Sittsamkeit, meine Damen!

Durch eine Bekannte bin ich auf Facebook auf diesen Artikel auf der Seite der „Katholischen Jugendbewegung“, einer Jugendorganisation der Piusbrüder, aufmerksam gemacht worden. Er ist von einem gewissen Pater Udressy verfasst worden und befasst sich mit dem Thema Kleidung. Hauptsächlich Frauenkleidung. Und was soll man sagen: Er erfüllt sämtliche Tradi-Klischees so gut, dass man ihn auch für gegnerische Satire halten könnte. Hier ein paar Perlen aus dem ziemlich langen Text, dessen Überschrift übrigens „Sage mir, was du trägst, und ich sage dir, wer du bist!“ (kein Witz! Anscheinend ist es seit neuestem christlich, „nach dem Augenschein zu urteilen“) lautet:

„Je­doch muss besonders die Frau auf ihre Klei­dung achten, damit sie keine Leidenschaft er­regt. (…) Die Erfah­rung zeigt, dass der Mann viel mehr Schwie­rigkeiten hat, die Reinheit zu bewahren, und es liegt in seiner Natur, dass bei ihm – ob er will oder nicht – das sinnliche Begehren sehr schnell geweckt wird, wenn er eine zu leger gekleidete Frau sieht. Erinnert euch an König David, der in schwere Sünde fiel bis hin zum Mord, weil er seine Augen nicht beherrscht hatte.“

Jungs, passt auf. Ein Blick zu viel und ihr werdet zu Mördern.

„Während beim Mann der Naturtrieb (der Drang nach Befriedigung der Sinneslust) stark entwic­kelt ist, schweigt er quasi beim reinen Mäd­chen. Bei ihr ist vielmehr der Seelentrieb (der Wunsch, zu lieben und geliebt zu werden) vor­herrschend. Sie sehnt sich nach einem Mann, bei dem sie Geborgenheit und Schutz fühlen kann. Deshalb ist es für sie schwer zu verste­hen, wie sehr der Mann um die Reinheit zu kämpfen hat und dass ihre Kleidung für ihn ein Problem sein kann.“

Dieser Absatz macht mich sauer. Junge Mädels werden diesen Text lesen, und was wird die Folge sein? Wenn sie irgendwann feststellen, dass auch sie so etwas wie Hormone haben, werden sie meinen, mit ihnen stimme irgendetwas nicht, weil beim „reinen Mädchen“ der „Naturtrieb“ ja quasi schweigen sollte. Laut Pater Udressy jedenfalls. Und er muss es ja wissen.

Diese scheinbare Idealisierung der Frauen läuft letztlich nur darauf hinaus, Unkeuschheitssünden bei Männern als etwas nicht so Schlimmes darzustellen (denn sie neigen ja mehr dazu), während sie bei Frauen quasi unverzeihlich werden. Alle normalen Frauen sind ja von Natur aus keusch. Dabei spricht die Bibel ganz anders über das Thema: In 1 Korinther 7 behandelt Paulus die Unkeuschheit als eine Gefahr für Männer und Frauen gleichermaßen.

Ja: Wenn wir z. B. darauf schauen, auf welche Kunden Prostitution und Pornographie vor allem ausgerichtet sind, dann lautet die Antwort: eher auf das männliche Geschlecht. Aber das heißt weder, dass die Männer dieser Art von Sünde hilflos ausgeliefert sind, noch, dass die Frauen da gar keine Versuchungen erleben. (Und an welches Geschlecht richtet sich z. B. „Fifty Shades of Grey“ und ähnlicher Schund? Eben.)

„Die Opfer, die mit der Wahl einer am Ideal der Reinheit ausgerichteten Klei­dung verbunden sein können, sind ein wirkli­ches Werk (und Gebot) der Nächstenliebe. Die­se Gedanken sollen vor allem Euch Mädchen helfen, wenn sich jemand anfangs vielleicht schwertut, alte Gewohnheiten umzustellen oder etwas einzusehen und zu ändern, was für Euch selbst zwar keine bemerkbare Verände­rung bringt, aber den Jungen und Männern in Eurer Umgebung sehr helfen wird.“

Also wirklich. Als ob es gar so schwer wäre, in einem gewöhnlichen Laden z. B. T-Shirts zu finden, die nicht das Dekolleté freigeben. Aber gut – natürlich stellt sich dann die Frage, was genau man denn unter „anständiger“ Kleidung versteht…

„Der Rock muss so lang sein, dass auch beim – Sitzen die Knie vollauf bedeckt sind. Es wäre nicht schicklich, die Wirkung zu beschreiben, die eine solche Haltung sonst bei einem ge­genüber, daneben oder dahinter sitzenden Mann hervorrufen kann. Es geht hier um ein Minimum an Schamhaftigkeit.“

Es gibt schließlich nichts Erotischeres als Knie.

Der Rock soll keinen hohen Schlitz haben – (logischerweise nicht höher als die Knie), sonst wirkt er unbewusst auf die Fantasie des Betrachters. Aus demselben Grund sind auch die Wickelröcke zu meiden, die sich beim Ge­hen öffnen.“

Wickelröcke sind sittenlos! Ich bin mir sicher, die zwei oder drei Damen über fünfzig, die noch Wickelröcke tragen, werden sehr dankbar für diese Info sein.

„Ein Ausschnitt darf nie (d. h. bei allen Hal­- tungen) den Brustansatz freigeben.“

Also so wie hier wohl eher nicht?

(Jean Fouquet, Jungfrau und Kind, etwa 1450; Quelle: Wikimedia Commons.)

„Die Ärmel sollen lang genug sein, sodass sie – die Schultern gut bedecken und den Arm um­schließen.“

Nicht nur Knie, auch Schultern: Der Inbegriff der erotischen Verführung.

„Zu vermeiden sind eng anliegende T-Shirts, – Pullover, Blusen und Hosen oder schmale, enge Röcke (ob kurz oder lang), welche die Formen des Körpers zu sehr betonen.“

Der Teufel liegt hier im Detail: Bei manchen Frauen lassen sich die Körperformen leicht komplett verhüllen, bei anderen dagegen nicht so leicht. Der Unterschied? Die einen haben Körbchengröße A, die anderen Körbchengröße D.

„Es ist also immer die Frage, was man durch die Kleidung erreichen will: Will man auf sinnliche Weise anziehend, ‚attraktiv‘ sein und dadurch eigentlich zum Lustobjekt von Männerblicken werden oder will man vor allem durch seine Tugenden und innere Schönheit auch nach außen hin ‚leuchten‘, ‚etwas ausstrahlen‘.“

Ich möchte Pater Udressy etwas verraten: Tugenden zeigen sich nicht so einfach im Aussehen. Ich kann mir eine hübsche Flechtfrisur machen und einen langen geblümten Rock anziehen (mache ich sogar manchmal), und mich damit weder zum Lustobjekt machen noch Tugenden ausstrahlen. Das ist schlichtweg hübsch; nett anzusehen; nichts weiter. Von meiner Seele zeigt sich da wenig. Und ich kann auch tugendhaft sein, wenn ich vergessen habe, mir die Haare zu kämmen und eine Jogginghose trage. Doch, wirklich.

Aber es wird noch besser. Hosen gehen nämlich für Mädels gar nicht:

„Der erste Grund, warum ein Mädchen – ohne Not – einen Rock und keine Hose tragen soll, betrifft die Schamhaftigkeit. Die Hosen bedecken zwar den Leib, aber wie wir gesehen haben, soll die Kleidung nicht nur den Leib bedecken, sondern auch die Formen. Nun be­tonen aber die Hosen gerade, vor allem, wenn sie eng sind – was meistens der Fall ist –, die Formen. Wie kann man sagen, dass z.B. das Tragen von Jeans (die um die Taille besonders eng sind) bei einer jungen Dame schamhaft sei?

Der zweite und wichtigere Grund, warum die Hosen sich für die Frau nicht ziemen, liegt im Unterschied der Geschlechter. Gott hat den Menschen als Mann und Frau erschaf­fen. Das männliche und das weibliche Ge­schlecht sind zwei (nicht ein und nicht drei – was heute manchmal behauptet wird!) ver­schiedene Geschlechter. Deshalb muss auch die Kleidung – genauso wie das Verhalten –, um moralisch gut zu sein, dem jeweiligen Geschlecht entsprechen. Die Hl. Schrift sagt: ‚Keine Frau darf Männerkleidung tragen, und kein Mann ziehe Frauenkleider an. Denn wer solches tut, ist dem Herrn, deinem Gott, ein Gräuel‘ (Deut 22,5). Obwohl es damals kei­ne Hosen gab, war die Kleidung der Männer also offenbar anders als die der Frau. Es gibt natürlich eine Entwicklung in der Kleidung, jedoch sollte immer ein Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Kleidung bestehen bleiben.

Während die Hosen heute Männerkleidung sind, ist dagegen der Rock eine Frauenklei­dung (da er die Formen im Gegensatz zu den Hosen verhüllt). Würdet ihr es normal finden, wenn ein Junge im Rock herumlaufen wür­de? Das Tragen von Hosen seitens der Frau hängt in der Tat mit der Emanzipation der Frau zusammen: ‚Die Frauenhosenbewegung ging Hand in Hand mit der Emanzipations­bewegung‘ (wörtlich so in Wikipedia!). Der hl. Vinzenz Ferrier sagte (am 13.9.1403) vor­aus: ‚Die Frauen werden sich so anziehen wie die Männer und werden sich nach deren Gelü­sten verhalten; und die Männer werden sich wie die Frauen anziehen‘. Deshalb sagte Mgr. de Castro Mayer, es sei für eine Frau irgend­wie schlimmer, Hosen zu tragen, als einen Minirock, denn letzterer betrifft die Sinne, die Hosen dagegen betreffen den Geist, indem sie das Wesen der Frau angreifen. Eine Frau, die Hosen trägt, verkündet bewusst oder unbe­wusst die Botschaft der Ideologie der Eman­zipierung der Frau und der Vermischung der Geschlechter, sie wirkt an dieser Revolution mit. Eine Frau hingegen, die einen Rock trägt, legt bewusst oder unbewusst Zeugnis für ihre Fraulichkeit, die sittliche Ordnung und die Mutterschaft ab. Wenn alle Frauen sich (deut­lich erkennbar) als Frauen kleiden würden, würde bei den Menschen immer mehr das Bewusstsein dafür zurückkehren, dass jedes Geschlecht anders ist und auch andere, ihm eigene Aufgaben zu erfüllen hat.“

Wie wir alle wissen, betonen Röcke nie die Taille, Hosen aber immer, gibt es keine Unterschiede zwischen Frauen- und Männerhosen, und werden Hosen noch im Jahr 2018 von der Gesellschaft mit einem feministischen Statement gleichgesetzt.

Am Ende tut Pater Udressy genau das, was ich vor zwei Tagen hier kritisiert habe: Die Erwartungen hochsetzen und verunklaren und damit den Leuten unnötige Skrupel wegen an sich harmloser Dinge einreden:

„Wenn Kleidung unkeusch ist, dann ist jedem klar, dass ihr Tragen Sünde ist. Das Problem liegt mehr bei den ‚Grauzonen‘. ‚Herr Pater, man muss es nicht übertreiben. Mit den Ho­sen, das ist doch nicht so schlimm … Sind meine Ärmel jetzt wirklich 2 cm zu kurz? Sooo eng ist das T-Shirt jetzt auch wieder nicht … Und beim Ausschnitt geht’s doch nicht um ein paar Zentimeter … Das ist doch keine Sün­de?!‘

Ich denke, man sollte solche Fragen nicht immer nach dem Standpunkt Sünde oder nicht Sünde beurteilen – wie weit kann man gehen, ohne dass es zu schlimm ist –, sondern man sollte sich um die Vollkommenheit bemühen. Es ist eine Frage der Einstellung: Bemühe ich mich, nach einem Ideal und nach der Heiligkeit zu streben? Oder versuche ich nur, gerade eben Sünden zu vermeiden und mit knapper Not in den Himmel zu kommen?“

Also, Ausschnitt so hoch, wie’s nur geht, Rock und Ärmel so lang, wie’s nur geht, sonst strebt man nicht nach dem Ideal, oder wie jetzt? Das ist schlimmer als die Regeln von oben: Mit klaren Regeln kann sich ein Mädchen immerhin sagen: Okay, kein Brustansatz, und bis zum Knie reicht der Rock, passt. Aber so kann der Einwand kommen: Ja, aber er reicht ja nur gerade so bis zum Knie. So richtig Mühe willst du dir anscheinend nicht dabei geben, die Männer vor unkeuschen Gedanken zu bewahren. Und so hochgeschlossen ist der Ausschnitt nun auch nicht. Meinst du nicht, dass er immer noch die Fantasie anregen könnte? Außerdem hättest du auch noch ein etwas weiteres T-Shirt im Schrank.

Am Ende erklärt Pater Udressy noch einmal, was seiner Meinung nach den großen Unterschied zwischen der Sittsamkeit des männlichen und der Sittsamkeit des weiblichen Geschlechts ausmache:

Eine gute Kleidung soll bei den Jungen dem Anstand und dem Christsein entspre­chen (z. B. der Sonntagsanzug) und keine Un­ordnung reflektieren (schlampige Kleidung, ausgewaschene Jeans, T-Shirts mit hässlichen Motiven). Bei den Mädchen soll sie beson­ders die Reinheit ausdrücken, ein Bekenntnis für die Tugend sein, für die Sittlichkeit und für die Morallehre der Kirche, was gerade in der heutigen unsittlichen Welt wichtiger ist, denn je“

Am Ende werden noch die Mütter aufgerufen, auf die Sittsamkeit ihrer Töchter zu schauen, und es wird das Vorbild der Gottesmutter angeführt.

Also, jetzt mal zum Grundsätzlichen: Die Regeln darüber, was anständige und unanständige Kleidung ausmacht, sind in unterschiedlichen Kulturen ganz unterschiedlich. Und damit werden auch unterschiedliche Dinge als erotisch empfunden.

(Ist diese Himba-Frau unanständig angezogen? Quelle: Wikimedia Commons.)

Brüste oder Knie oder Schultern oder Haare werden nicht von Natur aus als sexuell erregend empfunden; es kommt darauf an, wie eine Gesellschaft solche Körperteile beurteilt und präsentiert. (Und auch auf die individuelle „Präsentation“ kommt es vermutlich an: Ein dezidiert sexy posierendes Model auf einer Werbetafel kommt vielleicht anders rüber als eine stillende Mutter auf einer Parkbank, auch wenn beide gleich viele Quadratzentimeter Brust zeigen sollten.) Und jetzt stellt sich die Frage: Sollte man Jungen, die in unserer Gesellschaft aufwachsen, eher beibringen, sich an den Anblick von Knien zu gewöhnen, oder ihnen beibringen, sie als erotische Körperteile zu empfinden, die anzusehen sie meiden müssen, weil sie sonst bestimmt sexuelle Gedanken bekommen und in Sünde verfallen würden? Doch, man kann sich an den Anblick von Körperteilen gewöhnen. Es gibt sogar Männer, die den Beruf des Gynäkologen ergreifen und sich Tag für Tag weibliche Geschlechtsteile ansehen und daran gewöhnt sind. Wenn ein Sanitäter einer Frau Erste Hilfe leistet und eine Herzdruckmassage macht, muss er ihre Brust anfassen. Und so weiter. Man muss bestimmte Körperteile nicht zwangsläufig sexuell betrachten.

