Aus dem Denzinger: Der Heilige Stuhl über Bibel und Naturwissenschaft, Schöpfungsgeschichte und Evolution (vor dem 2. Vatikanum)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

 Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im frühen 20. die Paläontologie und die Biologie Fortschritte machten und die Evolutionslehre von immer mehr Wissenschaftlern vertreten wurde, mussten sich auch die Kirchen der Frage stellen, wie sie es mit der Auslegung der ersten Kapitel des Buches Genesis halten wollten. Im Protestantismus gab es ganz unterschiedliche Wege; liberalere Theologen glaubten nicht an eine wörtliche Genesisauslegung, während die wegen ihrem Bekenntnis zu den „fünf Fundamenten“ des Glaubens als „Fundamentalisten“ bezeichneten amerikanischen Protestanten eine wörtliche Auslegung der sieben Schöpfungstage und anderer biblischer Aussagen im frühen 20. Jahrhundert für nicht verhandelbar erklärten. Die katholische Kirche ging einen etwas komplizierteren Weg.

Papst Leo XIII. stellt in seiner Enzyklika „Providentissimus Deus“, in der es um die Hl. Schrift geht, allgemeine Grundsätze über das Verhältnis zwischen der Schrift und den Naturwissenschaften auf, die auf dem Prinzip beruhen, dass sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen können:

 

„Dem Lehrer der heiligen Schrift wird die Kenntnis der Naturwissenschaften eine gute Hilfe sein, mit der er auch derartige gegen die göttlichen Bücher gerichteten Trugschlüsse leichter aufdecken und widerlegen kann.

Zwischen dem Theologen und dem Naturwissenschaftler wird es freilich keinen wahren Widerstreit geben, solange sich beide auf ihr Gebiet beschränken und sich gemäß der Mahnung des hl. Augustinus davor hüten, ‚irgendetwas unbesonnen oder Unbekanntes für Bekanntes zu behaupten’*. Sollten sie aber dennoch in Widerstreit geraten, so ist kurz zusammengefasst die von demselben dargebotene Regel, wie sich der Theologe verhalten soll: ‚Von allem,’ sagt er, ‚was sie von der Natur der Dinge mit stichhaltigen Beweisen darlegen können, wollen wir zeigen, daß es unserer Schrift nicht entgegengesetzt ist: von allem aber, was sie aus welchen ihrer Bücher auch immer dieser unserer Schrift, das heißt dem katholischen Glauben, Entgegengesetztes vorbringen, wollen wir entweder, soweit nur irgend möglich, zeigen oder ohne jeden Zweifel glauben, daß es völlig falsch ist’**.

In bezug auf die Billigkeit dieser Regel soll zuerst erwogen werden, daß die heiligen Schriftsteller oder besser ‚der Geist Gottes, der durch sie redete, dies (nämlich die innerste Beschaffenheit der sichtbaren Dinge) die Menschen nicht lehren wollte, da es niemandem zum Heile nützen sollte’***; daß sie daher, statt geradewegs Naturforschung zu betreiben, die Dinge selbst bisweilen lieber entweder in einer gewissen Art von Übertragung beschreiben und abhandeln, oder wie es die alltägliche Sprache in jenen Zeiten mit sich brachte und heute bei vielen Dingen im täglichen Leben selbst unter den gebildetsten Menschen mit sich bringt. Da mit der Volkssprache aber dies zunächst und im eigentlichen Sinne ausgedrückt wird, was unter die Sinne fällt, hat sich in gleicher Weise der heilige Schriftsteller (und auch der Engelgleiche Lehrer machte darauf aufmerksam)‚ an das gehalten, was sinnenfällig erscheint’****, bzw. was Gott selbst, zu den Menschen redend, entsprechend ihrem Fassungsvermögen auf menschliche Weise äußerte.

Deshalb, weil die Verteidigung der heiligen Schrift eifrig betrieben werden soll, sind aber nicht alle Auffassungen in gleicher Weise in Schutz zu nehmen, die die einzelnen Väter oder die nachfolgenden Exegeten bei ihrer Erklärung geäußert haben: sie haben, je nachdem die Meinungen der Zeit waren, bei der Erörterung von Stellen, wo Naturkundliches behandelt wird, vielleicht nicht immer wahrheitsgemäß geurteilt, so daß sie manches behaupteten, was jetzt weniger gebilligt werden könnte.

Deshalb ist bei ihren Auslegungen geflissentlich zu unterscheiden, was sie denn tatsächlich als den Glauben betreffend oder mit ihm aufs engste verbunden lehren, was sie in einmütiger Übereinstimmung lehren; denn ‚in dem, was nicht notwendig zum Glauben gehört, war es den Heiligen erlaubt, verschiedener Meinung zu sein, wie auch uns’*****, wie der Satz des Hl. Thomas lautet. Er bemerkt auch an anderer Stelle überaus klug: ‚Mir scheint es sicherer zu sein, daß das, was die Philosophen gemeinsam gutgeheißen haben und unserem Glauben nicht widerspricht, weder so zu behaupten ist wie Lehrsätze des Glaubens, auch wenn sie manchmal unter dem Namen der Philosophen eingeführt werden, noch so abzulehnen ist als dem Glauben entgegengesetzt, damit den Weisen dieser Welt keine Gelegenheit geboten werde, die Lehre des Glaubens zu verachten’******.

Obwohl der Ausleger zeigen muß, daß das, von dem die Naturwissenschaftler schon mit sicheren Beweisen bestätigt haben, daß es sicher ist, den richtig ausgelegten Schriften keineswegs entgegensteht, soll ihm freilich dennoch nicht entgehen, daß es bisweilen geschehen ist, daß manches, was von jenen als sicher gelehrt wurde, später in Zweifel gezogen und verworfen wurde. …

Sodann wird es nützlich sein, ebendies auf verwandte Wissenschaften, vor allem auf die Geschichte, zu übertragen.“

(Leo XIII., Enzyklika „Providentissimus Deus“, 1893; in: DH 3287-3290)

 

* Vgl. Augustinus, De Genesi ad litteram imperfectus liber c. 9, n. 30 (CSEL 28,48113 / PL 34,233).

** Augustinus, De Genesi ad litteram I 21, n. 41 (CSEL 28,314–9 / PL 34,262).

*** Augustinus, De Genesi ad litteram II 9, n. 20 (CSEL 28,468–10 / PL 34,270f).

**** Thomas von Aquin, Summa theologiae I, q. 70, a. 1 ad 3 (Editio Leonina 5,178b).

***** Thomas von Aquin, Super IV libros Sententiarum II, dist. 2, q. 1, a. 3, solutio (Parmaer Ausg. 6,405b / R. Busa, Opera omnia 1 [1980] 130).

****** Thomas von Aquin, Responsio ad lectorem Vercellensem de articulis 42, Vorwort (Opusculum 10 in der römischen Ausg.; = opusculum 22 in der Ausg. von Mandonnet 3 [Paris 1927] 197; = opusculum 9 in der Parmaer Ausg. 16,163b).

 

Die Päpstliche Bibelkommission schrieb dann im Jahr 1909:

 

„Frage 1: Stützen sich die verschiedenen exegetischen Lehrgebäude, die zum Ausschluß des wörtlichen, historischen Sinnes der drei ersten Kapitel des Buches Genesis ausgedacht und unter dem Schein der Wissenschaftlichkeit verfochten wurden, auf eine feste Grundlage?

Antwort: Nein.

Frage 2: Kann, trotz der historischen Eigenart und Form des Buches Genesis, der besonderen Verbindung der drei ersten Kapitel untereinander und mit den folgenden Kapiteln, des vielfältigen Zeugnisses der Schriften sowohl des Alten als auch des Neuen Testamentes, der fast einmütigen Auffassung der heiligen Väter und der traditionellen Meinung, die, auch vom israelitischen Volk übermittelt, die Kirche immer festgehalten hat, gelehrt werden, daß die eben genannten drei Kapitel der Genesis keine Erzählungen wirklich geschehener Dinge enthalten, die nämlich der objektiven Realität und historischen Wahrheit entsprechen; sondern entweder Sagenhaftes, das den Mythologien und Kosmogonien der alten Völker entnommen und vom heiligen Verfasser nach Reinigung von jeglichem Irrtum des Polytheismus der monotheistischen Lehre angepaßt wurde; oder Gleichnisse und Symbole, die der Grundlage der objektiven Realität entbehren und unter dem Schein der Geschichte vorgelegt wurden, um religiöse und philosophische Wahrheiten einzuschärfen; oder schließlich teils historische und teils erdachte Legenden, die zur Unterweisung und Erbauung der Herzen frei zusammengestellt wurden?

Antwort: Nein zu beiden Teilen.

Frage 3: Kann insbesondere der wörtliche, historische Sinn in Zweifel gezogen werden, wo es sich um in ebendiesen Kapiteln erzählte Tatsachen handelt, die die Grundlagen der christlichen Religion berühren: als da sind, unter anderem, die von Gott am Anfang der Zeit getätigte Erschaffung aller Dinge; die besondere Erschaffung des Menschen; die Bildung der ersten Frau aus dem ersten Menschen; die Einheit des Menschengeschlechtes; die ursprüngliche Glückseligkeit der Stammeltern im Stande der Gerechtigkeit, Unversehrtheit und Unsterblichkeit; das dem Menschen von Gott gegebene Gebot, um seinen Gehorsam auf die Probe zu stellen; die Übertretung des göttlichen Gebotes aufgrund der Einflüsterung des Teufels unter der Gestalt der Schlange; die Vertreibung der Stammeltern aus jenem ursprünglichen Stand der Unschuld; sowie die Verheißung des künftigen Wiederherstellers?

Antwort: Nein.

Frage 4: Ist es erlaubt, bei der Auslegung jener Stellen dieser Kapitel, die die Väter und Lehrer auf unterschiedliche Weise verstanden haben, ohne daß sie irgend etwas Sicheres und Bestimmtes überliefert hätten, unbeschadet des Urteils der Kirche und unter Wahrung der Analogie des Glaubens jener Auffassung zu folgen und sie zu verteidigen, die ein jeder umsichtig für richtig befunden hat?

Antwort: Ja.

Frage 5: Ist alles und jedes, nämlich die Worte und Redewendungen, die in den eben genannten Kapiteln vorkommen, immer und notwendig im eigentlichen Sinne aufzufassen , so daß man niemals von ihm abweichen darf, auch wenn sich deutlich zeigt, daß Redeweisen uneigentlich, metaphorisch oder anthropomorph verwendet wurden und den eigentlichen Sinn entweder die Vernunft beizubehalten verbietet oder die Notwendigkeit aufzugeben zwingt?

Antwort: Nein.

