Aber ich könnte ja noch mehr tun

Ich habe hier schon öfter über das Thema Skrupulosität geschrieben, also eine Zwangsstörung im religiösen Bereich, die sich bei Katholiken z. B. darin äußert, dass man bei jeder Gelegenheit fürchtet, eine (schwere) Sünde begangen zu haben, dann ständig zur Beichte geht, um diese Furcht loszuwerden, dann fürchtet, dass die Beichte nicht gültig war, weil man die Sünde vielleicht nicht detailliert genug beschrieben hat, weshalb man nicht wagt, zur Kommunion zu gehen, sondern lieber bei der nächsten Beichtgelegenheit wieder am Beichtstuhl auftaucht, um das Bekenntnis zu wiederholen… Usw. usf.

Eine Schwierigkeit für Skrupulanten ist es immer, zu bewerten, ob eine Tat oder eine Unterlassung, eine Äußerung oder ein Gedanke, wirklich eine Sünde war, und wenn ja, ob schwer oder lässlich. Da tauchen hunderttausend Gedanken und Zweifel auf und das Gedankenkarussell dreht sich und dreht sich. Was, wenn ich daran hätte denken müssen, was, wenn ich mir hier nur etwas vormache… Manchmal wird die Sache leichter, wenn man sich etwas Wissen darüber angelesen hat, was die Kirche als schwere Sünden bewertet und was nicht, und wenn man das Prinzip beachtet, dass man, vor allem als Skrupulant, Zweifel ignorieren sollte (d. h. zweifelhafte Verpflichtungen oder Verbote sind nicht bindend; zweifelhaft schwere Sünden sollte man nicht als schwere Sünden zählen, sie müssen nicht gebeichtet werden).

Die wirklich hinterlistigen Gedanken, die einem kommen können, sind aber die der Art: Okay, ich habe keine offensichtliche Sünde begangen – aber ich könnte in meinem Leben mehr tun.

Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich mehr für Ihn tun – mehr beten, mehr in der Bibel lesen, mehr spenden… Wenn mir Gott wirklich am Herzen liegen würde, würde ich Ihm alles andere unterordnen, aber anscheinend tue ich das nicht. Also liebe ich Gott nicht wirklich, also habe ich gegen das Gebot der Gottesliebe verstoßen, auf dem alles aufbaut. („Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 22,37-40)) Also mache ich vom Ansatz her alles falsch und komme wahrscheinlich sowieso in die Hölle.

Ein paar Beispiele für solche Gedanken:

  • Mir ist der Gedanke in den Kopf geploppt, dass ich in der Fastenzeit nicht nur auf Schokolade und Alkohol, sondern auch auf Kaffee, Zucker, Kuchen, Fleisch und am besten überhaupt alle tierischen Produkte verzichten könnte. Immerhin haben diese und jene Heiligen da auch streng gefastet und überhaupt, früher waren die Fastenregeln ja auch strenger. Und wenn ich diese Eingebung, die ja bestimmt von Gott kommt, jetzt zurückweisen würde, würde ich wohl sündigen.
  • Ich habe von dem und dem Heiligen gelesen, der einen Bußgürtel getragen oder Selbstgeißelung betrieben hat. Vielleicht sollte ich das auch tun. Das muss ein Zeichen sein, dass ich auf diese Geschichte gestoßen bin. Ich weiß, heute betreiben die Leute diese Bußübungen nicht mehr so, aber das haben Heilige getan, und wir sollten in unserer glaubensfernen Zeit ja wohl wieder mehr nach Heiligkeit streben, also gucke ich lieber mal, wo ich ein zu enges Armband herkriege, das mir in die Haut schneidet. Oder so.
  • Ich wollte heute Abend eigentlich entspannen und eine Serie auf Netflix anschauen, aber mir ist der Gedanke gekommen, dass ich stattdessen auch den Rosenkranz beten könnte. Der Rosenkranz ist eine wertvollere Verwendung meiner Zeit als Netflix, also wäre Netflix jetzt sündhaft.
  • Ich habe in den kommenden Wochen eigentlich nicht viel Zeit, weil ich für ein wichtiges Examen lernen muss, aber die Pastoralreferentin hat mich gefragt, ob ich bei einem größeren Projekt in der Pfarrei helfen könnte, und wenn ich das Gebot der Nächstenliebe wirklich ernst nehmen würde, in der Kirche helfen und einen positiven Einfluss in der Pfarrei ausüben wollen würde, würde ich zusagen. Ich müsste mir dann halt irgendwie die Zeit freischaufeln.
  • Ich habe vier Kinder und habe das Gefühl, dass das für mich und meinen Mann langsam genug ist – aber muss man nicht einen guten Grund haben, um NFP zu verwenden und weitere Kinder zu vermeiden? Wenn ich wirklich offen für das Leben wäre, würde ich auch noch ein fünftes Kind in unserer Familie willkommen heißen. Schließlich sind Kinder ein Segen, und wenn ich Kinder wirklich lieben würde, würde ich einer weiteren Schwangerschaft und der Arbeit mit einem weiteren Kind auch nicht aus dem Weg gehen wollen.
  • Ich könnte ja mehr für den Glauben eintreten. Sollen wir nicht alle für unseren Glauben eintreten und andere Menschen zu Gott führen? Sollte ich vielleicht meinen Arbeitskollegen von Gott erzählen? Oder meine Verwandten dazu zu bewegen versuchen, wieder in die Kirche zu gehen? Vielleicht sollte ich meinen Glauben irgendwie deutlicher zeigen…

Kurz gesagt: Ich könnte mehr tun. Wenn ich Gott und den Nächsten wirklich lieben würde, würde ich auch täglich zur Messe gehen oder den Rosenkranz beten, oder jeden Freitag bei Wasser und Brot fasten, oder beim Kindermusical, beim Altenheim-Besuchsdienst und beim Kochen mit Flüchtlingen mithelfen. Ich wäre nicht so bequem, würde nicht an Kaffee und Donuts und Ausschlafen am Samstag hängen. Ich würde wirklich was tun. Ich wäre so wie die Heiligen. Aber ich liebe nicht wirklich.

Hier stecken mehrere Denkfehler drin:

1) Das Bessere wird als der Feind des Guten hingestellt.

Dabei ist es das nicht. Es gibt viele legitime Wege im Leben – manche sind gut, und manche sind besser, aber alle sind legitim. Es mag besser sein, auch in Werktagsmessen zu gehen statt nur in die Sonntagsmesse, aber es ist schon gut, in die Sonntagsmesse zu gehen, nicht schlecht. Es mag besser sein, in der Fastenzeit auf Alkohol und Süßigkeiten zu verzichten statt nur auf Alkohol, aber auch der bloße Verzicht auf Alkohol ist gut. Etwas Gutes wird nicht dadurch schlecht, dass es etwas noch Besseres gäbe. Das ist ein uraltes katholisches Prinzip. Das gottgeweihte Leben, z. B. in einem Orden, wurde in der Kirche immer als eine höhere, bessere Berufung als die Ehe angesehen, aber deswegen ist die Ehe trotzdem gut, und notwendig, und die Berufung sehr vieler Christen.

2) Man verausgabt sich, wenn man immer nach dem noch Besseren sucht.

Wenn man den bestmöglichen Weg finden will, begibt man sich auf eine aussichtslose und frustrierende Suche, die einen manchmal auch daran hindern kann, sich auf das Gute zu konzentrieren, das man schon hat. Sagen wir mal, man verzichtet in der Fastenzeit statt wie bisher auf Süßigkeiten und Gebäck auf Kaffee und Frühstück am Morgen, und als Resultat ist man jeden Morgen gestresst und müde und zickig zur Familie. So wird das Gute beeinträchtigt, weil man unbedingt das Bessere suchen musste.

3) Es ist ein logischer Fehlschluss, anzunehmen, dass das Unangenehme immer das moralisch Bessere wäre. Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen; das eigentliche Ziel aller Seiner Gebote ist das wahre Glück des Menschen. Sicher kann das auch mal heißen, gewisse Nachteile oder Mühen auf sich zu nehmen, die sich langfristig auszahlen, und manchmal wird das Tun des Guten einen in diesem Leben aufgrund der Umstände oder des Verhaltens anderer Menschen nicht gerade glücklich machen – da müsste man bloß mal die im Priesterblock in Dachau inhaftierten Priester fragen – aber Gott legt es nicht darauf an, uns mit seinen Regeln zu quälen. Wenn wir ein bequemes Leben haben sollten, muss das nicht heißen, dass wir etwas falsch machen. Um auf eins der Beispiele von oben zurückzukommen: Es ist eben nicht falsch, kein fünftes Kind mehr zu bekommen, wenn es der Familie so mit vier Kindern soweit gut geht. Wieso sollte es einem nicht gut gehen dürfen?

Fasten etc. ist eine hin und wieder sehr wertvolle Übung, um sich daran zu gewöhnen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, aber die Welt und alles in ihr, was man genießen kann, ist nicht schlecht. Wir sind keine Gnostiker oder Manichäer.

4) Nur weil ein Gedanke da ist, heißt das noch nicht, dass er der Realität entspricht. Nur weil mir der Gedanke an strenges Fasten in den Kopf kommt, und dann der Gedanke, dass das eine Eingebung von Gott gewesen sein könnte, muss es noch lange keine solche Eingebung gewesen sein. Gedanken kommen und gehen. Man hat diese Assoziation, dann jene, dann schwirrt einem dieser Gedanke in den Kopf… Zwangskranke leiden oft an einer Art „magischem Denken“ – weil mir der Gedanke gekommen ist, dass meine Eltern auf der Heimfahrt von den Verwandten einen Unfall haben könnten, entspricht dieser Gedanke auch der Realität, und ich muss sofort einen Rosenkranz beten, um die Gefahr abzuwenden, und wenn sie heil ankommen, dann zeigt das, dass es funktioniert hat. Man lädt alles und jedes mit einer Bedeutung auf, die es wahrscheinlich gar nicht hat.

5) WAS NICHT GEBOTEN IST, IST NICHT GEBOTEN. PUNKT.

Die einzelnen Gebote bauen auf dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe auf; aber dieses Doppelgebot sollte nicht dazu dienen, sie zu umgehen und noch weitere Gebote aufzustellen, wo es keine gibt. Die „Wenn ich wirklich lieben würde…“-Argumentation ist Unsinn.

Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae (II/II 184,2 ; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS184.html#SSQ184OUTP1 ) von den unterschiedlichen Formen der Vollkommenheit, die dem Menschen in diesem Leben und dem zukünftigen möglich sind. Die unterste Form, die jedem Menschen in diesem Leben schon möglich ist, besteht laut Thomas darin, alles aus dem Weg zu räumen, was der Liebe direkt entgegensteht, d. h. Todsünden. Das klingt ein bisschen nach „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt“ – was aber nicht ganz stimmt, wenn man bedenkt, dass Todsünden auch Unterlassungssünden sein können; dazu, Todsünden zu vermeiden, wird also auch gehören, bestimmte Dinge zu tun (z. B. die zentralen Pflichten gegenüber der Familie zu erfüllen). Die Liebe wird also zunächst mal dadurch verwirklicht, dass man Gottes Gebote hält – „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ (Johannes 14,21) – und Gott sagt uns ganz klar, was seine Gebote sind; Er bürdet uns nicht die unmögliche Aufgabe auf, herauszufinden, was wir tun sollten, wenn wir wirklich-ganz-ehrlich-so-richtig lieben würden und so richtig gute Christen wären. Es gibt genug wahre Gebote; was den Rest des Lebens angeht, lässt Er uns auch Freiheit.

Think about it: Wir würden es als Zeichen nehmen, dass Eltern ihr Kind nicht lieben, wenn sie es vernachlässigen oder misshandeln würden, aber man könnte nicht sagen, dass sie es nicht lieben würden, nur weil sie nicht ihr Allermöglichstes täten, um es auf die beste Privatschule zu schicken und für seine maßgeschneiderte Förderung zu sorgen. Es ist natürlich nicht schlecht, wenn einige Eltern ganz besonders viel für ihr Kind tun, aber deswegen könnte man andere Eltern nicht allesamt in die Reihe der schlechten Eltern einreihen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Etwas, das keine Todsünde ist, ist keine Todsünde, und kann einen nicht in die Hölle bringen, ebensowenig, wie das Jugendamt Eltern ihr Kind wegnehmen würde, weil sie sich nicht im Elternbeirat engagieren.

In der Moraltheologie unterschied man früher gerne zwischen den gebotenen Werken und den sog. „Werken der Übergebühr“ oder „supererogatorischen Werken“, die nicht geboten, sondern höchstens empfohlen sind. Es ist löblich, mehr zu tun, als verlangt ist – aber man ist kein schlechter Mensch, wenn man es nicht tut.

6) Zudem sollten wir uns nicht durch Angstgedanken dazu treiben lassen, solche Werke der Übergebühr zu tun, um nur ja nichts falsch zu machen. Sie sollten im Idealfall einer anderen Motivation entspringen. Man sollte sich in Freiheit dafür entscheiden.

7) Wenn man also ein „Werk der Übergebühr“ tun möchte (in Freiheit), muss man im Hinterkopf behalten, dass man sie nie alle tun kann, und sie auch nicht alle tun muss. Zum Beispiel könnte man sich entscheiden, in der Fastenzeit auf Süßigkeiten, Alkohol und Fleisch zu verzichten, dafür aber am Dienstagabend weiterhin Netflix schauen, statt in die Werktagsmesse zu gehen. Oder man könnte jeden Sonntag den Rosenkranz beten, die Novene, auf die man letztens gestoßen ist, aber links liegen lassen. Es gibt viele legitime Möglichkeiten.

8) Das ganze Grübeln lähmt einen letztlich nur, was auch nicht zu größerer Tugendhaftigkeit beiträgt.

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Aus dem Denzinger: Der Heilige Stuhl über Duelle (19. Jahrhundert)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Auch in früheren Zeiten lagen die Gesellschaft und die Kirche nicht immer auf einer Linie – ein Paradebeispiel wäre die in der feinen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts weitgehend anerkannte Praxis des Duells. Dazu schreibt Leo XIII. ausführlich:

 

„…Beide göttlichen Gesetze, sowohl dasjenige, das durch das Licht der natürlichen Vernunft, als auch [jenes], das durch die unter göttlichem Anhauch verfaßte Schrift verkündet wurde, verbieten strikt, daß einer außerhalb eines öffentlichen Verfahrens einen Menschen tötet oder verwundet, es sei denn, durch Notwendigkeit gezwungen, um sein Leben zu verteidigen. Die aber zu privatem Kampfe aufrufen oder einen angebotenen annehmen, betreiben dieses, richten – durch keine Notwendigkeit gebunden – Sinn und Kräfte darauf, dem Gegner das Leben zu entreißen oder wenigstens eine Wunde beizubringen.

Beide göttlichen Gesetze untersagen ferner, daß einer sein Leben leichtfertig preisgibt, indem er es schwerer und offenkundiger Gefahr aussetzt, obwohl keine Spur von Pflicht oder großherziger Liebe dazu rät; diese blinde, lebensverachtende Leichtfertigkeit aber wohnt der Natur des Duells eindeutig inne.

