Zur Historizität des AT: Heute mal bloß ein Link

Als Ergänzung zu meiner Reihe über die Bibel (https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/ , https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/15/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-3-ueber-historizitaet-genres-und-woertlich-gemeint/) heute mal ein Link: Auf katholisch.de findet sich eine interessante Liste von 53 Personen des Alten Testaments, deren Existenz bisher zweifelsfrei archäologisch nachgewiesen werden konnte, von König David bis hin zu Tattenai, dem persischen Statthalter zur Zeit Esras: http://katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/53-personen-des-alten-testaments-nachweisbar

 

Für ein besseres Verständnis des („fundamentalistischen“) Islam

Aus der muslimischen Welt kommen ja gerade etwas gemischte Signale. Londoner Imame verweigern Terroristen das Totengebet; zu einer von den großen Islam-Verbänden nicht unterstützten „Nicht-mit-uns“-Demo gegen den islamischen Terror in Köln, zu der 10.000 Muslime erwartet wurden, kommen ein paar hundert bis dreitausend Teilnehmer (widersprüchliche Angaben in den Medienberichten), und auf den Bildern sieht es danach aus, dass die Hälfte oder mehr davon Nichtmuslime waren; eine liberale Moschee in Berlin mit einer unbekopftuchten Vorbeterin wird eröffnet und erhält Morddrohungen und eine ägyptische Fatwa erklärt sie für unislamisch; allgemein haben Muslime anscheinend keine Lust, sich ständig von Anschlägen distanzieren zu sollen; wenn sie gefragt werden, erklären sie den Islam zur Religion des Friedens; und gleichzeitig scheinen sie es immer strenger mit dem Fasten und dem Verschleiern und ähnlichen Vorschriften zu halten.

Ich glaube, viele Nichtmuslime hier in der westlichen Welt haben ein gewisses Verständnisproblem dem Islam gegenüber. Die meisten Leute hierzulande sind von ihrer religiösen Einstellung her Säkularisten – damit meine ich nicht, dass sie alle Atheisten sind, vielleicht glauben sie sogar in einem unbestimmten Sinn an „irgendwas da oben“ (man weiß nichts Sicheres), aber die Religion spielt keine große Rolle für sie. Okay, vielleicht stellt man sich die Sinnfrage, wenn ein Verwandter stirbt oder man selber Krebs kriegt. Not lehrt Beten. Vielleicht (etwas unwahrscheinlicher, Anti-Klerikalismus kommt eigentlich immer gut) findet man auch noch, dass die Kirchen gute Arbeit im sozialen Bereich leisten. Aber man hat da keine klare Meinung und das ist für das Leben auch nicht so wichtig. Vor der Vorstellung, dass Religion – egal, welche Religion – irgendeinen spezifischen Einfluss auf den Alltag oder gar die Politik haben sollte, zuckt man entsetzt zurück. Wir sind ja aufgeklärt, weil wir nach dem 18. Jahrhundert geboren sind, also selbstverständlich besser denken können als unsere Vorväter, und das heißt, die Religion muss im Zaum gehalten werden, denn sonst sorgt sie noch für Bürgerkrieg und Terror und Hausfrauen in langen Röcken, die mit fünf kleinen Kindern neben sich am Herd stehen. Zu viel Religion ist gefährlich, besonders, wenn es sich dabei um „unaufgeklärte“ Religion handelt – soll heißen, ursprüngliche, strenge Religion, die nicht in allen Einzelheiten allen Ansichten des Jahres 2017 nach der Geburt des Herrn angepasst ist.

Säkularisten haben meistens keine Ahnung davon, was genau Katholiken und Lutheraner und Reformierte und Orthodoxe und Kopten und Sunniten und Schiiten und Juden und Zeugen Jehovas überhaupt glauben – geschweige denn davon, wieso man sich bitteschön darüber streiten sollte, ob Heiligenverehrung nun Götzendienst ist, ob Gott dreifaltig ist oder nicht, oder wie viel Haut eine fromme Frau zu bedecken hat. Säkularisten verstehen das alles einfach nicht. Wieso machen sich Menschen darüber Gedanken? Am meisten zeigt sich ihre Hilflosigkeit dem Phänomen Religion gegenüber dann, wenn es etwa um die Frage geht, wieso junge Türkinnen, deren Mütter nie ein Kopftuch getragen haben, wieder eins anlegen, wieso jugendliche Muslime stolz darauf sind, alle Fasten- und Gebetsregeln einzuhalten, oder wieso sogar westliche, von ihren „aufgeklärten“ Eltern säkularistisch erzogene junge Leute zum Islam konvertieren. Da wird dann davon geredet, dass die es bestimmt irgendwie schwer hatten und dann Halt in den Regeln und der Gemeinschaft der Moschee gefunden haben, dass sie auf „einfache Antworten“ hereingefallen sind, und dergleichen mehr: Halbwahrheiten, die völlig am Kern dessen vorbeigehen, was solche Leute am Islam anzieht.

Der strenge Islam wächst, weil er sich selbst ernst nimmt. Er tritt mit einem Wahrheits- und Veränderungsanspruch auf. Er hat eine klare Botschaft, anstatt auf die zentralen Fragen der Menschheit mit einem ausweichenden, gestellt demütigen „Können wir nicht so genau wissen [und wollen es eigentlich auch gar nicht so genau wissen]“ zu antworten – er gibt in einem gewissen Sinne „einfache Antworten“ (nicht immer so einfach und unkompliziert zwar, wie religiös Unwissende sich das vorstellen), ja, aber woher kommt denn eigentlich diese seltsame Überzeugung, die derzeit en vogue ist, dass alle einfachen, klaren Prinzipien von vornherein als schlecht und falsch erwiesen sind? Der strenge Islam stellt Ansprüche. Er behandelt den Koran und den Propheten als Autorität, nicht als etwas, das man sich zurechtlegt, bis es in die heutige Zeit passt. Er lehrt Gehorsam und Unterordnung – „Unterwerfung“, ganz genau. Der Koran hat das Sagen – nicht der Leser. Der strenge Islam behandelt die moderne Welt nicht als etwas, das fatalistisch hinzunehmen ist, sondern als etwas, das man verändern, zu den gottgegebenen Gesetzen zurückführen kann. Seine Botschaft, seine Gesetze, die klingen vielleicht nicht immer alle schön und modern und human – aber wer hat denn gesagt, dass Gott sein Wort unseren Vorstellungen anzupassen hat? Gott kann von uns Gehorsam erwarten, und zwar in allen Bereichen unseres Lebens. So denken gläubige Muslime.

Ich glaube, dass Leute wie ich, die selber gläubig sind, auch wenn sie einer anderen Religion angehören, den Islam in mancher Hinsicht vielleicht besser verstehen können als jemand, dem Religion überhaupt nichts bedeutet. Für mich ist es so sonnenklar wie für jeden Muslim, dass Gottes Gesetz über dem des Menschen steht und dass ich mir von keinem Staat vorschreiben lasse, Gottes Gesetz zu verraten. Gottes Gesetz ist Wahrheit, ewiggültige Wahrheit. Das ändert sich nicht von heute auf morgen. Wenn man mir beweisen will, dass etwas nicht Gottes Gesetz ist, soll man es mir beweisen – nicht einfach entsetzt auf unsere Jahreszahl hinweisen.

Ich kann den Islam ernster nehmen, weil sein Problem für mich nicht darin liegt, dass er eine strenge Religion mit Wahrheitsanspruch ist, sondern dass er falsch ist. Der Islam hat keine Ahnung von Liebe – von der unendlichen Liebe, die den Sohn Gottes dazu brachte, für uns am Kreuz zu sterben, von der Liebe, die den heiligen Stephanus dazu brachte, vor seinem Tod für die Menschen zu beten, die ihn steinigten. Er hat keine Ahnung vom wahren Wesen Gottes, der in sich eine dreifaltige Gemeinschaft der Liebe ist, und der sich innig danach sehnt, uns einmal bei sich im Himmel zu haben. Der Islam stellt einen Wahrheitsanspruch auf, den er nicht beweisen kann und meinem Eindruck nach nicht einmal besonders eifrig zu beweisen versucht. Mohammed hat gesagt, er ist Gottes Prophet, und er ist Gottes Prophet. Wie er das belegt hat? Du wagst es, am Wort Gottes zu zweifeln? Du Frevler wirst auf ewig in der Hölle schmoren! Der Islam hat nicht viel dafür übrig, seine gottgegebenen Gesetze daraufhin zu untersuchen, aus welchen Gründen sie vernünftig sind und wozu genau sie dienen, wie das bei uns Katholiken zum Beispiel schon die mittelalterlichen Scholastiker gemacht haben. (Das erinnert mich daran, dass ich ja auch mal was über dieses dumme Klischee schreiben muss, das christliche Mittelalter sei genauso gewesen wie die heutige islamische Welt. War es nämlich nicht, kurz gesagt.) Gott hat gesprochen, mehr muss man nicht wissen. Der Islam hat auch nicht viel für die Feinheiten abstrakten philosophischen Wissens übrig; seine Gelehrten beschäftigen sich mit praktischen Dingen, mit Rechtsangelegenheiten, wie der Frage, ob dieser oder jener ein umzubringender Abtrünniger ist, oder wie man sich als Muslim verhält, wenn man eine Zweitfrau heiraten will, aber in einem Land lebt, in dem der Staat die Vielehe verboten hat, oder ob dieses oder jenes Freizeitvergnügen oder Kleidungsstück für Muslime erlaubt ist. Der Islam war schon immer mehr ein Rechtssystem und ein System von Anweisungen für das Alltagsleben als ein theologisches System. Deshalb kann man ihn auch nicht einfach aus dem öffentlichen Leben verbannen, solange überzeugte Muslime an diesem Leben teilnehmen, denn er bietet ihnen eben gerade keinen Glauben fürs stille Kämmerlein, sondern eine Ordnung, die für die Gesamtgellschaft gedacht ist. Mohammed war ein Warlord mit Macht und Einfluss, der über Verbrecher zu richten und Beute zu verteilen hatte, kein Wanderprophet, der von Feindesliebe und Beten redete. Der Koran ist ein unzusammenhängendes Bündel seiner angeblichen Offenbarungen über Höllenstrafen, Jüngstes Gericht, Erbregelungen, Götzenverehrung, Fasten, Gebet, Almosengeben, den Heiligen Krieg, und dergleichen mehr. Der Islam ist eine klare, praktische, brutale, intolerante, stolze und auf Herrschaft ausgerichtete Religion, in der das Individuum nicht viel zählt und in der Gehorsam und Ehrfurcht großgeschrieben werden.

Die allermeisten Muslime sind keine Terroristen. Ist uns allen klar. Wenn es anders wäre, wäre es auch nicht besonders schön. Na, okay, wenn über eine Milliarde Muslime auf der Welt sich jetzt Bomben basteln würden, dann könnte sich so ziemlich die ganze Menschheit wahrscheinlich sehr bald auf das Leben nach dem Tod freuen, das hätte irgendwie auch wieder was für sich, alle Dinge haben schließlich auch etwas Gutes. Okay, ich bin wieder ernst: Die allermeisten Muslime sind keine Terroristen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie auch einen Islam vertreten, der den Ansprüchen von Westeuropäern an einen akzeptablen, humanen, freiheitlichen Islam, den sie zu mögen bereit wären, genügen würde.

Es gibt eine gewisse Bandbreite im Islam. Mohammed und seine Anhänger haben sich verhalten wie der IS (bis auf Bombenanschläge, da war die Technik noch nicht so weit), das ist uns allen klar, und Mohammeds Nachfolger haben den Dschihad weitergeführt und nach und nach u. a. das Oströmische und das Persische Reich zu Fall gebracht. Der Islam war es lange Zeit gewohnt, zu kämpfen, zu erobern, und zu herrschen. (Bis auf ein paar kleinere Rückschläge im Lauf der Jahrhunderte wie die Reconquista Spaniens.) Erst die politische Schwäche der islamischen Länder, allen voran des riesigen Osmanischen Reiches, ab dem 18. Jahrhundert hat zu dem ungewöhnlich friedfertigen Verhältnis geführt, das jetzt gerade zwischen islamischen Staaten und nichtislamischen Staaten herrscht. (Ich meine das vollkommen ohne Ironie. Fragen Sie die Anwohner des Mittelmeers, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein mit ständigen muslimischen Piratenangriffen zu rechnen hatten, oder die Griechen und Kroaten, die Jahrhunderte osmanischer Besatzung aushalten mussten, oder die Opfer der Sklavenjagden im Sudan. Wir leben, gesamtgeschichtlich gesehen, in einer Zeit, in der der Islam ungewöhnlich friedlich ist.) Dazu kamen dann in Gegenden wie Algerien und Ägypten der englische und französische Kolonialismus und nach und nach auch die Übernahme westlicher Ideen durch manche Leute in islamischen Ländern, die dazu führte, dass im 20. Jahrhundert in einigen dieser Staaten verschiedenene mehr oder weniger sozialistische Regierungen, Militärdiktaturen, oder, im Fall etwa der Türkei nach dem 1. Weltkrieg, sogar eine aggressiv laizistische, gewählte parlamentarische Regierung nach französischem Vorbild an die Macht kamen. Im umbenannten ehemaligen Osmanischen Reich war die Religion jetzt etwas, das bekämpft werden sollte und aus der Öffentlichkeit zu verschwinden hatte, sogar das Tragen von Kopftüchern an Universitäten wurde verboten. Man war schließlich in der Neuzeit angekommen. In den 50er-, 60er-Jahren war die ganze islamische Welt offensichtlich dabei, sich zu modernisieren. Die Frauen in Kairo und Istanbul trugen keine Kopftücher mehr und ergriffen akademische Berufe, aufgeklärte Absolutisten wie der afghanische König Mohammed Zahir Schah modernisierten ihre Länder von oben her und führten Parlamente und das Frauenwahlrecht ein, und sogar Länder wie Saudi-Arabien, Katar und Jemen sahen sich tatsächlich zur Abschaffung der Sklaverei gezwungen. Diese Entwicklung hatte damals in den 60ern ihren Höhepunkt, und seitdem ist sie auf dem Niedergang. Im Iran übernahmen nach dem Sturz des Schahs 1979 die Mullahs die Macht, in Afghanistan kamen nach dem Abzug der Sowjets auch die Islamisten ran, in Ägypten gewann die Muslimbruderschaft immer mehr an Einfluss, und in der Türkei… ich glaube, zur Entwicklung in der Türkei muss ich nicht mehr sagen, oder? Die Zurückdrängung des Religiösen hat dort nicht geklappt, sie wird auch nicht klappen.

Okay, wieder zurück zu Mohammed und dem Dschihad. Der Dschihad ist so offensichtlich etwas Ur-Islamisches, dass ich mich frage, wie irgendjemand ernsthaft die Augen davor verschließen kann. Aber das heißt tatsächlich noch nicht, dass jeder heutige den Propheten innig verehrende und den Koran streng auslegende Muslim auch logischerweise jeden Selbstmordanschlag eines IS-Kämpfers befürworten müsste. Nö, er kann sehr gut, ohne sich selbst zu widersprechen, der Meinung sein, dass das falsche Kriegstaktik oder unnötig grausam ist, oder er kann – mit, wenn man sich die islamische Theologie ansieht, guten Gründen – finden, dass Abu Bakr Al-Baghdadi einfach nicht die Autorität hat, einen Dschihad auszurufen und anzuführen. Aber was er nicht finden kann, wenn er nicht seine ganze Theologie umschmeißen und sich einer Seyran Ates und einer Lamya Kaddor mit ihren bemühten historisch-kritischen Umdeutungen anschließen will, das ist, dass der Dschihad an sich nie rechtmäßig ist. Ebenso, wie er nicht finden kann, dass islamische Praktiken wie z. B. die Polygamie nicht rechtmäßig sind. Er kann gegen Anschläge auf Weihnachtsmärkte sein, und trotzdem finden, dass – auf jeden Fall in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft – die Scharia gelten sollte. Es gibt einen „fundamentalistischen“ Islam, der nicht gewalttätig ist. Das macht ihn nicht gut. Die Mehrheit der Muslime sind keine Terroristen, jap, weiß ich. Trotzdem hängen sie einer zerstörerischen Weltanschauung an.

Seyran Ates und Lamya Kaddor und Mouhanad Khorchide, die liberalen Theologen unter den deutschen Muslimen, besitzen beste Absichten, zu wenig Bereitschaft, manchen Tatsachen über ihre Religion ins Auge zu sehen, sehr viel Aufmerksamkeit und Sympathie bei deutschen Medien und Politikern, und kaum Einfluss unter denen, die sie zur Moderne bekehren wollen und die absolut keine Absicht haben, sich bekehren zu lassen.

Von daher kann ich übrigens auch gut verstehen, wieso so wenige Muslime bei „Nicht mit uns“ aufgetaucht sind, während so viele zu Pro-Erdogan-Kundgebungen erscheinen. Einerseits hat man einfach keine Lust, immer wieder zeigen zu sollen, dass man kein Verbrecher ist, der einen Lastwagen in eine Menschenmenge fährt, wenn man einfach friedlich sein Leben lebt; andererseits aber kann man sich einer gewissen Sympathie für Hamas, Al Kaida, IS & Co. auch wieder nicht erwehren. Jedenfalls haben die noch mehr von der wahren Religion begriffen als die herumhurenden und Schweinefleisch essenden deutschen Nachbarn und die häretischen sogenannten islamischen Theologen und Islamwissenschaftler, die den Glauben durch ihre Verdrehungen in den Schmutz ziehen, nicht wahr? (Und überhaupt – ist ja Ramadan, was soll man sich da verausgaben, um irgendein „Zeichen zu setzen“, das sich die Ungläubigen wünschen?)

Ich finde, man kann den Islam in mancher Hinsicht gut mit dem Kommunismus vergleichen. Nicht alle Kommunisten haben bei der RAF mitgemacht. Nicht einmal die sowjetische Führung hätte Gudrun Ensslin und Andreas Baader in den Kreml eingeladen, ebenso wenig, wie die saudi-arabische Regierung Osama Bin Laden. Trotzdem ließ es sich in der Sowjetunion unter der Herrschaft der Ideologie, für die die Terroristen anderswo kämpften, nicht besonders schön leben. Es gab auch friedliche Kommunisten im Westen, sogar pazifistische. Es gab solche, die einen Kompromiss zwischen Kommunismus und Demokratie suchten. Aber trotz alldem ist der Kommunismus eine falsche und zerstörerische Ideologie, die die Leute am besten einfach aufgeben sollten. Es macht keinen besonderen Sinn, einen „eigentlich wahren“ freiheitlich-demokratisch-gemäßigten Kommunismus neu konstruieren zu wollen und dabei alle von Marx‘ Prinzipien aufzugeben. Nö, wenn man die Grundideen des Kommunismus über Bord wirft, sollte man auch ehrlich sein und den Kommunismus ganz über Bord werfen. Es gibt keinen Grund, einen liberalen Islam zu konstruieren. Der Islam ist die falsche, unlogische, und durch nichts belegte Botschaft eines vermutlich geistesgestörten Warlords, der leider heutzutage ein großer Teil der Weltbevölkerung folgt. Aber aus welchen Gründen sollten sie ihr weiterhin folgen?

Der Unterschied zwischen diesen beiden Ideologien ist allerdings, dass der Kommunismus sich, nachdem er ausprobiert wurde und seine Verheißungen sich nicht erfüllten, für jeden sichtbar als falsch erwiesen hatte, was beim Islam leider nicht so leicht ist. Der hat seine Verheißungen aufs Jenseits verlegt, und da werden wir leider noch ein bisschen warten müssen, bis wir den endgültigen, alle überzeugenden Beweis sehen, dass Gott nicht der Gott Mohammeds ist.

Langes Herumgerede, kurzer Sinn: Ich denke einfach, dass viele Säkularisten begreifen müssen, wie wenig ihre Argumente strenggläubige Menschen eigentlich berühren. Das ist ja wie im Mittelalter! – Ja, das ist wie in den gesegneten Zeiten, die wir wiederherzustellen gedenken. Du hast doch auch ein Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung! Nö, wenn mein Schöpfer das anders sieht, habe ich das allerdings nicht. So denken strenggläubige Menschen nun mal.

