Über schwierige Heilige: Der sel. Pius IX. und der Mortara-Fall

(Grundsätzliches zu „schwierigen“ Heiligen hier; hier und hier die anderen beiden Teile zu speziellen „schwierigen“ Heiligen.)

Heute zum (voraussichtlich) letzten problematischen Heiligen, den ich anschauen will – d. h. diesmal nur zu einem Seligen. Nicht nur mit Pius V., sondern auch mit einem seiner gleichnamigen Nachfolger haben manche Probleme, nämlich mit dem sel. Pius IX.; u. a. wegen der Angelegenheit um Edgardo Mortara, wegen der insbesondere jüdische Gruppen gegen seine Seligsprechung im Jahr 2000 protestierten.

Pius IX., der von 1846 bis 1878 regierte, war ein Papst, der zuerst als moderat liberal bekannt war, dann aber, als er einen deutlicheren Eindruck vom Liberalismus hatte (genauer: als 1848/49 im Kirchenstaat ein gewaltsamer Putschversuch der italienischen Nationalliberalen unternommen wurde und er zeitweise aus Rom fliehen musste), in eine sehr konservative Richtung umschwenkte. Er war der letzte Papst, der als weltlicher Herrscher über den Kirchenstaat regierte; in seine Zeit fiel nicht nur dieser niedergeschlagene Putschversuch, sondern auch zwei Jahrzehnte später die gewaltsame Eroberung Roms durch das Königreich Piedmont im Herbst 1870. Von ihm stammt der berühmte Syllabus Errorum, eine zusammenfassende Verurteilung vieler moderner Ideologien. Unter ihm fand das 1. Vatikanische Konzil statt, das 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes auch ohne Konzil (bei der Verkündigung von Dogmen natürlich, nicht bei allem, was er sagt, auch wenn manche Nichtkatholiken das nicht wissen) zum Dogma erklärte; und schon 1854 erklärte er die Unbefleckte Empfängnis Mariens (also ihre Freiheit von der Erbsünde von Beginn ihres Lebens, d. h. ihrer Empfängnis, an; hier ist nicht die jungfräuliche Empfängnis Jesu gemeint) zum Dogma. Er legte sich im Kulturkampf der 1870er mit dem deutschen Reichskanzler Bismarck an, der sich daran machte, die Kirche, die er als Feindin der deutschen Nation sah, zu bekämpfen und z. B. Ordensleute ausweisen und Priester für politische Predigten einsperren ließ. Für Pius IX. war klar: Keine Kompromisse mit Nationalliberalen und Protestanten, kein Einknicken vor der Welt.

Unter Katholiken war er sehr beliebt, und als gütiger und heiligmäßiger Papst bekannt. Aber sogar die antiklerikale deutsche Zeitschrift „Die Gartenlaube“ schrieb 1867 über ihn: „Was man ihm sonst auch vorwerfen möge, so lassen sich ihm doch die mildesten echt christlichen Tugenden mit der würdevollsten Einfachheit verbunden, nicht abstreiten, die ihn im Verein mit vielem Unglück zu einer wirkliche Theilnahme erweckenden Erscheinung machen.“ (Diese Zeitschrift war so antiklerikal, dass sie im selben Artikel munkelte, dass die Kirche quasi am Ende und Pius IX. „aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte Nachfolger Petri auf dem apostolischen Stuhle sein dürfte“.)

(Pius IX. Gemeinfrei.)

Sein Antiliberalismus ist eigentlich genug, um ihn bei vielen unbeliebt zu machen, zumindest bei Nichtkatholiken; aber nun, wie gesagt, noch zum Mortara-Fall, einer Sorgerechtsangelegenheit aus den 1850ern, die damals für einen großen Skandal sorgte und heute noch so bekannt ist, dass Steven Spielberg einen Film dazu plant. Erst einmal möglichst ausführlich die Fakten des Falls; weitere Kommentare dann unten.

Edgardo Levi Mortara war ein jüdischer Junge aus Bologna, das, als er dort am 21. August 1851 geboren wurde, noch zum Kirchenstaat gehörte; seine Eltern Salomone und Marianna Mortara, deren neuntes Kind er war, besaßen ein kleines Geschäft. Sie hatten eine katholische Dienstmagd namens Anna Morisi eingestellt, und als er etwas über ein Jahr alt  war, erkrankte Edgardo schwer und stand kurz vor dem Tod, weshalb Anna ihn, als seine Eltern gerade nicht im Zimmer waren, heimlich taufte, damit er nicht ungetauft starb. Völlig überraschend erholte Edgardo sich wieder.

Taufen kleiner Kinder gegen den Willen der Eltern waren (und sind) kirchenrechtlich an sich zwar gültig, aber immer unerlaubt gewesen – außer in Todesgefahr, dann sind sie auch erlaubt. (Auf Taufen von Kindern, die nicht in Todesgefahr waren, gegen den Willen der Eltern standen im Kirchenstaat früher übrigens auch staatliche Strafen; im 16. Jahrhundert jedenfalls hieß es hohe Geldstrafe oder Galeere; wie es im 19. Jahrhundert aussah, weiß ich allerdings nicht.) Der Kirchenstaat hatte außerdem ein Gesetz, das Juden eigentlich verbot, katholische Dienstboten einzustellen, das genau solche Situationen wie Edgardos verhindern sollte. Heutzutage heißt es im Kirchenrecht, sprich im CIC von 1983:

Can. 868 — § 1. Damit ein Kind erlaubt getauft wird, ist erforderlich:

1° die Eltern oder wenigstens ein Elternteil bzw. wer rechtmäßig ihre Stelle einnimmt, müssen zustimmen;

2° es muß die, begründete Hoffnung bestehen, daß das Kind in der katholischen Religion erzogen wird; wenn diese Hoffnung völlig fehlt, ist die Taufe gemäß den Vorschriften des Partikularrechts aufzuschieben; dabei sind die Eltern auf den Grund hinzuweisen:

„Can. 868 — § 2. In Todesgefahr wird ein Kind katholischer, ja sogar auch nichtkatholischer Eltern auch gegen den Willen der Eltern erlaubt getauft.“

Anna Morisi hielt die Taufe zuerst geheim. Ein paar Jahre später erkrankte Edgardos kleiner Bruder Aristide ebenfalls, und als Freundinnen ihr sagten, sie solle Aristide doch die Nottaufe spenden, weigerte sie sich und erklärte, dass sie nicht wollte, dass sich ein Fall wie Edgardos wiederholte. (Aristide starb; ungetauft.) Ihre erschrockenen Freundinnen rieten ihr, ihrem Beichtvater davon zu erzählen, dass Edgardo getauft war, statt es weiter geheim zu halten, was Anna tat, und mit ihrem Einverständnis wandte er sich an die Autoritäten im Kirchenstaat. Der Fall wurde nach Rom gemeldet, und zuerst vergingen ein paar Monate, in denen nachgeforscht wurde, ob die Taufe sicher gültig gewesen war.

Als die Gültigkeit feststand, war für Pius IX. (der sich mit dem Fall persönlich befasste) klar, dass Edgardo christlich erzogen werden musste. Getauft war getauft, ein getauftes Kind gehörte Gott, war ein Mitglied der Kirche, hatte das Recht auf eine christliche Erziehung, und die Kirche war für es verantwortlich – so sah der Papst es. Laut den Gesetzen des Kirchenstaats durften christliche Kinder nicht von Nichtchristen erzogen werden.

Dass die Kirche eine gewisse Verantwortung gegenüber allen Getauften hat, eine katholische Erziehung, wenn möglich, zu vermitteln, gilt übrigens auch heute; noch mal der CIC:

„Can. 217 — Da ja die Gläubigen durch, die Taufe zu einem Leben nach der Lehre des Evangeliums berufen sind, haben sie das Recht auf eine christliche Erziehung, durch die sie in angemessener Weise zur Erlangung der Reife der menschlichen Person und zugleich zur Erkenntnis des Heilsgeheimnisses und zu einem Leben danach angeleitet werden.“

Und:

„Can. 794 — § 1. In besonderer Weise kommt der Kirche Pflicht und Recht zur Erziehung zu; denn ihr ist es von Gott aufgetragen, den Menschen zu helfen, daß sie zur Fülle des christlichen Lebens zu gelangen vermögen.

§ 2. Pflicht der Seelsorger ist es, alles zu tun, damit alle Gläubigen eine katholische Erziehung erhalten.“

Ein gewisser Pater Feletti, der in Bologna zuständig war, ging mehrmals zu Edgardos Eltern und berichtete ihnen von Edgardos Taufe; er schlug ihnen (wie es die Anweisung von Pius IX. war) vor, ihren Sohn auf päpstliche Kosten in ein katholisches Internat in Bologna zu geben, wo er bis zu seiner Volljährigkeit christlich erzogen werden würde, sie ihn aber jederzeit besuchen könnten. Seine Eltern waren am Boden zerstört und weigerten sich, Edgardo in eine christliche Schule zu geben; nachvollziehbarerweise; sie waren schließlich fromme Juden. Erneut auf Anweisung aus Rom informierte Pater Feletti sie, dass die Kirche auf jeden Fall für eine christliche Erziehung Edgardos sorgen würde; allerdings gaben sie weiter nicht nach. Im Juni 1858 – Edgardo war noch nicht ganz sieben Jahre alt – gab Pius IX. deshalb Anweisung, ihn aus seiner Familie zu holen und nach Rom zu bringen.

Edgardo hat sich später öfter über seine Geschichte geäußert (die hier verwendeten Zitate wurden von mir aus englischen Übersetzungen weiter ins Deutsche übersetzt; es kann also sein, dass sie an einzelnen Stellen nicht so akkurat sind, wie es ideal wäre); in einer Aussage berichtet er über sein Eintreffen in Rom (später komme ich noch auf andere Äußerungen zu der Trennung direkt):

„Die Beamten brachten mich nach Rom und präsentierten mich Seiner Heiligkeit Pius IX., der mich mit großer Freundlichkeit empfing und sich zu meinem Adoptivvater erklärte, was er wirklich war, indem er sogar für meine Ausbildung sorgte und meine Zukunft sicherte. Er vertraute mich dem Domherrn Enrico Sarra an, dem Rektor des Instituts der Neophyten [Neugetauften] von St. Maria von den Bergen, geleitet von den Töchtern des Heiligen Herzens. [Das war ein Institut, in dem konvertierte Juden aufgenommen wurden.]

Ein paar Tage nach meiner Ankunft in Rom erhielt ich religiöse Unterweisung, und die Taufzeremonien wurden von Cardinal Ferretti vervollständigt, einem Neffen Seiner Heiligkeit. Das führte einige in einen historischen Fehler: dass ich nach der Trennung von meiner Familie in Rom getauft worden wäre – wie von De Cesare in einem seiner Werke erzählt.“

Edgardo berichtet, wie er seine Eltern das nächste Mal sah:

„Acht Tage später erschienen meine Eltern beim Institut der Neophyten, um die komplexen Prozeduren in die Wege zu leiten, mich zurück in die Familie zu holen. Da sie völlige Freiheit besaßen, mich zu sehen und mit mir zu sprechen, blieben sie einen Monat lang in Rom und kamen mich jeden Tag besuchen. Es ist nicht nötig, zu erwähnen, dass sie mit allen Mitteln versuchten, mich zurückzubekommen – Umarmungen, Tränen, Bitten und Versprechen. Trotz all dessen zeigte ich nie den geringsten Wunsch, zu meiner Familie zurückzukehren, eine Tatsache, die ich selbst nicht verstehe, außer wenn ich auf die Macht der übernatürlichen Gnade schaue.

An dieser Stelle will ich eine Geschichte erzählen, die die Macht dieser Gnade zeigt. Nachdem ich in Alatri [einer Kleinstadt bei Rom, wo Edgardo in dieser Zeit eine kurze Zeit verbrachte] dem Domherrn Vincenzo Sarra (in dessen Haus ich übernachtete) bei der Messe gedient hatte, erschienen meine Eltern plötzlich an der Tür, als ich mit dem Priester zur Sakristei zurückkehrte. Anstatt mich in ihre Arme zu werfen, wie es natürlich gewesen wäre, trat ich zurück, sehr überrascht, und versteckte mich unter der Kasel des Priesters. Wegen dieses Ereignisses gerieten die Leute von Alatri in Wut über meine Eltern, und der Bischof hielt es für das Beste, mich acht Tage lang in seinem Palast zu beherbergen, auch, um eine Entführung durch meine Eltern zu verhindern. Sie überzeugten sich von der Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen und hielten es für vernünftiger, nach Bologna zurückzukehren.“

Über sein Verhältnis zu Pius IX. sagt er:

„Der Heilige Vater Pius IX. wollte, wie ich ihn sagen hörte, mich den Jesuiten anvertrauen, und mich in die Schule für den Adel geben, aber nachdem er sich den Fall besser überlegt hatte, gab er mich in die Schule von St. Peter in den Ketten auf dem Esquilinischen Hügel, geleitet von den Augustiner-Chorherren vom Lateran, um der säkularen Presse keinen Vorwand zur Kontroverse zu liefern. [Der Kommentar zu den Jesuiten bezieht sich darauf, dass dieser Orden als Inbegriff des papsttreuen Katholizismus galt und unter Kirchenfeinden und Nichtkatholiken unzählige Verschwörungstheorien über ihn im Umlauf waren.] Ich wurde von Rektor Sarra am 8. Dezember 1858 dorthin gebracht. Ich wurde seiner Heiligkeit dann bei den Weihnachtsfeierlichkeiten präsentiert, wie es danach jedes Mal getan wurde, da es meine Pflicht war, dem Pontifex den kindlichsten Dank zu sagen für die Geschenke, die er mir regelmäßig schickte, und für die vielen offenen Zeichen väterlicher Güte.

Jeden Monat schickte er einen päpstlichen Angestellten, um die Summe von dreißig Scudos für meinen Unterhalt abzuliefern. Er zeigte mir immer die väterlichsten Beweise der Zuneigung, gab mir weise und nützliche Lektionen, und, wobei er mich zärtlich segnete, sagte mir oft, dass ich ihn viele Schmerzen und Tränen gekostet hatte. Wenn er mich auf einem Gang traf, rief er mich. Wie ein guter Vater spielte er auch mit mir, versteckte mich unter seinem großen roten Umhang, und fragte dann im Scherz, wo der Junge war. Dann nahm er den Umhang weg und zeigte mich den Umstehenden. ‚Da ist er ja!‘ […]

Einmal zeigte ich Seiner Heiligkeit meine Gefühle der kindlichen Ergebenheit mit einer Dichtung, und Pius IX. erinnerte an den berühmten Vorfall mit mir mit energischen und bewegenden Worten. ‚Mein Sohn‘, sagte er, ‚du bist mir sehr lieb, und ich habe viel für dich gelitten.‘

Dann, wobei er sich zu den Leuten um ihn umwandte, fügte er diese exakten Worte hinzu: ‚Die Großen und Geringen wollten mir dieses Kind nehmen, und beschuldigten mich, barbarisch und erbarmungslos zu sein. Sie klagen um seine Eltern und bedenken nicht, dass ich auch ein Vater bin. Keiner fühlt mit mir in der Mitte meiner schmerzhaften Prüfungen, während sie in Russland so viele meiner geliebten Kinder entführen (meine lieben Polen).‘ Er schloss: ‚Ich hatte das Recht und die Pflicht, das zu tun, was ich für diesen Jungen getan habe, und wenn es nötig wäre, würde ich es wieder tun.‘

Ich erinnere mich an eine sehr charakteristische Begrüßung durch den Diener Gottes [d. h. Pius IX., der zu dieser Zeit den Titel „Diener Gottes“ trug, und noch kein Seliger war]. Als er mich mit meinen Freunden knien sah, sagte er, lächelnd: ‚Zu Ihren Diensten, Mortara.‘ Und es war ein wirklicher Dienst, der mir von diesem Mann erwiesen wurde, der sich offiziell ‚Servus servorum Dei‘ [Diener der Diener Gottes, ein päpstlicher Titel] nannte.

Pius IX. hatte immer das Interesse eines Vaters an meinem Fortschritt in der Frömmigkeit und dem Unterricht. Ich habe bereits erwähnt, dass er es nie versäumte, mir sehr nützliche Lektionen zu geben, jedes Mal, wenn ich ihm präsentiert wurde. Als ich ein junger Schüler war, war er eines Tages erfreut darüber, dass ich einige Passagen aus dem Italienischen ins Lateinische und umgekehrt übersetzte. Er billigte meine Entscheidung, in den Orden der Augustinerchorherren vom Lateran einzutreten, als ich noch ziemlich jung war, und erlaubte mir gerne, seinen Namen anzunehmen. ‚Wir hoffen‘, sagte er zum Generaldirektor des Ordens, ‚dass wir einen weiteren Pater Pio haben werden‘. (Er bezog sich auf den Passionisten Pater Pio, der ein paar Jahre zuvor im Ruf der Heiligkeit gestorben war.) Als ich ihm präsentiert wurde, nachdem ich die zeitlichen Gelübde abgelegt hatte, erinnerte er mich daran, dass der hl. Franz von Sales Klöster mit Hospitälern verglichen hatte, in denen es drei Klassen von Personen gibt: die Kranken, die Genesenden und die Gesunden. Er ermutigte mich, zur dritten Klasse zu gehören.

Er sagt hier auch mehr über die enormen diplomatischen Schwierigkeiten, die Pius IX. wegen seinem Fall bekam, und den großen Skandal, für den er in Europa und darüber hinaus sorgte:

„In der Zwischenzeit wurde in den Medien in Europa, und man könnte sagen, in der ganzen Welt, ein großer Schrei erhoben über die Entführung des Knaben Mortara, die so berühmt wurde wie der ‚Raub der Sabinerinnen‘. In kleinen Gruppen, in Dörfern und Cafés redete niemand über etwas anderes, und schließlich kam im königlichen Theater von Paris eine Tragödie auf die Bühne mit dem Titel ‚Le petit Mortara‘ [Der kleine Mortara]. Die jüdische Gemeinde von Alessandria (Piedmont) appellierte an alle Synagogen der Welt und organisierte eine regelrechte Kampagne gegen den Papst und die römische Kirche, und wandte sich an die staatlichen Mächte und bat sie, diplomatisch zu intervenieren und Einspruch zu erheben. Tatsächlich wurden Protestnoten geschickt; die heftige und leidenschaftliche Kontroverse, die alle Feinde des Papsttums und der römischen Kirche vereinte, hielt sechs Monate an.

Es bestand allerdings kein Mangel an tapferen Seelen im katholischen Lager, die den hochherzigen Pius IX. mit heroischem Mut und bewundernswerter Standhaftigkeit verteidigten – er selbst sagte in der Mitte dieses wütenden Sturms dass er, wie unser göttlicher Erlöser, ruhig schlief: ‚Ipse vero dormiebat.‘ […]

Was ich zum Verhältnis Pius‘ IX. zu den Regierungen sagen kann, ist, dass Pius IX., als er die Tatsache meiner Trennung von meiner Familie publik machte, sich in sehr ernste diplomatische und offizielle Probleme mit Frankreich verwickelt fand (s. ‚Les mélanges‘ von Luigi Veuillot, aus dem ich selbst davon erfuhr).

Zur Bestätigung dessen, was ich sage, kann ich die Worte hinzufügen, die ich von den Lippen General Latours, eines hohen Staatsbeamten Napoleons III., hörte. Ich fragte ihn: ‚Wie drückte sich der Kaiser über meinen Fall aus?‘

Er erzählte mir, dass der Kaiser sagte: ‚Wie ist das möglich? Ich habe meine Soldaten in Rom, und er tut mir solche ‚bêtises‘ [Dummheiten] an.‘ [Frankreich war damals militärische Schutzmacht des Kirchenstaates, auch wenn Napoleon III. kein großer Kirchenfreund war und den Papst letztendlich im Stich ließ.]

Wie der gefeierte Kontroversialist Veuillot sagte, wobei er auf diese Probleme Bezug nahm: ‚Der Fall des kleinen Mortara war wie ein Schuss, der abgegeben wurde, um für Konflikt zu sorgen, und ein nicht gerade ehrlicher Vorwand, um die Entwicklung der römischen Frage zu beschleunigen.‘ Der Syllogismus war tatsächlich offensichtlich: Der Mortara-Fall wäre nicht geschehen ohne die weltliche Macht [des Papstes]; darum ist es nötig, diese Macht abzuschaffen. Das war dem Pontifex wohlbekannt, und es resultierte in respektlosen an ihn gerichteten Scheltworten und Drohungen. Trotz dessen blieb er fest und beständig, und wiederholte gelegentlich sein hehres ’non possumus‘ [wir können nicht], vor dem alle menschliche Macht schwand.

Am Ende war das das Dilemma: ‚Bring den Jungen zurück oder wir können nicht für die Sicherheit des Papstes in seinem Staat garantieren.‘ Ich weiß, dass er einmal rief, dass ihn nicht einmal alle Bajonette der Welt zwingen könnten, den Jungen zurückzubringen.

Im Jahr 1870 eroberten, wie oben schon erwähnt, die Truppen des Königreiches Piedmont den letzten Rest des Kirchenstaats (einen Teil hatten sie schon vorher kassiert) und annektierten ihn, und Pater Pio Maria Mortara schreibt über diese Zeit:

Die väterliche Sorge des Heiligen Vaters offenbarte sich besonders bei der Gelegenheit der politischen Ereignisse des Jahres 1870. Nachdem die piedmontesischen Truppen in diesen Tagen der Anarchie, die der Formierung der neuen Regierung vorangingen, in Rom eingezogen waren, wandte sich ein Mob, den die Polizei unfähig war zu kontrollieren, Richtung St. Peter in den Ketten, um mich zu entführen, nachdem sie schon den Neophyten Coen aus der Schule der Piaristen entrissen hatten. Allerdings erfolgte das glücklicherweise nicht. Pius IX., besorgt über mein Schicksal, fragte mehrere Male, ob ich aus Rom heraus gebracht worden war. Als er dann über meine Flucht informiert wurde, sagte er diese exakten Worte: ‚Wir danken dem Herrn, dass Mortara geflohen ist.‘

Der Segen Pius‘ IX. begleitete mich bei allem. Vor allem gab er mir die Kraft und den Mut, mich nicht den Appellen und Drohungen der liberalen Autoritäten zu beugen, die mich zwingen wollten, trotz meiner Ordensgelübde, zu meiner Familie zurückzukehren, der Gefahr ausgesetzt, eidbrüchig oder sogar zum Apostaten zu werden. Tatsächlich kam Herr Berti, der Polizeipräfekt, zu St. Peter in den Ketten, schalt mich und bat mich, die Öffentlichkeit zufriedenzustellen, die verärgert war über die ‚Exzesse der theokratischen Macht‘, indem ich zu meiner Familie zurückkehrte. Ich bemerkte, dass es nicht der Ort für solche Zufriedenstellung war, da ich gerade erst meinem Vater in Rom [wo er zu dieser Zeit war] alle Beweise meiner zärtlichsten kindlichen Zuneigung gegeben hatte. ‚Sei das, wie es sei‘, antwortete der Präfekt, ‚für Ihr eigenes Wohl und das Ihrer Gemeinschaft, befehle ich Ihnen, zu Ihrer Familie zurückzukehren.‘

Die Polizei verfolgte jeden meiner Schritte, und jede Nacht platzierten sie Wachposten nahe beim Konvent, um eine Flucht zu verhindern. Um mich vor diesen Belästigungen zu schützen, wurde mir geraten, seine Exzellenz General Lamormora aufzusuchen, damals Statthalter von König Victor Emmanuel in Rom. Ich suchte um die Audienz nach, die sofort gestattet wurde. Seine Exzellenz empfing mich auf die höflichste Weise. Nachdem ich ihm den Fall erklärt hatte, sagte er zu mir:
‚Aber was wollen sie dann von Ihnen?‘
‚Die Polizei‘, antwortete ich, ‚will mich zwingen, zu meiner Familie zurückzukehren.‘
‚Aber wie alt sind Sie?‘ fragte er mich.
‚Neunzehn, Exzellenz.‘
‚Dann sind Sie frei‘, sagte er. ‚Tun Sie, was Sie wollen.‘
‚Aber Exzellenz, mir wird mit Repressalien gedroht.‘
‚In diesem Fall, kommen Sie zu mir und ich werde Sie schützen.‘

Trotz dessen und obwohl Kardinal Antonelli gesagt hatte, dass er es nicht für nötig hielt, sahen meine Ordensoberen Komplikationen voraus und entschieden, mich ins Ausland zu schicken. Was Kardinal Antonelli angeht, möchte ich bemerken, dass er, als meine Mutter kurz nach meiner Trennung von meiner Familie zu ihm kam, zu ihr sagte, um sie zu trösten: ‚Meine Dame, sie haben Ihnen das Kind weggenommen; versuchen Sie, ihn zurückzubekommen.‘

Am 22. Oktober 1870, um 10 Uhr abends, begleitet von einem anderen Mönch – und wir beide in Zivilkleidung – ging ich durch den Garten der Pfarrei hinaus, und um der Beobachtung durch die Wachposten zu entgehen, ging ich zum Zentralbahnhof, wo mein Mentor mir sagte, dass er meinen Vater gesehen habe. Tief bewegt betete ich in meinem Herzen zu Gott, dass er mir diese Begegnung ersparen würde, und mein Gebet wurde erhört. Ohne Zwischenfall nahm ich den Zug nach Falconara-Bologna.

Als wir am Bahnhof in Foligno ankamen, stiegen wir aus, um uns im Restaurant zu stärken. Einige Jugendliche saßen vor uns, und aus den roten Bändern, die sie trugen, schloss ich, dass sie zur Garibaldi-Fraktion gehörten. Sie sprachen miteinander über die kürzliche Flucht des jungen Mortara, die wie für gewöhnlich den Jesuiten zugeschrieben wurde. Um die Wahrheit zu sagen, ich zitterte wie Espenlaub. Mein Begleiter allerdings sprach mit ihnen so geschickt, ohne die Fassung zu verlieren, dass sie das Gesprächsthema wechselten und nicht weiter an den Entflohenen dachten, der seine Flucht in Ruhe nach Bressanone [Brixen] (im österreichischen Tirol) fortsetzte, wo ich die großzügigste Gastfreundschaft bei den Brüdern der Pfarrei von Nova Cella [Neustift] fand. In der Zwischenzeit schürte die liberale Presse Wut gegen den Klerus, und vor allem gegen die Jesuiten, die sie beschuldigten, mich mit ihrem papalistischen Fanatismus beeinflusst und die Flucht bewirkt zu haben, was in einem Affront gegen meine Familie resultierte.

Um auf diese unbegründeten Anschuldigungen zu antworten, schrieb ich eine Widerrede, die im katholischen Journal de Bruxelles veröffentlicht und in anderen katholischen und säkularen Zeitungen weiter abgedruckt wurde. So verbreitete sich die Nachricht, dass ich mich angeblich in Brüssel aufhielte, während ich mich in Ruhe theologischen Studien im diözesanen Seminar von Brixen widmete. Der Pontifex vergaß seinen Adoptivsohn nicht und mehrere Male sandte er mir seinen Segen durch den Generaldirektor des Ordens, wenn er meine Nachrichten mit Grüßen und Glückwünschen empfing.

In Neustift legte Edgardo – d. h. inzwischen Pio Maria – am 31. Dezember 1871, also mit zwanzig Jahren, seine ewigen Gelübde ab.

Außerdem schreibt er über seine Beziehung zu seiner Familie:

Sie werden wissen wollen, wie meine Beziehung zu meinen Eltern aussah, nachdem sie Alatri verließen. Ich hörte nichts weiter von ihnen, obwohl ich ihnen mehrmals Briefe mit dringlichen Bitten betreffs der Religion schrieb, und sie von der Wahrheit des katholischen Glaubens zu überzeugen versuchte. Sie dachten, dass diese Briefe, nichtsdestotrotz sie Ausdruck meiner sehr großen persönlichen Überzeugung waren, nicht ausschließlich mein Werk sein konnten, also blieben sie ohne Antwort. Erst im Mai 1867, als ich ein Novize war, erhielt ich meinen ersten Brief von meinen Eltern, in dem sie, nachdem sie mich ihrer unvergänglichen Zuneigung versicherten, bemerkten, dass sie nicht auf meine Briefe geantwortet hatten, weil sie nur meinen Namen und die Unterschrift enthielten. Sie hofften nun allerdings, dass ich mit ihnen ‚ohne Überwachung‘ korrespondieren könnte.

Das erste Mal, dass ich meinen Vater wiedersah, war in Rom Anfang Oktober 1870. Dieses erste Treffen war außerordentlich herzlich. Er setzte seine Besuche in St. Peter in den Ketten häufiger und für längere Zeiträume fort, und als er mir vor seiner Rückkehr nach Florenz (damals die Hauptstadt des Königreichs) Lebewohl sagte, nahm er freudig die Andenken und Geschenke für meine Brüder an. Ich dachte, dass mein Vater Rom verlassen hätte. Allerdings schrieben die Zeitungen ein paar Tage nach diesem letzten Treffen, dass der Vater des jungen Mortara (dessen Spitzname Momolo war) in Rom war und bei der Regierung Versuche machte, seinen Sohn zurückzubekommen. Das Ergebnis dieser Neuigkeit war, dass Berti sich für den Fall zu interessieren begann, der Besuch bei General Lamarmora, und meine Flucht aus Rom.“

Und über die Zeit, als er Priester wurde (mit zweiundzwanzigeinhalb wurde er geweiht; mit Sondererlaubnis, weil er noch nicht das Mindestalter erreicht hatte), schreibt er:

Die väterliche Zuneigung Pius‘ IX. mir gegenüber blieb unverändert bis zum Tod. Nach der Aufhebung der Klöster [gemeint sind wohl die Klöster in Italien] schickte er mich sofort zu dem berühmten und heiligen Bischof von Poitiers, Luigi Eduardo Pie, der 1880 starb. (Er wurde 1879 von Leo XIII. zum Kardinal ernannt.) Um den Wunsch des Heiligen Vaters zu erfüllen, fasste er den Plan einer [Ordens-]Niederlassung in seiner Diözese, was er dann 1873 in die Tat umsetzte. Pius IX. sandte dem Bischof einen Brief mit Glückwünschen, in dem er, unter anderen Dingen, seine Befriedigung darüber ausdrückte, zu wissen, dass sein Adoptivsohn nun in dieser Diözese war. (Siehe „Werke von Kardinal Pie“, Poitiers, Audin-Verlag.)

Bei den ‚ad limina‘-Besuchen dieses Bischofs fragte der Pontifex oft nach dem Fortschritt seines Schützlings und wann er Priester werden würde. Als der Bischof antwortete, dass ich noch immer ziemlich jung war, sagte Pius IX.: ‚Gut, dann werden wir ihm eine anständige Dispens für sein Alter zugestehen.‘ Tatsächlich erhielt ich, als diese Frage angegangen wurde, Dispens für zwanzig Monate. Da ich aufgrund von zu viel Arbeit an Nervenschwäche litt, war ich gezwungen, alle Beschäftigung beiseite zu lassen und mich körperlichen Übungen zu widmen. Das war eine große Prüfung für mich. Als Pius IX. durch Bischof Pie davon hörte, sandte er mir seinen besonderen Segen, und forderte mich zu Geduld und Erholung auf. An dem glücklichen Tag meiner ersten Messe ehrte er mich mit einem persönlich unterzeichneten Brief, den ich als eine wertvolle Reliquie behalten habe. In dem Brief drückte er seine Zufriedenheit darüber aus, mich zum Dienst am Altar aufsteigen zu sehen. Er bat mich, vor allem für ihn zu beten und bis an die Grenzen meiner Kraft für die Ehre Gottes und das Wohl der Seelen zu wirken.

Als Krönung seiner väterlichen Güte mir gegenüber hinterließ Pius IX. mir eine Lebensrente von 300 Lire im Jahr aus seinem Privatvermögen. Das Kapitel dieser Rente, das heißt, 7000 Lire, wurde dem Oberhaupt meines Ordens von Seiner Heiligkeit Leo XIII. übergeben. Ich sah Pius IX. nie wieder. Nach 1878 ging ich bei vielen meiner Besuche in der Ewigen Stadt zum Campo-Verano-Friedhof und warf mich tief bewegt auf dem Grab meines erhabenen Vaters und Beschützers nieder, gegenüber dem meine Dankbarkeit keine Grenzen kennt, und den ich immer für einen weisen und heiligen Pontifex halten werde. In seinem Epitaph lädt er die Gläubigen ein, für ihn zu beten: ‚Orate pro eo.‘ Ich bekenne, dass, wenn immer ich diese Worte las, ich in meinem Herzen sagte, ‚Heiliger Pius, bete für mich.‘ […]

Ich ersehne die Seligsprechung und Heiligsprechung des Dieners Gottes sehr. […]

Ich bin fest überzeugt, nicht nur wegen dessen, was ich dargelegt habe, sondern wegen des ganzen Lebens meines erhabenen Beschützers und Vaters, dass der Diener Gottes ein Heiliger ist. Ich habe die fast instinktive Überzeugung, dass er eines Tages zur Ehre der Altäre erhoben werden wird. […] Ich bete zu Gott durch die Fürsprache seines Dieners, Erbarmen mit mir zu haben und mir meine Sünden zu vergeben, und mich in seiner Gegenwart im Paradies glücklich sein zu lassen.“

Diese Aussagen machte Pater Pio Maria Mortara als Zeuge im Seligsprechungsprozess für Pius IX.

Affaire Mortara. Edgardo Mortara

(Pater Pio Maria Mortara. Bildquelle hier.)

Pius IX. war an sich nicht judenfeindlich eingestellt; Pater Pio Maria sagt des weiteren:

„Selbst meine Mutter war überzeugt von seiner Güte. Als sie mir von ihrem Leben und den Anstrengungen erzählte, die sie unternommen hatte, um mich zurück in ihr Heim zu bekommen, sagte sie, dass, wenn sie es geschafft hätte, eine Audienz beim Heiligen Vater zu erhalten, sie ihren Sohn zurückbekommen hätte. Sie fügte hinzu: ‚Pius IX. ist so gütig.‘

Dazu, dass er die Tore zum Ghetto entfernen ließ, erinnere ich mich vage daran, dass der Diener Gottes auch die Vorschrift entfernte, dass Juden einen Ausweis oder erkennbare Kleidung tragen mussten, die sie als Juden kenntlich machte.'“

Sabatino Scazzocchio, Sekretär der jüdischen Gemeinde von Rom zur Zeit von Edgardos Trennung von seiner Familie, schrieb an Edgardos Vater Salomone Mortara nach dessen erstem Besuch in Rom:

„Über Edgardo kann ich Ihnen nichts sagen, außer dass er vollkommen gesund ist. Was den Fall angeht, habe ich keine andere Alternative als Ihnen gegenüber zu wiederholen, was Signor Alatri und wir alle jetzt schon tausend Mal gesagt haben: nämlich, dass das indiskrete Geschwätz so vieler Zeitungen, die aus jedem möglichen Ereignis Brennstoff für politische Leidenschaften beziehen, die Angelegenheit vergiftet hat. Indessen, wenn sie es uns überlassen hätten, uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern, hätte die gesetzmäßige Vorgehensweise, die nach unserem Grundsatz immer befolgt worden ist, uns vielleicht erlaubt, unser ersehntes Ziel zu erreichen, angesichts des gütigen und mildtätigen Charakters von ihm, der auf dem Thron sitzt [d. h. Pius IX.]. Sicherlich kann sie nicht in diesen Schuldzuweisungen gegenüber dem Journalismus Trost für ihren ungemeinen Kummer finden, aber ich kann mir nicht helfen, den Worten Luft zu machen, die sich an meine Seele klammern und sie mit Bitterkeit und Zorn bewässern.“ (Zitiert in: Vittorio Messori (Hrsg.): Kidnapped by the Vatican? The unpublished memoirs of Edgardo Mortara, S. 11)*

(Die römische Gemeinde beteiligte sich dementsprechend auch nicht wirklich an der Kampagne um Edgardo; hier war die Gemeinde in Alessandria führend.)

Sowohl Edgardos Mutter als auch Scazzocchio irrten sich ziemlich sicher, wenn sie meinten, mit einer persönlichen Audienz beim Papst oder ohne die politische Ausschlachtung des Falls durch die Presse hätte Pius IX. nachgegeben; dazu war er seinen Prinzipien zu treu. Aber es sagt doch etwas aus, dass sie in dieser Weise über ihn dachten.

Der italienische Historiker Vittori Messori, der Pater Pio Marias Memoiren herausgegeben hat, erwähnt in seiner Einleitung dazu (aus der ich auch dieses Zitat habe) ein weiteres Zitat von Scazzocchio, das belegt, dass Edgardo tatsächlich schon kurz nach seiner Ankunft in Rom am christlichen Glauben hing und das nicht nur eine spätere Rückprojektion seinerseits war:

„Schon am 11. August 1858, also nur etwas mehr als anderthalb Monate nach der Trennung des Jungen von seiner Familie, schreibt der Sekretär der römischen jüdischen Gemeinde, Sabatino Scazzocchio, den wir schon getroffen haben, den Eltern in Bologna, dass das erste Hindernis, dem sie sich gegenüberstellen müssen würden, unvorhersehbarerweise ‚der Widerstand, den Edgardo gegenüber der Rückkehr zur Ausübung unserer Religion zeigt‘ war.“ (S. 28)

Diese Memoiren, die Messori vor nicht allzu langer Zeit herausgegeben hat, verfasste Pater Pio Maria Mortara 1888; zu dieser Zeit war er in Spanien mit einigen anderen Augustiner-Chorherren vom Lateran mit der Gründung einer neuen Ordensniederlassung mitsamt einem Kleinen Seminar beschäftigt. Er schrieb sie, um den ständigen Gerüchten um sein Leben entgegenzutreten und seiner eigenen Perspektive Gehör zu verschaffen. Sie sind nicht allzu lang, aber natürlich ausführlicher als seine spätere Aussage im Seligsprechungsprozess; daher hier jetzt noch ein paar Zitate aus diesen Memoiren, um ergänzende Fakten, die in der oben zitierten Zeugenaussage nicht vorkommen, für die daran Interessierten zusammenzutragen. Pater Pio Maria spricht hier von sich in der dritten Person.

Über seine Trennung von seiner Familie schreibt er:

„Um zu unserer Geschichte zurückzukehren: Eines Tages im Juni 1858 wachte Edgardo zwischen zwei Wachposten auf, die spät nachts am Haus seines Vaters aufgetaucht waren, um zu verhindern, dass der Junge weggebracht wurde, während Vorbereitungen für die Trennung getroffen wurden.

Man kann sich das Entsetzen des armen kleinen Geschöpfes leicht vorstellen, als er sich von den Wachen flankiert sah, da er immer große Furcht beim Anblick eines Soldaten gezeigt hatte. Die Soldaten, die die Familienmitglieder in der konziliantesten und freundlichsten Weise, die möglich war, behandelten, verließen Edgardo nicht einen Augenblick lang; sie begleiteten ihn in jeden Raum des Hauses, in den er gehen musste. In diesen Tagen hatte sich die Mutter, Marianna, in ein Haus auf dem Land zurückgezogen, während Edgardo mit seinem Vater und den anderen Geschwistern geblieben war.

Schließlich kam der endgültige Befehl aus Rom. Am 24. Juni, bei Anbruch der Nacht, kamen der Polizeichef und zwei Wachen zu Pferd zum Haus der Mortaras, um zuzusehen, dass die Trennung vor Tagesanbruch geschah.

Die Mutter, Marianna, war zuvor nach Hause zurückgekommen, um das Kind ein letztes Mal zu umarmen. […]

Schließich kam der Zeitpunkt der Trennung. Der Vater protestierte wieder vehement gegen die Tat, die er als barbarisch beschrieb, während die Mutter in Seufzen, Tränen und durchdringende Schreie ausbrach. Die Mutter war wahrhaft in einem bemitleidenswerten Zustand; als sie Edgardo ein letztes Mal umarmte, war sie völlig in Tränen gebadet. Sie erlag der Heftigkeit ihres Kummers, wurde ohnmächtig und fiel zu Boden. Ihr Mann und die anderen Kinder hoben sie auf. Jeder schluchzte bitterlich.

Edgardo erinnert sich nicht, viel geweint zu haben. Er erinnert sich an die folgende Tatsache. Als ihn eine der Wachen auf die Arme nahm, um ihn zu der Kutsche zu tragen, die vor der Haustür wartete, fragte er mit schlichtem Freimut: ‚Und werdet ihr jetzt meinen Kopf abschneiden?‘ Nach ein paar gütigen Worten von der Wache beruhigte er sich und leistete keinen Widerstand.

Sie setzten ihn zwischen drei Wachposten in die Kutsche; berittene Gendarmen bildeten die Eskorte. Sie breiteten einen Mantel über ihn, damit er sich ausruhen konnte. Die Nacht war tatsächlich sehr kühl. Nachdem er das Haus seines Vaters verlassen hatte, und sah, dass er unter Soldaten und Fremden war, begann das Kind zu weinen. Er rief laut, und schrie nach seinen Eltern.

Die Wachen sprachen freundlich mit ihm; sie gaben ihm kleine Kuchen und Schokolade. Eine große Ruhe, ein tiefer, friedlicher Schlaf folgte auf diese ersten verstörenden Momente.

Den Wachen war befohlen worden, Uniformen zu tragen, um Respekt für die Obrigkeit zu gebieten und sich gegen mögliche Unruhen zu verteidigen. Nachdem sie den Ort der Trennung verlassen hatten, an den Stadttoren, verließen die Wachen in Uniform Edgardo. Nur ein Korporal, der Zivilkleidung trug, blieb bei ihm, aus Rücksicht auf das natürliche Unbehagen, das das Kind gegenüber allem Militärischen empfand. Der Reisegefährte hatte strikte Befehle, das Kind mit großer Güte und Freundlichkeit zu behandeln, es mit allen Arten von Aufmerksamkeiten und Fürsorge zu überhäufen, und er tat dies sehr gewissenhaft. […]

Zwei sehr fromme Damen, die mit ihm reisten, merkten bald, was passiert war. Sie boten an, ihn mit den Grundlagen der christlichen Lehre bekannt zu machen. Edgardo nahm das gern an und lernte, das Vaterunser und das Gegrüßet seist du Maria aufzusagen, das Kreuzzeichen zu machen, und Maria, die Allerseligste, anzurufen. (S. 84-86)

Edgardo erwähnt in diesen Memoiren auch, dass er in die Schule der Augustinerchorherren vom Lateran gegeben wurde, weil er diesen Wunsch aussprach, als er sie in der Kirche sah, wo er mit den Schwestern des Rektors Enrico Sarra, der sich in dieser ersten Zeit um ihn kümmerte, zur Messe ging.

Über seine religiöse Erziehung bei seinen Eltern schreibt er:

„Der kleine Junge wusste kaum, dass es Christen gab, über die zu Hause nie gesprochen wurde, weder im Guten noch im Schlechten.

Überdies lernte Edgardo seit seiner frühesten Kindheit von seiner Mutter, einer Frau, die sehr fromm in ihrem Glauben war, die ersten Grundlagen der mosaischen Religion. Er betete jeden Tag mit ihr, wobei er die üblichen Gebete auf Hebräisch sprach.

In der jüdischen Schule, die Edgardo besuchte, als er noch sehr jung war, war er mit der Geschichte des mosaischen Glaubens und des Talmuds bekannt gemacht worden, und mit der Sprache Palästinas. […] Er bekam für seinen frühzeitigen Eifer viele Geschenke, Süßigkeiten und Spielsachen.

Was natürlich daraus hervorging und sich im Grunde seines Herzens zeigte, war eine sehr erhabene Vorstellung von Gott, begleitet von einem Gefühl tiefen Respekts und exzessiver Furcht.“ (S. 101f.)

Dann, nach seiner Reise nach Rom:

„Seit diesen glücklichen Momenten ist Edgardo ein Christ gewesen. Es ist, als ob er so geboren wäre. Er gehört, mit aller Kraft seiner Seele, an die mütterliche Brust der Kirche, seiner Adoptivmutter. Er will katholische Kirchen besuchen, mit der Kirche beten. Er beginnt schon, für seine Eltern zu beten, für die er immer eine sehr kindliche, sehr zärtliche Zuneigung bewahren wird. (S. 105)

Aus seiner weiteren Kindheit erzählt er:

„Wenn der junge Edgardo in der Öffentlichkeit war, in großen Menschenmengen, zeigte der Papst immer großes Unbehagen, da er fürchtete, dass ’sie ihn rauben könnten‘, wie er es schlicht ausdrückte. Das verursachte häufige Witze unter Edgardos Mitschülern und Freunden, die manchmal über die naive Unschuld des Kindes lachten, das Angst davor hatte, ‚geraubt‘ zu werden, als ob er ‚eine wertvolle Sache‘ wäre (wie sie belustigt zu sagen pflegten).

