Ein Kreuzweg

Fotografiert in einer Klinikkapelle.

 

I. Jesus wird zum Tode verurteilt

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II. Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

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III. Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

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IV. Jesus begegnet seiner Mutter

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V. Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

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VI. Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

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VII. Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

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VIII. Jesus begegnet den weinenden Frauen

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IX. Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

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X. Jesus wird seiner Kleider beraubt

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XI. Jesus wird ans Kreuz genagelt

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XII. Jesus stirbt am Kreuz

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XIII. Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

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XIV. Der heilige Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt

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Helplessness and security

„But, stranger than all this, was the unmistakable atmosphere that seemed to enter with him – an atmosphere that from one side produced a sense of great fear and helplessness, and on the other of a kind of security. In an instant Monsignor felt as a wounded child might feel in the presence of a surgeon.“

(Robert Hugh Benson, The dawn of all, St. Louis 1911, S. 261. (https://archive.org/stream/dawnofall00bensiala#page/260/mode/2up))

 

Aufhebung des Beichtgeheimnisses im Fall von sexuellem Missbrauch?

In Australien, wo in den letzten Jahren nicht wenige Missbrauchsfälle durch Kleriker publik geworden sind, steht der Vorschlag im Raum, ein Gesetz einzuführen, das Beichtväter verpflichten würde, Kindesmissbrauch, der ihnen gebeichtet wird, der Polizei zu melden. Ich verstehe die Argumente dafür: die Beichte sollte kein „rechtsfreier Raum“ sein, Kinder sollten vor einem Täter, der vielleicht weitere Taten begehen würde, geschützt werden, ein Priester kann es doch nicht einfach unter den Tisch kehren, wenn er von einem gefährlichen Straftäter weiß, usw. usf.

Trotzdem halte ich diesen Vorschlag für falsch.

Da gibt es natürlich einerseits die religiösen Begründungen für uns Katholiken: Das Beichtgeheimnis ist etwas absolut Heiliges. Eine staatliche Regierung hat nichts darüber zu sagen. Ein Priester darf das Beichtgeheimnis unter keinen Umständen brechen. Er ist nur das Sprachrohr zu Gott, er nimmt keine Informationen aus der Beichte mit, sondern wirkt bloß als Mittelsmann der göttlichen Vergebung. Das Beichtgeheimnis ist heilig.

Ich verstehe, dass Nichtkatholiken für diese Begründungen nicht viel übrig haben werden. Hier könnte man jetzt noch mit der Religionsfreiheit argumentieren – achtet, was anderen heilig ist, auch wenn ihr es nicht versteht. Aber wir wissen ja eigentlich alle, dass die Menschen im Allgemeinen nicht so freiheitlich eingestellt sind, dass sie etwas, das sie selbst für schrecklich halten, mit der Begründung „Uns ist das eben heilig“ automatisch dulden würden (und ich sage nicht, dass ich diese ihre Einstellung generell für ganz furchtbar falsch halte).

Aber dann sind da ja auch noch die praktischen Gründe: Wenn ein solches Gesetz eingeführt wäre, welcher Kinderschänder würde seine Taten denn dann noch beichten? Eben. Und nach dem status quo gibt es ja die Möglichkeit für einen Priester, die Absolution so lange zu verweigern, bis sich der Täter der Polizei gestellt hat. Er kann nach dem Kirchenrecht die Tat zwar nicht selbst anzeigen, aber er kann sehr wohl Druck ausüben. Und das hat er natürlich in jedem Fall zu tun! Nach der Einführung eines solchen Gesetzes dagegen würde er wahrscheinlich überhaupt nichts mehr von den Taten erfahren. Das Beichtgeheimnis kann also gerade dafür sorgen, dass Kinder besser geschützt werden.

Ich glaube, das hier könnte ein Beispiel für das Prinzip sein, dass „Der Zweck heiligt die Mittel“ oft nach hinten losgeht. Entscheidender für die Prävention von Missbrauch als ein eh schwer durchsetzbares symbolpolitisches Gesetz (wie will man es denn herausfinden, wenn ein Priester ihm gebeichteten Missbrauch nicht angezeigt hat?) ist, denke ich, das Vorgehen gegen das Wegschauen außerhalb der Beichte, und die Schulung für das Erkennen der Anzeichen von Missbrauch. Was den ganzen Schaden angerichtet bzw. verschlimmert hat, war ja nicht ein zu großer Respekt gegenüber der Heiligkeit des Bußsakramentes, sondern die Einstellung, den Opfern erst einmal nicht zu glauben oder sie gar nicht anhören zu wollen, keinen Skandal entstehen lassen zu wollen, das Wohl der Institution über das Wohl der Opfer zu stellen; die Naivität, Tätern gleich mal zu vertrauen, dass sie sich gebessert hätten und sie einfach zu versetzen statt zu belangen; der fehlgeleitete Respekt gegenüber den Tätern, der Opfer und deren Familien daran hinderte, Anzeige zu erstatten; allgemein das Darüber-wird-nicht-geredet (viele der Taten in Australien geschahen ja vor Jahrzehnten).

 

Bericht aus der Irrenanstalt

Ich befinde mich inzwischen seit vier Wochen in einer Psychosomatischen Klinik, und werde noch weitere zwei Wochen hier sein. Da dachte ich mir, ich gebe meinen Lesern mal einen kurzen exklusiven Lagebericht.

Die Klinik, in der ich bin, gehört zu den hiesigen Bezirkskliniken und unterscheidet sich in der Praxis wahrscheinlich nicht allzu sehr von der standardmäßigen Psychiatrie, abgesehen davon, dass es hier keine Abteilung für die schwereren Fälle wie Psychosen und Schizophrenien gibt, keine geschlossene Abteilung für die akut Selbstmordgefährdeten, und keine forensische (ebenfalls geschlossene) für die Straftäter. Das hier ist eine kleinere Klinik für die leichteren Fälle: Angststörungen, Zwangsstörungen, Burnout, Depressionen, usw.

Das Gebäude ist schön gelegen, hell und modern eingerichtet, es gibt einen großen Garten mit Bäumen und Blumenbeeten, Liegestühlen und Sonnenschirmen, und einer großen Terrasse. Das Essen ist wirklich gut, abgesehen vielleicht von den kleinen Portionen in Plastikpäckchen abgepacktem Honig, die es beim Frühstücksbuffet gibt. Untergebracht ist man in hübsch ausgestatteten Einzel- oder Zweierzimmern (ja, ja, auch in solchen Kliniken macht sich unser Krankenkassensystem bemerkbar). Es gibt einen Fitnessraum und einen Sportraum, weil, wie ich hier erfahren habe, Sport als gutes Antidepressivum wirken soll, eine Bibliothek, aus der ich dieses großartige Werk der hohen Literatur her habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/07/26/ein-bisschen-scheiterhaufen-muss-sein/), einen Fernsehraum, eine Lounge mit Kaffeeautomat, Heißwasserautomat, Obstkorb und Süßigkeiten, und sogar einen Saunabereich (Sauna ist nicht meins, aber das hat schon irgendwie was, oder?). Oh, und es gibt eine Kapelle im obersten Stock, in der leider nie Gottesdienste stattzufinden scheinen, sondern höchstens die Gesangsgruppe, wenn der Gruppenraum zu klein für die Anzahl der Teilnehmer ist, die aber sehr schön eingerichtet ist und wunderschöne Kreuzwegstationen enthält. Ich werde hier mal noch Fotos nachliefern.

Die meisten der Patienten, ich auch, bekommen von den Ärzten Psychopharmaka verschrieben – in so geringer Dosis wie möglich. Es handelt sich um keine Wunderpillen und keine persönlichkeitsverändernden Mittel, mein Medikament wirkt etwas beruhigend und stimmungsaufhellend, und hat die einzige Nebenwirkung, dass ich etwas müder bin als zuvor.

Was die Therapien angeht, da gibt es pro Woche 50 Minuten Einzelgespräch mit einem Psychotherapeuten; der Fokus liegt auf den Gruppenveranstaltungen. Zusätzlich zur normalen Gruppentherapie gibt es Gruppen, die sich auf bestimmte Probleme konzentrieren (z. B. Ängste), oder die mit bestimmten Methoden arbeiten (Musiktherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie, Ergotherapie). Für diese Gruppen wird man je nach Bedarf von seinem Therapeuten eingeteilt. Es kann in den Gruppensitzungen um ganz verschiedene Themen gehen: Selbstwert und Selbstannahme, sozial angemessenes Verhalten, richtige Kommunikation, Autonomie, den Angstkreislauf, die Reaktion des Körpers auf psychische Probleme, Techniken für die Vorbereitung auf Panikattacken oder andere Krisen…

Ich habe mal einen Bericht über eine Jugendpsychiatrie gesehen, in der nachts alle zwei Stunden kurz jemand ins Zimmer gesehen hat und in der man sein Handy nur für eine Stunde am Tag bekommen hat. Hier ist das nicht so; vielleicht, weil das hier eine Einrichtung für Erwachsene ist, vielleicht, weil Kliniken das unterschiedlich handhaben, vielleicht, weil in dieser Psychiatrie Patienten mit weniger gravierenden Krankheiten sind als in jener. Ein paar Dinge sind hier anders als in der tpyischen Reha-Klinik, in die man nach einem Bandscheibenvorfall eingewiesen wird, das schon. Zum Beispiel sollen Besucher nicht mit auf die Zimmer kommen, weil die ein geschützter, privater Raum für den anderen Zimmergenossen sein sollen, wo nicht plötzlich die ganze Verwandtschaft des einen Zimmergenossen drin stehen soll. Setzt man sich mit seinen Besuchern eben in die Lounge oder auf die Terrasse.

Und ja, wir laufen hier alle frei herum. Wenn man die Klinik für länger als eine Stunde verlässt, soll man sich in eine Liste eintragen, und am Wochenende, wenn keine Therapien stattfinden, hat man sich morgens nach dem Frühstück kurz beim Pflegepersonal zu melden, um Bescheid zu geben, wie es einem geht und was man für den Tag geplant hat. That’s it. Letztens hat ein Therapeut in einer meiner Gruppen mal von einem Tag der offenen Tür erzählt, der kurz vor der Eröffnung der Klinik stattgefunden hat (die noch nicht lange her ist). Offenbar haben Leute aus dem Dorf damals tatsächlich gefragt, ob die Patienten denn hier alle frei herumlaufen dürfen. Ja, doch, das dürfen wir. Zwischen den Therapien gehen die Leute hier gerne mal ins Dorf runter, einkaufen oder in ein Café. Viele nutzen den Samstag- oder Sonntagnachmittag, um ein paar Stunden nach Hause zu ihrer Familie zu fahren oder einen Ausflug in der Umgebung zu machen; andere bleiben in der Klinik und setzen sich mit einem Buch auf einen Liegestuhl draußen. Besuch kann man hier übrigens auch jederzeit bekommen, und wenn man den Aufenthalt aus welchem Grund auch immer beenden möchte, kann man vorzeitig entlassen werden. (Zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen werden kann man nur im Fall akuter Selbst- oder Fremdgefährdung – also nicht, wenn man sich z. B. mal denkt, man würde eigentlich gerne sterben, sondern eher, wenn die Polizei einen gerade so noch davon abhalten konnte, von einer Brücke zu springen -, und dann würde man nicht in diese Einrichtung hier eingewiesen werden.)

Die Patienten hier sind sehr unterschiedlich. Eine alleinerziehende Lehrerin, eine Rentnerin, ein Schreiner, eine Verkäuferin Mitte zwanzig, eine junge Schwangere… alles dabei. Die allermeisten haben Familie, viele der älteren Patienten haben einen Ehepartner und eigene Kinder. Der Altersdurchschnitt liegt vermutlich bei vierzig oder fünfzig, aber es sind auch mehrere jüngere Leute in meinem Alter hier, und ein paar ältere über sechzig.

Den meisten hier würde man es, wenn man sie auf der Straße sähe, nie ansehen, dass sie psychische Probleme haben. Ja, auch Leute, die an Depressionen oder Panikattacken leiden, können äußerlich gepflegt sein, lächeln und fröhliche Gespräche führen. Es geht ihnen auch nicht pausenlos schlecht.

Bei ein paar wenigen Patienten merkt man es eher, dass es ihnen nicht gut geht: Sie bewegen sich sehr langsam, sprechen kaum, sehen meistens so aus, als ob sie gerade geweint oder schlecht geschlafen hätten, oder sitzen beim Essen im Speisesaal meistens lieber allein. Natürlich hat jeder hier so seine Krankheit. Und hier kann man sich mit Menschen unterhalten, die das verstehen, also gibt es öfter mal Gespräche darüber, dass man in dieser Nacht bloß mit einem abhängig machenden Beruhigungsmittel schlafen konnte (zu meinem großen Glück etwas, womit ich noch nie Probleme hatte!), oder dass man Konzentrationsprobleme hat, oder dass man vorhin in der und der Gruppe eine Panikattacke hatte, oder dass einem diese oder jene ganz normale Alltagsaufgabe schwerfällt. In gewisser Weise hilft es, zu merken, dass man nicht allein ist mit Problemen solcher Art – auch wenn es natürlich an sich nicht gerade toll ist, dass noch mehr Leute dieselben Probleme erleben müssen. Aber hier gibt es jedenfalls viel Verständnis. (Natürlich redet man auch nicht nur über seine Krankheiten. Ich habe hier auch schon Gespräche über Altgriechisch, die Kreuzzüge, Häkeltechniken und Berufspläne geführt.)

Das Ganze hier dauert für gewöhnlich sechs Wochen und wird ab und zu um zwei oder drei Wochen verlängert. Das Konzept ist, die Patienten für eine begrenzte Zeit aus dem Alltag herauszunehmen und sie in dieser Zeit intensiv mit Therapien zu begleiten, damit sie dann wieder ins normale Leben zurückgehen können. Einige sind nach ihrer Entlassung noch eine Zeitlang krankgeschrieben und für gewöhnlich macht man mit ambulanter Therapie weiter.

Der Weg in die Klinik war übrigens ziemlich einfach. Die Psychotherapeutin schlägt eine stationäre Therapie vor, man ringt sich schließlich dazu durch, fragt bei der Klinik an, in die man möchte, bekommt einen Brief, wann der nächste Platz frei ist (ein paar Wochen später), telefoniert noch ein paar Mal mit der Rezeption, holt sich eine Einweisung vom Hausarzt, und fährt dann an dem entsprechenden Termin hin. (Bei akuten psychiatrischen Erkrankungen wird der Weg wohl anders und schneller verlaufen.) In den ersten Tagen hat man dann die Aufnahmegespräche mit den Ärzten und den Psychotherapeuten, d. h., man muss zwei oder drei Mal seine Krankengeschichte erzählen und wird solche Dinge gefragt, wie, hat man schon einmal ein Psychopharmakum genommen, hat man schon einmal an Selbstmord gedacht, leidet man an Schlafstörungen, oder hört man manchmal Stimmen. (Ja, auch so etwas kann einem „normalen Menschen“ passieren. Mir zum Glück noch nicht, aber das ist gar nicht mal so selten, wie man glauben könnte.) Man wird von einem anderen Patienten, der sich als „Pate“ dazu bereiterklärt hat, durchs Haus geführt, und die Kunst-, Musik-, Ergo- und Sporttherapeuten geben allen Neulingen eine kurze Einführung in das, was sie so machen. Wenn alles das dann durch ist, erstellt der zuständige Therapeut einen Wochenplan für einen und es geht mit den normalen Therapien – wie oben beschrieben – weiter.

Ich habe den Eindruck, dass diese Therapien, und nicht zuletzt auch mein neues Medikament, mir inzwischen schon geholfen haben, und bin mal gespannt, wie es dann in zwei Wochen mit mir weitergehen wird, wenn ich wieder draußen sein werde.

