Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 9: Endzeit, Wiederkunft Christi und Weltgericht

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Mt 24-25; Lk 21; Mk 13; Offb; 1 Kor 15,51-53; 1 Thess 4,15-17; 2 Thess 2; Dan 7.

Über die Wiederkunft Christi, die stetige Wachsamkeit wegen des unbekannten Zeitpunkts, die Schwierigkeiten der Endzeit, die Tyrannei des Antichrists vor der Wiederkunft des Herrn usw. finden sich etliche Aussagen bei den frühen Christen. Sie glaubten auch (ebenso wie Christen heute) daran, dass dann die leibliche Auferstehung der Toten (wobei ihre Körper sich wieder mit ihren Seelen vereinen) und das Jüngste Gericht, bei dem die Guten und Bösen öffentlich vor allen geschieden werden, folgen werden.

In der Didache, einer Gemeindeordnung von ca. 100 n. Chr., heißt es ganz am Ende über die Prüfungen und Leiden der Endzeit und dann über die Wiederkunft Christi:

„‚Wachet‘ für euer Leben; ‚eure Lampen sollen nicht ausgehen und der Gurt um eure Lenden‘ soll sich nicht lockern, ’seid vielmehr bereit, denn ihr wisset nicht die Stunde, in der unser Herr kommt‘. Ihr sollt fleißig zusammenkommen, indem ihr nach dem strebet, was euren Seelen zukommt; denn es wird euch die ganze Zeit des Glaubens nichts nützen, wenn ihr nicht in der letzten Stunde vollkommen seid. Denn in den letzten Tagen werden sich mehren die falschen Propheten und die Verderber, und die Schafe werden zu Wölfen umgewandelt, und die Liebe wird verwandelt werden in Hass. Wenn nämlich die Gesetzwidrigkeit sich steigert, werden sie einander hassen, verfolgen und ausliefern, dann wird erscheinen der Verführer der Welt, wie der Sohn Gottes wird er auch ‚Zeichen und Wunder tun‘, und die Erde wird in seine Hände überliefert werden, und er wird Greuel verüben, wie sie von Ewigkeit her noch nicht geschehen sind. Dann wird das Geschlecht der Menschen kommen in das Feuer der Prüfung, und ‚viele werden Ärgernis nehmen‘ und zugrunde gehen; die aber ausharren in ihrem Glauben, werden von dem (durch die Verführer) Verfluchten selbst ‚gerettet werden‘. ‚Und dann werden die Zeichen der Wahrheit erscheinen; zuerst das Zeichen, dass der Himmel sich auftut, dann das Zeichen des Trompetenschalles‘ und das dritte: die Auferstehung der Toten, aber nicht aller, sondern, wie gesagt ward: ‚Kommen wird der Herr und alle Heiligen mit ihm‘. ‚Dann wird die Welt den Herrn kommen sehen auf den Wolken des Himmels‘.“ (Didache 16)

Papst Clemens von Rom schreibt um 95 n. Chr.:

„Wahrhaftig, schnell und plötzlich wird sein Wille Vollendung finden, da ja auch die Schrift selbst hierfür Zeugnis gibt: ‚Schnell wird er kommen und nicht zögern, und plötzlich wird einziehen der Herr in seinen Tempel und der Heilige, den ihr erwartet‘.“ (1. Clemensbrief 23,5)

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. in seinen Briefen folgendes:

„Die letzten Zeiten sind da; deshalb wollen wir auf der Hut sein und Furcht haben vor Gottes Langmut, dass sie uns nicht zum Gerichte werde. Entweder müssen wir Furcht haben vor dem kommenden Zorn oder die gegenwärtige Gnade lieben, eins von beiden, nur dass wir in Christus Jesus erfunden werden zum wahren Leben.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 11,1)

„Lerne die Zeiten kennen. Den erwarte, der über der Zeit ist, den Zeitlosen, den Unsichtbaren, der unseretwegen sichtbar geworden, den Unbetastbaren, den Leidenlosen, der unseretwegen gelitten hat, der auf alle Arten unseretwegen geduldet hat.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 3,2)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. in einer Schrift, in der er den christlichen Glauben gegenüber den Heiden verteidigt:

„Die Propheten haben nämlich ein zweimaliges Kommen Christi vorhergesagt, das eine, das schon der Geschichte angehört, als das eines mißachteten und leidensfähigen Menschen, das andere aber, wenn er ihrer Verkündigung gemäß in Herrlichkeit vom Himmel her mit seiner Engelschar erscheinen wird, wenn er auch die Leiber aller Menschen, die je gelebt haben, wieder auferwecken und die der Würdigen mit Unverweslichkeit bekleiden, die der Ungerechten aber in ewiger Empfindungsfähigkeit mit den bösen Geistern ins ewige Feuer verweisen wird.“ (Justin, 1. Apologie 52)

In einer Fortsetzung dieser Schrift schreibt er:

„Darum, nämlich um der zarten Saat des Christentums willen, das Gott als Grund für den Fortbestand der Natur ansieht, verzögert er den Untergang und die Zerstörung der ganzen Welt, durch die dann auch die bösen Engel, Dämonen und Menschen ihr Ende finden würden. Wenn das nicht wäre, so könntet auch ihr nicht mehr solches tun und euch von den bösen Dämonen als Werkzeuge gebrauchen lassen; es hätte vielmehr das herniederfahrende Feuer des Gerichtes schonungslos allein ein Ende gemacht, wie einst die große Flut, die niemanden übrig ließ als den Noe allein mit den Seinen; so nennen wir jenen, während er bei euch Deukalion heißt, von dem dann wieder so viele Menschen entstammt sind, teils schlechte, teils gute.“ (Justin, 2. Apologie 6)

Und in einem Dialog mit einem Juden namens Tryphon sagt er:

„Wenn sich aber zeigt, daß seine Leidensmacht von solchen Wundern begleitet wurde und begleitet ist, wie groß sind erst die Wunder, wenn er in Herrlichkeit erscheint? Denn, wie Daniel offenbarte, wird er als Menschensohn auf den Wolken unter Begleitung von Engeln kommen.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 31,1)

Auf die jüdische Ansicht, dass Jesus nicht der Messias gewesen sei, weil er nicht in Macht und Herrlichkeit gekommen sei, erwidert er, dass von den Propheten sowohl ein Leiden als auch ein Triumph des Messias vorhergesagt worden war:

„Die Toren, nicht verstehen sie, was immer wieder dargetan worden ist, daß es nämlich nach den Prophezeiungen zwei Parusien von ihm gibt; bei der einen leidet er, ist er der Herrlichkeit und der Ehre beraubt und wird er gekreuzigt gemäß der Verkündigung; bei der anderen wird er in Herrlichkeit vom Himmel erscheinen. Diese tritt dann ein, wenn der Mann der Apostasie, der auch gegen den Höchsten Ungehöriges predigt, auf Erden Sündhaftes gegen uns Christen wagt, die wir von dem Gesetze und dem Worte, das aus Jerusalem durch Jesu Apostel ausging, Gottesverehrung gelernt und zu dem Gotte Jakobs und dem Gotte Israel unsere Zuflucht genommen haben.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 110,2)

Im 2. Clemensbrief heißt es:

„Wisset nämlich, dass bereits der Tag des Gerichtes kommt wie ein glühender Ofen, und ein Teil der Himmel wird schmelzen, und die ganze Erde (wird sein) wie Blei, das auf dem Feuer schmilzt, und dann werden sichtbar werden die geheimen und offenen Werke der Menschen.“ (2. Clemensbrief 16,3)

„Denn der Herr hat gesagt: ‚Ich komme, um alle Völker, Stämme und Sprachen zu versammeln.‘ Damit meint er den Tag seines Erscheinens, wenn er kommen und uns erlösen wird, jeden nach seinen Werken. Und sehen werden seine Herrlichkeit und seine Macht die Ungläubigen, und sie werden verwundert anstaunen das Weltreich Jesu und sagen: Wehe uns, da du warst, und wir wussten es nicht und glaubten nicht und gehorchten nicht den Presbytern, die uns von unserem Heile predigten; und ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen, und sie werden am Pranger stehen für jegliches Fleisch. Er meinte jenen Tag des Gerichtes, wenn sie diejenigen sehen werden, die unter uns gottlos lebten und die Gebote Jesu Christi übertraten. Wenn aber die Gerechten, die Gutes taten, die Prüfungen bestanden und die Lüste der Seele hassten, sehen, wie die vom Ziele Abgeirrten, die in Wort und Tat Jesus verleugneten, mit schrecklichen Qualen durch das unauslöschliche Feuer gepeinigt werden, werden sie ihren Gott verherrlichen und sprechen: Gute Hoffnung wird sein für den, der Gott aus ganzem Herzen gedient hat.“ (2. Clemensbrief 17,4-7)

Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr.:

„Aber für alle zumal ist er der Erhalter und Ernährer, der König und Richter. Denn niemand wird seinem Gerichte entrinnen, nicht Jude noch Heide und kein Sünder aus den Reihen der Gläubigen und kein Engel. Diejenigen, welche jetzt seiner Güte nicht vertrauen, werden im Gerichte seine Macht erkennen, gemäß dem Worte des Apostels: ‚Du weißt nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße führt, sondern sammelst in Halsstarrigkeit und Unbußfertigkeit des Herzens den Zorn für den Tag der Rache und der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken.'“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 8)

„Auferstanden und erhöht verharrt er zur Rechten des Vaters bis zur vom Vater festgesetzen Stunde des Gerichts über alle seine Feinde nach ihrer Unterwerfung. Die Zahl seiner Feinde in ihrer Gesamtheit besteht aus den abgefallenen Engeln, Erzengeln, Mächten und Thronen, welche die Wahrheit mißachten.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 85)

Über den Antichrist, der in der Endzeit auftreten soll, schreibt Irenäus:

„Weiterhin erweist sich auch aus dem, was unter dem Antichrist geschehen soll, daß der Apostat und Räuber als Gott verehrt werden und als König ausgerufen werden will, obwohl er doch ein Sklave ist. Indem nämlich jener alle Kraft des Teufels annehmen wird, wird er nicht als gerechter König kommen, nicht als gesetzmäßiger in der Unterwerfung unter Gott, sondern als ein ungerechter, gesetzloser, gottloser, als Apostat, Übeltäter, Menschenmörder und Räuber, der die Apostasie des Teufels in sich rekapituliert. Die Götzen wird er abtun und sich selbst als Gott ausgeben, sich als den einzigen Götzen erheben, der in sich den mannigfachen Irrtum der übrigen Götzenbilder enthält, damit die, welche in mancherlei Greueln den Teufel anbeten, ihm in dem einen Götzen dienen. Von ihm spricht der Apostel in dem zweiten Thessalonicherbriefe, wenn er sagt: ‚Zuerst muß der Abfall kommen und der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, offenbar werden, der bekämpft und sich erhebt über alles, was Gott heißt oder als Gott verehrt wird, so daß er sitzet im Tempel Gottes, indem er sich selbst zeigt, gleich als ob er Gott sei.‘ Deutlich also hat der Apostel seine Apostasie kundgetan und verkündet, dass er sich über alles, was Gott heißt, erheben wird, oder was als Gott verehrt wird, d. h. über alle Götzenbilder — denn diese werden von den Menschen so genannt, sind es aber nicht —, und daß er nach Tyrannenart versuchen wird, sich als Gott zu zeigen.

Ferner lehrt er auch offenkundig, was wir schon vielfach gezeigt haben, daß der Tempel zu Jerusalem auf Anordnung des wahren Gottes erbaut wurde. Denn der Apostel nennt für seine Person ihn ausdrücklich den Tempel Gottes. Wir haben aber im dritten Buche gezeigt, daß die Apostel für ihre Person niemand Gott nennen als den, welcher in Wahrheit Gott ist, den Vater unseres Herrn, auf dessen Befehl der Tempel in Jerusalem aus den angegebenen Gründen gebaut worden ist. Hier wird der Feind sitzen und versuchen, sich als Christus auszugeben, wie der Herr spricht: ‚Wenn ihr aber sehen werdet den Greuel der Verwüstung, welcher durch den Propheten Daniel verkündet ist, der auf dem heiligen Orte steht, wer es liest, verstehe es, dann mögen fliehen, die in Judäa sind, auf die Berge, und wer auf dem Dache ist, steige nicht herab, etwas aus dem Hause zu holen. Es wird nämlich dann eine große Angst sein, wie sie nicht geschehen ist vom Anfang der Welt bis jetzt, noch geschehen wird.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,25,1-2)

Außerdem schreibt er über die Zahl 666, die in der Offenbarung des Johannes (Offb 13,18: Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert des Tieres. Denn es ist die Zahl eines Menschennamens; seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig“) mit dem Antichrist verbunden wird (im Griechischen konnten die Buchstaben auch Zahlen bedeuten, und jeder Name konnte daher auch als Zahl, nämlich als Quersumme seiner einzelnen Buchstaben, gelesen werden).

„Wenn daher am Ende die Kirche plötzlich erhöht werden wird, dann wird, wie geschrieben steht, ‚eine Trübsal sein, wie sie von Anfang an nicht gewesen ist, noch sein wird‘. Das ist nämlich der letzte Kampf der Gerechten, in welchem die Sieger mit Unverweslichkeit gekrönt werden.

Deshalb ist das ‚kommende Tier‘ die Zusammenfassung aller Ungerechtigkeit und allen Truges, damit in ihm der Abschluß und die Summe aller apostatischen Macht in den Feuerofen geworfen wird. Entsprechender Weise nun wird auch sein Name die Zahl 666 aufweisen, indem sie in sich alle Bosheit zusammenfaßt, die vor der Sintflut gewesen ist und eine Folge der Apostasie der Engel war. Noe nämlich war 600 Jahre alt, als die Sintflut über die Erde hereinbrach und die Empörung der Erde wegen des ganz verdorbenen Geschlechtes hinwegschwemmte, das zu Noes Zeiten lebte. Und dann rekapitulierte es auch den gesamten Greuel der Götzenbildner nach der Sintflut und die Ermordung der Propheten und die Verbrennung der Gerechten. Denn das von Nabuchodonosor errichtete Götzenbild war 60 Fuß hoch und 6 Ellen breit; und seinetwegen wurden Ananias, Azarias und Misael, die es nicht anbeteten, in den Feuerofen geworfen, indem sie durch ihr Schicksal auf die Verbrennung der Gerechten am Ende der Zeiten hinwiesen. Das Bild als solches aber wies hin auf die Ankunft jenes, der von allen Menschen überhaupt als der Einzige angebetet werden wollte. Die 600 Jahre des Noe also, unter dem die Sintflut wegen der Apostasie hereinbrach, und die Ellenzahl des Bildes, dessentwegen die Gerechten in den Feuerofen geworfen wurden, weist auf die Namenszahl dessen hin, in dem alle Apostasie, Ungerechtigkeit, Bosheit, Pseudoprophetie und List der sechstausend Jahre rekapituliert wird, derentwegen die Feuerflut hereinbrechen wird.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,29,1-2)

„So also verhält sich die Sache, und in allen bewährten und alten Handschriften findet sich diese Zahl; und die, welche Johannes von Angesicht zu Angesicht gesehen haben, bezeugen es, und die Rechnung lehrt es, daß die Namenszahl des Tieres nach griechischer Zählung in den einzelnen Buchstaben die Zahl 666 ergibt, in der die Zehner gleich den Hunderten und die Hunderte gleich den Einern sind. Die Zahl 6, dreimal wiederholt, stellt die Rekapitulation der gesamten Apostasie im Anfang, in den mittleren Zeiten und am Ende dar. So weiß ich nicht, wie einige irrtümlicher Weise, die Zahl um 50 vermindernd, auf 616 gekommen sind. Doch vermute ich einen Fehler der Abschreiber, die den gewöhnlichen griechischen Buchstaben, der 60 bedeutet, für Jota, d. h. 10, genommen haben. Dann haben die einen das ohne Untersuchung angenommen, die andern schlecht und recht den Zehner beibehalten; andere aber wagten dann in ihrer Unwissenheit, auch Namen aufzusuchen, welche diese falsche und irrtümliche Zahl aufweisen. Die nun arglos und in Einfalt dies getan haben, denen wird es Gott Ja verzeihen. Die aber eitlen Ruhmes halber Namen mit dieser falschen Zahl aufstellen, und den von ihnen erfundenen Namen als den Namen desjenigen ausgeben, der da kommen soll, die werden nicht straflos ausgehen, da sie sich selbst und ihre Anhänger verführt haben. Zunächst besteht ihre Strafe darin, daß sie eben von der Wahrheit abgewichen sind und das nicht Seiende als wirklich annehmen; sodann wird notwendig keine geringe Strafe den treffen, der zu der Schrift etwas hinzusetzt oder von ihr etwas fortnimmt. Und schließlich besteht keine geringe Gefahr für die, welche sich fälschlich einbilden, seinen Namen zu wissen. Wenn er nämlich in Wirklichkeit einen andern Namen haben wird, als sie glauben, dann werden sie leicht von ihm verführt werden, so als ob der noch gar nicht da wäre, vor dem sie sich geziemend hüten sollten. […]

Wissen sie aber die von der Schrift angegebene zuverlässige Zahl, d. h. 666, dann mögen sie zunächst die Teilung des Reiches unter die 10 Könige abwarten. Wenn dann diese regieren und anfangen, ihre Sachen auszuführen und ihr Reich zu mehren, und alsdann unvermutet der kommt, der die Herrschaft an sich reißt und die Vorgenannten in Schrecken setzt und den Namen mit der genannten Zahl führt, dann mögen sie diesen in Wahrheit als den Greuel der Verwüstung erkennen. […]

Sicherer und gefahrloser ist es also, die Erfüllung dieser Prophetie abzuwarten, als allerlei Namen zu vermuten und zu weissagen. Gibt es doch viele Namen der genannten Zahl, und somit kommt die Sache nicht weiter. Denn wenn es viele Namen gibt, welche diese Zahl aufweisen, dann bleibt immer die Frage offen, welchen von diesen er führen wird. Dies sagen wir nicht aus Mangel an solchen Namen, sondern aus Gottesfurcht und Liebe zur Wahrheit. Der Name Eythanos hat die gesuchte Zahl, doch wollen wir darüber nichts sagen. Lateinos hat auch die Zahl 666, und es ist sehr wahrscheinlich, daß das letzte Reich so heißen wird. Denn die Lateiner herrschen heute, doch wollen wir uns dessen nicht rühmen. Aber am meisten von allen Namen, die sich bei uns vorfinden, ist der Name Teitan glaubwürdig, die erste Silbe mit den beiden griechischen Vokalen e und i geschrieben. Er weist die genannte Zahl auf und hat sechs Buchstaben, indem jede Silbe aus drei Buchstaben besteht, und ist alt und abgelegen. Denn keiner von unsern Königen hieß Titan, noch trug einer von den griechischen oder barbarischen Götzen diesen Namen. Trotzdem gilt er bei vielen als göttlich, so dass bei den Modernen die Sonne Titan genannt wird, und enthält auch einen gewissen Hinweis auf Rache und einen Rachebringer, weil jener sich den Anschein gibt, die schlecht Behandelten zu rächen. Und auch sonst ist es ein alter, glaubwürdiger, königlicher oder vielmehr tyrannischer Name. Da also der Name Titan soviel Gründe für sich hat, so hat nach all dem es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß der, welcher kommen wird, vielleicht Titan genannt wird. Doch wollen wir uns nicht in Gefahr begeben und den Anschein erwecken, als ob wir über den Namen des Antichrists etwas Bestimmtes wüßten. Läge nämlich für die Verkündigung desselben im gegenwärtigen Zeitpunkt eine Notwendigkeit vor, dann wäre er gewiß durch den gemeldet worden, der die Apokalypse geschaut hat. Das ist aber vor gar nicht langer Zeit geschehen, sondern soeben erst am Ende der Regierung des Domitian.

Diese Namenszahl offenbarte er, damit wir uns vor seinem Kommen hüten und wissen, wer er ist. Seinen Namen aber hat er verschwiegen, weil er nicht würdig ist, vom Hl. Geiste verkündet zu werden. Wäre er verkündet worden, dann würde er vielleicht für lange bleiben. Nun aber ‚war er und ist nicht, er wird aufsteigen aus dem Abgrunde und geht ins Verderben‘, gleich als ob er nicht wäre. So ist auch sein Name nicht verkündet worden, denn was nicht ist, davon wird auch der Name nicht verkündet. Wenn aber dieser Antichrist alles auf dieser Welt verwüstet haben wird, indem er drei Jahre und sechs Monate regierte und in dem Tempel zu Jerusalem thronte, dann wird der Herr vom Himmel in den Wolken in der Herrlichkeit des Vaters kommen. Jenen wird er samt seinem Anhang in den Feuerpfuhl werfen, für die Gerechten aber wird er die Zeiten des Reiches herbeiführen, d. h. die Ruhe, den heiligen siebenten Tag; wiederherstellen wird er die dem Abraham versprochene Erbschaft, und in diesem Reiche werden nach dem Worte des Herrn ‚viele vom Aufgang und Untergang kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,30,1-4)

Interessant ist auch die „Offenbarung des Petrus“. Entstanden vermutlich in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, gab sie sich als Schrift des Apostels Petrus aus. Ihr Status war umstritten; der Kanon Muratori erkennt sie als Teil der Bibel an; letztlich wurde sie aber nicht in den Kanon aufgenommen. Dennoch wurde sie als rechtgläubig betrachtet.

In diesem Text ist Jesus mit den Aposteln auf dem Ölberg und erklärt ihnen Dinge über das Weltgericht, die Hölle und den Himmel. Dabei zitiert die Petrusapokalypse die kanonischen Evangelien und schmückt deren Texte aus. Ein falscher Messias (der Antichrist) wird für die Endzeit angekündigt, der vor der Wiederkunft Jesu auftreten soll. Ausführlich geht es dann um die leibliche Auferstehung der Toten, und darum, dass alle, die so auferstanden sind, zum Gericht zitiert werden. Ebenso wie bei Paulus wird hier auch eine Bekehrung vieler Juden am Ende der Zeiten vorhergesagt.

„Und indem er auf dem Ölberg saß, traten zu ihm die Seinigen, und wir beteten ihn an und flehten einzeln ihn an und baten ihn, indem wir zu ihm sagten: ‚Tue uns kund, was die Zeichen deiner Parusie [Wiederkunft] und des Endes der Welt sind, damit wir erkennen und merken die Zeit deiner Parusie und die nach uns Kommenden unterweisen, denen wir das Wort deines Evangeliums predigen und die wir in deiner Kirche einsetzen, damit sie, wenn sie es hören, sich in acht nehmen, daß sie merken die Zeit deiner Parusie.‘ Und unser Herr antwortete uns, indem er zu uns sagte: ‚Gebt acht, daß man euch nicht verführe und daß ihr nicht Zweifler werdet und anderen Göttern dienet. Viele werden kommen in meinem Namen, indem sie sagen: ‚Ich bin Christus.‘ Glaubet ihnen nicht und nähert euch ihnen nicht. Denn die Parusie des Gottessohnes wird nicht offenbar sein, sondern wie der Blitz, der scheint vom Osten bis zum Westen, so werde ich kommen auf der Wolke des Himmels mit großem Heer in meiner Herrlichkeit; indem mein Kreuz vor meinem Angesicht hergeht, werde ich kommen in meiner Herrlichkeit; indem ich siebenmal so hell wie die Sonne leuchte, werde ich kommen in meiner Herrlichkeit mit allen meinen Heiligen, meinen Engeln, wenn mein Vater mir eine Krone aufs Haupt setzt, damit ich richte die Lebendigen und die Toten und jedem vergelte nach seinem Tun.

Und ihr – nehmet von dem Feigenbaum das Gleichnis davon: Sobald sein Sproß hervorgekommen und seine Zweige getrieben sind, wird eintreten das Ende der Welt.‘ – Und ich, Petrus, antwortete ihm und sagte zu ihm: ‚Deute mir betreffs des Feigenbaums, [und] woran wir das erkennen, denn alle seine Tage hindurch sproßt der Feigenbaum und jedes Jahr bringt er seine Frucht [und] seinen Herren. Was bedeutet (also) das Gleichnis vom Feigenbaum? Wir wissen es nicht.‘ Und es antwortete mir der Meister und sagte zu mir: ‚Verstehst du nicht, daß der Feigenbaum das Haus Israel ist? Wie ein Mann in seinem Garten einen Feigenbaum gepflanzt hatte und der brachte nicht Frucht. Und er suchte seine Frucht lange Jahre. Und da er sie nicht fand, sagte er zu dem Hüter seines Gartens: ‚Reiß diese Feige aus, damit sie uns nicht unser Land unfruchtbar sein läßt!‘ Und der Gärtner sagte zu Gott: ‚Wir Diener (?) wollen ihn (vom Unkraut) reinigen und den Boden unter ihm umgraben und ihn mit Wasser begießen. Wenn er dann nicht Frucht bringt, wollen wir sogleich seine Wurzeln aus dem Garten entfernen und einen anderen an seiner Statt pflanzen.‘ Hast du nicht begriffen, daß der Feigenbaum das Haus Israel ist? Wahrlich, ich sage dir, wenn seine Zweige getrieben haben am Ende, werden lügnerische Christusse kommen und die Hoffnung erwecken (mit den Worten): ‚Ich bin der Christus, der ich (einst) in die Welt gekommen bin.‘ Und wenn sie die Bosheit seines Tuns sehen, werden sie sich abwenden hinter ihnen her und den verleugnen, dem unsere Väter Lobpreis sagten (?), die den ersten Christus kreuzigten und damit schwer sündigten. Dieser Lügnerische ist aber nicht Christus. Und wenn sie ihn verschmähen, wird er mit Schwertern (Dolchen) morden, und es wird viele Märtyrer geben. Alsdann werden die Zweige des Feigenbaumes, d. h. des Hauses Israels, treiben, allein es werden viele durch seine Hand Märtyrer werden, sie werden sterben und Märtyrer werden. Henoch und Elias werden gesandt werden, um sie zu belehren, daß das der Verführer ist, der in die Welt kommen und Zeichen und Wunder tun muß, um zu verführen. Und deshalb werden diese, welche durch seine Hand gestorben sind, Märtyrer und werden gerechnet zu den guten und gerechten Märtyrern, welche Gott in ihrem Leben gefallen haben.‘

Und er zeigte mir in seiner Rechten die Seelen von allen (Menschen) und auf seiner rechten Handfläche das Bild von dem, was sich am jüngsten Tage erfüllen wird; und wie die Gerechten und die Sünder geschieden werden, und wie diejenigen tun (?) werden, die rechten Herzens sind, und wie die Übeltäter für alle Ewigkeit ausgerottet werden. Wir sahen, wie die Sünder in großer Betrübnis und Trauer weinten, bis alle, die es mit ihren Augen sahen, weinten, seien es Gerechte oder Engel oder auch er selbst. Ich aber fragte ihn und sagte zu ihm: ‚O Herr, erlaube mir, daß ich inbetreff dieser Sünder dein Wort sage: ‚Es wäre ihnen besser, sie wären nicht geschaffen‘.‘ Und der Heiland antwortete mir und sagte zu mir: ‚O Petrus, warum redest du so, ‚das Nichtgeschaffensein wäre ihnen besser‘? Du bist es, der wider Gott streitet. Du würdest dich seines Gebildes nicht mehr erbarmen als er; denn er hat sie geschaffen und hat sie dahin gebracht, wo sie (vorher) nicht waren (wohl = und hat sie aus dem Nichtsein ins Dasein gebracht). Und weil du gesehen hast die Klage, welche die Sünder treffen wird in den letzten Tagen, darum ist dein Herz betrübt, aber ich will dir ihr Tun zeigen, mit dem sie sich an dem Höchsten versündigt haben.

Sieh jetzt, was sie treffen wird in den letzten Tagen, wenn der Tag Gottes kommt. Und am Tage der Entscheidung des Gerichtes Gottes werden alle Menschenkinder vom Osten bis zum Westen vor meinem Vater, dem ewig Lebendigen, versammelt werden, und er wird der Hölle gebieten, daß sie ihre stählernen Riegel öffnet und alles, was in ihr ist, zurückgibt. Und den wilden Tieren und Vögeln wird er gebieten, daß sie alles Fleisch, was sie gefressen haben, zurückgeben, indem er will, daß die Menschen (wieder) sichtbar werden; denn nichts geht für Gott zugrunde und nichts ist ihm unmöglich, da alles sein ist. Denn alles (geschieht) am Tage der Entscheidung, am Tage des Gerichtes mit dem Sprechen Gottes, und alles geschieht, wie er die Welt schafft, und alles, was darin ist, hat er geboten, und alles geschah; ebenso in den letzten Tagen, denn alles ist Gott möglich und also sagt er in der Schrift: ‚Menschenkind, weissage über die einzelnen Gebeine und sage zu den Knochen: Knochen zu den Knochen in Glieder, Muskel, Nerven, Fleisch und Haut und Haare darauf‘. Und Seele und Geist soll der große Urael [ein außerbiblischer Engelsname] auf Befehl Gottes geben. Denn ihn hat Gott bestellt bei der Auferstehung der Toten am Tage des Gerichtes. Sehet und bedenkt die Samenkörner, die in die Erde gesät sind. Wie etwas Trockenes, das seelenlos ist, sät man sie in die Erde. Und sie leben auf, bringen Frucht, und die Erde gibt (sie) wieder wie ein anvertrautes Pfand. Und dieses, was stirbt, was als Same in die Erde gesät wird, lebendig wird und dem Leben zurückgegeben wird, ist der Mensch. Wie viel mehr wird Gott die an ihn Gläubigen und von ihm Erwählten, um derentwillen er (die Erde) gemacht hat, auferwecken am Tage der Entscheidung, und alles wird die Erde wiedergeben am Tage der Entscheidung, weil sie an ihm zugleich mit gerichtet werden soll und der Himmel mit ihr.

Und es wird geschehen am Tage des Gerichtes derer, die abgefallen sind vom Glauben an Gott und die Sünde getan haben: Feuerkatarakte werden losgelassen, und Dunkel und Finsternis wird eintreten und die ganze Welt bekleiden und einhüllen, und die Wasser werden sich verwandeln und gegeben werden in feurige Kohlen und alles in ihr (d. Erde?) wird brennen, und das Meer wird zu Feuer werden; unter dem Himmel ein bitteres Feuer, das nicht verlöscht, und fließt zum Gericht des Zorns. Und die Sterne werden zerfließen durch Feuersflammen, als ob sie nicht geschaffen wären, und die Festen des Himmels werden aus Mangel an Wasser dahingehen und werden wie ungeschaffen. Und nicht (?) mehr werden sein die Blitze des Himmels, und durch ihre Zauberei werden sie die Welt erschrecken (vielleicht: Der Himmel wird zu Blitzen werden, und seine Blitze werden die Welt erschrecken). Und der Geist der Leichname wird ihnen gleichen und auf Befehl Gottes Feuer werden. Und sobald die ganze Schöpfung sich auflöst, werden die Menschen im Osten nach Westen fliehen [und die im Westen] nach Osten fliehen; und die im Süden werden nach Norden fliehen und die im [Norden nach] Süden, und überall wird sie der Zorn schrecklichen Feuers treffen. Und indem eine unverlöschliche Flamme sie treibt, bringt sie sie zum Zorngericht in den Bach unverlöschlichen Feuers, der fließt, indem Feuer darin flammt, und indem seine Wogen sich eine von der anderen im Sieden trennen, entsteht viel Zähneknirschen der Menschenkinder.

Und alle werden sehen, wie ich auf ewig glänzender Wolke komme und die Engel Gottes, die mit mir sitzen werden auf dem Thron meiner Herrlichkeit zur Rechten meines himmlischen Vaters. Der wird eine Krone auf mein Haupt setzen. Sobald das die Völker sehen, werden sie weinen, jedes Volk für sich. Und er wird ihnen befehlen, daß sie in den Feuerbach gehen, während die Taten jedes einzelnen von ihnen vor ihnen stehen. [Es wird vergolten werden] einem jeden nach seinem Tun. Betreffs der Erwählten, die Gutes getan haben, sie werden zu mir kommen, indem sie den Tod verzehrenden Feuers nicht sehen werden (?). Die Bösewichter, Sünder und Heuchler aber werden in den Tiefen nicht verschwindender Finsternis stehen, und ihre Strafe ist das Feuer, und Engel bringen ihre Sünden herbei; und bereiten ihnen einen Ort, wo sie für immer bestraft werden, je nach ihrer Versündigung.“ (Petrusoffenbarung 1-6, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 472-475.)

(Anschließend werden einzelne Sündergruppen und ihre Strafen aufgezählt; u. a. finden sich da Mörder, Ehebrecher, Eltern, die ihre Kinder abgetrieben haben, Christenverfolger, unbarmherzige Reiche. Dann geht es noch um den Lohn der Auserwählten. Aber zu genauen Vorstellungen von Himmel und Hölle in einem anderen Teil.)

In der Epistula Apostolorum, einer Schrift, die sich als Brief der Apostel ausgibt, sagt Jesus den Jüngern nach Seiner Auferstehung folgendes:

„Und er sprach zu uns: ‚Wahrlich, ich sage euch, ich werde kommen wie die Sonne, die erglänzt, so werde ich, indem ich siebenmal mehr als sie in Herrlichkeit leuchte, während ich auf dem Flügel der Wolke getragen werde in Glanz und indem mein Kreuz vor mir einhergeht, auf die Erde kommen, daß ich richte die Lebendigen und die Toten.

Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, wie viel Jahre noch?‘ Und er sprach zu uns: ‚Wenn das hundertundfünfzigste Jahr vollendet ist, zwischen Pfingsten und Pascha wird stattfinden die Ankunft meines Vaters.‘ Und wir sprachen zu ihm: ‚O Herr, jetzt hast du zu uns gesagt: Ich werde kommen – und wiederum hast du gesagt: es wird kommen, der mich gesandt hat.‘ Und er sprach zu uns: ‚Ich bin ganz im Vater und der Vater in mir.'“ (Epistula Apostolorum 16(27)-17(28), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 134f.)

Und:

„Wahrlich ich sage euch: ‚Das Fleisch wird auferstehen mit der Seele lebendig, damit sie bekennen und gerichtet werden mit dem Werk, was sie getan haben, es sei Gutes oder Böses, auf daß es werde zu einer Auswahl und Darstellung für die, welche geglaubt und getan haben das Gebot meines Vaters, der mich gesandt hat. Darauf wird das gerechte Gericht stattfinden; denn so will es mein Vater, und er sprach zu mir: Mein Sohn, am Tage des Gerichts sollst du dich vor dem Reichen nicht scheuen und den Armen nicht schonen, sondern übergib einen jeden gemäß seiner Sünde ewiger Bestrafung. Denjenigen aber, die mich geliebt haben und mich lieben und welche mein Gebot getan haben, werde ich Ruhe im Leben verleihen im Reiche meines himmlischen Vaters. Siehe, schaut, was für eine Macht er mir verliehen hat, und er hat mir gegeben, daß, … was ich will und wie ich gewollt habe, … und denen ich Hoffnung erweckt habe.“ (Epistula Apostolorum 26(37), in: Ebd., S. 140f.)

Und:

„Und er sprach zu uns: Dann werden die Gläubigen und auch die, welche nicht glauben werden, ein Horn am Himmel sehen und das Gesicht großer Sterne, die, während es Tag ist, sichtbar sind, und einen Drachen, indem er vom Himmel bis zur Erde reicht und indem Sterne, die wie Feuer sind, herabfallen und große Hagelschlossen von heftigem (?) Feuer, und wie Sonne und Mond miteinander streiten, und beständig der Schrecken von Donner und Blitzen, Donnerkrachen und Erdbeben wie Städte einstürzen und bei ihrer Zerstörung Menschen sterben, beständig Dürre infolge Ausbleiben des Regens, eine große Pest und ein ausgebreitetes und häufiges schnelles Sterben, so daß denen, die sterben, das Begräbnis fehlen wird; und es wird das Hinausgehen (=Hinausgetragenwerden) von Kindern und Verwandten auf einem Bett (=Bahre) geschehen. Und der Verwandte wird sich seinem Kinde nicht zuwenden noch die Kinder ihrem Verwandten, und ein Mensch wird sich seinem Nächsten nicht zuwenden. Die Verlassenen aber, welche verlassen wurden, werden auferstehen und die sehen, welche sie verlassen haben, indem sie sie hinausbrachten, weil Pest (war). Alles ist Haß und Bedrängnis und Eifersucht, und dem einen wird man nehmen und dem anderen schenken, und wie dies wird sein, was nach diesem kommt.

Dann wird mein Vater wegen der Bosheit der Menschen in Zorn geraten; denn zahlreich sind ihre Versündigungen, und der Schauder vor ihrer Unreinheit ist sehr wider sie in der Verderbnis ihres Lebens. […]

Und er sprach zu uns: ‚In jenen Jahren und Tagen (wird) Krieg über Krieg (sein), und die vier Ecken der Welt werden erschüttert werden und werden sich gegenseitig bekriegen. Und darauf (wird eintreten) eine Wolkenbewegung, Finsternis und Dürre und Verfolgung derer, die an mich glauben und (trotzdem) der Bosheit folgen und eitle Lehre lehren. Und diesen wird man folgen und wird sich ihrem Reichtum, ihrer Verworfenheit, ihrer Trunksucht und ihrem Bestechungsgeschenk unterwerfen, und Ansehen der Person wird unter ihnen herrschen.“ (Epistula Apostolorum 34(45)-37(48), in: Ebd., S. 145-147.)

Über Endzeit und Antichrist heißt es im Barnabasbrief:

„Das vollkommene Ärgernis ist nahe gerückt, von dem in der Schrift steht, wie Henoch sagt. Dazu nämlich hat der Herr die Zeiten und die Tage abgekürzt, damit sein Geliebter sich beeile und zu seinem Erbe gelange. Es sagt aber auch der Prophet so: ‚Zehn Königsherrschaften werden herrschen auf Erden, und danach wird ein kleiner König aufstehen, der drei von den Königen auf einmal erniedrigen wird.‘ Ähnlich sagt über denselben Punkt Daniel: ‚Und ich sah das vierte Tier, böse und stark und wilder als alle Tiere des Meeres, und wie aus ihm herauswuchsen zehn Hörner und wie aus ihnen ein kleines Nebenhorn wuchs und wie es auf einmal drei der großen Hörner erniedrigte.'“ (Barnabasbrief 4,3-5)

Wie zu allen Zeiten gab es auch damals schon Vermutungen, wer konkret der Antichrist sein könnte oder wann konkret er kommen werde; der Kirchenhistoriker Eusebius erwähnt folgendes:

„Um diese Zeit gab Judas, ein anderer Schriftsteller, in einer Abhandlung über die siebzig Wochen Daniels eine Chronographie bis zum zehnten Jahre der Regierung des Severus. Er glaubte, das vielbesprochene Erscheinen des Antichrist sei schon damals nahe gewesen. So sehr hatte die damals gegen uns wütende Verfolgung die Gemüter der Massen erregt.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VI,7)

(Diese Verfolgung fand ca. um 200 n. Chr. herum statt.)

Die christlichen Sibyllinen (dichterische Weissagungen) sagen über die Endzeit und das Jüngste Gericht folgendes (dabei kommt auch der nicht in der Bibel erwähnte Engelsname Uriel vor):

„Und Gott wird alsdann ein großes Zeichen vollführen.
Denn es erglänzt ein Stern einem leuchtenden Kranze fast ähnlich,
Glänzend und überall leuchtend herab vom strahlenden Himmel
Und nicht wenige Tage hindurch; denn vom Himmel wird er dann
Zeigen am Siegerkranz den Menschen, die ihn sich erkämpfen.
Dann aber kommt auch die Zeit des festlichen großen Triumphzugs
In die himmlische Stadt, und zwar sämtlichen Menschen gemeinsam
Wird auf Erden er sein und den Ruhm der Unsterblichkeit haben.
Und es wird jedes Volk alsdann in unsterblichen Kämpfen
Ringen um herrlichen Sieg; denn nicht wird einer dann schamlos
Dort einen silbernen Kranz um Geld sich können erwerben;
Denn als Ordner des Kampfs mit strenger Gerechtigkeit waltet
Christus: den Besten verleiht er den Kranz, und die Märtyrerkrone
Allen, die treu und beharrlich den Kampf bis zum Tode durchkämpften.
Auch jungfräulichen Seelen, die rühmlich durchmaßen die Laufbahn,
Gibt er den Preis und jedem, der Recht und Gerechtigkeit übte,
Unter den Menschen zumal und den Völkern anderer Länder,
Welche untad’lig gelebt und Gott den Einen erkannten.
Denen jedoch, die lieben die Eh‘ und der Buhlerei fremd sind,
Gibt er reiche Geschenke dazu und ewige Hoffnung.
Denn eine jegliche Seele der Menschen ist göttliche Gabe,
Und kein Recht hat der Mensch, sie mit allerlei Schmach zu beflecken.
Dies ist der Kampf, dies ist das Bemühen und solches der Kampfpreis;
Das ist des Lebens Tür und das der Unsterblichkeit Eingang,
Welchen der himmlische Gott den gerecht befundenen Menschen
Setzte als Siegespreis. Die eher ruhmreich erhalten
Jenen Kranz, die werden durch diesen Eingang hindurchgehen.
Wenn aber einst auf der ganzen Welt dies Zeichen erscheinet,
Kinder von der Geburt an ergraut sind an ihren Schläfen,
Dann überkommt Pest, Hunger und Krieg als Drangsal der Menschen,
Wechsel der Zeiten und Kummer und Leid und zahllose Tränen.
Ach, wie vieler Kinder in allen Ländern verzehren
Jammervoll klagend die Eltern, das Fleisch in die Mäntel gehüllet
Sie im Mutterschoß der Erde bestatten, besudelt
Ganz von Blut und von Staub; ihr elenden, feigen Gesellen,
O des letzten Geschlechts unglückliche Menschen, ihr Frevler,
Merket ihr nicht, verblendetes Volk, sobald zu gebären
Aufhört der Weiber Geschlecht, daß nahe die Ernte?
Nah ist Vernichtung und Ernte, sobald gleich Gottes Propheten
Lügner erscheinen auf Erden und predigen unter den Menschen.
Und auch Beliar kommt und tut viel Zeichen und Wunder
Unter den Menschen. Und dann wird große Verwirrung entstehen
Unter den Frommen und Treuen; Vernichtung der Auserwählten,
Auch der Hebräer erfolgt. Doch gewaltige Wut überkommt sie,
Wenn das Volk, in zwölf Stämme geteilt, von Osten erscheinet,
Um zu suchen das Volk, das Assyriens Sproß hat vernichtet,
Der vereinten Hebräer. Die Heiden dann gehen zugrunde.
Und dann werden beherrschen die übermütigen Menschen
Auserwählte und treue Hebräer, nachdem sie geknechtet
All ihre Feinde wie vordem, da niemals die Kraft sie verlassen.
Und der Höchste im Himmel, der alles und jegliches schauet,
Wird die Menschen in Schlummer versenken, die Lider beschwerend.
O glückselige Knechte, die wachsam, wenn er erscheinet,
Findet der Herr, die den bleiernen Schlaf von den Lidern verscheuchten
Stets sein Kommen erwartend mit nimmer ermüdenden Augen.
Früh wird’s sein oder spät, vielleicht auch mitten am Tage,
Einmal kommt er gewiß und so, wie ich sage, geschieht es.
Schlummernden wird er erscheinen, wenn einst am sternenreichen Himmel
Alle Gestirne am hellichten Tag werden allen sich zeigen
Samt den zwei Leuchten in rasch verlaufender Folge der Zeiten.
Und dann fährt der Thesbite vom Himmel herab auf die Erde,
Lenkend den himmlischen Wagen, und gibt drei Zeichen den Menschen,
Welche die Erde bewohnen, die Zeichen des endenden Lebens. […]
Weh den Unseligen, weh! die den Tag des Grauens erleben!
Denn stockfinstere Nacht umhüllt den unendlichen Erdkreis,
Mitternachtslande zugleich und Morgen und Abend und Mittag.
Dann aber wird ein mächtiger Strom von brennendem Feuer
Fließen vom Himmel herab und vernichten die herrliche Schöpfung:
Trocknes Land und Meer, des Ozeans bläuliche Fluten,
Seen und Flüsse und Quellen, den unerbittlichen Hades
Und das Himmelsgewölbe. Der Mond und die leuchtende Sonne
Fließen zusammen in eins, und alles wird Wüste und Öde;
Denn vom Himmel herab in den Ozean fallen die Sterne.
Sämtliche lebenden Menschen da werden mit Zähnen knirschen,
Brennend im Strom voller Schwefel und von dem anstürzenden Feuer
In der gewaltigen Flur, und Asche wird alles verhüllen.
[Und es veröden zugleich die sämtlichen Weltelemente:
Luft und Erde und Meer, Licht, Himmel und Tage und Nächte]
Nimmer durcheilen die Luft unzähliger Vögel Geschlechter,
Nicht mehr ziehn in den Fluten die Scharen der schwimmenden Fische,
Kein beladenes Schiff fährt über die schaukelnden Wogen,
Nimmer durchschneiden am Pflug die Stiere mit Furchen das Erdreich;
Aufhört das Rauschen der Bäume von Winden geschüttelt. Doch alles
Klumpt sich in eins zusammen und trennt sich zur Läuterung wieder.
Wenn aber nun die unsterblichen Boten des ewigen Gottes,
Michael, Gabriel, kommen zusammen mit Raphael, Uriel,
Die da wissen genau, was vordem Böses begangen
Jeglicher Mensch: die führen sodann aus nebligem Dunkel
Alle die Seelen heran zum Richterstuhl des großen
Ewigen Gottes und Herrn; denn unvergänglich allein ist
Er, der Beherrscher des Alls, und Er ist Richter der Menschen.
Seele und Atem hierauf und Stimme verleiht den Entschlaf’nen
Neuerdings Gottes Geheiß; die Gebeine, verbunden zu Gliedern
Mancherlei Zwecken gemäß, im Fleische die kräftigen Sehnen,
Adern und Haut, die die Muskeln umspannt, das frühere Haupthaar.
Wunderbar kräftig gefügt, beseelt und frei sich bewegend,
werden der Sterblichen Leiber an einem Tage erstehen.
Unerbittlich und unzerreißbar, erbarmungslos ist
Hades‘ Riesenverschluß der ganz aus Erz gefertigten Tore:
Doch Uriel, der gewaltige Bote zerreißt sie und öffnet,
Alle Gestalten voll Trauer er führt zum Gottesgerichte:
Jene Schattenbilder der längst vergang’nen Titanen
Und der Giganten [Anmerkung: mit Titanen und Giganten werden einige der frühesten Menschen gemeint sein], und welche die Sintflut hatte verschlungen,
Und die auf hoher See vernichtet die Woge des Meeres,
Und die die Tiere und Schlangen und Vögel haben zerrissen,
All die wird er jetzt rufen zum Throne des göttlichen Richters;
Wiederum all die Gestalten, die fleischvernichtendes Feuer
Hatte verbrannt, die sammelt und stellt er vor Gottes Gerichtsstuhl.
Wenn er die Toten erwecket, nachdem er ihr Schicksal erfüllet,
Und auf dem himmlischen Thron sich gesetzet und eine gewaltige Säule
Festgefügt Sabaoth Adonai, der Donn’rer der Höhe,
Dann in den Wolken der Ewige selber zum Ewigen kommet,
Christus in all seinem Glanz mit all seinen heiligen Engeln,
Und er setzt sich dem Großen zur Rechten und richtet vom Thron das
Leben der Frommen und auch der gottlosen Männer Gesinnung.
Moses erscheint, der Große, der Freund des unsterblichen Gottes,
Fleischumkleidet, und Abraham selbst, der Große, wird kommen,
Isaak und Jakob zugleich, Elias und Josua, Daniel,
Jonas und Habakuk auch, und die die Hebräer erschlugen.“
(Christliche Sibyllinen II,34-248, S. 504-507)

Und:

„Jedes Geschöpf auf Erden erwartet den Richttag in Angstschweiß.
Endlich erscheint vom Himmel herab der ewige König,
Seiner Verheißung getreu, was Fleisch ist auf Erden, zu richten.
Und es erblicken sodann die Sterblichen, seien sie gläubig,
Seien sie Feinde des Glaubens, am Ende der Zeiten den Höchsten:
Christum, gefolgt von der Heiligen Schar, der alles, was Fleisch ist,
Richtet, sobald verdorrt ist das Land und Dornen nur sprießen.
Ihre armseligen Götzen verwerfen die Menschen, mit Abscheu,
Spähendes Feuer verzehrt den Himmel, die Erd‘ und des Meeres
Tosende Flut und verbrennt die Kerkertore des Hades.
Und an das Licht der Freiheit gelangt von den Toten ein jeder,
So sich im Leben bewährt; die Bösen erwartet das Feuer.
Gründlich und offen bekennt, was er heimlich gesündigt, ein jeder.
Ohne Erbarmen durchleuchtet der Herr des Herzens Geheimnis.
Tausende heulen vor Wut, man hört das Knirschen der Zähne.
Traurig verbleichen die Sterne, der Glanz der Sonne verliert sich.
Ebenso schwindet der Mond. Es wankt das Himmelsgewölbe.
Schluchten und Täler erblickst du nicht mehr, die Berge versinken:
Scheidet ja doch auch Menschen nicht mehr der leidige Rangstreit.
Offenes Land ersetzt die Gebirge, und keines der Meere
Hat jetzt Schiffe zu tragen. Die Erde ist dürr und vertrocknet.
Nicht mehr murmelt der Quell, die rauschenden Ströme versiegen.
Eines nur störet die Stille des Tods: der Klang der Trompete.
Ruchlose Greuel beklagt sie, beklagt den Jammer der Menschheit.
Lüstern nach menschlichem Fleisch gähnt furchtbar des Tartarus Rachen.
Öffentlich flehn um gnädigen Spruch die stolzesten Herrscher.
Schwefliger Dampf, dem Feuer gesellt, ergießt sich vom Himmel.
Ein verläßliches Zeichen, ein kenntliches Siegel indessen
Richtet die Gläubigen auf: das Kreuz, die Säule der Hoffnung;
Kraft verleiht es den Frommen, zum Ärgernis dient es den Bösen,
Rettet und heilt die Erwählten in zwölffach sprudelnder Quelle,
Eint als eiserner Stab in der Hand des Hirten die Völker.“
(Christliche Sibyllinen VIII,217-248, in: Ebd., S. 519)

Und:

„Der Bedrückten nimm dich stets an und hilf dem Erschöpften,
Bring dieses lebende Opfer doch mir, dem lebendigen Gotte,
Jetzt nur säend ins Wasser, damit auch ich dir einst gebe
Unvergängliche Früchte; das ewige Leben sollst du haben,
Unverwesliches Leben, wenn alle ich prüfe im Feuer.
Alles werde ich schmelzen und wieder zur Läuterung scheiden,
Werde den Himmel erschüttern, die Schlünde der Erde eröffnen,
Und dann will ich die Toten erwecken, das Schicksal lösend
Und den Stachel des Todes, und alsbald komm‘ ich zum Gerichte,
Um zu richten das Leben der frommen und gottlosen Menschen;
Und da werd‘ ich dem Widder den Widder, dem Hirten den Hirten,
Und den Stier dem Stier gegenüberstellen zur Prüfung.
Alle, die waren erhöht, überführt bei dem großen Verhör, und
Jedem den Mund verstopften, um selber voll Neid und voll Mißgunst
Alle, die Gutes getan, gleichermaßen zu knechten und schinden,
Schweigen ihnen gebietend, doch nur dem Gewinne nachjagten,
Die werden alle, bei mir nicht bewährt, jetzt abtreten müssen.
Nicht mehr sagst du in Zukunft voll Trauer: ‚Wird’s morgen wohl sein?‘
Oder: ‚Ist’s gestern gewesen?‘ Nicht sorgst du für mehrere Tage;
Frühling, Sommer und Winter und Herbsteszeit gibt es nicht mehr,
Auch keinen Abend und Morgen; verlängern werd ich den Tag jetzt,
Aber auf ewig ersehnt wird das Licht des gewaltigen Gottes.“
(Christliche Sibyllinen VIII,407-428, in: Ebd., S. 523f.)

Von kanadischen Internaten und irischen Mutter-Kind-Heimen

Vielleicht haben es einige mitbekommen: Überschriften in den Zeitungen über angeblich gefundene „750 unmarkierte Gräber“ bei einem ehemaligen kirchlichen Internat in Kanada für Kinder aus indigenen Familien. Die offensichtlich gewünschte Assoziation (denn natürlich wissen Journalisten, dass die meisten Leute nur Überschriften lesen, und schreiben öfter auch ihre Artikel vage genug, um diese Assoziation noch zuzulassen) ist: Da haben irgendwelche Nonnen hunderte Kinder ermordet und verscharrt.

