Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier Teil 2.

Распятый Иисус Христос.jpg

(Viktor Vasnetsov, Gekreuzigter Christus. Gemeinfrei.)

 

So beschreiben also verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Im apokryphen, dem Apostel Barnabas zugeschriebenen (aber ziemlich sicher nicht authentischen, wenn auch wohl immerhin schon vor 130 n. Chr. entstandenen) Barnabasbrief heißt es:

Denn dazu hat es der Herr auf sich genommen, hinzugeben sein Fleisch zum Verderben, damit wir durch die Nachlassung der Sünden geheiligt werden in der Aussprengung seines Blutes. […]

Auch das noch (muss ich sagen), meine Brüder: wenn der Herr es auf sich nahm, für unsere Seele zu leiden, obwohl er der Herr der ganzen Welt ist, zu dem Gott bei der Grundlegung der Welt sprach: ‚Lasset uns den Menschen schaffen nach unserem Bild und Gleichnis‘3, wie nun hat er es auf sich genommen, von Menschenhand zu leiden? Verstehet! Die Propheten, welche von ihm die Gnade hatten, weissagten auf ihn hin; weil er aber im Fleische sich offenbaren musste, damit er den Tod entkräfte und die Auferstehung von den Toten zeige, nahm er (das Leiden) auf sich, damit er den Vätern die Verheißung einlöse und sich selbst das neue Volk bereite und auf Erden wandelnd nachweise, dass er die Auferstehung bewirken und dann richten werde. Überdies lehrte er Israel, und indem er solche Zeichen und Wunder tat, trat er als (Gottes) Herold auf, und gar sehr liebte er es (das Volk Israel). Als er aber seine eigenen Apostel, die sein Evangelium verkünden sollten, Leute, die über alles Sündenmaß ungerecht waren, auserwählt hatte, um zu zeigen, dass er nicht gekommen ist, die Gerechten, sondern die Sünder zu berufen4, da offenbarte es sich, dass er der Sohn Gottes ist. Wenn er nämlich nicht im Fleische erschienen wäre, wie wären die Menschen am Leben geblieben bei seinem Anblick, die es nicht aushalten können, in die Sonne zu sehen, seiner Hände Werk, das jetzt noch besteht, einmal aber nicht mehr sein wird, und in ihre Strahlen ihr Auge zu richten? (Barnabasbrief 5,1.5-10)

 

Im 2. Clemensbrief (der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern eine einige Jahrzehnte später, in der Mitte des 2. Jahrhunderts, entstandene Fälschung ist), heißt es:

Brüder, wir müssen von Jesus Christus so denken wie von Gott, wie von einem Richter über Lebende und Tote1; und wir dürfen nicht gering denken über unser Heil. Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.“ (2. Clemensbrief 1)

 

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift aus dem 2. Jahrhundert, die sich als Brief der zwölf Apostel ausgibt und einen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung berichtet, heißt es:

„Das wissen wir: unser Herr und Heiland Jesus Christus (ist) Gott, Sohn Gottes, der gesandt worden ist von Gott, dem Herrscher der ganzen Welt, dem Schaffer und Schöpfer dessen, was mit jedem Namen benannt wird, der über allen Herrschaften ist, (als) Herr der Herren und König der Könige, der Gewaltige der Gewaltigen, der Himmlische, der über Cherubim und Seraphim ist und zur Rechten des Thrones des Vaters sitzt, der durch sein Wort den Himmeln gebot und die Erde und, was auf ihr ist, erbaute und das Meer begrenzte, daß es nicht seine Grenze überschreite, und (machte, daß) Tiefen und Quellen sprudeln und auf der Erde fließen Tag und Nacht; der die Sonne, den Mond und die Sterne am Himmel gründete und der Licht und Finsternis schied, der der Hölle gebot und im Augenblick entbietet den Regen zur Winterszeit und Nebel, Reif und Hagel und die Tage (?) zu ihrer Zeit; der erschüttert und festigt; der den Menschen nach seiner Gestalt und seinem Bilde geschaffen hat; der durch die Patriarchen und Propheten in Bildern geredet hat und in Wahrheit durch den, den die Apostel verkündigt und die Jünger betastet haben. Und Gott, der Herr, der Sohn Gottes – wir glauben: das Wort, welches aus der heiligen Jungfrau Maria Fleisch wurde, wurde in ihrem Schoße getragen (verursacht) vom heiligen Geiste, und nicht durch Lust des Fleisches, sondern durch den Willen Gottes wurde es geboren und wurde in Bethlehem (in Windeln) gewickelt und offenbart und daß es großgezogen wurde und heranwuchs, indem wir es sahen. […]

Und dies offenbarte und zeigte uns unser Herr und Heiland und wir euch gleicherweise, damit ihr Genossen an der Gnade des Herrn und unseres Dienstes und an unserer Herrlichkeit seid, indem ihr auf das ewige Leben sinnt. Seid, ohne zu wanken, fest in der Erkenntnis und Erforschung unseres Herrn Jesu Christi, und er wird sich gnädig erweisen und retten immerdar und in alle niemals endende Ewigkeit.“ (Epistula Apostolorum 3(14) u. 6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 128f.)

Jesus sagt in dieser Schrift:

Und deshalb habe ich alle Barmherzigkeit vollendet: ohne gezeugt zu werden, bin ich von Menschen geboren (oder: gezeugt) und, ohne Fleisch zu haben, habe ich Fleisch angezogen und bin aufgewachsen, damit (ich) euch, die ihr im Fleisch gezeugt werdet, (wiedergebäre) und ihr in der Wiedergeburt die Auferstehung in eurem Fleisch erhaltet, einem Gewande, das nicht vergehen wird, mit allen, die hoffen und glauben an den, der mich gesandt hat; denn so hat mein Vater an euch Wohlgefallen gefunden, und denen, welchen ich will, gebe ich die Hoffnung des Reiches.‘ Darauf sprachen wir zu ihm: ‚Groß ist, wie du hoffen läßt und redest.‘ Er antwortete und sprach zu uns: ‚Glaubet (richtig müßte es heißen: Glaubt ihr), daß alles, was ich euch sage, geschehen wird!‘ Und wir antworteten ihm und sprachen zu ihm: ‚Ja, o Herr.'“ Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, daß ich alle Gewalt von meinem Vater empfangen habe, damit ich die in Finsternis Befindlichen ins Licht zurückführe und die in Vergänglichkeit Befindlichen in die Unvergänglichkeit und die im Irrtum Befindlichen in die Gerechtigkeit und die im Tode Befindlichen ins Leben und damit die in Gefangenschaft Befindlichen entfesselt werde, wie das, was von seiten der Menschen unmöglich ist, von seiten des Vaters möglich ist. Ich bin die Hoffnung der Hoffnungslosen, der Helfer derer, die keinen Helfer haben, der Schatz der Bedürftigen, der Arzt der Kranken, die Auferstehung der Toten.‘ (Epistula Apostolorum 21(32), in: ebd., S. 138 (äthiopische Fassung).)

 

In einem Bericht über das Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike (irgendwann zwischen 161 und 180) sagt Karpus vor Gericht folgendes:

„Karpus entgegnete: Ich bin ein Christ und verehre Christus, den Sohn Gottes, der in den letzten Zeiten zu unserm Heile gekommen ist und uns von dem Truge des Teufels befreit hat; diesen Götzenbildern da aber opfere ich nicht. Tu, was du willst; denn mir ist es unmöglich, Truggestalten der Dämonen zu opfern; sind doch die, welche diesen opfern, ihnen gleich. Wie nämlich die wahren Verehrer – nach der göttlichen Erzählung des Herrn die, welche Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten1 – der Herrlichkeit Gottes ähnlich werden und mit ihm unsterblich sind, teilhaftig des ewigen Lebens durch den Logos, so werden auch die, welche diesen2 dienen, ähnlich der Eitelkeit der Dämonen und gehen mit ihnen in der Hölle unter; sie teilen die gerechte Strafe mit demjenigen, der den Menschen, das auserwählte Geschöpf Gottes, hintergangen hat, ich meine mit dem Teufel, der in seiner Schlechtigkeit den Menschen beneidet hat. Darum wisse, Prokonsul, daß ich diesen nicht opfere. (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 1)

 

Dann gäbe es die Petrusakten (spätes 2. Jahrhundert), die Legenden über Petrus, v. a. sein Wirken in Rom und sein Martyrium, berichten. In den Petrusakten kommt zu Anfang noch eine Predigt des Paulus vor; dabei sagt er ganz deutlich: Jesus = Gott.

„Da gebot Paulus Schweigen und sagte: ‚Ihr Brüder, die ihr jetzt an Christus zu glauben begonnen habt, wenn ihr nicht in eurem früheren Wandel und in euren väterlichen Überlieferungen bleibt und euch enthaltet von allem Betrug und Jähzorn, von aller Grausamkeit und Ehebruch und Befleckung und von Hochmut und Eifersucht, Hoffart und Feindseligkeit, so wird euch Jesus, der lebendige Gott, nachlassen, was ihr in Unwissenheit getan habt. Deswegen, ihr Knechte Gottes, wappnet euch, ein jeder an seinem inwendigen Menschen, mit Frieden, Gleichmut, Milde, Glaube, Liebe, Erkenntnis, Weisheit, Bruderliebe, Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit, Güte, Gerechtigkeit! Dann werdet ihr in Ewigkeit den Erstgeborenen der gesamten Schöpfung zu eurem Führer haben und Tugend in Frieden mit unserem Herrn.‘ Als sie dieses aber von Paulus gehört hatten, baten sie ihn, er möge für sie beten. Paulus aber erhob seine Stimme und sprach: ‚Ewiger Gott, Gott der Himmel, Gott von unaussprechlicher Majestät, der du alles durch dein Wort befestigt hast, der du [die dem Menschen] angebundene Fessel [zerbrochen hast, der du das Licht] deiner Gnade aller Welt hast zuteil werden lassen, Vater deines heiligen Sohnes Jesu Christi, wir bitten dich miteinander durch deinen Sohn Jesus Christus, die Seelen zu stärken, die einst ungläubig waren, jetzt aber gläubig sind.“ (Petrusakten 1/2, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 192)

Als dann Petrus nach Rom kommt, hält er seine erste Predigt dort:

„Am ersten Tage der Woche aber kam die Menge zusammen, um den Petrus zu sehen. Daher begann Petrus mit sehr lauter Stimme zu reden: ‚Ihr hier versammelten Männer, die ihr auf Christus hofft, ihr, die ihr eine kleine Weile Versuchung erlitten habt, merket auf! Warum hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt oder warum hat er (ihn) durch die Jungfrau Maria hervorgebracht, wenn er nicht irgendeine Gnade und einen Heilsweg schaffen wollte? Denn er wollte beseitigen alles Ärgernis und alle Unwissenheit und alle Macht des Teufels, (seine) Anschläge und Kräfte unwirksam machen, durch welche er einst die Oberhand hatte, bevor unser Gott in der Welt als Licht erstrahlte. Weil sie (die Menschen) mit ihren vielen und mannigfaltigen Schwachheiten durch Unwissenheit in den Tod stürzten, hat der allmächtige Gott, von Mitleid bewegt, seinen Sohn in die Welt gesandt, wobei ich zugegen gewesen bin.“ (Petrusakten 3/7; in: ebd., S. 197)

Jesus unter uns:

„Daher wollen wir unsere Knie vor Christus beugen, der uns erhört, auch wenn wir nicht gerufen haben. Er ist es, der uns sieht, auch wenn er nicht mit diesen Augen gesehen wird; aber er ist unter uns. Wenn wir wollen, wird er nicht von uns weichen. Darum laßt uns unsere Seelen reinigen von jeder schändlichen Versuchung, dann wird Gott nicht von uns weichen; und wenn wir nur mit den Augen zuwinken, so ist er bei uns.“ (Petrusakten 6/18, in: ebd., S. 206)

Petrus sagt an späterer Stelle über die Schriften und über Jesus folgendes:

„Petrus aber ging in das Speisezimmer und sah, daß das Evangelium gelesen wurde. Er rollte es zusammen und sagte:

‚Ihr Männer, die ihr an Christus glaubt und hofft, ihr sollt erfahren, wie die heilige Schrift unseres Herrn verkündet werden muß. Was wir nach seiner Gnade, soweit wir es verstanden haben, niedergeschrieben haben, erscheint euch zwar bisher noch schwach; dennoch (haben wir es geschrieben) gemäß unseren Kräften, soweit es erträglich ist, es in menschliches Fleisch zu bringen. Wir müssen also zuerst Gottes Willen oder (seine) Güte kennenlernen, da ja einst der Betrug weit verbreitet war und viele Tausende von Menschen in das Verderben stürzten, und (darum) der Herr in seiner Barmherzigkeit veranlaßt war, sich in anderer Gestalt zu zeigen und im Bilde des Menschen zu erscheinen, bezüglich dessen weder die Juden noch wir in der Lage sind, würdig erleuchtet zu werden. Denn jeder von uns sah (ihn), wie er es zu fassen vermochte, je nachdem er es konnte.

Jetzt aber will ich euch erklären, was euch gerade vorgelesen worden ist. Unser Herr wollte mich seine Herrlichkeit auf heiligem Berge sehen lassen; als ich aber mit den Söhnen des Zebedäus den Glanz seines Lichtes sah, fiel ich wie tot nieder und schloß meine Augen und hörte seine Stimme so, wie ich es nicht beschreiben kann; ich glaubte, daß ich von seinem Glanz erblindet sei. Und als ich ein wenig aufatmete, sprach ich zu mir: ‚Vielleicht hat mein Herr mich hierher führen wollen, um mich des Augenlichts zu berauben‘. Und ich sagte: ‚Und wenn das dein Wille ist, Herr, dann widerspreche ich nicht‘. Und er gab mir die Hand und richtete mich auf. Und als ich aufstand, sah ich ihn wiederum so, wie ich ihn fassen konnte.

So also geliebteste Brüder, hat der barmherzige Gott unsere Schwachheiten getragen und unsere Sünden auf sich genommen, wie der Prophet sagt: ‚Er trägt unsere Sünden und für uns leidet er Schmerzen; wir aber glaubten, daß er in Schmerzen sei und von Wunden geplagt würde‘. Denn ‚er ist ja im Vater und der Vater in ihm‘; er selbst ist auch die Fülle aller Herrlichkeit, der uns alle seine Güte gezeigt hat. Er hat gegessen und getrunken unsertwegen, obwohl er weder hungrig noch durstig war, er hat ertragen und Beschimpfungen erduldet unsertwegen, er ist gestorben und auferstanden um unsertwillen. Er, der auch mich, als ich sündigte, verteidigt und gestärkt hat in seiner Größe, wird auch euch trösten, auf daß ihr ihn liebt, diesen Großen und ganz Kleinen, den Schönen und Häßlichen, Jüngling und Greis, in der Zeit erscheinend und (doch) in Ewigkeit gänzlich unsichtbar, den eine menschliche Hand nicht gehalten hat und der von seinen Dienern gehalten wird, den das Fleisch nicht gesehen hat und der jetzt gesehen wird, der kein Gehör gefunden hat, der aber jetzt bekannt und das gehörte Wort geworden ist; dem die Leiden fremd waren und der jetzt gleichsam wie wir gezüchtigt ist, er, der niemals gezüchtigt war, ist jetzt gezüchtigt; der vor der Welt ist und in der Zeit wahrgenommen wurde, aller Herrschaft großer Anfang und (doch) den Fürsten ausgeliefert; schön, aber unter uns niedrig und hässlich erschienen, aber voller Fürsorge: Diesen Jesus habt ihr, Brüder, die Tür, das Licht, den Weg, das Brot, das Wasser, das Lebendige, die Auferstehung, der Trost, die Perle, den Schatz, den Samen, die Sättigung, das Senfkorn, den Weinstock, den Pflug, die Gnade, den Glauben, das Wort. Dieser ist alles, und es ist kein anderer größer als er. Ihm sei Lob in alle Ewigkeit, Amen. (Petrusakten 7/20, in: ebd., S. 207f.)

Petrus sagt in den Petrusakten bei seiner eigenen Kreuzigung folgendes (teilweise ist diese Rede etwas rätselhaft, und evtl. von gnostischen Gedanken beeinflusst; an einer Stelle zitiert er einen Spruch, der so ähnlich im gnostischen Thomasevangelium vorkommt):

„Als er aber hinzukam und bei dem Kreuze stand, begann er zu sprechen: ‚O Name des Kreuzes, verborgenes Geheimnis; o unaussprechliche Gnade, die mit dem Namen des Kreuzes ausgesprochen ist; o Natur des Menschen, die von Gott nicht getrennt werden kann, o unsagbare und unzertrennbare Liebe, die von unreinen Lippen nicht bekannt werden kann; ich erfasse dich jetzt am Ende, da ich mich von hier löse. Ich will dich bekannt machen, wie du bist. Ich will das meiner Seele einst verschlossene und verborgene Geheimnis des Kreuzes nicht verschweigen. Das Kreuz sei euch, die ihr auf Christus hofft, nicht das, was sichtbar erscheint; denn etwas anderes als das Sichtbare ist dieses (Leiden) gemäß dem Leiden Christi. Und jetzt vor allem, da ihr, die ihr zu hören vermögt, (es hören) könnt von mir, der ich in der letzten Stunde und am Ende meines Lebens stehe, höret: von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern, von allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist. Verschließet diese eure Augen, verschließet diese eure Ohren, (haltet euch fern) von den Dingen, die sichtbar erscheinen! Und ihr werdet das, was Christus betrifft und das ganze Geheimnis eures Heils erkennen. Und dies sei euch, die ihr es hört, gesagt, als wäre es nicht gesagt. Die Stunde aber (ist da) für dich, Petrus, deinen Leib denen, die ihn nehmen wollen, hinzugeben. Nehmt ihr also hin, deren Beruf es ist. Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders! Und warum, das werde ich den Hörenden sagen.‘

Als sie ihn nun in der Art, wie er es gefordert hatte, aufgehängt hatten, begann er wieder zu reden: ‚Ihr Männer, die ihr zum Hören berufen seid, vernehmt, was ich gerade jetzt, während ich (am Kreuz) hänge, euch verkündigen werde! Erkennet das Geheimnis der ganzen Schöpfung und den Anfang aller Dinge, wie er war. Denn der erste Mensch, dessen Art ich in (meiner) Gestalt trage, mit dem Kopf nach unten gestürzt, zeigte eine Entstehungsart, die ehemals nicht so war; denn sie war tot, da sie keine Bewegung hatte. Als er nun herabgezogen wurde, er, der auch seinen Ursprung auf die Erde warf, hat er das Ganze der Anordnung festgestellt, aufgehängt nach Art der Berufung, bei der er das Rechte als Linkes und das Linke als Rechtes gezeigt hat, und hat alle Zeichen der Natur geändert, (nämlich) das Nichtschöne als schön zu betrachten und das wirklich Schlechte als Gutes. Darüber sagt der Herr im Geheimnis: ‚Wenn ihr nicht das Rechte macht wie das Linke und das Linke wie das Rechte und das Obere wie das Untere und das Hintere wie das Vordere, so werdet ihr das Reich (Gottes) nicht erkennen.‘ Dieses Verständnis nun habe ich zu euch gebracht, und die Art, in der ihr mich hängen seht, ist die Abbildung jenes Menschen, der zuerst zur Entstehung kam. Ihr nun, meine Geliebten, die ihr es jetzt hört und die ihr hören werdet, müßt ablassen von dem ersten Irrtum und wieder zurückkehren. Denn es sollte sich geziemen, an das Kreuz Christi zu kommen, der da ist einzig und allein das ausgebreitete Wort, von dem der Geist sagt: ‚Denn was ist Christus anders als das Wort, der Schall Gottes?‘ damit Wort sei dieses aufrechtstehende Holz, an dem ich gekreuzigt bin; der Schall aber ist der Querbalken, (nämlich) die Natur des Menschen; der Nagel aber, der an dem geraden Holz den Querbalken in der Mitte festhält, ist die Bekehrung und Buße des Menschen.

Da du mir nun dieses kundgetan und offenbart hast, o Wort des Lebens, wie von mir jetzt das Holz genannt worden ist, so danke ich dir, nicht mit diesen Lippen, die angenagelt sind, auch nicht mit der Zunge, durch die Wahrheit und Lüge hervorgeht, auch nicht mit diesem Worte, das von der Kunst irdischer Natur hervorgebracht wird, sondern mit jener Stimme danke ich dir, o König, die durch Schweigen vernommen wird, die nicht im Offenbaren gehört wird, die nicht durch die Organe des Körpers hervorgeht, die nicht in fleischliche Ohren eingeht, die nicht vom vergänglichen Wesen gehört wird, die nicht in der Welt ist und auf der Erde ertönt, auch nicht in Büchern geschrieben wird, auch nicht dem einen gehört, dem anderen nicht, sondern mit dieser (Stimme), Jesus Christus, danke ich dir: Mit dem Schweigen der Stimme, der der Geist in mir, der dich liebt und mit dir spricht und dich sieht, begegnet. Du bist nur dem Geist erkennbar. Du bist mir Vater, du mir Mutter, du mir Bruder, du Freund, du Diener, du Haushalter. Du (bist) das All, und das All (ist) in dir; und du (bist) das Sein, und es gibt nichts anderes, was ist, außer dir allein. Zu ihm fliehet nun auch ihr, Brüder, und lernt, dass ihr euer Wesen in ihm habt, und ihr werdet dann das erlangen, von dem er zu euch sagt: ‚Was weder ein Auge gesehen hat, noch ein Ohr gehört hat, noch in ein Menschenherz gekommen ist.‘ Wir bitten nun um das, was du uns zu geben versprochen hast, unbefleckter Jesus; wir loben dich, wir danken dir und bekennen dich, indem wir – noch schwache Menschen – dich preisen. Denn du allein bist Gott und kein anderer, dem der Ruhm sei jetzt und in alle Ewigkeiten Amen.'“ (Petrusakten 9/37(8)-39(10), in: ebd., S. 219f.)

 

In den christlichen Sibyllinen, prophetischen Schriften, in denen es vor allem um das Ende der Welt geht, heißt es über Christus:

„[Wenn das Mädchen den Logos des höchsten Gottes gebären,
Aber als eh’liches Weib dem Logos den Namen wird geben,
Dann wird im Osten ein Stern am hellerlichten Tage
Glanzvoll strahlend erscheinen erdwärts von himmlischer Höhe,
Kündend ein großes Zeichen den armen sterblichen Menschen.]
Ja, dann kommt zu den Menschen der Sohn des gewaltigen Gottes,
Irdischen Leibs, vom Fleische umhüllt und den Sterblichen ähnlich.
Vier Vokale er hat und zweimal den Konsonanten,
Und nun will ich dir auch die gesamte Zahl noch verkünden:
Einer sind acht vorhanden und Zehner noch ebensoviele;
Hunderter acht noch dazu verrät ungläubigen Menschen
Seines Namens Gestalt; doch du im gläubigen Herzen
Denke sofort an Christus, den Sohn des erhabenen Gottes.
Gottes Gebot erfüllet er selbst, nicht löst er die Satzung,
Bietet als Muster sich dar den Seinen und lehret sie alles.
Diesem nahen die Priester und bringen ihm reiche Geschenke:
Gold und Weihrauch und Myrrhen; denn so wird alles er fügen.
Wenn man dereinst seine Stimme vernimmt im Schweigen der Wüste,
Botschaft bringend den Menschen und alle eindringlich ermahnend,
Eben zu machen die Pfade und auszutilgen im Herzen
Bosheit jeglicher Art, im Bade des Heiles zu läutern
Ganz den sündigen Leib, auf daß sie, aufs neue geboren
Meiden die Sünde und nie des Rechtes Pfade verlassen, –
Dann ein Barbar, von der Tänzerin Kunst berückt und bezaubert,
Lohnet den Tanz mit des Rufenden Haupt, und ein plötzliches Wunder
Bietet den Menschen sich dar, wenn sicher und frei aus Ägypten
Kommt der köstliche Stein, an dem sich das Volk der Hebräer
Stößt mit strauchelndem Fuß, die heidnischen Völker dagegen
Sammeln sich freudig um ihn: des waltenden Gottes Gebote
Lernen sie kennen durch ihn und den Pfad im gemeinsamen Lichte.
[…]
Und dann heilt er die Kranken und bringt den Gequälten Erlösung,
Die an ihn glauben und froh den Namen des Höchsten bekennen.
Sehend macht er die Blinden, und hurtig laufen die Lahmen;
Taube verstehen genau, es reden der Sprache Beraubte;
Böse Dämonen vertreibt er, und Tote erweckt er zum Leben,
Wandelt zu Fuß übers Meer und in öder, verlassener Gegend
Macht er tausende satt mit fünf armseligen Broten
Und einem winzigen Fisch; die Reste des leckeren Mahles
Füllen zum Rande zwölf Körbe noch voll für die heilige Jungfrau.

[…]
Wenn seine Arme am Kreuz, weit offen, umspannen das Weltall,
Dornengekrönt sein Haupt, wenn nach dem Gesetze die Seite
Grausam geöffnet der Speer, dann wird durch volle drei Stunden
Mitten am Tage die Welt in schauriges Dunkel gehüllt sein.
Dann wird der Tempel, den Salomon schuf, ein mächtiges Wunder,
Zeigen dem Menschengeschlecht, wenn jener hinab in den Hades
Wandert, dem Volke der Toten die Auferstehung zu bringen.
Wenn er dereinst dreitägigem Schlafe des Grabes entronnen,
Wenn er ein Vorbild den Seinen gezeigt und alles gelehrt hat,
Fährt er auf Wolken empor in die Wohnung des himmlischen Vater;
Aber der Welt hinterläßt er des Evangeliums Satzung.
Und es erblüht aus heidnischem Stamm die neue Gemeinde;
Christi Geboten getreu ererbt sie den Namen des Meisters.
Aber auch dann leiten als kundige Führer des Lebens
Weise Berater das Volk anstatt der Propheten und Seher.“

(Christliche Sibyllinen I,323-386, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 502-504.)

An einer anderen Stelle heißt es:

„Singen will ich aus Herzensgrund von dem großen, berühmten
Sohn des Unsterblichen, dem seinen Thron gab der höchste Erzeuger
Vor der Geburt; denn im Fleisch, das ihm ward, trat er auf und
Ließ sich taufen im strömenden Wasser des Jordanflusses,
Der mit bläulichem Fuß seine Wogen wälzend dahinrollt:
Feurigem Glanze entsteigend er schaut Gottes lieblichen Geist, der
Kommt vom Himmel herab in der Taube weißem Gefieder.
Aufblühen wird eine reine Blüte, es springen die Quellen.
Zeigen wird er den Menschen die Wege und zeigen die Pfade
Himmelwärts und auch alle mit weisen Worten belehren,
Führt sie zum Recht und bekehrt die verstockten Herzes des Volkes,
Laut bekennend den ruhmreichen Stamm seines himmlischen Vaters,
Wandelt zu Fuß übers Meer und von Krankheit befreit er die Menschen.
Wecken wird er die Toten zum Leben, verscheuchen viel Schmerzen.
Aber aus einem Ranzen mit Brot er sättigt die Menschen,
Wenn Davids Haus seinen Schößling treibt. Aber in seiner Hand ruht
Alle Welt: die Erde sowohl wie das Meer und der Himmel.
Hinblitzen über die Erde wird er, wie ihn einstmals erscheinen
Sahen die zwei, aus den Seiten erzeugt voneinander.
Da wird die Erde sich freuen der Hoffnung aus dieses Knäblein.
[…]
O du gepriesenes Holz, auf dem ausgestreckt war der Herrgott,
Nicht mehr birgt dich die Erde, am Firmamente erscheinst du,
Wenn dein feuriges Auge, o Gott, wird erblitzen am Himmel.

(Christliche Sibyllinen VI,1-28; in: ebd., S. 509f.)

An einer weiteren Stelle:

Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.
Unsern Erlöser und Herrn, den Ewigen habe ich also

Zum Gedächtnis der Welt in Akrostichen besungen.
Er war bezeichnet, da Moses streckte die heiligen Arme
Siegend ob Amalek im Glauben, dem Volke zur Kenntnis,
Daß erwählt bei Gott dem Vater und immer geehrt sei
Davids Rute, sowie auch der Stein, den er einstens versprochen,
Dem man gläubig vertrauen soll, um ewiges Leben zu haben.
Denn nicht in Herrlichkeit, sondern als Mensch wird er kommen auf Erden,
Elend, entehrt, unansehnlich, den Elenden Hoffnung zu geben.
Er wird vergänglichem Fleische Gestalt und himmlischen Glauben
Den Ungläubigen geben und ausgestalten den Menschen,
Welchen im Anfang Gottes heilige Hände geschaffen,
Und den die Schlange betörte, daß nun er zum Schicksal des Todes
Kam und nach Wunsch die Erkenntnis gewann vom Guten und Bösen,
So daß er Gott verließ und huldigte sterblichem Wesen.
Ihn auch nahm als Berater im Anfang Gott der Allmächt’ge,
Sprechend die Worte: ‚So wollen wir beide zusammen, mein Kind, un
Sterblicher Menschen Geschlecht abbilden nach unserem Gleichnis!
Jetzt will ich mit den Händen, doch du alsdann mit dem Logos
Sorgen für unsere Gestalt und gemeinsam schaffen Erstehung!‘
Dieses Beschlusses gedenkend wird er jetzt kommen auf Erden,
Und mit Wasser taufend zugleich durch ältere Hände,
Alles bewirkend durchs Wort und heilend jegliche Krankheit.
Durch sein Wort wird er stillen die Winde und glätten die Meerflut,
Während sie tobt, sie mit Füßen des Friedens im Glauben betretend.
Mit fünf Broten zumal und einem einzigen Seefisch
Wird in der Wüste er sätt’gen fünftausend hungrige Menschen.
Und mit den übriggebliebenen Brocken allein wird er füllen
Zwölf gewaltige Körbe zur Hoffnung der schmachtenden Völker.
Und er wird rufen die Seelen der Sel’gen, die Elenden lieben,
Die zwar boshaft verspottet, doch Böses mit Gutem vergelten
Und trotz Schlägen und Peitschenhieben nach Armut sich sehnen.
Alles merken und alles erschauend und alles erhörend,
Wird er ins Herz tief blickend das Inn’re zur Prüfung enthüllen;
Denn er selber ist aller Gehör und Verstand und Gesichte.
Und das Wort, das die Welten erschuf und dem alles gehorsam,
Das sogar Tote erweckt und Heilung bringet den Siechen,
Kommt in der Bösen Gewalt, gottloser, ungläubiger Menschen.
Schläge versetzen dem Gott ruchlose, unheilige Hände,
Und aus ekelem Mund besudelt ihn giftiger Speichel.
Er aber bietet geduldig den blutigen Rücken der Geißel.
Trotz aller Schläge wird stille er schweigen, daß keiner erkenne,
Wer und wessen er sei und woher, um die Toten zu rufen.
Und von Dornen den Kranz wird er tragen; denn immerdar kommen
Wird aus den Dornen der Kranz der Heiligen, welche erwählt sind.
Auch schlägt man mit dem Rohr seine Seite nach ihrem Gesetze…
Doch wenn all dies dann sich erfüllt hat, was ich geredet,
Dann wird in ihm sich lösen jedes Gesetz, das von Anfang
Wegen des trotzigen Volkes durch menschliche Satzungen aufkam.
Doch er wird ausbreiten die Hände und messen das Weltall.
‚Und sie reichten ihm Galle zur Speise und Essig zum Trinken‘:
Solchen ungastlichen Tisch ihm werden die Gottlosen zeigen.
Und der Vorhang zerreißt im Tempel, und mitten am Tage
Wird drei Stunden hindurch ganz dunkle gewaltige Nacht sein.
Denn nicht mehr nach geheimem Gesetz noch im Tempel verborgen
Vor den Erscheinungen in dieser Welt den Gottesdienst zu halten
Wurde gezeigt, als der ewige Herrscher auf Erden herabstieg.
Und dann steigt er zur Hölle hinab, den Seelen der Frommen
Hoffnung zu künden, das Ende der Zeit und den jüngsten der Tage.
Wo ist dein Stachel, o Tod, wenn jeder drei Tage entschlafen?
Denn dann kehrt er zurück ans Licht aus dem Reiche des Hades
Auferstehung und Leben den Auserwählten zu bringen,
Tilgend im Wasser unsterblichen Quells ihrer früheren Bosheit
Schlacken und häßlichen Schmutz, auf daß sie aufs neue geboren
Nicht mehr frönen hinfort der Welt abscheulichen Bräuchen.
Seinen Erwählten zuerst erscheint der Erstandene wieder
Menschlichen Leibs, wie er ehemals war; doch Hände und Füße
Zeigen vier Male, von Nägeln gebohrt in die göttlichen Glieder:
Osten verstehe und Westen, an Mitternacht denke und Mittag;
das sind die Reiche der Erde, die Gottes erhabenen Sohn einst
Morden verblendeten Sinns, das Vorbild unseres Lebens.
Freu dich, Tochter Sion, du heil’ge, nach so vielen Leiden!
Selber dein König kommt auf zahmen Füllen geritten.
Siehe, gar sanftmütig kommt er, damit er das Sklavenjoch trage,
Das schwer tragbar auf unserm Nacken jetzt lieget und lastet,
Und uns löse die gottlose Satzung und drückende Fesseln.
Ihn erkenne als deinen Gott, der zugleich Gottes Sohn ist;
Diesen preise und trag‘ ihn in deinem Herzen und lieb‘ ihn
Aus deiner ganzen Seele und halt‘ seinen Namen in Ehren.
Alte Gesetze lasse beiseite und wasch‘ dich von Blutschuld!
Nicht durch deine Gesänge und deine Gebete wird er versöhnt, nicht
Achtet vergängliche Opfer der unvergängliche Herrscher,
Sondern stimm‘ aus verständigem Mund ein heiliges Lied an
Und erkenne sein Wesen, so wirst du dann schaun den Erzeuger.“ (Christliche Sibyllinen VIII,249-336; in: ebd. S. 519-521.)

Und:

„Selbsterzeugt und rein, beständig während und ewig
Er vermag auch den feurigen Hauch abzumerzen des Himmels (?),
Hemmet des Donners Szepter zugleich  mit dem schrecklichen Blitze
Und besänftigt das Rollen des furchtbar krachenden Donners,
Und die Erde erschütternd er hemmt das Tosen [des Meeres],
Mildert auch die feuerflammenden Geißeln der Blitze,
Und des Regens gewaltige Güsse, den Hagelschlag, den
Kalten, der Wolken Entladung, die tobenden Sturmesgewitter.
……………………………………………………………………………………………………….
Der schon vor jeglicher Schöpfung bei dir war als Sohn und Berater,
Er ist der Schöpfer der Menschen und er der Spender des Lebens.
Damals nahmst du als erster das Wort und redetest also:
‚Laß den Menschen uns machen, o Sohn, nach unserem Bilde,
Hauchen wir ihm in die Brust den lebenerhaltenden Odem;
Ist er auch sterblichen Leibs, so soll doch alles ihm dienen,
Und der aus Erde geformt, soll König und Herrscher der Welt sein.‘
Also sprachst du zum Logos, und alles geschah, wie du wolltest,
Deinem Geheiß gehorchten sofort die Weltelemente:
…………………………………………………………………………………………………………..
[…]
Alles erschuf er im Bunde mit dir nach deinem Ermessen.
Und in der Fülle der Zeit entsprang dem Schoße Marias
Gott in Kindergestalt als Licht, die Welt zu erleuchten.
Und der dem Himmel entstammt, verschmähte der Menschen Gestalt nicht.
Gabriel ward auf die Erde gesandt, vom Glanze umflossen;
Denn zu der Jungfrau sprach die Stimme des himmlischen Boten:
‚Nimm, Holdselige, Gott in deinen jungfräulichen Schoß auf.‘
Sprach’s und hauchte der Lieblichen ein die göttliche Gnade.
Sie aber faßte beim Hören Erstaunen zugleich und Verwirrung;
Zitternd stand sie vor ihm wie erstarrt, der Sprache nicht mächtig,
Klopfenden Herzens, erschreckt von der unvermuteten Botschaft.
Dann aber freute sie sich und Wärme durchströmte die Glieder;
Bräutlich lachte sie drauf, von Rot übergossen die Wange,
Höchlich entzückt, von lieblicher Scham die Sinne befangen.
Also faßte sie Mut; und das Wort, in Demut empfangen,
Wurde zu Fleisch mit der Zeit, und im Schoße der Mutter
Reift es heran zur Menschengestalt und wurde ein Knäblein
Durch einer Jungfrau Geburt: ein großes Wunder den Menschen,
Aber kein Wunder vor Gott und Gottes unsterblichem Sohne.
Kaum war geboren das Kind, so ward es mit Jubel empfangen,
Himmel und Erde frohlockten, es lachte vor Freude das Weltall,
Und ein prophetischer Stern erregte das Staunen der Weisen.
Bethlehem ward die Heimat des Logos durch göttliche Wahl.
Zahlreich wallte zur Krippe im Stall die Menge der Frommen,
Hirten der Rinder und Schafe und Hirten der meckernden Ziegen.“ (Christliche Sibyllinen VIII,429-479; in: ebd. S. 524f.)