Und das war’s auch schon! Interessanteres oder Spektakuläreres habe ich nicht zu berichten.

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Eine Blume in einem der Blumenbeete im Garten der Klinik. Keine Ahnung, was für eine. Sie hat mir einfach gefallen.

 

Was genau ist eigentlich Hexerei/Magie?

Nicht lange, nachdem ich meinen jetzigen Ex-Freund kennengelernt hatte, erzählte er mir einmal von seiner westafrikanischen Heimat (einem mehrheitlich christlichen Land mit einer größeren muslimischen und einer kleineren heidnischen Minderheit), und erwähnte dabei, dass es dort, obwohl, wie gesagt, die meisten Leute Christen seien wie er und ich, auch noch Menschen gäbe, die an „Magie“ glaubten. Diese Wortwahl kam mir damals sehr seltsam vor. Bei „Magie“ denke ich an Harry Potter oder Bibi Blocksberg, erfundene Figuren in harmlosen Büchern und Filmen, die von Geburt an besondere Fähigkeiten haben, mit denen sie besondere Dinge bewirken können; und nicht an irgendetwas Okkultes, was normale Menschen hier und heute tatsächlich zu praktizieren versuchen. Aber diese Verwendung des Begriffs „Magie“ ist ja eigentlich die ursprüngliche – und sie ist eindeutig nicht auf Afrika beschränkt.

Daran musste ich wieder denken, als ich diese Diskussion im Kommentarbereich von Huhn meets Ei über „Hexen“ und Neopaganismus/Schamanismus gelesen habe: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2017/08/wer-darf-gast-sein-in-deinem-zelt.html Der Artikel an sich bemängelt vor allem die mangelnde Anstrengung der Kirche, ihr eigenes Angebot zu „bewerben“, und zieht dazu zum Vergleich ein Beispiel aus der Welt der Esoterik heran, nämlich eine sich selbst so nennende „Hexe Minerva“, die in Niedersachsen einen „Hexenhof“ (http://www.minervas-hexenhof.de/) betreibt und dort eine große Auswahl an Produkten und Dienstleistungen für nicht unbedingt niedrige Preise feilbietet, darunter Kräuterseifen, Talismane, Edelsteine, Orakel, persönliche Lebensberatung, Enttaufungen, „spirituelle Hochzeiten“, „Schamanische Reinigungen“ und „Auftragszauber“. Ich muss zugeben, was mich als allererstes am meisten schockiert hat, als ich einen Blick auf ihre Webseite geworfen habe, war ihre Form der Zeichensetzung und Rechtschreibung (hier zum Beispiel (http://www.minervas-hexenhof.de/philosophie.html) ist von „Rieten“ und „Uhrvölkern“ die Rede – finde den Fehler); aber was sie dort so anbietet, ist natürlich auch nicht ganz unproblematisch aus christlicher Sicht.

In den Kommentaren unter dem besagten Artikel jedenfalls konzentrierte sich die Diskussion weniger auf die Frage nach der kirchlichen PR-Arbeit; katholische Kommentatoren bezeichneten insbesondere die „Enttaufungen“ als „etwas Dämonisches“ und „Teufelswerk“, woraufhin sich andere Kommentatoren zugunsten der „Hexe Minerva“ einschalteten, z. B. eine Kommentatorin mit längeren Beiträgen über das Thema Toleranz (also darüber, wie schlimm es ist, Begriffe wie „Teufelswerk“ zu verwenden) und ihre Meinung darüber, wie grässlich das Christentum doch ist. Und ich dachte mir, das wäre eine gute Gelegenheit, anzusehen, um welche spirituellen Praktiken genau es hier eigentlich geht, wieso jemand die als „etwas Dämonisches“ sehen kann, und wieso sie aus christlicher Sicht überhaupt problematisch sind. Bleiben wir bei diesem „Hexenhof“ als Beispiel.

Auf Hexe Minervas Webseite heißt es über Auftragszauber:

„Magie ist Energie und Energie fließt. Sie kann also überall eingesetzt werden, wo sie benötigt wird, je nach Wunsch. Ich biete so genannte „Auftragszauber “ an. Das heißt, Du erteilst mir einen Auftrag, für einen bestimmten Zauber und ich führe diesen aus.

Dies könnte sein:

Zauber für Liebe und Leidenschaft

Arbeit und Karriere

Gesundheit und Wohlergehen

Kraft und Heilungszauber

Glück und Schutz

Gegen Angriffe / Schwarze Magie

gegen Flüche / Familienschutz/Aufhebung

Loslassen und Trennungszauber

Erfolg“

Weiter unten stellt sie klar:

„Was ich aus meiner Ethik als Hexe heraus nicht tue: Ich absolviere grundsätzlich keine Zauber, die mit „Dritten“ zu tun haben und / oder jemand „Drittes“ beeinflussen sollen. Des Weiteren auch keinen Schadenszauber & so genannte Partnerrückführungen. Ich übernehme keinerlei Verantwortung für das Leben anderer Menschen, die für Ihr tun selbst Verantwortlich sind! Meine Magie ist eine Hilfestellung. Sie macht aus einem Tellerwäscher keinen Millionär. Ich verspreche nicht das „Blaue vom Himmel“, sehe meine Magie als eine Hilfestellung für Sie an, Dinge in Gang zu bringen, zu beschleunigen oder nachzuhelfen.“ (http://www.minervas-hexenhof.de/auftrags-zauber.html)

Na, immerhin. Auch in den Abschnitten dazwischen hat sie übrigens schon erklärt, wieso man sich nicht wundern soll, wenn ihre Magie nicht gleich wirkt, oder nicht so, wie man es sich eigentlich vorgestellt; nicht, dass sich Kunden noch beschweren. Die Annahme, dass es sich bei den Zaubern für je 125 Euro schlichtweg um Betrug handeln könnte, klingt damit nicht völlig unplausibel – aber das muss auch nicht unbedingt der Fall sein. Jemand kann auch gutes Geld mit etwas verdienen, an das er ernsthaft glaubt. (Das gilt übrigens auch für, sagen wir mal, Renaissancepäpste.) Und sie kann ja ernsthaft glauben, dass Zauber auf ihre eigene Art und Weise wirken müssen und ihre Zeit brauchen.

Schauen wir hier weiter, was sie über schamanische Orakelsitzungen (30 min macht 60 Euro) schreibt:

„Eine Sitzung ist immer ein wenig unterschiedlich, findet im Geschützen Geister Raum statt. Sie ist sehr persönlich. Sie können direkt daran teilnehmen und Ihre Fragen stellen. Ihre Geister und Ahnen werden angehalten zu helfen und sich Ihnen durch das Orakel mitzuteilen. Diese Art von Schau, basiert auf verschiedenen Uralten Schamanischen Techniken.“

Ihr seht langsam, was ich mit der Rechtschreibung und der Zeichensetzung meine, oder?

Nehmen wir also mal an, sie ist vollkommen ehrlich und glaubt an alles, was sie so auf ihrer Webseite über „Energie“ und „Energie Wesen“ (Das ist ein zusammengesetztes Substantiv!!!!! Da gehört keine Leerstelle hin!!!!!!! Entschuldigung.), „Geister und Ahnen“, „uralte schamanische Techniken“ und „Kraftquellen“ schreibt, und das ist nicht nur Geldmacherei. Schön.

Bei dieser Art Magie geht es also, zusammengefasst, darum, diverse Geistwesen – seien es die eigenen Ahnen oder irgendwelche Erdgöttinnen oder Energiegeister – anzurufen, um von ihnen entweder Informationen zu bekommen oder sie dazu zu bringen, Dinge für einen zu bewirken, z. B. Erfolg im Beruf, oder auch, was Minerva hier allerdings eben nicht anbietet, Schaden für persönliche Feinde; oder es geht darum, bestimmte Gegenstände als Talismane zum eigenen Schutz oder Nutzen zu verwenden, was sowohl eher harmlos – Heilkristalle, Amulette – als auch unter manchen Umständen ziemlich schlimm aussehen kann (zum Beispiel in manchen afrikanischen Ländern (soweit ich weiß, im Heimatland meines Ex-Freundes nicht), wo Albinos ermordet und ihre Körperteile als Glücksbringer verkauft werden: https://www.welt.de/wissenschaft/article138413514/Albinos-werden-in-Teilen-Afrikas-wie-Tiere-gejagt.html, http://www.sueddeutsche.de/panorama/aberglaube-in-afrika-albinos-abgeschlachtet-1.147634) Auch die Anrufung von Geistern kann natürlich ganz unterschiedlich aussehen; ein Phönizier, der ein Kleinkind opfert, ist offensichtlich etwas anderes als ein Teenager mit einem Ouija-Brett oder Hexe Minerva mit was auch immer genau sie in ihren Sitzungen verwendet. Zu dieser Art von Magie gehören Gläserrücken, Wahrsagen, Voodoo-Puppen (oder das europäische Pendant: Atzmänner: https://de.wikipedia.org/wiki/Atzmann_(Magie)), Tarotkarten, Pendeln, und dergleichen – keine Zauberstäbe und Quidditch-Spiele. Schade.

Die christliche Kritik an alldem kann natürlich erstens lauten, dass es Blödsinn ist, der nicht funktioniert. Ein Stein, den du um deinen Hals trägst, wird dir kein Glück bringen. Da besteht kein logischer Zusammenhang. Für einen Menschenknochen gilt dasselbe. Solcher Aberglaube ist schlecht, weil man sein Vertrauen in unsinnige und unlautere (und manchmal entsetzliche) Praktiken statt in Gott setzt, er ist ein Verstoß gegen das erste Gebot, nur den einen wahren Gott zu verehren. Die ganzen Lehren, die dahinter stehen, sind einfach falsch; es ist ein unethischer und letztlich fruchtloser Versuch, geheime Macht über das Schicksal, die Natur oder andere Menschen zu gewinnen. Ich glaube, ein Großteil der Anziehungskraft des Okkultismus liegt darin, dass es sich hier um eine Art geheimes Wissen, um besondere Kräfte handelt, von denen andere Menschen nichts ahnen. Man kommt in einen inneren Kreis der Privilegierten, der Eingeweihten hinein. Man macht sich eine Welt zunutze, die andere gar nicht kennen. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es dazu:

„Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen: Indienstnahme von Satan und Dämonen, Totenbeschwörung oder andere Handlungen, von denen man zu Unrecht annimmt, sie könnten die Zukunft „entschleiern“ [Vgl. Dtn 18,10; Jer 29,8.]. Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden.

Sämtliche Praktiken der Magie und Zauberei, mit denen man sich geheime Mächte untertan machen will, um sie in seinen Dienst zu stellen und eine übernatürliche Macht über andere zu gewinnen – sei es auch, um ihnen Gesundheit zu verschaffen -‚ verstoßen schwer gegen die Tugend der Gottesverehrung. Solche Handlungen sind erst recht zu verurteilen, wenn sie von der Absicht begleitet sind, anderen zu schaden, oder wenn sie versuchen, Dämonen in Anspruch zu nehmen. Auch das Tragen von Amuletten ist verwerflich. Spiritismus ist oft mit Wahrsagerei oder Magie verbunden. Darum warnt die Kirche die Gläubigen davor. Die Anwendung sogenannter natürlicher Heilkräfte rechtfertigt weder die Anrufung böser Mächte noch die Ausbeutung der Gutgläubigkeit anderer.“ (KKK, Nr. 2116-2117; http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P7L.HTM)

Problematischer als bloße Talismane sind natürlich alle Praktiken, bei denen Geister direkt angerufen werden – vor allem aus den Gründen, die der Katechismus nennt, aber nicht nur. Wir Katholiken glauben auch, dass es tatsächlich Geistwesen gibt, nämlich die sog. Engel, die wie wir Menschen einen freien Willen haben, und sich für oder gegen Gott entscheiden mussten, weshalb es gute Engel und böse Engel (die gefallenen Engel oder Dämonen) gibt. Dämonen sind, ebenso wie die guten Engel, weder allwissend noch allmächtig. Sie können uns daher nicht einfach nach Belieben schaden. Aber… es gibt die theoretische Möglichkeit, dass Dämonen Zugang zu und Einfluss über Menschen gewinnen könnten, wenn die sich durch okkulte Praktiken selbst für „Geister“ öffnen, indem sie sich zum Beispiel als „Medium“ zur Verfügung stellen. Geister sind nicht immer gut, und manchmal kommen vielleicht tatsächlich Geister, die man lieber nicht hätte da haben wollen, wenn sie denn schon eingeladen werden. Natürlich können Geschöpfe immer nur so viel Schaden anrichten, wie Gott zulässt. Zwar lässt Gott auch uns Menschen mit unserem freien Willen so einigen Schaden anrichten, aber wir haben genauso wenig unbegrenzte Macht wie eben die Engel. Aber trotzdem, aus katholischer Sicht ist es wirklich nicht anzuraten, nur mal zum Spaß Gläserrücken auszuprobieren. Nein, ich glaube nicht, dass der Teufel auf jeden Abergläubischen lauert. Mich hat man als Kind mal zum Warzenabbeten mitgenommen (ja, ja, auch im katholischen Bayern hat der Aberglaube seine Wurzeln geschlagen…), und, guess what, keine dämonische Besessenheit, kein Bedarf, sich wegen eines Exorzisten ans Bistum zu wenden. (Die Warzen waren allerdings auch nicht weg.) Aber trotzdem würde ich ohne Ausnahme die Finger von so etwas lassen. Wie Arthur Weasley in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ so weise gesagt hat: „Vertraue niemals etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Hirn hat.“ (Ich zitiere aus dem Gedächtnis, weil ich das Buch nicht hier habe.) Man hat keine Ahnung, was für ein Geist beim Gläserrücken antwortet, wenn denn da ein Geist antwortet und das Ganze nicht nur durch Autosuggestion und Betrug funktioniert.

Übrigens, das Argument, dass okkulte Praktiken fruchtlos sind, bleibt bestehen, wenn man annimmt, dass böse Geister gelegentlich antworten könnten. Wer glaubt denn, dass der „Vater der Lüge“ (als angeblicher Geist von Onkel Manfred) einem beim Gläserrücken tatsächlich die Wahrheit erzählen würde? Oder dass er die Macht hätte, einem selber Glück im Beruf zu verschaffen, oder dem bösen Nachbarn eine Krankheit, im Fall eines Schadenszaubers? Und gute Engel lassen sich nicht auf diese Weise herbeizitieren, und Tote auch nicht. Vielleicht erscheinen sie einem manchmal von selber mit Gottes Erlaubnis / auf Gottes Anweisung hin. Aber man kann sie nicht herbeizwingen.

Das also sind, grob gesagt, die Gründe, wieso Hexerei im Sinne von Okkultismus und Spiritismus – die immer existiert hat, zu manchen Zeiten und Orten bloß etwas auffälliger als zu anderen (zum Beispiel war der Spiritismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der feinen europäischen Gesellschaft sehr beliebt) – aus christlicher Sicht schlecht ist.