 Frage 6: Kann, den wörtlichen und historischen Sinn vorausgesetzt, eine allegorische und prophetische Auslegung mancher Stellen ebendieser Kapitel gemäß dem voranleuchtenden Beispiel der heiligen Väter und der Kirche selbst klugerweise und nutzbringend angewandt werden?

 Antwort: Ja.

Frage 7: Ist, obwohl es bei der Abfassung des ersten Kapitels der Genesis nicht die Absicht des heiligen Autors war, die innerste Beschaffenheit der sichtbaren Dinge und die vollständige Reihenfolge der Schöpfung auf wissenschaftliche Weise zu lehren, sondern vielmehr seinem Volk eine volkstümliche Kunde – wie es die allgemeine Sprache zu jenen Zeiten zuließ – zu überliefern, die den Sinnen und dem Fassungsvermögen der Menschen angepaßt war, bei der Auslegung dieser Dinge genau und stets nach der Eigentümlichkeit wissenschaftlicher Rede zu forschen?

Antwort: Nein

Frage 8: Kann bei jener Bezeichnung und Unterscheidung der sechs Tage, um die [es] im ersten Kapitel der Genesis [geht], das Wort Yôm (Tag) sowohl im eigentlichen Sinne als natürlicher Tag als auch im uneigentlichen Sinne als bestimmter Zeitraum aufgefasst werden, und ist es erlaubt, über diese Frage unter den Exegeten zu diskutieren?

Antwort: Ja.“

(Päpstliche Bibelkommission, 1909; in: DH 3512-3519)

 

Ein paar Jahrzehnte später äußerte sich auch Papst Pius XII. zu dieser Frage:

 

„Deshalb verbietet das Lehramt der Kirche nicht, daß die ‚Evolutionslehre’ (insofern sie nämlich den Ursprung des menschlichen Leibes aus schon existierender und lebender Materie erforscht – daß nämlich die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen werden, heißt uns der katholische Glaube festzuhalten –) gemäß dem heutigen Stand der menschlichen Wissenschaften und der heiligen Theologie in Forschungen und Erörterungen von Gelehrten in beiden Feldern behandelt werde, und zwar so, daß die Gründe beider Auffassungen, nämlich der Befürworter und der Gegner, mit der nötigen Ernsthaftigkeit, Mäßigung und Besonnenheit erwogen und beurteilt werden; dabei sollen alle bereit sein, dem Urteil der Kirche zu gehorchen, der von Christus die Aufgabe übertragen wurde, sowohl die Heiligen Schriften authentisch auszulegen als auch die Lehren des Glaubens zu schützen.

Diese Freiheit der Erörterung überschreiten jedoch manche in leichtfertiger Vermessenheit, wenn sie sich so benehmen, als ob dieser Ursprung des menschlichen Leibes aus schon existierender und lebender Materie durch bis jetzt gefundene Hinweise und durch aus ebendiesen Hinweisen abgeleitete Vernunftschlüsse schon ganz und gar sicher und bewiesen sei und es aufgrund der Quellen der göttlichen Offenbarung nichts gebe, was in dieser Sache größte Mäßigung und Vorsicht erfordert.

Wenn es sich aber um eine andere auf Vermutung gründende Ansicht handelt, nämlich um den sogenannten Polygenismus, dann genießen die Kinder der Kirche keineswegs eine solche Freiheit. Die Christgläubigen können diese Auffassung nämlich nicht gutheißen, deren Anhänger behaupten, entweder habe es nach Adam hier auf Erden wahre Menschen gegeben, die nicht von demselben als dem Stammvater aller durch natürliche Zeugung abstammten, oder ‚Adam’ bezeichne eine Menge von Stammvätern; es ist nämlich keineswegs ersichtlich, wie eine solche Auffassung mit dem in Übereinstimmung gebracht werden könnte, was die Quellen der geoffenbarten Wahrheit und die Akten des Lehramtes der Kirche über die Ursünde vorlegen, die aus der wahrhaft von dem einen Adam begangenen Sünde hervorgeht und die, durch Zeugung auf alle übertragen, einem jeden als ihm eigen innewohnt [vgl. Röm 5,12-19; Dekret des Konzils von Trient über die Ursünde].

Wie aber in den biologischen und anthropologischen Disziplinen, so gibt es auch in den historischen Leute, die die von der Kirche festgesetzten Grenzen und Vorsichtsmaßnahmen verwegen übertreten. Und in besonderer Weise beklagenswert ist eine gewisse allzu freie Interpretationsweise der geschichtlichen Bücher des Alten Testamentes, deren Befürworter zu Unrecht den vor nicht so langer Zeit von der Päpstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von Paris gerichteten Brief zur Verteidigung ihrer Sache anführen. Dieser Brief macht nämlich ausdrücklich darauf aufmerksam, daß die ersten elf Kapitel der Genesis, wenn sie auch eigentlich nicht mit den Verfahren der Geschichtsschreibung zusammenstimmen, deren sich die herausragenden griechischen und lateinischen Geschichtsschreiber oder die Gelehrten unserer Zeit bedienten, nichtsdestoweniger doch in einem gewissen Sinne, der von den Exegeten noch näher erforscht und bestimmt werden muß, zur Gattung der Geschichte  gehören, und daß dieselben Kapitel in einfacher und bildhafter Sprache, die dem Verständnis eines wenig gebildeten Volkes angemessen ist, sowohl die hauptsächlichen Wahrheiten berichten, auf die sich die Sorge um unser ewiges Heil stützt, als auch eine volkstümliche Beschreibung des Ursprungs des Menschengeschlechtes und des erwählten Volkes bieten.

Wenn die alten Verfasser der heiligen Bücher aber etwas aus volkstümlichen Erzählungen geschöpft haben (was man durchaus einräumen  kann), so darf man niemals vergessen, daß sie unterstützt vom Hauch der göttlichen Eingebung so gehandelt haben, durch den sie bei der Auswahl und Beurteilung jener Dokumente von jeglichem Irrtum rein bewahrt wurden.

Was aber aus volkstümlichen Erzählungen in die Heilige Schrift übernommen wurde, das darf keineswegs mit Mythologien oder anderem Derartigem gleichgestellt werden, das mehr aus einer weitschweifenden Einbildungskraft herrührt als aus jenem Streben nach Wahrheit und Einfachheit, das in den Heiligen Büchern auch des Alten Testamentes so sehr aufstrahlt, daß man von unseren Verfassern der heiligen Bücher sagen muß, daß sie die alten Profanschriftsteller klar überragen.“

(Pius XII., Enzyklika „Humani Generis“, 1950; in: DH 3896-3899)

 

In der Enzyklika bezieht sich der Papst auf einen zwei Jahre zuvor verfassten Brief des Sekretärs der Bibelkommission an den Erzbischof von Paris, der folgende Abschnitte enthält:

 

„Die Frage der literarischen Formen der elf ersten Kapitel der Genesis ist viel undurchsichtiger und umfassender. Diese literarischen Formen entsprechen keiner unserer klassischen Kategorien und können nicht im Lichte der griechisch-lateinischen oder modernen literarischen Gattungen beurteilt werden. Man kann folglich ihre Historizität als ganze weder verneinen noch bejahen, ohne auf sie die Gesetze einer literarischen Gattung ungerechtfertigterweise anzuwenden, unter die sie nicht eingeordnet werden können. Wenn man sich darauf einigt, in diesen Kapiteln nicht Geschichte im klassischen oder modernen Sinne zu sehen, so muß man auch zugeben, daß die gegenwärtigen wissenschaftlichen Gegebenheiten es nicht erlauben, allen Problemen, die sie stellen, eine positive Lösung zu geben.

Die erste Pflicht, die hier der wissenschaftlichen Exegese obliegt, besteht zuallererst in der aufmerksamen Untersuchung aller literarischen, wissenschaftlichen, geschichtlichen, kulturellen und religiösen Probleme, die mit die-sen Kapiteln verbunden sind; man müßte sodann die literarischen Vorgehensweisen der alten orientalischen Völker, ihre Psychologie, ihre Ausdrucksweise und ihren Begriff von geschichtlicher Wahrheit genau überprüfen; man müßte, in einem Wort, ohne Vorurteile das ganze Material der paläontologischen und historischen, epigraphischen und literarischen Wissenschaften sammeln. Nur auf diese Weise kann man darauf hoffen, klarer zu sehen, was die wirkliche Natur bestimmter Erzählungen der ersten Kapitel der Genesis angeht.

A priori zu erklären, ihre Erzählungen enthielten nicht Geschichte im modernen Sinne des Wortes, ließe leicht heraushören, daß sie in keinem Sinne des Wortes Geschichte enthielten, wohingegen sie in einer einfachen und bilderreichen Sprache, die dem Fassungsvermögen einer weniger entwickelten Menschheit angepaßt ist, die grundlegenden Wahrheiten berichten, die der Heilsordnung zugrundeliegen, gleichzeitig mit der volkstümlichen Beschreibung der Anfänge des Menschengeschlechts und des auserwählten Volkes.“

(Brief des Sekretärs der Bibelkommission an den Erzbischof von Paris, Kardinal Suhard, 1948; in: DH 3864)

 

Mit anderen Worten: Die Schöpfungsgeschichte muss keineswegs vollkommen wörtlich zu verstehen sein und die christliche Theologie ist mit der Annahme einer Milliarden von Jahren alten Erde, einer Evolution und einer körperlichen Abstammung des Menschen von Tieren vereinbar; aber Genesis erzählt doch von wirklichen geschichtlichen Ereignissen; der Sündenfall zum Beispiel muss irgendwann einmal tatsächlich geschehen sein, in welcher Form auch immer. Und es gab keinen völlig fließenden Übergang zwischen Tier und Mensch, sondern an irgendeinem Punkt muss Gott menschliche Seelen für von Tieren abstammende Wesen erschaffen haben – wenn wir auch nicht wissen können, wann genau das war.

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Wie man Heilige missdeuten kann, oder: Jeanne d’Arc als feministische Endzeit-Terroristin?

(Die hl. Jeanne d’Arc in einer Miniatur aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts; Bildquelle: Wikimedia Commons)

Letztens bin ich auf Youtube auf folgendes Lied gestoßen, das von der hl. Jeanne d’Arc handelt bzw. handeln soll:

 

I am as God made me, I have no desire

For a mouth at my breast, or a pot on the fire

I heed the higher voices, I go where I’m sent

To mow down the men who refuse to repent

I’m a scythe in a field full of briars

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

The courage of Catherine, the flames of the forge

The sword of Saint Michael, the blood of Saint George

I take what I’m given, I follow my truth

I gladly abandon the bloom of my youth

I’m the lashing that falls from the scourge

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

I fight where God tells me, I never ask why

I’ve bloodied the devil with steel from on high

I kill without consequence, heed no man’s law

I sift out the righteous like grain from the straw

I am judgment and Heaven is nigh

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

They won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

No, they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

No, they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

They won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

Das ist nicht unsere Heilige, kann ich da nur sagen.