 

In den Paulusakten, einer Schrift, die Ende des 2. Jahrhunderts, etwa um 190 entstanden sein müsste, und diverse Legenden über den heiligen Paulus und die heilige Thekla enthält (Thekla soll von Paulus bekehrt worden sein, ihre Familie gegen sich aufgebracht haben, weil sie sich als Jungfrau Gott weihte, zweimal durch ein göttliches Wunder vor dem Martyrium errettet worden sein und später noch viele Jahrzehnte als Einsiedlerin gelebt haben), heißt es:

„Und Paulus erhob seine Stimme und sprach: ‚Wenn ich heute verhört werde, was ich lehre, so höre, Prokonsul: Der lebendige Gott, der Gott der Rache, der eifrige Gott, der Gott, der kein Bedürfnis kennt, der hat, weil er das Heil der Menschen will, mich gesandt, daß ich sie der Vergänglichkeit und der Unreinigkeit entreiße und aller Lust und dem Tode, damit sie nicht mehr sündigen. Darum hat Gott seinen Sohn gesandt, den ich als die frohe Botschaft verkünde und lehre, daß in ihm die Menschen Hoffnung haben, er, der allein Mitleid hatte mit der verirrten Welt, damit die Menschen nicht mehr unter dem Gericht seien, sondern Glauben hätten und Gottesfurcht und Erkenntnis der Ehrbarkeit und Liebe zur Wahrheit. Wenn ich nun lehre, was mir von Gott offenbart ist, was tue ich dann für ein Unrecht, Prokonsul?‘ Als der Statthalter das gehört hatte, gab er Befehl, Paulus zu binden und in das Gefängnis abzuführen, bis er Muße finden werde, ihn gründlicher zu verhören.“ (Paulusakten in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 246)

Als Thekla (zum zweiten Mal) verurteilt worden ist und im Amphitheater den wilden Tieren vorgeworfen werden soll, wird sie bis zur geplanten Vollstreckung des Urteils von einer angesehenen Frau namens Tryphäna aufgenommen, die sie bittet, für ihre verstorbene Tochter zu beten. In ihrem Gebet bezeichnet Thekla Jesus als „Gott der Himmel, Sohn des Höchsten“:

„Und nach dem Umzug nahm Tryphäna sie wieder zu sich. Ihre Tochter nämlich, die gestorben war, hatte im Traum zu ihr gesprochen: ‚Mutter, die Fremde, die verlassene Thekla, sollst du an meiner Stelle annehmen, damit sie für mich bete und ich an den Ort der Gerechten versetzt werde.‘ Als nun nach dem Umzug Tryphäna sie zu sich nahm, war sie einerseits traurig, weil sie am folgenden Tag mit den Tieren kämpfen sollte, andererseits aber liebte sie sie wie ihre Tochter Falconilla; und sie sprach: ‚Mein zweites Kind, Thekla, komm bete für mein Kind, daß es lebe; denn das habe ich im Traum geschaut.‘ Sie aber erhob, ohne zu zögern, ihre Stimme und sprach: ‚Du Gott der Himmel, Sohn des Höchsten, verleihe ihr nach ihrem Willen, daß ihre Tochter Falconilla leben möge in Ewigkeit!'“ (Ebd., S. 248)

Als sie dann den Tieren vorgeworfen wird, die ihr aber nichts tun, kommt diese Stelle:

„Und der Statthalter ließ Thekla mitten aus den Tieren heraus rufen und sprach zu ihr: ‚Wer bist du und was hat es mit dir auf sich, daß auch nicht eines von den Tieren dich anrührte?‘ Sie antwortete: ‚Ich bin eine Dienerin des lebendigen Gottes; was es aber mit mir auf sich hat: Ich habe an den geglaubt, an dem Gott Wohlgefallen hatte, an seinen Sohn. Um seinetwillen hat mich keines von den Tieren angerührt. Denn er allein ist das Ziel der Rettung und die Grundlage unsterblichen Lebens. Ist er doch für die, die vom Sturm geplagt sind, eine Zuflucht, für Bedrängte Erquickung, für Verzweifelte Schutz, mit einem Wort: wer nicht an ihn glaubt, wird nicht leben, sondern tot sein in Ewigkeit.“ (Ebd., S. 250)

Die Paulusakten enthalten auch einen apokryphen Briefwechsel der Korinther mit Paulus (einen Brief der Korinther an Paulus und einen, den er zurückschreibt; letzterer wird auch als 3. Korintherbrief bezeichnet). Die Korinther schreiben Paulus, weil doketistische/gnostische Irrlehrer in ihre Gemeinde gekommen sind, und Paulus schreibt in seiner Antwort gegen den Doketismus (der Verfasser der Paulusakten lehnt sich hier an den originalen 1. Korintherbrief an, insbesondere Kapitel 15):

„Ich habe euch ja im Anfang überliefert, was ich von den Aposteln vor mir empfangen habe, die allezeit mit dem Herrn Jesus Christus zusammengewesen waren, nämlich daß unser Herr Jesus Christus von Maria aus dem Samen Davids geboren ist, indem der heilige Geist aus dem Himmel vom Vater in sie herabgesandt war, damit er in die Welt käme und alles Fleisch durch sein eigenes Fleisch erlöse und damit er uns Fleischliche von den Toten auferwecke, wie er selbst sich als Urbild erwiesen hat. Und weil der Mensch von seinem Vater geschaffen ist, deswegen wurde er auch, als er verloren gegangen war, gesucht, auf daß er lebendig gemacht würde durch die Annahme zur Kindschaft. Denn der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, sandte zuerst die Propheten den Juden, daß sie ihren Sünden entrissen würden; er hatte nämlich beschlossen, das Haus Israel zu retten, deshalb sandte er einen Teil vom Geiste Christi in die Propheten, welche die irrtumslose Gottesverehrung verkündeten zu vielen Zeiten. Aber da der Fürst, der ungerecht war [d. h. der Teufel, Anmerkung von mir], selbst Gott sein wollte, legte er Hand an sie und tötete sie, und so fesselte er alles Fleisch der Menschen an die Begierden [an seinen Willen und die Vollendung der Welt trieb dem Gericht entgegen]. Aber Gott, der Allmächtige, der gerecht ist und sein eigenes Geschöpf nicht verstoßen wollte, sandte den [heiligen] Geist [durch Feuer] in Maria, die Galiläerin, die von ganzem Herzen glaubte, und sie empfing im Leibe den heiligen Geist, damit in die Welt Jesus einträte, damit der Böse, durch dasselbe Fleisch, durch das er sein Wesen trieb, besiegt, überführt wurde, daß er nicht Gott sei. Denn durch seinen eigenen Leib hat Jesus Christus alles Fleisch gerettet [und zum ewigen Leben geführt durch den Glauben], indem er den Tempel der Gerechtigkeit darstellte in seinem Leibe, durch den wir erlöst sind.(Ebd., S. 259)

An späterer Stelle sagt Paulus in den Paulusakten:

„Und jetzt, Brüder, steht eine große Versuchung bevor; wenn wir diese ertragen haben, werden wir den Zugang zum Herrn haben und werden als Zuflucht und Schild des Wohlgefallens empfangen Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, wenn ihr nun das Wort so empfanget, wie es ist. Einen Geist der Kraft hat Gott am Ende der Zeiten um unsertwillen ins Fleisch herabgesandt, das heißt in Maria die Galiläerin, gemäß dem prophetischen Worte, der als Leibesfrucht getragen und geboren wurde von ihr, bis sie entband und gebar [Jesus,] den Christus, unseren König, aus Bethlehem in Judäa, aufgezogen in Nazareth, hingehend aber nach Jerusalem und lehrend ganz Judäa: ‚Das Reich der Himmel (sc. Gottes) ist nahe herbeigekommen! Laßt ab von der Finsternis, ergreifet das Licht, die ihr im Dunkel des Todes dahinlebt. Ein Licht ist euch aufgegangen!‘ Und er tat große und wunderbare Dinge, sodaß er sich aus den Stämmen zwölf Männer erwählte, die er in Verständnis und Glauben mit sich hatte, Tote erweckend und Krankheiten heilend, Aussätzige reinigend und Blinde heilend, Krüppel gesund machend und Gelähmte gehend machend, Besessene reinigend …“ (Danach ist eine Lücke im Text.) (Ebd., S. 264)

Paulus erzählt von der Zeit seiner Bekehrung:

„In der Tat, es gibt kein Leben außer dem, das in Christus ist. Ich trat in eine große Kirche ein, bei dem seligen Judas, dem Bruder des Herrn, der mir von Anfang an die hohe Liebe des Glaubens gegeben hat. Ich führte meinen Wandel in der Gnade, bei dem seligen Propheten, und [beschäftigte mich] damit, Christus zu enthüllen, ihn, der vor [allen] Zeiten erzeugt ward.“ (Ebd., S. 269)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier der erste.

 

So beschreiben verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt um 95 n. Chr. in einem Brief an die Korinther:

„Wir wollen hinblicken auf das Blut Christi und erkennen, wie kostbar es auch Gott seinem Vater ist, weil es, wegen unseres Heiles vergossen, der ganzen Welt die Gnade der Reue gebracht hat. Lasset uns alle Geschlechter durchwandeln und erkennen, dass der Herr einem jeden Geschlechte Gelegenheit zur Buße gab, allen, die sich zu ihm bekehren wollten. Noe1 predigte Buße, und die auf ihn hörten, wurden gerettet. Jona2 kündigte den Niniviten ihren Untergang an; sie taten Buße für ihre Sünden, versöhnten durch Gebet ihren Gott und erlangten Rettung, obwohl sie nicht zum Volke Gottes gehörten.“ (1. Clemensbrief 7,4-7)

„Wer Liebe in Christus hat, der halte die Gebote Christi. Wer kann das Band der Liebe Gottes beschreiben? Wer ist imstande, seine erhabene Schönheit zu schildern? Die Höhe, zu der die Liebe emporführt, ist unbeschreiblich. Liebe verbindet uns mit Gott, ‚Liebe deckt eine Menge Sünden zu‘1, Liebe erträgt alles, Liebe ist in allem langmütig; nichts Gemeines gibt es in der Liebe, nichts Hoffärtiges; Liebe kennt keine Spaltung, Liebe lehnt sich nicht auf, Liebe tut alles in Eintracht; in der Liebe haben alle Auserwählten Gottes ihre Vollkommenheit erlangt, ohne Liebe ist Gott nichts wohlgefällig. In Liebe hat der Herr uns angenommen; wegen der Liebe, die er zu uns trug, hat unser Herr Jesus Christus sein Blut hingegeben für uns nach Gottes Willen, sein Fleisch für unser Fleisch, seine Seele für unsere Seelen.“ (1. Clemensbrief 49)

 

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. (oder wenig später) auf dem Weg zu seinem Prozess und Martyrium in Rom:

„Einer ist der Arzt, fleischlich sowohl als geistig, geboren und ungeboren, im Fleische wandelnd ein Gott, im Tode wahrhaftiges Leben, sowohl aus Maria als aus Gott, zuerst leidensfähig, dann leidensunfähig, Jesus Christus unser Herr.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 7,2)

„Ich habe aufgenommen in Gott deinen vielgeliebten Namen (= die Gemeinde Ephesus), den ihr erworben habt durch euer gerechtes Wesen gemäß eurem Glauben und eurer Liebe in Christus Jesus, unserem Erlöser; da ihr Nachahmer Gottes seid, habt ihr, im Blute Gottes zu neuem Leben gelangt, das Werk der Bruderliebe vollkommen ausgeübt.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 1,1)

„vielmehr wünsche ich euch gefestigt im Glauben an die Geburt, das Leiden und die Auferstehung, die geschah, als Pontius Pilatus Landpfleger war; wahrhaft und sicher vollbracht von Jesus Christus, unserer Hoffnung, um die keiner von euch gebracht werden möge.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 11)

„Ich preise den Gott Jesus Christus, der euch so weise gemacht hat; ich habe nämlich erkannt, dass ihr vollendet seid in unerschütterlichem Glauben, wie angenagelt mit Leib und Seele an das Kreuz des Herrn Jesus Christus, gefestigt in der Liebe im Blute Christi, vollkommen (im Glauben) an unseren Herrn, den wahrhaftigen Spross aus dem Geschlechte Davids dem Fleische nach1, den Sohn Gottes nach dem Willen und der Macht Gottes, wahrhaft geboren aus der Jungfrau und von Johannes getauft, auf dass jegliche Gerechtigkeit von ihm erfüllt würde2; wahrhaft unter Pontius Pilatus und dem Vierfürsten Herodes für uns im Fleische (ans Kreuz) genagelt, von dessen Frucht wir (stammen) von seinem gottgepriesenen Leiden, auf dass er für ewige Zeiten durch seine Auferstehung sein Banner erhebe3 für seine Heiligen und Getreuen, sei es unter den Juden oder unter den Heiden in dem einen Leibe seiner Kirche.

Dies alles hat er nämlich gelitten unseretwegen, damit wir gerettet werden; und zwar hat er wahrhaft gelitten, wie er sich auch wahrhaft auferweckt hat, nicht wie einige Ungläubige behaupten, er habe nur scheinbar gelitten, da sie selbst nur scheinbar leben; und gemäß ihren Anschauungen wird es ihnen ergehen, wenn sie körperlos und gespensterhaft sind (bei der Auferstehung).

Ich nämlich weiß und vertraue darauf, dass er auch nach der Auferstehung derselbe war im Fleische. Und als er zu Petrus und seinen Genossen kam, sprach er zu ihnen: ‚Fasset (mich) an, betastet mich und sehet, dass ich nicht ein körperloser Geist bin‘1. Und sogleich betasteten sie ihn und glaubten, da sie in Fühlung gekommen waren mit seinem Körper und seinem Geiste. Deshalb verachteten sie auch den Tod und zeigten sich stärker als der Tod. Nach der Auferstehung aß und trank er mit ihnen wie ein leibhaftiger Mensch, obwohl er dem Geiste nach vereinigt war mit dem Vater.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 1-3)

Ignatius wendet sich hier, wie gesagt, gegen die Doketisten, die meinten, dass Jesus nicht wirklich Fleisch angenommen und gelitten haben könne, sondern dass sein Leiden nur scheinbar gewesen sei, die also die Inkarnation quasi für unter der Würde Jesu hielten.

 

Bischof Polykarp von Smyrna, ein Schüler des Apostels Johannes, an den Ignatius auch einen seiner Briefe gerichtet hatte, schreibt kurz darauf in einem Brief an die Ortskirche in Philippi:

„Unablässig wollen wir festhalten an unserer Hoffnung und an dem Unterpfand unserer Gerechtigkeit, nämlich an Jesus Christus, der unsere Sünden an seinem eigenen Leibe ans Kreuz getragen, der keine Sünde getan1und in dessen Mund kein Betrug gefunden worden2; sondern unseretwegen hat er alles auf sich genommen, damit wir in ihm das Leben haben. So wollen wir also Nachahmer werden [seiner] Geduld, und wenn wir seines Namens wegen leiden, wollen wir ihn verherrlichen. Hierin hat er nämlich durch sich selbst ein Beispiel gegeben, und wir haben daran geglaubt.“ (Brief Polykarps an die Philipper 8)

 

Als ein nichtchristliches Zeugnis hätten wir das Spottkreuz vom Palatin (Rom), irgendwann aus dem 2. Jahrhundert. Hier hat jemand einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf in eine Wand geritzt (es ging das Gerücht um, dass die Christen einen Eselsgott anbeten würden), vor dem ein Mann in Gebetshaltung steht. Dabei steht: „Alexamenos betet [den/seinen] Gott an.“

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c2/Jesus_graffito.jpg

Bei den Heiden war also nicht nur das Gerücht mit dem Eselsgott ein Grund für Spott über die Christen, sondern auch ihr Glaube an einen gekreuzigten Gott.

 

Bei Bischof Irenäus von Lyon, der noch Polykarp gekannt hatte und dessen Werk ca. 180 entstanden ist, finden sich sehr viele schöne und aufschlussreiche Stellen. Er betont sehr, dass Jesus durch die Menschwerdung den Menschen in sich rekapituliert, den Menschen zu Gott herangezogen hat:

„Christus aber, unser Herr, ertrug mutvoll, ein eigentliches Leiden, durch welches er nicht nur nicht in Gefahr geriet, verloren zu gehen, sondern den verlorenen Menschen in seiner Kraft stärkte und zur Unvergänglichkeit wiederherstellte. […] Uns brachte Christus durch sein Leiden die Erlösung, indem er uns die Erkenntnis des Vaters schenkte. […] Unser Herr hat durch sein Leiden den Tod vernichtet, den Irrtum aufgehoben, die Vernichtung unschädlich gemacht und die Unwissenheit vertrieben, er hat das Leben geoffenbart und die Wahrheit gezeigt und Unvergänglichkeit geschenkt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,20,3)

„Aber darin irren sie von der Wahrheit ab, weil ihre Lehre den allein wahren Gott nicht kennt, weil sie nicht wissen, daß sein eingeborenes Wort, das immer dem menschlichen Geschlechte beisteht, vereint und eingesät in sein Geschöpf, nach dem Willen des Vaters Fleisch geworden ist, Jesus Christus, unser Herr ist, der für uns gelitten hat und unseretwegen auferstanden ist und wieder kommen wird in der Herrlichkeit des Vaters, um alles Fleisch aufzuerwecken und Rettung zu bringen and das Gesetz des gerechten Gerichtes allen zu zeigen, die ihm unterworfen sind. Es ist also ein Gott Vater, wie wir gezeigt haben, und ein Christus Jesus, unser Herr, der durch die ganze Heilsordnung hindurch ging und alles in sich selbst zusammenfaßte. Zu diesem ‚allen‘ gehört aber auch der Mensch, das Geschöpf Gottes; also faßte er auch den Menschen in sich zusammen, indem er, der Unsichtbare, sichtbar wurde, der Unbegreifbare begreifbar, der Leidensunfähige leidensfähig, das Wort Mensch. So faßte er in sich das All zusammen, damit er, wie das Wort in den überhimmlischen und geistigen Dingen Herrscher ist, ebenso in den sichtbaren und körperlichen Dingen herrsche, indem er auf sich die Herrschaft nahm und sich zum Haupte der Kirche einsetzte, und damit er alles an sich ziehe zu der passenden Zeit.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,16,6)

„Wir haben somit klar bewiesen, daß das Wort, welches im Anfang bei Gott war, und durch welches alles gemacht worden ist, und das immer bei dem menschlichen Geschlechte weilte, jetzt in den letzten Zeiten gemäß der vom Vater bestimmten Zeit mit seinem Geschöpfe sich vereinte und zum leidensfähigen. Menschen geworden ist. […] Vielmehr faßte er die lange Entwicklung der Menschen in sich zusammen, indem er durch die Inkarnation Mensch wurde, und gab uns in dieser Zusammenfassung das Heil, damit wir unser Sein nach, dem Bild und Gleichnis Gottes, das wir in Adam verloren hatten, in Christo Jesu wiedererlangen möchten.

Es war nämlich unmöglich, den einmal besiegten und durch seinen Ungehorsam gefallenen Menschen neu zu schaffen und den Siegespreis ihm zu verleihen, aber ebenso unmöglich konnte der in die Sünde gefallene Mensch das Heil erlangen. Deshalb bewirkte beides der Sohn, der das Wort Gottes war, indem er vom Vater herunterstieg, Fleisch annahm und bis zum Tode ging. So erwirkte er uns unsere Erlösung.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,1-2)

„So näherte und vereinte er, wie wir gesagt haben, den Menschen mit Gott. Wenn nämlich der Mensch nicht den Feind des Menschen besiegt hätte, so wäre nicht gerechterweise der Feind besiegt worden. Und wiederum hätte nicht Gott dem Menschen das Heil verliehen, so würden wir dessen nicht gewiß sein. Und wäre der Mensch nicht mit Gott verbunden worden, so hätte er keinen Anteil an der Unvergänglichkeit erlangen können. Es mußte nämlich der Mittler zwischen Gott und den Menschen kraft seines Verhältnisses zu beiden in Freundschaft und Eintracht beide zusammenführen und die Menschen Gott nahe bringen und die Menschen mit Gott bekannt machen.

Aus welchem Grunde könnten wir denn teilhaftig sein der Annahme an Kindesstatt, wenn wir nicht durch den Sohn diese verwandtschaftliche Beziehung zu ihm empfangen hätten; wenn nicht sein Wort, Fleisch geworden, sie uns mitgeteilt hätte? Deshalb machte er auch jede Altersstufe durch, um für alle die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen. […]

Wer also die Sünde vernichten und den Menschen von seiner Todesschuld erlösen wollte, der mußte das werden, was jener war, nämlich Mensch. Denn der Mensch war von der Sünde in die Knechtschaft geschleppt und wurde von dem Tode festgehalten. Daher mußte die Sünde von einem Menschen überwunden werden, damit der Mensch des Todes ledig würde. Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen, der zuerst von der jungen Erde gebildet war, die vielen Sünder wurden und das Leben verloren, so mußten auch durch den Gehorsam eines Menschen, der zuerst von einer Jungfrau geboren wurde, viele gerechtfertigt werden und ihr Heil erlangen.

So wurde also das Wort Gottes Mensch, wie auch Moses sagt: ‚Gott, wahrhaft sind seine Werke‘3 . Wäre er aber nicht Fleisch geworden, sondern nur als solches erschienen, so wäre sein Werk nicht wahr gewesen. Was er schien, das war er also auch: Gott faßte in sich das alte Menschengebilde zusammen, um die Sünde zu vernichten, den Tod niederzuwerfen und den Menschen lebendig zu machen. Deswegen sind auch ‚wahrhaft seine Werke‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,7)

„Von dem Abfall erlöste er uns rechtlich durch sein Blut; uns aber, den Erlösten, ward seine Güte zuteil, Denn wir gaben ihm nichts zuvor, noch begehrte er etwas von uns, als ob er es gebrauchte. Wir aber bedürfen der Gemeinschaft mit ihm und deswegen gab er sich gütig hin, um uns in den Schoß seines Vaters zu sammeln.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,2,1)

Er betont sehr die Realität der Fleischwerdung:

„Wenn aber nach einer andern Ordnung der Herr Fleisch geworden ist und er aus einer anderen Wesenheit Fleisch annahm, dann hat er den eigentlichen Menschen in sich nicht rekapituliert; ja, er kann nicht einmal Fleisch genannt werden. Denn Fleisch ist in Wahrheit nur das, was von der ersten Schöpfung aus Erde abstammt. Hätte er aus einer anderen Substanz den Stoff haben sollen, dann hätte der Vater von Anfang an dies Gebilde aus einer anderen Substanz müssen entstehen lassen. Nun aber ist das, was der gefallene Mensch war, das heilbringende Wort geworden, indem es durch sich selbst die Verbindung und Aufsuchung des Heiles herstellte. Der gefallene Mensch aber hatte Fleisch und Blut, denn aus dem Schlamm der Erde bildete Gott den Menschen, um dessentwillen der Herr auf die Erde überhaupt kommen mußte. Also hatte auch er Fleisch und Blut; indem er kein anderes als das ursprüngliche Geschöpf des Vaters rekapitulierte, suchte er das, was verloren war. Deswegen sagt auch der Apostel im Briefe an die Kolosser: ‚Da ihr einstmals entfremdet waret und feind seinem Ratschlusse in bösen Werken, seid ihr jetzt wiederversöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch seinen Tod, um euch heilig und keusch und ohne Tadel in seinem Angesichte darzustellen‘1 . In dem Fleische seines Leibes wiederversöhnt, heißt es, weil das gerechte Fleisch jenes Fleisch versöhnte, das in der Sünde niedergehalten wurde, und es in die Freundschaft mit Gott brachte.

Wenn nun jemand sagen wollte, daß das Fleisch des Herrn insofern von unserm Fleische verschieden war, als jenes nicht sündigte, noch irgend ein Arg in seiner Seele gefunden wurde, wir aber Sünder sind, so hat er recht gesprochen. Wollte er dem Herrn aber eine andere Substanz des Fleisches andichten, so würde das Wort von der Versöhnung nicht mehr bestehen. Denn wiederversöhnt war das, was einmal in Feindschaft war. Nahm aber der Herr sein Fleisch aus einer andern Substanz, dann ist das nicht mehr mit Gott versöhnt worden, was ihm durch den Ungehorsam feind geworden war. Weil nun aber zwischen ihm und uns eine Gemeinschaft besteht, versöhnte der Herr den Menschen mit Gott, indem er uns durch den Leib seines Fleisches versöhnte und durch sein Blut uns erlöste. So sagt der Apostel den Ephesern: ‚In ihm haben wir gehabt Erlösung durch sein Blut, Vergebung der Sünden‘1 . Und wiederum ebendenselben: ‚Die ihr einstmals ferne waret, seid nahe geworden in dem Blute Christi‘2 . Und wiederum: ‚Die Feindschaft hob er auf in seinem Fleische, das Gesetz der Gebote durch seine Lehren‘3 . Und so bezeugt der Apostel in seinem ganzen Briefe deutlich, daß wir durch das Fleisch unseres Herrn und durch sein Blut erlöst worden sind.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,14,2-3)

„Und deswegen brachte der Herr uns in den letzten Zeiten durch seine Menschwerdung in die Freundschaft mit ihm zurück, indem er ‚der Mittler zwischen Gott und den Menschen wurde‘1 . Für uns versöhnte er seinen Vater, gegen den wir gesündigt hatten, und machte unsern Ungehorsam durch seinen Gehorsam wieder gut; uns aber verlieh er, mit unserm Schöpfer zu verkehren und ihm zu gehorchen. Deshalb lehrte er uns in seinem Gebete zu sprechen: ‚Und erlaß uns unsere Schulden!‘2 Ist es doch unser Vater, dessen Schuldner wir geworden waren, indem wir sein Gebot übertraten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,1)

„Indem er ihm also die Sünden erließ, heilte er den Menschen und zeigte offenkundig, wer er war. Wenn nämlich nur Gott die Sünden vergeben kann und demnach der Herr sie vergab, wie er die Menschen heilte, dann ist es offenbar, daß er selbst das Wort Gottes war, das zum Menschensohne geworden war und von dem Vater die Macht der Sündenvergebung empfangen hatte, daß er Gott und Mensch war, damit er als Mensch mit uns Mitleid hätte und als Gott sich unser erbarme und uns die Schulden vergebe, welche wir Gott, unserm Schöpfer, schulden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,3)

Er schreibt über das Lebensalter Jesu:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. Denn nicht schien er ein anderer zu sein, als er war, wie es die möchten, die ihn als eine bloße Erscheinung auffassen, sondern was er war, das schien er auch. Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte.

Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4)

Über die Weisen aus dem Morgenland sagt er:

„Matthäus aber läßt die Magier, die aus dem Osten kamen, sprechen: ‚Wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten‘7 . Und von dem Stern in das Haus Jakobs zum Emmanuel geführt, haben sie durch die Darbringung ihrer Geschenke angezeigt, wer der war, den sie anbeteten: durch die Myrrhe, daß er es war, der für das sterbliche Geschlecht der Menschen sterben und begraben werden wollte; durch das Gold, daß er der König war, ‚dessen Reich kein Ende hat‘8 ; durch den Weihrauch, daß er ‚der in Judäa bekannt gewordene Gott‘9 ist, der sich denen offenbarte, die ihn suchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,9,2)

Sein Hauptwerk „Gegen die Häresien“ beendet Irenäus hiermit:

„Denn es ist ein Sohn, der den Willen des Vaters vollendete, und ein Menschengeschlecht, in welchem die Geheimnisse Gottes sich vollziehen, ‚den die Engel zu schauen begehren‘4 , und nicht vermögen sie die Weisheit Gottes ergründen, durch welche sein Geschöpf zur vollkommensten Einverleibung in seinen Sohn gelangt, so daß sein Sohn, das eingeborene Wort, hinabsteigt in das Geschöpf, d. h. in sein Gebilde, und von ihm aufgenommen wird. Und das Geschöpf hinwiederum nimmt auf das Wort und steigt zu Ihm empor, indem es über die Engel sich erhebt, und so wird es nach dem Bild und Gleichnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,36,3)

 

In seinem kleineren Werk „Erweis der apostolischen Verkündigung“ schreibt er:

„Und er erschien als Mensch in der Fülle der Zeit und faßte als Wort Gottes alles, Himmel und Erde, in sich zusammen. Er vereinigte den Menschen mit Gott und stellte zwischen Gott und dem Menschen die Gemeinschaft und Eintracht wieder her, während wir nicht imstande gewesen wären, in anderer Weise an der Unvergänglichkeit1 gesetzmäßigen Anteil zu gewinnen, wenn er nicht zu uns gekommen wäre. Denn würde die Unvergänglichkeit unsichtbar und unerkannt geblieben sein, so hätte sie uns kein Heil gebracht. So wurde sie sichtbar, damit wir in jeder Hinsicht Anteil an dem Geschenk der Unvergänglichkeit gewinnen. Der Ungehorsam des Stammvaters Adam hatte uns alle in die Bande des Todes verstrickt. Deshalb war es notwendig und recht, daß die Fesseln des Todes gebrochen wurden durch den Gehorsam dessen, der für uns Mensch ward. Weil der Tod über den Leib herrschte, so war es notwendig und recht, daß er durch den Leib unterworfen werde und so den Menschen aus seiner Sklaverei freigeben mußte. Das Wort wurde Fleisch, damit der Leib, wodurch die Sünde zur Herrschaft gelangt war, Besitz genommen und gewaltet hatte, durch ebendasselbe bezwungen, auch in uns ein anderer sei2 . Und deshalb nahm unser Herr denselben Leib, wie er in Adam war, an, damit er für die Väter kämpfe und durch Adam den besiege, der durch Adam uns getroffen hatte3 .“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 31)

„Die Übertretung, welche vermittelst des Baumes geschehen war, wurde auch getilgt durch den Baum des Gehorsams, an welchem in Unterwürfigkeit gegen Gott der Sohn des Menschen gekreuzigt wurde; da überwand er die Erkenntnis des Bösen und schaffte der Erkenntnis des Guten wieder Einlaß und befestigte sie. Böse ist es, Gott ungehorsam zu sein, wie es gut ist, Gott zu gehorchen. […] Durch den Gehorsam bis in den Tod am Kreuze tilgte er den alten, am Holz begangenen Ungehorsam. Er ist selbst das Wort des allmächtigen Gottes, welches in unsichtbarer Gegenwart uns alle zumal durchdringt, und deshalb umfaßt er alle Welt, ihre Breite und Länge, ihre Höhe und Tiefe; denn durch das Wort Gottes werden alle Dinge der Ordnung gemäß geleitet; und Gottes Sohn ist in ihnen gekreuzigt, indem er in der Form des Kreuzes allem aufgeprägt ist; war es doch recht und angemessen, daß er mit seinem eigenen Sichtbarwerden an allem Sichtbaren seine Kreuzesgemeinschaft mit allem auspräge; denn seine Wirkung sollte es an den sichtbaren Dingen und in sichtbarer Gestalt zeigen, daß er derjenige ist, welcher die Höhen, d. h. den Himmel, erhellt und hinabreicht in die Tiefen, an die Grundfesten der Erde, der die Flächen ausbreitet von Morgen bis Abend und von Norden und Süden die Weiten leitet und alles Zerstreute von überallher zusammenruft zur Erkenntnis des Vaters.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 34)

„Auf diese Weise hat er also unsere Erlösung als herrlicher Sieger vollendet, hat die Verheißungen an die Vorväter erfüllt und die alte Auflehnung getilgt und ausgeschaltet. Der Sohn Gottes wurde zum Sohne Davids, zum Sohne Abrahams; diese vollendend und in sich erneuernd und zusammenfassend, um uns in den Besitz des Lebens zu setzen, ist das Wort Gottes geheimnisvoll in der Jungfrau Fleisch geworden, den Tod zu vernichten und den Menschen mit dem Leben zu begaben. Wir lagen ja in den Banden der Sünde, die wir in Sünden geboren sind und unter der Herrschaft des Todes leben.

Gott der Vater war also voll Erbarmen. Er sandte das wunderwirkende Wort. Es kam uns zu erretten und hielt sich dazu an denselben Orten und Gegenden unter uns auf, wo wir das Leben bei unserm Verweilen verloren haben, und zerbrach die Bande der Gefangenschaft. Sein Licht leuchtete auf und zerstreute die Finsternis des Kerkers, heiligte unsere Geburt und besiegte den Tod, indem er die Fesseln löste, mit denen wir in Knechtschaft gehalten waren. Selbst zum Erstgeborenen der Toten geworden, zeigte er die Auferstehung und weckte in sich selbst den gefallenen Menschen zur Auferstehung, indem er ihn nach oben, zuhöchst in den Himmel zur Rechten des Vaters emporführte. So hatte es Gott durch den Propheten verheißen, als er sprach: ‚Ich werde wieder aufrichten das zerfallene Zelt Davids‘1 , d. h. den Leib, der von David stammt. Das hat in Wahrheit unser Herr Jesus Christus vollbracht, da er unsere Erlösung siegreich erkämpfte, um uns wahrhaft aufzuerwecken vom Tode zum Leben für den Vater. […]

Denn der erstgeborene Urausgang aus dem Gedanken des Vaters, das Wort, vollendete alles, die Welt regierend und sie ordnend. Er war der Erstgeborene der Jungfrau, gerecht, heilig als Mensch, gottergeben, gut, gottgefällig, in allem vollkommen, die Rettung aller vor der Hölle, welche ihm nachfolgten. Er war der Erstgeborene von den Toten and der Uraufgang des Lebens in Gott.

So also ist bei der abermaligen Berufung des Menschen durch Gott das Wort Gottes Führer für alle zur einträchtigen Gemeinschaft, weil es wahrhaft Mensch, wunderbarer Ratgeber und mächtiger Gott1 ist. So sollen wir durch diese Gemeinschaft teilnehmen an der Unvergänglichkeit. Er nun, der im Gesetz des Moses verkündigt worden und von den Propheten des höchsten und allmächtigen Gottes und des Sohnes des Vaters aller, er, von dem alles ist, der mit Moses geredet hat, er trat auf in Judäa, von Gott entsproßt durch den Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, welche aus dem Geschlechte Davids und Abrahams war, Jesus, der Gesalbte Gottes, mit dem Beweis, daß er der zuvor von den Propheten Verkündigte ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 37-40)

 

Justin der Märtyrer, ein Philosoph, der vom Platonismus zum Christentum konvertiert war, und in Rom im Jahr 165 hingerichtet wurde, schreibt in seiner Verteidigung („Apologia“) des Christentums (um 150):

„Wohl aber ist der in unserer Zeit gekreuzigte und gestorbene Jesus Christus wieder auferstanden, zum Himmel aufgefahren und König geworden, und über das, was in seinem Namen von den Aposteln unter allen Völkern gepredigt wurde, herrscht Freude bei denen, die der von ihm angekündigten Unvergänglichkeit entgegensehen.“ (Justin, 1. Apologie 42)

Er bezeichnet Jesus wie im Johannesprolog als den „Logos“ (das Wort, die Vernunft, der Ausspruch Gottes). Den Heiligen Geist bezeichnet er als den „prophetischen Geist“, und er sagt hier, dass die Christen Jesus sozusagen an zweiter Stelle und den heiligen Geist an dritter Stelle ehren. (Zur Dreifaltigkeitslehre, die damals ja noch nicht ganz ausformuliert war, in einem der nächsten Teile genauer.)

„Daß ihr aber mit euren Opfern kein Glück haben werdet, bezeugt der Logos, der königlichste und gerechteste Herrscher, den wir nächst Gott, seinem Erzeuger, kennen. […] Daß das alles so geschehen werde, hat, sage ich, unser Lehrer Jesus Christus, der Sohn und Gesandte Gottes, des Vaters und Herrn des Weltalls, vorhergesagt, nach dem wir den Namen Christen erhalten haben. Dadurch werden wir auch voll Zuversicht in Bezug auf alles, was er uns gelehrt hat, weil es sich herausstellt, daß tatsächlich alles eintrifft, was er als zukünftig vorausgesagt hat; denn das ist Gottes Werk, vor dem Geschehen vorherzusagen und dann es so geschehen zu lassen, wie es vorhergesagt worden ist3. […]

Daß wir nun nicht gottlos sind, da wir doch den Schöpfer dieses Alls verehren und, wie wir gelehrt worden sind, behaupten, daß er keiner Schlacht-, Trank- und Räucheropfer bedarf, und die wir ihn bei allem, was wir zu uns nehmen, durch Gebet und Danksagungswort, soviel wir können, lobpreisen, indem wir als die seiner allein würdige Ehrung nicht die kennen lernten, das von ihm zur Nahrung Geschaffene durch Feuer zu verzehren, sondern die, es uns und den Bedürftigen zugute kommen zu lassen, ihm aber zum Danke in Worten Huldigungen und Gesänge emporzusenden1 für unsere Erschaffung und für alle Mittel zu unserem Wohlsein, für die Mannigfaltigkeit der Arten und für den Wechsel der Jahreszeiten, und die wir Bitten empor senden, daß wir wieder in Unvergänglichkeit erstehen durch den Glauben an ihn – welcher Vernünftige wird das nicht einräumen? Und daß wir außerdem den, der unser Lehrer hierin gewesen und dazu geboren worden ist, Jesus Christus, der gekreuzigt wurde unter Pontius Pilatus, dem Landpfleger von Judäa zur Zeit des Kaisers Tiberius, den wir als den Sohn des wahrhaftigen Gottes erkannt haben, an die zweite Stelle setzen und daß wir den prophetischen Geist an dritter Stelle mit Fug und Recht ehren, das werden wir zeigen. Denn darin beschuldigt man uns der Torheit, indem man sagt, daß wir die zweite Stelle2 nach dem unwandelbaren und ewigen Gott, dem Weltschöpfer, einem gekreuzigten Menschen zuweisen. Das sagt man, weil man das darin eingeschlossene Geheimnis nicht kennt. Indem wir dieses erklären, bitten wir euch, recht dabei aufzumerken.“ (Justin, 1. Apologie 12-13)

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius1 geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft2 [griechisch „Logos“] lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit3 und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher4 ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

„Daß er aber auch, für uns Mensch geworden, Schmerzen und Schande ertragen wollte und wieder in Herrlichkeit erscheinen wird, darüber hört folgende Weissagungen: […] Nach seiner Kreuzigung fielen nämlich auch alle seine Vertrauten von ihm ab und verleugneten ihn3; später aber nach seiner Auferstehung, als er ihnen erschienen war und er sie in das Verständnis der Prophezeiungen, in denen das alles als zukünftig vorhergesagt war, eingeführt hatte, und als sie ihn in den Himmel hatten auffahren sehen, Glauben gewonnen, die ihnen dorther von ihm gesandte Kraft empfangen hatten und zu allen Nationen der Menschheit ausgezogen waren, da haben sie das gelehrt und sind Apostel genannt worden.“ (Justin, 1. Apologie 50)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„so sind auch wir durch die gar schweren Sünden, welche wir begangen haben, untergesunken, wurden aber von unserem Christus durch seinen Kreuzestod und durch die Reinigung mit Wasser erlöst und zu einem Hause des Gebetes und der Andacht gemacht23.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 86,6)

„Er ist ewig, wenn er auch kam, um durch die Jungfrau Maria geboren zu werden und Mensch zu sein; bei der Erneuerung von Himmel und Erde nämlich fängt der Vater bei ihm an7, und durch ihn will er die Neuschaffung bewerkstelligen. Er ist es, der in Jerusalem als ewiges Licht leuchten wird8. Er ist der König von Salem und der ewige Priester des Höchsten nach der Ordnung des Melchisedech9.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 113,4f.)

