Moraltheologie und Kasuistik, Teil 11c: Das 5. Gebot – Pflichten gegen Tiere und Umwelt

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

In den letzten beiden Teilen ging es um die Unversehrtheit von Menschen; heute zur nichtmenschlichen Welt.

Bei diesem Thema muss man eins beachten: Einen Schaden zu verursachen ist nicht immer dasselbe wie eine Sünde zu begehen. Auf Handlungen mit Doppelwirkung (einer guten, gewollten Wirkung, und einer nicht gewollten, nur in Kauf genommenen Nebenwirkung) bin ich ja in dieser Reihe schon mehrmals eingegangen (u. a. hier). Ein Arzt, der einem Patienten ein Medikament mit Nebenwirkungen gibt, nimmt dadurch auch die ungewollten Nebenwirkungen in Kauf, aber die Handlung ist trotzdem gut, weil der Patient von seiner Krankheit geheilt wird. Dasselbe gilt z. B. für Autofahren, Heizen, etc: Dadurch kommen Stickoxide in die Luft, die leicht gesundheitsschädlich sind, aber diese leichte Schädigung darf man in Kauf nehmen, weil sich Menschen in einer funktionierenden Gesellschaft nun mal von A nach B bewegen müssen, im Winter Wärme brauchen, etc. Das gilt übrigens schon von der Steinzeit an, als Menschen anfingen, ihr Essen über rauchendem Feuer zu kochen. Es ist auch keine Sünde, das Auto statt den Bus zu nehmen, weil der Unterschied, den der einzelne Mensch hier macht, lächerlich gering ist.

Vieles, was man unter „Umweltschäden“ einordnet, ist eigentlich ein Schaden an anderen Menschen. Wer z. B. giftige Abfälle in einem Wald ablädt, von wo aus sie ins Grundwasser gelangen könnten, gefährdet dadurch nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern vor allem auch andere Menschen. Dasselbe gilt für die Verwendung gesundheitsschädlicher Pestizide o. Ä. Hier kommt es immer darauf an, wie groß der Schaden ist, ob er vermieden werden kann, aus welchem Grund man ihn in Kauf nehmen würde. Illegal Gifte ins Grundwasser zu leiten, damit man nicht die Entsorgungskosten zahlen muss, dürfte schon eine schwere Sünde sein; möglicherweise leicht gesundheitsschädliche Pestizide zu verwenden, weil sonst die Ernte von Insekten gefressen werden würde, ist dagegen recht unbedenklich.

Dann zu eigentlichen Schäden an Tieren. Tiere haben zwar auch ihren eigenen Wert, aber einen geringeren als Menschen, und sind grundsätzlich der Verfügbarkeit für den Menschen unterworfen. (Wie man auch in den ersten Kapiteln von Genesis lesen kann. „Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen. Das alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.“ (Gen 9,3) Das ist so, und dafür müssen wir uns auch nicht schämen. Hier mehr zur Begründung; ich muss ja nicht alles zweimal sagen.) Theologen haben oft vertreten, dass Tiere eigentlich keine Rechtssubjekte sein könnten und deswegen keine strengen Rechte gegenüber Menschen haben könnten und dass Tierquälerei eher deswegen schlecht sei, weil es widervernünftig sei, unnötige Schmerzen zuzufügen, und weil man sich dadurch an Grausamkeit gewöhne. Ich bin mir nicht sicher, ob das ganz richtig ist; ich halte es für relativ einsichtig, dass es an sich falsch ist, ein Tier unnötig zu quälen. Einen Grashalm zu zerrupfen kann einen auch an Zerstörungswut gewöhnen, aber das würde man deswegen nicht besonders stark verurteilen. Tierquälerei dagegen wird generell als schlimmer gesehen. Man könnte evtl. auch sagen, dass Tiere einfach geringere Rechte als Menschen haben – wobei das wieder andere denkerische Probleme bereitet, weil man dann wieder sagen müsste, dass Tiere ihre gegenseitigen Rechte untereinander verletzen, wenn sie sich gegenseitig fressen etc. Man kann Tieren keine Pflichten auferlegen, da fragt es sich, ob man ihnen Rechte geben kann.

Tiere haben jedenfalls keinen solchen Endzweck wie Menschen, da sie nicht fähig sind, Gut oder Böse zu wählen, Verdienste zu erwerben, und am Ende Gott zu schauen. (Bei Menschen kann das jeder, auch der, bei dem die Ausübung dieser seelischen Fähigkeiten in diesem Leben noch durch ein unterentwickeltes oder krankes Gehirn gehemmt ist.) Aber egal, von welcher Theorie aus man herangeht, es gilt folgendes:

  • Tiere unnötig zu quälen ist eine Sünde, deren Schwere von der Schwere der Quälerei abhängt
  • Es dürfte vermutlich auch eine Sünde sein, ganze Tierarten auszurotten, weil man dadurch die Vielfalt von Gottes schönem Garten nachhaltig schädigt; hier ist aber nie nur einer allein schuld und die Schuld des einzelnen daher gemindert (und man muss in Betracht ziehen, dass auch auf natürliche Weise immer wieder Arten ausgestorben sind)
  • Tiere zu schlachten, um sie zu essen, ist vollkommen in Ordnung
  • Tiere zu töten, weil sie einen schädigen (z. B. weil Wölfe in einer dicht besiedelten Gegend Schafe reißen, oder weil Ratten Krankheiten übertragen) ist auch ohne weiteres erlaubt
  • Tiere zu jagen (weil man gerne jagt, weil Rehfleisch gut schmeckt, weil die Rehpopulation unter Kontrolle gehalten werden soll, o. Ä….) ist ebenso erlaubt; eigentlich ist die Jagd sogar besser als die Schlachtung in der Landwirtschaft, weil man hier Tiere zum Essen tötet, die ein absolut artgerechtes Leben hatten; dementsprechend ist es auch erlaubt, Pelze gejagter Tiere zu tragen. Freilich dürfte man nicht so viel jagen, dass die Wildpopulation gefährdet ist.
  • Die Arbeit als Landwirt, Metzger, Jäger, Kürschner, Pelzhändler, Kammerjäger o. Ä. ist also ohne weiteres erlaubt
  • Medizinische Experimente an Tieren sind erlaubt, weil ihre eventuellen Rechte nachrangig gegenüber den Rechten der kranken Menschen sind, und man ohne Tierversuche schwerlich Medikamente entwickeln kann
  • Tiere in der Landwirtschaft nicht artgerecht zu halten ist ein Übel, aber dürfte nicht immer eine Sünde sein; die Versorgung der Menschen mit ausreichend Lebensmitteln hat Vorrang. Soweit möglich, sollte dieses Übel aber nach und nach abgestellt werden.
  • Tiere im Zoo oder im Zirkus zu halten ist wahrscheinlich an sich keine Sünde.
  • Windräder zur Stromversorgung zu bauen, an denen Vögel anstoßen und getötet werden, ist keine Sünde.
  • Stierkämpfe sind fragwürdig; sie waren auch einmal kirchenrechtlich verboten. (Hier muss die Gefahr für den Torero auch betrachtet werden.)

Die Frage, ob Tierseelen nach dem Tod weiterleben / Tiere am Jüngsten Tag wiederauferstehen könnten, oder ob sie einfach ihr kleines Leben haben, das dann vorbei ist, ist theologisch übrigens nicht ganz geklärt; es gibt mehr Theologen, die letzteres sagen würden, aber ersteres zu denken ist m. W. nicht verboten. (Wenn sie weiterleben/auferstehen würden, würden sie sehr sicher ein ähnliches Leben wie jetzt haben, nur ohne Leid, d. h. ein natürliches Glück erleben wie im irdischen Paradies vor dem Sündenfall, nicht das übernatürliche Glück der Anschauung Gottes wie Menschen.)

Was dann die Pflanzenwelt angeht: Pflanzen haben sicher keine Rechte; sie haben aber einen Wert, einen Wert an sich und einen für die Menschen, die eine schöne Pflanzenwelt genießen können. Der Erhalt einer schönen Natur ist daher auch wieder vor allem um der Menschen willen gut.

Die Welt ist ein von Gott anvertrauter Garten, den Menschen auch gestalten dürfen. Die Natur muss nicht als ungestörte Wildnis gelassen werden, wir haben sehr wohl das Recht, sie zu gestalten, zu formen. Aber dabei soll man ihre Schönheit herausbringen und nicht zerstören. In einem Land, das genug Platz hat, ist es sinnvoll, wenn neben landwirtschaftlichen und anderweitig gestalteten Flächen auch Platz für Naturschutzgebiete gelassen wird.

Handlungen wie z. B. ein bisschen Abfall im Wald liegen zu lassen dürften lässliche Sünden sein.

Beim Tier- und Umweltschutz spielt außerdem die Frage nach dem Gehorsam gegenüber Gesetzen hinein. Solange die Gesetze nicht relativ klar unvernünftig/unverhältnismäßig sind, muss man ihnen auch gehorchen und Zuwiderhandeln ist lässliche oder schwere Sünde je nach Fall (i. d. R. wohl lässliche). Der Umweltschutz ist ein Gebiet, auf dem viele kleine Handlungen zusammen größere Auswirkungen haben, obwohl die einzelne Handlung an sich sehr unbedeutend ist, deswegen ist das auch ein Gebiet, auf dem gesetzliche Regelungen notwendig sind, damit alle oder zumindest fast alle bestimmte Handlungen vermeiden. Wenn es aber in einem Bereich keine Gesetze gibt, muss man als Einzelner nicht unbedingt eine Handlung vermeiden, die man insgesamt verbieten würde, wenn man Gesetzgeber wäre; denn die Einzelhandlung ist und bleibt eben sehr unbedeutend, und man wird mit seinem Vorbild normalerweise nicht dafür sorgen, dass auch alle anderen diese Handlung jetzt vermeiden. (Wenn man sich z. B. denkt „Ich würde einen autofreien Sonntag einführen“ – was m. E. nicht sinnvoll wäre -, muss man nicht von da an selbst an jedem Sonntag das Auto stehen lassen.) Auch dafür, dass die natürlichen Ressourcen reichen, dass man nach und nach Technologien entwickelt, die endliche Ressourcen wie Öl und Kohle ersetzen können, sind Regierungen, Großkonzerne, Forscher verantwortlich, nicht der einzelne.

Es kann aber natürlich auch unsinnige Gesetze geben, oder solche, die die Lasten ungerecht verteilen, denen man nicht gehorchen muss.

Beim Thema Umwelt geht es außerdem ständig um den Klimawandel. CO2 ist eigentlich kein „luftverschmutzendes“ Gas – es ist gesundheitlich unschädlich und geruchlos, und Pflanzen brauchen es zum Wachstum. Das einzige Problem wäre der Treibhauseffekt. Da bei diesem Thema vieles umstritten ist und die Frage nach dem richtigen Handeln vor allem von den Fakten abhängt (wie viel Einfluss hat der Mensch, wie schädlich wäre eine Erwärmung, was kann man noch verhindern, hilft Verzicht mehr oder vielleicht doch eher Entwicklung von CO2-armen Technologien, sollte man den Klimawandel bekämpfen, indem man mehr Kernkraftwerke baut, die kein CO2 ausstoßen, oder sind hier die anderen Risiken der Kernkraft wieder vorrangig?) kann man von theologischer Seite aus nicht viel dazu sagen. Hier können Katholiken unterschiedlicher Ansicht sein – was nicht heißt, dass es nicht eine richtige Lösung gäbe, die man suchen sollte, nur, dass man nicht anderen Katholiken Sünde vorwerfen kann, wenn sie zu anderen Ergebnissen gelangt sind.

Was man aber sagen kann: Vorsicht ist sicher nicht schlecht, auch wenn ein schädlicher Effekt noch nicht 100%ig gesichert ist, aber das einzelne Land hat immer nur einen begrenzten Einfluss, und eine Erwärmung wäre es ganz sicher nicht wert, eine totale Klimadiktatur einzuführen. (Insbesondere da die befürchteten Folgen eben mehr Hitzetote im Sommer und Ernterückgänge in manchen Regionen (bessere Ernten in anderen) sind, und nicht das Aussterben der Menschheit. 3°C mehr heißt eben wirklich nur 3°C mehr; d. h. wenn es im Durchschnitt irgendwo im Sommer 25-30°C hatte, und im Extremfall mal 39°C, wird es dann eben 28-33°C haben, und im Extremfall mal 42°C. Unangenehmer, aber aushaltbar.) Der einzelne hat hier sowieso einen so extrem geringen Einfluss (wenn man rechnet, dass Deutschland für 2% des CO2-Ausstoßes weltweit verantwortlich ist, macht das pro Kopf hierzulande 0.000000025% oder 1/4.000.000.000 (ein Viermilliardstel)), dass schwere Sünden wohl kaum möglich sind, und es schwer werden dürfte, auch nur eine lässliche Sünde zu begehen (außer vielleicht durch Verletzen eines gerechten Gesetzes zur Reduktion von CO2). Übrigens haben Deutsche zwar pro Kopf einen überdurchschnittlichen CO2-Ausstoß im Vergleich zu den Bewohnern anderer Länder, aber keinen stark überdurchschnittlichen; wir liegen etwa auf demselben Level wie die Mongolei und nicht sehr viel höher als China.

Mit anderen Worten: Es ist keine Sünde, einfach nur aus Bequemlichkeit mit dem Auto statt mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Hier bewegen wir uns im Bereich von Werken der Übergebühr.

Was Überbevölkerungspanik angeht:

  • Diejenigen, die Hungersnöte für den Fall von Überbevölkerung vorhersagten, hatten immer Unrecht; die landwirtschaftlichen Methoden schritten einfach schnell genug voran. Zurzeit könnte die Erde 12 Milliarden Menschen ernähren, und die Landwirtschaft entwickelt sich immer noch weiter.
  • Es ist extrem viel wert, einen neuen Menschen in die Welt zu setzen, da ist es ziemlich vernachlässigbar, dass er auch CO2 ausstoßen wird.
  • Gerade in Ländern mit zu wenig Kindern ist es gerade im Gegenteil sehr vorbildlich, mehr Kinder zu bekommen, damit die Gesellschaft nicht kollabiert.
  • In Ländern, in denen es wirklich viele Kinder gibt und es daher als Resultat auch mal hohe Jugendarbeitslosigkeit und ähnliche Probleme geben kann, ist es trotzdem an sich gut, Kinder in die Welt zu setzen, und die Situation der einzelnen Familie sollte eher den Ausschlag geben als die politische Gesamtsituation. Freilich kann eine Familie in dieser Situation entscheiden, dass sie lieber nur 3 statt 7 Kinder will. Aber Kinderkriegen ist trotzdem gut.
  • Menschen sind keine Parasiten an „der Erde“, sondern ihre einheimischen Bürger.

Gentechnik, mit deren Hilfe z. B. Goldener Reis entwickelt werden konnte, ist von katholischer Seite aus nicht grundsätzlich abzulehnen, z. B. weil man damit „an Gottes Schöpfung herumpfuschen“ würde; Gentechnik ist nur schnellere Züchtung, und Menschen ist es erlaubt, auf solche Weise auf die Schöpfung einzuwirken, besonders, wenn es darum geht, gefährliche Unter- und Mangelernährung zu bekämpfen und Leben zu retten. Freilich ist es auch jedem erlaubt, erst einmal vorsichtig mit neuen Züchtungen zu sein und genauere Infos über Langzeitwirkungen abzuwarten.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 11b: Das 5. Gebot – Pflichten gegen fremdes Leben

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

In Teil 11a ging es um allgemeine Prinzipien bzgl. Leben und körperlicher Unversehrtheit, und Pflichten gegen das eigene Leben; jetzt zu Pflichten gegen fremdes Leben.

Dass Mord schlecht ist, gilt als Binsenweisheit; aber in manchen Fällen dann doch nicht mehr (s. Abtreibung). Und es gibt ja auch alle möglichen denkbaren Dilemmasituationen, z. B. in Kriegen. Daher zuerst einige Prinzipien; der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

„I. Allgemeine Prinzipien. 1. Direkte Tötung eines Unschuldigen ist immer unerlaubt.

Es ist deshalb verboten, Kranke zu töten, damit sie nicht länger leiden; den Tod der Mutter, die sicher sterben muß, zu beschleunigen, um das Kind, das sie unter dem Herzen trägt, taufen zu können. – Ärzten ist es verboten, den Kranken zu Versuchszwecken eine gefährliche Medizin zu geben, die auch den Tod zur Folge haben kann. Eine Ausnahme besteht nur, wenn der Kranke durch kein anderes Mittel mehr zu retten ist und irgendwie seine Zustimmung zur Anwendung dieses Mittels gibt. Ähnliches gilt von chirurgischen Operationen. – Herzstich oder Öffnung der Pulsader vornehmen, damit jemand nicht scheintot begraben werde, ist unter schwerer Sünde verboten. […]

Auch im Interesse des Staates darf man niemals einen Unschuldigen direkt töten. Wenn nämlich auch die einzelnen Menschen ‚Glieder‘ des Staates sind, so darf man mit ihnen doch nicht verfahren, wie man mit den Gliedern des eigenen Körpers verfahren darf, die man im Notfall zur Heilung des Körpers amputieren darf Vgl. n. 209. Die Glieder des menschlichen Körpers, z. B. Hand und Auge, sind nämlich nur da im Interesse des Ganzen (des menschlichen Körpers). Losgetrennt von ihm haben sie keinen besonderen, eigenen Zweck. Der Einzelmensch aber hat, auch wenn er vom Staate losgetrennt ist, seiner Natur nach einen eigenen, besonderen Zweck, er hat ein persönliches Endziel. (Vgl. n. 212.) Der Einzelmensch ist nicht auf das Wohl des Staates hingeordnet, wie die Glieder des Körpers auf das Wohl des Ganzen hingeordnet sind. Während die Glieder für den Körper da sind, ist der Mensch nicht für den Staat da, sondern der Staat ist für den Menschen da.

2. Indirekte Tötung eines Unschuldigen ist an sich ebenfalls unerlaubt, kann aber aus einem entsprechenden Grunde erlaubt sein.

Über den Begriff der indirekten Tötung vgl. Nr. 207.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl., Paderborn 1961, S. 171f., Nr. 211)

Es ist, wie schon in Teil 11a gesagt, keine Sünde, Schwerkranken nicht mehr alle vielleicht sehr anstrengenden und aufwendigen Behandlungen zuzumuten; wenn sie diese Behandlungen aber wollen, sollen sie sie auch bekommen; Nahrung, Wasser und Atemluft darf man niemandem verweigern; Euthanasie, Sterbehilfe, Selbstmordbeihilfe sind schwere Sünde. Aber siehe dazu (und zu den Themen Organspende, Risikoverhalten, Gesundheitsschädigung, Schönheitsoperationen, Sterilisation etc.) eben Teil 11a.

Bzgl. der indirekten Tötung (vgl. auch hier Teil 11a): Es ist z. B. erlaubt, im Krieg Rüstungsbetriebe, Eisenbahnlinien etc. zu bombardieren, auch wenn man voraussieht (aber nicht will), dass dabei auch Unschuldige sterben können. Es ist aber falsch, gezielt Wohnviertel zu bombardieren, mit dem Ziel, möglichst viele Zivilisten zu töten, damit der Feind schneller den Mut verliert und aufgibt. Es ist erlaubt, ein Flugzeug abzuschießen, das Terroristen entführt haben und in ein Gebäude lenken wollen; denn hier will man den Tod der Menschen im Flugzeug nicht, hofft, dass sie vielleicht den Absturz überleben, und würde das Flugzeug auch abschießen, wenn nur die Terroristen darin säßen. Es ist erlaubt, auf Terroristen zu schießen, die sich hinter menschlichen Schutzschilden verstecken und einen von da aus angreifen, auch wenn man Gefahr läuft, diese Menschen zu treffen; denn deren Tod ist dann die Schuld der Terroristen, von denen man sich nicht erpressen lässt. So ist es z. B. erlaubt, das Feuer zu erwidern, wenn Terroristen ihre Raketen aus einem Wohnhaus heraus abschießen. Es ist erlaubt, um ein bekanntes Gedankenspiel aufzunehmen, einen Zug, der auf eine Gruppe Menschen (die nicht wegrennen können) zurast, auf ein anderes Gleis zu lenken, auf dem sich nur ein Mensch befindet, auch wenn der dann sterben muss, denn man wollte einfach den Zug von der größeren Gruppe weglenken und hätte das auch getan, wenn sich kein Mensch auf dem anderen Gleis befunden hätte. Es wäre aber falsch, wenn es kein zweites Gleis gäbe, einen dicken Mann auf das Gleis zu stoßen, damit sein Körper den Zug aufhält und er die anderen Menschen nicht mehr überfährt, denn hier wäre sein Tod gezielt als Mittel zum Zweck eingesetzt.

Es kommt letztlich immer darauf an: Würde man die Handlung auch vollziehen, wenn niemand dadurch sterben würde, und gibt es einen verhältnismäßigen Grund, um diesen ungewollten Tod in Kauf zu nehmen (z. B. dass sonst mehrere andere sterben würden)? Zu Handlungen mit Doppelwirkungen habe ich hier allgemein etwas geschrieben.

Jede direkte Tötung eines unschuldigen Menschen – d. h. eines lebenden Exemplars unserer Spezies – ist immer schwere Sünde. Dafür ist es völlig gleichgültig, wie alt dieser Mensch ist, wie er aussieht, ob er Bewusstsein und Verstand hat oder nicht. Denn jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele, die ewig leben soll, und spätestens dann in der Ewigkeit wird er seine Fähigkeiten (Vernunft, Wille) auch entfalten können, auch wenn sie im irdischen Leben durch ein krankes oder unterentwickeltes Gehirn gehemmt waren. Und Gott hat als Vorbereitungszeit auf das ewige Leben jedem Menschen seine genaue Lebenszeit bemessen. Das Dasein jedes Menschen hat auch noch einen Zweck, auch wenn er selbst nichts mehr tun kann und z. B. nur noch im Koma liegt oder sehr schwer behindert ist. Auf jeden Fall kann sein Dasein andere zu Mitgefühl und Hilfe bringen, und wenn jemand noch bei Bewusstsein leidet, kann sein Leiden sehr verdienstvoll für ihn sein.

Wegen alldem ist es auch immer falsch, ein ungeborenes Kind zu töten. Das gilt auch schon, wenn es erst aus ein paar Zellen besteht; denn auch diese Zellen stellen einen zusammengehörigen, lebendigen Organismus mit allen seinen volllständigen Genen dar, einen Organismus, der belebt ist, also eine Seele hat, auch wenn sie ihre Fähigkeiten noch nicht entfalten kann. Wenn ein Kind schon einige Wochen alt ist, das Herz schlägt, die Organe angelegt sind, es möglicherweise Schmerzen spürt, ist das ein erschwerender Umstand, aber Abtreibung ist nicht erst dann falsch.

Das gilt, egal welche Gründe es für die Abtreibung gibt. Man muss nur mal alle Fälle durchspielen, mit dem einzigen Unterschied, dass das Kind schon geboren wäre: Würde man ein geborenes Kind töten, weil seine Mutter erst 15 ist und mit ihm nicht zurechtkommt? Würde man ein geborenes Kind töten, weil seine Mutter psychisch krank ist? Würde man ein geborenes Kind töten, weil es durch eine Vergewaltigung gezeugt worden wäre? Aber mehr Argumente zum Thema Abtreibung hier.

(Anmerkung am Rande: In früheren Zeiten war man sich in der Kirche zwar einig, dass Abtreibung in jedem Stadium eine schwere Sünde ist und ein Leben verhindert, von dem Gott will, dass es eine Zukunft hat, aber in einem späteren Stadium der Schwangerschaft standen härtere kirchenrechtliche Strafen darauf (interessanterweise übrigens mehr für die Abtreiber als die Schwangere selbst). Der Grund dafür war, dass man kein genaues Wissen über die Entstehung des Lebens hatte und teilweise der Theorie des Aristoteles folgte, nach der die Beseelung des Kindes nach 40 oder 80 Tagen stattfinde; dahinter stand so ungefähr die Vorstellung, dass sich erst langsam das Menstruationsblut mit dem Samen vermischt und ein Kind geformt wird, und dann die Seele hinzukommt, was dann dafür sorgt, dass die Mutter es sich auch bewegen spürt usw. Inzwischen weiß man dagegen, dass schon am ersten Tag ein lebender Organismus da ist, d. h. dass dieser Organismus ein Lebensprinzip, eine Seele hat, die ihn zusammenhält. Aber selbst wenn man es nicht genau wüsste, wäre im Zweifelsfall davon auszugehen, dass da ein vollwertiger Mensch ist; so wie man auch nicht in die Büsche schießen darf, wenn dort nur vielleicht ein Mensch steht, dürfte man auch nicht ein Kind töten, wenn es nur vielleicht ein Mensch wäre.)

Es ist daher ein Verbrechen gegen das 5. Gebot:

  • Die Pille oder die Pille danach oder andere hormonelle Verhütungsmittel (Spirale, Hormonpflaster, Drei-Monats-Spritze etc.) zu nehmen/anzuwenden, die nicht nur den Eisprung verhindern/verzögern, sondern auch, wenn das nicht geklappt hat, die Einnistung (Nidation) eines schon existierenden Embryos in der Gebärmutter verhindern könnte; das ist zumindest fahrlässige Tötung (Verhütungsmittel, die sicher nicht frühabtreibend sind, z. B. Kondome, sind auch falsch, aber aus anderen Gründen; hier wird zumindest niemand getötet).
  • das gilt eigentlich auch für frühabtreibende (nidationshemmende) Medikamente, z. B. wenn eine die Pille nimmt, nicht um zu verhüten, sondern um eine Endometriose zu behandeln (die sich ja übrigens zum Glück manchmal durch eine Schwangerschaft bessert); freilich nur dann, wenn man schwanger werden/sein könnte, weil man verheiratet ist und regelmäßig Sex hat. Man kann sich fragen: Würde ich dasselbe Risiko in Kauf nehmen, wenn es um ein schon geborenes Kind geht, das z. B. über das Stillen durch meine Medikamente geschädigt werden könnte, oder um das Risiko einer Fehlgeburt in einem späteren Stadium? Ich bin keine Medizinerin; aber es scheint unter Wissenschaftlern unterschiedliche Schätzungen zur Größenordnung dieses Effekts (also, wie oft es passiert, dass ein Kind entsteht, sich aber nicht einnisten kann) zu geben; generell jedenfalls ist das Risiko wohl bei regelgerechter Einnahme der Pille geringer, und bei unregelmäßiger Einnahme, Wirkungsstörung wegen Durchfall, Wechselwirkung mit anderen Medikamenten (Antibiotika, Johanneskraut…) etc. erhöht. Ich (als unverheiratete Frau, die tatsächlich selber Endometriose hat und deswegen aktuell die Pille nimmt) halte das Risiko generell, auch bei ordentlicher Einnahme, für nicht vertretbar und würde deswegen mit der Pille aufhören, wenn ich heiraten würde, auch wenn ich dann wahrscheinlich mehr Probleme hätte und man öfter die Endometrioseherde mittels Bauchspiegelung entfernen müsste. Als Frau, die keinen Sex hat, darf man natürlich solche Medikamente ohne Bedenken nehmen, aber man sollte, wenn man dann heiratet, schon zwei bis drei Monate vor der Hochzeit damit aufhören, weil der Eisprung nach Absetzen schnell wieder stattfindet, aber die nidationshemmende Wirkung noch zwei Monate anhalten kann. Tatsächlich wäre bei einer Frau, deren Endometriose sich nicht bessert und viele Probleme macht, übrigens auch die Gebärmutterentfernung gerechtfertigt.
  • künstliche Befruchtung machen zu lassen, bei der in der Regel mehrere Embryonen kreiert und die überflüssigen weggeworfen oder länger eingefroren, zur Forschung verwendet und dann weggeworfen werden
  • als Forscher mit Embryonen oder deren Zellen zu forschen – ja, auch mit Zelllinien, die ursprünglich von Kindern stammen, die schon vor Jahrzehnten getötet wurden, und weitergezüchtet wurden. Hier handelt es sich nicht nur um Mord, sondern auch um Leichenschändung. (Es ist allerdings aus einem ernsthaften Grund erlaubt, als Patient Medikamente/Impfungen zu nehmen, die in solchen Zellen herangezüchtet oder an solchen Zellen getestet wurden; sie sind nun mal da und man konnte die Leichenschändung nicht verhindern. Es wäre freilich andauernde Leichenschändung und quasi Kannibalismus, Medikamente zu nehmen, deren Wirkstoff direkt diese Zellen wären, d. h. sich mit embryonalen Stammzellen behandeln zu lassen. Interessanterweise sind allerdings Stammzellen, die von erwachsenen Menschen gewonnen werden, mittlerweile vielversprechender und embryonale bieten auch ein Krebsrisiko und werden eher vom Körper abgestoßen; mit beidem wird erst geforscht.)
  • ein Kind abtreiben zu lassen, egal in welchem Stadium der Schwangerschaft, und egal aus welchem Grund, oder dazu zu raten oder zu helfen. Auch die Ausstellung eines Beratungsscheins, der zur Abtreibung berechtigt, ist falsch; Katholiken, die Schwangeren durch Beratung helfen wollen, können daher nur in Beratungsstellen ohne Scheinausstellung arbeiten (z. B. Pro Femina, Caritas). Es ist allerdings keine Sünde, in einem normalen Krankenhaus zu arbeiten, wo auch Abtreibungen stattfinden, oder in einem Gesundheitsamt, das Beratungsscheine ausstellt, wenn man nicht z. B. als Krankenschwester selbst bei Abtreibungen assistieren muss.
  • ohne verhältnismäßigen Grund etwas zu tun, das dem Kind schaden könnte (z. B. in der Schwangerschaft regelmäßig zu rauchen und zu trinken, oder ohne dringende Notwendigkeit Medikamente zu nehmen, die dem Kind schaden könnten). Frauen, die nicht schon schwanger sind, sondern nur schwanger sein könnten, weil sie verheiratet sind und den Sex nicht auf die unfruchtbaren Zeiten beschränken und man eine Schwangerschaft ja nicht sofort bemerkt, sollten mit solchen Medikamenten, Alkohol usw. auch vorsichtig sein.

Noch einmal Jone:

„II. Tötung des Fötus 1. Direkte Tötung des Fötus ist immer schwer sündhaft (ein Mord).

Selbst um das Leben der Mutter zu retten, ist es deshalb nicht erlaubt, das lebende Kind zu zerkleinern, z. B. durch Kraniotomie, Embryotomie usw. – Ebenso ist Abtreibung der Leibesfrucht immer unter schwerer Sünde verboten, auch wenn sonst Kind und Mutter sterben müssen. […] Übrigens kann in den meisten Fällen erlaubterweise durch den Kaiserschnitt und ähnliche Operationen geholfen werden. – Schwer sündhaft ist auch alles, was geschieht in der Absicht, eine Abtreibung zu erreichen, selbst wenn diese Wirkung nicht eintritt. – Das Verbot, ein Kind im Mutterschoß direkt zu töten, beruht auf denselben Gründen, wie das Verbot, irgendeinen andern unschuldigen Menschen direkt zu töten. Jeder Mensch hat nämlich ein persönliches, ewiges Endziel: das ewige Glück in der Anschauung Gottes. Jeder Mensch hat auch die Pflicht, nach diesem Endziel zu streben während der ganzen ihm von Gott geschenkten Lebenszeit. Damit der Mensch diese Pflicht erfüllen kann, hat ihm Gott ein Recht auf sein Leben gegeben. Auf dieses Recht kann der Mensch nicht verzichten. Da ferner dieses Recht nicht von den Eltern ist, nicht vom Staate, noch von irgendeiner anderen menschlichen Autorität, deshalb kann auch niemand in dieses Recht eingreifen und einem Unschuldigen das Leben direkt nehmen zur Erreichung seiner Zwecke. Folglich kann auch kein Mensch und keine menschliche Autorität jemandem ein Recht auf die direkte Tötung eines Unschuldigen geben. Auch kein ärztlicher, eugenischer, sozialer, ökonomischer Gesichtspunkt kann die direkte Vernichtung des Lebens eines Unschuldigen rechtfertigen. Auch der beste Zweck (z. B. die Rettung der Mutter) heiligt die schlechten Mittel nicht. Wer ferner behauptet, daß man zur Rettung der Mutter (also im Interesse des Privatwohls) das Kind im Mutterschoße direkt töten darf, der muß auch – wenn er konsequent sein will – sagen, daß man auch im Interesse des Gemeinwohls einen unschuldigen Menschen direkt töten darf. Die Lehre von der Erlaubtheit der Vernichtung eines ‚unwerten Lebens‘ ist nur die logische Konsequenz von der Lehre, es sei erlaubt, das Kind im Mutterschoß zu töten. Es ist nur eine glückliche Inkonsequenz, wenn viele von denjenigen, die es für erlaubt halten, im Interesse des Privatwohls (der Mutter) einen Unschuldigen direkt zu töten, es nicht für erlaubt halten, im Interesse des Allgemeinwohls (des Staates) ein ‚unwertes Leben‘ direkt zu vernichten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 172f., Nr. 212)

Indirekte Tötung ist gewöhnlich verboten, kann aber aus schwerwiegenden Gründen erlaubt sein.

Frauen in anderen Umständen sündigen schwer, wenn sie ohne hinreichenden Grund etwas tun, das voraussichtlich Abtreibung verursacht. – Bei tödlicher Krankheit aber darf eine Mutter eine Arznei nehmen, auch wenn diese Arznei nicht nur Genesung bewirkt, sondern auch Abtreibung. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß es gegen diese Krankheit keine andere Arznei gibt, und daß die Genesung nicht erst aus der Abtreibung folgt. – Ebenso ist es erlaubt, eine kranke Gebärmutter zu entfernen, auch wenn damit zugleich der Fötus entfernt wird, vorausgesetzt, daß dies das einzige Mittel ist, um das Leben der Mutter zu retten. [Hier ist z. B. ein Fall von Gebärmutterkrebs gemeint.] Unter denselben Bedingungen scheint man durch Eihautstich das Fruchtwasser ablassen zu dürfen, wenn der schwangere Uterus irreponibel im kleinen Becken eingeklemmt ist, um so die Möglichkeit der Reposition zu schaffen. Dies scheint erlaubt, weil hier die Rettung der Mutter nicht folgt aus der Abtreibung, sondern aus der Reposition des Uterus; in anderen Fällen ist deshalb der Eihautstich zur Rettung der Mutter nicht gestattet. – Ebenso scheint man bei extrauteriner Schwangerschaft das krankhafte Gebilde entfernen zu dürfen, das für die Mutter lebensgefährlich ist, auch wenn der Fötus mitentfernt wird, vorausgesetzt, daß man die Mutter nicht mehr anders retten und nicht länger mit einem Eingriff warten kann. Ähnlich scheint man handeln zu dürfen im Zweifel, ob es sich um eine Geschwulst oder extrauterine Schwangerschaft handelt, und wenn man ohne Lebensgefahr der Mutter nicht länger warten kann. Nie aber ist es erlaubt, z. B. durch Elektrizität einen etwa vorhandenen Fötus zu töten. – Arzneien, die nur selten eine Abtreibung bewirken, darf man nehmen, auch wenn keine dringende Lebensgefahr vorhanden ist.

3. Herbeiführung einer Frühgeburt ist aus einem entsprechenden Grunde erlaubt, weil bei einer Frühgeburt das Kind auch getrennt von der Mutter lebensfähig ist.

Wenn es ohne große Gefahr für die Mutter geschehen kann, muß man mit der Einleitung der Frühgeburt warten, bis es moralisch sicher ist, daß das Kind außerhalb des Mutterschoßes leben kann. Wenn aber das Leben der Mutter in großer Gefahr steht, darf mit der Einleitung der Frühgeburt begonnen werden, sobald es wahrscheinlich ist, daß das Kind lebensfähig ist.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 173f., Nr. 213)

Eine extrauterine Schwangerschaft meint eine Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter. Hier muss man unterscheiden: Bei Fällen von Bauchhöhlenschwangerschaft gab es tatsächlich schon Kinder, die überlebt haben. Bei einer Eileiterschwangerschaft dagegen ist es nicht möglich, dass das Kind überlebt, weil der Eileiter reißen würde, was auch für die Mutter lebensgefährlich wäre. Auch hier ist es nicht erlaubt, das Kind direkt zu töten, aber den Eileiter mit ihm zu entfernen wäre erlaubt, denn hier wird ein krankes Organ entfernt, das das Leben der Mutter gefährdet, und der Tod des Kindes nur in Kauf genommen. Der rechtfertigende Grund ist vorhanden, da man auf der einen Seite den natürlichen Tod des Kindes und Lebensgefahr für die Mutter hat und auf der anderen Seite die indirekte Tötung des Kindes.