Das Gefühl von Angst und Verlegenheit war augenfällig bei Edgardo, besonders bei den sehr häufigen Siuationen, in denen Ausländer aus jeder Nation, angezogen durch Neugier, ‚den kleinen Mortara‘ sehen wollten, und speziell wenn die Klasse des Kollegs, zu dem er gehörte, durch das Ghetto, das heißt den jüdischen Distrikt, ging.“ (S. 107)

Diese Ängste waren nicht ganz unbegründet; Messori schreibt in seiner Einleitung:

„[D]er Mortara-Fall veranlasste die Gründung der immer noch existierenden Alliance Israélite Universelle, der ersten jüdischen Organisation zur Selbstverteidigung mit globaler Perspektive. Diese Organisation handelte schnell und entschieden, wenn man bedenkt, dass sie – in Zusammenarbeit mit Archives Israélites, einer der wichtigsten jüdischen Zeitungen – eine Belohnung von 20.000 Francs, ein wahres Vermögen, auslobte für jeden, der ein bewaffnetes Eindringen in Rom organisieren würde, um das Kind aus den Fängen seines Entführers zu befreien.“ (S. 17)

Pater Pio Maria erwähnt auch, dass er, als 1867 wieder eine regelmäßige briefliche Korrespondenz mit seiner Familie begann,  die nachträgliche Zustimmung seines Vaters zu seinem Ordenseintritt einholen musste (in diesem Jahr, mit 16, wie es das Mindestalter gerade so zuließ, legte er seine zeitlichen Gelübde ab) und sie erhielt:

„Die Eltern allerdings waren völlig in Unkenntnis davon, was geschehen war. Mit Blick auf die jüngste Gesetzgebung, sehr günstig für die elterlichen Rechte, aber nachteilig für die persönliche Freiheit und das göttliche Gesetz, war es zwingend erforderlich, die nachträgliche Zustimmung des Vaters zu erhalten, um die Entscheidung, die Edgardo getroffen hatte, sich ganz Gott zu weihen, zu bestätigen und zu genehmigen.

Dem stand allerdings die sine-qua-non-Bedingung entgegen, von Beginn der Familienkorrespondenz an festgesetzt, dass ‚wir nie über irgendetwas sprechen werden, das die Religion betrifft‘.

Es war daher notwendig, zuerst die Erlaubnis zu erlangen, das Thema anzusprechen. Edgardo bat seinen Vater darum. Er stimmte zu, nachdem er korrekterweise erfahren hatte, dass es nicht darum ging, über die Religion zu diskutieren, sondern nur darum, ein Geheimnis anzuvertrauen. Der junge Mann erzählte seinen Eltern die Nachricht über die Art und das Wesen des Standes, in den er gerade eingetreten war. […] Er sagte, dass er bei dieser Entscheidung einer festen und freien Bewegung seines Willens gefolgt war, ohne Beeinflussung durch irgendeine Art von Druck oder Zwang. Er berichtete, dass, auch wenn er auf der Grundlage dieser freien Wahl allen materiellen Besitztümern entsagt hatte, und sich ganz Gott geweiht hatte, dies ihn nicht daran hinderte, als ein guter Sohn, mit seiner ganzen Seele seine lieben Eltern und Familie zu lieben, und Anteil an ihrem wahren Glück zu nehmen.

Auf all das antworteten seine Eltern, dass, ‚wenn das seine Entscheidung war, und er sie in Freiheit getroffen hatte, sie keine Einwände hatten, und völlig zufriedengestellt waren.'“ (S. 112f.)

Es wurde in den Briefen auch davon gesprochen, dass seine Familie ihn besuchen könnte, aber:

„Trotz wiederholter Versicherungen und Ankündigungen setzten sie allerdings nie ein Datum für den Besuch fest, was Edgardo sehr verwirrte, der nichts mehr wünschte als seine umgehende Verwirklichung.“ (S. 114)

Dann kam 1870 die Eroberung des Kirchenstaates, Pater Pio Maria beschreibt, wie er im Kloster stundenlang die Kampfgeräusche hörte, und wie dann die weiße Flagge über dem Petersdom wehte. „Sein [Pius‘ IX.] edelmütiges Herz konnte nicht länger zulassen, dass die tapferen Helden, die ihn verteidigten, für ihn ihr Blut vergossen und für ihn starben. Die Flagge, die über dem Vatikan wehte, setzte den Kämpfen ein Ende. Aber das heißt nicht, dass der Papst sich dem Prinzip ‚Macht vor Recht‘ und der brutalen Theorie des ‚fait accompli‘ unterwarf.“ (S. 115) Kurz danach besuchten sein Vater und ein Bruder ihn erstmals, der Rest wurde oben schon erzählt; er floh nach Tirol.

Dort blieb er zwei Jahre (unter falschem Namen), dann kam er nach Frankreich; als dort die ausländischen Ordensleute ausgewiesen wurden, ging er kurz zurück nach Italien (inkognito, da er sich dem Militärdienst entzogen hatte, und blieb bei Bekannten, da die italienischen Orden inzwischen vom Staat enteignet worden waren), wo er eine Zeit lang ziemlich krank war, dann ging er kurz zurück nach Tirol, dann, wie oben erwähnt, nach Spanien. 1891 konnte er erstmals offen nach Italien zurückkehren,  da die Sache mit dem Militärdienst verjährt war. Er kam in den nächsten Jahren in einem großen Teil Europas herum – Spanien, England, Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, hauptsächlich, um zu predigen und Spenden für seinen Orden zu sammeln (für die neue Niederlassung in Spanien, und für die unterdrückten Ordensbrüder in Italien), obwohl er immer noch häufig krank war. Er sprach neben Italienisch auch Deutsch, Französisch, Spanisch, Baskisch und Englisch, zusätzlich zu Latein, Griechisch, Hebräisch, und muss ein guter Prediger und Seelsorger gewesen sein; u. a. trat er übrigens beim Deutschen Katholikentag 1893 in Würzburg auf.

Hier findet man übrigens auch autobiographische Notizen von ihm, wo er noch mehr von seinem späteren Leben erzählt (auf Deutsch; allerdings enthält der Text ein paar kleinere Unstimmigkeiten, z. B. was Edgardos Alter bei seiner Taufe angeht; vielleicht Fehler des Setzers oder des Übersetzers, falls der Text nicht ursprünglich auf Deutsch geschrieben wurde) und seine beiden Reden vom Katholikentag, in denen er die deutschen Katholiken für diese Veranstaltung, für ihre Papsttreue und ihre Einigkeit z. B. bei der Sozialen Frage sehr lobt; außerdem sagt er dabei u. a.:

„Es genügt nicht, im Privatleben ein Christ zu sein, das Übernatürliche der Kirche muß sich geltend machen im christlichen Leben, in der Schule, in der Bildung der Jugend, überhaupt im öffentlichen Leben des Menschen. Und gerade diesem Übernatürlichen habe ich es zu verdanken, daß ich durch die Gnade Gottes bin, was ich bin. Der Betonung dieses übernatürlichen Rechts der Kirche, wie es Pius IX. so hervorhebt, habe ich es zu verdanken, daß ich heute ein Christ, ein Katholik bin, daß ich der katholischen Kirche angehöre [Stürmischer Beifall!], daß ich ein Religiose, ein bescheidener Sohn des heiligen Augustin als regulierter Chorherr vom Lateran bin, daß ich die Ehre habe, der Katholikenversammlung der deutschen Nation beizuwohnen. [Lebhafter Beifall!]“

Pio Edgardo Mortara

(Pater Pio Maria in späteren Jahren.)

Er wurde fast neunzig und starb 1940 in Belgien. Messori schreibt im Vorwort zu den Memoiren über sein Leben:

„Sein Leben war so erbaulich, dass seine Ordensoberen, nachdem sie den Ruf der Heiligkeit, der den Verstorbenen umgab, und die Pilgerreisen der Gläubigen zu seinem Grab anerkannten, sich entschlossen, den Prozess zu seiner Seligsprechung einzuleiten. Aber der Wirbelsturm des 2. Weltkriegs vereitelte diese Pläne. Es gibt allerdings manche, die vorschlagen, die Prozedur neu zu beginnen. […]

Der Priester starb, kurz bevor er neunzig geworden wäre, am 11. März 1940 in der Abtei von Bouhay in Belgien, einem Land, in das ein paar Wochen später die Deutschen einmarschieren würden. […]

In seinen letzten Lebensjahren hatte Pater Mortara den Wunsch ausgedrückt, sein langes Leben in seiner Heimat Italien zu beenden, die er sehr liebte, auch wenn er aus ihr hatte fliehen müssen, um der ‚Befreiung‘ zu gehen, die die Piedmonteser ihm aufzwingen wollten, als sie mit Kanonendonner in Rom einzogen. Seine Mitbrüder trafen daher 1939 Vorbereitungen für den Transport des kranken alten Mannes in eines ihrer Häuser in Genua, aber der Ausbruch der Kampfhandlungen durchkreuzte auch diesen Plan.“ (S. 2)

 

So viel zu ihm persönlich; über das weitere Schicksal seiner Familie schreibt Pater Pio Maria in seinen Memoiren:

„Was die Mortara-Familie angeht, müssen wir berichten, dass die berühmte Entführung nicht ihren Ruin verursachte, sie nicht in die Armut sank, im Gegensatz zu dem, was die Feinde der Kirche und der weltlichen Macht des Papstes gerne wiederholen, um diese Vorwände zu benutzen, um ihn zu zerstören. [Hier ist gemeint, dass manche verbreiteten, die Mortaras könnten sich wegen ihrer Bemühungen, ihren Sohn wiederzubekommen, nicht mehr um ihren Lebensunterhalt kümmern.] Stattdessen war die Trennung der Beginn, wenn nicht direkt von Reichtum, dann doch zumindest eines Wohlstandes, den sie zuvor nicht genossen hatten. Tatsächlich wurden Signor und Signora Mortara großzügige Spenden geschickt […]. Der Name Mortara erlangte unerwartete Berühmtheit. […]

Von den elf Kindern, Frucht der Verbindung von Signor und Signora Mortara, lebten zwei nur ein paar Monate. Riccardo, der älteste, trat der Armee bei und wurde ein Offizier. Dann kehrte er zu seiner Familie zurück.

Nach dem Tod des Vaters, Salomone, erwarb Augusto einen Doktortitel in der Rechtswissenschaft. Die anderen drei Brüder arbeiteten in verschiedenen Bereichen des Handels und der Industie. Die drei Schwestern gingen, nachdem sie ihre Ausbildung beendet hatten, anständige Ehen ein.

1872 erhielt Don Pio die überaus traurige Nachricht vom Tod seines geliebten Vaters, der sich unter Umständen ereignete, die zu schmerzhaft und unerfreulich sind, um sie auf diesen Seiten zu berichten. Möge die unendliche, unerschöpfliche Güte Gottes geruhen, auf ihn mit Liebe und Barmherzigkeit zu blicken!“ (S. 148f.)

Mit den schmerzhaften Umständen meint Pater Mortara hier, dass sein Vater in einem Mordprozess wegen des Todes einer Dienstmagd angeklagt war und einige Monate in Untersuchungshaft verbrachte, aber letztlich freigesprochen wurde, und wenig später starb. Über seine Mutter schreibt er:

„Die trauernde ältere Mutter lebt noch und hat fast das Alter von siebzig erreicht. Sie ist sehr streng und gewissenhaft in ihrer jüdischen Religion und will das Gesetz des Mose in ihrer Familie beachtet sehen. Sie ist voll der Empfindungen des grenzenlosen Vertrauens in Gott, dessen Namen sie immer im Mund führt. In Bezug auf die Religion sind ihre drei Töchter, Erminia, Ernesta und Imelda, wahre Abbilder ihrer Mutter.

Als Folge der politischen Ereignisse, die 1870 stattfanden, und der kritischen und delikaten Situation, in der sich Don Pio befand, endete die Korrespondenz mit seiner Familie. Er konnte sie erst 1876 wieder aufnehmen. Seitdem ist zwischen Don Pio und allen seinen Geschwistern, aber besonders zwischen ihm und seiner geliebten, verehrten Mutter, deren Porträt er immer in Sichtweite behält, eine zärtliche, kindliche, herzliche Korrespondenz ausgetaucht worden.

Diese arme Dame, die in dem berühmten Mortara-Fall die Frau des Leidens war und immer sein wird, wird von allen ihren Kindern verehrt und liebt sie alle zutiefst, aber hat eine Vorliebe, wie es natürlich ist, für ihren ‚Sohn des Kummers‘, Edgardo. Er hat ihr ungewollt viele Tränen und viel Bitterkeit verursacht. […]

In den dreißig Jahren, die er von zu Hause fort verbracht hat, hat Don Pio seine geliebte Mutter nur zweimal getroffen, auf eine kurze, flüchtige Weise, während seines erzwungenen Exils in fremden Ländern. Sie scheint nur an ihn zu denken. Sie ist auch sehr unglücklich, weil ihre Gesundheit nicht sehr robust ist. Sie wünscht, dass sie Flügel hätte, um zu ihrem geliebten Sohn zu fliegen, und wartet, wie sie sagte, auf einen  Tag, der kommen möge, an dem Gott ‚ihr helfen und ihr Seine Gunst zeigen‘ möge.

Mehr als einmal hat der Priester versucht, zu seiner Mutter über Jesus zu sprechen, und ihr unglückliches Herz in Berührung mit dem des geliebten Erlösers zu bringen. Die Frau allerdings begann zu weinen, und was kann man zu einer weinenden Mutter sagen? Welche andere Antwort kann man geben als respektvolles Schweigen? […]

Viele Male, unfähig, zu seiner Mutter über Ihn zu sprechen, spricht er zu Ihm über seine Mutter, ganz besonders, wenn er das Heilige Opfer des Altares darbringt und die reine, heilige und makellose Opfergabe in seinen Handen hält und auf seine Lippen legt. […]

Ah, Don Pio lebt von der Hoffnung und weiß, dass Hoffnung nie völlig enttäuscht wird: spes non confundit.

Don Pio hofft, dass der gute Glaube und die natürliche Frömmigkeit seiner Mutter sie retten werden, wie sie die gute Kanaaniterin retteten.“ (S. 149-151)

Seine Mutter starb letztlich im jüdischen Glauben.

Famille Mortara

(Von links nach rechts: Ricardo Mortara (Pater Pio Marias älterer Bruder), seine Mutter Marianna Mortara, und Pater Pio Maria Mortara. Bildquelle hier.)

 

Wie es mit anderen Beteiligten weiterging:

Schon 1859 wurde, wie erwähnt, ein großer Teil des Kirchenstaats, darunter auch Bologna, von den Piedmontesern besetzt; Pater Pio Maria schreibt über das weitere Schicksal des alten Dominikanerpaters Feletti von der Inquisition in Bologna (ja, so hieß diese Behörde noch, auch wenn es im Kirchenstaat schon eine ganze Weile keine Häretikerverbrennungen mehr gegeben hatte):

„Bei diesem Anlass wurde der hochwürdige Pater Feletti, immer noch Vorsitzender der Inquisition, in seinem Zimmer festgenommen, während er um drei Uhr morgens in seinem Bett war. Er wurde sicherheitshalber ins Gefängnis gebracht, angeklagt und beschuldigt als derjenige, der unmittelbar und direkt für die Entführung des Mortara-Kindes verantwortlich gewesen war. Ein Prozess wurde angesetzt, aber der erwähnte Priester wurde freigesprochen und nach drei Monaten Haft freigelassen. Die Darstellung seines vom Gericht gestellten Anwalts triumphierte, wonach Pater Feletti nicht verantwortlich war, da er nichts getan hatte als die strengen Befehle seiner rechtmäßigen Obrigkeit, des römischen Pontiex, auszuführen, der hauptsächlich verantwortlich für die Entführung war. In Rom umarmte Pater Feletti mit großer Freude und Tränen in  den Augen das Mortara-Kind, für dessen ewiges Heil er so viel gelitten hatte, und er  zeigte immer eine besondere Zuneigung zu ihm. Pater Mortara wird diesen ehrenwerten Ordensmann immer in guter Erinnerung behalten, der einer derer war, die direkter bei der geistlichen Wiedergeburt und Erneuerung seiner Seele eingriffen.“ (S. 84)

Über Anna Morisi schreibt er:

„Was die gute Anna Morisi angeht, die das Mortara-Kind  taufte, habe ich schon vorher geschrieben, wenn ich nicht irre, dass, als die Entführung auf ausdrückliche Anordnung von Pius IX. stattfand, das arme Mädchen in Schwierigkeiten war und Bologna verlassen musste, um gewaltsamer Belästigung und Vergeltung zu entgehen.

In dem Verfahren, das 1860 gegen den hochwürdigen Pater Feletti, Vorsitzender der Inquisition in Bologna, stattfand […], wurde es verzeichnet, dass Anna Morisi zu ihrem Geburtsort, Tossignano, in der Nähe von Bologna, zurückgekehrt war. Dort ließ sie sich nieder, nachdem sie kirchlich geheiratet hatte.

Der Pontifex Pius IX. sprach mehr als einmal in Edgardos Gegenwart über das Mädchen. Vermutlich versäumte es der gute Papst nicht, Anteil an ihrer kompromittierten Zukunft zu nehmen und schickte ihr etwas Unterstützung.

Pater Mortara verlor dann völlig die Spur der Morisi.“ (S. 148)

Er schreibt an mehreren Stellen, dass er sie im geistlichen Sinne als seine Mutter betrachtete.

 

Über die Prinzipien, die seinen Fall betreffen, schreibt Pater Pio Maria Mortara:

„Die katholische Religion ist die eine wahre, übernatürliche Religion; sie ist eine Gesellschaft einer höheren Ordnung, wesensmäßig unterschieden von der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Mortaras bekennen die jüdische Religion, die mit ihr unvereinbar und von der Geschichte überholt ist.

Folglich ist die elterliche Autorität von Signor und Signora Mortara vermindert, versehrt und nicht im vollen Besitz ihrer Rechte, noch kennt sie ihre Pflichten. Ihre Pflicht ist es, die wahre, christliche Religion anzunehmen und ihre Kinder in ihr zu erziehen. Das ist eine unausweichliche, absolute Pflicht, bei der es moralisch nicht möglich ist, sich gegen sie zu stellen.

Die Mortaras sind allerdings frei, und Gott achtet ihre Freiheit und will und befiehlt, dass die Menschen sie achten. Daher wird niemand die Mortaras zwingen, ihre Religion aufzugeben, um die katholische Religion anzunehmen, und niemals, niemals dachte die Kirche daran, sie mit Gewalt aufzuzwingen.

Daher folgen die Kinder der Mortaras […] ihren Eltern auf demselben fehlgeleiteten, irrigen Weg. Bis sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind, werden sie zwangsläufig Juden sein, und niemandem wird es erlaubt sein, ihnen irgendwelche anderen Glaubenslehren aufzuzwingen.

Sobald sie allerdings das Alter des Vernunftgebrauchs und den vollen Gebrauch ihrer moralischen Fähigkeiten erreicht haben, werden sie fähig sein, sich umstimmen zu lassen, und können von der Wahrheit angezogen werden, ohne dass die heiligen Rechte der menschlichen Freiheit verletzt werden.

Nichtsdestotrotz betraf der berühmte Mortara-Fall nicht ein jüdisches Kind, sondern ein schon getauftes Kind, eins, das in articulo mortis getauft worden war, als es an dem Punkt war, seinen letzten Atemzug zu tun. […]

An der Schwelle des Todes, wenn der Organismus sich verwandelt, auseinanderfällt und zerstört wird, hört das Kind auf, zu seinen Eltern zu gehören. Dieses versehrte, gebrochene Wesen gehört jetzt der Ewigkeit und Gott, und steuert auf sie zu. […]

Nun, genau in dieser sehr ernsten und schrecklichen Notsituation, als er kurz davor ist, in die Ewigkeit einzugehen, nimmt Gottes unendliche Güte die Seele dieses Kindes, das jetzt aufgegeben ist, in Besitz.

Wer hat sich hier eingemischt, wer die heilige Macht der Freiheit entweiht; wer hat dem Willen dieses Kindes Gewalt angetan?

Alle ‚Schuld‘, wenn es ‚Schuld‘ gibt, liegt bei Gott. Es gibt keinen Zweifel, dass Gottes Rechte denen der elterlichen Autorität übergeordnet sind, der in diesem Fall selbst bloß scheinbare Rechte fehlen. […]

Das Dilemma ist eindeutig. Er wird […] ein erzwungener Apostat, ein tyrannisierter Sohn werden, der nie erfährt, was er ist. […] Oder aber er wird erfahren, was er ist, und wird sich weigern, zu der göttlichen Religion zu gehören, in die Gott ihn aufgenommen hat, und wird frei, willentlich abtrünnig sein; und das wäre ein schreckliches Verbrechen.

Oder aber er wird erfahren, was er ist, und wird Gott folgen wollen, der ihn wie Abraham ruft und ihn einlädt, sein Land und seine Vorväter zu verlassen. Was werden seine Eltern dann tun? Die Feder wagt nicht, es zu berichten, aber die Vorstellungskraft erahnt es und zuckt alarmiert zurück. (S. 159-162)

Nun könnte man sagen: Pius IX. sagte doch selbst, dass in sog. „unüberwindlicher Unwissenheit“ gefangene Nichtkatholiken, die gute Menschen sind, durch Gottes Gnade in den Himmel kommen können; und wenn das für gewöhnliche Juden, Muslime oder Protestanten aus Unwissenheit gilt, müsste es doch auch für Apostaten aus Unwissenheit gelten, auch wenn Apostasie prinzipiell schlimmer ist als Unglaube. Das ist sicherlich so; aber beim Mortara-Fall ging es dem Papst eben wohl einfach um das Prinzip: Ein katholisch getauftes Kind muss katholisch erzogen werden.

 

Abschließende Bemerkungen:

Der Fall wird oft als „Entführung“ Edgardos bezeichnet. Tatsächlich ist das kein besonders sinnvoller Vergleich. Man kann ihn viel mehr damit vergleichen, dass ein Jugendamt aus fester Überzeugung, das Beste für ein Kind zu tun, es aus seiner Familie holt und in eine gute Pflegefamilie gibt, die es selbst dann nicht mehr verlassen will, während seine Eltern, die es lieben, es natürlich unbedingt zurückhaben wollen.

Tatsächlich achtete der Kirchenstaat die Rechte von Eltern, die seine Prinzipien nicht anerkannten, deutlich mehr, als das einige heutige Staaten tun. Der deutsche Staat will ja schon mal die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ (Olaf Scholz) erobern und Eltern, die ihre Kinder auch nur im Homeschooling unterrichten wollen, diese Kinder entziehen. In Norwegen ist es deutlich schlimmer: Hier nimmt das Jugendamt (Barnevernet) Kinder bei den geringsten Anschuldigungen aus ihren Familien (vor allem bei ausländischen Familien), verbietet oft fast völlig den Kontakt zu den Eltern, versucht nicht, Familien wieder zusammenzubringen, und seine Entscheidungen können praktisch nicht angefochten werden. In Kanada können Eltern ihre Kinder weggenommen werden, wenn sie deren Geschlechtsdysphorie nicht bestärken und ihnen keine Pubertätsblocker (mit möglicherweise gravierenden, nicht genau erforschten langfristigen medizinischen Folgen) als Vorbereitung zur Geschlechtsumwandlung verabreichen lassen wollen. In England haben Gerichte in den letzten Jahren in mehreren Fällen (Alfie Evans, Charlie Gard, Tafida Raqeeb) den Tod von kranken Kindern durch Abbruch der Versorgung mit Wasser, Nahrung oder Sauerstoff oder durch Abbruch der medizinischen Behandlung gegen den Willen ihrer Eltern angeordnet, haben mit Polizeigewalt verhindert, dass man sie in ein ausländisches Krankenhaus gebracht hätte, wo man sie weiter versorgt hätte, und eine englische Richterin wollte schon einmal eine Frau mit einer Lernbehinderung gegen ihren Willen zu einer Abtreibung zwingen.

Auch gegenüber der jüdischen Religion hat man heute nicht immer Respekt; es gibt ja in letzter Zeit genügend Leute, die die Beschneidung am liebsten illegal machen würden, also jüdischen Eltern verbieten wollen würden, ihre Söhne überhaupt in ihre Religion aufzunehmen, was der Kirche nie in den Sinn gekommen ist.

Wenn sich also jemand über den Mortara-Fall beschweren will, dann vielleicht nicht gerade die heutige Welt; das ist dann doch etwas heuchlerisch.

Auch damals im 19. Jahrhundert hatte der Protest schon etwas Heuchlerisches; ich möchte noch einmal Messori zitieren:

„Während wir beim Thema Heuchelei sind: Wie Pius IX. selbst mit Bitterkeit bemerkte (es gibt auch Spuren von Bitterkeit in Mortaras Autobiographie) : während die ganze Welt sich wegen des kleinen Jungen aus Bologna empörte, setzte der Zar an, einen der monströsesten Akte des kulturellen Genozids auszuführen – der auf völliges Schweigen der europäischen Mächte traf. In einem Versuch, mit Polens Irredentismus fertig zu werden, sequestrierten die Russen die Söhne der führenden katholischen Familien, um sie zu verschleppen und in Internaten, die vom orthodoxen Klerus geführt wurden, aufzuziehen.

Die menschliche ‚Beute‘, die der Zar, als der oberste Repräsentant der Nationalkirche, wünschte, war weiter angewachsen als Ergebnis des russischen Gesetzes, das vorschrieb, das im Fall einer Mischehe zwischen katholischen und orthodoxen Partnern die Söhne von den orthodoxen Priestern getauft und in deren Glauben erzogen werden müssten, selbst wenn beide Eltern dagegen waren.“ (S. 57)

Der sel. Pius IX. jedenfalls war zutiefst überzeugt, im Mortara-Fall das Richtige zu tun; das, denke ich, ist offensichtlich, auch für Leute, die den Preis für zu hoch und seine Entscheidung nicht für gerechtfertigt halten wollen. Und letztlich ist es doch erstaunlich, was durch die Gnade Gottes – der auch auf krummen Linien gerade schreiben kann – aus Edgardo Mortara wurde.

 

* Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf: Vittorio Messori (Hrsg.): Kidnapped by the Vatican? The unpublished memoirs of Edgardo Mortara, Ignatius Press, San Francisco 2017.

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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit & Liberalismus, Kommunismus, Nationalismus

Vor ein paar Tagen war wieder mal französischer Nationalfeiertag mit den obligatorischen Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestags der Erstürmung eines fast leeren Gefängnisses, nach der die Köpfe von Männern, die sich ergeben hatten, auf Piken durch Paris getragen wurden: aber hey, darauf kann ein Land wohl stolz sein. Aber gut: Am 14. Juli wird ja in Frankreich nicht nur ein sinnloser Gewaltausbruch gefeiert, sondern die ganze Revolution mit ihren vielen weiteren noch stärker ideologisch motivierten Gewaltausbrüchen; und diese Revolution hat die letzten 230 Jahre doch ziemlich geprägt, wenn auch leider meistens nicht zum Guten.

Der Spruch aus der Revolutionszeit, der heute noch am bekanntesten ist, lautet bekanntlich: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und anhand dieses Spruchs kann man, wie ich finde, eigentlich ganz gut die verschiedenen falschen, und auch untereinander widersprüchlichen Ideologien aufzählen, die in dieser Zeit (und schon in der die Revolution vorbereitenden Zeit der sog. Aufklärung) ihren Anfang nahmen.

Datei:Unité Indivisibilité de la République.jpg

(„Einheit und Unteilbarkeit der Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder der Tod.“ Druck von 1793. Gemeinfrei.)

Da wäre zuerst das Schlagwort der Freiheit und die entsprechende Ideologie des Liberalismus.

Es kursierte ja damals schon längere Zeit unter den Intellektuellen Frankreichs und Europas die Idee von größerer Freiheit – Freiheit von der Macht des Königs und der Macht der Kirche, Freiheit, veröffentlichen zu dürfen, was man wollte, ohne zensiert oder bestraft zu werden. Darüber wurde auch relativ frei in gewissen Salons geredet; so ganz entsetzlich unterdrückerisch war das Ancien Régime dann wieder nicht. Die Adligen ließen sich auch mal durch provokante neue Ideen unterhalten, solange es nicht zu provokant wurde oder zu sehr damit ernst gemacht wurde. Die Vorstellung der Freidenker war, dass sich auf dem freien Markt der Ideen die besten durchsetzen würden, und alle mit denselben Voraussetzungen starten sollten.

Ein Grund für die Ausbreitung liberaler Ideen war das Schachmatt, zu dem die religiösen Debatten und auch die Religionskriege der Frühen Neuzeit geführt hatten: Von Protestanten und Katholiken hatte sich keine Seite endgültig durchgesetzt, und jetzt meinten einige, die den Streit müde waren, dass vielleicht einfach beide im Unrecht gewesen waren, und/oder der Streit nicht so wichtig war, und/oder man einfach jedem seine persönliche Wahrheit lassen müsste; im Bereich der Religion breitete sich eine gewisse Gleichgültigkeit und eine Abwendung von der tradierten Offenbarungsreligion aus.

Oft wollten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts auch größere wirtschaftliche Freiheit; Freiheit von den alten Zünften und Handwerksordnungen und den merkantilistischen Gesetzen der Fürsten, die Industrie, Handel und Innovation einschränkten: Es braucht keine Gesetze zur Lenkung der Wirtschaft; wenn jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, gleicht sich das am Ende von selbst aus und alle haben was davon; auch hier der freie Markt. Einige libertins waren natürlich auch moralisch „liberaler“ eingestellt als z. B. die katholische Kirche.

Die Grundidee der Liberalen war: Der Staat (und andere Institutionen mit öffentlicher Macht) sollte sich auf ein Minimum beschränken, um dem Individuum Raum zu geben, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden. Sie waren dabei nicht immer konsequent; da sie ein klösterliches Leben beispielsweise für unfrei hielten, wollten sie es staatlich verbieten lassen und setzten das auch öfter in einigen Ländern um – vor, während und nach der besagten Revolution. Aber von den Inkonsequenzen zurück zu den Prinzipien des Liberalismus: „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet“, heißt es in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789.

Die Frage, die bleibt, ist nur: was schadet einem anderen Menschen, was schadet vielleicht der gesamten Gesellschaft?

Um eher aktuelle Beispiel zu nehmen: Schadet es anderen, wenn einige Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen? Schadet es dem Familienleben, wenn Inzest unter Erwachsenen legalisiert wird? Schadet es einer Gesellschaft, wenn Pornographie frei verbreitet werden kann? Besonders bei einem besonderen Anliegen der sog. Aufklärer und der Revolutionäre wird diese Frage akut: Bei der Meinungs- und Pressefreiheit. Schadet die Verbreitung aller möglichen Ansichten wirklich nicht? Was ist mit Ansichten wie… Angehörige bestimmter „Rassen“ wären weniger wert und sollten rechtlich benachteiligt sein? Behinderte würden eine Gesellschaft nur belasten und sollten getötet werden? Soll auch für solche Ansichten Meinungsfreiheit gelten? Die christlichen Staaten der Vormoderne hatten oft Gesetze gegen die Verbreitung von Häresie, also die Verfälschung der christlichen Glaubenslehre; heute wird das als entsetzlich freiheitsfeindlich abgelehnt, aber andererseits gibt es den Straftatbestand der Volksverhetzung – ist das mit der Theorie des Liberalismus vereinbar? Oft sind Liberale sogar dafür, Dinge zu legalisieren, die sehr eindeutig anderen schaden; z. B. die Abtreibung, die ja dem getöteten Kind nicht unbedingt gut tut.

Und dann ist da noch die grundsätzliche Frage: Darf denn jeder sich selbst schaden, wie er will? Die klassische katholische Lehre würde dazu nein sagen: Auch sich selbst schuldet man Wohlwollen, Liebe, und sein eigenes Leben hat man sowieso nur von Gott erhalten und soll es gut verwalten. Der Liberalismus erkennt dem eigenen Leben dagegen keinen klaren Wert zu; laut dieser Ansicht gäbe es keine Rechtfertigung dafür, zu sagen, man müsse es besonders schützen oder achten.

Aber wenn jemand etwas zustimmt, das ihm schadet, ist das wirklich in Ordnung? Unter Druck oder aus Selbsthass können Menschen vielem zustimmen, das ihnen selbst schadet. Das Opfer des Kannibalen von Rotenburg hat dem Mord an ihm auch zugestimmt; der zuständige Gerichtshof ließ das nicht als Verteidigung gelten. Darf jemand sich selbst in die Sklaverei verkaufen, oder einem Arbeitsvertrag, der ihn ungerechten Bedingungen unterwirft, zustimmen? Ist es in Ordnung, wenn Menschen zustimmen, in der Prostitution oder der Pornoindustrie zu arbeiten und an den Arbeitsbedingungen dort kaputtgehen? Ist es in Ordnung, wenn alte oder kranke Menschen aus Angst vor Abhängigkeit, Einsamkeit oder Schmerzen, oder unter Druck von Verwandten, denen sie nicht auf der Tasche liegen wollen, zustimmen, sich töten zu lassen? Was schadet, ist eben Definitionssache; hier müssen Fragen von Gut und Böse, Richtig und Falsch entschieden werden, die der Liberalismus am liebsten ausklammern oder offen lassen würde.

Der zu Ende gedachte Liberalismus führt in die Anarchie, die einfach nur das Recht des Stärkeren bedeutet; den Vorteil dessen, der andere am besten manipulieren und überreden kann und durch irgendwelche Zufälle am meisten Gehör findet oder Macht ausüben kann. Wie gesagt, der zu Ende gedachte: In der Praxis bleibt der Liberalismus pragmatischerweise irgendwo auf dem Weg dahin stehen.

Letztlich waren aber auch viele Liberale im Lauf der Geschichte nicht ohne eigene konkrete Vorstellungen von Gut und Böse; „Jetzt lass mich, ich schade dir doch nicht!!“ ist halt nur eine passable Argumentation, wenn man nach und nach die Maßstäbe von Gut und Böse verschieben will. Um einen Kommentar von Erzbischof Charles Chaput aus den USA zum Thema Abtreibung zu zitieren: „Das Böse redet nur von Toleranz, wenn es schwach ist. Wenn es die Oberhand gewinnt, erfordert seine Eitelkeit immer die Zerstörung des Guten und Unschuldigen, weil das Beispiel guter und unschuldiger Leben ein andauernder Zeuge gegen es ist. So war es immer. So wird es immer sein.“ Wenn zuerst nur gefordert wurde, andere Leute bei XYZ in Ruhe zu lassen, soll man bald ausdrücklich gutheißen und unterstützen, was sie tun; statt Toleranz wird Akzeptanz verlangt. (Die LGTBQ-Bewegung ist ein aktuelles Beispiel.)

Man kann (wie andere das schon besser dargelegt haben) einen harten Liberalismus (es gebe wirklich keine Wahrheit) und einen weichen Liberalismus (die Wahrheit muss eben individuell freiheitlich auf dem freien Markt der Ideen erkannt werden) unterscheiden, die aber am Ende in der Praxis oft auf dasselbe hinauslaufen. Als geradezu prototypisch für die liberale Einstellung wird besonders in liberalismuskritischen amerikanischen Kreisen oft ein Satz aus dem Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA im Fall Casey vs. Planned Parenthood von 1992 zitiert:

„Im Herzen der Freiheit liegt das Recht, sein eigenes Konzept der Existenz, des Sinns, des Universums, und des Mysteriums des menschlichen Lebens zu definieren. Überzeugungen zu diesen Angelegenheiten könnten nicht die Attribute des Personsein definieren, wenn sie unter dem Zwang des Staates geformt würden.“

(„At the heart of liberty is the right to define one’s own concept of existence, of meaning, of the universe, and of the mystery of human life. Beliefs about these matters could not define the attributes of personhood were they formed under compulsion of the State.“)

Hier ging es natürlich um das Thema Abtreibung – weil jeder seine eigenen Ansichten haben soll, darf der Staat nicht definieren, ob ein ungeborenes Kind eine Person ist. Damit wird natürlich die Ansicht der Partei, die findet, dass es keine Person ist, ermächtigt; während scheinbar keine Entscheidung getroffen wird, wird eine getroffen.

Der Liberalismus vertritt in der Theorie einen unhaltbaren moralischen Relativismus (Wenn es keine Wahrheit gibt, ist es dann wahr, dass es keine Wahrheit gibt? Wenn für jeden seine eigene Wahrheit gelten soll, was genau ist das dann, das für ihn gilt und woher hat er es?), und ignoriert, dass Menschen von Anfang an nur in Gemeinschaft existieren, nicht als Einzelwesen, deren einziges Ziel die Maximierung von Freiheit und Eigentum ist; in der Praxis ist er dagegen oft nur ein Feigenblatt für welche (guten oder schlechten) Ideen auch immer jemand gerade durchbringen will.

Dann wäre da das Schlagwort Gleichheit; und aus einem gewissen in manchen Strömungen der Aufklärung grundgelegten Egalitarismus entstand im frühen 19. Jahrhundert die Idee des Kommunismus.

Die Gleichheit war zum Teil schon eine Forderung von Montesquieu, Voltaire, Diderot und ihresgleichen; vor allem Gleichheit vor dem Gesetz, Abschaffung der Privilegien des Adels: Gleichheit vor allem als Vorbedingung der Freiheit. Auch hier hilft ein Blick in die Menschenrechtserklärung von 1789: „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten.“ „Diese Rechte sind Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung.“

Aber als die Revolution dann so richtig losbrach, war sie bald nicht mehr nur eine politische Revolte von Abgeordneten, sondern auch das Volk meldete sich und randalierte und verlangte nach Brot. Hier meldeten sich Leute, die den Begriff der Gleichheit aufgeschnappt hatten und wirtschaftliche Gleichheit wollten, weil sie Not litten. Hier kann man die Sansculotten (die Pariser Kleinbürger und Arbeiter, die die Revolution unterstützten) und Hébert einordnen; es gab auch schon ein paar utopistische Vordenker im 18. Jahrhundert und früher. Die sozialrevolutionären Kreise konnten zwar zwischendurch ein paar Dinge durchsetzen, erlangten allerdings in der Revolutionszeit keinen nachhaltigen Einfluss; Hébert zum Beispiel wurde 1794 während Robespierres Schreckensherrschaft hingerichtet. Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis sich der Frühkommunismus voll entwickelt hatte, aber hier hat er – u. a. – seine Wurzeln.

Zunächst setzten sich, als in den 1790ern in Frankreich und dann zu Napoleons Zeiten u. a. auch in den deutschen Fürstentümern die Gesetze nachhaltig geändert wurden, die schon länger propagierten, gewohnten Ideen der Aufklärer durch: Abschaffung der letzten Reste der Leibeigenschaft und gewisser Adelsprivilegien, Aufhebung der Zünfte, stärkere Unterdrückung der Kirche. Keine Versuche, wirtschaftliche Gleichheit herzustellen, eher das Gegenteil. Die rechtliche sollte genügen, die rechtliche Gleichheit als Voraussetzung der allgemeinen, möglichst großen Freiheit. In dieser Zeit, als die wirtschaftliche Ungleichheit durch diese Laissez-Faire-Politik und durch die rapide Industrialisierung weiter zunahm, der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gingen die Liberalen und die Frühkommunisten getrennte Wege.

Die rechtliche Gleichheit hatte sicher ihre sehr guten Seiten; auch wenn beileibe nicht bei allen Bürgern die Abschaffung ihrer Partikular- und Gewohnheitsrechte beliebt war. Aber die Gleichheit, die die Kommunisten jetzt forderten, war sehr viel totaler. Wenn nur einzelne das Eigentum an den Produktionsmitteln besitzen und ihre Rechte nicht eingeschränkt sind, üben sie eine ungerechte Herrschaft über die Masse aus, sahen die Kommunisten, als während der Industiellen Revolution die Masse der Bevölkerung zu rechtlosen und überarbeiteten Fabrikarbeitern wurde, sehr richtig; also müsse die Gemeinschaft – was in der Praxis natürlich heißt: der Staat – alles besitzen und allen das gleiche zuteilen. Das führte, als es umgesetzt wurde, natürlich nur zu einer noch stärkeren Machtkonzentration und schlimmen Unterdrückung. Reguliertes, auf viele einzelne verteiltes Privateigentum wie zuvor stand für viele gar nicht mehr zur Debatte; die Idee des Distributismus konnte sich nicht viel Gehör verschaffen.

Typisch für das, was ich hier mal Egalitarismus nennen will, da es nicht nur den wirtschaftlichen Kommunismus umfasst, ist die Ansicht, dass jede Ungleichheit ungerecht und unterdrückerisch sei und mit Zwangsmitteln abgeschafft werden müsse; dass es in allem möglichen Ergebnisgleichheit geben müsse. Diese Denkweise findet man z. B. auch in der heutigen Debatte um frühkindliche Betreuung: Wenn einige Kinder Eltern haben, die sie besonders fördern, und andere solche, die sie eher vernachlässigen oder ihnen einfach nicht viel bieten können, muss der Staat für „Chancengleichheit“ sorgen und also alle Kinder möglichst früh aus ihren Familien reißen und den gleichen überforderten Erzieherinnen übergeben. (Dass natürlich staatliche Erzieherinnen auch individuelle Personen sind und gut oder schlecht in ihrem Beruf sein können, wird hier gerne übersehen.) Die Leute dürfen sich auch nicht mehr selbst für Ungleiches entscheiden; wenn z. B. Frauen freiwillig tendenziell andere Berufe als Männer wählen, muss man sie dazu nötigen, sich anders zu entscheiden.  Individuelle Freiheiten, die der Liberalismus übertreibt, werden hier zum totalen Feind, zur bloßen Gefahr; man darf sie nicht riskieren, egal, was daraus Gutes kommen könnte; der Staat über alles. Der historische Kommunismus war ja extrem feindlich gegenüber allem, was dem Totalitätsanspruch des Staates gegenüberstand, v. a. der Familie und der Kirche; daher z. B. die Wochenkrippen in der DDR, die Massenorganisationen für die Jugend, die Benachteiligung derer, die sich diesen Organisationen entziehen wollten, usw.

Der Kommunismus – und auch andere von Linken aufgegriffene Ideen wie die heutigen extremeren intersektionell-feministischen oder massenmigrationsbefürwortenden (mir fällt gerade kein besserer Begriff ein) Ideen – kam nicht mehr mit einem resignierten „Ach mei, die Wahrheit können wir eh nicht wissen, machen wir uns ein schönes Leben und seien wir tolerant“ daher wie der (theoretische) Liberalismus, sondern mit einem inhaltlichen Wahrheitsanspruch, und noch mehr, mit einem Weltrettungsanspruch. Entschlossenheit, wirklicher Einsatz war hier da, wenn auch leider oft fehlgeleiteter Einsatz, Sehnsucht nach einem Ende des Bösen. Sicher, das Böse wird hier ausschließlich materialistisch begriffen, man meint, in einer Welt mit gerechter Güterverteilung oder mit Frauenquoten und allgemeiner staatlicher Kinderbetreuung oder ohne Staatsgrenzen und Nationen gäbe es keine Probleme mehr, und für den Einsatz dafür gelten oft alle Mittel als gerechtfertigt, auch RAF-Terror, sowjetische Gulags, Antifa-Gewalt; aber dennoch, auf eine Weise hat es was Sympathischeres als der Liberalismus.

Aber eine perfekte Welt zu schaffen klappt hier unten eben nicht. Den Gedanken an eine andere perfekte Welt hatten die Egalitaristen ja schon lange als bloße Ablenkung von den „wichtigen“ Fragen beiseitegeschoben – obwohl sie selber am Ende auch alle mit dem Tod klarkommen mussten -, also setzten sie alle ihre Hoffnungen auf diese und wurden zwangsläufig enttäuscht.

Noch eine dritte moderne Bewegung findet sich in ihren Grundzügen schon in der Zeit der Französischen Revolution: Der Nationalismus, entsprechend dem Schlagwort der „Brüderlichkeit“ aller Franzosen, oder auch dem damals auch oft verwendeten, aber nicht mehr gleich bekannten Schlagwort der „Einheit und Unteilbarkeit der Nation / der Republik“.

Nun war Frankreich schon länger ein für die damalige Zeit vergleichsweise zentralistischer Staat, aber die unterschiedlichen Revolutionsregierungen und dann Napoleon machten schließlich Nägel mit Köpfen und zentralisierten das Land vollständig; auch regionale Sprachen beispielsweise waren jetzt nicht mehr gern gesehen. Während der 1790er wurde ständig die Nation als der neue Ankerpunkt betont; nun sollte es nicht mehr darauf ankommen, welchem Stand oder welcher Kirche man angehörte, sondern darauf, dass man Bürger Frankreichs war. Dieses neue Ideal von Bürgertum und Nation wurde mit religiöser Inbrunst hochgehalten: Es wurden „Bürgermessen“ als Ersatz für die alten religiösen Zeremonien erfunden und Revolutionsmärtyrer wurden verehrt. Alle Franzosen sollten zusammenstehen, und zwar zusammenstehen gegen den gemeinsamen Feind – die Könige, die Adligen, die Pfaffen, und die Ausländer, die das Land bedrohten; irgendwo schaffte die neue Einheit also auch automatisch eine neue Exklusivität.

