalismus, entsprechend dem Schlagwort der „Brüderlichkeit“ aller Franzosen, oder auch dem damals auch oft verwendeten, aber nicht mehr gleich bekannten Schlagwort der „Einheit und Unteilbarkeit der Nation / der Republik“.

Nun war Frankreich schon länger ein für die damalige Zeit vergleichsweise zentralistischer Staat, aber die unterschiedlichen Revolutionsregierungen und dann Napoleon machten schließlich Nägel mit Köpfen und zentralisierten das Land vollständig; auch regionale Sprachen beispielsweise waren jetzt nicht mehr gern gesehen. Während der 1790er wurde ständig die Nation als der neue Ankerpunkt betont; nun sollte es nicht mehr darauf ankommen, welchem Stand oder welcher Kirche man angehörte, sondern darauf, dass man Bürger Frankreichs war. Dieses neue Ideal von Bürgertum und Nation wurde mit religiöser Inbrunst hochgehalten: Es wurden „Bürgermessen“ als Ersatz für die alten religiösen Zeremonien erfunden und Revolutionsmärtyrer wurden verehrt. Alle Franzosen sollten zusammenstehen, und zwar zusammenstehen gegen den gemeinsamen Feind – die Könige, die Adligen, die Pfaffen, und die Ausländer, die das Land bedrohten; irgendwo schaffte die neue Einheit also auch automatisch eine neue Exklusivität.

Auch in den deutschen Gebieten war die liberale Bewegung des 19. Jahrhunderts die national-liberale Bewegung: die Studenten, die sich diese neuen Ideen aneigneten, träumten nicht nur von einem Deutschland ohne Zensurgesetze, sondern vor allem von einem Deutschland, das alle Deutschen, die bis dahin verteilt in einem Staatenbund aus vielen kleinen Fürstentümern lebten, in einem einheitlichen Reich vereinigte („Deutschland, Deutschland, über alles!“ – ein geeintes Deutschland ist unser wichtigstes Ziel, meinte das damals, und zwar eins „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, also vom Elsass bis Ostpreußen, von Südtirol bis ins heutige südliche Dänemark). Die (an sich nicht arg schlimme, aber in ihrer überhöhten Form doch praktisch ziemlich gefährliche) Idee, dass alle Menschen, die sprachlich, ethnisch, kulturell einem Volk angehörten, in einem einzigen eigenen Staat zusammengeschlossen sein müssten, prägte das ganze 19. Jahrhundert, sorgte für diverse Kriege, vereinte das gespaltene Deutschland (leider) zu einem Reich unter preußischem Kommando, schaffte ein geeintes Königreich Italien, das auch den Kirchenstaat mit Gewalt eroberte, zerstörte das multikulturelle Riesenreich der Habsburger und sorgte für endlose Konflikte auf dem ethnisch durchmischten Balkan.

Die Überhöhung der Nation, die Tatsache, dass sie die sinn- und einheitsstiftende Rolle übernehmen sollte, die früher eher die Kirche, zusätzlich zu Familie, Dorf, Zunft, Stadt, Fürstentum etc., eingenommen hatte, trug im frühen 20. Jahrhundert dann schließlich zur noch viel stärker nationalistischen Ideologie des Faschismus bei: Die Nation, das Volk als Ganzes, stand jetzt endgültig an höchster, quasi vergöttlichter, Stelle, alle Volksangehörigen hatten sich seinen Belangen unterzuordnen und als homogene Einheit zusammenzustehen, und es sollte einen starken Führer geben, der an seiner Spitze stand und es in die Zukunft führte. Der Faschismus war freilich auch von der inzwischen aufgetauchten Idee vom Übermenschen geprägt, von der Verherrlichung der Macht und des Kampfes, die man z. B. im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert noch nicht so findet, sondern die erst nach dem Aufkommen des Darwinismus in der Naturwissenschaft, der dann einen Sozialdarwinismus in der Philosophie nach sich zog, stärker aufkam. Ab dem späten 19. Jahrhundert kursierten militaristische Ideen vom Wettstreit der Nationen, die sich im 1. Weltkrieg entluden, aber damit eben bei weitem noch nicht ihr Ende fanden; dann redeten Leute wie Mussolini und Hitler vom Willen zur Macht und dem Kampf um Lebensraum und der Überlegenheit bestimmter Rassen.

Nationalisten und Faschisten suchten auch nach einem höheren Sinn, einem Zweck, einem Ziel des Schicksals, etwas, das über das materielle Leben des Einzelnen hinausging; leider war ihre Lösung von vornherein nicht besonders sinnvoll. Eine durch ein gemeinsames durch historische Zufälle entstandenes Vaterland definierte Gemeinschaft konnte die frühere durch einen gemeinsamen Vater im Himmel definierte eben nicht glaubwürdig ersetzen; vor allem war sie doch ziemlich exklusiv.

Der Fehler der Liberalen war, dass sie jede Beschränkung und jeden Wahrheitsanspruch für Unterdrückung hielten (im Gegensatz z. B. zum Herrn Jesus, der verkündete, dass die Wahrheit es ist, die frei macht); der Fehler der Egalitaristen/Kommunisten, dass sie jede Ungleichheit auch für Ungerechtigkeit hielten; der Fehler der Nationalisten, dass sie die Nation für die wichtigste Gemeinschaft überhaupt statt für eine unter anderen hielten. Und alle drei Bewegungen machten den Fehler, für die Durchsetzung ihrer Ideologie so ziemlich alle Mittel für gerechtfertigt zu halten; der Kommunismus wegen seiner hohen Ansprüche vielleicht am meisten, aber auch der Liberalismus war davon nicht frei. (1793/94, in der Hochphase der Revolution, wurden in Frankreich alle nur vermuteten Feinde der „Freiheit“ guillotiniert; der Aufstand der Bauern in der Vendée gegen die revolutionäre Regierung wurde mit an Völkermord grenzender Gewalt niedergemacht.) Der Liberalismus leugnete, dass eine Gesellschaft auf konkreten Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch basieren musste; in das entstandene Vakuum grätschten Sozialismus und Nationalismus und Faschismus mit falschen Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch hinein.

Die katholische Kirche stand während all dieser Umbrüche im 18., 19., 20. Jahrhundert meistens auf einer ziemlich trotzigen, mal nicht zu viel verdammenden und dann immer wieder sehr deutlich verdammenden und den allgemeinen Verfall beklagenden Position. Auch wenn sie beileibe nicht alle einzelnen praktischen Neuerungen, die zufällig aus dem Geist dieser Ideologien entstanden, als unvereinbar mit der Wahrheit ablehnen musste: Zu Ende gedacht widersprachen alle drei diametral der katholischen Lehre, was die Päpste immer wieder deutlich machten, v. a. solche wie der sel. Pius IX., der im Syllabus Errorum unter anderem diese drei Ideologien verurteilte.

Letztendlich ist es ja doch so, dass nur eine Rückkehr zur tatsächlichen Wahrheit – was heißt, zu Gott, der die Wahrheit selbst ist – gegen sie helfen würde.

Über schwierige Heilige: Von Inquisitoren, Kreuzfahrern, Krieger(inne)n

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier; hier ein Teil zu anderen schwierigen Heiligen.)

