Schuldgefühle, früher und heute

Es ist wahrscheinlich eine der pervertiertesten Ideen, die existieren: Wenn eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes stirbt, würde sich das Kind sicher sein Leben lang entsetzlich schuldig fühlen, dass „es seine Mutter getötet hat“, ergo muss logischerweise die Mutter das Kind durch ihren Arzt töten lassen, um ihm dieses schreckliche Schicksal zu ersparen. (Ob ihr dann das Schicksal des schlechten Gewissens erspart bleibt, sei hier dahingestellt.)

Das Interessante an dieser Idee ist, dass sie ziemlich jung zu sein scheint. In Zeiten, in denen das Risiko, bei der Geburt oder hinterher am Kindbettfieber zu sterben, ziemlich hoch war, scheinen Kinder oder andere überlebende Familienmitglieder dieses Gefühl nicht gehabt bzw. dem Kind keine Schuld eingeredet zu haben. Da scheint man so damit umgegangen zu sein, wie wir heute damit, dass wir wissen, dass unsere Mütter bei der Geburt extreme Schmerzen hatten, dass sie an Schwangerschaftsübelkeit gelitten haben, Komplikationen hatten, wegen denen sie während der Schwangerschaft ins Krankenhaus mussten. Selbst der skrupulöseste Mensch würde wahrscheinlich nicht darauf kommen, sich ein schlechtes Gewissen zu machen, weil „ich meine Mutter stundenlang gefoltert habe, bis ich endlich geboren war“. Schon die Vorstellung ist lächerlich.

Man ehrt und liebt Mütter für gewöhnlich einfach für die Leiden und Gefahren, die sie auf sich genommen haben (und weiterhin nehmen). Und das war’s. Wenn jemand für mich gelitten hat, oder sogar für mich gestorben ist, was fühle ich dann für den? Liebe.

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(Christus wird vom Kreuz abgenommen. Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Unter Christen beklagt man oft, dass die Leute heute zu wenig Schuldgefühle hätten. Das ist oft richtig (beispielsweise wenn sie ihre ungeborenen Kinder töten). Aber manchmal haben sie auch zu viele – bzw. sie haben sie an den falschen Stellen. Es scheint seit einiger Zeit auch sehr beliebt zu sein (wenn man nach Belletristik und Film geht), sich die dümmsten Schuldgefühle einzureden à la „Ich bin schuld am Tod meines Bruders, wenn ich ihm nicht gesagt hätte, er sollte sich diesen Urlaub gönnen, wäre er nicht in dieses Flugzeug gestiegen, das dann abgestürzt ist“. In vielen Fällen scheint das wirklich nur eine Sache der Fiktion zu sein, aber manchmal erlebt man es schon, dass Leute sich ihre Vorstellungen davon, was die angemessenen Gefühle in einer bestimmten Situation sind, davon prägen lassen.

[Ähnliches gilt vermutlich für das „Eltern verlieren den Glauben, weil ihr Kind stirbt oder permanent behindert wird“-Motiv. Zu den Zeiten, als die Kindersterblichkeit ziemlich hoch war und die meisten Eltern mindestens ein Kind verloren haben und es auch noch keine Heilung für Kinderlähmung u. Ä. gab, hieß es „Not lehrt beten“, kaum „wie kann Gott mir das antun; Ihn kann es also nicht geben“. Selbst wenn man verzweifelt fragte „Wie kann Gott mir das antun?“, erwartete man eher, dass Gott einem irgendwann eine Antwort darauf geben würde, statt den Atheismus zu postulieren. Aber vielleicht kommt das Problem in diesem Fall daher, dass die Menschen „früher“ das Thema Leid einfach weniger ignoriert haben, und sich mehr bewusst waren, dass Gott einen nicht immer vor schlimmen Leid bewahrt, dass es dafür tatsächlich gute Gründe geben kann, und dass sogar der Sohn Gottes selbst schlimmes Leid auf sich genommen hat. Aber selbst heute scheint „Not lehrt beten“ häufiger zu sein als „Wie kann Gott mir das antun“ – meinem persönlichen Eindruck nach, der täuschen kann. Über die Theodizeefrage spekulieren, das tun vielleicht eher Theologen vom Schreibtisch aus; sich an Gott wenden, das tun vielleicht eher Krebskranke und Verwitwete. Aber ich schweife ab.]

Man könnte spekulieren, ob Leute sich zuerst Schuldgefühle für abstruse Dinge einreden, um sich dann zu sagen, dass ihre realen Schuldgefühle genauso abstrus wären wie jene und sie beide verdrängen sollten. Wenn man weiß, dass es unsinnig ist, sich Schuldgefühle einzureden, weil man jemandem zu dem Flug geraten hat, bei dem das Flugzeug abgestürzt ist, bringen wohl auch die Schuldgefühle nichts, die man hat, weil man die Sicherheitsvorkehrungen in der Fabrik nicht eingehalten hat und ein anderer einen schweren Arbeitsunfall hatte. „Gib dir nicht die Schuld.“ Das kommt wahrscheinlich auch daher, dass es keinen guten Weg mehr gibt, mit als real anerkannter Schuld umzugehen. Man glaubt nicht, dass es Verzeihung dafür gäbe. Auf eine Entschuldigung scheint die erwartete Antwort immer zu sein „ist okay, war nicht so schlimm“, nicht „ist verziehen“ oder so etwas. Dass etwas wirklich Schlimmes bei Reue und eventueller Wiedergutmachung verziehen werden kann, scheinen viele nicht mehr zu glauben.

Aber das ist ziemlich sicher nicht alles. Viele Leute glauben wirklich an unvermeidbare Schuld, und haben Angst davor. Vor kurzem hat man das wegen der Corona-Epidemie gesehen, wenn es darum ging, dass die Intensivbetten und Beatmungsgeräte zu irgendeinem Zeitpunkt nicht reichen könnten (wie das in italienischen Krankenhäusern ja schon der Fall war) und man auswählen muss, wen man beatmet und wen nicht. Viele Leute glauben wirklich, dass man es dann nicht vermeiden kann, schuldig zu werden – dass man hier durch muss, und es auf sich nehmen muss, schuldig zu werden.

Dabei ist es gerade das, was persönliche Schuld ausmacht, dass man das Gute hätte wählen können und es nicht gewählt hat. Sie ist vermeidbar; durch Unvermeidbares kann man keine persönliche Schuld auf sich laden. Wenn man nun aber sieben Patienten und fünf Beatmungsgeräte hat, kann man nicht jedem eins geben. Nicht jede Tragödie beinhaltet Schuld. Manchmal passiert etwas Schlimmes, ohne dass der Betroffene Schuld hat. (Letzten Endes resultiert zwar alles Schlechte irgendwo aus freien Entscheidungen von Geschöpfen für das Böse, aber diese freien Entscheidungen können so weit in der Vergangenheit liegen wie die Ursünde der ersten Menschen.)

Es gibt einerseits protestantische Theologen, die so denken, weil für sie generell die Sünde etwas Unvermeidbares ist, es keinen freien Willen gibt, und der Mensch zutiefst verdorben ist, ohne irgendetwas daran ändern zu können, und für sie die Gnade darin besteht, dass Gott die Sünden dann nicht anrechnet, ohne dass man irgendwelche Bedingungen dafür erfüllen muss. (Eine schöne Gnade, etwas zu vergeben, für das man nicht verantwortlich war.)

Aber das ist doch eine Minderheit; die Mehrheit denkt nicht mehr lutherisch oder reformiert, auch wenn das im Unterbewusstsein irgendwo drin sein könnte. Nein, bei der Mehrheit ist es wahrscheinlich einfach ein zutiefst pessimistischer Ausblick auf die Welt: Man darf nicht sagen, dass Gott alles lenkt, dass alles am Ende gut werden wird, dass alles seinen Sinn hat, dass es (letzten Endes) gerecht zugeht in der Welt. Das wäre triumphalistisch und naiv; erwachsene Menschen sehen die Finsternis. Gerade in Deutschland ist das sehr, sehr weit verbreitet; der Schock der Nazizeit scheint eine gewisse Verantwortung dafür zu tragen.

Entscheidende Argumente kommen dafür aber eigentlich nicht. Es ist wohl mehr ein Gefühl, das aus Müdigkeit, Überdruss und Unsicherheit geboren wird. Dass Gott sowohl vollkommen gut als auch allmächtig als auch die Vernunft selbst ist, ergibt sich logisch sowohl aus den klassischen philosophischen Gottesbeweisen als auch aus der göttlichen Offenbarung; und ein solcher Gott wird Menschen nicht in Situationen unvermeidbarer Schuld geraten lassen. Es ist für mich eine der gesündesten, tröstlichsten und erhellendsten Lehren des Christentums: Die Wirklichkeit ist im tiefsten Inneren gut, logisch, freundlich.

Sog. Dilemmata sind auflösbar. Um auf das Beispiel zurückzukommen, mit dem ich diesen Artikel begonnen habe, die Mutter mit der lebensbedrohlichen Schwangerschaft: Eigentlich sollte jeder Mensch wissen, dass es keine Notwehr ist, jemanden zu töten, der unschuldig ist und nichts tut, um einem zu schaden, und dass es nicht gerechtfertigt ist, jemanden zu töten, dessen bloße Anwesenheit Lebensgefahr für einen bedeutet. Manchmal kommt hier das Argument „wenn mich ein unzurechnungsfähiger Mörder mit einer Waffe angreift, darf ich ihn notfalls auch töten, obwohl er vielleicht keine Schuld trägt“, aber das zieht nicht. Derjenige tut etwas objektiv Böses, und seine subjektive Schuldfähigkeit ist bzgl. der Notwehr nachrangig. Man könnte kaum verlangen, dass Angegriffene immer erst einmal herausfinden sollen, wie schuldfähig ihre Angreifer sind und ob sie vielleicht an Wahnvorstellungen leiden.

Bessere Beispiele wären: Darf ich jemanden in einen Abgrund stoßen, weil er mir im Weg steht, damit ich auf einem schmalen Weg schneller vor einem Mörder wegrennen kann? Darf ich, wenn ich über einem Abgrund hänge und jemand sich an meinen Beinen festhält, nach ihm stoßen, damit er fällt und ich mich nach oben ziehen kann? Natürlich nicht.

Es gibt hier kein „schwieriges Dilemma“, keine „unvermeidbare Schuld“. Manchmal gibt es unvermeidbare Tragik. Und das war es.

Klugheitsregeln für Gewissenszweifel: Update

Mir ist aufgefallen, dass der erste Teil meiner „Moraltheologie und Kasuistik“-Reihe (zur Frage, wie man bei Gewissenszweifeln zu einem Urteil findet) in einigen Dingen wohl noch unklar und unvollständig war und Fragen offen gelassen haben dürfte; daher habe ich ihn mal geupdatet. (Die Updates stehen unter dem bisherigen Text.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9b: Mitwirkung an fremden Sünden

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Zu den Sünden gegen die Nächstenliebe zählt es an vorderster Front, dem Nächsten Anlass zu einem Schaden an seiner Seele, also einer Schuld, zu sein, bzw. daran mitzuwirken. Hier unterscheidet man: Verführung, Ärgernis, Mitwirkung; im letzten Artikel ging es um die ersten beiden, hier zum dritten Punkt.

 

Mit der Mitwirkung ist die Mitwirkung an der Sünde eines anderen gemeint, die derjenige unabhängig von dem, was man selbst tut, schon begehen will, die also grundsätzlich aus dessen bösen Willen hervorgeht und deren Schuld er sowieso auf dem Gewissen hätte (auch, wenn er sie unter manchen Umständen nicht ausführen könnte, wenn man sich nicht beteiligen würde, oder man ihn durch seine Mitwirkung bestärkt, hätte er sie jedenfalls schon geplant), an deren Vorbereitung oder Ausführung man aber nicht unbeteiligt ist.

Ein Unterschied besteht zwischen formeller und materieller Mitwirkung.

„1. Als formal wird die Mithilfe (zur Sünde) bezeichnet, wenn der Helfer an der bösen Handlung nicht nur tatsächl. teilnimmt, sondern sie auch billigt. Durch diese innere Einstellung wird er im Sinn der begangenen Sünde schuldig. Außerdem versagt er in der Nächstenliebe, da er seinen Mitmenschen nicht, wie er sollte, vom sittl. Unwert abzieht, sondern ihn darin noch bestärkt.

2. Bloß material wird die Mithilfe (zur Sünde) genannt, wenn der Helfer mit der Sünde nicht einverstanden ist, sondern zur Mithilfe (zur Sünde) durch einen anderen Grund bewogen wird.“ (Karl Hörmann, Lexikon der christlichen Moral)

Die Tat an sich ist allerdings trotzdem dieselbe; ein anderer Unterschied, der für die moraltheologische Beurteilung wichtiger wird, besteht daher zwischen direkter/unmittelbarer und indirekter/mittelbarer Mitwirkung.

Die direkte Mitwirkung wäre die Mitwirkung an einer schlechten Tat selbst, also z. B. die Mitwirkung an einem gemeinschaftlich begangenen Raub, die Mitwirkung eines Assistenzarztes bei einer Abtreibung oder Sterilisation. Die direkte Mitwirkung ist immer verboten.

Indirekte/mittelbare Mitwirkung besteht, wenn die Handlung, die man selbst vollzieht, an sich gut oder zumindest neutral ist, aber von jemand anderem in den Dienst einer schlechten Sache gestellt wird. Z. B.: die Mitwirkung eines Arztes bei der Nachsorge nach einer Abtreibung, die Mitwirkung eines Angestellten in der Buchhaltung bei der Auszahlung ungerechter Löhne oder dem Eintreiben von Wucherpreisen, die Arbeit einer Putzfrau in einem Stripclub, das Bereitstellen des Blumenschmucks für eine Schwulenhochzeit, das Kaufen von Kleidung, die unter schlechten Arbeitsbedingungen und zu Hungerlöhnen hergestellt worden ist, die Arbeit eines Taxifahrers, der jemanden zu einem Bordell fährt, das Vermieten eines Saals an eine antikatholische Sekte für ihre Treffen. Ich habe hier bewusst Beispiele genannt, die unter manchen Umständen (nicht unter allen) gerechtfertigt sein können. Die indirekte/mittelbare Mitwirkung kann auch noch näher oder entfernter sein; hier gibt es logischerweise unzählige Grade der Entfernung.

Eine indirekte formale Mitwirkung (bei der man zwar nur indirekt mitwirkt, aber die Sünde auch billigt), wäre auch verboten, aber eine indirekte materielle Mitwirkung (bei der man die Sünde nicht billigt, aber aus anderen Gründen indirekt mitwirkt) kann erlaubt sein.

An sich ist es gut, Mitwirkung an fremden Sünden zu vermeiden; aber in einer Welt, in der so extrem viele Sünden passieren, ist das nicht immer möglich, manchmal nicht praktikabel, und des öfteren nicht zumutbar/verpflichtend.

(Wie absurd es wäre, wenn keine noch so entfernte und ungewollte Mitwirkung am Bösen je erlaubt wäre, illustriert Jimmy Akin hier mit einem schönen Beispiel: „Nach der skrupulösen ‚beteilige dich nie, wenn Böses entstehen könnte‘-Meinung könnte selbst das Retten eines ertrinkenden Mannes verboten sein, da der Mann sicherlich später dann noch irgendwelche Sünden begehen wird. Aber Gott erwartet von uns, ihn zu retten, wenn wir können. Indem wir uns aus der menschlichen Gesellschaft zurückziehen würden, um Mitwirkung am Bösen zu vermeiden, würden wir angenommene Tatsünden mit tatsächlichen Unterlassungssünden vertauschen.“)

Kommen wir von solchen absurden Beispielen wieder zu etwas näheren Mitwirkungen. Kriterien, die bei der Mitwirkung in Betracht zu ziehen sind, sind insbesondere:

  • Wie schwerwiegend ist die Sünde? (Dazu: Ist sie, auch wenn sie materiell schwerwiegend ist, vielleicht formell nicht schwerwiegend, weil derjenige sich gar nicht bewusst ist, dass er falsch handelt, handelt er also ohne zurechenbare Schuld?)
  • Wie nahe ist die eigene Handlung an der Sünde?
  • Wie sicher sieht man voraus, dass die Sünde wirklich begangen wird, wenn man an der Vorbereitung mitwirkt? Besteht nur ein gewisses Risiko oder ist es schon sicher?
  • Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Sünde verhindert werden kann, wenn man seine Mitwirkung verweigert? (Ob die Sache so oder so passieren würde, ist bei der Abwägung zwar mit in Betracht zu ziehen, gibt aber nicht immer den Ausschlag; ein einfaches Beispiel: Wenn eine Chemiefirma 1942 gesagt hätte „wenn ich kein Zyklon B nach Auschwitz-Birkenau liefere, macht es jemand anders“, würde man das auch nicht unbedingt als Entschuldigungsgrund sehen.)
  • Hat man (z. B. als Polizist, Beamter, Vater oder Mutter…) eine besondere Verpflichtung, sie zu verhindern?
  • Und vor allem: Welche Schäden sind zu erwarten, wenn man seine Beteiligung verweigert, oder welche guten Dinge ergeben sich durch die Mitwirkung – d. h. wie ernst ist der Grund, aus dem man mitwirken würde?

Es ist hier letztlich immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Das Leben muss noch irgendwie lebbar sein; Gott verlangt von uns, „auf menschliche Weise“ ein rechtes Leben zu führen.

(Wenn man nicht oder nur schwer vorhersehen kann, dass eine gute oder neutrale Handlung jemand anderem für etwas Schlechtes nutzen wird, taucht die Frage nach Sünde gar nicht auf, auch wenn er dieses Schlechte dann tut. Wenn jemand auf dem Flohmarkt einen alten Gürtel verkauft, kann er nicht voraussehen, dass der Käufer damit seine Frau verprügeln wird. Entscheidend für die moralische Beurteilung ist nicht das letztendliche Gesamtresultat, sondern die eigene Handlung.)

Die Mitwirkung ist – je nach ihrer Entfernung von der Tat, nach dem Grund für die Mitwirkung etc. – für gewöhnlich weniger schwer als die Sünde selbst. Wenn jemand ohne ausreichenden Grund (aber vielleicht nicht ganz ohne Grund, sondern aus einem Grund, der eben nicht genügt) entfernt an einer Todsünde mitwirkt, kann das daher mal auch einfach eine lässliche Sünde sein.

Der hl. Alphons von Liguori schreibt über den Grund, aus dem materielle Mitwirkung erlaubt ist:

„Der Grund ist, dass, wenn du eine indifferente Handlung ohne böse Absicht ausführst, wenn ein anderer sie missbrauchen will, um seine Sünde auszuführen, du nicht verpflichtet bist, das zu verhindern außer durch die Nächstenliebe [d. h. nicht durch ein strenges Gebot der Gerechtigkeit, sondern nur durch die darüber hinausgehende Liebe]; und da die Nächstenliebe bei großen Beschwerlichkeiten nicht verpflichtet, sündigst du nicht, wenn du deine Mitwirkung aus einem gerechten Grund leistest; denn dann entsteht die Sünde eines anderen nicht aus deiner Mitwirkung, sondern aus der Bosheit dessen, der deine Handlung missbraucht. (Alphons von Liguori, Moral Theology. Volume I. Books I-III. On Conscience, Law, Sin and the Theological Virtues, übers. v. Ryan Grant, Mediatrix Press, Post Falls, 2017, S. 595. Übersetzung der englischen Übersetzung ins Deutsche von mir.)

 

Heribert Jone schreibt über die Mitwirkung:

„III. Die Mitwirkung. 1. Die formelle Mitwirkung, d. h. jene, mit der man sich an einer verwerflichen Handlung äußerlich beteiligt und gleichzeitig die schlechte Intention des anderen teilt, ist immer verboten.

2. Eine unmittelbare materielle Mitwirkung, d. h. die Mitwirkung an der verwerflichen Handlung selbst, aber ohne Teilhabe an der schlechten Intention, ist gleichermaßen verboten. Es besteht nur eine Ausnahme, wenn es sich um einen Schaden handelt, der Vermögensgüter betrifft, und das nur in bestimmten Fällen.“ (Précis de theologie morale catholique, Nr. 147, aus der französischen Übersetzung rückübersetzt ins Deutsche von mir.)

Hier kommt ein Verweis auf Nr. 354 im Buch, wo er schreibt:

„Man darf sich nur direkt an einer Handlung beteiligen, die dem Nächsten an seinen Gütern schadet, wenn man unter dem Einfluss einer schweren Furcht handelt, und man den Schaden wiedergutmachen kann und will, oder auch, wenn der Schaden selbst ohne diese Beteiligung verursacht worden wäre, oder auch, wenn er nur von geringer Bedeutung ist. Wenn keine dieser Bedingungen zutrifft, könnte man nur direkt an einer Handlung dieser Art teilnehmen, um für sich selbst einen unvergleichlich größeren Schaden zu vermeiden, z. B. den Verlust des Lebens.“

Hier geht es also darum, wenn z. B. eine Angestellte in einem Laden von einem Räuber mit einer Waffe bedroht wird und ihn deshalb zu einem Safe führt, den Safe öffnet und das Geld herausgibt. Damit schadet sie zwar dem Inhaber an seinem Besitz, aber in diesem Fall ist das keine Sünde, weil sie um einen „unvergleichlich größeren Schaden“, nämlich den Verlust ihres Lebens, fürchten muss, und sie hat daher auch keine Pflicht zur Wiedergutmachung. (Der Inhaber würde das wohl auch kaum von ihr erwarten und lieber selbst auf seine Besitztümer verzichten.) Ein anderer Fall könnte z. B. sein, wenn man von jemandem aus seinem Umfeld bedroht und erpresst wird, um bei einem Diebstahl mitzumachen, und man unter „dem Einfluss einer schweren Furcht“ mitmacht, den Schaden aber wiedergutmachen will.

Dass das erlaubt ist, liegt einfach daran, dass das Eigentumsrecht kein absolutes Recht ist, und vor höherrangigen Rechten (z. B. dem Lebensrecht) Platz machen muss; bekanntlich darf auch ein Verhungernder Essen stehlen. Man dürfte aber nicht, wenn man von einem Verbrecher bedroht wird, z. B. direkt an einer Entführung, Vergewaltigung, Folterung oder Ermordung mitwirken.

„3. Eine mittelbare materielle Mitwirkung, d. h. die Mitwirkung an einer Handlung, die nur die Vorbereitung einer verwerflichen Handlung ist [also eben eine Handlung, die von dem anderen nur in den Dienst seiner schlechten Sache gestellt wird, aber nicht direkt dazugehört, wie oben gesagt], ist gleichermaßen normalerweise verboten. Sie kann aber erlaubt sein, wenn die Handlung, an der man sich beteiligt, gut oder wenigstens indifferent ist und es einen angemessen schwerwiegenden Grund gibt.

Der Grund muss entsprechend schwerwiegender sein, wenn die Sünde des Nächsten schwerwiegender ist, wenn die Handlung direkter an der Sünde mitwirkt, wenn die Sünde ohne die Mitwirkung sicherer verhütet werden könnte, wenn man strenger verpflichtet ist, diese Sünde zu verhindern.“ (Nr. 147)

 

Er bringt dann eine ganze Reihe an Beispielen für die Mitwirkung; ich will einige zitieren, um den Lesern einen Eindruck zu vermitteln, wie er Einzelfälle beurteilt hätte, und auch zum Vergleich Meinungen anderer Theologen (z. B. zu Mitwirkung bei der Arbeitsstelle, zu Mitwirkung in der Politik generell, zu Mitwirkung in einer Diktatur oder in einem Zustand der Gefangenschaft speziell, zur Mitwirkung von Juristen bei Scheidungen oder Standesbeamten bei Zivilehen, zur Mitwirkung an kirchenfeindlichen Schriften oder bei häretischen Sekten…). Weiter unten bringe ich noch eigene Beispiele, die damals vielleicht nicht so oft vorkamen oder die bei diesen Theologen einfach nicht erwähnt worden sind (z. B. zur Mitwirkung bei Abtreibungen, Verhütung oder Schwulenhochzeiten, oder zur Investition in bestimmte Firmen).

Zum Verständnis der folgenden Texte: ein „gerechter und vernünftiger Grund“ heißt in Kasuistik und Kirchenrecht „nicht ganz ohne Grund und nicht aus einem ungerechten/unvernünftigen Grund“, ein „gerechter und vernünftiger Grund“ ist aber leicht gefunden; ein „ernster/schwerwiegender Grund“ muss ein gewisses Gewicht haben, ist aber nichts Abwegiges; ein „sehr schwerwiegender Grund“ ist schon etwas Außergewöhnliches. „Sehr schwerwiegend“ heißt aber nicht automatisch „selten“; man kann in einem Land oder einer Zeit leben, in dem/der generell außergewöhnliche Verhältnisse herrschen, sodass in diesem Land oder dieser Zeit relativ oft „sehr schwerwiegende Gründe“ für diese oder jene Sache auftreten. Es kommt letztlich einfach auf die objektive Schwere des Grundes an.

Klar ist immer: Wenn eine Mitwirkung sich nicht rechtfertigen lässt, und man sich ihr auch nicht unauffällig entziehen kann, muss man sich klar weigern und erklären, dass man die besagte Sache nicht tun wird. Andere haben die Pflicht, darauf Rücksicht zu nehmen, wenn jemand etwas mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann; und wenn sie merken, dass man sich nicht auf die Sache einlässt, stellen sie sich glücklicherweise in einigen Fällen auch irgendwann darauf ein. Manchmal tun sie das freilich nicht, und man muss die Konsequenzen tragen. Man sollte auch sehen, dass man, wenn man z. B. als Unternehmer in seinem Unternehmen strikt bestimmte Mitwirkungen am Bösen meidet, damit auch eine katholische Oase schaffen kann, die es katholischen Mitarbeitern leichter macht, und eine Vorbildfunktion für andere Katholiken hat. Je mehr Menschen sich einer Mitwirkung am Bösen entziehen, desto leichter wird es für andere, sie nachzuahmen.

Auch zu bedenken: Es ist praktisch gesehen öfter, wenn auch nicht immer, effektiver und macht mehr Eindruck, eine Mitwirkung ganz zu verweigern, als darauf zu hoffen, dass man, indem man sich beteiligt, einige Auswüchse verhindern und die Sache weniger schlimm machen kann, als sie sonst gewesen wäre. Auch wenn es einen rechtfertigenden Grund für die Mitwirkung gibt, an der Schwere der Sache selbst kann man oft nichts ändern.

Noch etwas Allgemeines zu den folgenden Fällen: Im Zweifelsfall über die Erlaubtheit einer Sache macht es Sinn, 1) die Klugheitsregeln für Zweifelsfälle zu kennen (kurz zusammengefasst: im Normalfall darf man etwas tun, wenn es wahrscheinlich erlaubt ist; Ausnahmen gibt es, wenn sehr wichtige Dinge auf dem Spiel stehen), 2) einen (verlässlichen!) Priester zu fragen.

 

Jetzt also erst einmal Beispiele von Jone und anderen älteren Moraltheologen:

 

Jone schreibt über Geldspenden:

Geldspenden für den Bau und Unterhalt nichtkatholischer Schulen und Waisenhäuser.

Wenn das Ziel dieser Einrichtungen in erster Linie Unterricht und Wohltätigkeit ist, kann man sie in gemischtreligiösen Ländern mit Geld unterstützen, unter der Bedingung, dass kein Ärgernis entsteht und diese Einrichtungen nicht dafür benutzt werden, den Abfall der Katholiken herbeizuführen.

Beiträge für sozialistische oder radikale Syndikate.

Wenn diese Syndikate zum Ziel haben, Armen, Kranken etc. … zu helfen, kann ein Beitrag aus einem proportionalen Motiv erlaubt sein. Aber wenn diese Syndikate zum Ziel haben, die Kirche zu bekämpfen, Sozialisten oder Radikale wählen zu lassen oder andere vergleichbare Ziele, wäre der Beitrag verboten.“ (Nr. 149)

Das Gesagte dürfte heute für entsprechende Hilfsorganisationen genauso gelten.

 

Ein großes Thema ist natürlich die Mitwirkung im Beruf. Austin Fagothey SJ schreibt allgemein über Angestellte:

„Angestellte, weil sie ihre Dienste einer Firma zur Verfügung stellen, deren Programm sie nicht bestimmen, sind besonders der Gefahr der materiellen Mitwirkung ausgesetzt. Man darf keine Anstellung bei einer Firma behalten, die kontinuierlich und gewohnheitsmäßig ein moralisch verwerfliches Geschäft betreibt. Wenn sie das nur gelegentlich tut, müssen sich Angestellte nicht beunruhigen, solange ihre materielle Mitwirkung entfernt bleibt; aber wenn sie merken, dass nahe materielle Mitwirkung von ihnen relativ häufig verlangt wird, müssen sie einen schwerwiegenden Grund haben, bei ihrer Arbeitsstelle zu bleiben, und müssen in der Zwischenzeit eine ernsthafte Anstrengung unternehmen, andere Arbeit zu finden.“ (Right and Reason, S. 340)

Im Allgemeinen darf man wohl sagen, dass man, wenn man zu der Ansicht kommt, dass man eine Arbeit nicht behalten kann, weil man zu oft relativ nahe materielle Mitwirkung leisten müsste, man während der Kündigungsfrist seine Arbeit noch normal leisten kann, da man mit diversen Konsequenzen zu rechnen hätte, wenn man das nicht tun würde.

Jone schreibt detaillierter:

„Mitwirkung Untergebener an den Sünden ihrer Vorgesetzten.

Dienstboten können, sogar nur aufgrund ihres Dienstverhältnisses, ihren Dienstherren an einem verbotenen Tag auf deren Verlangen hin Fleisch zubereiten, und ihnen Wein reichen, auch wenn sie wissen, dass sie sich betrinken werden. – Gleichermaßen kann ein Dienstbote seinem Dienstherren schlechte Bücher oder schlechte Zeitungen kaufen oder ihm solche liefern, die schon gekauft sind. – Aus einem proportional schwerwiegenden Grund kann ein Dienstbote im Auftrag seines Dienstherrn einer Person, mit der der Dienstherr schuldhafte Beziehungen unterhält, Briefe oder Geschenke überbringen. Er kann ihn zu dem Haus dieser Person fahren oder dieser Person die Tür öffnen. Aber er hat nie das Recht, diese Person direkt zur Sünde auffordern. Er kann sie allerdings aus einem ernsthaften Grund bitten, zu seinem Dienstherrn zu kommen, auch wenn er weiß, dass sie eine Sünde mit diesem begehen wird. Aber eine solche Einladung wäre nie erlaubt, wenn sie die erste Versuchung darstellen würde. – Büroangestellte können auf Verlangen ihrer Vorgesetzten Rechnungen abtippen, die andere schädigen müssen, und sie können selbst, aus sehr ernsthaften Gründen, auf Verlangen dieser Vorgesetzten, diese Rechnungen selbst aufsetzen. – Droschkenkutscher und Mietfahrer können ihre Dienste selbst denen leisten, die sich zu verrufenen Häusern fahren lassen wollen, da, zum einen Teil, sie das Übel nicht verhindern können, und, zum anderen Teil, ihre Weigerung ihnen einen schwerwiegenden Schaden bereiten würde.

Mitwirkung von Handwerkern und Geschäftsleuten

Schneiderinnen können, aus einem vernünftigen Grund und auf Verlangen, wenig anständige Kleider herstellen, von denen das Tragen allerdings keine Todsünde darstellt. Was Kleidung angeht, bei der es unmöglich ist, sie ohne schwere Sünde zu tragen, können sie sie nur aus einem sehr ernsthaften Grund herstellen. Aber wenn man solche Kleider macht, nicht um einen Auftrag auszuführen, sondern um Kunden anzulocken, sündigt man durch Ärgernis. – Geschäftsleute haben das Recht, Dinge zu verkaufen, die missbraucht werden können, deren Missbrauch sie aber nur in genereller Weise voraussehen, z. B.: Spielkarten, Waffen, Schminke, Schmuck. Wenn man sich aber sicher ist, dass der Käufer sie missbrauchen würde, braucht es einen ernsthaften Grund, um verkaufen zu dürfen; das Entgehen des Gewinns allein genügt nicht. Gastwirte dürfen einer Person, die sich wahrscheinlich betrinken wird, oder einer schon betrunkenen Person keine alkoholischen Getränke ausschenken. Wenn es keinen Dispens gibt, ist es ihnen nicht erlaubt, ihren Gästen an einem verbotenen Tag unaufgefordert Fleisch anzubieten; wenn man sich sicher ist, dass ein bestimmter Gast keinen Dispens hat, darf man ihm nur Fleisch servieren, um einen schwerwiegenden Schaden zu vermeiden. – Man darf gleichermaßen den Gästen keine Zeitungen bereitstellen, die kontinuierlich den Glauben und die guten Sitten angreifen, selbst im Fall, dass viele Kunden den Betrieb boykottieren würden, wenn man sie ihnen nicht gibt. Man muss sich im übrigen in Erinnerung rufen, dass diese Zeitungen unter die Vorschriften des Index fallen (Can. 1384, § 2 und Can. 1999 Nr. 3). Wenn diese Zeitungen nur von Zeit zu Zeit den Glauben und die Sitten angreifen, kann man sie den Gästen auf spezielle Anfrage aushändigen, wenn die Weigerung, sie ihnen zu geben, einen schweren Schaden verursachen würde. Nur im Fall, dass man aus Erfahrung weiß, dass fast alle Gäste diese Zeitungen verlangen und den Betrieb boykottieren werden, wenn man sie ihnen nicht zur Verfügung stellt, kann man es tun, aber man muss ihnen dann auch gute Zeitungen zur Verfügung stellen.“ (Nr. 152f.)