(Wenn man in irgendeiner Situation auf der einen Seite nur Lebensgefahr für A und auf der anderen Seite die indirekte Tötung von B hätte, dürfte man die indirekte Tötung von B nicht vornehmen, sondern müsste den möglichen natürlichen Tod von A in Kauf nehmen. Nur wenn die Schäden, wenn man die indirekte Tötung nicht vornimmt, überwiegen (oder wenn sie zumindest gleich groß sind), also z. B. weil beide sterben würden, dürfte man sie vornehmen.)

Eine Frage ist noch, ob es erlaubt wäre, das Kind selbst aus dem Eileiter zu entfernen und den Eileiter im Körper der Mutter zu lassen, ohne das Kind dabei z. B. zu zerstückeln oder mit Methotrexat zu töten, auch wenn es außerhalb des Körpers der Mutter sterben wird. An sich wäre das zwar eine Tötung (wie eine normale Abtreibung), denn jemanden in eine Umgebung zu versetzen, in der er unmöglich leben kann, ist Töten, auch dann, wenn man ihn aus einer Umgebung holt, in der er aller Voraussicht nach bald gestorben wäre. Aber man kann dagegen sagen: Aber wenn es möglich wäre, würde man das Kind ja in die Gebärmutter setzen oder z. B. in eine künstliche Gebärmutter, sobald diese entwickelt sind, also will man seinen Tod eigentlich nicht, und man löst hier eine krankhafte Verbindung, die eigentlich an dieser Stelle nicht da sein sollte. Es würde dementsprechend eher unter indirekte Tötung fallen, wie z. B. der in Teil 11a erwähnte Fall, wenn sich jemand aus einem hohen Fenster eines brennenden Gebäudes stürzt, und den einen sicheren Tod dem anderen sicheren Tod vorzieht. Wahrscheinlich also erlaubt. (Und in diesem Fall darf man sich auf diese Wahrscheinlichkeit verlassen, s. die Regeln zur Gewissensbildung.)

Andere Situationen mit Lebensgefahr der Mutter treten zum Glück fast immer in späten Stadien der Schwangerschaft auf, wenn das Kind außerhalb des Mutterleibes mit der modernen Medizin überleben kann. Wenn aber doch in einer solchen Situation einmal die Mutter sterben würde, oder beide sterben würden, weil man nicht bereit war, ein nicht lebensfähiges Kind herauszuholen, wäre niemand schuld daran, denn es wäre schlicht und einfach ein natürlicher Tod, den man nicht verhindern konnte. Mutter und Kind haben beide genau dasselbe Lebensrecht; man darf nicht den einen töten oder auch nur indirekt seinen sicheren Tod verursachen, um den nur möglichen natürlichen Tod des anderen zu verhindern. (Das sieht man klar, wenn man Gedankenspiele mit geborenen Menschen anstellt: Wäre es erlaubt, einen Ebola-Kranken im Dschungel auszusetzen, wo er sicher sterben wird, weil man dadurch den möglichen Tod anderer Menschen, die er anstecken könnte, verhindern könnte? Natürlich nicht.) Es gab auch schon immer wieder Situationen, in denen eine Mutter in einer solchen Situation nicht abtreiben wollte, und entgegen der Prognosen überlebt hat; Ärzte sind eben auch nicht unfehlbar.

Ein totes Kind aus dem Körper der Mutter herauszuholen ist offensichtlich erlaubt; hier nur ein kurzer praktischer Hinweis, dass es manchmal vorkommen kann, dass Ärzte vorschnell meinen, keinen Herzschlag zu hören und gleich zur Geburtseinleitung raten, und man in einem solchen Fall meistens noch lieber eine zweite Untersuchung machen lassen oder eine zweite Meinung einholen sollte.

Fehlgeborene Kinder verdienen ebenso Respekt vor ihrem Leichnam und eine Bestattung wie jeder andere Tote.

Soweit zur Tötung von Unschuldigen; jetzt zu Verletzung & Verstümmelung:

„III. Verstümmelung eines Unschuldigen ist in ähnlicher Weise unerlaubt, wie die Selbstverstümmelung unerlaubt ist (Vgl. n. 209). […]

Mit Zustimmung des Patienten aber kann man bei Krebs usw. auch eine Amputation vornehmen. Dagegen kann jemand seine Zustimmung für eine Verstümmlung nicht geben zur Förderung des wissenschaftlichen Fortschrittes. Vgl. auch die Ausführungen oben I n. 1 über die Medizin zu Versuchszwecken.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 174, Nr. 213)

Was die medizinische Forschung angeht, ist es natürlich erlaubt, an normalen Studien unter den üblichen Sicherheitsvorkehrungen teilzunehmen.

Was Körperverletzung angeht: Wenn z. B. streitende Kinder sich gegenseitig ein bisschen schubsen oder hauen, wäre man im Bereich der lässlichen Sünde; wenn es um ständiges Mobbing, Zusammenschlagen, häusliche Gewalt oder Ähnliches geht, wäre es ziemlich sicher schon Todsünde. Erst recht Todsünde wäre es, wenn der mögliche Tod des Opfers in Kauf genommen wird (z. B. bei Tritten gegen den Kopf).

Was ist mit dem Thema Körperstrafen, die ja früher üblich waren? (Ich meine hier Körperstrafen, die Schmerzen zufügen, aber keinen bleibenden Schaden hinterlassen, z. B. Schläge auf den Hintern.) Hier gilt, dass Eltern/Vormünder und der Staat das Recht, solche Strafen anzuwenden, grundsätzlich haben, aber genauso gut auch andere Strafen anwenden können; an staatliche Verbote dieser Strafen wie in Deutschland sollte man sich allerdings halten. (Übrigens wird staatlicherseits z. B. in Singapur die Prügelstrafe noch angewendet – meiner Ansicht nach wahrscheinlich sogar eine angenehmere Strafe als Gefängnis, da schnell erledigt.) Menschen, auch Kinder und Jugendliche, können nun mal auch einiges ziemlich Falsches tun; was wäre mit einem 13jährigen, der ein kleineres Kind mobbt, einen Hund zu Tode quält, ein Familienerbstück der Eltern ins Klo wirft, um ihnen etwas heimzuzahlen, oder seine Lehrerin mit einem Messer bedroht? Strafe muss nun mal sein, damit er überhaupt wieder ein Gespür dafür bekommt, was richtig und was falsch ist, und ich halte das Argument, Körperstrafen würden Kinder nur daran gewöhnen, Gewalt als akzeptabel zu sehen, für ungefähr so stichhaltig wie das Argument, wenn man ihnen das Handy wegnimmt und ihnen Hausarrest erteilt, würde sie das nur daran gewöhnen, dass Stehlen und Freiheitsberaubung okay wären. Man kann allerdings auch als Katholik der Meinung sein, solche Strafen sollten in der Praxis nicht angewandt werden / verboten sein, z. B. weil Eltern die Verletzlichkeit ihrer Kinder unterschätzen könnten.

Was ist mit Triage, d. h. damit, dass man, wenn man nur begrenzte Ressourcen hat, manche Kranke oder Verletzte nicht behandelt? Das kann manchmal eine Unvermeidlichkeit sein – z. B. wenn nur ein Krankenwagen an einem Unfallort mit vielen Verletzten ist. In einem solchen Fall muss man sich den schwerer Verletzten zuerst widmen (offensichtlich ist eine offene Wunde wichtiger als ein paar Kratzer), aber wenn man zwei Schwerverletzte hat, von denen einer bei Behandlung gute Überlebenschancen und der andere geringe hat, ist es klüger, zuerst den mit den besseren Chancen zu behandeln. Hier wird aber in jedem Fall niemand getötet; man wählt zwischen zwei guten Handlungen (den einen oder den anderen behandeln), von denen man nicht beide gleichzeitig tun kann. Das ist dann eine tragische Situation, aber es ist eigentlich kein moralisches Dilemma.

Es wäre ganz offensichtlich falsch, wenn man z. B. sagen würde, „wer selber schuld an einer Verletzung/Krankheit ist, bekommt keine Behandlung“, auch wenn man ihn behandeln könnte.

Soweit also zur Tötung von Unschuldigen. Dann schreibt Jone folgendes über die Tötung eines Schuldigen:

„I. Ein Verbrecher darf getötet werden, wenn gerichtlich der Beweis erbracht wurde, daß es moralisch sicher ist, er habe ein schweres Vergehen begangen, auf das vom Staate im Interesse des Allgemeinwohls die Todesstrafe gesetzt ist, und wenn dann jemandem vom Staate der Auftrag gegeben wurde, das Todesurteil zu vollstrecken.

Lynchjustiz ist deshalb verboten. – Polizisten usw. dürfen einen zum Tode verurteilten Verbrecher, der flieht, nur dann erschießen, wenn sie dazu den Auftrag haben. – Ein Soldat auf Posten darf auf Befehl des Staates auf jemanden schießen, der trotz der Warnung nicht stehen bleibt; er muß aber darauf sehen, daß er ihn nur verwundet, nicht tötet. – Ähnliches gilt von Grenzbeamten, wenn Schmuggler trotz der erfolgten Warnung fliehen. – Vor der Hinrichtung muß dem Verbrecher Zeit gegeben werden, die heiligen Sakramente zu empfangen. Will er sie nicht empfangen, so darf er doch hingerichtet werden.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 175, Nr. 214)

Die Todesstrafe ist ja inzwischen in der Kirche sehr umstritten. Papst Johannes Paul II. meinte, man solle sie nur anwenden, wenn der Staat sich nicht auf andere Weise vor Verbrechern schützen könnte, und Papst Franziskus ist (wenn auch oft vage formuliert) noch stärker dagegen. Historisch hat die Kirche allerdings immer gesagt, dass die Todesstrafe rechtmäßig sein kann, und zwar nicht nur als gemeinschaftliche Selbstverteidigung, sondern einfach auch als Strafe (auch früher gab es ja sichere Gefängnisse/Kerker, sodass die damaligen Staaten zumindest in einigen Fällen nicht auf die Todesstrafe angewiesen gewesen wären); sie hat auch von Häretikern wie den Waldensern verlangt, die Legitimität von Todesstrafe und gerechtem Krieg anzuerkennen und den totalen Pazifismus abzulehnen, wenn sie wieder zur Kirche zurückkehren wollten. Hier sind die nicht auf unfehlbare Weise (d. h. nicht ex cathedra) getätigten Äußerungen von zwei oder drei neueren Päpsten also nicht ausschlaggebend.

Der Punkt an einer Strafe ist ja, dass dem Verbrecher in verhältnismäßiger Weise etwas zugefügt werden soll, was in etwa seinem Verbrechen entspricht, damit die Gerechtigkeit wiederhergestellt ist. Z. B. wäre eine Geldstrafe für Ladendiebstahl, eine Gefängnisstrafe für Entführung verdient. Eine Strafe ist dann gut, wenn sie verdient ist; nicht nur zur Abschreckung oder zur Besserung des Täters. Abschreckung und Besserung sind legitime Nebenzwecke, aber sie dürfen nicht die Hauptzwecke werden. Denn wenn man die Wiederherstellung der Gerechtigkeit als Hauptzweck ganz abschaffen würde und nur noch auf Abschreckung und Besserung schauen würde, könnte das zu so einigen Ungerechtigkeiten führen. Nicht nur in dem Sinn, dass man manche Verbrecher, die eine schwere Strafe verdient hätten, nur kurz zum Psychologen schicken könnte, sondern auch in dem Sinn, dass man Kleinkriminelle ewig einsperren könnte, bis der zuständige Psychologe sie für ausreichend gebessert hält, oder dass man jemanden auf härtere Weise als verdient bestrafen könnte, um andere abzuschrecken. Man darf nur dann und höchstens in dem Maß strafen, wie jemand es verdient hat, und dann ist Strafe auch etwas Gutes, und sollte in etwa dem entsprechen, was derjenige eben durch die Tat verdient hat. Über diese Strafzwecke heißt es übrigens auch im Katechismus der Katholischen Kirche: „Die Strafe soll in erster Linie die durch das Vergehen herbeigeführte Unordnung wiedergutmachen. Wird sie vom Schuldigen willig angenommen, gilt sie als Sühne. Zudem hat die Strafe die Wirkung, die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Personen zu schützen. Schließlich hat die Strafe auch eine heilende Wirkung: sie soll möglichst dazu beitragen, daß sich der Schuldige bessert.“ (KKK, Nr. 2266)

Und weil die Schwere der Todesstrafe in etwa der Schwere mancher Verbrechen – insbesondere des Mordes, aber auch der Vergewaltigung, der schweren Verstümmelung, des Kindesmissbrauchs o. Ä. – entspricht, ist sie gerechtfertigt. Das ist nicht Rache, sondern Gerechtigkeit.

Das entspricht auch dem Zeugnis der Bibel. Beim Bund mit Noah heißt es: „Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht.“ (Gen 9,6) Hier wird also die Todesstrafe für Mörder gerade mit der Menschenwürde der Opfer begründet. Auch Paulus schreibt im Neuen Testament, dass der Staat durch Gottes Willen „das Schwert trägt“ (Röm 13,4), d. h. von Gott die Autorität erhalten hat, Strafen wie die Todesstrafe an Verbrechern zu vollstrecken, und Jesus zitiert in positiver Weise gegenüber den Pharisäern ein Beispiel für die Todesstrafe aus dem Mosaischen Gesetz (nämlich für schwere Misshandlung der Eltern).

Das Recht auf Leben ist ein Recht, das (wie z. B. das Recht auf Freiheit) verwirkt werden kann, und die Todesstrafe widerspricht auch nicht der Menschenwürde; es entspricht gerade der Menschenwürde, dass ein Verbrecher die volle Verantwortung für seine Taten, die er aus freiem Willen getan hat, akzeptiert und Sühne leistet.

Selbstverständlich muss ein Verbrechen klar bewiesen sein, dem Verurteilten Gelegenheit zur Beichte gegeben werden usw. Dass er, wenn er sich nicht bekehrt, trotzdem hingerichtet werden darf, liegt einfach daran, dass jemand, der sich sogar im Angesicht des Todes nicht bekehrt, sich wahrscheinlich auch in vierzig Jahren im Gefängnis nicht bekehren würde, und dass sonst jeder Verbrecher der Todesstrafe entgehen könnte, indem er Reuelosigkeit demonstriert. Wenn er wirklich nicht bereuen will, ist er selbst dafür verantwortlich.

Man muss als Katholik nicht für die praktische Anwendung der Todesstrafe sein (ich persönlich halte ihre Anwendung allerdings aus diversen praktischen Gründen für gar keine schlechte Idee), man muss sich auch nicht dafür einsetzen, sie in seinem jeweiligen Land wieder einzuführen oder beizubehalten, aber sie völlig verdammen darf man nicht. Wer sich für dieses Thema genauer interessiert und sich sicher sein will, dass die Kirche das wirklich so lehrt, dem sei das Buch „By man shall his blood be shed. A Catholic defense of capital punishment“ von Edward Feser und Joseph Bessette empfohlen.

Lynchjustiz (egal, ob die Täter so weit gehen, den mutmaßlichen Verbrecher zu töten, oder ihn nur anderweitig bestrafen, z. B. verprügeln) ist Sünde, weil ein Verbrecher ein Recht auf einen anständigen Prozess hat und nur die staatliche Autorität von Gott ermächtigt ist, nachträglich zu strafen (während Notwehr gegen eine gegenwärtige Gefahr jedem erlaubt ist). Es fragt sich allerdings, ob, wenn es keine Regierung mehr gibt, in einem Zustand der Anarchie, auch die Bürger selber ein Gericht einrichten und einen Prozess abhalten könnten. Das muss man wahrscheinlich bejahen, denn wenn kein Staat da ist, fällt die Souveränität wieder an das Volk zurück. In dem Fall sollte freilich nicht gerade der Geschädigte den Richter stellen, es müsste auch einen fairen Prozess geben etc.

Dann zum Thema Notwehr:

„II. Ein ungerechter Angreifer darf getötet werden, wenn sämtliche im folgenden aufgezählte Voraussetzungen gegeben sind.

1. Die Güter, die verteidigt werden, müssen einen großen Wert haben.

Als solche Güter gelten: Das Leben, die Unversehrtheit der Glieder, die Keuschheit, auch zeitliche Gütr von großem Wert. – Bei der Verteidigung zeitlicher Güter von geringem Wert kann der Angreifer nur dann getötet werden, wenn er dem Eigentümer, der sie verteidigt, nach dem Leben strebt. – Wie das eigene Leben und die eigenen Glücksgüter, so darf man auch das Leben und die Güter anderer verteidigen.

2. Der Angreifer muss ein actualis und iniustus aggressor sein. [D. h. ein gegenwärtiger und ungerechter Angreifer. Ein nachträglicher Racheakt ist nicht erlaubt, auch nicht die Verteidigung gegen jemanden, der sich z. B. nur seinen rechtmäßigen Besitz zurückholen will, oder dessen bloße Anwesenheit einen gefährdet (z. B. bei einem ansteckenden Kranken), ohne dass er einen irgendwie angreift. Deshalb ist es auch keine Notwehr, wenn man bei Lebensgefahr für die Mutter ein ungeborenes Kind tötet, denn das Kind ist ohne eigene Schuld einfach da und tut nichts, um jemanden anzugreifen.]

Trifft dies zu, dann ist die erwähnte Verteidigung auch gestattet gegen Eltern, Vorgesetzte, Kleriker.

a) Actualis aggressor ist vorhanden, wenn es sich um einen augenblicklichen oder unvermeidlich bevorstehenden Angriff handelt.

Die Verteidigung ist also erlaubt, wenn der andere den Dolch oder Revolver zielt, das Gewehr anlegt, den Hund auf jemanden hetzt, seinen Helfershelfer herbeiruft, nicht aber, wenn es sich nur um einen drohenden oder befürchteten Angriff handelt. – Ist der Angriff bereits vorüber, dann wäre die Tötung nicht mehr Notwehr, sondern Rache. […] Aus demselben Grunde ist es auch verboten, nachträglich seine Ehre gegen vorhergegangene Real- oder Verbalinjurien durch Tötung des Beleidigers zu verteidigen. – Anders ist es selbstverständlich, wenn ein Dieb mit einer großen Summe Geldes flieht.

b) Aggressor iniustus ist vorhanden, wenn der Angriff wenigstens materiell ungerecht ist.

Deshalb darf man in der Notwehr auch einen Irrsinnigen oder Betrunkenen töten.

3. Die Verteidigung muß geschehen cum moderamine inculpatae tutelae, d. h. man darf den Angreifer nicht mehr schädigen, als es unbedingt zur Verteidigung nötig ist.

[…] Kann der Angreifer durch Verwundung unschädlich gemacht werden, so darf man ihn nicht töten. Wegen der großen Aufregung, in der sich der Angegriffene befindet, wird er aber nur selten schwer sündigen durch Überschreiten der Grenzen einer gerechten Notwehr.

Anmerkung. Eine Pflicht, auf diese Weise sein eigenes Leben zu verteidigen, besteht für gewöhnlich nicht.

Eine Ausnahme besteht nur, wenn der Angegriffene entweder für das allgemeine Wohl notwendig ist oder im Stande der Todsünde sich befindet, so daß er im Falle des Todes ewig verlorengeht. – Andere (Gattin, Kinder, Eltern, Geschwister) kann man aus Pietät gegen einen ungerechten Angriff verteidigen müssen. Von Amts wegen können Polizeidiener usw. zur Verteidigung anderer verpflichtet sein.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 175f., Nr. 215)

Dass nicht nur gegen jemanden, der einen ermorden, sondern auch gegen jemanden, der einen vergewaltigen, entführen, versklaven oder verstümmeln will, im Notfall tödliche Notwehr erlaubt ist, sollte relativ unumstritten sein; aber manche werden vielleicht Anstoß daran nehmen, dass sie auch bei einem Einbrecher/Dieb erlaubt sein soll, der etwas Wertvolles stiehlt. „Sollte man das Leben eines anderen für weniger wert erachten als den eigenen Besitz?“ könnte jemand fragen. Aber das trifft den Sachverhalt nicht ganz. Erstens können auch Besitztümer eben sehr wichtig für jemanden sein; nehmen wir mal an, einem Armen in einem Dritte-Welt-Land werden alle seine Ersparnisse gestohlen. Außerdem kann man einfach den Spieß umdrehen und sagen: Einem Dieb, der sein Diebesgut nicht fallen lässt, auch wenn er mit einer Waffe bedroht wird, ist offensichtlich das Diebesgut mehr wert als sein eigenes Leben. Da ist er selbst schuld. Einen Taschendieb, der einem zwanzig Euro geklaut hat, darf man freilich nicht erschießen.

Austin Fagothey schreibt dazu:

„Der Mensch hat ein Recht nicht nur auf das Leben selbst, sondern auf ein menschliches Leben, ein normales und anständiges Leben, das zu einem rationalen Wesen passt. Das Recht des Menschen auf Leben wäre wenig wert, wenn er nicht auch sein Recht verteidigen dürfte, dieses Leben auf eine Weise zu leben, die einem Menschen zukommt. Dieses Recht beinhaltet den Besitz gewisser Güter, die das Leben lebenswert machen, Güter, die manche Autoren dem Leben gleichwertig nennen. Gewalt darf angewendet werden, um diese Güter zu verteidigen, auch bis hin zur Tötung des ungerechten Angreifers, unter denselben Bedingungen, die auf die Verteidigung des Lebens selbst zutreffen. Solche Güter, die dem Leben gleichstehen, sind:

(1) Glieder und Sinne

(2) Freiheit

(3) Keuschheit

(4) Materielle Güter von großem Wert

Die ersten drei sollten offensichtlich sein wegen ihrer persönlichen Natur. Viele würden lieber sterben, als sich solchen Übeln wie Vergewaltigung, Geisteskrankheit, Blindheit oder Versklavung zu unterwerfen, und, ob sie das würden oder nicht, wieso sollte irgendjemand einem Unmenschen nachgeben müssen, der versucht, sie einem aufzuzwingen? Materielle Güter, selbst von großem Wert, können zuerst unverhältnismäßig im Vergleich zum Nehmen von menschlichem Leben wirken, aber der soziale wie auch der persönliche Aspekt müssen beachtet werden, und das Wohl der Gesellschaft verlangt, dass die Menschen sicher im Besitz ihres Eigentums sind. Gewaltakte, ob gegen jemandes Person oder gegen jemandes Eigentum, können nicht ungehindert in der Gesellschaft zugelassen werden, und als letzter Ausweg können sie nur durch Gegengewalt gehindert werden. Der Angreifer kann sein Leben leicht retten, indem er seine Aggression aufgibt.“ (Austin Fagothey, Right and Reason, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 293)

Selbstverteidigung ist auch gegenüber einem Verrückten erlaubt, der nicht realisiert, was er tut, denn der andere ist nicht verpflichtet, seine Rechte verletzen und sich töten zu lassen, weil der Angreifer verrückt ist; das Lebensrecht des Angreifers tritt hier zurück, auch wenn er wenig dafür kann.

Polizisten haben die Pflicht, andere auf eine solche Weise zu verteidigen, wenn nötig; Väter haben diese Pflicht gegenüber ihren Kindern, etc., aber der durchschnittliche Mensch hat diese Pflicht nicht gegenüber jedem Fremden. Wenn man auf der Straße einen Messerangriff sieht, hat man die Pflicht, die Polizei zu rufen, aber nicht, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, indem man eingreift – auch wenn es sehr heldenhaft wäre und man vielleicht auch andere dazu bringen könnte, mit einem zusammen einzugreifen.

„Selbstverteidigung“ eines Verbrechers gegen Gefängniswärter, die ihn einsperren wollen, ist natürlich nicht erlaubt; denn diese Wärter sind keine ungerechten Angreifer.

Wenn man sicher wüsste, dass jemand einen Mordplan gegen einen schmiedet und ausführen will, und man keine andere Verteidigungsmöglichkeit hat (z. B. indem man die Polizei ruft), wäre es auch erlaubt, demjenigen zuvorzukommen; allerdings nicht, wenn er nur gedroht hat oder man etwas vermutet, denn Drohungen werden oft nicht ausgeführt und Vermutungen können falsch sein. Wenn man aus bloßem Verdacht jemanden töten dürfte, hätten wir bald eine unschöne Gesellschaft, so hart es auch ist, wenn jemand z. B. unter Drohungen eines Stalkers leben muss und ständig Vorkehrungen für mögliche Notwehrsituationen treffen muss.

Dann zu einem anderen Thema, dem Duell, das heute eigentlich nur noch die schlagenden Studentenverbindungen betrifft:

„I. Begriff. Unter Duell versteht man einen Einzelkampf, der auf Verabredung unternommen wurde mit Waffen, die geeignet sind, jemanden zu töten oder schwer zu verwunden.

Ein Einzelkampf ist vorhanden, wenn einer gegen einen oder wenige gegen wenige kämpfen. – Die Verabredung bezieht sich auf Zeit, Ort und Waffen. – Demnach liegt kein Duell vor, wenn zwei im augenblicklichen Zorn sich an einen bestimmten Platz begeben und dort schlagen. Eine schwere Verwundung ist eine schwer sündhafte Verwundung. Ein Kampf mit Stöcken oder Ruten ist demnach kein Duell. Wohl aber fallen die studentischen Mensuren unter den Begriff eines Duells (S. C. C. 13. (20.) Juni 1925).

II. Erlaubtheit des Duells. 1. Auf öffentliche Autorität hin ist das Duell erlaubt im Interesse des Allgemeinwohls, das durch einen Krieg großen Schaden leiden würde. [Hier ist gemeint, dass zwei Kriegsparteien sich einigen, statt einer Schlacht ein Duell zwischen zwei Kämpfern austragen zu lassen, und das Ergebnis dann als Kriegsergebnis zu akzeptieren, wie es im Mittelalter vorkommen konnte.]

Zur Sühne für eine Beleidigung, zur Beilegung von privaten Streitigkeiten usw. ist das Duell auch auf öffentliche Autorität hin nicht erlaubt.

2. Auf private Autorität hin ist das Duell schwer sündhaft.

Dies gilt auch, wenn sich jemand nur duelliert, um den größten Übeln zu entgehen, z. B. Verlust seiner Stellung und seines Lebensunterhaltes.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 177, Nr. 216; es geht dann noch weiter mit den kirchenrechtlichen Strafen für Duellanten, aber das bezieht sich auf das alte Kirchenrecht.)

D. h. im Endeffekt für heutige Katholiken vor allem, dass sie nicht Mitglied in einer schlagenden Studentenverbindung sein können, denn hier wird mit scharfen Waffen gekämpft, die auch Verletzungen verursachen können, unabhängig davon, wie viel Schaden genau die Duellanten anrichten wollen. Das wäre schwere Sünde. Der sportliche Fechtkampf ist unbedenklich; hier sind erstens die Waffen weniger gefährlich, zweitens die Sportler besser geschützt und drittens die Intention eine andere.

Duelle wegen Ehrverletzungen sind eben auch deshalb verboten, weil sie keine geeignete Verteidigung sind, sondern eher Rache; die Unwahrheit einer Verleumdung wird nicht dadurch erwiesen, dass der Verleumdete den Verleumder im Duell tötet.

Auch der hl. Alphons schreibt übrigens über Duelle, dass sie weder als Gottesurteile bei Gerichtsverfahren erlaubt sind noch aus persönlicher Feindschaft oder sonstigen Gründen:

„1. Ein Duell ist nicht erlaubt, um Wahrheit oder Gerechtigkeit zu erkunden, oder zur Reinigung vom Objekt eines Verbrechens, oder um ein Gerichtsverfahren zu beenden, weil es trügerisch ist, ja ein abergläubisches Mittel zu diesem Zweck, da selbst einer, der unschuldig an einem Mord ist, es tun und leiden könnte […]

2. Auch nicht aufgrund von Feindschaft oder um eine Verletzung zu rächen oder um seine Mannhaftigkeit zu zeigen oder aus Vergnügen.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, Band II, aus dem Lateinischen übersetzt von Ryan Grant, Post Falls 2017, S. 447. Meine Übersetzung aus dem Englischen.)

Außerdem schreibt er, dass es auch Sünde wäre, ein Schein-Duell auszufechten, wegen des Ärgernisses (d. h. des schlechten Beispiels) für andere, und ebenso, einen Verleumder, der einen eines Verbrechens beschuldigen will, zu einem Duell herauszufordern, und erwähnt noch einen Sonderfall: „Es ist auch erlaubt, [ein Duell] zu akzeptieren, wenn jemand einen sowieso töten will, aber einem eine Waffe zugesteht, so dass man das Schicksal testen kann. Das ist nur eine Verteidigung, angenommen dass man es nicht auf andere Weise vermeiden kann.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, S. 448)

Dann schreibt Jone über den Krieg:

„I. Erlaubtheit des Krieges. Sowohl der Verteidigungs- als auch der Angriffskrieg kann erlaubt sein, wenn ein gerechter Grund da ist, der wichtig genug ist, so große Übel zuzulassen, wie sie mit dem Kriege verbunden sind.

Die Erlaubtheit des Krieges überhaupt ergibt sich aus der Tatsache, daß es gestattet ist, sich gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen oder seine Rechte auch mit Gewalt geltend zu machen, wenn keine höhere Autorität da ist, welche sie schützt. Vorausgesetzt ist aber immer, daß man auf andere Weise (z. B. durch Verhandlungen) sein Recht nicht erhalten kann.

[Anmerkung: Ein Angriffskrieg könnte z. B. erlaubt sein, um einem sicheren Angriff des anderen Staates zuvorzukommen, oder weil der andere Staat eindeutig Terrorgruppen Unterschlupf gewährt, die einen angreifen wollen, oder weil in diesem Staat ein Völkermord passiert und eine humanitäre Intervention nötig ist, oder weil er vor zwei Jahren ein Gebiet widerrechtlich an sich gerissen hat, das man ihm wieder nehmen will o. Ä. An sich kann man einfach sagen, dass immer eine bedeutende Verletzung der Gerechtigkeit durch die Gegenseite nötig ist, um einen Krieg zu rechtfertigen, ob er dann am Ende direkt wie ein Verteidigungs- oder wie ein Angriffskrieg aussieht.]

II. Teilnahme am Krieg. Ist der Krieg sicher erlaubt, dann kann jedermann am Kriege als Soldat teilnehmen. – Besteht Zweifel an der Gerechtigkeit des Krieges und kann der Zweifel nicht gelöst werden, dann dürfen die schon vorher angeworbenen Soldaten kämpfen, ebenso die Untertanen, die vom Staate zur Teilnahme verpflichtet werden. [Der Grund dafür ist, dass es vorrangig Aufgabe des Staates ist, der auch alle Informationen von Geheimdiensten usw. hat, die Gerechtigkeit des Krieges festzustellen.] – An einem offenbar ungerechten Krieg darf sich niemand beteiligen.

Einem Privatmann wird es unter den modernen Verhältnissen praktisch fast immer unmöglich sein, einen etwaigen Zweifel über die Gerechtigkeit des Krieges zu lösen. – Wer gezwungen an einem offenbar ungerechten Kriege teilnimmt, darf den Feind weder verwunden noch töten, außer derselbe wollte ihn töten, obwohl er sich ergibt.

III. Bei der Kriegsführung ist alles erlaubt, was zur Erreichung des Zieles notwendig oder nützlich ist, vorausgesetzt, daß es nicht durch göttliches Recht oder durch das Völkerrecht verboten ist.

Es ist deshalb erlaubt, einen Hinterhalt zu legen oder sonst eine Kriegslist zu gebrauchen. Das Völkerrecht verbietet, daß solche, die nicht Soldaten sind, sich irgendwie an den Kämpfen beteiligen; daß gefangene Soldaten nur deshalb getötet werden, weil sie Feinde sind; daß Privateigentum geplündert werde. Die Wertsachen, welche die Gefallenen bei sich haben, gehören den Erben, wenn sie ermittelt werden können. Kontributionen, um sich zu bereichern, sind unerlaubt. Gestattet aber ist es, Kriegsleistungen zu fordern, wie sie auch die Landesregierung fordern könnte. Mit Erlaubnis des Vorgesetzten dürfen daher die Soldaten derartige Dinge auch Privatleuten wegnehmen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 178f., Nr. 218f.) (Hier ist gemeint: Wenn man ein feindliches Gebiet besetzt hat, darf man von der Bevölkerung dort etwas für den Unterhalt der Armee fordern, damit ihr nicht die Lebensmittel ausgehen o. Ä., so wie der Staat, dessen Gebiet man besetzt hat, von seinen Bürgern Steuern verlangen könnte.)

Krieg ist generell deswegen nicht an sich schlecht, weil Staaten das Recht auf Selbsterhaltung haben, und daher Verletzungen ihrer Rechte abwehren dürfen. Wenn der Pazifismus korrekt wäre, hieße das, dass sich ein Staat seinen Aggressoren einfach beugen müsste und nicht einmal Druckmittel gegen sie hätte.

Um die Kriterien für den gerechten Krieg noch einmal zusammenzufassen:

  • Gerechter Grund (z. B. ungerechter Angriff des anderen Staates)
  • Gerechte Absicht (z. B. nur den Angriff abzuwehren und zukünftige Angriffe zu verhindern, nicht auch noch das andere Volk auszurotten; Gerechtigkeit, nicht Rache oder Hass)
  • Gerechte Kriegsführung (keine Kriegsverbrechen)
  • Kriegserklärung durch die gerechte Autorität

Was das letzte Kriterium angeht: Ein General darf z. B. nicht selber einfach zum Krieg aufbrechen und Fakten schaffen, wenn das Staatsoberhaupt es noch mit Diplomatie richten will. Es fragt sich aber, ob in Abwesenheit einer funktionierenden Regierung auch der von den Kämpfern selbst begonnene Partisanenkrieg o. Ä. rechtmäßig wäre. Austin Fagothey schreibt dazu:

„Guerillakrieg im Sinn von Überfällen, die von keiner rechtmäßigen Regierung autorisiert wurden, kann nicht gerechtfertigt werden. Aber Guerillataktiken können in einem von der legitimen Autorität erklärten Krieg verwendet werden, insbesondere in vom Feind besetzten Regionen. Sogar die Tatsache, dass eine Regierung sich einem ungerechten Angreifer ergeben hat, bedeutet nicht, dass alle Widerstandsbewegungen im Untergrund aufhören müssen, weil sie keine richtige Berechtigung haben, denn sie haben legitimerweise begonnen und können mit der Hoffnung auf ausländische Hilfe weitermachen. Als die Regierung abgetreten ist, ist die Souveränität wieder dem Volk zugefallen, das nun implizit die Widerstandsführer als seine zeitweiligen Anführer anerkennt. Aber wenn jede Erfolgschance verloren ist und das Volk seine Unterstützung zurückgezogen hat, würden Guerillakämpfer Banditen werden.“ (Austin Fagothey, Right and Reason, S. 563) M. E. müsste man dann auch sagen, wenn der Widerstand noch nicht begonnen hat, bevor die Regierung kapituliert hat, dürfte er trotzdem hinterher beginnen, weil die Souveränität auch da wieder dem Volk zugefallen ist, das den Guerillakrieg autorisieren kann. Anders sieht es aus mit Guerillakrieg, wenn noch eine funktioniernde Regierung da ist, die z. B. mit dem Feind Frieden schließen will, während die Guerillakrieger das für ein schändliches Nachgeben halten und einfach weiterkämpfen.

Es wurde gesagt, dass für den Krieg ein gerechter Grund nötig ist, z. B., dass der andere Staat sich gerade Gebiete unter den Nagel gerissen hat, die man wieder zurückholen und deren Bevölkerung man befreien will, oder dass der andere Staat einen direkt angreift. Mittelalterliche Theologen nennen manchmal auch den strafenden Krieg einen gerechten Krieg; evtl. könnte es laut dieser Theorie gerechtfertigt sein, einen Angriff zu führen, weil man z. B. Kriegsverbrecher (aus einem vorigen Krieg) der anderen Seite fassen und bestrafen will. Angesichts der großen Übel jedes Krieges dürfte es aber heutzutage wohl kaum je klug oder verhältnismäßig sein, allein aus diesem Grund einen neuen Krieg zu beginnen. (Man könnte unter mittelalterlichen Verhältnissen z. B. an einen kleinen Feldzug denken, um einen Raubritter endlich zu fassen und vor Gericht zu stellen. Das wäre dann ja allerdings auch ein Verteidigungskrieg gegen noch weitere zu erwartende Angriffe, nur mit dem zusätzlichen Zweck der Bestrafung.)

Der Grund für den Krieg muss immer ein verhältnismäßiger sein, d. h. die Übel des Krieges müssen die ohne Krieg erwartbaren Übel aufwiegen, und der Krieg muss das letzte Mittel sein.