Diese Joan besteht stolz darauf, dass sie nicht als irgendeines Mannes Anhängsel bekannt sein will, sondern für ihre eigenen Taten; nun ist Jeanne d’Arc für ihre eigenen Taten bekannt – wie übrigens unsere heiligen Frauen generell –, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie gerade nicht darauf aus war, sich Ruhm und Anerkennung zu erwerben, als sie ihren Stimmen folgte. Das ist eine Heilige nämlich nicht, und auch kein Heiliger. Sie wollen Gott dienen, sie posaunen nicht überheblich ihre Berufung zu Höherem hinaus. Auch zeigen Heilige für gewöhnlich keine Verachtung für die niederen Aufgaben mit Kindern & Küche, wie hier gleich in der ersten Strophe demonstriert – selbst dann, wenn ihnen speziell diese Aufgaben nicht liegen.

Russische Ikone

Der hl. Benedikt der Mohr konnte offenbar mehr mit der Küche anfangen als „Joan“. Er gab sogar aus Demut den Posten als Novizenmeister wieder auf, auf den ihn seine Mitbrüder gewählt hatten, um dann wieder in der Klosterküche zu arbeiten. (Bildquelle: Ökumenisches Heiligenlexikon, https://www.heiligenlexikon.de/BiographienB/Benedikt_der_Mohr.htm)

Und dann sind da ja noch diese Zeilen, die eher auf Thomas Müntzer oder Jan van Leiden oder Oliver Cromwell passen würden als auf Jeanne d’Arc. (Oder meinetwegen noch auf Arnauld Amaury.)

Datei:Thomas Muentzer.jpg

(Thomas Müntzer (1489-1525), Kupferstich von Christoph van Sichem, 1608)

Nein, die Jungfrau von Orleans war keine verrückte Endzeitprophetin, die sich berufen fühlte, Gottes Gericht an den Sündern zu vollstrecken. Die Engel, die ihr erschienen, beauftragten sie, zu helfen, Frankreich im Hundertjährigen Krieg von den Engländern zu befreien, und mit diesem Anliegen ging sie zu Karl VII. Sie war eine mutige und heilige Kriegerin und französische Patriotin; und sie versuchte nicht, im Widerspruch zum Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matthäus 13,24-30) die Erde von Sündern zu reinigen („I sift out the righteous like grain from the straw“), weil das Ende der Welt nahe sei („I am judgment and Heaven is nigh“).

(Zeitgenössische Zeichnung von Jeanne d’Arc im Protokoll des Parlaments von Paris, 1429, erstellt von Clement de Fauquembergue; Bildquelle: Wikimedia Commons)

„I kill without consequence, heed no man’s law“? Echt jetzt? Na ja, irgendwie ist es ganz interessant, wie wenig manche Leute auf einmal gegen fanatische Religionskrieger haben, wenn es sich um Frauen handelt.

IS, Terrormiliz, Syrien, Gefährder, Wolfsburg, LKA

(IS-Kämpferinnen; Bildquelle: https://www.focus.de/fotos/weibliche-is-kaempferinnen-archivbild_id_4634903.html)

Okay, immer trifft das auch nicht zu.

Aus dem Denzinger: Die mittelalterliche Kirche über den Ehekonsens und heimliche Ehen (und Luthers Ansichten dazu)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Nach katholischer Lehre kommt die Ehe (die zwischen Getauften ein Sakrament ist) durch den Konsens, d. h. die freie Willensbekundung von Braut und Bräutigam, und durch nichts anderes, zustande. Auf dieser Lehre bestand die Kirche im Mittelalter sehr klar: Nicht die Einwilligung der Familien sorgte für eine gültige Ehe, auch nicht der Vollzug der Ehe, sondern allein der Konsens; Zwangsehen waren ungültig und konnten annulliert werden, und Ehen ohne die Zustimmung der Eltern oder heimlich geschlossene Ehen waren gültig.

Im Jahr 866 schrieb Papst Nikolaus I. (den ich in dieser Reihe schon öfter zitiert habe) an die Bulgaren, die mit verschiedenen Fragen an ihn herangetreten waren:

 

„Kap. 3. … Nach den Gesetzen soll allein die Einwilligung derer genügen, um deren Verbindung es sich handelt; wenn bei Hochzeiten allein diese Einwilligung fehlen sollte, so ist alles übrige, auch wenn es mit dem Beischlaf selbst begangen wurde, vergebens, wie der große Lehrer Johannes Chrysostomus bezeugt, der sagt: ‚Die Ehe macht nicht der Beischlaf, sondern der Wille’.“

(Nikolaus I., Brief „Ad consulta vestra“ an die Bulgaren, 13.11.866; in: DH 643)

 

Zu dieser Zeit war es noch möglich, dass ein Mann und eine Frau ohne irgendwelche weiteren Anwesende eine Ehe schlossen, indem sie einfach voreinander das Ehegelübde ablegten. Solche heimlichen Ehen kamen gelegentlich vor, sorgten dann aber auch für Probleme; z. B. konnte ein Mann eine Frau heimlich heiraten, und, wenn er ihrer überdrüssig war, sie verlassen, eine andere heiraten und behaupten, nie mit der ersten verheiratet gewesen zu sein. Die erste Frau hatte in diesem Fall kaum eine Chance vor einem Kirchengericht, da dieses ohne äußere Belege natürlich nicht feststellen konnte, ob sie die Wahrheit sagte oder vielleicht nur behauptete, mit ihm verheiratet zu sein, weil sie in ihn verliebt war und er sie verschmäht hatte.

Zudem konnten bei heimlichen Ehen die sog. Ehehindernisse nicht immer vorher entdeckt werden. Zu den Ehehindernissen, die eine Ehe ungültig machten, gehörte z. B. zu nahe Verwandtschaft der Brautleute, weshalb man, wenn man seine Cousine – oder auch seine Cousine zweiten Grades, die Tochter seines Taufpaten, oder seine verwitwete Schwägerin (damals war die Kirche in dieser Hinsicht noch strenger als heute) – heiraten wollte, erst einmal eine Sondergenehmigung (Dispens) vom Bischof beantragen musste. Wenn jemandem ein trennendes Ehehindernis nicht bewusst war und er dann heiratete, ohne einen Priester hinzuziehen, der ihn darauf hätte hinweisen können, war seine Ehe natürlich ungültig. Auch so ernste Dinge wie Frauenraub oder Gattenmord waren Ehehindernisse, d. h. ein Mann konnte nicht gültig eine Frau heiraten, die er zu diesem Zweck entführt hatte oder deren ersten Mann er zu diesem Zweck ermordet hatte. Oder auch ein früheres Keuschheitsgelübde verhinderte eine gültige Ehe; wer z. B. in einem Orden die ewigen Gelübde abgelegt hatte und dann das Kloster verlassen und sich an einem anderen Ort niedergelassen hatte, konnte nicht gültig heiraten. Ehen sollten also öffentlich geschlossen werden, damit vorher bekannt werden konnte, falls, sagen wir mal, der Bräutigam ein paar Jahre vorher ein Kloster verlassen hatte, und damit alles mit rechten Dingen zuging (kein Zwang o. Ä.), und für die Nachwelt dokumentiert wurde.

Es gab schließlich kirchliche Beschlüsse dazu, dass ein Kleriker und/oder weitere Zeugen bei einer Eheschließung anwesend sein mussten, und dass die Hochzeit vorher angekündigt werden musste (= das Aufgebot bestellt werden musste), damit jemand, der von einem möglichen Ehehindernis wusste, den Priester vorher darauf hinweisen konnte.

Zu diesen Beschlüssen gehört diese Vorschrift des 4. Laterankonzils von 1215:

 

„In die Fußstapfen Unserer Vorgänger tretend, verbieten Wir heimliche Eheschließungen völlig; Wir verbieten auch, daß sich ein Priester unterstehe, an solchen [Eheschließungen] teilzunehmen. Deshalb weiten wir die besondere Gewohnheit bestimmter Gegenden allgemein auf die anderen aus und bestimmen, daß, wenn Ehen geschlossen werden sollen, sie in den Kirchen durch die Priester öffentlich angekündigt werden sollen; dabei soll ein angemessener Termin festgesetzt werden, bis zu dem, wer will und kann, ein rechtmäßiges Hindernis entgegenstellen soll. Nichtsdestoweniger sollen auch die Priester selbst nachforschen, ob sich ein Hindernis entgegenstellt. […]“

(4. Konzil im Lateran, Kap. 51, 1215; in: DH 817)

 

Damit hatte das 4. Laterankonzil die heimlichen Ehen jedoch nicht ungültig, sondern nur unerlaubt gemacht – d. h., wer heimlich heiratete, hatte zwar gegen eine Vorschrift verstoßen und sich evtl. Kirchenstrafen zugezogen, war aber trotzdem gültig verheiratet (wenn kein Ehehindernis gegeben war). Das Konzil von Trient, das im 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation einberufen wurde, ging einen Schritt weiter:

 

„Kap. 1. [Beweggrund und Inhalt des Gesetzes] Auch wenn nicht daran zu zweifeln ist, daß heimliche Ehen, die in freiem Einverständnis der Partner geschlossen wurden, gültige und wahre Ehen sind, solange die Kirche sie nicht ungültig gemacht hat, und daher zurecht jene zu verurteilen sind, wie sie das heilige Konzil mit dem Anathema verurteilt, die leugnen, daß sie wahr und gültig sind, und die fälschlicherweise behaupten, Ehen, die von den Kindern ohne die Zustimmung der Familien geschlossen wurden, seien ungültig, und die Eltern könnten sie gültig oder ungültig machen: so hat die heilige Kirche Gottes sie nichtsdestoweniger aus äußerst triftigen Gründen immer verabscheut und verboten.

Da aber das heilige Konzil feststellt, daß jene Verbote wegen des Ungehorsams der Menschen nichts mehr nützen, und die schweren Sünden erwägt, die in ebendiesen heimlichen Ehen ihren Ursprung haben, vor allem aber [die Sünden] derer, die im Zustand der Verurteilung bleiben, wenn sie, nachdem sie ihre frühere Frau, mit der sie heimlich [die Ehe] geschlossen hatten, verlassen haben, mit einer anderen öffentlich [die Ehe] schließen und mit dieser in fortwährendem Ehebruch leben; da diesem Übel von der Kirche, die über Verborgenes nicht urteilt, ohne Anwendung eines wirksameren Heilmittels nicht Abhilfe geschaffen werden kann, tritt es in die Fußstapfen des unter Innozenz III. gefeierten [4.] heiligen Konzils im Lateran und gebietet, daß künftig, bevor die Ehe geschlossen wird, dreimal vom eigenen Pfarrer der [Ehe]schließenden an drei aufeinanderfolgenden Festtagen in der Kirche während der Meßfeier öffentlich verkündet werde, von wem die Ehe geschlossen werden soll; sind diese Verkündigungen erfolgt, schreite man, wenn sich kein rechtmäßiges Hindernis entgegenstellt, im Angesicht der Kirche zur Feier der Ehe, wo der Pfarrer, nachdem er Mann und Frau gefragt und sich ihres gegenseitigen Einverständnisses vergewissert hat, entweder sage: ‚Ich verbinde euch zur Ehe, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes’, oder andere Worte gebrauche, entsprechend dem üblichen Ritus einer jeden Provinz.

