Dinge, die keine Sünden sind

Es ist keine Sünde, fett zu sein.

Es ist keine Sünde, Süßes zu essen.*

Es ist keine Sünde, Fleisch zu essen.*

Es ist keine Sünde, Zigaretten zu rauchen.*

Es ist keine Sünde, World of Warcraft zu spielen.*

Es ist keine Sünde, keinen Sport zu machen.

Es ist keine Sünde, hässlich zu sein.

Es ist keine Sünde, alt zu sein.

Es ist keine Sünde, krank zu sein.

Es ist keine Sünde, psychisch gestört zu sein.

Es ist keine Sünde, behindert zu sein.

Es ist keine Sünde, dumm zu sein.

Es ist keine Sünde, ungebildet zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Spießer mit Bausparvertrag und Doppelhaushälfte zu sein.

Es ist keine Sünde, Hausfrau zu sein.

Es ist keine Sünde, mehr als zwei, drei Kinder zu haben. (Tatsächlich ist es sogar sehr vorbildlich. Wir zahlen mal eure Rente!)**

Es ist keine Sünde, Hartz-IV-Empfänger zu sein.

Es ist keine Sünde, ein niedriges Selbstbewusstsein zu haben.

Es ist keine Sünde, unbeliebt zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Opfer zu sein.

 

Die Ansprüche der Welt sind dieser Tage hoch, und sie ist nicht immer barmherzig; nicht selten bestraft sie die, die ihnen nicht genügen, mit Acht und Bann.

Ich finde es bemerkenswert, dass die meisten derzeit beliebten Schimpfwörter – fett, dumm, hässlich, krank, gestört, behindert, Opfer – alle Dinge bezeichnen, die eigentlich keinen Anlass zu einer Beschimpfung bieten. Kein Mensch kann etwas dafür, dass er zur Fettleibigkeit neigt, oder dass er einen niedrigen IQ hat, oder dass er Pickel und abstehende Ohren hat, oder dass er eine Zwangsstörung oder das Downsyndrom hat; man kann Fetten, Dummen, Hässlichen, Gestörten und Behinderten kein moralisches Fehlverhalten vorwerfen. Schon gar nicht kann man es jemandem vorwerfen, ein Opfer geworden zu sein (wie denn auch?). In manchen Fällen erkennt die Welt das theoretisch zwar irgendwo noch mit Lippenbekenntnissen an, z. B. bei Behinderten (Downsyndrom-Kinder werden zwar, wenn man sie rechtzeitig entdeckt, in über 90% der Fälle noch rasch beseitigt, ehe sie geboren werden können, aber wenn sie doch mal das Licht der Welt erblicken sollten, wird den Kameraden im Kindergarten immerhin erklärt, dass man Behinderte nicht beleidigen solle, und keine Vorurteile und so), aber in anderen Fällen gibt es nicht einmal das.

Bei Dicken und Hässlichen zum Beispiel sieht es schon ganz anders aus. Ich bin durchaus froh, dass ich in dieser Hinsicht positive Gene mitbekommen habe. Wenn man dick ist, weiß man gleich, welchen Eindruck man schon auf den ersten Blick bei manchen entsprechend gesonnenen Fremden hinterlassen wird: faul, verfressen, undiszipliniert, asozial. Dass Dicksein nicht unbedingt von maßlosem Pommes- und Colakonsum verursacht wird, dass es Menschen gibt, die Pommes und Cola in Unmengen verzehren könnten, ohne ihre dürre Figur zu verlieren, während andere fett bleiben würden, auch wenn sie sich nur von Gemüsesuppe ernähren würden, dass es auch für dicke Menschen genau genommen keine moralische Verpflichtung gibt, so viel Sport zu machen und so lange extreme Diäten zu halten, bis sie auf Normalgewicht sind (falls das für sie überhaupt möglich sein sollte, was gerade bei kranken Menschen nicht immer der Fall ist) – das zählt alles nicht. Dick ist asozial und faul; wer dick ist, ist selber schuld und hat nicht den Respekt verdient, den man normalen Menschen entgegenbringen kann. Dasselbe gilt für Hässliche im Allgemeinen, besonders – aber eindeutig nicht nur! – für hässliche Frauen. Wenn sie sich nur gesund ernähren und sich eine andere Gesichtscreme kaufen würde, würden ihre Pickel schon verschwinden; wenn sie nur lernen würde, sich ordentlich zu schminken, sich ein paar neue Klamotten und ein Anti-Schuppen-Shampoo besorgen würde, würde sie schon besser aussehen; wenn sie sich nur etwas anstrengen und öfter mal zum Friseur gehen würde, würde sie das Gewicht, das sie in ihren Schwangerschaften gewonnen hat, schon noch verlieren und man würde ihre grauen Haare nicht mehr sehen – aber sie kümmert sich ja nicht darum, sie vernachlässigt sich selbst, also ist sie auch selber schuld, wenn man sie für das asoziale Wesen hält, das sie ist.

Es spricht nichts dagegen, wenn man sich selbst dafür entscheiden will, Gewicht zu verlieren oder mehr auf sein Aussehen zu achten. Aber es ist keine moralische Pflicht.

Leider ist es eben so: Die Welt legt großen Wert darauf, gegenüber wirklichen Sünden ihre Nachsicht und Toleranz zu erklären, aber sie kommt ohne Sünden nicht aus, also muss sie irgendeinen Ersatz finden, den sie rigoros verurteilen kann; und den findet sie manchmal leider an den scheußlichsten Stellen. Irgendetwas muss sie verurteilen; und wenn sie Ehebruch und Lügen und das Töten störender Menschen nicht mehr verurteilen will, verurteilt sie eben Fettsein, Dummheit und Krankheit, oder irgendwelche Nachlässigkeiten wie das Zigarettenrauchen oder vergessenes Beinerasieren. (Anmerkung: Ich persönlich kann den Gestank von Zigaretten übrigens nicht ausstehen; aber ich kann das Rauchen nicht zur Sünde erklären, solange die Kirche das nicht tut, und das tut sie nicht, solange es nicht maßlos wird. Mein persönlicher Geschmack ist nicht aussschlaggebend dafür, was Sünde ist und was nicht.)

So gesehen bin ich wirklich froh, katholisch zu sein. Die katholische Kirche hält bloß solche Dinge wie Habgier, Arroganz, Lieblosigkeit, Heuchelei, Selbstsucht, Neid, Mord, Unzucht, Stehlen und Lügen für Sünden. Sie ist milde und nachsichtig gegenüber allen Unvollkommenheiten und schiebt einem nicht die Verantwortung für Schicksalsschläge zu, und sie verlangt auch nicht, auf gewöhnliche Vergnügungen und Zerstreuungen zu verzichten. Was sie verlangt? Nicht Perfektion, sondern Liebe. Sie verlangt nicht, die Welt zu retten, indem man sich einer rigorosen Mangelernährung unterwirft, und sie stellt auch nicht das unmenschliche Gebot auf, nie zum Opfer von Genen und Krankheiten und Unfällen und mangelnden Chancen und anderen Menschen zu werden.

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deuteronomium 30,11-14)

Ach ja, es ist übrigens auch keine Sünde, Katholik zu sein, auch wenn uns die Welt das ebenfalls gerne mal einreden möchte. Nicht mal dann, wenn man zu diesen dogmatischen, mittelalterlichen Katholiken gehört, die tatsächlich jeden Sonntag – oder Gott bewahre, noch öfter – in die Kirche rennen (wie pharisäerhaft!) und auch noch jeden Tag beten (haben die eigentlich nichts Besseres zu tun?).

Kurz gesagt: Wie wäre es, wenn wir alle einfach mal etwas freundlicher und respektvoller einander gegenüber wären?

 

* In Maßen, versteht sich. Maßlosigkeit in allen Dingen wird irgendwann zur Sünde, egal, ob es sich um den Verzehr von Schokolade, Aktivität auf Facebook oder das ehrgeizige Training für den nächsten Marathon (bei Maßlosigkeit in diesem Fall schadet man sich selbst) handelt. Selbst das Lesen der Werke des heiligen Thomas könnte irgendwann maßlos werden, wenn man darüber Dinge wie Essen, Schlafen und das Helfen beim Abwasch vergäße.

** Hierzu vielleicht noch eine interessante Anekdote: Als meine Mutter gerade mit ihrem vierten (und letzten) Kind schwanger geworden war, erzählte meine Großmutter ihren Arbeitskollegen davon. Dann hörte sie einen dieser Kollegen fragen: „Ja, sind die denn asozial?“ Wir reden hier, nebenbei bemerkt, von einem verheirateten Paar mit Eigenheim – der Mann in Vollzeit beschäftigt und gut bezahlt, die Frau damals Hausfrau und Mutter – die nur das Verbrechen begangen hatte, zusätzlich zu den drei bereits vorhandenen Kindern noch ein viertes zu erwarten. Das ist schon einige Jahre her, und ich weiß nicht, ob die Vorurteile immer noch so stark sind, aber sie sind definitiv da. Vier Kinder markieren gerade so die Grenze, glaube ich – drei sind noch akzeptabel, und fünf bedeuten auf jeden Fall schon eine „Großfamilie“, bei der irgendetwas nicht stimmen kann.

Nein, es ist nicht „okay, egal was du machst“: Über Abtreibung

Ich bin heute durch Zufall auf einen Erfahrungsbericht zu einem Thema gestoßen, über das im Allgemeinen wenig geredet wird – ja, Abtreibung: http://www.jetzt.de/kleiner-drei/gedanken-vor-dem-schwangerschaftsabbruch . Geschrieben von einer jungen Frau, 27 Jahre alt, die, es wird nicht gesagt, vor wie langer Zeit genau, ihr ungeplantes Kind abgetrieben hat, wohl in der 5.-6. Schwangerschaftswoche (sie schreibt, dass sie die Abtreibung drei Wochen nach einem Schwangerschaftstest, der „2.-3. Woche“ angab, vornehmen ließ).

[Gleich mal von vornherein Karten auf den Tisch für alle neuen Leser hier: Ja, ich gehöre zu diesen gestörten dogmatischen radikal religiösen Abtreibungsgegnerinnen, die Abtreibung für die immer ungerechtfertigte Tötung eines unschuldigen Menschen halten. Wenn Sie von diesem Thema selber betroffen sein sollten: Nein ich verurteile hier niemanden. Ich kenne Ihre Gründe nicht, und urteile nicht über den Seelenzustand von irgendjemandem. Ich sage, es ist falsch – und damit, dass man sagt, dass irgendetwas Falsches falsch ist, hat man noch keinen moralischen Blumentopf gewonnen. Man wird auch nicht dadurch ein besserer Mensch, dass man Diebstahl, Lügen oder Völkermord als falsch deklariert. Die Tatsachen bleiben dennoch, dass durch Diebstahl, Lügen und Völkermord Schaden angerichtet und anderen Menschen Unrecht angetan wird. Und durch Abtreibung. Wenn Sie das anders sehen – nun, dann werden Sie sich doch von einer religiösen Fundamentalistin keine Schuldgefühle einreden lassen, wenn sie diesen Text lesen, oder? Und wenn Sie das nicht anders sehen und selber schon Schuldgefühle haben: Es gibt keinen Grund, zu verzweifeln. Es gibt im Leben aller Menschen vieles, was man wider besseres Wissen getan hat und bereuen muss. Es gibt Heilung für Schuld.]

Das Erschreckende an ihrem Bericht ist, wie wenig erschreckend die geschilderte Situation dem Leser erscheint. Es geht hier nicht um die in theoretischen Diskussionen gerne mal herangezogene vergewaltigte Elfjährige, auch nicht um eine Frau, deren Leben durch eine Schwangerschaft gefährdet ist, nicht um eine Achtzehnjährige ohne Schulabschluss, deren Freund droht, mit ihr Schluss zu machen, wenn sie „es nicht wegmachen lässt“ und deren Eltern sie zu derselben Entscheidung drängen. Die Autorin war nicht psychisch krank, erwartete kein schwerstbehindertes Kind mit einer Lebenserwartung von sechs Monaten. Die Gründe waren… na ja: „Der Klassiker: prekäre Arbeitsverhältnisse, nicht abgeschlossenes Studium, kein fester Job in Sicht, Angst vor schwieriger Wohnungssuche, Fernbeziehung, Selbstfindungsstruggle, unklare Einstellung zum Konzept Familie, der ganze Generation-Y-Shit halt.“

Das alles sind Probleme, die man angehen kann, und die (abgesehen von der unklaren Einstellung) gelegentlich auch mal junge Paare haben, die gewollt Kinder bekommen. Es gibt Möglichkeiten, ein Studium mit Kind fortzusetzen, man kann auch ein paar Monate oder ein, zwei oder mehr Jahre aussetzen und sich dann einen Job suchen, prekäre Arbeitsverhältnisse hat praktisch jeder in den ersten Jahren nach dem Studium, ob mit oder ohne Kind, und finanziell ist das mit Unterstützung des Staates in Deutschland durchaus zu überbrücken. An einer Fernbeziehung lässt sich im Lauf von neun Monaten in der Regel auch etwas ändern; auch bei schwieriger Wohnungssuche muss man hierzulande keine Obdachlosigkeit fürchten. Die Autorin steht nicht alleine da. Es würde irgendwie gehen, wie sie selbst, und wie auch ihr Umfeld – inklusive des Vaters ihres Kindes – ihr mitteilt: „Erst als mir mein komplettes Umfeld, also Freundinnen, mein Freund und meine Familie versichern, dass es bestimmt – irgendwie – ginge, wenn ich es wollte, stelle ich fest: Ich will es nicht. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht irgendwie. Ein bisschen fühlt es sich an, wie eine Liebesabfuhr zu bekommen. Es erinnert an ein ‚Ich liebe dich, aber ich kann das gerade nicht‘. Obwohl ich diejenige mit der Abfuhr sein würde, denn ich würde mich ja dagegen entscheiden. Das traurige daran ist, dass es auch eine Entscheidung des Nichtkönnens ist. ‚Ich kann das gerade nicht‘.“

Sie schreibt weiter: „Das Gute aber ist die Erkenntnis, dass ich es eben in der Hand habe. Dass ich den Zeitpunkt bestimmen kann. Dass es ein anderer werden kann – oder auch nie. Aber dass ein Nein jetzt kein Nein für immer ist. Ich muss mich keinem Schicksal ergeben, nein, ich kann mein Leben für den Moment gestalten, ohne es entwerfen zu müssen. […] Wir müssen noch ein paar Dinge machen, bevor wir Eltern werden. Unter anderem herausfinden, ob wir Eltern sein wollen. […] Mir dämmert, dass trotz aller Liebe, aller Unterstützung, allen ‚Es ist okay’s, ich mit der endgültigen Entscheidung allein bin. My body, my choice. Juhu! Und: Oh Gott! Beantworte ich die Frage nach dem ‚Kann ich es wirklich wegmachen?‘ mit ‚Nein‘, dann trage ich die Verantwortung für drei Lebensläufe. Beantworte ich sie mit ‚Ja‘, dann ist es, wie es ist. […] Man muss das Thema nicht über das Individuelle hinaus emotional aufladen und man darf aus der eigenen Betroffenheit keine Moral für andere ableiten. Aber man soll damit umgehen können, wie man möchte. Die Entscheidung für einen Abbruch kann ganz leichtfallen, das ist in Ordnung. Sie kann aber auch schwerfallen und das ist ebenso okay. Das heißt nicht, dass ein Abbruch falsch ist. Das soll jede schwangere Person für sich klären können.“

Es gibt durchaus Dinge, bei denen eine solche Herangehensweise angemessen sein wird. Die Frage, ob man Abi machen will oder ob einem der Hauptschulabschluss reicht; ob man jemals heiraten will oder nicht; ob man diesen oder jenen Beruf ergreifen will; ob man sein Übergewicht unbedingt loswerden will oder ob einem ein paar Pfunde zu viel völlig egal sind. Da kann man nicht verallgemeinern und jeder sollte danach entscheiden, womit er sich wohlfühlt. Aber es gibt auf der Welt leider nun mal auch andere Entscheidungen, bei denen es eindeutig nicht hilft, zu sagen: „Das soll jeder für sich selbst klären“, oder: „Egal was du tust, es ist okay“. Manche Entscheidungen sind nicht ebenso gut wie andere; manche Entscheidungen sind objektiv gesehen falsch; manche Entscheidungen haben schwerwiegende Konsequenzen – für einen selber, und für andere Menschen. Manche Dinge gehen nicht nur einen selbst was an.

Newsflash, Leute: Die Welt ist ungerecht, und manchmal scheiße. Man kann sein „Schicksal“ nicht frei wählen, man hat sein Leben nicht immer „in der Hand“, und man kann nicht für alles „den Zeitpunkt bestimmen“, den man gern hätte. Ich hätte es auch gerne so, aber so ist es nicht. Wenn man sein Leben auf Teufel komm raus genau so einrichten will, wie man es jetzt im Moment haben will, übergeht man im Zweifelsfall das Leben anderer Menschen, insbesondere solcher, die hilflos und einem völlig ausgeliefert sind.

(Im Übrigen: Bin ich eigentlich die einzige, die den Eindruck hat, dass der Satz „Ich unterstütze dich, egal wofür du dich entscheidest“ im Allgemeinen oft bloß eine billige Ausrede ist, um keinen richtigen Rat geben zu müssen?)

