Schlechte Fanfiction gibt’s auch zur Heiligen Schrift, Teil 1: Tamar

Man soll ja nicht immer nur die anderen kritisieren, sondern auch mal die Fehler der eigenen Seite anschauen. Also dachte ich mir, nach einer ausführlichen genervten Rezension zu einem feministisch-antichristlichen Roman könnte ich mich auch mal über einen christlich-antifeministischen lustig machen.

Ach, wem will ich hier was vormachen. Die Autorin besagten Romans ist evangelikal, und wer mich kennt, weiß, dass die Evangelikalen zu meinen Lieblingsgegnern zählen. (Nach Luther und Calvin.)

Wie auch immer, ich dachte, es könnte Spaß machen und vielleicht auch ein paar Leser interessieren, mal anzuschauen, wie ein schlechter christlicher (evangelikaler) Roman ausschauen kann. Es ist ja unter der neueren christlichen Literatur, die es so auf dem Markt gibt, gar nicht mal so wenig schlechtes Zeug dabei; Autoren in diesem Genre scheinen nicht selten entweder zu meinen, dass a) man das mit einem christlichen Publikum ja machen könne, weil das eh nicht viel Auswahl an weltanschaulich passender Unterhaltung hat und eh alles kaufen wird, was angeboten wird, oder b) es vor allem auf die transportierte Botschaft ankomme und man lieber darauf schauen anstatt an der künstlerischen Qualität arbeiten müsse.* Ausgesucht habe ich mir dafür „Saat des Segens“ von Francine Rivers: ein Sammelband aus fünf Romanen, in denen es jeweils um eine der Frauen geht, die in Jesu Stammbaum im Matthäusevangelium auftauchen – Tamar, Rahab, Ruth, Batseba, und natürlich seine Mutter Maria. Mrs. Rivers ist in amerikanischen christlichen Kreisen ziemlich bekannt; vor ihrer Bekehrung 1986 schrieb sie Liebesromane, und danach machte sie mit Liebesromanen auf Christlich weiter, von denen die meisten auch ins Deutsche übersetzt worden sind. Auf ihrer Webseite schreibt sie über ihre Ambitionen:

“Ich sehne mich danach, dass der Herr meine Geschichten benutzt, damit die Leute nach Seinem Wort, der Bibel, dürsten. Ich hoffe, dass das Lesen meiner Geschichten in dir einen Hunger auf das gelesene Wort [vielleicht ein Tippfehler auf der Webseite; statt „read Word“ könnte auch „real Word“ gemeint sein], Jesus Christus, das Brot des Lebens, erweckt. Ich bete, dass du meine Bücher beendest und dann die Bibel mit einer neuen Begeisterung und Vorfreude auf eine wirkliche Begegnung mit dem Herrn selbst aufschlägst. Mögest du die Schrift aus purer Freude, in Gottes Gegenwart zu sein, erforschen.

Geliebter, ergib dich mit ganzem Herzen Jesus Christus, der dich liebt. Wenn du aus dem tiefen Brunnen der Schrift trinkst, wird der Herr dich beleben und reinigen, dich formen und dich neu schaffen durch Sein Lebendes Wort. Denn die Bibel ist der wahrhafte Odem Gottes, der ewiges Leben denen gibt, die ihn suchen.“

Ich habe einen ihrer Romane mit dem Titel „Redeeming Love“, eine Nacherzählung der Geschichte des Propheten Hoesea, vor einigen Jahren im englischen Original gelesen und mochte ihn damals irgendwie, auch wenn mir ein Detail schon problematisch vorkam**; wieder daran erinnert habe ich mich, als ich vor einiger Zeit auf feministischen Blogs auf (nicht mal völlig zu Unrecht) sehr kritische Rezensionen gestoßen bin. „Saat des Segens“ habe ich mir dann vor kurzem bestellt, weil das Thema der Romane sehr interessant klang – und ich irgendwie gespannt war, was man bei einer evangelikalen Autorin, die über die allerseligste Jungfrau schreibt, wohl bekommen würde (ich verrate schon mal: es wird schlimmer als befürchtet). Und, wie gesagt, in der Hoffnung auf Stoff für den Blog.

Nacherzählungen biblischer Geschichten sind an sich ja etwas sehr Spannendes. Und sie sind schwierig hinzubekommen – weil man irgendwie Gott als handelnde Person hineinbringen muss; weil man dem Bibeltext treu bleiben will, aber es sich auch komisch anhört, wenn man einfach wörtlich abschreibt; weil man, wenn es um die frühen Bücher des Alten Testaments geht, so wenig über die Zeit weiß; weil man Menschen aus einer anderen Epoche der Offenbarungsgeschichte nicht einfach das eigene heutige Glaubensverständnis unterstellen darf. Spoiler: Francine Rivers bekommt diese Aufgabe nicht hin.

Wie gesagt, der Zusammenhang zwischen den fünf Büchern besteht darin, dass nur genau diese fünf Frauen in Jesu Stammbaum bei Matthäus auftauchen: „Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar. Perez zeugte den Hezron, Hezron zeugte den Aram, Aram zeugte den Amminadab, Amminadab zeugte den Nachschon, Nachschon zeugte den Salmon. Salmon zeugte den Boas mit der Rahab. Boas zeugte den Obed mit der Rut. Obed zeugte den Isai, Isai zeugte David, den König. David zeugte den Salomo mit der Frau des Urija. (…) Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird.“ (Mt 1,3-6.16) Auf Englisch sind die Bücher unter dem Titel „Lineage of Grace“ (etwa: Abstammungslinie der Gnade) erschienen.

Tamars Geschichte findet sich in der Bibel in Genesis 38. In meinem Sammelband ist dieses Buch überschrieben mit „Tamar – Der Gott, der mich segnet“; als Einzelband ist es unter dem Titel „Unveiled – Tamar“ bzw. auf Deutsch „Frau der Hoffnung – Tamar“ erschienen. Die biblische Erzählung ist relativ knapp, Mrs. Rivers hat hier also Gelegenheit, die Details relativ frei auszugestalten. (Bitte die Bibelgeschichten selber noch mal nachlesen, wenn man sie noch nicht kennt.)

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(Tammar, Dr. Lidia Kozenitzky.)

Das Buch beginnt, als die vierzehnjährige Tamar sieht, wie Juda sich mit einem mit Geschenken beladenen Esel ihrem Vaterhaus nähert. (Ihr Vater ist ein wohlhabender kanaanitischer Bauer.) Sie gerät in Panik, weil sie schon befürchtet, dass Juda sie als Braut für seinen ältesten Sohn Er bekommen möchte, von dem sie viel Schlechtes gehört hat – und so geschieht es auch. Tamar wird geholt und ihre Mutter und Schwestern schmücken sie, damit sie sich gut vor Juda präsentiert. Ihre Mutter predigt ihr noch, dass so nun mal der Lauf der Welt sei und sie sich einer Heirat fügen müsse, falls Juda sich mit ihrem Vater einig werden sollte. „Sie packte Tamars Schulter. ‚Sei eine gute Tochter und gehorche ohne Widerworte. Werde eine gute Ehefrau, die viele Söhne bekommt. Tu das, und du wirst Ehre ernten und wenn du Glück hast, wird dein Mann dich lieben. Und auch wenn keine Liebe zwischen euch wächst, wird deine Zukunft doch in den Händen deiner Söhne sicher sein; wenn du alt bist, werden sie für dich sorgen, so wie deine Brüder für mich sorgen werden. Die einzige Befriedigung, die eine Frau in dieser Welt bekommen kann, ist viele Söhne zu bekommen und die Familie ihres Mannes aufzubauen.’“ (S. 17) Tamar nimmt sich, wie das rechtliche Buch zeigt, diese Ermahnung zu Herzen.

Tamars Vater Zimran hat seine eigenen Gründe, seine Tochter mit Judas Sohn verheiraten zu wollen; er fühlt sich von den Hebräern bedroht, auch wenn Juda seine Leute verlassen, eine kanaanitische Frau geheiratet und sich unter Kanaanitern niedergelassen hat. Die Kanaaniter erinnern sich noch gut daran, wie Juda und seine Brüder Jahre vorher die Sichemiter überlistet und niedergemetzelt haben als Rache für die Vergewaltigung ihrer Schwester durch den Sohn des Stadtfürsten von Sichem (vgl. Gen 34). Zimran will also mit einer Heirat den Frieden zwischen seiner Sippe und der Judas sichern.

Die Geschichte wird nicht nur aus Tamars Sicht erzählt, sondern immer wieder auch aus der Judas. So auch gleich hier am Anfang. Man erfährt seine Motive, eine Braut für seinen Ältesten zu suchen:

„Ihre Augen waren dunkel, aber nicht hart, ihre Haut rein und leuchtend. Ein solches Mädchen konnte vielleicht das verbogene Herz seines Sohnes anrühren und ihn von seinen krummen Wegen abbringen. Ob sie wohl den Mut hatte, den es brauchte, um Ers Respekt zu gewinnen? (…) Sie würde stark und widerstandsfähig sein müssen.

Juda wusste, dass er selbst sein Maß Schuld daran trug, dass sein Sohn so missraten war. Er hätte seiner Frau nie freie Hand bei der Erziehung seiner Söhne geben dürfen. Er hatte gedacht, dass völlige Freiheit sie glücklich und stark machen würde. Und sie waren auch glücklich – solange alles nach ihrem Willen ging. Und stark genug, ihre Fäuste zu benutzen, wenn es nicht danach ging. Sie waren stolz und arrogant und kannten keine Grenzen. Hätte er nur öfter die Rute benutzt!“ (S. 21)

Also, kurz gesagt, Juda hatte Pech mit seinen Söhnen und seinen gewissermaßen „antiautoritären“ Erziehungsmethoden (die übrigens etwas aus der Zeit gefallen wirken), konnte sich nie durchsetzen und will jetzt die Verantwortung für seine Fehler auf ein vierzehnjähriges Mädchen abschieben. Er reflektiert an dieser Stelle auch die Fehler bei der Wahl seiner Frau:

„Es war die pure Lust gewesen, die ihn dazu gebracht hatte, die Mutter des Jungen zu heiraten. Schönheit war ein Fallstrick für einen Mann, und ungezügelte Leidenschaft verbrannte den Verstand. Der Charakter einer Frau war das Wichtigste. Juda wusste, dass er besser daran getan hätte, der Sitte zu folgen und seinen Vater die Frau für ihn aussuchen zu lassen. Jetzt zahlte er bitter für seine Eile und Starrsinnigkeit damals.“ (S. 24)

Ah… ja. Wir sollten hier nicht vergessen, dass die Autorin ihr Buch nicht nur als Geschichte, sondern – s. o. – vor allem als Predigt schreibt. Es gibt da ja durchaus so Tendenzen in gewissen amerikanischen „fundamentalistischen“ Kreisen, arrangierte Ehen zu verherrlichen und selber „parent-led courtship“ (d. h. Kennenlernen unter den Augen der Eltern, Heirat nur mit deren Zustimmung) zu praktizieren. Der Witz ist natürlich, dass Juda die Frau für seinen Sohn auch nur aufgrund eines sehr oberflächlichen Eindrucks auswählt und kaum Worte mit ihr wechselt.

„Es reichte nicht, dass eine Frau die Leidenschaft ihres Mannes anfachte. Sie musste auch stark sein, aber gleichzeitig bereit, sich zu fügen. Eine störrische Frau war ein Fluch für einen Mann.“ (S. 24.)

Okay… ist wohl mehr oder weniger Standardpredigt bei konservativen Protestanten.

Ansonsten erfährt man in diesem Kapitel auch noch, wie sehr Juda von der Erinnerung an das geplagt wird, was er und seine Brüder einst seinem jüngeren Bruder Joseph angetan haben – wie sie ihn nach Ägypten verkauft und ihrem Vater weisgemacht haben, er sei tot.

Aber weiter im Text. Juda und Zimran werden sich einig, Juda lässt die Brautgeschenke da, und Tamar muss ihn gleich zurück zu sich nach Hause begleiten. Eine Dienerin, ihre frühere Amme Aksa, kommt mit ihr. Als sie ankommen – Juda lebt hier interessanterweise in einem Steinhaus, nicht in Zelten –, ist Er mit seinen Freunden unterwegs und Judas Frau Batsuba reagiert abschätzig und wenig einladend auf ihre neue Schwiegertochter. Tamar versucht zunächst noch, sich selbst Mut zu machen: „Während sie so dasaß und wartete, befahl sie sich selbst, all das Schlimme zu vergessen, das sie über Er gehört hatte. Vielleicht hatten die Menschen, die so schlecht über ihn sprachen, unlautere Motive gehabt. Nein, sie würde ihn so achten, wie es einem Ehemann gebührte; und auf seine Wünsche eingehen. Wenn der Gott von Ers Vater gnädig auf sie herabsah, würde sie Er Söhne schenken, und dies schon bald, und sie würde sie zu starken, ehrlichen Männern erziehen, die treu und verlässlich waren. Ja, falls Er dies wünschte, würde sie sogar den Gott Judas anbeten und ihre Söhne dazu erziehen, ihn zu ehren und nicht die Götter ihres Vaters. Aber ihr Herz zitterte, und mit jeder Stunde wuchs ihre Angst.“ (S. 29) Als ihr Bräutigam schließlich, betrunken und zusammen mit seinen betrunkenen Freunden, wiederkommt, heißt auch er sie nicht gerade herzlich willkommen.

„Es lag Stolz in der Art, wie er seinen Kopf hielt, Grausamkeit im Schwung seines Mundes, Gleichgültigkeit in seinen Gesten. Er ergriff nicht ihre Hand.

‚Ist das also die Frau, die du für mich ausgesucht hast, Vater.’

Sein Tonfall ließ Tamar frösteln.“ (S. 29f.)

Ich finde es ja etwas nervig, wenn man den Bösen immer gleich ansieht, dass sie die Bösen sind. So einfach ist das im realen Leben ja nicht.

Er jedenfalls behandelt Tamar in den folgenden Monaten grausam, lässt seine Wut an ihr aus, schlägt sie, und ist nie mit ihr zufrieden. Außerdem ist er faul und nicht für die Arbeit bei Judas Herden zu gebrauchen. Tamar hat es auch sonst nicht einfach: Ihre Schwiegermutter hat es besonders auf sie abgesehen. Ständig herrscht Unfriede zwischen Er und Onan oder zwischen den Söhnen und ihrer Mutter. Juda schreitet nicht ein und flieht zu seinen Schafen und Ziegen, wenn er nur kann. Auch der schlechte Einfluss von Ers und Onans Freunden wird immer wieder ausgebreitet; auch das natürlich als Mahnung für die Mütter von Söhnen im Teenageralter, die das Buch lesen könnten.

Tamar sehnt sich danach, endlich schwanger zu werden: „Sie sehnte sich mehr nach einem Kind als alle anderen, mehr auch als ihr Mann, dessen Wunsch nach einem Sohn nur eine Erweiterung seines Stolzes war als ein echtes Bedürfnis, eine Familie zu gründen. Mit einem Sohn würde Tamar endlich etwas gelten in diesem Haus – und sie würde sich nicht mehr so grenzenlos einsam fühlen.“ (S. 35)

Mehr oder weniger als Ursache allen Übels stellt die Autorin Batsuba dar: „War Batsuba wirklich blind für das, was sie in diesem Haus anrichtete? Dauernd brachte sie den Sohn gegen den Vater und Bruder gegen Bruder auf. Über alles und jedes stritt sie mit Juda, und das vor ihren Söhnen, wie um ihnen zu demonstrieren, wie sie es sich möglichst mit allen verdarb und das Schlechteste für die Familie tat. Kein Wunder, dass ihre Schwiegermutter unglücklich war. Und der Rest des Hauses mit ihr.“  (S. 37) Also, meine Damen, streitet euch nicht vor den Kindern mit euren Männern! (An sich ja kein schlechter Ratschlag. Mrs. Rivers ist halt nur sehr überdeutlich mit ihren Predigten.) Tamar währenddessen versucht, gehorsam zu sein und sich einzufügen. Auch in religiösen Dingen wird sie als Gegenbild zu Batsuba präsentiert. Batsuba verlässt sich auf die kanaanitischen Götterbilder, während Tamar irgendwie fasziniert von Judas Gott ist, der vor wenigen Generationen die beiden Städte Sodom und Gomorra zerstört haben soll. Ihr Schwiegervater allerdings spricht nicht viel über diesen Gott. Das Problem hier ist, dass Mrs. Rivers den religiösen Konflikt sehr vereinfacht und teilweise falsch darstellt.

Als Batsuba sich darüber beschwert, dass ihr Mann immer, nachdem er seinen alten Vater besucht habe, tagelang vor sich hinbrüte, sich betränke und davon spräche, dass die Hand Gottes auf ihm läge, entwickelt sich ein Streitgespräch zwischen ihr und Tamar:

„Batsuba erhob sich und begann, hin- und herzulaufen. ‚Wie kann der Mann nur so blöd sein und an einen Gott glauben, den es gar nicht gibt?’

‚Vielleicht gibt es ihn doch.’

Batsuba warf ihr einen finsteren Blick zu. ‚Und wo ist er dann, bitte sehr? Hat dieser Gott einen Tempel, in dem er wohnt, und Priester, die ihm dienen? Er hat noch nicht einmal ein Zelt!’ Sie trat an ihren Schrein. ‚Das hier – das sind richtige Götter!’ Sie ließ die Finger über eine der Statuen gleiten. ‚Man kann sie sehen und anfassen. Diese Götter hier, die kanaanitischen, machen unser Land und unsere Frauen fruchtbar.’ Ihre Augen glitzerten kalt. ‚Wenn du mehr Ehrfurcht vor ihnen hättest, wäre dein Bauch vielleicht nicht mehr so flach!’

