Die Bibel und „Stille Post“

Manchmal denke ich mir, dass das Spiel „Stille Post“ mehr dazu beigetragen hat, falsche Vorstellungen über Jesus und die Bibel zu säen als alle sonstigen Scheinargumente von Atheisten und Kirchenfeinden.

Die Vorstellung ist quasi: „Eigentlich können wir ja gar nichts über Jesus wissen. Diese Texte über ihn wurden immer und immer wieder abgeschrieben, dabei geht was verloren, dann lässt einer was weg, das ihm nicht passt, oder dichtet was hinzu – am Ende hat das Ergebnis wie beim Spiel Stille Post nichts mehr mit den ursprünglichen Aussagen gemein.“

Der Vergleich ist freilich etwa so stichhaltig wie die Aussage „Schokoladeneis schaut aus wie Schlamm, also schmeckt es auch so“. Wenn man sich Stille Post und die Arbeit antiker und mittelalterlicher Schreiber anschaut, fallen einem doch zuallererst die Unterschiede auf:

  • Bei Stille Post wird extra geflüstert, damit derjenige vielleicht etwas falsch versteht; man will, dass irgendein lustiges falsches Ergebnis herauskommt. Beim Abschreiben der Bibel hatte der Schreiber die Schrift klar vor sich.
  • Bei Stille Post darf niemand nachfragen, wenn er etwas beim ersten Mal nicht verstanden hat. Der Schreiber konnte jederzeit auf das Manuskript vor ihm schauen und kontrollieren, ob er auch kein Wort vergessen hatte.
  • Bei Stille Post geht es genau in einer Linie vom Anfang bis zum Ende. Wenn dabei einer einen Fehler macht, wird dieser Fehler zwangsläufig bis zum Ende weitergegeben; die nachfolgenden Spieler können sich nicht noch einmal an den ersten Spieler wenden, oder an fünf verschiedene Spieler, die das Wort alle direkt vom ersten Spieler gehört haben. Beim Abschreiben der Bibel war es ganz anders. Die ersten Schriften wurden etliche Male abgeschrieben und dann verteilt, dann wurden diese Manuskripte wiederum von verschiedenen Schreibern abgeschrieben. Es bildete sich ein riesiger Stammbaum an Manuskripten heraus. Ein Schreiber konnte entweder ältere Schriften noch einmal kontrollieren, oder parallele Schriften der Seitenstränge. Wenn die jüngeren Schriften irgendwie nicht zusammenpassten, konnte man schauen, was sie gemeinsam hatten (was also wohl authentisch sein musste) und worin sie voneinander abwichen (was zweifelhafter war). Bei Stille Post sind Fehler einkalkuliert; beim Abschreiben von Manuskripten kann ein späterer Schreiber offensichtliche Fehler (wie ein falsch geschriebenes oder ausgelassenes Wort) wieder korrigieren. Es gibt ja diese berühmte englische Bibelausgabe, in der im 6. Gebot („Du sollst nicht ehebrechen“) das Wort „nicht“ vergessen wurde. Falls jemals jemand die Bibel von diesem Manuskript abgeschrieben hat, wird er wohl fähig gewesen sein, diesen Fehler zu korrigieren. Durch bloße Leichtsinnsfehler schleicht sich in solchen langen Büchern kein falscher Sinn ein, dann müssten es schon bewusste Fälschungen sein. Aber auch bewusste Fälschungen wären hier nicht einfach.
  • Bei Stille Post ist es keinem besonders wichtig, etwas haargenau so weiterzugeben, wie es gesagt wurde; im Gegenteil, man will ja über irgendein lustiges Ergebnis lachen. Bei der Bibel wachte dagegen die ganze Kirchengemeinschaft über die unveränderte Weitergabe dieser heiligen Schriften. Wenn ein Kleriker es gewagt hätte, sie nach seinem Belieben umzuschreiben, wären ihm sofort hundert andere Kleriker an die Gurgel gesprungen. Wir sehen das ja auch heute noch: Es gibt kleine Abweichungen z. B. zwischen protestantischen und katholischen Übersetzungen, auch wo diese dieselben Urtexte übersetzen, und die Theologen debattieren diese Abweichungen leidenschaftlich. Diese Abweichungen sind auch bekannt, sie können nicht versteckt werden; einer, der eine neue tendenziöse Übersetzung erstellt, kann nicht alle bisherigen Manuskripte zerstören. Er kann vielleicht seine Leser täuschen, aber nicht alle seiner Gelehrtenkollegen. Es geht aber nicht nur darum, dass man erwischt werden könnte; auch die eigene Scheu vor den heiligen Texten hätte Schreiber daran gehindert, etwas zu verfälschen. Sie sahen ihre Tätigkeit als Dienst an Gott. Das ist etwa so wie heute bei Gesetzestexten; wenn ein Anwalt etwas durchsetzen will, das nicht im Gesetz steht, interpretiert er vielleicht daran herum bis zum Gehtnichtmehr, aber er lässt sich nicht einfach eine verfälschte Ausgabe von BGB oder GG drucken.

Aber gab es früher nicht öfter Fälschungen?, könnte man einwenden. Die Konstantinische Schenkung, die monita secreta… Freilich gab es die; es gibt sie auch heute noch. Aber eher in dem Sinn, dass man eine neue Schrift herbeizauberte, von der dann behauptet wurde, sie sei schon viel älter und wäre in einem alten Klosterarchiv gefunden worden oder in der geheimen Korrespondenz der politischen Gegner. Das Umschreiben bereits weit verbreiteter Schriften wäre viel schwieriger gewesen. So hielten es auch die Sekten, die im 2., 3., 4. Jahrhundert ihre eigenen Evangelien schrieben; sie fügten neue hinzu, und schrieben nicht die alten um. Natürlich hatte nicht jeder Dorfpriester fünfzig verschiedene Bibeln vor sich auf dem Schreibtisch liegen, die er vergleichen konnte, aber Priester, Klöster und Bischöfe hatten bekanntlich Kontakt miteinander. Es konnte gut vorkommen, dass es einem Kleriker nicht auffiel, wenn eine Zeile in einer Ahnenliste im Alten Testament fehlte, weil der Schreiber geschlampt hatte, aber wenn jemand eine wichtige neue Lehre in einem Evangelium eingefügt hätte, wären doch ein paar Leute stutzig geworden.

Tatsache ist, wir haben ja auch eine ziemlich große Zahl von Bibelmanuskripten aus der Antike. Die sind nicht alle lückenlos, aber sie stimmen alle überein. Allein die Liste der antiken Papyri (also Pergamentabschriften nicht mitgezählt) mit Texten des Neuen Testaments ist ziemlich ansehnlich. Und auf einem Fetzen aus dem Jahr 125 n. Chr. stehen dieselben Verse des Johannesevangelium, die ich auch in meinem griechischen Neuen Testament in der Nestle-Aland-Ausgabe sehen kann. Es gibt natürlich ein paar Abweichungen (die in solchen modernen Ausgaben auch alle klitzeklein aufgeführt sind). Da sind so außerordentliche Sachen dabei wie etwa, dass im einen Manuskript „Jesus Christus“ und im anderen „Christus Jesus“ steht.

Es gibt ein paar sehr wenige größere Abweichungen; die mit Abstand größten sind, dass in manchen Manuskripten der Schluss des Markusevangeliums fehlt und in manchen die Geschichte mit der Ehebrecherin in Joh 8. Vielleicht ließ der hl. Markus sein Evangelium zunächst am leeren Grab enden, wo der Engel den Frauen die Auferstehung verkündet, und dachte sich später, in einer neueren „Ausgabe“ könnte er es doch so machen wie die anderen Evangelisten, die mittlerweile ihre Evangelien veröffentlicht hatten, und auch noch eine kurze Zusammenfassung der Erscheinungen des auferstandenen Jesus anfügen. Aber die Auferstehung steht so oder so drin.

Und, das kann man nicht oft genug betonen: Es gibt keine einzige katholische Lehre über Jesus, die allein an irgendeiner zweifelhaften Stelle in den Evangelien hängt, die in manchen Manuskripten fehlt. Es gibt schlicht keine.

Es gibt ein paar Texte in der Bibel, die in unterschiedlichen Überlieferungssträngen ein paar mehr Unterschiede aufweisen; die Psalmen zum Beispiel. Es gibt auch ein paar Bücher, deren Zugehörigkeit zur Bibel zeitweise umstritten war; der 2. Petrusbrief zum Beispiel. Aber auch hier steht keine christliche Lehre auf dem Spiel, und auf die Evangelien trifft schon mal beides nicht zu.

Es ist eine Tatsache, dass die Evangelien, als sie nicht lange nach Jesu Tod um 30 n. Chr., nämlich irgendwann um 40, 50, 60 n. Chr. (Johannes evtl. später)*, geschrieben wurden, so aussahen, wie sie uns auch jetzt vorliegen. Da kann man sie sich jetzt ansehen und sein Urteil darüber fällen, was man von dem Jesus hält, den sie präsentieren, aber man kann nicht behaupten, dieser Jesus wäre eine durch Fehler und Fälschungen im Lauf der Jahrhunderte aufgebaute Karikatur.

Papyrus Bodmer II mit dem Johannesevangelium, um 200 n. Chr.

* Bei der Datierung hilft die Apostelgeschichte, die Lukas als Fortsetzung seines Evangeliums schrieb. Sie endet Anfang der 60er, als Paulus als Gefangener in Rom ist, und erwähnt seinen Märtyrertod nicht mehr, ein immerhin ziemlich wichtiges Ereignis; der logische Schluss ist, dass sie eben Anfang der 60er geschrieben wurde, als er noch nicht tot war. Das Lukasevangelium würde dann auf ungefähr 60 datieren, Matthäus und Markus dürften älter sein. Heute werden alle diese Schriften gerne auf 70-80 n. Chr. datiert, da Jesus die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. voraussagt, und die heutigen Textkritiker davon ausgehen, Er hätte kein zukünftiges Ereignis voraussagen können, und man hätte Ihm diese Aussage im Nachhinein in den Mund gelegt. Dass Jesus nicht der Sohn Gottes sei und die Zukunft nicht habe wissen können, ist aber eine weltanschauliche Behauptung, die man nicht als neutraler Historiker zum Maßstab machen kann, um einen Text zu datieren; wenn, dann muss man nach anderen Hinweisen suchen. (Tatsächlich wäre es sogar, wenn man Jesus nicht für den Sohn Gottes hält, gut möglich, anzunehmen, Er hätte einfach vorausgeahnt, dass auch Jerusalem irgendwann, wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft, Krieg und Zerstörung erleben würde; das war keine allzu fernliegende Vorhersagung.) Jesus war ca. 30 n. Chr. hingerichtet worden; die Frühdatierung würde also bedeuten, dass die Evangelien mit höchstens solchem zeitlichen Abstand dazu geschrieben wurden, wie wir ihn zum Mauerfall haben, die Spätdatierung würde einen ähnlichen Abstand wie den von uns zur 68er-Bewegung.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 12: Engel

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Lk 1-2; Mt 1-2; Mt 4,11; Mt 18,10-11; Mt 13,49; Jud 1,9; Tob 12; Gen 16,7-12; Gen 19; Gen 21,17f.; Gen 28,12; 1 Kön 19,5-7; 2 Kön 19,35; Ps 34,8; Dan 3,49f.; Dan 14,34-39; Apg 10; Apg 12; Offb.

In den letzten Teilen ging es schon um Endzeit, Auferstehung, Himmel, Hölle usw; und zu den Bewohnern des Himmels zählen ja nicht nur die erlösten Menschen, sondern auch die Engel, reine Geistwesen, die schon vor den Menschen erschaffen wurden. Das Wort „Engel“ bedeutet „Gesandter, Bote“ und zeigt an, was die Engel in Bezug auf uns manchmal sind, nämlich Gesandte Gottes. In der Bibel tauchen sie immer wieder in dieser Rolle auf, und auch bei den frühen Christen ist der Engelglaube eine Selbstverständlichkeit. Es gibt auch von Gott abgefallene Engel, die Dämonen, zu denen auch der Teufel gehört (er ist kein ebenbürtiger Gegner Gottes, sondern nur ein abtrünniges Geschöpf); aber zu ihnen im nächsten Teil. Hier erst einmal ein paar Beispiele für den Glauben an die gut gebliebenen Engel.

Angel with a lamp, 1885 - 1896 - Viktor Vasnetsov - WikiArt.org
(Viktor Vasnetsov, Engel mit einer Lampe.)

Athenagoras von Athen schreibt um 176/177 n. Chr., dass die Engel über die Schöpfung wachen:

„Doch bleibt der theologische Teil unserer Lehre nicht dabei stehen, sondern wir lehren auch eine Menge von Engeln und Dienern, welche Gott, der Schöpfer und Bildner der Welt, durch sein Wort verteilt und aufgestellt hat, damit sie über die Elemente und die Himmel, über die Welt, die Dinge in der Welt und deren Ordnung wachen.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 10)

Im „Hirten des Hermas“ (spätestens Mitte des 2. Jh.s) spielen Engel eine zentrale Rolle. Der römische Christ Hermas erhält Offenbarungen von einem Engel der Buße, außerdem wird einmal ein Engel der Strafe erwähnt, und in mehreren Visionen helfen Engel dabei, die Kirche aufzubauen. Dann kommt auch eine Stelle, an der Hermas gesagt wird, dass ein guter und ein böser Engel den Menschen gute bzw. schlechte Eingebungen bringen:

„‚So höre mich denn‘, fuhr er weiter, ‚an über den Glauben. Zwei Engel sind bei dem Menschen, einer der Gerechtigkeit und einer der Schlechtigkeit.‘ ‚Wie nun‘, unterbrach ich, ‚wie nun soll ich, o Herr, ihre Wirkungen erkennen, da doch beide Engel in mir wohnen?‘ ‚Höre‘, erwiderte er, ‚und lerne sie kennen. Der Engel der Gerechtigkeit ist zart, schamhaft, milde und ruhig; wenn nun dieser in deinem Herzen sich regt, spricht er sogleich mit dir über Gerechtigkeit, Keuschheit, Heiligkeit, Genügsamkeit, über jegliche gerechte Tat und über jede rühmliche Tugend. Wenn all dies in deinem Herzen sich regt, dann wisse, dass der Engel der Gerechtigkeit mit dir ist. Denn das sind die Werke des Engels der Gerechtigkeit, diesem also vertraue und seinen Werken. Betrachte nun auch die Werke des Engels der Schlechtigkeit. Er ist vor allem jähzornig, verbittert und unverständig, seine Werke sind böse und verführen die Diener Gottes; wenn also dieser sich in deinem Herzen regt, dann erkenne ihn an seinen Werken.‘ ‚Ich verstehe nicht, o Herr, wie ich ihn erkennen soll.‘ ‚So höre‘, sprach er. ‚Wenn ein Jähzorn an dich kommt oder eine Erbitterung, dann wisse, dass er in dir ist; ferner wenn Begierden kommen, allerlei zu treiben, und mannigfache Ausgaben für reichliche Tafelgenüsse, häufiges und übermäßiges Trinken, für allerlei Leckerbissen und unnötige Dinge, Begierden nach Frauen und Reichtümern; ein übermäßiger Stolz und Prahlerei, und alles, was diesen verwandt und ähnlich ist: wenn also derlei Gedanken in deinem Herzen aufsteigen, dann wisse, dass der Engel der Schlechtigkeit in dir ist. Wenn du dann seine Werke erkannt hast, dann sage dich los von ihm und vertraue ihm nicht, weil seine Werke schlecht und den Dienern Gottes schädlich sind. Nun hast du die Wirkungen beider Engel. Lerne sie kennen und vertraue dem Engel der Gerechtigkeit.“ (Hirte des Hermas 2,6,2,1-6)

Auch der Barnabasbrief (vor 130 n. Chr.) unterscheidet zwischen guten und bösen Engeln:

„Nun wollen wir aber übergehen zu der anderen Erkenntnis und Lehre. Es gibt zwei Wege der Lehre und der Macht, nämlich den des Lichtes und den der Finsternis Der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß. Auf dem einen sind nämlich aufgestellt lichttragende Engel Gottes, auf dem anderen aber Engel des Teufels. Und jener ist Herr von Ewigkeit zu Ewigkeit, dieser aber ist der Fürst dieser gegenwärtigen, gottlosen Zeit.“ (Barnabasbrief 18)

Auch Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr. etwas über die Engel. Es gibt eine klare Abgrenzung zwischen den Engeln und ihrem Schöpfer:

„Daß nämlich Engel und Erzengel, Throne und Herrschaften von dem allerhöchsten Gott durch sein Wort geschaffen und gemacht sind, das hat Johannes deutlich kundgetan. Denn nachdem er von diesem Worte Gottes gesagt hat, daß es im Vater war, fügt er hinzu: ‚Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist nichts gemacht worden.‘ […] Daß er aber alles aus freiem Willen und nach seinem Gutdünken gemacht hat, bezeugt wiederum derselbe David, indem er sagt: ‚Unser Gott hat oben im Himmel und auf Erden alles gemacht, wie er es wollte.‘ Schöpfer aber und Geschöpfe, Ursache und Wirkung sind verschiedene Dinge. Er nämlich ist unerschaffen, ohne Anfang und ohne Ende, gebraucht nichts und genügt sich selbst und verleiht allem übrigen das Dasein. Was aber von ihm erschaffen worden ist, hat einen Anfang genommen. Was aber einen Anfang genommen hat, kann auch wieder aufgelöst werden, ist untergeordnet und bedarf dessen, der es erschuf. Also muß auch bei denen, die sich wenn auch nur ein geringes Unterscheidungsvermögen bewahrt haben, ein verschiedener Ausdruck gebraucht werden, so daß der Gott, welcher alles gemacht hat, samt seinem Worte allein rechtmäßig Gott und Herr genannt wird, das Erschaffene aber an diesem Ausdruck keinen Anteil haben noch darauf Anspruch erheben darf, da er allein dem Schöpfer zukommt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,8,3)

Die Engel dienen immerzu Gott, aber nicht, weil Er sie nötig hätte, und auch unter ihnen gibt es gewisse Hierarchien:

„Die Welt nun aber wird von sieben Himmeln umgeben, in denen die Mächte, die Engel und die Erzengel wohnen und die Pflicht des Dienstes gegen Gott den Allmächtigen, den Schöpfer aller Dinge, erfüllen; nicht als bedürfte er sie, sondern sie sollen nicht untätig, ohne Nutzen und Segen sein. Reichlich ist deswegen das Innewohnen des Geistes Gottes, und vom Propheten Isaias werden sieben Formen Seines Dienstes aufgezählt, welche ruhen auf dem Sohn Gottes, d. h. auf dem Wort bei seiner Ankunft als Mensch. Er sagt: ‚Es wird auf ihm ruhen der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke und der Frömmigkeit, es wird ihn erfüllen der Geist der Gottesfurcht.‘ Somit ist der erste Himmel von oben her, der die andern umschließt, die Weisheit, der zweite hernach der des Verstandes, der dritte der des Rates, der vierte, von oben gerechnet, der der Kraft, der fünfte der der Wissenschaft, der sechste jener der Frömmigkeit, der siebente ist die Feste über uns, die voll ist von der Furcht des Geistes, der die Himmel erleuchtet. Als ein Bild davon ließ Moses den siebenarmigen Leuchter immer im Heiligtum strahlen, gemäß dem, was das Wort geoffenbart hatte: ‚Du sollst ihn genau nach dem Urbild herstellen, welches du auf dem Berge gesehen hast.‘

Nun wird dieser Gott verherrlicht von seinem Worte, welches sein ewiger Sohn ist, und vom Heiligen Geist, welcher die Weisheit des Vaters von allem ist. Und ihre Mächte, die des Wortes und der Weisheit, die Cherubim und Seraphim genannt werden, preisen Gott mit unaufhörlichem Lobgesang, und jegliches Geschöpf, das nur im Himmel ist, bringt Gott, dem Vater von allem, Lobpreis dar. Er hat die ganze Welt durch das Wort gebildet — und auf der Welt sind auch die Engel — und der ganzen Welt schrieb er die Gesetze vor, bestimmte für jedes seinen festen Stand, dessen gottgesetzte Grenze es nicht überschreiten darf, und so vollführt ein jedes die ihm übertragene Aufgabe.

Den Menschen aber bildete er mit eigener Hand. Er verwandte dazu den feineren und zarteren Stoff der Erde und verband in [weisem] Maße miteinander die Erde und seine Macht. Denn er hat dem Geschöpfe seine Form gegeben, damit es in seiner Erscheinung Gottes Bild sei. Als Abbild Gottes setzte er den von ihm erschaffenen Menschen auf die Erde. Damit er Leben empfange, hauchte er in sein Angesicht den Lebensodem, auf daß der Mensch sowohl seiner ihm eingehauchten Seele nach und in seiner Leibesbildung Gott ähnlich sei. Er war folglich frei und Herr über sich selbst durch Gottes Macht, damit er über alles, was auf Erden ist, herrsche. Und dieses große Schöpfungswerk der Welt, das alles in sich barg, von Gott schon vor der Schöpfung des Menschen zubereitet, wurde dem Menschen zum Wohnsitz gegeben. Und es fanden sich an ihrer Stelle und mit ihren Arbeitsleistungen die Diener dieses Gottes, der alles schuf. Und ein Hauswalter hatte als Schützer dieses Gebiet inne, der über die Mitknechte gesetzt war. Die Knechte waren die Engel, der Walter und Schützer aber der Fürst der Engel [ein Erzengel]. (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 9-11)

Rose Briar // acheiropoietos: Archangel Victor Vasnetsov | Archangels,  Archangel michael, Christian art
(Viktor Vasnetsov, Erzengel.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 11b: Wo sind die Toten vor dem Weltgericht und was ist mit dem Fegefeuer?

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich:

Zum Fegefeuer: 2 Makk 12,40-45; 1 Kor 3,15

Zum Schicksal der Toten vor dem Weltgericht: Lk 16,19-31

Unter manchen christlichen Gemeinschaften ist heute noch die Vorstellung vom sog. „Seelenschlaf“ verbreitet; nach dem Tod würden die vom Körper getrennten Seelen erst einmal quasi schlafen oder sterben, und erst beim Weltende und Jüngsten Gericht, wenn die Körper auferstehen, würden die Seelen wieder erwachen und sich mit ihnen vereinigen, und dann würde der Mensch erst von Gott gerichtet werden. Die katholische Sicht ist dagegen: Nach dem Tod wird die Seele gleich gerichtet und kommt zu Gott in den Himmel (bzw. vorübergehend ins Fegefeuer und dann in den Himmel) oder in die Hölle; beim Weltgericht wird sie mit ihrem Körper wiedervereinigt, auch der erhält jetzt seine Strafe oder Belohnung, und das ganze Gericht über alle Menschen wird noch einmal öffentlich gemacht, aber das Urteil über den einzelnen ändert sich nicht. (Und natürlich werden jetzt auch die Menschen erstmals gerichtet, die beim Weltende noch nicht gestorben waren.) Dieses Thema war unter den frühen Christen durchaus noch umstritten; sie betonten sehr die leibliche Auferstehung und waren sich offenbar nicht ganz einig, was vorher mit den Seelen geschieht. Noch Papst Johannes XXII. im 14. Jahrhundert vertrat die Idee vom Seelenschlaf als theologische Privatmeinung in einigen Predigten, widerrief aber, als die Theologen dagegen protestierten, und sein Nachfolger klärte diese Frage endgültig 1336 in einer päpstlichen Bulle. (Das ist insofern ein gutes Beispiel für die Lehrentwicklung, und für die Tatsache, dass auch Päpste, wenn sie nicht ex cathedra sprechen (also nicht im Namen der Kirche eine Lehre als verbindlich für alle Christen verkünden wollen), irren können.)

Noch ein anderes Thema hängt damit zusammen, nämlich die katholische Lehre vom Fegefeuer oder Läuterungsort (Purgatorium), wo die Seelen, die zwar keine bewusste, unbereute schwere Sünde mehr auf dem Gewissen hatten, aber zu ihrem Todeszeitpunkt noch gewisse Dinge zu sühnen hatten und sich von manchen lässlichen Sünden nicht lossagen wollten, vor ihrem Eintritt in den Himmel geläutert werden. Das Gebet anderer kann dabei helfen, ihre Sünden zu sühnen und ihre Läuterung zu beschleunigen. Diese Lehre findet sich bereits im Alten Testament in den Makkabäerbüchern (2 Makk 12,40-45). Protestanten lehnen sie ab; es gäbe nur entweder Himmel oder Hölle (oder eben, die Seelen befänden sich im Seelenschlaf), und beten deshalb auch nicht für die Toten und erkennen die Makkabäerbücher nicht als Teil der Bibel an.

Fangen wir erst einmal mit dem Fegefeuer und dem Gebet für die Toten an.

Eine Aussage der heiligen Perpetua ist hier sehr interessant; sie war eine junge Christin aus Nordafrika, die im Gefängnis vor ihrem Martyrium im Jahr 203 n. Chr. ihre Erlebnisse aufschrieb. Da heißt es:

„Nach wenigen Tagen, während wir alle beteten, brach mir plötzlich mitten im Gebete die Stimme hervor und ich nannte den Dinokrates. Ich staunte, daß er mir nie in den Sinn gekommen war als nur in diesem Augenblicke, und ich dachte mit Trauer an sein Schicksal. Ich erkannte auch sofort, daß ich würdig sei und für ihn beten müsse, und fing an, für ihn viele Gebete zu sprechen und zum Herrn zu seufzen. Sofort noch in derselben Nacht hatte ich folgendes Gesicht. Ich sehe den Dinokrates aus einem finsteren Orte, wo viele ganz erhitzt und durstig waren, in schmutziger Kleidung und blasser Farbe hervorkommen mit einer Wunde im Gesicht, die er hatte, als er starb. Dieser Dinokrates war mein leiblicher Bruder, der im Alter von sieben Jahren aus Schwäche wegen eines Krebsleidens im Gesichte elend starb, so daß sein Tod allen Menschen ein Abscheu war. Für diesen also hatte ich gebetet, und es war zwischen mir und ihm ein großer Zwischenraum, so daß wir beide nicht zueinander kommen konnten. Es war ferner an dem Orte, an welchem Dinokrates sich befand, ein Bassin voll Wasser, dessen Rand aber höher war als die Größe des Knaben, und Dinokrates streckte sich aus, als ob er trinken wollte. Ich war traurig darüber, daß jenes Bassin voll Wasser war und er doch wegen der Höhe der Umfassung nicht trinken konnte. Da erwachte ich und wurde inne, daß mein Bruder leide; aber ich vertraute, daß ich seiner Not abhelfen werde, an all den Tagen, bis wir in den Kerker des Lagers übersiedelten; denn bei den Spielen nahe dem Lager sollten wir kämpfen; es war damals der Geburtstag des Cäsars Geta. Und ich betete für ihn Tag und Nacht mit Seufzen und Tränen, damit er mir geschenkt werde.

An dem Tage, an welchem wir im Kerker gefesselt blieben, hatte ich folgende Erscheinung. Ich sehe jenen Ort, den ich früher gesehen hatte, und den Dinokrates mit gewaschenem Leibe, gut gekleidet und sich erholend; wo die Wunde gewesen war, sehe ich eine Narbe, und die Umfassung jenes Teiches war tiefer geworden bis an den Nabel des Knaben; ohne Aufhören schöpfte er Wasser aus dem Bassin. Über der Umfassung war auch eine goldene Schale voll Wasser; Dinokrates trat hinzu und fing an, aus der Schale zu trinken, und diese wurde nicht leerer; nachdem er genug Wasser getrunken hatte, fing er froh nach Art der Kinder an zu spielen. Da erwachte ich und erkannte, daß er aus der Strafe entlassen war.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 7-8)

Etwas ganz Ähnliches kommt in den Akten des Paulus und der Thekla (wohl aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts) vor, die diverse Geschichten aus Paulus‘ Leben erzählen, die in der Apostelgeschichte fehlen. Thekla, eine geweihte Jungfrau, die Paulus begleitet, ist in Antiochia zum zweiten Mal vor ein Gericht gebracht worden (nachdem sie sich gegen die sexuelle Belästigung durch einen hochrangigen Mann gewehrt hat) und zum Tod durch wilde Tiere verurteilt worden; dann heißt es:

„Thekla aber bat den Statthalter, daß sie unberührt bliebe, bis sie mit den Tieren kämpfen müsse. Und eine reiche Frau, namens Tryphäna, deren Tochter gestorben war, nahm sie in ihre Obhut und fand an ihr Trost. […] Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!‘ Und als Thekla so sprach, trauerte Tryphäna, da sie daran dachte, daß solche Schönheit vor die Tiere geworfen werden sollte.“ (Paulusakten 3,27-29, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 248; hier eine englische Übersetzung.)

Die Tiere greifen Thekla dann übrigens nicht an, und sie wird freigelassen, führt noch ein längeres Leben und verkündet Christus.

Diese Stelle ist auch dahingehend interessant, dass die frühen Christen sich durchaus vorstellen konnten, dass Heiden, die Christus ohne eigene Schuld nicht gekannt hatten, in den Himmel kommen könnten (evtl. eben nach einem Läuterungsprozess und mit Hilfe des Gebets von Christen); Tryphäna lernt erst durch Thekla das Christentum kennen. Das schreibt ja auch Justin der Märtyrer (1. Apologie 46), den ich hier schon zitiert habe: „Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann.“


(Paulus und Thekla auf einem Fresko aus dem 6. Jh.)

Bischof Aberkios von Hierapolis in Phrygien bittet gegen Ende des 2. Jahrhunderts in seiner Grabinschrift (die nur verschlüsselt über den christlichen Glauben spricht) andere um ihr Gebet für ihn:

„Einer auserwählten Stadt Bürger habe ich dies errichtet,
da ich noch lebe, auf dass ich hätte seiner Zeit für
meinen Leib hier eine Stätte.
Aberkios bin ich mit Namen, der welcher Jünger ist
eines reinen Hirten,
der da weidet der Schafe Herden auf Bergen und Fluren,
der Augen hat gewaltig, die überall herniederschauen;
denn er hat mich gelehrt … untrügliche Zeichen.
Der nach Rom mich sandte, einen König zu schauen
und eine Königin zu sehen mit goldnem Gewand und
goldnen Sandalen;
einen Stein aber sah ich dort mit einem leuchtenden Gepräge.
Und Syriens Flur sah ich und seine Städte alle; ich überschritt
den Euphrat und sah Nisibis. Überall aber gewann ich Kultgenossen;
Paulos war mein (Begleiter?). Nestis leitete mich überall
und schaffte mir Nahrung überall, einen Fisch vom Quellwasser
gar gross und rein, den gefangen hatte eine reine Jungfrau,
und den gewährte sie den Genossen immer zu essen
und spendete Wein in guter Mischung mit Brot.
Dies habe ich Aberkios unter meiner eignen Aufsicht so
zu schreiben geheissen.
Das zweiundsiebzigste Jahr hab‘ ich wirklich vollbracht.
Wer dies versteht, bitte für Aberkios, ein jeder Genosse.
Aber keiner soll in mein Grab noch einen andern oben
darauf beisetzen.
Wenn er es thut, soll er dem römischen Fiscus spenden
zweitausend Goldstücke
und der guten Vaterstadt Hierapolis tausend Goldstücke.“ (Aberkiosinschrift)


(Nachbau von Aberkios‘ Grabstein.)

Das waren jetzt alles keine Lehrschreiben von Theologen, und die Paulusakten sind an ein paar Stellen auch theologisch fehlerhaft (z. B. tauft Thekla sich selbst) oder vielleicht etwas legendarisch, aber diese Aussagen zeigen alle, dass unter den Christen des 2. und frühen 3. Jahrhunderts die Ansicht verbreitet war, man sollte für die Toten beten und könnte ihnen damit helfen, an einen besseren Ort zu kommen.

Jetzt zum Schicksal der Seelen vor dem Weltgericht:

Der hl. Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg zu seiner Gerichtsverhandlung und seinem Martyrium in Rom an eine Gemeinde, dass er, wenn er im Himmel sei, für sie beten werde, was impliziert, er werde bei Gott sein, während die Trallianer noch auf Erden leben:

„Meine Seele opfert sich für euch nicht nur jetzt, sondern auch wenn ich zu Gott gelangt bin.“ (Brief des Ignatius an die Trallianer 13,3)

Vor ihrem Tod wird von mehreren Märtyrern von Visionen berichtet. Die oben schon erwähnte Perpetua berichtet von einem ihrer Leidensgenossen, dass er eine Vision hatte, laut der sie gleich nach ihrem Martyrium in den Himmel kommen würden:

„Aber auch der selige Saturus hat folgende Erscheinung, die er selbst gehabt hat, aufgeschrieben und bekannt gemacht. Wir hatten, sagt er, gelitten und gingen aus dem Fleische hinaus; da wurden wir von vier Engeln, deren Hände uns nicht berührten, nach Osten getragen. Wir machten den Weg aber nicht mit dem Rücken liegend und aufwärts gerichtet, sondern so, als wenn wir einen sanften Hügel hinanstiegen. Und als wir aus der ersten Welt heraus waren, sahen wir ein großes Licht, und Perpetua, die an meiner Seite war, sagte: Das ist, was uns der Herr verheißen hat, wir haben die Verheißung empfangen. Und indem wir so von den vier Engeln getragen wurden, öffnete sich uns ein weiter Raum, wie ein Lustgarten; darin waren Rosenbäume und Blumen aller Art. Die Bäume waren so hoch wie Zypressen und ihre Blätter fielen ohne Unterlaß herab. Dort in dem Lustgarten waren vier andere Engel, herrlicher als die vorigen; als diese uns sahen, erwiesen sie uns Ehre und sagten zu den anderen Engeln: Da sind sie, da sind sie! Mit Verwunderung und staunend setzten uns nun jene Engel, die uns getragen hatten, ab und wir durchschritten den Raum zu Fuß auf einem breiten Wege. Dort fanden wir den Jokundus, den Saturninus und den Artaxius, die in derselben Verfolgung lebendig verbrannt wurden, und den Quintus, der als Märtyrer im Kerker gestorben war, und fragten sie, wo die übrigen seien. Die Engel aber sprachen zu uns: Kommt zunächst hinein und grüßet den Herrn.

Und wir kamen zu einem Orte, dessen Wände aus Licht gebaut zu sein schienen; vor dem Eingange dieses Ortes bekleideten uns, als wir eintraten, vier Engel mit weißen Gewändern. Wir traten ein und hörten eine vereinte Stimme, die unaufhörlich: Heilig, heilig, heilig rief. Und wir sahen in diesem Orte einen alten Mann sitzen, der schneeweißes Haar, aber ein jugendliches Angesicht hatte; seine Füße aber sahen wir nicht. Zu seiner Rechten aber und zu seiner Linken standen vier Älteste und hinter ihnen noch mehrere andere Älteste. Voller Bewunderung traten wir ein und standen vor dem Throne; die vier Engel hoben uns in die Höhe, wir küßten ihn und er warf es uns von seiner Hand ins Antlitz zurück. Die übrigen Ältesten aber sagten uns: Laßt uns stehen! Und wir stellten uns und gaben den Friedenskuß. Und die Ältesten sagten zu uns: Gehet jetzt und spielet! Da sagte ich zu Perpetua: Da hast du, was du verlangst. Und sie entgegnete mir: Gott sei Dank; wie ich im Fleische fröhlich war, will ich es jetzt noch mehr sein.