Der hl. Alphons schreibt über Angestellte von Wucherern:

„Einer, der Wucher nur dadurch fördert, dass er Geld zählt, Rechnungen schreibt oder ein Pfand gibt, kann nur durch Gründe des Dienstverhältnisses von Sünde entschuldigt werden“ (Alphons von Liguori, Moral Theology, S. 606.)

Man sollte, was das Ausschenken von Alkohol angeht, anmerken, dass es in Deutschland nach dem Gaststättengesetz sogar verboten ist, „in Ausübung eines Gewerbes alkoholische Getränke an erkennbar Betrunkene zu verabreichen“ (§ 20 Nr. 2 GastG). (Das Verbot trifft hier freilich den eigentlich verantwortlichen Wirt, nicht die Kellnerin.) Hier ist das Gesetz also auch mal auf der Seite der Moral.

Was das Servieren von Fleisch angeht, ist das (außer an zwei Tagen im Jahr) nicht mehr aktuell, selbst wenn ein Wirt Gäste hat, von denen er weiß, dass sie auch katholisch sind, weil es Katholiken nach dem neueren Kirchenrecht freigestellt ist, ob sie an einem Freitag auf Fleisch verzichten oder ein Ersatzopfer bringen wollen; nur eins davon ist verpflichtend. Und der Wirt kann seine Gäste schlecht fragen, ob sie auch ein Ersatzopfer bringen, wenn sie sich jetzt das Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat bestellen.

 

Ein großes Thema waren für die Moraltheologen der alten Zeiten immer Medien, die den Glauben angreifen; damals legte die Kirche noch mehr Wert auf dieses Thema und setzte ja auch Bücher auf den Index (die durfte ein Katholik dann nur mit Genehmigung lesen, z. B. wenn er einen Zeitungsartikel zur Widerlegung schreiben wollte, oder sich als Theologiestudent mit den gegnerischen Ansichten beschäftigen musste, und ein katholischer Buchhändler durfte sie nur an jemanden mit Genehmigung verkaufen). Der Index ist heute abgeschafft, also nicht mehr kirchenrechtlich verbindlich (das heißt nicht, dass diese Bücher besser geworden sind, aber wenn man wissen will, was der Gegner sagt, muss man nicht mehr bei der Kirche anfragen, ob man es lesen darf), und über dieses Thema redet man nicht mehr oft; trotzdem ist es ja immer noch so, dass vor allem beeinflussbare und leichtgläubige Menschen sich durch antikatholische Propaganda ziemlich schädigen lassen können, und man es daher nicht ganz außer Acht lassen sollte (und auch selbst solche Bücher lieber vermeiden sollte, wenn man weiß, dass man nicht unterscheiden kann, wo sie die Wahrheit sagen und wo sie sie verzerren oder lügen).

Jone schreibt also:

„Mitwirkung betreffs irreligiösen und unmoralischen Büchern, Zeitschriften und Zeitungen

Es ist nie erlaubt, solche Zeitungen etc. zu drucken, herauszubringen oder zu redigieren. Die Handlung der Schriftsetzer und Korrektoren der Druckerei wird als direkte Mitwirkung angesehen und kann nur aus einem sehr schwerwiegenden Motiv erlaubt sein, z. B. wenn man keine andere Möglichkeit hat, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. – Die Vorbereitung und Bereitlegung des Papiers, die Vorbereitung der Druckerschwärze, die Bedienung der Maschinen sind Handlungen, die für einige Zeit erlaubt sind, wenn man einen mittelmäßig ernsten Grund hat. – Der Verkauf von Druckerschwärze, Papier, Maschinen etc. an solche Druckereien ist nur eine sehr entfernte Mitwirkung und der bloße Wunsch nach Gewinn kann sie rechtfertigen. – Einen guten Artikel einer schlechten Zeitung zu schicken, begünstigt diese Zeitung, so geringfügig das auch ist, und kann daher nur aus einem gerechten und vernünftigen Grund erlaubt sein, der vom Bischof als solcher anerkannt ist (Can. 1386, § 2). Wenn sich die Sache nicht aufschieben lässt, kann man von der Erlaubnis ausgehen. [Nach dem heutigen Kirchenrecht muss man hier bekanntlich nicht mehr beim Bistum anfragen.] Aber als Mitarbeiter regelmäßig gute Artikel zu einer schlechten Zeitung beizutragen heißt, sie auf wichtige Weise zu unterstützen, und das kann nur aus einem extrem ernsten Grund erlaubt sein, z. B.: die Tatsache, dass man sich nicht anderweitig den notwendigen Lebensunterhalt für sich und die seinen verschaffen könnte. – Anzeigen in einer schlechten Zeitung aufzugeben bedeutet an sich generell keine wichtige Unterstützung und kann dementsprechend aus einem ernsthaften Motiv erlaubt sein. Aber häufige Anzeigen eines einzelnen Geschäftsmanns oder einer Gruppe von Geschäftsleuten sind eine bedeutende Unterstützung und können nur aus deutlich ernsthafteren Gründen erlaubt sein. – Um Schriften gegen den Glauben zu verkaufen, bedarf es einer speziellen Erlaubnis des Heiligen Stuhls und außerdem darf man sie nur an Personen verkaufen, von denen man vernünftigerweise annehmen kann, dass sie die Erlaubnis haben (Can. 1404, cf. Nr. 400). Im Zweifelsfall muss man annehmen, dass der Käufer die Erlaubnis hat (Nemo malus nisi probetur [=Niemand darf als Übeltäter angesehen werden, wenn es nicht bewiesen ist]). Man darf sie an andere verkaufen, wenn, wenn man sich weigern würde, man einen besonders schweren Schaden leiden würde, z. B. wenn man gezwungen wäre, sein ganzes Geschäft aufzugeben. Was Schriften angeht, die ex professo unmoralisch sind, ist es nicht erlaubt, sie zu verkaufen (Can. 1404). – Die Verteilung schlechter Zeitungen muss als eine sehr nahe Mitwirkung angesehen werden, und kann daher nur erlaubt sein, um schweren Schaden zu vermeiden. – Das Abonnement einer schlechten Zeitung kann nur aus einem sehr wichtigen Grund erlaubt sein, z. B.: ein großer Nutzen für sein Geschäft; aber es wäre nicht erlaubt, diese Zeitung allein deshalb zu beziehen, um zu wissen, was die Gegenseite sagt. Von Zeit zu Zeit eine solche Zeitung zu kaufen ist nur eine sehr entfernte Mitwirkung und kann an sich aus einem geringfügigen Grund erlaubt sein, unter der Bedingung, dass es nicht für Ärgernis sorgt. Aber für die Lektüre solcher Zeitungen muss man auch die kirchlichen Regeln des Index berücksichtigen (cf. Nr. 379, 400 ff.)“ (Nr. 150)

Jone würde also nicht erlauben, z. B. langfristig für den Spiegel oder den Playboy zu arbeiten, oder diese Zeitungen mit einem langfristigen Abonnement zu unterstützen.

Fagothey schreibt zum selben Thema:

„Zum Beispiel begeht ein Mann, der ein unmoralisches Buch schreibt, eine in sich schlechte Handlung; die Verleger, die ein solches Buch annehmen und edieren, sind formell Mitwirkende; Schriftsetzer, Korrekturleser und andere, die den eigentlichen Text vorbereiten, sind nah materiell Mitwirkende; diejenigen, die bloß die Druckerpressen betreiben, die Bücher binden und sie zur Auslieferung vorbereiten, sind entfernt materiell Mitwirkende. Die Chefs von Buchhandelsfirmen, die solche Bücher verkaufen, sind formell Mitwirkende, Angestellte, die sie verkaufen, sind nah materiell Mitwirkende, Sekretäre, die die sie betreffende Geschäfstkorrespondenz erledigen, sind entfernt materiell Mitwirkende. Je näher die Mitwirkung, desto wichtiger muss der proportionale Grund sein, der nötig ist, um die materielle Mitwirkung erlaubt zu machen.“ (Right and Reason, S. 339)

Bernhard Häring schreibt über schlechte Bücher:

„Von der Buchdruckerei und ihren Angestellten (nicht vom Verlag!) kann man wohl im allgemeinen sagen, daß ihre Mitwirkung nur materiell ist, da es nicht zu ihrer Tätigkeit als solcher gehört, sich den Inhalt auf seinen Sinn und seine Qualität anzuschauen. Der Besitzer und die Leiter einer Buchdruckerei wären aber nicht von schwerer Sünde entschuldigt, wenn sie ihre Arbeit in den Dienst schlechten Schrifttums stellen würden. Wegen des einen oder andern schlechten Abschnittes wären sie jedoch nicht verpflichtet, den Druck zurückzuweisen, wenn sie ihn doch nicht verhindern könnten. Die Angestellten mit rein technischen Verrichtungen können sich gar nicht vergewissern, ob alles, woran sie arbeiten, sittlich in Ordnung ist.“ (Das Gesetz Christi, S. 926.)

Man sollte hier vielleicht anmerken, dass heute die wenigsten Buchhandlungen Wert darauf legen, ihr Geschäft auf eine aus katholischer Sicht moralisch einwandfreie Weise zu führen, und man z. B. als Verkäuferin im Buchhandel kaum noch Arbeit finden würde, wenn man jede Beteiligung daran verweigern würde, z. B. Bücher für Kunden zu bestellen, in denen esoterische oder atheistische Ideen verbreitet werden, und sich daher an das halten, was Jone z. B. weiter oben über das Recht des Dienstboten gesagt hat, seinem Dienstherrn eine schlechte Zeitung zu kaufen. Freilich sollte man einem Kunden nicht von sich aus schlechte Bücher empfehlen, aber sie ihm auf Nachfrage verkaufen darf man wohl.

Wesentlich schwieriger wäre es bei Lektoren, die für einen eher schlechten Verlag arbeiten, bei dem sich ziemlich nahe Mitwirkung an schädlichen Inhalten kaum vermeiden lässt, bei dem in einem großen Teil der Veröffentlichungen irgendetwas Esoterisches, Modernistisches, Kirchenfeindliches oder Unmoralisches steht. Nicht erlaubt wäre es z. B. auch, ein Jobangebot als Hilfskraft bei einem pseudo-katholischen Theologen anzunehmen, dem man bei der Vorbereitung voraussichtlich häretischer Vorlesungen oder Veröffentlichungen helfen soll, (auch nicht, weil man hofft, ein paar häretischen Auswüchsen entgegenwirken zu können (was übrigens eine sehr sehr dumme Hoffnung ist)).

 

Weiter zum nächsten Thema, über das Jone schreibt:

„Mitwirkung an unangebrachten Darbietungen und Tänzen

Wer Darbietungen liefert oder Tänze von schwerwiegend sündhafter Art aufführt, wer sie organisiert, wer sie durch sein Geld ermöglicht oder dazu einlädt, an ihnen teilzunehmen, sündigt schwer; wenn es sich nur um leicht unanständige Darbietungen oder Tänze handelt, ist die Sünde nur lässlich. – Die Musiker, die einen unangebrachten Tanz begleiten, sündigen schwer, wenigstens wenn sie nicht durch einen sehr schwerwiegenden Grund entschuldigt sind. – Polizisten und Soldaten, die verpflichtet sind, anwesend zu sein, um für Ordnung zu sorgen, begehen keine Sünde. – Diejenigen, die das Theater oder den Tanzsaal instand halten, wirken nur auf eine sehr entfernte Weise mit, und daher kann ein wenig wichtiger Grund sie entschuldigen. – Für die Vermietung der Räumlichkeiten muss es einen sehr wichtigen Grund geben, wenn der Tanz oder die Darbietung ohne diese Vermietung nicht stattfinden könnte. Aber wenn die Organisatoren andere Räumlichkeiten finden könnten, genügt ein weniger wichtiger Grund zur Entschuldigung.“ (Nr. 151)

 

Über die Mitwirkung von Juristen schreibt Jone:

„Mitwirkung des Richters an der Ausführung eines schlechten Gesetzes durch ein Urteil in Konformität mit dem Gesetz

Dinge, die in sich schlecht sind, dürfen nie kraft eines Richterspruchs vorgeschrieben werden. Z. B.: Ein Richter kann jemandem nicht gebieten, einem Götzen zu opfern oder mit einer Person zusammenzuleben, die vor Gott nicht seine Frau ist. Zum Thema der Mitwirkung eines Beamten an der Schließung einer ungültigen Ehe, s. Nr. 660, an einer Scheidung, s. Nr. 766.

Was Strafen angeht, die auf Verstöße gegen ein ungerechtes Gesetz gesetzt sind, kann der Richter sie verhängen, wenn es sich um leichte Strafen handelt, und es wenig Hoffnung gibt, dass der vereinte Widerstand guter Kräfte dafür sorgen könnte, dass das Gesetz außer Gebrauch gesetzt wird. In einem solchen Fall kann der Verurteilte nicht vernünftigerweise unzufrieden sein; diese Erwägungen haben einen besonderen Wert, wenn das Gemeinwohl verlangt, dass ein guter Richter im Amt bleibt. Aber der Richter darf jemanden in einem solchen Fall niemals eines Gutes berauben, auf das er nicht [von sich selbst aus] verzichten dürfte, z. B. des Lebens. […]

Generell muss man dasselbe bei Geschworenen sagen wie bei Richtern.“ (Nr. 154)

In Nr. 660, auf die oben verwiesen wurde, schreibt er: „Ein Katholik kann ohne spezielle Erlaubnis als Staatsbeamter an einer Zivilehe mitwirken, wenn die [katholischen] Verlobten der zivilen Formalität direkt die kirchliche Eheschließung folgen lassen werden. – Es braucht einen wichtigen Grund, um an einer Zivilehe mitzuwirken, wenn es sicher ist, dass die kirchliche Eheschließung nicht folgen wird. Wenn ein Ehehindernis, von dem nicht dispensiert werden kann [d. h., eins, das sich aus dem göttlichen Recht, nicht aus dem kirchlichen Recht ergibt, von dem die Kirche einen also nicht entbinden könnte], sich der Eheschließung entgegenstellt (z. B.: das [frühere] Eheband), erlauben gewisse Autoren die Mitwirkung, aber nur aufgrund eines extrem schwerwiegenden Motivs.“

Aus heutiger Sicht könnte man anmerken, dass Standesbeamte vermutlich oft gar nichts über die Pläne der Paare für kirchliche Eheschließungen usw. wissen, und die Assistenz daher im Allgemeinen für erlaubt halten.

Es stellt sich die Frage, ob man die Sache ganz als bloß zivilrechtliche Angelegenheit betrachten sollte; dann würde sich die Frage nach der Mitwirkung an etwas Falschem (dem Versuch einer ungültigen Eheschließung) nicht stellen. Dagegen muss man aber einwenden: Die meisten Leute, die standesamtlich heiraten, wollen damit eine wirkliche Ehe schließen, nicht nur eine zivile Formalität erledigen, und Nichtkatholiken können auf dem Standesamt eine objektiv vor Gott gültige Ehe schließen (Katholiken können erst in einer kirchlichen Zeremonie gültig heiraten, auch wenn sie die standesamtliche Prozedur vorher erledigen müssen; sie dürfen diese nicht als die eigentliche Eheschließung betrachten).

Unter die von Jone oben erwähnten Ehen, die nicht gültig sein können, und bei denen man nur aufgrund eines extrem schwerwiegenden Motivs assistieren könnte, würden wohl auch homosexuelle „Ehen“ zählen.

Allgemein empfiehlt es sich wohl nicht, als Katholik Standesbeamter zu werden.

In Nr. 766 schreibt er: „Ein katholischer Richter, der aufgrund seines Amtes verpflichtet ist, ein Verlangen nach einer Scheidung zu akzeptieren, kann, nach der wahrscheinlichen Meinung der Autoren, am Scheidungsurteil mitwirken, da man die Auflösung der Zivilehe wie ihre Schließung als eine einfache zivile Formalität sehen kann. Der Richter muss allerdings, soweit möglich, jegliches Ärgernis vermeiden, und beim vorgeschriebenen Schlichtungsversuch den Eheleuten die Gesetze der katholischen Kirche in Erinnerung rufen. Manchmal allerdings hat der Heilige Stuhl aufgrund des besonderen Ärgernisses strengere Verordnungen getroffen. Ein katholischer Anwalt muss die Verteidigung einer Scheidungssache verweigern. Aber wenn er aufgrund des Armenrechts dieser Sache amtlich zugeteilt wird, sind auf ihn dieselben Regeln wie auf den Richter anzuwenden.“

Der hl. Johannes Paul II. hat in jüngerer Vergangenheit über die Mitwirkung ziviler Richter und Anwälte an Scheidungssachen gesagt:

„Anderseits sollen diejenigen, die im Bereich des Zivilrechts tätig sind, es vermeiden, persönlich miteinbezogen zu werden, insofern dies eine Mitwirkung an der Scheidung impliziert. Für die Richter kann das sehr schwierig sein, weil die Rechtsordnungen keine Verweigerung aus Gewissensgründen anerkennen, die sie vom Urteilen befreien. Aus schwerwiegenden und angemessenen Gründen können sie deshalb entsprechend den traditionellen Prinzipien der materiellen Mitwirkung am Bösen handeln. Aber auch sie müssen wirksame Mittel finden, um die ehelichen Verbindungen zu begünstigen, vor allem durch einen klug geführten Versöhnungsversuch. 

Die Anwälte als freiberuflich Tätige müssen es stets ablehnen, ihren Beruf auszuüben für eine der Gerechtigkeit entgegengesetzte Zielsetzung, wie dies die Scheidung ist; sie können sich an einer Handlung nur dann beteiligen, wenn diese entsprechend der Absicht des Klienten nicht auf den Bruch des Ehebundes ausgerichtet ist, sondern auf andere legitime Effekte, die nur mittels eines solchen gerichtlichen Weges in einer bestimmten Rechtsordnung zu erreichen sind (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2383). Auf diese Weise dienen die Anwälte wirklich den Rechten der Menschen durch ihre Hilfe und durch die Aussöhnung der Personen, die eine Ehekrise durchleben, und sie vermeiden es, reine Techniker im Dienst jedes beliebigen Interesses zu werden.“

D. h. ein Anwalt könnte an einer Scheidungssache mitwirken, wenn z. B. eine Frau, die ihren Mann verlassen hat, weil er sie geschlagen hat, mit der Scheidung eine anständige Besitzaufteilung erreichen und Unterhaltsansprüche durchsetzen will, aber nicht, um eine wahre Auflösung der Ehe zu erreichen, die bekanntlich nicht möglich ist.

 

Über die Mitwirkung von Wählern bei politischen Wahlen schreibt Jone:

„Die Wahlenthaltung scheint zumindest eine lässliche Sünde zu sein wenn der gute Kandidat einen schlechten Konkurrenten hat; man kann eine schwere Sünde begehen, wenn man durch seine Enthaltung verantwortlich ist, dass ein schlechter Kandidat gewählt wird. [Hier geht es wohl um sehr knappe Wahlen oder Wahlen in kleinen Gemeinschaften; für gewöhnlich fallen einzelne Stimmen ja kaum ins Gewicht.]

Man darf seine Stimme einem schlechten Kandidaten geben, insofern das nötig ist, um die Wahl eines schlechteren zu verhindern, aber eine angemessene Erklärung muss den Grund für diese Handlungsweise erklären. [Hier ist gemeint: Wenn man öffentlich darüber redet, oder die Wahl nicht geheim ist, muss man dazu sagen, wieso man einen Kandidaten trotz seiner Schlechtigkeit gewählt hat.] Ausnahmsweise könnte man einmal seine Stimme einem schlechten Kandidaten geben, um einen sehr schweren persönlichen Schaden zu vermeiden. [Hier geht es wohl um Wahlen in einer Diktatur; man denke an die DDR.]“ (Nr. 204)

Über die Mitwirkung eines Parlamentsabgeordneten bei der Verabschiedung eines schlechten Gesetzes sagt er:

„Die Mitwirkung an einem schlechten Gesetz ist eine Sünde.

Eine Ausnahme wird nur zugestanden, wenn die Abgeordneten mit dieser Mitwirkung ein größeres Übel verhindern […]; in diesem Fall müssen sie öffentlich ihren Standpunkt klarmachen.“ (Nr. 203)

Wenn also z. B. nur zwei Gesetzesentwürfe zur Auswahl stehen, einer, der Abtreibung generell innerhalb einer bestimmten Frist erlauben soll, und einer, der sie nur in Ausnahmefällen, z. B. bei behinderten Kindern, erlauben soll, dürften Abgeordnete für den weniger schlimmen stimmen, müssten aber deutlich machen (sofern sie im Parlament zu Wort kommen jedenfalls), dass sie auch gegen das Töten behinderter Kinder sind und ihnen der weniger schlechte Entwurf nicht genug ist.

Über Parteien schreibt Häring:

„Die Wahl eines Abgeordneten oder einer Partei, die offensichtlich unsittliche oder widerchristliche Grundsätze vertritt, bedeutet an sich Billigung und Unterstützung dieser Grundsätze und ist darum formelle Mitwirkung. Die Grundsätze der kommunistischen Partei sind so sehr gegen die christliche Sitte und Lehre, dass das Heilige Offizium [das Heilige Offizium war das, was heute die Glaubenskongregation ist] die Wahl der kommunistischen Partei oder ihre Unterstützung durch Halten und Verbreiten des Parteischrifttums als schwere Sünde bezeichnen mußte, die solange vom Sakramentenempfang ausschließt, bis man sich von dieser Unterstützung des Bösen lossagt. Dies gilt auch für die, die beteuern, daß sie sich von den sittlichen und weltanschaulichen Irrtümern des Kommunismus freihalten; denn nicht erst das innere Stehen zur Häresie, sondern schon die Unterstützung ist schwer sündhaft, weil sie Mitwirkung zu einer großen Sünde ist.

Auch die Wahl freimaurerischer und sozialistischer Parteien, die zum Beispiel grundsätzlich die katholische Schule bekämpfen und dem ungeborenen Leben jeden Schutz versagen wollen, ist Unterstützung der bösen Sache und schwer sündhaft.

Wenn jedoch der Wähler nur die Möglichkeit zur Wahl von Parteien hat, von denen jede schwer unsittliche oder glaubenswidrige Programmpunkte vertritt, so muß er sich je nach Lage entweder der Stimme enthalten, falls er nicht fürchten muß, daß daraus noch größere Übel erwachsen, oder er muß seine Stimme der Partei geben, die der Sache des Glaubens und der guten Sitten alles in allem noch am günstigsten oder doch weniger feindlich gesinnt ist. […]

Wer sich als Abgeordneter einer Partei wählen läßt, in der er unter Fraktionszwang glaubensfeindliche oder sittenwidrige Gesetzesvorlagen unterstützen muß, kann nicht von formeller Mitwirkung und schwerer Sünde entschuldigt werden. Wenn jedoch der Abgeordnete frei ist, so daß er innerhalb der Partei und im Parlament gegen jeden schlechten Programmpunkt Stellung nehmen kann, ist von einer formellen Mitwirkung nicht die Rede, und ein Christ könnte sich für die Partei wählen lassen, falls er aufs Ganze gesehen dadurch kein Ärgernis gibt, der bösen Sache keine Vorspanndienste leistet, sondern im Gegenteil den Einfluß des Bösen zurückdrängt.“ (Das Gesetz Christi, S. 926f.)

Hier noch einige Anmerkungen von mir:

Man sollte bei der Wahlentscheidung beachten, was eine Partei sagt und will, aber auch, was sie voraussichtlich wirklich tun wird; man muss sie nicht wegen eines wohlklingenden Wahlprogramms wählen, wenn man weiß, dass sie es nicht umsetzen wird.

Wenn es mehrere mehr oder weniger schlimme größere Parteien gibt und nur unter den chancenlosen Kleinstparteien eine, deren Programm sehr gut mit katholischen Prinzipien übereinstimmt, ist man nicht verpflichtet, diese Kleinstpartei zu wählen, man darf sich auch unter den größeren Parteien diejenige wählen, von der man denkt, dass sie vergleichsweise am meisten Gutes und am wenigsten Schlimmes tun wird.

Bei vielen taktischen Entscheidungen können Katholiken legitimerweise unterschiedlicher Ansicht sein – wählt man z. B. lieber eine Partei, die nur Chancen auf einen Platz in der Opposition hat, damit der Regierung Druck gemacht wird, oder zieht man nur die Parteien in Betracht, die auch wirklich an die Regierung kommen könnten, um eine noch schlimmere Regierung zu verhindern, oder drückt man seinen Protest gegen die großen Parteien durch die Wahl einer Splitterpartei aus?

Beim Thema Wahl kommt oft die Frage nach dem Lebensrecht der Ungeborenen auf, ob diejenigen eine Sünde bzw. Todsünde begehen, die Parteien wählen, die für Abtreibung sind. Das Thema Abtreibung ist ein sehr wichtiges Thema und sollte in der heutigen Situation i. d. R. das erste sein, an das man bei der Wahl denkt; immerhin geht es hier um Leben und Tod für sehr viele Menschen. Wenn aber alle oder manche Parteien sich bei diesem Thema nur in Nuancen unterscheiden und keine von ihnen wirkliche Pläne hat, in positiver oder negativer Hinsicht etwas am Abtreibungsrecht zu ändern, sodass die Wahlentscheidung keinen oder kaum einen Einfluss auf die Zahl der Todesopfer hätte, kann es an sich vorkommen, dass andere schwerwiegende Themen ausschlaggebender sind. Um ein sehr einfaches, offensichtliches Beispiel zu nehmen: man hat eine Kommunalwahl in einer kleinen Gemeinde, der Gemeinderat wird am bundes- und landesweiten Abtreibungsrecht nichts ändern können, und es ist auch unwahrscheinlich, dass es irgendwelche lokalen Aktionen geben wird (z. B. ein Verbot für Lebensrechtler, vor einer Abtreibungspraxis zu beten, weil es gar keine solche Praxis in der Gemeinde gibt). In dieser Situation könnte jemand z. B. für den Kandidaten der SPD statt den der CSU stimmen, auch wenn die SPD als Partei völlig gegen das Lebensrecht der Ungeborenen ist, sagen wir, weil bekannt ist, dass der CSU-Kandidat ein unzurechnungsfähiger Choleriker ist, der schon zwei Mal im Gefängnis war, einmal wegen Korruption und einmal wegen sexueller Belästigung, während der SPD-Kandidat ein gemäßigter normaler Mensch ohne viele nachteilige Pläne für die Gemeinde ist. (Das war ein theoretisches Beispiel; in der Praxis wird es meiner persönlichen Meinung nach sehr sehr wenige Gründe geben, aus denen man für die SPD stimmen kann. Aber das ist meine persönliche Meinung.)

Man sollte hier m. E. in der Praxis eher vorsichtig sein, bei anderen wegen einer Wahlentscheidung Todsünden anzunehmen, solange jemand eine Partei nicht wegen, sondern trotz ihrer Position zum Thema Abtreibung wählt. Wenn jemand das nicht ohne Grund, aber aus einem nicht ganz genügenden Grund tut, muss das keine Todsünde, sondern kann auch eine lässliche Sünde sein.

Freilich sind die Parteien, die für Abtreibung sind, der Sache des Glaubens gegenüber oft in sehr vielen Punkten feindlich eingestellt; und es kann natürlich (s. o.) eine Todsünde sein, sie zu wählen, auch wenn man sie in allen diesen Punkten nicht gut findet. Die subjektive Schuldfähigkeit beim Einzelnen, der das vielleicht nicht ganz erkennt, wäre ein anderer Punkt; aber eine solche Wahlentscheidung kann Todsünde sein.

 

Außerdem schreibt Häring über ein Thema, an das Katholiken heute kaum noch denken, nämlich die Beteiligung an gottesdienstlichen Handlungen von Häretikern wie z. B. Protestanten:

„Einem andersgläubigen Kranken auf Wunsch seinen Pfarrer herbeirufen oder das Zimmer zu seinem Empfang schön herrichten, ist in unseren Verhältnissen gewöhnlich nicht als Mitwirkung zu einer Sünde anzusehen, zumal man im Allgemeinen bei den im Irrtum Geborenen Gutgläubigkeit annehmen darf und der Beistand des nichtkatholischen Religionsdieners in der Regel im wesentlichen darin besteht, daß er den Kranken zu lebendigem Glauben an Gottes Vorsehung und Barmherzigkeit und zu Akten der Reue und Liebe anleitet.

Außerdem handelt es sich hier gewöhnlich überhaupt nicht um die selbstverständlich verbotene Aufforderung zu einem häretischen Kulte, sondern um die schlichte Weitergabe des Verlangens des Kranken nach dem Besuch seines Pastors. Es muß aber bei allem Erweis der Liebe das Verhalten des Katholiken immer so sein, daß er nicht den Schein der Billigung oder Unterstützung häretischer Lehren oder Riten gibt.

Wenn Katholiken bei öffentlichen Sammlungen einen Beitrag zum Bau von Gotteshäusern für (aus dem Osten vertriebene) Protestanten geben, aus der Überzeugung, es sei besser, diese beten gemeinsam, als daß sie dem Indifferentismus und Unglauben zum Opfer fallen, so ist dagegen wohl nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß Ärgernis vermieden und der Ausbreitung des Protestantismus kein Vorschub geleistet wird. Aus dem gleichen Motiv und unter den gleichen Voraussetzungen stellten Ortsoberhirten den Protestanten Kirchen oder kirchliche Räume für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Der Vorgang beruht auf Gegenseitigkeit und ist Ausdruck der Liebe.“ (Das Gesetz Christi, S. 928)

Jone, der noch einige Zeit vor dem 2. Weltkrieg schrieb und nicht mit Heimatvertriebenen zu tun hatte, urteilte hier noch ein klein wenig strenger; zumindest was das Holen des häretischen Pfarrers ins Krankenhaus angeht, muss ich hier aber ausnahmsweise eher Häring als Jone beipflichten:

Mitwirkung an Kulthandlungen der Nichtkatholiken

Ein Dienstbote kann seine Herrschaft zum protestantischen Gotteshaus begleiten, wenn das nicht als eine Anerkennung der Häresie gesehen wird. Allerdings hat er nicht das Recht, am Gebet und am Gesang teilzunehmen, weil das eine Beteiligung am Gottesdienst im eigentlichen Sinn wäre. – Nonnen in einem Hospital dürfen nicht von sich aus einen Geistlichen des nichtkatholischen Glaubens zu einem Sterbenden rufen, aber aus einem sehr ernsten Motiv (z. B.: das öffentliche Wohl) dürfen sie ihn wissen lassen, dass ein Kranker seinen Besuch wünscht [d. h. sie dürfen ihn nur rufen, wenn der Kranke selbst das will, nicht von sich aus, nur weil sie wissen, dass er z. B. ein Protestant ist]; es scheint sogar, dass es ihnen erlaubt sein dürfte, einen kleinen Tisch herzurichten, den der Geistliche für Kulthandlungen benutzen wird. – […] – Tische, Bänke, Teppiche, Leuchter etc. … für den Gottesdienst der Nichtkatholiken zu verkaufen ist erlaubt, wenn man, indem man auf diesen Verkauf verzichten würde, des entsprechenden Gewinns verlustig gehen würde. [Aus heutiger Sicht kann man anmerken, dass auch das Vermeiden einer Klage wegen Diskriminierung mit Sicherheit ein ausreichender Grund wäre.] – Um Kunstobjekte zu verkaufen, die für nichtkatholische Gotteshäuser bestimmt sind, bedarf es eines ernsteren Motivs, da diese Objekte dazu dienen, die Erhabenheit des Gottesdienstes herauszustellen, und jemanden dazu geneigt machen können, in die Sekte einzutreten oder in ihr zu bleiben. – Geld für den Bau eines protestantischen Gotteshauses zu spenden kann nach einer Erklärung der Pönitentiarie nur erlaubt sein, wenn man dadurch erreicht, dass eine Kirche, die [auch] von den Katholiken benutzt wird, aufhört, eine Simultankirche zu sein. Aber Abgeordnete können im Interesse des religiösen Friedens für Kredite für den Bau protestantischer Kirchen stimmen. Gleichermaßen können Privatpersonen im Interesse des öffentlichen Friedens zwischen den Konfessionen Wohltätigkeitsbasare besuchen, zu Konzerten gehen, an Lotterien teilnehmen, deren Ziel der Bau protestantischer Gotteshäuser ist, wenn die Protestanten zuvor dasselbe für die Katholiken getan haben. Die Glocken für den Gottesdienst der Nichtkatholiken zu läuten wird von mehreren Autoren als eine einfache Anzeige der Gottesdienstzeit eingeschätzt und kann dementsprechend aus einem proportional schwerwiegenden Motiv erlaubt sein. Man muss das Gleiche über die Anzeige eines nichtkatholischen Gottesdienstes in einer Zeitung sagen.“ (Nr. 148)

Damals fanden ja im Allgemeinen noch keine ökumenischen Gottesdienste statt; dazu kann man sagen, dass die Teilnahme (inklusive Gebet, Gesang, Lektorendienste…) heute im Allgemeinen erlaubt ist, weil es sich hier nicht um einen häretischen Gottesdienst, sondern um einen „konzentrieren wir uns vorübergehend auf das Minimum, bei dem wir uns einig sind“-Gottesdienst handelt, und dieses Minimum (zumindest bei manchen ökumenischen Gottesdiensten; auf alle trifft das freilich nicht zu) nicht häretisch ist. Genauso, wie man mit protestantischen Familienmitgliedern zusammen ein Tischgebet sprechen darf, darf man auch beim Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Marsches für das Leben nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich teilnehmen.