Tamar spürte den Stich, aber diesmal ließ sie ihn nicht tief eindringen. ‚Hat Judas Gott nicht Sodom und Gomorra zerstört?’

Batsuba lachte spöttisch auf. ‚Ja, so heißt es, aber ich glaube das nicht.’ Sie funkelte Tamar an. ‚Würdest du deine Söhne vor einem Gott knien lassen, der ganze Städte auslöscht?’

‚Wenn Juda es will.’“ (S. 37f.)

In diesem Gespräch sagt Batsuba auch noch: „Die Götter haben mich mit drei guten Söhnen gesegnet, und ich habe sie in der wahren Religion erzogen, wie jede gute Mutter es tun würde.“ (S. 39)

Tamar gibt den Versuch, mit ihrer Schwiegermutter zu streiten, schließlich auf, macht sich aber noch ihre eigenen Gedanken. Sie denkt mit Mitleid an ihre ältere Schwester, die als Tempelprostituierte in den Baalstempel in Timna gegeben wurde. „Diese Götter und der Glaube an sie machten einfach keinen Sinn. Ihre halbherzigen Versuche, sie zu verehren, erfüllten sie nur mit einer eigenartigen Mischung aus Widerwillen und Scham.“ (S. 39) Und: „Wenn die Götter der Kanaaniter so mächtig waren, warum hatten sie dann die Menschen von Sodom und Gomorra nicht beschützt? Ein Dutzend Götter musste doch wohl stärker sein als einer – wenn es denn Götter waren. Nein, sie waren nichts als Steine, Holzstücke und Tonklumpen, die Menschenhände bearbeitet hatten!“ (S. 40)

So. Jetzt erst mal stop. Von vorn:

Die Heiden unterschieden nicht zwischen „wahren“ und falschen Göttern, sondern zwischen ihren Göttern und denen anderer Völker/Städte/Sippen/Zuständigkeitsbereiche. Ihre Götter waren mehr so etwas wie bei uns Christen die Schutzengel und die Dämonen. Die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Göttern kam erst durch den Glauben Israels auf; der Ägyptologe Jan Assmann hat sie die „Mosaische Unterscheidung“ genannt. Judas kanaanitische Frau hätte nicht von den „wahren“ Göttern gesprochen.

Dementsprechend war das Problem, wenn die Israeliten sich mit Heiden vermischten und heidnische Götter verehrten, auch nicht, dass sie dann Jahwe für einen falschen Gott gehalten und ganz aufgehört hätten, Ihn zu verehren. Ne; sie wollten nur auf Nummer sicher gehen und andere Götter auch noch verehren; sie hatten nicht andere Götter statt Ihm, sondern neben Ihm. Dagegen richtet sich das Erste Gebot. Aus dem späteren Israel sind Inschriften erhalten, in denen von „Jahwe und seiner Aschera“ die Rede ist (Aschera war eine kanaanitische Fruchtbarkeitsgöttin, die auch in dem Gespräch zwischen Batsuba und Tamar erwähnt wird); hier war das Problem gerade das: Jahwe wurden Götter an die Seite gestellt. (Diese Inschriften sind Jahrhunderte bis ein Jahrtausend jünger als die Zeit, in der diese Geschichte spielt, aber für die Zeit, als Gott gerade erst begonnen hatte, sich den Patriarchen zu offenbaren, gilt das Gesagte ja noch erst recht.)

Es wirkt außerdem unglaubwürdig, dass Tamar sich schon so für den Gott ihres Schwiegervaters interessiert, obwohl sie eigentlich nichts über Ihn weiß – außer, dass Er zwei Städte zerstört hat. Sie scheint noch nicht einmal genau zu wissen, ob Er denn dafür einen gerechten Anlass hatte. Umgekehrt wirkt es nicht sehr glaubwürdig, dass Batsuba fragt: „Würdest du deine Söhne vor einem Gott knien lassen, der ganze Städte auslöscht?“ Die Kanaaniter gingen nicht davon aus, dass die Götter vollkommen gut seien. Für die Heiden machte es Sinn, gerade den Göttern Opfer zukommen zu lassen, von denen man befürchtete, dass sie nicht besonders gut waren, sondern launenhaft und gefährlich. Wesentlich realistischer wäre es gewesen, wenn Batsuba Jahwe vorsichtshalber zusammen mit ihren anderen Göttern verehrt hätte (und sich dabei vielleicht auch ein fassbares Götterbild für Ihn gemacht hätte), um nicht seinen Zorn zu erregen. Batsuba steht hier für moderne Ungläubige, die fragen: Wollt ihr echt an einen Gott glauben, der Städte zerstört und Kinder umgebracht haben soll? Aber das fragen die ja nur, weil Juden und Christen seit Jahrtausenden darauf bestehen, dass Gott vollkommen gut und gerecht ist. Und so macht es zwar auch Sinn, dass Tamar rituellen Geschlechtsverkehr im Tempel abstoßend findet, aber keinen Sinn, dass sie daraus schließt, Baal und Aschera könnte es vielleicht gar nicht geben.

Es wird noch „besser“:

„Vielleicht gab es überhaupt keinen wahren Gott.

Aber auch gegen diesen Gedanken rebellierte ihr Herz. Die ganze Welt um sie herum – der Himmel, die Erde, der Wind und der Regen – sagte ihr, dass da etwas sein musste. Vielleicht war der hebräische Gott dieses Etwas. Ein Schild gegen Feinde. Eine Zuflucht im Sturm. Eine sichere Burg… Wie sie sich danach sehnte, einen solchen Gott zu kennen.“ (S. 40)

Das sind fast wörtliche Psalmenzitate. Gleich fängt sie noch an, Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu singen.

Wenig später findet Tamar dann auch eine Gelegenheit, Juda über seinen Gott auszufragen.

„‚Und wo ist er?’

‚Wo er will. Überall.’ Juda zuckte die Achseln. ‚Ich kann dir nicht erklären, was ich selbst nicht verstehe.’ Seine Brauen zogen sich zusammen, als blickte er in eine weite Ferne. ‚Manchmal will ich nicht wissen…’

(…)

‚Und hat er je mit dir geredet?’

‚Nein, und ich hoffe, er wird es nie tun.’

‚Warum?’

‚Weil ich weiß, was er sagen würde.’ Juda seufzte schwer und warf das Brot auf das Tablett.

‚Jeder Gott verlangt Opfer. Welches Opfer verlangt deiner?’

‚Gehorsam.’ Er winkte ungeduldig mit der Hand. ‚Aber jetzt hast du genug gefragt. Gönn mir etwas Ruhe!’“ (S. 44f.)

Mrs. Rivers scheint davon auszugehen, die Kanaaniter hätten gemeint, die Götter würden nur in den Götterstatuen wohnen und seien nicht auch um sie herum (z. B. im Wind, in der Erde) präsent; so einfach war es dann doch nicht. Bei der Sache mit den Opfern spielt sie wohl auf Stellen wie 1 Sam 15,22 („Samuel aber sagte: Hat der HERR an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des HERRN? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern.“) oder Hos 6,6 („Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“) an; aber so ganz passt das irgendwie auch nicht. Erstens sind das spätere Stellen, und zweitens gab es ja trotzdem Opfer bei den Israeliten. Abraham, Isaak und Jakob errichteten Gott immer wieder Altäre und brachten auch Schlachtopfer dar; z. B. heißt es in der Bibel nur drei Kapitel weiter vorn: „Gott sprach zu Jakob: Steh auf, zieh nach Bet-El hinauf und lass dich dort nieder! Errichte dort einen Altar dem Gott, der dir auf der Flucht vor deinem Bruder Esau erschienen ist!“ (Gen 35,1) Wobei man „Gott will vor allem Gehorsam“ evtl. auch aus der Geschichte mit der Beinahe-Opferung Isaaks herauslesen könnte; oder vielleicht bezieht die Autorin sich auch auf den Bundesschluss mit Abraham in Gen 17: „Geh vor mir und sei untadelig!“ (Gen 17,1) (wo allerdings auch die Beschneidung befohlen wird).

Wieder geht es weiter mit Juda und seinen Gewissensbissen:

„Manchmal dachte er an die alten Tage mit seinen kanaanitischen Gefährten zurück. Hira, sein Freund aus Adullam, hatte die passende Lebensphilosophie parat gehabt. ‚Iss, mein Bruder, trink, und freu dich des Lebens! Und wenn die Leidenschaft brennt, dann fach die Flamme noch an.’“ (S. 47) Diese Stelle erinnert mich stark an verschiedene biblische Beschreibungen der „Frevler“, aber mir fällt gerade keine genaue Stelle ein.

„Was Juda auch tat, sein Leben stank nach kalter Asche. Er konnte den Folgen seiner Taten nicht entfliehen. Es war zu spät, um seinen Bruder zu suchen und zu retten, zu spät, ihn vor einem Leben zu bewahren, das schlimmer war als der Tod, zu spät, die Sünde ungeschehen zu machen, die Judas eigenes Leben vergiftete. Die Sünde, die er begangen hatte, war so scheußlich, so unvergebbar, dass er mit ihrer Schwärze auf seiner Seele in den Scheol hinabfahren würde.“ (S. 47f.)

Was für ein Käse. Der Glaube an eine Auferstehung der toten Gerechten kam erst deutlich später auf – das findet sich vielleicht in Büchern aus der hellenistischen Zeit wie den Makkabäerbüchern (die die Protestanten übrigens aus der Bibel geworfen haben). In den frühen Büchern des AT ist der Scheol, eine dunkle Unterwelt wie der Hades, aber nicht unbedingt ein Ort der Qualen, der Aufenthaltsort für alle Toten. Die alttestamentlichen Hebräer hatten noch keine Offenbarung über ein Gericht nach dem Tod, sondern glaubten nur daran, dass Gott im Diesseits lohnen und strafen würde.

Schließlich ordnet Juda an, ein Festmahl vorzubereiten, bei dem er mit seinen Söhnen über ihre Zukunft sprechen will. Als die Familie bei Tisch sitzt, verkündet er, dass er noch nicht entschieden habe, wer sein Erbe sein werde.

„‚Ich bin dein Erbe’ presste Er hervor. ‚Ich bin der Erstgeborene!’

Juda sah ihn ruhig an, seine Augen kühl. ‚Wer mein Erbe wird, bestimme ich. Wenn ich will, kann ich auch alles einem Diener vermachen.’

‚Wie kannst du auch nur an so etwas denken?’ kreischte Batsuba.

Juda ignorierte sie. Seine Augen waren weiter auf seinen Ältesten geheftet. ‚Die Schafe leiden unter dir, statt zu gedeihen. Und deine Frau ebenso.’“ (S. 51)

Er ist ganz und gar nicht erfreut, stößt offene Drohungen aus („Onan ist besser mit den Schafen, schön, aber ich bin besser mit dem Schwert!“, S. 52), und ruft schließlich die Götter Kanaans an, ihm zu helfen: „Ich gelobe hiermit, dass ich meine erste Tochter dem Tempel in Timna opfern werde und meinen ersten Sohn dem Feuer des Moloch!“ (Ebd.) Tamar ist entsetzt über diesen Schwur, und schreit „Nein!“ aber… im selben Moment erleidet Er einen urplötzlichen Herzanfall oder etwas in der Art und ist nach wenigen Augenblicken tot. Ein Problem gelöst, gewissermaßen.

Ach ja, zur Erinnerung, die ganze bisherige Handlung (abgesehen von der Vorgeschichte von Judas Familie) umfassen in der Bibel nur zwei Verse: „Juda nahm für seinen Erstgeborenen Er eine Frau namens Tamar. Aber Er, der Erstgeborene Judas, missfiel dem HERRN und so ließ ihn der HERR sterben.“ (Gen 38,7f.) Jetzt kann es dann langsam mit dem zentralen Konflikt der biblischen Geschichte losgehen: Tamar (die übrigens sehr beeindruckt durch den mutmaßlichen Machterweis des Hebräer-Gottes an ihrem Mann ist) steht als kinderlose Witwe nicht besonders gut da, aber damals gab es ja den Brauch der Schwagerehe, auch Leviratsehe genannt: Ein Bruder – oder evtl. ein anderweitiger Verwandter des Verstorbenen, s. das Buch Ruth – konnte dessen Witwe heiraten; der erste Sohn aus dieser Verbindung galt dann rechtlich als Sohn des Verstorbenen, damit dessen Name weiterlebte. Im nächsten Kapitel wird deutlich, dass Tamar hofft, dass Juda ihr nach der Trauerzeit seinen zweiten Sohn Onan zum Mann geben wird; und das tut Juda letztlich auch, obwohl seine Frau überzeugt ist, Tamar hätte einen bösen Zauber auf Er gelegt und wäre die Schuldige an dessen Tod.

Onan unterscheidet sich etwas von seinem Bruder, hat aber im Großen und Ganzen auch keinen besseren Charakter. Er ist klüger und ehrgeiziger, als Er es gewesen ist, und war immer neidisch auf seinen älteren Bruder – und auch begierig nach dessen Frau. Aber er will seinem Bruder ganz sicher keinen Nachkommen verschaffen, der dann dessen Erbteil bekommen würde, und greift daher in der Hochzeitsnacht auf eine Verhütungsmethode zurück, die damals schon zur Verfügung stand, nämlich den coitus interruptus. Mrs. Rivers setzt in ihrer Erzählung bei dem Streit zwischen Tamar und Onan hinterher ein:

„Sie hatte gewusst, dass er von der gierigen Sorte war, aber diese schreiende Ungerechtigkeit hatte sie nicht erwartet. ‚Du willst nicht nur deinen Erbteil, sondern Ers noch dazu!‘

‚Und warum nicht? Ich habe dafür gearbeitet.‘

‚Du hast deinen eigenen Erbteil. Du hast kein Recht auf Ers; er gehört seinem Sohn.‘

Onan grinste. ‚Welchem Sohn?‘

Wütende Tränen stiegen in ihre Augen. ‚Das kannst du nicht machen, Onan! Ich bin keine Hure!‘

‚Jetzt sei doch vernünftig, Tamar. Wer hat sich denn um die Herden gekümmert – Er oder ich? Habe ich dich geschlagen und beschimpft? War Er auch nur einmal freundlich zu dir? Was hat mein Bruder dir je Gutes getan?‘

‚Darum geht es doch gar nicht! Er war der älteste Sohn deines Vaters, der Erstgeborene. Du musst deine Pflicht gegenüber deinem Bruder erfüllen, oder seine Linie wird aussterben. Was meinst du, was Juda davon halten wird, wenn ich ihm sage, was du heute getan hast?‘

‚Dann sag’s ihm besser nicht.‘

‚Ich will bei dieser Sache nicht mitmachen! Was für eine Zukunft habe ich, wenn du deinen Kopf durchsetzt?‘

‚Die Zukunft, die ich dir biete.‘

‚Ich soll also einem Mann vertrauen, der seinem eigenen Bruder den Erben versagt?'“ (S. 65)

Ich muss sagen, ich habe Onan nicht immer so ganz verstanden – solange Tamar kein Kind für Er geboren hat, kann sie ja auch kein weiteres Kind gebären, das dann Onans Erbe wäre; und dass ein Mann dieser Zeit willentlich ganz auf eigene Kinder verzichtet, ist schwer vorstellbar. Kinder waren ja nicht nur nötig, um einen später zu versorgen, sondern waren auch ein Zeichen der Ehre, führten den eigenen Namen weiter (weshalb es ja ein schlimmes Vergehen war, sie seinem Bruder zu versagen). Aber vielleicht hoffte Onan ja darauf, später noch eine zweite Frau zu heiraten, die dann nur Kinder bekommen würde, die rechtlich auch als seine zählen würden.

Tamar wendet sich tatsächlich an ihren Schwiegervater, aber der will sich nicht einmischen und rät ihr, es bei Onan mit „den Waffen einer Frau“ (S. 69) zu versuchen. Tamar ist absolut sauer. An dieser Stelle denkt die Autorin sich einen „kanaanitischen Brauch“ aus, um den Rest der Geschichte noch etwas plausibler zu machen:

„Sie schluckte heftig, ihre Wangen brannten. ‚Wenn dir das lieber ist, kannst du auch dem kanaanitischen Brauch folgen und diese Pflicht selbst erfüllen.‘

Sein [Judas] Kopf fuhr hoch. Ihr Vorschlag widerte ihn sichtlich genauso an wie sie selbst. ‚Ich bin ein Hebräer und kein Kanaaniter.‘

‚Ich wollte dich nicht beleidigen.'“ (S. 70f.)

Das Gespräch mit Juda führt also zu nichts. In der nächsten Nacht tut Onan wieder das Gleiche – und schon am Morgen darauf ist er tot.

Wie zu erwarten schreit Batsuba Zeter und Mordio. Juda brütet einige Zeit lang stumm vor sich hin und gibt schließlich dem Drängen seiner Frau in gewisser Weise nach:

„Juda wusste, dass es Gott gewesen war, der Er und Onan getötet hatte. Wenn er Tamars Bitte erfüllt und Onan wegen seiner Sünde zur Rede gestellt hätte, vielleicht… Juda verwarf den Gedanken sofort wieder. Selbst wenn es Gott gewesen war, der seine Söhne weggenommen hatte – dieses Mädchen war ein schlechtes Omen. Seit er sie ins Haus geholt hatte, hatte er nichts als Ärger mit ihr gehabt. Vielleicht würe er endlich etwas Frieden finden, wenn er sie wieder los war.