Wir gingen hinaus und sahen vor der Türe den Bischof Optatus zur Rechten und den Priester und Lehrer Aspasius zur Linken; sie standen da voneinander getrennt und traurig, warfen sich uns zu Füßen und sagten: Stiftet Frieden unter uns, weil ihr hinausgegangen seid und uns so zurückgelassen habt. Und wir sagten zu ihnen: Bist du nicht unser Bischof und du unser Priester, daß ihr euch uns zu Füßen leget? Und wir wurden gerührt und umarmten sie. Perpetua redete griechisch mit ihnen und wir gingen mit ihnen in den Lustgarten unter einen Rosenbaum. Und während wir mit ihnen redeten, sagten die Engel zu ihnen: Lasset sie, sie sollen sich ergötzen; und wenn ihr Streitigkeiten untereinander habt, so vergebet einander; sie trieben sie fort und sagten zu Optatus: Bessere dein Volk. Denn so kommt man bei dir zusammen, als ob man aus dem Zirkus zurückkehrte und in Parteien geteilt stritte. Es schien uns aber, als wollten sie die Tore schließen. Und wir erkannten dort viele Brüder, die auch Märtyrer waren; wir alle wurden mit einem unbeschreiblichen Wohlgeruche erfüllt, der uns sättigte. Darauf erwachte ich in freudiger Stimmung.“ (Akten der hl. Perpetua und Felicitas 11-13)

Bischof Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr., dass die Seelen der Toten schon vor dem Gericht an unterschiedliche Orte kämen; er wendet sich hier hauptsächlich gegen die Lehre von der Seelenwanderung, die manche antike Sekten vertraten:

„Hierdurch [das Gleichnis vom armen Lazarus und dem Reichen] ist deutlich erklärt worden, daß die Seelen nicht von Körper zu Körper übergehen, sondern fortdauern, die menschliche Gestalt beibehalten, um erkannt zu werden, und sich an die irdischen Dinge erinnern; daß ferner dem Abraham die Lehrgabe innewohnt, und daß auch schon vor dem Gerichte jede Menschenart den ihr gebührenden Wohnplatz erhält.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,34,1)

Außerdem schreibt er allerdings:

„Wenn also der Herr das Gesetz der Toten beobachtet hat, um der Erstgeborene von den Verstorbenen zu werden, und bis zum dritten Tage in den Tiefen der Erde sich aufhielt, dann aber, im Fleische auferstand, um den Jüngern die Male der Nägel zu zeigen, ehe er zum Vater aufstieg, dann sind die widerlegt, die da sagen, die Unterwelt, das sei diese irdische Welt, und dieser ihr unterer Mensch lasse hier seinen Leib zurück, um an den überhimmlischen Ort emporzusteigen. Wenn nämlich der Herr ‚mitten im Todesschatten hinging‘, wo die Seelen der Verstorbenen waren, dann aber leiblich auferstand und nach der Auferstehung emporgehoben wurde, dann werden offenbar auch die Seelen seiner Jünger, derentwegen der Herr dies getan hat, an jenen unsichtbaren Ort abgehen, der ihnen von Gott bestimmt ist, und dort bis zur Auferstehung verbleiben, ihre Auferstehung erwartend. Dann aber werden sie, ihre Leiber wieder empfangend und vollkommen, d. h. leiblich auferstehend, wie auch der Herr auferstanden ist, zur Anschauung Gottes gelangen. (Irenäus, Gegen die Häresien V,31,2)

Hier scheint er zu implizieren, die Seelen wären zwar in dieser „Zwischenzeit“ lebendig, würden aber noch nicht Gott schauen, sondern an einem anderen Ort warten.

Der hl. Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. ganz entschieden, die Auferstehung komme erst am Ende der Zeiten und verurteilt diejenigen, die anderer Ansicht sind, als Ketzer (wobei unklar ist, ob vielleicht diese anderen Gruppen die Auferstehung des Fleisches am Ende der Zeiten ganz leugnen):

„Wenn ihr zusammenkommen solltet mit solchen, welche sich Christen nennen und obige Anschauung nicht teilen, welche dazu aber noch sich erkühnen, den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs zu lästern, und ferner behaupten, es gäbe keine Auferstehung der Toten, sondern ihre Seelen würden schon beim Tode in den Himmel aufgenommen werden, dann haltet sie nicht für Christen, so wenig als einer, wenn er richtig urteilt, behaupten dürfte, die Sadduzäer oder die verwandten Sekten der Genisten, Meristen, Galiläer, Hellenianer, Pharisäer-Baptisten seien Juden; mögen sie auch sich Juden oder Kinder Abrahams nennen und mit den Lippen Gott bekennen, ihr Herz ist aber doch, wie Gott selbst gerufen hat, ferne von ihm. Höret nicht unwillig auf mich, wenn ich alles sage, was ich denke! Ich aber und die Christen, soweit sie in allem rechtgläubig sind, wissen, daß es eine Auferstehung des Fleisches gibt, und daß tausend Jahre kommen werden in dem aufgebauten, geschmückten und vergrößerten Jerusalem, wovon der Propheten Ezechiel und Isaias und die übrigen sprechen. […]

Ferner hat einer, der bei uns war, Johannes hieß und zu den Aposteln Christi gehörte, in einer Offenbarung prophezeit, die, welche an unseren Christus glauben, werden in Jerusalem tausend Jahre verbringen, und dann werde für alle ohne Ausnahme die allgemeine und sogenannte ewige Auferstehung und das allgemeine und sogenannte ewige Gericht folgen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 80,4f. u. 81,4)

Tatian wiederum (der allgemein etwas unorthodox war) vertritt in den 170ern n. Chr. ganz eigene Ansichten; die Seelen der Ungerechten würden sich im Tod auflösen, aber beim Jüngsten Gericht zusammen mit den Körpern wieder auferstehen, um bestraft zu werden, die Seelen der Gerechten dagegen würde es zu Gott hinziehen, weil sie mit seinem Geist Gemeinschaft haben:

„Nicht unsterblich, ihr Bekenner des Griechentums, ist unsere ‚Seele‘ an sich, sondern sterblich: sie kann aber trotzdem dem Tode entrinnen. Denn sie stirbt und erfährt zusammen mit dem Körper ihre Auflösung,  wenn sie die Wahrheit nicht erkannt hat; später, am Ende des Weltlaufs, steht sie freilich mit dem Körper auf, aber nur, um als Strafe den Tod in der Unsterblichkeit zu empfangen: dagegen stirbt sie überhaupt nicht, mag auch ihre zeitweilige Auflösung erfolgen, wenn sie mit der Erkenntnis Gottes ausgerüstet ist. An und für sich ist sie Finsternis und kein Licht ist in ihr und hierauf eben bezieht sich das Wort: ‚Die Finsternis fasset nicht das Licht‘. Denn nicht die Seele ist es, die den Geist rettet, sondern sie wird von ihm gerettet und ‚das Licht fasset die Finsternis‘, wobei der Logos als das von Gott ausgehende ‚Licht‘, als ‚Finsternis‘ aber die unkundige Seele zu verstehen ist. Wenn sie daher allein für sich lebt, so neigt sie sich niederwärts zur Materie und stirbt zugleich mit dem Fleische; hat sie aber Gemeinschaft mit dem göttlichen Geiste, so ist sie nicht hilflos, sondern steigt hinauf in jene Lande, zu denen sie der Geist führt: denn seine Wohnung ist in der Höhe, ihr Ursprung dagegen in der Tiefe. Im Anfang also wohnte der Geist mit der Seele zusammen; der Geist aber hat sie verlassen, als sie ihm nicht folgen wollte. Doch da sie gleichsam einen Funken seiner Kraft behielt und nur infolge der Scheidung das Vollkommene nicht erschauen konnte, suchte sie Gott in der Irre und bildete sich viele Götter, indem sie den streitsüchtigen Dämonen folgte. Der Geist Gottes ist nun nicht mehr bei allen Menschen; bei einigen aber, deren Wandel gerecht war, ist er eingekehrt und vermählte sich mit ihrer Seele, um durch Weissagungen den übrigen Seelen das Verborgene kundzutun: und die Seelen, die der Weisheit folgten, zogen den verwandten Geist an sich, die aber nicht folgten und den Boten des Gottes, der gelitten hat, verschmähten, die zeigten sich mehr als Gottesfeinde, denn als Gottesdiener. […]

So bleibt uns nichts übrig, als nach dem, was wir besaßen und verloren haben, jetzt zu suchen: die Seele mit dem heiligen Geist zu verbinden und die gottgewollte Vermählung mit ihm zu bewirken.

Die Seele der Menschen ist nicht ein-, sondern vielteilig; denn sie ist zusammengesetzt, so daß sie überall am Leibe offenbar wird: ja sie könnte ebensowenig ohne den Leib in Erscheinung treten wie das Fleisch ohne die Seele aufstehen kann. Denn der Mensch ist nicht, wie die Rabenkrächzer lehren, ein vernünftiges, für Verstehen und Wissen empfängliches Tier (nach ihnen wird man auch von den unvernünftigen Tieren ’nachweisen‘ können, daß sie fähig seien, zu verstehen und zu wissen), sondern der Mensch allein ist Ebenbild und Gleichnis Gottes und ich nenne nicht den einen Menschen, der wie die Tiere handelt, sondern den, der über sein Menschentum hinaus zu Gott selbst gelangt ist. […] Unvergleichbar ist nur das absolut Seiende (d.i. Gott), vergleichbar nur das Ebenbildliche (d.i. der Mensch). Unfleischlich ferner ist der vollkommene Gott, der Mensch aber ist Fleisch: das Band seines Fleisches ist die Seele, Träger seiner Seele das Fleisch. Nehmen wir nun an, dieser so gestaltete (aus Fleisch und Seele bestehende) Organismus gleiche einem Tempel, so will Gott in ihm wohnen durch den Geist, seinen Abgesandten; ist er aber kein solches Heiligtum, so ist der Mensch den Tieren nur durch seine artikulierte Stimme überlegen und, da seine anderen Lebensäußerungen durchaus den tierischen gleichen, auch kein ‚Gleichnis Gottes‘. […]

Aber (wohl gemerkt): die Dämonen, die mit den Menschen schalten, sind nicht die Seelen der abgeschiedenen Menschen. Denn wie sollten sie just nach dem Tode tatkräftig werden, außer man nähme an, daß der Mensch ohne Verstand und ohne Kraft ins Leben trete und erst durch den Tod eine gewisse Kraftfülle empfange. Doch das stimmt nicht, wie ich anderswo bewiesen habe, und es wäre auch schwer zu begreifen, daß die ‚unsterbliche‘ Seele von den Gliedern des (sterblichen) Leibes gehemmt sein und erst dann, wann sie sich von ihm trenne, vernünftiger werden so.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 13 u. 15,1-4.6f. u. 16,1f.)

Man sieht also, dieses Thema war noch umstritten.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 10b: Die Auferstehung des Fleisches: Eine ausführliche Erläuterung

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): 1 Kor 15; Ez 37,1-14; Lk 24,38-43; Joh 11,24; 2 Tim 2,18; Mt 27,52f.; Joh 12,24; 1 Kor 6,14-20.

Im letzten Teil ging es allgemein um das Thema der Auferstehung des Fleisches. Das war ein Thema, das bei der heidnischen Umwelt auf Skepsis stieß; dementsprechend brachten die Christen auch genauere Erklärungen vor. Athenagoras von Athen schrieb ca. 180 n. Chr. ein Werk mit dem Titel „Über die Auferstehung der Toten“, das einige interessante Fragen angeht, und aus dem ich hier einige Auszüge bringen will.

Zuerst begründet er, wieso Gott die Macht dazu besitze, die Leiber wieder auferstehen zu lassen:

„Mögen sie nämlich behaupten, die Auferstehung sei mit Gottes Macht oder sie sei mit Gottes Willen unvereinbar, sie treffen nicht das Richtige. Die nachfolgende Abhandlung wird dies deutlich zeigen. […]

Nun aber ist es ganz ausgeschlossen, daß Gott die Natur der zur Auferstehung bestimmten Leiber nicht kennt nach all ihren Teilen und Teilchen, daß er nicht weiß, wohin ein jedes Teilchen der sich auflösender Körper gerät und welcher Teil der Materie das Aufgelöste und zu dem ihm Verwandten Hinzugetretene aufgenommen hat, wenn auch menschlichen Augen das mit dem All in naturgemäßem Anschluß wiedervereinigte völlig ununterscheidbar vorkommt. Er, der schon vor der eigenartigen Zusammensetzung eines jeden Organismus die Natur der zu schaffenden Grundstoffe kannte, aus denen die Menschenleiber bestehen, und der auch wußte, aus welchen Teilen derselben er das zur Zusammensetzung des menschlichen Leibes Nötige nehmen sollte, weiß selbstverständlich auch nach der Auflösung des Ganzen, wo ein jedes der von ihm zum Aufbau der einzelnen Leiber verwendeten Atome hingekommen ist. Nach der jetzt für uns geltenden Ordnung der Dinge und nach der Beobachtung, die wir sonst machen, ist das Vorherwissen des Nochnichtseienden mehr; aber für Gottes Würde und Weisheit ist beides naturgemäß und ist das Vorherwissen des Nochnichtseienden nicht schwieriger als die Kenntnis des Aufgelösten.“ (Über die Auferstehung der Toten 2)

„Daß er dann auch zur Auferweckung der Leiber die ausreichende Macht besitzt, beweist schon deren Entstehung. Wenn er nämlich die Menschenleiber und deren Elemente bei der ersten Zusammensetzung aus dem Nichts erschuf, wird er nach erfolgter Auflösung sie mit der gleichen Leichtigkeit auch auferwecken, wobei es gleichgültig ist, wie sie sich aufgelöst haben. Denn auch dies ist ihm gerade so leicht möglich. Und der Sache verschlägt es nichts, mag man die Elementarstoffe aus einer noch nicht differenzierten Materie oder die Menschenleiber aus den schon bestimmten Grundstoffen als dem Ursprünglichen oder aus Keimen herleiten. Eine Macht, die imstande war; die bei jenen Elementarstoffen vorausgesetzte gestaltlose Substanz zu gestalten, die ungeformte und ungeordnete durch viele und verschiedene Formen zu ordnen, die Teile der Grundstoffe zu einem einheitlichen Gebilde zu verbinden, den Keim, der einheitlich und einfach ist, zu vervielfältigen, das Ungegliederte zu gliedern, dem Leblosen Leben einzuhauchen, ist auch imstande, das Aufgelöste zu einigen, das Liegende aufzurichten, das Tote wieder zu beleben und das Verwesliche zur Unverweslichkeit emporzuheben. Einem und demselben kommt es zu, der nämlichen Macht und Weisheit, das an die Menge der mannigfachen Lebewesen, die sich an menschlichen Leibern zu vergreifen und sich an ihnen zu sättigen pflegen, Verteilte aus diesen auszuscheiden und mit den ursprünglichen Teilen und Teilchen wieder zu vereinigen, mag es nun in eines jener Lebewesen gekommen sein oder in viele und von diesen in andere, oder mag es, nachdem es mit diesen sich aufgelöst hat, in jenem natürlichen Prozesse, durch den sich alles wieder in die Grundstoffe auflöst, schon wieder zu diesen zurückgekehrt sein. Indes gerade dieser Gedanke ist es, der wohl am meisten die Köpfe verwirrte und selbst Kapazitäten stutzig machte, so daß sie, merkwürdig genug, die von der Menge vorgebrachten Bedenken für begründet hielten.“ (Über die Auferstehung der Toten 3)

Auch dass manche Leichen von Tieren gefressen werden und diese Tiere wieder von Menschen gegessen werden, oder es manchmal sogar Kannibalismus unter Menschen gebe, ändere nichts daran:

„Diese wenden ein, viele Leiber von denen, die bei Schiffbrüchen oder in Flüssen jämmerlich umkamen, seien schon Nahrung für Fische geworden, und viele Leiber der im Kriege Gefallenen oder durch ein herberes Geschick und durch den Drang der Umstände ohne Bestattung Gebliebene hätten den sie auffindenden Tieren zum Fraße gedient. Wenn nun die Leiber in der angegebenen Weise aufgezehrt werden und ihre integrierenden Teile und Teilchen zerstückelt in viele Organismen hineinkommen und sich in Form von Nahrung mit den Leibern der so ernährten Wesen vereinigen, so sei es, wendet man ein, fürs erste unmöglich, diese auszuscheiden, dann aber sei noch weniger durchführbar folgendes Zweite. Es kommen nämlich die Leiber jener Tiere, welche sich mit Menschenfleisch ernährt haben, falls sie sich zur Nahrung für Menschen eignen, selbst wieder in menschliche Mägen und werden so mit den Leibern der Essenden vereinigt; so müssen notwendig solche menschliche Teile, die den auffressenden Tieren zur Nahrung gedient haben, in andere Menschenleiber hinüberwandern, indem die mittlerweile hievon ernährten Tiere das, was ihnen zur Nahrung diente, in jene Menschen hinüberleiten, deren Nahrung sie selbst werden. Außerdem weist man mit erkünsteltem Pathos auf Kinderverzehrungen hin, zu denen Hungersnot oder Wahnsinn trieb, und auf die infolge feindlicher Überlistung von ihren eigenen Erzeugern aufgegessenen Kinder und jenen medischen Tisch und die tragischen Mahlzeiten eines Thyestes und reiht daran noch andere Begebenheiten ähnlicher Art, die sich erst jüngst bei Griechen und Barbaren zugetragen haben. Hiedurch glaubt man, die Unmöglichkeit der Auferstehung dartun zu können; denn bei der Auferstehung können nicht die nämlichen Teile verschiedenen Menschen zugewiesen werden, sondern es müssen entweder die Leiber der einen unvollständig bleiben, weil integrierende Bestandteile von ihnen in andere Menschen hineingekommen sind, oder wenn diese Teile ihren früheren Inhabern zurückerstattet werden, die Leiber der andern ein Manko erleiden.(Über die Auferstehung der Toten 4)

Entweder könne der Körper aber Nahrung aus Menschenfleisch gar nicht aufnehmen…

„Mich aber will es bedünken, daß die Vertreter solcher Ansichten zunächst von der Macht und Weisheit dessen keinen Begriff haben, der da dieses All gebildet hat und lenkt, der der Natur und Art eines jeden Lebewesens die passende und entsprechende Nahrung bestimmt hat, der angeordnet hat, daß nicht jede Natur mit jedem Leibe sich vereinige und vermische, der auch die Scheidung des Geeinigten zu bewerkstelligen vermag, der der Einzelnatur der Geschöpfe das naturgemäße Tun und Leiden zuweist und ein anderes abhält, der schließlich alles, was er will, und zu dem Zwecke, wozu er will, geschehen läßt und verändert; ferner scheinen mir jene Leute auch die Fähigkeit und Natur der ernährenden und der ernährten Wesen im einzelnen nicht erwogen zu haben. Sonst müßten sie doch wissen, daß nicht alles, was einer aus Nachgiebigkeit gegen äußeren Zwang in sich aufnimmt, für seinen Organismus naturgemäße Nahrung wird, sondern daß manches schon beim Eintritt in die Gedärme verderben muß, indem es ausgespien wird oder abgeht oder sonstwie sich verteilt, so daß es auch nicht auf kurze Zeit die erste und naturgemäße Verdauung durchmacht, geschweige denn dem zu ernährenden Körper sich assimiliert; ja es braucht sich nicht einmal alles Verdaute, das die erste Veränderung schon überstanden hat, unter allen Umständen mit den zu ernährenden Teilchen vereinigen […]“ (Über die Auferstehung der Toten 5)

„Da also zwischen den animalischen Organismen eine große von der Natur gesetzte Verschiedenheit besteht und gerade die naturgemäße Ernährung bei jeder Art derselben und bei jedem zu ernährenden Leibe eine andere ist, da es ferner hinsichtlich der Ernährung eines jeden Organismus eine dreifache Reinigung und Aussonderung gibt, so muß einerseits alles für die Ernährung eines Organismus Ungeeignete, weil es sich mit diesem nicht vereinigen kann, vollständig zerstört werden und auf natürlichem Wege abgehen oder sich zu etwas anderem hinwenden; anderseits muß die Qualität des ernährenden Leibes den Qualitäten des zu ernährenden Leibes angepaßt und naturgemäß sein und schließlich, wenn sie den naturgemäßen Weg durch die aussondernden Organe zurückgelegt hat und durch die natürlichen Läuterungsmittel sorgfältig geläutert worden ist, ein ganz reiner Zuwachs zur Leibessubstanz werden. […] Wenn also nach der Verschiedenheit der durch ihre Natur verschiedenen Organismen auch in der naturgemäßen Nahrung Verschiedenheit herrscht und von dieser selbst weder alles, was der Organismus aufgenommen hat noch auch jeder beliebige Teil hievon der Vermischung mit dem zu ernährenden Leibe fähig ist, sondern immer nur soviel, als durch die einzelnen Verdauungsstufen geläutert und zur Einigung mit dem so oder so beschaffenen Leibe vollkommen umgewandelt worden ist und sich den ernährten Teilen restlos einfügt, so kann selbstredend nie etwas Naturwidriges mit dem sich einigen, wofür es keine naturgemäße und entsprechende Nahrung ist, sondern es geht, sei es in seinem ursprünglichen Zustand oder auch zerstört, durch die Bauchhöhle ab, bevor es noch einen anderen Saft produzieren konnte, oder aber es bleibt länger darin und erzeugt dann Unbehagen oder unheilbare Krankheit, die auch die naturgemäße Nahrung oder sogar das der Nahrung bedürftige Fleisch mitzerstört. Ja – eine solche Substanz geht selbst dann, wenn sie einmal durch irgendwelche Arzneien oder durch bessere Speisen oder durch die natürlichen Kräfte überwunden und abgeführt wird, nicht ohne schwere Schädigung ab, weil sie wegen ihrer Unfähigkeit, sich zu assimilieren, der Natur des Körpers nichts Verträgliches zuführt.“ (Über die Auferstehung der Toten 6)

… oder solche Nahrung werde zwar aufgenommen, bleibe aber trotzdem im eigentlichen Sinn Teil des Körpers des Aufgegessenen, nicht des Essers, und werde irgendwann wieder ausgeschieden:

„Selbst wenn man zugibt, die aus solchen Substanzen eingehende Nahrung (dieser Ausdruck sei gebraucht, weil er nun doch einmal der gewöhnlichere ist) werde trotz ihrer Naturwidrigkeit aufgesogen und verwandle sich in einen Teil des Flüssigen oder Trockenen oder Warmen oder Kalten, wird aus diesem Zugeständnis unsern Gegnern kein Vorteil erwachsen. Denn die auferstehenden Leiber setzen sich nur aus den eigenen Teilen wieder zusammen. Nun aber ist nichts von dem Erwähnten ein Teil noch kommt ihm die Beschaffenheit und der Platz eines ständigen Teiles zu; auch bleibt es nicht für immer bei den zu ernährenden Teilen des Leibes noch steht es auf mit dem Auferstehenden. Denn Blut, Schleim, Galle, Atem sind dann nicht mehr Lebensfaktoren. Was ehemals die auf Nahrung angewiesenen Leiber brauchten, werden sie dann nicht mehr brauchen; mit der Unvollkommenheit und Sterblichkeit derselben kommt auch ihr Nahrungsbedürfnis in Wegfall. Selbst wenn man annimmt, die durch solche Nahrung hervorgerufene Veränderung erstrecke sich sogar auf das Fleisch, so folgt daraus noch lange nicht, daß das infolge solcher Nahrung schließlich veränderte Fleisch, nachdem es in den Leib eines andern Menschen hineingekommen ist, als Bestandteil zu dessen Wiederaufbau verwendet werden muß. Denn das aufnehmende Fleisch selbst hält nicht jedesmal das aufgenommene fest und dieses ist selbst für den Fall, daß es sich damit vereinigt, kein ständiger Teil und bleibt nicht dauernd bei dem Fleische, dem es sich einverleibt hat; es unterliegt vielmehr einer starken Verwandlung in andere Stoffe, mag es sich nun infolge von Arbeiten und Sorgen verteilen oder infolge von Schmerzen, von Ermüdungen und Krankheiten, von Unpäßlichkeiten, die aus Erhitzung oder Erkältung entstanden sind, verzehren, was deswegen geschehen kann, weil das Fettnetz, welches unbeschadet seines eigenen Zustandes die Nahrung aufnimmt, nicht selbst wieder mit dem Fleische und Fette sich verändert. Zwar gibt es derartige Veränderungen bei jedem Fleische, viel häufiger jedoch kann man sie bei demjenigen Fleische konstatieren, das mit nicht verwandten Stoffen ernährt wird; bald schwillt es infolge des Aufgenommenen an und wird fett, dann wieder scheidet es dasselbe aus, wie es gerade geht, und wird mager, mag nun eine einzige der früher erwähnten Ursachen dies bewirken oder der Komplex mehrerer. […] Indes werden sich Menschenleiber nie ihresgleichen assimilieren, wenn einmal einer aus Unwissenheit, von einem andern in Sinnestäuschung versetzt, von einem solchen Leibe etwas in sich aufnimmt oder von selbst aus Not oder im Wahnsinn mit dem Leibe eines Gleichartigen sich befleckt; denn wir dürfen nicht vergessen, daß es wirklich Bestien in Menschengestalt gibt, Synthesen aus Mensch und Tier, wie phantasievolle Dichter sie zu ersinnen pflegen.“ (Über die Auferstehung der Toten 7)

Die Auferstehung des Fleisches zu bewirken sei für Gott auch nicht unangemessen oder ungerecht:

„Ist etwas mit dem Willen Gottes nicht vereinbar, so liegt der Grund hiefür entweder in der Ungerechtigkeit der Sache oder in ihrer Unangemessenheit. Die Ungerechtigkeit käme in der Auferstehungsfrage in Betracht entweder in Hinsicht auf den Auferstehenden selbst oder auf irgendeinen andern neben ihm. Daß kein außerhalb der Menschheit stehendes und zur Welt gehöriges Wesen dadurch ein Unrecht erleidet, ist von vornherein klar. Den rein geistigen Naturen wird durch die Auferstehung der Menschen schwerlich ein Unrecht geschehen; denn die Auferstehung der Menschen bringt ihnen weder eine Einschränkung ihrer Existenz noch Schaden noch Unehre. Aber auch der unvernünftigen und unbeseelten Welt wird dadurch kein Unrecht widerfahren, denn diese wird nach der Auferstehung nicht mehr sein, gegen ein Nichtseiendes aber gibt es kein Unrecht; angenommen jedoch, sie bestehe in Ewigkeit fort, auch dann würde ihr durch die Erneuerung der Menschenleiber kein Unrecht geschehen; denn wenn ihr jetzt kein Unrecht geschieht, indem sie sich der menschlichen Natur und den Bedürfnissen der auf sie angewiesenen Menschen fügen muß und unterjocht und vielfach geknechtet ist, so wird dies noch viel weniger der Fall sein, wenn einmal die Menschen unsterblich und bedürfnislos geworden sind und ihre Dienste nicht mehr nötig haben, so daß sie dann aller Knechtschaft enthoben ist. Auch würde sie, wenn sie reden könnte, gewiß nicht den Weltbildner verklagen, als habe er sie gegen die Gerechtigkeit unter die Menschen erniedrigt, da er ihr nicht die nämliche Auferstehung wie diesen gewährt habe; denn ungleiche Naturen bestimmt ein Gerechter nicht zu gleichem Ziele; außerdem können Wesen, denen der Begriff der Gerechtigkeit fehlt, nicht den Vorwurf der Ungerechtigkeit erheben. Ferner kann man auch nicht behaupten, daß im Hinblick auf den auferstehenden Menschen selbst eine Ungerechtigkeit sich zeigt. Dieser besteht aus Seele und Leib; nun aber widerfährt ihm weder in Bezug auf die Seele noch in Bezug auf den Leib ein Unecht. Daß der Seele ein Unrecht geschieht, wird kein Vernünftiger behaupten wollen; er würde mit dieser Behauptung, ohne es selbst zu merken, auch den gegenwärtigen Lebenszustand verwerfen. Denn wenn ihr jetzt kein Unrecht geschehen ist, indem sie in eine sterblichen und leidensfähigen Leibe wohnt, wird dies noch viel weniger der Fall sein, wenn sie einmal mit einem unsterblichen und leidensunfähigen Leibe zusammenlebt. Aber auch dem Leibe widerfährt kein Unrecht; denn wenn ihm jetzt kein Unrecht geschieht, indem er als sterblicher Teil mit einem unsterblichen vereint ist, wird ihm auch keines geschehen, wenn er einmal als unsterblicher Teil mit einem unsterblichen vereint ist. Endlich wird auch niemand behaupten wollen, in der Auferweckung und Wiedervereinigung des aufgelösten Leibes liege für Gott eine Unangemessenheit. Denn wenn das Geringere nicht gegen Gottes Würde war, nämlich die Erschaffung eines sterblichen und leidensfähigen Leibes, so ist es noch viel weniger das Größere, nämlich das Unsterbliche und Leidensunfähige.“ (Über die Auferstehung der Toten 10)

Der Mensch sei um seiner selbst willen geschaffen und solle ewig leben, und das solle er auch mit seiner vollständigen Natur, bestehend aus Leib und Seele:

Den von der Entstehungsursache abgeleiteten Beweis bekommen wir, wenn wir uns fragen, ist der Mensch von ungefähr und zwecklos erschaffen worden oder zu einem bestimmten Zwecke; und wenn das letztere der Fall ist, ist er dann da, um nach seiner Erschaffung für sich selbst zu leben und in der ihm angeschaffenen Natur fortzubestehen oder, weil ein anderes Wesen seiner bedarf; wenn er aber in Hinsicht auf ein Bedürfnis erschaffen wurde, ist es dann der Schöpfer selbst, der seiner bedarf, oder irgendein anderes Wesen, das diesem nahe steht und sich hoher Fürsorge erfreut. Was wir schon bei einer allgemeineren Betrachtung finden können, ist die Tatsache, daß jeder Verständige, jeder, der sich durch vernünftiges Urteil zu einer Tätigkeit bewegen läßt, nichts von dem, was er vorsätzlich ins Werk setzt, zwecklos tut, sondern entweder um ein eigenes Bedürfnis zu befriedigen oder einem anderen Wesen, für das er besorgt ist, zu nützen oder wegen des Werkes selbst, wenn ihn nämlich ein natürlicher Zug, eine natürliche Liebe zu dessen Hervorbringung bewegt. So baut der Mensch (ein Beispiel möge die Sache erläutern) ein Haus, weil er selbst dessen bedarf; er baut aber auch für Rinder, Kamele oder für die anderen Tiere, die er benötigt, das einem jeden derselben passende Obdach; wenn man nach dem Augenschein urteilt, tut er dies nicht zu eigenem Gebrauche, wohl aber, wenn man den Endzweck berücksichtigt; zunächst tut er es aus Fürsorge für seine Pfleglinge. Er erzeugt auch Kinder, nicht etwa weil er selbst deren bedarf oder um eines anderen Wesens willen, das ihm nahe steht, sondern in der Absicht, daß seine Sprößlinge einfach da sind und da bleiben solang als möglich, wobei er sich mit der Nachfolge seiner Kinder und Enkel über sein eigenes Ende tröstet und das Sterbliche auf diese Weise unsterblich zu machen wähnt. So machen es die Menschen. Indes hat auch Gott den Menschen wohl nicht zwecklos erschaffen; denn er ist weise; kein Werk der Weisheit aber entbehrt des Zweckes. Auch hat er ihn nicht erschaffen, weil er selbst seiner bedürfte; denn er bedarf überhaupt nichts; einem Wesen aber, das vollständig bedürfnislos ist, kann keines seiner Werke zu eigenem Bedarfe dienen. Er hat aber auch den Menschen nicht um eines andern Geschöpfes willen gemacht; denn kein vernünftiges und urteilsfähiges Wesen wurde oder wird ins Dasein gesetzt, um einem anderen Wesen, sei es nun ein höheres oder ein geringeres, zum Gebrauche zu dienen, sondern um selbsteigenes Leben zu haben, wenn es einmal geworden ist, und selbsteigenen Fortbestand. Auch kann die Vernunft die Entstehung des Menschen nicht auf irgendein Bedürfnis zurückführen; denn die unsterblichen Wesen sind bedürfnislos und brauchen zu ihrer Existenz in keiner Weise eine menschliche Hilfe; die unvernünftigen Wesen dagegen müssen sich nach dem natürlichen Lauf der Dinge beherrschen lassen und dem Menschen die ihrer Natur entsprechenden Dienste leisten, während sie selbst nicht fähig sind, sich der Menschen zu bedienen; denn recht war es nicht und ist es nicht, das Herrschende und Führende in den Dienst eines Geringeren zu stellen oder das Vernünftige dem Unvernünftigen unterzuordnen, das doch zum Herrschen ungeeignet ist. Wenn also der Mensch nicht grund- und zwecklos geschaffen ist (denn kein göttliches Werk ist zwecklos), wenn ferner seine Entstehung weder auf ein Bedürfnis des Schöpfers selbst noch auf ein Bedürfnis eines anderen von Gott geschaffenen Wesens zurückzuführen ist, so ist es klar, daß in erster und allgemeinerer Hinsicht Gott den Menschen geschaffen hat, weil er eben Gott ist und weil überhaupt aus dem Schöpfungswerke seine Güte und Weisheit hervorleuchtet; betrachtet man jedoch die Sache mehr vom Standpunkt der geschaffenen Menschen aus, dann deswegen, weil er das Leben derselben will und zwar nicht ein Leben, das nur für kurze Zeit entfacht wird, dann aber gänzlich erlöschen soll. Den Reptilien freilich, den Luft- und Wassertieren, überhaupt allem Vernunftlosen hat Gott ein kurzes Leben beschieden, dagegen hat er den Menschen, die das Bild des Schöpfers selbst in sich tragen und mit Vernunft und unterscheidendem Verstande begabt sind, ewige Fortdauer verliehen. Denn ihre Bestimmung ist es, in der Erkenntnis ihres Schöpfers und seiner Macht und Weisheit und in der Erfüllung des Gesetzes und Rechtes die ganze Ewigkeit hindurch ohne alles Leid in jenen Gütern zu leben, durch die sie auch schon ihrem vorausgehenden Leben Festigkeit und Halt gegeben haben, obwohl sie in sterblichen und irdischen Leibern wohnten. Alles, was um eines anderen willen entstanden ist, muß, sobald das, wofür es entstanden ist, aufhört, ebenfalls zu sein aufhören; es kann nicht zwecklos fortbestehen, da die Zwecklosigkeit in den Werken Gottes keine Stätte findet; was aber gerade zu dem Zwecke entstanden ist, daß es sei und seiner Natur entsprechend lebe, das kann, weil hier die Ursache mit der Hervorbringung dieser Natur am Ziele angelangt ist und offenbar nichts anderes als die Existenz bezweckte, nie einer anderen Ursache zugänglich sein, welche die Existenz völlig aufheben würde. Vielmehr muß, weil jene Ursache offenbar jedesmal die Existenz bezweckte, das entstandene Wesen auch ganz erhalten bleiben mit all den aktiven und passiven Qualitäten, die zu seiner Natur gehören; auch muß jeder seiner beiden Bestandteile das Seinige mitbeitragen; die Seele nämlich muß in dem ihr angeschaffenen Zustand gleichmäßig sein und beharren und all das leisten, was ihr naturgemäß zukommt; es kommt ihr aber zu, die Begierden des Leibes zu beherrschen und jeden einzelnen Fall mit den gehörigen Beurteilungsmitteln und Maßstäben zu beurteilen und zu messen; der Leib dagegen muß sich naturgemäß zu all dem bewegen lassen, wozu er bestimmt ist, und die ihm beschiedenen Veränderungen annehmen, nämlich außer den andern, die auf die verschiedenen Altersstufen oder auf Gestalt und Größe sich beziehen, auch die Auferstehung. Denn eine Art Veränderung und zwar die allerletzte ist sowohl die Auferstehung als auch die Umwandlung ins Bessere, welche bei den in jener Zeit noch Lebenden erfolgen wird.“ (Über die Auferstehung der Toten 12)