Sobald man ein bisschen tiefer gräbt, stellt sich dann heraus:

  • Es handelt sich um einen Friedhof, auf dem sowohl Schulkinder als auch andere Menschen aus der Umgebung begraben wurden
  • Die Gräber waren nicht unmarkiert, sondern bloß mit Holzkreuzen oder Ähnlichem markiert, die irgendwann verrottet sind
  • Die Toten starben an natürlichen Ursachen
  • Der Friedhof wurde auch nicht wirklich neu entdeckt

Es ist absolut krass, wie man mithilfe von Halbwahrheiten so lügen kann: Da gehen ein paar Leute mit Radar über alte Friedhöfe neben aufgegebenen Gebäuden irgendwo im tiefsten ländlichen Kanada, und daraufhin wird in der Öffentlichkeit der Eindruck verbreitet, hier hat die Kirche lauter Kinder ermordet. (Was übrigens dazu geführt hat, dass mittlerweile ca. 10 Kirchen in Brand gesteckt wurden.)

Im Gefolge dieser Vorwürfe wurden ja noch weitere, ernstzunehmendere Vorwürfe zu Gewalt oder Vernachlässigung berichtet, von denen manche auch schon länger bekannt waren. Daher erst einmal grundsätzlich zu diesen Schulen: Im 20. Jahrhundert entschied der kanadische Staat, dass die indigene Bevölkerung, die ihr traditionelles Leben als Jäger und Sammler nicht mehr wirklich leben konnte, in die Gesellschaft integriert werden müsste, und zwang die Familien in den Reservaten, ihre Kinder in Internate, sog. „residential schools“, zu geben (da es vor Ort bei den zerstreut lebenden Stämmen oft keine Schulen gab). Hierbei delegierte der kanadische Staat diese Aufgabe an kirchliche (katholische und anglikanische) Schulen, die evtl. auch schon länger bestanden und auch indigene Kinder unterrichtet hatten, als der Schulbesuch noch freiwilig gewesen war.

(Eine solche Strategie war übrigens kein Einzelfall aus Kanada: Dass u. a. mithilfe einer Schulpflicht eine national einheitliche Sprache und Kultur durchgesetzt werden sollte und Minderheiten zwangsweise assimiliert werden sollten, findet man in der Neuzeit in vielen Ländern von Frankreich bis Indien.)

Hätte die Kirche sich hier anders verhalten sollen? Eigentlich war sie ja immer für das Recht der Eltern (auch ungetaufter Eltern) eingetreten, ihre Kinder zu erziehen, wie sie es für richtig hielten, und hätte nicht einfach so dabei mitmachen sollen, Familien für einen großen Teil des Jahres auseinanderzureißen. Offensichtlich sahen es die damaligen beteiligten Ordensleute und Lehrer allerdings so, dass die Kinder eine zivilisierte und christliche Erziehung bräuchten, die sie auf das Leben im modernen Kanada vorbereitete, und dass das vorging.

Gab es jetzt ansonsten, abgesehen von der unsinnigen Friedhofsgeschichte, Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung in den Internaten? Hier schwirren verschiedene Berichte herum, und manche glaubwürdiger als andere. Ich habe vor, da mal etwas Recherche zu betreiben und zu schauen, ob und wo man belastbare Informationen finden kann, z. B. auch bei den Informationen, die die sog. „Truth and Reconciliation Commission“ gesammelt hat. Hier will ich nur fürs erste mal davor warnen, alles sofort zu glauben, was man liest. Unter den Sachen, die Leute im Internet verbreiten, findet sich nämlich z. B. auch so was:

Bild

Ja, hier wird behauptet, dass ein paar kanadische Nonnen in den späten 1940ern einfach mal ein Baby in einen Ofen geworfen hätten, und zwar vor den Augen einer Schülerin und einer anderen Nonne, ohne sich die Mühe zu machen, irgendetwas auch nur ansatzweise zu verbergen. Schließlich gab es ja keine Polizei und nichts in Kanada. Das wirkt in etwa so, wie wenn eine alte Frau von den Erfahrungen aus ihrer deutschen Dorfschule in den 50ern berichten würde: „Fräulein Hintermeier war ziemlich streng und hat mir mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen, wenn ich mit meiner Banknachbarin geflüstert habe. Sie hat das eine Roma-Mädchen in unserer Klasse oft ungerecht behandelt. Außerdem hat sie mal ein rothaariges Mädchen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.“

Wie kommt es, dass so etwas verbreitet wird? Manchmal denken sich Leute einfach irgendwas aus, fertigen eine Grafik an und stellen sie ins Internet. Manchmal gibt es auch wirkliche Zeugenaussagen, aber die Zeugen haben aus irgendeinem Grund gelogen. Manchmal gibt es aber auch das „false memory syndrome“, manchmal haben auch Leute, die eine wirkliche Traumatisierung erlebt haben (z. B. durch eine frühe Trennung von der Familie und Vernachlässigung in einem Internat), Schwierigkeiten, Reales und Nicht-Reales auseinanderzuhalten, und es entwickeln sich in ihren Gedanken falsche Erinnerungen an weitere Traumatisierungen, gerade, wenn sie damals noch Kinder waren. Manchmal werden Menschen aber auch solche Kindheitserinnerungen durch Suggestivfragen eingeredet, z. B. von unseriösen Therapeuten, die sich darauf versteifen, sie würden etwas verdrängen.

Bei alldem kann man sich an eine Geschichte aus Irland erinnert fühlen. Die Medien bringen skandalös wirkende Überschriften: Bei einem kirchlichen Kinderheim in Tuam sollen hunderte Kinderleichen in einer Klärgrube entsorgt worden sein. Auch hier stellt sich dann heraus, es handelt sich um einen normalen Kinderfriedhof neben einer ehemaligen, zugeschütteten Klärgrube; und die Kindersterblichkeit in den Heimen waren genauso hoch, wie man es in dem bettelarmen Land, das Irland zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, in überfüllten Heimen erwarten konnte. Todesursachen waren Tuberkulose, Masern, Magen-Darm-Krankheiten usw.

Die Magdalenenheime blieben in den Schlagzeilen. Dabei ging völlig unter, wofür sie eigentlich da waren. Gegründet wurden solche Heime im 19. Jahrhundert zuerst zur Rehabilitation von Prostituierten, die der Prostitution entkommen wollten, dann auch, um unehelich schwangere Frauen aufzunehmen, deren Familien sie nicht bei sich haben wollten, oder die ihre Kinder heimlich gebären wollten. (Manchmal wurden auch sonstige Obdachlose oder Not leidende Leute aufgenommen.) Den Frauen wurde geholfen, eine Arbeit zu finden, bevor sie die Heime wieder verließen, und keine Frau wurde gezwungen, in ein solches Heim zu gehen, wenn sie unehelich schwanger war; aber viele hatten wohl nicht viele Alternativen, weil sie sonst auf der Straße gesessen hätten. Die Nonnen, die diese Heime betrieben, hatten meistens finanzielle Schwierigkeiten (der Staat gab auch nur wenig Geld dazu, auch wenn die Nonnen immer wieder darum baten), weshalb auch die aufgenommenen Frauen dort z. B. in Wäschereien arbeiten mussten, damit überhaupt Geld hereinkam. Oft wurden die in den Heimen geborenen Kinder dann zur Adoption freigegeben; es gab wohl auch einen gewissen Druck auf die Frauen, die Kinder adoptieren zu lassen, da man sie selbst nicht für geeignet als Mütter hielt. Manche wurden auch in den Heimen selbst aufgezogen. Was wohl tatsächlich stimmt, ist, dass es öfter eine gewisse Vernachlässigung und Kaltherzigkeit gegenüber den Frauen und ihren Kindern gab, und eben auch, dass Druck gemacht wurde, die Kinder zur Adoption freizugeben, aber nichts davon kommt an das Bild der höllischen Konzentrationslager heran, das gewisse Medien sich in den letzten Jahren bemüht haben zu verbreiten.

Auch erinnert fühlen kann man sich an das 19. Jahrhundert, als in antiklerikalen und protestantischen Kreisen Geschichten herumschwirrten, in katholischen Nonnenklöstern würden junge Frauen eingesperrt, Nonnen hätten Beziehungen mit Priestern und würden die daraus resultierenden Kinder töten und heimlich vergraben, usw. Die (erwiesenermaßen gefälschten) Geschichten über Maria Monk fallen einem da ein.

Wobei man hier auch sagen muss, dass falsche Geschichten über Gräueltaten ja nicht nur die Kirche betreffen, und manchmal auch um ganz wirkliche Verbrechen herum gestrickt wurden (wie z. B. bei Leuten, die sich, um sich wichtig zu machen, als Holocaustopfer ausgaben). Falsche Geschichten schließen nicht aus, dass es auch wirkliche Verbrechen gab; aber solange man noch keine Beweise für diese wirklichen Verbrechen gesehen hat, sollten die falschen Geschichten zumindest einen gewissen Skeptizismus hervorrufen.

Jedenfalls, woher kommt hier die Leichtgläubigkeit so vieler Leute? Vielleicht ist es teilweise berechtigtes Grundmisstrauen gegenüber Heimerziehung, vielleicht ist es teilweise die Lust am Grusel beim Zusammentreffen des Heiligseinsollenden und des Grausigen. Ich weiß auch nicht.

Am Ende jedenfalls würde ich sagen: Das Ganze wirkt bis jetzt etwa so, wie wenn im Jahr 2100 jemand herausfände, dass im frühen 21. Jahrhundert alte Leute oft in Altenheime abgeschoben wurden, dass einige Altenheime von der Kirche betrieben wurden, und dass die Heimbewohner dort manchmal vernachlässigt wurden, dass es Pfleger gab, denen sie egal waren oder die ihre Macht über sie ausspielten, und dann dazudichten würde, dass irgendwelche Nonnen hunderte alte Leute ermordet hätten, und deswegen Kirchen anzünden würde.

Es ist etwas sehr Ernstes, Menschen schlimmer Verbrechen zu beschuldigen, besonders dann, wenn viele von diesen Menschen sehr alt oder tot sind und sich nicht mehr wehren können. Und man sollte es nicht einfach mal schnell so leichtfertig tun, auch wenn man sich dann Vorwürfe anhören muss, als wären einem Missbrauchsopfer und tote Kinder egal.

Hatten die Tradis doch Recht: Ein paar Entschuldigungen

Wer schon länger bei mir mitliest, wird vielleicht an manchen Sachen gemerkt haben, dass sich ein paar meiner Einstellungen mit der Zeit geändert haben. Als ich diesen Blog begonnen habe, habe ich mich als konservative Katholikin bezeichnet; jetzt, ein paar Jahre später, sehe ich mich ziemlich klar auf der Tradi-Seite, und Konservativsein eher als Kompromiss auf halbem Weg. (Ein paar politische Einstellungen haben sich bei mir auch geändert, aber dazu vielleicht ein andermal.)

Jedenfalls, ich wollte mich an dieser Stelle mal entschuldigen, weil ich in den vergangenen Jahren hier ein paar Mal überheblich oder abschätzig war gegenüber Meinungen, die mir übertrieben oder zu unnormal vorkamen. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich ja auch dazu kommen, was genau ich über manche Sachen jetzt denke. Es ist mir eben manchmal so gegangen, dass ich natürlich nichts von der Kirche Verurteiltes glauben wollte, aber erst mal skeptisch gegenüber manchen früher weit verbreiteten katholischen Einstellungen war, und dabei dann selber wieder übertrieben habe, und manche kirchlichen Äußerungen auch nicht so gut kannte.

(Ich meine eher hier nicht Zeug, das ich vor ein paar Monaten geschrieben habe, sondern wollte mal im Rückblick einen gesammelten Artikel über einige meiner Einstellungen von vor ein paar Jahren schreiben.)

Und dann habe ich mit der Zeit eben gemerkt, dass die Radtrads doch manchmal Recht haben, und dass es nicht immer eine gesunde Reaktion ist, wenn man zu sehr drauf schaut, sich von Leuten „abzugrenzen“, die grundsätzlich auf derselben Seite, aber vielleicht irgendwie radikal oder irgendwie komisch sind, und gleichzeitig drauf schaut, Leute, die einen nicht mögen und auf einer ganz anderen Seite sind, möglichst nicht vor den Kopf zu stoßen. Ich will nicht sagen, dass ich das immer so gemacht habe (und auch nicht, dass man jetzt die Gegner ständig vor den Kopf stoßen soll oder gar keine innerkatholischen Streitereien mehr ehrlich austragen darf, die sind schon auch wichtig), aber ich glaube, ich hatte schon eine gewisse Tendenz in diese parteiliche Richtung.

Ich glaube, manchmal habe ich mir auch ein bisschen was drauf eingebildet, bei der und der Sache nicht stereotyp erzkonservativ zu sein. Wahrscheinlich habe ich mir auch schon vor meiner katholischen Zeit manchmal was drauf eingebildet, anders als andere zu sein, z. B. intellektueller zu sein als andere Mädchen, oder mich nicht zu schminken. Ich meine damit nicht, dass man sich immer an andere anpassen muss, sondern nur, dass Anderssein etwas Neutrales ist. Ich schminke mich auch jetzt noch nicht. Man muss definitiv nicht alles annehmen, nur weil es manche auf der eigenen Seite denken, aber man muss es deswegen auch nicht ablehnen.

Und auch die Radikalen oder die Griesgrämigen können mal Recht mit einem harten Urteil haben. Ich bin selber von meiner Gemütslage her öfter so drauf (außerhalb des Internets mehr als im Internet), dass ich keine unnötigen Streitereien will und die nötige Mäßigung in allem haben will. Aber manchmal – nicht immer – stimmen eben auch die harten, scheinbar unverhältnismäßigen Aussagen, weil die scheinbar normalen Aussagen die Verhältnismäßigkeit verloren haben. Deswegen muss man nicht griesgrämig werden. Man kann fröhlich sein und sich um das kümmern, was man gerade zu tun hat, und Gott alles Restliche in die Hände legen. Aber manchmal sind Dinge einfach sehr schlecht und ableugnen hilft nichts.

(Für eventuelle an Skrupulosität leidende Leser: Ich meine damit nicht, dass ich meine Aussagen in meinen Artikeln über Moraltheologie radikalisieren müsste; um dieses Thema geht es hier nicht, denn dabei habe ich schon einigermaßen recherchiert.)

Ein paar Beispiele für das, was ich meine:

Vor zehn Jahren (noch zu Papst Benedikts Zeiten), als ich angefangen habe, den Glauben ernst zu nehmen, habe ich mir noch gedacht: Wow, wir haben ja wirklich Glück mit den Päpsten und der Kirche jetzt, das war sicher total schwierig für die Leute im Mittelalter und so. Wir haben jetzt Benedikt und den Youcat und die Jugend2000 und Nightfever, und Glaubenswissen ist für uns zugänglich und der Glaube wird nicht so politisch missbraucht. Mittlerweile sehe ich es ziemlich genau umgekehrt – heute wird es einem schwer gemacht, zu wissen, was man jetzt eigentlich glauben soll und was verlässlich ist, es gibt die komischsten Cliquen in der Kirche und die Bischöfe kuschen vor dem Staat, und das soll man alles nur im Vergleich dazu gut finden, dass es angeblich im imaginären Mittelalter viel schlimmer gewesen wäre. (Ich kann mich auch nicht mehr so für Benedikt begeistern wie früher, auch wenn ich ihn immer noch persönlich sehr sympathisch finde. Manches, was er z. B. noch als Konzilsberater oder Kardinal getan hat, kann man nicht uneingeschränkt gut finden.) Mit der Zeit ist mir wirklich auch klar geworden, wie extrem der Glaube hierzulande in den letzten paar Jahrzehnten zerfallen ist, auch in meiner eigenen Familie, während meine Vorfahren von Generation zu Generation katholisch waren (und ja, Glaubenswissen hatten), wahrscheinlich seit dem 8. Jahrhundert. In den letzten 60 Jahren ist ein solcher Abbruch passiert, dass man ihn mit sehr wenigem in der Kirchengeschichte vergleichen kann, nicht einmal wirklich mit der Arianismus-Krise im 4. Jahrhundert. Da kann man ruhig sagen, dass es schlimm ist, und dass dieser Zustand die Dämonen freut. Man muss nicht ständig nur daran denken, vor allem nicht an all das, was man nicht ändern kann, aber es ist einfach trotzdem sehr, sehr traurig.

Ich habe jetzt kein Problem mehr damit, zu sagen, dass sich die Dämonen sicher übers 2. Vatikanum gefreut haben: Eine der größten Gelegenheiten jemals, bei denen die Hüter der Kirche ihr Amt verraten haben. Wenn man von einzelnen Schwierigkeiten bei den Texten absieht (viele waren ganz normal, sogar schön, aber einige waren tatsächlich schlecht in dem, was sie vermittelt haben): ein Konzil besteht ja nicht nur aus Texten, sondern hat auch eine Wirkung und eine Umsetzung durch die daran beteiligten Bischöfe. Und das Schlimmste daran war nicht eine bestimmte Lehre oder Neuerung, sondern der vom Konzil verbreitete Eindruck, alles müsse jetzt irgendwie neu und auf den Prüfstand gestellt werden und bis jetzt wäre man gar nicht wirklich christlich gewesen. Ich hatte Glück, da trotzdem noch zur Kirche zu finden.

[Anmerkung: Das soll kein Zweifel an der Gültigkeit des Konzils sein. Aber als Pastoralkonzil war es nicht unfehlbar.]

Dann noch ein paar weniger wichtige Beispiele, bei denen ich gemerkt habe, dass die Tradi-Sichtweise doch ganz stimmig ist:

Da wäre z. B. das Thema „Modesty“ (schamhafte Kleidung): Spielt in Deutschland keine so große Rolle in Diskussionen, in den USA schon eher. Da ist man schnell dabei, sich über die Radikalen lustig zu machen, für die wohl alles unanständig wäre, und zu sagen, dass Männer doch wohl Frauen respektieren können, auch wenn die sich nicht in eine Burka hüllen würden. (Mit „man“ meine ich hier katholische Mädels, die auch ein bisschen feministisch sein wollen, wenn auch nicht so sehr wie die richtigen Feministinnen, also praktisch das, was ich auch vor nicht so langer Zeit war. Ich hab hier ja auch mal einen Artikel geschrieben, in dem ich mich über komisch wirkende Schamhaftigkeitsvorstellungen geärgert habe – der ist inzwischen nicht mehr öffentlich, weil ich nicht mehr so ganz dahinter stehen würde.) Aber auch hier bekämpft man manchmal Strohmänner. Es ist nun mal eine Tatsache, dass viele Frauenklamotten von den Designern so gemacht werden, dass sie sexuell anziehend sein sollen (auch wenn irgendein Mädchen sie nur kauft, weil ihr gerade die Farbe gefällt oder was weiß ich); es ist keine Erfindung von katholischen Tradis, dass Männer öfter auf visuelle Reize anspringen, mehr als Frauen. Natürlich gilt trotzdem: Wenn einem ungewollt unanständige Gedanken kommen, ist das noch keine Sünde und man kann und muss diese Gedanken auch ignorieren oder wegschieben. Es stimmt auch, dass solche Gedanken auch zwischendurch kommen werden, wenn alle sich normal anziehen. Aber es ist auch einfach eine leicht einsichtige Tatsache, dass man das nicht zusätzlich hervorrufen und es Leuten zusätzlich unnötig schwer machen muss. Außerdem sorgt es auch einfach für normalere Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die oft ja gar nichts Romantisches voneinander wollen, wenn man nichts trägt, bei dem andere sich ständig bemühen müssen, sich nicht ablenken zu lassen. Dazu kommt, dass man ja nicht anderen Leuten alles herzeigen muss, auch wenn die sich nicht für einen interessieren würden.

Auch das „Sollen sich Mädchen von Kopf bis Fuß verhüllen?“-Argument ist Blödsinn. Männerklamotten sind auch nicht tief ausgeschnitten oder reichen kaum über den Hintern, trotzdem gehen Männer nicht im Sommer an Hitze zugrunde. (Das ist ja auch ein Grund, warum bei dem Thema öfter über Frauenkleidung als über Männerkleidung geredet wird: Männerklamotten werden nicht so designt wie Frauenklamotten.) In einem etwas lockeren T-Shirt mit hohem Ausschnitt und einem knielangen Rock oder einer knielangen Hose ist es einem nicht wirklich heißer als in einem engen T-Shirt mit tiefem Ausschnitt und einem Minirock oder Hotpants. Die Hotpants können sogar unbequemer und unpraktischer sein, weil dann z. B. die schwitzenden Oberschenkel am Stuhl kleben. Die Regeln, die die Durchschnittstradis aufstellen, sind auch nicht total übertrieben: Rock bis zu den Knien (er rutscht ja auch leichter mal hoch, wenn man sich z. B. hinsetzt oder rennt), der Brustansatz sollte nicht zu sehen sein, auch wenn man sich vorbeugt, die Sachen sollten nicht zu eng sein und z. B. nicht an der Brust oder dem Hinterteil total spannen (auch Leggins sind keine Hosen, die man ohne etwas drüber tragen sollte), schulter-, rücken- und bauchfrei ist grenzwertig. Das ist vernünftig und wirklich machbar. Wenn manche finden, dass Mädchen besser nur Röcke statt Hosen tragen sollten, halte ich das tatsächlich für übertrieben; Crossdressing ist zwar falsch, aber Hosen sind heute genauso Frauenkleidung, und Männer- und Frauenhosen unterscheiden sich auch noch genug. Aber wenn man es für besser befindet, dass Frauen ihre Femininität betonen, wieso nicht? Mir schadet es ja nicht, wenn andere Frauen es vorziehen, nur Röcke zu tragen, solange sie mich mit meinen Hosen in Ruhe lassen. Man kann es übertreiben, natürlich gibt es ab und zu jemanden, der es unschamhaft findet, wenn nackte Oberarme gezeigt werden, aber das ist nicht der Durchschnittstradi, und solche Übertreibungen sind auch keine unvergebbare Sünde.

Das Thema „Modesty“ ist eben auch eins, bei dem das allgemeine Verhältnis zum Feminismus hineinspielt. Ich hatte ja zeitweise vor ein paar Jahren auch die Einstellung, dass man Feministinnen doch dieses oder jenes zugutehalten müsse, dass sie doch sicher bei einigem Recht hätten, man sich auf sie zubewegen müsse etc. Jetzt finde ich das viel weniger. Zum Beispiel lässt sich manchmal feststellen, dass sie einfach unehrlich mit sich selber sind, wenn es um ihre Beschreibung der patriarchalen Vergangenheit geht. Ja, doch, auch „früher“ fand man häusliche Gewalt schlecht und nein, Frauen galten nicht als Besitztümer ihrer Männer. Außerdem muss man auch nicht so tun, als gäbe es keine typischen Frauenfehler, die auch nicht besser sind als typische Männerfehler, als wären Frauen generell irgendwie moralisch überlegen. Das wird häufig getan, um feministisch Gesonnenen entgegenzukommen: Man führt die Fehler von Frauen irgendwie auf Fehler von Männern zurück, um nicht so zu wirken, als würde man Frauen „dämonisieren“ – gerade so, als hätten Frauen keinen eigenen freien Willen. Und man darf auch mal zugeben, wenn Männer etwas besser können.

Ein Beispiel: Bei der Frage nach dem Frauenpriestertum wird von konservativ-katholischer Seite oft betont, dass es hier nicht darum geht, zu sagen, dass Frauen nicht predigen könnten o. Ä., sondern dass es eben darum geht, dass der Mann Jesus Christus bei der Spendung der Sakramente durch einen Mann repräsentiert wird. Nun ist es natürlich klar, dass v. a. deswegen nur Männer Priester sein können (ausnahmslos), weil sie Christus repräsentieren, eben auch in seiner Rolle als Bräutigam der Kirche / der einzelnen Seele, und dass wir ein „männliches“ Gottesbild haben (der Vater im Himmel, der die von sich irgendwie getrennte Welt schafft), während weibliche Gottesbilder oft zu pantheistischen Vorstellungen führen können (die Mutter Erde, die aus sich das Leben gebiert). (Jetzt ganz grob halbwegs erklärt.) Aber das rein männliche Priestertum hat tatsächlich auch noch mehr praktische Vorteile.

Es ist m. E. wirklich so, dass Männer im Durchschnitt besser dazu geeignet sind, zu lehren und zu leiten. Das betrifft den Durchschnitt und nicht den Einzelfall; aber Frauen sind einfach oft konformistischer gegenüber herrschenden Ideen, nachgiebiger, wollen den Frieden erhalten, oder tragen Konflikte nicht offen aus, sondern durch verdeckte Zickereien, oder behandeln intellektuelle Konflikte als persönliche, oder neigen zu Emotionalisierung. Vielleicht kann sich das auch mal in positiver Weise auswirken, wenn man z. B. nicht mit Absicht dagegen ist oder besser sieht, was Leuten bei einer bestimmten Sache emotional wichtig ist, aber bei Aufgaben der Lehre und Leitung ist es oft nicht hilfreich; denn hier muss man drauf aufpassen, keine falschen Kompromisse einzugehen und muss sich auch eher mal unbeliebt machen, und darf sich nicht zu sehr von persönlichen Sympathien leiten lassen. Das ist eine Tendenz, kein immer feststehendes Gesetz, aber es ist eine feststellbare Tendenz, und deswegen ist es m. E. auch in der Politik an sich besser, wenn eher Männer es machen, aber es hat auch schon gute Fürstinnen gegeben (und sogar einzelne gute Parteipolitikerinnen). (Ich merke das übrigens an mir selber, dass ich irl manchmal zu nachgiebig-beeinflussbar bin, auch wenn ich zu emotionalisierte Sachen gar nicht mag.) Vielleicht liegt es auch an der Sorte Frauen, die sich zu diesem Beruf hingezogen fühle, aber ich habe einfach den Eindruck, die meisten predigenden Gemeindereferentinnen behandeln die Leute wie Kindergartenkinder und können nur mit symbolischen Kerzen und pseudotiefen Sprüchen arbeiten, statt z. B. die Dreifaltigkeit zu erkläre; das ist diese Emotionalisierung, die ich meine.

Wegen alldem bin ich auch Christen nicht mehr böse, die – sagen wir – solche radikalen Ansichten haben wie z. B., dass das Frauenwahlrecht besser nicht eingeführt worden wäre. Ich selbst bin mir bei dem Thema nicht ganz sicher, aber jedenfalls hätte ich gerne weniger Frauen als Politikerinnen. Es bringt so etwas Tantenhaftes, Pseudoharmonisches in die Politik hinein. Es gibt weniger Politiker, die sich mal trauen, anzuecken. Und die Gegnerinnen (ja, -innen) des Frauenwahlrechts vor hundert Jahren hatten zumindest ernstzunehmende Argumente, die man allein aus historischer Neugier mal gehört haben sollte, und an die überhaupt keiner mehr denkt. Ich werde jetzt nicht zur Kämpferin für die Abschaffung des Frauenwahlrechts (der Käse ist sowieso gegessen), aber ich sehe die Sichtweise, dass man es damals hätte bleiben lassen können, nicht mehr als etwas, auf das man mit Entsetzen und Empörung reagieren muss.

Oder ein anderes Beispiel: Beim Thema Todesstrafe ist es beliebt, zu sagen: Wir sind für den Schutz von allem menschlichen Leben, wir stellen uns nicht auf dieselbe Stufe mit dem Mörder, den wir bestrafen wollen, etc. Die Todesstrafe gilt als etwas Barbarisches, das höchstens noch im wilden wilden Westen überlebt hat. Man will nicht in einen Topf mit den blutrünstigen Christen im Europa von vor 200 Jahren oder den blutrünstigen Christen im heutigen Texas geworfen werden. Damit bekommt man freilich ein Problem mit annähernd 2000 Jahren Kirchengeschichte; denn die Todesstrafe wurde praktisch einmütig als grundsätzlich gerechtfertigte Strafe für schwere Verbrechen gesehen, und diese Sicht von Päpsten mehrfach bekräftigt (und das wissen Nichtkatholiken auch so ungefähr, auch wenn sie sonst einen sehr falschen Blick auf Kirchengeschichte haben, und vieles, was sie mit der Kirche assoziieren, wie z. B. Folter zur Befragung, gerade nicht unumstritten für gut befunden wurde). Natürlich kann man jetzt im Sinn eines Johannes Pauls II. sagen, ja, ja, im Notfall kann eine Gesellschaft auf die Todesstrafe zurückgreifen müssen, aber das ist doch jetzt nicht mehr nötig, wir haben Hochsicherheitsgefängnisse. Nur hatte man auch früher zumindest in vielen, wenn auch nicht in allen, Kulturen schon sehr sichere Kerker; Riegel und Wärter sind keine Erfindung aus dem Jahr 1960. Und manche Länder in der Dritten Welt, in denen es sehr korrupt zugeht und man mit Bestechung einiges erreicht, haben auch heute keine sicheren Gefängnisse.

Die Todesstrafe kann jedenfalls gerecht sein, denn: Eine Strafe ist dazu da, die durch die Tat gestörte Gerechtigkeit wiederherzustellen. Dem Täter, der seinen Willen auf Kosten anderer ausgelebt hat, soll jetzt etwas Vergleichbares gegen seinen Willen zu geschehen. Dass bei der Strafe vor allem auf diesen Aspekt der Sühne geschaut wird, ist auch wichtig, um dem Täter gegenüber gerecht zu sein; denn wenn Abschreckung der Hauptzweck wäre, könnte man auch jemanden bestrafen, der unschuldig ist, aber für schuldig gehalten wird, und wenn Besserung der Hauptzweck wäre, könnte man einen Kleinkriminellen jahrzehntelang im Gefängnis festhalten, bis man ihm seine letzten schlechten Neigungen ausgetrieben hat, statt ihn einfach nur so lange dazubehalten, bis er seine Taschendiebstähle abgebüßt hat. Nein, Voraussetzung für eine Strafe ist, dass sie als Sühne verdient ist. Und es ist gerecht, dass sie in gewisser Weise der Tat entspricht: Es ist gerecht, dass ein Dieb eine Geldstrafe zahlen muss, also auch einen Eingriff in sein Eigentum erleidet, oder dass ein Entführer ins Gefängnis kommt, also seine Freiheit einbüßt. Und für einen Mörder ist es gerecht, wenn auch er sein Leben hergeben muss. Christliche Vergebung steht dem nicht entgegen; denn Vergebung bedeutet vor allem ein Ende der Feindschaft, eine Reparatur einer Beziehung, nicht der Verzicht auf jede Strafe oder Wiedergutmachung. Man kann jemandem vergeben, und trotzdem wollen, dass er seine Strafe auf sich nimmt, und er kann sie auch auf sich nehmen wollen. Wer einem etwas kaputt gemacht hat, dem wird man verzeihen können, aber er selber wird es (hoffentlich) als gerecht empfinden, wenn er trotzdem noch Schadensersatz zahlen muss. Manchmal legt die christliche Nächstenliebe es nahe, mehr zu tun, und auf eine geschuldete Wiedergutmachung zu verzichten, und es nicht so genau zu nehmen. Aber bei schwersten Verbrechen sollte man es ein bisschen genauer nehmen, als man es heute manchmal tut.

Und die Todesstrafe ist m. E. nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis sinnvoll, da sie Täter viel eher zur Reue führt als 40 Jahre im Gefängnis mit lauter anderen verhärteten Kriminellen, und wahrscheinlich einen spürbaren Abschreckungseffekt hat (Soziologen sind sich nicht ganz einig, ob sie abschreckt oder ob sie keinen Unterschied macht; einen schlechten Effekt hat m. W. niemand gefunden, und manche Studien einen sehr positiven; leider gibt es aber einfach zu wenig Daten), und auch eine Möglichkeit bietet, Tätern beizukommen, die noch im Gefängnis Verbrechen an anderen Gefangenen oder an Wärtern begehen. Aus all diesen Gründen ist es eben nicht barbarisch, sondern vernünftig, zu sagen, dass die Todesstrafe auch angewandt werden kann, wenn man die Bevölkerung auch schützen könnte, indem man den Täter wegsperrt. Übrigens wenden auch heute noch so generell angesehene, als zivilisiert geltende Länder wie Singapur oder Japan sie an.

In Gen 9,6, als Gott den Bund mit Noah eingeht, wird die Todesstrafe für Mörder damit begründet, dass sie die Würde ihrer Opfer aufrechterhält: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll vergossen werden; denn nach Gottes Bilde ist der Mensch geschaffen.“ Das heißt nicht, dass für jeden Fall von Mord oder Totschlag die Todesstrafe nötig ist (der Bund mit Noah ist auch nicht mehr in allen Teilen in Geltung), aber sie ist sehr wohl eine gerechte Strafe, und irrelevant ist diese Begründung für Christen sicher nicht. Ich finde einfach, es ist unwahrscheinlich, dass es so wenigen Christen früherer Zeiten eingefallen wäre, dass etwas total unchristlich ist, wenn es wirklich total unchristlich ist.

Oder dann wäre da das Thema Monarchismus. Ich habe früher auch eher gedacht, dass man, auch wenn die jetzigen Demokratien sich in ihrem Anfangsstadium gegen christliche Monarchien richteten, doch deswegen nicht für Monarchien sein muss. Muss man auch nicht deswegen; aber für die Monarchie sprechen schon einige Argumente. Nicht für die absolute Monarchie, aber die war auch eher ein historischer Ausnahmefall, es gab auch in Monarchien andere Institutionen und grundlegende Gesetze, die die Macht des Monarchen begrenzten. Aber Monarchien haben eben schon Vorteile. Zunächst mal ist es ja so, dass in jedem Staat irgendjemand regiert; eine reine Volksherrschaft gibt es nirgends, und es geht im Grunde genommen nur darum, das System, Herrscher zu bestimmen, zu finden, bei dem am häufigsten gute und am wenigsten häufig katastrophale Herrscher herauskommen. Im Parteienparlamentarismus oder Präsidialsystem nun bewerben sich tendentiell eher machtgierige Leute, die sich durch undurchsichtige Parteistrukturen hochgearbeitet haben, und man hat in manchen Fällen nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. In der Erbmonarchie ist es dem Zufall der Geburt überlassen, wer der Herrscher wird, d. h. der Herrscher wird eher ein durchschnittlicher Mensch sein, der dann auch damit aufwächst, dass er zukünftig Verantwortung haben wird. Erbmonarchen können auch langfristiger denken statt nur daran, wie sie die Wähler zum Zeitpunkt der nächsten Wahl gewinnen. Und um die schlimmsten Beispiele zu nehmen: Die Erbmonarchie hat uns Iwan den Schrecklichen gebracht, aber Wahlen und Parlamente Adolf Hitler. Das heißt jetzt nicht, dass republikanische Systeme illegitim wären; sie sind eine legitime Form der staatlichen Organisation, und manche Länder sind eben jetzt Republiken. Aber andere Systeme können eben auch legitim sein.

Auch sonst: Die Vergangenheit war oft besser als dargestellt. Oft wird das Schlechte aus der Vergangenheit völlig verzerrt dargestellt und nicht mit dem heutigen Schlechten, sondern mit dem heutigen Guten verglichen, während das frühere Gute und das heutige Schlechte unterschlagen werden. Man muss die Nachteile einer Zeit mit den Nachteilen einer anderen vergleichen, nicht mit ihren Vorteilen. Und manchmal muss man sich wirklich genauer mit einer Zeit beschäftigen, um zu verstehen, wieso die Christen damals dieses taten und jenes nicht, und erst mal seine Vorurteile zurückstellen. Es gab früher Dinge, die schlecht waren, und die von den Leuten damals nicht ernst genommen wurden; jede Zeit hat ihre blinden Flecke. Aber oft war es besser als man denkt.

Oder dann nehmen wir das Thema Evolution. Ich war früher sehr leicht genervt von (häufig evangelikalen) Kreationisten, die (Makro-)Evolution grundsätzlich ablehnen, ob jetzt Langzeit- oder Kurzzeitkreationisten (aber mehr von Kurzzeitkreationisten). Ich bin jetzt nicht selbst Kreationistin geworden, sondern halte es immer noch überzeugend, dass es Evolution gibt und gab, und sehe nicht viele Argumente für das Gegenteil, aber kann eher respektieren, wenn Leute das anders sehen. Gerade in den letzten Jahren ist mir einfach mehr aufgefallen, wie viele Scheuklappen Journalismus und Wissenschaftsbetrieb beide aufhaben können, und wenn da einer noch skeptischer ist als ich, und zu anderen Schlussfolgerungen kommt, will ich ihm das nicht verübeln (solange der nicht gerade sagt, wer nicht Kreationist ist, wäre kein Christ o. Ä.). Da habe ich auch keine Lust mehr, mich damit stressen zu lassen. Solche theologischen Meinungsverschiedenheiten kann man tolerieren.

So weit mal dazu.

Aber Jesus war doch Jude!

„Aber Jesus war doch Jude!“ Diesen reflexhaft ausgesprochenen Satz kann man öfter mal hören, z. B. dann, wenn es um die Frage geht, wieso es irgendwann christlichen Antisemitismus geben konnte. Aber dabei wird nie ganz klar, was damit gemeint ist.

Ist gemeint: Jesus war Jude im Sinn der Volkszugehörigkeit/Nationalität? Das weiß eigentlich jeder – gut, es gab mal ein paar Nazis, die mit der Verschwörungstheorie um die Ecke kamen, Jesus wäre unehelich von einem römischen (arischen) Soldaten gezeugt worden und somit nur Halbjude, aber da wir nicht mehr im Jahr 1936 leben, kann man die wohl vernachlässigen.

Ist gemeint: Jesus war Jude im Sinn der Religionszugehörigkeit? Und wenn ja: Im Sinn der damaligen oder der heutigen? „Jesus war Jude“ in dem Sinn, dass Er ziemlich genau dasselbe geglaubt hätte wie heutige Juden, kann man nun mal nicht ganz sagen.

Dass Jesus sich selbst für den Messias hielt und beanspruchte, einen Neuen Bund aufzustellen, der den Alten Bund erfüllte, muss man auch anerkennen, wenn man selbst Jesus nicht für den Messias hält. Jesus gründete etwas Neues, und die Juden seiner Zeit spalteten sich dann auf in die, die Ihm und Seinen ersten Anhängern dabei folgten, und die, die Ihn für einen falschen Propheten und Gotteslästerer hielten. (Das ist übrigens viel logischer, als Jesus für einen netten Rabbi und weiter nichts zu halten; Jesus beanspruchte weit mehr, und entweder war Er wirklich Gottes Sohn oder ein schlimmer Gotteslästerer.)

Oft schwingt in dem Satz „Jesus war doch Jude“ unterschwellig die Idee mit: Er wollte doch bestimmt keine neue Religion gründen, war halt ein Rabbi innerhalb des Judentums, der dann von Seinen Anhängern so aufgebauscht wurde. Und diese Idee ist lächerlich falsch. In den Evangelien hat man keine vagen Erinnerungen an einen weisen Meister, sondern die klar hervortretende Persönlichkeit eines Mannes, der Seine Jünger zu einer Aufgabe beruft und aussendet, und der klare Ansprüche über Seine eigene Sendung aufstellt, die viel zu unglaublich wirken, als dass andere sie Ihm einfach zuschreiben würden (ja, Er beanspruchte, Gottes Sohn zu sein, Er sagte „Ehe Abraham wurde, bin ich“, und beanspruchte die Vollmacht, Sünden zu vergeben), und die Seine Gegner empören und zu Seiner Hinrichtung führen. Wieso, denken manche Leute, hätte man Ihn hinrichten sollen, wenn Er bloß ein gewöhnlicher Rabbi gewesen wäre, und man Ihn keiner Gotteslästerung für schuldig befunden hätte? Denn eine Bedrohung für die weltliche Macht stellte Er in keiner Weise dar; nach allem, was wir von Ihm wissen, kümmerte er sich nicht groß um Politik und forderte die Leute nur mal dazu auf, brav ihre Steuern zu zahlen („dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“). Auch jüdische Berichte über sein Leben, wie die einige Jahrhunderte nach seiner Lebenszeit entstandene „Toledot Jeshu“, stellen Ihn übrigens als Wundertäter (durch seltsame unlautere Mittel, wie z. B. die Kenntnis eines geheimen Gottesnamens, der Ihn Wunder tun lässt) und Messiasprätendenten dar.

Und auch wenn wir mal von alldem absehen, und uns nur die Religion ansehen, wie sie Jesu Familie und Seine späteren Anhänger praktizierten, bevor Er als Messias auftrat und starb und auferstand, muss man sagen, dass sie nicht einfach komplett identisch mit der heutigen jüdischen Religion ist; es gab seitdem auch eine Weiterentwicklung im Judentum.

Die damalige jüdische Religion war auf den Tempel und die Opferrituale dort zentriert; der Tempel wurde 70 n. Chr. zerstört und im Judentum haben seitdem notgedrungen die Synagoge und die „Wortgottesdienste“ der Rabbis die Opferzeremonien der Priester und Leviten ersetzt. Dann wäre da die Rolle des Talmuds, einer Sammlung von Aussagen und Diskussionen bekannter jüdischer Gelehrter, die in der Spätantike zusammengestellt wurde. Der Talmud wurde ganz entscheidend für die Auslegung des Alten Testaments im Judentum, zur Zeit Jesu existierte er noch gar nicht. (Und im Talmud finden sich übrigens auch ein paar sehr beleidigende Äußerungen über Jesus, da er zu dieser Zeit ja schon als der falsche Prophet par excellence galt. Auch im Achtzehnbittengebet, das religiöse Juden dreimal täglich beten, wurde um 100 n. Chr. eine Verwünschung der Christen („Nazarener“) eingefügt.) Natürlich entwickelten sich auch noch Äußerlichkeiten und Bräuche weiter, wie man das überall findet, aber auch die jüdische Theologie entwickelte sich im Lauf der Zeit, auch nach der Abfassung des Talmud noch. Man sieht z. B. bei spätantiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Theologen eine stärkere Betonung der jüdischen Auserwähltheit als noch im Alten Testament. Im Mittelalter entwickelte sich auch die Kabbala, die auch einen gewissen Einfluss hatte. Im Judentum gibt es heute auch Lehren über die Wiedergeburt, und das ist keine ganz randständige Idee. Die Jenseitsvorstellungen unterscheiden sich oft mehr von denen der Christen, als man das erwarten würde. (Wobei es im Judentum zu vielen Fragen ja auch große Uneinigkeit gibt.)

Kurz gesagt: Das heutige Judentum ist komplizierter als einfach nur „Altes Testament ohne Neues Testament“. Unabhängig davon, ob man diese theologische Entwicklung bejaht oder sie ablehnt, es gab sie nun mal. (Am ehesten vertritt die heute ziemlich winzige, früher etwas einflussreichere Gruppe der Karäer, die den Talmud ablehnen, eine Form des Judentums, die einfach Altes ohne Neues Testament ist.)

Die Aussage „Jesus war doch Jude!“ wird manchmal dazu gebraucht, zu vermitteln, wie absurd die historische Feindseligkeit von Christen gegenüber dem Judentum gewesen sei. So einfach ist es damit aber auch nicht geklärt; die Leute „früher“ wussten schon, dass sie sich um etwas Reales stritten (manchmal mit recht heftigen Mitteln und großer Feindseligkeit), nämlich darum, was dieser Jude Jesus bedeutete.

Die jüdisch-christlichen Beziehungen im Lauf der Geschichte sind nicht ganz einfach auf einen Nenner zu bringen, selbst wenn man nur Gruppendynamiken anschaut und Individuen ignoriert. Die beiden Gruppen waren sich schon bei ihrer Aufspaltung – als sich wohl viele Angehörige des jüdischen Volkes noch nicht mal ganz sicher waren, ob sie diesem Jesus oder den jüdischen Autoritäten folgen sollten – bald spinnefeind. Der jüdische Hohe Rat ließ die Apostel auspeitschen, Stephanus steinigen, später noch Jakobus töten; noch beim Bar-Kochba-Aufstand im 2. Jahrhundert gingen jüdische Eiferer gewaltsam gegen Christen vor. Die Christen wiederum waren erwartbarerweise nicht gut auf diejenigen Juden zu sprechen, die Jesus ablehnten, und bezeichneten die Zerstörung des jüdischen Tempels im Jahr 70 n. Chr. und die Zerstreuung der Juden als göttliche Strafe dafür.

Die Machtverhältnisse änderten sich langsam, nachdem die Juden mit den beiden verlorenen Aufständen gegen die Römer ihren Tempel und ihre Heimat verloren hatten. Nach diesen desaströsen Kriegen (135 n. Chr. war der zweite zu Ende) waren sie eine heimatlose zerstreute Minderheit im Römischen Reich (und den Ländern darum herum), aber immerhin noch eine zahlenmäßig große Minderheit, deren Religion offiziell toleriert war, während das Christentum noch verfolgt wurde. Das Christentum gewann allerdings immer mehr Anhänger (nicht nur Heiden, sondern auch immer noch so einige Juden) und wurde Anfang des 4. Jahrhunderts schließlich legalisiert und von den Kaisern bald favorisiert. In dieser Zeit, als beide Religionen jetzt legal waren, kann man durchaus noch solche Vorkommnisse beobachten wie zum Beispiel, dass Juden eine Kirche anzünden und als Rache dafür Christen eine Synagoge niederbrennen; man war sich eher feindselig gesonnen. (Vielleicht auch deshalb, weil das Christentum doch relativ viele Juden abspenstig machte: Zur Zeit Jesu gab es ca. 5-6 Millionen nicht-christliche Juden im Römischen Reich, ein paar Jahrhunderte später nur noch etwa eine Million.)

Das Christentum gewann immer mehr Anhänger und Einfluss, auch nachdem die kleinen Fürstentümer der Germanen im Westen das Römische Reich abgelöst hatten, und war schließlich die einzige Seite, die wirklich eine Verfolgerposition hätte einnehmen können. (Mit wenigen Ausnahmen; im Frühmittelalter hat man z. B. noch einen südarabischen Fürsten, der zum Judentum konvertiert war und Christen umbringen ließ.) Im Hoch- und Spätmittelalter hat man in Europa die Situation, dass die Juden eine eher kleine, abgegrenzt im Ghetto lebende Gemeinschaft sind, die gesetzlich toleriert, aber nicht gerade besonders beliebt ist und gegen die es auch mal spontane Pogrome durch die Stadtbevölkerung geben kann (was übrigens kirchlicher- und staatlicherseits verurteilt wurde). Die Abneigung war auch da immer noch gegenseitig; und z. B. die Anschuldigung, dass die Juden bei der maurischen Eroberung Spaniens, und bei der spanischen Rückeroberung, ab und zu den Mauren halfen, ist wohl nicht ohne Grundlage. Das ist nicht ganz unlogisch; sie sahen die Christen als besondere Gotteslästerer und hatten in deren Gesellschaft ja auch sonst nicht viel zu erwarten, standen immer am Rand. Die Grundlage der mittelalterlichen Gesellschaft war der katholische Glaube, und eine wirkliche Zugehörigkeit konnten auch tolerierte Andersgläubige, wie die Juden im Ghetto oder die Muslime in den Kreuzfahrerstaaten, nicht haben. (Eine „jüdisch-christliche“ Kultur gab es in Europa nie, sondern immer eine christliche Mehrheitskultur und eine jüdische Minderheitskultur, die einander nicht nur feind, sondern oft auch ganz fremd waren. Interessanterweise mögen manche Juden den in gewisser Weise vereinnahmenden Begriff der „jüdisch-christlichen Kultur“ gar nicht.)

Sowohl vorher in der Antike als auch noch im Mittelalter bestand die Auseinandersetzung übrigens nicht nur aus gewalttätigen Aktionen und politischen Intrigen, sondern auch aus intellektuellen Auseinandersetzungen. Ein mittelalterliches Beispiel wäre die Disputation von Paris am 12. Juni 1240. Nicholas Donin, ein Konvertit vom Judentum zum Christentum und Franziskanermönch, hatte erstmals den Talmud übersetzt und Vorwürfe über die darin enthaltenen Angriffe gegen Jesus und Maria (und ein paar andere Stellen) aufgestellt. Bei der Disputation diskutierte er mit vier Rabbis, die den Talmud verteidigten. (Das Ende der Geschichte war, dass zwei Jahre später jüdische Bücher wie der Talmud öffentlich verbrannt wurden. Die Kirche hatte bisher nicht viel über eigene Auslegungstraditionen der jüdischen Seite gewusst.) Auch über die Frage, welche Gründe für oder gegen Jesus als Messias sprachen, wurde natürlich immer mal wieder diskutiert. Die Juden meinten z. B., er habe nicht das endgültige, vollkommene Königreich Gottes aufgerichtet; die Christen antworteten darauf, dass im Alten Testament, wenn es um den Messias geht, sowohl vom leidenden Gottesknecht, der sein Leben hingibt (s. z. B. Jesaja 53) die Rede ist, als auch vom König, der in Herrlichkeit kommt, und dass der Messias deswegen zweimal kommen müsse, einmal leidend, später dann triumphierend, und verwiesen au durch Jesus erfüllte Prophezeiungen. Außerdem wiesen sie auf die Wunder Jesu hin; Juden erklärten diese Wunder zwar nicht für nichtexistent, aber für Hexerei und Teufelswerk und Jesus für einen Betrüger. Aus christlicher Sicht waren die Juden von Gott abgefallen, als er nicht mehr ihren weltlichen Vorstellungen entsprach, aus jüdischer Sicht waren die Christen einem Irrlehrer hinterhergelaufen und praktizierten Götzendienst.

[Vielleicht an dieser Stelle noch kurz eine Bemerkung zum Thema: „Wer ist schuld am Tod Jesu?“ Auch früher (z. B. im Römischen Katechismus aus dem 16. Jahrhundert) sagte die Kirche klipp und klar, dass im wichtigsten Sinn alle Menschen durch ihre Sünden verantwortlich für den Tod Jesu sind, Heiden wie Juden; und dass die Schuld der Christen u. U. größer sein kann, weil sie wissen, was das Richtige wäre und dass wegen ihrer Sünden Jesus ans Kreuz ging. Wenn man die Leute ansieht, die zusätzlich noch direkt an seiner Kreuzigung damals beteiligt waren, waren es Juden (nicht „die Juden“, aber eben einfach „Juden“), die Seinen Tod wollten und ihre Forderung bei Pilatus durchsetzten; der Römer Pilatus war ein feiger Mensch, der bereit war, einen erkennbar unschuldigen Menschen hinrichten zu lassen, um dem einflussreichen Hohen Rat entgegenzukommen; beides Schuld, und beides eine unterschiedliche Sorte Schuld. Jesus sagte über sie alle: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Ähnliches Unwissen wird man evtl. denen zuschreiben können, die auch später noch Jesu Kreuzigung für eine gerechte Strafe hielten, wie z. B. den Autoren des Talmuds.]

Diese Zeit bot bekanntlich noch andere Nachteile für die Juden. Oft durften sie keinen Grundbesitz haben, und auch nicht den Zünften beitreten (die religiöse Vereinigungen waren, die ihre eigenen Schutzpatrone hatten und für ihre verstorbenen Mitglieder Messen lesen ließen), und wurden in die paar anderen verbliebenen Berufe abgedrängt, wozu u. a. der des Geldverleihers gehörte (wenn auch nicht nur; ein Jude konnte z. B. auch Arzt werden). Dazu kam, dass die Kirche den Christen die Zinsnahme verbot und Juden von ihren jüdischen Brüdern keinen Zins verlangen durften; die pragmatische Lösung war oft, dass sich Christen von Juden Geld für Zinsen liehen, und oft nicht unbedingt geringe Zinsen. Die Rolle des Geldverleihers war keine schöne; man konnte damit reich werden, aber auch die Wut der Schuldner auf sich ziehen, die sich, nicht immer ohne Grund, ausgebeutet fühlten und vielleicht auch mal mit Gewalt reagierten. Abgesehen von den sporadischen Gewaltakten, die von Päpsten, Bischöfen, Kaisern verurteilt wurden, gab es auch immer wieder offizielle Ausweisungen der Juden aus verschiedenen Städten, Regionen oder ganzen Ländern, sodass sie sich irgendwie eine neue, vielleicht auch nur vorübergehende, Heimat suchen mussten.

Im späten 18., im 19., im frühen 20. Jahrhundert, als sich die westlichen Gesellschaften säkularisierten, blieb dieser Grund für Abneigung gegen Juden; sie wurden als sich bereichernde, privilegierte Elite gesehen, außerdem weiterhin als eine sich absondernde Parallelgesellschaft, die sich einfach nicht mit den Grundsätzen der Gesellschaft identifizierte und auf deren Loyalität man sich deswegen nie verlassen konnte. Manche Juden reagierten darauf damit, zu erklären, dass sie ebenso gute Deutsche oder Franzosen sein konnten wie jeder andere, auch mit einer anderen Religion, viele nahmen damit zusammenhängend eine liberale Einstellung an, wonach man religiöse Unterschiede nicht zu wichtig nehmen sollte, und befürworteten säkularere Politik (eine Tendenz, die viele Christen natürlich noch mehr ablehnten als das streng religiöse Judentum). Andere sagten, ja, die Juden seien eine eigenständige Nation, und deshalb sollten sie ihren eigenen Staat haben, damit diese Situation endlich geklärt wäre; der Zionismus entstand. Kurz gesagt: Man hatte auch hier noch einfach zwei Gruppen, die jetzt – nachdem die Ghettos verschwunden waren und Juden gleiche politische Rechte bekommen hatten – ein wenig enger zusammenlebten, zu wenig gemeinsame Grundsätze für ein Zusammenleben hatten, und an ein langes Gegnertum gewöhnt waren.

