Luther und die Furchtreue

Zum Reformationstag mal ein Beitrag über eine von Luthers frühen Lehren, die er von anderen spätmittelalterlichen Theologen übernahm und die seinen Weg fort von der katholischen Orthodoxie förderte: Seine Ablehnung der attritio, der sog. Furchtreue.

Dazu der Kontext: Die katholische Theologie unterscheidet zwischen Furchtreue (attritio) und Liebesreue / vollkommener Reue (contritio). Letztere meint eine Reue, die aus wirklicher Liebe zu Gott kommt, mit ersterer ist eine Reue gemeint, die eher aus Furcht vor Gottes Strafe kommt. (Allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun, aber ich will auch nicht in die Hölle kommen, also beichte ich xyz eben“, sondern eher „Ja, ich weiß schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Hauptmotivation, zur Beichte zu gehen, ist im Moment gerade eher Angst vor der Hölle“.) Tatsächlich lehrt die Kirche, dass die Furchtreue in der Beichte für die Vergebung der Sünden genügt. Sie ist nicht ideal; aber sie ist keine Sünde, und sie ist schon mal ein Anfang. Im Katechismus heißt es dazu:

„1451 Unter den Akten des Pönitenten steht die Reue an erster Stelle. Sie ist „der Seelenschmerz und der Abscheu über die begangene Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, fortan nicht zu sündigen“ (K. v. Trient: DS 1676).

1452 Wenn die Reue aus der Liebe zu Gott, der über alles geliebt wird, hervorgeht, wird sie „vollkommene“ oder „Liebesreue“ [contritio] genannt. Eine solche Reue läßt die läßlichen Sünden nach; sie erlangt auch die Vergebung der Todsünden, wenn sie mit dem festen Entschluß verbunden ist, sobald als möglich das sakramentale Bekenntnis nachzuholen [Vgl. K. v. Trient: DS 1677]

1453 Die sogenannte „unvollkommene Reue“ [attritio] ist ebenfalls ein Geschenk Gottes, ein Anstoß des Heiligen Geistes. Sie erwächst aus der Betrachtung der Abscheulichkeit der Sünde oder aus der Furcht vor der ewigen Verdammnis und weiteren Strafen, die dem Sünder drohen [Furchtreue]. Eine solche Erschütterung des Gewissens kann eine innere Entwicklung einleiten, die unter dem Wirken der Gnade durch die sakramentale Lossprechung vollendet wird. Die unvollkommene Reue allein erlangt noch nicht die Vergebung der schweren Sünden; sie disponiert jedoch dazu, sie im Bußsakrament zu erlangen [Vgl. K. v. Trient: DS 1678; 1705].“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P4J.HTM)

Luther war jetzt, zusammen mit anderen Theologen seiner Zeit, der Meinung, dass die Furchtreue eben nie genüge, dass sie schlecht sei. Luther war ja ein eher strenger Mensch, gegen sich selbst und in seiner Theologie; er war schließlich auch gegen den Ablass, weil ihm diese Praxis zu lax war: Damit kommen die Gläubigen ganz einfach um richtige Buße herum. (Zum Ablass und Ablassmissbräuchen an sich ein anderes Mal; ich verweise alle, bei denen da noch Unklarheiten bestehen, erst mal anderswohin zu einer sehr guten Erklärung: https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/07/11/ablass-teil-1-kaputte-fenster-und-martin-luther/) Daher hieß ja auch die erste seiner 95 Thesen: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ usw. [Matth. 4,17], hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ (http://www.luther.de/leben/anschlag/95thesen.html) Eine Geldspende oder ein Gebet genügen nicht; das ganze Leben muss eine Buße sein. Ihr macht es den Gläubigen zu leicht. Und zu den 95 Thesen gehören eben auch diese:

„30. Keiner ist der Echtheit seiner Reue gewiß, viel weniger, ob er völligen Erlaß (der Sündenstrafe) erlangt hat.“

„31. So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablaß, nämlich außerordentlich selten.“

„35. Nicht christlich predigen die, die lehren, daß für die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.“ (Die Übersetzung auf dieser Seite ist schlecht; im lateinischen Original steht für „Reue“ „contritio“, also „Liebesreue“, vgl. http://www.luther.de/95th-lat.html Das kommt davon, wenn man sich nicht mehr mit mittelalterlichen theologischen Fachbegriffen auskennt.)

Das mit der Ablehnung der Furchtreue klingt erstmal nicht so schlecht, oder? Man sollte lieber Gott lieben als Angst haben. Ganz richtig, nur: Wenn man noch Angst hat, ist das keine Sünde. Wenn Gott oder die Engel in der Bibel sprechen „Fürchtet euch nicht“, dann ist das kein Gebot à la „Wenn ihr jetzt noch Angst habt, sündigt ihr“, sondern es ist eine Beruhigung: Ihr braucht keine Angst zu haben. Luther machte sich selbst, der er sehr wohl Angst hatte, Probleme, weil er sich dann nie sicher sein konnte, ob seine Reue in der Beichte genug war, ob sie wirklich Liebesreue war. Und das ist doch ein Teufelskreis: Ich muss Gott lieben, sonst vergibt Er mir nicht, aber diese Liebe darf nicht durch die Angst davor, dass Er mir nicht vergeben wird, motiviert sein. Was ist das Resultat? Ich habe Angst vor Gott. Man sollte wirkliche Reue haben, ja, man sollte sich auch um wirkliche Reue bemühen, wenn man gleichzeitig noch Angst hat, aber Gott nimmt auch unvollkommene Bemühungen an, Er sieht jede Kleinigkeit. „Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Matthäus 10,42)

Ja, die kirchliche Lehre macht es den Menschen gewissermaßen leicht: Gott nimmt unsere Unvollkommenheiten an, wenn wir seine Sakramente empfangen, und kann uns dann auch mit der Zeit zu wirklicher Liebesreue führen. Das ist gut biblisch: Auch der verlorene Sohn im Gleichnis kam zu seinem Vater hauptsächlich deshalb zurück, weil er Hunger hatte, und fand so zur wirklichen Einsicht und Reue.

Was ist zum heutigen Tag sonst noch zu sagen: Na ja, Gebete und Ablässe für Luthers Seelenheil werden ihm vielleicht jetzt eher recht sein als noch zu seinen Lebzeiten. Und viel Spaß für Halloween heute Abend!

Advertisements

In meinen Tabletten ist Rattengift, und außerdem komme ich in die Hölle

Oder jedenfalls will mein Gehirn mir das manchmal einreden.

Na ja, so ganz richtig ist das nicht. Mein Gehirn arbeitet eher mit „könnte“s und „hätte“s und „vielleicht“s. Zum Beispiel heute Morgen. Ich stehe auf, hole wie immer mein Medikament, das ich für eine chronische Krankheit brauche (mein Psycho-Medikament nehme ich abends), und bevor ich die Kapsel schlucken will, kommt plötzlich der Gedanke „Was, wenn da Gift drin ist? Was, wenn ein böser Mitarbeiter in der Pharmafabrik Gift in Tabletten füllt? Oder durch ein Versehen bei der Produktion was falsch gelaufen ist und ich jetzt Rattengift schlucke?“ Es fühlt sich an wie eine böse Vorahnung, eine, der man besser folgen sollte, wie die Leute, die Vorahnungen hatten, nicht auf die Titanic zu gehen. Ich schlucke die Kapsel trotzdem schnell runter, und dann beginne ich, Panik zu bekommen. Jetzt ist das Ding im Magen. Jetzt kann ich nichts mehr tun. Jetzt bin ich hilflos. Ich versuche, mich mit Musik abzulenken; beginne dann, Vergiftungserscheinungen und Erste-Hilfe-Maßnahmen im Internet zu recherchieren. Versuche, mich mit Facebook abzulenken. Suche noch einmal eine Seite über Vergiftungen her. Ich fühle mich einerseits panisch und aufgedreht, andererseits irgendwie gelähmt. Als ich mich nach einer halben Stunde, und dann nach einer Stunde, körperlich immer noch normal fühle, kann ich mich etwas mehr beruhigen, ziehe mir rasch etwas über, und komme zu spät zur Kirche.

Klinge ich verrückt? Ich fühle mich manchmal so. Als würde ich langsam vollständig den Verstand verlieren. Nein, ich rechne, vernünftig betrachtet, nicht wirklich damit, mit meinen Tabletten Gift zu schlucken; aber solche fixen Ideen setzen sich fest, und das Blöde ist, ich kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, dass kein Verrückter in der Medikamentenfabrik Gift in die Kapseln gefüllt hat. (Solche Vorstellungen kommen seit dem Fall des Erpressers mit dem Ethylenglykol öfter in meinen Kopf; vorher waren es eher andere Zwangsgedanken. Sobald das Brot vom Bäcker etwas anders schmeckt als sonst, bekomme ich Angst.) Hier gibt es nur Wahrscheinlichkeiten, auch wenn die noch so hoch sind.

Ebenso wie vor Giften und Ähnlichem habe ich immer wieder Angst vor der Hölle (und in weniger schlimmem Maße auch vor dem Fegefeuer). Ab und zu kommt dieses entsetzliche Gefühl: Ich kann nicht aus diesem Leben raus. Ich kann mich nicht einfach nicht-existent machen. Ich kann nicht einfach in eine Traumwelt verschwinden. Ich stecke in genau diesem Leben fest, und irgendwann werde ich sterben, und ich weiß nicht wann, und ich weiß nicht, was danach kommt – bzw. für mich kommt. Ich kann mich auch hier bis zu einem gewissen Grad mit Vernunftargumenten beruhigen: Gott ist gnädig. Gott ist gnädig. Aber ich kenne Gott nicht wirklich – nicht in dem Sinne, wie ihn die kennen, die schon tot sind, oder die Engel – und ich habe Angst. Angst, alles falsch zu machen, Angst, nicht zu genügen. Es ist dieses schreckliche, lähmende Gefühl, einer unsicheren Welt ausgeliefert zu sein, von der man so vieles nicht weiß, mit der man nicht klarkommt, und für die man zu schwach ist. Ich bin halt nicht unbedingt immer eine vorbildliche Christin.

Oh, wie gut ich Martin Luther verstehen kann.

Jetzt, zum Reformationsjahr und zum kurz bevorstehenden Reformationstag, bekommt Luther sowohl Lobeshymnen für die Auslösung einer Bewegung gegen die Kirche, mit deren Anliegen sich heute kaum noch einer auskennt, als auch Kritik und Verurteilungen wegen seines Judenhasses, seiner Hetze gegen die aufständischen Bauern, und allen seinen anderen unangenehmen Eigenschaften. Ich habe Mitleid mit ihm. Er tut mir so leid. Ich kann seine Verzweiflung, seine Entscheidung, auf die eine Karte des Fiduzialglaubens zu setzen, die er endlich für einen verlässlichen und sicheren Ausweg hielt, irgendwie nachvollziehen. Dieses Gefühl: Und am Ende werde ich doch alles falsch gemacht haben. Ich hätte es besser machen können. Ich habe mir selbst was vorgemacht. Ich war kein guter Christ. Ich habe Gott nicht wirklich geliebt. Wie kann ich nur entkommen? Wie kann ich sicher wissen, erlöst zu sein?

Luthers Ängste verschwanden nicht nachhaltig durch sein Turmerlebnis. Trotzdem blieb „sola fide“ und „sola gratia“ sein Rettungsanker, auf den er setzte, und als es nötig wurde, überwarf er sich deswegen eben mit der Kirche. Luther ist für mich eine tragische Gestalt. Das Schlimme ist, dass seine Ideen vom Ansatz her ja sehr richtig waren; er hat sie zu weit getrieben und verdreht, aber er hat nicht mit falschen Ideen begonnen. Wir können nicht aus uns selbst heraus genügen, Gott liebt uns trotzdem, Gott ist gnädig.

Ich habe einen Vorschlag für den Reformationstag. Ein Rosenkranzgesätz für Martin Luthers Seelenheil. Ich hoffe sehr, dass er jetzt im Himmel ist. Dass er jetzt Frieden gefunden hat.

Gott liebt uns. Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte. Er will uns bei sich haben. Und mit alltäglichen Unsicherheiten muss man leben lernen. Und vielleicht sollte ich mal die Dosis bei meinem Psycho-Medikament steigern, wie der Arzt mir vorgeschlagen hat.

Wer hat’s gesagt?

Zitate-Erraten!

1) „Ihr sagt, daß bei Euch, wenn ein Dieb oder Räuber ergriffen wurde und er geleugnet hat, was ihm zur Last gelegt wird, der Richter seinen Kopf mit Ruten schlage und seine Seiten mit anderen eisernen Stacheln steche, bis er die Wahrheit heraushole; dies läßt weder das göttliche noch das menschliche Gesetz in irgendeiner Weise zu, da ein Geständnis nicht ungewollt, sondern freiwillig sein muß und nicht gewaltsam herauszulocken, sondern willentlich vorzubringen ist; wenn es schließlich geschieht, daß Ihr auch nach Anwendung jener Qualen überhaupt nichts von dem findet, was dem Gefolterten zum Vorwurf gemacht wird, errötet Ihr nicht wenigstens dann und erkennt, wie gottlos Ihr richtet? Ebenso aber, wenn ein beschuldigter Mensch, der solches erlitten und es nicht ertragen kann, sagt, er habe begangen, was er nicht begangen hat: auf wen, frage ich, fällt die Wucht solch großer Gottlosigkeit zurück, wenn nicht auf den, der diesen zwingt, solches lügnerisch zu gestehen? Gleichwohl weiß man, daß nicht gesteht, sondern redet, wer das mit dem Munde vorbringt, was er nicht im Sinne hat!“

A) Friedrich Spee SJ, Cautio Criminalis, 1631

B) Baron de Montesquieu, De l’esprit des loix, 1748

C) Papst Nikolaus I., Brief Ad consulta vestra an die Bulgaren, 866

 

2) „Wie Wir erfahren haben, werden also […] viele, die von Heiden als Gefangene entführt wurden, in Eurer Gegend verkauft und, nachdem sie von Euren Landsleuten gekauft wurden, unter dem Joch der Sklaverei gehalten, obwohl doch feststeht, daß es fromm und heilig ist, wie es sich für Christen schickt, daß Eure Landsleute, wenn sie sie […] gekauft haben, sie um der Liebe Christi willen freilassen und nicht von Menschen, sondern von unserem Herrn Jesus Christus selbst den Lohn empfangen.“

A) John Newton und William Wilberforce, On the Negro Slave Trade in the West Indies, 1786

B) Bartolomé de las Casas, Historia de las Indias, verfasst ab 1524

C) Papst Johannes VIII., Brief Unum est an die Fürsten Sardiniens, 873

 

3) „Unser Herr Jesus Christus hat nämlich, wie man liest, keinen gewaltsam zu seinem Dienst gezwungen, sondern durch demütige Ermahnung – wobei einem jeden die Freiheit der eigenen Entscheidung vorbehalten blieb – alle, die er zum ewigen Leben vorherbestimmte, nicht durch Richten, sondern durch Vergießen seines eigenen Blutes vom Irrtum zurückgerufen.“

A) Abbé Emmanuel Joseph Sieyès, De la liberté religieuse, 1790

B) Friedrich II., De la tolerance necessaire concernant les affaires religieuses et morales, 1771

C) Papst Alexander II., Brief Licet ex an Fürst Landulf von Benevent, 1065

 

4) „(6) Wenn einer bei einem Diebstahl oder Raub getötet wurde und sich ein Verwandter des Getöteten für ihn zum Duell erbietet, so weist dieser durch das Duell jedes Zeugnis zurück; und dieser Tote wird dann nicht ohne Duell überführt werden können.
(7) Wenn zwei vor Gericht zugleich entgegengesetzte Aussagen machen, dann wird, wer auch immer von diesen die größere Gefolgschaft hat, dieser [seine] Aussage zur Geltung bringen.
(8) Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte.“

A) Kaiser Karl V., Constitutio Criminalis Carolina, 1532

B) Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, Allgemeynes Rechts- und Policeybuch für das Land Sachsen, 1522

C) Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel, die in der Bulle Salvator humani generis von Papst Gregor XI. aus dem Jahr 1374 verurteilt werden

 

5) „(3) … Die Sätze ‚Gott ist‘ und ‚Gott ist nicht‘ bezeichnen völlig dasselbe, wenn auch auf andereWeise.