„Dies (Kommende) steht für uns nicht weniger fest als das bereits Geschehene. In Anbetracht unserer Natur sind wir einerseits mit dem gegenwärtigen Lebenszustand zufrieden, mag er auch, wie es nun einmal sein muß, den Stempel der Unvollkommenheit und Vergänglichkeit tragen, anderseits aber hoffen wir mit Zuversicht auf eine Fortdauer in Unvergänglichkeit. Kein Wahngebilde menschlicher Phantasie ist es, worauf wir bauen, keine trügerische Hoffnungen sind es, womit wir uns nähren, sondern wir haben dem untrüglichsten, dem verlässigsten Bürgen vertraut, nämlich der Absicht unseres Schöpfers, die ihn bewog, den Menschen aus einer unsterblichen Seele und einem Leibe zu bilden und ihn mit Verstand und einem eingepflanzten Sittengesetz auszustatten, damit er das Heil erlange und die göttlichen Gaben bewahre, die einem verständigen und vernünftigen Leben angepaßt sind. Denn wir sind fest überzeugt, Gott hätte ein solches Wesen nicht hervorgebracht und mit allen zu einer Fortdauer dienlichen Mitteln ausgestattet, wenn er die Fortdauer dieses Geschöpfes nicht gewollt hätte. Wenn also der Weltschöpfer den Menschen dazu geschaffen hat, daß er ein verständiges Leben habe und, nachdem er einmal Gottes Herrlichkeit und Schöpferweisheit geschaut, immerdar in der Schauung dieser Dinge bleibe, wie es der Absicht des Schöpfers und der Natur des Menschen entspricht, so ergibt sich aus der Entstehungsursache die Gewißheit der ewigen Fortdauer, aus dieser aber die Gewißheit der Auferstehung, ohne die es eine Fortdauer des Menschen nicht geben könnte. So wird also die Auferstehung, wie aus dem Gesagten ersichtlich ist, durch die Entstehungsursache und durch des Schöpfers Absicht klar bewiesen.“ (Über die Auferstehung der Toten 13)

Das Jüngste Gericht (dass die Menschen auch mit dem Leib, der ihnen zum Guten oder Bösen gedient hat, belohnt oder bestraft werden sollen) sei nicht der einzige Grund für die leibliche Auferstehung:

„Denn viele, welche die Auferstehungslehre behandelten, haben den ganzen Beweis hiefür in diesem dritten Punkte gefunden, in der Meinung, die Auferstehung sei allein durch das Gericht veranlaßt. Dies aber ist ein Irrtum, der darin seine volle Widerlegung findet, daß alle verstorbenen Menschen auferstehen, aber nicht alle Auferstandenen gerichtet werden. Wäre die Gerechtigkeit im Gerichte der einzige Grund der Auferstehung, so dürften diejenigen nicht auferstehen, die weder Böses noch Gutes getan haben, nämlich die ganz kleinen Kinder. Da aber alle auferstehen dürfen, außer den andern auch die im Blütenalter Abgeschiedenen, so bestätigen jene selbst, daß die Auferstehung in erster Linie nicht wegen des Gerichtes stattfindet, sondern wegen der Absicht des Schöpfers und der Natur der geschaffenen Menschen.“ (Über die Auferstehung der Toten 14)

Der Mensch bestehe nun mal aus Seele und Leib, sei nur durch deren Zusammensetzung vollständig:

„Immer und überall gehört zur menschlichen Natur eine unsterbliche Seele und der bei der Entstehung ihr beigesellte Leib; denn Gott hat weder der Natur der Seele für sich allein noch der Natur des Leibes für sich allein diese Art der Entstehung, dieses Leben und Wirken zugewiesen, sondern dem aus beiden Faktoren bestehenden Menschen, damit derselbe mit den Bestandteilen, durch die er entstanden ist und lebt, auch wirke und ein einheitliches, beiden Bestandteilen gemeinsames Endziel habe. Ist auch der Mensch aus zwei verschiedenen Naturen zusammengesetzt, so ist er doch ein einheitliches Wesen, das bald seelische, bald körperliche Affekte empfindet und Dinge unternimmt und ausführt, welche bald die sinnliche, bald die geistige Urteilskraft in Anspruch nehmen. So muß sich denn die ganze Verkettung dieser Zustände und Tätigkeiten auf ein einheitliches Endziel beziehen; alles muß sich zu harmonischer Einheit, zu voller Zusammenstimmung im Menschenwesen vereinigen, Entstehung und Natur, Leben, Tun und Leiden, das irdische Wirken und das naturgemäße Endziel. Herrscht im ganzen Wesen, sowohl in den seelischen Vorgängen wie in den körperlichen Verrichtungen, Zusammenhang und Zusammenklang, dann muß auch das Endziel der zusammenstimmenden Teile ein einheitliches sein. Einheitlich aber wird das Endziel in Wahrheit nur dann sein, wenn derjenige, dessen Endziel es eben ist, seiner Zusammensetzung nach das nämliche Wesen bleibt; das nämliche Wesen wird er aber offenbar nur dann bleiben, wenn alle Bestandteile seines Wesens die nämlichen bleiben; diese aber werden die nämlichen bleiben und die ihnen charakteristische Einigung aufzeigen, sobald die getrennten Teile zur Zusammensetzung des Wesens wieder vereinigt werden; ist es aber notwendig, daß die getrennten Teile zusammengesetzt werden, damit die nämlichen Menschen wieder entstehen, so ist damit die Auferstehung der entseelten und aufgelösten Leiber bewiesen. Denn ohne die Auferstehung könnten weder die nämlichen Teile naturgemäß miteinander vereinigt werden noch könnte die Natur der nämlichen Menschen zustande kommen. Und wenn Vernunft und Verstand den Menschen dazu gegeben ist, daß sie das Geistige erfassen, nicht nur (konkrete) Wesenheiten, sondern auch die Güte, Weisheit und Gerechtigkeit des Gebers, so muß, da gerade das (Ziel), um dessentwillen der unterscheidende Verstand gegeben ist, fortdauert, auch das hiezu gegebene unterscheidende Vermögen fortdauern. Dieses aber könnte nicht fortdauern, wenn nicht die Natur, die dasselbe in sich aufgenommen hat, in denen, in welchen sie jetzt ist, auch fortdauerte. Was aber Vernunft und Verstand in sich aufgenommen hat, ist der ganze Mensch, nicht die Seele für sich allein. In Ewigkeit fortdauern muß also der aus Seele und Leib bestehende Mensch. Dies ist aber nur dann möglich, wenn er aufersteht. Findet keine Auferstehung statt, so kann die Menschennatur als solche nicht fortdauern. Gibt es aber keine Fortdauer der Menschennatur, dann ist die Seele zwecklos mit der Armseligkeit und den Affekten des Leibes zusammengekoppelt, zwecklos ist dann auch der Leib hinsichtlich der Befriedigung seiner Begierden gefesselt, da er sich die Lenkung und Leitung durch die Seele gefallen lassen muß, zwecklos ist die Vernunft gegeben, zwecklos ist das Denken und die Beobachtung der Gerechtigkeit oder die Übung jeglicher Tugend, die Abfassung und Aufstellung von Gesetzen, überhaupt alles, was es in der Menschheit und wegen der Menschheit Schönes gibt, ja sogar die Entstehung und Natur der Menschen selbst. Ist dagegen die Zwecklosigkeit von allen Werken Gottes und von allen seinen Gaben vollständig ausgeschlossen, dann muß eben mit der unsterblichen Seele in alle Ewigkeit auch der Leib fortdauern und zwar in der ihm eigentümlichen Natur.“ (Über die Auferstehung der Toten 15)

Es mache keinen Unterschied, dass dieses Leben durch den Tod, der Leib und Seele vorübergehend scheidet, unterbrochen werde; die geistige Seele lebe von Natur aus ewig, dem Leib müsse dieses ewige Leben noch einmal extra von Gott verliehen werden (hier wird noch mal der Unterschied zwischen Menschen, Engeln und Tieren/Pflanzen deutlich gemacht):

„Man nehme keinen Anstoß daran, wenn wir ein Leben, das durch Tod und Verwesung unterbrochen wird, Fortdauer nennen; man bedenke vielmehr, daß dieses Wort nicht nur in einem Sinne gebraucht wird und daß der Begriff der Fortdauer mehreres bedeutet, da ja auch die Natur der Fortdauernden nicht eine und dieselbe ist. Denn wenn ein jedes Fortdauernde eine seiner eigenen Natur entsprechende Fortdauer hat, so muß offenbar das schlechthin Unverwesliche und Unsterbliche eine andere Fortdauer haben, da man die stärkeren Wesenheiten nicht auf die gleiche Stufe stellen darf mit den untergeordneten. Es wäre daher unbillig, beim Menschen jene gleichmäßige und unveränderte Fortdauer zu verlangen; denn während jene höheren Wesen von Anfang an unsterblich sind und nach dem Willen des Schöpfers sich ewiger Fortdauer erfreuen, hat der Mensch von Geburt an nur mit seinem seelischen Teile eine unveränderte Fortdauer; hinsichtlich seiner Leiblichkeit bekommt er die Unverweslichkeit erst infolge einer Veränderung. Das ist der Sinn und Zweck der Auferstehung. Im Hinblick auf diese sehen wir der Auflösung des Leibes, die nun einmal auf das mit Unvollkommenheit und Verweslichkeit behaftete Erdenleben folgen muß, getrost entgegen und erwarten nach diesem Leben eine Fortdauer in Unverweslichkeit. Denn wir wissen zwischen unserem Lebensende und dem der unvernünftigen Wesen, zwischen der Fortdauer der Menschen und der Fortdauer der unsterblichen Wesen wohl zu unterscheiden und wollen nicht den Fehler machen, die Natur und das Leben der Menschen mit Ungehörigem zusammenzustellen. Man darf sich also nicht daran stoßen, wenn bei der Fortdauer des Menschen eine Ungleichheit sich zeigt, und die Auferstehung ablehnen, weil eine Trennung der Seele vom Leibe, weil eine Auflösung der Teile und Teilchen den Lebenszusammenhang unterbricht. Auch das sinnenfällige Leben wird, da die Menschen in gleichen Zeitabständen schlafen und dann sozusagen wieder aufleben, durch den natürlichen Ausfall der Empfindungen und das Pausieren der physischen Kräfte während des Schlafes scheinbar unterbrochen; aber trotzdem tragen wir kein Bedenken, von einem und demselben Leben zu reden. […]

Die menschliche Natur ist nun einmal von Anfang an nach dem Willen des Schöpfers mit Ungleichheit ausgestattet; diese zeigt sich daher auch im Leben und in der Fortdauer; jetzt führt der Schlaf, dann der Tod eine Unterbrechung herbei; hieher gehören auch alle Veränderungen, welche durch die jeweilige Altersstufe bedingt sind. Dabei lassen sich die späteren Zustände aus den früheren keineswegs klar und deutlich erschließen.“ (Über die Auferstehung der Toten 16-17)

Das Jüngste Gericht sei aber trotzdem ein Grund für die Auferstehung; die Menschen hätten ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit, das gestillt werden müsse, und zwar müsse der ganze Mensch aus Leib und Seele belohnt oder bestraft werden:

„Glaubt man an Gott als den Schöpfer dieses Alls, so muß man, wofern man seinen eigenen Prinzipien nicht untreu werden will, aus seiner Weisheit und Gerechtigkeit den Schluß ziehen, daß er für alles Geschaffene wacht und sorgt; auf Grund dieser Erkenntnis muß man dann überzeugt sein, daß nichts von den irdischen und himmlischen Dingen ohne Aufsicht und Fürsorge gelassen ist und daß sich die Aufmerksamkeit des Schöpfers auf alles in gleicher Weise erstreckt, auf Unsichtbares und Sichtbares, auf Kleines und Größeres. Denn sowohl die Gesamtheit der Geschöpfe bedarf der Fürsorge des Schöpfers als auch jedes einzelne je nach seiner Natur und seinem Zwecke. Es wäre jedoch ein übel angebrachter Eifer, jetzt alle einzelnen Arten anzuführen oder das einer jeden Natur Zuträgliche aufzuzählen; nur über den Menschen müssen wir hier reden; denn er ist der Gegenstand unserer Untersuchung. Der Mensch braucht als bedürftiges Wesen Nahrung, als sterbliches Wesen Nachfolge, als vernünftiges Wesen Gerechtigkeit. Wenn aber ein jedes der genannten Bedürfnisse dem Menschen naturgemäß ist, wenn er der Nahrung bedarf zum Leben, der Nachfolge zur Fortdauer seines Geschlechtes, der Gerechtigkeit, damit Nahrung und Nachfolge den Gesetzen entsprechen, so muß wohl, da Nahrung und Nachfolge auf die Doppelnatur Bezug haben, auch die Gerechtigkeit sich darauf beziehen; ich verstehe aber unter Doppelnatur den aus Seele und Leib bestehenden Menschen und behaupte, daß der Mensch gerade in dieser Doppelnatur für alle seine Handlungen verantwortlich ist und die ihm gebührende Ehre oder Strafe empfängt. Wenn also ein gerechtes Gericht die Vergeltung der Taten auf die Doppelnatur des Menschenwesens ausdehnt und weder die Seele allein den Lohn einstreichen darf für das, was sie mit Hilfe des Leibes vollbrachte (an und für sich ist sie nämlich erhaben über all die Verirrungen, die bei Befriedigung der Sinnlichen Begierden, bei Ernährung und Schmuck des Leibes vorkommen), noch der Leib allein (denn an und für sich kann er Gesetz und Recht nicht erkennen), sondern der aus beiden bestehende Mensch für jede seiner Taten die Vergeltung empfängt, dies aber, wie man bei verständiger Betrachtung finden kann, weder im gegenwärtigen Leben geschieht (im Erdenleben kommt nämlich die Gerechtigkeit nicht zum Siege, da viele, die von Gott nichts wissen wollen und sich ungescheut jeder Gesetzwidrigkeit und Schlechtigkeit hingeben, bis zu ihrem Lebensende von Leiden verschont bleiben, während umgekehrt Leute, die einen in jeder Hinsicht musterhaften Lebenswandel aufweisen können, in Kümmernissen dahinleben, in Kränkungen und Verdächtigungen, in Beschimpfungen und jeder Art von Ungemach) noch nach dem Tode (es ist ja die substanzielle Einigung der beiden Teile aufgehoben, nachdem sich die Seele vom Leibe getrennt hat und auch der Leib selbst wieder in die Elemente zerfallen ist, aus denen er sich aufbaute, und von seiner früheren Bildung oder Gestalt nichts mehr behalten hat, geschweige denn die Erinnerung an seine Taten), so ist für jeden sonnenklar, was noch übrig bleibt, nämlich daß nach dem Worte des Apostels dieses Verwesliche und Auflösbare sich mit Unverweslichem bekleiden muß, damit, wenn infolge der Auferstehung das Tote wieder zum Leben erweckt und das Geschiedene oder auch schon ganz Aufgelöste wieder vereinigt ist, ein jeder in gerechter Weise ernte, was er mittels seines Leibes getan hat, sei es Gutes oder Böses.(Über die Auferstehung der Toten 18)

Wenn es einen gerechten Gott gibt, muss es ein Gericht geben; im gegenwärtigen Leben findet das aber nicht statt:

„Wenn nun aber der Schöpfer des Menschengeschlechtes für seine Werke Sorge trägt und das gerechte Gericht über die im Leben vollbrachten guten oder bösen Werke irgendwo stattfinden muß, so könnte dies entweder im gegenwärtigen Leben geschehen, solange diejenigen, die tugendhaft oder schlecht lebten, noch da sind, oder nach dem Tode, solange sie noch getrennt und aufgelöst sind. Jedoch nach keiner dieser beiden Möglichkeiten sieht man das gerechte Gericht sich vollziehen. Denn im gegenwärtigen Leben wird weder den Braven die Tugend noch den Bösen die Schlechtigkeit vergolten. Ich will gar nicht erwähnen, daß in unserem gegenwärtigen Lebenszustande die sterbliche Natur gar nicht fähig wäre, für zahlreichere oder schwerere Vergehungen die entsprechende Strafe zu tragen. Ein Räuber, ein Herrscher oder Tyrann, der Tausende und Abertausende ungerecht ums Leben gebracht hat, kann durch sein einmaliges Sterben wohl nicht die schuldige Busse für seine Missetaten entrichten. Wer sich von Gott nie eine richtige Vorstellung zu machen sucht, wer in schrankenloser Selbstüberhebung frech und gewissenlos die Gesetze bricht, wer Knaben und Weiber schändet, wer Städte ungerecht zerstört, Häuser mitsamt den Bewohnern verbrennt, ein Land verheert und dabei Gemeinden und Stämme oder gar ein ganzes Volk vertilgt, wie könnte ein solcher mit seinem vergänglichen Leibe stark genug sein, um die solchen Verbrechen gebührende Strafe abzubüßen, da ja der Tod die volle Vergeltung ausschließt und die sterbliche Natur zu schwach ist, auch nur für einen dieser Frevel die Strafe auszuhalten? Im gegenwärtigen Leben findet also das gerechte Gericht nicht statt.“ (Über die Auferstehung der Toten 19)

Ein Gericht über die Seele allein wäre nicht genug:

Werden nämlich die guten Handlungen belohnt, so geschieht hiebei offenbar dem Leibe Unrecht; denn er mußte mit der Seele zwar an den Mühen teilnehmen, mit denen die Arbeit verbunden war, darf aber nicht teilnehmen an der Ehre, mit denen die guten Handlungen gekrönt werden, und während oft die Seele für manche Fehler wegen der Unvollkommenheit und Armseligkeit des Leibes Verzeihung erhält, wird der Leib selbst von der Gemeinschaft ausgeschlossen, obwohl die guten Handlungen, um derentwillen er im Leben Mühen ertragen mußte, nicht ohne diese Gemeinschaft zustande kamen. Werden aber die Verfehlungen gerichtet, dann kommt hiebei die Seele nicht zu ihrem Rechte, wenn sie allein büßen sollte, was sie auf Drängen des Leibes hin, der sie zu seinen eigenen Begierden und Regungen herabzog, gefehlt hat, bald infolge räuberischen Überfalls und heimlicher Nachstellung, bald in noch gewaltsamerem Ansturm, bald aber auch mit Zustimmung aus Nachgiebigkeit und Gefälligkeit gegen die Natur des Leibes. Oder wie sollte es nicht ungerecht sein, wenn die Seele für sich allein gerichtet würde wegen solcher Dinge, zu denen sie sich ihrer eigenen Natur nach gar nicht hingezogen fühlt und wozu sie weder Hang noch Drang in sich verspürt, wie da sind Wollust, Gewalttat, Habsucht, Unredlichkeit und die dabei vorkommenden Ungerechtigkeiten? Geschieht ja doch die Mehrzahl der genannten Übel nur infolge davon, daß die Menschen die belästigenden Begierden nicht beherrschen; belästigt aber werden sie durch die Unvollkommenheit und Armseligkeit des Leibes und durch die ihm gewidmete Sorge und Pflege; denn aller Besitz und noch mehr die Benutzung desselben, ebenso die Verehelichung und alle äußeren Handlungen im Leben, bei denen und in denen man von Erfolg und Mißerfolg spricht, bezwecken nichts anderes als die Befriedigung leiblicher Bedürfnisse. Wie sollte es also gerecht sein, wenn die Seele allein gerichtet würde wegen solcher Dinge, bei denen zunächst nur der Leib beteiligt ist, der dann erst die Seele zur Mitleidenschaft und zur Teilnahme an den ihm zusagenden Handlungen hinzieht? Nachdem nun einmal die sinnlichen Begierden und Lustgefühle, ebenso die Furcht- und Schmerzgefühle, bei welchen alles Unordentliche straffällig ist, im Leibe ihren Ursprung haben, ist es ungerecht, die daraus folgende Sündenschuld und die an die Sündenschuld geknüpften Strafen auf die Seele allein abzuladen, die doch etwas Derartiges weder nötig hat noch anstrebt noch fürchtet, die überhaupt für sich allein nichts von dem empfindet, was naturgemäß erst der ganze Mensch empfindet. Aber auch für den Fall, daß wir die Leidenschaften nicht dem Leibe allein zuschreiben, sondern dem ganzen Menschen (eine ganz richtige Behauptung, da sein Leben das einheitliche Produkt zweier ganz verschiedenen Faktoren ist), werden wir sie noch lange nicht der Seele auf Rechnung setzen, sobald wir uns von der Eigenart ihres Wesens eine klare Vorstellung machen. Wenn sie nämlich ein für allemal kein Bedürfnis nach Nahrung hat, wird sie wohl auch nie nach Dingen trachten, die sie zu ihrer Existenz in gar keiner Weise benötigt, und wohl auch nie etwas von dem anstreben, womit sie ihrer Natur nach überhaupt nichts anzufangen weiß; auch wird sie sich wohl nie über Mangel an Geld oder Gut abhärmen, da solche Dinge für sie ganz belanglos sind. Wenn sie ferner die Vernichtung überdauert, so ist sie auch über jede Furcht erhaben, da es nichts gibt, was ihr den Untergang bringen könnte; sie fürchtet weder Hunger noch Krankheit weder Verstümmelung noch Marter, weder Feuer noch Schwert; denn nichts hievon kann ihr Schaden oder Schmerz verursachen, da Körper und körperliche Kräfte auf sie überhaupt nicht einwirken. Wie es nun aber ungereimt ist, die Leidenschaften ausschließlich der Seele zuzuschreiben, so ist es auch überaus ungerecht und des göttlichen Strafgerichtes unwürdig, die daraus folgende Sündenschuld und die daran geknüpften Strafen auf die Seele zu beschränken.

Wie sollte es also nicht ungereimt sein, die Ehre, beziehungsweise die Strafe für Tugend und Schlechtigkeit, welch letztere an der Seele allein nicht einmal gedacht werden können (denn die Tugenden sind offenbar Tugenden des Menschen, wie ja auch die ihnen entgegengesetzte Schlechtigkeit nicht der vom Leibe getrennten und für sich allein seienden Seele zukommt), auf die Seele allein einzuschränken? Oder wie könnte man sich an der Seele allein Mannhaftigkeit und Stärke denken, da sie doch vor Tod, vor Verwundung und Verstümmelung, vor Beschädigung und Entehrung, vor den damit verbundenen Schmerzen oder den daraus entspringenden Leiden nicht die mindeste Furcht hat? Wie ferner Enthaltsamkeit und Mäßigung, da die Seele von keiner Begierde zum Genusse von Speise und Trank, zu geschlechtlichem Verkehr, zu den sonstigen sinnlichen Lüsten und Freuden hingezogen wird, zumal sie weder innerlich von etwas belästigt noch äußerlich von etwas gereizt wird? Wie ferner Klugheit, da nichts von dem, was zu tun oder nicht zu tun ist, was zu wählen oder zu fliehen ist, in ihr selbst seinen Grund hat, vielmehr gar keine Neigung, gar kein natürlicher Trieb zu einer äußeren Handlung ihr innewohnt? Worin kommt überhaupt den Seelen die Gerechtigkeit gegeneinander oder gegen ein anderes der gleichartigen oder der verschiedenartigen Wesen von Natur zu? Haben ja doch die Seelen weder das Material noch die Mittel noch die Fähigkeit, den Forderungen der Gerechtigkeit oder Billigkeit nachzukommen; nur die Gottesverehrung ist ihnen möglich. Auch sonst haben sie keine Neigung und keinen Trieb in sich, das Eigene zu benutzen und des Fremden sich zu enthalten, da man doch nur bei den natürlichen Dingen von Benutzung und nur bei den zur Benutzung bestimmten Dingen von Enthaltung redet, die Seele selbst aber weder ein Bedürfnis kennt noch die Fähigkeit hat, irgendwelche Dinge oder irgendwelches Ding zu benutzen; daher kann denn auch bei der so beschaffenen Seele keine sogenannte Ausübung eigener Geschäfte wahrgenommen werden.

Das allerwidersinnigste indes ist es, wenn man zur Haltung der göttlichen Gebote den ganzen Menschen verpflichtet, dagegen die Vergeltung für das gesetzmäßige oder gesetzwidrige Verhalten auf die Seelen einschränkt. Wenn nämlich der Empfänger der Gebote billigerweise auch die Verantwortung für eine etwaige Verletzung derselben tragen muß, der Empfänger der Gebote aber der Mensch ist und nicht die Seele für sich allein, so ist es eben der Mensch, der auch die Verantwortung für seine Fehltritte tragen muß, und nicht die Seele für sich allein. Denn nicht den Seelen hat Gott befohlen, sich gewisser Dinge zu enthalten, die ihnen ganz ferne liegen, wie Ehebruch, Mord, Diebstahl, Raub, Unehrerbietigkeit gegen die Eltern, überhaupt jede auf Beleidigung oder Schädigung des Nächsten gerichtete Begierde. Denn das Wort: ‚Ehre deinen Vater und deine Mutter!‘ paßt nicht auf die Seelen als solche; diese Titel kommen ja nicht den Seelen zu; denn nicht Seelen, die etwa Seelen erzeugen, werden als Vater oder Mutter bezeichnet, sondern Menschen, welche Menschen erzeugen, Auch das Gebot: ‚Du sollst nicht ehebrechen!‘ kann ohne logischen Verstoß wohl nie über Seelen ausgesagt oder auf Seelen bezogen werden, da die Seelen weder geschlechtlich sich unterscheiden noch zu geschlechtlichem Verkehr geeignet sind oder ein Verlangen darnach haben; weil ein solches Verlangen gar nicht besteht, so kommt es unmöglich zu einem Geschlechtsverkehr. Bei Wesen aber, bei denen ein Geschlechtsverkehr überhaupt ganz ausgeschlossen ist, gibt es nicht einmal den erlaubten Geschlechtsverkehr, nämlich die Ehe. Wo es aber nicht einmal den gesetzlich erlaubten Geschlechtsverkehr gibt, kann es noch viel weniger jenes unerlaubte Verlangen nach einem fremden Weibe oder eine derartige Beiwohnung geben; denn dies versteht man unter Ehebruch. Auch das Verbot des Diebstahls und der Übervorteilung kann sich nicht auf die Seelen beziehen; diese bedürfen ja gar nicht jener Dinge, um derentwillen infolge natürlichen Mangels oder Bedürfnisses Diebstähle und Räubereien begangen werden, als da sind Gold oder Silber oder ein lebendiges Wesen oder etwas anders, das zur Nahrung oder Bedeckung oder sonst einem Gebrauche dient; für eine unsterbliche Natur ist alles wertlos, was den bedürftigen Wesen als Gebrauchsgegenstand erstrebenswert erscheint.“ (Über die Auferstehung der Toten 21-23)

Die Menschen haben ein Endziel, und das ist das Leben in der Anschauung Gottes als ganze Menschen:

„Es wäre doch nicht recht anzunehmen, daß Wesen, die nach immanenten Sitten- und Vernunftgesetzen handeln und daher auch ein verständiges und moralisches Leben führen, kein höheres Ziel hätten als jene Geschöpfe, die der logischen Unterscheidung entbehren. Somit dürfte für die Menschen nicht die Schmerzlosigkeit als Endziel bestimmt sein; diese käme ja auch den ganz empfindungslosen Wesen zu. Aber auch nicht im Genusse dessen, was den Leib nährt und ergötzt, und in einer Fülle sinnlicher Lustgefühle kann das Endziel der Menschen liegen; sonst hätte das tierische Leben notwendig den Vorrang und das tugendhafte Leben wäre zwecklos; solches mag für Herdenvieh ein geeignetes Endziel sein, aber nicht für Menschen, die eine unsterbliche Seele haben und logischer Unterscheidung fähig sind.

Aber auch die Seligkeit der vom Leibe getrennten Seele kann nicht das Endziel der Menschen sein. Wie nämlich unsere Betrachtung zeigte, kann man nicht von einem Leben oder Endziel nur eines der beiden Teile, die das Menschenwesen konstituieren, reden, sondern nur von einem Leben und Endziel des Ganzen, Ein solches Ganze aber ist jeder Mensch, der dieses Leben erlost hat, und sein Leben muß ein eigenes Endziel haben. Wenn es aber nur ein Endziel des Ganzen gibt, dieses Endziel aber aus den schon wiederholt angeführten Gründen weder in diesem Leben, solange die Menschen noch auf Erden sind, gefunden werden kann noch auch dann, wann die Seele vom Leibe getrennt ist, weil nach der Auflösung oder auch vollständigen Zerstreuung des Leibes trotz des Fortbestandes der Seele der Mensch nicht so vorhanden ist, wie er nun einmal nach der Beschaffenheit seines Wesens sein muß, so ist es absolut notwendig, daß sich das Endziel der Menschen in einer neuen Zusammenstellung des wiederum aus beiden Teilen bestehenden Wesens zeige. Da dies ein zwingender Schluß ist, so muß unter allen Umständen eine Auferstehung der entseelten oder auch ganz aufgelösten Leiber stattfinden und es müssen die nämlichen Menschen wieder in der Doppelnatur ihres Wesens auftreten. Denn das Naturgesetz bestimmt das Endziel nicht blindlings und auch nicht als Endziel irgendwelcher beliebigen Menschen, sondern als Endziel gerade jener, die früher einmal schon gelebt haben; nun aber können die nämlichen Menschen nicht wieder erscheinen, wenn nicht die nämlichen Leiber den nämlichen Seelen zurückgegeben werden. Daß aber die nämliche Seele wieder den nämlichen Leib erhält, ist auf anderem Wege nicht möglich; das kann nur durch die Auferstehung geschehen. Erst wenn diese eingetreten ist, kann das der menschlichen Natur entsprechende Endziel erfolgen. Das Endziel eines verständigen Lebens und logischen Unterscheidens wird man aber, ohne fehl zu gehen, darin erblicken dürfen, daß der Mensch unzertrennlich und ewig mit dem zusammenlebt, wozu ihm der natürliche Verstand hauptsächlich und zunächst verliehen ist, und daß er in der Anschauung des Gebers und seiner Ratschlüsse unaufhörliche Wonne empfindet. (Über die Auferstehung der Toten 24-25)

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Auferstehung Jesu. Bildquelle hier.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 10a: Die Auferstehung des Fleisches

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): 1 Kor 15; Ez 37,1-14; Lk 24,38-43; Joh 11,24; 2 Tim 2,18; Mt 27,52f.; Joh 12,24; 1 Kor 6,14-20.

Die ersten Christen redeten wesentlich häufiger als die heutigen über das Thema der „Auferstehung des Fleisches“ – mittlerweile ist ja sogar in der deutschen Übersetzung des Credos der Ausdruck „Auferstehung des Fleisches“ durch „Auferstehung der Toten“ ersetzt worden, was nicht direkt falsch, aber doch verschleiernd ist. Viele Christen sind sich heute gar nicht mehr so bewusst, dass wir eigentlich an mehr glauben als ein Weiterleben der Seele. Aber doch, das tun wir. Der Mensch besteht aus Körper und Seele, beides für sich ist unvollständig. Die Seele – da nicht materiell, nicht aus Teilen bestehend, also nicht zerstörbar – ist unsterblich und lebt weiter, wenn der Körper sich von ihr trennt und zerfällt. Sie wird gleich nach dem Tod gerichtet und kommt entweder in den Himmel (= zur beseligenden Anschauung Gottes) oder in die Hölle (bzw. vor dem Eintritt in den Himmel evtl. noch für eine Reinigungszeit ins Fegefeuer). Aber am Jüngsten Tag wird Gott auch die Körper wieder herstellen – in verwandelter Weise, jetzt unzerstörbar – und sie werden sich wieder mit den zu ihnen gehörenden Seelen vereinigen, sodass die Menschen wieder vollständig sind. Das Gericht über alle Menschen wird noch einmal öffentlich gemacht werden, und die einen werden dann mit Seele und Leib in der Hölle und die anderen mit Seele und Leib im Himmel sein.

Die frühen Christen machten immer wieder deutlich, dass es ihnen eben um eine wirkliche, leibliche, wundersame Auferstehung geht, so wie Jesus schon den Anfang gemacht hat, der auch mit Seele und Leib auferstanden ist, und seine Menschheit (aus Seele und Leib bestehend) mit in den Himmel genommen hat. (Die Evangelien zeigen das ja auch immer wieder: Jesus zeigt den Jüngern nach seiner Auferstehung, dass er eben kein bloßer Geist ist, sondern angefasst werden kann und sogar essen kann.)