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat“

Die berühmte Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor der Regensburger Universität ist inzwischen schon über zehn Jahre her; in dieser Rede ging es um das Verhältnis von Vernunft und Religion, und um dieses Verhältnis zu illustrieren, zitierte der Papst an einer Stelle den mittelalterlichen oströmischen Kaiser Manuel II. Palaeologos. Hier ein ausführlicher Ausschnitt (Hervorhebung zur besseren Wiederfindung des damals dann so heftig kritisierten Zitats von mir):

All dies ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich kürzlich den von Professor Theodore Khoury (Münster) herausgegebenen Teil des Dialogs las, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit führte. Der Kaiser hat vermutlich während der Belagerung von Konstantinopel zwischen 1394 und 1402 den Dialog aufgezeichnet; so versteht man auch, daß seine eigenen Ausführungen sehr viel ausführlicher wiedergegeben sind, als die seines persischen Gesprächspartners. Der Dialog erstreckt sich über den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgefüges und kreist besonders um das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder notwendigerweise um das Verhältnis der, wie man sagte, „drei Gesetze“ oder „drei Lebensordnungen“: Altes Testament – Neues Testament – Koran. Jetzt, in dieser Vorlesung möchte ich darüber nicht handeln, nur einen – im Aufbau des ganzen Dialogs eher marginalen – Punkt berühren, der mich im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert hat und der mir als Ausgangspunkt für meine Überlegungen zu diesem Thema dient.

 In der von Professor Khoury herausgegebenen siebten Gesprächsrunde (διάλεξις  – Kontroverse) kommt der Kaiser auf das Thema des Djihād, des heiligen Krieges zu sprechen. Der Kaiser wußte sicher, daß in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist wohl eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns ein Teil der Kenner sagt, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von „Schriftbesitzern“ und „Ungläubigen“ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, für uns unannehmbar schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut”, sagt er, „und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann…“.

Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazm so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.

 An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, daß an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist, und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar wird. Den ersten Vers der Genesis, den ersten Vers der Heiligen Schrift überhaupt abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt „σὺν λόγω”, mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft.

(Der vollständige Text inklusive Fußnoten findet sich hier: http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg.html)

Daran ist vieles interessant – nicht zuletzt, dass es für einen mittelalterlichen Christen klar war, dass Gewalt kein adäquates Mittel der Bekehrung ist, während wir heutzutage ja gerne zu hören kriegen, die Christen seien damals ja genauso schlimm wie (oder: „auch nicht besser als“) die Muslime gewesen. [Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht auch die Beurteilung Mohammeds durch den berühmtesten westlichen Theologen des Mittelalters, Thomas von Aquin (1205-1274): Mohammed hat den Menschen sexuelle Vergnügungen versprochen, zu denen uns die Fleischeslust antreibt. […] Er hat keine Zeichen auf eine übernatürliche Weise [Wunder] gewirkt, was der einzig angemessene Beleg für eine göttliche Eingebung bei einem Lehrer der göttlichen Wahrheit [Prophet] ist. […] Davon abgesehen sind ihm keine Gelehrten, keine in den göttlichen und menschlichen Dingen unterrichtete Menschen, von Anfang an gefolgt. Diejenigen, die an ihn glaubten, waren brutale Männer und Wüstenwanderer, die absolut keine Ahnung von irgendeiner göttlichen Lehre hatten. Durch ihre große Zahl zwang Mohammed mit der Macht seiner Waffen andere gewaltsam, ihm zu folgen. Ferner erwähnen ihn die göttlichen Verkündigungen von früheren Propheten überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er verfälscht fast alle Zeugnisse des Alten und Neuen Testaments, indem er seine eigenen Lügenmärchen daraus macht.“ Quelle der deutschen Übersetzung hier: http://www.marcogallina.de/2016/08/20/er-hat-sie-zu-einer-sekte-verfuehrt/; hier noch die Originalquelle auf Latein und in englischer Übersetzung http://dhspriory.org/thomas/ContraGentiles1.htm#6 ]

Aber das eigentlich Interessante ist meiner Meinung nach, dass die Frage, die Manuel II. Palaeologos – nicht so sehr Papst Benedikt, dem ging es ja nicht um das Thema Islamkritik, sondern um das Verhältnis von Vernunft und Religion im Allgemeinen, und er hat später auch noch einmal betont, dass er sich hier nicht Manuels „Polemik“ zueigne – hier aufgeworfen hat, inmitten all der lächerlichen und hysterischen Angriffe, die auf die Rede folgten, (meines Wissens nach) nicht beantwortet wurde.

Was hat Mohammed Neues gebracht?

Oder, besser gesagt: Was hat Mohammed an guten neuen Dingen gebracht? Der Islam ist nicht durch und durch schlecht; keine Weltanschauung ist das. (Am nächsten kommt einer durch und durch schlechten Weltanschauung vielleicht noch der Satanismus.) Natürlich gibt es gute Elemente im Islam; Gebet, Fasten, Almosen, einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit, Verantwortung und Gottesfurcht, und dergleichen. Aber diese Elemente sind alle auch im Christentum und schon im Judentum vorhanden. In welcher Hinsicht stellt die Lehre Mohammeds einen Fortschritt gegenüber der Lehre Jesu Christi dar?

Es gab vor Mohammed in Arabien schon Monotheisten; Christen und Juden. Natürlich, den Christen würden Muslime noch eine Art von verkapptem Vielgötterglauben (wegen der Dreifaltigkeitslehre) unterstellen, der bekämpft werden musste (wozu man als Christ natürlich sagen müsste, dass sie erstens die Dreifaltigkeitslehre nicht ordentlich verstanden haben, wenn sie sie für polytheistisch halten; und dass Gott sich zweitens nun einmal als dreifaltig offenbart hat, und wir nur annehmen, was Gott selbst von sich gezeigt hat); aber den Juden können sie ihren kompromisslosen Monotheismus wohl nicht absprechen. Was unterscheidet den Islam nun vom Judentum? Ich meine damit nicht, darin, welche Propheten und welche Bücher diese beiden Religionen anerkennen, sondern darin, was diese Propheten und diese Bücher lehren.

Welche Unterschiede gibt es darin? Na ja, der Koran macht genauere Aussagen über Paradies und Hölle und das Ende der Welt – allgemein über das Jenseits – als die jüdische Religion, wenn ich mich recht entsinne, das könnte man erwähnen. (Ob die auch „besser“ oder „wahrer“ sind, ist dann die Frage.) Eine wichtige Sache ist wohl außerdem, dass die Juden sich als das auserwählte Volk betrachten und in der Regel nicht aktiv missionieren – wobei man ja nicht behaupten kann, sie hätten nicht schon in der Antike Proselyten aus den Heidenvölkern akzeptiert. Muslime würden also wohl die Universalität ihres Glaubens (ungestört von den Irrlehren des ebenfalls universalistischen Christentums in Bezug auf das Wesen Gottes und Seine Menschwerdung) als wichtige Neuerung anführen.

Was sonst noch? Eine konkretere Rechtsordnung für die umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, mit allem, was dazugehört (wie viele Frauen darf ein Mann haben, wie sind Kriegsgefangene zu behandeln, für welche Verbrechen wird man gesteinigt)? Ja, das wohl auch noch. (Wobei manche – nicht alle – dieser rechtlichen Bestimmungen auch aus außerkoranischen Überlieferungen wie den Hadithen stammen, und daher nicht von allen islamischen Konfessionen als göttliche Offenbarung akzeptiert werden; das sollte man vielleicht noch erwähnen, um die verschiedenen Strömungen des Islam hier nicht zu sehr in eins zusammenzuwerfen.) Und ansonsten – na ja, da wäre eben doch noch der Dschihad. Und der ist in der Anfangszeit des Islam ja gerade mit dem muslimischen Universalismus und der muslimischen Rechtsordnung untrennbar verbunden: „Geht zu allen Völkern“ hieß für Mohammed und die Kalifen: „Unterwerft alle Völker, zwingt die Heiden, das Glaubensbekenntnis zu sprechen (ansonsten tötet sie), und lasst die Schriftbesitzer in Friedenszeiten ungestört unter euch leben, wenn sie euch die Schutzsteuer zahlen.“

[Anbei: Interessanterweise gab es übrigens tatsächlich schon vor Mohammed arabische Monotheisten, die weder Juden noch Christen waren, sich aber auf Abraham beriefen, die sog. Hanifen (https://de.wikipedia.org/wiki/%E1%B8%A4an%C4%ABf). (Hier könnte man als Muslim vielleicht einwenden, dass die bloß eine kleine Splittergruppe ohne göttliche Bestätigung durch eine spezielle Offenbarung waren (falls sie nicht vielleicht ihre eigenen Propheten hatten) – und natürlich hatten sie auch keine göttlich bestätigte spezielle Rechtsordnung und keinen göttlich bestätigten Auftrag zum Heiligen Krieg.)]

Mir geht es dabei einfach darum: Wenn Muslime glauben, dass Mohammed ein Prophet Gottes war, der eine absolut entscheidende Rolle in der Weltgeschichte gespielt hat (schließlich ist er neben Gott die einzige in ihrem sehr kurzen Glaubensbekenntnis erwähnte Person – „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet“), dann müssen sie wohl auch glauben, dass Gott Mohammed entscheidende neue Dinge offenbart hat. Welche entscheidenden Dinge waren das?

Vielleicht würden Muslime jetzt sagen, ich habe meine Frage oben schon selbst beantworten: Klar monotheistischer Universalismus, gereinigt von der christlichen Dreifaltigkeitslehre auf der einen Seite und der jüdischen Exklusivität auf der anderen, dazu Anweisungen fürs praktische Leben. Aber das, wie soll ich sagen, erscheint mir doch fast ein bisschen – wenig; na ja, was heißt, wenig; ein besserer Ausdruck wäre vielleicht: Es erscheint mir vor allem sehr verunreinigt mit anderem Zeug, das humane Muslime heutzutage oft lieber ignorieren. Dieses Problem tritt hier eben dann auf, wenn man sich den liberalen Islam ansieht, der Mohammeds Feldzüge und die seiner Nachfolger ebenso wie etwa die Scharia unter dem Label „historisch bedingt“ beiseite schieben und jetzt mehr von Barmherzigkeit und auch Religionsfreiheit und dergleichen reden will, sich also in dieser Hinsicht an Religionen wie das Christentum und außer-religiöse „westliche Werte“ annähern möchte.

Die logische Schwierigkeit beim liberalen Islam ist natürlich zunächst einmal, dass manche Taten und Anweisungen Mohammeds und der Kalifen nach ihm eben nicht historisch bedingt – und vor allem auch nicht völlig alternativlos in der damaligen Welt – waren. Die antiken christlichen Religionsgründer zettelten keine Feldzüge an, um ihren Glauben durchzusetzen. Sie bekehrten einzelne, und irgendwann bekehrten sich dann evtl. auch die Fürsten ihrer Länder (wie Kaiser Konstantin, oder der Frankenkönig Chlodwig), und so wurden ihre Gesellschaften christlich. Sie übernahmen nicht die Macht in einer Stadt und verbündeten sich dann mit Banditen, um eine andere anzugreifen und beschlossen schließlich, die ganze Welt der Herrschaft ihrer Religion zu unterwerfen. Das war bei antiken Religionsstiftern nicht zwangsläufig der Fall; tatsächlich ist mir außer Mohammed kein Religionsstifter oder bedeutender religiöser Führer bekannt, bei dem es der Fall gewesen wäre.*

Und ich rede hier nicht nur von Johannes dem Täufer und Jesus und Paulus. Auch die Gründer häretischer christlicher Sekten in späteren Jahrhunderten verhielten sich nicht so. Die Gnostiker verhielten sich nicht so, Arius und Nestorius auch nicht. Sie nutzten vielleicht die Gunst ihrer Herrscher, um für ihre Lehre Begünstigungen zu erreichen oder ihren Gegnern zu schaden (man denke an die Verbannung katholischer Bischöfe wie dem hl. Athanasius unter arianischen Kaisern, oder arianischer Bischöfe wie Arius unter katholischen Kaisern im Römischen Reich des 4. Jahrhunderts), aber sie kannten einfach kein Konzept des Dschihad zur Ausbreitung ihrer Religion. Sie redeten nicht vom „Haus des [Name ihrer Religion]“ und vom „Haus des Krieges“ (https://de.wikipedia.org/wiki/D%C4%81r_al-Isl%C4%81m, https://de.wikipedia.org/wiki/D%C4%81r_al-Harb). Selbst andersgläubige – „heidnische“, wie wir von den abrahamitischen Offenbarungsreligionen sie nennen würden – Religionsgründer, Mani oder Zarathustra zum Beispiel, verhielten sich nicht so. Es war tatsächlich in der damaligen Zeit etwas Neues, dass Mohammed „vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

Und deshalb: Wenn das „Schlechte und Inhumane“, das Mohammed tat, nicht einfach damit erklärt werden kann, dass „das eben damals so war“ – ist es dann aus muslimischer Sicht nicht zwangsläufig auch Teil der bedeutenden göttlichen neuen Offenbarungswahrheiten? Wenn zu diesen Wahrheiten zentral gehört, dass man den wahren Glauben über die ganze Welt ausbreiten soll, wieso dann nicht auch mit den Mitteln, die seine frühesten Propheten und Herrscher anwendeten? Und wenn dieser Glaube also zwangsläufig „Schlechtes und Inhumanes“ (und ja, liebe Dschihadisten, das Konzept des Dschihad ist zwangsläufig schlecht und inhuman – zur Begründung siehe Kaiser Manuel oben) gebracht hat – wie kann er dann der wahre Glaube sein?

Wenn Mohammed im Allgemeinen, in der Gotteslehre, so viele entscheidende neue Erkenntnisse brachte, wenn sein Auftreten den bisherigen Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte bedeutet, wieso war seine Lehre dann in Bezug auf Barmherzigkeit und Frieden und Liebe – man denke zum Beispiel allein an das Konzept der Feindesliebe! – so offensichtlich ein Rückschritt gegenüber der Lehre Jesu von Nazareth?

Gehört der Dschihad nun zur Offenbarung oder nicht? Und wenn ja – meint ihr wirklich, dass Gott so ist? Meiner Meinung nach ist der radikale Islam zwar die in sich stimmigste Auslegung des Islam; aber er ist ganz offensichtlich falsch und letztlich gotteslästerlich; er macht Gott zu einem Tyrannen.

Ich bin keine Islamexpertin. Vielleicht habe ich manches aus dem Koran hier nicht auf dem Schirm. Wenn mir jemand eine bessere Antwort auf diese Frage geben kann – dann, schön und gut. Es ist keine rhetorische Frage: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat.“ In welcher Hinsicht brachte der Prophet des Islam, im Vergleich zu Christen- oder Judentum oder der Religion der Hanifen, größere Wahrheit, größere Barmherzigkeit, größere Gerechtigkeit, größeren Frieden, größere Humanität?

(Im Großen und Ganzen, muss ich gestehen, habe ich persönlich den Eindruck, dass dieser Prophet vor allem die Botschaft brachte, dass er Gottes Prophet war, und dass ganz einfach alles das Gottes Botschaft war, was er verkündete.**)

 

* Man könnte hier, wenn man wollte, als Gegenargument die teilweise durchaus brutalen Feldzüge durch religiöse Anführer wie Mose oder Josua im Zuge der israelitischen Landnahme anführen (auf die ich im Lauf meiner Reihe über die „schwierigen Bibelstellen“ noch ausführlicher eingehen werde). Aber das war a) ein ganz anderes („anders“ heißt erst einmal noch nicht „besser“, sondern einfach „anders“) Konzept – die Landnahme war ausdrücklich auf das Gelobte (= „versprochene“) Land beschränkt; sie diente der Eroberung eines Ortes, wo ein herumwanderndes Volk, das gerade aus der Sklaverei geflohen war, leben konnte; nicht der Eroberung weiterer Gebiete und eindeutig auch nicht der Ausbreitung der jüdischen Religion, b) im Alten Testament, und c) etwa 1800 Jahre vor Mohammeds Zeiten. Mir geht es hier um Religionsgründer, die noch nicht allzu weit entfernt von Mohammeds Zeit waren und zu dieser Zeit noch immer Einfluss ausübten. In irgendeinem Sinne mit Religion zusammenhängende Gewalt gab es sicherlich auch in anderen Zusammenhängen im Lauf der Weltgeschichte immer wieder – aber eben kein Konzept wie das des islamischen Dschihad zur gewaltsamen Ausbreitung einer Religion.

** Ich will damit nicht sagen, dass ich persönlich Mohammed für einen Betrüger halte; ich halte ihn zwar für einen falschen Propheten, der wahrscheinlich psychisch nicht völlig gesund war, aber für einen, der zumindest selbst davon überzeugt war, was er predigte.

Glauben, meinen, wissen und nicht-interessiert-sein

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich auf Facebook ein Meme irgendeiner atheistischen Gruppe gesehen; ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut des Spruchs darauf, aber die Aussage jedenfalls war irgendetwas in der Art, dass es eine Ansicht kein bisschen wahrer oder wahrscheinlicher mache, dass man dran „glaube“. Dazu dachte ich mir hinterher: „Hm, ist ja schön, wenn ihr ein fideistisches Glaubensverständnis attackiert, aber könntet ihr bitte so nett sein, dabei zu erwähnen, dass das nicht das Glaubensverständnis aller gottesgläubigen Menschen ist, da z. B. die katholische Kirche ein solches Glaubensverständnis ausdrücklich ablehnt?“

Jeder informierte Katholik sollte der Aussage dieses Memes ohne Probleme zustimmen können.

Man könnte nun sagen, ehe man Memes auf Facebook verbreitet, sollte man sich erst einmal informieren. Aber das Missverständnis, dem diese Atheisten-Gruppe aufgesessen ist, ist ja weit verbreitet, und zugegebenermaßen ist das nicht nur die Schuld von Atheisten, die sich nicht ordentlich über das informieren, was sie angreifen, sondern auch die von Christen, die ihren eigenen Glauben oft nicht mehr wirklich kennen und vermitteln können, und selten klarmachen, was der Unterschied zwischen „glauben“ und „meinen“ ist, und dass „glauben“ im christlichen Sinne eben nicht ein „nicht-wissen“ bedeutet.

Ich bin hier schon einmal darauf eingegangen https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/wie-man-zum-glauben-kommt/, wiederhole es aber gerne noch einmal:

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

Diese Thesen musste der des Fideismus verdächtigte Theologe Louis-Eugène-Marie Bautain im Jahr 1840 auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben, damit sein Werk nicht kirchlich verurteilt wurde.

Louis Eugène Marie Bautain

(Louis-Eugène-Marie Bautain, Wikimedia Commons)

Die Kirche beschäftigte sich zu dieser Zeit dann auch noch weiter mit solchen in manchen traditionalistischen Kreisen verbreiteten fideistischen Thesen. 1844 musste Bautain wieder eine Erklärung unterschreiben, und 1855 erließ die Indexkongregation ein Dekret gegen die Ansichten eines anderen Theologen namens Augustin Bonnetty. Dessen Text lautet:

  1. Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit, eine Gegensätzlichkeit zwischen ihnen angetroffen werden; denn beide stammen von ein und derselben unveränderlichen Quelle der Wahrheit, dem unendlich guten und großen Gott, und leisten sich so wechselseitig Hilfe.
  2. Schlussfolgerndes Denken kann die Existenz Gottes, die Geistigkeit der Seele und die Freiheit des Menschen mit Gewissheit beweisen. Der Glaube ist später als die Offenbarung und kann daher nicht in angemessener Weise zum Beweis der Existenz Gottes gegenüber dem Atheisten oder zum Beweis der Geistigkeit der vernunftbegabten Seele und der Freiheit gegenüber dem Anhänger des Naturalismus und Fatalismus angeführt werden.
  3. Der Gebrauch der Vernunft geht dem Glauben voran und führt den Menschen mit Hilfe der Offenbarung und der Gnade zu ihm hin.
  4. Die Methode, derer sich der heilige Thomas, der heilige Bonaventura und andere Scholastiker nach ihnen bedienten, führt nicht zum Rationalismus und war nicht der Grund dafür, dass bei den heutigen Schulen die Philosophie zum Naturalismus und Pantheismus neigt. Daher darf man jenen Lehrern und Magistern nicht zum Vorwurf machen, dass sie diese Methode – zumal mit Zustimmung oder wenigstens stillschweigender [Duldung] der Kirche – benutzten.

Das ist das Glaubensverständnis der katholischen Kirche. Alles klar? An Gott zu glauben, obwohl man nicht genau weiß, ob es ihn überhaupt gibt, oder gar wider die Vernunft an Gott zu glauben – das wäre Fideismus, ein von der Kirche verurteiltes Glaubensverständnis.