Schela war der einzige Sohn, der ihm noch geblieben war. Batsuba hatte recht; er musste ihn schützen.“ (S. 75f.)

Er lässt Tamar schließlich rufen und sagt ihr, Schela – der zwei Jahre älter ist als sie – wäre noch zu jung zum Heiraten; sie solle ins Haus ihres Vaters zurückkehren und dort leben, bis er sie wieder holen lasse. Sie ist verzweifelt und nimmt ihm nicht wirklich ab, dass er sein Versprechen ernst meint, aber ihr bleibt nichts anderes übrig, als zusammen mit Aksa zu ihrer Familie zurückzukehren. Ihr Vater ist alles andere als begeistert, sie wiederzusehen und meint, sie würde seiner Familie Unglück bringen. In den nächsten paar Jahren hat sie es bei ihrer Familie schwer, gibt sich aber nach außen hin überzeugt, dass Juda sie noch holen lassen werde, und versucht auch, sich selbst davon zu überzeugen.

Auch Judas Familie ergeht es nicht besser: Seine Viehherden werden vom Unglück heimgesucht und seine Frau ist immer noch besessen von dem Gedanken daran, dass Tamar am Tod ihrer beiden Söhne schuld sei, betet zu ihren Göttern um Rache und liegt ihm damit in den Ohren, dass er Tamar nicht gleich noch getötet hat. Sie wird dann auch krank, was die Autorin als Resultat ihrer Sünden darstellt. „Dann wurde Batsuba krank, als die Unzufriedenheit sich wie ein Gift in ihren Körper fraß.“ (S. 85) Diese Darstellung finde ich gar nicht unproblematisch. Im evangelikalen Bereich findet sich ja die Ansicht, dass Krankheiten von Sünden wie Bitterkeit und Unzufriedenheit her kämen, gar nicht mal so selten; und auch wenn so etwas (damit kenne ich mich nicht aus) vielleicht manchmal tatsächlich zu Krankheiten beitragen könnte, ist es doch nicht so gut, Kranken das Gefühl zu geben, sie wären an ihrer Krankheit wahrscheinlich selber schuld; und das widerspräche ja auch der Bibel (Joh 9).

Sechs Jahre nach Onans Tod sieht Tamar, die mit ihrer Mutter auf dem Markt in der nahen Stadt Stoffe verkauft, zufällig Schela, der sich zusammen mit einem kanaanitischen Freund betrunken zwischen den Ständen hindurchdrängt und der sie nicht erkennt – und der inzwischen ganz deutlich erwachsen geworden ist. Endlich muss sie sich eingestehen, dass Juda tatsächlich sein Wort gebrochen hat. Kurz darauf erfährt sie auch durch Zufall, dass Batsuba gestorben ist; man hat ihr keine Nachricht geschickt und sie nicht geholt, um sie mit dem Rest der Familie zu betrauern. Ihre Mutter spricht mit ihr darüber:

„‚Hast du gar nichts dazu zu sagen? Dieser elende Kerl hat dich verraten!‘

‚Genug!‘ Tamar funkelte ihre Mutter an. ‚Ich werde nicht gegen Juda oder seine Söhne sprechen. Ich werde dem Haus meines Mannes treu bleiben, egal, wie sie mich behandeln. Oder wie ihr mich behandelt.‘ Sie wünschte sich, ihre Gedanken genauso gut zügeln zu können wie ihre Zunge.

‚Wir geben dir zu essen.‘

‚Von dem ich mir jeden Bissen verdienen muss.‘

‚Dein Vater sagt, du sollst nach Kesib gehen und im Tor ausrufen, dass dir Unrecht geschehen ist.‘

Ihr Vater wusste also alles. Die Demütigung war komplett. Tamar drückte ihre Stirn gegen die Flanke der Ziege, der Schmerz zu tief für Tränen.

‚Und das hättest du schon längst tun sollen!‘ Ihre Mutter ließ nicht locker. ‚Es ist dein gutes Recht! Willst du für den Rest deines Lebens hier sitzen und nichts tun? Wer wird für dich sorgen, wenn du alt wirst? Was soll aus dir werden, wenn du nicht mehr arbeiten kannst?‘ Sie kniete sich neben Tamar und nahm ihren Arm. ‚Sag den Stadtältesten, wie dieser Hebräer dich behandelt und uns gedemütigt hat! Sie sollen alle erfahren, dass Juda wortbrüchig ist!‘

Tamar sah sie an. ‚Ich kenne den Mann besser als du, Mutter. Er wird mich nicht segnen, wenn ich ihn vor ganz Kesib und Adullam bloßstelle! Wenn ich den Namen meines Schwiegervaters schlechtmache, wird er mir dann wohl Gnade zeigen und mir Schela geben?'“ (S. 92f.)

Die Idee davon, Juda im Tor zur Rede zu stellen, hat die Autorin wohl aus den späteren Bestimmungen des Gesetzes des Mose über die Schwagerehe: „Wenn zwei Brüder zusammenwohnen und der eine von ihnen stirbt und keinen Sohn hat, soll die Frau des Verstorbenen nicht die Frau eines fremden Mannes außerhalb der Familie werden. Ihr Schwager soll sich ihrer annehmen, sie heiraten und die Schwagerehe mit ihr vollziehen. Der erste Sohn, den sie gebiert, soll den Namen des verstorbenen Bruders weiterführen. So soll dessen Name in Israel nicht erlöschen. Wenn der Mann aber seine Schwägerin nicht heiraten will und seine Schwägerin zu den Ältesten ans Tor hinaufgeht und sagt: Mein Schwager will dem Namen seines Bruders in Israel keinen Bestand sichern und hat es deshalb abgelehnt, mit mir die Schwagerehe einzugehen!, wenn die Ältesten seiner Stadt ihn dann vorladen und zur Rede stellen, er aber bei seiner Haltung bleibt und erklärt: Ich will sie nicht heiraten!, dann soll seine Schwägerin vor den Augen der Ältesten zu ihm hintreten, ihm den Schuh vom Fuß ziehen, ihm ins Gesicht spucken und ausrufen: So behandelt man einen, der seinem Bruder das Haus nicht baut. Ihm soll man in Israel den Namen geben: Barfüßerhaus.“ (Dtr 25,5-10)

Ich muss sagen, die biblische Geschichte an sich gefällt mir besser als Mrs. Rivers‘ Interpretation von Tamars Motiven. Ich fürchte, Leserinnen, die in missbräuchlichen Beziehungen/Familien stecken, könnten bei diesem Buch genau die falschen Lektionen mitnehmen. Sei immer brav und gehorsam gegenüber deinem Mann, auch wenn er dich brutal misshandelt, so gewinnst du ihn vielleicht für dich; und auch wenn das nicht klappt, sei trotzdem brav und gehorsam. Und rede nie nach außen hin schlecht über die Familie, auch wenn sie dir Unrecht antun, das du sogar gerichtlich verfolgen lassen könntest, sonst werden sie dich erst recht nicht mehr annehmen.

Schließlich wird Tamar von ihrer Mutter, die ihr sagt, dass Juda zum Schafschurfest nach Timna gehen werde, auf eine Idee gebracht. Sie nimmt am nächsten Tag Kleider, die ihre Mutter genäht hat, um sie ihrer Schwester nach Timna in den Tempel zu schicken, verkleidet sich damit und setzt sich (während die übrige Familie denkt, sie wäre bei der Arbeit auf einem entfernten Feld) in einen kleinen Hain bei einer Wegkreuzung bei Enajim. Als sie schließlich Juda und seinen Freund Hira aus Adullam näherkommen sieht, zeigt sie sich, und tatsächlich halten die beiden die geschmückte und verschleierte Tamar für eine Prostituierte, und sie muss nicht einmal besondere Verführungskünste aufwenden, um Juda für sich zu gewinnen. Sie bringt ihn sogar dazu, ihr sein Siegel zu überlassen (als Pfand für einen jungen Ziegenbock, den er ihr als Bezahlung zu schicken verspricht). Während Hira weitergeht, geht Juda mit ihr in den Hain.

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(Jacopo da Ponte, Tamar und Juda, 2. Hälfte 16. Jh. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Als Juda hinterher schläft, verschwindet Tamar schnell und zieht sich ihre Witwenkleider wieder an; das Siegel behält sie versteckt bei sich. Juda versucht später, der Prostituierten durch Hira den Ziegenbock schicken zu lassen, um sein Siegel wiederzubekommen, aber natürlich findet der sie nicht. Tamar stellt währenddessen fest, dass sie, wie sie gehofft hat, tatsächlich schwanger geworden ist, was sie sorgfältig geheimhält.

Als sie etwa im dritten Monat ist und gerade auf dem Feld arbeitet, kommt Aksa (der sie sich schon anvertraut hat), zu ihr gelaufen und erzählt ihr panisch, ihr Vatere wüsste von ihrer Schwangerschaft; eine andere Dienerin hätte ihren Bauch gesehen und sie hätte es ihm sagen müssen. Da kommen auch schon ihre Brüder und zerren Tamar mit sich; ihr Vater ist außer sich vor Zorn und tritt auf sie ein; aber auch Tamar ist jetzt zornig und schreit, Zimran hätte kein Recht, über sie zu richten, sie würde zu Judas Haus gehören. Und tatsächlich lässt Zimran zu Juda schicken, um ihm das Urteil über Tamar zu überlassen.- und Juda reagiert nicht besonders nett:

„Wenn er jetzt gnädig war und sie am Leben ließ, würde dieses Kind – egal, wer sein Vater war – ein Mitglied seines Hauses werden! Das durfte nicht geschehen; er würde es nicht zulassen.

Doch in die Wut mischte sich auch eine hinterlistige Befriedigung. Tamar gab ihm eine Gelegenheit, sie endgültig loszuwerden! Sie hatte sich auf die schändlichste Art gegen sein Haus versündigt, und es war sein gutes Recht, sie zu richten. Schade nur, dass Batsuba das nicht mehr erleben durfte. […]

‚Verbrennt sie! Sie soll im Feuer sterben!‘ rief er.

Noch bevor Zimrans Diener wieder durch die Tür hinaus war, wusste Juda, dass das Blatt sich endlich gewendet hatte. Morgen schon könnte er eine Frau für Schela suchen. Es war Zeit, dass er für den Fortbestand seiner Familie sorgte.“ (S. 106f.)

Als Tamar den Diener zurückkommen hört und erfährt, welche Nachricht er bringt, schickt sie schnell Aksa mit dem Siegel zu Juda. Mir ist nicht ganz klar, wieso sie es nicht schon vorher getan hat; in dem Buch hat Mrs. Rivers die Entfernung bis zu Judas Haus mit immerhin einer halben Tagesreise angegeben, was in so einem Notfall ganz schön weit ist. Als ihr Vater und ihre Brüder kommen, um das Urteil auszuführen, setzt Tamar sich zur Wehr und verlangt, sie sollen sie zu Juda bringen; sollte der das Urteil selbst vollziehen! Währenddessen erreicht Aksa Juda und richtet ihm Tamars Botschaft aus: „Der Mann, dem dieses Siegel und dieser Stock gehören, ist der Vater meines Kindes. Erkennst du sie wieder?“ (S. 109) Und Juda wird klar, was passiert ist.

„Ihm wurde kalt, dann heiß. Scham überflutete ihn. Sein Abenteuer war nicht im Verborgenen geschehen. Nichts war im Verborgenen geschehen. Gott hatte alles gesehen. Seine Haut kribbelte, seine Nackenhaare standen ihm zu Berge.

‚Wann wirst du tun, was recht ist, Juda?‘

Die Worte waren wie ein Flüstern in seinen Ohren. Einst hatte Tamar sie zu ihm gesagt, aber jetzt war die Stimme eine andere – leise und schrecklich, die in die letzten Winkel seines Herzens drang.“ (S. 109)

Juda rennt los und trifft Zimran und dessen Söhne, die Tamar mitschleppen, auf dem Weg. Ihn überkommt Reue für sein Verhalten Tamar gegenüber und er gesteht, dass das Kind von ihm ist.  Hier hat Mrs. Rivers sich nicht mehr viel Mühe mit der Szene gemacht; Zimrans Reaktion wird in nur ein paar Sätzen beschrieben: „‚Ich… gut, dann… nimm sie. Mach mit ihr, was du willst.‘ Zimran drehte sich zögernd um und ging fort. Juda sah, wie er den Kopf schüttelte. Seine Söhne folgten ihm.“ (S. 111) Juda bittet Tamar um Vergebung und nimmt sie mit zu sich und ist von da an nur noch der fürsorgliche Schwiegervater für sie.

Jacopo da Ponte - Tamar led to the Stake - 1566-1567.jpg

(Jacopo da Ponte, Tamar wird zum Scheiterhaufen geführt, 1566/67. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Auch religiös kommt jetzt alles in Ordnung:

„Er ging zu seinen Herden und wählte das beste Schaf aus, das er finden konnte, ein fehlerloses männliches Lamm. Er bekannte seine Sünden vor Gott und vergoss das Blut des Tieres zur Sühne, dann fiel er vor dem Gott Abrahams Isaaks und Jakobs nieder und bat um Vergebung und Heilung.

In dieser Nacht hatte Juda keine Albträume. Zum ersten Mal seit wie vielen Jahren? Er wusste es nicht.“ (S. 112)

Tamar lässt Batsubas Götterbilder zerstören und bringt schließlich auch die abergläubische Aksa dazu, von den alten Göttern abzulassen, indem sie droht, sie ansonsten wegzuschicken. Dann werden Tamars Zwillinge Perez und Serach geboren; ein seltsames Detail, das sich nicht in der Bibel findet, ist mir bei der Szene aufgefallen:

„Aksa hatte schon viele Male bei Geburten in Zimrans Haus geholfen, doch noch nie hatte sie eine so schwere Geburt erlebt. Dass Tamar trotzdem nicht jammerte, machte ihre Liebe zu ihr noch größer. Die Stunden vergingen und Tamar schwitzte und litt. Sie biss fest auf einen Lederriemen, um nicht zu schreien.

‚Schrei ruhig, Tamar, das hilft!‘

‚Nein, dann hört es Juda und macht sich Sorgen.‘

‚Er ist doch die Ursache deiner Schmerzen! Lass es ihn hören! Batsuba hat bestimmt so laut geschrien, dass man es bis nach Jerusalem gehört hat!‘

‚Ich bin nicht Batsuba!'“ (S. 114)

Was soll dieser Unsinn? Will die Autorin tatsächlich sagen, eine Frau sollte bei einer Geburt am besten nicht schreien, weil das eine Botschaft an den Kindsvater wäre, dass sie ihm die Schhuld an ihren Schmerzen gibt? Geburten sind ja nicht eh schon schwer genug, da kann man ruhig noch zusätzlichen Druck machen, wie die Mutter am besten mit ihren Schmerzen umgehen soll.

Nach der Geburt kehrt die Familie zu den Zelten Jakobs zurück, statt weiter unter den Kanaanitern zu leben, und in einem Epilog wird noch knapp berichtet, wie Juda und seine Brüder später Joseph in Ägypten wiederbegegnen. Was ich etwas schade finde: Man erfährt nicht mehr, was aus Schela wird, sprich, ob er sich bessert oder weiterhin in die Fußstapfen seiner großen Brüder tritt. Der Epilog endet mit:

„Auf dem Sterbebett versammelte Jakob seine Söhne um sich und gab jedem von ihnen einen Segen. Den größten bekam Juda: Nie würde das Zepter aus seiner Hand weichen, und von ihm und den Söhnen, die Tamar ihm geboren hatte, würde einst der Verheißene kommen – der Messias.

Bis zu seinem letzten Erdentag blieb Juda seinem Versprechen an Tamar treu. Obwohl er sie liebte, schlief er nie wieder mit ihr.

Und auch mit keiner anderen Frau.“ (S. 117)

Das Buch ist genau wie die restlichen vier der Reihe relativ kurz; um die 100 Seiten. Immer wieder denkt man sich, es wäre interessant gewesen, ein paar mehr Details oder bessere Beschreibungen der Häuser, Städte und Landschaften zu bekommen. Trotzdem ist die Erzählgeschwindigkeit noch in Ordnung – jedenfalls im Vergleich zu einigen der anderen Bücher. Tamars Geschichte umfasst in der Bibel ja auch nur ein Kapitel. Die Nebenfiguren – wie Tamars Familienmitglieder – werden nicht wirklich lebendig und die „Bösen“ (Er, Onan, deren Freunde, Hira aus Adullam) sind deutlich zu klischeehaft geraten; gerade die Art, wie sie sprechen, wirkt oft seltsam. Die – vergleichsweise – beste Figur ist noch Juda, aber das ist nicht das Verdienst der Autorin: bei ihm hatte sie einfach am meisten Stoff zu verwerten. Die Regel „show, don’t tell“ missachtet sie gerne mal und ihr Schreibstil ist nicht gerade herausragend. Besonders, wenn sie irgendwelche religiösen Erkenntnisse Tamars oder Judas herüberbringen will, wirkt es einfach zu bemüht bedeutungsschwanger. Immerhin schafft sie es teilweise nicht schlecht, ihren Leserinnen damalige Denkweisen zu erklären – der Gedankengang „ich habe ein Recht auf Sex von meinem Schwager, damit ich ein Kind kriege, das den Namen meines Mannes weiterführt“ ist ja doch eher gewöhnungsbedürftig.