Ich sage nicht, dass es so etwas wie anständige und unanständige Kleidung nicht gäbe. Aber die ist eben mehr so definiert wie Pater Udressy sie für Jungen definiert: Man achtet gesellschaftliche Höflichkeitsregeln. Z. B. werden hierzulande Hotpants, die nicht einmal das Hinterteil bedecken, als provokant und unanständig (und damit auch irgendwo als aufreizend) empfunden, längere Hosen, die noch ein wenig über dem Knie enden, aber nicht. Am Badesee zieht man sich anders an als in der Kirche, bei einer Firmenfeier anders als in der Freizeit. Und so weiter.

Was auch gern vergessen wird: Niemand wird sein Leben lang vor sexuellen Gedanken bewahrt bleiben, weil um ihn herum alle anständig angezogen sind. Die kommen aus dem Menschen selber. Manchmal hilft ein Anstoß von außen nach, aber auch ohne werden genügend kommen. Wir Frauen könnten alle in Burkas herumlaufen und trotzdem hätten wir keine wunderbar keusche Gesellschaft.

Ich bin auch der Ansicht, dass Pater Udressy die Geschichte von Adam und Eva, die er am Anfang erwähnt, etwas falsch interpretiert: Moses berichtet uns, dass Adam und Eva nach ihrer ersten Sünde den Bedarf verspür­ten, sich zu bekleiden: ‚Da gingen beiden die Augen auf, und sie merkten, dass sie nackt waren. Sie flochten Blätter vom Feigenbaum zusammen und machten sich Schurze‘ (Gen 3,7). Aus diesem Text geht der Hauptgrund der Kleidung hervor: die Sittlichkeit. Wir be­kleiden uns nicht in erster Linie zum Schutz vor Kälte, sondern zum Schutz vor der Begier­lichkeit. Die Kleidung soll uns die Keuschheit erleichtern und den Blick auf das Geistige statt auf das Sinnliche lenken.“

Nun waren Adam und Eva aber miteinander verheiratet; wozu also so viel „Schutz vor der Begierlichkeit“? Ich denke, hier geht es eher um die Schamhaftigkeit: Ich schäme mich, wenn jemand meinen nackten Körper sieht, weil es mich irgendwie verletzlich macht; so ist die Situation seit dem Sündenfall, wo die Menschen nicht mehr einfach im gegenseitigen Vertrauen leben.

Abschließend: Ich denke, es ist besser, sich nicht ganz so viel Kopf zu machen wegen ein paar Zentimetern Rocklänge mehr oder weniger.

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Die halten sich wohl für besonders fromm!

(Eine vielleicht notwendige Ergänzung zu Posts wie diesem, diesem und diesem.)

Ein heutzutage beliebter Vorwurf gegenüber gläubigen Menschen ist der der Überheblichkeit: Sie würden sich für besonders großartige Menschen und Gottes Lieblinge halten, ihre Frömmigkeit zur Schau stellen und so weiter und so fort. Oft trifft dieser Vorwurf Gläubige, die eigentlich nur das Minimum dessen tun, was von ihrer Religion gefordert wird (also bei Christen z. B.: sonntags in die Kirche gehen, keinen Sex vor der Ehe haben; oder bei Muslimen: im Ramadan fasten, Kopftuch tragen), und das nicht mal an die große Glocke hängen. Aber das wird eben trotzdem gelegentlich als Überheblichkeit und als Vorwurf an andere empfunden: Weil der Christ tatsächlich glaubt, dass alle sonntags in die Kirche gehen sollten, macht er uns Kirchenfernen einen Vorwurf, beleidigt uns, stellt uns als Sünder hin. Weil die Muslima tatsächlich glaubt, dass alle Frauen Kopftuch tragen sollten, erklärt sie uns westliche Frauen alle zu Schlampen. Nun könnte  man sich denken, wer sich seiner Sache sicher ist, dass der Kirchgang nicht notwendig oder das Kopftuch kein verpflichtendes Kleidungsstück für eine anständige Frau sei, könnte da drüber stehen und es aushalten. Aber anscheinend wird schon die bloße Religionsausübung (nicht erst wirkliche Überheblichkeit, die es natürlich auch gibt) von vielen trotzdem als  Vorwurf an Religionslose/Andersreligiöse empfunden.

(Dass „Frömmigkeit“ auch nicht mehr unbedingt als etwas an sich Positives gesehen wird, kommt natürlich noch hinzu: Wieso bildet die sich überhaupt was drauf ein, in der Kirche zu sitzen? Das ist doch sinnlos, sie sollte lieber was Vernünftiges tun. (Dass sie, wenn sie nicht in der Kirche sitzen würde, vermutlich stattdessen in dieser Zeit eher ausschlafen würde, als, sagen wir, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, wird gerne übersehen.))

Manchmal wird der Vorwurf, besonders fromm sein zu wollen, aber auch nur an die tatsächlich besonders eifrigen Gläubigen gerichtet: Was muss die jeden Tag in die Werktagsmesse springen und jeden Samstag zum Rosenkranz? Bildet die sich ein, sie wäre eine bessere Christin als wir, die wir bloß am Sonntag auftauchen?

Das ist sozusagen das Gegenstück zur „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle, die ich hier beklagt habe: Der, der mehr tun will als die anderen, wird als der Feind gesehen, der sich über die anderen Christen erheben will, auch wenn er selbst nie angedeutet hat, dass er sich als den tollsten Christen ever sieht oder dass alle das tun müssen, was er tut.

Mein Bekannter und Stammleser Nepomuk hat vor längerer Zeit einmal einen Artikel über die Heiligen geschrieben, aus dem ich, weil genau dieses Problem darin so schön ausgedrückt wird, einen längeren Abschnitt zitieren möchte:

Ist daraus nun zu folgern, wie z. B. Joseph Roth es übrigens tutiv, daß die Kirche dadurch, daß sie die paar Perfekten kanonisiere, implizit die Sündhaftigkeit der Restmenschen gestatte? Oder sollen wir sagen, ja die anderen seien halt im verborgenen heilig gewesen, hätten aber deshalb nicht weniger gelitten, sich nicht weniger aufgeopfert etc.? Zumal es diese Art Heilige ja auch tatsächlich geben wird: aber auch das sind doch, mal ehrlich, nur ein paar. Das Leben hat seine schönen Seiten, und wir, die wir keine Ordensgelübde abgelegt haben, die wir ‚wenn wir ehrlich sein wollen, gern einen Fuß in beiden Welten haben wollen; deren Ehrgeiz ist, zu bestehen, nicht zu glänzen‘v, wollten uns ehrlich gesagt nicht vom Glanz, der Gelassenheit, der Ruhe und der Anstrengung eines Ordenslebens gerade die Anstrengung herauszusuchen.

Die erfreuliche Nachricht: das fordert die Kirche tatsächlich nicht.

Die Moral, wie sie uns die Kirche lehrt, fordert ’nichts weiter‘ als nicht zu sündigen. ‚Du kennst doch die Gebote.‘ (Mk 10,19) Die Kirche hilft dabeivi – der Patron ihrer Moraltheologen war bezeichnenderweise nicht Staatsanwalt, sondern Strafverteidiger gewesen, eben der erwähnte hl. Alfons – immer bemüht, genau darzulegen, was zu tun ist und was nicht.vii (Auf einige typische Einwände hierzu soll im nächsten Artikel eingegangen werden.)

Und das Vorbild der Heiligen? Der modernen Welt, die nicht gelassen, aber dafür perfektionistisch ist (deshalb schimpft sie auch alleweil auf den Perfektionismus) mag der Gedanke fremd sein; aber in den Katholiken hat sich der gesunde menschliche Instinkt bewahrt. Wer gut ist, der verehre als Helden einen, der besser ist. Bezeichnenderweise können wir das auch heute noch überall da nachvollziehen, wo wir nicht auf den Gedanken kommen, uns Vorwürfe zu machen. So bei den dilettierenden Freizeitmusikern: Gerade die hören doch mit besonderer Freude und Gewinn die Titel der herausragenden Interpreten. So bei den Fußballspielern der Dorfvereine in der A-Klasse. Gerade die schauen doch mit noch mehr Begeisterung als der Rest der Bevölkerung das Finale der Champions-Leauge im Fernsehen an.viii

So ist es auch bei den Heiligen (also den Christen). Gerade die können von den Heiligen (im landläufigen Sinn) gar nicht genug bekommen. Die Büßer von einem, der ganz übermenschliche Bußwerke geleistet hat wie der hl. Pedro von Alcantara. Die Gastwirte, die mit ihrer Gastfreundschaft Geld verdienen, von einem hl. Julianus, der beim Bewirten auf den Verdienst verzichtet hat. Die Mönche, die den Psalter jede Woche beten, von einem hl. Patrick, der ihn jeden Tag betete. Und so weiter – nur drei Beispiele von vielen, die man aufzählen könnte.“

(Es lohnt sich, den Artikel im Ganzen zu lesen; und hier wird er noch fortgesetzt.)

Der Punkt ist: Wenn uns bewusst ist, dass das Gute gut ist, und das Bessere besser, und das Bessere kein Feind des Guten, dann löst sich das ganze Problem auf. Wenn einer mehr tun will als andere und besonders eifrig ist, ist das gut; es ist lobenswert; solche Leute braucht es. Auch im weltlichen Leben braucht es die anstrengenden Berufe wie Chirurgen und Soldaten. Aber dass manche Leute Chirurgen und Soldaten werden, ist eben kein Vorwurf an diejenigen, die sich den leichten Job des Steuerbeamten oder der Bürokauffrau suchen. Wenn einer, der gesund ist und arbeiten könnte, gar nicht arbeiten wollte, dann könnte man ihm daraus einen Vorwurf machen. Das Gleiche gilt auch für die Gemeinschaften innerhalb der Kirche, wie etwa die neuen geistlichen Bewegungen: Wenn einer sich darin engagieren will und viel Zeit und Einsatz dafür aufwendet, ist das gut – solange er nicht glaubt, allein so könne man ein richtiger Christ sein und die anderen Christen, die nicht so engagiert sind, seien gar keine richtigen Christen wie er. Und man sollte jemandem eben auch nicht vorwerfen, allein deshalb, weil er mehr tut als andere, verachte oder verurteile er sie und halte sie für keine richtigen Christen. Vielleicht ist er wirklich ein besserer Christ als sie; vielleicht auch nicht; jedenfalls können sie trotzdem gute Christen sein.

Auch im Himmel wird es übrigens noch die besonders großartigen Heiligen geben, die besondere Ehre erhalten (wie die allerseligste Gottesmutter, oder etwas darunter vielleicht solche wie den heiligen Franziskus), und die, die, na, eben ein bisschen drunter stehen. Dante beschreibt in der Göttlichen Komödie den Himmel als einen Ort aus mehreren konzentrischen Sphären, in denen die verschiedenen Heiligen leben (so wie auch seine Hölle aus verschiedenen Kreisen für verschieden schwere Sünden aufgebaut ist). Aber es braucht weder Neid auf die einen noch Verachtung der anderen, weil sie alle in übergroßer Seligkeit leben und Gottes Herrlichkeit schauen.

Schwere Sünde, lässliche Sünde?

 (Nur ein paar Überlegungen, die vielleicht ein wenig ziellos und unstrukturiert sind. Ich denke in diesem Artikel eher laut nach und würde mich über Ergänzungen und Korrekturen freuen.)

Die katholische Lehre von den schweren und den lässlichen Sünden ist einerseits recht klar. Klar ist das Prinzip: Schwere Sünden, auch Todsünden genannt, zerstören die Beziehung zu Gott, lässliche belasten sie nur – wie man es auch aus menschlichen Beziehungen kennt. Die schwere Sünde ist wie eine tödliche Krankheit, die lässliche wie eine nicht tödliche, die der Körper (oder in diesem Fall die Seele) selbst bekämpfen kann. Für eine schwere Sünde müssen drei Kriterien erfüllt sein: schwerwiegende Materie (die Tat oder Unterlassung ist an sich schlecht genug, um die Gottesbeziehung zu zerstören), klares Wissen um die Schwere der Sünde (schuldhaftes Nicht-Wissen-Wollen mindert die Schuldfähigkeit allerdings nicht; nicht schuldhafter oder nur gering schuldhafter Irrtum schon) und freier Wille (der Wille kann z. B. durch eine Sucht, eine psychische Krankheit, Druck, Nötigung oder Zwang von außen beeinträchtigt sein). Wenn eins dieser Kriterien nicht erfüllt ist, ist die Sünde nur lässlich. Gebeichtet werden müssen von Katholiken nur schwere Sünden; wenn man sich nicht sicher ist, ob eine Sünde schwer war, muss man sie nicht als schwere zählen. Die Beichte der lässlichen Sünden ist freiwillig, wird aber empfohlen; das bedeutet auch, man muss vor der Beichte nicht versuchen, sich krampfhaft an ausnahmslos alle seit der letzten Beichte begangenen lässlichen Sünden zu erinnern.

Andererseits aber ist es nicht immer so klar, was „schwerwiegende Materie“ genau ausmacht; wie man schwerwiegende und lässliche Materie abgrenzt. Das ist es, was auch Skrupulanten wie mich oft mal belastet: Wenn man nicht unterscheiden kann, ob eine Sünde schwer oder lässlich war. (Muss ich beichten? Darf ich zur Kommunion gehen?)

Meistens bekommt man, wenn das Thema erklärt wird, statt allgemeinen Definitionen konkrete Beispiele für schwerwiegende Materie vorgelegt: Tötung eines unschuldigen Menschen (inklusive Abtreibung, Euthanasie, Selbstmord), Ehebruch, Vergewaltigung, Folter, Glaubensverleugnung, Meineid, Raub, Verleumdung, Vorenthalten des gerechten Lohns, Betrug, was so alles unter den Oberbegriff „Unzucht“ fällt, Blasphemie, grundloses Verpassen der Messe an Sonntagen und gebotenen Feiertagen, grundloses Nicht-Einhalten der kirchlichen Fastengebote, künstliche Empfängnisverhütung. (Freilich wiegen auch schwere Sünden nicht alle gleich schwer, wie unschwer einzusehen ist; Mord zum Beispiel ist schlimmer als Raub.) Beispiele für lässliche Sünden: Verlegenheitslügen oder alltägliche Unfreundlichkeiten und Streitereien, Unvorsicht, Ungeduld, Unhöflichkeit, eine gewisse Vernachlässigung des Gebets, eine Verspätung von einigen Minuten bei der Sonntagsmesse… Diese Unterscheidung entspricht auch dem gesunden Menschenverstand (Unfreundlichkeit und Mord sind offensichtlich nicht dasselbe), und sie zeigt sich bereits in der Bibel (1 Johannes 5,16f.).

[Die schweren Sünden oder Todsünden sind übrigens zu unterscheiden von den sieben Wurzelsünden (Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit), die auch manchmal fälschlich als die „sieben Todsünden“ bezeichnet werden, aber grundlegende Haltungen bezeichnen, die zu Sünden führen, keine konkreten Sünden selbst. Eine Sünde ist immer eine konkrete Handlung oder Unterlassung (in Gedanken, Worten oder Werken).]

Eine manchmal gehörte allgemeine Begründung für den Unterschied zwischen den beiden Arten von Sünde wäre: Schwere Sünden verstoßen gegen vorrangige Werte (das Leben, die Ehe, die Gottesverehrung), und lässliche gegen untergeordnete (etwa Wahrheit, Ehre, Eigentum). Diese Begründung funktioniert jedoch offensichtlich nicht: Eine schwere Verleumdung (z. B. die Bezichtigung eines Unschuldigen wegen eines Verbrechens) ist offensichtlich eine schwere Sünde; genauso ein bedeutenderer Diebstahl, ein gewaltsamer Raub oder die Ausbeutung von Arbeitern durch Hungerlöhne. Zudem gibt es minderschwere Verstöße etwa gegen den Wert des Lebens, z. B. eine geringfügige Gefährdung des eigenen Lebens und des Lebens anderer durch noch nicht allzu große Unvorsicht im Straßenverkehr. Diese Begründung funktioniert also nicht.