Daher kann es niemandem unklar oder zweifelhaft sein, daß auf diejenigen, die sich privat auf einen Einzelkampf einlassen, beides fällt, sowohl der Frevel des fremden Unglücks als auch die freiwillige Gefährdung des eigenen Lebens. Schließlich gibt es kaum eine Pest, die der Verfassung des bürgerlichen Lebens mehr zuwiderläuft und die gerechte Ordnung des Staates verkehrt als die den Bürgern zugestandene Erlaubnis, daß jeder mit privater Gewalt und Hand als Anwalt seines Rechtes und Rächer seiner Ehre, die er verletzt glaubt, auftritt.…

Auch für jene, die einen angebotenen Kampf annehmen, genügt als begründete Entschuldigung nicht die Angst, weil sie fürchten, sie würden allgemein für träge gehalten werden, wenn sie den Kampf verweigerten. Denn wenn die Pflichten der Menschen an den falschen Meinungen der Menge zu bemessen wären, nicht an der ewigen Norm des Rechten und Gerechten, gäbe es keinen natürlichen und wahren Unterschied zwischen sittlich guten Handlungen und schändlichen Taten. Selbst die heidnischen Weisen haben sowohl erkannt als auch gelehrt, daß die trügerischen Urteile der Menge von einem tapferen und standhaften Manne zu verschmähen seien. Vielmehr ist es begründete und heilige Furcht, die den Menschen von ungerechtem Mord abhält und ihn um sein eigenes Heil und das der Brüder besorgt macht. Ja, wer die eitlen Urteile der Menge verschmäht, wer lieber die Schläge der Schmähungen auf sich nehmen will, als in irgendeiner Sache die Pflicht vernachlässigen, der besitzt offensichtlich eine weit höhere und erhabenere Gesinnung als wer, durch ein Unrecht gereizt, zu den Waffen rennt. Ja, wenn man es recht beurteilen will, so ist es sogar jener allein, in dem die gediegene Tapferkeit aufstrahlt, jene Tapferkeit, sage ich, die wahrhaft Tugend genannt wird und deren Begleiter ein Ruhm ist, der nicht eitel, nicht trügerisch ist. Die Tugend nämlich besteht im Gut, das mit der Vernunft übereinstimmt, und wenn er nicht auf dem Urteil des zustimmenden Gottes beruht, ist jeder Ruhm töricht.“

(Leo XIII., Brief an die Bischöfe Deutschlands und Österreichs, 1891; in: DH 3272-3273)

 

Schon ein paar Jahre zuvor musste sich das Heilige Offizium – Vorgängerbehörde der Glaubenskongregation – mit speziellen Fragen zum Umgang mit Duellen beschäftigen. Zu dieser Zeit bestanden bereits sehr strenge Regeln für alle daran Beteiligten – sie zogen sich automatisch die Exkommunikation zu. Daher kamen folgende Fragen auf:

 

„Fragen:

1. Kann ein Arzt auf Bitten der Duellanten einem Duell beiwohnen mit der Absicht, dem Kampf schneller ein Ende zu setzen oder einfach die Wunden zu verbinden und zu heilen, ohne sich die dem Papst auf einfache Weise vorbehaltene Exkommunikation zuzuziehen?

2. Kann er wenigstens, ohne beim Duell anwesend zu sein, sich in einem benachbarten Haus oder an einem nahegelegenen Ort aufhalten, ganz nahe und bereit, seinen Dienst zu leisten, wenn ihn die Duellanten nötig haben?

3. Wie [steht es] mit einem Beichtvater unter denselben Bedingungen?

Antwort:

Zu 1. Er kann es nicht und zieht sich die Exkommunikation zu.

Zu 2. und 3. Insofern es auf Abmachung hin geschieht, kann er es gleichfalls nicht und zieht sich die Exkommunikation zu.“

(Antwort des Hl. Offiziums an den Bischof von Poitiers, 1884; in: DH 3162)

 

Man könnte die Antwort des Hl. Offiziums mit der Regelung des hl. Johannes Pauls II. zur Schwangerenberatung vergleichen: Katholische Beratungsstellen in Deutschland dürfen keine Beratungsscheine ausstellen, da sie damit helfen würden, die Voraussetzungen für eine straffreie Abtreibung zu schaffen, auch wenn sie in der Beratung versuchen sollten, die Schwangere zu einer Entscheidung für ihr Kind zu ermutigen, da sie damit ein unmenschliches System legitimieren würden. Sie sollen beraten; aber sie dürfen keine Scheine ausstellen, die zur Abtreibung berechtigen. Ebenso sollte damals ein katholischer Arzt oder Priester nicht an der Vorbereitung eines Duells beteiligt sein; sicher dürfte er helfen, wenn er hinterher gerufen werden würde, aber er dürfte sich nicht extra bereithalten, und dem Ganzen damit einen Anschein von Legitimität verleihen – zumal es die beiden Gegner vielleicht eher noch zur Einsicht bringen könnte, wenn sie niemanden finden würden, der im Notfall zur Wundversorgung bzw. für die Sterbesakramente bereitstehen würde.

Man soll nicht alles glauben, was in der Zeitung steht

…hat man mir beigebracht, vor allem bezogen auf die Lokalnachrichten im örtlichen Käseblatt. Insbesondere aber sollte man nicht glauben, dass alles, was man wissen muss, in der Zeitung steht. Bei einem Thema ist das besonders auffällig.

Gerade berichten Medien (und zwar private wie die Welt (https://www.welt.de/politik/ausland/article174860387/Schwangerschaftsabbruch-Polen-gehen-in-Massen-auf-die-Strasse-gegen-ein-neues-Abtreibungsgesetz.html) ebenso wie öffentlich-rechtliche wie die Tagesschau (http://www.tagesschau.de/ausland/polen-327.html)) über eine Demonstration in Polen gegen die strengen Abtreibungsgesetze des Landes. Wenn man dagegen von einer Demonstration in Irland mit etwa doppelt so vielen Teilnehmern für die Beibehaltung der strengen Abtreibungsgesetze (genauer: des 8. Verfassungszusatzes, der Ungeborene schützt und zu dem bald eine Volksabstimmung stattfinden soll), erfahren will, muss man schon die Irish Times oder andere irische/englischsprachige Medien konsultieren (https://www.irishtimes.com/news/ireland/irish-news/rally-for-life-told-10-weeks-left-to-save-eighth-amendment-1.3422543 , https://rallyforlife.net/march-save-8th/). Auch der „Marsch für das Leben“ in Berlin mit ca. 7000 Teilnehmern wird von den meisten Medien jedes Jahr wieder konsequent ignoriert; ebenso ergeht es dem „March for Life“ in Washington D. C. mit jährlich etwa einer halben Million. Gleichzeitig wird ausgiebig über den „Women’s March“ oder den „March for our lives“, der sich für strengere Waffengesetze einsetzt, berichtet; Desinteresse an der amerikanischen Politik kann’s also nicht sein.

Dass die Medien, na ja, nicht immer vollkommen ausgewogen berichten oder ihre Informationen auf dem neuesten Stand haben, ist zwar nichts Neues. Katholiken wissen seit langem, dass die Kirchenfeindlichkeit vieler Journalisten nur durch ihre Ahnungslosigkeit übertroffen wird. Die Tagesschau redet, wenn sie anlässlich des Reformationsjubiläums erklären will, was der Ablass ist, schon mal von „Sündenvergebung gegen Geld“, während selbst Wikipedia weiß, dass es sich dabei um den „Erlass zeitlicher Sündenstrafen“, nicht die Vergebung der Sünden, handelt. Wikipedia. (https://de.wikipedia.org/wiki/Ablass) Juden müssen damit leben, dass „Israelkritik“ dem braven Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen in Fleisch und Blut übergegangen ist, palästinensische Terrorakte verharmlost werden und man sich mit Berichten über Antisemitismus von muslimischer oder linker Seite sehr, sehr schwer tut. Auch Wissenschaftsartikel in sämtlichen nicht-wissenschaftlichen Publikationen sind so eine Sache – man müsste mal eine Studie darüber erstellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Studie zu den Ursachen von Krebs oder dick machenden Lebensmitteln, über die ein Artikel berichtet, a) eigentlich etwas anderes aussagt als der Artikel suggeriert, b) gar nicht ausreicht, um abschließende Aussagen zu machen, c) inzwischen in Fachkreisen als methodisch unzulänglich erwiesen wurde, oder d) durch die Ergebnisse einer Metastudie widerlegt wurde. Jedenfalls sind weder weltanschauliche Vorurteile noch Ahnungslosigkeit, Übertreibungen und Clickbaiting im Journalismus etwas Ungewohntes.

Aber besonders beim Thema Abtreibung ist das Verhalten der Medien schon auffällig. Meistens redet man einfach nicht drüber. Sogar Pegida oder „Kandel ist überall“ wird deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet als etwa dem „Marsch für das Leben“. Und wenn sich das Thema Abtreibung mal doch nicht vermeiden lässt, redet man eben über Frauenrechte und Selbstbestimmung, versichert sich, dass man auf der Seite des Fortschritts steht, und vermeidet es, den eigentlichen Vorgang einer Abtreibung anzusprechen. Die Lebensrechtsbewegung taucht eventuell mal in einem Nebensatz auf, wenn man Artikel über Pro-Choice-Demos schreibt; ihre Argumente behandelt man lieber überhaupt nicht erst. Erst recht gibt man nicht zu, dass Lebensrechtler selber davon überzeugt sein könnten, unschuldiges Leben zu verteidigen, sondern unterstellt ihnen grundsätzlich sinistre Motive, meistens Frauenhass. Man kann sie nicht als fehlgeleitete Idealisten behandeln, die man nur auf die Fakten hinweisen müsste, weil gerade die Fakten für sie sprechen würden, wenn man sich trauen würde, die anzusehen. Also redet man ihre Motive schlecht, um sie zu diskreditieren. Man fühlt sich unbehaglich und meidet das Thema oder zumindest seinen zentralen Punkt. Es wird nicht viel darüber gesprochen, ab wann der Mensch ein Lebensrecht haben soll; dieser Frage wird mit lauter Scheinargumenten ausgewichen. Sollen Kinder in Armut oder mit Behinderungen aufwachen? – Wenn sie schon ein Lebensrecht haben, darf man sie nicht töten, auch wenn sie mit Armut oder Behinderungen leben. Was ist mit der Selbstbestimmung der Mutter? – Wenn ihr Kind schon ein Lebensrecht hat, darf sie es nicht töten. Männer sollen sich aus der Diskussion heraushalten!* – Wenn das Kind schon ein Lebensrecht hat, ist es egal, welches Geschlecht derjenige hat, der sich für dieses Lebensrecht ausspricht. Um kein Lebensrecht zugeben zu müssen, faselt man vielleicht noch von Zellklumpen, die tatsächliche embryonale Entwicklung (Herzschlag ab der 6. Woche usw.) verschleiernd und nicht definierend, ab wann ein Mensch dann kein Zellklumpen ohne Lebensrecht mehr sein soll. Wie eine Abtreibung funktioniert, erfährt man bei solchen Leuten nie. Ich erinnere mich immer noch an mein Biologiebuch aus der 8. Klasse, das eine Abtreibung mit dem bemerkenswerten Satz beschrieb: „Die Frucht stirbt dabei ab.“ Nix von durch Saugluft ausgerissenen Armen und Beinen.

Wegen alldem ist es so wichtig, dass die Lebensrechtsbewegung dafür sorgt, dass über das Thema gesprochen wird. Jeder, der ehrlich ansieht, was bei Abtreibungen geschieht, muss sich eingestehen, dass da ein Mensch getötet wird, und mit etwas Glück wird er gegen die Tötung eines Menschen noch gewisse ethische Bedenken haben. Aber in einer Gesellschaft, die Abtreibungen seit Jahrzehnten normalisiert hat, will man sich das eben nicht eingestehen.

 

* Als ob Frauen – wie ich – nicht pro-life sein könnten. Als ob auch nur eine deutliche Mehrzahl der Pro-Lifer Männer wären.

Wie sagt ihr’s euren Kindern?

Ende der 90er war meine Mutter mit ihrem letzten Kind schwanger (dem fünften, wenn man eine frühe Fehlgeburt mitrechnet). In der mutmaßlich 17. Schwangerschaftswoche machte ihr Frauenarzt bei ihr den mit gewissen Unsicherheiten behafteten Triple-Test; sie war gerade erkältet und man war sich bei ihr bei der genauen Wochenzahl sowieso nie sicher, was beides die Testergebnisse noch mehr verunklaren kann. Jedenfalls kam heraus, dass das Kind möglicherweise das Downsyndrom haben könnte, und der Arzt schickte sie zu einer Fruchtwasseruntersuchung in die nächste Großstadt, mit der Begründung, dass sie, wenn sie über eine Behinderung Bescheid wisse, gleich in einer speziellen Klinik entbinden könnte. Die Ärztin in der Großstadt fragte sie dann, ob sie die Schwangerschaft abbrechen wollte, falls herauskäme, dass das Kind behindert wäre. Meine Mutter antwortete, nein, natürlich nicht. Wieso sie diese Untersuchung dann überhaupt machen lasse?, wurde sie gefragt. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde sie über das Fehlgeburtsrisiko bei Fruchtwasseruntersuchungen aufgeklärt. Am Ende machte die Ärztin bei ihr einen 3D-Ultraschall, das Ergebnis war gut, aber sicher konnte man natürlich mit dieser Methode nicht sein. Meine Mutter legte damals das Versprechen ab, dass sie, wenn das Kind nicht behindert sein sollte, einmal im Jahr an einer Wallfahrt teilnehmen würde.

Meine kleine Schwester kam dann kerngesund zur Welt und meine Mutter hat ihr Versprechen gehalten.

Wieso erzähle ich das? Na ja, das ist eine Geschichte, die man bei uns, wenn die Familie zusammensitzt und man über alte Familiengeschichten redet, problemlos erzählen kann. Als meine Mutter letztens einmal ausführlich von alldem erzählt hat – erst da habe ich übrigens erfahren, wie spät sie über die Risiken einer Fruchtwasseruntersuchung aufgeklärt wurde -, war meine kleine Schwester auch dabei und sagte einmal: Aber ihr hättet mich ja eh nicht abtreiben lassen, oder? Nein, natürlich hätten wir das nicht, konnte meine Mutter sagen.

Wie ist das bei Eltern, die wegen einem Verdacht auf Downsyndrom eine Fruchtwasseruntersuchung machen haben lassen, mit der Absicht, abzutreiben, wenn sich der Verdacht bestätigen sollte? Sagen wir mal, es stellte sich heraus, ihr Kind war gesund; wie erklären sie ihrem fünfzehn- oder achtzehn- oder zweiundzwanzigjährigen Kind dann die Situation von damals? „Wir hätten dich abtreiben lassen, aber zum Glück gab es keinen Anlass dazu“?

Und was ist mit den Eltern, die tatsächlich ein Downsyndrom-Kind haben abtreiben lassen? Werden sie seinen Geschwistern gegenüber jemals davon reden? „Es war besser so, euer Bruder hätte mit einer Behinderung leben müssen“?

90% aller Kinder mit Downsyndrom werden abgetrieben; dabei können die lebenden Menschen mit Downsyndrom ein glückliches Leben führen. 90%, obwohl in Deutschland die eugenische / embryopathische Indikation längst aus dem Gesetzbuch gestrichen wurde. Mit der stattdessen nun von Ärzten herangezogenen offiziellen Begründung, dass ein behindertes Kind die psychische Gesundheit der Mutter beeinträchtigen würde, können schon bei einem Verdacht auf Downsyndrom Kinder noch sehr spät in der Schwangerschaft abgetrieben werden.

Die Abtreibungszahlen in Deutschland sind unglaublich hoch; nach offiziellen Angaben allein 100.000 pro Jahr, wobei nicht alle Abtreibungen statistisch erfasst werden. Über die Jahrzehnte sind das sehr, sehr viele Kinder gewesen. Die meisten davon keine Downsyndrom-Kinder, ich weiß. Aber das Thema Abtreibung allgemein betrifft sehr, sehr viele Frauen und Männer in Deutschland – Mütter, Väter, deren Angehörige und Freunde, Ärzte, Pflegepersonal… Also: Wenn ihr mal eine Abtreibung habt vornehmen lassen, in jungen Jahren, weil es da gerade nicht gepasst hat, aber ihr euch gesagt habt, dass ja später vielleicht einmal der richtige Zeitpunkt für ein Kind kommen würde – werdet ihr gegenüber den Kindern, die später zum richtigen Zeitpunkt gezeugt wurden, jemals darüber reden? Wie sagt ihr’s euren Kindern?

Was ist „geistlicher Missbrauch“?