Man sollte hier vorsichtig sein, auf der Seite von Schamanen oder deren Kunden böse Absichten zu vermuten. Die Schamanen glauben (vermutlich) an das, was sie tun, wenn nicht immer, dann doch oft genug, und haben wohl auch das Gefühl, mit ihren Diensten Gutes zu tun (wie die Hexe Minerva, die als ethische Hexe keine Schadens- oder Liebeszauber anbieten möchte). Sie wollen keine bösen Geister herbeirufen, sondern gute – wie sie auch auf die Idee gekommen sind, dass das immer funktionieren wird. Die meisten ihrer Kunden wollen vielleicht einfach mal gucken, nehmen das selber gar nicht so richtig ernst, oder aber lassen sich von der Verbundenheit-mit-der-Natur-Rhetorik von Leuten wie Minerva von deren Theorien überzeugen. Diese Vorstellungen sind ja auch nicht – auch wenn Heilkristalle o. Ä. das sind – von vorne bis hinten vollkommen falsch. Nö, Irrlehren haben oft einen wahren Kern, den sie dann überdehnen. Zum Beispiel hier:

„Die Natur ist für uns beseelt , heilig und voller Magie. Alles ist mit dieser Essenz versehen und jeder Mensch, jedes Tier, ja sogar jeder Stein besitzt seine Heiligkeit und seine Kraft. […] ‚Anam cara‘ – alle Seelen sind miteinander verbunden.- So sagen die Kelten… Das Hauptanliegen ist es, Sie mit Techniken vertraut zu machen, welche es Ihnen  ermöglichen wieder Kontakt zu Ihren  Wurzeln und Ahnen aufzunehmen. Die Gesetzmäßigkeiten der Natur kennenzulernen, zu leben und so Kraft und innere Heilung zu erfahren. Die eigene Mitte zu finden Ein Treffpunkt, ein Versammlungspunkt, wie ein Kraftquelle-, soll der Hexen Hof sein, Kreativität und Spiritualität fördern, egal wo Sie herkommen und egal wo Sie hin wollen. Den Bezug zur Mutter Erde wollen wir herstellen und viel Raum für eigene Erfahrungen lassen. Der Heiligkeit der Natur und unsere Ahnen erfahren, sich somit selbst in unserem Innersten begegnen…. Ihr sollt bei uns einen Ort finden, der neugierig macht, nach innen zu forschen – die eignen Kraftquellen und Wurzeln kennenzulernen, ganz ohne die Ablenkung der Zivilisation. Wir sind kein Seminar Hof im herkömmlichen Sinne, vielmehr sind wir ein Ort der Begegnung und des Erfahrungsaustausches. Wo Einfachheit und ursprüngliche Natur ihre Wirkung entfalten sollen und Seelen sich in ihrem tiefsten inneren Begegnen…“ (http://www.minervas-hexenhof.de/philosophie.html)

Mir wäre es lieber, wenn sie sich „in ihrem tiefsten Inneren begegnen“ würden.

Okay, zum eigentlichen Punkt. Lassen wir die Fehler Fehler sein und nehmen wir das Gelaber mal auseinander:

  • „Die Natur ist beseelt und heilig“: Kommt darauf an, was man darunter versteht. Die Natur ist von Gott geschaffen und, ja, sie spiegelt etwas von Seinem Wesen wider. Die ganze Schöpfung ist wunderbar. Ich liebe es, Buchenblätter oder Buschwindröschen anzusehen. Tiere sind faszinierend, Geologie ist faszinierend, und Astrophysik ist faszinierend. Pflanzen oder Tiere sind nicht einfach nur verwendbares Material, sie sind mehr. Wir sollen sie behüten. ABER: Die Natur ist gefallen, sie ist nicht perfekt, wie sie sein sollte. In ihr gibt es schlechte Dinge – Tod, Schmerzen, „Fressen oder gefressen werden“. Und in einem Stein steckt nun einmal kein Geist, und die Natur ist auch nicht selbst göttlich.
  • „Bezug zur Mutter Erde“: Wie gesagt, die Natur ist etwas sehr Gutes. Bezug zur Natur ist etwas Gutes, das unter manchen Umständen tatsächlich der Psyche helfen könnte. Ein Waldspaziergang muntert auf, ja, doch, soweit okay. Verständnis für die Natur und Rücksicht auf sie ist auch gut. Man muss beim Waldspaziergang ja nicht seinen Müll zwischen die Bäume werfen. Aber das hier klingt wieder nach Vergöttlichung der Natur, also nach Pantheismus, und speziell nach einem Pantheismus mit einer weiblichen Erdgöttin. Hier wird vielleicht deutlich, wieso Gott im Christentum mit männlichen Pronomen versehen und als „Vater“ angeredet wird, obwohl es in der Bibel auch weibliche Metaphern für Gott gibt und Gott natürlich nicht unseren Geschlechterkategorien untergeordnet ist: Der Vatergott bringt die Vorstellung eines ferneren Schöpfers mit sich, während die Muttergöttin eher eine pantheistische Vorstellung der Erde / der Natur, die die einzelnen Geschöpfe dann „gebiert“, weckt. Es gibt aber eben keine „Mutter Erde“ als Person, zu der wir eine persönliche Beziehung haben können – falls das hier gemeint ist. Der Pantheismus ist in sich unlogisch, denn er nimmt einem letztlich die Möglichkeit, das Schlechte in der Natur – Tod etc. – als wirklich schlecht anzuerkennen – schließlich gehört es ja auch zur Natur. Ein außerhalb und oberhalb der gefallenen Welt stehender Schöpfergott, der das Gute liebt und gerecht über Gut und Böse richtet, lässt einem diese Möglichkeit.
  • „Alle Seelen sind miteinander verbunden“: Wir haben einen gemeinsamen Vater im Himmel, wir sind alle Geschwister, sind eine solidarische Gemeinschaft, jep, alles gut. Solange man diesen Satz nicht in dem Sinne interpretiert, dass es nur eine große Weltseele gibt, von der jede einzelne Seele nur ein kleiner Teil ist – aber das sagt er ja eigentlich nicht.
  • „ein Ort, der neugierig macht, nach innen zu forschen – die eignen Kraftquellen und Wurzeln kennenzulernen, ganz ohne die Ablenkung der Zivilisation“: Zivilisation ist nichts Schlechtes, by the way. Zivilisation bedeutet einfach gut organisiertes, solidarisches menschliches Zusammenleben. Ohne Zivilisation gäbe es auch den Hexenhof nicht. Okay, ja, manchmal will man sich von anderen Menschen zurückziehen. Aber das heißt eben nicht, dass Autobahnen, Abwasserleitungen, Supermärkte und Büros etwas Schlechtes sind. Nach innen forschen – klingt okay. Ab und zu braucht es den Blick auf die eigene Seele wohl. Bei Exerzitien wird wohl auch so was Ähnliches gemacht. Eigene Kraftquellen – was ist damit gemeint? Ominöse Energieströme? Oder soll man einfach die eigenen Stärken erkennen, damit man sie sich bei zukünftigen Problemen zunutze machen kann?
  • „Kontakt zu ihren Wurzeln und Ahnen“: Okay, und was ist mit dem Urgroßvater, der in der SS gekämpft hat und den man nie kennengelernt hat, weil er in Stalingrad gefallen ist? Oder der giftigen, mit der ganzen Verwandtschaft zerstrittenen Großtante, die vorletztes Jahr an Krebs gestorben ist und bei deren Beerdigung – seien wir ehrlich – man ihr zwar nichts Böses mehr gewünscht hat, aber auch nicht allzu viele Tränen um sie geflossen sind? Oder dem Alkoholiker-Großonkel, dessen Frauen-Witze man bei den Familienfesten stets geflissentlich überhört hat, als er noch am Leben war? Ernsthaft: Was soll das mit den Ahnen? Ja, meine Ahnen haben eine gewisse Bedeutung dafür, wer und was ich jetzt bin, aber sie waren auch nur Menschen. Es ist gut, den lieben verstorbenen Großvater in Ehren zu halten, es schadet nicht, die Geschichte der eigenen Familie zu verstehen, aber sollte ich nicht lieber mehr Kontakt zu meiner noch lebenden Familie haben? Und von den Toten heraufbeschwören möchte ich meine armen Großeltern oder Urgroßeltern, die jetzt endlich ihre Ruhe vor dieser Welt haben, ganz sicher nicht mehr, falls es hier darum gehen sollte.
  • „Die eigene Mitte finden“: Was genau will uns das sagen? Das eigene Ziel im Leben finden, um das man das Leben dann ausrichten kann? Ausgeglichenheit finden? Was heißt das hier genau?

Solche Texte enthalten viel Selbstverständliches gepaart mit einigem Blödsinn und viel, viel Gelaber, bei dem man nicht weiß, in welche Richtung es geht: Perfektes Rezept, um Leute anzulocken.

So viel zu der ganzen Naturmystik, die nicht zwangsläufig mit Hexerei zusammenhängt, allerdings im Fall solcher Anbieter von natürlicher / schamanischer Spiritualität oft mit ihr einhergeht und dabei hilft, Leute zu „magischen“ Praktiken hinzuführen.

Noch eines, was die Bezeichnung „Neopaganismus“ für dieses ganze Konglomerat angeht: Die halte ich für sehr unpassend, denn als pagane („heidnische“) Religionen bezeichnet man im Christentum ja eigentlich alle nicht-jüdischen, vorchristlichen Mythologien, Philosophien und spirituellen Praktiken – und der Konfuzianismus, die Stoa, der Zoroastrismus oder der Buddhismus haben nun wirklich nicht viel mit Gläserrücken oder Auftragszaubern zu tun. Auch den ursprünglichen afrikanischen oder indianischen Religionen wird man nicht gerecht, wenn man sie mit deutschem Schamanismus gleichsetzt. (Viele dieser unterschiedlichen Religionen kennen zum Beispiel den Glauben an einen einzigen Gott, auch wenn der als sehr weit entfernt von der Welt der Menschen gedacht wird, und man sich für praktische Probleme eher an die Zwischenwelt der Geister wendet. Aber auch in anderen Dingen unterscheiden sie sich vom „Neopaganismus“.) Wir sollten fairer gegenüber dem Heidentum sein.

 

Über schwierige Bibelstellen, Exkurs: Über das Ringen mit Gott (und der Bibel) – Weisheit 12 vs. Genesis 32

Kurz nachdem ich Teil 13 dieser Reihe, über die Landnahme, beendet hatte, bin ich noch auf die folgende Bibelstelle gestoßen, in der es um genau dieses Thema geht, und die mir erst einmal Stoff zum Nachdenken gegeben hat, weshalb ich sie auch meinen Lesern nicht vorenthalten wollte (schließlich will ich hier alle zum Thema gehörenden Argumente möglichst vollständig präsentieren) :

„Denn wer darf sagen: Was hast du getan? Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte gegen dich auftreten als Anwalt schuldiger Menschen? Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen wegen der Menschen, die du gestraft hast. (Weisheit 12,12-14)

Hm, äh, ja.

Bevor jemand fragt, ich nehme Teil 13 nicht zurück.

Ich bin hier schon einmal (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/28/ueber-schwierige-bibelstellen-exkurs-etwas-grundsaetzliches-ueber-gottes-gutheit/) darauf eingegangen, dass ich es für sehr nötig halte, darzulegen, dass der Gott der Bibel ein gerechter Gott ist, und deshalb klarzumachen, wie Stellen über die Landnahme verstanden werden sollten, und wie sie meiner Meinung nach nicht verstanden werden sollten. Von „fundamentalistisch“-christlicher, besonders von calvinistischer, Seite wäre ja gegen solche Rechtfertigungs- und Erklärungsversuch der Einwand möglich, dass wir einfach zu akzeptieren haben, wie Gott sich zeigt, anstatt das und das zu hinterfragen und mit einer unvollständigen Offenbarung, einem historischen Kontext oder einem „das ist nicht wörtlich gemeint“ wegzuerklären – und das Gleiche scheint ja jetzt auf den ersten Blick auch dieser Text aus der Bibel selbst zu sagen.

 

Ich antworte darauf, dass wir zum einen ein vollständiges Bild dessen brauchen, was die Bibel zum Thema „Gott hinterfragen“ sagt. (Zum anderen brauchen wir die Verse im Zusammenhang – aber dazu unten!) Sie enthält nämlich u. a. auch folgende Stellen:

„In derselben Nacht stand er [Jakob] auf, nahm seine beiden Frauen, seine beiden Mägde sowie seine elf Söhne und durchschritt die Furt des Jabbok. Er nahm sie und ließ sie den Fluss überqueren. Dann schaffte er alles hinüber, was ihm sonst noch gehörte. Als nur noch er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, schlug er ihn aufs Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Der Mann sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Jener fragte: Wie heißt du? Jakob, antwortete er. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel (Gottesstreiter); denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort. Jakob gab dem Ort den Namen Penuël (Gottesgesicht) und sagte: Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen. Die Sonne schien bereits auf ihn, als er durch Penuël zog; er hinkte an seiner Hüfte. Darum essen die Israeliten den Muskelstrang über dem Hüftgelenk nicht bis auf den heutigen Tag; denn er hat Jakob aufs Hüftgelenk, auf den Hüftmuskel geschlagen.“ (Genesis 32,23-33) Sehr… kryptische Geschichte, nicht wahr?

Der Herr erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. Abraham saß zur Zeit der Mittagshitze am Zelteingang. Er blickte auf und sah vor sich drei Männer stehen. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang aus entgegen, warf sich zur Erde nieder und sagte: Mein Herr, wenn ich dein Wohlwollen gefunden habe, geh doch an deinem Knecht nicht vorbei! […] Die Männer erhoben sich von ihrem Platz und schauten gegen Sodom. Abraham wollte mitgehen, um sie zu verabschieden. Da sagte sich der Herr: Soll ich Abraham verheimlichen, was ich vorhabe? Abraham soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. Denn ich habe ihn dazu auserwählt, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm aufträgt, den Weg des Herrn einzuhalten und zu tun, was gut und recht ist, damit der Herr seine Zusagen an Abraham erfüllen kann. Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen. Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn. Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten? Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun. Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten. Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten. Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.“ (Genesis 18,1-3.16-33)

„Es war am Ende der vierzig Tage und der vierzig Nächte, als mir der Herr die beiden Steintafeln, die Tafeln des Bundes, übergab und zu mir sagte: Steh auf, steig rasch hinunter, weg von hier; denn dein Volk, das du aus Ägypten geführt hast, läuft ins Verderben. Sie sind rasch von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Bildnis gegossen. Weiter sagte der Herr zu mir: Ich habe mir dieses Volk angesehen. Ja, es ist ein halsstarriges Volk. Lass mich, damit ich sie vernichte, ihren Namen unter dem Himmel auslösche und dich zu einem Volk mache, das mächtiger und zahlreicher als dieses ist. Ich wandte mich um und stieg den Berg hinunter. Der Berg stand in Feuer. Ich trug die beiden Tafeln des Bundes auf meinen Armen. Und ich sah, was geschehen war: Ja, ihr hattet euch an dem Herrn, eurem Gott, versündigt, ihr hattet euch ein Kalb gegossen, ihr wart rasch von dem Weg abgewichen, den der Herr euch vorgeschrieben hatte. Ich packte die beiden Tafeln, die ich auf meinen Armen trug, schleuderte sie fort und zerschmetterte sie vor euren Augen. Dann warf ich mich vor dem Herrn nieder. Wie beim ersten Mal blieb ich vierzig Tage und vierzig Nächte vor ihm, aß kein Brot und trank kein Wasser, wegen all der Sünde, die ihr begangen hattet, indem ihr tatet, was in den Augen des Herrn böse ist, sodass ihr ihn erzürntet. Denn ich hatte Angst vor dem glühenden Zorn des Herrn. Er war voll Unwillen gegen euch und wollte euch vernichten. Doch der Herr erhörte mich auch diesmal. (Deuteronomium 9,11-19)

Mit Gott zu streiten, mit Gott zu ringen, mit Gott zu verhandeln, Gott zu hinterfragen, hartnäckig Bitten an Gott zu richten, damit Er etwas anders macht, als Er es ursprünglich geplant hatte… das alles wird in diesen Stellen als gut dargestellt.

 

Vielleicht sehen wir anderswo, wie diese Stellen zusammengebracht werden können.