Die Autorin schreibt auch über ihre Internetrecherchen vor ihrer Entscheidung (die nicht von Anfang an feststand; sie war offensichtlich sehr hin- und hergerissen) und über andere Wahrnehmungen in dieser Zeit: „Das Internet ist die Hölle. Zum Thema Abtreibungserfahrungen finde ich fast ausschließlich Horrorgeschichten von Abtreibungsgegnern und -gegnerinnen, moralisch-durchtränkte Märchen, Dogmamantren und antiwissenschaftliche Lügen. Zum Thema Babys nur Glückseligkeit und ‚Wird schon und alles!‘, supidupi, ‚Sinn des Lebens‘, ‚Wunder‘. […] Während der Schwangerschaft bin ich oft im Kino. Es ist eine Unternehmung ohne unmittelbare Kommunikation, es ist Alleinsein ohne Einsamkeit. Es ist eine Möglichkeit, nachzudenken, aber dank Ablenkung ohne ständiges Kopfrodeo. Dort: Werbung. Strahlende Kinder, als Symbol. Die Gleichung: Kind = Glück. Die absolute Lebensfreude ist ein Kind. Das Ultimo an Schönheit ist Kinderlachen. Meine Mutter sagt: ‚Ein Kind kann ein Leuchtturm im Leben sein‘. Ich denke über meine Momente absoluter Lebensfreude nach, über meine Leuchttürme. Es sind Konzerte, bei denen ich mit einem Bier in der Menge stehe, es sind Songs auf meinem Kopfhörer im Bett, es ist Sex mit dem besten Menschen der Welt, es ist das Gröhlen von Trashpop nachts um fünf in irgendeiner WG, es ist das stundenlange Sitzen im Fernbus und Freuen auf Neues. Es ist nie ein Kind. Es war nie die Vorstellung von einem Kind. Ich sehe auf der Straße Menschen mit Babys. Ich versuche, mir ihr Glück abzugucken. Ich verstehe es. Ich verstehe sie. Aber ich bin nicht sie. Ihr Leben ist ein anderes.“

Oh, sie hat hier in manchen Dingen recht. Kinder sind nicht einfach das größte Glück im Leben, das einem passieren kann. Sind sie nicht. (Musik und Partys und Reisen sind das zwar auch nicht zwangsläufig für immer, aber darum geht es hier nicht.) Sie bedeuten absolut nicht die pure Glückseligkeit, und es ist nicht immer einfach, sie sein ganzes weiteres Leben lang am Hals zu haben. Ich bin noch selber nah genug an dem Alter dran und habe ein ausreichendes Gedächtnis und außerdem auch noch genügend Geschwister (drei, wenn es jemanden interessiert), um das aus eigener Erfahrung zu wissen. Eltern, inklusive meine Eltern, haben es mit Kindern nicht immer einfach. Erst einmal muss man vollgeschissene Windeln wechseln, und das oft genug nachts um halb drei, dann muss man sie ständig im Blick haben und hat keine freie Minute, während sie in Windeseile vom Wohnzimmer ins Bad krabbeln, und es fällt einem erst auf, wie viele Kanten in Kniehöhe es eigentlich in der Wohnung gibt, dann kommt ihre Trotzphase und sie beginnen, wie am Spieß zu brüllen, wenn man im Supermarkt an der Kasse steht und EINFACH NUR NOCH NACH HAUSE WILL. Später wird es auch nicht immer einfacher; sie entwickeln ADHS oder sind gemein zu ihren Mitschülern, sie haben Lernschwierigkeiten, schreien einen an, wenn sie den Fernseher ausschalten sollen, wollen nicht mit ihren Geschwistern teilen und waschen sich nicht die Hände vor dem Essen, egal wie oft man es ihnen sagt. Dann werden sie mit 17 magersüchtig oder depressiv oder entwickeln eine Nahrungsmittelunverträglichkeit und man muss mit ihnen von Arzt zu Arzt tingeln, bis man endlich herausfindet, was los ist; oder vielleicht werden sie auch so komisch religiös, fiebern enthusiastisch dem nächsten Weltjugendtag oder der Ministrantenwallfahrt nach Rom entgegen, kleben sich Jesus-Bilder in ihr Zimmer und schlafen auch nach drei Monaten Beziehung nicht mit ihrem Freund. Sie brechen bei der Weihnachtsfeier mit der Verwandtschaft Diskussionen über verschiedene Formen des Feminismus oder das Reformationsjubiläum vom Zaun. Sie gehen zur Uni und haben keinen rechten Plan für ihr Leben und stellen sich vor, dass man ihnen ihr Leben finanziert, bis sie sich mit Ende 20 irgendwann mal entscheiden, dass der Studiengang doch nicht das Richtige für sie war. Sie beteiligen sich bei der Antifa oder wählen die AfD. Sie bringen Partner mit heim, die man einfach nur grässlich findet und reagieren zickig bis zum Geht-nicht-mehr, wenn man sie darauf anspricht, ob der denn wirklich der Richtige für sie ist; dann werden sie selber ungeplant schwanger und kommen heulend bei einem an und in Zukunft muss man dem Enkelkind die vollgeschissenen Windeln wechseln…

Wenn ich mal von mir selber als potentieller Mutter ausgehe: Ich könnte mir im Moment absolut nicht vorstellen, ein Kind zu haben. Ich bin jetzt zwar schon Anfang zwanzig und habe eine tolle Familie, die mich sicherlich unterstützen würde, aber ich habe auch eine chronische körperliche Krankheit, die mich derzeit schlaucht, und dazu geht es mir auch psychisch gesehen, na ja, nicht so ganz optimal. Ich wäre mit einem Kind entsetzlich überfordert – mit Vorsorgeterminen, an die gedacht werden muss, mit zu wenig Schlaf, mit dem Einkaufen von altersgerechtem Spielzeug und dem Zubereiten von drei gesunden Mahlzeiten am Tag, mit der Fahrt zum Fußballtraining und der Tatsache, dass sie unbedingt, unbedingt noch ein neues Faschingskostüm brauchen, und zwar jetzt noch, bevor der ALDI zumacht, weil Lisa hat sie für morgen zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen und da sollen alle verkleidet kommen, weil Fasching ist, und nein, das konnten sie nicht früher sagen, weil sie haben die Einladung gerade erst gekriegt, und außerdem hast du versprochen, dass ich noch ein neues Kostüme kriege, die alten passen alle nicht mehr und außerdem sind sie scheiße!!! Es heißt ja, man wächst an seinen Aufgaben, aber ohne die großzügige Unterstützung liebender Großeltern ginge bei mir, falls ich durch irgendeine Fügung des Schicksals von jetzt auf gleich schwanger wäre, sicherlich überhaupt nichts. Wahrscheinlich würde ich kaum eine Schwangerschaft ohne fünf oder sechs Nervenzusammenbrüche überstehen.

Aber, ob ihr’s glaubt oder nicht: Kinder sind Personen. Sie sind nicht das Glück auf Erden, weil sie Personen sind – Personen mit ihren schlechten Seiten und ihrer Selbstsucht und ihren Bedürfnissen und ihren Ausscheidungen und ihrem Hunger und ihren Krankheiten und ihrem Kummer oder Zorn wegen ihres Übergewichts oder dem Mobbing auf dem Schulhof.

Sie sind Personen, und deshalb haben sie Rechte.

Die Autorin erwähnt im Lauf des Textes (s. o.) „antiwissenschaftliche Lügen“ (aus dem Kontext: von Abtreibungsgegnern und -gegnerinnen) im Internet und nennt das, was sie ambulant von einer freundlichen, verständnisvollen Ärztin entfernen hat lassen, ein paar Mal einen „Zellklumpen“. Nun, ich weiß ja nicht, welches Biologiebuch zu ihrer Zeit im Aufklärungsunterricht verwendet wurde; aber ich bin natürlich gern bereit, eventuelle Wissenslücken aufzufüllen: In der 5. bis 6. Woche sieht ein Baby eher aus wie eine Kaulquappe als wie ein „Klumpen“; man sieht sein Rückenmark und seine sich entwickelnden Augen; Organe wie Nieren, Leber, Darm bilden sich; in der 6. Woche beginnt das Herz zu schlagen; man sieht die Ansätze von Armen und Beinen. (Für genauere Infos und Bilder siehe zum Beispiel hier eine Seite für werdende Mütter – mir nicht bekannt, dass sie irgendeinen Bezug zur Lebensrechtsbewegung hätte: https://www.babycenter.de/05-wochen-schwanger , https://www.babycenter.de/06-wochen-schwanger ) Mit zwölf Wochen – der Grenze für straffreie (nicht legale) Abtreibungen nach der Beratungsregelung – sieht ein Embryo wie ein ganz normaler kleiner Mensch mit übergroßem Kopf und mickrigen Gliedmaßen aus. Aber ja, er ist auch davor – auch, wenn sein Herz noch nicht schlägt, auch, wenn er in Woche 1 oder 2 noch wie ein „Klumpen“ aussieht, kurz gesagt ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle – ein einmaliges menschliches Wesen mit einer einmaligen DNA, das sich nur noch weiter entwickeln muss – so, wie sich auch geborene Babys noch weiterentwickeln und erst noch Zähne bekommen und sprechen und laufen lernen müssen. Man sage mir, wo hier in diesem Absatz eine Lüge liegt.

Im Endeffekt ist jeder Mensch ein großer Klumpen aus Zellen in einem bestimmten Entwicklungsstadium, so wie jeder Text aus schwarzen Zeichen auf weißem Grund besteht (oder im Fall von panikgetriebenen Internetseiten über den nahenden Weltuntergang wegen eines Maya-Kalenders oder sonst was: aus neongelben Zeichen auf schwarzem Grund); aber er ist gleichzeitig auch noch mehr. Man kann nun natürlich Lebensrecht über „Personsein“ definieren und „Personsein“ über Denkfähigkeit und Bewusstsein; dann haben aber logischerweise folglich auch Babys weniger Rechte als Dreijährige, und Dreijährige weniger Rechte als Erwachsene, man bräuchte also eine Art gestuftes Lebensrecht – so wie beispielsweise im Alten Rom, wo es legal war, Neugeborene auszusetzen, wenn man sie nicht haben wollte. Es gibt Leute, die das tatsächlich so definieren – Peter Singer ist das bekannteste Beispiel – ; ich als Christin tue es nicht. Man kann auch definieren, dass jemand, der auf einen anderen angewiesen oder mit dessen Körper verbunden ist, ohne dessen Zustimmung kein Recht auf Leben hat und getötet werden darf; damit stellt sich zwar evtl. das Problem, wer von zwei siamesischen Zwillingen jetzt der mit dem Lebensrecht ist, oder, wenn man diesen Spezialfall mal beseite lässt, wie groß eine Abhängigkeit sein muss, ehe das Lebensrecht verloren geht (wiederum: normale Neugeborene, die ohne Eltern nicht überleben können? Schwerstbehinderte oder Komapatienten, die gepflegt werden müssen?). Aber diese Schwierigkeiten überlasse ich mal den Abtreibungsbefürwortern. Ich gehöre ja zu den fundamentalistischen unaufgeklärten im Mittelalter zurückgebliebenen Dogmatikern, die eine Menschenwürde für jeden Menschen, unabhängig von Entwicklungsstand oder Abhängigkeit von anderen Menschen, annehmen.

In der Lebensschutzbewegung wird tatsächlich sehr viel davon geredet, dass Abtreibung auch den Frauen schadet, dass das Leben mit einem Kind schön ist, dass viele Frauen eine Abtreibung bereuen, dass sie sich oft nur unter Druck und in Notsituationen dafür entscheiden, weshalb die Väter ihre Partnerinnen unterstützen müssten und man Notsituationen abhelfen müsste, anstatt das Kind loszuwerden. Das stimmt an sich, und sollte beachtet werden. Aber es gibt eben auch die andere Seite, von der dieser Artikel zeugt: Dass eine Abtreibung medizinisch ohne jede Komplikation verlaufen und psychisch eine Erleichterung sein kann; dass das Leben mit Kindern nicht immer besonders schön ist und dass manche Frauen es überhaupt nicht bereuen, ihr Kind abgetrieben zu haben, auch wenn sie in keiner sozialen oder medizinischen oder psychologischen Notsituation waren, sondern es nur gerade irgendwie ungelegen kam und sie noch nicht gleich ihr ungebundenes Leben aufgeben wollten. Das gibt es auch.

Aber das macht es eben nicht besser; ganz im Gegenteil. Eine Abtreibung ist immer die Tötung eines kleinen Kindes; manchmal geschieht sie aus subjektiv nachvollziehbaren, schrecklichen Gründen, und manchmal aus – na ja, nicht so schrecklichen Gründen. Eine Abtreibung in einem solchen Fall – weil es eigentlich ungelegen kommt, weil man lieber noch ein paar Jahre warten würde, weil man jetzt auf die Schnelle seinen Lebensplan umstellen müsste – ist einfach eine Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, eine Weigerung, ein Kind anzunehmen, das schon da ist. Wenn man schwanger ist, kann man ganz einfach nicht mehr sagen „Ich bin erst in ein paar Jahren wirklich bereit für ein Kind“. Das Kind ist da. Wenn man schwanger ist, ist man schon Mutter; dann ist es zu spät, zu überlegen, ob man es werden will. Und man wird bis in alle Zukunft entweder die Mutter eines lebenden oder die Mutter eines toten Kindes sein.

Ja, man sollte planen, wann man Kinder bekommen will, aber das sollte man vorher überlegen; wenn man Sex hat, geht man immer das, wenn auch noch so geringe, Risiko ein, dass ein Kind dabei raus kommt – egal, welche Verhütungsmethode(n) man verwendet. Wenn man dieses Risiko unter keinen Umständen eingehen kann, sollte man dementsprechend handeln. Das ist vielleicht scheiße, aber das ist die Realität. Ich habe das System der Fortpflanzung der Säugetiere nicht erfunden, da muss man sich anderswo beschweren.

Der Autorin dieses Textes kann man vielleicht nicht allein den Vorwurf für die Traumwelt machen, in der sie lebt. Viele Menschen leben darin, und Menschen meiner und ihrer Generation sind irgendwie schon darin aufgewachsen. Es wird ja überall von „Selbstverwirklichung“ geredet und davon, dass man, wenn man logisch gesehen verantwortungslos handelt, doch „nur das Beste für alle“ tue; dass man sich kein schlechtes Gewissen machen solle; dass gut sei, wofür auch immer man sich entscheide; dass nur religiöse Fanatiker wie die Verfasserin dieser Zeilen etwas anderes denken könnten und aufgeklärte Menschen sich von denen keine Schuldgefühle einreden lassen sollten. So wie die Autorin des Artikels redet – ruhig, locker, neutral, tolerant, mit sich selbst im Reinen -, kann man nur reden, wenn man die Tatsache leugnet oder ignoriert, dass die eigenen Handlungen ein anderes Wesen mit eigenen Rechten getroffen haben, das gelebt hat und eine eigene Zukunft gehabt hätte. (Nicht dass es jetzt außerhalb dieser Welt keine Zukunft mehr hätte; ich gehe mal davon aus, dass es sich jetzt wohl in der ewigen Herrlichkeit befinden wird und vielleicht gerade mit seinem vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt verstorbenen Urgroßonkel oder mit dem heiligen Thomas von Aquin oder dem heiligen Moses dem Äthiopier oder der heiligen Afra von Augsburg Bekanntschaft schließt. Aber darum geht es hier nicht.)

Das Leben ist nun mal manchmal scheiße, und manchmal schwierig, und manchmal ungerecht. Manchmal ist es auch gewöhnlich und spießig und langweilig. Man kann sich nicht immer selbst verwirklichen, und man hasst sein Leben manchmal, und manchmal muss man einfach das Richtige tun. Oft wird es dann schon irgendwie, manchmal wird es besser als gedacht, manchmal kann man noch das „Beste aus beiden Welten“ haben, und manchmal geht das nicht und nichts scheint mehr zu funktionieren. So funktioniert das Leben eben leider. Es ist kein Selbstbedienungsladen, sondern eher „wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt“.

Eins noch: In dem ganzen Text wurde übrigens kein einziges Mal die Möglichkeit erwähnt, das Kind auszutragen und zur Adoption freizugeben. Ich weiß nicht, ob die Autorin nicht an diese Möglichkeit gedacht hat, ob sie auch in der Schwangerschaftskonfliktberatung vielleicht gar nicht erwähnt wurde, oder ob sie sie bewusst verworfen hat, weil sie z. B. fürchtete, es wäre vielleicht „zu schmerzhaft“ für sie, ein Kind erst auszutragen und es dann abzugeben. (Was aus Sicht des Kindes wiederum wohl anders aussähe.)

 

PS: Ein kurzer Gedanke noch: Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Welt sich vielleicht auch deshalb so schwer tut, anzuerkennen, dass es vielleicht doch falsche Entscheidungen und reale Schuld geben könnte, weil sie nicht glaubt, dass es einen wirklichen Ausweg aus realer, großer Schuld geben kann… Aber den gibt es.