 

Bei sehr vielen Kirchenvätern findet sich die Ansicht, dass es Gott der Sohn ist, nicht Gott der Vater, der sich den Patriarchen offenbart hat; hier nur ein Beispiel bei Irenäus:

„Und wie der Sohn Gottes mit Abraham in eine Unterredung eintrat, sagt Moses wiederum: ‚Und es erschien ihm Gott bei der Terebinthe Mamres am Mittag; als er die Augen erhob und sah, siehe, da traten drei Männer vor ihn, und er neigte sich zur Erde und sprach: Herr, habe ich wirklich Gnade gefunden vor Dir‘1 . Und alles Weitere sprach er mit dem Herrn und der Herr mit ihm. Zwei von den dreien nun waren Engel, der eine aber war der Sohn Gottes, mit dem eben Abraham sprach und bei dem er Fürsprache einlegte für die Bewohner von Sodoma, daß sie nicht zugrunde gingen, wenn nur zehn Gerechte wenigstens sich fänden. Während diese miteinander redeten, gingen die Engel nach Sodoma, und Loth nahm sie auf. Hierauf sagt die Schrift: ‚Der Herr ließ über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen vom Herrn vom Himmel‘2 . Gemeint ist der Sohn, der mit Abraham redete. Als Herr empfing er die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter vom Herrn vom Himmel, von dem Vater, der über alles herrscht. Hiermit ward Abraham ein Prophet und sah das Zukünftige, welches geschehen sollte, in menschlicher Gestalt den Sohn Gottes, denn dieser sollte mit den Menschen reden, mit ihnen Nahrung genießen und hernach von dem Vater aus, der über alle herrscht, das Gericht über sie abhalten, wie er von ihm die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter erhalten hatte. […]

Und alle diese Gesichte deuten an, wie der Sohn Gottes mit den Menschen spricht und unter ihnen weilt. Denn nicht hat ehedem der Vater von allem, der von dieser Welt nicht gesehen wird, und der Schöpfer von allem, der da spricht: ‚Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße, wie wollt ihr mir ein Haus bauen, oder wo wäre der Ort meiner Ruhe‘2 , er, ‚der die Erde faßt mit seiner Faust und den Himmel ausspannt mit seiner Hand‘3 — nicht er hat, in kleinem Raum vorübergehend weilend, mit Abraham gesprochen, sondern das Wort Gottes, das immer mit der Menschheit war und das Zukünftige, welches kommen sollte, zum voraus enthüllte und die Menschen über Gott belehrte.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 44-45)

 

Von den frühen Christen wurde sehr viel Wert auf die Prophezeiungen über Jesus im Alten Testament gelegt. Justin der Märtyrer verteidigt Jesus gegen den heidnischen Vorwurf, er könne auch nur ein Zauberkünstler gewesen sein, folgendermaßen:

„Damit aber niemand uns entgegenhalte: ‚Was steht im Wege, daß nicht auch der, den wir Christus nennen, als Mensch von Menschen geboren, durch Zauberkunst die Wundertaten vollbracht hat, die wir ihm zuschreiben, und daß man deswegen geglaubt hat, er sei Gottes Sohn?‘ so wollen wir nunmehr den Beweis führen, wobei wir uns nicht auf die stützen, die es behaupten1, sondern auf die, welche von ihm vorhergesagt haben, ehe er geboren wurde, denen wir notwendigerweise glauben müssen, weil wir mit Augen die Prophezeiungen erfüllt oder sich erfüllen sehen2, eine Beweisführung, die, wie wir glauben, auch euch als die sicherste und richtigste erscheinen wird.“ (Justin, 1. Apologie 30)

Über die Jungfrauengeburt schreibt er:

„Und nun hört, wie Wort für Wort seine Geburt aus einer Jungfrau durch Isaias geweissagt worden ist. Es heißt nämlich: ‚Siehe, die Jungfrau wird im Schoße tragen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen nennen: Gott mit uns‘1. Was nämlich unglaublich war und bei den Menschen für unmöglich gehalten wurde, das hat Gott durch den prophetischen Geist als zukünftig eintretend vorhergesagt, damit es, wenn es geschähe, nicht angezweifelt, sondern geglaubt werde, eben weil es vorhergesagt war2.

Damit aber niemand aus Mißverständnis der genannten Weissagung uns vorwerfe, was wir den Dichtern vorwerfen, wenn sie erzählen, Zeus sei aus Liebeslust zu Weibern gekommen, so wollen wir die Worte zu erklären versuchen. Das ‚Siehe die Jungfrau wird im Schosse tragen‘ bedeutet, daß die Jungfrau ohne Beiwohnung empfangen werde; denn hatte irgendeiner ihr beigewohnt, dann war sie keine Jungfrau mehr; vielmehr kam die Kraft Gottes über die Jungfrau, beschattete sie und bewirkte, daß sie, obgleich sie Jungfrau war, schwanger wurde. Und der damals zu eben dieser Jungfrau gesandte Engel Gottes brachte ihr diese frohe Botschaft, indem er sprach: ‚Siehe, du wirst im Schoße vom Heiligen Geiste empfangen und einen Sohn gebären und er wird Sohn des Allerhöchsten genannt werden3, und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘4, wie die berichtet haben, welche alles auf unsern Erlöser Jesus Christus Bezügliche aufgezeichnet haben. Diesen haben wir Glauben geschenkt, weil auch der prophetische Geist durch den obengenannten Isaias verkündet hatte, daß er so werde geboren werden, wie wir oben angegeben haben. Daß man nun unter dem Geiste und der Kraft Gottes nichts anderes verstehen darf als den Logos, der Gottes Eingeborener ist, hat der vorhin genannte Prophet Moses angedeutet5. Und als dieser Geist auf die Jungfrau kam und sie überschattete, hat er nicht durch Beiwohnung, sondern durch seine Kraft bewirkt, daß sie schwanger wurde. Jesus aber, ein hebräischer Name, bedeutet im Griechischen Erlöser; darum sprach auch der Engel zur Jungfrau: ‚Du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘6.“ (Justin, 1. Apologie 33)

Über das Leiden Jesu sagt er in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon:

„Die Worte: ‚Wie Wasser ist hingegossen und zerdehnt ist all mein Gebein. Geworden ist mein Herz wie Wachs, zerfließend im Innern meines Leibes‘ waren eine Prophezeiung auf das, was Jesus in jener Nacht erfahren mußte, als man gegen ihn auf den Ölberg ausrückte, um ihn gefangenzunehmen. Denn in den Denkwürdigkeiten, deren Verfasser nach meiner Behauptung die Apostel Jesu und deren Nachfolger waren, steht geschrieben, daß Schweiß wie Blutstropfen zur Erde rann19, da er betete und sprach20 : ‚Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch vorüber‘ und da sein Herz und ebenso seine Gebeine offenbar bebten und sein Herz wie Wachs in seinem Innern zerfloß, auf daß wir erkennen, daß nach dem Willen des Vaters sein Sohn unsertwegen in der Tat21 solches erduldet hat, und wir nicht behaupten, er habe als Sohn Gottes kein Empfinden gehabt für das, was ihm geschah und begegnete.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 103,7f.)

Über die Werke Jesu sagt er:

„In der Wüste, in welcher es keine Gotteserkenntnis gab, im Lande der Heiden, quoll als Quelle lebendigen Wassers12 von Gott her unser Christus hervor, welcher auch in eurem Volke erschienen ist und die, welche von Geburt aus und dem Fleische nach blind, taub und lahm waren, heilte, indem er dem einen durch sein Wort die Möglichkeit zu springen gab, dem anderen durch dasselbe das Gehör, wieder einem anderen das Augenlicht verlieh. Aber auch Tote erweckte er zum Leben. Durch seine Werke führte er die Menschen seiner Zeit zu seiner Erkenntnis. Sie aber nahmen, obwohl sie diese Wunder sahen, in ihnen Trugbilder und Zauberei an; wagten sie es ja auch, Christus einen Zauberer13 und Volksverführer14 zu nennen. Er aber wirkte eben diese Wunder, um die, welche später an ihn glauben sollten, zu überzeugen, daß er dem, der von körperlichen Leiden heimgesucht ist, wenn er nur seine überlieferten Lehren beobachtet, bei seiner zweiten Ankunft Unsterblichkeit, Unvergänglichkeit und Leidensunfähigkeit verleihen, ihn zu einem Leben frei vom Gebrechen erwecken werde.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 69,6f.)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2b: Erschaffung und Zweck des Menschen

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Gen 1-2, Ps 8, Weish 2,23f., Weish 9,1-3, Sir 17, 2 Makk 7,28, Mt 10,29-31, Mt 12,12.

 

Im letzten Teil ging es um die Lehre von Gott und der Schöpfung als Ganzes; heute einige Stellen dazu, wozu Gott den Menschen im speziellen erschaffen hat.

 

Gott hat den Menschen um seiner selbst willen geschaffen, schreibt Athenagoras von Athen, und er soll in der Erkenntnis Gottes sein ewiges Glück finden:

„Den von der Entstehungsursache abgeleiteten Beweis bekommen wir, wenn wir uns fragen, ist der Mensch von ungefähr und zwecklos erschaffen worden oder zu einem bestimmten Zwecke; und wenn das letztere der Fall ist, ist er dann da, um nach seiner Erschaffung für sich selbst zu leben und in der ihm angeschaffenen Natur fortzubestehen oder, weil ein anderes Wesen seiner bedarf; wenn er aber in Hinsicht auf ein Bedürfnis erschaffen wurde, ist es dann der Schöpfer selbst, der seiner bedarf, oder irgendein anderes Wesen, das diesem nahe steht und sich hoher Fürsorge erfreut. Was wir schon bei einer allgemeineren Betrachtung finden können, ist die Tatsache, daß jeder Verständige, jeder, der sich durch vernünftiges Urteil zu einer Tätigkeit bewegen läßt, nichts von dem, was er vorsätzlich ins Werk setzt, zwecklos tut, sondern entweder um ein eigenes Bedürfnis zu befriedigen oder einem anderen Wesen, für das er besorgt ist, zu nützen oder wegen des Werkes selbst, wenn ihn nämlich ein natürlicher Zug, eine natürliche Liebe zu dessen Hervorbringung bewegt.

So baut der Mensch (ein Beispiel möge die Sache erläutern) ein Haus, weil er selbst dessen bedarf; er baut aber auch für Rinder, Kamele oder für die anderen Tiere, die er benötigt, das einem jeden derselben passende Obdach; wenn man nach dem Augenschein urteilt, tut er dies nicht zu eigenem Gebrauche, wohl aber, wenn man den Endzweck berücksichtigt; zunächst tut er es aus Fürsorge für seine Pfleglinge. Er erzeugt auch Kinder, nicht etwa weil er selbst deren bedarf oder um eines anderen Wesens willen, das ihm nahe steht, sondern in der Absicht, daß seine Sprößlinge einfach da sind und da bleiben solang als möglich, wobei er sich mit der Nachfolge seiner Kinder und Enkel über sein eigenes Ende tröstet und das Sterbliche auf diese Weise unsterblich zu machen wähnt. So machen es die Menschen.

Indes hat auch Gott den Menschen wohl nicht zwecklos erschaffen; denn er ist weise; kein Werk der Weisheit aber entbehrt des Zweckes. Auch hat er ihn nicht erschaffen, weil er selbst seiner bedürfte; denn er bedarf überhaupt nichts; einem Wesen aber, das vollständig bedürfnislos ist, kann keines seiner Werke zu eigenem Bedarfe dienen. Er hat aber auch den Menschen nicht um eines andern Geschöpfes willen gemacht; denn kein vernünftiges und urteilsfähiges Wesen wurde oder wird ins Dasein gesetzt, um einem anderen Wesen, sei es nun ein höheres oder ein geringeres, zum Gebrauche zu dienen, sondern um selbsteigenes Leben zu haben, wenn es einmal geworden ist, und selbsteigenen Fortbestand. Auch kann die Vernunft die Entstehung des Menschen nicht auf irgendein Bedürfnis zurückführen; denn die unsterblichen Wesen sind bedürfnislos und brauchen zu ihrer Existenz in keiner Weise eine menschliche Hilfe; die unvernünftigen Wesen dagegen müssen sich nach dem natürlichen Lauf der Dinge beherrschen lassen und dem Menschen die ihrer Natur entsprechenden Dienste leisten, während sie selbst nicht fähig sind, sich der Menschen zu bedienen; denn recht war es nicht und ist es nicht, das Herrschende und Führende in den Dienst eines Geringeren zu stellen oder das Vernünftige dem Unvernünftigen unterzuordnen, das doch zum Herrschen ungeeignet ist.

Wenn also der Mensch nicht grund- und zwecklos geschaffen ist (denn kein göttliches Werk ist zwecklos), wenn ferner seine Entstehung weder auf ein Bedürfnis des Schöpfers selbst noch auf ein Bedürfnis eines anderen von Gott geschaffenen Wesens zurückzuführen ist, so ist es klar, daß in erster und allgemeinerer Hinsicht Gott den Menschen geschaffen hat, weil er eben Gott ist und weil überhaupt aus dem Schöpfungswerke seine Güte und Weisheit hervorleuchtet; betrachtet man jedoch die Sache mehr vom Standpunkt der geschaffenen Menschen aus, dann deswegen, weil er das Leben derselben will und zwar nicht ein Leben, das nur für kurze Zeit entfacht wird, dann aber gänzlich erlöschen soll. Den Reptilien freilich, den Luft- und Wassertieren, überhaupt allem Vernunftlosen hat Gott ein kurzes Leben beschieden, dagegen hat er den Menschen, die das Bild des Schöpfers selbst in sich tragen und mit Vernunft und unterscheidendem Verstande begabt sind, ewige Fortdauer verliehen.

Denn ihre Bestimmung ist es, in der Erkenntnis ihres Schöpfers und seiner Macht und Weisheit und in der Erfüllung des Gesetzes und Rechtes die ganze Ewigkeit hindurch ohne alles Leid in jenen Gütern zu leben, durch die sie auch schon ihrem vorausgehenden Leben Festigkeit und Halt gegeben haben, obwohl sie in sterblichen und irdischen Leibern wohnten. Alles, was um eines anderen willen entstanden ist, muß, sobald das, wofür es entstanden ist, aufhört, ebenfalls zu sein aufhören; es kann nicht zwecklos fortbestehen, da die Zwecklosigkeit in den Werken Gottes keine Stätte findet; was aber gerade zu dem Zwecke entstanden ist, daß es sei und seiner Natur entsprechend lebe, das kann, weil hier die Ursache mit der Hervorbringung dieser Natur am Ziele angelangt ist und offenbar nichts anderes als die Existenz bezweckte, nie einer anderen Ursache zugänglich sein, welche die Existenz völlig aufheben würde.“ (Athenagoras, Von der Auferstehung der Toten 12)

 

Gleichermaßen heißt es im schwer datierbaren, irgendwann aus dem 2. Jahrhundert stammenden Diognetbrief:

„Trägst auch du nach diesem Glauben Verlangen, so lerne zuerst den Vater kennen. Denn Gott hat die Menschen geliebt; ihretwegen schuf er die Welt, ihnen unterwarf er alles auf Erden, ihnen gab er Rede, ihnen Vernunft; ihnen allein gestattete er, aufwärts zu ihm zu blicken; sie gestaltete er nach seinem Ebenbilde, ihnen sandte er seinen eingeborenen Sohn, ihnen verhiess er das Himmelreich und wird es geben denen, die ihn lieben. Von welcher Freude aber glaubst du wohl erfüllt zu werden, wenn du ihn erkannt hast? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Liebst du ihn aber, so wirst du auch ein Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er kann es, weil er Gott es will.“ (Diognetbrief 10)

 

Auch Theophilus von Antiochia schreibt, dass der Mensch darauf ausgerichtet ist, Gott zu erkennen:

„Denn nichts existierte neben Gott, sondern er selbst war sein Raum, war sich selbst vollkommen genug und war da vor allen Zeiten. Er wollte aber den Menschen schaffen, um von ihm erkannt zu werden; für diesen also bereitete er die Welt zu. Denn der Gewordene ist vieler Dinge bedürftig, der Ewige aber ist bedürfnislos.“ (Theophilus, An Autolykus II,10)

 

Irenäus von Lyon schreibt ebenfalls, dass Gott den Menschen nicht braucht, sondern der Mensch Gott; Gott hat ihn geschaffen, um ihn zu lieben:

„Also hat Gott im Anfang den Adam erschaffen, nicht als ob er selbst des Menschen bedurft hätte, sondern damit er auf jemand sein Wohlgefallen ausschütten konnte. Denn nicht nur vor Adam, sondern schon vor aller Schöpfung verherrlichte das Wort [= Gott Sohn, Jesus] seinen Vater, indem es in ihm blieb, und es selbst wurde von dem Vater verherrlicht, wie er selber sagt: ‚Vater, verkläre mich mit der Klarheit, die ich bei dir gehabt habe, bevor die Welt ward‘1 . Auch befahl er uns, ihm zu folgen, nicht als ob er unseres Dienstes bedurfte, sondern weil er uns sein Heil zuwenden wollte. Denn dem Erlöser nachfolgen, heißt teilnehmen am Heil, und dem Lichte folgen, heißt das Licht erlangen. Die aber im Lichte sind, erleuchten nicht selber das Licht, sondern werden von ihm erleuchtet und erhellt; sie selbst geben ihm nichts, sondern empfangen die Wohltat, vom Lichte erleuchtet zu werden. So bringt auch unsere Tätigkeit im Dienste Gottes Gott nichts ein, noch bedarf er des menschlichen Dienstes, wohl aber verleiht er denen, die ihm folgen und dienen, Leben, Unvergänglichkeit und ewigen Ruhm; aber von ihnen empfängt er keine Wohltat, denn er ist reich, vollkommen und ohne Bedürfnis. Nur deswegen verlangt Gott den Dienst der Menschen, weil er gut und barmherzig ist und denen wohltun will, die in seinem Dienste verharren. Denn ebenso sehr, wie Gott keines Menschen bedarf, bedarf der Mensch der Gemeinschaft Gottes, Das nämlich ist der Ruhm des Menschen, auszuharren und zu verbleiben im Dienste Gottes. Deswegen sagte der Herr zu seinen Schülern:
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt‘2 . Das bedeutet: Nicht sie verherrlichten ihn, indem sie ihm folgten, sondern dadurch, daß sie dem Sohne Gottes folgten, wurden sie von ihm verherrlicht. Und abermals sagt er: ‚Ich will, daß dort, wo ich bin, auch diese sind, damit sie meine Herrlichkeit sehen‘3 . Dessen rühmt er sich nicht in Eitelkeit, sondern er will, daß an seiner Herrlichkeit auch seinen Jüngern Anteil werde, wie Isaias sagt: ‚Vom Sonnenaufgang werde ich deinen Samen herbeiziehen und vom Sonnenuntergang dich sammeln; und ich werde zum Nordwind sprechen: Bring herbei! und zum Südwind: Halt nicht zurück! Ziehe herbei meine Söhne von ferne und meine Töchter von den Enden der Erde, sie alle, die berufen sind in meinem Namen. In meiner Herrlichkeit habe ich ihn bereitet, gebildet und gemacht‘4 . Weil, ‚wo immer ein Leichnam ist, sich dort auch die Adler versammeln‘5 , nehmen sie teil an der Herrlichkeit Gottes, der uns dazu geformt und bereitet hat, daß wir teilnehmen an seiner Herrlichkeit, solange wir bei ihm sind.“
(Irenäus, Gegen die Häresien IV,14,1)

Einer der bekanntesten Sätze aus Irenäus‘ Werk lautet knapp und prägnant:

„Denn Gottes Ruhm ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,7)

Der Mensch als Abbild Gottes:

„Denn nach Gottes Bild ist der Mensch gemacht, und das Bild Gottes ist der Sohn, nach dessen Bild der Mensch geworden ist. Deshalb erschien jener auch in der Fülle der Zeiten, um zu zeigen, wie das Abbild ihm ähnlich ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 22)

Die Welt ist für den Menschen gemacht:

„Es ist also ein und derselbe Gott, der ‚den Himmel aufwickelt wie eine Schriftrolle‘1 und ‚das Angesicht der Erde erneuert‘2 . Er machte das Zeitliche wegen des Menschen, damit er, darin heranreifend, unsterbliche Frucht bringe, und umkleidet ihn mit Ewigem wegen seiner Güte, damit er den nachkommenden Zeiten die unaussprechlichen Reichtümer seiner Güte zeige3 . Er wurde vom Gesetz und den Propheten verkündet und von Christus als Vater bekannt. Er ist auch der Schöpf er und Gott über alles, wie Isaias sagt: ‚Ich bin Zeuge, spricht Gott, der Herr, und mein Knecht, den ich erwählte, damit ihr erkennet, glaubt und versteht, daß ich es bin. Vor mir war kein anderer Gott, und nach mir wird keiner kommen. Ich bin Gott und außer mir ist keiner, der da rettet. Ich habe verheißen, und ich habe gerettet‘4 . Und wiederum: ‚Ich bin der erste und der letzte‘5 . So spricht er nicht in eitlem, aufgeblasenem Stolze, sondern weil es unmöglich war, ohne Gott Gott kennen zu lernen, lehrte er durch sein Wort die Menschen die Kenntnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,5,1)

 

In einer Privatoffenbarung aus dem frühen 2. Jahrhundert, dem sog. „Hirten des Hermas“, sagt ein Engel zu Hermas, dem römischen Christen, der diese Offenbarung empfängt:

„Törichter, Unverständiger, Zweifler, weißt du nicht, wie groß, wie mächtig und wunderbar die Herrlichkeit Gottes ist1, weil er die Welt um des Menschen willen geschaffen hat2 und seine ganze Schöpfung dem Menschen unterstellt und ihm die Macht gegeben hat, über alles, was sich unter dem Himmel befindet, zu herrschen?“ (Hirte des Hermas II,12,4,2)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 2a: Gott und die Schöpfung

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Links zu den bisherigen Teilen gibt es jeweils am Ende des Artikels.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Gen 1-2, Neh 9,6,Ps 33,6-9, Ps 89,6,-15, Ps 148, Ijob 38-42, Weish 1,1-15 u. 2,23f., Weish 9,1-3, Weish 11,21-26, Sir 18,1-14, Jes 40,12-31, Jes 45, 2 Makk 7,28, Est 4,17, Apg 17,22-31, Röm 1,19-23, 1 Tim 4,4

 

Heute geht es um das grundlegendste Faktum des Christentums, das gleich am Anfang der Glaubensbekenntnisse ausgedrückt wird („Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“): Den Monotheismus (beinhaltend die Ablehnung aller polytheistischen Götter) und den Glauben an Gott als den, der die Welt aus dem Nichts erschaffen hat und im Dasein erhält. Hier kommt auch die Frage hinein, inwiefern Gott aus Seinen Werken erkannt werden kann, und was Seine Eigenschaften sind. Im nächsten Post (Teil 2b) soll es dann speziell um die Erschaffung des Menschen durch Gott gehen.

Einiges an diesen Texten wird nicht überraschen; es ist altbekannt, dass die Christen nur an einen Gott glauben. Aber hier sticht heraus, wie „philosophisch“ die frühen Kirchenväter reden, dass sie ständig davon sprechen, dass man aus der Ordnung der Welt auf einen Schöpfer schließen kann, dass sie sagen, dass er der Beweger der Welt ist, die sich nicht von selbst bewegt, dass Er vollkommen einfach im Sinn von nicht aus Teilen zusammengesetzt ist, dass Er notwendiges Sein statt nur mögliches Sein (wie die Geschöpfe, die auch nicht existieren könnten und nicht notwendigerweise existieren) ist, und dergleichen: Solche Darlegungen kamen nicht erst in der mittelalterlichen Scholastik bei Theologen/Philosophen wie dem hl. Thomas von Aquin auf. Natürlich reden sie auch von der Offenbarung Gottes, zitieren aus der Bibel usw.; aber sie reden auch viel davon, was allein durch die Vernunft, noch ohne Propheten etc., von Gott erkannt werden kann.

 

Aristides von Athen, einer der ersten christlichen Apologeten (er muss zwischen 138 und 161 geschrieben haben), also jemand, der das Christentum gegen seine Gegner verteidigte, schreibt in seiner dem Kaiser gewidmeten Schrift:

„Ich bin, o Kaiser, durch Gottes Vorsehung1 auf die Welt gekommen. Und als ich den Himmel betrachtete2 und Erde und Meer, und Sonne und Mond [erblickte] und die übrigen Schöpfungswerke, da erstaunte ich über dieses Weltgebäude3. Ich begriff aber, daß sich die Welt und alles darin (nur) aus Zwang [seitens eines andern] bewegt, und ich sah ein, daß derjenige, der sie bewegt und erhält, Gott ist, [der darin verhüllt und dadurch verborgen ist4]; auch ist klar, daß das Bewegende stärker5 ist als das Bewegte, und das Erhaltende stärker als das Erhaltene. Aber nachzugrübeln über den Beweger des Alls, wie beschaffen er (nämlich) ist – denn soviel ist mir ersichtlich: er ist ja seiner Natur nach unbegreiflich – und zu handeln über die Festigkeit seiner Weltordnung, um sie ganz zu begreifen, bringt mir keinen Gewinn, kann sie ja doch niemand vollkommen begreifen. Ich behaupte aber von dem Weltbeweger, daß er der Gott des Alls ist, der alles um des Menschen6 willen gemacht hat; und mir scheint das (allein) von Wert zu sein, daß man Gott verehre und den (Mit-) Menschen nicht kränke. Ich behaupte aber, daß Gott ungezeugt7 ist und ungemacht8, von niemand umfaßt wird, selbst aber alles umfaßt9, (daß er ist) eine durch sich seiende10 Form11, anfangslos12 und endlos, unvergänglich13, unsterblich, vollkommen und unbegreiflich14. Wenn ich sagte: vollkommen, so heißt das, daß er keinen Mangel hat und nichts bedarf15, während alles seiner bedarf; und wenn ich sagte, daß er anfangslos ist, so heißt das, daß alles, was einen Anfang hat, auch ein Ende hat, und alles, was ein Ende hat, auflösbar ist.

Er hat keinen Namen16; denn alles, was einen Namen hat, gehört mit zum Geschaffenen. Er hat keine Gestalt und keine Zusammensetzung von Gliedern; denn wer solches hat, gehört mit zu den Gebilden. Er ist nicht männlich und nicht weiblich17. Der Himmel umfaßt ihn nicht, vielmehr wird der Himmel und alles Sichtbare und Unsichtbare von ihm umfaßt. 6. Er hat keinen Gegner; denn es gibt niemand, der stärker wäre als er18. Er hat nicht Grimm und Zorn19; denn es gibt nichts, das ihm widerstehen könnte. Irrtum und Vergeßlichkeit liegt nicht in seiner Natur; denn er ist ganz und gar Weisheit und Einsicht und durch ihn besteht alles20, [was besteht]. Er heischt nicht Schlacht- und Trankopfer21, noch eines von den sichtbaren Dingen; [von niemand heischt er etwas,] aber alle Lebewesen heischen von ihm. (Aristides von Athen, Apologie 1)

Kürzer schreibt er an späterer Stelle:

„Die1 Christen aber, o Kaiser, haben umhersuchend die Wahrheit gefunden und stehen, wie wir ihren Schriften entnommen haben, der Wahrheit und genauen Erkenntnis näher als die übrigen Völker. Denn sie kennen2 Gott und glauben an ihn als den Schöpfer und Werkmeister des Alls3, durch den alles und von dem alles ist4, der keinen andern Gott neben sich hat, von dem sie die Gebote empfingen5, die sie in ihren Sinn eingezeichnet haben6 und beobachten in der Hoffnung und Erwartung7 der künftigen Welt.“ (Aristides von Athen, Apologie 15,1-3)

 

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt ca. 95 n. Chr. in einem Brief an die Gemeinde von Korinth:

„Die Himmel, die nach seiner Anordnung sich bewegen, gehorchen ihm in Frieden. Tag und Nacht vollenden sie den von ihm bestimmten Lauf, ohne einander im geringsten zu hindern. Sonne und Mond und der Sterne Reigen durchkreisen nach seinem Gesetze einträchtig ohne jede Abschweifung die ihnen vorgeschriebenen Bezirke. Die Erde bringt Frucht nach seinem Willen zur rechten Zeit und erzeugt für Menschen und Tiere und jegliches Wesen, das auf ihr lebt, reichliche Nahrung; dabei zögert sie nicht noch ändert sie etwas an seinen Befehlen. Der Abgründe unzugängliche und der Unterwelt unerforschliche Gerichte bestehen durch die gleichen Gesetze. Das Becken des unendlichen Meeres – nach seiner Schöpfung zur Sammlung (der Wasser) festgebaut – überschreitet nicht die ihm rings gesetzten Schranken, sondern wie er ihm befohlen, so tut es. Er sagte nämlich: ‚Bis hierher sollst du kommen, und deine Wogen sollen in dir selbst zerfallen‘1. Der Ozean, den Menschen nicht durchfahren können, und die Welten hinter ihm, werden durch die nämlichen Gesetze des Herrn regiert. Des Frühlings, Sommers, Herbstes und Winters Zeiten lösen einander in friedlichem Wechsel ab. Der Winde Posten tun zur bestimmten Zeit ohne Anstoß ihren Dienst. Nichtversiegende Quellen, zum Gebrauch, für die Gesundheit geschaffen, reichen unaufhörlich ihre den Menschen Leben spendenden Brüste; auch die kleinsten Tiere halten ihre Versammlungen in Eintracht und Friede. Dies alles besteht nach des großen Schöpfers und Herrn der Welt Befehl in Friede und Eintracht, da er allen Wohltaten spendet, in reichstem Übermaße aber uns, die wir unsere Zuflucht genommen zu Seinen Erbarmungen durch unseren Herrn Jesus Christus. Ihm sei Ruhm und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ (1. Clemensbrief 20)

In einem Gebet spricht Clemens Gott folgendermaßen an:

„auf dass wir hoffen auf Deinen Namen, der aller Schöpfung den Anfang gab, da Du uns geöffnet hast die Augen unseres Herzens, damit wir Dich erkennen, den einzigen ‚Höchsten in der Höhe, den Heiligen, der im Heiligtume ruht‘1, ‚Dich, der Du den Stolz der Prahler demütigst‘2, ‚die Pläne der Heiden vereitelst‘3, ‚die Demütigen erhöhst und die Hohen erniedrigst‘4, ‚der Du reich machst und arm‘5, ‚tötest und rettest und Leben weckst‘6, ‚Dich, den einzigen Wohltäter der Geister und den Gott alles Fleisches‘7, ‚der Du hineinsiehst in die Unterwelt‘8, schaust auf die Werke der Menschen, den Helfer in Gefahr, ‚den Retter in der Verzweiflung‘9, den Schöpfer und Aufseher jeglichen Geistes; der Du die Völker zahlreich machst auf der Erde und von allen die erwählt hast, die Dich lieben durch Jesus Christus, Deinen geliebten Sohn, durch den Du uns erzogen, geheiligt und geehrt hast.“ (1. Clemensbrief 59,3)

 

Im „Hirten des Hirmas“, einer Schrift eines römischen Christen, die mehrere Privatoffenbarungen (v. a. zum Thema Kirchenbuße) enthält, und spätestens zwischen 140 und 155 n. Chr., evtl. auch früher, entstanden ist, heißt es:

„Fürs allererste: glaube, dass es einen Gott gibt, der alles erschaffen und vollendet1 und aus Nichts gemacht hat2, dass es sei, indem er auch alles umfasst, während er allein unfassbar ist.“ (Hirte des Hermas 2,1,1)

„Siehe, der Herr der Heerscharen1, der mit seiner unsichtbaren Macht und Stärke und großen Weisheit die Welt erschuf2 und in seinem lobwürdigen Ratschlusse seine Schöpfung mit Schönheit umgab und mit seinem mächtigen Wort den Himmel befestigte und die Erde gründete über den Wassern 3 und in der ihm eigenen Weisheit und Vorsicht seine heilige Kirche schuf, die er auch segnete, siehe, er versetzt die Himmel, die Berge4, die Hügel und die Meere, und alles wird ebenes Land für seine Auserwählten, damit er ihnen das Versprechen einlöse, das er mit großem Ruhm und großer Freude gegeben, wenn sie nämlich die Satzungen Gottes halten, die sie in großem Vertrauen empfangen haben.“ (Hirte des Hermas 1,1,3,4)

 

In einem um 200 n. Chr. entstandenen Werk von Minucius Felix, das in der Form eines Dialogs zwischen einem Christen und einem Heiden gehalten ist, heißt es:

„Doch vielleicht meinst du, weil über die Existenz einer Vorsehung kein Zweifel obwalten kann, erforschen zu müssen, ob das himmlische Reich durch die Macht eines Einzigen oder durch den Willen einer Mehrheit regiert wird. Aber das klarzustellen ist nicht schwer; man darf nur die irdischen Reiche überdenken, welche jedenfalls ihr Muster im Himmel haben. Wann hat je die Teilung einer Herrschaft mit Vertrauen begonnen und ohne Blut geendet? […] Sieh weiterhin: Eine Königin haben die Bienen, einen Führer die Herden, einen Leitstier die Zugtiere. Du glaubst, daß im Himmel die höchste Macht geteilt ist und die Gewalt jener wahren, göttlichen Majestät gespalten ist.

Aber es ist sonnenklar, daß Gott der Vater aller weder einen Anfang noch ein Ende hat. Er verleiht allen Dingen Dasein, sich selbst Unendlichkeit; er war vor der Welt sich selbst eine Welt. Er regiert durch sein Wort alles, was ist, ordnet es durch seine Vernunft und vollendet es durch seine Macht. Man kann ihn nicht sehen; er ist zu licht für das Auge. Ebensowenig kann er betastet werden, denn er ist für die Berührung zu fein; auch nicht gemessen werden, denn er ist über unsere Sinne erhaben, unendlich, unermeßlich und nur sich selbst in seiner ganzen Größe bekannt. Unser Herz aber ist zu beschränkt, um ihn zu begreifen und deshalb schätzen wir ihn so am besten, wenn wir ihn unschätzbar nennen. Ich möchte sprechen, wie ich denke: Wer Gottes Größe zu kennen glaubt, schmälert sie; wer sie nicht schmälern will, kennt sie nicht. Man suche auch keinen Namen für Gott: ‚Gott‘ ist sein Name. Nur da braucht man mehrere Worte, wo man die Einzelwesen in der Mehrheit durch besondere kennzeichnende Benennungen unterscheiden muß: dem Gott, welcher nur Einer ist, gehört das Wort ‚Gott‘ ganz allein an. Wenn man ihn z. B. Vater nennt, so könnte man an einen fleischlichen Vater denken; wenn König, so könnte man einen irdischen vermuten; wenn Herrn, so wird man sicherlich ein sterbliches Wesen darunter verstehen. Laß die Namenszutaten weg und du wirst ihn in seiner vollen Klarheit schauen.