 

Im nächsten Teil dann zu Rahab und der Eroberung Jerichos!

 

* Ich schreibe ja selber hobbymäßig Romane und gelegentlich mal Kurzgeschichten und weiß sehr gut, dass es nicht so einfach ist, gut zu schreiben, aber solange man nichts Passables zustande bringt, macht man auch kein Geld damit, Leute. Solange übt man halt weiter.

** Die Ehe zwischen den beiden Hauptfiguren in diesem Buch ist eigentlich eine Zwangsehe, die nach katholischem Kirchenrecht eindeutig ungültig wäre und nicht mal besonders viel Sinn im Plot macht. (Das Ganze spielt in Kalifornien im 19. Jahrhundert. Der Protagonist, dem Gottes Stimme gesagt, hat, dass er die Protagonistin heiraten soll, nimmt sie aus dem Bordell, in dem sie arbeiten musste, mit, nachdem sie dort fast totgeschlagen wurde, und aus irgendeinem Grund lässt er dann auch noch schnell einen Prediger kommen und eine Trauungszeremonie durchführen, bei der sie kaum bei Bewusstsein ist und auch nur mit „Warum nicht?“ statt mit „ja“ antwortet, bevor er mit ihr auf seine Farm zurückkehrt. Das macht zwar aus Sicht der Autorin Sinn – dann hat sie die zwei für den Rest der Handlung aneinandergekettet – aber aus der Sicht der Figuren gibt es keine  Gründe dafür, und es lässt den Protagonisten nicht unbedingt toll aussehen. Vielleicht sehen wir hier noch ein Überbleibsel aus Mrs. Rivers‘ säkularer Schriftstellerkarriere – auch in säkularen Schundromanen finden sich die zwei füreinander Bestimmten gerne mal in irgendwelchen Zwangssituationen, aus denen sie nicht so leicht herauskönnen und in denen sie miteinander auskommen müssen -, vielleicht ist es aber auch ein Resultat falscher protestantischer Theologie über die Mensch-Gott-Beziehung (unwiderstehliche Gnade). (Den ausführlichen Exkurs dazu, was der Sündenfall in Beziehungen zwischen Mann und Frau ruiniert hat, und den dazu, was in der protestantischen Theologie alles so falsch läuft, hebe ich mir jetzt mal für ein anderes Mal auf.))

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Die Ringparabel: Ein kurzer Rant über das lächerlichste Werk der sog. Aufklärung

Ich bin ja allgemein keine Freundin der sog. Aufklärung – auch wenn ich diesen eingebildeten Intellektuellen aus dem 18. Jahrhundert zugestehen muss, dass sie sich eine propagandistisch kluge Selbstbezeichnung gewählt haben. Wer ist schon gegen „Aufklärung“? Ungefähr so viele Leute, wie für „Hass und Hetze“ sind. (Das soll kein Endorsement der AfD sein (ich wähle diese Partei aus diversen Gründen nicht, u. a. weil sie mir zu sehr von gewissen „aufklärerischen“ Positionen geprägt ist), es geht mir um die Ähnlichkeit von Propagandabegriffen.) Ich würde mir wünschen, dass das Wort „Aufklärung“ bei den Leuten ähnliche Assoziationen wecken würde wie der Begriff „Antifaschistischer Schutzwall“ – denn besonders viel Licht und Klarheit und Vernunft hat die sog. Aufklärung tatsächlich nicht gebracht.

Besonders nervig an vielen sog. Aufklärern ist ja ihre unerklärliche Feindseligkeit gegenüber allen Offenbarungsreligionen; ein vager Deismus, die Anerkennung eines Höchsten Wesens ist noch in Ordnung, aber doch bitte kein Gott, der sich tatsächlich in die Welt einmischt, die Er gemacht hat; das darf nicht sein. Und die Kirche – diesen Hort von „Aberglauben“ und „Fanatismus“ (noch so zwei Schlagworte aus der Propagandakiste), diese weltabgewandte Institution, die ihre Mönche und Nonnen in Klöster sperrt, um zu beten, statt was Nützliches für Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten, diese Feindin der Natur, die immer noch an der Lehre von der Erbsünde festhält und sich nicht dazu bringen lässt, zu glauben, die Menschen seien von Natur aus gut – die konnten sie gleich mal gar nicht leiden. Eins der dämlichsten Werke, das die religiösen Ansichten der sog. Aufklärer populär gemacht hat und mit dem leider immer noch Schüler gequält werden – ich vor einigen Jahren auch -, ist ja die Ringparabel aus Lessings Stück „Nathan der Weise“.

(Nathan der Weise, Erstdruck. Bildquelle: Wikimedia: Foto H.- P. Haack.)

Hier noch mal der Text (Quelle hier) :

 

„Nathan.       Traun, ein schöner Titel!
Doch, Sultan, eh‘ ich mich dir ganz vertraue,
Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
Erzählen?

Saladin.       Warum das nicht? Ich bin stets
Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
Erzählt.

Nathan.       Ja, gut erzählen, das ist nun
Wohl eben meine Sache nicht.

Saladin.       Schon wieder
So stolz bescheiden? – Mach! erzähl, erzähle!

Nathan.
Vor grauen Jahren lebt‘ ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Daß ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, daß dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn‘ Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. –
Versteh mich, Sultan.

Saladin.       Ich versteh dich. Weiter!

Nathan.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte, – sowie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergießend Herz
Die andern zwei nicht teilten, – würdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es ging. – Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. – Was zu tun? –
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden insbesondre;
Gibt jedem insbesondre seinen Segen, –
Und seinen Ring, – und stirbt. – Du hörst doch, Sultan?

Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
Ich hör, ich höre! – Komm mit deinem Märchen
Nur bald zu Ende. – Wird’s?

Nathan.       Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. –
Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; –
(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt – der rechte Glaube.

Saladin.       Wie? das soll
Die Antwort sein auf meine Frage? …

Nathan.       Soll
Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen ließ,
Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

Saladin.
Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte,
Daß die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis‘ und Trank!

Nathan.
Und nur von seiten ihrer Gründe nicht.
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! – Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? –
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. –
Kann ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? –

Saladin.
(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
Ich muß verstummen.)

Nathan.       Laß auf unsre Ring‘
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. – Wie auch wahr! – Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Genießen. – Wie nicht minder wahr! – Der Vater,
Beteurt‘ jeder, könne gegen ihn
Nicht falsch gewesen sein; und eh‘ er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen lass‘: eh‘ müss‘ er seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verräter
Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

Saladin.
Und nun, der Richter? – Mich verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

Nathan.
Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel
Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? –
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? – Oh, so seid ihr alle drei
Betrogene Betrüger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
Die drei für einen machen.

Saladin.       Herrlich! herrlich!

Nathan.
Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur! – Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. – Möglich; daß der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden willen! – Und gewiß;
Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. – Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf‘! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! – So sagte der
Bescheidne Richter.

Saladin.       Gott! Gott!

Nathan.             Saladin,
Wenn du dich fühlest, dieser weisere
Versprochne Mann zu sein: …

Saladin (der auf ihn zustürzt und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren läßt).
Ich Staub? Ich Nichts?
O Gott!

Nathan.       Was ist dir, Sultan?

Saladin.       Nathan, lieber Nathan! –
Die tausend tausend Jahre deines Richters
Sind noch nicht um. – Sein Richterstuhl ist nicht
Der meine. – Geh! – Geh! – Aber sei mein Freund.“

 

Was. Für. Ein. Scheiß.

Das Ganze geht einfach komplett am Thema vorbei. Lessings Argument ist etwa so stichhaltig, wie wenn jemand auf „Iss Obst, das ist gesund“ hin antworten würde: „Wieso soll ich Obst essen? Äpfel sind oft rot oder blau, und eigentlich ist Lila meine Lieblingsfarbe, oh, guck mal, da draußen ist ein Eichhörnchen! Wusstest du, dass Eichhörnchen auch Obst essen, und mir hat ein Eichhörnchen auch schon mal so nervige Predigten über blaue Äpfel gehalten, und wir sind doch keine Tiere!“

Dröseln wir mal ein paar der einzelnen Denkfehler auf:

1. Die drei Religionen sind nicht ununterscheidbar. Das ist so offensichtlich, dass ich gar nicht weiß, wie irgendjemand darauf kommt, etwas anderes zu behaupten. Was kommt nach dem Tod? Wie werde ich meine Schuld los? Wie soll Gott verehrt werden? Kann ich mich scheiden lassen und dann wieder heiraten? Kann ich mehrere Frauen haben? Überall geben die Religionen verschiedene Antworten. Um Chesterton zu zitieren:

„Was unsere Progressiven vor riesigen Zuhörermassen mit ruhiger Gewissheit erzählen, ist meistens das Gegenteil der Tatsachen; gerade unsere Binsenwahrheiten sind unwahr. Hier ein Beispiel: In jeder ‚Ethischen Gesellschaft‘ und jedem ‚Religionsparlament‘ hört man die bequeme liberale Phrase: ‚Die Religionen unserer Erde unterscheiden sich zwar in Riten und Formen, aber in dem, was sie lehren, stimmen sie überein.‘ Diese Aussage ist falsch; sie widerstreitet den Tatsachen. In Riten und Formen unterscheiden sich die Religionen unserer Erde gar nicht erheblich; erheblich jedoch unterscheiden sie sich in dem, was sie lehren. Es ist, als sagte man: ‚Lasst euch nicht täuschen von der Tatsache, dass die Church Times und der Freethinker völlig anders aussehen, dass die eine Zeitung auf Pergament gezeichnet und die andere in Marmor gemeißelt, dass die eine dreieckig und die andere sechseckig ist; lest sie, und ihr werdet sehen; dass sie dasselbe sagen.‘ Ein atheistisch gesonnener Börsenmakler in Surbiton sieht genauso aus wie ein für Swedenborg schwärmender Börsenmakler in Wimbledon. Man kann endlos um sie herumgehen und sie einer ganz persönlichen und eindringlichen Prüfung unterziehen, ohne etwas Swedenborgartiges am Hut oder etwas besonders Gottloses am Regenschirm zu entdecken. Was sie voneinander trennt, ist nämlich ihr Inneres. In Wahrheit sind also die Religionen unserer Erde gar nicht so beschaffen, wie es die billige Sentenz behauptet: daß sie in der Bedeutung übereinstimmen, im Prozedere jedoch nicht. Genau das Gegenteil ist der Fall. Im Prozedere stimmen sie überein; fast jede große Weltreligion arbeitet mit denselben Methoden, mit Priestern, heiligen Schriften, Altären, Mönchsgelübden und besonderen Festtagen. Die Form, das Wie der Lehre ist überall gleich; der Inhalt, das Was der Lehre, ist überall anders. Heidnische Optimisten und orientalische Pessimisten haben beide ihre Tempel, so wie Liberale und Tories beide ihre Zeitungen haben. Religionen, die dazu da sind, einander zu vernichten, haben jede ihre heiligen Schriften, so wie Armeen, die dazu da sind, einander zu vernichten, jede ihre Geschütze haben.“ (G. K. Chesterton, „Orthodoxie“, aus Kapitel 8)

Lessing hat es sich natürlich auch ein wenig einfacher gemacht, indem er drei gewissermaßen zusammenhängende Religionen genommen hat – hätte er noch Hinduismus, Buddhismus, Platonismus, Manichäismus, Shintoismus, Konfuzianismus, Zoroastrismus und die Kulte der Römer, Germanen, Phönizier und Azteken hinzugezogen, wäre es noch deutlicher geworden, dass er Unsinn schreibt. Aber auch diese drei Religionen haben ihre deutlichen Unterschiede.

2. Damit, dass der Ring „die geheime Kraft [hatte], vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen“ soll wohl so etwas gemeint sein wie „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“. Dann sehen wir doch mal die Früchte an. Ganz banal: Wo wäre es schöner, zu leben, in Polen, Israel oder der Türkei? Oder, sagen wir, im Irland der 1930er oder dem Saudi-Arabien der 1930er? Unter Richard Löwenherz oder unter Sultan Saladin?

Oder will Lessing gar behaupten, die wahre Religion solle ihre Anhänger bei anderen beliebt machen? Nun, das hat keine der drei Religionen je für sich beansprucht. Mohammed hat einen beständigen Krieg gegen die ungläubige Welt geführt, und Jesus hat seinen Jüngern angekündigt, sie würden von dieser ungläubigen Welt verfolgt werden. Die Juden hatten es auch nie einfach mit ihr.

3. Die drei Religionen wurden nicht zum selben Zeitpunkt an unterschiedliche Leute verteilt. Sie sind nacheinander entstanden. Das Christentum beansprucht, die angekündigte Erfüllung des Judentums durch den Messias zu sein; der Islam behauptet, Juden und Christen wären von Gottes ursprünglicher Botschaft abgefallen und Mohammed habe die reine Lehre dann wiederhergestellt. (Etwas Ähnliches behaupteten später auch die Reformatoren oder die Mormonen, wobei Luther freilich keine neue Offenbarung von Gott beanspruchte, sondern sich bloß auf die Auslegung eines Textes berief.)

4. Die wahre Religion ist nichts, was ein einzelner oder ein einzelnes Volk besitzen kann, wodurch ein anderer dann leer ausgeht. Eine solche Konkurrenzsituation wie in der Parabel besteht in der Realität einfach nicht. Die drei Religionsgemeinschaften sind erst dadurch entstanden, dass es die drei Religionen gab und einzelne sich ihnen zugehörig erklärten. In der Parabel existieren aber die drei Söhne schon vorher und der Vater kann nur einem den Ring geben. Tatsächlich ist es ja so, dass gerade, wenn alle dieselbe Religion hätten, sich nicht einer über die anderen aufspielen könnte – wenn z. B. jemand vom Christentum zum Islam konvertiert, würden andere Muslime ihn gerade dann als gleichberechtigtes Mitglied der Umma anerkennen. Im frühen Mittelalter wurden Völker wie die Franken oder Dänen, indem ihre Könige sich taufen ließen, als ebenbürtige Mitglieder in die Christenheit aufgenommen. Evtl. könnte man beim frühmittelalterlichen Christentum und Islam noch damit kommen, dass mehr oder weniger alle Christen den Papst und alle Muslime den Kalif anerkennen mussten, die Religionsfrage also zu einer Konkurrenzfrage zwischen Papst und Kalif erklären; aber die Muslime waren schon zu Saladins Zeiten zersplittert, und die Juden passen natürlich überhaupt nicht in dieses Konzept.

Und natürlich ist es ganz grundsätzlich so, dass es bei der Wahrheitsfrage nicht um Herrschaft geht. Wenn ich jemanden von der Wahrheit überzeugen will, dann aus Wahrheitsliebe und weil ich meine, dass es gut für denjenigen ist, die Wahrheit zu kennen, nicht, weil ich dann irgendwie über ihn herrschen könnte. (Das gilt übrigens auch dann, wenn man, wie Lessing, meint, dass Deismus und religiöser Indifferentismus die Wahrheit wären.)

5. Wie gesagt, die Parabel mit den drei Söhnen, von denen nur einer den Ring haben kann, macht keinen Sinn. Aber selbst im Kontext der Parabel, was ist das für ein Vater, der seine Söhne täuscht und den abzusehenden Zank billigend in Kauf nimmt? Aber natürlich macht auch der eine Vater keinen Sinn. Der Vater scheint ja im Kontext der Parabel für die Vorfahren – nicht etwa für Gott; die Annahme eines Gottes, der verschiedene Offenbarungen sendet, wäre ja auch gar zu dämlich – zu stehen; das sind allerdings eben nicht dieselben für Juden, Christen und Muslime. Lessing müsste in seiner Parabel verschiedene Familien haben, die miteinander streiten, nicht drei Söhne desselben Vaters.

6. Und hier kommen wir jetzt zur Entstehung der Religionen laut Nathan/Lessing:

„Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! – Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?“

NEIN, NEIN, UND NOCHMALS NEIN.

Nein, es ist nicht recht, das, was einem die eigenen Leute sagen, ohne Belege anzunehmen, und das, was einem andere sagen, ohne Belege zu verwerfen. Geschichte muss nicht auf Treu und Glauben angenommen werden, und es ist in Ordnung, anzuerkennen, dass die eigenen Vorfahren sich geirrt haben könnten.

Ich kann die Argumente dafür und dagegen, dass Jesus der Messias oder Mohammed ein Prophet war, ansehen. Schauen wir mal zur Entstehung der Religionen hin, ins 1. Jahrhundert etwa. Ein Jude in Ephesus oder Korinth, dem Paulus erzählte, der Messias sei gekommen – ein gewisser Jesus von Nazareth -, konnte sich die Berichte von der Auferstehung anhören, von Pfingsten, von den Wundern Jesu; er konnte Jesu Leben mit den Prophezeiungen über den Messias vergleichen; usw. (Übrigens sind, entgegen anderslautender Gerüchte, sehr viele Juden im antiken Römischen Reich Christen geworden.) Ähnlich ein Jude oder Christ in Mekka im 7. Jahrhundert: Er konnte sich anhören, was dieser neue Prophet sagte und ob es einen Anhaltspunkt dafür gab, dass der ein wahrer Prophet Gottes war, konnte sehen, ob er Wunder wirkte, ob er von früheren Propheten angekündigt worden war, usw. (was nicht der Fall war).