(10) … Von einer materialen Substanz, die etwas anderes als unsere Seele ist, haben wir nicht die Gewißheit der Evidenz.

(32) … Gott und die Schöpfung sind nicht etwas.

(39) … Das All ist in sich und in all seinen Teilen ganz vollkommen, und es kann weder im Ganzen noch in Teilen eine Unvollkommenheit geben, und deswegen müssen sowohl das Ganze als auch die Teile ewig sein und dürfen weder vom Nicht-Sein in das Sein übergehen noch umgekehrt, weil daraus notwendigerweise Unvollkommenheit im All oder in seinen Teilen folgt.

(58) … Gott kann einem vernunftbegabten Geschöpf gebieten, daß es ihn hassen soll, und wenn es gehorcht, macht es sich mehr verdient, als wenn es ihn aufgrund eines Gebotes liebte; denn es täte dies mit größerer Anstrengung und mehr gegen die eigene Neigung.“

A) Plotinus, De Deum et hominem, 256 n. Chr.

B) Averroes / Ibn Ruschd, Langer Kommentar zu Aristoteles, verfasst ab 1153

C) Irrtümer des Nikolaus von Autrecourt, verurteilt in einem Prozess an der päpstlichen Kurie im Jahr 1347

 

Wer jedes Mal C getippt hat, hatte Recht. Das Mittelalter ist schon spannend, nicht wahr?

(Alle Zitate sind dem Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009, entnommen. Diverse andere Antwortmöglichkeiten sind übrigens frei erfunden.)

Ja, falsche Theologie richtet Schaden an: Gedanken zu William Cowper und zu einem neuen Buchprojekt

Wer schon länger auf meinem Blog mitliest, hat vielleicht mitbekommen, dass ich hobbymäßig Kurzgeschichten, aber auch Romane schreibe; mit einer Fantasy-Trilogie, in der es u. a. um Schuld und Erbarmen und deren späte Nachwirkungen geht, bin ich halb fertig und habe im Moment mehr Ideen für Vorgeschichten, als ich gerade bearbeiten kann. Dann arbeite ich noch an einer Art von pseudo-historischem Jugendbuch (bewusst pseudo-historisch, meine ich damit; ich habe u. a. ein langes Vorwort geschrieben, in dem ich dem Leser die Geschichte meines fiktiven europäischen Landes bis zur Gegenwart darlege), in dem ich Elemente verschiedener Märchen, u. a. „Rapunzel“ und „Dornröschen“, vermische. In den letzten Wochen habe ich angefangen, an einem neuen Roman zu arbeiten, mit dem es recht gut voran geht. Dieser Roman spielt in der Gegenwart im ländlichen Oklahoma; oberflächlich gesehen geht es einfach um das Entkommen aus einer Sekte, um das Aufdecken von Morden in dieser Sekte, ein bisschen Romantik in Maßen kommt auch noch dazu; ein gutes Rezept für einen normalen Jugendroman (meine beiden Protagonistinnen, Schwestern, sind 15 und 17 Jahre alt), glaube ich. Aber es geht auch noch um andere Dinge: Um Gott, um Verzweiflung und Angst vor der Hölle, um das Ausnutzen von Hoffnung auf den Himmel, um das Wesen der Erlösung, um den Wert von Gehorsam, und um das Wesen des Guten selbst.

Ich wollte schon lange etwas schreiben, in dem der Calvinismus Thema wäre, genau genommen die grausame calvinistische Erlösungslehre: Gott erwählt die einen und verwirft die anderen, und wir können nichts dazu zu tun, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen, ob durch Glauben oder Werke, Gott berücksichtigt das nicht; wir haben Seine Auswahl, die scheinbar keinen erkennbaren Kriterien folgt, zu akzeptieren. So etwas wie einen freien Willen haben wir auch nicht. Calvin war besorgt um Gottes Souveränität, und um die herauszustreichen, machte er Gott zum Tyrannen. Wir verdienen Gottes Gnade nicht, argumentierte er, also können wir uns auch nicht beschweren, wenn Er sie uns nicht gibt (und wenn Er sie dafür anderen gibt, ist das Seine Sache, das darf Er ja machen; wir verdienen sie trotzdem immer noch nicht). Schön, schön; Calvin, der Jurist, ist innerhalb seines Denkrahmens nicht direkt unlogisch, er beschreibt hier rechtliche Rahmenbedingungen, die es einem absoluten Herrscher freistellen, seine Gnaden auszuteilen oder auch nicht. Bloß ist sein Denkrahmen leider der falsche; er fragt nicht, bevor er darüber nachdenkt, wie Gott sich verhält, wer Gott eigentlich ist. Was er nicht beschreibt, ist die Liebe eines Vaters zu allen Seinen Kindern. Ich denke, es ist nicht allzu schwer, zu erkennen, wieso diese spezielle Ketzerei eben keine metaphysische Akademikerspekulation ist, damals erst recht nicht, aber heute auch nicht: Damit hat Calvin schon Leute, die ihm seine entsetzliche Lehre nicht abnahmen, in den Atheismus, aber auch Leute, die sie ihm abnahmen, in den Wahnsinn getrieben. (Ich halte den Atheismus ja für weniger schlimm als den Calvinismus. Ich halte so gut wie alles für weniger schlimm als den Calvinismus.)

Das bekannteste Beispiel dafür ist William Cowper, ein bekannter englischer Dichter der Frühromantik des 18. Jahrhunderts. Cowper litt schon früh an episodisch wiederkehrenden Depressionen und versuchte ein paar Mal, Selbstmord zu begehen, woraufhin er einige Zeit in einer Anstalt verbrachte; dann fand er Trost im Glauben und schloss sich der neu entstandenen evangelikalen Erweckungs-Bewegung und auch der (eng mit dieser verbundenen) Abolitionismus-Bewegung gegen die Sklaverei im Britischen Empire an. Er schrieb wunderschöne Gedichte (er hatte dabei auch Humor) und wunderschöne religiöse Hymnen. Aber seine psychischen Probleme waren nicht gelöst, und 1773 hatte er dann einen Traum, nach dem er glaubte, er gehörte zu denen, die Gott verdammt hätte. „Es ist aus mit dir, du bist verloren“, hatte er gehört, oder so etwas in der Art. Er hörte danach nicht auf, fest an Gott zu glauben, auch nicht, weiter die Ideen des calvinistischen Evangelikalismus zu verbreiten. Aber er betrat nie mehr eine Kirche und sprach nie mehr ein Gebet. Er akzeptierte, dass Gott ein guter, gnädiger Gott für andere war, dass er selbst aber verloren war, und er verzweifelte daran. Ein paar Mal schien er wieder ein klein wenig Hoffnung zu schöpfte, aber die meiste Zeit verbrachte er in Dunkelheit und Depression. Sein Traum muss ein extrem prägendes Erlebnis gewesen sein. Er schrieb Gedichte und übersetzte Homer, er erlitt mehrere weitere Zusammenbrüche und unternahm mehrere weitere erfolglose Selbstmordversuche. Im Jahr 1800 starb er in völliger Verzweiflung und erwartete dabei wohl dieselbe Hölle, die sein Leben oft gewesen war. Ich denke mal, wir können optimistisch sein, dass er etwas Besseres gefunden hat.

Schon während seines Lebens fühlte Cowper sich so verloren, dass er Gedichte wie das folgende schrieb, in dem er die gegenwärtige Hölle als beinahe schlimmer erscheinen lässt als die, die er erwartet:

 

Hatred and vengeance, my eternal portion,

Scarce can endure delay of execution,

Wait, with impatient readiness, to seize my

                           Soul in a moment.

 

Damned below Judas: more abhorred than he was,

Who for a few pence sold his holy master.

Twice betrayed, Jesus me, the last delinquent,

                           Deems the profanest.

 

Man disavows, and Deity disowns me:

Hell might afford my miseries a shelter;

Therefore hell keeps her ever-hungry mouths all

                           Bolted against me.

 

Hard lot! encompassed with a thousand dangers;

Weary, faint, trembling with a thousand terrors,

I’m called, if vanquished, to receive a sentence

                           Worse than Abiram’s.

 

Him the vindictive rod of angry justice

Sent quick and howling to the centre headlong;

I, fed with judgment, in a fleshly tomb, am

                           Buried above ground.

 

„Kaum kann [ich] den Aufschub der Hinrichtung erwarten […] erschöpft, ohnmächtig, zitternd vor tausend Schrecken […] über der Erde begraben.“ Das schreckliche Urteil soll endlich kommen.

Cowpers letztes Gedicht war „The Castaway“ – der Verworfene, der Weggeworfene -, welches mit folgender Strophe endet:

 

No voice divine the storm allay’d,

         No light propitious shone;

When, snatch’d from all effectual aid,

         We perish’d, each alone:

But I beneath a rougher sea,

And whelm’d in deeper gulfs than he.

 

In meinem Roman kommt eine Cowper in seiner Verzweiflung ähnliche Figur vor, die ältere der beiden Schwestern, bloß wird ihr ihre Verdammnis von der Sekte, zu der ihre Familie gehört, eingeredet, da der Sektenführer erkennen will, wer verworfen und wer erwählt ist. Sie lebt (anders als ihre Schwester, der, obwohl sie als erwählt gilt, Zweifel an der Sekte kommen) in derselben sturen, hoffnungslosen Treue wie Cowper zu einem Gott, der ihr nichts bringt und den sie nur fürchten kann. Für sie wird die ganze Sache dann ziemlich kompliziert, als die Sektenführer im Lauf des Buches anfangen, davon zu reden, dass ein besonderer Einsatz für die Sekte (z. B. durch einen Meineid vor Gericht zu ihren Gunsten) vielleicht doch auch wieder ein Zeichen der Erwählung sein könnte… (Womit wir theologisch bei einer verdrehten Werkgerechtigkeit par excellence wären.) Es gibt schließlich ein gutes Ende für sie.

Ich meine, ja, es gibt schon gewisse Unterschiede zwischen dem allgemein hoffnungsvollen Glauben, den im 18. Jahrhundert z. B. ein bekehrter Sklavenhändler wie John Newton (Cowpers Pastor, der sich immer bemühte, ihm zu helfen, und der übrigens auch der Autor von „Amazing Grace“ ist) bei Erweckungsgottesdiensten in englischen Kleinstädten verkündete, und dem Glauben meiner Sekte, den ich mir aus den schlimmsten Randerscheinungen des US-amerikanisch-protestantischen Spektrums zusammengeklaubt habe. (Da findet sich Entsetzliches, nicht nur in Bezug auf die Rechtfertigungslehre. Man google bloß mal „Christian Patriarchy“. Darüber muss ich auch mal was schreiben.) Aber beiden gemein ist die calvinistische Lehre: Wenn Gott mich verdammt hat, lässt sich nichts mehr daran ändern. Egal, was ich tue, es ist gleichgültig. Und dieser Glaube schadet. Ja, Cowper hatte schon vorher psychische Probleme; aber durch eine solche Lehre konnten sie doch nur schlimmer werden. Die völlige Verzweiflung, in die er verfiel, wäre bei einem Glauben an einen gnädigen und gerechten Gott, der allen seinen Geschöpfen seine Gnade anbietet, wie wir Katholiken glauben, schon rein logisch gar nicht möglich gewesen. Cowper glaubte an einen willkürlichen Gott, dessen Entscheidungen niemand verstehen und niemand in Frage stellen kann; also konnte er logischerweise auch an seine eigene unabänderliche Verdammnis glauben. (Ja, die Calvinisten bezeichnen ihren Gott auch als gerecht und gnädig. Ich weiß. Aber: Worte haben eine gewisse Bedeutung und ich weigere mich, sie willkürlich mit einer anderen, undefinierten zu füllen.)

Ideas have consequences. Cowper tut mir so leid, und ich bewundere sein Leben, wenn ich ehrlich sein soll. Aber er hätte vielleicht nicht so schlimm leiden müssen, wie er litt, wenn Calvin nicht gewesen wäre.

Nach den ganzen entsetzlichen Gedichten möchte ich mit einem hoffnungsvollen Zitat enden: Kanon 17 aus dem „Dekret über die Rechtfertigung“ des Konzils von Trient, also eine unfehlbare kirchliche Verurteilung einer Lehre:

„Wer sagt, die Gnade der Rechtfertigung werde nur den zum Leben Vorherbestimmten zuteil, alle übrigen aber, die gerufen werden, würden zwar gerufen, aber nicht die Gnade empfangen, da sie ja durch die göttliche Macht zum Bösen vorherbestimmt seien: der sei mit dem Anathema belegt.“

Wieso glauben die Leute immer, Ketzerei würde ohne Grund verurteilt werden?

Ein bisschen Scheiterhaufen muss sein

Was soll ich sagen: Ich brauchte in den letzten Tagen etwas zum Entspannen.

Na ja, und da das schon manchmal funktioniert hat, dachte ich mir, ein trashiger historischer Liebesroman könnte da vielleicht weiterhelfen – und es könnte außerdem beim Lesen Spaß machen, zu schauen, wie oft ich in Gedanken „historisch inkorrekt!“ rufen kann (zusammen mit dem Korrigieren von Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern eine meiner liebsten Beschäftigungen). Ein Blogartikel als Rezension des Buchs könnte auch noch dabei herauskommen. Also, gedacht, getan.

So bin ich jedenfalls an Iny Lorentz‘ 700-seitigen historischen Roman „Flammen des Himmels“ geraten.

„Historischen“ Roman? wird sich der aufmerksame Leser, dem der Name der Autorin etwas sagt, jetzt sicherlich fragen. Aber ich greife mir vor – kommen wir erst einmal zur Handlung. Der Klappentext bietet die folgenden Informationen:

„Eine packende Frauenfigur, ein ungewöhnliches Setting und eine dramatische Geschichte aus dem 16. Jahrhundert

Fraukes Familie gehört zur verbotenen Sekte der Wiedertäufer. Als ein berüchtigter Inquisitor in ihrer Stadt erscheint, verhilft ihr Lothar, obwohl er der Sohn eines engen Vertrauten des Fürstbischofs ist, zur Flucht. Als die Wiedertäufer die Macht in Münster ergreifen, treffen sie sich wieder, Frauke auf der Seite der Ketzer und Lothar als Spion der Kirche, deren Ziel es ist, die Wiedertäufer zu vernichten. Wird ihre Liebe in dem mörderischen Ringen zwischen den Religionen eine Chance bekommen?“

Erst einmal muss ich hierzu sagen: Ein bisschen zu viele Adjektive in zu wenigen Sätzen.

 

20170714_105702[1]

Das Cover bietet ja schon mal gewisse Anhaltspunkte für die Art von Roman, die man zu erwarten hat. Die schöne geheimnisvolle junge Frau, die mit abgewandtem Gesicht in die Ferne blickt, gequält ein Kreuz an ihre Brust drückend, während sich im Hintergrund über der alten gotischen Kirche dunkle Wolken zusammenbrauen, sich aber dazwischen auch ein heller Lichtschein zeigt… (Und ja, das waren jetzt absichtlich zu viele Adjektive in zu wenigen Sätzen.)

 

Meine Erwartungen nach dem Lesen dieser Inhaltsangabe waren in etwa:

  • Ein gruselig aussehender, fanatischer, skrupelloser, vor keiner Foltermethode zurückschreckender Inquisitor also mal wieder. Natürlich.

 

 

Nobody expects the Spanish Inquisition. Müssen sie im Buch auch nicht, da sie nicht in Spanien leben.

 

  • Wir werden wohl eine Menge sex & crime kriegen. Also, „crime“ wahrscheinlich im Sinne von Krieg, Folter und Hinrichtungen, hauptsächlich. Viel blutiges Zeug halt.
  • Frauke und Lothar werden am Ende zu der Erkenntnis kommen, dass ihre Religionen irgendwie beide blöd sind. Was denn sonst?
  • Selbstverständlich bekommt ihre Liebe eine Chance! Oder denkt hier jemand, dass Frau Lorentz ihre Leserinnen mit einer Tragödie verschrecken will, in der das Liebespaar am Ende getrennt wird, gemeinsamen Selbstmord begeht, im Krieg umgebracht wird oder an der Pest stirbt? Oder, noch bessere Möglichkeit: Lothar sagt sich von seiner sündigen Liebe zu einer Ketzerin los, liefert sie als guter Katholik dem fanatischen Inquisitor aus und jubelt vor ihrem Scheiterhaufen, während sie als treue und standhafte Märtyrerin für ihren Glauben an die Lehren der Wiedertäufer-Propheten stirbt. Schließlich ist das hier eine hoffnungslose Liebe zwischen zwei Eigentlich-Feinden, die keine Chance haben kann.