Auch in den deutschen Gebieten war die liberale Bewegung des 19. Jahrhunderts die national-liberale Bewegung: die Studenten, die sich diese neuen Ideen aneigneten, träumten nicht nur von einem Deutschland ohne Zensurgesetze, sondern vor allem von einem Deutschland, das alle Deutschen, die bis dahin verteilt in einem Staatenbund aus vielen kleinen Fürstentümern lebten, in einem einheitlichen Reich vereinigte („Deutschland, Deutschland, über alles!“ – ein geeintes Deutschland ist unser wichtigstes Ziel, meinte das damals, und zwar eins „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, also vom Elsass bis Ostpreußen, von Südtirol bis ins heutige südliche Dänemark). Die (an sich nicht arg schlimme, aber in ihrer überhöhten Form doch praktisch ziemlich gefährliche) Idee, dass alle Menschen, die sprachlich, ethnisch, kulturell einem Volk angehörten, in einem einzigen eigenen Staat zusammengeschlossen sein müssten, prägte das ganze 19. Jahrhundert, sorgte für diverse Kriege, vereinte das gespaltene Deutschland (leider) zu einem Reich unter preußischem Kommando, schaffte ein geeintes Königreich Italien, das auch den Kirchenstaat mit Gewalt eroberte, zerstörte das multikulturelle Riesenreich der Habsburger und sorgte für endlose Konflikte auf dem ethnisch durchmischten Balkan.

Die Überhöhung der Nation, die Tatsache, dass sie die sinn- und einheitsstiftende Rolle übernehmen sollte, die früher eher die Kirche, zusätzlich zu Familie, Dorf, Zunft, Stadt, Fürstentum etc., eingenommen hatte, trug im frühen 20. Jahrhundert dann schließlich zur noch viel stärker nationalistischen Ideologie des Faschismus bei: Die Nation, das Volk als Ganzes, stand jetzt endgültig an höchster, quasi vergöttlichter, Stelle, alle Volksangehörigen hatten sich seinen Belangen unterzuordnen und als homogene Einheit zusammenzustehen, und es sollte einen starken Führer geben, der an seiner Spitze stand und es in die Zukunft führte. Der Faschismus war freilich auch von der inzwischen aufgetauchten Idee vom Übermenschen geprägt, von der Verherrlichung der Macht und des Kampfes, die man z. B. im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert noch nicht so findet, sondern die erst nach dem Aufkommen des Darwinismus in der Naturwissenschaft, der dann einen Sozialdarwinismus in der Philosophie nach sich zog, stärker aufkam. Ab dem späten 19. Jahrhundert kursierten militaristische Ideen vom Wettstreit der Nationen, die sich im 1. Weltkrieg entluden, aber damit eben bei weitem noch nicht ihr Ende fanden; dann redeten Leute wie Mussolini und Hitler vom Willen zur Macht und dem Kampf um Lebensraum und der Überlegenheit bestimmter Rassen.

Nationalisten und Faschisten suchten auch nach einem höheren Sinn, einem Zweck, einem Ziel des Schicksals, etwas, das über das materielle Leben des Einzelnen hinausging; leider war ihre Lösung von vornherein nicht besonders sinnvoll. Eine durch ein gemeinsames durch historische Zufälle entstandenes Vaterland definierte Gemeinschaft konnte die frühere durch einen gemeinsamen Vater im Himmel definierte eben nicht glaubwürdig ersetzen; vor allem war sie doch ziemlich exklusiv.

Der Fehler der Liberalen war, dass sie jede Beschränkung und jeden Wahrheitsanspruch für Unterdrückung hielten (im Gegensatz z. B. zum Herrn Jesus, der verkündete, dass die Wahrheit es ist, die frei macht); der Fehler der Egalitaristen/Kommunisten, dass sie jede Ungleichheit auch für Ungerechtigkeit hielten; der Fehler der Nationalisten, dass sie die Nation für die wichtigste Gemeinschaft überhaupt statt für eine unter anderen hielten. Und alle drei Bewegungen machten den Fehler, für die Durchsetzung ihrer Ideologie so ziemlich alle Mittel für gerechtfertigt zu halten; der Kommunismus wegen seiner hohen Ansprüche vielleicht am meisten, aber auch der Liberalismus war davon nicht frei. (1793/94, in der Hochphase der Revolution, wurden in Frankreich alle nur vermuteten Feinde der „Freiheit“ guillotiniert; der Aufstand der Bauern in der Vendée gegen die revolutionäre Regierung wurde mit an Völkermord grenzender Gewalt niedergemacht.) Der Liberalismus leugnete, dass eine Gesellschaft auf konkreten Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch basieren musste; in das entstandene Vakuum grätschten Sozialismus und Nationalismus und Faschismus mit falschen Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch hinein.

Die katholische Kirche stand während all dieser Umbrüche im 18., 19., 20. Jahrhundert meistens auf einer ziemlich trotzigen, mal nicht zu viel verdammenden und dann immer wieder sehr deutlich verdammenden und den allgemeinen Verfall beklagenden Position. Auch wenn sie beileibe nicht alle einzelnen praktischen Neuerungen, die zufällig aus dem Geist dieser Ideologien entstanden, als unvereinbar mit der Wahrheit ablehnen musste: Zu Ende gedacht widersprachen alle drei diametral der katholischen Lehre, was die Päpste immer wieder deutlich machten, v. a. solche wie der sel. Pius IX., der im Syllabus Errorum unter anderem diese drei Ideologien verurteilte.

Letztendlich ist es ja doch so, dass nur eine Rückkehr zur tatsächlichen Wahrheit – was heißt, zu Gott, der die Wahrheit selbst ist – gegen sie helfen würde.

Über schwierige Heilige: Von Inquisitoren, Kreuzfahrern, Krieger(inne)n

(Grundsätzliches zu den „schwierigen“ Heiligen hier; hier ein Teil zu anderen schwierigen Heiligen.)

Zu den problematischeren Heiligen, die man oft erst einmal lieber nicht als Auhängeschilder der Kirche benutzt, gehören auch einige, die manche heute als brutale religiöse Fanatiker sehen würden. Wir haben da etwa Heilige, die das Amt eines Inquisitors oder sogar Großinquisitors bekleideten – Kardinal Robert Bellarmin und Papst Pius V. vor seiner Papstwahl etwa.

Jetzt zucken vielleicht manche zusammen: Heilige Großinquisitoren. Oh.

 

Deswegen ist vielleicht ein genauerer Blick auf das Leben solcher Heiliger angebracht. Erst einmal Pius V. (1504-1572, Papst ab 1566):

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(Pius V., Porträt von El Greco. Gemeinfrei.)

Dieser Heilige, der den Taufnamen Antonio Michele Ghislieri trug und als Bauernsohn in einem kleinen italienischen Dorf geboren wurde, wegen seiner Begabung in den Dominikanerorden eintreten konnte, dann Theologe, Inquisitor, Bischof, Großinquisitor Kardinal und Papst wurde, war gleichzeitig in mancher Hinsicht als sehr gütig, und in anderer als sehr streng bekannt – auf jeden Fall aber als persönlich sehr fromm und demütig; praktisch das exakte Gegenbild zum Klischeebild des opulenten, korrupten und es mit den kirchlichen Regeln nicht so genau nehmenden Renaissancepapstes.

Er verbrachte viel Zeit im Gebet, fastete streng, schaffte immer noch ein großes Arbeitspensum, als er schon schwer krebskrank war, ging als Papst barfuß in den Prozessionen in Rom mit, besuchte Kranke, gab viele Almosen, ließ während einer Hungersnot 1566 große Mengen Lebensmittel importieren und in Rom verteilen, umarmte Leprakranke und wusch Armen die Füße, lebte als Papst ohne Luxus und verkleinerte den römischen Hofstaat deutlich. Ein protestantischer Engländer, der gerade in Rom war, soll sich angeblich bekehrt haben, als er den Papst die Füße eines Bettlers küssen sah. Er verbesserte Wasserversorgung und Abwassersystem in Rom, gründete zwei Krankenhäuser und ein Leihhaus, bei dem Arme günstige Kredite erhalten konnten, und ließ die Wälder um Rom herum abholzen, die bisher Räubern Unterschlupf geboten hatten.

Er setzte die Reformen des kurz vor seiner Amtszeit zu Ende gegangenen Konzils von Trient durch, sorgte dafür, dass die Bischöfe ihre Residenzpflicht in ihren Diözesen einhielten, und verbot den Ablasshandel bei Strafe der Exkommunikation. Er war ein unbestechlicher Feind des kirchlichen Nepotismus; er stellte sich, als noch Pius IV. Papst war, diesem entgegen, als er den erst dreizehnjährigen Ferdinand de Medici zum Kardinal machen wollte, und ließ als Papst einen anderen jungen Kardinal (Innocenzo Ciocchi del Monte), der seinen Kardinalshut angeblich als Geliebter von Papst Julius III. erhalten haben sollte, und sich inzwischen sexueller Übergriffe auf Frauen, Gewalttätigkeiten und sogar Morden schuldig gemacht hatte, gefangensetzen und verbannen. Er reformierte Priesterseminare und Klöster und setzte in den klausurierten Klöstern die Klausur streng durch.

Er ernannte den hl. Thomas von Aquin zum Kirchenlehrer und ließ dessen Werke neu herausgeben. Von ihm stammen der Römische Katechismus, das Brevier und das Missale, die jahrhundertelang in mehr oder weniger gleicher Form in der Kirche im Gebrauch waren. [An dieser Stelle eine kurze Anmerkung zu einer Sedisvakantistentheorie: Es gibt Leute, die meinen, mit der Einführung des Novus Ordo sei quasi eine neue schismatische Kirche gegründet worden, weil Paul VI. hier gegen Quo Primum verstoßen habe, wo Pius V. Änderungen am Ritus für die Zukunft verbietet. Tatsächlich bezieht sich ein solches Verbot (wie sich auch aus Quo Primum selbst ergibt) selbstverständlich nur auf Kleriker unterhalb des Papstes; was in der Kirche nicht prinzipiell unveränderlich ist, und was ein Papst verändert hat, kann der nächste wieder verändern. Und auch zwischen Pius V. und Paul VI. gab es zahlreiche kleine Änderungen am Ritus, die sich nur graduell, nicht prinzipiell von der Liturgiereform Pauls VI. unterscheiden.]

Er erreichte mit viel Mühe und trotz der Nichtbeteiligung des Kaisers und des französischen Königs die Gründung der Heiligen Liga zur Verteidigung Europas gegen das Osmanische Reich, das die christlichen Länder am Mittelmeer immer aggressiver angriff, und rief vor der Seeschlacht von Lepanto die Christenheit zum Rosenkranzgebet auf, und als die Heilige Liga unter Don Juan de Austrias Kommando die Osmanen hier noch einmal zurückschlagen konnte, führte er zum Dank das Fest Unserer Lieben Frau vom Siege (von seinem Nachfolger in Rosenkranzfest umbenannt) ein. (Den Sieg sah er übrigens in einer Vision, noch bevor jemand in Rom davon Bericht erstatten konnte.) Er half der schon lange unter osmanischen Angriffen leidenden Insel Malta beim Aufbau der Hauptstadt Valletta, indem er Geld und einen Architekten zum Aufbau der Verteidigungsanlagen schickte.

Er exkommunizierte die protestantische Königin Elisabeth I. von England, die die Katholiken in England verfolgen ließ, und erklärte sie für abgesetzt und ihre Untertanen von ihren Verpflichtungen ihr gegenüber entbunden (was allerdings eher dafür sorgte, dass die englischen Katholiken es von da an noch schwerer hatten), unterstützte den französischen König in den Bürgerkriegen mit den Hugenotten, und er war auch im Kirchenstaat unduldsam gegen Häretiker. Das Übergreifen des Protestantismus auf Italien zu verhindern war eins seiner wichtigsten Anliegen – und ja, er ließ auch ein paar Häretiker hinrichten.

Die Juden wurden zwar nicht so sehr bekämpft wie die Häretiker, hatten aber trotzdem wieder mit verschärften Repressionen zu leben (z.B. Verbot, Grundbesitz zu haben, Erlaubnis nur einer Synagoge, Vertreibung aus manchen Gebieten des Kirchenstaates). Einige wanderten aus dem Kirchenstaat aus, wohin manche von ihnen übrigens erst unter dem leichtlebigen Renaissancepapst Alexander VI. gekommen waren, der ihnen Zuflucht gewährt hatte, als sie im erzkatholischen Spanien nicht mehr willkommen gewesen waren.

Verbrecher – wozu er z. B. auch Gotteslästerer und Ehebrecher zählte – ließ Pius V. hart bestrafen; für Ehebruch wollte er zuerst sogar die Todesstrafe einführen (wovon man ihn dann doch abbringen konnte). Er ließ Prostituierte in einige abgelegene Gassen verbannen, verbot verheirateten Männern den Wirtshausbesuch (!), verbot Pferderennen auf dem Petersplatz und Stierkämpfe generell (nicht nur im Kirchenstaat, sondern in der Weltkirche). Er sorgte für Ordnung in den Finanzen des Vatikans und schickte den bisherigen Schatzmeister lebenslang auf die Galeere.

Seine Härte war schon damals nicht bei allen beliebt; angeblich soll er nach seiner Papstwahl gesagt haben: „Ich hoffe, so zu regieren, dass die Trauer bei meinem Tode größer sein wird, als die bei meiner Wahl.“ Tatsächlich war sie es am Ende; so unbeliebt einige der Reformen des Papstes gewesen waren, schließlich liebten ihn die Römer trotz allem.

 

Zum zweiten heiligen Chef der Römischen Inquisition: Dem hl. Robert Bellarmin (1542-1621).

(Robert Bellarmin. Gemeinfrei.)

Bellarmin, ein gebildeter adliger italienischer Jesuit, der in den Spanischen Niederlanden studiert hatte, war im Vergleich zu Pius V. weniger radikal, war vorsichtiger und humaner im Urteil, versöhnlich und bescheiden. Er ist nicht nur als großer Heiliger, sondern auch als wichtiger katholischer Theologe der Gegenreformation bekannt. Seine Verteidigungsschriften gegen die Protestanten, mit deren Theologie er sich bestens auskannte, waren in protestantischen Ländern verboten. Witzigerweise gingen seine Ansichten über das Papsttum (konkret: über die indirekte weltliche Macht des Papstes) einem Papst nicht weit genug, weshalb es kurz so aussah, als würde das erste Buch seiner „Kontroversen“ auf den Index kommen (das war vor seiner eigenen Zeit als Inquisitor). Er war auch ein geistlicher Vater für den hl. Aloisius von Gonzaga.

Und er wurde dann eben doch irgendwann mit dem Inquisitorenamt betraut; er war verantwortlich für die Hinrichtung des abgefallen Priesters und wandernden exzentrischen wie egozentrischen Philosophen Giardano Bruno, der schon alle möglichen katholischen und protestantischen Länder hatte verlassen müssen, und der übrigens nicht für wissenschaftliche Theorien, sondern für seine pantheistischen und okkulten Lehren und die Leugnung von katholischen Dogmen wie der Dreifaltigkeit und der Transsubstantiation verurteilt wurde.

Außerdem war Bellarmin verantwortlich für die erste, noch ausgesprochen freundliche Auseinandersetzung mit Galileo Galilei (vor der zweiten starb er), dem er mitteilte, er solle das kopernikanische System nur als Hypothese, nicht als Tatsache vertreten, solange es noch nicht bewiesen sei. Bellarmin war selbst ebenfalls gebildet in der Astronomie; und obwohl er das kopernikanische System nicht direkt ablehnte, wollte er es nicht als bewiesen vertreten sehen, solange es das nicht war, weil es für Unruhe unter den Gläubigen sorgte. (Hauptsächlich aufgrund von zwei Bibelstellen: Jos 10,12f., wo Josua die Sonne still stehen lässt – nicht die Erde – und Ps 19,6f.: „Sie [die Sonne] tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.“ Auch die Reformatoren, wie Luther, Calvin und Melanchthon hatten das kopernikanische System scharf als unbiblisch abgelehnt, und auf katholischer Seite wollte man auch nicht als unbiblischer dastehen als die Protestanten. Bellarmin schrieb über die Auslegung dieser Stellen in einem Brief: „Drittens sage ich, wenn es wirklich einen Beweis dafür [für das kopernikanische System] gäbe, dann müssten wir bei der Auslegung von Stellen der Heiligen Schrift, die das Gegenteil zu lehren scheinen, die größte Umsicht walten lassen und lieber sagen, wir verständen sie nicht, als eine Anschauung für falsch erklären, die als wahr bewiesen wurde. Ich bin indessen der Meinung, es gebe keine solchen Beweise, da mir keiner vorgelegt wurde.“*)

Aber was auch immer sonst über diese Männer zu sagen ist: Es bleibt dabei, sie ließen Häretiker hinrichten (und noch mehr zu Kirchenbußen, kurzen Gefängnisstrafen oder Hausarrest verurteilen); zwar nicht arg viele (die Römische Inquisition, für die beide tätig waren, ließ zwischen 1542 und 1761, also im Lauf von 200 Jahren, genau 97 Häretiker hinrichten); zwar nach fairen Prozessen (die Vorstellung vieler heutiger Menschen beim Begriff „Inquisition“ stammt aus frühneuzeitlicher englischer Propaganda und ist lächerlich falsch); aber sie ließen Häretiker hinrichten.

Und diese beiden waren nicht die einzigen heilig- oder seliggesprochenen Inquisitoren: wir haben z. B. mehrere Inquistoren-Märtyrer: den hl. Petrus von Verona, der von Katharern ermordet wurde, den hl. Petrus von Castelnau, der ebenfalls von Katharern ermordet wurde, was der Auslöser für den Kreuzzug gegen diese Katharer war, oder den sel. Antonio Pavoni und den sel. Pietro Cambiani da Ruffia, die von Waldensern ermordet wurden. Dann wären da noch ein paar weitere Heilige oder Selige, die zeitweilig das Amt eines Inquisitors innehatten und dabei nicht zu Märtyrern wurden – der sel. Folquet de Marselha, der hl. Giacomo della Marca, David von Augsburg (nicht förmlich kanonisiert, aber vom Volk verehrt), der sel. Aimone Taparelli, der sel. Guido Maramaldi, der hl. Toribio Alfonso de Mogrovejo.

Und auch sonst waren Heilige, wenn nicht an der weltlichen Strafverfolgung von Häresie beteiligt, doch zumindest öfter dafür. Der berühmteste Kirchenlehrer, der hl. Thomas von Aquin, argumentiert, wenn man schon Falschmünzer mit dem Tod bestrafe, dann doch erst recht die Verfälscher des christlichen Glaubens. Über die Zweckmäßigkeit der Hinrichtung von Häretikern gibt es unter den Heiligen der Kirche zwar keine völlige Überstimmung; als der römische Staat in der Spätantike die erste Häretikerhinrichtung der Geschichte durchführte, waren Papst und Bischöfe (inklusive des hl. Martin von Tours – ja, der mit dem Mantel) entsetzt; aber auch damals waren schon Verbannungen von Anstiftern der Ketzerei gelegentlich üblich; und so einige Heilige und Kirchenlehrer aus den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte lehnten es ganz und gar nicht ab, wenn christliche Staaten Sektenführer oder -anhänger, die die Kirche als Häretiker beurteilte, auch auf die ein oder andere weltliche Weise bestraften oder zumindest die Ausbreitung der Häresie oder die öffentliche Religionsausübung der Häretiker be- oder verhinderten.

Was sollen wir nun dazu sagen?

Nun, zunächst, dass Irrtümer ganz und gar nicht unschädlich sind, sondern sich (auch, wenn es sich um scheinbar kleine Irrtümer handelt) katastrophal auswirken können (und auch immer neue und oft noch schädlichere Irrtümer generieren, wie man an der nichtkatholischen Welt der letzten 500 Jahre gesehen hat), und dann, dass viele dieser Sektenführer damals nicht nur geistlichen, sondern ganz weltlichen Schaden anrichteten. Pius V. sah, wie der Protestantismus z. B. in den deutschen Gebieten zu Bürgerkriegen führte, und auch das zu verhindern war eins seiner Motive (wenn auch, vermute ich, nicht das wichtigste – das wird wohl eher gewesen sein, dass die Ketzer die Gläubigen irreführten und die Kirche spalteten). Das Ziel von Ketzerverfolgung war nicht die Unterdrückung mutiger freier Menschen, sondern Schutz der leicht beeinflussbaren Gläubigen vor Sekten, die in einer Welt, in der der Grundkonsens der Gesellschaft der katholische Glaube war, die ganze Gesellschaft auseinanderrissen. Häretiker waren für die Menschen damals das, was man heute „Verfassungsfeinde“ oder „Extremisten“ nennen würde. Als im Mittelalter Inquisitionsgerichte gegründet wurden, war übrigens auch ein Ziel, die Verfolgung der Häresie in geregelte Bahnen zu lenken und nicht dem Mob zu überlassen.

Die heutige Welt hat auch ein romantisiertes Bild der Ketzer; wenn sie heute plötzlich auftauchen würden, würden sie vermutlich auch nicht besonders gefallen (auch solche wie Luther, dessen negative Seiten ja zum Glück in den letzten Jahren etwas bekannter geworden sind). Die „Vollkommenen“ der Katharer praktizierten Selbstmord durch Verhungern, die Wiedertäufer waren eine brutale Weltuntergangssekte, von den Puritanern will ich gar nicht anfangen.

Und dann war es auch so, dass überall da, wo die Ketzer an die Macht kamen, bald Katholiken verfolgt wurden und vor allem ihre Klöster aufgelöst und die Ausübung ihres Glaubens behindert wurde – so nach der Reformation in England, wo jeder Priester, den die Behörden zu fassen bekamen, gehängt, ausgeweidet und gevierteilt wurde, oder Schweden, wo 1617 die Todesstrafe für Katholiken generell eingeführt wurde.

Waren die verschiedenen Inquisitionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit brutal? Nun, für ihre Zeit waren sie ziemlich human. Man wollte die Ketzer eher bekehren als bestrafen, Reue hatte Wirkung. Die Gefängnisse waren meist sehr human – besonders bei der Römischen Inquisition -, Haftstrafen relativ kurz. Die Folter verwendeten die verschiedenen Inquisitionen zum Teil gar nicht, zum Teil (ab 1252) sehr spärlich und vorsichtig und unter festgelegten Bedingungen – und wenn, dann wegen der schädlichen mittelalterlichen Rechtsgewohnheit, dass niemand ohne Geständnis nur aufgrund von Indizien verurteilt werden durfte, weshalb man ein Geständnis erzwingen wollte, wenn man relativ sicher war, dass der Angeklagte schuldig war. Hinrichtungen kamen bei „verstockten“, besonders bei rückfälligen, Ketzern natürlich vor, aber nur ein kleiner Bruchteil der Prozesse endete damit (bei der hochmittelalterlichen Inquisition gegen die Katharer in Südfrankreich etwa bei 5% der Prozesse, bei der Spanischen Inquisition der frühen Neuzeit 1,8%); und Verbrennung bedeutete oft (wenn auch nicht immer) Strangulierung und dann Verbrennung der Leiche. (Natürlich ist z. B. das lebendige Verbrennen nicht zu rechtfertigen, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, genausowenig wie die Folter zur Befragung – was übrigens auch das Kirchenrecht vor 1252 so sah.) Hinrichtungen für Häresie waren im Allgemeinen deutlich seltener als Hinrichtungen z. B. für Mord oder Raub. Die Römische Inquisition richtete, wie gesagt, in den Jahrhunderten ihres Bestehens insgesamt 97 Menschen hin, die Spanische nach den höchsten Schätzungen 5000.

(Eine Dokumentation vom BBC für alle Interessierten.)

Mit den unglaublichen Verbrechen, die aufgrund neuzeitlicher Ideologien begangen wurden, die die Kirche als ketzerisch und falsch verurteilte, wofür sie aber niemanden mehr „dem weltlichen Arm übergeben“ konnte – den Verbrechen der Kommunisten und Nationalsozialisten beispielsweise – ist die sporadische mittelalterliche und frühneuzeitliche Strafverfolgung von Häresie jedenfalls gar nicht zu vergleichen. Schon bei einer der ersten von modernen antichristlichen Ideologen errichteten totalitären Diktatur, der „Schreckensherrschaft“ der französischen Revolutionäre 1793/94, wurden in einem Jahr 300 Mal so viele Menschen umgebracht wie die Römische Inquisition in 200 Jahren schaffte (auf ganz Frankreich bezogen, aber die Opfer der furchtbaren Massaker in der Vendée nicht eingerechnet). Aber für Freiheit und Demokratie muss man vermutlich andere Opfer bringen.

Man kann die Strafverfolgung von Häresie ablehnen, wenn man will; aber man sollte wissen, was man ablehnt – und man sollte verstehen, wieso einige unserer Heiligen Häretiker hinrichten ließen. Diese Heiligen sind vielleicht unbequem; man kann auch der Meinung sein, dass sie nicht immer alles richtig gemacht haben; aber sie waren wirkliche Heilige. Aber zum Thema Inquisition vielleicht ein andermal genauer; ein bisschen habe ich über das Thema hier schon geschrieben. Ich hoffe, ich habe hier wenigstens zeigen können, dass diese Heiligen mehr und anderes waren als stereotype Großinquisitoren, wie man sie sich nach gewissen Romanautoren aus dem 19. Jahrhundert vorstellt.

 

Dann haben wir auch heilige Kreuzzugsprediger und Kreuzfahrer – den hl. Bernhard von Clairvaux, der im Auftrag des Papstes zum 2. Kreuzzug aufrief, oder den hl. Ludwig IX. von Frankreich, der selbst auf einen Kreuzzug ging. Auch Urban II., der im Jahr 1095 zum 1. Kreuzzug aufrief, wird immerhin als Seliger verehrt

Auch unbekanntere Heilige und Selige waren an den Kreuzzügen beteiligt – wie der hl. Petrus Thomas und der sel. Jean von Montmirail, oder ein paar nie förmlich kanonisierte, aber lokal vom Volk verehrte Männer wie Arnold von Hiltensweiler, Walter von Bierbeek, Ludwig IV. von Thüringen (der Ehemann der hl. Elisabeth), Gobert von Aspremont, und ein paar Kreuzfahrer, die in muslimischer Gefangenschat zu Märtyrern wurden, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollten, wie Nicasius von Jerusalem, Matthäus von Beauvais und Thiemo von Salzburg.

Wir haben auch Heilige, die an der Reconquista in Spanien beteiligt waren; dazu gehört z. B. der hl. Fernando III. von Kastilien.

(Der hl. Ludwig IX. stirbt auf dem Kreuzzug vor den Mauern von Tunis. Gemeinfrei.)

Die Kreuzzüge im Ganzen waren eine stark von der Kirche unterstützte Bewegung; Päpste riefen zu Kreuzzügen auf, es gab Ablässe für Kreuzfahrer [hier die obligatorische Erinnerung, dass Ablässe keine Vergebung der Sünden bedeuten, sondern erst nach der Vergebung der Sünden durch die Beichte ins Spiel kommen; platt gesagt: sie können nicht aus der endgültigen Hölle retten, sondern nur das zeitlich begrenzte Fegefeuer verkürzen; genauere Erklärungen hier], es wurden Ritterorden gegründet, z. B. der Malteserorden, der Templerorden oder der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Und dementsprechend waren viele sehr fromme Menschen an den Kreuzzügen beteiligt.

(Ein bisschen Kreuzzugsstimung mit Walther von der Vogelweide.)

Wir haben auch ansonsten ein paar Heilige, die in Kriegen kämpften, z. B. Jeanne d’Arc – gegen die komischerweise kaum einer etwas einzuwenden hat, weil sie den Frauenbonus hat. Es gilt eben ganz einfach: Kriegführen ist nichts generell Schlechtes. Es gibt nach der katholischen Theologie gerechte Kriege (Kriege, die einen gerechten Grund haben und mit gerechten Mitteln geführt werden); z. B. zählte zu den Kriegen mit gerechten Grund ganz sicher die Verteidigung Frankreichs gegen die Engländer im Hundertjährigen Krieg, da schließlich Heilige und Engel Jeanne d’Arc zum Kampf in diesem Krieg aufriefen, oder auch die Verteidigung Augsburg gegen die Angriffe der Ungarn durch den hl. Bischof Ulrich von Augsburg. Ein weiteres Beispiel für einen militärisch aktiven Heiligen wäre z. B. auch der hl. José Sanchez del Rio (1913-1928), ein vierzehnjähriger Junge, der beim Cristero-Aufstand gegen die die Kirche verfolgende mexikanische Regierung Bannerträger war. Er wurde zwar nicht wegen seines Einsatzes in diesem Aufstand, sondern wegen seines Martyriums heiliggesprochen: Als Regierungstruppen ihn gefangennahmen, wollten sie ihn dazu bringen, Christus zu verleugnen, und folterten und töteten ihn, weil er sich weigerte. Aber dieser Einsatz war eindeutig kein Hindernis für seine Heiligsprechung. Manche Selige/Heilige hatten auch keine andere Wahl, als Krieg zu führen – z. B. kam der sel. Kaiser Karl I. auf den österreichischen Thron, als der 1. Weltkrieg schon zwei Jahre im Gange war, und versuchte vergeblich, diesen Krieg schnell zu beenden.

Michael_Echter_Ungarnschlacht_Detail Bildergebnis für jeanne d'arc Saint José Luis Sánchez del Río: Hero for Christ the King

(Der hl. Ulrich von Augsburg bei der Lechfeldschlacht neben Otto dem Großen; die hl. Jeanne d’Arc; der hl. José Sanchez del Rio; der sel. Karl I. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu den Kreuzzügen: Man kann sehr gut argumentieren, dass es sich hier um gerechte Kriege handelte, insbesondere z. B. beim 1. Kreuzzug, zu dem der sel. Urban II. aufrief, weil die muslimischen Seldschuken (die Vorfahren der Türken) im Osten das christliche Byzantinische Reich brutal überfielen und schon nahe bei Konstantinopel standen, und Kaiser Alexios Komnenos die Christen im Westen dringend um Hilfe bat. Die Seldschuken überfielen auch Pilger nach Jerusalem; und zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten Muslime schon die Grabeskirche zerstört.

Die Hauptmotivation der meisten Kreuzfahrer war es, das Heilige Land, v. a. Jerusalem, in christliche Hand zu bekommen, die heiligen Stätten, wo Jesus selbst gelebt hatte, gestorben und auferstanden war, zu schützen, Zugang dazu zu haben, sie nicht wieder den Muslimen in die Hände fallen zu lassen, und Pilger und Christen in diesen Ländern überhaupt zu schützen.

Man muss hier sehen, dass zwischen der Christenheit und der muslimischen Umma damals schon jahrhundertelang ein quasi permanenter Kriegszustand herrschte, zwar unterbrochen von Waffenstillständen (und leider auch mal von taktischen Bündnissen eines christlichen Fürsten mit einem muslimischen gegen einen christlichen Rivalen, oder eines muslimischen Fürsten mit einem christlichen gegen einen muslimischen Rivalen), aber im Ganzen war es ein permanenter Kriegszustand – und die Aggression ging von den Muslimen aus, und sie waren auch die, die aufs Ganze gesehen viel für sich gewannen.

Sicher; aus Spanien, Sizilien und großen Teilen Osteuropas, die sie zu verschiedenen Zeiten an sich rissen, konnten die muslimischen Eroberer nach einem jahrhundertelangen Abwehrkampf wieder vertrieben werden; aber ganz Nordafrika, Kleinasien, Syrien, die einmal völlig christlich gewesen waren, gingen verloren. Die Seldschuken, später Osmanen und Türken genannt, drangen immer weiter vor, versuchten immer wieder, an Konstantinopel heranzukommen (das vor ihnen erstmals die Araber schon in den Jahren 674-678 belagert hatten), bis es ihnen 1453 gelang, standen später – 1529 und 1683 – zweimal vor Wien. Vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert überfielen muslimische Piraten Europas Küsten und verschleppten insgesamt eine Million Menschen als Sklaven; einer der Ritterorden, die in der Kreuzzugszeit gegründet wurden, war der Mercedarierorden, der es sich zur Aufgabe machte, solche christlichen Sklaven aus muslimischer Gefangenschaft freizukaufen. Natürlich gab es keinen permanenten Frieden. Mohammeds Religion war eine Religion, in der es permanenten Frieden mit Ungläubigen einfach nicht geben durfte und die Ausbreitung des muslimischen Herrschaftsgebietes als religiöse Pflicht galt. Auch auf muslimischer Seite wurden die Kreuzzüge damals auch nur als ein weiteres Glied in der ständigen Kette von Kriegen mit Christen gesehen.

Es gibt ja die Ansicht, die Kreuzzüge seien einfach Eroberungskriege, unnötige Angriffe auf schon lange muslimisches Gebiet gewesen. Zur Zeit der Kreuzzüge war der muslimisch beherrschte Nahe Osten allerdings noch zu einem großen Teil christlich; sogar heute sind ja in einem Land dort, dem Libanon, noch knapp 40% der Bevölkerung Christen. In der Türkei waren noch 1914 ganze 20% der Bevölkerung Christen; heute sind es weit unter 1%, Genozid sei dank. Durch ständige Drangsalierungen, abgenötigte Bekehrungen, die Flucht von Christen, Pogrome, Völkermorde, die osmanische „Knabenlese“ (das offizielle Stehlen christlicher Kinder, aus denen Sklavensoldaten des Sultans wurden), usw. schrumpfte die Zahl der unterdrückten Christen in diesen Ländern immer weiter zusammen, aber damals waren sie noch zahlreich und die muslimische Herrscherschicht im Vergleich zu heute klein.

Die Kreuzfahrerstaaten bildeten auch eine Art Puffer; sie hielten die Muslime im Osten beschäftigt und hinderten sie, weiter nach Europa vorzudringen. Man stelle sich vor, was passiert wäre, wenn der sel. Urban II. auf Kaiser Alexios‘ Bitte nicht reagiert hätte und die Seldschuken schon um 1100 Konstantinopel erobert hätten.

(In dem Zusammenhang sollte man allerdings vielleicht erwähnen, dass es auch im Mittelalter von manchen Kirchenrechtlern/Theologen Kritik an einzelnen Aspekten der Kreuzzüge oder in Einzelfällen auch grundsätzliche Kreuzzugskritik gab; ein Beispiel für einen Kreuzzugskritiker wäre Radulfus Niger. Das kirchenrechtliche Prinzip war in dieser ganzen Zeit jedenfalls: Wenn Ungläubige Christen angreifen oder verfolgen, kann man Krieg führen, wenn sie Frieden halten, soll man mit ihnen in Frieden leben. Bei vielen theologisch ungebildeten Laien, die auf einen Kreuzzug gingen, spielte wohl der Gedanke an die heiligen Stätten eine größere Rolle als der der Verteidigung der Christenheit – daher interessierten sich wohl auch mehr Männer für die Kreuzzüge im Heiligen Land als z. B. für die Reconquista in Spanien.)

Die Kreuzzüge waren jedenfalls wohl kaum schwerer zu rechtfertigen als z. B. der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Erst recht lässt sich natürlich die Abwehr der Muslime in Spanien und die Rückeroberung der muslimisch beherrschten spanischen Gebiete, die Reconquista, rechtfertigen.

Manche wollen den hl. Franziskus, der 1219 auf den Kreuzzug von Damiette mitkam und ins Lager des Sultans al-Malik al-Kamil ging, um diesen zum Christentum zu bekehren und so Frieden zu schaffen, als Gegenbild zu diesen Kriegern aufbauen. Aber Franziskus‘ friedliche Lösung war erstens nicht ergebnisloser „interreligiöser Dialog“, sondern Bekehrung; er soll dem Sultan sogar eine Feuerprobe angeboten haben, um zu erweisen, welcher Glaube der wahre war: „Solltest du aber Bedenken tragen, für den Glauben an Christus das Gesetz des Mohammed zu verlassen, dann laß ein großes Feuer anzünden; dann werde ich mit deinen Priestern ins Feuer hineingehen“, sagte er laut einem Bericht über diese Begegnung. Und zweitens funktionierte seine Lösung damals leider nicht.

(Giotto di Bondones Darstellung von Franziskus vor dem Sultan.)

Die Kreuzzüge waren übrigens keine Methode, schnelle Beute zu machen oder jüngere Söhne bequem zu versorgen. Es kostete im Gegenteil einiges an Geld und an Mühe, in ein so weit entferntes Land auf einen Kreuzzug zu gehen, sehr viele Kreuzfahrer kamen dabei um, und viele Anführer von Kreuzzügen waren reiche Herrscher über große Gebiete, die aus religiösem Idealismus (oder Fanatismus, wenn man es denn so sehen will) Kreuzzugsgelübde leisteten, um mit dem Kriegsdienst Buße für ihre Sünden zu tun. Am Ende ging das Heilige Land – das die Kreuzfahrer doch über längere Zeit gehalten hatten – deswegen verloren, weil Europa kriegsmüde war und keine Männer und kein Geld mehr dorthin schicken wollte.

Sie bedeuteten übrigens auch keine religiöse Verfolgung der Muslime. In den Kreuzfahrerstaaten lebten Muslime unbehelligt. (Nicht einmal die friedliche Bekehrung der Muslime stand besonders im Vordergrund, auch wenn es hier ein paar wenige größtenteils gescheiterte Versuche gab.)

Sicher gab es einiges an Gewalt und auch einiges an unnötiger Gewalt; es waren eben Kriege. Aber das heißt nicht, dass kein guter Christ irgendetwas mit diesen Kriegen zu tun gehabt haben dürfte.

Eine andere Sache ist noch wichtig: Die Judenpogrome, zu denen es, als zu Kreuzzügen aufgerufen wurde, in manchen europäischen Städten durch fanatisierte Bürger kam, wurden von den oben genannten Heiligen und Seligen verurteilt. Der begeisterte Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux trat auch gegen die antijüdische Hetze eines Mönchs namens Radulf auf, und auch Päpste und Bischöfe schützten die Juden in dieser Zeit übrigens vor willkürlicher Gewalt.

(Hl. Bernhard von Clairvaux.)

 

Inquisitoren, Kreuzfahrer – haben wir dann vielleicht auch noch heilige Hexenverfolger? Nicht dass ich wüsste. Der Hexenwahn war sowieso eine Sache, die nicht von der Kirche ausging, und hauptsächlich eine Angelegenheit des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation im 16. und 17. Jahrhundert, von dem andere Zeiten und Gebiete eher verschont blieben.

Beim nächsten Beitrag dann zu noch jemanden, den Säkularisten einen religiösen Fanatiker nennen könnten; dem sel. Pius IX.

 

** Zitiert in: Hans Conrad Zander, Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition, S. 133f., München 2007.

Das 2. Vatikanische Konzil und ein paar Probleme mit ihm

Das 2. Vatikanum: Die Liberalen unter den Katholiken berufen sich gerne darauf, und schauen mit Grausen auf die Zeit davor, die Konservativen bestehen immer darauf, was das Konzil eigentlich gesagt hat, und die Tradis meiden es bei aller prinzipiellen Anerkennung als 21. Ökumenisches Konzil oft lieber – wofür es tatsächlich ganz gute Gründe gibt. Ein genauerer Blick darauf lohnt allerdings auch einmal.

 

Wenn man zuerst einmal die Zeit anschaut, in der das 2. Vatikanum einberufen wurde, fällt auf: Es war auf den ersten Blick keine Krisenzeit, sondern eine optimistische Blütezeit.

In der Nachkriegszeit, den 50ern und frühen 60ern erlebte die Kirche erst einmal eine kleine Renaissance. In dieser Zeit schienen auch Liberalismus und Sozialdemokratie mit den großen Religionen im Westen (Protestantismus, Katholizismus und Judentum) deutlich besser auszukommen als vorher. Der Faschismus war erledigt; es war die Blütezeit der europäischen Christdemokratie (man denke an Namen wie Adenauer, Gasperi usw., an die Gründung der Montanunion); auch in den USA war man sehr gläubig, und die Protestanten gleichzeitig so tolerant gegenüber religiösen Minderheiten wie Katholiken und Juden wie selten zuvor. Nach dem Albtraum von Weltkriegen und Totalitarismus wollte man vergessen, leben, zu Humanität und Gottesfurcht zurückkehren, und Völker und Religionen versöhnen. Man proklamierte die Menschenrechte, und man wollte unbedingt an den Fortschritt glauben. Das alles geschah seltsamerweise zeitgleich mit der von unglaublicher Brutalität begleiteten Ausbreitung des Kommunismus in Osteuropa, großen Teilen Asiens und schließlich auch Teilen Lateinamerikas und Afrikas.

Es war keine Krisenzeit für die Kirche (außer unter besagten kommunistischen Diktaturen, aber auch hier waren die Gläubigen oft verfolgt, aber treu – Polen ist ein Beispiel). Papst Pius XII., der nach einer fast zwanzigjährigen Zeit als Papst 1958 starb, war hoch angesehen und beliebt in aller Welt (der Mythos von „Hitlers Papst“ war noch nicht erfunden), unter Protestanten ging der Antikatholizismus zurück, die Arbeiterschicht und sogar die Intelligentsia war weniger antiklerikal als früher, in Missionsgebieten wie Afrika breitete sich der Glaube stetig aus und eine einheimische Kirchenhierarchie entstand allmählich, islamische Länder wurden liberaler, westlicher und toleranter. Zu Gottesdiensten, Wallfahrten, Heiligsprechungen usw. kamen große Massen. Auch die religiöse Bildung war auf einem guten Stand; die Katholiken hatten oft ihre Volksmessbücher (in Deutschland den Schott) und kannten die Liturgie (der Mythos, sie hätten nicht gewusst, was bei der lateinischen Messe passierte, ist schlicht das: ein Mythos), die Kinder lernten ihren Katechismus. Es gab große katholische Laienbewegungen wie die Katholische Aktion, die Piusvereine, die Abendländische Bewegung. Die Verbände waren damals noch wirklich katholisch – ob Katholische Landjugend oder Katholischer Frauenbund. Erzbischof Fulton Sheens Radio- und Fernsehprogramme waren in den USA unglaublich beliebt. Über mangelnde Priester- und Ordensberufungen konnte man sich nicht beklagen.

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(Papst Pius XII. Gemeinfrei.)

Es gab einige vorsichtige Reformen in der Kirche – Pius XII. führte z. B. ein paar kleinere liturgische Reformen durch und erkannte die positiven Seiten der sog. historisch-kritischen Exegese an (wobei das nichts absolut Neues war). Aber gleichzeitig war man stolz auf die Tradition, beharrte fest auf der Lehre, die Kleriker leisteten ihren Anti-Modernisten-Eid, das Heilige Offizium (später in „Glaubenskongregation“ umbenannt) gab den Index der verbotenen Bücher heraus. Erst recht wurden Dogmen und Morallehre nicht infrage gestellt – d. h. von Nichtkatholiken natürlich schon, auch zu dieser Zeit, aber es wurde nicht die Ansicht verbreitet, auch die Kirche würde ihre Dogmen und Morallehre schon bald aufgeben; und an theologischen Fakultäten wurde im Allgemeinen keine Häresie gelehrt. Die Kirche wurde grundlegend als Bastion der Tradition wahrgenommen – und auch die, die sie dafür ablehnten, brachten ihr immerhin noch einen gewissen Respekt entgegen.

Es war die Zeit einiger großer katholischer Theologen, Intellektueller und Schriftsteller: Romano Guardini, Réginald Garrigou-Lagrange, Dietrich von Hildebrand, Flannery O’Connor, Gertrud von Le Fort, Reinhold Schneider, Paul Claudel, Charles Péguy, Evelyn Waugh, Bruce Marshall, Graham Greene, und wen es noch alles gab.

Es war auch die Zeit einiger Theologen und Philosophen, die keine Modernisten, sondern recht treu katholisch waren, aber wegen einiger Aspekte ihrer Theologie trotzdem von der Kirchenhierarchie und den neuthomistischen Theologen ab und an kritisch beäugt und teilweise mit Disziplinarmaßnahmen belegt wurden – etwa Vertreter der Nouvelle theologie wie Henri de Lubac und Yves Congar, oder der Philosoph Jacques Maritain (der an der Ausarbeitung der UN-Menschenrechtserklärung beteiligt war) und andere sog. Personalisten. Es gab genügend junge Theologen und Studenten, denen der damals noch relativ starke Thomismus und die „Handbuchtheologie“ (man denke hier an Namen wie Ludwig Ott und Heribert Jone) zu muffig waren, und die auch in Bezug z. B. auf die Religionsfreiheit etwas liberaler dachten als bisher im Katholizismus üblich. Dann gab es etwa die Arbeiterpriester in Frankreich, die sich nach und nach dem Kommunismus annäherten und deren Tätigkeit von Rom nach anfänglicher Unterstützung schließlich verboten wurde, weil sie ihre eigentlichen priesterlichen Aufgaben nicht wie nötig ausübten; schon ein bisschen länger hatte es ja katholische Bewegungen gegeben, die politisch in eine sehr sozialistische Richtung gingen – Le Sillon in Frankreich, das Catholic Worker Movement in den USA.