Zu den problematischeren Heiligen, die man oft erst einmal lieber nicht als Auhängeschilder der Kirche benutzt, gehören auch einige, die manche heute als brutale religiöse Fanatiker sehen würden. Wir haben da etwa Heilige, die das Amt eines Inquisitors oder sogar Großinquisitors bekleideten – Kardinal Robert Bellarmin und Papst Pius V. vor seiner Papstwahl etwa.

Jetzt zucken vielleicht manche zusammen: Heilige Großinquisitoren. Oh.

 

Deswegen ist vielleicht ein genauerer Blick auf das Leben solcher Heiliger angebracht. Erst einmal Pius V. (1504-1572, Papst ab 1566):

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(Pius V., Porträt von El Greco. Gemeinfrei.)

Dieser Heilige, der den Taufnamen Antonio Michele Ghislieri trug und als Bauernsohn in einem kleinen italienischen Dorf geboren wurde, wegen seiner Begabung in den Dominikanerorden eintreten konnte, dann Theologe, Inquisitor, Bischof, Großinquisitor Kardinal und Papst wurde, war gleichzeitig in mancher Hinsicht als sehr gütig, und in anderer als sehr streng bekannt – auf jeden Fall aber als persönlich sehr fromm und demütig; praktisch das exakte Gegenbild zum Klischeebild des opulenten, korrupten und es mit den kirchlichen Regeln nicht so genau nehmenden Renaissancepapstes.

Er verbrachte viel Zeit im Gebet, fastete streng, schaffte immer noch ein großes Arbeitspensum, als er schon schwer krebskrank war, ging als Papst barfuß in den Prozessionen in Rom mit, besuchte Kranke, gab viele Almosen, ließ während einer Hungersnot 1566 große Mengen Lebensmittel importieren und in Rom verteilen, umarmte Leprakranke und wusch Armen die Füße, lebte als Papst ohne Luxus und verkleinerte den römischen Hofstaat deutlich. Ein protestantischer Engländer, der gerade in Rom war, soll sich angeblich bekehrt haben, als er den Papst die Füße eines Bettlers küssen sah. Er verbesserte Wasserversorgung und Abwassersystem in Rom, gründete zwei Krankenhäuser und ein Leihhaus, bei dem Arme günstige Kredite erhalten konnten, und ließ die Wälder um Rom herum abholzen, die bisher Räubern Unterschlupf geboten hatten.

Er setzte die Reformen des kurz vor seiner Amtszeit zu Ende gegangenen Konzils von Trient durch, sorgte dafür, dass die Bischöfe ihre Residenzpflicht in ihren Diözesen einhielten, und verbot den Ablasshandel bei Strafe der Exkommunikation. Er war ein unbestechlicher Feind des kirchlichen Nepotismus; er stellte sich, als noch Pius IV. Papst war, diesem entgegen, als er den erst dreizehnjährigen Ferdinand de Medici zum Kardinal machen wollte, und ließ als Papst einen anderen jungen Kardinal (Innocenzo Ciocchi del Monte), der seinen Kardinalshut angeblich als Geliebter von Papst Julius III. erhalten haben sollte, und sich inzwischen sexueller Übergriffe auf Frauen, Gewalttätigkeiten und sogar Morden schuldig gemacht hatte, gefangensetzen und verbannen. Er reformierte Priesterseminare und Klöster und setzte in den klausurierten Klöstern die Klausur streng durch.

Er ernannte den hl. Thomas von Aquin zum Kirchenlehrer und ließ dessen Werke neu herausgeben. Von ihm stammen der Römische Katechismus, das Brevier und das Missale, die jahrhundertelang in mehr oder weniger gleicher Form in der Kirche im Gebrauch waren. [An dieser Stelle eine kurze Anmerkung zu einer Sedisvakantistentheorie: Es gibt Leute, die meinen, mit der Einführung des Novus Ordo sei quasi eine neue schismatische Kirche gegründet worden, weil Paul VI. hier gegen Quo Primum verstoßen habe, wo Pius V. Änderungen am Ritus für die Zukunft verbietet. Tatsächlich bezieht sich ein solches Verbot (wie sich auch aus Quo Primum selbst ergibt) selbstverständlich nur auf Kleriker unterhalb des Papstes; was in der Kirche nicht prinzipiell unveränderlich ist, und was ein Papst verändert hat, kann der nächste wieder verändern. Und auch zwischen Pius V. und Paul VI. gab es zahlreiche kleine Änderungen am Ritus, die sich nur graduell, nicht prinzipiell von der Liturgiereform Pauls VI. unterscheiden.]

Er erreichte mit viel Mühe und trotz der Nichtbeteiligung des Kaisers und des französischen Königs die Gründung der Heiligen Liga zur Verteidigung Europas gegen das Osmanische Reich, das die christlichen Länder am Mittelmeer immer aggressiver angriff, und rief vor der Seeschlacht von Lepanto die Christenheit zum Rosenkranzgebet auf, und als die Heilige Liga unter Don Juan de Austrias Kommando die Osmanen hier noch einmal zurückschlagen konnte, führte er zum Dank das Fest Unserer Lieben Frau vom Siege (von seinem Nachfolger in Rosenkranzfest umbenannt) ein. (Den Sieg sah er übrigens in einer Vision, noch bevor jemand in Rom davon Bericht erstatten konnte.) Er half der schon lange unter osmanischen Angriffen leidenden Insel Malta beim Aufbau der Hauptstadt Valletta, indem er Geld und einen Architekten zum Aufbau der Verteidigungsanlagen schickte.

Er exkommunizierte die protestantische Königin Elisabeth I. von England, die die Katholiken in England verfolgen ließ, und erklärte sie für abgesetzt und ihre Untertanen von ihren Verpflichtungen ihr gegenüber entbunden (was allerdings eher dafür sorgte, dass die englischen Katholiken es von da an noch schwerer hatten), unterstützte den französischen König in den Bürgerkriegen mit den Hugenotten, und er war auch im Kirchenstaat unduldsam gegen Häretiker. Das Übergreifen des Protestantismus auf Italien zu verhindern war eins seiner wichtigsten Anliegen – und ja, er ließ auch ein paar Häretiker hinrichten.

Die Juden wurden zwar nicht so sehr bekämpft wie die Häretiker, hatten aber trotzdem wieder mit verschärften Repressionen zu leben (z.B. Verbot, Grundbesitz zu haben, Erlaubnis nur einer Synagoge, Vertreibung aus manchen Gebieten des Kirchenstaates). Einige wanderten aus dem Kirchenstaat aus, wohin manche von ihnen übrigens erst unter dem leichtlebigen Renaissancepapst Alexander VI. gekommen waren, der ihnen Zuflucht gewährt hatte, als sie im erzkatholischen Spanien nicht mehr willkommen gewesen waren.

Verbrecher – wozu er z. B. auch Gotteslästerer und Ehebrecher zählte – ließ Pius V. hart bestrafen; für Ehebruch wollte er zuerst sogar die Todesstrafe einführen (wovon man ihn dann doch abbringen konnte). Er ließ Prostituierte in einige abgelegene Gassen verbannen, verbot verheirateten Männern den Wirtshausbesuch (!), verbot Pferderennen auf dem Petersplatz und Stierkämpfe generell (nicht nur im Kirchenstaat, sondern in der Weltkirche). Er sorgte für Ordnung in den Finanzen des Vatikans und schickte den bisherigen Schatzmeister lebenslang auf die Galeere.