„Glaube“ (fides) meint „Vertrauen“, „Treuebindung“ – nicht „meinen“. Ehe man an den dreifaltigen Gott „glauben“ (d. h. auf ihn vertrauen, sich an ihn binden) kann, muss man durch Vernunftgründe davon überzeugt sein, dass Er überhaupt existiert und sich in Jesus Christus offenbart hat. Intellektuelle Überzeugung von der Wahrheit des Christentums geht dem „Glauben“ voraus.

Sicher ist das in der Praxis nicht immer der Fall – wenn man z. B. katholisch aufgezogen wird, wird man erst einmal seinen Eltern einfach abnehmen, dass es den lieben Gott gibt und idealerweise durch Gebet, Empfang der Sakramente etc. eine Beziehung zu Ihm aufbauen, und später dann erst Argumente für diese Überzeugung kennenlernen; aber das ist ja bei allem, was man als Kind lernt, der Fall; erst einmal wird man seinen Eltern auch ohne Beweise abnehmen, dass die Erde rund ist, man von zu viel Süßigkeiten Bauchweh kriegt, man die Katze nicht am Schwanz ziehen sollte und es in Afrika Löwen und Giraffen gibt. Aber das alles sind Überzeugungen, für die es durchaus logische Begründungen und Beweise gibt, und an die man nicht glauben sollte, wenn sie den Tatsachen oder der Vernunft widersprächen, und an die man auch als Kind aus einem recht vernünftigen Grund heraus glaubt (aus der Erfahrung, dass das, was die Eltern sagen, vertrauenswürdig ist). Dasselbe gilt für die Überzeugung von der Existenz Gottes.

Dass die Bedeutung des Wortes „glauben“ oft nicht recht vermittelt bzw. verstanden wird, ist mir z. B. auch bei dem Projekt „Valerie und der Priester“ (https://valerieundderpriester.de/) schon öfter aufgefallen, das ich in den letzten Monaten regelmäßig verfolgt habe. Dabei begleitet eine eher kirchenferne junge Journalistin ein Jahr lang einen Priester und berichtet dann auf einem Blog und über die sozialen Medien darüber. Sehr oft, wenn auch nicht immer, bewegt sich das, was Valerie hier über den Glauben von Kaplan Franziskus von Boeselager und auch den anderer Menschen, die sie in der katholischen Welt so trifft, schreibt (oder auch, was diese selbst direkt von sich sagen), eher auf der Ebene von „Beten hilft mir, die christliche Nächstenliebe ist mir wichtig, die Kirche ist Heimat für mich, der Glaube gibt mir Halt“ – was ja alles wahr ist, aber auch etwas Wichtiges, Grundsätzliches ausklammert.

Der Glaube ist nicht nur eine Lebenshilfe. Bevor er das sein kann, muss er erst einmal wahr sein. (Wobei natürlich auch Erfahrungsargumente („Ich habe im Gebet Gottes Nähe erfahren“) als Gründe für den Glauben nicht völlig ausgeklammert werden sollten, das sage ich gar nicht. Aber es braucht auch die äußeren, intellektuellen Argumente. Erfahrung allein reicht nicht.) Ich habe manchmal das Gefühl, Valerie betrachtet das Ganze eher so mit einem distanzierten „Aha, interessant, dass es Leute gibt, denen diese Idee von Gott so viel bedeutet und hilft“; aber hat sie sich dabei schon einmal die Frage gestellt: „Könnte es denn sein, dass es wahr ist, woran diese Leute glauben?“?

Ich weiß es nicht. Sie wird auch wahrscheinlich bei diesem Projekt nicht sämtliche ihrer innersten Gedanken ausschütten (täte ich auch nicht); aber manchmal habe ich den Eindruck, sie sieht den Katholizismus als etwas so Exotisches und ihre eigene Weltanschauung (die ich unter die Kategorie „individualistischer Säkularismus“ einordnen würde, und die man noch konkreter als links-feministisch beschreiben könnte – wobei letzteres ja eigentlich nur die politische Seite bezeichnet, und man auch als Katholik gewisse linke oder feministische Positionen teilen kann, wenn man will – dazu vielleicht ein andermal) als so selbstverständlich, dass ihr der Gedanke gar nicht kommt, dass der Katholizismus etwas sein könnte, das wahr sein und eine Bedeutung auch für sie haben könnte, anstatt etwas, das man von außen studiert, wie ein überzeugter Christ einen antiken babylonischen Kult studieren würde. Dabei habe ich aber eben gerade nicht den Eindruck, dass sie schon längst aus bestimmten, durchdachten Gründen von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt ist (dann wäre eine solche Distanz zu der Welt, über die sie berichtet, völlig logisch), sondern eher den, dass Gott für sie etwas ist, das einfach keine Rolle spielt.

Das ist allgemein, habe ich so das Gefühl, viel häufiger der Grund, wieso Menschen nicht an Gott glauben, als überzeugter Atheismus. Sie sind an dem Thema nicht interessiert.

Und Desinteresse an der Wahrheit ist, finde ich, nun wirklich ein Gegensatz sowohl zum Wissen als auch zum Glauben als auch zum bloßen Meinen. Das ist eine Kategorie, mit der man sich ganz außerhalb der Frage nach der Wahrheit stellt.

 

(Beide oben zitierten Texte finden sich im „Denzinger“, dem von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann herausgegebenen „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009.)

Basisausrüstung zur Häresiebekämpfung für das Jubiläumsjahr 2017

Eine andere Bloggerin hat bereits mehrfach zu gegenreformatorischem Engagement anlässlich des Reformationsjahres aufgerufen (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/11/16/sola-scriptura-warmtippen-gegen-das-reformationsjubilaeum-1/ , https://maryofmagdala.wordpress.com/2017/02/07/soll-das-jetzt-das-ganze-jahr-lang-so-weitergehen/ ), und ich schließe mich der Taskforce Fatima natürlich gerne an. Hier versorge ich meine Leser also gern mit ein paar Argumenten, die zur einfachen Grundausstattung zur Bekämpfung von Häresie und Schisma im reformatorischen Bereich gehören:

 

1) Protestanten kann man leicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie glauben an sola scriptura? Okay:

Matthäus 16,18f.: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“

1 Timotheus 3,15: „Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Hauswesen Gottes verhalten muss, das heißt in der Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule und das Fundament der Wahrheit ist.

Johannes 6,55: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank.“

Lukas 1,46.48: „Da sagte Maria: […] Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“

Das Beste zum Schluss:

Jakobus 2,24: „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.“

Daraus folgt selbstverständlich: Papsttum, Bedeutung der Kirche, Transsubstantiation, Marienverehrung und Zusammenwirken von Glaube & Werken – das ist alles ganz offensichtlich GANZ UND GAR unbiblisch. (Ich kann auch nur einen kleinen Grundbestand an Bibelzitaten aus dem Gedächtnis auf Kapitel oder sogar Vers genau angeben, aber gelegentlich ist es wirklich ganz nützlich, sich manches zu merken – natürlich nicht nur in Bezug auf gegenreformatorische Argumente.)

[Ach ja: in der Lutherbibel von 2017 wird das griechische „ekklesia“ in den beiden ersten Stellen übrigens beide Male mit „Gemeinde“ statt „Kirche“ wiedergegeben. In 1 Tim 3,15 heißt es außerdem, die „Gemeinde“ sei „ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit“, während sie Joh 6,55 übersetzt haben mit „Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank“ (was irgendwie einen anderen Beiklang hat als „das ist richtige, wirkliche Nahrung“, und mehr in die Interpretationsrichtung geht „das ist die eigentlich wichtige, geistliche Speise“). In beiden Fällen steht im griechischen Original kein Artikel; das Altgriechische hat übrigens keine unbestimmten Artikel, sondern hätte nur bestimmte. Bei Johannes heißt es wörtlich „alethes estin brosis“, „ist wahre Speise“ („eine / die wahre Speise“? nicht völlig eindeutig). Im Timotheusbrief steht „[hetis estin ekklesia theou zontos,] stylos kai hedraioma tes aletheias“, „[die die Kirche des lebendigen Gottes ist,] Säule und Fundament (oder: Pfeiler und Grundfeste) der Wahrheit“ („eine / die Säule und ein / das Fundament (oder: ein / der Pfeiler und eine / die Grundfeste) der Wahrheit.“?). Da muss der Übersetzer jetzt irgendwie selber anhand des Kontexts schauen, wie er das in der Übersetzung mit den Artikeln hält. Im Jakobusbrief z. B. haben sie dagegen fast wortgleich mit der Einheitsübersetzung übersetzt: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“]

 

2) Eigentlich braucht man aber gar nicht so sehr in das Gezänk um einzelne Bibelstellen einzusteigen. Stattdessen ist es von vornherein immer noch die sinnvollste Strategie, einfach zu fragen:

a) „Wo steht sola scriptura in der Bibel?“ (Antwort: Nirgends. In der Schrift gibt es mehrere Stellen, an denen von der Wichtigkeit und Nützlichkeit der Schrift gesprochen wird, aber dort wird nie davon gesprochen, dass die Schrift allein zählt und die Kirche etwa nicht – und wenn etwa in den Paulusbriefen von der Schrift die Rede ist, ist damit übrigens das Alte Testament gemeint, da das Neue gerade erst in diesem Moment geschrieben wurde und noch keineswegs kanonisiert war.)

b) „Wenn es da nicht steht, woher kommt das Prinzip dann?“ (Antwort: Von Dr. Luther. Welche Autorität hatte Dr. Luther?)

c) „Woher wissen wir überhaupt, welche Bücher zur Schrift gehören?“ (Der Kanon wurde schließlich auf den Konzilien der katholischen Kirche festgelegt. Und Dr. Luther entfernte sieben Bücher – Judit, Tobit, Baruch, Jesus Sirach, Weisheit, 1 und 2 Makkabäer – und Teile der Bücher Daniel und Ester aus diesem Kanon. (Es handelt sich dabei um den sog. Deuterokanon, Texte, die ursprünglich auf Griechisch statt wie der Rest des AT auf Hebräisch geschrieben wurden.) Woher wissen Protestanten, dass sein Kanon richtig ist? (Hier noch ein paar Informationen zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/reason-1-to-reject-the-reformation-the-canon-of-scripture/ , http://shamelesspopery.com/is-scripture-self-attesting/ ))

d) „Nach welchem Prinzip richteten sich die ersten Christen, um zu wissen, was die christliche Lehre ist, als noch umstritten war, ob z. B. die Offenbarung des Johannes (drin) oder der Barnabasbrief (nicht drin) zur Schrift gehören? Hätten sie sich damals überhaupt schon nach dem Prinzip sola scriptura richten können?“ (Ich denke, die Antwort darauf ist offensichtlich.)

e) „Wenn sich zwei Protestanten in ihrer Bibelinterpretation nicht einig sind – wer entscheidet dann, wer von ihnen recht hat?“

Das Prinzip „Allein die Schrift“ ist ganz offensichtlich in sich unlogisch. Das ist der Grund, wieso wir die Autorität von Konzilien und Päpsten zur Klärung von Streitfragen brauchen.

 

3) Ein bisschen Geschichtswissen kann auch ganz hilfreich sein:

a) Einerseits ist Geschichtswissen in Bezug auf die frühe Kirche sehr nützlich. Nur wer keine Ahnung von Kirchengeschichte hat, stellt sich unter der Urkirche etwas Protestantisches vor. Man denke allein an den 1. Clemensbrief: Ein Brief des Römischen Bischofs (für dieses Amt wurde später die Bezeichnung „Papst“ üblich) an die Gemeinde in Korinth, in dem die Kirche von Rom besondere Autorität über die Kirchen anderenorts beansprucht (in Korinth gab es einige Streitigkeiten). Der Brief wird auf kurz vor 100 n. Chr. datiert; damals war wahrscheinlich sogar noch der Apostel Johannes am Leben. Zu anderen Beispielen in einem eigenen Beitrag mal.

b) Andererseits ist auch Geschichtswissen über Luther und die Reformation – die man besser als die Kirchenspaltung bezeichnen sollte – nicht schlecht: Luthers Antijudaismus, seine Befürwortung von Hexenprozessen, sein Aufruf, die aufständischen Bauern im Bauernkrieg totzuschlagen, und sein allgemeiner Hang dazu, jeden aufs Wüsteste zu beschimpfen, der es wagte, anderer Meinung zu sein als er, wurden wohl schon oft genug breitgetreten, dass ich hier eigentlich nichts mehr dazu wiederholen muss; aber auch andere Aspekte dieser Zeit verdienen Beachtung: Vor allem der allgemeine Fanatismus und die Kriege, die innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte nach 1517 folgten, stechen ins Auge. Werden wir in 10 Jahren auch dem sacco di Roma (der Plünderung Roms) von 1527 gedenken, am besten mit einer reuevollen Entschuldigung des EKD-Ratsvorsitzenden? (Ja, ich weiß, dass nicht der persönlich Rom geplündert hat. Aber hey, der hl. Papst Johannes Paul II. hat auch keine Scheiterhaufen angezündet, und war sich trotzdem für große Gesten zur Anerkennung historischer Schuld nicht zu schade.) Im Heiligen Römischen Reich gab es den Bauernkrieg von 1525 und den Schmalkaldischen Krieg von 1546-47. Die französischen Religionskriege am Ende des 16. Jahrhunderts waren nicht weniger grausam, in England oder anderen Ländern lief auch nicht alles friedlich ab; und schließlich führte das Ganze in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648); zumindest für das Heilige Römische Reich wahrscheinlich die schlimmste Katastrophe nach der großen Pestwelle von 1348/49, würde ich vermuten. Vielleicht wird hier langsam klar, wieso Ketzerei damals so gefürchtet war: Sie führte zu Aufruhr, Bürgerkrieg und Krieg, bitteschön. Ketzerei war das, was heute „Volksverhetzung“ ist. Ach ja, und 1529 standen übrigens auch noch die Osmanen unter Sultan Süleyman vor Wien, und ein geeintes Vorgehen der Christenheit zur Verteidigung gegen irgendwelche äußeren Feinde war inmitten der ganzen inneren Konflikte dann auch keine so einfache Sache mehr (hier ein Beitrag zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/revisiting-the-reformation-pope-a-defense-of-pope-leo-x/ ). Ketzerei bedrohte für die Menschen damals ganz real das Überleben der Christenheit. Man könnte sich auch noch andere historische Fakten in Erinnerung rufen: Dass es auch vor Luther schon einige Ansätze zur Kirchenreform gab (genau im Jahr 1517 endete gerade das 5. Laterankonzil, bitteschön!) und dass überall unumstritten war, dass Reformbedarf da war. Dass der Ablasshandel zwar ein Skandal, aber kein Verkauf von Sündenvergebung war – Sünden werden in der Beichte vergeben, nicht durch Ablässe. Dass Luther nicht als Ketzer verdammt wurde, sobald er es wagte, seine 95 Thesen zu äußern, sondern erst 1521 (also vier Jahre später) exkommuniziert wurde, nach ausführlichen Unterredungen und Streitgesprächen mit Kardinal Cajetan und dem Theologen Johannes Eck in den Jahren zuvor. Dass die Reformation in den reformierten Gebieten nicht dazu führte, dass die Kirchenoberen alle fromm und gut wurden, sondern dazu, dass die in der Regel nicht so frommen und guten weltlichen Herren nun auch zur Obrigkeit in kirchlichen Dingen wurden (Heinrich VIII., anyone?), und dass ihnen die Reformation neben diesem allgemeinen Machtzuwachs auch die Gelegenheit bot, die Klöster aufzulösen und deren Besitz zu konfiszieren, sprich, auch einen greifbaren finanziellen Gewinn.

 

So, das jetzt so weit ganz grob zum Thema sola scriptura und einigen historischen Mythen. Zu ein paar weiteren Mythen über die lutherische und auch die calvinistische Häresie werde ich dann im Lauf dieses Jahres noch öfters mal kommen.

Jedenfalls, wie vielleicht hier schon deutlich geworden ist, eins sollte man meiner Meinung nach in diesem Jahr nicht tun: Feiern. (D. h. Weihnachten und Ostern und Geburtstage und Namenstage und alles andere, was sich so findet, natürlich schon. Bloß das Reformationsjubiläum nicht!) Auch aus evangelischer Sicht finde ich es übrigens fraglich, ob es hier tatsächlich so viel zu feiern gibt. 150 Jahre Religionskriege vielleicht? Luther hat die Kirche nicht, wie er ursprünglich wollte, nach seinen Ideen umformen können (zum Glück, aus katholischer Sicht); wo liegt hier also selbst aus Sicht der Protestanten der große Triumph? Die Kirche wurde gespalten. Wir Katholiken sind uns sicher mit den Lutheranern nicht einig, wer da schuld dran war (außer, dass keine Seite ganz schuldlos war, auch wenn eine Seite theologisch gesehen gänzlich im Recht war), aber ich denke, man sollte sich doch wenigstens einigen können, dass 500 Jahre Kirchenspaltung eher ein Anlass zur Trauer als zum Feiern sind. Hey, ich erwarte ja nicht gleich, dass Margot Käßmann in Sack und Asche nach Rom pilgert und vom Papst die Absolution erbittet (wobei – eigentlich wäre das schon keine schlechte Idee… 😉 ), aber wenigtens könnte man seinem Bedauern über die Kirchenspaltung Ausdruck geben, anstatt von uns Katholiken zu erwarten, dass wir den ganzen Schmarrn auch noch mit feiern sollen. Und was die katholische Seite angeht, solche Aktionen wie Rosenkränze für Luthers Seelenheil (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/01/25/ich-weiss-ja-nicht-was-ihr-naechstes-jahr-so-so-macht/ ) wären anlässlich des Reformationsjubiläums natürlich nie verkehrt. Wir sollten ja immer versöhnungsbereit sein.

Aber ich sehe auf jeden Fall nicht ein, was ich hier zu feiern hätte.

„Es ist nicht sicher, dass ich ins Paradies eingehen werde.“

Papst Paul VI. soll heiliggesprochen werden – eine wunderbare Neuigkeit. (http://www.kath.net/news/58178) Seliggesprochen wurde er ja schon vor drei Jahren, und ehrlich gesagt gehört er seit kurzem zu meinen Lieblingsseligen.

Das ist vielleicht ein bisschen ungewöhnlich. Der selige Paul VI. (1963-1978) gilt allgemein als ein Papst, mit dem keiner so richtig viel anfangen kann, über den keiner so richtig viel weiß und für den sich keiner so richtig interessiert. Die Tradis tragen ihm die Liturgiereform nach, na, und der Rest der Welt natürlich Humanae Vitae, auch die Pillenenzyklika genannt. Paul VI. ist so der langweilige, durchschnittliche Papst, nach dem heiligen Johannes XXIII., dem gemütlichen volksnahen Papa buono, der die Fenster der Kirche aufreißen wollte, und vor dem im Ruf der Heiligkeit verstorbenen (von der schurkischen Kurie ermordeten!) 33-Tage-Papst Johannes Paul I. und dem beinahe drei Jahrzehnte lang regierenden hl. Johannes Paul II., dem charismatischen Reisepapst, dem Initiator der Weltjugendtage und Weltgebetstreffen, dem Papst, der zum Untergang des Kommunismus beitrug. Paul VI.: das ist der zurückhaltende Organisator und Diplomat, der einen großen Teil seines Lebens im vatikanischen Staatssekretariat gearbeitet und dann noch neun Jahre als Erzbischof von Mailand verbracht hatte, nach seiner Wahl dann das von seinem Vorgänger begonnene Konzil zum Abschluss brachte, und später dann in den Wirren der nachkonziliaren Krise manchmal eher ein Bild der Hilflosigkeit und Überforderung zu bieten schien.

Das erste Mal bin ich auf Paul VI. aufmerksam geworden, als ich vor ein paar Jahren Humanae Vitae gelesen habe; ich wollte mich damals genauer informieren, wieso die Kirche eigentlich das lehrt, was genau sie da so lehrt. Und ich fand die Enzyklika wirklich schön geschrieben und gut nachvollziehbar. Aber weiter habe ich mich dann nicht mehr mit ihrem Autor beschäftigt. Ein bisschen mehr über Paul VI. habe ich dann vor einiger Zeit in Kardinal Robert Sarahs Buch „Gott oder nichts“ erfahren, wo es in einem Kapitel auch um die Päpste der letzten Jahrzehnte geht und Kardinal Sarah mit großer Bewunderung von dem Papst spricht, der ihn kurz vor seinem Tod noch zum Bischof ernannt hat.