 

Inzwischen habe ich das Buch zu Ende gelesen, und, nun ja, meine Erwartungen bezüglich des Inquisitors wurden eher noch übertroffen. Gleich auf der ersten Seite, als Frauke Hinrichs den Einzug des Inquisitors Jacobus von Gerwardsborn (übrigens ebenso wie die Hauptpersonen keine historische Figur – ein paar tatsächliche historische Personen wie der Fürstbischof von Münster kommen später noch am Rande vor) in ihre Heimatstadt Stillenbeck beobachtet, findet sich folgende Schilderung:

„Seine Kleidung einschließlilch der Stiefel war so dunkel wie eine Neumondnacht unter einem bedeckten Himmel, und sein schwarzes Maultier wies nicht einen hellen Fleck auf. Im ersten Augenblick wirkte der Mann auf Frauke wie einer der apokalyptischen Reiter, und sie hätte sich nicht gewundert, wenn auch sein Gesicht von der Farbe der Nacht gewesen wäre. Stattdessen war es so bleich, als meide der Mann die Strahlen der Sonne. Frauke erstarrte bis ins Mark, obwohl sie nicht wusste, wer dieser Fremde sein mochte, der die Menschen am Straßenrand musterte, als wolle er sie mit seinen Blicken durchbohren.“ Bessere Metaphern und Vergleiche waren wohl nicht im Angebot.

Zu Gerwardsborns Begleitung gehört auch Magnus Gardner, ein Berater des neu ernannten Fürstbischofs Franz von Waldeck, der den vom Papst entsandten Inquisitor im Auftrag des Bischofs zu etwas Mäßigung bei seiner Ketzerverfolgung bewegen soll – schließlich können auf dem Scheiterhaufen verbrannte Untertanen des Fürstbistums keine Steuern mehr zahlen, und so ein Fanatiker ist der Franz nun nicht, dass ihm die Ausrottung der Häretiker wichtiger wäre als die Möglichkeit, die Schulden, die er machen musste, um seinen Titel zu kaufen, endlich zu begleichen. Auch mit von der Partie ist Gardners Sohn Lothar, dessen Hauptaufgabe im Moment darin besteht, den Inquisitor bei Laune zu halten, indem er gegen ihn im Schachspiel verliert.

Tja, in Stillenbeck nun gibt es ein paar vereinzelte, in den letzten Jahren neu zugezogene Wiedertäufer, die ihren Glauben geheim halten, und eine bedeutende Zahl an Bürgern, darunter auch ein großer Teil des Stadtrats, die sich Luther zugewandt haben und vor Gerwardsborns Ankunft einen lutherischen Prediger an die Pfarrkirche berufen wollten. Nun mimen natürlich auch die wieder die braven Katholiken, aber Gerwardsborn will Ketzer brennen sehen, also beschließen die Lutheraner, seine Aufmerksamkeit von sich ab- und auf den gemeinsamen Feind, die radikale, kleine Sekte der Wiedertäufer, hinzulenken und denunzieren ohne genaueres Wissen Neuzugezogene wie Fraukes Familie (die schon dreimal aus verschiedenen Städten fliehen musste). Dass des Bürgermeisters Töchterlein die Familie schon vorher beim Inquisitor angeschwärzt hatte, weil es eifersüchtig auf die Schönheit von Fraukes älterer Schwester Silke war (ich weiß – einfallsreich, nicht wahr?), trägt auch noch seinen Teil dazu bei, dass sein Fokus sich nun ganz auf die Hinrichs richtet. Fraukes Vater zögert zu lange mit der Flucht aus der Stadt und will sie, als er sich doch noch dazu entschließt, unauffällig aussehen lassen, weshalb die Familie sich trennt; Hinner Hinrichs und der jüngere Sohn Helm gehen zuerst, angeblich, um Leder für ihr Handwerk zu kaufen, und die Mutter, die beiden Töchter und der ältere Sohn Haug bleiben zunächst noch zurück – woraufhin sie, wie es zu erwarten war, von den Schergen des Inquisitors gefangen genommen werden.

Die vier werden eingesperrt, ihnen werden Beweise untergeschoben und sie werden gefoltert, die Mutter wird von Gerwardsborns Folterknecht vergewaltigt, und Haug wird nicht lange danach als erster auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Frauen sollen am nächsten Tag an der Reihe sein, aber in dieser Nacht befreien Lothar, den Gerwardsborns Grausamkeit abstößt und der sich anscheinend in Frauke verliebt hat, nachdem er sie ein paar Mal auf der Straße gesehen und sich ein Mal mit ihr unterhalten hat, und ein Stadtknecht namens Draas, der in Silke verliebt ist, die drei, und Draas bringt sie heimlich zum Stadttor hinaus und zu anderen Wiedertäufern nach Geseke.

Von da an trennen sich die Wege der Figuren zeitweise: Draas kann nicht nach Stillenbeck zurückkehren und wird Söldner; Hinner Hinrichs und Helm hören, dass ihre ganze Familie tot sein soll und ziehen allein nach Münster, wo sich immer mehr Wiedertäufer sammeln und einheimische Wiedertäufer schon an Macht gewonnen haben, und wo, wie ihr Prophet Jan Matthys angekündigt hat, Christus zu Ostern vom Himmel herabsteigen soll, und dort heiratet Hinner eine streitsüchtige holländische Witwe namens Katrijn; Frauke, Silke und ihre Mutter gehen schließlich auch nach Münster, wo sie dem Rest ihrer Familie wieder begegnen; Lothar kehrt zuerst an die Universität zurück, wo er Jura studiert, wird dann aber von seinem Vater als Spion ebenfalls nach Münster geschickt, um diesem heimlich Nachrichten über die Situation in der Stadt zukommen zu lassen. Der neue Fürstbischof hatte bisher wegen schwieriger Verhandlungen mit dem Stadtrat über ein paar politische Angelegenheiten noch nicht in seine Hauptstadt einziehen können und nun, wo die Wiedertäufer an die Macht kommen, spitzt sich die Lage zu: Deren Lehre wird gewaltsam durchgesetzt, Heiligenfiguren in den Kirchen werden zerschlagen und Kirchengerät geplündert, Katholiken und Lutheraner werden vertrieben und ihr Besitz wird Täufern zugeteilt, es sei denn, sie nehmen den Täuferglauben an. Der Fürstbischof zieht allmählich einen Belagerungsring um die Stadt (wozu er ständig neues Geld aufbringen muss, das er eigentlich nicht hat), hofft aber noch, dass vielleicht die Gegner der Täufer in der Stadt noch etwas ausrichten und die neuen Herren wieder entmachten könnten, sodass er sich eine langwierige und blutige Erstürmung der Stadt sparen könnte. Auch Draas ist unter den Söldnern des Bischofs.

Zurück zu den Hinrichs. Als sie einander wiederfinden und Hinner Hinrichs ungewollte Bigamie herauskommt, er und seine zweite Frau sich aber nicht so wirklich trennen wollen, entscheiden die Herrscher von Münster, dass sie erst noch in der Bibel schauen müssen, ob die Polygamie für Christen vielleicht doch okay sein kann, also sollen sie solange alle zusammenleben, aber Hinner soll bitte nur mit einer der beiden Frauen schlafen. Der *ich-verkneife-mir-aus-christlicher-Nächstenliebe-was-ich-ihn-hier-gerne-nennen-würde* entscheidet sich für Katrijn. An dieser Stelle erfährt man auch, dass seine erste Frau Inken schwanger ist, und dass sie vermutet – ohne allerdings ihrem Mann etwas davon zu sagen -, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger sein könnte. Sie versinkt jetzt immer mehr in einer schweren Depression und verlässt kaum noch ihre Kammer.

Unterdessen trifft Frauke Lothar wieder – der sich als Frau verkleidet, als arme täuferische Witwe ausgegeben und den Namen Lotte zugelegt hat, und immer wieder Botschaften in Flaschen in die Aa wirft, die die Leute seines Vaters dann außerhalb der Stadt herausfischen. Frauke freundet sich mit „Lotte“ an und entdeckt schließlich deren wahre Identität. Jetzt beginnt die wahre Liebesgeschichte (allerdings entgegen meiner Vermutung mit tatsächlich relativ wenig Sexszenen), und da Frauke eh schon längst ihre Zweifel an den Auserwähltheitsfantasien und Weltuntergangsprophezeiungen der Wiedertäufer hat, sind auch keine feindseligen Gefühle mehr zu überwinden. Auch Lothar mag die katholische Kirche mit ihren Scheiterhaufen nicht mehr so richtig, aber jetzt muss er natürlich eher noch dem Fürstbischof gegen die fanatischen Wiedertäufer helfen. Beide möchten gerne eine einigermaßen friedliche Lösung erreichen, und versuchen deshalb zwischendurch, herauszufinden, ob es noch Bürger gibt, die bereit wären, sich gegen die Täufer zu wenden oder den Truppen des Bischofs ein Stadttor zu öffnen.

Ein paar Monate ziehen ins Land, es gibt ein paar Wendungen im Plot und Nebenstränge der Handlung werden weitergesponnen. Fraukes Mutter stirbt bei der Geburt ihres Kindes, und das Kind ebenfalls. Die Täuferführer setzen ihre Macht immer radikaler durch – auch, als Christus zu Ostern 1534 nicht wie versprochen erscheint. Angesichts von dessen Ausbleiben unternimmt Jan Matthys einen verzweifelten Ausfall gegen die Bischöflichen und wird getötet, woraufhin Jan Bockelson van Leiden, ein weiterer Täuferprophet, erklärt, dass Gott ihm mitgeteilt habe, dass Matthys für seinen Hochmut und Stolz auf sein Prophetenamt bestraft würde und sie jetzt einfach so gut christlich leben müssten, dass sie Christus dazu zu bringen würden, irgendwann mal zu erscheinen. Jan van Leiden erklärt sich schließlich zum „König von Neu-Jerusalem“ (also Münster), und erlaubt außerdem, da sich inzwischen viel mehr Frauen als Männer in der Stadt befinden, die Polygamie nicht nur, sondern erklärt sie sogar für verpflichtend. Er nimmt sich selbst etliche Frauen, darunter Silke Hinrichs.

Unterdessen ist außerhalb der Stadt auch der Erzschurke der Geschichte wieder aufgetaucht: Gerwardsborn, der eigentlich nach Rom reisen wollte in der Hoffnung, zum Kardinal befördert zu werden, ist doch im Münsterland geblieben und agitiert – gegen den Willen des Fürstbischofs, der aber nicht viel tun kann, um ihn zu hindern – in den Söldnerlagern rund um die Stadt bei den Söldnern und ihren Anführern, damit sie bei einer Eroberung der Stadt alle Einwohner umbringen, da die mit dem Gift der Häresie angesteckt sein müssten, das man ganz und gar ausrotten müsse. So à la „Tötet sie alle, der Herr kennt die Seinen“ eben.

Long story short: Unsere Protagonisten helfen schließlich einem Münsteraner Bürger, der auf ihrer Seite steht, aus der Stadt zu fliehen, sodass der den bischöflichen Truppen einen Weg hinein zeigen kann.

Während der Eroberung sollen sie von ein paar Söldnern, die Lothars Vater geschickt hat, darunter Draas, in Sicherheit gebracht werden, was zuerst zu klappen scheint, als jedoch – man ahnt es – der schwarze Inquisitor, der auch mit den Soldaten in die Stadt gekommen ist, noch einmal seinen letzten großen Auftritt hat. Er erkennt Frauke neben Lothar und schließt daraus, dass der ihr damals in Stillenbeck zur Flucht verholfen haben muss. Während er noch Drohungen bzgl. Scheiterhaufen usw. ausstößt, bekommt jedoch Fraukes bisher recht feiger und enttäuschender Vater seine letzte Möglichkeit, sich als Held zu erweisen: Er taucht (unerkannt von den Protagonisten) am Dachfenster eines Hauses auf, erkennt Gerwardsborn unten auf der Straße und tötet ihn und einige von seinen Handlangern mit einer Handbüchse, wird dann allerdings selbst getötet. Die anderen gelangen sicher aus der Stadt hinaus.

Die Eroberung ist insgesamt etwas brutal verlaufen, aber immerhin nicht ganz so schlimm, wie der tote schwarze Inquisitor es gerne gehabt hätte, die Täuferführer werden allerdings hinterher hingerichtet, die restlichen Täufer, die sich nicht bekehren wollen, des Landes verwiesen. Silke kommt mit Draas zusammen, dem Lothars Vater eine Stelle verschafft, was er auch für den kleinen Bruder Helm tut. (Beide Geschwister haben in den letzten paar hundert Seiten etwas tragendere Rollen bekommen als zuvor und auch von Lothars Identität erfahren.) Lothar erklärt seinem Vater unumwunden, dass er Frauke heiraten will, auch wenn sie bloß eine Handwerkerstochter ist, und – das war jetzt auch für mich eine Überraschung – dass er nach Wittenberg gehen, sich den Lutheranern anschließen und Pastor werden will. Denn, wie die Autorin uns mehrmals im Lauf des Buches informiert hat, das Christentum an sich ist ja schon gut, Nächstenliebe und so, bloß – diese Katholiken! diese Wiedertäufer! diese Gewalt! Aber zum Glück bietet der Luther anscheinend einen dritten Weg, und so wird alles gut. Magnus Gardner akzeptiert Lothars Entscheidung und alle sind glücklich. The End.

Tja, was soll ich jetzt dazu sagen? Fangen wir mal mit dem Positiven an. Man sollte lernen, das Positive zu sehen.

Das Thema an sich ist extrem interessant. Die Episode mit den Wiedertäufern ist eine spannende, und tragische, Episode in der Geschichte der Reformation. (Allgemein eine spannende und sehr, sehr tragische Zeit.) Das hat mich auch dazu gebracht, gerade diesen Roman unter den mir zur Verfügung stehenden trashigen Historienromanen auszuwählen: Falsche Propheten, enttäuschte Hoffnungen auf das Weltenende, Fanatismus, erzwungene polygame Ehen, Religionskriege… spannend.

Das Buch hat sich tatsächlich als gutes Mittel zur Entspannung herausgestellt. Es liest sich schnell und flüssig, man muss nicht mitdenken, es macht irgendwie Spaß.

Es gibt Stellen, an denen man sich denkt: Hey! Hier hätte ich mehr historisch nicht Korrektes erwartet! Das hat sie ja besser gemacht, als ich erwartet hätte! Zum Beispiel, als erwähnt wird, dass es für das Verhör von Ketzern im Allgemeinen und die Folter im Besonderen tatsächlich Regeln gab, um die Angeklagten zu schützen – natürlich hält sich der schwarze Inquisitor nicht daran, aber er muss ja auch der skrupellose Erzschurke bleiben.

Okay, das waren die positiven Punkte, die mir eingefallen sind. Jetzt zu den negativen:

Der Titel. Was bitteschön soll er bedeuten? „Flammen des Himmels“? Flammen im Himmel? Verwechselt man da nicht Himmel und Hölle? Flammen, die vom Himmel her kommen? Na ja, das Weltgericht bleibt schließlich am Ende aus. Flammen um des Himmels willen? Das kann man aus der Formulierung, wie sie da steht, eigentlich nicht herauslesen, auch wenn es noch die sinnvollste Interpretation wäre. Man könnte ja fast meinen, Iny Lorentz hätte sich bloß zwei möglichst dramatisch und irgendwie nach Gewalt und Religion klingende Wörter ausgesucht und sie dann in beliebiger Reihenfolge mit einem beliebigen Artikel verbunden; aber das kann ja nicht sein, oder?