Da wäre nämlich einerseits das Buch Ijob. Ijob, der schweres Leid ertragen muss, klagt über sein Schicksal, verzweifelt daran. „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen. […] Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich?“ (Ijob 3,3.11) Und er klagt Gott an – Hab ich gefehlt? Was tat ich dir, du Menschenwächter? Warum stellst du mich vor dich als Zielscheibe hin? Bin ich dir denn zur Last geworden?“ (Ijob 7,20) – und bekennt dabei seine eigene Hilflosigkeit vor dem Herrn: „Wie sollte denn ich ihm entgegnen, wie meine Worte gegen ihn wählen? Und wär ich im Recht, ich könnte nichts entgegnen, um Gnade müsste ich bei meinem Richter flehen. Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört. Er, der im Sturm mich niedertritt, ohne Grund meine Wunden mehrt, er lässt mich nicht zu Atem kommen, er sättigt mich mit Bitternis. Geht es um Kraft, er ist der Starke, geht es um Recht, wer lädt mich vor?“ (Ijob 9,14-19) Ich sage zu Gott: Sprich mich nicht schuldig, lass mich wissen, warum du mich befehdest. Nützt es dir, dass du Gewalt verübst, dass du das Werk deiner Hände verwirfst, doch über dem Plan der Frevler aufstrahlst? Hast du die Augen eines Sterblichen, siehst du, wie Menschen sehen? Sind Menschentagen deine Tage gleich und deine Jahre wie des Mannes Tage, dass du Schuld an mir suchst, nach meiner Sünde fahndest, obwohl du weißt, dass ich nicht schuldig bin und keiner mich deiner Hand entreißt?“ (Ijob 10,2-7) Die Freunde Ijobs, die ihn besuchen gekommen sind, sind empört ob solcher Blasphemie und machen sich sofort an die Aufgabe, Gott zu verteidigen: Gott ist gerecht, Ijob muss gesündigt und sich sein Leid verdient haben, da mag er noch so sehr seine Unschuld beteuern. „Wie lange noch willst du derlei reden? Nur heftiger Wind sind die Worte deines Mundes. Beugt etwa Gott das Recht oder beugt der Allmächtige die Gerechtigkeit?“ (Ijob 8,2f.) „O, dass Gott doch selber spräche, seine Lippen öffnete gegen dich. Er würde dich der Weisheit Tiefen lehren, dass sie wie Wunder sind für den klugen Verstand. Wisse, dass Gott dich zur Rechenschaft zieht in deiner Schuld. Die Tiefen Gottes willst du finden, bis zur Vollkommenheit des Allmächtigen vordringen? Höher als der Himmel ist sie, was machst du da? Tiefer als die Unterwelt, was kannst du wissen?“ (Ijob 11,5-8)

Und am Ende schaltet Gott sich tatsächlich selbst ein, als erstes mit zwei langen, an Ijob gerichteten Reden in den Kapiteln 38-41. Zunächst scheint Er ganz im Sinne der Freunde zu sprechen: „Da antwortete der Herr dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: Wer ist es, der den Ratschluss verdunkelt mit Gerede ohne Einsicht? Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann: Ich will dich fragen, du belehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Du weißt es ja. Wer hat die Messschnur über ihr gespannt? […] Mit dem Allmächtigen will der Tadler rechten? Der Gott anklagt, antworte drauf!“ (Ijob 38,1-5; 40,2) „Da antwortete der Herr dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, du belehre mich! Willst du wirklich mein Recht zerbrechen, mich schuldig sprechen, damit du Recht behältst? Hast du denn einen Arm wie Gott, dröhnst du wie er mit Donnerstimme?“ (Ijob 40,6-9) Allzu zornig wirkt das zwar nicht, aber sehr klar und deutlich.

Aber dann, in Kapitel 42, richtet Er Sein Wort noch an jemand anderen: „Als der Herr diese Worte zu Ijob gesprochen hatte, sagte der Herr zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob. (Ijob 42,7) Ijob erhält von Gott tatsächlich keine Antwort darauf, wieso er so leiden musste; die einzige Antwort, die er erhält, ist, dass die Antwort zu hoch für ihn wäre und Gott sie schon kennen wird. (Und diese Antwort akzeptiert er; als Gott ihn auffordert, ihm zu antworten, sagt er: „Ich hab erkannt, dass du alles vermagst; kein Vorhaben ist dir verwehrt. Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt? So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind. Hör doch, ich will nun reden, ich will dich fragen, du belehre mich! Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum widerrufe ich und atme auf, in Staub und Asche. (Ijob 42,2-6)) Aber gleichzeitig wird vom Herrn selber bestätigt, dass Ijob „recht geredet“ hat von Gott, und seine Freunde nicht. Ijob hatte Recht damit, darauf zu bestehen, dass er nichts getan hatte, um sein Leid zu verdienen; und es war schlicht grausam und falsch von den Freunden, ihn überreden zu wollen, eine nicht existierende Schuld anzuerkennen. Ijob war im Recht damit, die Ungerechtigkeit in der Welt und in seinem Leben speziell zu sehen, und Gott direkt anzusprechen und nach Antworten zu suchen, anstatt über Gott apologetische Reden zu halten, um sicherzustellen, dass Er gegenüber einem leidgeprüften Menschen immer noch korrekt dasteht.

Dann gäbe es, in Bezug auf das Bittgebet, auch noch dieses in den Evangelien erzählte Ereignis:

„Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete. Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein Stück weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.(Matthäus 26,36-39)

Ich denke, Weisheit 12 beleuchtet die eine Seite der Wahrheit, und andere oben zitierten Stellen die andere.

  • Es ist gut, unser Verständnis von Gott zu hinterfragen, darum zu ringen, Ihn kennen zu lernen.
  • Es ist gut, zu hinterfragen, was wir für den Willen Gottes in unserem Leben halten.
  • Es ist gut, Bittgebete vor Gott zu bringen.

Aber: Trotzdem wissen wir, dass Gott am Ende Recht behalten wird, dass Er immer vollkommen im Recht ist, und dass wir Gott nicht zu irgendetwas „überreden“ können, das Er eigentlich nicht wollte.

Es ist nicht so, dass Gott ein Gott wäre, der dazu neigt, sich im Zorn für etwas Schlechtes zu entscheiden, aber dann von einem Menschen überzeugt werden müsste/könnte, das doch noch zu lassen, wie es bei einem oberflächlichen Lesen der Abraham-Geschichte in Genesis 18 erscheint. Beim Bittgebet kann man bekanntlich das (scheinbare) logische Problem aufstellen, dass Gott, wenn er möchte, dass etwas geschieht, es mit oder ohne unser Gebet geschehen lassen würde. Dieses Dilemma verkennt einfach die Art, wie Gott Dinge bewirkt, und wie Er dem freien Willen Seiner Geschöpfe Raum lässt. Er verhält sich (unter manchen Umständen) wie Eltern, die manchmal auch warten, bis ihre Kinder von selbst eine Frage stellen oder „Bitte“ sagen (und den Wunsch der Kinder dann entweder erfüllen oder nicht). Gott reagiert also sehr wohl auf unsere Bitten – und zwar unterschiedlich, je nachdem, was gut für uns ist; Jesu Gebet zeigt uns ja, dass man dann am Ende immer noch sagen muss: Aber dein Wille geschehe. Aber das heißt nicht, dass wir Ihn mit unseren Bitten von ungehörigem, ungerechtem Zorn abhalten müssten/könnten/sollten. Es ist gut, Bitten an Gott zu richten, aber im Wissen, dass Er dann nach Seinem besseren Wissen entscheiden wird, was das Beste ist, und mit dem Willen, in jedem Fall Seinen Willen geschehen zu lassen.

Und Ähnliches gilt eben für Ijobs Vorwürfe. Gott ist gerecht. Gott hört auf Ijobs Stimme und sieht sein Leid. Es gibt einen Grund für dieses Leid. Gott ist nicht einfach ein allmächtiger Tyrann, gegen den es keine Berufungsinstanz mehr gibt. Er ist vollkommen gut, und Er hat für alles Seine Gründe.

Und hier kommt wieder Weisheit 12,12-14 ins Spiel: Diese Stelle erinnert uns, gegenüber anderen Texten, in denen Gott sehr vermenschlicht dargestellt wird, dass der Herr eben in entscheidenden Dingen nicht wie ein Mensch ist. Er muss sich nicht rechtfertigen, auch nicht dann, wenn Er Leid zulässt. (Nicht „verursacht“, denn das tut Er nicht. Wichtige Unterscheidung, die im AT oft noch unklar ist.)

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, zu fragen, wie genau Gott sich denn zeigt und ob wir das und das denn so und so verstehen können: Zuerst einmal, um keine Widersprüche im Verständnis verschiedener Bibelstellen (die Bibel ist eine dicke Sammlung vieler Schriften, die unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit beleuchten) entstehen zu lassen, dann  aber vor allem, um Gottes Gutheit niemals aus dem Blick geraten zu lassen. Gott ist gut; das ist das Fundament aller Bibelauslegung. Wenn wir dieses Fundament vergessen, könnten wir unsere Religion eigentlich gleich ganz vergessen. Einem nicht absolut guten Gott will ich gar nicht dienen. Und deshalb ist das kritische Hinterfragen unseres Verständnisses von Gott sehr wohl nötig. Wenn ungerechtfertigte Vorwürfe gegen unseren Gott vorgebracht werden, wollen wir ja schließlich die Wahrheit kennen und verteidigen, anstatt uns zu zwingen, ein verzerrtes Gottesbild zu akzeptieren.

 

Ach ja, und man sollte auch noch hinzufügen, dass es in den oben zitierten Versen aus Weisheit 12 sowieso eher darum geht, wieso Gott die Kanaaniter erst gar nicht und dann bloß nach und nach gestraft hat, anstatt gleich ordentlich durchzugreifen:

„Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist. Darum bestrafst du die Sünder nur nach und nach; du mahnst sie und erinnerst sie an ihre Sünden, damit sie sich von der Schlechtigkeit abwenden und an dich glauben, Herr. Du hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten, Zauberkünste und unheilige Festbräuche; sie waren erbarmungslose Kindermörder und verzehrten beim Opfermahl Menschenfleisch und Menschenblut. Darum beschlossest du, mitten im Gelage die Teilnehmer und deren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten, durch die Hände unserer Väter zu vernichten; denn das Land, das dir vor allen anderen teuer ist, sollte eine seiner würdige Bevölkerung von Gotteskindern erhalten. Doch selbst mit jenen gingst du schonend um, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Hornissen voraus, um sie nach und nach zu vernichten. Obgleich du die Macht hattest, in einer Schlacht die Frevler den Gerechten in die Hand zu geben oder sie durch wilde Tiere oder ein unerbittliches Wort mit einem Schlag auszurotten, vollzogst du doch erst nach und nach die Strafe und ließest so Zeit für die Umkehr. Dabei wusstest du genau, dass ihr Ursprung böse und ihre Schlechtigkeit angeboren war und dass sich ihr Denken in Ewigkeit nicht ändern werde; sie waren schon von Anfang an ein verfluchter Stamm. Keine Furcht vor irgendjemand hat dich dazu bestimmt, sie für ihre Sünden ohne Strafe zu lassen. Denn wer darf sagen: Was hast du getan? Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte gegen dich auftreten als Anwalt schuldiger Menschen? Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen wegen der Menschen, die du gestraft hast. Gerecht, wie du bist, verwaltest du das All gerecht und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht, den zu verurteilen, der keine Strafe verdient. Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit und deine Herrschaft über alles lässt dich gegen alles Nachsicht üben. Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt, und bei denen, die sie kennen, strafst du die trotzige Auflehnung. Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht; denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst. Durch solches Handeln hast du dein Volk gelehrt, dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss, und hast deinen Söhnen die Hoffnung geschenkt, dass du den Sündern die Umkehr gewährst. Du hast die Feinde deiner Kinder, auch wenn sie den Tod verdienten, sehr nachsichtig und nur nach und nach gestraft und ihnen Zeit und Möglichkeit gegeben, sich von ihrer Schlechtigkeit abzuwenden.“ (Weisheit 12,1-20)

Sprich, Gott hat sich mit der Bestrafung der Kanaaniter nicht deshalb Zeit gelassen, weil es irgendjemanden (z. B. andere Götter) gegeben hätte, der sich Ihm hätte entgegenstellen könnten, wenn Er diese Völker auf einmal hätte völlig vernichten wollen, sondern weil Er selber nachsichtig sein wollte. Also ist die Aussage hier eher „Unser Gott ist sehr wohl allmächtig, Er könnte euch vernichten, wenn Er wollte, aber Er ist eben auch gnädig!“, und weniger „Unser Gott kann machen, was Er will, Er braucht sich vor niemandem zu rechtfertigen!“.

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 14: Die Opferung Isaaks

In diesem Teil wage ich mich mal an die für mich schwierigste Stelle im AT: Genesis 22. Hier der vollständige Text:

„Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar. Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, holte seine beiden Jungknechte und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte. Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem. Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich will mit dem Knaben hingehen und anbeten; dann kommen wir zu euch zurück. Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander. Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater! Er antwortete: Ja, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter. Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten. Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar. Abraham nannte jenen Ort Jahwe-Jire (Der Herr sieht), wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen. Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen. Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast. Darauf kehrte Abraham zu seinen Jungknechten zurück. Sie machten sich auf und gingen miteinander nach Beerscheba. Abraham blieb in Beerscheba wohnen.“ (Genesis 22,1-19)

Datei:Michelangelo Caravaggio 022.jpg

(Caravaggio, Die Opferung Isaaks, Quelle: Wikimedia Commons)

Ich denke, ich habe im letzten Teil deutlich gemacht, dass ich nicht der Meinung bin, dass man, wenn man meint, eine göttliche Stimme zu hören, die einem befiehlt, jemanden umzubringen, dieser gehorchen sollte, und zwar, weil ich nicht der Meinung bin, dass es sich dann um die wahre Stimme Gottes handeln wird. Aber genau hier sehen wir, wie Abraham dafür gepriesen wird, dass er zu einer solchen Tat bereit gewesen wäre, also… was machen wir daraus? Ja, Gott verhindert das Menschenopfer am Ende, aber das macht die Tatsache nicht ungeschehen, dass Abrahams grundsätzliche Bereitschaft dazu als vorbildlich hingestellt wird. Und Gott selbst erscheint hier als irgendwie grausam; als betreibt Er Psychospielchen mit einem Vater und dessen Kind. Bist du bereit, dein geliebtes Kind umzubringen, wenn ich es dir sage?