Jetzt also die frühchristlichen Texte dazu:

Papst Clemens von Rom schreibt um 95 n. Chr.:

„Erwägen wir, Geliebte, wie der Herr fortwährend uns zeigt, dass es eine künftige Auferstehung geben werde, zu deren Anfang er den Herrn Jesus Christus selbst machte, da er ihn von den Toten erweckte.“ (1. Clemensbrief 24,1)

Im sog. 2. Clemensbrief, der aber vielleicht nicht von Clemens stammt, sondern ein paar Jahrzehnte später entstanden ist, heißt es:

„Und keiner von euch sage, dass dieses Fleisch nicht gerichtet wird und nicht aufersteht. Bedenket, worin seid ihr erlöst worden, worin ging euch das Licht auf, wenn nicht während eures Wandels in diesem Fleische? Deshalb müssen wir dieses Fleisch behüten wie einen Tempel Gottes. Wie ihr nämlich im Fleische berufen worden seid, so werdet ihr auch im Fleische (zu ihm) kommen. Wenn nämlich Christus, der Herr, unser Erlöser, der zuerst Geist war, Fleisch geworden ist und so uns berufen hat, so werden auch wir in diesem Fleische unseren Lohn bekommen.“ (2. Clemensbrief 9,1-5)

Tatian schreibt ca. um 170 n. Chr.:

„Und deshalb hegen wir den Gauben, daß nach der Vollendung aller Dinge auch die Leiber auferstehen werden, nicht, wie die Stoiker meinen, indem nach bestimmten zyklischen Perioden dieselben Dinge immer wieder zwecklos entständen und vergingen, sondern überhaupt nur einmal, nach Vollendung der gegenwärtigen Zeit, und zwar dazu, um einzig und allein die Menschen des Gerichtes wegen zu versammeln. Es richten uns aber nicht Minos und Rhadamanthys, vor deren Tod, wie man fabelt, keine Seele gerichtet worden sei, sondern Richter wird Gott der Schöpfer selbst sein. Mögt ihr uns auch für Schwätzer und Possenreißer halten, uns kümmert das nicht, da wir dieser Lehre Gauben geschenkt haben. Denn wie ich nicht war, bevor ich wurde, und deshalb auch nicht wußte, wer ich sein würde, sondern nur potentiell in der fleischlichen Materie existierte, dann aber, da ich ja nicht von Anfang an war, erst infolge meiner Geburt die Überzeugung von meiner Existenz erlangte: ebenso werde ich, der Gewordene und durch den Tod wieder Ausgelöschte und von keinem mehr Erschaute, abermals sein, wie ich ja dereinst, da ich nicht von Anfang an existiert habe, auch erst zum Leben geboren werden mußte. Ob auch Feuer mein Fleisch vernichte, das All nimmt die in Dampf verwandelte Materie auf; ob ich in Strömen oder in Meeren zugrunde gehe oder von wilden Tieren zerfleischt werde, in der Schatzkammer eines reichen Herrn werde ich geborgen. Der arme Gottesleugner freilich kennt die dort niedergelegten Schätze nicht; Gott aber, der Herrscher, wird, wann er will, die ihm allein sichtbare Potenz in den früheren Zustand zurückversetzen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 6)

Interessant sind auch die Paulusakten, die wohl aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts stammen, und die auch den apokryphen sog. 3. Korintherbrief enthalten, der nicht von Paulus stammt, aber dessen Autor auch einige Stellen aus den kanonischen Paulusbriefen mehr oder weniger übernimmt. Damals hatten verschiedene gnostische Sekten einige Anhänger; die Gnostiker waren Esoteriker, die der Meinung waren, dass man durch ein bestimmtes Wissen aus der Welt erlöst würde, und die die materielle Schöpfung für das Werk von untergeordneten Wesen, nicht Gott, hielten, und alles Materielle für schlecht hielten. Die christlichen Gnostiker, die auch diese besondere Figur Jesus für sich beanspruchen wollten, aber eigentlich sonst nicht sehr viel mit den anderen Christen gemeinsam hatten, behaupteten, Jesus wäre zwar ein überirdisches Wesen, aber wäre nicht wirklich Mensch geworden, sondern nur in einer menschlichen Gestalt erschienen (sog. Doketismus), und lehnten das Alte Testament, das Gott als Schöpfer der Welt bezeichnet, ab. Der Autor von 3 Korinther hielt es offenbar für nötig, einen noch deutlicheren Text als die schon vorhandenen neutestamentlichen Texte zu produzieren, und ihn Paulus zuzuschreiben, um die Gnostiker zu widerlegen:

„[Denn es] waren in [großer] Betrübnis die Korinther [wegen] Paulus, daß er aus der Welt gehen würde, ehe es an der Zeit wäre. Denn es waren Männer nach Korinth gekommen, Simon und Kleobius, die sagten, daß es keine Auferstehung des Fleisches gäbe, sondern (nur) die des Geistes, und daß der Körper des Menschen kein Gebilde Gottes sei; und von der Welt (sagten sie), daß Gott sie nicht geschaffen habe, und daß Gott die Welt nicht kenne; und daß Jesus Christus nicht gekreuzigt, sondern nur Schein gewesen sei und daß er nicht aus Maria noch aus dem Samen Davids geboren sei. Mit einem Wort: vieles war es, was sie in Korinth [verkündet?] haben, indem sie [viele andere] betrogen [… und] sich selber. [Deswegen] als [die Korinther] gehört hatten, [daß Paulus in Philippi wäre,] schickten sie einen [Brief an Paulus] nach Macedonien [durch] Threptus [und] Eutychus [die Diakonen]. Der Brief aber war [von dieser Gestalt]:

(Brief der Korinther an Paulus)

Stephanus und die Presbyter, die mit ihm sind, Daphnus, Eubulus, Theophilus und Xenon grüßen den Paulus [den Bruder] im Herrn.

Es sind zwei Männer nach Korinth gekommen, namens Simon und Kleobius, die verkehren etlicher Glauben durch verderbliche Worte, welche du prüfen sollst. Denn niemals haben wir solche Worte weder von dir noch von anderen Aposteln gehört; vielmehr was wir von dir und jenen empfangen haben, das bewahren wir. Da nun der Herr Erbarmen uns erweist, daß wir, während du noch im Fleische bist, solches noch einmal von dir hören sollen, so schreibe uns oder komme zu uns. Wir glauben nämlich, wie es der Theonoe offenbart ist, daß dich der Herr befreit hat aus der Hand des Gesetzlosen. Was sie sagen und lehren ist nun folgendes: Man dürfe nicht, behaupten sie, sich auf die Propheten berufen, und Gott sei nicht allmächtig, und es gäbe keine Auferstehung des Fleisches, und nicht sei die Schaffung des Menschen Gottes (Werk), und nicht sei der Herr ins Fleisch gekommen, auch nicht von Maria geboren, und die Welt sei nicht Gottes, sondern der Engel. Deswegen, Bruder, wende jeden Eifer auf, hierher zu kommen, damit die korinthische Gemeinde ohne Ärgernis bleibe und die Torheit jener offenbar werde. Lebe wohl im Herrn!

Es überbrachten die Diakone das Schreiben nach Philippi, Threptus und Eutychus, und übergaben es dem Paulus, der im Gefängnis war wegen der Stratonike, der Frau des Apollophanes; und er begann viele Tränen zu vergießen und zu klagen und rief aus: ‚Besser wäre es für mich, zu sterben und bei dem Herrn zu sein, als im Fleische zu sein und solche Reden zu hören, so daß Betrübnis über Betrübnis über mich kommt, und solches leidend angebunden zu sein und (sehen zu müssen, wie) die Geräte (Machenschaften?) des Bösen voranlaufen!‘ Und so schrieb Paulus unter Leiden den folgenden Brief.

(Brief des Paulus an die Korinther)

Paulus, der Gefangene Jesu Christi, an die Brüder in Korinth – Gruß! Während ich in vielen Bedrängnissen bin, wundere ich mich nicht, wenn so schnell die Meinungen des Bösen Boden gewinnen. Denn [mein] Herr Jesus Christus wird schnell kommen, da er verworfen wird von denen, die seine Worte verfälschen. Ich habe euch ja im Anfang überliefert, was ich von den Aposteln vor mir empfangen habe, die allezeit mit dem Herrn Jesus Christus zusammengewesen waren, nämlich daß unser Herr Jesus Christus von Maria aus dem Samen Davids geboren ist, indem der heilige Geist aus dem Himmel vom Vater in sie herabgesandt war, damit er in die Welt käme und alles Fleisch durch sein eigenes Fleisch erlöse und damit er uns Fleischliche von den Toten auferwecke, wie er selbst sich als Urbild erwiesen hat. Und weil der Mensch von seinem Vater geschaffen ist, deswegen wurde er auch, als er verloren gegangen war, gesucht, auf daß er lebendig gemacht würde durch die Annahme zur Kindschaft. Denn der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, sandte zuerst die Propheten den Juden, daß sie ihren Sünden entrissen würden; er hatte nämlich beschlossen, das Haus Israel zu retten, deshalb sandte er einen Teil vom Geist Christi in die Propheten, welche die irrtumslose Gottesverehrung verkündeten zu vielen Zeiten. Aber da der Fürst, der ungerecht war, selbst Gott sein wollte, legte er Hand an sie und tötete sie, und so fesselte er alles Fleisch der Menschen an die Begierden [an seinen Willen, und die Vollendung der Welt trieb dem Gericht entgegen]. Aber Gott, der Allmächtige, der gerecht ist und sein eigenes Geschöpf nicht verstoßen wollte, sandte den [heiligen] Geist [durch Feuer] in Maria, die Galiläerin, die von ganzem Herzen glaubte, und sie empfing im Leibe den heiligen Geist, damit in die Welt Jesus einträte, damit der Böse, durch dasselbe Fleisch, durch das er sein Wesen trieb, besiegt, überführt wurde, daß er nicht Gott sei. Denn durch seinen eigenen Leib hat Jesus Christus alles Fleisch gerettet [und zum ewigen Leben geführt durch den Glauben], indem er den Tempel der Gerechtigkeit darstellte in seinem Leibe, durch den wir erlöst sind. Sie sind also nicht Kinder der Gerechtigkeit, sondern Kinder des Zorns, die sie die Vorsehung Gottes zurückstoßen, indem sie [fern vom Glauben] behaupten, Himmel und Erde und alles, was in ihnen ist, seien nicht Werke des Vaters. Sie selbst sind also Kinder des Zorns, denn sie haben den verfluchten Glauben der Schlange. Von denen wendet euch ab und vor ihrer Lehre fliehet! [Denn ihr seid nicht Söhne des Ungehorsams, sondern der geliebtesten Kirche. Deswegen ist die Zeit der Auferstehung gepredigt worden].

Die euch aber sagen, es gäbe keine Auferstehung des Fleisches, für die wird es keine Auferstehung geben, die nicht an den so Auferstandenen glauben. Denn, ihr Korinther, nicht wissen sie Bescheid über das Säen von Weizen oder anderen Samen, daß sie nackt in die Erde geworfen werden und wenn sie vergangen sind, stehen sie wieder auf nach dem Willen Gottes als ein Leib und bekleidet. Und nicht allein wird der Leib, der (in die Erde) geworfen ist, auferweckt, sondern (auch) vielfältig gesegnet. Und wenn man nicht nur von den Samenkörnern das Gleichnis hernehmen darf, [sondern von edleren Leibern], so wißt ihr ja, daß Jona, des Amathios Sohn, da er den Niniviten nicht predigen wollte, [sondern geflohen war,] von einem Walfisch verschlungen wurde, so und nach drei Tagen und drei Nächten hat Gott das Gebet des Jona aus der tiefsten Hölle erhört und nichts von ihm wurde verdorben, weder ein Haar noch ein Augenlid. Um wieviel mehr wird er euch, ihr Kleingläubigen, die ihr an Christus geglaubt habt, auferwecken, wie er selbst auferstanden ist. Und wenn ein auf die Gebeine des toten Propheten Elisa von den Kindern Israels geworfener Körper eines Menschen auferstand, so werdet auch ihr, die ihr auf den Körper und die Gebeine und den Geist des Herrn geworfen seid, an jenem Tage auferstehen mit unversehrtem Leibe.

Wenn ihr nun etwas anderes aufnehmt, so fallt mir nicht zur Last; denn ich habe diese Fesseln an mir, daß ich Christus gewinne, und seine Wundmale an meinem Leibe, daß ich gelange zur Auferstehung von den Toten. Und wer immer in dieser Regel, die er durch die seligen Propheten und das heilige Evangelium empfangen hat, bleibt, wird Lohn empfangen, [und wenn er von den Toten aufersteht, das ewige Leben erlangen]. Wer aber hiervon abweicht, – Feuer gibt es für ihn und für die, welche darin vorangegangen sind, die da sind Menschen ohne Gott, Otterngezücht; von denen wendet euch ab in der Kraft des Herrn, und Friede, [Gnade und Liebe] wird mit euch sein. Amen.“ (Paulusakten 8, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 257-260)

Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr. einige schöne Stellen zur Auferstehung des Fleisches:

„Das aber ist unser Glaube, daß Gott auch unsere sterblichen Leiber, die die Gerechtigkeit bewahrten, auferwecken, unversehrbar und unsterblich machen wird. Denn Gott ist mächtiger als die Natur. Er will es, weil er gut ist; er kann es, weil er mächtig ist; er tut es, weil er unendlich gütig ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,29,2)

„Töricht in jeder Hinsicht sind die, welche die gesamte Anordnung Gottes verachten, die Heiligung des Fleisches leugnen und seine Wiedergeburt verwerfen, indem sie behaupten, daß es der Unvergänglichkeit nicht fähig sei. Wird aber dies nicht erlöst, dann hat uns der Herr auch nicht mit seinem Blute erlöst, noch ist der eucharistische Kelch die Teilnahme an seinem Blute, das Brot, das wir brechen, die Teilnahme an seinem Leibe. Blut stammt nämlich nur von Fleisch und Adern und der übrigen menschlichen Substanz, die das Wort Gottes in Wahrheit angenommen hat. Mit seinem Blute erlöste er uns, wie auch der Apostel sagt: ‚In ihm haben wir die Erlösung, durch sein Blut Nachlaß der Sünden.‘ Und da wir seine Glieder sind, werden wir durch seine Schöpfung ernährt werden, und er selbst gewährt uns seine Schöpfung: läßt seine Sonne aufgehen und regnen, sagt, daß er uns den Kelch von seiner Schöpfung als sein eigenes Blut reiche, mit dem er unser Blut erquickt, und versichert, daß das Brot seiner Schöpfung sein eigener Leib ist, mit dem er unsere Leiber erhebt.

Wenn nun also der gemischte Kelch und das zubereitete Brot das Wort Gottes aufnimmt und die Eucharistie zum Leibe Christi wird, woraus die Substanz unseres Fleisches Erhebung und Bestand erhält, wie können sie dann sagen, das Fleisch könne nicht aufnehmen die Gabe Gottes, die in dem ewigen Leben besteht, da es doch von dem Blute und Fleische des Herrn genährt wird und sein Glied ist? So sagt auch der selige Apostel Paulus in dem Briefe an die Epheser: ‚Wir sind Glieder seines Leibes, aus seinem Fleisch und seinem Gebein.‘ Das sagt er nicht von einem geistigen und unsichtbaren Leibe — denn ‚ein Geist hat weder Bein noch Knochen‘ — sondern von einem wahrhaft menschlichen Organismus, der aus Fleisch, Nerven und Knochen besteht, der von dem Kelch seines Blutes ernährt und von dem Brot seines Leibes erhoben wird. Und wie das Holz der Weinrebe, in der Erde wurzelnd, zu seiner Zeit Frucht hervorbringt, und wie das Weizenkorn in die Erde fällt, sich auflöst und vielfältig aufersteht durch den Geist Gottes, der alles umfaßt — und alsdann kommt dieses weisheitsvoll in den Gebrauch der Menschen, nimmt auf das Wort Gottes und wird zur Eucharistie, welche der Leib und das Blut Christi ist — so werden auch unsere Körper aus ihr genährt, und wenn sie in der Erde geborgen und dort aufgelöst sein werden, dann werden sie zu ihrer Zeit auferstehen, indem das Wort Gottes ihnen verleiht, aufzuerstehen für die Herrlichkeit Gottes des Vaters. Er umgibt dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, schenkt dem Verweslichen aus Gnade seine Unverweslichkeit, da die Kraft Gottes in der Schwäche vollkommen wird, damit wir nicht in Undankbarkeit gegen Gott uns jemals hochmütig aufbliesen, gleich als ob wir das Leben aus uns selbst hätten. So sollte die Erfahrung uns lehren, daß wir aus seiner Größe, nicht kraft unserer Natur ewig fortdauern, so sollten wir Gottes Herrlichkeit, wie sie ist, uns vor Augen halten und unsere eigene Schwäche nicht verkennen. Sollten wissen, was Gott vermag, und was der Mensch Gutes empfängt, sollten niemals irre gehen in der wahren Erkenntnis der Wirklichkeit, d. h. des Verhältnisses zwischen Gott und den Menschen, Ja freilich, deswegen hat Gott zugelassen, daß wir in Erde uns auflösen, damit wir allseitig erzogen, in Zukunft in allem gewissenhaft seien und unsere Stellung zu Gott nicht verkännten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,2,2-3)

„Es verachten also die Macht Gottes und betrachten nicht, was das Wort ist, die die Schwachheit des Fleisches, aber nicht die Kraft dessen, der es von den Toten auferweckt, berücksichtigen. Wenn Gott nämlich das Sterbliche nicht lebendig macht und das Vergängliche nicht zur Unvergänglichkeit zurückführt, dann ist er dazu nicht imstande. Daß er aber dies alles vermag, das haben wir gleich anfangs betrachtet. Nahm er doch Staub von der Erde und machte den Menschen. Aber viel schwieriger und unglaublicher ist es, aus nicht existierenden Knochen und Nerven und Venen und den übrigen menschlichen Organen den Menschen zum Dasein und Leben und Denken zu bringen, als das bereits Gewordene und später nur in Erde Aufgelöste aus den angegebenen Gründen wieder zu erneuern, da es doch nur dort hinübergegangen ist, von wo der Mensch, der noch nicht war, seinen Ursprung genommen. Der nämlich den, der noch nicht war, wann es ihm beliebte, ins Dasein rief, der wird noch vielmehr die, welche schon waren, nach seinem Wohlgefallen in das von ihm geschenkte Leben zurückrufen. Und siehe, das Fleisch ist fähig, Gottes Kraft aufzunehmen und festzuhalten. Zeigte es doch schon anfangs Gottes Kunst, indem das eine zum Auge wurde und sah, das andere zum Ohr and hörte, das andere Hand und arbeitete, das andere Nerven, um die Glieder von allen Seiten eng zusammenzuhalten, das andere Arterien und Venen, um das Blut and den Geist durchzuleiten, das andere verschiedenes Eingeweide, das andere Blut, das Bindeglied zwischen Leib und Seele, Doch, es ist ja nicht möglich, das ganze künstliche Gliedergefüge des Menschen aufzuzählen, das nicht ohne viel Weisheit zustande kam. Was aber teilnimmt an der Kunst und Weisheit Gottes, das nimmt auch teil an seiner Kraft.

Folglich ist das Fleisch von der künstlichen Weisheit und Kraft Gottes nicht ausgeschlossen. Wenn nun aber seine Kraft, die das Leben verleiht, in der Schwachheit vollkommen wird, d. h. in dem Fleische, dann mögen doch die, welche behaupten, das Fleisch könne das von Gott verliehene Leben nicht aufnehmen, uns sagen, ob sie dieses behaupten als solche, die jetzt leben und am Leben teilnehmen, oder ob sie als gänzlich leblose sich selbst gegenwärtig für tot erklären! Wenn sie aber tot sind, wie bewegen sie sich denn und sprechen und machen das übrige, was doch nicht Werke der Toten, sondern der Lebendigen sind? Wenn sie aber jetzt leben und ihr ganzer Leib am Leben teilnimmt, wie wagen sie dann zu sagen, das Fleisch könne das Leben nicht halten und daran teilnehmen, obwohl sie zugestehen, daß sie gegenwärtig das Leben haben? Das verhält sich fürwahr so ähnlich, als ob jemand, der einen Schwamm voll Wasser oder eine brennende Fackel in der Hand hielte, sagen wollte, der Schwamm kann kein Wasser, die Fackel kein Feuer fassen. Ebenso sagen diese, daß sie leben, sagen, daß sie Leben in ihren eigenen Gliedern in sich tragen, und dann widersprechen sie sich und behaupten, daß ihre Glieder nicht fähig sind, das Leben aufzunehmen. Wenn aber das gegenwärtige Leben, das doch viel schwächer ist als jenes ewige Leben, dennoch soviel vermag, daß es unsere sterblichen Glieder belebt, wie sollte dann das ewige Leben, das doch stärker ist als dieses, das Fleisch nicht beleben, das doch schon geübt und gewohnt ist, das Leben zu tragen! Daß nämlich das Fleisch fähig ist, das Leben aufzunehmen, zeigt sich doch darin, daß es lebt. Es lebt aber, insofern Gott es will. Daß aber Gott auch imstande ist, ihm das Leben zu verleihen, ist klar, da doch jener uns das Leben gibt. Wenn nun Gott imstande, ist, sein Geschöpf zu beleben, und das Fleisch fähig ist, das Leben zu empfangen, was sollte dann dieses hindern, an der Unvergänglichkeit teilzunehmen, die in einem glückseligen, endlosen Leben besteht, das Gott verleiht.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,3,2-3)

„Gott aber wird in seinem Geschöpfe verherrlicht werden, indem er es seinem Knecht gleichgestaltet und entsprechend anpaßt. Denn durch die Hände des Vaters, d. h. durch den Sohn und den Geist, wird der Mensch, aber nicht bloß ein Teil des Menschen, ein Ebenbild Gottes. Seele und Geist können wohl ein Teil des Menschen sein, aber nie der Mensch. Der vollkommene Mensch ist die innige Vereinigung der Seele, die den Geist des Vaters aufnimmt, mit dem Fleische, das nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist. Deshalb sagt auch der Apostel: ‚Weisheit reden wir unter Vollkommenen‘, indem er die vollkommen nennt, die den Geist Gottes empfangen haben und durch den Geist wie er selber in allen Sprachen reden. Hören wir doch auch von vielen Brüdern in der Kirche, daß sie prophetische Charismen haben, in allerhand Sprachen durch den Geist reden, das Verborgene der Menschen zu ihrem Vorteil ans Licht bringen und die Geheimnisse Gottes erklären. Diese nennt der Apostel auch geistig wegen ihrer Teilnahme am Geist, aber nicht etwa, weil sie des Fleisches entkleidet und beraubt wären, sondern nur aus dem angegebenen Grunde. Wollte nämlich jemand die Substanz des Fleisches, d.h. das körperliche Gebilde, streichen und nur den Geist allein bestehen lassen, dann hätten wir damit nicht mehr einen geistigen Menschen, sondern bloß den Geist des Menschen oder den Geist Gottes. Wenn nun dieser Geist sich vermengt mit der Seele und mit dem Körper vereint, dann entsteht der geistige und vollkommene Mensch, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes erschaffen wurde. Fehlt aber der Seele der Geist, dann ist ein solcher Mensch nur psychisch, und da er fleischlich geblieben ist, wird er unvollkommen sein; er trägt zwar das Bild Gottes in seinem Körper, aber die Ähnlichkeit mit Gott nimmt er nicht an durch den Geist. Wenn aber solch ein Mensch schon unvollkommen ist, dann kann man auch nicht mehr von einem Menschen reden, wenn man noch das Bild wegnimmt und den Körper verachtet. Das ist dann höchstens ein Teil vom Menschen oder sonst irgend etwas anderes als der Mensch, wie wir schon gesagt haben. Denn das bloße fleischliche Gebilde ist kein vollkommener Mensch, sondern nur sein Leib und ein Teil des Menschen. Ebensowenig ist die Seele an sich der Mensch, sondern eben nur Seele und ein Teil des Menschen, noch ist der Geist der Mensch, sondern bloß Geist und kann nicht Mensch genannt werden. Die innige Vereinigung aber von all diesen macht den vollkommenen Menschen aus. […]

Daher nennt er auch das körperliche Gebilde einen Tempel Gottes. ‚Wisset ihr nicht‘, sagt er, ‚daß ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes schändet, den wird Gott verderben. Denn der Tempel Gottes ist heilig, und das seid ihr.‘ Also nennt er deutlich den Körper einen Tempel, in welchem der Geist wohnt. So sprach auch der Herr von sich: ‚Löset diesen Tempel, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten.‘ Dies aber, heißt es, sagte er von seinem Leibe. Doch nicht nur als Tempel, sondern als Tempel Christi bezeichnet er unsere Körper, wenn er den Korinthern sagt: ‚Wisset ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Werde ich also die Glieder Christi nehmen und sie zu Gliedern einer Hure machen?‘ Das sagt er nicht von irgend einem andern, geistigen Menschen, denn der umarmt nicht eine Hure; sondern unsere Körper nennt er Glieder Christi, wenn unser Fleisch in Heiligkeit und Reinheit verharrt, wogegen sie zu Gliedern einer Hure werden, wenn es eine Hure umarmt. Und deswegen sagt er: ‚Wenn jemand den Tempel Gottes schändet, wird ihn Gott verderben.‘ Da ist es gewiß eine sehr große Gotteslästerung, zu sagen, daß der Tempel Gottes, in dem der Geist des Vaters wohnt, und die Glieder Christi an der Erlösung keinen Anteil hätten, sondern verloren gingen! Daß nun unsere Leiber nicht kraft ihrer Wesenheit, sondern kraft der Macht Gottes auferstehen, sagt er den Korinthern: ‚Der Leib aber gehört nicht der Hurerei, sondern dem Herrn und der Herr dem Körper. Gott aber hat den Herrn auferweckt, auch uns wird er auferwecken durch seine Kraft.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,6,1-2)

„Wie also Christus in der Substanz des Fleisches auferstanden ist und seinen Jüngern die Male der Nägel und die Öffnung der Seite zeigte — das aber sind die Anzeichen des Fleisches, das von den Toten auferstand— so wird er auch uns, heißt es, auferwecken durch seine Kraft. […] Denn derart sind die animalen Körper, die an der Seele, der Anima, teilnehmen, daß sie durch den Verlust derselben sterben; wenn sie dann aber durch den Geist auferstehen, werden sie geistige Körper, sodaß sie durch den Geist immerwährendes Leben haben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,7,1-2)

„Die also das Pfand des Geistes haben, den Lüsten des Fleisches nicht dienen, sondern sich dem Geiste unterwerfen und in allem vernünftig wandeln, die nennt der Apostel mit Recht geistig, weil der Geist Gottes in ihnen wohnt. Unkörperliche Geister aber werden die geistigen Menschen nicht sein, sondern unsere Wesenheit, d. h, die Vereinigung von Seele und Fleisch, vollendet durch die Aufnahme des göttlichen Geistes den geistigen Menschen. Die aber den Rat des Geistes verwerfen, den Lüsten des Fleisches dienen, unvernünftig leben und zügellos sich in ihre Begierden stürzen, da sie keinen Hauch vom göttlichen Geiste besitzen, sondern nach Art der Schweine und Hunde leben, die nennt mit Recht der Apostel fleischlich, da sie nichts anders als Fleischliches kennen. Und die Propheten vergleichen aus ebendemselben Grunde mit den unvernünftigen Tieren diejenigen, welche so unvernünftig wandeln. ‚Hengste, rasend nach Weibern, sind sie geworden, ein jeder von ihnen wiehert nach der Frau seines Nächsten.‘ Und wiederum: ‚Der Mensch, da er in Ehre war, ist ähnlich geworden dem Vieh.‘ Aus eigener Schuld nämlich ist er dem Vieh ähnlich geworden, weil er sich einem unvernünftigen Leben ergeben. Und dementsprechend sagen auch wir von solchen Menschen, daß sie unvernünftiges Vieh und tierisch geworden sind!“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,8,2)

„Denn dieser Seele Auferstehung geht an den Gläubigen vor sich, indem der Leib wiederum die persönliche Seele empfängt und mit ihr in der Kraft des Hl. Geistes aufersteht und einzieht in das Gebiet des Reiches Gottes.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 42)


(Auferstehung der Toten, Fresko aus der antiken Synagoge in Dura Europos.)

Theophilus von Antiochia schreibt etwa zur selben Zeit:

„Und nun deine Leugnung der Auferweckung der Toten. Du sagst nämlich: Zeige mir auch nur einen, der von den Toten auferweckt worden ist, damit ich sehe und glaube. Fürs erste: Was ist es Großes, wenn du das glaubst, das du gesehen hast? Und dann glaubst du auf der einen Seite, daß Herakles, der sich verbrannt hat, jetzt lebt, und daß Asklepios, der vom Blitze erschlagen worden, wieder sei auferweckt worden; auf der andern Seite bist du voll Unglauben den Aussprüchen Gottes gegenüber. Ich dürfte dir auch einen Verstorbenen, der von den Toten erweckt worden ist und lebt, vorzeigen, und du würdest auch da nicht glauben. Gott nun gibt dir viele Beweisgründe hierfür, auf daß du ihm glaubest. Denn betrachte gefälligst, wie die Jahreszeiten, die Tage, die Nächte ebenfalls endigen und wieder erstehen. Findet nicht auch bei den Samen und Früchten eine Wiederauferstehung statt, und zwar zum Nutzen der Menschen? Zum Beispiel das Getreidekorn oder das Korn anderer Samen wird in den Boden gelegt, erstirbt zuerst und zerfällt, dann aber wird es wieder auferweckt und wird zur Ähre. Bringen nicht ferner die Wald- und Fruchtbäume nach göttlicher Anordnung zu ihrer Zeit ihre Früchte, da, wo zuvor nichts sich zeigte und zu sehen war? Ferner sogar verschluckt manchmal ein Sperling oder irgendein anderer Vogel einen Apfel- oder Feigen- oder irgendeinen andern Kern, setzt sich auf einen felsigen Hügel oder auf ein Grabdenkmal, und gibt ihn dort wieder von sich; und der Kern schlägt Wurzeln und wächst zum Baume heran, obwohl er zuvor verschluckt worden und durch soviel Wärme durchgegangen ist. Das alles wirkt die göttliche Weisheit, um auch hierdurch zu zeigen, daß Gott die Macht hat, die allgemeine Auferstehung aller Menschen zu bewirken. Wenn du aber ein noch wundervolleres Schauspiel sehen willst, das zum Beweis der Auferstehung geschieht, nicht bloß auf Erden hier, sondern am Himmel, so betrachte die Auferstehung des Mondes, die allmonatlich eintritt: wie er nämlich abnimmt, verschwindet und wieder aufersteht. Höre weiter, o Mensch, auch von der Tatsache der Auferstehung, die in dir selbst vorgeht, wenn du sie auch nicht merkst. Du bist nämlich vielleicht schon einmal in eine Krankheit gefallen und hast dadurch die Fülle deines Körpers, die Kraft und das gute Aussehen verloren; aber du hast von Gott wieder Erbarmen und Heilung erlangt und damit wieder dein volles Fleisch, das gute Aussehen und die Kraft gewonnen. Und wie du zuvor nicht gewußt hast, wohin dein Fleisch gekommen, als es verschwunden war, so weißt du auch jetzt nicht, woher es dir wieder geworden oder gekommen ist. Du wirst freilich sagen: ‚Aus der Nahrung und den in Blut verwandelten Säften.‘ Gut! aber dies ist auch ein Werk Gottes, der es so eingerichtet hat, und nicht irgend eines anderen.“ (Theophilus, An Autolykus 13)

Die Heiden verachteten diesen Glauben und zerstörten deshalb die Leichname von ihnen getöteter Christen. Gallische Christen im 2. Jahrhundert schrieben, wie der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea um 300 zitiert, folgendes in einem Brief nach Kleinasien:

„‚Nachdem die Leiber der Märtyrer auf alle mögliche Weise geschändet worden waren und sechs Tage unter freiem Himmel gelegen hatten, wurden sie von den Frevlern verbrannt und ihre Asche in die nahe Rhone geworfen, damit auch kein Restchen mehr auf der Erde davon übrig bliebe. Ihr Handeln entsprang dem Wahne, Herr über Gott zu werden und die Auferstehung der Märtyrer zu verhindern. Diese sollten, wie sie sagten, mit nichten Hoffnung auf eine Auferstehung haben auf die vertrauend sie eine fremde, neue Religion bei uns einführen, die Qualen verachten und bereitwillig und freudig in den Tod gehen. Nun wollen wir sehen, ob sie auferstehen und ob ihr Gott ihnen helfen und sie aus unserer Hand erretten kann‘!'“ (Bericht gallischer Christen, zitiert in Eusebius, Kirchengeschichte V,1)

In der Petrusoffenbarung, einem Text über das Weltende, der sich als von Petrus geschrieben ausgibt, sagt Jesus zu den Jüngern:

„Und am Tage der Entscheidung des Gerichtes Gottes werden alle Menschenkinder vom Osten bis zum Westen vor meinem Vater, dem ewig Lebendigen, versammelt werden, und er wird der Hölle gebieten, daß sie ihre stählernen Riegel öffnet und alles, was in ihr ist, zurückgibt. Und den wilden Tieren und Vögeln wird er gebieten, daß sie alles Fleisch, was sie gefressen haben, zurückgeben, indem er will, daß die Menschen (wieder) sichtbar werden; denn nichts geht für Gott zugrunde und nichts ist ihm unmöglich, da alles sein ist. Denn alles (geschieht) am Tage der Entscheidung, am Tage des Gerichtes mit dem Sprechen Gottes, und alles geschieht, wie er die Welt schafft, und alles, was darin ist, hat er geboten, und alles geschah; ebenso in den letzten Tagen, denn alles ist Gott möglich, und also sagt er in der Schrift: ‚Menschenkind, weissage über die einzelnen Gebeine und sage zu den Knochen: Knochen zu den Knochen in Glieder, Muskel, Nerven, Fleisch und Haut und Haare darauf‘. Und Seele und Geist soll der große Urael [ein Engel] auf Befehl Gottes geben. Denn ihn hat Gott bestellt bei der Auferstehung der Toten am Tage des Gerichtes. Sehet und bedenkt die Samenkörner, die in die Erde gesät sind. Wie etwas Trockenes, das seelenlos ist, sät man sie in die Erde. Und sie leben auf, bringen Frucht, und die Erde gibt (sie) wieder wie ein anvertrautes Pfand. Und dieses, was stirbt, was als Same in die Erde gesät wird, lebendig wird und dem Leben zurückgegeben wird, ist der Mensch. Wie viel mehr wird Gott die an ihn Gläubigen und von ihm Erwählten, um derentwillen er (die Erde) gemacht hat, auferwecken am Tage der Entscheidung, und alles wird die Erde wiedergeben am Tage der Entscheidung, weil sie an ihm zugleich mit gerichtet werden soll und der Himmel mit ihr.“ (Petrusoffenbarung 4, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 473f.)

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift, die sich als Brief der zwölf Apostel ausgibt, sagt Jesus zu den Jüngern:

„‚Wahrlich, ich sage euch, wie mich der Vater von den Toten auferweckt hat, gleicherweise werdet auch ihr im Fleisch auferstehen, und er wird euch emporsteigen lassen über die Himmel an den Ort, von dem ich von Anfang an zu euch geredet habe, den euch bereitet hat, der mich gesandt hat. Und deshalb habe ich alle Barmherzigkeit vollendet: ohne gezeugt zu werden, bin ich von Menschen geboren (oder: gezeugt) und, ohne Fleisch zu haben, habe ich Fleisch angezogen und bin aufgewachsen, damit (ich) euch, die ihr im Fleisch gezeugt werden, (wiedergebäre,) und ihr in der Wiedergeburt die Auferstehung in eurem Fleisch erhaltet, einem Gewande, das nicht vergehen wird, mit allen, die hoffen und glauben an den, der mich gesandt hat; denn so hat mein Vater an euch Wohlgefallen gefunden, und denen, welchen ich will, gebe ich die Hoffnung des Reiches.‘ […]

Nachdem er dies zu uns gesagt hatte, sprachen wir zu ihm: ‚O Herr, steht es wirklich dem Fleisch bevor, mit der Seele und dem Geist (zusammen) gerichtet zu werden, und wird (die eine Hälfte davon) im Himmelreich ruhen und die andere ewiglich, indem sie (noch) leben, gestraft werden?‘ […]

Er antwortete und sagte zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, das Fleisch jedes Menschen wird auferstehen mit seiner Seele [lebendig] und seinem Geiste.'“ (Epistula Apostolorum 21-24 (äthiopische Version), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 138f.)

Zeitgenössische Wunder als Indizien für Jesus: Berichte von Juden und Heiden

Das 1. Jahrhundert nach Christus war eine ganz faszinierende Zeit, und aus dieser Zeit gibt es einige seltsame Berichte, und zwar nicht nur von den damaligen Christen. Hier habe ich mal ein paar zusammengestellt, die aus christlicher Perspektive interessant sind, aber nicht von Christen stammen.

Ich beanspruche alle diese Berichte nicht als Beweise, sondern als Indizien. Wer will, kann natürlich annehmen, hier handle es sich ganz oder teilweise um Hörensagen und Gerüchte; aber wer Wunder nicht a priori ausschließt (was ein vernünftiger Mensch ja nicht tun sollte, wenn er nicht zirkulär argumentieren will), muss sie zumindest als möglich gelten lassen, und schauen, ob sie sich in ein Gesamtbild fügen könnten.

Fangen wir gleich mal an:

1) Das rote Band:

Im jüdischen Talmud, einer über mehrere Jahrhunderte entstandenen und ziemlich umfangreichen Sammlung von Aussagen von Rabbinern (abgeschlossen wohl irgendwann in der Spätantike), heißt es, dass in den letzten 40 Jahren vor der Zerstörung des Tempels die Riten des Alten Bundes, die Tempelzeremonien, nicht mehr richtig funktionierten. Erst einmal die Stelle: In Joma 39b heißt es (ich habe im Internet nur eine englische Übersetzung der kompletten Originalstelle gefunden; unten meine ungefähre Übersetzung daraus ins Deutsche):

„The Sages taught: During the tenure of Shimon HaTzaddik, the lot for God always arose in the High Priest’s right hand; after his death, it occurred only occasionally; but during the forty years prior to the destruction of the Second Temple, the lot for God did not arise in the High Priest’s right hand at all. So too, the strip of crimson wool that was tied to the head of the goat that was sent to Azazel did not turn white, and the westernmost lamp of the candelabrum did not burn continually.