  • Wenn man von der Familie oder den Freunden isoliert wird
  • Wenn man am besten alle Kontakte zu Außenstehenden oder – noch schlimmer – Aussteigern abbrechen soll
  • Wenn man davor gewarnt wird, dass Außenstehende, die vielleicht in Zukunft versuchen könnten, einen von der Gruppe abzubringen, vom Teufel gesandt wären und man sie gar nicht anhören dürfte
  • Wenn einem klar ist, dass man die Freundschaft der anderen Mitglieder automatisch verlieren würde, sobald man aus der Gruppe aussteigen würde
  • Wenn die Kleinigkeiten des Alltagslebens überwacht werden
  • Wenn eine Gruppe Druck ausübt, um die gesamte freie Zeit zu beanspruchen
  • Wenn man gedrängt wird, in Gruppensitzungen alle seine Sünden oder Probleme aufzudecken, auch wenn man sich dabei nicht wohl fühlt
  • Wenn solche vertraulichen Informationen dann unangekündigt vom Gruppenleiter an andere weitergegeben werden und später dazu verwendet werden, Kontrolle über einen auszuüben
  • Wenn ehrliche Fragen (Wieso lässt ein guter Gott Leid zu? Will Gott wirklich von mir, dass ich dieser speziellen Gruppe folge? Ist es wirklich eine Pflicht der Sittsamkeit für Frauen, nur Röcke und keine Hosen zu tragen?) nicht ernst genommen und beantwortet, sondern wie Vergehen behandelt werden
  • Wenn einem, sobald man Einsprüche wagt, Kritik äußert oder versucht, auf seinen Rechten zu bestehen, oder auch, sich gegen Vorwürfe zu verteidigen, die gegen einen erhoben werden, gesagt wird, man sei rebellisch, ungehorsam, hochmütig oder stelle sich gegen den Heiligen Geist, kurz, man sei selber das Problem
  • Wenn Leiter nicht hinterfragt werden dürfen und niemandem rechenschaftspflichtig sind
  • Wenn Leiter beanspruchen, dass Gott / der Heilige Geist / whatever in allen ihren Entscheidungen direkt durch sie spreche – oft, ohne dass sie irgendwelche Beweise dafür bringen müssen, dass Gott sie auf diese Weise auserwählt hat
  • Wenn gesagt wird, man müsste den Leitern oder anderen Autoritätspersonen auch dann gehorchen, wenn sie Unsinniges oder sogar Sündhaftes befehlen würden – vor Gott wäre man nur dafür verantwortlich, zu gehorchen; alle Sünden, die man dabei vielleicht begehen würde, würden einem nicht angerechnet werden
  • Wenn Informationen über Aufbau und Praktiken der Organisation geheim gehalten werden sollen
  • Wenn vor einem selbst beim Eintritt in die Organisation noch manche wichtige Dinge geheim gehalten werden, die man erst auf einer späteren Stufe der Initiation erfahren soll
  • Wenn gleich mal mit der Hölle gedroht wird – z. B. dafür, dass man nicht oft genug an der Haustürmission teilnimmt oder dabei nicht genügend Bekehrungserfolge vorweisen kann. Solche Drohungen können subtil oder weniger subtil sein. Gerne wird auch mal die Drohung von der unwiderruflichen Verdammnis verwendet – sprich, man bezeichnet ein bestimmtes Fehlverhalten als die unvergebbare Sünde, als die „Sünde gegen den Heiligen Geist“. [Die katholische Kirche interpretiert diese Bibelstelle übrigens ganz anders: Jede Sünde wird bei Reue vergeben werden, die Sünde gegen den Heiligen Geist meint einfach nur Reuelosigkeit, mit dem alten Ausdruck „Unbußfertigkeit“.]
  • Wenn man gedrängt wird (vielleicht auch mithilfe von impliziten oder expliziten Höllendrohungen), Fehlverhalten von Leitern – ob es sich dabei um Zweckentfremdung von Spendengeldern, außereheliche Affären oder sogar den sexuellen Missbrauch von Kindern handelt – nicht publik zu machen, um der Organisation oder der „Sache Gottes“ nicht zu schaden
  • Wenn man nach außen hin nicht von irgendwelchen Problemen in der Organisation sprechen soll

Zusammengefasst: Abschottung, erzwungene Intimität, Kontrolle, Manipulation, Anmaßung von absoluter Autorität, Drohungen, Geheimhaltung – das alles sind typische Beispiele für das, was man als „geistlichen Missbrauch“ bezeichnet.

Solche Dinge sind normalerweise Kennzeichen von Gemeinschaften, die man im allgemeinen Sprachgebrauch als „Sekten“ bezeichnet – aber es gibt sie nicht nur dort. Auch in Organisationen innerhalb der katholischen Kirche kann es gelegentlich dazu kommen. Die Legionäre Christi (und ihr Laienapostolat Regnum Christi) wären ein Beispiel: Gegründet von einem Kinderschänder, der ein Doppelleben führte und einen autoritären Personenkult um sich selbst aufbaute. Kinder in den Internaten der Legionäre wurden oft auf totalen Gehorsam getrimmt und durften wenig Kontakt zu ihren Familien haben, dem Anwerben von neuen Mitgliedern und – vor allem – von Spenden wurde oft mehr Bedeutung zugemessen als allem anderen, die Legionäre wurden als die einzig wahren Katholiken dargestellt, es gab ein spezielles Gelübde der „Nächstenliebe“, das vorschrieb, Kritik an Vorgesetzten nur mit diesen selbst zu besprechen, und Vorgesetzte waren gleichzeitig Beichtväter – ganz anders als etwa in jedem normalen Priesterseminar. Solche Regeln mussten immerhin durch die von Rom erzwungenen Reformen nach dem Bekanntwerden von Maciels Vergehen geändert werden; ich weiß nicht, ob die Legionäre sich inzwischen auch wirklich in der Tiefe erneuert haben. (Dass erst dieses Jahr der Rektor ihres Priesterseminars seine Amtszeit noch beenden durfte, nachdem er seinen Ordensoberen bereits mitgeteilt hatte, dass er ein Kind gezeugt hatte,  was diese auf seinen Wunsch hin erst einmal vertraulich behandelten (http://www.kath.net/news/61242 ), spricht nicht unbedingt für den Orden. Aber ich kenne mich sonst nicht näher mit seinem jetzigen Zustand aus.)

Die Legionäre sind allerdings nicht die einzige Gemeinschaft, die in der Hinsicht kritisiert wird. Der Neokatechumenale Weg zum Beispiel hat ebenfalls keinen einwandfreien Ruf (https://de.wikipedia.org/wiki/Neokatechumenaler_Weg#Inhaltliche_Kritik ). Und natürlich kann es auch mal in normalen Pfarreien, kirchlichen Vereinen oder Klöstern, wenn es dort entsprechend machtbewusste Persönlichkeiten gibt, zu geistlichem Missbrauch kommen.

Ich habe so etwas persönlich noch nie erlebt, sondern nur von Erlebnissen anderer gehört und gelesen. Aber ich finde, es ist wichtig, die Anzeichen zu kennen – nur für den Fall, dass man mal in eine interessante neu gegründete geistliche Gemeinschaft hineingerät, die dann anfängt, immer stärkere Kontrolle über das Alltagsleben zu verlangen, unter dem Deckmantel, einem zur Heiligung zu verhelfen. Nein, zur Heiligung ist es eben nicht nötig, alle seine Sünden öffentlich in einer Gruppe, vor Leuten, die man kaum kennt, darzulegen und dann die ganze Fastenzeit über nur Wasser und Brot zu sich zu nehmen, weil das dem Gruppenleiter als die beste Übung der Demut für einen vom Heiligen Geist persönlich offenbart worden ist.

Sektenartige Gemeinschaften oder sehr autoritäre Kleriker haben natürlich eine gewisse Anziehungskraft: Sie machen ernst. Sie sind radikal. Sie stellen das ganze Leben unter Gottes Willen. Aber Gottes Wille ist eben nicht automatisch der Wille eines Katecheten beim Neokatechumenalen Weg. Es gibt Gründe, wieso es in der Kirche zum Beispiel das Beichtgeheimnis gibt, und wieso sie genau festgelegt hat, was Sünden sind und wo im Gegenzug jeder seinen eigenen Weg finden darf: Um die Leute vor so etwas zu schützen. Nicht, dass zusätzliche persönliche Gelübde, oder der Anschluss an Gruppen, in denen man zusätzliche persönliche Gelübde macht, generell schlecht wären, das würde niemand behaupten; oft geht das Schlechte erst da los, wo ein solcher Weg nicht mehr als ein Weg unter vielen in der Kirche, sondern als der einzig wahre katholische Weg dargestellt wird, als etwas, das man nicht ausschlagen kann, ohne das eigene Heil zu gefährden. Oft erkennt man fragwürdige Gemeinschaften auch an ihrem Verhalten gegenüber kritischen Bischöfen: Sie akzeptieren keine Verurteilungen, stellen sich grundsätzlich als die Opfer hin, wenn sie kritisiert werden, als Märtyrer, als die letzte Bastion Gottes, die vom Satan in Gestalt der Kirchenhierarchie angegriffen wird. Mit Gehorsam ist es dann nicht mehr weit her.

Fazit: Prüfet alles, das Gute behaltet. Auch bei geistlichen Gemeinschaften. Manche von ihnen, wenn sie sich selbst absolut setzen, können einem authentischen katholischen geistlichen Leben im Weg stehen, statt dabei zu helfen.

Woher wissen wir, was richtig und was falsch ist?

Eine Antwort an Muriel, auf die Frage, woher man als Katholik/Christ/Theist seine Moral herleitet. Ich hoffe, es ist alles verständlich erklärt, ich bin heute schon etwas müde.

Im Kommentarbereich von meinem – eigentlich Nepomuks – letzten Beitrag (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/01/zu-gaudete/) wurden einige Fragen aufgeworfen: Was ist das Naturrecht? Weiß man als Christ nur durch Gottes Offenbarung, was richtig oder falsch ist? Und wie leitet man eine atheistische Moral her? Weil das alles ausführliche Antworten erfordert, antworte ich in einem eigenen Beitrag.

Die letzte Frage hat Muriel hier (https://ueberschaubarerelevanz.com/2010/07/28/abfalle-zur-verwertung-sind-abfalle-die-verwertet-werden/) für sich beantwortet: Moral ist eine gesellschaftliche Vereinbarung, die dem Gemeinwohl dient.

„Niemand will ermordet werden, und niemand will, dass andere ihm sein Zeug wegnehmen. Und deshalb formen wir Gesellschaften, in denen wir übereinkommen, uns nicht gegenseitig umzubringen, und uns nicht unsere Sachen wegzunehmen. […] Und so kann man, finde ich jedenfalls, sehr gut vernünftig begründen, was man für ethisch hält und was nicht.

Der Maßstab unserer ethischen Regeln sollten ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sein, und unsere Vorstellungen davon, wie eine gute Gesellschaft aussieht. Selbstverständlich kommt dabei nicht heraus, dass man Ethik quasi wissenschaftlich erforschen kann. Man hat am Ende nicht einen ehernen Regelkanon, der für alle Zeiten so bleiben kann. Wir werden immer wieder neu entscheiden müssen, wie wir unser Zusammenleben gestalten wollen. Gewiss sind wir uns dabei nicht immer einig, und deshalb werden wir niemals endgültig wahre Antworten finden. In gewisser Weise ist das vielleicht eine Schwäche des Systems, aber es ist eine Schwäche, die es mit allen anderen gemeinsam hat. Eine absolute Quelle für unfehlbare Moral gibt es nicht, und wer so tut, setzt damit nur – bewusst oder unbewusst – seine eigenen subjektiven Vorstellungen absolut, ohne diese vernünftig begründen zu können.“

Im selben Beitrag kritisiert Muriel andere Ansichten zur Begründung von Moral:

„Es gibt Leute, die glauben, Moral käme von Gott. Und dann gibt es andere, die glauben, Moral käme aus der Natur, und noch mal andere, die glauben, Moral wäre willkürlich und zufällig und könnte jedenfalls nicht rational begründet werden. Ihr werdet es euch denken können: Die haben alle Unrecht.

Es ist so eine Sache, die ich mich angesichts der Geschichte von den sogenannten zehn Geboten schon immer gefragt habe: Sollen wir wirklich glauben, dass die Israeliten vorher nicht wussten, dass es nicht okay ist, zu töten und zu stehlen? Sollen wir wirklich glauben, dass wir einen Gott brauchen, der uns sowas sagt? Oder dass die Natur eben schon immer so war, dass niemand tötet und niemand stiehlt? Oder dass es genauso gut hätte so kommen können, dass wir eine Gesellschaft errichten, deren Bürger sich routinemäßig gegenseitig töten und bestehlen?“

 

Zur ersten Alternative: Gott als Ursprung von Moral.

Wir Katholiken glauben nicht, dass wir Gott brauchen, um zu kapieren, dass Töten und Stehlen schlecht sind. Die Ansicht, dass Moral nur das ist, was Gott zufällig befohlen hat, oder dass wir ohne Gottes Offenbarung nicht wissen könnten, was richtig oder falsch ist, ist Ketzerei. Wir besitzen Vernunft und Gewissen und es gibt das objektiv Gute, das wir mithilfe dieser Instrumente erkennen können.

Allerdings ist es natürlich sinnvoll, wenn Gott uns an die Gebote erinnert und sie uns noch einmal einschärft. Ohne diese zusätzliche Bestätigung neigen wir leicht dazu, sie zu untergraben oder beiseite zu schieben. Was ist mit dem 6. Gebot, „Du sollst nicht die Ehe brechen“, oder dem 4. Gebot, „Ehre Vater und Mutter“? Würden alle Atheisten das heute noch vorbehaltlos unterschreiben? Oder nehmen wir ruhig das scheinbar so einfache und einsichtige 5. Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Nun sehen auch wir Katholiken hier Ausnahmen im Fall von Notwehr und Nothilfe und interpretieren das Gebot als „Du sollst nicht morden“, d. h. „Du sollst niemals direkt unschuldige Menschen töten“. Aber wie geht es dann weiter, wenn es an die Frage nach, sagen wir mal, Euthanasie für ein schwer krankes Kleinkind geht? Manche Gesellschaften haben sie für sinnvoll erklärt. Was ist mit Abtreibung? Selbstmord? Beihilfe zum Selbstmord? Duellen? Hier kommen wir zu Detailfragen, die grundsätzlich auch alle durch die Vernunft lösbar sind, bei deren Lösung uns aber Gott – heute vor allem durch das Lehramt der Kirche – helfend zur Seite steht, damit wir uns nicht verzetteln. [Anmerkung: Wir Katholiken glauben nicht an den protestantischen Grundsatz „Allein die Schrift“; für uns spielt das Lehramt der Kirche bei der Auslegung der Bibel eine große Rolle. Mit einem „In der Bibel steht kein Vers über frühabtreibende Verhütungsmittel“ kann man uns also in einer Debatte zum Beispiel nicht begegnen.]

Was die Zehn Gebote angeht, sollte man übrigens sehen, dass sie nicht einfach eine Lehrpredigt für die Israeliten im Sinne von „Das hier ist Moral, merkt euch das“ sind. Hier begründet Gott am Sinai seinen Bund mit den Israeliten, und zu diesem Bund gehört auch die Verpflichtung, die grundsätzlichen moralischen Gebote einzuhalten. Hier macht Gott deutlich: Er ist nicht ein Gott, dem die Moral egal ist, dem es bloß auf die richtigen Kulthandlungen ankommt. „Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“ (Hosea 6,6) Übrigens betreffen auch nur die letzten sieben Gebote die zwischenmenschliche Moral, die ersten drei das Verhältnis zu Gott.

In einem gewissen Sinne kann man als Katholik sagen, man würde die Moral „von Gott herleiten“: Gott ist gut; Gott ist das Gute selbst, die Vernunft selbst, die Liebe selbst. (Er ist zudem der Schöpfer dieser Welt, wir sind alle nur durch Ihn gemacht; angenommen, Gott wäre nicht gut, wie wäre es uns dann möglich, das zu erkennen, da wir unsere Erkenntnisfähigkeit nur durch Ihn haben?) Aber das heißt nicht, dass wir ohne spezielle Offenbarung bezüglich der Moral im Dunkeln tappen.