(Eine andere Frage ist, ob man die Bewegung zum Ökumenismus hin für generell gut oder schlecht hält, und vielleicht meint (wofür es gute Gründe gibt), dass hier sehr oft die Gefahr besteht, dass die Unterschiede zwischen den Konfessionen verwischt werden. Aber auch wenn man sich generell von ökumenischen Gottesdiensten fernhält (was ich tun würde), kann es vorkommen, dass man eben z. B. mal in die Situation kommt, mit Protestanten zusammen ein Tischgebet sprechen zu sollen.)

Der hl. Alphons von Liguori schreibt über die Mitwirkung an nichtchristlichen Kulten:

„Auch jene sind entschuldigt, die aus gerechtem Grund einem Juden oder Ungläubigen ein Lamm verkaufen, das für ein Opfer benutzt werden wird. Gleichermaßen jene, die jüdische Synagogen oder die Kirchen von Häretikern mit der Erlaubnis der Obrigkeit bauen oder wieder herrichten, insbesondere wenn es ebenso ohne (?) andere [vermutlich ein Tippfehler in der englischen Übersetzung; „mit anderen“ würde besser passen] getan werden würde.“ (Alphons von Liguori, Moral Theology, S. 602.)

 

Außerdem schreibt er über ein Thema, das seinerzeit im 18. Jahrhundert noch aktuell war, nämlich über Christen, die als Kriegsgefangene oder von muslimischen Sklavenjägern Verschleppte auf türkische Galeeren geraten waren (es ist übrigens zumindest möglich, dass er diese Frage nicht nur akademisch diskutierte, sondern auch in der Beichte Katholiken getroffen hatte, die aus einer solchen Gefangenschaft wieder entkommen waren und sich mit Gewissensbissen plagten, wie sie dabei hätten handeln sollen):

„Christliche Gefangene auf den Galeeren der Türken oder Häretiker rudern, aus schwerer Furcht, erlaubterweise gegen Katholiken, oder tragen die Ausrüstung und Waffen der Muslime, die für den Krieg notwendig sind, bauen Belagerungsmaschinen, etc. So sagen Lessius, Sanchez, Suarez, Laymann […] gegen Toledo, und andere, die lehren, dass sie schwer sündigen. Nichtsdestotrotz, wenn sich an diesem Ort die Gelegenheit ergäbe, dass sie eine christliche Flotte retten oder ihr den Sieg verleihen könnten, indem sie dies verweigern würden, sind sie nur gehalten, das Gut ihres Lebens vorzuziehen. [Das heißt, sie sind nicht verpflichtet, ihre Dienste zu verweigern; wenn sie das tun wollen, wäre das ein freiwilliges Opfer.]“

Außerdem schreibt er über den Fall, wenn ein Usurpator ein Gebiet erobert oder sich an die Macht putscht, und den Fall, wenn Katholiken in protestantischen Gebieten leben:

„Die Bewohner einer Stadt oder Provinz, die ein Tyrann besetzt, bleiben erlaubtermaßen unter bösen Besatzern und helfen ihnen erlaubtermaßen, wenn sie durch Befehl gezwungen werden, ihnen beim Wachestehen zu helfen, beim Graben von Gräben, und Bezahlung, und durch die angenommene Einwilligung des legitimen Herrschers […].

Katholische Seeleute und Fuhrmänner in Holland liefern, selbst ohne schwere Furcht, unter der Voraussetzung, dass es ohne eine böse Absicht geschieht, erlaubtermaßen dem [Kriegs-]Lager der Häretiker Vorräte, wenn andere vorhanden sind, die das tun würden, wenn sie aufhören würden, da, wenn sie das nicht tun würden, sie von jedem Geschäft ausgeschlossen wären als Leute, die das Gemeinwohl hassen.“ (Alphons von Liguori, Moral Theology, S. 602f.)

Noch mal zur Klarstellung: Hier geht es nicht um die Frage, was das Beste wäre, sondern ob jemand sündigt, der dies und jenes tut.

 

Jetzt noch einige weitere Beispiele; teilweise habe ich die Einschätzungen dazu aus anderen Quellen zusammengesammelt, teilweise sind es aber auch eigene Einschätzungen; daher gilt natürlich: Im Zweifelsfall, wenn man selbst betroffen ist, lieber einen verlässlichen Beichtvater fragen, wie man handeln soll; ich bin eine Laiin mit Laienkenntnissen und habe hier eigentlich gar keine Autorität. Aber jetzt die Beispiele:

 

Steuern, Beiträge, Gebühren, Mitgliedsbeiträge etc. zu zahlen, deren Verwendung man nicht kontrollieren kann und die sowohl für Gutes als auch für Schlechtes gebraucht werden (z. B. Rundfunkbeitrag), ist in aller Regel erlaubt, besonders, da man es kaum vermeiden kann. Auch Jesus hat das Zahlen von Steuern an den römischen Kaiser gutgeheißen, der nun wirklich nicht nur gute Dinge tat.

 

Von Firmen zu kaufen, die für schlechte Dinge spenden oder ein paar schlechte Geschäftspraktiken haben, ist für gewöhnlich erlaubt; die Mitwirkung ist nur sehr entfernt. Freilich kann es trotzdem im Einzelfall eine gute Idee sein, sie zu boykottieren, wenn z. B. gerade eine größere Boykottaktion stattfindet, aber man sollte nicht zu viel Zeit und Energie darauf verschwenden, sich mit solchen Dingen zu beunruhigen.

Bewusst in eine Firma zu investieren, die viel Böses tut, ist falsch; in einen Fonds zu investieren, bei dem es viel Mühe kosten würde oder kaum möglich wäre, die Betätigungen der einzelnen Firmen nachzuprüfen, ist erlaubt.

 

Mitwirkung an Abtreibungen:

  • Die direkte Mitwirkung ist immer verboten. Als Krankenschwester z. B. nur die Instrumente zu reichen, dürfte einen extrem schwerwiegenden Grund erfordern, der kaum jemals vorkommen dürfte – sagen wir, eine Krankenschwester lebt in einer Diktatur, die Abtreibungen fördert, um Überbevölkerung zu vermeiden oder unliebsame Bevölkerungsschichten loszuwerden, und wenn medizinisches Personal sich weigert, daran mitzuwirken, landet es samt der Familie im KZ. (Als Arzt die Tötung wirklich selbst durchzuführen wäre freilich auch in diesem Fall nicht erlaubt.)
  • In einem normalen Krankenhaus zu arbeiten, das neben vielen anderen Dingen ab und zu auch Abtreibungen durchführt, ist erlaubt. Es ist aus einem vernünftigen Grund (z. B. jemand muss man den Job machen, man braucht eine Arbeit und ist hierfür geeignet, und dergleichen) auch erlaubt, dort in der Verwaltung neben vielem anderen auch bei der Abrechnung der Abtreibungen bei der Krankenkasse mitzuwirken, oder in der IT zu arbeiten und auch die Computer der Gynäkologen instandzuhalten, die gelegentlich Abtreibungen durchführen.
  • Es ist aus einem vernünftigen Grund (z. B.: kein anderer Arzt ist gerade verfügbar und die Frau muss versorgt werden, da die Abtreibung schon geschehen ist) erlaubt, in einem Einzelfall die Nachsorge nach einer Abtreibung zu machen.
  • Schwangerschaftskonfliktberatung zu machen und einen Schein auszustellen, der zu einer Abtreibung berechtigt, ist (wie der Heilige Stuhl klargestellt hat) verboten; das ist im Grunde eine Tötungslizenz. Bei einer Organisation, die nur Schwangerschaftskonfliktberatungen macht, als Verwaltungskraft zu arbeiten, dürfte einen sehr schwerwiegenden Grund erfordern, als Hausmeister oder Putzfrau auch einen schwerwiegenden oder sogar auch einen sehr schwerwiegenden; auch wenn diese Organisation vielleicht im Einzelfall auch mal etwas Gutes tut, indem sie Frauen, die wirkliche Beratung wollen statt nur eine Tötungslizenz, Beratung bietet, und manche sogar von der Abtreibung abhalten könnte, ist es doch ihr Hauptgeschäft, Abtreibungen zu ermöglichen.
  • In einer Organisation, z. B. einem staatlichen Gesundheitsamt, die neben anderen legitimen/notwendigen Dingen auch Schwangerschaftskonfliktberatung mit Scheinausstellung macht, zu arbeiten, ohne an der Beratung mitzuwirken, ist aus einem vernünftigen Grund (der ist in diesem Fall bald gefunden; die übrige Arbeit eines Gesundheitsamtes muss erledigt werden) erlaubt. Fraglich wäre es, ob es für Angestellte in solchen Stellen erlaubt wäre, z. B. im Einzelfall die Terminvereinbarung für Schwangerschaftskonfliktberatungen zu machen; einerseits ist die Mitwirkung entfernter, da die Frau sich noch unsicher sein könnte und sich nach der Beratung auch gegen eine Abtreibung entscheiden könnte; andererseits wäre sie noch einen weiteren Schritt davon entfernt, einen Tötungsschein zu erhalten, wenn man sagen würde „gerade kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, rufen Sie später noch mal an, wenn meine Kollegin da ist, die über unsere Termine Bescheid weiß“.
  • Das Verbot der Mitarbeit gilt natürlich umso mehr für medizinische Fachangestellte, Pfleger, Verwaltungskräfte, Hausmeister etc. in Kliniken oder Praxen, die nur Abtreibungen durchführen oder bei denen Abtreibungen zumindest einen großen Teil ihrer Arbeit ausmachen. (In Deutschland gibt es wenige solche Einrichtungen, aber in den USA wäre das beispielsweise Planned Parenthood.)
  • Als Angestellte bei einem Frauenarzt zu arbeiten, der in seiner Praxis neben den üblichen Behandlungen auch ab und zu Abtreibungen durchführt, dürfte sich auch extrem schwer rechtfertigen lassen – besonders, da es in den letzten Jahren zumindest in Deutschland immer mehr Frauenärzte gibt, die nicht dazu bereit sind, und es den Zugang zur Abtreibung erschweren kann, je weniger Personal Ärzte finden, wenn sie es noch tun.

 

Mitwirkung bei Verhütung und Sterilisation: Hier sollte man beachten, dass, während die meisten Leute bei Abtreibungen noch irgendwie sehen, dass sie doch nicht in Ordnung sind, viele gar nicht mehr verstehen, was bitte an Verhütung oder Sterilisation falsch sein soll, also subjektiv keine Sünde begehen dürften. Es wäre also eine geringere Sünde gegen die Nächstenliebe, bei so etwas mitzuwirken. (Natürlich ist beides auch an sich weniger schwerwiegend als Mord.) Materiell ist das alles aber für sich genommen schwere Sünde. Man kann sagen:

  • Die direkte Assistenz bei einer Sterilisation ist immer falsch, der regelmäßigen entfernteren Mitwirkung (z. B. als Anästhesist, oder als Pfleger, der das OP-Besteck herrichtet oder reicht) sollte man sich in aller Regel verweigern, die Nachsorge im Einzelfall ist aus einem vernünftigen Grund erlaubt.
  • Das Einsetzen der Spirale, das Verschreiben der Pille ist für einen katholischen Arzt nicht erlaubt. (Außer, die Pille wird aus gesundheitlichen Gründen statt zur Verhütung verschrieben, sprich, sie würde auch verschrieben werden, wenn die Patientin keinen Sex hätte.) Angestellte bei einem Frauenarzt, der das tut, dürften allerdings meiner Einschätzung nach solche Rezepte ausdrucken, der Patientin überreichen usw., solange sie einen guten Grund haben, diese Arbeitsstelle zu behalten; besser wäre es freilich, baldmöglichst eine Stelle bei einer anderen Sorte Arzt zu suchen, da ein normaler Gynäkologe letztlich doch viel damit zu tun hat, Verhütung zu verschreiben.
  • Die Arbeit in einem Supermarkt, wo auch Kondome verkauft werden, ist erlaubt. (Der Verkäufer zieht sie nur übers Band und nimmt das Geld, und das ist nur ein sehr kleiner Teil dessen, was der Supermarkt verkauft; die generelle Versorgung der Bevölkerung am Laufen zu halten ist ein proportionaler Grund für diese Mitwirkung.) Ein katholischer Inhaber dürfte so etwas aber nicht in sein Sortiment aufnehmen.
  • Eine sehr schwierige Frage ist, ob es erlaubt ist, als Apotheker die Pille auszugeben. Man könnte dafür plädieren, es für erlaubt zu halten, erstens, da Apotheker in einigen Ländern vielleicht sogar ihr ganzes Geschäft aufgeben müssten, wenn sie es nicht tun, aber zweitens vor allem, da die Pille kein Mittel ist, das ausschließlich zu einem falschen Zweck verwendet werden kann und der Apotheker nicht weiß, ob die einzelne Kundin die Pille zur Verhütung oder zur Behandlung eines gesundheitlichen Problems nimmt, was gar nicht so furchtbar selten passiert; die Gefahr ist hier freilich größer als z. B. bei einem Weinhändler, der weiß, dass manche Kunden sein Produkt maßvoll verwenden werden und andere nicht. Und wenn es um Mittel geht, die möglicherweise eine frühabtreibende Wirkung haben können (Apotheker werden wissen, auf welche Mittel im einzelnen das zutrifft; neuerdings soll es ja sogar bei der Pille danach Präparate geben, die keine frühabtreibende (nidationshemmende) Wirkung haben), kann ihr Verkauf kaum gerechtfertigt werden, auch wenn die Kundin das Präparat dann bei einer anderen Apotheke holen wird. Was die Herausgabe einer Pille danach ohne frühabtreibende Wirkung angeht, wäre ihre Herausgabe in einem seltenen Einzelfall sogar ganz gerechtfertigt, nämlich bei Vergewaltigungsopfern; generell ist sie aber noch mal problematischer als die Pille, da sie nur zur Verhütung und nie für normale Krankheiten verwendet wird. (Ähnliches gilt für Kondome.) (In Berlin hat übrigens ein katholischer Apotheker, der sich aus Gewissensgründen geweigert hat, die Pille danach zu verkaufen, und in Kondompackungen Zettel mit Notizen über eine positive Haltung zu Kindern hinzugepackt hat, vom Berliner Verwaltungsgericht Recht bekommen; allerdings hatte er auch im Lauf der Jahre mit vielen Anfeindungen und Farbbeutelanschlägen zu kämpfen, und hat seine Apotheke mittlerweile geschlossen. Freilich ist es nicht überall so schlimm wie in Berlin.) Wenn man als Angestellte in einer Apotheke arbeitet, sollte man sich auf sein Gewissen berufen und sich weigern, beim Verkauf möglicherweise frühabtreibender Mittel (und evtl. reiner Verhütungsmittel, wie Kondome; in einer Apotheke geht es eben auch mehr um Beratung und es ist nicht nur ein reines Produkt-Scannen-und-Geld-Nehmen wie in Supermärkten) mitzuwirken (und sich, wenn möglich, so etwas im Vorfeld im Arbeitsvertrag bestätigen lassen); auch wenn man dann die Kundin jedes Mal an die Kollegin verweist und die Kollegin die Kundin berät und die Pille danach heraussucht, hat man wenigstens selbst nicht mitgewirkt. Fraglich ist, ob es, wenn man mit ziemlichen Anfeindungen oder fristloser Kündigung zu rechnen hätte, da es sowieso nicht verhindert werden kann, evtl. als gerade noch erlaubte materielle Mitwirkung durchgehen könnte, als Angestellte frühabtreibende Mittel auszugeben, solange, bis man eine andere Stelle gefunden hat (sagen wir, in einem Labor oder einer Pharmafirma, die keine solchen Mittel herstellt, bei einer Krankenkasse o. Ä.), eine Umschulung machen kann, o. Ä. Ich tendiere zu einem Nein – es sind eben letztlich doch Mittel, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den billigend in Kauf genommenen Tod eines Menschen verursachen können, und „wenn ich es nicht mache, macht es jemand anders“ darf nicht immer den Ausschlag geben, damit könnte man die bösesten Dinge rechtfertigen – bin mir aber nicht sicher, und, nochmals, in einem solchen Fall: Besser einen guten Priester fragen als sich auf Einschätzungen von Hobbytheologen verlassen, die kein Recht haben, anderen Bürde aufzuerlegen, und sich andererseits auch in zu laxer Richtung irren können. Generell kann man wohl sagen, dass es als Katholik mittlerweile nicht mehr ratsam ist, überhaupt den Apothekerberuf zu lernen.

 

Beihilfe zum Selbstmord: Jemandem, der Selbstmord begehen will, Gift o. Ä. bereitzustellen, ist nicht erlaubt.

Die schwierigere Frage ist, wie es sich mit der Tötung durch Unterlassen verhält. Die katholische Kirche hat klargestellt, dass man zwar auf außergewöhnliche Mittel zur Erhaltung des Lebens aus eigener Entscheidung verzichten darf (z. B. eine schmerzhafte Operation oder eine Medikation, die große Risiken und geringe Erfolgsaussichten hat), dass aber jedem Kranken die normale Pflege geschuldet ist, wozu auch die Versorgung mit Nahrung und Wasser (auch durch Schläuche, wenn nötig) gehört, ebenso die normale Beatmung. Luft, Essen und Trinken sind keine Medikamente, sondern Grundbedürfnisse; das ist Pflege, keine Behandlung. (Nur, wenn jemand keine Nahrung mehr aufnehmen kann, oder nur noch mit großen Schwierigkeiten, sieht die Sache anders aus.)

Dass man selbst in seiner Patientenverfügung also nicht verfügen darf, „die Maschinen abzustellen“, damit man verdurstet, ist klar; auch, dass man als Arzt Patienten und Angehörigen nicht zu solchen Maßnahmen raten darf. Fraglich ist es, wie sich Pfleger und Ärzte verhalten sollen, wenn jemand bereits verfügt hat, dass er die Pflege, die ihm zusteht und auf die er eigentlich nicht verzichten dürfte, nicht mehr will. Ich würde sagen, dass sie sich eindeutig weigern müssten, z. B. derjenige zu sein, der die Magensonde entfernt. Auch, da das sowieso keine Erfolgsaussichten hätte, wären sie aber nicht verpflichtet, zu versuchen, den Patienten doch noch irgendwie weiterhin zu ernähren, nachdem andere sie entfernt haben.

 

Mitwirkung an „Hochzeiten“ von Homosexuellen oder bereits Geschiedenen: Die Vermietung eines Saals für die Feier, die Dekoration, das Catering, das Machen der Fotos etc. ist erlaubt, wenn man einen schwerwiegenden Grund hat, z. B. dass man wegen Diskriminierung verklagt werden könnte, im Internet bloßgestellt und boykottiert werden könnte, evtl. auch von der Antifa angegriffen werden könnte, o. Ä., was ja leider manchmal zu befürchten ist. Wenn jemand trotzdem nicht mitwirken will, ist das selbstverständlich erlaubt, mutig, sehr lobenswert und kann „ein Zeichen setzen“, wie man das seit neuestem so nennt, aber wer mitwirkt, muss es nicht beichten.

 

Was ist damit, solche Hochzeiten als Gast zu besuchen, z. B. weil man seinen schwulen Bruder, der seinen Partner „heiratet“, nicht vor den Kopf stoßen und die Beziehung zu ihm nicht belasten will? Hier einige Regeln für Hochzeitsbesuche im Allgemeinen; zunächst: Alle voraussichtlich gültigen Hochzeiten kann man sowieso besuchen; bei möglicherweise oder sicher ungültigen muss man abwägen. Im Detail heißt das:

Normale Hochzeiten von Nichtkatholiken sind i. d. R. gültig, die kann man also besuchen. Die Kirche hat nie behauptet, dass nur katholische Hochzeiten gültig wären; wenn zwei Leute, die nie katholisch waren, auf dem Standesamt oder vor einem andersgläubigen Geistlichen heiraten, heiraten sie gültig, wenn sich keine Ehehindernisse göttlichen Rechts entgegenstellen (Ehehindernisse göttlichen Rechts, also Dinge, die eine gültige Ehe unmöglich machen, sind z. B.: einer war schon mal gültig verheiratet, oder einer wird zu der Ehe gezwungen.) Im Zweifelsfall wird von der Gültigkeit ausgegangen (das ist auch bei Verfahren vor Kirchengerichten so); man muss hier auch nicht nachforschen, wenn man sich nicht damit auskennt, was eine Ehe gültig oder ungültig machen kann.

Jemand, der jemals zur katholischen Kirche gehört hat, kann allerdings normalerweise nur in der katholischen Kirche gültig heiraten, auch wenn er jemanden heiratet, der nicht katholisch ist; selten gibt es aber Dispens von der Formpflicht und es kann ihm z. B. erlaubt sein, in einer evangelischen Zeremonie zu heiraten. (Oft finden Zeremonien mit Geistlichen beider Konfessionen statt.) Wenn man weiß, dass die katholische Cousine, die einen Protestanten heiratet, nach der standesamtlichen Zeremonie nur eine Zeremonie vor einem protestantischen Pfarrer ohne katholischen Priester folgen lassen wird, kann man, denke ich, hingehen, erstens, weil es theoretisch möglich wäre, dass sie Dispens von der Formpflicht hat, auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, zweitens, weil das eine Sache ist, die kaum mehr jemand beachtet und wo man den Leuten nicht den Eindruck gibt, einem wären, obwohl man ja so katholisch ist, die kirchlichen Eheregeln egal, wenn man die Hochzeit besucht.

Bei „Hochzeiten“, die gar nicht gültig sein können und die den Zustand einer schweren Sünde verfestigen, und wo die Ablehnung der katholischen Kirche gegenüber solchen „Hochzeiten“ allgemein bekannt und ein großer Stachel im Fleisch der Gesellschaft ist, d. h. vor allem „Hochzeiten“ von bereits Geschiedenen oder homosexuellen Paaren, sollte man in den meisten Fällen ohne sehr guten Grund nicht teilnehmen.

Die Teilnahme als Gast, besonders, da erwartet wird, zu gratulieren, Geschenke zu machen etc., wird gewöhnlich als Gutheißen verstanden; noch mehr gilt das für eine aktivere Teilnahme (z. B. als Brautjungfer, Trauzeuge, oder wenn man eine Rede hält oder eine Showeinlage macht…). Das gilt vor allem auch für die Teilnahme von Leuten, die die Kirche repräsentieren: Wenn ein Priester oder Diakon zur „Hochzeit“ seiner lesbischen Nichte erscheint und ihr gratuliert, wird es als Signal gesehen: Schau an, der ist doch nicht so schlimm wie seine homophobe Kirche im Allgemeinen ist, er hat nichts gegen ihre Liebe.

Wenn einen jemand, dem man nicht nahe steht (z. B. ein Arbeitskollege) zu so einer Hochzeit einlädt, genügt es, wahrheitsgemäß zu sagen „tut mir leid, ich kann nicht kommen“, ohne Gründe anzugeben und sich damit weitere Scherereien einzuhandeln und das Verhältnis zu verschlechtern; er wird sich sowieso nur insoweit darum kümmern, ob man kommt oder nicht, als er wissen will, wie viele Sitzplätze er einplanen muss. Wenn ein Familienmitglied, das sich wünscht, dass man kommt, einen einlädt, kann man dasselbe sagen, und sollte auf Nachfrage dann möglichst sensibel, freundlich und kurz die Gründe auseinandersetzen; aber das eigene Verhalten sollte der Familie eigentlich schon gezeigt haben, dass man ein fundamentalistischer Erzkatholik ist und damit diese Beziehung, ob mit Hochzeit oder nicht, nicht gutheißen wird. Wenn man noch einen anderen Grund hat, um nicht zu kommen (z. B.: die Hochzeit findet weit weg statt und man kann sich die Reise schwer leisten), kann man erst einmal auch nur diesen Grund angeben und die anderen sich ihren Teil denken lassen. Lügen darf man freilich nicht.

 

Soweit die Beispiele; ich hoffe, das hat für die Leser die Prinzipien einigermaßen klar machen und vielleicht bei ein paar Fragen helfen können.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9a: Verführung und Ärgernis

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Zu den Sünden gegen die Nächstenliebe zählt es an vorderster Front, dem Nächsten Anlass zu einem Schaden an seiner Seele, also einer Schuld, zu sein, bzw. daran mitzuwirken. Hier unterscheidet man: Verführung, Ärgernis, Mitwirkung; in diesem Artikel zunächst zu den ersten beiden Punkten.

 

1) „Verführung“ klingt zuerst nach Verführung zu Sünden gegen die Keuschheit; das ist natürlich mitgemeint, aber nicht als einziges. Auch Verführung z. B. dazu, bei einem Diebstahl mitzumachen oder sich so zu betrinken, dass man nicht mehr richtig denken kann, ist Verführung. Hier ist das direkte Anstiften, Überreden, Raten, Befehlen gemeint.

Heribert Jone schreibt dazu:

„Die wichtigsten äußeren Sünden gegen die Nächstenliebe sind: die Verführung, das Ärgernis und die Mitwirkung.

I. Die Verführung. 1. Jemanden auf direkte und ausdrückliche Weise zur Sünde zu führen ist eine Sünde, deren Schwere von derjenigen der Sünde abhängt, zu der man verführt. Es ist eine Sünde gegen diejenige Tugend, deren Verletzung man bewirkt, und außerdem gegen die Nächstenliebe.

Wenn Sünden nach ihrer Natur einen Mittäter voraussetzen, z. B. die Unzucht, ist es nicht notwendig, in der Beichte speziell die Verführung zu bekennen.

[Anmerkung von mir: Hier ist offensichtlich der Fall gemeint, dass beide mehr oder weniger gleich schuld waren und man sich gegenseitig dazu gebracht hat, eine Sünde zu begehen; wenn es nur einer war, der den anderen, der gezögert hat und eigentlich nicht wollte, überredet oder bedrängt hat, hätten wir eine andere Situation.]

2. An jemanden eine Forderung zu stellen, die er ohne Sünde erfüllen kann, aber die er wahrscheinlich nicht ohne Sünde erfüllen wird, ist aus einem ernsten Motiv erlaubt.

Es kann dementsprechend erlaubt sein, einen Wucherer zu bitten, einem Geld zu leihen; gleichermaßen kann man von einem Meineidigen einen Eid verlangen. Wenn man sich allerdings ohne Schwierigkeit an eine andere Person wenden kann, die einem denselben Dienst leisten wird, ohne zu sündigen, ist man gehalten, das zu tun.

Aber es ist nie erlaubt, von jemandem etwas zu erbitten, das er nicht ohne Sünde erfüllen kann, z. B. von einem Beamten zu verlangen, auf seinem Posten zu fehlen.

3. Jemandem eine weniger schwere Sünde anzuraten als die, die er begehen will, ist generell erlaubt, wenn man diese Person nicht anders davon abhalten kann, eine schwere Sünde zu begehen.

Das ist sicher erlaubt, wenn die mindere Sünde in der anderen schon eingeschlossen wäre. Dementsprechend kann man jemandem, der entschieden ist, eine Person zu bestehlen und zu töten, raten, sich mit dem Diebstahl zu begnügen. Einige Autoren sagen sogar, dass man jemandem zu einer minderen Sünde raten kann, an die er nicht gedacht hatte, z. B.: ihm raten, jemanden zu bestehlen, anstatt ihn zu töten. – Was den Schaden angeht, der einer bestimmten Person verursacht wird, an die der Übeltäter nicht gedacht hat, s. Nr. 351.“ (Précis de theologie morale catholique, Nr. 144, von mir rückübersetzt ins Deutsche.)

(In Nr. 351 schreibt er:

„Es besteht auch keine Pflicht zur Wiedergutmachung, wenn man jemandem geraten hat, einen geringeren Schaden zu verursachen, als den, den er ursprünglich im Visier hatte, wenigstens, wenn man ihm nicht geraten hat, diesen Schaden einer bestimmten Person zuzufügen, die er sonst nicht geschädigt hätte.“

D. h. in diesem Fall bestünde eine solche Pflicht.)

 

2) „Ärgernis“ (ein etwas altmodisches Wort) hat nichts mit „ärgern“ zu tun. Das lateinische Wort dafür ist „scandalum“, „Stolperstein“. Hier geht es nicht um eine direkte Verführung, sondern darum, einen Anlass zur Sünde bereitzustellen, über den Schwächere „stolpern“ und fallen können. (Man sagt, dass der, der zur Sünde verleitet, „Ärgernis gibt“ und der, der sich verleiten lässt, „Ärgernis nimmt“. Stattdessen kann man auch „Anstoß geben/nehmen“ sagen; dieser Ausdruck hat aber im täglichen Sprachgebrauch auch nicht mehr ganz seine ursprüngliche Bedeutung, weshalb es praktischer ist, den Fachbegriff „Ärgernis“ zu nehmen.) Ärgernis zu geben ist auch eine Sünde, wenn tatsächlich niemand Ärgernis nimmt (weil z. B. unvorhergesehenerweise niemand die Sache bemerkt, oder die, die sie bemerken, zu tugendhaft sind, um sich davon beeinflussen zu lassen).

Zu den Ärgernissen gehört z. B. ganz besonders das schlechte Vorbild. Die Verpflichtung, Ärgernisse zu vermeiden, wiegt schwerer für jemanden, der eine größere Vorbildfunktion hat. „Wenn Schwester Apollonia oder Pfarrer Müller das auch so macht, kann es wohl doch nicht falsch sein?“

(Für die Beichte gilt: „In der Beichte ist das Ärgernis des schlechten Beispiels nur eigens zu bekennen, wenn es eine besondere Gefährlichkeit zeigte; denn die allgemeine Gefährlichkeit ist mit der Sünde als solcher schon gebeichtet.“ (Bernhard Häring, Das Gesetz Christi, S. 904.))

Auch etwas, das nicht tatsächlich falsch ist, aber für andere den offensichtlichen Anschein des Falschen haben muss, kann ein schlechtes Beispiel und damit ein Ärgernis sein. Z. B.: ein überzeugt katholisches Brautpaar zieht schon ein paar Monate vor der Hochzeit zusammen, weil es finanziell für sie praktischer ist, aber ohne die Absicht, schon miteinander zu schlafen; nach außen sieht es natürlich so aus, als würden sie ganz normal im Konkubinat leben, was ein schlechtes Vorbild für ihr Umfeld ist. (In diesem Beispiel wäre die Handlung auch falsch, weil sie es den beiden offensichtlich wesentlich schwerer machen könnte, ihre Vorsätze bis zur Hochzeit einzuhalten, aber Gelegenheiten zur Sünde sind wieder ein Thema für sich, um das es im übernächsten Artikel gehen soll.)

Jone schreibt darüber:

„II. Das Ärgernis.

Während die Verführung die Sünde des Nächsten verursacht, ist das Ärgernis für ihn nur eine Gelegenheit zur Sünde, auch wenn der, der Ärgernis gibt, oft die direkte Intention hat, den Nächsten fallen zu sehen.

1. Durch unangebrachte Worte oder Handlungen für jemanden eine Gelegenheit des Falls zu sein (Ärgernis im eigentlichen Sinn), stellt eine schwere oder lässliche Sünde dar, je nachdem ob die Sünde, zu der man die Gelegenheit bereitstellt, selbst schwer oder lässlich ist.

Wenn man, indem man so handelt, auf die Sünde des Nächsten abzielt, sündigt man nicht nur gegen die Nächstenliebe, sondern auch gegen die Tugend, die zu verletzen man dem Nächsten Gelegenheit gibt.

Es ist nicht nötig, dass die Sünde des Nächsten dann begangen wird, es genügt, dass die Handlung für ihn dafür die Gelegenheit sein kann. Es ist daher eine schwere Sünde, in Schaufenstern oder an öffentlichen Orten obszöne Objekte auszustellen. Aber es besteht kein Ärgernis, wenn die Zeugen so tugendhaft oder so lasterhaft sind, dass die Handlung auf sie keinerlei Einfluss ausübt. – Es besteht nur eine lässliche Sünde, wenn die Person, die Ärgernis nimmt, eher aus ihren eigenen schlechten Dispositionen heraus sündigt als aufgrund der unbedeutenden Gelegenheit, die sie dazu bewegt, zu sündigen; deshalb ist es nur eine leichte Verfehlung, wenn Kinder durch einen unbedeutenden Ungehorsam für ihre Eltern Anlass zu schweren Gotteslästerungen sind, oder auch, wenn ein junges Mädchen durch ein wenig Koketterie oder Mangel an Zurückhaltung in ihrem Aufputz für junge Leute Anlass zu Sünden gegen die heilige Tugend ist.