And the doors of the Sanctuary opened by themselves as a sign that they would soon be opened by enemies, until Rabban Yoḥanan ben Zakkai scolded them. He said to the Sanctuary: Sanctuary, Sanctuary, why do you frighten yourself with these signs? I know about you that you will ultimately be destroyed, and Zechariah, son of Ido, has already prophesied concerning you: ‚Open your doors, O Lebanon, that the fire may devour your cedars‘ (Zechariah 11:1), Lebanon being an appellation for the Temple“

Übersetzung:

„Die Weisen lehrten: Während der Zeit von Shimon HaTzaddik [als Hoherpriester] fiel das Los für Gott immer in die rechte Hand des Hohenpriesters; nach seinem Tod geschah das nur gelegentlich; aber während der vierzig Jahre vor der Zerstörung des Zweiten Tempels fiel das Los für Gott überhaupt nicht in die rechte Hand des Hohenpriesters. Ebenso wurde das Band aus roter Wolle, das an den Kopf der Ziege gebunden wurde, die nach Azazel geschickt wurde, nicht weiß, und die westliche Lampe am Kandelaber brannte nicht die ganze Zeit über.

Und die Türen des Allerheiligsten öffneten sich von selbst als Zeichen, dass sie bald von Feinden geöffnet werden würden, bis Rabban Yohanan ben Zakkai sie schimpfte. Er sagte zum Allerheiligsten: Allerheiligstes, Allerheiligstes, wieso erschreckst du dich selbst mit diesen Zeichen? Ich weiß von dir, dass du schließlich zerstört werden wirst, und Zachariah, der Sohn des Ido, hat über dich schon prophezeiht: ‚Öffne deine Türen, o Libanon, dass das Feuer deine Zedern fresse‘ (Zachariah 11,1); Libanon ist ein Name für den Tempel.“

40 Jahre vor der Zerstörung des Tempels: Das ist genau zu der Zeit, als Jesus gekreuzigt wurde und auferstand (wahrscheinlich im Jahr 30, da hier die Festtage wie in den Evangelien beschrieben fielen; der Tempel wurde im Jahr 70 zerstört). Ab Seiner Kreuzigung funktionierten also die Tempelzeremonien nicht mehr, wie sie sollten, und es gab Vorzeichen der Zerstörung des Tempels.

Die Ziege ist hier wichtig: Denn diese Ziege war der „Sündenbock“, dem symbolisch die Sünden der Menschen aufgelastet wurden und der dann in die Wüste geschickt wurde. Diese Form der symbolischen Sühnung scheint Gott nicht mehr wohlgefällig gewesen zu sein, nachdem Jesus die Sünden am Kreuz tatsächlich gesühnt hatte. Das rote Band, das die Sünden anzeigte, wurde nicht mehr weiß als Zeichen der Vergebung.

Tatsächlich bin ich über den Text eines Rabbiners, der gegen die Verwendung von Joma 39b durch christlich gewordene Juden argumentiert, auf diese Talmudstelle gestoßen. Es lohnt sich, die bei ihm angeführten jüdischen Gegenargumente anzuschauen:

  • Sein erstes Argument ist: Hier würden die Christen dem Talmud Autorität zugestehen, den sie sonst ablehnen. Das ist auch das schlechteste Argument: Das christliche Argument ist „sogar ihr selber gebt in euren Schriften, die teilweise ziemlich antichristlich sind, zu, dass die Tempelzeremonien nicht mehr funktionierten“, und nicht „das ist wahr, weil der Talmud so wunderbar ist“.
  • Das Hauptargument ist, dass das Wunder auch vorher schon öfter ausgeblieben war und generell als Strafe für die Sünden des jüdischen Volkes manchmal ausblieb: Das wäre in den letzten vierzig Jahren nichts Besonderes gewesen, da hätte es eben besonders viele innere Kämpfe, Anarchie, Mord und Totschlag gegeben. Da macht man es sich etwas sehr einfach: Denn das Wunder blieb hier eben endgültig aus; nicht als vorübergehende Strafe. Entweder wollte Gott eine sehr deutliche Strafe zeigen, die in der Zerstörung des Tempels kulminierte, oder Er wollte einfach zeigen, dass die alten Riten nicht mehr sein sollten (theoretisch wäre ja auch beides möglich). Das ist kein abschließender Beweis; es bleibt die theoretische Möglichkeit einer Strafe für etwas anderes; aber der Hinweis ist doch sehr deutlich und das Ganze einfach mit „Das kann doch genauso gut wegen etwas anderem gewesen sein“ wegzuwischen ist doch etwas zu einfach. Und wieso soll nicht beides zusammengekommen? Ein völlig zerstrittenes Volk, in dem Recht und Gesetz nicht mehr herrschen, und ein Volk, von dem Teile ihren eigenen Messias ablehnen, weil sie sich vor Ihm schämen müssten und Ihn nicht ertragen, und Er ihnen nicht die gewünschte weltliche Herrschaft gebracht hat – das passt schon zusammen. (Und nur um das klarzustellen, ich beziehe mich hier auf die damaligen Juden, die Jesus kannten und vor eine Entscheidung gestellt waren, nicht auf die heutigen, die Ihn meistens eben nicht kennen.)
  • Außerdem wird gesagt, dass man das Vorkommnis genauso gut so interpretieren könnte, dass Gott nicht die Juden, die Jesus nicht als Messias angenommen hatten, bestrafen wollte, sondern die Juden, die diesen falschen Propheten Jesus angenommen hatten. Eine ziemlich unlogische Argumentation: Denn dann hätte Gott doch gerade den Juden den Rücken gestärkt, die noch den Tempelzeremonien anhingen, indem er sie gut funktionieren ließe, statt denen, die in die Kirche gingen.
  • Dann heißt es noch: Wenn Tieropfer nicht mehr sein sollten, wieso würden diese Tieropfer dann im messianischen Zeitalter, in der Endzeit, zurückkehren, wie die Bibel (v. a. die letzten neun Kapitel von Ezechiel, z. B. Ez 43-44) sagen würde? Es ist seltsam, dass er das für ein totales „Gotcha!“ für Christen hält, die diese Kapitel bekanntlich nie so interpretiert haben.

So weit mal dazu; dazu passen außerdem:

2) Die Wunder vor der Eroberung Jerusalems:

In den Evangelien sagt Jesus mehrmals die Zerstörung des Tempels von Jerusalem voraus, die dann eben im Jahr 70 n. Chr. geschah. Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet von zahlreichen Zeichen vor der Zerstörung Jerusalems und des Tempels; auch er berichtet von den sich selbst öffnenden Türen und von weiteren sehr außergewöhnlichen Vorzeichen:

„Auf solche Art ließ sich damals das unglückliche Volk von seinen Verführern und falschen Gottesgesandten gängeln, während es andererseits die Erscheinungen, welche die kommende Verödung prophezeiten, weder beachtete noch an ihre Bedeutung glaubte, sondern ganz so, als hätte ihm der Donner das Gehör verschlagen, und als wäre es ohne Augen und ohne Leben, die feierlichen Weisungen Gottes vollständig ignorierte. So erschien einmal über der Stadt ein Gestirn, das viele Aehnlichkeit mit einem großen Schwerte hatte, wie auch ein Komet, der ein ganzes Jahr hindurch am Himmel verblieb. Ein anderesmal – es war noch vor dem Abfall von Rom und vor dem Ausbruch der ersten kriegerischen Bewegung – als das Volk sich eben am achten des Monates Xanthikus zur Feier des Festes der ungesäuerten Brote versammelt hatte, da umfloss um die neunte Stunde der Nacht ein so gewaltiger Lichtglanz Altar und Tempelhaus, dass es heller Tag zu sein schien, was etwa eine halbe Stunde währte. Obwohl die Erscheinung in den Augen der Unkundigen als eine gute Vorbedeutung galt, so gaben ihr doch die Schriftkundigen sofort jene Erklärung, die durch die folgenden traurigen Ereignisse bestätigt worden ist. Bei demselben Feste geschah es, dass die von einer Person zur Opferung geführte Kuh mitten im Tempel ein Widderböcklein gebar.

 Auch die östliche Pforte des inneren Heiligthums, die ganz von Erz und von so enormer Schwere war, dass sie am Abend von zwanzig Männern nur mit Mühe zugemacht werden konnte, und die sowohl mit eisenbeschlagenen Querpfosten gesperrt, als auch noch mit senkrechten Riegeln versehen war, welche man in die aus einem einzigen Steine bestehende Schwelle sehr tief hineinstecken konnte, diese Pforte sah man auf einmal um die sechste Stunde der Nacht ganz von selbst sich öffnen. Die Wächter des Heiligthums liefen nun schnell mit der Meldung zum Tempelhauptmann, der sofort sich zur Pforte hinausbegab und erst mit vieler Mühe dieselbe wieder schließen konnte. Auch dieses hielten die Unerfahrenen für ein ganz herrliches Vorzeichen, da es nach ihnen nichts geringeres bedeutete, als dass Gott ihnen das Thor zu allen Gütern jetzt aufgesperrt habe. Die Einsichtigen jedoch fanden darin die Andeutung, dass Gott selbst nunmehr seinen Schutz vom Heiligthum zurückziehe und den Feinden zuliebe seine Thore aufmache, und stellten in ihren Kreisen das als bestimmtes Anzeichen der nahenden Verwüstung hin.

 Erst wenige Tage waren seit diesem Feste verstrichen, als sich am 21. des Monates Artemisius eine geisterhafte Erscheinung zeigte, die ganz unglaublich klingt. Wenn das, was ich erzählen werde, nicht in Kreisen von Augenzeugen seine Bestätigung hätte, und die Drangsale, die diesen Zeichen auf dem Fuße gefolgt sind, eine solche Vorbedeutung nicht geradezu herausfordern würden, könnte wohl das Ganze, wie ich fürchte, nur für eine abenteuerliche Fabel gehalten werden. Vor Sonnenuntergang wurden nämlich hoch in der Luft über dem ganzen Lande hin Kriegswagen und Heeresmassen sichtbar, welche durch die Wolken stürmten und die einzelnen Städte umschlossen. Weiter geschah es am sogenannten Pfingstfeste, dass die Priester, als sie nach ihrer Gewohnheit noch im nächtlichen Dunkel ins innere Heiligthum giengen, um ihren heiligen Dienst zu verrichten, zunächst ein Getrabe und Stampfen, wie sie erzählten, dann aber auch die Stimmen einer großen Menge vernommen, die da riefen: ‚Lasset uns von dannen ziehen!‘

 Noch schreckhafter, als die angeführten Zeichen, war das folgende: Vier Jahre vor dem Ausbruch des Krieges, zu einer Zeit, wo die Stadt noch im tiefsten Frieden und Glücke lebte, kam ein gewisser Jesus, ein Sohn des Ananus, von gemeiner Herkunft und seiner Beschäftigung nach ein Bauer, auf das Fest, an dem alle Juden nach alter Sitte zur Verherrlichung Gottes in Laubhütten wohnen, und begann urplötzlich im Heiligthum laut aufzuschreien: ‚Eine Stimme vom Aufgang, eine Stimme vom Niedergang, eine Stimme von den vier Winden, eine Stimme über Jerusalem und den Tempel, eine Stimme über Bräutigam und Braut, eine Stimme über das ganze Volk!‘ Diese Worte schrie er bei Tag und bei Nacht, in allen Straßen Jerusalems herumgehend. Einige angesehene Bürgersleute, erbost über das Geschrei des Unglücksraben, ließen den Mann aufgreifen und ihm eine starke Tracht Prügel verabreichen. Der Mensch verlor aber dabei weder ein Wort zu seiner Vertheidigung noch beschimpfte er die Personen, die ihn schlugen, sondern immer wieder kam nur derselbe Ruf über seine Lippen. Die obersten geistlichen Behörden, welche hinter der seltsamen Unruhe des Menschen eine höhere Macht zu erblicken glaubten, worin sie gewiss das Rechte trafen, stellten den Mann vor das Gericht des damaligen römischen Landpflegers, der ihn mit Geißelstreichen solange peitschen ließ, bis man auf seine Gebeine sehen konnte. Aber er flehte nicht, er weinte nicht, sondern in dem jämmerlichsten Tone, den er nur seiner Stimme geben konnte, begleitete er jeden Streich bloß mit den Worten: ‚Wehe, wehe Jerusalem!‘ Auf alle Fragen des Albinus – so hieß der damalige Landpfleger – wer er sei, und woher er stamme, und warum er denn immer so schreie, hatte er gar keine Antwort, dafür aber wiederholte er unausgesetzt den Klageruf über die Stadt, bis endlich Albinus auf Narrheit erkannte und den Mann entließ. Die folgende Zeit über bis zum Kriege näherte er sich weder einem Bürger, noch sah man ihn mit Jemand sprechen, sondern Tag für Tag, wie einem, der ein Gebet eingelernt hat, entquoll ihm nur die Klage: ‚Wehe, wehe Jerusalem!‘ Obwohl täglich von den Leuten geschlagen, hatte er nie einen Fluch für den, der ihn schlug, aber auch keinen Segen für den, der ihm zu essen gab: für alle hatte er immer nur dieselbe unheimliche, ominöse Antwort. Am lautesten erscholl sein Klagegeschrei an den Festtagen, und trotzdem er durch sieben Jahre und fünf Monate so schrie, ward er niemals heiser und niemals müde, bis er endlich die Belagerung Jerusalems und damit die Erfüllung seiner verhängnisvollen Prophezeiungen schaute. Jetzt erst kam er zur Ruhe und zwar so: Er gieng eben auf der Mauer herum und schrie mit einer mark- und beindurchdringenden Stimme sein ‚Wehe, wehe‘ über die Stadt und das Volk und den Tempel, als er zuletzt auf einmal hinzusetzte: ‚Wehe, wehe auch mir!‘ In demselben Augenblicke schnellte aus einer Balliste ein Stein auf, gerade auf ihn zu, und zerschmetterte ihn auf der Stelle, so dass sein Weheruf schon im Todesröcheln verhallte.“ (Jüdischer Krieg VI,5,3)

Das Ganze ist besonders interessant, da auch der römische Historiker Tacitus es in seinen fragmentarisch erhaltenen „Historien“ erwähnt:

„Prodigies had occurred, which this nation, prone to superstition, but hating all religious rites, did not deem it lawful to expiate by offering and sacrifice. There had been seen hosts joining battle in the skies, the fiery gleam of arms, the temple illuminated by a sudden radiance from the clouds. The doors of the inner shrine were suddenly thrown open, and a voice of more than mortal tone was heard to cry that the Gods were departing. At the same instant there was a mighty stir as of departure. Some few put a fearful meaning on these events, but in most there was a firm persuasion, that in the ancient records of their priests was contained a prediction of how at this very time the East was to grow powerful, and rulers, coming from Judaea, were to acquire universal empire. These mysterious prophecies had pointed to Vespasian and Titus, but the common people, with the usual blindness of ambition, had interpreted these mighty destinies of themselves, and could not be brought even by disasters to believe the truth.’“ (Historien, 5, 13)

Meine Übersetzung:

„Zeichen waren geschehen, bei denen dieses Volk, zum Aberglauben geneigt, aber alle religiösen Riten hassend, es nicht für gesetzmäßig hielt, sie durch Gaben und Opfer zu sühnen. Heerscharen, die in der Schlacht aufeinander trafen, waren am Himmel gesehen worden, der feurige Glanz von Waffen, der Tempel erleuchtet durch einen plötzlichen Glanz von den Wolken. Die Türen des inneren Schreins sprangen plötzlich auf, und eine Stimme von mehr als menschlicher Zunge wurde gehört, die rief, dass die Götter [sic] abzogen. Im selben Augenblick gab es eine mächtige Bewegung der Luft wie von einem Abzug. Einige wenige schrieben diesen Ereignissen eine schreckliche Bedeutung zu, aber die meisten waren fest davon überzeugt, dass in den alten Schriften ihrer Priester eine Vorhersage enthalten war, dass zu genau dieser Zeit der Osten mächtig werden sollte, und Herrscher, die aus Judäa kamen, ein universales Reich erhalten sollten. Diese geheimnisvollen Prophezeiungen hatten Vespasian und Titus gemeint, aber das gemeine Volk, mit der üblichen Blindheit der Ruhmsucht, hatte diese machtvollen Schicksale auf sich selbst bezogen, und konnten selbst durch Katastrophen nicht dazu gebracht werden, die Wahrheit zu glauben.“

Der Römer Tacitus, der als wahrer Polytheist auch den Göttern anderer Völker eine Wirksamkeit zuschreibt, ohne so ganz alles ernst zu nehmen, was diese anderen Völker glauben und tun, hielt also die Messias-Prophezeiungen für Vorhersagen über die römischen Kaiser Vespasian und Titus. In Wahrheit betrafen sie natürlich Jesus, und sein universales Reich ist die weltumspannende Kirche, und der Teil des jüdischen Volkes, der nach Ihm noch einen anderen Messias erwartete, betrog sich selbst. Aber jedenfalls erwarteten sie im 1. Jahrhundert noch die baldige Ankunft des Messias.

Die einzelnen Zeichen sind sehr interessant. Kriegswagen und Heeresmassen in der Luft: Das erinnert doch stark an den Ausspruch Jesu vor dem Hohenpriester: „Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (Mt 26,64) Natürlich bezieht sich das einerseits auf die Endzeit und das Jüngste Gericht, aber es könnte sich möglicherweise auch auf die Zeit der Zerstörung des Tempels beziehen; sicher waren auch einige Mitglieder des Hohen Rats, zu denen Jesus sprach, im Jahr 70 persönlich noch am Leben. Sie sahen dann solche Vorboten der Zerstörung – möglicherweise Jesus mit Engelscharen – am Himmel. Und alle drei Quellen – Talmud, Josephus und Tacitus – berichten davon, dass die Türen des Allerheiligsten sich von selbst öffneten, wodurch Gott wohl zeigte, dass Er den Tempel endgültig verließ, dass der Alte Bund ein Ende hatte.

Es ist auch interessant, was weiter mit dem zerstörten Tempel geschah.

3) Scheitern des Wiederaufbaus des Tempels unter Julian Apostata

Um 360 n. Chr., nachdem das Römische Reich zum großen Teil christlich geworden war, herrschte für kurze Zeit ein Kaiser, der als Christ aufgewachsen war, sich aber dann wieder dem Heidentum zugewandt hatte – eine ziemlich ungewöhnliche Konstellation in der damaligen Zeit. Julian Apostata („Julian der Abtrünnige“) verhängte ein paar Maßnahmen gegen Christen, förderte innerchristliche Streitigkeiten und versuchte die heidnischen Opfer wiederzubeleben, aber hatte insgesamt wenig Erfolg und starb früh bei einem Feldzug gegen die Perser.

Ein Projekt, an dem er sich versuchte, war der Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem, wohl einfach als Attacke gegen die Christen, die meinten, dass Gott die Opfer im Tempel nicht mehr wolle und deshalb seine Zerstörung zugelassen hatte. Der heidnische Historiker Ammianus Marcellinus, der Julian sehr wohlgesonnen war, schreibt:

„And although he weighed every possible variety of events with anxious thought, and pushed on with burning zeal the many preparations for his campaign, yet turning his activity to every part, and eager to extend the memory of his reign by great works, he planned at vast cost to restore the once splendid temple at Jerusalem, which after many mortal combats during the siege by Vespasian and later by Titus, had barely been stormed. He had entrusted the speedy performance of this work to Alypius of Antioch, who had once been vice-prefect of Britain.

But, though this Alypius pushed the work on with vigour, aided by the governor of the province, terrifying balls of flame kept bursting forth near the foundations of the temple, and made the place inaccessible to the workmen, some of whom were burned to death; and since in this way the element persistently repelled them, the enterprise halted.“ (Ammianus Marcellinus, Res Gestae XXIII,1,2-3)

Meine Übersetzung:

„Und obwohl er jede mögliche Art von Ereignissen mit besorgten Gedanken abwog, und mit brennendem Eifer die vielen Vorbereitungen für seinen Feldzug vorantrieb, wandte er seine Aktivität allem zu, und eifrig darauf bedacht, das Gedenken an seine Herrschaft durch große Werke zu erhalten, plante er, mit hohen Kosten den einst prachtvollen Tempel in Jerusalem wiederherzustellen, der nach vielen tödlichen Kämpfen während der Belagerung durch Vespasian und später durch Titus gerade erstürmt worden war. Er hatte die schnelle Erledigung dieses Werks Alypius von Antiochia anvertraut, der einmal Vizepräfekt von Britannien gewesen war.

Aber obwohl dieser Alypius das Werk mit der Hilfe des Gouverneurs der Provinz mit Nachdruck vorantrieb, brachen immer wieder schreckliche Feuerbälle bei den Fundamenten des Tempels hervor und machten den Ort unzugänglich für die Arbeiter, von denen manche in den Flammen starben, und da auf diese Weise die Elemente sie beharrlich hinderten, kam das Unterfangen zum Stillstand.“

Der Tempelneubau wurde also durch besonders heftige Naturgewalten, die sich keiner so recht erklären konnte, behindert. (Wenn man sich noch fragt, wieso Gott den Tod unschuldiger Bauarbeiter dabei zuließ, statt sie einfach nur mit den Flammen zu erschrecken: Jedem ist seine jeweilige Lebenszeit zugewiesen, und wenn die Bauarbeiter nicht dabei gestorben wären, dann vielleicht in der Nacht darauf bei einem Hausbrand. Ihr Tod an der Baustelle muss überhaupt keine Strafe für sie persönlich gewesen sein, es war vielleicht einfach nur an der Zeit für sie.)

So weit zu möglichen göttlichen Zeichen, die darauf hindeuten könnten, dass Gott die Riten des Alten Bundes nicht mehr wollte; jetzt zu einem anderen Thema.

4) Das Verschwinden der Orakel – „Der große Gott Pan ist tot“

Im Römischen Reich gab es zahlreiche Orakelstätten, bei denen ein Seher oder eine Seherin mit Göttern oder etwas niedrigeren übersinnlichen Wesen, daimones genannt, in Kontakt treten sollte, und von den Menschen über die Zukunft befragt werden konnte. Die antiken Christen waren überzeugt, dass hier gefallene Engel (reine Geistwesen, ursprünglich gut erschaffen), die sie dann auch als Dämonen bezeichneten, am Werk waren, die sich verehren ließen und dabei oft die Menschen in die Irre führten, oder dem Seher nur einen Teil der Wahrheit erzählten (wobei sie kein wirkliches Wissen über die Zukunft hatten, aber vieles gut im voraus schätzen konnten, weil sie eine größere Intelligenz und größeres Wissen als Menschen besitzen).

Zur Zeit Jesu schienen jedoch die Orakelstätten weniger und die Orakel weniger mächtig zu werden. Der griechische Schriftsteller Plutarch (ca. 45-125 n. Chr.) schrieb ein ganzes Buch über das Verschwinden der Orakel. Darin heißt es u. a.:

„Unto which Cleombrotus making no answer, but looking down to the ground, Demetrius took up the discourse, saying: You need not busy yourself in enquiries after the oracles in those parts, seeing we find the oracles in these parts to fail or (to speak better) to be totally silenced, except two or three; so that it would be more to the purpose to search into the cause of this silence. But we are more concerned in Boeotia, which, although formerly famous throughout all the world for oracles, is now like a fountain dried up, so that at present we find them dumb. For at this day there is no place in all Boeotia, unless in the town of Lebadea, where one can draw out any divination, all other parts being become silent and forsaken.“ (Plutarch, De defectu oraculorum 5)

Meine Übersetzung:

„Als darauf Cleombrotus keine Antwort gab, sondern zu Boden blickte, nahm Demetrius die Frage auf und sagte: ‚Du musst dich nicht damit beschäftigen, nach den Orakeln in diesen Gegenden nachzuforschen, da wir sehen, dass die Orakel in diesen Gegenden versagen oder (besser gesagt) vollkommen stumm geworden sind, außer zwei oder drei; sodass es eher Sinn macht, nach dem Grund für diese Stummheit zu suchen. Aber besonders betrifft das Boeotia, das, obwohl es früher in aller Welt berühmt für seine Orakel war, jetzt wie eine versiegte Quelle ist, sodass wir sie gegenwärtig stumm sehen. Denn dieser Tage gibt es keinen Ort in ganz Boeotia, außer in der Stadt Lebadea, wo man irgendeine Weissagung bekommt, all die anderen Gegenden sind still und verlassen geworden.“

In der Diskussion zwischen den anwesenden Philosophen wird vorgeschlagen, es liege an den Menschen, die die Götter mit unwürdigen Fragen nerven, oder einfach am Bevölkerungsrückgang, der nicht mehr so viele Orakel nötig mache, oder auch, die Orakel seien die Sache der daimones, nicht der Götter, und diese lebten nicht ewig wie die Götter und seien menschlichen Emotionen unterworfen, würden die Orakel manchmal verlassen.

Einer erzählt als Beweis für die Sterblichkeit der daimones dann folgende Geschichte, die sich zur Zeit des Tiberius zutrug, der zur Zeit der Kreuzigung Jesu Kaiser war:

„And as to their mortality, I have heard it reported from a person that was neither fool nor knave, being Epitherses, the father of Aemilianus the orator, whom some of you have heard declaim. This Epitherses was my townsman and a school-master, who told me that, designing a voyage to Italy, he embarked himself on a vessel well laden both with goods and passengers. About the evening the vessel was becalmed about the Isles Echinades, whereupon their ship drove with the tide till it was carried near the Isles of Paxi; when immediately a voice was heard by most of the passengers (who were then awake, and taking a cup after supper) calling unto one Thamus, and that with so loud a voice as made all the company amazed; which Thamus was a mariner of Egypt, whose name was scarcely known in the ship. He returned no answer to the first calls; but at the third he replied, Here ! here! I am the man. Then the voice said aloud to him, When you are arrived at Palodes, take care to make it known that the great God Pan is dead. Epitherses told us, this voice did much astonish all that heard it, and caused much arguing whether this voice was to be obeyed or slighted. Thamus, for his part, was resolved, if the wind permitted, to sail by the place without saying a word; but if the wind ceased and there ensued a calm, to speak and cry out as loud as he was able what he was enjoined. Being come to Palodes, there was no wind stirring, and the sea was as smooth as glass. Whereupon Thamus standing on the deck, with his face towards the land, uttered with a loud voice his message, saying, The great Pan is dead. He had no sooner said this, but they heard a dreadful noise, not only of one, but of several, who, to their thinking, groaned and lamented with a kind of astonishment. And there being many persons in the ship, an account of this was soon spread over Rome, which made Tiberius the Emperor send for Thamus; and he seemed to give such heed to what he told him, that he earnestly enquired who this Pan was; and the learned men about him gave in their judgments, that it was the son of Mercury by Penelope.“ (Plutarch, De defectu oraculorum 17)

Übersetzung:

„Und was ihre Sterblichkeit angeht, habe ich einen Bericht von einer Person gehört, die weder Dummkopf noch Gauner war, Epitherses, dem Vater von Aemilianus dem Redner, den einige von euch haben reden hören. Dieser Epitherses war mein Mitbürger und ein Schulmeister, der mir erzählte, dass er auf einer Reise nach Italien ein Schiff bestieg, das stark beladen war mit Gütern und Passagieren. Gegen Abend geriet das Schiff in eine Flaute bei der Inselgruppe der Echinaden, woraufhin ihr Schiff mit der Strömung fuhr, bis es in die Nähe der Paxi-Inseln getragen wurde; als plötzlich eine Stimme von den meisten Passagieren gehört wurde (die wach waren und nach dem Abendessen etwas tranken), die nach einem gewissen Thamus rief, und das mit so lauter Stimme, dass die ganze Gruppe erstaunt war; dieser Thamus war ein Seemann aus Ägypten, dessen Name auf dem Schiff kaum jemandem bekannt war. Er gab keine Antwort auf die ersten Rufe; aber nach dem dritten antwortete er: Hier! Hier! Ich bin es. Dann sagte die Stimme laut zu ihm: Wenn du in Palodes ankommst, mach es bekannt, dass der große Gott Pan tot ist. Epitherses sagte uns, dass diese Stimme alle, die sie hörten, sehr erstaunte, und viel Streit verursachte, ob diese Stimme befolgt oder ignoriert werden sollte. Thamus, was ihn anging, war entschlossen, wenn es der Wind erlaubte, an dem Ort vorbei zu segeln, ohne ein Wort zu sagen; aber wenn der Wind nachließ und Ruhe herrschte, zu sprechen und so laut er konnte zu rufen, was ihm aufgetragen war. Als sie nach Palodes kamen, wehte kein Wind, und das Meer war so ruhig wie Glas. Woraufhin Thamus, der auf dem Deck stand, mit seinem Gesicht zum Land, mit lauter Stimme seine Botschaft rief: Der große Pan ist tot. Kaum hatte er das gesagt, als sie einen schrecklichen Lärm hörten, nicht von einem, sondern von mehreren, die, so schien es ihnen, stöhnten und klagten mit einer Art von Erstaunen. Und da viele Leute auf dem Schiff waren, wurde bald die Nachricht davon in Rom verbreitet, was den Kaiser Tiberius nach Thamus schicken ließ; und er schien so ernst zu nehmen, was er ihm sagte, dass er ernsthaft nachforschte, wer dieser Pan war; und die gelehrten Männer in seinem Umfeld meinten in ihren Urteilen, dass er der Sohn Merkurs von Penelope war.“

Eine christliche Interpretation wäre, dass hier zwar niemand gestorben ist, aber der Dämon, der sich bisher als „Pan“ gezeigt hatte, machtlos geworden war, und dass er selbst in seiner Wut, oder dass ein guter Engel das Ende des Orakels verkündet hatte. Selbst wenn man diese spezielle Geschichte mit Thamus nicht ernst nehmen will, bliebe die Tatsache, dass die Wesen hinter den Orakeln generell an Macht verloren.

(Noch eine Anmerkung: Aus der Antike gibt es allgemein mehr Berichte als von heute darüber, dass Dämonen sich relativ offen zeigten. Der logischste Grund dafür wird – neben ihrem allgemeinen Machtverlust – die Taktik der Dämonen sein, die im einen Zeitalter die Leute eher zu Aberglauben und Satanismus, im anderen eher zu naiver Diesseitigkeit und Leugnung alles Übernatürlichen verleiten wollen. Freilich gibt es auch heute noch sehr schwer erklärbare Phänomene, die auf Dämonen hindeuten; aber das wäre ein Thema für ein anderes Mal.)

Wie gesagt: Das alles sind Indizien, keine Beweise. Nichtchristen werden sie wahrscheinlich als Mischung aus interessanten Zufällen, Hörensagen und Erfindungen wegwischen; wer schon vom Christentum überzeugt ist, wird entweder sein Urteil zurückhalten oder sie als zusätzliche Bestätigung sehen. Interessant zu kennen ist das alles aber allemal.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 9: Endzeit, Wiederkunft Christi und Weltgericht

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Mt 24-25; Lk 21; Mk 13; Offb; 1 Kor 15,51-53; 1 Thess 4,15-17; 2 Thess 2; Dan 7.

Über die Wiederkunft Christi, die stetige Wachsamkeit wegen des unbekannten Zeitpunkts, die Schwierigkeiten der Endzeit, die Tyrannei des Antichrists vor der Wiederkunft des Herrn usw. finden sich etliche Aussagen bei den frühen Christen. Sie glaubten auch (ebenso wie Christen heute) daran, dass dann die leibliche Auferstehung der Toten (wobei ihre Körper sich wieder mit ihren Seelen vereinen) und das Jüngste Gericht, bei dem die Guten und Bösen öffentlich vor allen geschieden werden, folgen werden.