Eine weitere, beliebtere Begründung wäre: Was gegen die Zehn Gebote (und für Katholiken: die ihnen von der von Christus eingesetzten Kirche auferlegten fünf Kirchengebote) verstößt, ist schwerwiegende Materie. Das funktioniert schon eher; andererseits sind manche der Zehn Gebote aber auch recht allgemein formuliert und geben nicht gleich zu erkennen, welche Verstöße gegen sie wirklich schwerwiegend sind. Ist es eine schwere Sünde gegen das dritte Gebot, wenn man am Sonntag im Garten arbeitet oder Staub saugt? Oder ab wann wird der Neid auf das neue Auto des Nachbarn zu einer schweren Sünde gegen das zehnte? War der Streit mit meinen Eltern ein schwerer Verstoß gegen das vierte? Irgendwo kann man ja auch alle Sünden unter den zehn Geboten subsumieren, wie es in Beichtspiegeln gerne getan wird – Körperverletzung, Unvorsicht im Straßenverkehr oder die Schädigung der eigenen Gesundheit durch Drogen fallen dann unter „Du sollst nicht töten“, Masturbation oder die Vernachlässigung der Beziehung zum Ehepartner unter „Du sollst nicht ehebrechen“, Notlügen und Übertreibungen unter „Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten“, und das Missachten der Pflichten gegenüber dem Staat oder der Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern unter „Ehre Vater und Mutter“. Einerseits fällt, wie man daran sieht, nicht alles von dem, was irgendwie mit den Zehn Geboten in Zusammenhang gebracht werden kann (z. B. kleine Übertreibungen), unter die Kategorie „schwere Sünde“; andererseits gibt es auch offensichtlich schwere Sünden, die nicht ganz direkt in den Zehn Geboten angesprochen werden (z. B. schwere Körperverletzung, schweres Mobbing, nicht-ehebrecherische Unzucht).

Vielleicht kann man auch sagen: Schwere Sünden verstoßen entweder direkt gegen einen zentralen Wert (z. B. verstößt die Verleugnung des Glaubens klar gegen die Treue zu Gott und gegen die Pflicht zum Bekenntnis der Wahrheit) oder sie schaden anderen Menschen oder einem selber direkt und gewollt (oder zumindest wissentlich in kauf genommen) in schwerwiegendem Maß (z. B. Mord, Selbstmord, Ehebruch, Raub, Verleumdung); oft auch beides. [Der Unterschied zwischen einer christlichen und einer utilitaristischen Moral wäre, dass die christliche nicht nur das, was direkten, quantifizierbaren Schaden anrichtet, als falsch ansieht – Glaubensverleugnung, Gotteslästerung, wohlmeinende Lügen oder konsensuale Unzucht beispielsweise richten nicht immer direkt beobachtbaren Schaden an. Freilich schaden sie oft indirekt und auf lange Sicht (ein Beispiel: Wenn man jemanden anlügt, um ihn nicht mit der Wahrheit zu beunruhigen, könnte man sich sein Vertrauen verscherzen, wenn er es merkt) und machen einen selbst zu einem von der Sünde beherrschten Menschen, aber der Verstoß gegen die Gottesliebe, die Wahrhaftigkeit oder die Keuschheit ist an sich schon schlimm. Wieso Gottesliebe, Wahrhaftigkeit und Keuschheit so wichtig sind, wäre dann mal noch eigens ausführlicher zu erläutern.] Wenn sie die Gottesbeziehung zerstören, müssen sie ein, wenn auch implizites, Nein zur Liebe, eine bewusste Gleichgültigkeit und Abwendung vom Guten, beinhalten.

Eine allgemeine Definition von Sünde an sich wäre auch: Sünde verstößt gegen den natürlichen Zweck, den Gott in die Dinge hineingelegt hat. Z. B. ist der Zweck der Sprache der Ausdruck und die Weitergabe von Wahrheit; der Zweck des Eigentums ist die Sicherung des Lebensunterhalts für einen selber und die, für die man verantwortlich ist; der Zweck der Sexualität ist die Fortpflanzung und der Ausdruck ehelicher Liebe zwischen Mann und Frau. Sünde verstößt gegen diese Ordnung der Dinge und bringt sie aus dem Gleichgewicht. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag von einer „Ökologie des Menschen“ gesprochen, die beachtet werden muss. Bei einer Sünde wird ein Gut einem anderen in ungeordneter Weise vorgezogen. (Niemand tut Böses, nur um Böses zu tun; wenn man z. B. Böses tut, um Geld, Lust oder Macht zu erreichen, zieht man wirkliche Güter anderen, höheren Gütern vor.) Letztlich wird bei einer Sünde immer etwas Geschaffenes Gott (dem letzten Ziel des Menschen) vorgezogen. Sünde kann man also als auch Ungeordnetheit betrachten. Der hl. Thomas von Aquin schreibt dann in diesem Sinne (von mir aus dem lateinischen Text übersetzt – hier findet sich auch eine englische Übersetzung, die besser ist als meine) :

„Der Unterschied aber zwischen einer lässlichen Sünde und einer Todsünde folgt aus dem Unterschied in der Unordnung, die die Art der Sünde ausmacht. Denn diese Unordnung gibt es in zweifacher Weise: eine besteht im Abweichen vom ordnenden Prinzip; die andere, bei der das ordnende Prinzip erhalten bleibt, bewirkt eine Unordnung in den Dingen, die den Prinzipien folgen. So tritt im Körper eines Tieres manchmal eine umfassende Unordnung auf, die bis zur Zerstörung des lebenswichtigen Prinzips führt, und diese führt zum Tod; manchmal aber, wobei das Lebensprinzip gewahrt bleibt, tritt eine gewisse Unordnung in den Körpersäften auf, und dann kommt eine Krankheit. Das Prinzip aber der ganzen Ordnung der moralischen Dinge ist das letzte Ziel, das zu den Handlungen im selben Verhältnis steht wie das unmittelbar gewisse (?) Ziel in spekulativen Dingen, wie in VII Ethic. gesagt wird. Somit ist, wenn die Seele durch die Sünde in Unordnung fällt bis hin zur Abwendung von ihrem letzten Ziel, nämlich Gott, mit dem sie durch die Liebe geeint ist, da Todsünde; wenn sie jedoch in Unordnung fällt ohne Abwendung von Gott, dann ist da lässliche Sünde. So wie nämlich im Körper die tödliche Unordnung, die durch die Beseitigung des Lebensprinzips entsteht, naturgemäß irreparabel ist, die Unordnung einer Krankheit aber repariert werden kann, weil das Lebensprinzip gewahrt bleibt, so steht es mit den Dingen, die die Seele angehen. Denn auch in spekulativen Dingen kann derjenige, der bei den Prinzipien irrt, nicht überzeugt werden, wer aber irrt und dabei die Prinzipien bewahrt, kann durch diese Prinzipien [zur Wahrheit] zurückgebracht werden.“ (Summa Theologiae II/I 72,5)

An einer anderen Stelle schreibt er: „Die Objekte von Akten aber sind deren Ziele, wie aus dem oben Gesagten klar ist. Und deshalb richtet sich der Unterschied der Schwere von Sünden nach dem Unterschied ihrer Objekte. So ist es klar, dass äußerliche Gegenstände auf den Menschen als ihr Ziel ausgerichtet sind; der Mensch aber ist darüber hinaus auf Gott als sein Ziel ausgerichtet. Somit ist eine Sünde, bei der es um die Substanz des Menschen selbst geht, wie Mord, eine schwerere Sünde als eine, bei der es um äußerliche Dinge geht, wie Diebstahl; und fernerhin ist eine noch schwerere Sünde die, die direkt gegen Gott begangen wird, wie Unglaube, Blasphemie und dergleichen.“ (Summa Theologiae II/I 73,3)

An einer wieder anderen Stelle schreibt er über den Unterschied zwischen Todsünde und lässlicher Sünde, die Todsünde verstoße direkt gegen ein Gebot, die lässliche Sünde „non est contra praeceptum, sed praeter praeceptum“, d. h. sie stehe nicht gegen das Gebot, sondern gehe eher an ihm vorbei – man handelt nicht nach dem Prinzip der Gottes- und Nächstenliebe, verstößt aber auch nicht ganz direkt gegen es. (Summa Theologiae II/II 105,1)

Das ist natürlich immer noch etwas schwammig in den Einzelheiten; und fraglich bleibt bei solchen Definitionen auch oft, wo man die „mittelschweren“ Sünden einordnen soll. Sagen wir mal:

  • Leichte Körperverletzung bei einer Prügelei unter Bekannten, die sich dann wieder versöhnen
  • Einnahme der harmloseren Drogen (z. B. Marihuana), in einem Staat, wo das legal ist
  • Längerfristig aufrecht erhaltene Feindseligkeiten und Streitereien innerhalb der Familie
  • Gelegentliche Flirts mit der Sekretärin, weil die Ehe gerade in einer Krise ist, ohne die Absicht, weiterzugehen
  • Gewohnheitsmäßiges Lügen, z. B. weil man unangenehme Tatsachen über sich selbst nicht zugeben will, aber ohne dass damit Schaden für andere angerichtet wird
  • Ladendiebstahl (Waren von geringem Wert)

Wo genau liegt die Grenze, z. B. im Bereich des Diebstahls, zwischen lässlicher und schwerwiegender Materie? Sicher kommt es auf den angerichteten Schaden beim Bestohlenen an (objektiv: Wie teuer war das Gestohlene? subjektiv: Wie sehr leidet der Bestohlene unter dem Verlust?), auf das Motiv des Diebs (Druck von anderen, Mutprobe, keine Lust, sein Geld auszugeben?), ob er so etwas gewohnheitsmäßig, vielleicht sogar gewerbsmäßig, tut oder nicht, etc. Und sicher kann man da nicht immer eine eindeutige Linie ziehen. Dazu spielen zu viele Faktoren hinein; es gibt Fälle, in denen eine Sünde nicht eindeutig schwer oder lässlich, sondern zweifelhaft schwer ist. Hier könnte man vielleicht wieder den Vergleich mit Krankheiten heranziehen: Manche Krankheiten sind gefährlich, aber nicht in jedem Fall tödlich. Ab wann im einzelnen Fall das wirkliche Nein zum Guten da ist, ist nicht immer ganz eindeutig – aber irgendwann ist es da, so wie bei Krankheiten irgendwann der Tod eintritt, auch wenn man nicht immer voraussehen kann, ob eine bestimmte schwere, nicht immer tödliche Krankheit unter diesen Umständen bei diesem Menschen tödlich enden wird.

Dann wären da auch noch zwei bestimmte Kategorien da, bei denen die Bestimmung oft schwierig ist: Die Unterlassungssünden und die Gedankensünden.

In der Rede vom Weltgericht fokussiert Jesus sich auf die Unterlassungssünden: „Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,41-46) Ab wann wird eine Unterlassung, eine Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit, also zur schweren Sünde?

Anders ausgedrückt könnte diese Frage lauten: Welche Pflichten hat der Einzelne – je nach seinen Möglichkeiten –, die unter schwerer Sünde verpflichten? Hier kann man wieder auf die Zehn Gebote und andere Texte schauen, die Pflichten gegenüber Gott einerseits und dem Nächsten andererseits festschreiben. Der „Nächste“ kann im Grunde genommen jeder werden, mit dem man zufällig zu tun hat, auch ein Fremder (s. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter), aber je enger die Beziehung, desto größer in der Regel die Verpflichtungen; deshalb wird auch im vierten Gebot die familiäre Beziehung besonders hervorgehoben. Seine Kinder oder alten Eltern muss man persönlich versorgen; wenn es um Obdachlose in der Innenstadt oder um hungernde Menschen in der Dritten Welt geht, denen man mit Geldspenden helfen könnte, kann man sich im Grunde aussuchen, wem von vielen Bedürftigen man hilft, und ab einem gewissen Grad auch, in welchem Maße (schließlich könnte man sich immer irgendwann sagen „wenn ich mir jetzt nicht noch eine Tasse Kaffee kaufen würde, könnte ich noch ein paar Euro mehr für verfolgte Christen spenden“). Hier gibt es wieder Graubereiche. Es kommt also einerseits darauf an, wie nahe einem jemand steht; und auf der anderen Seite natürlich auch darauf, wie dringend dessen Bedürfnis nach Hilfe ist (z. B. braucht jemand, der in der Straßenbahn zusammenbricht, sofort dringend Hilfe).

[Bei Unterlassungssünden muss man übrigens auch beachten, dass das physisch oder moralisch Unmögliche grundsätzlich nicht verpflichtet. Physisch unmöglich: Ich liege schwer krank im Bett und kann deshalb nicht in die Kirche gehen. Moralisch unmöglich: Ich bin zwar nicht so krank, dass ich es nicht schaffen würde, mich in die Kirche zu schleppen, aber mit meinem Fieber etc. wäre es besser für mich, mich auszuruhen, und außerdem will ich niemanden anstecken, gerade, wenn die vielleicht ein geschwächtes Immunsystem haben. Ein positives Gebot (du sollst etwas tun, z. B. sonntags in die Kirche gehen) unterscheidet sich in dieser Hinsicht von einem negativen (du sollst etwas nicht tun, z. B. unschuldige Menschen nicht direkt töten); letzteres kann immer eingehalten werden, ersteres nur, wenn man dazu die Fähigkeit, die Gelegenheit, die Mittel hat.]

Und dann wären da eben noch die Gedankensünden. In der Bergpredigt sagt Jesus: „Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Matthäus 5,28)  Ab wann werden Gedankensünden schwerwiegend? Karl Hörmann schreibt im „Lexikon der christlichen Moral“ (1976) zu Gedankensünden im Allgemeinen:

„3. Weil die S. wesentl. durch die innere Entscheidung begründet wird, gibt es rein innere S.n, denen kein äußerer Vollzug folgt. ‚Der böse Wille schon für sich allein ist sündhaft, auch wenn es nicht zur Tat kommt, das ist, wenn jemand nicht die Macht hat’ (Augustinus, De spir. et litt. 31,54; PL 44,235; vgl. D 1680 1707 2113). a) Die Begierde nach einem dem sittl. Gesetz widersprechenden Verhalten (sinnl. Regung) macht den Menschen nicht schon zum Sünder, wenn sie vor seiner Entscheidung von selbst auftritt, sondern erst, wenn er sie frei weckt od. bejaht. Diese Begierde, die ‚aus verkehrtem Willen entsteht’ (Augustinus, Conf. VIII 5,10; PL 32,753), ist durch die beiden letzten Gebote des Dekalogs als S. kenntl. gemacht (Ex 20,17; Dtn 5,12). b) Eine Bejahung der S. liegt auch in der Freude, dem überlegten Wohlgefallen an eigener od. fremder geschehener S., u. im freien wohlgefälligen Verweilen dabei. Wer noch dazu mit einer begangenen S. vor anderen prahlt, verfehlt sich auch gegen diese (vgl. Ärgernis).“ Daraus wird freilich noch nicht klar, wann genau das bewusste Phantasieren über eine Sünde oder das Planen dieser Sünde schwer sündhaft ist – beides kann es sein, und dabei kommt wohl hauptsächlich darauf an, ob diese Sünde selber schwer wäre, und dann darauf, ob der Gedanke flüchtig oder ernsthaft ist, oder ob man ihn schnell wieder verwirft oder ihn länger im Kopf behält. Wenn man sich ausführlich ausmalt, sich z. B. an jemandem zu rächen, kann das sehr wohl eine schwere Sünde sein; wenn man sich bei dem freudigen, aber noch eher halbherzigen Gedanken an so etwas ertappt und sich nach ein paar Sekunden zusammenreißt und seine Gedanken woanders hin lenkt, ist es eher eine lässliche. (Wenn einem der Gedanke in den Kopf kommen würde, ohne dass man ihn hervorgerufen hätte, und man nichts tun würde, um ihn dazubehalten, wäre es gar keine Sünde.)