Sicher gab es auch das ein oder andere anderweitige Problem in dieser Zeit; und als eine, die Jahrzehnte später geboren ist, kann ich mich vermutlich nicht perfekt einfühlen; aber allgemein scheint es (im Westen) doch eine der besseren Zeiten der Kirchengeschichte für die Kirche gewesen zu sein.

Es gab jedenfalls keine Krise, die es unbedingt notwendig gemacht hätte, ein Konzil zu ihrer Klärung einzuberufen – keine große neu aufgetauchte Irrlehre, kein weitverbreitetes skandalöses Verhalten im Klerus. Eher war man beflügelt von Optimismus und wollte die Situation weiter verbessern – die Hand stärker ausstrecken, die Türen weiter aufmachen, und so mit etwas mehr Offenheit die Welt in die Kirche holen.

Wobei, nun ja: vielleicht merkte man auch am Beginn der 60er schon, dass die Renaissance der Religion ihrem Ende zuging (der Schock des Weltkrieges wollte allmählich begraben werden, das Wirtschaftswunder richtete die Gedanken der Menschen auf anderes), und dass z. B. die sexuelle Liberalisierung sich fortsetzte. 1968 kam nicht aus dem Nichts, und auch wenn dieselben Ideen schon seit Jahrzehnten und noch länger in bestimmten Zirkeln ihre Anhänger hatten, jetzt verbreiteten sie sich vielleicht stärker. Also hatte man den Eindruck, man müsste auch deswegen ein wenig offener und freundlicher werden, um nicht weitere Katholiken aus der Kirche zu treiben.

Das war der Anfang, bei solchen Leuten wie dem hl. Papst Johannes XXIII., der das 2. Vatikanische Konzil (sehr überraschend für die Welt und die Kirche) einberief und noch vor seinem Ende starb. Wie es weiterging, und vor allem, wie es wahrgenommen wurde, ist eine andere Geschichte.

Das Konzil war von Anfang an als reines Pastoralkonzil geplant; dogmatische Fragen sollte es gar nicht ansprechen. Die Dogmen standen fest, der Plan war, sie höchstens anders zu präsentieren. Freilich gab es auch dabei bald einige Streitereien zwischen den liberaleren und den konservativeren Konzilsvätern, Kurienmitarbeitern und Konzilsberatern (zu den Konservativen zählte z. B. Kardinal Ottaviani, der Präfekt des Heiligen Offiziums); in den Konzilstexten setzten sich dann oft schwammige Kompromissformulierungen durch. Das Konzil gab Texte zu allen möglichen Themen heraus – was ist eigentlich die Kirche, was bedeutet eigentlich die Bibel -, aber auch zu ein paar modernen Spezialthemen, die auftauchten, wie der Religionsfreiheit, dem Ökumenismus, dem Verhältnis zu anderen Religionen, den sozialen Kommunikationsmitteln. Es wurden natürlich viele pastorale Fragen angesprochen: Laienapostolat, Ordensleben, christliche Erziehung, Mission usw.; bedeutend und ziemlich typisch für die Konzilsstimmung war die Pastoralkonstitution Gaudium et spes, die mit den Worten beginnt:

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.

Ich fand diesen Anfang ja immer ein bisschen, hm, komisch. Sind die „Jünger Christi“ Außerirdische, die die Erde erforschen? Freilich geht es dann weiter mit

„Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist.

Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“,

aber, ach ne. Christen sind Menschen. Gut, dass wir das geklärt hätten.

Das Konzil war geprägt von einem angestrengten überfreundlichen Anbiedern an die außerkirchliche Welt, und einem gewissen Fortschrittsoptimismus, dem Gefühl, dass die Menschen in den 1960ern zu einem tieferen moralischen und religiösen Gespür gekommen wären als die Menschen früher, dem Glauben daran, dass man Gottes Fingerzeig überall um einen herum in der Welt von heute (d. h. damals) sehen könne. Das ist zwar nicht völlig falsch; jede Epoche hat ihre klaren Momente – aber sie hat leider auch ihre besonderen Fehler, auf die man aus dem zeitlosen Glauben der Kirche antworten muss, und darauf wurde zu dieser Zeit viel zu wenig geachtet.

Das Problem ist nicht so sehr, was dann im Endeffekt in den Texten landete. Die Texte des 2. Vatikanums (die übrigens zwar Lehramtstexte sind, aber nicht zu den unfehlbaren Lehramtstexten zählen) drücken viele Glaubenswahrheiten aus (die meisten konservativeren Katholiken werden die Aussage aus Lumen Gentium 11 kennen, dass das eucharistische Opfer Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist). Das Problem war die Verschiebung im Tonfall, und oft das, was ausgelassen wurde; die mangelnde Klarheit.

Am deutlichsten ist das beim Thema Religionsfreiheit und Verhältnis zu anderen Religionen: Die Kirche hatte immer z. B. Zwangstaufen abgelehnt, aber den typischen Indifferentismus der sog. „Aufklärung“ (alle Religionen seien gleich gut (oder gleich schlecht) und der einzelne brauche nicht nach der einen wahren zu suchen, denn jede umfasse nur einen Aspekt der Wahrheit, keine die ganze Wahrheit) auch immer klar zurückgewiesen; das tat sie auch weiterhin in Dignitatis Humanae und Nostra Aetate; trotzdem bekamen viele in- und außerhalb der Kirche durch die Berichterstattung über das Konzil den Eindruck, die Kirche würde diese Ansicht von jetzt an billigen oder sich zumindest in die Richtung bewegen, all das einzugestehen. Die Kirche hatte auch gelehrt, dass ein Staat nicht alle Religionen/Sekten/Ideologien in derselben Weise tolerieren müsse, und den konfessionell-katholischen Staat (also einen Staat, der (wie das z. B. offiziell immer noch in Malta oder Liechtenstein der Fall ist), die katholische Religion als Staatsreligion anerkennt, und seinen Gesetzen eine katholische Weltanschauung zugrundelegt, mit der Kirche zusammenarbeitet, und andere Religionen höchstens duldet) als Ideal behandelt. Auch das wurde nicht offiziell widerrufen, auch nicht in Dignitatis Humanae, aber es wurde in den kirchlichen Verlautbarungen irgendwie fallengelassen. Man sprach jetzt vom Recht des einzelnen Gewissens gegenüber dem Staat, und fast nur noch davon. Gerade die Welt außerhalb der Kirche, die die einzelnen Schattierungen der Lehre nicht genau kannte und nicht gut im Zwischen-den-Zeilen-Lesen ist, musste den Eindruck bekommen, dass die Kirche ihre Lehre fallenließ, eingestand, dass sie geirrt hatte, und sich dem Fortschritt der ihr überlegenen Welt unterwarf.

Man begann, den Glauben weniger wie etwas zu behandeln, das unversehrt weitergegeben muss, und ihn mehr wie etwas zu behandeln, das sich weiterentwickeln muss, indem die Kirche auf die Stimme Gottes in der Gegenwart hört. Das ist, wie so viele falsche Ideen, nicht zu einhundert Prozent falsch; es gab tatsächlich eine Entwicklung der Glaubenslehre im Lauf der Kirchengeschichte. Aber das war eine Vertiefung und Klärung, keine Umwandlung; und vor allem kam sie nicht durch das Hören auf eine oft genug antikatholische Welt.

Dann kam die Liturgiereform – nicht während des Konzils, sondern im Anschluss: Und ein gewisser Annibale Bugnini schnitt die Liturgie und den Festkalender auf teilweise sehr brachiale und nicht unbedingt gründlich geplante Weise zusammen, auf eine Weise, die von den Konzilsvätern gar nicht beabsichtigt worden war (z. B. hatten die Konzilsväter das Latein in der Messe keinesfalls abschaffen wollen). Und die Umsetzung fiel in vorauseilendem Gehorsam oft nach radikaler aus, als es die neuen Rubriken vorsahen: Man nahm eben an, dass „das Konzil“, „die Kirche“ wünsche, dass alles neu werde. Als die Handkommunion per Indult zusätzlich zur Mundkommunion gestattet wurde, wechselte man vielerorts komplett zur Handkommunion, und Erstkommunionkindern wurde nichts anderes mehr beigebracht. An manchen Orten kamen schlimme liturgische Missbräuche vor, die u. U. sogar die Messe ungültig machen konnten.

Eine weitere Entwicklung fällt in diese Zeit: Im Jahr 1960 wurde die Anti-Baby-Pille erfunden. Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, dass künstliche Empfängnisverhütung damals noch anrüchig war; aber das war sie tatsächlich, vor allem, wenn dafür geworben wurde, dass unverheiratete Paare sie verwenden sollten; es galt noch bei vielen als zumindest irgendwie unmoralisch, Sex nur zur Befriedigung zu verwenden und Kinder künstlich auszuschließen. Dennoch: Die Akzeptanz wuchs in genau dieser Zeit rapide, zumindest, wenn es um die Verwendung durch Ehepaare ging; einige progressive Weltuntergangspropheten schürten Ängste wegen „Überbevölkerung“; die Argumente der Eugeniker des frühen 20. Jahrhunderts, die der Meinung gewesen waren, man müsse die Vermehrung der Armen und Erbkranken eindämmen, waren auch noch in den Köpfen; und natürlich war es bequemer, weniger Kinder zu haben, auch, da die Kindersterblichkeit zurückgegangen war und man nicht mehr mehrere Kinder haben musste, damit welche überlebten. Die von der Kirche erlaubte Natürliche Familienplanung (damals noch als Ogino-Knauss-Methode bezeichnet) war noch nicht besonders ausgereift und sicher, so dass einige katholische Paare nur auf fast oder ganz vollständige Enthaltsamkeit hätten zurückgreifen können, wenn sie gerade keine Kinder zeugen wollten. Die Pille bot nun eine neue Alternative. Und sie war nichts so Vulgäres wie Kondome und coitus interruptus (sie störte nicht so offensichtlich die „eheliche Vereinigung“); und nichts so Endgültiges wie die Sterilisation. Damals waren tatsächlich einige Theologen genuin verwirrt, ob sie nach katholischer Lehre unerlaubt sein müsse. Auf dem Konzil wurde die Diskussion darüber allerdings unterbunden; aber dann setzte der Papst eine Kommission ein, um diese Frage langwierig zu studieren.

Es war die Zeit, in der vieles neu zu werden schien; vorher schwer Denkbares wurde zur Regel. Nicht wenige Priester vermittelten Ehepaaren, sie könnten die Verwendung der Pille mit ihrem Gewissen vereinbaren, das würde auch Rom in Kürze verkünden. Dass Paul VI. dann schließlich doch (gegen die Mehrheitsmeinung der Kommission) 1968 in der Enzyklika Humanae Vitae verkündete, dass die Pille unter das Verbot der Künstlichen Empfängnisverhütung fiel, und dass dieses Verbot weiterhin galt, kam wie eine kalte Dusche. Man hatte damit gerechnet, dass es erlaubt werden würde; man hatte schon so gehandelt. Dementsprechend antworteten die deutschen Bischöfe in der Königsteiner Erklärung mit gespaltener Zunge auf die Enzyklika:

„Das neue päpstliche Rundschreiben hat in der Kirche und in der Welt sehr viel Zustimmung gefunden – ein Zeichen für die Übereinstimmung vieler Gläubigen, ja auch nichtkatholischer Christen mit den Zielen des Papstes und mit grundsätzlichen Gedanken und Forderungen seiner Enzyklika. Die Enzyklika ist aber auch auf Widerspruch gestoßen. Bei Katholiken beruht dieser nicht auf einer grundsätzlichen Ablehnung der päpstlichen Autorität. 
In den letzten Jahren sind die Themen, die jetzt in der Enzyklika behandelt wurden, sehr eingehend diskutiert worden. Neue Fragestellungen und neue Gesichtspunkte theologischer und profaner Wissenschaften, die auch in Rom bei der Vorbereitung der Enzyklika erörtert wurden, sind weiten Kreisen bekannt. Sie fanden im Schrifttum ihren Niederschlag, haben die katholische Ehe- und Familienarbeit mitbestimmt und sind in den verschiedenen Formen der Erwachsenenbildung und des Apostolates der Laien wirksam geworden. Sie hatten auch ihre Auswirkung auf die seelsorgliche Praxis. Die Methoden der Verwirklichung verantwortlicher Elternschaft wurden vielfach dem verantwortungsbewußten Gewissensurteil der Eheleute überlassen, ohne daß dabei dem Ungehorsam gegen die Kirche, dem Subjektivismus oder der Willkür das Wort geredet wurde. So ist es verständlich, daß viele Priester und Laien vom Heiligen Vater eine andere Entscheidung erwartet hatten. Das erklärt auch das zwiespältige Echo auf das Erscheinen der Enzyklika. […]

Die Diskussion um die strittigen Fragen ist nicht beendet, sondern aufs stärkste entfacht. Bei vielen Priestern und Laien, die ebenso in Liebe zur Kirche stehen wollen, herrscht große Ratlosigkeit. Sie leiden nicht nur unter den Schwierigkeiten, diese Lehre zu leben oder in die seelsorgliche Praxis umzusetzen; sie haben vielfach auch ernste Gewissensbedenken, die in der Enzyklika ausgesprochenen Verpflichtungen zu bejahen und zu vertreten. […]

Auf der anderen Seite wissen wir, daß viele der Meinung sind, sie könnten die Aussage der Enzyklika über die Methoden der Geburtenregelung nicht annehmen. Sie sind überzeugt, daß hier jener Ausnahmefall vorliegt, von dem wir in unserem vorjährigen Lehrschreiben gesprochen haben. Soweit wir sehen, werden vor allem folgende Bedenken geltend gemacht: Es wird gefragt, ob die Lehrtradition in dieser Frage für die in der Enzyklika getroffene Entscheidung zwingend ist, ob gewisse neuerdings besonders betonte Aspekte der Ehe und ihres Vollzuges, die von der Enzyklika auch erwähnt werden, nicht ihre Entscheidung zu den Methoden der Geburtenregelung problematisch erscheinen lassen. 
Wer glaubt, so denken zu müssen, muß sich gewissenhaft prüfen, ob er – frei von subjektiver Überheblichkeit und voreiliger Besserwisserei – vor Gottes Gericht seinen Standpunkt verantworten kann. Im Vertreten dieses Standpunktes wird er Rücksicht nehmen müssen auf die Gesetze des innerkirchlichen Dialogs und jedes Ärgernis zu vermeiden trachten. Nur wer so handelt, widerspricht nicht der rechtverstandenen Autorität und Gehorsamspflicht. Nur so dient auch er ihrem christlichen Verständnis und Vollzug.“

Kurz gesagt, hier findet man, was die DBK am besten versteht: Unter vielen wohlklingenden Worten ein Messer in den Rücken der Kirche rammen.

(Am lächerlichsten finde ich persönlich das Vorbringen von „ernsten Gewissensbedenken“ gegenüber der kirchlichen Lehre: Als ob es irgendjemand für möglicherweise unmoralisch ansehen hätte können, die Pille nicht zu verwenden.)

Auch der Fall des Priesterzölibats wurde in dieser Zeit von vielen vorhergesagt. Seminaristen wurde vermittelt, in wenigen Jahren würde die Kirche ihn nicht mehr verlangen, und in diesem Bewusstsein ließen sie sich weihen. Auch hier stellte Papst Paul VI. die Sache in einer Enzyklika klar (Sacerdotalis Caelibatus von 1967), aber für viele bedeutete das kein Ende der Vorhersagerei, die Kirche würde sich in dieser Hinsicht bald ändern. (Ja, hier ist es komplizierter, in der Hinsicht, dass die Kirche den Zölibat theoretisch abschaffen könnte; was freilich kein Argument ist, eine so extrem alte, universale* und sinnvolle Tradition abzuschaffen; und jedenfalls tat sie es entgegen der Vorhersagen nicht.)

Auf Berufungen wurde jetzt weniger Wert gelegt; und vor allem bei den Frauenorden brach die Zahl der Ordenseintritte katastrophal ein. Viele Nonnen wechselten ihre Ordenskleidung mit weltlicher Kleidung aus und gaben auch andere Aspekte ihres Lebens auf; sie versuchten sich nicht mehr von der Welt zu unterscheiden und verloren dadurch auch das, was an ihrem Leben anziehend für Katholikinnen gewesen war. Aber noch schlimmer als das Fehlen neuer Berufungen und die Veränderung der Orden war, wie viele Nonnen, Mönche und Priester ihre Berufung ganz aufgaben und sich von ihren Gelübden/Versprechen entbinden ließen.

Die nachkonziliare Zeit ließ auch die religiöse Bildung auf ein geradezu lächerliches Niveau absinken, weil man die klassische katechetische Unterrichtsweise verwarf und meinte, Schüler müssten selber dazu finden, was sie glauben (als ob Jugendliche sich einfach ihren eigenen Glauben zusammenbasteln würden, ohne Ideen von irgendwo aufgenommen zu haben – wenn nicht aus der Kirche, dann aus der Welt). Aber religiöse Erziehung schien eben fast genauso unnötig zu werden wie Mission: schließlich konnte man, wie Rahner es ausdrückte, auch ein „anonymer Christ“ sein, jemand der christlich lebte, ohne ausdrücklich Christ zu sein; wozu dann soviel Wert darauf legen, bestimmte Lehren weiterzugeben?

Die Glaubenspraxis schien irgendwie verweltlicht, normalisiert, eingeebnet zu werden – sowohl Prunk und „Triumphalismus“ als auch Fasten, Buße, Sühne wurden zurückgefahren. Mit anderen Worten: Festliche Freude galt ebenso nicht mehr wie tiefes Leid, Trauer, Demut. Stattdessen hielt eine deprimierende Effizienz und Kargheit Einzug. Auch Autorität und Gehorsam wurden nunmehr als reine Hindernisse der Freiheit gesehen – nicht mehr wie vorher als Mittel zum Schutz der Schwachen und Teil einer heiligen Ordnung, die Gott eingesetzt hatte.

Am klarsten sieht man die Früchte des Konzils, wenn man sich einzelne Personen ansieht. Es ist ziemlich bedrückend, finde ich,wenn man den Wandel von bestimmten berühmten Katholiken nach dem Konzil betrachtet.

Theologen wie Bernhard Häring oder Karl Rahner, die bisher klar katholisch gewesen waren, vielleicht mal ein wenig unkonventionell gedacht hatten, aber immer Wert darauf gelegt hatten, sich innerhalb der vom Lehramt festgesteckten Grenzen zu halten, schienen jetzt überzeugt zu werden, dass die Kirchenlehre doch nicht so unveränderlich war wie bisher geglaubt. Sie wurden allmählich ungehorsamer, kamen zu der Ansicht, künstliche Empfängnisverhütung könne gerechtfertigt sein, oder die Jungfrauengeburt sei nicht wirklich real gewesen. Thomas Merton, ein US-amerikanischer Trappist und bereits sehr bekannter geistlicher Schriftsteller, der seinem Orden viele Berufungen beschert hatte, begann sich stark mit östlichen Religionen zu beschäftigen, begann eine kurze Affäre mit einer sechsundzwanzig Jahre jüngeren Frau, und vernachlässigte Gebet und klösterliche Gemeinschaft für seinen Status als bei der politischen Linken beliebter Celebrity-Mönch. Der belgische Theologe Edward Schillebeeckx ging weiter als andere: Im Holländischen Katechismus, an dem er mitarbeitete, und seinen übrigen Veröffentlichungen leugnete er zahlreiche katholische Dogmen. Das alles wurde dadurch verschlimmert, dass die Glaubenskongregation inzwischen kaum noch gegen solche Auswüchse einschritt.

Schilleebeckx und andere legten besonders den Fokus darauf, wer Jesus „für mich“ sei, nicht darauf, wer Er in sich ist; typisch für den nachkonziliaren Relativismus. Auch in der Moral hielt dieser Einzug: Die „Lebenserfahrung“ der Leute sollte jetzt mehr gelten als Prinzipien – was natürlich alles mögliche rechtfertigen konnte, das jemand vor sich rechtfertigen wollte. Es wurde auch von manchen insinuiert, der „historische Jesus“ habe die Kirche vielleicht gar nicht oder zumindest nicht so gewollt; die übliche Taktik des Protestantismus, einen Keil zwischen Christus und die Braut Christi zu treiben, war in der Kirche angekommen. Damit wurde natürlich auch Jesu Autorität und Wirken selbst geschmälert: Er war plötzlich für manche nicht mehr der Gott, der die Kirche vom Himmel aus lenkt und in ihr präsent ist, sondern der tote Gründer aus der Vergangenheit.

Das wirklich Perfide war, wie die Frommen im Zug der Nachkonzilszeit dazu gebracht wurden, sich den „vom Konzil gewollten“ Veränderungen zu beugen, still zu sein und zu gehorchen – von denen, die den Gehorsam in der Kirche in jedem anderen Zusammenhang jetzt verspotteten oder geringschätzten. Der Papst wollte es ja. Sollte man sich anmaßen, katholischer zu sein als der Papst? Man konnte mit der neuen Liturgie zwar nichts anfangen, die Bilderstürmerei in der Pfarrkirche war verstörend, aber man konnte sich doch nicht gegen die Kirche stellen. Und wenn man doch etwas dagegen tun wollte, wurde man als ungehorsamer Fanatiker abgestempelt – während offene Häretiker toleriert wurden. Ich kann mir ziemlich gut vorstellen, wie hilflos manche sich gefühlt haben müssen.

Es gab Katholiken, die gerade unter den liturgischen Veränderungen litten (darunter z. B. so bekannte Namen wie Evelyn Waugh und J. R. R. Tolkien), und solche, die auch Warnungen aussprachen, etwa Dietrich von Hildebrand in seinen Büchern „Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“ und „Der verwüstete Weinberg“. Und dann gab es auch einen gewissen französischen Bischof namens Marcel Lefebvre, ehemals Erzbischof von Dakar (Senegal) und selbst Konzilsvater, der sich angesichts der nachkonziliaren Verwüstungen entschloss, eine Priesterbruderschaft zu gründen, die die traditionelle Liturgie feiern und an der traditionellen Theologie klar festhalten sollte. Bald gab es Spannungen zwischen Rom und der Priesterbruderschaf St. Pius X.; Lefebvre wurde 1976 von Paul VI. suspendiert. Unter dem hl. Papst Johannes Paul II. schien sich wieder eine Einigung anzubahnen, doch dann weihte Lefebvre, der Rom nicht mehr traute, ohne Genehmigung vier Bischöfe und wurde exkommuniziert. Einige Priester verließen die Piusbruderschaft, gründeteten die Petrusbruderschaft und erreichten dafür eine Genehmigung vom Heiligen Stuhl. Das Verhältnis der Piusbrüder zu Rom blieb gespannt; Lefebvre starb als Exkommunizierter – eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, gerade wenn man darüber nachdenkt, wie mit Häretikern währenddessen umgegangen wurde.

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(Lefebvre (links) zu glücklicheren Zeiten bei seiner eigenen Bischofsweihe. Gemeinfrei.)

Unter Johannes Paul II. (und seiner rechten Hand, Kardinal Joseph Ratzinger, ehemals Konzilsberater und jetzt Präfekt der Glaubenskongregation) gab es zumindest ein wenig mehr Toleranz für die Traditionalisten, und auch sonst schien es ein gewisses konservatives Roll-back zu geben. Man betonte, dass das und das häretische Zeug gar nicht in den Konzilstexten stehe und das Konzil dies und jenes gar nicht gewollt habe. Johannes Paul II. war sehr klar in der Lehre z. B. beim Lebensrecht. Und er war, anders als Paul VI., fähig, größere Massen für den Glauben zu begeistern – durch seine Reisen, durch die Weltjugendtage. Auch führte er wieder eine andere Ostpolitik im Vatikan ein und behandelte den Kommunismus nicht mehr, wie die beiden Päpste vor ihm, wie etwas Unbesiegbares, mit dem man sich irgendwie arrangieren musste. Gegenüber häretischen Theologen wurden etwas mehr halbherzige Versuche unternommen, sie zur Vernunft zu bringen oder ihnen die Lehrerlaubnis zu entziehen. Andererseits betonte auch dieser Papst die Religionsfreiheit, veranstaltete interreligiöse Gebetstreffen in Assisi, und beließ die neue Liturgie, wie sie war. Ein „Zurück vors Konzil“ gab es nicht.

Leider.

Mir persönlich ging es genau umgekehrt wie der Konzilsgeneration: Ich bin mit dem liberalen häretischen Katholizismus aufgewachsen, habe dann den etwas liberalen, aber deutlich auf Lehramtstreue schauenden Nachkonzilskatholizismus endeckt, und am Ende Neuthomismus, Handbuchtheologie, Integralismus, kurz gesagt den Traditionalismus. Und ich bin ehrlich gesagt relativ wütend darüber, was mir so lange vorenthalten worden ist. Handbuchtheologie ist erfrischend!

Die Johannes-Paul-II.-Generation hat den Traditionalismus gemieden; die nächste Generation findet vielleicht eher zu ihm. Weil man merkt, dass einem etwas geraubt wurde, dass die Nachkonzilsrechtgläubigkeit vielleicht doch ein nicht nötiger Kompromiss war, und dass die goldene Mitte nicht bei ihr liegt. Es bringt doch nichts, immer nur darüber zu reden, dass das Konzil ja das und das gar nicht gesagt habe; natürlich hat es das nicht, aber eine gewisse Zweideutigkeit, ein gewisser Mangel an klarer Verkündigung bisher verkündigter Glaubenswahrheiten, ein falscher Tonfall findet sich eben schon in den Konzilsdokumenten.

Es ist doch okay, sich einzugestehen, dass „das“ Konzil ein ziemliches Desaster war – aus welchem Grund auch immer sich die einzelnen Faktoren damals zu einem solchen Desaster aufsummiert haben. Es hat schlicht keine Erneuerung gebracht, sondern Verwirrung. Es hat Katholiken aus der Kirche getrieben – viele in „liberale“ Häresien oder am Ende kompletten Unglauben, ein paar, die nicht fassen konnten, wie die Kirche sich zu ändern schien, auch in einen verschwörungstheoretischen Sedisvakantismus. Es hat unglaublich vielen Katholiken eingeimpft, die Kirche könne und würde sich bei Dingen ändern, bei denen sie noch beteuere, sie könne sich nicht ändern; und die Kirche vor „dem“ Konzil wäre gar nicht richtig christlich gewesen, erst jetzt fände sie langsam zu ihrer wirklichen Bestimmung. So wurde an dem Ast gesägt, auf dem man sitzt: Denn wenn die Kirche nicht verlässlich ist, wieso dann überhaupt noch katholisch sein? Die Konzilsgeneration blieb vielleicht noch großteils in der Kirche; die Generation danach ging schon seltener zur Kirche und nahm den Glauben weniger ernst; die Generation danach kann mit dem Glauben großteils wenig anfangen. In meiner Familie sehe ich das jeden Tag.

Das 2. Vatikanische Konzil samt den Reformen der Nachkonzilszeit war ein zunächst wohlmeinender, und dann völlig fehlgeschlagener und von den falschen Leuten gesteuerter Versuch, mit einer Welt zu dialogisieren, die eigentlich gar nicht mit der Kirche dialogisieren wollte. Mal ehrlich: Schon 1968 hätte kein Hippie, der freie Liebe propagierte, die Geduld aufgebracht, sich mit ein paar alten Bischöfen zusammenzusetzen, die vorschlugen, dass manche Ehepaare es ja vielleicht doch nach eingehender Prüfung mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten, zeitweise die Pille zu nehmen. Und auch bei den förmlichen Dialogen, die geführt wurden (z. B. mit protestantischen Kirchenvertretern) – was gab es dabei denn für Ergebnisse?

Ein weiteres Problem ist, dass „dem“ Konzil oft Dinge zugeschrieben werden, die nicht von ihm stammen, sondern schon lange existierten – z. B. die Lehre, dass es auch in anderen Religionen Elemente der Wahrheit gibt, und auch jemand, der einer anderen Religion angehört, in den Himmel kommen kann (dank praktisch „unüberwindlicher Unwissenheit“ über die wahre Religion). Interessanterweise wurde gerade unter Pius XII. ein Priester namens Leonard Feeney, der diese Lehre leugnete, und behauptete, dass ausschließlich getaufte Katholiken in den Himmel kommen könnten, und der nicht einmal die Begierde- und die Bluttaufe gelten lassen wollte, 1949 suspendiert und 1953 dann exkommuniziert; unter Paul VI. wurde seine Exkommunikation 1972 aufgehoben. Auch die Evolutionstheorie wurde (auch wenn er aus damaliger Sicht zur Vorsicht bei der vorschnellen Interpretation der Forschungsergebnisse mahnte) schon von Pius XII. für vereinbar mit dem katholischen Glauben gehalten und nie verurteilt. Die Sachlage ist klar: Die Vergangenheit soll diffamiert werden, indem man ihr Undifferenziertheit, Unbarmherzigkeit, Ahnungslosigkeit unterstellt; und die Nachkonzilszeit damit aufgewertet.

An allen anderen Konzilien und Synoden der Kirchengeschichte ist Kritik erlaubt und wird oft genug geübt; wieso sollte das letzte Konzil eine Vorrangstellung haben? Natürlich haben die „Pforten der Hölle“ die Kirche auch hier nicht überwunden; sie hat nichts Falsches zum Dogma erklärt. Aber unterhalb einer solchen Katastrophe verhindert der Heilige Geist leider nicht sämtlichen Mist, den Kleriker und andere Katholiken anrichten wollen.

Dietrich von Hildebrand fällt ein Gesamturteil über das 2. Vatikanum, das mir ziemlich passend vorkommt:

„Mag vieles vor dem Konzil reformbedürftig gewesen sein – ein Vergleich der Kirche im Jahr 1956 und 1972 drängt einem die Worte des Psalmisten auf: ‚Super flamina Babylonis illic sedimus et flevimus cum recordaremur Sion.‘ Psalm 136 (‚An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, als wir Sions gedachten.‘)“ (Der verwüstete Weinberg, 7. Kapitel)

 

* Auch die Ostkirchen kennen den Zölibat, auch wenn hier die Regeln weniger streng sind: Es können Verheiratete geweiht werden; wer unverheiratet geweiht wird, oder nach der Weihe zum Witwer wird, muss unverheiratet bleiben; und die Bischöfe werden nur aus den Unverheirateten gewählt.

Ein paar Gedanken zur Missbrauchskrise und den „Sittlichkeitsprozessen“ der 1930er

Vor nicht allzu langer Zeit hat der emeritierte Papst einen Text zu den Gründen der Missbrauchskrise veröffentlicht, in dem er auch auf die Sexuelle Revolution der 60er-80er und – was wenig beachtet wurde – die Tatsache hingewiesen hat, dass in derselben Zeit im Kirchenrecht eine falsche Milde Einzug hielt. Von den üblichen Seiten wurde Benedikt dafür bereits zur Genüge kritisiert; die Frage ist jetzt: Hatte er Recht?

Natürlich denkt keiner der älteren Generationen gern daran zurück, dass in den angeblich so glorreichen 60ern-80ern Pädophilie bis zu einem gewissen Grad destigmatisiert wurde; das wurde sie aber; und in gewissen Kreisen sehr stark. Die Idee, dass Kinder Sexualität genießen könnten und man „einvernehmlichen“ Sex zwischen Erwachsenen und Kindern nicht „kriminalisieren“ sollte, verbreitete sich weithin und auch die, die nicht völlig darauf hereinfielen, wurden von ihr beeinflusst. Gerade im nicht ganz so extremen Bereich bei Jugendlichen wurde vieles enttabuisiert; sie würden sowieso Sex haben, also sollte man das auch erleichtern und für Aufklärung und Verhütung sorgen, und außerdem das Schutzalter heruntersetzen, wenn man es nicht gleich ganz abschaffen wollte.

Pädophile sind sehr gut darin, sich selbst einzureden, dass ihre Opfer es auch wollen; dass sie selbst nicht anders können; dass sie nur etwas ausleben wollen, das man nun mal ausleben muss, um natürlich und glücklich leben zu können; dass die Gesellschaft sie nicht versteht und sie über diesen dummen, spießigen Regeln stehen – und diese Lügen wurden auch in anderen, nicht ganz so schlimmen Kontexten von der Sexuellen Revolution propagiert: wenn z. B. ein einzelner Partner dich langweilt, hast du doch das Recht, dir weitere zu suchen, du musst schließlich glücklich werden. Natürlich hatten es Pädophile in diesem Kontext noch leichter, ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen, und andere entwickelten größere Hemmungen, gegen Pädophile einzuschreiten und sie anzuzeigen.

Übrigens sollte man auch heute nicht so tun, als wären das nur schlimme, aber kurzfristige „Wirren“ gewesen, und man sei darüber hinweg, Kinder sexualisieren zu wollen. Seit neuestem gibt es Kinder, die sich für homosexuell oder transgender halten und von ihren Eltern als „Drag Kids“ in Bars vorgeführt werden, was von LGBTQ-was-weiß-ich-Gruppen groß gefeiert wird – so, wie in den 80ern bei den Grünen die Schwulen zusammen mit den Päderasten eine AG bildeten. Dann hätten wir auch so etwas:

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Ja, die Sexuelle „Befreiung“ greift immer noch nach Kindern.

Eine andere schlimme Entwicklung, die in den 60er-80ern zeitgleich damit ablief, hatte vielleicht noch gravierendere Folgen, was den Missbrauch angeht: Die Verbreitung der Ansicht, Verbrecher wären auch nur Opfer, könnten nichts für ihre Straftaten, würden sich durch Therapie schnell ändern, und man sollte ihnen vor allem mit Mitleid und Verständnis begegnen – wodurch die Opfer egal wurden. Wenn die Psychologenzunft so etwas verbreitete, ließen sich auch Bischöfe leichter dazu verleiten, Priester, von denen ihnen vielleicht gemeldet wurde, dass sie Teenager oder Kinder begrapscht hatten, zu versetzen und ihnen Therapie verordnen zu wollen, als kirchenrechtlich gegen sie vorzugehen. Eine falsche Barmherzigkeit schlich sich offenbar auch unter Kirchenrechtlern ein; Benedikt schreibt etwa: „Dazu kam aber ein grundsätzliches Problem in der Auffassung des Strafrechts. Als ‚konziliar‘ galt nur noch der sogenannte Garantismus. Das heißt, es mußten vor allen Dingen die Rechte der Angeklagten garantiert werden und dies bis zu einem Punkt hin, der faktisch überhaupt eine Verurteilung ausschloß.“ Alles in allem scheint es kein Wunder zu sein, dass auch die Missbrauchsfälle in der Kirche in den 60ern-80ern ihren Höhepunkt erreichten, und so schlimme Fälle wie dieser hier vorkamen.

 

Manche wenden dagegen ein, die Dunkelziffer sei in den Zeiten vor den 60ern höher gewesen: man habe damals zu wenig über Sex und sexuelle Gewalt geredet und außerdem seien Priester zu sehr Respektspersonen gewesen, als dass man ihren Opfern Glauben geschenkt hätte.

Aber da lohnt sich vielleicht ein Blick auf einen älteren Missbrauchsskandal: Die sog. „Sittlichkeitsprozesse“ gegen katholische Laienbrüder und Priester in den Jahren 1936/37. Den Nazis war die katholische Kirche bekanntermaßen ein Dorn im Auge, und in dieser Zeit versuchte man sich an Propaganda gegen die Kirche anlässlich sexueller Vergehen von Geistlichen, v. a. in Klöstern – freilich ging es hier in vielen Fällen nicht um Pädophilie, sondern um damals noch strafbare Homosexualität. Es wurden Sonderkommandos eingerichtet, die mit großem Eifer nach sexuellen Vergehen in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen (Schulen, Behindertenheimen usw.) suchten, und Goebbels persönlich wetterte in einer reichsweit übertragenen Rede gegen die angeblich sexuell so verdorbene Kirche.

Es wurden damals insgesamt etwa 2500 Verfahren gegen Priester und v. a. Laienbrüder (einige auch schon aus ihren Orden ausgetretene oder entlassene) angestrengt, von denen allerdings die meisten wieder eingestellt werden mussten, weil man doch nicht unbegrenzt Beweise fabrizieren konnte; die übrigen endeten mit (offenbar tatsächlich juristisch gerechtfertigten) Verurteilungen von insgesamt 64 Welt- oder Ordenspriestern und 170 Laienbrüdern (davon etwa 60 ehemalige) – teilweise wegen des Missbrauchs von Kindern oder behinderten Erwachenen, teilweise wegen homosexueller Handlungen unter Ordensbrüdern; so einige Urteile betrafen auch die Verführung von jungen Novizen. Vor allem summierten sich Vergehen in einzelnen Laienkongregationen, besonders bei den Waldbreitbacher Franziskanerbrüdern, die geistig behinderte Männer betreuten. Die verurteilten Priester (im Unterschied zu den Laienbrüdern, bei denen ich keine prozentualen Angaben gefunden habe) machten etwa 0,23% aller deutschen Priester aus – und noch mal, das schließt Fälle von einvernehmlichen homosexuellen Handlungen unter erwachsenen Männern ein.

Das Interessante daran ist auch: Die Bischöfe damals waren interessiert daran, bei der Aufklärung mitzuwirken; sie versuchten nicht zu vertuschen. Die Täter wurden in aller Regel auch kirchenrechtlich verurteilt, viele waren bereits aus ihren Orden entlassen; aus der Waldbreitbacher Gemeinschaft wurden dann auch noch 31 Brüder entlassen und 1937 wurde die Gemeinschaft von Rom auf Initiative des Bischofs von Trier hin aufgelöst. In dieser Zeit sieht man nicht das Denken mancher Bischöfe bei späteren Skandalen – lieber alles vertuschen, um den Ruf der Kirche nicht zu beschädigen -, sondern das Bewusstsein, dass es das Beste ist, wenn alles herauskommt, und dass die Verbrechen bestraft werden müssen. Natürlich wehrte man sich gegen die Propaganda der Nazis, die die Kirche als „Sexualsumpf“ betitelten und anhand dieser Fälle von Missbrauch und Homosexualität gegen unabhängige kirchliche Schulen usw. ins Feld zogen; die Vergehen einzelner dürften nicht gegen die Kirche als Ganze benutzt werden; und man verurteilte auch willkürliche Übergriffe der Gestapo, usw. Aber das war ja auch begründet.

Ich kann mir schon vorstellen (auch wenn ich mich damit zu wenig auskenne), dass „früher“ Opfer von Missbrauch es manchmal schwerer hatten, weil das Problembewusstsein in der Gesellschaft bzgl. Kindesmissbrauch nicht so sehr da war, oder man Anklagen von Kindern gegenüber respektierten Autoritäten nicht ernst genug nahm. Aber speziell in diesen Jahren wurde von der Gestapo intensiv nach solchen Geschichten gefahndet und Klosterschüler und Heimbewohner auch mit unlauteren Mitteln unter Druck gesetzt, damit sie Kleriker belasteten. Für diese Zeit wird man keine sehr hohe Dunkelziffer annehmen können. Und sexuelle Verbrechen an Kindern, Jugendlichen und Behinderten wurden damals auch immer als solche gesehen, ihre Schwere nicht infrage gestellt wie in den 60ern-80ern. Und hier scheint dann im Endeffekt doch die Anzahl an Tätern unter den Priestern relativ gering gewesen zu sein.

Es ist natürlich wichtig, daran zu denken, dass Kindesmissbrauch immer und überall passieren kann; den wird es bis zum Jüngsten Tag in allen Institutionen geben, gerade auch durch sympathische Leute, denen man das nie zugetraut hätte, und da heißt es, Schutzmechanismen und Strafen haben. Das ist nie ein endgültig gelöstes Problem. Aber: Ich denke, Benedikt hatte schon seine Gründe, darauf hinzuweisen, dass der Missbrauch zu manchen Zeiten schlimmer war als zu anderen.

 

[Update: Interessant dazu auch dieser Artikel in der Süddeutschen, in dem es über Missbrauchsfälle in der Kirche heißt:

„Wenn man die Akten aus den 1950er- und 1960er-Jahren durchblättert, fällt auf, dass damals mehr Opfer bereit waren zu reden, Jugendliche traten als Zeugen auf, Kirchenleute wurden zu Haftstrafen verurteilt. Später ließ die Anzeigebereitschaft nach, von den 1970er-Jahren an drang kaum mehr etwas nach außen, es sei ‚offenbar so ein Deckel draufgegangen‘, sagt Ines Karl.“

Es wäre sehr interessant, hier mehr über die Hintergründe zu erfahren.]

Von Abtreibung und Sklaverei

Mir ist in letzter Zeit immer mehr aufgefallen, wie ähnlich die heutige Debatte ums Thema Abtreibung (wenn denn mal eine Debatte zugelassen wird) tatsächlich der Debatte ums Thema Sklaverei ähnelt – d. h. der Debatte um dieses Thema im 18. und 19. Jahrhundert, vor allem in den USA, wo damals die Sklaverei in den Südstaaten erlaubt und in den Nordstaaten verboten war.

 

Es gäbe da zunächst mehrere noch relativ oberflächliche, äußerliche Gemeinsamkeiten:

1) Es handelt sich um ein Unrecht, das von unzähligen Privatleuten begangen wird; niemand wird dazu gezwungen, sich daran zu beteiligen, und der Staat befiehlt es nicht, sondern erlaubt es nur.

  • „Du bist gegen die Sklaverei? Du musst keine Sklaven halten; wenn du welche gekauft, geerbt oder geschenkt bekommen hast, kannst du sie freilassen.“
  • „Du bist gegen Abtreibung? Du musst ja nicht abtreiben.“

2) Die Kirchen sind gespalten in ihrer Position zu dieser Praxis:

  • Es gab einige protestantische Gruppen, die sehr klar gegen die Sklaverei kämpften (besonders die Quäker und Methodisten), viele, die es für ein gutes Werk hielten, Sklaven freizulassen, aber Sklavenhalter nicht direkt verurteilten, und manche, die die Sklaverei klar befürworteten. Die Southern Baptists spalteten sich 1845 von den Northern Baptists ab, weil sie die Sklaverei für absolut rechtmäßig hielten und weil sie, anders als bisher, auch Sklavenhalter zum Predigerdienst zulassen wollten. Einige Katholiken, darunter auch einige Kleriker, in den US-amerikanischen Südstaaten versuchten sich damit herauszureden, dass die wiederholten päpstlichen Verurteilungen nur den Sklavenhandel, nicht das Sklavenhalten an sich betreffen würden. Es gab bibelbasierte Argumente für die Sklaverei, etwa dieses: Im Buch Genesis verflucht Noah die Nachkommen seines Sohnes Ham und unter den Nachkommen Hams werden afrikanische Völker genannt, also sind die Schwarzen verflucht und müssen den Weißen dienen. (Ernsthaft, das war ein oft gebrauchtes Argument damals.) Andere Prediger argumentierten mit der Bibel gegen die Sklaverei.
  • Das katholische Lehramt und die meisten evangelikalen Kirchen sind klar gegen Abtreibung, aber liberale protestantische Kirchen sind entweder nur sehr gemäßigte Abtreibungsgegner (sehen Abtreibung also ethisch als falsch, meinen aber, sie sollte rechtlich erlaubt sein, oder sehen sie als notwendiges Übel) oder sogar ausdrücklich pro-choice. Pro-Choicer und moderate Abtreibungsgegner gibt es auch unter dissidenten Katholiken; in Deutschland etwa bei Donum Vitae (einer Schwangerenberatungsorganisation, die Scheine ausstellt, die zur Abtreibung berechtigen), in den USA bei Catholics for choice. Auch bei christlichen Abtreibungsbefürwortern werden biblische Argumente eingeführt: Etwa, dass eine aus Fahrlässigkeit verursachte Verletzung einer Frau, die zu einer Fehlgeburt führt, nach dem Gesetz des Mose geringer bestraft werde als Mord an Geborenen. (Ernsthaft.)

(Karikatur auf einem Briefumschlag aus den Nordstaaten aus der Bürgerkriegszeit. Ein Kleriker aus den Südstaaten wird bei seiner Bibelauslegung vom Teufel inspiriert.)

3) Es gibt viele gemäßigte Gegner der Praxis, die ungern mit den radikalen Gegnern in einen Topf geworfen werden wollen und sich für Kompromisslösungen aussprechen, die meistens im Endeffekt auf die Beibehaltung des status quo hinauslaufen. Sie sehen das Unrecht als eine Art notwendiges Übel. Außerdem legen sie Wert darauf, nicht als zu fokussiert auf dieses eine Thema herüberzukommen; andere Fragen sind wichtiger.

  • „Die Sklaverei sollte nicht auf weitere neu erschlossene und gegründete Staaten im Westen ausgeweitet werden. Vielleicht könnte sie auch nach und nach abgeschafft werden. Wenn die Schwarzen erst einmal wirklich zivilisiert sind. Aber wir können sie auf keinen Fall jetzt einfach so abschaffen, das gäbe wirtschaftliches Chaos, Gewalt und Aufruhr. Und reden wir lieber über wichtigere Themen, wie Wirtschaft und Immigration.“
  • „Spätabtreibungen sind jetzt nicht so gut, und eine verpflichtende Beratung vor einer Abtreibung und ein Werbeverbot sollten wir vielleicht auch haben. Wir haben hier doch einen mühsam ausgehandelten Kompromiss erreicht, den wir nicht schon wieder in Frage stellen sollten. Aber man kann Abtreibungen nun mal nicht ganz verbieten. Und reden wir lieber über wichtigere Themen, wie Wirtschaft und Immigration.“

4) Die Bewegung gegen diese Praxis legt Wert auf friedliche Mittel; sehr vereinzelt gibt es unter ihnen gewaltbereite Personen, auf die die Gegenseite sofort anspringt und die sie als typisch darstellen will.