Dann stellt sich noch die Frage nach den Mitteln. Besondere Schwierigkeiten bereitet hier die Atombombe, die immer ein riesiges Gebiet zerstört und mit der man nicht wirklich auf militärische Ziele zielen und Wohngebiete in Ruhe lassen kann. Deswegen kann sie eigentlich kaum gerechtfertigt werden, auch nicht zu Abschreckungszwecken, denn abschrecken kann man nur mit etwas, das man im Notfall auch einsetzen würde; kein Staat reagiert auf bekanntermaßen leere Drohungen. Ein bedrohter Staat müsste eher stattdessen besonders stark in konventionelle Waffen und Abwehrsysteme investieren. Man kann ein paar Gedankenspiele durchgehen (könnte man eine Atombombe verwenden, wenn der Feind seine wichtigsten Zentren der Waffenherstellung in einem bestimmten Gebiet hat, und man mit der Atombombe alle diese Zentren auf einmal zerstören könnte?), aber am Ende spricht doch das meiste dafür, dass es immer falsch ist, sich Atombomben anzuschaffen. Ähnlich sieht es bei der biologischen Kriegsführung aus, d. h. wenn man neue Krankheiten in die Welt setzt. Diese Krankheiten lassen sich  nicht kontrollieren und treffen Soldaten und Zivilisten gleichermaßen, ergo Kriegsverbrechen.

Staatslenker sind damit beauftragt, den Frieden zu wahren, der nicht nur Abwesenheit bewaffneter Auseinandersetzungen, sondern die „Ruhe in der Ordnung“ ist.

Für Soldaten in einem gerechten Krieg wäre die Desertation eine Sünde, es sei denn, es ist klar, dass jede Hoffnung, noch zu siegen, vergebens ist.

Wie sieht es zuletzt mit dem Tyrannenmord aus? Der wäre, ähnlich wie ein Putschversuch, eine Rebellion allgemein wohl nur im schlimmsten Notfall erlaubt. Siehe dazu auch Teil 10b.

Dann das Thema Hass und Zorn: Dazu, inwiefern die Nächstenliebe den Hass verbietet und was das praktisch bedeutet, habe ich hier schon geschrieben. Ein gewisses Grundmaß an Wohlwollen und Vergebungsbereitschaft ist jedem gegenüber Pflicht; auch wenn sich das gut damit verträgt, z. B. einen Verbrecher in verhältnismäßiger Weise bestraft sehen zu wollen oder mit jemandem, dem man nicht vertrauen kann, nichts mehr zu tun haben zu wollen. Der Zorn ist dann schlecht, wenn er ungerechtfertigt oder unverhältnismäßig ist; und dann gut (nicht nur neutral, sondern gut), wenn er gerechtfertigt und verhältnismäßig ist. Wenn große Ungerechtigkeiten einen gar nicht stören würden, wäre das schlecht. Freilich ist es keine Sünde, wenn man nicht wegen jeder Ungerechtigkeit, von der man in der Zeitung liest, ständig aufgebracht ist; man kann sich nicht auf alles Unrecht in der Welt konzentrieren und muss sich auch über das Gute freuen. Aber einen gewissen Zorn sollte jeder normale Mensch kennen.

Was Beleidigungen, Verleumdungen etc. angeht: Dazu beim 8. Gebot.

Zuletzt noch bzgl. der Achtung vor Sterbenden und Toten: Sterbenden muss Gelegenheit zum Empfang der Sterbesakramente gegeben werden. Tote Körper müssen ehrfürchtig behandelt und angemessen bestattet werden. Eine Autopsie ist allerdings zulässig und jemand darf auch seine Einwilligung geben, seinen Körper nach seinem Tod der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen; diejenigen, die ihn sezieren, müssen seinen Körper freilich so würdevoll wie möglich behandeln. Es stellt sich auch die Frage, ob man Leichen (z. B. Moorleichen, Mumien etc.) in Museen ausstellen darf; wie lange die Betreffenden schon tot sind, spielt keine Rolle, und sie hatten sich nicht vorgestellt, dass Archäologen später ihr Grab öffnen. Besser wäre es sicher, sie nach der Erforschung wieder zu bestatten und nur Nachbildungen ins Museum zu stellen. Die traditionelle christliche Weise der Bestattung ist die Erdbestattung; die Feuerbestattung wurde ursprünglich von Säkularisten eingeführt, die damit auch dem Glauben an die Auferstehung des Leibes widersprechen wollten. (Natürlich wird auch ein verbrannter Leib auferstehen; es geht um Symbolik.) Inzwischen hat die Kirche die Feuerbestattung allerdings auch erlaubt, wenn man sie nicht aus einem solchen Grund durchführt. Allerdings ist eine Erdbestattung zweifellos angemessener, und es ist nicht gut, wenn jemand sich z. B. aus Geldnot für eine Feuerbestattung entscheiden muss. Erlaubt ist es aber.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 11a: Das 5. Gebot – Pflichten gegen das eigene Leben

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Beim 5. Gebot – „Du sollst nicht morden“ – geht es um die Pflichten gegen das menschliche Leben und die körperliche Unversehrtheit; es verbietet nicht nur Mord und Totschlag, sondern auch Verstümmelung, Körperverletzung, Entehrung von Toten etc., und im Endeffekt auch Hass und unmäßigen Zorn. (Die Mäßigung generell kann man auch unter diesem Gebot fassen, wenn man will.) Man kann in diesem Zusammenhang auch die Frage nach dem Leben von Tieren und dem Umgang mit der Umwelt stellen.

Der Grundsatz ist: Gott ist der Herr über das menschliche Leben. In drei Ausnahmefällen „delegiert“ er sein Recht darüber an Menschen, nämlich:

  • im Fall von Notwehr/Nothilfe an jeden, der den Angreifer abwehrt, insoweit das Töten notwendig ist
  • im Fall der Todesstrafe an den Staat
  • im Fall des gerechten Krieges an den sich im Recht befindenden Staat / dessen einzelne Soldaten

Das Recht auf Leben ist ein Recht, das verwirkt werden kann, aber eben nur durch eigene schwerwiegend falsche Handlungen, wenn man z. B. einen anderen mit einer tödlichen Waffe angreift. Aber grundsätzlich hat Gott jedem Menschen seine Lebenszeit zugewiesen, in der er sich bewähren soll, und weder man selbst noch andere haben sie zu beenden. Leben, Gesundheit und körperliche Unversehrtheit haben einen grundlegenden, aber instrumentalen Wert; man braucht sie, um irgendetwas anderes zu tun. Dass Gott das Recht hat, das Leben zu beenden heißt nicht einfach nur „es gehört Ihm, und was man nur verliehen hat, darf man wieder wegnehmen“, sondern eher: Das Leben ist sowieso nur etwas Vorläufiges, die eigentliche Bestimmung kommt in der Ewigkeit, und Gott weiß, wann es am besten ist, die Bewährungszeit zu beenden und den Menschen in sein eigentliches Schicksal aufzunehmen.

Das heißt nicht, dass der Tod nichts Schlechtes mehr ist. Er bedeutet das Auseinanderreißen von Leib und Seele und das ist etwas, das es eigentlich ohne den Sündenfall nicht hätte geben sollen. Trotzdem erkennt die Seele eben nach dem Tod Gott wirklich und geht an ihren eigentlichen Bestimmungsort (Himmel – evtl. mit Umweg über das Fegefeuer – oder Hölle), und am Jüngsten Tag wird der Tod völlig wiedergutgemacht werden, indem auch die Körper auferstehen und sich mit den Seelen wiedervereinen, sodass die Menschen wieder vollständige Menschen sind.

Da Gott dem Menschen das Leben gegeben hat – oder besser gesagt: konstant „gibt“ -, ist man auch verpflichtet, in vernünftigem Maß auf seine Gesundheit zu schauen und sich nicht absichtlich z. B. zu Tode zu saufen oder unnötige Todesrisiken einzugehen.

Daher jetzt genauer zu Pflichten gegen das eigene Leben; und in den nächsten zwei Artikeln zu Pflichten gegen fremdes Leben und dem Umgang mit Tieren und Umwelt.

Auch gegenüber dem eigenen Leben, hat man, wie gesagt, Pflichten. Der Selbstmord ist an sich schwere Sünde, aber man wird in Betracht ziehen müssen, dass Selbstmörder für gewöhnlich schwer psychisch krank sind und nicht ausreichend Kontrolle über ihre Handlungen haben, und eher Hilfe, Medikamente und treue Freunde als Ermahnungen brauchen. (Übrigens wurde dem hl. Pfarrer von Ars einmal offenbart, dass ein Selbstmörder vor dem Todeseintritt noch bereut hatte und nun zeitlich begrenzt im Fegefeuer war, nicht in der Hölle; ähnliches wird man in anderen Fällen erhoffen können. Früher war es kirchenrechtlich verboten, Selbstmörder auf kirchlichen Friedhöfen zu beerdigen, aber der hl. Alphons von Liguori schreibt über dieses Verbot: „Die Canones der Kirche verbieten das. Nichtsdestotrotz sind sie nicht in Bezug auf jene zu verstehen, die dies aus Raserei, Wahnsinn, oder unter extremer Traurigkeit leidend oder von Wahnvorstellungen gestört tun, oder von jemandem, der sicher vor seinem Tod daran gelitten hat. Und wenn es sicher wäre, dass ein Mensch sich selbst getötet hat, und unsicher, ob er das aus freier Entscheidung getan hat, ist ihm in der Praxis das heilige Begräbnis zu verwehren, da aufgrund der äußerlichen Tat angenommen wird, er habe frei gehandelt, außer das Gegenteil kann aus den Umständen geschlossen werden.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, Band II, aus dem Lateinischen übersetzt von Ryan Grant, Post Falls 2017, S. 404. Meine Übersetzung aus dem Englischen.))

Trotzdem ist Selbstmord an sich falsch; und in manchen Fällen sind die Leute sehr wohl schuldig – z. B. wenn man ruhig plant, dass man Euthanasie in Anspruch nehmen will, wenn man nicht mehr selbstständig und gesund genug ist, weil man auf keinen Fall von anderen abhängig sein will, oder wenn man sich (was in manchen Kulturen üblich war) umbringt, um einen Ehrverlust zu vermeiden. Freilich: Die subjektive Schuld kann auch dann gemindert sein, weil viele Leute die Vorstellung internalisiert haben, dass man über sein eigenes Leben entscheiden darf und nicht auf der Erde ist, um einen Zweck zu erfüllen. Trotzdem ist es an sich falsch, wie eine Desertation falsch ist, oder wie es falsch ist, ein anvertrautes Gut zu zerstören; oft wird man damit auch der eigenen Familie Leid zufügen.

Der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

„I. Direkte Tötung seiner selbst ist schwere Sünde, wenn es auf eigene Autorität hin geschieht.

Es ist auch verboten, in der Absicht sich zu töten, einen Akt vorzunehmen, aus dem per accidens [als Nebenwirkung möglicherweise] der Tod folgt, z. B. stark rauchen, trinken usw., um sich das Leben abzukürzen. – […] Ein vom Staate rechtmäßig gefälltes Todesurteil im Auftrage des Staates an sich selbst vollziehen, ist wahrscheinlich erlaubt. [Hier dürfte an solche Fälle gedacht sein, wie sie z. B. in der Antike vorkamen, wenn Todesurteile dadurch vollzogen wurden, dass der Verurteilte Gift trinken musste.]

II. Indirekt sich töten ist an sich verboten, kann aber aus einem entsprechend schwerwiegenden Grunde erlaubt sein.

Indirekt tötet jemand sich selbst, wenn er den Tod zwar durchaus nicht beabsichtigt, aber mit Wissen und Willen eine Handlung vornimmt, aus der nicht nur die beabsichtigte gute Wirkung, sondern auch der Tod folgt. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß die gute Wirkung aus der Handlung wenigstens gleich unmittelbar folgen kann wie der Tod.

Es ist daher erlaubt, sich von einem hohen Punkte herabzustürzen, um dem Feuertode zu entgehen, besonders wenn noch irgendeine Hoffnung besteht, mit dem Leben davonzukommen. Ähnlich darf eine Frau handeln, um sich aus den Händen eines Wüstlings zu retten, der sie ergreifen und vergewaltigen will. – Ebenso ist es im Kriege erlaubt, ein Festungswerk oder ein Schiff in die Luft zu sprengen, um dem Feinde zu schaden, auch wenn man voraussieht, daß man dabei selbst den Tod findet.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl., Paderborn 1961, S. 168f., Nr. 207)

Es wäre dementsprechend auch erlaubt, sich vor eine Kugel zu werfen, damit sie nicht einen Freund trifft, etc. Bei diesen Dingen geht es aber um Erlaubtes; verpflichtend ist all das nicht, es ist nur eben kein verbotener Selbstmord. Verbotener Selbstmord wäre es aber tatsächlich, sich z. B. im Kriegsfall selbst umzubringen, um nicht den feindlichen Truppen in die Hände zu fallen und möglicherweise gefoltert oder vergewaltigt zu werden; hier ist das, was man beabsichtigt, ja der Tod; er ist nicht nur eine Nebenwirkung, die man gern vermieden hätte. Hier würde man Gott vorgreifen, der immer noch etwas mit einem vorhaben kann und einen evtl. auch aus der Situation retten könnte. Selbstmordattentate sind genauso falsch, auch wenn wir den Fall eines gerechten Krieges annehmen. (Samson aus dem Alten Testament wäre wohl ein Sonderfall, da wir annehmen können, dass er mit göttlicher Autorisation handelte, da Gott für ihn ein Wunder wirkte.)

„III. Sich einer Lebensgefahr aussetzen ist nur aus einem hinreichenden Grunde gestattet.

Der Grund muß um so wichtiger sein, je näher die Lebensgefahr ist. Sich ohne hinreichenden Grund einer entfernteren Lebensgefahr aussetzen ist nur läßliche Sünde. – Erlaubt ist die Pflege der Pestkranken auch auf die Gefahr hin, dabei den Tod zu finden. Dachdecker usw. dürfen sich den Gefahren aussetzen, die mit der Ausübung ihres Berufes verbunden sind. Gefangene dürfen eine lebensgefährliche Flucht wagen, um der Hinrichtung oder lebenslänglicher Kerkerhaft zu entgehen. – Verboten ist die Vornahme gefährlicher seiltänzerischer Kunststücke nur aus Gewinnsucht. Infolge persönlicher Geschicklichkeit kann aber die Gefahr zu einer entfernteren gemacht worden sein, so daß wenigstens keine schwere Sünde vorliegt. – Hierher gehören auch unsinnige Wetten, große Mengen von Speisen oder Getränken zu sich zu nehmen.

IV. Verkürzung der Lebenszeit auch um mehrere Jahre oder Schädigung der Gesundheit durch Übernahme einer bestimmten Lebensweise oder bestimmter Arbeiten ist aus einem entsprechenden Grunde erlaubt.

Deshalb ist die Arbeit gestattet an Hochöfen, in Bergwerken, in Glasschleifereien, in gewissen chemischen Fabriken usw. Ebenso ist es erlaubt, vernünftige Bußübungen auf sich zu nehmen. – Wer durch ungeordneten Genuß von Speise und Trank sein Leben voraussichtlich etwas verkürzt, begeht dadurch eine läßliche Sünde. Bedeutende Abkürzung des Lebens und Ruinierung der Gesundheit, z. B. durch ungeordneten Gebrauch von Morphium oder Kokain, ist aber schwere Sünde (vgl. auch Nr. 110).“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 169f., Nr. 208)

Hier noch allgemein zu Drogen, Alkohol und dergleichen: Zunächst einmal sind alle Substanzen, mit denen man sich den Verstand wegsäuft oder -kifft deswegen schlecht: Weil man sich selbst eben der Vernunft beraubt, die gerade das ist, was Menschen auszeichnet, und weil es unter der menschlichen Würde und verantwortungslos ist, sich in einen unkontrollierten Zustand, in dem man vielleicht Dinge tut, die man sonst nie getan hätte, zu versetzen. Hier ist das Ausmaß der Droge wichtig; Alkohol ist deshalb erst nach einer gewissen Menge schlecht, Cannabis schneller. Sich wirklich zu betrinken ist deswegen sogar schwere Sünde. (Ganz unabhängig davon, wie schädlich das langfristig ist.) Es ist aber keine Sünde, z. B. ein normales Grillfest mit etwas Bier zu veranstalten oder auf seiner Hochzeit Alkohol servieren zu lassen, auch auf die Gefahr hin, dass ein Gast sich richtig betrinken wird, denn hier sind die Gäste schlicht und einfach selbst verantwortlich und die meisten werden gemäßigt trinken; es wäre möglicherweise eine, eine Party mit viel Alkohol zu veranstalten, wo erwartet wird, dass sich einige stark betrinken, und insbesondere wäre es eine, den Gästen selber immer noch mehr auszuschenken, auch wenn sie schon halb betrunken sind, z. B. weil man es lustig findet, einen betrunken zu machen.

Die Mäßigung ist generell eine wichtige Tugend; daher ist z. B. auch unmäßiges Essen eine Sünde (in aller Regel eine lässliche).

Es ist keine Sünde, sich ein Narkosemittel geben zu lassen, oder ein Schmerzmittel zu nehmen, das einen benebelt, etc.; hier gibt es einen rechtfertigenden Grund dafür. Das gilt auch für Schmerzmittel, die richtige Drogen sind, z. B. Morphium oder Cannabis, wenn keine anderen Mittel helfen.

Noch einmal Jone:

„Unmäßigkeit ist das ungeordnete Verlangen nach Speise und Trank.

a) Unmäßigkeit im Essen ist an sich nur eine lässliche Sünde ex genere suo [ihrer Art nach].

Dies gilt an sich auch, wenn jemand ißt bis zum Erbrechen. Aus anderen Gründen (z. B. Schädigung der Gesundheit, Ärgernis [schlechtes Vorbild]) aber kann jemand schwer sündigen (vgl. auch Nr. 208).

b) Unmäßigkeit im Trinken, die unmittelbar den Verlust des Vernunftgebrauchs bewirkt, ist eine schwerere Sünde als Unmäßigkeit im Essen.

α) Trunkenheit bis zum teilweisen Verlust des Vernunftgebrauches ist nur eine lässliche Sünde.

Sie kann aber eine schwere Sünde werden wegen Ärgernis, Schaden für die Gesundheit oder die Familie usw.

β) Trunkenheit bis zum völligen Verlust des Vernunftgebrauches ist eine schwere Sünde, wenn sie ohne hinreichenden Grund verursacht wird.

Völliger Verlust des Vernunftgebrauches ist anzunehmen, wenn man Gut und Bös nicht mehr unterscheiden kann, oder sich nachher nicht mehr an das erinnert, was man in der Trunkenheit getan oder gesagt hat, oder wenn man etwas tut, das man im nüchternen Zustande niemals getan hätte.

Ein hinreichender Grund, sich vorübergehend des Vernunftgebrauches zu berauben, ist z. B. die Heilung von Cholera oder die Errettung von einer Vergiftung. Kein hinreichender Grund ist die Vertreibung einer melancholischen Stimmung.

Einen anderen völlig betrunken zu machen, ist ebenfalls schwer sündhaft. Doch gibt es auch hier Entschuldigungsgründe, z. B. wenn man den anderen dadurch an einer schweren Sünde hindern könnte. Noch eher ist es erlaubt, dem anderen Gelegenheit zu geben, sich zu betrinken, z. B. bei einem Feste.

c) Da Morphium, Opium, Chloroform usw. ebenfalls vorübergehend den Vernunftgebrauch nehmen können, so gilt von diesen narkotischen Mitteln dasselbe, was von berauschenden Getränken gilt.

α) In kleineren Mengen und nur vorübergehend narkotische Mittel zu gebrauchen, ist eine läßliche Sünde, wenn es ohne hinreichenden Grund geschieht. Es ist aber erlaubt, wenn ein hinreichender Grund vorliegt (z. B. Beruhigung der Nerven, Vertreibung von Schlaflosigkeit).

Ein derartiger Gebrauch wird aber schwer sündhaft, wenn daraus eine Sucht nach narkotischen Mitteln entsteht, die noch schwerer heilbar ist als Trunksucht und der Gesundheit noch mehr schadet.

β) In großen Mengen narkotische Mittel zu nehmen, so daß man den Vernunftgebrauch verliert, ist an sich eine schwere Sünde. Aus einem entsprechenden Grunde aber ist es erlaubt.

Ein solcher Grund ist vorhanden bei Operationen, damit der Kranke die damit verbundenen großen Schmerzen nicht fühlt, oder damit er bei der Operation sich ruhig verhält. Auf ähnliche Weise darf man auch bei schmerzlichen Krankheiten dem Leidenden durch Anwendung solcher Mittel Linderung verschaffen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 82f., Nr. 110)

Außerdem kommt hier aber eben die langfristige Gesundheitsschädigung ins Spiel; deswegen sind die harten Drogen generell noch mal schwere Sünde (außer eben, jemand leidet unter chronischen Schmerzen, die er ohne Morphium nicht mehr aushält). Ab und zu geringe Mengen Alkohol zu trinken ist unter diesem Gesichtspunkt keine Sünde. Ab und zu eine Zigarette zu rauchen, ist keine Sünde; mehrere am Tag zu rauchen vermutlich eine lässliche.

Als drittes wären die staatlichen Gesetze bzgl. Drogen einzuhalten.

Dann noch zum Riskieren des eigenen Lebens: Extremsportler können hier in den Bereich der Sünde, auch der schweren Sünde, gelangen (z. B. wenn jemand ungesichert an einer gefährlichen Felswand klettert, weil er den Nervenkitzel sucht); aber generell ist das Betreiben von Sportarten, bei denen immer mal wieder Unfälle und Verletzungen passieren, keine Sünde. Man kann nicht alle Gefahren meiden, und sportliche Leistung und Spaß sind gut. Eine leicht erhöhte Risikobereitschaft kann einfach lässliche Sünde sein.

Solche Dinge wie Russian Roulette sind ganz offensichtlich Todsünde. Mutproben sind lässliche oder schwere Sünde, je nachdem wie gefährlich sie sind.

Vorsicht im Straßenverkehr ist durch das 5. Gebot auch geboten; hier betrifft die Gefahr ja meistens sowohl einen selbst als auch andere. Auch hier wieder: Leichte Unvorsichtigkeit lässliche Sünde, schwere Unvorsichtigkeit schwere Sünde. Wer als alter Mensch merkt, dass er nicht mehr sicher fahren kann, hat auch die Pflicht, nicht mehr zu fahren.

Priester sind generell auch unter Lebensgefahr (z. B. bei einer Seuche) verpflichtet, den ihnen Anvertrauten die Sakramente der Taufe und der Beichte zu spenden; andere Sakramente dürfte man freilich aufschieben, und bei der Spendung des Sakraments wären Vorsichtsmaßnahmen wie Schutzkleidung angemessen.

Was die „vernünftigen Bußübungen“ angeht, von denen Jone erwähnt, dass sie gesundheitsschädlich sein könnten: Es gibt ja die Geschichten von Heiligen, die z. B. extrem viel gefastet oder die Nacht über gebetet und kaum geschlafen haben. Als normaler Christ sollte man damit sehr vorsichtig sein und sich nicht gleich zu viel zutrauen; das kann auch geistlich gefährlich werden und entweder zu Hochmut oder Entmutigung führen. Solche Dinge wie gelegentliches Fasten, Knien auf hartem Boden, einmal in der Woche ohne Kopfkissen schlafen, o. Ä. sind leichte, normale Bußübungen, die man sicherlich machen darf. Für mittelschwere Bußübungen (die Jone evtl. meint) sollte man sich aber lieber mit dem Beichtvater absprechen. Es ist gut, ein paar Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen, um sich mit dem Leiden Jesu zu vereinen und sich daran zu gewöhnen, auf etwas zu verzichten; das ist quasi wie Training beim Sport. Das darf nicht selbstzerstörerisch werden, und wer sich z. B. schon aus Selbsthass ritzt, sollte so etwas lieber langsam angehen. Aber hier ist jedenfalls generell ein rechtfertigender Grund vorhanden.

Austin Fagothey schreibt über das Riskieren des Lebens:

„Es gibt ein gewöhnliches, entferntes und mögliches Risiko dabei, Auto zu fahren oder Flugzeug zu fliegen, aber man darf es zum bloßen Vergnügen tun. Auf rutschigen Straßen zu fahren oder bei schlechtem Wetter zu fliegen ist viel gefährlicher und erfordert einen besseren Grund. Die Verhältnisse können so schlecht werden, dass kein Fahren oder Fliegen mehr erlaubt ist, außer vielleicht um ein Leben zu retten, und dann müssen wir sehen, wie gefährdet dieses Leben ist.

Um jemand anderen vor dem sicheren Tod zu retten dürfen wir uns dem sicheren Tod aussetzen. Eine solche Handlung ist normalerweise erlaubt, aber wird nur unter besonderen Bedingungen verpflichtend. Diejenigen, die, entweder von Natur aus oder durch Vertrag, Verantwortung für das Leben anderer tragen, können und müssen manchmal größere Risiken auf sich nehmen, um ihre Anvertrauten zu schützen. Ehemänner werden sich für ihre Frauen opfern und Eltern für ihre Kinder, dem Antrieb der Natur folgend, dass die Starken die Schwachen beschützen sollten. Soldaten, Seeleute, Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, Krankenschwestern und andere mit ähnlichem Beruf sind durch Vertrag, ausdrücklich oder implizit, auch bei der ärgsten Gefahr an ihre Verpflichtungen gebunden.

Je mehr eine Handlung oder ein Beruf der Gesellschaft nützt, desto gefährlicher darf er sein, ohne die Verhältnismäßigkeit zu verlieren. […] Gefährliche Arbeit mit Radium kann gerechtfertigt sein in der Hoffnung, Krebs zu heilen, aber nicht, um leuchtende Zifferblätter zu zeichnen. Akrobaten […] ist es nur moralisch erlaubt, ihren Beruf auszuüben, weil ihr Geschick die Gefahren zu entfernten macht.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 299)

Jone schreibt weiter:

„V. Selbstverstümmelung ist nur gestattet zur Rettung des Lebens.

Selbstverstümmelung ist gewöhnlich eine schwere Sünde. Entfernung eines unbedeutenden Teiles, der zudem keine wichtigen Lebensfunktionen hat (z. B. Ohrläppchen) ist nur eine läßliche Sünde. – […] Vasektomie, Entfernung der Gebärmutter und der Ovarien [Eierstöcke] ist schwer sündhaft, wenn es geschieht zur Verhinderung der Nachkommenschaft. – Bei Krebs, Blutvergiftung und dergl. aber ist die Amputation eines Gliedes erlaubt.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 170, Nr. 209)

Hier stellt sich noch die Frage: Was ist mit Schönheitsoperationen? Wenn es darum geht, z. B. einen Defekt wie eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zu behandeln, der eigentlich krankhaft ist, deutlich stört und dafür sorgen kann, dass jemand ausgegrenzt wird, ist ein geringes Risiko durch eine OP sicher vertretbar; dasselbe dürfte für die Behandlung von extremem Übergewicht (das ja auch gesundheitlich gefährlich ist) durch eine Magenverkleinerung gelten, wenn die Risiken entsprechend abgewogen worden sind. Wenn es um die Korrektur eines normal und gesund geformten Körpers geht, z. B. durch eine Nasen-OP, ist die Entscheidung schwieriger. An sich ist besseres Aussehen kein verbotenes Ziel, aber eine Operation bringt auch immer Risiken mit sich. Meiner Einschätzung nach dürfte das Risiko in den meisten Fällen nicht groß genug sein, dass es schwere Sünde wird, aber ganz unbedenklich wirkt es auch nicht. Vielleicht normalerweise lässlich, aber erlaubt, wenn jemand psychisch besonders unter seinem Aussehen leidet.

Die Sterilisation ist, wie oben gesagt, eine Verstümmelung, da sie eine zentrale Fähigkeit des Menschen abschaltet; Kinder zu haben ist etwas Wichtiges. Sie darf auch nicht vom Staat gegenüber Unschuldigen befohlen werden, um z. B. zu verhindern, dass Behinderte sich fortpflanzen, oder dass Überbevölkerung entsteht. Hier ergäbe sich nur noch die Frage: Wäre sie als Strafe für Sexualstraftäter erlaubt, die hier selbst ein Recht verwirkt haben? Prinzipiell wäre hier die bloße Sterilisation schlicht und einfach ungeeignet, weil sie den Sexualtrieb nicht ausschaltet; die chemische oder physische Kastration wäre dagegen möglich und theoretisch erlaubt (natürlich bei schweren Verbrechen wie Vergewaltigung und Kindesmissbrauch – nicht bei Catcalling oder ungefragtem Versenden von Penisbildern), wenn ein Staat sich dafür entscheidet. In manchen Staaten ist es schon nötig, wenn ein solcher Sexualstraftäter Bewährung will, dass er chemische Kastration, d. h. stark libidosenkende Medikamente, akzeptiert. In einzelnen Ländern, z. B. Polen und Moldawien, ist die chemische Kastration auch als Strafe möglich.

Sogenannte „geschlechtsangleichende Operationen“ bei Transpersonen, also wenn z. B. einer Frau die Brüste entfernt werden, oder einem Mann die Geschlechtsteile entfernt werden und eine künstliche Wunde zwischen den Beinen geschaffen wird, sind immer verbotene Verstümmelungen.

Ohrlochstechen, Tattoos, Piercings usw. sind keine Sünde.

Jone schreibt weiter:

„VI. Sich den Tod wünschen ist in Unterordnung unter Gottes Willen aus einem entsprechenden Grunde erlaubt.

Ein solcher Grund ist das Verlangen nach der Anschauung Gottes oder die Bewahrung vor einem überaus großen irdischen Unglück oder Leid (z. B. eine überaus schmerzliche und langdauernde Krankheit). – Wegen der gewöhnlichen Beschwerden des Lebens im Ernste sich den Tod wünschen ist schwere Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 170, Nr. 209)

Das ist eigentlich recht tröstlich: Wenn das Leben schwer erträglich wird, darf man nicht Gott vorgreifen und sich selber töten, aber man darf Ihm sehr wohl sein Leid klagen und Ihn bitten, einen bald zu holen.

Über die Sorge für das eigene Leben schreibt er:

„VII. Zur Erhaltung des Lebens und der Gesundheit muß man auch die ordentlichen Mittel anwenden.

Zu den ordentlichen Mitteln gehört vor allem entsprechende Nahrung. Deshalb ist Hungerstreik eine schwere Sünde, wenn jemand dabei wirklich die Absicht hat, eher zu verhungern als auf die Erreichung seines Zieles zu verzichten. Zu den ordentlichen Mitteln gehören ferner: entsprechende Kleidung, Wohnung, körperliche Erholung; ebenso Anwendung entsprechender Arzneien und Heilmittel, vorausgesetzt, daß sie für den Kranken nicht zu teuer sind; ferner Heranziehung eines Arztes. Dabei ist immer vorausgesetzt, daß es sich nicht um eine leichtere Krankheit handelt, die auch von selbst heilt, und daß begründete Hoffnung vorhanden ist, daß der Arzt oder die Arznei helfen kann.

Außerordentliche Mittel zur Erhaltung des Lebens anwenden ist für gewöhnlich nicht Pflicht. Deshalb müssen auch sehr reiche Leute nicht entlegene Länder oder Bäder aufsuchen, noch die berühmtesten Ärzte kommen lassen, auch dann nicht, wenn sie sonst sterben müßten. Ebenso ist an sich niemand verpflichtet, sich einer schwierigen chirurgischen Operation zu unterziehen. – Eine Ausnahme findet nur statt, wenn jemand seiner Familie oder dem Staate sehr notwendig ist, und der Erfolg moralisch gewiß ist. Nur in einem solchen Falle scheint der Vater oder der Obere jemandem auch befehlen zu können, sich der Operation zu unterziehen.“ (Heribert Jone, Katholisch Moraltheologie, Nr. 210, S. 170f.)

Man kann sich eben auch selbst töten, indem man etwas Bestimmtes nicht mehr tut, z. B. nicht mehr isst, und das ist ebenso falsch wie der direktere Selbstmord. Aber gefährliche/beschwerliche außergewöhnliche Mittel sind eine Sache der Freiwilligkeit.

Das alles heißt auch, dass man einem alten Menschen nicht mehr sämtliche Behandlungsmöglichkeiten zumuten muss (z. B. Operationen), aber die Ernährung (auch über Schläuche) und die Luftzufuhr abzubrechen, wäre schwere Sünde, denn Atemluft, Flüssigkeit und Nahrung sind normale Pflege, keine außerordentlichen Behandlungen. Das darf man also auch nicht für sich in einer Patientenverfügung festlegen. (Eine Ausnahme besteht, wenn der Körper gar keine Nahrung mehr aufnehmen kann; dann darf man die sinnlos gewordene künstliche Ernährung abbrechen.)

(Katholisches medizinisches Personal darf sich nicht daran beteiligen, so jemanden durch Nahrungsentzug etc. zu töten, aber muss nicht versuchen, es zu verhindern, was sowieso in aller Regel vergeblich wäre.)

Aktive Sterbehilfe und Beihilfe zum Selbstmord sind beide schwere Sünden, ebenso wie Euthanasie ohne die Zustimmung des Kranken. Es ist allerdings keine Sünde, Menschen, die voraussichtlich bald sterben werden, starke Schmerzmittel zu geben, die ihren Tod möglicherweise ungewollt beschleunigen könnten (unter der Voraussetzung, dass man sie ihnen gibt, um die Schmerzen zu lindern, und nicht, weil man hofft, den Tod zu beschleunigen).

Aber es ist nicht ganz so einfach, wenn der Kranke komplett betäubt werden soll, damit er gar nichts mehr von seinem Tod mitbekommt:

„Im Interesse eines schmerzlosen Todes […] den Kranken durch derartige Mittel zu betäuben, ist im allgemeinen unerlaubt.

Erlaubt ist aber ein solches Verfahren bei einem Kranken, der auf den Tod gut vorbereitet ist, wenn Gefahr besteht, daß er sonst noch in Sünden fällt. Manche Autoren halten ein solches Verfahren auch noch für erlaubt, wenn dadurch ungewöhnlich große Schmerzen gelindert werden sollen, und man mit Grund die Zustimmung des Sterbenden voraussetzen kann. – Nach allgemeiner Ansicht aber ist es nicht erlaubt, wenn dadurch nur die gewöhnlichen Beängstigungen behoben werden sollen, die mit dem Todeskampf verbunden sind. Verlangt der Kranke im guten Glauben danach, und ist keine Hoffnung, daß er sich belehren läßt, so soll man ihm seinen guten Glauben nicht nehmen.

Unerlaubt aber ist ein solches Verfahren immer, wenn der Kranke auf den Tod nicht vorbereitet ist und Hoffnung besteht, er werde sich noch vorbereiten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 83f., Nr. 110)

Mit dem Tod ist eben nicht alles aus und die noch möglichst bewusste Vorbereitung darauf ist wichtig, deswegen sollte man einem Kranken nicht die Möglichkeit dieser Vorbereitung nehmen.

Die Frage nach dem Hirntod und der Organspende kommt hier auch noch auf. Hirntote können ja noch atmen, schwitzen, etc., aber haben keine Chance mehr, sich wieder zu erholen, und im Normalfall werden sie in kurzer Zeit völlig tot sein. (Wobei es manchmal Fehldiagnosen gab und mutmaßlich Hirntote wieder aufgewacht sind.) Ich halte es jedoch für sehr klar, dass Hirntote sich eben erst im Sterbeprozess befinden und noch nicht tot sind (auch wenn sie bald tot sein werden), dass die Seele (die anima, die den Körper belebt, „animiert“), ihn noch nicht verlassen hat, auch wenn ein Organ (das Gehirn) schon abgeschaltet hat.

Generell darf man erst dann Organe entnehmen, wenn jemand sicher tot ist, nicht wenn er sich erst im Sterbeprozess befindet. (Organspende ist ja nur bei Hirntoten möglich, deren restlicher Körper noch nicht abgeschaltet hat, und weil die meisten Menschen zuerst herztot und dann erst hirntot sind, statt umgekehrt, gibt es einen solchen Mangel an Spenderorganen.) Wer also nicht völlig davon überzeugt ist, dass der Hirntod der Tod ist (und das sind oft auch die Befürworter der Organspende nicht, und auch das medizinische Personal fühlt sich oft sehr unwohl bei Organentnahmen), darf sich nicht als Organspender zur Verfügung stellen, als Arzt keinem Hirntoten Organe entnehmen, und selbst als Kranker keine Organe von Hirntoten annehmen. Wenn jemand hirntot ist, muss man allerdings nicht mehr sämtliche irgendwie möglichen intensivmedizinischen Maßnahmen ergreifen, um diesen Zustand noch zu erhalten und den endgültigen Tod hinauszuzögern.

Bei einer schwangeren Hirntoten muss man das allerdings; es gab Fälle, in denen ein Körper noch ein paar Monate am Leben erhalten werden konnte, so dass ein gesundes Baby geboren wurde. Hier gibt es eine Verpflichtung, das Leben des Babys zu erhalten.