Diese Stelle ist auch im Kontext der Bibel seltsam. Die späteren Gesetze und die Geschichte der Israeliten ebenso wie Aussprüche der Propheten machen es ja mehr als deutlich, dass der Gott Israels eben keine Kinderopfer verlangt:

  • Wenn du dem Herrn, deinem Gott, dienst, sollst du nicht das Gleiche tun wie sie [die Kanaaniter]; denn sie haben, wenn sie ihren Göttern dienten, alle Gräuel begangen, die der Herr hasst. Sie haben sogar ihre Söhne und Töchter im Feuer verbrannt, wenn sie ihren Göttern dienten.“ (Deuteronomium 12,31)
  • „Der Herr sprach zu Mose: Sag zu den Israeliten: Jeder Mann unter den Israeliten oder unter den Fremden in Israel, der eines seiner Kinder dem Moloch gibt, wird mit dem Tod bestraft. Die Bürger des Landes sollen ihn steinigen. Ich richte mein Angesicht gegen einen solchen und merze ihn aus seinem Volk aus, weil er eines seiner Kinder dem Moloch gegeben, dadurch mein Heiligtum verunreinigt und meinen heiligen Namen entweiht hat. Falls die Bürger des Landes ihre Augen diesem Mann gegenüber verschließen, wenn er eines seiner Kinder dem Moloch gibt, und ihn nicht töten, so richte ich mein Angesicht gegen ihn und seine Sippe und merze sie aus der Mitte ihres Volkes aus, ihn und alle, die sich mit ihm dem Molochdienst hingeben.“ (Levitikus 20,1-5)
  • „Von deinen Nachkommen darfst du keinen für Moloch darbringen. Du darfst den Namen deines Gottes nicht entweihen. Ich bin der Herr.“ (Levitikus 18,21)
  • „Wenn du in das Land hineinziehst, das der Herr, dein Gott, dir gibt, sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker nachzuahmen. Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt.“ (Deuteronomium 18,9-11)
  • „Er [König Manasse von Juda] ließ seinen Sohn durch das Feuer gehen, trieb Zauberei und Wahrsagerei, bestellte Totenbeschwörer und Zeichendeuter. So tat er vieles, was dem Herrn missfiel und ihn erzürnte.“ (2 Könige 21,6)
  • „Ebenso machte er [König Joschija von Juda] das Tofet [Kultstätte] im Tal der Söhne Hinnoms unrein, damit niemand mehr seinen Sohn oder seine Tochter für den Moloch durch das Feuer gehen ließ.“ (2 Könige 23,10)
  • „Dann geh hinaus zum Tal Ben-Hinnom am Eingang des Scherbentors! Dort verkünde die Worte, die ich dir sage. Du sollst sagen: Hört das Wort des Herrn, ihr Könige und ihr Einwohner Jerusalems! So spricht der Herr der Heere, der Gott Israels: Seht, ich bringe solches Unheil über diesen Ort, dass jedem, der davon hört, die Ohren gellen. Denn sie haben mich verlassen, mir diesen Ort entfremdet und an ihm anderen Göttern geopfert, die ihnen, ihren Vätern und den Königen von Juda früher unbekannt waren. Mit dem Blut Unschuldiger haben sie diesen Ort angefüllt. Sie haben dem Baal eine Kulthöhe gebaut, um ihre Söhne als Brandopfer für den Baal im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen oder angeordnet habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist. (Jeremia 19,2-5)
  • „Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist. (Jeremia 7,31)
  • „Womit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Herr Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünde? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott. (Micha 6,6-8)
  • „Du [Gott] hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten, Zauberkünste und unheilige Festbräuche; sie waren erbarmungslose Kindermörder und verzehrten beim Opfermahl Menschenfleisch und Menschenblut. Darum beschlossest du, mitten im Gelage die Teilnehmer und deren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten, durch die Hände unserer Väter zu vernichten; denn das Land, das dir vor allen anderen teuer ist, sollte eine seiner würdige Bevölkerung von Gotteskindern erhalten. Doch selbst mit jenen gingst du schonend um, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Hornissen voraus, um sie nach und nach zu vernichten.“ (Weisheit 12,3-8)

(Eine Darstellung des Moloch-Götzenbildes aus dem 18. Jahrhundert (aus: Johann Lund, Die Alten Jüdischen Heiligthümer); Quelle: Wikimedia Commons)

Wenn aber Gott Kinderopfer als etwas bezeichnet, „was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist“ (Jeremia 7,31; ähnlich 19,5), und ausdrücklich verneint, dass man seinen „Erstgeborenen hingeben [soll] für meine Vergehen“ (Micha 6,7), was ist denn dann mit der Anweisung in Genesis 22,2, „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar“? Eine Ausnahme? Oder was?

Es gibt auch hier verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Eine ist die Standardvariante „Das ist eben das Alte Testament“, die ich in den letzten Teilen dieser Reihe schon großzügig angewandt habe: Abraham hat zwar gemeint, er sollte seinen Sohn opfern, aber so war das gar nicht, und die Moral von der Geschichte ist vor allem, dass sich am Ende herausstellt, dass Abrahams Gott eben nicht so ist wie die anderen Götter: Von jetzt an also nix Menschenopfer mehr. Abraham wird zwar schon dafür gepriesen, dass er bereit war, alles zu tun, von dem er meinte, dass Gott es von ihm verlangt, aber tatsächlich können wir aus der späteren Offenbarungsgeschichte – s. o. – wissen, dass Gott dieses Opfer nicht wirklich von ihm verlangt haben muss. Es ist auch lobenswert, einem irrenden Gewissen zu gehorchen, das sagt diese Geschichte auch, aber Abrahams Gewissen irrte hier, und Gott machte ihm klar, dass er den Tod des Sohnes nicht will. Das ist eben das Alte Testament, und diese Geschichte zeigt noch ein unvollständig entwickeltes Gottesbild, das nicht 1:1 der späteren, deutlicheren Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus entspricht.

Vielleicht hat das ja eh alles gar nicht so stattgefunden und ist bloß eine symbolische Geschichte. (Es wäre hier natürlich hilfreich, wenn man wüsste, in welcher Zeit diese Geschichte erstmals aufgeschrieben wurde, um mehr darüber sagen zu können, wie historisch oder nicht-historisch sie ist.)

Eine andere Interpretation ist, dass Abraham vielleicht von Anfang an darauf vertraute, dass Gott es am Ende nicht so weit kommen lassen würde, dass das Opfer wirklich durchgezogen würde. Bereits vorher hatte der Herr ihm Isaaks Geburt und eine große Zahl von Nachkommen durch ihn vorausgesagt; wenn Abraham also diesen Versprechen weiterhin vertrauen wollte, musste er praktisch davon ausgehen, dass Isaak am Leben bleiben (oder gegebenenfalls sogar von den Toten zurückkehren) würde. Man kann seine Worte an die Knechte – „dann kommen wir zu euch zurück“ (Genesis 22,5) – und seine Worte an Isaak – „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn“ (Genesis 22,8) – als Lüge und Ausweichen deuten, wenn man möchte, aber man könnte sie ebenso auch als Ausdruck seines Vertrauens interpretieren, dass Gott sich tatsächlich ein anderes Opferlamm aussuchen und er tatsächlich gemeinsam mit dem lebenden Isaak zurückkehren würde. Andererseits ergibt sich hier wieder ein potentieller Konflikt mit Vers 16: „Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast…“. Dieses Lob an Abraham scheint eine reale Bereitschaft, seinen Sohn zu töten, vorauszusetzen. Oder vielleicht doch nicht? Setzt dieser Vers nur die Bereitschaft voraus, einem scheinbar widersinnigen und brutalen Befehl Gottes nachzukommen, also mit Isaak zur Opferstätte zu gehen und darauf zu vertrauen, dass sich am Ende doch alles zum Guten wenden würde, ohne dass irgendjemand getötet werden würde? Schwer zu sagen; diese Deutung ist eine mögliche Deutung. Ein paar Verse aus dem Hebräerbrief würden sie stützen: „Aufgrund des Glaubens brachte Abraham den Isaak dar, als er auf die Probe gestellt wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er verließ sich darauf, dass Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.“ (Hebräer 11,17-19) Allerdings hat sie auch noch eine andere, bedeutendere Schwäche: Abraham erscheint hier zwar in positiverem Licht, aber Gott nicht so wirklich. Er gibt ja trotzdem diesen Befehl und stürzt Vater und Sohn damit in Schmerz und Verwirrung.

Datei:Rembrandt Harmensz. van Rijn 035.jpg

(Rembrandt, Der Engel verhindert die Opferung Isaaks, Quelle: Wikimedia Commons. Bei diesem Bild muss ich mir immer denken: Pass auf! Das Messer fällt auf seinen Oberschenkel! Du sollst ihn nicht umbringen! Und dann denke ich mir wieder, wie aufwühlend und unglaublich gut getroffen die Darstellung Isaaks hier eigentlich ist – das verkrampfte Stillhalten, die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein.)

Es hilft vielleicht auch, diese Geschichte dahingehend anzusehen, was sie in Bezug auf Jesus vorausdeutet (da ja sehr viele alttestamentliche Texte offene oder verborgene Vorausdeutungen auf den Messias enthalten). Gott verlangte am Ende nicht von einem Menschen, seinen Sohn zu opfern; stattdessen stieg Gottes Sohn später selbst freiwillig auf die Erde herab, um sich für die Menschen zu opfern. Der Berg Morija wird übrigens in 2 Chronik 3,1 mit dem Tempelberg in Jerusalem identifiziert, der Stadt, in der Jesus gekreuzigt wurde.

Diese Perspektive auf Jesus lässt sich mit Interpretation Nummer eins verbinden: Im Alten Testament meinte Abraham, er müsste seinen Sohn opfern, und wurde für seine Bereitschaft und seinen Glauben gelobt, auch wenn Gott ihn das Opfer nicht durchziehen ließ, aber im Neuen Testament opfert sich Gottes Sohn selbst, und damit wird klar, wo das Gottesverständnis in Genesis 22 vielleicht noch fehlerhaft und unvollständig war.

File:Rembrandt - Raising of the Cross - 95.1946.jpg

(Rembrandt, Aufrichtung des Kreuzes, Quelle: Wikimedia Commons)

Bei dieser ganzen Geschichte komme ich natürlich nicht umhin, an Isaaks Perspektive zu denken. Es ist extrem frustrierend, wie wenig man darüber erfährt – eigentlich gar nichts; weder darüber, was er tat oder dachte, als er merkte, was genau sein Vater vorhatte, noch darüber, wie sein Verhältnis zu Abraham später aussah.

Jüdische Traditionen sehen Isaak in dieser Episode schon als Erwachsenen (bei Flavius Josephus ist er fünfundzwanzig Jahre alt, im Talmud sogar siebenunddreißig). Wenn man sich dann Abraham als alten, nicht mehr besonders kräftigen Mann vorstellt, bietet sich die von manchen vertretene Interpretation an, dass Isaak sich, aus ebenso festem Glauben wie sein Vater, freiwillig der Opferung unterworfen hätte, anstatt sich zu wehren, was ihm wahrscheinlich hätte gelingen können. Aber dazu bietet die Bibel selbst wenige Informationen. Die Einheitsübersetzung bezeichnet Isaak als „Knaben“; ich kenne den Urtext nicht und kann daher nicht beurteilen, ob das verwendete hebräische Wort ein Kind bezeichnen muss oder auch einen schon erwachsenen Sohn meinen kann.

Die Frage, ob Isaak sich wehrte oder ob er sich freiwillig dem, was er auch als den Willen Gottes sah, unterwarf, ist aber eigentlich bloße Spekulation, denn die Stelle – und das hat mich an ihr immer gestört – fokussiert sich einfach ausschließlich auf Abraham: Er hat einen starken Glauben, er ist bereit, sein Liebstes zu opfern. Hallo?! Hier geht es um seinen Sohn, nicht um sein neues Kamel! Ein Kind ist doch kein Besitzstück!

Tatsächlich muss man im Hinterkopf behalten, dass Kinder damals oft genau so gesehen wurden – na ja, vielleicht nicht ganz so, aber das damalige Verständnis ging doch in die Richtung davon, Kinder als Besitztümer ihrer Eltern zu betrachten, oder zumindest dahin, die Zusammengehörigkeit der Familie und die Autorität des Vaters sehr zu betonen. Man sieht das auch an anderen Stellen der Bibel: „Du sollst keinen Vertrag mit ihnen [den Kanaanitern] schließen, sie nicht verschonen und dich nicht mit ihnen verschwägern. Deine Tochter gib nicht seinem Sohn und nimm seine Tochter nicht für deinen Sohn!“ (Deuteronomium 7,2f.) Über Kinder wird hier gesprochen wie über Tauschgüter, die bei Eheschließungen gar nicht erst gefragt werden müssen. In Ezechiel 18, wo vom Propheten über die ganze Länge des Kapitels hin dargelegt wird, wieso Kinder von Gott nicht für die Sünden ihrer Eltern bestraft werden, heißt es an einer Stelle: „Ihr aber fragt: Warum trägt der Sohn nicht mit an der Schuld seines Vaters?“ (Ezechiel 18,19) Es war das allgemeine Verständnis, dass Kinder an den Missetaten ihrer Eltern und Vorfahren mitzutragen hatten; dass ein Mensch zuallererst ein mitverantwortliches Mitglied einer größeren Gemeinschaft war und dann erst eine Einzelperson. (Und in Stellen wie Ezechiel 18 korrigierte Gott dieses Verständnis auch mal ausdrücklich.) Die damalige Welt hätte keine so großen Probleme mit dem Fokus auf Abraham und seiner Autorität über Isaak gehabt; sogar Isaak selbst hätte sich wahrscheinlich weniger als Individuum mit eigenen Rechten und mehr als der Sohn seines Vaters, der unter dessen Autorität stand, gesehen. Wir haben jetzt zum Glück ein anderes Verständnis von Gemeinschaft, Familie und Individuum. (Vielleicht waren die Fehler in diesem alten, die Familie überbewertenden Verständnis sogar einer der Gründe für Jesu Vorbehalte ihr gegenüber (Matthäus 10,35-37; Matthäus 12,46-50; Lukas 11,27f.)?) Aber dieses damalige Vorverständnis spielt natürlich in diesen Text mit hinein und muss in Betracht gezogen werden, wenn man ihn liest; daher ist es kein Wunder, dass wir nicht viel über Isaaks Sicht der Dinge erfahren, auch wenn es ärgerlich ist, und dass Abrahams Sohn hauptsächlich als Abrahams wertvollstes Besitztum, als Abrahams Garantie für eine Zukunft seines Namens gesehen wurde, nicht so sehr als eigenständige Person. (Diese Tatsache ist allerdings ganz interessant, wenn man die Geschichte auf Jesus hin deutet: Denn Gott Vater und Gott Sohn sind ja, anders als Abraham und Isaak, tatsächlich ein Wesen, nicht zwei verschiedene.)

Ich habe oben auf die wichtige Perspektive auf Jesu Kreuzesopfer hingewiesen und zwei verschiedene Interpretationsmöglichkeiten vorgestellt: Die Das-ist-Altes-Testament-/Das-ist-nur-symbolisch-gemeint-Variante und die Variante, dass Abraham auf eine zufrieden stellende Lösung ohne Tote vertraute. Natürlich gibt es aber auch die simple Interpretation, dass Gott ganz einfach von Abraham verlangte, Isaak zu töten, Abraham ganz einfach bereit war, das zu tun, und Gott dann zum Glück noch rechtzeitig Stopp rief, weil Er das ja eigentlich gar nicht wirklich wollte. Diese Interpretation beruht auf der Annahme, dass Gott an sich ja das Recht habe, dass Leben seiner Geschöpfe zu beenden (was normalerweise durch indirekte Ursachen wie Krankheiten und Unfälle geschieht; zu den Themen Gottes Wille, Schicksal, Gottes Strafen, und Tod verweise ich wieder einmal auf die Teile 8, 9 und 10: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/14/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-9-gericht-verdammnis-und-was-war-so-schlimm-an-goetzendienst/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/29/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-10-bestrafung-fuer-die-suenden-der-eltern-ueber-die-erbsuende-und-aehnliches/) und dieses Recht damit theoretisch auch delegieren könnte.

Dabei dürfte man allerdings – siehe Teil 10 – nicht vergessen, dass der Tod ja eigentlich nicht zu Gottes ursprünglichem Plan für die Welt gehört, und damit wohl unter die Dinge fallen müsste, die Er nur zulässt, nicht aber direkt selbst verursacht oder befiehlt. Das stellt diese Interpretation vor eine bedeutende Schwierigkeit. Würde Gott jemals direkt den Tod irgendeines Seiner Geschöpfe befehlen, ob es jetzt um Isaak oder um die Kanaaniter zur Zeit der Landnahme geht? Er liebt sie doch. „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden.“ (Weisheit 1,13)

Mir erscheint diese dritte Interpretationsmöglichkeit aus den hier und in Teil 13 (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/02/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-13-die-landnahme/) dargelegten Gründen jedenfalls nicht sinnvoll; ich neige daher eher der ersten dargelegten Erklärungsmöglichkeit zu.