Der Nationalsozialismus (und Vorläuferideen) brachten dann eine recht neue Idee hinein, den auf Rasse basierenden Hass gegen die Juden. Nach dieser Ansicht waren sie praktisch determiniert dazu, Schaden anzurichten, und eine Konversion zum Christentum (oder wozu auch immer) machte keinen Unterschied. Das war weit entfernt von den religiösen Streitigkeiten; und obwohl man die Päpste dieser Zeit sicher nicht als die größten Zionisten bezeichnen kann, ließ Pius XII etliche Juden verstecken und vor der Deportation durch die Nazis retten. Nach dem Schock des Holocausts – vor allem ab den 1960ern, als sich der erste Schock gesetzt hatte – wollte man dann freundlicher zueinander sein und irgendwie Dialog und Zusammenarbeit haben, auch wenn vielleicht nicht so ganz klar war, wie.

Miteinander menschlich gut auskommen zu wollen, sich gegenseitig als normale Menschen statt als Feindbilder zu sehen, ist ja auch sehr lobenswert; aber wenn man dabei möglichst krampfhaft verschweigt, wobei man sich in den letzten zwei Jahrtausenden nicht einig war, ist auch niemandem geholfen. Wenn man denkt, man kann sich nur gegenseitig als Menschen sehen, wenn man alle Uneinigkeiten über wichtige Fragen beiseite schiebt, na ja, das ist eine komische Vorstellung.

Juden und Christen sind sich einfach nicht einig dabei, ob Jesus der Messias ist, und ehrliche Auseinandersetzungen darüber wären hilfreicher als Verschweigen. (Ich habe auch den Verdacht, dass oft die eine Seite die Argumente der jeweils anderen Seite gar nicht wirklich kennt, und manchmal nicht mal die der eigenen.) Die Juden und Christen früherer Zeiten waren auch nicht so blöd, dass sie sich wegen Nebensächlichkeiten die Köpfe eingeschlagen hätten. Nein, wer der Messias ist, was Gott von uns will, wozu Gott die nichtjüdischen Völker beruft, usw. usf., das alles sind wichtige Fragen (die man idealerweise ohne Köpfeeinschlagen klären kann). Und dass Jesus aus dem jüdischen Volk stammte, wussten sowohl Juden als auch Christen auch früher schon, da muss man nicht als Gotcha „Jesus war übrigens Jude!“ rufen. Die Christen warfen den Juden ja gerade vor, dass sie den Messias, der aus ihrem Volk kam und an erster Stelle zu ihrem Volk gesandt war, abgelehnt hatten (wobei es genau genommen ja so war, dass die große Mehrheit der Juden schon in der Antike Christen wurde und in der Kirche aufging, was später nur nicht mehr weiter auffiel), während die Juden Jesus als einen Verräter an der Religion seines Volkes sahen, als jemanden, der sich gegen den Willen Gottes selbst zum Messias ernannt hatte und Leichtgläubige dazu brachte, ihn anzubeten.

Einen ganz seltsamen Mittelweg hat neuerdings eine theologische Strömung im Christentum versucht zu finden, die behauptet, dass Gott sozusagen zwei Bünde mit der Menschheit am Laufen hat; für die Juden gelte der Alte Bund noch (mit Beschneidung und Mosaischem Gesetz usw.), sie müssten nicht unbedingt Jesus anerkennen oder sich taufen lassen – aber er sei trotzdem Gottes Sohn und zumindest für die Heiden gekommen. Damit würde man aber ja gerade sagen, dass der Messias gerade für die, die am längsten auf ihn gewartet hatten, nicht wirklich gekommen wäre; dabei ging Jesus selber zuerst zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, bevor Er Seine Jünger zu allen Völkern sandte. Wer „Judenmission“ ablehnt, will im Endeffekt den Messias den Heiden vorbehalten. Wenn Gott einen Neuen Bund aufstellt, macht es auch keinen Sinn, beim Alten bleiben zu wollen, als wüsste Gott nicht, was Er tut. Und was sagt man damit den vielen Judenchristen, die das Gesetz des Mose aufgegeben haben – allen voran mal den Aposteln? Hätten Sie zu Jesus sagen sollen: Ach, nein danke, wir haben schon den Alten Bund, dich brauchen wir jetzt nicht unbedingt? Und schließlich: In welche Situation bringt das die Juden, die Jesus nicht nur kaum kennen oder ihm gegenüber gleichgültig sind, sondern Ihn wirklich klar ablehnen? Auch die würden kaum sagen, ja, ja, der könne schon Messias sein, aber eben nur für die Heidenvölker. Sie sagen klipp und klar, Er sei nicht der Messias, für niemanden.

Kurz: Man kann hier keinen Kompromiss finden, mit dem alle zufrieden sind, ohne ihre Ansichten ändern zu müssen. Manche Uneinigkeiten müssen zwangsläufig bestehen bleiben. Zumindest so lange, bis alle endlich sehen, dass Jesus der Messias ist.

Nikolai Koshelev, Kopf Christi.

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (2)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (kleine Auswahl):

AT: Dtn 30,15-20; Sir 15,11-20; Sir 17; Ez 18.

NT: Joh 3; Mt 7,21-23; Jak 2; Mt 25,31-46; Mt 13; Mk 16,16; Lk 15; Joh 12,44-50; Tit 3,3-8; Röm 1-8; Gal 3; 1 Kor 9,23-27; 1 Tim 6,12.

Heute also der zweite Artikel zum Thema Rechtfertigungslehre (mit den Theologen aus dem späteren 2. Jh.: Irenäus von Lyon, Tatian, Theophilus von Antiochia, Athenagoras, dem Märtyrerbericht über den hl. Apollonius und Minucius Felix); Teil 1 mit den früheren Schriften hier. Auch in Teil 2 wird wieder deutlich: Selbsterlösung ist unmöglich, das Heil kommt von Gott, aber der Mensch kann es ablehnen oder annehmen, es gibt einen freien Willen, Glaube und Werke sind beide zur Rechtfertigung nötig.

Irenäus von Lyon, der um 180 n. Chr. schreibt, hat einiges zu diesem Thema zu sagen.

Sehr schön ist eine Stelle, an der er sowohl sagt, dass der Glaube rechtfertigt, als auch, dass die guten Taten rechtfertigen, und, dass das Mosaische Gesetz zeitgebunden, aber das Naturrecht (also die universalen Regeln von Gut und Böse) immer gilt:

Da nun im Gesetz und im Evangelium das erste und größte Gebot ist, Gott den Herrn aus ganzem Herzen zu lieben, und das zweite, diesem ähnlich, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, so ist offenkundig der Urheber des Gesetzes und der Urheber des Evangeliums ein und derselbe. Die Übereinstimmung der Gebote für das vollkommene Leben in beiden Testamenten weist auf denselben Gott hin. Die besonderen Gebote passte er den besonderen Umständen an; die wichtigsten und höchsten Gebote aber, ohne die man nicht gerettet werden kann, sind in beiden Testamenten dieselben. […]

Die Naturgebote des Gesetzes aber, durch die der Mensch gerechtfertigt wird, und welche schon vor der Gesetzgebung diejenigen beobachteten, die durch den Glauben gerechtfertigt wurden und Gott gefielen, die hat der Herr nicht aufgehoben, sondern ausgedehnt und erfüllt, wie aus seinen Reden offenbar ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,12,3 u. IV,13,1)

Allgemeiner Heilswille Gottes (auch in Bezug auf die Menschen, die vor Christus lebten), das Heil kommt von Gott, aber der Mensch muss auch daran mitarbeiten:

„Denn nicht allein wegen derjenigen, die zu der Zeit des Kaisers Tiberius an ihn glaubten, kam Christus, noch allein wegen der Menschen, die jetzt leben, traf der Vater seine Fürsorge, sondern wegen aller Menschen ohne Ausnahme, die von Anfang an, jeder gemäß seinen Kräften in seiner Art, Gott fürchteten und liebten, in Gerechtigkeit und Frömmigkeit gegen den Nächsten wandelten und begehrten, Christus zu sehen und seine Stimme zu hören. Deshalb wird er diese alle bei seiner zweiten Ankunft vom Schlafe auferwecken und sie aufrichten, ebenso wie die übrigen, die gerichtet werden sollen, und sie einsetzen in sein Reich.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,22,2)

„Aber nicht wegen des eigenen Bedürfnisses nahm das Wort Gottes die Freundschaft Abrahams an, war es doch von Anfang an vollkommen: ‚Ehe denn Abraham war, bin ich‘, sagte es, sondern weil es dem Abraham in seiner Güte das ewige Leben schenken wollte. Denn Unsterblichkeit schenkt die Freundschaft Gottes denen, die sich darum bemühen. (Irenäus, Gegen die Häresien IV,13,4)

„Und wiederum spricht Moses: ‚Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott von dir, als daß du den Herrn deinen Gott fürchtest, auf allen seinen Wegen wandelst, und ihn liebst und dem Herrn deinem Gott dienest aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele?‘ Dies machte den Menschen herrlich und verlieh ihm das, was ihm fehlte, d. h, die Freundschaft Gottes; Gott aber gab es nichts, denn Gott gebrauchte nicht die Liebe des Menschen. Dem Menschen aber fehlte die Herrlichkeit Gottes, die er auf keine andere Weise erreichen konnte als durch den Gehorsam gegen Gott. Und deswegen spricht Moses abermals: ‚Erwähle das Leben, damit du lebest, du und dein Same; zu lieben den Herrn, deinen Gott, auf seine Stimme zu hören, und ihn zu ergreifen, das ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage.‘ Um für dieses Leben den Menschen zu erziehen, sprach der Herr durch sich selber die Worte des Dekalogs zu allen in gleicher Weise, und darum dauern sie gleicher Weise auch bei uns fort, indem sie Ausdehnung und Erweiterung, nicht aber Aufhebung durch seine Ankunft empfangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,16,4)

„Durch ihn erlöst, preisen wir unaufhörlich Gott, welcher in seiner großen, unerforschlichen und abgründigen Weisheit uns gerettet hat und das Heil vom Himmel her verkündigt hat, die sichtbare Ankunft unseres Herrn, d. h, seinen Wandel als Mensch. Wir hätten dies für uns nicht erlangen können. Doch was unmöglich ist bei den Menschen, das ist möglich vor Gott. (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 97)

Gott macht den Anstoß, dann muss der Mensch mitwirken:

„So sollten wir zum Frieden mit Gott gelangen, indem wir das ihm Gefällige tun, nachdem die Feindschaft gegen Gott, welche die Ungerechtigkeit ist, aufgehoben ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 86)

Rechtfertigung durch Glaube (der sich auch in Werken zeigt):

„Also war dem Abraham der Herr nicht unbekannt, dessen Tag er zu sehen wünschte, noch der Vater des Herrn. Denn er hatte es von dem Worte des Herrn gehört und glaubte ihm, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit vom Herrn angerechnet. Denn der Glaube an den höchsten Gott rechtfertigt den Menschen, und deswegen sprach er: ‚Ich will ausstrecken meine Hand zu dem höchsten Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,5,5)

„Das Versprechen, welches einst Gott dem Abraham gegeben hatte, sein Geschlecht [zahlreich und herrlich] zu machen wie die Sterne des Himmels, hat Christus nun auch erfüllt. Er tat das dadurch, daß er selbst aus dem Geschlechte Abrahams seinen Ausgang nahm in der Jungfrau, von der er geboren wurde, und dadurch, daß er in jenen, die an ihn glaubten, der Welt Leuchten aufstellte und durch denselben Glauben mit Abraham die Heiden rechtfertigte, ‚denn es glaubte Abraham Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet‘. In gleicher Weise werden auch wir durch den Glauben an Gott gerechtfertigt, denn ‚der Gerechte lebt aus dem Glauben‘. ‚So ist nun nicht durch das Gesetz die Verheißung dem Abraham geworden, sondern durch den Glauben.‘ Denn Abraham wurde durch den Glauben gerechtfertigt und für den Gerechten besteht das Gesetz nicht. In gleicher Weise werden auch wir nicht durch das Gesetz gerechtfertigt, sondern durch den Glauben, welcher vom Gesetz und von den Propheten bezeugt wird, die uns das Wort Gottes bestellt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 35) (Gemeint ist hier das Mosaische Gesetz.)

„Dazu aber hat der Vater den Sohn offenbart, damit er durch ihn allen bekannt werde und er die Gerechten, welche an ihn glauben, in die Unvergänglichkeit und ewige Ruhe aufnehmen kann — ihm glauben heißt nämlich seinen Willen tun — die aber, welche ihm nicht glauben und somit sein Licht fliehen, in die selbsterwählte Finsternis verdientermaßen verbanne. Allen also hat sich der Vater offenbart, indem er allen sein Wort sichtbar machte; und das Wort wiederum zeigte allen den Vater und den Sohn, da er von allen gesehen wurde. Darum ergeht das gerechte Gericht Gottes über alle, die ihm, obwohl sie ihn ebenso wie die andern sahen, nicht ebenso glaubten.

Denn durch die Schöpfung selber offenbart das Wort Gott als den Schöpfer und durch die Welt den Herrn als den Schöpfer der Welt und durch das Geschöpf, das er geschaffen hat, den Künstler, und durch den Sohn als Vater den, der den Sohn erzeugt hat. So ähnlich sind auch die Worte aller, aber verschieden ist ihr Glaube. Doch auch durch Gesetz und Propheten hat das Wort in ähnlicher Weise sich und den Vater verkündet — und obwohl das gesamte Volk es in gleicher Weise hörte, glaubten nicht alle in gleicher Weise. Auch wurde durch das sichtbar und greifbar gewordene Wort der Vater allen gezeigt. Es glaubten nicht alle ihm gleichmäßig, und doch sahen alle in dem Sohne den Vater, denn das Unsichtbare an dem Sohne ist der Vater, und das Sichtbare des Vaters ist der Sohn. […]

Es mußte nämlich die Wahrheit von allen Zeugnis empfangen und ein Gericht sein zum Heile der Gläubigen und zur Verdammnis der Ungläubigen, damit alle gerecht gerichtet würden und der Glaube an den Vater und den Sohn von allen bestätigt, d. h. von allen bekräftigt werde, indem er von allen das Zeugnis empfing, von den Hausgenossen als ihren Freunden und von den Fremden als ihren Feinden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,5-7)

Werke sind nötig (Auslegung des Gleichnisses vom königlichen Hochzeitsmahl):

„Weiter tat der Herr kund, daß wir, abgesehen von der Berufung, uns auch mit den Werken der Gerechtigkeit schmücken müssen, damit über uns der Geist Gottes ruhe. Das ist das hochzeitliche Kleid […]. Die aber zu dem Mahle Gottes berufen sind, wegen ihres schlechten Wandels jedoch den Hl. Geist nicht empfangen haben, die werden nach seinem Worte ‚in die äußerste Finsternis hinausgeworfen werden‘. Es ist also offenbar derselbe König, der die Gläubigen von allen Seiten zu der Hochzeit seines Sohnes berufen hat und das unvergängliche Gastmahl ihnen schenkte, und andererseits in die äußerste Finsternis den werfen läßt, der kein hochzeitliches Kleid an hat, d. h. ihn verachtet. Denn wie in dem Alten Testamente er ‚an vielen von ihnen kein Wohlgefallen hatte‘, so sind auch hier ‚viele berufen, wenige auserwählt‘. Derselbe Gott also, der richtet, ist auch der Vater, der zum Heile beruft, er schenkt den einen das ewige Licht und läßt die, welche kein hochzeitliches Kleid anhaben, in die äußerste Finsternis hinauswerfen. Derselbe Herr, der Vater unseres Herrn, der die Propheten gesandt hat, beruft wegen seiner unendlichen Güte zwar Unwürdige, sieht aber darauf, ob die Berufenen auch ein geziemendes Kleid anhaben, wie es sich schickt für die Hochzeit seines Sohnes. Denn nichts Unpassendes oder Schlechtes kann ihm gefallen. So sagt ja auch der Herr zu dem, den er geheilt hatte: ‚Siehe, du bist gesund geworden, sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres geschehe.‘ Denn der Gute, Gerechte, Reine und Unbefleckte wird nichts Böses, Ungerechtes oder Abscheuliches in seinem Brautgemache dulden. Das ist aber der Vater unseres Herrn, durch dessen Vorsehung alles besteht, und auf dessen Befehl alles gelenkt wird. Unverdienterweise gibt er seine Geschenke, denen es zukommt; nach Verdienst aber vergilt er ganz geziemend den Undankbaren, die seine Güte nicht erkennen wollen, als gerechtester Vergelter, und deswegen heißt es: Er sandte seine Heere aus und vernichtete jene Mörder und zündete ihre Stadt an.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,36,6)

„Durch ihn und von ihm erlangen die, welche Gott glauben und seinem Worte folgen, ihr Heil; die aber von ihm sich abwenden und seine Gebote verachten und durch ihre Werke den verunehren, der sie geschaffen hat, und in ihrem Herzen den lästern, der sie ernährt, die beschworen auf sich sein gerechtes Gericht.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,33,15)

Taufe auf den dreifaltigen Gott zur Nachlassung der Sünden, dann Glaube und Werke:

„Wohlan, um nicht von ihr [der Irrlehre] zu kosten, müssen wir treu an der Regel des Glaubens festhalten und die Gebote Gottes erfüllen, vom Glauben an Gott geleitet und aus Furcht vor ihm, weil er der Herr ist, zugleich aus Liebe zu ihm, weil er ein Vater ist. Das Vollbringen kommt aus dem Glauben, wie Isaias sagt: ‚Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht verstehen‘, und zum Glauben führt die Wahrheit, denn der Glaube ruht auf wahrhaften Tatsachen. Das Tatsächliche werden wir glauben, wie es ist, und im Glauben an das Tatsächliche, wie es immer ist, auch in fester Zustimmung zu demselben verharren. Da der Glaube die Bürgschaft für unser Heil ist, so ist es unsere ehrenvolle Pflicht, auf dieses Heilmittel viele Sorgfalt zu verwenden, um die wahre Einsicht in die Dinge zu erlangen. Der Glaube bewirkt dies in uns, wie uns die Alten, die Schüler der Apostel, überliefert haben. Zuvörderst mahnt er uns zu gedenken, daß wir die Taufe zur Nachlassung der Sünden im Namen Gottes des Vaters empfangen haben, und im Namen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, der einen Leib angenommen hat, gestorben und von den Toten auferstanden ist, und im heiligen Geist Gottes, und daß diese Taufe das Siegel des ewigen Lebens und der Wiedergeburt in Gott ist, so daß wir nicht mehr Kinder der sterblichen Menschen, sondern des ewigen, immerwährenden Gottes sind.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung, Einleitung 3)

„Das ist das Betragen der Gläubigen, da der Hl. Geist in ihnen ist und dauernd weilt, der in und mit der Taufe gegeben wird und vom Empfänger bewahrt wird, wenn er in Wahrheit, Heiligkeit, Gerechtigkeit und Beharrlichkeit wandelt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 42)

Nicht das alttestamentliche Gesetz, sondern der Glaube und die Gottes- und Nächstenliebe führen zum Heil:

Und daß die Menschen nicht nach den vielen Verordnungen des Gesetzes, sondern gemäß der Einfalt des Glaubens und der Liebe zum Heil gelangen sollten, spricht Isaias so aus: ‚Ein kurzes und bündiges Wort mit Gerechtigkeit. Denn ein kurzes Wort wird der Herr vollführen auf der ganzen Erde.‘ Deswegen sagt der Apostel Paulus: ‚Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe‘, denn derjenige, welcher Gott liebt, hat auch das Gesetz erfüllt. Ja als der Herr gefragt worden war, welches das erste Gebot sei, hat auch er gesagt: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen und aus allen Kräften; und das zweite ist diesem gleich, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten‘, sagt er, ‚hängt das ganze Gesetz und die Propheten‘. Er hat nun durch den Glauben an ihn die Liebe zu Gott und zum Nächsten großgezogen, indem er uns fromm, gerecht und gut macht, und in diesem Sinn hat er ein kurzes Wort auf der ganzen Erde durchgeführt.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 87)

Irenäus beschreibt die falsche Lehre der Gnostiker, die Simon Magus eingeführt habe, der in der Apostelgeschichte den Aposteln die Gabe des Heiligen Geistes abkaufen wollte, folgendermaßen (die Gnostiker glaubten generell an verschiedene jenseitige Wesen, dass ein schlechter Untergott die materielle Welt erschaffen hatte, und dass man aus dieser Welt durch Erkenntnis entkommen musste):

„Dieser Mann nun [Simon Magus], der von vielen wie ein Gott verherrlicht wurde, lehrte von sich selbst, er sei unter den Juden als Sohn erschienen, in Samaria als Vater herabgestiegen und bei den übrigen Völkern als der Heilige Geist angekommen. Er sei die allerhöchste Kraft, d. h. der über alles erhabene Vater, and lasse es sich gefallen, unter jedem beliebigen Namen von den Menschen angerufen zu werden.

Dieser Simon von Samaria, von dem sämtliche Sekten abstammen, trägt folgende Irrlehre vor: Mit einer gewissen Helena, die er zu Tyrus in Phönizien als Lohndirne erstand, zog er herum und sagte, dies sei die erste Vorstellung seines Geistes, die Mutter aller, durch die er im Anfang gedachte, Engel und Erzengel zu erschaffen. Indem diese Ennoia von ihm ausging und erkannte, was der Vater wollte, stieg sie in die unteren Regionen hinab und zeugte die Engel und Mächte, von denen diese Welt gemacht worden sein soll. Dann aber wurde sie aus Neid von ihren eigenen Kindern zurückgehalten, da diese nicht für die Kinder irgend jemandes gehalten werden wollten. Er selbst blieb ihnen gänzlich unbekannt, die Ennoia aber hielten die Engel und Mächte zurück, die sie selbst geboren hatte, und jegliche Schmach mußte sie von ihnen erleiden, so daß sie nicht zu ihrem Vater zurückkehren konnte und sogar in menschlichem Körper eingeschlossen, in Ewigkeit wie von einem Gefäß in das andere in weibliche Körper überging. So war sie auch in dem Leib der Helena, deretwegen der trojanische Krieg unternommen wurde. Stesichorus, der auf sie Schmählieder dichtete, wurde deswegen geblendet, und erst als er reuevoll durch Gegenlieder Abbitte leistete, bekam er das Augenlicht wieder. Bei ihrer Wanderung von Körper zu Körper erlitt sie in jedem immer neue Schmach und landete zuletzt in einem öffentlichen Hause — sie ist das verlorene Schaf.

Da kam er nun selber, um sie zunächst zu erheben und von ihren Fesseln zu befreien, aber auch den Menschen durch die eigene Erkenntnis das Heil zu bringen. Die Engel nämlich regierten die Welt schlecht, weil jeder von ihnen der erste sein wollte. Deshalb kam er, um die Welt aufzurichten, wurde umgestaltet und ähnlich den Mächten, Kräften und Engeln, so daß er wie ein Mensch aussah und doch keiner war, in Judäa gelitten zu haben schien und doch nicht gelitten hatte. Die Propheten haben gesprochen, indem sie von den Engeln inspiriert wurden, welche die Welt gemacht hatten. Wer darum an ihn und an seine Helena glaube, der braucht sich um sie nicht weiter zu kümmern, sondern kann als Freier tun, was ihm beliebt. Durch seine Gnade werden die Menschen gerettet und nicht durch die Werke ihrer Gerechtigkeit. Die Werke sind nicht gut per se, sondern nur per Akzidens. Die entgegengesetzte Lehre haben die Engel, die die Welt gemacht haben, erfunden, um durch solche Vorschriften die Menschen zu knechten. Wenn aber die Welt aufgelöst werde, dann versprach er ihnen, sollten sie von der Herrschaft jener Engel befreit werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, I,23,1.3)

Noch etwas über die Gnostiker:

„Doch zu den andern Punkten ihrer Lehre müssen wir noch zurückkehren. Sie sagten nämlich, daß beim Weltenende ihre Mutter in das Pleroma zurückkomme und als Bräutigam den Erlöser empfange; daß sie als die Geistigen, nachdem sie ihrer Seelen entkleidet wären, zu Bräuten der geistigen Engel würden, und dass der Demiurg, der ja nur seelisch sei, an den Platz der Mutter trete, die Seelen der Gerechten aber an dem Ort der Mitte ausruhten, weil ja das Seelische zu dem Seelischen, das Geistige zu dem Geistigen sich hinziehen, das Materielle aber im Materiellen verbleiben müsse. Doch widersprechen sie sich damit selber. Es sollen ja die Seelen nicht wegen ihrer Natur an den Ort der Mitte zu ihresgleichen gehen, sondern wegen ihrer Werke, die gerechten nämlich dorthin und die gottlosen in das Feuer. Kommen nämlich alle Seelen an den Ort der Ruhe und der Mitte, eben weil sie Seelen von der gleichen Wesenheit sind, dann wäre der Glaube überflüssig und überflüssig die Herabkunft des Heilands. Geschieht es aber wegen ihrer Gerechtigkeit, dann ist der Grund der Rettung nicht mehr ihre Wesenheit. (Irenäus, Gegen die Häresien II,29,1)

Freier Wille:

„Wenn aber einige mit Rücksicht auf die ungehorsamen und verlorenen Israeliten sagen wollten, daß der Lehrer des Gesetzes also schwach war, so werden sie auch in dem Ruf, der an uns ergangen ist, viele Berufene, aber wenige Auserwählte finden und solche, die inwendig Wölfe, von außen aber mit Schaffellen bekleidet sind. Denn immer hat Gott und seine Ermahnung den freien Willen und das Selbstbestimmungsrecht im Menschen gewahrt, damit die Ungehorsamen gerechterweise verurteilt werden, deshalb weil sie nicht gehorchten. Die aber ihm gehorchten und glaubten, die sollten mit der Unvergänglichkeit geehrt werden. (Irenäus, Gegen die Häresien IV,15,2)

„Jenes Wort: ‚Wie oft wollte ich versammeln deine Söhne, und du hast nicht gewollt‘, weist auf das alte Gesetz von der Freiheit des Menschen hin. Denn frei hat ihn Gott im Anfang erschaffen, mit eigener Macht wie mit eigener Seele, sodaß er mit freiem Willen ohne Zwang von Seiten Gottes Gottes Einsicht folgen sollte. Denn bei Gott ist kein Zwang; gute Erkenntnis aber ist bei ihm immerzu, und deswegen gibt er auch allen guten Rat. Er legte aber in den Menschen wie in die Engel die Gewalt zu wählen, denn auch die Engel sind mit Vernunft begabt, damit die, welche ihm gehorchen würden, mit Recht das Gute besäßen, von Gott verliehen, aber von ihnen bewahrt. Die aber ihm nicht gehorchten, die werden gerechterweise nicht bei dem Guten gefunden und empfangen die verdiente Strafe. Gab ihnen doch Gott in seiner Güte das Gute; sie aber bewahrten es nicht sorgfältig, noch erachteten sie es als wertvoll, sondern verachteten die überaus große Güte. Die also das Gute fortwerfen und es gleichsam ausspeien, die werden alle verdientermaßen dem gerechten Gerichte Gottes verfallen, wie der Apostel Paulus im Römerbriefe mit den Worten bezeugt: ‚Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte und Geduld und Langmut, ohne zu wissen, daß die Güte Gottes zur Buße dich hinführt? Aber gemäß deiner Härte und deinem unbußfertigen Herzen häufst du dir den Zorn Gottes auf an dem Tage des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes. Ehre aber und Ruhm jedem, der Gutes tut.‘ Gott also gab das Gute, wie auch der Apostel in diesem Briefe bezeugt, und die es tun, die werden Ehre und Ruhm erlangen, da sie das Gute getan haben, wo sie es auch nicht tun konnten; die es aber nicht tun, die werden das gerechte Gericht Gottes erdulden, weil sie das Gute nicht getan haben, wo sie es doch tun konnten.

Wären von Natur die einen gut, die anderen schlecht geworden, dann wären die Guten nicht lobenswert, da sie ja so gemacht worden sind, noch jene tadelnswert, da von ihnen das Gleiche gilt. Da aber alle von der gleichen Natur und imstande sind, das Gutes sowohl an sich zu ziehen und zu tun, als auch von sich zu stoßen und nicht zu tun, so werden mit Recht bei verständigen Menschen, also vielmehr noch bei Gott, die einen gelobt und empfangen das ihrer guten Wahl und Ausdauer gebührende Zeugnis; die anderen aber werden getadelt und empfangen die gebührende Strafe, weil sie das Schöne und Gute von sich gewiesen haben. Und deshalb ermahnten auch die Propheten die Menschen, gerecht zu handeln und das Gute zu tun, wie wir vielfach gezeigt haben, weil dies in unserer Kraft steht, und weil wir durch vielfache Nachlässigkeit vergeßlich geworden sind und uns die Erkenntnis des Rechten fehlt, die uns der gute Gott durch die Propheten geben wollte.

Deshalb sagte auch der Herr: ‚Es leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater verherrlichen, der im Himmel ist. Habet acht auf euch, daß nicht vielleicht eure Herzen beschwert werden in Rausch und Trunkenheit und weltlichen Sorgen.‘ Und: ‚Eure Lenden seien umgürtet und eure Lampen brennend, und ihr ähnlich den Leuten, die ihren Herrn erwarten, wann er zurückkommt von der Hochzeit, damit, wann er kommt und klopft, sie ihm öffnen. Glücklich jener Knecht, den sein Herr, wann er kommt, so tun findet.‘ Und andererseits: ‚Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt und nicht tut, wird viele Streiche bekommen.‘ Und: ‚Was sagt ihr zu mir: ‚Herr, Herr‘, und tut nicht, was ich sage?‘ Und abermals: ‚Wenn aber der Knecht in seinem Herzen spricht: Es zögert mein Herr, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, so wird sein Herr an dem Tage kommen, wo er nicht hofft, und er wird ihn absondern und ihm seinen Teil mit den Heuchlern geben.‘ All dies beweist, daß der Mensch frei und selbständig ist, und Gott uns mit seinem Rate nur leitet, indem er uns zum Gehorsam ermahnt und vom Unglauben hinwegführt, nicht aber mit Gewalt uns zwingt.

Wenn also jemand dem Evangelium nicht folgen will, so steht es ihm frei, aber es nützt ihm nicht. Der Mensch kann sich für den Ungehorsam gegen Gott entscheiden und für den Verlust des Guten, zieht sich aber dadurch einen gewaltigen Nachteil und Schaden zu. Darum sagt Paulus: ‚Alles steht mir frei, aber nicht alles bringt Nutzen.‘ ‚Alles ist erlaubt‘, weist hin auf die Freiheit des Menschen, die keinem Zwange Gottes unterliegt, ‚es nützt aber nichts‘, warnt uns, die ‚Freiheit zum Deckmantel der Bosheit zu mißbrauchen‘, was nichts nützt. […] Läge es also nicht in unserer Hand, dies zu tun oder nicht zu tun, welchen Grund hätte dann der Apostel und noch viel mehr der Herr selbst gehabt, uns den Rat zu geben, daß wir einiges tun, von anderem aber uns enthalten sollen? Weil jedoch der Mensch von Anfang an einen freien Willen hat, wie Gott einen freien Willen hat, nach dessen Ebenbild er erschaffen worden ist, so gibt er ihm immer den Rat, das Gute festzuhalten, welches im Gehorsam gegen Gott vollendet wird.

Aber nicht nur in den Werken, sondern sogar im Glauben hat Gott die Freiheit und Selbstentscheidung des Menschen beachtet, indem er spricht: ‚Nach deinem Glauben möge dir geschehen‘, womit gesagt ist, daß der Glaube ebenso Eigentum des Menschen ist wie sein freier Wille. Und abermals heißt es: ‚Alles ist möglich dem, der da glaubt‘, und: ‚Gehe, wie du geglaubt hast, soll dir geschehen!‘ Alle derartigen Stellen lehren, daß der Glaube von der freien Zustimmung des Menschen abhängt. Deswegen hat auch ‚der, welcher ihm glaubt, das ewige Leben; wer aber dem Sohne nicht glaubt, der hat nicht das ewige Leben, sondern der Zorn Gottes wird über ihm bleiben‘. In dem Sinne also erklärt der Herr das Gute für sein Eigentum und beläßt dem Menschen den freien Willen und die Selbstentscheidung, wenn er zu Jerusalem spricht: ‚Wie oft wollte ich deine Söhne versammeln, wie die Henne ihre Küchlein unter den Flügeln, und du hast nicht gewollt. Deshalb wird euch euer Haus öde gelassen werden.‘

Die aber die gegenteilige Ansicht vertreten, stellen sich den Herrn als zu schwach vor, so daß er das nicht durchsetzen konnte, was er wollte, oder als einen, der die Natur der von ihnen sogenannten Choiker nicht kannte, da diese ja seine Unsterblichkeit nicht annehmen konnten. Aber dann hätte er weder die Engel so schaffen dürfen, daß sie sündigen konnten, noch solche Menschen, die sogleich gegen ihn undankbar wurden. Wurden diese doch mit Verstand, Unterscheidungs- und Urteilskraft begabt und waren keineswegs wie die unverständigen und leblosen Geschöpfe, die nach eigenem Willen nichts tun können, sondern mit Zwang und Notwendigkeit zum Guten gezogen werden, so daß in ihnen ein Sinn und eine Sitte ist, so daß sie, unveränderlich und urteilslos, nichts anders sein können als das, wozu sie erschaffen wurden. Dann aber wäre ihnen das Gute nicht angenehm, noch wertvoll die Gemeinschaft mit Gott, noch das Gute sehr begehrenswert, wenn es ihnen ohne eigene Tätigkeit, Sorge und Eifer zufallen, sowie ohne eigenes Zutun und mühelos verliehen würde. Dann hätten auch die Guten nichts zu bedeuten, weil sie mehr von Natur als aus eigenem Willen so geworden wären und das Gute von selbst, aber nicht aus eigener Wahl hätten, und folglich würden sie auch nicht einmal einsehen, wie schön das Gute ist, noch könnten sie es genießen; denn nur das kann man als ein Gut genießen, was man als ein Gut kennt. Welchen Ruhm aber würden sie haben, wenn sie sich darum nicht bemüht haben, und welche Krone sollte ihnen werden, wenn sie sie nicht wie die Sieger im Kampfe erlangt haben?

[…] Und deswegen sagt auch Paulus im Korintherbriefe: ‚Wisset ihr nicht, daß die, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, daß aber nur einer den Preis erhält? So laufet, daß ihr ihn erlanget. Jeder aber, der da kämpft, ist in allem enthaltsam, jene, damit sie eine vergängliche Krone empfangen, wir aber eine unvergängliche. Ich aber laufe so, nicht auf ein Ungewisses; ich kämpfe so, nicht als ob ich die Luft schlage, sondern ich züchtige meinen Körper und bringe ihn in Knechtschaft, damit ich nicht vielleicht, andern predigend, selbst verworfen werde.‘ Als guter Streiter also ermahnt er uns zum Kampfe um die Unvergänglichkeit, damit wir gekrönt werden und die Krone als wertvoll schätzen, da sie nur durch Kampf erworben wird und nicht von selbst uns zufällt. Und je mehr sie uns durch Kampf zuteil wird, um so wertvoller ist sie; je wertvoller aber sie uns ist, um so mehr sollen wir sie immer lieben. Auf verschiedene Weise lieben wir das, was uns von selbst kommt, und das, was mit vieler Sorgfalt erst errungen wird. Weil es aber bei uns stand, Gott mehr zu lieben, hat uns der Herr gelehrt und der Apostel gezeigt, dies mit Anstrengung zu finden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,37,1-7)

„Wäre unser Lehrer, das Wort, nicht Mensch geworden, so hätten wir auf keine andere Weise lernen können, was Gottes ist. Denn kein anderer konnte uns vom Vater erzählen als sein eigenes Wort. ‚Wer hat nämlich sonst den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sonst sein Ratgeber geworden?‘ Auch konnten wir es nicht anders lernen, als indem wir unsern Lehrer sahen und mit unsern Ohren seine Stimme hörten, auf daß wir ‚die Nachahmer seiner Werke und die Vollbringer seiner Worte geworden‘, die Gemeinschaft mit ihm hätten, indem wir von dem Vollkommenen und dem, der vor aller Schöpfung da war, den Zuwachs empfingen. Wir sind ja eben erst geworden, von dem allein Guten und sehr Guten und dem, der Unvergänglichkeit schenken kann, nach seinem Ebenbild erschaffen, vorausbestimmt, zu sein, als wir noch nicht waren, nach dem Vorauswissen des Vaters, ‚zum Anfang der Schöpfung‘ gemacht. So haben wir zur vorherbestimmten Zeit durch Vermittlung des Wortes, das in allem vollkommen ist, empfangen, daß er als das allmächtige Wort und wahrer Mensch mit seinem Blute uns rechtmäßig erlöst und sich zum Lösegeld für die hingegeben hat, die in die Gefangenschaft geführt waren. Da also die Herrschaft der Apostasie über uns nicht zu Recht bestand und wir von Natur des allmächtigen Gottes Eigentum waren, er also wider die Natur uns ihm entriß, indem er uns zu seinen Jüngern machte, so hat sich das in allem mächtige Wort Gottes, dessen Gerechtigkeit nicht nachläßt, mit Recht auch gegen die Apostasie erhoben und sein Eigentum davon erlöst. Aber nicht Gewalt wandte er an, wie sie im Anfang über uns herrschte, indem jener fremdes Eigentum unersättlich an sich riß, sondern bloßen Rat, wie es sich für Gott geziemt, der da rät, aber nicht zwängt, ihm zu folgen, damit das Recht nicht gebeugt würde und das Urgeschöpf Gottes nicht zugrunde ging. Da also mit seinem Blute der Herr uns erlöste und seine Seele für uns hingab und sein Fleisch für unser Fleisch, und da er den Geist des Vaters ausgoß, um den Menschen mit Gott auf das innigste zu verbinden, indem er in dem Menschen durch den Geist Gott niederlegte und durch seine Menschwerdung den Menschen in Gott hineinlegte, und da er wahrhaft und wirklich in seiner Ankunft durch die Gemeinschaft mit ihm Unvergänglichkeit schenkte — so sind verloren alle Lehren der Häretiker.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,1,1)

„In den vorausgegangenen Büchern haben wir die Gründe dargelegt, warum Gott solches geschehen läßt, und wir haben gezeigt, daß dies alles dem Menschen dient, der gerettet wird, weil es den mit Wahl- und Willensfreiheit begabten Menschen zur Unsterblichkeit heranreifen läßt und ihn zum ewigen Gehorsam gegen Gott anpaßt und vorbereitet. Deshalb dient auch die Schöpfung dem Menschen. Denn der Mensch ist nicht wegen der Schöpfung, sondern die Schöpfung wegen des Menschen geworden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien, V,29,1)

Reprobation? Über „Gott verhärtete das Herz des Pharao“ u. Ä.:

Da nun Gott alles vorausweiß, so überläßt er die, von denen er weiß, daß sie nicht glauben werden ihrem Unglauben, wendet sein Angesicht von solchen ab und läßt sie in der Finsternis zurück, die sie sich selbst erwählt haben. Was Wunder also, wenn er den Pharao, der ja niemals geglaubt hätte, samt seinem Anhang dem Unglauben preisgab? So spricht das Wort aus dem Dornbusche zu Moses: ‚Ich aber weiß, daß Pharao, der König von Ägypten, euch nicht wird fortziehen lassen, wenn nicht in meiner starken Hand.‘ Und geradeso wie der Herr in Gleichnissen redete und Israel verblendete, damit sie sehen sollten und nicht sehen, da er ihren Unglauben kannte, geradeso verhärtete er auch das Herz des Pharao, damit er sah, daß es der Finger Gottes ist, der das Volk herausführt, und doch nicht glaubte, sondern sich in das Meer des Unglaubens stürzte, weil er wähnte, daß ihr Auszug durch eine Zauberkraft geschähe, und daß das Rote Meer nicht infolge göttlicher Kraft dem Volk den Durchgang gewähre, sondern daß es so natürlich zugehe.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,29,2)

Die Menschen sind selbst schuld, wenn sie verloren gehen:

Wer deshalb das Geschenk des Lebens bewahrt und dankbar ist gegen den Geber, der wird in Ewigkeit die Länge der Tage empfangen. Wer es aber von sich wirft und seinem Schöpfer undankbar wird, keinen Dank dafür weiß, daß er geworden, und den Geber nicht erkennt, der beraubt sich selbst der Fortdauer in Ewigkeit. Deshalb spricht der Herr zu solchen Undankbaren: ‚Wenn ihr im Kleinen nicht getreu gewesen, was Großes wird man euch geben können?‘ Das soll heißen: Wer in dem kurzen zeitlichen Leben undankbar gewesen ist gegen den, der es gab, wird gerechterweise von ihm in Ewigkeit die Länge der Tage nicht empfangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,34,3)

„Denn der Tag des Herrn ist wie eine glühende Esse, und Stroh werden sein alle Sünder, die Unrecht tun, und der kommende Tag wird sie verbrennen. Wer aber der Herr ist, der solchen Tag hereinbringt, das verkündet Johannes der Täufer, indem er von Christus sagt: ‚Er wird euch mit dem Hl. Geiste und Feuer taufen, indem er die Wurfschaufel in seiner Hand hat, um seine Tenne zu reinigen, und die Frucht wird er sammeln in die Scheune, die Spreu aber verbrennen in unauslöschlichem Feuer.‘ Nicht also macht einer den Weizen, ein anderer die Spreu, sondern ein und derselbe, der sie auch richten wird, d. h. trennen. Weizen und Spreu aber, die ohne Leben und Verstand sind, wurden von Natur aus so; der vernünftige Mensch jedoch, hierdurch das Ebenbild Gottes, daß er frei wählen und sich selbst bestimmen kann, trägt in sich die Ursache, wenn er einmal Weizen, das anderemal Spreu wird. Deshalb wird er auch mit Recht verdammt werden, wenn er trotz seines Verstandes den wahren Verstand verloren hat, und unverständig lebend, die Gerechtigkeit Gottes herausforderte, indem er sich allem Erdengeiste ergab und allen Lüsten diente, nach dem Worte des Propheten, der da sagt: ‚Da der Mensch in Ehre war, hat er es nicht verstanden; er ist gleich geworden den unverständigen Tieren und ihnen ähnlich geworden.'“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,4,3)

„Wo aber der Prophet sagt: ‚In Demut ward sein Gericht hinweggenommen‘, so schildert er damit die Erscheinung seiner Demut. Infolge der Erscheinung seiner Niedrigkeit geschah die Wegnahme des Gerichts. Und die Wegnahme des Gerichts gereicht manchem zur Erlösung, manchem zum Verhängnis voll Qualen. Denn wo etwas weggenommen wird, da geschieht es zu des einen Gunsten und zu des andern Nachteil. So ist es auch beim Gericht. Diejenigen, über die es ergeht, diese müssen es tragen im Verhängnis ihrer Qualen, die aber, die mit ihm verschont wurden, sind dadurch erlöst worden. Somit haben diejenigen das Gericht auf sich geladen, welche ihn kreuzigten und, indem sie das taten, nicht an ihn glaubten. Denn durch dieses Gericht, das an ihnen genommen wurde, wurden sie von den Qualen ergriffen. Von denjenigen aber, welche an ihn glaubten, wurde das Gericht abgewälzt und sie unterliegen ihm nicht mehr.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 69)

Gott richtet unparteiisch:

„Denn Gott läßt sich von niemand beeinflussen noch rühren, als allein vom Gerechten. Und sich zu erbarmen, ist ganz besonders Gott eigen“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verküdigung 60)

Ursache der Schlechtigkeit eines Teils der Geschöpfe:

„Ähnlich verhält es sich mit der Frage, warum einige Geschöpfe, wo doch alle von Gott erschaffen sind, seinen Willen übertraten und sich gegen ihn auflehnten, andere aber und bei weitem die meisten ihm treu blieben und im Gehorsam gegen ihren Schöpfer verharren, welcher Natur jene und welcher Natur diese sind. Das muß man Gott und seinem Worte überlassen, zu dem allein er gesprochen hat: ‚Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße.‘ Wir aber, die wir auf Erden weilen, sitzen noch nicht neben seinem Throne, Der Geist des Erlösers, der in ihm ist, durchforscht freilich alles, auch die Tiefen Gottes. Bei uns aber sind die Gnadengaben verschieden, und die geistlichen Verrichtungen und die Wunderkräfte, und solange wir auf Erden sind, ist, wie der hl. Paulus sagt, Stückwerk unser Erkennen und Stückwerk unser Prophezeien. Wie also unser Erkennen beschränkt ist, so müssen wir uns auch in den verschiedenen Fragen dem anvertrauen, der uns stückweise seine Gnade schenkt. Daß den Ungehorsamen das ewige Feuer zubereitet ist, hat der Herr ausdrücklich gelehrt, und bekunden auch die übrigen Schriften; daß er dies als zukünftig voraus gewußt hat, lehrt ebenfalls die Schrift, wie er auch, das ewige Feuer denen zubereitet hat, die ungehorsam sein würden, aber die Ursache ihrer Natur hat keine Schrift berichtet, noch ein Apostel benannt, noch der Herr gelehrt. Also müssen wir auch diese Kenntnis Gott überlassen, wie die Kenntnis des Tages und der Stunde.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,28,7)

Bzgl. früherer Generationen:

„Denn jene, welche entschlafen waren, ehe Christus erschien, hatten Hoffnung, im Gerichte des Auferstandenen Heil zu finden, sofern sie Gott fürchteten, in Gerechtigkeit entschlafen waren und den Geist Gottes in sich getragen hatten wie die Patriarchen, die Propheten und die Gerechten. Jenen aber, die nach der Erscheinung Christi nicht an ihn geglaubt haben, droht beim Gerichte unbarmherzige Rache.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 56)

Gott hatte nach dem Sündenfall wieder Erbarmen:

„Für uns also hat der Herr alles so eingerichtet, damit wir, in allem unterrichtet, in Zukunft in allem vorsichtig seien und in aller Liebe zu ihm verharren, durch unsere Vernunft belehrt, Gott zu lieben. Denn Gott war großmütig bei dem Falle des Menschen, der Mensch aber sollte dadurch belehrt werden, wie der Prophet sagt: ‚Bessern soll dich dein Abfall.‘ Denn alles hat Gott zur Vollendung des Menschen bestimmt und zur Durchführung und Offenbarung der Heilsordnung. So soll seine Güte sich zeigen, die Gerechtigkeit sich vollenden, die Kirche dem Bilde seines Sohnes angepaßt und der Mensch endlich einmal reif werden, indem er auf solchem Wege heranreift zur Anschauung und zum Besitz Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,37,7)

Wieso hat Gott die Menschen nicht sündenlos gemacht?

„Sollte aber jemand sagen: ‚Wie denn? Konnte Gott nicht von Anfang an den Menschen vollkommen machen?‘ so soll er wissen, daß Gott, der Unveränderliche und Unerschaffene, an und für sich alles vermag, das Erschaffene aber, eben weil es seinen Anfang erst später genommen hat, deshalb auch seinem Schöpfer nachstehen muß. Was eben geworden ist, kann nicht unerschaffen sein. Weil sie nicht unerschaffen sind, daher bleiben sie hinter dem Vollkommenen zurück. […]

In Gott aber offenbart sich Macht und Weisheit und Güte zugleich: Seine Macht und Güte darin, daß er aus freiem Willen das, was noch nicht war, gründete und schuf; seine Weisheit aber darin, daß er alles, was ist, so zweckmäßig und harmonisch gestaltet hat. Einige Wesen aber empfangen wegen seiner unendlichen Güte Wachstum, dauern fort für die Länge der Zeit und nehmen teil an der Herrlichkeit des Unerschaffenen, indem Gott ihnen neidlos das Gute schenkt. Insofern sie gemacht sind, sind sie nicht unerschaffen; insofern sie aber fortdauern in langen Ewigkeiten, nehmen sie die Kraft des Unerschaffenen an, da ihnen Gott in Gnaden ewige Fortdauer schenkt. Und auf diese Weise bewahrt Gott in allem den Vorrang, da er allein der Unerschaffene, eher als alles andere und die Ursache von allem anderen ist. Das übrige also bleibt alles Gott untertan. Der Gehorsam gegen Gott bedeutet Fortdauer und Unvergänglichkeit; die Unvergänglichkeit aber ist der Ruhm des Unerschaffenen. Durch solche Ordnung, Harmonie und Führung wird der erschaffene Mensch zum Bild und Gleichnis des unerschaffenen Gottes, indem der Vater es will und beschließt, der Sohn es bewirkt und bildet, der Geist Nahrung und Wachstum gewährt, der Mensch aber allmählich vorwärts kommt und zur Vollkommenheit gelangt, d. h. dem Unerschaffenen ganz nahe kommt. Vollkommen nämlich ist nur der Unerschaffene, d. i. Gott. Der Mensch aber mußte zuerst werden, dann wachsen, dann erstarken, dann sich vervielfältigen, dann genesen, dann verherrlicht werden und schließlich seinen Gott schauen. Die Anschauung Gottes nämlich ist unser Ziel und die Ursache der Unvergänglichkeit; die Unvergänglichkeit aber führt uns in die Nähe von Gott.

Unvernünftig also in jeder Hinsicht sind die, welche die Zeit des Wachstums nicht abwarten und die Schwäche ihrer Natur Gott zuschreiben. Diese Unersättlichen und Undankbaren kennen weder Gott noch sich, wenn sie das nicht sein wollen, was sie doch zuerst geworden sind: leidensfähige Menschen; und das Gesetz des menschlichen Geschlechtes übertretend, wollen sie, noch bevor sie Menschen geworden sind, dem Schöpfergott ähnlich sein und keinen Unterschied zulassen zwischen dem unerschaffenen Gott und dem jetzt entstandenen Menschen. Unverständiger sind sie als die stummen Tiere. Denn diese machen Gott keinen Vorwurf daraus, daß er sie nicht zu Menschen gemacht hat, sondern jedes von ihnen dankt mit dem, was es geworden ist, dafür, daß es geworden ist. Wir werfen ihm nämlich vor, daß wir nicht von Anfang an Götter geworden sind, sondern zunächst Menschen und dann erst Götter. Ist doch Gott in seiner einzigartigen Güte, damit niemand ihn für neidisch oder geizig halte, so weit gegangen, daß er spricht: ‚Ich habe gesagt: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten allesamt.‘ Von uns aber, die wir die Macht seiner Gottheit nicht zu tragen vermochten, sagt er: ‚Ihr aber werdet wie Menschen sterben.‘ So hebt er beides hervor: seine Güte im Schenken und unsere Schwäche samt dem freien Willen. Denn gemäß seiner Güte gab er uns gütig das Gute und machte die Menschen sich ähnlich durch den freien Willen, gemäß seiner Vorsehung aber kannte er die Schwäche der Menschen, und was daraus folgen würde. Gemäß seiner Liebe und Kraft jedoch wird er das Wesen der erschaffenen Natur überwinden. Zuerst aber mußte die Natur erscheinen, dann das Sterbliche von dem Unsterblichen besiegt und verschlungen werden und das Vergängliche von dem Unvergänglichen, und der Mensch nach dem Bild und Gleichnis Gottes werden, nachdem er die Kenntnis des Guten und Bösen erlangt hatte. […]

Denn du machst Gott nicht, sondern Gott macht dich. Wenn du also ein Werk Gottes bist, so erwarte die Hand deines Künstlers, die alles zur rechten Zeit macht, zur rechten Zeit nämlich für dich, der du gemacht wirst! Bringe ihm aber ein weiches und williges Herz entgegen und bewahre die Gestalt, die dir der Künstler gegeben, und halte die Feuchtigkeit in dir fest, damit du nicht verhärtest und die Spur seiner Finger verlierest! Wenn du so das Gefüge behütest, so wirst du zur Vollkommenheit emporsteigen, denn durch die Kunst Gottes wird der Lehm in dir verborgen. Gemacht hat den Stoff in dir seine Hand, umgeben wird sie dich von innen und außen mit reinem Gold und Silber und wird so sehr dich schmücken, daß sogar ‚der König nach deiner Schönheit verlangt‘. Wenn du jedoch sogleich verhärtest und seine Kunst verwischst und undankbar gegen ihn wirst, weil du nur ein Mensch geworden bist, so hast du durch deine Undankbarkeit gegen Gott mit einem Schlag seine Kunst und das Leben verloren. Das Schaffen nämlich kommt der Güte Gottes zu, geschaffen zu werden ist die Eigentümlichkeit der menschlichen Natur. Wenn du ihm also das Deinige gibst, d. h. den Glauben an ihn und den Gehorsam gegen ihn, dann wirst du seine Kunst an dir erfahren und ein vollkommenes Werk Gottes sein.