Übrigens herrscht in diesem Punkt nicht allgemeine Übereinstimmung? Ich horche auf das gewöhnliche Volk. Wenn es zum Himmel seine Hände emporhebt, sagt es nichts anderes als ‚Gott‘ und ‚Gott ist groß‘ und ‚Gott ist wahrhaftig‘ und ’so Gott will‘. Ist das die natürliche Ausdrucksweise des Volkes oder das Gebetet eines gläubigen Christen? Auch wer Jupiter als Oberherrn anerkennt, täuscht sich im Namen, nimmt aber mit uns eine einheitliche Macht an. (Minucius Felix, Octavius 18,5-11)

 

Die Christen wandten sich immer wieder gegen die Götzenverehrung, z. B. die Verehrung der Gestirne als göttliche Wesen. Nur der Gott, der hinter all dem steht, ist wirklich Gott; das alles ist nur geschaffen. Die Schöpfung ist schön, schreibt Athenagoras von Athen, aber verdient keine Anbetung:

Gewiß ist die Welt schön, imposant durch ihre Ausdehnung, durch die Stellung der Himmelskörper im Tierkreis und um den Bären, und durch ihre Kugelgestalt; aber deswegen verdient sie noch keine Anbetung; wohl aber verdient eine solche ihr erhabener Künstler. So wenden sich auch Eure Untertanen, wenn sie zu Euch kommen, nicht an Eure prunkvolle Residenz, anstatt Euch, den Herrn und Gebietern, bei denen sie die Erfüllung ihrer Bitten finden könnten, ihre Aufwartung zu machen, sondern Ihr selbst seid in ihrer Wertschätzung alles in allem; den schönen Fürstenpalast bewundern sie nur nebenbei. Außerdem baut Ihr Fürsten Eure Paläste für Euch; die Welt aber ist keinem Bedürfnis entsprungen; denn Gott ist alles selber: unnahbares Licht, vollendete Schönheit, Geist, Kraft, Wort. Und wenn die Welt ein wohlgestimmtes, rhythmisch bewegtes Musikinstrument ist, so bete ich nicht das Instrument an, sondern den, der es gestimmt hat, der ihm die Töne entlockt und das der Melodie des Spieles entsprechende Lied dazu singt. Auch bei den Bewerbern im musischen Wettkampf übergehen die Preisrichter nicht die Zitherspieler und bekränzen statt dieser die Zithern. Ist also die Welt, wie Plato sagt, Gottes Kunstwerk, so bewundere ich zwar ihre Schönheit, wende mich aber im übrigen an ihren Künstler. Ist sie, wie die Peripatetiker wollen, Substanz und Leib, so unterlassen wir es nicht, dem Gotte, der die Bewegung dieses Leibes bewirkt, unsere Huldigung darzubringen; nicht vor den armseligen, ohnmächtigen Elementen fallen wir nieder; nicht beten wir wie jene nebst der unbildsamen Luft die bildsame Materie an. Denkt sich ferner jemand die Teile der Welt als Kräfte Gottes, so wenden wir uns wieder nicht an die Kräfte, um sie zu verehren, sondern an deren Schöpfer und Beherrscher. Ich bitte nicht die Materie um Dinge, die sie nicht hat; auch verehre ich nicht mit Übergehung Gottes die Gestirne, die nichts weiter vermögen als den Befehlen, die an sie ergehen, zu gehorchen; denn wenn sie auch infolge der Kunst ihres Bildners schön anzusehen sind, so sind sie doch wegen der Natur der Materie vergänglich. Dies bezeugt auch Plato; er sagt: ‚Was man Himmel und Welt genannt hat, hat vom Vater viel Erfreuliches mitbekommen; aber nun hat es auch einen Körper erhalten; folglich kann es nicht ohne Veränderung bleiben‘ 1. Wenn ich also nicht einmal den Himmel und die Gestirne, die ich doch wegen ihrer Kunst bewundere, als Götter verehre, wie kann ich dann solche Werke, deren Verfertiger unzweifelhaft Menschen sind, Götter nennen?“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 16)

 

Der monotheistische Glaube der Christen hatte auch Konsequenzen für sie; in einem christlichen Bericht über einige Märtyrer, die zwischen 161 und 180 n. Chr. hingerichtet wurden, weil sie den heidnischen Göttern nicht opfern wollten, heißt es:

„Der Prokonsul aber sprach. zornig: Opfert den Göttern und seid vernünftig! Karpus entgegnete lächelnd: Götter, die den Himmel und die Erde nicht geschaffen haben, mögen zugrunde gehen! Der Prokonsul sprach: Du mußt opfern; denn der Kaiser hat es befohlen. Karpus antwortete: Die Lebenden opfern nicht den Toten. Der Prokonsul sprach: Die Götter hältst du für tot? Karpus entgegnete: Willst du hören? Sie haben nicht einmal als Menschen gelebt, um zu sterben. Willst du sehen, daß das wahr ist? Entzieh ihnen deine Ehre, die du ihnen zu erweisen scheinst, und du wirst erkennen, daß sie nichts sind; Erdstoff sind sie und gehen mit der Zeit unter. Unser Gott nämlich, der zeitlos ist und die Zeit geschaffen hat, bleibt selbst immer unvergänglich und ewig; er ist immer derselbe und erleidet keinen Zugang noch Abgang; jene aber werden von Menschen gemacht und, wie ich sagte, von der Zeit vernichtet.“ (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 2)

 

Der hl. Justin der Märtyrer / der Philosoph, der im Jahr 165 in Rom ebenfalls den Märtyrertod starb, schreibt in seiner 1. Apologie (also auch einer Verteidigungsschrift gegenüber den Heiden, entstanden um 150) über die Erkennbarkeit Gottes:

„Und er hat von Anbeginn das Menschengeschlecht mit Vernunft begabt und mit der Fähigkeit geschaffen, das Wahre zu erwählen und das Gute zu tun, so daß die Menschen samt und sonders vor Gott keine Entschuldigung haben, weil sie als vernünftige und erkenntnisfähige Wesen auf die Welt gekommen sind. Wer aber glaubt, Gott kümmere sich um die Menschen nicht, der leugnet entweder indirekt3 sein Dasein oder er sagt, wenn er existiere, habe er Freude am Bösen oder verharre in Ruhe wie ein Stein, Tugend und Laster seien leere Begriffe und es sei nur ein Wahn, wenn die Menschen das eine für gut, das andere für bös halten; das ist freilich die größte Ruchlosigkeit, die gedacht werden kann.“ (Justin, 1. Apologie 28)

 

Бог Саваоф.jpg

(Gott der Vater, Bild von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

 

Tatian, ein Schüler Justins, schreibt in einer Streitschrift gegen die polytheistischen Griechen:

Unser Gott hat seinen Anfang nicht in der Zeit; er allein ist anfangslos, zugleich aber aller Dinge Anfang. Ein Geist ist Gott, aber kein Geist, der in der Materie waltet, sondern der Schöpfer der Geister und Formen, die an der Materie haften. Selbst unsichtbar und untastbar, ist er der Vater alles Fühlbaren und Sichtbaren. Ihn erkennen wir aus seiner Schöpfung und nehmen das Unsichtbare seiner Kraft an den geschaffenen Werken wahr3. Das Gebilde, das er unsretwegen geschaffen, will ich nicht anbeten. Sonne und Mond sind um unsretwillen geworden: wie sollte ich sie also anbeten, da sie mir dienstbar sind? Wie sollte ich Hölzer und Steine für Götter erklären? Denn der Geist, der in der Materie waltet, ist geringer als der göttliche Geist, und da er der Materie angeglichen ist, so darf er auch nicht in gleicher Weise wie der vollkommene Gott verehrt werden. Aber auch mit Geschenken darf man den unnennbaren Gott nicht behelligen; denn der keines Dinges bedarf, soll nicht von uns zu einem Bedürftigen entwürdigt werden. Doch ich will unsere Lehren deutlicher auseinandersetzen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 4,3-5)

 

Eine Fundgrube ist das lange Werk „Gegen die Häresien“ des hl. Bischofs Irenäus von Lyon, das er um 180 n. Chr. gegen die gnostischen Sekten verfasste. (Zum Verständnis: Die Gnostiker glaubten an eine seltsame Vielzahl von höheren Mächten über der Welt, und dass die materielle Welt von einem bösen Untergott erschaffen worden war, und dass die überlegenen Menschen durch eine geheime Erkenntnis erleuchtet werden und aus ihr entkommen konnten.)

„Wir halten an der Richtschnur der Wahrheit fest: Es gibt nur einen Gott, der alles durch sein Wort erschaffen und geordnet hat, der ihm aus dem Nichtsein das Dasein verliehen hat gemäß dem Worte der Schrift: ‚Durch das Wort des Herrn sind die Himmel gefestigt worden, und von dem Hauche seines Mundes ist all ihre Kraft‘1 ; und abermals: ‚Alles ist durch ihn gemacht worden, und ohne ihn ist nichts gemacht worden‘2 . Alles ohne Ausnahme — denn alles machte der Vater durch ihn, das Sichtbare und Unsichtbare, die Sinnendinge und die Gedankendinge, was gewisse Zeit dauern soll gemäß seiner Anordnung und was ewig bestehen soll. Dies alles aber nicht durch Engel oder von seiner Erkenntnis abgesonderte Kräfte, denn Gott bedarf keiner Hilfe, vielmehr durch sein Wort und seinen Geist macht er alles und lenkt und leitet alles und gibt allem das Dasein: Er, der die Welt gemacht hat, die ja aus allem besteht, er, der den Menschen erschaffen hat, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, über den es keinen andern Gott gibt, noch einen Anfang, noch eine Kraft, noch ein Pleroma, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, wie wir zeigen werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien I,22,1)

Billig ist es, das erste und wichtigste Kapitel mit Gott dem Schöpfer zu beginnen, der Himmel und Erde gemacht hat und alles, was in ihnen ist; mit ihm, den jene gotteslästerlich als eine Frucht des Hysterema bezeichnen. Wir wollen zeigen, daß weder über ihm etwas ist, noch nach ihm, daß er nicht von jemand angetrieben, sondern nach seinem Ratschluß und freien Willen alles gemacht hat, da er allein Gott ist, allein Herr, allein Schöpfer, allein Vater, allein in sich alles enthaltend und für alles die Ursache des Daseins.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,1,1)

„Die Alten bewahrten zunächst diesen Glauben aus der Überlieferung des Urvaters und priesen den einen Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde; alsdann empfingen die folgenden Geschlechter die Erinnerung an diese Wahrheit von den Propheten Gottes; die Heiden aber lernten es aus der Schöpfung selber. Denn die Schöpfung weist hin auf den einen Schöpfer, das Werk verlangt einen Meister, und die Weltordnung offenbart den Ordner. Diese Überlieferung empfing die gesamte Kirche auf dem ganzen Erdkreise von den Aposteln.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,9,1)

„Wir schreiben die Schöpfung der Weltenmaterie der Kraft und dem Willen des allerhöchsten Gottes zu. Das ist glaublich, annehmbar, verständig. Mit Recht heißt es in Bezug hierauf: ‚Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott‘1 . Menschen vermögen nicht, aus nichts etwas zu machen, sondern sie bedürfen der Materie als Unterlage. Gott aber ist darin den Menschen zuerst überlegen, daß er die Materie seiner Schöpfung, die vorher nicht war, selbst erfand. Wenn aber jemand sagt, die Enthymesis eines verirrten Äonen habe die Materie hervorgebracht, und weit sei der Äon von seiner Enthymesis getrennt worden, und deren nach außen getretene Leidenschaft und Gemütsstimmung sei nun die Materie — so ist das unglaublich, töricht, unmöglich und unvernünftig.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, II,10,4)

„Weit entfernt ist Gott von den menschlichen Leidenschaften und Affekten. Einfach ist er und nicht zusammengesetzt, in allen Teilen und im Ganzen sich selbst ähnlich und gleich, da er ganz Verstand, ganz Geist, ganz Empfinden, ganz Vorstellung, ganz Vernunft, ganz Gehör, ganz Auge, ganz Licht und ganz die Quelle aller Güter ist. So geziemt es sich für die religiösen und frommen Seelen von Gott zu sprechen.

Er ist aber mehr als dies und deswegen unaussprechlich. Sein Verstand wird nämlich gut und recht als allumfassend bezeichnet, aber dem menschlichen Verstande ist er nicht ähnlich. Auch Licht wird er ganz mit Recht genannt, aber unserm Lichte ist er nicht ähnlich. So wird der Vater aller auch in den übrigen Beziehungen keiner der menschlichen Kleinigkeiten ähnlich sein. Demgemäß nennen wir ihn Vater wegen seiner Liebe, aber gemäß seiner Größe geht er über unsere Vorstellung hinaus.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,13,3-4)

„Aber diese und ähnliche Begriffe sind nicht nacheinander von Gott ausgegangen, sondern sind nur Namen für jene Vollkommenheiten, die zu Gott immer gehören. Denn unvollkommen und inadäquat ist alles, was wir von Gott hören oder sagen. In dem Worte Gott sind einbegriffen Verstand und Wort und Leben und Unvergänglichkeit und Wahrheit und Weisheit und Güte und seine andern Eigenschaften. Den Verstand kann man nicht älter nennen als das Leben, denn sein Verstand ist das Leben, noch kann man das Leben jünger nennen als den Verstand, sonst käme noch heraus ein Weltverstand, d. h. ein Gott, ohne Leben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, II,13,9)

„Die mannigfache Verschiedenheit aber der erschaffenen Dinge läßt sich so erklären: In Bezug auf die ganze Schöpfung sind alle passend und wohlgeordnet, zueinander jedoch sind sie entgegengesetzt und nicht passend, so wie der Klang der Zither durch den Unterschied der verschiedenen Töne eine schöne Melodie hervorbringt, die aus vielen und entgegengesetzten Tönen besteht. Wer also die Wahrheit liebt, darf sich durch den Unterschied der verschiedenen Töne nicht verleiten lassen, für diese verschiedene Künstler und Urheber anzunehmen, so daß der eine die hohen, der andere die tiefen, der dritte die mittleren Töne gemacht habe, sondern ein und derselbe hat das ganze weise Werk schön und richtig, gut und prächtig hergestellt. Wer nun ihren Klang hört, der muß den Künstler loben und preisen, bei dem einen die Kraft bewundern, bei dem andern auf die Weichheit des Tones achten, bei dem dritten die Mischung von Kraft und Weichheit heraushören, ein andermal wieder die besondere Art und Bedeutung erwägen und ihre Ursachen aufsuchen. So1 wird man nie von der gegebenen Lehre abweichen, noch an dem Künstler irre werden, noch den Glauben an den einen Gott verwerfen, der alles gemacht hat, noch unsern Schöpfer lästern.

Sollte einer aber auch nicht von allem, was er sucht, die Ursache finden, so möge er bedenken, daß er ein Mensch ist, der unendlich kleiner ist als Gott, nur stückweise die Gnade empfangen hat und seinem Schöpfer noch nicht gleich oder ähnlich ist und demgemäß nicht die Erfahrung oder Einsicht haben kann wie Gott. Um wieviel der Mensch von heute, der eben geworden ist, kleiner ist als der Unerschaffene und Unveränderliche, um soviel muß er auch an Wissenschaft und Kenntnis der innern Gründe aller Dinge kleiner sein als der Schöpfer. Nicht unerschaffen bist du, o Mensch, und lebtest nicht von Ewigkeit mit Gott, wie es dem Worte zukommt, sondern wegen seiner überströmenden Güte hast du jetzt einen Anfang genommen und lernst von seinem Worte den Heilswillen Gottes, der dich erschaffen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,25,2-3)

„Da wir nun als Richtschnur die Wahrheit selbst und das offen vorliegende Zeugnis in betreff Gottes haben, so dürfen wir uns nicht noch auf die Suche begeben und immer neue Erklärungen ausfindig machen, indem wir die zuverlässige und wahre Kenntnis in betreff Gottes verwerfen, sondern müssen uns geziemenderweise in die Erforschung der Geheimnisse und der Heilsordnung Gottes versenken, indem wir hierauf die Erklärung der Fragen richten und in der Liebe dessen wachsen, der für uns so große Dinge getan hat und noch tut, und dürfen niemals von der Überzeugung abtrünnig werden, die auf das klarste gepredigt wird, daß es in Wahrheit keinen andern Gott und Vater gibt als den, der diese Welt erschaffen, den Menschen gebildet hat; daß er es ist, der seiner Kreatur Wachstum verlieh, sie von kleinen Anfängen zu dem höheren Glücke, das in ihm selber ist, berief, gleichwie er das im Mutterleibe empfangene Kind an das Licht der Sonne hinausführt und den Weizen, nachdem er am Halme erstarkt ist, in die Scheune einbringt. Ein und derselbe Weltenschöpfer ist es, der den Mutterleib gebildet und die Sonne erschaffen hat, ein und derselbe Herr, der den Halm hervorbringt, der den Weizen wachsen läßt und mehrt und auch die ‚Scheune‘ zubereitet hat.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,28,1)

„In seiner Größe also können wir Gott nicht erkennen, denn unmöglich ist es, den Vater zu messen. In seiner Liebe aber, die uns durch das Wort zu Gott hinführt, werden wir, wenn wir ihm gehorchen, immer besser verstehen, daß Gott so groß ist und durch sich selbst alles beschlossen, erwählt und ausgeschmückt hat und alles umfängt. Somit auch diese Welt hienieden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,1)

Zur Erkennbarkeit Gottes sagt Irenäus folgendes:

„Der Herr aber lehrte keineswegs, daß die Kenntnis des Vaters und des Sohnes ganz unmöglich sei; dann wäre ja seine Ankunft überflüssig gewesen. Oder ist er etwa zu dem Zwecke auf die Erde gekommen, um uns zu sagen: ‚Ihr sollt Gott nicht suchen, denn unbekannt ist er, und ihr werdet ihn nicht finden?‘ Es ist töricht und erlogen, wenn die Valentinianer Christus so zu ihren Äonen sprechen lassen. Vielmehr lehrte uns der Herr, daß keiner Gott kennen kann, wenn Gott ihn nicht belehrt, d. h. ohne Gott ist es unmöglich, Gott zu erkennen; daß wir aber ihn erkennen, ist gerade der Wille des Vaters. Es erkennen ihn aber die, denen der Sohn es geoffenbart hat. […]

Denn durch die Schöpfung selber offenbart das Wort Gott als den Schöpfer und durch die Welt den Herrn als den Schöpfer der Welt und durch das Geschöpf, das er geschaffen hat, den Künstler, und durch den Sohn als Vater den, der den Sohn erzeugt hat. So ähnlich sind auch die Worte aller, aber verschieden ist ihr Glaube. Doch auch durch Gesetz und Propheten hat das Wort in ähnlicher Weise sich und den Vater verkündet — und obwohl das gesamte Volk es in gleicher Weise hörte, glaubten nicht alle in gleicher Weise. Auch wurde durch das sichtbar und greifbar gewordene Wort der Vater allen gezeigt. Es glaubten nicht alle ihm gleichmäßig, und doch sahen alle in dem Sohne den Vater, denn das Unsichtbare an dem Sohne ist der Vater, und das Sichtbare des Vaters ist der Sohn.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,4.6)

In einem kleineren Irenäus zugeschriebenen Werk heißt es:

“ Und daß das ewig und beständig Seiende für Gott gehalten werde und hoch über allem Gewordenen4 steht, und daß alles andere5 ihm unterworfen ist, und daß das Gott Unterworfene alles ihm zu eigen machen soll, denn nicht über Fremdes gebietet er und herrscht er, sondern über das Seinige. Gottes sind alle Dinge. Deshalb ist Gott der Allmächtige und alles, was ist, ist von Gott.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 3)

„Das Gewordene muß von einer großen Ursache den Anfang zum Werden genommen haben. Der Anfang von allem ist Gott. Er wurde nicht von irgend etwas, aber alles wurde von ihm. Deshalb muß man zuvörderst würdig bekennen, daß ein Gott und Vater ist, der alles schuf und ordnete, der das Nichtseiende ins Dasein rief, der, alles umfassend, selbst unermeßlich ist. Unter dem All ist aber auch diese unsere Welt enthalten und auf der Welt der Mensch. So ist auch unsere Welt von Gott erschaffen.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 4)

„Und der Vater wird im Geiste Erhabener1 und Allmächtiger2 genannt und Herr der Heerscharen3 , damit wir lernen, daß Gott dies eben ist, d. h. Schöpfer des Himmels und der Erde und aller Welten und Erschaffer der Engel und Menschen und Herr von allem, derjenige, von dem alles ist und alles erhalten wird, barmherzig, mitleidig und mildreich, gütig, gerecht, Gott aller, der Juden auch und der Heiden, wie der Gläubigen, und zwar der Gläubigen als Vater.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 8)

 

Bischof Theophilus von Antiochia (gest. ca. 183) schrieb in einer apologetischen Schrift:

„Du wirst nun zu mir sagen: ‚Beschreibe mir du, der du siehst, die Gestalt Gottes!‘ Höre, o Mensch: die Gestalt Gottes ist unaussprechbar, unerklärbar und für leibliche Augen unsichtbar. Seine Herrlichkeit ist unfaßbar, seine Größe unbegreifbar, seine Hoheit dem Denken unerreichbar; seine Stärke unermeßlich, seine Weisheit unvergleichlich, seine Güte unnachahmlich, sein herrliches Wirken unbeschreiblich. Denn nenne ich ihn Licht, so nenne ich ein Geschöpf von ihm; nenne ich ihn Wort, so nenne ich das Prinzip von ihm1; nenne ich ihn Vernunft, so nenne ich sein Denken; nenne ich ihn Geist, so nenne ich seinen Odem2; nenne ich ihn Weisheit, so nenne ich ein Erzeugnis von ihm3; nenne ich ihn Kraft, so nenne ich seine Stärke; nenne ich ihn Macht, so nenne ich seine Wirksamkeit; nenne ich ihn Vorsehung, so nenne ich seine Güte; nenne ich ihn Herrschaft, so nenne ich seine Herrlichkeit; nenne ich ihn Herrn, so nenne ich ihn Schöpfer; nenne ich ihn Richter, so nenne ich ihn gerecht; nenne ich ihn Vater, so nenne ich ihn den Liebevollen; nenne ich ihn Feuer, so nenne ich seinen Zorn. Wird also Gott zornig? wirst du nun zu mir sagen. Allerdings! Er zürnet denen, die Übles tun, gütig aber, gnädig und erbarmungsvoll ist er gegen die, so ihn lieben und fürchten; denn er ist der Lehrmeister der Frommen und der Vater der Gerechten, aber der Richter und Rächer der Gottlosen.

Er ist ohne Anfang, weil er nicht geworden ist, unveränderlich, weil er unsterblich ist. Gott [theos](θεός) heißt er, weil er alles auf seine Unbeweglichkeit festgegründet hat [dia to tetheikenai](διὰ τὸ τεθεικέναι), oder vom Worte [theein] θέειν. Dies bedeutet aber soviel wie laufen, bewegen, tätig sein; auch nähren, sorgen, lenken, beleben — alle Dinge nämlich. Herr aber ist er, weil er alles beherrscht; Vater, weil er vor allen Dingen ist; Weltbildner und Schöpfer, weil er es ist, der alles erschaffen und gemacht hat; der Allerhöchste, weil er über alles ist; Allherrscher, weil er alles regiert und umfaßt. Denn die Höhen des Himmels und die Tiefen des Abgrundes und die Grenzen des Erdkreises sind in seiner Hand, und es ist kein Ort seiner Ruhe. Denn die Himmel sind sein Werk und die Erde seine Schöpfung, das Meer ist seine Gründung und der Mensch ein Gebilde und Ebenbild von ihm. Sonne, Mond und Sterne sind von ihm geschaffene Weltkörper, zu Zeichen, Zeiten, Tagen und Jahren zur Leitung und zum Dienste der Menschen bestimmt; und alles hat Gott aus dem Nichts ins Dasein gerufen, auf daß man aus seinen Werken erkennen und ermessen könne seine Größe.“ (Theophilus, An Autolykus I,3-4)

Er schreibt zur Erkennbarkeit Gottes:

„Wenn du aber sagst: ‚Zeige mir deinen Gott!‘ so möchte ich dir antworten: ‚Zeige mir den Menschen in dir, und ich will dir meinen Gott zeigen!‘ Zeige mir also, daß die Augen deiner Seele sehen und die Ohren deines Herzens hören! Denn gleichwie die mit ihren leiblichen Augen Sehenden die Vorgänge im Erdenleben wahrnehmen und zugleich die verschiedenen Erscheinungen unterscheiden, ob Licht oder Finsternis, ob etwas weiß oder schwarz, mißgestaltet oder wohlgestaltet, harmonisch und ebenmäßig, oder unharmonisch und ohne Ebenmaß, oder über das Maß hinaus oder einseitig ist; (wie man auch in gleicher Weise unterscheiden kann) die Dinge, die unter das Gehör fallen, ob nämlich ein Ton hoch oder tief oder angenehm sei: so verhält es sich auch mit den Ohren des Herzens und den Augen des Geistes, wenn es sich um die Möglichkeit handelt, Gott zu schauen. Gott wird nämlich von denen gesehen, die imstande sind, ihn zu sehen, wenn sie nämlich die Augen ihres Geistes offen halten. Denn es haben zwar alle ihre Augen, aber bei einigen sind sie getrübt, und sie sehen das Licht der Sonne nicht. Und wenn die Blinden nicht sehen, so folgt daraus gewiß nicht, daß auch die Sonne nicht scheint, sondern die Blinden müssen sich und ihren Augen die Schuld zuschreiben. So hast auch du, o Mensch, infolge deiner Sünden und schlechten Handlungen getrübte Augen. Wie ein blanker Metallspiegel, so rein sei die Seele des Menschen. Wenn nun Rost auf dem Metallspiegel liegt, so kann man das Antlitz des Menschen im Spiegel nicht sehen; so kann auch, wenn die Sünde im Menschen ist, ein solcher Mensch Gott nicht sehen. Zeige also dich selbst, ob du kein Ehebrecher, kein Dirnenjäger, kein Dieb, kein Räuber, kein Wegelagerer, kein Knabenschänder, kein Mann der Gewalttat, ob du nicht schmähsüchtig, zornmütig, neidisch, prahlerisch, argwöhnisch, ein Raufbold, ein Geizhals, ungehorsam gegen die Eltern, ein Verkäufer deiner Kinder bist. Solchen, die derlei Dinge tun, erscheint Gott nicht, wenn sie sich nicht zuvor von allem Schmutze reinigen. Alles (dieses) also verdunkelt dich auch, wie das Eindringen eines Splitters ins Auge, so daß dieses das Licht der Sonne nicht schauen kann. So umgibt auch dich, o Mensch, mit Finsternis die Abkehr von Gott, so daß du Gott nicht sehen kannst.“ (Theophilus, An Autolykus I,2)

(Zum Verständnis bzgl. „Knabenschänder“ und „Verkäufer deiner Kinder“: Damals waren sowohl die Päderastie als auch das Verkaufen oder Aussetzen der eigenen Kinder legal.)

„Denn gleichwie die Seele im Menschen nicht gesehen, da sie für den Menschen unsichtbar ist, aber doch aus der Bewegung des Leibes wahrgenommen wird, so verhält es sich auch mit der Unmöglichkeit, Gott mit menschlichen Augen zu schauen; er wird aber aus seiner Vorsehung und seinen Werken erkannt. Denn gleichwie man, wenn man ein Schiff auf dem Meere sieht, das wohlausgerüstet dahin eilt und in den Hafen einläuft, offenbar auf den Gedanken kommen wird, daß auf ihm sich ein Steuermann befindet, der es lenkt: so muß man auch Gott als Lenker des Alls erkennen, wenn er auch von leiblichen Augen, weil für sie unfaßbar, nicht gesehen wird. Denn wenn der Mensch nicht einmal in die Sonne, einen so kleinen Himmelskörper, schauen kann wegen der außerordentlichen Hitze und Kraft derselben, um wieviel weniger kann das Auge eines sterblichen Menschen die Herrlichkeit Gottes, die unaussprechlich ist, ertragen! Wie ferner ein Granatapfel mit seiner ihn umschließenden Schale in seinem Innern viele Fächer und Kapseln, durch Häutchen geschieden, hat und viele Kerne eingeschlossen enthält, so wird die ganze Schöpfung vom Odem1 Gottes umgeben, und dieser umgebende Odem Gottes mitsamt der Schöpfung wird von der Hand Gottes umschlossen. Wie nun der Kern im Innern des Granatapfels, eben weil er innen ist, die Dinge außerhalb der Schale nicht sehen kann, so kann auch der Mensch, weil er mitsamt der Schöpfung von der Hand Gottes um- und eingeschlossen ist, Gott nicht sehen. Und ferner, man glaubt doch an das Dasein eines irdischen Königs, der, obwohl nicht von allen gesehen, doch durch seine Gesetze und Verordnungen, durch seine Behörden, seine Heeresmacht und seine Bildnisse erkannt wird: daß aber Gott aus seinen Werken und Wirken erkannt werde, willst du nicht gelten lassen?

Betrachte, o Mensch, seine Werke: den rechtzeitigen Wechsel der Jahreszeiten, die Veränderungen der Witterung, den geordneten Lauf der Himmelskörper, den regelmäßigen Gang der Tage und Nächte, der Monate und Jahre, die bunte Schönheit der Samen, Pflanzen und Früchte, die verschiedenen Arten der Vierfüßler, der Vögel, Schwimm- und Kriechtiere, der Fluß und Wassertiere; oder den in die Tiere selbst gelegten Trieb für die Fortpflanzung und Ernährung ihrer Jungen, nicht zum eigenen Nutzen, sondern zum Gebrauche des Menschen; dann die Fürsorge, die Gott trägt, indem er Nahrung bereitet allem Fleische, oder die Unterordnung, in der nach seiner Anordnung alle Wesen unter dem Menschen stehen; betrachte, wie süße Quellen sprudeln und stets strömende Flüsse dahin eilen, Tau, Regen und Güsse sich rechtzeitig einstellen, der Himmelskörper verschiedenen Bahnen folgt, den aufgehenden Morgenstern, der die Ankunft des vollkommenen Lichtgestirnes verkündet, die Verbindung der Plejaden und des Orion1, den Arcturus und die übrigen Gestirne, wie sie ringsum am Himmel ihren Weg nehmen, und denen allen die vielfältige Weisheit Gottes ihre Namen gegeben2. […]

Das ist mein Gott, der Herr des Alls, der allein den Himmel ausgespannt und die Breite der Erde festgestellt, der den Grund des Meeres aufwühlt und seine Wogen brausen macht1, der über die Gewalt des Meeres gebietet und seine brausenden Wogen besänftigt2, der die Grundfesten der Erde über den Wassern gelegt hat3 und ihr den nährenden Odem gegeben, dessen Odem allem das Leben gibt, der diesen Odem nur zurückzuhalten braucht, und alles wird vergeben4. Dessen5 Odem redest du, dessen Odem atmest du, und diesen Gott kennst du nicht, o Mensch! Das ist die Folge der Blindheit deiner Seele und der Verhärtung deines Herzens. Doch du kannst geheilt werden, wenn du willst. Überlasse dich dem Arzte, und er wird dir an den Augen des Geistes und des Herzens den Star stechen.“ (Theophilus, An Autolykus I,5-7)

 

Noch einmal Athenagoras von Athen: Er schreibt gegen die gegnerische Behauptung, die Christen seien „Atheisten“ (weil sie die allgemein verehrten Götter nicht verehrten):

„Da wir nun tatsächlich keine Atheisten sind (ich will jetzt jeder Beschuldigung einzeln entgegentreten), so wäre es ein Armutszeugnis, die Anklagen wegen Atheismus nicht widerlegen zu können. Einem Diagoras 1 warfen die Athener mit Recht Atheismus vor, da dieser nicht nur die orphische Lehre 2 mitteilte, und die Mysterien zu Eleusis und die der Kabiren 3 im Volke bekannt machte und das Holzbild des Herkules zusammenschlug, um seine Rüben zu kochen, sondern ganz unverhohlen erklärte, es existiere überhaupt kein Gott. Kann man aber uns, die wir Gott von der Materie wohl unterscheiden und den Beweis liefern, daß die Materie etwas anderes ist als Gott und daß der Abstand ein gewaltiger ist (wir weisen nämlich nach, daß das göttliche Wesen ungeworden und ewig ist, nur dem denkenden Geiste erfaßbar, die Materie dagegen geworden und vergänglich), kann man uns, frage ich, mit Recht Atheisten nennen? Hätten wir die Weltanschauung eines Diagoras, obwohl wir so sichere Unterpfänder für unsere Gottesverehrung haben, nämlich die Ordnung, die alles beherrschende Harmonie, die Größe, die Schönheit, die Gestalt, die Planmäßigkeit der Welt, dann würden wir freilich mit Recht als gottlos verschrieen und wären selbst daran schuld, wenn man uns mißhandelt. Nachdem wir aber das Bekenntnis ablegen, daß einer Gott ist, nämlich der Schöpfer dieses Universums, der selbst nicht geworden ist, weil das Notwendigseiende nicht wird, sondern nur das Möglichseiende, der aber alles durch sein Wort gemacht hat, so erleiden wir beides, sowohl die übel Nachrede als die Verfolgung, ohne jeden vernünftigen Grund.(Athenagoras, Bittschrift für die Christen 4)

Er erklärt auch, wieso es nur einen Gott (=Ungewordenen) und nicht zwei geben könnte:

„Daß also Gott, der Schöpfer dieses Alls, von Ewigkeit her nur einer ist, dafür nehmet, damit Ihr auch eine rationelle Rechtfertigung unseres Glaubens habt, folgenden Beweis entgegen. Gäbe es von Ewigkeit her zwei Götter oder mehr, so befänden sie sich entweder in einem und demselben (übergeordneten) Wesen oder jeder von ihnen wäre für sich . Nun aber könnten sie nicht in einem und demselben Wesen sein; denn wenn sie Götter sind, sind sie nicht zusammenstimmend, sondern, weil ungeworden, widersprechend, denn nur das Gewordene stimmt mit seinen Vorbildern überein; ungewordene Wesen würden einander widersprechen, da sie weder von einem andern Wesen noch im Hinblick auf andere Wesen gemacht sind. Sollten jene jedoch in der Weise integrierende Bestandteile einer Einheit sein, wie etwa die Hand, Auge, Fuß integrierende Bestandteile eines Organismus sind, dann wäre allerdings Gott auch wieder einer; indes so etwas (= eine Zusammensetzung aus Teilen) ist etwa bei Sokrates der Fall; dieser ist, weil er geworden und vergänglich ist, zusammengesetzt und teilbar; Gott aber als der Ungewordene und über jede Veränderung Erhabene ist unteilbar; er besteht also überhaupt nicht aus Teilen. Und nun zur zweiten Annahme! Ist jeder der Götter für sich und ist der, welcher die Welt erschaffen hat, über den gewordenen Dingen, über dem, was er geschaffen und geordnet hat, wo soll dann der andere Gott sein oder die sonst noch übrigen? Ist nämlich die Welt als ein kugelförmiges Gebilde durch die Himmelskreise abgeschlossen und befindet sich der Schöpfer der Welt über den gewordenen Dingen, sich lediglich durch seine Fürsorge manifestierend, welches ist dann der Ort des anderen Gottes, beziehungsweise der anderen? Denn der andere befände sich weder in der Welt, da diese einem anderen Gott gehört, noch um die Welt, da über der Welt sich der Gott befindet, der die Welt geschaffen hat. Wenn er aber weder in der Welt ist noch um die Welt (denn ringsum wird alles von diesem eingenommen), wo ist er dann? Etwa über der Welt und ihrem Gott in einer anderen Welt und um eine andere? Aber wenn er in einer anderen Welt ist und um eine andere, so ist er nicht um uns (er hat dann gar keine Herrschaft über die Welt) und hat auch keine große Macht (denn er ist an einem durch Grenzen eingeschränkten Orte). Wenn er nun weder in einer anderen Welt ist (denn alles wird von jenem Gotte ausgefüllt) noch um eine andere (denn alles wird von jenem Gotte eingenommen), so ist er überhaupt nicht, da es keinen Ort gibt, wo er sein könnte. Oder was hätte er zu tun, wenn es einen andern Gott gibt, dem die Welt gehört, und er selbst zwar über dem Schöpfer der Welt ist, jedoch nicht in der Welt und um die Welt? [Oder gibt es vielleicht unter dem Seienden etwas, wo der Gewordene seinen Ort haben kann? Dann sind aber Gott und die Werke Gottes über ihm. Und welches sollte sein Ort sein, da, was über der Welt ist, dieser ausfüllt?] 1 Kann er etwa Fürsorge tragen? Auch das kann er nicht, wenn er nicht zuvor schöpferisch tätig war. Wenn er aber nicht schafft und nicht sorgt, wenn überhaupt kein Ort übrig bleibt, an dem er sein könnte, so gibt es eben nur einen Gott, der da von Ewigkeit her existiert und allein der Schöpfer der Welt ist.

Begnügten wir uns jetzt mit derartigen Erwägungen, so müßte man meinen, unsere Rechtfertigung sei Menschenwort. Nachdem aber auch die Aussprüche der Propheten unsere Beweisführungen beglaubigen (bei Eurer seltenen Wißbegierde und Eurem hohen Bildungsgrad werdet Ihr selbst schon von den Aussprüchen eines Moses, Isaias, Jeremias und der übrigen Propheten vernommen haben, die, ihrem eigenen Denken entrückt, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes, was ihnen eingegeben wurde, verkündeten, wobei sich der Geist ihrer bediente, wie wenn ein Flötenspieler die Flöte bläst), so laßt uns hören, was diese sagen. ‚Herr ist unser Gott; neben ihm kann kein anderer in Betracht kommen‘; und wiederum: ‚Ich bin Gott vorher und nachher und außer mir gibt es keinen Gott‘. In ähnlicher Weise: ‚Vor mir war kein anderer Gott und keiner wird nach mir sein; ich bin Gott und außer mir ist keiner‘. Und von seiner Größe heißt es: ‚Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Welches Haus wollt ihr mir erbauen oder welches soll der Ort meiner Wohnung sein?‘ Ich überlasse es Euch, diese Schriften selbst einzusehen und die Aussprüche jener Männer genauer zu prüfen, damit Ihr mit der gehörigen Einsicht den brutalen Mißhandlungen, mit denen man uns quält, ein Ende macht 1.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 8-9)

 

In den christlichen Sibyllinen (es gab nicht nur heidnische, sondern auch ein paar christliche Sibyllinen), also Weissagungen (v. a. handeln sie vom Weltende), heißt es:

„Gott hat mir selber das alles gelegt in den Sinn und wird alles,
Was er durch meinen Mund hat vormals verkündet, erfüllen:
‚Ja, ich weiß der Sandkörner Zahl und die Maße des Meeres,
Weiß die Verstecke der Erde und kenne des Tartaros Luftraum,
Weiß die Zahlen der Sterne, die Bäume, und wieviel Geschlechter
Der Vierfüßler, der schwimmenden Tiere, der hurtigen Vögel,
Auch der Menschheit, die jetzt und in Zukunft lebt, und der Toten.
Denn ich selbst hab‘ Gestalten und Sinn der Menschen gebildet,
Gab ihnen rechten Verstand und vermittelte ihnen Erkenntnis.
Ich bin’s der Augen und Ohren gebildet, sehend und hörend,
Jeden Gedanken ersinnend und allen Mitwisser seiend.
Drinnen im Herzen, ich schweige und werd‘ sie dann selbst überführen.

Auch den Tauben versteh‘ ich und höre auf den, der nicht spricht, und
Wie groß im ganzen die Höh von der Erde zum Himmelsgewölbe,
Anfang und Ende ich weiß, weil ich Himmel und Erde geschaffen.
Denn ich allein bin Gott, und es gibt keinen anderen daneben.“

(Christliche Sibyllinen VIII,360-377, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 522.)

 

Bisherige Teile:

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Lk 24,46-49, Mt 28,18-20, 1 Kor 15,3-7, Phil 2,6-11, 1 Petr 1,3-4.18-23, 1 Petr 3,18-22, Joh 1, 1 Joh 1,1-4, 1 Joh 4,2.