Alle Varianten sind sich darin einig, dass eine der Aussagen dieser Bibelstelle darin besteht, dass sich hier zeigt, dass Gott eben keine Menschenopfer will – und so etwas dann wohl auch in Zukunft nie mehr verlangen wird (eine Geschichte wie die mit Abraham kommt später nirgends mehr in der Bibel vor; ab da ist ja allen klar, was Gottes Wille dahingehend ist*). Ich hoffe, eine dieser Interpretationen stellt jeden Leser zufrieden. Das hier ist vielleicht, einfach durch die Berühmtheit und Bedeutung, die sie im Lauf der Geschichte des Christentums erlangt hat, eine noch schwierigere Stelle als die Landnahme-Erzählungen. Sie gehört ja zu den Stellen, die man schon in der Grundschule lernt. Und sie provoziert dann für gewöhnlich viele Fragen bei den Grundschulkindern – auf die man eben Antworten geben muss.

Hier übrigens noch ein weiterer Artikel zu diesem Thema, der die Probleme mit Interpretation Nummer drei herausstellt: https://brianzahnd.com/2013/04/god-and-genocide/, und ein Wikipedia-Artikel, der verschiedene Interpretationen jüdischer, hauptsächlich mittelalterlicher Kommentatoren vorstellt, wenn auch leider offenbar ohne ausreichende Fußnoten: https://en.wikipedia.org/wiki/Binding_of_Isaac#Jewish_views Ein wunderbares Beispiel dafür, dass die Nehmen-wir-das-mal-lieber-nicht-so-wörtlich-sonst-wirkt-Gott-irgendwie-brutal-Herangehensweise an die Bibel nichts ist, was sich erst die bösen Modernisten ausgedacht hätten!

Wenn jemand noch weitere hilfreiche Gedanken zu Genesis 22 hat, sind sie immer willkommen.

 

* Die Geschichte mit Jiftach dem Gileaditer in Richter 11 ist ganz anders als die mit Abraham; hier wird eindeutig klar, dass Jiftach, der in einer Zeit lebt, als Israel schon von einigen heidnischen Bräuchen beeinflusst und moralisch nicht in bestem Zustand ist (vgl. z. B. auch das nicht allzu vorbildliche Leben Simsons in Richter 13-16), falsch handelt. Nirgendwo wird  dort gesagt, dass Gott ein Menschenopfer von Jiftach verlangt hätte. Hier kommt ganz einfach Regel Nummer 12 ins Spiel: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Im Grunde genommen besteht kein Unterschied zwischen Jiftach aus Richter 11 und Manasse aus 2 Könige 21,6 (s. o.).

 

Wegen was man in der Werbung so alles Angst ums Seelenheil hat

Heute während der Werbepause auf Pro7:

Auf dem Bildschirm tanzende Frauen in Partykleidung, herumspritzende Getränke, dunkler Hintergrund, und dazu erklärt eine Stimme: „Wir lesen InTouch. Und wir lästern manchmal. Und ja, vielleicht kommen wir dafür in die Hölle. Aber dann mit VIP-Bändchen und Freigetränk.“

Das habe ich mir nicht ausgedacht. Das ist eine Werbung für eine Frauenzeitschrift.

Keine Angst, Leute. Frauenzeitschriften sind nicht so gefährlich, dass sie euer Seelenheil aufs Spiel setzen. Wirklich nicht. (Selbst dann nicht, wenn sie euch auf irgendeine Weise Freigetränke beschaffen sollten.) Ihr braucht keine Angst haben. Man lernt wohl nie aus; ich hätte immer gedacht, nicht einmal die skrupulöseste Katholikin könnte darauf kommen, in der Hölle zu landen, weil sie zweifelhafte Abnehm-Tipps liest oder sich über die Hosen der Saison informiert. (Gleich nach diesem einleitenden Text erfährt man nämlich Genaueres darüber, was in der hier beworbenen nächsten Ausgabe kommt: Die Tipps der Stars zum Abnehmen ohne Diät und ein Special über Denim-Jeans.) Und sogar beim Lästern müsste man eigentlich was Schwerwiegendes ansammeln, bis das in die Kategorie der schweren Sünde („üble Nachrede“) fallen könnte. Worauf ich hinauswollte: Keine Angst, Leute. So gefährlich sind eure Produkte gar nicht, ihr könnt aufhören, eure Kundinnen vor der Sünde zu warnen.

Ach ja, Pralinen sind übrigens auch keine Sünde. Und rote Unterwäsche auch nicht. Und kalorienreiche Fleischwaren auch nicht. Und Schokoladentafeln auch nicht. Und Kuchen auch nicht. Und Plätzchen auch nicht. Und Cupcakes auch nicht. Und Maccarons auch nicht. Und Waffeln mit Sahne auch nicht. Also bitte hört auf, liebe Werbeleute, unsere theologischen Begriffe für eure guten oder auch nicht so guten Produkte zu klauen.

#Begriffekorrektverwenden

Über schwierige Bibelstellen, Teil 13: Die Landnahme

Ich denke, dass für die Landnahme (für mich früher das größte Problem im Alten Testament – vielleicht abgesehen von Genesis 22) im Grunde genommen dasselbe Prinzip gilt wie für Teile der Tora – soll heißen, Regel Nummer 16 (das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist, Gottes eigentliche Selbstoffenbarung an uns). Hier geht es um Stellen wie die folgenden:

  • Halte dich an das, was ich dir heute auftrage. Ich werde die Amoriter, Kanaaniter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter vor dir vertreiben. Du hüte dich aber, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schließen; sie könnten dir sonst, wenn sie in deiner Mitte leben, zu einer Falle werden. Ihre Altäre sollt ihr vielmehr niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen. Du darfst dich nicht vor einem andern Gott niederwerfen. Denn Jahwe trägt den Namen ‚der Eifersüchtige’; ein eifersüchtiger Gott ist er.“ (Exodus 34,11-14)
  • Ihr sollt euch nicht durch all das verunreinigen; denn durch all das haben sich die Völker verunreinigt, die ich vor euch vertrieben habe. Das Land wurde unrein, ich habe an ihm seine Schuld geahndet und das Land hat seine Bewohner ausgespien.“ (Levitikus 18,24f.)
  • Er [Mose] sagte:Der Herr, unser Gott, hat am Horeb zu uns gesagt: Ihr habt euch lange genug an diesem Berg aufgehalten. Nun wendet euch dem Bergland der Amoriter zu, brecht auf und zieht hinauf! Zieht aus gegen alle seine Bewohner in der Araba, auf dem Gebirge, in der Schefela, im Negeb und an der Meeresküste! Zieht in das Land der Kanaaniter und in das Gebiet des Libanon, bis an den großen Strom, den Eufrat! Hiermit liefere ich euch das Land aus. Zieht hinein und nehmt es in Besitz, das Land, von dem ihr wisst: Der Herr hat euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen und später ihren Nachkommen zu geben. (Deuteronomium 1,5-8)

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(James Tissot, Moses sees the Promised Land from afar, Quelle: Wikimedia Commons)

  • Da habe ich zu euch gesagt: Ihr dürft nicht vor ihnen zurückweichen und dürft euch nicht vor ihnen fürchten.Der Herr, euer Gott, der euch vorangeht, wird für euch kämpfen, genau so, wie er vor euren Augen in Ägypten auf eurer Seite gekämpft hat.“ (Deuteronomium 1,29f.)
  • Weil er [Gott] deine Väter lieb gewonnen hatte, hat er alle Nachkommen eines jeden von ihnen erwählt und dich [Israel] dann in eigener Person durch seine große Kraft aus Ägypten geführt,um bei deinem Angriff Völker zu vertreiben, die größer und mächtiger sind als du, um dich in ihr Land zu führen und es dir als Erbbesitz zu geben, wie es jetzt geschieht.“ (Deuteronomium 4,37f.)
  • Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, wenn er dir viele Völker aus dem Weg räumt – Hetiter, Girgaschiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die zahlreicher und mächtiger sind als du -,wenn der Herr, dein Gott, sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie der Vernichtung weihen. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen, sie nicht verschonen und dich nicht mit ihnen verschwägern. Deine Tochter gib nicht seinem Sohn und nimm seine Tochter nicht für deinen Sohn! Wenn er deinen Sohn verleitet, mir nicht mehr nachzufolgen, und sie dann anderen Göttern dienen, wird der Zorn des Herrn gegen euch entbrennen und wird dich unverzüglich vernichten. So sollt ihr gegen sie vorgehen: Ihr sollt ihre Altäre niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen und ihre Götterbilder im Feuer verbrennen. […] Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen. Und du sollst ihren Göttern nicht dienen; denn dann liefest du in eine Falle.“ (Deuteronomium 7,1-5.16)
  • Wenn ihr auf dieses ganze Gebot, auf das ich euch heute verpflichte, genau achtet und es haltet, wenn ihr den Herrn, euren Gott, liebt, auf allen seinen Wegen geht und euch an ihm fest haltet,dann wird der Herr alle diese Völker vor euch vertreiben und ihr werdet den Besitz von Völkern übernehmen, die größer und mächtiger sind als ihr. Jede Stelle, die euer Fuß berührt, soll euch gehören, von der Wüste an. Dazu soll der Libanon euer Gebiet sein, vom Strom, dem Eufrat, bis zum Meer im Westen. Keiner wird eurem Angriff standhalten können. Dem ganzen Land, das ihr betretet, wird der Herr, euer Gott, Schrecken und Furcht vor euch ins Gesicht zeichnen, wie er es euch zugesagt hat. (Deuteronomium 11,22-25)
  • Denk daran, was Amalek dir unterwegs angetan hat, als ihr aus Ägypten zogt:wie er unterwegs auf dich stieß und, als du müde und matt warst, ohne jede Gottesfurcht alle erschöpften Nachzügler von hinten niedermachte. Wenn der Herr, dein Gott, dir von allen deinen Feinden ringsum Ruhe verschafft hat in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, damit du es in Besitz nimmst, dann lösche die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel aus! Du sollst nicht vergessen. (Deuteronomium 25,17-19)
  • Nachdem Mose, der Knecht des Herrn, gestorben war, sagte der Herr zu Josua, dem Sohn Nuns, dem Diener des Mose:Mein Knecht Mose ist gestorben. Mach dich also auf den Weg und zieh über den Jordan hier mit diesem ganzen Volk in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, geben werde. Jeden Ort, den euer Fuß betreten wird, gebe ich euch, wie ich es Mose versprochen habe. Euer Gebiet soll von der Steppe und vom Libanon an bis zum großen Strom, zum Eufrat, reichen – das ist das ganze Land der Hetiter – und bis hin zum großen Meer, wo die Sonne untergeht. Niemand wird dir Widerstand leisten können, solange du lebst. Wie ich mit Mose war, will ich auch mit dir sein. Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Sei mutig und stark! Denn du sollst diesem Volk das Land zum Besitz geben, von dem du weißt: Ich habe ihren Vätern geschworen, es ihnen zu geben.“ (Josua 1,1-6)
  • Und hier sind wir auch schon bei meiner Lieblingsgeschichte (*räusper*) aus dem AT, der Eroberung Jerichos, zu Beginn der Landnahme jenseits des Jordan durch Josua: Als die Priester beim siebten Mal die Hörner bliesen, sagte Josua zum Volk: Erhebt das Kriegsgeschrei! Denn der Herr hat die Stadt in eure Gewalt gegeben.Die Stadt mit allem, was in ihr ist, soll zu Ehren des Herrn dem Untergang geweiht sein. Nur die Dirne Rahab und alle, die bei ihr im Haus sind, sollen am Leben bleiben, weil sie die Boten versteckt hat, die wir ausgeschickt hatten. Hütet euch aber davor, von dem, was dem Untergang geweiht ist, etwas zu begehren und wegzunehmen; sonst weiht ihr das Lager Israels dem Untergang und stürzt es ins Unglück. Alles Gold und Silber und die Geräte aus Bronze und Eisen sollen dem Herrn geweiht sein und in den Schatz des Herrn kommen. Darauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderhörner wurden geblasen. Als das Volk den Hörnerschall hörte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer stürzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der nächstbesten Stelle. So eroberten sie die Stadt. Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel. (Josua 6,16-21)

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(James Tissot, The Taking of Jericho, Quelle: Wikimedia Commons)

  • Und gleich darauf kommt im Buch Josua die Eroberung der nächsten Stadt: „Als die Israeliten sämtliche Bewohner von Ai, die ihnen nachgejagt waren, ohne Ausnahme auf freiem Feld und in der Wüste mit scharfem Schwert getötet hatten und alle gefallen waren, kehrte ganz Israel nach Ai zurück und machte auch dort alles mit scharfem Schwert nieder.Es gab an jenem Tag insgesamt zwölftausend Gefallene, Männer und Frauen, alle Einwohner von Ai. Josua aber ließ seine Hand mit dem Sichelschwert nicht sinken, bis er alle Einwohner von Ai dem Untergang geweiht hatte. (Josua 8,24-26)
  • In den folgenden Kapiteln geht es nicht viel besser weiter: Die Gibeoniter bringen die Israeliten mit einer List dazu, einen Vertrag mit ihnen zu schließen, sodass sie nicht umgebracht werden (Kapitel 9), müssen dafür aber in Zukunft „Sklaven, Holzfäller und Wasserträger für das Haus meines Gottes sein“ (Josua 9,23). Dann besiegt Josua ein von fünf Kanaaniter-Königen aufgebotenes Heer, erobert sechs weitere Städte und weiht alles, was in ihnen lebt, dem Untergang, wie das alle paar Verse so schön ausgedrückt wird (Kapitel 10), dann besiegt er noch ein paar Könige und erobert noch ein paar Städte, und am Ende wird das Land auf die israelitischen Stämme aufgeteilt.
  • Aber auch nach Josuas Tod ist die Landnahme noch nicht zu Ende gebracht. Das Buch der Richter beginnt mit den folgenden Versen: „Nach dem Tod Josuas befragten die Israeliten den Herrn: Wer von uns soll zuerst gegen die Kanaaniter in den Kampf ziehen?Der Herr antwortete: Juda soll (zuerst) hinaufziehen; ich gebe das Land in seine Gewalt. Da sagte Juda zu seinem Bruder Simeon: Zieh mit mir hinauf in das Gebiet, das mir durch das Los zugefallen ist; wir wollen (zusammen) gegen die Kanaaniter kämpfen. Dann werde auch ich mit dir in dein Gebiet ziehen. Da ging Simeon mit ihm. Juda zog hinauf und der Herr gab die Kanaaniter und die Perisiter in ihre Gewalt. Sie schlugen sie bei Besek – (ein Heer von) zehntausend Mann.“ (Richter 1,1-4)
  • Und auch zur Zeit Sauls sind die Amalekiter, die speziellen Feinde der Israeliten, noch immer nicht ausgerottet, also übernimmt der Prophet Samuel schließlich die Initiative: „Samuel sagte zu Saul: Der Herr hatte mich gesandt, um dich zum König seines Volkes Israel zu salben. Darum gehorche jetzt den Worten des Herrn!So spricht der Herr der Heere: Ich habe beobachtet, was Amalek Israel angetan hat: Es hat sich ihm in den Weg gestellt, als Israel aus Ägypten heraufzog. Darum zieh jetzt in den Kampf und schlag Amalek! Weihe alles, was ihm gehört, dem Untergang! Schone es nicht, sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel! […] Saul aber schlug die Amalekiter (im ganzen Gebiet) zwischen Hawila und der Gegend von Schur, das Ägypten gegenüberliegt. Agag, den König von Amalek, brachte er lebend in seine Gewalt; das ganze Volk aber weihte er mit scharfem Schwert dem Untergang. Saul und das Volk schonten Agag, ebenso auch die besten von den Schafen und Rindern, nämlich das Mastvieh und die Lämmer, sowie alles, was sonst noch wertvoll war. Das wollten sie nicht dem Untergang weihen. Nur alles Minderwertige und Wertlose weihten sie dem Untergang. Deshalb erging das Wort des Herrn an Samuel: Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe. Denn er hat sich von mir abgewandt und hat meine Befehle nicht ausgeführt. Das verdross Samuel sehr und er schrie die ganze Nacht zum Herrn. Am nächsten Morgen machte sich Samuel auf den Weg und ging Saul entgegen. Man hatte Samuel mitgeteilt: Saul ist nach Karmel gekommen und hat sich (dort) ein Denkmal errichtet; dann ist er umgekehrt und nach Gilgal hinab weitergezogen. Als Samuel nun zu Saul kam, sagte Saul zu ihm: Gesegnet seist du vom Herrn. Ich habe den Befehl des Herrn ausgeführt. Samuel erwiderte: Und was bedeutet dieses Blöken von Schafen, das mir in die Ohren dringt, und das Gebrüll der Rinder, das ich da höre? Saul antwortete: Man hat sie aus Amalek mitgebracht, weil das Volk die besten von den Schafen und Rindern geschont hat, um sie dem Herrn, deinem Gott, zu opfern. Das übrige haben wir dem Untergang geweiht. Da sagte Samuel zu Saul: Hör auf! Ich will dir verkünden, was der Herr mir heute Nacht gesagt hat. Saul antwortete: Sprich! Samuel sagte: Bist du nicht, obwohl du dir gering vorkommst, das Haupt der Stämme Israels? Der Herr hat dich zum König von Israel gesalbt. Dann hat dich der Herr auf den Weg geschickt und gesagt: Geh und weihe die Amalekiter, die Übeltäter, dem Untergang; kämpfe gegen sie, bis du sie vernichtet hast. Warum hast du nicht auf die Stimme des Herrn gehört, sondern hast dich auf die Beute gestürzt und getan, was dem Herrn missfällt? Saul erwiderte Samuel: Ich habe doch auf die Stimme des Herrn gehört; ich bin den Weg gegangen, auf den der Herr mich geschickt hat; ich habe Agag, den König von Amalek, hergebracht und die Amalekiter dem Untergang geweiht. Aber das Volk hat von der Beute einige Schafe und Rinder genommen, das Beste von dem, was dem Untergang geweiht war, um es dem Herrn, deinem Gott, in Gilgal zu opfern. Samuel aber sagte: Hat der Herr an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des Herrn? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern. Denn Trotz ist ebenso eine Sünde wie die Zauberei, Widerspenstigkeit ist ebenso (schlimm) wie Frevel und Götzendienst. Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, verwirft er dich als König. […] Darauf sagte Samuel: Bringt Agag, den König von Amalek, zu mir! Agag wurde in Fesseln zu ihm gebracht und sagte: Wahrhaftig, die Bitterkeit des Todes ist gewichen. Samuel aber erwiderte: Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht. Und Samuel hieb vor den Augen des Herrn in Gilgal Agag in Stücke. (1 Samuel 15,1-3.7-23.32f.)