Wenn du ihm aber nicht glaubst und seinen Händen entfliehst, so ist die Ursache der Unvollkommenheit in dir, der du nicht geglaubt hast, aber nicht in dem, der dich berufen hat. Denn ‚er sandte seine Boten aus, dich zur Hochzeit zu rufen‘; die aber ihm nicht gehorchten, haben sich selbst vom königlichen Mahle ausgeschlossen. Also fehlt es nicht an der Kunst Gottes, denn er vermag ‚aus Steinen Abraham Söhne zu erwecken‘; vielmehr wird der, welcher sie nicht annimmt, sich selbst die Ursache seiner Unvollkommenheit. Wird doch auch das Licht nicht schwächer durch die, welche sich selbst blenden, es bleibt wie es ist; die, welche sich selbst blendeten, sitzen durch ihre Schuld in der Finsternis. Und wie das Licht keinen mit Zwang unter seine Gewalt bringt, so zwingt auch Gott niemand, seine Kunst anzunehmen, wenn er nicht will. Die sich also von dem Lichte des Vaters abwenden und das Gesetz der Freiheit übertreten, die fielen ab durch eigene Schuld, da sie freien Willen und Selbstenscheidung erhalten hatten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,38,1.3-4 u. IV,39,2-3)

Abstieg Christi ins Totenreich zur Erlösung der Gerechten, die vor Seiner Ankunft gelebt hatten:

„Von einem Priester, der es von Schülern und Hörern der Apostel gehört hatte, hörte ich, daß für die Alten wegen der Taten, die sie ohne den Rat des Geistes begangen hatten, die Strafe genüge, welche die Schriften androhen. Da ‚bei Gott kein Ansehen der Person gilt‘, so verhängt er für die Taten, die nicht seinem Willen entsprechen, eine geziemende Strafe. [Gute Taten und Sünden Davids & Salomos werden aufgezählt] Genugsam hat die Schrift ihn [Salomo] getadelt, sagt ein Priester, damit gar kein Fleisch sich rühme im Angesichte Gottes.

Deswegen sei der Herr in die Unterwelt hinabgestiegen und habe jenen seine Ankunft verkündet, indem es Nachlassung der Sünden für die gab, die an ihn glaubten. Es glaubten aber an ihn alle, die auf ihn hofften, d. h. die seine Ankunft vorher verkündigten und seinen Anordnungen Folge leisteten, die Gerechten, die Patriarchen und Propheten. Ihnen erließ er ähnlich wie uns ihre Sünden, die wir ihnen nicht weiter anrechnen dürfen, wofern wir nicht die Gnade Gottes verachten. Denn wie jene uns nicht unsere Unenthaltsamkeit anrechneten, die wir begangen haben, bevor Christus in uns sich offenbarte, so dürfen auch wir gerechterweise ihnen das nicht anrechnen, was sie vor der Ankunft Christi sündigten. Denn ‚alle Menschen entbehren des Ruhmes Gottes‘; sie werden aber nicht durch sich selbst gerechtfertigt, sondern durch die Ankunft des Herrn, wenn sie auf sein Licht achten. Zu unserer Besserung aber seien ihre Taten aufgeschrieben, damit wir wüßten, daß erstlich ihr und unser Gott ein und derselbe ist, dem die Sünden nicht gefallen, auch wenn sie von Hochgestellten getan werden, und zweitens, daß wir uns von dem Bösen enthalten. Denn wenn schon die Alten, die uns in den Charismen vorausgingen, und wegen deren der Sohn Gottes noch nicht gelitten hatte, wofern sie irgendwie sündigten und den Lüsten des Fleisches dienten, so große Schmach erlitten haben, was werden dann die erdulden, die jetzt leben und die Ankunft des Herrn verachten und ihren Lüsten dienen? Für jene war der Tod des Herrn Heilung und Erlösung, für die aber, welche jetzt sündigen, wird ‚Christus schon nicht mehr sterben, denn der Tod wird schon nicht mehr über ihn herrschen‘, sondern es wird kommen der Sohn in der Herrlichkeit des Vaters und verlangen von seinen Verwaltern und Haushaltern das Geld, das er ihnen anvertraut hat, mit Zinsen, und denen er sehr viel gegeben hat, von denen wird er auch viel verlangen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,27,1-2)

„Bei Jeremias verkündet er seinen Tod und sein Absteigen zur Hölle mit den Worten: ‚Und es gedachte der Herr, der Heilige Israels, seiner Toten, der zuvor im Staub der Erde Schlafenden; und er stieg zu ihnen hinab, um ihnen sein Heil zu verkünden und sie zu retten.‘ Hierselbst erfüllt er auch die Ursachen seines Todes. Denn sein Niedersteigen zur Hölle war das Heil der Abgeschiedenen.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 78)

Der Mensch wird ganz wiederhergestellt:

„Das Wort Gottes, das alles erschaffen und im Anfang den Menschen gebildet hat, heilte sein Geschöpf von Grund aus, da es fand, daß es durch Arglist zu Fall gebracht war. Und zwar erneuerte er jedes einzelne Glied an seinem Gebilde und stellte auch den Menschen als Ganzes wieder heil und unversehrt her, indem er ihn für die Auferstehung vollkommen vorbereitete.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,12,6)

Über Gottes Geduld, wieso Er die Sünde zuließ und dann den Menschen wieder erlöste:

„Langmütig also war Gott, als der Mensch fehlte, und sah jenen Sieg voraus, den das Wort für ihn davontragen würde. Denn da die Kraft in der Schwachheit vollendet wurde, zeigte es die Güte Gottes und seine allgewaltige Kraft. Wie er nämlich geduldig hinnahm, daß Jonas von dem Walfisch verschlungen wurde, nicht um verschlungen zu werden und gänzlich zugrunde zu gehen, sondern damit er ausgespieen wurde und Gott besser gehorchte und den mehr verherrlichte, der ihm das unerwartete Heil geschenkt hatte, und zu rechter Buße die Niniviten führte, damit sie sich zu Gott, der sie vom Tode errettet hatte, bekehrten, da sie durch das Zeichen erschreckt worden waren, das er an Jonas getan hatte, gemäß dem Worte der Schrift: ‚Und sie bekehrten sich ein jeder von seinem bösen Wege und von der Ungerechtigkeit, die an ihren Händen war, indem sie sagten: Wer weiß, ob Gott nicht Mitleid haben und seinen Zorn von uns abwenden wird, und wir nicht untergehen werden‘: so ließ Gott auch im Anfang zu, daß der Mensch von dem großen Walfisch, welcher der Urheber der Übertretung war, verschlungen wurde, aber nicht um verschlungen zu werden und gänzlich unterzugehen. Vielmehr bereitete Gott die Annahme des Heils sorgfältig vor, die durch das Wort in dem Zeichen des Jonas geschehen sollte für die, welche dieselbe Gesinnung wie Jonas in Betreff Gottes haben und wie jener bekennen and sprechen würden: ‚Ein Knecht des Herrn bin ich und ich verehre den Herrgott des Himmels, der das Meer und die Erde geschaffen hat.‘ Denn indem der Mensch wider alle Hoffnung von Gott das Heil empfing, sollte er von den Toten auferstehen und Gott preisen und mit dem Propheten Jonas bekennen: ‚Ich habe gerufen zu dem Herrn, meinem Gott, in meiner Betrübnis, und er hat mich erhört aus dem Bauche der Unterwelt.‘ Und immer sollte er verharren in der Lobpreisung Gottes und ohne Unterlaß Dank sagen für das Heil, das er von ihm erlangt hatte, damit kein Fleisch vor dem Herrn sich rühme, noch jemals von Gott die irrige Meinung erhalte, daß eine Unsterblichkeit ihm von Natur aus zukomme, oder von der Wahrheit abweichend, sich in eitlem Stolze brüste, als ob er von Natur Gott gleich wäre. Das wäre ein noch größerer Undank gegen den Schöpfer und würde die Liebe Gottes zu den Menschen verdunkeln und den Sinn des Menschen verblenden, daß er nicht mehr fühlte, was Gottes würdig ist, wenn er sich mit Gott vergliche und sich ihm gleich hielte.

Das war also die Langmut Gottes, daß der Mensch, durch alles hindurchgehend und seine sittliche Aufgabe erkennend, schließlich zur Auferstehung von den Toten gelangte und aus Erfahrung lernte, woher er erlöst wurde, und immer dankbar gegen Gott war, weil er von ihm das Geschenk der Unvergänglichkeit erlangt hatte und ihn deswegen mehr liebte — wem nämlich viel vergeben wird, der liebt mehr —, sich selbst aber als sterblich und schwach erkannt hatte. Auch sollte er verstehen, daß Gottes Unsterblichkeit und Macht sich so weit erstreckt, daß er auch dem Sterblichen Unsterblichkeit und dem Zeitlichen Ewigkeit verleiht, und alle übrigen Gnadenerweise Gottes begreifen, die sich an ihm offenbarten, und daraus lernen und fühlen, wie groß Gott ist. Denn des Menschen Ruhm ist Gott, das Werk Gottes und das Gefäß seiner Weisheit und Kraft ist der Mensch. Wie der Arzt an den Kranken sich als tüchtig erweist, so offenbart sich Gott an den Menschen. Deswegen sagt auch Paulus: ‚Es verschloß aber Gott alles im Unglauben, um sich aller zu erbarmen.‘ Das sagte er nicht von den geistigen Äonen, sondern von dem Menschen, der gegen Gott ungehorsam gewesen und von der Unsterblichkeit ausgeschlossen war, dann aber Barmherzigkeit erlangte, indem er durch den Sohn Gottes allein an Kindesstatt angenommen wurde. Wer nämlich ohne Prahlerei und Aufgeblasenheit die wahre Ehre der Geschöpfe und des Schöpfers, d. h. des allmächtigen Gottes, der allen das Dasein verleiht, im Auge behält, und in der Liebe, Demut und Dankbarkeit verharrt, der wird noch größere Herrlichkeit von ihm empfangen und fortfahrend dem ganz ähnlich werden, der für ihn gestorben ist. Nahm doch auch er die Ähnlichkeit des sündigen Fleisches an, um die Sünde zu verurteilen und sie gleichsam aus dem Leibe zu verbannen, den Menschen aber zu seiner Nachfolge aufzurufen, indem er ihn zur Nachahmung Gottes bestimmte und ihm Gott als Richtschnur vorhielt, damit er ihn schaue. So machte das Wort Gottes, das im Menschen wohnte, den Menschen fähig, den Vater zu begreifen, und wurde zum Menschensohne, damit der Mensch sich gewöhne, Gott aufzunehmen, und Gott sich gewöhne, im Menschen zu wohnen nach dem Wohlgefallen des Vaters.

Demgemäß ist der Herr selbst jener als Zeichen unseres Heils aus der Jungfrau verheißene Emmanuel. Er war es, der da die erlöste, die aus sich selbst nicht erlöst werden konnten. Auf diese Schwäche des Menschen weist Paulus hin, wenn er sagt: ‚Ich weiß ja, dass in meinem Fleische nicht das Gute wohnt.‘ Oder mit anderen Worten: Nicht aus uns, sondern aus Gott ist das Gut unseres Heils. Und wiederum spricht er: ‚Ich armer Mensch, wer wird mich erlösen von dem Körper dieses Todes?‘ Dann nennt er als Erlöser: ‚Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi.‘ Dasselbe lehrt auch Isaias: ‚Werdet stark, ihr müden Hände und ihr schwankenden Knie, ermuntert euch, ihr Kleinmütigen, werdet stark und fürchtet euch nicht: Siehe, unser Gott wird Gericht abhalten und vergelten, er selbst wird kommen und uns erlösen.‘ Also nicht aus uns, sondern durch Gottes Hilfe sollen wir gerettet werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,20,1-3)


(Gustave Doré, Darstellung des Himmels (Illustration zu Dantes „Paradiso“).)

Tatian, ein Schüler von Justin dem Märtyrer (s. Teil 1), schreibt ca. in den 170ern folgendes.

Er richtet sich gegen den heidnischen Schicksalsglauben und die Astrologie:

„Wir aber sind über das Fatum [=Schicksal] erhaben und kennen statt der irrenden Dämonen nur den einen, nicht irrenden Herrn: darum haben wir, frei von der Herrschaft des Fatums, diejenigen verworfen, die es zum Gesetze gemacht haben.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 9)

Der freie Wille des Menschen hat die Sünde und den Tod hervorgebracht:

„Stirb der Welt, indem du der Tollheit ihres Treibens entsagst; lebe für Gott, indem du dich durch Erkenntnis seines Wesens des alten Menschen entledigst. Wir sind nicht zum Sterben geboren: wir sterben durch eigene Schuld. Zugrunde gerichtet hat uns die Freiheit unseres Willens: Sklaven sind wir geworden, die wir frei waren, und durch die Sünde sind wir verkauft. Nichts Böses ist von Gott geschaffen, die Bosheit haben erst wir hervorgebracht: aber die sie hervorgebracht, können sie auch wieder abtun.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 11,5f.)

Anders als andere Theologen war Tatian der Ansicht, dass die Seele nicht an sich unsterblich wäre und die Seelen der Sünder zuerst sterben, am Jüngsten Tag wieder entstehen und dann erst bestraft werden würden; außerdem macht er deutlich, dass die Erlösung von Gott kommt, aber der Mensch mitarbeiten muss:

„Nicht unsterblich, ihr Bekenner des Griechentums, ist unsere ‚Seele‘ an sich, sondern sterblich: sie kann aber trotzdem dem Tode entrinnen. Denn sie stirbt und erfährt zusammen mit dem Körper ihre Auflösung,  wenn sie die Wahrheit nicht erkannt hat; später, am Ende des Weltlaufs, steht sie freilich mit dem Körper auf, aber nur, um als Strafe den Tod in der Unsterblichkeit zu empfangen: dagegen stirbt sie überhaupt nicht, mag auch ihre zeitweilige Auflösung erfolgen, wenn sie mit der Erkenntnis Gottes ausgerüstet ist. An und für sich ist sie Finsternis und kein Licht ist in ihr und hierauf eben bezieht sich das Wort: ‚Die Finsternis fasset nicht das Licht‘. Denn nicht die Seele ist es, die den Geist rettet, sondern sie wird von ihm gerettet und ‚das Licht fasset die Finsternis‘, wobei der Logos als das von Gott ausgehende ‚Licht‘, als ‚Finsternis‘ aber die unkundige Seele zu verstehen ist. Wenn sie daher allein für sich lebt, so neigt sie sich niederwärts zur Materie und stirbt zugleich mit dem Fleische; hat sie aber Gemeinschaft mit dem göttlichen Geiste, so ist sie nicht hilflos, sondern steigt hinauf in jene Lande, zu denen sie der Geist führt: denn seine Wohnung ist in der Höhe, ihr Ursprung dagegen in der Tiefe. Im Anfang also wohnte der Geist mit der Seele zusammen; der Geist aber hat sie verlassen, als sie ihm nicht folgen wollte. Doch da sie gleichsam einen Funken seiner Kraft behielt und nur infolge der Scheidung das Vollkommene nicht erschauen konnte, suchte sie Gott in der Irre und bildete sich viele Götter, indem sie den streitsüchtigen Dämonen folgte. Der Geist Gottes ist nun nicht mehr bei allen Menschen; bei einigen aber, deren Wandel gerecht war, ist er eingekehrt und vermählte sich mit ihrer Seele, um durch Weissagungen den übrigen Seelen das Verborgene kundzutun: und die Seelen, die der Weisheit folgten, zogen den verwandten Geist an sich, die aber nicht folgten und den Boten des Gottes, der gelitten hat, verschmähten, die zeigten sich mehr als Gottesfeinde, denn als Gottesdiener.

Etwas Ähnliches seid auch ihr Bekenner des Griechentums: in Worten großmäulig, aber im Erkennen schwachsinnig, habt ihr sogar die Vielherrschaft statt der Alleinherrschaft ins Werk gesetzt, um den vermeintlich mächtigen Dämonen zu folgen. Aber wie die Räuber in ihrer Unmenschlichkeit ihresgleichen frech zu überwältigen pflegen, so haben auch die Dämonen euere vereinsamten Seelen in den Pfuhl der Bosheit geführt und mit Lügen und Gaukeleien getäuscht. Da sie nicht leicht den (physischen Tod) sterben, zumal sie ohne Fleisch sind, so können sie zwar fortlebend Werke des (Sünden-) Todes verrichten, sterben aber trotzdem (obwohl sie fortleben) gerade so oft (den Sündentod), als sie ihre Anhänger im Sündigen unterrichten; was sie also derzeit vor den Menschen voraushaben: nicht wie die Menschen (den physischen Tod) sterben zu müssen, das (der ewige Tod der Verdammten) wird sie einst treffen, wenn sie gerichtet werden, indem sie dann keinen Anteil haben werden am ewigen Leben, das sie etwa (wie die Gerechten) statt ewigen Todes gewinnen könnten. Wie vielmehr wir, denen jetzo das Sterben leicht fällt, nachher entweder die ewige Glückseligkeit oder die ewige Verdammnis erlangen werden, so werden auch die Dämonen, die das jetzige Leben immerdar zu Freveln mißbrauchen und so schon während ihres Lebens sterben, dereinst derselben ewigen Verdammnis (wie die Ungerechten) anheim fallen gemäß ihrer Beschaffenheit, die fürwahr keine andere ist als bei jenen Menschen, die aus freien Stücken vollbrachten, was ihnen die Dämonen zu ihren Lebzeiten vorgeschrieben haben, ganz zu schweigen davon, daß sich natürlich bei den Menschen, die ihnen folgen, weniger Arten von Sünden entwickeln, da ihr Leben nur kurz ist, jene Dämonen aber die Frevel häufen, weil ihr Leben unbegrenzte Dauer hat.

So bleibt uns nichts übrig, als nach dem, was wir besaßen und verloren haben, jetzt zu suchen: die Seele mit dem heiligen Geist zu verbinden und die gottgewollte Vermählung mit ihm zu bewirken.

[…] Unvergleichbar ist nur das absolut Seiende (d.i. Gott), vergleichbar nur das Ebenbildliche (d.i. der Mensch). Unfleischlich ferner ist der vollkommene Gott, der Mensch aber ist Fleisch: das Band seines Fleisches ist die Seele, Träger seiner Seele das Fleisch. Nehmen wir nun an, dieser so gestaltete (aus Fleisch und Seele bestehende) Organismus gleiche einem Tempel, so will Gott in ihm wohnen durch den Geist, seinen Abgesandten; ist er aber kein solches Heiligtum, so ist der Mensch den Tieren nur durch seine artikulierte Stimme überlegen und, da seine anderen Lebensäußerungen durchaus den tierischen gleichen, auch kein ‚Gleichnis Gottes‘. […] Doch die Menschen haben nach dem Verlust der Unsterblichkeit durch die im Glauben vollzogene Selbstabtötung den Tod besiegt und mittels der Buße ward ihnen Berufung zuteil gemäß dem Worte: ’nachdem sie nur eine kurze Zeit unter die Engel erniedrigt worden waren‘. Jeder Besiegte kann eben wiederum siegen, wenn er den Zustand des Todes abtut. Was darunter zu verstehen sei, werden die Menschen, die nach der Unsterblichkeit streben, leicht erkennen. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 13-15)

„Daher müssen wir in dem sehnsüchtigen Streben nach dem ursprünglichen Zustande alles abwerfen, was uns hindern kann. […] Möglich aber ist es für jeden, der entblößt ist, jenes Kleinod (den himmlischen Harnisch) zu erlangen und so zur ursprünglichen Gemeinschaft (der Seele mit dem Geiste) zurückzukehren. (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 20,3.7)

„Denn wir wissen, daß die Natur des Bösen der des kleinsten Samenkornes gleicht, das ja schon bei geringer Veranlassung Wurzel faßt, aber wiederum ausgerodet werden wird, wenn wir dem Worte Gottes gehorchen und uns nicht selbst aus seinem Schutz verjagen. Durch einen verborgenen Schatz nämlich ist das Wort Herr über all das Unsrige geworden, einen Schatz, bei dessen Ausgrabung wir zwar mit Staub bedeckt werden, dem Worte aber erst die Möglichkeit bieten, bei uns zu sein. Denn wer des Wortes ganzen Besitz erringt, der hat damit die Macht über den kostbareren Reichtum empfangen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 30,2f.)

Theophilus von Antiochia schreibt um 180 n. Chr. folgendes.

Über Glaube und Werke:

„Sei also nicht ungläubig, sondern gläubig, denn auch ich habe einst nicht geglaubt, daß es also sein wird. Jetzt aber habe ich die Sache erwogen und glaube, weil mir zugleich auch die hl. Schriften der hl. Propheten in die Hände kamen, die da im Geiste Gottes voraussagten die Vergangenheit, wie sie war, die Gegenwart, wie sie ist, und die Zukunft, wie sie sein wird. Da ich nun die Gegenwart und die Weissagungen derselben als Zeugnis habe, bin ich nicht mehr ungläubig, sondern glaube, gehorsam gegen Gott. Und diesem gehorche doch auch du im Glauben, damit du nicht, jetzt ungläubig, einst zu deinem Schmerze, in den ewigen Strafen nämlich, glauben mußt! […] So nimm denn auch du mit gutem Willen und ehrfurchtsvoll die prophetischen Schriften zur Hand, und sie werden dir deutlicher den Weg zeigen, wie du den ewigen Strafen entfliehen und die ewigen Güter Gottes erlangen kannst. Denn derjenige, der den Mund gegeben zum Sprechen, der die Ohren gebildet zum Hören und die Augen erschaffen hat zum Sehen, wird alles zur Rechenschaft ziehen und ein gerechtes Urteil fällen und jedem nach Verdienst seinen Lohn geben. Denen, die mit Beharrlichkeit in guten Werken die Unsterblichkeit suchen, wird er geben ewiges Leben, Freude, Friede, Ruhe und eine Fülle von Gütern, wie sie kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, noch in eines Menschen Herz gekommen; den Ungläubigen aber, den Verächtern, die der Wahrheit nicht beipflichten, sondern der Ungerechtigkeit sich hingeben, indem sie sich wälzen im Ehebruch, Hurerei, Knabenschändung, Übervorteilung anderer, in lasterhaftem Götzendienst: Zorn, Ungnade, Trübsal und Angst; und zuletzt wird solchen das ewige Feuer zuteil werden.“ (Theophilus, An Autolykus I,14)

Freier Wille:

„Der Mensch ist also von Natur weder sterblich noch unsterblich erschaffen. Denn hätte ihn Gott von Anfang an unsterblich erschaffen, so hätte er ihn zum Gotte gemacht; hinwiederum, wenn er ihn sterblich erschaffen hätte, so würde es scheinen, als ob Gott an seinem Tode schuld sei. Weder unsterblich also noch auch sterblich hat er ihn erschaffen, sondern, wie gesagt, fähig für beides, daß er, wenn er durch die Beobachtung des göttlichen Gebotes der Unsterblichkeit sich zuwendete, die Unsterblichkeit als Lohn von Gott empfing und ein Gott würde, hinwiederum aber, wenn er durch Ungehorsam gegen Gott sich auf Seite des Todes stellte, selbst die Ursache seines Todes würde. Denn Gott hat den Menschen mit Freiheit und Selbstbestimmung begabt erschaffen. Was er sich nun durch seinen Leichtsinn und Ungehorsam zugezogen, das gibt ihm Gott jetzt seinerseits als Geschenk aus Liebe und Erbarmung, wenn sich der Mensch gehorsam unterwirft. Denn gleichwie der Mensch durch seinen Ungehorsam dem Tode hörig geworden ist, so kann durch Gehorsam gegen den Willen Gottes jeder, der will, sich das ewige Leben erwerben. Gott hat uns nämlich sein Gesetz und heiligen Gebote gegeben, auf daß durch deren Erfüllung ein jeder das Heil erlangen, zur Auferstehung gelangen und die Unverweslichkeit erben kann.(Theophilus, An Autolykus II,27)

Da wäre Athenagoras, der ca. 176/177 n. Chr. schrieb.

Himmel als Lohn:

„Würden wir uns nun solcher Reinheit befleißen, wenn wir nicht glaubten, daß Gott über der Menschheit walte? Gewiß nicht; sondern weil wir überzeugt sind, daß wir Gott, der uns und die Welt erschaffen hat, über unser ganzes Erdenleben einst Rechenschaft geben müssen, deshalb entscheiden wir uns für das maßvolle, menschenfreundliche und unscheinbare Leben, im Glauben, daß uns hier auf Erden, selbst wenn man uns das Leben nimmt, kein Übel zustoßen wird, das so groß ist wie die Güter, die wir im Jenseits aus der Hand des erhabenen Richters für unser sanftmütiges, menschenfreundliches und anständiges Leben erhalten werden.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 12) (Hier verteidigt er die Christen gegen den Vorwurf des Atheismus)

Freier Wille bei Menschen und Engeln:

„Wie aber nun unter den Menschen, deren Tugend und Schlechtigkeit freier Willensentscheidung entspringen (Ihr würdet ja sonst die Guten nicht auszeichnen und die Bösen nicht strafen, wenn Tugend und Schlechtigkeit nicht von ihnen selbst abhinge), die einen in dem ihnen von Euch anvertrauten Amte als eifrig, die andern als unzuverlässig befunden werden, so steht es auch bei den Engeln.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24)

In einem Märtyrerbericht über das Martyrium des hl. Apollonius (Mitte der 180er) wird der Himmel als Lohn für die Guten beschrieben:

„Dieser unser Erlöser Jesus Christus, als Mensch geboren in Judäa, in allem gerecht und erfüllt mit göttlicher Weisheit, lehrte uns menschenfreundlich, wer der Gott des Weltalls und welches der Endzweck der Tugend zu einem heiligen Leben ist, in Anpassung an die Seelen der Menschen. Durch sein Leiden hat er der Herrschaft der Sünden ein Ende gemacht. Er lehrte nämlich, den Zorn zu bändigen, die Begierde zu mäßigen, die Gelüste zu zügeln, die Traurigkeit zu bannen, verträglich zu sein, die Liebe zu mehren, die Eitelkeit abzulegen, sich nicht zur Rache gegen Beleidiger hinreißen zu lassen, den Tod auf Grund eines Richterspruches zu verachten, nicht weil man Unrecht getan hat, sondern indem man es geduldig erträgt, ferner dem von ihm gegebenen Gesetze zu gehorchen, den Kaiser zu ehren, Gott aber, der allein unsterblich ist, anzubeten, an die Unsterblichkeit der Seele und eine Vergeltung nach dem Tode zu glauben, einen Lohn für die Tugendbestrebungen zu erhoffen nach der Auferstehung, die von Gott denen zuteil werden soll, die fromm gelebt haben. Indem er dieses uns nachdrücklich lehrte und durch viele Beweise uns davon überzeugte, erwarb er sich selbst großen Ruhm der Tugend, wurde aber auch von den Ungelehrigen beneidet, wie schon die Gerechten und Philosophen vor ihm; denn die Gerechten sind den Ungerechten verhaßt. […]

Und wenn das ein Irrglaube ist, wie ihr meint, die Ansicht, die Seele sei unsterblich und es gebe nach dem Tode ein Gericht und eine Belohnung der Tugend in der Auferstehung und Gott sei der Richter, so werden wir gerne diese Täuschung hinnehmen, durch die wir am meisten das tugendhafte Leben kennen gelernt haben in der Erwartung der zukünftigen Hoffnung, wenn wir auch das Gegenteilige leiden. (Martyrium des hl. Apollonius 36-38.42)

Minucius Felix schreibt um 200 n. Chr. in einem Werk, das den Dialog eines Christen mit einem Heiden wiedergibt, über den freien Willen; Gott wisse die Handlungen des Menschen vorher, bestimme sie aber nicht vorher:

„Suche sich niemand mit einem Verhängnis zu trösten oder sein Endschicksal zu entschuldigen. Angenommen, das Lebensgeschick hänge vom Zufall ab, so ist doch der Geist frei und deshalb bildet die Handlungsweise des Menschen, nicht seine Stellung, den Gegenstand des Urteils. Was ist denn das Verhängnis anderes, als was Gott über einen jeden von uns bestimmt hat. Da er unseren Charakter zum voraus kennt, bestimmt er entsprechend den Verdiensten und Eigenschaften der einzelnen auch ihre Geschicke. So wird an uns nicht unser angeborenes Naturell bestraft, sondern unsere Geistesrichtung. Doch genug vom Verhängnis, wenn es auch wenig ist für jetzt; wir wollen ein anderes Mal ausführlicher und erschöpfender darüber handeln.“ (Minucius Felix, Octavius 36,1f.)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (kleine Auswahl):

AT: Dtn 30,15-20; Sir 15,11-20; Sir 17; Ez 18.

NT: Joh 3; Mt 7,21-23; Jak 2; Mt 25,31-46; Mt 13; Mk 16,16; Lk 15; Joh 12,44-50; Tit 3,3-8; Röm 1-8; Gal 3; 1 Kor 9,23-27; 1 Tim 6,12.

Weil sehr viele Stellen zusammengekommen sind, die irgendwie dieses Thema behandeln, und ich ein wirklich umfassendes Bild präsentieren will, damit gerade Protestanten sich überzeugen können, dass ich hier kein „cherry-picking“ betreibe, habe ich Teil 8 auf zwei Artikel aufgeteilt. Bei diesen Stellen wird folgendes immer wieder deutlich:

  • die Rettung hängt von Gott ab, der Mensch kann seine Gnade nur annehmen, aus eigener Kraft könnte er sich nicht retten
  • diese Gnade wird allen angeboten – allgemeiner Heilswille Gottes
  • der Mensch antwortet auf Gottes Gnade mit dem Glauben, der sich auch in den Werken zeigen muss; die Werke sind heilsrelevant
  • der freie Wille der Menschen; der heidnische (stoische) Schicksalsglaube wird klar abgelehnt (besonders z. B. bei Justin dem Märtyrer und Minucius Felix)
  • das einmal empfangene Heil kann verloren gehen, wenn jemand wieder schwere Sünden begeht (und dann durch Reue und Buße wiedererlangt werden)
  • wer in die Hölle kommt, ist selbst schuld; die Gebote sind erfüllbar
  • die Verdienstlichkeit der Werke
  • die Tatsache, dass Sünden verschieden schwer sind

Die Stellen sind grob chronologisch geordnet, nicht thematisch. Im 1. Teil kommt alles bis etwa zur Mitte des 2. Jahrhunderts (Didache, 1. Clemensbrief, Ignatiusbriefe, Brief des Polykarp von Smyrna, Barnabasbrief, Hirte des Hermas, Werke von Justin dem Märtyrer, Apologie des Aristides, 2. Clemensbrief und noch der schwer zu datierende Diognetbrief, die Epistula Apostolorum und die christlichen Sibyllinen), im 2. alles aus dem späteren 2. Jahrhundert (hauptsächlich Aussagen aus dem umfangreichen Werk des Irenäus von Lyon, außerdem Justins Schüler Tatian, Theophilus von Antiochia, Athenagoras und Minucius Felix, und ein Märtyrerbericht).

Speziell zum Sündenfall und der Erbsünde, die ja auch mit der Rechtfertigungslehre zusammenhängen, s. Teil 7.

Hervorhebungen alle von mir.

In der Didache (ca. 100 n. Chr), einer Gemeindeordnung, heißt es über den Weg des Lebens und den Weg des Todes:

„Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode; der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß.

Der Weg des Lebens nun ist dieser: ‚erstens du sollst deinen Gott lieben, der dich erschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst‘; ‚alles aber, von dem du willst, daß man es dir nicht tue, das tue auch du keinem anderen.'“ (Didache 1,1f.)

„Der Weg des Todes aber ist dieser: vor allem ist er schlecht und voll von Fluch: ‚Mord, Ehebruch, Leidenschaft, Unzucht, Diebstahl, Götzendienst, Zauberei, Giftmischerei, Raub, falsches Zeugnis, Heuchelei, Falschheit, Hinterlist, Stolz, Bosheit, Anmaßung, Habsucht, üble Nachrede, Missgunst, Frechheit, Hoffart, Prahlerei, Vermessenheit‘. Leute, die das Gute verfolgen, die Wahrheit hassen, die Lüge lieben, den Lohn der Gerechtigkeit nicht kennen, ‚dem Guten nicht nachstreben‘ und nicht dem gerechten Urteil, die ein wachsames Auge haben nicht für das Gute, sondern für das Schlechte; Leute, die weit entfernt sind von Sanftmut und Geduld, ‚die Eitles lieben, nach Lohn trachten‘, die kein Mitleid haben mit den Armen, sich nicht annehmen um den Bedrückten, die ihren Schöpfer nicht kennen, ‚ihre Kinder töten‘, das Gebilde Gottes (im Mutterleibe) umbringen, vom Bedürftigen sich abkehren, den Elenden unterdrücken, den Reichen beistehen, die Armen gegen das Gesetz richten, in allem sündigen; reißet euch los, Kinder, von allen diesen.“ (Didache 5)

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt in einem Brief an die Korinther ca. im Jahr 95 n. Chr. folgendes.

Rettung aus Gnade durch Glaube:

„Suchen wir uns also seinen Segen und schauen wir, welches die Wege seines Segens sind! Lasset uns die Geschichte von Anfang an betrachten! Weswegen wurde unser Vater Abraham gesegnet? Nicht deshalb, weil er Gerechtigkeit und Wahrheit übte durch Glauben? Isaak ließ sich voll Vertrauen, da er die Zukunft kannte, freudig zum Opfer bringen. Jakob verließ demütigen Sinnes seine Heimat wegen des Bruders, ging zu Laban und diente ihm, und ihm wurden verliehen die zwölf Stämme Israels.“ (1. Clemensbrief 31)

Alle haben demnach Ehre und Herrlichkeit erlangt nicht durch sich selbst oder durch ihre Werke oder wegen ihrer Gerechtigkeit, die sie übten, sondern durch seinen Willen. Und auch wir, die wir durch seinen Willen in Christus Jesus berufen sind, werden nicht durch uns selbst gerechtfertigt noch durch unsere Weisheit oder Einsicht oder Frömmigkeit oder durch die Werke, die wir vollbracht haben in der Heiligkeit des Herzens, sondern durch den Glauben, durch den alle von Anbeginn an der allmächtige Gott gerechtfertigt hat. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Was sollen wir demnach tun, Brüder? Sollen wir ablassen von guten Werken und die Liebe aufgeben? Möge es der Herr niemals zugeben, dass dies bei uns geschehe, sondern beeilen wir uns, mit Beharrlichkeit und Bereitwilligkeit jedes gute Werk zu vollbringen. Denn der Schöpfer und Herr des Weltalls frohlockt über seine Werke. […] Beachten wir, dass alle Gerechte mit guten Werken verherrlicht waren und dass der Herr selbst, nachdem er sich selbst durch gute Werke verherrlicht hatte, darüber erfreut war. Da wir nun ein solches Vorbild haben, wollen wir unverzüglich seinem Willen nachkommen; mit all unserer Kraft wollen wir Werke der Gerechtigkeit tun.

Der gute Arbeiter nimmt freimütig das Brot für seine Arbeit, der faule und untätige aber wagt nicht, dem Blicke seines Arbeitgebers zu begegnen. Daher ist es nötig, dass wir bereit sind zu guten Werken; von ihm kommt ja alles. Er sagt nämlich zu uns: ‚Siehe, hier ist der Herr und sein Lohn ist vor ihm, damit er jedem gebe nach seinem Werke.‘ Deshalb ermahnt er uns, die wir aus ganzem Herzen ihm vertrauen, weder träge noch nachlässig zu sein ‚in jeglichem guten Werke‘. Unser Ruhm und unsere Zuversicht sei in ihm; seinem Willen wollen wir uns fügen; denken wir an die ganze Schar seiner Engel, wie sie bereit stehen, seinen Willen zu erfüllen. Denn die Schrift sagt: ‚Zehntausendmal zehntausend standen vor ihm, und tausendmal tausend dienten ihm und riefen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Sabaoth, die ganze Schöpfung ist voll seiner Herrlichkeit.‘ Auch wir, in Eintracht versammelt, einmütigen Sinnes, wollen wie aus einem Munde anhaltend zu ihm rufen, damit wir teilhaftig werden seiner großen und herrlichen Verheißungen. Er sagt ja: ‚Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die auf ihn harren.‘ […]

Was nun fürwahr ist denen bereitet, die ausharren? Der Schöpfer und Vater der Ewigkeit, der Allheilige selbst kennt die Größe und Schönheit dieser Güter. Wir nun wollen kämpfen, damit wir erfunden werden in der Zahl derer, die ausharren, auf dass wir teilhaben an den versprochenen Gütern. Wie aber wird das geschehen, Geliebte? Wenn unsere Gesinnung in Treue gefestigt ist gegen Gott, wenn wir nachstreben dem, was ihm angenehm und wohlgefällig ist, wenn wir tun, was seinem heiligen Willen entspricht, wenn wir gehen auf dem Wege der Wahrheit, wenn wir wegwerfen von uns alles Unrecht und alle Schlechtigkeit, Habsucht, Streit, Bosheit und Hinterlist, Verleumdung und üble Nachrede, Hass gegen Gott, Aufgeblasenheit und Prahlerei, Eitelkeit und ungastliches Wesen. Denn wer solches tut, ist bei Gott verhasst; aber nicht allein die solches tun, sondern auch die, welche ihnen zustimmen. Es sagt nämlich die Schrift: ‚Zu dem Sünder aber sprach Gott: Warum zählst du meine Satzungen auf und warum nimmst du meinen Bund in deinen Mund? Du hast die Zucht gehasst und hast meine Worte verworfen. Wenn du einen Dieb sähest, gingst du mit ihm, bei den Ehebrechern hattest du Anteil. Dein Mund ging über von Schlechtigkeit, und deine Zunge spann trügerische Tücke. Du setztest dich hin und sprachest gegen deinen Bruder, und dem Sohn deiner Mutter stelltest du eine Falle. Das tatest du, und ich habe geschwiegen. Du nahmst an, Gottloser, dass ich dir gleich sei. Ich werde dich überführen und dein Antlitz gegen dich kehren. Beherziget dies, ihr Gottvergessenen, damit er euch nicht wegschleppe wie ein Löwe und niemand da sei, der rettet; ein Lobopfer wird mich ehren, und dort ist der Weg, den ich ihm zeigen will, das Heil Gottes.‘

Das ist der Weg, Geliebte, auf dem wir unser Heil finden, Jesus Christus, den Hohenpriester unserer Opfergaben, den Anwalt und Helfer in unserer Schwäche. Durch ihn streben wir standhaft nach den Höhen des Himmels, durch ihn schauen wir sein heiliges und erhabenes Antlitz, durch ihn wurden die Augen unseres Herzens geöffnet, durch ihn ringt sich unser unweiser und dunkler Verstand durch zum Licht, durch ihn wollte der Herr uns kosten lassen von dem unsterblichen Wissen, der, ‚da er der Abglanz ist seiner Majestät, um soviel größer ist als die Engel, um wieviel sein Name sich unterscheidet, den er erhalten hat‘. Es steht nämlich also geschrieben: ‚Der Geister zu seinen Boten macht und Feuerflammen zu seinen Dienern‘. Zu seinem Sohne aber sprach der Herr also: ‚Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt; verlange von mir, und ich will dir Völker geben zum Erbe und zu deinem Besitze die Enden der Erde.‘ Und wiederum sagt er zu ihm: ‚Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege.‘ Welches sind aber die Feinde? Die Schlechten, die Gottes Willen sich widersetzen.

Lasset uns also kämpfen, Männer, Brüder, mit aller Ausdauer unter seinen untadeligen Gesetzen. […]

Wie denn? Soll denn ein Sterblicher rein sein vor Gott?(1. Clemensbrief 32,3-39,2)

Schön ausgedrückt finde ich es in dem kurzen Halbsatz: Durch ihn streben wir – alles Streben geht nur durch Ihn, aber es ist ein wirkliches Streben, das wir dann tun müssen.

Werke nötig fürs Heil:

„Wir wollen daher gehorchen seinem allheiligen und herrlichen Namen, um zu entgehen den erwähnten Drohungen, die seine Weisheit gegen die Ungehorsamen gerichtet hat, damit wir wohnen im Vertrauen auf seinen heiligsten und erhabensten Namen. Nehmet an unseren Rat, und es wird euch nicht gereuen. Denn es lebt Gott und es lebt der Herr Jesus Christus und der Heilige Geist, der Glaube und die Hoffnung der Auserwählten, dass der, welcher in Demut mit beharrlichem Gehorsam ohne Wanken die von Gott gegebenen Satzungen und Gebote hält, dass dieser wird eingeordnet und eingereiht werden in die Zahl der durch Jesus Christus Geretteten, durch den ihm die Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ (1. Clemensbrief 58)

Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg nach Rom zu seinem Prozess und Martyrium folgendes.

Kein Glaube ohne Werke; man muss treu bleiben bis zum Ende:

„Davon bleibt euch nichts verborgen, wenn ihr vollkommen seid in Glaube und Liebe zu Jesus Christus; denn das ist Anfang und Ende des Lebens. Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Diese beiden, zur Einheit verbunden, sind Gott! Alles Übrige, was zum rechten Leben gehört, folgt aus diesen. Keiner, der den Glauben bekennt, sündigt, und keiner, der die Liebe besitzt, hasst. Den Baum erkennt man an seinen Früchten; so werden die, welche sich zu Christus bekennen, an ihren Werken erkannt werden. Denn jetzt kommt es nicht an auf das Bekenntnis, sondern darauf, dass einer in der Kraft des Glaubens befunden wird bis ans Ende.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 14)

„Niemand lasse sich täuschen; sogar die himmlischen Mächte und die Herrlichkeit der Engel und die sichtbaren und unsichtbaren Herrscher, auch sie müssen des Gerichtes gewärtig sein, wenn sie nicht an das Blut Jesu Christi glauben. Wer es fassen kann, der fasse es! Keinen blähe seine Stellung auf; das Ganze nämlich ist Glaube und Liebe; diese übertrifft nichts. Lernet sie kennen, die Sonderlehren aufstellen über die Gnade Jesu Christi, die zu uns gekommen ist, wie sehr sie dem Willen Gottes entgegen sind! Um die (Nächsten-) Liebe kümmern sie sich nicht, nicht um die Witwe, nicht um die Waise, nicht um den Bedrängten, nicht um den Gefangenen oder Freigegebenen, nicht um den Hungernden und Dürstenden. (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 6)

„Denn falls wir in ihm allen Übermut des Fürsten dieser Welt ertragen und meiden, werden wir Gottes teilhaftig werden.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 1)

Verdienstlichkeit der Werke:

„Gewinnet die Zufriedenheit eures Kriegsherrn, von dem ihr ja auch den Sold empfanget; keiner werde fahnenflüchtig. Eure Taufe bleibe als Rüstung, der Glaube als Helm, die Liebe als Speer, die Geduld als volle Rüstung. Eure Einlage seien eure Werke, damit ihr würdig euren Lohn empfanget.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 6,2)

Polykarp von Smyrna, einer der Empfänger von Ignatius‘ Briefen, schrieb kurze Zeit später einen Brief an die Philipper.

Erlösung durch Gnade:

„und weil gefestigt ist die Wurzel eures Glaubens, der seit ursprünglichen Zeiten verkündet wird, bis heute fortlebt und Früchte bringt für unseren Herrn Jesus Christus, der es auf sich nahm, für unsere Sünden bis in den Tod zu gehen, den Gott auferweckt hat, nachdem er die Leiden der Unterwelt gelöst hatte; an den ihr, ohne ihn gesehen zu haben, glaubet in unaussprechlicher und herrlicher Freude, in die viele einzugehen wünschen, weil sie wissen, dass ihr durch die Gnade erlöst seid nicht kraft der Werke vielmehr nach dem Willen Gottes durch Jesus Christus.“ (Brief Polykarps an die Philipper 1,2f.)

Im Barnabasbrief finden sich auch ein paar Stellen.

Werke sind nötig, um die Erlösung, die durch Jesus geschehen ist, zu bewahren:

„Der Weg des Lichtes nun ist dieser: Wenn einer seinen Weg gehen will bis zum vorgesteckten Ziele, so soll er sich beeilen durch seine Werke. Die Erkenntnis nun, die uns gegeben wurde darüber, wie wir auf diesem Wege wandeln müssen, ist also: Liebe den, der dich erschaffen, fürchte den, der dich gebildet, verherrliche den, der vom Tode dich erlöst hat! Sei geraden Herzens und reich im Geiste! Verkehre nicht mit denen, die wandeln auf dem Wege des Todes! Hasse alles, was Gott nicht gefällt, hasse jegliche Heuchelei! Versäume nichts von Gottes Geboten!“ (Barnabasbrief 19,1f.)

Wer verloren geht, ist selbst schuld:

„Es sagt aber die Schrift: ‚Nicht mit Unrecht werden Netze ausgespannt für die Vögel‘, das besagt, dass mit Recht ein Mensch zugrunde gehen wird, der sich wegbegibt auf den Weg der Finsternis, obwohl er den Weg der Gerechtigkeit kennt.“ (Barnabasbrief 5,4)

Das Heil kann also auch verloren gehen:

„Sorgfältig müssen wir also, Brüder, bedacht sein auf unser Heil, damit nicht der Böse einen Schlupfwinkel für den Irrtum in uns bereite und uns so wegschleudere von unserem Leben.“ (Barnabasbrief 2,10)

„Denn die ganze Zeit unseres Lebens und Glaubens wird uns nichts nützen, wenn wir nicht jetzt in der zuchtlosen Zeit und in den bevorstehenden Ärgernissen Widerstand leisten, wie es Kindern Gottes geziemt. Damit also der Schwarze sich nicht einschleichen könne, wollen wir vor jeglicher Eitelkeit fliehen, wollen wir ganz und gar hassen die Werke des bösen Wandels. Ziehet euch nicht auf euch selbst zurück und bleibet nicht allein, als ob ihr schon gerechtfertigt wäret, sondern kommet an einem Ort zusammen und strebet vereint dem nach, was der Gesamtheit nützlich ist. Denn die Schrift sagt: ‚Wehe denen, die sich selbst weise und die in ihren eigenen Augen verständig sind.‘ Werden wir doch Geistesmenschen, werden wir ein vollkommener Tempel für Gott! Streben wir, soviel es an uns liegt, nach der Furcht Gottes und ringen wir um die Erfüllung seiner Gebote, damit wir froh werden in seinen Satzungen. Der Herr wird die Welt richten ohne Ansehen der Person. Ein jeder wird empfangen nach seinen Werken. Wenn er gut ist, wird seine Gerechtigkeit ihm vorangehen; wenn er böse ist, wird der Lohn seiner Schlechtigkeit vor ihm her sein. (Hüten wir uns), dass wir nicht ausruhend wie Berufene einschlafen über unseren Sünden und der böse Fürst Gewalt über uns bekomme und uns hinausstoße aus dem Reiche des Herrn. Auch das bedenket noch, meine Brüder! Wenn ihr sehet, dass nach so vielen Zeichen und Wundern, die in Israel geschehen sind, sie auch so noch verlassen worden sind, dann wollen wir sorgen, dass nicht wir erfunden werden gemäß dem Worte der Schrift: ‚Viele sind berufen, aber wenige auserwählt.'“ (Barnabasbrief 4,9-14)

Über Taufe und Erbsünde:

„Als er nun uns erneuerte in der Vergebung unserer Sünden, da machte er uns zu einer anderen Art, so dass wir die Seele von Kindern haben, wie wenn er uns ein zweites Mal geschaffen hätte.“ (Barnabasbrief 6,11)

„Bevor wir nämlich unserem Gotte glaubten, war die Wohnung unseres Herzens dem Verderben zugänglich und schwach, wie ein wirklich von Händen erbauter Tempel, weil es voll war von Götzendienst und weil es war eine Behausung für Dämonen, weil wir taten, was Gott zuwider war. Er wird aber aufgebaut werden auf den Namen des Herrn. Gebet aber acht, auf dass der Tempel des Herrn prachtvoll aufgebaut werde. Wie? Das vernehmet! Da wir Verzeihung der Sünden erlangten und gehofft haben auf den Namen des Herrn, sind wir neu geboren worden, wiederum von neuem geschaffen; deshalb wohnt in uns im Gemache (unseres Herzens) Gott wahrhaftig. Wieso? Sein Wort der Treue, seine Berufung zur Verheißung, die Weisheit seiner Satzungen, die Forderungen seiner Lehre, ja er selbst, der in uns weissagt, er selbst, der in uns wohnt, der uns, dem Tode Unterworfenen, die Türe des Tempels, das ist den Mund öffnet, der uns Bußgeist verleiht, er zieht ein in den unvergänglichen Tempel.“ (Barnabasbrief 16,7-9)

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(Fra Angelico, Jüngstes Gericht.)

Im Hirten des Hermas, einer Privatoffenbarung eines römischen Laien, spätestens zwischen 140 und 155 entstanden, gibt es folgende Stellen.

Das Halten der Gebote ist nötig fürs Heil:

„‚Fürchte den Herrn‘, sprach er, ‚und halte seine Gebote; wenn du nämlich die Gebote Gottes hältst, wirst du mächtig sein in all deinem Tun, und dieses wird unvergleichlich sein. Denn in der Furcht des Herrn wirst du alles trefflich machen. Das ist die Furcht, die du haben musst, um das Heil zu erlangen. […] Fürchte also den Herrn, und du wirst ihm leben; und alle, die ihn fürchten und seine Gebote halten, werden in Gott leben.‘ ‚Warum, Herr‘, fragte ich, ’sagtest du von denen, die seine Gebote halten: Sie werden in Gott leben?‘ ‚Weil‘, entgegnete er, ‚weil jedes Geschöpf den Herrn zwar fürchtet, aber seine Gebote nicht hält. Wer aber ihn fürchtet und seine Gebote hält, der wird das Leben haben bei Gott; wer aber seine Gebote nicht hält, der wird auch das Leben nicht haben.‚“ (Hirte des Hermas II,7,1.4f.)

„‚Künde mir auch, Herr, die Bedeutung der guten Dinge, damit ich in ihnen wandle und ihnen diene und dadurch das Heil erlangen könne.‘ ‚So höre auch die guten Werke, die du tun musst und nicht unterlassen darfst. Vor allem ist es der Glaube, die Furcht des Herrn, Liebe, Eintracht, gerechte Rede, Wahrheit, Geduld; etwas Besseres als dies gibt es nicht im Leben des Menschen. Wenn einer dieses tut und nicht unterlässt, wird er glückselig in seinem Leben. Höre auch, was diese Tugenden nach sich ziehen: den Witwen beistehen, Waisen und Unglückliche besuchen, die Diener Gottes aus Bedrängnis befreien, Gastfreundschaft üben (in der Ausübung der Gastfreundschaft findet man einmal Wohltätigkeit), mit niemand Feindschaft halten, in Ruhe leben, sich kleiner machen als alle (anderen) Menschen, das Alter ehren, die Gerechtigkeit üben, die Bruderliebe pflegen, Übermut erdulden, langmütig sein, Unrecht nicht nachtragen, die Niedergeschlagenen trösten, die im Glauben Strauchelnden nicht verstoßen, sondern zurückbringen und ihnen das Gleichgewicht der Seele geben, die Fehlenden zurechtweisen, die Schuldner und die Bedürftigen nicht drängen und noch vieles dieser Art. Dünkt dich dies gut?‘ ‚Was soll es denn Besseres geben als dies, o Herr?‘ ‚So wandle denn‘, fuhr er fort, ‚in ihnen und halte dich nie fern von ihnen, dann wirst du das Leben haben in Gott.'“ (Hirte des Hermas II,8,8-11)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Gewiss, über alles, auch über alle diese Gebote kann der Mensch Herr werden, wenn er den Herrn in seinem Herzen trägt. Für diejenigen aber, die den Herrn nur auf den Lippen haben, deren Herz aber verstockt und vom Herrn weit entfernt ist, für solche sind diese Gebote schwer und nur mit Mühe zu erfüllen. Nehmet also ihr, die ihr leer seid und geringen Glaubens, den Herrn in euer Herz auf, und ihr werdet erkennen, dass nichts leichter, nichts süßer und milder ist als diese Gebote. Bekehret euch daher, die ihr in den Geboten des Teufels wandelt, von diesen schweren, bitteren, wilden und wüsten Geboten und fürchtet den Teufel nicht, weil er keine Gewalt wider euch besitzt. Denn ich, der Engel der Buße, werde mit euch sein, und ich habe Gewalt über ihn. Der Teufel flößt nur Furcht ein, aber diese Furcht ist ohne Belang; fürchtet ihn also nicht, und er wird von euch weichen.“ (Hirte des Hermas II,12,4,3-7)

Es kommen mehrere Gleichnisse vor.