Die Figuren erfüllen wirklich alle Klischees, die zu erwarten waren. Die junge, kluge, rebellische Frau, die die Konventionen ihrer Zeit hinterfragt – das Paar, dessen heimliche verbotene Liebe sich am Ende durchsetzt – der gruselige, fanatische schwarzgekleidete Inquisitor – der sadistische, seine weiblichen Gefangenen vergewaltigende Folterknecht – der herumschnüffelnde, knabenschändende Mönch (ein Helfer des Inquisitors) – der reiche Stadtdechant, der sich eine Mätresse hält und zwei Hilfspriester seine Aufgaben erfüllen lässt, die arm sind wie die sprichwörtlichen Kirchenmäuse (eine unwichtige Nebenfigur) – die religiösen Fanatiker, die ständig davon reden, wer alles in der Hölle schmoren wird (Jan van Leiden etc.)…

Die Sprache. Ach du meine Güte, die Sprache. Awkward. Iny Lorentz versucht die meiste Zeit über, ihre Figuren irgendwie altertümlich sprechen zu lassen, allerdings hört sich das dann weniger nach Lutherbibel oder Mittelhochdeutsch an, sondern eher nach, na ja, bemüht hochgestochenem Deutsch mit ein paar älteren Wörtern dazwischen, und zwischendurch vielleicht auch mal ein paar Schimpfwörtern und Flüchen, wenn gerade Huren, Söldner oder Marketenderinnen sprechen. Und wenn in wörtlicher Rede ständig Ausdrücke wie „diese“, „daher“, „weshalb“, „dennoch“, „teilhaftig werden“ oder „auch kann ich vermelden“ vorkommen, dann wirkt das irgendwie… gekünstelt. Ebenso gekünstelt, wie es generell wirkt, wenn ihre Figuren über das Thema Religion sprechen. Sie hat es einfach nicht drauf, sorry. Das hört sich in etwa so authentisch an, wie es sich bei mir anhören würde, wenn ich versuchen würde, einen Dialog zu schreiben, der sich bei einem Antifa-Treffen abspielt. Sie hat sich vielleicht ein bisschen was von dem Vokabular angelesen, aber das reicht eben nicht.

Manchmal liegt das wohl auch an dem tieferen Problem, dass sie einfach nicht versteht, wie Menschen des 16. Jahrhunderts überhaupt dachten – nicht zuletzt in Bezug auf das zentrale Thema Ketzerei. Frau Lorentz legt ihren Hauptfiguren Meinungen wie diese in den Mund bzw. ins Gehirn:

„Frauke konnte nicht begreifen, weshalb Menschen anderen Menschen so etwas antun konnten. Gott im Himmel war doch um so viel größer, als der kleinliche Geist vieler Leute ihn erscheinen lassen wollte. Dabei dachte sie nicht nur an die Katholiken, deren Priester ihre Gebete nur auf Latein sprechen durften, und die Lutheraner, die unbedingt auf Deutsch beten wollten, sondern auch an ihren Vater und die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft.“ (S. 64)

„Warum mussten Menschen alles zerstören, was nicht in ihr enges Weltbild passte?, fragte Lothar sich kopfschüttelnd.“ (S. 366)

„‚Solange du Gott im Herzen trägst, wird er darüber hinwegsehen, auf welche Weise du zu ihm betest.'“ (S. 732)

„Ein wenig schmerzte es ihn [Magnus Gardner], dass Lothar die große Karriere ausschlug, die sich ihm geboten hätte. Zum anderen aber bewunderte er seinen Sohn und fand, dass dieser auch als lutherischer Prediger seinen Weg gehen würde.“ (S. 734) –

So reagiert kein katholischer Vater des 16. Jahrhunderts auf die angekündigte Konversion seines Sohnes!

Natürlich müsste man hier im Blick behalten, dass es für das Jahr 1534 noch etwas schwierig ist, hier überhaupt von einer „Konversion“ im eigentlichen Sinne zu sprechen.

Ja, einige Sätze von Luther waren 13 Jahre vorher schon als häretisch verurteilt worden. Ja, vier Jahre vorher hatten die Lutheraner schon ihr eigenes Augsburger Bekenntnis formuliert. Ja, sie wurden immer mehr zu einer klar abgegrenzten und klar von der Kirchenobrigkeit abgelehnten Gruppe. Aber trotzdem sahen sich die Katholiken und die Lutheraner noch nicht als getrennte „Kirchen“. Es gab keine „Kirchen“ im Plural, sondern die eine Kirche, und ein Teil ihrer Mitglieder rebellierte gegen ihre althergebrachte Ordnung, da sie ihre neuen Ideen für das richtige Christentum hielten, das jetzt in der ganzen Kirche durchgesetzt werden müsste, um sie zu „reformieren“, sie also zu einem angeblichen Idealzustand der Frühzeit zurückzubringen, und der andere Teil war entsetzt über diese neuen Ideen und wandte sich heftig dagegen. Es gab in den 1530ern noch immer die Hoffnung auf eine Beilegung dieser theologischen Streitigkeiten, auf eine endgültige, alle zufriedenstellende Klärung der Fragen durch Religionsgespräche (die auch stattfanden) oder durch ein Konzil (das erst später stattfand, als sich die Trennung schon stärker verfestigt hatte).

Das Ganze war ein Konflikt innerhalb einer Kirche – ein heftiger Konflikt um für die Menschen enorm wichtige Fragen, von denen übrigens kaum welche in „Flammen des Himmels“ auch nur Erwähnung finden. Interessanterweise sind die einzigen Dinge, die als Unterschiede zwischen Lutheranern und Katholiken genannt werden, der Klerikerzölibat, die Sprache der Liturgie und die Heiligenverehrung – die ersten beiden keine doktrinären Punkte, und Punkte, bei denen Rom anfangs sogar zu Zugeständnissen gegenüber den selbsternannten deutschen Kirchenerneuerern bereit gewesen wäre. Kein einziges Mal wird von Frau Lorentz die damals so heftig debattierte Frage erwähnt, ob der Mensch durch den Glauben und die göttliche Gnade allein, ohne jede Bedeutung der menschlichen guten Werke, erlöst würde (=in den Himmel käme), wie es Luther proklamierte, oder durch ein Zusammenwirken des Glaubens und der Werke, wie die Katholiken sagten. Das war der Trennungsgrund der Konfessionen! Das war das, was die Menschen eigentlich spaltete! Klar, über die anderen Themen redeten sie auch, aber die grundsätzliche Frage nach dem Seelenheil war doch noch mal bedeutsamer für sie als die Frage nach dem Latein in der Messe; vor allem für Luther, der sein Leben lang geplagt war von Zweifeln über sein ewiges Heil. Und trotzdem spielt die Rechtfertigungslehre im Roman nicht einmal bei Lothars Hinwendung zum lutherischen Bekenntnis eine Rolle. Er findet die Katholiken zu grausam und die Wiedertäufer zu eingebildet und zu grausam, und er ist gegen den Zölibat, weil er Priester kennt, die ihn nicht halten, und gegen das Latein in der Messe, weil die Leute ja was verstehen sollen, aber er findet das Christentum an sich ganz gut, also will er zu den Lutherischen gehen und bei denen Pastor werden. That’s it.

Dass es Leute gab, die sozusagen über den Konfessionen standen und alle diese Unterschiede für gar nicht so wichtig hielten, wie Frauke und Lothar – das geschah nach dieser Zeit der zu nichts führenden Streitgespräche und der ebenfalls zu nichts führenden Religionskriege, als man irgendwann sah, dass keine Seite so schnell aufgeben würde, und man trotzdem zusammenleben musste, und man den ganzen Streit vielleicht irgendwie auch langsam leid war. Vielleicht war ja das, was den Vorfahren so wichtig gewesen war, doch gar nicht so entscheidend; es kam wohl eher drauf an, dass man überhaupt ein gläubiger Christ war, der zu Gott betete und die Zehn Gebote hielt. Solche Ansichten, die ein paar Jugendlichen aus den 1530ern in den Mund gelegt werden, wurden eher von ein paar Bildungsbürgern des späten 17. und des 18. Jahrhunderts vertreten.

Und kommen wir jetzt mal zum Thema staatliche Verfolgung von Ketzerei. [Hier muss man auch noch eins im Blick behalten: Ketzer wurden von der weltlichen Macht hingerichtet. In katholischen Gebieten prüfte die Kirche, ob jemand ein Ketzer war, aber zur Hinrichtung wurde er „dem weltlichen Arm übergeben“. Es war die staatliche Autorität, die bestimmte, was die Strafe für Ketzerei war. Das Hauptziel der Inquisition war es zudem nie, Ketzer zu verurteilen, sondern, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen; wer im Lauf des Prozesses widerrief, wurde nicht verurteilt (oder höchstens zu einer Wallfahrt o. Ä. zur Wiedergutmachung).] Die Menschen damals waren sich nicht unbedingt uneins, ob Ketzerei verfolgt werden sollte, sondern einfach darin, was Ketzerei war. Die Ketzer waren nicht gegen Ketzerverfolgung generell; sie hielten nur sich persönlich nicht für Ketzer. Natürlich waren die Lutheraner für die Verfolgung der Wiedertäufer; die waren ja Ketzer; sie waren es nicht, also durften sie nicht verfolgt werden, die aber schon. Sie waren die wahren Christen; die Wiedertäufer dagegen verkündeten eine falsche Lehre, also waren sie eine Bedrohung für die Gesellschaft; dagegen hatte der Staat vorzugehen. Die heute als ach so tolerant verschrieene Elizabeth I. von England ließ katholische Priester hängen, ausweiden und vierteilen, der Reformator Calvin ließ jemanden hinrichten, der die Dreifaltigkeit Gottes leugnete. So gut wie jeder Machthaber, ob katholisch oder protestantisch, ging auf irgendeine Art und Weise gegen das vor, was er als Ketzerei sah, wenn auch nicht zwangsläufig mit der Verbrennung aller Ketzer. (Die Ausweisung aus dem Land oder die Duldung unter bedeutenden Einschränkungen für die öffentliche Religionsausübung waren sehr viel häufiger.) Keiner verlangte von der anderen Seite allgemeine Meinungs- und Religionsfreiheit – was man von ihr verlangte, war, die Wahrheit einzusehen, an die man selbst glaubte. Man sah etwas als Wahrheit, und man ging daran, das auch mit staatlichen Mitteln durchzusetzen, wenn es möglich war. Ja, es gab schon gewisse Streitigkeiten darum, inwieweit Zwang und staatliche Verfolgung im Namen der Religion legitim sind, aber niemand sah die Religion als eine unwichtige Privatsache, die den Staat überhaupt nichts angeht.

Ketzer waren damals das, was heute „Verfassungsfeinde“ sind – eine Bedrohung für die Gesellschaft, die auf den Prinzipien des Christentums aufgebaut war. Jemand leugnet die Menschenrechte oder die Gleichheit von Mann und Frau? Bedrohung für unsere Gesellschaft. Jemand leugnet die Einsetzung der Kirche durch Christus oder die Legitimität der Kindertaufe? Bedrohung für die mittelalterliche Gesellschaft. Und in der mittelalterlichen Gesellschaft ging man mit allen Arten von Bedrohungen nicht immer zimperlich um. (Für Verbrechen wie Brandstiftung konnte man übrigens ebenfalls auf dem Scheiterhaufen landen.) Religiöse Streitigkeiten sorgten damals nicht selten für Unruhen und sogar Bürgerkriege (Hussitenkriege, Bauernkrieg, Schmalkaldischer Krieg, usw. usf.); tatsächlich ist das Täuferreich von Münster ja geradezu ein Paradebeispiel dafür, welchen Schaden Ketzerei anrichten konnte. Manche Ketzer (Katharer, Wiedertäufer) stellten sehr zentrale Grundlagen der Gesellschaft in Frage, da sie sich z. B. weigerten, Eide zu schwören oder Kriegsdienst zu leisten – im Fall der Wiedertäufer selbst für den Fall eines Verteidigungskriegs gegen die Osmanen (die übrigens 1529 Wien belagerten, also in genau dieser Zeit eine sehr reale Bedrohung waren). Ach ja, und natürlich hatte man auch noch Angst vor Gottes Zorn, falls man die Ausbreitung falscher Lehren nicht verhinderte. Dass keiner der Protagonisten des Romans auch nur irgendetwas Bedrohliches an – aus seiner Sicht – falschen religiösen Vorstellungen sieht, ist jedenfalls einfach unrealistisch.

Ein anderes Beispiel für die krasse Projektion von Ansichten des frühen 21. Jahrhunderts auf das 16. bietet das Thema Homosexualität. In einem Nebenstrang der Handlung, der tatsächlich zur Haupthandlung ganz und gar nichts beiträgt, kommt ein homosexueller Vergewaltiger vor, dem seine Taten schließlich leidtun und der sich doch noch als netter Kerl herausstellt und den Protagonisten hilft. Ich hätte mit dem Handlungsstrang an sich schon irgendwie meine Probleme; die Einfachheit, mit der Vergewaltigung hier mit „Schwamm drüber!“ behandelt wird, ist etwas verstörend. (Und bevor man mir hier eine besondere Abneigung gegenüber Homosexuellen unterstellt, ja, das sage ich ganz unabhängig davon, ob es sich um homo- oder um heterosexuelle Vergewaltigung handelt. Ein ähnlicher Plot mit einem reuigen heterosexuellen Vergewaltiger, der sich ziemlich einfach als eigentlich guter Mensch herausstellt, der auch irgendwie bloß ein Opfer seines strengen Vaters ist, hat mich beispielsweise in dem Film „Ku’damm 56“ sehr gestört. (Das war allgemein kein besonders guter Film; er leidet an den typischen Problemen deutscher Filme wie dem krampfhaften Bemühen um Originalität und der bemühten Kritik an den ach so heuchlerischen und spießigen 50ern.)) Sicher, es gibt keine Sünde, die nicht bereut und vergeben werden könnte, aber das Ganze wirkt, wie es im Roman geschildert wird, einfach nicht plausibel – wie oft verhalten sich reale Vergewaltiger so? Aber wie dem auch sei, zurück zum Thema Homosexualität an sich. Auf Seite 460 sagt Lothar zu Helm: „‚[…] Wenn Faustus und Isidor das miteinander tun, was sie mit dir gemacht haben, berührt mich das nicht. Es ist ihre Entscheidung, und sie müssen es vor sich selbst und Gott rechtfertigen. Anders ist es jedoch, wenn sie einen jungen Burschen betrunken machen, um ihrer Lust frönen zu können.'“ Nun ist es ja schon ein bisschen komisch, dass Lothar die Situation erst einmal dazu nutzt, um ein Vergewaltigungsopfer über Prinzipien der Sexualethik zu belehren, aber irgendwie muss Frau Lorentz ja auch ihre moralischen Lektionen an den Leser bringen, so wie sie es auch beim Thema religiöse Toleranz schließlich alle paar Seiten tut. Der viel entscheidendere Punkt ist aber: So hätte einfach kein Mensch des 16. Jahrhunderts gedacht! Die oben erwähnten religiösen Ansichten wären noch plausibler gewesen als das; für einen Menschen des 16. Jahrhunderts wäre der einzige Unterschied zwischen einvernehmlichen und nicht einvernehmlichen homosexuellen Handlungen gewesen, ob sich zwei Männer oder bloß einer der widernatürlichen Sodomie schuldig gemacht hätten.

Weitere kleinere historische Fehler fallen einem gelegentlich auf; zum Beispiel weist Fraukes Vater sie gegen Anfang des Buches, als die Familie zur Tarnung in die katholische Sonntagsmesse geht, an, bei der Kommunion die Hostie gefälligst hinunterzuschlucken, anstatt sie heimlich wieder aus dem Mund zu nehmen wie am Sonntag zuvor. An diesem Sonntag ist schließlich der Inquisitor anwesend und man darf unter keinen Umständen auffallen. Der Punkt hier ist bloß: Niemand hätte sich damals gewundert, wenn Frauke überhaupt nicht zur Kommunion gegangen wäre. Damals gingen die Leute zwar in der Regel jeden Sonntag zur Messe, aber nicht jedes Mal zur Kommunion, und zwar aus einer Art Scheu oder Ehrfurcht gegenüber dem Allerheiligsten Sakrament heraus. Viele waren überzeugt, vor jeder Kommunion erst zur Beichte gehen und in ganz besonders frommer Stimmung sein zu müssen. Die Päpste mussten im Mittelalter sogar Mindeststandards für den Sakramentenempfang festlegen; seitdem ist die Kommunion einmal im Jahr, nämlich zu Ostern, vorgeschrieben. Die meisten Menschen gingen damals selten zur Kommunion, vielleicht alle paar Wochen oder Monate oder eben auch nur zu Ostern. Die besonders frommen Leute gingen jede Woche. Sehr, sehr wenige Leute gingen jeden Tag. (Meines Wissens nach zum Beispiel die hl. Katharina von Siena.) Das alles änderte sich erst grundsätzlich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem hl. Pius X., der den Katholiken die wöchentliche oder bestenfalls tägliche Kommunion nachdrücklich ans Herz legte. Im 16. Jahrhundert dagegen wäre es eher aufgefallen, wenn Frauke zwar jeden Sonntag zur Kommunion, aber nie zur Beichte gegangen wäre. (Ach ja, die war (und ist) für Katholiken übrigens auch einmal jährlich vorgeschrieben.)