Ich habe letztens erwähnt, dass ich jetzt gerade eine Biographie über Johannes Paul II. lese – George Weigel, „Zeuge der Hoffnung“; noch einmal: sehr zu empfehlen –, und auch in dieser Biographie wird natürlich auch Paul VI. erwähnt – logisch, Kardinal Karol Wojtyla war ja auch beim Konzil dabei und wurde nur kurze Zeit nach dem Tod seines Vorvorgängers auf den Stuhl Petri gewählt. Weigel schreibt über Paul VI.:

 

Papst Paul VI. war ein sehr gläubiger Mann, von großem Mitgefühl und scharfer Intelligenz. Dennoch machten ihn einige seiner besten persönlichen Eigenschaften unfähig, einen festen Kurs für die Kirche nach dem Konzil festzulegen. Bereits 1964 war er Erzbischof Wojtyla, der ihn hochschätzte, wie ein „von der Liebe ermüdeter“ Mann vorgekommen. […]

 Giovanni Battista Montinis „unendliche Höflichkeit“ und magnetische Persönlichkeit zeigten sich leicht in vertrautem Zwiegespräch. Doch ihm fehlte eine bezwingende öffentliche Präsenz, und in größerem Rahmen und vor der Kamera wirkte er zurückhaltend, irgendwie verlegen und sogar zaghaft. Obwohl er sich gründlich mit dem modernen französischen Denken befasst hatte, schien das, was er dort fand, seine Neigung zu verstärken, unendlich über ein Problem nachzugrübeln. […] Dann verkrampfte er sich über einer Entscheidung und wollte, wie Kardinal König aus Wien bemerkte, aus allem das Beste machen.

 Er war ein Mann großer Frömmigkeit, doch schien ihm der Trost, der ihm aus seinen Gebeten zuteil wurde, keine Sicherheit bei der Führung seines Amtes zu bieten. Sein enger Mitarbeiter Agostino Casaroli erinnert sich an ihn als von manchen Situationen und Entscheidungen „gequält“. Er schalt Gott öffentlich dafür, sein Gebet nicht erhört zu haben, dass sein Freund Aldo Moro, der Führer der italienischen Christdemokraten, 1978 von den Roten Brigaden verschont würde. Gegen Ende seines Lebens beunruhigte er sich darüber, dass er in einigen seiner Urteile als Papst nicht klug gewesen sei. Das war eine „Agonie für ihn“, erinnert sich Kardinal William Baum, denn er liebte die Kirche mit leidenschaftlicher Hingabe, und es war ihm schmerzlich bewusst, dass er einmal über seine Verwaltung Rechenschaft ablegen müsse. Diese Agonie schloss auch die Sorge ein, er sei in seiner Ostpolitik bei der Verteidigung der Verfolgten nicht energisch genug gewesen. Auf jeden Fall war die Strategie des salvare il salvabile [retten, was zu retten ist] per definitionem ein Versuch, das Beste aus einer schrecklichen Situation zu machen, in der er keine guten Alternativen sehen konnte.

 Manchmal wurde gesagt, Paul VI. sei ein historisch falsch platzierter Papst gewesen – dass er als viel erfolgreicher wahrgenommen worden wäre und persönlich weit weniger gelitten hätte, wäre er auf Pius XII. gefolgt statt auf Johannes XXIII. Seine ungetrübte persönliche Anständigkeit, verbunden mit einer gewissen Gebrechlichkeit, die ihn sein ganzes Leben verfolgt hatte, machte ihn besonders verwundbar durch die Streitlust der Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil, die manchmal zu Verbitterung wurde. Als Mann, der sich dem Konzil geweiht hatte, nahm er die erbitterte Schärfe, die darauf folgte, persönlich. […] Vom ersten Tag seines Pontifikats an war das päpstliche Amt für ihn ein Kalvarienberg.

 […] Vom italienischen Gesichtspunkt und speziell dem der Kurie aus war Montini der perfekt vorbereitete Papst. Er war der Sohn einer gutkatholischen Rechtsanwaltsfamilie, die nach der Einigung Italiens dem Heiligen Stuhl gegenüber loyal geblieben war. Er war im diplomatischen Dienst des Vatikans ausgebildet worden, war mit der Arbeitsweise der Kurie vertraut und besaß ernsthafte intellektuelle und künstlerische Interessen. Er war der erfolgreiche Erzbischof eines bedeutenden italienischen Erzbistums gewesen. Das war, wie Kardinal König es Jahre später ausdrückte, der „mehr oder weniger normale Weg“, wie man Papst wurde. Das problematische Pontifikat Pauls VI. warf die Frage auf, ob der „normale“ Weg noch funktionierte. (S. 251f.)

 

In einer der Fußnoten zu diesem Absatz erwähnt Weigel dann noch folgende Begebenheit:

 

Als einer seiner Sekretäre, Pater John Magee, zum alternden Papst, der sich über die Einsamkeit beklagte, weil praktisch all seine Freunde vor ihm gestorben seien, sagte, er könne sich auf eine Vereinigung mit ihnen im Himmel freuen, wurde Paul VI. plötzlich ernst und sagte: „Caro, wir dürfen nie das Erbarmen Gottes ausnutzen, wir müssen dafür beten. Es ist nicht sicher, dass ich ins Paradies eingehen werde. Ich muss Gott um Vergebung und Erbarmen bitten. Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst.“ [Hebblethwaite, in Paul VI, 695; der Vorfall ist einem Bericht Magees entnommen.]

 

Es ist nicht so, dass Paul VI. in seinem Pontifikat nichts geleistet hätte. Die Arbeit des Konzils, das er ab 1963 weiterführte, war eigentlich etwas Großartiges; die Rezeption und das allgemeine Klima der 60er waren das Problem, das zur nachkonziliaren Krise führte. Nach dem Konzil bemühte sich der Papst auch um eine richtige Rezeption desselben, wenn auch offenbar ohne eine passende Strategie und ohne großen Erfolg. Ich habe schon Humanae Vitae erwähnt, und der Papst machte auch deutlich, dass z. B. über den Zölibat nicht zu diskutieren war. (Auch wenn kein Mensch auf ihn hörte.) Seine Kurienreform (Schaffung neuer Zuständigkeiten, stärkere Internationalisierung, usw.) wäre noch zu erwähnen. Außerdem bemühte er sich noch mehr als seine Vorgänger, in den (ehemaligen) Missionsländern für eine einheimische Hierarchie zu sorgen und neue Bistümer zu schaffen (diese Bemühungen hatten vor allem unter Pius XII. an Fahrt aufgenommen, soweit ich weiß). Als erster Papst seit ewigen Zeiten verließ Paul VI. Italien und reiste in verschiedene Länder der Welt, als erstes ins Heilige Land, später u. a. zu den Vereinten Nationen nach New York, nach Australien, Portugal und Uganda. Seine Sozialenzyklika Populorum progressio könnte man noch erwähnen, unter seinem Pontifikat gab es gute Beziehungen zu den Juden und ökumenische Bemühungen. Vor allem das Verhältnis zu den Orthodoxen änderte sich grundlegend; das Treffen mit Patriarch Athenagoras von Konstantinopel und die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikationen von 1054 waren wirklich historische Leistungen.

Was seine, sagen wir mal, „umstrittenen“ Leistungen angeht: Ich persönlich kenne ja nur den novus ordo und kann daher nicht wirklich beurteilen, was ich bei der alten Messe – okay, der Außerordentlichen Form des Römischen Ritus – verpasse, habe aber schon öfters die Beurteilung gelesen, die Liturgiereform sei damals eine sehr abrupte, übereilte Angelegenheit gewesen, in der vieles (z. B. der Festkalender) ohne rechten Grund zu drastisch geändert wurde. Natürlich war nicht nur die Reform an sich, sondern wiederum auch deren Umsetzung das Problem, die durchaus noch mal drastischer ausfallen konnte als das, was in den Büchern stand. Die Ostpolitik, die Johannes XXIII. begann und Paul VI. fortführte, kann man getrost als naiv und unklug beurteilen; nicht ohne Grund waren die Bischöfe des Ostblocks, die den Kommunismus aus eigenem Erleben kannten, hier nicht einer Meinung mit Rom. Die beiden Päpste dachten, dass der Kommunismus auf absehbare Zeit unbesiegbar sei und man irgendwie versuchen müsse, sich mit ihm zu arrangieren, um das Überleben der Kirche in den Ostblockländern solange zu sichern. „Die Umsetzung dieser Strategie erforderte von der katholischen Kirche taktische Zugeständnisse wie die Milderung der antikommunistischen Rhetorik, die Loslösung des Heiligen Stuhls in der internationalen Politik vom Westen und, was vielleicht am umstrittensten war, eine Zügelung der Untergrundkirche, die in den ersten zwei Jahrzehnten des kalten Krieges in Ostmitteleuropa geschaffen worden war. Insbesondere bedeutete dies, die heimliche Priesterweihe durch Untergrundbischöfe zu beenden, die den kommunistischen Regierungen, vor allem in der Tschechoslowakei, ein Dorn im Auge war. Der Untergrundklerus in der Tschechoslowakei protestierte, manchmal heftig. Er war davon überzeugt, dass die Diplomaten des Vatikans, die keine direkten Erfahrungen mit dem Kommunismus hatten, für kommunistische Manipulationen anfällig waren, und die Geistlichen glaubten, der Versuch, durch Verhandlungen mit dem kommunistischen Regime in Prag Bischöfe zu erhalten, würde damit enden, dass man Marionetten als Bischöfe bekäme.“ (Weigel, S. 240.) Die Situation lässt sich, kurz gesagt, mit der jetzigen in China vergleichen. Hier hätte Paul VI. im Nachhinein gesehen tatsächlich anders handeln können.

Aber ich mag und bewundere ihn trotzdem sehr. Ich mag den seligen Papst Paul VI., weil er ein treuer Christ war, ein sich seiner Verantwortung zutiefst bewusster, liebender Hirte und Vater der Kirche, der versuchte, sie in einer Zeit der Krise zu lenken, und weil er ein Mensch war, dem das Scheitern guter Absichten, Überforderung, Ratlosigkeit und das Gefühl, seiner Verantwortung nicht gerecht geworden zu sein, nicht fremd waren. Ich freue mich sehr über seine bevorstehende Heiligsprechung.

Auf meine Leseliste: Jörg Ernesti, „Paul VI.“

Polen – eine Entdeckung

Ich lese gerade George Weigels Biographie über den hl. Papst Johannes Paul II., „Zeuge der Hoffnung“. Sehr empfehlensweres Buch. Sehr empfehlenswert. Okay, es hat an die tausend Seiten, aber das hat „Harry Potter und der Orden des Phönix“ auch. Da hat man länger was davon.

Bis jetzt habe ich erst zwei Kapitel geschafft und bin im Jahr 1948 angekommen, aber ein paar Sachen sind mir schon aufgefallen; unter anderem, wie faszinierend Polen ist, und wie unglaublich wenig ich eigentlich von seiner Geschichte und Kultur weiß. Schon mal was vom „Wunder an der Weichsel“, der entscheidenden Schlacht im Polnisch-Sowjetischen Krieg, als die Sowjets im Sommer 1920 schon vor Warschau standen, gehört? Nein? Oder die polnischen Teilungen? (Zwischen 1795 und 1918 existierte auf der Karte kein Staat Polen; das Land war zwischen Österreich, Preußen und Russland aufgeteilt worden.) Die Art und Weise, wie die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Marionettenregime installierte? Die Taufe von Herzog Mieszko I. 966, die Ermordung des hl. Bischof Stanislaus durch König Boleslaw den Kühnen 1079, die Abwehr der Schweden 1655 bei Tschenstochau, König Wladyslaw Jagiello und Königin Jadwiga, die Konflikte mit dem Deutschen Orden, und und und… Es gibt da so viel zu entdecken. Ehrlich gesagt, ich habe das Gefühl, hierzulande scheint man mit „den Polen“ (oder auch den Slawen im Allgemeinen) hauptsächlich gebrochen Deutsch sprechende Pflegekräfte, organisierte Einbrecherbanden und Autodiebe, eine irgendwie „rechtspopulistische“, ausländerfeindliche Regierung, und, ja, dann nicht mehr viel, in Verbindung zu bringen – was einer so faszinierenden Nation mal wirklich, wirklich, wirklich Unrecht tut.

Eigentlich hatte ich mir dieses Jahr nicht die Mühe mit guten Vorsätzen gemacht, aber jetzt habe ich doch noch ein paar gefasst (mal sehen, ob ich es schaffe, sie alle einzuhalten):

  • Einige Werke von Johannes Paul II. selbst lesen: Seine moralphilosophischen Werke und die Theaterstücke und Gedichte, die er in jungen Jahren schrieb, insoweit es Übersetzungen gibt (okay, Gedichte lohnen sich meistens in Übersetzungen nicht wirklich zu lesen, also wohl eher nur die philosophischen Werke – „Liebe und Verantwortung“, „Person und Tat“ usw. – und die Theaterstücke – „Hiob“, „Jeremia“, „Unseres Gottes Bruder“, „Der Laden des Goldschmieds“.)
  • Ein paar der wichtigsten polnischen Klassiker lesen: Werke der Romantiker wie Adam Mickiewicz („Pan Tadeusz“, „Totenfeier“), Juliusz Slowacki („Kordian, „Balladyna“), Zygmunt Krasinski („Die ungöttliche Komödie“), Cyprian Kamil Norwid etc., Werke von Henryk Sienkiewicz (z. B. seine Trilogie, „Mit Feuer und Schwert“, „Die Sintflut“ und „Herr Wolodyjowski“)
  • Ein bisschen Polnisch lernen, wenn möglich. Vielleicht gibt es ja Polnisch-Kurse an meiner Uni. Mal sehen.

Ein Buchtipp für alle, die ein gutes Buch über Märtyrer lesen möchten (Leseproben inklusive!)

Da ich ja im letzten Post zum zweiten Mal an einer Darstellung des Martyriums in einem historischen Roman herumkritisiert habe, aber auch nicht die ganze Zeit nur kritisieren will, hier jetzt mal ein empfehlenswerter historischer Roman über eine Zeit der Märtyrer: „Come Rack! Come Rope!“ von Robert Hugh Benson.

Es gibt eine ziemlich große Menge an Schriftstellern, die zu ihrer Lebzeit sehr bekannt waren, heute aber nahezu vergessen sind; manche davon verdienter-, andere aber unverdientermaßen. Zu der ersten Sorte könnte man z. B. eine Mrs. Radcliffe zählen, zu deren Schauerromanen Jane Austen in „Northanger Abbey“ eine brillante Satire geliefert hat; zur zweiten dagegen Autoren wie Benson. (Anbei: Ich glaube und hoffe, dass Schriftstellern wie Iny Lorentz, Rosamunde Pilcher, Dan Brown, George R. R. Martin und E. L. James in nicht allzu ferner Zukunft das gleiche Schicksal beschieden sein wird wie den genannten Autoren.) Benson jedenfalls war meiner Ansicht nach ein sehr, sehr talentierter Schriftsteller, und auch relativ produktiv, vor allem, wenn man seine eher kurze Lebenszeit bedenkt (1871-1914; er schrieb alle seine Bücher zwischen 1903 und 1914).

Er war der jüngste Sohn des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury Edward White Benson (1829-1896) und wurde selbst zuerst anglikanischer Geistlicher, neigte aber schon bald mehr dem Anglo-Katholizismus zu und lebte von 1898 bis 1903 in einer Art von anglikanischer Ordensgemeinschaft. Schon ab 1896 begann er Zweifel an der Autorität der Kirche von England zu hegen; ich habe hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/09/01/die-allumfassende-kirche-teil-1-geht-zu-allen-volkern/) schon einmal eine kurze Stelle aus seinen „Confessions of a convert“ zitiert, in denen er die Gründe für seine Konversion darlegte – 1903 trat er in die katholische Kirche ein, und 1904 wurde er in Rom zum Priester geweiht. Das war in einer Zeit, in der England noch antikatholischer war als heute, und da war die Konversion eines Mannes aus einer solchen Familie ein so großer Skandal wie die des berühmten John Henry Newman ein paar Jahrzehnte früher. (Das heißt, sie war ein wirklich großer Skandal.) Hier findet sich übrigens noch eine kurze Biographie über Monsignore Benson, für alle, die interessiert sein sollten: http://www.catholicauthors.com/benson.html Neben seiner Arbeit als Priester veröffentlichte er in den folgenden Jahren zahlreiche Romane, Kinderbücher, Predigten und theologische Werke. Sein bekanntestes Buch ist „Lord of the world“ (von dem es auch eine deutsche Übersetzung mit dem Titel „Der Herr der Welt“ gibt); was kein Wunder ist, Dystopien interessieren die Leute irgendwie immer. Das Buch ist auch wirklich gut, aber er selber hielt wohl seinen historischen Roman „The History of Richard Raynal, Solitary“, der im Mittelalter spielt, für sein gelungenstes Werk. Den habe ich noch nicht gelesen, aber von dem, was ich bis jetzt von ihm gelesen habe, mochte ich tatsächlich „Come Rack! Come Rope!“ am liebsten. (Auch davon gab es mal eine deutsche Übersetzung, aber die ist von 1926, und ich bezweifle, dass man sie noch irgendwo her bekommt. Sie trägt den Titel „Trotz Folter und Strick“.) Man findet den Roman im englischen Original online hier: https://www.gutenberg.org/ebooks/15992 (es gibt einige von Bensons Werken bei Project Gutenberg); es müsste aber auch gedruckte Versionen im Internet zu kaufen geben.