2. Man ist nicht verpflichtet, eine an sich erlaubte Handlung zu unterlassen, die nicht den Anschein des Bösen hat, wenn ihre Unterlassung für einen größere Unannehmlichkeiten bedeuten würde.

[…]

Aber es wäre eine leichte Unannehmlichkeit, z. B. Bescheid zu sagen, wenn man am Freitag Fleisch isst, dass man einen Dispens hat [das wurde geschrieben, als für Katholiken, solange sie keinen Dispens (Sondergenehmigung) hatten, noch das Kirchengebot galt, jeden Freitag auf Fleisch zu verzichten, während man den Fleischverzicht heute durch ein Ersatzopfer ersetzen darf]; gleichermaßen müsste man die Handlung verschieben oder sie im stillen vollziehen, wenn sich das leicht tun lässt.

3. Man kann die Einhaltung positiver Vorschriften [damit sind generell alle Vorschriften die ein Tun befehlen, im Unterschied zu negativen Vorschriften, die ein Unterlassen befehlen, gemeint; es scheint, nach den Beispielen, die er aufzählt, dass Jone an dieser Stelle vor allem an positive menschliche, z. B. kirchliche oder staatliche Vorschriften, weniger an göttliche, denkt] unterlassen, um Ärgernis zu vermeiden, aber ist für gewöhnlich nicht dazu verpflichtet.

[…] Gleichermaßen kann ein Pfarrer die Sonntagsmesse feiern, auch wenn er das Fasten [vor der Kommunion] nicht eingehalten hat, unter der Bedingung, dass er das Ärgernis anderweitig nicht vermeiden kann. – Wenn ein sozialistisches Syndikat mit einer roten Fahne an einem kirchlichen Begräbnis teilnehmen will, muss der Priester sich bemühen, sowie es angemessen ist, diese Bekundung zu verhindern; wenn er dabei keinen Erfolg hat, kann er allerdings zum Begräbnis schreiten. Aber wenn man eine rote Fahne auf den Sarg gelegt hat und der Priester es nicht schafft, sie entfernen zu lassen, muss er dann, um des Gemeininteresses willen, das kirchliche Begräbnis verweigern, auch wenn nach dem Can. § 3 [vermutlich ein Druckfehler: die Kanonnummer vor dem Paragraphenzeichen fehlt] der Verstorbene an sich ein Recht darauf hätte.

4. Man darf nie eine in sich schlechte Handlung begehen, um Ärgernis zu vermeiden.

Es ist dementsprechend verboten, seinen Glauben zu verleugnen, um anderen nicht die Gelegenheit zu geben, darüber zu spotten; es ist gleichermaßen verboten, zu lügen, um andere vor einem Zornausbruch zu bewahren.

5. Eine Gelegenheit zur Sünde zu schaffen ist erlaubt, wenn man ein entsprechend ernstes Motiv hat, und die durchgeführte Handlung gut oder zumindest indifferent ist.

Dementsprechend dürfen Eltern und Hausherren Geld offen liegen lassen, als Beweis, um sich der Rechtschaffenheit ihrer Kinder oder Angestellten zu versichern.

6. Die Pflicht, das Ärgernis wiedergutzumachen, ruht auf all denen, die es gegeben haben.

Normalerweise geschieht diese Wiedergutmachung auf ausreichende Weise durch den Empfang der Sakramente und das gute Beispiel. In bestimmten Ausnahmefällen kann auch eine öffentliche Erklärung nötig sein.“ (Nr. 145f.)

Das mit dem Empfang der Sakramente klingt für heutige Ohren wohl erst einmal komisch; zu Jones Zeiten war es eben so, dass, wenn jemand zur Kommunion ging, die anderen in der Pfarrei es sahen und davon ausgingen, dass er bei der Beichte gewesen war und sich von seinen Sünden erst einmal wieder abgekehrt hatte. Für heute gilt also: Das gute Beispiel, in bestimmten Fällen eine Erklärung, dass man xyz falsch gemacht und ein schlechtes Beispiel gegeben hat o. Ä.

Fr. Austin Fagothey schreibt zu diesem Thema (Hervorhebung von mir):

„Ärgernis wird indirekt gegeben, wenn die Sünde der anderen Person weder als Ziel noch als Mittel zum Ziel gewollt ist, aber eine vorhergesehene Konsequenz von etwas anderem ist, das ich tue. Indirektes Ärgernis kann erlaubt sein, wenn die vier Bedingungen des Prinzips der Handlung mit Doppelwirkung erfüllt sind: Die Handlung, die ich vollziehe, darf nicht in sich schlecht sein, auch wenn ich weiß, dass sie eine Versuchung für einen anderen darstellen wird, die gute Wirkung, die ich suche, darf nicht durch die Sünde des anderen erreicht werden, ich darf die Sünde des anderen nicht wollen, sondern nur zulassen, und es muss einen proportionalen Grund geben, um sie zuzulassen. Das Leben wäre ziemlich unerträglich, wenn wir verpflichtet wären, alle Handlungen zu vermeiden, die anderen vielleicht Ärgernis geben könnten.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason, S. 337)

Außer dem normalen Ärgernisnehmen gibt es das „Ärgernis der Einfältigen/Schwachen“ („scandalum pusillorum“) und das „pharisäische Ärgernisnehmen“. Von beidem findet man Beispiele in der Bibel.

Das pharisäische Ärgernisnehmen sieht man in den Evangelien: Die Pharisäer nahmen Anstoß daran, dass Jesus am Sabbat heilte, oder dass Er es mit den Reinheitsvorschriften nicht genau nahm. Sie nahmen böswillig Anstoß daran und hielten Ihn für einen Gesetzesübertreter, indem sie Sein Handeln auf die schlechtestmögliche Weise deuteten, ohne sich zu fragen, wieso Er so handelte, und ob es nicht vielleicht doch gut war, jemanden zu heilen, auch am Sabbat. Auf dieses Ärgernis hat Jesus keine Rücksicht genommen; man kann auch nicht immer darauf achten, wie Böswillige die eigenen Handlungen deuten werden; man tut meistens gut daran, weiter so zu handeln und der Allgemeinheit zu demonstrieren, dass dieses Handeln eben gut ist.

Paulus erwähnt das „Ärgernis der Einfältigen“ beim Thema Götzenopferfleisch: Einige Christen nahmen Anstoß daran, wenn andere auf dem Markt Fleisch kauften, das aus heidnischen Opfern stammte. Paulus selbst hält es nicht für falsch, solches Fleisch zu essen, aber er will nicht, dass andere denken, er würde etwas Falsches tun, und verleitet werden, auch mitzuessen, auch wenn sie (trotz aller Erklärungen, die er vielleicht abgeben könnte) immer noch kein gutes Gefühl dabei haben und es eigentlich nicht für richtig halten. Daher isst er kein solches Fleisch und weist auch die Empfänger seines Briefes an, so zu handeln:

„Achtet vielmehr darauf, dem Bruder keinen Anstoß zu geben und ihn nicht zu Fall zu bringen! Ich weiß und bin im Herrn Jesus fest davon überzeugt, dass nichts unrein ist in sich selbst; unrein ist es nur für den, der es als unrein betrachtet. Denn wenn wegen einer Speise, die du isst, dein Bruder verwirrt und betrübt wird, dann handelst du nicht mehr der Liebe gemäß. Richte durch deine Speise nicht die zugrunde, für die Christus gestorben ist! […] Reiß nicht wegen einer Speise das Werk Gottes nieder! Alle Dinge sind rein; schlecht ist es jedoch, wenn ein Mensch durch sein Essen Anstoß erregt. Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken oder sonst etwas zu tun, wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt.“ (Röm 14,13-15.20-21)

Über das Ärgernis der Einfältigen schreibt Fagothey:

„Ärgernis, das nicht aus Böswilligkeit genommen wird, sondern wegen Schwäche, Unwissenheit, Unschuld oder Jugend, ist von ganz anderer Art [als das pharisäische Ärgernis]. Die Nächstenliebe verpflichtet uns, ansonsten harmlose Worte und Handlungen zu vermeiden, die eine Quelle der moralischen Gefahr für die Unschuldigen oder die Schwachen sein können. Die Menschen sollten umsichtiger in ihrem Verhalten vor Kindern sein, sollten diejenigen, die Schwierigkeiten haben, ihr Temperament zu beherrschen, nicht über ihre Kräfte hinaus provozieren, sollten eingefleischten oder bekehrten Trinkern keinen Alkohol anbieten, sollten nicht öffentlich Zustände des Lasters diskutieren, die im Privaten von denen diskutiert werden müssen, die verantwortlich dafür sind, den Missbrauch abzustellen. Aber gelegentlich können solche Situationen nicht vermieden werden, und hier kommt das Prinzip der Handlungen mit Doppelwirkung ins Spiel. Es besteht keine Verpflichtung bei schweren Unannehmlichkeiten für einen selbst oder die Allgemeinheit, zu verhindern, dass die Schwachen oder Unschuldigen Anstoß nehmen, auch wenn alle vernünftigen Vorkehrungen getroffen werden sollten. Es wäre absurd, alle Theater, Kneipen und Vergnügungsstätten zu schließen, die in einer generell respektablen Weise geführt werden, einfach nur, weil manche Menschen mit ungewöhnlichen Schwächen in ihnen Gelegenheiten zur Sünde finden. Wenn die Jungen, Unschuldigen oder Vorurteilsbehafteten unvermeidbarerweise der Versuchung ausgesetzt sind, ist vorsorgliche Unterweisung für gewöhnlich die beste Abhilfe.“ (Right and Reason, S. 337f.)

Wo Sie gerade hier sind, darf man Ihre Organe haben?

Man könnte es fast für ein Wunder halten (na ja, das vielleicht nicht, aber gerechnet habe ich nicht damit): Der Bundestag hat einen komplett bescheuerten Gesetzesentwurf abgelehnt.

Die Widerspruchsregelung bei der Organspende kommt nicht. Es ist also nicht jeder automatisch Organspender, wenn er nicht rechtzeitig widersprochen hat; der Staat beansprucht nicht die Organe von Menschen, die sich aus Antriebslosigkeit oder Gedankenlosigkeit nicht mit diesem speziellen Thema beschäftigt haben.

Öfter darauf ansprechen soll man die Leute stattdessen („erweiterte Zustimmungsregelung“). Wenn man aufs Amt muss, um den Personalausweis zu erneuern, soll es in Zukunft heißen: Möchten Sie nicht doch Ihre Organe spenden? Sie können hier gleich zustimmen. Zusätzlich sollen die Hausärzte einen zur Spende ermuntern. Druck statt Zwang soll jetzt das Ziel erreichen, mehr Organe zu bekommen.

Auch wenn ich froh bin, dass die Widerspruchsregelung nicht kommt, finde ich dieses Vorgehen, wenn ich ganz ehrlich bin, abstoßend. Es wird ja sehr offen gesagt, dass es das Ziel ist, „die Organspendebereitschaft zu erhöhen“; nicht einfach nur, die Leute mal auf dieses Thema aufmerksam zu machen, sondern mehr Leute zu einer bestimmten Entscheidung zu diesem Thema zu bringen. Und wenn sie trotzdem nicht bereit sind? Dann sind sie wohl einfach egoistisch.

Das Ziel ist sehr gut und richtig, natürlich: Kranken das Leben zu retten. Aber nicht alle Mittel zu einem guten Ziel sind gut. Und viele der hier angewandten Mittel sind sehr, um das Mindeste zu sagen, fragwürdig. Es ist hart, wenn man eine tödliche Krankheit hat und es ein Mittel gäbe, das einem helfen könnte, das man aber nicht auf eine moralisch erlaubte Weise bekommen kann; selbstverständlich. Aber das macht das Mittel nicht erlaubt. Und irgendwann muss sowieso jeder sterben; der Tod lässt sich nicht vermeiden. Zudem ist auch die Organtransplantation eine sehr risikoreiche, schwierige Sache (das Organ kann wieder abgestoßen werden usw.).

Das Vorgehen der meisten Befürworter der Organspende ist schlicht völlig falsch. Da wäre zunächst mal die Tatsache, dass die „Aufklärung“ über die Organspende (schon bisher gab es ja Post von der Krankenkasse deswegen) nie darin besteht, über strittige Punkte aufzuklären, sondern immer nur in Werbung. Vor allem das Thema Hirntod wird auf den „Aufklärungs“broschüren für gewöhnlich gar nicht erst erwähnt. Es heißt immer nur: Möchten Sie nach Ihrem Tod Organe spenden? Wenn der Hirntod so unproblematisch wäre, sollte es kein solches Problem dabei geben, tatsächlich darüber zu informieren, dass Organe nur bei den wenigen entnommen werden, bei denen das Gehirn vor dem Restkörper abschaltet, bevor dieser Restkörper dann wirklich tot ist.

Der Tod ist die Trennung von Leib und Seele; das ist die Definition. Es ist nun nicht komplett unmöglich, dass der Hirntod der Tod sein könnte; man kann postulieren, dass die Seele den Körper verlassen hat, wenn die Gehirnfunktionen erloschen sind und nur noch ein paar, sozusagen, Restzuckungen im Körper bleiben; wie auch kopflose Hühner noch kurz herumflattern können. Diese Restzuckungen sind in jedem Fall bald weg; in den extremsten Fällen ist es allerdings gelungen, sie für ein paar Monate zu erhalten.

Aber für deutlich plausibler halte ich die andere Ansicht, die man so beschreiben kann: Solange noch Leben im Körper ist (und man kommt einfach nicht umhin, es als „Leben“ zu beschreiben, was einem zu denken geben sollte; übrigens auch bei den kopflosen Hühnern), ist die Seele noch da, auch wenn ein Organ schon ausgefallen ist; der Sitz der Seele ist nicht das Gehirn, sondern der ganze Körper. Erst wenn sie weg ist, ist er nur noch Materie, tot, ohne Bewegung. Wenn ein Körper atmet, das Herz schlägt, er Reflexe hat, sogar im Extremfall noch ein ungeborenes Kind austragen kann, ist noch etwas da, das ihn eben belebt: Die Seele. Dass der Sterbeprozess unumkehrbar und zwangsläufig und nur noch mühevoll kurz aufzuhalten ist, heißt nicht, dass der Sterbende schon ein Toter ist. Man würde es auch sonst nicht als gerechtfertigt ansehen, bei einem bewusstlosen, unumkehrbar im Sterben Liegenden schnell noch Organe zu entnehmen, um jemand anderen zu retten.

Die katholische Kirche hat sich bisher nicht dazu geäußert, ob der Hirntod als Tod zählt, das ist ja auch eine wissenschaftliche Frage; aber sie sagt ganz prinzipiell, dass der Tod vor der Organentnahme feststehen muss.

Wenn man jetzt Gründe hat, die man als gewichtig beurteilt, den Hirntod nicht als Tod gelten zu lassen, muss man es als immer falsch beurteilen, nach dem Hirntod Organe zu spenden; selbst als Kranker Organe Hirntoter anzunehmen; oder sich als Arzt an einer Entnahme zu beteiligen. Dann müsste der Staat das System komplett verbieten, und solange er das nicht tut, müsste der Einzelne seine Beteiligung verweigern.

Aber selbst wenn man den Hirntod als Tod sieht, kann man es niemandem zur Pflicht machen, seine Organe zu spenden. Der Körper ist ein Teil des Menschen; der Mensch ist Körper und Seele, nicht nur die Seele; und auch nach dem Tod behält der Körper seine Würde. Es hat seinen Grund, dass man Tote bestattet, ihre Gräber besucht, und die Störung der Totenruhe bestraft. Der Körper wird am Jüngsten Tag bei der Auferstehung des Fleisches auferstehen, erneuert werden, und sich wieder mit der Seele vereinen. (Wem dann das gespendete Organ gehören wird, ist eigentlich ganz einfach: dem Spender. Aber solche Fragen haben ja schon die Kirchenväter geklärt, die sich damit befassten, was für den Fall von Kannibalismus gilt, wenn einer den Körper eines anderen isst. So ganz mechanisch muss man sich die Auferstehung des Fleisches ja auch nicht vorstellen.) Wenn man den Hirntod als Tod sieht, ist die Organspende sicher ein besonderes Opfer der Nächstenliebe, aber eben keines, das man einfordern kann. Es gibt Dinge, die gut sind, aber keine Pflicht sind. Und bei Organentnahmen wird mit dem Körper tatsächlich nicht sehr schön umgegangen; Zeit zur Verabschiedung für die Angehörigen bleibt auch nicht.

(An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich es ehrlich gesagt auch seltsam finde, dass manchmal dieselben Leute, die keine Pflicht einer Mutter sehen, ihr eigenes Kind auszutragen (bzw. es nicht gewaltsam töten zu lassen), meinen, dass man es zur Pflicht machen kann, fremden Menschen seine Organe zur Verfügung zu stellen.)

Dass es schon einzelne Fälle gab, in denen der Hirntod fälschlich diagnostiziert wurde und ein „Hirntoter“ wieder erwachte, ist noch ein zusätzlicher Punkt; ich halte dieses Risiko nicht für besonders groß, aber das ist etwas, über das man Bescheid wissen sollte. Es kann im Einzelfall schon vorkommen, dass übereifrige Ärzte, die das Leben anderer Patienten retten wollen, nicht genau genug hinsehen, ob jemand wirklich hirntot oder nur komatös ist.

Wenn man die Organspende nach Hirntod für falsch hält, muss die Konsequenz sein, auch selbst keine Organe anzunehmen, wenn man krank werden sollte. Ich würde keine Organe annehmen. Und wenn man sie nicht für falsch hält, aber trotzdem selbst nicht dazu bereit ist, wäre es vielleicht nicht das Allervorbildichste, aber auch nicht unbedingt moralisch verboten, selbst Organe anzunehmen, auch wenn man keine spenden wollen würde; man darf vom Prinzip her auch ein freiwilliges Opfer anderer annehmen, das man selbst nicht zu bringen bereit ist.

Das Ganze ist mal wieder ein Thema, bei dem sich zeigt: Wenn die Welt heute das Moralisieren versucht (man kann sagen: immerhin versucht sie es manchmal noch), macht sie es falsch.

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 8: Selbst-, Nächsten-, Feindesliebe und Vergebung: einige Grundsätze

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Bis jetzt ging es in dieser Reihe um das direkte Verhältnis zu Gott (wobei teilweise auch die Kirche eine Mittlerrolle spielt); also das, was die erste Tafel der 10 Gebote anbelangt. Auf der zweiten Tafel des Dekalogs (4.-10. Gebot) geht es um das Verhältnis zu Gottes Geschöpfen.

Jesus fasst das gesamte Sittengesetz bekanntlich so zusammen:

„Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,35-40)

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit ist nicht gemeint: Du sollst deinen Nächsten genauso behandeln, wie du dich selbst behandelst (man kann sich auch selbst mit Hass oder Verachtung behandeln), sondern: Du sollst sowohl deinem Nächsten als auch dir selbst Gutes wollen, du sollst deinem Nächsten Gutes wollen, wie du natürlicherweise dir selbst Gutes willst. Ich habe hier schon mal einiges dazu gesagt, was diese Liebe, die eben nicht gefühlsmäßige Sympathie sein muss, sondern ein grundsätzliches Wollen des Guten für den anderen, eine grundsätzliche Bejahung seiner Existenz, bedeutet – auf Latein würde man sagen: caritas, nicht amor.

Eigentlich fallen alle Gebote – Du sollst nicht morden, Du sollst nicht stehlen, usw. – unter die Liebe (Caritas), aber in diesem Artikel kommen jetzt eher Überlegungen zu praktischen Konsequenzen, die generell zur Liebe gehören (und dabei z. T. über die bloße Gerechtigkeit, die einen großen Teilbereich der Liebe umfasst, hinausgehen, und unter den Teilbereich Barmherzigkeit fallen) und schwer unter genau einem der 10 Gebote eingeordnet werden können.

Fr. Austin Fagothey SJ schreibt in der 1959 erschienenen zweiten Ausgabe seines Moraltheologiehandbuchs über die Liebe: „Sie schließt Milde, Güte, Wohlwollen, Freundlichkeit, Nachbarschaftlichkeit, Rücksichtnahme und Selbstlosigkeit ein, hat aber eine umfassenderen Reichweite als all diese. Die Gerechtigkeit und die Liebe werden einander oft gegenübergesetzt, aber sie entspringen aus derselben Wurzel. Die Gerechtigkeit ist die Liebe, die auf die absoluten Ansprüche der grundlegenden menschlichen Gleichheit beschränkt ist; die Liebe ist die Gerechtigkeit, die zur vollen Bandbreite der Würde der menschlichen Person ausgedehnt ist. […] Die Liebe erlegt Pflichten auf, die ebenso ernst und wichtig wie die nach der Gerechtigkeit sein können, aber von anderer Art. Da Rechte und Pflichten einander entsprechen, verleiht die Liebe sozusagen Rechte oder Ansprüche, aber sie sind von nicht erzwingbarer oder nicht juridischer Art. Verletzungen der Liebe sind moralische Verfehlungen oder Sünden, aber keine rechtlichen Verfehlungen oder Verbrechen. Sie enthalten keine Verletzung im technischen Sinn und verlangen keine Entschädigung oder Strafe in diesem Leben.“*

Die Fragen, um die es hier gehen soll, sind v. a.:

  • Was bedeutet Selbstliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Was bedeuten Vergebung und Feindesliebe (und die Sünden dagegen) konkret?
  • Wann ist man aufgrund der Nächstenliebe verpflichtet, jemandem zu helfen / wann ist es eine schwere oder eine lässliche Sünde, das nicht zu tun?

Dann werden auch noch zwei Beispiele für leibliche und geistliche Werke der Nächstenliebe angesprochen, nämlich das Spenden (Almosengeben nach der früheren Terminologie), und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna).

Geistliche Sünden gegen die Nächstenliebe wären es auch, irgendjemandem Anlass zu einer Sünde zu geben (z. B. durch „Ärgernis“, der alte Fachbegriff dafür, jemanden durch ein schlechtes Beispiel dazu zu bringen, eine Sünde für gut zu halten), ihn zu einer Sünde zu verführen, dabei mitzuwirken etc.; aber darum soll es später in einem gesonderten Artikel zur Mitschuld an fremden Sünden gehen. Es kann ja eine ernstzunehmende Schuld sein, wirklich an der Schädigung oder sogar dem Tod der Seele eines anderen mitzuwirken, auch wenn derjenige selber immer noch schuld an seiner Sünde und letztlich selbst verantwortlich ist, und manche entfernten, indirekten Mitwirkungen nicht vermieden werden können.

 

Die Liebe jedenfalls heißt also grundsätzlich: jemandem Gutes wollen. Und dieses Wollen muss irgendwie, sofern man dazu fähig ist, auch in gewisse Taten umgesetzt werden.

Es gibt ja im Neuen Testament den Satz Wer also das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt (Jak 4,17), der einer dieser Sätze ist, die für viele Skrupel sorgen können. Nun ist es natürlich so, dass man immer noch mehr und noch mehr Gutes tun könnte, oder dass man statt eines Guten etwas noch Besseres hätte tun können, usw. usf., was niemand tut; dementsprechend müsste jeder die ganze Zeit über sündigen. Das ist hier natürlich nicht gemeint. Es geht um dasjenige Gute, zu dem man an sich durch die Liebe verpflichtet ist. Wenn man dazu auch fähig ist, es aber nicht tut, sündigt man.

Es gibt ein gewisses Mindestmaß an positivem Interesse für Gott, den Nächsten und einen selbst, das da sein muss, damit die Liebe in einem sein kann. Ein Verstoß dagegen durch Hass (schaden wollen um des Schadens willen) auf der einen, oder Desinteresse auf der anderen Seite, verstößt erst lässlich und dann, wenn es ein wichtiger Verstoß ist, schwerwiegend gegen die Liebe.

Etwas, das z. B. immer gegen die Nächsten- bzw. Feindesliebe verstößt, ist, jemandem die ewige Verdammnis, also die ewige Entfernung von Gott, zu wünschen. Was nicht immer dagegen verstößt, ist, jemandem eine zeitliche Strafe (z. B. irdisches Gefängnis oder auch das Fegefeuer) zu wünschen (sofern er das verdient hat, natürlich). Es verstößt ganz und gar nicht gegen die Pflicht zur Feindesliebe und Vergebung, einen Verbrecher anzuzeigen; im Gegenteil, das ist oft gut und kann zur Wiedergutmachung des Schadens, zum Schutz anderer vor ihm usw. führen. Auch Gefühle der Abneigung verstoßen an sich nicht gegen die Nächstenliebe. Was aber gegen sie verstößt ist: Abneigung in sich heranzüchten, sich in seine Wut auf jemanden hineinsteigern, jemanden über das hinaus, was er verdient, bestraft sehen wollen, nicht zur Verzeihung bereit sein. Fr. Fagothey schreibt wiederum:

„Das Laster, das der Liebe direkt entgegensteht, ist der Hass. Er ist kein vorübergehender Anfall von Zorn, wie stark auch immer, noch ist er die bloße Abneigung gegen eine Person. Manche Leute machen uns natürlicherweise kirre und wir können uns nicht helfen, von ihnen abgestoßen zu sein; dieses Gefühl ist unfreiwillig und wir sind nicht dafür verantwortlich. Es ist nichts Falsches dabei, solche Personen zu meiden, solange wir ihnen nicht das Gefühl geben, verachtet zu werden. Hass bedeutet, dass wir mit willentlicher Bosheit andere verletzen oder ihnen Übel wünschen oder uns über ein Übel freuen, das sie befallen hat. […]

Ist der Hass so böse, dass wir nicht einmal unsere Feinde hassen dürfen? Das natürliche Sittengesetz steigt nicht zu solcher Höhe auf, dass es uns verpflichtet, unsere Feinde in dem Sinn zu lieben, dass wir ihnen positiv gute Taten erweisen müssten, aber es verbietet uns tatsächlich, sie zu hassen. […] Daher ist die fortwährende Verweigerung der Vergebung falsch. Die emotionalen Schwierigkeiten, die im Prozess der Vergebung überwunden werden müssen, können unüberwindlich scheinen, aber dies ist keine Frage der Emotionen, sondern des Willens.

Wenn jemand, der uns verletzt hat, damit ein Verbrechen begangen hat, haben wir gemäß der Gerechtigkeit das Recht, ihn den öffentlichen Autoritäten zur Strafe zu überantworten, und wir können sogar die Pflicht dazu haben, wenn er sonst seine Verbrecherkarriere gegen das Gemeinwohl fortsetzen würde. Die Sicherung der Gerechtigkeit ist etwas ganz anderes als persönlicher Hass und privates Suchen nach Rache. Wir haben auch das Recht, aber nicht die Pflicht, Wiedergutmachung für uns selbst zu fordern, denn das steht uns gemäß der Gerechtigkeit zu, aber wir haben nicht das Recht, ihm für immer die Vergebung zu verweigern, die ihm gemäß der Liebe zusteht.“**

Vergebung ist also eine Sache des Willens, und man kann jemandem vergeben, auch wenn man es noch nicht schafft, alle Gefühle des Hasses gegen ihn loszuwerden. Diese Vergebung ist immer verpflichtend; wir beten zu Gott: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

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(Die Bergpredigt Jesu, Mosaik an der Fassade der Altenburger Brüderkirche. Gemeinfrei.)

Außerdem ist bei der Nächstenliebe – wie immer – zu bedenken: Wenn es um positive Pflichten (=Pflichten, etwas zu tun (im Unterschied zu Pflichten, etwas zu unterlassen)) geht, greifen sie immer nur, wenn ihre Erfüllung physisch und moralisch möglich ist. („Moralisch unmöglich“ heißt so etwas wie „praktisch unzumutbar“. Z. B. kann für jemanden, der an einer Depression leidet, etwas, das physisch für ihn möglich wäre, trotzdem unzumutbar sein.) Je schwerer es wäre, sie zu erfüllen, desto weniger binden sie, und desto weniger schwer sind Verstöße dagegen. Wenn jemand seine Pflichten ganz leicht hätte erfüllen können, ist ein Verstoß natürlich schwerer als bei jemandem, dem es einiges zugemutet hätte. Außerdem gibt es Pflichten, die weniger dringend sind, und solche, die dringender sind; z. B. kann man leichter davon entschuldigt werden, an einem Tag, an dem man krank ist, in der Arbeit zu erscheinen, als davon, sein Neugeborenes mit Nahrung zu versorgen; solange man nicht gerade im Koma liegt o. Ä., muss man letzteres immer tun; bei ersterem genügt eine Erkältung, um davon entschuldigt zu sein.

Es gibt auch eine Art Ordnung in der Liebe. Ebenfalls in der Bibel, in den Paulusbriefen, heißt es: Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen! (Gal 6,10) und Wenn aber jemand für seine Angehörigen, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger. (1 Tim 5,8).

Den einem persönlich nahestehenden Menschen ist man zuerst verpflichtet; der Familie, dann den Freunden, entfernteren Verwandten, Nachbarn, tatsächlich auch den Mitkatholiken („Glaubensgenossen“) und dem eigenen Land etwas mehr als der gesamten Menschheit. Was nicht heißt, dass man keine Pflichten gegenüber jedem Angehörigen der gesamten Menschheit hätte (wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, kann auch ein ganz Fremder, der in Not ist, zum Nächsten werden, dem man helfen muss), aber gegenüber den Näherstehenden hat man mehr Pflichten.

Noch ein fundamental wichtiger Punkt: Die Liebe rechtfertigt es nie, für den Nächsten eine Sünde zu begehen. Freilich sind manche Dinge, die es für gewöhnlich sind, in Notsituationen keine Sünden (z. B. für seine hungrigen Kinder Essen zu stehlen; jemanden zu verletzen oder zu töten, der einen Mord oder eine Vergewaltigung begehen will, um ihn unschädlich zu machen), aber andere Dinge sind nie erlaubt (z. B. sich zu prostituieren, um für seine hungrigen Kinder Essen zu haben; zu lügen, um jemandes Geheimnisse zu schützen); dementsprechend darf auch niemanden ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, weil er diese Dinge nicht zu tun bereit ist; man ist nie dafür verantwortlich, was passiert, wenn man etwas Schlechtes nicht tut, auch nicht dafür, was andere, die einen erpressen wollen, dann tun.

Gott trägt die Gesamtverantwortung für die Welt und wir sind nur dafür verantwortlich, unseren uns zugewiesenen Teil zu tun. Wenn wir dann das Gute tun und das Böse lassen, wird Er es insgesamt zum Guten führen; und am Ende wird es auch dem anderen, dem man helfen will, nichts geholfen haben, dass man für ihn gesündigt hat. Man weiß nie, was gewesen wäre, wenn man es nicht getan hätte; man kennt Gottes Gründe hinter dem zugewiesenen Schicksal nicht. Die Gottesliebe und das Vertrauen auf Gott verlangen es, Gott zu gehorchen.

 

Ich würde jetzt wieder einmal einige Passagen aus Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“ von 1930 (wie immer rückübersetzt aus der französischen Übersetzung von 1935) zu allen diesen Themen zitieren.*** Wie immer zu beachten: Er redet hier meistens nicht davon, was das Beste, Idealste wäre, sondern davon, was unter Sünde verpflichtend ist.

Zur Selbstliebe schreibt er:

I. Die Notwendigkeit der Selbstliebe resultiert aus dem Gebot selbst: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ (Mt 22,39)

Außerdem resultiert die Notwendigkeit der Selbstliebe aus der Tatsache, dass, wer Gott liebt, natürlicherweise auch alles liebt, was Gott liebt, alles, was Gott angehört, und alles, was die göttlichen Vollkommenheiten widerspiegelt.

II. Man praktiziert die Selbstliebe, indem man zusieht, sich die übernatürlichen Güter zu verschaffen, die geistlichen Güter, danach die Güter, die zum Erhalt unseres zeitlichen Lebens notwendig sind, und sogar die äußerlichen Güter.

Dabei ist es nicht nötig, immer aus dem Motiv der theologischen [übernatürlichen] Caritas zu handeln, weil die natürliche Tugend der Selbstliebe auch ihren moralischen Wert hat.

III. Die Sünden gegen die Selbstliebe werden begangen durch den Egoismus und durch den Selbsthass.

Man sündigt durch Egoismus, wenn man z. B. sein eigenes Wohl der Ehre Gottes oder dem Gemeinwohl vorzieht; durch Selbsthass, wenn man nicht auf vernünftige Weise für seinen Körper oder seine Seele sorgt. Genau genommen ist jede Sünde auch eine Sünde gegen die Selbstliebe, aber weil sich das von selbst versteht, ist es nicht nötig, sich dessen [in der Beichte] im Speziellen anzuklagen.“

Wenn Jone sagt, dass der Egoismus gegen die Selbstliebe verstößt, was erst einmal seltsam klingt (man würde vielleicht meinen, dass er nur gegen die Nächstenliebe verstöße), dann meint er, dass die Selbstliebe hier ungeordnet und übermäßig wird, was eben gegen die richtige, gesunde Selbstliebe verstößt.