(Gustave Doré, La mort d’Agag, Quelle: Wikimedia Commons)

Okay… Heißt das jetzt also, der liebe Herrgott befiehlt Völkermorde und ist sauer, wenn sie nicht genau nach Plan ausgeführt werden?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Stellen zu deuten, in einen Kontext zu setzen, zu rechtfertigen oder wegzuerklären.

Ein unter den der historisch-kritischen Exegese zugeneigten Theologen beliebter Einwand ist, dass die Landnahme ja so gar nicht passiert sei. Die Geschichte mit den einstürzenden Stadtmauern von Jericho sei zum Beispiel nach dem archäologischen Befund sehr zweifelhaft; auch Ai (s. Josua 7-8) sei wohl zur Zeit der Landnahme gar nicht besiedelt, sondern bereits ein Trümmerhaufen gewesen (was der Name „Ai“ interessanterweise bedeutet). Hazor, okay, das könnten die Israeliten in dieser Zeit erobert und niedergebrannt haben, aber überhaupt, aus den späteren Büchern der Bibel sieht man ja, dass auch Jahrhunderte nach der Landnahme sehr wohl noch Kanaaniter in Kanaan lebten, manchmal unter den Israeliten, manchmal in anderen Regionen und im Konflikt mit ihnen, was heißt, dass die Israeliten sie offensichtlich nicht alle ausgerottet hatten.

Ähm, ja. Das ist ja alles schön und gut. Aber dass die Israeliten es nicht schafften oder sich nicht die Mühe machten, einem Ausrottungsbefehl vollständig nachzukommen, macht diesen Befehl nicht besser oder löscht ihn aus. Von daher kann man die bloße Existenz von Kanaanitern in späteren Jahrhunderten nicht als Argument gegen die Brutalität solcher Stellen gelten lassen. Die Funde in Jericho oder Ai sind etwas interessanter. Sie machen es durchaus wahrscheinlich, dass sich im Buch Josua reale historische Begebenheiten (evtl. Hazor) mit Legenden über die Frühzeit des eigenen Volkes (evtl. Jericho) mischen. Aber dennoch taugt das als Argument irgendwie nicht viel. Auch wenn einige dieser Eroberungsgeschichten nicht historisch sind, sind sie doch offensichtlich als Vorbild, als Inspiration gemeint. Vielleicht war man sich dabei im Klaren, dass sie nicht immer völlig historisch waren, so wie wir uns bei historischen Romanen darüber im Klaren sind, dass die Einzelheiten natürlich nicht stimmen. Für die Frage, wie man die handelnden Personen in diesen Texten bewertet, macht das aber keinen großen Unterschied. Gründungslegenden, in denen sich Fakt und Fiktion mischen, ja, vielleicht. Aber hier kann man nicht wirklich mit „das ist ja alles bloß symbolisch gemeint, das soll nur einen spirituellen Kampf symbolisieren“ oder ähnlichen Deutungen kommen. Das passt meinem Eindruck nach nicht zur Gattung der Texte.

(Ausgrabungsstätte in Jericho, Quelle: Wikimedia Commons)

Bevor ich mit der Interpretation weitermache, die ich für die richtige halte, am besten noch ein paar Informationen zum weiteren Kontext.

Es ist archäologisch gesehen schwer zu klären, was genau damals zwischen etwa 1250 und 1000 v. Chr. passierte; wie die Israeliten nach Kanaan kamen und wie sie sich dort ansiedelten. Dazu haben wir einfach zu wenige Quellen. (Wir wissen aus der Merenptah-Stele, dass sie 1208 v. Chr. schon da waren, aber mehr Schriftquellen, in denen Israel erwähnt wird, gibt es aus dieser Zeit nicht, und Quellen wie Mauerreste und Tonscherben sind schwieriger zu deuten.) Ich betrachte deshalb die Situation, wie sie in den biblischen Texten erscheint. Hier sehen wir, dass sie etwas komplexer war als bloß „Israeliten schlachten Kanaaniter ab, weil sie deren Land haben wollen“.

  • Im Buch Exodus greift das Volk Amalek Israel auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan an (Exodus 17,8-16). In diesem Fall geht also der Krieg nicht von Israel aus.
  • Zu Beginn des Buches Deuteronomium, als Mose auf die Wanderung des Volkes durch die Wüste zurückblickt, sagt er: „Dann sagte der Herr zu mir:Ihr seid jetzt lange genug um dieses Gebirge herumgezogen. Wendet euch jetzt nach Norden! Befiehl dem Volk: Ihr werdet jetzt durch das Gebiet von Stammverwandten ziehen, durch das Gebiet der Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen. Wenn sie Furcht vor euch zeigen, dann seid auf der Hut, und beginnt keine Feindseligkeiten gegen sie! Von ihrem Land gebe ich euch keinen Fußbreit; denn das Gebirge Seïr habe ich für Esau zum Besitz bestimmt. Was ihr an Getreide zum Essen braucht, kauft von ihnen für Silber; selbst das Trinkwasser beschafft euch von ihnen gegen Silber! […] Wir zogen also weg aus dem Gebiet in der Nähe der Söhne Esaus, unserer Stammverwandten, die in Seïr wohnen, weg vom Weg durch die Araba, von Elat und Ezjon-Geber. Wir wendeten uns (nach Norden) und zogen den Weg zur Wüste Moab entlang. Und der Herr sagte zu mir: Begegne Moab nicht feindlich, beginn keinen Kampf mit ihnen! Von ihrem Land bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn Ar habe ich für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt. (Deuteronomium 2,2-6.8f.)
  • Später im Kapitel heißt es: „Als alle waffenfähigen Männer ausgestorben und tot waren, sodass keiner von ihnen mehr im Volk lebte,sagte der Herr zu mir: Wenn du heute durch das Gebiet von Moab, durch Ar, ziehst, kommst du nahe an den Ammonitern vorbei. Begegne ihnen nicht feindlich, beginne keine Feindseligkeiten gegen sie! Vom Land der Ammoniter bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn ich habe es für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt.  So blieb es bis heute. Das Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hoch gewachsen war wie die Anakiter. Der Herr vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle.Gleiche geschah mit den Awitern, die in einzelnen Dörfern bis nach Gaza hin saßen. Die Kaftoriter, die aus Kaftor ausgewandert waren, vernichteten sie und setzten sich an ihre Stelle. Steht auf, brecht auf und überquert das Tal des Arnon! […] Da sandte ich aus der Wüste Kedemot Boten zu Sihon, dem König von Heschbon, und ließ ihm folgendes Abkommen vorschlagen: Ich will durch dein Land ziehen. Ich werde mich genau an den Weg halten, ohne ihn rechts oder links zu verlassen. Was ich an Getreide zum Essen brauche, wirst du mir für Silber verkaufen, auch das Trinkwasser wirst du mir gegen Silber geben. Ich werde nur zu Fuß durchziehen, so wie die Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen, und die Moabiter, die in Ar wohnen, es mir erlaubt haben. (Das soll gelten,) bis ich über den Jordan in das Land gezogen bin, das der Herr, unser Gott, uns gibt. Doch Sihon, der König von Heschbon, weigerte sich, uns bei sich durchziehen zu lassen. […] Sihon rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Jahaz zu kämpfen. Der Herr, unser Gott, lieferte ihn uns aus. Wir schlugen ihn, seine Söhne und sein ganzes Volk. Damals eroberten wir alle seine Städte. Wir weihten die ganze männliche Bevölkerung, die Frauen, die Kinder und die Greise der Vernichtung; keinen ließen wir überleben. […] Nur dem Land der Ammoniter hast du dich nicht genähert, dem gesamten Randgebiet des Jabboktals und den Städten im Gebirge, also allem, was der Herr, unser Gott, uns verwehrt hatte.“ (Deuteronomium 2,16-24.26-30.32-34.37)
  • Das nächste Kapitel beginnt mit: „Dann wendeten wir uns dem Weg zum Baschan zu und zogen hinauf. Og, der König des Baschan, rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Edreï zu kämpfen. (Deuteronomium 3,1) Auch hier ist ein anderes Volk der Aggressor.
  • In der Geschichte mit den Amalekitern in 1 Samuel 15 macht Saul einen Unterschied zwischen den Amalekitern und den ebenfalls in der Gegend lebenden Kenitern. In den oben ausgelassenen Versen 5 und 6 heißt es: „Saul rückte bis zur Stadt der Amalekiter vor und legte im Bachtal einen Hinterhalt.Den Kenitern aber ließ er sagen: Auf, zieht fort, verlasst das Gebiet der Amalekiter, damit ich euch nicht zusammen mit ihnen vernichte; denn ihr habt euch gegenüber allen Israeliten freundlich verhalten, als sie aus Ägypten heraufzogen. Da verließen die Keniter das Gebiet der Amalekiter.“ Und es lohnt sich auch, Samuels Worte am Ende näher anzusehen: „Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht.“ Diese Worte an Agag implizieren, dass es bei diesem Feldzug nicht nur um Rache für lange vergangene Ereignisse ging, sondern dass es auch zu dieser Zeit einen andauernden Konflikt mit den Amalekitern gab, bei dem es nicht klar ist, wer der ursprüngliche Aggressor war.
  • In der Tora gibt es auch Stellen, die die Kriegsführung im Allgemeinen behandeln, hier etwa: Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen.Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein. Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern. Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt. So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören. Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat, damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt. Wenn du eine Stadt längere Zeit hindurch belagerst, um sie anzugreifen und zu erobern, dann sollst du ihrem Baumbestand keinen Schaden zufügen, indem du die Axt daran legst. Du darfst von den Bäumen essen, sie aber nicht fällen mit dem Gedanken, die Bäume auf dem Feld seien der Mensch selbst, sodass sie von dir belagert werden müssten. Nur den Bäumen, von denen du weißt, dass sie keine Fruchtbäume sind, darfst du Schaden zufügen. Du darfst sie fällen und daraus Belagerungswerk bauen gegen die Stadt, die gegen dich kämpfen will, bis sie schließlich fällt.“ (Deuteronomium 20,10-20)

Zusammenfassend: 1) Als Israel aus Ägypten auszieht, wird es von den Amalekitern und von Og, dem König des Baschan, angegriffen, und auch König Sihon von Heschbon will das Volk nicht durch sein Land ziehen lassen. 2) Die Israeliten unterscheiden offensichtlich zwischen Völkern, die in dem Land wohnen, das Gott ihnen versprochen hat, und die sie ganz und gar zu vernichten beabsichtigen, und anderen Völkern, denen sie friedlich zu begegnen versuchen. Auch Stellen in der Tora, die die rechtliche Stellung von Fremden, die unter den Israeliten leben, behandeln („Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen“ (Exodus 22,20), „Du sollst einen fremden Untertan, der vor seinem Herrn bei dir Schutz sucht, seinem Herrn nicht ausliefern. Bei dir soll er wohnen dürfen, in deiner Mitte, in einem Ort, den er sich in einem deiner Stadtbereiche auswählt, wo es ihm gefällt. Du sollst ihn nicht ausbeuten.“ (Deuteronomium 23,16f.), „Gleiches Recht soll bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten; denn ich bin der Herr, euer Gott.“ (Levitikus 24,22)), machen deutlich, dass die „Vernichtungsweihe“ (herem) im Kontext der Landnahme eine spezielle, zeitlich und örtlich begrenzte Aktion war.

Punkt 1 lässt erkennen, dass sich Israel allgemein wahrscheinlich nicht in einer Situation befand, in der sich alle kriegerischen Auseinandersetzungen vermeiden ließen. Es war eine harte Zeit damals. Israel war ein heimatloses Volk auf der Flucht, das gerade aus der Sklaverei entkommen war und ein Siedlungsgebiet brauchte. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die alteingesessenen Völker der Gegend ihm von vornherein eher feindlich gegenüberstanden, selbst die, mit denen die Israeliten selbst den Frieden wahren wollten; wenn Flüchtlinge in großen Scharen kommen, ist man ihnen gegenüber nicht automatisch freundlich gesonnen. Von daher fragt sich, was passiert wäre, wenn die Israeliten versucht hätten, einfach ganz friedlich in Kanaan einzuwandern und sich irgendwo ein paar freie Stückchen Land zu suchen, was aus unserer Sicht so einfach klingt. (Wenn wir davon ausgehen, dass es überhaupt größere unbewohnte Flecken Land gegeben hätte, was zweifelhaft ist.) In den fünf Büchern Mose und den folgenden Büchern (Josua, Richter) wird diese Möglichkeit scheinbar gar nicht in Betracht gezogen – vielleicht, weil die Israeliten sie nicht als reale Möglichkeit sahen, da sie schlichtweg davon ausgingen, dass die Völker dort sie selbstverständlich sofort zu vertreiben versucht hätten. Also greift man sie eben gleich an, weil man weiß, dass man nicht an Land kommt, wenn man es sich nicht mit Gewalt nimmt. Hatte ich schon erwähnt, dass es eine harte Zeit war damals?