  • Bestes Beispiel bei den Abolitionisten ist John Brown. Wenn ich mir den Wikipedia-Artikel so durchlese, der und seine Leute waren ja schon brutaler als selbst die radikalisiertesten Abtreibungsgegner (und deutlich beliebter bei den Abolitionisten als jene bei Lebensrechtlern).
  • Bei den Lebensrechtlern hätten wir Leute in den USA, die auf Abtreibungsärzte geschossen haben (in den letzten Jahrzehnten gab es dort laut Wikipedia insgesamt 11 Todesopfer).

5) In dieser Bewegung gibt es ein paar bekehrte ehemalige Täter, die eine wichtige Rolle spielen:

  • John Newton (1725-1807) war ein englischer Sklavenhändler, der seinen Beruf aufgab, Pastor wurde und sich in England für das Verbot des Sklavenhandels einsetzte. Er verfasst übrigens das Lied „Amazing Grace“.
  • Bernard Nathanson (1926-2011) war Arzt und einer der Mitbegründer der National Abortion Rights Action League (NARAL), die in den USA für die Legalisierung der Abtreibung eintrat; nachdem die Legalisierung erreicht war, leitete er eine der größten Abtreibungskliniken der USA. Ihm kamen schließlich doch ethische Zweifel; nachdem er eine Abtreibung auf Ultraschall aufgenommen hatte, lehnte er Abtreibungen endgültig ab. Er gab diese Ultraschallaufnahmen in einem Film mit dem Titel „The silent scream“ (Der stumme Schrei) heraus und wurde zum Lebensrechtler; dabei sprach er auch sehr offen über die Taktiken, die NARAL im Kampf für die Legalisierung der Abtreibung verwendet hatte (etwa gefälschte Statistiken über die Zahl illegaler Abtreibungen und der Frauen, die dabei starben). Später konvertierte er zur katholischen Kirche. Norma McCorvey (1947-2017), wegen der (unter dem Pseudonym Jane Roe) im Prozess Roe v. Wade vor dem Obersten Gerichtshof der USA Abtreibung 1973 für legal erklärt wurde, wurde später ebenfalls Lebensrechtlerin und katholisch. Abby Johnson (geb. 1980) leitete eine Abtreibungsklinik der Organisation Planned Parenthood; auch für sie führte eine Ultraschallaufnahme einer Abtreibung zur Bekehrung. Sie ist jetzt ebenfalls Lebensrechtlerin und hat eine Organisation gegründet, die Angestellten in der Abtreibungsindustrie beim Austieg helfen soll, And Then There Were None. Auch sie wurde katholisch.

 

 

6) Aber auch ehemalige Opfer kämpfen gegen diese Praxis:

  • Olaudah Equiano alias Gustavo Vassa (1745-1797) war ein Opfer des transatlantischen Sklavenhandels; er konnte sich freikaufen, zog nach England, veröffentlichte dort seine Autobiographie und trat zusammen mit Leuten wie John Newton, William Wilberforce und Granville Sharp für die Abschaffung der Sklaverei im Britischen Empire ein. Frederick Douglass (1817/18-1895) war Sklave in den Südstaaten der USA, entkam in den Norden, und wurde einer der bekanntesten Aktivisten der dortigen Abolitionismusbewegung; auch er veröffentlichte eine Autobiographie. Harriet Tubman (ca. 1820-1913) floh ebenfalls aus den Südstaaten, kehrte zurück, um anderen Sklaven bei der Flucht zu helfen, und arbeitete im Bürgerkrieg als Kundschafterin für die Unionsarmee.

Datei:Frederick Douglass um 1850.jpg

  • Beim Kampf für das Lebensrecht von Ungeborenen sind Überlebende von Spätabtreibungen dabei: In den USA gäbe es Gianna Jessen, auf deren Leben der Film und das Buch „October Baby“ basieren, oder Melissa Ohden, die das „Abortion Survivors Network“ (Netzwerk für Überlebende von Abtreibung) gegründet hat. In Deutschland engagieren sich Pflegefamilie und Unterstützer von Tim, auch bekannt als das „Oldenburger Baby“, der 1997 eine Spätabtreibung wegen einer Downsyndromdiagnose schwer verletzt überlebte und im Januar 2019 starb, für den Lebensschutz.

Gianna Jessen at the Alliance Defense Fund.jpg

(Gianna Jessen bei einem Vortrag.)

 

Aber die Gemeinsamkeiten, auf die es eigentlich ankommt, gibt es bei den Argumenten, die für diese Praxis angeführt werden. Am Ende läuft alles auf zwei hinaus:

1) Diese Menschen mögen zwar biologisch gesehen Individuen der Spezies Mensch sein, aber sie sind weniger weit entwickelt als andere Menschen, und daher weniger wert und sollten nicht dieselben Rechte haben.

  • Bei Schwarzen wurde das sowohl wissenschaftlich als auch kulturell begründet: Sie seien nun mal als Rasse nicht für die Freiheit geeignet, zu wenig intelligent und zu wenig eigenverantwortlich. Sie hätten kleinere Gehirne, hätten eine andere evolutionäre Entwicklung durchgemacht als die weiße Rasse. Sie hätten bis vor wenigen Generationen noch wie Wilde im Dschungel gelebt und auch die zivilisatorische Entwicklung des weißen Mannes nicht mitgemacht. Das ließe sich nicht einfach so aufholen.
  • Bei Ungeborenen läuft es meistens entweder auf das „Zellklumpen“- oder auf das Hilflosigkeitsargument hinaus. „Embryonen/Föten sind noch keine voll entwickelten Menschen. Sie sind nicht selbst überlebensfähig.“

File:Human fetus 10 weeks - therapeutic abortion.jpg

(Ein Mensch am ersten Tag seines Lebens, in der 8. Woche, und in der 19. Woche. Bildquellen: Wikimedia Commons sowie hier.)

2) Die Rechte anderer Menschen über diese Menschen zählen mehr:

  • Das Argument bei Sklavereibefürwortern war ein zweifaches: Erstens war man der Meinung, dass die einzelnen Sklavenbesitzer, die ihr Eigentum gesetzmäßig erworben hatten, nicht einfach enteignet werden könnten. Zweitens war man nicht einfach „pro-slavery“, sondern für „states‘ rights“, d. h. für die Rechte der einzelnen Bundesstaaten, zu entscheiden, ob sie die Sklaverei erlauben wollten oder nicht. Wahlfreiheit.
  • Auch bei Abtreibungsbefürwortern geht es um die Wahlfreiheit, diesmal die der Mutter des Kindes: Sie sind „pro-choice“. Es ist das Recht der Mutter, zu entscheiden, was sie mit ihrem Körper tut (bzw. dann mit dem Kind in ihrem Körper).

(Karikatur aus den Südstaaten. Die Zentralregierung unter Abraham Lincoln steigt aus der Asche der Rechte der einzelnen Staaten, der Verfassung, der Wirtschaft, der freien Presse usw. auf. Bildquelle hier.)

Aber weil diese Argumente ihre offensichtlichen Schwächen haben, werden sie oft noch durch folgende unterstützt:

3) Diese Praxis sei nun einmal nötig:

  • „Ohne Sklaverei kommt die Wirtschaft in den Südstaaten nicht aus.“
  • „Wenn Frauen sexuell selbstbestimmt sein sollen, und dann selbst entscheiden sollen, ob sie Mutter sein wollen oder ob sie z. B. ihr Studium zuerst beenden wollen, muss Abtreibung möglich sein.“

4) Diese Praxis sei auch für die Opfer das Beste (wobei die Opfer selbst natürlich nicht gefragt werden, ob sie das auch so sehen):

  • „Wir können besser für die Schwarzen sorgen als sie selbst; sie sind für diese Verantwortung, die die Freiheit mit sich bringt, einfach nicht geeignet. Überhaupt, sie waren immer zufrieden, solange ihr Abolitionisten sie nicht gegen uns aufgehetzt habt.“ Um einen gewissen Eindruck zu dieser Einstellung zu vermitteln, hier einmal eine Stelle aus der Südstaatenpropagandaschmonzette „Vom Winde verweht“. Hier befinden wir uns in der Zeit nach dem Bürgerkrieg, als der Süden vom Norden besetzt ist und die Sklaven schon freigelassen sind: „Die früheren Sklaven waren jetzt die Herren, und mit Hilfe der Sieger standen die Niedrigsten und Unwissendsten obenan. Die Besseren von ihnen, die die Freilassung verschmähten, hatten ebenso schwer zu leiden wie ihre weißen Herren. […] Mit Hilfe der gewissenlosen Abenteurer, die in der Freilassungsbehörde saßen, und unterstützt durch den Haß der Nordstaaten, der in seinem Fanatismus fast etwas Religiöses hatte, fanden sich die früheren Ackerknechte plötzlich im Besitz der Macht. Sie benahmen sich dabei so, wie es von Köpfen niedrigsten Verstandes zu erwarten war. Gleich Affen und kleinen Kindern, die man auf Kostbarkeiten losläßt, von deren Wert sie keinen Begriff hatten, kamen sie außer Rand und Band, sei es aus viehischer Zerstörungswut, sei es einfach aus Unwissenheit. […] Geblendet von solchen Märchen, erblickten sie in der neuen Freiheit ein unaufhörliches Fest, ein tägliches Gelage, einen Karneval der Faulheit, der Dieberei und der Frechheit. Vom Lande strömten sie in Scharen in die Stadt, und in den ländlichen Bezirken lag die Feldarbeit danieder. […] In den schmutzigen Hütten, in denen sie zusammengepfercht hausten, brachen Blattern, Typhus und Tuberkulose aus. In früheren Zeiten waren sie gewohnt gewesen, in Krankheitsfällen von ihrer Herrin gepflegt zu werden; jetzt wußten sie sich nicht zu helfen. Früher hatten sie die Fürsorge für ihre Alten und Kleinen ihren Besitzern überlassen, jetzt fühlten sie sich für ihre Hilfsbedürftigen nicht verantwortlich. Die Freilassungsbehörde aber steckte viel zu tief in der Politik, um einzuspringen, wo früher die Plantagenbesitzer für sie gesorgt hatten.“ (S. 573f.)*
  • „Sollte ein Kind etwa ungeliebt und ungewollt auf die Welt kommen? Es wird doch nur leiden. Oder denken wir an behinderte Kinder – sie leiden doch nur. Dieses Leid kann man mit Abtreibungen verhindern.“

5) Gesetze gegen diese Praxis würden den Zustand nicht besser machen bzw. würden nicht wirklich etwas ändern:

  • „Auch wenn man die Sklaverei abschaffen würde, wäre das Leben der Schwarzen nicht besser, im Gegenteil, sie hätten dann niemanden mehr, der für sie sorgt, wenn sie alt und krank sind. Außerdem können sie mit der Freiheit nicht umgehen.“
  • „Wenn man Abtreibungen verbietet, gehen die Frauen eben zu Engelmacherinnen ohne medizinische Ausbildung. Man kann Abtreibungen mit Verboten nicht verhindern; man sorgt damit nur dafür, dass Frauen sterben.“

6) Zu schlechter letzt wird „argumentiert“ mit der angeblichen oder tatsächlichen Heuchelei, Ahnungslosigkeit und mangelnden Empathie der Gegner der Praxis. Weil man die Praxis selbst nicht mehr verteidigen kann, wird auf Whataboutism ausgewichen:

  • „Ach, ihr sorgt euch angeblich so um die Negersklaven bei uns im Süden, aber was ist mit der Lohnsklaverei im Norden? Gegen die will die republikanische Partei überhaupt nichts unternehmen. Tatsächlich geht es unseren Sklaven wesentlich besser als den Arbeitern in den Fabriken von New York oder Chicago, die jederzeit auf die Straße gesetzt werden können und unter furchtbaren Arbeitsbedingungen leiden. Und überhaupt: Ihr tut, als würdet ihr euch wahnsinnig um die Schwarzen sorgen, aber würdet ihr denn für sie sorgen, wenn plötzlich die Sklaverei abgeschafft wäre? In Wahrheit seht ihr auch nur auf sie herab; bei uns werden sie in ihrer Rolle als Diener geachtet und gut behandelt. Ihr wollt euch bloß besonders moralisch vorkommen.“ Als Beispiel hierzu nochmal eine Stelle aus „Vom Winde verweht“. Hier hat die unsympathische Hauptfigur Scarlett O’Hara widerwillig mit den Frauen der Yankee-Offiziere zu tun, die Atlanta besetzen: „Für diese Frauen der Yankees war ‚Onkel Toms Hütte‘ eine Offenbarung, die nur der Bibel nachstand, und sie wollten wissen, wieviel Bluthunde jeder Südstaatler zum Aufspüren seiner entlaufenen Sklaven hielte. Sie wollten Scarlett nicht glauben, als sie ihnen erzählte, daß sie in ihrem Leben nur einen einzigen Bluthund gesehen habe, und das sei ein sanfter, kleiner Hund und keinesfalls eine riesige und wilde Dogge gewesen. Dann wollten sie über das fürchterliche glühende Eisen Auskunft haben, mit dem die Pflanzer die Gesichter ihrer Sklaven brandmarkten, über die Knuten, mit denen sie sie zu Tode peitschten, und außerdem bezeugten sie nach Scarletts Gefühl ein geradezu widerwärtiges Interesse an den sexuellen Verhältnissen der Sklaven. Besonders zuwider war ihr dies angesichts der ungeheuren Zunahme an Mulattenkindern in Atlanta, seitdem die Yankees sich in der Stadt niedergelassen hatten.“ (S. 588) Nachdem eine der Frauen ihr gesagt hat, sie könnte keinem schwarzen Kindermädchen trauen; erklärt hat, sie hätte eigentlich auch kein Interesse an der Freiheit der Schwarzen gehabt; und Scarletts schwarzen Kutscher beleidigt hat, denkt Scarlett sich: „Sie wissen nicht, daß Neger behutsam behandelt werden wollen wie Kinder, geleitet, gelobt, gestreichelt, ausgescholten. Sie verstehen nichts von den Negern und von den Beziehungen zwischen ihnen und uns. Und doch haben sie den Krieg geführt, um sie zu befreien, und nachdem sie sie befreit haben, wollen sie nichts mit ihnen zu tun haben, höchstens, um die Südstaatler mit ihnen zu terrorisieren. Sie mögen sie nicht, sie trauen ihnen nicht, sie begreifen sie nicht, und doch erheben sie ständig ein Geschrei, wir im Süden verständen nicht, sie zu behandeln.“ (S. 591f.)
  • „Die selbsternannten ‚Lebensschützer‘ sorgen sich angeblich wahnsinnig um Föten, aber wenn ihnen Kinder tatsächlich wichtig wären, würden sie etwas gegen Kinderarmut unternehmen. Sobald die Kinder geboren sind, interessiert ihr euch nicht mehr für sie. Adoptiert doch Kinder, wenn ihr etwas für Kinder tun wollt. Ihr habt sowieso keine Ahnung davon, welche Umstände eine Frau zu einem Schwangerschaftsabbruch bewegen. Keine Frau macht sich diese Entscheidung leicht!“

Man will den Gegnern der Praxis nicht einmal fehlgeleiteten Idealismus unterstellen; es müssen vage definierte finstere Absichten und blinder Hass (auf die Lebensweise in den Südstaaten bzw. auf Frauen) sein. (Südstaatler bzw. Frauen, die auch dagegen sind, werden tunlichst ignoriert oder zu Verrätern erklärt.)

(Marsch für das Leben in Berlin. Bildquelle hier.)

Hier wird eins klar: Wenn die Argumente Nr. 1 und 2 fallen, sind die Argumente Nr. 3, 4, 5 und vor allem 6 hinfällig und können diese Praxis nicht mehr rechtfertigen.

 

Noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Die Befreiung muss hauptsächlich von den Unterdrückern, Profiteuren der Unterdrückung und Unbeteiligten kommen, nicht von den Opfern. Im Lauf der Weltgeschichte hatten Sklavenrevolten selten Erfolg (Ausnahme: Haiti); der Weg zur Abschaffung der Sklaverei ging letztlich vor allem über das schlechte Gewissen Freier. Bei Ungeborenen ist es natürlich noch krasser: Hier haben die Opfer einfach keine Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen.

 

Ein Ausblick: Was verhalf der Anti-Sklaverei-Bewegung letzten Endes zum Erfolg? Zum Beispiel die Hartnäckigkeit einiger Abolitionisten. William Wilberforce brachte zwischen 1789 und 1807 fast jedes Jahr eine Gesetzesvorlage im britischen Parlament zum Verbot des Sklavenhandels im Britischen Empire ein, bis er endlich Erfolg hatte – einen solchen Einsatz würde man sich einmal bei den Christdemokraten für das Leben wünschen. In einigen Ländern funktionierte tatsächlich eine stufenweise Abschaffung. Im Britischen Empire folgte dem Verbot des Sklavenhandels 1807 das völlige Verbot der Sklaverei 1823; in Brasilien wurde 1850 der Import von Sklaven verboten, 1871 wurden mit dem „Gesetz des freien Bauches“ die von Sklavinnen geborenen Kinder für frei erklärt, 1888 die Sklaverei ganz abgeschafft. In vielen europäischen Ländern (Großbritannien, Frankreich, etc.) bestanden schon vorher Gesetze, die die Sklaverei im Mutterland verboten und nur in den Kolonien erlaubten.

In den USA sah es etwas anders aus. Während auch in den Südstaaten im 18. Jahrhundert viele noch der Ansicht gewesen waren, die Sklaverei könne irgendwann in der Zukunft abgeschafft werden, radikalisierten sich die Ansichten der Weißen dort im 19. Jahrhundert drastisch – was vielleicht eine Reaktion auf die erstarkende Anti-Sklaverei-Bewegung im Norden war, die besonders nach Erscheinen des Romans „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe (1852) an Fahrt aufnahm. Ein Beispiel dieser Radikalisierung bietet der Senator und ehemalige Vizepräsident John C. Calhoun, der schon 1837 in einer Rede verkündete, die Sklaverei sei nicht nur ein geringeres Übel:

„Ich halte daran fest, dass, im gegenwärtigen Zustand der Zivilisation, da zwei Rassen unterschiedlichen Ursprungs, unterschieden durch Hautfarbe, und andere körperliche, sowie auch intellektuelle, Unterschiede, zusammengebracht worden sind, die Beziehung, die jetzt zwischen beiden in den sklavenhaltenden Staaten existiert, anstatt eines Übels ein Gut ist – ein positives Gut. […] Ich kann wahrhaftig sagen, dass in wenigen Ländern so viel dem Arbeiter zugeteilt wird, und ihm so wenig abverlangt wird, oder wo ihm mehr gütige Zuwendung in Krankheit oder den Schwächen des Alters zuteil wird. Vergleichen Sie seine Situation mit den Bewohnern der Armenhäuser in den zivilisierteren Teilen Europas – sehen Sie sich den kranken, und den alten und schwachen Sklaven, auf der einen Seite, an, in der Mitte von Familie und Freunden, unter der gütigen beaufsichtigenden Sorge seines Herrn und seiner Herrin, und vergleichen Sie das mit dem einsamen und elenden Zustand des Armen im Armenhaus.“ (Übersetzung von mir.)

Letztlich wurden die Südstaatler dann bekanntlich zu so fanatischen Sklavereibefürwortern, dass sie sich von den USA abspalteten, um die Einschränkung ihrer „Rechte“ zu verhindern, und die „Konföderierten Staaten“ gründeten. Noch klarer sagte es der Vizepräsident dieser Konföderation 1861, kurz nach ihrer Gründung:

„Unsere neue Regierung ist auf genau gegensätzlichen Ideen gegründet; ihr Fundament ist gelegt, ihr Eckstein ruht auf der großen Wahrheit, dass der Neger dem weißen Mann nicht ebenbürtig ist; dass Sklaverei, Unterordnung unter die überlegene Rasse, sein natürlicher und normaler Zustand ist. Diese unsere neue Regierung ist die erste in der Geschichte der Welt, die auf dieser großen physischen, philosophischen und moralischen Wahrheit beruht. Diese Wahrheit brauchte lange in der Geschichte ihrer Entwicklung, wie alle anderen Wahrheiten in den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft.“ (Übersetzung von mir.)

Rassenbasierte Sklaverei als Kulminationspunkt des Fortschritts!

Weil im Norden auch die moderaten Sklavereigegner sowie diejenigen, die die Sklaverei nie interessiert hatte, die Union zusammenhalten wollten, war nun der Anlass zum Bürgerkrieg da; irgendwann während des Krieges wurden dann vom Norden auch noch die Sklaven für frei erklärt, während man schon mal dabei war. Ein brutaler und, wie soll man sagen, nicht unbedingt idealer Ausgang.

Auch heute sind ja die Abtreibungsbefürworter dabei, sich zu radikalisieren – in Deutschland treten etwa die Jusos für ein Recht auf Abtreibung in allen neun Monaten der Schwangerschaft ein; in den USA heißt es nicht mehr, Abtreibung solle „safe, legal and rare“ sein, sondern „Shout your abortion!“. Aus einer tragischen Entscheidung, die der Gesetzgeber erlauben soll, weil sie sich sowieso nicht verhindern lässt, wird eine befreiende Entscheidung einer emanzipierten Frau, die nicht hinterfragt werden darf und auf die sie stolz sein soll. Wer weiß, vielleicht überspannen die „Pro-Choicer“ den Bogen mehr und mehr, und mehr gemäßigte Abtreibungsgegner und bisher dem Theme gegenüber gleichgültige Menschen wachen auf, wie damals die Menschen in den Nordstaaten allmählich aufgewacht sind. Und vielleicht kann es dann ja (friedliche) Veränderungen geben.

 

Zuletzt: Wie ging es dann nach dem Ende der Sklaverei weiter?

Wie von den Sklavereibefürwortern vorausgesagt worden war, die Situation der Schwarzen war nicht von jetzt auf gleich super. Sie bekamen kein Land o. Ä. und waren oft von extremer Armut betroffen. Und sobald die Südstaaten die nördlichen Besatzungstruppen wieder los waren, führten sie die Rassentrennung ein, bemühten sich, die Schwarzen am Wählen zu hindern, dazu kamen Lynchmorde durch den Ku-Klux-Klan. Die Bürgerrechtsbewegung kam erst ein Jahrhundert später, und auch nach dem Ende der Rassentrennung in den 1960ern war nicht jeder Rassismus weg.

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(Wahlplakat der Demokraten, 1876. Bildquelle hier.)

Die weißen Südstaatler trauerten ihrem „lost cause“ noch lange nach und verherrlichten den Süden vor dem Bürgerkrieg, wozu sie auch technisch sehr gute Werke wie etwa den Stummfilm „Die Geburt einer Nation“ (1915) oder „Vom Winde verweht“ (1936 als Buch erschienen, 1939 verfilmt) produzierten. Die Deutungshoheit der Sklavereibefürworter war noch nicht gebrochen, als die Sklaverei gesetzlich abgeschafft wurde. Das hat verständliche Gründe: Es handelt sich um ein Unrecht, an dem unzählige Personen beteiligt waren, ohne dass etwa ein Diktator sie dazu gezwungen hätte, das in der Öffentlichkeit stattfand, anstatt versteckt zu werden wie manche Kriegsverbrechen, das demokratisch legitimiert war, dem die Mehrheit der Bevölkerung zustimmte. Sich einzugestehen, dass es ein Unrecht gewesen war, hätte für einen Südstaatler bedeutet, das ganze eigene Leben und das der Angehörigen und Freunde in Frage zu stellen.

Aber die ehemaligen Sklaven waren kein Eigentum mehr und konnten nicht mehr nach Belieben eines anderen von ihrer Familie wegverkauft werden. Sie hatten ein Recht auf Freiheit. Besser als vorher, oder etwa nicht? Wer weiß, vielleicht werden ebenso einmal die Ungeborenen wieder ein Recht auf Leben haben.

 

 

* Ich zitiere aus der Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach, erschienen im C. A. Koch’s Verlag.

Was glaubten, wie lebten die frühen Christen? Fragt sie doch selber!

Die Urkirche, die ersten Christen, diejenigen, die noch die römischen Christenverfolgungen erlebten, sind häufig Projektionsfläche für Träume von einer reinen, idealen Kirche gewesen. Die Reformatoren traten mit dem Anspruch auf, zur Reinheit des Urchristentums zurückzukehren; ähnlich die Mormonen; sogar unreligiöse Menschen (etwa die sich selbst als „Aufklärer“ bezeichnenden Religionsfeinde des 18. Jahrhunderts) vertreten oft ein ähnliches Konzept und meinen, die ersten Christen hätten Jesus nur als Weisheitslehrer verehrt und man hätte ihn erst irgendwann später zum Gott erklärt. Kurz gesagt: Die ersten Christen hatten genau das geglaubt, was man selbst durchsetzen wollte, aber irgendwann war diese reine Lehre verloren gegangen. Vermutlich mit Konstantin, oder so?

Das Problem ist nur: Wir können nachprüfen, was die frühen Christen glaubten. Wir haben da nämlich einige Quellen, die im öffentlichen Bewusstsein überhaupt nicht auftauchen. Und wenn die Kirche irgendwann von der reinen Bahn abgekommen sein sollte, müsste man davon ja Spuren in diesen Quellen entdecken – einen Bruch in der Lehre, Leute, die gegen diesen Bruch protestieren, usw. (Und genau das findet sich nicht.)

Okay. Was sind das jetzt im Einzelnen für Quellen?

Zunächst mal sind die biblischen Quellen selber ergiebiger, als viele Leute, die sich mit der Bibel nicht auskennen, auf Anhieb meinen würden. Da haben wir die vier Evangelien, die von Jesus berichten, und die vom Evangelisten Lukas verfasste Apostelgeschichte, die die Geschichte der frühen Kirche erzählt; diese Schriften sind ihrem Anspruch nach Geschichtswerke (wie Lukas in seinem Vorwort sehr deutlich macht); das Genre der Evangelien ist das der antiken Biographie, die von der Vorgeschichte und Geburt, den bedeutenden Taten, dem Tod und dem Nachleben berühmter Männer erzählt, nicht etwa das des Mythos. Lukas bricht die Apostelgeschichte noch vor dem Tod des Paulus in Rom abrupt ab, was den Schluss nahelegt, dass sie zu genau dieser Zeit, Anfang der 60er, verfasst wurde; das vorher niedergeschriebene Lukasevangelium wäre dann um 60 entstanden, das Markus- und das Matthäusevangelium noch ein wenig zuvor; sie sind also alle noch ziemlich nah an Jesus dran. (Jesus wurde um das Jahr 30 gekreuzigt.) Diese drei Evangelien werden oft erst auf die Zeit nach 70 n. Chr. datiert, was aber auch nicht viel später ist, und wofür sowieso der einzige Anhaltspunkt ist, dass Jesus in diesen Texten die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, die im Jahr 70 geschah, vorhersagt; die Datierung funktioniert also nur, wenn man von vornherein davon ausgeht, dass Jesus nichts vorhersagen oder auch nur vorausahnen konnte. Das Johannesevangelium ist relativ spät entstanden, um 90. Auch die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes sind Ende des 1. Jahrhunderts entstanden. Der erste der Paulusbriefe, der 1. Brief an die Thessalonicher, wurde um 50 geschrieben, also erst zwanzig Jahre nach der Kreuzigung Jesu. Bei sieben der vierzehn Paulusbriefe, dem Jakobus- und dem Judasbrief und bei den beiden Petrusbriefen ist die Echtheit umstritten, sie werden oft aufs späte 1. oder frühe 2. Jahrhundert datiert. Ich könnte jetzt hier länger ausführen, warum ich den Forschern folge, die sie für echt und älter halten, aber belassen wir es für heute mal dabei; jedenfalls datiert kein heutiger Exeget irgendeine biblische Schrift später als das Jahr 120, und alle sind sich einig, dass einige aus den 50ern des 1. Jahrhunderts stammen. Die Briefe bieten einen direkten Einblick in die frühen Gemeinden, ihre Konflikte, ihre Überzeugungen, das, was ihnen an Jesus am wichtigsten war. Eigentlich wäre schon viel gewonnen, wenn jeder, der etwas über die ersten Christen wissen will, einfach mal, sagen wir, das Markusevangelium, den um 55 n. Chr. verfassten 1. Korintherbrief und den um 60 verfassten Philipperbrief von vorne bis hinten lesen würde. (Zu dieser Zeit lag die Kreuzigung Jesu etwa so lange zurück wie von uns aus betrachtet der Mauerfall.)

Aber die biblischen Schriften sind ja immerhin noch einigermaßen bekannt. Dann gibt es aus dem späten 1. und frühen 2. Jahrhundert auch noch folgende christliche Quellen, die kaum einer kennt (die deutschen Übersetzungen der vollständigen Texte sind verlinkt) :

  • Der (1.) Clemensbrief, ein Brief des 4. Bischofs von Rom (nach Petrus, Linus und Cletus) an die Gemeinde von Korinth, wurde ca. 95 n. Chr. geschrieben; der Anlass war ein Konflikt in der dortigen Gemeinde.
  • Die Didache, auch Zwölfapostellehre genannt, ist eine Kirchenordnung, die ungefähr um 100 n. Chr. entstanden ist, sie enthält z. B. Aussagen über christliche Gebote und Gottesdienste.
  • Die sieben Briefe des hl. Ignatius von Antiochia wurden von diesem Bischof um 107 n. Chr. auf dem Weg von Antiochia nach Rom geschrieben, wohin er für seinen Prozess gebracht wurde, weil er als Christ angeklagt war, und wo er dann den Märtyrertod starb. Er schrieb an sechs Gemeinden sowie an Bischof Polykarp von Smyrna.
  • Kurz darauf ist der Brief Polykarps an die Gemeinde von Philippi entstanden.
  • Der Barnabasbrief wurde von manchen antiken Christen dem Apostel Barnabas zugeschrieben, was aber zweifelhaft ist. Er muss nach 70 n. Chr. entstanden sein, aber noch vor 132 n. Chr.
  • Dann wäre da eine Art Privatoffenbarung, in der es hauptsächlich um die Buße geht, der „Hirte des Hermas“, aufgezeichnet von einem römischen Christen namens Hermas. Von manchen Christen wurde sie noch in apostolische Zeit datiert; der Kanon Muratori (s. u.) datiert sie jedoch in die Zeit Papst Pius‘ I. (140-155).
  • Aristides von Athen war einer der ersten christlichen Apologeten; er schrieb seine Apologie, d. h. seine Verteidigung des Christentums, zur Zeit von Kaiser Hadrian oder Antoninus Pius.
  • Um oder vor 150 entstand der sog. 2. Clemensbrief, der aber nicht von Papst Clemens stammt, dem er manchmal zugeschrieben wurde.

Die Autoren dieser Texte (gut, Aristides zählt man bei der Bezeichnung meistens nicht mit) bezeichnet man auch als die „Apostolischen Väter“.

Den christlichen, besonders den biblischen, Quellen wird aber ja gerne vorgeworfen, parteiisch zu sein, nur eine Seite zu zeigen, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, und daher nicht verlässlich zu sein. Das ist ein wenig stichhaltiger Vorwurf; ausnahmslos jede Quelle, mit der Historiker zu tun haben, ist parteiisch und verfolgt ein bestimmtes Ziel. Das heißt nicht, dass sie automatisch lügen würde und erst recht nicht, dass man aus ihr nicht wichtige Informationen entnehmen könnte. Es stellt sich ja auch die Frage: Wieso waren die Autoren dieser Texte überhaupt Christen? Wieso glaubten sie an Jesus und schrieben über Ihn? Irgendetwas musste sie überzeugt haben. Das gleiche gilt etwa, wenn Plato über Sokrates schreibt.

Aber halt! Wir haben sowieso auch noch folgende heidnische und jüdische Quellen aus dem späten 1. und frühen 2. Jahrhundert:

  • Plinius der Jüngere, der zwischen 109 und 113 n. Chr. Statthalter in Bithynien in Kleinasien war, schrieb einen Brief an Kaiser Trajan, um zu fragen, ob er bei Prozessen gegen Christen, die er hatte foltern und hinrichten lassen, richtig gehandelt hatte. Auch Trajans Antwort ist erhalten.
  • Der römische Historiker Tacitus erwähnt in seinen Annalen, die er zwischen 110 und 120 n. Chr. veröffentlichte, die Christenverfolgung unter Nero (64 n. Chr.) und nimmt Bezug auf die Hinrichtung Jesu unter Pontius Pilatus.
  • Auch Sueton (um 70 – nach 122), der allerdings mehr Klatschreporter als Historiker war und nicht einmal den Titel „Christus“ richtig schreibt, erwähnt Christus, das Judenedikt des Claudius (49 n. Chr.) und die Neronische Verfolgung in seinen Kaiserbiographien am Rande.
  • Flavius Josephus, ein Jude, der am jüdischen Aufstand 66-70 n. Chr. teilgenommen, sich dann aber den Römern ergeben und mit ihnen zusammengearbeitet hatte, schrieb später in Rom über diesen Krieg und über die jüdische Geschichte im Allgemeinen. Sein 20-bändiges Werk „Jüdische Altertümer“ beendete er im Jahr 94. Er erwähnt darin auch Johannes den Täufer, Jesus und den Herrenbruder Jakobus. Leider wurde die Stelle über Jesus offensichtlich von einem späteren christlichen Fälscher bearbeitet – danke für nichts, Fälscher -, aber die meisten Historiker meinen, dass da auch ursprünglich etwas über Jesus stand und nur ein paar Sätze eingefügt wurden.

Soweit die Quellen aus der Zeit, als nur noch ein Apostel lebte (Johannes, der um 100 in hohem Alter starb) bzw. der Zeit, die direkt auf die apostolische Zeit folgte. (Zum Vergleich: Um 100 oder 110 n. Chr. lag die Kreuzigung so weit in der Vergangenheit wie von uns aus gesehen der Zweite Weltkrieg.)

Ab der Mitte des 2. Jahrhunderts werden die Quellen noch einmal häufiger, und auch länger. Da haben wir etwa Folgendes an christlichen Quellen.

  • Justin der Märtyrer / der Philosoph (ca. 100-165) war ein zum Christentum bekehrter Platoniker und Gründer einer christlichen Schule, der unter Kaiser Mark Aurel in Rom hingerichtet wurde. Er verteidigt in seinen Schriften das Christentum gegen seine Gegner: Die erste und die zweite Apologie sind an die Heiden gerichtet, der Dialog mit Tryphon an die Juden.
  • Irenäus von Lyon (um 135 – um 200) war Bischof in Lugdunum, dem heutigen Lyon, und ein Schüler des oben erwähnten Polykarp von Smyrna, der ein Schüler des Apostels Johannes war. Sein wichtigste erhaltenes Werk hat den Titel „Gegen die Häresien“.
  • Dann gibt es die sog. Märtyrerakten: Berichte über die Martyrien herausragender Christen. Über Polykarp von Smyrna, der 155 als sehr alter Mann hingerichtet wurde, verfasst von seiner Gemeinde. Über den oben erwähnten Justin und seine Gefährten. Über die Scilitanischen Märtyrer, die am 17. Juli 180 in Karthago in Nordafrika verurteilt und hingerichtet wurden. Über die Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike. Über den heiligen Apollonius, der zur Zeit des Kaisers Commodus (180-192) zum Märtyrer wurde. Über die vornehme Perpetua und ihre Sklavin Felicitas, die im Jahr 203 in Karthago hingerichtet wurden. Über den heiligen Cyprian von Karthago, im Jahr 258 hingerichtet. Über Pionius und seine Gefährten, die während der Verfolgung unter Decius (249-251) zu Märtyrern wurden.
  • Ein frühes Glaubensbekenntnis, das wohl aus der Zeit um 160-170 stammt, ist noch in äthiopischer Übersetzung erhalten; es enthält die Worte (spätere Hinzufügungen in eckigen Klammern) : „An den Vater, den Herrscher über das All, und an Jesus Christus, [unseren Erlöser,] und an den Heiligen Geist, [den Beistand,] und an die heilige Kirche, und an die Vergebung der Sünden“. (Quelle: Denzinger-Hünermann 1)
  • Der Kanon Muratori ist eine fragmentarisch erhaltene Aufzählung von Büchern des Neuen Testamentes, die dem Verfasser als kanonisch galten und in der Kirche verlesen wurden. Er stammt aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts. Der Text erwähnt auch den Hirten des Hermas, der aber nicht als kanonisch gelten soll, und enthält Informationen über die Evangelisten Lukas und Johannes.
  • Athenagoras von Athen war ein christlicher Apologet aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts, der das Christentum in seiner „Bittschrift für die Christen“ und seiner Schrift „Über die Auferstehung der Toten“ gegen heidnische Vorwürfe verteidigte.
  • Theophilus von Antiochia war der sechste Bischof dieser Stadt und starb um 183; er hinterließ eine Schrift mit dem Titel „An Autolykus“, in der er darlegt, wieso man Christ sein sollte.
  • Tatians „Rede an die Griechen“ stammt ebenfalls aus dieser Zeit; Tatian war allerdings jemand, der sich in seinem späteren Leben nicht so ganz rechtgläubgen Lehren zuwandte.
  • Die Datierung des Briefs an Diognet, noch einer apologetischen Schrift, ist nicht ganz klar; er dürfte auch etwa ins 2. Jahrhundert fallen, vielleicht auch ins frühe 3.
  • Minucius Felix schrieb um 200; er verteidigt in dem Dialog „Octavius“ ebenfalls das Christentum gegen seine Gegner.
  • Origenes (ca. 185-254) war ein sehr gelehrter Theologe aus Alexandria – und auch eine etwas schillernde Gestalt. Er soll sich als junger Mann selbst kastriert haben und geriet gegen Ende seines Lebens mit der Kirchenhierarchie in Konflikt, weil er an die Allerlösung und ein paar andere heterodoxe Lehren glaubte. Er wurde während einer Christenverfolgung gefoltert und starb später an den Folgen. Von ihm sind zahlreiche Werke erhalten; eins der bekanntesten ist „Gegen Celsus“ (248 veröffentlicht), in dem er sich mit einer antichristlichen Schrift des Philosophen Celsus (um 178 veröffentlicht) auseinandersetzt. Des weiteren wären da zum Beispiel „Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft“, „Ermahnung zum Martyrium“ und „Vom Gebet“.
  • Tertullian, der aus Karthago stammte und nach 220 starb, war ebenfalls ein bekannter Theologe, von dem viele Werke erhalten sind. Er schloss sich gegen Ende seines Lebens der rigoristischen, Neuoffenbarungen für ihre Propheten beanspruchenden Sekte der Montanisten an. Hier finden sich einige seiner Werke.
  • Hippolyt von Rom (gestorben 235) war der allererste Gegenpapst (d. h. jemand, der sich wegen eines Konflikts in der römischen Kirche als Bischof von Rom aufstellen ließ, obwohl es schon einen Bischof gab); und da er sich wieder mit dem rechtmäßigen Papst aussöhnte, als beide gemeinsam ins  Bergwerk nach Sardinien verbannt wurden, wurde er der erste und einzige heilige Gegenpapst. Sein bekanntestes Werk ist eine Kirchenordnung, die Traditio Apostolica (ich habe online leider den vollständigen Text nicht gefunden). Aber auch weitere Werke sind erhalten.
  • Cyprian von Karthago wurde, wie oben schon erwähnt, im Jahr 258 zum Märtyrer. Hier finden sich einige seiner Werke. Besonders interessant sind seine Briefe; er schrieb auch einige an Papst Cornelius den I., und zwei Briefe von Cornelius an ihn sind auch erhalten.
  • Es gibt noch ein paar weitere Papstbriefe aus dem 3. Jahrhundert, von denen teilweise nur sehr knappe Fragmente erhalten sind, etwa von Stephan I.
  • Es gäbe noch mehr christliche Schriftsteller zwischen dem 2. und dem Beginn des 4. Jahrhunderts, etwa Julius Africanus, der eine Weltchronik verfasste, Clemens von Alexandria, Pontius Diaconus und Arnobius Major; diese Liste war nur eine Auswahl der bekanntesten.

Dann gäbe es noch zahlreiche archäologische Quellen. Hier etwa haben wir ein spöttisches Graffito aus Rom aus dem 2. Jahrhundert, auf dem jemand vor einem Gekreuzigten mit einem Eselskopf steht; dabei steht auf Griechisch: „Alexamenos sebete [grammatikalisch richtig müsste es „sebetai“ heißen] theon“, also: „Alexamenos betet (den/seinen) Gott an.“ Die Christen beteten Jesus, den Gekreuzigten, wirklich als Gott an, wofür die Heiden sie verspotteten.

Bei Ausgrabungen unter dem Petersdom in Rom wurden zahlreiche christliche Gräber gefunden, und da haben wir Fresken und kunstvoll gestaltete Särge, die einiges über die Vorstellungen der Christen dieser Zeit verraten; da sind zum Beispiel biblische Szenen dargestellt. Auch an der Stelle, an der man das Petrusgrab vermutet hatte, wurde etwas gefunden: Eine kleine Ädikula (eine Art Schrein oder Nische) aus dem 2. Jahrhundert, und eine Wand aus dem 3. Jahrhundert mit Graffiti von Pilgern, und Gebeinen eines alten Mannes, die noch aus dem 1. Jahrhundert stammen und somit von Petrus stammen können. Auch in Sankt Paul vor den Mauern haben wir passende Gebeine, die von Paulus sein können. Dann gäbe es die ausgegrabenen Hauskirchen – etwa ein Haus in Dura Europos, das 232/233 (das Datum ist aus einer Inschrift im Putz bekannt) zu einer Hauskirche umgebaut wurde. Hier haben wir zum Beispiel eine Wandmalerei aus dem Baptisterium (Taufraum) dieser Hauskirche, auf der man sieht, wie Jesus und Petrus während des Sturms auf dem Wasser des Sees Genezareth gehen – Jesus reicht Petrus gerade die Hand -, während hinten die Jünger im Boot sitzen:

Das Haus des Petrus in Kafarnaum, die Geburtsgrotte und die Grabeskirche sollten nicht vergessen werden. Es gäbe noch mehr erwähnenswerte Orte und Funde. Auch wurden in Ägypten (in dessen Klima sich Papyrus lange hält) kleine Papyrusstückchen gefunden, die Gebete von Christen enthalten; da haben wir etwa ein um 250 entstandenes Gebet an die Gottesmutter – ja, da wird der Begriff „Theotokos“, „Gottesgebärerin“, benutzt.

Und vergessen wir nicht die apokryphen Evangelien. Für die interessieren sich die Leute ja oft besonders, weil sie von der Kirche verworfen wurden – allerdings seltsamerweise meistens nicht genug, um die Originaltexte zu lesen. Ja, die kann jeder lesen. Übersetzungen mit wissenschaftlichen Einleitungen und Fußnoten kann man in jeder Buchhandlung oder Bibliothek bestellen, und im Internet gibt es auch Übersetzungen für die meisten dieser Texte (siehe die Links unten). Da wird man leider feststellen, dass sie wesentlich langweiliger sind als erwartet. Spoiler: Jesus ist immer noch nicht mit Maria Magdalena verheiratet.

Wir haben aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts mehrere gnostische Evangelien, manche davon vollständig, andere nur fragmentarisch erhalten, etwa:

Knapp gesagt war die Gnosis eine seltsame esoterische und synkretistische Strömung, von der es auch einen christlichen Ableger gab, der Jesus für sich beanspruchte und ihm gnostische Lehren in den Mund legte; dementsprechend werden ihre Schriften heutzutage außer von Althistorikern auch ab und zu von modernen Esoterikern verbreitet (siehe die Links). Viele von ihnen sind aus den koptischen Handschriften von Nag Hammadi (Ägypten) bekannt.

Dann gibt es auch noch ein paar Kindheitsevangelien, die die knappen Berichte der kanonischen Evangelien über Jesu Familie und Kindheit ausschmücken, und die nicht immer ketzerisch, aber oft eher legendarisch sind:

Es gibt noch ein paar apokryphe Evangelien, die nicht in diese Kategorien passen:

  • Das Petrusevangelium schildert die Passion und Auferstehung Jesu; es weicht in ein paar Details von den kanonischen Evangelien ab, z. B. ist Herodes statt Pilatus für die Kreuzigung verantwortlich. Es ist eins der frühesten außerkanonischen Evangelien, auf jeden Fall vor 190 entstanden, wohl schon in der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts.
  • Das um 250 entstandene Bartholomäusevangelium enthält Offenbarungen über Jesu Abstieg ins Totenreich und Ähnliches.

Einige andere apokryphe Evangelien sind später, teilweise erst mehrere Jahrhunderte später entstanden, oder nur noch in sehr kurzen Fragmenten erhalten. Außerdem gibt es noch diverse apokryphe Erzählungen über die Apostel und Offenbarungen über das Weltende. (Wer sich dafür interessiert, bitte selbst suchen. Hier kann man anfangen.)