Es geht bei der Selbstliebe um die vernünftige Sorge für den eigenen Körper und die eigene Seele. Nicht jede kleine Vernachlässigung z. B. der eigenen Gesundheit durch ungesundes Essen ist schon eine Sünde gegen die Selbstliebe; sein Leben oder schwere Gesundheitsschäden grundlos zu riskieren ist aber definitiv eine; aber dazu dann ausführlicher beim 5. Gebot, wo es um Leben, Sicherheit, Gesundheit geht. Natürlich ist es erlaubt und sogar gut, um Gottes und des Nächsten willen manche persönlichen Schaden in kauf zu nehmen; manche Dinge darf man aber auch sich selbst nicht antun, um anderen zu nutzen (eindeutigstes Beispiel: man darf nicht Selbstmord begehen, weil man sich für eine Last für seine Angehörigen hält). So viel Liebe ist man sich schuldig. Was zu tun in sich schlecht ist, darf man auch sich selbst nicht antun.

Es verstößt auch gegen die Selbstliebe, der eigenen Seele zu schaden, indem man sich z. B. grundlos der näheren Gefahr der schweren Sünde (also Situationen, in denen man damit rechnen muss, dass man wohl eine schwere Sünde begehen wird) aussetzt; aber dazu auch in einem eigenen Beitrag zu Gelegenheiten zur Sünde.

Zur Nächsten- und zur Feindesliebe sagt Jone folgendes:

I. Die Pflicht der Liebe zum Nächsten.

1. Generell ist man verpflichtet, um Gottes willen alle Geschöpfe zu lieben, die an der ewigen Seligkeit teilhaben können.

[…]

Die moralische Tugend der Nächstenliebe ist auch gut; sie besteht darin, den Nächsten zu lieben, weil er etwas Schätzenswertes an sich hat.

2. Im Speziellen erstreckt sich die Pflicht der Nächstenliebe auch auf die Feinde.

a) Die Verzeihung ist infolgedessen eine Pflicht, auch wenn der Feind sie nicht erbittet.

Feindseligkeit, Hass, Wunsch nach Rache, Verwünschen sind schwere Sünden, wenn es sich um bedeutende Angelegenheiten handelt. – Man darf mit diesen Sünden weder die natürliche Antipathie verwechseln noch die Unzufriedenheit oder die Abneigung, die von einem bösartigen oder verletzenden Vorgehen oder auch den Dispositionen des Nächsten verursacht wird. – Verwünschungen sind keine schweren Sünden, wenn man (z. B. infolge von Empörung) bei ihnen keine ausreichende Überlegtheit aufbringt, oder wenn man nicht im Ernst spricht, oder wenn es sich nur um ein geringes Übel handelt [das man dem anderen wünscht]. Im Interesse des Nächsten selbst oder eines entsprechend großen Gutes kann man dem Nächsten ein Übel und sogar den Tod wünschen, z. B.: auf dass ein leichtfertiger junger Mann sich nicht vom Bösen fortreißen lässt, das ihn seine ewige Seligkeit aufs Spiel setzen lassen würde, oder auch, auf dass ein Familienvater nicht sein ganzes Geld für den Alkohol verschwendet.

Der Beleidiger ist gehalten, denjenigen um Verzeihung zu bitten, den er verletzt hat. Wenn zwei Personen einander gegenseitig verletzt haben, liegt die Pflicht, zuerst um Verzeihung zu bitten, bei dem, der zuerst oder eine schwerere Verletzung zugefügt hat. Aber das Beste ist, wenn beide diesen Schritt machen. – Es ist nicht nötig, dass die Bitte um Verzeihung auf explizite Weise geschieht. Oft wird sie sich genausogut durch eine besondere Geste der Sympathie kundtun, durch das Entbieten eines Grußes etc…

Der Beleidigte ist gehalten, sich zu bemühen, die Versöhnung herbeizuführen, wenn sein Gegner andernfalls in der schweren Sünde bleibt oder Ärgernis daraus entstehen muss.

b) Es braucht auch eine äußere Manifestation des Verzeihens, die dadurch geschieht, dass man die üblichen Zeichen der Freundlichkeit entgegenbringt.

[…] Wenn der andere nicht auf diese allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit eingeht, z. B. nicht auf den Gruß antwortet, ist man nicht mehr verpflichtet, sie ihm als erster entgegenzubringen.

α) Es ist eine schwere Sünde, die allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit zu verweigern, wenn das aus Hass geschieht oder der, dem man diese Zeichen verweigert, davon bedrückt ist, oder auch, wenn daraus ein schweres Ärgernis entsteht.

Sich vom Weg des Gegners fernzuhalten, um nicht unnötig in Zorn zu geraten, ist keine Sünde, wenn daraus kein Ärgernis oder Kümmernis für den Nächsten entsteht. Wenn zwei Nachbarn, zwei Brüder oder zwei Schwestern wegen einer leichten Unstimmigkeit eine gewisse Zeit nicht miteinander reden oder einander nicht grüßen, besteht keine schwere Sünde.

β) Das Verweigern der allgemeinen Zeichen der Freundlichkeit kann erlaubt sein, wenn es ein ausreichendes Motiv gibt und kein Ärgernis entsteht.

Solche Motive sind: die Besserung oder gerechte Bestrafung des Beleidigers, ferner der Wunsch, zu zeigen, wie sehr sein schlechtes Verhalten einen verletzt hat.

c) Man ist nicht verpflichtet, auf die Genugtuung und die Wiedergutmachung des Schadens zu verzichten.

Dementsprechend kann man eine gerichtliche Klage einreichen, auch wenn der Beleidiger um Verzeihung gebeten hat, aber man darf es nicht aus Hass tun. – Dementsprechend muss man auf die Genugtuung verzichten, wenn der Schaden unbedeutend ist, wenn, um ihn wiedergutzumachen, der Beleidiger einen schweren und unverhältnismäßigen Schaden leiden müsste.

d) Besondere Zeichen der Zuneigung werden von der Feindesliebe nicht verlangt, selbst wenn man sie zuvor gegenseitig ausgetauscht hat. – In Ausnahmefällen kann man aber aus anderen Gründen dazu gehalten sein.

Das geschieht, wenn die Verweigerung dieser Zeichen der Zuneigung Ärgernis entstehen lassen würde, oder wenn, indem man sie austauscht, man den anderen dazu führt, seine Einstellung zu ändern. Man ist allerdings nicht verpflichtet, dafür ein großes Opfer zu bringen.

II. Die Ordnung, der wir in der Liebe zum Nächsten folgen müssen, wird bestimmt durch die Not des Nächsten und unser Verhältnis zu ihm.

1. Die Not des Nächsten kann geistlich oder zeitlich sein, beide können sein: extrem, schwerwiegend oder leicht.

Jemand befindet sich in extremer Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen gar nicht oder nur sehr schwer dem ewigen oder zeitlichen Tod entrinnen kann. Es ist fast dasselbe bei jemandem, der an dem Punkt ist, in eine extreme Gefahr zu geraten, oder der, ohne die Hilfe des anderen, einem schweren und lang andauernden Übel nicht entkommen kann, z. B.: einer harten Gefangenschaft, dem Verlust seiner Güter, seiner Stellung. [Hier spricht Jone natürlich aus Sicht einer Zeit, in der letzteres noch sehr viel gravierendere Folgen hatte als heute; heute ist Arbeitslosigkeit sicher kein extremes Übel mehr.]

Jemand befindet sich in schwerwiegender Not, wenn er ohne die Hilfe des anderen nur schwer der ewigen Verdammnis entgehen kann; wenn er schwerwiegende zeitliche Probleme erlebt, die aber nicht lange andauern oder nicht exzessiv schwerwiegend sind.

Jemand ist in leichter Not, wenn er von einem wenig wichtigen Übel bedroht ist oder von einem schwerwiegenden Übel, dem er aber leicht entkommen kann.

a) In extremer geistlicher Not muss man dem Nächsten selbst bei Gefahr des eigenen Lebens zu Hilfe kommen.

Man ist allerdings nur in den folgenden Fällen verpflichtet, sein Leben aufs Spiel zu setzen: wenn man die sichere Hoffnung hat, den nächsten mit diesem Beistand zu retten, wenn es niemand anderen gibt, der helfen kann und will, und zuletzt, wenn man, indem man ihm zu Hilfe kommt, nicht mehrere andere Personen der ewigen Verdammnis aussetzt. – Das ist der Grund, aus dem man in der Praxis eine Mutter nicht verpflichten kann, sich einer Kaiserschnittoperation zu unterziehen, um die gültige Taufe des Kindes sicherzustellen [gemeint ist: wenn das Kind eine Geburt auf natürlichem Wege nicht überleben würde; damals waren Kaiserschnitte noch viel gefährlicher als heute], und zwar aus den folgenden Gründen: es ist wahrscheinlich, dass die Taufe im Mutterschoß gültig ist, es ist nicht sicher, dass das Kind lebendig zur Welt käme, noch, dass es gerettet würde, wenn es im Erwachsenenalter stürbe. – Eine Todsünde oder auch nur eine lässliche Sünde zu begehen, um jemanden zu retten, ist nie erlaubt, da das Wohlgefallen Gottes über allem stehen muss.

b) In extremer zeitlicher Not ist man verpflichtet, dem Nächsten zu helfen, selbst zum Preis eines großen persönlichen Nachteils, aber nicht unter Lebensgefahr, wenigstens, wenn man dazu durch seine Stellung verpflichtet ist oder das Gemeinwohl die Rettung derer, die in Gefahr sind, erfordert.

[…] Es ist erlaubt und verdienstvoll, aus einem übernatürlichen Motiv heraus sein Leben aufs Spiel zu setzen, um das des Nächsten zu retten.

c) In schwerwiegender geistlicher oder zeitlicher Not muss man helfen, soweit man es ohne große Beschwerlichkeiten tun kann; man ist nur dann verpflichtet, es trotz großer Beschwerlichkeiten zu tun, wenn man wegen seiner Standespflichten, durch die Gerechtigkeit oder durch die familiäre Liebe dazu gehalten ist.

Das ist der Grund, aus dem z. B. ein Pfarrer verpflichtet ist, auch zum Preis großer Beschwerlichkeiten, seinen Pfarrkindern die Hilfe seines Dienstes zukommen zu lassen, wenn diese es sonst schwer hätten, ihr Heil zu erwirken.

d) Bei gewöhnlichem geistlichen oder zeitlichen Bedarf ist man nicht verpflichtet, jedem unserer Mitmenschen im Einzelnen zu Hilfe zu kommen.

Man darf allerdings nicht in der Einstellung sein, niemals jemandem in diesem Fall zu Hilfe zu kommen; man muss im Gegenteil oft anderen helfen, wenn man es ohne größere Schwierigkeiten kann. Man darf sogar, im geistlichen oder zeitlichen Interesse des Nächsten, große geistliche Güter aufgeben, die nicht notwendig sind, um die ewige Seligkeit zu erlangen, z. B.: seinen Eintritt ins Kloster aufschieben, auf den Verdienst aller seiner guten Werke zugunsten der Seelen im Fegefeuer verzichten, sich der entfernten Gefahr der Sünde aussetzen.

2. Unsere Beziehungen zum Nächsten verpflichten uns, bei gleicher Not, zuerst denen zu helfen, die uns am nächsten stehen.

[…] Die Ordnung, der zu folgen ist, ist dementsprechend die folgende: Der Ehemann oder die Ehefrau, die Kinder, der Vater und die Mutter, die Brüder und Schwestern, die anderen Vorfahren [Großeltern etc.], die Freunde etc… In extremer Not muss man den Vater und die Mutter allen anderen vorziehen, da wir ihnen unsere Existenz verdanken.“

Wenn er hier die Ehepartner vor den Kindern nennt, klingt das vielleicht kontraintuitiv macht aber letztlich Sinn; Ehepartner bleiben z. B. eng aneinander gebunden, wenn ihre erwachsenen Kinder schon ausgezogen sind. Ein großer Unterschied in der Nähe besteht hier aber freilich nicht; beides ist die engste Familie.

Dann schreibt Jone noch etwas über zwei Werke der Nächstenliebe; das Almosengeben, worunter er offensichtlich mehr Hilfe fasst, die beim zeitlichen Leben hilft als nur die normalen Geldspenden, also z. B. auch den kostenlosen Beistand eines Arztes oder Anwalts für jemanden in Not, und die sog. „brüderliche Zurechtweisung“ (correctio fraterna), mit der gemeint ist, jemand anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er etwas Falsches tut oder getan hat (also z. B. so etwas wie „Mit dem, was du gesagt hast, hast du sie wirklich verletzt“, oder „Du hättest dieses Gerücht über ihn nicht verbreiten dürfen“). Zu den geistlichen Werken der Barmherzigkeit gehört es ja, „die Unwissenden zu lehren“, „die Zweifelnden zu beraten“ und „die Sünder zurechtzuweisen“; die correctio fraterna kann jemandes Seele nützen und auch anderen zeigen, was das Richtige und das Falsche ist, die ihn sonst nachahmen könnten; freilich sollte man es mit ihr auch nicht übertreiben (und, wie Jone schreibt, sollten gerade Skrupulanten sich lieber nicht mit ihr befassen).

Beim Almosen erwähnt Jone hier ab und zu den Begriff „standesgemäßes Leben“; das klingt heute seltsam, hat aber seinen Sinn; man könnte sagen, es umfasst das, was in der Wirtschaftslehre als „Kulturbedürfnisse“ im Unterschied zu „Existenzbedürfnissen“ und „Luxusbedürfnissen“ bezeichnet wird. Hier ist ein Leben gemeint, bei dem man in der Gesellschaft, zu der man gehört, in seiner jeweiligen Position dazugehören und bequem leben kann. Was genau dazu zählt, ändert sich auch; z. B. ist es heute in Deutschland normal, sich Kühlschrank und Waschmaschine leisten zu können und die wenigsten schaffen es, ohne zurechtzukommen, also würde die Kühlschrankreparatur eindeutig unter das „standesgemäße Leben“ fallen. Das „standesgemäße Leben“ ändert sich auch wirklich mit dem „Stand“; z. B. wird von der Queen nun mal einfach etwas anderes erwartet als von ihren Putzfrauen; und diese Unterschiede sind okay so, jedenfalls sicherlich, solange alle genug haben.

Auch zum Thema Almosen zu beachten ist, dass heutzutage in vielen Staaten schon größere Teile der Steuergelder sozialen Zwecken zugutekommen, für die früher Spenden nötig  waren.

Jone schreibt also, wobei er zunächst vor allem von Situationen spricht, in denen man den Hilfe benötigenden Nächsten persönlich kennt:

„Unter den verschiedenen Werken der Nächstenliebe betrachten wir hier vor allem: das Almosen und die brüderliche Zurechtweisung.

 

I. Das Almosen. 1. In extremer Not ist man verpflichtet, unter schwerer Sünde, dem Nächsten zu helfen, selbst unter Opferung der Güter, die nötig sind, um ein standesgemäßes Leben zu führen.

Wir sind nicht verpflichtet, das zu opfern, was für unseren Unterhalt und den der Personen, für die wir verantwortlich sind, nötig ist.

a) Es ist nicht nötig, eine größere Hilfe zu gewähren, als die Linderung der Not verlangt. […]

b) Was man nicht verpflichtet wäre, zu tun, um sein eigenes Leben zu retten, ist man nicht verpflichtet, zu tun, um das des anderen zu retten.

[…]

2. In schwerwiegender Not ist man verpflichtet, dem Armen so weit zu helfen, wie man es kann, ohne das aufzugeben, was notwendig ist, um ein standesgemäßes Leben zu führen. Diese Pflicht ist für gewöhnlich eine schwerwiegende Pflicht.

Im Fall dass ein Armer in dieser Not leicht anderswo Hilfe finden könnte, wäre man nicht unter der schwerwiegenden Verpflichtung, ihm persönlich zu Hilfe zu kommen. […] Wer keinen Überfluss besitzt, aber trotzdem behaglich lebt, sündigt lässlich, wenn er nicht einmal ein kleines Opfer akzeptieren will, um einem Armen in schwerwiegender Not zu helfen.

3. Bei gewöhnlicher Not muss man, auf generelle Weise, den Armen aus seinem Überfluss helfen, und das, nach der Meinung der meisten Autoren, nur unter lässlicher Sünde.

[…] Wer jedes Jahr 2% aus seinem Überfluss dafür aufwendet, erfüllt seine Pflicht, in Bezug auf diese Armen. Es sind auch die der lässlichen Sünde schuldig, die nur das Genügende besitzen und nie etwas für die Armen tun.

Bemerkung: Da in unseren Tagen oft eine große Not herrscht, ob in unserer unmittelbaren Umgebung oder in fremden Ländern, und es durch die modernen Organisationen leicht ist, diesen Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen, ist man gehalten, jedes Jahr mehr als 2% aus seinem Überfluss den Armen zu geben. Es ist allerdings nicht nötig, alles abzugeben, was man entbehren kann, wenn ganze Regionen, z. B. in China oder Indien, sich in extremer Bedürftigkeit befinden. Selbst wenn eine Person allein ihr ganzes Vermögen gäbe, wäre eine solche allgemeine Not nicht behoben; aber wenn jedermann seine Pflicht erfüllen würde, wäre es normalerweise relativ einfach, ihr abzuhelfen. Aber man muss ausdrücklich bemerken, dass man hier nur die äußerste Grenze der Sünde anzeigt. Ein wahrer Christ wird sicherlich ein größeres Almosen geben, selbst im Fall der gewöhnlichen Bedürftigkeit.“

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(Fyodor Bronnikov, Das Gleichnis von Lazarus und dem Reichen. Gemeinfrei.)

„II. Die brüderliche Zurechtweisung. 1. Es gibt die schwerwiegende Pflicht, den Nächsten von der Sünde abzuziehen oder ihn aus der nächsten Gefahr zur Sünde zu entfernen, wenn alle folgenden Vorbedingungen erfüllt sind.

a) Der Nächste befindet sich in einer wirklichen geistlichen Not.

Diese Not existiert, wenn die Sünde oder der Wille zur Sünde nicht angezweifelt werden kann; sodann, wenn der Nächste sich ohne die brüderliche Zurechtweisung nicht bessern wird; zuletzt, wenn niemand anderes, zumindest niemand Kompetentes, diese Zurechtweisung unternimmt.

Wenn Sünden, die aus unüberwindlicher Unwissenheit begangen werden, keinen Schaden verursachen, gibt es keine Pflicht der Nächstenliebe, jemanden z. B. auf eine Abstinenz- oder Fastenvorschrift aufmerksam zu machen. Im Gegensatz dazu, wenn eine selbst nur materielle Sünde Schaden verursacht, entweder für den Sünder selbst (Sünden gegen das sechste Gebot), für einen Dritten (z. B.: Unterlassung eines Schadensersatzes, Ärgernis), verpflichtet uns die Nächstenliebe, darauf hinzuweisen, selbst wenn der Sünder sich in unüberwindlicher Unwissenheit befindet. – Selbst in den Fällen, in denen man nicht durch die Pflicht zur Nächstenliebe gehalten ist, darauf hinzuweisen, kann man, unter lässlicher Sünde, verpflichtet sein, in Anbetracht der Ehre Gottes darauf hinzuweisen (z. B.: um eine Gotteslästerung zu vermeiden). Im übrigen sind viele Leute aufgrund ihrer Verantwortung oder durch die familiäre Liebe verpflichtet, andere anzuleiten.

b) Die geistliche Not ist groß.

Die Not existiert immer, wenn es sich um eine Todsünde handelt. Im Ausnahmefall kann ein Oberer die schwerwiegende Pflicht haben, gegen die [nicht schwer sündigen] Verfehlungen seiner Untergebenen einzuschreiten, z. B. wenn diese Verfehlungen die Ordensdisziplin gefährden.

c) Man hat die fundierte Hoffnung, den Nächsten sich bessern zu sehen.

Dementsprechend existiert diese Pflicht für gewöhnlich nicht gegenüber Unbekannten. Skrupulanten tun gut, sich nicht um die brüderliche Zurechtweisung zu kümmern, da sie absolut keine Kompetenz dafür haben. Man kann die brüderliche Zurechtweisung aufschieben, wenn die Chance besteht, dass sie später effektiver sein wird.

Wenn es keine Hoffnung auf Besserung gibt, muss man die brüderliche Zurechtweisung nur üben, wenn ihre Unterlassung Ärgernis verursachen würde.

d) Die Zurechtweisung lässt sich ohne schweren persönlichen Schaden bewerkstelligen.

Wer aus einem Übermaß an Schüchternheit die Zurechtweisung unterlässt, begeht für gewöhnlich keine schwere Sünde. – Die Bischöfe, die Pfarrer, etc…. kraft ihres Amtes, die Eltern kraft der familiären Pflichten, sind gehalten, die Zurechtweisung selbst unter großem persönlichen Nachteil zu üben. – Desgleichen können Privatpersonen verpflichtet sein, auf die Zurechtweisung zurückzugreifen, wenn ihre Unterlassung dem Gemeinwohl schaden würde, z. B. wenn ein korrumpierter Schüler eine ganze Anstalt verderben könnte, oder ein Priester, der sich zum Versucher macht, den Gläubigen einen großen Schaden verursacht.

2. Die Weise, auf die die brüderliche Zurechtweisung geschehen soll. Sie kann durch Worte geschehen, einen Blick, oft auch dadurch, das Gespräch anderswohin zu lenken oder jemandem seine Mitwirkung zu verweigern.

3. Die bei der Zurechtweisung zu folgende Ordnung ist die folgende: Zuallererst zeigt man seine Meinung dem Einzelnen, dann tut man es vor ein oder zwei anderen Personen; wenn dieses zweite Mittel auch scheitert, informiert man die Oberen.

Eine sofortige Anzeige ist erlaubt, wenn die Sünde öffentlich ist, oder an dem Punkt, es zu werden, wenn das Gemeinwohl oder das Wohl eines Dritten eine sofortige Anzeige erfordert, wenn es einen großen Schaden verursachen würde, jemanden direkt zur Ordnung zu rufen, wenn ein privater Hinweis wenig Erfolgschancen hätte. […]“

Jone bezieht sich hier natürlich auf Jesu Anweisung in Mt 18,15-17: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“

Das Anzeigen beim Oberen betrifft z. B. Fälle, wo ein Pfarrer sich fragwürdig verhält und die Pfarreimitglieder sich an den Bischof wenden könnten, damit er Abhilfe schafft.

Vielleicht ist es zur Ergänzung noch interessant, wie Fagothey über die gegenseitige Hilfe schreibt, auch wenn es im Endeffekt praktisch auf dasselbe hinausläuft wie bei Jone:

„Die Nächstenliebe verpflichtet uns, dem Nächsten in Not zu Hilfe zu kommen. Wie bindend diese Verpflichtung ist, hängt von drei Faktoren ab:

(1) Wie groß seine Not ist

(2) Wie viel Schwierigkeiten es uns kosten wird

(3) Wie nützlich unsere Hilfe sein wird

Da wir unseren Nächsten wie uns selbst, aber nicht mehr als uns selbst, lieben müssen, sind wir nie verpflichtet, obwohl es uns erlaubt ist, eine gleichwertige Mühsal auf uns zu nehmen wie die, von der wir ihn befreien wollen. Uns für andere aufzuopfern ist heroisch und bewundernswert, kann aber kaum als Pflicht auferlegt werden, da wir selbst Rechte haben und die andere Person auch Pflichten uns gegenüber hat. Und es wäre unvernünftig, wenn wir zu sinnlosen Gesten gegenüber denen verpflichtet wären, die jenseits unserer Hilfsmöglichkeiten sind.

Sich zu weigern, einem Menschen in extremer Not zu helfen, selbst bei ernsthaften Beschwerlichkeiten für uns, ist unmenschlich und unentschuldbar. Wenn er nicht in extremer, aber in wirklich schwerer Not ist, nimmt die Verpflichtung proportional ab, ist aber immer noch schwerwiegend. Je geringer die Not, desto geringer die Verpflichtung, aber sie verschwindet nicht, solange wir ohne unangemessene Schwierigkeiten helfen können. Aber den gewöhnlichen Nöten der Menschheit im Allgemeinen abzuhelfen, da sie ein Teil des Lebens sind und zu zahlreich für die Ressourcen irgendeines einzelnen, kann unter normalen Umständen nicht die Pflicht von Privatpersonen sein. Diejenigen, die für das Gemeinwohl verantwortlich sind, müssen Maßnahmen konzipieren, um ihnen abzuhelfen; das ist eine Pflicht der Gerechtigkeit, aber es sollte über die Verpflichtungen der bloßen Gerechtigkeit hinausgehen.

Die Reichen haben eine Pflicht, die Armen zu unterstützen. Diese Verpflichtung ruht eher auf den Reichen als Klasse als auf einem einzelnen Reichen, außer er wäre der einzige in der Gemeinschaft, der der Situation entgegentreten könnte. Die Unterstützung der Armen kann auf verschiedene Weise geschehen. Wenn die Regierung alles davon effizient und ausreichend erledigt, etwas, das wahrscheinlich niemals in der Geschichte geschehen ist, würden die Reichen ihre Pflicht tun, indem sie ihre Steuern zahlen. Wenn die Regierung nichts davon tut, was zumeist in früheren Zeitaltern der Fall war, sind die Wohlhabenden verpflichtet, es aus eigener Initiative zu tun, und weder Gleichgültigkeit noch Faulheit noch Habsucht können sie entschuldigen. Wenn es von privaten Einrichtungen mit öffentlicher Unterstützung, die aber hauptsächlich von freiwilligen Spenden abhängen, getan wird, ist der Reiche verpflichtet, je nach dem Maß seines Überflusses dazu beizutragen. Es kann eine Kombination all dieser Mittel geben, aber, welche auch immer sie seien, die Unterstützung der Bedürftigen ist keine bloße Empfehlung, sondern eine strenge Verpflichtung durch das natürliche Sittengesetz. Diese Bemerkungen betreffen die Pflichten Einzelner. Später werden wir über die Pflicht der Gesellschaft sprechen, ungerechten wirtschaftlichen Bedingungen abzuhelfen.

Die Hilfe, die wir unserem Nächsten geben können, ist verschiedener Art, sie geht vom Sagen eines ermutigenden Wortes zur Rettung seines Lebens, aber der größte Dienst, den wir ihm tun können, ist, ihm zu helfen, sein höchstes Ziel zu erreichen. […] Es gibt viele Weisen, auf dem wir ihm aktive geistliche Hilfe geben können, aber eine, die immer in unserer Macht steht, ganz gleich, was unsere Ressourcen oder unsere Stellung im Leben sein mag, ist das Beisiel unserer eigenen guten moralischen Leben.“****

Vielleicht lohnt es sich, hier am Ende noch einmal alle jeweils sieben leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit aufzuzählen, also diverse Weisen, auf denen sich die Nächstenliebe besonders betätigen kann.

Leiblich:

  • Hungernde speisen
  • Dürstenden zu trinken geben
  • Nackte bekleiden
  • Fremde aufnehmen
  • Kranke besuchen
  • Gefangene besuchen
  • Tote begraben

Geistlich:

  • Unwissende lehren.
  • Zweifelnden recht raten.
  • Trauernde trösten.
  • Sünder zurechtweisen.
  • Beleidigern gerne verzeihen.
  • Lästige geduldig ertragen.
  • für Lebende und Tote beten.

Und das war es für heute wieder.

 

* Austin Fagothey SJ: Right and Reason. Ethics in theory and practice based on the teachings of Aristotle and St. Thomas Aquinas, Charlotte, North Carolina 2000 (Nachdruck der 2. Ausgabe von 1959), S. 332. Eigene Übersetzung.

** Ebd., S. 333f.

*** Die folgenden Zitate sind aus: Heribert Jone, Précis de théologie morale catholique. Adapté aux règles du nouveau Code de droit canon et aux prescriptions du Code civil, 5. Aufl., Mulhouse 1935, S. 77-81. Eigene Übersetzung.

**** Fagothey, Right and Reason, S. 335f.

Sexueller Anarchokapitalismus

Es ist mal wieder an der Zeit für einen kurzen Rant.

Der Anspruch der Sexuellen Revolution soll ja damals vor ca. 50 Jahren, wie man so hört, im Grunde genommen peace, love and harmony gewesen sein. Sex = Liebe, und man soll ja jeden lieben, nicht? Wenn sich erst mal alle balgen wie die Bonobo-Äffchen, haben sich auch alle lieb, so der einfache Syllogismus.

Dahinter stand natürlich eine selbstgeschaffene Blindheit, die ableugnete, dass Sex eben nicht einfach immer Liebe bedeutet – Vergewaltigungsopfer und Prostituierte können ein Lied davon singen, aber auf niedrigerer Stufe auch sämtliche verführten und dann sitzengelassenen unverheirateten Mütter der Weltgeschichte usw. – und dass Sex etwas ist, das enorme Konsequenzen haben kann, u. a. das Entstehen neuer Menschen, aber auch viele Bindungen und Verletzungen usw. usf.; aber die Theorie mal beiseite; jetzt befinden wir uns ja ein paar Jahrzehnte nach dem Beginn besagter Revolution, und können einen Blick auf ihre realen Folgen werfen.

Ihre realen Folgen waren folgende:

  • Die sexuelle Liberalisierung hat natürlich nicht dafür gesorgt, dass Sex gleich verteilt wäre; und anstatt dass alle zufrieden und glücklich in allgemeiner Liebe vereint wären, haben wir daher also Pick-up-artists, die mit Seminaren zur Manipulation von Frauen Geld machen, und Incels, die, weil sie deren Ratschläge nicht umgesetzt bekommen und keine rumkriegen, aus Hass auf die Welt auch mal zu Terrorismus greifen. Beiden gemeinsam: Ihre fixe Idee, Anspruch auf die Körper anderer Menschen zu haben. Aber das ist eben eine natürliche Folge davon, wenn sich die Einstellung verbreitet, dass jeder Sex brauche und es ohne nicht ginge. Irgendjemand muss den Sex liefern. (Und wenn niemand sonst bereit ist, müssen es dann auch mal rumänische Zwangsprostituierte sein.)
  • Grausamkeit und Gewalt als Teil von Sex: Strangulierung, Schläge, Fisting (nicht googeln, wenn man nicht kotzen will); was auch immer kranken Gehirnen einfallen kann, wird ausprobiert. Freie Liebe, tatsächlich. In der Pornographie sind sadistische Praktiken inzwischen Mainstream, weil Pornoabhängige immer mehr und immer extremere Dosen ihrer Droge benötigen (und dank frei verfügbarer Internetpornographie werden ja schon elf- und zwölfjährige Kinder davon abhängig gemacht), und das schwappt so sehr in reale Beziehungen über, dass es von einigen Männern als völlig normal erwartet wird, dass ihre Partnerinnen sich beim Sex würgen und strangulieren lassen. Früher war selbst Oralsex für viele undenkbar (und ehrlich gesagt wird mir als vergleichsweise abgeschirmter Tradikatholikin schon beim Gedanken an so was schlecht); was haben wir heute? Normaler Sex wurde irgendwann als „bürgerlich“ aka schlecht dargestellt, und die Jagd nach dem noch als besonders Anerkannten (denn in einer so depperten Gesellschaft wie dieser ist ja nur das „Besondere“ gut) führt dann in extrem ekelhafte und brutale Gefilde, weil die destruktive Tendenz des Menschen seit der Erbsünde ja auch noch da ist. Natürlich ist das (davon gehe ich mal aus) bei vielen Paaren nicht so, weil auch die normale, natürliche Tendenz zur Liebe und Zärtlichkeit noch da ist, aber es hat anscheinend epidemische Ausmaße angenommen.
  • Der Erwartungsdruck ist ein ganz anderer – auch bzgl. der Treue des Partners. Es wird von manchen schon absurd gefunden, wenn Frauen – diese Kampfemanzen! – von ihren Freunden doch tatsächlich erwarten, keine Pornographie zu konsumieren. Wenn ein Partner eine offene Beziehung will, scheint allmählich auch erwartet zu werden, dass der andere sich nicht quer stellt. Davon, dass auf Leute, die mit dem Sex gar bis zur Ehe warten wollen, schon länger enorm viel mehr gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird, brauchen wir da gar nicht zu reden. Die Sexuelle Revolution hat das Fenster der Möglichkeiten eben nicht erweitert, sondern verschoben.

Aber am schlimmsten waren die Folgen natürlich nicht für die selber beteiligten Erwachsenen, sondern für die Kinder, die dann irgendwie unter die Räder gerieten.

Zuerst das Offensichtliche: Die Sexuelle Revolution sorgte für viel mehr Kinder, die in zerbrochenen Familien aufwachsen. Scheidungsraten von 30-50% tun Kindern nicht gut. „Die Kinder werden es schon aushalten“, wird dazu vermittelt. Fragt sich nur, wie. „Leben in einer kaputten Familie mit zerstrittenen Eltern tut Kindern auch nicht gut.“ Man kann mir nicht erzählen, dass über 30% aller Ehen zum Scheitern verurteilt wären und Streit ein Fall von höherer Gewalt ist, bei dem nichts zu machen ist. Klar, in manchen Fällen ist eine Trennung auch für die Kinder besser – z. B. wenn ein Elternteil sie oder das andere Elternteil misshandelt. Aber das ist nicht bei über 30% aller Ehen der Fall, und wenn eine Gesellschaft nicht vermitteln würde, dass man sich trennen soll, sobald man nicht mehr dasselbe fühlt wie vorher, oder „sich selbst finden“ will, würden viele ihre Ehen nicht so schnell aufgeben. Und dann muss man sich mal ansehen, wie es dann weitergeht: Irgendwann nach der Trennung zieht der nächste und dann vielleicht der übernächste Freund der Mutter ein; und wenn Kinder mit nicht verwandten Erwachsenen zusammenleben, ist z. B. das Risiko von sexuellem Missbrauch schon einmal gesteigert; ganz zu schweigen von der Instabilität, die das mit sich bringt. Kinder werden hin und her geschoben, geraten zwischen die Fronten, lieben beide Elternteile und sollen gleichzeitig neue Stiefeltern annehmen, die vielleicht gar nicht viel mit ihnen anfangen können.