PPS: Falls eine Leserin dieser Zeilen sich selbst in der Situation befinden sollte, ungewollt schwanger zu sein und nicht weiter zu wissen, z. B. hier auf dieser Seite gibt es Informationen und Beratung – E-Mail, kostenlose Hotline, Forum, etc. – zu allen Fragen und so zeitintensiv wie nötig: https://www.profemina.org/ Auch bei der Caritas gibt es natürlich ebenso Beratung, s. hier: https://www.caritas.de/glossare/schwangerschaftsberatung ; hier zur Onlineberatung: https://www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/schwangerschaftsberatung/schwangerschaft-onlineberatung Ich möchte an dieser Stelle ein bisschen Mut machen: Ich kenne ein paar Mädchen (flüchtig), die im späten Teenageralter ungewollt schwanger geworden sind und deren Kinder inzwischen so zwischen einem und drei Jahren alt sind. Es ist hinzukriegen. Ja, manches muss zurückstehen; ja, das Leben ändert sich radikal, wenn ein Kind da ist. Aber es ist normalerweise nicht der absolute Horror und nicht das Ende des Lebens. Man wird Probleme haben und man wird wahrscheinlich nicht alles perfekt machen und manchmal wird man wahrscheinlich unzufrieden sein. Das ist in jedem Menschenleben der Fall; auch ohne Kinder ist selten alles perfekt und genau so, wie man es haben möchte. Ja, vielleicht muss man manches aufgeben, aus Verantwortung gegenüber dem Kind, was man sonst hätte machen können. Eine meiner Bekannten war eine Zeitlang bei ihrem Kind daheim und macht jetzt mit ihrer Ausbildung weiter, eine andere holt etwas unmotiviert ihren Hauptschulabschluss nach, weil sie schon vor ihrer Schwangerschaft die Schule abgebrochen hatte, eine andere ist noch bei dem Kind zu Hause, während ihr Mann arbeiten geht – sie hat ihren Freund geheiratet und es ist offenbar eine gute Beziehung; andere dagegen sind aus Gründen nicht mehr mit den Väter ihrer Kinder zusammen. Sie alle kriegen es hin, sich um ihre Kinder zu kümmern. Bevor man beim Gedanken an eine Schwangerschaft in totale Panik ausbricht: Erst einmal tief durchatmen. Sich etwas Zeit nehmen, um sich zu informieren und einfach mal ruhig nachdenken. Überlegen, wen man um Unterstützung bitten könnte und was für konkrete Probleme oder Aufgaben auf einen zukommen würden (wenn man Angst hat, steigert man sich manchmal zu sehr in Vorstellungen von scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten hinein; ich tue das jedenfalls). Sich vielleicht vorstellen, wie es sein könnte, in etwa fünf oder zehn oder fünfzehn Jahren, mit dem Kind, was man für es fühlen und wie man mit ihm leben würde. Ich weiß nicht, ob das hilft, aber vielleicht könnte es helfen.

Die Wahrheit wird euch frei machen

Ich habe schon einmal (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/27/das-so-ziemlich-nervigste-klischee-ueber-frauen-das-es-gibt/) erwähnt, dass ich die Ehrlichkeit für eine der wichtigsten Tugenden halte, die es gibt, und das möchte ich noch mal wiederholen. Treue zur Wahrheit, und zwar zur ganzen Wahrheit und zu nichts als der Wahrheit, ist etwas, ohne das man eigentlich nicht leben kann.

Angelogen zu werden kann für den, der belogen wird, tatsächlich eine Art von Gefängnis bedeuten, eine Unfreiheit; es schließt ihn von der Welt ab, wie sie wirklich ist. Man ist nicht mehr in der Lage, die Realität zu sehen, wie sie da draußen eigentlich besteht, und sich dann zu entscheiden, wie man angemessen auf sie reagieren will. Stattdessen ist man demjenigen ausgeliefert, der einen getäuscht hat. Es macht einen hilflos; vielleicht reagieren die Leute deshalb oft so wütend, wenn sie herausfinden, dass sie angelogen worden sind. Man muss sich im Alltag die ganze Zeit über auf Informationen verlassen, die man nur aus zweiter Hand bekommen und nicht selber durch eigene Beobachtungen in jedem Detail verifizieren kann. (Schon mal versucht, die Existenz von Ulaanbaatar nachzuweisen, ohne selber in die Mongolei zu fliegen, oder die Beschaffenheit von Chlorophyll oder Kohlenmonoxid, ohne sich ein eigenes Labor zuzulegen?) Und wenn die nicht stimmen, wird es natürlich schwierig. Lügen und Halbwahrheiten und Täuschungen verdrehen die Welt; sie erschaffen etwas, das nicht da ist – nicht in dem guten Sinne, wie Märchen, Romane oder Filme etwas erschaffen, das nicht da ist und von dem man weiß, das es nicht da ist, oder in dem Sinne, wie Gott die Welt erschaffen hat, die vorher nicht da war; sie erschaffen eine Illusion von etwas, das schon auf andere Weise da ist, als sie es vorspiegeln, eine Illusion, auf die sich Leute verlassen, und von der sie dann verraten werden.

Wenn man Menschen anlügt, degradiert man sie; man traut ihnen entweder nicht zu, mit einer Situation, wie sie in Wirklichkeit ist, fertigwerden und eigene sinnvolle Entscheidungen treffen zu können, oder man benutzt sie einfach, weil es gerade bequem ist. Wenn man jemanden anlügt, weil man meint, er würde sich nur unnötig über etwas aufregen, oder wütend auf einen werden, weil man irgendetwas Falsches getan hat, dann heißt das, man geht von vornherein davon aus, dass er falsch reagieren wird, und nimmt ihm damit die Möglichkeit, vielleicht doch besonnen oder verständnisvoll reagieren zu können – na ja, oder man will einfach mit seinem eigenen falschen Handeln davonkommen. Entweder man misstraut ihm, oder man verachtet ihn. Und wenn er merkt oder ahnt, dass er angelogen wird, wird er auch anfangen, zu misstrauen. Lügen in wichtigen Dingen zerstören Beziehungen wie wenig anderes. Gerade wenn man mehrmals feststellen muss, dass auf die Worte und Versprechungen des anderen kein Verlass ist, ist die ganze Basis weg. Denn woher weiß man dann, dass es in Zukunft tatsächlich anders werden wird, wie der andere es schon wieder beteuert?

Ich finde, dass einer der grässlichsten häufig vorkommenden Sätze in typischen amerikanischen Filmen dieser ist: „Wir/ich wollte(n) dich nicht beunruhigen.“ [Na ja, vielleicht abgesehen von „Ich will kein Mitleid / keine Almosen.“ Ich habe ja so eine Theorie, dass die meisten Amerikaner, auch die meisten der sich „Christen“ nennenden Amerikaner, in Wirklichkeit Anhänger der Ketzerei des Amerikanismus sind, die hauptsächlich aus Hochmut („Ich will kein Mitleid“), sozialdarwinistischen Ideen („Gott hilft denen, die sich selber helfen“), Idealen von weltlichem Erfolgsstreben („prosperity gospel“), Selbsthilfetipps zum positiven Denken („Du kannst alles schaffen, wenn du es nur wirklich willst!!!“) und Auserwähltheitsfantasien („God’s own country“) zu bestehen scheint. Ich vermute manchmal, dass antike Bischöfe und mittelalterliche Mönche, die endlos über Demut, Milde, Barmherzigkeit, Mitleid, Almosengeben, den Wert der freiwilligen Armut, das Übel des Wuchers oder die Vergänglichkeit des Reichtums predigten, das, was manche Amerikaner für „Christentum“ halten, kaum wiedererkennen würden. Wobei, anders betrachtet, was will man erwarten bei einem Volk, in dem man sich über „interrassische Ehen“ (nicht mein Begriff, die reden wirklich von „interracial marriages“) wundert und allgemeine Krankenversicherung und Arbeitslosengeld für „Sozialismus“ hält…*] Dieser scheußliche Satz, mit dem die Figuren ihre eigene Unfähigkeit, mit der Wahrheit offen umzugehen, kaschieren wollen, kommt immer dann, wenn Eltern ihrem krebskranken Kind verheimlicht haben, dass es wahrscheinlich bald sterben wird, oder ein Ehemann seiner Frau, dass er seinen Job verloren hat, oder etwas in der Art. Man will den anderen (angeblich) vor der bösen Realität schützen, und nimmt ihm dadurch jede Möglichkeit, sich selbst dieser Realität anzupassen, selbst zu entscheiden, wie er mit ihr am besten umgehen sollte – also, sich zum Beispiel auf seinen Tod vorzubereiten, indem er Dinge in Ordnung bringt, die er verbockt hat, oder Dinge fertigstellt, die er noch fertig haben will. Man entscheidet stattdessen an seiner Stelle, was besser für ihn ist; man betrügt ihn, und tut auch noch so, als täte man ihm damit irgendeine Art von Gefallen, auch wenn die Wahrheit, die er irgendwann herausfinden muss, am Ende dann noch schlimmer für ihn sein wird (z. B. weil er dann nur noch sehr wenig Zeit bis zu seinem Tod haben wird). Das ist ebenso bescheuert wie – oder fast noch bescheuerter als – die amerikanische Lüge von wegen „live your dream“ (also nicht: „lebe in der Realität und mach was aus den Möglichkeiten, die du hast“, sondern „tu einfach mal so, als ob dein Traum, was für einer das auch immer sei, Realität ist, dann wird er das schon werden“; jedenfalls erlangt der Satz diese Bedeutung in der Praxis; zum Beispiel bei nahezu jedem Teilnehmer von Veranstaltungen wie American Idol (die US-Variante von DSDS); die leben nun wirklich in einer Traumwelt).

Das Verschweigen der Wahrheit, wenn jemand ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, ist eine Sünde. Claudia Sperlich schreibt hier über einen Fall, in dem das zutreffen würde (https://katholischlogisch.wordpress.com/2017/03/06/tote-kinder/) : „Im irischen Tuam gab es von 1925 bis 1961 ein von Nonnen betriebenes Heim für ledige Mütter. 2014 wurden dort Knochen von Kleinkindern entdeckt, die nicht auf dem Friedhof beerdigt, sondern auf dem Gelände des Heimes verscharrt wurden. Das Ausmaß kommt jetzt ans Tageslicht; es wird aber bereits seit Jahren untersucht.“ Die Kindersterblichkeit muss dort wohl ungewöhnlich hoch gewesen sein, wahrscheinlich wegen einem Mangel an Pflege und Zuwendung, und die Kinder wurden dann nicht einmal ordentlich beerdigt, sondern bloß schnell irgendwo verscharrt – auch das noch zu viel Arbeit für die Nonnen, das Beerdigen? Frau Sperlich schreibt weiter: „Was mich besonders entsetzt, ist das Fehlen jeglicher Stellungnahme der Sisters of Bon Secours. Ich habe den Schwestern in Galway (zu Tuam gehörte) eine Anfrage gemailt, warum auf ihrer Homepage an keiner Stelle, auch nicht unter der Übersicht „History“, mit einem Wort darauf eingegangen wird. Denn auch wenn keine der Verantwortlichen mehr am Leben ist und die Schwestern heute gute und segensreiche Arbeit tun, darf dieser sehr dunkle Fleck nicht vergessen werden.“

Ich kann intellektuell nachvollziehen, wie diese Schwestern denken mögen: Man muss ja nicht unnötig darüber reden; das gibt nur ein schlechtes Bild; wir müssen unsere Institution schützen; Menschen könnten einen schlechten Eindruck von der Kirche bekommen, wenn sie davon hören würden, und würden sich vielleicht von ihr abwenden, was wir ja nicht wollen können; wir lügen ja nicht, wir verschweigen nur etwas.

Ich kann mir vorstellen, dass bei den Missbrauchsskandalen manchmal Ähnliches gedacht worden ist. Ja, es gab und gibt Kirchenleute, die sich um Aufklärung bemühten oder bemühen – Joseph Ratzinger hat schon als Präfekt der Glaubenskongregation und dann später als Papst einiges geleistet und eine Null-Toleranz-Politik durchgesetzt, und auch Bischof Voderholzer von Regensburg soll sich im Moment ehrlich um die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen bemühen (jedenfalls habe ich das in einer Tageszeitung in einem Interview mit einem Missbrauchsopfer gelesen; der Interviewte hatte ansonsten nicht viel Gutes über seine Erfahrungen mit der Kirche und den Leuten bei den Domspatzen zu sagen). Aber es gab ganz offensichtlich auch andere Bischöfe oder Bistums- oder Kurienmitarbeiter, die anders dachten. Lieber keinen großen Wirbel, lieber keinen Skandal verursachen… Womit sie im Übrigen am Ende ein wesentlich schlechteres Bild von der Kirche vermittelten, als es bei einem offenen Umgang mit alldem je möglich gewesen wäre. Es handelt sich bei einem solchen Verhalten um eine unglaubliche Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern. Ich weiß nicht, ob ein so motiviertes Verhalten auch der Grund dafür war, dass Marie Collins vor kurzem die vatikanische Kinderschutzkommission verlassen hat (http://www.kath.net/news/58702; hier ist recht vage die Rede davon, dass sie „Frustration über mangelnde Kooperationsbereitschaft vatikanischer Behörden“ als Grund genannt habe).

Aber so ein Verhalten ist kaum auf die Kirche beschränkt. Kölner Silvesternacht, irgendwer? Was da geschehen war, kam erst nach mehreren Tagen heraus, als es sich nicht mehr unter Verschluss halten ließ. In meiner Tageszeitung erschien der erste Bericht nach meiner Erinnerung am 5. oder 6. oder 7. Januar irgendwo hinten auf der „Panorama“-Seite, und am nächsten Tag waren wütende Leserbriefe darüber und ausführliche Berichte auf der ersten und der dritten Seite zu lesen, und keiner der Redakteure ließ auch nur eine Silbe der Reue über den vorherigen Umgang mit diesen Informationen verlauten. Kein Wunder, dass Umfragen zufolge so wenige Leute der Presse trauen – manche Informationen sind für Journalisten einer gewissen Couleur einfach zu „brisant“ – oder könnten „missbraucht“ werden – die Leute könnten sie in den falschen Hals kriegen – kurz, gewisse Journalisten denken so, wie vielleicht Bischöfe oder Generalvikare oder Personalchefs einer Diözese gedacht haben, die die Kirche davor schützen wollten, dass die ganze Welt uns für eine „Kinderfickersekte“ hält. (Wobei die Presse sich inzwischen ein wenig am Riemen gerissen zu haben scheint, zumindest, was die örtliche Tageszeitung in meiner Region angeht.)

Diese Ängste sind real und nicht völlig unbegründet. Es gibt Nazis in Deutschland – so richtige Nazis ebenso wie weniger bedrohliche und gefährliche Stammtisch-Ausländerfeinde – ; ebenso wie es Leute gibt, die alle Priester für Kinderschänder halten. (Ich habe vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt des Skandals, mal einen jungen Kaplan sagen hören, manchmal weiß er gar nicht mehr, ob er den kleinen Kindern, die bei der Kommunionausteilung mit ihren Eltern nach vorn kommen, überhaupt noch ein Kreuz auf die Stirn machen darf, und eine Bekannte hat mir einmal erzählt, ihr nominell evangelischer Verlobter hätte wegen der Missbrauchsskandale sogar Bedenken, spätere Kinder katholisch taufen oder Ministranten werden zu lassen. Bei so weit verbreiteten Vorurteilen helfen alle Infos über die geringe statistische Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet in der Pfarrgemeinde Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, verglichen etwa mit Sportvereinen oder Familien, manchmal nichts.) Und natürlich profitieren wirkliche Rassisten, die Menschen einer gewissen Herkunft schon für eine Art Untermenschen halten, von Berichten über kriminelle Ausländer, besonders, wenn sich herausstellt, dass es sich vielleicht nicht um bedauerliche, überhaupt in keinster Weise repräsentative Einzelfälle handeln könnte, sondern dass z. B. bei Köln auch die frauenverachtende Kultur, aus der die Täter kamen, eine Rolle gespielt haben könnte, oder dass Schlägereien und auch Messerstechereien in Asylbewerberheimen gar nicht mal so arg selten vorkommen, oder dass etwa in Schweden durch die liberale Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre inzwischen so einige No-Go-Areas geschaffen worden sind, oder dass, wie jetzt berichtet wurde, ein Dritter aller Straftäter in Deutschland keinen deutschen Pass hat.

Aber am meisten nützt es Nazis (oder Kirchengegnern, for that matter), wenn die „Lügenpresse“ (oder die Halbwahrheitenpresse, wie man es manchmal formulieren sollte – oder aber eben auch die Bistumsverwaltung) gewisse Dinge unter den Tisch kehrt. Das nützt ihnen sehr viel mehr. Und wenn Probleme verschwiegen werden, dann werden sie vor allem nicht angegangen werden, dann werden sie natürlich noch schlimmer werden, und es wird mehr Opfer geben, denen keiner zuhört, weil es sie nicht geben darf. Und wenn es dann entsprechend viele Opfer gibt, so viele, dass sie sich nicht mehr ignorieren lassen, wird man das entsprechende Chaos ernten. Das gilt für alle Probleme. Man darf das Schlimme nicht verschweigen, weil es „uns“ schaden könnte. Am meisten schadet am Ende immer Unwahrhaftigkeit, aber selbst wenn die Wahrheit einmal schaden sollte: Das ist egal. Man muss sie trotzdem sagen. Sie schadet vielleicht, aber sie macht auf jeden Fall frei.