Das nur als Beispiel; wenn ich mich mit dieser Zeit besser auskennen würde, würden mir wahrscheinlich noch mehr Dinge auffallen. Zum Beispiel kommt mir die Tatsache, dass der Fürstbischof von Münster so wenige Einflussmöglichkeiten auf den von Papst und Kaiser entsandten Inquisitor hat, seltsam vor. Damals hatten die deutschen Landesfürsten in ihrer Territorien für gewöhnlich das Sagen und der Kaiser und der Papst nicht allzu viel Einfluss. Was hätte der Papst in Rom machen können, wenn der Fürstbischof dem Inquisitor verboten hätte, in seinem Gebiet Ketzerprozesse durchzuführen? Ich weiß die Antwort nicht, dafür kenne ich mich eben nicht genau genug mit dieser Zeit aus, aber ich habe gewisse Zweifel, dass Iny Lorentz das so ganz akkurat darstellt. Ähnlich beim Thema Verbrennen; Gerwardsborn und andere äußern ein paar Mal die Ansicht, dass das Feuer die Seelen der Verbrannten reinigen würde, sodass sie trotz ihrer Ketzerei noch in den Himmel kommen könnten. Es kommt mir unglaubwürdig vor, dass ein ausgebildeter Theologe meinen würde, die Hinrichtungsart könnte in irgendeiner Richtung einen Einfluss auf das ewige Heil haben. Soweit ich weiß, wurde das Verbrennen als Hinrichtungsart hauptsächlich gewählt, um den Verbrecher und die Erinnerung an ihn gänzlich auszulöschen – keine Leiche, kein Grab, kein nichts. Damnatio memoriae. Vielleicht verwechselt die Autorin das, was ihre Figuren glauben, mit der Vorstellung, dass die noch im Leben erlittenen Schmerzen das Fegefeuer verkürzen würden (für Nichtkatholiken: nein, Fegefeuer und Hölle sind eben nicht dasselbe; ersteres ist eine  Läuterung von lässlicher Schuld vor dem Eintritt in den Himmel, letztere bedeutet die ewige Trennung von Gott, die man sich durch die Abwendung von Ihm durch böse Taten etc. selbst zugezogen hat). Ich kann mir auch vorstellen, dass die Leute damals meinten, dass eine grausame Hinrichtungsart den Verbrecher noch am ehesten kurz vor seinem Tod zur Reue bewegen könnte. Vielleicht waren damals auch tatsächlich in der Populärtheologie die Vorstellungen verbreitet, die Verbrennung könnte nicht nur vor dem Fegefeuer, sondern auch vor der Hölle bewahren, oder, davon habe ich schon öfter gehört, eine „intakte“, ordentlich begrabene Leiche (anstatt einer zu Asche verbrannten) wäre die Voraussetzung für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten. Aber, wie gesagt, Inquisitoren waren für gewöhnlich gut ausgebildete Theologen, die Ahnung von ihrem Fach hatten, was es unglaubwürdig macht, dass Gerwardsborn so redet.

Mein Gesamturteil über dieses Buch: Stellenweise auf nervige Weise moralisierendes, historisch eher unglaubwürdiges (wenn auch nicht ganz so krass unhistorisches wie andere Bücher, die ich schon gelesen habe), nicht besonders gut geschriebenes Werk mit eindimensionalen Protagonisten und einem ebenso eindimensionalen und extrem klischeehaften Antagonist, was die Nebenfiguren (wie zum Beispiel Fraukes Eltern) zu den interessantesten Figuren macht. Die Hauptfiguren haben keine besonderen Eigenschaften; man hat nicht das Gefühl, hier realen Personen zu begegnen. Sie sollen irgendwie gut und mutig und klug und tolerant sein, aber mehr könnte ich über sie nicht sagen. Der Plot ist mitreißend, während man das Buch liest, aber, wenn man am Ende darüber nachdenkt, nicht immer besonders sinnvoll konstruiert; mehrere lose Fäden in der Handlung führen am Ende zu nichts und man hat den Eindruck, die Autorin hat mehrere Nebenfiguren einfach deshalb sterben lassen, weil sie nicht so recht wusste, was sie am Ende mit ihnen anstellen sollte. Das stört, aber ich kann auch irgendwie verstehen, dass man zu diesem Mittel greift, wenn man eine Deadline vom Verlag hat und dieses Buch fertig kriegen muss, um so bald wie möglich mit der nächsten Fortsetzung von „Die Wanderhure“ anfangen zu können.

Nachdem ich mit „Flammen des Himmels“ fertig war, habe ich übrigens noch ein wenig in „Die Päpstin“ hineingelesen. Aber das habe ich dann doch nicht lange durchgehalten. Im Gegensatz zu Donna W. Cross, die ihren Leserinnen ungefähr drei Mal pro Seite auf überdeutlichste Weise klarmachen muss, wie schlimm und frauenfeindlich das Christentum ist, ist Iny Lorentz wenigstens einigermaßen unterhaltsam. Ich bin beinahe versucht, Mrs. Cross mit Bertold Brecht zu vergleichen, da sie ihr literarisches Werk genau wie er bloß als Mittel zum Zweck der Vermittlung ihrer Ansichten behandelt, anstatt Geschichten zu erzählen (man denke zum Beispiel an die „Dreigroschenoper“ – grässlich!), aber das wäre dann doch zu beleidigend gegenüber Brecht. Allerdings frage ich mich jetzt, wieso genau Johanna eigentlich im späteren Verlauf des Buches Papst wird, wenn ihr schon als Kind Homer und sächsische Legenden so viel mehr sagen als Jesus Christus; aber da ich nicht vorhabe, dieses Buch noch einmal in die Hand zu nehmen, werde ich das wohl nicht mehr erfahren. Ich glaube, jetzt versuche ich es mal wieder mit Büchern von guten Autoren, Angie Sage oder Khaled Hosseini oder J. R. R. Tolkien oder Corinna Turner oder Fulton Sheen vielleicht. Genug historische Romane fürs erste.

Zur Historizität des AT: Heute mal bloß ein Link

Als Ergänzung zu meiner Reihe über die Bibel (https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/ , https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/15/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-3-ueber-historizitaet-genres-und-woertlich-gemeint/) heute mal ein Link: Auf katholisch.de findet sich eine interessante Liste von 53 Personen des Alten Testaments, deren Existenz bisher zweifelsfrei archäologisch nachgewiesen werden konnte, von König David bis hin zu Tattenai, dem persischen Statthalter zur Zeit Esras: http://katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/53-personen-des-alten-testaments-nachweisbar

 

Für ein besseres Verständnis des („fundamentalistischen“) Islam

Aus der muslimischen Welt kommen ja gerade etwas gemischte Signale. Londoner Imame verweigern Terroristen das Totengebet; zu einer von den großen Islam-Verbänden nicht unterstützten „Nicht-mit-uns“-Demo gegen den islamischen Terror in Köln, zu der 10.000 Muslime erwartet wurden, kommen ein paar hundert bis dreitausend Teilnehmer (widersprüchliche Angaben in den Medienberichten), und auf den Bildern sieht es danach aus, dass die Hälfte oder mehr davon Nichtmuslime waren; eine liberale Moschee in Berlin mit einer unbekopftuchten Vorbeterin wird eröffnet und erhält Morddrohungen und eine ägyptische Fatwa erklärt sie für unislamisch; allgemein haben Muslime anscheinend keine Lust, sich ständig von Anschlägen distanzieren zu sollen; wenn sie gefragt werden, erklären sie den Islam zur Religion des Friedens; und gleichzeitig scheinen sie es immer strenger mit dem Fasten und dem Verschleiern und ähnlichen Vorschriften zu halten.

Ich glaube, viele Nichtmuslime hier in der westlichen Welt haben ein gewisses Verständnisproblem dem Islam gegenüber. Die meisten Leute hierzulande sind von ihrer religiösen Einstellung her Säkularisten – damit meine ich nicht, dass sie alle Atheisten sind, vielleicht glauben sie sogar in einem unbestimmten Sinn an „irgendwas da oben“ (man weiß nichts Sicheres), aber die Religion spielt keine große Rolle für sie. Okay, vielleicht stellt man sich die Sinnfrage, wenn ein Verwandter stirbt oder man selber Krebs kriegt. Not lehrt Beten. Vielleicht (etwas unwahrscheinlicher, Anti-Klerikalismus kommt eigentlich immer gut) findet man auch noch, dass die Kirchen gute Arbeit im sozialen Bereich leisten. Aber man hat da keine klare Meinung und das ist für das Leben auch nicht so wichtig. Vor der Vorstellung, dass Religion – egal, welche Religion – irgendeinen spezifischen Einfluss auf den Alltag oder gar die Politik haben sollte, zuckt man entsetzt zurück. Wir sind ja aufgeklärt, weil wir nach dem 18. Jahrhundert geboren sind, also selbstverständlich besser denken können als unsere Vorväter, und das heißt, die Religion muss im Zaum gehalten werden, denn sonst sorgt sie noch für Bürgerkrieg und Terror und Hausfrauen in langen Röcken, die mit fünf kleinen Kindern neben sich am Herd stehen. Zu viel Religion ist gefährlich, besonders, wenn es sich dabei um „unaufgeklärte“ Religion handelt – soll heißen, ursprüngliche, strenge Religion, die nicht in allen Einzelheiten allen Ansichten des Jahres 2017 nach der Geburt des Herrn angepasst ist.

Säkularisten haben meistens keine Ahnung davon, was genau Katholiken und Lutheraner und Reformierte und Orthodoxe und Kopten und Sunniten und Schiiten und Juden und Zeugen Jehovas überhaupt glauben – geschweige denn davon, wieso man sich bitteschön darüber streiten sollte, ob Heiligenverehrung nun Götzendienst ist, ob Gott dreifaltig ist oder nicht, oder wie viel Haut eine fromme Frau zu bedecken hat. Säkularisten verstehen das alles einfach nicht. Wieso machen sich Menschen darüber Gedanken? Am meisten zeigt sich ihre Hilflosigkeit dem Phänomen Religion gegenüber dann, wenn es etwa um die Frage geht, wieso junge Türkinnen, deren Mütter nie ein Kopftuch getragen haben, wieder eins anlegen, wieso jugendliche Muslime stolz darauf sind, alle Fasten- und Gebetsregeln einzuhalten, oder wieso sogar westliche, von ihren „aufgeklärten“ Eltern säkularistisch erzogene junge Leute zum Islam konvertieren. Da wird dann davon geredet, dass die es bestimmt irgendwie schwer hatten und dann Halt in den Regeln und der Gemeinschaft der Moschee gefunden haben, dass sie auf „einfache Antworten“ hereingefallen sind, und dergleichen mehr: Halbwahrheiten, die völlig am Kern dessen vorbeigehen, was solche Leute am Islam anzieht.

Der strenge Islam wächst, weil er sich selbst ernst nimmt. Er tritt mit einem Wahrheits- und Veränderungsanspruch auf. Er hat eine klare Botschaft, anstatt auf die zentralen Fragen der Menschheit mit einem ausweichenden, gestellt demütigen „Können wir nicht so genau wissen [und wollen es eigentlich auch gar nicht so genau wissen]“ zu antworten – er gibt in einem gewissen Sinne „einfache Antworten“ (nicht immer so einfach und unkompliziert zwar, wie religiös Unwissende sich das vorstellen), ja, aber woher kommt denn eigentlich diese seltsame Überzeugung, die derzeit en vogue ist, dass alle einfachen, klaren Prinzipien von vornherein als schlecht und falsch erwiesen sind? Der strenge Islam stellt Ansprüche. Er behandelt den Koran und den Propheten als Autorität, nicht als etwas, das man sich zurechtlegt, bis es in die heutige Zeit passt. Er lehrt Gehorsam und Unterordnung – „Unterwerfung“, ganz genau. Der Koran hat das Sagen – nicht der Leser. Der strenge Islam behandelt die moderne Welt nicht als etwas, das fatalistisch hinzunehmen ist, sondern als etwas, das man verändern, zu den gottgegebenen Gesetzen zurückführen kann. Seine Botschaft, seine Gesetze, die klingen vielleicht nicht immer alle schön und modern und human – aber wer hat denn gesagt, dass Gott sein Wort unseren Vorstellungen anzupassen hat? Gott kann von uns Gehorsam erwarten, und zwar in allen Bereichen unseres Lebens. So denken gläubige Muslime.

Ich glaube, dass Leute wie ich, die selber gläubig sind, auch wenn sie einer anderen Religion angehören, den Islam in mancher Hinsicht vielleicht besser verstehen können als jemand, dem Religion überhaupt nichts bedeutet. Für mich ist es so sonnenklar wie für jeden Muslim, dass Gottes Gesetz über dem des Menschen steht und dass ich mir von keinem Staat vorschreiben lasse, Gottes Gesetz zu verraten. Gottes Gesetz ist Wahrheit, ewiggültige Wahrheit. Das ändert sich nicht von heute auf morgen. Wenn man mir beweisen will, dass etwas nicht Gottes Gesetz ist, soll man es mir beweisen – nicht einfach entsetzt auf unsere Jahreszahl hinweisen.

Ich kann den Islam ernster nehmen, weil sein Problem für mich nicht darin liegt, dass er eine strenge Religion mit Wahrheitsanspruch ist, sondern dass er falsch ist. Der Islam hat keine Ahnung von Liebe – von der unendlichen Liebe, die den Sohn Gottes dazu brachte, für uns am Kreuz zu sterben, von der Liebe, die den heiligen Stephanus dazu brachte, vor seinem Tod für die Menschen zu beten, die ihn steinigten. Er hat keine Ahnung vom wahren Wesen Gottes, der in sich eine dreifaltige Gemeinschaft der Liebe ist, und der sich innig danach sehnt, uns einmal bei sich im Himmel zu haben. Der Islam stellt einen Wahrheitsanspruch auf, den er nicht beweisen kann und meinem Eindruck nach nicht einmal besonders eifrig zu beweisen versucht. Mohammed hat gesagt, er ist Gottes Prophet, und er ist Gottes Prophet. Wie er das belegt hat? Du wagst es, am Wort Gottes zu zweifeln? Du Frevler wirst auf ewig in der Hölle schmoren! Der Islam hat nicht viel dafür übrig, seine gottgegebenen Gesetze daraufhin zu untersuchen, aus welchen Gründen sie vernünftig sind und wozu genau sie dienen, wie das bei uns Katholiken zum Beispiel schon die mittelalterlichen Scholastiker gemacht haben. (Das erinnert mich daran, dass ich ja auch mal was über dieses dumme Klischee schreiben muss, das christliche Mittelalter sei genauso gewesen wie die heutige islamische Welt. War es nämlich nicht, kurz gesagt.) Gott hat gesprochen, mehr muss man nicht wissen. Der Islam hat auch nicht viel für die Feinheiten abstrakten philosophischen Wissens übrig; seine Gelehrten beschäftigen sich mit praktischen Dingen, mit Rechtsangelegenheiten, wie der Frage, ob dieser oder jener ein umzubringender Abtrünniger ist, oder wie man sich als Muslim verhält, wenn man eine Zweitfrau heiraten will, aber in einem Land lebt, in dem der Staat die Vielehe verboten hat, oder ob dieses oder jenes Freizeitvergnügen oder Kleidungsstück für Muslime erlaubt ist. Der Islam war schon immer mehr ein Rechtssystem und ein System von Anweisungen für das Alltagsleben als ein theologisches System. Deshalb kann man ihn auch nicht einfach aus dem öffentlichen Leben verbannen, solange überzeugte Muslime an diesem Leben teilnehmen, denn er bietet ihnen eben gerade keinen Glauben fürs stille Kämmerlein, sondern eine Ordnung, die für die Gesamtgellschaft gedacht ist. Mohammed war ein Warlord mit Macht und Einfluss, der über Verbrecher zu richten und Beute zu verteilen hatte, kein Wanderprophet, der von Feindesliebe und Beten redete. Der Koran ist ein unzusammenhängendes Bündel seiner angeblichen Offenbarungen über Höllenstrafen, Jüngstes Gericht, Erbregelungen, Götzenverehrung, Fasten, Gebet, Almosengeben, den Heiligen Krieg, und dergleichen mehr. Der Islam ist eine klare, praktische, brutale, intolerante, stolze und auf Herrschaft ausgerichtete Religion, in der das Individuum nicht viel zählt und in der Gehorsam und Ehrfurcht großgeschrieben werden.