 

Die früheste Stelle, die ich für diesen Artikel herangezogen habe, findet sich beim hl. Bischof Ignatius von Antiochia, der, wohl im Jahr 107, auf dem Weg von Syrien zu seinem Prozess und anschließenden Märtyrertod in Rom an eine Gemeinde schreibt:

„Verstopfet daher eure Ohren, sobald euch einer Lehren bringt Jesus Christus1, der aus dem Geschlechte Davids, der aus Maria stammt, der wahrhaft geboren wurde, aß und trank, wahrhaft verfolgt wurde unter Pontius Pilatus, wahrhaft gekreuzigt wurde und starb vor den Augen derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, der auch wahrhaft auferweckt wurde von den Toten, da ihn sein Vater auferweckte; denn nach diesem Vorbild wird uns, die wir ihm glauben, sein Vater auch so auferwecken in Christus Jesus, ohne den wir das wahre Leben nicht haben.“ (Brief des Ignatius an die Trallianer 9)

(In der Fußnote heißt es: „Damit wendet sich Ignatius gegen die Irrlehre der Doketen, die Christus nur einen Scheinleib zuschrieben, um seine Gottheit zu wahren.“ Der Doketismus soll hier ein anderes Mal Thema sein.)

Kurz darauf schreibt der hl. Bischof Polykarp von Smyrna, mit dem Ignatius auf seiner Reise auch zu tun gehabt und an den er einen seiner Briefe gerichtet hatte, an eine andere Gemeinde:

„Darum gürtet eure Lenden und dienet Gott in Furcht1 und Wahrheit, verlasset das leere Gerede und den Irrtum der Menge, glaubet an den, der unseren Herrn Jesus Christus von den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit und den Thron zu seiner Rechten verliehen hat2! Ihm ist alles untertan im Himmel und auf Erden, ihm dient jegliches Leben, er kommt als Richter der Lebendigen und Toten3, sein Blut wird Gott fordern von denen, die nicht an ihn glauben. Der aber ihn von den Toten erweckt hat, wird auch uns auf erwecken4, wenn wir seinen Willen tun und in seinen Geboten wandeln und lieben, was er geliebt hat, und uns frei halten von jeder Ungerechtigkeit, Habsucht, Geldgier, übler Rede, falschem Zeugnis; wenn wir Böses nicht mit Bösem vergelten oder Schmähung nicht mit Schmähung5, noch Faustschlag mit Faustschlag; noch Fluch mit Fluch; 3. eingedenk der Worte, die der Herr lehrend sprach: ‚Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet‘6; ‚Verzeihet, damit ihr Verzeihung findet; seid barmherzig, damit ihr Barmherzigkeit erfahret; mit dem Masse, mit dem ihr messet, wird man auch euch messen‘7, und: ‚Selig sind die Armen und die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich Gottes‘8.“ (Brief Polykarps an die Philipper 2)

(Die Fußnoten verweisen hier nur auf die entsprechenden Bibelstellen.)

 

Eine ganz einschlägige Stelle findet sich in der Epistula Apostolorum, einem vollständig in äthiopischer Übersetzung und fragmentarisch in einer koptischen Version erhaltenen Werk, das sich als Brief der Apostel ausgibt und einen angeblichen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung enthält: ein frühes Glaubensbekenntnis (offensichtlich eine feststehende Formel); abrupt eingeschoben mitten in einer Erläuterung der wundersamen Brotvermehrung (Hervorhebung von mir):

„Als wir darauf kein Brot außer fünf Broten und zwei Fischen hatten, gebot er den Leuten, sich zu lagern, und es belief sich ihre Zahl auf 5000 außer den Kindern und Frauen, denen wir Brotstückchen vorlegten; und sie wurden satt, und es blieb (davon) übrig, und wir trugen zwölf volle Körbe von Brocken weg, indem wir fragten und sagten: ‚Welche Bewandtnis hat es mit diesen fünf Broten?‘ Sie sind ein Bild unseres Glaubens betreffs des großen Christentums und d. h. an den Vater, den Herrscher der ganzen Welt, und an Jesum Christum, unsern Heiland, und an den heiligen Geist, den Parakleten, und an die heilige Kirche und an die Vergebung der Sünden.

Und dies offenbarte und zeigte uns unser Herr und Heiland und wir euch gleicherweise, damit ihr Genossen an der Gnade des Herrn und unseres Dienstes und an unserer Herrlichkeit seid, indem ihr auf das ewige Leben sinnt. Seid, ohne zu wanken, fest in der Erkenntnis und Erforschung unseres Herrn Jesu Christi, und er wird sich gnädig erweisen und retten immerdar und in alle niemals endende Ewigkeit.“

(Epistula Apostolorum 5(16)-6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 129. Englische Übersetzung hier.)

Man sieht hier also dieselbe Struktur, die sich in späteren Bekenntnissen findet.

 

Aristides fasst den Glauben der Christen folgendermaßen zusammen:

„Die10 Christen nun leiten ihre Abkunft11 von12 Jesus Christus13 her. Dieser wird der Sohn des höchsten Gottes genannt14, und es heißt (von ihm), daß er (als) Gott vom Himmel niederstieg15 und von einer hebräischen Jungfrau Fleisch nahm16 und anzog, und (daß so) in einer Menschentochter der Sohn Gottes Wohnung nahm17. Dies wird gelehrt von dem Evangelium, das – so heißt es bei ihnen – (erst) vor kurzem gepredigt worden ist, (und) dessen Sinn auch Ihr, wenn Ihr darin leset, erfassen werdet. Dieser Jesus also entstammt dem Geschlechte der Hebräer. Er hatte aber zwölf Jünger, damit sein wunderbares18 Heilswerk vollendet würde19. Derselbe wurde von den Juden20 durchbohrt21 [und starb und wurde begraben], und es heißt (von ihm), daß er nach drei Tagen wieder auflebte22 und in den Himmel erhoben23 wurde. Und dann zogen diese zwölf Jünger aus24 in die bekannten Gegenden der Welt25 und lehrten seine Majestät in aller Milde und Ehrbarkeit. Deshalb werden auch diejenigen, die heute an jene Predigt glauben26, Christen genannt, wie sie allbekannt sind.“ (Aristides von Athen, Apologie 2,6-8)

(Die Fußnoten geben u. a. leicht abweichende Varianten in den verschiedenen Manuskripten an.)

 

Justin der Märtyrer schreibt:

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius1 geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos [griechisch für Wort, Ausspruch, Vernunft, Logik: Jesus ist laut dem Prolog des Johannesevangeliums das Wort, der „Logos“ Gottes], an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft2 [Logos] lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit3 und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher4 ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können. (Justin, 1. Apologie 46)

Laut dem Bericht, der über sein Martyrium verfasst wurde, sagte Justin bei der Gerichtsverhandlung vor dem römischen Präfekt:

„Der Präfekt Rustikus sagte: An der Gelehrsamkeit dieser Menschen hast du deine Freude, Unseliger! Justinus antwortete: Allerdings, weil ihre Lehre wahr ist. Der Präfekt Rustikus fragte: Welches ist diese Lehre? Justinus antwortete: Die christliche Gottesverehrung besteht darin, daß wir an einen Gott glauben, der die ganze sichtbare und unsichtbare Schöpfung gemacht und hervorgebracht hat, und an den Herrn Jesus Christus, von dem die Propheten vorherverkündet haben, daß er dem Menschengeschlechte erscheinen werde als Herold des Heiles und als Verkünder trefflicher Lehren. Ich, ein Mensch, bin zu schwach, solches auszusagen, was seiner unendlichen Gottheit würdig wäre, ich kenne aber eine prophetische Macht an; denn über ihn, den ich hier Sohn Gottes genannt habe, ist vorherverkündet worden; ich weiß, daß durch Eingebung Gottes die Propheten über sein zukünftiges Verweilen unter den Menschen vorhergesagt haben.“ (Martyrium des hl. Justin und Gefährten 2)

 

Bischof Irenäus von Lyon schreibt gegen Ende des 2. Jahrhunderts:

„Der Glaube bewirkt dies in uns, wie uns die Alten2 , die Schüler der Apostel, überliefert haben. Zuvörderst mahnt er uns zu gedenken, daß wir die Taufe zur Nachlassung der Sünden im Namen Gottes des Vaters empfangen haben, und im Namen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, der einen Leib angenommen hat, gestorben und von den Toten auferstanden ist, und im heiligen Geist Gottes, und daß diese Taufe das Siegel des ewigen Lebens und der Wiedergeburt in Gott ist, so daß wir nicht mehr Kinder der sterblichen Menschen, sondern des ewigen, immerwährenden Gottes3 sind. Und daß das ewig und beständig Seiende für Gott gehalten werde und hoch über allem Gewordenen4 steht, und daß alles andere5 ihm unterworfen ist, und daß das Gott Unterworfene alles ihm zu eigen machen soll, denn nicht über Fremdes gebietet er und herrscht er, sondern über das Seinige. Gottes sind alle Dinge. Deshalb ist Gott der Allmächtige und alles, was ist, ist von Gott.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 3)

 

Die frühen Christen: Eine neue Reihe

Über die frühen Christen – die der ersten drei Jahrhunderte, vor der Konstantinischen Wende – sind besonders zwei Mythen im allgemeinen Bewusstsein verankert: Erstens, dass man über sie eigentlich kaum etwas wisse und kaum Quellen hätte, zweitens, dass sie sicher nicht so gewesen wären wie die spätere katholische Kirche, sondern irgendwie „einfacher“ und vermutlich protestantischer und vermutlich undogmatischer. Ich habe vor über einem Jahr hier schon einmal einen kleinen (unvollständigen) Überblick darüber präsentiert, was für eine Masse an Quellen wir tatsächlich von ihnen haben; seit anderthalb Jahren bin ich jetzt damit beschäftigt, diese Quellen zu lesen und aussagekräftige Exzerpte zu allen möglichen Themen zu sammeln. Inzwischen ist diese Materialsammlung so weit gediehen, dass ich einiges davon meinen Lesern zur Verfügung stellen kann.

Der Anspruch der katholischen Kirche ist etwa folgender:

Die Kirche des 1., 2., 3. Jahrhunderts ist der heutigen katholischen Kirche nicht nur ähnlich, sondern mit ihr identisch, wie ein Schößling identisch ist mit dem ausgewachsenen Baum. Sicher verändern sich manche Äußerlichkeiten; sicher entwickelt sich manches, reift manches, verfestigt sich manches; das ist auch gut so. Manche Lehren, die früher nur keimhaft vorhanden waren oder noch legitimerweise diskutiert wurden, wurden irgendwann klar definiert und festgelegt, manche Dinge in Liturgie, Kirchenrecht, Pastoral haben sich gewandelt. Wie der Baum verschiedene Jahreszeiten durchmacht und vielleicht im einen Jahr von jenen Schädlingen, im nächsten von diesen befallen wird, macht auch die Kirche bessere und schlechtere Zeiten durch und wird im Lauf der Jahrhunderte von verschiedenen schlechten Tendenzen befallen. Aber es findet keine Verwandlung, kein Bruch statt. Im Kern ist es dieselbe Kirche.

Dieser Anspruch muss natürlich belegt werden, und genau dafür sind solche Texte hilfreich – tatsächlich bin ich beim Lesen selber immer wieder ziemlich verblüfft gewesen, wie deutlich katholisch die frühen Kirchenväter waren. (Vulgärprotestantische Vorurteile über Kirchengeschichte stecken tief in einem drin.)

Es geht mir in meiner neuen Reihe nicht darum, die Texte genauer zu analysieren, oder zu bewerten, wo ein einzelner Kirchenvater Recht oder Unrecht hatte (auch die Kirchenväter irrten sich gelegentlich und waren sich gelegentlich uneinig); es geht darum, einen einigermaßen repräsentativen und authentischen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. Ich habe viele typische Stellen gesammelt, wo etliche Texte dasselbe sagen, aber auch die untypischen Ausreißer haben ihren Platz. Die Reihe soll eine Materialsammlung werden, keine wissenschaftliche Arbeit, und ich beschränke meine Kommentare hauptsächlich auf kurze Erklärungen, die zum Verständnis nötig sein könnten. Ich habe nicht den Anspruch, alle vorhandenen Quellen abzubilden, aber schon eine gewisse Masse davon.

Im Folgenden will ich insbesondere folgende Themen behandeln:

  • Was waren die zentralen Punkte des Glaubens? Was war die Gottesvorstellung der frühen Christen? Was für eine Bedeutung hatte Jesus für sie – für wen hielten sie Ihn, was bedeutete Sein Tod am Kreuz? Welche Ansätze gab es bzgl. der Dreifaltigkeitslehre?
  • Was verstanden sie unter dem Begriff „Kirche“, welche Kirchenämter gab es und wie sah das Gemeindeleben konkret aus? Welche Rolle spielten die Gemeinde und der Bischof von Rom (der Papst) in der Weltkirche?
  • Was bedeutete die Bibel, welche Texte galten als heilige Schriften?
  • Was hielt man von Abspaltungen und Irrlehren?
  • Wie sah es aus mit Taufe, Eucharistie, Buße, Fasten, Gebet, also mit den Sakramenten und der praktischen Frömmigkeit?
  • Wie sahen die ersten Christen das Thema Rechtfertigungslehre? Glaube und Werke oder nur der Glaube? Freier Wille oder Prädestination?
  • Welche Rolle spielte das gottgeweihte (ehelose) Leben (geweihte Jungfrauen, geweihte Witwen usw.)?
  • Welche Rolle spielten Propheten, Visionen, Träume?
  • Welche Moralvorstellungen gab es? Insbesondere auch zu Themen wie Abtreibung, Kindesaussetzung, Keuschheit?
  • Welche Rolle hatten christliche Frauen und Kinder, was waren die Idealvorstellungen für Ehe und Familie?
  • Freie, Sklaven, Arme, Reiche etc. – wie lebten die verschiedenen Gruppen in der Gemeinde zusammen, wie betrachtete man solche Dinge wie weltlichen Reichtum und Status?
  • Die letzten Dinge: Was glaubte man über Himmel, Hölle, Auferstehung des Fleisches, Wiederkunft Christi, Fegefeuer?
  • Wie dachte man über Engel, Dämonen und den Satan?
  • Die Christenverfolgungen: Welche Sicht hatten ihre Verfolger auf die Christen? Was bedeuteten die Verfolgungen für die Christen selbst? Wie gingen die Gemeinden damit um?
  • Wie verehrte man Heilige, insbesondere Märtyrer, Apostel, Propheten und die Jungfrau Maria?
  • Wie sah man heidnische Kulte und abergläubische Praktiken? Wie sah man heidnische Philosophien?

Hauptsächlich habe ich folgende Quellen verwendet: Die digitalisierte Version der „Bibliothek der Kirchenväter“ auf der Seite der Universität Freiburg (hier die alte Version der Seite), die „Siegener antiken Texte zur Umwelt des Neuen Testaments“ auf der Seite der Universität Siegen, das zweibändige Werk „Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung“ von Edgar Hennecke und Wilhelm Schneemelcher, und zur Ergänzung die englische Sammlung unter „Early Christian Writings“. Ich verlinke alle in den kommenden Artikeln aufgeführten Stellen, damit die Leser ihren Kontext nachschauen können (zu manchen Texten, deren deutsche Übersetzung ich aus Schneemelchers Buch habe, gibt es online leider nur eine englische auf Early Christian Writings).

Am Anfang jedes Artikels werde ich auch noch Bibelstellen nennen, die das jeweils behandelte Thema betreffen, damit die Leser sie mit den Schriften der Kirchenväter vergleichen können.

Weil inzwischen schon so enorm viel Material zusammengekommen ist und ich immer noch nicht mit allem fertig bin, habe ich das Ganze allerdings auf verschiedene Phasen aufgeteilt und veröffentliche schon mal einen Teil; in der ersten Phase kommen Artikel dazu, was verschiedene Kirchenväter bis ca. 200 n. Chr. über bestimmte Themen lehrten, in der zweiten Phase dann nochmal dasselbe von 200 bis 300 n. Chr. (bzw. kurz nach 300). In die erste Phase fallen viele kleinere Texte, in die zweite eher Schriften von bekannteren Kirchenvätern, die ziemlich viel produziert haben, von solchen wie Clemens von Alexandria, Tertullian, Origenes, Cyprian von Karthago, Hippolyt von Rom (und von ein paar unbekannteren wie Gregorius Thaumaturgus und Arnobius Major).

(Die Abgrenzung ist nicht ganz strikt; Tertullian hat ein paar seiner Werke schon in den 190ern geschrieben, Clemens von Alexandria auch um, vielleicht schon vor 200. Umgekehrt habe ich auch ein paar um 200 entstandene kleinere Werke noch in die erste Phase aufgenommen (z. B. die Märtyrerakten der hl. Perpetua und Felicitas aus dem Jahr 203).)

Ich bin für die erste Phase folgende Texte folgender Autoren ganz durchgegangen (ganz grob und mit Unsicherheiten im Detail chronologisch geordnet):

Bei ein paar Schriften ist die Datierung ziemlich schwer; man kann eigentlich nur sagen, dass sie ins 2. Jahrhundert fallen müssten. Das sind:

Dazu kommen Zitate aus Eusebius von Cäsareas „Kirchengeschichte“, die aus älteren, nicht mehr erhaltenen Werken stammen (z. B. von Papias oder Gaius von Rom), und seine Berichte über Vorkommnisse bis 200 n. Chr.; grob gesagt aus den ersten fünf der zehn Bücher der „Kirchengeschichte“. Er hat vermutlich teilweise vor, teilweise kurz nach der Konstantinischen Wende (313) geschrieben.

Diese Texte decken eine große Bandbreite von Genres ab: Da hätten wir u. a. Briefe von Bischöfen an Gemeinden und andere Bischöfe (z. B. Ignatiusbriefe, Brief des Polykarp); theologische und philosophische Werke (z. B. bei Irenäus, Athenagoras); Verteidigungsschriften von Christen, die an ein heidnisches Publikum gerichtet waren (die sog. Apologien, z. B. bei Aristides und Justin – griechisch „Apo-Logia“ = Gegenrede, Verteidigung); Berichte von Martyrien, die die Gemeinden hinterher anfertigten (z. B. über Polykarp, Justin, die Scilitanischen Märtyrer); Legenden über die Apostel (z. B. Paulusakten, Petrusakten); apokryphe Berichte über Jesus (z. B. Epistula Apostolorum); Privatoffenbarungen / prophetische Schriften (Hirte des Hermas, Sibyllinen), eine Grabinschrift eines Bischofs (Aberkios), usw.

Außerdem habe ich einzelne Stellen folgender nichtchristlicher Autoren herangezogen, ohne ihre vollständigen Werke gelesen zu haben:

Werke, die ich nicht mehr angeschaut habe, wären z. B. die Andreasakten, die Himmelfahrt des Jesaja oder das Kindheitsevangelium des Thomas. Irgendwann muss auch mal gut sein, und die wichtigsten Schriften aus dem späten 1. und dem 2. Jahrhundert sollte ich abgedeckt haben.

Für die Quellenangaben benutze ich die ausgeschriebenen deutschen Werktitel, nicht die lateinischen Abkürzungen, die in der wissenschaftlichen Literatur üblich sind, damit es für die Leser einfacher ist.

In beiden Phasen kommen auch ein paar archäologische Quellen dran, z. B. das Spottkreuz vom Palatin (2. Jahrhundert) oder Fresken aus der Hauskirche in Dura Europos (3. Jahrhundert).

Wenn ich mit beiden Phasen, die sich mit den Ansichten und dem Leben der rechtgläubigen – ach, sagen wir es doch einfach: der katholischen – Christen befasst haben, durch bin, kommt noch eine dritte Phase zum Verhältnis dieser Christen zu rivalisierenden/gegnerischen Gruppen, insbesondere Abspaltungen von der Kirche (Montanisten, Novatianer, Ebioniten etc.), pseudo-christlichen esoterischen Sekten (Gnostiker) und den damaligen nicht-christlichen Juden. Dazu gehe ich das durch, was Katholiken gegen sie schrieben, und das, was von ihnen selbst erhalten ist; dazu gehören ja z. B. auch eigene „Evangelien“ der Gnostiker aus dem 2. und 3. Jahrhundert. Diese Phase ist vermutlich eher für die historischen Interessierten von Bedeutung und hat wenig praktische Relevanz für heute.

Also: Enjoy! Hier geht es los mit dem ersten Teil und frühchristlichen Glaubensbekenntnissen.

Christliche Kultur am Sonntag: „Die Frau des Pilatus“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Gertrud von Le Fort: „Die Frau des Pilatus“

Diese Novelle von 1955 handelt von, wie der Titel es sagt, der Frau des Pontius Pilatus, die in der Bibel nur mit einem Satz erwähnt wird: Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten. (Mt 27,19)

Wie man weiß, hörte Pilatus darauf nicht. In den Legenden, die sich später zu ihr finden, heißt seine Frau Procula oder Claudia Procula und wurde mancherorts auch als Heilige verehrt.

Die Novelle schildert zuerst das Geschehen rund um den Karfreitag: Claudia Proculas Traum, und wie sie vergeblich versucht, ihren Mann von der Hinrichtung Jesu abzuhalten, was sie auch weiterhin nicht vergessen kann. Und sie schildert dann, wie Claudia Jahrzehnte später, wieder in Rom, auf die kleine ärmliche religiöse Gruppe der „Nazarener“ stößt, in deren Versammlung sie den Satz hört, den sie auch in ihrem Traum lauter Gruppen von Menschen hat sagen hören: „gelitten unter Pontius Pilatus“. Um diese Zeit beginnt in Rom die Christenverfolgung, die Pilatus aufgetragen wird.

Es geht um Claudia Proculas Liebe – trotz allem – für ihren Mann, und ihren Weg zu Gott.

(Griechische Ikone der hl. Prokula. Gemeinfrei.)

Mehr Angriff statt Verteidigung!

In allen möglichen Debatten über religiöse und ethische Themen (im Internet oder sonstwo) hat man (oder jedenfalls ich) gar nicht mal so selten den Eindruck, dass Katholiken ihren Gegnern (ob Säkularisten, Protestanten, Orthodoxen oder sonstwem) zu viel zugestehen. Manchmal denke ich mir, unserer Seite könnte ein bisschen mehr von der Angriffslust gut tun, die die Gegner eher haben.

 

1) Ein Beispiel dafür: von Gegnern werden oft keine Belege verlangt. Die haben auch eine Beweispflicht. Es ist natürlich nötig, Protestanten nachzuweisen, dass sola scriptura Quatsch ist; aber man könnte sie auch fragen, wie sie überhaupt darauf kommen, sola scriptura zu postulieren. Ihr Glaube ist nicht die Default-Variante, auch wenn sie in interkonfessionellen Diskussionen oft so behandelt wird.

Atheisten versuchen gerne, eine solche Beweispflicht für sich zu leugnen, und dann auch noch zu behaupten, der Theismus wäre eine so „außergewöhnliche“ Idee, dass sie nur ganz „außergewöhnliche“ Beweise akzeptieren würden, wobei sie unter „außergewöhnlich“ oft verstehen, was ihnen gerade passt, was beides trotz diverser Scheinargumente letzten Endes völlig unsinnig ist. (Ihr Problem ist natürlich auch, dass sie von Gott wie von einem übermächtigen Außerirdischen reden statt wie vom Urgrund allen Seins, weil sie oft nicht wissen oder gar nicht wissen wollen, woran religiöse Leute eigentlich glauben.)

 

2) Damit zusammenhängend: Eine Schwierigkeit ist kein Gegenbeweis. Es besteht z. B. auch eine Schwierigkeit dabei, zu erklären, wieso Licht sich wie eine Welle und wie Teilchen verhält, aber Wissenschaftler wissen, dass beides der Fall ist, und können dann darauf vertrauen, dass sich die Schwierigkeit irgendwie lösen lassen muss. Genauso kann man z. B. Schwierigkeiten damit haben, genau zu erklären, was es mit der Dreifaltigkeit auf sich hat, oder wieso Gott ein bestimmtes Leiden zulässt, aber das ist noch kein Beweis dagegen, dass Er existiert, dreifaltig ist, und Gründe hat, das Leiden zuzulassen.

 

3) Ein anderes Beispiel ist dieses „Ja, Christen haben / die Kirche hat so viele furchtbare Verbrechen begangen, aber sieh dir doch mal die Botschaft Jesu an!“. Manchmal nervt es schon sehr.

An der Aussage ist kein prinzipielles Problem; selbst wenn Christen die schlimmsten Verbrecher der Weltgeschichte wären, würde das das Christentum nicht falsch machen. Aber meistens basiert sie nicht auf einem wirklichen Wissen über die angeblichen Verbrechen der Christenheit und mehr auf dem vagen Gefühl, dass der Gegner schon Recht haben wird mit seinen selbstbewussten Behauptungen über christliche Verbrechen, die er aber vermutlich aus dem letzten Iny-Lorentz- oder Dan-Brown-Roman geklaubt hat.

Bevor man christliche Verbrechen „eingesteht“, erst mal nachprüfen, ob es sie gab! Das ist nicht nur eine Sache der strategisch klugen Argumentation, sondern auch der Wahrhaftigkeit, der Fairness gegenüber unseren Vorfahren. Wenn man gleich mal „zugibt“, dass die Christen des Mittelalters ja alle blutrünstige Monster waren, ist das eine irrwitzige Verleumdung, gegen die sie sich selber nicht mehr wehren können.

Es geht hier nicht nur um die klassischen Themen Kreuzzüge-Hexenverbrennung-Inquisition. Sicher, gerade da ist es nötig, sich ein bisschen Wissen anzulesen, damit man abspulen kann, inwiefern die Kreuzzüge als Verteidigung gegen die islamische Aggression entstanden; dass der Hexenwahn nicht ursprünglich von der Kirche ausging und nicht ins Mittelalter (sondern in die Frühe Neuzeit) fiel und es keineswegs „Millionen“ Opfer gab (wie die Nazis in Umlauf brachten), sondern 50.000-60.000, und die meisten davon in Deutschland, und Christen wie der Jesuit Friedrich Spee den Hexenwahn bekämpften; dass Inquisitionsverfahren nach klaren Regeln verliefen, die Folter selten vorkam, und viele Angeklagte frei kamen oder nur eine Bußstrafe erhielten, usw. usf. … und klarstellen kann, dass das Mittelalter eben kein blutrünstiger Albtraum, sondern weltgeschichtlich betrachtet eine ganz schöne Zeit war. (Hilfreich gerade für solche klassischen Themen sind übrigens z. B. die entsprechenden Bücher von Bordat, Hesemann, Stark, Zander, oder, anspruchsvoller, Angenendt.) Aber es gibt noch mehr Themen.

Ein Dauerbrenner ist z. B. das Thema Mission. In den Köpfen unzähliger Menschen steckt die vage Vorstellung, dass die christliche Mission in Amerika, Afrika, Asien irgendwie mit Zwang, Gewalt und Unterdrückung zu tun gehabt haben müsse. Tatsächlich ist das Quatsch. Es gab in eher seltenen Fällen Zwangstaufen in der Kirchengeschichte; man denke an die gelegentlichen mittelalterlichen Judenpogrome; aber Zwangstaufen sind aus sich heraus ungültig, wurden kirchlicherseits verurteilt, und spielten bei der neuzeitlichen Missionsarbeit auf anderen Kontinenten keine Rolle. Die Missionare wollten natürlich, dass die Menschen wirklich glaubten, und es gab z. B. auch festgelegte Mindestanforderungen, was das Glaubenswissen betraf, das ein Taufbewerber haben musste. Viele Säkularisten können sich offenbar einfach nicht vorstellen, dass Afrikaner oder Indianer tatsächlich vom Glauben angezogen werden konnten, aber das wurden sie nun mal. Wenn Ordensleute beharrlich von einem liebenden Gott predigten, und Schulen und Hospitäler bauten, Leprakranke pflegten und Arme speisten, hatte das nach und nach Erfolg. (Das sieht man z. B. auch heute in Indien, wo Christen die einzigen sind, die sich für Kastenlose usw. interessieren, und sich bedroht fühlende Hindu-Nationalisten deswegen schon Anti-Konversions-Gesetze machen müssen.) Dazu kam himmlische Hilfe: Z. B. bekehrten sich in Mexiko Millionen Azteken, nachdem einer der ersten aztekischen Konvertiten, der hl. Juan Diego, 1531 eine Marienerscheinung hatte, die ein wundersames Marienbildnis auf seinem Mantel hinterließ.

[Mission hing übrigens auch nicht immer mit Kolonialisierung zusammen; Missionare gingen in Länder, die keine Kolonien waren (z. B. nach Japan, wo die Jesuitenmissionare und die japanischen Konvertiten lange Zeit grausam verfolgt und später nur toleriert wurden), und Kolonialherren waren nicht immer freundlich gegenüber den Missionaren eingestellt (Frankreich war in seiner Hochphase als Kolonialmacht in Afrika im frühen 20. Jahrhundert ein aggressiv säkularistischer Staat, der im Mutterland sämtliche Kirchen enteignete; in der Frühen Neuzeit wollten Plantagenbesitzer in der Karibik keine Mission unter ihren aus Afrika importierten Sklaven, weil es als noch anrüchiger galt, Mitchristen als Sklaven zu halten als überhaupt Sklaven zu halten, weshalb dort auch synkretistische Kulte wie Voodoo entstanden). Das heißt nicht, dass es keine Zusammenhänge gegeben hätte (und, das nur nebenbei bemerkt, auch nicht, dass die Kolonialisten immer einfach nur böse waren; z. B. wäre ohne die Beharrlichkeit der Kolonialmächte England und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert bei der Bekämpfung des weltweiten Sklavenhandels Schwarzafrika vermutlich immer noch Sklavenlieferzone für die arabische Welt, wie es das über 1000 Jahre lang gewesen war; aber das nur am Rande). Aber Mission und Kolonialismus waren eben nicht einfach deckungsgleich; und Ordensleute, Abenteurer, Siedler, Forscher etc. reisten aus unterschiedlichen Gründen in ferne Kontinente; und gerade im 19., 20. Jahrhundert hatten die Missionierten in Afrika, Indien usw. übrigens auch oft eine große freie Auswahl zwischen den um sie konkurrierenden Missionaren verschiedener Kirchen. Wenn jemand ein bisschen Gespür für reale Geschichten von Missionaren und Missionierten bekommen will, ist übrigens dieser Blog mit Originalquellen ganz interessant.]

Oder das Thema Sklaverei: Auch hier herrscht irgendwie die Vorstellung, „früher“ hätte die Kirche sie für gut befunden und erst später dann verurteilt. Das ist falsch. Als problematisch und als etwas, das erst seit dem Sündenfall existiert, wurde sie immer gesehen, und es gab große Kontroversen um sie. Tatsache ist, dass die Kirche in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit nicht von jedem Christen verlangte, seine Sklaven freizulassen (auch wenn das als gutes Werk galt), solange er sie anständig behandelte, dass aber das Versklaven und der Sklavenhandel deutlich verurteilt wurden – wie das übrigens auch der Apostel Paulus hielt, der den entlaufenen Sklaven Onesiumus zu seinem Herrn Philemon zurückschickte (und ihm einen Brief mitgab, der ziemlich deutlich implizierte, dass Philemon ihn freilassen sollte), der aber auch in seinem ersten Brief an Timotheus „Menschenhändler“ zusammen mit „Vatermördern und Muttermördern, den Totschlägern, den Unzüchtigen, den Knabenschändern, […], den Lügnern, den Meineidigen“ zu den Ungerechten, Gottlosen, Unheiligen zählt (1 Tim 1,9f.). (Ab dem 18., 19. Jahrhundert gab es dann eine größere Bewegung für die generelle Abschaffung der Sklaverei unter Christen.)

So konnte z. B. auch Papst Gregor XVI. im Jahr 1839 in In supremo apostolatus fastigio schreiben: „Wir sehen, daß es zu Unserer Hirtensorge gehört, daß Wir Uns bemühen, die Gläubigen vom unmenschlichen Handel mit Negern oder irgendwelchen anderen Menschen völlig abzubringen. […] Freilich unterließen es mehrere Römische Bischöfe glorreichen Angedenkens, Unsere Vorgänger, nicht, in Ausübung ihres Amtes die Vorgehensweise von jenen als ihrem geistlichen Heile schädlich und für den christlichen Namen schmachvoll schwer zu tadeln; sie durchschauten, daß daraus auch jenes folge, daß die Völker der Ungläubigen mehr und mehr darin bestärkt würden, einen Haß auf unsere wahre Religion zu haben. […] Keiner soll es künftig wagen, Indianer, Neger oder andere derartige Menschen ungerecht zu quälen, ihrer Güter zu berauben, in die Sklaverei zu führen, anderen, die solches wider sie verüben, Hilfe oder Unterstützung zu leisten oder jenen unmenschlichen Handel auszuüben, in dem Neger, die, als ob sie keine Menschen, sondern bare und bloße Tiere wären, wie auch immer in die Sklaverei geführt wurden, ohne jede Unterscheidung entgegen den Geboten der Gerechtigkeit und Menschlichkeit gekauft, verkauft und dazu verdammt werden, die bisweilen härtesten Arbeiten zu erdulden.“ (Zitiert nach Denzinger-Hünermann 2745-2746)

Tatsächlich war es zu Gregors Zeit in Europa so normal, gegen die Sklaverei in den Kolonien (und den unabhängigen heidnischen Ländern wie Arabien und China) zu sein, wie es das heute ist, gegen Kinderarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Bangladesch zu sein.

Ein anderes interessantes (wenn auch nicht so schlimmes) Thema sind Ehen im jugendlichen Alter und von der Familie arrangierte Ehen (nicht gleich Zwangsehen). Auch hier herrscht die Vorstellung, bei gläubigen Christen wäre es früher Standard gewesen, 14- oder 15jährige Mädchen zu verheiraten, obwohl es das einfach nicht war. Tatsächlich gab es hierzulande das sog. „westeuropäische Heiratsmuster“, d. h. sowohl Männer als Frauen heirateten eher spät, nämlich erst, wenn sie einen eigenen Hausstand gründen konnten, und über 10% heirateten nie. (Ausnahmen gab es eher mal in Adel und Königsfamilien, wo früh taktische Bündnisse arrangiert wurden, und manchmal, nicht immer, wurde, wenn junge Mädchen unehelich schwanger wurden, schnell geheiratet. Und in Osteuropa wurde ein wenig früher geheiratet.) Frühe Ehen, mit 16 oder 18 zum Beispiel, waren nicht so verpönt wie heute, aber definitiv nicht Standard. Und für gewöhnlich lernten sich die Leute einfach selber kennen, gingen eine Zeitlang miteinander aus und heirateten dann, von Eltern oder gar Heiratsvermittlern wurde da wenig arrangiert; das sieht man ja schon, wenn man sich seine eigenen Urgroßeltern ansieht. Deutschland im 19. Jahrhundert war nicht wie die Türkei im 19. Jahrhundert.

Bild

(Netzfund. Quelle hier.)

Gut, ich bin jetzt ein bisschen in die Details der Themen geraten, die mich manchmal nerven. Und natürlich gibt es auch echte Verbrechen und Fehler von Christen, auch wenn sich die oft an anderen Stellen finden, als Säkularisten meinen. Worauf ich eigentlich hinauswollte, waren aber nicht nur Vorurteile über die angeblichen oder realen Fehler oder Verbrechen früherer Christen, sondern auch umgekehrt Unwissen oder Ignorieren der realen Fehler und Verbrechen moderner Religionsgegner.

Die unglaublichen Verbrechen der Kommunisten, die in schön atheistischer Manier (es rettet uns schließlich kein höheres Wesen, man muss sich also selbst behelfen, und Feindesliebe ist auch keinen Gedanken wert) jedes Mittel zur Erreichung ihres Ziels für gerechtfertigt hielten, ihre 100 Millionen Todesopfer im 20. Jahrhundert in der Sowjetunion, Osteuropa, China, Kambodscha usw., Gulags, Schauprozesse, Folter, Erschießungen, Mauertote verdienen durchaus Erwähnung, wo plötzlich wieder Leute blöd genug sind, unironisch nach Sozialismus zu rufen. Aber ihre sind ja nicht die einzigen säkularistischen Verbrechen. Die Französische Revolution begann schon unglaublich blutig, später hatte man z. B. die Katholikenverfolgungen in Mexiko in den 1920ern.

(Der sel. Miguel Pro, ein mexikanischer Priester, unmittelbar vor seiner Erschießung am 23. November 1927, also heute vor 92 Jahren. Gemeinfrei.)

Man könnte zum Beispiel sagen: „Die Römische Inquisition hat im Lauf von 200 Jahren genau 97 Menschen hingerichtet; die Spanische Inquisition im Lauf von 300 Jahren nach den höchsten Schätzungen 3000-5000. Die Erste Republik in Frankreich, also die Regierung, die durch die Französische Revolution an die Macht kam, hat innerhalb eines Jahres (während der ‚Schreckensherrschaft‘ 1793/94) um die 30.000-50.000 hingerichtet – sie war demnach allein darin 3000mal so schlimm wie die Spanische Inquisition, und oft waren es noch dazu schnelle Schauprozesse. Und diese Zahlen schließen die hunderttausenden Opfer des Völkermords in der Vendée noch nicht ein.“

Diese Opfer für „Freiheit und Demokratie“ beachtet man nicht so gerne. Aber bevor man davon redet, wie viele Leute im Namen Gottes umgebracht wurden, sollte man wirklich erst einmal erwähnen, wie viel mehr im Namen von Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Ähnlichem umgebracht wurden. Im Namen aller großen Ideale wurde schon Gewalt verübt, aber im Namen unseres Gottes doch vergleichsweise wenig, weil die christliche Religion auch immer nach Frieden, Mäßigung, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, und Liebe zu den erlösungsfähigen Feinden rief.

Auch andere historische Verbrechen der progressiven, kirchenfeindlichen Seite wie z. B. ihr Eintreten für Eugenik und „Rassenhygiene“ (in der Praxis hieß das, für die Zwangssterilisation von Behinderten und Kriminellen und Ähnliches) im frühen 20. Jahrhundert werden gerne vergessen.