Aber andererseits – es geht hier auch offensichtlich nicht nur um „wir können leider nicht anders als Gewalt anwenden, um zu überleben, also wenden wir eben so viel Gewalt an, wie sein muss“. Immer wieder wird angeordnet, konkrete Völker völlig „dem Untergang zu weihen“, was bedeutet, sie alle zu töten, keine Frauen oder Kinder als Sklaven mitzunehmen, auch das Vieh zu töten, anstatt es in Besitz zu nehmen, überhaupt allen Besitz zu zerstören (z. B. durch Feuer), anstatt ihn zu plündern. Teilweise bedeutet es auch die Zerstörung ganzer Städte und das Verbot des Wiederaufbaus (z. B. bei Jericho). Hier glaubten die Israeliten eindeutig, einen göttlichen Befehl zu vollstrecken; und der Grund für die Vernichtungsweihe war kein pragmatischer, sondern ein theologischer oder sozialer. Das Denken sah etwa so aus:

  • Gott hat uns dieses Land versprochen;
  • jetzt leben dort diese diversen anderen Völker, und sie praktizieren Kinderopfer, Tempelprostitution und alle möglichen anderen Dinge, die wir als Gräueltaten sehen;
  • daher straft Gott sie;
  • und zwar durch uns, die wir jetzt dieses Land von ihnen zu übernehmen und sie alle vollständig dem Untergang zu weihen haben;
  • der Grund dafür ist, dass ihre Schlechtigkeit vollständig ausgerottet werden muss;
  • a., damit unsere Leute nicht davon angesteckt werden und evtl. auch in ihr Verhalten verfallen;
  • wofür Gott uns ebenso strafen würde.

Hier ist nicht alles falsch. Aber kommen wir unten darauf zurück.

Eine Lesart der Erzählungen rechtfertigt die Landnahme mit der folgenden Argumentation:

Diese überraschend weit verbreitete Lesart sieht in den Landnahme-Erzählungen keineswegs eine allgemeine Rechtfertigung religiöser Gewalt; nö, es geht nur um diesen einen konkreten Fall damals vor 3000 Jahren, wo Gott eben diese und jene konkreten Aktionen befohlen hat.

Diese Interpretation klingt erst einmal logisch. Dennoch folge ich ihr nicht.

Eine ihrer Schwächen liegt meiner Meinung nach im dritten Punkt: Befiehlt Gott denn tatsächlich manchmal einem Menschen, einen anderen unschuldigen Menschen zu töten? (Und unter den Kanaanitern müssen ja unschuldige Menschen gewesen sein, die kleinen Kinder zumindest.) Um das zu wissen, schaue ich als erstes auf die endgültige Selbstoffenbarung Gottes, d. h. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Meines Wissens hat er niemals jemandem befohlen, überhaupt jemanden zu töten. Stattdessen finden wir z. B. diese Stelle in den Evangelien: „Als die Zeit herankam, in der er (in den Himmel) aufgenommen werden sollte, entschloss sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen. Und er schickte Boten vor sich her. Diese kamen in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? Da wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf. (Lukas 9,51-56) Oder diese hier, bei Seiner Festnahme: „Doch einer von den Begleitern Jesu zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab. Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muss?“ (Matthäus 26,51-54)

Es scheint nicht recht zu Gottes Wesen zu passen, einem seiner menschlichen Geschöpfe zu befehlen, andere unschuldige Menschen zu töten. Hier treffen wir nämlich auch auf ein entscheidendes Problem: Woher weiß man selbst denn, dass es sich tatsächlich um Gottes Befehl gehandelt hat? Und nicht – sagen wir mal – um ein Symptom einer Psychose oder Schizophrenie? Stimmen zu hören ist ein häufiges Symptom dieser Erkrankungen. Oder, wenn man einen Befehl von einem Propheten erteilt bekommt, woher weiß man, dass dieser ein wirklicher Prophet ist? Jemand könnte antworten, dass, als Gott beim Exodus zu den Israeliten sprach, Seine Erscheinung so offensichtlich war, dass niemand mehr an deren Wirklichkeit und Seinem Willen zweifeln konnte. Aber dennoch, ist das alles wahrscheinlich? Würde Gott regelmäßig oder auch nur eine gewisse Zeit über immer wieder solche Befehle erteilen, und damit das Risiko eingehen, dass von da an etliche Leute, die nur das Pech haben, dass ihre Neurotransmitter nicht richtig funktionieren, zu Mördern werden könnten, weil sie sich einbilden, auch solche Befehle, die aber eben in ihrem Fall nicht real sind, erhalten zu haben, oder dass etliche falsche Propheten zu Morden aufstacheln könnten, weil die Leute ihre Botschaften für glaubwürdig halten würden? Ich kann mir vorstellen, Er nimmt mehr Rücksicht auf Psychotiker und Leute, die mit größenwahnsinnigen Sektenführern zu tun haben, und erteilt Menschen keine Sondergenehmigungen zu Genoziden. Und wieder: Klingen solche Befehle wirklich nach Gottes Wesen, wie wir es am bisherigen Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte in Jesus gesehen haben?

Ich wüsste zu gerne, was genau Jesus damals zu Jakobus und Johannes gesagt hat.

Man könnte auch die grundsätzliche Aussage „Gott hat den Menschen das Leben gegeben und kann es ihnen wieder nehmen, wenn Er es für richtig hält“ kritisch hinterfragen. So ganz fehlerlos ist sie nämlich, wie schon in Teil 10 dargelegt, gar nicht, so logisch sie auf den ersten Blick auch klingt. Der Tod gehört nicht zu Gottes ursprünglichem Plan für die Schöpfung, genauso wenig wie Krankheiten, Schmerzen, oder die menschliche Bosheit. Alle diese Dinge sind erst durch den Fall der Engel und den Fall des Menschen in die Welt gekommen. Gott hatte nicht vor, den Menschen erst etwas zu schenken und es ihnen dann einfach mal wieder zu nehmen. Es macht also Sinn, davon auszugehen, dass Gott zwar den Tod von Menschen durch Krankheiten, Unfälle, Selbstmorde, Kriege oder was auch immer zwar zulässt, und in Seiner Allmacht aus diesem Übel auch Gutes entstehen lassen kann, aber dass Er nie selbst durch direktes wundersames Eingreifen Leute tot umfallen lässt oder anderen Menschen den Befehl erteilt, sie zu töten. (Man könnte hier evtl. einwenden, dass Gott Hananias und Saphira in Apostelgeschichte 5,1-11 tot umfallen ließ. Aber das steht da nicht. Da steht, dass die beiden nacheinander (vielleicht durch den Schock, der einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslöste?) zusammenbrachen und starben, und dass Petrus den Tod der Saphira vorherwusste. Mehr nicht.)

Ich halte es aus diesen Gründen also für unwahrscheinlich, dass es sich hier um direkte Befehle Gottes handelte; solange es auch andere Erklärungen für diese Stellen gibt, ziehe ich diese vor.

Dennoch darf man auf der anderen Seite auch wieder nicht vergessen, wie entscheidend die Landverheißung, die schon Abraham gegeben wurde, im Alten Testament war (und tatsächlich für das jüdische Volk bis heute ist). Daher denke ich, dass man zumindest nicht leugnen kann, dass Gott tatsächlich vorhatte, dem Volk Israel dieses Land zu geben – oder dass Er ihm zumindest vorausgesagt hatte, dass es das Land einmal besitzen würde? (Und wieso denn auch nicht? Wieso sollte es kein Land haben wie jedes andere Volk?) Ich denke allerdings, dass die (geplante / versuchte?) Ausrottung der Kanaaniter nicht Gottes Willen entsprach. Eher, denke ich, hatten die Israeliten begriffen, dass die Taten der Kanaaniter tatsächliche „Gräuel“ waren, die man am besten ausrotten sollte, und daraus schlossen sie, dass es Gottes Wille war, die Kanaaniter auszurotten.

Es ist hier wirklich wichtig, zu unterscheiden zwischen Gottes direktem und Seinem indirekten Willen, also dem, was Er bewirkt, und dem, was Er bloß zulässt (s. dazu auch noch hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). In einer der oben zitierten Stellen wird auch von anderen Völkern erzählt, und davon, wer da früher mal von wem vertrieben wurde. „Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hoch gewachsen war wie die Anakiter. Der Herr vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. So blieb es bis heute.“ (Deuteronomium 2,20-22) Hier wird also Gott auch die Verantwortung dafür zugeschrieben, welche anderen Völker, die nicht von Ihm erwählt sind, einander besiegten – kurz gesagt, wenn jemand Erfolg im Krieg hat, oder überhaupt, wenn irgendetwas auf der Welt geschieht, schlussfolgert man, dass das dem Willen Gottes entsprechen muss. Der Herr spricht durch das Schicksal, und das muss man irgendwie interpretieren. Wenn wir siegen, hat der Herr uns den Sieg verliehen, also muss er auch wollen, dass wir diese Völker bekämpfen und besiegen. So interpretierten die Israeliten wohl ihre Erfolge. Umgekehrt, wenn wir verlieren, straft der Herr uns für unsere eigenen Sünden. Dieses Verständnis von Glück und Leid als Lohn oder Strafe durch Gott sieht man auch in späteren Büchern des AT sehr oft, z. B. bei den Propheten. Ein nuancierteres Verständnis des Schicksals und des göttlichen Willens braucht noch ein bisschen; z. B. haben noch Jesu Jünger Schwierigkeiten damit, zu sehen, dass die Blindheit eines Mannes nicht automatisch eine Strafe für seine Sünden oder die seiner Eltern ist (Johannes 9,1-3).

Ich denke also, das, was damals abgelaufen ist, sah etwa so aus: Die Israeliten wussten, dass Gott sie auserwählt hatte, und dass Er ihnen das Gelobte Land versprochen hatte. Aus ersterem schlossen sie, dass er logischerweise in ihren Kriegen an ihrer Seite stehen würde, und aus letzterem, dass sie dieses Land mit militärischer Gewalt erobern sollten. Wenn Gott ihnen dabei Erfolg verleihen würde, musste Er mit ihren Unternehmungen einverstanden sein, und Er verlieh ihnen den Sieg wohl, um ihre Feinde zu strafen. Sie wussten, dass einiges in deren Gesellschaften vor dem Herrn ein „Gräuel“ war, und daraus schlossen sie, dass das ausgelöscht werden musste – und zwar, womit sonst, mit Gewalt, mit radikaler Gewalt. Und hier durfte man keine Kompromisse machen, weil man vielleicht doch irgendwie das Gefühl hatte, dass ja an den Göttern der Kanaaniter doch etwas dran sein könnte, oder dass ihre Wahrsagemethoden doch ganz nützlich sein könnten. (Interessanterweise war übrigens gerade König Saul, der in der oben zitierten Stelle vom Propheten Samuel so energisch zurechtgewiesen wird, weil er das Vieh der Amalekiter geplündert und ihren König als Trophäe mitgenommen hatte, anstatt das mit der Vernichtungsweihe voll und ganz durchzuziehen, auch anderweitig für solche „Halbherzigkeiten“ anfällig: Nachdem er selbst die Totenbeschwörer und Wahrsager aus dem Land vertreiben hatte lassen, ging er in 1 Samuel 28 zu einer Totenbeschwörerin nach En-Dor, um den inzwischen verstorbenen Samuel heraufzubeschwören und so über eine bevorstehende Schlacht Auskunft zu erhalten.) Die Frage war für die Israeliten damals nicht: Lassen wir Zivilisten am Leben? Sondern: Akzeptieren wir diese andere Religion und Kultur? Leben wir mit dieser Kultur in dem Land, in dem wir leben wollen? Einer Kultur, die Götter verehrt, die Kinderopfer verlangen?

Es war wirklich eine ganz andere Zeit. Ich habe noch nie viel für den Mythos irgendwelchen guten alten Zeiten übrig gehabt, und in diese Zeit möchte ich sicher nicht zurück. Aber der liebe Herrgott musste eben in irgendeiner Zeit anfangen.

Man könnte noch fragen, wieso Er nicht einfach klarer mit den Israeliten kommunizierte. Aber da könnten wir genauso gut fragen, wieso Er mit jedem einzelnen von uns heutzutage nicht völlig klar und unmissverständlich direkt kommuniziert, anstatt Instrumente wie die menschliche Vernunft und das Gewissen, die Bibel und die Kirche zu verwenden. Und das sind interessante Fragen, die einiges an Spekulation hergeben würden, und zwar genug für einen eigenen Artikel, weshalb ich sie hier nicht weiter verfolgen werde. Denn die entscheidende Frage ist für dieses Thema nicht: Wieso hat Gott sich auf diese und jene Weise offenbart? Sondern: Hat Er sich auf diese und jene Weise offenbart? Und das hat Er nun mal.

Eine weitere Frage bliebe noch. Was ist mit den Wundererzählungen? Laut der Bibel hat Gott schließlich Wunder gewirkt, um Israel seine Siege zu ermöglichen, nicht wahr? Hätte er das denn getan, wenn diese Siege nicht wirklich Sein direkter – im Unterschied zu seinem indirekten, bloß zulassenden – Wille gewesen wären?

Erst einmal könnte man darauf antworten, dass solche Wunder nicht bei allzu vielen Schlachten erwähnt werden. In der Regel heißt es nur „Der Herr gab sie in unsere Gewalt“ oder „Die Israeliten schlugen sie“ ohne irgendwelche übernatürlichen Vorkommnisse. Dann gibt es solche Schlachten, bei denen selbst ich mir ein direktes Eingreifen Gottes logischerweise vorstellen könnte – z. B. die Abwehr Amaleks in Exodus 17, eindeutig ein gerechter Verteidigungskrieg: „Als Amalek kam und in Refidim den Kampf mit Israel suchte, sagte Mose zu Josua: Wähl uns Männer aus und zieh in den Kampf gegen Amalek! Ich selbst werde mich morgen auf den Gipfel des Hügels stellen und den Gottesstab mitnehmen. Josua tat, was ihm Mose aufgetragen hatte, und kämpfte gegen Amalek, während Mose, Aaron und Hur auf den Gipfel des Hügels stiegen. Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker. Als dem Mose die Hände schwer wurden, holten sie einen Steinbrocken, schoben ihn unter Mose und er setzte sich darauf. Aaron und Hur stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links, sodass seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging. So besiegte Josua mit scharfem Schwert Amalek und sein Heer.“ (Exodus 17,8-13) Ebenso gut könnte man aber auch damit argumentieren, dass solche Erzählungen vielleicht nicht (alle?) historisch sind. Das gilt besonders für die Eroberung Jerichos – die Trümmer der eingestürzten Stadtmauer wurden bei Ausgrabungen schließlich nicht gefunden.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/Tissot_Moses_on_the_Mountain_During_the_Battle.jpg

(James Tissot, Moses on the Mountain during the Battle, Quelle: Wikimedia Commons)

Und da ich leider nicht in der Zeit zurück reisen und alle diese Geschehnisse selbst überprüfen kann (okay, wie gesagt, das würde ich eigentlich auch nicht wollen), kann ich mit allen meinen Erklärungen im Grunde genommen auch nicht mehr bieten als mehr oder weniger gut begründete Spekulationen. Vielleicht habe ich Recht, vielleicht war es auch ganz anders. Es hier mir hier nicht darum, etwas zu beweisen, sondern darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese „schwierigen“ Stellen verstanden werden könnten.

Zusammengefasst: Ich denke, dass hier wie so oft ganz einfach die Regeln Nummer 13 und 16 entscheidend sind: Das Alte Testament zeigt noch ein begrenztes Verständnis von Gott.

 

Noch ein Beitrag zu diesem Thema (deutlich kürzer als meiner) findet sich hier: https://thetalkingllama.wordpress.com/2014/03/22/i-read-the-bible-as-an-english-major-and-thats-okay/