[Einschränkung des Gesetzes] Sollte aber einmal begründeter Verdacht bestehen, eine Ehe könne in böser Absicht verhindert werden, wenn so viele Verkündigungen vorausgegangen sind: dann soll entweder nur eine Verkündigung erfolgen oder die Ehe wenigstens in Gegenwart des Priesters und zweier oder dreier Zeugen gefeiert werden; danach sollen vor ihrem Vollzug die Verkündigungen in der Kirche erfolgen, damit, wenn irgendwelche Hindernisse vorliegen, sie leichter aufgedeckt werden, es sei denn, der Ordinarius selbst erachtet es für zweckmäßig, daß die eben genannten Verkündigungen erlassen werden, was das heilige Konzil seiner Klugheit und seinem Urteil überläßt.

[Sanktion] Diejenigen, die versuchen werden, eine Ehe anders zu schließen als in Gegenwart des Pfarrers oder – mit Erlaubnis des Pfarrers bzw. des Ordinarius – eines anderen Priesters und zweier oder dreier Zeugen: die erklärt das heilige Konzil für völlig [rechts]unfähig, auf diese Weise [eine Ehe] zu schließen, und es erklärt, daß solche [Ehe]schlüsse ungültig und nichtig sind, wie es sie im vorliegenden Dekret ungültig macht und für nichtig erklärt.“

(Konzil von Trient, Dekret „Tametsi“, 11.11.1563; in: DH 1813-1816)

 

Das Konzil von Trient verurteilte in seinen Beschlüssen verschiedene Ansichten der Reformatoren, insbesondere Luther, zur Ehe, u. a. auch die, dass die Polygamie oder die Scheidung möglich wären, oder dass die Ehe kein Sakrament, sondern nur „ein weltlich Ding“ wäre, und in diesem Dekret bezog es sich, was die Ehen ohne elterliches Einverständnis angeht, auf folgenden Abschnitt in Luthers Schrift „De abroganda missa privata“, Teil III, in der Luther sich gegen die „Erfindungen“ des Papstes wendet:

 

„Hierher gehört, dass er, was als Fallstrick für die Seelen gestellt ist, heimliche Ehen untersagt & trotzdem geschlossene dennoch stützt, gegen den Willen der Eltern, so die Söhne & Töchter gegen ihre Eltern rebellieren und die Ehe gegen ihren Willen bewahren lehrt, so dass, selbst wenn er das Recht der Eltern unberührt gelassen hätte, & die Kinder gelehrt hätte, ihren Eltern zu gehorchen, das Werk nichtig gewesen wäre durch sein törichtes und unwirksames Gesetz über die heimlichen Ehen. […] So sollen die Eltern wissen, dass es ihr Recht ist, die Ehen ihrer Kinder ungültig zu machen, & die Kinder sollen wissen, dass sie in diesen Dingen und in allem, was nicht gegen Gott geht, ihren Eltern gehorchen müssen, & dass ihre geheimen Ehen nichtig sind, wenn sie nicht schließlich durch demütige Bitten von ihren Eltern erreichen, dass sie als gültig anerkannt werden & verwünscht sei dieser Papst, der gegen Gott steht mit seinen Gesetzen.“

(„Huc pertinet, quod laqueo animabus posito, prohibet clandestina matrimonia & tamen contracta confirmat, inuitis parentibus, ita filios & filias parentibus rebellare, & contra eorum uoluntatem matrimonium seruare docens, qui si dimitteret ius parentum intactum, & obedire doceret filios parentibus, nihil opus foret sua stulta & stolida lege de clandestinis matrimoniis. […]Sciant itaque parentes sibi ius esse, matrimonia filiorum irrata faciendi, & filii sciant sese obedire debere in his & in omnibus, quae contra deum non sunt, parentibus suis, & matrimonia sua occulta nihil esse, nisi ea demum impetrent humili prece a parentibus rata haberi & execretur Papam istum aduersarium dei cum suis legibus.“ Quelle: http://reader.digitale-sammlungen.de/en/fs1/object/display/bsb10168171_00086.html, Übersetzung von mir)

 

Vermutlich liegt es an dieser theologischen Tradition der Reformation, dass es bei protestantischen Hochzeiten üblich ist, dass der Vater die Braut zum Altar führt, was in katholischen Traugottesdiensten nicht Tradition ist, oder dass sogar gefragt wird „Wer gibt diese Frau in die Ehe?“. (Gerade im englischen Sprachraum scheint es noch weiter verbreitet zu sein, dass der Pfarrer fragt: „Who gives this woman to be married to this man?“, worauf der Vater der Braut antwortet: „I do“.)

Und wieder ein Grund mehr, den Protestantismus nicht zu mögen!

 

PS: Auch der hl. Thomas äußert sich übrigens in der Summa zum Ehekonsens (https://dhspriory.org/thomas/summa/XP/XP045.html#XPQ45OUTP1 ) und zu Zwangsehen (https://dhspriory.org/thomas/summa/XP/XP047.html#XPQ47OUTP1 ).

 

Aus dem Denzinger: Die antike Kirche über den Klerikerzölibat

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Manchmal wird behauptet, der Klerikerzölibat wäre erst im Mittelalter eingeführt worden. Das lässt sich leicht widerlegen, indem man sich antike Zeugnisse zu diesem Thema ansieht. Eins der frühesten ist ein Beschluss der Synode von Elvira (300-303):

 

„Kan. 33. Es wurde beschlossen, den Bischöfen, Priestern und Diakonen sowie allen Klerikern, die den Dienst versehen, folgendes Verbot aufzuerlegen: Sie sollen sich von ihren Ehefrauen enthalten und keine Kinder zeugen: jeder aber, der [es] tut, soll aus der Ehrenstellung des Klerikers verjagt werden.“

(Synode von Elvira; in: DH 119)

 

Auch von Papst Siricius (384-399) ist ein Brief zu diesem Thema überliefert:

 

„(Kap. 7, §8) … Wir haben nämlich erfahren, daß sehr viele Priester Christi und Leviten lange Zeit nach ihrer Weihe sowohl aus eigenen Ehen als auch aus schändlichem Beischlaf Nachkommenschaft gezeugt haben und ihr Vergehen mit dem Vorwand verteidigen, dass man im Alten Testament lese, den Priestern und Dienern [sei] die Erlaubnis zum Zeugen zugestanden.

[Gegen dieses Argument wendet der Papst ein:]

(§ 9) Warum wurden die Priester geheißen, im Jahre ihres Amtes sogar fern von ihren Häusern im Tempel zu wohnen? Aus diesem Grund nämlich, damit sie nicht einmal mit ihren Frauen fleischlichen Verkehr ausüben konnten, um in der Reinheit des Gewissens leuchtend ein Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen.

(§ 10) Daher bezeugt auch der Herr Jesus, nachdem er uns mit seiner Ankunft erleuchtet hatte, im Evangelium, daß er gekommen sei, das Gesetz zu erfüllen, nicht aufzulösen [Mt 5,17]. Und deshalb wollte er, daß die Gestalt der Kirche, deren Bräutigam er ist, im Glanze der Keuschheit erstrahle, damit er sie am Tage des Gerichtes, wenn er wieder kommt, ‚ohne Makel und Runzel’ [Eph 5,27] … finden kann. Durch das unauflösliche Gesetz dieser Bestimmungen werden wir alle, Priester und Leviten, gebunden, auf daß wir vom Tage unserer Weihe an sowohl unsere Herzen als auch Leiber der Enthaltsamkeit und Keuschheit überantworten, damit wir dem Herrn, unserem Gott, in den Opfern gefallen, die wir täglich darbringen.“

(Siricius, Brief „Directa ad decessorem“ an Bischof Himerius von Tarragona, 10. 2. 385; in: DH 185)

 

Damals war die Regelung etwas anders als heute: Verheiratete Männer konnten geweiht werden, allerdings mussten sie von ihrer Weihe an enthaltsam leben. Ich persönlich halte ja die spätere Regelung, nur Unverheiratete zu weihen, für besser. Aber man könnte ja mal den Befürwortern von „viri probati“ vorschlagen, es wieder so zu machen wie die frühe Kirche…

Aus dem Denzinger: Nikolaus I. (858-867) über die Folter

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Heute zu einer Sache, bei der der Kirche gern unterstellt wird, sie hätte sie bis weit in die Neuzeit einfach unhinterfragt gebilligt:

 

„Kap. 86. Ihr sagt, daß bei Euch, wenn ein Dieb oder Räuber ergriffen wurde und er geleugnet hat, was ihm zur Last gelegt wird, der Richter seinen Kopf mit Ruten schlage und seine Seiten mit anderen eisernen Stacheln steche, bis er die Wahrheit heraushole; dies läßt weder das göttliche noch das menschliche Gesetz in irgendeiner Weise zu, da ein Geständnis nicht ungewollt, sondern freiwillig sein muß und nicht gewaltsam herauszulocken, sondern willentlich vorzubringen ist; wenn es schließlich geschieht, daß Ihr auch nach Anwendung jener Qualen überhaupt nichts von dem findet, was dem Gefolterten zum Vorwurf gemacht wird, errötet Ihr nicht wenigstens dann und erkennt, wie gottlos Ihr richtet?