In der Didache, einer Gemeindeordnung von ca. 100 n. Chr., heißt es ganz am Ende über die Prüfungen und Leiden der Endzeit und dann über die Wiederkunft Christi:

„‚Wachet‘ für euer Leben; ‚eure Lampen sollen nicht ausgehen und der Gurt um eure Lenden‘ soll sich nicht lockern, ’seid vielmehr bereit, denn ihr wisset nicht die Stunde, in der unser Herr kommt‘. Ihr sollt fleißig zusammenkommen, indem ihr nach dem strebet, was euren Seelen zukommt; denn es wird euch die ganze Zeit des Glaubens nichts nützen, wenn ihr nicht in der letzten Stunde vollkommen seid. Denn in den letzten Tagen werden sich mehren die falschen Propheten und die Verderber, und die Schafe werden zu Wölfen umgewandelt, und die Liebe wird verwandelt werden in Hass. Wenn nämlich die Gesetzwidrigkeit sich steigert, werden sie einander hassen, verfolgen und ausliefern, dann wird erscheinen der Verführer der Welt, wie der Sohn Gottes wird er auch ‚Zeichen und Wunder tun‘, und die Erde wird in seine Hände überliefert werden, und er wird Greuel verüben, wie sie von Ewigkeit her noch nicht geschehen sind. Dann wird das Geschlecht der Menschen kommen in das Feuer der Prüfung, und ‚viele werden Ärgernis nehmen‘ und zugrunde gehen; die aber ausharren in ihrem Glauben, werden von dem (durch die Verführer) Verfluchten selbst ‚gerettet werden‘. ‚Und dann werden die Zeichen der Wahrheit erscheinen; zuerst das Zeichen, dass der Himmel sich auftut, dann das Zeichen des Trompetenschalles‘ und das dritte: die Auferstehung der Toten, aber nicht aller, sondern, wie gesagt ward: ‚Kommen wird der Herr und alle Heiligen mit ihm‘. ‚Dann wird die Welt den Herrn kommen sehen auf den Wolken des Himmels‘.“ (Didache 16)

Papst Clemens von Rom schreibt um 95 n. Chr.:

„Wahrhaftig, schnell und plötzlich wird sein Wille Vollendung finden, da ja auch die Schrift selbst hierfür Zeugnis gibt: ‚Schnell wird er kommen und nicht zögern, und plötzlich wird einziehen der Herr in seinen Tempel und der Heilige, den ihr erwartet‘.“ (1. Clemensbrief 23,5)

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. in seinen Briefen folgendes:

„Die letzten Zeiten sind da; deshalb wollen wir auf der Hut sein und Furcht haben vor Gottes Langmut, dass sie uns nicht zum Gerichte werde. Entweder müssen wir Furcht haben vor dem kommenden Zorn oder die gegenwärtige Gnade lieben, eins von beiden, nur dass wir in Christus Jesus erfunden werden zum wahren Leben.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 11,1)

„Lerne die Zeiten kennen. Den erwarte, der über der Zeit ist, den Zeitlosen, den Unsichtbaren, der unseretwegen sichtbar geworden, den Unbetastbaren, den Leidenlosen, der unseretwegen gelitten hat, der auf alle Arten unseretwegen geduldet hat.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 3,2)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. in einer Schrift, in der er den christlichen Glauben gegenüber den Heiden verteidigt:

„Die Propheten haben nämlich ein zweimaliges Kommen Christi vorhergesagt, das eine, das schon der Geschichte angehört, als das eines mißachteten und leidensfähigen Menschen, das andere aber, wenn er ihrer Verkündigung gemäß in Herrlichkeit vom Himmel her mit seiner Engelschar erscheinen wird, wenn er auch die Leiber aller Menschen, die je gelebt haben, wieder auferwecken und die der Würdigen mit Unverweslichkeit bekleiden, die der Ungerechten aber in ewiger Empfindungsfähigkeit mit den bösen Geistern ins ewige Feuer verweisen wird.“ (Justin, 1. Apologie 52)

In einer Fortsetzung dieser Schrift schreibt er:

„Darum, nämlich um der zarten Saat des Christentums willen, das Gott als Grund für den Fortbestand der Natur ansieht, verzögert er den Untergang und die Zerstörung der ganzen Welt, durch die dann auch die bösen Engel, Dämonen und Menschen ihr Ende finden würden. Wenn das nicht wäre, so könntet auch ihr nicht mehr solches tun und euch von den bösen Dämonen als Werkzeuge gebrauchen lassen; es hätte vielmehr das herniederfahrende Feuer des Gerichtes schonungslos allein ein Ende gemacht, wie einst die große Flut, die niemanden übrig ließ als den Noe allein mit den Seinen; so nennen wir jenen, während er bei euch Deukalion heißt, von dem dann wieder so viele Menschen entstammt sind, teils schlechte, teils gute.“ (Justin, 2. Apologie 6)

Und in einem Dialog mit einem Juden namens Tryphon sagt er:

„Wenn sich aber zeigt, daß seine Leidensmacht von solchen Wundern begleitet wurde und begleitet ist, wie groß sind erst die Wunder, wenn er in Herrlichkeit erscheint? Denn, wie Daniel offenbarte, wird er als Menschensohn auf den Wolken unter Begleitung von Engeln kommen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 31,1)

Auf die jüdische Ansicht, dass Jesus nicht der Messias gewesen sei, weil er nicht in Macht und Herrlichkeit gekommen sei, erwidert er, dass von den Propheten sowohl ein Leiden als auch ein Triumph des Messias vorhergesagt worden war:

„Die Toren, nicht verstehen sie, was immer wieder dargetan worden ist, daß es nämlich nach den Prophezeiungen zwei Parusien von ihm gibt; bei der einen leidet er, ist er der Herrlichkeit und der Ehre beraubt und wird er gekreuzigt gemäß der Verkündigung; bei der anderen wird er in Herrlichkeit vom Himmel erscheinen. Diese tritt dann ein, wenn der Mann der Apostasie, der auch gegen den Höchsten Ungehöriges predigt, auf Erden Sündhaftes gegen uns Christen wagt, die wir von dem Gesetze und dem Worte, das aus Jerusalem durch Jesu Apostel ausging, Gottesverehrung gelernt und zu dem Gotte Jakobs und dem Gotte Israel unsere Zuflucht genommen haben.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 110,2)

Im 2. Clemensbrief heißt es:

„Wisset nämlich, dass bereits der Tag des Gerichtes kommt wie ein glühender Ofen, und ein Teil der Himmel wird schmelzen, und die ganze Erde (wird sein) wie Blei, das auf dem Feuer schmilzt, und dann werden sichtbar werden die geheimen und offenen Werke der Menschen.“ (2. Clemensbrief 16,3)

„Denn der Herr hat gesagt: ‚Ich komme, um alle Völker, Stämme und Sprachen zu versammeln.‘ Damit meint er den Tag seines Erscheinens, wenn er kommen und uns erlösen wird, jeden nach seinen Werken. Und sehen werden seine Herrlichkeit und seine Macht die Ungläubigen, und sie werden verwundert anstaunen das Weltreich Jesu und sagen: Wehe uns, da du warst, und wir wussten es nicht und glaubten nicht und gehorchten nicht den Presbytern, die uns von unserem Heile predigten; und ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen, und sie werden am Pranger stehen für jegliches Fleisch. Er meinte jenen Tag des Gerichtes, wenn sie diejenigen sehen werden, die unter uns gottlos lebten und die Gebote Jesu Christi übertraten. Wenn aber die Gerechten, die Gutes taten, die Prüfungen bestanden und die Lüste der Seele hassten, sehen, wie die vom Ziele Abgeirrten, die in Wort und Tat Jesus verleugneten, mit schrecklichen Qualen durch das unauslöschliche Feuer gepeinigt werden, werden sie ihren Gott verherrlichen und sprechen: Gute Hoffnung wird sein für den, der Gott aus ganzem Herzen gedient hat.“ (2. Clemensbrief 17,4-7)

Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr.:

„Aber für alle zumal ist er der Erhalter und Ernährer, der König und Richter. Denn niemand wird seinem Gerichte entrinnen, nicht Jude noch Heide und kein Sünder aus den Reihen der Gläubigen und kein Engel. Diejenigen, welche jetzt seiner Güte nicht vertrauen, werden im Gerichte seine Macht erkennen, gemäß dem Worte des Apostels: ‚Du weißt nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße führt, sondern sammelst in Halsstarrigkeit und Unbußfertigkeit des Herzens den Zorn für den Tag der Rache und der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken.'“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 8)

„Auferstanden und erhöht verharrt er zur Rechten des Vaters bis zur vom Vater festgesetzen Stunde des Gerichts über alle seine Feinde nach ihrer Unterwerfung. Die Zahl seiner Feinde in ihrer Gesamtheit besteht aus den abgefallenen Engeln, Erzengeln, Mächten und Thronen, welche die Wahrheit mißachten.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 85)

Über den Antichrist, der in der Endzeit auftreten soll, schreibt Irenäus:

„Weiterhin erweist sich auch aus dem, was unter dem Antichrist geschehen soll, daß der Apostat und Räuber als Gott verehrt werden und als König ausgerufen werden will, obwohl er doch ein Sklave ist. Indem nämlich jener alle Kraft des Teufels annehmen wird, wird er nicht als gerechter König kommen, nicht als gesetzmäßiger in der Unterwerfung unter Gott, sondern als ein ungerechter, gesetzloser, gottloser, als Apostat, Übeltäter, Menschenmörder und Räuber, der die Apostasie des Teufels in sich rekapituliert. Die Götzen wird er abtun und sich selbst als Gott ausgeben, sich als den einzigen Götzen erheben, der in sich den mannigfachen Irrtum der übrigen Götzenbilder enthält, damit die, welche in mancherlei Greueln den Teufel anbeten, ihm in dem einen Götzen dienen. Von ihm spricht der Apostel in dem zweiten Thessalonicherbriefe, wenn er sagt: ‚Zuerst muß der Abfall kommen und der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, offenbar werden, der bekämpft und sich erhebt über alles, was Gott heißt oder als Gott verehrt wird, so daß er sitzet im Tempel Gottes, indem er sich selbst zeigt, gleich als ob er Gott sei.‘ Deutlich also hat der Apostel seine Apostasie kundgetan und verkündet, dass er sich über alles, was Gott heißt, erheben wird, oder was als Gott verehrt wird, d. h. über alle Götzenbilder — denn diese werden von den Menschen so genannt, sind es aber nicht —, und daß er nach Tyrannenart versuchen wird, sich als Gott zu zeigen.

Ferner lehrt er auch offenkundig, was wir schon vielfach gezeigt haben, daß der Tempel zu Jerusalem auf Anordnung des wahren Gottes erbaut wurde. Denn der Apostel nennt für seine Person ihn ausdrücklich den Tempel Gottes. Wir haben aber im dritten Buche gezeigt, daß die Apostel für ihre Person niemand Gott nennen als den, welcher in Wahrheit Gott ist, den Vater unseres Herrn, auf dessen Befehl der Tempel in Jerusalem aus den angegebenen Gründen gebaut worden ist. Hier wird der Feind sitzen und versuchen, sich als Christus auszugeben, wie der Herr spricht: ‚Wenn ihr aber sehen werdet den Greuel der Verwüstung, welcher durch den Propheten Daniel verkündet ist, der auf dem heiligen Orte steht, wer es liest, verstehe es, dann mögen fliehen, die in Judäa sind, auf die Berge, und wer auf dem Dache ist, steige nicht herab, etwas aus dem Hause zu holen. Es wird nämlich dann eine große Angst sein, wie sie nicht geschehen ist vom Anfang der Welt bis jetzt, noch geschehen wird.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,25,1-2)

Außerdem schreibt er über die Zahl 666, die in der Offenbarung des Johannes (Offb 13,18: Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert des Tieres. Denn es ist die Zahl eines Menschennamens; seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig“) mit dem Antichrist verbunden wird (im Griechischen konnten die Buchstaben auch Zahlen bedeuten, und jeder Name konnte daher auch als Zahl, nämlich als Quersumme seiner einzelnen Buchstaben, gelesen werden).

„Wenn daher am Ende die Kirche plötzlich erhöht werden wird, dann wird, wie geschrieben steht, ‚eine Trübsal sein, wie sie von Anfang an nicht gewesen ist, noch sein wird‘. Das ist nämlich der letzte Kampf der Gerechten, in welchem die Sieger mit Unverweslichkeit gekrönt werden.

Deshalb ist das ‚kommende Tier‘ die Zusammenfassung aller Ungerechtigkeit und allen Truges, damit in ihm der Abschluß und die Summe aller apostatischen Macht in den Feuerofen geworfen wird. Entsprechender Weise nun wird auch sein Name die Zahl 666 aufweisen, indem sie in sich alle Bosheit zusammenfaßt, die vor der Sintflut gewesen ist und eine Folge der Apostasie der Engel war. Noe nämlich war 600 Jahre alt, als die Sintflut über die Erde hereinbrach und die Empörung der Erde wegen des ganz verdorbenen Geschlechtes hinwegschwemmte, das zu Noes Zeiten lebte. Und dann rekapitulierte es auch den gesamten Greuel der Götzenbildner nach der Sintflut und die Ermordung der Propheten und die Verbrennung der Gerechten. Denn das von Nabuchodonosor errichtete Götzenbild war 60 Fuß hoch und 6 Ellen breit; und seinetwegen wurden Ananias, Azarias und Misael, die es nicht anbeteten, in den Feuerofen geworfen, indem sie durch ihr Schicksal auf die Verbrennung der Gerechten am Ende der Zeiten hinwiesen. Das Bild als solches aber wies hin auf die Ankunft jenes, der von allen Menschen überhaupt als der Einzige angebetet werden wollte. Die 600 Jahre des Noe also, unter dem die Sintflut wegen der Apostasie hereinbrach, und die Ellenzahl des Bildes, dessentwegen die Gerechten in den Feuerofen geworfen wurden, weist auf die Namenszahl dessen hin, in dem alle Apostasie, Ungerechtigkeit, Bosheit, Pseudoprophetie und List der sechstausend Jahre rekapituliert wird, derentwegen die Feuerflut hereinbrechen wird.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,29,1-2)

„So also verhält sich die Sache, und in allen bewährten und alten Handschriften findet sich diese Zahl; und die, welche Johannes von Angesicht zu Angesicht gesehen haben, bezeugen es, und die Rechnung lehrt es, daß die Namenszahl des Tieres nach griechischer Zählung in den einzelnen Buchstaben die Zahl 666 ergibt, in der die Zehner gleich den Hunderten und die Hunderte gleich den Einern sind. Die Zahl 6, dreimal wiederholt, stellt die Rekapitulation der gesamten Apostasie im Anfang, in den mittleren Zeiten und am Ende dar. So weiß ich nicht, wie einige irrtümlicher Weise, die Zahl um 50 vermindernd, auf 616 gekommen sind. Doch vermute ich einen Fehler der Abschreiber, die den gewöhnlichen griechischen Buchstaben, der 60 bedeutet, für Jota, d. h. 10, genommen haben. Dann haben die einen das ohne Untersuchung angenommen, die andern schlecht und recht den Zehner beibehalten; andere aber wagten dann in ihrer Unwissenheit, auch Namen aufzusuchen, welche diese falsche und irrtümliche Zahl aufweisen. Die nun arglos und in Einfalt dies getan haben, denen wird es Gott Ja verzeihen. Die aber eitlen Ruhmes halber Namen mit dieser falschen Zahl aufstellen, und den von ihnen erfundenen Namen als den Namen desjenigen ausgeben, der da kommen soll, die werden nicht straflos ausgehen, da sie sich selbst und ihre Anhänger verführt haben. Zunächst besteht ihre Strafe darin, daß sie eben von der Wahrheit abgewichen sind und das nicht Seiende als wirklich annehmen; sodann wird notwendig keine geringe Strafe den treffen, der zu der Schrift etwas hinzusetzt oder von ihr etwas fortnimmt. Und schließlich besteht keine geringe Gefahr für die, welche sich fälschlich einbilden, seinen Namen zu wissen. Wenn er nämlich in Wirklichkeit einen andern Namen haben wird, als sie glauben, dann werden sie leicht von ihm verführt werden, so als ob der noch gar nicht da wäre, vor dem sie sich geziemend hüten sollten. […]

Wissen sie aber die von der Schrift angegebene zuverlässige Zahl, d. h. 666, dann mögen sie zunächst die Teilung des Reiches unter die 10 Könige abwarten. Wenn dann diese regieren und anfangen, ihre Sachen auszuführen und ihr Reich zu mehren, und alsdann unvermutet der kommt, der die Herrschaft an sich reißt und die Vorgenannten in Schrecken setzt und den Namen mit der genannten Zahl führt, dann mögen sie diesen in Wahrheit als den Greuel der Verwüstung erkennen. […]

Sicherer und gefahrloser ist es also, die Erfüllung dieser Prophetie abzuwarten, als allerlei Namen zu vermuten und zu weissagen. Gibt es doch viele Namen der genannten Zahl, und somit kommt die Sache nicht weiter. Denn wenn es viele Namen gibt, welche diese Zahl aufweisen, dann bleibt immer die Frage offen, welchen von diesen er führen wird. Dies sagen wir nicht aus Mangel an solchen Namen, sondern aus Gottesfurcht und Liebe zur Wahrheit. Der Name Eythanos hat die gesuchte Zahl, doch wollen wir darüber nichts sagen. Lateinos hat auch die Zahl 666, und es ist sehr wahrscheinlich, daß das letzte Reich so heißen wird. Denn die Lateiner herrschen heute, doch wollen wir uns dessen nicht rühmen. Aber am meisten von allen Namen, die sich bei uns vorfinden, ist der Name Teitan glaubwürdig, die erste Silbe mit den beiden griechischen Vokalen e und i geschrieben. Er weist die genannte Zahl auf und hat sechs Buchstaben, indem jede Silbe aus drei Buchstaben besteht, und ist alt und abgelegen. Denn keiner von unsern Königen hieß Titan, noch trug einer von den griechischen oder barbarischen Götzen diesen Namen. Trotzdem gilt er bei vielen als göttlich, so dass bei den Modernen die Sonne Titan genannt wird, und enthält auch einen gewissen Hinweis auf Rache und einen Rachebringer, weil jener sich den Anschein gibt, die schlecht Behandelten zu rächen. Und auch sonst ist es ein alter, glaubwürdiger, königlicher oder vielmehr tyrannischer Name. Da also der Name Titan soviel Gründe für sich hat, so hat nach all dem es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß der, welcher kommen wird, vielleicht Titan genannt wird. Doch wollen wir uns nicht in Gefahr begeben und den Anschein erwecken, als ob wir über den Namen des Antichrists etwas Bestimmtes wüßten. Läge nämlich für die Verkündigung desselben im gegenwärtigen Zeitpunkt eine Notwendigkeit vor, dann wäre er gewiß durch den gemeldet worden, der die Apokalypse geschaut hat. Das ist aber vor gar nicht langer Zeit geschehen, sondern soeben erst am Ende der Regierung des Domitian.

Diese Namenszahl offenbarte er, damit wir uns vor seinem Kommen hüten und wissen, wer er ist. Seinen Namen aber hat er verschwiegen, weil er nicht würdig ist, vom Hl. Geiste verkündet zu werden. Wäre er verkündet worden, dann würde er vielleicht für lange bleiben. Nun aber ‚war er und ist nicht, er wird aufsteigen aus dem Abgrunde und geht ins Verderben‘, gleich als ob er nicht wäre. So ist auch sein Name nicht verkündet worden, denn was nicht ist, davon wird auch der Name nicht verkündet. Wenn aber dieser Antichrist alles auf dieser Welt verwüstet haben wird, indem er drei Jahre und sechs Monate regierte und in dem Tempel zu Jerusalem thronte, dann wird der Herr vom Himmel in den Wolken in der Herrlichkeit des Vaters kommen. Jenen wird er samt seinem Anhang in den Feuerpfuhl werfen, für die Gerechten aber wird er die Zeiten des Reiches herbeiführen, d. h. die Ruhe, den heiligen siebenten Tag; wiederherstellen wird er die dem Abraham versprochene Erbschaft, und in diesem Reiche werden nach dem Worte des Herrn ‚viele vom Aufgang und Untergang kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,30,1-4)

Interessant ist auch die „Offenbarung des Petrus“. Entstanden vermutlich in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, gab sie sich als Schrift des Apostels Petrus aus. Ihr Status war umstritten; der Kanon Muratori erkennt sie als Teil der Bibel an; letztlich wurde sie aber nicht in den Kanon aufgenommen. Dennoch wurde sie als rechtgläubig betrachtet.

In diesem Text ist Jesus mit den Aposteln auf dem Ölberg und erklärt ihnen Dinge über das Weltgericht, die Hölle und den Himmel. Dabei zitiert die Petrusapokalypse die kanonischen Evangelien und schmückt deren Texte aus. Ein falscher Messias (der Antichrist) wird für die Endzeit angekündigt, der vor der Wiederkunft Jesu auftreten soll. Ausführlich geht es dann um die leibliche Auferstehung der Toten, und darum, dass alle, die so auferstanden sind, zum Gericht zitiert werden. Ebenso wie bei Paulus wird hier auch eine Bekehrung vieler Juden am Ende der Zeiten vorhergesagt.

„Und indem er auf dem Ölberg saß, traten zu ihm die Seinigen, und wir beteten ihn an und flehten einzeln ihn an und baten ihn, indem wir zu ihm sagten: ‚Tue uns kund, was die Zeichen deiner Parusie [Wiederkunft] und des Endes der Welt sind, damit wir erkennen und merken die Zeit deiner Parusie und die nach uns Kommenden unterweisen, denen wir das Wort deines Evangeliums predigen und die wir in deiner Kirche einsetzen, damit sie, wenn sie es hören, sich in acht nehmen, daß sie merken die Zeit deiner Parusie.‘ Und unser Herr antwortete uns, indem er zu uns sagte: ‚Gebt acht, daß man euch nicht verführe und daß ihr nicht Zweifler werdet und anderen Göttern dienet. Viele werden kommen in meinem Namen, indem sie sagen: ‚Ich bin Christus.‘ Glaubet ihnen nicht und nähert euch ihnen nicht. Denn die Parusie des Gottessohnes wird nicht offenbar sein, sondern wie der Blitz, der scheint vom Osten bis zum Westen, so werde ich kommen auf der Wolke des Himmels mit großem Heer in meiner Herrlichkeit; indem mein Kreuz vor meinem Angesicht hergeht, werde ich kommen in meiner Herrlichkeit; indem ich siebenmal so hell wie die Sonne leuchte, werde ich kommen in meiner Herrlichkeit mit allen meinen Heiligen, meinen Engeln, wenn mein Vater mir eine Krone aufs Haupt setzt, damit ich richte die Lebendigen und die Toten und jedem vergelte nach seinem Tun.

Und ihr – nehmet von dem Feigenbaum das Gleichnis davon: Sobald sein Sproß hervorgekommen und seine Zweige getrieben sind, wird eintreten das Ende der Welt.‘ – Und ich, Petrus, antwortete ihm und sagte zu ihm: ‚Deute mir betreffs des Feigenbaums, [und] woran wir das erkennen, denn alle seine Tage hindurch sproßt der Feigenbaum und jedes Jahr bringt er seine Frucht [und] seinen Herren. Was bedeutet (also) das Gleichnis vom Feigenbaum? Wir wissen es nicht.‘ Und es antwortete mir der Meister und sagte zu mir: ‚Verstehst du nicht, daß der Feigenbaum das Haus Israel ist? Wie ein Mann in seinem Garten einen Feigenbaum gepflanzt hatte und der brachte nicht Frucht. Und er suchte seine Frucht lange Jahre. Und da er sie nicht fand, sagte er zu dem Hüter seines Gartens: ‚Reiß diese Feige aus, damit sie uns nicht unser Land unfruchtbar sein läßt!‘ Und der Gärtner sagte zu Gott: ‚Wir Diener (?) wollen ihn (vom Unkraut) reinigen und den Boden unter ihm umgraben und ihn mit Wasser begießen. Wenn er dann nicht Frucht bringt, wollen wir sogleich seine Wurzeln aus dem Garten entfernen und einen anderen an seiner Statt pflanzen.‘ Hast du nicht begriffen, daß der Feigenbaum das Haus Israel ist? Wahrlich, ich sage dir, wenn seine Zweige getrieben haben am Ende, werden lügnerische Christusse kommen und die Hoffnung erwecken (mit den Worten): ‚Ich bin der Christus, der ich (einst) in die Welt gekommen bin.‘ Und wenn sie die Bosheit seines Tuns sehen, werden sie sich abwenden hinter ihnen her und den verleugnen, dem unsere Väter Lobpreis sagten (?), die den ersten Christus kreuzigten und damit schwer sündigten. Dieser Lügnerische ist aber nicht Christus. Und wenn sie ihn verschmähen, wird er mit Schwertern (Dolchen) morden, und es wird viele Märtyrer geben. Alsdann werden die Zweige des Feigenbaumes, d. h. des Hauses Israels, treiben, allein es werden viele durch seine Hand Märtyrer werden, sie werden sterben und Märtyrer werden. Henoch und Elias werden gesandt werden, um sie zu belehren, daß das der Verführer ist, der in die Welt kommen und Zeichen und Wunder tun muß, um zu verführen. Und deshalb werden diese, welche durch seine Hand gestorben sind, Märtyrer und werden gerechnet zu den guten und gerechten Märtyrern, welche Gott in ihrem Leben gefallen haben.‘

Und er zeigte mir in seiner Rechten die Seelen von allen (Menschen) und auf seiner rechten Handfläche das Bild von dem, was sich am jüngsten Tage erfüllen wird; und wie die Gerechten und die Sünder geschieden werden, und wie diejenigen tun (?) werden, die rechten Herzens sind, und wie die Übeltäter für alle Ewigkeit ausgerottet werden. Wir sahen, wie die Sünder in großer Betrübnis und Trauer weinten, bis alle, die es mit ihren Augen sahen, weinten, seien es Gerechte oder Engel oder auch er selbst. Ich aber fragte ihn und sagte zu ihm: ‚O Herr, erlaube mir, daß ich inbetreff dieser Sünder dein Wort sage: ‚Es wäre ihnen besser, sie wären nicht geschaffen‘.‘ Und der Heiland antwortete mir und sagte zu mir: ‚O Petrus, warum redest du so, ‚das Nichtgeschaffensein wäre ihnen besser‘? Du bist es, der wider Gott streitet. Du würdest dich seines Gebildes nicht mehr erbarmen als er; denn er hat sie geschaffen und hat sie dahin gebracht, wo sie (vorher) nicht waren (wohl = und hat sie aus dem Nichtsein ins Dasein gebracht). Und weil du gesehen hast die Klage, welche die Sünder treffen wird in den letzten Tagen, darum ist dein Herz betrübt, aber ich will dir ihr Tun zeigen, mit dem sie sich an dem Höchsten versündigt haben.

Sieh jetzt, was sie treffen wird in den letzten Tagen, wenn der Tag Gottes kommt. Und am Tage der Entscheidung des Gerichtes Gottes werden alle Menschenkinder vom Osten bis zum Westen vor meinem Vater, dem ewig Lebendigen, versammelt werden, und er wird der Hölle gebieten, daß sie ihre stählernen Riegel öffnet und alles, was in ihr ist, zurückgibt. Und den wilden Tieren und Vögeln wird er gebieten, daß sie alles Fleisch, was sie gefressen haben, zurückgeben, indem er will, daß die Menschen (wieder) sichtbar werden; denn nichts geht für Gott zugrunde und nichts ist ihm unmöglich, da alles sein ist. Denn alles (geschieht) am Tage der Entscheidung, am Tage des Gerichtes mit dem Sprechen Gottes, und alles geschieht, wie er die Welt schafft, und alles, was darin ist, hat er geboten, und alles geschah; ebenso in den letzten Tagen, denn alles ist Gott möglich und also sagt er in der Schrift: ‚Menschenkind, weissage über die einzelnen Gebeine und sage zu den Knochen: Knochen zu den Knochen in Glieder, Muskel, Nerven, Fleisch und Haut und Haare darauf‘. Und Seele und Geist soll der große Urael [ein außerbiblischer Engelsname] auf Befehl Gottes geben. Denn ihn hat Gott bestellt bei der Auferstehung der Toten am Tage des Gerichtes. Sehet und bedenkt die Samenkörner, die in die Erde gesät sind. Wie etwas Trockenes, das seelenlos ist, sät man sie in die Erde. Und sie leben auf, bringen Frucht, und die Erde gibt (sie) wieder wie ein anvertrautes Pfand. Und dieses, was stirbt, was als Same in die Erde gesät wird, lebendig wird und dem Leben zurückgegeben wird, ist der Mensch. Wie viel mehr wird Gott die an ihn Gläubigen und von ihm Erwählten, um derentwillen er (die Erde) gemacht hat, auferwecken am Tage der Entscheidung, und alles wird die Erde wiedergeben am Tage der Entscheidung, weil sie an ihm zugleich mit gerichtet werden soll und der Himmel mit ihr.

Und es wird geschehen am Tage des Gerichtes derer, die abgefallen sind vom Glauben an Gott und die Sünde getan haben: Feuerkatarakte werden losgelassen, und Dunkel und Finsternis wird eintreten und die ganze Welt bekleiden und einhüllen, und die Wasser werden sich verwandeln und gegeben werden in feurige Kohlen und alles in ihr (d. Erde?) wird brennen, und das Meer wird zu Feuer werden; unter dem Himmel ein bitteres Feuer, das nicht verlöscht, und fließt zum Gericht des Zorns. Und die Sterne werden zerfließen durch Feuersflammen, als ob sie nicht geschaffen wären, und die Festen des Himmels werden aus Mangel an Wasser dahingehen und werden wie ungeschaffen. Und nicht (?) mehr werden sein die Blitze des Himmels, und durch ihre Zauberei werden sie die Welt erschrecken (vielleicht: Der Himmel wird zu Blitzen werden, und seine Blitze werden die Welt erschrecken). Und der Geist der Leichname wird ihnen gleichen und auf Befehl Gottes Feuer werden. Und sobald die ganze Schöpfung sich auflöst, werden die Menschen im Osten nach Westen fliehen [und die im Westen] nach Osten fliehen; und die im Süden werden nach Norden fliehen und die im [Norden nach] Süden, und überall wird sie der Zorn schrecklichen Feuers treffen. Und indem eine unverlöschliche Flamme sie treibt, bringt sie sie zum Zorngericht in den Bach unverlöschlichen Feuers, der fließt, indem Feuer darin flammt, und indem seine Wogen sich eine von der anderen im Sieden trennen, entsteht viel Zähneknirschen der Menschenkinder.

Und alle werden sehen, wie ich auf ewig glänzender Wolke komme und die Engel Gottes, die mit mir sitzen werden auf dem Thron meiner Herrlichkeit zur Rechten meines himmlischen Vaters. Der wird eine Krone auf mein Haupt setzen. Sobald das die Völker sehen, werden sie weinen, jedes Volk für sich. Und er wird ihnen befehlen, daß sie in den Feuerbach gehen, während die Taten jedes einzelnen von ihnen vor ihnen stehen. [Es wird vergolten werden] einem jeden nach seinem Tun. Betreffs der Erwählten, die Gutes getan haben, sie werden zu mir kommen, indem sie den Tod verzehrenden Feuers nicht sehen werden (?). Die Bösewichter, Sünder und Heuchler aber werden in den Tiefen nicht verschwindender Finsternis stehen, und ihre Strafe ist das Feuer, und Engel bringen ihre Sünden herbei; und bereiten ihnen einen Ort, wo sie für immer bestraft werden, je nach ihrer Versündigung.“ (Petrusoffenbarung 1-6, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 472-475.)

(Anschließend werden einzelne Sündergruppen und ihre Strafen aufgezählt; u. a. finden sich da Mörder, Ehebrecher, Eltern, die ihre Kinder abgetrieben haben, Christenverfolger, unbarmherzige Reiche. Dann geht es noch um den Lohn der Auserwählten. Aber zu genauen Vorstellungen von Himmel und Hölle in einem anderen Teil.)

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift, die sich als Brief der Apostel ausgibt, sagt Jesus den Jüngern nach Seiner Auferstehung folgendes:

„Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, ich werde kommen wie die Sonne, die erglänzt, so werde ich, indem ich siebenmal mehr als sie in Herrlichkeit leuchte, während ich auf dem Flügel der Wolke getragen werde in Glanz und indem mein Kreuz vor mir einhergeht, auf die Erde kommen, daß ich richte die Lebendigen und die Toten.

Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, wie viel Jahre noch?‘ Und er sprach zu uns: ‚Wenn das hundertundfünfzigste Jahr vollendet ist, zwischen Pfingsten und Pascha wird stattfinden die Ankunft meines Vaters.‘ Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, jetzt hast du zu uns gesagt: Ich werde kommen – und wiederum hast du gesagt: es wird kommen, der mich gesandt hat.‘ Und er sprach zu uns: ‚Ich bin ganz im Vater und der Vater in mir.'“ (Epistula Apostolorum 16(27)-17(28), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 134f.)

Und:

„Wahrlich ich sage euch: ‚Das Fleisch wird auferstehen mit der Seele lebendig, damit sie bekennen und gerichtet werden mit dem Werk, was sie getan haben, es sei Gutes oder Böses, auf daß es werde zu einer Auswahl und Darstellung für die, welche geglaubt und getan haben das Gebot meines Vaters, der mich gesandt hat. Darauf wird das gerechte Gericht stattfinden; denn so will es mein Vater, und er sprach zu mir: Mein Sohn, am Tage des Gerichts sollst du dich vor dem Reichen nicht scheuen und den Armen nicht schonen, sondern übergib einen jeden gemäß seiner Sünde ewiger Bestrafung. Denjenigen aber, die mich geliebt haben und mich lieben und welche mein Gebot getan haben, werde ich Ruhe im Leben verleihen im Reiche meines himmlischen Vaters. Siehe, schaut, was für eine Macht er mir verliehen hat, und er hat mir gegeben, daß, … was ich will und wie ich gewollt habe, … und denen ich Hoffnung erweckt habe.“ (Epistula Apostolorum 26(37), in: Ebd., S. 140f.)

Und:

„Und er sprach zu uns: Dann werden die Gläubigen und auch die, welche nicht glauben werden, ein Horn am Himmel sehen und das Gesicht großer Sterne, die, während es Tag ist, sichtbar sind, und einen Drachen, indem er vom Himmel bis zur Erde reicht und indem Sterne, die wie Feuer sind, herabfallen und große Hagelschlossen von heftigem (?) Feuer, und wie Sonne und Mond miteinander streiten, und beständig der Schrecken von Donner und Blitzen, Donnerkrachen und Erdbeben wie Städte einstürzen und bei ihrer Zerstörung Menschen sterben, beständig Dürre infolge Ausbleiben des Regens, eine große Pest und ein ausgebreitetes und häufiges schnelles Sterben, so daß denen, die sterben, das Begräbnis fehlen wird; und es wird das Hinausgehen (=Hinausgetragenwerden) von Kindern und Verwandten auf einem Bett (=Bahre) geschehen. Und der Verwandte wird sich seinem Kinde nicht zuwenden noch die Kinder ihrem Verwandten, und ein Mensch wird sich seinem Nächsten nicht zuwenden. Die Verlassenen aber, welche verlassen wurden, werden auferstehen und die sehen, welche sie verlassen haben, indem sie sie hinausbrachten, weil Pest (war). Alles ist Haß und Bedrängnis und Eifersucht, und dem einen wird man nehmen und dem anderen schenken, und wie dies wird sein, was nach diesem kommt.

Dann wird mein Vater wegen der Bosheit der Menschen in Zorn geraten; denn zahlreich sind ihre Versündigungen, und der Schauder vor ihrer Unreinheit ist sehr wider sie in der Verderbnis ihres Lebens. […]

Und er sprach zu uns: ‚In jenen Jahren und Tagen (wird) Krieg über Krieg (sein), und die vier Ecken der Welt werden erschüttert werden und werden sich gegenseitig bekriegen. Und darauf (wird eintreten) eine Wolkenbewegung, Finsternis und Dürre und Verfolgung derer, die an mich glauben und (trotzdem) der Bosheit folgen und eitle Lehre lehren. Und diesen wird man folgen und wird sich ihrem Reichtum, ihrer Verworfenheit, ihrer Trunksucht und ihrem Bestechungsgeschenk unterwerfen, und Ansehen der Person wird unter ihnen herrschen.“ (Epistula Apostolorum 34(45)-37(48), in: Ebd., S. 145-147.)

Über Endzeit und Antichrist heißt es im Barnabasbrief:

„Das vollkommene Ärgernis ist nahe gerückt, von dem in der Schrift steht, wie Henoch sagt. Dazu nämlich hat der Herr die Zeiten und die Tage abgekürzt, damit sein Geliebter sich beeile und zu seinem Erbe gelange. Es sagt aber auch der Prophet so: ‚Zehn Königsherrschaften werden herrschen auf Erden, und danach wird ein kleiner König aufstehen, der drei von den Königen auf einmal erniedrigen wird.‘ Ähnlich sagt über denselben Punkt Daniel: ‚Und ich sah das vierte Tier, böse und stark und wilder als alle Tiere des Meeres, und wie aus ihm herauswuchsen zehn Hörner und wie aus ihnen ein kleines Nebenhorn wuchs und wie es auf einmal drei der großen Hörner erniedrigte.'“ (Barnabasbrief 4,3-5)

Wie zu allen Zeiten gab es auch damals schon Vermutungen, wer konkret der Antichrist sein könnte oder wann konkret er kommen werde; der Kirchenhistoriker Eusebius erwähnt folgendes:

„Um diese Zeit gab Judas, ein anderer Schriftsteller, in einer Abhandlung über die siebzig Wochen Daniels eine Chronographie bis zum zehnten Jahre der Regierung des Severus. Er glaubte, das vielbesprochene Erscheinen des Antichrist sei schon damals nahe gewesen. So sehr hatte die damals gegen uns wütende Verfolgung die Gemüter der Massen erregt.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,7)

(Diese Verfolgung fand ca. um 200 n. Chr. herum statt.)