Ich habe schon mal geschrieben, dass ich wegen solcher praktischer Fragen mit der heute allgegenwärtigen Abneigung gegen die sog. „Kasuistik“ (moralische Fallanalyse) nichts anfangen kann; an älteren, vor dem 2. Vatikanum herausgegebenen Moraltheologiebüchern (von denen ich nur eins besitze, eines aus den 50ern) ist das Praktische, dass die Autoren bei jedem Punkt ihre Meinung dazu sagen, welche schwerwiegenden Verpflichtungen oder möglichen Sünden es hier gebe. Die muss vielleicht nicht immer in jeder Einzelheit richtig sein; aber jedenfalls gehen sie die Frage an.

Das „Lexikon der christlichen Moral“ schreibt übrigens beim Stichwort Sünde zur schweren Sünde (Hervorhebungen von mir): „Im allg. aber ist eine ganzpersonale Entscheidung gegen Gott nur in Dingen mögl., die ihrer Beschaffenheit nach für die Verwirklichung der sittl. Ordnung (der Liebe) wichtig sind (materia gravis ); wer ihre Bedeutung erfaßt hat u. sich frei für sie entscheidet, kommt um schwere S. nicht herum. Was dazu zählt, kann der Mensch durch eigene Überlegung, mit Hilfe der Hl. Schrift (S.n, die als todeswürdig bezeichnet werden, wie Götzendienst, Zauberei u. Gotteslästerung – Lev 20,2; 22,17; 24,11-16; Auflehnung gegen die Eltern – Lev 20,9; Menschenraub – Ex 21,16; verschiedene Unzucht-S.n – Lev 18,29; die ‚himmelschreienden’ S.n Mord – Gen 4,10; 2 Makk 8,3, Sodomie – Gen 18,20 f; 19,13, Bedrückung von Hilflosen – Ex 3,7; 22,21 f, Vorenthaltung des verdienten Arbeitslohnes – Dtn 24,14 f; Jak 5,4; die verhängnisvolle Grund-S. wider den Hl. Geist – Mk 3,28 f; Lk 12,10, näml. der verstockte Unglaube, das Nichthören- u. Nichtannehmenwollen des Rufes Gottes in Christus – Jes 6,9 f; Mk 4,12; 8,18; Lk 10,13-15; 11,32; Joh 8,21; 9,39-41; 12,37-40; 16,9; Apg 28,23-28; Röm 11,8; 2 Thess 2,10-12; S.n, die vom Reich Gottes ausschließen – 1 Kor 6,9 f; Gal 5,19-21; Offb 21,27; 22,15; D 1544 1577), mit Hilfe der Lehre der Kirchenväter u. der Theologen u. durch Beachtung der Lehre u. der Praxis der Kirche (was die Kirche z.B. mit Strafe bedroht, sieht sie als schwere S. an; vgl. CICc. 2218 § 2; c. 2242 § 1) feststellen.

 Letztlich ist das wohl für die Praxis entscheidend: Wenn etwas schwere Sünde ist, muss die Kirche, und i. d. R. auch schon die Bibel, irgendwann schon mal etwas dazu gesagt haben. Wenn die Zehn Gebote da noch nicht ganz klar sind, dann wohl die Propheten, Jesus, Paulus oder der Katechismus. Was nirgendwo als schwer genug erachtet wurde, um ausdrücklich so genannt zu werden, kann nicht so schwer sein. Ja, es wird dann auch nicht immer ganz eindeutig – gerade bei so allgemeinen Geboten wie „Ehre Vater und Mutter“. Aber es gibt immerhin gewisse Richtlinien.

Aber ich könnte ja noch mehr tun

Ich habe hier schon öfter über das Thema Skrupulosität geschrieben, also eine Zwangsstörung im religiösen Bereich, die sich bei Katholiken z. B. darin äußert, dass man bei jeder Gelegenheit fürchtet, eine (schwere) Sünde begangen zu haben, dann ständig zur Beichte geht, um diese Furcht loszuwerden, dann fürchtet, dass die Beichte nicht gültig war, weil man die Sünde vielleicht nicht detailliert genug beschrieben hat, weshalb man nicht wagt, zur Kommunion zu gehen, sondern lieber bei der nächsten Beichtgelegenheit wieder am Beichtstuhl auftaucht, um das Bekenntnis zu wiederholen… Usw. usf.

Eine Schwierigkeit für Skrupulanten ist es immer, zu bewerten, ob eine Tat oder eine Unterlassung, eine Äußerung oder ein Gedanke, wirklich eine Sünde war, und wenn ja, ob schwer oder lässlich. Da tauchen hunderttausend Gedanken und Zweifel auf und das Gedankenkarussell dreht sich und dreht sich. Was, wenn ich daran hätte denken müssen, was, wenn ich mir hier nur etwas vormache… Manchmal wird die Sache leichter, wenn man sich etwas Wissen darüber angelesen hat, was die Kirche als schwere Sünden bewertet und was nicht, und wenn man das Prinzip beachtet, dass man, vor allem als Skrupulant, Zweifel ignorieren sollte (d. h. zweifelhafte Verpflichtungen oder Verbote sind nicht bindend; zweifelhaft schwere Sünden sollte man nicht als schwere Sünden zählen, sie müssen nicht gebeichtet werden).

Die wirklich hinterlistigen Gedanken, die einem kommen können, sind aber die der Art: Okay, ich habe keine offensichtliche Sünde begangen – aber ich könnte in meinem Leben mehr tun.

Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich mehr für Ihn tun – mehr beten, mehr in der Bibel lesen, mehr spenden… Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich Ihm alles andere unterordnen, aber anscheinend tue ich das nicht. Also liebe ich Gott nicht wirklich, also habe ich gegen das Gebot der Gottesliebe verstoßen, auf dem alles aufbaut. („Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22,37-40)) Also mache ich vom Ansatz her alles falsch und komme wahrscheinlich sowieso in die Hölle.

Ein paar Beispiele für solche Gedanken:

  • Mir ist der Gedanke in den Kopf geploppt, dass ich in der Fastenzeit nicht nur auf Schokolade und Alkohol, sondern auch auf Kaffee, Zucker, Kuchen, Fleisch und am besten überhaupt alle tierischen Produkte verzichten könnte. Immerhin haben diese und jene Heiligen da auch streng gefastet und überhaupt, früher waren die Fastenregeln ja auch strenger. Und wenn ich diese Eingebung, die ja bestimmt von Gott kommt, jetzt zurückweisen würde, würde ich wohl sündigen.
  • Ich habe von dem und dem Heiligen gelesen, der einen Bußgürtel getragen oder Selbstgeißelung betrieben hat. Vielleicht sollte ich das auch tun. Das muss ein Zeichen sein, dass ich auf diese Geschichte gestoßen bin. Ich weiß, heute betreiben die Leute diese Bußübungen nicht mehr so, aber das haben Heilige getan, und wir sollten in unserer glaubensfernen Zeit ja wohl wieder mehr nach Heiligkeit streben, also gucke ich lieber mal, wo ich ein zu enges Armband herkriege, das mir in die Haut schneidet. Oder so.
  • Ich wollte heute Abend eigentlich entspannen und eine Serie auf Netflix anschauen, aber mir ist der Gedanke gekommen, dass ich stattdessen auch den Rosenkranz beten könnte. Der Rosenkranz ist eine wertvollere Verwendung meiner Zeit als Netflix, also wäre Netflix jetzt sündhaft.
  • Ich habe in den kommenden Wochen eigentlich nicht viel Zeit, weil ich für ein wichtiges Examen lernen muss, aber die Pastoralreferentin hat mich gefragt, ob ich bei einem größeren Projekt in der Pfarrei helfen könnte, und wenn ich das Gebot der Nächstenliebe wirklich ernst nehmen würde, in der Kirche helfen und einen positiven Einfluss in der Pfarrei ausüben wollen würde, würde ich zusagen. Ich müsste mir dann halt irgendwie die Zeit freischaufeln.
  • Ich habe vier Kinder und habe das Gefühl, dass das für mich und meinen Mann langsam genug ist – aber muss man nicht einen guten Grund haben, um NFP zu verwenden und weitere Kinder zu vermeiden? Wenn ich wirklich offen für das Leben wäre, würde ich auch noch ein fünftes Kind in unserer Familie willkommen heißen. Schließlich sind Kinder ein Segen, und wenn ich Kinder wirklich lieben würde, würde ich einer weiteren Schwangerschaft und der Arbeit mit einem weiteren Kind auch nicht aus dem Weg gehen wollen.
  • Ich könnte ja mehr für den Glauben eintreten. Sollen wir nicht alle für unseren Glauben eintreten und andere Menschen zu Gott führen? Sollte ich vielleicht meinen Arbeitskollegen von Gott erzählen? Oder meine Verwandten dazu zu bewegen versuchen, wieder in die Kirche zu gehen? Vielleicht sollte ich meinen Glauben irgendwie deutlicher zeigen…

Kurz gesagt: Ich könnte mehr tun. Wenn ich Gott und den Nächsten wirklich lieben würde, würde ich auch täglich zur Messe gehen oder den Rosenkranz beten, oder jeden Freitag bei Wasser und Brot fasten, oder beim Kindermusical, beim Altenheim-Besuchsdienst und beim Kochen mit Flüchtlingen mithelfen. Ich wäre nicht so bequem, würde nicht an Kaffee und Donuts und Ausschlafen am Samstag hängen. Ich würde wirklich was tun. Ich wäre so wie die Heiligen. Aber ich liebe nicht wirklich.

Hier stecken mehrere Denkfehler drin:

1) Das Bessere wird als der Feind des Guten hingestellt.

Dabei ist es das nicht. Es gibt viele legitime Wege im Leben – manche sind gut, und manche sind besser, aber alle sind legitim. Es mag besser sein, auch in Werktagsmessen zu gehen statt nur in die Sonntagsmesse, aber es ist schon gut, in die Sonntagsmesse zu gehen, nicht schlecht. Es mag besser sein, in der Fastenzeit auf Alkohol und Süßigkeiten zu verzichten statt nur auf Alkohol, aber auch der bloße Verzicht auf Alkohol ist gut. Etwas Gutes wird nicht dadurch schlecht, dass es etwas noch Besseres gäbe. Das ist ein uraltes katholisches Prinzip. Das gottgeweihte Leben, z. B. in einem Orden, wurde in der Kirche immer als eine höhere, bessere Berufung als die Ehe angesehen, aber deswegen ist die Ehe trotzdem gut, und notwendig, und die Berufung sehr vieler Christen.

2) Man verausgabt sich, wenn man immer nach dem noch Besseren sucht.

Wenn man den bestmöglichen Weg finden will, begibt man sich auf eine aussichtslose und frustrierende Suche, die einen manchmal auch daran hindern kann, sich auf das Gute zu konzentrieren, das man schon hat. Sagen wir mal, man verzichtet in der Fastenzeit statt wie bisher auf Süßigkeiten und Gebäck auf Kaffee und Frühstück am Morgen, und als Resultat ist man jeden Morgen gestresst und müde und zickig zur Familie. So wird das Gute beeinträchtigt, weil man unbedingt das Bessere suchen musste.

3) Es ist ein logischer Fehlschluss, anzunehmen, dass das Unangenehme immer das moralisch Bessere wäre. Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen; das eigentliche Ziel aller Seiner Gebote ist das wahre Glück des Menschen. Sicher kann das auch mal heißen, gewisse Nachteile oder Mühen auf sich zu nehmen, die sich langfristig auszahlen, und manchmal wird das Tun des Guten einen in diesem Leben aufgrund der Umstände oder des Verhaltens anderer Menschen nicht gerade glücklich machen – da müsste man bloß mal die im Priesterblock in Dachau inhaftierten Priester fragen – aber Gott legt es nicht darauf an, uns mit seinen Regeln zu quälen. Wenn wir ein bequemes Leben haben sollten, muss das nicht heißen, dass wir etwas falsch machen. Um auf eins der Beispiele von oben zurückzukommen: Es ist eben nicht falsch, kein fünftes Kind mehr zu bekommen, wenn es der Familie so mit vier Kindern soweit gut geht. Wieso sollte es einem nicht gut gehen dürfen?

Fasten etc. ist eine hin und wieder sehr wertvolle Übung, um sich daran zu gewöhnen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, aber die Welt und alles in ihr, was man genießen kann, ist nicht schlecht. Wir sind keine Gnostiker oder Manichäer.

4) Nur weil ein Gedanke da ist, heißt das noch nicht, dass er der Realität entspricht. Nur weil mir der Gedanke an strenges Fasten in den Kopf kommt, und dann der Gedanke, dass das eine Eingebung von Gott gewesen sein könnte, muss es noch lange keine solche Eingebung gewesen sein. Gedanken kommen und gehen. Man hat diese Assoziation, dann jene, dann schwirrt einem dieser Gedanke in den Kopf… Zwangskranke leiden oft an einer Art „magischem Denken“ – weil mir der Gedanke gekommen ist, dass meine Eltern auf der Heimfahrt von den Verwandten einen Unfall haben könnten, entspricht dieser Gedanke auch der Realität, und ich muss sofort einen Rosenkranz beten, um die Gefahr abzuwenden, und wenn sie heil ankommen, dann zeigt das, dass es funktioniert hat. Man lädt alles und jedes mit einer Bedeutung auf, die es wahrscheinlich gar nicht hat.

5) WAS NICHT GEBOTEN IST, IST NICHT GEBOTEN. PUNKT.

Die einzelnen Gebote bauen auf dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe auf; aber dieses Doppelgebot sollte nicht dazu dienen, sie zu umgehen und noch weitere Gebote aufzustellen, wo es keine gibt. Die „Wenn ich wirklich lieben würde…“-Argumentation ist Unsinn.

Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae (II/II 184,2 ; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS184.html#SSQ184OUTP1 ) von den unterschiedlichen Formen der Vollkommenheit, die dem Menschen in diesem Leben und dem zukünftigen möglich sind. Die unterste Form, die jedem Menschen in diesem Leben schon möglich ist, besteht laut Thomas darin, alles aus dem Weg zu räumen, was der Liebe direkt entgegensteht, d. h. Todsünden. Das klingt ein bisschen nach „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt“ – was aber nicht ganz stimmt, wenn man bedenkt, dass Todsünden auch Unterlassungssünden sein können; dazu, Todsünden zu vermeiden, wird also auch gehören, bestimmte Dinge zu tun (z. B. die zentralen Pflichten gegenüber der Familie zu erfüllen). Die Liebe wird also zunächst mal dadurch verwirklicht, dass man Gottes Gebote hält – „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ (Johannes 14,21) – und Gott sagt uns ganz klar, was seine Gebote sind; Er bürdet uns nicht die unmögliche Aufgabe auf, herauszufinden, was wir tun sollten, wenn wir wirklich-ganz-ehrlich-so-richtig lieben würden und so richtig gute Christen wären. Es gibt genug wahre Gebote; was den Rest des Lebens angeht, lässt Er uns auch Freiheit.