Ebenso aber, wenn ein beschuldigter Mensch, der solches erlitten und es nicht ertragen kann, sagt, er habe begangen, was er nicht begangen hat: auf wen, frage ich, fällt die Wucht solch großer Gottlosigkeit zurück, wenn nicht auf den, der diesen zwingt, solches lügnerisch zu gestehen? Gleichwohl weiß man, daß nicht gesteht, sondern redet, wer das mit dem Munde vorbringt, was er nicht im Sinne hat! …

Wenn ferner ein freier Mensch wegen eines Verbrechens belangt wurde und – falls er nicht schon früher irgendeines Vergehens für schuldig befunden wurde oder, durch drei Zeugen überführt, der Strafe unterliegt, oder falls er nicht überführt werden konnte beim heiligen Evangelium, das ihm entgegengehalten wird, schwört, er habe [es] keineswegs begangen, so wird er freigesprochen und hernach dieser Angelegenheit ein Ende gesetzt, wie der häufig erwähnte Völkerapostel bezeugt, wenn er sagt: ‚Als Ende jedes Streites unter ihnen dient zur Bekräftigung der Schwur’ [Hebr 6,16].“

(Nikolaus I., Brief an die Bulgaren, 866; in: DH 648)

 

Nun stimmt es, dass sich die Folter im mittelalterlichen Rechtssystem nicht so leicht ausrotten ließ, nicht zuletzt deshalb, weil es nicht üblich war, Angeklagte nur aufgrund von Indizien ohne Geständnis zu verurteilen – also griff man eben zu entsprechenden Methoden, um ein Geständnis zu bekommen. Auch kirchliche Gerichte verwendeten sie manchmal (wenn auch nicht so häufig, wie die Leute heute gerne annehmen – die 1542 gegründete Römische Inquisition etwa stellte ihre Anwendung schon im frühen 17. Jahrhundert ein, und es gab durchaus Regeln bei ihrer Anwendung, die den Angeklagten schützten); erstmals gestattete Innozenz IV. ihre Anwendung bei der Ketzerverfolung 1252 in der Bulle Ad extirpanda (https://en.wikipedia.org/wiki/Ad_extirpanda) unter der Bedingung, dass kein bleibender Schaden zugefügt wurde. Aber es war eben nicht so, dass niemand in der Kirche sie je kritisch gesehen hätte, und dass man sich später nicht mehr an die eigenen Einsichten hielt… nun, das ist ja nichts Ungewöhnliches.

Von Gottesstaaten (und anderen Staaten)

Zwischen 413 und 426 n. Chr. schrieb der hl. Augustinus sein berühmtes Werk „Vom Gottesstaat“ (De civitate Dei), in dem er den „Gottesstaat“, d. h. das Reich Gottes, das sich in den Christen verwirklicht, vom irdischen Staat – d. h. zu seiner Zeit dem römischen Kaiserreich – abgrenzte. Das ist nicht unbedingt der Sinn, in dem der Begriff „Gottesstaat“ heute verwendet wird. Unter einem Gottesstaat verstehen die Leute heute eher einen irdischen Staat, der die Gebote einer Religion zu seinen Gesetzen gemacht hat. Augustinus dagegen grenzte die civitas Dei (Gesellschaft Gottes, Staat Gottes) klar von der civitas terrena (irdischer Staat) ab.

Er hatte auch seine Gründe dafür: Viele seiner Zeitgenossen gingen davon aus, dass, wenn das Reich als Ganzes die richtigen Götter (oder den richtigen Gott) verehren würde, es von denen vor Unglück geschützt werden würde, also von einer sehr engen Verbindung zwischen Religion und Staat. Nun hatte man die alten Götter aufgegeben, die Kaiser waren christlich geworden – und gleichzeitig fielen Germanenstämme wie die Ost- und Westgoten, die Vandalen und die Franken ins Reich ein. Viele Heiden waren also der Ansicht, dass der Religionswechsel nicht funktioniert hatte; der Christengott konnte offenbar nichts für einen tun. 410 eroberten und plünderten die Westgoten unter Alarich Rom, und auf dieses schlimme Ereignis nimmt Augustinus in seinem Werk Bezug, und wenn er da so von Verschleppungen, Vergewaltigungen, Toten, die nicht begraben werden konnten, Hunger und Kannibalismus schreibt, dann merkt man, es war wirklich keine schöne Zeit.* (Augustinus selbst sollte dann übrigens in seiner nordafrikanischen Bischofsstadt Hippo Regius während der Belagerung durch die Vandalen unter Geiserich im Jahr 430 sterben.)

In diesem Werk bestand Augustinus jedenfalls darauf, dass das Römische Reich, auch wenn es christliche Kaiser hatte, nicht identisch war mit dem Gottesreich. Der Bestand des christlichen Glaubens ist nicht abhängig vom Wohlergehen eines irdischen Reiches, das zwar an sich einen Zweck in der von Gott gewollten Ordnung erfüllen kann, indem es für Ordnung und Gerechtigkeit unter den Menschen sorgt usw., das Gottesreich aber auch behindern kann. Diese Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Bereich beruht schon auf der Bibel („So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“, Matthäus 22,21) und wirkte das ganze Mittelalter hindurch weiter.

So, das war jetzt eine längere Einleitung zu einem Begriff, dessen Bedeutung meistens nicht ganz klar ist, wenn er verwendet wird: „Gottesstaat“. Der Iran wird gern als Gottesstaat bezeichnet, oder Saudi-Arabien. Manche Leute sehen den Gottesstaat auch schon verwirklicht, wenn in Deutschland Geschäfte am Sonntag geschlossen haben und an stillen Feiertagen nicht getanzt werden darf. Hierzulande gilt aber grundsätzlich eine Trennung von Staat und Kirche, die noch über eine Trennung im Sinne des Augustinus hinausgeht, auch wenn sie keine Laizität à la Frankreich (die eine Verdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum beabsichtigt) ist. Was ist jetzt also ein „Gottesstaat“?

Hier mal ein paar Beispiele, um die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften, die man im heutigen Westen vermutlich alle mehr oder weniger als Gottesstaaten bezeichnen würde, deutlich zu machen:

  • Mohammeds Herrschaft und das Kalifat: Hier war der weltliche Herrscher gleichzeitig auch das geistliche Oberhaupt der (ganzen) Gemeinschaft der Muslime. Mohammed verkündete konkrete weltliche Gesetze, z. B. zum Erbrecht, die direkt auf göttlicher Offenbarung beruhen sollten – seine Nachfolger, die Kalifen, behielten diese bei – und führte seine Feldzüge im Namen seines Gottes – was die Kalifen ebenfalls taten.
  • Der heutige Iran: Die Regierung der Islamischen Republik Iran versteht sich nach der Verfassung von 1979 als Vertreterregierung des entrückten 12. Imam Mahdi, dessen Wiederkehr von den Zwölferschiiten erwartet wird. Das Staatsoberhaupt ist der „Führer“ (Rhabar), der von Theologen ausgewählt wird (zuerst war es Ajatollah Chomeini, jetzt ist es Ajatollah Chamenei). Regierungschef ist ein gewählter Präsident, der sich aber an die Prinzipien des schiitischen Islam halten muss, was vom Wächterrat überwacht wird.
  • Das heutige Saudi-Arabien: Die Kleriker sind nicht so direkt in die Regierung eingebunden wie im Iran, Saudi-Arabien hat allerdings den Islam (in der sunnitischen, speziell der wahabitischen Form) als Staatsreligion und die Könige, die als absolute Herrscher regieren, verstehen sich auch als Hüter der heiligen Stätten in Mekka und Medina.
  • Das mittelalterliche Europa: Die mittelalterlichen Staaten hatten ganz verschiedene Staatsformen (Venedig z. B. war eine Republik, viele andere Staaten waren Erbmonarchien oder -aristokratien); diesen Staaten gemeinsam war, dass einerseits der katholische Glaube öffentlich als wahr anerkannt, also praktisch Staatreligion war (was er in Malta übrigens interessanterweise immer noch ist), dass die Autorität des Papstes etwas galt (auch wenn man sich nicht einigen konnte, wie viel genau), dass weltlicher und geistlicher Bereich aber trotzdem irgendwo getrennt waren – Päpste, Bischöfe, Pfarrer, Äbte und Äbtissinnen waren nicht dasselbe und hatten nicht dieselben Aufgaben wie Kaiser, Könige, Grafen und Bürgermeister, und das Kirchenrecht war, anders als im Islam, nicht identisch mit dem weltlichen Recht.
  • Der Kirchenstaat oder die Fürstbistümer des Heiligen Römischen Reiches: Hier besaß ein Geistlicher zusätzlich zu seiner geistlichen Macht über ein umfassenderes Gebiet auch noch weltliche Macht über ein kleineres Gebiet. Die weltlichen Gesetze waren folglich eher stärker religiös geprägt als in benachbarten Staaten, leiteten sich aber auch nicht direkt oder ausschließlich aus religiösen Quellen ab und der geistliche und der weltliche Bereich wurden unterschieden. (Mir bekannte Unterschiede zwischen den deutschen Fürstbistümern und weltlichen Fürstentümern in der Frühen Neuzeit wären z. B., dass es in den Fürstbistümern oft deutlich mehr Feiertage gab, oder dass die Bischöfe, wenn das Reich einen Krieg führen musste, eher Geld an den Kaiser schickten, um Söldner anzuwerben, als selbst mit in den Krieg zu ziehen.)
  • Das Täuferreich von Münster: Eine spannende Geschichte aus der Reformationszeit: In Münster setzten sich die radikalen Propheten der Wiedertäufer-Sekte an die Macht, verkündeten, dass Christus zu Ostern 1534 wiederkehren sollte, benannten die Stadt in Neu-Jerusalem um, zerstörten Heiligenbilder, die sie für Götzen hielten, vertrieben Katholiken und Lutheraner, und führten die Polygamie ein. Sie wurden schließlich vom Fürstbischof militärisch geschlagen, nachdem die Stadt von innen heraus verraten worden war, und die Propheten wurden gefoltert und hingerichtet. Ähnlich wie bei Mohammed erlangten hier religiöse Propheten auch weltliche Macht – wenn auch für deutlich kürzere Zeit.
  • England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I.: Heinrich VIII. erklärte sich, als der Papst ihm nicht die Scheidung erlauben wollte, selbst zum Oberhaupt der Kirche von England, und seitdem stand die anglikanische Kirche unter der Autorität des Staates. Sicher hatten auch Synoden und Bischöfe noch etwas zu sagen, v. a. der Erzbischof von Canterbury, aber es handelte sich doch um eine dem Staat untergeordnete Kirche. Kardinal John Fisher, der einzige der englischen Bischöfe dieser Zeit, der nicht den Eid auf Heinrich als Kirchenoberhaupt leisten wollte, wurde hingerichtet, ebenso aus demselben Grund Heinrichs ehemaliger Lordkanzler Thomas Morus. Wer nicht zu dieser Kirche gehörte, musste u. U. mit Sanktionen rechnen (z. B. mussten Katholiken unter Heinrichs Tochter Elisabeth I. Geldstrafen zahlen, wenn sie nicht in die anglikanischen Gottesdienste kamen), konnte seinen Glauben evtl. nicht frei ausüben (z. B. war es unter Elisabeth verboten, die Messe zu feiern, und katholische Priester wurden hingerichtet), und hatte keinen Zugang zu bestimmten Staatsämtern (das galt bis ins 19. Jahrhundert). Das alles wurde mit der Zeit immer lockerer gehandhabt, auch wenn die anglikanische Kirche offiziell noch immer Staatskirche in England ist.