Anbei: Ich finde Halbwahrheiten und Verdrehungen übrigens oft noch schlimmer als Lügen; ihnen ist schwieriger beizukommen. Da muss man erst einmal ganz genau schauen, wie eine Statistik zustande kam; wie diese Fakten sich ins größere Bild einordnen; wie ein Zitat im Kontext lautete; wie relevant oder wie gesichert eine Behauptung überhaupt ist – kurz, es macht einen im Allgemeinen hilfloser als gegenüber ganz einfach demonstrierbar falschen Behauptungen.

(Wobei richtige „Fakenews“ (man darf wirklich auch einfach „Lügen“ dazu sagen) natürlich auch großes Unheil anrichten können – man denke allein an die „Protokolle der Weisen vom Zion“ als das bekannteste Beispiel aus der Geschichte. (Es gab solche Fälschungen im Lauf der Geschichte übrigens, wie auf allen Seiten, auch auf der antikatholischen Seite; am bekanntesten sind vielleicht die Monita Secreta aus dem 17. Jahrhundert (https://en.wikipedia.org/wiki/Monita_Secreta) – angebliche Instruktionen des Jesuitengenerals an seinen Orden zur Machtgewinnung, eine Art von Protokollen einer jesuitischen Weltverschwörung, könnte man sagen. (Heute sind die Jesuiten als Verschwörer natürlich zu langweilig geworden, da muss jetzt eher das Opus Dei übernehmen.) Außerdem gab es z. B. die 1836 in Kanada und den USA veröffentlichten „Maria Monk Stories“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Maria_Monk), mit dem eigentlichen Titel „Awful Disclosures of Maria Monk, or, The Hidden Secrets of a Nun’s Life in a Convent Exposed“ („Schreckliche Enthüllungen der Maria Monk, oder Die verborgenen Geheimnisse des Lebens einer Nonne im Kloster enthüllt“); oder etwa die Geschichte vom Popish Plot („Papistenverschwörung“, https://de.wikipedia.org/wiki/Papisten-Verschw%C3%B6rung), die zwischen 1678 und 1681 in England sogar für Hinrichtungen Unschuldiger sorgte, ehe sie als erfunden erwiesen wurde.))

Vielleicht noch kurz allgemein zur moraltheologischen (und „kasuistischen“, wenn man so will) Seite der Sache: Die grundsätzliche Begründung der katholischen Moraltheologie, wieso Lügen schlecht ist, ist ja ganz einfach: Die Sprache ist dazu da, Wahres über die Wirklichkeit mitzuteilen, und wenn man sie verwendet, um die Wirklichkeit zu verdrehen, pervertiert man sie. Es ist nicht grundsätzlich eine Sünde, einer eindeutigen Antwort auszuweichen, und erst recht nicht grundsätzlich eine Sünde, zu schweigen; nur eben dann, wenn jemand anderer bzw. die Öffentlichkeit ein Recht hat, etwas zu erfahren. Es ist in anderen Fällen sogar gut und notwendig, Geheimnisse zu wahren oder Negatives, das man über andere weiß, nicht öffentlich auszubreiten. (Ich rede jetzt nicht mehr von Verbrechen.) Das Beichtgeheimnis gilt sogar völlig absolut, ohne Ausnahmen (ja, auch bei Verbrechen; wobei ein Beichtvater, dem ein Verbrechen gebeichtet wird, natürlich schauen wird, dass der Pönitent klar den Willen zeigt, keine weiteren Verbrechen zu begehen, und ihn vielleicht auch dazu bringen kann, sich der Polizei zu stellen; aber auch in solchen Fällen ist das Beichtgeheimnis absolut heilig). Es kann Fälle geben, in denen man ein Geheimnis bewahren muss.

Als klassisches Beispiel wird in der Moralphilosophie auch immer der konstruierte Fall vorgebracht, dass man Juden im Keller versteckt und die Gestapo vor der Tür steht. Unter den Moraltheologen wurde/wird sehr kontrovers diskutiert, ob man in solchen Fällen dann auch direkt lügen, oder die Gestapo bloß durch zweideutige Rede täuschen dürfte o. Ä. Hierzu, finde ich, hat der Philosoph Robert Spaemann in diesem Essay (http://www.kath-info.de/verantwortungsethik.html) über Gesinnungs- und Verantwortungsethik (eine Unterscheidung, die er grundsätzlich ablehnt), wo er an einer Stelle über Handlungen schreibt, die immer in sich schlecht sind, eine gute Antwort gegeben:

„Dem entspricht, daß in der klassischen philosophischen und theologischen Tradition die absichtliche und die direkte Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen, die absichtliche Täuschung des Vertrauens durch unwahre Rede und die Herauslösung der Sexualität aus ihrem integralen humanen Kontext jeder weiteren Güterabwägung entzogen und für jederzeit unverantwortlich erklärt wurde. Lediglich mit Bezug auf die Lüge gab es unter den theologischen Moralisten gewisse Meinungsverschiedenheiten, die mit einem ungenügenden Begriff von Sprache zusammenhingen. Es gehört nämlich zur menschlichen Rede nicht nur ein Sprecher und dessen Wort, sondern auch ein Adressat und dessen Weise, das Wort aufzufassen. Das Erzählen von Märchen ist keine Lüge. Zum Vollsinn einer wahrheitsbezogenen Rede gehört, daß sie vom Adressaten als eine solche aufgefaßt wird. Der Kriegsgegner, der polizeiliche Fahnder, der fragt, ob ich einen Menschen versteckt habe, befindet sich zum Sprecher gar nicht in jenem sittlichen Verhältnis des Vertrauens, das eine wahrhaftige Rede erforderlich macht. Bekanntlich kann man ja jemanden, der ohnehin davon ausgeht, daß ich lüge, gerade dadurch in die Irre führen, daß man ihm die Wahrheit sagt. Wo aber ein solches Vertrauensverhältnis existiert, wo der Fragende – zum Beispiel der Patient oder der Ehepartner oder der Freund – zu der Erwartung berechtigt ist, daß ihm vom Arzt, vom Ehepartner oder vom Freund die Wahrheit gesagt wird, da verstößt es in der Tat gegen die Menschenwürde, aus irgendeiner noch so menschenfreundlichen Erwägung heraus die Unwahrheit zu sagen, sich selbst als Person hinter seiner Rede zum Verschwinden zu bringen und den anderen zum bloßen Objekt – und sei es auch der Fürsorge – zu degradieren, während er glaubt, Partner in einem Kommunikationsverhältnis zu sein. Die Lüge, so sagt Kant, ist in erster Linie eine Verletzung der Verantwortung gegen sich selbst, weil sie die konstitutive Identität von Innen und Außen zerstört, die das sittliche Selbstverhältnis ausmacht.“

 

* Ehe man mich darauf hinweist: Ja, ich weiß, dass auch in Amerika „nicht alle so sind“. Ich hege als gute Katholikin keine undifferenzierte Abneigung gegen alle Angehörigen einer bestimmten Nation oder Kultur, und bin durchaus bereit, zu glauben, dass es auch in dieser bestimmten Nation und Kultur, für die ich nicht allzu viel übrig habe, vernünftige Menschen und sogar einige gute Christen gibt. (Deshalb verlinke ich ja auch am Rand dieses Blogs zu einigen amerikanischen Blogs, die tatsächlich vernünftige, christliche Ansichten vertreten.) Und nein, ich halte mich nicht für persönlich besser als ketzerische Amerikanisten.

 

PS: Die Überschrift ist ein Zitat von unserem Herrn (Johannes 8,32).

PPS: Und nein, ich will mit diesem Artikel nicht sagen, dass jede kleine Unwahrheit eine Todsünde ist. Lügen sind zwar so gut wie immer schon ihrer Wurzel nach schlecht, aber sie sind gleichzeitig auch meistens in nicht gravierendem Sinne schlecht (wenn es sich nicht gerade um einen Meineid vor Gericht oder etwas anderes Schwerwiegendes handelt). Unwahrheiten sind leider sehr häufig, und manchmal nicht leicht zu vermeiden, und es gibt manchmal auch Grauzonen (bei Leuten, zu denen eben kein Vertrauensverhältnis besteht, zum Beispiel), wo es nicht in absolut jedem Einzelfall falsch sein muss, die Unwahrheit zu sagen, und auch zweideutige oder ausweichende Antworten können in einzelnen Fällen erlaubt sein. Jedenfalls sind Lügen und Täuschungen oft zwar schon Sünden, aber bloß lässliche Sünden.

Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts aus Sicht eines Menschen mit Todeswunsch

Sie ist schlecht, schlecht, schlecht. Das denke ich.

Sehen Sie, ich bin depressiv, seit einiger Zeit. Man könnte außerdem sagen, ich leide an einer unheilbaren Krankheit – damit meine ich nicht meine Depression, sondern eine körperliche Krankheit, die die Depression mit bedingt hat. (Wenn es einem schlecht geht, ist man nie gut drauf.) Oh, ich meine keine tödliche Krankheit. Ich meine eine unheilbare – d. h. eine chronische, die ich bis zu meinem Lebensende, bis zu dem es statistisch gesehen durchaus noch 60 Jahre dauern könnte, nicht loswerden werde, jedenfalls nicht nach dem heutigen Stand der Medizin. Im Alltag sehr störend, aber sicher nicht tödlich.

Und, wie gesagt, ich bin depressiv. Zu meiner Depression gehört auch ein gewisser Todeswunsch. Ich habe keine Selbstmordpläne, sehen Sie, ich plane, mich nicht umzubringen – es besteht noch kein Grund, mich stationär behandeln zu lassen. (Ich habe mir übrigens inzwischen psychologische Hilfe gesucht, keine Angst.) Aber der Gedanke an den Tod hat für mich überhaupt nichts Beängstigendes an sich, im Gegenteil. Wenn ich einen Unfall haben und sofort sterben könnte – oh, das wäre schön. Na ja, es gibt da natürlich auch noch so Ängste, was das Jenseits angeht, die ich auch noch habe, aber sagen wir mal, wenn ich frisch von der Beichte einen Unfall haben könnte, das Fegefeuer dann nicht zu lang ausfiele, und so – oh, das wäre schön. Ich sehne mich nach Ruhe, ich sehne mich nach Schlaf, ich sehne mich nach Frieden und nach Sicherheit.

Klar, es gibt manche Dinge, die dann schade wären. Ich könnte manche Dinge nicht mehr vollenden, die ich angefangen habe – hatte ich schon mal erwähnt, dass ich Hobbyschriftstellerin bin und im Moment an einer Roman-Trilogie arbeite, die ich erst halb fertig habe, und die ich gerne irgendwann ganz fertig hätte und auch versuchsweise mal an einen Verlag schicken wollen würde? Es gibt noch andere Dinge. Und meine Familie wäre da natürlich. Das ist auch einer der wichtigsten Gründe, wieso ich mich nicht töten werde – ich will das meiner Familie nicht antun.

Aber wenn das Schreiben und diese Dinge nicht wären, wenn ich keine Familie hätte, und vor allem, wenn es nicht vor Gott falsch wäre (was es aber leider ist), ein tödliches Medikament zu nehmen – dann würde ich das gerne tun. Das wäre schön. Ich hoffe immer wieder, dass ich nicht mehr so arg lange leben muss. Ja, mit Anfang zwanzig. (Viel Glück dabei.)

Na ja, da ich so denke, könnte man nun ja meinen, ich würde die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts pro Sterbehilfe begrüßen. Das tue ich nicht. Sehen Sie, ich habe meine fünf Sinne noch so weit zusammen, dass ich weiß, dass ich psychisch krank bin. Wenn ich noch kränker wäre, wäre das vielleicht nicht mehr der Fall, aber ich würde noch mehr leiden, und vielleicht nach Sterbehilfe verlangen. Und ich will nicht, dass man mir in einem solchen Fall eine Giftspritze verabreichen würde. Das heißt, ich will es in gewissem Sinne schon – ich fände es schön; ich finde den Gedanken sogar schrecklich, Leid ausgeliefert zu sein, dem andere Menschen nicht abhelfen werden, auch wenn ich sie darum verzweifelt bitten würde. Aber ich lehne es rational als falsch ab. Man müsste mir in so einem Fall auf andere Weise helfen. (Zum Beispiel damit, meine körperliche Krankheit ernst zu nehmen, wobei Ärzte nicht immer vorne mit dabei sind.)

Zuallererst liegt der Grund für meine Einstellung natürlich in meinem Glauben. Ich glaube, dass es einen Sinn haben muss, wieso Gott mir dieses Leben, das ich nicht wirklich mag, sondern eher ertrage, noch zumutet. Ich habe Angst vor meinem weiteren Leben, und ich mag es nicht besonders, aber ich sehe rein rational, dass es einen Sinn haben muss. Ich glaube, dass auch Leiden einen Sinn haben muss, dass Gott, der selber so gelitten hat, einen Sinn daraus entstehen lassen kann, auch wenn es schrecklich ist, und dass ich nicht das Recht habe, „Gott zu spielen“, und mich selbst zu schädigen oder zu töten. Dass ich mir auch selbst die Liebe schuldig bin, die ich allen Menschen schulde – liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich will außerdem nicht, dass geistig gesunde Menschen leidende Menschen töten oder ihnen zum Selbstmord verhelfen, um ihretwillen – ich will nicht, dass sie diese Schuld auf sich laden. Ich würde nicht wollen, dass jemand mir zum Sterben „verhilft“; er würde damit eine schwere Schuld auf sich laden, und das will ich nicht.

Dann ist da natürlich noch die theoretische Möglichkeit – an die ich zwar im Moment nicht wirklich glaube, aber sei’s drum – dass es im Lauf der Zeit wieder besser werden könnte. Dass man eine Medizin gegen meine Krankheit findet, dass meine Depression irgendwann weggeht (ja, Depressionen kann man behandeln). Jedenfalls bin ich durchaus ganz froh, dass ich von meinem Umfeld nicht einfach zu hören kriege „Dann kannst du dich ja umbringen“, sondern dass man mir hilft, mit meiner Krankheit umzugehen und meine Depression loszuwerden. Vielleicht werde ich irgendwann einmal auch wirklich froh sein, noch am Leben zu sein.

Dann sind da noch andere, mehr allgemeine Gründe. Was würde geschehen, wenn Sterbehilfe normal würde? Ganz einfach, das, was in den Niederlanden geschieht. Es würde erwartet werden, sie in Anspruch zu nehmen, vor allem von alten, dementen oder von behinderten Menschen, die bloß noch Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Sie denken, ich übertreibe? Dann überlegen Sie mal, wieso Rentner die Niederlande verlassen. Der Druck würde steigen. Man würde sich weniger darum kümmern, Behandlungsmethoden zu finden, ordentliche Mittel zur Schmerzbekämpfung und so weiter, man würde die Palliativmedizin zurückschrauben, die Suizidprävention natürlich erst recht.

Und Sterbehilfe würde auch für Menschen wie mich nach und nach normal werden. Ich bin „unheilbar krank“, ich leide (auch psychisch, was ebenso real ist wie physisch; und ja, es haben in anderen Ländern schon Menschen wegen psychischer Krankheiten Sterbehilfe erhalten). Wer kann sagen, dass mein Leiden nicht genug ist, um zu zählen? Überhaupt – wieso muss man leiden, um einen selbstbestimmten Tod sterben zu dürfen, wenn die Selbstbestimmung so wichtig ist – ja, angeblich sogar im Grundgesetz garantiert? (Nebenbei, diese Auslegung des Grundgesetzes ist aus meiner Sicht lachhaft. (Und ja, ich habe keine Ahnung von Jura.) Die dort garantierte Selbstbestimmung ist bekanntlich nicht absolut, und wenn sie es nicht ist, dann können Richter, solange das gesetzlich nicht geregelt ist, auch nicht einfach erklären, dass sie zwangsläufig das Recht auf Selbsttötung umfasst, vor allem nicht in dem Sinne, dass der Staat dabei behilflich sein muss. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Verfasser des Grundgesetzes auch nur daran gedacht hätten, dass Hilfe durch das Gesundheitssystem zum Selbstmord unter das Selbstbestimmungsrecht fallen könnte? A propos Verfassungsrecht: Wer hat diesen Richtern, anstelle z. B. des gewählten Parlaments, die Vollmacht gegeben, solche Entscheidungen zu treffen?) Wenn diese Selbstbestimmung so wichtig wäre – wie könnte man es dann noch rechtfertigen, Menschen, die sich ritzen, oder magersüchtige Mädchen, die sich halb zu Tode hungern, oder Menschen, die drohen, sich umzubringen, in eine Psychiatrie einweisen zu lassen? Eine solche Behandlung hilft und tut gut, ich weiß das von Bekannten, die selbst schon eine Zeitlang stationär behandelt wurden (ich selber musste noch nicht in die Psychiatrie, und mir persönlich wäre es auch lieber, das zu vermeiden, aber nicht, weil ich Vorurteile gegen ein „Irrenhaus“ habe, sondern weil ich lieber daheim bei meiner Familie sein will und aus anderen persönlichen Gründen; aber die Psychiatrie ist an sich etwas sehr Gutes, wo sich um einen gekümmert wird, und ich kann mir gut vorstellen, dass es für andere psychisch kranke Menschen sogar eine Erleichterung ist, wenn man ihnen vorschlägt, ob nicht ein stationärer Aufenthalt für einige Wochen ihnen vielleicht helfen würde). Aber wie könnte man es rechtfertigen, Menschen ins BKH einweisen zu lassen, wenn Selbstbestimmung alles ist? Die Antwort muss lauten, sie darf nicht alles sein.