Die Frage ist eigentlich ganz einfach: Wenn ein Kind die Wahl hätte zwischen den bestmöglichen Situationen in beiden Fällen, also zwischen zwei es liebenden, sich wieder zusammenraufenden und gut miteinander klar kommenden, zusammenlebenden Eltern und zwei es liebenden, sich verhältnismäßig gut miteinander arrangierenden, getrennten und sich neue nette Partner suchenden Eltern: Was würde es wählen?

Eben.

Trotzdem ist schon der Gedanke, hier auf die Kinder Rücksicht nehmen zu sollen, für viele unerträglich. Wieso eigentlich? Die einzige Erklärung: Weil sie es einfach nicht wollen.

Dazu kam dann die Sexualisierung von Kindern und Jugendlichen: Die Behauptung ist, dass viel Sex nur gut tut, und wer das so lebt, will auch die Kinder möglichst früh davon überzeugen und in diesen Lebensstil hineinnehmen. In den 70ern wollte man wirklich Pädophilie legalisieren und war der Ansicht, dass „einvernehmlicher“ Sex zwischen Kindern und Erwachsenen den Kindern nur gut tun könne; dann kam eine Zeit, in der es wieder weniger schlimm war; inzwischen geht es wieder darum, Erstklässler über homosexuelle Sexualpraktiken und Selbstbefriedigung zu unterrichten (und wer dagegen protestiert, ist ein gefährlicher Reaktionärer), Kinder mit Geschlechtsdysmorphie zu bestärken, sie keine normale Pubertät erleben zu lassen und sie möglichst bald unfruchtbar zu machen und zu verstümmeln (und wer dagegen protestiert, ist ein gefährlicher Reaktionärer), und elfjährige Jungen als „Drag Kids“ in Schwulenbars tanzen zu lassen (und wer dagegen protestiert, ist ein gefährlicher Reaktionärer). Feministinnen tragen Schülerinnen beim Sexualkundeunterricht Masturbieren als Hausaufgabe auf, was man nicht anders als als Missbrauch Schutzbefohlener bezeichnen kann; übergriffiger geht es kaum. Wer es nicht so toll findet, wenn zwölfjährige Jungen regelmäßig Pornographie konsumieren, der ist auch ein gefährlicher Reaktionärer und gefährdet die freiheitliche Gesellschaft.

Aber viele Kinder überlebten seit der Sexuellen Revolution ja gar nicht lange genug, um das alles zu erleben. Die Legalisierung der Abtreibung aus jedem beliebigen Grund war praktisch eine notwendige Konsequenz der zentralen Lehren der Sexuellen Revolution: Bei Sex können Kinder herauskommen, auch wenn man verhütet, und wenn man diese Möglichkeit von vornherein ausschließen wollte, weil man meint, ein Recht zu haben, Sex in jeder Konstellation zu haben, in der man für Kinder vielleicht gar nicht vorbereitet ist, muss man das Unglück eben hinterher beseitigen. Inzwischen werden ungeborene Kinder von feministischer Seite als Parasiten bezeichnet.

Screenshot (1682)

Kinder stören bei der Sexuellen Revolution. Sie passen einfach nicht hin, sie müssen zerstört, abgeschoben, zurechtgebogen werden.

Es ist immer Wunschdenken gewesen, zu meinen, beim Bereich Sex käme man ohne Regeln aus. „Keine Regeln“ bedeutet nur das Recht des Stärkeren, oder, wie es Chesterton gesagt hat: „If you will not have rules, you will have rulers“ – wenn ihr keine Gebote haben wollt, werdet ihr Gebieter haben. Und die „consenting-adults“-Regel genügt eben nicht. Menschen können auch – aus Geldnot, Unsicherheit, Angst, Liebesbedürfnis oder emotionaler Abhängigkeit heraus – zustimmen, sich selber ungerecht behandeln zu lassen. Gerade wenn es um wichtige, kostbare Dinge geht, kommt man nicht ohne Regeln aus.

Tatsächlich ist das Denken, dem die meisten Leute im Bereich Sex verfallen sind, einer politisch-wirtschaftlichen Ideologie ähnlich, die glücklicherweise weniger weit verbreitet ist: Dem Anarchokapitalismus. Das einzige Gebot, das der Anarchokapitalismus anerkennt, ist das Nicht-Schadens-Prinzip (Non-aggression-principle): Jeder darf alles tun, solange er einen anderen nicht direkt angreift, und ist nicht verpflichtet, irgendetwas für irgendeinen anderen zu tun. Wenn alle tun, was sie wollen, pendelt sich dann das richtige Gleichgewicht ein. Dass sich kein Gleichgewicht einpendelt, sondern im Gegenteil eine Tyrannei (zur Zeit der Industrialisierung z. B., als es teilweise ziemlich anarchokapitalistisch zuging, wurde nicht ohne Grund von der „Lohnsklaverei“ vieler Arbeiter gesprochen), wird ignoriert; dass man sich oft nicht einmal darauf einigen kann, was „schadet“, auch. Aber am deutlichsten sieht man, in welcher Fantasiewelt Anarchokapitalisten leben, wenn es um das Thema Kinder geht.

Der Anarchokapitalismus geht ja von lauter autonomen, nach ihrem eigenen Interesse handelnden Einzelwesen aus. Nun kommt allerdings niemand als autonomes Einzelwesen zur Welt (und ist es eigentlich sein Leben lang nicht). Dass der Anarchokapitalismus auf nicht ganz korrekten Grundlagen beruhen könnte, sieht man nun daran, welche Schlussfolgerungen die konsequenten Anarchokapitalisten aus ihrer Ideologie ziehen:

Ein Staat dürfe Eltern niemals zwingen, ihre Kinder zu ernähren und zu pflegen und Eltern dürften das Sorgerecht für ihre Kinder auf dem freien Markt verkaufen.

Klingt so abstoßend, dass es schon abstrus ist? Klar. Aber wieso ist es dann nicht abstrus, ein Recht für Mütter zu proklamieren, ihre Kinder zu ermorden, solange es nur bis kurz vor der Geburt geht? Wieso ist es dann nicht abstoßend, ein Leben als Prostituierte für befreiend zu erklären, und Gewaltpornographie für so harmlos wie Asterix-Comics?

Kann mir das irgendjemand mal erklären?

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 7c: Sakramente und Kirchengebote – Fasten und Unterstützung der Kirche

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Heute der letzte Teil zu den Kirchengeboten. (Für die Grundsätze bzgl. der kirchlichen Gebote siehe Teil 7a.)

 

Neben der Sonntagspflicht, den gebotenen Feiertagen, der jährlichen Beichte und der Osterkommunion haben wir noch dieses Kirchengebot:

Die Fasten- und Abstinenzbestimmungen der Kirche sind einzuhalten.

Hier muss man erst einmal zwischen diesen beiden Dingen unterscheiden:

Fasten heißt: Nur einmalige Sättigung am Tag; d. h. eine volle Mahlzeit am Tag ist erlaubt und dazu zwei kleine Stärkungen zu den beiden anderen Essenszeiten, die zusammen nicht größer sind als die eine volle Mahlzeit. (Ein Beispiel dafür: Ein Müsliriegel am Morgen, ein Teller Fischstäbchen mit Kartoffeln am Mittag, eine Semmel am Abend.) Weitere Zwischenmahlzeiten sind nicht erlaubt, aber Getränke schon, auch wenn sie einen geringen Nährwert haben (wie z. B. bei Apfelschorle); Getränke, die eigentlich Flüssignahrung sind, wie Milch, Smoothies etc. gehen allerdings nicht. (Alkoholisches ist erlaubt.)

Abstinenz heißt: Verzicht auf Fleisch und Fleischprodukte. Produkte, die nur entfernt aus tierischen Stoffen hergestellt wurden, aber nicht mehr eigentlich als Fleisch bezeichnet werden können und keinen Fleischgeschmack haben, also etwa tierische Gelatine enthalten oder in tierischem Fett frittiert wurden, gehören aber nicht dazu. Verboten ist das Fleisch von Säugetieren und Vögeln (sog. warmblütige Tiere); Fisch gehört bekanntlich nicht dazu, sondern gilt gerade als Fastenspeise; und Amphibien wie Frösche, Reptilien wie Schildkröten, oder Schnecken, Muscheln, Krustentiere gelten auch nicht als Fleisch im Sinn der Fastenbestimmungen. (Im Lauf der Kirchengeschichte gab es an manchen Orten ein paar weitere Ausnahmen für einzelne Tierarten, wie z. B. Biber und Otter – es ging hier weniger um biologische Klassifizierungen als einfach darum, bestimmte Dinge zum Verzicht festzulegen.)

Im Katechismus heißt es im Absatz über die Kirchengebote zum Sinn und Zweck der Fasten- und Abstinenzbestimmungen:

„Das fünfte Gebot (‚Du sollst die gebotenen Fasttage halten‘) sichert die Zeiten der Entsagung und Buße, die uns auf die liturgischen Feste vorbereiten; sie tragen dazu bei, daß wir uns die Herrschaft über unsere Triebe und die Freiheit des Herzens erringen [Vgl. CIC, cann. 1249-1251; CCEO, can. 882].“

Es geht also darum, frei zu werden von bestimmten hinderlichen Anhänglichkeiten (auch solchen, die nicht unbedingt Sünde sind), sich bestimmte feste Zeiten zu nehmen, um sich wieder mehr auf Gott zu konzentrieren, sich klarzumachen, dass Er das Wichtigste ist, und natürlich auch, Buße für eigene Sünden zu tun (und vielleicht stellvertretende Sühne zu leisten für fremde); Bußzeiten sind Zeiten der Wiedergutmachung für Schlechtes, und des Opferns für Gott. Die Zeiten des Fastens bereiten auf die Zeiten des Feierns vor.

Der CIC enthält die genaueren Fastenbestimmungen (und Begründungen dafür):

Can. 1249 — Alle Gläubigen sind, jeder auf seine Weise, aufgrund göttlichen Gesetzes gehalten, Buße zu tun; damit sich aber alle durch eine bestimmte gemeinsame Beachtung der Buße miteinander verbinden, werden Bußtage vorgeschrieben, an welchen die Gläubigen sich in besonderer Weise dem Gebet widmen, Werke der Frömmigkeit und der Caritas verrichten, sich selbst verleugnen, indem sie die ihnen eigenen Pflichten getreuer erfüllen und nach Maßgabe der folgenden Canones besonders Fasten und Abstinenz halten.

Can. 1250 — Bußtage und Bußzeiten für die ganze Kirche sind alle Freitage des ganzen Jahres und die österliche Bußzeit.

Can. 1251 — Abstinenz von Fleischspeisen oder von einer anderen Speise entsprechend den Vorschriften der Bischofskonferenz ist zu halten an allen Freitagen des Jahres, wenn nicht auf einen Freitag ein Hochfest fällt: Abstinenz aber und Fasten ist zu halten an Aschermittwoch und Karfreitag.

Can. 1252 — Das Abstinenzgebot verpflichtet alle, die das vierzehnte Lebensjahr vollendet haben; das Fastengebot verpflichtet alle Volljährigen [d. h. ab 18] bis zum Beginn des sechzigsten Lebensjahres. Die Seelsorger und die Eltern sollen aber dafür sorgen, daß auch diejenigen, die wegen ihres jugendlichen Alters zu Fasten und Abstinenz nicht verpflichtet sind, zu einem echten Verständnis der Buße geführt werden.

Can. 1253 — Die Bischofskonferenz kann die Beobachtung von Fasten und Abstinenz näher bestimmen und andere Bußformen, besonders Werke der Caritas und Frömmigkeitsübungen, ganz oder teilweise an Stelle von Fasten und Abstinenz festlegen.

Abstinenz von Fleischspeisen ist also weltkirchlich vorgeschrieben für alle Freitage des Jahres (da am Freitag Jesu Tod gedacht wird) und Aschermittwoch und Karfreitag für alle Katholiken ab 14 Jahren; in Deutschland haben es die Bischöfe aber gemäß Can. 1253 erlaubt, den Fleischverzicht am Freitag durch ein Ersatzopfer (Einschränkung beim Konsum anderer Dinge, Spenden, sonstige Hilfe für den Nächsten, Sprechen eines Gebets o. Ä.) zu ersetzen. Irgendetwas davon muss aber sein. (Es sei denn, am Freitag ist ein Hochfest – was übrigens zu unterscheiden ist vom gebotenen Feiertag; es gibt auch Hochfeste, die keine gebotenen Feiertage sind. Hochfest schlägt Freitag, und Festtage sind keine Fasttage.)

Am Aschermittwoch und Karfreitag müssen Katholiken zwischen dem 18. und dem 60. Geburtstag zusätzlich zur Abstinenz auch fasten. Früher waren mehr Fasttage vorgeschrieben (ganze Fastenzeit, Quatembertage usw.); heute sind es wirklich nur noch diese zwei; jedenfalls für Katholiken des westlichen lateinischen Ritus, in den verschiedenen östlichen Rituskirchen mögen jeweils andere Regeln gelten.

(Interessanterweise galt übrigens das Fastengebot früher erst ab 21, das Abstinenzgebot aber schon ab 7 Jahren. Was sich nicht alles sonst noch ändert.)

Auch für Tradis, die oft oder immer die alte Messe besuchen, gelten die neuen Fastenbestimmungen (Liturgie und Kirchrecht sind zwei verschiedene Sachen); aber wer mehr tun will als vorgeschrieben (z. B. an den Quatembertagen fasten oder zumindest kein Fleisch essen oder auf etwas anderes verzichten), darf natürlich mehr tun (sündigt aber nicht, wenn er selbstgesteckte Vorsätze dann nicht schafft).

Es gibt natürlich auch Ausnahmen bei diesen Bestimmungen zu Fasten und/oder Abstinenz, nämlich kurz gesagt dann, wenn es notwendig ist:

– bei Krankheit: Fasten und Abstinenz soll nicht der Gesundheit schaden; chronisch Kranke, akut Kranke und gerade erst Genesende sollen also lieber auf ihre Gesundheit schauen als zu fasten. Unter „Krankheit“ können auch Essstörungen fallen, in die jemand nicht durchs Fasten zurückfallen will, und andere psychische Störungen (wenn jemand z. B. eine zwanghafte Angst davor entwickelt, die Fastenbestimmungen nicht genau genug zu halten).

– während Schwangerschaft und Stillzeit, wo es wichtig ist, genug zu essen und alle Nährstoffe zu bekommen.

– wenn man sonst seinen Standespflichten (also v. a. beruflichen und familiären Pflichten) nicht nachkommen kann – z. B. wenn man am Aschermittwoch gerade eine Prüfung schreibt und sich hungrig nicht konzentrieren kann, oder wenn man schwer körperlich arbeiten muss. Den normalen aushaltbaren Hunger muss man aber aushalten – vor allem, da wir nur noch zwei vereinzelte Tage für das wirkliche Fasten haben, keine sechs Wochen am Stück mehr.

– am „fremden Tisch“, also wenn man z. B. bei Freunden zu Gast ist, als Austauschschüler in einer fremden Familie lebt, oder auch in einer Werkskantine, wo man sich nicht aussuchen kann, was es gibt (und vielleicht das einzige vegetarische Essen nicht verträgt o. Ä.).

– auf Reisen, zumindest bei anstrengenden Reisen oder wenn man nicht viel Auswahl bei dem Essen hat, das man sich auf der Reise besorgen kann.

Heribert Jone z. B. zählt in seiner „Katholischen Moraltheologie“ (Zitate wie immer rückübersetzt aus der französischen Übersetzung) folgende Personen auf, die nach seinem Urteil als entschuldigt vom Fasten (unterschieden von der Abstinenz) gelten – hier hat er freilich auch noch die alten, längeren Fastenzeiten im Blick, die zu seiner Zeit galten:

„Kranke, Genesende, schwache Personen, sehr nervenschwache [= psychisch kranke] Personen, jene, denen das Fasten starke Kopfschmerzen bereitet oder die es am Schlafen hindert, schwangere und stillende Frauen, wahrscheinlich auch Frauen, die ihre Regel haben, Arme, die nicht genug für eine volle Mahlzeit auf einmal haben [hier sind wohl v. a. Bettler gemeint], Leute, die schwere Arbeiten zu tun haben, z. B.: Landwirte, Schmiede, Steinmetze, vorausgesetzt, dass sie tatsächlich den größeren Teil des Tages über arbeiten (sie sind allerdings auch entschuldigt, wenn sie ein oder zwei Tage von der Arbeit ausruhen), Professoren, Lehrer, Studenten, Prediger, Beichtväter, Ärzte, Richter etc… wenn das Fasten sie daran hindert, ihren Standespflichten gebührend nachzugehen, jene, die eine ermüdende Reise zu Fuß oder mit dem Auto machen […].“

Zu den von der Abstinenz Entschuldigten zählt er u. a.:

„Kranke, Genesende, schwangere Frauen, wenn Fleischspeisen notwendig für sie sind (einige Autoren erlauben Frauen in diesem Zustand sogar, einige Happen Fleisch zu essen, wenn sie nur eine starke Lust darauf verspüren; stillende Frauen brauchen auch oft Fleisch), Arbeiter, die außerordentlich schwere Arbeiten auszuführen haben, vor allem, wenn die Arbeiten ihren Hunger erhöhen, z. B. jene, die im Walzwerk, in den Minen arbeiten; Arme, die sich nicht genug andere Nahrung beschaffen können; verheiratete Frauen, Kinder, Dienstboten, wenn der Hausherr keine anderen als Fleischspeisen erlaubt (aber die Dienstboten müssen sich eine andere Stellung suchen; wenn sie allerdings bei einer anderen Stellung größeren moralischen Gefahren ausgesetzt wären, können sie jene behalten, die sie haben).“

Außerdem bemerkt er:

„Wenn man aus Zerstreutheit an einem Tag der Abstinenz Fleischspeisen zubereiten hat lassen, hat man nicht das Recht, sie zu essen, wenn man sich leicht andere Speisen beschaffen kann und die Fleischspeisen ohne große Umstände für einen anderen Tag aufgehoben werden können. Wenn es sich aber um eine kleine Menge Fleisch handelt, die nicht als Materie für eine schwere Sünde genügen würde, erlaubt es der Umstand der Zerstreutheit, dieses Fleisch zu essen, ohne eine lässliche Sünde zu begehen. – Wenn der Hausherr von der Abstinenz entschuldigt (oder dispensiert) ist, sind dadurch nicht sämtliche anderen Familienmitglieder berechtigt, Fleisch zu essen, aber oft wird es moralisch unmöglich sein, zwei verschiedene Gerichte zuzubereiten, also die ganze Familie von der Abstinenz entschuldigt sein.“

Hier spricht er freilich auch wieder aus Sicht einer anderen Zeit, in der man mit Essen sparsamer umgehen musste und selten zweierlei Gerichte kochen konnte.

An sich binden die Fasten- und Abstinenzbestimmungen wie die übrigen Kirchengebote unter schwerer Sünde; aber wenn jemand sie ganz geringfügig übergeht (z. B. an einem Fastentag zusätzlich zu den erlaubten Mahlzeiten einmal noch ein Stück Traubenzucker in den Mund steckt, oder an einem Abstinenztag eine kleine Scheibe Wurst probiert; oder auch, wenn jemand sich aus einer gewissen Nachlässigkeit dabei verschätzt, ob er einen ausreichenden Entschuldigungsgrund hat, um Fasten/Abstinenz zu lassen) ist die Sünde bloß lässlich. (Wenn jemand aber z. B. an einem Fastentag die Fastenbestimmungen mehrfach geringfügig übergeht, um zusammengenommen so viel essen zu können wie sonst, macht das nicht mehrere lässliche Sünden, sondern eine auf Raten begangene schwere.)

Jedenfalls gilt grundsätzlich auch für die normalen Freitage: Wenn jemand kein Freitagsopfer bringt (ob Abstinenz oder etwas anderes) ist das eine schwere Sünde. Leider haben viele Katholiken den Eindruck, die Freitagsabstinenz gäbe es gar nicht mehr, nur noch das Fasten und die Abstinenz an Aschermittwoch und Karfreitag, was natürlich ihre Schuldfähigkeit verringert oder aufhebt, aber nichts Gutes über den Stand der Katechese und diese bischöfliche Regelung an sich sagt. Der Gedanke dahinter war ja ursprünglich, den Leuten Gelegenheit zu geben, freier und kreativer Opfer zu bringen, aber so ganz geklappt hat das wohl nicht.

Wenn jemand z. B. am Freitag Fleisch isst und sonst kein Opfer bringt, weil er nicht daran gedacht hat, dass Freitag ist, ist das natürlich keine Sünde.

Die Fastenzeit vor Ostern ist wie die anderen Bußzeiten dazu da, sich mehr auf Gott zu konzentrieren, auf Verzicht, Sühne, Buße für begangene Sünden, Gebet, Werke der Nächstenliebe. Dazu gibt es aber nicht ganz so klare kirchliche Bestimmungen, die unter schwerer Sünde verpflichten würden; das steht eher im Ermessen des Einzelnen. Man kann, was den Verzicht angeht, wenn man will, z. B. fasten, Abstinenz halten, auf bestimmte andere Dinge verzichten… In einem Text zu den „Weisungen zur Bußpraxis“, den man beim Bistum Augsburg herunterladen kann, heißt es beispielsweise: „Alljährlich bereitet sich die Kirche in einer vierzigtägigen Bußzeit auf die österliche Feier des Todes und der Auferstehung des Herrn vor. In dieser Zeit suchen wir Christen uns und unseren Lebensstil so zu ändern, dass durch Besinnung und Gebet, Verzicht, Versöhnung und Nächstenliebe Christus wieder mehr Raum in unserem Leben gewinnt. Jeder Christ soll je nach seiner wirtschaftlichen Lage ein für ihn spürbares Geldopfer für die Hungernden und Notleidenden in der Welt geben.“

Auch in der Fastenzeit wird an Sonntagen und Hochfesten nicht gefastet.

 

Dann gibt es noch ein weiteres Kirchengebot, wenn es auch streng genommen in der Aufzählung im Katechismus nicht zu den 5 Kirchengeboten gehört, die sich mit der Heiligung von Festzeiten, der Buße und Ähnlichem befassen. Dieses Gebot ist:

Man muss die Kirche finanziell nach seinen Möglichkeiten unterstützen.

Der Katechismus sagt dazu:

„Die Gläubigen sind auch verpflichtet, ihren Möglichkeiten entsprechend zu den materiellen Bedürfnissen der Kirche beizutragen [Vgl. CIC, can. 222].“

Im entsprechenden Kanon des CIC heißt es:

„Can. 222 — § 1. Die Gläubigen sind verpflichtet, für die Erfordernisse der Kirche Beiträge zu leisten, damit ihr die Mittel zur Verfügung stehen, die für den Gottesdienst, die Werke des Apostolats und der Caritas sowie für einen angemessenen Unterhalt der in ihrem Dienst Stehenden notwendig sind.

§ 2. Sie sind auch verpflichtet, die soziale Gerechtigkeit zu fördern und, des Gebotes des Herrn eingedenk, aus ihren eigenen Einkünften die Armen zu unterstützen.“

Auch das ist an sich eine Verpflichtung unter schwerer Sünde (auch wenn hier natürlich lässliche Sünden möglich sind, wenn jemand nur ein bisschen geizig ist); jeder, der zur Kirche gehört, muss auch materiell etwas zu ihr beitragen, sofern er kann. (Wer kein eigenes Einkommen/Vermögen hat, oder gerade genug zum Leben, ist prinzipiell nicht dazu verpflichtet.)

In Deutschland ist diese Pflicht mit der Zahlung der Kirchensteuer, die sich ja nach dem Level des jeweiligen Einkommens (8 bzw. 9% der Einkommenssteuer – was sich auf nicht sehr viel Geld beläuft, wenn man es durchrechnet) richtet – und vielleicht kleinen Spenden bei der Kollekte in der Messe, und den üblichen Stolgebühren bei manchen kirchlichen Feiern – prinzipiell erfüllt. Darauf verlässt sich die Kirche für die Deckung der nötigen Ausgaben (Gehälter für Priester, Pfarramtssekretäre, Pastoralreferenten, Strom, Heizung, Renovierungskosten für Kirchen und Pfarrhäuser, usw. usf.).

Die Kirchensteuer nicht zu zahlen dürfte eine (möglicherweise schwere) Sünde des  Ungehorsams sein – ja, auch wenn man denselben Betrag an kirchliche Einrichtungen seiner Wahl spendet. Die zuständigen Bischöfe haben das Recht, zu verlangen, wie genau man die Kirche unterstützen soll; wenn sie das Geld falsch verwenden, darf man ihnen die Zahlung genauso wenig verweigern, wie man dem deutschen Staat Steuern hinterziehen darf, weil er die falsch ausgibt. Steuerzahlungen darf man nicht einem Staat, der auch Schlechtes damit tut, sondern nur einem grundsätzlich unrechtmäßigen Staat verweigern; ähnlich ist es mit der Kirche, und da die, als von Gott eingesetzte Institution, gar nicht grundsätzlich unrechtmäßig werden kann, darf man ihr die Zahlungen nicht verweigern. (Das ist übrigens gut biblisch: Sowohl Jesus als auch Paulus forderten dazu auf, dem römischen Staat Steuern zu zahlen, obwohl beide von ebendiesem Staat hingerichtet werden sollten.)

(Offiziell vor dem Staat aus der Kirche auszutreten, was man tun muss, um die Kirchensteuer nicht zahlen zu müssen, ist natürlich noch schlimmer als der bloße Ungehorsam; das ist objektiv eine Glaubensverleugnung, ein schismatischer Akt, selbst wenn das nicht die eigene Intention dabei ist.)

Was ist, wenn man nicht in einem Land mit festgelegter Kirchensteuer lebt? Hier wird man eben einfach ein wenig mehr spenden müssen (und hier werden vielleicht auch die Stolgebühren u. Ä., mit dem sich die Kirche einen Teil ihres Unterhalts verschafft, ein wenig höher sein).

Ich werde mich in einem späteren Teil allgemein mit der Frage des Almosengebens befassen; für die Unterstützung der Kirche und das Spenden überhaupt gilt jedenfalls: Wie viel man geben muss, hängt davon ab, was man verdient, was man für seine Familie braucht, was man schon durch verpflichtende Steuern und Abgaben zu guten Zwecken und kirchlichen Einrichtungen beiträgt (das ist ja je nach Land nicht mal so wenig), was die Kirche bzw. sonstige Bedürftige benötigen, und welche Richtlinien die Bischöfe des jeweiligen Landes aufgestellt haben. Das, was man früher „standesgemäßer Unterhalt“ nannte – worunter neben Essen, Kleidung etc. auch so etwas wie Miete / Raten fürs Haus, Wasser, Strom, Familienauto, Versicherungen, das ein oder andere Freizeitvergnügen, mal ein Urlaub usw. fallen würden – darf man sich selber jedenfalls leisten; die Frage der schweren Sünde kommt hier jedenfalls nicht auf (wenn es nicht gerade um extreme Notsituationen geht, denen niemand sonst außer einem selbst abhelfen kann).

Aber man muss zur Kirche etwas beitragen, damit, wie gesagt, z. B. Priester ihren Lebensunterhalt haben, Kirchen instand gehalten werden können, usw. Für die Frage, wie viel der einzelne geben muss, ist es vor allem interessant, ob die Kirche ihr Auskommen hätte, wenn alle einen solchen Anteil ihres (überschüssigen) Einkommens, wie man ihn gibt (nicht eine solche Geldsumme, sondern einen solchen prozentualen Anteil), geben würden; wenn ja, passt es. (Der hl. Alphons war bzgl. des Almosengebens generell übrigens der Ansicht, wer – im Normalfall, außerhalb extremer Notsituationen, denen sonst keiner abhelfen kann – zumindest 2% seines Überflusses gebe, begehe zumindest keine schwere Sünde; das kann man vielleicht auch auf diesen Bereich übertragen.)

Mehr zu tun als unbedingt nötig ist natürlich immer nicht schlecht.

Es gibt ab und zu Katholiken, die von einigen Freikirchlern die Ansicht übernommen haben, jeder Christ müsse genau den zehnten Teil seines Einkommens spenden. Das entspricht nicht der Lehre der Kirche; das Gebot des Zehnten stammt aus dem alttestamentlichen Zeremonialgesetz, das im Neuen Bund an sich aufgehoben ist – auch wenn der Wert vielleicht interessant ist und es im Mittelalter durch kirchliche Gesetze den Kirchenzehnten gab. Die Kirche kann jedenfalls festlegen, was genau sie hier verlangt, und den Zehnten verlangt sie heutzutage nicht.

(Zu den Prinzipien bzgl. der Unterstützung der Kirche und der historischen Entwicklung ihrer Einkommensarten ist vielleicht auch dieser Text aus der Catholic Encyclopedia interessant, und zum Almosengeben und den genaueren Verpflichtungen dabei dieser hier.)

Moraltheologie und Kasuistik, Teil 7b: Sakramente und Kirchengebote – alles rund um die Kommunion

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Wenn es an die kleinteilige Kasuistik, sprich, die Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich auf den Katechismus der katholischen Kirche, den hl. Thomas von Aquin, den hl. Alfons von Liguori, und/oder Theologen wie Adolphe Tanquerey oder Heribert Jone; ganz besonders aber auf letzteren. Eigene Spekulation werden i. d. R. als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es immer Schuldminderungsgründe geben.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. Wer nach genaueren Erläuterungen zu einzelnen Stichworten sucht, dem könnte Karl Hörmanns Lexikon der christlichen Moral (Achtung: es setzt nicht das aktuelle Kirchenrecht voraus) helfen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

 

Heute zum nächsten Kirchengebot, der Osterkommunion, sowie zur eucharistischen Nüchternheit, zum Umgang mit den eucharistischen Gestalten u. Ä. (Für die Grundsätze bzgl. der kirchlichen Gebote siehe Teil 7a.)

Die Eucharistiefeier, bei der das Kreuzesopfer Jesu von neuem gegenwärtig und wirksam wird, ist der Höhepunkt und die Quelle des christlichen Lebens; die Kommunion ist die innigste Vereinigung mit Jesus und schenkt einem viele Gnaden. Die eucharistischen Gestalten, also Brot und Wein, die noch ihre äußere Gestalt behalten haben, also fürs Auge, für den Tastsinn, für eine chemische Analyse wie Brot und Wein wirken, sind tatsächlich nicht mehr Brot und Wein, sondern Jesus (Transsubstantiation – die Substanz wird verwandelt, während die Akzidentien bleiben).

Man muss nicht in jeder Messe, an der man teilnimmt, kommunizieren; auch der betende Mitvollzug des eucharistischen Opfers ist schon einiges; dennoch ist die Kommunion etwas sehr Wichtiges.

„Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6,48-58)

Marienstern kommunion.jpg

(Kommunionausteilung, Buchmalerei aus einem mittelalterlichen Graduale, Kloster St. Marienstern. Gemeinfrei.)

 

Das dritte der fünf Kirchengebote ist daher:

Ab der Erstkommunion muss man mindestens einmal im Jahr, und zwar i. d. R. in der Osterzeit, kommunizieren; außerdem in Todesgefahr.

Im Katechismus heißt es im Absatz über die Kirchengebote:

„Das dritte Gebot (‚Du sollst wenigstens zur österlichen Zeit sowie in Todesgefahr die heilige Kommunion empfangen‘) gewährleistet ein Mindestmaß für den Empfang des Leibes und Blutes des Herrn. Dabei wird auf die Verbindung mit den Festen der Osterzeit, dem Ursprung und Zentrum der christlichen Liturgie, Wert gelegt [Vgl. CIC, can. 920; CCEO, cann. 708; 881,3].“

Im CIC, also dem Codex des Kanonischen Rechtes, wird das genauer ausgeführt:

 „Can. 920 — § 1. Jeder Gläubige ist, nachdem er zur heiligsten Eucharistie geführt worden ist, verpflichtet, wenigstens einmal im Jahr die heilige Kommunion zu empfangen.

2. Dieses Gebot muß in der österlichen Zeit erfüllt werden, wenn ihm nicht aus gerechtem Grund zu einer anderen Zeit innerhalb des Jahres Genüge getan wird.“

Ein „gerechter Grund“ ist leichter zu finden als etwa ein „schwerwiegender Grund“ oder gar ein „sehr schwerwiegender Grund“; das heißt in der Kirchenrechtssprache eigentlich: „nicht einfach so ohne jeden Grund, aber es muss kein drastischer Ausnahmefall sein“. Also: An sich in der Osterzeit, aber wenn es da begründetermaßen nicht klappt, eben zu einem zu anderen Zeitpunkt.