 

Jetzt zur zweiten Alternative: Die Natur als Ursprung von Moral.

Wir Menschen, die wir vernunftbegabt sind, erkennen, dass es in dieser Welt viele Ungerechtigkeiten gibt. Wir erkennen, dass die Welt in ihrem derzeitigen Zustand nicht so ist, wie sie sein sollte. Das spricht gegen den Pantheismus, die Naturverehrung: Wenn wir nur aus dieser Welt hervorgegangen wären, wenn die Natur alles wäre, was es gäbe, wie könnten wir dann praktisch als Außenstehende die Natur beurteilen und erklären, dass zum Beispiel natürliche Rivalitäten zwischen Menschen, das Recht des Stärkeren im Tierreich, oder Tod und Leid im Allgemeinen schlecht sind? Wir sind übernatürliche Wesen – von Gott geschaffen. Und wir erkennen, dass das, was wir allgemein als „Natur“ bezeichnen, nicht einfach moralische Maßstäbe vorführt.

Falsche Vorstellungen von einem „Naturrecht“ sind möglich. Das beste Beispiel ist der Sozialdarwinismus. (Wobei mir nicht bekannt wäre, dass Sozialdarwinisten den traditionellen katholischen Begriff des Naturrechts je für sich übernommen hätten.) Der Sozialdarwinismus basiert auf der Überlegung: So sehen wir es in der „Natur“ (Flora und Fauna), also sollte es auch so sein (allgemein bekannt als der „naturalistische Fehlschluss“ oder „Seins-Sollens-Fehlschluss“). Einfach zu beobachten, was passiert, und das dann für gut zu erklären, ist falsch. Der Sozialdarwinismus ist reine Naturverehrung; wir Christen verehren dagegen einen Schöpfergott, der über der Natur steht.

Aber das heißt natürlich auch, dass die Natur für uns sehr wohl eine gewisse Bedeutung hat: Der gute Gott hat sie erschaffen, sie ist gut. Zwar ist die Welt auch gefallen – nicht schlecht, aber in mancher Weise verdorben – aber trotzdem sagt uns ihr Aufbau etwas über die Moral.

Wir glauben, dass Gott alle Dinge zu einem bestimmten Zweck geschaffen hat. Wir sollen gemäß unserer Natur und der Natur der Dinge leben – Natur jetzt nicht im Sinne von Flora und Fauna, sondern im philosophischen Sinn verwendet. Die Sprache zum Beispiel hat einen natürlichen Zweck – Kommunikation -, daher ist ihr Missbrauch durch Lügen falsch. Das ist der ursprüngliche Zweck der Sprache, der in ihrem Wesen liegt. Wenn man in der Natur beobachtet, dass die Leute sie nicht so verwenden, dann ändert das nichts daran, dass sie sie nicht so verwenden sollten: Das ist, kurz gesagt, der Unterschied zwischen Sozialdarwinismus und katholischem Naturrechtsdenken. Auch andere Dinge im Leben haben ihren natürlichen Zweck und sollten nicht entgegen diesem Zweck verwendet werden.

Der Begriff des Naturrechts will vor allem sagen, dass eine Tat oder Unterlassung nicht deshalb gut oder schlecht ist, weil eine Gesellschaft oder ein Gott sie für gut oder schlecht erklärt hat, sondern weil sie ihrem Wesen nach gut oder schlecht ist.

 

Auf die dritte Alternative, Moral wäre willkürlich und zufällig, brauche ich wohl nicht mehr einzugehen.

 

Daher widme ich mich jetzt Muriels eigener Vorstellung: Muriel erkennt sehr wohl selbst an, dass es etwas objektiv Gutes gibt: nämlich allgemeine Zufriedenheit, Glück, gute Lebensbedingungen: das Ziel der zu vereinbarenden Moral. Das ist jedoch schon ein „absolutes“, also praktisch naturrechtliches, Prinzip.

Nur ist es leider etwas schwammig formuliert, und es wird wenig Konkretes daraus abgeleitet. Geht es beim Maßstab der „Auswirkungen auf unsere Gesellschaft“ um Utilitarismus – das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl? Oder geht es um das Wohl jedes einzelnen Mitglieds der Gesellschaft? Das übergreifende Prinzip der christlichen Moral ist ganz einfach: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Und „lieben“ meint hier: „Jemandem Gutes wollen.“) Es geht um die konkrete Verantwortung gegenüber den einzelnen Menschen, mit denen man zu tun hat – den eigenen Familienangehörigen, Kollegen, Nachbarn -, weniger gegenüber der gesamten Gesellschaft. (Da die ja auch aus vielen einzelnen Menschen besteht, sollte das Gemeinwohl aber natürlich nicht vergessen werden.) Ich nehme mal einfach eine nicht-utilitaristische Lesart für Muriels Text an; ich denke, dass wir uns dann in den Prinzipien ziemlich einig wären. Etwa dem grundlegenden Prinzip: Was einen Menschen schädigt, ist falsch. Man müsste dann sicher noch darüber sprechen, was genau schädigt oder nicht schädigt, aber das Prinzip ist ja nicht schwer einzusehen.

Es beruht allerdings auch noch auf zwei Annahmen, die man sich noch ansehen sollte:

  1. Menschen sind wertvoll.
  2. Kein Mensch ist mehr oder weniger wertvoll als ein anderer.

Muss man diese beiden Prinzipien als Atheist zwangsläufig auch annehmen? Das erste ist wohl das schwierigere. Welchen Wert sieht man als Atheist im menschlichen Leben? Es gibt dazu sicher unter Atheisten unterschiedliche Ansichten; aber wenn man das Leben als schlecht und sinnlos ansieht, wie es manche Atheisten tun, dann ändert sich natürlich auch die Moral: Wenn es so ist, was bringt es dann etwa, anderen Menschen, zum Beispiel schwer Kranken, das Leben zu erhalten? Die Sicht auf Euthanasie beispielsweise wäre in diesem Fall eine andere als die christliche. Und das zweite Prinzip: Woher nimmt man als Atheist die Überzeugung, dass z. B. schwer behinderte Menschen ebenso wertvoll sind wie hochintelligente? Es gab und gibt Atheisten, die nicht dieser Überzeugung sind. Nein, da muss man nicht in die Vergangenheit schauen: Der australische Philosoph Peter Singer zum Beispiel sieht in behinderten Neugeborenen keinen besonderen Wert.

Ich sage nicht, dass man diese Prinzipien als Atheist nicht auch annehmen kann. Man kann sie einfach als offensichtliche Wahrheiten, die das Gewissen vorgibt, annehmen, auch als Atheist.

Wenn wir alle einfach annehmen, dass wir Gewissen und Vernunft haben, die uns einfach sagen, dass wir „unseren Nächsten lieben“ sollen „wie uns selbst“, dann wären wir uns bei der Herleitung der Moral wohl einig. Für uns Christen wird diese Moral dann durch die Überzeugungen, dass alle Menschen eine unsterbliche Seele haben, dass sie von Gott als wertvoll geschaffen sind, dass sie Gottes geliebte Geschöpfe sind, noch untermauert.

„Moral als gesellschaftliche Vereinbarung“ macht dagegen in sich keinen Sinn. Eine Gesellschaft könnte zum Beispiel vereinbaren, eine Minderheit zu unterdrücken – was offensichtlich unmoralisch wäre. Zum zweiten hat man nicht nur gegenüber Menschen, die der eigenen Gesellschaft angehören, moralische Verpflichtungen. Wie sollte man sich gegenüber jemandem verhalten, den man in einem fremden Land trifft und der andere Vereinbarungen gewohnt ist? Muss man erst neue gegenseitige Vereinbarungen treffen? Oder gibt es nicht doch universelle Prinzipien der Menschlichkeit, an die man sich halten könnte?

Muriel unterscheidet hier nicht zwischen dem positiven (=gesetzten) menschengemachten Recht, das in verschiedenen Ländern legitimerweise verschieden sein kann – Autos fahren auf der rechten Straßenseite, zur Begrüßung reicht man sich die Hand, das Staatsoberhaupt wird alle fünf Jahre vom Volk gewählt – und universellen Regeln, also dem Naturrecht – du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen. Im positiven Recht gibt es Spielraum, wobei es natürlich auf dem Naturrecht beruhen sollte.

Zu Gaudete

Ein Gastbeitrag von meinem regelmäßigen Kommentator Nepomuk in Form einer Predigt zum Gaudete-Sonntag:

Freut euch allezeit im Herrn! Noch einmal sage ich: freut euch. (Phil 4,4)

Den heutigen Sonntag nennt man Gaudete, das heißt „Freut euch!“. Das kam im Introitus. Das kam in der Lesung. Und jetzt kommt’s auch in der Predigt schon wieder. Natürlich muß es hier um die Freude gehen.

Man könnte an dieses Thema naiv herangehen und sagen: freuen, das tun wir Christen uns ja sowiesó. Könnte man. Aber es wäre naiv. Man könnte dann noch naiver auf irgendwelche Statistiken eingehen, die irgendwie (vermutlich) nahelegen würden, daß die Gläubigen fröhlicher durchs Leben gehen als die Ungläubigen; wahrscheinlich ist das auch so. Ich habe die statistische Lage nicht geprüft, aber ich meine mich zu erinnern, daß es das immer heißt. Ich weiß freilich – offen gestanden – nicht, wie die Statistiker, wenn es diese Statistiken überhaupt gibt, zu ihren Ergebnissen kommen. Ob das irgendwelche Fragebögen sind? Wie aussagekräftig das ist? Hat einer geantwortet, wie er antworten soll, weil er weiß, daß er eigentlich Grund zur Freude hat? Damit müßte man sich wenndann im Detail beschäftigen; letztlich ist es aber, so denke ich, nicht so wichtig. Eines heißt es jedenfalls, die Gläubigen begehen seltener Selbstmord als die Ungläubigen. Aber liegt das daran, daß sie sich mehr freuen – oder doch ganz banal daran, daß sie an der moralischen Pflicht festhalten, aus ihrem Leben gerade dann nicht zu flüchten, wenn es wirklich unangenehm wird? (Natürlich ist die Pflicht eine des Naturrechts; de facto hält das aber wohl nur noch der Gläubige hoch.)

Man könnte an das Thema auch moralisierend herangehen; dann kommt in der Regel relativ bald der Spruch von Friedrich Nietzsche: „Erlöster müßten mir die Christen aussehen […] wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Ich will keinen Hehl daraus machen, daß ich von diesem Sprüchlein – das nebenbei Nietzsche tatsächlich einmal gesagt hat, das in gefühlten 95 % aller Fälle, in denen es heute zitiert wird, aber von eifrigen Christen zitiert wird, immer beflissen, einander zu ermahnen: was, wenn wegen eines unterlassenen Lächelns ein Mensch sich nicht bekehrt, will jemand diese Verantwortung tragen usw.? – in dieser Verwendung nicht allzuviel halte.

Es gibt eine Pflicht, sich zu freuen; der Apostel schreibt das ja ausdrücklich. Ich komme darauf auch gleich zu sprechen. Aber einstweilen – diese gibt es, weil wir tatsächlich Grund zur Freude haben! Aber einen Atheisten mit Hang zur Verrücktheit, wie Nietzsche es war, der von unserem Glauben keine Ahnung, bloß oberflächliche Kenntnisse hat, der insbesondere von den Dingen, die dem Gläubigen auch tatsächlich schwer zu ertragen werden, denn es gibt sie, keine Ahnung hat, der ist der allerletzte, der uns zu sagen hätte, was unser Gefühl zu tun und zu lassen hat! Als ob die Freudigkeit oder fehlende Freudigkeit der Christen, von denen doch ohnehin klar ist, daß sie zum einen sündigen und zum anderen auch, wo das, was sie tun, immerhin keine Sünde ist, eher selten dem Bild des zum einen völlig perfekten, zum anderen „geisterfüllt“ (oder was man so nennt) auf Wolke sieben schwebenden „erlösten“ Menschen nahekommt. Das geht Nietzsche einen feuchten Dreck an!

Übrigens ist dieser auf Wolke sieben schwebende Charismatiker, dem wir sein Glück durchaus gönnen wollen, für den Katholiken entgegen der von gewissen religiösen Revival- und Pfingst- und wie-sie-nicht-alle-heißen-Bewegungen kolportierten Vorstellungen durchaus auch nicht das Ideal. Es gibt ja diese Vorstellung, der Heilige bekehre sich einmal in einer großen Bekehrungsaktion, und dann habe er natürlich hier und da die eine oder andere Anfechtung, aber im großen und ganzen sei er im Frieden. – Wie gesagt, wenn das dem einen oder anderen so geht, dann sei ihm das gegönnt. Aber es ist definitiv nicht der typische Lebenslauf der großen katholischen Heiligen; und wohl auch nicht der meisten ein paar Niveaus drunter anzusiedelnden Katholiken. Mit der Bekehrung, sei es daß sie durch ein plötzliches Ereignis kommt, sei es (was trotz aller das Gegenteil behauptenden Neuprotestanten durchaus möglich ist) daß ein als Kind Getaufter wirklich von Kindesbeinen an in den Glauben hineinwächst und natürlich für seine Sünden Buße tun, eine „typische“ Bekehrung aus dem Bilderbuch vom Unglauben zum Glauben aber gar nicht ablegen muß – damit jedenfalls geht der Glaubensweg erst so richtig los; geht auch der Kampf los; geht auch der Lauf, von dem der hl. Paulus schreibt, los. Der in diesen Tagen seinen Geburtstag für den Himmel feiernde Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz hat daran keinen Zweifel gelassen: auf diesem Weg kann es auch zu sogenannten Trockenheiten kommen, in denen der Mensch glaubt, aber die Tröstungen des Glaubens gar nicht spürt; und die hl. Mutter Teresa von Kalkutta hat nach ihrer ewigen Profeß fast das ganze weitere Leben das Martyrium einer solchen Trockenheit erdulden müssen.

Gerade in ebenso einer „Trockenheit“, können wir glaubich sagen, befand im Evangelium des vergangenen Sonntags sich ein anderer großer Heiliger, ein anderer hl. Johannes, eben der hl. Johannes der Täufer, von dem auch heute, wenngleich in anderem Zusammenhang das Evangelium berichtet.

Er sitzt da da, im Gefängnis, in das ihn sein konsequentes Eintreten für die Wahrheit und die rechte Moral – wofür übrigens? Dafür, daß er Herodes darauf hingewiesen hatte, daß geschiedene Leute nicht heiraten dürfen – gebracht hat; und jetzt sitzt er da. Auf Christus hat er hingewiesen; im heutigen Evangelium haben wir von seiner Prophetie gehört, die auf Christus verweist. Unmittelbar danach wird im Johannesevangelium berichtet, daß Christus zu Johannes kam und Johannes den Geist auf ihn herabkommen sah (es muß das bei der Taufe Christi gewesen sein, von der die Synoptiker berichten), und jetzt identifiziert Johannes ihn: Das ist er.

Im Evangelium vom letzten Sonntag ist wie gesagt einige Zeit vergangen; Johannes sitzt im Gefängnis und schickt Boten zu Christus: „Bist Du es denn jetzt, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Glaubensfreude? Auf den ersten Blick Fehlanzeige.

(Nebenbei bemerkt haben sich nicht wenige Kirchenväter gedacht, ein Prophet irrt sich nicht und zweifelt auch an seiner Prophetie nicht; Johannes habe daher gar nicht an Christus gezweifelt, aber seine Jünger hätten es, und um diesen, nicht seinen eigenen, Zweifeln Ruhe zu verschaffen, habe er seine Jünger zu Christus geschickt, daß Er sie selber stille. So oder so: die Zweifel waren jedenfalls in der Welt.)

Christus antwortet darauf nach ein paar Sätzen, auf die ich noch eingehe, mit dem Lob des Hl. Johannes, als wollte er es den von dem protestantischen Gerede über die Stärke des Glaubensgefühls als Gradmesser der Festigkeit des Glaubens verunsicherten Menschen von heute ins Stammbuch schreiben, daß dieser Zweifel, ob ihn der hl. Johannes nun hatte oder ob es nur der seiner Jünger war, mit dem er sich aber in dem Fall unzweideutig solidarisierte, nicht heißt, daß einer ein schlechter Christ sei.