Die allermeisten Muslime sind keine Terroristen. Ist uns allen klar. Wenn es anders wäre, wäre es auch nicht besonders schön. Na, okay, wenn über eine Milliarde Muslime auf der Welt sich jetzt Bomben basteln würden, dann könnte sich so ziemlich die ganze Menschheit wahrscheinlich sehr bald auf das Leben nach dem Tod freuen, das hätte irgendwie auch wieder was für sich, alle Dinge haben schließlich auch etwas Gutes. Okay, ich bin wieder ernst: Die allermeisten Muslime sind keine Terroristen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie auch einen Islam vertreten, der den Ansprüchen von Westeuropäern an einen akzeptablen, humanen, freiheitlichen Islam, den sie zu mögen bereit wären, genügen würde.

Es gibt eine gewisse Bandbreite im Islam. Mohammed und seine Anhänger haben sich verhalten wie der IS (bis auf Bombenanschläge, da war die Technik noch nicht so weit), das ist uns allen klar, und Mohammeds Nachfolger haben den Dschihad weitergeführt und nach und nach u. a. das Oströmische und das Persische Reich zu Fall gebracht. Der Islam war es lange Zeit gewohnt, zu kämpfen, zu erobern, und zu herrschen. (Bis auf ein paar kleinere Rückschläge im Lauf der Jahrhunderte wie die Reconquista Spaniens.) Erst die politische Schwäche der islamischen Länder, allen voran des riesigen Osmanischen Reiches, ab dem 18. Jahrhundert hat zu dem ungewöhnlich friedfertigen Verhältnis geführt, das jetzt gerade zwischen islamischen Staaten und nichtislamischen Staaten herrscht. (Ich meine das vollkommen ohne Ironie. Fragen Sie die Anwohner des Mittelmeers, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein mit ständigen muslimischen Piratenangriffen zu rechnen hatten, oder die Griechen und Kroaten, die Jahrhunderte osmanischer Besatzung aushalten mussten, oder die Opfer der Sklavenjagden im Sudan. Wir leben, gesamtgeschichtlich gesehen, in einer Zeit, in der der Islam ungewöhnlich friedlich ist.) Dazu kamen dann in Gegenden wie Algerien und Ägypten der englische und französische Kolonialismus und nach und nach auch die Übernahme westlicher Ideen durch manche Leute in islamischen Ländern, die dazu führte, dass im 20. Jahrhundert in einigen dieser Staaten verschiedenene mehr oder weniger sozialistische Regierungen, Militärdiktaturen, oder, im Fall etwa der Türkei nach dem 1. Weltkrieg, sogar eine aggressiv laizistische, gewählte parlamentarische Regierung nach französischem Vorbild an die Macht kamen. Im umbenannten ehemaligen Osmanischen Reich war die Religion jetzt etwas, das bekämpft werden sollte und aus der Öffentlichkeit zu verschwinden hatte, sogar das Tragen von Kopftüchern an Universitäten wurde verboten. Man war schließlich in der Neuzeit angekommen. In den 50er-, 60er-Jahren war die ganze islamische Welt offensichtlich dabei, sich zu modernisieren. Die Frauen in Kairo und Istanbul trugen keine Kopftücher mehr und ergriffen akademische Berufe, aufgeklärte Absolutisten wie der afghanische König Mohammed Zahir Schah modernisierten ihre Länder von oben her und führten Parlamente und das Frauenwahlrecht ein, und sogar Länder wie Saudi-Arabien, Katar und Jemen sahen sich tatsächlich zur Abschaffung der Sklaverei gezwungen. Diese Entwicklung hatte damals in den 60ern ihren Höhepunkt, und seitdem ist sie auf dem Niedergang. Im Iran übernahmen nach dem Sturz des Schahs 1979 die Mullahs die Macht, in Afghanistan kamen nach dem Abzug der Sowjets auch die Islamisten ran, in Ägypten gewann die Muslimbruderschaft immer mehr an Einfluss, und in der Türkei… ich glaube, zur Entwicklung in der Türkei muss ich nicht mehr sagen, oder? Die Zurückdrängung des Religiösen hat dort nicht geklappt, sie wird auch nicht klappen.

Okay, wieder zurück zu Mohammed und dem Dschihad. Der Dschihad ist so offensichtlich etwas Ur-Islamisches, dass ich mich frage, wie irgendjemand ernsthaft die Augen davor verschließen kann. Aber das heißt tatsächlich noch nicht, dass jeder heutige den Propheten innig verehrende und den Koran streng auslegende Muslim auch logischerweise jeden Selbstmordanschlag eines IS-Kämpfers befürworten müsste. Nö, er kann sehr gut, ohne sich selbst zu widersprechen, der Meinung sein, dass das falsche Kriegstaktik oder unnötig grausam ist, oder er kann – mit, wenn man sich die islamische Theologie ansieht, guten Gründen – finden, dass Abu Bakr Al-Baghdadi einfach nicht die Autorität hat, einen Dschihad auszurufen und anzuführen. Aber was er nicht finden kann, wenn er nicht seine ganze Theologie umschmeißen und sich einer Seyran Ates und einer Lamya Kaddor mit ihren bemühten historisch-kritischen Umdeutungen anschließen will, das ist, dass der Dschihad an sich nie rechtmäßig ist. Ebenso, wie er nicht finden kann, dass islamische Praktiken wie z. B. die Polygamie nicht rechtmäßig sind. Er kann gegen Anschläge auf Weihnachtsmärkte sein, und trotzdem finden, dass – auf jeden Fall in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft – die Scharia gelten sollte. Es gibt einen „fundamentalistischen“ Islam, der nicht gewalttätig ist. Das macht ihn nicht gut. Die Mehrheit der Muslime sind keine Terroristen, jap, weiß ich. Trotzdem hängen sie einer zerstörerischen Weltanschauung an.

Seyran Ates und Lamya Kaddor und Mouhanad Khorchide, die liberalen Theologen unter den deutschen Muslimen, besitzen beste Absichten, zu wenig Bereitschaft, manchen Tatsachen über ihre Religion ins Auge zu sehen, sehr viel Aufmerksamkeit und Sympathie bei deutschen Medien und Politikern, und kaum Einfluss unter denen, die sie zur Moderne bekehren wollen und die absolut keine Absicht haben, sich bekehren zu lassen.

Von daher kann ich übrigens auch gut verstehen, wieso so wenige Muslime bei „Nicht mit uns“ aufgetaucht sind, während so viele zu Pro-Erdogan-Kundgebungen erscheinen. Einerseits hat man einfach keine Lust, immer wieder zeigen zu sollen, dass man kein Verbrecher ist, der einen Lastwagen in eine Menschenmenge fährt, wenn man einfach friedlich sein Leben lebt; andererseits aber kann man sich einer gewissen Sympathie für Hamas, Al Kaida, IS & Co. auch wieder nicht erwehren. Jedenfalls haben die noch mehr von der wahren Religion begriffen als die herumhurenden und Schweinefleisch essenden deutschen Nachbarn und die häretischen sogenannten islamischen Theologen und Islamwissenschaftler, die den Glauben durch ihre Verdrehungen in den Schmutz ziehen, nicht wahr? (Und überhaupt – ist ja Ramadan, was soll man sich da verausgaben, um irgendein „Zeichen zu setzen“, das sich die Ungläubigen wünschen?)

Ich finde, man kann den Islam in mancher Hinsicht gut mit dem Kommunismus vergleichen. Nicht alle Kommunisten haben bei der RAF mitgemacht. Nicht einmal die sowjetische Führung hätte Gudrun Ensslin und Andreas Baader in den Kreml eingeladen, ebenso wenig, wie die saudi-arabische Regierung Osama Bin Laden. Trotzdem ließ es sich in der Sowjetunion unter der Herrschaft der Ideologie, für die die Terroristen anderswo kämpften, nicht besonders schön leben. Es gab auch friedliche Kommunisten im Westen, sogar pazifistische. Es gab solche, die einen Kompromiss zwischen Kommunismus und Demokratie suchten. Aber trotz alldem ist der Kommunismus eine falsche und zerstörerische Ideologie, die die Leute am besten einfach aufgeben sollten. Es macht keinen besonderen Sinn, einen „eigentlich wahren“ freiheitlich-demokratisch-gemäßigten Kommunismus neu konstruieren zu wollen und dabei alle von Marx‘ Prinzipien aufzugeben. Nö, wenn man die Grundideen des Kommunismus über Bord wirft, sollte man auch ehrlich sein und den Kommunismus ganz über Bord werfen. Es gibt keinen Grund, einen liberalen Islam zu konstruieren. Der Islam ist die falsche, unlogische, und durch nichts belegte Botschaft eines vermutlich geistesgestörten Warlords, der leider heutzutage ein großer Teil der Weltbevölkerung folgt. Aber aus welchen Gründen sollten sie ihr weiterhin folgen?

Der Unterschied zwischen diesen beiden Ideologien ist allerdings, dass der Kommunismus sich, nachdem er ausprobiert wurde und seine Verheißungen sich nicht erfüllten, für jeden sichtbar als falsch erwiesen hatte, was beim Islam leider nicht so leicht ist. Der hat seine Verheißungen aufs Jenseits verlegt, und da werden wir leider noch ein bisschen warten müssen, bis wir den endgültigen, alle überzeugenden Beweis sehen, dass Gott nicht der Gott Mohammeds ist.

Langes Herumgerede, kurzer Sinn: Ich denke einfach, dass viele Säkularisten begreifen müssen, wie wenig ihre Argumente strenggläubige Menschen eigentlich berühren. Das ist ja wie im Mittelalter! – Ja, das ist wie in den gesegneten Zeiten, die wir wiederherzustellen gedenken. Du hast doch auch ein Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung! Nö, wenn mein Schöpfer das anders sieht, habe ich das allerdings nicht. So denken strenggläubige Menschen nun mal.

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat“

Die berühmte Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor der Regensburger Universität ist inzwischen schon über zehn Jahre her; in dieser Rede ging es um das Verhältnis von Vernunft und Religion, und um dieses Verhältnis zu illustrieren, zitierte der Papst an einer Stelle den mittelalterlichen oströmischen Kaiser Manuel II. Palaeologos. Hier ein ausführlicher Ausschnitt (Hervorhebung zur besseren Wiederfindung des damals dann so heftig kritisierten Zitats von mir):

All dies ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich kürzlich den von Professor Theodore Khoury (Münster) herausgegebenen Teil des Dialogs las, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit führte. Der Kaiser hat vermutlich während der Belagerung von Konstantinopel zwischen 1394 und 1402 den Dialog aufgezeichnet; so versteht man auch, daß seine eigenen Ausführungen sehr viel ausführlicher wiedergegeben sind, als die seines persischen Gesprächspartners. Der Dialog erstreckt sich über den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgefüges und kreist besonders um das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder notwendigerweise um das Verhältnis der, wie man sagte, „drei Gesetze“ oder „drei Lebensordnungen“: Altes Testament – Neues Testament – Koran. Jetzt, in dieser Vorlesung möchte ich darüber nicht handeln, nur einen – im Aufbau des ganzen Dialogs eher marginalen – Punkt berühren, der mich im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert hat und der mir als Ausgangspunkt für meine Überlegungen zu diesem Thema dient.

 In der von Professor Khoury herausgegebenen siebten Gesprächsrunde (διάλεξις  – Kontroverse) kommt der Kaiser auf das Thema des Djihād, des heiligen Krieges zu sprechen. Der Kaiser wußte sicher, daß in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist wohl eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns ein Teil der Kenner sagt, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von „Schriftbesitzern“ und „Ungläubigen“ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, für uns unannehmbar schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut”, sagt er, „und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann…“.

Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazm so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.

 An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, daß an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist, und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar wird. Den ersten Vers der Genesis, den ersten Vers der Heiligen Schrift überhaupt abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt „σὺν λόγω”, mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft.

(Der vollständige Text inklusive Fußnoten findet sich hier: http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg.html)

Daran ist vieles interessant – nicht zuletzt, dass es für einen mittelalterlichen Christen klar war, dass Gewalt kein adäquates Mittel der Bekehrung ist, während wir heutzutage ja gerne zu hören kriegen, die Christen seien damals ja genauso schlimm wie (oder: „auch nicht besser als“) die Muslime gewesen. [Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht auch die Beurteilung Mohammeds durch den berühmtesten westlichen Theologen des Mittelalters, Thomas von Aquin (1205-1274): Mohammed hat den Menschen sexuelle Vergnügungen versprochen, zu denen uns die Fleischeslust antreibt. […] Er hat keine Zeichen auf eine übernatürliche Weise [Wunder] gewirkt, was der einzig angemessene Beleg für eine göttliche Eingebung bei einem Lehrer der göttlichen Wahrheit [Prophet] ist. […] Davon abgesehen sind ihm keine Gelehrten, keine in den göttlichen und menschlichen Dingen unterrichtete Menschen, von Anfang an gefolgt. Diejenigen, die an ihn glaubten, waren brutale Männer und Wüstenwanderer, die absolut keine Ahnung von irgendeiner göttlichen Lehre hatten. Durch ihre große Zahl zwang Mohammed mit der Macht seiner Waffen andere gewaltsam, ihm zu folgen. Ferner erwähnen ihn die göttlichen Verkündigungen von früheren Propheten überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er verfälscht fast alle Zeugnisse des Alten und Neuen Testaments, indem er seine eigenen Lügenmärchen daraus macht.“ Quelle der deutschen Übersetzung hier: http://www.marcogallina.de/2016/08/20/er-hat-sie-zu-einer-sekte-verfuehrt/; hier noch die Originalquelle auf Latein und in englischer Übersetzung http://dhspriory.org/thomas/ContraGentiles1.htm#6 ]

Aber das eigentlich Interessante ist meiner Meinung nach, dass die Frage, die Manuel II. Palaeologos – nicht so sehr Papst Benedikt, dem ging es ja nicht um das Thema Islamkritik, sondern um das Verhältnis von Vernunft und Religion im Allgemeinen, und er hat später auch noch einmal betont, dass er sich hier nicht Manuels „Polemik“ zueigne – hier aufgeworfen hat, inmitten all der lächerlichen und hysterischen Angriffe, die auf die Rede folgten, (meines Wissens nach) nicht beantwortet wurde.

Was hat Mohammed Neues gebracht?

Oder, besser gesagt: Was hat Mohammed an guten neuen Dingen gebracht? Der Islam ist nicht durch und durch schlecht; keine Weltanschauung ist das. (Am nächsten kommt einer durch und durch schlechten Weltanschauung vielleicht noch der Satanismus.) Natürlich gibt es gute Elemente im Islam; Gebet, Fasten, Almosen, einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit, Verantwortung und Gottesfurcht, und dergleichen. Aber diese Elemente sind alle auch im Christentum und schon im Judentum vorhanden. In welcher Hinsicht stellt die Lehre Mohammeds einen Fortschritt gegenüber der Lehre Jesu Christi dar?

Es gab vor Mohammed in Arabien schon Monotheisten; Christen und Juden. Natürlich, den Christen würden Muslime noch eine Art von verkapptem Vielgötterglauben (wegen der Dreifaltigkeitslehre) unterstellen, der bekämpft werden musste (wozu man als Christ natürlich sagen müsste, dass sie erstens die Dreifaltigkeitslehre nicht ordentlich verstanden haben, wenn sie sie für polytheistisch halten; und dass Gott sich zweitens nun einmal als dreifaltig offenbart hat, und wir nur annehmen, was Gott selbst von sich gezeigt hat); aber den Juden können sie ihren kompromisslosen Monotheismus wohl nicht absprechen. Was unterscheidet den Islam nun vom Judentum? Ich meine damit nicht, darin, welche Propheten und welche Bücher diese beiden Religionen anerkennen, sondern darin, was diese Propheten und diese Bücher lehren.