Die christlichen Sibyllinen (dichterische Weissagungen) sagen über die Endzeit und das Jüngste Gericht folgendes (dabei kommt auch der nicht in der Bibel erwähnte Engelsname Uriel vor):

„Und Gott wird alsdann ein großes Zeichen vollführen.
Denn es erglänzt ein Stern einem leuchtenden Kranze fast ähnlich,
Glänzend und überall leuchtend herab vom strahlenden Himmel
Und nicht wenige Tage hindurch; denn vom Himmel wird er dann
Zeigen am Siegerkranz den Menschen, die ihn sich erkämpfen.
Dann aber kommt auch die Zeit des festlichen großen Triumphzugs
In die himmlische Stadt, und zwar sämtlichen Menschen gemeinsam
Wird auf Erden er sein und den Ruhm der Unsterblichkeit haben.
Und es wird jedes Volk alsdann in unsterblichen Kämpfen
Ringen um herrlichen Sieg; denn nicht wird einer dann schamlos
Dort einen silbernen Kranz um Geld sich können erwerben;
Denn als Ordner des Kampfs mit strenger Gerechtigkeit waltet
Christus: den Besten verleiht er den Kranz, und die Märtyrerkrone
Allen, die treu und beharrlich den Kampf bis zum Tode durchkämpften.
Auch jungfräulichen Seelen, die rühmlich durchmaßen die Laufbahn,
Gibt er den Preis und jedem, der Recht und Gerechtigkeit übte,
Unter den Menschen zumal und den Völkern anderer Länder,
Welche untad’lig gelebt und Gott den Einen erkannten.
Denen jedoch, die lieben die Eh‘ und der Buhlerei fremd sind,
Gibt er reiche Geschenke dazu und ewige Hoffnung.
Denn eine jegliche Seele der Menschen ist göttliche Gabe,
Und kein Recht hat der Mensch, sie mit allerlei Schmach zu beflecken.
Dies ist der Kampf, dies ist das Bemühen und solches der Kampfpreis;
Das ist des Lebens Tür und das der Unsterblichkeit Eingang,
Welchen der himmlische Gott den gerecht befundenen Menschen
Setzte als Siegespreis. Die eher ruhmreich erhalten
Jenen Kranz, die werden durch diesen Eingang hindurchgehen.
Wenn aber einst auf der ganzen Welt dies Zeichen erscheinet,
Kinder von der Geburt an ergraut sind an ihren Schläfen,
Dann überkommt Pest, Hunger und Krieg als Drangsal der Menschen,
Wechsel der Zeiten und Kummer und Leid und zahllose Tränen.
Ach, wie vieler Kinder in allen Ländern verzehren
Jammervoll klagend die Eltern, das Fleisch in die Mäntel gehüllet
Sie im Mutterschoß der Erde bestatten, besudelt
Ganz von Blut und von Staub; ihr elenden, feigen Gesellen,
O des letzten Geschlechts unglückliche Menschen, ihr Frevler,
Merket ihr nicht, verblendetes Volk, sobald zu gebären
Aufhört der Weiber Geschlecht, daß nahe die Ernte?
Nah ist Vernichtung und Ernte, sobald gleich Gottes Propheten
Lügner erscheinen auf Erden und predigen unter den Menschen.
Und auch Beliar kommt und tut viel Zeichen und Wunder
Unter den Menschen. Und dann wird große Verwirrung entstehen
Unter den Frommen und Treuen; Vernichtung der Auserwählten,
Auch der Hebräer erfolgt. Doch gewaltige Wut überkommt sie,
Wenn das Volk, in zwölf Stämme geteilt, von Osten erscheinet,
Um zu suchen das Volk, das Assyriens Sproß hat vernichtet,
Der vereinten Hebräer. Die Heiden dann gehen zugrunde.
Und dann werden beherrschen die übermütigen Menschen
Auserwählte und treue Hebräer, nachdem sie geknechtet
All ihre Feinde wie vordem, da niemals die Kraft sie verlassen.
Und der Höchste im Himmel, der alles und jegliches schauet,
Wird die Menschen in Schlummer versenken, die Lider beschwerend.
O glückselige Knechte, die wachsam, wenn er erscheinet,
Findet der Herr, die den bleiernen Schlaf von den Lidern verscheuchten
Stets sein Kommen erwartend mit nimmer ermüdenden Augen.
Früh wird’s sein oder spät, vielleicht auch mitten am Tage,
Einmal kommt er gewiß und so, wie ich sage, geschieht es.
Schlummernden wird er erscheinen, wenn einst am sternenreichen Himmel
Alle Gestirne am hellichten Tag werden allen sich zeigen
Samt den zwei Leuchten in rasch verlaufender Folge der Zeiten.
Und dann fährt der Thesbite vom Himmel herab auf die Erde,
Lenkend den himmlischen Wagen, und gibt drei Zeichen den Menschen,
Welche die Erde bewohnen, die Zeichen des endenden Lebens. […]
Weh den Unseligen, weh! die den Tag des Grauens erleben!
Denn stockfinstere Nacht umhüllt den unendlichen Erdkreis,
Mitternachtslande zugleich und Morgen und Abend und Mittag.
Dann aber wird ein mächtiger Strom von brennendem Feuer
Fließen vom Himmel herab und vernichten die herrliche Schöpfung:
Trocknes Land und Meer, des Ozeans bläuliche Fluten,
Seen und Flüsse und Quellen, den unerbittlichen Hades
Und das Himmelsgewölbe. Der Mond und die leuchtende Sonne
Fließen zusammen in eins, und alles wird Wüste und Öde;
Denn vom Himmel herab in den Ozean fallen die Sterne.
Sämtliche lebenden Menschen da werden mit Zähnen knirschen,
Brennend im Strom voller Schwefel und von dem anstürzenden Feuer
In der gewaltigen Flur, und Asche wird alles verhüllen.
[Und es veröden zugleich die sämtlichen Weltelemente:
Luft und Erde und Meer, Licht, Himmel und Tage und Nächte]
Nimmer durcheilen die Luft unzähliger Vögel Geschlechter,
Nicht mehr ziehn in den Fluten die Scharen der schwimmenden Fische,
Kein beladenes Schiff fährt über die schaukelnden Wogen,
Nimmer durchschneiden am Pflug die Stiere mit Furchen das Erdreich;
Aufhört das Rauschen der Bäume von Winden geschüttelt. Doch alles
Klumpt sich in eins zusammen und trennt sich zur Läuterung wieder.
Wenn aber nun die unsterblichen Boten des ewigen Gottes,
Michael, Gabriel, kommen zusammen mit Raphael, Uriel,
Die da wissen genau, was vordem Böses begangen
Jeglicher Mensch: die führen sodann aus nebligem Dunkel
Alle die Seelen heran zum Richterstuhl des großen
Ewigen Gottes und Herrn; denn unvergänglich allein ist
Er, der Beherrscher des Alls, und Er ist Richter der Menschen.
Seele und Atem hierauf und Stimme verleiht den Entschlaf’nen
Neuerdings Gottes Geheiß; die Gebeine, verbunden zu Gliedern
Mancherlei Zwecken gemäß, im Fleische die kräftigen Sehnen,
Adern und Haut, die die Muskeln umspannt, das frühere Haupthaar.
Wunderbar kräftig gefügt, beseelt und frei sich bewegend,
werden der Sterblichen Leiber an einem Tage erstehen.
Unerbittlich und unzerreißbar, erbarmungslos ist
Hades‘ Riesenverschluß der ganz aus Erz gefertigten Tore:
Doch Uriel, der gewaltige Bote zerreißt sie und öffnet,
Alle Gestalten voll Trauer er führt zum Gottesgerichte:
Jene Schattenbilder der längst vergang’nen Titanen
Und der Giganten [Anmerkung: mit Titanen und Giganten werden einige der frühesten Menschen gemeint sein], und welche die Sintflut hatte verschlungen,
Und die auf hoher See vernichtet die Woge des Meeres,
Und die die Tiere und Schlangen und Vögel haben zerrissen,
All die wird er jetzt rufen zum Throne des göttlichen Richters;
Wiederum all die Gestalten, die fleischvernichtendes Feuer
Hatte verbrannt, die sammelt und stellt er vor Gottes Gerichtsstuhl.
Wenn er die Toten erwecket, nachdem er ihr Schicksal erfüllet,
Und auf dem himmlischen Thron sich gesetzet und eine gewaltige Säule
Festgefügt Sabaoth Adonai, der Donn’rer der Höhe,
Dann in den Wolken der Ewige selber zum Ewigen kommet,
Christus in all seinem Glanz mit all seinen heiligen Engeln,
Und er setzt sich dem Großen zur Rechten und richtet vom Thron das
Leben der Frommen und auch der gottlosen Männer Gesinnung.
Moses erscheint, der Große, der Freund des unsterblichen Gottes,
Fleischumkleidet, und Abraham selbst, der Große, wird kommen,
Isaak und Jakob zugleich, Elias und Josua, Daniel,
Jonas und Habakuk auch, und die die Hebräer erschlugen.“
(Christliche Sibyllinen II,34-248, S. 504-507)

Und:

„Jedes Geschöpf auf Erden erwartet den Richttag in Angstschweiß.
Endlich erscheint vom Himmel herab der ewige König,
Seiner Verheißung getreu, was Fleisch ist auf Erden, zu richten.
Und es erblicken sodann die Sterblichen, seien sie gläubig,
Seien sie Feinde des Glaubens, am Ende der Zeiten den Höchsten:
Christum, gefolgt von der Heiligen Schar, der alles, was Fleisch ist,
Richtet, sobald verdorrt ist das Land und Dornen nur sprießen.
Ihre armseligen Götzen verwerfen die Menschen, mit Abscheu,
Spähendes Feuer verzehrt den Himmel, die Erd‘ und des Meeres
Tosende Flut und verbrennt die Kerkertore des Hades.
Und an das Licht der Freiheit gelangt von den Toten ein jeder,
So sich im Leben bewährt; die Bösen erwartet das Feuer.
Gründlich und offen bekennt, was er heimlich gesündigt, ein jeder.
Ohne Erbarmen durchleuchtet der Herr des Herzens Geheimnis.
Tausende heulen vor Wut, man hört das Knirschen der Zähne.
Traurig verbleichen die Sterne, der Glanz der Sonne verliert sich.
Ebenso schwindet der Mond. Es wankt das Himmelsgewölbe.
Schluchten und Täler erblickst du nicht mehr, die Berge versinken:
Scheidet ja doch auch Menschen nicht mehr der leidige Rangstreit.
Offenes Land ersetzt die Gebirge, und keines der Meere
Hat jetzt Schiffe zu tragen. Die Erde ist dürr und vertrocknet.
Nicht mehr murmelt der Quell, die rauschenden Ströme versiegen.
Eines nur störet die Stille des Tods: der Klang der Trompete.
Ruchlose Greuel beklagt sie, beklagt den Jammer der Menschheit.
Lüstern nach menschlichem Fleisch gähnt furchtbar des Tartarus Rachen.
Öffentlich flehn um gnädigen Spruch die stolzesten Herrscher.
Schwefliger Dampf, dem Feuer gesellt, ergießt sich vom Himmel.
Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.“
(Christliche Sibyllinen VIII,217-248, in: Ebd., S. 519)

Und:

„Der Bedrückten nimm dich stets an und hilf dem Erschöpften,
Bring dieses lebende Opfer doch mir, dem lebendigen Gotte,
Jetzt nur säend ins Wasser, damit auch ich dir einst gebe
Unvergängliche Früchte; das ewige Leben sollst du haben,
Unverwesliches Leben, wenn alle ich prüfe im Feuer.
Alles werde ich schmelzen und wieder zur Läuterung scheiden,
Werde den Himmel erschüttern, die Schlünde der Erde eröffnen,
Und dann will ich die Toten erwecken, das Schicksal lösend
Und den Stachel des Todes, und alsbald komm‘ ich zum Gerichte,
Um zu richten das Leben der frommen und gottlosen Menschen;
Und da werd‘ ich dem Widder den Widder, dem Hirten den Hirten,
Und den Stier dem Stier gegenüberstellen zur Prüfung.
Alle, die waren erhöht, überführt bei dem großen Verhör, und
Jedem den Mund verstopften, um selber voll Neid und voll Mißgunst
Alle, die Gutes getan, gleichermaßen zu knechten und schinden,
Schweigen ihnen gebietend, doch nur dem Gewinne nachjagten,
Die werden alle, bei mir nicht bewährt, jetzt abtreten müssen.
Nicht mehr sagst du in Zukunft voll Trauer: ‚Wird’s morgen wohl sein?‘
Oder: ‚Ist’s gestern gewesen?‘ Nicht sorgst du für mehrere Tage;
Frühling, Sommer und Winter und Herbsteszeit gibt es nicht mehr,
Auch keinen Abend und Morgen; verlängern werd ich den Tag jetzt,
Aber auf ewig ersehnt wird das Licht des gewaltigen Gottes.“
(Christliche Sibyllinen VIII,407-428, in: Ebd., S. 523f.)

Von kanadischen Internaten und irischen Mutter-Kind-Heimen

Vielleicht haben es einige mitbekommen: Überschriften in den Zeitungen über angeblich gefundene „750 unmarkierte Gräber“ bei einem ehemaligen kirchlichen Internat in Kanada für Kinder aus indigenen Familien. Die offensichtlich gewünschte Assoziation (denn natürlich wissen Journalisten, dass die meisten Leute nur Überschriften lesen, und schreiben öfter auch ihre Artikel vage genug, um diese Assoziation noch zuzulassen) ist: Da haben irgendwelche Nonnen hunderte Kinder ermordet und verscharrt.

Sobald man ein bisschen tiefer gräbt, stellt sich dann heraus:

  • Es handelt sich um einen Friedhof, auf dem sowohl Schulkinder als auch andere Menschen aus der Umgebung begraben wurden
  • Die Gräber waren nicht unmarkiert, sondern bloß mit Holzkreuzen oder Ähnlichem markiert, die irgendwann verrottet sind
  • Die Toten starben an natürlichen Ursachen
  • Der Friedhof wurde auch nicht wirklich neu entdeckt

Es ist absolut krass, wie man mithilfe von Halbwahrheiten so lügen kann: Da gehen ein paar Leute mit Radar über alte Friedhöfe neben aufgegebenen Gebäuden irgendwo im tiefsten ländlichen Kanada, und daraufhin wird in der Öffentlichkeit der Eindruck verbreitet, hier hat die Kirche lauter Kinder ermordet. (Was übrigens dazu geführt hat, dass mittlerweile ca. 10 Kirchen in Brand gesteckt wurden.)

Im Gefolge dieser Vorwürfe wurden ja noch weitere, ernstzunehmendere Vorwürfe zu Gewalt oder Vernachlässigung berichtet, von denen manche auch schon länger bekannt waren. Daher erst einmal grundsätzlich zu diesen Schulen: Im 20. Jahrhundert entschied der kanadische Staat, dass die indigene Bevölkerung, die ihr traditionelles Leben als Jäger und Sammler nicht mehr wirklich leben konnte, in die Gesellschaft integriert werden müsste, und zwang die Familien in den Reservaten, ihre Kinder in Internate, sog. „residential schools“, zu geben (da es vor Ort bei den zerstreut lebenden Stämmen oft keine Schulen gab). Hierbei delegierte der kanadische Staat diese Aufgabe an kirchliche (katholische und anglikanische) Schulen, die evtl. auch schon länger bestanden und auch indigene Kinder unterrichtet hatten, als der Schulbesuch noch freiwilig gewesen war.

(Eine solche Strategie war übrigens kein Einzelfall aus Kanada: Dass u. a. mithilfe einer Schulpflicht eine national einheitliche Sprache und Kultur durchgesetzt werden sollte und Minderheiten zwangsweise assimiliert werden sollten, findet man in der Neuzeit in vielen Ländern von Frankreich bis Indien.)

Hätte die Kirche sich hier anders verhalten sollen? Eigentlich war sie ja immer für das Recht der Eltern (auch ungetaufter Eltern) eingetreten, ihre Kinder zu erziehen, wie sie es für richtig hielten, und hätte nicht einfach so dabei mitmachen sollen, Familien für einen großen Teil des Jahres auseinanderzureißen. Offensichtlich sahen es die damaligen beteiligten Ordensleute und Lehrer allerdings so, dass die Kinder eine zivilisierte und christliche Erziehung bräuchten, die sie auf das Leben im modernen Kanada vorbereitete, und dass das vorging.

Gab es jetzt ansonsten, abgesehen von der unsinnigen Friedhofsgeschichte, Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung in den Internaten? Hier schwirren verschiedene Berichte herum, und manche glaubwürdiger als andere. Ich habe vor, da mal etwas Recherche zu betreiben und zu schauen, ob und wo man belastbare Informationen finden kann, z. B. auch bei den Informationen, die die sog. „Truth and Reconciliation Commission“ gesammelt hat. Hier will ich nur fürs erste mal davor warnen, alles sofort zu glauben, was man liest. Unter den Sachen, die Leute im Internet verbreiten, findet sich nämlich z. B. auch so was:

Bild

Ja, hier wird behauptet, dass ein paar kanadische Nonnen in den späten 1940ern einfach mal ein Baby in einen Ofen geworfen hätten, und zwar vor den Augen einer Schülerin und einer anderen Nonne, ohne sich die Mühe zu machen, irgendetwas auch nur ansatzweise zu verbergen. Schließlich gab es ja keine Polizei und nichts in Kanada. Das wirkt in etwa so, wie wenn eine alte Frau von den Erfahrungen aus ihrer deutschen Dorfschule in den 50ern berichten würde: „Fräulein Hintermeier war ziemlich streng und hat mir mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen, wenn ich mit meiner Banknachbarin geflüstert habe. Sie hat das eine Roma-Mädchen in unserer Klasse oft ungerecht behandelt. Außerdem hat sie mal ein rothaariges Mädchen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.“

Wie kommt es, dass so etwas verbreitet wird? Manchmal denken sich Leute einfach irgendwas aus, fertigen eine Grafik an und stellen sie ins Internet. Manchmal gibt es auch wirkliche Zeugenaussagen, aber die Zeugen haben aus irgendeinem Grund gelogen. Manchmal gibt es aber auch das „false memory syndrome“, manchmal haben auch Leute, die eine wirkliche Traumatisierung erlebt haben (z. B. durch eine frühe Trennung von der Familie und Vernachlässigung in einem Internat), Schwierigkeiten, Reales und Nicht-Reales auseinanderzuhalten, und es entwickeln sich in ihren Gedanken falsche Erinnerungen an weitere Traumatisierungen, gerade, wenn sie damals noch Kinder waren. Manchmal werden Menschen aber auch solche Kindheitserinnerungen durch Suggestivfragen eingeredet, z. B. von unseriösen Therapeuten, die sich darauf versteifen, sie würden etwas verdrängen.

Bei alldem kann man sich an eine Geschichte aus Irland erinnert fühlen. Die Medien bringen skandalös wirkende Überschriften: Bei einem kirchlichen Kinderheim in Tuam sollen hunderte Kinderleichen in einer Klärgrube entsorgt worden sein. Auch hier stellt sich dann heraus, es handelt sich um einen normalen Kinderfriedhof neben einer ehemaligen, zugeschütteten Klärgrube; und die Kindersterblichkeit in den Heimen waren genauso hoch, wie man es in dem bettelarmen Land, das Irland zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, in überfüllten Heimen erwarten konnte. Todesursachen waren Tuberkulose, Masern, Magen-Darm-Krankheiten usw.

Die Magdalenenheime blieben in den Schlagzeilen. Dabei ging völlig unter, wofür sie eigentlich da waren. Gegründet wurden solche Heime im 19. Jahrhundert zuerst zur Rehabilitation von Prostituierten, die der Prostitution entkommen wollten, dann auch, um unehelich schwangere Frauen aufzunehmen, deren Familien sie nicht bei sich haben wollten, oder die ihre Kinder heimlich gebären wollten. (Manchmal wurden auch sonstige Obdachlose oder Not leidende Leute aufgenommen.) Den Frauen wurde geholfen, eine Arbeit zu finden, bevor sie die Heime wieder verließen, und keine Frau wurde gezwungen, in ein solches Heim zu gehen, wenn sie unehelich schwanger war; aber viele hatten wohl nicht viele Alternativen, weil sie sonst auf der Straße gesessen hätten. Die Nonnen, die diese Heime betrieben, hatten meistens finanzielle Schwierigkeiten (der Staat gab auch nur wenig Geld dazu, auch wenn die Nonnen immer wieder darum baten), weshalb auch die aufgenommenen Frauen dort z. B. in Wäschereien arbeiten mussten, damit überhaupt Geld hereinkam. Oft wurden die in den Heimen geborenen Kinder dann zur Adoption freigegeben; es gab wohl auch einen gewissen Druck auf die Frauen, die Kinder adoptieren zu lassen, da man sie selbst nicht für geeignet als Mütter hielt. Manche wurden auch in den Heimen selbst aufgezogen. Was wohl tatsächlich stimmt, ist, dass es öfter eine gewisse Vernachlässigung und Kaltherzigkeit gegenüber den Frauen und ihren Kindern gab, und eben auch, dass Druck gemacht wurde, die Kinder zur Adoption freizugeben, aber nichts davon kommt an das Bild der höllischen Konzentrationslager heran, das gewisse Medien sich in den letzten Jahren bemüht haben zu verbreiten.

Auch erinnert fühlen kann man sich an das 19. Jahrhundert, als in antiklerikalen und protestantischen Kreisen Geschichten herumschwirrten, in katholischen Nonnenklöstern würden junge Frauen eingesperrt, Nonnen hätten Beziehungen mit Priestern und würden die daraus resultierenden Kinder töten und heimlich vergraben, usw. Die (erwiesenermaßen gefälschten) Geschichten über Maria Monk fallen einem da ein.

Wobei man hier auch sagen muss, dass falsche Geschichten über Gräueltaten ja nicht nur die Kirche betreffen, und manchmal auch um ganz wirkliche Verbrechen herum gestrickt wurden (wie z. B. bei Leuten, die sich, um sich wichtig zu machen, als Holocaustopfer ausgaben). Falsche Geschichten schließen nicht aus, dass es auch wirkliche Verbrechen gab; aber solange man noch keine Beweise für diese wirklichen Verbrechen gesehen hat, sollten die falschen Geschichten zumindest einen gewissen Skeptizismus hervorrufen.

Jedenfalls, woher kommt hier die Leichtgläubigkeit so vieler Leute? Vielleicht ist es teilweise berechtigtes Grundmisstrauen gegenüber Heimerziehung, vielleicht ist es teilweise die Lust am Grusel beim Zusammentreffen des Heiligseinsollenden und des Grausigen. Ich weiß auch nicht.

Am Ende jedenfalls würde ich sagen: Das Ganze wirkt bis jetzt etwa so, wie wenn im Jahr 2100 jemand herausfände, dass im frühen 21. Jahrhundert alte Leute oft in Altenheime abgeschoben wurden, dass einige Altenheime von der Kirche betrieben wurden, und dass die Heimbewohner dort manchmal vernachlässigt wurden, dass es Pfleger gab, denen sie egal waren oder die ihre Macht über sie ausspielten, und dann dazudichten würde, dass irgendwelche Nonnen hunderte alte Leute ermordet hätten, und deswegen Kirchen anzünden würde.

Es ist etwas sehr Ernstes, Menschen schlimmer Verbrechen zu beschuldigen, besonders dann, wenn viele von diesen Menschen sehr alt oder tot sind und sich nicht mehr wehren können. Und man sollte es nicht einfach mal schnell so leichtfertig tun, auch wenn man sich dann Vorwürfe anhören muss, als wären einem Missbrauchsopfer und tote Kinder egal.

Hatten die Tradis doch Recht: Ein paar Entschuldigungen

Wer schon länger bei mir mitliest, wird vielleicht an manchen Sachen gemerkt haben, dass sich ein paar meiner Einstellungen mit der Zeit geändert haben. Als ich diesen Blog begonnen habe, habe ich mich als konservative Katholikin bezeichnet; jetzt, ein paar Jahre später, sehe ich mich ziemlich klar auf der Tradi-Seite, und Konservativsein eher als Kompromiss auf halbem Weg. (Ein paar politische Einstellungen haben sich bei mir auch geändert, aber dazu vielleicht ein andermal.)

Jedenfalls, ich wollte mich an dieser Stelle mal entschuldigen, weil ich in den vergangenen Jahren hier ein paar Mal überheblich oder abschätzig war gegenüber Meinungen, die mir übertrieben oder zu unnormal vorkamen. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich ja auch dazu kommen, was genau ich über manche Sachen jetzt denke. Es ist mir eben manchmal so gegangen, dass ich natürlich nichts von der Kirche Verurteiltes glauben wollte, aber erst mal skeptisch gegenüber manchen früher weit verbreiteten katholischen Einstellungen war, und dabei dann selber wieder übertrieben habe, und manche kirchlichen Äußerungen auch nicht so gut kannte.

(Ich meine eher hier nicht Zeug, das ich vor ein paar Monaten geschrieben habe, sondern wollte mal im Rückblick einen gesammelten Artikel über einige meiner Einstellungen von vor ein paar Jahren schreiben.)

Und dann habe ich mit der Zeit eben gemerkt, dass die Radtrads doch manchmal Recht haben, und dass es nicht immer eine gesunde Reaktion ist, wenn man zu sehr drauf schaut, sich von Leuten „abzugrenzen“, die grundsätzlich auf derselben Seite, aber vielleicht irgendwie radikal oder irgendwie komisch sind, und gleichzeitig drauf schaut, Leute, die einen nicht mögen und auf einer ganz anderen Seite sind, möglichst nicht vor den Kopf zu stoßen. Ich will nicht sagen, dass ich das immer so gemacht habe (und auch nicht, dass man jetzt die Gegner ständig vor den Kopf stoßen soll oder gar keine innerkatholischen Streitereien mehr ehrlich austragen darf, die sind schon auch wichtig), aber ich glaube, ich hatte schon eine gewisse Tendenz in diese parteiliche Richtung.

Ich glaube, manchmal habe ich mir auch ein bisschen was drauf eingebildet, bei der und der Sache nicht stereotyp erzkonservativ zu sein. Wahrscheinlich habe ich mir auch schon vor meiner katholischen Zeit manchmal was drauf eingebildet, anders als andere zu sein, z. B. intellektueller zu sein als andere Mädchen, oder mich nicht zu schminken. Ich meine damit nicht, dass man sich immer an andere anpassen muss, sondern nur, dass Anderssein etwas Neutrales ist. Ich schminke mich auch jetzt noch nicht. Man muss definitiv nicht alles annehmen, nur weil es manche auf der eigenen Seite denken, aber man muss es deswegen auch nicht ablehnen.

Und auch die Radikalen oder die Griesgrämigen können mal Recht mit einem harten Urteil haben. Ich bin selber von meiner Gemütslage her öfter so drauf (außerhalb des Internets mehr als im Internet), dass ich keine unnötigen Streitereien will und die nötige Mäßigung in allem haben will. Aber manchmal – nicht immer – stimmen eben auch die harten, scheinbar unverhältnismäßigen Aussagen, weil die scheinbar normalen Aussagen die Verhältnismäßigkeit verloren haben. Deswegen muss man nicht griesgrämig werden. Man kann fröhlich sein und sich um das kümmern, was man gerade zu tun hat, und Gott alles Restliche in die Hände legen. Aber manchmal sind Dinge einfach sehr schlecht und ableugnen hilft nichts.

(Für eventuelle an Skrupulosität leidende Leser: Ich meine damit nicht, dass ich meine Aussagen in meinen Artikeln über Moraltheologie radikalisieren müsste; um dieses Thema geht es hier nicht, denn dabei habe ich schon einigermaßen recherchiert.)

Ein paar Beispiele für das, was ich meine:

Vor zehn Jahren (noch zu Papst Benedikts Zeiten), als ich angefangen habe, den Glauben ernst zu nehmen, habe ich mir noch gedacht: Wow, wir haben ja wirklich Glück mit den Päpsten und der Kirche jetzt, das war sicher total schwierig für die Leute im Mittelalter und so. Wir haben jetzt Benedikt und den Youcat und die Jugend2000 und Nightfever, und Glaubenswissen ist für uns zugänglich und der Glaube wird nicht so politisch missbraucht. Mittlerweile sehe ich es ziemlich genau umgekehrt – heute wird es einem schwer gemacht, zu wissen, was man jetzt eigentlich glauben soll und was verlässlich ist, es gibt die komischsten Cliquen in der Kirche und die Bischöfe kuschen vor dem Staat, und das soll man alles nur im Vergleich dazu gut finden, dass es angeblich im imaginären Mittelalter viel schlimmer gewesen wäre. (Ich kann mich auch nicht mehr so für Benedikt begeistern wie früher, auch wenn ich ihn immer noch persönlich sehr sympathisch finde. Manches, was er z. B. noch als Konzilsberater oder Kardinal getan hat, kann man nicht uneingeschränkt gut finden.) Mit der Zeit ist mir wirklich auch klar geworden, wie extrem der Glaube hierzulande in den letzten paar Jahrzehnten zerfallen ist, auch in meiner eigenen Familie, während meine Vorfahren von Generation zu Generation katholisch waren (und ja, Glaubenswissen hatten), wahrscheinlich seit dem 8. Jahrhundert. In den letzten 60 Jahren ist ein solcher Abbruch passiert, dass man ihn mit sehr wenigem in der Kirchengeschichte vergleichen kann, nicht einmal wirklich mit der Arianismus-Krise im 4. Jahrhundert. Da kann man ruhig sagen, dass es schlimm ist, und dass dieser Zustand die Dämonen freut. Man muss nicht ständig nur daran denken, vor allem nicht an all das, was man nicht ändern kann, aber es ist einfach trotzdem sehr, sehr traurig.

Ich habe jetzt kein Problem mehr damit, zu sagen, dass sich die Dämonen sicher übers 2. Vatikanum gefreut haben: Eine der größten Gelegenheiten jemals, bei denen die Hüter der Kirche ihr Amt verraten haben. Wenn man von einzelnen Schwierigkeiten bei den Texten absieht (viele waren ganz normal, sogar schön, aber einige waren tatsächlich schlecht in dem, was sie vermittelt haben): ein Konzil besteht ja nicht nur aus Texten, sondern hat auch eine Wirkung und eine Umsetzung durch die daran beteiligten Bischöfe. Und das Schlimmste daran war nicht eine bestimmte Lehre oder Neuerung, sondern der vom Konzil verbreitete Eindruck, alles müsse jetzt irgendwie neu und auf den Prüfstand gestellt werden und bis jetzt wäre man gar nicht wirklich christlich gewesen. Ich hatte Glück, da trotzdem noch zur Kirche zu finden.

[Anmerkung: Das soll kein Zweifel an der Gültigkeit des Konzils sein. Aber als Pastoralkonzil war es nicht unfehlbar.]

Dann noch ein paar weniger wichtige Beispiele, bei denen ich gemerkt habe, dass die Tradi-Sichtweise doch ganz stimmig ist:

Da wäre z. B. das Thema „Modesty“ (schamhafte Kleidung): Spielt in Deutschland keine so große Rolle in Diskussionen, in den USA schon eher. Da ist man schnell dabei, sich über die Radikalen lustig zu machen, für die wohl alles unanständig wäre, und zu sagen, dass Männer doch wohl Frauen respektieren können, auch wenn die sich nicht in eine Burka hüllen würden. (Mit „man“ meine ich hier katholische Mädels, die auch ein bisschen feministisch sein wollen, wenn auch nicht so sehr wie die richtigen Feministinnen, also praktisch das, was ich auch vor nicht so langer Zeit war. Ich hab hier ja auch mal einen Artikel geschrieben, in dem ich mich über komisch wirkende Schamhaftigkeitsvorstellungen geärgert habe – der ist inzwischen nicht mehr öffentlich, weil ich nicht mehr so ganz dahinter stehen würde.) Aber auch hier bekämpft man manchmal Strohmänner. Es ist nun mal eine Tatsache, dass viele Frauenklamotten von den Designern so gemacht werden, dass sie sexuell anziehend sein sollen (auch wenn irgendein Mädchen sie nur kauft, weil ihr gerade die Farbe gefällt oder was weiß ich); es ist keine Erfindung von katholischen Tradis, dass Männer öfter auf visuelle Reize anspringen, mehr als Frauen. Natürlich gilt trotzdem: Wenn einem ungewollt unanständige Gedanken kommen, ist das noch keine Sünde und man kann und muss diese Gedanken auch ignorieren oder wegschieben. Es stimmt auch, dass solche Gedanken auch zwischendurch kommen werden, wenn alle sich normal anziehen. Aber es ist auch einfach eine leicht einsichtige Tatsache, dass man das nicht zusätzlich hervorrufen und es Leuten zusätzlich unnötig schwer machen muss. Außerdem sorgt es auch einfach für normalere Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die oft ja gar nichts Romantisches voneinander wollen, wenn man nichts trägt, bei dem andere sich ständig bemühen müssen, sich nicht ablenken zu lassen. Dazu kommt, dass man ja nicht anderen Leuten alles herzeigen muss, auch wenn die sich nicht für einen interessieren würden.

Auch das „Sollen sich Mädchen von Kopf bis Fuß verhüllen?“-Argument ist Blödsinn. Männerklamotten sind auch nicht tief ausgeschnitten oder reichen kaum über den Hintern, trotzdem gehen Männer nicht im Sommer an Hitze zugrunde. (Das ist ja auch ein Grund, warum bei dem Thema öfter über Frauenkleidung als über Männerkleidung geredet wird: Männerklamotten werden nicht so designt wie Frauenklamotten.) In einem etwas lockeren T-Shirt mit hohem Ausschnitt und einem knielangen Rock oder einer knielangen Hose ist es einem nicht wirklich heißer als in einem engen T-Shirt mit tiefem Ausschnitt und einem Minirock oder Hotpants. Die Hotpants können sogar unbequemer und unpraktischer sein, weil dann z. B. die schwitzenden Oberschenkel am Stuhl kleben. Die Regeln, die die Durchschnittstradis aufstellen, sind auch nicht total übertrieben: Rock bis zu den Knien (er rutscht ja auch leichter mal hoch, wenn man sich z. B. hinsetzt oder rennt), der Brustansatz sollte nicht zu sehen sein, auch wenn man sich vorbeugt, die Sachen sollten nicht zu eng sein und z. B. nicht an der Brust oder dem Hinterteil total spannen (auch Leggins sind keine Hosen, die man ohne etwas drüber tragen sollte), schulter-, rücken- und bauchfrei ist grenzwertig. Das ist vernünftig und wirklich machbar. Wenn manche finden, dass Mädchen besser nur Röcke statt Hosen tragen sollten, halte ich das tatsächlich für übertrieben; Crossdressing ist zwar falsch, aber Hosen sind heute genauso Frauenkleidung, und Männer- und Frauenhosen unterscheiden sich auch noch genug. Aber wenn man es für besser befindet, dass Frauen ihre Femininität betonen, wieso nicht? Mir schadet es ja nicht, wenn andere Frauen es vorziehen, nur Röcke zu tragen, solange sie mich mit meinen Hosen in Ruhe lassen. Man kann es übertreiben, natürlich gibt es ab und zu jemanden, der es unschamhaft findet, wenn nackte Oberarme gezeigt werden, aber das ist nicht der Durchschnittstradi, und solche Übertreibungen sind auch keine unvergebbare Sünde.

Das Thema „Modesty“ ist eben auch eins, bei dem das allgemeine Verhältnis zum Feminismus hineinspielt. Ich hatte ja zeitweise vor ein paar Jahren auch die Einstellung, dass man Feministinnen doch dieses oder jenes zugutehalten müsse, dass sie doch sicher bei einigem Recht hätten, man sich auf sie zubewegen müsse etc. Jetzt finde ich das viel weniger. Zum Beispiel lässt sich manchmal feststellen, dass sie einfach unehrlich mit sich selber sind, wenn es um ihre Beschreibung der patriarchalen Vergangenheit geht. Ja, doch, auch „früher“ fand man häusliche Gewalt schlecht und nein, Frauen galten nicht als Besitztümer ihrer Männer. Außerdem muss man auch nicht so tun, als gäbe es keine typischen Frauenfehler, die auch nicht besser sind als typische Männerfehler, als wären Frauen generell irgendwie moralisch überlegen. Das wird häufig getan, um feministisch Gesonnenen entgegenzukommen: Man führt die Fehler von Frauen irgendwie auf Fehler von Männern zurück, um nicht so zu wirken, als würde man Frauen „dämonisieren“ – gerade so, als hätten Frauen keinen eigenen freien Willen. Und man darf auch mal zugeben, wenn Männer etwas besser können.