In einem sehr ausführlichen Gleichnis wird die Kirche als ein Turm dargestellt, der aufgebaut wird, und die Menschen als Steine, die in ihn eingefügt werden. Manche werden eingefügt, aber später wieder entfernt, weil sie sich verfärbt und Risse bekommen haben, andere werden zunächst neben den Turm gelegt, weil sie untauglich sind, aber später behauen und doch noch eingefügt. Aber selbst die entfernten Steine können sich nochmals ändern und wieder eingefügt werden. Das soll darstellen, dass auch gute Christen das Heil verlieren und andererseits Sünder durch Buße wieder zu Gott  zurück kommen können. Das Tor zum Bauplatz und das Fundament ist Jesus; es sind die Taufe und die Tugenden nötig, um zum Bau hinzukommen. Die Steine stammen aus verschiedenen Bergen, die sämtliche Menschengruppen auf der Erde darstellen. (Hirte des Hermas III,9)

Die Sünden derer, die einmal gläubig wurden, sind schlimmer als die der Heiden, sagt der Engel zu Hermas:

„‚Wieso, Herr‘, fragte ich, ‚wurden sie schlechter, nachdem sie doch Gott erkannt hatten?‘ ‚Wer Gott nicht kennt‘, sprach er, ‚und sündigt, der wird bestraft für seine Sünde; wer aber Gott erkannt hat, darf nichts Böses mehr tun, sondern er muss recht handeln. Wenn nun der, welcher recht handeln muss, Böses tut, scheint der nicht ein größeres Unrecht zu begehen als der, welcher Gott nicht kennt? Deshalb sind die, welche ohne Gott zu kennen Böses tun, zum Tode verurteilt, und die, welche Gott kennen und seine Großtaten gesehen haben und dennoch sündigen, werden doppelt bestraft und zum ewigen Tode verurteilt werden. Auf diese Weise wird die Kirche Gottes gereinigt werden. Wie du es beim Turme sahest, dass die Steine herausgenommen, den bösen Geistern übergeben und von dort entfernt wurden, so werden die Gereinigten einen Leib bilden, und wie der Turm nach der Reinigung wie aus einem Steine geformt dastand, so wird es auch mit der Kirche Gottes sein, wenn sie gereinigt und gesäubert ist von den Bösen, den Heuchlern, den Verleumdern, den Zweiflern und von denen, die alles mögliche Unrecht tun. Nach der Entfernung dieser wird die Kirche Gottes sein wie ein Leib, eine Gesinnung, ein Geist, ein Glaube, eine Liebe. Dann wird der Sohn Gottes frohlocken und sich freuen unter ihnen, wenn er sein Volk rein bekommen hat.'“ (Hirte des Hermas III,9,18,1-4)

In einem anderen Gleichnis wird die verschiedene Schwere der Sünden dadurch dargestellt, dass die Menschen alle grüne Weidenzweige von einem Engel bekommen, die er später wieder einsammelt; manche Zweige bleiben grün oder tragen sogar noch Frucht, und die Träger dieser Zweige werden sofort belohnt. Andere werden dürr und bekommen Risse, teilweise sind sie auch von Motten angefressen, andere werden zur Hälfte dürr, oder werden nur an der Spitze dürr, oder zu zwei Dritteln, usw. in allen möglichen Variationen. Die Menschen, deren Zweige teilweise dürr sind, bekommen noch eine Chance; ihre Zweige werden bewässert und viele werden wieder ganz grün und treiben aus. Hermas bekommt auch eine Erklärung dafür:

Du siehst den Zweig von jedem einzelnen; denn die Zweige sind das Gesetz. Du siehst nun, dass viele Zweige verdorben sind; daraus wirst du jeden, der das Gesetz nicht gehalten hat, erkennen, auch wirst du sehen, wo ein jeder wohnen wird.‘ Ich fragte ihn: ‚Herr, warum schickte er die einen in den Turm und überließ dir die anderen?‘ ‚Alle, die das von ihm überkommene Gesetz übertreten haben, übergab er in meine Gewalt zur Buße; wer aber dem Gesetze bereits Genüge getan und es erfüllt hatte, den behielt er in seiner eigenen Gewalt.‘ ‚Wer sind nun, Herr, die, welche mit Kränzen geschmückt in den Turm gingen?‘ ‚[Bekränzt wurden die, welche mit dem Teufel gerungen und ihn niedergerungen haben]; das sind solche, die für das Gesetz gelitten haben [=die Märtyrer]. Die anderen aber, die zwar gleichfalls grünende Zweige mit Trieben, aber ohne Fruchtansatz übergeben haben, das sind die, welche für das Gesetz wohl Mühsal getragen, aber nicht gelitten noch ihr eigenes Gesetz verleugnet haben. Grün, wie sie dieselben bekommen hatten, gaben ihre Zweige die ab, welche heilig und gerecht in sehr großer Herzensreinheit gelebt und die Gebote des Herrn gehalten haben. Das übrige sollst du erfahren, wenn ich nach diesen eingepflanzten und begossenen Zweigen gesehen habe.'“ (Hirte des Hermas III,8,3)

Das Gleichnis geht noch ein gutes Stück weiter; einige Menschen tun Buße, andere nicht, und der Engel erläutert ihre verschiedenen Kategorien von Sünden. Der Engel sagt schließlich zu Hermas:

„Als er mit der Auslegung aller Zweige fertig war, sprach er zu mir: ‚Gehe hin und sage zu allen, sie sollen Buße tun, und sie werden in Gott leben; denn der Herr hat in seiner Erbarmung mich gesandt, allen Buße zu gewähren, auch wenn einige wegen ihrer Werke sie nicht verdienen. Aber in seiner Langmut will der Herr, dass alle das Heil erlangen, die durch seinen Sohn berufen worden sind.‘ Darauf sagte ich: ‚Herr, ich hoffe, dass alle, die es hören, Buße tun; denn ich bin überzeugt, dass ein jeder in der Erkenntnis seiner eigenen Werke und aus Furcht vor Gott Buße tun wird.‘ Da antwortete er mir: ‚Alle, die aus ganzem Herzen [Buße tun und] sich von den genannten Sünden reinigen und fernerhin keine Ungerechtigkeit mehr begehen, werden Heilung ihrer begangenen Sünden vom Herrn erhalten und werden in Gott leben, wenn sie nicht wanken in diesen Geboten. [Wer aber in seinen Sünden weiterlebt und in den Lüsten dieser Welt wandelt, der schreibt sich selbst das Todesurteil.] Und du selbst wandle in meinen Geboten, und du wirst leben [in Gott; und alle, die in ihnen wandeln und recht handeln, werden in Gott leben].'“(Hirte des Hermas III,8,11,1-4)

Laut Hermas ist die Geduld des Herrn begrenzt und die Christen haben nur noch eine begrenzte Zeit der Buße, während den Heiden länger Zeit gelassen wird (eine der Aussagen, die man als Christ nicht unbedingt übernehmen sollte):

„Wenn du ihnen diese Worte mitgeteilt hast, die mir der Herr aufgetragen hat, damit du sie offen erkennest, dann werden ihnen alle Sünden nachgelassen, die sie früher begangen haben, ebenso allen Heiligen, was sie bis auf diesen Tag gesündigt haben, wenn sie aus ganzem Herzen sich bekehren und aus ihrem Herzen den Zwiespalt nehmen. Denn der Herr hat bei seiner Herrlichkeit gegen seine Auserwählten geschworen: wenn nach diesem festgesetzten Tage noch eine Sünde geschieht, dann sollen sie das Heil nicht erlangen; denn die Bußzeit hat ein Ende für die Gerechten; die Tage der Buße sind erfüllt für alle Heiligen; für die Heiden aber gibt es eine Buße bis zum Jüngsten Tage. Sage daher den Vorstehern der Kirche, auf dass sie ihre Wege bessern in Gerechtigkeit und mit großer Herrlichkeit aus dem Vollen die Verheißungen empfangen. Fahret fort, die Gerechtigkeit zu üben und duldet keinen Zwiespalt im Herzen, damit ihr eingehen werdet zu den heiligen Engeln! Glückselig seid ihr alle, wenn ihr die kommende große Trübsal aushaltet und wenn ihr euer Leben nicht verleugnet. Denn der Herr hat durch seinen Sohn geschworen, dass denen, die ihren Herrn verleugnen, ihr Leben abgesprochen ist, nämlich denen, die in den kommenden Tagen ihn verleugnen werden; wer es früher getan, dem zeigte sich der Herr gnädig wegen seiner Barmherzigkeit.“ (Hirte des Hermas I,2,2,4-8)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 folgendes.

Das Heil kommt von Gott, aber dann hat der Mensch den freien Willen:

„Und wir sind ferner gelehrt worden, daß er im Anfange, weil er gut ist, alles aus formloser Materie der Menschen wegen erschaffen hat; wir haben die Überlieferung, daß diese, wenn sie sich nach seinem Ratschlusse in Werken dessen wert erweisen, des Umganges mit ihm gewürdigt werden und mit ihm gemeinsam herrschen, nachdem sie unvergänglich und leidenlos geworden sind. Denn so gewiß er sie im Anfange, als sie nicht waren, geschaffen hat, ebenso gewiß werden, so glauben wir, die, welche das ihm Wohlgefällige erwählen, wegen dieser Wahl der Unsterblichkeit und des Zusammenwohnens mit ihm gewürdigt werden. Denn daß wir im Anfange ins Dasein gerufen wurden, war nicht unser Verdienst; daß wir aber dem nachstreben, was ihm lieb ist, indem wir es mit Vernunftkräften, die er selbst uns schenkte, frei wählen, dazu leitet er uns an und dazu führt er uns zum Glauben.“ (Justin, 1. Apologie 10)

„Ihr habt aber in der ganzen Welt keine bessern Helfer und Verbündeten zur Aufrechthaltung der Ordnung als uns, die wir solches lehren, wie, daß ein Betrüger, Wucherer und Meuchelmörder so wenig wie ein Tugendhafter Gott verborgen bleiben könne und daß ein jeder ewiger Strafe oder ewigem Heile nach Verdienst seiner Taten entgegengehe. Denn wenn die Menschen insgesamt zu dieser Überzeugung kämen, so würde niemand für die kurze Zeit dem Laster sich hingeben, weil er wüßte, daß er der ewigen Strafe im Feuer entgegengehe, sondern man würde auf alle Weise sich zusammennehmen und mit Tugend schmücken, um der göttlichen Belohnungen teilhaftig zu werden und von den Strafen frei zu bleiben.“ (Justin, 1. Apologie 12)

Freier Wille:

Damit aber niemand aus dem vorher von uns Gesagten den Schluß ziehe, wir behaupten, daß das, was geschieht, nach der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe, weil wir ja vorhin bemerkten, es sei vorhergewußt, so wollen wir auch diese Schwierigkeit lösen. Daß die Strafen und Züchtigungen wie auch die Belohnungen nach dem Werte der Handlungen eines jeden zugeteilt werden, darüber sind wir von den Propheten belehrt worden und verkünden es als wahr. Wenn das nicht der Fall wäre, sondern alles nach einem Verhängnisse geschähe, so gäbe es gar keine Verantwortlichkeit; denn wenn es vom Schicksale bestimmt ist, daß dieser gut und jener schlecht ist, so ist der eine so wenig zu loben als der andere zu tadeln. Und wiederum: Wenn das Menschengeschlecht nicht das Vermögen hat, aus freier Wahl das Schändliche zu fliehen und sich für das Gute zu entscheiden, so ist es unschuldig an allem, was es tut. Daß es aber nach freier Wahl sowohl recht als auch verkehrt handelt, dafür führen wir folgenden Beweis. Man sieht ein und denselben Menschen den Übergang zum Entgegengesetzten machen; wenn es ihm aber vom Schicksale bestimmt wäre, daß er entweder schlecht oder gut ist, so wäre er niemals empfänglich für das Entgegengesetzte und ändert sich nicht so oft. Aber es wären auch nicht einmal die einen gut, die andern schlecht; denn wir müßten sonst erklären, daß das Verhängnis die Ursache des Guten und des Bösen sei und sich selbst widerspreche, oder wir müßten jenen früher erwähnten Satz (c. 18,4) für wahr halten, daß Tugend und Laster nichts seien, sondern nur nach der subjektiven Meinung das eine für gut, das andere für schlecht gehalten werde; das wäre aber, wie die wahre Vernunft zeigt, die größte Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Wir sehen vielmehr das unentrinnbare Verhängnis darin, daß denen, die das Gute wählen, die entsprechende Belohnung und ebenso denen, die das Gegenteil wählen, die entsprechende Strafe zuteil wird. Denn nicht wie die übrigen Wesen, z. B. die Bäume und die Vierfüßler, die nichts nach freier Wahl zu tun vermögen, hat Gott den Menschen geschaffen; auch verdiente er weder Strafe noch Lohn, wenn er nicht aus sich das Gute wählte, sondern dazu geboren wäre, und ebenso könnte ihn nicht, wenn er böse wäre, mit Recht Strafe treffen, da er nicht aus sich so wäre, sondern nichts anderes sein könnte, als wozu die Natur ihn gemacht hätte.

Es hat uns aber dieses der heilige prophetische Geist gelehrt, der durch Moses bezeugt, Gott habe zu dem ersten Menschen, den er gebildet hatte, also gesprochen: ‚Siehe, vor deinem Angesichte liegt das Gute und das Böse, wähle das Gute!‘ Und wiederum ist durch Isaias, den andern Propheten, in der Person Gottes, des Allvaters und Herrn, in gleichem Sinne folgendes gesagt worden: ‚Waschet euch, werdet rein, schaffet die Bosheiten fort aus euren Seelen, lernet Gutes tun, schaffet Recht der Waise und laßt Recht widerfahren der Witwe, und dann kommt und wir wollen miteinander verhandeln, spricht der Herr. Und wenn eure Sünden sind wie Purpur, ich werde sie weiß machen wie Wolle, und wenn sie sind wie Scharlach, ich werde sie weiß machen wie Schnee. Und wenn ihr wollt und auf mich hört, so sollt ihr das Beste des Landes essen; hört ihr aber nicht auf mich, so wird das Schwert euch verzehren; denn der Mund des Herrn hat dies gesprochen.‘ […] Demgemäß hat auch Platon seinen Ausspruch: ‚Die Schuld fällt auf den Wählenden, Gott ist ohne Schuld‘ dem Propheten Moses entnommen; denn Moses ist älter als alle griechischen Schriftsteller. […] Wenn wir also behaupten, zukünftige Begebenheiten seien geweissagt worden, so sagen wir damit nicht, daß sie mit der Notwendigkeit des Verhältnisses sich zutragen; vielmehr liegt die Sache so: Weil Gott die zukünftigen Handlungen aller Menschen vorausweiß und weil es sein Grundsatz ist, jedem der zukünftigen Menschen nach dem Verdienste seiner Taten zu vergelten, so sagt er durch den prophetischen Geist vorher, was ihnen nach dem Werte ihrer Handlungen von seiner Seite begegnen werde, und führt dadurch allezeit das Menschengeschlecht zur Überlegung und Besinnung, indem er ihm zeigt, daß er sich um die Menschen kümmert und Vorsorge für sie trifft. (Justin, 1. Apologie 43-44)

„Aber ebensowenig glauben wir, daß die Menschen nach einem Verhängnisse handeln oder leiden, was ihnen begegnet, sondern vielmehr, daß jeder nach freier Wahl recht oder unrecht tut und daß, wenn die Guten, wie Sokrates und seinesgleichen, verfolgt werden und in Banden liegen, dagegen ein Sardanapal, Epikur und ihresgleichen in Überfluß und Ruhm glücklich zu sein scheinen, dies auf Anstiften der bösen Dämonen geschieht. Das haben die Stoiker nicht bedacht, wenn sie den Satz aufstellten, daß alles mit der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe. Aber weil Gott das Geschlecht der Engel und das der Menschen ursprünglich frei erschaffen hat, werden sie mit Recht für ihre Vergehungen in ewigem Feuer gestraft werden. Alles Gewordene ist von Natur der Schlechtigkeit und der Tugend fähig; es wäre ja auch keines davon des Lobes wert, wenn es nicht auch die Fähigkeit hätte, sich dem einen wie dem anderen zuzuwenden. Das beweisen auch jene Männer, die in den verschiedenen Ländern nach der wahren Vernunft Gesetze gegeben oder Forschungen angestellt haben, indem sie das eine zu tun, das andere zu lassen gebieten. Und selbst die stoischen Philosophen vertreten in ihrer Sittenlehre entschieden dieselbe Anschauung, woraus sich ergibt, daß sie in ihrer Lehre von den Grundprinzipien und von den übersinnlichen Dingen nicht auf dem rechten Wege sind. Denn wenn sie behaupten, daß das, was menschlicherseits geschieht, nur ein Werk des Verhängnisses sei oder daß Gott nichts anderes sei als was sich beständig umwandelt, verändert und in dieselben Bestandteile wieder auflöst, dann wird es offenkundig sein, daß sie nur von vergänglichen Dingen eine Vorstellung gewonnen haben, daß ihre Gottheit selbst sowohl in ihren Teilen als auch im Ganzen mit jeder Schlechtigkeit behaftet ist; sie müßten denn lehren, daß Tugend und Laster überhaupt nichts sind, was freilich gegen alles gesunde Denken und gegen Vernunft und Verstand ist.“ (Justin, 2. Apologie 6)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„Daß jedoch diejenigen, deren Ungerechtigkeit man vorherwußte, seien sie Engel oder Menschen, nicht durch Gottes Schuld Sünder werden, sondern daß jeder durch seine eigene Schuld das ist, als was er erscheinen wird, habe ich auch schon oben dargetan. Damit ihr aber nicht einwendet: ‚Es war notwendig, daß Christus gekreuzigt wurde, oder daß in unserem Volke Sünder sind, es konnte nicht anders sein‘, habe ich zum voraus kurz bemerkt: da Gott wollte, daß Engel und Menschen seinem Willen gehorchen, wollte er dieselben, damit sie gerecht handeln, mit freiem Willen ausstatten, ihnen, damit sie wissen, wer sie erschaffen hat, und um wessen willen sie aus dem Nichts ins Dasein gerufen worden sind, Verstand geben und ein Gesetz, damit sie gerichtet werden, wenn sie gegen den gesunden Verstand handeln. Wir selbst, Menschen wie Engel, werden die Schuld an unserer Verurteilung sein, wenn wir sündigen und uns nicht rechtzeitig bekehren. Wenn der Logos Gottes die sichere Bestrafung gewisser Engel und Menschen prophezeit, so hat er es deshalb getan, weil er vorauswußte, daß sie verstockte Sünder sein werden, nicht aber deshalb, weil Gott sie zu Sündern gemacht hat. Daher können alle, wenn sie wollen, an der göttlichen Barmherzigkeit teilhaben; sie brauchen sich nur zu bekehren. Solchen prophezeit der Logos Glück mit den Worten: ‚Selig der Mann, dem Gott die Sünde nicht anrechnet‘, das heißt derjenige, welcher seine Sünden bereut und daher Nachlassung der Sünden von Gott erhält. Ihr jedoch wie noch mancher, der da eurer Gesinnung ist, belügt euch über diese Worte und legt sie also aus: mögen sie auch Sünder sein, so rechnet doch der Herr, wenn sie nur Gott kennen, ihnen ihre Sünde nicht an. Beweis für unsere Auslegung ist uns die eine Sünde Davids, in welche ihn sein Hochmut fallen ließ: die Sünde wurde dann nachgelassen, nachdem er sie so sehr beweint und beklagt hatte. So erzählt die Schrift. Wenn aber einem solchen Manne nicht, ehe er seine Sünde bereut hatte, Nachlassung gewährt wurde, sondern erst nachdem dieser große König, Gesalbter und Prophet in bekannter Weise geweint und gehandelt hatte, können dann die Unreinen und die ganz Verkommenen, ohne unter Weinen und Klagen Buße zu tun, Hoffnung haben, daß der Herr ihnen ihre Sünde nicht anrechne?“ (Justin, Dialog mit Tryphon 140,4-141,3)

Hier lehnt Justin also ganz deutlich die These ab, Gott würde die Sünden der Gläubigen nur zudecken, und sie wären nicht wirklich umgewandelt und müssten nicht weiterhin die Gebote halten, um erlöst zu werden.

Man wird von Gott erlöst; nur wenn man die Gebote hält, behält man die Erlösung:

„Wie aus einem Feuer sind wir gerettet, da wir befreit wurden sowohl von unseren früheren Sünden als auch von der Drangsal und dem Brande, welche uns der Satan und alle seine Diener bereiten. Wiederum Jesus, der Sohn Gottes rettet uns aus deren Händen. Für den Fall daß wir seine Gebote beobachten, versprach er, uns mit den bereit gehaltenen Kleidern auszustatten, und verhieß, ein ewiges Reich zu bereiten.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 116,2)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Und er hat von Anbeginn das Menschengeschlecht mit Vernunft begabt und mit der Fähigkeit geschaffen, das Wahre zu erwählen und das Gute zu tun, so daß die Menschen samt und sonders vor Gott keine Entschuldigung haben, weil sie als vernünftige und erkenntnisfähige Wesen auf die Welt gekommen sind. Wer aber glaubt, Gott kümmere sich um die Menschen nicht, der leugnet entweder indirekt sein Dasein oder er sagt, wenn er existiere, habe er Freude am Bösen oder verharre in Ruhe wie ein Stein, Tugend und Laster seien leere Begriffe und es sei nur ein Wahn, wenn die Menschen das eine für gut, das andere für bös halten; das ist freilich die größte Ruchlosigkeit, die gedacht werden kann.“ (Justin, 1. Apologie 28)

Bzgl. früherer Generationen schreibt Justin:

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

Justin schreibt auch an mehreren Stellen darüber, dass nicht mehr die Beschneidung und das Einhalten der alttestamentlichen Zeremonialgesetze nötig sind, sondern die Taufe, die jetzt im Neuen Bund von Gott angeordnet wurde:

„Wenn nämlich vor Abraham die Beschneidung und vor Moses die Sabbatfeier, die Feste und Opfer kein Bedürfnis waren, dann sind sie in gleicher Weise auch jetzt kein Bedürfnis, da nach dem Willen Gottes Jesus Christus, der Sohn Gottes, ohne Sünde durch die aus dem Volke Abrahams stammende Jungfrau geboren worden ist. Denn auch Abraham wurde, als er noch unbeschnitten war, gerechtfertigt und gesegnet, und zwar wegen seines Glaubens an Gott, wie die Schrift dartut. Die Beschneidung aber erhielt er als Zeichen, nicht jedoch um gerechtfertigt zu werden. Schrift und Geschichte zwingen uns, das anzunehmen. Mit Recht heißt es daher von jenem Volke: ‚Ausgetilgt soll werden aus seinem Stamme jener, der nicht am achten Tage beschnitten wird.‘ Auch die Unmöglichkeit, daß das weibliche Geschlecht die fleischliche Beschneidung empfängt, beweist, daß diese Beschneidung als Zeichen, nicht aber als eine Tat der Gerechtigkeit gegeben worden ist; denn Gott hat in gleicher Weise auch dem Weibe die Möglichkeit verschafft, all das zu tun, was gerecht und tugendhaft ist. Wir wissen doch, daß nicht wegen des Körperbaues, der, wie wir sehen, bei Mann und Weib verschieden ist, dieselben gerecht oder ungerecht sind, sondern daß Frömmigkeit und Gerechtigkeit entscheiden.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 23,3-5)

Und hierfür haben wir von den Aposteln folgende Begründung überkommen. Da wir bei unserer ersten Entstehung ohne unser Wissen nach Naturzwang aus feuchtem Samen infolge gegenseitiger Begattung unserer Eltern gezeugt wurden und in schlechten Sitten und üblen Grundsätzen aufgewachsen sind, so wird, damit wir nicht Kinder der Notwendigkeit und der Unwissenheit bleiben, sondern Kinder der freien Wahl und der Einsicht, auch der Vergebung unserer früheren Sünden teilhaftig werden, im Wasser über dem, der nach der Wiedergeburt Verlangen trägt und seine Vergehen bereut hat, der Name Gottes, des Allvaters und Herrn, ausgesprochen, wobei der, welcher den Täufling zum Bade führt, nur eben diese Bezeichnung gebraucht. Denn einen Namen für den unnennbaren Gott vermag niemand anzugeben, und sollte jemand behaupten wollen, es gebe einen solchen, so wäre er mit unheilbarem Wahnsinn behaftet. Es heißt aber dieses Bad Erleuchtung, weil diejenigen, die das an sich erfahren, im Geiste erleuchtet werden. Aber auch im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, und im Namen des Heiligen Geistes, der durch die Propheten alles auf Jesus Bezügliche vorherverkündigt hat, wird der, welcher die Erleuchtung empfängt, abgewaschen. […] Wir aber führen nach diesem Bade den, der gläubig geworden und uns beigetreten ist, zu denen, die wir Brüder nennen, dorthin, wo sie versammelt sind, um gemeinschaftlich für uns, für den, der erleuchtet worden ist, und für alle andern auf der ganzen Welt inbrünstig zu beten, damit wir, nachdem wir die Wahrheit erkannt haben, gewürdigt werden, auch in Werken als tüchtige Mitglieder der Gemeinde und als Beobachter der Gebote erfunden zu werden, und so die ewige Seligkeit zu erlangen“ (Justin, 1. Apologie 61.65)

„Daher müßt ihr diese Hoffnung eurer Seele beschneiden und euch bemühen um die Erkenntnis des Weges, auf welchem euch die Sünden werden nachgelassen werden und ihr das Erbe der verheißenen Güter erhoffen dürft. Diesen Weg geht ihr aber nur dann, wenn ihr unseren Christus anerkennt, euch in dem durch Isaias verkündeten, der Nachlassung der Sünden dienenden Bade reinigt und dann ohne Sünden lebt.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 44,4)

Über Jesu Erlösungstat schreibt er:

„er wollte ja auch nicht deshalb, weil er es notwendig gehabt hätte, geboren werden und am Kreuze sterben. Es war ihm vielmehr um das Menschengeschlecht zu tun, welches seit Adam dem Tode und dem Truge der Schlange verfallen war, da jeder sich selbst mit Schuld belud und sündigte. Gott hat nämlich bei Erschaffung der Engel und Menschen gewollt, daß sie, ausgestattet mit freiem Willen und dem Selbstbestimmungsrecht, das tun, wozu er jeden einzelnen befähigt hat; er wollte sie, wenn sie sich für Gottes Willen entscheiden, vor Vergänglichkeit und Strafe bewahren, jedem dagegen nach seinem Gutdünken bestrafen, wenn sie sündigten. (Justin, Dialog mit Tryphon 88,4f.)

„Da er es jedoch so für gut hielt, stattete er Engel und Menschen mit freiem Willen aus, damit sie gerecht handelten, und bis zu einer von ihm bestimmten Zeit sah er, daß der freie Wille für sie gut war. Und wiederum weil er es für gut erachtete, hielt er allgemeine und besondere Gerichte ab, aber den freien Willen ließ er.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 102,4)

Aristides von Athen schreibt irgendwann zwischen 138 und 161 in einer Verteidigungsschrift der Christen gegenüber den Heiden folgendes:

„Sie [die Christen] bemühen sich gerecht zu sein, erwarten sie ja in großer Herrlichkeit ihren Christus zu sehen und die ihnen gemachten Verheißungen von ihm zu empfangen. Ihre Sprüche und Gebote aber, o Kaiser, den Ruhm ihres (Gottes-) Dienstes und den Lohn [der Vergeltung], den sie entsprechend dem Tun eines jeden einzelnen von ihnen in der andern Welt erwarten, magst du aus ihren Schriften kennen lernen. […]

Kommt es indes vor, daß einer von ihnen [den Heiden] sich bekehrt, so schämt er sich vor den Christen seiner begangenen Missetaten, bekennt (sie) Gott und spricht: ‚Aus Unwissenheit habe ich diese begangen.‘ Und er reinigt sein Herz, und seine Sünden werden ihm nachgelassen, weil er sie aus Unwissenheit in der früheren Zeit beging, wo er (noch) die wahre Erkenntnis der Christen lästerte und schmähte. Ja wahrhaft selig ist das Geschlecht der Christen vor allen Menschen auf der Erdoberfläche. […] Und wahrhaft ist Gottes, was durch der Christen Mund geredet wird, und ihre Lehre ist die Pforte des Lichts. Es sollen sich ihr nun alle die nahen, die Gott (noch) nicht erkannt haben, und sollen die unvergänglichen Worte aufnehmen, die von jeher sind und von Ewigkeit. Mögen sie also zuvorkommen dem furchtbaren Gericht, das durch Jesus Christus über das ganze Menschengeschlecht kommen soll.“ (Aristides von Athen, Apologie 16,2-17,8)

Eine Stelle bzgl. der verstorbenen Kinder ist interessant:

„Und wenn ein Gerechter von ihnen aus der Welt scheidet, so freuen sie sich und danken Gott und geben seiner Leiche das Geleite, gleich als zöge er (nur) von einem Ort zum andern. Und wenn einem von ihnen ein Kind geboren worden, so preisen sie Gott; und sollte es dann (schon) in seiner Kindheit sterben, so preisen sie Gott überaus, ist es doch ohne Sünde aus der Welt geschieden. Müssen sie hinwiederum sehen, wie einer von ihnen in seiner Gottlosigkeit und seinen Sünden stirbt, so weinen sie über diesen bitterlich und seufzen, soll er ja zur Strafe hingehen.“ (Aristides von Athen, Apologie 15,11)

Im 2. Clemensbrief, der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern etwas später entstanden ist, heißt es:

„Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.

‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst, jauchze auf und rufe, die du keine Wehen hast; denn die Kinder der Alleinstehenden sind zahlreicher als die Kinder derer, die den Mann hat.‘ Mit den Worten: ‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst‘, meint er uns; denn unsere Kirche war unfruchtbar, bevor ihr Kinder geschenkt waren. […] Eine andere Schriftstelle sagt: ‚Ich bin nicht gekommen, Gerechte, sondern Sünder zu berufen.‘ Dies sagte er, weil man die Untergehenden retten muss. Denn das ist groß und bewunderungswürdig, nicht das Stehende zu stützen, sondern das Fallende. So wollte auch Jesus Christus das Untergehende retten, und er hat viele gerettet, da er erschienen ist und uns berufen hat, die wir schon am Verderben waren.

Da er nun uns gegenüber soviel Erbarmen geübt hat, so ist es das erste, dass wir, die Lebenden, den toten Göttern nicht opfern und sie nicht verehren; vielmehr haben wir durch ihn den Vater der Wahrheit erkannt; worin besteht die zu ihm (= Gott) führende Erkenntnis anders als im Bekenntnis dessen, durch den wir ihn erkannt haben? Auch er selbst sagt: ‚Wer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich auch vor meinem Vater bekennen.‘ Dies also ist unser Lohn (für ihn), wenn wir den bekennen, durch den wir erlöst worden sind. Wodurch sollen wir ihn aber bekennen? Wenn wir tun, was er sagt, und seine Gebote nicht überhören und ihn nicht bloß mit den Lippen ehren, sondern aus ganzer Seele und aus ganzer Gesinnung. Es heißt nämlich bei Isaias: ‚Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit weg von mir.‘

Wir wollen ihn daher nicht Herr nennen; denn das wird uns nicht retten. Er sagt nämlich: ‚Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird gerettet werden, sondern wer die Gerechtigkeit übt.‘ Deshalb, Brüder, wollen wir ihn bekennen durch die Werke, dadurch, dass wir einander lieben, die Ehe nicht brechen, nichts Böses über den anderen reden, nicht eifersüchtig sind, vielmehr enthaltsam, barmherzig und gütig sind; auch müssen wir Mitleid miteinander haben und dürfen nicht geldgierig sein. Durch diese und nicht durch die entgegengesetzten Werke wollen wir ihn bekennen; auch müssen wir Gott mehr fürchten als die Menschen. […]

Auch wollet ihr bedenken, Brüder, dass der Aufenthalt in dieser Welt des Fleisches kurz und von geringer Dauer, die Verheißung Christi aber groß und wunderbar ist und Ruhe im künftigen Reiche und im ewigen Leben. Was müssen wir nun tun, um diese Güter zu erlangen? Nichts als heilig und gerecht wandeln, die Dinge dieser Welt für feindlich halten und ihrer nicht begehren. Denn wenn wir nach ihrem Besitze verlangen, verlieren wir den Weg der Gerechtigkeit. […]

Wenn wir nämlich den Willen Christi erfüllen, werden wir Ruhe finden; wo nicht, wird nichts uns vor der ewigen Strafe erretten, wenn wir nämlich auf seine Gebote nicht hören. Die Schrift sagt auch bei Ezechiel: ‚Wenn Noë und Job und Daniel aufstehen, so werden sie ihre Kinder nicht befreien, die in der Gefangenschaft sind.‘ Wenn aber selbst solche Gerechte es mit ihrer Gerechtigkeit nicht vermögen, ihre eigenen Kinder zu befreien, worauf können dann wir bauen, dass wir eingehen dürfen in das Reich Gottes, wenn wir die Taufe nicht rein und unbefleckt bewahren? Oder wer wird unser Beistand sein, wenn wir nicht erfunden werden mit heiligen und gerechten Werken?

So lasst uns denn kämpfen, meine Brüder; denn wir wissen ja, dass der Kampf uns vorgelegt ist und dass zu den vergänglichen Kämpfen viele herbeisegeln, aber nicht alle gekrönt werden, wenn sie nicht vieles auf sich genommen und rühmlich gekämpft haben. Wir also wollen kämpfen, damit wir alle gekrönt werden. […]

Solange wir also auf Erden sind, geschehe unsere Sinnesänderung. Denn wir sind Lehm in des Meisters Hand; wie nämlich der Töpfer, wenn er ein Gefäß fertigt, es in seinen Händen umbiegt und zusammendrückt und dann es wieder neugestaltet, wenn er es aber einmal in den Brennofen gebracht hat, ihm nicht mehr nachhelfen kann, so wollen auch wir, solange wir in dieser Welt sind, was wir im Fleische Böses getan, aus ganzem Herzen bereuen, damit wir vom Herrn gerettet werden, solange wir noch Zeit zur Umkehr haben.“ (2. Clemensbrief 1,2-8,2)

Im Diogenetbrief heißt es:

„Als er nun bereits alles bei sich mit seinem Sohne geordnet hatte, liess er uns bis zu der nun abgelaufenen Zeit, wie wir es wollten, von ungeordneten Trieben geleitet werden, von Lüsten und Begierden fortgerissen; durchaus nicht etwa aus Freude an unseren Sünden, sondern in Langmut, auch nicht, als hätte er Wohlgefallen an der damaligen Zeit der Ungerechtigkeit, sondern zur Vorbereitung auf die jetzige Zeit der Gerechtigkeit, damit wir, in der damaligen Zeit durch unsere eigenen Werke überführt, dass wir des Lebens unwürdig seien, jetzt durch die Güte Gottes würdig gemacht würden und, nachdem wir den Beweis von unserer eigenen Ohnmacht, in das Reich Gottes einzugehen, geliefert hätten, durch die Kraft Gottes dazu befähigt würden. Als aber das Mass unserer Ungerechtigkeit voll und es völlig klar geworden war, dass als ihr Lohn Strafe und Tod uns erwarte, und als der Zeitpunkt gekommen war, den Gott vorausbestimmt hatte, um fortan seine Güte und Macht zu offenbaren, – o überschwengliche Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes! – da hasste und verstiess er uns nicht und gedachte nicht des Bösen, sondern war langmütig und geduldig und nahm aus Erbarmen selbst unsere Sünden auf sich; er selbst gab den eigenen Sohn als Lösepreis für uns, den Heiligen für die Unheiligen, den Unschuldigen für die Sünder, den Gerechten für die Ungerechten, den Unvergänglichen für die Vergänglichen, den Unsterblichen für die Sterblichen. Denn was anders war imstande, unsere Sünden zu verdecken als seine Gerechtigkeit? In wem konnten wir Missetäter und Gottlose gerechtfertigt werden, wenn nicht allein im Sohne Gottes? Welch süsser Tausch, welch unerforschliches Walten, welch unverhoffte Wohltat, dass die Ungerechtigkeit vieler in einem Gerechten verborgen würde und die Gerechtigkeit eines einzigen viele Sünder rechtfertige! Nachdem er also in der früheren Zeit die Ohnmacht unserer Natur, zum Leben zu gelangen, dargetan hatte, zeigte er jetzt, dass der Erlöser Macht habe, auch das Ohnmächtige zu retten; durch beides aber wollte er uns zum Glauben an seine Güte bringen, ihn anzusehen als Ernährer, Vater, Lehrer, Ratgeber, Arzt, Geist, Licht, Ehre, Ruhm, Kraft und Leben, und für Kleidung und Nahrung nicht ängstlich zu sorgen.

[…] Von welcher Freude aber glaubst du wohl erfüllt zu werden, wenn du ihn erkannt hast? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Liebst du ihn aber, so wirst du auch ein Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er kann es, weil er Gott es will. […]

Wenn ihr darauf achtet und es mit Eifer anhöret, werdet ihr inne werden, was Gott denen bietet, die ihn in rechter Weise lieben, die ihr geworden seid ein Paradies der Wonne und in euch aufsprossen lasset einen herrlich blühenden, fruchtbeladenen Baum, mit allerlei Früchten geschmückt.“ (Diognetbrief 9-10.12)

Dann wäre da Epistula Apostolorum, die sich als Brief der 12 Apostel ausgibt.

In diesem Werk spricht Jesus zu den Aposteln davon, dass die Werke wichtig sind:

„Wer aber an mich glaubt und mein Gebot nicht tut, hat, obwohl er an meinen Namen glaubt, keinen Nutzen davon. Vergeblich ist er einen Lauf gelaufen. Sein Ende ist für das Verderben und für die Strafe großen Schmerzes bestimmt, denn er hat gesündigt gegen mein Gebot.“ (Epistula Apostolorum 27(38), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 141)

Freier Wille:

„Und wir sprachen zu ihm ‚Wird man an jenem Tage nicht zu dir sagen: Du hast führen lassen zu Gerechtigkeit und Sünde und hast geschieden Finsternis und Licht, Böses und Gutes?‘ Und er sprach zu uns: ‚Adam ist die Macht gegeben worden, daß er von den zweien, was er wollte, erwähle, und er wählte das Licht und streckte seine Hände aus und nahm (es) und ließ die Finsternis und entfernte sich von ihr. Ebenso ist jeder Mensch ermächtigt, zu glauben an das Licht, dies ist das Leben des Vaters, der mich gesandt hat. Und wer an mich geglaubt hat, wird leben, wenn er das Werk des Lichtes getan hat. Wenn er aber bekennt, daß das Licht ist, und tut das der Finsternis (Eigentümliche), so hat er weder etwas, was er zur Verteidigung wird sagen können, noch wird er das Antlitz erheben können und anblicken den Sohn, der ich bin. Und ich werde zu ihm sagen: Du hast gesucht und gefunden, hast gebeten und empfangen. Was tadelst du uns? Weshalb hast du dich von mir und meinem Reiche entfernt? Du hast mich bekannt und (dann doch) verleugnet. Nun also sehet, daß jeder ermächtigt ist, sowohl zu leben als zu sterben. Und wer mein Gebot tut und bewahrt, wird ein Sohn des Lichtes, d. h. meines Vaters, sein. Und denen, die bewahren und tun, um des willen ich herabgestiegen vom Himmel, ich, das Wort, bin Fleisch geworden und bin gestorben, indem ich lehrte und überführte, daß die einen gerettet werden, die andern aber ewiglich zugrundegehen werden, indem sie im Feuer gestraft werden am Fleisch und am Geist.'“ (Epistula Apostolorum 39(50), in: Ebd., S. 147-149)

In den christlichen Sibyllinen, Weissagungen über das Weltende in Gedichtform, heißt es:

„Hab‘ ich doch selbst zwei Wege gesetzt, den des Lebens und Todes,
Und ihren Willen empfohlen, das gute Leben zu wählen;
Sie aber sind in den Tod und das ewige Feuer gestürzet.
Abbild von mir ist der Mensch, mit rechter Vernunft ausgestattet.
Diesem stell‘ einen reinen und unbefleckten Tisch hin,
Füll‘ ihn mit Gütern voll und gib dem Hungernden Brot und
Reiche dem Durstigen Trank und Kleider dem nacketen Leibe,
Aus dem eigenen Kummer gewährend mit heiligen Händen!
Der Bedrückten nimm stets dich an und hilf dem Erschöpften,
Bring dieses lebende Opfer doch mir, dem lebendigen Gotte,
Jetzt nur säend ins Wasser, damit auch ich dir einst gebe
Unvergängliche Früchte; das ewige Licht sollst du haben,
Unverwesliches Leben, wenn alle ich prüfe im Feuer.
Alles werde ich schmelzen und wieder zur Läuterung scheiden,
Werde den Himmel erschüttern, die Schlünde der Erde eröffnen,
Und dann will ich die Toten erwecken, das Schicksal lösend
Und den Stachel des Todes, und alsbald komm‘ ich zum Gerichte,
Um zu richten das Leben der frommen und gottlosen Menschen“ (Christliche Sibyllinen VIII,399-416, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 523)

Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 7: Sündenfall und Erbsünde

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (u. a.): Gen 3, Röm 5,12-19, 1 Kor 15,21f., Sir 25,24.

 

Heute geht es darum, was die Christen im 2. Jahrhundert über den Sündenfall und die Folgen von Adams und Evas Sünde lehrten.

 

Bischof Irenäus von Lyon schreibt ausführlich über Erschaffung und Fall des Menschen:

„Den Menschen aber bildete er mit eigener Hand. Er verwandte dazu den feineren und zarteren Stoff der Erde und verband in [weisem] Maße miteinander die Erde und seine Macht. Denn er hat dem Geschöpfe seine Form gegeben, damit es in seiner Erscheinung Gottes Bild sei. Als Abbild Gottes setzte er den von ihm erschaffenen Menschen auf die Erde. Damit er Leben empfange, hauchte er in sein Angesicht den Lebensodem, auf daß der Mensch sowohl seiner ihm eingehauchten Seele nach und in seiner Leibesbildung Gott ähnlich sei. Er war folglich frei und Herr über sich selbst durch Gottes Macht, damit er über alles, was auf Erden ist, herrsche. Und dieses große Schöpfungswerk der Welt, das alles in sich barg, von Gott schon vor der Schöpfung des Menschen zubereitet, wurde dem Menschen zum Wohnsitz gegeben. Und es fanden sich an ihrer Stelle und mit ihren Arbeitsleistungen die Diener dieses Gottes, der alles schuf. Und ein Hauswalter hatte als Schützer dieses Gebiet inne, der über die Mitknechte gesetzt war. Die Knechte waren die Engel, der Walter und Schützer aber der Fürst der Engel [ein Erzengel].

Indem Gott so den Menschen als Herrn der Erde und alles dessen, was auf ihr ist, erschaffen hatte, hat er ihn auch zum Herrn derer, welche als Diener auf ihr sind, erhoben. Jedoch erfreuten sich jene der Reife ihrer Natur, während der Herr, d. h. der Mensch, klein war; war er doch ein Kind, noch des Wachstums bedürftig, um zu seiner Vollreife zu gelangen. Seine Ernährung und sein Wachstum sollte dabei voll Freude und Wonne sein. So ward für ihn dieser Ort schöner bereitet als diese Welt; [er ward ausgestattet mit Vorzügen] der Luft, Schönheit, des Lichtes, der Nahrung, der Pflanzen, Früchte und der Wasser und mit allem anderen, was zum angenehmen Leben nötig war. Sein Name war Paradies. Herrlich und schön war das Paradies; da wandelte das Wort Gottes immer in demselben umher, es verkehrte und sprach mit dem Menschen über die Zukunft und belehrte ihn zum voraus über das, was kommen wird. So wollte es bei ihm wohnen, mit den Menschen reden und weilen und sie in der Gerechtigkeit unterweisen. Allein der Mensch war ein Kind, seine Gedanken waren noch nicht vollkommen geklärt, daher wurde er auch leicht vom Verführer betrogen.

Bei seinem Verweilen im Paradies führte nun Gott dem Menschen, während dieser darin umherging, alles Lebende vor und befahl, es ihm zu benennen. Wie immer Adam ein Lebewesen bezeichnete, so wurde es nunmehr benannt. So war der Augenblick gekommen, da Gott Adam auch eine Gehilfin schaffen wollte. ‚Denn‘, so sprach Gott, ‚es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein. Laßt uns ihm eine Gehilfin machen nach seinen Verhältnissen.‘ Denn unter den andern Lebewesen hatte sich keine Adam nach Natur und Wert gleiche und zu ihm passende Gehilfin gefunden. So ließ Gott selbst über Adam eine Verzückung kommen und ihn in Schlaf sinken. Weil es noch keinen Schlaf im Paradiese gab und doch die Erfüllung eines Werkes auf dem früheren beruhen soll, so ist dieser durch Gottes Willen über Adam gekommen. Es nahm nun Gott eine von den Rippen Adams und ersetzte sie durch Fleisch. Die Rippe selbst aber, die er ihm entnommen hatte, bildete er zum Weibe um und führte es so vor Adam. Als dieser dasselbe sah, sprach er: ‚Das ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleische. Sie soll Weib heißen, denn von ihrem Manne ward sie genommen.‘

Und Adam und Eva — denn das ist der Name des Weibes — waren nackt und schämten sich nicht. Denn sie waren ohne Sünde und kindlichen Sinnes. Ihr Geist war frei von Vorstellungen und Gedanken, wie sie seither aus Bosheit durch sinnliche Begierde und schändliche Gelüste in der Seele entstehen. Noch hatten sie ja ihre Natur unversehrt bewahrt, denn vom Schöpfer war der Hauch des Lebens ihnen eingehaucht worden. So lange dieser Hauch unentweiht und unversehrt bleibt, ist er ohne Empfänglichkeit und Sinn für das Schlechte. Deswegen nun schämten sie sich nicht bei ihren Küssen und Umarmungen in Reinheit nach Kinderart.

Doch sollte der Mensch sich nicht zu hoch dünken und sich nicht hoffärtig erheben, gleich als habe er, da ihm Macht und Freiheit verliehen sind, keinen Herrn über sich; er sollte bewahrt werden davor, sich gegen seinen Gott, seinen Schöpfer, zu verfehlen durch Überschreitung des ihm gesetzten Maßes und durch stolze selbstgefällige Willkürhandlungen gegenüber Gott. Deshalb wurden ihm von Gott Gesetze gegeben; sie sollten ihm zeigen, daß er einen Herrn habe, den Herrn aller Dinge. Auch traf Gott bestimmte Verfügungen, wie die, daß er [der Mensch] in seinem Sein verharren sollte, wie er war, d. h. daß er unsterblich sein sollte, wenn er das Gebot Gottes beobachtete. Der Sterblichkeit aber sollte er verfallen und zur Erde aufgelöst werden, aus welcher er bei der Schöpfung genommen worden war, wenn er dasselbe nicht beobachtete. Das Gebot aber war dieses: ‚Von allen Bäumen, welche im Innern des Gartens sind, sollst du essen dürfen, aber von dem einen Baum, von welchem die Erkenntnis des Guten und des Bösen kommt, sollt ihr nicht essen, denn an dem Tage, an welchem ihr davon esset, sollt ihr dem Tode verfallen.‘

Dieses Gebot hat der Mensch nicht gehalten, sondern er wurde ungehorsam gegen Gott, mißleitet vom Engel. Dieser letztere war wegen der vielen Gaben, die Gott dem Menschen verliehen hatte, von bitterem Neid erfüllt. In diesem richtete er sich selbst zu Grund und machte den Menschen zum Sünder, indem er ihn zum Ungehorsam gegen das Gebot Gottes verleitete. Durch die Lüge zum Anstifter und Urheber der Sünde geworden, verfiel er zwar selbst dem göttlichen Strafgerichte im Abfall von Gott; aber er hatte auch bewirkt, daß der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde. Weil der Engel nach einem aus sich selbst gefaßten Entschluß von Gott abgefallen ist, wurde er in hebräischer Sprache Satan genannt, was so viel ist als Widersacher. Doch wird er auch noch Verleumder [Teufel] genannt. — Die Schlange, welche den Teufel in sich trug, verfluchte also Gott. Sein Fluch traf das Tier, aber er ging auch über auf den in ihm listig verborgenen Teufel. Den Menschen verwies er von seinem Angesichte und gab ihm seinen Wohnsitz vor den Toren des Paradieses. Denn das Paradies nimmt die Sünder nicht in sich auf.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 11-16)

Über die Notwendigkeit der Erlösung, darüber, dass auch Adam persönlich erlöst wurde, und darüber, wieso Gott die Menschen zu ihrem eigenen Nutzen nicht mehr im Paradies leben lassen konnte, schreibt er:

„Da nun der Herr zu seinem verlorenen Schaf kam und eine so große Heilsordnung rekapitulierte und sein Geschöpf aufsuchte, so mußte er gerade jenen Menschen retten, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes gemacht war, d. h, Adam, indem er die wegen seines Ungehorsams festgesetzte Zeit der Verdammnis erfüllte, ‚die der Vater kraft seiner Macht festgesetzt hatte‘. Denn die gesamte Heilsordnung hinsichtlich des Menschen vollzog sich nach dem Wohlgefallen des Vaters, damit Gott nicht unterliege, noch besiegt werde seine Kunst. Der Mensch nämlich war von Gott zum Leben erschaffen, verlor aber, verwundet von der Schlange, die ihn verführt hatte, das Leben. Wäre er nun zum Leben nicht zurückgekehrt, sondern völlig dem Tode preisgegeben worden, dann wäre ja Gott besiegt worden, und die Bosheit der Schlange hätte den göttlichen Willen überwunden. Da aber Gott unbesiegbar und langmütig ist, so zeigte er sich auch langmütig in der Besserung Adams und der Prüfung aller Menschen, wie wir gesagt haben, band durch den zweiten Menschen den Starken und zerbrach seine Gefäße und vernichtete den Tod, indem er den Menschen lebendig machte, der getötet war. Das erste Gefäß, das ihm gehörte, war Adam geworden, den er in seiner Gewalt hielt, d. h. ungerechterweise zur Übertretung verleitete, und an dem er unter dem Vorwand der Unsterblichkeit zum Mörder wurde. Indem er ihnen nämlich versprach, daß sie sein würden wie die Götter, was doch schlechthin unmöglich ist, brachte er den Tod über sie. Darum ward mit Recht von Gott gefangen genommen, der den Menschen gefangen genommen hatte, und von den Banden der Verdammnis wurde gelöst der Mensch, der als Gefangener fortgeführt worden war.

Das ist aber Adam, wenn man die Wahrheit sagen soll, jener erstgebildete Mensch, von dem nach der Schrift der Herr sprach: ‚Lasset uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis.‘ Aus ihm sind wir alle, und weil wir aus ihm sind, haben wir auch seinen Namen geerbt. Wenn aber der Mensch gerettet wird, dann muß auch der Mensch gerettet werden, der zuerst gebildet wurde. Denn es wäre doch sehr unvernünftig, wenn jener, der von dem Feinde heftig verwundet war und zuerst in die Gefangenschaft geführt worden war, von dem, der den Feind besiegte, nicht gerettet sein sollte, wohl aber seine Söhne, die er in derselben Gefangenschaft gezeugt hat. Dann wird der Feind nicht in Wahrheit besiegt erscheinen, wenn in seinen Händen noch die alten Beutestücke zurückbleiben. Wenn Feinde einige überwinden und gebunden in die Gefangenschaft abführen und lange Zeit in Knechtschaft halten, sodaß sie bei ihnen Kinder erzeugen, und jemand aus Mitleid mit denen, die Sklaven geworden sind, eben jene Feinde besiegen würde, dann würde er keineswegs gerecht handeln, wenn er die Söhne jener, die in die Gefangenschaft geführt worden waren, aus der Gewalt derer, die ihre Väter gefangen genommen hatten, befreien wollte, aber jene, welche in die Gefangenschaft geführt wurden, in der Gewalt der Feinde belassen wollte, derentwegen er den Rachezug unternahm. Haben aber die Kinder aus diesem Anlaß die Freiheit erlangt, dann durften die Väter nicht zurückbleiben, die in die Gefangenschaft geführt waren. So ist auch Gott, der dem Menschen zu Hilfe kam und ihn in seine Freiheit wieder einsetzte, weder schwach noch ungerecht.

Deswegen hat er auch gleich zu Beginn der Übertretung des Adam nicht diesen verflucht, sondern die Erde in ihren Werken nach dem Berichte der Schrift, wie auch einer von den Alten sagt: ‚Es übertrug Gott den Fluch auf die Erde, damit er nicht auf dem Menschen verbleibe.‘ Als Strafe aber für seine Übertretung empfing der Mann Mühe und irdische Arbeit und mußte das Brot essen im Schweiße seines Angesichtes und zur Erde zurückkehren, von der er genommen war. In ähnlicher Weise auch das Weib Mühen und Plagen und Seufzer und Traurigkeit bei der Geburt und die Pflicht des Gehorsams gegen den Mann. So sollten sie weder als von Gott Verfluchte gänzlich untergehen, noch straflos Gott verachten dürfen. Der ganze Fluch aber ging auf die Schlange über, die sie verführt hatte, wie geschrieben steht: ‚Und es sprach Gott zur Schlange: Weil du dies getan hast, bist du verflucht von allen großen und kleinen Tieren der Erde.‘ Dasselbe sagt auch der Herr im Evangelium zu denen, die auf seiner linken Seite gefunden werden: ‚Gehet weg, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitete.‘ Damit tut er kund, daß das Feuer nicht hauptsächlich für den Menschen, sondern ewiglich dem bereitet ist, der ihn verführte und sündigen ließ und, sage ich, dem Fürsten des Abfalls, wie den Engeln, die mit ihm abtrünnig wurden. Dieselbe Strafe werden mit Recht auch die empfangen, die ähnlich wie er ohne Buße und Besserung in ihren bösen Werken verharren.