Wem Monty Pythons Spanische Inquisition (https://www.youtube.com/watch?v=Tym0MObFpTI) geläufig ist, der wird sich ja erinnern, dass „rack“ auf Englisch nicht nur so etwas wie „Gestell“, „Kistchen“ oder „Rahmen“ bedeuten kann, sondern auch „Streckbank“ (was bei den Inquisitoren ja zu einer gewissen Verwirrung geführt hat). Monsignore Bensons Roman nun spielt zwischen 1579 und 1588 in England und das übergreifende Thema ist, kurz gesagt, die damalige Verfolgung der Katholiken, insbesondere der Priester. Wir reden hier von einer Zeit, in der man zwar privat noch irgendwie Katholik sein konnte, aber Strafe dafür zu zahlen hatte, wenn man nicht den anglikanischen Gottesdienst besuchte, und in der Priester und solche, die Priestern halfen, nicht selten „hanged, drawn and quartered“ (eine eher unangenehme Hinrichtungsmethode, https://en.wikipedia.org/wiki/Hanged,_drawn_and_quartered) oder, im Fall von St. Margaret Clitherow, auch mal zu Tode gequetscht wurden. Im Vorwort schreibt der Autor über den historischen Hintergrund und den Titel:

„Very nearly the whole of this book is sober historical fact; and by far the greater number of the personages named in it once lived and acted in the manner in which I have presented them. My hero and my heroine are fictitious; so also are the parents of my heroine, the father of my hero, one lawyer, one woman, two servants, a farmer and his wife, the landlord of an inn, and a few other entirely negligible characters. But the family of the FitzHerberts passed precisely through the fortunes which I have described; they had their confessors and their one traitor (as I have said). Mr. Anthony Babington plotted, and fell, in the manner that is related; Mary languished in Chartley under Sir Amyas Paulet; was assisted by Mr. Bourgoign; was betrayed by her secretary and Mr. Gifford, and died at Fotheringay; Mr. Garlick and Mr. Ludlam and Mr. Simpson received their vocations, passed through their adventures; were captured at Padley, and died in Derby. Father Campion (from whose speech after torture the title of the book is taken) suffered on the rack and was executed at Tyburn. Mr. Topcliffe tormented the Catholics that fell into his hands; plotted with Mr. Thomas FitzHerbert, and bargained for Padley (which he subsequently lost again) on the terms here drawn out. My Lord Shrewsbury rode about Derbyshire, directed the search for recusants and presided at their deaths; priests of all kinds came and went in disguise; Mr. Owen went about constructing hiding-holes; Mr. Bassett lived defiantly at Langleys, and dabbled a little (I am afraid) in occultism; Mr. Fenton was often to be found in Hathersage—all these things took place as nearly as I have had the power of relating them. “

 

Was ich an diesem Buch so mag, sind (abgesehen von der Tatsache, dass ich historische Romane, vor allem solche, deren Autoren sich die Mühe gemacht haben, historische Fakten zu recherchieren, generell gerne mag), ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die folgenden Dinge:

  • Die lebendige und realistische Charakterzeichnung: Zuerst einmal ist es keineswegs so, dass die Katholiken alle „die Guten“ und die Protestanten alle „die Bösen“ wären; dann ist es vor allem auch so, dass die guten, die schlechten und die irgendwo dazwischen stehenden Charaktere alle ihre jeweiligen speziellen Eigenarten haben und als gerundete, real wirkende Personen herüberkommen.
  • Der Schreibstil: Monsignore Benson neigt in „Lord of the world“ und anderswo gelegentlich zu Weitschweifigkeit (ein Fehler, den ich selber sehr gut kenne), fand ich, aber hier weniger; und er schreibt trotzdem im Großen und Ganzen einfach nur wunderbar; er besitzt die Fähigkeit, die einen guten Autor ausmacht, das was er schildert, lebendig zu machen, Stimmungen und Hintergründe einzufangen; und es liegen immer wieder ein gewisser Humor und eine feine Ironie in seinen Schilderungen, die das Buch so angenehm zu lesen machen.
  • Ich mag auch dieses ein bisschen altmodische Englisch, an das man sich teilweise erst gewöhnen muss. (Z. B. ist mir beim ersten Lesen erst nach ein bisschen Nachdenken aufgegangen, dass „her Grace“ einfach die Königin bezeichnet („ihre Gnaden“).)
  • Einerseits gibt es sehr spannende Stellen und die Handlung ist wirklich fesselnd (der Autor selbst erwähnt im Vorwort einen Ansatzpunkt möglicher Kritik seiner Zeitgenossen: „If the book is too sensational, it is no more sensational than life itself was to Derbyshire folk between 1579 and 1588“), andererseits ist es aber eben keine Geschichte, die bloß aus aufeinanderfolgenden Szenen von Hausdurchsuchungen und Verhaftungen, spektakulären Schwertkämpfen, Fluchten auf galoppierenden Pferden durch die dunkle Nacht, Folterungen, Morden und dergleichen bestehen würde. Die spektakulären Schwertkämpfe (und anderes von dem erwähnten Zeug) kommen sogar überhaupt nicht vor. Es gibt auch längere Gespräche und ruhige Szenen, in denen äußerlich nicht viel passiert, und es wird auch Zeit für die Schilderung von Orten, Gedanken und Gefühlen aufgewandt. Trotzdem kann man das Buch einfach nicht aus der Hand legen; man will unbedingt wissen, wie es weitergeht (und Monsignore Bensons schöne Sprache genießen).
  • Es ist alles in allem einfach eine schöne Geschichte. Der Autor schildert teilweise grauslige (ja, in meinem Dialekt ist das ein Wort, das man verwenden darf, auch wenn mein Rechtschreibprogramm das anders sehen mag) Begebenheiten – wie der Titel andeutet, auch Folter, Gefangenschaft und Hinrichtungen –, wenn auch nicht immer auf besonders explizite Weise, aber es ist trotzdem keine düstere, sondern eine hoffnungsvolle, helle Geschichte, in der nie das Böse ganz das letzte Wort behält. Und sie hat ein gutes Ende.

 

Worum es also genau geht:

Die beiden Hauptpersonen sind Robin Audrey und Marjorie Manners, im ersten Teil des Buches beide siebzehn Jahre alt, Robin der Sohn eines niederen Adligen und Marjorie die Tochter eines Anwalts aus dem ländlichen Nordengland; sie sind beide katholisch und, als das Buch beginnt, ein Liebespaar und seit kurzem verlobt. Das erste Kapitel setzt ein, als Robin zu Marjorie reitet, um mit ihr ein Problem zu besprechen, das vor ihm aufgetaucht ist:

 

„Robin Audrey was no more religious than a boy of seventeen should be. Yet he had had as few doubts about the matter as if he had been a monk. His mother had taught him well, up to the time of her death ten years ago; and he had learned from her, as well as from his father when that professor spoke of it at all, that there were two kinds of religion in the world, the true and the false—that is to say, the Catholic religion and the other one. Certainly there were shades of differences in the other one; the Turk did not believe precisely as the ancient Roman, nor yet as the modern Protestant—yet these distinctions were subtle and negligible; they were all swallowed up in an unity of falsehood. Next he had learned that the Catholic religion was at present blown upon by many persons in high position; that pains and penalties lay upon all who adhered to it. Sir Thomas FitzHerbert, for instance, lay now in the Fleet in London on that very account. His own father, too, three or four times in the year, was under necessity of paying over heavy sums for the privilege of not attending Protestant worship; and, indeed, had been forced last year to sell a piece of land over on Lees Moor for this very purpose. Priests came and went at their peril… […] There was still the memory of the descent of the Commissioners a year or two after his birth; he had been brought up on the stories of riding and counter-riding, and the hiding away of altar-plate and beads and vestments. But all this was in his bones and blood; it was as natural that professors of the false religion should seek to injure and distress professors of the true, as that the foxes should attack the poultry-yard. One took one’s precautions, one hoped for the best; and one was quite sure that one day the happy ancient times his mother had told him of would come back, and Christ’s cause be vindicated.

 And now the foundations of the earth were moved and heaven reeled above him; for his father, after a month or two of brooding, had announced, on St. Stephen’s Day, that he could tolerate it no longer; that God’s demands were unreasonable; that, after all, the Protestant religion was the religion of her Grace, that men must learn to move with the times, and that he had paid his last fine. At Easter, he observed, he would take the bread and wine in Matstead Church, and Robin would take them too.“

 

Der Konflikt mit Robins Vater, der beschlossen hat, zur anglikanischen Kirche überzugehen, ist der zentrale Konflikt, der die ganze weitere Handlung in Gang setzt. Als Robin das Ganze mit Marjorie bespricht, ist es für sie ohne weiteres klar, dass er seinem Vater hier nicht gehorchen kann; für sie ist die Frage höchstens, wie er sich nun verhalten soll.

 

Meantime Robin thought too. He was as wax in the hands of this girl, and knew it, and loved that it should be so. Yet he could not help his dismay while he waited for her seal to come down on him and stamp him to her model. For he foresaw more clearly than ever now the hundred inconveniences that must follow, now that it was evident that to Marjorie’s mind (and therefore to God Almighty’s) there must be no tampering with the old religion. He had known that it must be so; yet he had thought, on the way here, of a dozen families he knew who, in his own memory, had changed from allegiance to the Pope of Rome to that of her Grace, without seeming one penny the worse. There were the Martins, down there in Derby; the Squire and his lady of Ashenden Hall; the Conways of Matlock; and the rest—these had all changed; and though he did not respect them for it, yet the truth was that they were not yet stricken by thunderbolts or eaten by the plague. He had wondered whether there were not a way to do as they had done, yet without the disgrace of it…. However, this was plainly not to be so with him. He must put up with the inconveniences as well as he could, and he just waited to hear from Marjorie how this must be done. […]

 These two, as will have been seen, were as simple as children, and as serious. Children are not gay and light-hearted, except now and then (just as men and women are not serious except now and then). They are grave and considering: all that they lack is experience. These two, then, were real children; they were grave and serious because a great thing had disclosed itself to them in which two or three large principles were present, and no more. There was that love of one another, whose consummation seemed imperilled, for how could these two ever wed if Robin were to quarrel with his father? There was the Religion which was in their bones and blood—the Religion for which already they had suffered and their fathers before them. There was the honour and loyalty which this new and more personal suffering demanded now louder than ever; and in Marjorie at least, as will be seen more plainly later, there was a strong love of Jesus Christ and His Mother, whom she knew, from her hidden crucifix and her beads, and her Jesus Psalter—which she used every day—as well as in her own soul—to be wandering together once more among the hills of Derbyshire, sheltering, at peril of Their lives, in stables and barns and little secret chambers, because there was no room for Them in Their own places. It was this last consideration, as Robin had begun to guess, that stood strongest in the girl; it was this, too, as again he had begun to guess, that made her all that she was to him, that gave her that strange serious air of innocency and sweetness, and drew from him a love that was nine-tenths reverence and adoration. […] They did not speak much of her Grace, nor of her Grace’s religion, nor of her counsellors and affairs of state: these things were but toys and vanities compared with matters of love and faith; neither did they speak much of the Commissioners that had been to Derbyshire once and would come again, or of the alarms and the dangers and the priest hunters, since those things did not at present touch them very closely. It was rather of Robin’s father, and whether and when the maid should tell her parents, and how this new trouble would conflict with their love. They spoke, that is to say, of their own business and of God’s; and of nothing else. The frosty sunshine crept down the painted wainscot and lay at last at their feet, reddening to rosiness…“

 

(Nebenbei: Einer der Sätze aus dem Buch, die ich am liebsten mag, ist der folgende, der am Beginn des Treffens der beiden steht: „Then he took the girl who awaited him there in both his arms, and kissed her twice—first her hands and then her lips, for respect should come first and ardour second.“)

 

Na ja, ich will hier jetzt nicht alle Einzelheiten des weiteren Fortgangs verraten, das würde hier auch ein bisschen zu lang dauern. Kurz gesagt, die Handlung nimmt eine unerwartete Wendung, und der erste Teil endet damit, dass – wer keinen Spoiler will, bitte hier zu lesen aufhören und einfach gleich das Buch selbst bei Project Gutenberg weiter lesen – Robin beschließt, nach Rheims zu gehen, um Priester zu werden, und dann, wie üblich, heimlich nach England zurückzukehren, um den Katholiken dort zu dienen. Marjorie ist tatsächlich die, der zuerst der Gedanke kommt (der ihr zuerst Angst macht), dass Gott Robin zum Priestertum berufen könnte; und sie unterstützt ihn in seinem Entschluss. Der zweite Teil setzt dann zwei Jahre später ein, als Marjorie von einer befreundeten, ebenfalls katholischen Familie, Anthony Babington und seiner Schwester Alice, zu einer Reise nach London eingeladen wird, wo sie auch einige Priester treffen soll. In diesen zwei Jahren ist sie ein fester Teil des Netzwerks von Personen geworden, die Priester bei sich verstecken; ihr Vater ist inzwischen tot und ihre Mutter bettlägerig, also ist sie mehr oder weniger für das Familienanwesen verantwortlich. Den Teil des Buches, der in London spielt, mag ich auch seeehr gern, da tritt nämlich St. Edmund Campion auf; einer der großen englischen Märtyrer. Hier noch eine schöne Szene, als Marjorie und ihre Begleiter sich mit Pater Campion in einem Gasthaus treffen:

 

„They talked for a few minutes in this manner. Father Campion spoke of the high duty that lay on all country ladies to make themselves acquainted with the sights of the town; and spoke of three or four of these. Her Grace, of course, must be seen; that was the greatest sight of all. They must make an opportunity for that; and there would surely be no difficulty, since her Grace liked nothing better than to be looked at. And they must go up the river by water, if the weather allowed, from the Tower to Westminster; not from Westminster to the Tower, since that was the way that traitors came, and no good Catholic could, even in appearance, be a traitor. And, if they pleased, he would himself be their guide for a part of their adventures. He was to lie hid, he told them; and he knew no better way to do that than to flaunt as boldly as possible in the open ways.

 „If I lay in my room,“ said he, „with a bolt drawn, I would soon have some busy fellow knocking on the door to know what I did there. But if I could but dine with her Grace, or take an hour with Mr. Topcliffe, I should be secure for ever.“

 Marjorie glanced shyly towards Alice, as if to ask a question. (She was listening, it seemed to her, with every nerve in her tired body.) The priest saw the glance.

 „Mr. Topcliffe, madam? Well; let us say he is a dear friend of the Lieutenant of the Tower, and has, I think, lodgings there just now. And he is even a friend of Catholics, too—to such, at least, as desire a heavenly crown.“

 „He is an informer and a tormentor!“ broke in Anthony harshly.

 „Well, sir; let us say that he is very loyal to the letter of the law; and that he presides over our Protestant bed of Procrustes.“

 „The—“ began Marjorie, emboldened by the kindness of the priest’s voice.

 „The bed of Procrustes, madam, was a bed to which all who lay upon it had to be conformed. Those that were too long were made short; and those that were too short were made long. It is a pleasant classical name for the rack.““

 

(Man achte auf den an dieser Stelle nur angedeuteten Gegensatz zwischen Pater Campion und Anthony Babington – letzterer spielt ebenfalls noch eine nicht zu unterschätzende Rolle für die weitere Handlung, und wer Schillers „Maria Stuart“ aus dem Deutschunterricht noch einigermaßen im Kopf hat, dem wird sein Name vielleicht schon etwas sagen – denn ja, wir reden hier auch von einer Zeit, in der es so etwas wie katholische Terroristen gab (Anthony Babington, Guy Fawkes, Jacques Clément, Francois Ravaillac usw.; https://de.wikipedia.org/wiki/Anthony_Babington).)

Bei dieser Reise nach London trifft Marjorie auch Robin wieder, der zwar noch kein Priester ist, aber mit einigen Priestern und anderen Seminaristen auf eine Art vorbereitende Reise nach England gekommen ist:

 

„Robin bowed to her very carefully, and stood upright again.

 She had seen in an instant how changed he was, in that swift instant in which her eyes had singled him out from the little crowd of men that had come into the room with Anthony at their head. It was a change which she could scarcely have put into words, unless she had said that it was the conception of the Levite within his soul. He was dressed soberly and richly, with a sword at his side, in great riding-boots splashed to the knees with mud, with his cloak thrown back; and he carried his great brimmed hat in his hand. All this was as it might have been in Derby, though, perhaps, his dress was a shade more dignified than that in which she had ever seen him. But the change was in his face and bearing; he bore himself like a man, and a restrained man; and there was besides that subtle air which her woman’s eyes could see, but which even her woman’s wit could not properly describe.

 […]

 „You look very well,“ she said, with an admirable composure.

 His eyes twinkled.

 „I am as weary as a man can be,“ he said. „We have ridden since before dawn…. And you, and your good works?“

 Marjorie explained, describing to him something of the system by which priests were safeguarded now in the north—the districts into which the county was divided, and the apportioning of the responsibilities among the faithful houses. It was her business, she said, to receive messages and to pass them on; she had entertained perhaps a dozen priests since the summer; perhaps she would entertain him, too, one day, she said.

 The ordeal was far lighter than she had feared it would be. There was a strong undercurrent of excitement in her heart, flushing her cheeks and sparkling in her eyes; yet never for one moment was she even tempted to forget that he was now vowed to God. It seemed to her as if she talked with him in the spirit of that place where there is neither marrying nor giving in marriage. Those two years of quiet in the north, occupied, even more than she recognised, in the rearranging of her relations with the memory of this young man, had done their work. She still kindled at his presence; but it was at the presence of one who had undertaken an adventure that destroyed altogether her old relations with him… She was enkindled even more by the sense of her own security; and, as she looked at him, by the sense of his security too. Robin was gone; here, instead, was young Mr. Audrey, seminary student, who even in a court of law could swear before God that he was not a priest, nor had been „ordained beyond the seas.“

 So they sat and exchanged news. She told him of the rumours of his father that had come to her from time to time; he would be a magistrate yet, it was said, so hot was his loyalty. Even her Grace, it was reported, had vowed she wished she had a thousand such country gentlemen on whose faithfulness she could depend. And Robin gave her news of the seminary, of the hours of rising and sleeping, of the sports there; of the confessors for the faith who came and went; of Dr. Allen. He told her, too, of Mr. Garlick and Mr. Ludlam; he often had talked with them of Derbyshire, he said. It was very peaceful and very stirring, too, to sit here in the lighted parlour, and hear and give the news; while the company, gathered round Anthony and Father Campion, talked in low voices, and Mistress Babington, placid, watched them and listened. He showed her, too, Mr. Maine’s beads which she had given him so long ago, hung in a little packet round his neck.“

 

Tja, ich will jetzt nicht mehr viel verraten; der dritte und vierte Teil des Buches jedenfalls spielen ein paar Jahre später, als Robin dann tatsächlich als Priester nach England zurückgekehrt ist; er und Marjorie begegnen sich auch dann wieder, Babingtons Verschwörung kommt noch vor und auch Mary Stuart hat noch eine Rolle zu spielen, und ein paar andere Personen; dann auch Robins Vater, der inzwischen tatsächlich ein Magistrat der Queen geworden ist und unter anderem zuständig für die Suche nach katholischen Priestern…

Wie gesagt: Das Buch geht gut aus. Ich verrate nicht, wie, aber es geht gut aus.

„Schweigen“, die makkabäischen Märtyrer und die Perfidie des Vaters der Lüge

In Kürze wird ein neuer Film von Martin Scorsese herauskommen: „Silence“. In Deutschland wird er wohl im März 2017 in den Kinos anlaufen; hier der englische Trailer:

Der Film ist nach dem Buch „Schweigen“ von Shusaku Endo, einem japanischen Katholiken, von 1966 gedreht; es ist unter Katholiken recht bekannt und auch der Film wird in der katholischen „Subkultur“ schon mit einer gewissen Spannung erwartet: https://thecathwalk.net/2016/11/26/neuer-film-von-martin-scorsese-ueber-jesuiten/#more-8821 , http://taylormarshall.com/2016/11/silence-japanese-catholic-martyrs-film-scorsese.html. Ich habe das Buch vor einiger Zeit gelesen, und lege meine Karten gleich auf den Tisch: Ich bin kein Fan. Es ist unglaublich gut geschrieben, aber es gibt etwas daran, das ich nicht mag. Gar nicht mag.

Den historischen Hintergrund des Romans bildet die Christenverfolgung in Japan im 17. Jahrhundert. Erst einmal also ein bisschen was dazu: Im 16. Jahrhundert kamen die ersten Jesuiten nach Japan und begannen dort zu missionieren (der allererste war der legendäre Heilige Franz Xaver, einer der ersten Gefährten des hl. Ignatius von Loyola; später baute vor allem der Italiener Allesandro Valignano die japanische Kirche auf), zuerst mit großem Erfolg, und auch mit Duldung oder sogar Unterstützung der lokalen japanischen Feudalherren. Mehrere hunderttausend Japaner ließen sich im Lauf der Jahre taufen und es wurden von Valignano sogar Priesterseminare eingerichtet, um einen einheimischen Klerus heranzubilden. In dieser Zeit hatten die Herrscher Japans auch Interesse am Seidenhandel mit Spanien, Portugal und anderen europäischen Mächten, und zeigten sich auch aus diesem Grund den Missionaren freundlich gesonnen.

Ab 1587 allerdings, verstärkt ab 1597, und so richtig dann ab 1614, begannen die Verfolgungen. Christen wurden gefoltert und getötet; die Missionare wurden ausgewiesen oder erlitten dasselbe Schicksal, wenn sie im Land blieben und entdeckt wurden. Die Gründe dafür? Die japanischen Herrscher hatten beschlossen, ihr Reich stärker abzuschotten und sahen die Jesuiten als Vertreter fremder Mächte, als gefährlichen ausländischen Einfluss. Japan sollte japanisch bleiben. Und das Intrigieren von protestantischen englischen und holländischen Händlern gegen die katholischen Portugiesen, Spanier und Italiener machte es nicht besser.

Damals gab es etwa 300.000 Katholiken in Japan bei 20 Millionen Einwohnern; gegen sie wurde nun erbarmungslos vorgegangen. 1638 kam auch noch die Shimabara-Rebellion hinzu; ein Aufstand katholischer japanischer Bauern gegen ihre Herren. Sie wurde niedergeschlagen, und die Situation für die japanische Kirche wurde noch schlimmer. Die japanischen Behörden versuchten vor allem, die Christen und die noch heimlich im Land verbliebenen Missionare zum Abfall von ihrem Glauben zu bringen; von ihnen wurde verlangt, auf ein Kruzifix oder ein Bildnis Jesu zu treten; und um das zu erreichen, wurden sie der grausamsten Folter unterzogen; eine Art davon war die Grubenfolter: Die Opfer wurden stunden- oder tagelang kopfüber über eine Jauchegrube gehängt.

Das wurde 1632 auch mit Christovao Ferreira, dem portugiesischen Leiter der Mission, getan – und er gab schließlich auf und verleugnete den Glauben. Aber das eigentlich Erschreckende an seiner Geschichte ist: Er verbrachte danach noch ein langes Leben in Japan und kollaborierte mit seinen Peinigern bei der Verfolgung der Christen. Damit beginnt Endos Buch:

„Eine Nachricht erreichte die Kirche zu Rom. Pater Christovao Ferreira, den die portugiesische Gesellschaft Jesu nach Japan gesandt hatte, war in Nagasaki der Grubenfolter unterzogen worden und hatte dem Glauben abgeschworen. Ein altgedienter Missionar, der dreiunddreißig Jahre in Japan verbracht und dort als Provinzial die Priester und Gläubigen geleitet hatte.