Seine Härte war schon damals nicht bei allen beliebt; angeblich soll er nach seiner Papstwahl gesagt haben: „Ich hoffe, so zu regieren, dass die Trauer bei meinem Tode größer sein wird, als die bei meiner Wahl.“ Tatsächlich war sie es am Ende; so unbeliebt einige der Reformen des Papstes gewesen waren, schließlich liebten ihn die Römer trotz allem.

 

Zum zweiten heiligen Chef der Römischen Inquisition: Dem hl. Robert Bellarmin (1542-1621).

(Robert Bellarmin. Gemeinfrei.)

Bellarmin, ein gebildeter adliger italienischer Jesuit, der in den Spanischen Niederlanden studiert hatte, war im Vergleich zu Pius V. weniger radikal, war vorsichtiger und humaner im Urteil, versöhnlich und bescheiden. Er ist nicht nur als großer Heiliger, sondern auch als wichtiger katholischer Theologe der Gegenreformation bekannt. Seine Verteidigungsschriften gegen die Protestanten, mit deren Theologie er sich bestens auskannte, waren in protestantischen Ländern verboten. Witzigerweise gingen seine Ansichten über das Papsttum (konkret: über die indirekte weltliche Macht des Papstes) einem Papst nicht weit genug, weshalb es kurz so aussah, als würde das erste Buch seiner „Kontroversen“ auf den Index kommen (das war vor seiner eigenen Zeit als Inquisitor). Er war auch ein geistlicher Vater für den hl. Aloisius von Gonzaga.

Und er wurde dann eben doch irgendwann mit dem Inquisitorenamt betraut; er war verantwortlich für die Hinrichtung des abgefallen Priesters und wandernden exzentrischen wie egozentrischen Philosophen Giardano Bruno, der schon alle möglichen katholischen und protestantischen Länder hatte verlassen müssen, und der übrigens nicht für wissenschaftliche Theorien, sondern für seine pantheistischen und okkulten Lehren und die Leugnung von katholischen Dogmen wie der Dreifaltigkeit und der Transsubstantiation verurteilt wurde.

Außerdem war Bellarmin verantwortlich für die erste, noch ausgesprochen freundliche Auseinandersetzung mit Galileo Galilei (vor der zweiten starb er), dem er mitteilte, er solle das kopernikanische System nur als Hypothese, nicht als Tatsache vertreten, solange es noch nicht bewiesen sei. Bellarmin war selbst ebenfalls gebildet in der Astronomie; und obwohl er das kopernikanische System nicht direkt ablehnte, wollte er es nicht als bewiesen vertreten sehen, solange es das nicht war, weil es für Unruhe unter den Gläubigen sorgte. (Hauptsächlich aufgrund von zwei Bibelstellen: Jos 10,12f., wo Josua die Sonne still stehen lässt – nicht die Erde – und Ps 19,6f.: „Sie [die Sonne] tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.“ Auch die Reformatoren, wie Luther, Calvin und Melanchthon hatten das kopernikanische System scharf als unbiblisch abgelehnt, und auf katholischer Seite wollte man auch nicht als unbiblischer dastehen als die Protestanten. Bellarmin schrieb über die Auslegung dieser Stellen in einem Brief: „Drittens sage ich, wenn es wirklich einen Beweis dafür [für das kopernikanische System] gäbe, dann müssten wir bei der Auslegung von Stellen der Heiligen Schrift, die das Gegenteil zu lehren scheinen, die größte Umsicht walten lassen und lieber sagen, wir verständen sie nicht, als eine Anschauung für falsch erklären, die als wahr bewiesen wurde. Ich bin indessen der Meinung, es gebe keine solchen Beweise, da mir keiner vorgelegt wurde.“*)

Aber was auch immer sonst über diese Männer zu sagen ist: Es bleibt dabei, sie ließen Häretiker hinrichten (und noch mehr zu Kirchenbußen, kurzen Gefängnisstrafen oder Hausarrest verurteilen); zwar nicht arg viele (die Römische Inquisition, für die beide tätig waren, ließ zwischen 1542 und 1761, also im Lauf von 200 Jahren, genau 97 Häretiker hinrichten); zwar nach fairen Prozessen (die Vorstellung vieler heutiger Menschen beim Begriff „Inquisition“ stammt aus frühneuzeitlicher englischer Propaganda und ist lächerlich falsch); aber sie ließen Häretiker hinrichten.

Und diese beiden waren nicht die einzigen heilig- oder seliggesprochenen Inquisitoren: wir haben z. B. mehrere Inquistoren-Märtyrer: den hl. Petrus von Verona, der von Katharern ermordet wurde, den hl. Petrus von Castelnau, der ebenfalls von Katharern ermordet wurde, was der Auslöser für den Kreuzzug gegen diese Katharer war, oder den sel. Antonio Pavoni und den sel. Pietro Cambiani da Ruffia, die von Waldensern ermordet wurden. Dann wären da noch ein paar weitere Heilige oder Selige, die zeitweilig das Amt eines Inquisitors innehatten und dabei nicht zu Märtyrern wurden – der sel. Folquet de Marselha, der hl. Giacomo della Marca, David von Augsburg (nicht förmlich kanonisiert, aber vom Volk verehrt), der sel. Aimone Taparelli, der sel. Guido Maramaldi, der hl. Toribio Alfonso de Mogrovejo.

Und auch sonst waren Heilige, wenn nicht an der weltlichen Strafverfolgung von Häresie beteiligt, doch zumindest öfter dafür. Der berühmteste Kirchenlehrer, der hl. Thomas von Aquin, argumentiert, wenn man schon Falschmünzer mit dem Tod bestrafe, dann doch erst recht die Verfälscher des christlichen Glaubens. Über die Zweckmäßigkeit der Hinrichtung von Häretikern gibt es unter den Heiligen der Kirche zwar keine völlige Überstimmung; als der römische Staat in der Spätantike die erste Häretikerhinrichtung der Geschichte durchführte, waren Papst und Bischöfe (inklusive des hl. Martin von Tours – ja, der mit dem Mantel) entsetzt; aber auch damals waren schon Verbannungen von Anstiftern der Ketzerei gelegentlich üblich; und so einige Heilige und Kirchenlehrer aus den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte lehnten es ganz und gar nicht ab, wenn christliche Staaten Sektenführer oder -anhänger, die die Kirche als Häretiker beurteilte, auch auf die ein oder andere weltliche Weise bestraften oder zumindest die Ausbreitung der Häresie oder die öffentliche Religionsausübung der Häretiker be- oder verhinderten.

Was sollen wir nun dazu sagen?