Dem Kain z. B. riet Gott, er möge sein verkehrtes Betragen gegen seinen Bruder ändern und davon ablassen; jener war aber der Meinung, daß er mit Neid und Bosheit ihn unterbekommen werde, und hörte nicht nur nicht auf den Herrn, sondern fügte Sünde auf Sünde, indem er durch sein Werk seine Gesinnung kundtat. Was er nämlich dachte, das tat er auch, erhob sich wider ihn und tötete ihn. So ließ Gott den Gerechten dem Ungerechten unterliegen, damit jener in seinen Leiden als der Gerechte, dieser in seinen Taten als der Ungerechte offenbar werde. Aber auch nicht einmal dann kam jener zur Einsicht und hörte auf, verkehrt zu handeln, sondern antwortete auf die Frage, wo sein Bruder wäre: ‚Ich weiß es nicht, bin ich denn der Wächter meines Bruders?‘ So erweiterte und vermehrte er noch durch seine Antwort seine Sünde. Denn wenn es schon Sünde ist, den Bruder zu töten, so ist es noch viel schlimmer, dem allwissenden Gott so frech und respektlos zu antworten, gleich als ob er ihn hintergehen könnte. Deswegen traf ihn auch der Fluch, weil er die Sünde ableugnete, ohne Ehrfurcht vor Gott und ohne Reue über den Brudermord.

Bei Adam aber ist nichts Derartiges geschehen, sondern alles verhielt sich umgekehrt. Von einem andern war er verführt unter dem Vorwand der Unsterblichkeit. Sogleich wird er von Furcht ergriffen und verbirgt sich, nicht als ob er Gott entfliehen könnte, sondern beschämt, weil er das Gebot übertreten hatte und unwürdig war, vor dem Angesicht Gottes zu einer Unterredung zu erscheinen. ‚Die Furcht Gottes aber ist der Anfang der Weisheit.‘ Die Erkenntnis seiner Übertretung aber bewirkte die Reue, und den Reumütigen schenkt Gott seine Gnade. Nämlich gleich bei der Tat zeigt er durch die Schürze seine Reue, indem er sich mit Feigenblättern bedeckte. Es gab ja auch viele andere Blätter, die seinen Körper weniger gestochen hätten. Dennoch machte er sich gerade ein Kleid, das seinem Ungehorsam angepaßt war. Da er durch die Furcht Gottes erschüttert war und den ungestümen Angriff des Fleisches zurückdrängen wollte — denn nun hatte er seinen kindlichen Charakter und Sinn verloren und war auf bösere Gedanken gekommen — so legte er sich und seiner Frau den Zügel der Enthaltsamkeit an, weil er Gott fürchtete und seine Ankunft erwartete. Damit wollte er gleichsam kundtun: Das Gewand der Heiligkeit, das ich vom Geiste hatte, habe ich verloren, und erkenne nun, daß ich ein solches Kleid verdiene, das keinerlei Ergötzung bietet, sondern das Fleisch beißt und kratzt. Und dieses Kleid hätte er, um sich zu demütigen, fortan getragen, wenn nicht Gott in seiner Barmherzigkeit sie mit Tierröcken statt der Feigenblätter bekleidet hätte. Deshalb richtet er auch an sie die Frage, damit die Klage auf das Weib falle, und dann wiederum an das Weib, damit sie die Schuld auf die Schlange schieben könne. Sie sagte nämlich, was geschehen war: ‚Die Schlange verführte mich, und ich aß.‘ Die Schlange aber fragte er nicht, denn er wußte, daß sie die Ursache der Übertretung geworden war; so sandte er zuerst auf sie den Fluch, und dann traf den Menschen der Tadel. Den nämlich, der den Menschen verführt hatte, haßte Gott; über den aber, der verführt worden ist, erbarmte er sich ganz allmählich.

Deswegen warf er ihn auch aus dem Paradiese hinaus und entfernte ihn von dem Baume des Lebens, nicht als ob er ihm diesen nicht gegönnt hätte, wie einige sich erkühnen zu behaupten, sondern aus Erbarmen, damit er nicht für immer der Sünder bliebe und die Sünde an ihm nicht unsterblich wäre oder das Übel unendlich und unheilbar. So setzte er der Übertretung einen Damm, indem er den Tod dazwischen legte und der Sünde ein Ende machte durch die Auflösung des Fleisches in Erde, damit endlich einmal der Mensch aufhöre, der Sünde zu leben, und sterbend anfange, für Gott zu leben.

Deswegen setzte er Feindschaft zwischen die Schlange und das Weib und ihren Samen, die sich gegenseitig nachstellen. Der eine sollte in die Fußsohle gebissen werden und über das Haupt des Feindes dahinschreiten, der andere sollte beißen und töten und den Schritt des Menschen aufhalten, bis der verheißene Same käme, sein Haupt zu zertreten, der Sprössling Mariens, von dem der Prophet sagt: ‚Über die Natter und den Basilisken wirst du gehen, und du wirst zertreten den Löwen und den Drachen.‘ Die Sünde also, die sich wider den Menschen erhob und ausdehnte und ihn kalt machte, die sollte mit der Herrschaft des Todes ausgetrieben werden, und zertreten werden von ihm in den letzten Zeiten der gegen das Menschengeschlecht anspringende Löwe, d. h. der Antichrist, indem er jenen Drachen, die alte Schlange, anband und der Macht des Menschen, der besiegt worden war, unterwarf, um alle seine Kraft zu zertreten. Adam war aber besiegt worden, indem von ihm alles Leben hinweggenommen worden war; nachdem also der Feind besiegt war, empfing Adam das Leben wieder. Als letzter Feind aber wird der Tod vernichtet, der zuerst vom Menschen Besitz ergriffen hatte. Deshalb wird, nachdem der Mensch befreit worden ist, geschehen, was geschrieben steht: ‚Verschlungen ist der Tod im Siege; wo ist, Tod, dein Sieg? Wo ist, Tod, dein Stachel?‘ Das könnte aber nicht rechtmäßig gesagt werden, wenn nicht jener befreit worden wäre, über den der Tod zuerst herrschte. Seine Rettung nämlich ist die Vernichtung des Todes. Indem also der Herr den Menschen, d. h. den Adam, lebendig machte, wurde der Tod vernichtet.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,23,1-7)

Er schreibt über Adams Sünde und Jesu Erlösungstat:

„Denn das ist das Ende des menschlichen Geschlechtes, das Gott zum Erbe hat, daß, wie im Anfang wir durch die ersten Menschen alle in die Knechtschaft gebracht wurden durch die Schuld des Todes, so jetzt am Ende der Zeit durch den letzten Menschen alle, die von Anfang an seine Schüler waren, gereinigt und abgewaschen von der Todesschuld, in das Leben Gottes eintreten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,22,1)

„Auf diese Weise hat er also unsere Erlösung als herrlicher Sieger vollendet, hat die Verheißungen an die Vorväter erfüllt und die alte Auflehnung getilgt und ausgeschaltet. Der Sohn Gottes wurde zum Sohne Davids, zum Sohne Abrahams; diese vollendend und in sich erneuernd und zusammenfassend, um uns in den Besitz des Lebens zu setzen, ist das Wort Gottes geheimnisvoll in der Jungfrau Fleisch geworden, den Tod zu vernichten und den Menschen mit dem Leben zu begaben. Wir lagen ja in den Banden der Sünde, die wir in Sünden geboren sind und unter der Herrschaft des Todes leben.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 37)

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Mittelalterliche Buchmalerei. Oben: Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies. Unten: Adams und Evas Leben nach dem Sündenfall.

 

Theophilus von Antiochia schreibt über den Sündenfall:

„Als nun Gott den Menschen, wie gesagt, ins Paradies gesetzt, um es zu bebauen und zu bewachen, gebot er ihm von allen Früchten zu essen, offenbar auch vorn Baume des Lebens; nur vom Baume der Erkenntnis gebot er ihm, nicht zu kosten. Gott versetzte ihn aber von der Erde weg, aus der er war gemacht worden, ins Paradies und gab ihm den Antrieb zur Weiterbildung, damit er dort fortschreite und vollkommen werde, ja sogar als Gott bezeichnet und im Besitz ewigen Lebens zum Himmel hinaufsteige. Der Mensch war nämlich als Mittelding erschaffen, weder als bestimmt sterblich noch als bestimmt unsterblich, sondern fähig für beides. So stand auch sein Wohnort, das Paradies, in Bezug auf Schönheit, zwischen Himmel und Erde in der Mitte. Der Ausdruck ‚um es zu bebauen‘ aber bedeutet keine andere Tätigkeit als die, das Gebot Gottes zu beobachten, damit er nicht durch Ungehorsam sich ins Verderben stürze, wie er es wirklich durch die Sünde getan hat.

Der Baum der Erkenntnis selbst war gut, und auch seine Frucht war gut. Es brachte nämlich nicht, wie einige meinen, der Baum den Tod, sondern der Ungehorsam. Denn in der Frucht war nichts anderes, als nur die Erkenntnis. Die Erkenntnis aber ist gut, wenn man sie auf rechte Weise benützt. Adam dort aber war seinem dermaligen Alter nach noch ein Kind, deswegen konnte er die Erkenntnis noch nicht nach Gebühr fassen. Denn auch jetzt ist es so: wenn das Kind geboren wird, ist es nicht sofort imstande, Brot zu essen, sondern es wird zuerst mit Milch genährt und geht erst mit fortschreitendem Alter auch zur festen Nahrung über. So war es wohl auch bei Adam. Deswegen hatte ihm Gott nicht etwa aus Neid, wie manche meinen, vom Baume der Erkenntnis zu essen verboten. Ferner wollte er ihn auch prüfen, ob er seinem Gebote gehorchen werde. Zugleich auch wollte er, daß der Mensch in seinem Kindesalter noch für längere Zeit in argloser Einfalt verbleibe. Denn es ist dies nicht bloß vor Gott, sondern auch bei den Menschen etwas Heiliges, in Einfalt und Arglosigkeit den Eltern untertan zu sein. Wenn es aber Pflicht ist, daß die Kinder den Eltern untertan sind, um wieviel mehr muß dies Gott dem Vater des Alls gegenüber geschehen? Ferner ist es auch unschön, wenn kleine Kinder über ihr Alter hinaus altklug sind. Denn wie man an Alter stufenweise wächst, so wächst man auch in der Erkenntnis. Zudem ist, wenn das Gesetz gebietet, sich eines Dinges zu enthalten, und jemand nicht gehorcht, klar, daß nicht das Gesetz an der Züchtigung Schuld ist, sondern der grobe Ungehorsam. Denn auch ein Vater befiehlt seinem Kinde manchmal, sich gewisser Dinge zu enthalten, und wenn dies dem väterlichen Gebote nicht gehorcht, so wird es derb gezüchtigt und ausgescholten wegen seines Ungehorsams. Und es sind nicht gleich die Handlungen die Ursache der Schläge, sondern der Ungehorsam ist es, der dem Ungehorsamen die empfindliche Züchtigung einbringt. So brachte auch dem Ersterschaffenen sein Ungehorsam die Strafe, daß er aus dem Paradiese vertrieben wurde. Nicht als ob der Baum der Erkenntnis etwas Böses an sich gehabt hätte, sondern durch seinen Ungehorsam hatte der Mensch nun Mühsal, Plage, Schmerz zu erdulden und fiel zuletzt dem Tode anheim.

Und zwar ist der Tod auch noch eine große Wohltat, die Gott dem Menschen erwiesen hat, auf daß er nicht in der Sünde befindlich ewig lebte; sondern er verwies ihn sozusagen in eine Art Verbannung aus dem Paradiese, damit er die Sünde in der ihm bestimmten Zeit durch die Strafe abbüße und dann gebessert später wieder zurückgerufen würde. Deswegen steht auch in der Hl. Schrift, nachdem der Mensch auf dieser Welt erschaffen war, mit geheimnisvoller Bedeutung, daß er zweimal ins Paradies versetzt worden sei; das erstemal, als er dorthin versetzt wurde, das zweite Mal soll es sich erfüllen nach der Auferstehung und dem Gerichte. Ja noch weiter! gleichwie ein Geschirr wenn es nach der ersten Verfertigung einen Fehler hat, umgegossen und umgebildet wird, so daß es wieder neu und ganz wird, so geschieht auch dem Menschen durch den Tod. Denn er wird sozusagen zerschlagen, um bei der Auferstehung wieder ganz zu erscheinen, d. h. fleckenlos, gerecht und unsterblich. Daß aber Gott sagte und rief: Adam, wo bist du? so tat er dies nicht, weil er es nicht wußte, sondern er wollte ihm in seiner Langmut damit Veranlassung zur Reue und zum Bekenntnisse geben.

Nun wird man mir aber sagen: ‚Der Mensch ist also sterblich von Natur aus erschaffen?‘ Durchaus nicht! ‚Was denn? unsterblich?‘ Auch das sagen wir nicht. ‚Also‘, wird man sagen, ‚keines von beiden?‘ Auch das sagen wir nicht. Der Mensch ist also von Natur weder sterblich noch unsterblich erschaffen. Denn hätte ihn Gott von Anfang an unsterblich erschaffen, so hätte er ihn zum Gotte gemacht; hinwiederum, wenn er ihn sterblich erschaffen hätte, so würde es scheinen, als ob Gott an seinem Tode schuld sei. Weder unsterblich also noch auch sterblich hat er ihn erschaffen, sondern, wie gesagt, fähig für beides, daß er, wenn er durch die Beobachtung des göttlichen Gebotes der Unsterblichkeit sich zuwendete, die Unsterblichkeit als Lohn von Gott empfing und ein Gott würde, hinwiederum aber, wenn er durch Ungehorsam gegen Gott sich auf Seite des Todes stellte, selbst die Ursache seines Todes würde. Denn Gott hat den Menschen mit Freiheit und Selbstbestimmung begabt erschaffen. Was er sich nun durch seinen Leichtsinn und Ungehorsam zugezogen, das gibt ihm Gott jetzt seinerseits als Geschenk aus Liebe und Erbarmung, wenn sich der Mensch gehorsam unterwirft. Denn gleichwie der Mensch durch seinen Ungehorsam dem Tode hörig geworden ist, so kann durch Gehorsam gegen den Willen Gottes jeder, der will, sich das ewige Leben erwerben. Gott hat uns nämlich sein Gesetz und heiligen Gebote gegeben, auf daß durch deren Erfüllung ein jeder das Heil erlangen, zur Auferstehung gelangen und die Unverweslichkeit erben kann. […]

Gott aber, der Vater und Schöpfer des Alls, hat das Menschengeschlecht nicht verlassen, sondern ihm sein Gesetz gegeben und heilige Propheten geschickt, um dem Menschengeschlechte Kunde und Belehrung zu bringen, auf daß ein jeder von uns sich ernüchtere und erkenne, daß nurein Gott sei. Diese lehrten auch, daß man sich enthalten müsse vom sündhaften Götzendienste, vom Ehebruch, Totschlag, Hurerei, Diebstahl, Geiz, Meineid, von aller Ausgelassenheit und Uneinigkeit; daß der Mensch alles, was er nicht will, daß es ihm geschehe, auch einem andern nicht tue, und daß so der gerecht Handelnde den ewigen Strafen entgehe und des ewigen Lebens durch Gott gewürdigt werde.“ (Theophilus, An Autolykus II,24-27.34)

 

Tatian schreibt über die Erschaffung des Menschen und der Engel durch den Sohn Gottes, und wie sie von Gott abfielen und dem Teufel folgten:

„Denn der himmlische Logos, als Geist vom Geiste und als Wort aus der Kraft des Wortes entsprungen, hat in Nachahmung des Vaters, der ihn gezeugt, zum Abbild der Unsterblichkeit den Menschen geschaffen, auf daß dieser, wie die Unvergänglichkeit bei Gott ist, ebenso, durch einen Anteil am Wesen Gottes, gleichfalls die Unsterblichkeit besitze.

Nun wurde aber der Logos vor der Erschaffung der Menschen auch der Schöpfer der Engel: beide Gattungen von Geschöpfen sind frei geschaffen und besitzen nicht von Natur aus das Gute, das ausschließlich in Gott allein ist, von den Menschen aber aus freier Wahl vollbracht wird, damit der Böse mit Recht bestraft werde, nachdem er durch seine eigene Schuld böse geworden, der Gerechte aber um seiner guten Werke willen nach Verdienst gelobt werde, weil er nach freiem Entschluß den Willen Gottes nicht übertreten hat. So verhält es sich mit den Engeln und Menschen. Da aber die Kraft des Logos die Fähigkeit an sich hat, das vorauszusehen, was in Zukunft nicht durch das Fatum, sondern durch die freie Entschließung der Wählenden geschehen werde, so sagte er den Verlauf der kommenden Ereignisse voraus, schränkte durch Verbote die Bosheit ein und lobte diejenigen, die im Guten verharren würden. Doch als die Menschen und Engel einem, der als Erstgeborener die übrigen an Verstand übertraf, scharenweise folgten und ihn, obgleich er sich wider das Gesetz Gottes aufgelehnt hatte, als einen Gott ausriefen, da stieß die Kraft des Logos sowohl den Urheber des Frevels als auch dessen Anhänger aus der Gemeinschaft mit dem Worte. Und der nach dem Bilde Gottes geschaffene Mensch wurde, da der mächtigere Geist sich von ihm trennte, sterblich; der Erstgeborene aber wurde ob seiner Übertretung und Torheit zum Dämon, und aus denen, die seine Gaukeleien nachahmten, wurde ein Heer von Dämonen, die ihrer Unverbesserlichkeit überlassen wurden, weil sie ja freie Wesen waren.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 7)

Über die Folgen der Ursünde schreibt er:

„Nachdem die Seele ihre Flugkraft, den vollkommenen Geist, durch die Sünde verwirkt hatte, flatterte sie ängstlich wie ein junger Vogel und fiel zu Boden; und da sie also die Verbindung mit dem Himmel verloren hatte, begann sie die Gemeinschaft mit den niederen Dingen zu wünschen. Verstoßen wurden die Dämonen, ausgetrieben wurden die ersten Menschen: jene wurden vom Himmel herabgestürzt, diese von der Erde vertrieben, aber nicht von der heute bestehenden, sondern aus einer, die besser eingerichtet war als die gegenwärtige.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 20,2f.)

Die ganze Schöpfung ist gut, das Böse eine Pervertierung des Guten:

„‚Alles ist von ihm und ohne ihn ist nichts gemacht.‘ Ist aber in dem Geschaffenen etwas Schädliches, so ist es durch unsere Sünde hineingekommen.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 19,11f.)

 

In einem Märtyrerbericht heißt es über die Erbsünde:

„Als aber der Soldat die Holzstücke aufschichtete und anzünden wollte, sagte der heilige Karpus, während er da hing: Wir sind von derselben Mutter Eva geboren worden und haben dasselbe Fleisch, aber hinblickend auf das untrügliche Gericht erdulden wir alles. Als er dieses gesagt hatte und das Feuer brannte, betete er sprechend: Gepriesen seist du, Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, daß du auch mich Sünder deines Besitzes gewürdigt hast.“ (Martyrium der Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike 4)

 

Die Schöpfung ist auch von den Dämonen in Unordnung gebracht und der Mensch wird von ihnen zum Schlechten beeinflusst, schreibt Athenagoras von Athen:

Weil also gegen Erwartung und Recht die einen glücklich, die andern unglücklich sind, so konnte es sich Euripides nicht erklären, wer die Verwaltung der irdischen Dinge habe, bei der man ausrufen möchte:

‚Wie sollten wir beim Anblick solcher Dinge noch
An Götter glauben oder halten ein Gesetz?‘

Dies bewog auch einen Aristoteles zu dem Ausspruche, daß es für die Dinge unter dem Himmel keine Fürsorge gebe. Aber die ewige Fürsorge Gottes bleibt uns nach wie vor:

‚Ob gern, ob ungern sprießt die Erde Weide mir.
Naturnotwendig, und ernährt zur Mast mein Vieh‘

und auch die Fürsorge für die Teile erstreckt sich tatsächlich, nicht bloß vermeintlich, auf die würdigen; auch für das übrige ist, soweit es der gemeinsame Zweck der Schöpfung fordert, durch weise Einrichtung gesorgt. Weil aber die vom feindseligen Geiste ausgehenden Erregungen und Einwirkungen besagte Unordnung hineinbringen, da sie nunmehr auch die Menschen, den einen so, den andern anders, bald einzelne, bald ganze Völker durch geteilten oder gemeinschaftlichen Ansturm, je nach dem Verhältnisse eines jeden zur Materie und nach dem Grade seiner Empfänglichkeit fürs göttliche, innerlich und äußerlich in Erregung versetzen, so haben einige und zwar Autoritäten gemeint, daß das Universum nicht auf einer Ordnung beruhe, sondern der Tummelplatz blinden Zufalls sei; sie haben dabei übersehen, daß von all den Dingen, von denen eigentlich der Fortbestand der Welt abhängt, kein einziges ungeordnet und vernachlässigt ist, sondern ein jedes eine vernünftige Einrichtung zeigt, so daß sie die ihnen gesetzte Ordnung nicht überschreiten. Auch der Mensch, wie er aus des Schöpfers Hand hervorging, ist ein wohlgeordnetes Wesen, mag man nun die Art und Weise seiner Entstehung betrachten, die einen einheitlichen, für alle gültigen Plan aufweist, oder sein organisches Wachstum, welches das hiefür maßgebende Gesetz nicht überschreitet, oder das Ende des Lebens, das gleich und gemeinschaftlich bleibt für alle. Aber nach seiner eigenen individuellen Vernunft und nach der Einwirkung jenes drängenden Herrschers und seines Dämonengefolges wird der eine so, der andere anders beeinflußt und erregt, obschon die Fähigkeit vernünftigen Denkens allen in gleicher Weise innewohnt.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 25)

 

Im Diognetbrief heißt es:

„An diesem Orte nämlich ist ein Baum der Erkenntnis und ein Baum des Lebens gepflanzt; aber nicht der Baum der Erkenntnis tötet, sondern der Ungehorsam. Denn nicht ohne tiefern Sinn ist, was geschrieben steht, dass Gott am Anfange einen Baum der Erkenntnis und einen Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses pflanzte: durch ‚Erkenntnis‘ hat er das Leben angedeutet; weil die Stammeltern von ihr keinen lautem Gebrauch machten, wurden sie durch Betrug der Schlange entblösst. Denn weder gibt es Leben ohne Erkenntnis, noch sichere Erkenntnis ohne wahres Leben; deshalb sind beide nebeneinander gepflanzt worden. Im Hinblick auf die Macht dieser Verbindung tadelt der Apostel die Erkenntnis, die ohne Wahrheit der Anwendung aufs Leben geübt wird, und sagt: Die Wissenschaft bläht auf, die Liebe aber erbaut. Denn wer etwas zu wissen glaubt ohne wahre Erkenntnis, der auch das Leben Zeugnis gibt, der hat keine wirkliche Erkenntnis und wird von der Schlange irregeführt, weil er das Leben nicht liebte. Wer aber mit Furcht erkennt und Leben sucht, der pflanzt auf Hoffnung in Erwartung der Frucht.“ (Diognetbrief 12)

 

 

Die Kongogräuel, Teil 3: Ihr Bekanntwerden, ihr Ende und das weitere Schicksal des Kongo

Hier Teil 1 (Entstehung und System des Kongo-Freistaats) und hier Teil 2 (die eigentlichen Verbrechen).

Nach und nach gelangten Berichte über die Situation nach Europa und Amerika, v. a. durch britische oder amerikanische protestantische Missionare und durch Händler, die englische Aborigines Protection Society („Gesellschaft zum Schutz der Eingeborenen“; hier sind nicht speziell die australischen Aborigines gemeint) befasste sich damit. Besonders nahm die Kampagne gegen die Verbrechen im Kongo etwa nach 1900 an Fahrt auf, erst recht 1903/1904, als der britische Konsul Casement nach einer zweieinhalbmonatigen Reise durch den Oberkongo den „Casement Report“ veröffentlichte, und auch das englische Parlament sich mit der Angelegenheit befasste und Druck auf die Regierung des Kongo-Freistaats ausübte. Der englische Publizist E. D. Morel widmete sich der Aufgabe, die Verbrechen zu bekämpfen, veröffentlichte Berichte und Fotos aus dem Kongo, und gründete 1904 die Congo Reform Association, für die er viele prominente Unterstützer fand. (Zu den heute noch relativ bekannten frühen Veröffentlichungen gehört auch Joseph Conrads Novelle „Herz der Finsternis“ aus dem Jahr 1899, in der ein Seemann erzählt, wie er einen Posten als Kapitän eines Flussdampfers auf dem Kongo fand, dort Grausamkeiten gegen Zwangarbeiter beim Eisenbahnbau und menschenleere Flussufer sah, und schließlich zu einem Posten im Hinterland gelangte, dessen Postenchef sich von den Einheimischen verehren ließ, eine Menge Elfenbein heranschaffte, seinen Gartenzaun mit Menschenköpfen dekoriert hatte und später an einer Tropenkrankheit starb. Die Novelle spielt noch vor der Errichtung des Kautschuksystems.)

„So verfolgen die Agenten des Kongo-Staates in Afrika ihren wahnsinnigen Kurs, unbeirrt von jedem Gesetz und internationalem Recht; mit den Einheimischen umgehend wie Raubtiere mit ihren Opfern; Kannibalentruppen bewaffnend und über das ganze Land loslassend, um zu plündern, zu schänden und zu morden; Hass und Zorn gegen den weißen Mann in zehntausenden dunkler Herzen heranzüchtend; unfähig, die Exzesse ihrer wilden Verbündeten zu kontrollieren; nicht zögernd, alles nur Erdenkliche gegen Europäer, die sie stören, zu tun; gleichgültig gegenüber menschlichem Leid und trunken von Selbstherrlichkeit…“, urteilte E. D. Morel über den Kongo-Freistaat. (King Leopold’s Rule in Africa, S. 219)

Karikatur von 1906 im „Punch“.

Vor allem die Fotos von abgehackten Händen sorgten für allgemeines Entsetzen. Die Regierung des Kongo-Freistaats, die ständig hochtrabend von der „materiellen und sittlichen“ Verbesserung des Lebens der Einheimischen geredet hatte, verstand darunter offenbar, sie für Kautschuk abzuschlachten, sah man in Europa.

[Wenn auch in der Praxis nicht immer eingehalten, sah man damals doch in der Theorie (vor allem von Europa aus) den Kolonialismus insbesondere auch als etwas, das humanitär sein sollte, als humanitäre Intervention plus Entwicklungshilfe – man könnte es damit vergleichen, wie heute der Bundeswehreinsatz in Afghanistan gesehen wird. So heißt es in der Generalakte der Berlin-Konferenz von 1885 in Artikel 6: „Alle Mächte, welche in den gedachten Gebieten Souveränitätsrechte oder einen Einfluß ausüben, verpflichten sich, die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen und an der Unterdrückung der Sklaverei und insbesondere des Negerhandels mitzuwirken; sie werden ohne Unterschied der Nationalität oder des Kultus alle religiösen, wissenschaftlichen und wohlthätigen Einrichtungen und Unternehmungen schützen und begünstigen, welche zu jenem Zweck geschaffen und organisirt sind, oder dahin zielen, die Eingeborenen zu unterrichten und ihnen die Vortheile der Civilisation verständlich und werth zu machen.“ Der belgische Jurist Félicien Cattier bezeichnet in seiner Studie von 1906 über die Übel im Kongo-Freistaat das in der Berlin-Akte bezeichnete Ziel als „Wesen und Grund jeder legitimen kolonialen Unternehmung. Diese muss darauf abzielen, das Leben der Einheimischen zu verbessern, nicht nur unter moralischen, sondern auch unter materiellen Gesichtspunkten. Sie strebt danach, ihnen die materielle Existenz angenehmer, leichter zu machen; sie ist darauf gerichtet, die Sicherheit der Personen und der Besitztümer zu steigern; sie bezweckt es, ihren Lebensstandard in Bezug auf Wohnung, Nahrung und Kleidung zu heben.“ (Étude sur la situation de l’État Indépendant du Congo, S. 34f.) Über den Kongo-Freistaat urteilte er kurz und knapp, er sei „kein Kolonialstaat, er ist kaum auch nur ein Staat: Er ist ein Wirtschaftsunternehmen“ (Ebd., S. 341)]

König Leopolds Reaktion und die öffentliche Meinung in Belgien

Wie reagierte Leopold auf Berichte von Gräueltaten in dem Staat, den er gegründet und dessen wirtschaftliches System allein er errichtet hatte, allerdings ohne sich für seine genaue Umsetzung zu interessieren? Anfangs anders als später.

„Aber – und das ist ein sehr wenig bekannter Aspekt – als die ersten Ankläger sich erhoben hatten, um die Missbräuche, die bei der Behandlung der Einheimischen begangen worden waren, anzuprangern, war der König darüber heftig erregt. Von 1896 bis 1900, wie es private Briefe zeigen, hat er mehrmals Zeiten von Qualen durchlaufen. ‚Wir sind aus der Zivilisation ausgestoßen‘ schreibt er im September 1896 an van Eetvelde. ‚Wenn es Missbräuche im Kongo gibt, müssen wir sie abstellen. Wenn sie fortbestehen würden, wäre das das Ende des Staates.‘ ‚Man muss diese schrecklichen Missbräuche energisch ahnden‘, die enthüllt wurden, mahnt er im Januar 1899 einen anderen seiner Mitarbeiter. ‚Diese Schrecken müssen aufhören oder ich werde mich aus dem Kongo zurückziehen. Ich werde mich weder mit Blut noch mit Dreck beschmutzen lassen und diese Schändlichkeiten müssen aufhören.‘ Und ein Jahr später wiederholt der König: ‚Ich bin es leid, mit Blut und Dreck beschmutzt zu werden.‘

Während jeder dieser Krisen von Wut und Ekel wiederholt der König strikte Anweisungen: Die Grausamkeiten gegen die Einheimischen müssen hart bestraft werden. Die Verwaltung des Kongo, an die er diese Anweisungen richtet, akzeptiert sie, buckelt, und wartet, bis der Sturm sich legt. Es ist tatsächlich die Verwaltung, die die Herrin des Spiels ist. Sie hat ein System ausgearbeitet und sie hält daran fest. Sie weigert sich, zuzugeben, dass das System selbst Missbräuche erzeugt; das zuzugeben hieße, ihren eigenen Fehler anzuerkennen. Sie ermisst auch die Gefahr dabei, das System zu schwächen, indem man es verändert; denn eine Schwächung des auf die Einheimischen aufgebauten Drucks würde notwendigerweise eine Verringerung der Einnahmen bedeuten, und in diesem Fall, das weiß sie, wäre es viel mehr als ein Sturm, den sie vonseiten des Souveräns zu erleiden hätte. Die Verwaltung, mit anderen Worten, unterscheidet zwischem dem bleibenden und grundlegenden Willen des Königs, der darin besteht, die Produktion der Domäne zu erhöhen, und seinen gelegentlichen Gewissenskrisen; sie richtet ihre Handlungsweise nach dem aus, was bleibend und grundlegend ist.

Alle, die mit dem System verbunden sind, und die bestrebt sind, sich reinzuwaschen, versuchen außerdem, Leopold II. zu überzeugen, dass die gegen den Kongo vorgebrachten Anschuldigungen ungerecht oder übertrieben sind, und dass sie zum großen Teil von Böswilligkeit kommen. Die Einstellung von Leopold II. – der, ohne Zweifel unbewusst, nur danach verlangte, sich überzeugen zu lassen – untergeht daher einer tiefen Änderung: Anstatt von den Angriffen getroffen zu sein wird er sich bald, und mit größerer und größerer Heftigkeit, über sie erzürnen. Der König dominierte fast immer stolz sein Umfeld; man kann sagen, dass er sich in diesem Fall von ihm hat einfangen lassen.

Die zunehmende Kampagne, die in England ab ungefähr 1900 gegen die Missbräuche im Kongo geführt wird, wird daher den König, die kongolesische Verwaltung und – zumindest ab einem gewissen Zeitpunkt – die überwiegende Mehrheit der belgischen Meinung vereint bei einem empörten Gegenangriff finden. In den Augen der kongolesischen Verwaltung und ihrer Führungskräfte sind die angelsächsischen Missionare, die die Missbräuche anprangern, oder Konsul Casement, der zu Lasten des Systems einen erdrückenden Bericht abfasst, nur ‚Agenten‘ Englands, die dem Kongo schaden wollen, indem sie Verleumdungen über ihn verbreiten. Die belgische öffentliche Meinung ist nicht weniger vor denen auf der Hut, die unter der Flagge des Humanitarismus die Kampagne in England selbst orchestrieren; sie hat das jüngste Erlebnis des Burenkrieges frisch im Gedächtnis und argwöhnt, dass der Humanitarismus nur die Maske der Habgier ist.“ (Stengers, Jean: L’État Indépendant du Congo et le Congo belge jusqu’en 1914, in: Ders.: Congo. Mythes et réalités, Brüssel 2005, S. 99-128, S. 118-120)

Aus damaliger belgischer Sicht schien diese Vermutung zunächst gar nicht so abwegig, und das aus mehreren Gründen:

  • Wie bereits erwähnt, achtete auch England in seinen kolonialen Unternehmungen nicht immer skrupulös die Rechte anderer; der kürzlich zu Ende gegangene Burenkrieg war im Grunde nichts als eine Aggression gegen die kleinen Republiken der niederländischen Siedler in Südafrika aus Habgier. Freilich waren die Zustände in den britischen afrikanischen Kolonien nirgends so wie im Kongo; aber im fernen Europa mochte man glauben, dass es sich bei den Verbrechen im Kongo um aufgebauschte Einzelfälle handeln könnte, die sich in anderen Kolonien auch finden würden. Schlimme Einzelfälle, die mit Zuchthaus oder Galgen bestraft gehörten, natürlich, aber eben Einzelfälle.
  • Viele, die die Gräueltaten beklagten (z. B. Konsul Casement), beklagten gleichzeitig auch, dass es im Kongo keine Handelsfreiheit mehr gab. Wegen der Monopole des Staates und der Konzessionsgesellschaften konnten einzelne Händler sich nicht mehr an Einheimische wenden, um von ihnen Kautschuk oder Elfenbein zu kaufen, sie waren völlig verdrängt worden. Der Kongo-Freistaat erwiderte auf diesen Vorwurf, der Grundsatz der Handelsfreiheit schließe ja wohl nicht aus, dass es staatliches Eigentum/Privateigentum an Grund und Boden geben dürfe, und überhaupt hätte sich jede Firma für Konzessionen bewerben können; eine sehr sophistische Antwort, denn in der Praxis lief es natürlich trotzdem auf extreme Monopole hinaus, und die Einheimischen hatten auch nicht wirklich bebautes Land bisher immer genutzt und dessen Früchte manchmal an untereinander konkurrierende Händler verkauft. Jedenfalls ging es vielen Kritikern auch um ein wirtschaftliches Prinzip, von dem sie überzeugt waren und von dem sie glaubten, dass es die Entwicklung Afrikas gefördert hätte bzw. anderswo förderte; und manche Händler, die den Kongo-Freistaat kritisierten, hatten natürlich selbst ein handfestes wirtschaftliches Interesse daran, dass er wieder für den freien Handel geöffnet wurde. Der gedankliche Schritt zu „denen geht es allen nur um Geschäftsinteressen“ schien für die Belgier nicht so abwegig. Dazu kam, dass die Kampagne vor allem in der Zeit an Fahrt aufnahm, als der Kongo-Freistaat ziemlich viel Geld abwarf. Erst seitdem er profitabel sei, fielen den Engländern die armen Einheimischen auf, um derentwillen man ihn Leopold wegnehme müsse, hieß es in Belgien. Die Kampagne schrieb man neidischen und gierigen „Liverpool-Kaufleuten“ zu (zu denen E. D. Morel tatsächlich Verbindungen hatte).
  • In England und anderswo wurden Rufe laut, den Kongo-Freistaat aufzulösen und zwischen anderen Ländern aufzuteilen; dabei wurde behauptet, die Berlin-Konferenz hätte schließlich diesen Staat errichtet, er hätte unter einer Art Aufsicht der Teilnehmerstaaten stehen sollen und eine weitere Konferenz könne über ihn entscheiden. Juristisch gesehen war das völliger Unsinn; bei der Konferenz hatte die Internationale Kongo-Gesellschaft, die bereits von Deutschland und den USA anerkannt war, einfach die Gelegenheit genutzt, mit weiteren Staaten bilaterale Verträge zu schließen; durch die Konferenz selbst war nichts errichtet worden. Das heißt nicht, dass diejenigen, die eine humanitäre Intervention befürworteten und dafür das Völkerrecht kreativ auslegten, das aus schlechten Motiven getan hätten; aber in Belgien sah man das Ganze einfach nur als ausländische Aggression.

Die Regierung des Kongo-Freistaats machte sich natürlich daran, diese Version in den Zeitungen zu verbreiten (auch international investierte sie dafür viel Geld). Sicher habe es ein paar Verbrechen gegeben, aber die würden überall geschehen und die Täter würden ja bestraft werden. Und das Zwangsarbeitssystem sei nun einmal nötig, um die Einheimischen an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen und zu zivilisieren; aber es seien ja nur 40 Stunden im Monat, und in jedem anderen Staat würden auch Steuern verlangt, für die man arbeiten müsse.

Es gab aber eben auch tatsächliche Anhaltspunkte, bei denen sie ansetzen und die sie aufbauschen konnte. Zunächst war es im Kongo regional sehr unterschiedlich; kein Wunder, dass auch die Verteidiger des Kongo-Freistaats Berichte von Reisenden oder Missionaren vorzuzeigen hatten, die ein ganz anderes Land zeigten. Manche Gegenden waren kaum erschlossen; manche Gegenden waren nicht rohstoffreich; und manche Gegenden hatten Glück mit ihren Kolonialagenten. Wie bereits gesagt war es auf dem Staatsland meistens besser als bei den Konzessionsgesellschaften.

„Das System der Bewirtschaftung war nicht überall gleich hart; in der Psychologie der europäischen Agenten findet man, je nach den einzelnen Männern, alle Grade einer Skala, die von purer Gewinnsucht verbunden mit Brutalität zu ehrlich humanitären Empfindungen reicht; die Zwangsmittel und Repressionsmaßnahmen, die gegenüber den Einheimischen eingesetzt wurden, variierten beträchtlich je nach Zeit und Ort. Es gab zum Beispiel keine oder fast keine Gemeinsamkeiten zwischen den dunklen Wäldern der ABIR-Gesellschaft im Herzen des Kongo, die höllische Szenen stattfinden sahen, und den Savannen von Ober-Katanga, wo unparteiische Zeugen am Anfang des 20. Jahrhunderts eine in ihren Augen normale und zufriedenstellende Situation beschreiben.“ (Stengers, Jean: Les accusations anglaises contre le Congo: E. D. Morel, le fondateur de la Congo Reform Association, et la Belgique, in: Ders.: Congo. Mythes et réalités, Brüssel 2005, S. 129-158, S. 148f.)

Dazu kam, dass es Fälle gab, in denen Einheimische, die die belastenden Abgaben loswerden wollten, Europäern, die unabhängig vom Staat Nachforschungen anstellten, erfundene oder zumindest übertriebene Geschichten über Gräueltaten erzählten, weil sie meinten, diese könnten für ein Ende der Abgabenpflicht und der wirklichen Gräueltaten sorgen – eine kaum überraschende Taktik, wenn man ihre Situation ansieht.

Ein interessanter Fall ist der von Epondo, der (siehe Teil 2) im Untersuchungsbericht unter den sechs vor der Kommission vorgeführten Verstümmelten erwähnt worden ist, der eine Hand wegen eines Bisses eines wilden Tieres auf der Jagd verloren hatte, und über den es heißt, dass er in der Vergangenheit widersprüchliche Angaben gemacht hatte. Das ist derselbe Epondo, der schon im Casement Report erwähnt wird. Im Casement Report selbst wird er anonymisiert als „Junge II“ bezeichnet; in den Anhängen wird er in der Korrespondenz der englischen mit der kongolesischen Regierung unter seinem Namen erwähnt. Als Konsul Casement in sein Dorf in der Region von Coquilhatville gekommen war, hatten die Dorfbewohner und dieser Jugendliche selbst ihm seinen Arm gezeigt und einen Wächter namens Kelengo beschuldigt, die Hand abgeschnitten zu haben. Casement hatte dann eine gerichtliche Untersuchung angeregt (die Regierung des Kongo-Freistaats zitiert aus den Akten dazu), in deren Verlauf die Dorfbewohner angegeben hatten, sie hätten gelogen und Epondo habe seine Hand Jahre vorher, als er als Sklave bei einem anderen Einheimischen in einer anderen Region und mit diesem auf der Jagd war, durch einen Wildschweinbiss verloren. Epondo, der zunächst an seiner Geschichte festhielt, sagte am Ende dasselbe; die anderen Dorfbewohner hätten ihn dazu gebracht, zu lügen. Kelengo wurde freigesprochen.

(Aus Epondos Befragung durch den Staatsanwalt, englische Übersetzung. Quelle hier.)

Nun könnte man die Vermutung aufstellen, die Zeugen wären bei dieser Untersuchung eingeschüchtert worden; dass die spätere Untersuchungskommission (nachdem auch ein Arzt Epondo untersucht hatte) im Grunde zum selben Ergebnis kam, nämlich dass es ein wildes Tier gewesen war, lässt es allerdings als logischer erscheinen, dass die Geschichte tatsächlich erfunden worden war; dazu kommt ja die Bestätigung durch die Bewohner von Epondos ursprünglichem Heimatdorf Malele gegenüber Reverend Weeks, die im Untersuchungsbericht erwähnt wird. Epondo war zweimal von Engländern fotografiert worden (auch in der Collage mit Verstümmelten in Teil 2 ist er unten in der Mitte zu sehen).

Foto von Epondo (rechts) in „King Leopold’s Rule in Africa“.

Das Ende der Kongogräuel

Es kamen schon vor dem eigentlichen Ende der Kongogräuel mit der Zeit einzelne Verbesserungen – z. B. dass staatliche Agenten keine Prämien mehr für die Menge an geliefertem Kautschuk erhielten – aber das sorgte noch für kein Ende der Verbrechen. Mancherorts wurden sie sogar schlimmer, weil immer mehr Kautschuk gefordert wurde.

Als in Europa immer größere Erregung wegen der Kongogräuel herrschte und vor allem die britische Regierung Druck machte, musste Leopold im Jahr 1904 die schon erwähnte Untersuchungskommission ernennen, die im Winter 1904/1905 den Kongo bereiste, den Vorwürfen nachging, dann noch in Europa diverse Dokumente als Beweisstücke studierte und einen Bericht ausarbeitete, der Ende des Jahres 1905 veröffentlicht wurde und einige Reformen vorschlug, allerdings ohne die prinzipielle Berechtigung der „40 Stunden im Monat“ (als Maximum) infragezustellen. Die Kommission bestand aus drei Belgiern ohne Verbindungen zum Kongo-Freistaat, einem Italiener, der in der kongolesischen Justiz tätig war, und einem Schweizer. Die Ankläger des Kongo-Freistaats rechneten zuerst mit einer parteiischen Scheinuntersuchung, überzeugten sich dann aber von der weitgehenden Neutralität der Ermittler. Die belgischen Kommissionsmitglieder hatten zunächst damit gerechnet, vor Ort die Vorwürfe entkräften zu können und mussten ihre Meinung dazu ändern.

Die dicke schwarze Linie zeigt die Reiseroute der Untersuchungskommission an. Bildquelle hier.

Nach der Veröffentlichung des Berichts konnte auch in Belgien nicht mehr geleugnet werden, dass viele Beschuldigungen zumindest eine Grundlage hatten. Das belgische Parlament erkannte das geschlossen an (Abgeordnete der oppositionellen Sozialdemokraten, v. a. Émile Vandervelde, und einige Liberale hatten den Vorwürfen schon vorher eher Glauben geschenkt; die Katholiken, die die Mehrheit ausmachten, und andere Liberale erst später). Auch die öffentliche Meinung änderte sich, und ab dem Sommer 1906 musste Leopold einige Reformen zulassen, auch wenn er sich weiter gegen die Anerkennung der „Verleumdungen“ seines „Werkes“ wehrte; die Zwangsmittel („Wächter“, Militärexpeditionen) wurden beschränkt.

Die Kommission hatte das System der Arbeitspflicht von 40 Stunden pro Monat als im Prinzip legitim anerkannt, aber viele forderten tiefgreifendere Reformen: Diese Zwangsarbeit und die ganze Inbeschlagnahme aller unbewohnten Gebiete als staatliches Eigentum müssten ein Ende finden, weil sie die Verbrechen verursachten und jeder Versuch, die Arbeitspflicht humaner zu regeln, in der Praxis scheitern müsse. Die Kritiker (z. B. der Jurist Cattier) verglichen es mit der Situation in anderen Kolonien, wo die Jagd- und Sammelgebiete der Einheimischen nicht als „ungenutztes“ Land vom Staat beansprucht wurden, und wo keine Zwangsarbeit, sondern nur geringfügige Steuern existierten.

Und das eigentliche Ende der Missstände kam dann auch 1908, als der Kongo zu einer regulären belgischen Kolonie statt einem Privatunternehmen Leopolds wurde und dieses Zwangsarbeitssystem abgeschafft wurde. Die Entscheidung zur Annexion war schon im Dezember 1906 gefallen, als die britische Regierung immer mehr Druck ausübte und auch andere Länder (Deutschland, Frankreich, USA) sich anschlossen, und Leopold einsehen musste, dass es keine andere Möglichkeit mehr gab, wenn er nicht eine internationale Konferenz und womöglich den völligen Verlust des Kongo riskieren wollte. Er hatte die Annexion durch Belgien eigentlich abgelehnt, seitdem der Kongo rentabel war, und erst vorgesehen, Belgien nach seinem Tod den Kongo zu „vererben“, mit einem möglichst unveränderten System; besonders wichtig war es ihm gewesen, die „Stiftung der Krone“ zu erhalten, deren Einnahmen für seine Bauprojekte in Belgien verwendet worden waren. Die Vorbereitungen und das Hin und Her zwischen König, Ministern, Parlament und einer Kommission aus Vertretern der im Parlament sitzenden Parteien über die zukünftige Verfassung von Belgisch-Kongo dauerten einige Zeit, sodass dann erst im November 1908 der Kongo annektiert wurde.

Proklamation der Annexion des Kongo-Freistaates durch Belgien, 1908. („Ich habe die Ehre, dem Personal des Kongo-Freistaates, allen nicht-einheimischen Bewohnern der europäischen und der farbigen Rasse und allen kongolesischen Staatsangehörigen mitzuteilen, DASS AB DEM 15. NOVEMBER 1908 Belgien die Souveränität über die Territorien übernimmt, aus denen der Kongo-Freistaat besteht. Boma, am 16. November 1908. Für den abwesenden Generalvizegouverneur, der Staatsinspektor GHISLAIN.“)

„Jene, die die Missbräuche im Kongo anprangerten, erklärten lautstark, dass diese Missbräuche nur ein Ende nehmen könnten, wenn man aus der Verwaltung des Landes all jene entfernen würde, die sie begangen hatten. Tatsächlich war diese massive Säuberung gar nicht notwendig. Der Kongo-Freistaat, wie gesagt, führte ab 1906 wichtige Reformen ein, ohne allerdings auf die Zwangsarbeit zu verzichten. Nach der Annexion durch Belgien 1908 wurde die Zwangsarbeit selbst abgeschafft. Die Situation der Einheimischen verbesserte sich rapide, obwohl es das alte Personal des Freistaates war, das zu einem großen Teil im Amt geblieben war; aber es war aus dem Räderwerk des Systems entkommen.“ (Stengers, Jean: L’État Indépendant du Congo et le Congo belge jusqu’en 1914, in: Ders.: Congo. Mythes et réalités, Brüssel 2005, S. 99-128, S. 109f.)

Der Kongo-Freistaat war jetzt zu Belgisch-Kongo geworden, einer klassischen Kolonie. Außer der Abschaffung der Zwangsarbeit wurde den Einheimischen auch das Recht wiedergegeben, auf eigene Faust Produkte wie Kautschuk zu sammeln und damit zu handeln, die Regierung schaute in den folgenden Jahrzehnten darauf, die bei der Berlin-Konferenz eingegangene Verpflichtung zur Handelsfreiheit zu achten, die belgischen und kongolesischen Staatsfinanzen wurden getrennt, und in der Folgezeit wurde mehr für die Einheimischen getan. Die „Kolonialcharta“, das grundlegende Gesetz für Belgisch-Kongo, enthielt Rechte für alle Einwohner, die auch eingehalten wurden – sie entsprachen einigen, wenn auch nicht allen Rechten der belgischen Verfassung (die typischen zivilen Rechte wie Freiheit der Person, Recht auf den gesetzlichen Richter, Schutz des Eigentums, Religionsfreiheit oder Unverletzlichkeit der Wohnung waren enthalten; die politischen wie die Vereinigungsfreiheit oder das Wahlrecht nicht); Leopold regte sich bei der Ausarbeitung des Gesetzes über seine Parlamentarier, diese „Ideologen“, auf, mit „ihren Vorstellungen, den N*gern alle konstitutionellen Rechte zuzusprechen“. Das belgische Parlament erhielt einen wesentlichen Einfluss auf die Regierung der Kolonie, d. h. sie wurde nicht von König und Kolonialminister allein regiert; das sorgte allerdings auch für eine ziemliche Zentralisierung der Kolonialpolitik in Brüssel, während die Beamten vor Ort vergleichsweise wenig entscheiden konnten.

Leopold II. starb kurz darauf im Jahr 1909. „Hear how the demons chuckle and yell. / Cutting his hands off, down in Hell“, dichtete ein amerikanischer Dichter 1912 über ihn (etwa: „Hör wie die Dämonen jauchzen und johlen, während sie unten in der Hölle seine Hände abhacken“); sein Ruf war noch immer im Keller (übrigens auch wegen seines wüsten Privatlebens). In den Jahrzehnten darauf gewann er posthum allerdings wieder mehr Ansehen – jedenfalls in Belgien.

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Letztes Foto von Leopold II.

In letzter Zeit, als das Statuenstürzen beliebter wurde, sind ja auch Leopoldstatuen, von denen v. a. in Belgien noch einige stehen, in die Kritik geraten.

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Statue von Leopold in Kinshasa, ehemals Leopoldville, im Kongo.

Einige Aktivisten in England blieben zunächst skeptisch gegenüber den Verbesserungen; aber schließlich waren auch sie überzeugt davon, dass die Situation sich grundlegend geändert hatte. Im Jahr 1913 löste sich Morels Congo Reform Association auf.

Leopolds Neffe und Nachfolger, König Albert I., und seine Frau Elisabeth auf Besuch in Belgisch-Kongo, 1928. Albert hatte den Kongo auch 1909 bereist, um die Situation dort zu sehen.

Belgisch-Kongos Schicksal nach 1908

In diesen letzten fünf Jahrzehnten der Kolonialzeit verlor der Kautschuk sehr schnell seine Bedeutung, dafür wurde der Kongo ein bedeutender Exporteur von Bodenschätzen wie Kupfer und Uran (kongolesisches Uran wurde für den Bau der ersten Atombombe verwendet). Die Zahl der im Land lebenden Belgier stieg auf über 100.000 an. Einen gewissen Arbeitszwang gab es allerdings diese ganzen Jahrzehnte noch: Die Landbevölkerung wurde ab 1917 verpflichtet, bestimmte Mengen an Lebensmitteln und Exportprodukten wie Baumwolle anzubauen; diese Produkte gehörten dann allerdings ihnen und sie verkauften sie zu ihrem eigenen Profit an die Firmen, die sie exportierten; das Ganze sollte den Lebensstandard heben. Verstöße wurden mit Geldbußen und kurzen Gefängnisstrafen geahndet. Am Ende der Kolonialzeit gab es eine heftige Reaktion gegen dieses System, das lange ohne größeren Widerstand akzeptiert worden war. In den 1920ern hatte es auch noch eine eigentlich illegale zwangsweise Rekrutierung von Arbeitern für Minen, Eisenbahnbau etc. gegeben; man hatte Häuptlinge dafür bezahlt, eine vorgegebene Zahl an Arbeitern zu stellen. Das endete dann und man bemühte sich eher um positive Anreize. Nach Art. 2 der Kolonialcharta durfte niemand mehr zur Arbeit für Privatleute oder Gesellschaften gezwungen werden.

In der späten Kolonialzeit war Belgisch-Kongo anderen afrikanischen Kolonien beim Lebensstandard und vor allem bei der medizinischen Versorgung tatsächlich überlegen, die Sozialprogramme für Minenarbeiter und deren Familien ab den späten 1920ern beispielsweise waren ziemlich gut (die großen Minengesellschaften betrieben in Zusammenarbeit mit Missionaren Schulen, Krankenhäuser, sogar Sportstätten, zahlten einen Kinderbonus, o. Ä.); bei der höheren Bildung hinkte er ein Stück weit hinterher, weil das Bildungswesen zunächst fast nur Missionaren überlassen worden war, deren Prioritäten eine breite Versorgung mit Grundschulen, Berufsbildung und Priesterseminare waren, und weil die Regierung junge Kongolesen nicht gern im Ausland studieren ließ, wo sie sich den Kommunismus einfangen konnten. Die erste Universität in Belgisch-Kongo (die katholische Universität Lovanium in Leopoldville/Kinshasa) wurde 1954 gegründet, zwei weitere Universitäten kamen kurz darauf hinzu.

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Schüler einer medizinischen Schule in Belgisch-Kongo (Yakusu).