Wir sind heute ja im Vergleich zu damals z. T. in einer noch besseren Position. Wir können z. B., anders als Mohammeds Zeitgenossen in Arabien, frühe Bibelhandschriften, andere frühchristliche Werke aus dem späten 1. oder dem 2. Jahrhundert, und Ähnliches, vergleichen und sehen, ob irgendwann im frühen Christentum diese Verfälschung, dieser Abfall von dem, was Jesus laut Mohammed gepredigt habe, geschehen ist. Das Ergebnis ist einfach zu sehen: Es gab diesen Abfall nicht. Die Evangelien sahen im 1. Jahrhundert schon genauso aus wie im 7. oder im 21.

Es ist kein Zeichen der Bescheidenheit, nicht nach der Wahrheit suchen zu wollen, sondern eins intellektueller Feigheit. Man muss im Leben nach irgendwelchen Prinzipien handeln – etwas anderes bleibt einem gar nicht übrig, man wird immer mit Situationen konfrontiert, in denen man Entscheidungen treffen muss -, und da kann man sehr wohl versuchen, herauszufinden, welches denn die richtigen wären.

Lessing behauptet einfach, die drei Religionen seien ja eh praktisch dasselbe, und eh alle nur unbewiesene Traditionen, die man eben aus Respekt vor den eigenen Ahnen weiterpflegen solle (aber wohl, ohne sie eigentlich ernst zu nehmen, denn sie sind ja letztlich doch nur Anleitungen zum moralisch guten Leben, und alles andere an ihnen ist unwichtiger Mythos). Aber jeden Beleg dafür bleibt er schuldig. Er verurteilt damit auch Konvertiten, die die Suche nach der Wahrheit ernst genommen und die Religionen ihrer Eltern verlassen haben.

Kurz gesagt, er ist ein typischer „Aufklärer“: Undurchdachte Schlagworte und Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit und dem lebendigen Gott, der „gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“.

Die Päpstin, Teil 8: Historischer Hintergrund und Fazit

Am Ende des Buches finden sich ein kurzer Text mit der Überschrift „Anmerkungen der Verfasserin: Gab es Päpstin Johanna?“ und ein paar Seiten mit FAQ von Lesern und Anregungen für Lesekreise. Dieser Anhang ist so herrlich blöd, dass ich ihn meinen Lesern nicht ganz vorenthalten wollte. In dem Nachwort bringt die Autorin es eigentlich schon so gut fertig, sich selbst zu widersprechen, dass man gar nicht mehr unbedingt eigens nach Informationen suchen muss, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass Johanna nicht existiert hat (dazu trotzdem unten noch etwas mehr). So schreibt sie zum Beispiel:

„Die katholische Kirche führt derzeit zwei grundsätzliche Argumente ins Feld, die angeblich gegen Johannas Papstamt sprechen: zum einen das Fehlen jeglicher Erwähnung Johannas in zeitgenössischen Dokumenten, zum anderen der angebliche Mangel an ausreichendem zeitlichem Spielraum, um Johannas Pontifikat zwischen dem Ende der Amtszeit ihres Vorgängers, Papst Leo IV., und dem Beginn der Amtszeit ihres Nachfolgers, Papst Benedikt III., ‚unterzubringen’.

Diese Argumente sind jedoch alles andere als schlüssig. Es kann kaum verwundern, daß Johannas Name in keinem zeitgenössischen Dokument erscheint, wenn man bedenkt, wieviel Zeit der Kirche zur Verfügung stand – und wieviel Energie sie darauf verwendet hat – jeden Hinweis auf Päpstin Johanna zu verwischen.“ (S. 556)

Okay, die böse Kirche hat also alles vertuscht, gut. Und woher wissen wir dann von Johanna? Na, von der bösen Kirche, woher sonst. Zwei Seiten später heißt es:

„Heute wird Johanna von der katholischen Kirche als ‚Erfindung’  protestantischer Reformer betrachtet, die darauf bedacht gewesen seien, die papistische Korruption zu enthüllen. Doch Johannas Geschichte wurde bereits Jahrhunderte vor Martin Luthers Geburt niedergeschrieben. Außerdem waren die meisten Chronisten Johannas Katholiken, die hohe Ämter in der kirchlichen Hierarchie innehatten. Johannas Geschichte wurde sogar in einigen ‚offiziellen’ Geschichtswerken über die Päpste aufgeführt. (…)

Ein weiteres stichhaltiges historisches Beweisstück wurde in den Akten des ausführlich dokumentierten Prozesses gefunden, der 1413 wegen Ketzerei gegen Johannes Hus geführt wurde. Hus wurde verurteilt, weil er die häretische Lehre gepredigt hatte, der Papst sei nicht unfehlbar. Zu seiner Verteidigung führte Hus eine Vielzahl von Beispielen an, da Päpste gesündigt oder Verbrechen gegen die Kirche begangen hatten. Jede dieser Klagen wurde von Hus’ Richtern – allesamt Kirchenmänner – in allen Einzelheiten beleuchtet, als unrichtig zurückgewiesen und als ketzerisch abgestempelt. Nur eine der Aussagen Hus’ wurde akzeptiert: ‚Päpste sind viele Male der Sünde und dem Irrtum anheimgefallen, so zum Beispiel, als Johanna zum Papst gewählt wurde, obwohl sie eine Frau war.’ Kein einziger der 28 Kardinäle, 4 Patriarchen, 30 Metropoliten, 206 Bischöfe und 440 Theologen hat Hus dieser Aussage wegen der Lüge oder Blasphemie beschuldigt.“ (S. 559)

Und was sagt uns das? Dass die Kirche nie einen Grund hatte, eine Päpstin Johanna vertuschen zu wollen.

Es ist ganz einfach: Wenn es jemals eine Päpstin gegeben hätte, hätten wir eben einen Gegenpapst mehr in der Liste der Gegenpäpste. Dann gäbe es eben neben den ca. 40 falschen Anwärtern auf den Papstthron, die es im Lauf der Geschichte gegeben hat, noch eine falsche Anwärterin. Ihre Weihe wäre ungültig gewesen, und der Stuhl Petri wäre während ihres Pontifikats vakant gewesen. Das ist etwas, das theoretisch durchaus vorkommen kann. Im Spätmittelalter glaubte man an die Legende, weil es keinen theologischen Grund gab, nicht an sie zu glauben; allerdings gibt es gute historische Gründe, es nicht zu tun, die wir heute besser kennen als die Leute im Spätmittelalter.

(Die Niederkunft der Päpstin in einem Holzschnitt von Jakob Kallenberg, Illustration zu einer Ausgabe von Boccaccios „De claris mulieribus“ (Über berühmte Frauen), 1353. Hinter der Säule steht der lachende Teufel.)

Dazu unten mehr; erst noch zu ein paar amüsanten oder interessanten Stellen im Nachwort. Um ihre Behauptungen zu untermauern, schreibt Donna W. Cross auch:

„Die Geschichte bietet viele weitere Beispiele einer derartigen vorsätzlichen Aktenfälschung. Die Bourbonisten datierten gar die Regierungszeit Ludwigs XVIII. schlicht und einfach vom Todestag seines Bruders an und ‚übersprangen’ dabei keinen Geringeren als Napoleon Bonaparte, der sich nun wahrhaftig nicht aus sämtlichen historischen Quellen entfernen ließ; dafür gibt es viel zu viele Chroniken, Tagebücher, Briefe und Dokumente anderer Art.“ (S. 560)

Das ist eine dieser Stellen, an denen ich keine Ahnung habe, ob die Autorin einfach lügt oder ob sie wirklich so doof ist, wie sie tut. Kein „Bourbonist“ wäre je auf die Idee gekommen, die Existenz von Napoleon Bonaparte leugnen zu wollen.  Die Monarchisten dieser Zeit erkannten die Absetzung Ludwigs XVI. einfach nicht an; sie datierten also seine Regierungszeit nicht bis zu seiner Absetzung, sondern bis zu seinem Tod durch die Guillotine kurze Zeit später, und danach war ihrer Meinung nach sein kleiner Sohn, der ein Gefangener der Revolutionsregierung war und sehr jung starb, ohne je regiert zu haben, der rechtmäßige König Frankreichs, Ludwig XVII. Danach kam dann dessen Onkel, Ludwig XVIII., der Bruder Ludwigs XVI., auch wenn der erst zwanzig Jahre später tatsächlich an die Macht kam. Hier ging es um Legitimitätsansprüche, nicht um Geschichtsfälschung.

Außerdem heißt es:

„Insofern sind die schriftlichen Hinterlassenschaften von Johannas Zeitgenossen mit Vorsicht zu genießen. Dies gilt insbesondere für die römischen Prälaten, die ein starkes persönliches Interesse daran hatten, die Wahrheit zu unterdrücken. Bei den seltenen Gelegenheiten, da ein Pontifikat für ungültig erklärt wurde – wie es bei Johanna der Fall gewesen wäre, hätte man ihre weibliche Identität entdeckt –, wurden sämtliche bereits getroffenen Anordnungen, Erlasse und Entscheidungen des betreffenden Papstes automatisch null und nichtig. Sämtlichen Kardinälen, Bischöfen, Diakonen und Priestern, die von diesem Papst die Weihe empfangen hatten, wurden ihre Titel und Ämter aberkannt. Insofern kann es nicht verwundern, daß in den Dokumenten und Akten, die von diesen Männern geführt bzw. kopiert wurden, sich nirgends eine Erwähnung Johannas findet.“

Mrs. Cross versteht wirklich nicht, wie irgendetwas funktioniert. Als ob ein Kardinal direkt im Jahr 855 (oder so), wenn bekannt geworden war, dass der Papst, der ihn ernannt hatte, eine Frau gewesen war, seine Absetzung hätte verhindern können, indem er diese Frau nicht in einer späteren Chronik erwähnte.

Die Autorin schreibt auch etwas dazu, worauf ihre Arnalda-Geschichte beruht:

„Doch ein uraltes Exemplar des Liber Pontificalis, in dem auch Johannas Pontifikat verzeichnet ist, existiert noch heute. Der Eintrag über Johanna stammt offensichtlich aus späterer Zeit und wurde unbeholfen in den Hauptteil des Textes eingefügt. Aber dies bedeutet keineswegs, dass der Bericht falsch ist; ein späterer Geschichtsschreiber, der von der Richtigkeit der Aussagen politisch weniger suspekter Chronisten überzeugt gewesen sein mag, fühlte sich möglicherweise moralisch verpflichtet, die ‚offizielle’ Akte zu korrigieren. Der protestantische Historiker Blondel, der den Text im Jahre 1647 untersuchte, gelangte zu dem Schluß, daß die Einfügung über Johanna im 14. Jahrhundert vorgenommen wurde; dabei stützte er seine Meinung jedoch ausschließlich auf die Unterschiede in Stil und Handschrift – bestenfalls subjektive Einschätzungen.“ (S. 557)

Die Paläographen werden erfreut sein über diese Einschätzung ihrer Wissenschaft als „bestenfalls subjektiv“. Ehrlich: Wer Paläographie für „bestenfalls subjektiv“ hält, soll erst mal einen Brief seines Urgroßvaters mit seinem letzten Einkaufszettel vergleichen.

Zum neunten Jahrhundert im Allgemeinen schreibt die Autorin:

„Das Leben in diesen unruhigen Zeiten war für die Frauen besonders schwer. Es war ein misogynistisches Zeitalter, das unter anderem von den frauenfeindlichen Schmähschriften solcher Kirchenväter wie Sankt Paul oder Tertullian geprägt wurde:

Und weißt du nicht, daß du die Eva bist? … Du bist das Tor des Teufels, die Schlange im Baum, die erste Abtrünnige vom göttlichen Gesetz; du bist die, welche jenen verführte, dem der Teufel sich nicht zu nähern wagte … des Todes wegen, den du verdient hast, mußte selbst der Sohn Gottes sterben.“ (S. 565)

Nix gegen den Apostel Paulus hier! Und Tertullian, den sie da zitiert, ist eh ein Ketzer.

„Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden Frauen als minderes und unterlegenes Geschlecht betrachtet – und entsprechend behandelt – ; ein Geschlecht, dem gesetzliche Rechte ebensowenig wie ein Recht auf Eigentum zustanden. Von Rechts wegen durften Männer ihre Frauen schlagen. Vergewaltigungen wurden als eine harmlosere Form des Diebstahls betrachtet. Frauen wurden von einer schulischen Ausbildung ferngehalten; denn eine gelehrte Frau wurde nicht nur als widernatürlich, sondern auch als gefährlich betrachtet.“ (S. 565f.)

Zur Bildung hab ich mich hier schon mehrfach geäußert, und es ist einfach Blödsinn, dass Frauen keine gesetzlichen Rechte gehabt hätten und kein Eigentum hätten besitzen können.

In den FAQ steht auch noch einiger Quatsch. Da kommt etwa Folgendes:

F: Sind Sie katholisch?

Nein. Seltsamerweise hat sich das wider Erwarten als Vorteil herausgestellt. Wäre ich katholisch, wäre ich in der Tradition, mit den Ritualen und der Theologie der heutigen Kirche aufgewachsen, dann wäre ich mit sehr vielen sehr falschen Vorstellungen an den christlichen Glauben des neunten Jahrhunderts herangegangen. Ich habe in meinem Roman zu zeigen versucht, in wie vielen Aspekten sich die religiöse Praxis von vor tausend Jahren von unserer heutigen unterscheidet. Wenn wir eines aus historischen Studien lernen können, dann das: Die Ketzerei von gestern ist oft die Wahrheit von heute – und umgekehrt.“ (S. 568)

Also, ich bin katholisch, und mir würde es nicht einfallen, Hochzeitsmessen und Bischofskonferenzen ins 9. Jahrhundert zu verlegen. Und tatsächlich weiß ich nicht, was genau Donna W. Cross mit der Ketzerei meint. Weder bei der Abendmahlslehre noch bei der Prädestinationslehre noch bei der Dreifaltigkeitslehre vertritt die Kirche heute etwas anderes als im 9. Jahrhundert; und was kommt sonst an theologischen Fragen in diesem Buch vor? Oder kann sie einfach unveränderliche Lehre und veränderliche Bräuche nicht unterscheiden? Bräuche wie z. B. die Anzahl der Festtage oder die Sprache der Liturgie haben mit Ketzerei (bei der es um die Lehre geht) nichts zu tun. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, sie wäre katholisch.

F: Wie hat der Vatikan auf das Buch reagiert?

Überhaupt nicht. Und das hatte ich auch nicht anders erwartet. Heutzutage treibt ja jede öffentliche Kontroverse die Verkaufszahlen in die Höhe. Hätte der Vatikan sich gegen meinen Roman ausgesprochen, dann wäre das Buch wahrscheinlich gleich am nächsten Tag auf der Bestsellerliste der New York Times aufgetaucht.

Wenn man eine Geschichte für alle Zeiten begraben will, schweigt man sie am besten tot – wie das ja auch Johannas tausend Jahre alte Geschichte beweist.“ (Ebd.)

Und nicht mal das Opus Dei hat einen Albino-Auftragsmörder zu ihr geschickt? Unsere Kirche wird aber nachlässig. – Irgendwie enttäuscht wirkt sie allerdings schon, dass der Vatikan keine kostenlose Werbung für ihr Buch gemacht hat.

F: Warum sind so viele brutale Szenen in dem Roman – zum Beispiel die Vergewaltigung Gislas während des Normannenüberfalls auf Dorstadt?

Die Frage unterstellt, daß ich im Interesse sensationslüsternen Erzählens die Brutalität im Leben des neunten Jahrhunderts übertrieben hätte. Die Wahrheit ist, daß ich diese im Gegenteil im Interesse meiner Leser eher gemildert habe; das Leben im neunten Jahrhundert war wesentlich brutaler und ungerechter als irgendetwas, das ich in meinem Roman geschildert habe.“ (S. 569)

Ach, jetzt komm. „Wesentlich brutaler als irgendetwas im Roman“? Echt jetzt?

Am Ende des Anhangs stehen noch Fragen als Anregungen für Lesekreise, „auf die nicht einmal ich eine Antwort habe, die aber stets lebhafte und produktive Diskussionen nach sich ziehen“ – hier ein paar ausgewählte Beispiele:

„4. Johanna hat aus Liebe zu Gerold viel aufgegeben. Kennen Sie Frauen, die aus Liebe zu einem Mann Gelegenheiten aufgegeben haben, ihren Verstand, ihr Herz und ihren Geist vollständig zu nutzen? Aus Liebe zu einem Kind? Sind Opfer dieser Art gerechtfertigt?“

Tatsächlich hat Johanna aus Liebe zu Gerold nichts aufgegeben. Ich will hier nicht sagen, dass sie das hätte tun sollen – sie hätte zunächst mal ihr Ordensgelübde halten sollen – aber Tatsache ist, sie hat nichts aufgegeben. Sie wollte erst mit ihm fortgehen, als sie schwanger war und ihr nichts anderes mehr übrig blieb. Und was soll es heißen, aus Liebe eine Gelegenheit aufzugeben, sein Herz zu nutzen? Sein Herz nutzen – was kann das anderes heißen, als lieben? Auch die letzte Frage macht keinen Sinn. Es macht Sinn, zu fragen, ob das Opfern eigener Interessen aus Liebe in dieser oder jener Situation unbedingt notwendig bzw. moralisch gefordert ist, aber es macht keinen Sinn, anzudeuten, das Opfern eigener Interessen aus Liebe könnte ungerechtfertigt (also direkt moralisch falsch) sein.