Die Briefe des Paters, der theologisch sehr gebildet war und der auch während der Verfolgung die Mission fortgesetzt hatte, indem er sich im Gebiet um Kyoto verborgen hielt, waren voll unbeugsamen Mutes gewesen. Dass dieser Mensch in irgendeiner Situation Verrat üben könnte, schien unglaubhaft zu sein. Daher gab es in der Kirche und auch in der Gesellschaft Jesu viele, die diese Nachricht für eine Falschmeldung hielten, erfunden von Holländern oder den Japanern.“

Die Hauptfigur des Romans ist allerdings nicht Ferreira, sondern Sebastian Rodrigo, ein junger portugiesischer Jesuit, dessen Lehrer im Seminar Ferreira einmal gewesen war. Rodrigo will zusammen mit zwei anderen jungen Patres nach Japan gehen – um herauszufinden, was mit Ferreira tatsächlich geschehen ist, und um die japanischen Gläubigen zu stärken. Sie fahren zuerst nach Goa und Makao, wo sie auch Valignano treffen und vom Shimabara-Aufstand erfahren und davon, dass es wahnsinnig schwierig ist, überhaupt nach Japan zu gelangen. Valignano rät ihnen davon ab, es überhaupt zu versuchen. Die drei bleiben aber entschlossen; einer von ihnen wird zwar schwer krank und muss in Makao zurückbleiben, aber Rodrigo und sein Gefährte Francisco Garpe finden schließlich einen Weg, heimlich nach Japan überzusetzen.

Die nächsten paar Kapitel bestehen aus langen Briefen Rodrigos; es wird im Buch nicht klar, ob sie jemals irgendjemanden erreichten, oder ob er sie einfach so schreibt; danach geht es im normalen Erzählfluss weiter. Rodrigo und Garpe gelangen nach Japan und finden Dörfer, in denen die Bauern so gut wie alle heimlich katholisch sind. Sie verstecken sich in einer Hütte im Wald, spenden den Japanern die Sakramente. Und dann beginnt alles schief zu gehen.

Die Behörden werden misstrauisch, drei der Bauern werden vorgeladen, unter dem Verdacht, Christen zu sein – und zwei von ihnen, Mokichi und Ichizo, weigern sich, ein Bild der heiligen Jungfrau anzuspucken, und werden auf brutale Weise hingerichtet, durch die Wasserkreuzigung – man sieht im Trailer, wie sie funktioniert. Rodrigo und Garpe, die noch nicht entdeckt wurden, trennen sich schließlich und verlassen dieses Dorf, Rodrigo will Christen in einem anderen Dorf aufsuchen. Hier muss ich nun noch eine Figur erwähnen: Kichijiro, ein japanischer Christ, der den Patres am Anfang hilft, nach Japan zu gelangen, der aber während einer Verfolgung einige Zeit vorher bereits einmal dem Glauben abgeschworen hatte; und der auch nun wieder, als er mit Mokichi und Ichizo vorgeladen wird, aus Furcht vor Folter und Tod Gott verleugnet und schließlich mit den Behörden kollaboriert und ihnen auch Rodrigo ausliefert.

Rodrigo wird also gefangen genommen und in ein Gefängnis in Nagasaki gebracht, zusammen mit einigen japanischen Christen. Er wird längere Zeit gefangen gehalten, auch mal verhört, aber ohne dass man ihn foltern würde. Schließlich bringt man ihn zu Ferreira, der in relativ komfortablem Hausarrest in Nagasaki lebt.

„Ferreira schritt hinter einem älteren buddhistischen Priester; er trug einen dunklen Kimono, und sein Blick war auf den Boden geheftet. Da der kleine Mönch vor ihm selbstbewusst dahinstolzierte, schien Ferreiras ganze Gestalt Unterwerfung auszustrahlen. Es sah nicht anders aus, als ob der Mönch ein großes Haustier an einem um den Kopf gebundenen Strick hinter sich herzerrte, ob es nun wollte oder nicht. […] ‚Padre’, sagte Rodrigo endlich mit zitternder Stimme. ‚Padre.’“

Ferreira arbeitet inzwischen für die Japaner an Astronomie; und an einem Buch gegen das Christentum. Und ihm wurde aufgetragen, Rodrigo vom Glauben abzubringen.

„‚Sie’, flüsterte der Priester, ‚Sie sind nicht mehr Ferreira, den ich gekannt habe.’

‚Du hast recht. Ich bin nicht Ferreira. Ich bin der Mann, dem der Gouverneur den Namen Chuan Sawano gab’, antwortete Ferreira mit niedergeschlagenen Augen. ‚Und er gab mir nicht nur den Namen, er gab mir auch Frau und Kinder eines hingerichteten Mannes.’“

Rodrigo wird schließlich in ein Gefängnis in der Innenstadt von Nagasaki gebracht. Und dort muss er von seiner Zelle aus anhören, wie japanische Christen im Hof gefoltert werden. Ferreira kommt auch dorthin. Er und die japanischen Verfolger sagen Rodrigo, die Christen würden heruntergelassen, sobald er auf das Christusbild trete. Und so tut er es schließlich.

„Der Priester hob den Fuß. Er fühlte in den Beinen einen dumpfen, schweren Schmerz. Das war nicht nur eine Geste. Er selbst trat jetzt auf das, was er in seinem Leben für das Schönste gehalten und an das er als an das Reinste geglaubt hatte, auf das, was alle Träume und Ideale der Menschen erfüllt. Wie dieser Fuß schmerzte! Tritt nur auf mich! sagte der Herr auf der Kupferplatte zum Priester. Tritt nur auf mich! Ich kenne die Schmerzen deiner Füße. Tritt nur! Um von euch getreten zu werden, wurde ich in diese Welt geboren, um eure Schmerzen zu teilen, nahm ich das Kreuz auf die Schultern.

Der Priester setzte seinen Fuß auf das Bild. Es dämmerte. Und in der Ferne krähte ein Hahn.“

Dieser Satz ist noch nicht ganz das Ende des Buches. Es geht noch ein wenig weiter. Damit, dass Rodrigo, wie Ferreira, den japanischen Behörden helfen muss. Sein Leben wird ganz und gar in dieselben Bahnen gelenkt wie das Ferreiras. Und obwohl er leidet, lässt er es geschehen. Obwohl er innerlich noch irgendwie glaubt, lässt er es geschehen. Er sagt sich, dass es Christi Wille sei, was er tue; dass es Christi Wille gewesen sei, dass er Ihn verleugnete – denn er tat es ja, um andere vor der Folter zu retten.

Ich habe hier eine kurze Rezension des Romans von Daniel McInerny gelesen, die ich sehr treffend finde: https://www.thecatholicthing.org/2014/07/14/the-sinister-theology-of-endos-silence/ „Is this really the voice of Christ as he passes by the scene?“ fragt McInerny hier über die Szene, die ich oben zitiert habe. „I cannot think so. I believe it is the voice of Satan tempting Rodrigues to imagine that by betraying his Lord he will be serving him.“ Und das denke ich auch. Es ist eine Lüge Satans, der wieder einmal versucht, als ein Engel des Lichts zu erscheinen, nicht die Stimme Christi.

Ein gewisser Konflikt im Roman beginnt schon lange vor diesem Geschehen. Noch relativ am Anfang des Romans berichtet Mokichi Rodrigo, dass die Behörden sie vorgeladen haben und von ihnen verlangen werden, auf das Christusbild zu treten:

„In meiner Brust regte sich Mitleid. Ohne zu denken gab ich eine Antwort, die Sie wahrscheinlich gegeben hätten. Ich dachte an Pater Gabriel, der während der Verfolgung in Unzen vor dem Bild erklärt hatte: ‚Lieber lasse ich mir diesen Fuß abschneiden, als dass ich darauf trete.’ Ich weiß, dass viele japanische Christen und Patres in dem Augenblick, in dem man ihnen das Christusbild vor die Füße legte, das gleiche empfunden haben. Aber wie konnte ich solchen Opfermut von diesen drei bemitleidenswerten Kreaturen verlangen?

‚Tretet nur darauf! Tretet nur darauf!’ Kaum hatte ich dies hervorgestoßen, begriff ich, dass ich dies nie hätte sagen dürfen. Voll Tadel starrte mich Garpe an.“

Tatsächlich treten die drei, als sie vorgeladen werden, wie Rodrigo ihnen geraten hat, zunächst aus Furcht auf das Christusbild; aber als man dann auch noch von ihnen verlangt, ein Bild der Jungfrau Maria anzuspucken, bringen Mokichi und Ichizo es nicht über sich. Also werden die beiden auf grausame Weise getötet, um alle übrigen Dorfbewohner endgültig vom Christentum abzuschrecken:

„Die Nacht sank herab. Von unserer Hütte aus konnten wir schemenhaft die roten Flammen des Feuers erkennen, das die Wachen angezündet hatten. Dort am Meeresufer standen die Leute von Tomogi und starrten hinaus auf das dunkle Wasser. Meer und Himmel waren so schwarz, dass niemand mehr wusste, wo Mokichi und Ichizo waren. Auch ob sie noch lebten, wusste niemand zu sagen. Weinend sprachen sie Gebete in ihren Herzen.

Da klang mit dem Rauschen der Wellen eine Stimme an ihre Ohren, die Mokichi zu gehören schien. Ob er nun den Dorfbewohnern vermitteln wollte, dass sein Leben noch nicht verlöscht war, oder ob er versuchte, sich selbst so Mut einzuflößen –, der junge Mann sang, um Atem ringend, ein christliches Lied:

‚Lasset uns wandern, lasset uns wandern,

zum Tempel des Paradieses lasset uns wandern!

Wenn wir vom Tempel des Paradieses sprechen,

wenn wir vom großen Tempel des Paradieses sprechen…’

Alle lauschten Mokichis Stimme, auch die Wachen lauschten. Immer wieder brandete seine Stimme, unterbrochen vom Rauschen des Regens und der Wellen, an das Ufer.“

Zu diesem Zeitpunkt beginnt Rodrigo, sich mit der Frage zu quälen, die für den Titel des Romans verantwortlich ist:

„Sie waren Märtyrer. Aber was für ein Märtyrertum war das! Ich hatte viel über Märtyrertum im Leben der Heiligen gelesen – so zum Beispiel hatte ich davon geträumt, dass im Augenblick der Heimkehr ihrer Seelen Strahlen der göttlichen Gnade das Firmament erfüllen und Engel mit ihren Trompeten sie willkommen heißen. Das Martyrium der japanischen Christen, das ich Ihnen eben geschildert habe, glich keinem solch strahlenden Bild. Wie überaus elend, wie schmerzerfüllt hatten die beiden sterben müssen. Unaufhörlich fällt der Regen ins Meer. Und das Meer, das sie getötet hat, verharrt ungerührt in Schweigen. […] Was will ich damit sagen? Ich weiß es selbst nicht genau. Ich weiß nur, dass ich es nicht ertrage, dass auch am heutigen Tag, an dem Mokichi und Ichizo ihr Leben unter Leiden für die Ehre des Herrn gegeben haben, dass auch heute das Meer dunkel und eintönig ans Ufer schlägt. Hinter der ungerührten Ruhe dieses Meeres ahne ich das Schweigen Gottes; Gott, der, die klagenden Stimmen der Menschen im Ohr, mit verschränkten Armen sein Schweigen bewahrt…“ Immer wieder quält er sich mit dieser Frage: „Obwohl doch in den zwanzig Jahren seit dem Ausbruch der Verfolgung über diese schwarze Erde von Japan das Stöhnen unzähliger Christen hallt, das rote Blut der Priester in ihr versickert und die Türme der Kirche niedergerissen wurden, schweigt Gott, schweigt im Angesicht dieser Opfer, die für ihn dargebracht werden.“

Und dann ist da noch eines: Immer wieder stellt Rodrigo sich, zunächst scheinbar zusammenhanglos, eine Frage nach dem Schicksal des Judas – fragt er sich, wieso Christus beim Letzten Abendmahl zu Judas sagte: „Was du tun willst, tue bald!“ Er fragt sich, ob Christus diese Worte im Zorn sagte; ob Er Judas nicht mehr liebte, nicht mehr versuchte, ihn von seiner Tat zurückzuhalten. Schließlich legt er sich die Erklärung zurecht, dass auch Judas einen Teil des Planes Gottes zu erfüllen hatte; ganz am Ende des Romans, glaubt er, dass Christus zu ihm selber spricht: „Wie ich jetzt zu dir sage: Tritt nur auf das Tretbild, sagte ich zu Judas: Führe aus, was du vorhast! Denn sein Herz schmerzte wie jetzt dein Fuß.“

Und ich denke, hier irrt Rodrigo. Wenn es das ist, was Endo mit dem Roman sagen will, dann irrt auch er hier. Judas als Identifikationsfigur? Handelte Judas denn bitte schön, im Übrigen, aus guten Motiven?

Ich bin überzeugt davon, dass Christus zu Judas letztlich sagte: Entscheide dich! Natürlich wollte Er nicht, dass Judas zum Verräter wurde. Er sprach nicht im Zorn, und Er sprach keine Worte der Verdammnis. Er sprach: Was immer du tun willst, das tue bald – du musst jetzt wählen.

Diese Zweifel, die ich beschrieben habe, sind nicht die einzigen, die zu dem beitragen, was Rodrigo am Ende tut. Als er zum ersten Mal mit Ferreira spricht, versucht dieser – und das Gleiche versucht in anderen Gesprächen der japanische Machthaber Inoue – ihm einzureden, dass das Christentum im fremden Japan keine Wurzeln schlagen könne; dass die japanischen Christen nicht wirklich denselben Glauben angenommen hätten, an dem die europäischen Christen festhielten; dass Japan ein Sumpf sei, in dem der dorthin verpflanzte christliche Baum verfaulen müsse.

Nun, ich nehme mal an, es ist kein Wunder, dass Endos Roman seinerzeit besonders von seinen japanischen Mitchristen heftig kritisiert wurde. (Endo selber betonte übrigens dann allerdings auch, dass Romane keine theologischen Werke seien.) Ich kann mich ihrer Kritik nur anschließen.

Wie oben schon deutlich wurde, was Rodrigos Festigkeit am Ende wirklich zerstört, ist die Folter anderer. An einer Stelle des Romans muss er dem Tod Garpes und anderer japanischer Christen zusehen (sie werden im Meer ertränkt); ein Dolmetscher versucht auch an dieser Stelle wieder, seinen Glauben ins Wanken zu bringen: „‚Wie oft ich das auch mitansehe, immer wieder finde ich es abscheulich!’ Der Dolmetscher erhob sich vom Hocker. Er schaute den Priester nun hasserfüllt an. ‚Padre, habt ihr schon einmal daran gedacht, welches Unheil euer Traum über diese Bauern bringt? Dieser selbstsüchtige Traum, den ihr Japan aufzwingen wollt? Wieder ist Blut geflossen! Das Blut dieser ahnungslosen Bauern hat wieder fließen müssen.“ Ja, richtig: Die Mörder sagen hier – und an anderen Stellen – zu einem anderen: Du bist schuld, wenn wir sie töten.

Das ist die Perfidie des Teufels, das ist seine List, das ist die Übelkeit erregende Lüge der Hölle, eine der vielen großen Lügen des Vaters der Lüge. Das ist eine Lüge, die gerade jetzt in so vielen Filmen und Romanen wiederholt wird: Töte einen, sonst töte ich mehrere, dann bist du schuld an ihrem Tod – leg dort eine Bombe, sonst töte ich dein Kind, dann bist du schuld an seinem Tod – bring diese Leute um, sonst foltere ich deine Frau, dann bist du schuld an ihrem Schmerz – das ist die Lüge Satans. Und das ist eine Art der Gewalt, die nicht nur für Horrorfilme typisch ist, sondern auch für satanistische Sekten – kein Wunder! Und sie beruht auf einer Lüge.

Der, der das Messer führt, ist der Mörder; der, der tötet, ist schuld am Tod des Getöteten. „Du bist schuld“, sagt der Mörder in diesem Roman, und in so vielen anderen Romanen und Filmen, und so etwas ist eine so unglaublich widerwärtige, ekelerregende Verdrehung und Versuchung, und doch kann Sebastian Rodrigo sich gegen diese Verdrehung und Versuchung nicht wehren. Er glaubt die Lüge. Ihm wird eingetrichtert, er wolle sich ja bloß den Ruhm des unbeugsamen Bekenners erhalten, für sein persönliches reines Gewissen nehme er das Leid anderer in Kauf, kurz: Moralisches Handeln wird als Luxus dargestellt, der im Endeffekt auf Unmoral hinausliefe. Und das ist wiederum eine völlig pervertierte Vorstellung dessen, was Moral eigentlich ist. Ich fürchte jedoch, sie ist nur allzu weit verbreitet. Aber Moral ist kein Luxus. Nie. Das ist eine Lüge.

Ich bin hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/10/23/leben-retten-leben-nehmen/) schon einmal ziemlich ausführlich auf dieses Thema eingegangen; da speziell auf die Tatsache: Wenn Terroristen Unschuldige als menschliche Schutzschilde verwenden oder als Geiseln nehmen, dann ist der, der sich von den Terroristen nicht erpressen lässt, nicht schuld am Tod dieser Unschuldigen. Ich habe auch hier schon Robert Spaemann zitiert; einen Teil dieses Zitats möchte ich hier noch einmal wiederholen: „Jener Polizist, dem befohlen wurde, ein 12jähriges Judenmädchen zu erschießen, das ihn um sein Leben anflehte, hat wirklich geschossen. Sein sadistischer Vorgesetzter hatte ihm eine Alternative vor Augen gestellt: die Erschießung von 12 anderen unschuldigen und wehrlosen Personen. Der Polizist schoß und wurde wahnsinnig. Er tat, was er nicht mußte, weil er es nicht hätte können müssen. Jeder Mensch muß einmal sterben. Den Tod jener 12 Menschen hätte der Polizist sowenig zu verantworten gehabt, als wenn er keine Hände gehabt hätte. Hätte er nicht auch im Besitz von Händen sagen können: ‚Ich kann nicht’?“ Ja, es kann Situationen geben, wo es besser ist, auf Forderungen von Erpressern einzugehen, um den Tod Unschuldiger zu verhindern. Wenn etwa ein Verbrecher mein Kind entführt hat und von mir 100.000 Euro Lösegeld fordert, ansonsten würde er es töten – natürlich, zahlen. (Es sei denn, die Polizei hätte die Möglichkeit, es zu befreien, ohne dass es dabei wahrscheinlich umgebracht wird.) Aber was, wenn ein Verbrecher mein Kind entführt hat und von mir verlangt, eine Bombe zu platzieren, durch die zahlreiche Unschuldige sterben würden, ansonsten würde er es töten – was dann? Nein: Dann darf man das Verlangte nicht tun. Ist das schlimm, ist das tragisch? Natürlich ist es das! Aber es die Tat dieses Verbrechers, die tragisch ist!