Die Rede von der Selbstbestimmung ist ein Mythos, sehen Sie. Die allermeisten Selbstmörder sind depressiv. Sie sind nicht selbstbestimmt. Ein Verwandter von mir ist vor ein paar Jahren durch Selbstmord ums Leben gekommen. Ich weiß noch, dass auf seiner Beerdigung (der aus Indien stammende Dorfpfarrer sagte in der Messe kein Wort über seine Todesursache, und auch niemand von der Verwandtschaft erwähnte etwas davon) seine Chefin am Grab, als alle noch anstanden, um Weihwasser aus dem kleinen danebenstehenden Becken auf den Sarg zu spritzen und sich dabei zu bekreuzigen, wenn sie an der Reihe waren, wie man das eben bei Beerdigungen so macht, als sie an der Reihe war, kurz so etwas sagte, wie, dass er bis zuletzt selbstbestimmt gewesen sei. Sie hielt das wohl für irgendwie tröstlich oder so. Wie bitte?, dachte ich mir schon damals. Mein Verwandter war nicht selbstbestimmt gewesen, er war nicht selbstbestimmt gestorben. Er hatte offensichtlich an einer schweren Depression gelitten, die er vor der Welt verborgen hatte, er hatte es nicht mehr geschafft, sein Haus auch nur ein bisschen in Ordnung zu halten, und schließlich hatte er sich erhängt, weil er seinen psychischen Schmerz nicht mehr ausgehalten haben muss. Das hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun, gar nichts.

Kann ich meine Leser an dieser Stelle bitten, ein kurzes Gebet für meinen Verwandten zu sprechen? Ich bete auch immer wieder für ihn, und ich hoffe, dass er jetzt dort ist, wo alle Schmerzen und alle Leiden ein Ende haben, wo alle Tränen abgewischt werden, wo der Tod nicht mehr sein wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.

Ich hoffe, dass ich auch irgendwann dort sein werde, aber jetzt ist meine Zeit wohl noch nicht gekommen, und es ist nicht an mir, zu entscheiden, wann sie gekommen ist. Ich will irgendwann bei Jesus sein, aber dann, wenn Er es für richtig hält, nicht dann, wenn ich es für richtig halte.

 

Falls das hier jemand liest, der selber Selbstmordgedanken hat: Hier ist die Telefonnummer der Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de/); dort muss 24 Stunden am Tag jemand zu erreichen sein, selbstverständlich anonym, und selbstverständlich auch für Leute ohne jede Kirchenzugehörigkeit: 0800 111 0 111 Es gibt auf deren Internetseite auch Mailberatung und Chatberatung. Und hier ist eine Seite, die bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz hilft, und einige Informationen zur Psychotherapie bietet: http://www.psychotherapiesuche.de/ Nicht die Hoffnung verlieren! Man kann was machen, und schon Reden hilft oft, wirklich; und Psychotherapie ist übrigens auch nicht zwangsläufig nur Psychoanalyse („Hat es vielleicht ein Kindheitstrauma ausgelöst, dass Sie als Baby einmal nicht ordentlich gewickelt wurden?“ Sorry, ich habe gewisse Vorurteile gegen Psychoanalyse; ich weiß, dass sie nicht zwangsläufig so ist. Aber jedenfalls, es gibt auch Psychotherapieformen, die meiner persönlichen Ansicht nach wesentlich besser helfen als Psychoanalyse. Verhaltenstherapie zum Beispiel.) Mich darf man übrigens auch gerne über die „Contact“-Seite kontaktieren, auch wenn ich als Laiin wohl nicht wirklich helfen kann. Normalerweise schaffe ich es, wenigstens regelmäßig daran zu denken, meine E-Mails nachzuschauen…

 

PS: Es wäre nett, wenn ihr diesen Beitrag teilen könntet.

Kasuistik ist etwas Gutes

Die Kasuistik hat ja im Moment keinen allzu guten Ruf. Zu ihren Kritikern gehört nicht zuletzt der gegenwärtige Papst (http://www.kath.net/news/58626), der sie vor kurzem sogar als „krank“ klassifiziert hat: „Die Kasuistik ist heuchlerisch. Sie ist ein heuchlerisches Denken. ‚Man darf – man darf nicht’… was dann subtiler, diabolischer wird: ‚bis zu welchem Punkt darf ich? Aber von hier nach da darf ich nicht’. Das ist der Trug der Kasuistik.“

Ich will nicht leugnen, dass der Papst da einen gewissen Fallstrick angesprochen hat, auf den man bei der Kasuistik achten muss – dass man nicht nur fragt: Wie weit darf ich noch gehen, ohne in die Hölle zu kommen? Ich täte ja gerne dieses und jenes, aber ich will jetzt auch nicht die Strafe dafür kriegen, also, ist das noch im Rahmen? Darum geht es bei der Moral ja wirklich nicht; es geht grundsätzlich darum, das Gute zu suchen, zu lieben.

Aber diese Art von Kasuistik ist nicht die eigentliche Kasuistik. Was Franziskus – und andere Kritiker der Kasuistik; der Papst ist ja nur deren prominentester, sie hat allgemein seit einigen Jahrzehnten keinen guten Ruf – überhaupt nicht sieht, ist der eigentliche Grund, wieso es Kasuistik gibt bzw. früher gegeben hat.

Der Zweck von Kasuistik ist, in konkreten Dilemmata und Gewissenskonflikten konkrete Wege zu finden, die innerhalb der katholischen Moral gangbar sind. Kasuistik ist etwas Gutes – sie ist dazu da, in Gewissenskonflikten ganz konkret zu helfen.

„Kasuistik“ kommt von „casus“, „Fall“, d. h., die Kunst der Kasuistik besteht einfach darin, allgemeine Prinzipien der Moral, die sich alle vom obersten Gebot (Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst) herleiten, auf konkrete Fälle anzuwenden. Sie besteht darin, Gläubigen, die sich in diesen Prinzipien und ihrer Anwendung nicht so genau auskennen (und schließlich auch nicht sämtliche Werke der Moraltheologie genauestens studiert und durchdacht haben können), und die nicht wissen, was sie nun tun sollen, zu helfen. Wenn im 19. oder frühen 20. Jahrhundert ein Gläubiger zu seinem Pfarrer in den Beichtstuhl kam und ihm seine Gewissenskonflikte unterbreitete, konnte der Beichtvater in seinem Nachschlagewerk – einem Werk des als etwas lax verschrienen hl. Alfons von Liguori zum Beispiel, oder im 20. Jahrhundert vor dem Konzil häufig „dem Jone“ („Katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone, 1885-1967) – nachsehen, oder auch selber anhand seiner Kenntnisse die Situation moraltheologisch durchdenken, und seinem Beichtkind dann raten, wie es sich am besten verhalten sollte.

Was konnten das für Gewissenskonflikte sein? Na, z. B. folgende:

  • Ich arbeite als Kutscher / Droschkenkutscher / Chauffeur und mein Arbeitgeber / meine Kunden verlangen manchmal von mir, sie ins Rotlichtviertel zu fahren. Kann ich dem Folge leisten? Ich will Gottes Gebote nicht verletzen, aber ich kann es mir auch nicht leisten, meine Arbeit zu verlieren.
  • Ich arbeite sechs Tage die Woche von morgens bis abends in der Fabrik, möchte aber etwas Gemüse in meinem Garten anbauen, um mehr zu essen für meine Familie zu haben. Darf ich sonntags im Garten arbeiten, oder würde das gegen das dritte Gebot verstoßen?
  • Ich arbeite als Dienstmädchen, und mein Dienstherr gibt mir sonntags nicht frei. Verstoße ich gegen das Sonntagsgebot, weil ich die Sonntagsmesse nicht besuchen kann?

Kasuistik gab/gibt es nicht deshalb (jedenfalls nicht vorrangig), weil die Leute nach moralischen Schlupflöchern suchten oder suchen. Es gab/gibt sie, weil Leute sich manchmal in schwierigen Situation befinden, und weil moralisch wache, gläubige Menschen dann vielleicht einen sinnvoll scheinenden Ausweg sehen, ihn aber nicht nehmen wollen würden, falls er gegen Gottes Gebote verstoßen sollte, worin sie sich aber nicht sicher sind. Also brauchen sie Rat vom Kasuisten. Und nicht allzu selten war dieser Rat: Go ahead, der leichte Weg ist in Ordnung! In bestimmten Fällen gibt es Entschuldigungsgründe, einem sonst geltenden Gebot nicht zu folgen (Tötung im Fall von Notwehr; Diebstahl im Fall von Mundraub; Verpassen der Sonntagsmesse im Fall von Krankheit, wichtigen familiären oder beruflichen Verpflichtungen oder anderweitiger Verhinderung); in bestimmten Fällen ist „materielle Mitwirkung“ an einer Sünde erlaubt (anders als die sog. „formelle Mitwirkung“). (Ein Beispiel: der Kutscher im oben genannten Beispiel leistet materielle Mitwirkung zur Prostitution, die aus einem entsprechend gewichtigen Grund (seinen Job nicht zu verlieren) erlaubt ist; ein Zuhälter würde formelle Mitwirkung, also Mitwirkung im eigentlichen Sinne, ohne die die genannte Sünde nicht zustande käme, leisten.) Aber natürlich musste andererseits eben manchmal auch klargemacht werden, in welchen Fällen ein Christ keine Kompromisse eingehen konnte.

Auch die heilige Pönitentiarie in Rom antwortete früher übrigens häufig auf solche kasuistischen Anfragen, die Beichtväter, Bischöfe und Theologen aus aller Welt ihr unterbreiten konnten, wenn sie sich nicht sicher waren, wie man bestimmte Fälle generell behandeln sollte. (Fragen an den Heiligen Stuhl zu stellen war nichts Besonderes.) Einige Beispiele davon finden sich z. B. im „Denzinger“ („Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, hrsg. von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann). Damit es sich alle merken, hier etwa mal gleich ein Beispiel aus dem Bereich des sechsten Gebotes:

 

Frage: Kann eine fromme Ehefrau zulassen, dass ihr Ehemann sich ihr nähert, nachdem sie aus Erfahrung weiß, daß er sich in der ruchlosen Weise des Onan verhält…, zumal wenn die Ehefrau, falls sie [sich] weigert, sich der Gefahr von Mißhandlungen aussetzt oder fürchtet, daß der Ehemann zu Dirnen geht?

Antwort: Da im vorliegenden Fall die Frau zwar von ihrer Seite aus nichts Widernatürliches tut und eine erlaubte Sache betreibt, die ganze Fehlausrichtung des Aktes aber aus der Bosheit des Mannes hervorgeht, der, anstatt [den Akt] zu vollenden, sich zurückzieht und [den Samen] außerhalb des Gefäßes vergießt, so wird die Frau, wenn sie nach den gebührenden Ermahnungen nichts ausrichtet, der Mann aber darauf besteht, indem er Schläge, den Tod oder andere schwere Mißhandlungen androht, sich (wie bewährte Theologen lehren) ohne Sünde passiv preisgeben können, weil sie unter diesen Umständen die Sünde ihres Mannes einfach zuläßt, und zwar aus einem gewichtigen Grund, der sie entschuldigt; denn die Liebe, durch die sie gehalten wäre, dies zu verhindern, verpflichtet nicht [, wenn sie] mit so großem Nachteil [verbunden ist].

(Antwort der hl. Pönitentiarie, 1822; die eckigen Klammern kommen daher, dass das eine Übersetzung aus dem Lateinischen ist; mit dem letzten Satz ist gemeint, dass die christliche Nächstenliebe für gewöhnlich verpflichtet, andere Menschen vom Sündigen abzuhalten, falls das möglich und sinnvoll ist)

 

Das ist eigentlich ein wunderbares Beispiel, denn hieran sieht man schon: Es geht bei der Kasuistik nicht darum, wie eine ideale Welt ausschauen würde, in der jeder Mensch nach Heiligkeit streben würde, sondern es geht darum, wie sich ein Christ – oder eine Christin – in einer schwierigen Situation, umgeben von Leuten (z. B. Ehemännern), die sich gerade nicht an die christliche Moral halten, verhalten kann, ohne selbst schuldig zu werden. Natürlich ist es am besten, wenn man aus solchen Situationen herauskommt, oder von Anfang an gar nicht in solche Situationen hineinkommt. Aber manchmal ist man in solchen Situationen, und weiß nicht, was man tun soll.

Eine Standardfrage, bei der es ebenso ist, ist z. B. die Frage: Darf man seinen Glauben in Zeiten der Verfolgung verheimlichen? Oder gar verleugnen? (Die katholische Antwort darauf ist: Verheimlichen ja, verleugnen nie. Man darf verheimlichen, dass man Christ ist, aber wenn man gefragt werden sollte „Bist du Christ?“, dann darf man nicht mit „Nein“ antworten, auch wenn darauf Folter oder Hinrichtung folgen sollte; man darf Christus nicht verleugnen.) Natürlich ist es z. B. noch besser, wenn man aus einem Land, in dem Christenverfolgung herrscht, fliehen kann, oder so. Aber manchmal findet man sich eben in der Situation, wo sich jetzt konkret ganz einfach die Frage stellt: Verheimlichen oder nicht? Verleugnen oder nicht?

Oder hier noch ein allgemeineres Beispiel aus dem Denzinger zur Autorität von Moraltheologen und zum Amt eines Beichtvaters, damit man mal einen Eindruck davon bekommt, in welchem Rahmen die Kasuistik früher auch unterschiedliche Herangehensweisen zuließ:

 

Frage: Louis François Auguste Kard. de Rohan- Chabot, Erzbischof von Besançon, bemüht sich, bei allen, die in seiner Diözese Sorge um die Seelen tragen, die Weisheit und Einheit in der Lehre zu fördern; da von ihnen einige die Moraltheologie des sel. Alfons M. von Liguori als allzu lax, für das Heil gefährlich und einer gesunden Moral entgegengesetzt bekämpfen und verbieten, erbittet er demütig den Spruch der Hl. Pönitentiarie und legt ihr folgende Fragen eines Theologieprofessors [nämlich Th. Goussets] zum Lösen vor:

1. Kann ein Professor der heiligen Theologie die Auffassungen, die der sel. Alfons von Liguori in seiner Moraltheologie lehrt, sicher vertreten und lehren?

2. Oder ist ein Beichtvater zu behelligen, der bei der Ausübung des hl. Bußgerichts allein aus dem Grund alle Auffassungen des sel. Alfons von Liguori vertritt, weil vom Apostolischen Stuhl in seinen Werken nichts gefunden wurde, was einer Zensur würdig wäre? Der Beichtvater, um den [es] in der Frage [geht], liest die Werke des sel. Lehrers nur, um seine Lehre genau kennenzulernen, ohne die Ursachen oder Gründe zu erwägen, auf die sich die verschiedenen Auffassungen stützen; vielmehr meint er, er handle schon deshalb sicher, weil er einsichtig beurteilen könne, dass eine Lehre, die nichts enthält, was einer Zensur würdig wäre, gesund, sicher und keinesfalls der Heiligkeit des Evangeliums entgegengesetzt ist.

Antwort (vom Papst am 22. Juli 1831 bestätigt):

Zu 1. Ja, ohne daß deswegen jedoch für tadelnswert erachtet würden, die von anderen gebilligten Autoren überlieferte Auffassungen vertreten.

Zu 2. Nein, unter Berücksichtigung der Absicht des Hl. Stuhles in bezug auf die Billigung der Schriften der Diener Gottes zur Erzielung der Kanonisation.

(Antwort der hl. Pönitentiarie, 1831)

 

Es gibt auch heute noch Gewissenskonflikte – und wenn der Klerus sich dem nicht mehr annimmt, quälen die Leute sich damit weiter selbst herum und kommen evtl. zu den falschen Ergebnissen; evtl. kommen sie auch mal zu dem Ergebnis, etwas sei sündhaft, obwohl es das nicht ist, tun es dann aber trotzdem, weil sie keinen anderen Ausweg sehen, und fühlen sich dann miserabel, obwohl sie es eigentlich hätten tun dürfen. Im Glücksfall noch, aber das ist auch nicht ideal, nehmen andere sich solcher Fragen an – Internetforen wie Catholic Answers (https://www.catholic.com/qa) zum Beispiel (wobei in diesem Forum ja auch Priester Antworten geben). Die kriegen tatsächlich unzählige Fragen, weil die Leute sich an irgendjemanden wenden wollen, wenn sie Gewissensfragen haben.