Wenn der Hirntod sicher der Tod wäre, wäre Organspende ein Akt der Nächstenliebe, aber keine Pflicht; denn es gibt kein Anrecht auf den Körper eines anderen, auch nicht auf den toten Körper; die Integrität des Leichnams und der respektvolle Umgang mit ihm ist auch ein Wert. (Vor allem, da auch die Körper am Jüngsten Tag in veränderter Weise auferstehen und sich mit den Seelen wieder vereinen werden. Ein Spenderorgan wird dann übrigens zum ursprünglichen Körper gehören.)

Die Organspende bei Lebenden von nicht lebenswichtigen Organen (z. B. Niere) ist ein Akt der Nächstenliebe, aber auch nie eine Pflicht, auch dann nicht, wenn es z. B. um eine Spende für ein Familienmitglied geht; denn ein anderer hat kein Recht darauf, dass man seinen Körper gewissermaßen verstümmelt und sich einer Operation unterzieht, ohne dass es die eigene Gesundheit erfordert.

Blutspende und Knochenmarkspende sind ebenfalls Akte der Nächstenliebe, und ebenfalls keine Pflicht.

Essstörungen (Magersucht, Bulimie) wären an sich Sünde, aber hier ist der freie Wille oft ja nicht oder nur eingeschränkt vorhanden. Dasselbe gilt, wenn jemand sich ritzt.

Es gibt keine allgemeine Pflicht, z. B. immer nur gesund zu essen und dreimal die Woche Sport zu machen, auch wenn das sicher schön und gut ist und einem selber sehr gut tun kann; und man kann es mit der Sorge um die eigene Gesundheit auch übertreiben (z. B. Hypochonder).

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 10b: Das 4. Gebot – Bürger und Staat

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Nur zur Klarstellung: Das hier ist alles die grundsätzliche Theorie, um die Anwendung in der derzeitigen politischen Situation soll es überhaupt nicht gehen. Darüber schreibe ich schon bei anderen Gelegenheiten.

Unter dem 4. Gebot – „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – hat man im erweiterten Sinn auch die Pflichten in größeren Gesellschaften, v. a. dem Staat, zusammengefasst. In diesem Gebot geht es eigentlich darum, was es bedeutet, als Gemeinschaftswesen zu leben. Hier in Teil 10a habe ich schon darüber geschrieben, wieso Familie und Staat natürliche Gesellschaften sind, in denen es Autoritäten braucht, und worauf diese Gesellschaften ausgerichtet sind.

Der Staat ist, ebenso wie die Kirche und anders als die Familie, eine vollkommene/vollständige Gesellschaft – das heißt nicht fehlerlos, sondern ist ein Fachbegriff für eine souveräne Gesellschaft, die in sich alles hat, was sie zur Erreichung ihres Zwecks braucht (anders als die einzelne Familie, die selbst nicht für alles sorgen kann, was sie zu einem guten menschlichen Leben braucht, und daher ein Teil des Staates ist). Der Staat ist eine natürliche Gesellschaft, d. h. es ist natürlich und notwendig für Menschen, sich in Staaten zu organisieren. Er ist keine übernatürliche Gesellschaft wie die Kirche. Das heißt aber nicht, dass er Gott ganz ausklammern und sich nur für materielle Zweckmäßigkeit interessieren könnte. Die höchste natürliche Fähigkeit des Menschen ist die Vernunft, der höchste natürliche Zweck des menschlichen Lebens die natürliche Erkenntnis des Schöpfers, die Kontemplation seiner Herrlichkeit. Und auch Staaten – die ja nur Gemeinschaften von Menschen sind – haben wie die einzelnen Menschen die Pflicht, erstens durch die Vernunft Gott zu suchen und zweitens dann auch eine eventuelle Selbstoffenbarung Gottes anzuerkennen – was ja eigentlich nur heißt, dass der Staat sich in seinen Handlungen nach der Wirklichkeit richten soll und nicht nach irgendeiner falschen Idee, denn Ansichten über Gott und die Welt haben sehr reale Auswirkungen, nicht nur in der Ewigkeit, sondern auch irdisch. (Erlaubt man assistierten Suizid? Leihmutterschaft? Abtreibung? Etc.)

Ein Staat der noch nichts von dieser Offenbarung gehört hat, hätte also die Pflicht, sich nach der natürlichen Erkenntnis von Gott und dem Guten zu richten (wozu auch gehören würde, diejenigen monotheistischen Religionen zu fördern, die sich nicht gegen das Gute richten); ein Staat, der schon davon gehört hat, hätte die Pflicht, diese Offenbarung anzuerkennen und mit der von Gott eingerichteten übernatürlichen Gemeinschaft (also der katholischen Kirche) zusammenzuarbeiten und sie zu fördern, was in früheren Zeiten dadurch getan wurde, dass die katholische Religion Staatsreligion wurde und ihr solche Dinge wie die Zuständigkeit für das Eherecht der im Staat lebenden Katholiken überlassen wurden, die Staatsoberhäupter den Staat unter den Schutz Gottes gestellt haben und bei ihren Handlungen (zumindest theoretisch) darauf geschaut haben, was an natürlichen Mitteln den Menschen am besten hilft, ihr übernatürliches Ziel, d. h. ihr Seelenheil, zu erreichen. Der Staat ist für die natürlichen Dinge verantwortlich, und sollte sie mit Blick auf die übernatürlichen regeln. Und auch wenn man andere Religionsgemeinschaften natürlich tolerieren kann: Eigentlich sollte jeder Staat ein katholischer Staat sein. (Das kann radikal klingen, ist aber so banal, wie wenn z. B. Feministen wollen, dass jeder Staat sich nach feministischen Grundsätzen richtet.)

(Gott hat es konkret so einrichten wollen, dass zeitliche und geistliche Herrschaft getrennt sind; das hat auch Vorteile, weil im gefallenen Zustand der Menschheit einer Person zu viel Macht nicht guttut. Das heißt aber nicht, dass es zwangsläufig so hätte sein müssen und eine Gemeinschaft, die gleichzeitig Staat und Kirche wäre, in sich ungerecht gewesen wäre. Aber so hat es Gott nicht einrichten wollen, und auch Fürstbistümer o. Ä., in denen eine Person die zwei unterschiedlichen Gewalten in sich vereint, sollten eher Ausnahmefälle bleiben. Auf jeden Fall müssen aber auch die, die für die natürlichen Dinge wie Krankenversorgung, Infrastruktur oder öffentliche Sicherheit und Ordnung zuständig sind, dabei daran denken, nichts zu tun, was dem übernatürlichen Ziel der Menschen schadet.)

Eine Gemeinschaft ist ausgerichtet auf ein Gemeinwohl, ein Gemeingut (bonum communae), an dem alle teilhaben können, ohne dass es dadurch verringert wird. Das extrinsische Gemeingut ist der außerhalb der Gemeinschaft liegende Endzweck, das, wofür man in Gemeinschaft lebt, und das ist hier nicht nur das Überleben (das zwar auch), für das man zusammenarbeitet, sondern das gute menschliche Leben (im Endeffekt das Wahre, Gute, Schöne und damit Gott, in dem auch das Glück jedes einzelnen besteht). (Bei einem „Verein zur Erhaltung der Eichenallee“ wäre das extrinsische Gemeingut die Erhaltung der Eichenallee.) Das intrinsische Gemeingut einer Gemeinschaft ist der Frieden, die Freundschaft, die Gerechtigkeit, die Ordnung unter ihren Gliedern.

Das richtig verstandene Gemeinwohl steht daher nicht dem Privatwohl entgegen, denn das Gemeinwohl ist wirklich das, von dem alle am Ende am meisten haben, auch wenn einzelne Opfer gebracht werden müssen. Der Staat ist für die Menschen da, nicht der Mensch für den Staat; aber der Mensch ist eben als Gemeinschaftswesen auf dieses Gemeinwohl ausgerichtet; es ist etwas Gutes für jeden einzelnen, Teil einer guten Gemeinschaft zu sein, und das auch, wenn er in einer Extremsituation am Ende sogar sein Leben für diese Gemeinschaft opfern muss (z. B. in einem Verteidigungskrieg). Man dürfte nicht die unveräußerlichen/unbedingten Rechte eines einzelnen Menschen opfern, um einer größeren Zahl anderer Menschen zu nützen; damit würde man etwas Falsches tun, was übrigens somit auch wieder dem Wohl aller schaden würde; aber einige Rechte sind nicht bedingungslos und müssen manchmal dem Gemeinwohl untergeordnet werden. Freilich muss das in gerecht aufgeteilter Weise geschehen.

(Gemeinsam genutzte materielle Güter wie z. B. Straßen, Schulen, Parks sind übrigens kein Gemeingut im strengen Sinn, sondern eher geteilte Privatgüter.)

Generell steht die Kirche über dem Staat, weil das Übernatürliche über dem Natürlichen steht, wie die Seele über dem Körper steht. Das heißt allerdings nicht, dass der Staat nicht mehr eigenständig wäre und nicht mehr in seinem Zuständigkeitsbereich selbst entscheiden könnte (er sollte freilich, wie gesagt, dabei die übernatürlichen Ziele der natürlichen Dinge beachten). Päpste und Bischöfe haben keine spezielle Kompetenz von Gott in politischen Sachfragen erhalten. Die Kirche hat allerdings z. B. das Recht, katholische Politiker zu exkommunizieren, die für ein gravierend falsches Gesetz stimmen (z. B. eins das Abtreibungen erlaubt) – weil sie dieses Recht ja gegenüber allen Katholiken hat. Von den großen Theologen im Lauf der Kirchengeschichte wurde aber auch generell gesagt, dass der Papst innerhalb der Christenheit, d. h. bei offiziell ihrer Verfassung nach christlichen Staaten, in Notfällen das Recht hat, tyrannische Staatsoberhäupter abzusetzen oder schwerwiegend ungerechte Gesetze für null und nichtig zu erklären – aber diese Frage ist gerade nicht besonders relevant, da die Christenheit leider schlicht nicht mehr existiert. Auch innerhalb der Christenheit dürfte ein Papst nicht die Tagespolitik diktieren und nicht in minder schweren Fällen eingreifen.

Ähnliches wie für Staat und Kirche gilt für Staat und Familie oder Kirche und Familie; auch die Familie als natürliche Gesellschaft hat ihre Rechte gegenüber Staat und Kirche (z. B. darf man ihr nicht ohne Grund die Kinder wegnehmen oder die genaue Art der Erziehung diktieren). Auch Individuen haben noch ihre Rechte gegenüber all diesen Gemeinschaften. Die verschiedenen Einheiten innerhalb der Menschheit heben sich gegenseitig nicht auf.

Nichtkatholische Staaten sind nicht ideal, aber verlieren deswegen nicht ihre Legitimität, ebenso wie nichtkatholische Familien, die ja auch das Recht haben, ihre Kinder zu erziehen usw. Katholiken können auch in nichtkatholischen Staaten, bei denen es nicht abzusehen ist, dass man bald die Mehrheit ihrer Bürger bekehren kann, an der Staatsgewalt Anteil haben und dem Gemeinwohl dienen. Ein Eid auf eine Verfassung ist in dem Fall natürlich ebenso erlaubt – hier verpflichtet man sich ja einfach zur Achtung dieser Verfassung (was gut ist) und erklärt nicht, dass man sie für die uneingeschränkt beste Verfassung aller Zeiten hält. (Soweit man nicht von Staaten ausgeht, die grundfalsche Verfassungen haben, die man auch nicht als geringeres Übel o. Ä. akzeptieren könnte, oder die von einem verlangen, sich zu einer falschen Weltanschauung zu bekennen. Wenn es z. B. im alten Rom Teil der Verantwortung eines Regierungsbeamten war, heidnische Opfer darzubringen, konnte ein Christ zumindest dieses spezielle Amt nicht guten Gewissens ausüben.)

Es gibt kein natürliches Recht darauf, nur von Staatsoberhäuptern regiert zu werden, die man sich selbst ausgesucht hat. Genau genommen ließe sich das in der Praxis gar nicht durchsetzen; und Gott verlangt nichts, was man unmöglich erfüllen kann, sodass man quasi notwendig sündigen müsste. (Selbst in einer Demokratie, in der alle Amtsinhaber direkt gewählt werden, muss sich die Minderheit der Mehrheit beugen, statt dass jeder das von ihm gewünschte Staatsoberhaupt bekommt, und die Kandidaten hat man sich auch nicht ausgesucht, außerdem handeln sie nach der Wahl oft genug gegen den Willen des Volkes.) Dass es einen Staat gibt, kommt vom göttlichen Gesetz, von der Art und Weise, wie Gott die Welt eingerichtet hat, nicht von den Menschen selbst, als ob sie ganz ohne Staat hätten leben können, und mehrere Arten von Verfassungen sind gut, solange sie dem Gemeinwohl dienen.

Wenn man in der Menschheitsgeschichte weit zurückgeht, kann man sagen, dass Staaten aus Zusammenschlüssen von Familien/Sippen entstanden sein müssen, die bestimmt haben, welche „Verfassung“ für sie und ihre Nachkommen gelten soll, aber in diesem Zustand, in dem man sich erst zusammenschließen muss, sind wir nicht mehr. Theologen wie Bellarmin und Suarez haben es etwa so formuliert: An sich sind Menschen frei und keiner darf über einen anderen regieren (auch nicht die Mehrheit über eine Minderheit); Gott hat aber diese Macht zu regieren den Menschen gegeben, weil sie in einer Gemeinschat leben sollten, und die Menschen, die sich erstmals zu einer solchen Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, haben diese Macht auf einen bestimmten Inhaber übertragen, sich eine bestimmte Form der Verfassung gegeben. Der Zusammenschluss an sich war naturnotwendig, die genaue Weise nicht. (Es gibt auch noch die andere Theorie, dass nicht nur durch die ausdrückliche oder stillschweigende Übereinstimmung der ersten Menschen, die sich zusammenschlossen, sondern auch dadurch, dass jemand fähig war, die Macht gut auszuüben, und sie praktisch immer mehr innehatte (z. B. der Anführer eines Klans), Gott ihm auch die Autorität dazu übertragen haben könnte, ohne den Umweg über die Zustimmung der großen Masse.)

Wichtig ist, dass das Staatsoberhaupt (und die Inhaber anderer Ämter) auf geregelte Weise bestimmt wird; verschiedene Formen von Monarchie (Herrschaft eines einzelnen), Aristokratie (Herrschaft einer Gruppe) und Demokratie (Herrschaft des Volkes) sind legitim, genauso wie Mischformen. Tatsächlich wurde traditionell eine Mischform als am geeignetsten gesehen, wobei der Monarch sowohl ein Erb- als auch ein Wahlmonarch sein kann, die Aristokratie sowohl ein Erbadel als auch eine auf andere Weise bestimmte Elite. (Siehe Teil 10a für genauere Erklärungen.) Von jeder dieser möglichen Formen gibt es auch eine pervertierte Form, die nicht legitim wäre und in der nur auf das Privatwohl statt auf das Gemeinwohl geschaut würde; das wären die Tyrannei, die Oligarchie und die Herrschaft des Mobs.

Usurpatoren, d. h. einzelne oder Gruppen, die entgegen der geregelten Ordnung widerrechtlich die Macht übernehmen (durch Putsch, Wahlfälschung, Königsmord o. Ä.), erlangen dadurch nicht das Recht zur Herrschaft, und solange es möglich ist, darf man sie bekämpfen.

„Derjenige, dem die Macht geraubt wurde, verliert dadurch nicht seine Autorität, d. h. sein Recht zu regieren. Er kann sie verlieren, indem er öffentlich darauf verzichtet, ausdrücklich oder implizit, denn da er sie unter der Bedingung hat, für das Wohl seiner Untergebenen zu regieren, hat er sie aus freiem Willen und hat daher die Möglichkeit zum Rücktritt. Wenn er seine Autorität nicht in dieser Weise aufgibt, darf er versuchen, dem Usurpator die Macht wieder zu entreißen, solange das Übel eines solchen Konflikts aufgewogen wird von dem Guten, das durch den Erfolg erreicht werden kann, was von der Überlegenheit seiner Prinzipien über die des Usurpators, und der Zahl, Stärke und Macht der Untergegebenen, die ihn willkommen heißen würden, abhängt. Wenn er allerdings sieht, dass das Übel des Konflikts das Gute überwiegen würde, und das, aller Wahrscheinlichkeit nach, ob der Versuch jetzt unternommen würde oder später von denen, die seine legitimen Nachfolger gewesen wären, zum Beispiel weil der überwiegende Teil des Volkes den Usurpator willig akzeptiert hat, dann sollte er seinen Anspruch aufgeben, denn wenn er weiterhin beabsichtigen würde, seine Macht wiederzugewinnen, hätte er nicht mehr das allgemeine Wohl des Volkes im Sinne, und würde daher selbst ein Tyrann werden. Wenn er sieht, dass das Gute des Konflikts wahrscheinlich irgendwann in der Zukunft das Übel aufwiegen wird, so wenn das Volk sich dem Usurpator nur widerwillig fügt, kann er seinen Anspruch aufrechterhalten und auf seinen Moment der Rückkehr warten. Die katholischen Familien Spaniens zum Beispiel, davon können wir ausgehen, akzeptierten die Usurpatoren nicht, als sie von den Mauren überrannt wurden; daher die Rechtmäßigkeit der Reconquista. Wenn er seinen Anspruch zurückzukehren nicht deutlich macht, wenn er das tun kann, kann man davon ausgehen, dass er auf sein Amt verzichtet hat.

Wenn nach einer Usurpation der rechtmäßige Herrscher auf sein Amt verzichtet hat, oder wenn es aufhört, wahrscheinlich zu sein, dass das Gute des Konflikts das Übel aufwiegen würde, besitzt der Usurpator nicht allein aufgrund dieser Tatsache das Recht, zu regieren, denn das würde aus Diebstahl einen Anspruch auf Eigentum machen. Eher hört die zeitliche Gesellschaft jetzt streng genommen auf, zu existieren, da sie ihr Oberhaupt verloren hat. Die Haushaltsoberhäupter, oder wenn sie nicht protestieren, wenn sie könnten, eine in ihrem Namen sprechende Körperschaft, kann daher diese Gesellschaft neu gründen, indem sie ihre Autorität verwenden, eine neue Verfassung zu etablieren. […]

Zuletzt, während der Usurpator de facto die Macht hat, obwohl er nicht das Recht besitzt, zu regieren, und die Leute vielleicht weder das Recht noch die Pflicht haben, seine Autorität anzuerkennen, können sie nichtsdestotrotz die Pflicht haben, individuellen Gesetzen oder Geboten, die er erlässt, zu gehorchen, zum Beispiel einem Gebot, wie man sich im Fall irgendeiner Naturkatastrophe zu verhalten hat, wo jemand die Führung übernehmen muss, und niemand außer ihm in der direkten Position ist, das zu tun.“ (Thomas Crean und Alan Fimister, Integralism. A manual of political philosophy, editiones scholasticae 2020, S. 99f. Meine Übersetzung.)

(Auch hier, wenn, wie im Urzustand der Menschheit, kein legitimes Staatsoberhaupt existiert, stellt sich die Frage, ob nur durch die ausdrückliche oder stillschweigende Übereinkunft des Volkes oder auch aufgrund der Umstände ein neuer Herrscher bestimmt werden kann, den man dann als von Gott bestätigt sehen kann.)

Im äußersten Notfall, wenn ein Staatsoberhaupt immer wieder zeigt, dass es nicht gewillt ist, für das Gemeinwohl zu handeln, wäre es erlaubt, auch dieses früher legitime, jetzt illegitime Staatsoberhaupt abzusetzen und die Staatsverfassung zu ändern (ähnlich wie es erlaubt wäre, im äußersten Notfall Kinder aus ihrer Familie zu holen und zu Pflegeeltern zu geben, oder als Kind selbst wegzulaufen und sich bei Verwandten zu verstecken), was am besten durch die nächstrangige nichttyrannische Institution in der Gesellschaft geschehen sollte. Voraussetzung ist allerdings wieder, dass ein solcher Putsch nicht voraussichtlich zu noch größeren Übeln führen wird, was im Lauf der Geschichte häufig der Fall war. Ein Beispiel für einen legitimen Putschversuch wäre z. B. der der Gruppe um Stauffenberg, ein Beispiel für einen offensichtlich illegitimen die Französische Revolution (genauer: die Gründung der Ersten Republik 1792 und der Königsmord 1793). Generell: Putsche und Bürgerkriege sind große Übel und bringen viele Risiken mit sich, die wirklich nur in Extremsituationen in Kauf genommen werden können.

In solchen Fällen ist auch eine Intervention von außen durch einen anderen Staat erlaubt.

Wenn man unter einer Diktatur lebt, gibt es aber keine generelle moralische Pflicht zum aktiven Widerstand, bewaffnet oder nicht. Sich durchzuwursteln, ohne sich selber direkt am Bösen zu beteiligen, ist moralisch in Ordnung, auch wenn Widerstand heldenhafter wäre, und manchmal das einzig Sinnvolle.

Gewaltsame Rebellionen, illegale Verschwörungen und humanitäre Interventionen sind also wirklich nur im Notfall, und wenn sie nicht für noch schlimmere Verhältnisse sorgen, erlaubt. Eine Änderung der Staatsverfassung mit Zustimmung der Autorität wäre wieder etwas anderes, also wenn z. B. die Regierung zustimmt, über eine neue Verfassung oder die Abspaltung oder weitgehende Autonomie eines Landesteils abstimmen zu lassen. Solche Änderungen anzustreben, sofern sie an sich vernünftig und gut sind, dürfte m. E. nicht verwerflich sein, solange man damit nicht auch totalen Unfrieden im Land stiftet.

Gegenüber ungerechten Rebellionen, Putschversuchen, Terrorismus hat ein Staat natürlich das Recht und die Pflicht, sie zu bekämpfen und so schnell wie möglich die Ordnung wiederherzustellen. Das ist auch dann der Fall, wenn kleinere oder gelegentliche Machtmissbräuche den Terrorismus oder Putschversuch provoziert haben; denn so etwas kommt überall vor, und der öffentliche Friede und die Sicherheit all der anderen nicht-terroristischen Bürger gehen vor.

Die ganze Menschheit hat unter sich eine gewisse Einheit (gleiche Natur, gleiche Abstammung von Adam) und ein gemeinsames Ziel (Gott). Gegenüber anderen Staaten hat ein Staat die Pflicht, das Völkerrecht zu beachten (sowohl das gewohnheitsrechtliche Völkerrecht als auch die konkreten Verträge). Außerdem haben reiche Staaten gegenüber armen Staaten vergleichbare Pflichten wie reiche Personen gegenüber armen Personen, d. h. sie müssen nicht gerade zwangsläufig die Hälfte ihres Besitzes abgeben, aber sehr wohl in gewissem Maß helfen. Flüchtlingen in schwerer Not (Lebensgefahr, persönliche Verfolgung) beispielsweise muss man helfen; ein allgemeines Recht auf Migration gibt es allerdings nicht, da ein Staat hier auch darauf sehen muss, was dem Wohl seiner Bürger dient oder schadet, und Migranten haben Pflichten gegenüber dem sie aufnehmenden Staat.

Krieg zu führen ist erlaubt, wenn einem Unrecht mit friedlichen, diplomatischen Mitteln nicht abgeholfen werden kann und folgende Bedingungen erfüllt sind: rechte Absicht (also z. B. nur einen Angriff abzuwehren oder ihm zuvorzukommen, nicht aber, das andere Volk dann auch noch auszurotten oder ihm seinen Besitz zu rauben), Kriegserklärung durch die legitime Autorität, gerechter Grund (z. B. ein Angriff des anderen Staates) und gerechte Kriegsführung (keine gezielten Angriffe auf Zivilisten, keine Misshandlung von Kriegsgefangenen o. Ä.). Ein Krieg ist auch dann erlaubt, wenn man nicht viel Aussicht auf Erfolg hat, wenn es darum geht, ein extrem schwerwiegendes Unrecht abzuwehren oder zumindest abzuschwächen.

Der Staat hat das Recht, Gesetze zu erlassen, die dann unter Sünde verpflichten, d. h. es wäre eine Sünde, ihm (in gerechten Dingen) nicht zu gehorchen. Moraltheologen unterschieden manchmal zwischen Gesetzen, bei denen der Gesetzgeber im Gewissen verpflichten will, damit man das Gewünschte auch wirklich tut, und bloßen Pönalgesetzen, bei denen er nur zur Übernahme der Strafe verpflichten will. Um den Unterschied ein bisschen näherzubringen: Wenn der Gesetzgeber sagt, man soll Diebstahl unterlassen, will er einen wirklich im Gewissen verpflichten, Diebstahl zu unterlassen; ein Dieb, der später seine Strafe akzeptiert, hat das Gesetz nicht erfüllt. Wenn der Gesetzgeber sagt, dass eine Firma soundsoviel Prozent Schwerbehinderte einstellen oder stattdessen eine Ausgleichsabgabe zahlen soll, erfüllt die Firma das Gesetz durch Zahlung der Ausgleichsabgabe. In diesem Fall macht es der Staat wirklich selber ganz deutlich, dass er bloß ein Pönalgesetz einführt, in anderen Fällen kann man unter Umständen davon ausgehen. (Z. B. wenn kaum einer es für wirklich schlimm hält, das Gesetz zu übertreten, und der Staat es eher nutzt, um mit den Geldbußen seine Finanzen aufzubessern, wie z. B. wahrscheinlich bei unerlaubtem Parken. (Wobei es auch hier darauf ankommt: Wenn man durch das Parken unerlaubt eine Feuerwehrzufahrt blockiert, kann man davon ausgehen, dass derjenige, der das Verbotsschild aufgestellt hat, das sehr wohl wirklich verbieten wollte.))

Auch wer z. B. als Parlamentarier Immunität genießt, ist im Gewissen verpflichtet, sich an die Gesetze zu halten.

„Das Gesetz ist eine vernunftgemäße, dauernde Norm des freien Handelns, die vom Obern eines öffentlichen Gemeinwesens zum Zwecke des Allgemeinwohls erlassen und genügend bekanntgemacht wurde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 40, Nr. 43.) Der Zweck der Gesetze ist es letztendlich, die Menschen gut zu machen; das Gesetz ist auch ein Lehrer und formt Einstellungen und Gewohnheiten.

Es gibt das Naturrecht, das von Gott in die Natur der Dinge gelegt wurde; das Naturrecht verpflichtet absolut. (Z. B. ist es gegen das Naturrecht, zu lügen, da der natürliche Zwecke der Sprache die Verständigung, die Weitergabe der Wahrheit unter Menschen ist.) Für Naturrecht sagt man auch natürliches Sittengesetz oder Moral. Dann gibt es das positive (=gesetzte, von lat. ponere) göttliche Gesetz, das Gott so erlassen hat, aber auch anders hätte erlassen können (z. B. das Gebot, den siebten Tag zu heiligen, oder für die Eucharistie Weizenbrot und Wein zu verwenden). Dann gibt es positive menschliche Gesetze, erlassen von Kirche oder Staat.

Gesetze befehlen, verbieten, erlauben oder bestrafen. Der Zweck von Strafen ist es, die gestörte gerechte Ordnung wiederherzustellen, dem Täter quasi etwas gegen seinen Willen zuzufügen, weil er seinen Willen auf Kosten anderer ausgelebt hat. Nebenzwecke sind der Schutz der Gesellschaft vor weiteren Verbrechen, die Besserung des Täters, die Wiedergutmachung (z. B. durch Schadensersatzzahlungen) und die Abschreckung anderer. (Das sind legitime Nebenzwecke, aber dürfen nur Nebenzwecke bleiben; denn wenn man die Wiederherstellung der Gerechtigkeit als Hauptzweck ganz abschaffen würde und nur noch auf Abschreckung und Besserung schauen würde, könnte das zu so einigen Ungerechtigkeiten führen. Nicht nur in dem Sinn, dass man manche Verbrecher, die eine schwere Strafe verdient hätten, nur kurz zum Psychologen schicken könnte, sondern auch in dem Sinn, dass man Kleinkriminelle ewig einsperren könnte, bis der zuständige Psychologe sie für ausreichend gebessert hält, oder dass man jemanden auf härtere Weise als verdient bestrafen könnte, um andere abzuschrecken. Man darf nur dann und höchstens in dem Maß strafen, wie jemand es verdient hat, und dann ist Strafe auch etwas Gutes, und sollte in etwa dem entsprechen, was derjenige eben durch die Tat verdient hat.) Ein Staat hat grundsätzlich auch das Recht, schwere Verbrechen (Mord, Landesverrat, Vergewaltigung o. Ä.) mit der Todesstrafe zu ahnden, wenn er das für zweckmäßig erachtet. „Denn nicht ohne Grund trägt sie [die staatliche Gewalt] das Schwert.“ (Röm 13,4) Gen 9,6 begründet die Todesstrafe für Mörder sogar mit der Menschenwürde der Opfer.

Verbrechen gegen das Naturrecht (z. B. Mord) dürfte man auch rückwirkend bestrafen, da es immer gilt, auch wenn die positiven Gesetze diesen Mord zuerst erlaubt haben (Bsp.: Bestrafung von Ärzten, die in der Nazizeit Kranke und Behinderte getötet haben), aber Verbrechen gegen positive menschliche Gesetze dürfen nicht rückwirkend bestraft werden; diese Gesetze gelten erst ab Promulgation, d. h. wenn die Menschen sie auch kennen können. Es kann freilich auch unzweckmäßig sein, naturrechtliche Verbrechen rückwirkend zu bestrafen, z. B. wenn es sehr viele Täter gibt, die Täter nicht mehr genau ermittelt werden können, oder viele Täter unter Zwang oder Gehirnwäsche gehandelt haben, aber das hängt vom Einzelfall ab.

Ein Staat sollte dem Naturrecht zusätzlichen Schutz durch positive Gesetze geben, wobei er nicht alles bestrafen muss, was das Naturrecht verbietet; z. B. wenn es Kleinigkeiten sind, die mit Gewalt durchzusetzen unverhältnismäßig und aufwendig wäre. (Z. B. könnte ein Staat schwerlich Notlügen mit Bußgeldern belegen.) Außerdem müssen die positiven Gesetze auf dem Naturrecht basieren, indem sie sich innerhalb des naturrechtlich erlaubten Rahmens bewegen und/oder die allgemeinen Vorschriften des Naturrechts auf den konkreten Fall anwenden. Ein Staat kann allerdings Übel, die er schlecht verhindern kann, zulassen, um größere Übel zu vermeiden.

Es gibt Fälle, in denen man Gesetzen nicht gehorchen darf, und Fälle, in denen man ihnen nicht gehorchen muss. (Genau genommen sind ungerechte Gesetze gar keine Gesetze, sondern nur Scheingesetze. Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz.) Nur naturrechtliche Vorschriften, die die Unterlassung einer bestimmten Handlung (z. B. direkte Tötung eines unschuldigen Menschen, Ehebruch o. Ä.) ausnahmslos zur Pflicht machen, gelten immer und können auch immer erfüllt werden, während naturrechtliche Vorschriften, die eine bestimmte Handlung zur Pflicht machen, nicht immer erfüllt werden können. Staatliche Gesetze gelten generell nicht ausnahmslos.

Man darf nicht gehorchen, wenn ein staatliches Gesetz eine Sünde befiehlt.

Man muss nicht gehorchen, wenn:

  • es physisch unmöglich ist, das Gesetz zu erfüllen (z. B. man zu einem Gerichtstermin erscheinen müsste, aber im Krankenhaus liegt)
  • es moralisch unmöglich ist, d. h. eine unverhältnismäßig große Anstrengung erfordert. Was unverhältnismäßig ist, hängt natürlich davon ab, wie wichtig das Gesetz ist, von weniger wichtigen Gesetzen ist man leichter entschuldigt. Außerdem: Das Allgemeinwohl kann in besonderen Fällen manchen extreme Anstrengungen abverlangen (z. B. Soldaten in einem Krieg), und auch ein freiwillig gewählter Stand, z. B. Missionar, kann besondere heroische Verpflichtungen auferlegen.

Bei Pflichtenkollision geht die höhere Pflicht vor, die andere muss zurücktreten und verliert ihre verpflichtende Kraft. „Kann jemand bei Pflichtenkollision trotz aller angewandten Mühe nicht erkennen, welche Pflicht die wichtigere ist, so sündigt er nicht, für welchen Teil er sich auch immer entscheiden mag“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 53, Nr. 70)

Das Gesetz verpflichtet auch nicht, wenn man davon ausgehen kann, dass der Gesetzgeber es nicht für einen bestimmten Einzelfall gedacht haben kann. Z. B. wird ein Gesetzgeber nicht wollen, dass man eine rote Fußgängerampel achtet, wenn kein Auto in Sicht ist, aber auf der anderen Straßenseite jemand zusammengebrochen ist, und man schnell hinüberrennen muss, um ihm zu helfen. Diese Auslegung der Absicht des Gesetzgebers nennt sich Epikie. (Wobei man die Auslegung durch den Gesetzgeber selbst zurate ziehen muss, wenn das leicht geschehen kann; vielleicht hat er ja schon ausdrücklich geklärt, ob es in einem solchen Fall gilt oder nicht. In dem Fall mit der Ampel wäre die Sachlage allerdings offensichtlich.)

Wenn das Gesetz seinen Zweck verliert, gilt folgendes:

„Seinen Zweck kann ein Gesetz verlieren für die Gesamtheit oder nur für Einzelpersonen; ferner so, daß seine Beobachtung nur nutzlos oder auch schädlich wird.

1. Wird für die Allgemeinheit ein Gesetz auch nur nutzlos, so hört es damit auf.

Einem solchen Gesetze fehlt ein wesentliches Merkmal: es dient nicht mehr dem Allgemeinwohl (vgl. Nr. 43).

2. Wird für eine Einzelperson das Gesetz schädlich, so hört seine Verpflichtung für den Betreffenden auf, wenn die Beobachtung für ihn moralisch unmöglich wird, oder wenn man Epikie anwenden kann. […]

3. Wird für eine Einzelperson die Beobachtung eines Gesetzes nutzlos, so bleibt diese Person nach der weitaus allgemeinen Ansicht zur Beobachtung des Gesetzes verpflichtet.

Im entgegengesetzten Falle würde nämlich das Allgemeinwohl leiden, weil viele sich einbildeten, das Gesetz sei für sie nutzlos. – Nur wenn in einem Einzelfall die Nutzlosigkeit evident und kein Ärgernis zu befürchten ist, dürfte man der milderen Ansicht folgen. Aber auch diese letztere Ausnahme ist unstatthaft bei Gesetzen, die erlassen wurden, um einer allgemeinen Gefahr vorzubeugen“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 58, Nr. 78)

(Man darf also nicht, sagen wir, eine gefährliche Schlange halten, wenn das Gesetz das verbietet, weil man sich denkt, in diesem Fall wäre das Gesetz überflüssig, weil man sich gut genug mit Schlangen auskennt und schon aufpasst.)

Man ist nicht verpflichtet, alle Gesetze zu kennen, aber muss sich auf gewöhnliche Weise informieren, wenn man etwas tun will, wobei man weiß, dass irgendwelche Vorschriften gelten (z. B. ein Unternehmen gründen will).

Gewohnheitsrecht kann auch Gesetzeskraft haben, wenn es in einem Bereich keine ausdrücklich geregelten Gesetze gibt.