Wir haben natürlich auch einige spätere jüdische und heidnische Quellen über Jesus und das Christentum. Da wären ein paar Stellen im jüdischen Talmud, und eine jüdische Lebensbeschreibung über Jesus, die Toledot Jeschu, deren Datierung jedoch sehr unklar ist – sie ist irgendwann vor dem 9. Jahrhundert entstanden. Auf heidnischer Seite hätten wir die langen Celsus-Zitate, die bei Origenes überliefert sind; der Satiriker Lukian von Samosata erwähnt um 170 die Christen in einer seiner satirischen Geschichten (diese Seite zitiert den Abschnitt, ganz unten); Justin der Märtyrer verweist in seinen Schriften auf die offiziellen Gerichtsakten des Pilatus, die zu seiner Zeit noch existiert haben müssen, heute aber leider verloren sind; der oben erwähnte Julius Africanus bezieht sich in seiner Chronik auf den heidnischen Historiker Thallus, der die Finsternis zum Todeszeitpunkt Jesu erwähnt habe, die er (fälschlich, wie Julius sagt), für eine Sonnenfinsternis gehalten habe.

Eine sehr wichtige christliche Quelle ist auch die „Kirchengeschichte“ des Eusebius von Cäsarea. Eusebius schrieb zwar erst im 4. Jahrhundert, aber er zitiert aus zahlreichen älteren Werken; manche davon sind erhalten, von anderen haben wir nur die Zitate bei ihm. Zu letzteren gehören etwa Schriften von Papias, der um 100 schrieb, Quadratus von Athen (gestorben 129), oder Gaius von Rom, der um 200 schrieb.

Zu beachten ist natürlich: Von diesen Schriften sind nicht die ersten Manuskripte erhalten, sondern spätere Abschriften. Manche sind auch nur in einer Übersetzung erhalten (z. B. vom Griechischen ins Lateinische oder Syrische). Das ist aber nichts Ungewöhnliches. Von Cäsars, Ciceros, Platos oder Herodots Werken haben wir oft noch erst sehr viel spätere Abschriften. (Am besten sind die biblischen Schriften überliefert, weil von ihnen am meisten Abschriften angefertigt wurden; wir haben sogar einen Fetzen des Johannesevangeliums, der auf ca. 125 n. Chr. datiert wurde.) Historiker haben trotzdem Mittel und Wege, herauszufinden, aus welcher Zeit die ursprünglichen Texte wohl stammen – man vergleicht die verschiedenen Abschriften von einer Schrift, die man hat, man sucht nach inhaltlichen Ansatzpunkten für eine Datierung im Text, man vergleicht verschiedene Schriften miteinander, um zu sehen, ob ein Autor einen anderen zitiert oder erwähnt, man vergleicht die Schriften mit den archäologischen Funden usw.  Aber genauer auf die Methoden der Quellen- und Textkritik einzugehen, würde hier zu weit führen.

Auf ein paar Dinge muss man sicherlich aufpassen, wenn man diese Texte liest. Manchmal kann man etwas missverstehen, weil man mit dieser Epoche oder den theologischen Begrifflichkeiten nicht vertraut ist; die größte Gefahr ist aber, entweder mehr oder weniger aus den Quellen herauslesen zu wollen, als sie tatsächlich hergeben. Man sollte etwa auf Folgendes achten:

  • Dass eine Meinung in einer Quelle vertreten wird, heißt nicht, dass sie allgemein vertreten wurde (oder dass sie nicht allgemein vertreten wurde).
  • Dass eine Sache nicht erwähnt wird, heißt nicht, dass sie nicht existierte; bzw. dass eine Sache erstmals im Jahr soundso erwähnt wird, heißt nicht, dass sie vorher noch nicht existierte.

Am besten ist es, sich einen Überblick über mehrere Quellen zu verschaffen. Ich persönlich finde die Ignatiusbriefe, die Didache, den Clemensbrief, den Pliniusbrief, den Diogenetbrief, die Märtyrerakten und die Schriften von Minucius Felix, Justin und Irenäus besonders spannend; aber das mag jeder selbst schauen. Also: Schaut mal in diese Quellen hinein! Verschafft euch selber einen Eindruck vom frühen Christentum! Wer das tut, wird bald feststellen: Diese Kirche war viel imperfekter, viel seltsamer und altertümlicher, als man sie sich so vorstellt – und viel katholischer.

Aber im Detail dazu ein andermal.

Wie man Rechtsextreme und Fundikatholiken unterscheidet: Eine Handreichung für die Uneingeweihten

Ich habe in letzter Zeit einmal zu oft die scheinbar gleichbedeutend aneinandergereihten Wörter „rechtsextrem“, „extremkatholisch“, „traditionalistisch-katholisch“, „religiös-fundamentalistisch“, „rechtsradikal“, „rechtskatholisch“, „rechts-fundamentalisch“ usw. gelesen. Gerade gewisse Linke, die es als den Sinn ihres Lebens zu betrachten scheinen, „gegen rechts“ zu sein, können die Rechten, gegen die sie sind, und die religiösen Fundamentalisten, gegen die sie auch sind, nicht immer so ganz auseinanderhalten – oder sind einfach nicht gewillt, das zu tun.

Aber gut: Der durchschnittliche Linksaktivist oder auch bloß der normale Weder-Katholik-noch-Rechte, der dessen Kitabroschüren liest, kennt sich vielleicht einfach zu wenig aus, um eine sinnvolle Unterscheidung zwischen Radikalkatholiken und Rechtsextremen treffen zu können. Ich will gerade besagten Linken nicht dazu bringen, die katholische Seite zu mögen. Ihr könnt Adenauer genauso hassen wie Bismarck oder wie Hitler, ihr solltet nur merken, dass die sich untereinander auch nicht grün waren und ganz unterschiedliche Dinge geglaubt haben. Lernt eure Feinde zu unterscheiden und verwendet Begriffe korrekt. Also hier mal an ganz konkreten Beispielen erklärt: Wie unterscheide ich den Extremkatholiken vom typischen Vertreter der mehr massentauglichen Neuen Rechten, und vom richtigen Neonazi?

(Anmerkung: Ich kenne mich offensichtlich auf der radikalkatholischen Seite besser aus als bei Rechten und da noch besser als bei Nazis.)

File:Donareiche2.jpg Hermannsdenkmal beigealert 06.jpg  *

 

Verhalten in der derzeitigen Saison:

Der Radikalkatholik stellt klar, dass wir jetzt erst Advent haben und die Weihnachtszeit erst am 1. Feiertag beginnt und dann bis Mariä Lichtmess dauert, legt Wert darauf, seinen vier oder fünf Kindern Schokoladennikoläuse statt Schokoladenweihnachtsmänner zu kaufen und erzählt gern davon, wie der hl. Nikolaus auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 einen Ketzer geohrfeigt hat. (Nein, das ist kein Scherz, sondern sogar schon ein alter Hut unter Radikalkatholiken.) Zentraler Bestandteil des Weihnachtsfests ist die Christmette, und auch an den Tagen danach geht man in die Kirche, um den gesteinigten Erzmärtyrer Stephanus und die Heilige Familie und die von Herodes ermordeten Heiligen Unschuldigen Kinder zu feiern.

Der Vertreter der Neuen Rechten hat so einiges über die früher nicht notwendigen Betonpoller beim Weihnachtsmarkt zu sagen, und auch darüber, wenn die Erzieherinnen in der Kita seiner zwei Kinder meinen, aus Rücksicht auf die muslimischen Kinder sollte man den Nikolaus nicht kommen lassen. Vielleicht geht er an Weihnachten in die Kirche, weil das Familientradition ist, und befürchtet dabei, dass der Pfarrer über Flüchtlinge predigen könnte.

Der Neonazi teilt vor Weihnachten gern Artikel mit wirren, von Historikern lange widerlegten Theorien aus dem 19. Jahrhundert darüber, dass das Fest ja eigentlich auf germanische Winterbräuche zurückgehe, und feiert stattdessen das Julfest.

 

Lieblingsdemo:

Radikalkatholik: Marsch für das Leben, Demo für alle. (D. h. gegen Abtreibung, Sterbehilfe, bestimmte Formen der Sexualpädagogik.)

Vertreter der Neuen Rechten: Pegida etc. (D. h. gegen die Frau Merkel und die Migration.)

Neonazi: Rudolf-Heß-Gedenkmarsch.

(Marsch für das Leben. Bildquelle hier.)

 

Einstellung zu Afrika und Afrikanern:

Der Radikalkatholik beklagt „ideologischen Neokolonialismus“, womit er meint, dass westliche NGOs die westliche Kinderfeindlichkeit nach Afrika exportieren; wünscht sich einen Afrikaner als nächsten Papst, am liebsten Kardinal Robert Sarah (derzeitiger Präfekt der Gottesdienstkongregation); und teilt es in den sozialen Medien, wenn irgendein afrikanischer Bischof was gegen homosexuelle Handlungen gesagt hat (ja, der Begriff hat „homosexuelle Handlungen“, nicht „Homosexualität“ zu heißen – Radikalkatholiken legen sehr großen Wert darauf, zwischen homosexueller Neigung, die man sich nicht aussuchen kann, und homosexuellen Handlungen, die man trotzdem nicht begehen soll, zu unterscheiden). Das bedeutet nicht, dass der Radikalkatholik automatisch für die verstärkte Einwanderung von Afrikanern wäre oder sich auch nur viele Gedanken zu dem Thema gemacht hat; aber die Kirche in Afrika wird manchmal sogar ein bisschen zu stark idealisiert (klar sind die Leute da christlicher als bei uns hier, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, aber sie hat dort auch ihre eigenen Probleme).

Der Vertreter der Neuen Rechten äußert sich äußerst verächtlich darüber, wie viele Kinder die Afrikaner bekommen und meint, die NGOs in Afrika sollten noch deutlich mehr für Abtreibung und Verhütung werben; und teilt auch gerne Studien von Rassentheoretikern, wonach Schwarze weniger intelligent wären als „Kaukasier“ (Weiße) und Asiaten. Er ist misstrauisch, wenn Beziehungen von nichtweißen Männern und weißen Frauen positiv dargestellt werden – der nicht so radikale Rechte aus eher kulturellen Gründen und durchaus auch echter Besorgnis um die Frauen; der radikalere Rechte hat so seine recht unappetitlichen Theorien darüber, warum weiße Frauen Beziehungen mit schwarzen Männern eingehen würden und sorgt sich eher darum, dass die weißen Männer leer ausgehen könnten.

Das trifft auch auf den Neonazi zu, der solche Beziehungen schlicht „Rassenschande“ nennt, klarer white supremacist ist und den Afrikanern auch mal Hakenkreuze an die Hauswand schmiert.

(Die letzte Chartres-Wallfahrt, so eine radikal-katholische Veranstaltung, mit Kardinal Sarah. Bildquelle hier.)

 

Einstellung zum Feminismus:

Die bewegt sich unter Radikalkatholiken zwischen „Es ist ja nicht alles schlecht am Feminismus“ und „Ich will sofort das Patriarchat zurück“ – wobei sich beide Thesen gut ergänzen, wenn man das Patriarchat entsprechend definiert. Die radikalkatholische Idee vom Patriarchat entspricht am ehesten dem, was Feministen als „benevolent sexism“ bezeichnen. Und, surprise, surprise, die rabiatesten Antifeministen sind bei uns immer Frauen. Da werden dann die typisch weiblichen Dinge, wie das Kinderkriegen gegenüber dem Feminismus, der nicht viel mit ihnen anfangen kann, besonders gepriesen. Die Hausfrau-und-Alleinverdiener-Ehe ist meistens das Ideal, zumindest wenn kleine Kinder da sind, wobei andere Formen des Familienlebens nicht generell abgelehnt werden. Man reagiert jedenfalls ziemlich allergisch auf die Herabwürdigung des Hausfrau-und-Mutter-Jobs. Ein Recht auf Abtreibung wird absolut abgelehnt und auch als schädlich für die Frauen selbst gesehen.

Unter Vertretern der Neuen Rechten ist man nicht ganz so streng in Bezug auf Abtreibung, macht dafür aber den Feminismus noch deutlicher verächtlich, da man überzeugt ist, dass er die Frauen verdirbt und zu Hexen macht, die übermäßig anspruchsvoll sind und bei sexueller Belästigung gleich total empfindlich, und die doch eh keiner mehr ficken will. (Gut – hier sollte man auch sagen, dass der gutbürgerliche Rechte, der Familie hat, anders reden wird als der neurechte junge Mann, der keine hat.) Während Radikalkatholiken Wert auf Schamhaftigkeit und Respekt und Ritterlichkeit legen, hält man unter Rechten Bikiniwerbung für eine große Errungenschaft der freiheitlichen westlichen Zivilisation – jedenfalls seitdem die Feministinnen der jüngsten Generation sie für sexistisch und muslimische Einwanderer sie für sittenlos erklärt haben. Wenn eine linke oder grüne Politikerin etwas Dämliches sagt, kann es schon mal vorkommen, dass die unhöflicheren Rechten ihr wünschen, sie möge doch vergewaltigt werden. (Unhöfliche Katholiken kennen andere Beschimpfungen. Bei uns nennt man bestimmte Ideen oder Geschehnisse „satanisch“ usw.)

Dann gibt es auch gewisse Gruppen, die politisch auch in die rechte Ecke eingeordnet werden können, sich aber vor allem auf ihre Frauenfeindlichkeit und nicht so sehr auf Migration u. Ä. konzentrieren, und in der politisch rechten Szene nicht so zentral sind. Die MGTOW-ler, Incels etc. glauben, sie hätten ein Recht auf Sex, regen sich über „thots“ und „stacys“ auf, die ihnen das nicht gewähren, anderen Männern aber schon, und sehen Frauen so ziemlich als Tiere an, die man sich mit Tricks gefügig machen und in der Abhängigkeit halten müsse; vor allem sollen sie einen für einen alpha male statt einen beta male halten. Das katholische Vorbild für Männer, den hl. Joseph (der sich um Frau und Pflegekind gekümmert hat, ohne jemals Sex von der Frau dafür zu bekommen), würden sie sofort verächtlich bei den beta males einordnen. Auch hier sieht man typisch rechtsextreme Merkmale: Das Denken in den Kategorien von Kampf und Konkurrenz, die Verachtung von Schwäche, der Glaube an eine biologische Determiniertheit von Verhaltensweisen, die Unfähigkeit, zu glauben, dass Menschen einfach so Gutes tun könnten, ohne etwas davon zu haben. Christliche Fundamentalisten lehnen diese Merkmale absolut ab.

(Hl. Josef mit dem Jesusknaben, von Caspar Jele. Gemeinfrei.)

Soweit ich weiß, bewegt sich die Nazisicht zwischen der standardmäßigen rechten und der Incel-Sicht. Der historische Nationalsozialismus hatte ja schon einen Platz für die starke arische nichtfeministische Frau, die an der Heimatfront viele Kinder bekommt, an dem sie respektiert wurde; anders als die Incels, die so etwas gar nicht haben; und wie Beate Zschäpe zeigt, haben wir ja auch heute noch weibliche Nazis.

 

Lieblingsschriftsteller bei den Intellektuelleren (Auswahl) :

Radikalkatholik: Joseph Ratzinger, Robert Spaemann, G. K. Chesterton, Hillaire Belloc, C. S. Lewis, Gertrud von Le Fort, Evelyn Waugh, Flannery O’Connor, Dorothy Day…

Vertreter der Neuen Rechten: Friedrich Nietzsche, Martin Lichtmesz, Ernst Jünger

Neonazi: Weiß nicht genau, vermutlich der Adolf und so?

 

Eigene religiöse Einstellung:

Radikalkatholik: Unser Herr Jesus Christus ist Gottes Sohn und hat die katholische Kirche eingesetzt. Man ist Teil dieser weltweiten Kirche, steht treu zum Papst, Christi Stellvertreter auf Erden, und glaubt an alle katholischen Dogmen. Die Religion ist das Wichtigste im Leben – wenn irgendein Staat, in dem man zufällig in diesem Leben lebt, Gesetze erlassen sollte, die mit ihr in Konflikt geraten, hat sie immer Vorrang.

Vertreter der Neuen Rechten: Typus 1) Ist aus der Kirche ausgetreten, weil man damit Steuern spart und weil ein Bischof was Flüchtlingsfreundliches gesagt hat, will das Christentum aber noch als Bestandteil der „abendländischen Kultur“ und Bollwerk gegen den Islam bewahren. Natürlich interessiert er sich nicht dafür, ob es wahr ist – Hauptsache, der Weihnachtsmarkt heißt „Weihnachtsmarkt“ und nicht „Wintermarkt“! Typus 2) Entschiedener Atheist und Religionskritiker, der einen säkularen Staat will, in dem die Religion in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat – der Islam schon mal gar nicht, aber das Christen- und Judentum genauso wenig. Beschneidungs- und Kopftuchverbot jetzt!

Neonazi: Atheist, der neuheidnische Symbole verwendet, oder Neuheide, der wirklich an alle möglichen esoterischen Theorien glaubt.

 

Einstellung zum Islam:

Unter Radikalkatholiken sehr unterschiedlich. Die einen meinen, dass wir uns mit den Säkularisten gegen den Islam verbünden müssten, insbesondere, wo er zu Gewalt und Unterdrückung von Frauen beiträgt; die anderen, dass wir uns mit den Muslimen gegen die aggresiven Säkularisten von linker und rechter Seite verbünden müssten, die unsere Religionsfreiheit einschränken wollen. Normalerweise herrscht eine ziemlich negative Einstellung zu Mohammed und dem islamischen Gottesbild, auch wenn man den Muslimen anrechnet, dass sie immerhin überhaupt an Gott glauben.

Vertreter der Neuen Rechten: Scharia ist finsteres Mittelalter! Wir sind  aufgeklärt! Nehmt den muslimischen Eltern den Einfluss über ihre Kinder und weist Imame aus!

Neonazi: Auch manchmal islamfeindlich, wobei man aber auch einen gewissen Respekt vor dem mohammedanischen Kampfgeist hat. Hitler ist ja auch ganz gut mit den Muslimen ausgekommen.

 

Einstellung zum Christentum:

Radikalkatholik: Der Katholizismus ist die einzig wahre Religion (logisch).

Vertreter der Neuen Rechten: Sieht einen gewissen Nutzen im Christentum (als Bollwerk gegen den Islam), äußert sich aber auch verächtlich über „Christcucks“. Kann mit Demut und Sanftmut und Kreuztragen und so nicht so viel anfangen.

Neonazi: Das Christentum ist eine semitische Religion des Ressentiments und wir brauchen wieder eine starke germanische Religion.

 

Lieblingsperiode der Geschichte:

Radikalkatholik: Das glorreiche Mittelalter natürlich! Am besten ist das 13. Jahrhundert, das Zeitalter der Gotik und Scholastik und großer Heiliger.

Vertreter der Neuen Rechten: 19./frühes 20. Jahrhundert – das Zeitalter der Nationalstaaten.

Neonazi: Eine tatsächlich nie existente Zeit bei den antiken Germanen, oder eben 33-45 (wobei, na ja, der verlorene Krieg…).

 

Hobbies:

Radikalkatholik: Singt in der Gregorianik-Schola und/oder spielt die Orgel.

Vertreter der Neuen Rechten: Aktiv im Heimatverein und der AfD-Ortsgruppe.

Neonazi: Rechtsrock und Kampfsport.

 

Einstellung zu Migration und Flüchtlingskrise:

Radikalkatholik: Sehr unterschiedlich. Exemplarisch zwei gegenteilige Stellungnahmen zum Migrationspakt in der erzkatholischen Bloggerszene bei Josef Bordat und Marco Gallina. Es sind theologische und naturrechtliche Argumente für Migration/Aufnahme von Flüchtlingen (universale Bestimmung der Güter der Erde, Nächstenliebe, bestimmte Bibelstellen) ebenso gängig wie welche dagegen (Argumente zum Thema Ordnung und Sicherheit, Verpflichtung zur Hilfe nur entsprechend der eigenen Möglichkeiten, nach der moralischen Ordnung sei jedes Land zuerst für seine eigenen Bürger verantwortlich, Bedenken wegen des Islam, andere Bibelstellen). Bei einer Aussage wie „wir können nicht nur darauf schauen, was unserem eigenen Land nützt, aber absolut offene Grenzen sind auch keine Lösung“ dürften einem die meisten Fundikatholiken zustimmen (okay, die ist noch seeehr allgemein gehalten…). Manche engagieren sich in der Flüchtlingshilfe – u. U. auch mal mit dem Ziel, besonders die Minderheit der christlichen Flüchtlinge zu unterstützen oder nichtchristlichen Flüchtlingen die Frohe Botschaft zu bringen – wobei uns da zugegeben einige Freikirchen voraus sind. Das Kirchenasyl wird meistens, wenn schon nicht immer in seiner praktischen Anwendung, dann zumindest als Prinzip verteidigt. Allgemein ist man der Meinung, dass mehr für geflüchtete und verfolgte Christen in aller Welt getan werden müsste.

Vertreter der Neuen Rechten: Nur für eingeschränkte Migration, bei der es hauptsächlich oder ausschließlich um die Interessen der Zielländer gehen soll; so etwas wie ein Recht auf Migration gäbe es grundsätzlich nicht. Der gemäßigte Rechte ist evtl. für Hilfe vor Ort für Entwicklungsländer – solange nicht zu viele Steuergelder darauf verschwendet werden und es dann auch wirklich hilft, die Flüchtlinge fernzuhalten. Wenn es hart auf hart kommt, dann ist der Rechte vom Prinzip her auch für den Schießbefehl an der Grenze.

Neonazi: Ausländer raus. Nur ethnische Deutsche haben ein Recht, hier zu sein, Passdeutschen den Pass nehmen und auch raus mit ihnen. Wohin die sollen, kann uns doch egal sein.

 

Wahlverhalten und politisches Engagement:

Radikalkatholik: Ebenfalls unterschiedlich. Manche engagieren sich bei der CDU/CSU (etwa Klaus und Birgit Kelle, Hedwig von Beverfoerde (von der Demo für alle) bis 2016) oder speziell den „Christdemokraten für das Leben“ (etwa Sophia Kuby, Petra Lorleberg (von kath.net)), andere haben die Politik komplett aufgegeben und wollen sich auf Wichtigeres konzentrieren – christliche Basisgemeinschaften aufbauen. Ein paar wählen eine chancenlose Kleinstpartei, weil sie meinen, nur deren Programm mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, viele diejenige größere Partei, die sie am wenigsten schlimm finden. Das rangiert in Deutschland am ehesten im Bereich CDU, CSU, FDP, diverse Regionalparteien, ab und zu AfD, selten SPD, praktisch nie Grüne oder Linke. In Österreich vermutlich am ehesten Sebastian Kurz.

Vertreter der Neuen Rechten: Klar AfD bzw. FPÖ bzw. die vergleichbaren Parteien in anderen Ländern.

Neonazi: NPD, III. Weg, oder so. Manchmal aus taktischen Gründen AfD, weil letztere bessere Chancen hat.

 

Moralische Prinzipien:

Der Radikalkatholik ist aus säkularer Sicht in manchen Dingen entsetzlich rigoros (nein, Sex vor der Ehe ist nie in Ordnung!!) und in anderen eher leger (was soll am Fleischessen bitte Sünde sein – solange nicht gerade Fasttag ist?) Es gibt eine natürliche Ordnung in Gottes Welt, die man mit Vernunft und Gewissen und mit der Hilfe von Gottes Offenbarung erkennen kann, und der hat man sich gefälligst zu unterwerfen; die Moral gilt objektiv für alle, es darf nicht jeder tun, was er will. Die 10 Gebote, die 3 göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) und die 4 Kardinaltugenden (Gerechtigkeit, Klugheit, Mut, das rechte Maß) sind zentral; die schlimmste Sünde der Hochmut – jawohl, der Hochmut, nicht die Unkeuschheit, wobei die auch zu den schweren Sünden zählt. Man bewundert die Radikalität der Nächstenliebe und Opferbereitschaft von Mutter Teresa, Maximilian Kolbe, Franz von Assisi. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Der Vertreter der Neuen Rechten legt Wert darauf, sich von linker „Gesinnungsethik“ abzugrenzen und betont, dass er „Verantwortungsethiker“ sei, der auf langfristige Folgen von Handlungen schaue, statt auf ein kurzfristiges gutes Gewissen. Er verachtet „virtue signalling“, also das Zurschaustellen von politisch korrekten Tugenden. Das Gute ist für ihn vor allem der Einsatz für die, die einem am nächsten stehen – die eigene Familie, die eigene Nation (also nicht total unähnlich der christlichen Nächstenliebe, wenn auch nicht ganz dasselbe). Ansonsten mag er die typischen preußischen Tugenden – Verlässlichkeit, Recht und Ordnung. Gegenüber übertrieben selbstlosem Verhalten kann er sehr zynisch werden – ein gewisses Maß an Moral braucht es ja, aber mehr nicht. Die Menschen sind eh fundamental egoistisch, aber sie müssen halt miteinander auskommen.

Neonazi: Glauben Neonazis an so was wie Moral? Vermutlich bewundern sie am ehesten Mut, Kampfgeist, Loyalität, halten sich sonst aber für den Übermenschen, der jenseits von Gut und Böse steht. Verachtung für eine Mitleidsmoral/“Sklavenmoral“ der Schwachen, besonders für das Konzept der Barmherzigkeit.

Gut illustrieren kann man die moralischen Prinzipien der drei Gruppen mit ihren Einstellungen zum Thema Abtreibung. Der Radikalkatholik ist immer dagegen, weil allein Gott der Herr über menschliches Leben sei und das ungeborene Kind nie getötet werden dürfe. Und wenn es um die bitterarme kranke vergewaltigte Elfjährige geht: Abtreibung ist immer Unrecht. Der Rechte hat gewisse moralische Bedenken bei vielen Abtreibungen, aber keine so prinzipiellen, und er will die Abtreibungszahlen vor allem in Deutschland senken, weil wir mehr deutsche und weniger Migrantenkinder bräuchten – wenn die Syrerin ihr sechstes Kind abtreiben möchte, wird er vermutlich eher dazu schweigen. Der Neonazi glaubt überhaupt nicht an ein Lebensrecht für Ungeborene – er hätte auch keine Bedenken, bei unerwünschten Volksgruppen oder behinderten ungeborenen Kindern Zwangsabtreibungen einzusetzen, solangen nur genug gesunde deutsche Kinder geboren werden. Er denkt hier rein zweckmäßig. (PS: Ja, wir Katholiken glauben ehrlich, dass es bei der Abtreibung um die Kinder geht. Ich weiß, das glaubt ihr uns nicht, es kann ja nur um die Unterdrückung von Frauen gehen, aber, tja, wenn ihr mal reale Katholiken kennenlernen würdet, könntet ihr tatsächlich feststellen: doch, wir glauben das wirklich.)

 

Idealer Staat:

Radikalkatholik: Die Kirche ist gesellschaftlich bedeutend, andere Religionen nur geduldet, Abtreibung und Sterbehilfe und Leihmutterschaft und Embryonenforschung sind verboten, die Gesellschaft ist kinderfreundlich und sozial gerecht und der Staat unterstützt Familien, statt sie mit flächendeckender Betreuung in Krippen und Ganztagsschulen ersetzen zu wollen. Eine Restauration von Habsburgern und Bourbonen (aber eine konstitutionelle Monarchie, bitte!) wäre das Sahnehäubchen, aber nicht unbedingt nötig. Seliger Karl I. und heiliger Ludwig IX., bittet für uns!

Vertreter der Neuen Rechten: Weißer Ethnostaat mit höchstens sehr wenigen dauerhaft ansässigen Ausländern, v. a. solchen aus dem außereuropäischen Ausland. Was die Staatsform angeht, wird meistens die parlamentarische/präsidiale Demokratie mit Elementen direkter Demokratie – „populistisch“ – bevorzugt. Manche würden gerne das Frauenwahlrecht abschaffen, weil Frauen von ihrer Biologie her emotional und harmoniebedürftiger und damit nicht geschaffen für die Politik wären.

Neonazi: Na ja, Führerstaat mit einem charismatischen, vom Schicksal bestimmten Führer, der den Willen der Volksgemeinschaft besser erfassen soll als irgendwelche Parteien, halt. Natürlich auch hier ein rassisch reiner Ethnostaat.

 

Einstellung zu Juden/Judentum/Israel:

Radikalkatholik: Politisch meistens israelfreundlich; Verständnis für den palästinensischen Terrorismus findet sich eher selten. Fühlt sich den Juden gewissermaßen verbunden und ist da auch gerne für interreligiöse Gebete usw. zu haben (viel eher als bei den Muslimen), weil die ja immerhin auch ans Alte Testament glauben; findet aber schon, dass sie sich eigentlich taufen lassen sollten, weil Jesus ja der im Alten Testament angekündigte Messias ist. Der Radikalkatholik lehnt die unter liberalen Theologen verbreitete Theorie, dass zur Zeit zwei Gottesbünde bestünden, also der des Alten Testaments für die Juden noch gelte, und der neue Bund in Jesus nur für die Heiden (d. h. die übrigen Völker der Welt), für gewöhnlich ab – Jesus ist der Messias für alle. In Ländern mit höherem Judenanteil als Deutschland findet sich auch der ein oder andere Radikalkatholik jüdischer Herkunft (z. B. stammt die amerikanische Bloggerin Simcha Fisher aus einer konvertierten jüdischen Familie).

Vertreter der Neuen Rechten: Politisch ebenfalls eher israelfreundlich, bewundert das gut organisierte israelische Militär und Benjamin Netanjahu. Macht auch mal auf den weit verbreiteten islamischen Judenhass aufmerksam. Kann mit der jüdischen Religion allerdings wenig anfangen – so ein dreitausend Jahre alter unaufgeklärter Wüstenkult wieder, genau wie Christentum und Islam – und hätte gerne ein Beschneidungsverbot für Minderjährige (so etwa die AfD in ihrem Wahlprogramm für die letzte bayerische Landtagswahl). Speziell zu verschwörungstheoretischem Denken geneigte Rechte sehen Juden als zersetzende Kräfte hinter liberalen Medien, Universitäten usw.

Neonazi: Verschwörungstheorien über Israel und jüdische Banker usw., die die Welt kontrollieren.

 

Einstellung zu Klima/Umwelt

Radikalkatholik: Ja, also, Bewahrung der Schöpfung ist schon ganz gut und nötig und so. Landleben und Natur werden manchmal ein bisschen idealisiert (etwa im Stil Tolkiens, der ja auch so ein Radikalkatholik war, und dessen Auenlands, das in den HdR-Büchern kurz von Sarumans Industrialisierung heimgesucht wird), besonders radikal umweltschützerisch wird es allerdings meistens nicht. Vor allem dann, wenn Umweltschützer den Menschen eigentlich nur als Störfaktor im Getriebe der Natur sehen und „Überbevölkerung“ in Afrika und anderswo eindämmen wollen, geht man absolut nicht mehr mit und rantet darüber, wie viele Menschen die Erde eigentlich versorgen könnte und dass es keine Überbevölkerung gibt. Als Radikalkatholik sieht man Kinderkriegen ja als was Natürliches an und hat auch gerne mal drei, vier Kinder und mehr (die besonders fleißigen so bis zu zehn). Fleisch zu essen hält man nicht für moralisch problematisch – man denkt halt doch anthropozentrisch. Tiere soll man schon artgerecht halten, aber sie haben ja keine unsterbliche vernunftbegabte Seele. Zum Klimawandel (aufhaltbar oder nicht, was genau sollte man tun, um ihn aufzuhalten, etc.) wie auch zur Energiewende und ähnlichen Themen gehen die Meinungen auseinander.

Vertreter der Neuen Rechten: Hält die Theorie vom menschengemachten Klimawandel für eine Fabrikation von Lügenpresse und Ökoindustrie und den Grünen – das Klima hat sich schon immer verändert. Außerdem ist es sowieso wichtiger, die Industrie und damit Arbeitsplätze nicht mit irgendwelchem Umweltschutz zu gefährden, als zu versuchen, einen möglicherweise oder möglicherweise auch nicht aufhaltbaren Klimwandel aufzuhalten und Ähnliches. Naturschutz, okay, wenn Wichtigeres erledigt ist.

Neonazi: Kommt drauf an, was genau für esoterisch-naturreligiöses Zeug der einzelne Neonazi glaubt. Die völkischen Siedler sind durchaus sehr naturliebend. Verbundenheit mit dem Boden, unser deutscher Wald… und so.**

 

Feindbilder:

Radikalkatholik: Häresie (das ist das Fremdwort für den schönen deutschen Begriff „Ketzerei“ – damit meinen wir z. B. den Protestantismus), moralischer Relativismus und Indifferentismus („mir meine Wahrheit, dir deine Wahrheit“), Modernismus (nein, damit meinen wir nicht Eisenbahnen und Internet, sondern bestimmte theologische Ansichten (wie etwa die Ansicht, Wunder könne es doch nicht geben, weil es Wunder ja nicht geben könne, was ja bekannt sei, weil wir modernen Menschen viel klüger seien als unsere Vorväter)), eine Liturgie, die nicht streng nach den Rubriken zelebriert wird (die Liturgie ist uns sehr wichtig, ja).

Vertreter der Neuen Rechten: Linke, Grüne, politische Korrektheit

Neonazis: Hm, ziemlich viel. Moral und Schwäche, die ganze derzeitige Politik und Gesellschaft…

 

Lieblingsverschwörungstheorie unter den Radikaleren:

Radikalkatholik: Die Freimaurer haben das 2. Vatikanische Konzil kontrolliert! Papst Franziskus ist kein gültiger Papst! (Achtung: Letzteres trifft jetzt Leute, die man eigentlich gar nicht mehr als katholisch bezeichnen kann – Sedisvakantisten haben sich ja eigentlich von der Kirche losgesagt.)

Vertreter der Neuen Rechten: Irgendwelche Theorien über George Soros. Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Reichsbürgertum.

Neonazi: Holocaustleugnung. Okay, das gilt vermutlich nicht für die „Radikaleren“. Die Radikaleren unter Neonazis halten den Holocaust vermutlich einfach für eine tolle Sache und versuchen nicht mehr, ihn zu leugnen. Vermute ich jetzt einfach mal.

 

Organisationen und prominente Vertreter (ausgewählte Beispiele):

Radikalkatholiken: Auf der „einfach bloß lehramtstreuen“ Seite, die mit der Theologie und Liturgie der Nachkonzilszeit und der Ökumene ganz gut klarkommt: Gebetshaus Augsburg, Johannes Hartl, Josef Bordat, kath.net, Jugend 2000, Gemeinschaft Emmanuel, fe-Verlag. Auf der traditionalistischen Seite, die die alte Liturgie mag und nicht so mit den Protestanten kann: Petrusbruderschaft, Pater Engelbert Recktenwald FSSP, Pater Martin Ramm FSSP, Christkönigsjugend, Pater Edmund Waldstein OCist. Das Stift Heiligenkreuz und die angeschlossene Hochschule kann man allgemein als leicht traditionalistisch bezeichnen, ähnlich den Fernsehsender EWTN, den Lepanto-Verlag oder das Opus Dei. Auf der vulgärtraditionalistischen Seite haben wir gloria.tv, katholisches.info, und (seit dem neuen Betreiber – früher versuchten sie sich noch als hippes Lifestylemagazin und waren dabei schon nicht ernstzunehmen) The Cathwalk. Dann gibt es noch die traditionalistische und (anders als die Petrusbruderschaft) mit Rom im Streit liegende und oft ungehorsame Piusbruderschaft, deren Status in der Kirche im Moment eher unklar ist, und kleine sedisvakantistische Grüppchen, die sich von der Kirche abgespalten haben (also tatsächlich gar nicht mehr katholisch sind, auch wenn sie sich als die einzig wahren Katholiken sehen).

Neue Rechte/“Alt right“: AfD, Identitäre Bewegung, Martin Sellner, Burschenschaften, Götz Kubitschek, Antaios-Verlag, Martin Lichtmesz.

Richtig Neonazi: NPD, Weiße Wölfe, Blood and Honour, Wiking Jugend, Heimattreue Deutsche Jugend.

 

[Ach ja, wieder eine ganz eigene und in sich sehr diverse Gruppe sind übrigens die protestantischen „Fundamentalisten“ (die den Begriff „Fundamentalismus“ übrigens vor hundert Jahren erfunden haben), also z. B. bestimmte Evangelikale oder Pfingstkirchler. Nazis sind die auch nicht; zur Unterscheidung von Extremkatholiken seien hier ein paar Merkmale aufgezählt: Die Protestanten sind i. d. R. Junge-Erde-Kreationisten, glauben also an eine Schöpfung in sechs Tagen vor 6000 Jahren, während die Katholiken schon lange – ja, auch schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil – die päpstliche Erlaubnis haben, Genesis anders auszulegen; die Katholiken lehnen alle Verhütungsmethoden außer der Natürlichen Empfängnisregelung ab, während die Protestanten kein Problem damit haben; die Protestanten neigen zu einem etwas patriarchaleren Eheverständnis und die ganz Extremen warten nicht nur mit dem Sex, sondern auch mit dem ersten Kuss bis zur Ehe; die Katholiken sind eifrige Heiligenverehrer, während die Protestanten das für gar grausigen Götzendienst halten. Die protestantischen Gottesdienste bestehen aus ein bisschen Bibellesung, einer Stunde Predigt und rockigen Lobpreisliedern; die Katholiken haben dagegen eher kurze, nicht sehr bemerkenswerte Predigten, Orgelmusik, und der wichtigste Teil des Gottesdienstes ist der mit Brot und Wein (wir reden da vom „Messopfer“, nicht vom „Abendmahl“); Tradikatholiken gehen am liebsten in die alte, lateinische Form der Messe. In Bezug auf Abtreibung ist man sich dafür unter Radikalkatholiken und Fundiprotestanten wieder einig und arbeitet zusammen. Der Linksaktivist, der nur den Marsch für das Leben stören will, braucht sich um diese Unterscheidungen also nicht groß zu kümmern.]

 

Eine Klarstellung: Es gibt durchaus Katholiken, die ihren Glauben sehr ernst nehmen und gleichzeitig einige politische Ansichten vertreten, die ich hier der noch eher gemäßigten Rechten zugeordnet habe. Aber das eine hängt nicht zwangsläufig mit dem anderen zusammen – wer besonders traditionalistisch ist, kann gleichzeitig entschieden gegen die Neue Rechte sein, und wer theologisch liberal ist, ist nicht unbedingt politisch liberal. Und wie gesagt, politisch gibt es einen gewissen Spielraum im Katholizismus.

Und ja, dann gibt es auch noch in Einzelfällen solche schändlichen Dinge wie katholische (bzw. sich selbst trotz ihrer Abspaltung von der Kirche als katholisch verstehende) Holocaustleugner, wie etwa Williamson (der ja selbst von der Piusbruderschaft ausgeschlossen wurde). Aber das sind eben extreme Ausnahmefälle, die gerade nicht eine weitere Radikalisierung typisch extremkatholischer Ansichten sind, sondern eine deutliche Abweichung vom landläufigen Extremkatholizismus. Katholische Holocaustleugner vertreten normalerweise auch keine weiteren Nazithesen, neigen dafür aber allgemein zu verschwörungstheoretischem Denken und sehen überall den Antichrist und den Weltuntergang – da gäbe es etwa noch eine Seite, die neben sämtlichen von der Kirche nicht anerkannten Privatoffenbarungen und landläufigen Verschwörungstheorien auch noch die Protokolle der Weisen vom Zion verbreitet.

 

Was ich letzten Endes sagen will: Wenn ihr uns hasst, dann seid euch bitte wenigstens bewusst, was ihr hasst. Wenn ihr uns hasst, weil wir „heteronormativ“ und gegen Abtreibung sind, oder weil wir an Engel und Dämonen und ein Jüngstes Gericht glauben, okay, bitte, meinetwegen, aber das gilt auch für Juden und Muslime und genügend andere Gruppen über einen Großteil der Weltgeschichte verteilt, also wäre es nett, wenn ihr uns wenigstens nicht gerade Nazis nennen würdet, zumal die Nazis ganz andere Merkmale haben und genügend von unseren Leuten zu Märtyrern gemacht haben. Ihr könnt uns immer noch „mittelalterlich“ und sonst was nennen, das trifft es sogar ganz gut. Danke auch.

Fr.Maximilian Kolbe 1939.jpgEdith Stein (ca. 1938-1939).jpgUnzeitigLeisnerHäfnerKozalStarowieyskiBrandsmaHirschfelder

(Eine winzige Auswahhl unserer von den Nazis getöteter Heiliger und Seliger. Von links nach rechts und oben nach unten: Hl. Maximilian Kolbe, hl. Edith Stein, sel. Engelmar Unzeitig, sel. Karl Leisner, sel. Eduard Müller, sel. Johannes Prassek, sel. Hermann Lange, sel. Georg Häfner, sel. Michal Kozal, sel. Stanislaw Kostka Starowieyski, sel. Titus Brandsma OCarm, sel. Gerhard Hirschfelder. Bildquelle: Wikimedia Commons sowie hier.)

 

Viele Grüße von Crescentia. Und Gottes Segen.

 

* Bildquelle: Wikimedia Commons. Die Bilder von Bonifatius, der die Donareiche fällt, und vom Hermannsdenkmal sind gemeinfrei; das Photo der Naziversammlung wurde Wikimedia vom Bundesarchiv zur Verfügung gestellt (B 145 Bild-P022061).

** Die Abschnitte zum Thema Juden und zum Thema Natur wurden nachträglich eingefügt, da ich den ersten bei der ursprünglichen Veröffentlichung vergessen hatte (wie das so passiert, wenn man zu hastig postet) und beim zweiten hinterher darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich zu dem Thema noch etwas schreiben hätte können.

Was habe ich eigentlich gegen die sog. Aufklärung? Teil 3: Weitere Kritikpunkte

Im den ersten beiden Teilen habe ich auf die wichtigsten Argumente geantwortet, die gerne pro Aufklärung vorgebracht werden; heute noch ein bisschen eigene Kritik.

 

1) Zu etwas, das ich teilweise schon angesprochen habe: Bei einigen der beliebten Schlagworte der Aufklärung, wie Freiheit und Gleichheit, handelt es sich einfach oft um beliebig deutbare Schlagworte. Diese zwei Dinge etwa können gut oder schlecht sein, je nachdem, was genau damit gemeint ist – z. B. ist Gleichheit vor dem Gesetz etwas Gutes, erzwungene Einheitlichkeit in anderen Dingen etwas Schlechtes. (Vielleicht wäre es praktischer, den Begriff Gleichheit durch den Begriff Gerechtigkeit zu ersetzen?) Und Freiheit: Freiheit wovon? Freiheit wozu? Oft wird das nicht so ganz klar.

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“? Nun ja, zumindest bei der Art Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die die sog. Aufklärung historisch gebracht hat, ist auch einiges Schlechte dabei gewesen.

Die aufklärerische Freiheits-Idee hat viel zu viel Gleichgültigkeit gegenüber dem objektiv Guten und Wahren gebracht. Soll doch jeder seine eigene Wahrheit haben. Über den religiösen Indifferentismus habe ich hier aber eigentlich schon genug gesagt. Die Ideen gewisser libertins im Bereich der Moral normalisierten auch die Scheidung und andere wirklich schädliche Dinge. Der wirtschaftliche Liberalismus dann (Abschaffung der Zünfte!) führte mit zur Verelendung und Rechtlosigkeit der großen Masse der Arbeiter im 19. Jahrhundert. Der Meinungsliberalismus half allgemein dabei, dass auch die allerdümmsten und schädlichsten Ideen Anhänger gewinnen konnten, weil, „soll doch jeder seine Meinung haben, wie kannst du dem sagen, er soll das und das nicht glauben“.

Darunter waren auch die Ideen eines Karl Marx, der auf besagte Verelendung reagierte, und es mit der Gleichheit dafür arg übertrieb. Gewaltsame Gleichmacherei funktioniert halt doch nicht immer. Es sollte bekannt sein, zu wie vielen Millionen Toten der Kommunismus geführt hat.

Und Brüderlichkeit? Die späte Aufklärung und die Französische Revolution haben auch den Nationalismus hervorgebracht, indem sie die nationale Brüderlichkeit zum Idol erhoben (siehe z. B. in Deutschland die „national-liberale Bewegung“), und damit sind sie auch nicht ganz unschuldig an solchen Schlamasseln wie dem Deutsch-Französischen Krieg, einem daraus resultierenden Deutschen Reich unter Preußenführung, und dem Ersten Weltkrieg.

Man kann den Begriff „Brüderlichkeit“ auch noch von einer anderen Warte aus betrachten: als Gegenbegriff zum „Patriarchat“. Bei den Revolutionen des 18./19. Jahrhunderts befreiten sich die Amerikaner oder Franzosen einerseits von ihren „Landesvätern“, den Königen, und richteten Republiken gleichberechtigter „Brüder“ auf – jedenfalls war das das proklamierte Ideal -, aber man muss die Brüderlichkeit nicht nur als politischen Begriff verstehen: Die Aufklärung trat gewissermaßen auch für eine „brotherhood of men without the fatherhood of God“ ein, um einen Ausdruck zu zitieren, den Chesterton irgendwo verwendet haben müsste. Aber da es überhaupt erst der gemeinsame Vater ist, der die Brüder zu Brüdern macht*, lässt sich eine solche Brüderschaft nicht so gut durchhalten; wenn der gemeinsame Schöpfer nicht mehr gesehen wird, sieht man auch weniger, was einen mit anderen Menschen verbindet.