Der Unterschied zwischen Mohammeds Arabien oder dem Täuferreich von Münster auf der einen Seite und sagen wir mal, dem Heiligen Römischen Reich oder Frankreich oder England im Mittelalter auf der anderen Seite wäre, dass Mohammed (bleiben wir mal bei ihm als Beispiel; sein Herrschaftssystem hat immerhin länger überlebt) nicht einen geistlichen und einen weltlichen Bereich unterschied, sondern seine prophetischen Offenbarungen auf beide bezog: Sein Gott gab direkte Anweisungen zum Gerichtswesen, zur Verteilung von Kriegsbeute, zum Familienrecht. Nun war es im Mittelalter nicht so, dass geistliche und weltliche Angelegenheiten ganz voneinander abgeschnitten gewesen wären; im Gegenteil, es gab gegenseitige Zusammenarbeit und Überschneidungen (z. B. beim Eherecht) und auch die staatlichen Gesetze, von denen man viele auch aus römischem oder germanischem Recht übernommen hatte, richteten sich im Idealfall irgendwo nach übergeordneten moralischen Prinzipien, die die Kirche verkündete. (Im Idealfall. In der Praxis musste die Kirche z. B. noch 1374 Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel wie etwa „Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte“** verurteilen, und auch für die Abschaffung der aus dem Heidentum übernommenen Gottesurteile musste sie immer wieder eintreten (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/03/23/aus-dem-denzinger-mittelalterliche-paepste-ueber-gottesurteile/).) Man ging davon aus, dass Christus, König über die ganze Welt, sowohl der Kirche, mit dem Papst als Oberhaupt, die geistliche Macht, als auch den weltlichen Fürsten, mit dem Kaiser als ihrem höchsten Vertreter, die weltliche Macht verliehen hatte; kurz: weltliche und geistliche Ordnung standen beide auf dem Boden des Christentums. Auch wenn sich der Kaiser dann und wann mit dem Papst zoffte.

Der Gang nach Canossa in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhunderts, als man in Deutschland den Papst nicht leiden konnte und den Kaiser als trotzig und ungebeugt darstellten wollte. (Eduard Schwoiser, „Heinrich vor Canossa“) Hier noch eine mittelalterliche Darstellung, in der Kaiser Heinrich IV. Markgräfin Mathilde von Tuszien und seinen Taufpaten Abt Hugo von Cluny um Vermittlung bei Papst Gregor VII. bittet:

Ehrlich gesagt, ich würde den Begriff „Gottesstaat“ am liebsten aufgeben. Er ist zu unscharf und wird zu vielseitig verwendet. Ich möchte verschiedene Herrschaftsformen unterscheiden:

  1. Religiöse Führer als weltliche Herrscher; alle weltlichen Gesetze direkt aus göttlicher Offenbarung abgeleitet (Kalifat, Täuferreich von Münster, heutiger Iran)
  2. Religiöse Führer üben auch weltliche Herrschaft aus, bei gleichzeitiger Unterscheidung der geistlichen und weltlichen Bereiche (Kirchenstaat, Fürstbistümer)
  3. Religiöser Integralismus bei personeller Trennung von weltlichem und geistlichem Bereich (Großteil Westeuropas im Mittelalter)
  4. Religiöser Staat; Religion aber unter der Fuchtel des Staates (England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I., Russland unter den Zaren)
  5. Zusammenleben von mehreren religiösen Gruppen auf nicht-religiöser Grundlage; Trennung von Staat und Religion; religiöse Toleranz (heutiges Deutschland)
  6. Staatliche Ablehnung der Religion und Zurückdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum, „Laizität“ (heutiges Frankreich, Türkei unter Atatürk)
  7. Staatlich verordneter Atheismus, Verfolgung der Religion (frühere Sowjetunion, China unter Mao, Nordkorea, sämtliche sonstigen kommunistischen Diktaturen der Geschichte)

Nr. 1 gab es in der Christenheit zunächst überhaupt nicht, später war sie eine Randerscheinung bei einigen extremen Gruppen im Gefolge der Reformation, die sich direkt von Gott inspiriert fühlten (z. B. könnte man außer den Täuferpropheten evtl. noch Oliver Cromwell hier einordnen). Nr. 2 ist im christlichen Bereich eine bekannte, aber alles in allem nicht allzu häufige Erscheinung, die mancherorts aus den historischen Gegebenheiten im Chaos des Frühmittelalters entstand. Nr. 3 war der katholische Standard bis ca. 1500, in manchen Gebieten bis ca. 1800 oder noch etwas länger. Diese Form habe ich „Integralismus“ getauft. Mit „Integralismus“ ist laut den Definitionen, die man so im Internet findet, generell gemeint, dass alle gesellschaftlichen Bereiche (integral) im religiösen Sinne geordnet werden sollen. Hier gäbe es natürlich noch verschiedene Abstufungen; katholischen Integralismus im strengen Sinne würde ich als die Ansicht definieren, die dem Papst indirekte oder direkte weltliche Macht zugesteht, also z. B. die Macht, weltliche Herrscher abzusetzen (die Frage, ob der Papst solche Macht hat, war im Mittelalter immer umstritten und hat damals dann und wann zu Konflikten geführt); katholischen Integralismus im weiteren Sinn als die Ansicht, dass der Papst und die Bischöfe an sich zwar nur geistliche Macht haben, dass sie nicht über, sondern neben weltlichen Herrschern, stehen, dass aber beide, geistliche und weltliche Herrscher, von Christus eingesetzt sind, Ihn als ihren Herrn anerkennen und nicht gegen Seine Gebote handeln sollten. Ein Staat sollte nach dieser Ansicht im Idealfall die katholische Religion als Staatsreligion anerkennen. [Im Internet scheint es keine ganz eindeutige Definition des Begriffes „Integralismus“ zu geben, daher habe ich ihn jetzt mal einfach so definiert, wie es mir passend erschien.] Das wäre, wie gesagt, die mittelalterliche (und in den katholischen Staaten auch noch frühneuzeitliche) Ordnung.

Mit der Reformation traten dann gewisse Probleme auf: Einige Fürsten wiesen den Glauben und die Autorität der Kirche und des Papstes zurück und gründeten sich ihre eigenen Landeskirchen, in denen sie oberste Kirchenherren waren. Das sieht man in Sachsen oder Preußen ebenso wie in England. Ähnliches hatte es vorher schon im Oströmischen Reich und in Russland gegeben, wo man die Autorität des Papstes ebenfalls nicht mochte und die Kirche lieber dem Kaiser bzw. Zar unterordnete (dafür gibt es den schönen Begriff „Cäsaropapismus“). Hier wären wir bei Nr. 4. Im Zuge der Reformation entstanden aber auch die Religionskriege zwischen den protestantischen und den katholischen Fürsten, und als man davon dann genug hatte, fragte man sich, ob denn die Religion das alles wert gewesen war, ob an diesen ganzen Streitfragen überhaupt so viel war, und ob es nicht einfach reichte, überhaupt an Gott zu glauben und ein guter Mensch zu sein (oder einfach nur ein guter Mensch zu sein). Hier wären wir im 18. Jahrhundert bei den Intellektuellen, die sich in nicht allzu großer Demut „Aufklärer“ tauften, angelangt. Sie waren für größere religiöse Toleranz gegenüber der jeweils in der Minderheit befindlichen Konfession und auch gegenüber den Juden, die immer einen Außenseiterstatus eingenommen hatten und als Außenseiter geduldet worden waren, aber nie wirklich zur Gesellschaft gehört hatten.

Dann musste man im Gefolge der sog. Aufklärung natürlich andere Prinzipien finden, auf die sich eine Gesellschaft einigen und auf denen sich ein Staat aufbauen konnte. Da wurden sehr unterschiedliche Wege gefunden. Bei uns nennen sich die herrschenden Prinzipien „freiheitlich-demokratische Grundordnung“, womit man Dinge wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit etc. meint; in den kommunistischen Staaten war es Marx‘ Lehre; in faschistischen Staaten der Wille des Führers. Hier wären wir bei Nr. 5, 6 und 7.

Auch für alle post-religiösen Staaten stellte und stellt sich dann übrigens die Frage, wie tolerant man gegenüber Ketzereien (womit ich Abweichungen von den staatstragenden Prinzipien meine, also etwa Anarchismus, Monarchismus, islamischer Extremismus, Reichsbürgertum) sein wollte. Es gab eben immer noch Leute, die sich den tragenden Prinzipien nicht anschließen wollten, auch wenn man die nicht mehr aus einer Religion nahm. Auch diese Frage wurde ganz unterschiedlich beantwortet; manche Staaten sind bzw. waren strenger gegenüber „Verfassungsfeinden“ als andere. Die französische Revolutionsregierung schickte einen schnell mal auf die Guillotine, bei Stalin kam man ins Gulag, in der BRD hat man, wenn es schlimm wird, eine Geldstrafe wegen Volksverhetzung zu befürchten.

Klar wird hier: Alle sieben Arten von Staaten sind auf irgendeiner Weltanschauung aufgebaut, die zumindest ein größerer Teil der Bevölkerung teilen muss, wenn die Gesellschaft funktionieren soll. Die Weltanschauung kann der Islam sein, der Konfuzianismus (altes China), der Protestantismus, der Katholizismus, der Liberalismus, der Kommunismus, der Faschismus, oder sonst irgendetwas. Aber eine gewisse Basis ist praktisch immer da; der Staat kann nicht ganz „weltanschaulich neutral“ sein. (Was soll z. B. der deutsche Staat gegenüber Leuten sagen, die von Menschenwürde nichts wissen wollen?) Es gibt dabei auch gewisse Unterschiede bei dieser gemeinsamen Basis: Es kann eine universal anwendbare Weltanschauung sein (Katholizismus, Kommunismus, Liberalismus), die man mit anderen Staaten teilt, oder eine rein nationale Religion, die direkt von der Regierung beeinflusst wird (Anglikanismus, verschiedene Formen des Nationalismus).

Hier stellt sich dann natürlich die Frage, auf welche Basis sich die Menschen in einem Land einigen können, und auf welche sie sich im Idealfall einigen sollten. Sucht man einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Will man so nah wie möglich an die Wahrheit herankommen? Und was ist die Wahrheit? Die Wahrheitsfrage lässt sich am Ende nicht umgehen: Auf die Menschenwürde zum Beispiel kann sich eine Verfassung nur stützen, wenn diese wirklich existiert (was sie tut).

Worauf ich hinaus will: Statt den Begriff „Gottesstaat“ bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten hinauszuposaunen, sollte man sich vielleicht genauer ansehen, um was für eine Art Staat (Nr. 1, 2, 3 oder 4?)es sich handelt – und dann natürlich auch, um welchen Gott. Der Aztekenkönig war ebenso wie der Papst im Kirchenstaat weltlicher und religiöser Herrscher zugleich, aber in Rom wurden doch weniger Menschen geopfert als in Tenochtitlan…

 

* Augustinus beruhigt seine Leser z. B. dahingehend, dass es für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten keine Unterschied machen wird, wenn ein Toter nicht begraben werden konnte und von Tieren gefressen wurde, oder er schreibt an einer anderen Stelle, dass Vergewaltigungsopfer, da sie keine Schuld an dem tragen, was ihnen passiert ist, sich nicht umbringen sollen, um die Schande der Vergewaltigung loszuwerden, auch wenn solche Selbtmorde menschlich verständlich seien. Die Bischöfe damals hatten schon andere pastorale Probleme als unsere heute.