(Ein gerechter Grund könnte vielleicht so etwas sein wie „Ich müsste vorher noch beichten und der Priester, bei dem ich regelmäßig beichte, kommt erst kurz nach der Osterzeit aus der Reha zurück“ oder „ich wollte gegen Ende der Osterzeit kommunizieren und war ausgerechnet dann krank“.)

Mit der österlichen Zeit ist nicht nur die Osterwoche, sondern die Zeit zwischen Aschermittwoch und Pfingstsonntag gemeint, also eine relativ lange Zeit.

Die jährliche Kommunion ohne jeden Grund zu unterlassen ist eine schwere Sünde.

Man darf, ja, man soll sogar natürlich öfter kommunizieren; seit dem hl. Pius X. wird sogar die tägliche Kommunion empfohlen; etwa wöchentlich oder nicht viel seltener könnte das Normalmaß sein. In der kirchlichen Instruktion Redemptionis Sacramentum von 2004 heißt es: „Es ist sicherlich am besten, wenn alle, die an der Feier der heiligen Messe teilnehmen und die notwendigen Bedingungen erfüllen, die heilige Kommunion empfangen.“ (RS 83)

Allerdings ist es keine Sünde, nur einmal jährlich zu kommunizieren (ob z. B. deshalb, weil sich jemand unwürdig fühlt, oder weil er an Glutenintoleranz leidet und zu schüchtern ist, um den Pfarrer zu bitten, unter der Gestalt des Weins kommunizieren zu dürfen, oder aus sonst einem Grund). Empfehlenswert ist es aber eben auch nicht. Man braucht die Stärkung durch die hl. Kommunion nun mal; wer im Stand der Gnade ist, tut gut daran, in jeder Messe, die er besucht, auch zur Kommunion zu gehen, oder sich als Kranker ab und zu die Krankenkommunion bringen zu lassen, wenn das angeboten wird. (Wenn jemand nicht die Möglichkeit zur Kommunion hat, z. B. weil er in einem Land lebt, wo es fast keine Priester gibt, oder wenn er krank ist und die Angehörigen den Priester nicht rufen, oder der nicht kommen kann, begeht er natürlich überhaupt keine Sünde.)

In Todesgefahr (also z. B. für Schwerkranke oder jemanden, der vor einer gefährlichen Operation steht) gilt:

„Can. 921 — § 1. Gläubige, die sich, gleich aus welchem Grund, in Todesgefahr befinden, sind mit der heiligen Kommunion als Wegzehrung zu stärken.

§ 2. Auch wenn sie am selben Tag durch die heilige Kommunion gestärkt worden sind, ist es trotzdem sehr ratsam, daß jene, die in Lebensgefahr geraten sind, nochmals kommunizieren.

§ 3. Bei andauernder Todesgefahr wird empfohlen, daß die heilige Kommunion mehrmals, an verschiedenen Tagen, gespendet wird.

Can. 922 — Die heilige Wegzehrung für Kranke darf nicht allzu lange aufgeschoben werden; wer mit der Seelsorge betraut ist, hat sorgfältig darauf zu achten, daß die Kranken damit gestärkt werden, solange sie noch voll bei Bewußtsein sind.“

 

Zur Gelegenheit des Kommunionemfangs sagt der CIC:

„Can. 918 — Es wird mit Nachdruck empfohlen, daß die Gläubigen in der Feier der Eucharistie selbst die heilige Kommunion empfangen; wenn sie jedoch aus gerechtem Grund darum bitten, ist sie ihnen außerhalb der Messe zu spenden; dabei sind die liturgischen Riten zu beachten.“

Hier geht es natürlich vor allem um die Krankenkommunion, z. B. für Menschen in Krankenhäusern und Altenheimen.

Und:

„Can. 923 — Die Gläubigen können in jedwedem katholischen Ritus am eucharistischen Opfer teilnehmen und die heilige Kommunion empfangen, unbeschadet der Vorschrift des can. 844.“

Damit ist gemeint, dass man in jeder der 23 katholischen Rituskirchen, also nicht nur der lateinischen Kirche, sondern auch einer der unierten Ostkirchen (aber nicht der vom Papst getrennten Ostkirchen) die Eucharistie empfangen kann.

 

Wer nicht im Stand der Gnade ist (also noch nicht gebeichtete schwere Sünden auf dem Gewissen hat), darf im Normalfall erst dann kommunizieren, wenn er vorher gebeichtet hat. Ich zitiere noch einmal den vorigen Artikel zur Beichte:

„Wenn man sich schwerer Sünden schuldig gemacht hat, muss man, wie gesagt, vor dem Kommunionempfang beichten.

„Can. 916 — Wer sich einer schweren Sünde bewußt ist, darf ohne vorherige sakramentale Beichte die Messe nicht feiern und nicht den Leib des Herrn empfangen, außer es liegt ein schwerwiegender Grund vor und es besteht keine Gelegenheit zur Beichte; in diesem Fall muß er sich der Verpflichtung bewußt sein, einen Akt der vollkommenen Reue zu erwecken, der den Vorsatz miteinschließt, sobald wie möglich zu beichten.“

D. h. etwa, ein Priester, der die Messe feiern muss, aber vorher nicht zur Beichte gehen kann, darf die Messe feiern und kommunizieren, muss aber vorher vollkommene Reue erwecken und hinterher dann möglichst bald beichten, also z. B. wenn er dann zwei Tage später Gelegenheit hat, zur Beichtgelegenheit in der Nachbarpfarrei zu gehen oder dort einen Termin auszumachen.

Was genau heißt „sobald wie möglich“? Jone sagt dazu, dass es innerhalb von drei Tagen sein muss, sofern das ohne größere Schwierigkeiten (wie z. B. langer Anfahrtsweg zur nächsten Beichtgelegenheit) möglich ist.

Aber wie gesagt, das gilt nur, wenn man aus schwerwiegendem Grund schon kommuniziert hat.

(Ein schwerwiegender Grund für Laien könnte z. B. sein, wenn jemand, der zur katholischen Kirche konvertiert, aber schon gültig getauft ist (z. B. in der evangelischen Kirche), zu dessen Konversion also eine Beichte, nicht die Taufe, gehört, zum ersten Mal zur Beichte geht, wobei dann wenige Tage später der Gottesdienst für seine Aufnahme in die Kirche und seine Erstkommunion angesetzt ist, und zwischendrin eine schwere Sünde begeht, aber vor dem Gottesdienst keine Gelegenheit mehr zu einer weiteren Beichte hat. In diesem Fall darf er bei seiner Erstkommunion auch zur Kommunion gehen.)“

Wem allerdings nach seiner letzten Beichte eingefallen ist, dass er eine schwere Sünde zu erwähnen vergessen hat, der ist im Stand der Gnade und darf zur Kommunion gehen; er muss die vergessene Sünde erst bei der nächsten regelmäßigen Beichte noch erwähnen.

Eine Kommunion, wenn man sicher weiß, dass man im Stand der Todsünde ist (und das Gebot bzgl. des Kommunionempfangs im Stand der Todsünde kennt), ist sakrilegisch. (Wenn man zweifelt, ob man im Stand der Gnade ist, darf man die Kommunion empfangen.)

Zu alldem hat der Apostel Paulus geschrieben:

„Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt. Deswegen sind unter euch viele schwach und krank und nicht wenige sind schon entschlafen. Gingen wir mit uns selbst ins Gericht, dann würden wir nicht gerichtet. Doch wenn wir jetzt vom Herrn gerichtet werden, dann ist es eine Zurechtweisung, damit wir nicht zusammen mit der Welt verdammt werden.“ (1 Kor 11,27-32)

Redemptionis Sacramentum stellt klar:

„80. Die Eucharistie soll den Gläubigen gereicht werden auch «als Gegenmittel, durch das wir von der täglichen Schuld befreit und vor Todsünden bewahrt werden»,[160] wie in verschiedenen Teilen der Messe hervorgehoben wird. Der an den Anfang der Messe gesetzte Bußakt hat zum Ziel, alle darauf vorzubereiten, die heiligen Mysterien in rechter Weise zu feiern;[161] er hat jedoch «nicht die Wirkung des Bußsakramentes»[162] und kann nicht als Ersatz für das Bußsakrament im Hinblick auf die Vergebung schwerer Sünden betrachtet werden.

Eine sakrilegische Kommunion erfüllt das Gebot der Osterkommunion nicht.

Wenn jemand im Augenblick der Kommunion abgelenkt ist oder mit einem nicht-idealen, leicht schuldbaren Motiv kommunziert (wie etwa: um nicht aufzufallen), ist das laut Jone eine lässliche Sünde, solange die Kommunion nur nicht wegen einer nicht-gebeichteten schwerern Sünde sakrilegisch ist.

 

Bei der Kommunion ist außerdem die eucharistische Nüchternheit einzuhalten. Im CIC heißt es:

 „Can. 919 — § 1. Wer die heiligste Eucharistie empfangen will, hat sich innerhalb eines Zeitraumes von wenigstens einer Stunde vor der heiligen Kommunion aller Speisen und Getränke mit alleiniger Ausnahme von Wasser und Arznei zu enthalten.

2. Ein Priester, der am selben Tag zweimal oder dreimal die heiligste Eucharistie feiert, darf vor der zweiten oder dritten Zelebration etwas zu sich nehmen, auch wenn nicht ein Zeitraum von einer Stunde dazwischenliegt.

3. Ältere Leute oder wer an irgendeiner Krankheit leidet sowie deren Pflegepersonen dürfen die heiligste Eucharistie empfangen, auch wenn sie innerhalb der vorangehenden Stunde etwas genossen haben.

Der Zeitraum sollte relativ leicht einzuhalten sein; bei sehr langsam zelebrierenden Priestern kann man sogar bis kurz vor Messbeginn noch etwas essen (es geht um eine Stunde vor dem Kommunionempfang, nicht vor Messbeginn).

Da früher eine längere Zeit der Nüchternheit vorgeschrieben war, hier die Erinnerung: Auch wenn man eine Messe im alten Ritus besucht, gelten die Nüchternheitsbestimmungen des neuen Codex des Kanonischen Rechtes. Kirchenrecht und Liturgie sind zwei verschiedene Sachen.

Die eucharistische Nüchternheit dient dazu, Respekt vor dem Herrn zu zeigen, den man empfangen wird.

Um davon befreit zu sein, genügt es, „irgendeine Krankheit“ zu haben; es muss nicht wegen der Krankheit absolut unerlässlich notwendig sein, zu dieser Zeit etwas zu essen. Kranke (und Alte und Pflegende) sollen hier quasi nicht noch weiter belastet werden.

Man bricht die eucharistische Nüchternheit, wenn man wirklich etwas Verdauliches absichtlich von außen in den Mund aufnimmt und dann schluckt – nicht, wenn man etwas schluckt, das einem noch zwischen den Zähnen gesteckt hat, oder sich mit Mundwasser den Mund ausspült und das wieder ausspuckt, oder etwas Flüssigkeit oder Staub in die Nase bekommt, oder eine Schneeflocke verschluckt. Hustenbonbons dürften als Medikamente zählen (außer jemand hat keinen Husten und kaut sie nur als Süßigkeit).

Notwendigkeit (z. B. die, die Messe zu feiern/fortzusetzen, wenn einem zerstreuten Priester verspätet einfällt, dass er vergessen hat, dass er nichts hätte essen dürfen; oder die, die Gefahr einer Profanierung des Sakraments zu vermeiden, z. B. wenn man im Fall eines Bombenangriffs auf die Stadt die Hostien in der Kirche schnell konsumiert) entschuldigt von der eucharistischen Nüchternheit.

 

Weitere Punkte zum Umgang mit der Eucharistie:

Unter Skrupulanten ist es ziemlich verbreitet, sich wegen winzigen Hostienkrümeln o. Ä. Sorgen zu machen – was wenn einer in meiner Hand zurückgeblieben ist, oder zwischen meinen Zähnen steckengeblieben und dann beim Zähneputzen herausgespült und im Abfluss gelandet ist, oder wenn dem Priester vielleicht ein Krümel heruntergefallen sein könnte, da eben sah etwas am Rand meines Blickfeldes so aus, als hätte da etwas sein können, sollte ich vielleicht nach der Messe an dieser Stelle den Boden kontrollieren? Oder oder oder. Aber auch gesunde Nichtskrupulanten können sich hier Sorgen machen und Fragen haben – etwa, wie man reagieren sollte, wenn, wie das vor einigen Jahren passiert ist, jemand eine angeblich konsekrierte Hostie auf Ebay anbietet?

Daher hier zwei Grundsätze:

1) Es kann Jesus nicht  mehr wehtun, was auch immer mit der Hostie oder dem Wein passiert. Dass wir die eucharistischen Gestalten ehrfürchtig behandeln müssen, gilt eher um unseret- als um Seinetwillen; weil es angebracht ist, vor Gott Ehrfurcht zu haben, nicht, weil wir Ihm sonst schaden könnten. Auch Gotteslästerung schadet ja nicht Gott, sondern unseren Seelen; sie ist trotzdem falsch, so wie es falsch ist, sich heimlich privat beleidigend über jemanden zu äußern, der nie davon erfahren und keinen Nachteil davon haben wird.

Wenn man also ohne weiteren Anlass fürchtet, dass der alte Priester, weil ihm die Hände öfter etwas zittern, möglicherweise Krümel fallen gelassen haben könnte, muss man nicht nach jeder Messe dableiben und dann den Boden nach möglichen Hostienkrümeln absuchen; erstens wäre das uferlos, zweitens kann man dabei evtl. Staub und Dreck nicht so leicht davon unterscheiden, und Dreck muss man sich wirklich nicht in den Mund stecken (ich spreche aus Erfahrung), und drittens ist das eben nicht nötig, um Jesus die erforderliche Ehrfurcht zu erweisen. Die erfordert vor allem, dass wir Ihn nicht ehrfurchtslos behandeln, wenn wir selber Ihn in die Hand oder den Mund bekommen. Wenn man allerdings mitbekommen würde, wie z. B. jemand sich eine Hostie in die Tasche steckt (das soll etwa bei ahnungslosen Leuten, die sich zu einer Hochzeits- oder Weihnachtsmesse in die  Kirche verirrt haben und automatisch mit vor zur Kommunion gegangen sind und dann aus irgendeinem Grund keine Lust gehabt haben, die Hostie normal zu konsumieren, schon vorgekommen sein), und sich sicher wäre, da richtig gesehen zu haben, wäre es absolut angebracht, denjenigen anzusprechen und von ihm zu verlangen, den Herrn herauszugeben. Aber man muss definitv nicht sämtliche Leute beim Kommunionempfang beobachten, um zu kontrollieren, dass so etwas nicht passiert, dafür ist man einfach nicht zuständig (wenn man dazu neigt, sich wegen so etwas Sorgen zu machen, sollte man vielleicht sogar bewusst gar nicht hinsehen; das lenkt einen nur von der eigenen Kommunion ab); genausowenig, wie man kontrollieren sollte, ob irgendwelche weißen Punkte auf dem Kirchenboden möglicherweise Hostienkrümel (oder aber Dreck, Staub, Papier, was auch immer) sein könnten. Der hl. Alphons von Liguori soll einmal zu einem in dieser Hinsicht skrupulösen jungen Priester gesagt haben, er solle gewöhnliche und vernünftige Sorgfalt dafür aufwenden, die heiligen Gefäße bei der Messe zu reinigen, und den Rest den Engeln überlassen. Jesus ist ja nicht verlassen, wenn ein Mensch Ihn schuldlos übersieht.

Zudem bzgl. Hostienkrümeln zu bedenken: Die im westlichen Ritus verwendeten Hostien krümeln normalerweise nicht, weil sie ungesäuert sind (in östlichen Riten, die gesäuertes Brot verwenden, wäre mehr Sorgfalt nötig).

Was angeblich konsekrierte Hostien bei Ebay angeht, gilt, dass man die nicht retten muss, weil es auch ein Betrug mit unkonsekrierten Backoblaten sein könnte und man solche Erpresseraktionen nicht ermutigen muss, und dem Herrn kann dabei ja nichts geschehen. (Man dürfte sie natürlich kaufen (und dann einem Priester bringen).)

2) Jesus ist solange präsent, wie die äußeren Gestalten von Brot und Wein präsent sind. Wenn also eine Hostie am Rand angeschimmelt ist, ist Er noch da, wenn da nur noch Schimmel und kein Brot mehr ist, dann nicht mehr. Es gibt spezielle kirchliche Regeln, wie man mit angeschimmelten Hostien, oder schon gewandeltem  Wein, in den eine Fliege gefallen ist, oder einem Altartuch, über das ein Priester den Wein verschüttet hat, oder einer Hostie, die ein Kranker wieder hervorgewürgt hat u. Ä. umzugehen hat; hier sind aber generell Priester zuständig. Prinzipiell muss man das nicht mehr irgendwie konsumieren, sondern es geht darum, das Ganze möglichst ehrfurchtsvoll – tut mir leid, mir fällt kein besseres Wort ein – zu entsorgen; zum Beispiel die angeschimmelte Hostie in Wasser aufzulösen (sobald die Gestalt des Brotes dann nicht mehr da ist, ist Jesus eben nicht mehr da) und das Wasser an einem speziellen Ort in der Sakristei, dem sog. Sacrarium, einem Loch, das in die Erde führt, wegzugießen.

Es gibt dafür also Regeln, aber es muss auch praktikabel sein; und Gott verlangt menschliche, keine übermenschliche Sorgfalt.

Die eucharistischen Gestalten bleiben auch im Magen bzw. im Mund, wenn da noch Krümel zwischen den Zähnen steckenbleiben, nicht ewig präsent; 10-15 Minuten nach der Kommunion kann man wieder essen, die Zähne putzen, den Mund ausspülen usw., ohne sich Sorgen wegen Entehrung der eucharistischen Gestalten machen zu müssen.

Über die Gefäße und Altartücher heißt es in Redeptionis sacramentum:

„119. Nach der Kommunionausteilung kehrt der Priester zum Altar zurück, reinigt am Altar oder am Kredenztisch über dem Kelch die Patene oder die Hostienschale, reinigt dann den Kelch gemäß den Vorschriften des Meßbuches und trocknet ihn mit dem Kelchtüchlein. Wenn ein Diakon anwesend ist, kehrt er mit dem Priester zum Altar zurück und reinigt die Gefäße. Es ist aber erlaubt, daß der Priester oder der Diakon die zu reinigenden Gefäße, vor allem wenn es viele sind, auf dem Altar oder dem Kredenztisch, angemessen bedeckt, auf einem Korporale stehen läßt und sofort nach der Messe, nachdem das Volk entlassen wurde, reinigt. Auch der rechtmäßig beauftragte Akolyth hilft dem Priester oder dem Diakon beim Reinigen und Zusammenstellen der sakralen Gefäße am Altar oder am Kredenztisch. Wenn kein Diakon anwesend ist, bringt der rechtmäßig beauftragte Akolyth die sakralen Gefäße zum Kredenztisch, wo er sie auf gewohnte Weise reinigt, trocknet und zusammenstellt.[209]

120. Die Hirten sollen dafür Sorge tragen, daß die Altartücher, besonders jene, auf die die heiligen Gestalten gelegt werden, immer sauber bleiben und gemäß überliefertem Brauch häufig gewaschen werden. Es ist zu begrüßen, daß das Wasser der ersten Reinigung, die mit der Hand vorzunehmen ist, in das Sacrarium der Kirche oder an einen geziemenden Ort auf die Erde gegossen wird. Danach kann auf gewohnte Weise eine weitere Säuberung vorgenommen werden.“

Dann zum Thema bewusste Hostienschändung. Der CIC sagt:

„Can. 1367 — Wer die eucharistischen Gestalten wegwirft oder in sakrilegischer Absicht entwendet oder zurückbehält, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu; ein Kleriker kann außerdem mit einer weiteren Strafe belegt werden, die Entlassung aus dem Klerikerstand nicht ausgenommen.“

„Tatstrafe“ bedeutet, dass die Exkommunikation automatisch eintritt, nicht erst verhängt werden muss (sondern höchstens festgestellt). „Dem Apostolischen Stuhl vorbehalten“ heißt, dass, wenn jemand eine solche Tat beichtet, der Beichtvater erst an den Vatikan schreiben müsste, damit derjenige losgesprochen werden kann. Dieses Gesetz richtet sich z. B. gegen Satanisten, die die Eucharistie entehren.

Wer z. B. nach einer Messe meinte, irgendein winziger weißer Punkt an seiner Hose könnte möglicherweise von der Hostie kommen, weil er Handkommunion gemacht und seine Hände später daran abgestreift hat, aber möglicherweise auch nur ein Staubkorn sein, und ihn dann nicht weiter beachtet hat, der hat sich definitiv keine Exkommunikation zugezogen. Selbst z. B. ein Priester, der aus Unachtsamkeit gegen den Kelch gestoßen ist und das Blut Christi über dem Altartuch verschüttet hat, hat das nicht. Letzteres ist zwar wohl meistens eine Sünde, aber dann eine der Unachtsamkeit, nicht des bewussten Sakrilegs.

Redemptionis Sacramentum sagt zur Auslegung dieses Canons (Hervorhebung von mir):

„Jedwede Handlung, durch welche die heiligen Gestalten mutwillig und schwerwiegend entehrt werden, muß diesem Fall zugerechnet werden. Wenn daher jemand gegen die genannten Normen handelt, indem er zum Beispiel die heiligen Gestalten in das Sacrarium oder an einen unwürdigen Ort oder auf den Boden wirft, zieht er sich die festgesetzten Strafen zu.[195] Darüber hinaus sollen alle daran denken, daß nach Abschluß der Spendung der heiligen Kommunion innerhalb der Meßfeier die Vorschriften des Römischen Meßbuches zu befolgen sind; was eventuell vom Blut Christi noch übrig ist, muß vom Priester oder, gemäß den Normen, von einem anderen Diener sofort gänzlich konsumiert werden; die konsekrierten Hostien, die übriggeblieben sind, müssen entweder am Altar vom Priester konsumiert oder an den für die Aufbewahrung der Eucharistie bestimmten Ort gebracht werden.[196]“ (Redemptionis Sacramentum 107)

 

Sowohl in jeder Hostie (sogar in jedem noch als Brot erkennbaren Hostienkrümel) als auch in jedem Schluck (sogar in jedem Tropfen) Wein ist Jesus nach der Wandlung voll und ganz gegenwärtig (das ist kirchliches Dogma), weshalb es genügt, die Kommunion unter einer Gestalt zu empfangen. Manchmal, z. B. am Gründonnerstag, ist mancherorts zwar die Kommunion unter beiderlei Gestalt auch für die Laien üblich, aber sonst ist das nicht üblich und auch nicht nötig – einerseits aus praktischen Gründen, andererseits, um das Dogma einzuschärfen, damit die Leute nicht meinen, sie würden mit der Hostie nur den halben Jesus bekommen. Sicher ist es von zentraler Bedeutung, dass Brot und Wein verwendet werden; das stellt auch Jesu Tod dar, bei dem Sein Leib und Sein Blut getrennt wurden. Aber dafür genügt es, dass beides gewandelt wird und der Priester unter beiderlei Gestalt kommuniziert.

Noch einmal der CIC:

„Can. 925 — Die heilige Kommunion ist allein unter der Gestalt des Brotes zu reichen oder, nach Maßgabe der liturgischen Gesetze, unter beiderlei Gestalt, jedoch im Notfall auch allein unter der Gestalt des Weines.

[…]

Can. 927 — Auch im äußersten Notfall ist es streng verboten, die eine Gestalt ohne die andere oder auch beide Gestalten außerhalb der Feier der Eucharistie zu konsekrieren.

Und noch einmal Redemptionis Sacramentum:

„100. Um den Gläubigen die Fülle der Zeichenhaftigkeit im eucharistischen Gastmahl klarer bewußt zu machen, werden in den Fällen, die in den liturgischen Büchern erwähnt sind, auch die christgläubigen Laien zur Kommunion unter beiden Gestalten zugelassen, wobei eine entsprechende Katechese über die dogmatischen Grundsätze, die vom Ökumenischen Konzil von Trient festgelegt wurden, vorausgehen und beständig weitergeführt werden muß.[186]

101. Damit den christgläubigen Laien die heilige Kommunion unter beiden Gestalten gespendet werden kann, sind die Umstände entsprechend zu berücksichtigen, über die in erster Linie die Diözesanbischöfe zu urteilen haben. Diese Art der Kommunionspendung ist gänzlich auszuschließen, wenn auch nur die geringste Gefahr der Profanierung der heiligen Gestalten besteht.[187] Für eine eingehendere Regelung haben die Bischofskonferenzen Normen zu erlassen, die vom Apostolischen Stuhl durch die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung rekognosziert werden müssen, vor allem im Hinblick auf «die Art, den Gläubigen die heilige Kommunion unter beiden Gestalten auszuteilen, sowie die Ausweitung dieser Befugnis».[188]

102. Der Kelch soll den christgläubigen Laien nicht gereicht werden, wo die Zahl der Kommunikanten so groß ist,[189] daß es schwierig wird, die für die Eucharistie notwendige Menge an Wein abzuschätzen und die Gefahr besteht, daß «am Ende der Feier eine Menge des Blutes Christi übrigbleibt, die über das rechte Maß hinausgeht, das konsumiert werden kann»;[190] ebenso nicht, wo der Zugang zum Kelch nur schwer geregelt werden kann oder wo eine entsprechende Menge an Wein erforderlich wird, deren sichere Herkunft und Qualität nur schwer festgestellt werden kann, oder wo keine angemessene Zahl an geistlichen Amtsträgern oder außerordentlichen Spendern der heiligen Kommunion mit geeigneter Ausbildung vorhanden ist, oder wo ein beträchtlicher Teil des Volkes aus verschiedenen Gründen beharrlich nicht zum Kelch hinzutreten will, so daß das Zeichen der Einheit in gewisser Weise verloren geht.

103. Die Normen des Römischen Meßbuches kennen die Regelung, daß in den Fällen, in denen die Kommunion unter beiden Gestalten ausgeteilt wird, «das Blut Christi direkt aus dem Kelch oder durch Eintauchen der Hostie oder mit einem Röhrchen oder mit einem Löffel getrunken werden kann».[191] Was die Kommunionspendung für die christgläubigen Laien betrifft, können die Bischöfe die Kommunion mit einem Röhrchen oder einem Löffel ausschließen, wo dies nicht örtlicher Brauch ist, wobei aber immer die Möglichkeit der Kommunionspendung durch Eintauchen der Hostie bestehen bleibt. Wenn diese Form zur Anwendung kommt, sollen allerdings Hostien verwendet werden, die nicht zu dünn und nicht zu klein sind, und der Kommunikant darf das Sakrament vom Priester nur mit dem Mund empfangen.[192]

104. Es ist dem Kommunikanten nicht erlaubt, selbst die Hostie in den Kelch einzutauchen oder die eingetauchte Hostie mit der Hand zu empfangen. Die Hostie, die eingetaucht wird, muß aus gültiger Materie bereitet und konsekriert sein; streng verboten ist die Verwendung von nicht konsekriertem Brot oder anderer Materie.

105. Wenn ein einziger Kelch zur Spendung der Kommunion unter beiden Gestalten an konzelebrierende Priester oder Christgläubige nicht ausreicht, steht dem nichts entgegen, daß der zelebrierende Priester mehrere Kelche verwendet.[193] Es ist nämlich daran zu erinnern, daß alle Priester, die die heilige Messe zelebrieren, zur Kommunion unter beiden Gestalten verpflichtet sind. Der Zeichenhaftigkeit wegen ist es zu begrüßen, daß ein größerer Kelch zusammen mit anderen kleineren Kelchen verwendet wird.

106. Es ist jedoch gänzlich zu vermeiden, daß das Blut Christi nach der Wandlung aus einem Gefäß in ein anderes gegossen wird, damit nichts passiert, was diesem so großen Mysterium unangemessen ist. Um das Blut des Herrn aufzunehmen, dürfen niemals Flaschen, Krüge oder andere Gefäße verwendet werden, die den festgesetzten Normen nicht voll entsprechen.“

 

In Redemptionis Sacramentum heißt es über den genaueren Ablauf der Kommunionspendung, über außerordentliche Spender, Mund- und Handkommunion usw.:

„88. Die Gläubigen sollen die sakramentale eucharistische Kommunion gewöhnlich während der Messe und zu dem im Ritus der Feier vorgeschriebenen Zeitpunkt empfangen, also direkt nach der Kommunion des zelebrierenden Priesters.[172] Es obliegt dem zelebrierenden Priester, eventuell unter Mithilfe anderer Priester oder Diakone, die Kommunion auszuteilen; er darf die Messe nicht fortsetzen, bevor die Kommunion der Gläubigen beendet ist. Nur dort, wo eine Notlage es erfordert, können außerordentliche Spender dem zelebrierenden Priester nach Maßgabe des Rechts helfen.[173]

89. Damit «die Kommunion auch dem Zeichen nach klarer als Teilnahme am Opfer erscheint, das gefeiert wird»,[174] ist es wünschenswert, daß die Gläubigen sie in Hostien empfangen, die in derselben Messe konsekriert wurden.[175]

90. «Die Gläubigen empfangen die Kommunion kniend oder stehend, wie es die Bischofskonferenz festgelegt hat», deren Beschluß vom Apostolischen Stuhl rekognosziert werden muß. «Wenn sie stehend kommunizieren, wird empfohlen, daß sie vor dem Empfang des Sakramentes eine angemessene Ehrerbietung erweisen, die von denselben Normen festzulegen ist».[176]

91. Bezüglich der Austeilung der heiligen Kommunion ist daran zu erinnern, daß «die geistlichen Amtsträger […] die Sakramente denen nicht verweigern» dürfen, «die zu gelegener Zeit darum bitten, in rechter Weise disponiert und rechtlich an ihrem Empfang nicht gehindert sind».[177] Jeder getaufte Katholik, der rechtlich nicht gehindert ist, muß deshalb zur heiligen Kommunion zugelassen werden. Es ist also nicht gestattet, einem Christgläubigen die heilige Kommunion beispielsweise nur deshalb zu verweigern, weil er die Eucharistie kniend oder stehend empfangen möchte.

92. Obwohl jeder Gläubige immer das Recht hat, nach seiner Wahl die heilige Kommunion mit dem Mund zu empfangen,[178] soll in den Gebieten, wo es die Bischofskonferenz erlaubt und der Apostolische Stuhl rekognosziert hat, auch demjenigen die heilige Hostie ausgeteilt werden, der das Sakrament mit der Hand empfangen möchte. Man soll aber sorgfältig darauf achten, daß der Kommunikant die Hostie sofort vor dem Spender konsumiert, damit niemand mit den eucharistischen Gestalten in der Hand weggeht. Wenn eine Gefahr der Profanierung besteht, darf die heilige Kommunion den Gläubigen nicht auf die Hand gegeben werden.[179]

93. Es ist notwendig, die kleine Patene für die Kommunion der Gläubigen beizuhalten, um die Gefahr zu vermeiden, daß die heilige Hostie oder einzelne Fragmente auf den Boden fallen.[180]

94. Es ist den Gläubigen nicht gestattet, die heilige Hostie oder den heiligen Kelch «selbst zu nehmen und noch weniger von Hand zu Hand unter sich weiterzugeben».[181] Außerdem ist in diesem Zusammenhang der Mißbrauch zu beseitigen, daß die Brautleute bei der Trauungsmesse sich gegenseitig die heilige Kommunion spenden.

95. Ein christgläubiger Laie, der «die heiligste Eucharistie schon empfangen hat, darf sie am selben Tag nur innerhalb einer Feier der Eucharistie, an der er teilnimmt, ein zweites Mal empfangen, unbeschadet der Vorschrift des can. 921 § 2».[182]

96. Zu verwerfen ist der Brauch, daß entgegen den Vorschriften der liturgischen Bücher während oder vor der Meßfeier nicht konsekrierte Hostien oder andere eßbare oder nicht eßbare Dinge nach Art der Kommunion ausgeteilt werden. Dieser Brauch entspricht nicht der Tradition des römischen Ritus und bringt die Gefahr mit sich, bei den Christgläubigen Verwirrung zu stiften bezüglich der Lehre der Kirche über die Eucharistie. Wenn an einigen Orten aufgrund einer Konzession die besondere Gewohnheit besteht, Brot zu segnen und nach der Messe auszuteilen, soll dieser Brauch durch eine gute Katechese sorgfältig erklärt werden. Es dürfen aber keine anderen ähnlichen Praktiken eingeführt und für den genannten Brauch auf keinen Fall nicht konsekrierte Hostien verwendet werden.“

Es sind also prinzipiell meistens alle Kombinationen aus stehend/kniend und Mundkommunion/Handkommunion erlaubt. Die kniende Mundkommunion wäre eigentlich die Standartvariante, aber es ist keine Sünde, wenn jemand die seit der Liturgiereform ebenfalls an den meisten Orten per Indult erlaubte stehende Handkommunion vorzieht – ob nun deshalb, weil er es nicht mag, wenn andere an seinen Mund fassen, weil er zu schüchtern ist, um mit knieender Mundkommunion auffallen zu wollen, weil er es einfach so gewohnt ist… Die Handkommunion ist erlaubt und drückt keine Verunehrung aus. (Wobei hier deutlich wird, dass die Handkommunion ein bisschen problematischer werden könnte als das Stehen (das ja immer erlaubt war für die, die nicht knien können, und das keine zusätzliche Gefahr der Entehrung des Sakraments mit sich bringt, während das bei der Handkommunion zumindest ein bisschen der Fall ist). Und freilich ist die Einstellung mancher Leute falsch, die meinen, die knieende Mundkommunion wäre quasi zu ehrfürchtig.)