„8. Warum hat man wohl in der mittelalterlichen Gesellschaft so fest daran geglaubt, daß sich Bildung negativ auf die Gebärfähigkeit einer Frau auswirken könnte? Welchen Zweck hat man wohl mit einer solchen Behauptung verfolgt?“

Ja, Mrs. Cross, welchen?

Und hier die beste:

„9. Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede sehen Sie zwischen Päpstin Johanna und Johanna von Orleans? Warum wurde die eine Johanna aus den Geschichtsbüchern getilgt und die andere zu einer Heiligen gemacht?“

Äh – die eine gab es wirklich, die andere nicht? (Abgesehen davon, dass Jeanne d’Arc niemanden über ihr Geschlecht täuschte, sondern einfach nur zum Kampf passende Kleidung trug, oh, ja, und dass sie nach Gottes Willen handelte.)

(Die heilige Jeanne d’Arc in einer Miniatur aus dem 15. Jahrhundert.)

Jetzt also: Was steckt hinter dieser Legende? Wie kam sie auf?

Die ersten Erwähnungen einer Päpstin Johanna finden sich im 13. Jahrhundert, wobei sich die Geschichten teilweise erheblich widersprechen: Der Dominikanermönch Jean de Mailly berichtet von einer Frau, die um 1100 als Mann verkleidet erst Notar an der Kurie, dann Kardinal, dann Papst wurde; sie soll entlarvt worden sein, als sie bei einem Ausritt einen Sohn zur Welt brachte. Das Volk von Rom habe sie dann am Schwanz ihres Pferdes rund um die Stadt schleifen lassen und dann gesteinigt. Donna W. Cross orientiert sich dagegen offensichtlich an der Version aus der Chronik des päpstlichen Kaplans Martin von Troppau, der von einem Joannes Anglicus (Johannes der Engländer) aus Mainz berichtet, der nach Leo IV. auf den Papstthron gekommen und in Wahrheit eine Frau gewesen sei. Diese sei mit ihrem Geliebten als junge Frau nach Athen gegangen und hätte sich dort große Gelehrsamkeit erworben und sei dann nach Rom gekommen, sei aber, nachdem sie zum Papst gewählt worden war, schwanger geworden, und habe ihr Kind geboren, als sie auf dem Weg von Sankt Peter zum Lateran gewesen sei; bei der Geburt sei sie gestorben. Ein Manuskript von Martin von Troppaus Chronik enthält allerdings eine leicht veränderte Version: Die Päpstin habe überlebt, sei aus ihrem Amt entfernt worden, und habe Buße getan; ihr Sohn sei später Bischof von Ostia geworden.

Mit dem Beginn der modernen Geschichtswissenschaft wurde die Geschichte als Legende erkannt – hauptsächlich natürlich wegen des völligen Fehlens zeitgenössischer Quellen. Dazu kommt die Widersprüchlichkeit der Quellen (z. B., was die Zeit angeht, zu der die Päpstin gelebt haben soll) und die Tatsache, dass z. B. auch der byzantinische Patriarch Photios I. (ca. 820-891), ein Gegner des Papsttums, in seinen Schriften Benedikt III. als den direkten Nachfolger Leos IV. darstellt und keine Päpstin erwähnt. Und es gab eben keinen Anlass, die ganze Geschichte zu unterdrücken. Die Erzählung von der Päpstin war im Spätmittelalter eine beliebte Skandalgeschichte unter den Römern, ebenso wie die Erzählungen von anderen Ausschweifungen und Intrigen am päpstlichen Hof, von denen es ja tatsächlich genug gab, vor allem im 9. und 10. Jahrhundert und dann wieder in der Renaissance. Es gab keine theologischen Probleme damit – da war eben eine intrigante falsche „Päpstin“, die durch ihre eigene Unkeuschheit entlarvt worden war.

Die Legende wurde durch ein paar „Indizien“ gestützt, die vielleicht dazu beigetragen haben, dass sie überhaupt erst entstanden ist. Jean de Mailly berichtet zum Beispiel, dass ein Gedenkstein mit der Aufschrift „Petre, pater patrum, papisse prodito partum“ (Petrus, Vater der Väter, offenbare die Kindsgeburt der Päpstin) an der Stelle errichtet worden sei, an der die Päpstin ihr Kind geboren habe. Der berühmte Historiker Ignaz von Döllinger, der 1863 ein Buch über „Papstfabeln“ veröffentlichte, sah eine Erklärung dafür in einer antiken Frauenstatue, die in der Nähe des Kolusseums entdeckt wurde, und auf der die Abkürzung PPP steht – eine Abkürzung für die Widmungsformel „proprie pecunia posuit“ („stellte die notwendigen Mittel zur Verfügung“) – und der Name des Spenders, der offenbar mit „Pap.“ begann (Papirius?) und zu dem auch der Titel „Pater Patrum“ gehörte, ein Priestertitel im Mithraskult. Tatsächlich wurden an der Stelle, an der laut Martin von Troppau die Päpstin gestorben sein soll, Überreste eines Mithrasheiligtums entdeckt. Zu einer solchen Inschrift dachte man sich vielleicht im Mittelalter eine neue Deutung aus. Dazu kam, dass die Straße, an der Johannas Niederkunft stattgefunden haben sollte, nach einer reichen Familie, den Papes, vicus Papessa genannt wurde. Manche Historiker denken auch, dass die Legende auf mächtige Frauen im Umfeld des päpstlichen Hofes zurückgehen könnte – etwa eine Marozia, die Anfang des 10. Jahrhunderts zwei Söhne auf den Papstthron brachte, von denen übrigens einer von Papst Sergius III. (nicht der Sergius aus dem Buch) stammte. Jo, an realen Skandalen ist zu der Zeit kein Mangel.

Wie auch immer die Legende entstanden ist: Es gibt schlichtweg keine Hinweise darauf, dass sie auf etwas anderem als der Fantasie der Römer des 13. Jahrhunderts beruhen könnte.

 

Mein Fazit zu dem Roman:

Er ist erstens schlecht geschrieben und zweitens furchtbar überdreht. Die Charaktere sind oft reine Klischeebilder: Johannas Vater ist schlichtweg böse, fanatisch und hasst Frauen, Odo oder Rabanus Maurus ebenso. Johanna ist schlichtweg gut, Gerold auch. Johanna zeigt keine einzige Eigenschaft, die aus der Sicht der Autorin negativ zu bewerten wäre. Aus meiner Sicht sieht es etwas anders aus; Johanna bricht ihr Ordensgelübde und unternimmt einen (wenn auch immerhin hinterher bereuten) Versuch, ihr Kind zu töten. Auch Gerold ist eigentlich nicht wirklich perfekt; er macht sich an eine Zwölfjährige heran und betrügt seine Frau. Die Autorin stört das allerdings nicht; Gerold ist für sie eine Idealversion eines Mannes: Er ist der Liebhaber, der jahrelang an einer alten Liebe festhält, und der Ritter, der in der Not stets zu Hilfe eilt, aber gleichzeitig respektiert er Johannas Unabhängigkeit, achtet ihre Klugheit und steht ihren Zielen nie im Weg.

Zu der allgemeinen Schwarz-Weiß-Malerei kommt die häufige Gleichsetzung von „gut“ mit „klug“: Die Eigenschaft, die Johanna von der Autorin am positivsten ausgelegt wird, ist ihre Wissbegier und Bildungsbeflissenheit. Man sieht es auch bei einem Vergleich von Johannas zwei Brüdern: Matthias ist freundlich und klug, Johannes selbstsüchtig, gemein und dumm. Im Kloster Fulda ist Bruder Thomas gleichzeitig ein überfrommer Heuchler und dumm, und deshalb neidisch auf Johannas Klugheit. Gut – wir haben auch mal eine Figur, die klug und böse zugleich ist: Anastasius. Aber das war’s auch schon. Johannas fanatische, fromme, frauenfeindliche Gegner sind ansonsten alle von ihren Argumenten und vom logischen Denken an sich überfordert und wollen sich nur an alten Formeln festklammern.

Erzähltechnisch ist das Buch schlecht gemacht. Es gibt zum Beispiel keinen klaren Antagonisten; die Bösen wechseln ständig, und zudem sind sie nicht besonders interessant. Das gilt auch für Anastasius. Er und Johanna kommen einander immer nur aus der Ferne in die Quere, weil sich ihre Ziele widersprechen; da ist kein Konflikt auf einer persönlichen Ebene da, der das Ganze interessanter machen würde.

Der penetrante Feminismus nervt unsäglich. Ehrlich, wenn man sich mal richtig antifeministisch fühlen will, muss man nur lange genug in diesem scheußlichen Buch lesen. Da kommt man direkt in die Stimmung, Spitzendeckchen mit „FÜR GOTT UND STAAT UND PATRIARCHAT“ zu besticken. Und das mit Blümchen zu verzieren. Sorry. Es nervt einfach.

Dazu kommt das Klischeebild vom finsteren Mittelalter. Die wirklichen Möglichkeiten, die Frauen damals hatten, kommen einfach nicht vor – Stichwort Nonnenklöster. Nonnen scheinen fast inexistent. Dadurch, dass man eine Lüge wiederholt, wird sie nicht wahrer; und es ist eine Lüge, dass man es damals als widernatürlich betrachtet hätte, wenn Frauen lesen und schreiben lernten und in der Bibel lasen, statt möglichst viele Kinder zu bekommen. Das sah man im Gegenteil als lobenswert an. Liebe Leute: Es gab Nonnenklöster und Klosterschulen. Es gab Nonnenklöster und Klosterschulen. Es gab Nonnenklöster und Klosterschulen.

In manchen Bewertungen auf Amazon wird kritisiert, Johanna sei eine Frau des 20./21. Jahrhunderts, die man ins Mittelalter zurückversetzt habe, keine authentische mittelalterliche Frau; ich sehe das anders: Sie ist auch keine authentische Frau des 20./21. Jahrhunderts. Sie ist eine Art Idealbild mancher Feministinnen des 20./21. Jahrhunderts: Wissbegierig und hochbegabt, uninteressiert an Kleidung, Kochen, Handarbeiten, Ehe, Kindern und anderem Frauenkram, aber trotzdem leidenschaftlich und sexuell selbstbestimmt, und noch dazu hochmoralisch und empathisch, ganz anders als diese fiesen Männer, gegen die sie sich mutig und unbeirrt durchsetzt. Solche Bücher lassen Frauen sich sagen, was wir doch alle inzwischen für tolle Wesen sind, nachdem wir das finstere Mittelalter überwunden haben – zum wirklichen Selberdenken regen sie freilich nicht an, genauso wenig, wie Johannas Liebe zur klassischen Bildung irgendeine Leserin dazu anregen wird, Homer oder Hippokrates aufzuschlagen.

Ach ja, diese Vergötzung der angeblich so tollen Antike. Was für ein Scheiß. Nicht, dass es da nicht sehr Lesenswertes gäbe. Aber es gäbe auch so einiges, was Donna W. Cross gar nicht gefallen würde – und so einiges, was niemandem gefallen sollte.

Ich bilde mir nicht ein, in der Hinsicht selber sehr gebildet zu sein; das bin ich nicht; ich kenne keine einzige Zeile Homer, zum Beispiel. Aber ich habe das Kleine Graecum und habe zumindest ein wenig Platon und ein wenig Xenophon gelesen, und auch Auszüge aus anderen antiken Werken. In der Antike gab es Bücher zur professionellen Traumdeutung, es gab die widersprüchlichsten, seltsamsten Philosophien und Sekten, es gab große Brutalität und völliges Unverständnis dafür, was denn an Päderastie oder Sklaverei schlimm sein sollte; und ja, es gab Frauenfeindlichkeit, große Frauenfeindlichkeit. Aristoteles war schon frauenfeindlich.

Und, Hand aufs Herz, wer bewahrt denn das Wissen um die altgriechische Sprache und Literatur heute am ehesten? In den Griechischkursen, die ich an der Uni besucht habe, war unter dreißig oder vierzig Studenten genau einer, der nicht Theologie studiert hat. Wenn man heute in Deutschland jemanden trifft, der Altgriechisch lesen kann, ist es sehr wahrscheinlich, dass derjenige Religionslehrer oder anderweitig für die Kirche tätig ist und es gebraucht hat, um das Neue Testament im Original lesen zu können. Die säkulare Elite von heute schaut auf praktisches, möglichst modernes Wissen; die religiöse Elite von gestern hat auch altes, philosophisches Wissen ohne direkten praktischen Nutzen noch in Ehren gehalten. An welcher Schule wird heute noch Griechisch unterrichtet? Selbst Latein ist am Aussterben.

Die historischen Patzer in diesem Buch sind teilweise wirklich schlimm. Natürlich ist die Geschichte an sich unhistorisch; aber es geht mir auch um die Details. Hochzeitsmessen. „Bischofskonferenzen“. Gehörnte Wikingerhelme. Hexenprozesse. Es nervt. Aber am schlimmsten sind natürlich nicht die aus Fahrlässigkeit entstandenen Fehler, sondern die absichtliche Propaganda – etwa die offenen Lügen der Autorin über den Inhalt der Bibel.

Da ist ein letzter Kritikpunkt, bei dem ich nicht recht weiß, wie ich ihn formulieren soll. Ich versuche es mal so: In diesem Buch fehlt etwas, konkret, da fehlt eine zentrale Figur, die eigentlich vorkommen müsste – Jesus, der Herr. Oh, Sein Name wird ab und zu erwähnt, so abstrakt, am Rande, es ist klar, dass es da jemanden gibt, der so heißt. Aber Johanna beschäftigt sich nie mit Ihm als Person, wie Er ihr in den Evangelien begegnet, mit denen sie ja bei ihren Studien und Gottesdiensten ständig konfrontiert ist. Sie stellt sich im Lauf des Buches verschiedene theologische Fragen – ohne intensiv nach Antworten zu suchen, aber immerhin – , aber sie fragt nie nach Ihm, wer Er war, wer Er ist, was Er von ihren Handlungen hält… Man sieht hier eben doch die Auswirkungen, die es hat, wenn eine anscheinend einem vagen esoterisch-modernistischen Glauben anhängende Autorin ein Buch schreibt, das in einer komplett katholischen Welt spielt. Im katholischen Glauben geht es um einen persönlichen Gott, der uns begegnet, der bestimmte Dinge gesagt und getan hat, nicht nur um die vage Verehrung von irgendwas da oben. Es hätte sich ja gerade besonders angeboten, manchen Szenen in den Evangelien näher anzusehen, wenn es um das Thema Frauen & Kirche geht, z. B. die Maria-und-Marta-Geschichte oder das Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen.

Ach ja, das Fehlen einer zweiten Person ist auch auffällig – Maria. Nirgends Marienverehrung. Leute, das geht so nicht. Man kann keinen Roman über das Mittelalter schreiben, der noch dazu zum großen Teil unter Klerikern spielt, ohne Marienverehrung. Selbst, wenn wir erst im 9. Jahrhundert sind. Das geht einfach nicht.

Fazit: Eins der schlimmsten Bücher, die ich bisher gelesen habe, und definitiv das Schlimmste, das ich bisher hier rezensiert habe.

Die Päpstin, Teil 7: Mit Kind und Karriere ist das so eine Sache

Papst Leo IV. wird also krank. Er leidet unter seltsamen Symptomen (Kopfschmerzen, Zittern, brennende Schmerzen in Händen und Füßen, Magenprobleme), denen Johanna nicht abhelfen kann. Zur selben Zeit erhält Anastasius, der am Hof von Kaiser Lothar in Aachen gelebt und sich beim Kaiser und dessen Familienangehörigen und Höflingen beliebt gemacht hat, einen Brief von seinem Vater Arsenius, dass die Zeit für ihn reif sei, nach Rom zurückzukehren.

Johanna versucht alles, um Leo zu helfen und als sie ihm eine Woche lang alle feste Nahrung verbietet und ihm nur Heiltränke gibt, bessert sich sein Zustand. Doch eines Morgens hat er wieder furchtbare Schmerzen, und Johanna entdeckt einen Teller mit den Resten einer Fleischpastete neben seinem Bett. Leos Kammerdiener sagt, er hätte sie Leo gebracht, da der Haushofmeister Waldipert ihm gesagt hätte, dass sie es so angeordnet hätte; Johanna kommt ein schrecklicher Verdacht und sie schickt nach Gerold, damit er Waldipert verhaften lässt; doch der ist verschwunden und schließlich findet man seine Leiche im Tiber. Arsenius hat bei seinem Giftanschlag auf den Papst keine Mitwisser übrig gelassen. Leo stirbt.