** Gregor XI., Bulle „Salvator humani generis“ an den Erzbischof von Riga und seine Suffraganen, in: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. v. Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009, Nr. 1113, S. 521.

Aus dem Denzinger: Gregor IX. (1227-1241) über Taufen mit Bier

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Diesmal etwas Kurioses: Im Jahr 1241 schrieb Papst Gregor IX. einem norwegischen Bischof:

 

„Da es, wie wir aus Deinem Bericht erfahren haben, manchmal vorkommt, daß Kinder Deines Landes in Ermangelung von Wasser in Bier getauft werden, antworten wir Dir mit dem vorliegenden [Schreiben]: da man nach der Lehre des Evangeliums aus Wasser und Heiligem Geist wiedergeboren werden muß [vgl. Joh 3,5], dürfen nicht für ordnungsgemäß getauft erachtet werden, die in Bier getauft werden.“

(Gregor IX., Brief „Cum sicut ex“ an Erzbischof Sigurd von Trondheim, 1241; in: DH 829)

 

„In Ermangelung von Wasser“ klingt bezogen auf Norwegen zwar seltsam, aber vielleicht hatten einzelne Leute damals bei ihrer Taufe gerade kein frisches, sauberes Wasser da, wie sie es am liebsten hätten verwenden wollen? Oder vielleicht hielt man eine Zeremonie mit Bier auch für feierlicher?

Jedenfalls zeigt der Brief, dass die Kirche die Form des Sakraments, wie es Jesus eingesetzt hatte, ernst nahm; da die Bibel ausdrücklich vorschreibt, mit Wasser zu taufen, kann niemand gültig mit Bier getauft werden. Das gilt übrigens auch für andere Sakramente: Bei der Eucharistie müssen Wein und Weizenbrot verwendet werden, da Jesus Wein und Weizenbrot verwendet hat, weshalb es z. B. auch nicht möglich ist, für Zöliakiekranke glutenfreie Hostien aus Buchweizen oder Reismehl zu nehmen (sondern höchstens glutenreduzierte aus Weizen), sodass sie stattdessen nur das Blut Christi empfangen können.

Aus dem Denzinger: Mittelalterliche Päpste über Zwang bei der Annahme des Glaubens

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Heute einige Dokumente zur Toleranz gegenüber Andersgläubigen, v. a. Juden, vom Jahr 602 bis ins Jahr 1199:

 

„Wer in aufrichtiger Absicht Außenstehende zur christlichen Religion, zum rechten Glauben führen möchte, muß sich mit einnehmenden, nicht mit harten Worten darum bemühen, daß nicht die, deren Geist die Angabe einer klaren Begründung hätte herbeirufen können, Feindseligkeit weit fort treibt. Denn alle, die anders handeln und sie unter diesem Deckmantel von der gewohnten Pflege ihres Ritus abbringen wollen, von denen wird deutlich, dass sie mehr ihre eigenen Sachen als die Gottes betreiben. Es haben sich nämlich Juden, die in Neapel wohnen, bei Uns beklagt und behauptet, daß einige sich unvernünftigerweise darum bemühten, sie an bestimmten Feiern ihrer Feste zu hindern und es ihnen ja nicht zu erlauben, die Feiern ihrer Festlichkeiten so zu begehen, wie es ihnen bis jetzt und ihren Vorfahren vor langen Zeiten erlaubt war, sie zu beachten oder zu begehen. Wenn es sich aber in Wahrheit so verhält, so scheinen sie ihre Mühe auf etwas Überflüssiges zu verwenden. Denn was bringt es für einen Nutzen, wenn es, auch wenn man es ihnen entgegen langdauernder Gewohnheit verbietet, ihnen für den Glauben und die Bekehrung nichts nützt? Oder warum setzen wir für die Juden Regeln fest, wie sie ihre Feierlichkeiten begehen sollen, wenn wir sie dadurch nicht gewinnen können?

Man muß also bewirken, daß sie vielmehr, durch Milde und Vernunft herbeigerufen, uns folgen, nicht fliehen wollen, damit wir sie, indem wir ihnen aus ihren Schriften beweisen, was wir sagen, mit Gottes Hilfe zum Schoß der Mutter Kirche bekehren können. Deshalb soll Deine Brüderlichkeit sie mit Ermahnungen, soweit sie es mit Gottes Hilfe vermag, zur Bekehrung anfeuern und nicht noch einmal zulassen, daß sie wegen ihrer Feierlichkeiten beunruhigt werden; vielmehr sollen sie die uneingeschränkte Erlaubnis haben, alle ihre Feierlichkeiten und Feste so zu beachten und zu feiern, wie sie es bisher … hielten.“

(Gregor I. (der Große), Brief „Qui sincera“ an Bischof Paschasius von Neapel, 602, in: DH 480)

 

„Kap. 41. In bezug auf diejenigen aber, die sich weigern, das Gut des Christentums anzunehmen, … können Wir Euch nichts anderes schreiben, als daß Ihr sie zum rechten Glauben mehr durch Ermahnungen, Ermunterungen und Belehrung als durch Gewalt überzeugen sollt, daß sie eitel denken. …

Ferner darf ihnen, damit sie glauben, keinesfalls Gewalt angetan werden. Denn alles, was nicht aus eigener Absicht kommt, kann nicht gut sein [angeführt wird Ps 54,8; 119,108; 28,7]; Gott gebietet nämlich, daß freiwilliger Gehorsam, und nur von Freiwilligen geleistet werde: Denn hätte er Gewalt anwenden wollen, hätte seiner Allmacht keiner widerstehen können.“

(Nikolaus I., Brief „Ad consulta vestra“ an die Bulgaren, 13.11.866; in: DH 647)

 

„Auch wenn Wir nicht daran zweifeln, daß aus dem Eifer der Frömmigkeit hervorgeht, dass Euer Hochwohlgeboren anordnet, die Juden zum Kult der Christenheit hinzuführen, hielten Wir es dennoch, weil Du dies in ungebührlichem Eifer zu betreiben scheinst, für notwendig, Dir zur Ermahnung Unseren Brief zu senden. Unser Herr Jesus Christus hat nämlich, wie man liest, keinen gewaltsam zu seinem Dienst gezwungen, sondern durch demütige Ermahnung – wobei einem jeden die Freiheit der eigenen Entscheidung vorbehalten blieb – alle, die er zum ewigen Leben vorherbestimmte, nicht durch Richten, sondern durch Vergießen seines eigenen Blutes vom Irrtum zurückgerufen.…

Desgleichen untersagt der selige Gregor in einem seiner Briefe, daß ebendieses Volk mit Gewalt zum Glauben gezerrt werde.“

(Alexander II., Brief „Licet ex“ an Fürst Landulf von Benevent,1065; in: DH 698)

 

„Zwar ist die Treulosigkeit der Juden vielfach zu verwerfen; weil jedoch durch sie unser Glaube wahrhaft bestätigt wird, dürfen sie von den Gläubigen nicht schwer unterdrückt werden … Wie es also den Juden nicht erlaubt sein darf, sich in ihren Synagogen über das hinaus, was gesetzlich erlaubt ist, etwas herauszunehmen, so dürfen sie in dem, was ihnen zugestanden ist, keinen Schaden erleiden.

Wenn sie also auch lieber in ihrer Verhärtung verharren wollen als die Weissagungen der Propheten und die Geheimnisse des Gesetzes erkennen und zur Kenntnis des christlichen Glaubens gelangen, so treten Wir, da sie dennoch die Hilfe Unserer Verteidigung erbitten, aufgrund der Sanftmut der christlichen Frömmigkeit in die Fußstapfen Unserer Vorgänger seligen Angedenkens, der Römischen Bischöfe Calixtus [II.], Eugen [III.], Alexander [III.], Clemens [III.] und Cölestin [III.], schenken ihrem Gesuch Gehör und gewähren ihnen den Schild Unseres Schutzes.

Wir ordnen nämlich an, daß kein Christ sie mit Gewalt nötige, widerstrebend oder gegen ihren Willen zur Taufe zu kommen; wenn aber einer von ihnen freiwillig um des Glaubens willen seine Zuflucht zu den Christen nimmt, so soll er, nachdem sein Wille eröffnet worden ist, ohne jede Schmähung Christ werden. Denn man glaubt nicht, daß [jener] den wahren Glauben der Christenheit hat, von dem man weiß, daß er nicht aus eigenem Willen, sondern widerwillig zur Taufe der Christen kommt. Auch soll sich kein Christ unterstehen, ohne ein landesherrliches Urteil ihre Personen leichtfertig zu verletzen oder ihre Sachen gewaltsam fortzuschaffen oder die guten Bräuche zu verändern, die sie bisher in der Gegend, in der sie wohnen, hatten. Außerdem soll sie keiner in irgendeiner Hinsicht bei der Feier ihrer Feste mit Knüppeln oder Steinen stören, und keiner soll von ihnen ungeschuldete Dienste einzufordern oder zu erpressen versuchen außer jenen, die sie selbst in der Vergangenheit zu tun pflegten. Zudem bestimmen Wir, um der Schlechtigkeit und Habgier böser Menschen zu begegnen, daß keiner es wage, einen Judenfriedhof zu schänden oder herabzusetzen oder, um zu Geld zu kommen, schon beerdigte Leiber auszugraben.

… [Es werden diejenigen exkommuniziert, die dieses Dekret verletzen.] Wir wollen aber, daß lediglich diejenigen durch die Deckung dieses Schutzes gesichert werden, die sich nicht unterstehen, irgendwelche Ränke zum Umsturz des christlichen Glaubens zu schmieden.“

(Innozenz III., Konstitution „Licet perfidia Iudaeorum“, 1199; in: DH 772-773. Zum Hintergrund gibt der Denzinger noch an: „Die Konstitution ist gleichsam die ‚Magna Charta’ der Toleranz gegen die Juden. Vorausgegangen waren allerdings die im Text erwähnten Päpste und das 3. Konzil im Lateran (1179), wo es im Kap. 26 heißt: Die Juden sollen von den Christen ‚allein aus Menschlichkeit unterstützt werden’ (‚pro sola humanitate foveri’: COeD3 2246 / MaC 22,321D; vgl. auch den – nicht eigentlich zum Laterankonzil gehörenden – Anhang, Kap. 1: MaC 22,355E–356C; JR 13973). Wiederholt und bestätigt wurde die Konstitution von Honorius III. (7. Nov. 1217: PoR 5616), Gregor IX. (3. Mai 1235: PoR 9893), Innozenz IV. (22. Okt. 1246 und 5. Juli 1247: PoR 12315 12596) und anderen.)