 

2) Die Aufklärung ist Marta, die Maria nicht verstehen will.

Viele Aufklärer waren einem strengen, innerweltlichen Nützlichkeitsdenken verfallen. Ich habe in den letzten Teilen schon auf ihre Abneigung gegen die kontemplativen Orden hingewiesen; auch dem Beten allgemein konnten sie nicht viel abgewinnen, woran sie an die heutigen Internetatheisten erinnern, die sich ja auch jedes Mal aufregen, wenn Gläubige es wagen, für die Opfer irgendeiner Naturkatastrophe zu beten, und dann fleißig ihre Zeit dafür aufwenden, zu predigen, dass man lieber spenden sollte, was sie, da bin ich sicher, auch selber in ganz besonders hohem Maße tun, während Christen es natürlich neben ihrem Beten nie tun. (Sorry für den Sarkasmus.) Aufgeklärte Fürsten reduzierten oft die Zahl der Feiertage, damit die Leute mehr arbeiteten und die Wirtschaft angekurbelt wurde. Die Aufklärer erinnern mit alldem an die hl. Marta, die der Herr einmal zurechtweisen musste:

„Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.“ (Lk 10,38-42)

Man könnte bei dieser Erzählung annehmen, dass Marta sich zu viel Mühe macht, einen zu großen Wirbel um die Gäste veranstaltet, und Jesus schon von ihr genervt ist. So könnte es gewesen sein. Muss es allerdings nicht; an sich tut Marta etwas Gutes und Notwendiges; und Jesus wird sich sicher auch über das gute Essen und das warme Feuer gefreut haben. Aber noch mehr hat er sich offensichtlich darüber gefreut, dass Maria ihm einfach zuhören wollte, und erst, als Marta ihre Schwester davon wegholen will, weist er sie zurecht.

Für so etwas hätten die Aufklärer kein Verständnis gehabt. Zeitverschwendung, einfach bei Gott zu sein, ohne etwas zu tun; Selbstsucht, die Arbeit anderen zu überlassen.

Das liegt vielleicht auch daran, dass sie nicht mehr glaubten, dass Gott letztlich für die Welt sorgte; dass sie meinten, sie selbst erlösen zu müssen (und das zu können – auch die Illusion, ein irdisches Paradies schaffen zu können, kam unter ihnen auf). Wenn man den Leuten eine Universalverantwortung auflädt, die sie tatsächlich nicht haben, dann schafft man ihnen halt ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht jederzeit alles tun, um die Welt zu retten. Ich will hier keinen Fatalismus predigen; aber ein realistischer Blick darauf, wie viel der einzelne tatsächlich ändern wird, ist schon manchmal ganz gut.

Und letztlich hat Gott die Menschen ja nicht zu einem bestimmten praktischen Zweck gemacht, sondern dazu, dass sie sind und leben und sich an der Gemeinschaft mit Ihm erfreuen – so ähnlich, wie ein Künster Kunstwerke schafft, so ähnlich, wie Eltern Kinder zeugen. Dann dürfen Sie das auch mal tun: einfach nur bei Gott sein, einfach nur beten. Darf jeder mal. Braucht auch jeder mal – auch, um dann die Kraft für das praktische Handeln zu gewinnen.

Und natürlich war es bei den kontemplativen Orden durchaus so, dass sie zwar nicht für so viele karitative Tätigkeiten verantwortlich waren wie andere Orden, aber auch Handarbeit betrieben, um für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, und dass ja gerade ihr Gebet alles andere als unnütz für andere war. (Die Aufklärer glaubten zwar nicht mehr an die Wirkung des fürbittenden Gebets, aber das heißt ja nicht, dass sie nicht da ist.) Jedenfalls waren sie ganz sicher „nützlicher“ als irgendein weltkluger Schreiberling, der sich von seinen adligen Mäzenen aushalten ließ. Sorry-not-sorry.

Auch Chesterton hat einmal etwas über Maria und Marta geschrieben:

„Etwas Ähnliches mag über den Vorfall mit Martha und Maria gesagt werden, der im Rückblick und aus der Innenperspektive von den Mystikern des christlichen kontemplativen Lebens interpretiert wurde. Aber das war überhaupt keine offensichtliche Sicht darauf; und bei den meisten Moralisten des Altertums und der Moderne könnte man darauf vertrauen, dass sie auf das Offensichtliche anspringen würden. Welche Ströme von müheloser Eloquenz wären aus ihnen geflossen, um jede kleine Überlegenheit auf Marthas Seite aufzublähen, welche glanzvollen Predigten über die Freude-des-Dienens und das Evangelium-der-Arbeit und Die-Welt-besser-zurücklassen-als-wir-sie-vorgefunden haben, und generell all die zehntausend Platitüden, die dafür geäußert werden können, sich Mühe zu machen – von Leuten, die sich keine Mühe damit machen müssen, sie zu äußern. Wenn Christus in Maria, der Mystikerin und dem liebenden Kind, den Samen etwas Subtilerem bewahrte, wer hätte das wohl zu dieser Zeit verstanden? Niemand sonst konnte Klara und Katharina und Teresa über dem kleinen Dach in Bethanien leuchten sehen.“**

 

3) Die Aufklärung zensiert den Gott, der ihr nicht passt.

Ich habe noch nie eine sinnvolle Begründung für die aufklärerische Ablehnung des Christentums gelesen. In dieser Zeit kam ja z. B. die Idee auf, Jesus wäre nur ein Moralprediger gewesen, den seine Anhänger später zum Gott erklärt hätten. Das ist immer Wunschdenken der reinsten Sorte gewesen. Halbwegs logisch wäre es noch gewesen, wenn sie Ihn einfach abgelehnt hätten für Seine Ansprüche, Sünden vergeben und die Welt erlösen zu können (manche taten das auch und erklärten ihn einfach zum Betrüger – obwohl sie auch dafür die gut bezeugten Wunder, die Er getan hat, und Seine Auferstehung leugnen mussten), aber das? Als ob es bei den streng monotheistischen Juden jemals vorgekommen wäre, dass ein normaler Prophet für göttlich erklärt worden wäre. Als ob sie irgendeinen Ansatzpunkt für ihre Thesen dazu gehabt hätten, was in den Evangelien vom „historischen Jesus von Nazareth“ stamme und was nicht.

Ich hatte ja in der 9. und 10. Klasse (also etwa zu der Zeit, als ich begonnen habe, meinen Glauben ernst zu nehmen) mal eine ziemlich schreckliche Religionslehrerin, eine etwas ältere Frau Doktor, die in Teilzeit an meinem Gymnasium und in Teilzeit an einer theologischen Hochschule unterrichtete. Diese Lehrerin meinte einmal, die Stellen in den Evangelien, an denen Jesus von der Hölle redet, seien erst später von den Gemeindeleitern der frühen Kirche eingefügt worden, um ihre Gemeinden auf Linie zu bringen, das haben „Bibelwissenschaftler herausgefunden“ oder so ähnlich (wie genau, sei jetzt zu kompliziert zu erklären). Tatsächlich ist es ganz interessant, dass in denjenigen Schriften aus dem Neuen Testament, die von den Autoritätsfiguren der frühen Kirche direkt an bestimmte Gemeinden gerichtet waren, gerade eher wenig von der Hölle die Rede ist, und wenn, dann eher in indirekter Sprache – so etwas wie „Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt“ (1 Kor 11,29). Beinahe wie in heutigen Predigten, wo man ja auch lieber von der Erlösung spricht und höchstens verschämt und mit vielen Erklärungen mal von der theoretischen „Möglichkeit der ewigen Trennung von Gott“ oder so redet. Aber wenn jemand Lebensbeschreibungen unseres Herrn schreibt, kriegen wir auf einmal so drastische Sätze wie „Wenn dir deine Hand Ärgernis gibt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer (Mk 9,43), oder, in einem Gleichnis, „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“ (Mt 25,30), oder, bei der Rede vom Weltgericht, „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.“ (Mt 25,41-43).

Die meisten Aufklärer wollten Jesus nicht ganz aufgeben, weil er überall als das große Vorbild galt und die Leute an Ihm hingen, also deuteten sie Ihn eben so um, bis Er ihnen passte, bis Er bloß noch ein großes moralisches Vorbild war – egal, wie sehr sie dafür die Quellen in unlogischster Weise verstümmeln mussten.

Das komischste – und deutlichste – Beispiel für diese Art von selbstgebasteltem Jesusbild ist ja die sog. Jefferson-Bibel. Der US-amerikanische Gründervater und dritte Präsident schnitt aus seiner Bibel Stellen aus den Evangelien aus, die er dann in ein leeres Buch klebte, das er „The Life and Morals of Jesus of Nazareth“ nannte (das Buch war nur für den privaten Gebrauch bestimmt, wurde in der Familie weitergegeben und dann erst 1904 im Auftrag des amerikanischen Kongresses veröffentlicht); das waren eben vor allem die Stellen, die Jesu Morallehre enthalten.  Wundergeschichten, Engel, Sätze über den Menschensohn oder die Vergebung der Sünden oder darüber, dass seine Jünger das Martyrium zu erwarten hätten, das alles wurde bei dieser Bastelei verworfen. Als „Life and Morals of Jesus of Nazareth“ hatte nur das zu gelten, was Thomas Jefferson gefiel.

Auch hier passt wieder etwas, das Chesterton geschrieben hat, sehr gut:

„Das Argument, das das Rückgrat dieses Buches bilden soll, ist von der Art, die reductio ad absurdum genannt wird. Es zeigt auf, dass die Resultate, wenn man die rationalistische These annimmt, irrationaler sind als die unsrigen; aber um das zu beweisen, müssen wir diese These annehmen. Daher habe ich im ersten Teil den Menschen oft als ein bloßes Tier behandelt, um zu zeigen, dass das Ergebnis unvorstellbarer wäre als wenn man ihn als einen Engel behandeln würde. In dem Sinne, wie es nötig war, den Menschen als ein bloßes Tier zu behandeln, ist es nötig, Christus als bloßen Menschen zu behandeln. […] Ich muss versuchen, mir vorzustellen, was einem Menschen passieren würde, der die Geschichte Christi wirklich als die Geschichte eines Menschen lesen würde; und sogar als die eines Menschen, von dem er noch nie zuvor gehört hat. Und ich will aufzeigen, dass eine solche wirklich unparteiische Lesart, wenn nicht direkt zum Glauben, so zumindest zu einer Verwirrung führen würde, für die es wirklich keine andere Lösung gibt als den Glauben. […]

Nun ist es überhaupt nicht leicht, das Neue Testament als ein Neues Testament zu lesen. […] Da gibt es eine psychologische Schwierigkeit, diese wohlbekannten Worte einfach so zu sehen, wie sie dastehen, und ohne darüber hinauszugehen, wofür sie in sich stehen. Und diese Schwierigkeit muss tatsächlich sehr groß sein; denn das Resultat daraus ist oft sehr kurios. Das Resultat daraus ist, dass die meisten modernen Kritiker und die meiste derzeitige Kritik, sogar die populäre Kritik, einen Kommentar abgibt, der das genaue Gegenteil der Wahrheit ist. Er ist so vollständig das Gegenteil der Wahrheit, dass man sie fast verdächtigen könnte, das Neue Testament überhaupt nie gelesen zu haben.

Wir alle haben die Leute hunderte Male sagen hören, denn sie scheinen nie müde zu werden, es zu sagen, dass der Jesus des Neuen Testaments tatsächlich ein besonders barmherziger und humaner Freund der Menschheit sei, aber dass die Kirche seinen menschlichen Charakter hinter abstoßenden Dogmen versteckt und ihn mit sakralen Schrecken hart gemacht habe, bis er einen unmenschlichen Charakter angenommen habe. Das ist, ich wage es, mich zu wiederholen, fast das genaue Gegenteil der Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass es das Bild Christi in den Kirchen ist, das fast nur gütig und barmherzig ist. Es ist das Bild Christi in den Evangelien, das auch noch eine ganze Menge anderer Dinge ist. Die Figur in den Evangelien spricht tatsächlich in Worten von beinahe herzzerbrechender Schönheit ihr Mitleid für unsere zerbrochenen Herzen aus. Aber das ist bei weitem nicht die einzige Sorte Worte, die er ausspricht. Dennoch ist das fast die einzige Sorte Worte, von denen die Kirche in ihrer populären Darstellung zeigt, wie er sie ausspricht. Diese populäre Darstellung ist inspiriert durch einen absolut gesunden populären Instinkt. Die große Masse der Armen ist gebrochen, und die große Masse der Menschen ist arm, und für die große Masse der Menschheit ist es die Hauptsache, die Überzeugung von der unglaublichen Barmherzigkeit Gottes in sich zu tragen. Aber niemand, der seine Augen offen hat, kann daran zweifeln, dass es vor allem diese Vorstellung von Barmherzigkeit ist, die die populäre Maschinerie der Kirche zu transportieren sucht. Die populäre Darstellung transportiert absolut im Übermaß die Vorstellung des ‚gütigen und milden Jesus‘. Das ist das erste, was ein Außenseiter an einer Schmerzensmutter oder einem Schrein des Heiligen Herzens Jesu bemerkt und kritisiert. Wie ich meine, während die Kunst vielleicht unzulänglich sein mag, bin ich mir nicht sicher, dass der Instinkt unzuverlässig ist. Auf jeden Fall ist etwas Erschreckendes, etwas, das das Blut gerinnen lässt, an der Vorstellung davon, eine Statue von Christus im Zorn zu haben. Da ist etwas Unerträgliches selbst an der Vorstellung davon, um eine Straßenecke zu biegen oder auf einen Marktplatz hinauszutreten, um die versteinernde Steinfigur dieser Gestalt zu sehen, wie sie sich einer Generation von Vipern zuwendet, oder dieses Gesicht, wie es in das Gesicht eines Heuchlers blickt. Die Kirche kann daher vernünftigerweise gerechtfertigt werden, wenn sie den Menschen das barmherzigste Gesicht oder den barmherzigsten Aspekt zuwendet; aber es ist sicher der barmherzigste Aspekt, den sie ihnen zuwendet. Und der Punkt ist hier, dass er in besonderer und exklusiver Weise sehr viel barmherziger ist als irgendein Eindruck, den ein Mensch, der das Neue Testament einfach zum ersten Mal liest, erhalten könnte. Ein Mensch, der einfach die Worte der Erzählung so liest, wie sie dastehen, würde einen ganz anderen Eindruck erhalten; einen Eindruck voll des Unerklärlichen und vielleicht des Widersprüchlichen; aber sicherlich nicht nur einen Eindruck der Milde. Es wäre extrem interessant; aber ein Teil des Interessanten würde darin bestehen, dass es eine Menge zu erraten oder zu erklären übrig lässt. Es ist voller plötzlicher Gesten, die offensichtlich bedeutsam sind, nur dass wir kaum wissen, was sie bedeuten, voll von rätselhaftem Schweigen und ironischen Entgegnungen. Die Zornesausbrüche, wie Stürme über unserer Atmosphäre, scheinen nicht genau da auszubrechen, wo wir sie erwarten würden, sondern einer ganz eigenen Wetterkarte zu folgen. Der Petrus, den die populäre Kirchenlehre präsentiert, ist ganz richtig der Petrus, zu dem Christus vergebend sagt ‚Weide meine Schafe‘. Er ist nicht der Petrus, zu dem Christus sich wendet, als ob er der Teufel wäre, in diesem undurchsichtigen Zorn ausrufend ‚Weiche von mir, Satan‘. Christus klagte mit nichts als Liebe und Mitleid um Jerusalem, das ihn ermorden sollte. Wir wissen nicht, welche seltsame geistliche Atmosphäre oder geistliche Einsicht ihn dazu brachte, Bethsaida tiefer in die Grube zu senken als Sodom. […]

Das erste, was man bemerkt, ist, dass, wenn man es nur als eine menschliche Geschichte ist, es in mancher Weise eine sehr seltsame Geschichte ist. […] An ihr sind eine Menge Dinge, die niemand erfunden hätte, da sie Dinge sind, aus denen niemand je einen besonderen Nutzen gezogen hat; Dinge, die, wenn sie überhaupt notiert wurden, eher Rätsel geblieben sind. Zum Beispiel ist da dieses lange Schweigen im Leben Christi bis zum Alter von dreißig. […] Die gewöhnliche Tendenz zur Heldenverehrung und Legendenbildung würde viel eher das genaue Gegenteil sagen. Sie würde viel eher sagen (wie, so glaube ich, es einige der Evangelien sagen, die die Kirche abgelehnt hat) dass Jesus eine göttliche Frühreife zeigte und seine Mission in einem wundersam jungen Alter begann. […] Nun ist die ganze Geschichte voll von diesen Dingen. Sie ist in keiner Weise, wie es unverblümt schwarz auf weiß behauptet wird, eine Geschichte, bei der es einfach ist, zum Kern vorzustoßen. Sie ist alles andere als das, was diese Leute ein einfaches Evangelium nennen. Relativ gesehen ist es das Evangelium, das den Mystizismus hat, und die Kirche, die den Rationalismus hat. Ich würde natürlich sagen, dass das Evangelium das Rätsel ist und die Kirche die Antwort. Aber was auch immer die Antwort sein mag, das Evangelium ist, wie es dasteht, beinahe ein Buch der Rätsel.

Zunächst einmal würde ein Mensch, der die Aussagen in den Evangelien liest, keine Binsenweisheiten finden. Wenn er selbst mit dem respektvollsten Geist die Mehrheit der antiken Philosophen und modernen Moralisten gelesen hätte, würde er die einzigartige Bedeutung dessen schätzen, sagen zu können, dass er keine Binsenweisheiten gefunden hat. Das ist mehr, als sogar über Plato gesagt werden kann. Es ist sehr viel mehr als über Epiktet oder Seneca oder Mark Aurel oder Apollonius von Tyana gesagt werden kann. Und es ist unermesslich viel mehr als über die meisten agnostischen Moralisten und die Prediger der Ethischen Gesellschaften gesagt werden kann; mit ihren Lobliedern auf das Dienen und ihrer Religion der Brüderlichkeit. Die Moral der meisten antiken und modernen Moralisten war ein massiver und hochglanzpolierter Katarakt von Binsenweisheiten, der bis in alle Ewigkeit weiterfloss. Das wäre sicherlich nicht der Eindruck des imaginären unabhängigen Außenseiters, der das Neue Testament studiert. […] Er würde eine Reihe seltsamer Behauptungen finden, die klingen mochten wie die Behauptung, der Bruder von Sonne und Mond zu sein; eine Reihe sehr überraschender Ratschläge; eine Reihe verblüffender Zurechtweisungen; eine Reihe seltsam schöner Geschichten. Er würde einige gigantische Redewendungen über die Unmöglichkeit, eine Nadel mit einem Kamel aufzufädeln, oder die Möglichkeit, einen Berg ins Meer zu werfen, sehen. Er würde eine Reihe sehr gewagter Vereinfachungen der Schwierigkeiten des Lebens sehen, wie den Rat, über jeden gleichermaßen zu leuchten wie der Sonnenschein oder sich nicht mehr Sorgen um die Zukunft zu machen wie die Vögel. […]

Aber der Punkt hier ist, dass, wenn wir die Berichte der Evangelien als so etwas Neues wie Zeitungsberichte lesen könnten, sie uns viel mehr verwirren und vielleicht erschrecken würden als dasselbe, wie es sich im historischen Christentum entwickelt hat. Zum Beispiel sagte Christus nach einer klaren Anspielung auf die Eunuchen der östlichen Königshöfe, dass es Eunuchen des Königreichs des Himmels geben würde. Wenn das nicht den freiwilligen Enthusiasmus der Jungfräulichkeit meint, könnte man es nur als etwas sehr viel Unnatürlicheres oder Brutaleres verstehen. Es ist die historische Religion, die es für uns durch die Erfahrung von Franziskanern oder Schwestern der Barmherzigkeit humanisiert. Die bloße Aussage, wie sie in sich selbst dasteht, könnte auch eine eher entmenschlichte Atmosphäre suggerieren; die finstere und unmenschliche Stille des asiatischen Harems und Divans. Das ist nur ein Beispiel von vielen; aber die Moral der Geschichte ist, dass der Christus der Evangelien vielleicht tatsächlich seltsamer und schrecklicher scheinen könnte als der Christus der Kirche. […]

Ich halte daher daran fest, dass ein Mensch, der das Neue Testament geradeheraus und frisch lesen würde, nicht den Eindruck von dem bekommen würde, was jetzt oft mit einem menschlichen Christus gemeint ist. Der bloß menschliche Christus ist eine erfundene Figur, ein Teil, das von künstlicher Auslese her kommt, wie der bloß evolutionäre Mensch. Überdies hat es zu viele dieser menschlichen Christusse gegeben, die in derselben Geschichte gefunden wurden, genauso, wie es zu viele Schlüssel zur Mythologie  gegeben hat, die in den selben Geschichten gefunden wurden. Drei oder vier separate Schulen des Rationalismus haben den Grund abgegrast und drei oder vier gleich rationale Erklärungen seines Lebens gefunden. Die erste rationale Erklärung seines Lebens war, dass er nie gelebt hat. Und das hat wiederum die Gelegenheit für drei oder vier verschiedene Erklärungen gegeben, so wie etwa, dass er ein Sonnenmythos oder ein Kornmythos war oder irgendeine andere Art eines Mythos, der auch eine Monomanie ist. Dann hat die Vorstellung, dass er ein göttliches Wesen war, das nicht existiert hat, der Vorstellung Platz gemacht, dass er ein menschliches Wesen war, das existiert hat. In meiner Jugend war es Mode zu sagen, dass er bloß ein ethischer Lehrmeister nach Art der Essener gewesen sei, der anscheinend nicht viel zu sagen hatte, was nicht Hillel oder hundert andere Juden gesagt haben könnten; wie etwa, dass es eine gute Sache ist, gütig zu sein, und der Läuterung dienlich, lauter zu sein. Dann sagte jemand, er sei ein Verrückter mit einer messianischen Wahnvorstellung. Dann sagten andere, dass er tatsächlich ein origineller Lehrer war, weil er sich um nichts anderes kümmerte als den Sozialismus; oder (wie andere sagten) um nichts als den Pazifismus. Dann erschien ein grimmigerer wissenschaftlicher Charakter, der sagte, dass man überhaupt nie von Jesus gehört hätte, wenn nicht wegen seiner Prophezeiungen über das Ende der Welt. Er war von Bedeutung nur im selben Sinne wie ein Milleniarist wie Dr. Cumming; und schuf eine provinzielle Panik, indem er das genaue Datum des Jüngsten Gerichts ankündigte. Unter anderen Variationen derselben Melodie war die Theorie, dass er ein spiritueller Heiler war und nichts anderes; eine Sicht, die von der Christian-Science-Sekte angenommen wird, die tatsächlich ein Christentum ohne die Kreuzigung lehren muss, um die Heilung der Mutter von Petrus‘ Frau oder der Tochter eines Centurios zu erklären. Da ist noch eine andere Theorie, die sich ganz auf das Geschäft des Diabolismus konzentriert und das, was sie den zeitgenössischen Aberglauben über von Dämonen Besessene nennen würde, als ob Christus, wie ein junger Diakon, der seine erste Weihe empfängt, nur bis zu Exorzismen gekommen wäre und nie weiter. Nun scheint mir jede dieser Erklärungen für sich genommen ziemlich inadäquat, aber zusammengenommen zeigen sie etwas von dem Mysterium, das sie verfehlen. Da muss sicher etwas nicht nur Mysteriöses, sondern Vielseitiges an Christus gewesen sein, wenn man so viele kleinere Christusse aus ihm ausschneiden kann. […]

Vor allem, würde nicht ein solcher neuer Leser des Neuen Testaments über etwas stolpern, das ihn viel mehr erschrecken würde, als es uns erschreckt? […] Wir sollten einen schlimmeren Schock erleben, wenn wir uns wirklich vorstellen würden, dass die Natur Christi zum ersten Mal benannt würde. Was würden wir fühlen beim ersten Flüstern einer gewissen Andeutung über einen gewissen Mann? Sicherlich ist es nicht an uns, irgendjemandem Vorwürfe zu machen, der dieses erste wilde Gerücht einfach nur pietätlos und verrückt finden würde. Im Gegenteil, über diesen Stein des Anstoßes zu stolpern ist der erste Schritt. Nackte Ungläubigkeit ist ein sehr viel loyalerer Tribut gegenüber dieser Wahrheit als eine modernistische Metaphysik, die aus ihr nur eine Sache des Grades machen würde. Es wäre besser, unsere Gewänder zu zerreißen mit einem Schrei über Gotteslästerung, wie Kaiaphas bei der Verurteilung, oder den Mann als einen von Teufeln besessenen Wahnsinnigen festnehmen zu wollen wie die Verwandten und die Menge, anstatt dämlich dazustehen und feine Schattierungen des Pantheismus zu debattieren im Angesicht einer so katastrophalen Behauptung. Da ist mehr Weisheit, die eins ist mit Überraschung, in jeder einfachen Person, die voll der Empfindsamkeit der Einfachheit ist, und die erwarten würde, dass das Gras verdörrt und die Vögel tot vom Himmel fallen, als ein herumwandernder Zimmermannslehrling ruhig und beinahe nachlässig, wie einer, der über seine Schulter blickt, sagte: ‚Bevor Abraham wurde, bin ich.'“ ***

Generell behaupteten die Aufklärer ja auch gerne, die Religion sei einfach als Betrug geld- und machtgieriger Priester entstanden. Sie behaupteten es; und sie versuchten gar nicht erst, es zu begründen. Tatsachen, die dem entgegenstanden (z. B. dass das Christentum in seiner Entstehungszeit erst einmal lange verfolgt wurde) ignorierten sie einfach.

 

4) Einige Aufklärer glaubten an das Konzept vom „edlen Wilden“ – besonders Rousseau: Von Natur aus sei der Mensch gut, nur durch die Prägung durch Umwelt und Erziehung in der Gesellschaft werde er manchmal schlecht. Wenn man Kinder quasi anti-autoritär aufwachsen lasse, würden sie automatisch gut sein. Vielleicht reagierten die Aufklärer damit ja auf das übermäßig pessimistische Bild, das vorher die Reformation vom durch die Erbsünde „total verdorbenen“ Menschen gezeichnet hatte – aber auf jeden Fall redeten sie Unsinn (was ich heutzutage hoffentlich nicht mehr weiter begründen muss).

 

5) Die Aufklärer hatten dementsprechend auch so ihre falschen Vorstellungen von „Natürlichkeit“. Zölibat und Ordensleben beispielsweise lehnten sie grundsätzlich ab. Askese, Verzicht, Sühne, Buße – alles finsteres Zeug, das man nicht brauchte, denn wir sind doch alle schon mehr oder weniger gute Menschen, oder so. Ich glaube, die Aufklärer hätten mit einem bekehrten Verbrecher wie dem guten Schächer am Kreuz oder Paulus von Tarsus nicht viel anfangen können. Sie waren halt überhebliche intellektuelle bürgerliche Typen, die so die üblichen Sünden begingen, vielleicht mal mit ihrer verheirateten Gönnerin schliefen oder so, ohne das besonders schlimm zu finden. (Okay, ich generalisiere. Der gute Kant war, glaube ich, ein recht strenger Moralist.) Ich habe den Eindruck, dass sie schlimme Verbrechen ebenso wenig verstanden wie große Tugenden. Z. B. redeten sie manchmal so, als würden eh alle Ordensleute ihre Gelübde brechen. (Als ob das so extrem schwierig wäre, die zu halten!) Dazu kann man nur sagen: Schließt mal nicht von euch selber auf andere.

 

6) Noch mal zu einem der Aufklärer, die ich am wenigsten ausstehen kann, Rousseau. Der war ja, wie hier schon angedeutet, ziemlich totalitär eingestellt; noch ein paar Zitate, die das weiter illustrieren. Rousseau schreibt in seinem Buch über den „Gesellschaftsvertrag“, dass sich jeder Bürger seinem idealen Staat bedingungslos unterordnen müsse, was er mit der Fiktion eines „Gemeinwillens“ begründet, der nicht irren könne (bei dem jedoch nicht ganz klar, wie er bestimmt werden soll); seine Vorstellungen sind hier völlig realitätsfern und für die Praxis gefährlich. Während der Schreckensherrschaft 1793-94 berief sich Robespierre, der Frankreich zu dieser Zeit als dominierendes Mitglied des „Wohlfahrtsausschusses“ quasi diktatorisch regierte, als überzeugter rousseauistischer Fanatiker für seine Säuberungsmaßnahmen auf genau diesen „Gemeinwillen“. Rousseau schreibt:

„Alle diese Klauseln lassen sich, wenn man sie richtig auffaßt, auf eine einzige zurückführen, nämlich auf das gänzliche Aufgehen jedes Gesellschaftsgliedes mit allen seinen Rechten in der Gesamtheit, denn indem sich jeder ganz hingibt, so ist das Verhältnis zunächst für alle gleich, und weil das Verhältnis für alle gleich ist, so hat niemand ein Interesse daran, es den anderen drückend zu machen.

Da ferner dieses Aufgehen ohne allen Vorbehalt geschieht, so ist die Verbindung so vollkommen, wie sie nur sein kann, und kein Gesellschaftsgenosse hat irgend etwas Weiteres zu beanspruchen, denn wenn den einzelnen irgendwelche Rechte blieben, so würde in Ermangelung eines gemeinsamen Oberherrn, der zwischen ihnen und dem Gemeinwesen entscheiden könnte, jeder, der in irgendeinem Punkte sein eigener Richter ist, auch bald verlangen, es in allen zu sein; der Naturzustand würde fortdauern, und die gesellschaftliche Vereinigung tyrannisierend oder zwecklos sein.

Während sich endlich jeder allen übergibt, übergibt er sich damit niemandem, und da man über jeden Gesellschaftsgenossen das nämliche Recht erwirbt, das man ihm über sich gewährt, so gewinnt man für alles, was man verliert, Ersatz und mehr Kraft, das zu bewahren, was man hat.

Scheidet man also vom Gesellschaftsvertrage alles aus, was nicht zu seinem Wesen gehört, so wird man sich überzeugen, daß er sich in folgende Worte zusammenfassen läßt: ‚Jeder von uns stellt gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Leitung des allgemeinen Willens, und wir nehmen jedes Mitglied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.'“ (Buch 1, Kapitel 6)

„Aus dem Vorhergehenden ergibt sich, daß der allgemeine Wille beständig der richtige ist und immer auf das allgemeine Beste abzielt; daraus folgt jedoch nicht, daß Volksbeschlüsse immer gleich richtig sind. Man will stets sein Bestes, sieht jedoch nicht immer ein, worin es besteht. Das Volk läßt sich nie bestechen, wohl aber oft hinter das Licht führen, und nur dann scheint es Böses zu wollen.

Oft ist ein großer Unterschied zwischen dem Willen aller und dem allgemeinen Willen; letzterer geht nur auf das allgemeine Beste aus, ersterer auf das Privatinteresse und ist nur eine Summe einzelner Willensmeinungen. Zieht man nun von diesen Willensmeinungen das Mehr und Minder, das sich gegenseitig aufhebt, ab, so bleibt als Differenzsumme der allgemeine Wille übrig.

Hätten bei der Beschlußfassung eines hinlänglich unterrichteten Volkes die Staatsbürger keine feste Verbindung untereinander, so würde aus der großen Anzahl kleiner Differenzen stets der allgemeine Wille hervorgehen, und der Beschluß wäre immer gut. Wenn sich indessen Parteien, wenn sich kleine Genossenschaften zum Nachteil der großen bilden, so wird der Wille jeder dieser Gesellschaften in Beziehung auf ihre Mitglieder ein allgemeiner und dem Staate gegenüber ein einzelner; man kann dann sagen, daß nicht mehr soviel Stimmberechtigte wie Menschen vorhanden sind, sondern nur so viele, wie es Vereinigungen gibt. Die Differenzen werden weniger zahlreich und führen zu einem weniger allgemeinen Ergebnis. Wenn endlich eine dieser Vereinigungen so groß ist, daß sie über alle anderen das Übergewicht davonträgt, so ist das Ergebnis nicht mehr eine Summe kleiner Differenzen, sondern eine einzige Differenz; dann gibt es keinen allgemeinen Willen mehr, und die Ansicht, die den Sieg davonträgt, ist trotzdem nur eine Privatansicht.

Um eine klare Darlegung des allgemeinen Willens zu erhalten, ist es deshalb von Wichtigkeit, daß es im Staate möglichst keine besonderen Gesellschaften geben und jeder Staatsbürger nur für seine eigene Überzeugung eintreten soll.Deshalb war die auf diesem Grundsatze beruhende Einrichtung des großen Lykurg so einzig in ihrer Art und so erhaben. Gibt es nun solche besondere Gesellschaften, so muß man ihre Anzahl vermehren und ihrer Ungleichheit vorbeugen, wie Solon, Numa und Servius Tullius taten. Diese Vorsichtsmaßregeln können es einzig und allein bewirken, daß der allgemeine Wille immer klar ersichtlich ist, und das Volk sich nicht irrt.“ (Buch 2, Kapitel 3)

„Alle Dienste, die der Staatsbürger dem Staate zu leisten vermag, ist er ihm schuldig, sobald das Staatsoberhaupt sie verlangt; dagegen kann das Staatsoberhaupt von seiner Seite aus die Untertanen mit keiner dem Gemeinwesen unnützen Fessel belasten, ja, es kann es nicht einmal wollen, denn nach dem Gesetze der Vernunft geschieht ebensowenig wie nach dem Gesetze der Natur etwas ohne Ursache.“ (Buch 2, Kapitel 4)

Und zum Verhältnis von Staat und Religion schreibt er:

„In diese Verhältnisse hinein [die antiken Verhältnisse, in denen die Religion nicht vom Staat getrennt war] kam Jesus, um ein geistiges Reich auf Erden zu errichten; dies hatte durch die Trennung des theologischen Systems vom politischen zur Folge, dass der Staat aufhörte, einer zu sein, und verursachte die Spaltungen, die nie aufgehört haben, Unruhe unter den christlichen Völkern zu stiften. Da nun diese Vorstellung eines Königreichs von einer anderen Welt den Heiden nie in die Köpfe wollte, betrachteten sie die Christen immer als echte Aufständische, die, bei heuchlerischer Unterwürfigkeit, nur auf den Augenblick warteten, sich unabhängig und zu Herren zu machen und sich geschickt der souveränen Gewalt zu bemächtigen, die sie in ihrer Schwäche anzuerkennen vorgaben. Das war der Grund für die Verfolgungen.

Was die Heiden befürchtet hatten, ist eingetreten; hierauf hat alles sein Gesicht verändert, die demütigen Christen haben ihren Ton geändert, und alsbald hat man dieses Königreich, angeblich von einer anderen Welt, auf dieser hier unter einem sichtbaren Oberhaupt zum härtesten Despotismus werden sehen.

Unterdessen ist aus dieser doppelten Gewalt – da es immer einen Fürsten und bürgerliche Gesetze gab – ein ständiger Konflikt der Gesetzgebung erwachsen, der in den ersten christlichen Staaten jede gute Staatsordnung unmöglich gemacht hat, und nie war man endgültig sicher, ob man dem Herrn oder dem Priester zum Gehorsam verpflichtet war.
Mehrere Völker, selbst in Europa oder in seiner Nachbarschaft, wollten indes das alte System bewahren oder erneuern, jedoch ohne Erfolg; der Geist des Christentums hat alles bezwungen. Der Gottesdienst ist immer vom Souverän unabhängig geblieben oder es wieder geworden, ohne notwendige Verbindung mit dem Staatskörper. Mohammed hatte sehr gesunde Ansichten; er knüpfte sein politisches System fest, und solange seine Regierungsform unter seinen Nachfolgern, den Kalifen bestand, war diese Regierung eine völlig einheitliche und darin gut. Aber die Araber, reich, gelehrt, verfeinert, schlaff und faul geworden, wurden von Barbaren unterworfen; da begann die Spaltung von neuem; obwohl sie bei den Mohammedanern weniger offenbar ist als bei den Christen, gibt es sie doch, besonders in der Sekte des Ali, und es gibt Staaten wie Persien, wo sie sich ständig bemerkbar macht.

In unserem Bereich haben sich die englischen Könige zu Häuptern der Kirche gemacht, und ein Gleiches haben die Zaren getan; aber durch diesen Titel sind sie weniger deren Herren geworden als deren Verwalter; sie haben weniger das Recht erworben, sie zu ändern, als die Berechtigung, sie zu bewahren. Sie sind dort nicht Gesetzgeber, sie sind dort nur Fürsten. Überall, wo der Klerus eine Körperschaft bildet, ist er in seinem Bereich Herr und Gesetzgeber. Es gibt deshalb in England und Russland wie auch sonst überall zwei Gewalten, zwei Souveräne.“

Was er weiter über die ideale Staatsreligion schreibt, habe ich hier schon zitiert.

 

7) Dann wäre da Adam Smiths amoralischer Wirtschaftsliberalismus.

„Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe.“

Ach ja, das kennen vermutlich noch einige aus dem Unterricht in Wirtschaft und Recht. – Natürlich sind alle Menschen bei ihrem wirtschaftlichen Handeln erst einmal auf ihren eigenen Lebensunterhalt bedacht. Diese Art von Selbstliebe ist auch nicht falsch – aber eben nur, solange sie einen nicht dazu bringt, die Nächstenliebe, oder, anders ausgedrückt, die Gerechtigkeit, zu verletzen. Wirtschaftsliberale wie Smith gingen davon aus, die frei waltenden selbstsüchtigen Wünsche der Leute würden sich von allein gegenseitig ausgleichen („unsichtbare Hand“), was aber nie so ganz funktioniert hat, wie man am Kapitalismus des 19. Jahrhunderts sehen kann, allein schon deshalb, weil manche Menschen eine bessere Ausgangsposition haben als andere, um ihrer Selbstsucht zu frönen, und manche Menschen dabei skrupelloser sind als andere. Gesetze gegen zu hohe Preise, gegen zu niedrige Löhne, gegen zu schlechte Arbeitsbedingungen usw. haben sich sehr wohl als nötig herausgestellt. Die „Menschenliebe“ aus der Wirtschaft heraushalten zu wollen, ist halt falsch. Christus hat König über alle Lebensbereiche zu sein.

 

8) Insgesamt sieht man bei den Aufklärern ein absolut dämliches, naives Fortschrittsdenken. Vor der Aufklärung glaubten die Menschen ja tendenziell eher, die Welt würde immer schlechter werden, sich immer mehr von dem ursprünglichen „Goldenen Zeitalter“ bzw. dem Paradieszustand entfernen. Okay, die Renaissance war da schon etwas anders, etwas selbstbewusster und optimistischer, und die Aufklärung trieb das dann auf die Spitze. Vielleicht war die Ursache dafür die damalige technologische Entwicklung – man hatte schon die Dampfmaschine und die Spinnmaschine und den Heißluftballon erfunden, aber Atombombe und Gaskammern noch nicht, also hielt man den technologischen Fortschritt halt für uneingeschränkt toll.

Aber sie glaubten ja nicht nur an technischen, medizinischen, wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch an moralischen und erkenntnismäßigen – als ob jemand ein besserer Mensch wäre, weil er ein späteres Geburtsdatum hat, oder als ob eine spätere Zeit nicht auch wichtige Erkenntnisse einer früheren verlieren und auf neue dumme Ideen kommen könnte.

Von der Tugend der menschlichen Demut sprachen die Aufklärer fast gar nicht mehr. Ich finde es interessant, dass die Figur des Faust, der bisher als mahnendes Beispiel dafür gegolten hatte, was Hochmut und Selbstüberhebung anrichten können, in etwas positiverer Richtung umgedeutet wurde – „wer immer strebend sich bemüht“ usw., um Goethe zu zitieren.

 

9) Bei den Ideen einzelner Aufklärer, von denen ich nicht viel halte, wäre auch noch Leibniz‘ Gerede davon, unsere Welt sei die beste aller möglichen Welten – wobei das auch ein anderer Aufklärer, Voltaire, in „Candide“ auf die Schippe genommen hat (allerdings nur auf die Schippe genommen, nicht mit Argumenten widerlegt). Tatsächlich denke ich nicht, dass unsere Welt die beste aller möglichen Welten ist. Vielleicht hat Gott noch andere bessere Welten erschaffen, vielleicht auch nicht; jedenfalls hätte Er wahrscheinlich eine bessere Welt als unsere erschaffen können, hat aber unsere erschaffen. Er musste auch nicht die beste aller möglichen Welten erschaffen – genausowenig, wie ein Künstler das beste aller möglichen Werke erschaffen muss. Ein Künstler kann einfach gute Werke erschaffen, die er mag.

 

10) Außer den in den letzten zwei Teilen erwähnten angeblichen Errungenschaften der Aufklärung wird ihr auch gerne ein Anteil an der Emanzipation der Frau zugeschrieben. Nun kann man annehmen, dass die aufklärerischen Ideen von Freiheit und Gleichheit letztlich auch zur Frauenbewegung beitrugen. Aber so einfach ist das doch nicht. Olympe de Gouges wurde immerhin von der Ersten Republik guillotiniert. Die meisten Aufklärer hatten für Frauen ausschließlich eine häusliche Rolle vorgesehen, ihrer „Natur“ entsprechend; auch hier wird ihr Beitrag überbewertet, mit politischer Beteiligung der Frau hatten sie gar nichts am Hut. (Wobei ich hier nicht leugnen will, dass ja auch die spätere Frauenbewegung dann nicht ganz so unproblematisch war, in dem Sinne, dass sie teilweise durchaus familienfeindlich war, dann auch für sexuelle „Befreiung“ eintrat, und schließlich sogar für ein Recht auf Abtreibung.)

 

11) Ich weiß, ich weiß, man soll lieber Ideen als Personen bewerten. Aber ich möchte trotzdem noch anmerken, dass mir wenige Aufklärer untergekommen sind, die ich persönlich sympathisch finden kann. Ich habe hier schon erwähnt, dass Jefferson ein Sklavenhalter war – er hielt sich auch eine seiner Sklavinnen als Geliebte – und Rousseau alle fünf Kinder, die er mit seiner Mätresse hatte, in Findelheime mit hohen Kindersterblichkeitsraten gab. Der Marques de Pombal ging über die Leichen seiner politischen Gegner, Friedrich II. von Preußen war recht kriegslustig. Voltaire hatte ein Verhältnis mit seiner eigenen Nichte, Diderot war ein serienmäßiger Ehebrecher. Kant scheint in Ordnung gewesen sein, gut. Aber unter allen berühmten Aufklärern gibt es jedenfalls keinen, den man auf eine Stufe mit unseren Heiligen stellen könnte. Oder habe ich hier jemanden übersehen?

 

Also: Zurück hinter die Aufklärung! Zurück hinter die Reformation! Zurück ins Mittelalter!

 

* Ja, ich formuliere genderunsensibel, ich weiß.

** G. K. Chesterton, The everlasting man, 2. Teil, 2. Kapitel, Übersetzung von mir.

*** Ebd.

Was habe ich eigentlich gegen die sog. Aufklärung? Teil 2: Zu Toleranz und Demokratie

Heute zu zwei weiteren „Errungenschaften“, für die die Aufklärung gerne gefeiert wird:

 

3) Glaubens-, Meinungs-, Pressefreiheit

„3) Die Aufklärer haben immer wieder bekräftigt, dass es jedem Menschen erlaubt sein sollte, seine Meinung frei zu äußern. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass wir heute über Presse- und Meinungsfreiheit verfügen. Dank der Aufklärung müssen wir uns nicht mehr fürchten, als Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, wenn wir eine unbequeme Meinung kundtun und die Dogmen der Kirche hinterfragen (Beispiel: Johannes Hus auf dem Konzil von Konstanz).“

Mit der Glaubens- und der Meinungsfreiheit ist das eine sehr komplizierte Sache. Und ich glaube, ich muss hier erst mal wieder ein bisschen ausholen und einige geschichtliche Sachen nacheinander erzählen, bevor ich zum Punkt kommen kann. Also:

Die Kirche hat immer gelehrt, dass Zwangstaufen ungültig und unerlaubt sind, da Gott will, dass die Menschen freiwillig zu Ihm kommen, und es gar nicht möglich ist, Glauben zu erzwingen. Aber ganz simpel und friedlich war der Umgang mit anderen Glaubensvorstellungen in der Kirchengeschichte bekanntlich trotzdem nicht immer – wofür es vielfältige Gründe gab.