Im Jahr 1960 wurde die lange Zeit politisch stabile belgische Kolonie, deren Führung fest in den Händen Belgiens gewesen war und in der die Einheimischen sich lange Zeit so gut wie gar nicht für politische Partizipation interessiert hatten und ziemlich loyal zu Belgien gewesen waren (auch wenn sie vielleicht rassische Diskriminierung z. B. bei ihren Löhnen beklagt hatten), nach einem zwar ziemlich unblutigen, aber auch ziemlich unvorhergesehenen und abrupten Prozess der Dekolonialisierung unabhängig und zur „Republik Kongo“, dann „Demokratische Republik Kongo“ (unter dem Diktator Mobutu zwischenzeitlich in „Zaire“ umbenannt); einem leider bald exrem dysfunktionalen Staat, auch im afrikanischen Vergleich, der unter mehreren Bürgerkriegen litt.

(Zur kongolesischen Unabhängigkeitsbewegung: Sie ist ein erstklassiges Beispiel dafür, wie ohne viel äußeren Druck eine interne „Radikalisierungs“spirale ablaufen kann. Erst 1956 kamen unter kleinen Gruppen von gebildeten Kongolesen erste Rufe nach einer langsamen, sich voraussichtlich über Jahrzehnte hinziehenden politischen Emanzipation auf, an deren Ende der Kongo seine eigenen demokratischen Institutionen haben, aber immer noch in einer Föderation mit Belgien verbunden sein sollte (grob derselbe Plan, den die Belgier hatten, auch wenn die meisten keine Fristen dafür setzen wollten); bereits 1958 wurde dann von denselben Gruppen die totale Unabhängigkeit, und zwar so schnell wie möglich, gefordert, politische Gruppierungen bildeten sich. Noch blieb aber alles friedlich, die Radikalisierung war auf kleine Gruppen beschränkt. Eine kleine überparteiliche belgische Arbeitsgruppe von Politikern entschied, dass der Weg zur Unabhängigkeit – die jetzt schon andere Kolonien anderer Länder erlangten – unvermeidbar wäre; man sollte demokratische Institutionen im Kongo schaffen und den Kongolesen am Ende die Wahl zwischen einer teilweisen Autonomie und einer völligen Unabhängigkeit lassen. Im Januar 1959 gab es dann unvorhergesehene, heftige Krawalle in Leopoldville, die die Force Publique aber wieder in den Griff bekam. Die Regierung versprach die zukünftige Unabhängigkeit, aber man wollte sich zuerst noch die Zeit nehmen, um im Kongo die politischen Strukturen aufzubauen. Dann aber verlief im Lauf dieses einen Jahres 1959 alles immer schneller, im Kongo gründeten sich Parteien, die Massen fingen an, sich heftig für die sofortige Unabhängigkeit zu begeistern, im Niederkongo verlor die koloniale Verwaltung schnell jede Autorität. In Belgien hielt keiner die Zeit wirklich für reif, die Kongolesen für gut vorbereitet auf die Unabhängigkeit; aber die öffentliche Meinung in Belgien war auch gegen den Einsatz von Gewalt und wollte ein freundschaftliches Auseinandergehen, das zeigte, dass die Kolonialgeschichte ein Erfolg gewesen war. Schließlich sagte man die Unabhängigkeit schon für das kommende Jahr, 1960, zu. Anfang 1960 fand ein runder Tisch zwischen kongolesischen Delegierten (darunter Patrice Lumumba, Joseph Kasavubu und Moise Tschombé) und belgischen Politikern statt. Eine neue Verfassung wurde ausgearbeitet, es gab Wahlen, und am 30. Juni 1960 wurde der Kongo unabhängig.)

Unterzeichnung des Dokuments, das dem Kongo Unabhängigkeit gewährt, durch Patrice Lumumba und Gaston Eyskens.

Die Kongogräuel wurden seitdem wieder bekannter in Afrika, weit über den Kongo hinaus, und auch die „10 Millionen“-Zahl wurde jetzt öfter verbreitet, während das alles in Europa eher in Vergessenheit geriet – erst in letzter Zeit scheint es wieder mehr Interesse daran zu geben.

An dieser Stelle sei noch kurz eine Fälschung erwähnt, die heutzutage in Afrika verbreitet wird; mir hat sie vor ein paar Jahren ein Afrikaner gezeigt, der sie aus der Schule in seinem Heimatland kannte. Es handelt sich um eine Rede, die Leopold II. angeblich im Jahr 1883 vor den ersten in den Kongo gesandten Missionaren gehalten haben soll.

Die englischen Untertitel sind ein bisschen fehlerhaft, aber man bekommt das Wichtigste mit. Grober Inhalt: Die Missionare sollen vor allem den Interessen Belgiens dienen; die Einheimischen würden Gott und Moral ja wohl schon kennen; sie seien daher nur dafür da, ihnen einzureden, dass Armut gut sei, damit sie sich nicht mehr für die Reichtümer des Landes interessieren; dass sie die andere Wange hinhalten sollen, wenn Weiße mit Gewalt gegen sie vorgehen; wenn sie fragen sollten, wieso die Weißen nicht das täten, was sie predigten, sollten sie antworten „richtet euch nach dem, was wir sagen, und nicht nach dem, was wir tun“ und sagen, die Schwarzen sollten glauben, ohne etwas infragezustellen.

Die Rede ist schlichtweg eine Erfindung aus dem späten 20. Jahrhundert, die zuerst in den 1970ern im Kongo verbreitet wurde; mal wurde sie Leopold im Jahr 1883 zugeschrieben, mal einem späteren Kolonialminister namens Jules Renkin im Jahr 1920. (Renkin war nun wirklich kein böswilliger Tyrann, und im Jahr 1920 war nicht einmal er Kolonialminister, sondern Louis Franck.) Ihre Erfindung fällt in die Zeit, als unter Diktator Mobutu die kongolesische Regierung den christlichen Glauben als ausländisch, unauthenisch, als von den Kolonialherren übergestülpt bekämpfte und z. B. kirchliche Schulen verstaatlichte und Propaganda v. a. gegen die katholische Kirche (die bedeutendste Konfession im Kongo; heute sind die Hälfte der Kongolesen katholisch) machte. Auch unabhängige, afrikanisierte Kirchen wie die relativ große Sekte der Kimbanguisten machte sich daran, sie zu verbreiten. In Ruanda verbreiteten manche sie mit ein paar Änderungen: Die Missionare werden angewiesen, sich auf die Volksgruppe der Tutsi zu stützen. Später wurde sie in kamerunischen Zeitschriften weiterverbreitet, gelangte schließlich ins Internet, und hier hat sie offenbar irgendein Afrikaner – der Akzent klingt eher afrikanisch – als Tonaufnahme aufgenommen.

Der Inhalt ist schlicht Unsinn: Kein Missionar hätte in dieser Weise geredet oder gedacht; selbst wenn irgendeiner mal eher den Mund zu Verbrechen hielt, um keine Probleme mit seiner Regierung zu bekommen, war er eigentlich gekommen, weil er den Einheimischen etwas Gutes bringen wollte. Aber schon Details zeigen die Fälschung: Da wäre z. B. die Tatsache, dass „Leopold“ den Ausdruck „Belgisch-Kongo“ verwendet, als noch nicht einmal der Kongo-Freistaat, geschweige denn eine belgische Kolonie existierte; außerdem scheint der Redner die Missionare im Land willkommen zu heißen: Leopold war aber nie im Kongo. Nicht einmal das Jahr der angeblich ersten Entsendung der Missionare stimmt.

Das jedenfalls war letztlich das Ende von Leopolds großem Projekt, seinem „Werk“, auf das er so stolz gewesen war.

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Ehemalige Residenz des Generalgouverneurs in Boma, Foto von 2008. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer PClement.

Die Kongogräuel, Teil 2: Die eigentlichen Verbrechen und die Opferzahlen

Im ersten Teil ging es darum, wie es um 1885 zur Entstehung des Kongo-Freistaats und 1891/92 zur Entstehung des Zwangsarbeitssystems in diesem Staat kam; jetzt dazu, welche Verbrechen geschahen, wenn die (oft genug exzessive) Pflicht zum Kautschuksammeln durchgesetzt werden sollte, und ganz am Ende des Artikels noch zu den Opferzahlen.

Es gab verschiedene Methoden: Man nahm Geiseln (häufig Frauen) aus den Dörfern, die auf den Staatsposten festgehalten wurden, bis das Dorf die gewünschte Menge an Kautschuk lieferte, wobei die Geiseln oft unter schlechten Bedingungen eingesperrt wurden; man sperrte diejenigen, die zu wenig geliefert hatten, für ein paar Wochen oder Monate ein und ließ sie Zwangsarbeit verrichten; man verabreichte ihnen Schläge mit der „Chicotte“/Nilpferdpeitsche (einer Peitsche aus Nilpferdhaut); man legte dem Dorf zusätzlich hohe Geldbußen auf, die in einer lokalen Währung aus Kupferstäbchen gezahlt werden mussten und die es irgendwie auftreiben musste (es gibt ein paar Berichte, dass manche Einheimische sich gezwungen sahen, ihre Familienmitglieder in die Sklaverei in andere Dörfer zu verkaufen, um genug Kupferstäbe zusammenzubekommen); man stationierte einzelne „Wächter“ (sog. „Sentinelles“ oder „Capitas“) in den Dörfern, die mit einfachen Gewehren bewaffnet waren und die Arbeit überwachen sollten; man schickte die Armee – die sog. Force Publique („öffentliche Streitmacht“) – in die Dörfer.

Die „Wächter“ waren immer Einheimische; die Force Publique bestand zum größten Teil aus Einheimischen unter weißen Befehlshabern; im Jahr 1905 ca. 15.000 Einheimische unter wenigen hundert Weißen – alle Zivilisten mitgezählt lebten im Kongo im Jahr 1908 ca. 3000 Weiße. (Es war nicht immer ganz leicht, Leute zu finden, die in die Kolonien gehen wollten und auch das Klima vertrugen, und es war eine Sache der Notwendigkeit, sich mit Einheimischen zu verbünden oder sie anzuheuern.) Die schlimmsten Gräueltaten passierten laut den Berichten davon tatsächlich oft, wenn (was nach einiger Zeit theoretisch verboten wurde) Truppen ohne europäischen Offizier ausgeschickt wurden. Einer der Vorwürfe gegen den Kongo-Freistaat war gerade, er würde seine Soldaten unter „wilden und kannibalischen“ Stämmen wie den Bangala auswählen, worauf seine Antwort in etwa lautete, es gäbe ja keine Auswahl, da wären doch eh alle Kannibalen. Die Täter stammten für gewöhnlich aus anderen Stämmen als ihre Opfer, man schickte sie in andere Gegenden, als die, in denen sie beheimatet gewesen waren; und die Stämme im Kongo waren oft genug verfeindet gewesen.

Es war beileibe nicht so, dass es keine weißen Täter gegeben hätte, die Morde und Massaker direkt befahlen (oder indirekt befahlen, ohne ganz die Verantwortung übernehmen zu wollen); und in jedem Fall errichteten und hielten die weißen Agenten ein System aufrecht, das regelmäßig zu Mord und Totschlag führen musste, und profitierten davon (sie erhielten v. a. anfangs Prämien für höhere Mengen Kautschuk oder Elfenbein). Dennoch: Die schlimmsten Taten geschahen ohne ihre direkte Anweisung durch afrikanische Täter; sie hätten sich oft mit (auch sehr unschönen) Methoden wie Geiselnahme und Auspeitschung zufriedengegeben statt Mord und Plünderung. Und ihre einheimischen Soldaten waren meistens nur zu eifrig dabei, andere auszuplündern und ihre neue Macht willkürlich auszunutzen.

Force Publique in Boma.

Da der Staat nicht die Ressourcen hatte, alle Gebiete zu erschließen, vergab er in einigen Gebieten „Konzessionen“, also das Monopol auf bestimmte Rohstoffe – v. a. Kautschuk, aber auch Kopal und Elfenbein – und das Recht, die Abgabenpflicht der Einheimischen in Anspruch zu nehmen. In den Gebieten der Konzessionsgesellschaften (v. a. der ABIR-Gesellschaft („Anglo-Belgian India Rubber Company“ – Kautschuk heißt auf Englisch „india rubber“, „indischer Gummi“) und der Anversoise-Gesellschaft) war es deutlich schlimmer als auf dem staatlichen Land, ausgenommen die „Stiftung der Krone“ (Domaine de la Couronne), wo es ebenfalls viele Verbrechen gab; und sie bemühten sich natürlich auch nicht, auch nur das geringste bisschen an öffentlicher Infrastruktur wie Eisenbahnen oder Krankenhäuser bereitzustellen. Auch diese Gesellschaften stellten Wächter ein und führten oft, ohne dazu eigentlich befugt zu sein, regelrechte militärische Expeditionen. Hinter den Gesellschaften standen wenige wohlhabende Geldgeber wie z. B. der belgische Bankier Alexandre de Browne de Tiège. Der Staat erhielt für gewöhnlich die Hälfte der Einnahmen der Gesellschaft.

Karte des Kongo-Freistaats mit den Konzessionsgebieten („ABIR Trust“, „Anversoise Trust“; oben mittig), 1906.

Um einen Eindruck von der Situation zu geben, wieder einige Zitate aus dem Bericht der Untersuchungskommission von 1904/05 (im nächsten Artikel mehr zu dieser Kommission), den ich in Teil 1 schon erwähnt habe:

Zu den Wächtern:

„Laut den Zeugen missbrauchen diese Hilfskräfte, vor allem die, die in die Dörfer abgestellt werden, die Autorität, die ihnen übertragen wurde, spielen sich als Despoten auf, verlangen Frauen, Lebensmittel, nicht nur für sich, sondern auch für das Gefolge von Schmarotzern und zwielichtigen Gestalten, die die Liebe zum Diebstahl schnell dazu bringt, sich ihrem Schicksal anzuschließen und mit denen sie sich wie mit einer wahrhaftigen Leibgarde umgeben; sie töten ohne Mitleid jene, die Miene machen, sich ihren Forderungen, ihren Launen zu widersetzen.

Die Kommission konnte offensichtlich nicht in allen Fällen die Korrektheit der Anschuldigungen überprüfen, die vor ihr vorgebracht wurden, besonders da die Fakten oft mehrere Jahre zurücklagen. Dennoch, die Grundlage der gegen die Wächter vorgebrachten Anschuldigungen scheint aus einer Gesamtheit von Zeugenaussagen und offiziellen Berichten hervorzugehen. […]

Wie vieler Missbräuche haben sich die Wächter schuldig gemacht? Es ist uns unmöglich, das zu sagen, selbst annäherungsweise.

Mehrere Häuptlinge aus der Region von Baringa [im Gebiet der ABIR-Gesellschaft] haben uns nach der einheimischen Methode Bündel von Stäben gebracht, von denen jedes einen ihrer Untergebenen repräsentieren sollte, der von den Capitas getötet worden war. Einer von ihnen zeigte für sein Dorf eine Gesamtmenge von hundertzwanzig in den letzten Jahren begangenen Morden an. Was man auch darüber denken mag, welches Vertrauen diese Berechnung der Verbrechen verdient, ein Dokument, das der Kommission vom Direktor der AIBR-Gesellschaft in Afrika übergeben wurde, erlaubt es nicht, am unheilvollen Charakter dieser Institution zu zweifeln. Es handelt sich um eine Liste, die feststellt, dass vom 1. Januar bis zum 1. August 1905, d. h. im Verlauf von sieben Monaten, hundertzweiundvierzig Wächter der Gesellschaft von den Einheimischen getötet oder verletzt worden waren. Nun ist es anzunehmen, dass die Wächter in vielen Fällen wegen der Repressalien von den Einheimischen angegriffen wurden. […] Andernteils haben die von der Kommission befragten oder bei den Anhörungen anwesenden Agenten nicht einmal versucht, die gegen die Wächter vorgebrachten Anschuldigungen zu widerlegen.“ (Untersuchungsbericht, S. 52)

Als Wächter wurden auch oft Ortsfremde gewählt, die mit ihren Untergebenen nichts gemeinsam hatten; und auch wenn sie aus dem Dorf selbst stammten, stellten sie eine Gegenautorität zum traditionellen Häuptling dar und meinten, ihre neu erworbene Stellung ausnutzen zu können; es gab damals schlicht keine kongolesische (der Staat war eine reine Konstruktion Leopolds) oder afrikanische Identität oder Zusammenhalt.

Über militärische Expeditionen schreibt die Kommission, wobei sie noch nicht das Abgabensystem an sich infragestellt, alles immer noch im für die Regierung am wenigsten schlimmen Licht präsentiert und sich bewusst sehr diplomatisch ausdrückt:

„Oft besteht die Expedition dieser Art in einer einfachen Aufklärungsmission, einer friedlichen Tour, bei der der weiße Offizier, der die Anweisungen und Rundschreiben achtet, sich darauf beschränkt, seine Truppen in die verweigernden oder nachlässigen Dörfer zu führen. Er setzt sich mit den Häuptlingen in Verbindung, und indem er den Schwarzen, die nur den Apparat der Macht respektieren, die Stärke des Staates zeigt, gibt er ihnen die Torheit einer Eigensinnigkeit zu verstehen, die sie in Konflikt mit den Truppen bringen würde. […]

Leider haben die Expeditionen nicht immer diesen friedlichen Charakter und diese guten Auswirkungen. Manchmal wurde es für nötig gehalten, energischer zu handeln.

In diesem Fall bestand der schriftliche Befehl, der dem Befehlshaber der Expedition von seinem Vorgesetzten gegeben wurde, meistens darin, ihm anzuordnen, ‚die Einheimischen an ihre Pflichten zu erinnern‘.

Das Vage, die Ungenauigkeit solcher Befehle, und, in bestimmten Fällen, die Leichtfertigkeit dessen, der damit beauftragt war, sie umzusetzen, hatten oft nicht gerechtfertigte Tötungen zur Folge. […]

Es kommt tatsächlich am häufigsten vor, dass die Einheimischen beim Näherrücken der Truppe fliehen, ohne irgendeinen Widerstand entgegenzusetzen. Die im Allgemeinen befolgte Taktik besteht dann darin, das verlassene Dorf oder die benachbarten Felder zu besetzen. Vom Hunger getrieben kehren die Einheimischen zurück, entweder allein oder in kleinen Gruppen. Man nimmt sie fest, man ist bestrebt, den Häuptling und die angesehenen Männer zu fassen, die sich fast immer unterwerfen, versprechen, ihre Verpflichtungen nicht mehr zu verletzen, und denen manchmal Geldbußen auferlegt werden.

Aber es kommt auch vor, dass die Einheimischen nur zögerlich wiederkehren. Eine der im Allgemeinen angewandten Maßnahmen in diesem Fall ist das Aussenden von Patrouillen, die sich durch den Busch schlagen, mit dem Auftrag, die Einheimischen zurückzuholen, die sie treffen. Man sieht sofort die Gefahren dieses Systems. Der bewaffnete Schwarze, sich selbst überlassen, fühlt in sich die blutigen Instinkte wieder aufsteigen, die die strikteste Disziplin kaum zügeln konnte. Während solcher Patrouillen wurden die meisten Morde begangen, die den Soldaten des Staates vorgeworfen werden, und insbesondere jene, die die in der Gegend von Monsembe unternommene Expedition kennzeichneten, Gegenstand einer Beschwerde von Reverend Weeks.

Die Regierung wurde sich der dieser Taktik inhärenten Missbräuche bewusst und hat die Aussendung von Patrouillen, die nicht von einem Weißen befehligt werden, strikt verboten, aber diese Verbote wurden oft missachtet, trotz der über Agenten, die dagegen verstießen, verhängten Strafen. […]

Manchmal nahm die militärische Expedition einen noch klarer repressiven Charakter an. Wir wollen von jenen Operationen sprechen, die man als ‚Strafexpeditionen‘ bezeichnet hat und deren Zweck es ist, einem Dorf oder Gruppierungen von Einheimischen eine examplarische Bestrafung zuzufügen, und von denen manche unbekannt geblieben sind und sich eines Verbrechens oder einer schwerwiegenden Beeinträchtigung der Autorität des Staates schuldig gemacht haben.

(Foto in „King Leopold’s Rule in Africa“ von E. D. Morel; der Autor bezeichnet die Kongogräuel als neue Form der Sklaverei, daher die Bildunterschrift.)

Der dem Kommandant der Abordnung gegebene Befehl war dann im Allgemeinen in der folgenden Weise abgefasst: ‚N… wird beauftragt, dieses Dorf zu bestrafen oder zu züchtigen‘. Die Kommission hat von mehreren Expeditionen dieser Art erfahren. Deren Folgen waren manchmal sehr mörderisch. Und man braucht sich nicht darüber zu wundern. Wenn während delikater Operationen, deren Ziel die Geiselnahme und die Einschüchterung der Einheimischen ist, eine Überwachung zu allen Zeiten nicht immer verhindern kann, dass die blutigen Instinkte der Schwarzen sich freien Lauf lassen, wenn der Befehl zu strafen von einer höheren Autorität kommt, ist es sehr schwierig, dass die Expedition nicht in Massaker begleitet von Plünderung und Brandstiftung ausartet.“ (Untersuchungsbericht, S. 63-66)

Häufig vergewaltigten die Soldaten auch Frauen aus den Dörfern und/oder verschleppten sie auf die Posten und hielten sie dort für längere Zeit fest.

Man wird davon ausgehen dürfen, dass die Vorgesetzten sich gut bewusst waren, was aus ihren (bewusst) vagen Befehlen öfter mal resultieren würde.

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Soldaten im Fort von Shinkakasa.

Für besonderes Entsetzen sorgten in Europa Bilder von Kongolesen mit abgehackten Händen, die in den Jahren ca. ab 1903 öfter verbreitet wurden. Heute ist es verbreitet, zu glauben, Belgier hätten zur Strafe für zu wenig gesammelten Kautschuk Hände abhacken lassen. Das ist falsch; und wäre auch eine sehr schlechte Idee gewesen, wenn man von Leuten in Zukunft noch Kautschuk bekommen will. Um Art und Ausmaß der Verstümmelungen zu sehen, ist der Untersuchungsbericht wieder hilfreich.

Vor allem bei Militärexpeditionen, schreibt die Kommission, seien die Verstümmelungen passiert, auf die v. a. protestantische Missionare hingewiesen hätten. Es werden folgende Aussagen/Vorkommnisse aufgezählt:

„Beim Tumba-See in Ikoko haben Missionare und mehrere Schwarze uns versichert, um das Jahr 1895 in einem mit Soldaten besetzten Einbaum einen Korb gesehen zu haben, der zwischen zwölf und zwanzig abgehackte Hände enthielt. Reverend Clark erklärt, ungefähr um dieselbe Zeit in einem Einbaum an einen Stab gebundene abgehackte Hände gesehen zu haben; sie seien ihm vorgekommen, als seien sie geräuchert worden. Beide Einbäume waren unterwegs in Richtung Bikoro. Ein Einheimischer beteuert, dass diese Hände dem Postenchef von Bikoro gezeigt wurden und Herr Clark erklärt, dass dieser Agent, der heute verstorben ist, als er ihm seinen Hund gezeigt habe, ihm gesagt habe: ‚Das ist ein menschenfressender Hund, er frisst abgehackte Hände.‘ Derselbe Missionar, Frau Clark und Frau Whitman haben uns gesagt, bei mehreren Gelegenheiten im Verlauf von staatlichen Expeditionen getötete Einheimische gesehen zu haben, deren rechte Hand abgeschnitten worden war. Herr und Frau Clark, wie auch ein schwarzer Zeuge, behaupten, ein kleines Mädchen gesehen zu haben, dessen Hand während einer Expedition abgehackt worden war, und das nach sechs Monaten starb, trotz der medizinischen Pflege, die man ihr reichlich zukommen ließ, und eine auf dieselbe Weise verstümmelte Frau.

Diese Missionare erzählten uns zuletzt von einem Einheimischen namens Mola, der beide Hände nach schlechter Behandlung durch Soldaten verloren hatte, was durch eine Ermittlung festgestellt worden war. (Mola war von Soldaten gefangen genommen worden. Die Fesseln um seine Handgelenke, zu eng zugezogen, verursachten Wunden, die brandig wurden; die beiden Hände waren verloren.)

(Der Mola im mittleren Bild dürfte derselbe sein, von dem hier die Rede ist; Fotos aus „King Leopold’s Rule in Africa“.)

Schwarze Zeugen, beheimatet im Distrikt des Leopold-II-Sees, die Herr Scrivener in Bolobo beigebracht hat, brachten vor, dass sie, als ihr Dorf vor fünf oder sechs Jahren nach einem Kampf von staatlichen Truppen besetzt worden war, sieben Genitalien gesehen hatten, die bei während des Kampfes getöteten Einheimischen abgeschnitten worden und an eine Liane gehängt worden waren, die zwischen zwei Stangen vor der Hütte, in der der Weiße wohnte, festgemacht war.

Die Kommission ihrerseits hat mehrere Verstümmelte gesehen.

Im Posten von Coquilhatville haben wir Epondo und Ikabo befragt. Epondo fehlte die linke Hand, und Ikabo die rechte.

Herr Clark, in Ikoko, präsentierte uns Mputila, aus Yembe (Tumba-See), dem die rechte Hand fehlte. Reverend Louver, in Ikau, hat vor uns Imponge aus N‘Songo erscheinen lassen, einen Jungen, der etwa zehn Jahre alt wirkte, und der der rechten Hand und des rechten Fußes beraubt war. Reverend Harris hat uns in Baringa einen Mann namens Isekosu und die Frau Boali gezeigt, dem ersten fehlte die rechte Hand und der zweiten der rechte Fuß.

Epondo, der wiederholt, was er schon zuvor berichtet hat, sagt uns, dass er die linke Hand infolge eines Wildschweinbisses verloren habe, als er eines Tages mit seinem Herrn auf der Jagd gewesen sei. (Ohne etwas auf die Aussagen von Epondo zu geben, der bei seinen verschiedenen Zeugenaussagen in den letzten zwei Jahren Unterschiedliches erzählt hat, ist die Kommission, indem sie sich auf ihre eigenen Feststellungen und die gründliche ärztliche Untersuchung, die von Dr. Védy in Coquilhatville vorgenommen wurde, stützt, überzeugt, dass Epondo die Hand tatsächlich in Folge des Bisses eines wilden Tieres verloren hat. Außerdem hat Reverend Weeks uns gesagt, dass diese Tatsache im Dorf Malele, aus dem Epondo ursprünglich stammt, bekannt sei, wie er persönlich bei einem kürzlichen Besuch in diesem Dorf habe feststellen können.)

Imponge erklärt, dass, als er ein kleines Kind war, Wächter (Sentinelles) in sein Dorf kamen, sein Vater mit ihm auf dem Arm floh und ihn zu einem bestimmten Zeitpunkt im Wald fallen ließ, um schneller rennen zu können. Ein Wächter sah ihn und hackte ihm die rechte Hand und den linken Fuß ab, um sich die Kupferringe zu verschaffen, die er am Knöchel und Daumen trug. Dieser Bericht wird vom Vater bestätigt.

Die Frau Boali sagt, dass ein Capita, dem sie sich verweigert hatte, sie mit einem Gewehrkolben zu Boden schlug und, da er sie für tot hielt, ihr den Fuß abschnitt, um den Kupferring um ihren Knöchel mitzunehmen.

Die drei anderen Verstümmelten geben eine Aussage ab, die sich so zusammenfassen lässt: ‚Die Soldaten (oder die Wächter) sind gegen unser Dorf in den Krieg gezogen. Ich bin verletzt worden und wie tot zu Boden gefallen. Ein Soldat (oder ein Wächter), der mich für tot hielt, hackte mir die Hand ab.‘

Herr Monney, der Chef des Postens von Bikoro, sagt, dass er abgesehen von Mola noch drei andere Einheimische gesehen habe, denen die rechte Hand fehlte und die ihm dasselbe berichtet hätten.

Aus der Gesamtheit der gemachten Feststellungen und der Zeugenaussagen und Auskünfte, die die Kommission erhalten hat, lässt sich schließen, dass die Verstümmelung von Leichen ein alter Brauch ist, der in den Augen der Einheimischen nicht denselben leichenschänderischen Charakter hat wie in unseren. Das Abtrennen gewisser Körperteile einer Leiche entspricht dem Bedürfnis des Einheimischen, sich entweder eine Trophäe oder auch einfach ein Beweisstück mitzunehmen.

Die Verstümmelung von gefallenen Feinden geschah häufig bei den Kriegen zwischen Einheimischen gewisser Regionen. Heute noch sind die Schwarzen es gewöhnt, wenn sie einen greifbaren Beweis des Todes eines von ihnen erbringen wollen und die Leiche selbst nicht mitnehmen können oder wollen, entweder die rechte Hand oder den rechten Fuß vorzuzeigen. So brachte auch vor kurzem ein Einheimischer aus Wala (bei Baringa) zur Mission in Baringa und dann zur Faktorei der ABIR einen Kinderfuß und eine Kinderhand, die er abgeschnitten hatte. Er kam, um die Ermordung des Kindes durch einen Sentinelle zu beklagen. [Anmerkung: In diesem Fall dürfte ein kleiner Fehler (vielleicht ein Missverständnis bei der Übersetzung der Zeugenaussagen o. Ä.) auf der Seite der Kommission vorliegen. Laut dem Bericht eines Missionars namens Stannard hatte dieser Einheimische, Nsala, die Gliedmaßen zwar als Beweisstücke hergebracht, aber ausdrücklich gesagt, sie nicht selbst abgeschnitten zu haben; seine Tochter sei von den Wächtern zerstückelt und teilweise gekocht und gegessen worden, hatte er berichtet. Siehe auch weiter unten.] Ein paar Tage später brachten Einheimische aus N‘Songo Frau Harris zwei Hände, die sie abgeschnitten hatten, wobei sie sagten, dass sie zwei von den Sentinelles getöteten Männern gehörten. 1902 kam ein Einheimischer zum Gericht von Coquilhatville, um den Mord eines Verwandten während einer Schlägerei anzuzeigen. Als Beleg seiner Erzählung zeigte er die Hand des Toten vor, die er abgeschnitten und geräuchert hatte.

Man muss sich nicht wundern, wenn die in der Force Publique angemusterten Schwarzen diesen eingefleischten Brauch nicht gleich aufgeben konnten, und wenn sie, um ihren Vorgesetzten einen Beweis ihrer Tüchtigkeit als Krieger zu bringen, ihnen manchmal blutige Trophäen brachten, die sie von den Kadavern ihrer Feinde abgeschnitten hatten. […]

Wie auch immer, ein Punkt steht außer Frage: Nie hat ein Weißer über lebende Einheimische solche Verstümmelungen als Strafe für fehlende Abgaben oder aus irgendeinem anderen Grund verhängt oder verhängen lassen. Derartige Vorgänge sind uns von keinem Zeugen angezeigt worden und trotz all unserer Ermittlungen haben wir keine gefunden.“ (Untersuchungsbericht, S. 71-74)

Daraus, dass die Kommission unter den während der Monate, die sie im Kongo verbrachte, angehörten Zeugen nur fünf von Wächtern/Soldaten Verstümmelte anhörte, zeigt auch, dass es zwar Fälle von Verstümmelungen von (für gewöhnlich totgeglaubten) Lebenden gab, aber relativ wenige, und die Morde mit anschließender Leichenschändung das eigentliche Problem waren.

Es gibt anderswo allerdings auch Berichte davon, dass bestimmte weiße Postenchefs sich die Hände von Toten hatten bringen lassen als Beweis dafür, dass die allein ausgeschickten schwarzen Soldaten mit den Patronen nicht sonst etwas angestellt hatten.

„Wir kennen Namen, Orte. In der Gegend des Leopold-II-Sees, in der von Equateur scheinen die abgeschnittenen Hände Ende des 19. Jahrhunderts obligatorisch mit zahlreichen militärischen Expeditionen einhergegangen zu sein. Der beste Spezialist dieser Methode war ein Mann, der von seinen Freunden als ’sehr energisch‘ charakterisiert wurde und der in Equateur während mehrerer Jahre den Befehl innehatte, Kapitän Fiévez. Man prahlte in seiner Umgebug mit den erreichten Ergebnissen: ‚Ein großes Palaver (d. h. eine militärische Expedition) von Fiévez: 200 Opfer mit 375 Patronen.‘ Fiévez war das Muster der gefühllosen Bestie; selbst unter Offizieren, die keinen so ausgeprägten Charakter hatten wie den seinen, fand er Nachahmer.“ (Stengers, Jean: Les accusations anglaises contre le Congo: E. D. Morel, le fondateur de la Congo Reform Association, et la Belgique, in: Ders.: Congo. Mythes et réalités, Brüssel 2005, S. 129-158, S. 154f.)

Und es gibt auch Aussagen, dass es dann manchmal vorgekommen war, dass Soldaten, die Patronen auf der Jagd verschwendet hatten, sogar bewusst Lebenden die Hände abgehackt hatten.

Es lohnt sich noch, zwei der von der Untersuchungskommission erwähnten Fälle noch genauer anzusehen; als konkrete Beispiele für die Grausamkeiten. Beide Fälle wurden von Missionaren der baptistischen britischen Missionsgesellschaft „Congo-Balolo Mission“ dokumentiert. John Hobbis Harris, seine Frau Alice Seeley Harris und ein weiterer Missionar namens Edgar Stannard waren im Jahr 1904 in der Missionsstation von Baringa stationiert. Stannard beschreibt in einem Brief folgendes:

„Am Sonntagmorgen, dem 15. Mai [1904], um kurz nach acht Uhr, war ich zu Mr. Harris‘ Haus hinübergegangen, und wir wollten gerade den morgendlichen Gottesdienst beginnen, als zwei Jungen atemlos hereinstürmten und sagten, dass einige Wächter eine Anzahl an Leuten getötet hätten, und dass zwei Männer vorbeigegangen wären, um es den weißen Kautschuk-Männern zu melden [d. h. den Agenten der Konzessionsgesellschaft, die ihren Posten in der Nähe der Missionsstation hatte], und dass sie auch ein paar Hände dabei hätten, um sie ihm zu zeigen, falls er ihnen nicht glauben wollte. Es erschütterte uns sehr, und wir sagten ihnen, sie sollten nach den Männern Ausschau halten, wenn sie zurückkämen, und uns Bescheid sagen, damit wir sie treffen könnten. Kurz danach kamen die zwei Männer den Pfad entlang, und wir hörten, wie die Jungen ihnen zuriefen, sie sollten kommen und es uns zeigen; aber sie wirkten ängstlich, und so gingen wir schnell nach draußen und holten sie ein und fragten sie, wo die Hände wären. Daraufhin öffnete einer von ihnen ein Päckchen aus Blättern und zeigte uns Hand und Fuß eines kleinen Kindes, das nicht älter gewesen sein konnte als fünf Jahre. Sie waren frisch und mit einem sauberen Schnitt abgetrennt worden. Es war ein furchtbarer Anblick, und selbst jetzt, während ich schreibe, kann ich den Schauder und das Gefühl des Entsetzens spüren, das mich überkam, als wir sie ansahen, und den gequälten Blick des armen Mannes sahen, der benommen vor Trauer wirkte, und der sagte, dass es Hand und Fuß seines kleinen Mädchens wären. Ich kann nie den Anblick dieses entsetzten Vaters vergessen. Wir baten sie, ins Haus zu kommen und uns von der Sache zu erzählen, was sie taten, und das Folgende ist die Geschichte, die sie uns erzählten.

Der Vater des kleinen Mädchens sagte, sein Name sei Nsala, und er stamme aus Wala, was eine Sektion des Nsongo-Distrikts ist und verbunden mit Lifinda, dem Außenposten von Baringa. Am vorigen Tag, obwohl es noch drei Tage waren, bis sie den Kautschuk hätten bringen müssen, kamen fünfzehn Wächter aus Lifinda, alle abgesehen von zwei bewaffnet mit Albini-Gewehren, und begleitet von Anhängern. Sie begannen, Gefangene zu machen und zu schießen, und töteten Bongingangoa, seine Frau; Boali, seine kleine Tochter von ungefähr fünf Jahren; und Esanga, einen Jungen von ungefähr zehn Jahren. Diese schnitten sie sofort in Stücke, und kochten sie danach in Töpfen, taten Salz hinein, das sie mitgebracht hatten, und aßen sie dann.

Sie schossen auch drei andere an, die, obwohl verwundet, es schafften, in den Wald zu rennen. […]

Nsala sagte, dass er, als die Wächter nicht hinsahen, den Fuß und die Hand seines kleinen Mädchens schnappte, um sie mitzunehmen und dem weißen Mann zu zeigen, falls er ihm nicht glauben sollte. Wir fragten ihn, ob er die Hand und den Fuß abgeschnitten hatte, aber er sah entsetzt aus und protestierte, dass er das nicht getan hätte. […]

Mrs. Harris nahm dann ein Photo von dem gramgebeugten Mann und allem, was ihm von seiner Frau und kleinen Tochter geblieben war, auf. Uns wurde schlecht, als wir darauf blickten, und an das unschuldige kleine Kind dachten, und uns vorstellten, wie sie eine kurze Zeit vorher herumgerannt war. Wir versuchten, ein wenig an den Gefühlen des unglücklichen Vaters Anteil zu nehmen, und unwillkürlich stieg ein Gebet aus unseren Herzen auf, dass Gott selbst um dieser Leute willen einschreiten möge.“

Im selben Brief beschreibt Mr. Stannard noch die Entstehung eines weiteren Photos:

„Am Donnerstag, dem 19. Mai, kam Mr. Harris um Mittag herum von Jikau zurück, und wir hofften, dass diese Schrecken ein Ende hatten, wenigstens für eine Weile. Leider war das nicht der Fall, denn am Freitag Nachmittag, etwa um 4:30 Uhr, während ich mit Mr. Harris zusammen war, kamen drei Männer mit einem kleinen Paket zu uns und sagten, während sie es öffneten: ‚Schaut! Das ist die Hand von Lingomo, und das die Hand von Bolengo. Wir konnten Balengolas Hand nicht mitbringen, da sie ihren ganzen Körper gegessen haben.‘ Ich erkannte zwei der Männer als Bompenju und Lofiko, die zu uns am vorigen Dienstag gekommen waren. Wir sagten: ‚Was, haben sie noch mehr getötet?‘ ‚Ja‘, antworteten sie, ‚drei mehr, von denen sie einen gegessen haben.‘ ‚Weiße Männer‘, fuhren sie fort, ‚was sollen wir tun? Sie erledigen uns alle. Während wir vor drei Tagen herkamen, töteten sie einen Mann, einen Jungen und eine Frau.‘ Mrs. Harris nahm ein Photo von den Männern mit den Händen auf, und Mr. Harris und ich standen mit in der Gruppe, da wir dachten, es wäre eine zusätzliche Beglaubigung. […]

Ich fürchte, Mr. Harris und ich sehen auf dem Photo eher zornig aus, aber ich bekenne, dass ich zornig war. Es brachte mein Blut zum Kochen, an diese Dinge zu denken – Schrecken über Schrecken – die diesen verfolgten Menschen zugefügt werden.“

Dann das Thema Auspeitschungen: Staatliche Agenten hatten – eigentlich – keine Befugnis, Auspeitschungen als Strafe für fehlende Abgaben anzuordnen, durften es aber als Disziplinarstrafen für Soldaten der Force Publique und staatliche Angestellte, wobei das Höchstmaß 50 Schläge betrug, an einem Tag höchstens 25 auf einmal verabreicht werden durften, und bei einem Zusammenbruch sofort aufgehört werden musste. Wie man sich denken kann: Auch hier war man nicht allzu skrupulös bei der Beachtung der Regeln, und wandte das Auspeitschen auch an, um mehr Kautschuk zusammenzubekommen.

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Auspeitschung mit der Nilpferdpeitsche.

Dazu schreibt die Kommission:

„Trotz aller vom Gesetz für den Gebrauch der Chicotte vorgeschriebenen Einschränkungen entstehen manchmal Missbräuche, ob man nun zu oft und in zu wenig gerechtfertigter Weise auf diese Strafe zurückgreift, oder ob man das vorgeschriebene Maß überschreitet.

Die Kommission hat zu dieser Angelegenheit Beschwerden zahlreicher Arbeiter erhalten. Hier vor allem muss man die gewohnheitsmäßige Übertreibung der Schwarzen in Betracht ziehen. Die Kommission war mehr als einmal von Anfang an misstrauisch in Bezug auf die phantastische Zahl an Schlägen, von der die Zeugen behaupteten, sie an einem einzigen Tag erhalten zu haben, und sehr oft konnte sie die Beschwerdeführer auf frischer Tat bei einer Lüge ertappen.

Dennoch ist es nicht zu leugnen, dass die Postenchefs sich manchmal verleiten ließen, im Wunsch, ein Exempel zu statuieren, die Vorschriften der Disziplinarordnung zu verletzen. Es ist gleichfalls wahr, dass diese Verfehlungen nicht immer mit der wünschenswerten Härte verfolgt wurden […] Die Kommission musste sogar feststellen, dass zweifach wiederholte Instruktionen der Staatsanwaltschaft, die sich auf solcherlei Missbräuche bezogen, die sich im Botanischen Garten von Eala ereignet hatten, wegen Anordnung von oben ohne Folge blieben. […]

Die Vorschriften verbieten es ausdrücklich, Frauen mit der Chicotte zu bestrafen. Manche Verstöße gegen diese Bestimmung wurden uns angezeigt; aber das sind Einzelfälle und zumindest aktuell sehr selten. In jedem Fall hat die Regierung nie irgendeine Toleranz für diesen Missbrauch gezeigt.“ (Untersuchungsbericht, S. 105f.)

Es mag vielleicht überraschen, aber: Im Kongo gab es in dieser Zeit ein Justizsystem, und wenn Fälle von Morden oder Misshandlungen vor Gericht gelangten, wurden sie auch bestraft (die Jusitz interessierte sich wesentlich mehr für die Rechte der Einheimischen als die Verwaltung). Ein Hauptproblem war schlicht, dass das Justizsystem hoffnungslos unterbesetzt war: Es gab im ganzen Kongo 14 Gerichte, aber weil an den meisten keine Berufsrichter waren, mussten sämtliche wichtigeren Fälle in die Hauptstadt Boma. Zum Vergleich: Man stelle sich vor, wegen eines in Warschau oder Danzig begangenen Mordes erst nach Marseille vor Gericht ziehen zu müssen. Man muss es immer wieder wiederholen: Der Kongo war ein enormes Gebiet, noch dazu zum großen Teil von Regenwald bedeckt, und die Chefs von isolierten Posten und erst recht die Wächter in den Dörfern waren oft fern von jeder Kontrolle.

Wenn man sich für ein Beispiel für einen solchen Prozess aus dem Jahr 1904 interessiert: Die Akten aus dem Berufungsverfahren gegen einen Belgier namens Philipp Caudron und einen Afrikaner aus dem britischen Lagos namens Silvanus Jones, beide bei einer Konzessionsgesellschaft angestellt, gibt es hier (zuerst eine englische Einleitung, dann die französischen Akten, dann eine englische Übersetzung der Akten); beide wurden wegen diverser Morde usw. zu einigen Jahren Zwangsarbeit verurteilt (Jones bekam 10 Jahre, Caudron zuerst 20, im Berufungsverfahren auf 15 reduziert). Gegner des Kongo-Freistaats wie E. D. Morel kritisierten solche Urteile als zu lasch, auch, da andere Verurteilte schon nach drei oder vier Jahren Gefängnis wieder entlassen worden waren.

Gefängnis in Nouvelle-Anvers.

Die Justiz konnte natürlich immer nur niedrigere Agenten belangen und hatte nicht die Macht, die höchsten Männer im Staat wegen ihrer Anweisungen zur Rechenschaft zu ziehen. Es war wesentlich leichter, einem untergeordneten Postenchef ein Massaker in einem bestimmten Dorf nachzuweisen, als einen Distriktkommissar oder Generalgouverneur für Anweisungen zu belangen, von denen er wissen musste, dass sie zu solchen Massakern führten. Gerade, wenn die Aussagen eines Angeklagten die höheren Beamten im Staat hätten belasten können, wurden sie auch einfach mal laufen gelassen; so z. B. in der „Tilkens-Affäre“, als man einen Agenten namens Tilkens, der Verbrechen im Osten des Kongo begangen hatte, nach Belgien entkommen ließ und von Belgien nicht seine Auslieferung forderte.

In einem Brief an einen belgischen Offizier, den er noch als Postenchef geschrieben hatte, hatte Tilkens (mit einer gewissen Mischung aus Selbstmitleid, Verzweiflung und dem Wunsch, sich reinzuwaschen) geschrieben: „Zwei Jahre lang führe ich schon Krieg in diesem Land, immer begleitet von vierzig oder fünfzig Albinis [= Soldaten mit Albini-Gewehren]. Und doch kann ich nicht sagen, dass ich die Leute unterworfen habe. […] Sie sterben lieber. […] Was soll ich tun? Ich werde bezahlt, meine Arbeit zu tun, ich bin ein Instrument in den Händen meiner Vorgesetzten, und ich gehorche den Befehlen, die die Disziplin verlangt.“ (Zitiert in: E. D. Morel, King Leopold’s Rule in Africa, S. 308.)

Weitere Schwierigkeiten, mit denen die Justiz zu kämpfen hatte, waren, dass ermittelnde Staatsanwälte in den Gebieten der Konzessionsgesellschaften auf deren Dampfboote, Posten etc. angewiesen waren, um überhaupt irgendwohin zu gelangen, und dass der Generalgouverneur Prozesse gegen Europäer verhindern konnte. Wie machtlos die Justiz vor Ort manchmal sein konnte, zeigt eine weitere Schilderung des Missionars Stannard:

„Vor kurzer Zeit war Richter Bosco hier, und stellte Ermittlungen an bezüglich der Morde, die von Wächtern in den Städten im Hinterland begangen worden waren, kurz bevor Mr. Frost nach England abreiste, und die er persönlich erforschte. Die Morde waren bis ins letzte bewiesen – tatsächlich eine größere Zahl, als wir zuerst sicher gewusst hatten. Verwandte der Ermordeten und Zeugen aus den Städten kamen und sagten vor dem Richter aus, und die Wächter gestanden, die Leute getötet zu haben. Der Richter sagte, dass es gesichert war, dass die Morde geschehen waren, und die einzige Frage war, wer dafür verantwortlich war. Ausnahmslos alle Wächter sagten, dass sie von Monsieur Van Calcken, dem Agenten, angewiesen worden waren, Leute zu töten, und dass die, die es nicht taten, gerügt worden waren. Der Agent andererseits bestritt, das getan zu haben.

Die Macht und Autorität des Richters schienen sehr begrenzt zu sein, und es schien, dass er nicht mehr tun konnte, als eine Ermittlung anzustellen. Er sagte, dass, da ein Weißer beteiligt war, alles, was er tun konnte, war, die Fakten nach Boma zu melden, und dass er wahrscheinlich in ungefähr drei Monaten eine Antwort zu der Angelegenheit erhalten würde. Wir wiesen darauf hin, dass diese Wächter zugaben, die Morde begangen zu haben, und fragten ihn, da das so war, was er mit ihnen tun würde; aber er bekannte sein Unvermögen, mehr in der Sache zu tun, da die Verantwortung nicht geklärt war, und es mit Kautschuk zu tun hatte. […] Wundern Sie sich, dass die Leute sagen, dass es nutzlos ist, diese Dinge anzuzeigen? Sie kommen und erzählen uns von diesen Dingen, oft unter großem Risiko, aber mit keinem besseren Ergebnis als dem obigen, und oft nicht einmal so viel. Der Richter hat Ilangala, den Capita, oder obersten Wächter, verhaftet; aber er erklärte uns, dass er das nur tat, weil er eine Frau getötet hatte, und er sagte, dass es illegal wäre, dass eine Frau wegen Kautschuk bestraft wird. Diese bestimmten Männer sind keine Wächter mehr, aber sie sind in ihren Städten und ganz frei, und es ist wahrscheinlich, dass sie, wenn sie in drei Monaten gesucht werden, verschwunden sind, und dann wird ihr Vorwurf gegen den Agenten unbelegt sein, und die ganze Sache wird ins Wasser fallen und nichts daraus werden.

Das ist die übliche Vorgehensweise bei diesen Palavern, bei denen Menschen ermordet werden. Die Wächter versichern stets, dass ihnen gesagt wird, sie sollten Menschen töten, während, wenn Morde ans Licht kommen, die Agenten sie beschuldigen, und die Verantwortung ablehnen. Es ist allerdings auffällig, dass sie [die Agenten] fast nie, wenn überhaupt jemals, Maßnahmen ergreifen, außer in Fällen, die wir ihnen berichten. Mein deutlicher Eindruck ist, dass sie von den Aktionen ihrer Wächter wissen, und zum großen Teil dafür verantwortlich sind. Sie sind gezwungen, ihre volle Menge an Kautschuk zusammenzubekommen, und guten Kautschuk, wenn man ihn bekommen kann, und sind bereit, alle Mittel zu diesem Zweck zu gebrauchen. Natürlich ziehen sie es vor, die schreckliche Arbeit nicht selbst zu erledigen, und die Wächter sind nur zu willig, das Gewehr zu benutzen. Die Agenten sollten die Sorte Männer kennen, die sie bewaffnen […]

Der Richter hat uns gegenüber bemerkt, dass die Arbeit, ihm zu tun gegeben wird, nicht ernst [der Auftrag nicht ernst gemeint, nur eine Fassade] ist, d. h., dass sie unmöglich ist. In diesem Distrikt Equator, so groß wie ein großer europäischer Staat, ist er der einzige Justizbeamte, und er kann kaum den ganzen Distrikt während seiner Amtsdauer besuchen. Wenn er kommt, um einem Vorwurf nachzugehen, ist dieser möglicherweise ein Jahr alt, und es ist unmöglich, Zeugen zu finden. Und während er auf Reisen ist, weiß er, dass sich in Coquilhatville eine enorme Menge Arbeit für ihn ansammelt, und dass es keine anständige Rechtspflege gibt.“

Andere Missstände

Es seien kurz weitere Missstände aufgezählt.

Andere Abgaben/Arbeiten:

Von den Einheimischen wurde nicht nur das Kautschuksammeln verlangt; auch für die Versorgung der Posten mit Lebensmitteln (Maniok und Trockenfisch für die einheimischen Arbeiter und Soldaten, Wild und Vieh für die Weißen), für Reparaturarbeiten, für die Instandhaltung von Telegraphenkabeln, für die Versorgung der Dampfschiffe mit Holz zum Heizen, usw. usf., zog man nach Belieben die Bewohner der umliegenden Dörfer heran. Bei manchen Posten waren die Arbeiten quasi kontinuierlich und auf eine geringe Bevölkerung verteilt, oder wurden zu unvorhersehbaren Zeiten verlangt; auch diese Arbeiten oder Abgaben wurden zwar geringfügig bezahlt, belasteten die Bevölkerung aber trotzdem manchmal sehr. Ähnliches wie für das Kautschuksammeln gilt hier.

Am belastendsten war die Arbeit als Lastenträger in einer Karawane in den Regionen, in denen die Flüsse nicht schiffbar waren. Anfangs betraf das v. a. die Region der Katarakte, einen Abschnitt des Kongo voller Stromschnellen zwischen Matadi und Leopoldville/Kinshasa; weiter flussaufwärts ist der Kongo wieder schiffbar. Dort wurde dann ab 1889 eine Eisenbahn gebaut, die 1898 fertiggestellt war; die Situation der Bevölkerung im Gebiet der Katarakte, die auch nicht mit Kautschuksammeln belastet war, besserte sich. Dafür sollten neue Gebiete im Osten des Kongo erschlossen werden, für die man wieder Lastenträger brauchte. Der bereits erwähnte Tilkens, ein Postenchef im Osten des Kongo, später angeklagt wegen Verbrechen gegen die Einheimischen, schrieb noch auf seinem Posten in einem Brief an einen Major:

„Der Postenchef von Buta kündigt die Ankunft des Dampfers Vande Kerkhove an, der zum Nil gebracht werden soll. Er wird die kolossale Zahl von 1500 Trägern verlangen. Unglückliche Schwarze! Ich will nicht daran denken. Ich frage mich, wo ich sie finden kann? Wenn die Straßen gut wären, wäre es vielleicht anders, aber sie sind kaum gerodet, werden wiederholt von Sümpfen unterbrochen, wo viele einen sicheren Tod finden werden. Hunger und die Erschöpfung von einem achttägigen Marsch werden für viele mehr sorgen. Wie viel Blut dieser Transport nicht hat fließen lassen! Schon drei Mal war ich gezwungen, Krieg gegen Häuptlinge zu führen, die sich weigern, sich an der Arbeit zu beteiligen. Leider werden sie nur schlecht für eine solche harte Arbeit bezahlt, Kaurimuscheln im Wert von 5d. (50 Centimes) für den Hinweg, und ein Stück amerikanischen Stoff für den Heimweg. Wenn ein Häuptling sich weigert, heißt es Krieg; und dieser furchtbare Krieg – perfektionierte Waffen der Zerstörung gegen Speere und Lanzen! … Ein einheimischer Häuptling ist gerade gekommen, um mir zu sagen: ‚Mein Dorf ist ein Haufen Ruinen. Alle meine Frauen wurden getötet. Und doch, was kann ich tun? Ich bin Häuptling, weil mein Vater Häuptling war, aber ich habe nicht seine Stärke und Macht. Wenn ich meinen Leuten sage, sie sollen die Fracht des weißen Mannes tragen, fliehen sie in den Wald, und wenn deine Soldaten kommen, um zu rekrutieren, kann ich ihnen niemanden geben, weil meine Leute lieber im Wald an Hunger sterben, als Transportarbeit zu erledigen.‘ Oft bin ich gezwungen, diese unglücklichen Häuptlinge in Ketten zu legen, bis 100 oder 200 Träger gefunden sind, was ihre Freilassung erlangt. Sehr oft finden meine Soldaten die Dörfer verlassen; dann ergreifen sie Frauen und Kinder und nehmen sie gefangen.“

Während als Träger und Kautschuksammler vor allem Männer verlangt wurden, lastete die Versorgung mit Maniokbrot, dessen Herstellung arbeitsintensiv war, v. a. auf Frauen, Kindern und Sklaven der Einheimischen, denen sowieso die meiste landwirtschaftliche Arbeit überlassen wurde; dementsprechend mussten sie die Versorgung ihrer eigenen Familien vernachlässigen. Einheimische, deren Vieh ständig zu einem zu geringen Preis als Abgabe verlangt werden konnte, sahen auch keinen Anlass mehr, welches zu züchten. In der Umgebung von kleinen Posten mit wenigen Arbeitern und Soldaten war es noch nicht schlimm; aber in der Umgebung der großen war die Folge eine deutliche Verarmung der Bevölkerung.