Nun, zunächst, dass Irrtümer ganz und gar nicht unschädlich sind, sondern sich (auch, wenn es sich um scheinbar kleine Irrtümer handelt) katastrophal auswirken können (und auch immer neue und oft noch schädlichere Irrtümer generieren, wie man an der nichtkatholischen Welt der letzten 500 Jahre gesehen hat), und dann, dass viele dieser Sektenführer damals nicht nur geistlichen, sondern ganz weltlichen Schaden anrichteten. Pius V. sah, wie der Protestantismus z. B. in den deutschen Gebieten zu Bürgerkriegen führte, und auch das zu verhindern war eins seiner Motive (wenn auch, vermute ich, nicht das wichtigste – das wird wohl eher gewesen sein, dass die Ketzer die Gläubigen irreführten und die Kirche spalteten). Das Ziel von Ketzerverfolgung war nicht die Unterdrückung mutiger freier Menschen, sondern Schutz der leicht beeinflussbaren Gläubigen vor Sekten, die in einer Welt, in der der Grundkonsens der Gesellschaft der katholische Glaube war, die ganze Gesellschaft auseinanderrissen. Häretiker waren für die Menschen damals das, was man heute „Verfassungsfeinde“ oder „Extremisten“ nennen würde. Als im Mittelalter Inquisitionsgerichte gegründet wurden, war übrigens auch ein Ziel, die Verfolgung der Häresie in geregelte Bahnen zu lenken und nicht dem Mob zu überlassen.

Die heutige Welt hat auch ein romantisiertes Bild der Ketzer; wenn sie heute plötzlich auftauchen würden, würden sie vermutlich auch nicht besonders gefallen (auch solche wie Luther, dessen negative Seiten ja zum Glück in den letzten Jahren etwas bekannter geworden sind). Die „Vollkommenen“ der Katharer praktizierten Selbstmord durch Verhungern, die Wiedertäufer waren eine brutale Weltuntergangssekte, von den Puritanern will ich gar nicht anfangen.

Und dann war es auch so, dass überall da, wo die Ketzer an die Macht kamen, bald Katholiken verfolgt wurden und vor allem ihre Klöster aufgelöst und die Ausübung ihres Glaubens behindert wurde – so nach der Reformation in England, wo jeder Priester, den die Behörden zu fassen bekamen, gehängt, ausgeweidet und gevierteilt wurde, oder Schweden, wo 1617 die Todesstrafe für Katholiken generell eingeführt wurde.

Waren die verschiedenen Inquisitionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit brutal? Nun, für ihre Zeit waren sie ziemlich human. Man wollte die Ketzer eher bekehren als bestrafen, Reue hatte Wirkung. Die Gefängnisse waren meist sehr human – besonders bei der Römischen Inquisition -, Haftstrafen relativ kurz. Die Folter verwendeten die verschiedenen Inquisitionen zum Teil gar nicht, zum Teil (ab 1252) sehr spärlich und vorsichtig und unter festgelegten Bedingungen – und wenn, dann wegen der schädlichen mittelalterlichen Rechtsgewohnheit, dass niemand ohne Geständnis nur aufgrund von Indizien verurteilt werden durfte, weshalb man ein Geständnis erzwingen wollte, wenn man relativ sicher war, dass der Angeklagte schuldig war. Hinrichtungen kamen bei „verstockten“, besonders bei rückfälligen, Ketzern natürlich vor, aber nur ein kleiner Bruchteil der Prozesse endete damit (bei der hochmittelalterlichen Inquisition gegen die Katharer in Südfrankreich etwa bei 5% der Prozesse, bei der Spanischen Inquisition der frühen Neuzeit 1,8%); und Verbrennung bedeutete oft (wenn auch nicht immer) Strangulierung und dann Verbrennung der Leiche. (Natürlich ist z. B. das lebendige Verbrennen nicht zu rechtfertigen, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, genausowenig wie die Folter zur Befragung – was übrigens auch das Kirchenrecht vor 1252 so sah.) Hinrichtungen für Häresie waren im Allgemeinen deutlich seltener als Hinrichtungen z. B. für Mord oder Raub. Die Römische Inquisition richtete, wie gesagt, in den Jahrhunderten ihres Bestehens insgesamt 97 Menschen hin, die Spanische nach den höchsten Schätzungen 5000.

(Eine Dokumentation vom BBC für alle Interessierten.)

Mit den unglaublichen Verbrechen, die aufgrund neuzeitlicher Ideologien begangen wurden, die die Kirche als ketzerisch und falsch verurteilte, wofür sie aber niemanden mehr „dem weltlichen Arm übergeben“ konnte – den Verbrechen der Kommunisten und Nationalsozialisten beispielsweise – ist die sporadische mittelalterliche und frühneuzeitliche Strafverfolgung von Häresie jedenfalls gar nicht zu vergleichen. Schon bei einer der ersten von modernen antichristlichen Ideologen errichteten totalitären Diktatur, der „Schreckensherrschaft“ der französischen Revolutionäre 1793/94, wurden in einem Jahr 300 Mal so viele Menschen umgebracht wie die Römische Inquisition in 200 Jahren schaffte (auf ganz Frankreich bezogen, aber die Opfer der furchtbaren Massaker in der Vendée nicht eingerechnet). Aber für Freiheit und Demokratie muss man vermutlich andere Opfer bringen.

Man kann die Strafverfolgung von Häresie ablehnen, wenn man will; aber man sollte wissen, was man ablehnt – und man sollte verstehen, wieso einige unserer Heiligen Häretiker hinrichten ließen. Diese Heiligen sind vielleicht unbequem; man kann auch der Meinung sein, dass sie nicht immer alles richtig gemacht haben; aber sie waren wirkliche Heilige. Aber zum Thema Inquisition vielleicht ein andermal genauer; ein bisschen habe ich über das Thema hier schon geschrieben. Ich hoffe, ich habe hier wenigstens zeigen können, dass diese Heiligen mehr und anderes waren als stereotype Großinquisitoren, wie man sie sich nach gewissen Romanautoren aus dem 19. Jahrhundert vorstellt.

 

Dann haben wir auch heilige Kreuzzugsprediger und Kreuzfahrer – den hl. Bernhard von Clairvaux, der im Auftrag des Papstes zum 2. Kreuzzug aufrief, oder den hl. Ludwig IX. von Frankreich, der selbst auf einen Kreuzzug ging. Auch Urban II., der im Jahr 1095 zum 1. Kreuzzug aufrief, wird immerhin als Seliger verehrt

Auch unbekanntere Heilige und Selige waren an den Kreuzzügen beteiligt – wie der hl. Petrus Thomas und der sel. Jean von Montmirail, oder ein paar nie förmlich kanonisierte, aber lokal vom Volk verehrte Männer wie Arnold von Hiltensweiler, Walter von Bierbeek, Ludwig IV. von Thüringen (der Ehemann der hl. Elisabeth), Gobert von Aspremont, und ein paar Kreuzfahrer, die in muslimischer Gefangenschat zu Märtyrern wurden, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollten, wie Nicasius von Jerusalem, Matthäus von Beauvais und Thiemo von Salzburg.

Wir haben auch Heilige, die an der Reconquista in Spanien beteiligt waren; dazu gehört z. B. der hl. Fernando III. von Kastilien.

(Der hl. Ludwig IX. stirbt auf dem Kreuzzug vor den Mauern von Tunis. Gemeinfrei.)