Think about it: Wir würden es als Zeichen nehmen, dass Eltern ihr Kind nicht lieben, wenn sie es vernachlässigen oder misshandeln würden, aber man könnte nicht sagen, dass sie es nicht lieben würden, nur weil sie nicht ihr Allermöglichstes täten, um es auf die beste Privatschule zu schicken und für seine maßgeschneiderte Förderung zu sorgen. Es ist natürlich nicht schlecht, wenn einige Eltern ganz besonders viel für ihr Kind tun, aber deswegen könnte man andere Eltern nicht allesamt in die Reihe der schlechten Eltern einreihen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Etwas, das keine Todsünde ist, ist keine Todsünde, und kann einen nicht in die Hölle bringen, ebensowenig, wie das Jugendamt Eltern ihr Kind wegnehmen würde, weil sie sich nicht im Elternbeirat engagieren.

In der Moraltheologie unterschied man früher gerne zwischen den gebotenen Werken und den sog. „Werken der Übergebühr“ oder „supererogatorischen Werken“, die nicht geboten, sondern höchstens empfohlen sind. Es ist löblich, mehr zu tun, als verlangt ist – aber man ist kein schlechter Mensch, wenn man es nicht tut.

6) Zudem sollten wir uns nicht durch Angstgedanken dazu treiben lassen, solche Werke der Übergebühr zu tun, um nur ja nichts falsch zu machen. Sie sollten im Idealfall einer anderen Motivation entspringen. Man sollte sich in Freiheit dafür entscheiden.

7) Wenn man also ein „Werk der Übergebühr“ tun möchte (in Freiheit), muss man im Hinterkopf behalten, dass man sie nie alle tun kann, und sie auch nicht alle tun muss. Zum Beispiel könnte man sich entscheiden, in der Fastenzeit auf Süßigkeiten, Alkohol und Fleisch zu verzichten, dafür aber am Dienstagabend weiterhin Netflix schauen, statt in die Werktagsmesse zu gehen. Oder man könnte jeden Sonntag den Rosenkranz beten, die Novene, auf die man letztens gestoßen ist, aber links liegen lassen. Es gibt viele legitime Möglichkeiten.

8) Das ganze Grübeln lähmt einen letztlich nur, was auch nicht zu größerer Tugendhaftigkeit beiträgt.

Aus dem Denzinger: Der Heilige Stuhl über Duelle (19. Jahrhundert)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Auch in früheren Zeiten lagen die Gesellschaft und die Kirche nicht immer auf einer Linie – ein Paradebeispiel wäre die in der feinen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts weitgehend anerkannte Praxis des Duells. Dazu schreibt Leo XIII. ausführlich:

 

„…Beide göttlichen Gesetze, sowohl dasjenige, das durch das Licht der natürlichen Vernunft, als auch [jenes], das durch die unter göttlichem Anhauch verfaßte Schrift verkündet wurde, verbieten strikt, daß einer außerhalb eines öffentlichen Verfahrens einen Menschen tötet oder verwundet, es sei denn, durch Notwendigkeit gezwungen, um sein Leben zu verteidigen. Die aber zu privatem Kampfe aufrufen oder einen angebotenen annehmen, betreiben dieses, richten – durch keine Notwendigkeit gebunden – Sinn und Kräfte darauf, dem Gegner das Leben zu entreißen oder wenigstens eine Wunde beizubringen.

Beide göttlichen Gesetze untersagen ferner, daß einer sein Leben leichtfertig preisgibt, indem er es schwerer und offenkundiger Gefahr aussetzt, obwohl keine Spur von Pflicht oder großherziger Liebe dazu rät; diese blinde, lebensverachtende Leichtfertigkeit aber wohnt der Natur des Duells eindeutig inne.

Daher kann es niemandem unklar oder zweifelhaft sein, daß auf diejenigen, die sich privat auf einen Einzelkampf einlassen, beides fällt, sowohl der Frevel des fremden Unglücks als auch die freiwillige Gefährdung des eigenen Lebens. Schließlich gibt es kaum eine Pest, die der Verfassung des bürgerlichen Lebens mehr zuwiderläuft und die gerechte Ordnung des Staates verkehrt als die den Bürgern zugestandene Erlaubnis, daß jeder mit privater Gewalt und Hand als Anwalt seines Rechtes und Rächer seiner Ehre, die er verletzt glaubt, auftritt.…

Auch für jene, die einen angebotenen Kampf annehmen, genügt als begründete Entschuldigung nicht die Angst, weil sie fürchten, sie würden allgemein für träge gehalten werden, wenn sie den Kampf verweigerten. Denn wenn die Pflichten der Menschen an den falschen Meinungen der Menge zu bemessen wären, nicht an der ewigen Norm des Rechten und Gerechten, gäbe es keinen natürlichen und wahren Unterschied zwischen sittlich guten Handlungen und schändlichen Taten. Selbst die heidnischen Weisen haben sowohl erkannt als auch gelehrt, daß die trügerischen Urteile der Menge von einem tapferen und standhaften Manne zu verschmähen seien. Vielmehr ist es begründete und heilige Furcht, die den Menschen von ungerechtem Mord abhält und ihn um sein eigenes Heil und das der Brüder besorgt macht. Ja, wer die eitlen Urteile der Menge verschmäht, wer lieber die Schläge der Schmähungen auf sich nehmen will, als in irgendeiner Sache die Pflicht vernachlässigen, der besitzt offensichtlich eine weit höhere und erhabenere Gesinnung als wer, durch ein Unrecht gereizt, zu den Waffen rennt. Ja, wenn man es recht beurteilen will, so ist es sogar jener allein, in dem die gediegene Tapferkeit aufstrahlt, jene Tapferkeit, sage ich, die wahrhaft Tugend genannt wird und deren Begleiter ein Ruhm ist, der nicht eitel, nicht trügerisch ist. Die Tugend nämlich besteht im Gut, das mit der Vernunft übereinstimmt, und wenn er nicht auf dem Urteil des zustimmenden Gottes beruht, ist jeder Ruhm töricht.“

(Leo XIII., Brief an die Bischöfe Deutschlands und Österreichs, 1891; in: DH 3272-3273)

 

Schon ein paar Jahre zuvor musste sich das Heilige Offizium – Vorgängerbehörde der Glaubenskongregation – mit speziellen Fragen zum Umgang mit Duellen beschäftigen. Zu dieser Zeit bestanden bereits sehr strenge Regeln für alle daran Beteiligten – sie zogen sich automatisch die Exkommunikation zu. Daher kamen folgende Fragen auf:

 

„Fragen:

1. Kann ein Arzt auf Bitten der Duellanten einem Duell beiwohnen mit der Absicht, dem Kampf schneller ein Ende zu setzen oder einfach die Wunden zu verbinden und zu heilen, ohne sich die dem Papst auf einfache Weise vorbehaltene Exkommunikation zuzuziehen?

2. Kann er wenigstens, ohne beim Duell anwesend zu sein, sich in einem benachbarten Haus oder an einem nahegelegenen Ort aufhalten, ganz nahe und bereit, seinen Dienst zu leisten, wenn ihn die Duellanten nötig haben?

3. Wie [steht es] mit einem Beichtvater unter denselben Bedingungen?

Antwort:

Zu 1. Er kann es nicht und zieht sich die Exkommunikation zu.

Zu 2. und 3. Insofern es auf Abmachung hin geschieht, kann er es gleichfalls nicht und zieht sich die Exkommunikation zu.“

(Antwort des Hl. Offiziums an den Bischof von Poitiers, 1884; in: DH 3162)

 

Man könnte die Antwort des Hl. Offiziums mit der Regelung des hl. Johannes Pauls II. zur Schwangerenberatung vergleichen: Katholische Beratungsstellen in Deutschland dürfen keine Beratungsscheine ausstellen, da sie damit helfen würden, die Voraussetzungen für eine straffreie Abtreibung zu schaffen, auch wenn sie in der Beratung versuchen sollten, die Schwangere zu einer Entscheidung für ihr Kind zu ermutigen, da sie damit ein unmenschliches System legitimieren würden. Sie sollen beraten; aber sie dürfen keine Scheine ausstellen, die zur Abtreibung berechtigen. Ebenso sollte damals ein katholischer Arzt oder Priester nicht an der Vorbereitung eines Duells beteiligt sein; sicher dürfte er helfen, wenn er hinterher gerufen werden würde, aber er dürfte sich nicht extra bereithalten, und dem Ganzen damit einen Anschein von Legitimität verleihen – zumal es die beiden Gegner vielleicht eher noch zur Einsicht bringen könnte, wenn sie niemanden finden würden, der im Notfall zur Wundversorgung bzw. für die Sterbesakramente bereitstehen würde.

Man soll nicht alles glauben, was in der Zeitung steht

…hat man mir beigebracht, vor allem bezogen auf die Lokalnachrichten im örtlichen Käseblatt. Insbesondere aber sollte man nicht glauben, dass alles, was man wissen muss, in der Zeitung steht. Bei einem Thema ist das besonders auffällig.

Gerade berichten Medien (und zwar private wie die Welt (https://www.welt.de/politik/ausland/article174860387/Schwangerschaftsabbruch-Polen-gehen-in-Massen-auf-die-Strasse-gegen-ein-neues-Abtreibungsgesetz.html) ebenso wie öffentlich-rechtliche wie die Tagesschau (http://www.tagesschau.de/ausland/polen-327.html)) über eine Demonstration in Polen gegen die strengen Abtreibungsgesetze des Landes. Wenn man dagegen von einer Demonstration in Irland mit etwa doppelt so vielen Teilnehmern für die Beibehaltung der strengen Abtreibungsgesetze (genauer: des 8. Verfassungszusatzes, der Ungeborene schützt und zu dem bald eine Volksabstimmung stattfinden soll), erfahren will, muss man schon die Irish Times oder andere irische/englischsprachige Medien konsultieren (https://www.irishtimes.com/news/ireland/irish-news/rally-for-life-told-10-weeks-left-to-save-eighth-amendment-1.3422543 , https://rallyforlife.net/march-save-8th/). Auch der „Marsch für das Leben“ in Berlin mit ca. 7000 Teilnehmern wird von den meisten Medien jedes Jahr wieder konsequent ignoriert; ebenso ergeht es dem „March for Life“ in Washington D. C. mit jährlich etwa einer halben Million. Gleichzeitig wird ausgiebig über den „Women’s March“ oder den „March for our lives“, der sich für strengere Waffengesetze einsetzt, berichtet; Desinteresse an der amerikanischen Politik kann’s also nicht sein.

Dass die Medien, na ja, nicht immer vollkommen ausgewogen berichten oder ihre Informationen auf dem neuesten Stand haben, ist zwar nichts Neues. Katholiken wissen seit langem, dass die Kirchenfeindlichkeit vieler Journalisten nur durch ihre Ahnungslosigkeit übertroffen wird. Die Tagesschau redet, wenn sie anlässlich des Reformationsjubiläums erklären will, was der Ablass ist, schon mal von „Sündenvergebung gegen Geld“, während selbst Wikipedia weiß, dass es sich dabei um den „Erlass zeitlicher Sündenstrafen“, nicht die Vergebung der Sünden, handelt. Wikipedia. (https://de.wikipedia.org/wiki/Ablass) Juden müssen damit leben, dass „Israelkritik“ dem braven Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen in Fleisch und Blut übergegangen ist, palästinensische Terrorakte verharmlost werden und man sich mit Berichten über Antisemitismus von muslimischer oder linker Seite sehr, sehr schwer tut. Auch Wissenschaftsartikel in sämtlichen nicht-wissenschaftlichen Publikationen sind so eine Sache – man müsste mal eine Studie darüber erstellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Studie zu den Ursachen von Krebs oder dick machenden Lebensmitteln, über die ein Artikel berichtet, a) eigentlich etwas anderes aussagt als der Artikel suggeriert, b) gar nicht ausreicht, um abschließende Aussagen zu machen, c) inzwischen in Fachkreisen als methodisch unzulänglich erwiesen wurde, oder d) durch die Ergebnisse einer Metastudie widerlegt wurde. Jedenfalls sind weder weltanschauliche Vorurteile noch Ahnungslosigkeit, Übertreibungen und Clickbaiting im Journalismus etwas Ungewohntes.

Aber besonders beim Thema Abtreibung ist das Verhalten der Medien schon auffällig. Meistens redet man einfach nicht drüber. Sogar Pegida oder „Kandel ist überall“ wird deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet als etwa dem „Marsch für das Leben“. Und wenn sich das Thema Abtreibung mal doch nicht vermeiden lässt, redet man eben über Frauenrechte und Selbstbestimmung, versichert sich, dass man auf der Seite des Fortschritts steht, und vermeidet es, den eigentlichen Vorgang einer Abtreibung anzusprechen. Die Lebensrechtsbewegung taucht eventuell mal in einem Nebensatz auf, wenn man Artikel über Pro-Choice-Demos schreibt; ihre Argumente behandelt man lieber überhaupt nicht erst. Erst recht gibt man nicht zu, dass Lebensrechtler selber davon überzeugt sein könnten, unschuldiges Leben zu verteidigen, sondern unterstellt ihnen grundsätzlich sinistre Motive, meistens Frauenhass. Man kann sie nicht als fehlgeleitete Idealisten behandeln, die man nur auf die Fakten hinweisen müsste, weil gerade die Fakten für sie sprechen würden, wenn man sich trauen würde, die anzusehen. Also redet man ihre Motive schlecht, um sie zu diskreditieren. Man fühlt sich unbehaglich und meidet das Thema oder zumindest seinen zentralen Punkt. Es wird nicht viel darüber gesprochen, ab wann der Mensch ein Lebensrecht haben soll; dieser Frage wird mit lauter Scheinargumenten ausgewichen. Sollen Kinder in Armut oder mit Behinderungen aufwachen? – Wenn sie schon ein Lebensrecht haben, darf man sie nicht töten, auch wenn sie mit Armut oder Behinderungen leben. Was ist mit der Selbstbestimmung der Mutter? – Wenn ihr Kind schon ein Lebensrecht hat, darf sie es nicht töten. Männer sollen sich aus der Diskussion heraushalten!* – Wenn das Kind schon ein Lebensrecht hat, ist es egal, welches Geschlecht derjenige hat, der sich für dieses Lebensrecht ausspricht. Um kein Lebensrecht zugeben zu müssen, faselt man vielleicht noch von Zellklumpen, die tatsächliche embryonale Entwicklung (Herzschlag ab der 6. Woche usw.) verschleiernd und nicht definierend, ab wann ein Mensch dann kein Zellklumpen ohne Lebensrecht mehr sein soll. Wie eine Abtreibung funktioniert, erfährt man bei solchen Leuten nie. Ich erinnere mich immer noch an mein Biologiebuch aus der 8. Klasse, das eine Abtreibung mit dem bemerkenswerten Satz beschrieb: „Die Frucht stirbt dabei ab.“ Nix von durch Saugluft ausgerissenen Armen und Beinen.

Wegen alldem ist es so wichtig, dass die Lebensrechtsbewegung dafür sorgt, dass über das Thema gesprochen wird. Jeder, der ehrlich ansieht, was bei Abtreibungen geschieht, muss sich eingestehen, dass da ein Mensch getötet wird, und mit etwas Glück wird er gegen die Tötung eines Menschen noch gewisse ethische Bedenken haben. Aber in einer Gesellschaft, die Abtreibungen seit Jahrzehnten normalisiert hat, will man sich das eben nicht eingestehen.

 

* Als ob Frauen – wie ich – nicht pro-life sein könnten. Als ob auch nur eine deutliche Mehrzahl der Pro-Lifer Männer wären.

Wie sagt ihr’s euren Kindern?