Welche Unterschiede gibt es darin? Na ja, der Koran macht genauere Aussagen über Paradies und Hölle und das Ende der Welt – allgemein über das Jenseits – als die jüdische Religion, wenn ich mich recht entsinne, das könnte man erwähnen. (Ob die auch „besser“ oder „wahrer“ sind, ist dann die Frage.) Eine wichtige Sache ist wohl außerdem, dass die Juden sich als das auserwählte Volk betrachten und in der Regel nicht aktiv missionieren – wobei man ja nicht behaupten kann, sie hätten nicht schon in der Antike Proselyten aus den Heidenvölkern akzeptiert. Muslime würden also wohl die Universalität ihres Glaubens (ungestört von den Irrlehren des ebenfalls universalistischen Christentums in Bezug auf das Wesen Gottes und Seine Menschwerdung) als wichtige Neuerung anführen.

Was sonst noch? Eine konkretere Rechtsordnung für die umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, mit allem, was dazugehört (wie viele Frauen darf ein Mann haben, wie sind Kriegsgefangene zu behandeln, für welche Verbrechen wird man gesteinigt)? Ja, das wohl auch noch. (Wobei manche – nicht alle – dieser rechtlichen Bestimmungen auch aus außerkoranischen Überlieferungen wie den Hadithen stammen, und daher nicht von allen islamischen Konfessionen als göttliche Offenbarung akzeptiert werden; das sollte man vielleicht noch erwähnen, um die verschiedenen Strömungen des Islam hier nicht zu sehr in eins zusammenzuwerfen.) Und ansonsten – na ja, da wäre eben doch noch der Dschihad. Und der ist in der Anfangszeit des Islam ja gerade mit dem muslimischen Universalismus und der muslimischen Rechtsordnung untrennbar verbunden: „Geht zu allen Völkern“ hieß für Mohammed und die Kalifen: „Unterwerft alle Völker, zwingt die Heiden, das Glaubensbekenntnis zu sprechen (ansonsten tötet sie), und lasst die Schriftbesitzer in Friedenszeiten ungestört unter euch leben, wenn sie euch die Schutzsteuer zahlen.“

[Anbei: Interessanterweise gab es übrigens tatsächlich schon vor Mohammed arabische Monotheisten, die weder Juden noch Christen waren, sich aber auf Abraham beriefen, die sog. Hanifen (https://de.wikipedia.org/wiki/%E1%B8%A4an%C4%ABf). (Hier könnte man als Muslim vielleicht einwenden, dass die bloß eine kleine Splittergruppe ohne göttliche Bestätigung durch eine spezielle Offenbarung waren (falls sie nicht vielleicht ihre eigenen Propheten hatten) – und natürlich hatten sie auch keine göttlich bestätigte spezielle Rechtsordnung und keinen göttlich bestätigten Auftrag zum Heiligen Krieg.)]

Mir geht es dabei einfach darum: Wenn Muslime glauben, dass Mohammed ein Prophet Gottes war, der eine absolut entscheidende Rolle in der Weltgeschichte gespielt hat (schließlich ist er neben Gott die einzige in ihrem sehr kurzen Glaubensbekenntnis erwähnte Person – „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet“), dann müssen sie wohl auch glauben, dass Gott Mohammed entscheidende neue Dinge offenbart hat. Welche entscheidenden Dinge waren das?

Vielleicht würden Muslime jetzt sagen, ich habe meine Frage oben schon selbst beantworten: Klar monotheistischer Universalismus, gereinigt von der christlichen Dreifaltigkeitslehre auf der einen Seite und der jüdischen Exklusivität auf der anderen, dazu Anweisungen fürs praktische Leben. Aber das, wie soll ich sagen, erscheint mir doch fast ein bisschen – wenig; na ja, was heißt, wenig; ein besserer Ausdruck wäre vielleicht: Es erscheint mir vor allem sehr verunreinigt mit anderem Zeug, das humane Muslime heutzutage oft lieber ignorieren. Dieses Problem tritt hier eben dann auf, wenn man sich den liberalen Islam ansieht, der Mohammeds Feldzüge und die seiner Nachfolger ebenso wie etwa die Scharia unter dem Label „historisch bedingt“ beiseite schieben und jetzt mehr von Barmherzigkeit und auch Religionsfreiheit und dergleichen reden will, sich also in dieser Hinsicht an Religionen wie das Christentum und außer-religiöse „westliche Werte“ annähern möchte.

Die logische Schwierigkeit beim liberalen Islam ist natürlich zunächst einmal, dass manche Taten und Anweisungen Mohammeds und der Kalifen nach ihm eben nicht historisch bedingt – und vor allem auch nicht völlig alternativlos in der damaligen Welt – waren. Die antiken christlichen Religionsgründer zettelten keine Feldzüge an, um ihren Glauben durchzusetzen. Sie bekehrten einzelne, und irgendwann bekehrten sich dann evtl. auch die Fürsten ihrer Länder (wie Kaiser Konstantin, oder der Frankenkönig Chlodwig), und so wurden ihre Gesellschaften christlich. Sie übernahmen nicht die Macht in einer Stadt und verbündeten sich dann mit Banditen, um eine andere anzugreifen und beschlossen schließlich, die ganze Welt der Herrschaft ihrer Religion zu unterwerfen. Das war bei antiken Religionsstiftern nicht zwangsläufig der Fall; tatsächlich ist mir außer Mohammed kein Religionsstifter oder bedeutender religiöser Führer bekannt, bei dem es der Fall gewesen wäre.*

Und ich rede hier nicht nur von Johannes dem Täufer und Jesus und Paulus. Auch die Gründer häretischer christlicher Sekten in späteren Jahrhunderten verhielten sich nicht so. Die Gnostiker verhielten sich nicht so, Arius und Nestorius auch nicht. Sie nutzten vielleicht die Gunst ihrer Herrscher, um für ihre Lehre Begünstigungen zu erreichen oder ihren Gegnern zu schaden (man denke an die Verbannung katholischer Bischöfe wie dem hl. Athanasius unter arianischen Kaisern, oder arianischer Bischöfe wie Arius unter katholischen Kaisern im Römischen Reich des 4. Jahrhunderts), aber sie kannten einfach kein Konzept des Dschihad zur Ausbreitung ihrer Religion. Sie redeten nicht vom „Haus des [Name ihrer Religion]“ und vom „Haus des Krieges“ (https://de.wikipedia.org/wiki/D%C4%81r_al-Isl%C4%81m, https://de.wikipedia.org/wiki/D%C4%81r_al-Harb). Selbst andersgläubige – „heidnische“, wie wir von den abrahamitischen Offenbarungsreligionen sie nennen würden – Religionsgründer, Mani oder Zarathustra zum Beispiel, verhielten sich nicht so. Es war tatsächlich in der damaligen Zeit etwas Neues, dass Mohammed „vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

Und deshalb: Wenn das „Schlechte und Inhumane“, das Mohammed tat, nicht einfach damit erklärt werden kann, dass „das eben damals so war“ – ist es dann aus muslimischer Sicht nicht zwangsläufig auch Teil der bedeutenden göttlichen neuen Offenbarungswahrheiten? Wenn zu diesen Wahrheiten zentral gehört, dass man den wahren Glauben über die ganze Welt ausbreiten soll, wieso dann nicht auch mit den Mitteln, die seine frühesten Propheten und Herrscher anwendeten? Und wenn dieser Glaube also zwangsläufig „Schlechtes und Inhumanes“ (und ja, liebe Dschihadisten, das Konzept des Dschihad ist zwangsläufig schlecht und inhuman – zur Begründung siehe Kaiser Manuel oben) gebracht hat – wie kann er dann der wahre Glaube sein?

Wenn Mohammed im Allgemeinen, in der Gotteslehre, so viele entscheidende neue Erkenntnisse brachte, wenn sein Auftreten den bisherigen Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte bedeutet, wieso war seine Lehre dann in Bezug auf Barmherzigkeit und Frieden und Liebe – man denke zum Beispiel allein an das Konzept der Feindesliebe! – so offensichtlich ein Rückschritt gegenüber der Lehre Jesu von Nazareth?

Gehört der Dschihad nun zur Offenbarung oder nicht? Und wenn ja – meint ihr wirklich, dass Gott so ist? Meiner Meinung nach ist der radikale Islam zwar die in sich stimmigste Auslegung des Islam; aber er ist ganz offensichtlich falsch und letztlich gotteslästerlich; er macht Gott zu einem Tyrannen.

Ich bin keine Islamexpertin. Vielleicht habe ich manches aus dem Koran hier nicht auf dem Schirm. Wenn mir jemand eine bessere Antwort auf diese Frage geben kann – dann, schön und gut. Es ist keine rhetorische Frage: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat.“ In welcher Hinsicht brachte der Prophet des Islam, im Vergleich zu Christen- oder Judentum oder der Religion der Hanifen, größere Wahrheit, größere Barmherzigkeit, größere Gerechtigkeit, größeren Frieden, größere Humanität?

(Im Großen und Ganzen, muss ich gestehen, habe ich persönlich den Eindruck, dass dieser Prophet vor allem die Botschaft brachte, dass er Gottes Prophet war, und dass ganz einfach alles das Gottes Botschaft war, was er verkündete.**)

 

* Man könnte hier, wenn man wollte, als Gegenargument die teilweise durchaus brutalen Feldzüge durch religiöse Anführer wie Mose oder Josua im Zuge der israelitischen Landnahme anführen (auf die ich im Lauf meiner Reihe über die „schwierigen Bibelstellen“ noch ausführlicher eingehen werde). Aber das war a) ein ganz anderes („anders“ heißt erst einmal noch nicht „besser“, sondern einfach „anders“) Konzept – die Landnahme war ausdrücklich auf das Gelobte (= „versprochene“) Land beschränkt; sie diente der Eroberung eines Ortes, wo ein herumwanderndes Volk, das gerade aus der Sklaverei geflohen war, leben konnte; nicht der Eroberung weiterer Gebiete und eindeutig auch nicht der Ausbreitung der jüdischen Religion, b) im Alten Testament, und c) etwa 1800 Jahre vor Mohammeds Zeiten. Mir geht es hier um Religionsgründer, die noch nicht allzu weit entfernt von Mohammeds Zeit waren und zu dieser Zeit noch immer Einfluss ausübten. In irgendeinem Sinne mit Religion zusammenhängende Gewalt gab es sicherlich auch in anderen Zusammenhängen im Lauf der Weltgeschichte immer wieder – aber eben kein Konzept wie das des islamischen Dschihad zur gewaltsamen Ausbreitung einer Religion.

** Ich will damit nicht sagen, dass ich persönlich Mohammed für einen Betrüger halte; ich halte ihn zwar für einen falschen Propheten, der wahrscheinlich psychisch nicht völlig gesund war, aber für einen, der zumindest selbst davon überzeugt war, was er predigte.

Glauben, meinen, wissen und nicht-interessiert-sein

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich auf Facebook ein Meme irgendeiner atheistischen Gruppe gesehen; ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut des Spruchs darauf, aber die Aussage jedenfalls war irgendetwas in der Art, dass es eine Ansicht kein bisschen wahrer oder wahrscheinlicher mache, dass man dran „glaube“. Dazu dachte ich mir hinterher: „Hm, ist ja schön, wenn ihr ein fideistisches Glaubensverständnis attackiert, aber könntet ihr bitte so nett sein, dabei zu erwähnen, dass das nicht das Glaubensverständnis aller gottesgläubigen Menschen ist, da z. B. die katholische Kirche ein solches Glaubensverständnis ausdrücklich ablehnt?“

Jeder informierte Katholik sollte der Aussage dieses Memes ohne Probleme zustimmen können.

Man könnte nun sagen, ehe man Memes auf Facebook verbreitet, sollte man sich erst einmal informieren. Aber das Missverständnis, dem diese Atheisten-Gruppe aufgesessen ist, ist ja weit verbreitet, und zugegebenermaßen ist das nicht nur die Schuld von Atheisten, die sich nicht ordentlich über das informieren, was sie angreifen, sondern auch die von Christen, die ihren eigenen Glauben oft nicht mehr wirklich kennen und vermitteln können, und selten klarmachen, was der Unterschied zwischen „glauben“ und „meinen“ ist, und dass „glauben“ im christlichen Sinne eben nicht ein „nicht-wissen“ bedeutet.

Ich bin hier schon einmal darauf eingegangen https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/wie-man-zum-glauben-kommt/, wiederhole es aber gerne noch einmal:

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

Diese Thesen musste der des Fideismus verdächtigte Theologe Louis-Eugène-Marie Bautain im Jahr 1840 auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben, damit sein Werk nicht kirchlich verurteilt wurde.

Louis Eugène Marie Bautain

(Louis-Eugène-Marie Bautain, Wikimedia Commons)

Die Kirche beschäftigte sich zu dieser Zeit dann auch noch weiter mit solchen in manchen traditionalistischen Kreisen verbreiteten fideistischen Thesen. 1844 musste Bautain wieder eine Erklärung unterschreiben, und 1855 erließ die Indexkongregation ein Dekret gegen die Ansichten eines anderen Theologen namens Augustin Bonnetty. Dessen Text lautet:

  1. Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit, eine Gegensätzlichkeit zwischen ihnen angetroffen werden; denn beide stammen von ein und derselben unveränderlichen Quelle der Wahrheit, dem unendlich guten und großen Gott, und leisten sich so wechselseitig Hilfe.
  2. Schlussfolgerndes Denken kann die Existenz Gottes, die Geistigkeit der Seele und die Freiheit des Menschen mit Gewissheit beweisen. Der Glaube ist später als die Offenbarung und kann daher nicht in angemessener Weise zum Beweis der Existenz Gottes gegenüber dem Atheisten oder zum Beweis der Geistigkeit der vernunftbegabten Seele und der Freiheit gegenüber dem Anhänger des Naturalismus und Fatalismus angeführt werden.
  3. Der Gebrauch der Vernunft geht dem Glauben voran und führt den Menschen mit Hilfe der Offenbarung und der Gnade zu ihm hin.
  4. Die Methode, derer sich der heilige Thomas, der heilige Bonaventura und andere Scholastiker nach ihnen bedienten, führt nicht zum Rationalismus und war nicht der Grund dafür, dass bei den heutigen Schulen die Philosophie zum Naturalismus und Pantheismus neigt. Daher darf man jenen Lehrern und Magistern nicht zum Vorwurf machen, dass sie diese Methode – zumal mit Zustimmung oder wenigstens stillschweigender [Duldung] der Kirche – benutzten.

Das ist das Glaubensverständnis der katholischen Kirche. Alles klar? An Gott zu glauben, obwohl man nicht genau weiß, ob es ihn überhaupt gibt, oder gar wider die Vernunft an Gott zu glauben – das wäre Fideismus, ein von der Kirche verurteiltes Glaubensverständnis.

„Glaube“ (fides) meint „Vertrauen“, „Treuebindung“ – nicht „meinen“. Ehe man an den dreifaltigen Gott „glauben“ (d. h. auf ihn vertrauen, sich an ihn binden) kann, muss man durch Vernunftgründe davon überzeugt sein, dass Er überhaupt existiert und sich in Jesus Christus offenbart hat. Intellektuelle Überzeugung von der Wahrheit des Christentums geht dem „Glauben“ voraus.

Sicher ist das in der Praxis nicht immer der Fall – wenn man z. B. katholisch aufgezogen wird, wird man erst einmal seinen Eltern einfach abnehmen, dass es den lieben Gott gibt und idealerweise durch Gebet, Empfang der Sakramente etc. eine Beziehung zu Ihm aufbauen, und später dann erst Argumente für diese Überzeugung kennenlernen; aber das ist ja bei allem, was man als Kind lernt, der Fall; erst einmal wird man seinen Eltern auch ohne Beweise abnehmen, dass die Erde rund ist, man von zu viel Süßigkeiten Bauchweh kriegt, man die Katze nicht am Schwanz ziehen sollte und es in Afrika Löwen und Giraffen gibt. Aber das alles sind Überzeugungen, für die es durchaus logische Begründungen und Beweise gibt, und an die man nicht glauben sollte, wenn sie den Tatsachen oder der Vernunft widersprächen, und an die man auch als Kind aus einem recht vernünftigen Grund heraus glaubt (aus der Erfahrung, dass das, was die Eltern sagen, vertrauenswürdig ist). Dasselbe gilt für die Überzeugung von der Existenz Gottes.