Zu den Kommunionspendern, also den Personen, die die Kommunion austeilen, heißt es in Redemptionis Sacramentum außerdem, dass an sich Bischof, Priester und Diakon ordentliche Spender sind und der Akolyth (eine Beauftragung, die für gewöhnlich Priesteramtskandidaten im Lauf ihrer Seminarzeit erhalten) kraft Amt außerordentlicher Spender ist, und weitere außerordentliche Spender (die gewöhnlichen Kommunionhelfer, die man kennt) beauftragt werden können, wenn eine Notsituation es für einen begrenzten Zeitraum (ad tempus) (oder in Ausnahmefällen für eine einzelne Messe/Krankenkommunion (ad actum)) erfordert; solche Kommunionhelfer werden nicht auf unbegrenzte Zeit beauftragt und dürften eigentlich auch nicht in jeder Pfarrei beauftragt werden, nur damit die Kommunionausteilung zwei Minuten kürzer dauert oder um Laien irgendwie im Altarraum zu beteiligen; das ist, auch wenn es ständig vorkommt, an sich zumindest ein leichter liturgischer Missbrauch. Wenn die Austeilung aber sehr lang dauern würde, weil die Gemeinde groß ist, oder ein Priester schon gebrechlich ist und sich deshalb möglichst bald wieder hinsetzen muss, oder auch für die Krankenkommunion, wenn ein Priester es zeitlich nicht schafft, zu allen Kranken selbst zu gehen, wäre es etwas anderes; für solche Situationen wären außerordentliche Spender ja gedacht. Sie sind eben wirklich nur Notfallassistenz für den eigentlichen Spender, den Priester.

(Es ist keine Sünde, von einem unnötigerweise eingeteilten außerordentlichen Spender die Kommunion zu empfangen; aber man sollte sich selbst wohl eher nicht unnötigerweise dazu einteilen lassen, wenn man es vermeiden kann, auch wenn das wohl keine schwere Sünde wäre.)

„154. «Zelebrant, der in persona Christi das Sakrament der Eucharistie zu vollziehen vermag, ist», wie schon erwähnt, «nur der gültig geweihte Priester».[254] Daher kommt die Bezeichnung «Diener der Eucharistie» im eigentlichen Sinn nur dem Priester zu. Aufgrund der heiligen Weihe sind Bischof, Priester und Diakon die ordentlichen Spender der heiligen Kommunion,[255] denen es deshalb zukommt, bei der Feier der heiligen Messe den christgläubigen Laien die Kommunion auszuteilen. So soll ihr Dienstamt in der Kirche richtig und voll zum Ausdruck gebracht werden und das sakramentale Zeichen seine Erfüllung finden.

155. Über die ordentlichen Amtsträger hinaus gibt es den rechtmäßig beauftragten Akolythen, der kraft seiner Beauftragung außerordentlicher Spender der heiligen Kommunion auch außerhalb der Meßfeier ist. Wenn es ferner echte Notsituationen erfordern, kann nach Maßgabe des Rechts[256] vom Diözesanbischof auch ein anderer christgläubiger Laie ad actum oder ad tempus als außerordentlicher Spender beauftragt werden; dazu ist die für diesen Fall vorgesehene Segensformel anzuwenden. Dieser Akt der Beauftragung hat aber nicht notwendig eine liturgische Gestalt, und wenn er eine solche hat, darf er in keiner Weise der heiligen Weihe angeglichen werden. Nur in besonderen, unvorhergesehenen Fällen kann eine Erlaubnis ad actum vom Priester gewährt werden, der der Eucharistiefeier vorsteht.[257]

156. Diese Aufgabe ist streng im Sinn ihrer Bezeichnung zu verstehen, es geht also um außerordentliche Spender der heiligen Kommunion, nicht aber um «besondere Spender der heiligen Kommunion» oder um «außerordentliche Diener der Eucharistie» oder um «besondere Diener der Eucharistie»; durch solche Bezeichnungen wird ihre Bedeutung in ungebührlicher und falscher Weise ausgeweitet.

157. Wenn gewöhnlich eine Anzahl geistlicher Amtsträger anwesend ist, die auch für die Austeilung der heiligen Kommunion ausreicht, können keine außerordentlichen Spender der heiligen Kommunion beauftragt werden. In Situationen dieser Art dürfen jene, die zu einem solchen Dienst beauftragt worden sind, ihn nicht ausüben. Zu verwerfen ist das Verhalten jener Priester, die an der Zelebration teilnehmen, sich aber nicht an der Kommunionausteilung beteiligen und diese Aufgabe den Laien überlassen.[258]

158. Der außerordentliche Spender der heiligen Kommunion darf die Kommunion nur dann austeilen, wenn Priester oder Diakon fehlen, wenn der Priester durch Krankheit, wegen fortgeschrittenen Alters oder aus einem anderen ernsten Grund verhindert ist, oder wenn die Gläubigen, die zur Kommunion hinzutreten, so zahlreich sind, daß sich die Meßfeier allzusehr in die Länge ziehen würde.[259] Dies muß aber so verstanden werden, daß eine gemäß den örtlichen Gewohnheiten und Bräuchen kurze Verlängerung ein völlig unzureichender Grund ist.

159. Einem außerordentlichen Spender der heiligen Kommunion ist es niemals erlaubt, jemand anderen zur Spendung der Eucharistie zu beauftragen, wie zum Beispiel einen Elternteil, den Ehepartner oder das Kind eines Kranken, der kommunizieren möchte.

160. Der Diözesanbischof soll die Praxis der letzten Jahre in dieser Sache von neuem überdenken und gegebenenfalls korrigieren oder genauer festlegen. Wo aus einer echten Notlage heraus viele solche außerordentliche Spender beauftragt werden, hat der Diözesanbischof besondere Normen zu erlassen, mit denen er unter Berücksichtigung der Tradition der Kirche über die Ausübung dieser Aufgabe nach Maßgabe des Rechts Anordnungen trifft.“

Dem liegen diese Vorschriften des CIC zugrunde:

„Can. 910* — § 1. Ordentlicher Spender der heiligen Kommunion ist der Bischof, der Priester und der Diakon.

§ 2. Außerordentlicher Spender der heiligen Kommunion ist der Akolyth wie auch ein anderer Gläubiger, der nach Maßgabe des can.230, § 3 dazu beauftragt ist.

Can. 911 — § 1. Die Pflicht und das Recht, die heiligste Eucharistie als Wegzehrung zu den Kranken zu bringen; haben der Pfarrer, die Pfarrvikare, die Kapläne und der Obere einer Gemeinschaft in klerikalen Ordensinstituten oder Gesellschaften des apostolischen Lebens für alle, die sich im Haus aufhalten.

§ 2. Im Notfall oder mit der wenigstens vermuteten Erlaubnis des Pfarrers, des Kaplans oder des Oberen, die nachher davon in Kenntnis zu setzen sind, ist dazu jeder Priester oder andere Spender der heiligen Kommunion verpflichtet.“

 

Zur gültigen bzw. zur erlaubten Materie für die Eucharistie heißt es in Redemptionis Sacramentum:

„48. Das Brot, das für die Feier des hochheiligen eucharistischen Opfers verwendet wird, muß ungesäuert, aus reinem Weizenmehl bereitet und noch frisch sein, so daß keine Gefahr der Verderbnis besteht.[123] Daraus folgt, daß Brot, das aus einer anderen Substanz, wenn auch aus Getreide, bereitet ist, oder Brot, dem eine vom Weizen verschiedene Materie in so großer Menge beigemischt ist, daß es gemäß dem allgemeinen Empfinden nicht mehr als Weizenbrot bezeichnet werden kann, keine gültige Materie für den Vollzug des eucharistischen Opfers und Sakramentes darstellt.[124] Es ist ein schwerer Mißbrauch, bei der Zubereitung des für die Eucharistie bestimmten Brotes andere Substanzen, wie zum Beispiel Früchte, Zucker oder Honig, beizufügen. […]

50. Der Wein, der für die Feier des hochheiligen eucharistischen Opfers verwendet wird, muß naturrein, aus Weintrauben gewonnen und echt sein, er darf nicht verdorben und nicht mit anderen Substanzen vermischt sein.[127] Bei der Meßfeier muß ihm ein wenig Wasser beigemischt werden. Es ist sorgfältig darauf zu achten, daß der für die Eucharistie bestimmte Wein in einwandfreiem Zustand aufbewahrt und nicht zu Essig wird.[128] Es ist streng verboten, Wein zu benützen, über dessen Echtheit und Herkunft Zweifel bestehen: Denn bezüglich der notwendigen Bedingungen für die Gültigkeit der Sakramente fordert die Kirche Gewißheit. Es darf kein Vorwand zugunsten anderer Getränke jedweder Art zugelassen werden, die keine gültige Materie darstellen.“

Es ist also nicht möglich, für an Zöliakie leidende Personen komplett glutenfreie Hostien zu nehmen (glutenreduzierte sind allerdings möglich) oder aus Rücksicht auf Alkoholiker Traubensaft statt Wein zu nehmen; diese Materie würde einfach nicht Leib und Blut Christi werden. Dementsprechend betroffene Personen könnten also unter der Gestalt, die sie nicht vertragen, einfach nicht kommunizieren, aber dann eben unter der anderen.

Nicht mehr ganz frisches Brot, oder Brot mit geringfügigen Zusätzen, wäre aber immerhin noch gültige, wenn auch unerlaubte Materie.

Der CIC sagt ebenfalls:

„Can. 924 — § 1. Das hochheilige eucharistische Opfer muß mit Brot und Wein, dem ein wenig Wasser beizumischen ist, dargebracht werden.

§ 2. Das Brot muß aus reinem Weizenmehl bereitet und noch frisch sein, so daß keine Gefahr der Verderbnis besteht.

§ 3. Der Wein muß naturrein und aus Weintrauben gewonnen sein und darf nicht verdorben sein.

[…]

Can. 926 — Bei der Feier der Eucharistie hat der Priester gemäß der alten Überlieferung der lateinischen Kirche ungesäuertes Brot zu verwenden, wo immer er das Opfer darbringt.

 

Normalerweise dürfen nur Katholiken, die nicht mit Exkommunikation oder Interdikt belegt und im Stand der Gnade sind, nur von katholischen Spendern die Eucharistie empfangen.

Exkommunizierten (z. B. Abtreibungsärzten, die sich durch ihren Beruf die Tatstrafe der Exkommunikation zuziehen), Interdizierten, Katholiken, die beharrlich die katholische Lehre leugnen oder in einer anderen schweren offenkundigen Sünde hartnäckig verharren (z. B. Wiederverheiratet-Geschiedenen, in einer homosexuellen Partnerschaft Lebenden o. Ä.) darf (bzw. muss sogar) ein Spender, der sie kennt und von diesem Hindernis weiß, die Kommunion verweigern. Aus dem CIC:

„Can. 915 — Zur heiligen Kommunion dürfen nicht zugelassen werden Exkommunizierte und Interdizierte nach Verhängung oder Feststellung der Strafe Sowie andere, die hartnäckig in einer offenkundigen schweren Sünde verharren.“

Die schwere Sünde muss „offenkundig“, also bekannt, äußerlich wahrnehmbar sein, und derjenige muss „hartnäckig“ darin verharren, also die Sünde nicht nur einzelne Male begangen und dann bereut haben, sondern dabei bleiben. (Hier genauere Unterscheidungen und Erklärungen zu diesen Bedingungen.)

Wenn ein Priester allerdings in der Beichte die Absolution verweigern musste und der Pönitent dann trotzdem zur Kommunion vor geht, darf der Priester sie nicht verweigern (um das Beichtgeheimnis zu wahren).

Auch Nichtkatholiken muss ein Priester im Regelfall die Kommunion verweigern, und Katholiken dürfen nicht einfach in einem nichtkatholischen Gottesdienst zur Kommunion gehen. Allerdings gibt es hier für Einzelfälle Ausnahmeregelungen.

Im CIC heißt es:

„Can. 844 — § 1. Katholische Spender spenden die Sakramente erlaubt nur katholischen Gläubigen; ebenso empfangen diese die Sakramente erlaubt nur von katholischen Spendern; zu beachten sind aber die Bestimmungen der §§ 2, 3 und 4 dieses Canons sowie des can. 861, § 2.

§ 2. Sooft eine Notwendigkeit es erfordert oder ein wirklicher geistlicher Nutzen dazu rät und sofern die Gefahr des Irrtums oder des Indifferentismus vermieden wird, ist es Gläubigen, denen es physisch oder moralisch unmöglich ist, einen katholischen Spender aufzusuchen, erlaubt, die Sakramente der Buße, der Eucharistie und der Krankensalbung von nichtkatholischen Spendern zu empfangen, in deren Kirche die genannten Sakramente gültig gespendet werden.

§ 3. Katholische Spender spenden erlaubt die Sakramente der Buße, der Eucharistie und der Krankensalbung Angehörigen orientalischer Kirchen, die nicht die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche haben, wenn diese von sich aus darum bitten und in rechter Weise disponiert sind; dasselbe gilt für Angehörige anderer Kirchen, die nach dem Urteil des Apostolischen Stuhles hinsichtlich der Sakramente in der gleichen Lage sind wie die genannten orientalischen Kirchen.

§ 4. Wenn Todesgefahr besteht oder wenn nach dem Urteil des Diözesanbischofs bzw. der Bischofskonferenz eine andere schwere Notlage dazu drängt, spenden katholische Spender diese Sakramente erlaubt auch den übrigen nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehenden Christen, die einen Spender der eigenen Gemeinschaft nicht aufsuchen können und von sich aus darum bitten, sofern sie bezüglich dieser Sakramente den katholischen Glauben bekunden und in rechter Weise disponiert sind.“

D. h. ein Katholik, der keinen katholischen Priester erreichen kann, darf z. B. bei einem russisch-orthodoxen, armenischen oder koptischen Priester die Eucharistie empfangen (wie auch die Beichte und die Krankensalbung); allerdings nie bei einem protestantischen oder anglikanischen Pastor, der ja keine gültige Weihe hat.

Ein katholischer Priester darf z. B. einem russisch-orthodoxen, armenischen oder koptischen Gläubigen, der ihn von sich aus darum bittet und ansonsten die normalen Bedingungen für den Sakramentenempfang erfüllt, die Kommunion spenden (und die Absolution und die Krankensalbung). Bei Personen aus Gemeinschaften, die keine gültig geweihten Priester und gültigen Sakramente mehr haben (also vorrangig die Protestanten) ist das dagegen nur möglich, wenn der Protestant zumindest in Bezug auf das einzelne Sakrament den katholischen Glauben teilt und in Todesgefahr oder einer anderen „schweren Notlage“ ist. (Wenn ein Lutheraner mit seiner katholischen Frau zur Kirche geht und sich ausgeschlossen vorkommt, wenn er nicht auch zum „katholischen Abendmahl“ gehen darf, ist definitiv keine schwere Notlage gegeben, und für gewöhnlich ja auch nicht der erforderliche Glaube.) Einem Ungetauften darf er nie diese Sakramente spenden.

Dieses Kirchengesetz ist übrigens nichts ganz Neues; auch der CIC von 1917 enthielt für Notfälle Bestimmungen zur Sakramentenspendung an Christen aus anderen Konfessionen, die guten Glaubens ihrer schismatischen Konfession anhängen. Hier kommt eben der Grundsatz „salus animarum suprema lex“ (das Heil der Seelen ist das oberste Gesetz) ins Spiel.

Allerdings ist es nie erlaubt, dass ein katholischer und ein orthodoxer Priester, oder gar ein katholischer Priester und ein protestantischer Pastor, gemeinsam Eucharistie feiern.

In der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, die der hl. Papst Johannes Paul II. 2003 veröffentlicht hat, heißt es über die Möglichkeit, jemandem die Kommunion zu verweigern, und über die nie erlaubte Konzelebration mit nichtkatholischen Klerikern:

„Es ist offensichtlich, daß das Urteil über den Gnadenstand nur dem Betroffenen zukommt, denn es handelt sich um ein Urteil des Gewissens. Aber in den Fällen, in denen ein äußeres Verhalten in schwerwiegender, offenkundiger und beständiger Weise der moralischen Norm widerspricht, kommt die Kirche nicht umhin, sich in ihrer pastoralen Sorge um die rechte Ordnung der Gemeinschaft und aus Achtung vor dem Sakrament in Pflicht nehmen zu lassen. […]

Die Eucharistie ist die höchste sakramentale Darstellung der Gemeinschaft in der Kirche. Deshalb ist es notwendig, daß sie im Kontext der Unversehrtheit auch der äußeren Bande der Gemeinschaft gefeiert wird. Weil sie in besonderer Weise »die Vollendung des geistlichen Lebens und das Ziel aller Sakramente«78 ist, müssen die Bande der Gemeinschaft in den Sakramenten wirklich bestehen, besonders in der Taufe und in der Priesterweihe. Es ist nicht möglich, einer Person die Kommunion zu reichen, die nicht getauft ist oder die unverkürzte Glaubenswahrheit über das eucharistische Mysterium zurückweist. Christus ist die Wahrheit und legt Zeugnis ab für die Wahrheit (vgl. Joh 14,6; 18,37); das Sakrament seines Leibes und seines Blutes erlaubt keine Heuchelei. […]

Die kirchliche Gemeinschaft der eucharistischen Versammlung ist Gemeinschaft mit dem eigenen Bischof und mit dem Papst. Der Bischof ist in der Tat das sichtbare Prinzip und das Fundament der Einheit in seiner Teilkirche.80 Es wäre daher ein großer Widerspruch, wenn das Sakrament der Einheit der Kirche schlechthin nicht in Gemeinschaft mit dem Bischof gefeiert würde. Der heilige Ignatius von Antiochien schrieb: »Jene Eucharistie wird als sicher erachtet, die unter dem Bischof oder dem, den er damit beauftragt hat, gefeiert wird«.81 Weil »der Bischof von Rom als Nachfolger Petri das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen«82 ist, bildet die Gemeinschaft mit ihm in gleicher Weise eine innere Notwendigkeit für die Feier des eucharistischen Opfers. […]

44. Weil die Einheit der Kirche, welche die Eucharistie durch das Opfer und den Empfang des Leibes und Blutes des Herrn verwirklicht, unter dem unabdingbaren Anspruch der vollen Gemeinschaft durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und des kirchlichen Leitungsamtes steht, ist es nicht möglich, die eucharistische Liturgie gemeinsam zu feiern, bevor diese Bande in ihrer Unversehrtheit nicht wiederhergestellt sind. […]

45. Wenn die volle Gemeinschaft fehlt, ist die Konzelebration in keinem Fall statthaft. Dies gilt nicht für die Spendung der Eucharistie unter besonderen Umständen und an einzelne Personen, die zu Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften gehören, die nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. In diesem Fall geht es nämlich darum, einem schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis einzelner Gläubiger im Hinblick auf das ewige Heil entgegenzukommen, nicht aber um die Praxis einer Interkommunion, die nicht möglich ist, solange die sichtbaren Bande der kirchlichen Gemeinschaft nicht vollständig geknüpft sind. […]

Es ist notwendig, diese Bedingungen genau zu befolgen. Sie sind unumgänglich, auch wenn es sich um begrenzte Einzelfälle handelt. Die Ablehnung einer oder mehrerer Glaubenswahrheiten über diese Sakramente, etwa die Leugnung der Wahrheit bezüglich der Notwendigkeit des Weihepriestertums zur gültigen Spendung dieser Sakramente, hat zur Folge, daß der Bittsteller nicht für ihren rechtmäßigen Empfang disponiert ist. Und umgekehrt kann ein katholischer Gläubiger nicht die Kommunion in einer Gemeinschaft empfangen, der das gültige Sakrament der Weihe fehlt.98″ (EE 37-46)

Zur Krankenkommunion heißt es in Redemptionis Sacramentum:

„132. Niemand darf die heiligste Eucharistie entgegen der Rechtsnorm nach Hause oder an einen anderen Ort mitnehmen. Außerdem muß man sich vor Augen halten, daß das Entwenden oder Zurückbehalten zu sakrilegischem Zweck oder das Wegwerfen der konsekrierten Gestalten zu den graviora delicta gehören; es ist der Kongregation für die Glaubenslehre vorbehalten, davon loszusprechen.[225]

133. Ein Priester oder ein Diakon oder ein außerordentlicher Spender, der bei Abwesenheit oder Verhinderung des ordentlichen Amtsträgers die heiligste Eucharistie zu einem Kranken für die Kommunionspendung bringt, soll von dem Ort, an dem das Sakrament aufbewahrt wird, auf möglichst direktem Weg zur Wohnung des Kranken gehen und von allen profanen Aufgaben absehen, damit jede Gefahr der Profanierung vermieden und dem Leib Christi die größtmögliche Ehrfurcht erwiesen wird. Außerdem ist immer der Ritus der Krankenkommunion zu befolgen, wie er im Römischen Rituale vorgeschrieben wird.[226]“

 

Zur Erstkommunion sagt der CIC:

„Can. 913 — § 1. Damit die heiligste Eucharistie Kindern gespendet werden darf, ist erforderlich, daß sie eine hinreichende Kenntnis und eine sorgfältige Vorbereitung erhalten haben, so daß sie das Geheimnis Christi gemäß ihrer Fassungskraft begreifen und den Leib des Herrn gläubig und andächtig zu empfangen in der Lage sind.

§ 2. Kindern jedoch, die sich in Todesgefahr befinden, darf die heiligste Eucharistie gespendet werden, wenn sie den Leib Christi von gewöhnlicher Speise unterscheiden und die Kommunion ehrfürchtig empfangen können.

Can. 914 — Pflicht vor allem der Eltern und derer, die an Stelle der Eltern stehen, sowie des Pfarrers ist es, dafür zu sorgen, daß die Kinder, die zum Vernunftgebrauch gelangt sind, gehörig vorbereitet werden und möglichst bald, nach vorheriger sakramentaler Beichte, mit dieser göttlichen Speise gestärkt werden. der Pfarrer hat auch darüber zu wachen, daß nicht Kinder zur heiligen Kommunion hinzutreten, die den Vernunftgebrauch noch nicht erlangt haben oder die nach seinem Urteil nicht ausreichend darauf vorbereitet sind.“

Nur Kinder aus östlichen Rituskirchen dürfen unter 7 Jahren, d. h. wenn sie noch nicht den Vernunftgebrauch besitzen, schon die Kommunion empfangen; lateinischen Kindern ist das vor ihrer Erstkommunion, die nach Erreichen des Vernunftgebrauchs stattzufinden hat, nicht erlaubt.

In Redemptoris Sacramantum heißt es:

„87. Der Erstkommunion der Kinder muß immer eine sakramentale Beichte und Lossprechung vorausgehen.[169] Außerdem soll die Erstkommunion immer von einem Priester gereicht werden, und zwar nie außerhalb der Meßfeier. Von Ausnahmefällen abgesehen, ist es wenig passend, die Erstkommunion bei der Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag zu spenden. Man soll vielmehr einen anderen Tag wählen, wie etwa den 2. – 6. Sonntag in der Osterzeit oder das Hochfest des Leibes und Blutes Christi oder einen Sonntag im Jahreskreis, denn der Sonntag wird mit Recht als Tag der Eucharistie betrachtet.[170] Zum Empfang der heiligen Eucharistie sollen keine Kinder hinzutreten, «die den Vernunftgebrauch noch nicht erlangt haben» oder nach dem Urteil des Pfarrers «nicht ausreichend darauf vorbereitet sind».[171] Wenn es aber vorkommt, daß ein Kind in einer Ausnahmesituation bezüglich seines Alters für den Empfang des Sakramentes als reif erachtet wird, soll ihm die Erstkommunion nicht verwehrt werden, wenn es nur hinreichend vorbereitet ist.“

 

 

Mehr Anthropozentrismus wagen!

Auf kaum etwas reagieren grünlinke Säkularisten so allergisch wie auf die Idee, der Mensch könnte die – wie man mal so sagte – „Krone der Schöpfung“ sein. Eigentlich ist es zwar etwas seltsam, dass Leute, die jedem Abweichler von ihren Ideen gern „Menschenfeindlichkeit“ vorwerfen, selber oft Abscheu vor ihrer eigenen Spezies haben und meinen, „die Erde“ wäre ohne uns besser dran; aber gut, wer will schon Logik erwarten.

Apologetik betreibende Christen reagieren auf solche christentumsfeindlichen Grüngesonnenen dann meistens mit dem Hinweis, dass der Auftrag an Adam und Eva „Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!“ (Gen 1,28) keine Tyrannenherrschaft meine, sondern dass das Herrschaftsideal der Bibel Fürsorge einschließe, entsprechend auch Gen 2,15: „Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.“ (und verwenden Begriffe wie „Krone der Schöpfung“ selber grundsätzlich nicht). Das mit der Herrschaft als Auftrag zum Behüten ist ja auch nicht falsch. Aber es ist vielleicht doch ein Schritt zu weit auf den Gegner zu, wenn man nur das betont.

Es stimmt eben wirklich, dass der Mensch der krönende Abschluss von Gottes Schöpfung ist, und mehr wert als Tiere und Pflanzen, weil er keine bloß tierische Seele, sondern eine vernunftbegabte Seele hat, einen freien Willen statt Instinkten, das Wahre, Gute und Schöne erfassen kann und nicht nur vor sich hin lebt; weil Gott ihm kein bloß natürliches Ziel – leben, trinken, fressen, schlafen, Junge zeugen – gegeben, sondern ihn zu einem übernatürlichen Ziel erwählt hat (Ihn, Gott, zu erkennen, zu lieben und Ihn ewig im Himmel zu schauen).

Für Modernisten heißt „minderwertig“ immer gleich „wertlos“. Tiere sind minderwertig, aber natürlich nicht wertlos, sie haben ihren eigenen Wert in sich. Aber sie haben eben auch einen Nutzwert für den Menschen; Gott sagt im Buch Genesis zu Noah und dessen Söhnen nach der Sintflut ziemlich deutlich: „Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf dem Erdboden regt, und auf alle Fische des Meeres; in eure Hand sind sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen. Das alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.“ (Gen 9,2f.) Sicher sagt er bei derselben Gelegenheit auch: „Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Wildtieren der Erde bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind, mit allen Wildtieren der Erde überhaupt.“ (Gen 9,9f.) Die Tiere sind also nicht nur zum Essen da, sondern haben auch ihre eigene Rolle in der Schöpfung und Gott bedenkt sie – aber sie sind auch zum Essen da. Tiere leben nur im Augenblick und der Verlust ihres Lebens ist für sie nicht dasselbe wie für Menschen. Metzger, Jäger und Landwirte tun mit ihrem Beruf also nichts Falsches und müssen sich nicht vor irgendwelchen „Tierschützern“ rechtfertigen. Die Herrschaft des Menschen über die Tierwelt schließt das Nutzen derselben ein; darin unterscheidet sie sich tatsächlich von anderer Herrschaft über gleichwertige Geschöpfe (z. B. staatlicher Herrschaft, oder der „Herrschaft“ von Eltern über ihre minderjährigen Kinder), die zuallererst für die Beherrschten da ist.

Klingt das kalt? Vielleicht, wenn einem nicht bewusst ist, wozu das scheinbar so nette grünliche Denken führt.

Zunächst etwas Banales: Radikale Tierschützer fordern gerne „Tierrechte“ und setzen Schlachtung mit Mord gleich. Mit so einem Denken kommen sie natürlich im Tierreich selber nicht weit. Da gibt es Raubtiere, die von anderen Tieren leben, Vergewaltigungen, Mütter, die ihre Jungen totbeißen, blutige Revierkämpfe – ohne dass sich ein Tier deswegen ein schlechtes Gewissen macht oder auch nur machen könnte. Tieren kann man keine Rechte wie Menschen geben, weil man ihnen auch keine Pflichten geben kann, weil man sie unmöglich dazu bringen könnte, Rechte anderer Tiere zu beachten. Tierschutz geht, Tierrechte nicht. Es ist gut, keine Tierquälerei zu betreiben und keine ganzen Tierarten auszurotten (um die Vielfalt von Gottes schöner Schöpfung zu bewahren); aber dieselben Rechte wie Menschen können Tiere nun mal nicht haben; auch kein individuelles, heiliges Recht auf Leben.

Jetzt aber der eigentliche Punkt: Wer Tierrechte fordert, erhöht meistens nicht die Tiere, sondern zieht die Menschen zu ihnen herab. Das Paradebeispiel, das man immer wieder hervorziehen kann, ist der australische Philosoph Peter Singer, der die (ja, nachgeburtliche, nicht nur vorgeburtliche, wie bei inkonsequenteren Leuten dieses Schlages) Tötung behinderter Kinder für gut hält, und Schimpansen mehr Rechte zuschreibt als Neugeborenen. Klar; wer keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen unsterblichen, gottebenbildlichen Menschenseelen (auch, wenn sie in diesem irdischen Leben durch einen Gehirndefekt daran gehindert sind, die Vernunftfähigkeiten ihrer Seele auszuüben, wie das auch komatöse, schlafende und betrunkene Menschen zeitweise sind) und Tierseelen sieht, der hält Behinderte für ebenso wenig wert wie Tiere und meint, sie einschläfern zu dürfen. Es ist offensichtlich, dass es keinen Sinn macht, Tieren ein absolut heiliges Recht auf Leben, das man nur durch eigene schwere Schuld (z. B. im Fall von Notwehr gegen einen Mörder) verwirken kann, zu geben; also dürfen Menschenleben auch nicht mehr heilig sein.

Dann ist da die Tatsache, dass solche Leute oft bereit sind, Menschenleben zu opfern oder sie für nicht so wichtig zu halten, wenn es um Tierleben geht. Da wäre der Fall des Gorillas Harambe, der 2014 im Zoo von Cincinnati (USA) erschossen wurde, um einen dreijährigen Jungen zu retten, der in den Wassergraben des Geheges gelangt war, und den der Gorilla brutal am Bein mit sich durch das Wasser gezogen hatte. Man kann sich kaum vorstellen, was es weltweit für einen Aufschrei gab und wie der Zoo sich verteidigen musste, weil die Zoowärter es tatsächlich für dringend genug hielten, ein kleines Kind zu retten, um einen Gorilla zu erschießen (wobei viele nicht mal kapieren wollten, dass Betäubungspfeile zu lange gebraucht hätten, um ein 200 Kilo schweres Tier zu betäuben).

Es gibt sogar Leute, die um der „Erde“ (was auch immer sie damit genau meinen) willen bereit wären, ihre Kinder abzutreiben, weil mehr Menschen ja für mehr Klimawandel sorgen würden. (Dass das eine Milchmädchenrechnung ist, ist ein anderes Thema; ohne neue Kinder könnte es ja auch keine klugen Köpfe geben, die klimafreundliche Technologien entwickeln können; und beim Klimawandel werden sowieso eher schädliche Auswirkungen auf den Menschen als auf „die Erde“ befürchtet. Aber das am Rande, weil es nicht der Punkt ist.)

Dann ist da der unglaubliche Hass, den Leute von PETA & Co. auf diejenigen hegen können, die bei ihrer Ideologie nicht mitgehen oder gar z. B. als Metzger oder Jäger arbeiten. Der WWF hat in Afrika und Asien sogar Anti-Wilderer-Truppen finanziert, die, wie sich Anfang diesen Jahres herausgestellt hat, Wilderer systematisch gefoltert haben.

Wie Chesterton mal in etwa gesagt hat: Wo Tiere angebetet werden, gibt es Menschenopfer.

Wir müssen die grüne Misanthropie jedenfalls nicht mitmachen; es gibt keinen Grund, sich schlecht dafür zu fühlen, ein Mensch zu sein. Sicher sind Menschen zu Schlechterem fähig als Tiere – aber genau deshalb, weil sie auch zu Besserem fähig sind. Sie haben einen freien Willen, treffen Entscheidungen, für Treue oder Verrat, für Wahrheit oder Lüge. Und wie es so schön heißt: Corrutio optimi pessima; die Verderbnis des Besten ist das Schlechteste. Deswegen wäre es trotzdem an sich das Beste gewesen.

Und manche Menschenfeinde, die sich z. B. lieber Hunde anschaffen als eine Familie, ziehen Tiere doch nur vor, weil die weniger kompliziert sind als Menschen und man in die leichter hineinprojizieren kann, was einem passt. Ein Hund widerspricht einem nicht und stellt einen nicht zur Rede.

Wer Tiere liebt, muss zu Menschen keine Liebe haben; sogar Hitler liebte seinen Hund Blondi. (Godwin’s Law muss man auch mal vorzeitig erfüllen.)

(Bundesarchiv B 145 Bild-F051673-0059.)

Tiere lieben ist an sich natürlich gut – solange man sie ihrer Natur entsprechend liebt und sein lässt, wie sie sind, und keine „besseren Menschen“ aus ihnen zu machen versucht. Deswegen hier noch ein schönes Bild:

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