Ende der 90er war meine Mutter mit ihrem letzten Kind schwanger (dem fünften, wenn man eine frühe Fehlgeburt mitrechnet). In der mutmaßlich 17. Schwangerschaftswoche machte ihr Frauenarzt bei ihr den mit gewissen Unsicherheiten behafteten Triple-Test; sie war gerade erkältet und man war sich bei ihr bei der genauen Wochenzahl sowieso nie sicher, was beides die Testergebnisse noch mehr verunklaren kann. Jedenfalls kam heraus, dass das Kind möglicherweise das Downsyndrom haben könnte, und der Arzt schickte sie zu einer Fruchtwasseruntersuchung in die nächste Großstadt, mit der Begründung, dass sie, wenn sie über eine Behinderung Bescheid wisse, gleich in einer speziellen Klinik entbinden könnte. Die Ärztin in der Großstadt fragte sie dann, ob sie die Schwangerschaft abbrechen wollte, falls herauskäme, dass das Kind behindert wäre. Meine Mutter antwortete, nein, natürlich nicht. Wieso sie diese Untersuchung dann überhaupt machen lasse?, wurde sie gefragt. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde sie über das Fehlgeburtsrisiko bei Fruchtwasseruntersuchungen aufgeklärt. Am Ende machte die Ärztin bei ihr einen 3D-Ultraschall, das Ergebnis war gut, aber sicher konnte man natürlich mit dieser Methode nicht sein. Meine Mutter legte damals das Versprechen ab, dass sie, wenn das Kind nicht behindert sein sollte, einmal im Jahr an einer Wallfahrt teilnehmen würde.

Meine kleine Schwester kam dann kerngesund zur Welt und meine Mutter hat ihr Versprechen gehalten.

Wieso erzähle ich das? Na ja, das ist eine Geschichte, die man bei uns, wenn die Familie zusammensitzt und man über alte Familiengeschichten redet, problemlos erzählen kann. Als meine Mutter letztens einmal ausführlich von alldem erzählt hat – erst da habe ich übrigens erfahren, wie spät sie über die Risiken einer Fruchtwasseruntersuchung aufgeklärt wurde -, war meine kleine Schwester auch dabei und sagte einmal: Aber ihr hättet mich ja eh nicht abtreiben lassen, oder? Nein, natürlich hätten wir das nicht, konnte meine Mutter sagen.

Wie ist das bei Eltern, die wegen einem Verdacht auf Downsyndrom eine Fruchtwasseruntersuchung machen haben lassen, mit der Absicht, abzutreiben, wenn sich der Verdacht bestätigen sollte? Sagen wir mal, es stellte sich heraus, ihr Kind war gesund; wie erklären sie ihrem fünfzehn- oder achtzehn- oder zweiundzwanzigjährigen Kind dann die Situation von damals? „Wir hätten dich abtreiben lassen, aber zum Glück gab es keinen Anlass dazu“?

Und was ist mit den Eltern, die tatsächlich ein Downsyndrom-Kind haben abtreiben lassen? Werden sie seinen Geschwistern gegenüber jemals davon reden? „Es war besser so, euer Bruder hätte mit einer Behinderung leben müssen“?

90% aller Kinder mit Downsyndrom werden abgetrieben; dabei können die lebenden Menschen mit Downsyndrom ein glückliches Leben führen. 90%, obwohl in Deutschland die eugenische / embryopathische Indikation längst aus dem Gesetzbuch gestrichen wurde. Mit der stattdessen nun von Ärzten herangezogenen offiziellen Begründung, dass ein behindertes Kind die psychische Gesundheit der Mutter beeinträchtigen würde, können schon bei einem Verdacht auf Downsyndrom Kinder noch sehr spät in der Schwangerschaft abgetrieben werden.

Die Abtreibungszahlen in Deutschland sind unglaublich hoch; nach offiziellen Angaben allein 100.000 pro Jahr, wobei nicht alle Abtreibungen statistisch erfasst werden. Über die Jahrzehnte sind das sehr, sehr viele Kinder gewesen. Die meisten davon keine Downsyndrom-Kinder, ich weiß. Aber das Thema Abtreibung allgemein betrifft sehr, sehr viele Frauen und Männer in Deutschland – Mütter, Väter, deren Angehörige und Freunde, Ärzte, Pflegepersonal… Also: Wenn ihr mal eine Abtreibung habt vornehmen lassen, in jungen Jahren, weil es da gerade nicht gepasst hat, aber ihr euch gesagt habt, dass ja später vielleicht einmal der richtige Zeitpunkt für ein Kind kommen würde – werdet ihr gegenüber den Kindern, die später zum richtigen Zeitpunkt gezeugt wurden, jemals darüber reden? Wie sagt ihr’s euren Kindern?

Was ist „geistlicher Missbrauch“?

  • Wenn man von der Familie oder den Freunden isoliert wird
  • Wenn man am besten alle Kontakte zu Außenstehenden oder – noch schlimmer – Aussteigern abbrechen soll
  • Wenn man davor gewarnt wird, dass Außenstehende, die vielleicht in Zukunft versuchen könnten, einen von der Gruppe abzubringen, vom Teufel gesandt wären und man sie gar nicht anhören dürfte
  • Wenn einem klar ist, dass man die Freundschaft der anderen Mitglieder automatisch verlieren würde, sobald man aus der Gruppe aussteigen würde
  • Wenn die Kleinigkeiten des Alltagslebens überwacht werden
  • Wenn eine Gruppe Druck ausübt, um die gesamte freie Zeit zu beanspruchen
  • Wenn man gedrängt wird, in Gruppensitzungen alle seine Sünden oder Probleme aufzudecken, auch wenn man sich dabei nicht wohl fühlt
  • Wenn solche vertraulichen Informationen dann unangekündigt vom Gruppenleiter an andere weitergegeben werden und später dazu verwendet werden, Kontrolle über einen auszuüben
  • Wenn ehrliche Fragen (Wieso lässt ein guter Gott Leid zu? Will Gott wirklich von mir, dass ich dieser speziellen Gruppe folge? Ist es wirklich eine Pflicht der Sittsamkeit für Frauen, nur Röcke und keine Hosen zu tragen?) nicht ernst genommen und beantwortet, sondern wie Vergehen behandelt werden
  • Wenn einem, sobald man Einsprüche wagt, Kritik äußert oder versucht, auf seinen Rechten zu bestehen, oder auch, sich gegen Vorwürfe zu verteidigen, die gegen einen erhoben werden, gesagt wird, man sei rebellisch, ungehorsam, hochmütig oder stelle sich gegen den Heiligen Geist, kurz, man sei selber das Problem
  • Wenn Leiter nicht hinterfragt werden dürfen und niemandem rechenschaftspflichtig sind
  • Wenn Leiter beanspruchen, dass Gott / der Heilige Geist / whatever in allen ihren Entscheidungen direkt durch sie spreche – oft, ohne dass sie irgendwelche Beweise dafür bringen müssen, dass Gott sie auf diese Weise auserwählt hat
  • Wenn gesagt wird, man müsste den Leitern oder anderen Autoritätspersonen auch dann gehorchen, wenn sie Unsinniges oder sogar Sündhaftes befehlen würden – vor Gott wäre man nur dafür verantwortlich, zu gehorchen; alle Sünden, die man dabei vielleicht begehen würde, würden einem nicht angerechnet werden
  • Wenn Informationen über Aufbau und Praktiken der Organisation geheim gehalten werden sollen
  • Wenn vor einem selbst beim Eintritt in die Organisation noch manche wichtige Dinge geheim gehalten werden, die man erst auf einer späteren Stufe der Initiation erfahren soll
  • Wenn gleich mal mit der Hölle gedroht wird – z. B. dafür, dass man nicht oft genug an der Haustürmission teilnimmt oder dabei nicht genügend Bekehrungserfolge vorweisen kann. Solche Drohungen können subtil oder weniger subtil sein. Gerne wird auch mal die Drohung von der unwiderruflichen Verdammnis verwendet – sprich, man bezeichnet ein bestimmtes Fehlverhalten als die unvergebbare Sünde, als die „Sünde gegen den Heiligen Geist“. [Die katholische Kirche interpretiert diese Bibelstelle übrigens ganz anders: Jede Sünde wird bei Reue vergeben werden, die Sünde gegen den Heiligen Geist meint einfach nur Reuelosigkeit, mit dem alten Ausdruck „Unbußfertigkeit“.]
  • Wenn man gedrängt wird (vielleicht auch mithilfe von impliziten oder expliziten Höllendrohungen), Fehlverhalten von Leitern – ob es sich dabei um Zweckentfremdung von Spendengeldern, außereheliche Affären oder sogar den sexuellen Missbrauch von Kindern handelt – nicht publik zu machen, um der Organisation oder der „Sache Gottes“ nicht zu schaden
  • Wenn man nach außen hin nicht von irgendwelchen Problemen in der Organisation sprechen soll

Zusammengefasst: Abschottung, erzwungene Intimität, Kontrolle, Manipulation, Anmaßung von absoluter Autorität, Drohungen, Geheimhaltung – das alles sind typische Beispiele für das, was man als „geistlichen Missbrauch“ bezeichnet.

Solche Dinge sind normalerweise Kennzeichen von Gemeinschaften, die man im allgemeinen Sprachgebrauch als „Sekten“ bezeichnet – aber es gibt sie nicht nur dort. Auch in Organisationen innerhalb der katholischen Kirche kann es gelegentlich dazu kommen. Die Legionäre Christi (und ihr Laienapostolat Regnum Christi) wären ein Beispiel: Gegründet von einem Kinderschänder, der ein Doppelleben führte und einen autoritären Personenkult um sich selbst aufbaute. Kinder in den Internaten der Legionäre wurden oft auf totalen Gehorsam getrimmt und durften wenig Kontakt zu ihren Familien haben, dem Anwerben von neuen Mitgliedern und – vor allem – von Spenden wurde oft mehr Bedeutung zugemessen als allem anderen, die Legionäre wurden als die einzig wahren Katholiken dargestellt, es gab ein spezielles Gelübde der „Nächstenliebe“, das vorschrieb, Kritik an Vorgesetzten nur mit diesen selbst zu besprechen, und Vorgesetzte waren gleichzeitig Beichtväter – ganz anders als etwa in jedem normalen Priesterseminar. Solche Regeln mussten immerhin durch die von Rom erzwungenen Reformen nach dem Bekanntwerden von Maciels Vergehen geändert werden; ich weiß nicht, ob die Legionäre sich inzwischen auch wirklich in der Tiefe erneuert haben. (Dass erst dieses Jahr der Rektor ihres Priesterseminars seine Amtszeit noch beenden durfte, nachdem er seinen Ordensoberen bereits mitgeteilt hatte, dass er ein Kind gezeugt hatte,  was diese auf seinen Wunsch hin erst einmal vertraulich behandelten (http://www.kath.net/news/61242 ), spricht nicht unbedingt für den Orden. Aber ich kenne mich sonst nicht näher mit seinem jetzigen Zustand aus.)

Die Legionäre sind allerdings nicht die einzige Gemeinschaft, die in der Hinsicht kritisiert wird. Der Neokatechumenale Weg zum Beispiel hat ebenfalls keinen einwandfreien Ruf (https://de.wikipedia.org/wiki/Neokatechumenaler_Weg#Inhaltliche_Kritik ). Und natürlich kann es auch mal in normalen Pfarreien, kirchlichen Vereinen oder Klöstern, wenn es dort entsprechend machtbewusste Persönlichkeiten gibt, zu geistlichem Missbrauch kommen.

Ich habe so etwas persönlich noch nie erlebt, sondern nur von Erlebnissen anderer gehört und gelesen. Aber ich finde, es ist wichtig, die Anzeichen zu kennen – nur für den Fall, dass man mal in eine interessante neu gegründete geistliche Gemeinschaft hineingerät, die dann anfängt, immer stärkere Kontrolle über das Alltagsleben zu verlangen, unter dem Deckmantel, einem zur Heiligung zu verhelfen. Nein, zur Heiligung ist es eben nicht nötig, alle seine Sünden öffentlich in einer Gruppe, vor Leuten, die man kaum kennt, darzulegen und dann die ganze Fastenzeit über nur Wasser und Brot zu sich zu nehmen, weil das dem Gruppenleiter als die beste Übung der Demut für einen vom Heiligen Geist persönlich offenbart worden ist.

Sektenartige Gemeinschaften oder sehr autoritäre Kleriker haben natürlich eine gewisse Anziehungskraft: Sie machen ernst. Sie sind radikal. Sie stellen das ganze Leben unter Gottes Willen. Aber Gottes Wille ist eben nicht automatisch der Wille eines Katecheten beim Neokatechumenalen Weg. Es gibt Gründe, wieso es in der Kirche zum Beispiel das Beichtgeheimnis gibt, und wieso sie genau festgelegt hat, was Sünden sind und wo im Gegenzug jeder seinen eigenen Weg finden darf: Um die Leute vor so etwas zu schützen. Nicht, dass zusätzliche persönliche Gelübde, oder der Anschluss an Gruppen, in denen man zusätzliche persönliche Gelübde macht, generell schlecht wären, das würde niemand behaupten; oft geht das Schlechte erst da los, wo ein solcher Weg nicht mehr als ein Weg unter vielen in der Kirche, sondern als der einzig wahre katholische Weg dargestellt wird, als etwas, das man nicht ausschlagen kann, ohne das eigene Heil zu gefährden. Oft erkennt man fragwürdige Gemeinschaften auch an ihrem Verhalten gegenüber kritischen Bischöfen: Sie akzeptieren keine Verurteilungen, stellen sich grundsätzlich als die Opfer hin, wenn sie kritisiert werden, als Märtyrer, als die letzte Bastion Gottes, die vom Satan in Gestalt der Kirchenhierarchie angegriffen wird. Mit Gehorsam ist es dann nicht mehr weit her.

Fazit: Prüfet alles, das Gute behaltet. Auch bei geistlichen Gemeinschaften. Manche von ihnen, wenn sie sich selbst absolut setzen, können einem authentischen katholischen geistlichen Leben im Weg stehen, statt dabei zu helfen.

Woher wissen wir, was richtig und was falsch ist?

Eine Antwort an Muriel, auf die Frage, woher man als Katholik/Christ/Theist seine Moral herleitet. Ich hoffe, es ist alles verständlich erklärt, ich bin heute schon etwas müde.

Im Kommentarbereich von meinem – eigentlich Nepomuks – letzten Beitrag (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/01/zu-gaudete/) wurden einige Fragen aufgeworfen: Was ist das Naturrecht? Weiß man als Christ nur durch Gottes Offenbarung, was richtig oder falsch ist? Und wie leitet man eine atheistische Moral her? Weil das alles ausführliche Antworten erfordert, antworte ich in einem eigenen Beitrag.

Die letzte Frage hat Muriel hier (https://ueberschaubarerelevanz.com/2010/07/28/abfalle-zur-verwertung-sind-abfalle-die-verwertet-werden/) für sich beantwortet: Moral ist eine gesellschaftliche Vereinbarung, die dem Gemeinwohl dient.

„Niemand will ermordet werden, und niemand will, dass andere ihm sein Zeug wegnehmen. Und deshalb formen wir Gesellschaften, in denen wir übereinkommen, uns nicht gegenseitig umzubringen, und uns nicht unsere Sachen wegzunehmen. […] Und so kann man, finde ich jedenfalls, sehr gut vernünftig begründen, was man für ethisch hält und was nicht.