Arsenius ist ein wenig sauer, dass Waldipert dem Papst das Gift nicht über einen noch längeren Zeitraum in kleineren Dosen verabreicht hat, sodass die Papstwahl schon stattfinden soll, ehe Anastasius in Rom ankommen kann. Aber er arbeitet schon daran, Anastasius’ Exkommunikation aufheben zu lassen und hofft, dass er ihn dennoch zum Papst machen kann. Gerold, der von Arsenius’ Bemühungen erfahren hat, schlägt Johanna jetzt, wo ein Pontifikat Anastasius’ droht, wieder vor, aus Rom zu fliehen und zu heiraten und sie stimmt zu. Doch am Tag der Wahl sind sie noch in Rom. Johanna betet an diesem Tag in einer kleinen Kirche in Rom, und hier findet sich eine interessante Stelle:

„Beim großen Feuer bis auf die Grundmauern niedergebrannt, war auch die Sankt Michael (sic) mit Baumaterial wiedererrichtet worden, das man aus antiken römischen Tempeln und Monumenten herangeschafft hatte. Als Johanna nun vor dem Hochaltar kniete, bemerkte sie, daß der marmorne Sockel das Symbol der Magna Mater trug, der uralten Erdgöttin, die in grauer Vorzeit von heidnischen Stämmen verehrt worden war. Unter dem primitiven Symbol war die lateinische Inschrift eingemeißelt: ‚Der Weihrauch, der auf diesem Marmor brennt, soll dir, Göttin, ein Opfer sein.’ Als der gewaltige Marmorblock hierher geschafft worden war, hatte offenbar niemand das Symbol deuten oder die alte Inschrift lesen können. Aber das war nicht weiter verwunderlich; viele römische Priester waren des Lesens und Schreibens nicht mächtig. Auch in diesem Fall hatten sie die uralte Inschrift nicht entziffern können, geschweige denn, ihre Bedeutung verstanden.

Der eigentümliche Kontrast zwischen dem christlichen Altar und seinem heidnischen Sockel erschien Johanna wie ein vollkommenes Abbild ihrer selbst: Obwohl christlicher Priester, träumte sie noch immer von den heidnischen Göttern ihrer Mutter; in den Augen der Welt ein Mann, mußte sie ihr Frausein und ihre weiblichen Gefühle vor eben dieser Welt verbergen; auf der Suche nach dem wahren Glauben, wurde sie hin und her gerissen zwischen dem Verlangen, Gott zu schauen und der Angst, er könne nicht existieren.“ (S. 481)

Davon, dass Johanna aktiv auf der Suche nach dem wahren Glauben wäre, habe ich noch nicht viel bemerkt. Auch der Rest dieser beiden Absätze macht nicht viel Sinn. Das Lesen war eine Fähigkeit, die jeder Priester beherrschen musste, allein schon, um die Messe lesen zu können; und selbst wenn einer nicht besonders gut Latein konnte – das damals in Rom gesprochene frühe Italienisch war immer noch relativ eng mit dem klassischen Latein verwandt. Dass Johanna die erste ist, die die Inschrift bemerkt und lesen kann, ist demnach unwahrscheinlich. Andererseits fragt man sich, woher sie das Symbol der Göttin kennt und zuordnen kann. (Die Magna Mater, auch unter dem Namen Kybele bekannt, war übrigens eine ursprünglich kleinasiatische Gottheit, deren Kult vor allem in der Kaiserzeit, als sich auch andere Mysterienkulte im Reich verbreiteten, in Rom an Beliebtheit gewann.) Und dass Johanna fürchtet, Gott könnte gar nicht existieren, passt schlecht zu ihrer Zeit. Wenn etwas für die Menschen des Mittelalters völlig selbstverständlich war, dann die Existenz Gottes und einer jenseitigen Welt. Auch in der Antike gab es praktisch niemanden, der der Ansicht war, die sichtbare Welt wäre alles, was es gäbe und sie wäre einfach aus dem Nichts entstanden oder schon immer da gewesen, ohne dass Götter hinter ihr stünden. Das hätte man als absurd betrachtet; die jenseitige Welt war für die Menschen damals die realere Welt, die wirkliche Welt, von der die sichtbare Welt ein schwaches Abbild war. Es wird auch nie ganz klar, was Johanna an den sächsischen Göttern ihrer Mutter fasziniert oder anzieht, und ob sie es für möglich hält, dass Wotan tatsächlich existiert.

Trotzdem ist dieser Abschnitt recht aufschlussreich, indem er demonstriert, dass der Glaube an weibliche Priester und der Glaube an „weiblich“ gedachte Gottheiten irgendwie immer zusammenhängen; Johanna, die sich als Priesterin sieht, hätte eigentlich lieber eine „Magna Mater“ als den christlichen Gott. Auch bei der heutigen Bewegung für weibliche Priester in der katholischen Kirche taucht ja beinahe zwangsläufig immer wieder die Vorstellung von Gott als eine Art Muttergottheit auf. Das ist natürlich eine Vorstellung, die überhaupt nicht ins Christentum passt; der Glaube an Muttergottheiten hat immer etwas Pantheistisches (die Erde, die das Leben gebiert), während das Bild des Vatergottes besser zum außerhalb der Welt stehenden Schöpfer passt, an den wir Christen glauben. (Im Protestantismus, wo die Kleriker bloß Prediger und Gemeindevorsteher sind, mag das anders sein, aber im Katholizismus, ebenso wie in heidnischen Kulten, stehen Priester eben tatsächlich in gewisser Weise stellvertretend für Gott bzw. einen Gott / eine Göttin und repräsentieren ihn oder sie vor den Gläubigen.)

(Römische Darstellung der Kybele, um 50 n. Chr.)

Johanna bittet Gott, ihr den rechten Weg zu zeigen, erhält aber keine Antwort und fühlt sich ratlos; und plötzlich wird ihr Gebet unterbrochen. Zahlreiche Würdenträger kommen herein und sagen ihr, sie sei zum Papst gewählt worden. Unter den Klerikern werden auch „Akoluthen“ erwähnt; eigentlich müsste es „Akolythen“ heißen, aber das kann auch ein Fehler des Übersetzers sein. (Es handelt sich dabei um einen der niederen Weihegrade vor der Diakonatsweihe.) Arsenius hat zwar versucht, Stimmen für Anastasius’ Wahl zu kaufen, aber das Volk war begeistert, als der Vorschlag aufkam, Johannes Anglicus zu wählen, und somit ist sie nun Papst. Anastasius, der noch bei Perugia ist, als er von der Wahl erfährt, ist wütend und verzweifelt. Er muss ins Frankenreich zurückkehren.

Im nächsten Kapitel findet die Bischofsweihe und Krönung statt. Johanna hat ein wenig Angst, dass Gott sie bestrafen wird, wenn sie zum Papst gekrönt wird; doch nichts geschieht bei der Zeremonie. Als sie hinterher von den jubelnden Menschen vor der Peterskirche (fand damals eigentlich die Papstkrönung in St. Peter oder im Lateran statt?) begrüßt wird, ist sie glücklich: „Gott hatte tatsächlich erlaubt, daß dies alles geschah, also konnte es nicht gegen seinen Willen verstoßen. Alle Zweifel und Ängste Johannas verflogen und wichen einer wunderschönen und strahlenden Gewißheit: Dies ist meine Bestimmung, und dies sind dir mir von Gott anvertrauten Menschen.“ (S. 487) Ich dachte, Johanna soll klug sein und sich mit Theologie auskennen? Ich würde ihr gerne etwas über den direkt hervorbringenden und den bloß zulassenden Willen Gottes erklären. Wie kann denn ein denkender Mensch glauben, alles, was die Menschen tun und woran Gott sie nicht durch einen Blitz vom Himmel hindert, entspräche seinem Willen, weil Er es ja zulässt?

Das Buch fährt fort:

„Sie wurde geheiligt durch die Liebe, die sie für diese Menschen empfand, denen sie an jedem Tag ihres Lebens im Namen Gottes dienen würde.

Und vielleicht würde der Allmächtige ihr am Ende vergeben.“ (Ebd.)

Hier zeigt sich eine typische moderne Verwirrung: Man kann nicht mehr unterscheiden zwischen „etwas gutheißen“, „jemandem etwas nachsehen“ und „jemandem etwas vergeben“. Vergebung kann es nur für Dinge geben, die wirklich falsch gewesen und die bereut worden sind; wenn Johanna überzeugt ist, dass sie das Richtige tut, und nicht vorhat, damit aufzuhören, ist es Unsinn, auf Gottes Vergebung zu hoffen. Sie kann höchstens hoffen, dass Gott auf ihrer Seite steht oder Nachsicht mit ihr haben wird, falls sie sich irrt.

Auch Gerold beobachtet die Zeremonie:

„Nur Gerold, der Johanna so gut kannte, konnte erahnen, was jetzt in ihr vorgehen mochte: Eine wahrhaftige Segnung des Geistes, die ungleich bedeutsamer, inniger und tiefer war als die vorausgegangene förmliche Zeremonie.“ (Ebd.)

Nun, da die Zeremonie ungültig war, mag das in diesem Fall stimmen; bei einer normalen Weihe ist natürlich das objektive Wirken Gottes durch das sakramentale Geschehen wichtiger als die Gefühle, die einer dabei hat.

„In diesen Augenblicken sprach Gott aus ihr.“ (Ebd.)

Aha.

„Gerold sah, wie Johanna den Jubel der Menge entgegennahm, und sein Herz wurde von der schmerzlichen Einsicht erfüllt, daß er diese Frau für immer verloren hatte – und daß er sie zugleich mehr liebte als je zuvor.“ (Ebd.)

Keine Angst, tatsächlich ist die Liebesgeschichte natürlich nicht zu Ende.

Nachdem Johanna Papst geworden ist, sieht sie sich erst einmal ihre Stadt an, geht dabei auch in das dreckige, von Krankheiten geplagte Armenviertel auf dem Marsfeld, und beschließt hinterher, ein Aquädukt wieder aufbauen zu lassen, damit die Armen dort nicht das verschmutzte Tiberwasser schöpfen müssen. Natürlich muss die Autorin hier wieder auf dem Frühmittelalter herumhacken, als könnten die Leute da was dafür, dass das Errichten von Bauwerken in den vorangegangenen Jahrhunderten im Chaos der Völkerwanderungszeit eher vernachlässigt worden war:

„Das Aquädukt wiederaufzubauen, wäre eine gewaltige Aufgabe, ein vielleicht sogar unmögliches Unterfangen, legte man die spärlichen architektonischen Kenntnisse der Zeit zugrunde. Die Bücher, die das gesammelte Wissen der antiken Baumeister enthielten, die derart komplizierte Konstruktionen wie das Aquädukt geschaffen hatten, waren schon Jahrhunderte zuvor verlorengegangen oder vernichtet worden; man hatte die pergamentenen Seiten mit den unersetzlichen Bauplänen sauber geschabt, um christliche Predigten und Geschichten aus dem Leben der Heiligen und Märtyrer darauf zu schreiben.“ (S. 490f.)

Dennoch wird das Projekt unter Gerolds Aufsicht in Angriff genommen, auch wenn einige Männer der Kurie finden, man sollte lieber mehr Kirchen wiederaufbauen. Tatsächlich wurden in dieser Zeit von den Päpsten sowohl einzelne Aquädukte als auch Kirchen wieder instand gesetzt. (Das erste neue Aquädukt wurde in Italien übrigens erst wieder im Hochmittelalter gebaut.)

Johanna ist derweil genervt von ihren liturgischen Pflichten:

„Nominell eine der höchsten Machtstellungen auf Erden, war dieses Amt in Wahrheit mit umfassenden priesterlichen Aufgaben verbunden. (…) Alles in allem gab es mehr als einhunderfünfundsiebzig christliche Festtage, an denen zeitraubende, bis ins kleinste festgelegte Feierlichkeiten stattfanden.

Aus diesem Grund blieb Johanna nur sehr wenig Zeit, tatsächlich zu regieren oder sich um Dinge zu kümmern, die ihr wirklich am Herzen lagen: das Los der Armen wie auch die Ausbildung des Klerus zu verbessern.“ (S. 491f.)

Wie schrecklich zeitraubend doch die Anbetung Gottes ist. Nachdem Johanna in einem Benediktinerkloster gelebt hat, wo sieben Mal am Tag gebetet wird, wundert es mich, dass sie die päpstlichen liturgischen Pflichten so schlimm findet.

Als nächstes findet eine „Bischofskonferenz“ statt. Wirklich, da steht „Bischofskonferenz“. Der Autorin (oder dem Übersetzer) hat offenbar niemand gesagt, dass wir zu dieser Zeit Bischofssynoden oder -konzilien hatten und die Bischofskonferenzen (nationale Vereinigungen der Bischöfe) erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil existieren.

Auf dieser Konferenz bzw. Synode tritt Johanna für die Kommunionspendung mit Intinctio ein, die sie damals in Fulda eingeführt hat und die sich inzwischen im Frankenreich weit verbreitet hat, und die anderen Bischöfe sind alle dagegen, weil das gegen die Tradition sei, und können Johannas Argumenten natürlich nichts anderes entgegensetzen.

„‚Sollen wir eine Idee nur deshalb ablehnen, weil sie neu ist?’ fragte Johanna.

‚Wir sollten uns in allen Dingen von der Weisheit der Alten leiten lassen’, erwiderte Pothos gewichtig. ‚Und wir können uns nur einer einzigen Wahrheit sicher sein – nämlich jener, die uns in der Vergangenheit gewährt worden ist.’

‚Alles, was alt ist, war irgendwann neu’, entgegnete Johanna, ‚und stets geht das Neue dem Alten voraus. Ist es da nicht dumm und widersinnig, auf der einen Seite alles zu verdammen, was zuerst kommt, und auf der anderen Seite alles in den Himmel zu heben, was aus zuerst Gekommenem entstanden ist?’

Pothos furchte die Brauen, als er diesen Darlegungen zu folgen versuchte. Wie die meisten seiner Amtskollegen hatte er keine Übung in gelehrten Disputen und Rededuellen; er fühlte sich nur wohl in seiner Haut, wenn er Autoritäten zitieren konnte.“ (S. 493)

Meine Güte, als ob Johannas Aussagen so „gelehrt“ gewesen wären; der zweite Satz ist auch nur eine längere Version von „Alles, was alt ist, war irgendwann neu“. Tatsächlich war die Dialektik den Theologen damals eben nicht fremd; hat die Autorin z. B. noch nie von Johannes Scotus Eriugena gehört? Johanna setzt sich jedenfalls durch; die Intinctio darf im Frankenreich beibehalten werden.

(Johannes Scotus Eriugena in einer Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert. Ich liebe seinen Gesichtsausdruck.)

Als nächstes reden die Bischöfe über Gottschalk von Orbais, der damals das Kloster Fulda verlassen hat und inzwischen Priester und Theologe geworden ist, und der von Rabanus Maurus, nun Erzbischof von Mainz, wegen Ketzerei in den Kerker geworfen wurde. Johanna fragt nach, welche Ketzerei Gottschalk vorgeworfen wird:

„‚Erstens’, entgegnete Wulfram, ‚behauptet der Mönch Gottschalk, daß Gott alle Menschen entweder zur Errettung oder zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt. Zweitens behauptet er, daß Christus nicht für alle Menschen am Kreuz gestorben ist, sondern nur für die zur Errettung Erwählten. Und drittens sagt dieser Ketzer, daß Menschen, die für die Verdammnis bestimmt sind, auch durch gute Werke nicht bewirken können, zu den Erwählten zu gehören.’“ (S. 494f.)

Da Gottschalk ja ein Sympathieträger bleiben soll, weil Rabanus Maurus der Böse war, geht es folgendermaßen weiter:

Das hört sich allerdings sehr nach Gottschalk an, ging es Johanna durch den Kopf. Ein überzeugter Pessimist wie er, ständig unglücklich und von Seelenqualen gepeinigt, mußte sich von Natur aus zu einer solchen Theorie hingezogen fühlen, die einen Teil der Menschen als von vornherein zum Untergang verurteilt deklarierte – wobei Gottschalk sich höchstwahrscheinlich selbst dazu zählte.“

Ich kenne mich mit Gottschalk von Orbais zugegebenermaßen nicht besonders gut aus; aber im Allgemeinen waren die Leute, die eine solche Prädestinationslehre in der Kirche einführen wollten, immer ziemlich überzeugt von ihrer eigenen Erwählung – Calvin oder die Jansenisten zum Beispiel. Es geht folgendermaßen weiter:

„Andererseits waren diese Gedanken ganz und gar nicht neu und erst recht nicht ketzerisch: Der heilige Augustinus hatte in seinen beiden großen Werken, Über den Gottesstaat und Über die Liebe zu Gott, ganz ähnliche Ansichten vertreten: ‚Alle Gnade’, hatte er geschrieben, ‚ist unverdiente Gnade.’“ (S. 495)

(Augustinus in einer Darstellung in der Lateranbasilika, 6. Jahrhundert)

Und wieder zeigt sich, dass die Autorin bei den theologischen Fragen einfach nicht ganz durchsteigt. Selbstverständlich ist alle Gnade unverdiente Gnade, das bestreitet kein Christ (außer den zu Augustinus’ Zeiten verurteilten Pelagianern, die meinten, der Mensch könne sich durch eigene moralische Anstrengung den Himmel verdienen); aber das heißt nicht, dass Gott nicht allen Menschen diese unverdiente Gnade anbietet und alle Menschen durch ihren freien Willen die Möglichkeit haben, sie entweder anzunehmen oder zurückzuweisen.

Aber ja, es stimmt, dass Augustinus in seinen späteren Werken auch ziemlich nahe an die Lehre von der doppelten Prädestination herankam. Da ich sehr wenig Augustinus gelesen habe (ich habe vor, das nachzuholen), weiß ich nicht genau, wie nahe, und äußere mich dazu mal lieber nicht; aber jedenfalls zählt für die Frage, was kirchliche Lehre ist, nicht die Meinung eines einzelnen Kirchenvaters, selbst wenn es Augustinus ist, sondern vielmehr die Beschlüsse von Konzilien, Synoden und Päpsten, und bei der Verurteilung des Pelagianismus wurde die Lehre von der doppelten Prädestination eben nicht angenommen. Im Buch geht es folgendermaßen weiter:

„Nirgotius, der Bischof von Anagni, erhob sich, um das Wort zu ergreifen. ‚Dies ist ein verwerflicher und sündhafter Abfall vom Glauben’, sagte er. ‚Denn es ist wohlbekannt, daß Gottes Wille die Auserwählten vorherbestimmt, nicht aber die Verdammten.’