Die Kreuzzüge im Ganzen waren eine stark von der Kirche unterstützte Bewegung; Päpste riefen zu Kreuzzügen auf, es gab Ablässe für Kreuzfahrer [hier die obligatorische Erinnerung, dass Ablässe keine Vergebung der Sünden bedeuten, sondern erst nach der Vergebung der Sünden durch die Beichte ins Spiel kommen; platt gesagt: sie können nicht aus der endgültigen Hölle retten, sondern nur das zeitlich begrenzte Fegefeuer verkürzen; genauere Erklärungen hier], es wurden Ritterorden gegründet, z. B. der Malteserorden, der Templerorden oder der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Und dementsprechend waren viele sehr fromme Menschen an den Kreuzzügen beteiligt.

(Ein bisschen Kreuzzugsstimung mit Walther von der Vogelweide.)

Wir haben auch ansonsten ein paar Heilige, die in Kriegen kämpften, z. B. Jeanne d’Arc – gegen die komischerweise kaum einer etwas einzuwenden hat, weil sie den Frauenbonus hat. Es gilt eben ganz einfach: Kriegführen ist nichts generell Schlechtes. Es gibt nach der katholischen Theologie gerechte Kriege (Kriege, die einen gerechten Grund haben und mit gerechten Mitteln geführt werden); z. B. zählte zu den Kriegen mit gerechten Grund ganz sicher die Verteidigung Frankreichs gegen die Engländer im Hundertjährigen Krieg, da schließlich Heilige und Engel Jeanne d’Arc zum Kampf in diesem Krieg aufriefen, oder auch die Verteidigung Augsburg gegen die Angriffe der Ungarn durch den hl. Bischof Ulrich von Augsburg. Ein weiteres Beispiel für einen militärisch aktiven Heiligen wäre z. B. auch der hl. José Sanchez del Rio (1913-1928), ein vierzehnjähriger Junge, der beim Cristero-Aufstand gegen die die Kirche verfolgende mexikanische Regierung Bannerträger war. Er wurde zwar nicht wegen seines Einsatzes in diesem Aufstand, sondern wegen seines Martyriums heiliggesprochen: Als Regierungstruppen ihn gefangennahmen, wollten sie ihn dazu bringen, Christus zu verleugnen, und folterten und töteten ihn, weil er sich weigerte. Aber dieser Einsatz war eindeutig kein Hindernis für seine Heiligsprechung. Manche Selige/Heilige hatten auch keine andere Wahl, als Krieg zu führen – z. B. kam der sel. Kaiser Karl I. auf den österreichischen Thron, als der 1. Weltkrieg schon zwei Jahre im Gange war, und versuchte vergeblich, diesen Krieg schnell zu beenden.

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(Der hl. Ulrich von Augsburg bei der Lechfeldschlacht neben Otto dem Großen; die hl. Jeanne d’Arc; der hl. José Sanchez del Rio; der sel. Karl I. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu den Kreuzzügen: Man kann sehr gut argumentieren, dass es sich hier um gerechte Kriege handelte, insbesondere z. B. beim 1. Kreuzzug, zu dem der sel. Urban II. aufrief, weil die muslimischen Seldschuken (die Vorfahren der Türken) im Osten das christliche Byzantinische Reich brutal überfielen und schon nahe bei Konstantinopel standen, und Kaiser Alexios Komnenos die Christen im Westen dringend um Hilfe bat. Die Seldschuken überfielen auch Pilger nach Jerusalem; und zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten Muslime schon die Grabeskirche zerstört.

Die Hauptmotivation der meisten Kreuzfahrer war es, das Heilige Land, v. a. Jerusalem, in christliche Hand zu bekommen, die heiligen Stätten, wo Jesus selbst gelebt hatte, gestorben und auferstanden war, zu schützen, Zugang dazu zu haben, sie nicht wieder den Muslimen in die Hände fallen zu lassen, und Pilger und Christen in diesen Ländern überhaupt zu schützen.

Man muss hier sehen, dass zwischen der Christenheit und der muslimischen Umma damals schon jahrhundertelang ein quasi permanenter Kriegszustand herrschte, zwar unterbrochen von Waffenstillständen (und leider auch mal von taktischen Bündnissen eines christlichen Fürsten mit einem muslimischen gegen einen christlichen Rivalen, oder eines muslimischen Fürsten mit einem christlichen gegen einen muslimischen Rivalen), aber im Ganzen war es ein permanenter Kriegszustand – und die Aggression ging von den Muslimen aus, und sie waren auch die, die aufs Ganze gesehen viel für sich gewannen.

Sicher; aus Spanien, Sizilien und großen Teilen Osteuropas, die sie zu verschiedenen Zeiten an sich rissen, konnten die muslimischen Eroberer nach einem jahrhundertelangen Abwehrkampf wieder vertrieben werden; aber ganz Nordafrika, Kleinasien, Syrien, die einmal völlig christlich gewesen waren, gingen verloren. Die Seldschuken, später Osmanen und Türken genannt, drangen immer weiter vor, versuchten immer wieder, an Konstantinopel heranzukommen (das vor ihnen erstmals die Araber schon in den Jahren 674-678 belagert hatten), bis es ihnen 1453 gelang, standen später – 1529 und 1683 – zweimal vor Wien. Vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert überfielen muslimische Piraten Europas Küsten und verschleppten insgesamt eine Million Menschen als Sklaven; einer der Ritterorden, die in der Kreuzzugszeit gegründet wurden, war der Mercedarierorden, der es sich zur Aufgabe machte, solche christlichen Sklaven aus muslimischer Gefangenschaft freizukaufen. Natürlich gab es keinen permanenten Frieden. Mohammeds Religion war eine Religion, in der es permanenten Frieden mit Ungläubigen einfach nicht geben durfte und die Ausbreitung des muslimischen Herrschaftsgebietes als religiöse Pflicht galt. Auch auf muslimischer Seite wurden die Kreuzzüge damals auch nur als ein weiteres Glied in der ständigen Kette von Kriegen mit Christen gesehen.

Es gibt ja die Ansicht, die Kreuzzüge seien einfach Eroberungskriege, unnötige Angriffe auf schon lange muslimisches Gebiet gewesen. Zur Zeit der Kreuzzüge war der muslimisch beherrschte Nahe Osten allerdings noch zu einem großen Teil christlich; sogar heute sind ja in einem Land dort, dem Libanon, noch knapp 40% der Bevölkerung Christen. In der Türkei waren noch 1914 ganze 20% der Bevölkerung Christen; heute sind es weit unter 1%, Genozid sei dank. Durch ständige Drangsalierungen, abgenötigte Bekehrungen, die Flucht von Christen, Pogrome, Völkermorde, die osmanische „Knabenlese“ (das offizielle Stehlen christlicher Kinder, aus denen Sklavensoldaten des Sultans wurden), usw. schrumpfte die Zahl der unterdrückten Christen in diesen Ländern immer weiter zusammen, aber damals waren sie noch zahlreich und die muslimische Herrscherschicht im Vergleich zu heute klein.

Die Kreuzfahrerstaaten bildeten auch eine Art Puffer; sie hielten die Muslime im Osten beschäftigt und hinderten sie, weiter nach Europa vorzudringen. Man stelle sich vor, was passiert wäre, wenn der sel. Urban II. auf Kaiser Alexios‘ Bitte nicht reagiert hätte und die Seldschuken schon um 1100 Konstantinopel erobert hätten.