In Antike und Frühmittelalter wurden gelegentlich heidnische Tempel und Götterbilder durch Herrscher, die den christlichen Glauben angenommen hatten, zerstört – bzw. manchmal auch durch christliche Missionare, wie beim hl. Bonifatius und der Donareiche der Fall -, sodass gewisse heidnische Kulthandlungen nicht mehr möglich waren; einerseits wurden so Handlungen, die man als Affront gegen Gott sah, gestoppt; andererseits war das aber auch einfach eine effiziente Methode, um die Heiden von der Machtlosigkeit ihrer Götter zu überzeugen.

File:Bonifatius Donareiche.jpg

(Bonifacius haut in Hessen einen Opferbaum um, Radierung von Bernhard Rode 1781, Gemeinfrei.)

Richtig vorzugehen begannen christliche Herrscher nach der Konstantinischen Wende allerdings nicht gegen Juden oder Heiden – die Heiden ließen sich nach und nach taufen und wurden bis dahin auch toleriert, die Juden hatten einen festen Status als geduldete Außenseiter, für die eigene Regeln galten -, sondern gegen Theologen und Sektengründer innerhalb der Christenheit, die von der Kirchenlehre abweichende Lehren verkündeten (also Häretiker/Ketzer). Mit Verrätern im Inneren geht man ja meistens härter um als mit Feinden da draußen.

Das begann schon in der Antike: Hier wurden z. B. manche solche Theologen von den römischen Autoritäten in ein anderes Gebiet verbannt (das konnte allerdings auch mal die rechtgläubige Seite treffen, wenn der Kaiser einer häretischen Partei, etwa den Arianern, folgte). Nachdem sich etwa in Nordafrika die Donatisten (die glaubten, dass Christen, die in den Zeiten der Verfolgung von der Kirche abgefallen waren, bei ihrer Rückkehr ein zweites Mal getauft bzw., wenn Kleriker, ein zweites Mal geweiht werden müssten) abgespalten hatten, wurden ihre Schriften und Gebäude schließlich konfisziert und wieder der katholischen Seite übergeben, Laien, die nicht zur katholischen Kirche zurückkehren wollten, wurden mit hohen Geldstrafen belegt, und Kleriker wurden verbannt. Die Donatisten waren freilich keine ganz harmlose Gruppe: Eine militante donatistische Gruppierung, die Circumcellionen, verübte gerne Terroranschläge. Mit diesen Häretikern hatte übrigens der hl. Augustinus sich besonders auseinanderzusetzen; er hieß die Anwendung staatlicher Zwangsmittel in diesem Fall gut, mit Berufung auf Lk 14,23: „dränge/nötige/zwinge sie einzutreten“; in der Übersetzung, die er gebrauchte: „cogite intrare“, d. h. „zwinge sie einzutreten“, was er als „zwinge sie, in die Kirche einzutreten“ interpretierte. Wenn die Donatisten zuerst auch nur gezwungermaßen zurück zur wahren Kirche kämen, würden vielleicht zumindest die nächsten Generation ihr wieder richtig folgen.

Auch die erste Hinrichtung eines Ketzers – Priscillian – fällt noch in die Antike, nämlich ins Jahr 383; allerdings protestieren damals die einflussreichsten Bischöfe, wie der hl. Martin von Tours, der hl. Ambrosius von Mailand, und der hl. Papst Siricius ausdrücklich dagegen. Im Hochmittelalter wurde neben solchen Strafen wie der Exkommunikation oder der Klosterhaft auch die Reichsacht oder die Todesstrafe für hartnäckige Häretiker schließlich üblich; der hl. Thomas von Aquin argumentierte, die Anwendung der Todesstrafe sei ganz richtig, weil man ja schon Münzfälscher mit dem Tod bestrafe, Häretiker aber etwas sehr viel Wichtigeres verfälschten. „Denn weit schwerere Schuld ist es, den Glauben zu fälschen, welcher der Seele das Leben gewährt, wie Geld zu fälschen, das nur zum Unterhalte des zeitlichen Lebens dient.“ Es war nicht so, dass man nicht auch versucht hätte, die Häretiker (besonders die, die nur den Sektenführern nachliefen) mit Argumenten zu überzeugen – der Dominkanerorden etwa wurde deshalb als Predigerorden gegründet, um die Albigenser in Südfrankreich zur Kirche zurückzuführen -, aber es gab auch andere Maßnahmen. Häretiker galten als Bedrohung für das Fundament der Gesellschaft, den christlichen Glauben, den die Kirche hütete, und oft genug hatten ihre Lehren auch ganz praktische schädliche Auswirkungen: So lehrten etwa die Albigenser des 12./13. Jahrhunderts, Ehe und Kinderkriegen seien quasi dämonisch und ihre „Vollkommenen“ praktizierten in manchen Fällen sogar Selbstmord durch Verhungern; die Wiedertäufer des 16. Jahrhunderts lehnten die Leistung von Eiden und den Kriegsdienst – selbst für Verteidigungskriege – ab. Auf jeden Fall wurden solche Gruppen als gefährliche Sektierer gesehen, die nicht nur die irdische Gesellschaft, sondern auch das ewige Heil der einzelnen gefährdeten. Öfter einmal führten solche Abspaltungen auch zu Aufständen und Bürgerkriegen (etwa den Hussitenkriegen).

Bis ins frühe 16. Jahrhundert wurden die meisten Häresien früher oder später unterdrückt und verschwanden wieder oder blieben nur ein lokales Problem; nach 1517 allerdings gewannen gewisse Häretiker die Gunst einiger Fürsten, die eine gute Gelegenheit gekommen sahen, den Besitz der Klöster zu beschlagnahmen und – im Fall Heinrichs VIII. von England – die Ehefrau loszuwerden, weshalb sie wesentlich mehr Erfolg hatten. Das Ganze lief dann, nachdem sich die Fragen nicht mit Disputationen und päpstlichen Schreiben aus der Welt schaffen hatten lassen, erst einmal auf diverse brutal geführte Kriege bzw. auch Bürgerkriege, ein paar Revolutionen oder Staatsstreiche, versuchte und gelungene Attentate sowie Terroranschläge und natürlich beiderseitige staatliche Maßnahmen gegen die andere, als häretisch betrachtete Seite hinaus.

Aber irgendwann fand man doch irgendwelche Friedensvereinbarungen zwischen Katholiken und Protestanten und wurde der ganzen Kämpfe müde. Die Aufklärung mit ihrem religiösen Indifferentismus und ihrer gleichzeitigen Abneigung gegen alle dogmatischen Religionen folgte letztlich daraus – .nicht nur aus der Erfahrung der ganzen Brutalität, sondern auch daraus, dass diese Brutalität nichts genützt hatte. Nach ein wenig Hin und Her zu Beginn blieb halb Europa protestantisch, und halb Europa katholisch; es war eine Pattsituation, die sich nicht auflösen ließ.

„Und das ist ein Gefühl, das man nur eins der Zwecklosigkeit nennen kann. Es kam von dem Missverhältnis zwischen den Gefahren und Nöten der Religionskriege und dem wirklich unvernünftigen Kompromiss her, mit dem sie endeten; cuius regio ejus religio, was man übersetzen kann mit, „jeder Staat soll seine Staatskirche errichten“, aber was in der Renaissance hieß, „jeder Fürst mag tun, was er will“.

Das siebzehnte Jahrhunderte endete mit einem Fragezeichen. […] Es war eine offene Frage, aber es war auch eine offene Wunde. […] sie erwarteten, dass sich die Wunde schließen würde. Wir tendieren heute natürlich dazu, diesen Punkt zu übersehen. Wir haben fast vierhundert Jahre ein geteiltes Christentum gehabt und haben uns daran gewöhnt; und es ist die Wiedervereinigung der Christenheit, die wir als das außerordentliche Ereignis ansehen. Aber sie sahen immer noch die Spaltung der Christenheit als ein außergewöhnliches Ereignis. Keine der beiden Seiten hatte je wirklich erwartet, dass sie in einem Zustand der Spaltung verbleiben würde. Alle ihre Traditionen seit tausend Jahren sprachen von irgendeiner Art von Einheit, die aus einer Kontroverse folgte, von jeher, seit eine geeinte Religion sich über ein geeintes Römisches Reich ausgebreitet hatte. Von einem protestantischen Standpunkt aus war es ganz natürlich, dass der Protestantismus Europa erobern würde, so wie das Christentum Europa erobert hatte. In diesem Fall wäre der Erfolg der Gegenreformation nur das letzte Aufzüngeln einer sterbenden Flamme, wie das letzte Gefecht des Julian Apostata. Von einem katholischen Standpunkt aus war es ganz natürlich, dass der Katholizismus Europa zurückerobern würde, wie er mehr als einmal Europa zurückerobert hatte; in diesem Fall wäre der Protestant dasselbe wie die Albigenser: ein vorübergehendes Element, das schlussendlich reabsorbiert würde. Aber keins dieser beiden natürlichen Dinge geschah. Preußen und die anderen protestantischen Fürstentümer kämpften im Dreißigjährigen Krieg gegen Österreich als den Erben des Heiligen Römischen Reiches. Sie bekämpften einander bis zum Waffenstillstand. Es war absolut und offensichtlich hoffnungslos, Österreich protestantisch oder Preußen römisch-katholisch zu machen. Und von dem Moment an, wo diese Tatsache begriffen wurde, änderte sich das Wesen der ganzen Welt. Der Fels war gespalten worden und würde sich nicht wieder schließen, und in dem Spalt oder Abgrund begann eine neue Art von seltsamem und stacheligem Unkraut zu wachsen. Die offene Wunde eiterte.“ (G. K. Chesterton, „Anti-Religious Thought In The Eighteenth Century“, Übersetzung von mir.)

Auch an anderen Fronten herrschte eine Art religiöse Pattsituation; während im Altertum tatsächlich noch viele Juden Christen geworden waren, war das seit dem Mittelalter nur noch in seltenen Einzelfällen vorgekommen – woran wohl ihre unfreundliche Behandlung durch Christen auch nicht ganz unschuldig war, allerdings war das sicher nicht der einzige Faktor. Luther hatte ja noch gemeint, wenn er den Juden nur freundlich sein korrektes „Evangelium“ präsentiere, würden sie schon bald Jesus als den Messias anerkennen; da hatte er seine Rechnung allerdings ohne die Juden gemacht, weshalb er dann auch ziemlich sauer geworden war und gefordert hatte, man solle ihre Synagogen und Häuser zerstören, den Rabbinern bei Todesstrafe das Lehren verbieten und die jungen Juden zur Zwangsarbeit heranziehen. Aber auch der Islam stand der Christenheit weiterhin sowohl unversöhnlich wie unbesiegt gegenüber; das expandierende Osmanische Reich war in der Frühen Neuzeit sogar eine immense Bedrohung. Und der letzte Versuch – ein sehr vielversprechender Versuch übrigens – einer Union mit den Orthodoxen war schon Mitte des 15. Jahrhundert gescheitert.

Nirgendwo zeichnete sich der „Sieger der Geschichte“ ab, den die Leute fälschlicherweise erwarteten, und die Wiederkunft des Herrn, die in der Krisenzeit des 16. und frühen 17. Jahrhunderts nicht nur ein paar der radikalsten Sekten erwartet hatten, blieb ebenfalls aus. Also kamen die Leute auf den Gedanken, dass möglicherweise keine all der Seiten wirklich im Recht gewesen war, dass man diese ganzen Streitereien lassen und einfach friedlich und human nebeneinander leben und alle allzu dogmatischen religiösen Lehren aufgeben sollte; sich nicht mehr so sehr um den Himmel, sondern mehr um die Erde sorgen sollte; nicht mehr darüber predigen sollte, wie man einen gerechten Gott kriegte, sondern wie man gute Menschen machte.

Das Problem war nur, dass diese Idee am Ende nicht funktionierte.

Nachdem die Leute aufgehört hatten, die Religion als wichtigsten Teil des Lebens zu betrachten und einander ihretwegen zu bekämpfen, kamen nach und nach andere Dinge auf, um derentwillen sie einander bekämpften. Nationalstolz, faschistische Eroberungslust, Rassenhass, Versuch der proletarischen Weltrevolution; alles Mögliche. Die Ideologien, die nach der Aufklärung aufkamen, sorgten für wesentlich größere Blutbäder als die Religionen der Epoche zuvor.

Schon mit der Toleranz der Aufklärer selber war es ja nicht immer so einfach. Dem großen französischen Aufklärer Voltaire wird ja gerne (fälschlich)  das Zitat zugeschrieben: „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“ Als Beschreibung der Einstellung einiger Aufklärer taugt es tatsächlich bis zu einem gewissen Grad – denn sie traten ja schon für allgemeine Toleranz und Glaubensfreiheit ein, aber gleichzeitig missbilligten (oder im Fall von Voltaire: hassten) sie eben schon so gut wie alle Glaubensrichtungen, die da hätten toleriert werden sollen (abgesehen von ihrem eigenen vagen Deismus). Damit meine ich nicht nur den Katholizismus; man muss sich mal die Beschimpfungen durchlesen, die Voltaire oder auch Rousseau zum Judentum einfielen. „Das jüdische Volk wagt, einen unversöhnlichen Haß gegen alle Völker zur Schau zu tragen. Es empört sich gegen alle seine Meister, immer abergläubisch, immer gierig nach dem Gute anderer, immer barbarisch, kriechend im Unglück und frech im Glück.“ (Voltaire, Sur les Moeurs 42, gemäß Wikiquote.) Das letztliche Ziel der Aufklärer war tatsächlich das Ende dieser Religionen – Voltaire unterzeichnete seine Briefe gerne mit „Ecrasez l’infame“ – „Zermalmt die Niederträchtige“, was sich auf die Kirche bezog. Lassen wir noch einen anderen Aufklärer zu Wort kommen, um zu erfahren, was für Vorstellungen diese Leute von Toleranz hatten. Ich übergebe das Wort an Jean-Jacques Rousseau, dessen Ideen (über seinen Fan Robespierre) die Französische Revolution sehr stark prägten:

Es gibt daher [in Rousseaus idealem Staat] ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis, dessen Artikel festzusetzen dem Souverän zukommt, nicht regelrecht als Dogmen einer Religion, sondern als Gesinnung des Miteinander, ohne die es unmöglich ist, ein guter Bürger und ein treuer Untertan zu sein. Ohne jemand dazu verpflichten zu können, sie zu glauben, kann er jeden aus dem Staat verbannen, der sie nicht glaubt; er kann ihn nicht als Gottlosen verbannen, sondern als einen, der sich dem Miteinander widersetzt und unfähig ist, die Gesetze und die Gerechtigkeit ernstlich zu lieben und sein Leben im Notfall der Pflicht zu opfern. Wenn einer, nachdem er öffentlich ebendiese Dogmen anerkannt hat, sich so verhält, als ob er sie nicht glaube, soll er mit dem Tode bestraft werden; er hat das größte aller Verbrechen begangen, er hat vor den Gesetzen gelogen.

Die Dogmen der bürgerlichen Religion müssen einfach, gering an Zahl und klar ausgedrückt sein, ohne Erklärungen und Erläuterungen. Die Existenz der allmächtigen, allwissenden, wohltätigen, vorhersehenden und sorgenden Gottheit, das zukünftige Leben, das Glück der Gerechten und die Bestrafung der Bösen sowie die Heiligkeit des Gesellschaftsvertrags und der Gesetze – das sind die positiven Dogmen. Was die negativen Dogmen anbelangt, so beschränke ich sie auf ein einziges: die Intoleranz; sie gehört jenen Kulten an, die wir ausgeschlossen haben.

Meiner Meinung nach täuschen sich diejenigen, die einen Unterschied machen zwischen der bürgerlichen Intoleranz und der religiösen Intoleranz. Diese beiden Arten von Intoleranz sind nicht zu trennen. Es ist unmöglich, mit Menschen in Frieden zu leben, die man für unselig hält; sie lieben hieße, Gott, der sie straft, hassen; man muss sie unbedingt bekehren oder sie bedrängen. […]

Heute, wo es eine ausschließliche Staatsreligion nicht mehr gibt noch geben kann, muss man alle jene tolerieren, die ihrerseits die anderen tolerieren, sofern ihre Dogmen nicht gegen die Pflichten des Bürgers verstoßen. Wer aber zu sagen wagt ‚Es gibt kein Heil außerhalb der Kirche‘ muss aus dem Staat ausgestoßen werden, es sei denn, der Staat ist die Kirche und der Fürst der Pontifex.“ *

Mit anderen Worten: Der Staat soll eine eigene Religion einführen und alle Abweichler – alle, die den Staat nicht für heilig erklären wollen, alle, die ihre eigene Religion ernst nehmen und missionieren wollen, aber z. B. auch alle Atheisten – verbannen oder hinrichten. Das nennt sich Freiheit und Toleranz, nicht wahr? (Dass Rousseau keine Ahnung vom Christentum hat und meint, Menschen zu lieben wäre das Gegenteil davon, sie von der Wahrheit überzeugen zu wollen, lassen wir mal beiseite, ebenso wie die Tatsache, dass „Kein Heil außerhalb der Kirche“ ja gar nicht heißt, dass alle Nichtkatholiken in die Hölle kommen („unüberwindliche Unwissenheit“ usw.).)

Dass es die Aufklärer in der Praxis nicht immer so mit der Toleranz hatten, sieht man z. B. schon bei dem aufgeklärt-absolutistischen Kaiser Joseph II., der in Österreich hunderte „unnütze“, d. h. vor allem kontemplative Klöster aufheben ließ. Die eigene Lebensform frei wählen? Nix da, wenn diese Lebensform die der klausurierten Nonne ist. Eine Aufhebung der Orden war etwas, das die Aufklärer wieder und wieder forderten, und das sie auch immer wieder erreichten. Am klarsten sieht man die „Toleranz“ der Aufklärung während der Französischen Revolution, der Gelegenheit, bei der aufklärerisch inspirierte Leute erstmals so richtig zum Zug kamen.

Anfangs war sie ja noch nicht so schlimm. Anfangs ging es um konkrete Abhilfe für berechtigte Probleme – z. B. ein ungerechtes Steuersystem. Dass eine Verfassung geschaffen werden sollte, dass die Leibeigenschaft abgeschafft wurde, dass Richterämter nicht mehr käuflich sein sollten usw., alle diese Reformen der Jahre 1789/90 waren gut. Der sinnlose Gewaltausbruch in Paris im Juli 1789, bei dem ein Gefängnis mit ganzen sieben Insassen gestürmt wurde und Männern, denen man freies Geleit zugesagt hatte, dann der Kopf abgehackt wurde, war freilich nicht sehr schön, hätte aber eine Fußnote in der Geschichte bleiben können, wenn es nur dabei geblieben wäre.

Wie gesagt, soweit der Beginn. Aber bald ging die Revolution in eine Richtung, an der man gut viele Fehler der Aufklärung sehen kann.

Das zeigt sich schon bald im direkten Umgang mit der Kirche: Da der Kirchenzehnte abgeschafft wurde, sollte der Staat für die Bezahlung der Priester aufkommen; im Gegenzug wurde von ihnen ein Eid auf die Verfassung verlangt – mit anderen Worten, die Kirche sollte unter die Kontrolle des Staates gebracht werden. Etwa die Hälfte der Priester verweigerte diesen Eid (den zu leisten auch der zögerliche Papst Pius VI. 1792 schließlich für unzulässig erklärte) und wurde dafür abgesetzt und bestraft oder musste ins Exil fliehen. Dann wären auch hier die Orden: Schon 1790 wurden die meisten Orden abgeschafft; diejenigen, die sich dem Schulwesen und der Krankenpflege gewidmet hatten, durften immerhin noch bis 1792 bestehen bleiben, aber dann vertrieb man auch hier die Mönche und Nonnen aus den Klöstern.

File:Paris Saint-Honoré d'Eylau1926.JPG

(Bleiglasfenster in der Kirche Saint-Honoré d’Eylau (Avenue Raymond-Poincaré im 16. Arrondissement von Paris). Es zeigt die 14 Karmelitinnen von Compiègne, die 1794 auf der Guillotine hingerichtet wurden, weil sie ihr Ordensleben nicht hatten aufgeben wollen. Hersteller: Félix Gaudin nach einem Karton von Raphaël Freida. Bildquelle: Wikimedia, eingestellt von GFreihalter.)

Die Revolution wurde immer radikaler; die „Nation“ galt immer mehr, und alle ihre Feinde hatten beseitigt zu werden. Da haben wir die Septembermassaker in den Pariser Gefängnissen 1792; die Absetzung und schließlich die Hinrichtung des Königs (der eigentlich ein sehr friedfertiger und gleichzeitig schwacher Mensch gewesen war, der immer versucht hatte, das Richtige zu tun); die „Schreckensherrschaft“ der Jahre 1793 und 1794, wo die Guillotine kaum mehr zum Stillstand kam. Während man die ersten Gesetzesänderungen der Revolution noch mit einem feierlichen Te Deum gefeiert hatte, sollte jetzt mit der „Dechristianisierung“ das Christentum komplett ausradiert werden – stattdessen wurden ein deistischer „Kult des Höchsten Wesens“, ein „Kult der Vernunft“ und die Verehrung von „Revolutionsmärtyrern“ gefördert.

File:Fête de la Raison 1793.jpg

(„Fest der Vernunft“ in der Pariser Kathedrale Notre-Dame 1793, bei dem eine Schauspielerin die Vernunft verkörperte. Gemeinfrei.)

Als 1793 in der Vendée (einem ländlichen Gebiet im Westen Frankreichs) anlässlich einer massenhaften Einberufung zur Armee ein Aufstand gegen die brutale Regierung der Ersten Republik ausbrach, wurde der mit extremer Brutalität niedergeschlagen. „Mein Freund, ich verkünde Dir mit großem Vergnügen, dass die Räuber endlich vernichtet sind. […] Die Zahl der hierher gebrachten Räuber ist nicht abzuschätzen. Jeden Augenblick kommen neue an. Weil die Guillotine zu langsam ist, und das Erschießen auch zu lange dauert und Pulver und Kugeln vergeudet, hat man sich entschlossen, je eine gewisse Anzahl in große Boote zu bringen, in die Mitte des Flusses etwa eine halbe Meile vor der Stadt zu fahren, und das Boot dort zu versenken. So wird unablässig verfahren.“ So ein Bericht, der im Nationalkonvent verlesen wurde.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d8/Noyadesnantes.jpg

(Ertränkungen bei Nantes, Jean Duplessis-Bertaux. Gemeinfrei.)

Die „höllischen Kolonnen“ der revolutionären Pariser Regierung waren alles andere als zimperlich. „Es gibt keine Vendée mehr. Sie starb unter unserem blanken Säbel, mitsamt Frauen und Kindern. Ich habe sie in den Sümpfen und Wäldern von Savenay begraben. Man kann mir keine Gefangenen vorwerfen. Ich habe alles ausgelöscht.“ So berichtete ein General.

(Symbol des Vendée-Aufstands: Heiliges Herz Jesu mit der Aufschrift „Dieu“ (Gott) auf der einen Seite und „Le Roi“ (Der König) auf der anderen.)

Die Erste Republik in Frankreich war eine totalitäre Diktatur – und weitere totalitäre Diktaturen sollten in den nächsten zwei Jahrhunderten folgen, die sich auf Prinzipien der Aufklärung beriefen. Gleichheit etwa – darum ging es den Kommunisten. Brüderlichkeit und Einheit und die Unteilbarkeit der Nation (auch das beliebte Schlagworte der Revolutionspropaganda) – darum den Faschisten.

Also: Die Freiheit der Aufklärung ist nie eine wirkliche Freiheit gewesen. Religionsfreiheit? Nur für die, denen ihre Religion eh nicht so wichtig ist; nur für die, deren religiöse Praxis nichts einschließt, was die Aufklärer zu „Aberglaube“ und „Fanatismus“ erklären, oder was gegen die neuen Götzen gerichtet ist, die man anstelle Gottes aufrichtet.

Aber, könnte man einwenden, heißt das nicht nur, dass einige Leute Prinzipien der Aufklärung verraten haben, die an sich gut gewesen wären? Und haben diese Prinzipien sich nicht doch zumindest in manchen Staaten und zu manchen Zeiten in gewisser Weise durchgesetzt und positive Folgen gehabt? Da wären die Judenemanzipation; die Katholikenemanzipation in England oder Schweden; Toleranz für die französischen Protestanten; konfessioneller Friede in Deutschland. Sollte man nicht, auch wenn die Erste Republik das in der Praxis nicht getan hat, auch Meinungen dulden, die man nicht gut findet?

Nun ja: Dass Einschränkungen von Freiheiten und staatliche Strafmaßnahmen nicht so schön sind, gilt letztlich immer. Und wir können uns sicher darauf einigen, dass der Scheiterhaufen recht brutal ist und nicht unbedingt das Mittel der Wahl sein sollte. Trotzdem stellt sich, wenn es um die Toleranz geht, für jeden Staat die Frage, welche Weltanschauung ihm selber zugrunde liegt, was davon Abweichendes er tolerieren will, und was nicht mehr, denn eine Toleranz von wirklich allem und jedem lässt sich praktisch nicht durchhalten.  Hier ein paar Beispiele für Vertreter von Meinungen, die heute nicht gern gesehen werden:

  • Holocaustleugner
  • Reichsbürger
  • Scientology
  • Muslimbruderschaft
  • IS
  • Pädophilieapologeten (Kein Strohmann. In den 70ern und 80ern behaupteten viele, z. B. in den Reihen der Grünen, dass Kinder von „einvernehmlichen“ sexuellen Beziehungen mit Erwachsenen profitieren würden.)

Auch heutige Staaten kennen so etwas wie Verfassungsfeinde. Wenn man zum Beispiel in Bayern für den Staat arbeiten will, muss man erst einmal eine lange Liste von linksradikalen, rechtsradikalen, islamistischen, türkisch-nationalistischen, kurdisch-nationalistischen usw. Organisationen unterschreiben, mit denen man nichts zu tun haben darf; und ein eigenes Formblatt gibt es noch für Scientology. Weltanschauungsbeauftragte warnen vor Sekten, der Verfassungsschutz beobachtet gewisse Gruppen, um zuschlagen zu können, wenn Gewalttaten geplant werden sollten. Manchmal werden auch Internetseiten abgeschaltet oder Social-Media-Konten gelöscht, und natürlich bekommen verfassungsfeindliche Gruppen keine Fördergelder vom Staat und nicht so leicht Demonstrationen genehmigt. So etwas sind recht humane Methoden, aber auch diese Methoden bedeuten eine Einschränkung der Freiheit – eine, die gerechtfertigt sein kann.

Es gibt ja die Ansicht, jede auch noch so schlimme Meinung sollte offen gesagt werden dürfen, denn am Ende würde sich dann dank der Überzeugungskraft der Wahrheit von selbst die richtige durchsetzen. Das ist aber illusorisch; am Ende gewinnt erfahrungsgemäß eher der, der am lautesten schreit und am geschicktesten Propaganda macht. Das wissen wir nicht erst seit, sagen wir, dem Jahr 1933, sondern spätestens seit etwa dem Jahr 33.

File:Hieronymus Bosch - Ecce Homo - Google Art Project.jpg

Ans Kreuz mit ihm! (Hieronymus Bosch, „Ecce Homo“, zwischen 1480 und 1490. Gemeinfrei.)

(Und dazu hat auch Papst Gregor XVI. schon 1832 in seiner Enzyklika Mirari vos das Passende geschrieben: „Leider aber gibt es Leute, die in ihrer Vermessenheit so weit gehen, dass sie hartnäckig behaupten, diese aus der Pressefreiheit hervorgehende Flut von Irrtümern würde übergenug wettgemacht durch irgendein Buch, das inmitten dieses großen Sturmes von Schlechtigkeiten zur Verteidigung von Religion und Wahrheit herausgegeben wird. […] Welcher vernünftige Mensch wird je sagen, es dürfe Gift frei ausgestreut, öffentlich verkauft, mit sich getragen, ja, gebraucht werden, weil es wohl irgendein Heilmittel gibt, durch dessen Gebrauch man vor dem Tode bewahrt wird?“)

Nein: Es ist tatsächlich nicht gut, wenn jedem uneingeschränkt erlaubt wird, seine Meinung frei zu äußern. Es gibt Meinungen, die nicht nur harmlose Irrtümer, sondern böse und schädlich sind. Und es kann auch durchaus sein, dass derjenige, der sie vertritt, damit sündigt. Ich habe früher nicht verstanden, wieso Ketzerei eine Sünde sein könnte; okay, da kam jemand auf etwas Falsches, aber ein Irrtum war doch noch kein Vergehen, oder? Aber es kann eben doch Sünden des Intellekts geben. Bei Leuten wie Jan Hus oder Martin Luther kann es ihr Stolz gewesen sein, der sie dazu brachte, das, was die Kirche lehrte, nicht anerkennen zu wollen, auch wenn ihnen bewusst gewesen sein sollte, dass die Kirche ihre Autorität vom Sohn Gottes hatte; bei diversen Sektengründern war/ist es wohl Gewinnsucht oder Größenwahn; bei den Rassisten des 19. Jahrhunderts oder den Pädophilieverteidigern der 1980er war es einfach so, dass sie ihre Lieblingssünden (Sklavenhaltung bzw. Kindsvergewaltigung) rechtfertigen wollten. Unbelehrbarkeit, Hochmut, Vorurteile, Selbsttäuschung, alle diese Dinge führen zu falschen Lehren, und vor allem zum Beharren auf falschen Lehren.

Ich finde hier einen Text von Lessing – dessen Ringparabel der Anlass für meine Aufklärungskritik hier war – sehr aufschlussreich. In „Über die Wahrheit“ schreibt er:

„Ein Mann, der Unwahrheit unter entgegengesetzter Überzeugung in guter Absicht ebenso scharfsinnig als bescheiden durchzusetzen sucht, ist unendlich mehr wert als ein Mann, der die beste, edelste Wahrheit aus Vorurteil, mit Verschreiung seiner Gegner, auf alltägliche Weise verteidigt.

Will es denn eine Klasse von Leuten nie lernen, daß es schlechterdings nicht wahr ist, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsetzlich sein selbst verblendet habe? Es ist nicht wahr, sag ich; aus keinem geringern Grunde, als weil es nicht möglich ist. Was wollen sie denn also mit ihrem Vorwurfe mutwilliger Verstockung, geflissentlicher Verhärtung, mit Vorbedacht gemachter Plane, Lügen auszustaffieren, die man Lügen zu sein weiß? Was wollen sie damit? Was anders, als – – Nein; weil ich auch ihnen diese Wahrheit muß zugute kommen lassen; weil ich auch von ihnen glauben muß, daß sie vorsetzlich und wissentlich kein falsches verleumdrisches Urteil fällen können: so schweige ich und enthalte mich alles Widerscheltens.

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz –

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“

Das ist ein ziemliches Potpourri aus Wahrem und Idiotischem. So stimmt es natürlich, dass jemand, der „aufrichtige Mühe“ aufgewandt hat, um auf die Wahrheit zu kommen, aber dabei ohne eigene Schuld bei etwas Falschem gelandet ist, ein besserer Mensch sein kann als einer, der aus den falschen Gründen bei der Wahrheit gelandet ist. Die Kirche kennt hierfür auch Begriffe wie „irrendes Gewissen“. Aber dann widerspricht es einfach jeder Erfahrung, zu behaupten, die Leute würden sich nie selbst täuschen. Die Leute sind nicht so gut, dass sie immer offen für die Wahrheit wären. Das kann jeder an sich selber sehen, schon bei alltäglichen Streitereien ist man voreingenommen für die eigene Seite.

Und das Ende dieses Abschnitts ist so blödsinnig, dass es jeder Beschreibung spottet. Das Ziel der Suche nach Wahrheit ist die Wahrheit. Der Weg ist nicht das Ziel. Lessing ist sich gar nicht bewusst, wie viel die Wahrheit wert ist, wie sehr man sie im Leben braucht, sonst würde er nicht so reden, als wäre bloß die Suche nach ihr nützliches Training. Und der „Besitz“ der Wahrheit macht eben nicht ruhig und träge und stolz – gerade, wenn man eine wichtige Wahrheit erkannt hat, wird man sie immer noch tiefer ergründen wollen. (Wenn wir mal davon absehen, dass es sowieso, wenn, dann Er (Jesus Christus, die Wahrheit in Person) ist, der uns „besitzt“, nicht wir Ihn, wenn ich mal diesen Spruch von einem Bekannten klauen darf.)

Lessing ist sich scheinbar gar nicht bewusst, wie absolut widersinnig und undankbar es wäre, eine Offenbarung von Gott über die Wahrheit nicht annehmen zu wollen.

Darüber, wie effektiv und sinnvoll staatliches Vorgehen gegen Irrtümer und Lügen ist, mögen die Meinungen auseinandergehen, ebenso, wie darüber, welche Mittel dabei in Ordnung sind, aber ein Recht auf absolute Meinungs- und Pressefreiheit gibt es tatsächlich nicht. Bei den Aufklärern war es so, dass sie Religionen eigentlich nur unter der Prämisse dulden wollten, dass alle Religionen als zweitrangig, möglicherweise falsch, nette Folklore ohne zentrale Bedeutung für das Leben, gelten sollten; ihre Toleranz war untrennbar verbunden mit religiösem Indifferentismus. Wesentlich schwieriger ist es, Dinge zu tolerieren, die dem eigenen Weltbild absolut widersprechen und es wirklich bedrohen. Auch hier kann man um der christlichen Nächstenliebe und der Achtung vor dem Gewissen des einzelnen Waffenstillstände mit seinen Gegnern schließen und es nur mit friedlicher Bekehrung versuchen – so wie es auch schon manche Fürsten der Frühen Neuzeit gegenüber Ketzern taten, etwa Henri IV. mit dem Edikt von Nantes 1598. Aber das ist etwas anderes als die Toleranz, die auf der Ansicht beruht, welche Religion die richtige sei, sei letztlich so unentscheidbar und so unwichtig wie die Frage, welche Farbe die schönste oder welches Nudelgericht das leckerste sei.

Aber was heißt das jetzt für die Praxis? Was wäre denn, wenn – sagen wir – Deutschland, ganz ideal, sich zu 95% zum katholischen Glauben bekehren würde, und der Bundestag auch gleich noch die katholische Religion zur Staatsreligion erklären würde, aber noch, sagen wir, 5% Muslime da bleiben würden? Nun ja, man könnte mit ihnen z. B. so umgehen wie heute mit Scientologyanhängern: vor ihrer Ideologie warnen, sie nicht in den Staatsdienst lassen, besonders radikale Prediger beobachten, sie ihre Religion ansonsten für sich leben lassen, inklusive Kopftuchtragen und Beschneidung und halal-Fleisch und Moscheebauten.

Ich als Katholikin freue mich natürlich irgendwo darüber, dass in England und Schweden keine Priester mehr hingerichtet werden. Und ich vermute, gerade die Juden freuen sich darüber, dass Berufsverbote und Ghettos Geschichte sind. (Auch wenn die furchtbarste Judenverfolgung der Geschichte in die Zeit nach der Aufklärung fällt, was man auch erwähnen sollte.) Aber ganz so einfach ist es mit der Toleranz eben nicht – wie ja die Geschichte erwiesen hat, sind gerade die, die sich so viel auf ihre Toleranz eingebildet haben, besonder intolerant gegenüber denen geworden, die sie als intolerant angesehen haben. Da ist es doch besser, seine weltanschaulichen Gegner als Gegner zu achten, denen gegenüber auch die Gebote der Gerechtigkeit und Nächstenliebe gelten, die man aber trotzdem manchmal gewissermaßen bekämpfen muss. (Unterscheiden kann man dabei sicher oft auch zwischen Sektenführern und denen, die auf sie hereinfallen.) Das Zweite Vatikanische Konzil hat daher sicherlich nicht Unrecht damit, dass es „innerhalb der gebührenden Grenzen“ jedem möglich sein sollte, „nach seinem Gewissen zu handeln“, aber das ist doch ein anderes Konzept als das der Aufklärer – und die Grenzen, von denen da die Rede ist, sind nicht immer leicht zu bestimmen.

 

4) Demokratie

„4) Die Aufklärer haben auch die Forderung erhoben, dass alle Menschen an politischen Prozessen beteiligt werden sollen. Die Aufklärung bildet also das Fundament unserer freiheitlichen Demokratie.“

Hier sollte man ein paar Dinge klarstellen.

Als Katholik muss man anerkennen, dass der heute übliche Parteienparlamentarismus – oder auch allgemein die Demokratie – nicht die einzige legitime Regierungsform ist. Erbmonarchie, Wahlmonarchie, Erbaristokratie, lokale Basisdemokratie, ständestaatliche Vertretungen, verschiedene Mixturen daraus usw. können alle legitime Regierungsformen sein, solange sie für das Recht sorgen. Prinzipiell illegitim sind nur Anarchie, Tyrannei (d. h. Willkürherschaft) und Totalitarismus, d. h. die Staatsformen in denen das Recht nicht gilt oder die die Nation, die Partei o. Ä. zum Götzen machen und den Leuten elementare Freiheiten nehmen.

Katholische Lehre ist: Es muss, das ist die von Gott eingesetzte Ordnung, in Gesellschaften jemanden geben, der herrscht und damit für das Recht sorgt; wie diese Person(en) bestimmt werden, ist der Kirche eher egal. Und es ist nicht zwangsläufig so, dass die Minderheiten in einem Land sich allem fügen müssten, was die Mehrheit sagen würde, und auch nicht so, dass alles, was die Mehrheit sagen würde, deswegen schon gut wäre; ein Naturrecht auf Demokratie gibt es nicht.

„Daß in jeder Vereinigung und Gemeinschaft von Menschen irgendwelche vorstehen , erzwingt die Notwendigkeit selbst. […] Es ist aber an dieser Stelle wichtig, darauf zu achten, daß diejenigen, die dem Gemeinwesen vorstehen sollen, in bestimmten Fällen nach dem Willen und Urteil der Menge gewählt werden können, ohne daß die katholische Lehre [dem] widerspricht oder widerstreitet. Bei dieser Wahl freilich wird der Herrscher bestimmt, werden nicht die Rechte der Herrschaft übertragen; auch wird nicht die Herrschaft übergeben, sondern festgelegt, von wem sie auszuüben sei. Auch wird hier nicht nach den Arten der Gemeinwesen gefragt: denn es gibt keinen Grund, warum von der Kirche nicht die Herrschaft sowohl eines einzigen als auch die mehrerer gebilligt werden sollte, wenn sie nur gerecht und auf den gemeinsamen Nutzen ausgerichtet ist. Deshalb werden die Völker, wenn die Gerechtigkeit gewahrt ist, nicht daran gehindert, sich jene Art des Gemeinwesens einzurichten, die entweder ihrer eigenen Veranlagung oder den Sitten und Gebräuchen der Vorfahren angemessener entspricht.“ (Papst Leo XIII., Enzyklika „Diuturnum Illud“, 1881.)

Was die Aufklärung gebracht hat, war zunächst vor allem die Vorstellung des Gesellschaftsvertrages: Ein Staat entsteht dadurch, dass die im Naturzustand freien Menschen sich zusammenschließen und ihre Freiheit an ihn abgeben. Diese Vorstellung wirkt auf den ersten Blick logisch, oder? Tatsächlich ist sie gar nicht unproblematisch (weshalb Leo sie dann auch im weiteren Verlauf der Enzyklika ablehnt). Der gedachte Naturzustand ist nämlich eine Illusion, da Menschen von Anfang an Teil von Gemeinschaften sind. Zur Illustration wieder ein Zitat von Rousseau:

„Die älteste aller Gesellschaften und die einzig natürliche ist die der Familie. Und selbst dort bleiben die Kinder nicht länger an den Vater gebunden als sie seiner zu ihrer Erhaltung bedürfen. Sobald diese Bedürftigkeit aufhört, löst sich das natürliche Band. Die Kinder, befreit vom Gehorsam, den sie dem Vater schuldeten, und der Vater, befreit von der Sorge, die er den Kindern schuldete, beide kehren gleichermaßen in die Unabhängigkeit zurück. Wenn sie weiter zusammenbleiben, geschieht dies nicht mehr natürlich, sondern willentlich, und die Familie selbst wird nur durch Übereinkunft aufrechterhalten.

Die allen gemeinsame Freiheit ist eine Folge der Natur des Menschen. Dessen oberstes Gesetz ist es, über seine Selbsterhaltung zu wachen, seine erste Sorge ist diejenige, die er sich selber schuldet, und sobald der Mensch erwachsen ist, wird er so sein eigener Herr, da er der einzige Richter über die geeigneten Mittel zu seiner Erhaltung ist.“**

Das ist Unsinn. Allein schon offensichtlich deshalb, weil die Familienbande sich eben nicht auflösen; die Eltern werden irgendwann alt, und dann müssen wieder die Kinder für sie sorgen. Das Eheband, von dem Rousseau gar nicht spricht, bindet auch bis zum Tod. Für Rousseau sind Familien ein Ausnahmefall, eigentlich sind die Menschen ungebundene Individuen; tatsächlich ist es andersherum, Familien sind natürlich und normal. Die Menschen gehören von Anfang an in eine Gemeinschaft hinein und sind auf sie angewiesen und ihr verpflichtet. (Aber bei jemandem, der alle seine fünf Kinder gleich als Säuglinge in Findelheime gegeben hat, wird man wohl nicht erwarten können, dass er familiäre Bindungen besonders achtet.) Und so wie mit der Familie ist es eben auch mit größeren Gemeinschaften.

Als Katholik darf man also Erbmonarchie oder Parteienparlamentarismus oder einen Mix daraus – oder was auch immer – vorziehen, ganz wie man möchte. Der oben zitierte Chesterton zum Beispiel war sehr (basis)demokratisch eingestellt; bei anderen Katholiken ist auch der (konstitutionelle) Monarchismus beliebt – wofür z. B. solche Gründe angeführt werden wie hier im Kommentarbereich. Die klassische Position nach Aristoteles ist, dass eine Mischung aus Republik, Aristokratie und Monarchie am besten sei; Aristoteles würde freilich Parlamente als Aristokratie und Kanzler und Präsidenten als Monarchen betrachten und eher in Volksabstimmungen demokratische Elemente sehen; insofern leben wir also in Deutschland in einem solchen gemischten System.

Der frühneuzeitliche Absolutismus, mit dem man es im 18. Jahrhundert zu tun hatte und gemäß dem der Herrscher von allen Gesetzen losgelöst („absolutus“) sein soll, ist übrigens eine Staatsform, die zu dieser Zeit noch gar nicht so alt war und die auf eigentlich sehr unchristlichen Überlegungen basiert – etwa denen von Thomas Hobbes, dass, da der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, es einen geben müsse, der die absolute Kontrolle hätte, damit es nicht in Anarchie ausarte. Im Mittelalter sah man den Herrscher sehr wohl an die alten Gesetze und das Gewohnheitsrecht gebunden und meinte, dass er Rücksicht auf die Ständevertretungen usw. nehmen müsste.

Und natürlich war auch die Aufklärung nicht immer ganz so demokratisch. Der „aufgeklärte Absolutismus“, dem z. B. Friedrich II. von Preußen oder Joseph II. von Österreich folgten, sollte bekannt sein. Die Aufklärung war oft genug etwas, wo die väterlichen Herrscher, die es besser wussten, ihren ungebildeten Volksmassen, die ja nie in irgendwelchen Salons über Kant und Voltaire debattiert hatten, bis ins kleinste Detail vorschrieben, was sie zu tun und zu lassen, was sie zu trinken und was sie zu essen und wie sie ihre Haare zu tragen hatten.

Ob die Demokratie zu so idealen Ergebnissen führt, ist jedenfalls letztlich nicht ausgemacht. Nicht vergessen: Hitler kam über ein demokratisches System an die Macht (weshalb übrigens nach dem Krieg das Grundgesetz absichtlich weniger demokratisch gestaltet wurde als die Verfassung von 1918). Da ist mir doch jeder König oder Kaiser lieber – ja, selbst Friedrich II. oder Joseph II. Bei Wahlen bewerben sich machtgierige Leute; bei einem Erbkönigtum bleibt es dem Zufall überlassen, wer die Herrschaft erhält. Es ist unbestritten, dass die Aufklärung mehr demokratische Elemente in der Politik durchgesetzt hat (auch wenn es sie mancherorts, z. B. in den freien Reichsstädten oder in England, schon lange gab); ob das im Endeffekt so gut war – ich weiß es nicht. Ganz ehrlich: Keine Ahnung. Gewisse Mitbestimmungsrechte haben sicher ihre Vorteile, aber über die Errungenschaften und Nachteile des Strebens nach Demokratie in den letzten 250 Jahren insgesamt erlaube ich mir noch kein Urteil.

Was man der Aufklärung meiner Meinung nach eher zugute halten kann, ist, dass sie Rechtsgleichheit gebracht hat (Abschaffung der Adelsprivilegien, Vereinheitlichung von verschiedenen Rechtsbräuchen), und festgeschriebene Verfassungen. Hier will ich sie mal loben; das war gut.

 

Im nächsten Teil dann noch zu ein paar weiteren Problemen mit aufklärerischen Ideen.

 

* Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts, übersetzt von Hans Brockard und Eva Pietzcker, Reclam 2004, S. 151-153. (4. Buch, 9. Kapitel.)

** Ebd., S. 6. (1. Buch, 2. Kapitel.)