Der hl. Thomas von Aquin schreibt über gerechte und ungerechte Gesetze:

„Ich antworte, die menschlichen Gesetze seien entweder gerecht oder ungerecht. Im ersten Falle haben sie vom ewigen Gesetze her die Kraft, im Gewissen zu verpflichten, nach Prov. 8.: ‚Durch mich herrschen die Könige und entscheiden Rechtes die Gründer der Gesetze.‘ Gerecht aber sind die Gesetze 1. vom Zwecke aus, wenn sie auf das Gemeinbeste sich richten; — 2. vom Urheber her, wenn sie von dem ausgehen, der rechtmäßige Gewalt hat und die Grenzen seiner Gewalt nicht überschreitet; — 3. von ihrer inneren Form aus, wenn sie nach rechtmäßigem, gleichem Verhältnisse den Unterthanen Lasten auflegen für das allgemeine Beste. Denn da jeder Mensch ein Glied der Menge ist und sonach das, was er ist und hat, dem Ganzen schuldet, so werden ihm, wenn das richtige Verhältnis zu den anderen eingehalten erscheint, mit Recht Lasten aufgelegt zu Gunsten des Ganzen; duldet ja auch die Natur, daß ein Glied Nachteil erleidet, damit das Ganze heil sei. Ungerecht sind die Gesetze also: 1. vom Zwecke aus, wenn jemand, nicht für das gemeine Beste, sondern zur Befriedigung seiner Geld- oder Ruhmgier Gesetze macht; — 2. vom Urheber aus; wenn jemand über seine Gewalt hinaus Gesetze aufstellt; — 3. von der Form aus, wenn in der Verteilung der Lasten nicht das gebührende Verhältnis gewahrt wird. Dergleichen sind mehr Gewaltthaten wie Gesetze; denn, sagt Augustin, ‚es ist kein Gesetz jenes, das nicht gerecht ist.‘ Solche Gesetze also verpflichten nicht im Gewissen außer etwa, damit man Ärgernis vermeide oder Verwirrung; weshalb ja der Mensch auch bisweilen sein Recht aufgeben muß, nach Matth. 5.: ‚Wer dir das Kleid genommen hat, gieb ihm auch den Mantel.‘ Sind aber die Gesetze ungerecht, weil sie dem göttlichen Gute entgegengesetzt sind und gegen Gottes ausdrückliches Gebot befehlen, so darf man sie nicht beobachten, sondern ‚man muß Gott mehr gehorchen wie den Menschen.‘ (Act. 4.)“ (Summa Theologiae II/I,96,4)

Ein Staat hat das Recht, Steuern zu erheben (was ja auch Jesus und Paulus bestätigt haben), in dem Maße, wie er sie für die Erfüllung seiner Aufgaben benötigt. Es ist allerdings eine Sünde (von unterschiedlicher Schwere) vonseiten der Staatsbeamten, Steuergelder zu verschwenden, und vonseiten der Gesetzgeber, unnötig hohe Steuern zu erheben oder die Steuerlast ungerecht zu verteilen. (Bei einer ungerecht hohen Steuerlast wäre es theoretisch keine Sünde, wenn jemand seine Steuern insoweit zahlt, als sie gerecht sind, und den Rest hinterzieht. Besonders klug wäre das allerdings normalerweise sicher nicht, insbesondere wegen des Schadens für sein Leben, seinen Ruf, seine Familie, wenn seine Steuerhinterziehung herauskäme.)

Die katholische Soziallehre kennt das „Subsidiaritätsprinzip“, d. h. größere Institutionen sollten untergeordneten Institutionen das überlassen, was sie selbst schaffen können, und nur bei größeren Aufgaben helfend eingreifen. (Z. B. ist es sinnvoll, wenn der Staat den Gemeinden das Einrichten von Kindergärten überlässt, aber selber Autobahnen baut.) Föderalistische Staaten wie Deutschland entsprechen diesem Prinzip besser als zentralistische wie Frankreich. Das Subsidiaritätsprinzip gilt auch in der Wirtschaft; der Staat sollte den einzelnen und den privaten Zusammenschlüssen (Firmen, Genossenschaften, Innungen…) nicht alle Entscheidungen abnehmen und alles diktieren, sondern Raum für Eigenständigkeit lassen, aber eben auch helfen, wenn es nötig ist.

Das Subsidiaritätsprinzip wird ergänzt durch das Solidaritätsprinzip, d. h. dass der einzelne der Gemeinschaft und die Gemeinschaft dem einzelnen verpflichtet ist. Beispielsweise entspricht die Einrichtung einer Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung (oder anderer Systeme, die Ähnliches leisten) dem Solidaritätsprinzip.

Noch kurz ein bisschen genauer zur Wirtschaft (wobei das eher ins 7. Gebot gehört): Die Güter der Erde wurden an sich der ganzen Menschheit von Gott gegeben, um für ihre Bedürfnisse zu sorgen, aber es entspricht der menschlichen Natur, dass es konkret aufgeteiltes Privateigentum gibt, sodass jeder für seines verantwortlich ist und auch etwas von seiner eigenen Arbeit damit hat; der Sozialismus ist widernatürlich und schädlich. Eigentum verpflichtet. Es ist generell besser, wenn das Eigentum an den Produktionsmitteln auf viele kleinere Besitzer aufgeteilt ist, und wenn z. B. größere Betriebe genossenschaftlich von den Beschäftigten selber geführt werden. Wer andere einstellt, ist verpflichtet, ihnen im Austausch für ihre Arbeit einen Lohn zu zahlen, der für ihr Leben und das ihrer Familie reicht; denn der Zweck der Arbeit ist es, den Lebensunterhalt für die Familie zu beschaffen, so dass sie in der jeweiligen Gesellschaft einigermaßen anständig leben kann. Der Staat hat das Recht, die Verwendung des Eigentums durch Gesetze zu regeln, z. B. Preis- und Zinswucher zu unterbinden, einen Mindestlohn festzulegen, Steuern zu verlangen etc. Politiker müssen sich, so weit möglich, nach solchen Grundsätzen der katholischen Soziallehre richten. Wirtschaftssysteme, die immerhin von dieser Lehre inspiriert waren/sind, waren/sind Korporatismus, Distributismus und soziale Marktwirtschaft.

So weit mal einige allgemeine Prinzipien. Generell haben sowohl die Teilhaber an der Staatsgewalt als auch die Untergebenen der Staatsgewalt die Pflichten, in ihrer jeweiligen Situation das Gemeinwohl zu respektieren, d. h. nicht gegen das Gemeinwohl zu handeln, ihre Pflichten gegenüber der Gemeinschaft zu erfüllen.

Heribert Jone schreibt über die genauen Pflichten der Amtsinhaber eines Staates:

Zweites Kapitel

Die Pflichten im Staate

I. Die Obrigkeit hat die Pflicht, in erster Linie für das allgemeine Wohl zu sorgen.

Sie muß deshalb nach Kräften alle Übel vom Staate fernhalten und sein Wohl fördern, Religion und Sittlichkeit beschützen, für gerechte Verteilung der Rechte und Pflichten sorgen, die Gesetze ohne persönliche Rücksichten durchführen, die öffentlichen Ämter nur geeigneten Personen geben und ungeeignete aus denselben entfernen.

II. Die Abgeordneten müssen ähnlich wie die Obrigkeit in positiver Weise das Allgemeinwohl fördern, besonders in den Punkten, in denen sie es ihren Wählern ausdrücklich versprochen haben.

1. Annahme der Wahl ist verboten, wenn jemand nicht die nötigen Fähigkeiten hat. Sie ist aber Pflicht, wenn jemand die entsprechenden Fähigkeiten hat und sonst keine geeignete Person zu finden ist, außer man hätte triftige Entschuldigungsgründe.

2. Teilnahme an den Beratungen und Beschlußfassungen ist Pflicht.

Besonders gilt dies von der Teilnahme an den Sitzungen, von denen das Zustandekommen eines guten Gesetzes oder die Verhütung eines schlechten abhängt.

3. Mitwirkung zu einem schlechten Gesetz ist Sünde.

Eine Ausnahme ist nur dann zulässig, wenn die Abgeordneten durch ihre Mitwirkung noch Schlimmeres verhüten können (vgl. Nr. 144, 147); sie müssen dann aber ihren Standpunkt öffentlich darlegen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 165, Nr. 203)

Der konkrete Teilhaber an der Staatsgewalt – Abgeordnete, Richter, Minister, Kanzler, Verwaltungsbeamte, Polizisten etc. – hat vor allem die Pflicht, die Pflichten seines jeweiligen Amtes gewissenhaft zu erfüllen und sich natürlich auch die nötigen Kenntnisse zu erwerben; das zu vernachlässigen ist je nach Fall lässliche oder schwere Sünde. Was die Mitwirkung an der Ausführung schlechter Gesetze o. Ä. angeht, siehe Teil 9b.

Korruption und Bestechlichkeit sind Sünden, deren Schwere davon abhängt, was auf dem Spiel steht. Ein Richter, der sich bestechen lässt, um einen Unschuldigen für zehn Jahre ins Gefängnis zu stecken, begeht offensichtlich eine schwerere Sünde als ein Polizist, der jemanden laufen lässt, der außerorts auf einer geraden übersichtlichen Strecke 25 km/h zu schnell gefahren ist, weil der sein Nachbar ist und sie sich gut verstehen. Insgesamt unterminiert Korruption allerdings das ganze Funktionieren des Staates und das Vertrauen in ihn und in andere Bürger (wer seinen Nachbarn verklagt, würde den von vornherein auch noch verdächtigen, den Richter zu bestechen etc.), was die Schwere der Sünde verstärkt.

Jone schreibt dann über die Staatsbürger:

III. Die Untertanen haben folgende Pflichten:

1. Liebe gegen das Vaterland, dem wir den Schutz und die weitere Ausbildung unserer von den Vorfahren überkommenen gemeinsamen guten Anlagen verdanken.

Diese Liebe zum Vaterland muß uns besonders veranlassen, sein Wohl zu fördern und in Eintracht mit unseren Mitbürgern zu leben. – Besonders muß man sich davor hüten, zum Vorteil eines Standes oder einer Interessengruppe das Allgemeinwohl zu schädigen.

2. Achtung vor der Obrigkeit.

Innerliche Verachtung der Obrigkeit als solcher, d. h. der obrigkeitlichen Gewalt (formelle Verachtung), ist schwere Sünde. Innere Verachtung gegenüber der Privatperson, welche die obrigkeitliche Gewalt innehat, ist insofern sündhaft, als Verachtung anderer Privatpersonen sündhaft ist. Schmähung des Inhabers der obrigkeitlichen Gewalt ist schwer sündhaft, unter anderem besonders, wenn sie öffentlich ist oder leicht öffentlich werden kann; ferner wenn sie ihm in seiner Gegenwart zugefügt wird. [Dazu unten mehr, Anmerkung von mir.]

3. Wahl von guten Abgeordneten

Wahlenthaltung ohne Grund scheint wenigstens eine läßliche Sünde zu sein, wenn der gute Kandidat einen schlechten Gegenkandidaten hat. Eine schwere Sünde kann es sein, wenn man durch Wahlenthaltung Ursache ist, daß ein schlechter Kandidat gewählt wird. [Anmerkung von mir: Das könnte ja z. B. in kleinen Wahlkreisen oder bei lokalen Wahlen ausnahmsweise der Fall sein, oder wenn ein Gremium, z. B. der Gemeinderat, jemanden wählt.]

Einem schlechten Kandidaten darf man nur dann seine Stimme geben, wenn dies notwendig ist, um die Wahl eines schlimmeren Kandidaten zu verhindern; durch eine entsprechende Erklärung aber soll der Grund dieser Handlungsweise angegeben werden. Ausnahmsweise dürfte man auch einmal einem unwürdigen Kandidaten seine Stimme geben, um einem ungewöhnlich großen persönlichen Nachteil zu entgehen. [Anmerkung von mir: Hier ist vielleicht an Länder gedacht, die keine geheimen Wahlen haben und wo man Schwierigkeiten bekommen kann, je nachdem, wie man wählt.]

4. Treue gegen die rechtmäßige Autorität und Gehorsam gegen die Gesetze im allgemeinen.

Die heimliche Flucht eines Gefangenen ist aber kein positiver Widerstand gegen die Staatsgewalt und daher an sich nicht verboten.

Unsittlichen Gesetzen eines gottlosen Staates darf man nicht gehorchen; ihrer Ausführung darf man passiven Widerstand entgegensetzen. – Offene Gewalt darf man in einem solchen Falle auch mit Gewalt abwenden, vorausgesetzt, daß man begründete Hoffnung auf Erfolg hat und das Gemeinwohl durch den Widerstand nicht noch größeren Schaden leidet als durch die Gewalttätigkeit der Regierenden. Nach einigen Autoren ist in höchster Not des Volkes und nach Erschöpfung aller gesetzlichen Mittel auch Absetzung des Herrschers und Änderung der Staatsverfassung erlaubt.

5. Gehorsam gegen die Steuergesetze im besonderen. […]

IV. Die Soldaten, die sich freiwillig anwerben lassen, sind durch die ausgleichende Gerechtigkeit verpflichtet, ihren Dienstvertrag zu erfüllen und ihren Dienst zu leisten.

Im Falle eines Krieges verpflichten die Gesetze, welche allgemeine Wehrpflicht vorschreiben, im Gewissen, sogar in jenen Staaten, in welchen der Gesetzgeber die übernatürliche Sanktion seiner sämtlichen Gesetze ausschließen möchte. (Vgl. n. 57).“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 165-168, Nr. 204-206.)

Bzgl. dem, was Jone zur Schmähung von Staatsoberhäuptern sagt: Eine Regierung zu kritisieren ist natürlich erlaubt, manchmal (manchmal auch oft) auch notwendig. („Minister X ist ungeeignet für sein Amt, weil er seine Meinung beinahe täglich ändert.“) Aber das Amt an sich ist eben doch achtenswert. Dass es überhaupt legitimerweise einen Staat gibt, muss man respektieren; die jeweilige Person, die ein Amt innehat, verdient an sich Respekt, da sie eine wichtige Aufgabe ausfüllt und die staatliche Macht repräsentiert. Wenn sie diesen Respekt durch ihre eigene Schuld verwirkt und ihre Aufgabe nicht mehr erfüllt, verdient sie evtl. weniger Respekt je nach Situation, aber ein gewisses grundsätzliches Maß an Respekt sollte wohl trotzdem da sein (ähnlich wie gegenüber einem schlechten Priester). Es gibt ja den alten Spruch: „Man grüßt die Uniform, nicht den Träger.“ Der Respekt ist vor allem dann wichtig, wenn man direkt mit dem Amtsinhaber zu tun hat, der ja eben auch die Staatsgewalt repräsentiert; dem Staatsoberhaupt bei einer öffentlichen Veranstaltung ins Gesicht zu spucken wäre daher ein Stück weit schlimmer, als das bei einem privaten Feind zu tun. (Wobei auch das nicht schön ist.)

Der Moraltheologe Augustin Lehmkuhl bringt ein paar Beispiele (von mir und einem Freund aus dem Lateinischen übersetzt):

„Blasius, vom Wein erhitzt, wettert in der Kneipe vor seinen Freunden gegen Minister und Könige: Regierung und Herrscher seien nun abzuschaffen, Steuern ihnen zu verweigern, und sie verdienten es wohl, dass die Zahlung gegenüber den Bürgern zu verhöhnen sei, ferner, in der Öffentlichkeit bei der Ankunft des Königs sollten sich alle von Zeichen der Freude enthalten, im Gegenteil sollte man das Bild des Fürsten zu Hause verhöhnen und dem Diener befehlen, dass er ein solches öffentlich ausgestelltes Bild heimlich mit Dreck beschmiert.

Fragen:

1) Was sind die Verpflichtungen gegenüber Fürsten und der Verwaltung?

2) Auf welche Weise hat Blasius gesündigt?

Lösung

Zu Frage 1)

1. Die Untergebenen sind gegenüber jenen, die die öffentliche Gewalt innehaben, zur Unterordnung und zum Respekt verpflichtet.

2. Aufgrund der Unterordnung ist ihnen die Rebellion verboten, sie sind verpflichtet, sich an die gerechten Gesetze zu halten und die gerechten Steuern, die verlangt werden, zu entrichten; aufgrund der Ehrfurcht sind sie gehalten, den höheren und niederen Obrigkeiten Ehre zu erweisen, innerliche Verachtung und äußerliche Beschimpfung/Schmähung/Misshandlung sind ihnen verboten. Wie es die heilige Schrift darlegt im Brief an die Römer 13,1-7.

3. Sündhaft ist immer die Verachtung der Staatsgewalt [selbst]; die Verachtung der Person [des Amtsinhabers] ist sündhaft, wenn und insofern sie auch ohne gerechten Grund geschieht.

Zu Frage 2)

1. Wenn man die objektive Gegebenheit betrachtet, enthalten Blasius‘ Worte schwere Sünden gegen die Pflicht zur Unterordnung, da sie nach Rebellion riechen und durch das Aufstacheln zur Verweigerung der Steuern zur schweren Sünde anstiften. Subjektiv kann er von der Todsünde entschuldigt sein, wenn er weder von Herzen gesprochen hat noch mit der Gefahr, dass die anderen zu solchem Verhalten überredet werden, sondern nur aus einer gewissen eitlen Prahlerei.

2. Wenn sich Blasius von allen Ehrenbezeigungen enthalten hat, müsste man betrachten, aus welchem Grund er so gehandelt hat. Wenn er aus Verachtung der Autorität so handelt, sündigt er schwer. Wenn er wirklich einen gerechten Grund gehabt hat, was z. B. sein könnte, um seine Trauer und Empörung zu zeigen, wenn dem Volk oder der Religion etwas Schlechtes und Ungerechtes durch den Fürst angetan worden wäre, sündigt er nicht, im Gegenteil, es könnte eine Pflicht, so zu handeln, bestehen, damit nicht Freudenzeichen als Gutheißen der ungerechten Gesetze und der Unterdrückung der katholischen Angelegenheiten verstanden worden wären.

3. Das öffentlich ausgestellte Bild des Fürsten zu entehren ist sicher schwerwiegende Verachtung, weil der Fürst in seinem Bildnis angegriffen wird, und deswegen an sich schwere Sünde. Hier ist nicht der Ort, danach zu forschen, ob von außen ein Grund hinzukommen könnte, aus dem subjektiv keine schwere Sünde begangen wird.

Etwas Ähnliches zuhause oder privat, nicht vor anderen, zu tun, kann Todsünde sein aufgrund der innerlichen Verachtung, wenn jene tödlich sündhaft ist; wegen der [äußerlichen] Schmähung besteht keine schwere Sünde, denn diese Schmähung, damit sie existiert, muss entweder im Herzen der Person sich offenbaren, oder die Sache muss bekannt werden, oder man muss aus der Natur der Sache vorhersehen können, dass sie bekannt wird.

4. Den staatlichen Bediensteten, die im Namen des Fürsten den Staat regieren, gebührt freilich nicht dieselbe Ehrerbietung wie dem Fürsten; daher können ihre öffentlichen Taten frei diskutiert und sie für die entstandenen Dinge getadelt werden. Nichtsdestoweniger gebührt ihnen Ehre für ihren Dienst und gewiss muss man sich davor hüten, nicht durch zügellose Rede und auf zersetzende Weise die gemeinsame Liebe oder Gerechtigkeit zu beschädigen oder die Legitimität der staatlichen Grundordnung selbst zu erschüttern. Die Nächstenliebe, die ein jeder schuldet, kann auch verpflichten, dass man sich auf diese Weise vor offensichtlich unnützer Schmähung in der Regel hütet.“

Eine gewisse Rolle spielt vielleicht auch das, was man klassischerweise „Landesbrauch“ oder „Gewohnheit“ nennen kann. Z. B. wird eine normale Karikatur über einen Politiker heutzutage nicht als schwerwiegende Beschimpfung verstanden. Die Frage wäre eher noch, wie es sich verhält, wenn z. B. jemand auf Facebook oder in einem Leserbrief über „dieses Arschloch, den Ministerpräsidenten“ schimpft, angenommen, dass der jeweilige Ministerpräsident wirklich einiges Schlechte zu verantworten hat und persönlich auch nicht den Eindruck von Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit macht. Ich würde schon davon ausgehen, dass es zumindest eine lässliche Sünde wäre; man kann ein hartes Urteil auch ohne solche Beschimpfungen abgeben. Die innerliche Verachtung wäre hier keine Sünde, aber äußerlich sollte man wohl ein Mindestmaß an Respekt wahren.

Generell: Die Beschimpfung ist dann eine schwere Sünde, wenn man die Ehre eines anderen ungerechterweise in schwerwiegender Weise angreift, also z. B. jemanden als Nazi oder Verbrecher beschimpft, weil man eine persönliche Abneigung aus banalen Gründen gegen ihn hat. Eine leichte Beschimpfung („Wieso bist du jetzt so zickig??“) ist nur lässliche Sünde, auch wenn sie ungerecht ist und die angesprochene Person sich nicht wirklich zickig verhalten hat. (Unbekannte Sünden vor anderen bekannt zu machen, ohne dass es nötig ist, ist auch falsch, aber bei Politikern reden wir in der Regel eher von bereits öffentlichen Sünden, oder Sünden, die zu erfahren die Öffentlichkeit ein Recht hat.)

Pro-Life aus Sicht von Pro-Choice

Wenn Pro-Choicer (der beliebte Euphemismus für Abtreibungsbefürworter) versuchen, die Argumente von uns Abtreibungsgegnern in ihren eigenen Worten wiederzugeben, kommt da manchmal etwa das heraus:

„Ihr wollt doch nur Frauen dafür bestrafen, dass sie Sex haben – wenn sie Sex haben, müssen sie damit gestraft werden, dass ihr Leben zerstört wird und sie neun Monate lang ihre komplette körperliche Autonomie verlieren.“

Aus Pro-Life-Sicht wäre das etwa so, als würde man sagen „Wer will, dass Männer den Unterhalt für ihre Kinder zahlen, will sie doch nur dafür bestrafen, dass sie Sex hatten und ihre ganze finanzielle Unabhängigkeit ruinieren“ – völliger Blödsinn. (Wobei Väter unter normalen Umständen mehr Pflichten und auch mehr Rechte haben als bloß den Unterhalt zu zahlen, aber belassen wir es mal bei dem Beispiel.) Pro-Choicer versuchen so krampfhaft, das Kind, um dessen Beseitigung es hier eigentlich geht, zu vergessen, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, dass andere an es denken. Nein, natürlich muss es darum gehen, die Frau zu bestrafen.

Aber ein Kind ist keine Strafe für eine Frau – die Existenz keines Menschen ist die Strafe für einen anderen. Es ist ein Mensch mit seinem eigenen Leben und seinen eigenen Rechten. Ein Kind ist einfach da, und verdient Fürsorge und Liebe statt Tötung. Wenn die Frau es beseitigen will, obwohl sie selber das Risiko in Kauf genommen hat, dass es überhaupt entsteht, ist das ein Umstand, der die Sache verschlimmert, aber nichts grundsätzlich ändert. Es gibt auch Fälle, in denen die Frau überhaupt nichts dafür kann. In der Serie „Jane the Virgin“ (von der ich nur die Vorschau gesehen habe und zu der ich weiter nichts sagen kann, das soll keine Schleichwerbung sein) wird eine junge Frau aus Versehen von ihrem Frauenarzt künstlich befruchtet und schwanger. In dieser Situation war sie überhaupt nicht verantwortungslos, hat nichts Falsches getan, aber trotzdem ist ihr Kind jetzt da und hat ein Recht auf Leben. (In der Serie bekommt sie es auch.)

Anderes Beispiel: Man hat einen Autounfall auf einer einsamen Straße, der andere Fahrer wird schwer verletzt, einem selbst passiert nichts. Jetzt ist man verpflichtet, dem anderen zu helfen und den Rettungsdienst zu rufen, egal, ob man schuld war. Wenn man Fahrerflucht begeht, nachdem man den Unfall fahrlässig verursacht hat, ist das noch schlimmer, aber man dürfte auch keine Fahrerflucht begehen, wenn nur unvorhersehbare Umstände (z. B. ein aus dem Wald herausstürmendes Reh) verantwortlich waren und man selbst nichts dafür kann.

Bei der Frage, ob man einen Menschen, der sich nichts zu Schulden kommen hat lassen, sondern einfach da ist (Notwehr ist etwas anderes), gezielt töten darf, ist es völlig gleichgültig, wie seine Existenz andere Menschen betrifft und ob die Umstände banal oder tragisch sind. Es spielt schlichtweg keine Rolle. Man kann darüber debattieren, wie man über mildernde und verschlimmernde Umstände debattiert, aber es lenkt eher von der eigentlichen Frage ab.

Menschen haben nicht Gott zu spielen und anderen ihr Leben zu stehlen, und Punkt.

8 Wochen altes Kind.

Notwendige Prahlerei und Heldenmut

In den letzten Tagen wurde auf Twitter ja sehr viel über Afghanistan geredet, und u. a. darüber, wieso die hochgerüstete und zahlenmäßig überlegene afghanische Armee so schnell vor den Taliban kapituliert hat, Soldaten sogar übergelaufen sind, und wieso Bilder vom Flughafen in Kabul vor allem Männer zeigen, die versuchen, zu Flugzeugen zu gelangen, fast keine Frauen und Kinder. Auf Äußerungen wie „ich würde nicht kampflos aufgeben“ oder „ich würde nicht meine Familie auf der Flucht zurücklassen“ kamen dann schnell Beleidigungen im Stil von „Du wärst sicher ein Feigling, laber doch nicht“.

Ich möchte eine These aufstellen, ganz unabhängig davon, was Leute in dem Chaos in Kabul getan oder nicht getan haben: Es ist nicht einfach überhebliche Prahlerei, wenn Leute sagen „Im Krieg würde ich nie allein fliehen und meine Familie zurücklassen“ oder auch „ich würde nie meine Kinder zurücklassen, um schneller vor einem Feuer zu fliehen“ oder auch „auch wenn mich ein antichristlicher Diktator oder ein islamischer Terrorist dazu zwingen wollen würde, würde ich niemals Christus verleugnen“.

Der Grund dafür: Es ist gut, sich drauf einzustellen, was einem selber theoretisch mal passieren könnte, und dass man dann mutig sein müsste, dass Gott einem auch die Kraft dazu geben würde. Viele Menschen werden irgendwann in schlimme Situationen kommen, welcher Art auch immer. Und es ist ja nicht so, dass alle Menschen in solchen Situationen nicht mehr sie selbst sind, Menschen können auch über sich hinauswachsen. Ich habe das Gefühl, wenn Leute über Heldengeschichten die Nase rümpfen, dann machen sie solche Geschichten in der Realität unmöglich, weil jemand gar nicht mehr an den Gedanken gewöhnt ist, dass er selbst so etwas tun könnte, oder dass man so etwas sogar von irgendjemandem verlangen kann. Da sollen alle auf ein moralisch möglichst tiefes Niveau heruntergezogen werden, damit sich keiner mehr schlecht fühlt, wobei man sich mit dem Gedanken „wenigstens sind wir nicht überheblich und bilden uns was auf unsere Tugend ein“ tröstet.

Deswegen würde ich z. B. auch gegenüber den Argumenten von Abtreibungsbefürwortern inzwischen deutlicher sagen „wenn ich vergewaltigt und davon schwanger werden würde, würde ich mein Kind niemals abtreiben, sondern es lieb haben, Babykleidung kaufen und einen Namen aussuchen, vielleicht Cäcilia oder Konstantin, wobei Clemens auch sehr schön wäre“. Ich bin kein besonders mutiger Mensch und heule schon bei Kleinigkeiten, aber in so einer Situation könnte ich mir tatsächlich nichts anderes mehr vorstellen – sogar so ein Kind zur Adoption freigeben kommt mir unschön vor und das möchte ich einfach nicht. Genauso würde ich sagen „Wenn mir ein Islamist drohen würde, mich zu erschießen, wenn ich nicht das islamische Glaubensbekenntnis aufsage, würde ich es nicht aufsagen“. Gut, das ist eine relativ einfache Situation, weil kurzer schneller Märtyrertod – vor Dingen wie Folter und Gefängnis hätte ich viel mehr Angst, wirklich sehr viel mehr. Aber auch da: Ich finde es wichtig, sich im Vorhinein – wer weiß, ob wir irgendwann noch mal Kriege oder Ähnliches erleben werden – klar zu machen, was man tun müsste. Das gilt natürlich auch für harmlosere Situationen, die man vorhersieht.

Natürlich: Wenn man selber anderen Vorhaltungen macht, muss man auch Vorhaltungen von anderen ertragen. Ich finde sehr wohl, dass Deutsche über Afghanen sagen dürfen: „Wieso hat die ausgebildete Armee nicht mal versucht, zu kämpfen? Und wieso lassen so viele Männer, die zum Flughafen fliehen, offensichtlich ihre Familien zurück?“ Aber genauso hat jeder Ausländer das Recht, zu sagen: „Wieso haben die deutschen Männer, sogar die Polizisten, den Frauen bei der Kölner Silvesternacht, die massenhaft bedrängt, gedemütigt und teilweise vergewaltigt wurden, nicht geholfen?“ Denn beides ist schlimm und feige, auch trotz der Situation.

Man muss natürlich hier zwei Dinge unterscheiden: In manchen Situationen sind heroische Taten wirklich notwendig, verpflichtend. Man darf nicht, wenn man gefoltert wird, Christus verleugnen, oder seine Freunde verraten, oder zustimmen, selbst irgendwelche Gräueltaten an anderen zu begehen. Das ist eine furchtbare Situation, aber dasjenige zu tun, wäre trotzdem sehr falsch, auch wenn die Zurechnungsfähigkeit gemindert wäre, und viele Leute im Lauf der Geschichte haben es geschafft, hier das Richtige zu tun. In anderen Situationen ist Heldenhaftigkeit mehr als das Geforderte, z. B. wenn es darum geht, als unbeteiligter Nicht-Polizist bei einer Messerstecherei dazwischenzugehen, um jemanden vor dem Tod zu retten, oder z. B. jemandem unter großer Gefahr vor einem gefährlichen Tier zu retten, oder eine Laufbahn beim KSK anzustreben. Man kann das nicht von jemandem verlangen und ihm sagen, er lädt Schuld auf sich, wenn er das nicht tut. Aber es ist eben trotzdem heldenhaft, gerade auch weil es mehr ist, als man verlangen kann, und solche Leute gehören gehörig gepriesen.

Und ich würde sagen, sogar wenn es um eine moralisch gebotene Heldentat geht, kann jemand, der diese Heldentat nicht geschafft hat, der feige und schwach war und eingeknickt ist, sich wieder aufrappeln, und die Leute bewundern, die es geschafft haben, sich an ihrem Beispiel aufrichten und sie ggf. um ihre Hilfe dabei bitten, stärker zu werden. So können wir uns gegenüber den Heiligen im Himmel verhalten, unter denen ja sehr viele Märtyrer sind; sowohl, wenn es um ein richtiges eigenes Martyrium geht, als auch, wenn man ein kleines Pseudo-Martyrium, z. B. Verleumdung oder Ausgrenzung wegen des Glaubens, aushalten muss (was sich evtl. gar nicht so klein anfühlen kann).

Ja, es ist sympathischer, wenn man nur bei Sachen, bei denen man sich einigermaßen sicher ist, dass man sie schaffen würde, sagt „ich würde das niemals tun“, und bei zweifelhafteren Sachen eher sagt „das wäre das Richtige, und ich hoffe, dass ich mit Gottes Hilfe die Kraft hätte, das zu tun“. Prahlerei kann eine Sünde sein – eine lässliche freilich. Aber es ist mir ehrlich gesagt sympathischer, wenn kleine Jungen herumprahlen, was sie als Ritter der Tafelrunde, Kreuzfahrer oder Entdecker getan hätten, als wenn sie sich weder was zutrauen noch anständige Helden als Vorbilder haben.

Charles-Philippe Larivière - detail of Battle of Ascalon, November 18, 1177.jpg

Noch ein kurzes PS zu Afghanistan, auch wenn das eigentlich nicht zum Thema gehört: Es ist erstaunlich, wie viele Leute hier wieder auf das linke Scheindilemma „Flüchtlinge in Afghanistan sterben lassen oder nach Deutschland holen“ hereinfallen – als wäre es keine Möglichkeit, die Nachbarländer Afghanistans dabei zu unterstützen, dass sie Flüchtlinge aufnehmen, sowohl finanziell als auch mit Hilfskräften, die auch vor Ort zusehen können, dass die Hilfe ankommt. Viele Afghanen gehören zu Volksgruppen, die auch in Pakistan, Usbekistan oder Tadschikistan leben, und könnten sich viel leichter in solchen Ländern zurechtfinden und ein neues Leben anfangen als in Europa.

Schwere – lässliche – keine Sünde: Beispiele

Ich arbeite ja immer noch an meiner ausführlichen Artikelreihe zur Moraltheologie, die den Lesern dabei helfen soll, zu unterscheiden, was Sünde ist und was nicht, was schwere und was lässliche, und wieso überhaupt die jeweiligen Prinzipien gelten. Aber weil es immer relativ lang dauert, bis ich wieder den nächsten Artikel fertig habe, dachte ich, ich mache zwischendurch mal einen kleinen Überblicksartikel, der nichts weiter tun soll, als anhand von Beispielen (kein Anspruch auf Vollständigkeit) ein Gefühl dafür zu vermitteln, was (nach Ansicht der Kirche oder zumindest der Mehrheit der früheren rechtgläubigen Moraltheologen) schwere Sünden sind, was lässliche, und was keine Sünden. [Hier geht es nur darum, ob es sich um schwere Materie handelt; im Einzelfall kann trotz schwerer Materie eine lässliche Sünde vorhanden sein, weil jemand wegen Unwissenheit, Zwang, Sucht o. Ä. so handelt, d. h. weil Wissen oder Wille nicht voll da ist.]

Wer genauere Fragen zu einzelnen Sünden hat (z. B. im Bereich des 6. und 7. Gebots), kann auch gerne in diesem hier zu herunterladenden Buch schauen.

Mose und die 10 Gebote, Jusepe de Ribera.