Es gibt bestimmte Dinge, die zu tun immer falsch ist. Zählt hierzu auch das Verleugnen des Glaubens? Ich denke, dass es so ist. Die antiken Christen hätten wohl ja gesagt. Die Apostel und die Bischöfe und Priester der alten Kirche ermutigten die Christen zum Martyrium, sie forderten sie auf, alles zu ertragen, was man ihnen antun möchte, eher Folter und Scheiterhaufen und Kreuzigung auf sich zu nehmen, als dem Kaiser auch nur offiziellerweise ein paar Weihrauchkügelchen hinzuwerfen, und sie ertrugen das auch selbst. Sie handelten dabei nach den Worten Jesu: „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“ (Mt 10,32-33)

Als ich darüber nachdachte, was Rodrigo in der oben zitierten Stelle zu Mokichi und Ichizo sagt, musste ich auf einmal an eine Geschichte aus dem 2. Buch der Makkabäer denken. Man vergleiche Rodrigos Verhalten mit dem der Mutter der sieben Brüder, die von Antiochus Epiphanes auf grausamste Weise getötet werden, weil sie sich weigern, Schweinefleisch zu essen:

„Ein andermal geschah es, dass man sieben Brüder mit ihrer Mutter festnahm. Der König wollte sie zwingen, entgegen dem göttlichen Gesetz Schweinefleisch zu essen, und ließ sie darum mit Geißeln und Riemen peitschen. Einer von ihnen ergriff für die andern das Wort und sagte: Was willst du uns fragen und von uns wissen? Eher sterben wir, als dass wir die Gesetze unserer Väter übertreten. Da wurde der König zornig und befahl, Pfannen und Kessel heiß zu machen. Kaum waren sie heiß geworden, ließ er ihrem Sprecher die Zunge abschneiden, ihm nach Skythenart die Kopfhaut abziehen und Nase, Ohren, Hände und Füße stückweise abhacken. Dabei mussten die anderen Brüder und die Mutter zuschauen. Den grässlich Verstümmelten, der noch atmete, ließ er ans Feuer bringen und in der Pfanne braten. Während sich der Dunst aus der Pfanne nach allen Seiten verbreitete, sprachen sie und ihre Mutter einander Mut zu, in edler Haltung zu sterben. […] Auch die Mutter war überaus bewundernswert und sie hat es verdient, dass man sich an sie mit Hochachtung erinnert. An einem einzigen Tag sah sie nacheinander ihre sieben Söhne sterben und ertrug es tapfer, weil sie dem Herrn vertraute. In edler Gesinnung stärkte sie ihr weibliches Gemüt mit männlichem Mut, redete jedem von ihnen in ihrer Muttersprache zu und sagte: Ich weiß nicht, wie ihr in meinem Leib entstanden seid, noch habe ich euch Atem und Leben geschenkt; auch habe ich keinen von euch aus den Grundstoffen zusammengefügt. Nein, der Schöpfer der Welt hat den werdenden Menschen geformt, als er entstand; er kennt die Entstehung aller Dinge. Er gibt euch gnädig Atem und Leben wieder, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen nicht auf euch achtet. Antiochus aber glaubte, sie verachte ihn, und er hatte den Verdacht, sie wolle ihn beschimpfen. Nun war nur noch der Jüngste übrig. Auf ihn redete der König nicht nur mit guten Worten ein, sondern versprach ihm unter vielen Eiden, ihn reich und sehr glücklich zu machen, wenn er von der Lebensart seiner Väter abfalle; auch wolle er ihn zu seinem Freund machen und ihn mit hohen Staatsämtern betrauen. Als der Junge nicht darauf einging, rief der König die Mutter und redete ihr zu, sie solle dem Knaben doch raten, sich zu retten. Erst nach langem Zureden willigte sie ein, ihren Sohn zu überreden. Sie beugte sich zu ihm nieder, und den grausamen Tyrannen verspottend, sagte sie in ihrer Muttersprache: Mein Sohn, hab Mitleid mit mir! Neun Monate habe ich dich in meinem Leib getragen, ich habe dich drei Jahre gestillt, dich ernährt, erzogen und für dich gesorgt, bis du nun so groß geworden bist. Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat das aus dem Nichts erschaffen und so entstehen auch die Menschen. Hab keine Angst vor diesem Henker, sei deiner Brüder würdig und nimm den Tod an! Dann werde ich dich zur Zeit der Gnade mit deinen Brüdern wiederbekommen. Kaum hatte sie aufgehört, da sagte der Junge: Auf wen wartet ihr? Dem Befehl des Königs gehorche ich nicht; ich höre auf den Befehl des Gesetzes, das unseren Vätern durch Mose gegeben wurde. Du aber, der sich alle diese Bosheiten gegen die Hebräer ausgedacht hat, du wirst Gottes Händen nicht entkommen. Denn wir leiden nur, weil wir gesündigt haben. Wenn auch der lebendige Herr eine kurze Zeit lang zornig auf uns ist, um uns durch Strafen zu erziehen, so wird er sich doch mit seinen Dienern wieder versöhnen. Du Ruchloser aber, du größter Verbrecher der Menschheit, überheb dich nicht und werde nicht durch falsche Hoffnungen übermütig, wenn du deine Hand gegen die Kinder des Himmels erhebst. Denn noch bist du dem Gericht des allmächtigen Gottes, der alles sieht, nicht entronnen. Unsere Brüder sind nach kurzem Leiden mit der göttlichen Zusicherung ewigen Lebens gestorben; du jedoch wirst beim Gericht Gottes die gerechte Strafe für deinen Übermut zahlen. Ich gebe wie meine Brüder Leib und Leben hin für die Gesetze unserer Väter und rufe zu Gott, er möge seinem Volk bald wieder gnädig sein; du aber sollst unter Qualen und Schlägen bekennen müssen, dass nur er Gott ist. Bei mir und meinen Brüdern möge der Zorn des Allherrschers aufhören, der sich zu Recht über unser ganzes Volk ergossen hat. Da wurde der König zornig und verfuhr mit ihm noch schlimmer als mit den anderen – so sehr hatte ihn der Hohn verletzt. Auch der Jüngste starb also mit reinem Herzen und vollendetem Gottvertrauen. Zuletzt starb nach ihren Söhnen die Mutter.“ (2 Makk 7,1-5.20-41)

Diese acht Menschen starben wirklich auf schlimmste Weise; wer mag, kann die vollständige Geschichte hier nachlesen: http://www.bibleserver.com/text/EU/2.Makkab%C3%A4er7 Sie starben bloß für die Weigerung, Schweinefleisch zu essen – ein rein äußerliches Gebot Gottes, ein bloßes Zeichen der Treue zu Gott im Alten Bund. Sie waren nicht bereit, dieses Gebot zu brechen, weil es ein Ausweis der Verleugnung ihres Glaubens gewesen wäre. Und sie versuchten auch nicht, einander vom Martyrium abzuhalten. Die Hoffnung auf ewiges Leben hielt sie aufrecht, und zwar, obwohl auch bei ihrem Martyrium keine himmlischen Erscheinungen und Wunder auftauchen; wenn man so will, Gott zu schweigen schien.

An manchen Stellen des Romans zeigt Rodrigo noch große, nachdenklich machende Einsichten. Nach dem ersten Zusammentreffen mit Ferreira denkt er sich Folgendes: „Ferreiras Traurigkeit fiel dem Priester ein. Ferreira vermied es, in jenem Gespräch über die japanischen Märtyrer zu sprechen. Er versuchte bewusst, diesem Thema aus dem Weg zu gehen. Menschen, die im Unterschied zu ihm stark geblieben waren, sogar die Grubenfolter durchgestanden hatten, solche Menschen trachtete er zu vergessen.“ Aber als Rodrigo selbst in Ferreiras Fußstapfen getreten ist… scheint er sich genauso zu verhalten. Er sagt sich, dass er im Endeffekt Gottes Willen erfüllt habe, auch wenn die Kirche ihn jetzt als Apostaten betrachten möge: „Was wisst denn ihr! Ihr Vorgesetzten in Europa, in Makao! Und in der Dunkelheit verteidigte er sich vor ihnen. Ihr lebt euer behagliches Leben, die Religion verbreitet ihr an friedlichen und sicheren Orten!“ Den Gedanken an die Patres und die Christen, die nicht im behaglichen Europa lebten und tatsächlich zu Märtyrern wurden, scheint er ganz einfach nicht mehr in seinen Kopf zu lassen. Er muss sich versichern, dass er richtig gehandelt hat.

Ich glaube, dass seine Apostasie letztlich auch ein bisschen mit der Tatsache zusammenhängt, dass er nicht sehr viel an das ewige Leben zu denken scheint, dass ihm der Tod als etwas sehr Schlimmes zu erscheinen scheint. Ein bisschen anders die japanischen Katholiken, die im Lauf des Romans zu Märtyrern werden: Lasset uns wandern, lasset uns wandern, zum Tempel des Paradieses lasset uns wandern! Immer wieder einmal kommt es ihm in den Sinn, das ja, auch noch, kurz bevor er auf das Bild tritt, aber er wankt in seinem Glauben:

„Als ob er dadurch diese Vision vertreiben könnte, schlug er immer wieder mit seinem Kopf an die Wand.

‚Diese Leute werden für ihre irdischen Schmerzen mit der ewigen Seligkeit belohnt.’

‚Betrüge dich nicht selbst!’ sagte Ferreira ruhig. ‚Mit schönen Worten suchst du Ausflüchte für deine Schwäche.’

‚Meine Schwäche!’ Der Priester schüttelte ohne Überzeugung den Kopf. ‚Das stimmt nicht. Ich glaube an die Erlösung dieser Leute.’

‚Aber du machst dich selbst wichtiger als die anderen, weil dir am meisten an deiner eigenen Erlösung liegt. Wenn du sagst, dass du den Glauben aufgeben willst, zieht man sie aus der Grube. Ihre Qualen haben ein Ende. Aber du willst nicht abschwören. Denn du willst die Kirche nicht verraten. Du willst kein Schandfleck werden wie ich.’ Ferreiras Stimme, die zornig geklungen hatte, wurde allmählich leiser. ‚Auch ich habe das erlebt. Auch ich fühlte in jener finsteren und eiskalten Nacht das gleiche wie du jetzt. Aber wo bleibt die Liebe? Ein Priester sollte dem Beispiel Christi folgen. Wenn Christus hier wäre…’“

Das ist wieder diese Perfidie: Opfere dein Gewissen, vergiss den Luxus der Moral, tu es „für das größere Wohl“ (die Inschrift über dem Tor von Nurmengard, für alle, die Harry Potter kennen).

Ich glaube, zum christlichen Glauben gehört es auch, darauf zu vertrauen, dass letztendlich dann alles gut werden wird, wenn man auf Christi Gebote hört – auch, wenn es zunächst genau nach dem Gegenteil aussieht, und wenn einem eine perfide Versuchung die Hoffnung nehmen will. Und eins von Christi klarsten Geboten war, Ihn nicht vor den Menschen zu verleugnen. Rodrigos Aufgabe wäre es gewesen, darauf zu vertrauen, dass auch für die Gefolterten alles, alles gut werden würde.

Aber wie alldem auch sei; selbst wenn man meinen will, dass Rodrigo in diesem Moment richtig handelte – und auch wenn man meint, dass es falsch war, kann man ihn nicht einfach so verurteilen; er tritt auf das Bild in einem Augenblick größten Schmerzes und größter Verwirrung, bedrängt von perfiden Psychotricks seiner Verfolger, schon völlig entmutigt durch Ferreiras Vorbild, weil er nicht glaubt, dass er die Fähigkeit haben wird, standhaft zu bleiben, wenn schon dieser Mann abgefallen ist; und er tut es nicht um seines eigenen Lebens willen –, selbst dann kann man sagen: Wie er dann weiterlebt, ist eindeutig nicht richtig. Dieser eine Moment, das kann man nachvollziehen, auch wenn man es nicht gutheißt – aber die folgenden Monate und Jahre? Denn obwohl er den Glauben innerlich irgendwie bewahren will, verleugnet er ihn tagtäglich. Er arbeitet wie Ferreira mit seinen Verfolgern zusammen. „Bei solchen Gelegenheiten zeigte man ihm irgendwelche Dinge, die die Japaner nicht kannten, und er hatte zu erklären, ob sie etwas mit dem Christentum zu tun hatten oder nicht. Nur er oder Ferreira vermochten sofort zu bestimmen, was von den vielen fremdartigen Gütern, die die Ausländer aus Makao mitbrachten, dem Christentum diente. Hatte er diese Arbeit beendet, so überreichte man ihm Geld oder Kuchen als Dank des Magistrats für die geleisteten Dienste. Die Beamten im Magistrat in Motohakatamachi und auch jener Dolmetscher begegneten ihm stets mit Höflichkeit. Niemals wurde er demütigend oder als Verbrecher behandelt.“ Hat er einmal darüber nachgedacht, was er mit seiner Apostasie den japanischen Gläubigen antut? Was er ihnen dann nicht nur direkt durch diese seine Mitarbeit beim Magistrat, sondern indirekt, geistlich durch seine Apostasie und sein weiteres Handeln antut? In ganz Nagasaki nennt man ihn den „abgefallenen Paulus“ und Ferreira den „abgefallenen Petrus“. Er weiß, dass dort noch Menschen leben müssen, die heimlich Christen sind; und doch gibt er weiter allem nach, was die japanischen Beamten von ihm fordern. Was tut er damit den Christen an, denen zu dienen er gekommen ist? Er ist ihnen das, was Ferreira ihm war; er nimmt ihnen Hoffnung.

Es scheint ihm so oft, als ob Gott schweigt. Aber tut Er das denn? Tut Er das aus Sicht der japanischen Gläubigen? Ein Priester, ein alter Christus (lt. „zweiter Christus“, „anderer Christus“) kommt in ihr Land, trotz der Gefahr, die ihm dort droht – ist das ein Schweigen Gottes? Die Kirche wird der Leib Christi genannt; Christen, und Priester in ganz besonderer Weise, sind in Christus eingegliedert, sie sind Teil seines mystischen Leibes. Er will durch sie handeln, Er will gerade durch sie sprechen. Er spricht durch Märtyrer wie Mokichi und Ichizo (gerade in der Erbärmlichkeit ihres Todes, den sie auf sich nehmen! Was Rodrigo einfach nicht sieht), Er spricht auch anfangs durch Rodrigo, als er nach Japan kommt – aber dann verleugnet dieser Ihn. „Christ is silent as he passes by”, schließt McInerny bei seiner Rezension, „because Rodrigues won’t open up his mouth to give him voice.“

Ich frage mich auch, ob Rodrigo wirklich (wenn er ernsthaft darüber nachdenken würde) eine glorreiche Märtyrerkirche voller Wunder und offensichtlicher Manifestationen des Göttlichen erwartet, als er nach Japan geht. Gleichzeitig frage ich mich – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen seltsam – welche Vorstellung Endo vom christlichen Portugal hat? Ich frage mich, ob er diese christliche Kultur nicht vielleicht unbewusst ein bisschen idealisiert. Ist Gott den Priestern in diesem christlichen Portugal stets so offensichtlich und klar und nahe gewesen, dass sie Ihn im heidnischen Japan nicht mehr sehen zu können scheinen?

Dieses Buch schildert den langsamen Niedergang eines Priesters, der schließlich seinen Glauben verleugnet. Vielleicht hat er sich anfangs zuviel zugetraut. Vielleicht hat er tatsächlich zuerst geglaubt, mehr oder weniger aus eigener Kraft das Martyrium bestehen zu können und sich darauf etwas eingebildet. Aber am Ende verliert er auch den Glauben, es mit Gottes Hilfe schaffen zu können. Am Ende könnte man heulen, so sehr tut er einem leid – man möchte ihm zurufen, dass er mit diesem scheußlichen, grauenvollen, einsamen, erstarrten Leben, das ihn selbst so zutiefst unglücklich macht und leiden lässt, doch nicht weitermachen muss, dass er doch wieder umkehren könnte. Ja, wenn er nur umkehren würde! In den letzten Kapiteln beginnt man etwas von der Hölle auf Erden zu ahnen, die Rodrigos Leben geworden ist. Und Ferreira erst… er ist noch schlimmer. Was muss in einem Priester vorgehen, der einen anderen Priester zur Verleugnung des Glaubens bewegt hat? Der weiterhin bei der Verfolgung von Christen hilft? Der öffentlich gegen das Christentum zu argumentieren hat? Wie sollte ein Priester, der Christus die Treue geschworen hat, diesen Schmerz aushalten können, der da in ihm sein muss?

Mein persönliches Fazit also: Ich mag das Buch nicht, obwohl es gut geschrieben ist (was heißt gut – der Schreibstil ist unglaublich gut), weil es zu schlecht ausgeht. Ja, es gibt Menschen, die falsche Entscheidungen treffen und deren Leben furchtbar tragisch ausgeht; aber dennoch: Ich lese einfach nicht gerne Romane, die mich auf diese Art und Weise deprimieren, deswegen würde ich dieses Buch Leuten, denen es ähnlich geht, nicht unbedingt empfehlen. Es bewegt – es lässt einem eine Zeitlang gar keine Ruhe –, es bringt einen zum Nachdenken und zum Trauern, aber es belebt nicht, es zeigt kein überwundenes, sondern finster und einsam triumphierendes Leid. Natürlich, Tragik kann man nie ganz eliminieren; und andere Menschen lassen sich von schlecht endenden Büchern oder Filmen vielleicht nicht so deprimieren (auch Hamlet und Macbeth etwa sind tragisch…); aber ich persönlich eben leicht, und mir fehlt hier völlig die christliche Hoffnung, der feste Glaube. Ich glaube, an Sebastian Rodrigo wird auf negative Weise das deutlich, was „Glaube“ als Tugend wirklich ist. Rodrigo und Ferreira (und sogar einige der japanischen Verfolger, wie Inoue, der das Christentum gut kennt; er lehnt es bloß als unjapanisch ab) zweifeln nicht wirklich intellektuell an der christlichen Lehre; aber festzuhalten am praktischen Vertrauen auf Gott, wenn er zu schweigen scheint… man weiß zwar rein rational ganz genau, dass er Gründe haben muss, aber diesem überwältigenden Eindruck von Verlassenheit und Ausweglosigkeit zu widerstehen, und darauf zu vertrauen, dass Gottes Gebote sich unzweifelhaft als der richtige Weg erweisen werden – das ist Glaube, fides, Treue, im christlichen Sinn. Und das Buch lässt die Hoffnung darauf zu sehr untergehen, dass in einer anderen Welt alles Unrecht zurechtgerückt werden wird, dass alle Tränen abgewischt werden, dass alles, alles gut werden wird. Diese christliche Hoffnung, die die Makkabäer und die römischen Märtyrer und die japanischen Märtyrer, die tatsächlich unter der Grubenfolter starben, unter allen ihren furchtbaren Schmerzen aufrechterhielt.

Ich weiß noch nicht, ob ich mir den Film ansehen werde.

Man kann an dem Buch vielleicht noch kritisieren, dass es wohl (nach den Informationen, die ich habe), einen historischen Fehler enthält; die (wenigen) Priester, die in der Verfolgung abfielen, fielen wohl tatsächlich ab, nachdem sie selbst gefoltert wurden, nicht nachdem andere gefoltert wurden. Aber gut; der Konflikt, der in diesem Buch geschildert wird, ist dennoch ein möglicher Konflikt in einer Verfolgung, die geschilderte Versuchung ist eine, die im menschlichen Leben in verschiedenen Situationen auftreten kann; und so etwas kann man ja auch dann in einem Roman verarbeiten, wenn es nicht streng historisch sein sollte. Ach ja: Über das Ende des historischen Ferreira weiß man übrigens sehr wenig. Es gibt auch Gerüchte, dass er schließlich nach Jahrzehnten doch als Märtyrer gestorben sei. Es ist nicht geklärt. Rodrigo ist nicht historisch, aber nach einer historischen Person geformt. Und was die japanischen Christen angeht… nun einige von ihnen bewahrten über Jahrhunderte hinweg heimlich den Glauben, ohne Priester, und kamen schließlich, als Japan sich im 19. Jahrhundert wieder öffnete und neue Missionare ins Land durften, wieder mit ihrem Glauben hervor. Der Baum verfaulte doch nicht.

Eins noch: Vielleicht haben die Leser dieser Rezension den Eindruck, ich würde mit einem gewissen Hochmut aus meiner bequemen Position in einem christenverfolgungsfreien Land über Rodrigo und Ferreira urteilen. Das tue ich sicher nicht. Ich habe nie behauptet, dass ich mich in einer solchen Situation irgendwie besser verhalten hätte; auch wenn ich hier proklamiere, wie man sich richtigerweise verhalten müsste. Also noch fürs Protokoll: Ich würde mich wahrscheinlich niemals freiwillig in ein Land wagen, wo Christen verfolgt werden, eben aus der Angst heraus, dass ich einer Verfolgung nicht standhalten könnte. Angenommen nun, die Verfolgung käme aber zu mir – etwa in Form einer islamistischen Geiselnahme wie bei Abbé Jacques Hamel –; dazu, so denke ich, kann ich Folgendes behaupten: Ich glaube, ich hätte kein großes Problem mit einem schnellen Märtyrertod, Köpfen oder Erschießen oder so etwas; Angst vor dem Tod habe ich nämlich eigentlich weniger (wobei man das auch leicht sagen kann, solange man nicht in Todesgefahr ist); sehr wohl aber habe ich Angst vor der Folter. Folter, und ebenso Psychofolter, ist genau genommen eine furchtbare Horrorvorstellung für mich, und ich denke, ich kann nur unseren Herrn Jesus Christus bitten, dass ich niemals in eine Situation komme, die Folter beinhaltet. (Wofür die Chancen ja zum Glück ganz gut stehen…)

Nun also: Was denkt ihr über dieses Buch? Irgendwelche Anmerkungen?