Wie genau muss ich in der Beichte sein? Ein Cousin hat mich zu einer Schwulenhochzeit eingeladen, kann ich als Katholik da hingehen (ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen oder unhöflich sein, aber auch nicht den Eindruck geben, dass ich für die Homoehe bin)? Darf ich aus medizinischen Gründen die Anti-Baby-Pille nehmen, z. B. um Endometriose oder hormonelle Störungen zu behandeln? (Die Antwort hierauf ist übrigens: Ja, darf man. Ein Medikament, das zufälligerweise die Nebenwirkung Unfruchtbarkeit hat, ist etwas anderes als gewollte Empfängnisverhütung. Sagt der sel. Paul VI. in Humanae Vitae auch ausdrücklich.) Ist es in Ordnung, mit jemandem auszugehen oder jemanden zu heiraten, der einer anderen Konfession oder Religion angehört? Ist es eine Sünde, brutale Filme anzusehen oder Videospiele zu spielen? Ist es eine Sünde der Eitelkeit, sich zu schminken? Darf ein Katholik Yoga machen (https://www.catholic.com/qa/what-does-the-church-say-about-yoga)? Darf ein Katholik in einem Krankenhaus arbeiten, das auch Abtreibungen durchführt (https://www.catholic.com/qa/can-a-catholic-work-in-a-hospital-that-does-abortions)?

Sicher kann Kasuistik manchmal fehlgehen. Sie kann mal zu streng sein und vorsichtshalber alles verbieten, was nicht ganz sicher der tiefsten Frömmigkeit entspringt, und mal zu lax sein und nach moralischen Schlupflöchern suchen, wo es nur geht. Aber das ist doch kein Grund, sie gleich ganz sein zu lassen. (Catholic Answers ist übrigens meinem Eindruck nach so ziemlich immer im Rahmen der rechtgläubigen katholischen Moral, eher auf der strengen Seite vielleicht, aber mir ist dort bis jetzt noch nie etwas eindeutig Blödsinniges aufgefallen. Oft genug beruhigen sie dort Leute, die sich mit unnötigen Skrupeln quälen (siehe z. B. hier https://www.catholic.com/qa/is-it-vanity-to-get-dental-braces oder hier https://www.catholic.com/qa/is-reading-comics-a-sin für extreme Beispiele); in anderen Fällen reden sie dagegen auch Klartext und sagen: So und so ist es nach der katholischen Lehre, etwas anderes als das und das darf man nicht tun.)

Natürlich gibt es bei der Kasuistik auch die Gefahr, dass sie alles bis ins Kleinste regeln und dem Einzelnen die ganze Verantwortung abnehmen will und zu zu großer Bevormundung führt; diese Gefahr gibt es. Aber wenn man sich einer Gefahr bewusst ist, kann man sie umgehen. Gute Kasuistik sagt auch, wann der Beichtvater keine allgemeine Regel aufstellen kann, sondern jeder einzelne Gläubige selber seine Situation anschauen und selber nach seinen Umständen entscheiden muss, wobei es nicht zwangsläufig die eine richtige Lösung geben muss – anbei, ich kann mir vorstellen, dass es für Beichtväter hier vielleicht (gerade bei skrupulösen Beichtkindern) auch nicht immer einfach sein wird, sagen zu müssen, „Das müssen Sie selbst entscheiden, da kann ich ihnen leider nicht weiterhelfen“; aber gute Beichtväter wissen wohl auch, wann sie ihre Pönitenten zur Eigenständigkeit mahnen müssen. (Ein klassisches Beispiel wäre die Entscheidung, wie viele Kinder ein katholisches Ehepaar bekommt. Diese Entscheidung kann, je nach finanzieller, emotionaler, gesundheitlicher etc. Situation, völlig unterschiedlich ausfallen, und es gibt kein Patentrezept dafür, und kein Kleriker hat in diesem Fall seine Pfarrkinder zu bevormunden, wann sie das Kinderkriegen lassen oder noch ein Kind kriegen sollten. Ein Ehepaar hat vielleicht nur ein oder zwei Kinder, ein anderes vier oder fünf oder sechs, oder auch fünfzehn. Muss jeder selber schauen, wie es für seine Familie am besten ist.)

Grundsätzlich jedenfalls ist Kasuistik etwas Gutes.

 

Eins noch: Papst Franziskus hat sich in der oben zitierten Predigt ja übrigens auf die Unterhaltung Jesu mit den Pharisäern über die Ehescheidung im Markusevangelium bezogen: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? (In der Parallelstelle bei Matthäus übrigens nicht einmal ganz allgemein „Darf man seine Frau aus der Ehe entlassen?“, sondern „Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen?“ Hier scheint es für die Pharisäer sogar klar zu sein, dass man es grundsätzlich darf, und die Frage ist für sie nur, unter welchen Umständen.) „Jesus antwortet nicht, ob es erlaubt ist oder nicht. Er lässt sich nicht auf deren kasuistische Logik ein“, sagt Franziskus dazu. „Und der Weg Jesu – das ist deutlich zu sehen – ist der Weg von der Kasuistik hin zur Wahrheit und zur Barmherzigkeit. Jesus lässt die Kasuistik außen vor. Jene, die ihn auf die Probe stellen wollten, jene, die mit dieser Logik des ‚man darf’ dachten, qualifiziert er – nicht hier, sondern an einer anderen Stelle des Evangeliums – als Heuchler.“

Dieser Bibelauslegung des Papstes möchte ich widersprechen, bei allem Respekt. Jesus beantwortet die Frage der Pharisäer sehr wohl – Er beantwortet sie nur wesentlich strenger und grundlegender, als sie erwartet hätten. „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“ (Markus 10,2-12)

Das ist doch eine sehr klare Antwort. „Das darf der Mensch nicht trennen“ – das ist sehr wohl eine Antwort darauf, ob es erlaubt ist oder nicht. Natürlich geht Jesus nicht nur auf die Frage „Erlaubt oder nicht?“ ein, sondern begründet auch ganz grundsätzlich, wieso es nicht erlaubt ist. Er geht über die Kasuistik hinaus; aber ganz umgehen oder gar grundsätzlich ablehnen tut Er sie doch offensichtlich nicht.

Und das, obwohl die Pharisäer hier nur fragen, um Ihm eine Falle zu stellen.

Wieso ich den „Weckruf“ zur Solidarität mit dem Papst bei The Cathwalk nicht unterzeichnet habe

(Hier der Text des Weckrufs: https://thecathwalk.net/2017/02/18/sinedubia-wir-gehen-mit-papst-franziskus/ )

  • Weil er legitime und illegitime Papstkritik nicht auseinanderhält.
  • Weil er die Debatte in unnötig polemischer Weise anheizt.
  • Weil er mir zu sehr in Richtung „Ich danke dir, Herr, dass ich nicht bin wie dieser Pharisäer dort“ tendiert.

Ich bin kein riesiger Fan von Papst Franziskus. Das muss ich auch nicht sein. Ich bin auch kein riesiger Fan vom sel. Pius IX. (jawohl, ich habe Pius IX. gesagt) oder manchen anderen Päpsten. Muss man als Katholik jetzt auch alles gut finden, was Julius II. oder Alexander VI. getan haben? Ich finde nicht einmal alles gut, was die Päpste getan oder gesagt haben, die zu meinen Lieblingspäpsten gehören. Paul VI., der für die meisten Leute so uninteressante und bei den Tradis eher unbeliebte Nachkonzilspapst, gehört zu ihnen (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/17/es-ist-nicht-sicher-dass-ich-ins-paradies-eingehen-werde/ ), und seine Ostpolitik zum Beispiel finde ich falsch. Benedikt XVI., dieser so gütige, demütige, und einfach nur brillante Mann, der für meine Hinwendung zum Glauben eine entscheidende Rolle gespielt hat, soll sich einmal in negativer Weise über die Harry-Potter-Bücher geäußert haben, die ich absolut liebe. Vielleicht werde ich sogar beim hl. Johannes Paul II. irgendwann einmal etwas entdecken, das ich nicht uneingeschränkt toll finden kann.

Zu Amoris Laetitia und seiner Interpretation habe ich mich hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/21/ein-paar-gedanken-ueber-die-liberale-auslegung-von-amoris-laetitia/ ) und hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/23/ein-kurzer-nachtrag-zu-der-sache-mit-amoris-laetitia-ueber-unbarmherzigkeit/ ) schon geäußert.

Ich achte Papst Franziskus. Ich finde manche Dinge gut, die er macht. An erster Stelle das Jahr der Barmherzigkeit, dann z. B. auch den Versuch des Zugehens auf die FSSPX (an sich mag ich die FSSPX nicht besonders, aber es ist selbstverständlich gut, wenn man sie wieder mit der Kirche zu versöhnen versucht). Ich finde manche Dinge nicht gut, die er macht. Er soll einen relativ autokratischen Führungsstil haben, sein Predigtstil ist manchmal ein bisschen verworren (nein, hier geht es mir jetzt gar nicht um Inhalte, sondern nur um Satzstrukturen – manchmal weiß ich einfach nicht ganz, was genau er überhaupt sagen will, wenn ich mir im Internet Predigten von ihm durchlese; deshalb habe ich das auch aufgegeben und lese stattdessen lieber was anderes), und oft äußert er sich in unklarer Weise. Ich habe das Gefühl, der Papst will manchmal eher Debatten anregen, als sich klar zu positionieren – vielleicht hat er deshalb auch nicht auf die Dubia geantwortet. Und hier, finde ich, erfüllt er die Aufgabe nicht, zu der er berufen wurde. Ein Papst ist der oberste Hirte der Kirche; seine Aufgabe ist es, Orientierung und Klarheit zu bieten. Er ist kein Theologe, der in einem Seminar mit interessierten Studenten, die sich in der Materie auskennen, alle möglichen Thesen in den  Raum stellen und diskutieren sollte. Er sollte den Durchschnittskatholiken, die sich eben nicht so genau damit auskennen, was die sakramentale Ehe (oder auch anderes) bedeutet und auch nicht so genau wissen, ob die Kirche  nicht ihre Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe (oder auch anderem) irgendwann einmal einfach ändern könnte, klare Orientierung geben.

Das ist also meine Meinung zu Papst Franziskus; und diese meine Meinung berührt in keiner Weise meine Achtung vor ihm als dem Stellvertreter Christi auf Erden, die ich ihm als Katholikin schulde.

Solidarität mit dem Papst gegen ultratraditionalistische und fast schon zum Sedisvakantismus tendierende Kritiker, denen er nie etwas recht machen kann? Gerne. Aber bitte keine blinde Gefolgschaft, die Jubel über jeden Nebensatz fordert, der aus seinem Mund kommt.

Das Problem bei diesem „Weckruf“ ist, dass er die vier Kardinäle, die mit ihren Dubia einfach um etwas Klarheit gebeten haben, mit seinem #sinedubia (was grammatikalisch übrigens falsch ist – es hieße „sine dubiis“) in die Ecke solcher böswilliger, pharisäischer, grundsätzlich unzufriedener Papstkritiker rückt, die alles besser zu wissen meinen als die ihrer Ansicht nach von Satan persönlich unterwanderte Kirchenhierarchie. Ich wage zu behaupten, dass die Herren Meisner, Burke, Brandmüller und Caffara nicht so denken. (Der Chefredakteuer von The Cathwalk hat inzwischen übrigens auf Facebook geschrieben, schuld seien nicht die Dubia-Kardinäle selbst – was aber irgendwie seltsam klingt angesichts der ausdrücklichen Distanzierung von den Dubia im Text des Weckrufs.) Die Verfasser des Weckrufs setzen außerdem Papst Franziskus einfach mit Jesus gleich, der ja auch auf die Fragen der Pharisäer manchmal demonstrativ geschwiegen habe. Sorry, aber: Papst Franziskus ist der Stellvertreter Christi, nicht Christus selbst. Er ist immer noch ein fehlbarer Mensch, und er kann keinem seiner Kritiker ins Herz schauen, wie es Jesus konnte. Und in verworrenen Situation auf Fragen klare Antworten zu geben – das ist sein Job.

„Wir erinnern die genannten populistischen Einheizer im Hintergrund daran, dass sie sich für ihren geschürten Argwohn eines Tages verantworten werden müssen“, schreiben die Autoren des Weckrufs. Nun, ich würde mich nicht zu populistischen Einheizern zählen, die grundsätzlichen Argwohn gegen den Heiligen Vater schüren, aber ja, mir ist bewusst, dass ich mich für alles, was ich im Leben so tue, irgendwann einmal werde verantworten müssen. Vielleicht könnten wir alle mal runterkommen und das Ganze etwas weniger emotional diskutieren. Ich stimme den Verfassern und Unterzeichnern dieses Weckrufs zu, dass es eine gewisse Solidarität mit dem Papst braucht. Aber vielleicht können sie mir auch zustimmen, dass diese Solidarität nicht völlig kritiklos sein muss.

Vergessen wir nicht: „Als Kephas [aramäisch für Petrus] aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte.“ (Galater 2,11) Was bringt es denn, wenn jetzt schon wieder gesagt wird „ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus“ (1 Korinther 1,12)?

Wir sind doch eigentlich gar nicht so weit auseinander, vermute ich jetzt einfach mal. Wir sind uns wohl einig, dass die Ehe unauflöslich ist; dass Wiederheirat objektiv nicht richtig ist; dass man Menschen, die sich in einer solchen Situation befinden, trotzdem nicht wie Aussätzige behandeln sollte und dass die Kirche ihnen helfen sollte; dass der Papst kein Häretiker ist; dass es zur traditionellen Sakramentenpastoral gehört, nur dann die Kommunion zu reichen, wenn jemand sich in einem zumindest einigermaßen objektiv richtigen Verhältnis mit Gott befindet. Über alles weitere kann man dann ruhig diskutieren. Aber bitte ohne unsinnige Vorwürfe und Generalisierungen. Ich fürchte, dass der Weckruf eher dafür sorgen könnte, die Fronten in einer sowieso schon hitzigen Debatte weiter zu verhärten – aber wenn ich mich irren sollte, wäre es ja gut.

„Schweigen“, die dritte

Eine interessante Diskussion bei New Catholic Generation über den Film „Silence“, über den bzw. über die Romanvorlage zu dem ich mich hier auch schon geäußert habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/11/29/schweigen-die-makkabaeischen-maertyrer-und-die-perfidie-des-vaters-der-luege/ , https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/29/schweigen-die-zweite/ ). Ich bin hier Joes Meinung. Eindeutig.

Ein kurzer Nachtrag zu der Sache mit Amoris Laetitia – Über Unbarmherzigkeit

Als ich den vorletzten Beitrag hier geschrieben habe – den zu Amoris Laetitia und dem Kommunionempfang für Wiederverheiratete -, habe ich an manchen Stellen ziemlich lange überlegt, wie ich etwas ausdrücken soll, und habe dann mehrmals noch etwas geändert bzw. am Ende des Artikels hinzugefügt. Ist das hier zu hart ausgedrückt? Wie würde ein Betroffener, der das liest, das wohl aufnehmen? Sollte ich auf das und das noch genauer eingehen?

Ist ein schwieriges Thema. Normalerweise schreibe ich ja weniger über Themen, die die Leute direkt konkret angehen und momentan hitzig diskutiert werden, und mehr über Sachen, die einfach interessant sind – die bevorstehende Heiligsprechung von Papst Paul VI., den Unterschied zwischen Denethor und Faramir aus „Der Herr der Ringe“, die Interpretation irgendwelcher Bibelstellen, Romane von Robert Hugh Benson, meine neu entdeckte Liebe zu Polen oder richtige Kommasetzung, solches Zeug eben.

Wahrscheinlich war es auch nicht wirklich nötig, dass ich mich jetzt auch noch in der Debatte um AL zu Wort gemeldet habe – aber, na ja, wenn man einen Blog betreibt, neigt man eben immer dazu, alle seine Gedanken darauf kundzutun, ob sie nun jemandem nützen oder nicht. Aber auch wenn schon viel dazu geschrieben wurde, ich finde das Thema schon irgendwie wichtig. Und einen Punkt dazu habe ich in meinem Beitrag noch nicht genauer erklärt, daher will ich ihn nun nachtragen, weil ich finde, dass er doch auch noch Beachtung verdient.

Wenn es um dieses ganze Thema geht, dann ist immer sehr schnell der Vorwurf an die Kirche (oder strenge Katholiken wie mich) bei der Hand, unbarmherzig zu sein, Menschen zu verurteilen, und so weiter. Dieser Vorwurf kommt natürlich hauptsächlich daher, dass die Menschen, die ihn vorbringen, einfach das katholische Eheverständnis nicht teilen, und es wahrscheinlich überhaupt nie erklärt bekommen haben, woran die derzeitige Verkündigung in der deutschen Kirche nicht so ganz unschuldig ist. (Hier übrigens noch einmal der Link zu meinem Artikel über einen Grund, aus dem die Ehe unauflöslich ist: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/11/17/die-unaufloeslichkeit-der-familie/ Meine Argumentation in aller Kürze: Die Ehe ist ein Bund, der eine neue Familie begründet, und Familie ist unauflöslich und begründet die lebenslange Pflicht zu Liebe und Treue.) Sie begreifen nicht, was an Ehebruch überhaupt so schlimm sein soll; sie sehen ihn gar nicht als Sünde, sondern als etwas vollkommen Akzeptables, das die Kirche gefälligst auch endlich akzeptieren soll; solange sie das nicht tut, ist sie natürlich unbarmherzig und böse.