Auch in einem der beeindruckendsten Bücher des Alten Testaments, im Buch Ijob, von dem man bitte nicht einfach eine Zusammenfassung lese, sondern das man von vorn bis hinten durchlesend auf sich einwirken lassen sollte, wird Ijob nicht für die Klage getadelt, zu der er kein Recht habe. Man wird sich erinnern (weil man vielleicht doch schon eine Zusammenfassung gelesen hat): Ijob verliert alles, was er auf der Erden hat, auch seine Gesundheit und liegt da in Schmerzen und klagt, warum ihm das passiere, er habe es doch nicht verdient. (So ganz grob.) Drei Freunde sind da, Elifas, Bildad und Zofar, die sagen ihm dann, er müsse ganz einfach ein Sünder sein und außerdem stehe es ihm keineswegs zu, mit Gott zu rechten, er habe sich seiner Majestät einfach zu unterwerfen. (So ganz grob.) Im Grunde also predigen sie die Haltung, die heute der Islam einnimmt – wenn der auch sonst bisweilen schlecht informierte deutsche Denker Oswald Spengler behauptet, Ijob (und nicht die drei Freunde) sei der Prototyp des Moslems, dann stimmt das nicht. Nichtsdestoweniger ist die Rede der drei auch nicht ganz falsch, wenn sie auch hernach dafür getadelt werden. Nachher erscheint ein jüngerer Mann namens Elihu, der differenzierte Theologie betreibt; das ist schon hilfreicher, und er wird dafür nicht getadelt. Dann aber kommt die Hauptsache, dann tritt Gott selbst auf den Plan. Und was der nur überfliegende Leser ebenfalls für einen Tadel von seiten Gottes halten würde,

„Wer ist es, der den Plan verdunkelt / mit Worten, denen die Erkenntnis mangelt?
Umgürte Deine Lenden wie ein Mann; / ich will dich fragen, Du belehre mich!
Wo warst Du denn, als ich die Erde gründete? / Sag an, wenn Du so große Einsicht hast!“
und dann geht es so eine Weile weiter und dann kommt:
„und wer hat ihren Eckstein eingefügt,
als all die Morgensterne jauchzten / und alle Gottessöhne jubelten?“

– das ist gar kein Tadel. Gott beschreibt dann geradezu detailverliebt die Schönheit und den Detailreichtum Seiner Schöpfung, und wie Chesterton bemerkt, wird klar, daß die Gottessöhne wirklich etwas zu jubeln hatten, und daß Gott Hagelkörner aufbewahrt
„für den Tag des Kampfes und der Schlacht“,
und daß die Frevler (und nicht Ijob!) von der Erde geschüttelt werden würden.

Die Antwort Ijobs darauf scheint für viele oberflächliche Leser die Grundaussage des Buches zu sein:

„Sieh, zu gering bin ich. Was soll ich Dir erwidern? / Ich lege meine Hand auf meinen Mund.
Einmal hab‘ ich geredet, tu’s nicht wieder / sogar ein zweitesmal, doch fahre ich nicht fort.“

Auch die Haltung ist, versteht sich, nicht ganz falsch. Aber Grundaussage des Buches? Nichts dergleichen. Jetzt, wo, wenn das stimmte, Gott doch zufrieden sein müßte, jetzt gerade ändert sich auf einmal der Tonfall; jetzt kommt noch eine zweite Rede Gottes, und jetzt kommt Gott wirklich fast ein wenig zornig herüber!

„Willst du wirklich mir mein Recht zunichte machen/ mich schuldig sprechen, daß Du Recht behältst?“
Jetzt kommt die zweite Rede Gottes von seiner Hoheit und seiner Majestät, jetzt treten Nilpferd und Walfisch auf und so weiter. Und am Ende sagt Ijob dann:
„Ich weiß nun, daß Du alles kannst / und kein Gedanke Dir unmöglich ist.
Wer ist es, der den Rat verdunkelt ohne Einsicht? / So sprach ich im Unverstand von dem  / was mir zu wunderbar und unbegreiflich war.
So höre doch, ich will nun reden! / Ich will Dich fragen, Du belehre mich!
Vom Hörensagen nur hab ich von Dir gewußt / jetzt aber hat mein Auge Dich geschaut.
Drum leiste Widerruf ich und bereue / in Staub und Asche.“

„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt / selbst wenn er sich als Letzter aus dem Staub erhebt“, hatte er vorher mitten in seiner Klage gesagt. Und er hatte Recht.

Johannes ließ anfragen: „Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So höre denn, ich will nun reden: ich will Dich fragen, Du belehre mich! Und Christus antwortet: „Berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird das Evangelium verkündet. Und selig, der an mir keinen Anstoß nimmt.“

Das ist der Grund für unsere christliche Freude, daß unser Erlöser lebt und sich aus dem Staub erhoben hat.

Johannes fragte in einer Zeit der Unsicherheit, der Buße – er war ja Bußprediger – des Advents, der violetten Gewänder, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Ijob fragte in seiner persönlichen Unsicherheit, seiner Klage, seinem Leiden – in einer Zeit der violetten Gewänder, des Advents, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Und sie erhielten beide Antwort: Mit der Ankunft Gottes in diese Welt.

Darin freilich ist Johannes Ijob voraus: Dem Ijob erschien Gott, um ihn zu trösten: letztlich, um ihn damit zu trösten, daß Er da ist, daß die ganze Problemlage tatsächlich eine zum Himmel schreiende Problemlage ist und daß der Himmel antworten wird. Christus, Gott selbst, der Menschgewordene, ist die Antwort des Himmels – Er wird die Sünden der Welt – und damit letztlich auch die Sündenfolgen – hinwegnehmen. Johannes durfte mit den Worten „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt“ auf ihn hinweisen (wieder: unmittelbar im Anschluß an das Evangelium von heute) – nachdem er es, bevor ihm gesagt wurde, daß Er es sei („auch ich kannte ihn nicht“ würde er sagen; persönlich kannte er Ihn schon, Er war sein Cousin, aber er wußte nicht, daß Er es sei), schon als adventlicher Prophet verkündet hatte.

Er, Christus, ist der Grund für unsere Freude; und deswegen hat der Herr Zelebrant heute ein rosanes Gewand an als aufgehelltes Violett.

Und was folgt nun für unser Verhalten daraus? Nein, nicht, daß wir nicht klagen dürften. Auch Ijob durfte. Auch Johannes durfte. Wohl aber wird man ganz pragmatisch sagen: wir sollten es damit nicht übertreiben.

Der Hl. Thomas von Aquin lehrt an einer Stelle, wenn uns die Traurigkeit übermannt, dann solle man ein heißes Bad nehmen (oder so ähnlich): Zur Freude gehört schon auch, daß wir uns nicht alleweil der Trübsal hingeben – und wenn so banale gewissermaßen „Techniken“ wie Baden, Duschen, lautes Singen von von rechter Fröhlichkeit erfüllten Liedern, zum Beispiel von religiösen, aber auch, anstatt dauerndem Vor-sich-hin-Gegrummel die Klage wirklich einmal auszusprechen, laut hinauszuschreien, zu weinen etc. – auch wenn es paradox klingt, aber das hilft in der Regel, zur Freude zurückzufinden – uns dabei helfen, dann können wir diese auch hernehmen. „Durch die äußeren Formen [gemeint: des katholischen Ritus] werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“, heißt es in der Erklärung der Alten Messe von Pater Martin Ramm; das ist das schlagende Argument gegen den von protestantischer und anderer Seite vorgebrachten Vorwurf, wir würden nur auf Äußerlichkeiten setzen; und was für den Ritus gilt, das gilt auch außerhalb.

Machen wir uns nichts vor! Aber scheuen wir uns auch nicht, die Haltung, die wir eigentlich in unserem Herzen, oder, wenn für jemanden das Wort „Herz“ zu sehr nach „Gefühl“ klingt: durchaus auch in unserem Kopfe, haben, laut zu äußern auch in der Hoffnung, daß wir unser eigenes Gemüt damit erst noch so überzeugen. Wie es die hl. Mutter Teresa gehandhabt hat: sie hat immer gelächelt – weil sie wußte, es gibt Grund zum Lächeln. Das war nicht unehrlich. Auch wenn das Lächeln mühevolle Arbeit war.

Und dann, klar, tun wir, wie der Hl. Paulus gesagt hat. „Euer gütiges Wesen sollen alle Menschen erfahren.“ Freude auszustrahlen ist selbst schon ein Akt der Gütigkeit; er macht den Mitmenschen das Leben angenehmer. Und so wie wir angelegt sind, wird zumeist nur mit Freude im Herzen es gelingen, Großes zu leisten, sei es in der Nächstenliebe, sei es anderweitig. „Du wirst es nicht zu Tücht’gem bringen / bei deines Grames Träumereien, / die Tränen lassen nichts gelingen; / wer schaffen will, muß fröhlich sein. // Wohl Keime wecken mag der Regen, / der in die Scholle niederbricht, / doch golden Korn und Erntesegen / reift nur heran bei Sonnenlicht.“ So, mit Recht, Theodor Fontane.

Und das geht ja auch. Denn, so Paulus: „Um nichts macht euch Sorgen; laßt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen durch Bitten und Flehen – mit Dank! – vor Gott kund werden.“

Das ist der nächste praktische Hinweis: Scheuen wir uns nicht, unseren Herrgott mit Bittgebeten zu bestürmen! Wir wissen ja, daß er uns gibt, was wir brauchen.

Und vergessen wir das Dankgebet nicht. Denn was wir brauchen könnten, ist allenfalls ein kleiner Tropfen in dem Meer von dem, was er uns schon gegeben hat in der Schöpfung; was Er uns zuteil hat werden lassen in der Erlösung, in der Gnade, in Jesus Christus; und vor allem, um den Dank mit dem Gloria zu sagen: in bezug auf Seine eigene große Herrlichkeit: denn Er, das vollkommene Gute und die Ewige Schönheit, íst:

und wenn das für einen kein Grund zur Freude ist, dann ist er entweder seines Verstandes nichtmächtig oder ein Trottel.

Über blinde Flecke und säkulare Dogmen

Gelegentlich hat man auch von seinen katholischen Glaubensgenossen mal genug. Nicht von allen vielleicht; aber wenn man in seinen Facebookgruppen irgendwann zu viele Aufrufe, zur Rettung des Abendlandes täglich den Rosenkranz zu beten, und kitschige Heiligenbilder, unter denen jeweils drei bis fünf Leute mit „Amen!!!“ und ❤ ❤ ❤ kommentiert haben,  kriegt, nervt es schließlich. Dazu kommen dann immer wieder reflexhaft-antifeministische Wortmeldungen, das ewig gleiche Gemecker über EKD, DBK und das deutsche Kirchensteuersystem (was haben da alle dagegen?? Also gegen Letzteres), mir persönlich etwas zu große ökumenische Nähe zu gewissen Freikirchen, die grausige Worship-Songs singen, pausenlos davon reden, sich in Jesus zu verlieben und manchmal dazu neigen, Katholiken nicht für Christen zu halten, oder auch diese unerträgliche Franziskus-Fanbegeisterung, die aus mir unbekannten Gründen immer noch anhält. Kurz gesagt: Manchmal fühlt man sich aus den verschiedensten Gründen, als bräuchte man ein bisschen Abstand.

Die eigenen Leute nerven manchmal; aber dann, so habe ich gemerkt, muss man nur lange genug beim ideologischen Gegner herumhängen, um zu merken, wieso man trotz pseudo-inspirierender Sprüche, trotz Glaubensgeschwistern, die die falsche Partei wählen, oder trotz in neongrün leuchtender Herz-Jesu-Bilder katholisch ist.

Ich habe in letzter Zeit öfter amerikanische Blogs gelesen, die das evangelikale / konservative / fundamentalistische Christentum von einem atheistischen oder liberal-christlichen Standpunkt aus kritisieren und die allgemein feministische und „linke“ (für amerikanische Verhältnisse) Meinungen vertreten. (Weder „links“ noch „feministisch“ widersprechen natürlich an sich schon dem katholischen Glauben – es kommt darauf an, wie man beides definiert.) Und da liest man oft Interessantes; auch mal Interessantes über Fehlentwicklungen in bestimmten Gemeinden / Kirchen, die wir in unserer am besten vermeiden sollten. Der beliebte Blog „Love, Joy, Feminism“ (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/ ) wäre ein gutes Beispiel: Bloggerin Libby Anne ist in einer evangelikalen Familie mit einem Dutzend Kindern aufgewachsen, in der man an das Patriarchat glaubte und in der die Kinder zuhause unterrichtet und körperlich gezüchtigt wurden, wenn sie nicht sofort und ohne Widerspruch gehorchten. Inzwischen ist sie Atheistin (dem Christentum gegenüber aber nicht grundsätzlich feindselig eingestellt) und erzieht ihre eigenen Kinder auf andere Weise. Sie schreibt sowohl über ihre eigenen Erfahrungen als auch über allgemeine Entwicklungen im amerikanischen Christentum und der amerikanischen Politik; am interessantesten finde ich persönlich ihre detaillierten Besprechungen von Büchern wie „Created to be his helpmeet“ von Debi Pearl (wage es nicht, deinem Mann nicht zu gehorchen, solange er von dir nicht gerade verlangt, ihm bei einem Bankraub zu helfen), „To train up a child“ von Michael Pearl (gute Christen müssen fünf Monate alte Babys mit Gummischläuchen schlagen, um ihnen Gehorsam beizubringen), oder „A voice in the wind“ von Francine Rivers (ein historischer Liebesroman, der im alten Rom spielt, mehr oder weniger „Twilight“ für christliche Teenager). Andere Beispiele wären Samantha Fields Blog (http://samanthapfield.com/ ) – Field ist eine sehr liberale Christin, die ebenfalls aus konservativeren Kreisen kommt – oder das Gemeinschafts-Blogprojekt „No longer quivering“ (http://www.patheos.com/blogs/nolongerquivering/ ), das vor allem das randständige, extrem konservative Quiverfull Movement kritisiert.

Wie gesagt: Ich habe auf solchen Blogs manche interessante Sachen gelesen. Besonders zum Thema „geistlicher Missbrauch“, also dem Missbrauch von religiöser Autorität, um Anhängern zum Beispiel Angst davor zu machen, einem Pastor oder einem Familienmitglied nicht zu gehorchen, um sie dazu zu bringen, Probleme in der Gemeinde unter den Teppich zu kehren, o. Ä., wird hier immer wieder Interessantes geschrieben (es gibt übrigens auf der interreligiösen Plattform Patheos auch einige katholische Blogger, die das Thema öfter mal ansprechen, vor allem Mary Pezzulo: http://www.patheos.com/blogs/steelmagnificat/ ). Oder auch die Auswüchse dessen, was in den USA als „purity culture“ bezeichnet wird – wozu gehören kann, Mädchen, die vor der Ehe Sex gehabt haben, mit angebissenen Schokoriegeln zu vergleichen, oder nicht nur sexuelle „Reinheit“ (wozu für manche Christen kein Körperkontakt vor der Hochzeit gehört… kein Kommentar), sondern auch emotionale Reinheit zu verlangen, weshalb man bitteschön darauf aufpassen soll, mit jemandem, mit dem man noch nicht verheiratet ist, eine zu tiefe emotionale Verbindung aufzubauen, schließlich wäre es schrecklich, wenn man einen Teil seines Herzens an jemanden weggegeben hätte, den man am Ende nicht heiratet. Während das noch irgendwie lachhaft wirkt, ist es schlimm, zu lesen, wie zum Beispiel die Beratungsstelle ihrer christlichen Universität reagierte, als Samantha Field versuchte, darüber zu sprechen, dass ihr Ex-Verlobter sie vergewaltigt hatte (https://www.xojane.com/issues/samantha-field-pensacola-christian-college-rape-stalking ) – welchen Anteil sie denn an der Sünde gehabt hätte? Und außerdem sollte sie ihrem Ex vergeben, sonst würde sie „bitter“ werden und ihre Beziehung zu Gott schädigen. Ähm… ja.