[Update: Hier noch ein paar Informationen über den tatsächlichen historischen Hintergrund: http://die-missionen.blogspot.de/2017/01/silence-martin-scorsese-und-der.html ]

Die allumfassende Kirche, Teil 8 – Kirche der Sünder und Heiligen

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Die Kirche hat immer klargestellt, dass Kirchenmitgliedschaft nicht automatisch gleichbedeutend ist mit ewigem Heil. Das heißt, auch ein Katholik kann ein schlechter Mensch sein und, ähm, letztlich gegebenenfalls in die Hölle kommen. Diese Lehre ist aber irgendwie ganz tröstlich. Denn sie bedeutet, dass die Kirche keine Kirche der Reinen sein will, sondern eine Kirche der Sünder, die immer und immer wieder der Umkehr bedürfen; kein Hochbegabtenprogramm, sondern ein Krankenhaus. Sünde schmeißt einen noch nicht aus der Kirche raus; wenn man sich im Krankenhaus eine neue Infektion einfängt, ist man ja auch immer noch drin und bekommt dort seine neuen Medikamente. Was sind die Sakramente wohl sonst?

Damit wandte sich die Kirche schon in der Antike gegen verschiedene Sekten, die meinten, eine Kirche der Reinen aufbauen zu müssen; gegen Hippolyt, Novatian, die Montanisten oder die Donatisten. In dieser Zeit stellte sich nämlich immer wieder die Frage: Was machen wir mit Christen, die in einer der immer wieder aufbrandenden Verfolgungswellen nachgegeben und dem Kaiser geopfert haben? Sie stellte sich besonders während der letzten Verfolgungen ab Mitte des 3. Jahrhunderts (die letzte und größte Verfolgung fand ca. 304/305 unter Kaiser Diokletian statt). Denn in dieser Zeit war die Kirche schon groß genug geworden, um als wirkliche Bedrohung wahrgenommen zu werden; also erließen die Kaiser reichsweite Opferbefehle. Jeder im Reich hatte sich vor den entsprechenden Staatsbeamten einzufinden und vor der Statue des als divus, Vergöttlichtem, verehrten Kaiser ein Opfer darzubringen, wer es nicht tat, konnte mit dem Tod bestraft werden. Man tat diesem Befehl Genüge, indem man ein paar Körnerchen Weihrauch in die Schale vor dem Kaiserbild warf; das war alles. Aber natürlich widersprach das dem Bekenntnis des christlichen Glaubens: Nur einer ist Gott, und einem falschen Gott huldigt man nicht. In dieser Zeit wurden einige der bekanntesten antiken Heiligen zu Märtyrern. Andere entkamen der Verfolgung – durch Flucht, oder vielleicht weil die Beamten das Edikt nicht mit dem größten Eifer durchsetzten, oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Aber natürlich bestand die Kirche auch damals nicht nur aus Heiligen, und viele Christen opferten, um dem Tod zu entgehen. Wenn sie hinterher, sobald die Verfolgung abgeebbt war (nur wenige Jahre nach der letzten Verfolgung kam dann ja auch schließlich die endgültige staatliche Toleranz durch Konstantin), bereuten und wieder in die Kirche aufgenommen werden wollten, stellte sich natürlich die Frage, wie die in der Verfolgungszeit treu gebliebene Kirche damit umgehen sollte. Das gleiche Problem stellte sich übrigens nicht nur bei der Sünde der Glaubensverleugnung; Mord und Ehebruch wurden als ebenso schwere Sünden betrachtet, und es ist Unsinn zu meinen, dass sie bei den frühen Christen im Allgemeinen nie vorgekommen wären – vor allem wohl in Bezug auf Ehebruch. Die Kirche ging dann so damit um: Der reuige Christ hatte eine Zeit der Buße vor sich, in der er nicht zur Kommunion treten durfte und gewisse Auflagen zu erfüllen hatte, z. B. bei der Messe nur ganz hinten stehen oder gar nicht oder nur in spezieller Bußkleidung teilnehmen durfte oder ein bestimmtes Fasten einhalten musste. (So genau kenne ich mich mit der antiken Bußpraxis nicht aus, aber ungefähr so lief es ab.) Diese Bußzeit konnte sogar mehrere Jahre dauern. Dann beichtete der Büßer seine Sünde öffentlich (die geheime Beichte ist eine Erfindung des frühen Mittelalters), der Bischof sprach ihn los, und er wurde wieder zur Kommunion zugelassen. Nun ist das schon ein sehr strenges Vorgehen, verglichen mit unserer heutigen Disziplin, aber manchen der antiken Christen war auch das noch nicht streng genug.

Die Donatisten etwa spalteten sich im 4. Jahrhundert in Nordafrika genau wegen dieser Frage von der Kirche ab. Nach dem Ende der Verfolgungen wurde dort ein neuer Bischof geweiht und eine Gruppe um einen gewissen Donatus hielt seine Weihe für ungültig, weil einer der Konsekratoren während der Verfolgung abgefallen war. Sie meinten, ein abgefallener Christ müsse neu getauft und, wenn es ein Kleriker sei, neu geweiht werden; er könne nicht einfach so wieder eingegliedert werden, er habe sein Christsein und, als Kleriker, seine Vollmacht, Sakramente zu spenden, verloren. Die Kirche dagegen hielt daran fest, dass Taufe und Weihe den Menschen unauslöschlich prägen; ein sündiger Christ oder Bischof war trotzdem noch Christ oder Bischof.

Während sie Apostaten zumindest nach einer Wiedertaufe wieder zulassen wollten, gab es, noch früher in der Geschichte der Kirche, auch Christen, die meinten, eine so schwere Sünde, die nach der Taufe begangen worden sei, könne überhaupt nicht mehr vergeben werden – oder sie könne zumindest nicht von der Kirche, sondern nur von Gott nach dem Tod vergeben werden, oder wenn von der Kirche, dann erst am Totenbett, das heißt, ein Büßer müsse bis zu seinem Tod im Stand der Buße verbleiben. (Es gab da verschiedene Gruppierungen.)

Eine davon, die Montanisten, denen sich Tertullian wohl gegen Ende seines Lebens anschloss, waren eine dieser Bewegungen, die direkte Inspiration durch den Heiligen Geist für ihre Propheten beanspruchen und das nahe Weltende ankündigen; die Bewegung entstand so ungefähr um 170 n. Chr. Die Montanisten verlangten nicht nur allgemein eine sehr strenge Moral (z. B. keine Wiederheirat nach dem Tod des Ehepartners), sondern auch den endgültigen Ausschluss von Mördern, Ehebrechern und Apostaten aus der kirchlichen Gemeinschaft; diese Sünden seien zu schwer, als dass die Kirche sie vergeben könne. Auch die frühesten Gegenpäpste kamen aus dieser Richtung – St. Hippolyt von Rom (ca. 170-235) beispielsweise; er überwarf sich mit Papst St. Calixt I. wegen der Frage, ob Unzuchtsünden vergeben werden könnten, und wurde der erste Gegenbischof von Rom. (Er ist der einzige heilige Gegenpapst, denn er sah seinen Fehler nach Jahren schließlich ein und versöhnte sich wieder mit dem späteren rechtmäßigen Papst, St. Pontianus, nachdem beide gemeinsam von Kaiser Maximinus Thrax zur Zwangsarbeit in ein Bergwerk geschickt worden waren.) Nur wenige Jahre später, 251, gab es in Rom dann schon den nächsten Gegenbischof, der für eine Abspaltung von der Kirche sorgte, nämlich Novatian; auch er lehnte die Wiederaufnahme schwerer Sünder, besonders der Apostaten, ab. Seine Anhänger nannten sich die „Katharoi“, die „Reinen“. (Nicht mit den mittelalterlichen Katharern verwechseln!)

Sehr viele Häretiker, die sich im Lauf der Geschichte von der Kirche abspalteten, störten sich an ihrer Sündhaftigkeit. Auch die Reformation beispielsweise wollte zur „reinen Urkirche“ – oder dem, was sie darunter verstand – zurückkehren (für die Reformatoren war die Kirche auch nicht die sichtbare Gemeinschaft aller Getauften, sondern nur die unsichtbare Gemeinschaft der Geretteten). Und das hat nie funktioniert, und es ist Unsinn, und es ist falsch. Joseph Ratzinger hat es in „Einführung in das Christentum“ sehr gut ausgedrückt:

 

„‚Heilig’ wird die Kirche im Symbolum [=Glaubensbekenntnis] nicht deshalb genannt, weil ihre Glieder samt und sonders heilige, sündenlose Menschen wären – dieser Traum, der in allen Jahrhunderten von neuem auftaucht, hat in der wachen Welt unseres Textes keinen Platz, so bewegend er eine Sehnsucht des Menschen ausdrückt, die ihn nicht verlassen kann, bis nicht wirklich ein neuer Himmel und eine neue Erde ihm schenken, was ihm diese Zeit niemals geben wird. Schon hier werden wir sagen können, dass die härtesten Kritiker der Kirche in unserer Zeit verborgenerweise ebenfalls von jenem Traum leben und, da sie ihn enttäuscht finden, die Türe des Hauses krachend ins Schloss schlagen und es als lügnerisch denunzieren. Aber kehren wir zurück: Die Heiligkeit der Kirche besteht in jener Macht der Heiligung, die Gott in ihr trotz der menschlichen Sündhaftigkeit ausübt. Wir stoßen hier auf das eigentliche Kennzeichen des ‚Neuen Bundes’: In Christus hat sich Gott selbst an die Menschen gebunden, sich binden lassen durch sie. […]

 Gehen wir noch einen Schritt weiter. Heiligkeit wird im menschlichen Traum von der heilen Welt als Unberührbarkeit von der Sünde und vom Bösen, unvermischt mit diesem vorgestellt; immer bleibt dabei in irgendeiner Weise ein Schwarz-Weiß-Denken, das die jeweilige Form des Negativen (die freilich sehr verschieden gefasst sein kann) unerbittlich ausscheidet und verwirft. In der heutigen Gesellschaftskritik und in den Aktionen, in denen sie sich entlädt, wird dieser unerbittliche Zug, der menschlichen Idealen immerzu anhaftet, wieder allzu deutlich. Das Anstößige an Christi Heiligkeit war deshalb schon für seine Zeitgenossen die Tatsache, dass ihr diese richtende Note durchaus fehlte – dass weder Feuer über die Unwürdigen fiel noch den Eiferern erlaubt wurde, das Unkraut auszureißen, das sie wuchern sahen. Im Gegenteil, diese Heiligkeit äußerte sich gerade als Vermischung mit den Sündern, die Jesus in seine Nähe zog; als Vermischung bis dahin, dass er selbst ‚zur Sünde’ gemacht wurde, den Fluch des Gesetzes in der Hinrichtung trug – vollendete Schicksalsgemeinschaft mit den Verlorenen (vgl. 2 Kor 5,21; Gal 3,13). Er hat die Sünde an sich gezogen, zu seinem Anteil gemacht und so offenbart, was wahre ‚Heiligkeit’ ist: nicht Absonderung, sondern Vereinigung, nicht Urteil, sondern erlösende Liebe. Ist nicht die Kirche einfach das Fortgehen dieses Sich-Einlassens Gottes in die menschliche Erbärmlichkeit; ist sie nicht einfach das Fortgehen der Tischgemeinschaft Jesu mit den Sündern, seiner Vermischung mit der Not der Sünde, sodass er geradezu in ihr unterzugehen scheint? Offenbart sich nicht in der unheiligen Heiligkeit der Kirche gegenüber der menschlichen Erwartung des Reinen die wahre Heiligkeit Gottes, die Liebe ist, Liebe, die sich nicht in der adeligen Distanz des unberührten Reinen hält, sondern sich mit dem Schmutz der Welt vermischt, um ihn so zu überwinden? Kann von da aus die Heiligkeit der Kirche etwas anderes sein als das Einander-Tragen, das freilich für alle davon kommt, dass alle von Christus getragen werden?

 Ich gestehe es: Für mich hat gerade die unheilige Heiligkeit der Kirche etwas unendlich Tröstendes an sich. Denn müsste man nicht verzagen vor einer Heiligkeit, die makellos wäre und die nur richtend und verbrennend auf uns wirken könnte? Und wer dürfte von sich behaupten, dass er nicht nötig hätte, von den anderen ertragen, ja getragen zu werden? Wie aber kann jemand, der vom Ertragenwerden seitens der anderen lebt, selbst das Ertragen aufkündigen? Ist es nicht die einzige Gegengabe, die er anbieten kann; der einzige Trost, der ihm bleibt, dass er erträgt, so wie auch er ertragen wird? Die Heiligkeit in der Kirche fängt mit dem Ertragen an und führt zum Tragen hin; wo es aber das Ertragen nicht mehr gibt, hört auch das Tragen auf, und die haltlos gewordene Existenz kann nur ins Leere absinken. Man mag ruhig sagen, in solchen Worten drücke sich eine schwächliche Existenz aus – zum Christsein gehört es, die Unmöglichkeit der Autarkie und die Schwachheit des Eigenen anzunehmen. Im Grunde ist immer ein versteckter Stolz wirksam, wo die Kritik an der Kirche jene gallige Bitterkeit annimmt, die heute schon anfängt, zum Jargon zu werden. Leider gesellt sich nur allzu oft eine spirituelle Leere dazu, in der das Eigentliche der Kirche überhaupt nicht mehr gesehen wird, in der sie nur noch wie ein politisches Zweckgebilde betrachtet wird, dessen Organisation man als kläglich oder als brutal empfindet, als ob das Eigentliche der Kirche nicht jenseits der Organisation läge, im Trost des Wortes und der Sakramente, den sie gewährt in guten und in bösen Tagen. […]

 Die Kirche lebt ja nicht anders als in uns, sie lebt vom Kampf der Unheiligen um die Heiligkeit, so wie freilich dieser Kampf von der Gabe Gottes lebt, ohne die er nicht sein könnte. […] Eine Bitterkeit, die nur destruiert, richtet sich selbst. Eine zugeschlagene Tür kann zwar zum Zeichen werden, das die aufrüttelt, die drinnen sind. Aber die Illusion, als ob man in der Isolierung mehr aufbauen könnte als im Miteinander, ist eben eine Illusion genau wie die Vorstellung einer Kirche der ‚Heiligen’ anstatt einer ‚heiligen Kirche’, die heilig ist, weil der Herr in ihr die Gabe der Heiligkeit schenkt ohne Verdienst.“

 

Das alles hängt natürlich auch damit zusammen, dass der Mensch nicht richten darf. Die irdische Kirche wurde immer als Acker mit „Unkraut und Weizen“ gesehen, weil eben erst Gott wirklich hinter die Fassade sehen wird, wie es im Gleichnis beschrieben ist:

„Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune. […] Dann verließ er die Menge und ging nach Hause. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. Er antwortete: Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel. Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!“ (Mt 13,24-30.36-43)

Irgendwann einmal wird der Patient im Krankenhaus entweder sterben (und in diesem Krankenhaus kann er nur sterben, wenn er sich weigert, seine Medikamente zu nehmen), oder er wird geheilt entlassen werden. Das Krankenhaus ist etwas Vorläufiges; und darin befinden sich solche, die sterben werden und solche, die geheilt werden werden, und der Chefarzt darf bestimmten Patienten nicht weniger Sorge zukommen lassen, weil er ihre Heilungschancen als zu gering einschätzt. Sünder gehören zur Kirche, und die Kirche muss sie zur Umkehr rufen, und was daraus wird, wird man erst am Ende sehen.

Ich bin ganz froh, dass ich von Kindheit an zumindest halbwegs katholisch sozialisiert bin. Das schützt vor falschen Kirchenbildern. Einerseits ist man so schon mal davor gefeit, in der Kirche finster vor sich hin mordende Opus-Dei-Mönche wie bei Dan Brown zu vermuten (selbst wenn man noch nicht weiß, dass es beim Opus Dei gar keine Mönche gibt, weil die nämlich kein Orden sind), oder auch in jeder Sakristei Kinderschänder zu wittern, andererseits wird man auch sehr effektiv daran gehindert, sich eine idealisierte Vorstellung von einer heiligen Gemeinschaft voller inniger Nächstenliebe, Frömmigkeit, Freundlichkeit und Klugheit zu machen. Stattdessen erwartet man langweilige Pfarrgemeinderäte, sehr schlecht singende Kinderchöre, rechthaberische Pfarrer, einfach nur unfähige Religionslehrer, arrogante ältere Damen, Bischöfe, die es allen recht machen wollen, Theologen, die mit Absicht so zu schreiben scheinen, dass es möglichst kryptisch bleibt, was sie einem eigentlich sagen wollen, und Oberministranten ohne logisches Denkvermögen oder Organisationstalent ebenso wie starke Anteilnahme und Hilfsbereitschaft in der Seelsorge, Ehrfurcht und Schönheit in der Liturgie, klare, geniale Gedanken in der Predigt oder der Theologie, nette Feiern und bewegende, gut geplante Fahrten nach Rom oder Jerusalem. Katholiken sind halt auch Menschen, und Menschen sind öfters mal schlecht und gelegentlich auch gut; sie sind Sünder. [Aber sie sind nicht nur Sünder, sondern alle auch einfach in nicht schuldhafter Weise unvollkommen: dumm, ungebildet oder hässlich, psychisch krank, physisch krank, unsportlich, schüchtern, ungeschickt, übergewichtig, alt, erfolglos, geistig behindert, körperlich behindert, unbeliebt, arbeitslos, arm… Wie viele Menschen wären nicht zumindest eins der Dinge aus dieser Liste? Die Heiligen, das ist sehr tröstlich, waren durchaus nicht alle strahlende, überirdische Lichtgestalten. Der hl. Alphons von Liguori war Skrupulant, die hl. Teresa von Kalkutta litt unter starken Depressionen, die hl. Anna Schäffer war gelähmt und bettlägerig, der hl. Pfarrer von Ars hatte große Lernschwierigkeiten, der hl. Thomas von Aquin war stark übergewichtig, der sel. Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn hatte keinen Erfolg mit seinen Friedensbemühungen im 1. Weltkrieg…]

Die Kirche ist keine Elitegesellschaft. Sie stellt ein paar Mindestanforderungen; solange man katholisch getauft ist, den katholischen Glauben hat und in Gemeinschaft mit dem Papst steht, ist man drin. Das kann durchaus heißen, dass man noch kein besonders guter Mensch ist und noch einen weiten Weg mit Gott vor sich hat. Aber deswegen gehört man trotzdem dazu. Natürlich; es gibt solche Dinge wie die Exkommunikation. Exkommuniziert wird man aber entweder, weil man den katholischen Glauben aufgegeben hat (Apostasie, Häresie), oder weil man sich von der Kirche abgespalten hat (Schisma), oder weil man bestimmte sehr schwerwiegende, im Kirchenrecht klar bestimmte Sünden begangen hat – Bruch des Beichtgeheimnisses, Hostienschändung, Abtreibung, Attentat auf den Papst, solche Sachen. (Auch das geduldigste Krankenhaus steckt einen in strenge Quarantäne, wenn man auf die Idee kommt, sich selber im Labor Pesterreger zu spritzen, und dann noch mit der Spritze herumzulaufen, um auch andere Patienten zu infizieren.) Aber selbst die Exkommunikation ist klar definiert als eine Beugestrafe, die den damit Belegten dazu führen soll, wieder in die volle Gemeinschaft der Kirche zurückzukommen. Und eigentlich gehört man, kirchenrechtlich gesehen, immer irgendwie noch zu ihr, sobald man getauft ist, auch wenn man nicht mehr in der vollen Gemeinschaft mit ihr steht; da kann man so ketzerisch und sündhaft sein wie man will. (Auch die Quarantänestation ist noch ans Krankenhaus angeschlossen.) Die Verbindung mit der Kirche lässt sich für einen gültig Getauften nie ganz zerreißen.

 

Nebenbei: Das oben Gesagte über Kirchenmitgliedschaft und ewiges Heil gilt bekanntlich auch umgekehrt: Auch jemand, der offiziell nicht der katholischen Kirche angehört, kann seinem Gewissen folgen und auf dem richtigen Weg zu Gott sein, auch wenn er die wahre Religion noch nicht erkannt hat.