Manche Leute bringen auch gerne Variationen von „sicher gibt es viele schlechte Christen, und viele gute Atheisten“ vor. An sich ist das eine Binsenweisheit. Aber manche Leute scheinen das im Sinne von „Ja, gut, bei uns sind etliche nur Fantatiker, Heuchler und böse, und bei euch alle ganz toll und nett und tolerant, das sehen wir schon auch ein, aber…“ wahrzunehmen, was nicht mehr so wahr wäre. Jeder, der in entsprechenden Kreisen unterwegs ist, wird wissen, dass überall die meisten Menschen (inklusive für gewöhnlich einem selber) durchschnittlich und oft ganz nett und manchmal nervig, manchmal hilfsbereit, manchmal überheblich, manchmal großartig sind, und man auch einige Idioten und Psychopathen findet und jede Gruppe ihre typischen Fehler hat, aber ich bewege mich ehrlich gesagt doch lieber unter Christen, wo die guten Anteile stärker zu sein scheinen und wenigstens das Ideal klar ist. Und ganz ehrlich: Was gibt es eigentlich für vorbildliche Atheisten, die es mit christlichen Heiligen aufnehmen können dabei, wie sie anderen Menschen geholfen haben? Wo ist die atheistische Mutter Teresa, wo ist der atheistische Damian de Veuster oder Maximilian Kolbe?

„Ich kann auch ohne Gott gut sein“, sagen Leute, die gleichzeitig kein Problem damit haben, dass es in Deutschland 100.000 Abtreibungen im Jahr gibt und Kinder mit durchschnittlich 11 oder 12 Jahren auf sadistische Internet-Pornographie stoßen, die oft genug von Opfern von Menschenhandel hergestellt wurde. Ja, danke auch, ich sehe, wie gut man ohne die Hilfe des Herrn im Endeffekt praktisch ist. Nicht alles, was theoretisch möglich wäre, wird in der Praxis was.

 

4) Noch ein möglicher Fehler: Manche Christen sind in vielen Debatten lieber mal freundlich, gehen von den Voraussetzungen des anderen aus, und versuchen ihm anhand von dem, was er schon glaubt, zu zeigen, wieso die christlichen Vorstellungen plausibel sind, oder zumindest seine eigenen Vorstellungen widersprüchlich. Auffällig ist das bei den Themen Abtreibung und Transgenderismus.

Sicher hilft es mal dabei, „Pro-Choicer“ (zumindest solche, die keine extremen Abtreibungsbefürworter sind) zum Nachdenken zu bringen, indem man deutlich macht, dass Abtreibung oft gerade nicht Entscheidungsfreiheit für Frauen bedeutet, weil viele Frauen vom Kindsvater, von der Familie oder anderen zur Abtreibung gedrängt werden, oder von denen keine Unterstützung bekommen, wenn sie nicht abtreiben wollen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, aus dem wir gegen Abtreibung sind. Der ist, dass es immer und unter allen Umständen falsch ist, einen unschuldigen Menschen direkt zu töten. Das wäre es auch, wenn die Mutter selbst unbedingt abtreiben wollte.

Diese Art der Argumentation kann eigentlich nur als Einstieg dienen. Jemand, der einem dabei vielleicht zustimmen und zu lamentieren beginnen würde, dass es wirklich noch immer keine echte Wahlfreiheit gäbe, würde dadurch noch nicht automatisch pro-life.

Überhaupt ist es beim Thema Abtreibung manchmal so, dass die Lebensrechtsbewegung ein bisschen, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, vorsichtig ist. Man wird selten z. B. die Forderung hören, Abtreibungsärzte ins Gefängnis zu stecken, einige Lebensschützer sehen das vielleicht selber gar nicht als ihre Forderung (oder denken nicht viel über so etwas nach, weil wir es auf absehbare Zeit eh nicht durchsetzen könnten). Aber eigentlich ist es genau die logische Folge aus unseren Überzeugungen. Abtreibungsärzte verdienen Geld damit, serienmäßig hilflose Kinder zu töten. Abtreibung hat wieder so undenkbar zu sein wie nachgeburtlicher Kindsmord, und dazu sind auch staatliche Strafen nötig; Kinder haben ein striktes Recht auf Leben, das geschützt werden muss. (Man kann m. E. darüber diskutieren, ob es Sinn macht, auch die Mutter zu bestrafen. Dagegen spräche evtl., dass Frauen, die sich bei einer selbst vorgenommenen Abtreibung verletzt haben, sich sonst nicht ins Krankenhaus trauen würden. Aber es ist nun einmal ein Verbrechen, das eigene Kind umzubringen, und man muss auch sehen, dass es für das Seelenheil der Betreffenden hilfreich ist, wenn sie das einsehen, was durch gesellschaftliche Ächtung der Tat unterstützt werden könnte. Man könnte freilich niedrigere Strafen für verzweifelte Mütter als für von ihnen profitierende Ärzte haben, Selbstanzeigen als strafmildernd zählen o. Ä., und müsste natürlich die Umstände im Einzelfall miteinbeziehen, wie das Gerichte aber ja auch bei anderen Verbrechen tun.)

Vielleicht ist es taktisch klug, nicht zu radikal aufzutreten, das kann durchaus sein, ich beanspruche hier nicht, genau zu wissen, was die beste Taktik ist; und es ist ja nicht unbedingt moralisch verpflichtend, mit solchen aus säkularistischer Sicht „radikalen“ Forderungen an die Öffentlichkeit zu gehen und sich Feinde zu schaffen, gerade, wenn man sie eh nicht durchsetzen kann. Aber andererseits: Linke (und auch manche rechte und mittige) Säkularisten hassen Lebensschützer ja eh. Die halten Leute, die sich für das Lebensrecht der Ungeborenen äußern oder gar beim Marsch für das Leben mitlaufen, sowieso für gefährliche Fanatiker, die vermutlich am liebsten Bomben in Abtreibungskliniken legen würden (was wir ja dann doch für falsch halten). Und wenn man als Lebensschützer dann, um unbedrohlich zu wirken, nur sagt „Es ist eine Tragödie, dass in einem reichen Land wie unserem jährlich hunderttausend Kinder abgetrieben werden. Willkommenskultur für Kinder!“, hat man keine praktischen Forderungen gestellt und erreicht dementsprechend grundsätzlich auch nichts Praktisches. Gut, vielleicht lässt sich die CDU so weit beeindrucken, dass sie der nächsten Aufweichung des Abtreibungsrechts erst ein halbes Jahr später zustimmt, als sie es sonst getan hätte, aber das war es auch schon. Wer radikale Forderungen stellt, bringt eher mal zumindest einen Teil davon durch, das sieht man bei den Grünen.

(Natürlich haben die Grünen die Medien für sich, und wir nicht, und ohne die erreicht man vermutlich gar nichts. Aber das wäre so oder so der Fall, unabängig von unserer Taktik.)

Ein anderes Thema ist der Transgenderismus. Es wird auf unserer Seite gerne auf extreme Fälle hingewiesen, wo Männer, die Frauen vergewaltigt oder getötet haben, in Frauengefängnisse überstellt werden, weil sie sich plötzlich als Transfrauen identifizieren. Oder auf die weniger extremen Fälle, wo „Transfrauen“ den weiblichen Sport dominieren, weil sie eine größere Muskelmasse und höhere Testosteronwerte haben. Oder auf die Fälle, wo Transpersonen selbst die Opfer sind – wo schon Kindern und Jugendlichen Hormone gegeben werden und sie bleibend unfruchtbar gemacht und schließlich verstümmelt werden, weil sie in sehr kurzer Zeit die Vorstellung entwickeln, zum anderen Geschlecht zu gehören (Rapid Onset Gender Dysphoria), oder wo Transpersonen ihre Geschlechtsumwandlung bereuen, sich auch nach ihrer OP nirgends wirklich zugehörig fühlen (logisch, männliche Geschlechtsteile abzuschneiden und eine künstliche Wunde zwischen den Beinen zu schaffen macht einen Mann nicht zur Frau und lässt die meisten anderen Männer ihn nicht als für eine Beziehung infrage kommende Frau anerkennen) und wegen ihrer Identitätsprobleme Selbstmord begehen, oder wo besagte OP schlimme medizinische Folgen hat, was gar nicht so selten der Fall ist.

Und es ist ja auch richtig und nötig, darauf hinzuweisen, zu welchen extremen Konsequenzen der Transgenderismus führt. Aber wir sind vom Prinzip her nicht nur deswegen dagegen. Wir sind nicht nur dagegen, dass Kinder oder Leute, die sich plötzlich als transgender fühlen und keine Zeit für tiefe Überlegungen hatten, sich als zum anderen Geschlecht zugehörig erklären und es plötzlich ein Hassverbrechen ist, sie mit dem richtigen Pronomen zu bezeichnen und Ärzte, die sich dem Prinzip „primum non nocere“ verpflichtet haben, sie verstümmeln. Wir sind immer dagegen, weil jemand, der ein Y-Chromosom und einen männlichen Körper hat und prinzipiell vom Körperaufbau her Kinder zeugen könnte, nun mal ein Mann ist, und jemand, der kein Y-Chromosom und einen weiblichen Körper hat und prinzipiell vom Körperaufbau her Kinder empfangen könnte, nun mal eine Frau ist,  und man nicht lügen darf.* Es ist ein schlimmes Leiden, wenn jemand sich einfach nicht zu seinem Geschlecht zugehörig fühlen kann, aber wenn er sich anlügt, macht das die Situation nicht besser. Es hilft auch nicht, einer Magersüchtigen zu sagen, ja, klar, wenn sie sich so fühle, sei sie zu dick, und bei ihr eine Fettabsaugung zu machen.

In eine ähnliche Richtung geht es, wenn Christen gegenüber antichristlich eingestellten Gruppen, die gesellschaftlich angesehen sind, betonen, wie viele Gemeinsamkeiten man habe; z. B. bei den Grünen, die ja für Abtreibung on demand und dergleichen sind. Ihnen gegenüber redet man auch oft nur davon, wie toll doch die „Bewahrung der Schöpfung“ sei (was ja nicht falsch ist), und sagt wenig dazu, wie verzerrt die grünen Vorstellungen dazu, was das beinhaltet, oft sind (z. B., dass man wegen „Überbevölkerung“ keine Kinder bekommen solle, oder das Essen von tierischen Produkten unmoralisch wäre).

Sicher, es ist oft gut, bei dem Guten anzusetzen,  das jemand schon erkannt hat, aber es ist auch gut, wenn der dafür bereit ist, eigene Voraussetzungen und Alternativen zu erklären, an die er vielleicht bisher nicht gedacht hat.

Wenn man nur zeigen will, dass Christen die „besseren Grünen“ oder „wahren Feministen“ sind (und dabei vielleicht nicht allzu überzeugend ist, weil beim Ökologismus und Feminismus, wie sie praktisch in der Moderne existieren, eben einige schwerwiegende grundsätzliche Denkfehler drin sind, auch wenn nicht alle ihre Ideen und Schlussfolgerungen falsch sind, und die Kirche deswegen nie so ganz mit beiden konnte, was sehr wohl bekannt ist), kann es sein, dass der andere sich herablassend denkt, schön und gut, dass die sich an uns ranschmeißen wollen, ich bleib trotzdem beim Original, diese zusätzliche Religionsdeko brauche ich nicht.

Und sowieso ist es oft nicht sinnvoll, in den verkehrten Begriffen und Kategorien der Gegenseite zu denken. Wir haben eigene Kategorien und müssen unsere Inhalte nicht in ein falsches Korsett zu pressen versuchen.

Wir sollten bei allen Themen zum eigentlichen Kern kommen.

(Und natürlich auf logische Fehlschlüsse beim Gegner (oder einem selbst) aufpassen, und darauf, ob er von diesem eigentlichen Kern ablenkt.)

 

5) Ein anderer Fehler könnte es sein, unterschwellig davon auszugehen, dass wir auf verlorenem Posten kämpfen würden und die Zeit sich eh nicht zurückdrehen ließe. Vielleicht ist das irdisch gesehen so; und kämpfend unterzugehen, bevor am Ende der Herr wiederkommt und alles gut macht, wäre keine Schande. Aber vielleicht ist es zumindest langfristig, oder bei Einzelthemen evtl. sogar kurz- und mittelfristig, auch nicht so. Es gab in der Geschichte alle möglichen Trends, die wieder umgekehrt wurden. In den 70er-Jahren war es eine sehr einflussreiche Mode in progressiven Kreisen, Pädophilie gutzuheißen (oder sexuelle Befreiung der Kinder, wie man das dann nannte). Und man kann auch viel langlebigere Entwicklungen nennen, die dann doch wieder umgekehrt wurden. Die Reconquista war mühsam und langwierig, aber erfolgreich, ebenso wie die Befreiung Osteuropas und Griechenlands von den türkischen Besatzern, oder die Irlands von den englischen.

 

Ein paar weitere Ideen für Diskussionen:

 

6) Bevor man seinen Glauben verteidigt, muss man ihn gut kennen. Was lehrt die Kirche z. B. wirklich über Gottesbeweise? Darüber, wofür man in die Hölle kommt und was die Hölle ist? Usw. Man kann sich ruhig genug Zeit nehmen, sich hier einzulesen. Selbst relativ gute Katholiken kennen sich nicht bei allen Themen gut mit der traditionellen Kirchenlehre aus. Das ist ja nicht arg tragisch, aber eben kontraproduktiv, wenn man sich verteidigen muss.

 

7) Man kann ruhig mal versuchen, das Overton-Window, also den Bereich des Sagbaren, ein gutes Stück weit zu erweitern. Man muss nicht ständig unnötigerweise schockieren – aber ein bisschen schockieren hilft ab und zu. Vielleicht mal nur ein wenig, passend dosiert, damit jemand nicht komplett mit Unverständnis vor einem steht, aber doch ein wenig, damit er merkt, dass man manche Dinge eben doch sagen kann. (Z. B. so was wie „natürlich denke ich, dass meine Religion richtig und andere falsch sind“. Danach kann man ja geduldig erklären, wieso man das denkt.)

 

8) Klarheit über alles! In dem, was man sagt, sollte man klar und eindeutig sein. Schlagworte sind nicht per se schlecht, aber dann müssen es Schlagworte sein, die passen, kein vages Gelaber, wie man das in der Politik so hat („Wir sind für Offenheit und Demokratie.“ Ürgs.). Oh, und: Man muss nicht immer alles sagen, was man sich so denkt – aber in dem, was man sagt, muss man wahrhaftig sein. Immer.

 

9) Man redet oft nicht nur für den direkten Gegner, sondern auch für Mithörende/-lesende. Klar, die können sich mal denken „Was für eine Idiotin“, aber vielleicht denken sie sich auch mal „ganz unrecht hat sie nicht“ oder „ich bin froh, dass sie das gesagt hat, ich denke eigentlich dasselbe“.

 

10) Man braucht sich nicht zu entschuldigen, wenn man weiß, dass man nichts falsch gemacht hat. Das hat Jesus auch nicht getan. Und es bringt nichts, vor dem Gegner zu kriechen.

(„Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.Jesus antwortete ihm: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen. Nichts habe ich im Geheimen gesprochen. Warum fragst du mich? Frag doch die, die gehört haben, was ich zu ihnen gesagt habe; siehe, sie wissen, was ich geredet habe. Als er dies sagte, schlug einer von den Dienern, der dabeistand, Jesus ins Gesicht und sagte: Antwortest du so dem Hohepriester? Jesus entgegnete ihm: Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ (Joh 18,19-23))

 

11) Das betrifft nicht so sehr Diskussionen als vielmehr den Alltag generell: Selbstbewusst sein. Wenn man etwas aus Gewissensgründen nicht tun kann, dann tut man es nicht. Man darf Ausnahmen verlangen. Hier können wir vielleicht von den Muslimen lernen, die ja auch oft einfach nicht mitmachen, wenn es kein halal-Essen gibt oder jemand ihnen Kopftücher verbieten will.

Sicher; man muss keinen unnötigen Zirkus veranstalten und Leuten auf den Geist gehen, wenn es nicht um Gewissensfälle geht. Aber wenn doch, muss man sich nicht dafür entschuldigen. Mutig sein (und um Mut beten) ist da besser.

 

12) Unnötiges „Ich bin nicht so wie andere erzreligiöse Leute, ich bin auch ganz normal“ sollte man eher vermeiden. Die Einstellung ist toxisch und überheblich gegenüber den Geschwistern in Christo, und gleichzeitig eine unnötige Unterwerfung gegenüber der Welt. (Nichts gegens Normalsein, solange es gegen kein Gebot verstößt. Normalsein ist völlig in Ordnung.) Manchmal muss man sich von bestimmten Mitkatholiken abgrenzen, klar, aber das sind dann bestimmte Einzelsituationen, da braucht es keine so allgemeinen Disclaimer. Und der eigentliche Gegner ist nicht der orthodoxe Mitkatholik, der es irgendwo übertreibt.

 

13) Öfter mal muss man daran denken, dass jemand etwas, das für einen selbstverständlich ist, oder vielleicht auch an sich offensichtlich ist, noch nie so gehört haben könnte, und deswegen die gegnerischen Schlagworte intus hat. Ich denke auch an so einfache offensichtliche Argumente wie „Kein Priester wird gezwungen, zölibatär zu leben, er entscheidet sich selbst fürs Priestertum“. Oder, weniger offensichtlich, „bei der alten Messe steht nicht der Priester mit dem Rücken zum Volk, Volk und Priester schauen gemeinsam in eine Richtung, auf Gott“. Manche Standardargumente, die man selber schon in- und auswendig kennt, muss man öfter mal wiederholen.

 

* Intersexualität spielt hier erstens keine Rolle; Transpersonen sind für gewöhnlich körperlich klar männlich oder weiblich und keine Intersexuellen. Zweitens ist die Tatsache, dass es zu Fehlentwicklungen bei der Ausprägung der Geschlechtsmerkmale kommen kann oder manche Menschen körperliche Merkmale beider Geschlechter haben (also Intersexualität), genauso wenig ein Argument dagegen, dass die Zweigeschlechtlichkeit der normale Zustand des Menschen ist, wie die Existenz siamesischer Zwillinge ein Argument dagegen ist, dass normalerweise jeder Mensch genau einen eigenen, von anderen Menschen getrennten Körper hat. Und Intersexualität ist ja auch für die Betroffenen nichts Schönes, sondern eben eine Störung. (Auch wenn einige Intersexuelle den Begriff der Störung ablehnen, weil sie ihn abwertend finden. Aber wenn ich sage, dass meine psychische Störung eine psychische Störung ist, werte ich mich ja auch nicht ab. Und es ist ja Tatsache, dass wohl kaum jemand sich die Ambiguität der Intersexualität selbst aussuchen würde, und es genießt, intersexuell zu sein.)

Über schwierige Heilige: Der sel. Pius IX. und der Mortara-Fall

(Grundsätzliches zu „schwierigen“ Heiligen hier; hier und hier die anderen beiden Teile zu speziellen „schwierigen“ Heiligen.)

Heute zum (voraussichtlich) letzten problematischen Heiligen, den ich anschauen will – d. h. diesmal nur zu einem Seligen. Nicht nur mit Pius V., sondern auch mit einem seiner gleichnamigen Nachfolger haben manche Probleme, nämlich mit dem sel. Pius IX.; u. a. wegen der Angelegenheit um Edgardo Mortara, wegen der insbesondere jüdische Gruppen gegen seine Seligsprechung im Jahr 2000 protestierten.

Pius IX., der von 1846 bis 1878 regierte, war ein Papst, der zuerst als moderat liberal bekannt war, dann aber, als er einen deutlicheren Eindruck vom Liberalismus hatte (genauer: als 1848/49 im Kirchenstaat ein gewaltsamer Putschversuch der italienischen Nationalliberalen unternommen wurde und er zeitweise aus Rom fliehen musste), in eine sehr konservative Richtung umschwenkte. Er war der letzte Papst, der als weltlicher Herrscher über den Kirchenstaat regierte; in seine Zeit fiel nicht nur dieser niedergeschlagene Putschversuch, sondern auch zwei Jahrzehnte später die gewaltsame Eroberung Roms durch das Königreich Piedmont im Herbst 1870. Von ihm stammt der berühmte Syllabus Errorum, eine zusammenfassende Verurteilung vieler moderner Ideologien. Unter ihm fand das 1. Vatikanische Konzil statt, das 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes auch ohne Konzil (bei der Verkündigung von Dogmen natürlich, nicht bei allem, was er sagt, auch wenn manche Nichtkatholiken das nicht wissen) zum Dogma erklärte; und schon 1854 erklärte er die Unbefleckte Empfängnis Mariens (also ihre Freiheit von der Erbsünde von Beginn ihres Lebens, d. h. ihrer Empfängnis, an; hier ist nicht die jungfräuliche Empfängnis Jesu gemeint) zum Dogma. Er legte sich im Kulturkampf der 1870er mit dem deutschen Reichskanzler Bismarck an, der sich daran machte, die Kirche, die er als Feindin der deutschen Nation sah, zu bekämpfen und z. B. Ordensleute ausweisen und Priester für politische Predigten einsperren ließ. Für Pius IX. war klar: Keine Kompromisse mit Nationalliberalen und Protestanten, kein Einknicken vor der Welt.

Unter Katholiken war er sehr beliebt, und als gütiger und heiligmäßiger Papst bekannt. Aber sogar die antiklerikale deutsche Zeitschrift „Die Gartenlaube“ schrieb 1867 über ihn: „Was man ihm sonst auch vorwerfen möge, so lassen sich ihm doch die mildesten echt christlichen Tugenden mit der würdevollsten Einfachheit verbunden, nicht abstreiten, die ihn im Verein mit vielem Unglück zu einer wirkliche Theilnahme erweckenden Erscheinung machen.“ (Diese Zeitschrift war so antiklerikal, dass sie im selben Artikel munkelte, dass die Kirche quasi am Ende und Pius IX. „aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte Nachfolger Petri auf dem apostolischen Stuhle sein dürfte“.)

(Pius IX. Gemeinfrei.)

Sein Antiliberalismus ist eigentlich genug, um ihn bei vielen unbeliebt zu machen, zumindest bei Nichtkatholiken; aber nun, wie gesagt, noch zum Mortara-Fall, einer Sorgerechtsangelegenheit aus den 1850ern, die damals für einen großen Skandal sorgte und heute noch so bekannt ist, dass Steven Spielberg einen Film dazu plant. Erst einmal möglichst ausführlich die Fakten des Falls; weitere Kommentare dann unten.

Edgardo Levi Mortara war ein jüdischer Junge aus Bologna, das, als er dort am 21. August 1851 geboren wurde, noch zum Kirchenstaat gehörte; seine Eltern Salomone und Marianna Mortara, deren neuntes Kind er war, besaßen ein kleines Geschäft. Sie hatten eine katholische Dienstmagd namens Anna Morisi eingestellt, und als er etwas über ein Jahr alt  war, erkrankte Edgardo schwer und stand kurz vor dem Tod, weshalb Anna ihn, als seine Eltern gerade nicht im Zimmer waren, heimlich taufte, damit er nicht ungetauft starb. Völlig überraschend erholte Edgardo sich wieder.

Taufen kleiner Kinder gegen den Willen der Eltern waren (und sind) kirchenrechtlich an sich zwar gültig, aber immer unerlaubt gewesen – außer in Todesgefahr, dann sind sie auch erlaubt. (Auf Taufen von Kindern, die nicht in Todesgefahr waren, gegen den Willen der Eltern standen im Kirchenstaat früher übrigens auch staatliche Strafen; im 16. Jahrhundert jedenfalls hieß es hohe Geldstrafe oder Galeere; wie es im 19. Jahrhundert aussah, weiß ich allerdings nicht.) Der Kirchenstaat hatte außerdem ein Gesetz, das Juden eigentlich verbot, katholische Dienstboten einzustellen, das genau solche Situationen wie Edgardos verhindern sollte. Heutzutage heißt es im Kirchenrecht, sprich im CIC von 1983:

Can. 868 — § 1. Damit ein Kind erlaubt getauft wird, ist erforderlich:

1° die Eltern oder wenigstens ein Elternteil bzw. wer rechtmäßig ihre Stelle einnimmt, müssen zustimmen;

2° es muß die, begründete Hoffnung bestehen, daß das Kind in der katholischen Religion erzogen wird; wenn diese Hoffnung völlig fehlt, ist die Taufe gemäß den Vorschriften des Partikularrechts aufzuschieben; dabei sind die Eltern auf den Grund hinzuweisen:

„Can. 868 — § 2. In Todesgefahr wird ein Kind katholischer, ja sogar auch nichtkatholischer Eltern auch gegen den Willen der Eltern erlaubt getauft.“

Anna Morisi hielt die Taufe zuerst geheim. Ein paar Jahre später erkrankte Edgardos kleiner Bruder Aristide ebenfalls, und als Freundinnen ihr sagten, sie solle Aristide doch die Nottaufe spenden, weigerte sie sich und erklärte, dass sie nicht wollte, dass sich ein Fall wie Edgardos wiederholte. (Aristide starb; ungetauft.) Ihre erschrockenen Freundinnen rieten ihr, ihrem Beichtvater davon zu erzählen, dass Edgardo getauft war, statt es weiter geheim zu halten, was Anna tat, und mit ihrem Einverständnis wandte er sich an die Autoritäten im Kirchenstaat. Der Fall wurde nach Rom gemeldet, und zuerst vergingen ein paar Monate, in denen nachgeforscht wurde, ob die Taufe sicher gültig gewesen war.

Als die Gültigkeit feststand, war für Pius IX. (der sich mit dem Fall persönlich befasste) klar, dass Edgardo christlich erzogen werden musste. Getauft war getauft, ein getauftes Kind gehörte Gott, war ein Mitglied der Kirche, hatte das Recht auf eine christliche Erziehung, und die Kirche war für es verantwortlich – so sah der Papst es. Laut den Gesetzen des Kirchenstaats durften christliche Kinder nicht von Nichtchristen erzogen werden.

Dass die Kirche eine gewisse Verantwortung gegenüber allen Getauften hat, eine katholische Erziehung, wenn möglich, zu vermitteln, gilt übrigens auch heute; noch mal der CIC:

„Can. 217 — Da ja die Gläubigen durch, die Taufe zu einem Leben nach der Lehre des Evangeliums berufen sind, haben sie das Recht auf eine christliche Erziehung, durch die sie in angemessener Weise zur Erlangung der Reife der menschlichen Person und zugleich zur Erkenntnis des Heilsgeheimnisses und zu einem Leben danach angeleitet werden.“

Und:

„Can. 794 — § 1. In besonderer Weise kommt der Kirche Pflicht und Recht zur Erziehung zu; denn ihr ist es von Gott aufgetragen, den Menschen zu helfen, daß sie zur Fülle des christlichen Lebens zu gelangen vermögen.

§ 2. Pflicht der Seelsorger ist es, alles zu tun, damit alle Gläubigen eine katholische Erziehung erhalten.“

Ein gewisser Pater Feletti, der in Bologna zuständig war, ging mehrmals zu Edgardos Eltern und berichtete ihnen von Edgardos Taufe; er schlug ihnen (wie es die Anweisung von Pius IX. war) vor, ihren Sohn auf päpstliche Kosten in ein katholisches Internat in Bologna zu geben, wo er bis zu seiner Volljährigkeit christlich erzogen werden würde, sie ihn aber jederzeit besuchen könnten. Seine Eltern waren am Boden zerstört und weigerten sich, Edgardo in eine christliche Schule zu geben; nachvollziehbarerweise; sie waren schließlich fromme Juden. Erneut auf Anweisung aus Rom informierte Pater Feletti sie, dass die Kirche auf jeden Fall für eine christliche Erziehung Edgardos sorgen würde; allerdings gaben sie weiter nicht nach. Im Juni 1858 – Edgardo war noch nicht ganz sieben Jahre alt – gab Pius IX. deshalb Anweisung, ihn aus seiner Familie zu holen und nach Rom zu bringen.

Edgardo hat sich später öfter über seine Geschichte geäußert (die hier verwendeten Zitate wurden von mir aus englischen Übersetzungen weiter ins Deutsche übersetzt; es kann also sein, dass sie an einzelnen Stellen nicht so akkurat sind, wie es ideal wäre); in einer Aussage berichtet er über sein Eintreffen in Rom (später komme ich noch auf andere Äußerungen zu der Trennung direkt):

„Die Beamten brachten mich nach Rom und präsentierten mich Seiner Heiligkeit Pius IX., der mich mit großer Freundlichkeit empfing und sich zu meinem Adoptivvater erklärte, was er wirklich war, indem er sogar für meine Ausbildung sorgte und meine Zukunft sicherte. Er vertraute mich dem Domherrn Enrico Sarra an, dem Rektor des Instituts der Neophyten [Neugetauften] von St. Maria von den Bergen, geleitet von den Töchtern des Heiligen Herzens. [Das war ein Institut, in dem konvertierte Juden aufgenommen wurden.]

Ein paar Tage nach meiner Ankunft in Rom erhielt ich religiöse Unterweisung, und die Taufzeremonien wurden von Cardinal Ferretti vervollständigt, einem Neffen Seiner Heiligkeit. Das führte einige in einen historischen Fehler: dass ich nach der Trennung von meiner Familie in Rom getauft worden wäre – wie von De Cesare in einem seiner Werke erzählt.“

Edgardo berichtet, wie er seine Eltern das nächste Mal sah:

„Acht Tage später erschienen meine Eltern beim Institut der Neophyten, um die komplexen Prozeduren in die Wege zu leiten, mich zurück in die Familie zu holen. Da sie völlige Freiheit besaßen, mich zu sehen und mit mir zu sprechen, blieben sie einen Monat lang in Rom und kamen mich jeden Tag besuchen. Es ist nicht nötig, zu erwähnen, dass sie mit allen Mitteln versuchten, mich zurückzubekommen – Umarmungen, Tränen, Bitten und Versprechen. Trotz all dessen zeigte ich nie den geringsten Wunsch, zu meiner Familie zurückzukehren, eine Tatsache, die ich selbst nicht verstehe, außer wenn ich auf die Macht der übernatürlichen Gnade schaue.

An dieser Stelle will ich eine Geschichte erzählen, die die Macht dieser Gnade zeigt. Nachdem ich in Alatri [einer Kleinstadt bei Rom, wo Edgardo in dieser Zeit eine kurze Zeit verbrachte] dem Domherrn Vincenzo Sarra (in dessen Haus ich übernachtete) bei der Messe gedient hatte, erschienen meine Eltern plötzlich an der Tür, als ich mit dem Priester zur Sakristei zurückkehrte. Anstatt mich in ihre Arme zu werfen, wie es natürlich gewesen wäre, trat ich zurück, sehr überrascht, und versteckte mich unter der Kasel des Priesters. Wegen dieses Ereignisses gerieten die Leute von Alatri in Wut über meine Eltern, und der Bischof hielt es für das Beste, mich acht Tage lang in seinem Palast zu beherbergen, auch, um eine Entführung durch meine Eltern zu verhindern. Sie überzeugten sich von der Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen und hielten es für vernünftiger, nach Bologna zurückzukehren.“

Über sein Verhältnis zu Pius IX. sagt er:

„Der Heilige Vater Pius IX. wollte, wie ich ihn sagen hörte, mich den Jesuiten anvertrauen, und mich in die Schule für den Adel geben, aber nachdem er sich den Fall besser überlegt hatte, gab er mich in die Schule von St. Peter in den Ketten auf dem Esquilinischen Hügel, geleitet von den Augustiner-Chorherren vom Lateran, um der säkularen Presse keinen Vorwand zur Kontroverse zu liefern. [Der Kommentar zu den Jesuiten bezieht sich darauf, dass dieser Orden als Inbegriff des papsttreuen Katholizismus galt und unter Kirchenfeinden und Nichtkatholiken unzählige Verschwörungstheorien über ihn im Umlauf waren.] Ich wurde von Rektor Sarra am 8. Dezember 1858 dorthin gebracht. Ich wurde seiner Heiligkeit dann bei den Weihnachtsfeierlichkeiten präsentiert, wie es danach jedes Mal getan wurde, da es meine Pflicht war, dem Pontifex den kindlichsten Dank zu sagen für die Geschenke, die er mir regelmäßig schickte, und für die vielen offenen Zeichen väterlicher Güte.

Jeden Monat schickte er einen päpstlichen Angestellten, um die Summe von dreißig Scudos für meinen Unterhalt abzuliefern. Er zeigte mir immer die väterlichsten Beweise der Zuneigung, gab mir weise und nützliche Lektionen, und, wobei er mich zärtlich segnete, sagte mir oft, dass ich ihn viele Schmerzen und Tränen gekostet hatte. Wenn er mich auf einem Gang traf, rief er mich. Wie ein guter Vater spielte er auch mit mir, versteckte mich unter seinem großen roten Umhang, und fragte dann im Scherz, wo der Junge war. Dann nahm er den Umhang weg und zeigte mich den Umstehenden. ‚Da ist er ja!‘ […]

Einmal zeigte ich Seiner Heiligkeit meine Gefühle der kindlichen Ergebenheit mit einer Dichtung, und Pius IX. erinnerte an den berühmten Vorfall mit mir mit energischen und bewegenden Worten. ‚Mein Sohn‘, sagte er, ‚du bist mir sehr lieb, und ich habe viel für dich gelitten.‘

Dann, wobei er sich zu den Leuten um ihn umwandte, fügte er diese exakten Worte hinzu: ‚Die Großen und Geringen wollten mir dieses Kind nehmen, und beschuldigten mich, barbarisch und erbarmungslos zu sein. Sie klagen um seine Eltern und bedenken nicht, dass ich auch ein Vater bin. Keiner fühlt mit mir in der Mitte meiner schmerzhaften Prüfungen, während sie in Russland so viele meiner geliebten Kinder entführen (meine lieben Polen).‘ Er schloss: ‚Ich hatte das Recht und die Pflicht, das zu tun, was ich für diesen Jungen getan habe, und wenn es nötig wäre, würde ich es wieder tun.‘

Ich erinnere mich an eine sehr charakteristische Begrüßung durch den Diener Gottes [d. h. Pius IX., der zu dieser Zeit den Titel „Diener Gottes“ trug, und noch kein Seliger war]. Als er mich mit meinen Freunden knien sah, sagte er, lächelnd: ‚Zu Ihren Diensten, Mortara.‘ Und es war ein wirklicher Dienst, der mir von diesem Mann erwiesen wurde, der sich offiziell ‚Servus servorum Dei‘ [Diener der Diener Gottes, ein päpstlicher Titel] nannte.

Pius IX. hatte immer das Interesse eines Vaters an meinem Fortschritt in der Frömmigkeit und dem Unterricht. Ich habe bereits erwähnt, dass er es nie versäumte, mir sehr nützliche Lektionen zu geben, jedes Mal, wenn ich ihm präsentiert wurde. Als ich ein junger Schüler war, war er eines Tages erfreut darüber, dass ich einige Passagen aus dem Italienischen ins Lateinische und umgekehrt übersetzte. Er billigte meine Entscheidung, in den Orden der Augustinerchorherren vom Lateran einzutreten, als ich noch ziemlich jung war, und erlaubte mir gerne, seinen Namen anzunehmen. ‚Wir hoffen‘, sagte er zum Generaldirektor des Ordens, ‚dass wir einen weiteren Pater Pio haben werden‘. (Er bezog sich auf den Passionisten Pater Pio, der ein paar Jahre zuvor im Ruf der Heiligkeit gestorben war.) Als ich ihm präsentiert wurde, nachdem ich die zeitlichen Gelübde abgelegt hatte, erinnerte er mich daran, dass der hl. Franz von Sales Klöster mit Hospitälern verglichen hatte, in denen es drei Klassen von Personen gibt: die Kranken, die Genesenden und die Gesunden. Er ermutigte mich, zur dritten Klasse zu gehören.

Er sagt hier auch mehr über die enormen diplomatischen Schwierigkeiten, die Pius IX. wegen seinem Fall bekam, und den großen Skandal, für den er in Europa und darüber hinaus sorgte:

„In der Zwischenzeit wurde in den Medien in Europa, und man könnte sagen, in der ganzen Welt, ein großer Schrei erhoben über die Entführung des Knaben Mortara, die so berühmt wurde wie der ‚Raub der Sabinerinnen‘. In kleinen Gruppen, in Dörfern und Cafés redete niemand über etwas anderes, und schließlich kam im königlichen Theater von Paris eine Tragödie auf die Bühne mit dem Titel ‚Le petit Mortara‘ [Der kleine Mortara]. Die jüdische Gemeinde von Alessandria (Piedmont) appellierte an alle Synagogen der Welt und organisierte eine regelrechte Kampagne gegen den Papst und die römische Kirche, und wandte sich an die staatlichen Mächte und bat sie, diplomatisch zu intervenieren und Einspruch zu erheben. Tatsächlich wurden Protestnoten geschickt; die heftige und leidenschaftliche Kontroverse, die alle Feinde des Papsttums und der römischen Kirche vereinte, hielt sechs Monate an.

Es bestand allerdings kein Mangel an tapferen Seelen im katholischen Lager, die den hochherzigen Pius IX. mit heroischem Mut und bewundernswerter Standhaftigkeit verteidigten – er selbst sagte in der Mitte dieses wütenden Sturms dass er, wie unser göttlicher Erlöser, ruhig schlief: ‚Ipse vero dormiebat.‘ […]

Was ich zum Verhältnis Pius‘ IX. zu den Regierungen sagen kann, ist, dass Pius IX., als er die Tatsache meiner Trennung von meiner Familie publik machte, sich in sehr ernste diplomatische und offizielle Probleme mit Frankreich verwickelt fand (s. ‚Les mélanges‘ von Luigi Veuillot, aus dem ich selbst davon erfuhr).

Zur Bestätigung dessen, was ich sage, kann ich die Worte hinzufügen, die ich von den Lippen General Latours, eines hohen Staatsbeamten Napoleons III., hörte. Ich fragte ihn: ‚Wie drückte sich der Kaiser über meinen Fall aus?‘

Er erzählte mir, dass der Kaiser sagte: ‚Wie ist das möglich? Ich habe meine Soldaten in Rom, und er tut mir solche ‚bêtises‘ [Dummheiten] an.‘ [Frankreich war damals militärische Schutzmacht des Kirchenstaates, auch wenn Napoleon III. kein großer Kirchenfreund war und den Papst letztendlich im Stich ließ.]