Ich habe auch Interessantes über feministische Theorien im Allgemeinen oder politische Debatten in den USA um Waffengesetze, Naturschutz oder Krankenversicherung erfahren. Konservative, die Republikanische Partei wählende Christen tendieren dort ja oft dazu, alle staatlichen Vorschriften und Einschränkungen für Tyrannei zu halten, während Liberale für mehr Regulierung und Sozialstaat sind. Und hier ist die liberale Position aus unserer europäischen Sicht ja oft die einzig vernünftige – wie kann man nur dagegen sein, eine allgemeine Krankenversicherung oder bezahlten Mutterschaftsurlaub einzuführen oder zu kontrollieren, ob jemand ein Krimineller ist, bevor man dem eine Waffe verkauft? Dann gibt es zum Beispiel auch Artikel, die kreationistische Behauptungen widerlegen; auch spannend. Der Kreationismus ist ja eine dieser theologischen Ideen, die ich besonders hasse, weil sie unseren Glauben bescheuert aussehen lassen und im Grunde genommen Fideismus propagieren.

Aber dann dauert es auch wieder nicht lange, bis man sich fragt: Wie kann das sein? Eben noch redet ihr von Respekt vor allen Menschen und Mitgefühl mit den an den Rand Gedrängten und jetzt… das?

Geschenkt, dass einige als „non-religious“ deklarierte Blogs sich hauptsächlich damit beschäftigen, Dinge aus der christlichen Welt herauszusuchen, über die sie sich aufregen können, statt eine eigene Botschaft zu verkünden, und sich dabei auch nicht immer Mühe geben, zu verstehen, was dieser und jener Christ eigentlich gemeint hat. Geschenkt, dass das wohlige Gefühl, besser zu sein als diese heuchlerischen, legalistischen Fundamentalisten, sich in den Kommentarspalten gelegentlich deutlich zeigt. Geschenkt, dass manchmal so getan wird, als wären alle, die anderer Meinung sind, entweder böse oder Idioten. Das alles ist alles andere als ideal (es kann leicht in die Wurzelsünde Hochmut übergehen), aber Zorn über das Böse ist ja an sich nicht von Grund auf schlecht. Auch geschenkt, dass Mrs. Field zum Beispiel sehr kreativ in ihrer Bibelinterpretation werden kann (Orpah, die unwichtige, nicht wirklich schlechte, vor allem aber an ihre eigenen Interessen denkende Nebenfigur aus dem Buch Ruth soll eine Heldin sein? Bitte? (http://samanthapfield.com/2017/09/25/finding-new-meaning-in-familiar-characters/ )).

Seltsamer wird es zum Beispiel, wenn Leute sich nicht sicher zu sein scheinen, was sie als Feministinnen von (freiwilliger) Prostitution, (freiwilliger) Produktion von Pornographie, dem Konsum von Pornographie, Sadomasochismus oder offenen Beziehungen halten sollen. Das Prinzip der „consenting adults“ wird in der liberalen Sexualethik ständig betont; ein Lehrer, der sich an eine Fünfzehnjährige heranmacht, oder ein Mann, der seiner Freundin Druck macht, Sexpraktiken auszuprobieren, die sie nicht ausprobieren möchte – solche Leute sind klar die Bösen. Aber wenn eine Frau sich ganz frei und emanzipiert für „Sexarbeit“ entscheiden möchte, kann das dann falsch sein? Facepalm. (Genau diese Einstellung hat Deutschland durch die Legalisierung der Prostitution übrigens zum Paradies für Menschenhändler gemacht, just saying. Ich sage ja nicht, dass es nie freiwillige Prostitution gibt, aber seien wir mal realistisch.) Dass es Dinge gibt, die in sich erniedrigend sind, die man einfach nicht mit sich machen lassen sollte, diese Vorstellung erscheint gar nicht auf dem Radar. Dass „consent“ eine unabdingbare Mindestvoraussetzung, aber kein allein ausreichendes Kriterium ist: Das kommt diesen Leuten nicht in den Sinn. Ein meiner Meinung nach ziemlich ironisches Beispiel bietet Libby Anne von „Love, Joy, Feminism“ hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2013/10/ctbhhm-dont-talk-to-me-about-pain.html ), wo sie die Vorstellung einer Debi Pearl (einer Vertreterin des Christian Patriarchy Movement), dass Frauen ihren Ehemännern grundsätzlich und immer, wenn die es wollten, Sex zu liefern hätten, kritisiert – und dann sagt, dass, wenn zwei Partner unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse hätten, sie zuallererst miteinander kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen sollten, dass aber, wenn das nicht helfe „einige Optionen eine offene Ehe oder sogar Scheidung einschließen“. Aha. Heißt das jetzt, etwas auf die Spitze getrieben, dein Mann darf dich zwar nicht vergewaltigen, aber dafür betrügen oder verlassen?

Aber das schlimmste Beispiel ist natürlich eins, das nicht in den Bereich des sechsten, sondern des fünften Gebotes fällt: Abtreibung. Ich kann nicht verstehen – und habe nie verstanden, auch nicht, als ich noch nicht besonders religiös war – wie man der Meinung sein kann, eine Abtreibung könnte in Ordnung oder sogar etwas Gutes sein. [Note: Ich will mit alldem, was ich jetzt sagen werde, nicht leugnen oder ignorieren, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine Belastung, in manchen Fällen eine sehr schwere Belastung, sein kann. Auch ein geborenes Kind kann eine schwere, für manche Menschen eine sehr schwere Belastung sein – und es ist nicht recht, es zu töten. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen, die Abtreibungen hinter sich haben, manchmal sicher dachten, sie tun für alle das Beste. Ich will auch nicht leugnen, dass Frauen es sich für gewöhnlich nicht leicht machen, wenn sie sich für eine Abtreibung entscheiden. Das alles ist wahr. Und natürlich kann es immer Heilung und Vergebung geben. Aber das macht die Sache an sich nicht besser. Für Frauen in schwierigen Situationen gibt es andere, bessere Hilfe als Abtreibungen – zum Beispiel hier: https://www.profemina.org/ ]

Abtreibung: Man reißt einen kleinen Menschen mit Metallinstrumenten oder Saugluft auseinander oder gibt ihm eine Giftspritze ins Herz; wie kann das, egal aus welchem Grund, etwas Gutes oder auch nur ein notwendiges Übel sein, das man um des größeren Wohls – oder des Wohls größerer Menschen – willen in Kauf nehmen müsste? Wir wissen, dass es ein kleiner Mensch ist; wir wissen, dass ein Embryo nach der Befruchtung sich nur noch weiterentwickeln muss, ebenso, wie er sich nach der Geburt noch weiterentwickeln muss; wenn ein Embryo in der zehnten Woche weniger wert ist als ein Neugeborenes, muss logischerweise auch ein Neugeborenes weniger wert sein als ein Dreijähriger und ein Dreijähriger weniger als ein Achtzehnjähriger. Wir treiben manche Menschen (vor allem behinderte Menschen) inzwischen im selben Lebensstadium ab, in dem wir andere Menschen in Brutkästen am Leben erhalten. Das sind biologische Tatsachen. Noch sind natürlich wenige Abtreibungsbefürworter so konsequent, diese Tatsachen anzuerkennen, aber das werden sie wahrscheinlich noch irgendwann tun (Peter Singer zum Beispiel ist einer, der es bereits tut); wir sind mit der allmählichen Legalisierung der Euthanasie auf dem besten Weg dazu, die letzten Reste des Lebensrechts auch noch für geborene Menschen auszuhöhlen. Man kann Abtreibung natürlich auch mit dem Argument verteidigen, dass das Baby sich nicht einfach im Körper der Mutter einnisten dürfte, wenn sie das nicht wollte, weil es schließlich ihrer sei – wobei sie ja in den allermeisten Fällen nicht ganz unschuldig daran ist, dass es da gelandet ist; wer Sex hat muss immer mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft rechnen – ; damit würde man natürlich ganz elegant auch ein Argument dafür liefern, dass einer von zwei siamesischen Zwillingen den anderen umbringen darf. Wer hat das Recht, Platz in meinem Körper für sich zu beanspruchen? Wenn einer das wagt, bringe ich ihn um. Genau dieses Argument bringt beispielsweise Libby Anne hier (http://www.patheos.com/blogs/lovejoyfeminism/2012/12/the-anti-abortion-movement-erasing-women-edition.html ): Die Lebensrechtsbewegung lösche in ihrer Propaganda die Frauen und deren Rechte aus und spreche nur über die Rechte von Zygoten, Embryonen, Föten. Nicht völlig falsch, würde ich sagen, denn darum geht es: die Zygoten, Embryonen, Föten sind die, die getötet werden sollen; sollte man also nicht über sie sprechen? Libby Anne ihrerseits erwähnt in ihrem Artikel kein einziges Mal die Rechte der Zygoten, Embryonen, Föten als irgendwie relevanten Faktor. (Sie erwähnt allerdings, dass die Lebensrechtsbewegung die Frauen doch nicht ganz ignoriere – aber wenn die Frauen von Lebensrechtlern als „hilflose ausgebeutete Opfer“ dargestellt würden, ist ihr das offensichtlich auch nicht recht. Es geht ja nicht an, dass eine Frau, die verzweifelt genug ist, ihr Kind töten zu lassen, (auch) ein Opfer sein könnte.)

Die meisten Argumente für ein Recht auf Abtreibung, die man heutzutage liest, versuchen natürlich, neben dem Fokus auf „körperlicher Selbstbestimmung“, auch, irgendwie eine Minderwertigkeit des ungeborenen Kindes zu konstruieren, weil es für die meisten Leute einfach nicht machbar wäre, klar zu sagen „Ja, eine Mutter darf ihr Kind töten lassen, solange es noch in ihrem Bauch ist, wenn sie das will“, wenn sie das Kind als gleichwertige Person anerkennen müssten. Es ist das klassische „Nicht alle Wesen, die biologisch Menschen sind, sind Personen„-Argument: Menschen im frühesten Lebensstadium – in dem sie übrigens nicht abgetrieben werden, da die Schwangerschaft in diesem Stadium noch nicht erkannt ist – sehen wie kleine Klümpchen aus und man kann sie zum Teil erst unter dem Mikroskop erkennen, und deshalb scheinen manche Leute geneigt zu sein, sie als „Nicht-Personen“ abzustempeln; aber ob ein Mensch ein Mensch ist, hängt nicht davon ab, ob er so aussieht, wie ich mir einen Menschen vorstelle (und auch nicht davon, ob er sich jemals so weit entwickeln wird, dass er so aussehen wird). Es gab Zeiten (frühe Neuzeit – 20. Jahrhundert), da stellten manche Leute sich vor, dass ein vollwertiger Mensch, eine menschliche Person, eine weiße Hautfarbe zu haben hatte. Wie muss eine „Person“ aussehen? Was sind denn „Personen“? Sind Neugeborene, Demente, geistig Behinderte „Personen“? Bei dem Nicht-Personen-Argument wird zwangsläufig auch oft mit Verdrehungen gearbeitet und vom Thema abgelenkt. Man nehme zum Beispiel das altbekannte Gedankenspiel: „Wenn du aus einem brennenden Gebäude eine Petrischale mit mehreren Zygoten oder ein neugeborenes Baby retten könntest, würdest du doch sicher das neugeborene Baby nehmen, oder???? Also sind Zygoten keine lebenswerten Personen.“ Ähm, hm, weiß nicht, wen ich retten würde. Bin ich als Elternteil o. Ä. für das Baby oder die Zygoten verantwortlich? Würde das Baby unter Schmerzen sterben? Wie viele Zygoten sind es? Würden die Zygoten später einer Frau eingesetzt oder wahrscheinlich sowieso für die medizinische Forschung getötet werden? Hätte ich in so einer Situation überhaupt die Ruhe, vernünftig zu durchdenken, wen ich rette? Aber, am wichtigsten: In einer Situation, in der es darum geht, die eine oder die andere(n) Person(en) vor dem Tod zu retten, gibt es nur zwei richtige Möglichkeiten; in einer Situation, in der es dagegen darum ginge, die eine oder die andere(n) Person(en) aktiv zu töten [Notwehr und Nothilfe ausgenommen] gäbe es nur zwei falsche Möglichkeiten. Wenn ich ein neugeborenes Kind und eine alte Frau mit derselben potenziell tödlichen Krankheit vor mir habe, aber nur Medizin genug für einen von ihnen, wen rette ich dann? Egal, wie ich antworte: Die Antwort impliziert nicht, dass dann logischerweise auch Infantizid oder Euthanasie an Alten gerechtfertigt wäre, weil ich entweder das Kind oder die alte Frau sterben lassen würde. So kann man eine Debatte verunklaren und vom eigentlichen Thema – gibt es ein unveräußerliches Lebensrecht für alle Menschen oder nicht? – ablenken.

Ein anderer blinder Fleck bei solchen Leuten ist beispielsweise auch der Islam. Man ist anti-rassistisch und diese Religion wird irgendwie mit Ausländern in Verbindung gebracht, die eine dunklere Hautfarbe haben und aus eher ärmeren Ländern stammen (obwohl – Saudi-Arabien?). Außerdem ist man gegen die Konservativen, die sich vor dem Islam ängstigen, und der Feind meines Feindes ist mein Freund: Also muss der Islam zumindest an sich harmlos sein, oder jedenfalls „auch nicht schlimmer“ als das Christentum. Muslime sind die Unterdrückten und wir stehen auf der Seite der Unterdrückten. Die lange Geschichte islamischer Reiche als mächtige, versklavende, kolonialisierende Imperien (genau das, was man eigentlich so ausdrücklich verabscheut), die Sklavenjagden im Sudan, die Harems, die Judenpogrome (oder der heutige islamische Antisemitismus), das alles ist wieder nicht auf dem Schirm.

Ähnliches gilt für den Kommunismus. Man leugnet Stalins Verbrechen nicht unbedingt, aber irgendwie… sympathisiert man ein bisschen mit dieser Bewegung, unterschwellig zumindest. Feind-meines-Feindes. Waren die Kommunisten nicht wenigstens auf der Seite der Armen? Ja, genauso, wie der IS auf der Seite Gottes ist.

Und so häufen sich die Ungereimtheiten und die Widersprüche und man fragt sich: Wo habt ihr eigentlich eure Weltanschauung her? Auf welchen Prinzipien beruht sie? Wie begründet ihr die?

Ich habe den Verdacht, dass liberale Christen und Atheisten / Agnostiker / säkulare Menschen nicht deshalb für ein Recht auf Abtreibung – oder für legale Prostitution, oder für eine Akzeptanz von Polyamorie – sind, weil sie sich selbst davon überzeugt haben; sondern weil sie ein Glaubenssystem (vielleicht zu Recht? Je nachdem, welcher Kirche oder Religion sie angehört haben) abgelehnt und dafür ein anderes angenommen haben – mit all seinen unerklärlichen Dogmen. Und da diese Dogmen ganz relativistisch nicht durch Traditionen oder heilige Schriften begründet, sondern durch die gegenwärtige öffentliche Meinung bestimmt sind, können sie sich leider auch jederzeit ändern und machen nicht unbedingt in sich Sinn. Die „Person“-Definition der säkularen öffentlichen Meinung zum Beispiel ist nicht durchdacht; entweder sind alle Mitglieder der biologischen Spezies Mensch Personen, oder wir haben außer Ungeborenen noch weitere Ausnahmen. Trotzdem reagiert man empört auf jeden, der das eine oder das andere behauptet.