 

Freilich muss man hier beachten, dass es immer um Ungetaufte (v. a. um Juden, beim Brief Nikolaus’ I. an die Bulgaren vielleicht auch noch um Heiden) geht, die man in der mittelalterlichen Gesellschaft als Außenseiter duldete; bei Häretikern innerhalb der Kirche war man weniger zur Toleranz bereit, da man sie als Verräter sah, die die Ordnung der Christenheit zerstören und andere Christen zum Abfall vom rechten Glauben bringen und sie damit in die Hölle führen würden. (Gegenüber Verrätern im Innern sind die meisten Gesellschaften intoleranter als gegenüber Außenseitern und Feinden. Wobei einem natürlich auch bewusst sein sollte, dass moderne Gruselvorstellungen von Inquisitionsgerichten auch nicht unbedingt der historischen Realität entsprechen.)

Auch der hl. Thomas von Aquin (1225-1274), der so ziemlich bedeutendste Theologe des Mittelalters, erläutert in der Summa Theologiae sowohl, wieso Christen kein Recht hätten, jüdische Kinder gegen den Willen ihrer Eltern zu taufen (III 68,10; https://dhspriory.org/thomas/summa/TP/TP068.html#TPQ68A10THEP1), als auch, wieso Ketzer mit dem Tod bestraft werden sollten, wenn sie sich nach Ermahnungen durch die Kirche nicht bekehren lassen wollten (II/II 11,3; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS011.html#SSQ11A3THEP1; er argumentiert hier: wenn schon Geldfälscher zum Tod verurteilt würden, um wie viel mehr müssten dann die Verfälscher des Glaubens verurteilt werden, die nicht dem irdischen, sondern dem ewigen Leben Schaden zufügen?). Er macht die Unterscheidung zwischen Heiden und Juden auf der einen Seite und Häretikern und Apostaten auf der anderen sehr deutlich:

„Ich antworte, dass unter den Ungläubigen solche sind, die den Glauben nie angenommen haben, wie die Heiden und die Juden. Und diese sind auf keine Weise zum Glauben zu zwingen, so dass sie glauben möchten, denn der Glaube ist eine Sache des Willens. Dennoch sind sie von den Gläubigen zu zwingen, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden ist, dass sie den Glauben nicht behindern durch ihre Gotteslästerungen oder durch ihre bösen Überredungskünste oder auch durch offene Verfolgungen. Und deswegen führen die Gläubigen Christi oft Krieg gegen die Ungläubigen, in der Tat nicht, um sie zu zwingen, zu glauben (denn auch wenn sie diese besiegt und gefangen genommen hätten, sollten sie es immer noch deren Freiheit überlassen, ob sie glauben wollen), sondern damit jene gezwungen wären, den Glauben Christi nicht zu behindern.

Wahrhaftig etwas anderes sind Ungläubige, die irgendwann einmal den Glauben angenommen und ihn bekannt haben, wie die Häretiker oder Apostaten aller Art. Und diese sind auch körperlich zu zwingen, dass sie erfüllen, was sie versprochen haben, und festhalten, was sie einmal angenommen haben.“ (Summa Theologiae II/II 10,8; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS010.html#SSQ10A8THEP1)

Thomas vergleicht die Annahme des Glaubens mit dem Ablegen eines Versprechens; wer ein Versprechen ablegt und es dann bricht, sündigt mehr, als wenn er es nie abgelegt hätte. (Summa Theologiae II/II 10,6; https://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS010.html#SSQ10A6THEP1)

(Das mit den Kriegen bezieht sich wohl hauptsächlich auf Kriege gegen Muslime, wie etwa die Kreuzzüge oder die Reconquista in Spanien. Mit den „offene[n] Verfolgungen“ können historische Verfolgungen durch Juden im 1. Jahrhundert bzw. Heiden in der gesamten Antike und dem Frühmittelalter (erst durch die Römer, später in vereinzelten Fällen durch germanische Völker und Wikinger) gemeint sein, oder auch zeitgenössische Verfolgungen durch Muslime, wie Überfälle auf christliche Pilger auf dem Weg nach Jerusalem, oder auch einfach muslimische Angriffe auf christliche Länder wie das Byzantinische Reich.)

 

 

Aus dem Denzinger: Der Heilige Stuhl über Duelle (19. Jahrhundert)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-aus-dem-denzinger/

 

Auch in früheren Zeiten lagen die Gesellschaft und die Kirche nicht immer auf einer Linie – ein Paradebeispiel wäre die in der feinen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts weitgehend anerkannte Praxis des Duells. Dazu schreibt Leo XIII. ausführlich:

 

„…Beide göttlichen Gesetze, sowohl dasjenige, das durch das Licht der natürlichen Vernunft, als auch [jenes], das durch die unter göttlichem Anhauch verfaßte Schrift verkündet wurde, verbieten strikt, daß einer außerhalb eines öffentlichen Verfahrens einen Menschen tötet oder verwundet, es sei denn, durch Notwendigkeit gezwungen, um sein Leben zu verteidigen. Die aber zu privatem Kampfe aufrufen oder einen angebotenen annehmen, betreiben dieses, richten – durch keine Notwendigkeit gebunden – Sinn und Kräfte darauf, dem Gegner das Leben zu entreißen oder wenigstens eine Wunde beizubringen.

Beide göttlichen Gesetze untersagen ferner, daß einer sein Leben leichtfertig preisgibt, indem er es schwerer und offenkundiger Gefahr aussetzt, obwohl keine Spur von Pflicht oder großherziger Liebe dazu rät; diese blinde, lebensverachtende Leichtfertigkeit aber wohnt der Natur des Duells eindeutig inne.

Daher kann es niemandem unklar oder zweifelhaft sein, daß auf diejenigen, die sich privat auf einen Einzelkampf einlassen, beides fällt, sowohl der Frevel des fremden Unglücks als auch die freiwillige Gefährdung des eigenen Lebens. Schließlich gibt es kaum eine Pest, die der Verfassung des bürgerlichen Lebens mehr zuwiderläuft und die gerechte Ordnung des Staates verkehrt als die den Bürgern zugestandene Erlaubnis, daß jeder mit privater Gewalt und Hand als Anwalt seines Rechtes und Rächer seiner Ehre, die er verletzt glaubt, auftritt.…

Auch für jene, die einen angebotenen Kampf annehmen, genügt als begründete Entschuldigung nicht die Angst, weil sie fürchten, sie würden allgemein für träge gehalten werden, wenn sie den Kampf verweigerten. Denn wenn die Pflichten der Menschen an den falschen Meinungen der Menge zu bemessen wären, nicht an der ewigen Norm des Rechten und Gerechten, gäbe es keinen natürlichen und wahren Unterschied zwischen sittlich guten Handlungen und schändlichen Taten. Selbst die heidnischen Weisen haben sowohl erkannt als auch gelehrt, daß die trügerischen Urteile der Menge von einem tapferen und standhaften Manne zu verschmähen seien. Vielmehr ist es begründete und heilige Furcht, die den Menschen von ungerechtem Mord abhält und ihn um sein eigenes Heil und das der Brüder besorgt macht. Ja, wer die eitlen Urteile der Menge verschmäht, wer lieber die Schläge der Schmähungen auf sich nehmen will, als in irgendeiner Sache die Pflicht vernachlässigen, der besitzt offensichtlich eine weit höhere und erhabenere Gesinnung als wer, durch ein Unrecht gereizt, zu den Waffen rennt. Ja, wenn man es recht beurteilen will, so ist es sogar jener allein, in dem die gediegene Tapferkeit aufstrahlt, jene Tapferkeit, sage ich, die wahrhaft Tugend genannt wird und deren Begleiter ein Ruhm ist, der nicht eitel, nicht trügerisch ist. Die Tugend nämlich besteht im Gut, das mit der Vernunft übereinstimmt, und wenn er nicht auf dem Urteil des zustimmenden Gottes beruht, ist jeder Ruhm töricht.“

(Leo XIII., Brief an die Bischöfe Deutschlands und Österreichs, 1891; in: DH 3272-3273)

 

Schon ein paar Jahre zuvor musste sich das Heilige Offizium – Vorgängerbehörde der Glaubenskongregation – mit speziellen Fragen zum Umgang mit Duellen beschäftigen. Zu dieser Zeit bestanden bereits sehr strenge Regeln für alle daran Beteiligten – sie zogen sich automatisch die Exkommunikation zu. Daher kamen folgende Fragen auf:

 

„Fragen:

1. Kann ein Arzt auf Bitten der Duellanten einem Duell beiwohnen mit der Absicht, dem Kampf schneller ein Ende zu setzen oder einfach die Wunden zu verbinden und zu heilen, ohne sich die dem Papst auf einfache Weise vorbehaltene Exkommunikation zuzuziehen?

2. Kann er wenigstens, ohne beim Duell anwesend zu sein, sich in einem benachbarten Haus oder an einem nahegelegenen Ort aufhalten, ganz nahe und bereit, seinen Dienst zu leisten, wenn ihn die Duellanten nötig haben?

3. Wie [steht es] mit einem Beichtvater unter denselben Bedingungen?

Antwort:

Zu 1. Er kann es nicht und zieht sich die Exkommunikation zu.

Zu 2. und 3. Insofern es auf Abmachung hin geschieht, kann er es gleichfalls nicht und zieht sich die Exkommunikation zu.“

(Antwort des Hl. Offiziums an den Bischof von Poitiers, 1884; in: DH 3162)

 

Man könnte die Antwort des Hl. Offiziums mit der Regelung des hl. Johannes Pauls II. zur Schwangerenberatung vergleichen: Katholische Beratungsstellen in Deutschland dürfen keine Beratungsscheine ausstellen, da sie damit helfen würden, die Voraussetzungen für eine straffreie Abtreibung zu schaffen, auch wenn sie in der Beratung versuchen sollten, die Schwangere zu einer Entscheidung für ihr Kind zu ermutigen, da sie damit ein unmenschliches System legitimieren würden. Sie sollen beraten; aber sie dürfen keine Scheine ausstellen, die zur Abtreibung berechtigen. Ebenso sollte damals ein katholischer Arzt oder Priester nicht an der Vorbereitung eines Duells beteiligt sein; sicher dürfte er helfen, wenn er hinterher gerufen werden würde, aber er dürfte sich nicht extra bereithalten, und dem Ganzen damit einen Anschein von Legitimität verleihen – zumal es die beiden Gegner vielleicht eher noch zur Einsicht bringen könnte, wenn sie niemanden finden würden, der im Notfall zur Wundversorgung bzw. für die Sterbesakramente bereitstehen würde.