Wie der gefeierte Kontroversialist Veuillot sagte, wobei er auf diese Probleme Bezug nahm: ‚Der Fall des kleinen Mortara war wie ein Schuss, der abgegeben wurde, um für Konflikt zu sorgen, und ein nicht gerade ehrlicher Vorwand, um die Entwicklung der römischen Frage zu beschleunigen.‘ Der Syllogismus war tatsächlich offensichtlich: Der Mortara-Fall wäre nicht geschehen ohne die weltliche Macht [des Papstes]; darum ist es nötig, diese Macht abzuschaffen. Das war dem Pontifex wohlbekannt, und es resultierte in respektlosen an ihn gerichteten Scheltworten und Drohungen. Trotz dessen blieb er fest und beständig, und wiederholte gelegentlich sein hehres ’non possumus‘ [wir können nicht], vor dem alle menschliche Macht schwand.

Am Ende war das das Dilemma: ‚Bring den Jungen zurück oder wir können nicht für die Sicherheit des Papstes in seinem Staat garantieren.‘ Ich weiß, dass er einmal rief, dass ihn nicht einmal alle Bajonette der Welt zwingen könnten, den Jungen zurückzubringen.

Im Jahr 1870 eroberten, wie oben schon erwähnt, die Truppen des Königreiches Piedmont den letzten Rest des Kirchenstaats (einen Teil hatten sie schon vorher kassiert) und annektierten ihn, und Pater Pio Maria Mortara schreibt über diese Zeit:

Die väterliche Sorge des Heiligen Vaters offenbarte sich besonders bei der Gelegenheit der politischen Ereignisse des Jahres 1870. Nachdem die piedmontesischen Truppen in diesen Tagen der Anarchie, die der Formierung der neuen Regierung vorangingen, in Rom eingezogen waren, wandte sich ein Mob, den die Polizei unfähig war zu kontrollieren, Richtung St. Peter in den Ketten, um mich zu entführen, nachdem sie schon den Neophyten Coen aus der Schule der Piaristen entrissen hatten. Allerdings erfolgte das glücklicherweise nicht. Pius IX., besorgt über mein Schicksal, fragte mehrere Male, ob ich aus Rom heraus gebracht worden war. Als er dann über meine Flucht informiert wurde, sagte er diese exakten Worte: ‚Wir danken dem Herrn, dass Mortara geflohen ist.‘

Der Segen Pius‘ IX. begleitete mich bei allem. Vor allem gab er mir die Kraft und den Mut, mich nicht den Appellen und Drohungen der liberalen Autoritäten zu beugen, die mich zwingen wollten, trotz meiner Ordensgelübde, zu meiner Familie zurückzukehren, der Gefahr ausgesetzt, eidbrüchig oder sogar zum Apostaten zu werden. Tatsächlich kam Herr Berti, der Polizeipräfekt, zu St. Peter in den Ketten, schalt mich und bat mich, die Öffentlichkeit zufriedenzustellen, die verärgert war über die ‚Exzesse der theokratischen Macht‘, indem ich zu meiner Familie zurückkehrte. Ich bemerkte, dass es nicht der Ort für solche Zufriedenstellung war, da ich gerade erst meinem Vater in Rom [wo er zu dieser Zeit war] alle Beweise meiner zärtlichsten kindlichen Zuneigung gegeben hatte. ‚Sei das, wie es sei‘, antwortete der Präfekt, ‚für Ihr eigenes Wohl und das Ihrer Gemeinschaft, befehle ich Ihnen, zu Ihrer Familie zurückzukehren.‘

Die Polizei verfolgte jeden meiner Schritte, und jede Nacht platzierten sie Wachposten nahe beim Konvent, um eine Flucht zu verhindern. Um mich vor diesen Belästigungen zu schützen, wurde mir geraten, seine Exzellenz General Lamormora aufzusuchen, damals Statthalter von König Victor Emmanuel in Rom. Ich suchte um die Audienz nach, die sofort gestattet wurde. Seine Exzellenz empfing mich auf die höflichste Weise. Nachdem ich ihm den Fall erklärt hatte, sagte er zu mir:
‚Aber was wollen sie dann von Ihnen?‘
‚Die Polizei‘, antwortete ich, ‚will mich zwingen, zu meiner Familie zurückzukehren.‘
‚Aber wie alt sind Sie?‘ fragte er mich.
‚Neunzehn, Exzellenz.‘
‚Dann sind Sie frei‘, sagte er. ‚Tun Sie, was Sie wollen.‘
‚Aber Exzellenz, mir wird mit Repressalien gedroht.‘
‚In diesem Fall, kommen Sie zu mir und ich werde Sie schützen.‘

Trotz dessen und obwohl Kardinal Antonelli gesagt hatte, dass er es nicht für nötig hielt, sahen meine Ordensoberen Komplikationen voraus und entschieden, mich ins Ausland zu schicken. Was Kardinal Antonelli angeht, möchte ich bemerken, dass er, als meine Mutter kurz nach meiner Trennung von meiner Familie zu ihm kam, zu ihr sagte, um sie zu trösten: ‚Meine Dame, sie haben Ihnen das Kind weggenommen; versuchen Sie, ihn zurückzubekommen.‘

Am 22. Oktober 1870, um 10 Uhr abends, begleitet von einem anderen Mönch – und wir beide in Zivilkleidung – ging ich durch den Garten der Pfarrei hinaus, und um der Beobachtung durch die Wachposten zu entgehen, ging ich zum Zentralbahnhof, wo mein Mentor mir sagte, dass er meinen Vater gesehen habe. Tief bewegt betete ich in meinem Herzen zu Gott, dass er mir diese Begegnung ersparen würde, und mein Gebet wurde erhört. Ohne Zwischenfall nahm ich den Zug nach Falconara-Bologna.

Als wir am Bahnhof in Foligno ankamen, stiegen wir aus, um uns im Restaurant zu stärken. Einige Jugendliche saßen vor uns, und aus den roten Bändern, die sie trugen, schloss ich, dass sie zur Garibaldi-Fraktion gehörten. Sie sprachen miteinander über die kürzliche Flucht des jungen Mortara, die wie für gewöhnlich den Jesuiten zugeschrieben wurde. Um die Wahrheit zu sagen, ich zitterte wie Espenlaub. Mein Begleiter allerdings sprach mit ihnen so geschickt, ohne die Fassung zu verlieren, dass sie das Gesprächsthema wechselten und nicht weiter an den Entflohenen dachten, der seine Flucht in Ruhe nach Bressanone [Brixen] (im österreichischen Tirol) fortsetzte, wo ich die großzügigste Gastfreundschaft bei den Brüdern der Pfarrei von Nova Cella [Neustift] fand. In der Zwischenzeit schürte die liberale Presse Wut gegen den Klerus, und vor allem gegen die Jesuiten, die sie beschuldigten, mich mit ihrem papalistischen Fanatismus beeinflusst und die Flucht bewirkt zu haben, was in einem Affront gegen meine Familie resultierte.

Um auf diese unbegründeten Anschuldigungen zu antworten, schrieb ich eine Widerrede, die im katholischen Journal de Bruxelles veröffentlicht und in anderen katholischen und säkularen Zeitungen weiter abgedruckt wurde. So verbreitete sich die Nachricht, dass ich mich angeblich in Brüssel aufhielte, während ich mich in Ruhe theologischen Studien im diözesanen Seminar von Brixen widmete. Der Pontifex vergaß seinen Adoptivsohn nicht und mehrere Male sandte er mir seinen Segen durch den Generaldirektor des Ordens, wenn er meine Nachrichten mit Grüßen und Glückwünschen empfing.

In Neustift legte Edgardo – d. h. inzwischen Pio Maria – am 31. Dezember 1871, also mit zwanzig Jahren, seine ewigen Gelübde ab.

Außerdem schreibt er über seine Beziehung zu seiner Familie:

Sie werden wissen wollen, wie meine Beziehung zu meinen Eltern aussah, nachdem sie Alatri verließen. Ich hörte nichts weiter von ihnen, obwohl ich ihnen mehrmals Briefe mit dringlichen Bitten betreffs der Religion schrieb, und sie von der Wahrheit des katholischen Glaubens zu überzeugen versuchte. Sie dachten, dass diese Briefe, nichtsdestotrotz sie Ausdruck meiner sehr großen persönlichen Überzeugung waren, nicht ausschließlich mein Werk sein konnten, also blieben sie ohne Antwort. Erst im Mai 1867, als ich ein Novize war, erhielt ich meinen ersten Brief von meinen Eltern, in dem sie, nachdem sie mich ihrer unvergänglichen Zuneigung versicherten, bemerkten, dass sie nicht auf meine Briefe geantwortet hatten, weil sie nur meinen Namen und die Unterschrift enthielten. Sie hofften nun allerdings, dass ich mit ihnen ‚ohne Überwachung‘ korrespondieren könnte.

Das erste Mal, dass ich meinen Vater wiedersah, war in Rom Anfang Oktober 1870. Dieses erste Treffen war außerordentlich herzlich. Er setzte seine Besuche in St. Peter in den Ketten häufiger und für längere Zeiträume fort, und als er mir vor seiner Rückkehr nach Florenz (damals die Hauptstadt des Königreichs) Lebewohl sagte, nahm er freudig die Andenken und Geschenke für meine Brüder an. Ich dachte, dass mein Vater Rom verlassen hätte. Allerdings schrieben die Zeitungen ein paar Tage nach diesem letzten Treffen, dass der Vater des jungen Mortara (dessen Spitzname Momolo war) in Rom war und bei der Regierung Versuche machte, seinen Sohn zurückzubekommen. Das Ergebnis dieser Neuigkeit war, dass Berti sich für den Fall zu interessieren begann, der Besuch bei General Lamarmora, und meine Flucht aus Rom.“

Und über die Zeit, als er Priester wurde (mit zweiundzwanzigeinhalb wurde er geweiht; mit Sondererlaubnis, weil er noch nicht das Mindestalter erreicht hatte), schreibt er:

Die väterliche Zuneigung Pius‘ IX. mir gegenüber blieb unverändert bis zum Tod. Nach der Aufhebung der Klöster [gemeint sind wohl die Klöster in Italien] schickte er mich sofort zu dem berühmten und heiligen Bischof von Poitiers, Luigi Eduardo Pie, der 1880 starb. (Er wurde 1879 von Leo XIII. zum Kardinal ernannt.) Um den Wunsch des Heiligen Vaters zu erfüllen, fasste er den Plan einer [Ordens-]Niederlassung in seiner Diözese, was er dann 1873 in die Tat umsetzte. Pius IX. sandte dem Bischof einen Brief mit Glückwünschen, in dem er, unter anderen Dingen, seine Befriedigung darüber ausdrückte, zu wissen, dass sein Adoptivsohn nun in dieser Diözese war. (Siehe „Werke von Kardinal Pie“, Poitiers, Audin-Verlag.)

Bei den ‚ad limina‘-Besuchen dieses Bischofs fragte der Pontifex oft nach dem Fortschritt seines Schützlings und wann er Priester werden würde. Als der Bischof antwortete, dass ich noch immer ziemlich jung war, sagte Pius IX.: ‚Gut, dann werden wir ihm eine anständige Dispens für sein Alter zugestehen.‘ Tatsächlich erhielt ich, als diese Frage angegangen wurde, Dispens für zwanzig Monate. Da ich aufgrund von zu viel Arbeit an Nervenschwäche litt, war ich gezwungen, alle Beschäftigung beiseite zu lassen und mich körperlichen Übungen zu widmen. Das war eine große Prüfung für mich. Als Pius IX. durch Bischof Pie davon hörte, sandte er mir seinen besonderen Segen, und forderte mich zu Geduld und Erholung auf. An dem glücklichen Tag meiner ersten Messe ehrte er mich mit einem persönlich unterzeichneten Brief, den ich als eine wertvolle Reliquie behalten habe. In dem Brief drückte er seine Zufriedenheit darüber aus, mich zum Dienst am Altar aufsteigen zu sehen. Er bat mich, vor allem für ihn zu beten und bis an die Grenzen meiner Kraft für die Ehre Gottes und das Wohl der Seelen zu wirken.

Als Krönung seiner väterlichen Güte mir gegenüber hinterließ Pius IX. mir eine Lebensrente von 300 Lire im Jahr aus seinem Privatvermögen. Das Kapitel dieser Rente, das heißt, 7000 Lire, wurde dem Oberhaupt meines Ordens von Seiner Heiligkeit Leo XIII. übergeben. Ich sah Pius IX. nie wieder. Nach 1878 ging ich bei vielen meiner Besuche in der Ewigen Stadt zum Campo-Verano-Friedhof und warf mich tief bewegt auf dem Grab meines erhabenen Vaters und Beschützers nieder, gegenüber dem meine Dankbarkeit keine Grenzen kennt, und den ich immer für einen weisen und heiligen Pontifex halten werde. In seinem Epitaph lädt er die Gläubigen ein, für ihn zu beten: ‚Orate pro eo.‘ Ich bekenne, dass, wenn immer ich diese Worte las, ich in meinem Herzen sagte, ‚Heiliger Pius, bete für mich.‘ […]

Ich ersehne die Seligsprechung und Heiligsprechung des Dieners Gottes sehr. […]

Ich bin fest überzeugt, nicht nur wegen dessen, was ich dargelegt habe, sondern wegen des ganzen Lebens meines erhabenen Beschützers und Vaters, dass der Diener Gottes ein Heiliger ist. Ich habe die fast instinktive Überzeugung, dass er eines Tages zur Ehre der Altäre erhoben werden wird. […] Ich bete zu Gott durch die Fürsprache seines Dieners, Erbarmen mit mir zu haben und mir meine Sünden zu vergeben, und mich in seiner Gegenwart im Paradies glücklich sein zu lassen.“

Diese Aussagen machte Pater Pio Maria Mortara als Zeuge im Seligsprechungsprozess für Pius IX.

Affaire Mortara. Edgardo Mortara

(Pater Pio Maria Mortara. Bildquelle hier.)

Pius IX. war an sich nicht judenfeindlich eingestellt; Pater Pio Maria sagt des weiteren:

„Selbst meine Mutter war überzeugt von seiner Güte. Als sie mir von ihrem Leben und den Anstrengungen erzählte, die sie unternommen hatte, um mich zurück in ihr Heim zu bekommen, sagte sie, dass, wenn sie es geschafft hätte, eine Audienz beim Heiligen Vater zu erhalten, sie ihren Sohn zurückbekommen hätte. Sie fügte hinzu: ‚Pius IX. ist so gütig.‘

Dazu, dass er die Tore zum Ghetto entfernen ließ, erinnere ich mich vage daran, dass der Diener Gottes auch die Vorschrift entfernte, dass Juden einen Ausweis oder erkennbare Kleidung tragen mussten, die sie als Juden kenntlich machte.'“

Sabatino Scazzocchio, Sekretär der jüdischen Gemeinde von Rom zur Zeit von Edgardos Trennung von seiner Familie, schrieb an Edgardos Vater Salomone Mortara nach dessen erstem Besuch in Rom:

„Über Edgardo kann ich Ihnen nichts sagen, außer dass er vollkommen gesund ist. Was den Fall angeht, habe ich keine andere Alternative als Ihnen gegenüber zu wiederholen, was Signor Alatri und wir alle jetzt schon tausend Mal gesagt haben: nämlich, dass das indiskrete Geschwätz so vieler Zeitungen, die aus jedem möglichen Ereignis Brennstoff für politische Leidenschaften beziehen, die Angelegenheit vergiftet hat. Indessen, wenn sie es uns überlassen hätten, uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern, hätte die gesetzmäßige Vorgehensweise, die nach unserem Grundsatz immer befolgt worden ist, uns vielleicht erlaubt, unser ersehntes Ziel zu erreichen, angesichts des gütigen und mildtätigen Charakters von ihm, der auf dem Thron sitzt [d. h. Pius IX.]. Sicherlich kann sie nicht in diesen Schuldzuweisungen gegenüber dem Journalismus Trost für ihren ungemeinen Kummer finden, aber ich kann mir nicht helfen, den Worten Luft zu machen, die sich an meine Seele klammern und sie mit Bitterkeit und Zorn bewässern.“ (Zitiert in: Vittorio Messori (Hrsg.): Kidnapped by the Vatican? The unpublished memoirs of Edgardo Mortara, S. 11)*

(Die römische Gemeinde beteiligte sich dementsprechend auch nicht wirklich an der Kampagne um Edgardo; hier war die Gemeinde in Alessandria führend.)

Sowohl Edgardos Mutter als auch Scazzocchio irrten sich ziemlich sicher, wenn sie meinten, mit einer persönlichen Audienz beim Papst oder ohne die politische Ausschlachtung des Falls durch die Presse hätte Pius IX. nachgegeben; dazu war er seinen Prinzipien zu treu. Aber es sagt doch etwas aus, dass sie in dieser Weise über ihn dachten.

Der italienische Historiker Vittori Messori, der Pater Pio Marias Memoiren herausgegeben hat, erwähnt in seiner Einleitung dazu (aus der ich auch dieses Zitat habe) ein weiteres Zitat von Scazzocchio, das belegt, dass Edgardo tatsächlich schon kurz nach seiner Ankunft in Rom am christlichen Glauben hing und das nicht nur eine spätere Rückprojektion seinerseits war:

„Schon am 11. August 1858, also nur etwas mehr als anderthalb Monate nach der Trennung des Jungen von seiner Familie, schreibt der Sekretär der römischen jüdischen Gemeinde, Sabatino Scazzocchio, den wir schon getroffen haben, den Eltern in Bologna, dass das erste Hindernis, dem sie sich gegenüberstellen müssen würden, unvorhersehbarerweise ‚der Widerstand, den Edgardo gegenüber der Rückkehr zur Ausübung unserer Religion zeigt‘ war.“ (S. 28)

Diese Memoiren, die Messori vor nicht allzu langer Zeit herausgegeben hat, verfasste Pater Pio Maria Mortara 1888; zu dieser Zeit war er in Spanien mit einigen anderen Augustiner-Chorherren vom Lateran mit der Gründung einer neuen Ordensniederlassung mitsamt einem Kleinen Seminar beschäftigt. Er schrieb sie, um den ständigen Gerüchten um sein Leben entgegenzutreten und seiner eigenen Perspektive Gehör zu verschaffen. Sie sind nicht allzu lang, aber natürlich ausführlicher als seine spätere Aussage im Seligsprechungsprozess; daher hier jetzt noch ein paar Zitate aus diesen Memoiren, um ergänzende Fakten, die in der oben zitierten Zeugenaussage nicht vorkommen, für die daran Interessierten zusammenzutragen. Pater Pio Maria spricht hier von sich in der dritten Person.

Über seine Trennung von seiner Familie schreibt er:

„Um zu unserer Geschichte zurückzukehren: Eines Tages im Juni 1858 wachte Edgardo zwischen zwei Wachposten auf, die spät nachts am Haus seines Vaters aufgetaucht waren, um zu verhindern, dass der Junge weggebracht wurde, während Vorbereitungen für die Trennung getroffen wurden.

Man kann sich das Entsetzen des armen kleinen Geschöpfes leicht vorstellen, als er sich von den Wachen flankiert sah, da er immer große Furcht beim Anblick eines Soldaten gezeigt hatte. Die Soldaten, die die Familienmitglieder in der konziliantesten und freundlichsten Weise, die möglich war, behandelten, verließen Edgardo nicht einen Augenblick lang; sie begleiteten ihn in jeden Raum des Hauses, in den er gehen musste. In diesen Tagen hatte sich die Mutter, Marianna, in ein Haus auf dem Land zurückgezogen, während Edgardo mit seinem Vater und den anderen Geschwistern geblieben war.

Schließlich kam der endgültige Befehl aus Rom. Am 24. Juni, bei Anbruch der Nacht, kamen der Polizeichef und zwei Wachen zu Pferd zum Haus der Mortaras, um zuzusehen, dass die Trennung vor Tagesanbruch geschah.

Die Mutter, Marianna, war zuvor nach Hause zurückgekommen, um das Kind ein letztes Mal zu umarmen. […]

Schließich kam der Zeitpunkt der Trennung. Der Vater protestierte wieder vehement gegen die Tat, die er als barbarisch beschrieb, während die Mutter in Seufzen, Tränen und durchdringende Schreie ausbrach. Die Mutter war wahrhaft in einem bemitleidenswerten Zustand; als sie Edgardo ein letztes Mal umarmte, war sie völlig in Tränen gebadet. Sie erlag der Heftigkeit ihres Kummers, wurde ohnmächtig und fiel zu Boden. Ihr Mann und die anderen Kinder hoben sie auf. Jeder schluchzte bitterlich.

Edgardo erinnert sich nicht, viel geweint zu haben. Er erinnert sich an die folgende Tatsache. Als ihn eine der Wachen auf die Arme nahm, um ihn zu der Kutsche zu tragen, die vor der Haustür wartete, fragte er mit schlichtem Freimut: ‚Und werdet ihr jetzt meinen Kopf abschneiden?‘ Nach ein paar gütigen Worten von der Wache beruhigte er sich und leistete keinen Widerstand.

Sie setzten ihn zwischen drei Wachposten in die Kutsche; berittene Gendarmen bildeten die Eskorte. Sie breiteten einen Mantel über ihn, damit er sich ausruhen konnte. Die Nacht war tatsächlich sehr kühl. Nachdem er das Haus seines Vaters verlassen hatte, und sah, dass er unter Soldaten und Fremden war, begann das Kind zu weinen. Er rief laut, und schrie nach seinen Eltern.

Die Wachen sprachen freundlich mit ihm; sie gaben ihm kleine Kuchen und Schokolade. Eine große Ruhe, ein tiefer, friedlicher Schlaf folgte auf diese ersten verstörenden Momente.

Den Wachen war befohlen worden, Uniformen zu tragen, um Respekt für die Obrigkeit zu gebieten und sich gegen mögliche Unruhen zu verteidigen. Nachdem sie den Ort der Trennung verlassen hatten, an den Stadttoren, verließen die Wachen in Uniform Edgardo. Nur ein Korporal, der Zivilkleidung trug, blieb bei ihm, aus Rücksicht auf das natürliche Unbehagen, das das Kind gegenüber allem Militärischen empfand. Der Reisegefährte hatte strikte Befehle, das Kind mit großer Güte und Freundlichkeit zu behandeln, es mit allen Arten von Aufmerksamkeiten und Fürsorge zu überhäufen, und er tat dies sehr gewissenhaft. […]

Zwei sehr fromme Damen, die mit ihm reisten, merkten bald, was passiert war. Sie boten an, ihn mit den Grundlagen der christlichen Lehre bekannt zu machen. Edgardo nahm das gern an und lernte, das Vaterunser und das Gegrüßet seist du Maria aufzusagen, das Kreuzzeichen zu machen, und Maria, die Allerseligste, anzurufen. (S. 84-86)

Edgardo erwähnt in diesen Memoiren auch, dass er in die Schule der Augustinerchorherren vom Lateran gegeben wurde, weil er diesen Wunsch aussprach, als er sie in der Kirche sah, wo er mit den Schwestern des Rektors Enrico Sarra, der sich in dieser ersten Zeit um ihn kümmerte, zur Messe ging.

Über seine religiöse Erziehung bei seinen Eltern schreibt er:

„Der kleine Junge wusste kaum, dass es Christen gab, über die zu Hause nie gesprochen wurde, weder im Guten noch im Schlechten.

Überdies lernte Edgardo seit seiner frühesten Kindheit von seiner Mutter, einer Frau, die sehr fromm in ihrem Glauben war, die ersten Grundlagen der mosaischen Religion. Er betete jeden Tag mit ihr, wobei er die üblichen Gebete auf Hebräisch sprach.

In der jüdischen Schule, die Edgardo besuchte, als er noch sehr jung war, war er mit der Geschichte des mosaischen Glaubens und des Talmuds bekannt gemacht worden, und mit der Sprache Palästinas. […] Er bekam für seinen frühzeitigen Eifer viele Geschenke, Süßigkeiten und Spielsachen.

Was natürlich daraus hervorging und sich im Grunde seines Herzens zeigte, war eine sehr erhabene Vorstellung von Gott, begleitet von einem Gefühl tiefen Respekts und exzessiver Furcht.“ (S. 101f.)

Dann, nach seiner Reise nach Rom:

„Seit diesen glücklichen Momenten ist Edgardo ein Christ gewesen. Es ist, als ob er so geboren wäre. Er gehört, mit aller Kraft seiner Seele, an die mütterliche Brust der Kirche, seiner Adoptivmutter. Er will katholische Kirchen besuchen, mit der Kirche beten. Er beginnt schon, für seine Eltern zu beten, für die er immer eine sehr kindliche, sehr zärtliche Zuneigung bewahren wird. (S. 105)

Aus seiner weiteren Kindheit erzählt er:

„Wenn der junge Edgardo in der Öffentlichkeit war, in großen Menschenmengen, zeigte der Papst immer großes Unbehagen, da er fürchtete, dass ’sie ihn rauben könnten‘, wie er es schlicht ausdrückte. Das verursachte häufige Witze unter Edgardos Mitschülern und Freunden, die manchmal über die naive Unschuld des Kindes lachten, das Angst davor hatte, ‚geraubt‘ zu werden, als ob er ‚eine wertvolle Sache‘ wäre (wie sie belustigt zu sagen pflegten).

Das Gefühl von Angst und Verlegenheit war augenfällig bei Edgardo, besonders bei den sehr häufigen Siuationen, in denen Ausländer aus jeder Nation, angezogen durch Neugier, ‚den kleinen Mortara‘ sehen wollten, und speziell wenn die Klasse des Kollegs, zu dem er gehörte, durch das Ghetto, das heißt den jüdischen Distrikt, ging.“ (S. 107)

Diese Ängste waren nicht ganz unbegründet; Messori schreibt in seiner Einleitung:

„[D]er Mortara-Fall veranlasste die Gründung der immer noch existierenden Alliance Israélite Universelle, der ersten jüdischen Organisation zur Selbstverteidigung mit globaler Perspektive. Diese Organisation handelte schnell und entschieden, wenn man bedenkt, dass sie – in Zusammenarbeit mit Archives Israélites, einer der wichtigsten jüdischen Zeitungen – eine Belohnung von 20.000 Francs, ein wahres Vermögen, auslobte für jeden, der ein bewaffnetes Eindringen in Rom organisieren würde, um das Kind aus den Fängen seines Entführers zu befreien.“ (S. 17)

Pater Pio Maria erwähnt auch, dass er, als 1867 wieder eine regelmäßige briefliche Korrespondenz mit seiner Familie begann,  die nachträgliche Zustimmung seines Vaters zu seinem Ordenseintritt einholen musste (in diesem Jahr, mit 16, wie es das Mindestalter gerade so zuließ, legte er seine zeitlichen Gelübde ab) und sie erhielt:

„Die Eltern allerdings waren völlig in Unkenntnis davon, was geschehen war. Mit Blick auf die jüngste Gesetzgebung, sehr günstig für die elterlichen Rechte, aber nachteilig für die persönliche Freiheit und das göttliche Gesetz, war es zwingend erforderlich, die nachträgliche Zustimmung des Vaters zu erhalten, um die Entscheidung, die Edgardo getroffen hatte, sich ganz Gott zu weihen, zu bestätigen und zu genehmigen.

Dem stand allerdings die sine-qua-non-Bedingung entgegen, von Beginn der Familienkorrespondenz an festgesetzt, dass ‚wir nie über irgendetwas sprechen werden, das die Religion betrifft‘.

Es war daher notwendig, zuerst die Erlaubnis zu erlangen, das Thema anzusprechen. Edgardo bat seinen Vater darum. Er stimmte zu, nachdem er korrekterweise erfahren hatte, dass es nicht darum ging, über die Religion zu diskutieren, sondern nur darum, ein Geheimnis anzuvertrauen. Der junge Mann erzählte seinen Eltern die Nachricht über die Art und das Wesen des Standes, in den er gerade eingetreten war. […] Er sagte, dass er bei dieser Entscheidung einer festen und freien Bewegung seines Willens gefolgt war, ohne Beeinflussung durch irgendeine Art von Druck oder Zwang. Er berichtete, dass, auch wenn er auf der Grundlage dieser freien Wahl allen materiellen Besitztümern entsagt hatte, und sich ganz Gott geweiht hatte, dies ihn nicht daran hinderte, als ein guter Sohn, mit seiner ganzen Seele seine lieben Eltern und Familie zu lieben, und Anteil an ihrem wahren Glück zu nehmen.

Auf all das antworteten seine Eltern, dass, ‚wenn das seine Entscheidung war, und er sie in Freiheit getroffen hatte, sie keine Einwände hatten, und völlig zufriedengestellt waren.'“ (S. 112f.)

Es wurde in den Briefen auch davon gesprochen, dass seine Familie ihn besuchen könnte, aber:

„Trotz wiederholter Versicherungen und Ankündigungen setzten sie allerdings nie ein Datum für den Besuch fest, was Edgardo sehr verwirrte, der nichts mehr wünschte als seine umgehende Verwirklichung.“ (S. 114)

Dann kam 1870 die Eroberung des Kirchenstaates, Pater Pio Maria beschreibt, wie er im Kloster stundenlang die Kampfgeräusche hörte, und wie dann die weiße Flagge über dem Petersdom wehte. „Sein [Pius‘ IX.] edelmütiges Herz konnte nicht länger zulassen, dass die tapferen Helden, die ihn verteidigten, für ihn ihr Blut vergossen und für ihn starben. Die Flagge, die über dem Vatikan wehte, setzte den Kämpfen ein Ende. Aber das heißt nicht, dass der Papst sich dem Prinzip ‚Macht vor Recht‘ und der brutalen Theorie des ‚fait accompli‘ unterwarf.“ (S. 115) Kurz danach besuchten sein Vater und ein Bruder ihn erstmals, der Rest wurde oben schon erzählt; er floh nach Tirol.

Dort blieb er zwei Jahre (unter falschem Namen), dann kam er nach Frankreich; als dort die ausländischen Ordensleute ausgewiesen wurden, ging er kurz zurück nach Italien (inkognito, da er sich dem Militärdienst entzogen hatte, und blieb bei Bekannten, da die italienischen Orden inzwischen vom Staat enteignet worden waren), wo er eine Zeit lang ziemlich krank war, dann ging er kurz zurück nach Tirol, dann, wie oben erwähnt, nach Spanien. 1891 konnte er erstmals offen nach Italien zurückkehren,  da die Sache mit dem Militärdienst verjährt war. Er kam in den nächsten Jahren in einem großen Teil Europas herum – Spanien, England, Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, hauptsächlich, um zu predigen und Spenden für seinen Orden zu sammeln (für die neue Niederlassung in Spanien, und für die unterdrückten Ordensbrüder in Italien), obwohl er immer noch häufig krank war. Er sprach neben Italienisch auch Deutsch, Französisch, Spanisch, Baskisch und Englisch, zusätzlich zu Latein, Griechisch, Hebräisch, und muss ein guter Prediger und Seelsorger gewesen sein; u. a. trat er übrigens beim Deutschen Katholikentag 1893 in Würzburg auf.

Hier findet man übrigens auch autobiographische Notizen von ihm, wo er noch mehr von seinem späteren Leben erzählt (auf Deutsch; allerdings enthält der Text ein paar kleinere Unstimmigkeiten, z. B. was Edgardos Alter bei seiner Taufe angeht; vielleicht Fehler des Setzers oder des Übersetzers, falls der Text nicht ursprünglich auf Deutsch geschrieben wurde) und seine beiden Reden vom Katholikentag, in denen er die deutschen Katholiken für diese Veranstaltung, für ihre Papsttreue und ihre Einigkeit z. B. bei der Sozialen Frage sehr lobt; außerdem sagt er dabei u. a.:

„Es genügt nicht, im Privatleben ein Christ zu sein, das Übernatürliche der Kirche muß sich geltend machen im christlichen Leben, in der Schule, in der Bildung der Jugend, überhaupt im öffentlichen Leben des Menschen. Und gerade diesem Übernatürlichen habe ich es zu verdanken, daß ich durch die Gnade Gottes bin, was ich bin. Der Betonung dieses übernatürlichen Rechts der Kirche, wie es Pius IX. so hervorhebt, habe ich es zu verdanken, daß ich heute ein Christ, ein Katholik bin, daß ich der katholischen Kirche angehöre [Stürmischer Beifall!], daß ich ein Religiose, ein bescheidener Sohn des heiligen Augustin als regulierter Chorherr vom Lateran bin, daß ich die Ehre habe, der Katholikenversammlung der deutschen Nation beizuwohnen. [Lebhafter Beifall!]“

Pio Edgardo Mortara

(Pater Pio Maria in späteren Jahren.)

Er wurde fast neunzig und starb 1940 in Belgien. Messori schreibt im Vorwort zu den Memoiren über sein Leben:

„Sein Leben war so erbaulich, dass seine Ordensoberen, nachdem sie den Ruf der Heiligkeit, der den Verstorbenen umgab, und die Pilgerreisen der Gläubigen zu seinem Grab anerkannten, sich entschlossen, den Prozess zu seiner Seligsprechung einzuleiten. Aber der Wirbelsturm des 2. Weltkriegs vereitelte diese Pläne. Es gibt allerdings manche, die vorschlagen, die Prozedur neu zu beginnen. […]

Der Priester starb, kurz bevor er neunzig geworden wäre, am 11. März 1940 in der Abtei von Bouhay in Belgien, einem Land, in das ein paar Wochen später die Deutschen einmarschieren würden. […]

In seinen letzten Lebensjahren hatte Pater Mortara den Wunsch ausgedrückt, sein langes Leben in seiner Heimat Italien zu beenden, die er sehr liebte, auch wenn er aus ihr hatte fliehen müssen, um der ‚Befreiung‘ zu gehen, die die Piedmonteser ihm aufzwingen wollten, als sie mit Kanonendonner in Rom einzogen. Seine Mitbrüder trafen daher 1939 Vorbereitungen für den Transport des kranken alten Mannes in eines ihrer Häuser in Genua, aber der Ausbruch der Kampfhandlungen durchkreuzte auch diesen Plan.“ (S. 2)

 

So viel zu ihm persönlich; über das weitere Schicksal seiner Familie schreibt Pater Pio Maria in seinen Memoiren:

„Was die Mortara-Familie angeht, müssen wir berichten, dass die berühmte Entführung nicht ihren Ruin verursachte, sie nicht in die Armut sank, im Gegensatz zu dem, was die Feinde der Kirche und der weltlichen Macht des Papstes gerne wiederholen, um diese Vorwände zu benutzen, um ihn zu zerstören. [Hier ist gemeint, dass manche verbreiteten, die Mortaras könnten sich wegen ihrer Bemühungen, ihren Sohn wiederzubekommen, nicht mehr um ihren Lebensunterhalt kümmern.] Stattdessen war die Trennung der Beginn, wenn nicht direkt von Reichtum, dann doch zumindest eines Wohlstandes, den sie zuvor nicht genossen hatten. Tatsächlich wurden Signor und Signora Mortara großzügige Spenden geschickt […]. Der Name Mortara erlangte unerwartete Berühmtheit. […]

Von den elf Kindern, Frucht der Verbindung von Signor und Signora Mortara, lebten zwei nur ein paar Monate. Riccardo, der älteste, trat der Armee bei und wurde ein Offizier. Dann kehrte er zu seiner Familie zurück.

Nach dem Tod des Vaters, Salomone, erwarb Augusto einen Doktortitel in der Rechtswissenschaft. Die anderen drei Brüder arbeiteten in verschiedenen Bereichen des Handels und der Industie. Die drei Schwestern gingen, nachdem sie ihre Ausbildung beendet hatten, anständige Ehen ein.

1872 erhielt Don Pio die überaus traurige Nachricht vom Tod seines geliebten Vaters, der sich unter Umständen ereignete, die zu schmerzhaft und unerfreulich sind, um sie auf diesen Seiten zu berichten. Möge die unendliche, unerschöpfliche Güte Gottes geruhen, auf ihn mit Liebe und Barmherzigkeit zu blicken!“ (S. 148f.)

Mit den schmerzhaften Umständen meint Pater Mortara hier, dass sein Vater in einem Mordprozess wegen des Todes einer Dienstmagd angeklagt war und einige Monate in Untersuchungshaft verbrachte, aber letztlich freigesprochen wurde, und wenig später starb. Über seine Mutter schreibt er:

„Die trauernde ältere Mutter lebt noch und hat fast das Alter von siebzig erreicht. Sie ist sehr streng und gewissenhaft in ihrer jüdischen Religion und will das Gesetz des Mose in ihrer Familie beachtet sehen. Sie ist voll der Empfindungen des grenzenlosen Vertrauens in Gott, dessen Namen sie immer im Mund führt. In Bezug auf die Religion sind ihre drei Töchter, Erminia, Ernesta und Imelda, wahre Abbilder ihrer Mutter.

Als Folge der politischen Ereignisse, die 1870 stattfanden, und der kritischen und delikaten Situation, in der sich Don Pio befand, endete die Korrespondenz mit seiner Familie. Er konnte sie erst 1876 wieder aufnehmen. Seitdem ist zwischen Don Pio und allen seinen Geschwistern, aber besonders zwischen ihm und seiner geliebten, verehrten Mutter, deren Porträt er immer in Sichtweite behält, eine zärtliche, kindliche, herzliche Korrespondenz ausgetaucht worden.

Diese arme Dame, die in dem berühmten Mortara-Fall die Frau des Leidens war und immer sein wird, wird von allen ihren Kindern verehrt und liebt sie alle zutiefst, aber hat eine Vorliebe, wie es natürlich ist, für ihren ‚Sohn des Kummers‘, Edgardo. Er hat ihr ungewollt viele Tränen und viel Bitterkeit verursacht. […]

In den dreißig Jahren, die er von zu Hause fort verbracht hat, hat Don Pio seine geliebte Mutter nur zweimal getroffen, auf eine kurze, flüchtige Weise, während seines erzwungenen Exils in fremden Ländern. Sie scheint nur an ihn zu denken. Sie ist auch sehr unglücklich, weil ihre Gesundheit nicht sehr robust ist. Sie wünscht, dass sie Flügel hätte, um zu ihrem geliebten Sohn zu fliegen, und wartet, wie sie sagte, auf einen  Tag, der kommen möge, an dem Gott ‚ihr helfen und ihr Seine Gunst zeigen‘ möge.