Der Maßstab unserer ethischen Regeln sollten ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sein, und unsere Vorstellungen davon, wie eine gute Gesellschaft aussieht. Selbstverständlich kommt dabei nicht heraus, dass man Ethik quasi wissenschaftlich erforschen kann. Man hat am Ende nicht einen ehernen Regelkanon, der für alle Zeiten so bleiben kann. Wir werden immer wieder neu entscheiden müssen, wie wir unser Zusammenleben gestalten wollen. Gewiss sind wir uns dabei nicht immer einig, und deshalb werden wir niemals endgültig wahre Antworten finden. In gewisser Weise ist das vielleicht eine Schwäche des Systems, aber es ist eine Schwäche, die es mit allen anderen gemeinsam hat. Eine absolute Quelle für unfehlbare Moral gibt es nicht, und wer so tut, setzt damit nur – bewusst oder unbewusst – seine eigenen subjektiven Vorstellungen absolut, ohne diese vernünftig begründen zu können.“

Im selben Beitrag kritisiert Muriel andere Ansichten zur Begründung von Moral:

„Es gibt Leute, die glauben, Moral käme von Gott. Und dann gibt es andere, die glauben, Moral käme aus der Natur, und noch mal andere, die glauben, Moral wäre willkürlich und zufällig und könnte jedenfalls nicht rational begründet werden. Ihr werdet es euch denken können: Die haben alle Unrecht.

Es ist so eine Sache, die ich mich angesichts der Geschichte von den sogenannten zehn Geboten schon immer gefragt habe: Sollen wir wirklich glauben, dass die Israeliten vorher nicht wussten, dass es nicht okay ist, zu töten und zu stehlen? Sollen wir wirklich glauben, dass wir einen Gott brauchen, der uns sowas sagt? Oder dass die Natur eben schon immer so war, dass niemand tötet und niemand stiehlt? Oder dass es genauso gut hätte so kommen können, dass wir eine Gesellschaft errichten, deren Bürger sich routinemäßig gegenseitig töten und bestehlen?“

 

Zur ersten Alternative: Gott als Ursprung von Moral.

Wir Katholiken glauben nicht, dass wir Gott brauchen, um zu kapieren, dass Töten und Stehlen schlecht sind. Die Ansicht, dass Moral nur das ist, was Gott zufällig befohlen hat, oder dass wir ohne Gottes Offenbarung nicht wissen könnten, was richtig oder falsch ist, ist Ketzerei. Wir besitzen Vernunft und Gewissen und es gibt das objektiv Gute, das wir mithilfe dieser Instrumente erkennen können.

Allerdings ist es natürlich sinnvoll, wenn Gott uns an die Gebote erinnert und sie uns noch einmal einschärft. Ohne diese zusätzliche Bestätigung neigen wir leicht dazu, sie zu untergraben oder beiseite zu schieben. Was ist mit dem 6. Gebot, „Du sollst nicht die Ehe brechen“, oder dem 4. Gebot, „Ehre Vater und Mutter“? Würden alle Atheisten das heute noch vorbehaltlos unterschreiben? Oder nehmen wir ruhig das scheinbar so einfache und einsichtige 5. Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Nun sehen auch wir Katholiken hier Ausnahmen im Fall von Notwehr und Nothilfe und interpretieren das Gebot als „Du sollst nicht morden“, d. h. „Du sollst niemals direkt unschuldige Menschen töten“. Aber wie geht es dann weiter, wenn es an die Frage nach, sagen wir mal, Euthanasie für ein schwer krankes Kleinkind geht? Manche Gesellschaften haben sie für sinnvoll erklärt. Was ist mit Abtreibung? Selbstmord? Beihilfe zum Selbstmord? Duellen? Hier kommen wir zu Detailfragen, die grundsätzlich auch alle durch die Vernunft lösbar sind, bei deren Lösung uns aber Gott – heute vor allem durch das Lehramt der Kirche – helfend zur Seite steht, damit wir uns nicht verzetteln. [Anmerkung: Wir Katholiken glauben nicht an den protestantischen Grundsatz „Allein die Schrift“; für uns spielt das Lehramt der Kirche bei der Auslegung der Bibel eine große Rolle. Mit einem „In der Bibel steht kein Vers über frühabtreibende Verhütungsmittel“ kann man uns also in einer Debatte zum Beispiel nicht begegnen.]

Was die Zehn Gebote angeht, sollte man übrigens sehen, dass sie nicht einfach eine Lehrpredigt für die Israeliten im Sinne von „Das hier ist Moral, merkt euch das“ sind. Hier begründet Gott am Sinai seinen Bund mit den Israeliten, und zu diesem Bund gehört auch die Verpflichtung, die grundsätzlichen moralischen Gebote einzuhalten. Hier macht Gott deutlich: Er ist nicht ein Gott, dem die Moral egal ist, dem es bloß auf die richtigen Kulthandlungen ankommt. „Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“ (Hosea 6,6) Übrigens betreffen auch nur die letzten sieben Gebote die zwischenmenschliche Moral, die ersten drei das Verhältnis zu Gott.

In einem gewissen Sinne kann man als Katholik sagen, man würde die Moral „von Gott herleiten“: Gott ist gut; Gott ist das Gute selbst, die Vernunft selbst, die Liebe selbst. (Er ist zudem der Schöpfer dieser Welt, wir sind alle nur durch Ihn gemacht; angenommen, Gott wäre nicht gut, wie wäre es uns dann möglich, das zu erkennen, da wir unsere Erkenntnisfähigkeit nur durch Ihn haben?) Aber das heißt nicht, dass wir ohne spezielle Offenbarung bezüglich der Moral im Dunkeln tappen.

 

Jetzt zur zweiten Alternative: Die Natur als Ursprung von Moral.

Wir Menschen, die wir vernunftbegabt sind, erkennen, dass es in dieser Welt viele Ungerechtigkeiten gibt. Wir erkennen, dass die Welt in ihrem derzeitigen Zustand nicht so ist, wie sie sein sollte. Das spricht gegen den Pantheismus, die Naturverehrung: Wenn wir nur aus dieser Welt hervorgegangen wären, wenn die Natur alles wäre, was es gäbe, wie könnten wir dann praktisch als Außenstehende die Natur beurteilen und erklären, dass zum Beispiel natürliche Rivalitäten zwischen Menschen, das Recht des Stärkeren im Tierreich, oder Tod und Leid im Allgemeinen schlecht sind? Wir sind übernatürliche Wesen – von Gott geschaffen. Und wir erkennen, dass das, was wir allgemein als „Natur“ bezeichnen, nicht einfach moralische Maßstäbe vorführt.

Falsche Vorstellungen von einem „Naturrecht“ sind möglich. Das beste Beispiel ist der Sozialdarwinismus. (Wobei mir nicht bekannt wäre, dass Sozialdarwinisten den traditionellen katholischen Begriff des Naturrechts je für sich übernommen hätten.) Der Sozialdarwinismus basiert auf der Überlegung: So sehen wir es in der „Natur“ (Flora und Fauna), also sollte es auch so sein (allgemein bekannt als der „naturalistische Fehlschluss“ oder „Seins-Sollens-Fehlschluss“). Einfach zu beobachten, was passiert, und das dann für gut zu erklären, ist falsch. Der Sozialdarwinismus ist reine Naturverehrung; wir Christen verehren dagegen einen Schöpfergott, der über der Natur steht.

Aber das heißt natürlich auch, dass die Natur für uns sehr wohl eine gewisse Bedeutung hat: Der gute Gott hat sie erschaffen, sie ist gut. Zwar ist die Welt auch gefallen – nicht schlecht, aber in mancher Weise verdorben – aber trotzdem sagt uns ihr Aufbau etwas über die Moral.

Wir glauben, dass Gott alle Dinge zu einem bestimmten Zweck geschaffen hat. Wir sollen gemäß unserer Natur und der Natur der Dinge leben – Natur jetzt nicht im Sinne von Flora und Fauna, sondern im philosophischen Sinn verwendet. Die Sprache zum Beispiel hat einen natürlichen Zweck – Kommunikation -, daher ist ihr Missbrauch durch Lügen falsch. Das ist der ursprüngliche Zweck der Sprache, der in ihrem Wesen liegt. Wenn man in der Natur beobachtet, dass die Leute sie nicht so verwenden, dann ändert das nichts daran, dass sie sie nicht so verwenden sollten: Das ist, kurz gesagt, der Unterschied zwischen Sozialdarwinismus und katholischem Naturrechtsdenken. Auch andere Dinge im Leben haben ihren natürlichen Zweck und sollten nicht entgegen diesem Zweck verwendet werden.

Der Begriff des Naturrechts will vor allem sagen, dass eine Tat oder Unterlassung nicht deshalb gut oder schlecht ist, weil eine Gesellschaft oder ein Gott sie für gut oder schlecht erklärt hat, sondern weil sie ihrem Wesen nach gut oder schlecht ist.

 

Auf die dritte Alternative, Moral wäre willkürlich und zufällig, brauche ich wohl nicht mehr einzugehen.

 

Daher widme ich mich jetzt Muriels eigener Vorstellung: Muriel erkennt sehr wohl selbst an, dass es etwas objektiv Gutes gibt: nämlich allgemeine Zufriedenheit, Glück, gute Lebensbedingungen: das Ziel der zu vereinbarenden Moral. Das ist jedoch schon ein „absolutes“, also praktisch naturrechtliches, Prinzip.

Nur ist es leider etwas schwammig formuliert, und es wird wenig Konkretes daraus abgeleitet. Geht es beim Maßstab der „Auswirkungen auf unsere Gesellschaft“ um Utilitarismus – das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl? Oder geht es um das Wohl jedes einzelnen Mitglieds der Gesellschaft? Das übergreifende Prinzip der christlichen Moral ist ganz einfach: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Und „lieben“ meint hier: „Jemandem Gutes wollen.“) Es geht um die konkrete Verantwortung gegenüber den einzelnen Menschen, mit denen man zu tun hat – den eigenen Familienangehörigen, Kollegen, Nachbarn -, weniger gegenüber der gesamten Gesellschaft. (Da die ja auch aus vielen einzelnen Menschen besteht, sollte das Gemeinwohl aber natürlich nicht vergessen werden.) Ich nehme mal einfach eine nicht-utilitaristische Lesart für Muriels Text an; ich denke, dass wir uns dann in den Prinzipien ziemlich einig wären. Etwa dem grundlegenden Prinzip: Was einen Menschen schädigt, ist falsch. Man müsste dann sicher noch darüber sprechen, was genau schädigt oder nicht schädigt, aber das Prinzip ist ja nicht schwer einzusehen.

Es beruht allerdings auch noch auf zwei Annahmen, die man sich noch ansehen sollte:

  1. Menschen sind wertvoll.
  2. Kein Mensch ist mehr oder weniger wertvoll als ein anderer.

Muss man diese beiden Prinzipien als Atheist zwangsläufig auch annehmen? Das erste ist wohl das schwierigere. Welchen Wert sieht man als Atheist im menschlichen Leben? Es gibt dazu sicher unter Atheisten unterschiedliche Ansichten; aber wenn man das Leben als schlecht und sinnlos ansieht, wie es manche Atheisten tun, dann ändert sich natürlich auch die Moral: Wenn es so ist, was bringt es dann etwa, anderen Menschen, zum Beispiel schwer Kranken, das Leben zu erhalten? Die Sicht auf Euthanasie beispielsweise wäre in diesem Fall eine andere als die christliche. Und das zweite Prinzip: Woher nimmt man als Atheist die Überzeugung, dass z. B. schwer behinderte Menschen ebenso wertvoll sind wie hochintelligente? Es gab und gibt Atheisten, die nicht dieser Überzeugung sind. Nein, da muss man nicht in die Vergangenheit schauen: Der australische Philosoph Peter Singer zum Beispiel sieht in behinderten Neugeborenen keinen besonderen Wert.

Ich sage nicht, dass man diese Prinzipien als Atheist nicht auch annehmen kann. Man kann sie einfach als offensichtliche Wahrheiten, die das Gewissen vorgibt, annehmen, auch als Atheist.

Wenn wir alle einfach annehmen, dass wir Gewissen und Vernunft haben, die uns einfach sagen, dass wir „unseren Nächsten lieben“ sollen „wie uns selbst“, dann wären wir uns bei der Herleitung der Moral wohl einig. Für uns Christen wird diese Moral dann durch die Überzeugungen, dass alle Menschen eine unsterbliche Seele haben, dass sie von Gott als wertvoll geschaffen sind, dass sie Gottes geliebte Geschöpfe sind, noch untermauert.

„Moral als gesellschaftliche Vereinbarung“ macht dagegen in sich keinen Sinn. Eine Gesellschaft könnte zum Beispiel vereinbaren, eine Minderheit zu unterdrücken – was offensichtlich unmoralisch wäre. Zum zweiten hat man nicht nur gegenüber Menschen, die der eigenen Gesellschaft angehören, moralische Verpflichtungen. Wie sollte man sich gegenüber jemandem verhalten, den man in einem fremden Land trifft und der andere Vereinbarungen gewohnt ist? Muss man erst neue gegenseitige Vereinbarungen treffen? Oder gibt es nicht doch universelle Prinzipien der Menschlichkeit, an die man sich halten könnte?

Muriel unterscheidet hier nicht zwischen dem positiven (=gesetzten) menschengemachten Recht, das in verschiedenen Ländern legitimerweise verschieden sein kann – Autos fahren auf der rechten Straßenseite, zur Begrüßung reicht man sich die Hand, das Staatsoberhaupt wird alle fünf Jahre vom Volk gewählt – und universellen Regeln, also dem Naturrecht – du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen. Im positiven Recht gibt es Spielraum, wobei es natürlich auf dem Naturrecht beruhen sollte.

Zu Gaudete

Ein Gastbeitrag von meinem regelmäßigen Kommentator Nepomuk in Form einer Predigt zum Gaudete-Sonntag:

Freut euch allezeit im Herrn! Noch einmal sage ich: freut euch. (Phil 4,4)

Den heutigen Sonntag nennt man Gaudete, das heißt „Freut euch!“. Das kam im Introitus. Das kam in der Lesung. Und jetzt kommt’s auch in der Predigt schon wieder. Natürlich muß es hier um die Freude gehen.

Man könnte an dieses Thema naiv herangehen und sagen: freuen, das tun wir Christen uns ja sowiesó. Könnte man. Aber es wäre naiv. Man könnte dann noch naiver auf irgendwelche Statistiken eingehen, die irgendwie (vermutlich) nahelegen würden, daß die Gläubigen fröhlicher durchs Leben gehen als die Ungläubigen; wahrscheinlich ist das auch so. Ich habe die statistische Lage nicht geprüft, aber ich meine mich zu erinnern, daß es das immer heißt. Ich weiß freilich – offen gestanden – nicht, wie die Statistiker, wenn es diese Statistiken überhaupt gibt, zu ihren Ergebnissen kommen. Ob das irgendwelche Fragebögen sind? Wie aussagekräftig das ist? Hat einer geantwortet, wie er antworten soll, weil er weiß, daß er eigentlich Grund zur Freude hat? Damit müßte man sich wenndann im Detail beschäftigen; letztlich ist es aber, so denke ich, nicht so wichtig. Eines heißt es jedenfalls, die Gläubigen begehen seltener Selbstmord als die Ungläubigen. Aber liegt das daran, daß sie sich mehr freuen – oder doch ganz banal daran, daß sie an der moralischen Pflicht festhalten, aus ihrem Leben gerade dann nicht zu flüchten, wenn es wirklich unangenehm wird? (Natürlich ist die Pflicht eine des Naturrechts; de facto hält das aber wohl nur noch der Gläubige hoch.)

Man könnte an das Thema auch moralisierend herangehen; dann kommt in der Regel relativ bald der Spruch von Friedrich Nietzsche: „Erlöster müßten mir die Christen aussehen […] wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Ich will keinen Hehl daraus machen, daß ich von diesem Sprüchlein – das nebenbei Nietzsche tatsächlich einmal gesagt hat, das in gefühlten 95 % aller Fälle, in denen es heute zitiert wird, aber von eifrigen Christen zitiert wird, immer beflissen, einander zu ermahnen: was, wenn wegen eines unterlassenen Lächelns ein Mensch sich nicht bekehrt, will jemand diese Verantwortung tragen usw.? – in dieser Verwendung nicht allzuviel halte.