(In dem Zusammenhang sollte man allerdings vielleicht erwähnen, dass es auch im Mittelalter von manchen Kirchenrechtlern/Theologen Kritik an einzelnen Aspekten der Kreuzzüge oder in Einzelfällen auch grundsätzliche Kreuzzugskritik gab; ein Beispiel für einen Kreuzzugskritiker wäre Radulfus Niger. Das kirchenrechtliche Prinzip war in dieser ganzen Zeit jedenfalls: Wenn Ungläubige Christen angreifen oder verfolgen, kann man Krieg führen, wenn sie Frieden halten, soll man mit ihnen in Frieden leben. Bei vielen theologisch ungebildeten Laien, die auf einen Kreuzzug gingen, spielte wohl der Gedanke an die heiligen Stätten eine größere Rolle als der der Verteidigung der Christenheit – daher interessierten sich wohl auch mehr Männer für die Kreuzzüge im Heiligen Land als z. B. für die Reconquista in Spanien.)

Die Kreuzzüge waren jedenfalls wohl kaum schwerer zu rechtfertigen als z. B. der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Erst recht lässt sich natürlich die Abwehr der Muslime in Spanien und die Rückeroberung der muslimisch beherrschten spanischen Gebiete, die Reconquista, rechtfertigen.

Manche wollen den hl. Franziskus, der 1219 auf den Kreuzzug von Damiette mitkam und ins Lager des Sultans al-Malik al-Kamil ging, um diesen zum Christentum zu bekehren und so Frieden zu schaffen, als Gegenbild zu diesen Kriegern aufbauen. Aber Franziskus‘ friedliche Lösung war erstens nicht ergebnisloser „interreligiöser Dialog“, sondern Bekehrung; er soll dem Sultan sogar eine Feuerprobe angeboten haben, um zu erweisen, welcher Glaube der wahre war: „Solltest du aber Bedenken tragen, für den Glauben an Christus das Gesetz des Mohammed zu verlassen, dann laß ein großes Feuer anzünden; dann werde ich mit deinen Priestern ins Feuer hineingehen“, sagte er laut einem Bericht über diese Begegnung. Und zweitens funktionierte seine Lösung damals leider nicht.

(Giotto di Bondones Darstellung von Franziskus vor dem Sultan.)

Die Kreuzzüge waren übrigens keine Methode, schnelle Beute zu machen oder jüngere Söhne bequem zu versorgen. Es kostete im Gegenteil einiges an Geld und an Mühe, in ein so weit entferntes Land auf einen Kreuzzug zu gehen, sehr viele Kreuzfahrer kamen dabei um, und viele Anführer von Kreuzzügen waren reiche Herrscher über große Gebiete, die aus religiösem Idealismus (oder Fanatismus, wenn man es denn so sehen will) Kreuzzugsgelübde leisteten, um mit dem Kriegsdienst Buße für ihre Sünden zu tun. Am Ende ging das Heilige Land – das die Kreuzfahrer doch über längere Zeit gehalten hatten – deswegen verloren, weil Europa kriegsmüde war und keine Männer und kein Geld mehr dorthin schicken wollte.

Sie bedeuteten übrigens auch keine religiöse Verfolgung der Muslime. In den Kreuzfahrerstaaten lebten Muslime unbehelligt. (Nicht einmal die friedliche Bekehrung der Muslime stand besonders im Vordergrund, auch wenn es hier ein paar wenige größtenteils gescheiterte Versuche gab.)

Sicher gab es einiges an Gewalt und auch einiges an unnötiger Gewalt; es waren eben Kriege. Aber das heißt nicht, dass kein guter Christ irgendetwas mit diesen Kriegen zu tun gehabt haben dürfte.

Eine andere Sache ist noch wichtig: Die Judenpogrome, zu denen es, als zu Kreuzzügen aufgerufen wurde, in manchen europäischen Städten durch fanatisierte Bürger kam, wurden von den oben genannten Heiligen und Seligen verurteilt. Der begeisterte Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux trat auch gegen die antijüdische Hetze eines Mönchs namens Radulf auf, und auch Päpste und Bischöfe schützten die Juden in dieser Zeit übrigens vor willkürlicher Gewalt.

(Hl. Bernhard von Clairvaux.)

 

Inquisitoren, Kreuzfahrer – haben wir dann vielleicht auch noch heilige Hexenverfolger? Nicht dass ich wüsste. Der Hexenwahn war sowieso eine Sache, die nicht von der Kirche ausging, und hauptsächlich eine Angelegenheit des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation im 16. und 17. Jahrhundert, von dem andere Zeiten und Gebiete eher verschont blieben.

Beim nächsten Beitrag dann zu noch jemanden, den Säkularisten einen religiösen Fanatiker nennen könnten; dem sel. Pius IX.

 

** Zitiert in: Hans Conrad Zander, Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition, S. 133f., München 2007.

Über schwierige Heilige: Die „Märtyrerinnen der Reinheit“

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier.)

Zu denjenigen „problematischen“ Seligen/Heiligen, bei denen sich Leute weniger an ihnen selbst als vielmehr an ihrer Verehrung stören, zählen die sog. Märtyrerinnen der Reinheit: Nicht nur Maria Goretti (1890-1902), die noch von Pius XII. 1947 selig- und 1950 heiliggesprochen wurde, sondern auch Antonia Mesina (1919-1935), Pierina Morosini (1931-1957) und Karolina Kózka (1898-1914), die alle drei 1987 seliggesprochen wurden, Teresa Bracco (1924-1944), die 1998 seliggesprochen wurde, Albertina Berkenbrock (1919-1931) und Lindalva Justo de Oliveira (1953-1993), die 2007 seliggesprochen wurden, und Anna Kolesarova (1928-1944), die erst 2018 seliggesprochen wurde.

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(Von links nach rechts und oben nach unten: Die hl. Maria Goretti, die sel. Antonia Mesina, die sel. Pierina Morosini, die sel. Karolina Kózka, die sel. Teresa Bracco, die sel. Albertina Berkenbrock, die sel. Lindalva Justo de Oliveira, die sel. Anna Kolesarova.)

Hier handelt es sich um fromme katholische Mädchen und Frauen, die von einem Mann ermordet wurden, nachdem sie sich geweigert hatten, mit ihm zu schlafen, beziehungsweise dabei ermordet wurden, wie sie sich wehrten, als er sie zu vergewaltigen versuchte; mit dem kirchlichen Fachbegriff: gestorben „in defensum castitatis“ („bei der Verteidigung der Keuschheit“).