„Die in Leopoldville angehörten Missionare, katholische und protestantische, schilderten übereinstimmend die generelle Armut, die in der Region herrscht. Einer von ihnen glaubte sagen zu können: ‚wenn dieses System, das die Einheimischen verpflichtet, die 3000 Arbeiter von Leopoldville zu ernähren, noch fünf Jahre andauert, war es das mit der Bevölkerung des Distrikts‘. Ohne diese pessimistischen Bewertungen vollständig zu teilen, kann man zugeben, dass sie einen wahren Kern enthalten.“ (Untersuchungsbericht, S. 35)

(Die Lösungsvorschläge der Kommission waren so banale wie etwa: man solle selber Landwirtschaft betreiben und die Frauen der Soldaten dazu anstellen, die nichts zu tun hätten, oder mehr Reis auf Vorrat kaufen/importieren statt schnell verderbliches Maniok zu verlangen; ein anderes System hätte sich leicht etablieren können.)

Herstellung von Maniokmehl.

Rekrutierung von Soldaten:

Auch um der Force-Publique-Soldaten selbst willen gab es Kritik; Kritiker meinten, das Vorgehen bei der Rekrutierung ähnele dem von Sklavenfängern. Die Untersuchungskommission meinte dazu, diese Kritik sei „ungerecht. In jedem Fall kann sie nicht auf die aktuelle Situation Anwendung finden.“ (Untersuchungsbericht, S. 95) Auf die frühere Situation konnte sie allerdings eine gewisse Anwendung finden.

In den ersten Jahren des Kongo-Freistaats hatte der Staat Freiwillige aus anderen, bereits von anderen europäischen Staaten kolonisierten afrikanischen Gebieten angeworben, was ihn teures Geld gekostet hatte; ab 1891 war er dazu übergegangen, im Kongo lebende Freiwillige zu suchen und zusätzlich eine Wehrpflicht einzuführen, da die Freiwilligen nicht ganz reichten. Die Wehrpflicht traf nicht jeden; in der Theorie sah es so aus, dass in den Distrikten ein Losentscheid durchgeführt werden oder die einheimischen Häuptlinge bestimmen sollten, wer zur Armee musste. Man kann ganz grob sagen, dass Anfang des 20. Jahrhunderts jeder tausendste Kongolese in der Armee war.

In der Praxis gab es in den ersten Jahren nach 1891 verschiedene Methoden, Soldaten zusammenzubekommen. Die europäischen Agenten erhielten Prämien für jeden einberufenen Soldaten, also waren sie sehr motiviert, Soldaten zu finden. Manchmal kauften sie einfach Haussklaven der Einheimischen; oder verpflichteten die Einheimischen, ihnen anstelle einer Geldbuße für irgendein Vergehen oder als Lösegeld für auf den Posten festgehaltene Geiseln ihre Haussklaven zu überlassen; oder führten Strafexpeditionen durch, um Gefangene zu machen, die sie dann zu Soldaten machen konnten.

Die Prämien wurden allerdings irgendwann abgeschafft und die Situation verbesserte sich, während die übrigen Verbrechen noch andauerten; die Wehrpflicht wurde jetzt regulärer von den Distriktkommissaren in Zusammenarbeit mit den Häuptlingen vor Ort durchgesetzt. Und die Force Publique hatte tatsächlich nach einiger Zeit relativ viele Freiwillige, und relativ viele Soldaten, die sich nach Ablauf ihrer Dienstzeit noch einmal verpflichteten. Die Stellung als Soldat bot eben doch Vorteile, auch wenn sie bedeutete, den Heimatort verlassen zu müssen; wer gerne Macht über andere ausübte, hatte jetzt eine leichte Möglichkeit dazu.

Für diejenigen, die – ob irregulär gezwungen oder regulär vom Distriktkommissar einberufen – nicht freiwillig Soldat geworden waren, war es sicher ein spezielles Grauen, zu einer Truppe zu gehören, die immer wieder solche Verbrechen wie oben beschrieben beging. Viele allerdings waren sogar ganz zufrieden mit ihrer neuen Situation: eine Beschwerde einiger Rekruten, die die Kommission wiedergibt, lautete, dass sie entgegen ihrer Erwartungen als Arbeiter beim Festungsbau anstatt als Soldaten eingesetzt worden waren; und sonst wurden vor ihr kaum Beschwerden von Soldaten vorgebracht. E. D. Morel zitiert in seinem Buch über die Kongogräuel eine eidliche Aussage vor einem britischen Beamten von zwei Afrikanern aus britischen Gebieten, die eine Zeitlang im Kongo gewesen waren, laut der die Offiziere sogar Angst gehabt hätten, ihre Soldaten zu bestrafen: „Die weißen Männer haben so große Angst vor den Soldaten, dass sie sie tun lassen, was immer sie wollen. Sie vergewaltigen, morden und stehlen alles von den Einwohnern, und wenn der Häuptling oder Dorfbewohner sich ihnen entgegenstellen, werden sie oft auf der Stelle erschossen. Die Offiziere wissen das alles, aber sie beachten es nie, weil sie Angst haben, ihre Soldaten zu bestrafen.“ (King Leopold’s Rule in Africa, S. 211)

Letztlich kann man doch sagen, dass die Soldaten der Force Publique zumindest in den meisten Fällen wohl eher Täter als Opfer waren.

Über das alltägliche Leben der Soldaten schreibt die Kommission: „Nämlich sind die Soldaten der Force Publique auch im Allgemeinen gut behandelt, gut versorgt. […] Sie beziehen einen Tagessold von 21 Cent. Jeder Soldat hat das Recht, mit seiner Frau zusammenzuleben und sie überall mit ihm zu nehmen. Außerdem ordnet ein kürzliches Rundschreiben des Generalgouverneurs an, dass die neuen Einberufenen ermutigt werden sollen, bevor sie sich zu ihrer Kompanie begeben, sich eine Frau aus ihrer Heimat zu wählen.“ (Untersuchungsbericht, S. 96)

Oben: Soldatenkantine; unten: Ehefrauen von Soldaten.

Die Dienstzeit dauerte allerdings exzessiv lang: Sieben Jahre im aktiven Dienst, fünf Jahre in der Reserve; auch das war oft Gegenstand heftiger Kritik. Bei den weißen Offizieren dagegen kritisierte man eher, dass sie oft nur kurz im Kongo waren, bevor sie daheim in Europa wieder etwas Besseres fanden; dass sie oft weder die Sprachen noch die Einstellungen der Einheimischen in ihrer Region lernen konnten, bevor sie wieder verschwanden.

Rekrutierung von Arbeitern:

Der Staat, die Gesellschaften und Privatleute hatten natürlich auch gewöhnliche langfristige Angestellte; und auch um ihretwillen gab es diverse Kritik, u. a., dass Einheimische, die kein sehr bestimmtes Zeitgefühl hatten, sogar schon Kinder, dazu gebracht wurden, Verträge zu unterschreiben, die man ihnen kaum erklärt hatte und an die sie dann jahrelang gebunden waren.

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Arbeiter im Kongo, 1888.

Ein Vertrag konnte für bis zu sieben Jahre abgeschlossen werden und musste eigentlich vor einem Richter (oder einem Vertreter des Richters) unterzeichnet werden, von denen es aber sehr wenige im Land gab, damit sichergestellt war, dass der Arbeiter die Bedingungen kannte und verstand. Das Gesetz wurde im Niederkongo (einem kleinen Gebiet an der Küste) eingehalten, wo eine strengere Aufsicht geübt wurde, im wesentlich größeren Oberkongo aber nicht.

V. a. für Großprojekte wie den Bau von Eisenbahnlinien und Straßen wurden auch zwangsweise Arbeiter rekrutiert; Ähnliches wie bei der irregulären Zwangsrekrutierung von Soldaten trifft hier zu, auch hier gab es anfangs Prämien für Agenten, die auf welche Weise auch immer Arbeiter herschafften, und man verlangte die Stellung von Arbeitern manchmal als Strafe oder Lösegeld, oder hielt sogar einfach Einheimische, die zum Posten gekommen waren, um Kautschuk zu liefern, fest und zwang ihnen einen Arbeitsvertrag auf. Diese Zwangsarbeit konnte mehrere Jahre dauern, und einige kehrten nie wieder heim, da die Todesrate bei solchen Großprojekten angesichts der anstrengenden Arbeit, der schlechten Arbeitsbedingungen, des Klimas und der Tropenkrankheiten hoch war. Zwangsarbeiter erhielten einen Lohn von 3-6 Franken im Monat plus Verpflegung.

Noch von der Situation 1904/1905 berichtet die Untersuchungskommission: „Als die Untersuchungskommission in Stanleyville ankam, fand sie dort dreitausend beim Bau der Sektion Stanleyville-Ponthiervielle der Eisenbahnstrecke der Großen Seen beschäftigte Arbeiter, die auf obrigkeitliche Anordnung in der Ostprovinz rekrutiert worden waren, und von denen nur manche einen regulären Vertrag hatten.“ (Untersuchungsbericht, S. 101)

Hausangestellte oder Matrosen für die Flussdampfer fanden sich relativ leicht auf dem freien Markt; aber bei anderen Arbeiten war der Rückgriff auf Zwangsarbeit nicht selten.

Vormundschaft über Waisenkinder:

Dann wurde noch das System der staatlichen Vormundschaft über Waisenkinder angeprangert. Ein Dekret (hier findet sich eine englische Übersetzung) legte fest, dass der Staat die Vormundschaft haben sollte über „Kinder, die bei der Ergreifung oder Zerstreuung einer Sklavenkolonne befreit werden, über jene, die als flüchtige Sklaven seinen Schutz erbeten, über im Stich gelassene, ausgesetzte oder verwaiste Kinder, und über solche, deren Eltern nicht ihre Pflicht des Unterhalts und der Erziehung erfüllen“. (An sich ein sinnvolles Dekret, wie viele Dekrete des Kongo-Freistaats in der Theorie und auf dem Papier sinnvoll waren.) Für diese Kinder gründete der Staat Schulen – auf Französisch als „colonies scolaires“ (Schulkolonien), auf Englisch als „settlement schools“ bezeichnet -, in denen sie eine schulische, handwerkliche und militärische Ausbildung erhielten. Nach dem Ende ihrer Schulzeit traten sie als Handwerker, Dienstboten, Übersetzer, Soldaten usw. in den Dienst des Staates.

Die Kritik betraf folgende Punkte:

  • Am gravierendsten war die Auswahl der Kinder: Als es keine Sklavenkolonnen mehr gab, aus denen Kinder befreit wurden, der Staat aber weiterhin gut ausgebildete Angestellte und Elitesoldaten aus seinen Schulkolonien beziehen wollte, wurden oft Waisenkinder dorthin gebracht, die noch Verwandte hatten, die für sie gesorgt hätten, d. h. Kinder wurden ihren Familien weggenommen, damit der Staat Elitesoldaten für die Force Publique bekam.
  • Die Vormundschaft des Staates über die Waisen dauerte, bis sie 25 (!) Jahre alt waren, obwohl sie ab 14 die Schule verlassen konnten, wenn sie die drei Jahre Schulzeit beendet hatten.
  • Die Löhne derer, die nach der Schule als Arbeiter (statt als Soldaten) beim Staat waren, waren eher gering in Anbetracht ihrer Ausbildung; die Schulabgänger würden unzufrieden und verbittert und von anderen Einheimischen verspottet und kein Einheimischer würde seine Kinder freiwillig in diese Internate geben (was auch möglich war), meint die Untersuchungskommission dazu.
  • Die Schule in Boma war schlecht finanziert und die Schüler hatten zunächst keine anständigen Unterkünfte, sondern schliefen in Bambushütten; um bessere Gebäude zu bauen, musste der Schuldirektor die Kinder selbst die Bauarbeiten erledigen lassen.

Es gab allerdings nur zwei solche staatliche Schulen (in Boma und Nouvelle-Anvers); anderswo wurden die Waisen vom Staat Missionsschulen anvertraut; hauptsächlich katholischen (Belgien war katholisch).

Laut der Untersuchungskommission trafen hier dieselben Kritikpunkte bzgl. der Auswahl der Waisenkinder zu, auch wenn die Unterkünfte gut seien, die Schüler einen guten Eindruck machen würden, und der Eifer der Missionare beim Unterricht gelobt wird. In den Schulen der Missionsstationen gab es ebenfalls eine schulische und berufliche Ausbildung, allerdings keine militärische.

Es gab eine gewisse Kritik am manchmal harten Umgang mit Schülern, und daran, dass, wie erwähnt, Schüler hingebracht wurden, die keine wirklichen Waisen waren und die man nicht in den Schulen hätte festhalten dürfen; die Patres und Schwestern nahmen es hier wohl nicht so genau, da sie überzeugt waren, dass den Kindern eine zivilisierende Erziehung in ihren Internaten nützen würde.

Ein öfter vorgebrachter Vorwurf gegen die katholischen Missionare lautete, dass sie vor den Gräueltaten außerhalb ihrer Stationen häufig die Augen schlössen und manchmal auch die Aussagen der englischen oder amerikanischen protestantischen Missionare darüber als Verleumdungen bezeichneten. Nun ist die Situation nicht ganz so einfach: Die protestantischen Missionare hatten ihre Stationen tendentiell eher in Gebieten mit vielen Missbräuchen, z. B. im Gebiet der ABIR-Gesellschaft, und reisten auch mehr umher; die katholischen Missionare hatten ihre Stationen tendentiell eher in bessergestellten Gebieten. Der Kongo war ein extrem großes, dünn besiedeltes Land, in dem Informationen nicht schnell reisten; ein Missionar im Gebiet der Stanley Falls bekam einfach nichts davon mit, wenn im Gebiet der ABIR-Gesellschaft ein Massaker begangen wurde. Dazu kam, dass der Staat seine Agenten anwies, mit brutalen Aktionen im Umfeld von Missionsstationen generell vorsichtig zu sein. Natürlich war das nicht überall der Fall; auch manche katholische Missionare bekamen Gräueltaten mit. Einige wandten sich dann auch mit Beschwerden an die Verwaltung und Gerichtsbarkeit und hatten teilweise kleine Erfolge. Was allerdings stimmt, ist, dass die katholische Seite, sagen wir, sehr viel zögerlicher dabei war, die Verbrechen vor der Öffentlichkeit anzuprangern. Viele der Missionare waren Belgier, die ihr Land wohl nicht von Ausländern in Misskredit gebracht sehen wollten; vielleicht wollten sie auch nicht riskieren, Schwierigkeiten mit dem Staat zu bekommen und ihr (ja auch für die Kongolesen nützliches) Wirken im Kongo ganz aufgeben zu müssen; vielleicht hielten sie es auch nicht für zielführend, sich an die Presse zu wenden; vielleicht hatten sie als Belgier mehr Vertrauen darin, dass die Gräueltaten nur vereinzelt und vorübergehend wären und die Regierung endlich etwas dagegen tun würde. Dennoch: Am Ende hatten sie Unrecht und die Proteste der protestantischen Missionare waren es, die eine Änderung bewirkten, und der Erfolg wäre vielleicht rascher gekommen, wenn sie sich auch angeschlossen hätten.

Bodengesetzgebung und Handelsfreiheit:

Da, wie bereits erwähnt, alles nicht genutzte Land als Staatsland galt, behandelten manche Postenchefs es als widerrechtliches Betreten von Privatgrund, wenn Einheimische ohne Erlaubnis über das Staatsland zogen, um sich zum Beispiel an anderen Orten niederzulassen, wo sie den Abgaben entgehen konnten, oder sich auch nur einige Zeit von ihrem Dorf entfernten (solche Einheimische wurden dann evtl. verhaftet, zurückgebracht und manchmal ausgepeitscht).

Auch die Früchte des Landes galten ja als Staatseigentum, also konnte sogar jemand, der im Wald Früchte pflückte, als Dieb behandelt werden. Letzteres wurde nicht unbedingt so streng durchgesetzt; fast überall hatte man den Einheimischen das Recht überlassen, z. B. die Früchte der Ölpalme zu pflücken und auch damit zu handeln. Dass sie mit Kautschuk und Elfenbein (also den wirklich wertvollen Rohstoffen) mit unabhängigen Händlern handelten, hatte man freilich sehr schnell unterdrückt und so auch fast alle unabhängigen Händler aus dem Land vertrieben.

Dazu hatte der Staat sich oft geweigert, Händlern oder sogar Missionaren Teile „seines“ Landes für Niederlassungen zu verkaufen; so hatte es auch weniger Zeugen der Verbrechen gegeben.

Opferzahlen

Wie kommt es dazu, dass heute die „10 Millionen“-Zahl verbreitet wird? Sie kommt von Schätzungen zum Bevölkerungsrückgang im Kongo. Man nahm z. B. eine Schätzung der kongolesischen Bevölkerung von 1924 auf ca. 10 Millionen, und eine weitere Schätzung (genaue Zahlen gab es nicht), dass die Bevölkerung in den Jahrzehnten zuvor um die Hälfte zurückgegangen war (diese Schätzung war wohl ein wenig zu pessimistisch, aber nicht sehr); damit hatte man eine vorkoloniale Bevölkerungszahl von 20 Millionen, und seine 10 Millionen Opfer. Diese Zahl wurde z. B. von dem amerikanischen Journalisten Adam Hochschild in seinem Buch „King Leopold’s Ghost“ aus dem Jahr 1998 verbreitet.

Der Bevölkerungsrückgang geschah allerdings nicht nur der Verbrechen wegen.

Der Hauptgrund – bei weitem – war die Schlafkrankheit, die durch die Tse-Tse-Fliege verbreitet wird und die in dieser Zeit stark ausbrach und für die es noch keine Heilung gab; an zweiter Stelle kamen die Pocken, die es dort auch schon länger gab. Nicht nur waren die Todesraten wegen häufiger Krankheiten hoch, auch die Geburtenraten waren in dieser Situation niedrig.

Natürlich kamen dieser Grund und die Verbrechen zusammen: Verarmung, Angst und extreme Unsicherheit stärken sicher nicht das Immunsystem und man kann davon ausgehen, dass die Ansteckungsraten und Todeszahlen unter anderen Umständen geringer hätten ausfallen können. Es kamen zwar mit dem Kolonialismus allmählich allererste Ansätze einer Verbesserung der Krankenversorgung (Missionare aller Konfessionen bemühten sich um die Isolierung und Pflege von Kranken, der Staat brachte die Pockenimpfung mit sich, und Beamte wurden angewiesen, das schwarze Personal auf den Stationen und die Bewohner der umliegenden Dörfer impfen zu lassen; in Leopoldville wurde ein bakteriologisches Institut eingerichtet, in dem die Schlafkrankheit erforscht wurde), aber dennoch: In dieser Zeit gab es für die allermeisten Kongolesen immer noch sehr wenig Versorgung (es gab nur wenige Missionsstationen und Krankenhäuser im Land, und manche davon waren arm und recht primitiv), vor allem die Schlafkrankheit wütete enorm, und selbst wenn diese Kranken gut versorgt wurden, konnten sie nur selten geheilt werden; die Schlafkrankheit endete meistens tödlich. Auch diejenigen, die die Verbrechen anprangerten, erkannten das oft an; der britische Konsul Casement beispielsweise erwähnt sehr wohl die große Rolle der Schlafkrankheit.

Dazu kamen andere Ursachen.

Viel Bevölkerungsrückgang in bestimmten Regionen – denn es gab ihn nicht überall – ist nicht dem Tod, sondern der Abwanderung der Einwohner anzulasten; das betrifft z. B. Uferregionen im Oberkongo. Man zog in unerschlossene Regionen, wo man den Abgaben entkommen konnte (davon gab es noch einige), oder auch in die benachbarte französische Kongo-Kolonie (von Leopoldville aus beispielsweise musste man nur den Fluss überqueren, um nach Brazzaville zu kommen) oder andere Kolonien. Ein Teil der Abwanderung aus diesen Uferregionen ist auch einer eigentlich guten Ursache anzulasten: Die Einwohner dort hatten sich früher Wohlstand durch den Sklavenhandel erworben, und den konnten sie jetzt nicht mehr ausüben. Der Wegzug von Sklaven, die es jetzt einfacher hatten, wieder zu ihren eigenen Stämmen zurückzukehren, kam dazu.

Dazu kamen häufige Abtreibungen, die das Bevölkerungswachstum hemmten. Die Kommission schreibt dazu:

„Protestantische Missionare sagten uns, dass die Frauen es vermeiden würden, Kinder zu bekommen, um imstande zu sein, im Fall militärischer Expeditionen leichter zu fliehen. Die Tatsache der Abtreibungen ist gesichert, aber sie ist einer abergläubischen Idee zuzuschreiben, die von den Fetischisten [d. h. denen, die einheimischen Religionen mit sog. Fetischen folgten], gegen die die Missionare aller Konfessionen sich bemühen zu kämpfen, und laut der der Ehemann und die Ehefrau sich dem Tod aussetzen würden, wenn sie sexuelle Beziehungen hätten, während das Kind, das sie in die Welt gesetzt haben, noch nicht abgestillt ist. Nun, da die Stillzeit zwei bis drei Jahre lang dauert, erklärt dieser tief verwurzelte Glaube sowohl die vergleichsweise beachtlich geringe Kinderzahl, die man in manchen Regionen beobachtet, als auch das Fortbestehen der Polygamie.

Aus dem Gesagten muss man nicht schließen, dass die Bevölkerung überall zurückgeht oder die Verbindungen überall unfruchtbar sind. Wir haben insbesondere feststellen können, dass in den Becken des Lopori und des Maringa wie auch an den Ufern des Kongo von Mobeka bis zu den [Stanley] Falls die Dörfer zahlreich und bevölkerungsreich und die kleinen Kinder zahlreich sind.“ (Untersuchungsbericht, S. 85f.)

Aber wenn man alle anderen Gründe für den Bevölkerungsrückgang herausrechnet: Wie hoch war dann die Zahl der Opfer? Das weiß man schlicht nicht. Die Quellen geben wohl zu wenig her; niemand rechnete genau nach. Man kann mit Sicherheit sagen, dass nicht die Hälfte der Bevölkerung ausgerottet wurde; aber halbwegs genaue Schätzungen habe ich jedenfalls nirgends gefunden.

Dass man manchmal sogar von 15 Millionen Opfern liest, kommt daher, dass manche spekulierten, eigentlich hätte die Bevölkerung ja in dieser Zeit noch wachsen müssen, also wäre Leopold für mehr Opfer verantwortlich. Das ist unsinnig; in Schwarzafrika gab es in dieser Zeit nirgends das Bevölkerungswachstum, das in Europa durch medizinischen Fortschritt und gute Nahrungsmittelversorgung möglich geworden war; das kam erst im Lauf der späteren Kolonialzeit.

Was Henry Morton Stanleys Schätzung der Bevölkerungszahl in den 1880ern angeht, die man auch manchmal liest: Stanleys Kalkulationsmethode war nicht gerade sinnvoll. Er hatte die Bevölkerung an den Flüssen, die er bereist hatte, auf etwa 806.000 abgeschätzt, war dann einfach davon ausgegangen, dass die Bevölkerungsdichte überall gleich sein müsste, und hatte die Zahl auf das ganze Kongo-Gebiet hochgerechnet. Mit dieser Berechnung wäre er eigentlich auf 27 Millionen gekommen; weil er auch noch einen Rechenfehler machte, kam er auf 42 Millionen. (Der französische Übersetzer seines Buches korrigierte die Zahl nach unten auf 27 Millionen, weshalb man mal die eine und mal die andere Zahl lesen konnte, aber auch diese Zahl war eben nicht belegt; es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass die Bevölkerung anderswo zwangsläufig genauso groß war wie an den Hauptverkehrswegen.)

Fazit

Ein ausbeuterisches System, starke Belastung, Verarmung und Abwanderung der Bevölkerung in vielen Regionen: Das gab es im Kongo-Freistaat. Viele Verbrechen, so einige Massaker, einen starken Bevölkerungsrückgang aus vielen zusammenspielenden Gründen: Das gab es auch, und es ist gut, darüber Bescheid zu wissen. Verstümmelung und Massakrierung von völkermordartigen Ausmaßen mit 10 oder 15 Millionen Opfern gab es allerdings tatsächlich nicht; und viele der Täter bei den Verbrechen, die es gab, waren nicht Europäer, sondern Afrikaner, die gut mit den schuldigen Europäern zusammenarbeiteten.

Im nächsten Teil dann dazu, wie die Kongogräuel beendet wurden.

Die Kongogräuel, Teil 1: Entstehung und System des Kongo-Freistaats

„König Leopold II. von Belgien hat 10 Millionen Kongolesen getötet“, kann man manchmal lesen, vor allem bei afrikanischen Accounts in den sozialen Medien. „Alle reden über den Holocaust, aber keiner kennt unseren Völkermord“.

Image

Manchmal wird aus der Zahl auch gleich mal 15 Millionen gemacht.

KING LEOPOLD II HEINOUS AND BARBARIC GENOCIDE OF THE PEOPLE OF THE CONGO -  Nubian Planet

Beide Zahlen sind aus der Luft gegriffen und nicht haltbar; dasselbe gilt für ein paar andere Vorstellungen über die Kongogräuel. Weil aber die Kongogräuel anscheinend einen so prominenten Platz im Geschichtsbild vieler Afrikaner einnehmen, habe ich mal einiges an Recherche dazu betrieben, und dachte, ein Artikel wäre angebracht.

Das ist sicher auch interessant für die, die noch gar nie davon gehört haben, dass es sie überhaupt gab; auch das ist ja gut zu wissen. Denn schlimm genug waren sie ja.

Es geht hier auch nicht um „Verharmlosung“, sondern einfach um Richtigkeit; wenn jemand sagen würde „Hitler hat 14 Millionen Juden ermorden lassen“ oder „Franklin D. Roosevelt hat japanische Immigranten in Todescamps einsperren lassen“, würde ich auch antworten „nein, es waren nur 6 Milionen“, beziehungsweise „nein, es waren einfach Internierungslager, dort wurde niemand getötet“.

[Um klarzumachen, woher ich habe, was ich schreibe, und für den Fall, dass jemand Dinge selbst nachlesen will: Zu meinen Hauptquellen gehören „Congo. Mythes et réalités“ von dem belgischen Historiker Jean Stengers (Éditions Racine, Brüssel 2005), der ausführliche Bericht einer Untersuchungskommission von 1905, den es online hier gibt (mehr zu der Kommission unten) und eine „Studie über die Situation des Kongofreistaats“, die ein im Kolonialrecht spezialisierter belgischer Jurist von der Universität Brüssel, Felicien Cattier, im Jahr 1906 ein wenig nach dem Untersuchungsbericht veröffentlichte, und in der er dessen Vorwürfe ein Stück weit verschärfte und präzisierte und radikalere Lösungen vorschlug..

Außerdem habe ich von der Seite der vorherigen Aktivisten gegen die Verbrechen im Kongo-Freistaat den „Casement Report“ des britischen Konsuls Roger Casement von 1904 gelesen (unter dem Link finden sich auch Entgegnungen der kongolesischen Regierung darauf und einige weitere Dokumente, z. B. Prozessakten), das Buch „King Leopold’s Rule in Africa“ des britischen Journalisten E. D. Morel von 1904, die Novelle „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad aus dem Jahr 1899, den offenen Brief des afroamerikanischen Missionars George Washington Williams an König Leopold II. von 1890, und das satirische Pamphlet „King Leopold’s Soliloquy“ von Mark Twain (2. Ausgabe, 1905). Als milder kritischen Text dann noch den Artikel über den Kongo in der amerikanischen „Catholic Encyclopedia“, der 1908 von dem belgischen Jesuiten Arthur Vermeersch verfasst wurde. Von der Seite seiner Verteidiger (abgesehen von den Entgegnungen auf den Casement Report) habe ich noch das ausführliche Buch „The story of the Congo Free State; social, political, and economic aspects of the Belgian system of government in Central Africa“ von Henry Wellington Wack, 1905, herangezogen. Für etwas mehr Hintergrundwissen über das spätere Grundgesetz von Belgisch-Kongo habe ich noch „Belgique et Congo: L’élaboration de la Charte Coloniale“, auch von dem Historiker Jean Stengers, gelesen.

Alle Zitate sind von mir übersetzt; die verwendeten Fotos stammen entweder aus Wacks Buch, aus Morels Buch, aus Cattiers Buch oder von Wikimedia Commons..]

Jedenfalls komme ich in dieser kurzen Artikelreihe zu folgenden Punkten:

  • Was war der Kongo-Freistaat, wie sah sein grundsätzliches System aus, das zu den Verbrechen führte?
  • Welche Verbrechen gab es? Woher kommt die „10 Millionen“-Zahl und wieso ist sie falsch?
  • Wie reagierte Leopold II. darauf (und wie reagierte die Öffentlichkeit in Europa)? Was wurde unternommen, wie endeten die Kongogräuel?

Heute erst mal nur das ganze Vorgeplänkel zu Entstehung und System des Kongo-Freistaats, das man braucht, um die Situation zu verstehen; morgen dann weiter mit Punkt 2.

Völlig aus der Luft gegriffen ist die ganze Geschichte wie gewöhnlich nicht; es gab im damaligen Kongo sehr viele Missstände und so einige Verbrechen, wenn auch nicht mit einer solchen astronomisch hohen Opferzahl. Dennoch war der Kongo eine Zeitlang definitiv die Kolonie in Afrika, in der die schlimmsten Zustände herrschten. Aber fangen wir am Anfang an. Die Geschichte des Kongo-Freistaates – später Belgisch-Kongo, heute Demokratische Republik Kongo – beginnt mit einem Mann: Leopold II.

König Leopold II. von Belgien.

Schon als Kronprinz von Belgien war Leopold fasziniert von den Kolonien, die andere Länder besaßen, und ganz besonders vom niederländischen Java, das, anders als andere Kolonien, Mitte des 19. Jahrhunderts einen schönen Profit für das Mutterland abwarf. Mit dieser Faszination stand er allein da: Weder das belgische Volk noch die belgischen Politiker interessierten sich groß für seine als abwegig und riskant gesehenen „Kolonialträumereien“. Er dagegen war fest überzeugt von der Notwendigkeit und vom wirtschaflichen Nutzen von Kolonien. Seine Motive waren Ruhm und Wohlstand für Belgien; sein kleines Belgien wollte er groß machen.

Zuerst richteten sich Leopolds Blicke auf den fernen Osten; er sorgte für Expeditionen im Pazifik, wollte den Niederlanden Borneo abkaufen, usw. usf. Alle diese Versuche verliefen im Sand; und schließlich sah er (der im Grunde nicht wählerisch war und davon überzeugt war, dass jede richtig verwaltete Kolonie sich lohnen müsste) auf Afrika. Weil der Rest Belgiens, das eine konstitutionelle Monarchie war, in der der Monarch an strenge Regeln gebunden war, an die er sich übrigens vorbildlich hielt, sich noch immer nicht für Kolonien interessierte, ergriff Leopold kurzerhand als Privatmann die Initiative; freilich als Privatmann, der den Vorteil hatte, nebenbei König zu sein. Hinter der jetzt von ihm gegründeten „Association Internationale du Congo“ (AIC; „Internationale Kongo-Gesellschaft“) stand ganz einfach nur Leopold II. „In Belgien kann er nicht den Direktor einer Musikschule ohne die Gegenzeichnung eines Ministers ernennen. Aber er konnte zur selben Zeit ein Reich errichten, ohne mit seinen Ministern darüber zu sprechen.“ (Stengers, Jean: Léopold II et la fondation de l’État Indépendant du Congo, in: Ders.: Congo. Mythes et réalités, Brüssel 2005, S. 45-85, S. 51.)

Location of Congo Free State
Der Kongo-Freistaat und Belgien (beide grün eingefärbt).

In Afrika hatte Leopold einen berühmten und fähigen Mittelsmann gefunden, Henry Morton Stanley, einen Entdeckungsreisenden, der im Allgemeinen einen Ruf für Brutalität genoss; bei diesem Auftrag verhielt er sich allerdings recht brav und gewaltlos. In Leopolds Auftrag schloss Stanley Verträge mit einheimischen Häuptlingen, die ihm Souveränität über ihre Gebiete abtraten; sie versprachen sich wohl einen mächtigen Verbündeten in den Europäern, wenn ihnen überhaupt genau bewusst war, was sie unterschrieben; außerdem hatte man sie mit technischen Tricks beeindruckt und von der magischen Macht der Weißen überzeugt und sie mit Geschenken (wie z. B. Stoffen) bestochen, die in Europa nicht viel wert waren. (Wer wissen will, wie diese Verträge aussahen, kann hier vier Beispiele finden. Diese wurden noch vom Comité d’Études du Haut-Congo („Oberkongoforschungskommittee“), Vorgängerorganisation der AIC, abgeschlossen.) Wie bedeutend Stanleys Rolle am Anfang war, kann man schön daran sehen, dass die Einheimischen die neue Regierung später als „Bula Matadi“ oder „Bula Matari“ bezeichneten, was zunächst ihr afrikanischer Name für Stanley persönlich gewesen war (etwa: „Steinebrecher“, wegen seines Straßenbaus auf seinen Expeditionen). Zuerst dachte Leopold nur an kleinere souveräne Stationen und Gebiete für sich; dann erst an einen Flächenstaat.

Henry Morton Stanley.

Bei den anderen europäischen Mächten galt Leopold als humanitärer, guter Monarch, sogar eher als zu weltfremder, träumerischer Idealist; seinen Plan für die Kolonie im Kongo-Gebiet vermarktete er als Projekt der Zivilisierung, der Humanität; als Plan zur Abschaffung der Sklaverei und zur Befriedung des Gebiets (das enorm unter Stammeskriegen und Sklavenrazzien der von Ostafrika her eindringenden Araber litt). Die AIC verglich er mit dem Roten Kreuz. „Das ist keine pure Heuchelei: es ist einfach das Herausstellen eines Teils dessen, was er tut, und die Verschleierung des Rests (der ’speziellen Unternehmung‘), der allerdings ohne jeden Zweifel in seinen Augen das wichtigste ist.“ (Stengers, Jean: Léopold II et la fondation de l’État Indépendant du Congo, in: Ders.: Congo. Mythes et réalités, Brüssel 2005, S. 45-85, S. 60.)

Auf der Berlin-Konferenz 1884/85 wurde die AIC von zahlreichen anderen Staaten als souveräner Staat anerkannt; die USA und das Deutsche Reich hatten sie schon kurz vorher anerkannt. Auf der Konferenz einigten sich diverse europäische Mächte und das Osmanische Reich auf Prinzipien bei der Kolonialisierung Afrikas. Oft ist die Vorstellung verbreitet, hier wäre Afrika aufgeteilt worden, aber um konkrete Territorialansprüche ging es fast gar nicht; eher einigte man sich auf Prinzipien wie Handelsfreiheit in großen Gebieten oder dass Herrschaftsansprüchen eine reale Okkupation zugrunde liegen musste, auch noch auf solche Dinge wie die Religionsfreiheit und die Unterdrückung des Sklavenhandels innerhalb Afrikas. Die Generalakte findet sich hier. Leopold sagte zu, aus dem Kongo-Gebiet einen Staat mit größtmöglicher Handelsfreiheit und ohne Zölle zu machen; die allgemeine Ansicht war, dass Handelsfreiheit die Entwicklung Afrikas befördern würde.)

1885 wurde aus der AIC der „Kongo-Freistaat“, dessen absoluter Souverän Leopold war und es bildeten sich dessen Grenzen heraus – zumindest auf dem Papier, denn einen großen Teil dieses riesigen Gebiets hatten noch gar keine Abgesandten Leopolds betreten. Er selbst setzte übrigens nie einen Fuß auf kongolesischen Boden, auch wenn er sehr stolz auf sein „Werk“ war und sich nicht nur als absoluter Souverän, sondern quasi als Besitzer des Kongo sah.

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Einheimische im Kongo, 1888.

Die Vorgehensweise bei der Aufrichtung des Kongo-Freistaats war ähnlich wie bei anderen afrikanischen Kolonien: Man errichtete Kolonialposten, weit verstreut in einem riesigen Gebiet (dabei folgte man hier meistens den großteils schiffbaren Flüssen), bemannt mit sehr wenigen europäischen Beamten und Offizieren, die das Klima und die Tropenkrankheiten schlecht vertrugen, und vielen angeheuerten afrikanischen Soldaten und Angestellten; man arbeitete mit den Häuptlingen zusammen, mit denen man Verträge geschlossen hatte, setzte aber auch missliebige Häuptlinge ab und beanspruchte schnell eine stärkere Souveränität über das Gebiet, als sie wohl vorhergesehen hatten. Die Kolonialisierung des Kongo spielte sich sehr friedlich ab, es gab relativ wenig Widerstand; die Zeit der Gewalttaten kam später. Zeitgleich kamen auf eigene Faust einige Missionare verschiedener Konfessionen und private Händler in das Gebiet und errichteten ihre eigenen Stationen und Häuser, natürlich auch angewiesen auf die Infrastruktur der Kolonialregierung.

Die Hauptstadt des Kongo-Freistaats wurde die Hafenstadt Boma (Niederkongo) nicht weit von der Mündung des Kongo; wichtige Posten im Inland, im mit Dschungel bedeckten Oberkongo, waren Leopoldville (das heutige Kinshasa, die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo) und Stanleyville (das heutige Kisangani).

Pier von Boma, 1899.

Nun war der Kongo-Freistaat nicht völlig anders als andere afrikanische Kolonien des späten 19. Jahrhunderts und teilte auch manche ihrer typischen guten Seiten. Er unterband den Sklavenhandel tatsächlich allmählich (arabische Händler importierten zu dieser Zeit noch massenhaft Sklaven über das heutige Tansania, das in dieser Zeit zu Deutsch-Ostafrika wurde, und die Insel Sansibar; und auch die Kongolesen selbst beteiligten sich als Zulieferer an diesem Handel oder fingen für den Eigenbedarf Sklaven aus anderen Stämmen) und führte 1892-1894 erfolgreich Krieg gegen die Sklavenhändler Rumaliza und Sefu Bin Hamed im Osten des Kongo-Gebietes. Die Ankläger des Kongo-Freistaats meinten später, er habe sich hier einfach einer Konkurrenz entledigt.

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Die Sklaverei unter den Einheimischen selbst wurde nicht sofort verboten, aber Sklaven hatten es jetzt leichter, einfach zu ihren eigenen Stämmen zurückzukehren.

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Francis Dhanis, Anführer auf der Seite des Kongo-Freistaats im Krieg von 1892-1894.

Die Kriege zwischen den Stämmen fanden in dieser Zeit tatsächlich meistens ein Ende, und auch gegen Praktiken wie den Kannibalismus oder das lebendige Begraben von Sklaven als Opfer bei Häuptlingsbegräbnissen ging man nach und nach vor; wobei die Kritiker des Kongo-Freistaates ihm gerade vorwarfen, dabei zu wenig zu spät zu tun. („Grausamkeiten der bestürzendsten Sorte werden von den Einheimischen praktiziert, wie etwa, dass Sklaven im Grab eines toten Häuptlings lebendig begraben werden, dass bei einheimischen Kämpfen gefangen genommenen Kriegern die Köpfe abgeschnitten werden, und keine Anstrengung wird von der Regierung Eurer Majestät unternommen, um sie zu verhindern“, schreibt der Afroamerikaner George Washington Williams im Jahr 1890 über den noch jungen Kongo-Freistaat. Das menschliche Leben galt im Kongo nicht als besonders wertvoll. Auch der Kannibalismus war keine Erfindung von Rassisten; selbst vor relativ kurzer Zeit gab es in den kongolesischen Bürgerkriegen noch einzelne Berichte von kannibalistischen Verbrechen bantustämmiger Kongolesen an Pygmäen.)

In vieler Hinsicht allerdings wurden die Zustände im Kongo-Freistaat bald wesentlich schlimmer als irgendwo anders in Afrika, und hier kommen wir jetzt zu den Vorwürfen von den sog. „Kongogräueln“. Daher zu den im System des Kongo-Freistaats liegenden Gründen.

Wirtschaftliche Interessen trieben natürlich den Kolonialismus immer an, jedenfalls zu einem gewissen Teil (es gab noch einige Motive mehr; Ehre und Einfluss für das eigene Land, in-Schach-Halten anderer Länder; ehrliche Wünsche nach der Durchsetzung europäischer Werte, z. B. Verbreitung des Christentums, „Zivilisierung“/Industrialisierung, im 19. Jh. die Abschaffung des Sklavenhandels); man wollte je nach Kolonie exotische Importgüter, Absatzmärkte für eigene Produkte, Siedlungsgebiete für die eigene überschüssige Bevölkerung, usw. usf. Es war in den letzten 500 Jahren auch oft so, dass Kolonialisierung durch staatliche oder halbstaatliche Handelskompanien vorangetrieben wurde. Der Kongo-Freistaat aber war mehr als andere Kolonien einfach nur ein Wirtschaftsunternehmen. Im Kongo gab es mehrere Rohstoffe zu holen: Kopal, Elfenbein, auch einige Bodenschätze, die erst nach und nach gefunden wurden, aber vor allem Kautschuk zur Gummiproduktion, ein milchiger Saft, den man durch das Anritzen der Kautschukbäume bzw. -lianen gewinnt, die im kongolesischen Urwald zahlreich wuchsen. Leopold hatte das nicht wirklich vorhergesehen; es stellte sich erst nach und nach heraus, wie reich das Land war (zuerst hatte man mehr auf Elfenbein als auf Kautschuk gesetzt).

Arbeiter zu gewinnen war im Kongo generell nicht immer leicht; die Kongolesen lebten relativ anspruchlos und interessierten sich nicht sehr für regelmäßige Lohnarbeit, auch wenn sie gelegentlich schon Kautschuk oder Elfenbein an private Händler verkauft hatten; und ständig Arbeiter aus Sansibar, dem Senegal, Lagos oder Sierra Leone anzuwerben, wie man es anfangs für den Eisenbahnbau tat, war teuer.

Aber vor allem war Leopold schlicht und einfach daran interessiert, so schnell wie möglich so viel Gewinn wie möglich aus seinem Land herauszuholen, und von Anfang an vom Nutzen von Zwangsarbeit überzeugt gewesen. Er führte also ab 1891/92 folgendes System ein: Alles nicht effektiv bebaute Land (also alles außer den Siedlungen und Feldern der Einheimischen; auch das Land, das sie z. B. als Gebiet zum Jagen und Sammeln benutzt hatten) hatte als Besitz des Staates zu gelten, und die Einheimischen wurden zwangsweise herangezogen, um es zu erschließen und dem Staat Abgaben zu liefern. Zuerst war das Ganze nicht wirklich geregelt; erst als ein Gericht in Boma feststellte, dass es eine gesetzliche Grundlage für Abgaben o. Ä. geben musste, wurde 1903 ein Dekret erlassen, laut dem jeder Einheimische für 40 Stunden Arbeit im Monat für den Staat herangezogen werden konnte, quasi anstatt von Steuern, und diese Arbeit musste eben meistens auf dem Staatsland geleistet werden. Leopold hatte deswegen kein schlechtes Gewissen: Er sah es als zivilisatorische Maßnahme und Erschließung des Landes, das er sowieso einfach als seins betrachtete, und Steuern gab es schließlich auch in Europa.

In anderen in dieser Zeit entstehenden Kolonien in Afrika wurden teilweise auch Arbeitspflichten als Steuerersatz eingeführt, aber in viel geringerem Ausmaß. In wieder anderen Kolonien gab es eher (geringfügige) Individual- oder Hüttensteuern, für die sich die Einheimischen durch Arbeit auf dem freien Markt das Geld beschaffen mussten. Es gab auch Mischsysteme: In Mosambik konnte die jährliche Steuer entweder in Geld, Naturalien oder Arbeit gezahlt werden; die Arbeitszeit für die Steuer eines Jahres betrug 12 Tage. Ähnlich sah es in Deutsch-Ostafrika aus. Im ebenfalls deutsch regierten Kamerun betrug die Steuer für einen Erwachsenen pro Jahr 3 Mark. In Französisch-Kongo gab es je nach Region Individualsteuern von 1-3 Franken für Erwachsene oder Hüttensteuern von 2-6 Franken pro Hütte. In Madagaskar hatte Frankreich zuerst Arbeit verlangt und ersetzte das 1901 durch Steuern in Geld, weil es Schwierigkeiten und Missbräuche bei der Durchsetzung der Zwangsarbeit gegeben hatte. Zum Vergleich: Die Menge Kautschuk, die ein Einheimischer in manchen Regionen des Kongo-Freistaats jährlich sammeln musste, konnte u. U. zu einem Preis von mehreren hundert Franken verkauft werden.

Lagerräume für Kautschuk.

Bereits vorher wurde von den Einheimischen oft allerdings sehr viel mehr als 40 Stunden verlangt, und auch das Dekret von 1903 wurde in der Regel nicht umgesetzt; die zuständigen Agenten interessierten sich vor allem dafür, möglichst große Mengen an Kautschuk zusammenbekommen, wie sie ja von oben angewiesen wurden – auch Anfang 1904 erhielten die Distriktkommissare vom Generalgouverneur die Anweisung, dass trotz des neuen Dekrets nicht weniger geliefert werden sollte als vorher, sondern eher nach und nach mehr (es wurden auch immer noch neue Gebiete erschlossen, wo man bisher nicht viel Kontakt zu den Einheimischen gehabt hatte).

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Theophile Wahis, Generalgouverneur 1892-1908.

Die Untersuchungskommission von 1904/1905, die Leopold wegen der Kongogräuel schließlich zulassen musste (in Teil 2 und 3 mehr dazu), schreibt in ihrem Bericht:

„In der Mehrzahl der Fälle muss er tatsächlich alle zwei Wochen einen Marsch von ein oder zwei Tagen und manchmal mehr unternehmen, um sich an den Ort im Wald zu begeben, wo er in ausreichender Anzahl Kautschuklianen finden kann. Dort führt der Sammler während einer gewissen Anzahl von Tagen ein elendes Leben. Er muss sich einen improvisierten Unterstand bauen, der offensichtlich seine Hütte nicht ersetzen kann, er hat nicht die Nahrung, an die er gewöhnt ist, er ist seiner Frau beraubt, den Unbilden des Wetters und den Angriffen wilder Tiere ausgesetzt. Seinen Ertrag muss er zum Posten des Staates oder der Gesellschaft bringen und erst danach kehrt er in sein Dorf zurück, wo er nur zwei oder drei Tage bleiben kann, bis der nächste Termin ihn drängt. Daraus folgt, wie auch immer seine Aktivität im Kautschukwald aussieht, dass der Einheimische wegen der zahlreichen Reisen, die ihm auferlegt sind, den größten Teil seiner Zeit vom Kautschuksammeln in Anspruch genommen sieht. Es ist kaum nötig, anzumerken, dass diese Situation eine krasse Verletzung des Gesetzes von den ‚vierzig Stunden‘ darstellt.“ (Untersuchungsbericht, S. 46)

Während es Ende des 19. Jahrhunderts in der Kolonialpolitik im Allgemeinen als Grundsatz galt, dass staatliche Einnahmen aus den Kolonien in den Kolonien bleiben sollten, wollte Leopold solche Einnahmen für sein Land. „Im kolonialen System, wie es am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts praktiziert wird, gesteht man implizit zu, dass eine Metropole in den Beziehungen mit ihren Kolonien auf ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen pochen kann. Aber was man dennoch für indiskutabel hält, ist, dass sie versucht, aus ihren Kolonien direkte finanzielle Vorteile zu ziehen. Ein praktisch einstimmiges Einvernehmen hat sich über die Ansicht gebildet, dass die kolonialen Finanzen im alleinigen Interesse der Kolonien selbst verwaltet werden müssen.“ (Stengers, Jean: L’État Indépendant du Congo et le Congo belge jusqu’en 1914, in: Ders.: Congo. Mythes et réalités, Brüssel 2005, S. 99-128, S. 110.)

Als das Unternehmen im Kongo – nach sehr hohen Anfangsinvestitionen aus seinem Privatvermögen (im Jahr 1885, als der Staat gerade erst richtig gegründet war, hatte er bereits 11,5 Mio. Francs ausgegeben) und Krediten durch den belgischen Staat in den Jahren 1890 und 1895 – ab Mitte der 1890er Profit abzuwerfen begann, ließ Leopold von diesem Profit Belgiens Städte verschönern und Monumentalbauten errichten. Er hielt das nur für gerecht: Eine Kolonie sollte für ihre Zivilisierung dem Mutterland etwas zurückgeben. Leopolds eigene Kolonialbeamte waren nicht begeistert davon, und auch in Belgien stieß er nicht auf übermäßige Dankbarkeit:

„Die belgische Regierung zeigt die stärksten Vorbehalte gegenüber den königlichen Großzügigkeiten, und damit sie akzeptiert werden, wird der König manchmal Listen anwenden müssen. Um Belgien zum Beispiel den Arcade du Cinquantenaire zu geben, wird er sich hinter fiktiven Spendern verstecken müssen, die er gefunden hatte; als vollendeter Schauspieler wird der König am Tag der offiziellen Zeremonie diesen ‚großzügigen Spendern‘ überschwänglich danken. Die Verwaltung des Kongo ist noch reservierter, und sogar heimlich feindselig. Diejenigen, die im Kongo leben, sehen mit ihren eigenen Augen, wie arm das Land ist, und wie rudimentär seine Ausstattung noch ist; sie sehen den Mangel an Ärzten, an Krankenhäusern, an Transportmitteln; wie sie sich nicht beim Gedanken daran aufregen, dass die kongolesischen Gelder in Mengen von mehreren zehn Millionen für Monumentalbauten in Belgien verwendet werden. ‚Seit langem‘, schreibt ein ehemaliger Kolonialist, ‚ist der Arcade du Cinquantenaire von Brüssel der persönliche Fend der Kolonialisten gewesen.‘ Die Funktionäre der Verwaltung des Kongo in Brüssel teilen in dieser Hinsicht die Gefühle ihrer Kollegen in Afrika. Es wird passieren, wir wissen es, dass sie dem König die Existenz bestimmter Einkünfte aus dem Kongo verbergen, aus Angst, dass er sie sofort in seine großen Werke steckt.“ (Stengers, Jean: L’État Indépendant du Congo et le Congo belge jusqu’en 1914, in: Ders.: Congo. Mythes et réalités, Brüssel 2005, S. 99-128, S. 121f.)

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Arcade de Cinquantenaire, Brüssel. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Marc Ryckaert (MJJR).

Die Gelder, aus denen Großbauten in Belgien finanziert wurden, stammten vor allem aus der „Stiftung der Krone“ (Domaine de la Couronne), einem großen Gebiet im Inneren des Kongo-Freistaats. Die Existenz der Stiftung wurde zuerst mehr oder weniger geheimgehalten, Missionaren o. Ä. der Zutritt dort schwer gemacht, und das System der Zwangsarbeit war dort oft besonders hart. Die Einnahmen vom Rest des Staatslandes blieben eher im Kongo, um dort die Angestellten und Soldaten zu bezahlen, die Posten zu bauen usw.

Die Einheimischen wurden für den Kautschuk bezahlt, z. B. mit Stoffen oder Kupferstäben (das sollte sie auf den Geschmack bringen, regelmäßig zu arbeiten, hieß es); allerdings recht schlecht. Das Gesetz von 1903 legte fest, dass die Bezahlung nicht geringer als der übliche örtliche Lohn sein sollte, was auch für gewöhnlich nicht eingehalten wurde.

Die Arbeit war aus gutem Grund unbeliebt und oft einfach exzessiv; nachvollziehbarerweise bestand nicht viel Lust dazu, den Leuten, die vor kurzem gekommen waren und das Land übernommen hatten, andauernd den Saft irgendwelcher Bäume zu liefern. Die Folge war, dass mit Gewalt gegen Verweigerer oder solche, die einfach nicht genug liefern konnten, vorgegangen wurde; und hier sind wir endlich beim eigentlichen Thema.

Aber dazu, wie gesagt, morgen in Teil 2.