1. Gebot: Keine anderen Götter haben; allgemeiner: Glaube, Hoffnung, Gottesliebe, und rechte Gottesverehrung

Schwere Sünden:

  • Atheismus, Agnostizismus, religiöser Indifferentismus, totales Desinteresse an Gott
  • Apostasie (Glaubensabfall)
  • Häresie (Ketzerei = Leugnung einer Glaubenswahrheit, aber nicht des ganzen Glaubens)
  • Schisma (Kirchenspaltung)
  • Glaubensverleugnung
  • Starke Gefährdung des eigenen Glaubens
  • Willentliche Zweifel am Glauben, nachdem man ihn angenommen hat und um die Grundsätze, wegen denen er glaubhaft ist, und Gottes Verlässlichkeit weiß (Schwierigkeiten mit Glaubenslehren haben, die man erst noch klären muss, aber ohne deswegen zu zweifeln, dass es dafür am Ende eine Lösung geben wird, ist keine Sünde)
  • Verzweiflung (jede Hoffnung auf den Himmel aufgeben)
  • Vermessenheit (Präsumption; sich einbilden, auf jeden Fall ohne weiteres in den Himmel zu kommen)
  • Willentlicher Hass auf Gott
  • Idolatrie (Götzendienst, z. B. Poly- und Pantheismus, Satanismus)
  • Schwerere Formen von Aberglaube, z. B. Geisterbeschwörung
  • Nie beten oder sehr lange nicht beten (z. B. einen Monat lang)
  • Schwerere liturgische Missbräuche (z. B. ungültige Absolutionsformel verwenden)
  • Schwere Sakrilegien (Sakrilegien sind Verbrechen gegen heilige Personen, Orte oder Sachen, schwere Sakrilegien z. B. die Kommunion im Stand der Todsünde empfangen, in der Beichte wissentlich und willentlich eine sicher schwere Sünde verschweigen, eine Reliquie aus einer Kirche stehlen)
  • Gott ernsthaft auf die Probe stellen wollen
  • Den eigenen Glauben ernsthaft gefährden
  • Simonie

Lässliche Sünden:

  • Mangel an Vertrauen in Gott, leichte Undankbarkeit, leichter Überdruss und Unaufmerksamkeit beim Gebet
  • Leichte Formen von Aberglaube aus Naivität/Dummheit (z. B. Glücksbringer ernst nehmen), abergläubische Dinge halbernst nehmen
  • Leichte liturgische Missbräuche
  • Vernachlässigung des Gebets (nicht täglich zumindest ein bisschen beten)
  • Leichte Sakrilegien (z. B. schlechtes Benehmen in der Kirche, wie Essen, Trinken, lautes Reden)
  • Nachlässigkeit dabei, sich über Glaubenswahrheiten zu informieren, sodass man nicht so gut erklären kann, was man glaubt
  • Eine gewisse Leichtgläubigkeit gegenüber noch nicht anerkannten Privatoffenbarungen

Keine Sünden:

  • Heiligenbildchen (solche, die nicht gesegnet sind) wegwerfen, die man nicht mehr gebrauchen kann
  • Nicht jeden Tag den Rosenkranz beten
  • Sein Horoskop lesen, um sich darüber lustig zu machen
  • Als Journalist oder Wissenschaftler bei den Machenschaften von Geisterbeschwörern anwesend sein, um zu entdecken, was dahintersteckt
  • In Zeiten der Verfolgung verstecken, dass man Christ ist (aber ohne es zu verleugnen, wenn man wirklich dazu aufgefordert werden sollte)

2. Gebot: Den Namen Gottes in Ehren halten

Schwere Sünden:

  • Meineid (eine eidliche Aussage machen, die falsch ist, oder ein eidliches Versprechen ablegen, das man nicht halten will) und Eidbruch (Bruch eines eidlichen Versprechens)
  • Bruch eines unter schwerer Sünde abgelegten Gelübdes (z. B. Ordensgelübde)
  • Blasphemie (Gotteslästerung)

Lässliche Sünden:

  • Bruch eines unter lässlicher Sünde abgelegten Gelübdes oder eines Gelübdes in unwichtiger Sache
  • Unehrfürchtiger Gebrauch heiliger Namen
  • Unüberlegte Blasphemie aus starken Gefühlsbewegungen heraus (z. B. bei einem Schicksalsschlag unbewusst rufen „Wie kann Gott nur so grausam sein!“)
  • Unüberlegtes (aber nicht falsches!) Schwören aus einem nichtigen Anlass

Keine Sünden:

  • Dinge nicht einhalten, die man nicht gelobt, sondern sich bloß vergenommen hat
  • Ein Gelübde brechen, das man im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit abgelegt hat
  • Um Dispens von einem unüberlegten, schwer machbaren Gelübde bitten
  • Ein eidliches Versprechen, mit dem man sich dazu verpflichten wollte, eine Sünde zu begehen, nicht einhalten

3. Gebot: Den Tag des Herrn heiligen

Schwere Sünde:

  • Ohne guten Grund an Sonntagen und gebotenen Feiertagen nicht zur Messe gehen (z. B. weil man ausschlafen will)
  • Ohne sinnvollen Grund am Sonntag mehrere Stunden lang arbeiten (mit einer schweren Sünde wird grob ab 2-3 Stunden gerechnet)
  • Aus Nachlässigkeit die Hälfte der Messe versäumen

Lässliche Sünde:

  • Aus Nachlässigkeit fünf Minuten zu spät zur Messe kommen
  • Fünf Minuten vor Schluss die Messe verlassen
  • Eine gewisse Unaufmerksamkeit und Ablenkung bei der Messe
  • Kürzere Arbeiten am Sonntag erledigen, die man auch verschieben könnte

Keine Sünde:

  • Von der Messe zu Hause bleiben, weil die Fahrt dorthin mehr als eine Stunde dauern würde; oder weil man krank ist (z. B. Grippe, Bauchschmerzen, Migräne genügt); oder weil die Straßenverhältnisse extrem schlecht sind; oder weil dringende familiäre Pflichten dazwischen kommen; oder weil man niemanden hat, der einen fahren könnte)
  • Notwendige Arbeiten am Sonntag erledigen (z. B. Kochen, Küche aufräumen)
  • Einen Job annehmen, bei dem man regelmäßig sonntags arbeiten muss (z. B. Krankenschwester, Verkäufer an der Tankstelle)
  • Einen Teil der Messe versäumen, weil man mit einem unruhigen Kind vor die Tür gehen musste
  • Aus Protest wegen schwerer liturgischer Missbräuche die Messe verlassen

4. Gebot: Vater und Mutter ehren; allgemeiner: Pflichten in Familie und Staat ggü. Autoritäten und Untergebenen

Schwere Sünden:

  • Als Kind: In schwerwiegender Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam gegenüber den Eltern verstoßen (z. B. die Eltern schlagen; ihnen starken Hass zeigen; Ungehorsam bei einem wirklichen Befehl in wichtigen Dingen, solange man noch minderjährig ist; die alten Eltern in schwerer Not vernachlässigen; nie für die Eltern beten)
  • Als Eltern: In schwerwiegender Weise die Pflicht zu Liebe, Fürsorge und guter Erziehung verletzen (z. B. ein Kind gewohnheitsmäßig deutlich vorziehen; nie mit den Kindern zum Arzt gehen; ein ernsthaftes Risiko einer Fehlgeburt ohne guten Grund eingehen; sich nicht dafür interessieren, dass das Kind gemobbt wird; es den Kindern einfach durchgehen lassen, dass sie andere Kinder mobben; sie so sehr verwöhnen, dass sie sich für den Mittelpunkt der Welt halten; sich überhaupt nicht darum kümmern, dass sie über Gott Bescheid wissen, Antworten für ihre religiösen Fragen bekommen und die Sakramente empfangen)
  • Als Staatsbürger: Ungehorsam gegenüber gerechten Gesetzen in wichtigen Dingen; Steuerhinterziehung in größerem Ausmaß; illegales Agitieren gegen die Staatsgewalt ohne extremen Grund; Hass auf das Vaterland
  • Als Teilhaber an der Staatsgewalt: In schwerwiegender Weise gegen das Gemeinwohl handeln (z. B. als Abgeordneter für ein schlechtes Gesetz stimmen, um sich in der Partei nicht unbeliebt zu machen; als Richter bestechlich sein und Schuldige laufenlassen; sich überhaupt keine Mühe geben, seinen Job zu machen, z. B. indem man als Abgeordneter im Parlament entweder ständig fehlt oder nicht aufpasst)

Lässliche Sünden:

  • Als Kind: In leichter Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam gegenüber den Eltern verstoßen (z. B. geringfügige Beleidigungen; unnötige Streitereien; Ungehorsam in wenig wichtigen Dingen)
  • Als Eltern: In leichter Weise gegen die Pflicht zu Liebe, Fürsorge und guter Erziehung verstoßen (z. B. ein bisschen ungeduldig mit den Kindern sein; sie ein bisschen verwöhnen oder ein bisschen inkonsequent mit ihnen sein)
  • Als Staatsbürger: Ungehorsam gegenüber gerechten Gesetzen in wenig wichtigen Dingen, Wahlenthaltung aus Desinteresse am Staat, ohne dass man dadurch schuld ist, dass eine schlechte Regierung ins Amt kommt
  • Als Teilhaber an der Staatsgewalt: In leichter Weise gegen das Gemeinwohl handeln (z. B. leichte Nachlässigkeit bei der Wahrnehmung der Pflichten als Abgeordneter)

Keine Sünden:

  • Als Kind: Seinen Eltern nicht gehorchen, wenn man schon erwachsen ist; anderer Meinung sein als die Eltern; versehentlicher Ungehorsam aus Vergesslichkeit
  • Als Eltern: Nicht immer für alle Kinder gleichermaßen da sein können, weil z. B. ein kleineres Kind einen dringender braucht; zwischendurch auch mal ungesundes Essen auf den Tisch bringen; nicht die absolut besten Fördermöglichkeiten für das Kind suchen; nicht extra umziehen, um dem Kind die bestmögliche Schule zu bieten
  • Als Staatsbürger: Passiver Widerstand gegenüber ungerechten Gesetzen; aktiver Widerstand in Extremfällen, wenn dieser Widerstand nicht noch mehr Schaden anrichtet; Wahl einer schlechten Partei, um eine noch schlimmere zu verhindern
  • Als Teilhaber an der Staatsgewalt: Einem schlechten Gesetz zustimmen, um ein noch schlimmeres zu verhindern

5. Gebot: Nicht morden; allgemeiner: Leben, körperliche Unversehrtheit und Gesundheit von sich und anderen achten, nicht hassen und verletzen

Schwere Sünden:

  • Direkte Tötung eines unschuldigen Menschen (Mord, Totschlag, Abtreibung, Euthanasie…)
  • Indirekte Tötung eines unschuldigen Menschen (d. h. etwas tun, bei dem sein Tod nicht gewollt ist, aber in Kauf genommen wird) ohne schwerwiegenden Rechtfertigungsgrund
  • Verstümmelung ohne medizinische Notwendigkeit
  • Duell
  • Selbstmord
  • Bedeutende Schädigung der eigenen Gesundheit ohne vernünftigen Grund (z. B. durch harte Drogen)
  • Sich so sehr betrinken oder mit Drogen zudröhnen, dass man den Vernunftgebrauch nicht mehr hat
  • Selbstverstümmelung ohne medizinische Notwendigkeit
  • Hungerstreik, Selbstverbrennung aus Protest
  • Riskieren des eigenen Lebens ohne guten Grund (z. B. bei Russian Roulette oder extremen Mutproben)

Lässliche Sünden:

  • Nachlässigkeit bei verhältnismäßigen Vorsichtsmaßnahmen gegen die Verbreitung von Krankheiten
  • Leichte Unvorsichtigkeit im Straßenverkehr
  • Leichtere Schädigung der eigenen Gesundheit ohne vernünftigen Grund (z. B. zu viel essen, häufiger Zigaretten rauchen)
  • Einem Tier unnötige Schmerzen zufügen

Keine Sünden:

  • Töten oder Verletzen im Fall von Notwehr oder Nothilfe gegen einen gegenwärtigen Angriff auf bedeutende Rechtsgüter (d. h. gegen einen Angreifer, der einen töten, vergewaltigen, verletzen, foltern oder etwas Wertvolles rauben will; generell darf man dabei den Angreifer nur so sehr schädigen, wie es zur Verteidigung notwendig ist, aber im Akutfall wird es nicht immer so leicht sein, darauf abzuzielen, den Angreifer z. B. nur zu verletzen statt zu töten, und man muss nicht extrem darauf achten, jemandem nur ins Bein zu schießen, wenn man in der Zwischenzeit schon von ihm umgebracht werden könnte)
  • Beteiligung an einem sicher gerechten Krieg oder an einem zweifelhaft gerechten Krieg, wenn man durch Wehrpflicht o. Ä. dazu verpflichtet wird
  • Verhängung oder Ausführung der Todesstrafe aus einem gravierenden Grund
  • Herausholen eines Embryos im Fall einer Eileiterschwangerschaft, ohne ihn direkt zu zerstückeln o. Ä., z. B. durch Entfernung des ganzen Eileiters (da man hier seinen Tod nicht will, sondern nur in Kauf nimmt, und sonst Mutter und Kind beide sterben müssten)
  • Im Fall einer tödlichen Krankheit als Schwangere ein Medikament nehmen, das dem Kind schaden oder es töten könnte; bei einer nicht direkt lebensgefährlichen Krankheit ein Medikament nehmen, das nur selten eine Fehlgeburt verursacht
  • Andere Fälle von indirekter Tötung aus gravierenden Gründen, z. B. Bombenangriff auf eine Munitionsfabrik in einem gerechten Krieg, wobei man nicht ausschließen kann, dass auch Unschuldige sterben werden
  • Sich aus einem gewichtigen Grund (z. B. sehr belastende Krankheit) den Tod wünschen, sich dabei aber Gottes Vorsehung unterwerfen
  • Sein Leben riskieren, um einen anderen zu retten
  • Übernahme einer gesundheitsschädlichen Arbeit, die an sich legitim ist und gemacht werden sollte
  • Unverhältnismäßige Vorsichtsmaßnahmen bzgl. der Verbreitung von Krankheiten nicht einhalten
  • Tierversuche in der medizinischen Forschung

6. & 9. Gebot: Nicht die Ehe brechen, nicht nach der Frau eines anderen verlangen; allgemeiner: Keuschheit und Schamhaftigkeit

Hier wird eigentlich alles im Bereich der Unkeuschheit (sexuelle Erregung oder Befriedigung suchen außerhalb der Ehe oder der natürlichen Ordnung) unter die schwere Sünde gezählt, auch wenn es innerhalb des Bereichs der schweren Sünde noch viele Abstufungen gibt, während es bei der Unschamhaftigkeit (zu offenes Zurschaustellen und Umgehen mit Sexualität/Nacktheit) auf den Grad ankommt, darauf, ob sie leicht für sexuelle Erregung sorgt oder nicht, dafür, ob sie schwer oder lässlich ist. (Es gibt verschiedene Gründe, warum die Moraltheologen hier so streng waren; u. a. wohl deshalb, weil Unkeuschheitssünden doch diejenigen Sünden sind, die Menschen gerne stark verstricken und zu weiteren Sünden führen, die sie stark prägen und bei denen viel auf dem Spiel steht; die Kraft, mit der neue Menschen gemacht werden, ist nun mal einfach etwas Bedeutsames. Mehr zu diesem Thema z. B. hier und hier. Außerdem kommt man an der Aussage Jesu in der Bergpredigt über Ehebruch im Herzen auch nicht einfach vorbei.)

Schwere Sünden:

  • Gewollt unkeusche Fantasien und Gefühle erwecken, darin schwelgen (delectatio morosa)
  • Zärtlichkeiten, die auf sexuelle Erregung abzielen (Herummachen, Hände unter dem T-Shirt des anderen, Zungenküsse, Petting…)
  • Unzucht (Sex außerhalb der Ehe)
  • Ehebruch
  • Masturbation
  • Inzest
  • Homosexuelle Handlungen
  • Widernatürliche oder perverse Praktiken auch in heterosexueller Konstellation (z. B. Penetration & Samenerguss in unnatürliche Körperöffnung (Analsex, Oralsex – orale Zärtlichkeiten als bloßes Vorspiel dürften wohl an sich keine Sünde sein) oder Sadismus)
  • Künstliche Verhütungsmittel (Pille, Kondome, Spirale, coitus interruptus…)
  • Sterilisation
  • Voyeurismus
  • Konsum oder Herstellung von Pornographie
  • Schwere Unschamhaftigkeit, z. B. sich halbnackt präsentieren, sodass Brüste und Hintern raushängen, oder vor anderen sehr explizit über sexuelle Praktiken reden, oder Romane mit expliziten Sexszenen lesen, ohne die zumindest zu überblättern
  • Vergewaltigung, Missbrauch von Kindern oder Unzurechnungsfähigen (nicht nur sehr schwere Sünde gegen die Keuschheit, sondern auch sehr schwere Sünde gegen die Gerechtigkeit)

Lässliche Sünden:

  • Leichte Sünden der Unschamhaftigkeit (z. B. bei Kleidung (T-Shirt, das ein wenig eng ist o. Ä.) oder Gesprächen, die noch keinen großen Einfluss darauf haben, sexuelle Gefühle zu erregen)
  • Sich aus zu großer Neugier mit sexuellen Dingen beschäftigen, ohne ein großes Risiko von sexueller Erregung
  • Unkeuschheitssünden ohne vollen Willen oder Bewusstsein (z. B. im Halbschlaf, oder aus einer Sucht heraus – wobei es wohl auch eine schwere Sünde wäre, gar nicht zu versuchen, die Sucht zu bekämpfen, aber bei der Einzelsünde wäre die Schuld gemildert)

Keine Sünden:

  • Gedanken, Gefühle oder körperliche Reaktionen, die man nicht kontrollieren kann und die man einfach ignoriert (oder von denen man sich irgendwie ablenkt, wenn sie stark belastend werden)
  • Nächtliche Pollution
  • Unkeusche Träume
  • Kurze Küsse und Umarmungen vor der Ehe
  • Sich aus medizinischen Gründen Gebärmutter, Eierstöcke o. Ä. entfernen lassen
  • Aus einem vernünftigen Grund NFP (Natürliche Familienplanung) verwenden, um die Kinderzahl zu begrenzen
  • Sich sachlich über Sexualität informieren, z. B. weil man eine medizinische oder moraltheologische Frage klären will
  • Sich vor dem Arzt ausziehen

7. & 10. Gebot: Nicht stehlen; nicht nach dem Gut eines anderen verlangen; allgemeiner: der richtige Umgang mit Eigentum

Schwere Sünden:

  • Diebstahl von größeren Summen (z. B. 200 €) oder serienmäßige kleine Diebstähle
  • Schwere Sachbeschädigung
  • Schwerer Betrug
  • Eindeutig weniger zahlen als den gerechten Familienlohn (d. h. den Lohn, mit dem ein Vollzeitangestellter als Alleinverdiener eine mittelgroße Familie ernähren kann)
  • Wucher (stark überhöhte Preise oder Zinsen)
  • Einen Vertrag nicht einhalten, indem man sehr schlechte Ware oder Arbeit liefert

Lässliche Sünden:

  • Diebstahl von geringen Summen (z. B. 5€) oder Diebstähle unter mildernden Umständen (z. B. etwas von Familienmitgliedern „ausleihen“, ohne zu fragen, oder am Arbeitsplatz Stifte und Kopierpapier mitgehen lassen…)
  • Geliehenes verspätet zurückgeben
  • Mit öffentlichem Eigentum nicht sorgfältig umgehen (z. B. Büchereibücher fahrlässig beschädigen)
  • Ein bisschen Faulheit bei der Arbeit

Keine Sünden:

  • Mundraub (Essen oder andere lebenswichtige Dinge stehlen, weil man weder durch Arbeit noch Betteln etwas bekommen kann)
  • Etwas heimlich an sich nehmen, das einem rechtmäßig sicher gehört, das einem aber vorenthalten wurde und man nicht auf andere Weise bekommen kann

Beim 7. Gebot sei angemerkt, dass für Schaden am Eigentum grundsätzlich eine Wiedergutmachung gegenüber dem Geschädigten moralisch verpflichtend ist; wenn es praktisch nicht gut möglich ist, sie zu leisten, muss man stattdessen den jeweiligen Betrag den Armen spenden.

8. Gebot: Kein falsches Zeugnis ablegen; allgemeiner: Wahrheit, Ehre, Treue, rechter Umgang mit Worten

Schwere Sünden:

  • Lüge, die jemand anderem stark schadet
  • Jemandem eine wichtige Information vorenthalten, die zu erfahren er ein Recht hat
  • Schwere Ehrabschneidung (durch Offenbaren wirklicher Sünden, die zu offenbaren weder notwendig für das Privatwohl noch für das Allgemeinwohl ist)
  • Schwere Verleumdung (durch Verbreiten falscher Behauptungen)
  • „Ohrenbläserei“ bei wichtigen Dingen (d. h. negative Informationen weitertragen („der da hat dich beleidigt“), um Streit zu stiften)
  • Wichtige Geheimnisse ohne guten Grund verraten
  • Schwerwiegende Beschimpfung (=ungerechterweise die Ehre eines anderen angreifen)
  • Völlig grundlos über andere hart urteilen (sog. freventliches Urteil)

Lässliche Sünden:

  • Notlüge, Scherzlüge
  • Jemandem eine unwichtige Information vorenthalten, die zu erfahren er ein Recht hat
  • Ein bisschen Lästern über Kleinigkeiten, ohne dass dabei jemandes Ruf stark geschädigt werden kann
  • Verrat eines unwichtigen Geheimnisses
  • Leichte Beschimpfung
  • Unzureichend begründeten Argwohn hegen

Keine Sünden:

  • Die sog. Mentalrestriktion (nicht die ganze Wahrheit sagen), wenn man einen hinreichenden Grund hat und der andere kein Recht hat, die Wahrheit zu erfahren (z. B. wenn ein Priester über Dinge befragt wird, die er nur aus der Beichte weiß, und dazu sagt „Ich weiß nichts“, mit dem gedanklichen Zusatz „…das ich sagen könnte“)
  • Jemandem, der kein Recht hat, eine Information zu bekommen, diese Information vorenthalten
  • Etwas Schlechtes über jemand anderen öffentlich machen, um jemand anderen vor Schaden zu bewahren, oder wenn derjenige sich um ein Amt bewirbt, für das er unwürdig ist; oder etwas Schlechtes über jemand anderem einem Freund erzählen, um sich bei ihm Rat zu holen…
  • Verrat eines Geheimnisses aus gutem Grund (z. B. um andere vor Schaden zu bewahren)
  • Im Umgang mit anderen vorsichtig sein, weil man nie genau wissen kann, was wirklich in jemandem steckt; hier liegt kein unbegründeter Argwohn oder freventliches Urteil vor, auch nicht, wenn man z. B. speziell bei einer bestimmten Gruppe von Menschen besonders vorsichtig ist; hier wird ja kein Urteil über einen einzelnen gefällt

Kirchengebote – in der Osterzeit die Kommunion empfangen, 1x im Jahr die schweren Sünden beichten, die Fast- und Abstinenztage einhalten, die Kirche finanziell unterstützen

Schwere Sünden:

  • In der Osterzeit nicht die Kommunion empfangen, obwohl es machbar wäre
  • Die schweren Sünden nicht mindestens einmal im Jahr beichten
  • Ohne Entschuldigung am Freitag weder Abstinenz (Fleischverzicht) halten noch ein Ersatzopfer bringen
  • Ohne Entschuldigung die Fasttage (Aschermittwoch und Karfreitag) nicht einhalten
  • Die Kirche überhaupt nicht materiell unterstüzen, obwohl man nicht arm ist (in Deutschland ist diese Sünde schwer begehbar, da die Kirchensteuer sowieso automatisch eingezogen wird)

Lässliche Sünden:

  • An Fasttagen zwar Verzicht üben, aber ein klein wenig mehr essen, als man dürfte
  • Sich aus einem zwar nicht ganz frivolen, aber nicht ganz ausreichenden Grund für vom Fasten entschuldigt halten

Keine Sünden:

  • Nicht fasten, weil man schwanger oder krank ist
  • Das Freitagsfasten aus Zerstreutheit vergessen
  • Nicht beichten, weil man nur lässliche Sünden zu beichten hat
  • Nicht öfter als einmal im Jahr beichten und die Kommunion empfangen

Dazu, was gilt, wenn jemand sich in eine größere Versuchung, eine größere Gefahr, eine bestimmte Sünde zu begehen, begibt, und was gilt, wenn jemand an der Sünde eines anderen mitwirkt, wann das alles Sünde ist und wenn ja, wie schwer, habe ich auch schon mal etwas geschrieben. Kurz gesagt: Es kommt auf die Größe der Gefahr bzw. der Mitwirkung und den verhältnismäßigen Grund dazu an.

Es gibt kein drittes Geschlecht

Bei Menschen kann man zwei große Gruppen unterscheiden:

1) die, deren Körper grundsätzlich Eizellen hat/haben könnte/gehabt haben könnte („Frauen“ genannt)

2) die, deren Körper grundsätzlich Spermien hat/haben könnte/gehabt haben könnte („Männer“ genannt)

(„haben könnte“, weil es manchmal Fehlentwicklungen geben kann, und „gehabt haben könnte“, weil Embryonen manchmal sterben, bevor sich diese Organe entwickeln, und es auch schon geborene Leute gibt, denen sie aus irgendeinem Grund, z. B. Krebs, herausoperiert werden mussten; das ändert aber an dem grundsätzlichen Wesen dieser Leute nichts. Im Bauplan einer Katze ist angegeben, dass sie vier Beine hat, aber wenn sie eins verliert, wird sie nicht zur Nicht-Katze, sondern zur verstümmelten Katze.)

Es gibt schlichtweg keine Menschen, deren Körper beides produziert/produzieren könnte; keine wirklichen „Zwitter“, die sich selbst befruchten könnten, nicht mal als seltene Abweichung. (Während es das bei manchen Tieren gibt.) Und es gibt auch keine Menschen, die in keine dieser beiden Gruppen passen.

Was es gibt, sind Menschen, bei denen diese Merkmale wenig oder seltsam ausgeprägt sind oder die auch Sekundärmerkmale haben, die typisch für die andere Gruppe sind. Z. B. kommen unter sog. Intersexuellen Männer mit Mikropenis und Frauen mit übergroßer Klitoris vor. Menschen mit Agonadismus sind genetisch ganz normal männlich (XY-Chromosomen) oder weiblich (XX-Chromosomen), aber wegen einer Fehlbildung entwickeln sich die Keimdrüsen (Eierstöcke/Hoden), die sie gehabt haben könnten, nicht. Das Turnersyndrom ist eine Krankheit bei Frauen, die auch gut als Frauen erkennbar sind, denen aber ein Chromosom fehlt (d. h. sie haben nur ein X-Chromosom statt zwei) und die unfruchtbar sind. Männer mit dem Klinefelter-Syndrom haben ein X-Chromosom zu viel (d. h. XXY-Chromosomen), verkleinerte Hoden und einen Testosteronmangel und sind oft, aber nicht immer, unfruchtbar, aber sie sind Männer, und deutlich erkennbar als Männer. Beim Swyer-Syndrom bilden sich bei einem genetisch männlichen Embryo wegen einer Störung keine männlichen Keimdrüsen (Hoden) aus, und dann entwickelt sich der Körper weiterhin auf eine gewissermaßen weibliche Weise, bildet also eine Art Vagina und Gebärmutter aus, aber keine weiblichen Keimdrüsen (Eierstöcke). Jungen mit Swyer-Syndrom erscheinen anhand der äußeren Genitalien als Mädchen, ihr übriger Körper wirkt eher männlich, sie erleben keine Pubertät und sind unfruchtbar. Bei einem 5α-Reduktase-Mangel werden Jungen geboren, die zuerst wie Mädchen wirken, weil ihre Hoden zunächst im Körper verborgen sind und sich ihr Penis nicht entwickelt hat, die dann aber eine männliche Pubertät durchmachen und dann auch nach außen hin wie Männer aussehen.

Intersexuelle sind oft unfruchtbar, sehen manchmal sicher auch seltsam aus, aber sind nicht a-geschlechtlich – höchstens stecken sie zwischen zwei genau bestimmbaren Geschlechtern und haben Merkmale von beiden, aber im Grunde gehören sie immer noch klar zu einem der beiden.

Transpersonen wiederum sind etwas völlig anderes als Intersexuelle – nämlich Menschen, die körperlich klar einem Geschlecht zugehörig sind und keine solchen Gendefekte haben, die aber psychisch einfach nicht mit ihrem körperlichen Geschlecht klarkommen. Geschlechtsdysphorie ist nicht gleich Intersexualität.

Männer und Frauen kann man bezeichnen, wie auch immer man will: Sie bleiben trotzdem in der Realität als abgegrenzte Gruppen bestehen; und das wird man auch niemals ändern können. Auch Operationen, bei denen z. B. Männern die Geschlechtsteile abgeschnitten werden und eine künstliche Öffnung zwischen ihren Beinen geformt wird, ändern daran nichts und können auch nicht dazu führen, dass jemand sich als das andere Geschlecht fortpflanzen könnte.

Transgenderideologen kommen manchmal mit folgendem Argument, um die klare Abgegrenztheit der Kategorien „Mann“ und „Frau“ zu verunklaren: „Hast du deine Chromosomen testen lassen? Weißt du, ob in deinem Körper wirklich Eizellen sind? Siehst du, du gehst einfach davon aus, dass du eine Frau bist, du fühlst es einfach, wie Transpersonen es auch fühlen.“ Das ist aber erstens Blödsinn und zweitens Gaslighting. Bei einem normal aussehenden Nutellaglas muss ich es nicht erst bis unten auslöffeln, um davon ausgehen zu können, dass auch im ganzen Glas Nutella ist, oder es vielleicht nur innen dunkelbraun angemalt ist. Und als durchschnittliche Frau kann ich davon ausgehen, dass Merkmale, die etwas mehr äußerlich sind, schon zeigen, was weiter innen ist (abgesehen davon, dass gerade in der Pubertät, bei frauenärztlichen Untersuchungen, bei Bauchoperationen oder bei Gentests ja innere Auffälligkeiten entdeckt werden würden, aber in den seltensten Fällen entdeckt werden). Es gibt extrem seltene Fälle, in denen man sich bei der Geschlechtsbestimmung irren kann – aber nicht deshalb, weil das Neugeborene ein drittes Geschlecht hätte, sondern eben, weil es wegen einer seltenen medizinischen Fehlentwicklung schwer zu sehen ist, zu welchem Geschlecht es gehört. Normalerweise kann man sich da aber sicher sein.

Das Geschlecht kann körperlich eindeutig bestimmt werden, und jeder Mensch hat ein bestimmtes Geschlecht.

Selbst die LGBTQ-Bewegung geht irgendwie davon aus, indem die Kategorien jetzt eben nicht mehr „Mann“ und „Frau“, sondern „Cis-Mann“, „Transfrau“, „Cis-Frau“ und „Transmann“ heißen; und „Cis-Frauen“ und „Transmänner“ zusammengenommen sind einfach nur das, was man früher als „Frauen“ bezeichnete, und „Cis-Männer“ und „Transfrauen“ zusammengenommen einfach nur das, was man früher als „Männer“ bezeichnete. Man kann Begriffsverschiebungen durchführen, ohne den Realitäten dahinter zu entkommen.

Und auch die Versuche, aus Geschlecht ein „Spektrum“ zu machen, oder „divers“ als drittes Geschlecht einzuführen, gehen ja immer noch zutiefst von der Geschlechterdualität aus. Transgender – ich will zum anderen der zwei Geschlechter gehören. Genderfluid – ich will mal zu dem, mal zu dem der zwei Geschlechter gehören. A-gender/Non-binary – ich will zu keinem der beiden Geschlechter gehören. Man kann kein genuin drittes Geschlecht mit einer ganz eigenen Rolle erfinden, weil es nun mal bei der Fortpflanzung der Menschheit nur zwei Rollen gibt.

Das, was die zwei Geschlechter grundsätzlich unterscheidet, ist ihre Rolle bei der Fortpflanzung. (Und wenn man über die redet, könnte man gefälligst mal aufhören, so zu tun, als wäre sie eine unwichtige Sache, eine rein pragmatisch-materielle Geschichte. Hier geht es darum, neue einmalige Menschen zu machen, deren Seelen ewig leben werden. Natürlich sind diese Unterschiede wichtig.)

Andere Unterschiede gehen normalerweise damit einher, aber nicht in allen Fällen: Frauen entwickeln Brüste, Männer nicht; Männer sind fast immer stärker als Frauen; Männer sind im Durchschnitt körperlich aggressiver und gehen mehr Risiken ein, Frauen sind angepasster; Männer denken sachlicher und Frauen personenbezogener; usw. Diese Merkmale bestimmen nicht das Geschlecht, sondern sind seine Ausprägungen. Auch eine flachbrüstige, groß und breit gebaute Frau, die unsere Großeltern als „Mannweib“ bezeichnet hätten und die gerne Extremsport betreibt, bleibt eine Frau. Es ist generell nicht schlimm, wenn man nicht alle diese Ausprägungen hat, es gibt keine moralische Verpflichtung, einem bestimmten idealtypischen Bild genau zu entsprechen; aber die meisten Menschen haben zumindest viele davon und diese Dualität, diese gegenseitige Ergänzung von Männern und Frauen, ist auch gut so. Sie ist u. a. auch deswegen gut, weil sie der Rolle bei der Fortpflanzung zugutekommt: Frauen stillen das Kind und kümmern sich direkter um es; Männer, die unabhängiger vom Kind und körperlich stärker sind, beschaffen derweil den Lebensunterhalt für Frau und Kind. Aber diese gegenseitige Ergänzung und Verschiedenheit ist auch in anderen Lebensbereichen nützlich, und generell ist es gut, wenn man sich hier mit seiner jeweiligen Rolle identifizieren kann.

Zuletzt gibt es rein äußerliche Merkmale, die von Menschen selbst festgelegt sind, und mit denen Frauen und Männer sich voneinander abgrenzen – z. B. dass nur Frauen Röcke tragen (außer in Schottland). Ein Mann, der sich im Fasching zum Spaß einen Rock anzieht und sich Lippenstift auf die Lippen malt, bleibt genauso sehr ein Mann wie einer, der sich ernsthaft einen Rock anzieht und sich Lippenstift auf die Lippen malt, weil er gerne eine Frau sein möchte. Es ist aber auch gut, dass es diese Merkmale gibt; so, wie es gut ist, dass es überhaupt Begrüßungsrituale oder Tischsitten gibt, auch wenn die von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein können, man manchmal zum Spaß darauf verzichten kann und sie sich ändern können. Man muss auch hier nicht immer total stereotyp sein; aber sich ernsthaft – nicht nur im Fasching – als das andere Geschlecht zu verkleiden, weil man wie dieses Geschlecht wirken will und seines hasst, ist falsch, weil das Motiv dahinter falsch ist.

Gott hat einem ja ein Geschlecht zugewiesen. Das waren nicht die Eltern oder ein Arzt, es war Gott. Und Schwierigkeiten dabei, sich mit dem Geschlecht, das man nun mal hat, zu identifizieren, sind dasselbe wie andere Schwierigkeiten dabei, mit dem Leben, wie es nun mal ist, zurechtzukommen, z. B. Autismus oder eine Angststörung. Die Realität zurechtzubiegen ist dabei ebenso so sinn- wie aussichtslos; man muss eben irgendwie mit ihr zurechtkommen; und solange man nichts wirklich Falsches tut, ist es auch nicht schlimm, wenn man dabei ab und zu etwas seltsam auf andere Menschen wirkt. Aber wenn man ein Mann ist, ist man ein Mann, wird ein Mann bleiben und sollte nicht versuchen, sich ernsthaft als Frau zu präsentieren. Wenn man sich wie ein ungewöhnlicher Mann verhält, ist das eine Sache; wenn man vorgibt, eine Frau zu sein, eine andere.

In der ganzen Debatte ums Transgendertum werden ja auch viele andere Realitäten oft zurechtgebogen – z. B. die Tatsache, dass die Zahl von Kindern, die sich als transgender identifizieren, in den letzten fünf Jahren um ein Vielfaches gestiegen ist, und dass oft innerhalb derselben Klasse oder Gruppe andere Kinder, die bisher keine Geschlechtsdysphorie hatten, sich davon anstecken lassen. Sich als transgender zu identifizieren (etwas, von dem man vorher gar nicht wusste, dass es das gibt) kann als Ausweg aus Schwierigkeiten erscheinen, als Möglichkeit, jemand ganz anderer zu werden. Sog. Rapid Onset Gender Dysphoria ist gut dokumentiert. Und in vielen Fällen werden solchen Kindern dann schon vor der Pubertät einfach Pubertätsblocker gegeben, die den Körper schädigen und unfruchtbar machen. Psychologen und Ärzte wollen ja nicht transfeindlich wirken. Auch gerne übersehen werden die Menschen, die nach einer Transition gemerkt haben, dass es nicht funktioniert, und sie es eigentlich doch nicht wollen, und die wieder ihre ursprüngliche Identität angenommen haben. Auch übersehen wird gerne, dass es unter Transfrauen auch einige Männer mit Autogynophilie gibt, d. h. Männer, die sexuell von der Vorstellung von sich als Frau erregt werden; nicht nur Männer, die sich einfach als Frauen fühlen. Auch übersehen wird gerne, wie aggressiv gerade Transfrauen oft gegenüber Frauen werden, die keine biologischen Männer in Damentoiletten, Frauenhäusern und Frauengefängnissen wollen, also Orten, wo Frauen besonders verletzlich und ausgeliefert sind. Auch übersehen wird gerne, dass die enorme Selbstmordrate unter Transpersonen (um die 40%) nach einer Geschlechtsumwandlung nicht nach unten geht. Und das darauf zu schieben, dass einfach die Unterdrückung noch immer so schlimm wäre, funktioniert nicht ganz – eine solche Selbstmordrate können wahrscheinlich nicht mal Sklavinnen beim IS vorweisen.

Es geht hier nicht um Menschen, die einfach innerlich schon immer sicher waren, dass sie zum anderen Geschlecht gehören (wie will man überhaupt wissen, wie es sich anfühlt, etwas zu sein, das man nie war?), und die dann glücklich und zufrieden sind, wenn sie das endlich leben können. Das ist nicht alles harmlos und nett, genauso wie Homosexualität nicht Händchenhalten ist. Auch wenn man gerne so tut, als wäre es das.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 10a: Das 4. Gebot – Eltern und Kinder

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Im 4. Gebot – „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – geht es um die Familie; obwohl hier nach dem Wortsinn nur die Pflichten der Kinder gegenüber den Eltern erwähnt werden, hat man darunter auch die Pflichten der Eltern gegenüber ihren Kindern miteinbegriffen, und im erweiterten Sinn auch die Pflichten in größeren Gesellschaften, v. a. dem Staat. In diesem Gebot geht es eigentlich darum, was es bedeutet, als Gemeinschaftswesen zu leben.

Daher hier erst mal ein paar allgemeinere Begründungen:

Nach der katholischen Naturrechtslehre ist es für Menschen natürlich, in Gesellschaft zu leben; Menschen sind auf Kontakt mit anderen ausgerichtet, kommen allein meistens nicht zurecht und werden schon in einer Gemeinschaft geboren (der Familie), die sie sich nicht selber ausgesucht haben und in die sie sich eingliedern müssen. Ohne eine Gemeinschaft können Menschen ihre typisch menschlichen Fähigkeiten (rationales Denken, Sprache, etc.) nicht ausbilden.

Der Moraltheologe Austin Fagothey definiert eine Gesellschaft als „eine bleibende Vereinigung einer Anzahl von Personen, die moralisch verpflichtet sind, unter einer Autorität für ein Gemeinwohl zusammenzuarbeiten“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason. Ethics in theory and practice, 2. Ausg., St. Louis 1959, S. 356). Das Gemeinwohl ist nicht nur die Zusammenfassung des Privatwohls der einzelnen Mitglieder (z. B. dass jeder einzelne von ihnen jeweils genug Nahrung und Besitz hat), sondern etwas, das sie alle gemeinsam genießen können und das nicht dadurch verringert wird, dass man es mit anderen teilt. Güter wie Freundschaft, Ordnung oder Wissen werden nicht dadurch verringert, dass andere auch an ihnen teilhaben, sondern eher vergrößert. Das höchste „Gemeingut“ in gewisser Weise, dem alle Menschen zustreben, ist Gott, die Summe alles Guten.