Aber einher mit diesem Vorwurf geht bei solchen Kirchenkritikern paradoxerweise – meistens unbewusst, nehme ich an – auch oft eine Unbarmherzigkeit und ein Verurteilen gegenüber anderen Arten von Menschen. Zum Beispiel denen, die, aus Treue zu Gott, sich nach einer Trennung wieder mit ihrem Partner zusammengerauft haben und wieder einen gemeinsamen Weg gefunden haben, anstatt den einfachen Weg zu gehen, wegen ihrer Schwierigkeiten getrennt zu bleiben und zu sagen, ist doch nicht so schlimm so. Oder denen gegenüber, die vielleicht jetzt nicht mehr die Möglichkeit haben oder für die es keine vernünftige Lösung wäre, wieder in ihre eigentliche Ehe zurückzukehren, aber die sich keinen neuen Partner suchen oder mit ihrem zweiten Partner enthaltsam leben. Oder denen gegenüber, die zwar nichts davon tun, aber anerkennen, dass ihr Leben im Moment nicht gut läuft und daher akzeptieren, dass sie im Moment, wenn sie ehrlich gegenüber Gott sein wollen, nicht die Kommunion empfangen können. Solchen Menschen bringen Menschen, die selbst nicht bereit sind, das zu tun, sondern die Lehre der Kirche als einfach nur „unbarmherzig“ aburteilen und ihre Änderung verlangen, oft kein Verständnis entgegen. Wieso macht die sich das Leben so schwer? Ihr Mann hat sie verlassen, na, wieso will sie dann partout keinen neuen Partner suchen – weil ihr das von dieser Kirche da eingeredet wurde oder wie? Will sie unbedingt unglücklich bleiben? Unbarmherzig, überheblich, hält sich wohl für was Besseres, was soll das. So, wie Menschen, die alle Religionen für gleich gültige Wege zu Gott halten und Mission als etwas ganz Schlimmes ansehen und stattdessen nur interreligiöse Zusammenarbeit verlangen, Konvertiten, die in ihrer neu angenommenen Religion glücklich sind, oft nur Unverständnis oder schlimmstenfalls Verachtung entgegenzubringen scheinen, so bringen Menschen, die die Änderung der kirchlichen Lehre und Praxis verlangen, denen, die sich daran halten wollen und diese Lehre und Praxis in ihrem Leben als gut und im Endeffekt heilbringend erkannt haben, oft anscheinend nur Unverständnis oder schlimmstenfalls Verachtung entgegen. Die stören. Die passen nicht ins Bild.

Man lese mal diesen Brief einer geschieden-wiederverheirateten Frau, die seit einiger Zeit bewusst nicht zur Kommunion geht, den Bischof Stefan Oster mit ihrem Einverständnis anonym veröffentlicht hat, und dann gleich darunter den ersten Leserkommentar: https://stefan-oster.de/geschieden-und-wieder-verheiratet-ein-sehr-persoenliches-zeugnis-ueber-einen-beschwerlichen-weg-in-der-kirche/ Aus dem Kommentar: „Armutszeugnis für die Kirche … immer und immer wieder suggeriert, dass sie schuldig ist – solange bis sie es selbst glaubt und sich kasteit.“ Usw. Die Ironie daran ist irgendwie, dass im Brief der Frau selbst schon solche Reaktionen beschrieben wurden, unter denen sie offenbar auch ein bisschen leidet: „Mein Gedanke dahinter: Wenn ich mir bewusst bin, dass ich gegen das Gebot: ‚Du sollst nicht ehebrechen‘ verstoße, ich daran nichts ändern kann und will, dann muss ich dieses Opfer bringen -aus Respekt vor dem hl. Sakrament der Ehe, und der Heiligkeit der Kommunion. Hinzu kommt, dass ich meinen Kinder vermitteln will: Das ‚Ja‘ zweier Menschen füreinander vor Gott ist heilig und endgültig. Ob es ankommt bei ihnen? Ich hoffe es! In der Praxis war und ist das ein ‚Spießrutenlauf‘. Es ist ja wie ein öffentliches Schuldeingeständnis. Von meinem Umfeld hör ich so Sätze wie: ‚Geh lass dich doch nicht einschüchtern von der Kirche!‘ ‚Du warst ja gar nicht schuld an der Scheidung!‘ ‚Das ist doch ein überholtes Verbot in der heutigen Zeit!‘ usw. Es fällt mir immer noch schwer, öffentlich dagegen zu argumentieren. Im Herzen weiß ich, dass die Enthaltsamkeit [von der Kommunion] richtig und heilsam für mich ist. Es ist wie Heilfasten: Es fällt am Anfang sehr schwer. Aber nach und nach gehen in Gedanken Türen auf. Es eröffnen sich mir Erkenntnisse die ich sicher noch mit einem Seelsorger aufarbeiten muss und ich hoffe auf die Barmherzigkeit Gottes, dass er mir  meine Schuld vergibt.“

Ein ehrlicher, selbstkritischer Blick auf sein eigenes Leben, Reue und das Bewusstsein, auch nicht immer alles richtig gemacht zu haben und nicht immer nur der Kirche die Schuld geben zu können, die Erkenntnis, dass Ehrlichkeit mit Gott einem persönlich größeren Frieden bringt und einen auf einen guten Weg führt, das ist denen, die gerne der Kirche an allem die Schuld geben wollen, ein Dorn im Auge. Und während man solchen Menschen wie der oben erwähnten Frau noch „mitleidsvoll“ eine Art von Stockholm-Syndrom unterstellen kann, kann man dagegen persönlich nicht betroffenen Katholiken / Kirchenmännern, die einfach die Lehre der Kirche verteidigen, weil sie ihnen wichtig ist und sie einen Sinn dahinter sehen, leicht als vollkommen unbarmherzige, kalte, regelfixierte Pharisäer aburteilen. Sorry, aber wenn man Kardinal XY als „unbarmherzig“ verurteilt, dann ist das eben auch eine Art von Verurteilung. Sollte man ihm nicht zuerst einmal unterstellen, dass er für seine Meinung auch andere Gründe haben könnte als kaltschnäuzige Selbstherrlichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden der Wiederverheirateten?

Okay, ich weiß selber sehr gut, dass man es mit Selbstkritik und Reue auch übertreiben kann – ich habe hier auf diesem Blog nicht ohne Grund öfter über Skrupulosität geschrieben, eine geistliche Krankheit, die sich ja vor allem durch endlose und grundlose / überzogene Selbstvorwürfe auszeichnet. Aber das Gewissen kann nicht nur zu zart sein, sondern auch zu stumpf. Beides sind Extreme, die zu vermeiden sind. Und die Lehre der Kirche hat ihren Sinn, und es rächt sich, wenn man sie ignoriert, so wie es sich rächt, wenn man jahrelang nicht zum Zahnarzt gehen will. Ich weiß auch, dass man, wenn man die Lehre erklären will, vielleicht manchmal als verurteilend und unbarmherzig erscheinen kann (wenn das in diesem Artikel der Fall war, bitte ich dafür um Vergebung – das ist nicht meine Absicht), und dass einzelne konservativen Katholiken das tatsächlich nicht nur scheinen, sondern auch sein können. Das gibt es in allen Gruppen. Aber die Gebote Gottes an sich – und wenn man die Bibel ehrlich liest, wird man sehen, dass Gott da sehr klar ist (ich habe in meinem Artikel über die Ehe, den ich oben verlinkt habe, gleich am Anfang alle relevanten Stellen aufgeführt) – sind eben an sich nicht unbarmherzig, sondern der Weg zu Freiheit und Glück, auch wenn man das im Moment schwer sehen kann. Die Wahrheit wird euch frei machen, hat Christus gesagt. (Joh 8,32) Wunschdenken macht unfrei. Immer. Egal, wie schwierig die Situation ist; wenn man sich nicht an die Wahrheit hält, kommt man nicht weiter. Nur die Wahrheit wird frei machen.

Und hey: Es ist wirklich nicht so schlimm, sich einzugestehen, dass man Dinge falsch gemacht hat, dass man, um es auf Katholisch zu sagen, ein Sünder ist. Sind wir alle. Das klingt wie eine Binsenweisheit, aber Binsenweisheiten stimmen eben. Keiner tut immer sein Bestes, keiner ist immer ein guter Mensch, wir sind alle irgendwie kaputt und selbstsüchtig. Ich bin es, du bist es, dein Nachbar und meine Cousine dritten Grades sind es. Das dürfen wir uns ruhig eingestehen. Gott hat uns trotzdem noch lieb. Alles nicht so tragisch.

Ein paar Gedanken über die „liberale“ Auslegung von Amoris Laetitia

Die liberale Auslegung von Amoris Laetitia (wiederverheiratet Geschiedene können „in bestimmten Fällen“ die Kommunion empfangen, auch wenn sie nicht enthaltsam leben) ist unlogisch. Sie macht in sich keinen Sinn. Ob sie streng genommen häretisch ist (oder bloß „Häresie begüngstigend“, „nach Häresie schmeckend“, „Ärgernis erregend“ oder was auch immer, um in der Sprache der Lehrverurteilungen früherer Jahrhunderte zu reden), darüber kann man trefflich streiten (ich würde sie nicht streng genommen häretisch nennen – sie ist ja sowieso mehr pastoral als lehrmäßig). Aber sie ist unlogisch und auch pastoral gesehen nicht hilfreich.

Folgende Punkte sollten für jeden Katholiken außer Frage stehen:

  • Eine gültige, sakramentale, vollzogene Ehe ist unauflöslich. Hat Jesus so gesagt. Und hat das Konzil von Trient dogmatisch definiert. Isso.
  • Ehebruch, d. h. Geschlechtsverkehr mit einer anderen Person als dem eigenen Ehepartner, ist Sünde. Und zwar schwere Sünde, da direkt durch das 6. Gebot von Gott verboten. („Du sollst nicht die Ehe brechen.“) Ach ja, und die Zehn Gebote sind übrigens keine willkürlichen Anweisungen, sondern Gebote, die zum Leben führen, die mit Gottes Gnade erfüllbar sind, und von denen niemand, auch Gott selbst nicht, dispensieren könnte.
  • Wenn man eine schwere Sünde begangen hat, beichtet man sie erst, bevor man wieder zur Kommunion geht. Dazu gehört auch, sich vorzunehmen, sie in Zukunft nicht mehr zu begehen. Wenn man nicht vorhat, sein Leben in irgendeiner Weise zu ändern, ist offensichtlich keine Reue vorhanden, die Beichte also ungültig. (Das heißt nicht, dass es nicht sein kann, dass man, wenn man eine Sünde beichtet, trotzdem weiß, dass man sie früher oder später mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit wieder begehen wird. Manche Menschen neigen dazu, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen und zu prahlen, andere werden schnell ungeduldig und unfreundlich, andere vernachlässigen ständig das Gebet; und diese Fehler zu besiegen ist für einen eine langwierige, schwierige Angelegenheit. Ich beichte jedes Mal so ziemlich dasselbe, und das tun wohl die allermeisten Katholiken. Aber der Punkt ist: Solange man sich jedes Mal wieder vornimmt, es in Zukunft besser zu machen – d. h. solange man nach einem Fall wieder aufsteht, auch wenn man weiß, dass man gleich wieder fallen wird, anstatt einfach am Boden sitzen zu bleiben und sich zu sagen, es bringt eh nichts, Gott fordert eben zu viel –, ist das absolut in Ordnung. Gott will vor allem unser redliches Bemühen. Es kann auch einmal sein, dass es einem schwer fällt, schwere Sünden (wie Ehebruch) aufzugeben anstatt bloß lässliche (wie eine kleine gewohnheitsmäßige Prahlerei oder Unfreundlichkeit). Aber ehrlich versuchen muss man es trotzdem, und wenn es nicht geklappt hat, dann bereut man, beichtet, und versucht es nochmal. Der ehrliche Wille, eine Sünde aufzugeben, ist unerlässlich. Sicher kann es auch mal Situationen geben, in denen man ratlos ist und nicht weiß, wie man auf irgendeine Weise Sünde vermeiden kann (in der Moraltheologie nennt man so etwas ein „perplexes Gewissen“), aber in solchen Fällen gibt es immer mögliche Lösungen, auch wenn man sie vielleicht manchmal nicht sehen kann; Gott lässt uns nie nur die Wahl zwischen Sünde und Sünde.)
  • Die Regelung, dass nur die, die sich in einem zumindest einigermaßen objektiv richtigen Verhältnis mit Gott befinden, die Kommunion empfangen dürfen, besteht deshalb, weil es sich bei diesem Sakrament um die Vereinigung mit Jesus Christus handelt, Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens. Wie will man sich mit Christus vereinigen, wenn man beabsichtigt, weiterhin gegen Seinen Willen zu handeln? Kann ein Mafiosi die Kommunion empfangen, wenn er nicht vorhat, seine Geschäfte in Zukunft zu lassen? Oder ein Abtreibungsarzt? Oder jemand, der seine Frau verprügelt, seine Kinder vernachlässigt, seine Angestellten ausbeutet, oder seinen Lebensunterhalt durch professionelle Betrügereien verdient? Das ist ein Widerspruch in sich. Die Kommunion sollte ein Ausdruck der Liebe sein, und wenn man mit seinen Taten und seinem Willen zu Christus „Nein“ sagt, was ist das dann für eine Liebe zu Ihm?
  • Im Zweifelsfall, ob eine Ehe gültig ist, ist sie gültig. In einem Annullierungsverfahren ist das Eheband sozusagen der Angeklagte, und das Prinzip „Im Zweifelsfall für den Angeklagten“ gilt auch im Kirchenrecht. Das ist kein Dogma, aber trotzdem ein sinnvolles Prinzip des Kirchenrechts, an das man sich als Katholik einfach zu halten hat. Gehorsam und so. (In der Diskussion wird gelegentlich der konstruierte Fall erwähnt, dass Betroffene sich „sicher sind“, dass ihre erste Ehe ungültig war, das aber im Annullierungsverfahren nicht beweisen konnten. Mal abgesehen davon, dass eine subjektive Sicherheit nicht immer den Tatsachen entsprechen muss: Selbst wenn die erste Ehe tatsächlich ungültig war, ist die jetzige Beziehung immer noch eine Beziehung ohne kirchliche Trauung – also keine Ehe, also immer noch Sünde.)

Wie gesagt: Das alles sollte außer Frage stehen. Eigentlich. Tun wir mal so, als würden tatsächlich alle Katholiken diese grundlegenden Prinzipien akzeptieren, über die nicht diskutiert werden kann, und fragen wir uns dann, ob es Fälle geben kann, in denen man als „Wiederverheirateter“ guten Gewissens die Kommunion empfangen kann, wenn man nicht mit seinem jetzigen Partner enthaltsam lebt (also in seinem Tun anerkennt, dass diese Beziehung keine Ehe ist und man noch durch das Eheband an einen anderen Menschen gebunden ist).

Amoris Laetitia geht nun an dieser einen umstrittenen und unklaren Stelle offenbar auf die unbestrittene Tatsache ein, dass objektiv schwer sündhafte Taten nicht immer subjektiv schwer sündhaft sind (sie sind es z. B. nicht im Fall von Unwissenheit, Sucht, Handlungen unter Zwang etc., d. h. damit eine Tat tatsächlich schwer sündhaft ist, muss nicht nur die Tat selbst wirklich schlecht sein, sondern sie muss auch mit voller Zustimmung aus freiem Willen und in dem Wissen, dass sie wirklich schlecht ist, begangen werden). Das ist eine Binsenweisheit, die jeder Katholik kennen sollte. Bei Selbstmord zum Beispiel wird das in vielen Fällen der Fall sein (Einschränkung der Willensfreiheit durch psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen). Es kann auch in vielen Fällen bei wiederverheiratet Geschiedenen der Fall sein, die nie wirklich erklärt bekommen haben, wieso die Kirche an die Unauflöslichkeit der Ehe glaubt, und was so schlecht an Scheidung und einer neuen Heirat ist; wir sind alle geprägt von einer Kultur, die der ehelichen Treue oft genug völliges Unverständnis entgegenbringt. Aber: Was hat das mit dieser Situation zu tun?

Wenn, sagen wir mal, ein wiederverheiratet Geschiedener, der vielleicht seine erste Ehe nur kirchlich geschlossen hat, weil man das eben so machte und er eben von seiner Taufe als kleines Kind an Mitglied in dieser Kirche war, sich dann scheiden hat lassen und wieder standesamtlich geheiratet hat, und jetzt ernsthaft zu seinem Glauben gefunden hat und mit dem Pfarrer über seine Situation spricht, dann kann der Pfarrer ihn, wenn er sich darüber beunruhigt, schon damit beruhigen, dass sein bisheriges Leben vielleicht nicht unbedingt schwer sündhaft gewesen sein muss, weil er es ja nicht besser wusste. Aber soll er ihm dann auch sagen, er könne einfach so weiterleben wie bisher – er wisse es ja nicht besser? Tut mir leid, aber das macht keinen Sinn, denn jetzt weiß er es besser. Hier ist AL leider unklar und vage.