Maria Goretti z. B. wurde von einem älteren Jungen namens Alessandro Serenelli, dessen Familie im selben Haus wohnte wie ihre Familie und der ihr schon länger nachgestellt hatte, ermordet, weil sie ihm nicht nachgeben wollte; als er sie attackierte, rief sie: „Das ist Sünde, Alessandro, du kommst in die Hölle!“ Sie, die bekannteste dieser Märtyrerinnen, ist auch dafür bekannt, dass sie ihrem Mörder vergab, bevor sie im Krankenhaus an den Stichwunden starb, die er ihr zugefügt hatte. Er zeigte sich bei dem Prozess gegen ihn völlig uneinsichtig und wurde zu dreißig Jahren Zuchthaus verurteilt; nach sechs Jahren erschien ihm Maria im Traum und er bekehrte sich und wurde nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Laienbruder in einem Kapuzinerkloster, bat Marias Mutter um Vergebung, und legte Zeugnis in Marias Seligsprechungsprozess ab. Zu ihrer Heiligsprechung im Jahr 1950 kam eine halbe Million Menschen. Anna Kolesarova war ein slowakisches Mädchen, dessen Dorf gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee besetzt wurde; sie versteckte sich mit ihrer Familie im Keller ihres Hauses, wo sie aber von einem sowjetischen Soldaten gefunden wurden, der von Anna verlangte, mit ihm zu schlafen, und sie bedrohte, und sie, als sie sich weigerte, erschoss. Teresa Bracco hatte ein ähnliches Schicksal; ihr Mörder war ein deutscher Soldat.

Obwohl sich diese Märtyrerinnen im 20. Jahrhundert häufen, haben wir übrigens auch schon ältere ähnliche Fälle. Da wäre die hl. Solange von Bourges aus dem 9. Jahrhundert, deren Geschichte ganz ähnlich ist wie die der modernen Märtyrerinnen der Reinheit, nur mit ein paar mehr wundersamen Extras. Außerdem haben wir in der Antike diverse geweihte Jungfrauen, die sich weigerten, zu heiraten, als ihre heidnischen Eltern es von ihnen verlangten, und deshalb als Christinnen von ihren Eltern oder den Männern, die sie heiraten wollten, vor Gericht gebracht und hingerichtet wurden; z. B. die hl. Agnes oder die hl. Lucia. Bei manchen haben wir auch Berichte von Männern, die diesen Jungfrauen geholfen haben – z. B. hat der hl. Didymus der hl. Theodora geholfen, zu fliehen, als sie als Christin dazu verurteilt werden sollte, ein Leben als Prostituierte zu führen (so etwas kam in der Antike als Strafe durchaus vor, wie nicht nur Heiligengeschichten, sondern z. B. auch Tertullian und Laktanz belegen), indem er mit ihr die Kleider tauschte, und wurde dafür selbst getötet, als es entdeckt wurde (auch Theodora wurde dann später noch getötet). Dann wäre da die hl. Dymphna aus dem 7. Jahrhundert, die zusammen mit einem Priester vor ihrem heidnischen Vater floh, der sie nach dem Tod ihrer Mutter heiraten wollte (!), und dann doch von ihm entdeckt und getötet wurde. Sie ist übrigens auch Patronin der Geisteskranken.

Von feministischer Seite (auch manchmal von rechtgläubigen katholischen Feministinnen) kommt hier die Kritik, die Selig- und Heiligsprechungen der „Märtyrerinnen der Reinheit“ wären frauenfeindlich und würden Mädchen und Frauen vermitteln, dass es besser sei, tot als vergewaltigt zu sein; dass vergewaltigte Frauen nichts mehr wert wären; deshalb sollte man ihre Verehrung nicht fördern.

Daher erst einmal zum Thema „frauenfeindlich“: Wir haben auch männliche Heilige, die man als Märtyrer der Reinheit bezeichnen könnte, z. B. Pelagius von Cordoba (911/12-925/26) – ein Junge, den der Emir von Cordoba in Stücke hacken ließ, weil er weder auf dessen sexuelle Avancen eingehen noch zum Islam konvertieren wollte. Gut, für seine Verehrung würden manche uns statt der Frauenfeindlichkeit vermutlich Homophobie und Islamophobie vorwerfen (auch wenn es ja nicht unsere Schuld ist, dass der Emir von Cordoba ein Mörder und Päderast war). Aber den Patriarchen Joseph aus dem Alten Testament könnte man immerhin einen Bekenner der Reinheit nennen (er wurde nur ins Gefängnis geworfen, nicht getötet, weil er sich geweigert hatte, mit der Frau seines ägyptischen Herrn zu schlafen, und sie ihn dafür fälschlich der versuchten Vergewaltigung bezichtigt hatte; daher nur Bekenner, nicht Märtyrer; vgl. Gen 39,7-20).

Simone Cantarini - Joseph and Potiphar's Wife.jpg

(Simone Cantarini, Joseph und Potiphars Frau. Gemeinfrei.)

Auch die Märtyrer von Uganda (der hl. Karl Lwanga & Gefährten) zogen den Zorn von König Mwanga II. von Bugunda zumindest unter anderem deshalb auf sich, weil sie, die als Pagen an seinem Hof dienten, ihm nicht sexuell zu Willen sein wollten, da sie Christen geworden waren.

Jedenfalls: Wir haben auch heilige Männer und Jungen, die für die Weigerung, etwas Unkeusches zu tun oder zuzulassen, einiges auf sich nahmen (und überhaupt haben wir ja auch sonst viele männliche Heilige, die für ihre Keuschheit verehrt werden, z. B. den hl. Aloisius Gonzaga oder den hl. Joseph, den Bräutigam Mariens). Dass wir in dieser Kategorie mehr Frauen haben, liegt, nun ja, offensichtlich einfach daran, dass es leichter für Männer ist, Frauen zu Märtyrerinnen der Reinheit zu machen als umgekehrt, und Homosexualität statistisch seltener ist, nicht daran, dass die Kirche hier einen Unterschied zwischen Frauen und Männern machen würde.

Dann zum Thema „nach einer Vergewaltigung nichts mehr wert“: Wir haben auch Märtyrerinnen, die tatsächlich vergewaltigt worden sind, z. B. die drei Rot-Kreuz-Krankenschwestern Pilar Gullón Yturriaga, Octavia Iglesias Blanco und Olga Pérez-Monteserín Núñez, die von den Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg vergewaltigt und erschossen wurden, als sie sich weigerten, den Glauben zu verleugnen (ihr Seligsprechungsprozess läuft zurzeit, ihr Martyrium wurde bereits anerkannt, sie tragen daher im Moment den Titel „ehrwürdige Dienerin Gottes“).

Und auch bei den „Märtyrerinnen der Reinheit“ gilt ja: Wenn ihre Weigerung am Ende nichts genützt hätte und sie vergewaltigt worden wären, hätte das ihrer Heiligkeit nicht den geringsten Abbruch getan. Schon der hl. Augustinus musste gegen die heidnische römische Ansicht kämpfen, dass Vergewaltigungsopfer irgendwie unrein geworden wären und sich eigentlich gleich umbringen sollten. (Vgl. Kapitel 16-28 im 1. Buch von De civitate Dei, wo Augustinus den Frauen, die bei der Eroberung Roms im Jahr 410 vergewaltigt worden waren, aufs deutlichste zusichert, dass nur ihre Vergewaltiger ein Verbrechen begangen haben: „Denn nicht dadurch ist der Leib heilig, daß seine Glieder unversehrt sind, noch auch dadurch, daß sie keiner Berührung ausgesetzt werden; können sie ja doch auch durch allerlei Zufälle verwundet werden und Gewalt leiden…“) Nie hat die Kirche Vergewaltigungsopfer für unrein gehalten.