Es gibt eine Pflicht, sich zu freuen; der Apostel schreibt das ja ausdrücklich. Ich komme darauf auch gleich zu sprechen. Aber einstweilen – diese gibt es, weil wir tatsächlich Grund zur Freude haben! Aber einen Atheisten mit Hang zur Verrücktheit, wie Nietzsche es war, der von unserem Glauben keine Ahnung, bloß oberflächliche Kenntnisse hat, der insbesondere von den Dingen, die dem Gläubigen auch tatsächlich schwer zu ertragen werden, denn es gibt sie, keine Ahnung hat, der ist der allerletzte, der uns zu sagen hätte, was unser Gefühl zu tun und zu lassen hat! Als ob die Freudigkeit oder fehlende Freudigkeit der Christen, von denen doch ohnehin klar ist, daß sie zum einen sündigen und zum anderen auch, wo das, was sie tun, immerhin keine Sünde ist, eher selten dem Bild des zum einen völlig perfekten, zum anderen „geisterfüllt“ (oder was man so nennt) auf Wolke sieben schwebenden „erlösten“ Menschen nahekommt. Das geht Nietzsche einen feuchten Dreck an!

Übrigens ist dieser auf Wolke sieben schwebende Charismatiker, dem wir sein Glück durchaus gönnen wollen, für den Katholiken entgegen der von gewissen religiösen Revival- und Pfingst- und wie-sie-nicht-alle-heißen-Bewegungen kolportierten Vorstellungen durchaus auch nicht das Ideal. Es gibt ja diese Vorstellung, der Heilige bekehre sich einmal in einer großen Bekehrungsaktion, und dann habe er natürlich hier und da die eine oder andere Anfechtung, aber im großen und ganzen sei er im Frieden. – Wie gesagt, wenn das dem einen oder anderen so geht, dann sei ihm das gegönnt. Aber es ist definitiv nicht der typische Lebenslauf der großen katholischen Heiligen; und wohl auch nicht der meisten ein paar Niveaus drunter anzusiedelnden Katholiken. Mit der Bekehrung, sei es daß sie durch ein plötzliches Ereignis kommt, sei es (was trotz aller das Gegenteil behauptenden Neuprotestanten durchaus möglich ist) daß ein als Kind Getaufter wirklich von Kindesbeinen an in den Glauben hineinwächst und natürlich für seine Sünden Buße tun, eine „typische“ Bekehrung aus dem Bilderbuch vom Unglauben zum Glauben aber gar nicht ablegen muß – damit jedenfalls geht der Glaubensweg erst so richtig los; geht auch der Kampf los; geht auch der Lauf, von dem der hl. Paulus schreibt, los. Der in diesen Tagen seinen Geburtstag für den Himmel feiernde Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz hat daran keinen Zweifel gelassen: auf diesem Weg kann es auch zu sogenannten Trockenheiten kommen, in denen der Mensch glaubt, aber die Tröstungen des Glaubens gar nicht spürt; und die hl. Mutter Teresa von Kalkutta hat nach ihrer ewigen Profeß fast das ganze weitere Leben das Martyrium einer solchen Trockenheit erdulden müssen.

Gerade in ebenso einer „Trockenheit“, können wir glaubich sagen, befand im Evangelium des vergangenen Sonntags sich ein anderer großer Heiliger, ein anderer hl. Johannes, eben der hl. Johannes der Täufer, von dem auch heute, wenngleich in anderem Zusammenhang das Evangelium berichtet.

Er sitzt da da, im Gefängnis, in das ihn sein konsequentes Eintreten für die Wahrheit und die rechte Moral – wofür übrigens? Dafür, daß er Herodes darauf hingewiesen hatte, daß geschiedene Leute nicht heiraten dürfen – gebracht hat; und jetzt sitzt er da. Auf Christus hat er hingewiesen; im heutigen Evangelium haben wir von seiner Prophetie gehört, die auf Christus verweist. Unmittelbar danach wird im Johannesevangelium berichtet, daß Christus zu Johannes kam und Johannes den Geist auf ihn herabkommen sah (es muß das bei der Taufe Christi gewesen sein, von der die Synoptiker berichten), und jetzt identifiziert Johannes ihn: Das ist er.

Im Evangelium vom letzten Sonntag ist wie gesagt einige Zeit vergangen; Johannes sitzt im Gefängnis und schickt Boten zu Christus: „Bist Du es denn jetzt, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Glaubensfreude? Auf den ersten Blick Fehlanzeige.

(Nebenbei bemerkt haben sich nicht wenige Kirchenväter gedacht, ein Prophet irrt sich nicht und zweifelt auch an seiner Prophetie nicht; Johannes habe daher gar nicht an Christus gezweifelt, aber seine Jünger hätten es, und um diesen, nicht seinen eigenen, Zweifeln Ruhe zu verschaffen, habe er seine Jünger zu Christus geschickt, daß Er sie selber stille. So oder so: die Zweifel waren jedenfalls in der Welt.)

Christus antwortet darauf nach ein paar Sätzen, auf die ich noch eingehe, mit dem Lob des Hl. Johannes, als wollte er es den von dem protestantischen Gerede über die Stärke des Glaubensgefühls als Gradmesser der Festigkeit des Glaubens verunsicherten Menschen von heute ins Stammbuch schreiben, daß dieser Zweifel, ob ihn der hl. Johannes nun hatte oder ob es nur der seiner Jünger war, mit dem er sich aber in dem Fall unzweideutig solidarisierte, nicht heißt, daß einer ein schlechter Christ sei.

Auch in einem der beeindruckendsten Bücher des Alten Testaments, im Buch Ijob, von dem man bitte nicht einfach eine Zusammenfassung lese, sondern das man von vorn bis hinten durchlesend auf sich einwirken lassen sollte, wird Ijob nicht für die Klage getadelt, zu der er kein Recht habe. Man wird sich erinnern (weil man vielleicht doch schon eine Zusammenfassung gelesen hat): Ijob verliert alles, was er auf der Erden hat, auch seine Gesundheit und liegt da in Schmerzen und klagt, warum ihm das passiere, er habe es doch nicht verdient. (So ganz grob.) Drei Freunde sind da, Elifas, Bildad und Zofar, die sagen ihm dann, er müsse ganz einfach ein Sünder sein und außerdem stehe es ihm keineswegs zu, mit Gott zu rechten, er habe sich seiner Majestät einfach zu unterwerfen. (So ganz grob.) Im Grunde also predigen sie die Haltung, die heute der Islam einnimmt – wenn der auch sonst bisweilen schlecht informierte deutsche Denker Oswald Spengler behauptet, Ijob (und nicht die drei Freunde) sei der Prototyp des Moslems, dann stimmt das nicht. Nichtsdestoweniger ist die Rede der drei auch nicht ganz falsch, wenn sie auch hernach dafür getadelt werden. Nachher erscheint ein jüngerer Mann namens Elihu, der differenzierte Theologie betreibt; das ist schon hilfreicher, und er wird dafür nicht getadelt. Dann aber kommt die Hauptsache, dann tritt Gott selbst auf den Plan. Und was der nur überfliegende Leser ebenfalls für einen Tadel von seiten Gottes halten würde,

„Wer ist es, der den Plan verdunkelt / mit Worten, denen die Erkenntnis mangelt?
Umgürte Deine Lenden wie ein Mann; / ich will dich fragen, Du belehre mich!
Wo warst Du denn, als ich die Erde gründete? / Sag an, wenn Du so große Einsicht hast!“
und dann geht es so eine Weile weiter und dann kommt:
„und wer hat ihren Eckstein eingefügt,
als all die Morgensterne jauchzten / und alle Gottessöhne jubelten?“

– das ist gar kein Tadel. Gott beschreibt dann geradezu detailverliebt die Schönheit und den Detailreichtum Seiner Schöpfung, und wie Chesterton bemerkt, wird klar, daß die Gottessöhne wirklich etwas zu jubeln hatten, und daß Gott Hagelkörner aufbewahrt
„für den Tag des Kampfes und der Schlacht“,
und daß die Frevler (und nicht Ijob!) von der Erde geschüttelt werden würden.

Die Antwort Ijobs darauf scheint für viele oberflächliche Leser die Grundaussage des Buches zu sein:

„Sieh, zu gering bin ich. Was soll ich Dir erwidern? / Ich lege meine Hand auf meinen Mund.
Einmal hab‘ ich geredet, tu’s nicht wieder / sogar ein zweitesmal, doch fahre ich nicht fort.“

Auch die Haltung ist, versteht sich, nicht ganz falsch. Aber Grundaussage des Buches? Nichts dergleichen. Jetzt, wo, wenn das stimmte, Gott doch zufrieden sein müßte, jetzt gerade ändert sich auf einmal der Tonfall; jetzt kommt noch eine zweite Rede Gottes, und jetzt kommt Gott wirklich fast ein wenig zornig herüber!

„Willst du wirklich mir mein Recht zunichte machen/ mich schuldig sprechen, daß Du Recht behältst?“
Jetzt kommt die zweite Rede Gottes von seiner Hoheit und seiner Majestät, jetzt treten Nilpferd und Walfisch auf und so weiter. Und am Ende sagt Ijob dann:
„Ich weiß nun, daß Du alles kannst / und kein Gedanke Dir unmöglich ist.
Wer ist es, der den Rat verdunkelt ohne Einsicht? / So sprach ich im Unverstand von dem  / was mir zu wunderbar und unbegreiflich war.
So höre doch, ich will nun reden! / Ich will Dich fragen, Du belehre mich!
Vom Hörensagen nur hab ich von Dir gewußt / jetzt aber hat mein Auge Dich geschaut.
Drum leiste Widerruf ich und bereue / in Staub und Asche.“

„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt / selbst wenn er sich als Letzter aus dem Staub erhebt“, hatte er vorher mitten in seiner Klage gesagt. Und er hatte Recht.

Johannes ließ anfragen: „Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So höre denn, ich will nun reden: ich will Dich fragen, Du belehre mich! Und Christus antwortet: „Berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird das Evangelium verkündet. Und selig, der an mir keinen Anstoß nimmt.“

Das ist der Grund für unsere christliche Freude, daß unser Erlöser lebt und sich aus dem Staub erhoben hat.

Johannes fragte in einer Zeit der Unsicherheit, der Buße – er war ja Bußprediger – des Advents, der violetten Gewänder, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Ijob fragte in seiner persönlichen Unsicherheit, seiner Klage, seinem Leiden – in einer Zeit der violetten Gewänder, des Advents, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Und sie erhielten beide Antwort: Mit der Ankunft Gottes in diese Welt.

Darin freilich ist Johannes Ijob voraus: Dem Ijob erschien Gott, um ihn zu trösten: letztlich, um ihn damit zu trösten, daß Er da ist, daß die ganze Problemlage tatsächlich eine zum Himmel schreiende Problemlage ist und daß der Himmel antworten wird. Christus, Gott selbst, der Menschgewordene, ist die Antwort des Himmels – Er wird die Sünden der Welt – und damit letztlich auch die Sündenfolgen – hinwegnehmen. Johannes durfte mit den Worten „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt“ auf ihn hinweisen (wieder: unmittelbar im Anschluß an das Evangelium von heute) – nachdem er es, bevor ihm gesagt wurde, daß Er es sei („auch ich kannte ihn nicht“ würde er sagen; persönlich kannte er Ihn schon, Er war sein Cousin, aber er wußte nicht, daß Er es sei), schon als adventlicher Prophet verkündet hatte.

Er, Christus, ist der Grund für unsere Freude; und deswegen hat der Herr Zelebrant heute ein rosanes Gewand an als aufgehelltes Violett.

Und was folgt nun für unser Verhalten daraus? Nein, nicht, daß wir nicht klagen dürften. Auch Ijob durfte. Auch Johannes durfte. Wohl aber wird man ganz pragmatisch sagen: wir sollten es damit nicht übertreiben.

Der Hl. Thomas von Aquin lehrt an einer Stelle, wenn uns die Traurigkeit übermannt, dann solle man ein heißes Bad nehmen (oder so ähnlich): Zur Freude gehört schon auch, daß wir uns nicht alleweil der Trübsal hingeben – und wenn so banale gewissermaßen „Techniken“ wie Baden, Duschen, lautes Singen von von rechter Fröhlichkeit erfüllten Liedern, zum Beispiel von religiösen, aber auch, anstatt dauerndem Vor-sich-hin-Gegrummel die Klage wirklich einmal auszusprechen, laut hinauszuschreien, zu weinen etc. – auch wenn es paradox klingt, aber das hilft in der Regel, zur Freude zurückzufinden – uns dabei helfen, dann können wir diese auch hernehmen. „Durch die äußeren Formen [gemeint: des katholischen Ritus] werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“, heißt es in der Erklärung der Alten Messe von Pater Martin Ramm; das ist das schlagende Argument gegen den von protestantischer und anderer Seite vorgebrachten Vorwurf, wir würden nur auf Äußerlichkeiten setzen; und was für den Ritus gilt, das gilt auch außerhalb.

Machen wir uns nichts vor! Aber scheuen wir uns auch nicht, die Haltung, die wir eigentlich in unserem Herzen, oder, wenn für jemanden das Wort „Herz“ zu sehr nach „Gefühl“ klingt: durchaus auch in unserem Kopfe, haben, laut zu äußern auch in der Hoffnung, daß wir unser eigenes Gemüt damit erst noch so überzeugen. Wie es die hl. Mutter Teresa gehandhabt hat: sie hat immer gelächelt – weil sie wußte, es gibt Grund zum Lächeln. Das war nicht unehrlich. Auch wenn das Lächeln mühevolle Arbeit war.

Und dann, klar, tun wir, wie der Hl. Paulus gesagt hat. „Euer gütiges Wesen sollen alle Menschen erfahren.“ Freude auszustrahlen ist selbst schon ein Akt der Gütigkeit; er macht den Mitmenschen das Leben angenehmer. Und so wie wir angelegt sind, wird zumeist nur mit Freude im Herzen es gelingen, Großes zu leisten, sei es in der Nächstenliebe, sei es anderweitig. „Du wirst es nicht zu Tücht’gem bringen / bei deines Grames Träumereien, / die Tränen lassen nichts gelingen; / wer schaffen will, muß fröhlich sein. // Wohl Keime wecken mag der Regen, / der in die Scholle niederbricht, / doch golden Korn und Erntesegen / reift nur heran bei Sonnenlicht.“ So, mit Recht, Theodor Fontane.

Und das geht ja auch. Denn, so Paulus: „Um nichts macht euch Sorgen; laßt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen durch Bitten und Flehen – mit Dank! – vor Gott kund werden.“

Das ist der nächste praktische Hinweis: Scheuen wir uns nicht, unseren Herrgott mit Bittgebeten zu bestürmen! Wir wissen ja, daß er uns gibt, was wir brauchen.

Und vergessen wir das Dankgebet nicht. Denn was wir brauchen könnten, ist allenfalls ein kleiner Tropfen in dem Meer von dem, was er uns schon gegeben hat in der Schöpfung; was Er uns zuteil hat werden lassen in der Erlösung, in der Gnade, in Jesus Christus; und vor allem, um den Dank mit dem Gloria zu sagen: in bezug auf Seine eigene große Herrlichkeit: denn Er, das vollkommene Gute und die Ewige Schönheit, íst:

und wenn das für einen kein Grund zur Freude ist, dann ist er entweder seines Verstandes nichtmächtig oder ein Trottel.