Ich möchte hier Pater Edmund Waldstein zitieren, der es besser ausgedrückt hat, als ich es kann, und als Priester die Sache auch konkreter von der pastoralen Seite her beurteilen kann (Übersetzung von mir):

Ja, es ist notwendig, die verschiedenen Grade der Schuld zu unterscheiden – besonders in Bezug auf konkrete Handlungen in der Vergangenheit, für die man jetzt eine Buße auftragen muss (zum Beispiel) – aber es ist höchst töricht und kontraproduktiv, einen geringen Grad subjektiver Schuld für objektiv schlechte Handlungen vorherzusagen, die jemand in der Zukunft begehen will. Wenn jemand zu mir in den Beichtstuhl kommt und sagt, dass er beabsichtigt, weiterhin objektiv ehebrecherische Handlungen zu begehen, dann ist es schlimmer als sinnlos, ihm zu sagen, dass er sich damit wahrscheinlich keiner Todsünde schuldig machen wird, dass mildernde Umstände wahrscheinlich das volle Wissen oder die freie Zustimmung verhindern werden. Was eine solche Person braucht, ist Klarheit, um ihr zu helfen, zur Reue zu finden.

Aber was sagt der Heilige Vater? An einer Stelle sagt er das Folgende: „Viele, welche die von der Kirche angebotene Möglichkeit, ‚wie Geschwister’ zusammenzuleben, kennen und akzeptieren, betonen, dass in diesen Situationen, wenn einige Ausdrucksformen der Intimität fehlen, ‚nicht selten die Treue in Gefahr geraten und das Kind in Mitleidenschaft gezogen werden [kann].’“ (AL, Fußnote 329). Das ist die Art von Entschuldigung, die ich oft im Beichtstuhl höre. Nach meiner Erfahrung ist die schlimmste Antwort auf solche Ausreden, Ausflüchte zu machen oder um den heißen Brei herumzureden. Was sie in aller Klarheit hören müssen, ist, dass man nie eine in sich schlechte Tat begehen kann, damit Gutes daraus entsteht. Vor kurzem brachte jemand genau diese Entschuldigung in der Beichte vor, und ich zögerte ein bisschen, bevor ich antwortete, aber als ich ihr mit ein bisschen Beklemmung eine klare Antwort gab, war sie sehr dankbar – es war wirklich ein Moment der Gnade. Der Heilige Vater stimmt der obigen Entschuldigung nicht ausdrücklich zu, aber sicherlich scheint der natürliche Eindruck, den man aus der Art, wie er sie zitiert, erhält, zu sein, dass er ihr zustimmt, und ich fürchte, dass es das ist, wie Menschen, die nach Entschuldigungen suchen, es aufnehmen werden.

An einer anderen Stelle schreibt er: „Ein Mensch kann, obwohl er die Norm genau kennt, große Schwierigkeiten haben ‚im Verstehen der Werte, um die es in der sittlichen Norm geht’, oder er kann sich in einer konkreten Lage befinden, die ihm nicht erlaubt, anders zu handeln und andere Entscheidungen zu treffen, ohne eine neue Schuld auf sich zu laden.“ (AL, 301) Wiederum, man kann das über bestimmte Handlungen in der Vergangenheit sagen, aber wenn jemand seine ganze zukünftige Lebensweise bedenkt, ist es sehr gefährlich, so etwas zu sagen. Wir wissen, dass es nie notwendig ist, eine Handlung zu begehen, die in sich schlecht ist; Gott gibt uns immer einen Ausweg. Natürlich kann man vorhersehen, dass es wahrscheinlich ist, dass man in einer bestimmten Situation in eine Sünde fallen wird, die zur Gewohnheit geworden ist, aber man kann niemals beabsichtigen, weiterhin Handlungen zu begehen, die objektiv schlecht sind. Wie ist es möglich für jemanden in einer solchen Situation, ehrlich Gott als sein letztes Ziel, höchstes Gut und größtes Glück zu suchen? Man muss diese Art der Argumentation nur auf andere Arten der Sünde anwenden, um zu sehen, wie absurd sie ist. Der Heilige Vater ist immer sehr beredt in seiner Verurteilung von Sünden gegen die Armen gewesen. Bedenken Sie den Fall eines Priesters, der zu einem Kapitalisten, der seinen Arbeitern den gerechten Lohn vorenthält, sagen würde „Sie sind wahrscheinlich im Stand der Gnade, da Sie, obwohl Sie die Forderungen des Evangeliums kennen, nicht fähig sind, ihre inneren Werte zu verstehen.“ Was würde der Heilige Vater zu einem solchen Priester sagen? Er wäre entsetzt, und sehr zu Recht. Ein solcher Priester sollte sagen, was der Heilige Vater selbst sagt: „dadurch, dass sie sich immer hermetischer vor Christus verschließen, der im Armen weiter an die Tür ihres Herzens klopft, [verurteilen sie sich] am Ende […] selbst dazu […], in jenem ewigen Abgrund der Einsamkeit zu versinken, den die Hölle darstellt.“ (Papst Franziskus, Botschaft zur Fastenzeit 2016) Das ist es, was auch Menschen, die beabsichtigen, ein Leben des kontinuierlichen Ehebruchs zu leben, hören müssen.

Also denke ich, zu sagen, dass Personen, die die Forderungen des Evangeliums kennen, beabsichtigen können, weiterhin Handlungen zu begehen, die ihm in schwerwiegender Weise entgehen stehen, bedeutet, solchen Personen ihre Würde als moralfähige Subjekte abzusprechen, die Kraft der synderesis [Gewissen] in ihren Herzen zu leugnen, und ihnen eine Ausrede an die Hand zu geben, um sich selbst in diesem Leben und dem kommenden unglücklich zu machen.

(Quelle: https://sancrucensis.wordpress.com/2016/05/17/amoris-laetitia/ Pater Waldstein geht übrigens zuerst auch noch auf die sehr wichtige grundsätzliche Frage ein, in welchen Dingen man als Katholik anderer Meinung sein darf als der Papst.)

Es ist wirklich eine Entwürdigung der wiederverheiratet Geschiedenen, ihnen nicht zuzutrauen, um der Liebe zu Christus willen ihr Leben auf Ihn auszurichten.

Am lächerlichsten in der ganzen Diskussion finde ich es irgendwie immer, wenn angedeutet wird, „früher“ sei das ja alles schön und gut gewesen, aber „heute“ könnten die Menschen eine so strenge Moral einfach nicht mehr fassen, man müsse sich an die moralischen Fähigkeiten der Menschen anpassen und schauen, womit sie zurechtkämen, oder so.

Na ja. Mir wäre nicht bekannt, dass sich die hormonelle Verfasstheit des homo sapiens in den vergangenen paar Generationen dementsprechend verändert hätte, dass er „heute“ nicht mehr in der Lage ist, Triebe zu kontrollieren, mit denen er „früher“ noch spielend fertig wurde. Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber die Ehelehre der Kirche war zu allen Zeiten so unbeliebt (und ungelebt, und schwer) wie heute. Herodes Antipas heiratete seine Schwägerin Herodias, die sich von seinem Bruder Philippus getrennt hatte, Johannes der Täufer sagte zu ihm „Du hattest nicht das Recht, sie zur Frau zu nehmen“, und das Ergebnis war, dass Herodes Johannes auf Herodias’ Betreiben hin köpfen ließ. Papst Nikolaus der Große (Papst 858-867) musste dem Frankenkönig Lothar II. entgegentreten, der sich von seiner Frau Theutberga scheiden lassen und seine Mätresse Waldrada heiraten wollte. Der König brachte sogar ein Regionalkonzil in Metz dazu, sich auf seine Seite zu stellen – Nikolaus annullierte dessen Beschlüsse und exkommunizierte beteiligte Bischöfe, und Lothar ließ dann sogar Rom belagern; aber Nikolaus blieb fest. Heinrich VIII. erklärte sich selbst zum Oberhaupt der Kirche von England, weil die Kirche festgestellt hatte, dass seine Ehe mit Katharina von Aragon gültig war (während er selbst sich „sicher war“, dass sie ungültig war, und unbedingt Anne Boleyn heiraten wollte), und die Kirche gab dennoch nicht nach; sie gab lieber England verloren, als eine einzige Frau im Stich zu lassen. Auch im 18. und 19. Jahrhundert wurde die katholische Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe oft genug angegriffen. Das ist alles nichts Neues.

Ich erinnere mich, dass ich mich nicht lange nach Erscheinen von AL einmal mit einem Priester unterhalten habe, und das Gespräch dabei auf dieses Thema kam. Ich sagte etwas in der Art, dass es ja, wenn es keine anderen Lösungen für die Situation gäbe, immer noch theoretisch möglich sei, in der zweiten Beziehung enthaltsam zu leben, was ja niemandem unmöglich sei. Er gab mir so halb Recht, sagte aber dann irgendsoetwas wie, na ja, wir beide (er und ich) seien ja vielleicht nicht so triebgesteuert, aber andere Menschen täten sich da vielleicht schwerer – ich weiß den genauen Wortlaut wirklich nicht mehr, aber ich glaube, das Wort „triebgesteuert“ kam tatsächlich vor. Es war wirklich unfreiwillig komisch. Und unfreiwillig herablassend gegenüber den Menschen, um die es ging. Ich glaube schon, dass er es vollkommen ernst meinte; ich halte ihn für einen Priester, der selbst ganz selbstverständlich den Zölibat einhält, gleichzeitig aber besorgt um die „Barmherzigkeit“ gegenüber Menschen in „irregulären Situationen“ ist, und beides nicht unbedingt logisch zusammengebracht hat. Ich halte es nämlich für unwahrscheinlich, dass er oder ich fundamental andere „Triebe“ haben als andere Mitglieder unserer Spezies.

Es ist klar, dass es schwierige Situationen im Leben gibt. Das Leben ist voll von Dilemmata, Fehlern und imperfekten Alternativen. Es ist nur so, dass es die Sache nie besser macht, wenn man sich die Wirklichkeit anders zurechtlegt, als sie ist.

Ich mache mir keine soo furchtbaren Sorgen wegen der momentanen Streitereien um AL. Die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe wird nicht geändert werden, da passt der Heilige Geist schon auf. Aber unkluge und unlogische pastorale Handhabungen von Situationen bestimmter Menschen, falsche oder wenig hilfreiche Äußerungen von Theologen, einzelnen Bischöfen und (vielleicht) sogar dem Papst, wenn er nicht unfehlbar spricht, könnte es trotzdem durchaus noch geben. Eine allgemeine Verwirrung zur Lehre der Kirche und zur Frage der pastoralen Handhabung könnte es geben – die ist ja wohl schon teilweise da. Irgendwann wird sich das dann schon wieder legen, aber die Situation im Moment ist tatsächlich nicht so gut – vor allem, seitdem Papst Franziskus auf die Dubia keine Antwort gegeben hat, wofür ich mir beim besten Willen keinen Grund vorstellen kann.

Ach ja, eins noch: Eigentlich klar sollte übrigens auch sein, dass man unklare Stellen in lehramtlichen Texten im Licht klarer Stellen in anderen lehramtlichen Texten interpretiert… also kann man auch einfach einen Blick in den Katechismus werfen, wenn man wissen will, wie irgendeine Sache aussieht, anstatt sich über die Interpretation einer bestimmten Fußnote in einem 300-seitigen Text (wieso werden päpstliche Schreiben eigentlich immer länger und länger?) zu streiten.

Über den „inneren Wert“ der Unauflöslichkeit der Ehe, soweit wie ich ihn so begriffen habe, habe ich übrigens auch hier schon etwas geschrieben: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/11/17/die-unaufloeslichkeit-der-familie/ Ich denke irgendwie, die ganze Debatte geht auch ein bisschen in die falsche Richtung. Das grundlegende Problem ist ja, dass viele Menschen einfach nicht verstehen, was überhaupt so schlimm daran sein soll, wenn man sich trennt, wenn man sich nicht mehr versteht, und dann einen neuen Partner findet. Sprich, die Fokussierung auf den Kommunionempfang ist falsch; es geht darum, den Sinn, den Wert in lebenslanger Treue in guten wie in schlechten Tagen wieder erkennbar zu machen. Es geht um die Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe an sich. Da müssen wir als Katholiken wirklich wieder besser erkennbar machen, wieso wir eigentlich daran glauben, und wieso das so wichtig ist.

Ach ja, sehr gute Kommentare zu der ganzen Angelegenheit um  AL haben, finde ich, auch Scott Eric Alt ( http://www.patheos.com/blogs/scottericalt/ive-changed-my-mind-about-pope-francis/ ) und Father Longenecker ( http://www.patheos.com/blogs/standingonmyhead/2017/01/questions-archbishop-malta.html ), letzterer natürlich auch mit Blick auf seine Erfahrung als Pfarrer. (Ein kurzes Zitat: „I am certainly all for helping the divorced and civilly re-married find their way back into communion with the church. I realize from first hand experience how complicated these situations can be and I am especially concerned for the victims of a terrible marriage–the spouse and children who are abandoned and abused. I don’t want to be ‚rigid‘ and I certainly don’t want to kick anybody out of the church because of their irregular marriage. What troubles me in the Maltese bishops’ document is that it opens the door to complete subjectivity. Rather than saying to a divorced and re-married person, ‚I’m afraid you are objectively outside full communion with the Catholic Church. Now what can we do about that?‘ It allows for an individual decision by a parish priest based on ‚a process of discernment, undertaken with humility, discretion and love for the Church and her teaching, in a sincere search for God’s will and a desire to make a more perfect response to it.‘ Yes, but in practical terms what does this mean? Father Lax takes this to mean ‚If you think your situation is okay with God you go ahead and receive communion.‘ Meanwhile Father Rigid takes it to mean, ‚After a long period of penance, prayer and self denial you should come to the conclusion that I have already come to, that you should come to the Eucharist, but you should not receive communion.'“)

So, das waren soweit meine Gedanken zu Amoris Laetitia. Ich gehöre ja nicht zu denen, die pastorale Verantwortung tragen (zum Glück, könnte ich sagen), und so werde ich mich dann mal wieder interessanteren Themen zuwenden. Schwierigen Bibelstellen. St. Edmund Campion. Katholischem Feminismus. Kinderbüchern. Guter Musik. Whatever.

Einfach mal was Nettes sagen

Ja, ja, ich weiß, „nett“ ist nicht schon gleich dasselbe wie „gut“, und unehrliche Nettigkeit ist auch nicht sinnvoll. Aber ehrlich, „gut“ ohne „nett“ geht eben nicht, und im täglichen Leben ist es manchmal (oder auch öfters) tatsächlich ganz sinnvoll, einfach mal was Nettes zu sagen. Von sich aus. Zu anderen Leuten. Auch zu Leuten, die einem persönlich nicht sooo übermäßig liegen. Auch zu Familienmitgliedern. Wer den Ausdruck „nett“ nicht mag, ersetze ihn gerne durch „freundlich“, „anerkennend“, „liebevoll“ oder „gütig“. Es hilft wirklich, wenn Leute einen einfach mal ohne direkten Anlass anlächeln, oder einem sagen, dass sie einen mögen, oder dass sie etwas gut finden, das man gemacht hat, oder dass sie einfach den neuen Pullover, den man trägt, schön finden. Es kann einem manchmal einen schlimmen Tag zu einem guten machen, mir hat es manchmal schon richtig geholfen. Und es ist eine konkrete, simple Anwendungsmöglichkeit der Nächstenliebe, die niemandem unmöglich ist.

Es ist vielleicht nicht gerade eine originelle Idee, aber das hat wohl auch seinen Grund – den, dass es eine gute Idee ist. Da wäre es seltsam, wenn noch nie jemand draufgekommen wäre. Und ja, es ist trotzdem nötig, sie immer wieder wiederzukäuen, damit man sie im Gedächtnis behält. Ich bekenne mich hiermit noch einmal offiziell zu den Göttern der Schönschreibhefte. (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/14/die-goetter-der-schoenschreibhefte/)

 

PS: Aber vorsichtshalber mal an alle Skrupulanten: Nein, wenn man vergessen hat, jemanden anzulächeln, der einem auf der Straße entgegengekommen ist, muss man nicht in Befürchtungen versinken, dass derjenige möglicherweise, nur vielleicht, ein depressiver Mensch sein könnte, der vielleicht durch eine freundliche Geste gerade noch vom Selbstmord hätte abgehalten werden können, was jetzt nicht geschehen ist, weshalb man dann persönlich schuld ist, wenn… usw. Okay? Seinen eigenen Einfluss muss man nicht immer gar so hoch einschätzen, man ist auch nicht persönlich ganz allein für die ganze Welt verantwortlich, und solche verworrenen, katastrophisierenden Ängste sind immer blödsinnig und nie hilfreich. (Für alle Nicht-Skrupulanten: Ja, es gibt Leute, in deren Gehirn solche Gedankengänge auftauchen können. Ich hatte so was auch schon in meinem Kopf.)

 

PPS: Also, um meinen eigenen Rat zu befolgen, an jeden Leser: Ich kenne Dich ja nicht und kann deshalb nichts ganz persönlich Nettes zu Dir sagen. Aber was ich sagen kann: Du bist von Gott nach Seinem eigenen Abbild gemacht worden, ein Kunstwerk und ein Kind, das Er inniglich liebt, das Er glücklich sehen will und an dem Er Freude hat. Schön bist du, ja, du bist schön, sagt Er zu Dir. Alles an dir ist schön, kein Makel haftet dir an. (Hohelied 4,1.7, wenn Du es nachlesen willst.)