Dass die Bedeutung des Wortes „glauben“ oft nicht recht vermittelt bzw. verstanden wird, ist mir z. B. auch bei dem Projekt „Valerie und der Priester“ (https://valerieundderpriester.de/) schon öfter aufgefallen, das ich in den letzten Monaten regelmäßig verfolgt habe. Dabei begleitet eine eher kirchenferne junge Journalistin ein Jahr lang einen Priester und berichtet dann auf einem Blog und über die sozialen Medien darüber. Sehr oft, wenn auch nicht immer, bewegt sich das, was Valerie hier über den Glauben von Kaplan Franziskus von Boeselager und auch den anderer Menschen, die sie in der katholischen Welt so trifft, schreibt (oder auch, was diese selbst direkt von sich sagen), eher auf der Ebene von „Beten hilft mir, die christliche Nächstenliebe ist mir wichtig, die Kirche ist Heimat für mich, der Glaube gibt mir Halt“ – was ja alles wahr ist, aber auch etwas Wichtiges, Grundsätzliches ausklammert.

Der Glaube ist nicht nur eine Lebenshilfe. Bevor er das sein kann, muss er erst einmal wahr sein. (Wobei natürlich auch Erfahrungsargumente („Ich habe im Gebet Gottes Nähe erfahren“) als Gründe für den Glauben nicht völlig ausgeklammert werden sollten, das sage ich gar nicht. Aber es braucht auch die äußeren, intellektuellen Argumente. Erfahrung allein reicht nicht.) Ich habe manchmal das Gefühl, Valerie betrachtet das Ganze eher so mit einem distanzierten „Aha, interessant, dass es Leute gibt, denen diese Idee von Gott so viel bedeutet und hilft“; aber hat sie sich dabei schon einmal die Frage gestellt: „Könnte es denn sein, dass es wahr ist, woran diese Leute glauben?“?

Ich weiß es nicht. Sie wird auch wahrscheinlich bei diesem Projekt nicht sämtliche ihrer innersten Gedanken ausschütten (täte ich auch nicht); aber manchmal habe ich den Eindruck, sie sieht den Katholizismus als etwas so Exotisches und ihre eigene Weltanschauung (die ich unter die Kategorie „individualistischer Säkularismus“ einordnen würde, und die man noch konkreter als links-feministisch beschreiben könnte – wobei letzteres ja eigentlich nur die politische Seite bezeichnet, und man auch als Katholik gewisse linke oder feministische Positionen teilen kann, wenn man will – dazu vielleicht ein andermal) als so selbstverständlich, dass ihr der Gedanke gar nicht kommt, dass der Katholizismus etwas sein könnte, das wahr sein und eine Bedeutung auch für sie haben könnte, anstatt etwas, das man von außen studiert, wie ein überzeugter Christ einen antiken babylonischen Kult studieren würde. Dabei habe ich aber eben gerade nicht den Eindruck, dass sie schon längst aus bestimmten, durchdachten Gründen von der Nicht-Existenz Gottes überzeugt ist (dann wäre eine solche Distanz zu der Welt, über die sie berichtet, völlig logisch), sondern eher den, dass Gott für sie etwas ist, das einfach keine Rolle spielt.

Das ist allgemein, habe ich so das Gefühl, viel häufiger der Grund, wieso Menschen nicht an Gott glauben, als überzeugter Atheismus. Sie sind an dem Thema nicht interessiert.

Und Desinteresse an der Wahrheit ist, finde ich, nun wirklich ein Gegensatz sowohl zum Wissen als auch zum Glauben als auch zum bloßen Meinen. Das ist eine Kategorie, mit der man sich ganz außerhalb der Frage nach der Wahrheit stellt.

 

(Beide oben zitierten Texte finden sich im „Denzinger“, dem von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann herausgegebenen „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009.)

Basisausrüstung zur Häresiebekämpfung für das Jubiläumsjahr 2017

Eine andere Bloggerin hat bereits mehrfach zu gegenreformatorischem Engagement anlässlich des Reformationsjahres aufgerufen (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/11/16/sola-scriptura-warmtippen-gegen-das-reformationsjubilaeum-1/ , https://maryofmagdala.wordpress.com/2017/02/07/soll-das-jetzt-das-ganze-jahr-lang-so-weitergehen/ ), und ich schließe mich der Taskforce Fatima natürlich gerne an. Hier versorge ich meine Leser also gern mit ein paar Argumenten, die zur einfachen Grundausstattung zur Bekämpfung von Häresie und Schisma im reformatorischen Bereich gehören:

 

1) Protestanten kann man leicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie glauben an sola scriptura? Okay:

Matthäus 16,18f.: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“

1 Timotheus 3,15: „Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Hauswesen Gottes verhalten muss, das heißt in der Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule und das Fundament der Wahrheit ist.

Johannes 6,55: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank.“

Lukas 1,46.48: „Da sagte Maria: […] Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“

Das Beste zum Schluss:

Jakobus 2,24: „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein.“

Daraus folgt selbstverständlich: Papsttum, Bedeutung der Kirche, Transsubstantiation, Marienverehrung und Zusammenwirken von Glaube & Werken – das ist alles ganz offensichtlich GANZ UND GAR unbiblisch. (Ich kann auch nur einen kleinen Grundbestand an Bibelzitaten aus dem Gedächtnis auf Kapitel oder sogar Vers genau angeben, aber gelegentlich ist es wirklich ganz nützlich, sich manches zu merken – natürlich nicht nur in Bezug auf gegenreformatorische Argumente.)

[Ach ja: in der Lutherbibel von 2017 wird das griechische „ekklesia“ in den beiden ersten Stellen übrigens beide Male mit „Gemeinde“ statt „Kirche“ wiedergegeben. In 1 Tim 3,15 heißt es außerdem, die „Gemeinde“ sei „ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit“, während sie Joh 6,55 übersetzt haben mit „Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank“ (was irgendwie einen anderen Beiklang hat als „das ist richtige, wirkliche Nahrung“, und mehr in die Interpretationsrichtung geht „das ist die eigentlich wichtige, geistliche Speise“). In beiden Fällen steht im griechischen Original kein Artikel; das Altgriechische hat übrigens keine unbestimmten Artikel, sondern hätte nur bestimmte. Bei Johannes heißt es wörtlich „alethes estin brosis“, „ist wahre Speise“ („eine / die wahre Speise“? nicht völlig eindeutig). Im Timotheusbrief steht „[hetis estin ekklesia theou zontos,] stylos kai hedraioma tes aletheias“, „[die die Kirche des lebendigen Gottes ist,] Säule und Fundament (oder: Pfeiler und Grundfeste) der Wahrheit“ („eine / die Säule und ein / das Fundament (oder: ein / der Pfeiler und eine / die Grundfeste) der Wahrheit.“?). Da muss der Übersetzer jetzt irgendwie selber anhand des Kontexts schauen, wie er das in der Übersetzung mit den Artikeln hält. Im Jakobusbrief z. B. haben sie dagegen fast wortgleich mit der Einheitsübersetzung übersetzt: „So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“]

 

2) Eigentlich braucht man aber gar nicht so sehr in das Gezänk um einzelne Bibelstellen einzusteigen. Stattdessen ist es von vornherein immer noch die sinnvollste Strategie, einfach zu fragen:

a) „Wo steht sola scriptura in der Bibel?“ (Antwort: Nirgends. In der Schrift gibt es mehrere Stellen, an denen von der Wichtigkeit und Nützlichkeit der Schrift gesprochen wird, aber dort wird nie davon gesprochen, dass die Schrift allein zählt und die Kirche etwa nicht – und wenn etwa in den Paulusbriefen von der Schrift die Rede ist, ist damit übrigens das Alte Testament gemeint, da das Neue gerade erst in diesem Moment geschrieben wurde und noch keineswegs kanonisiert war.)

b) „Wenn es da nicht steht, woher kommt das Prinzip dann?“ (Antwort: Von Dr. Luther. Welche Autorität hatte Dr. Luther?)

c) „Woher wissen wir überhaupt, welche Bücher zur Schrift gehören?“ (Der Kanon wurde schließlich auf den Konzilien der katholischen Kirche festgelegt. Und Dr. Luther entfernte sieben Bücher – Judit, Tobit, Baruch, Jesus Sirach, Weisheit, 1 und 2 Makkabäer – und Teile der Bücher Daniel und Ester aus diesem Kanon. (Es handelt sich dabei um den sog. Deuterokanon, Texte, die ursprünglich auf Griechisch statt wie der Rest des AT auf Hebräisch geschrieben wurden.) Woher wissen Protestanten, dass sein Kanon richtig ist? (Hier noch ein paar Informationen zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/reason-1-to-reject-the-reformation-the-canon-of-scripture/ , http://shamelesspopery.com/is-scripture-self-attesting/ ))

d) „Nach welchem Prinzip richteten sich die ersten Christen, um zu wissen, was die christliche Lehre ist, als noch umstritten war, ob z. B. die Offenbarung des Johannes (drin) oder der Barnabasbrief (nicht drin) zur Schrift gehören? Hätten sie sich damals überhaupt schon nach dem Prinzip sola scriptura richten können?“ (Ich denke, die Antwort darauf ist offensichtlich.)

e) „Wenn sich zwei Protestanten in ihrer Bibelinterpretation nicht einig sind – wer entscheidet dann, wer von ihnen recht hat?“

Das Prinzip „Allein die Schrift“ ist ganz offensichtlich in sich unlogisch. Das ist der Grund, wieso wir die Autorität von Konzilien und Päpsten zur Klärung von Streitfragen brauchen.

 

3) Ein bisschen Geschichtswissen kann auch ganz hilfreich sein:

a) Einerseits ist Geschichtswissen in Bezug auf die frühe Kirche sehr nützlich. Nur wer keine Ahnung von Kirchengeschichte hat, stellt sich unter der Urkirche etwas Protestantisches vor. Man denke allein an den 1. Clemensbrief: Ein Brief des Römischen Bischofs (für dieses Amt wurde später die Bezeichnung „Papst“ üblich) an die Gemeinde in Korinth, in dem die Kirche von Rom besondere Autorität über die Kirchen anderenorts beansprucht (in Korinth gab es einige Streitigkeiten). Der Brief wird auf kurz vor 100 n. Chr. datiert; damals war wahrscheinlich sogar noch der Apostel Johannes am Leben. Zu anderen Beispielen in einem eigenen Beitrag mal.

b) Andererseits ist auch Geschichtswissen über Luther und die Reformation – die man besser als die Kirchenspaltung bezeichnen sollte – nicht schlecht: Luthers Antijudaismus, seine Befürwortung von Hexenprozessen, sein Aufruf, die aufständischen Bauern im Bauernkrieg totzuschlagen, und sein allgemeiner Hang dazu, jeden aufs Wüsteste zu beschimpfen, der es wagte, anderer Meinung zu sein als er, wurden wohl schon oft genug breitgetreten, dass ich hier eigentlich nichts mehr dazu wiederholen muss; aber auch andere Aspekte dieser Zeit verdienen Beachtung: Vor allem der allgemeine Fanatismus und die Kriege, die innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte nach 1517 folgten, stechen ins Auge. Werden wir in 10 Jahren auch dem sacco di Roma (der Plünderung Roms) von 1527 gedenken, am besten mit einer reuevollen Entschuldigung des EKD-Ratsvorsitzenden? (Ja, ich weiß, dass nicht der persönlich Rom geplündert hat. Aber hey, der hl. Papst Johannes Paul II. hat auch keine Scheiterhaufen angezündet, und war sich trotzdem für große Gesten zur Anerkennung historischer Schuld nicht zu schade.) Im Heiligen Römischen Reich gab es den Bauernkrieg von 1525 und den Schmalkaldischen Krieg von 1546-47. Die französischen Religionskriege am Ende des 16. Jahrhunderts waren nicht weniger grausam, in England oder anderen Ländern lief auch nicht alles friedlich ab; und schließlich führte das Ganze in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648); zumindest für das Heilige Römische Reich wahrscheinlich die schlimmste Katastrophe nach der großen Pestwelle von 1348/49, würde ich vermuten. Vielleicht wird hier langsam klar, wieso Ketzerei damals so gefürchtet war: Sie führte zu Aufruhr, Bürgerkrieg und Krieg, bitteschön. Ketzerei war das, was heute „Volksverhetzung“ ist. Ach ja, und 1529 standen übrigens auch noch die Osmanen unter Sultan Süleyman vor Wien, und ein geeintes Vorgehen der Christenheit zur Verteidigung gegen irgendwelche äußeren Feinde war inmitten der ganzen inneren Konflikte dann auch keine so einfache Sache mehr (hier ein Beitrag zu diesem Thema: http://shamelesspopery.com/revisiting-the-reformation-pope-a-defense-of-pope-leo-x/ ). Ketzerei bedrohte für die Menschen damals ganz real das Überleben der Christenheit. Man könnte sich auch noch andere historische Fakten in Erinnerung rufen: Dass es auch vor Luther schon einige Ansätze zur Kirchenreform gab (genau im Jahr 1517 endete gerade das 5. Laterankonzil, bitteschön!) und dass überall unumstritten war, dass Reformbedarf da war. Dass der Ablasshandel zwar ein Skandal, aber kein Verkauf von Sündenvergebung war – Sünden werden in der Beichte vergeben, nicht durch Ablässe. Dass Luther nicht als Ketzer verdammt wurde, sobald er es wagte, seine 95 Thesen zu äußern, sondern erst 1521 (also vier Jahre später) exkommuniziert wurde, nach ausführlichen Unterredungen und Streitgesprächen mit Kardinal Cajetan und dem Theologen Johannes Eck in den Jahren zuvor. Dass die Reformation in den reformierten Gebieten nicht dazu führte, dass die Kirchenoberen alle fromm und gut wurden, sondern dazu, dass die in der Regel nicht so frommen und guten weltlichen Herren nun auch zur Obrigkeit in kirchlichen Dingen wurden (Heinrich VIII., anyone?), und dass ihnen die Reformation neben diesem allgemeinen Machtzuwachs auch die Gelegenheit bot, die Klöster aufzulösen und deren Besitz zu konfiszieren, sprich, auch einen greifbaren finanziellen Gewinn.

 

So, das jetzt so weit ganz grob zum Thema sola scriptura und einigen historischen Mythen. Zu ein paar weiteren Mythen über die lutherische und auch die calvinistische Häresie werde ich dann im Lauf dieses Jahres noch öfters mal kommen.

Jedenfalls, wie vielleicht hier schon deutlich geworden ist, eins sollte man meiner Meinung nach in diesem Jahr nicht tun: Feiern. (D. h. Weihnachten und Ostern und Geburtstage und Namenstage und alles andere, was sich so findet, natürlich schon. Bloß das Reformationsjubiläum nicht!) Auch aus evangelischer Sicht finde ich es übrigens fraglich, ob es hier tatsächlich so viel zu feiern gibt. 150 Jahre Religionskriege vielleicht? Luther hat die Kirche nicht, wie er ursprünglich wollte, nach seinen Ideen umformen können (zum Glück, aus katholischer Sicht); wo liegt hier also selbst aus Sicht der Protestanten der große Triumph? Die Kirche wurde gespalten. Wir Katholiken sind uns sicher mit den Lutheranern nicht einig, wer da schuld dran war (außer, dass keine Seite ganz schuldlos war, auch wenn eine Seite theologisch gesehen gänzlich im Recht war), aber ich denke, man sollte sich doch wenigstens einigen können, dass 500 Jahre Kirchenspaltung eher ein Anlass zur Trauer als zum Feiern sind. Hey, ich erwarte ja nicht gleich, dass Margot Käßmann in Sack und Asche nach Rom pilgert und vom Papst die Absolution erbittet (wobei – eigentlich wäre das schon keine schlechte Idee… 😉 ), aber wenigtens könnte man seinem Bedauern über die Kirchenspaltung Ausdruck geben, anstatt von uns Katholiken zu erwarten, dass wir den ganzen Schmarrn auch noch mit feiern sollen. Und was die katholische Seite angeht, solche Aktionen wie Rosenkränze für Luthers Seelenheil (https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/01/25/ich-weiss-ja-nicht-was-ihr-naechstes-jahr-so-so-macht/ ) wären anlässlich des Reformationsjubiläums natürlich nie verkehrt. Wir sollten ja immer versöhnungsbereit sein.

Aber ich sehe auf jeden Fall nicht ein, was ich hier zu feiern hätte.