Die liberalen Christen und Atheisten aus meinen Beispielen sind nicht böswillig; sie sind sogar idealistisch. Sie sind auch nicht dumm. Aber sie haben so offensichtliche blinde Flecke, deren Existenz ich einfach nicht begreife. Es gibt ein paar Punkte unter meinen Überzeugungen, bei denen ich es verstehen könnte, wenn ein nichtgläubiger Mensch sie nicht einfach so nachvollziehen könnte – ein absolut geltendes Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung, zum Beispiel. Aber wie kann ein normaler Mensch bei Dingen wie Pornographie, Ehebruch, Abtreibung nicht instinktiv mit Abscheu reagieren? Hier werden doch natürliche Reaktionen durch die Richtinstanz über das Dogma – die öffentliche Meinung oder die Meinung der vorrangigen Intellektuellen der eigenen Seite – abgewürgt. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Also gebt mir ruhig die zeternden Rosenkranzbeter, die von Fatima und dem Erzengel Michael reden, oder die Charismatiker mit ihren in die Luft gestreckten Händen und ihren Gitarren, oder die Tradis, die über weibliche Ministranten die Nase rümpfen. Lasst uns über die EKD meckern, so viel wir wollen! Das hat im Grunde schon seine Berechtigung. Ich nehme gerne die Unvollkommenheiten in der Umsetzung des katholischen Glaubens bei den Menschen, die wie ich katholisch sind, in Kauf, wenn ich dafür nur den katholischen Glauben habe.

Der katholische Glaube macht Sinn. Er ist ein logisches System, in dem sich alles zusammenfügt. Ich weiß, was ich denke, und ich weiß, wie es sich begründet. Ich weiß, wieso ich alle Menschen für wertvolle Personen halte – weil sie alle von Gott geliebt und mit einer unsterblichen Seele ausgestattet sind. Das ist mein Dogma, für das ich wiederum Gründe habe. Atheisten wissen letztlich nicht, wieso sie an eine Menschenwürde für alle (oder fast alle) Menschen glauben, wenn sie es tun; es handelt sich um einen Glauben, der auf Sand gebaut ist.

LGBTQ, die Wissenschaft, und wir Katholiken

Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, im Geburtenregister müsste zur Eintragung des Geschlechts eine dritte Option neben „männlich“ und „weiblich“ geschaffen werden. Betroffen sind Intersexuelle, also Menschen, die bei der Geburt biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, die also zum Beispiel männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig haben, die seltsame Genkombinationen wie XXY haben.

In der genderskeptischen katholischen Welt ist man ja meistens wenig angetan, wenn man irgendetwas davon hört, dass Gerichte oder Parlamente dritte oder soundsovielte Geschlechter anerkennen wollen. In dem Fall ist das allerdings keine so große Sache – auch wenn die frühere Regelung, die seit ein paar Jahren existierte, dass der Geschlechtseintrag ausgelassen werden kann, an sich bereits ausreichend gewesen wäre. (Intersexualität schafft kein drittes Geschlecht, sondern uneindeutige Zwischenformen zwischen den beiden Geschlechtern.) Aber hier geht es jedenfalls nicht um „Ich definiere mich ab heute so und so, objektive Geschlechter existieren nicht“. Intersexualität existiert; manche Leute sind einfach nicht eindeutig männlich oder weiblich. Übrigens sind Regelungen dieser Art auch nichts völlig Neues; zum Beispiel sah das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 für „Zwitter“ das Recht vor, das ihnen von den Eltern bei der Geburt zugeteilte Geschlecht bei Erreichen der Volljährigkeit zu wechseln: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwitterparagraf .

Wie lässt sich das alles mit unserem Schöpfungsverständnis – Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – vereinbaren? Na ja, wo soll das Problem liegen? Störungen existieren in dieser gefallenen Natur. Gott hat den Menschen an sich auch mit Vernunft erschaffen, trotzdem gibt es Menschen mit geistigen Behinderungen, denen sie fehlt. Gott hat den Menschen an sich mit einem Körper und einer Seele erschaffen; trotzdem gibt es siamesische Zwillinge, die sich gewissermaßen einen Körper teilen. Gott hat den Körper des Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen erschaffen, trotzdem gibt es Menschen, die ohne Arme oder  Beine auf die Welt kommen.

An dieser Stelle gleich zu einem Einwand, den manche Gender-Befürworter hier vielleicht sofort vorbringen würden: Wie kann man die Identität eines Menschen als Störung bezeichnen? Hatespeech.

Ehrlich gesagt kann ich diesen Einwand so überhaupt gar nicht nachvollziehen. Erniedrigt man siamesische Zwillinge, Menschen mit Downsyndrom, Menschen mit Diabetes, Menschen mit Demenz, Menschen ohne Beine oder Menschen mit einer psychischen Krankheit, wenn man sagt, sie leiden an einer Störung? „Störung“ ist kein Schimpfwort; sollte es jedenfalls nicht sein. Und ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand, der in einer Welt lebt, in der die Menschen (ebenso wie alle Säugetiere) von Natur aus in den Varianten männlich – weiblich vorkommen, und der selber irgendwie beides oder nichts davon ist, nicht unter seiner unklaren Geschlechtsidentität leidet, und zwar unabhängig davon, ob er in der Schule dafür gehänselt oder von Tante Inge schief angeschaut wird. Dass man an Intersexualität nicht unbedingt etwas ändern kann – zum Glück werden heute bei Neugeborenen keine unnötigen (langfristig oft schädlichen) Operationen mehr durchgeführt, um sie nach einem bestimmten Geschlecht aussehen zu lassen – spielt in diesem Zusammenhang nicht die geringste Rolle. Downsyndrom kann man genauso wenig heilen. Verurteilt man irgendjemanden dafür, Downsyndrom zu haben? Möchte man andererseits gerne Downsyndrom haben? Kann man trotzdem gut mit Downsyndrom klarkommen, wenn man Menschen hat, die einen unterstützen?

In dem Zusammenhang von angeborener Intersexualität musste ich auch an das Thema Homosexualität denken, und an die Debatte, ob sie genetisch bedingt ist oder nicht. Tatsächlich trifft man ja gelegentlich (inzwischen seltener) auf religiöse Menschen, die darauf bestehen, Homosexualität sei nicht genetisch, sondern eher durch Umwelteinflüsse (wie eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater oder anderen männlichen Vorbildern bei Schwulen) bedingt. Diese Ansicht findet sich gelegentlich auch unter Katholiken, obwohl sie unter Evangelikalen noch weiter verbreitet zu sein scheint. Dabei ist die Fragestellung sinnlos – oder zumindest von geringem praktischem Interesse. (Weshalb die Kirche auch nichts dazu sagt.) Sowohl Gene als auch Umwelt sind äußerliche Kräfte, die eine Neigung verursachen, für die man eben nichts kann und nach der man nach der katholischen Moral eben nicht handeln darf. Wenn ich eine Neigung zu Jähzorn habe, ist es irrelevant, ob meine Erziehung oder die Gene meiner Mutter dafür verantwortlich sind; ich darf trotzdem nicht jeden anschreien, der mich nervt. Nun gibt es ja verschiedene Arten von Homosexualität; phasenweise in der Pubertät bei manchen, bedingt durch die äußere Situation in Gefängnissen oder früher in Jungeninternaten bei anderen, unveränderlich als bleibende, lebenslange Neigung bei wieder anderen. Dass bei letzterer Art von Homosexualität die Gene zumindest eine Rolle spielen, ist meines beschränkten Wissens nach inzwischen wissenschaftlich belegt.

Was es mit Leuten auf sich hat, die sich als transgender/transsexuell identifizieren – die also körperlich gesehen zum Beispiel eindeutig männlich sind, sich aber als Frau fühlen – ist wieder eine andere, aber auch eine mit den vorigen Fragen zusammenhängende Frage. Neuere Studien legen schließlich nahe, dass auch diese Geschlechtsidentität eine biologische Basis hat, die durch die Entwicklung im Mutterleib bedingt ist – in der ersten Schwangerschaftshälfte bilden sich die Geschlechtsorgane, und erst in der zweiten die geschlechtstypischen Unterschiede im Gehirn, und wenn diese beiden Entwicklungsstufen nicht zusammenpassen, passt die gefühlte Identität nicht zum Körper; könnte man Transsexualität, wenn sie wirklich eine solche biologische Basis hat, also als eine spezielle Form der Intersexualität definieren? Vielleicht, je nachdem, wie man Intersexualität definiert. Aber ich würde sagen, eher nicht. Transsexuelle haben genetisch und organisch gesehen eine klare Geschlechtsidentität; dass sie aufgrund einer späteren Fehlentwicklung an Geschlechtsdysphorie (dem Gefühl, zum falschen Geschlecht zu gehören) leiden, löscht die eigentliche Identität nicht aus, und dass diese Geschlechtsdysphorie eine biologische Basis im Gehirn hat, ist auch nicht besonders überraschend, wenn man sich ansieht, dass z. B. auch Zwangsstörungen, Depressionen, Psychosen, bipolare Störungen und andere psychische Störungen eine biologische Basis im Gehirn haben. Meine psychische Störung redet mir sinnlose Ängste ein, z. B. vor Gift in meinen Tabletten und Einbrechern unter meinem Bett, während der für Angst zuständige Teil in meinem Gehirn sich eigentlich a) mäßigen und b) auf reale Gefahren, wie heiße Herdplatten oder den Straßenverkehr, konzentrieren sollte; und diese Fehlfunktion in meinem Gehirn hat wahrscheinlich irgendeine neurobiologische Basis. Bei anderen Menschen machen andere Stellen im Gehirn eben dahingehend etwas falsch, dass sie einem andere irreale Dinge einreden, z. B. dass man nicht zu dem Geschlecht gehört, zu dem man gehört. Meine schlimmen Vorahnungen werden nicht realer dadurch, dass sie real in meinem Gehirn existieren; ebenso wenig wird jemand durch das wirkliche Gefühl, ein Mann zu sein, ein Mann. (Ob die oben erwähnten Forschungen wissenschaftlich endgültig anerkannt sind, weiß ich übrigens nicht. Bin keine Neurobiologin. Habe nur Google.) Ich würde daher Transsexualität deutlich von Intersexualität unterscheiden; das eine ist eine physische, das andere eine psychiche Störung. Angenehm ist beides wohl nicht. Siehe die hohe Rate an Selbstmordversuchen bei Transsexuellen (vor und nach Geschlechtsumwandlungen).

Sowohl Inter- als auch Transsexualität widerlegen übrigens die These, dass das Geschlecht eine rein kulturelle Konstruktion wäre, etwas, das man sich selbst nach Belieben aussuchen könnte. Vor allem Transsexuelle leiden ja gerade darunter, dass sie das nicht können.

Was man dann in der Praxis mit diesen ganzen Fakten macht, sobald man klare Fakten vor sich hat, ist natürlich eine ganz andere Frage. Geschlechtsumwandlungen für Transgender-Personen, da das ja nur eine Angleichung an das „eigentliche“, seelische Geschlecht bedeuten würde? Sicher nicht. Wir können die körperliche Realität nicht einfach ignorieren – und sie auch nicht mit kosmetischen Veränderungen übertünchen. Wir sind nicht, wie Platon meinte, bloß gefangene Seelen im äußerlichen Käfig eines Körpers, sondern der Körper gehört zu unserem Ich. Oder was ist mit Beziehungen und der Ehe? Kann eine intersexuelle Person nach katholischem Verständnis heiraten – bzw. einen Partner welchen Geschlechts kann sie heiraten? Hier darf man natürlich nicht vergessen, dass „Intersexualität“ eine große Bandbreite medizinischer Störungen beschreibt; die Geschlechtsidentität ist nicht immer völlig uneindeutig, nicht alle Intersexuellen sind sog. „echte Zwitter“. (Dann kommt vermutlich auch ins Spiel, dass laut Kirchenrecht „[d]ie der Ehe vorausgehende und dauernde Unfähigkeit zum Beischlaf, sei sie auf seiten des Mannes oder der Frau, sei sie absolut oder relativ, […] die Ehe aus ihrem Wesen heraus ungültig [macht]“ (Codex des Kanonischen Rechts, Canon 1084, § 1; http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3Y.HTM); was natürlich auch wieder nicht bei allen Intersexuellen der Fall ist.) Hier ergeben sich jedenfalls einige schwierige Fragen – und eine Debatte unter, sagen wir mal, Kirchenrechtlern oder Moraltheologen dazu wäre etwas wirklich Interessantes.

Was ich mit alldem sagen wollte: Ich denke, wir Katholiken sollten uns solche Fragen bei Gelegenheit auch mal stellen – und zwar ernsthaft, nach Betrachtung dessen, was die neuere Forschung dazu sagt, und ohne alles zusammenzuwerfen. Ein schlechtes Beispiel bietet in dieser Hinsicht meiner Meinung nach Gabriele Kuby, die in einem Artikel in der Tagespost zur Entscheidung des BVG (http://www.die-tagespost.de/politik/Drittes-Geschlecht-per-Erlass;art315,183100) Inter- und Transsexualität einfach in eins wirft, obwohl diese Dinge nicht dasselbe sind, und dann ausführlich über gewisse Formen der Sexualerziehung und eine „Ideologie, die die Wirklichkeit leugnet“ rantet. Könnten wir bitte mal beim Thema bleiben, differenzieren und klar sagen, wo die Wirklichkeit geleugnet wird und wo nicht?

Ja, es geht hier um kleine Minderheiten, aber diese Minderheiten existieren. Manche Leute – auch manche von uns – gehören zu diesen Minderheiten.

Immer dran denken: Du bist nur das, wozu deine Geschlechtsorgane dich machen

Jedenfalls scheint der amerikanische Pastor Hans Fiene so zu denken, der hier erklärt hat, wieso Männer und Frauen nie nur Freunde sein können: http://thefederalist.com/2017/04/04/men-women-can-never-just-friends/

Fiene betreibt den Youtube-Kanal Lutheran Satire, auf dem eigentlich einige gute Videos erschienen sind (auch wenn sie ihre Message oft ein bisschen überdeutlich herüberbringen), und in letzter Zeit erscheinen seine Beiträge auch öfter mal im Federalist, einem Onlinemagazin, das typische konservative Ideen vertritt – d. h., das, was in den USA als konservativ gilt, also Nationalismus, liberale bis libertäre Ideen zur Wirtschaft, Waffenbegeisterung und konservativ-protestantische Ansichten zu Religion und Moral; eine seltsame Mischung aus den Werten der Puritaner des 17. Jahrhunderts, der aufklärerisch geprägten amerikanischen Gründervater des 18. Jahrhunderts, und der „Fundamentalisten“ des frühen 20. Jahrhunderts. Und vielleicht noch der Eugeniker und Industriellen des 19. Jahrhunderts. Pastor Fienes neuesten Artikel zu dem neuesten Amoklauf in den USA nimmt sich übrigens Simcha Fisher hier vor (https://www.simchafisher.com/2017/11/07/the-federalist-god-is-a-psychopath/ ); durch einen Link von ihr auf Facebook bin ich auch auf diesen anderen, schon ein paar Monate älteren Artikel gestoßen. Und da dachte ich mir, hey, das gibt wirklich mal ein bisschen Stoff ab, um sich aufzuregen. Fällt mir doch wieder was für einen Blogartikel ein.

Pastor Fiene geht hier von einem gesellschaftlichen Problem aus, für das er eine Lösung haben will: „All of us need to start having more babies or else the upcoming demographic tsunami will consume our nation“ (Wir müssen alle anfangen, mehr Babies zu bekommen, sonst wird der aufkommende demographische Tsunami unsere Nation zerstören). Nun hat Amerika mit 1,9 Kindern pro Frau – Tendenz allerdings, anders als in einigen europäischen Ländern mit an sich noch niedrigerer Rate, tatsächlich sinkend – eine Geburtenrate, die noch so mehr oder weniger das Bevölkerunsniveau aufrechterhält (https://www.welt.de/politik/deutschland/article140454529/Wo-die-Welt-noch-kinderfreundlich-ist.html), aber das Sinken dieser Zahlen kann man ja tatsächlich als Problem sehen. Bei linksliberalen Amerikanern wäre das vielleicht eher ein Grund, sich zu überlegen, ob man nicht als beinahe letztes Land auf der Erde mal bezahlten Mutterschaftsurlaub einführen sollte (bis jetzt gibt es dort unter Umständen zwölf Wochen unbezahlten Urlaub), oder vielleicht sogar so etwas wie Kindergeld, aber Pastor Fiene sieht das Problem offensichtlich eher auf der individuellen Ebene – die ja sicher auch eine Rolle spielt. „One of the best ways we can do so is by reversing the trend of Americans waiting longer to get married.“ (Einer der besten Wege, auf dem wir das erreichen können, ist, den Trend umzukehren, dass die Amerikaner länger damit warten, zu heiraten.) Also, Leute, heiratet, um die Nation zu retten! Und dazu, das ist klar, muss eins geschehen: „We tear down the Friend Zone.“ (Wir zerstören die Friend Zone.)