Die Kirche unterscheidet natürliche Gesellschaften, übernatürliche Gesellschaften und künstliche Gesellschaften. Natürliche Gesellschaften sind Gesellschaften, bei denen es von Gott gewollt ist, dass es sie gibt, und die Menschen nicht komplett beliebig umformen können, und die zunächst einmal auf rein natürliche Ziele ausgerichtet sind (ein friedliches Leben in Gemeinschaft, Ordnung, Gerechtigkeit… und als höchstes Ziel die natürliche Erkenntnis Gottes). Das sind zwei Gesellschaften: Familie und Staat. Die einzige übernatürliche Gesellschaft ist die Kirche; sie ist auf noch direktere Weise von Gott eingesetzt worden und auf ein übernatürliches Ziel ausgerichtet, nämlich auf die Anschauung Gottes, darauf, ihre Mitglieder in den Himmel zu führen, und hat die direkte Offenbarung von Gott zur Hilfe, nicht nur die natürlichen Kräfte der Vernunft. Dann gibt es noch quasi „künstliche“ Gesellschaften; das sind alle anderen Gesellschaften. Künstlich ist hier nicht abwertend gemeint; es sagt einfach nur, dass sie von Menschen begründet wurden und abänderbar sind. Dazu gehören z. B. Gewerkschaften und Vereine.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den künstlichen Gesellschaften auf der einen Seite und den natürlichen und übernatürlichen Gesellschaften auf der anderen Seite ist, woher die Autorität in ihnen kommt. Bei Staat, Familie und Kirche ist diese Autorität direkt von Gott gewollt und man kann sich nicht aussuchen, ob man überhaupt eine Autorität haben will oder nicht. Das heißt nicht, dass der Inhaber der Autorität direkt von Gott ausgewählt wird. Um den Unterschied deutlich zu machen: Wenn jemand ein Kind zeugt, wird er dadurch zum Vater und hat eine gewisse Autorität und Fürsorgepflicht in Bezug auf das Kind, und Gott stützt und bejaht diese konkrete Autorität und Verantwortung dieses konkreten Vaters, unabhängig davon, ob es eine gute Idee für ihn war, Kinder zu bekommen, oder ob er als Vater auch Fehler macht (diese Fehler unterstützt Gott nicht, aber sie machen ihn nicht zum Nicht-Vater). Und genauso sieht es aus, wenn jemand Staatsoberhaupt oder Regierungsmitglied wird: Damit bekommt er eine objektive Autorität und Verantwortung, für die ihn Gott wiederum zur Verantwortung ziehen wird und die Gott auch stützt. Er hat damit einen Anspruch auf Gehorsam vonseiten der Staatsbürger, die irgendwer anders nicht hat. (Jedenfalls solange er keine Gesetze einführen will, die gegen Gerechtigkeit und Allgemeinwohl verstoßen: „Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz“. Gegen solche Gesetze ist zumindest passiver Widerstand erlaubt, und im alleräußersten Notfall, wenn eine Regierung sich völlig gegen das Gemeinwohl wendet und nur noch willkürlich und tyrannisch ist, während sie ihre eigentlichen Aufgaben vernachlässigt, wäre auch die Absetzung einer Regierung und die Einführung einer neuen Staatsverfassung erlaubt – genauso, wie man, wenn es entsprechend schlimm wird, Kinder aus ihrer Familie nehmen und die Vormundschaft jemand anderem übertragen darf, weil die Eltern durch die Verletzung ihrer Pflichten ihre Rechte verspielt haben.)

Wie Familien ihre Angelegenheiten unterschiedlich regeln können, können das auch Staaten. Ob es eine Monarchie oder eine Republik ist, oder ein parlamentarisches oder präsidiales System, ist nicht so wichtig. Ein Staatsoberhaupt kann durch Erbfolge bestimmt werden, durch ein Gremium oder eine Gruppe gewählt werden, durch das Volk gewählt werden, oder sonstwie bestimmt werden. Aber in jedem Fall ist dann seine Autorität von Gott gewollt und gestützt, genau wie die Autorität der Eltern von Gott gewollt und gestützt ist, egal auf welche Weise sie Eltern geworden sind und wie genau sie ihre Familie leiten.

Bei einer künstlichen Gesellschaft dagegen bekommt die Autorität ihre Berechtigung durch die Mitglieder: z. B. dadurch, dass sie denjenigen wählen, oder sich damit einverstanden erklären, dass er durch Losentscheid bestimmt wird, oder einen Arbeitsvertrag mit ihm unterschreiben.

Jetzt also zu den Pflichten in der Familie.

Es geht bei den Pflichten speziell gegenüber den Eltern nicht nur um Respekt und Gehorsam in der Kindheit – das natürlich auch – sondern auch um Respekt und Fürsorge für die Eltern, wenn man erwachsen ist und sie alt sind. Die richtige Haltung gegenüber den Eltern wird als die Tugend der pietas (Pietät) bezeichnet, was meint, die Eltern besonders zu ehren, da man von ihnen herkommt, und Dankbarkeit für ihre Mühen usw. einschließt. Die Eltern wiederum haben vor allem Pflichten in Bezug darauf, ihre Kinder zu lieben, für sie zu sorgen, sie auf ihr Leben vorzubereiten, und vor allem, ihnen den Glauben zu vermitteln; sie haben sie ja als abhängige, schwache Wesen in die Welt gebracht. In der Familie gibt es natürlich auch Pflichten zwischen Ehemann und Ehefrau; aber auf dieses Thema, und anderes, was die Ehe angeht, will ich in einem anderen Artikel eingehen.

Heribert Jone schreibt über die Familie:

Viertes Gebot

Das vierte Gebot bestimmt ausdrücklich die Pflichten, welche die Kinder gegen die Eltern haben. Damit verwandt sind die Pflichten gegen alle jene, die an der elterlichen Autorität irgendwie Anteil haben, sowie die Pflichten, welche Eltern und Vorgesetzte gegen ihre Untergebenen haben, also alle Pflichten in der Familie und im Staate.

Erstes Kapitel

Die Pflichten in der Familie

I. Die Pflichten der Kinder gegen die Eltern. Aus Pietät schulden die Kinder den Eltern:

1. Ehrfurcht, und zwar sowohl in der inneren Gesinnung als auch im äußeren Betragen.

Eine Verletzung der Ehrfurcht findet statt durch innere Verachtung, beleidigende Reden, geringschätzige Haltung, Schlagen. Auch eine unbedeutende aber ernsthafte Mißhandlung kann schwere Sünde sein. [Gemeint ist hier: Eine Misshandlung, die den Eltern nicht stark körperlich schadet – z. B. leichtes Schlagen, Stoßen o. Ä. -, das aber schwere Verachtung verkörpert, was sehr leicht einzusehen ist.] Gegen die Ehrfurcht sündigt man auch, wenn man sich seiner Eltern schämt, sie verleugnet wegen ihres niedrigen Standes, wegen ihrer ärmlichen Kleidung und dergl. – Nicht gegen die Ehrfurcht aber ist es, wenn jemand seine Eltern, welche den Verstand verloren haben (z. B. wegen Irrsinn, Alter, Trunkenheit) in guter Absicht mit Gewalt, aber ohne innere Verachtung an etwas hindert. Dasselbe gilt, wenn jemand aus einem gerechten Grund (z. B. Verbrechen der Eltern) die Eltern nicht bei sich haben will, vorausgesetzt, daß er ihnen die nötige Unterstützung zukommen läßt.

2. Liebe in der Gesinnung und in der Tat.

Sünden gegen die schuldige Liebe sind: Unwille, Haß, Verwünschung, üble Nachreden, kränkende Worte und Handlungen, Verursachung von Kummer, Unterlassung des Gebetes sowie der Unterstützung bei seelischer und leiblicher Not. – Befinden sich die Eltern in schwerer Not, so dürfen die Kinder nicht ins Kloster gehen, wenn sie ihnen durch das Verbleiben in der Welt helfen können (vgl. auch Nr. 255). – Eine Pflicht, nach dem Tode der Eltern ihre Schulden zu bezahlen, besteht nicht, wenn man von den Eltern nichts geerbt hat, selbst dann nicht, wenn die Schulden für die Erziehung der Kinder gemacht wurden (vgl. auch Nr. 321).

3. Gehorsam in allen erlaubten Dingen [gemeint ist mit „erlaubten Dingen“: Dinge, die keine Sünde sind], die sich auf ihre Erziehung, sowie auf die häusliche Ordnung beziehen.

Ungehorsam ist eine schwere Sünde, wenn es sich um etwas Wichtiges handelt und die Eltern ein wirkliches Gebot geben. – In Erziehungsfragen dauert die Pflicht des Gehorsams bis zur Großjährigkeit. – Minderjährigen ist es daher nicht erlaubt, gegen den Willen der Eltern eine bestimmte Arbeit zu übernehmen oder in Dienst zu gehen. In der Berufswahl aber sind sie frei. [Gemeint dürfte sein: Auch wenn man einen bestimmten Ausbildungsvertrag bei einem bestimmten Arbeitgeber nicht gegen den Willen der Eltern unterzeichnen darf, darf man sich selbst aussuchen, dass man Bäcker werden will und nicht Schreiner, wenn die Eltern wollen, dass man Schreiner wird.] – Auch Großjährige müssen, solange sie im Elternhause wohnen, gehorchen in Dingen, die sich auf die häusliche Ordnung beziehen, z. B. abends zeitig nach Hause kommen. – Vor der Heirat sollen die Kinder den Rat ihrer Eltern einholen. Wenn sie aber selbst auf einen vernünftigen Rat nicht hören, begehen sie gewöhnlich nur eine lässliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 199)

Als schwere Sünden hätten wir also Dinge, die in schwerwiegender Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam verstoßen, z. B.:

  • Ungehorsam bei einem wirklichen Befehl in wichtigen Dingen
  • Jede Form von körperlicher Misshandlung
  • Zeigen von deutlichem Hass oder Verachtung, z. B. den Eltern wünschen, dass sie tot umfallen, oder sich gezielt mit etwas über sie lustig machen, bei dem man weiß, dass es sie schwer verletzt
  • Vernachlässigung bei schwerer seelischer oder materieller Not (Vernachlässigung in schwerer seelischer Not wäre z. B., den sterbenden katholischen Eltern keinen Priester zu rufen)
  • ihnen schwere Sorgen bereiten, z. B. weil man sie komplett aus seinem Leben ausschließt, nachdem sie irgendeine Lebensentscheidung von einem nicht gutgeheißen haben
  • nie für sie beten

Als lässliche Sünden hätten wir Dinge, die in leichterer Weise gegen Ehrfurcht, Liebe oder Gehorsam verstoßen, z. B.:

  • unnötige Streitereien mit den Eltern im „normalen“ Rahmen, nicht ernst gemeinte Beleidigungen im Affekt, wenig schwerwiegende Beleidigungen
  • rein innerliche Verachtung (wobei es möglich ist, dass die in besonders schwerwiegenden Fällen schwerwiegend wird)
  • missmutiger Gehorsam
  • Ungehorsam in wenig wichtigen Dingen
  • Handlungen, von denen man weiß, dass die Eltern sie nicht so gut finden, die sie aber nicht wirklich verbieten wollten (wenn diese Handlungen nicht schon von sich aus Sünde sind)
  • ein paar Tage nicht für die Eltern beten, weil man wegen einem Streit mit ihnen beleidigt ist
  • den Eltern leichte Sorgen bereiten, weil man in schulischen Dingen etwas zu nachlässig ist
  • eine gewisse Nachlässigkeit oder Unsensibilität gegenüber den Eltern

Keine Sünden sind z. B.:

  • eine andere Meinung haben als seine Eltern, mit ihnen friedlich darüber diskutieren (wobei man als Minderjähriger ihre praktischen Entscheidungen am Ende akzeptieren muss)
  • über eine ungerechte Entscheidung der Eltern innerlich wütend sein
  • sich als Erwachsene nicht von seiner alten Mutter in allen Einzelheiten vorschreiben lassen, wie man den Haushalt erledigt
  • seinen Eltern nicht alle persönlichsten Gefühle erzählen wollen
  • nicht viel Kontakt zu seinen alten Eltern haben, die einen nur kritisieren und heruntermachen und immer eins ihrer anderen Kinder vorgezogen haben
  • jemanden zu heiraten, den die Eltern aus ungerechtfertigten Gründen nicht mögen
  • versehentlicher „Ungehorsam“ aus Vergesslichkeit

Zur Unterscheidung von schwerwiegenden und noch lässlichen Beleidigungen schreibt der hl. Alfons von Liguori: „Daher sagt Roncaglia richtigerweise, dass in der Praxis jener nicht von Todsünde entschuldigt ist, der seine Mutter ‚verrückt‘, eine ‚Trinkerin‘, eine ‚Schlampe‘, eine ‚Hexe‘ oder eine ‚Diebin‘ nennt, und ähnliche Dinge. Aber einer, der nur sagt, sie sei ‚alt‘, ‚dumm‘ oder ‚ahnungslos‘ und ähnliche Dinge, kann, denke ich, nicht absolut wegen einer Todsünde verurteilt werden, es sei denn, die Eltern würden durch diese Worte schwer verletzt. Außerdem würde der Sohn schwer sündigen, der seinen Eltern ständig eine schlechte Gesinnung zeigt, oder auf bittere Weise mit ihnen spricht, um ihnen zu zeigen, dass er sie hasst.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis – Moral Theology, Bd. 2, Buch IV, ins Englische übersetzt von Ryan Grant, Mediatrix Press 2017, S. 362 (Übersetzung ins Deutsche von mir).) D. h. im Endeffekt, es kommt darauf an, ob Beleidigungen (auch je nach Kultur) als schwer verletzend verstanden werden, wirklich starke Abneigung kommunizieren, oder eben nicht; und auch, ob man eine konstante verletzende Haltung zeigt, oder einem nur ab und zu in einem Streit eine Beleidigung herausrutscht. (Es geht hier darum, ob etwas objektiv eine schwere Verletzung ausdrückt; es gibt ja auch Leute, die auch dann schwer beleidigt sind, wenn ein anderer nur ganz leichte Kritik angedeutet hat.) Außerdem sagt der hl. Alfons, dass Verwünschungen, mit denen man nicht ernstlich Böses wünscht, lässliche Sünde, und solche, mit denen man Böses wünscht, schwere Sünde sind.

Zum Ungehorsam sagt er: „Ein Sohn sündigt schwer gegen den Gehorsam: a) wenn er in einer wichtigen Angelegenheit ungehorsam ist in Bezug auf jene Dinge, die die Ordnung des Hauses, die guten Sitten oder das Seelenheil betreffen […]

Daher ist ein Sohn gehalten, seinen Eltern zu gehorchen in den Dingen, die gerade erörtert wurden, und er sündigt schwer durch eine eigene Art von Sünde, die in der Beichte erwähnt werden muss, wenn die Angelegenheit wichtig war und die Eltern auf eine ernsthafte Weise ein ausdrückliches Gebot gegeben haben. Es ist anders, wenn die Eltern sie nur gewarnt haben, wie die Autoren sagen […] Cardinal de Lugo, de poenit. d. 16 n. 226 und Bonacina eod. tit. part. 6 n. 3, mit Navarre und Rodriguez, fügen hinzu, dass der Sohn diese spezielle Sünde begeht, wenn die Eltern etwas befehlen, bei dem sie beabsichtigen, ihn zum Gehorsam zu verpflichten. Oder vielmehr sagen die Autoren, dass der Sohn dann sündigt, wenn er dieses Gebot für gewöhnlich übertritt; es ist anders, wenn es gelegentlich einmal aus Nachlässigkeit geschieht […].

Anbei müssen wir hier darauf hinweisen, dass die Söhne nicht in den Dingen gehorchen müssen, die die Wahl eines Standes betreffen. Daher sündigen Eltern schwer, wenn sie ihre Söhne, selbst indirekt, gegen ihren Willen zwingen, einen Stand zu wählen, ob Ordensleben, Klerikerstand oder Ehe, oder auf der anderen Seite, wenn sie sie ungerechterweise, selbst ohne Gewalt oder Täuschung, ohne gerechten Grund von Ordensleben, Klerikerstand oder Ehe fortzwingen, da Eltern besonders verpflichtet sind, das geistliche Wohl ihrer Söhne im Auge zu haben […] Daher darf ein Sohn, wenn er denkt, dass er von Gott zu Ordensleben oder Klerikerstand berufen ist und weiß, dass seine Eltern ihn ungerechterweise daran hindern werden, die Sache verheimlichen und den göttlichen Willen ausführen.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis, S. 365-367)

Dominikus Prümmer meint über den Gehorsam: „Es ist schwierig, zu bestimmen, was schwerwiegende Materie bei Verstößen gegen den geschuldeten Gehorsam ausmacht. Wenn allerdings der Akt des Ungehorsams den Eltern oder dem Kind bedeutenden Schaden verursacht, ist die Sünde sicher schwer.“ (Dominikus Prümmer, Handbook of Moral Theology, aus dem Lateinischen ins Englische übersetzt von Gerald W. Shelton, Mercier Press 1956, S. 212 (Übersetzung ns Deutsche von mir).)

Es wurde gesagt, dass Ungehorsam dann Sünde ist (lässlich oder schwer), wenn die Eltern ihren minderjährigen Kinder etwas bezüglich der Erziehung oder der häuslichen Ordnung befehlen, das keine Sünde ist. Eltern haben also eine ziemlich weite, aber keine unbegrenzte Befehlsgewalt: Sie können einen z. B. nicht zwingen, ihnen alles zu erzählen, das man vorhin seinem Beichtvater erzählt hat. Generell ist es außerdem so, dass – wie bei jeder Autorität – Befehle, die völlig nutzlos, schädlich, entwürdigend sind, nicht im Gewissen verpflichten; freilich wird man in vielen Fällen sagen müssen, dass die Eltern wahrscheinlich besser wissen, was schädlich und was nicht schädlich ist und das Kind vielleicht gar nicht verstehen kann, wieso es etwas scheinbar Nutzloses jetzt tun soll. Aber natürlich gibt es auch Fälle, wo etwas ganz klar schädlich ist (z. B. wo ein Kind durch den Rat sämtlicher anderer Vertrauenspersonen, sagen wir, des Priesters und zweier erwachsener Geschwister und der Tante, wissen kann, dass etwas ziemlich sicher schlecht ist). Sagen wir, eine 17jährige nimmt seit Jahren Medikamente gegen eine chronische Krankheit, die ihr sehr helfen, und plötzlich ist ihre Mutter der Meinung, sie solle sie absetzen, weil alle „Chemie“ schlecht wäre. In dem Fall wäre die Tochter im Recht, wenn sie die Medikamente heimlich weiternehmen würde. (Wobei das Beispiel nicht ganz passt, weil es eigentlich auch eine Sünde wäre, der eigenen Gesundheit zu schaden, indem man die ganz gewöhnlichen Mittel dafür nicht anwendet,, also würde das Gehorsamsgebot auch aus diesem Grund nicht greifen.) Auch bei physischer oder moralischer Unmöglichkeit verpflichten Gebote nicht. (Moralische Unmöglichkeit bedeutet in etwa: Die Beobachtung eines Gebots erfordert völlig unverhältnismäßige Mühe, kann jemandem nicht zugemutet werden.) Die Eltern haben ihre Autorität dafür, für das Wohl des Kindes zu sorgen, und wenn sie sie entgegen diesem Zweck verwenden, verlieren sie den Anspruch auf Gehorsam.

Es wurde gesagt, dass die Kinder in der Standeswahl frei sind; aber solange sie noch minderjährig sind, dürfen die Eltern ihnen tatsächlich manches verbieten, was auf die Standeswahl vorbereitet (z. B. sich weiter mit einem Freund zu treffen, den sie für einen schlechten Einfluss halten; in dem Fall muss man auch davon ausgehen, dass die Eltern mehr Weitblick haben); auch ihren minderjährigen Kindern dürfen sie aber natürlich keine Standeswahl aufzwingen oder sie endgültig von einer abhalten. (Da fällt mir übrigens eine schöne Geschichte über den jungen J. R. R. Tolkien ein: Als er noch minderjährig war, traf er sich öfter mit einem Mädchen, das etwas älter als er und außerdem Protestantin war; sein Vormund verbat ihm schließlich den Kontakt mit ihr. Tolkien gehorchte. An seinem 21. Geburtstag (damals war man mit 21 volljährig) schrieb er ihr wieder, sie trafen sich, ein Jahr später konvertierte Edith zum Katholizismus, zwei weitere Jahre später heirateten sie und hatten eine sehr lange, glückliche Ehe.)

Bei der Versorgung der alten Eltern ergeben sich manche Fragen: Was ist z. B., wenn die Kinder die Eltern nicht bei sich zu Hause haben wollen, weil sie aus weniger wichtigen Gründen keine Lust darauf haben, aber ihnen einen Heimplatz bezahlen? Da hier die Gefahr von Vereinsamung und Vernachlässigung nicht gerade abwegig ist, würde ich das nicht als einfach so in Ordnung sehen, aber weiß nicht, ob man es schon als schwere Sünde bezeichnen kann; freilich müssten die Kinder ihre Eltern zumindest öfter besuchen, auch, um einigermaßen sicherzustellen, dass das Pflegepersonal anständig mit ihnen umgeht, aber auch dann wäre es zumindest aus meiner subjektiven Sicht noch problematisch. Seine Eltern in ein Heim zu geben, weil sie ständige Pflege brauchen, die man selbst nicht leisten kann, oder weil ihnen selber das sogar lieber ist, ist offensichtlich keine Sünde (wobei es auch da eine Sünde wäre, sie nie zu besuchen, wenn man es kann); es ist auch keine Sünde, wenn man aus gerechtfertigten Gründen nicht mit ihnen zusammenleben will (z. B. bei Eltern, die einen immer schlecht und geringschätzig behandelt haben).

Für katholische Kinder mit nichtkatholischen oder nur kulturkatholischen Eltern könnte sich auch die Frage ergeben: Vernachlässige ich meine Eltern in seelischer Not, wenn ich nicht genug Mühe aufwende, sie vom Glauben zu überzeugen? Ich denke, das Wichtigste hier ist, sie ins tägliche Gebet einzuschließen, und offen dafür zu sein, mit ihnen über Gott zu reden, wenn sie offen dafür sind – durchaus auch mal von sich aus, sie z. B. in die Kirche einzuladen, aber man muss nicht ständig Diskussionen vom Zaun brechen, wenn man merkt, dass sie nicht bereit dafür sind und schlecht reagieren. (Dasselbe gilt bei anderen Familienmitgliedern.)

Franz von Defregger, Tischgebet. Gemeinfrei.

Dann zu den Pflichten der Eltern. Jone schreibt:

II. Die Pflichten der Eltern gegen die Kinder.

1. Liebe.

Die Liebe ist die Grundpflicht, welche die Eltern gegen die Kinder haben. Aus ihr ergeben sich alle anderen Pflichten.

2. Sorge für Leben, Gesundheit und Fortkommen.

Vor der Geburt muß alles vermieden werden, was der Leibesfrucht schädlich ist. Nach der Geburt soll die Mutter selbst ihr Kind stillen. Durch Nichterfüllung dieser Pflicht wird dem Kinde gewöhnlich ein großer Schaden zugefügt; trifft diese Voraussetzung zu, dann sündigt die Mutter schwer, wenn sie sich ihrer Pflicht entzieht, trotzdem sie durch keinen entsprechend schwerwiegenden Grund entschuldigt ist. – Hierher gehört auch die Sorge für Nahrung, Kleidung und Wohnung, sowie die Pflicht, durch Arbeit und Sparsamkeit womöglich eine materielle Sicherung für die Zukunft der Kinder zu schaffen. – Für den Unterhalt der unehelichen Kinder müssen an sich Vater und Mutter in gleicher Weise aufkommen. In den meisten Staaten aber ist durch das Gesetz in erster Linie dem Vater die Pflicht auferlegt, für das uneheliche Kind zu sorgen. Nach erfolgtem Richterspruch ist der Vater auch im Gewissen dazu verpflichtet. Näheres vgl. Nr. 357.

3. Erziehung der Kinder

Die Eltern haben ein naturhaftes, unverletzliches Recht und die Pflicht zur guten Erziehung ihrer Kinder. Kraft dieser Pflicht müssen die Eltern ihre Kinder standesgemäß ausbilden lassen, sie frühzeitig an Arbeit und Selbsttätigkeit gewöhnen, besonders aber für ihr sittliches [=moralisches] und ewiges Wohl sorgen. Besonders aus letzterer Pflicht entspringt auch die Pflicht eines guten Beispiels, der Zurechtweisung und der Wachsamkeit. Im Interesse einer katholischen Erziehung ist auch der Besuch katholischer Schulen Pflicht. Nach can. 1347 [im alten Codex des Kanonischen Rechts] dürfen katholische Kinder keine akatholischen, neutralen oder Simultanschulen besuchen. Nur der Ortsordinarius [=Bischof] kann entscheiden, unter welchen Umständen und Vorsichtsmaßnahmen der Besuch derartiger Schulen geduldet werden kann.

Anmerkung. Dadurch, daß die Eltern den Lehrern und Erziehern einen Teil ihrer Autorität übertragen, entstehen zwischen letzteren und den Kindern in manchen Punkten ähnliche Pflichten wie zwischen Eltern und Kindern.

Die Kinder schulden den Lehrern daher Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam in Dingen, die sich auf das Studium und die guten Sitten beziehen. – Die Lehrer haben die Gerechtigkeits- und Liebespflicht, den Kindern die entsprechenden Kenntnisse und eine gute Erziehung zu vermitteln.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 200)

Der hl. Alfons schreibt u. a.:

„Eine Mutter ist gehalten (aber unter lässlicher Sünde) ihr Kind mit ihrer eigenen Milch zu stillen, außer sie hat eine gerechte Entschuldigung. […] Aber dann ist sie unter schwerer Sünde gehalten, eine gute Amme zu suchen. […] Der Vater ist gehalten, für den Lebensunterhalt seiner Kinder zu sorgen, nicht nur der ehelichen, sondern auch der unehelichen (wo wir sehen, dass das bürgerliche Gesetz vom kirchlichen korrigiert wird, nach Cum haberet), das heißt, für Essen, Trinken, Kleidung und anständige Kenntnisse, je nach ihrem Stand. […] Zuletzt ist er gehalten, eine Mitgift für seine Tochter bereitzustellen.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis, S. 368f.) Außerdem sagt er, dass die Eltern nur aufgrund eines besonderen Grundes ihre Kinder aus dem Haus werfen (und ihnen dann aber ihren Unterhalt für ein Leben außerhalb bereitstellen) dürften.

Zur Erziehung sagt er: „Eltern sind durch eine schwerwiegende Verpflichtung gehalten, ihre Kinder persönlich oder durch andere in Angelegenheiten zu belehren, die zum Heil notwendig sind. Daher sündigen sie schwer: a) Wenn sie nicht zusehen, dass ihre Kinder moralisches Verhalten lernen, die christliche Lehre oder die Grundlagen des Glaubens lernen, die Gesellschaft schlechter Kinder vermeiden, die Gebote Gottes und der Kirche beachten, die Sakramente empfangen und Sünden vermeiden (Azor, Filliuci, Bonacina, l. c.); b) Wenn sie sie nicht von Gelegenheiten zur Sünde abkehren oder ihnen erlauben, Zeit an verdächtigen Orten oder Häusern zu verbringen (Trullenchus, t. 1 d. 3 n. 4); c) Wenn ihre Kinder durch ihren Rat oder ihr schlechtes Beispiel verdorben werden; d) Wenn sie zügellose Kinder nicht ermahnen und züchtigen, aber maßvoll.“ (Alfons von Liguori, Theologia Moralis, S. 371)

Die rein irdischen Pflichten sind relativ offensichtlich und werden ja auch von den meisten Eltern erfüllt: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Sorge dafür, dass das Kind einen anständigen selbstständigen Platz in der Gesellschaft finden kann, wenn es erwachsen ist (was z. B. heißt, dass die Eltern darauf schauen sollen, dass die Kinder in der Schule einigermaßen mitarbeiten, sich Gedanken um einen Ausbildungsplatz machen, usw.; und früher z. B. bei Töchtern auch hieß, ihnen eine Mitgift bereitzustellen, wie der hl. Alfons erwähnt). Am schwierigsten ist wahrscheinlich zu bestimmen, wie es mit den Sünden bei der Sorge für ungeborene Kinder oder Säuglinge aussieht, weil die relativ leicht zu gefährden sind – z. B. wenn eine Mutter in der Schwangerschaft öfter gegen den Rat des Arztes schwere Sachen hebt oder das Kind mit der Flasche füttert, statt es zu stillen. Ich bin keine Ärztin oder Hebamme oder Mutter und kann nicht bestimmen, wie gut heute Milch aus der Flasche ist, aber da generell bei mit der Flasche gefütterten Kindern manche Krankheiten häufiger sind, wäre es wohl schon zumindest eine lässliche Sünde, ein Kind nicht zu stillen, wenn es vernünftigerweise machbar ist. Bei ungeborenen Kindern kann man sagen, dass alles, was das reale Risiko einer Fehlgeburt mit sich bringt, nur aus ernsthaftem Grund getan werden dürfte. Natürlich kann man nicht alle Risiken vermeiden und auch bei einer vorsichtigen Mutter kann es eine Fehlgeburt geben.

Das Gebot der Liebe verlangt natürlich mehr als nur die rein materielle Versorgung, sondern auch Interesse, Zuwendung. „Die Liebe, die sie zu zeigen verpflichtet sind, muss sowohl affektiv [gefühlsmäßig] als auch effektiv [in Taten] sein, sodass Eltern nicht nur allen Hass und Übelwollen vermeiden müssen, sondern ihren Kindern auch Gutes wollen müssen, sie gut behandeln und ihnen in Not helfen müssen.“ (Prümmer, Handbook of Moral Theology, S. 213)

Als schwere Sünden könnte man sich z. B. folgendes vorstellen, was die Liebe schwer beeinträchtigt:

  • Vernachlässigung (z. B. Unterernährung, mit dem Kind fast nie zum Arzt gehen, wenn es krank ist)
  • Gewohnheitsmäßiges Hintansetzen und verbales Piesacken eines Kindes und Vorziehen eines anderen
  • Rauchen und Trinken in der Schwangerschaft

Leichte Sünden wären so etwas wie:

  • Gelegentliche Ungeduld mit den Kindern
  • Meistens Fertigessen auf den Tisch bringen
  • Mal nicht viel Aufmerksamkeit für ihre Fragen über die Hausaufgaben aufbringen, weil man gerade Zeug auf Instagram lesen will

Die Eltern müssen dann (was schwieriger ist), was Glaube und Moral angeht, darauf schauen, dass ihre Kinder wissen, was und wieso sie glauben sollen, sie zu anständigem Verhalten anhalten, dafür sorgen, dass sie getauft und gefirmt werden, mit zur Messe kommen, auch mal zur Beichte gehen, sie von schlechten Freunden fernhalten, ihnen ein gutes Beispiel geben (z. B. gemeinsam mit der Familie beten, Verzeihung üben, ehrlich sein…): sprich, ihren Kindern eine gute Chance auf den Himmel mitgeben. Einfach zu sagen, dass ein Kind später selber herausfinden soll, was es glauben will und was gut für es ist, wäre eine extreme Vernachlässigung; wie wenn man Kindern keine Liebe zeigt, damit sie sich später selbst für Liebe entscheiden, oder ihnen keine Sprache beibringt, weil sie selber wissen müssten, welche Sprache sie lernen wollen. Eltern sind natürlich nicht allmächtig; und es kann immer auch mal passieren, dass Kinder vom Glauben abfallen, obwohl sie alle Gründe dafür kennen und gute Vorbilder hatten, weil sie sich z. B. anpassen wollen. Aber Eltern haben hier eine wichtige Pflicht und können viel bewirken.

Auch hier ist es natürlich eine Frage des Grades, was schwere und was lässliche Sünden sind, und die Abgrenzung wird manchmal nicht so einfach sein. Eine schwere Sünde könnte es z. B. vermutlich sein, sich gar nicht dafür zu interessieren, wo die Kinder ihre Zeit verbringen; oder sich zu denken, dass sie schon im Religionsunterricht das Wichtigste über den Glauben lernen werden und man selber sich da heraushalten kann; oder ihnen einfach durchgehen zu lassen, dass sie andere Kinder mobben und irgendwann kriminell werden; oder sie nicht taufen zu lassen. (Die Taufe sollte so bald wie möglich nach der Geburt stattfinden. „Nach vielen Autoren ist es eine Todsünde, wenn die Taufe ohne Grund über einen Monat verschoben wird, oder mit Grund über zwei Monate.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologe, Nr. 476))

Man müsste auch hinzufügen, dass die Eltern eine ganz besondere Pflicht in Bezug darauf haben, den Internetgebrauch ihrer Kinder zu regeln, da inzwischen Kinder im Durchschnitt mit elf oder zwölf Jahren auf Pornographie stoßen und v. a. Jungen sehr schnell davon abhängig werden, und es ja auch sonstige Gefahren gibt, wie Grooming durch Pädophile. (Es braucht natürlich Internetfilter, auch wenn die nicht perfekt sind. Außerdem könnte man ihnen z. B. keine internetfähigen Handys kaufen und ihnen nur erlauben, an einem Computer, der fest im Wohnzimmer steht, ins Internet zu gehen, wobei nur die Eltern das Passwort kennen und sie ihn nicht einschalten können, wenn sie allein zu Hause sind (als Beispiel). Aber natürlich muss man auch früh genug mit den Kindern über solche Dinge reden, sie über Gefahren aufklären und eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufbauen, sollte aber auch nicht unterschätzen, wie neugierig, naiv und leicht beeinflussbar auch gut aufgeklärte Kinder sein können.) In dem Fall bringt es nichts, zu sagen, hier soll man nicht paranoid sein; in manchen Situationen ist die Welt eben verdreht genug geworden, dass man ein bisschen paranoid sein muss. Und es ist besser, dass ein Junge sich mit 13 beschwert, dass er kein Smartphone bekommt, als dass er mit 19 dagegen kämpfen muss, eine langjährige Pornosucht loszuwerden.

Mit der katholischen Erziehung und Bildung ist es heute natürlich generell ziemlich schwierig; früher konnte man bei der örtlichen katholischen Schule einfach darauf vertrauen, dass im Grunde schon nichts Falsches unterrichtet werden würde, und die Kirche bestand auch gegenüber den Regierungen darauf, dass katholische Schulen für katholische Kinder zur Verfügung stehen müssten. Heute ist die Situation eher so, dass man darauf vertrauen kann, dass die durchschnittliche Schule dem Kind schaden wird, und man wenige Alternativen hat.

Daher ein paar persönliche Überlegungen, die im Grunde nichts mit Moraltheologie zu tun haben, aber vielleicht ein paar Leuten helfen könnten, die schon mal hier sind:

Wenn man keine gute Schule in der Nähe zur Verfügung hat, kann man das natürlich durch andere katholische Gruppen ausgleichen, in denen die Kinder mit anderen katholischen Kindern und Jugendlichen zusammenkommen – z. B. die KPE (Katholische Pfadfinderschaft Europas; mit der FSSP (Petrusbruderschaft) verbunden), die Christkönigsjugend (auch mit der FSSP verbunden) oder die KJB (Katholische Jugendbewegung; von der FSSPX (Piusbruderschaft)*). (Eine Möglichkeit, Kindern wenigstens theoretisches Glaubenswissen zu vermitteln, wäre der Fernkatechismus der Ordensschwestern der FSSPX.) Wenn man weniger tradimäßig unterwegs ist, wäre die Jugend2000 mit ihren Prayerfestivals etc. gut. Auch nicht rein kirchliche Gruppen, in denen man sich für etwas engagieren kann, wie die Jugend für das Leben, gäbe es noch. Natürlich kommen gute Gruppen in einzelnen Pfarreien hinzu; aber dass man sich auf die Ministrantengruppen in der Durchschnittspfarrei nicht verlassen kann, versteht sich von selbst. Dass das Kind nicht nur von seinen Eltern, von denen es sich irgendwann abgrenzen wird, das Richtige theoretisch lernt, sondern auch von Gleichaltrigen praktisch unterstützt wird, ist schon wichtig.

Aber wenn man wirklich für eine katholische Bildung sorgen will und dafür zu „radikaleren“ Schritten bereit ist, gäbe es z. B. folgende Möglichkeiten:

1. Kindergärten und Schulen der FSSPX (Piusbruderschaft). Für Eltern mit geringem Einkommen kann das Schulgeld erlassen werden. Man kann in die Nähe einer der Schulen ziehen und/oder die Kinder ab der 5. Klasse in eins der Internate geben, wenn man nicht in der Nähe der Schule wohnen kann (alle Zweige außer Förderschule im deutschsprachigen Raum vorhanden; hier ein Schaubild). Ich habe von einer Familie aus dem Saarland schon von sehr guten Erfahrungen mit diesen Schulen gehört; auch die pädagogischen Konzepte (nach dem hl. Don Bosco und Maria Montessori) wirken überzeugend.

2. In ein Land ziehen, in dem Homeschooling erlaubt ist, wie Österreich, die Schweiz (je nach Kanton), Liechtenstein (mit Einschränkungen), oder auch andere mit deutschsprachiger Minderheit wie Luxemburg, Frankreich (Elsass-Lothringen), Italien (Südtirol). Für manche könnten auch englischsprachige Länder eine Alternative sein.