Mehr als einmal hat der Priester versucht, zu seiner Mutter über Jesus zu sprechen, und ihr unglückliches Herz in Berührung mit dem des geliebten Erlösers zu bringen. Die Frau allerdings begann zu weinen, und was kann man zu einer weinenden Mutter sagen? Welche andere Antwort kann man geben als respektvolles Schweigen? […]

Viele Male, unfähig, zu seiner Mutter über Ihn zu sprechen, spricht er zu Ihm über seine Mutter, ganz besonders, wenn er das Heilige Opfer des Altares darbringt und die reine, heilige und makellose Opfergabe in seinen Handen hält und auf seine Lippen legt. […]

Ah, Don Pio lebt von der Hoffnung und weiß, dass Hoffnung nie völlig enttäuscht wird: spes non confundit.

Don Pio hofft, dass der gute Glaube und die natürliche Frömmigkeit seiner Mutter sie retten werden, wie sie die gute Kanaaniterin retteten.“ (S. 149-151)

Seine Mutter starb letztlich im jüdischen Glauben.

Famille Mortara

(Von links nach rechts: Ricardo Mortara (Pater Pio Marias älterer Bruder), seine Mutter Marianna Mortara, und Pater Pio Maria Mortara. Bildquelle hier.)

 

Wie es mit anderen Beteiligten weiterging:

Schon 1859 wurde, wie erwähnt, ein großer Teil des Kirchenstaats, darunter auch Bologna, von den Piedmontesern besetzt; Pater Pio Maria schreibt über das weitere Schicksal des alten Dominikanerpaters Feletti von der Inquisition in Bologna (ja, so hieß diese Behörde noch, auch wenn es im Kirchenstaat schon eine ganze Weile keine Häretikerverbrennungen mehr gegeben hatte):

„Bei diesem Anlass wurde der hochwürdige Pater Feletti, immer noch Vorsitzender der Inquisition, in seinem Zimmer festgenommen, während er um drei Uhr morgens in seinem Bett war. Er wurde sicherheitshalber ins Gefängnis gebracht, angeklagt und beschuldigt als derjenige, der unmittelbar und direkt für die Entführung des Mortara-Kindes verantwortlich gewesen war. Ein Prozess wurde angesetzt, aber der erwähnte Priester wurde freigesprochen und nach drei Monaten Haft freigelassen. Die Darstellung seines vom Gericht gestellten Anwalts triumphierte, wonach Pater Feletti nicht verantwortlich war, da er nichts getan hatte als die strengen Befehle seiner rechtmäßigen Obrigkeit, des römischen Pontiex, auszuführen, der hauptsächlich verantwortlich für die Entführung war. In Rom umarmte Pater Feletti mit großer Freude und Tränen in  den Augen das Mortara-Kind, für dessen ewiges Heil er so viel gelitten hatte, und er  zeigte immer eine besondere Zuneigung zu ihm. Pater Mortara wird diesen ehrenwerten Ordensmann immer in guter Erinnerung behalten, der einer derer war, die direkter bei der geistlichen Wiedergeburt und Erneuerung seiner Seele eingriffen.“ (S. 84)

Über Anna Morisi schreibt er:

„Was die gute Anna Morisi angeht, die das Mortara-Kind  taufte, habe ich schon vorher geschrieben, wenn ich nicht irre, dass, als die Entführung auf ausdrückliche Anordnung von Pius IX. stattfand, das arme Mädchen in Schwierigkeiten war und Bologna verlassen musste, um gewaltsamer Belästigung und Vergeltung zu entgehen.

In dem Verfahren, das 1860 gegen den hochwürdigen Pater Feletti, Vorsitzender der Inquisition in Bologna, stattfand […], wurde es verzeichnet, dass Anna Morisi zu ihrem Geburtsort, Tossignano, in der Nähe von Bologna, zurückgekehrt war. Dort ließ sie sich nieder, nachdem sie kirchlich geheiratet hatte.

Der Pontifex Pius IX. sprach mehr als einmal in Edgardos Gegenwart über das Mädchen. Vermutlich versäumte es der gute Papst nicht, Anteil an ihrer kompromittierten Zukunft zu nehmen und schickte ihr etwas Unterstützung.

Pater Mortara verlor dann völlig die Spur der Morisi.“ (S. 148)

Er schreibt an mehreren Stellen, dass er sie im geistlichen Sinne als seine Mutter betrachtete.

 

Über die Prinzipien, die seinen Fall betreffen, schreibt Pater Pio Maria Mortara:

„Die katholische Religion ist die eine wahre, übernatürliche Religion; sie ist eine Gesellschaft einer höheren Ordnung, wesensmäßig unterschieden von der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Mortaras bekennen die jüdische Religion, die mit ihr unvereinbar und von der Geschichte überholt ist.

Folglich ist die elterliche Autorität von Signor und Signora Mortara vermindert, versehrt und nicht im vollen Besitz ihrer Rechte, noch kennt sie ihre Pflichten. Ihre Pflicht ist es, die wahre, christliche Religion anzunehmen und ihre Kinder in ihr zu erziehen. Das ist eine unausweichliche, absolute Pflicht, bei der es moralisch nicht möglich ist, sich gegen sie zu stellen.

Die Mortaras sind allerdings frei, und Gott achtet ihre Freiheit und will und befiehlt, dass die Menschen sie achten. Daher wird niemand die Mortaras zwingen, ihre Religion aufzugeben, um die katholische Religion anzunehmen, und niemals, niemals dachte die Kirche daran, sie mit Gewalt aufzuzwingen.

Daher folgen die Kinder der Mortaras […] ihren Eltern auf demselben fehlgeleiteten, irrigen Weg. Bis sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind, werden sie zwangsläufig Juden sein, und niemandem wird es erlaubt sein, ihnen irgendwelche anderen Glaubenslehren aufzuzwingen.

Sobald sie allerdings das Alter des Vernunftgebrauchs und den vollen Gebrauch ihrer moralischen Fähigkeiten erreicht haben, werden sie fähig sein, sich umstimmen zu lassen, und können von der Wahrheit angezogen werden, ohne dass die heiligen Rechte der menschlichen Freiheit verletzt werden.

Nichtsdestotrotz betraf der berühmte Mortara-Fall nicht ein jüdisches Kind, sondern ein schon getauftes Kind, eins, das in articulo mortis getauft worden war, als es an dem Punkt war, seinen letzten Atemzug zu tun. […]

An der Schwelle des Todes, wenn der Organismus sich verwandelt, auseinanderfällt und zerstört wird, hört das Kind auf, zu seinen Eltern zu gehören. Dieses versehrte, gebrochene Wesen gehört jetzt der Ewigkeit und Gott, und steuert auf sie zu. […]

Nun, genau in dieser sehr ernsten und schrecklichen Notsituation, als er kurz davor ist, in die Ewigkeit einzugehen, nimmt Gottes unendliche Güte die Seele dieses Kindes, das jetzt aufgegeben ist, in Besitz.

Wer hat sich hier eingemischt, wer die heilige Macht der Freiheit entweiht; wer hat dem Willen dieses Kindes Gewalt angetan?

Alle ‚Schuld‘, wenn es ‚Schuld‘ gibt, liegt bei Gott. Es gibt keinen Zweifel, dass Gottes Rechte denen der elterlichen Autorität übergeordnet sind, der in diesem Fall selbst bloß scheinbare Rechte fehlen. […]

Das Dilemma ist eindeutig. Er wird […] ein erzwungener Apostat, ein tyrannisierter Sohn werden, der nie erfährt, was er ist. […] Oder aber er wird erfahren, was er ist, und wird sich weigern, zu der göttlichen Religion zu gehören, in die Gott ihn aufgenommen hat, und wird frei, willentlich abtrünnig sein; und das wäre ein schreckliches Verbrechen.

Oder aber er wird erfahren, was er ist, und wird Gott folgen wollen, der ihn wie Abraham ruft und ihn einlädt, sein Land und seine Vorväter zu verlassen. Was werden seine Eltern dann tun? Die Feder wagt nicht, es zu berichten, aber die Vorstellungskraft erahnt es und zuckt alarmiert zurück. (S. 159-162)

Nun könnte man sagen: Pius IX. sagte doch selbst, dass in sog. „unüberwindlicher Unwissenheit“ gefangene Nichtkatholiken, die gute Menschen sind, durch Gottes Gnade in den Himmel kommen können; und wenn das für gewöhnliche Juden, Muslime oder Protestanten aus Unwissenheit gilt, müsste es doch auch für Apostaten aus Unwissenheit gelten, auch wenn Apostasie prinzipiell schlimmer ist als Unglaube. Das ist sicherlich so; aber beim Mortara-Fall ging es dem Papst eben wohl einfach um das Prinzip: Ein katholisch getauftes Kind muss katholisch erzogen werden.

 

Abschließende Bemerkungen:

Der Fall wird oft als „Entführung“ Edgardos bezeichnet. Tatsächlich ist das kein besonders sinnvoller Vergleich. Man kann ihn viel mehr damit vergleichen, dass ein Jugendamt aus fester Überzeugung, das Beste für ein Kind zu tun, es aus seiner Familie holt und in eine gute Pflegefamilie gibt, die es selbst dann nicht mehr verlassen will, während seine Eltern, die es lieben, es natürlich unbedingt zurückhaben wollen.

Tatsächlich achtete der Kirchenstaat die Rechte von Eltern, die seine Prinzipien nicht anerkannten, deutlich mehr, als das einige heutige Staaten tun. Der deutsche Staat will ja schon mal die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ (Olaf Scholz) erobern und Eltern, die ihre Kinder auch nur im Homeschooling unterrichten wollen, diese Kinder entziehen. In Norwegen ist es deutlich schlimmer: Hier nimmt das Jugendamt (Barnevernet) Kinder bei den geringsten Anschuldigungen aus ihren Familien (vor allem bei ausländischen Familien), verbietet oft fast völlig den Kontakt zu den Eltern, versucht nicht, Familien wieder zusammenzubringen, und seine Entscheidungen können praktisch nicht angefochten werden. In Kanada können Eltern ihre Kinder weggenommen werden, wenn sie deren Geschlechtsdysphorie nicht bestärken und ihnen keine Pubertätsblocker (mit möglicherweise gravierenden, nicht genau erforschten langfristigen medizinischen Folgen) als Vorbereitung zur Geschlechtsumwandlung verabreichen lassen wollen. In England haben Gerichte in den letzten Jahren in mehreren Fällen (Alfie Evans, Charlie Gard, Tafida Raqeeb) den Tod von kranken Kindern durch Abbruch der Versorgung mit Wasser, Nahrung oder Sauerstoff oder durch Abbruch der medizinischen Behandlung gegen den Willen ihrer Eltern angeordnet, haben mit Polizeigewalt verhindert, dass man sie in ein ausländisches Krankenhaus gebracht hätte, wo man sie weiter versorgt hätte, und eine englische Richterin wollte schon einmal eine Frau mit einer Lernbehinderung gegen ihren Willen zu einer Abtreibung zwingen.

Auch gegenüber der jüdischen Religion hat man heute nicht immer Respekt; es gibt ja in letzter Zeit genügend Leute, die die Beschneidung am liebsten illegal machen würden, also jüdischen Eltern verbieten wollen würden, ihre Söhne überhaupt in ihre Religion aufzunehmen, was der Kirche nie in den Sinn gekommen ist.

Wenn sich also jemand über den Mortara-Fall beschweren will, dann vielleicht nicht gerade die heutige Welt; das ist dann doch etwas heuchlerisch.

Auch damals im 19. Jahrhundert hatte der Protest schon etwas Heuchlerisches; ich möchte noch einmal Messori zitieren:

„Während wir beim Thema Heuchelei sind: Wie Pius IX. selbst mit Bitterkeit bemerkte (es gibt auch Spuren von Bitterkeit in Mortaras Autobiographie) : während die ganze Welt sich wegen des kleinen Jungen aus Bologna empörte, setzte der Zar an, einen der monströsesten Akte des kulturellen Genozids auszuführen – der auf völliges Schweigen der europäischen Mächte traf. In einem Versuch, mit Polens Irredentismus fertig zu werden, sequestrierten die Russen die Söhne der führenden katholischen Familien, um sie zu verschleppen und in Internaten, die vom orthodoxen Klerus geführt wurden, aufzuziehen.

Die menschliche ‚Beute‘, die der Zar, als der oberste Repräsentant der Nationalkirche, wünschte, war weiter angewachsen als Ergebnis des russischen Gesetzes, das vorschrieb, das im Fall einer Mischehe zwischen katholischen und orthodoxen Partnern die Söhne von den orthodoxen Priestern getauft und in deren Glauben erzogen werden müssten, selbst wenn beide Eltern dagegen waren.“ (S. 57)

Der sel. Pius IX. jedenfalls war zutiefst überzeugt, im Mortara-Fall das Richtige zu tun; das, denke ich, ist offensichtlich, auch für Leute, die den Preis für zu hoch und seine Entscheidung nicht für gerechtfertigt halten wollen. Und letztlich ist es doch erstaunlich, was durch die Gnade Gottes – der auch auf krummen Linien gerade schreiben kann – aus Edgardo Mortara wurde.

 

* Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf: Vittorio Messori (Hrsg.): Kidnapped by the Vatican? The unpublished memoirs of Edgardo Mortara, Ignatius Press, San Francisco 2017.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit & Liberalismus, Kommunismus, Nationalismus

Vor ein paar Tagen war wieder mal französischer Nationalfeiertag mit den obligatorischen Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestags der Erstürmung eines fast leeren Gefängnisses, nach der die Köpfe von Männern, die sich ergeben hatten, auf Piken durch Paris getragen wurden: aber hey, darauf kann ein Land wohl stolz sein. Aber gut: Am 14. Juli wird ja in Frankreich nicht nur ein sinnloser Gewaltausbruch gefeiert, sondern die ganze Revolution mit ihren vielen weiteren noch stärker ideologisch motivierten Gewaltausbrüchen; und diese Revolution hat die letzten 230 Jahre doch ziemlich geprägt, wenn auch leider meistens nicht zum Guten.

Der Spruch aus der Revolutionszeit, der heute noch am bekanntesten ist, lautet bekanntlich: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und anhand dieses Spruchs kann man, wie ich finde, eigentlich ganz gut die verschiedenen falschen, und auch untereinander widersprüchlichen Ideologien aufzählen, die in dieser Zeit (und schon in der die Revolution vorbereitenden Zeit der sog. Aufklärung) ihren Anfang nahmen.

Datei:Unité Indivisibilité de la République.jpg

(„Einheit und Unteilbarkeit der Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder der Tod.“ Druck von 1793. Gemeinfrei.)

Da wäre zuerst das Schlagwort der Freiheit und die entsprechende Ideologie des Liberalismus.

Es kursierte ja damals schon längere Zeit unter den Intellektuellen Frankreichs und Europas die Idee von größerer Freiheit – Freiheit von der Macht des Königs und der Macht der Kirche, Freiheit, veröffentlichen zu dürfen, was man wollte, ohne zensiert oder bestraft zu werden. Darüber wurde auch relativ frei in gewissen Salons geredet; so ganz entsetzlich unterdrückerisch war das Ancien Régime dann wieder nicht. Die Adligen ließen sich auch mal durch provokante neue Ideen unterhalten, solange es nicht zu provokant wurde oder zu sehr damit ernst gemacht wurde. Die Vorstellung der Freidenker war, dass sich auf dem freien Markt der Ideen die besten durchsetzen würden, und alle mit denselben Voraussetzungen starten sollten.

Ein Grund für die Ausbreitung liberaler Ideen war das Schachmatt, zu dem die religiösen Debatten und auch die Religionskriege der Frühen Neuzeit geführt hatten: Von Protestanten und Katholiken hatte sich keine Seite endgültig durchgesetzt, und jetzt meinten einige, die den Streit müde waren, dass vielleicht einfach beide im Unrecht gewesen waren, und/oder der Streit nicht so wichtig war, und/oder man einfach jedem seine persönliche Wahrheit lassen müsste; im Bereich der Religion breitete sich eine gewisse Gleichgültigkeit und eine Abwendung von der tradierten Offenbarungsreligion aus.

Oft wollten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts auch größere wirtschaftliche Freiheit; Freiheit von den alten Zünften und Handwerksordnungen und den merkantilistischen Gesetzen der Fürsten, die Industrie, Handel und Innovation einschränkten: Es braucht keine Gesetze zur Lenkung der Wirtschaft; wenn jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, gleicht sich das am Ende von selbst aus und alle haben was davon; auch hier der freie Markt. Einige libertins waren natürlich auch moralisch „liberaler“ eingestellt als z. B. die katholische Kirche.

Die Grundidee der Liberalen war: Der Staat (und andere Institutionen mit öffentlicher Macht) sollte sich auf ein Minimum beschränken, um dem Individuum Raum zu geben, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden. Sie waren dabei nicht immer konsequent; da sie ein klösterliches Leben beispielsweise für unfrei hielten, wollten sie es staatlich verbieten lassen und setzten das auch öfter in einigen Ländern um – vor, während und nach der besagten Revolution. Aber von den Inkonsequenzen zurück zu den Prinzipien des Liberalismus: „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet“, heißt es in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789.

Die Frage, die bleibt, ist nur: was schadet einem anderen Menschen, was schadet vielleicht der gesamten Gesellschaft?

Um eher aktuelle Beispiel zu nehmen: Schadet es anderen, wenn einige Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen? Schadet es dem Familienleben, wenn Inzest unter Erwachsenen legalisiert wird? Schadet es einer Gesellschaft, wenn Pornographie frei verbreitet werden kann? Besonders bei einem besonderen Anliegen der sog. Aufklärer und der Revolutionäre wird diese Frage akut: Bei der Meinungs- und Pressefreiheit. Schadet die Verbreitung aller möglichen Ansichten wirklich nicht? Was ist mit Ansichten wie… Angehörige bestimmter „Rassen“ wären weniger wert und sollten rechtlich benachteiligt sein? Behinderte würden eine Gesellschaft nur belasten und sollten getötet werden? Soll auch für solche Ansichten Meinungsfreiheit gelten? Die christlichen Staaten der Vormoderne hatten oft Gesetze gegen die Verbreitung von Häresie, also die Verfälschung der christlichen Glaubenslehre; heute wird das als entsetzlich freiheitsfeindlich abgelehnt, aber andererseits gibt es den Straftatbestand der Volksverhetzung – ist das mit der Theorie des Liberalismus vereinbar? Oft sind Liberale sogar dafür, Dinge zu legalisieren, die sehr eindeutig anderen schaden; z. B. die Abtreibung, die ja dem getöteten Kind nicht unbedingt gut tut.

Und dann ist da noch die grundsätzliche Frage: Darf denn jeder sich selbst schaden, wie er will? Die klassische katholische Lehre würde dazu nein sagen: Auch sich selbst schuldet man Wohlwollen, Liebe, und sein eigenes Leben hat man sowieso nur von Gott erhalten und soll es gut verwalten. Der Liberalismus erkennt dem eigenen Leben dagegen keinen klaren Wert zu; laut dieser Ansicht gäbe es keine Rechtfertigung dafür, zu sagen, man müsse es besonders schützen oder achten.

Aber wenn jemand etwas zustimmt, das ihm schadet, ist das wirklich in Ordnung? Unter Druck oder aus Selbsthass können Menschen vielem zustimmen, das ihnen selbst schadet. Das Opfer des Kannibalen von Rotenburg hat dem Mord an ihm auch zugestimmt; der zuständige Gerichtshof ließ das nicht als Verteidigung gelten. Darf jemand sich selbst in die Sklaverei verkaufen, oder einem Arbeitsvertrag, der ihn ungerechten Bedingungen unterwirft, zustimmen? Ist es in Ordnung, wenn Menschen zustimmen, in der Prostitution oder der Pornoindustrie zu arbeiten und an den Arbeitsbedingungen dort kaputtgehen? Ist es in Ordnung, wenn alte oder kranke Menschen aus Angst vor Abhängigkeit, Einsamkeit oder Schmerzen, oder unter Druck von Verwandten, denen sie nicht auf der Tasche liegen wollen, zustimmen, sich töten zu lassen? Was schadet, ist eben Definitionssache; hier müssen Fragen von Gut und Böse, Richtig und Falsch entschieden werden, die der Liberalismus am liebsten ausklammern oder offen lassen würde.

Der zu Ende gedachte Liberalismus führt in die Anarchie, die einfach nur das Recht des Stärkeren bedeutet; den Vorteil dessen, der andere am besten manipulieren und überreden kann und durch irgendwelche Zufälle am meisten Gehör findet oder Macht ausüben kann. Wie gesagt, der zu Ende gedachte: In der Praxis bleibt der Liberalismus pragmatischerweise irgendwo auf dem Weg dahin stehen.

Letztlich waren aber auch viele Liberale im Lauf der Geschichte nicht ohne eigene konkrete Vorstellungen von Gut und Böse; „Jetzt lass mich, ich schade dir doch nicht!!“ ist halt nur eine passable Argumentation, wenn man nach und nach die Maßstäbe von Gut und Böse verschieben will. Um einen Kommentar von Erzbischof Charles Chaput aus den USA zum Thema Abtreibung zu zitieren: „Das Böse redet nur von Toleranz, wenn es schwach ist. Wenn es die Oberhand gewinnt, erfordert seine Eitelkeit immer die Zerstörung des Guten und Unschuldigen, weil das Beispiel guter und unschuldiger Leben ein andauernder Zeuge gegen es ist. So war es immer. So wird es immer sein.“ Wenn zuerst nur gefordert wurde, andere Leute bei XYZ in Ruhe zu lassen, soll man bald ausdrücklich gutheißen und unterstützen, was sie tun; statt Toleranz wird Akzeptanz verlangt. (Die LGTBQ-Bewegung ist ein aktuelles Beispiel.)

Man kann (wie andere das schon besser dargelegt haben) einen harten Liberalismus (es gebe wirklich keine Wahrheit) und einen weichen Liberalismus (die Wahrheit muss eben individuell freiheitlich auf dem freien Markt der Ideen erkannt werden) unterscheiden, die aber am Ende in der Praxis oft auf dasselbe hinauslaufen. Als geradezu prototypisch für die liberale Einstellung wird besonders in liberalismuskritischen amerikanischen Kreisen oft ein Satz aus dem Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA im Fall Casey vs. Planned Parenthood von 1992 zitiert:

„Im Herzen der Freiheit liegt das Recht, sein eigenes Konzept der Existenz, des Sinns, des Universums, und des Mysteriums des menschlichen Lebens zu definieren. Überzeugungen zu diesen Angelegenheiten könnten nicht die Attribute des Personsein definieren, wenn sie unter dem Zwang des Staates geformt würden.“

(„At the heart of liberty is the right to define one’s own concept of existence, of meaning, of the universe, and of the mystery of human life. Beliefs about these matters could not define the attributes of personhood were they formed under compulsion of the State.“)

Hier ging es natürlich um das Thema Abtreibung – weil jeder seine eigenen Ansichten haben soll, darf der Staat nicht definieren, ob ein ungeborenes Kind eine Person ist. Damit wird natürlich die Ansicht der Partei, die findet, dass es keine Person ist, ermächtigt; während scheinbar keine Entscheidung getroffen wird, wird eine getroffen.

Der Liberalismus vertritt in der Theorie einen unhaltbaren moralischen Relativismus (Wenn es keine Wahrheit gibt, ist es dann wahr, dass es keine Wahrheit gibt? Wenn für jeden seine eigene Wahrheit gelten soll, was genau ist das dann, das für ihn gilt und woher hat er es?), und ignoriert, dass Menschen von Anfang an nur in Gemeinschaft existieren, nicht als Einzelwesen, deren einziges Ziel die Maximierung von Freiheit und Eigentum ist; in der Praxis ist er dagegen oft nur ein Feigenblatt für welche (guten oder schlechten) Ideen auch immer jemand gerade durchbringen will.

Dann wäre da das Schlagwort Gleichheit; und aus einem gewissen in manchen Strömungen der Aufklärung grundgelegten Egalitarismus entstand im frühen 19. Jahrhundert die Idee des Kommunismus.

Die Gleichheit war zum Teil schon eine Forderung von Montesquieu, Voltaire, Diderot und ihresgleichen; vor allem Gleichheit vor dem Gesetz, Abschaffung der Privilegien des Adels: Gleichheit vor allem als Vorbedingung der Freiheit. Auch hier hilft ein Blick in die Menschenrechtserklärung von 1789: „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten.“ „Diese Rechte sind Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung.“

Aber als die Revolution dann so richtig losbrach, war sie bald nicht mehr nur eine politische Revolte von Abgeordneten, sondern auch das Volk meldete sich und randalierte und verlangte nach Brot. Hier meldeten sich Leute, die den Begriff der Gleichheit aufgeschnappt hatten und wirtschaftliche Gleichheit wollten, weil sie Not litten. Hier kann man die Sansculotten (die Pariser Kleinbürger und Arbeiter, die die Revolution unterstützten) und Hébert einordnen; es gab auch schon ein paar utopistische Vordenker im 18. Jahrhundert und früher. Die sozialrevolutionären Kreise konnten zwar zwischendurch ein paar Dinge durchsetzen, erlangten allerdings in der Revolutionszeit keinen nachhaltigen Einfluss; Hébert zum Beispiel wurde 1794 während Robespierres Schreckensherrschaft hingerichtet. Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis sich der Frühkommunismus voll entwickelt hatte, aber hier hat er – u. a. – seine Wurzeln.

Zunächst setzten sich, als in den 1790ern in Frankreich und dann zu Napoleons Zeiten u. a. auch in den deutschen Fürstentümern die Gesetze nachhaltig geändert wurden, die schon länger propagierten, gewohnten Ideen der Aufklärer durch: Abschaffung der letzten Reste der Leibeigenschaft und gewisser Adelsprivilegien, Aufhebung der Zünfte, stärkere Unterdrückung der Kirche. Keine Versuche, wirtschaftliche Gleichheit herzustellen, eher das Gegenteil. Die rechtliche sollte genügen, die rechtliche Gleichheit als Voraussetzung der allgemeinen, möglichst großen Freiheit. In dieser Zeit, als die wirtschaftliche Ungleichheit durch diese Laissez-Faire-Politik und durch die rapide Industrialisierung weiter zunahm, der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gingen die Liberalen und die Frühkommunisten getrennte Wege.

Die rechtliche Gleichheit hatte sicher ihre sehr guten Seiten; auch wenn beileibe nicht bei allen Bürgern die Abschaffung ihrer Partikular- und Gewohnheitsrechte beliebt war. Aber die Gleichheit, die die Kommunisten jetzt forderten, war sehr viel totaler. Wenn nur einzelne das Eigentum an den Produktionsmitteln besitzen und ihre Rechte nicht eingeschränkt sind, üben sie eine ungerechte Herrschaft über die Masse aus, sahen die Kommunisten, als während der Industiellen Revolution die Masse der Bevölkerung zu rechtlosen und überarbeiteten Fabrikarbeitern wurde, sehr richtig; also müsse die Gemeinschaft – was in der Praxis natürlich heißt: der Staat – alles besitzen und allen das gleiche zuteilen. Das führte, als es umgesetzt wurde, natürlich nur zu einer noch stärkeren Machtkonzentration und schlimmen Unterdrückung. Reguliertes, auf viele einzelne verteiltes Privateigentum wie zuvor stand für viele gar nicht mehr zur Debatte; die Idee des Distributismus konnte sich nicht viel Gehör verschaffen.

Typisch für das, was ich hier mal Egalitarismus nennen will, da es nicht nur den wirtschaftlichen Kommunismus umfasst, ist die Ansicht, dass jede Ungleichheit ungerecht und unterdrückerisch sei und mit Zwangsmitteln abgeschafft werden müsse; dass es in allem möglichen Ergebnisgleichheit geben müsse. Diese Denkweise findet man z. B. auch in der heutigen Debatte um frühkindliche Betreuung: Wenn einige Kinder Eltern haben, die sie besonders fördern, und andere solche, die sie eher vernachlässigen oder ihnen einfach nicht viel bieten können, muss der Staat für „Chancengleichheit“ sorgen und also alle Kinder möglichst früh aus ihren Familien reißen und den gleichen überforderten Erzieherinnen übergeben. (Dass natürlich staatliche Erzieherinnen auch individuelle Personen sind und gut oder schlecht in ihrem Beruf sein können, wird hier gerne übersehen.) Die Leute dürfen sich auch nicht mehr selbst für Ungleiches entscheiden; wenn z. B. Frauen freiwillig tendenziell andere Berufe als Männer wählen, muss man sie dazu nötigen, sich anders zu entscheiden.  Individuelle Freiheiten, die der Liberalismus übertreibt, werden hier zum totalen Feind, zur bloßen Gefahr; man darf sie nicht riskieren, egal, was daraus Gutes kommen könnte; der Staat über alles. Der historische Kommunismus war ja extrem feindlich gegenüber allem, was dem Totalitätsanspruch des Staates gegenüberstand, v. a. der Familie und der Kirche; daher z. B. die Wochenkrippen in der DDR, die Massenorganisationen für die Jugend, die Benachteiligung derer, die sich diesen Organisationen entziehen wollten, usw.

Der Kommunismus – und auch andere von Linken aufgegriffene Ideen wie die heutigen extremeren intersektionell-feministischen oder massenmigrationsbefürwortenden (mir fällt gerade kein besserer Begriff ein) Ideen – kam nicht mehr mit einem resignierten „Ach mei, die Wahrheit können wir eh nicht wissen, machen wir uns ein schönes Leben und seien wir tolerant“ daher wie der (theoretische) Liberalismus, sondern mit einem inhaltlichen Wahrheitsanspruch, und noch mehr, mit einem Weltrettungsanspruch. Entschlossenheit, wirklicher Einsatz war hier da, wenn auch leider oft fehlgeleiteter Einsatz, Sehnsucht nach einem Ende des Bösen. Sicher, das Böse wird hier ausschließlich materialistisch begriffen, man meint, in einer Welt mit gerechter Güterverteilung oder mit Frauenquoten und allgemeiner staatlicher Kinderbetreuung oder ohne Staatsgrenzen und Nationen gäbe es keine Probleme mehr, und für den Einsatz dafür gelten oft alle Mittel als gerechtfertigt, auch RAF-Terror, sowjetische Gulags, Antifa-Gewalt; aber dennoch, auf eine Weise hat es was Sympathischeres als der Liberalismus.

Aber eine perfekte Welt zu schaffen klappt hier unten eben nicht. Den Gedanken an eine andere perfekte Welt hatten die Egalitaristen ja schon lange als bloße Ablenkung von den „wichtigen“ Fragen beiseitegeschoben – obwohl sie selber am Ende auch alle mit dem Tod klarkommen mussten -, also setzten sie alle ihre Hoffnungen auf diese und wurden zwangsläufig enttäuscht.

Noch eine dritte moderne Bewegung findet sich in ihren Grundzügen schon in der Zeit der Französischen Revolution: Der Nationalismus, entsprechend dem Schlagwort der „Brüderlichkeit“ aller Franzosen, oder auch dem damals auch oft verwendeten, aber nicht mehr gleich bekannten Schlagwort der „Einheit und Unteilbarkeit der Nation / der Republik“.

Nun war Frankreich schon länger ein für die damalige Zeit vergleichsweise zentralistischer Staat, aber die unterschiedlichen Revolutionsregierungen und dann Napoleon machten schließlich Nägel mit Köpfen und zentralisierten das Land vollständig; auch regionale Sprachen beispielsweise waren jetzt nicht mehr gern gesehen. Während der 1790er wurde ständig die Nation als der neue Ankerpunkt betont; nun sollte es nicht mehr darauf ankommen, welchem Stand oder welcher Kirche man angehörte, sondern darauf, dass man Bürger Frankreichs war. Dieses neue Ideal von Bürgertum und Nation wurde mit religiöser Inbrunst hochgehalten: Es wurden „Bürgermessen“ als Ersatz für die alten religiösen Zeremonien erfunden und Revolutionsmärtyrer wurden verehrt. Alle Franzosen sollten zusammenstehen, und zwar zusammenstehen gegen den gemeinsamen Feind – die Könige, die Adligen, die Pfaffen, und die Ausländer, die das Land bedrohten; irgendwo schaffte die neue Einheit also auch automatisch eine neue Exklusivität.

Auch in den deutschen Gebieten war die liberale Bewegung des 19. Jahrhunderts die national-liberale Bewegung: die Studenten, die sich diese neuen Ideen aneigneten, träumten nicht nur von einem Deutschland ohne Zensurgesetze, sondern vor allem von einem Deutschland, das alle Deutschen, die bis dahin verteilt in einem Staatenbund aus vielen kleinen Fürstentümern lebten, in einem einheitlichen Reich vereinigte („Deutschland, Deutschland, über alles!“ – ein geeintes Deutschland ist unser wichtigstes Ziel, meinte das damals, und zwar eins „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, also vom Elsass bis Ostpreußen, von Südtirol bis ins heutige südliche Dänemark). Die (an sich nicht arg schlimme, aber in ihrer überhöhten Form doch praktisch ziemlich gefährliche) Idee, dass alle Menschen, die sprachlich, ethnisch, kulturell einem Volk angehörten, in einem einzigen eigenen Staat zusammengeschlossen sein müssten, prägte das ganze 19. Jahrhundert, sorgte für diverse Kriege, vereinte das gespaltene Deutschland (leider) zu einem Reich unter preußischem Kommando, schaffte ein geeintes Königreich Italien, das auch den Kirchenstaat mit Gewalt eroberte, zerstörte das multikulturelle Riesenreich der Habsburger und sorgte für endlose Konflikte auf dem ethnisch durchmischten Balkan.

Die Überhöhung der Nation, die Tatsache, dass sie die sinn- und einheitsstiftende Rolle übernehmen sollte, die früher eher die Kirche, zusätzlich zu Familie, Dorf, Zunft, Stadt, Fürstentum etc., eingenommen hatte, trug im frühen 20. Jahrhundert dann schließlich zur noch viel stärker nationalistischen Ideologie des Faschismus bei: Die Nation, das Volk als Ganzes, stand jetzt endgültig an höchster, quasi vergöttlichter, Stelle, alle Volksangehörigen hatten sich seinen Belangen unterzuordnen und als homogene Einheit zusammenzustehen, und es sollte einen starken Führer geben, der an seiner Spitze stand und es in die Zukunft führte. Der Faschismus war freilich auch von der inzwischen aufgetauchten Idee vom Übermenschen geprägt, von der Verherrlichung der Macht und des Kampfes, die man z. B. im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert noch nicht so findet, sondern die erst nach dem Aufkommen des Darwinismus in der Naturwissenschaft, der dann einen Sozialdarwinismus in der Philosophie nach sich zog, stärker aufkam. Ab dem späten 19. Jahrhundert kursierten militaristische Ideen vom Wettstreit der Nationen, die sich im 1. Weltkrieg entluden, aber damit eben bei weitem noch nicht ihr Ende fanden; dann redeten Leute wie Mussolini und Hitler vom Willen zur Macht und dem Kampf um Lebensraum und der Überlegenheit bestimmter Rassen.

Nationalisten und Faschisten suchten auch nach einem höheren Sinn, einem Zweck, einem Ziel des Schicksals, etwas, das über das materielle Leben des Einzelnen hinausging; leider war ihre Lösung von vornherein nicht besonders sinnvoll. Eine durch ein gemeinsames durch historische Zufälle entstandenes Vaterland definierte Gemeinschaft konnte die frühere durch einen gemeinsamen Vater im Himmel definierte eben nicht glaubwürdig ersetzen; vor allem war sie doch ziemlich exklusiv.

Der Fehler der Liberalen war, dass sie jede Beschränkung und jeden Wahrheitsanspruch für Unterdrückung hielten (im Gegensatz z. B. zum Herrn Jesus, der verkündete, dass die Wahrheit es ist, die frei macht); der Fehler der Egalitaristen/Kommunisten, dass sie jede Ungleichheit auch für Ungerechtigkeit hielten; der Fehler der Nationalisten, dass sie die Nation für die wichtigste Gemeinschaft überhaupt statt für eine unter anderen hielten. Und alle drei Bewegungen machten den Fehler, für die Durchsetzung ihrer Ideologie so ziemlich alle Mittel für gerechtfertigt zu halten; der Kommunismus wegen seiner hohen Ansprüche vielleicht am meisten, aber auch der Liberalismus war davon nicht frei. (1793/94, in der Hochphase der Revolution, wurden in Frankreich alle nur vermuteten Feinde der „Freiheit“ guillotiniert; der Aufstand der Bauern in der Vendée gegen die revolutionäre Regierung wurde mit an Völkermord grenzender Gewalt niedergemacht.) Der Liberalismus leugnete, dass eine Gesellschaft auf konkreten Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch basieren musste; in das entstandene Vakuum grätschten Sozialismus und Nationalismus und Faschismus mit falschen Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch hinein.

Die katholische Kirche stand während all dieser Umbrüche im 18., 19., 20. Jahrhundert meistens auf einer ziemlich trotzigen, mal nicht zu viel verdammenden und dann immer wieder sehr deutlich verdammenden und den allgemeinen Verfall beklagenden Position. Auch wenn sie beileibe nicht alle einzelnen praktischen Neuerungen, die zufällig aus dem Geist dieser Ideologien entstanden, als unvereinbar mit der Wahrheit ablehnen musste: Zu Ende gedacht widersprachen alle drei diametral der katholischen Lehre, was die Päpste immer wieder deutlich machten, v. a. solche wie der sel. Pius IX., der im Syllabus Errorum unter anderem diese drei Ideologien verurteilte.

Letztendlich ist es ja doch so, dass nur eine Rückkehr zur tatsächlichen Wahrheit – was heißt, zu Gott, der die Wahrheit selbst ist – gegen sie helfen würde.