Ein Beispiel: Bei der Frage nach dem Frauenpriestertum wird von konservativ-katholischer Seite oft betont, dass es hier nicht darum geht, zu sagen, dass Frauen nicht predigen könnten o. Ä., sondern dass es eben darum geht, dass der Mann Jesus Christus bei der Spendung der Sakramente durch einen Mann repräsentiert wird. Nun ist es natürlich klar, dass v. a. deswegen nur Männer Priester sein können (ausnahmslos), weil sie Christus repräsentieren, eben auch in seiner Rolle als Bräutigam der Kirche / der einzelnen Seele, und dass wir ein „männliches“ Gottesbild haben (der Vater im Himmel, der die von sich irgendwie getrennte Welt schafft), während weibliche Gottesbilder oft zu pantheistischen Vorstellungen führen können (die Mutter Erde, die aus sich das Leben gebiert). (Jetzt ganz grob halbwegs erklärt.) Aber das rein männliche Priestertum hat tatsächlich auch noch mehr praktische Vorteile.

Es ist m. E. wirklich so, dass Männer im Durchschnitt besser dazu geeignet sind, zu lehren und zu leiten. Das betrifft den Durchschnitt und nicht den Einzelfall; aber Frauen sind einfach oft konformistischer gegenüber herrschenden Ideen, nachgiebiger, wollen den Frieden erhalten, oder tragen Konflikte nicht offen aus, sondern durch verdeckte Zickereien, oder behandeln intellektuelle Konflikte als persönliche, oder neigen zu Emotionalisierung. Vielleicht kann sich das auch mal in positiver Weise auswirken, wenn man z. B. nicht mit Absicht dagegen ist oder besser sieht, was Leuten bei einer bestimmten Sache emotional wichtig ist, aber bei Aufgaben der Lehre und Leitung ist es oft nicht hilfreich; denn hier muss man drauf aufpassen, keine falschen Kompromisse einzugehen und muss sich auch eher mal unbeliebt machen, und darf sich nicht zu sehr von persönlichen Sympathien leiten lassen. Das ist eine Tendenz, kein immer feststehendes Gesetz, aber es ist eine feststellbare Tendenz, und deswegen ist es m. E. auch in der Politik an sich besser, wenn eher Männer es machen, aber es hat auch schon gute Fürstinnen gegeben (und sogar einzelne gute Parteipolitikerinnen). (Ich merke das übrigens an mir selber, dass ich irl manchmal zu nachgiebig-beeinflussbar bin, auch wenn ich zu emotionalisierte Sachen gar nicht mag.) Vielleicht liegt es auch an der Sorte Frauen, die sich zu diesem Beruf hingezogen fühle, aber ich habe einfach den Eindruck, die meisten predigenden Gemeindereferentinnen behandeln die Leute wie Kindergartenkinder und können nur mit symbolischen Kerzen und pseudotiefen Sprüchen arbeiten, statt z. B. die Dreifaltigkeit zu erkläre; das ist diese Emotionalisierung, die ich meine.

Wegen alldem bin ich auch Christen nicht mehr böse, die – sagen wir – solche radikalen Ansichten haben wie z. B., dass das Frauenwahlrecht besser nicht eingeführt worden wäre. Ich selbst bin mir bei dem Thema nicht ganz sicher, aber jedenfalls hätte ich gerne weniger Frauen als Politikerinnen. Es bringt so etwas Tantenhaftes, Pseudoharmonisches in die Politik hinein. Es gibt weniger Politiker, die sich mal trauen, anzuecken. Und die Gegnerinnen (ja, -innen) des Frauenwahlrechts vor hundert Jahren hatten zumindest ernstzunehmende Argumente, die man allein aus historischer Neugier mal gehört haben sollte, und an die überhaupt keiner mehr denkt. Ich werde jetzt nicht zur Kämpferin für die Abschaffung des Frauenwahlrechts (der Käse ist sowieso gegessen), aber ich sehe die Sichtweise, dass man es damals hätte bleiben lassen können, nicht mehr als etwas, auf das man mit Entsetzen und Empörung reagieren muss.

Oder ein anderes Beispiel: Beim Thema Todesstrafe ist es beliebt, zu sagen: Wir sind für den Schutz von allem menschlichen Leben, wir stellen uns nicht auf dieselbe Stufe mit dem Mörder, den wir bestrafen wollen, etc. Die Todesstrafe gilt als etwas Barbarisches, das höchstens noch im wilden wilden Westen überlebt hat. Man will nicht in einen Topf mit den blutrünstigen Christen im Europa von vor 200 Jahren oder den blutrünstigen Christen im heutigen Texas geworfen werden. Damit bekommt man freilich ein Problem mit annähernd 2000 Jahren Kirchengeschichte; denn die Todesstrafe wurde praktisch einmütig als grundsätzlich gerechtfertigte Strafe für schwere Verbrechen gesehen, und diese Sicht von Päpsten mehrfach bekräftigt (und das wissen Nichtkatholiken auch so ungefähr, auch wenn sie sonst einen sehr falschen Blick auf Kirchengeschichte haben, und vieles, was sie mit der Kirche assoziieren, wie z. B. Folter zur Befragung, gerade nicht unumstritten für gut befunden wurde). Natürlich kann man jetzt im Sinn eines Johannes Pauls II. sagen, ja, ja, im Notfall kann eine Gesellschaft auf die Todesstrafe zurückgreifen müssen, aber das ist doch jetzt nicht mehr nötig, wir haben Hochsicherheitsgefängnisse. Nur hatte man auch früher zumindest in vielen, wenn auch nicht in allen, Kulturen schon sehr sichere Kerker; Riegel und Wärter sind keine Erfindung aus dem Jahr 1960. Und manche Länder in der Dritten Welt, in denen es sehr korrupt zugeht und man mit Bestechung einiges erreicht, haben auch heute keine sicheren Gefängnisse.

Die Todesstrafe kann jedenfalls gerecht sein, denn: Eine Strafe ist dazu da, die durch die Tat gestörte Gerechtigkeit wiederherzustellen. Dem Täter, der seinen Willen auf Kosten anderer ausgelebt hat, soll jetzt etwas Vergleichbares gegen seinen Willen zu geschehen. Dass bei der Strafe vor allem auf diesen Aspekt der Sühne geschaut wird, ist auch wichtig, um dem Täter gegenüber gerecht zu sein; denn wenn Abschreckung der Hauptzweck wäre, könnte man auch jemanden bestrafen, der unschuldig ist, aber für schuldig gehalten wird, und wenn Besserung der Hauptzweck wäre, könnte man einen Kleinkriminellen jahrzehntelang im Gefängnis festhalten, bis man ihm seine letzten schlechten Neigungen ausgetrieben hat, statt ihn einfach nur so lange dazubehalten, bis er seine Taschendiebstähle abgebüßt hat. Nein, Voraussetzung für eine Strafe ist, dass sie als Sühne verdient ist. Und es ist gerecht, dass sie in gewisser Weise der Tat entspricht: Es ist gerecht, dass ein Dieb eine Geldstrafe zahlen muss, also auch einen Eingriff in sein Eigentum erleidet, oder dass ein Entführer ins Gefängnis kommt, also seine Freiheit einbüßt. Und für einen Mörder ist es gerecht, wenn auch er sein Leben hergeben muss. Christliche Vergebung steht dem nicht entgegen; denn Vergebung bedeutet vor allem ein Ende der Feindschaft, eine Reparatur einer Beziehung, nicht der Verzicht auf jede Strafe oder Wiedergutmachung. Man kann jemandem vergeben, und trotzdem wollen, dass er seine Strafe auf sich nimmt, und er kann sie auch auf sich nehmen wollen. Wer einem etwas kaputt gemacht hat, dem wird man verzeihen können, aber er selber wird es (hoffentlich) als gerecht empfinden, wenn er trotzdem noch Schadensersatz zahlen muss. Manchmal legt die christliche Nächstenliebe es nahe, mehr zu tun, und auf eine geschuldete Wiedergutmachung zu verzichten, und es nicht so genau zu nehmen. Aber bei schwersten Verbrechen sollte man es ein bisschen genauer nehmen, als man es heute manchmal tut.

Und die Todesstrafe ist m. E. nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis sinnvoll, da sie Täter viel eher zur Reue führt als 40 Jahre im Gefängnis mit lauter anderen verhärteten Kriminellen, und wahrscheinlich einen spürbaren Abschreckungseffekt hat (Soziologen sind sich nicht ganz einig, ob sie abschreckt oder ob sie keinen Unterschied macht; einen schlechten Effekt hat m. W. niemand gefunden, und manche Studien einen sehr positiven; leider gibt es aber einfach zu wenig Daten), und auch eine Möglichkeit bietet, Tätern beizukommen, die noch im Gefängnis Verbrechen an anderen Gefangenen oder an Wärtern begehen. Aus all diesen Gründen ist es eben nicht barbarisch, sondern vernünftig, zu sagen, dass die Todesstrafe auch angewandt werden kann, wenn man die Bevölkerung auch schützen könnte, indem man den Täter wegsperrt. Übrigens wenden auch heute noch so generell angesehene, als zivilisiert geltende Länder wie Singapur oder Japan sie an.

In Gen 9,6, als Gott den Bund mit Noah eingeht, wird die Todesstrafe für Mörder damit begründet, dass sie die Würde ihrer Opfer aufrechterhält: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll vergossen werden; denn nach Gottes Bilde ist der Mensch geschaffen.“ Das heißt nicht, dass für jeden Fall von Mord oder Totschlag die Todesstrafe nötig ist (der Bund mit Noah ist auch nicht mehr in allen Teilen in Geltung), aber sie ist sehr wohl eine gerechte Strafe, und irrelevant ist diese Begründung für Christen sicher nicht. Ich finde einfach, es ist unwahrscheinlich, dass es so wenigen Christen früherer Zeiten eingefallen wäre, dass etwas total unchristlich ist, wenn es wirklich total unchristlich ist.

Oder dann wäre da das Thema Monarchismus. Ich habe früher auch eher gedacht, dass man, auch wenn die jetzigen Demokratien sich in ihrem Anfangsstadium gegen christliche Monarchien richteten, doch deswegen nicht für Monarchien sein muss. Muss man auch nicht deswegen; aber für die Monarchie sprechen schon einige Argumente. Nicht für die absolute Monarchie, aber die war auch eher ein historischer Ausnahmefall, es gab auch in Monarchien andere Institutionen und grundlegende Gesetze, die die Macht des Monarchen begrenzten. Aber Monarchien haben eben schon Vorteile. Zunächst mal ist es ja so, dass in jedem Staat irgendjemand regiert; eine reine Volksherrschaft gibt es nirgends, und es geht im Grunde genommen nur darum, das System, Herrscher zu bestimmen, zu finden, bei dem am häufigsten gute und am wenigsten häufig katastrophale Herrscher herauskommen. Im Parteienparlamentarismus oder Präsidialsystem nun bewerben sich tendentiell eher machtgierige Leute, die sich durch undurchsichtige Parteistrukturen hochgearbeitet haben, und man hat in manchen Fällen nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. In der Erbmonarchie ist es dem Zufall der Geburt überlassen, wer der Herrscher wird, d. h. der Herrscher wird eher ein durchschnittlicher Mensch sein, der dann auch damit aufwächst, dass er zukünftig Verantwortung haben wird. Erbmonarchen können auch langfristiger denken statt nur daran, wie sie die Wähler zum Zeitpunkt der nächsten Wahl gewinnen. Und um die schlimmsten Beispiele zu nehmen: Die Erbmonarchie hat uns Iwan den Schrecklichen gebracht, aber Wahlen und Parlamente Adolf Hitler. Das heißt jetzt nicht, dass republikanische Systeme illegitim wären; sie sind eine legitime Form der staatlichen Organisation, und manche Länder sind eben jetzt Republiken. Aber andere Systeme können eben auch legitim sein.

Auch sonst: Die Vergangenheit war oft besser als dargestellt. Oft wird das Schlechte aus der Vergangenheit völlig verzerrt dargestellt und nicht mit dem heutigen Schlechten, sondern mit dem heutigen Guten verglichen, während das frühere Gute und das heutige Schlechte unterschlagen werden. Man muss die Nachteile einer Zeit mit den Nachteilen einer anderen vergleichen, nicht mit ihren Vorteilen. Und manchmal muss man sich wirklich genauer mit einer Zeit beschäftigen, um zu verstehen, wieso die Christen damals dieses taten und jenes nicht, und erst mal seine Vorurteile zurückstellen. Es gab früher Dinge, die schlecht waren, und die von den Leuten damals nicht ernst genommen wurden; jede Zeit hat ihre blinden Flecke. Aber oft war es besser als man denkt.

Oder dann nehmen wir das Thema Evolution. Ich war früher sehr leicht genervt von (häufig evangelikalen) Kreationisten, die (Makro-)Evolution grundsätzlich ablehnen, ob jetzt Langzeit- oder Kurzzeitkreationisten (aber mehr von Kurzzeitkreationisten). Ich bin jetzt nicht selbst Kreationistin geworden, sondern halte es immer noch überzeugend, dass es Evolution gibt und gab, und sehe nicht viele Argumente für das Gegenteil, aber kann eher respektieren, wenn Leute das anders sehen. Gerade in den letzten Jahren ist mir einfach mehr aufgefallen, wie viele Scheuklappen Journalismus und Wissenschaftsbetrieb beide aufhaben können, und wenn da einer noch skeptischer ist als ich, und zu anderen Schlussfolgerungen kommt, will ich ihm das nicht verübeln (solange der nicht gerade sagt, wer nicht Kreationist ist, wäre kein Christ o. Ä.). Da habe ich auch keine Lust mehr, mich damit stressen zu lassen. Solche theologischen Meinungsverschiedenheiten kann man tolerieren.

So weit mal dazu.

Aber Jesus war doch Jude!

„Aber Jesus war doch Jude!“ Diesen reflexhaft ausgesprochenen Satz kann man öfter mal hören, z. B. dann, wenn es um die Frage geht, wieso es irgendwann christlichen Antisemitismus geben konnte. Aber dabei wird nie ganz klar, was damit gemeint ist.

Ist gemeint: Jesus war Jude im Sinn der Volkszugehörigkeit/Nationalität? Das weiß eigentlich jeder – gut, es gab mal ein paar Nazis, die mit der Verschwörungstheorie um die Ecke kamen, Jesus wäre unehelich von einem römischen (arischen) Soldaten gezeugt worden und somit nur Halbjude, aber da wir nicht mehr im Jahr 1936 leben, kann man die wohl vernachlässigen.

Ist gemeint: Jesus war Jude im Sinn der Religionszugehörigkeit? Und wenn ja: Im Sinn der damaligen oder der heutigen? „Jesus war Jude“ in dem Sinn, dass Er ziemlich genau dasselbe geglaubt hätte wie heutige Juden, kann man nun mal nicht ganz sagen.

Dass Jesus sich selbst für den Messias hielt und beanspruchte, einen Neuen Bund aufzustellen, der den Alten Bund erfüllte, muss man auch anerkennen, wenn man selbst Jesus nicht für den Messias hält. Jesus gründete etwas Neues, und die Juden seiner Zeit spalteten sich dann auf in die, die Ihm und Seinen ersten Anhängern dabei folgten, und die, die Ihn für einen falschen Propheten und Gotteslästerer hielten. (Das ist übrigens viel logischer, als Jesus für einen netten Rabbi und weiter nichts zu halten; Jesus beanspruchte weit mehr, und entweder war Er wirklich Gottes Sohn oder ein schlimmer Gotteslästerer.)

Oft schwingt in dem Satz „Jesus war doch Jude“ unterschwellig die Idee mit: Er wollte doch bestimmt keine neue Religion gründen, war halt ein Rabbi innerhalb des Judentums, der dann von Seinen Anhängern so aufgebauscht wurde. Und diese Idee ist lächerlich falsch. In den Evangelien hat man keine vagen Erinnerungen an einen weisen Meister, sondern die klar hervortretende Persönlichkeit eines Mannes, der Seine Jünger zu einer Aufgabe beruft und aussendet, und der klare Ansprüche über Seine eigene Sendung aufstellt, die viel zu unglaublich wirken, als dass andere sie Ihm einfach zuschreiben würden (ja, Er beanspruchte, Gottes Sohn zu sein, Er sagte „Ehe Abraham wurde, bin ich“, und beanspruchte die Vollmacht, Sünden zu vergeben), und die Seine Gegner empören und zu Seiner Hinrichtung führen. Wieso, denken manche Leute, hätte man Ihn hinrichten sollen, wenn Er bloß ein gewöhnlicher Rabbi gewesen wäre, und man Ihn keiner Gotteslästerung für schuldig befunden hätte? Denn eine Bedrohung für die weltliche Macht stellte Er in keiner Weise dar; nach allem, was wir von Ihm wissen, kümmerte er sich nicht groß um Politik und forderte die Leute nur mal dazu auf, brav ihre Steuern zu zahlen („dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“). Auch jüdische Berichte über sein Leben, wie die einige Jahrhunderte nach seiner Lebenszeit entstandene „Toledot Jeshu“, stellen Ihn übrigens als Wundertäter (durch seltsame unlautere Mittel, wie z. B. die Kenntnis eines geheimen Gottesnamens, der Ihn Wunder tun lässt) und Messiasprätendenten dar.

Und auch wenn wir mal von alldem absehen, und uns nur die Religion ansehen, wie sie Jesu Familie und Seine späteren Anhänger praktizierten, bevor Er als Messias auftrat und starb und auferstand, muss man sagen, dass sie nicht einfach komplett identisch mit der heutigen jüdischen Religion ist; es gab seitdem auch eine Weiterentwicklung im Judentum.

Die damalige jüdische Religion war auf den Tempel und die Opferrituale dort zentriert; der Tempel wurde 70 n. Chr. zerstört und im Judentum haben seitdem notgedrungen die Synagoge und die „Wortgottesdienste“ der Rabbis die Opferzeremonien der Priester und Leviten ersetzt. Dann wäre da die Rolle des Talmuds, einer Sammlung von Aussagen und Diskussionen bekannter jüdischer Gelehrter, die in der Spätantike zusammengestellt wurde. Der Talmud wurde ganz entscheidend für die Auslegung des Alten Testaments im Judentum, zur Zeit Jesu existierte er noch gar nicht. (Und im Talmud finden sich übrigens auch ein paar sehr beleidigende Äußerungen über Jesus, da er zu dieser Zeit ja schon als der falsche Prophet par excellence galt. Auch im Achtzehnbittengebet, das religiöse Juden dreimal täglich beten, wurde um 100 n. Chr. eine Verwünschung der Christen („Nazarener“) eingefügt.) Natürlich entwickelten sich auch noch Äußerlichkeiten und Bräuche weiter, wie man das überall findet, aber auch die jüdische Theologie entwickelte sich im Lauf der Zeit, auch nach der Abfassung des Talmud noch. Man sieht z. B. bei spätantiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Theologen eine stärkere Betonung der jüdischen Auserwähltheit als noch im Alten Testament. Im Mittelalter entwickelte sich auch die Kabbala, die auch einen gewissen Einfluss hatte. Im Judentum gibt es heute auch Lehren über die Wiedergeburt, und das ist keine ganz randständige Idee. Die Jenseitsvorstellungen unterscheiden sich oft mehr von denen der Christen, als man das erwarten würde. (Wobei es im Judentum zu vielen Fragen ja auch große Uneinigkeit gibt.)

Kurz gesagt: Das heutige Judentum ist komplizierter als einfach nur „Altes Testament ohne Neues Testament“. Unabhängig davon, ob man diese theologische Entwicklung bejaht oder sie ablehnt, es gab sie nun mal. (Am ehesten vertritt die heute ziemlich winzige, früher etwas einflussreichere Gruppe der Karäer, die den Talmud ablehnen, eine Form des Judentums, die einfach Altes ohne Neues Testament ist.)

Die Aussage „Jesus war doch Jude!“ wird manchmal dazu gebraucht, zu vermitteln, wie absurd die historische Feindseligkeit von Christen gegenüber dem Judentum gewesen sei. So einfach ist es damit aber auch nicht geklärt; die Leute „früher“ wussten schon, dass sie sich um etwas Reales stritten (manchmal mit recht heftigen Mitteln und großer Feindseligkeit), nämlich darum, was dieser Jude Jesus bedeutete.

Die jüdisch-christlichen Beziehungen im Lauf der Geschichte sind nicht ganz einfach auf einen Nenner zu bringen, selbst wenn man nur Gruppendynamiken anschaut und Individuen ignoriert. Die beiden Gruppen waren sich schon bei ihrer Aufspaltung – als sich wohl viele Angehörige des jüdischen Volkes noch nicht mal ganz sicher waren, ob sie diesem Jesus oder den jüdischen Autoritäten folgen sollten – bald spinnefeind. Der jüdische Hohe Rat ließ die Apostel auspeitschen, Stephanus steinigen, später noch Jakobus töten; noch beim Bar-Kochba-Aufstand im 2. Jahrhundert gingen jüdische Eiferer gewaltsam gegen Christen vor. Die Christen wiederum waren erwartbarerweise nicht gut auf diejenigen Juden zu sprechen, die Jesus ablehnten, und bezeichneten die Zerstörung des jüdischen Tempels im Jahr 70 n. Chr. und die Zerstreuung der Juden als göttliche Strafe dafür.

Die Machtverhältnisse änderten sich langsam, nachdem die Juden mit den beiden verlorenen Aufständen gegen die Römer ihren Tempel und ihre Heimat verloren hatten. Nach diesen desaströsen Kriegen (135 n. Chr. war der zweite zu Ende) waren sie eine heimatlose zerstreute Minderheit im Römischen Reich (und den Ländern darum herum), aber immerhin noch eine zahlenmäßig große Minderheit, deren Religion offiziell toleriert war, während das Christentum noch verfolgt wurde. Das Christentum gewann allerdings immer mehr Anhänger (nicht nur Heiden, sondern auch immer noch so einige Juden) und wurde Anfang des 4. Jahrhunderts schließlich legalisiert und von den Kaisern bald favorisiert. In dieser Zeit, als beide Religionen jetzt legal waren, kann man durchaus noch solche Vorkommnisse beobachten wie zum Beispiel, dass Juden eine Kirche anzünden und als Rache dafür Christen eine Synagoge niederbrennen; man war sich eher feindselig gesonnen. (Vielleicht auch deshalb, weil das Christentum doch relativ viele Juden abspenstig machte: Zur Zeit Jesu gab es ca. 5-6 Millionen nicht-christliche Juden im Römischen Reich, ein paar Jahrhunderte später nur noch etwa eine Million.)

Das Christentum gewann immer mehr Anhänger und Einfluss, auch nachdem die kleinen Fürstentümer der Germanen im Westen das Römische Reich abgelöst hatten, und war schließlich die einzige Seite, die wirklich eine Verfolgerposition hätte einnehmen können. (Mit wenigen Ausnahmen; im Frühmittelalter hat man z. B. noch einen südarabischen Fürsten, der zum Judentum konvertiert war und Christen umbringen ließ.) Im Hoch- und Spätmittelalter hat man in Europa die Situation, dass die Juden eine eher kleine, abgegrenzt im Ghetto lebende Gemeinschaft sind, die gesetzlich toleriert, aber nicht gerade besonders beliebt ist und gegen die es auch mal spontane Pogrome durch die Stadtbevölkerung geben kann (was übrigens kirchlicher- und staatlicherseits verurteilt wurde). Die Abneigung war auch da immer noch gegenseitig; und z. B. die Anschuldigung, dass die Juden bei der maurischen Eroberung Spaniens, und bei der spanischen Rückeroberung, ab und zu den Mauren halfen, ist wohl nicht ohne Grundlage. Das ist nicht ganz unlogisch; sie sahen die Christen als besondere Gotteslästerer und hatten in deren Gesellschaft ja auch sonst nicht viel zu erwarten, standen immer am Rand. Die Grundlage der mittelalterlichen Gesellschaft war der katholische Glaube, und eine wirkliche Zugehörigkeit konnten auch tolerierte Andersgläubige, wie die Juden im Ghetto oder die Muslime in den Kreuzfahrerstaaten, nicht haben. (Eine „jüdisch-christliche“ Kultur gab es in Europa nie, sondern immer eine christliche Mehrheitskultur und eine jüdische Minderheitskultur, die einander nicht nur feind, sondern oft auch ganz fremd waren. Interessanterweise mögen manche Juden den in gewisser Weise vereinnahmenden Begriff der „jüdisch-christlichen Kultur“ gar nicht.)

Sowohl vorher in der Antike als auch noch im Mittelalter bestand die Auseinandersetzung übrigens nicht nur aus gewalttätigen Aktionen und politischen Intrigen, sondern auch aus intellektuellen Auseinandersetzungen. Ein mittelalterliches Beispiel wäre die Disputation von Paris am 12. Juni 1240. Nicholas Donin, ein Konvertit vom Judentum zum Christentum und Franziskanermönch, hatte erstmals den Talmud übersetzt und Vorwürfe über die darin enthaltenen Angriffe gegen Jesus und Maria (und ein paar andere Stellen) aufgestellt. Bei der Disputation diskutierte er mit vier Rabbis, die den Talmud verteidigten. (Das Ende der Geschichte war, dass zwei Jahre später jüdische Bücher wie der Talmud öffentlich verbrannt wurden. Die Kirche hatte bisher nicht viel über eigene Auslegungstraditionen der jüdischen Seite gewusst.) Auch über die Frage, welche Gründe für oder gegen Jesus als Messias sprachen, wurde natürlich immer mal wieder diskutiert. Die Juden meinten z. B., er habe nicht das endgültige, vollkommene Königreich Gottes aufgerichtet; die Christen antworteten darauf, dass im Alten Testament, wenn es um den Messias geht, sowohl vom leidenden Gottesknecht, der sein Leben hingibt (s. z. B. Jesaja 53) die Rede ist, als auch vom König, der in Herrlichkeit kommt, und dass der Messias deswegen zweimal kommen müsse, einmal leidend, später dann triumphierend, und verwiesen au durch Jesus erfüllte Prophezeiungen. Außerdem wiesen sie auf die Wunder Jesu hin; Juden erklärten diese Wunder zwar nicht für nichtexistent, aber für Hexerei und Teufelswerk und Jesus für einen Betrüger. Aus christlicher Sicht waren die Juden von Gott abgefallen, als er nicht mehr ihren weltlichen Vorstellungen entsprach, aus jüdischer Sicht waren die Christen einem Irrlehrer hinterhergelaufen und praktizierten Götzendienst.

[Vielleicht an dieser Stelle noch kurz eine Bemerkung zum Thema: „Wer ist schuld am Tod Jesu?“ Auch früher (z. B. im Römischen Katechismus aus dem 16. Jahrhundert) sagte die Kirche klipp und klar, dass im wichtigsten Sinn alle Menschen durch ihre Sünden verantwortlich für den Tod Jesu sind, Heiden wie Juden; und dass die Schuld der Christen u. U. größer sein kann, weil sie wissen, was das Richtige wäre und dass wegen ihrer Sünden Jesus ans Kreuz ging. Wenn man die Leute ansieht, die zusätzlich noch direkt an seiner Kreuzigung damals beteiligt waren, waren es Juden (nicht „die Juden“, aber eben einfach „Juden“), die Seinen Tod wollten und ihre Forderung bei Pilatus durchsetzten; der Römer Pilatus war ein feiger Mensch, der bereit war, einen erkennbar unschuldigen Menschen hinrichten zu lassen, um dem einflussreichen Hohen Rat entgegenzukommen; beides Schuld, und beides eine unterschiedliche Sorte Schuld. Jesus sagte über sie alle: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Ähnliches Unwissen wird man evtl. denen zuschreiben können, die auch später noch Jesu Kreuzigung für eine gerechte Strafe hielten, wie z. B. den Autoren des Talmuds.]

Diese Zeit bot bekanntlich noch andere Nachteile für die Juden. Oft durften sie keinen Grundbesitz haben, und auch nicht den Zünften beitreten (die religiöse Vereinigungen waren, die ihre eigenen Schutzpatrone hatten und für ihre verstorbenen Mitglieder Messen lesen ließen), und wurden in die paar anderen verbliebenen Berufe abgedrängt, wozu u. a. der des Geldverleihers gehörte (wenn auch nicht nur; ein Jude konnte z. B. auch Arzt werden). Dazu kam, dass die Kirche den Christen die Zinsnahme verbot und Juden von ihren jüdischen Brüdern keinen Zins verlangen durften; die pragmatische Lösung war oft, dass sich Christen von Juden Geld für Zinsen liehen, und oft nicht unbedingt geringe Zinsen. Die Rolle des Geldverleihers war keine schöne; man konnte damit reich werden, aber auch die Wut der Schuldner auf sich ziehen, die sich, nicht immer ohne Grund, ausgebeutet fühlten und vielleicht auch mal mit Gewalt reagierten. Abgesehen von den sporadischen Gewaltakten, die von Päpsten, Bischöfen, Kaisern verurteilt wurden, gab es auch immer wieder offizielle Ausweisungen der Juden aus verschiedenen Städten, Regionen oder ganzen Ländern, sodass sie sich irgendwie eine neue, vielleicht auch nur vorübergehende, Heimat suchen mussten.

Im späten 18., im 19., im frühen 20. Jahrhundert, als sich die westlichen Gesellschaften säkularisierten, blieb dieser Grund für Abneigung gegen Juden; sie wurden als sich bereichernde, privilegierte Elite gesehen, außerdem weiterhin als eine sich absondernde Parallelgesellschaft, die sich einfach nicht mit den Grundsätzen der Gesellschaft identifizierte und auf deren Loyalität man sich deswegen nie verlassen konnte. Manche Juden reagierten darauf damit, zu erklären, dass sie ebenso gute Deutsche oder Franzosen sein konnten wie jeder andere, auch mit einer anderen Religion, viele nahmen damit zusammenhängend eine liberale Einstellung an, wonach man religiöse Unterschiede nicht zu wichtig nehmen sollte, und befürworteten säkularere Politik (eine Tendenz, die viele Christen natürlich noch mehr ablehnten als das streng religiöse Judentum). Andere sagten, ja, die Juden seien eine eigenständige Nation, und deshalb sollten sie ihren eigenen Staat haben, damit diese Situation endlich geklärt wäre; der Zionismus entstand. Kurz gesagt: Man hatte auch hier noch einfach zwei Gruppen, die jetzt – nachdem die Ghettos verschwunden waren und Juden gleiche politische Rechte bekommen hatten – ein wenig enger zusammenlebten, zu wenig gemeinsame Grundsätze für ein Zusammenleben hatten, und an ein langes Gegnertum gewöhnt waren.

Der Nationalsozialismus (und Vorläuferideen) brachten dann eine recht neue Idee hinein, den auf Rasse basierenden Hass gegen die Juden. Nach dieser Ansicht waren sie praktisch determiniert dazu, Schaden anzurichten, und eine Konversion zum Christentum (oder wozu auch immer) machte keinen Unterschied. Das war weit entfernt von den religiösen Streitigkeiten; und obwohl man die Päpste dieser Zeit sicher nicht als die größten Zionisten bezeichnen kann, ließ Pius XII etliche Juden verstecken und vor der Deportation durch die Nazis retten. Nach dem Schock des Holocausts – vor allem ab den 1960ern, als sich der erste Schock gesetzt hatte – wollte man dann freundlicher zueinander sein und irgendwie Dialog und Zusammenarbeit haben, auch wenn vielleicht nicht so ganz klar war, wie.

Miteinander menschlich gut auskommen zu wollen, sich gegenseitig als normale Menschen statt als Feindbilder zu sehen, ist ja auch sehr lobenswert; aber wenn man dabei möglichst krampfhaft verschweigt, wobei man sich in den letzten zwei Jahrtausenden nicht einig war, ist auch niemandem geholfen. Wenn man denkt, man kann sich nur gegenseitig als Menschen sehen, wenn man alle Uneinigkeiten über wichtige Fragen beiseite schiebt, na ja, das ist eine komische Vorstellung.

Juden und Christen sind sich einfach nicht einig dabei, ob Jesus der Messias ist, und ehrliche Auseinandersetzungen darüber wären hilfreicher als Verschweigen. (Ich habe auch den Verdacht, dass oft die eine Seite die Argumente der jeweils anderen Seite gar nicht wirklich kennt, und manchmal nicht mal die der eigenen.) Die Juden und Christen früherer Zeiten waren auch nicht so blöd, dass sie sich wegen Nebensächlichkeiten die Köpfe eingeschlagen hätten. Nein, wer der Messias ist, was Gott von uns will, wozu Gott die nichtjüdischen Völker beruft, usw. usf., das alles sind wichtige Fragen (die man idealerweise ohne Köpfeeinschlagen klären kann). Und dass Jesus aus dem jüdischen Volk stammte, wussten sowohl Juden als auch Christen auch früher schon, da muss man nicht als Gotcha „Jesus war übrigens Jude!“ rufen. Die Christen warfen den Juden ja gerade vor, dass sie den Messias, der aus ihrem Volk kam und an erster Stelle zu ihrem Volk gesandt war, abgelehnt hatten (wobei es genau genommen ja so war, dass die große Mehrheit der Juden schon in der Antike Christen wurde und in der Kirche aufging, was später nur nicht mehr weiter auffiel), während die Juden Jesus als einen Verräter an der Religion seines Volkes sahen, als jemanden, der sich gegen den Willen Gottes selbst zum Messias ernannt hatte und Leichtgläubige dazu brachte, ihn anzubeten.

Einen ganz seltsamen Mittelweg hat neuerdings eine theologische Strömung im Christentum versucht zu finden, die behauptet, dass Gott sozusagen zwei Bünde mit der Menschheit am Laufen hat; für die Juden gelte der Alte Bund noch (mit Beschneidung und Mosaischem Gesetz usw.), sie müssten nicht unbedingt Jesus anerkennen oder sich taufen lassen – aber er sei trotzdem Gottes Sohn und zumindest für die Heiden gekommen. Damit würde man aber ja gerade sagen, dass der Messias gerade für die, die am längsten auf ihn gewartet hatten, nicht wirklich gekommen wäre; dabei ging Jesus selber zuerst zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, bevor Er Seine Jünger zu allen Völkern sandte. Wer „Judenmission“ ablehnt, will im Endeffekt den Messias den Heiden vorbehalten. Wenn Gott einen Neuen Bund aufstellt, macht es auch keinen Sinn, beim Alten bleiben zu wollen, als wüsste Gott nicht, was Er tut. Und was sagt man damit den vielen Judenchristen, die das Gesetz des Mose aufgegeben haben – allen voran mal den Aposteln? Hätten Sie zu Jesus sagen sollen: Ach, nein danke, wir haben schon den Alten Bund, dich brauchen wir jetzt nicht unbedingt? Und schließlich: In welche Situation bringt das die Juden, die Jesus nicht nur kaum kennen oder ihm gegenüber gleichgültig sind, sondern Ihn wirklich klar ablehnen? Auch die würden kaum sagen, ja, ja, der könne schon Messias sein, aber eben nur für die Heidenvölker. Sie sagen klipp und klar, Er sei nicht der Messias, für niemanden.

Kurz: Man kann hier keinen Kompromiss finden, mit dem alle zufrieden sind, ohne ihre Ansichten ändern zu müssen. Manche Uneinigkeiten müssen zwangsläufig bestehen bleiben. Zumindest so lange, bis alle endlich sehen, dass Jesus der Messias ist.

Nikolai Koshelev, Kopf Christi.