„Every year, countless young men find themselves trapped in the Friend Zone, a prison where women place any man they deem worthy of their time but not their hearts, men they’d love to have dinner with but, for whatever reason, don’t want to kiss goodnight. Being caught in the Friend Zone is an inarguable drag on fertility rates, as a man who spends several years pledging his heart to a woman who will never have his children is also a man who most likely won’t procreate with anyone else during that time of incarceration. Free him to find a woman who actually wants to marry him, however, and he’ll have several more years to sire children who will laugh, create, sing, fill the world with love and, most importantly, pay into Social Security.“

(Jedes Jahr finden sich unzählige junge Männer gefangen in der Friend Zone, einem Gefängnis, in das Frauen jeden Mann stecken, den sie als ihrer Zeit, aber nicht ihrer Herzen für würdig befinden, Männer, mit denen sie liebend gerne zu Abend essen würden, denen sie aber, aus welchem Grund auch immer, keinen Gutenachtkuss geben wollen. In der Friend Zone gefangen zu sein ist ein unbestreitbares Hemmnis für die Fruchtbarkeitsrate, denn ein Mann, der mehrere Jahre damit verbringt, sein Herz an eine Frau zu hängen, die nie seine Kinder bekommen wird, ist auch ein Mann, der sich während dieser Zeit der Haft aller Wahrscheinlichkeit nach mit niemand anderem fortpflanzen wird. Befrei ihn allerdings, damit er eine Frau finden kann, die ihn tatsächlich heiraten will, und er wird einige Jahre mehr Zeit haben, um Kinder zu zeugen, die lachen werden, kreativ sein werden, singen werden, die Welt mit Liebe füllen werden, und, am wichtigsten, in die Sozialversicherung einzahlen werden.)

Okay… Was haben wir gelernt:

  • Der hauptsächlich Daseinszweck von Menschen ist es, in die Sozialversicherung einzuzahlen. (Ich nehme zu Pastor Fienes Gunsten mal an, dass er hier selber ein bisschen ironisch spricht.)
  • Wenn eine Frau einem Mann ihre Zeit schenkt, hat er das Recht, von ihr auch eine Beziehung zu erwarten. Wie kann sie erwarten, dass er mit ihr isst, wenn sie ihn dann nicht küssen, heiraten und seine Kinder bekommen will? (Man beachtete die Formulierung: „seine Kinder bekommen“, nicht „mit ihm Kinder bekommen“.)
  • Wenn eine Frau klar macht, dass sie nur Freundschaft will, der Mann so tut, als wäre das für ihn okay, aber insgeheim – jahrelang! – darauf hofft, sie doch noch als Partnerin zu gewinnen, dann ist das Problem nicht er, sondern sie. Bitch.
  • So viele Männer versuchen jahrelang, uninteressierte Frauen über „Freundschaft“ zu bekommen, dass die Leute im Durchschnitt so spät heiraten, dass sie kaum noch Kinder bekommen (können), weshalb die amerikanische Nation untergeht.

Pastor Fiene erklärt dem Weibsvolk, wie es aussieht: „women must accept the following truths: you don’t have any guy friends and, in fact, you can’t have any guy friends.“ (Frauen müssen die folgenden Wahrheiten akzeptieren: Ihr habt keine Männer als Freunde, und ihr könnt tatsächlich keine Männer als Freunde haben.)

Er erklärt auch, wieso Männer nur dann Zeit zu zweit mit weiblichen Freunden verbringen, wenn sie insgeheim in die verliebt sind – und das gibt interessante Einblicke in seine Einstellung zu Beziehungen im Allgemeinen:

„Imagine that friendship is a good that people acquire in exchange for the currency of their time. The average man lives in a competitive friendship market where some forms of friendship appeal to him more than others and therefore get his business.“

(Stell dir vor, dass Freundschaft ein Gut ist, das Leute im Gegenzug für die Währung ihrer Zeit erwerben. Der durchschnittliche Mann lebt in einem konkurrenzbetonten Markt der Freundschaft, wo einige Formen der Freundschaft ihn mehr als andere ansprechen und daher das Geschäft machen.)

Freundschaft ist ein Konsumgut; man geht sie nicht ein, weil man den anderen mag, sondern weil man im Austausch für seine Zeit etwas bekommt.

„What then, is the average man looking for in a friend? By and large, something along these lines:

  1. Someone who shares his interest in activities such as watching movies where things explode, playing video games where things explode, or putting fireworks in things so they’ll explode. Bonus points if you enjoy yelling at football players through the television set and laughing at noxious flatulence.
  2. Someone who won’t pressure him to open up beyond his comfort level if his girlfriend breaks up with him,he loses his job, or his mom gets eaten by a yeti.
  3. Someone who cherishes the man tradition of showing affection through insults and general jackassery.

If you are a lady who believes your dude friends are genuinely ‚just friends,‘ ask yourself this: Which of these things are you better at giving a man than another man is?“

(Nach was sucht dann der durchschnittliche Mann bei einem Freund? Im Großen und Ganzen, nach etwas in dieser Art: 1. Jemand, der sein Interesse an Aktivitäten teilt wie: Filme zu schauen, in denen Dinge explodieren, Videospiele zu spielen, in denen Dinge explodieren, oder Feuerwerk in Dinge zu stecken, sodass sie explodieren. Bonuspunkte, wenn du es genießt, Footballspieler durch den Fernseher anzuschreien und über eklige Blähungen zu lachen. 2. Jemand, der ihn nicht drängen wird, sich mehr zu öffnen, als ihm angenehm ist, wenn seine Freundin mit ihm Schluss macht, er seinen Job verliert, oder seine Mutter von einem Yeti gefressen wird. 3. Jemand, der die Männertradition in Ehren hält, Zuneigung durch Beleidigung und generelle Gemeinheit zu zeigen. Wenn du eine Lady bist, die glaubt, dass ihre männlichen Freunde ernsthaft „bloß Freunde“ sind, frag dich das: Welches von diesen Dingen kannst du einem Mann besser geben als ein anderer Mann das kann?)

Vielleicht sollte man auch sich noch etwas anderes fragen: Ist das wirklich das, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen? Oder ist das alles, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen?

„The answer is clear. None of them. You are not especially good at liking ‚Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury,‘ or informing the offensive line of the Chicago Bears, via your Samsung, that they are all false starting idiots. […] By and large, you are not very good at supplying the kind of friendship the average man demands.“

(Die Antwort ist klar. Nichts davon. Du bist nicht besonders gut dabei, „Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury“ zu mögen oder die Stürmer der Chicago Bears via dein Samsunggerät zu informieren, dass sie alle falsche verschreckte Idioten sind. […] Im Großen und Ganzen bist du nicht sehr gut dabei, die Art von Freundschaft bereitzustellen, die der durchschnittliche Mann fordert.)

Und das weiß Hans Fiene nochmal woher genau?

In der realen Welt gibt es sehr viele Interessen, die bestimmte Männer und Frauen gemeinsam haben (und bestimmte andere Männer und Frauen dann nicht): eine bestimmte Musikrichtung, Der Herr der Ringe, thomistische Theologie, Politik, Schach, lateinamerikanischer Tanz, Tennis, Leichtathletik, Blasmusik, Hundezucht, Evolutionsbiologie… Männer und Frauen sind zusammen in allen möglichen Vereinen, Kursen, Berufen. Und ja, es gibt sogar Frauen, die Videospiele spielen, Footballfans sind, Karate machen, ein Auto reparieren können, gut in Mathe sind, Informatik studieren, oder aggressiv oder vulgär oder gefühlsmäßig distanziert sind (was Fiene für notwendige Attribute der Männlichkeit zu halten scheint). Genauso, wie es Männer gibt, die gern kochen, gut mit Kindern umgehen können oder sensibel sind (was er den Frauen zugesteht).

Fienes Fazit ist jedenfalls klar: Wenn ein Mann dein Freund ist, dann sicher nicht, weil er deine Freundschaft schätzt, dafür wäre jeder Mann besser geeignet. Stell dir bloß nicht vor, deine Persönlichkeit könnte ihm gerade gefallen haben. Jeder Mann wäre besser als du. Es kann gar nicht sein, dass du persönlich und dieser Mann da zufällig mehr Gemeinsamkeiten haben als er und jeder andere Mann auf der Welt. Aber, es gibt ja Trost:

„Just because men don’t want to be your friend, however, doesn’t mean they don’t enjoy your company. They most certainly do. They love discovering how you see the world, what you think about life, the universe, and everything. They love your kindness, thoughtfulness, sensitivity, support, and your nurturing heart. They love being in your presence when you display the wonders of the feminine virtues.

But because God designed these virtues to entice men into marriage, the average man will never be content to receive those gifts in a form of companionship that doesn’t lead to marriage. Quite simply, men can’t be at peace being just friends. And there’s nothing you can do to change that.“

(Aber nur weil Männer nicht deine Freunde sein wollen, bedeutet das nicht, dass sie deine Gesellschaft nicht mögen. Das tun sie sicher. Sie lieben es, zu entdecken, wie du die Welt siehst, was du über das Leben, das Universum und alles und jedes denkst. Sie lieben deine Güte, Rücksichtnahme, Sensibilität, Unterstützung und dein sorgendes Herz. Sie lieben es, in deiner Nähe zu sein, wenn du die Wunder der weiblichen Tugenden zeigst. Aber weil Gott diese Tugenden dafür geschaffen hat, Männer in die Ehe zu locken, wird der durchschnittliche Mann nie damit zufrieden sein, diese Gaben in der Form einer Kameradschaft zu erhalten, die nicht zu einer Ehe führt. Männer können ganz einfach nicht damit zufrieden sein, nur Freunde zu sein. Und da gibt es nichts, was du tun kannst, um das zu ändern.)

Wir lernen: Es gibt keine allgemein menschlichen Tugenden, sondern Männer müssen bestimmte Tugenden zeigen und Frauen müssen bestimmte Tugenden zeigen. Männer sind von Güte, Rücksichtnahme und Sensibilität entschuldigt, und Frauen offenbar, wie ich dem verlinkten Artikel über weibliche Tugenden entnehme, von Mut und Aufopferungsbereitschaft.

Das Problem bei Leuten wie Hans Fiene – besonders ausgeprägt bei konservativen amerikanischen Protestanten, aber durchaus auch mal bei anderen konservativen Christen zu sehen – ist, dass sie politisch inkorrekt sein wollen, um dem wahren Glauben zu folgen, und dabei völlig von der Tradition des wahren Glaubens abgeschnitten sind. Die Kirchenväter zum Beispiel hielten geistliche Freundschaften zwischen Männern und Frauen sehr wohl für möglich, sogar für erstrebenswert. Laut Fiene hätte also der hl. Hieronymus nicht mit der hl. Paula oder der hl. Eustochium befreundet sein dürfen, der hl. Franz von Sales nicht mit der hl. Johanna Franziska von Chantal, und der hl. Johannes Paul II. nicht mit Anna Teresa Tymieniecka (eine verheiratete polnisch-amerikanische Philosophin, mit der der Papst dreißig Jahre lang einen regelmäßigen Briefwechsel unterhielt). Nun ist Fiene ja Lutheraner und scheint in der Tradition Luthers zu stehen, der die Enthaltsamkeit für etwas hielt, was sowieso niemand hinkriegt, weswegen die Leute alle heiraten sollen, also weiß ich nicht, ob Fiene Franz und Johanna Franziska eine unterdrückte Verliebtheit unterstellen würde oder so was, aber gut: Protestantische Irrungen halt.

Fienes Text jedenfalls klingt so, als würde jeder Mann, der eine nette Frau kennenlernt, die „weibliche Tugenden“ besitzt, von ihr auf die Weise angezogen werden, dass er sie gleich heiraten will. Dass man Menschen unterschiedlichen Geschlechts mögen kann, ohne sich in sie zu verlieben, scheint keine Möglichkeit zu sein. Leute, bitte: Als Ehepartner kommt nur ein Mensch im Leben in Frage (solange der nicht stirbt), aber man wird mit vielen Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammenkommen, und manche davon wird man vielleicht auch so gerne mögen, dass man sie etwas näher kennenlernen und mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Was ist so schlimm daran?

Natürlich kann die Situation vorkommen, dass in einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau der eine sich mehr erhofft als der andere (es kann auch mal die Frau sein, die verliebt ist!); es kann auch mal vorkommen, dass der eine sich unsicher ist, ob der andere vielleicht mehr erwartet oder ob man selber nur zu viel in normale freundschaftliche Gesten hineinliest. Und manche Freundschaften entwickeln sich zu ernsthaften Beziehungen, und andere nicht. Aber erwachsene Menschen können mit so etwas umgehen. Glaubt Fiene ernsthaft, dass es sich in der Heiratsstatistik niederschlägt, dass unzählige junge Männer jahrelang uninteressierten Frauen hinterherlaufen? Ich will hier mal ganz ehrlich sein: Ich denke, dass die meisten Männer (und Frauen) nicht auf diese Weise ihre Zeit verschwenden würden. Irgendwann merkt man, dass das nichts wird.

Fienes gesamter Artikel zeigt eigentlich eine irgendwo menschenverachtende Haltung: Wir brauchen mehr Kinder zum Nutzen der Gesellschaft. – Du bist verpflichtet, Kinder zu bekommen. – Heirate gefälligst! Und dulde ja nichts, was andere Leute eventuell vom Heiraten abhalten könnte!

Man könnte auch noch erwähnen, dass das Problem bei einer niedrigen Geburtenrate in diesem Fall sowieso nicht ein zu hohes Heiratsalter ist – so hoch liegt das durchschnittliche Heiratsalter in den USA nun wirklich nicht, und auch eine Frau, die mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig heiratet, kann auf jeden Fall noch ohne Probleme zwei oder drei Kinder bekommen.

Zuletzt will ich meinen Lesern nicht vorenthalten, was der Pastor den angesprochenen Frauen als Lösung verschlägt, wenn sie männliche Freunde haben sollten, an denen sie bei näherer Betrachtung tatsächlich kein romantisches Interesse haben:

„Call him up and tell him, ‚It’s not my fault that your facial symmetry grosses out my ovaries, but it was my fault that I got your hopes up by putting you in the Friend Zone. As restitution, please accept the phone numbers of five girls I know who find you attractive. Stop wasting your time with me and go hang out with a girl who might one day bear your children.‘

Do this now. Don’t hesitate, thinking that you don’t want to lose him as a friend.“

(Ruf ihn an und sag ihm: „Es ist nicht meine Schuld, dass deine Gesichtssymmetrie meine Eierstöcke anwidert, aber es war meine Schuld, dass ich dir Hoffnungen gemacht habe, indem ich dich in die Friend Zone gesteckt habe. Als Entschädigung nimm bitte die Telefonnummern von fünf Mädchen an, von denen ich weiß, dass sie dich attraktiv finden. Hör auf, deine Zeit mit mir zu verschwenden und häng mit einem Mädchen herum, das eines Tages deine Kinder gebären könnte.“ Tu das jetzt. Zögere nicht, weil du denkst, dass du ihn nicht als Freund verlieren willst.)

Okay. Kein Kommentar.

Der Pastor beendet seinen Artikel mit der Aufforderung an Frauen, zu heiraten, ein paar Mal schwanger zu werden und ein paar hübsche kleine zukünftige Steuerzahler in die Welt zu setzen. Achtung, Achtung! Hans Fiene hat das elfte Gebot wiederentdeckt! No, Sir. Ich habe nicht vor, in nächster Zeit zu heiraten und ein paar zukünftige kleine Steuerzahler in die Welt zu setzen.