Homeschooling ist tatsächlich in fast allen Ländern außerhalb von Deutschland erlaubt, sorgt im Durchschnitt für überdurchschnittliche Lernergebnisse, man kann auf die Eigenheiten der Kinder eingehen, das Lerntempo anpassen und Begabungen fördern; und das Kind geht nicht in einer Klasse unter und hat auch weniger Stress. Und die Sozialisation? Ja, sperrt man seine Kinder denn ein? Homeschool-Kinder kommen meistens schneller mit dem Stoff durch und haben mehr Zeit für Vereine, Freunde und Hobbies. Außerdem haben sie meistens Geschwister, mit denen sie sich beim Homeschooling mehr beschäftigen werden. Homeschoolfamilien vernetzen sich auch untereinander. Damit entgeht man auch all den Problemen, die es in Schulen mit Mobbing geben kann; Kinder können doch sehr grausam sein.

Ggf. kann man zwischen diesen beiden Varianten wechseln, wenn z. B. ein Kind sich im Internat nicht wohl fühlt oder ein anderes statt Homeschooling mehr Kontakt zu anderen Kindern will.

Vielleicht wären an manchen Orten evangelikale Privatschulen, die auch Kinder anderer Konfessionen aufnehmen, das geringere Übel gegenüber staatlichen Schulen, aber auch hier muss man natürlich vorsichtig sein, dass die Kinder nicht von der ganzen evangelikalen Atmosphäre geprägt werden, und man keine Glaubensstatements unterschreiben muss, die man nicht teilt.

Wären Dinge wie Homeschooling oder Internate nicht eher radikale Schritte? Die Sache ist eben die, dass a) jeder sich eher seiner Peergroup anpasst als seinen Eltern (das ist vollkommen normal) und b) man auch durch den Unterricht in der Schule sehr geprägt werden kann. Jedes Kind bildet sich irgendwann seine eigenen Urteile und plappert nicht mehr einfach seine Eltern nach, aber dabei wird es natürlich auch von anderen sehr beeinflusst, zum Guten oder zum Schlechten. Und das ganze normale schulische Umfeld ist nicht nur nichtchristlich, sondern positiv christentumsfeindlich, auch normale katholische Privatschulen sind da nicht so sehr anders. Es ist nicht leicht, an etwas festzuhalten, dem ständig entgegengewirkt wird und für das es kein Verständnis gibt; und ein einzelnes verlorenes Kind an einer Schule wird an der Atmosphäre dort nichts ändern. Erst recht wird es nicht im Glauben gestärkt.

Manche Katholiken versuchen sich diese Situation schönzureden, indem sie dann sagen, dass die katholischen Kinder an den normalen Schulen ja „Sauerteig sein“ könnten. Sorry, nein. Es ist nicht die Aufgabe eines 11-jährigen Kindes, seine Mitschüler, geschweige denn seine Lehrer, zu bekehren, funktionieren tut das in aller Regel sowieso nicht. Es soll ruhig eine unbeschwerte Kindheit haben dürfen, erst einmal selbst stabil in den Glauben hineinwachsen und die Gründe dafür kennenlernen, Freunde finden können, die seinen Glauben teilen, und nicht ständig in die Defensive geraten. Wenn mehrere gläubige Kinder an einer Schule sind und Gruppen bilden – wie das ja oft genug bei den Moslems der Fall ist – ist es schon einfacher, aber das löst auch nicht alle Probleme.

Ein anderes, etwas besseres Argument ist, dass die Kinder so gleich besser lernen, sich in einer säkularen Umgebung zu behaupten; dass sie hier quasi geimpft werden und mit der Unterstützung der Eltern gleich lernen, den Säkularismus zu durchschauen. Das stimmt manchmal, aber manchmal auch nicht; manchmal ist das Kind zu schwach oder die Umgebung zu stark. Bei einer Impfung werden erregerähnliche Stoffe verabreicht, die die allermeisten nicht wirklich krank machen können; das hier hat eher etwas von der Strategie „lassen wir das Kind gleich Masern und Keuchhusten durchmachen, dann ist es später immun“. Das Umfeld kann sehr stark krank machen. Auch im Homeschooling etc. kann man Kinder darüber informieren, was Säkularisten denken – und sie werden auch so oder so oft mit denen zusammenkommen. Aber sie sind nicht jeden Tag den großen Teil des Tages in einem solchen Umfeld verloren, wo sie wissen, dass man sie eigentlich nicht so will, wie sie und ihre Familie sind.

Probleme machen in den normalen Schulen ja auch der Religionsunterricht, in dem man sich manchmal eher mit Grausen von dem abwendet, was da als Religion präsentiert wird, und die Lehrer manchmal ziemlich genau durchblicken lassen, dass sie selber nicht wirklich dran glauben, und die mittlerweile sehr übergriffige Frühsexualisierung schon in der Grundschule. Daran lässt sich kurzfristig nichts ändern; und man ist zuallererst für seine konkreten eigenen Kinder verantwortlich, nicht für die Schule im Ort.

Es ist auch oft besser, schon vorhandene gute Strukturen zu fördern, als sich als Einzelkämpfer in schlechten Strukturen aufzureiben; und je mehr Schüler z. B. die FSSPX-Schulen bekommen, desto mehr Schulen an mehr Orten wird die FSSPX aufbauen können; je mehr Eltern Homeschooling verlangen, desto mehr muss die Politik eventuell ihre Unterdrückungsmaßnahmen dagegen zurückfahren.

Aber das waren jetzt alles, wie gesagt, persönliche Überlegungen, keine Moraltheologie. Seine Kinder in ein Internat zu geben oder umzuziehen kann ja schon schwieriger sein; und eine katholische Gruppe außerhalb der Schule kann zusammen mit einer guten Familie schon viel ausrichten, sodass die Kinder ausreichend gestärkt werden.

Soweit mal dazu. Im nächsten Teil dann zu den Pflichten im Verhältnis Bürger-Staat und dann im übernächsten weiter mit dem 5. Gebot.

* Die Piusbruderschaft hat keinen anständigen kirchenrechtlichen Status (mehr), aber auch der Vatikan hat inzwischen ausdrücklich erlaubt, zu ihnen zur Messe zu gehen, zu beichten und zu heiraten, kurz gesagt, ihre Seelsorge in Anspruch zu nehmen. Sie sind definitiv gut katholisch, keine Schismatiker, und dazu, ob ihre praktische Herangehensweise gegenüber Rom richtig ist oder immer richtig war oder zum Teil richtig ist, können Katholiken im Grund sehr unterschiedlicher Ansicht sein. Hier mehr zu dem Thema; ich möchte auch noch mal was dazu schreiben; aber das gehört eigentlich nicht hierher.

Wieso man als Katholik nicht libertär sein kann

Unter Katholiken findet man ja bei einigen Dingen eine gewisse Meinungsvielfalt, z. B. auch bei der Politik. Und das ist auch manchmal ganz schön. Aber manchmal geht das in etwas seltsame Richtungen, z. B. wenn Leute unironisch den Libertarismus annehmen.

Der Libertarismus ist ja nicht nur einfach wirtschaftsliberal, sondern leugnet komplett die Notwendigkeit des Staates: Die Autorität des Staates soll z. B. durch freie Privatstädte ersetzt werden, wo die Besitzerfirma die Regeln aufstellt und Verbrechen entsprechend bestraft; Krankenversorgung und Ähnliches ganz durch private Versicherungen und Krankenhäuser; Schulbildung ganz durch private Schulen. Idee dahinter: Man spart sich die Steuern und zahlt nur für das, was man will; dabei sorgt der Wettbewerb für angemessene Preise und Qualität und jeder kann zu dem wechseln, was er gerade will. Nur freiwillige Verträge zwischen grundsätzlich Gleichberechtigten sollen die, die sie abschließen, binden, keine übergeordnete Staatsmacht soll ihr untergeordneten Bürgern etwas befehlen. Der Libertarismus versteht sich quasi als vollendete Form der Selbstregierung; nicht wie die standardmäßige Demokratie, bei der auch in der direkten Demokratie Mehrheiten über Minderheiten herrschen und letztere nicht selbstbestimmt sind.

Das kann in der Theorie erst mal ok klingen, funktioniert in der Praxis freilich nicht (dazu unten), aber für Katholiken kommt es grundsätzlich sowieso nicht in Frage, weil es sich einfach nicht mit der kirchlichen Lehre vereinbaren lässt. (Was einem ja schon mal sagen sollte, dass er nicht funktionieren wird, ebenso wie beim Sozialismus.)

Einige Katholiken, insbesondere liberal oder libertär Gesonnene, scheinen ja die Ansicht zu haben, die Kirche solle sich nicht in die Politik einmischen, sondern sich rein um die Seelen kümmern und sich auf diesen ihren Bereich beschränken. Da ist ein ziemlicher Denkfehler drin. Zwar sollen Bischöfe sich nicht in sämtliche tagespolitischen Fragen einmischen, aber bzgl. der Grundsätze gilt, dass jede politische Gemeinschaft sich nach dem Guten richten sollte, und nicht nach dem Schlechten, und das Gute ist nun einmal identisch mit Gott. Christus soll nicht nur im stillen Kämmerlein herrschen, sondern auch über die Taten der Menschen, ob das jetzt individuelle oder gemeinschaftliche Taten sind. Die Seelen der Menschen werden ja beeinflusst durch das, was sie in der Öffentlichkeit tun, erlangen dadurch Verdienst oder werden dadurch mit Schuld belastet. Und die Kirche Christi kann nun mal nicht den Libertarismus gutheißen, und war immer sehr klar in Bezug darauf, dass der Staat erstens notwendig ist und zweitens nicht nur dazu da ist, Freiheiten zu verteidigen, sondern z. B. auch dazu, die Schwachen zu schützen und die objektive Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten.

Damit man sieht, dass ich mir das nicht aus den Fingern sauge, hier mal eine Zusammenfassung von ein paar lehramtlichen und biblischen Aussagen dazu:

Die Kirche lehrt, dass es zwei natürliche Gesellschaften gibt – die Familie und den Staat – und eine übernatürliche – die Kirche – und dass diese drei alle von Gott gewollt und für das Wohlergehen des Menschen nötig sind. Andere Gesellschaften, z. B. Gewerkschaften, Vereine etc., können auch sehr gut und nützlich sein, aber sie sind von Menschen gemacht, nicht so grundlegend nötig und könnten auch völlig umgestaltet werden.

Bei der Familie dürfte es offensichtlich sein; alle Menschen werden in Familien geboren, da fühlt man sich verbunden und es gibt in den meisten Fällen zumindest ein gewisses Maß an Zuneigung und Fürsorge. Aber Familien können in den allerwenigsten Fällen völlig autark leben; in jedem Fall brauchen sie auch immer wieder Neuzugänge von außen und Verbindungen mit anderen Familien, damit die Menschheit weiterbesteht. Familien leben in einer größeren Gemeinschaft, und auch hier braucht es eine gewisse Identität und ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Diese Gemeinschaft kann so klein wie ein Stamm aus 200 Personen sein, oder so groß wie ein Volk aus einer Milliarde Personen. Hier identifiziert man sich mit einer gewissen Gemeinschaft, lebt nach gemeinsamen Regeln, kümmert sich gemeinsam um gewisse Aufgaben. Die Kirche, das Volk Gottes, bietet dann noch eine darüber hinausgehende Verbindung und natürlich die Verbindung mit Gott.

Manche Staaten sind schlecht oder nur rudimentär organisiert oder es ist unsicher, welche Legitimität sie haben, z. B. wenn die Ansprüche einer Separatistenregierung und einer Zentralregierung einander entgegenstehen. Aber so etwas wie Staatlichkeit existiert überall, wo es Menschen gibt und nicht völliges Chaos herrscht. Leute gehören von ihrer Geburt an zu einer größeren Gemeinschaft, es wird von ihnen erwartet, deren Regeln zu folgen, auch wenn sie denen nicht zugestimmt haben, und es gibt eine Autorität, die diese Regeln vorgibt oder jedenfalls durchsetzt.

Die Bibel ist zur Notwendigkeit und Legitimität von Staaten ziemlich klar. Der Apostel Paulus schreibt:

„Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest! Denn sie steht im Dienst Gottes für dich zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht nämlich im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der das Böse tut. Deshalb ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben. Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, Steuer, wem ihr Steuer schuldet, Zoll, wem ihr Zoll schuldet, Furcht, wem ihr Furcht schuldet, Ehre, wem ihr Ehre schuldet!“ (Röm 13,1-7)

Damit, dass die staatliche Gewalt von Gott eingesetzt ist, ist nicht gemeint, dass Gott sich in jedem Staat den idealen Kandidaten herauspickt (man kann davon ausgehen, dass Paulus das nicht glaubte, angesichts der Tatsache, dass die römische Regierung ihn lange Zeit in Haft hielt und später hinrichtete). Hier ist erstens gemeint, dass es von Gott gewollt ist, dass Menschen in staatlichen Gemeinschaften leben und irgendjemand dort staatliche Autorität ausübt. Zweitens ist auch gemeint, dass die konkreten Träger dieser Macht quasi von Gott gestützt werden. Um das deutlich zu machen: Wenn jemand ein Kind zeugt, wird er dadurch zum Vater und hat eine gewisse Autorität und Fürsorgepflicht in Bezug auf das Kind, und Gott stützt und bejaht diese konkrete Autorität und Verantwortung dieses konkreten Vaters, unabhängig davon, ob es eine gute Idee für ihn war, Kinder zu bekommen, oder ob er als Vater auch Fehler macht (diese Fehler unterstützt Gott nicht, aber sie machen ihn nicht zum Nicht-Vater). Und genauso sieht es aus, wenn jemand Staatsoberhaupt oder Regierungsmitglied wird: Damit bekommt er eine objektive Autorität und Verantwortung, für die ihn Gott wiederum zur Verantwortung ziehen wird und die Gott auch stützt. Er hat damit einen Anspruch auf Gehorsam vonseiten der Staatsbürger, die irgendwer anders nicht hat. (Jedenfalls solange er keine Gesetze einführen will, die gegen Gerechtigkeit und Allgemeinwohl verstoßen: „Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz“. Gegen solche Gesetze ist zumindest passiver Widerstand erlaubt, und im äußersten Notfall, wenn eine Regierung sich völlig gegen das Gemeinwohl wendet und nur noch willkürlich und tyrannisch ist, während sie ihre eigentlichen Aufgaben kaum erfüllt, wäre auch die Absetzung einer Regierung und die Einführung einer neuen Staatsverfassung erlaubt – genauso, wie man, wenn es entsprechend schlimm wird, Kinder aus ihrer Familie nehmen und die Vormundschaft jemand anderem übertragen darf, weil die Eltern durch die Verletzung ihrer Pflichten ihre Rechte verwirkt haben.)

Wie Familien ihre Angelegenheiten unterschiedlich regeln können, können das auch Staaten. Ob es eine Monarchie oder eine Republik ist, oder ein parlamentarisches oder präsidiales System, ist nicht so wichtig. Ein Staatsoberhaupt kann durch Erbfolge bestimmt werden, durch ein Gremium oder eine Gruppe gewählt werden, durch das Volk gewählt werden, oder sonstwie bestimmt werden. Aber in jedem Fall ist dann seine Autorität von Gott gewollt und gestützt, genau wie die Autorität der Eltern von Gott gewollt und gestützt ist, egal auf welche Weise sie Eltern geworden sind und wie genau sie ihre Familie leiten.

Diese Autorität hängt auch nicht davon ab, ob die Regierung christlich ist oder nicht; auch eine nichtchristliche Regierung bleibt Regierung. Bei der Familie ist es ja dasselbe. Wenn ein Sechzehnjähriger nichtchristliche Eltern hat, muss er ihnen zwar nicht gehorchen, wenn sie ihm verbieten wollen, in die Kirche zu gehen; aber sehr wohl, wenn sie ihm sagen, er soll um zwölf Uhr zu Hause sein.

Diese Lehre machen die Päpste deutlich; z. B. Leo XIII. in „Diuturnum Illud“ (1881). Er lehnt hier die Theorie, dass die staatliche Ordnung nur ein Vertrag zwischen den Bürgern wäre, den sie jederzeit völlig auflösen könnten, wenn sie wollten, überdeutlich ab:

„Denn die Not selbst zwingt jede menschliche Vereinigung und Gemeinschaft, einen Vorgesetzten zu haben, damit die Gesellschaft ohne Haupt und leitende Gewalt nicht zerfällt und nicht den Zweck verfehlt, weswegen sie entstanden ist und sich gebildet hat. […]

Ja, sehr viele, die in neuerer Zeit in die Fußstapfen derer traten, die im vorigen Jahrhundert sich Philosophen nannten, lassen alle Gewalt vom Volk ausgehen. Jene, welche diese Gewalt im Staate ausüben, üben sie demgemäss nicht als eine ihnen zukommende Gewalt aus, sondern nur als vom Volk übertragene, und zwar unter der Bedingung, dass sie durch den Willen des Volkes, von dem sie übertragen wurde, widerrufen werden kann. Diesen gegenüber leiten die Katholiken das Recht zu befehlen, von Gott als seinem natürlichen und notwendigen Ursprung ab.

Hierbei ist jedoch zu bemerken, dass in vollem Einklang mit der katholischen Lehre jene, welche an die Spitze des Staatswesens zu treten haben, in bestimmten Fällen durch den Willen und nach dem Urteil des Volkes gewählt werden können. Durch eine solche Wahl wird nun allerdings der Gewaltinhaber bezeichnet, aber die obrigkeitlichen Rechte werden hiermit nicht verliehen; auch wird die Befehlsgewalt nicht übertragen, sondern es wird nur bestimmt, wer dieselbe auszuüben hat. Ebenso handelt es sich hier nicht um die Formen der politischen Gewalt; denn die Kirche findet weder in der Herrschaft eines Einzigen, noch in der von vielen etwas Unangemessenes, wenn diese nur gerecht ist und durch sie das allgemeine Wohl besorgt wird. Wenn daher die Gerechtigkeit nicht verletzt wird, ist es den Völkern unbenommen, jene Regierungsform bei sich einzuführen, die ihrem Charakter oder den tradierten Einrichtungen und Gewohnheiten am meisten entspricht.

[Es werden Bibelstellen und Kirchenväter zitiert]

Denn es ist in der Tat ein Gebot der Natur oder, richtiger, Gottes, des Urhebers der Natur, auf dem das Zusammenleben der Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft beruht; einen Beweis hierfür bieten sowohl die Sprache, die in höchster Weise ein gesellschaftsbildendes Prinzip ist, als auch aus so vielen der Seele innewohnenden Neigungen und so vielfache und höchst wichtige Bedürfnisse, die der Mensch in seiner Vereinzelung nicht befriedigen kann, wohl aber im Verband und gesellschaftlichen Verkehr mit anderen. Eine Gesellschaft kann nun aber gar nicht bestehen, ja nicht einmal gedacht werden, in der nicht einer die Bestrebungen ihrer Glieder derart leitet, dass aus vielen gewissermaßen ein Einziges wird und die vielen Bestrebungen in rechtmäßiger und geordneter Weise einen Impuls nach dem Gemeinwohl hin empfangen. Darum wollte Gott, dass in der bürgerlichen Gesellschaft Herrscher seien, die der Menge zu gebieten haben. – Daher wollte es Gott so, dass jene, die durch ihr Ansehen das Gemeinwesen verwalten, derart die Bürger zum Gehorsam zu zwingen die Befugnis haben müssen, dass für diese der Ungehorsam eindeutig Sünde ist. Niemand aber hat in sich oder aus sich die Macht, durch die Bande der Befehlsgewalt in solcher Weise den freien Willen anderer zu binden. Gott allein, dem Schöpfer aller Dinge und Gesetzgeber, kommt diese Gewalt zu; wer sie darum ausübt, kann sie notwendigerweise nur als eine von Gott ihm übertragene ausüben. ‚Einer ist Gesetzgeber und Richter, der die Macht hat, zu retten und zu verderben‘. Dasselbe gilt bezüglich jeder Art von Gewalt. Dass jene, die den Priestern innewohnt, von Gott stammt, ist so bekannt, dass die Priester bei allen Völkern als Diener Gottes gelten und auch so genannt werden. Ebenso ist die Gewalt der Familienväter gewissermaßen ein Abbild der Autorität, die in Gott ist, von dem ‚alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat‘. So haben auf diese Weise die verschiedenen Arten von Gewalt eine wunderbare Ähnlichkeit untereinander, da, was irgendwo an Befehlsgewalt und Autorität gefunden wird, von ein und demselben Schöpfer und Herrn, von Gott, ausgegangen ist.

Jene, welche die bürgerliche Gesellschaft von einer freien Übereinkunft der Menschen ausgehen lassen und in ihr den Ursprung der Gewalt selbst erblicken, nehmen an, ein jeder habe etwas von seinem Recht abgetreten, und so hätten die einzelnen sich freiwillig unter die Herrschaft dessen begeben, der jene Rechte in ihrer Gesamtheit in sich vereinigt hat. Es ist jedoch ein großer Irrtum, die offenkundige Tatsache nicht zu erkennen, dass der Mensch von Natur aus nicht einzeln umherschweift, sondern vor jeder freien Willensentscheidung zur natürlichen Lebensgemeinschaft geboren ist; auch ist jener Vertrag, von dem sie reden, offenbar ganz willkürlich erfunden und erdichtet und vermag nicht, der politischen Gewalt so viel Kraft Würde und Festigkeit zu verleihen, wie der Schutz des Staates und der allgemeine Nutzen der Bürger es erfordern. Nur dann wird die bürgerliche Gewalt solche Beachtung und solchen allseitigen Schutz erlangen, wenn man anerkennt, dass ihr Ursprung aus Gott, der erhabensten und heiligsten Quelle herkommt.

Nur einen Grund haben die Menschen, nicht zu gehorchen, wenn nämlich etwas von ihnen gefordert werden sollte, was dem natürlichen oder göttlichen Gesetz offenbar widerspricht; denn nichts von allem, wodurch das Naturgesetz oder der Wille Gottes verletzt wird, ist zu gebieten oder zu tun erlaubt. Sollte daher einer in die Lage kommen, dass er sich gezwungen sieht, eines von beiden zu wählen, nämlich entweder Gottes oder des Staatsoberhauptes Gebote zu verletzen, dann hat er Christus zu gehorchen, der gebietet, ‚dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, Gott aber, was Gottes ist‘, und nach dem Beispiel des Apostels mutig zu antworten: ‚Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen‘. Auch gibt es keinen Grund, jene, die so handeln, wegen Verweigerung des Gehorsams anzuklagen; denn wenn der Wille der Staatsoberhäupter Gottes Willen und Gesetzen widerspricht, dann überschreiten sie ihre Machtbefugnis und verletzen die Gerechtigkeit; dann kann eben ihre Autorität keine Anwendung finden, denn wo keine Gerechtigkeit, da keine Autorität.

Damit aber in der Regierung die Gerechtigkeit gewahrt werde, müssen die Lenker der Staaten vor allem erkennen, dass die politische Gewalt ihrer Natur nach nicht dem Vorteil eines einzelnen zu dienen hat und dass das Staatswesen zum besten derer verwaltet werden muss, die ihnen anvertraut sind, nicht jener, denen es anvertraut ist. Möchten doch die Staatsoberhäupter Gott, das höchste und beste Wesen, von dem sie ihre Gewalt zu Lehen empfangen haben, sich zum Beispiel nehmen und, nach seinem Vorbild den Staat verwaltend, ihr Volk regieren in Gerechtigkeit und Treue, indem sie mit der Strenge, wenn sie notwendig ist, väterliche Liebe verbinden. Deswegen werden sie durch die Aussprüche der Heiligen Schrift ermahnt, dass auch sie dereinst dem König der Könige, dem Herrn der Herrscher Rechenschaft ablegen müssen, dass sie aber, wenn sie ihre Pflicht versäumten, Gottes Strenge nicht entgehen werden. ‚Der Allerhöchste wird euere Werke untersuchen und euere Gedanken erforschen. Denn wenn ihr als Diener seines Reiches nicht recht gerichtet habt, … wird er schrecklich und schnell über euch kommen, weil das strengste Gericht über die ergeht, die andern vorstehen … Denn Gott wird niemandes Person ausnehmen, noch irgendeines Größe scheuen, weil er den Kleinen wie den Großen gemacht hat und auf gleiche Weise sorgt für alle; dem Stärkeren aber steht eine größere Strafe bevor.‘ […]

Die Kirche war immer bestrebt, diese christliche Anschauung von der bürgerlichen Gewalt nicht nur dem Bewusstsein der Menschen einzuprägen, sondern sie auch im öffentlichen Leben der Völker und in deren Sitten zum Ausdruck zu bringen. Solange heidnische Kaiser an der Spitze der Regierung standen, die, in Aberglauben befangen, zur christlichen Auffassung vom Wesen der bürgerlichen Gewalt, wie Wir sie skizziert haben, nicht gelangen konnten, suchte sie dieselbe dem Bewusstsein der Völker einzuflößen. Sobald diese aber in den Lehren des Christentums unterwiesen waren, musste ihnen daran liegen, danach auch ihr Leben zu ordnen.“

Man kann auch das libertäre „Steuern sind Raub“ einfach kontern mit Jesu Kommentar zu Steuern: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Wenn Jesus die libertäre Ansicht gebilligt hätte, hätte er dann zu Pilatus (!) gesagt: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre“ (Joh 19,11)?

Die Kirche hat außerdem auch einfach immer die Ansicht abgelehnt, dass etwas dadurch gut wird, dass Leute sich freiwillig darauf einigen.

Leute könnten sich freiwillig auf eine Ehe auf Zeit oder auf Probe einigen; aber das macht diese Beziehung nach Ansicht der Kirche zu einer verkehrten und ungültigen Pseudo-Ehe. (Entsprechend schreibt Pius XI. in „Casti Connubii“: „Wenn nun aber auch die Ehe ihrem Wesen nach von Gott stammt, so hat doch auch der Wille des Menschen, und zwar in hervorragender Weise, seinen Anteil an ihr. Denn die einzelne Ehe entspringt, sofern sie die eheliche Verbindung zwischen diesem Mann und dieser Frau ist, dem freien Jawort der beiden Brautleute. Diese freie Willensentscheidung, durch die jeder Teil das der Ehe eigentümliche Recht gibt und nimmt, ist zu einer wahren Eheschließung derart notwendig, daß sie durch keine menschliche Macht ersetzt werden kann. Diese Freiheit hat jedoch nur das eine zum Gegenstand, ob die Eheschließenden wirklich eine Ehe eingehen und ob sie dieselbe mit dieser Person eingehen wollen. Dagegen ist das Wesen der Ehe der menschlichen Freiheit vollständig entzogen, so daß jeder, nachdem er einmal die Ehe eingegangen hat, unter ihren von Gott stammenden Gesetzen und wesentlichen Eigenschaften steht. Denn der Doctor Angelicus sagt da, wo er von der ehelichen Treue und der Nachkommenschaft handelt: ‚Sie gehen in der Ehe aus dem Ehevertrag hervor, und zwar so, daß, falls in dem Jawort, durch das die Ehe zustande kommt, etwas ihnen Entgegengesetztes Ausdruck fände, überhaupt keine wahre Ehe vorläge.'“)

Leute könnten mehr oder weniger freiwillig ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und Löhnen zustimmen, aber das macht laut Kirche diese Verträge ungerecht, da der Arbeitgeber den gerechten Familienlohn schuldet. (Leo XIII. schreibt in „Rerum Novarum“, einer Enzyklika, in der er sowohl die Fehler des Sozialismus darlegt als auch den Arbeitgeber und den Staat an seine Pflichten gegenüber den Arbeitern erinnert: „Da der Lohnsatz vom Arbeiter angenommen wird, so könnte es scheinen, als sei der Arbeitgeber nach erfolgter Auszahlung des Lohnes aller weiteren Verbindlichkeiten enthoben. Man könnte meinen, ein Unrecht läge nur dann vor, wenn entweder der Lohnherr einen Teil der Zahlung zurückbehalte oder der Arbeiter nicht die vollständige Leistung verrichte, und einzig in diesen Fällen sei für die Staatsgewalt ein gerechter Grund zum Einschreiten vorhanden, damit nämlich jedem das Seine zuteil werde. Indes diese Schlußfolgerung kann nicht vollständigen Beifall finden; der Gedankengang weist eine Lücke auf, indem ein wesentliches, hierher gehöriges Moment übergangen wird. a ist das folgende: Arbeiten heißt, seine Kräfte anstrengen zur Beschaffung der irdischen Bedürfnisse, besonders des notwendigen Lebensunterhaltes ‚Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen‘. Zwei Eigenschaften wohnen demzufolge der Arbeit inne: sie ist persönlich, insofern die betätigte Kraft und Anstrengung persönliches Gut des Arbeitenden ist; und sie ist notwendig, weil sie den Lebensunterhalt einbringen muß und eine strenge natürliche Pflicht die Erhaltung des Daseins gebietet. Wenn man nun die Arbeit lediglich, soweit sie persönlich ist, betrachtet, wird man nicht in Abrede stellen können, daß es im Belieben des Arbeitenden steht, in jeden verringerten Ansatz des Lohnes einzuwilligen; er leistet eben die Arbeit nach persönlichem Entschluß und kann sich auch mit einem geringen Lohne begnügen oder gänzlich auf denselben verzichten. Anders aber stellt sich die Sache dar, wenn man die andere, unzertrennliche Eigenschaft der Arbeit mit in Erwägung zieht, ihre Notwendigkeit. Die Erhaltung des Lebens ist heilige Pflicht eines jeden. Hat demnach jeder ein natürliches Recht, den Lebensunterhalt zu finden, so ist hinwieder der Dürftige hierzu allein auf die Händearbeit notwendig angewiesen.Wenn also auch immerhin die Vereinbarung zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, insbesondere hinsichtlich des Lohnes, beiderseitig frei geschieht, so bleibt dennoch eine Forderung der natürlichen Gerechtigkeit bestehen, die nämlich, daß der Lohn nicht etwa so niedrig sei, daß er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft. Diese schwerwiegende Forderung ist unabhängig von dem freien Willen der Vereinbarenden. Gesetzt, der Arbeiter beugt sich aus reiner Not oder um einem schlimmeren Zustande zu entgehen, den allzu harten Bedingungen, die ihm nun einmal vom Arbeitsherrn oder Unternehmer auferlegt werden, so heißt das Gewalt leiden, und die Gerechtigkeit erhebt gegen einen solchen Zwang Einspruch.“)

Leute können sich freiwillig auf Inzest einlassen, das macht ihn auch nicht gut. Bei vielen Dingen ist es wichtig, dass die Leute freiwillig zustimmen (z. B. bei Eheschließung und Arbeitsvertrag; das macht sie erst gültig), aber das heißt nicht, dass man den Inhalt des Vertrags beliebig aushandeln darf.

Der Libertarismus übersieht, dass es Grenzen der Freiwilligkeit gibt. Manche Leute lassen sich leicht überrumpeln oder beeinflussen, oder stimmen etwas aus Not und Überforderung zu, oder werden durch Scheingründe und Schlagworte verführt. Besonders absurd wird der Libertarismus, sobald es um Kinder geht, also abhängige Menschen, die meistens gar nicht wissen können, was gut für sie ist, sprich solche Menschen, mit denen der Libertarismus einfach nichts anfangen kann. Da kommt dann bei Libertären völlig unironisch z. B. die Ansicht heraus, Eltern dürften mit ihren Kindern Handel treiben und sie an den Meistbietenden verkaufen. Umgekehrt sollen dafür die Kinder weglaufen dürfen und sich ein neues Zuhause aussuchen, sobald sie dazu physisch fähig sind, und es wäre Gewalt, wenn die Eltern sie zurückholen. (Es wäre auch interessant, zu wissen, was Libertäre dazu zu sagen hätten, ob Kinder sich freiwillig auf sexuelle Beziehungen einlassen könnten.)

Ich will hier nicht darüber streiten, ob der Libertarismus schon Häresie ist oder nur „nahe an der Häresie“ oder „zur Häresie hinführend“, oder welche der Zensuren, die die Kirche früher für falsche Meinungen vergab, er nun genau verdienen würde. Tatsache bleibt: Der Libertarismus widerspricht der konstanten Lehre der Päpste, und der Bibel, die nach katholischer Lehre frei von jedem Irrtum ist, daher kann kein Katholik libertär sein.

Bei manchen – nicht allen – bloß liberalen Ideen können Leute eher noch nach Schlupflöchern suchen und mit „lässt sich das nicht doch irgendwie mit diesen Enzykliken vereinbaren“ kommen; beim Libertarismus sehe ich nicht, wie auch nur das möglich sein sollte. Und selbst bei den meisten Liberalen ist das Problem, dass sie erst den Liberalismus als Grundsatz hernehmen und dann versuchen, ihn in die Kirchenlehre hineinzuzwängen, statt von der Kirchenlehre auszugehen und zu schauen, was nach dieser Lehre die beste politische, wirtschaftliche, soziale Ordnung sein könnte. Das ist gefährlich.

Zuletzt noch ein paar praktische Gründe gegen den Libertarismus aus meiner Sicht:

Kaum einer will wirklich in einer Welt leben, in der alles ein großer Markt ist. Ich jedenfalls will nicht, dass aus meiner Heimat eine Privatfirma wird. Es ist nicht alles durch den Markt bestimmt, und Menschen verlassen ihre Städte nicht gleich, wenn die Angebote irgendeiner „Privatstadt“ besser sind, weil es nun mal ihre Heimat ist; eine Besitzerfirma könnte also mit sehr viel durchkommen. Der Staat dagegen ist immer noch in gewisser Weise „unserer“ – auch wenn man praktisch keinen Einfluss auf seine Politik hat (was meistens der Fall ist), gehört man hier trotzem zu einer größeren Gemeinschaft, die einen nicht einfach rausschmeißen kann. Jemandem zu verbieten, eine Privatstadt zu betreten, ist sehr viel leichter, als jemandem die Staatsbürgerschaft abzuerkennen, vor allem, wenn er nur diese eine Staatsbürgerschaft hat. Ein Volk, eine Nation, ein Staat ist mehr als ein Unternehmen.

Der Libertarismus würde nicht mal immer praktische Vorteile bieten in dem Sinne, dass der Markt für beste Preise und Bedingungen sorgen würde. Bei einigen Dingen tut der Markt das, weil es viel Konkurrenz gibt, aber es gibt Monopole, die sich automatisch entwickeln: Straßen, Eisenbahnen, Wasserversorgung. Wenn das örtliche Wasserwerk die Preise extrem erhöht und an Reparaturen spart, werden die wenigstens anfangen, sich einen Brunnen im Garten zu graben und sich Wasserfilter zu kaufen. Und wer in einer Mietwohnung wohnt, hätte höchstens noch die Möglichkeit, Regenwasser in einer Wanne auf dem Balkon zu sammeln – nicht gerade die beste Alternative. Bei solchen Dingen, wo oft auch stetige Aufgabenerfüllung wichtiger ist als Effizienz und technische Verbesserung, ist der Staat tatsächlich besser als der Markt.

Der Staat hat seine Nachteile; aber Großfirmen – die immer entstehen, wenn man den Markt völlig frei lässt – haben auch ihre Nachteile. Haben es Arbeiter bei Amazon denn besser als die Postbeamten beim früheren Staatsmonopol? Sind private Versicherungen großartig und kundenorientiert?

Die totale freie Marktwirtschaft der Libertären ist ebenso eine Illusion wie der Kommunismus. Eigentlich lernt man schon in der Schule in Wirtschaft und Recht, dass ein „vollkommener Markt“, auf dem sich alle nur nach objektiven Vorteilen richten und einen gesamten Überblick über den Markt haben und alle Anbieter die gleichen Chancen haben, nicht existiert.

Und noch ein sehr wichtiger Grund:

Leute hören auch nicht auf, Meinungen zu haben und sie durchsetzen zu wollen, wenn man den Staat abschafft. Es kann genauso ideologische Zensur und Bespitzelung der Nachbarn geben, wenn man in einer „Privatstadt“ lebt. Der Libertarismus ist nicht stabil; er rechnet nicht mit Überzeugungen. Und Überzeugungen, die sich gegenseitig ausschließen, sorgen nun mal dafür, müssen dafür sorgen, dass es Konflikte gibt.

Freiheit ist etwas Gutes; das merkt man gerade dann, wenn man sie nicht mehr hat (z. B. jetzt gerade in vielen Angelegenheiten), oder wenn man nur daran denkt, sie zu verlieren (z. B. wenn man sich vorstellt, entmündigt und in ein Heim gegeben zu werden). Aber man kann sie wie alle guten Dinge – wie Ordnung, wie Sicherheit, wie Barmherzigkeit – nicht verabsolutieren und als einzigen Wert hinstellen.

Kurz gesagt: Freiheit gehört zum Guten; aber Freiheit ist nicht das ganze Gute.