Es gibt vom Prinzip her keinen Grund, wieso die Ehrung der hl. Maria Goretti et. al. Frauen und Mädchen, denen es nicht gelungen ist, sich gegen einen Vergewaltiger zu wehren, ein schlechtes Gefühl vermitteln muss. Die Kirche zeigt sich hier ja gerade auf der Seite der Opfer, die sie ehrt, und verurteilt die Täter, die versucht haben, sie zu vergewaltigen. (Die hl. Maria Goretti ist übrigens auch die Patronin der Vergewaltigungsopfer.)

Trotzdem verstehe ich es, wenn manche befürchten, dass ihre Verehrung manchmal eine gewisse Art von „victim blaming“ vermitteln könnte – gerade Vergewaltigungsopfern, die z. B. in Schockstarre waren oder sich nicht getraut haben, sich körperlich zu wehren oder zu schreien, weil sie z. B. wie Maria mit einem Messer bedroht wurden. „Ich habe mich nicht so sehr gewehrt, wie ich es hätte können – ich war nicht wie Maria Goretti.“ Deswegen ist es wirklich nötig, aufzupassen, wie genau man über diese Märtyrerinnen redet.

Und es ist eben wieder mal nötig, daran zu erinnern, dass nicht jeder Heroismus moralisch verpflichtend ist. Auch sonst sagt man ja nicht, dass man hilflosere Opfer verurteilt, wenn man von jemandem erzählt, der sich auf eine besonders mutige oder kluge Weise gegen irgendein Verbrechen wehren konnte. Manche Heilige waren besonders mutig – was nicht heißt, dass jedes andere Verhalten eine Sünde gewesen wäre. (Es sagen übrigens auch ältere Moraltheologielehrbücher – aus genau der Zeit, in der Maria Goretti selig- und heiliggesprochen und sehr viel stärker verehrt wurde, als das heute der Fall ist -, dass es keine Sünde sei, wenn eine Frau, die z. B. mit dem Tod bedroht werde, eine Vergewaltigung passiv über sich ergehen lasse, um nicht getötet zu werden; falls das für manche im Zweifel gewesen sein sollte.)

Ein Vergleich: Wenn ein Land einem Soldaten einen Orden für außergewöhnliche Tapferkeit verleiht, ist das keine Verurteilung und kein victim-blaming eines Soldaten, der es nur geschafft hat, sich von den Feinden gefangennehmen zu lassen, ohne einen einzigen gegnerischen Soldaten zu verwunden.

Und man sollte eben wirklich nicht in den umgekehrten Fehler verfallen: Quasi diesen Heiligen und Seligen einen Vorwurf aus ihrem Verhalten machen. „Sie hätten gefälligst vernünftig sein und sich nicht umbringen lassen sollen.“ Es kommt mir so vor, als  würden manche Katholiken, von denen Anti-Maria-Goretti-Äußerungen kommen, so oder so ähnlich denken.

Und aktiv irgendetwas Unkeusches zu tun ist eben wirklich immer falsch, auch auf Drohungen hin. Nicht, dass nicht die Schuldfähigkeit sehr stark vermindert oder aufgehoben sein kann, wenn jemand etwas unter Drohungen tut (das ist gerade das Paradebeispiel aus dem Katechismus für verminderte/aufgehobene Schuldfähigkeit), und nicht, dass das dann nicht mehr trotzdem ein entsetzliches Verbrechen an diesem Menschen wäre; das wäre es auch gewesen, wenn z. B. der hl. Pelagius von Cordoba bei dem mitgemacht hätte, was der Emir von Cordoba von ihm wollte.  Nochmal: Auch so etwas beurteilte die Moraltheologie immer als Vergewaltigung, ein sehr schweres Verbrechen, auch dann, wenn noch keine so schweren Drohungen eingesetzt werden oder so schwere Furcht eingeflößt wird wie in diesen Fällen. Aber in diesen Fällen ist es trotzdem das Richtige, sich zu weigern.

Ein Vergleich: Die Christen, die das islamische Glaubensbekenntnis gesprochen haben, als der IS sie mit dem Tod bedroht hat, können einem sehr leid tun; aber das Richtige haben die getan, die es nicht gesprochen haben und umgebracht oder versklavt wurden. Eine Christin wie Leah Sharibu, die mit ihren Mitschülerinnen in Nigeria von Boko Haram entführt wurde, und sich weigerte, zum Islam zu konvertieren, und deshalb anders als ihre muslimischen Mitschülerinnen nicht freigelassen wurde, hat das Richtige getan.

Vielleicht könnte man auch einen entfernten Vergleich ziehen mit den Männern und Jungen, die im 2. Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen wurden und von denen viele im Krieg fielen, verwundet wurden oder in sibirischen Kriegsgefangenenlagern litten; auch sie hatten es nicht leicht, und viele meinten, keine andere Wahl zu haben, als ihrer Einberufung zu folgen, oder versuchten allerhöchstens, sie irgendwie auf legale Weise zu umgehen und kämpften doch, wenn das nicht klappte; trotzdem verehren wir nicht sie, sondern z. B. den sel. Franz Jägerstätter (1907-1943), der sich lieber hinrichten ließ als für Hitler zu kämpfen.

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(Sel. Franz Jägerstätter, Plakat zur Seligsprechung. Gemeinfrei.)

Der hl. Papst Johannes Paul II. sagte im Jahr 2002 über Maria Goretti: „Die Haltung dieser jungen Heiligen zeigt ein tiefes und edles Wissen um die eigene Würde wie auch die der anderen, was sich in den Entscheidungen des täglichen Lebens widerspiegelte und ihnen volle menschliche Sinnhaftigkeit verlieh.“ Dass die Kirche die Märtyrerinnen der Reinheit als verehrungswürdige Vorbilder herausstellt, zeigt eben auch, dass die Keuschheit etwas Wertvolles ist, und diese Vorbilder sollen ermutigen, sich nicht von anderen Menschen in sexueller (oder anderer) Hinsicht erpressen zu lassen. Der Leib ist ein Tempel Gottes und damit heilig, und darf nicht ungestraft missbraucht werden. (Johannes Paul II. führt dieses Thema übrigens hier noch weiter aus.) Ihre Fürsprache kann einem auch dabei helfen, sich klar zu weigern, bei irgendetwas Unkeuschem mitzumachen, zu dem jemand einen überreden will – auch wenn man nichts Schlimmeres als eine langwierige Diskussion und eine(n) genervte(n) Freund(in) zu befürchten hat, dem/der man erklären muss, dass es mehr als Küsse vor der Ehe nicht geben wird. Für ein Martyrium der Reinheit light gibt es manchmal genug Gelegenheiten.

Im übrigen ist es wichtig, daran zu erinnern, dass diese Märtyrerinnen nicht nur wegen der Umstände ihres Todes selig- oder heiliggesprochen wurden. Ihr ganzes Leben wurde beim Prozess betrachtet und ist verehrungswürdig; und z. B. bei Maria Goretti ist besonders ihre Vergebung für ihren Mörder bewundernswert.

(Statue der hl. Maria Goretti in St. Martin in Visé (Belgien). Quelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Norbert Schnitzler.)