Diese Argumentation ließ arg zu wünschen übrig; denn wenn Gott für den einen Teil der Menschen irgend etwas vorherbestimmte, galt dies zwangsläufig auch für den anderen Teil.“ (Ebd.)

Okay, hier kann man der Autorin mal irgendwo zustimmen. Eine ähnliche Kritik würde ich als Anhängerin des Molinismus auch an den Augustinismus richten. Übrigens liebe ich den Namen „Nirgotius“.

„Doch Johanna wies den Bischof nicht darauf hin, denn Gottschalks Lehren bereiteten ihr in der Tat einigen Kummer. Es war gefährlich, die Menschen zu lehren, daß ein Teil von ihnen der Verdammnis anheimfiel, mochten sie noch so viele gute Taten vollbringen und ein noch so frommes Leben führen. Denn falls dies zutraf – warum sollte sich dann überhaupt noch jemand die Mühe machen, sich nach den Geboten zu richten oder gute Werke zu tun, da Gott die Würfel ja bereits geworfen hatte?“ (Ebd.)

Schlimmer noch, was für ein Gottesbild bekämen wir dann? Die Lehre von der doppelten Prädestination stellt Gottes Liebe zu allen Seinen Geschöpfen radikal infrage.

Die „Bischofskonferenz“ verurteilt am Ende Gottschalks Lehren, tadelt aber auch Rabanus’ hartes Vorgehen gegen ihn. Tatsächlich war es so, dass Rabanus Maurus und Hinkmar von Reims auf einer fränkischen Synode die Verurteilung des historischen Gottschalks wegen Ketzerei erreichten und er in Klosterhaft kam.

Im nächsten Abschnitt bekommen wir dann wieder eine der besonderen Perlen des Romans:

„Die Sympathie, die Johanna auf der Synode erworben hatte, hielt nicht lange vor. Schon im nächsten Monat wurde die gesamte christliche Welt bis in die Grundfesten erschüttert, als Johanna die Absicht verkündete, eine Schule für Frauen zu gründen.“ (S. 496)

Man versuche mal, diesen Satz laut vorzulesen, ohne zu lachen. Wie die christliche Welt wohl erst erschüttert werden würde, wenn Johanna beschließen würde, sich beim Frühstück Butter aufs Brot zu schmieren? Der Untergang des Abendlandes droht, nein, er ist schon da!

Ich wiederhole es jetzt zum hunderttausendsten Mal: Es gab im 9. Jahrhundert Nonnenklöster und Klosterschulen. Und es gab auch außerhalb der Klöster gelehrte Frauen.

(Gründungsurkunde der Fraumünsterabtei in Zürich, 853 von Ludwig dem Deutschen gestiftet)

Die päpstlichen Beamten sind gegen Johannas Plan, da es Allgemeinwissen sei, dass das Lernen bei Frauen die Fruchtbarkeit beeinträchtige. „Je mehr ein Mädchen lernt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß es als Frau jemals Kinder bekommen wird“, behauptet einer von ihnen (ebd.). Und natürlich waren Frauen im 9. Jahrhundert nur zum Gebären da; niemand pries damals das ehelose, jungfräuliche Leben um Christi willen. Niemand! Hier gibt es nichts zu sehen!

(Die heilige Kassia, eine byzantinische Äbtissin und Komponistin, um 810 – um 865)

Johanna setzt sich durch. Gerold sagt später zu ihr, sie sollte die Leute nicht so verärgern; sie könne es sich nicht leisten, sich Feinde zu machen: „Aber du mußt den Menschen Zeit lassen. Die Welt kann nicht an einem einzigen Tag neu erschaffen werden.“ (S. 497) Johanna bemüht sich daraufhin tatsächlich, diplomatischer zu sein, aber ihren Plan mit der Schule verwirklicht sie.

(Hrotsvit von Gandersheim (um 935 – nach 973) überreicht Kaiser Otto dem Großen ihr Buch „Gesta Ottonis“, im Hintergrund Hrotsvits Äbtissin Gerberga, Holzschnitt von Albrecht Dürer, 1501)

Einige Zeit später gibt es in Rom eine Überschwemmung; der Tiber tritt über die Ufer und überflutet das Marsfeld, wodurch viele Menschen dort in den alten, noch aus der Antike stammenden Mietskasernen eingeschlossen sind. Johanna lässt kurzerhand die päpstliche Miliz zusammenrufen, requiriert so viele Boote und wie möglich und steigt selbst zusammen mit Gerold in eines, um auf das Marsfeld hinauszurudern und Menschen zu retten. Die Männer der Kurie versuchen natürlich, ihr auszureden, wegen ein paar zerlumpter Bettler ihr Leben aufs Spiel zu setzen, aber sie bleibt stur. Es könnte sein, dass die Autorin hier eine Geschichte über Papst Nikolaus I. (Papst von 858 bis 867) entfremdet, dessen tatkräftige Hilfe für das Volk von Rom nach einer Flutkatastrophe im Liber Pontificalis gerühmt wird.

(Einige Jahrhunderte später: Papst Pius XII. geht nach einem Bombenangriff in Rom zu den Menschen in das zerbombte Viertel,  Bildquelle hier.)

Zuerst klappt alles, doch als Gerold und Johanna noch ein letztes Mal zurückfahren, um einen kleinen Jungen aus einem Haus zu retten, kommt eine neue Flutwelle, die durch den Einsturz eines Teils der Aurelianischen Mauer unter dem Druck der Wassermassen ausgelöst wurde, und diese Flutwelle schleudert die beiden in eins der oberen Stockwerke eines Hauses. (Der kleine Junge stirbt.)

Gerold hat sich am Kopf verletzt und viel Wasser geschluckt und ist zunächst ohnmächtig. Johanna leistet ihm Erste Hilfe und kommt dann auf die Idee, dass sie ihn aufwärmen müsste, weil sie da irgendetwas bei Hippokrates gelesen hat, und weil sie kein Feuer entfachen kann, greift sie auf das Prinzip Körperwärme zurück, zieht ihn und sich aus und kuschelt sich an ihn. Wie manche Autoren sich doch anstrengen, ihre Figuren in passende Situationen für Sex zu bringen. Gerold wacht irgendwann auf und dann passiert, was zu erwarten war. Auch am nächsten Morgen bekommen wir noch mal ein bisschen Romantik: „Sie waren Zwillingsseelen, für immer und untrennbar verbunden; zwei Hälften eines vollkommenen Ganzen, das ohne den anderen nie mehr vollständig sein würde.“ (S. 508) Usw. usf.

Schließlich hört der Regen draußen auf und die beiden sprechen über ihre Zukunft, da sie realisieren, dass man bald nach ihnen suchen wird. Gerold schlägt Johanna vor, sich einfach verborgen zu halten, wenn Boote kommen, und später, wenn das Wasser abgelaufen ist, die Stadt zu verlassen. Niemand würde nach ihnen suchen, da man glauben würde, sie wären ertrunken. Doch Johanna lehnt das ab; sie sieht sich in der Verantwortung für die Leute von Rom.

„‚Ich verstehe’, sagte Gerold. ‚Und ich werde dich nicht mehr bedrängen. Aber eines sollst du wissen. Und ich werde es nur einmal sagen, hier und jetzt, und dann nie mehr wieder. Du bist mein wahres Leben auf Erden, und ich bin dein wahrer Gatte. Egal, was geschieht, egal, welches Schicksal uns erwartet – nichts und niemand kann je etwas daran ändern.’“ (S. 510f.)

Was für ein Blödsinn. Wir sind hier im 9. Jahrhundert, nicht im 19.; niemand vertrat damals die Ansicht, dass eine auf einer Art „Seelenverwandtschaft“ beruhende Liebe mit einer Ehe gleichzusetzen wäre.

Sie werden schließlich gefunden und gerettet und die kurze Zeit der Zweisamkeit ist vorbei.

Es geht mit Johannas Taten als Papst weiter. Sie tut Gutes und macht sich beim Volk beliebt und bei den Mächtigen, die finden, dass sie die Würde ihres Amtes nicht achtet, unbeliebt. „Zudem glaubte Papst Johannes an die Kraft der Logik und die Stichhaltigkeit von Beobachtungen; der hohe Klerus dagegen glaubte allein an die Kraft heiliger Reliquien und göttlicher Wunder. Der Papst war vorausschauend und fortschrittlich, die Würdenträger konservativ und durch Gewohnheit an Traditionen gebunden.“ (S. 512) Noch holzhammerartiger ging es nicht mehr, nehme ich an.

Johanna besetzt auch wichtige Posten mit fähigen Männern, auch wenn diese Ausländer sind, was die mächtigen römischen Familien verärgert. Arsenius versucht natürlich, sich die Situation zunutze zu machen und die Männer der Kurie noch mehr gegen den Papst einzunehmen. Anastasius schmachtet derweil im Exil im Frankenreich; er ist zwar am kaiserlichen Hof beliebt und beeindruckt die Leute, wenn er z. B. im Abendmahlsstreit argumentiert, Brot und Wein würden bloß sinnbildlich zu Leib und Blut Christi; aber er sehnt sich doch danach, dieses barbarische Land endlich verlassen und wieder nach Rom gehen zu können. (Im Abendmahlsstreit des 9. Jahrhunderts war man sich zwar einig darüber, dass Christus in Brot und Wein gegenwärtig ist, aber eine Frage war unter Theologen wie Paschasius Radbertus und Ratramnus umstritten: Ist der eucharistische Leib nun wirklich mit dem historischen Leib Jesu identisch oder ist er es nicht?) Von seinem Vater erhält Anastasius Berichte aus Rom: Papst Johannes kümmere sich zu wenig darum, den Diebstahl von Reliquien zu verhindern – „Er sagte, die Menschen wären sinnvoller damit beschäftigt, sich um die Lebenden statt um die Toten zu kümmern“ –, verschwende Geld für Schulen und Hospitäler und Armenhäuser und wende kein bisschen für die Kirchen der Stadt auf. (Ich finde ja übrigens, wer die Toten nicht achtet, achtet am Ende auch die Lebenden nicht mehr. Nicht ohne Grund ist es eins der sieben Werke der Barmherzigkeit, Tote zu begraben. Natürlich alles eine Frage des Maßes.) „Falls – nein, verbesserte Anastasius sich selbst – sobald er Papst wurde, würde sich vieles ändern. Er würde Rom wieder zu alter Größe führen. Unter seiner segensreichen Schirmherrschaft würden die Kirchen der Stadt in neuem Glanz erstrahlen, großartiger und prächtiger als die schönsten Paläste von Byzanz. Das – Anastasius wußte es genau – war die Mission, mit der Gott ihn auf Erden betraut hatte.“ (S. 522f.) Anastasius sieht einen göttlichen Auftrag für sich? Das ist interessant. Bisher ist es eher so dargestellt worden, als wäre er von rein weltlichem Ehrgeiz motiviert.

Kehren wir nach Rom zurück. Zwei oder drei Monate nach dem Hochwasser beschließt Gerold, die Stadt zu verlassen und wieder nach Benevento zu gehen, damit seine und Johannas Liebe zueinander nicht entdeckt wird. Johanna will es ihm ausreden. In diesem Augenblick wird ihr schwindelig, und er verspricht ihr, später noch einmal mit ihr darüber zu sprechen, und zumindest in Rom zu bleiben, bis sie sich wieder gesund fühlt.

Als Johanna in der Stille ihres Schlafzimmers darüber nachdenkt, dass sie sich eigentlich seit mehreren Wochen nicht besonders gut fühlt, wird ihr klar, dass auch ihre Monatsblutung seit längerem ausgeblieben ist. Sie ist schwanger.

Sie gerät in Panik und denkt nicht daran, dass sie aus Rom fliehen könnte, sondern stellt sich nur vor, was wäre, wenn ihre Schwangerschaft entdeckt würde. In ihrer Panik bereitet sie aus den Arzneien, die sie bei sich hat, rasch ein Abtreibungsmittel zu.

„In diesem Augenblick kamen ihr ungewollt die Worte des Hippokrates in den Sinn. Die Kunst der Medizin bedeutet Verantwortung und Vertrauen. Als Arzt mußt du all dein Wissen stets darauf verwenden, den Kranken zu helfen, so gut dein Können und dein Urteil es erlauben – aber niemals, unter keinen Umständen, darfst du einem Menschen Leid zufügen.“ (S. 524f.)

(Tatsächlich enthält ja der berühmte Hippokratische Eid im Original auch die Zeile: „Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben.“)

„Entschlossen schob Johanna diesen Gedanken zur Seite. Ihr Leben lang war ihr weiblicher Körper eine Quelle des Kummers und des Schmerzes für sie gewesen – Behinderung und Hindernis bei allem, was sie tun oder sein wollte. Sie würde nicht zulassen, daß dieser Frauenkörper sie nun auch noch das Leben kostete.

Johanna setzte das Fläschchen an die Lippen und trank.

Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen.

Die Worte brannten in ihrem Inneren und versengten ihr das Herz. Mit einem Schluchzer schleuderte sie das leere Fläschchen zu Boden. Es rollte davon, und die letzten Tropfen der Arznei hinterließen ein unregelmäßiges Muster auf den Holzdielen.“ (S. 525)

Doch das Mittel funktioniert nicht. Johanna bekommt zwar eine Zeitlang heftige Schmerzen, aber als diese vorbei sind, ist das Kind in ihrem Leib immer noch da.

Als Johanna sich dann später Gerold anvertraut – jedoch ohne ihm etwas von dem Abtreibungsversuch zu sagen; „nicht einmal von Gerold konnte sie in dieser Hinsicht Verständnis erwarten“ (S. 526) – will er sofort mit ihr aus der Stadt fliehen. Johanna jedoch will aus irgendeinem Grund noch bis nach dem Osterfest warten; so lange könne sie ihre Schwangerschaft noch verbergen. Gerold meint zwar, sie wäre vor Angst nicht ganz bei Sinnen, stimmt aber zu, bis Ostern zu warten.

Doch am Osterfest kommt ein Bote mit der Nachricht, dass Kaiser Lothar sich der Stadt nähere, und Anastasius, dessen Exkommunikation der Kaiser nicht anerkenne, bei ihm sei. Johanna schiebt ihren Aufbruch weiter auf.

„‚Es ist nur eine Frage von wenigen Tagen’, sagte sie in versöhnlichem Tonfall. ‚Wir wissen zwar nicht, was Lothar vorhat, aber wir können davon ausgehen, daß er die Stadt verläßt, wenn er sein Ziel erreicht hat. Und sobald er verschwunden ist, werde ich mit dir aus Rom fortgehen.’

Für einen Augenblick überdachte Gerold ihren Vorschlag. ‚Und du versprichst mir, es dann nicht noch einmal aufzuschieben, weil irgend etwas dazwischen gekommen ist?’

‚Ich verspreche es’, sagte Johanna.“ (S. 530)

Als der Kaiser sich nähert, lässt Johanna Gerold ihm entgegenreiten, um ihn zu begrüßen; aber als der Kaiser dann in die Stadt kommt (wieder wird er vor St. Peter, nicht im Lateran begrüßt), Anastasius im Kardinalsgewand an seiner Seite, hat er Gerold fesseln lassen und informiert Johanna, dass er ihn des Verrats anklagen wolle.

„Zum erstenmal meldete Anastasius sich zu Wort. ‚Der Verrat war nicht gegen den Thron des Papstes gerichtet, Heiligkeit, sondern gegen den des Kaisers. Gerold steht unter dem Verdacht, sich gegen Rom verschworen zu haben – mit dem Ziel die Stadt wieder unter griechische Herrschaft zu bringen.“ (S. 530f.)

Anastasius, Arsenius und Lothar haben einen römischen Adligen namens Daniel, der sauer ist, weil sein Sohn bei der Vergabe eines Bischofsstuhls übergangen wurde, dazu gebracht, die falsche Anklage gegen Gerold zu erheben. Johanna durchschaut die Absicht dahinter: „Sie selbst, als Papst, konnte nicht vor Gericht gestellt werden, wohl aber Gerold – und falls man ihn für schuldig befand, war sie mit betroffen, und ihr Thron geriet ins Wanken.“ (S. 531)

Der Prozess findet also statt, wobei Johanna und Lothar den Vorsitz führen. Daniel behauptet, er hätte ein Gespräch zwischen Gerold und Papst Johannes gehört, bei dem sie über ein Bündnis mit den Griechen gegen den Kaiser gesprochen hätten. Johanna, die zwar selbst nicht angeklagt werden kann, aber Gerold helfen will, schwört auf die Evangelien, dass dieses Gespräch nicht stattgefunden habe; dann jedoch beruft sich Anastasius auf die coniuratio, nach der „Schuld oder Unschuld eines Beklagten durch eine Probe bewiesen werden konnte, bei der es darauf ankam, welche der gegnerischen Parteien die größere Anzahl von sacramentales oder ‚Eideshelfern’ auf ihrer Seite  hatte, um die jeweilige Aussage zu untermauern“ (S. 534), und die kaiserliche Seite bringt mehr Eideshelfer zusammen als die päpstliche. Gerold verlangt daraufhin jedoch noch ein Gottesurteil. Johanna, die verhindern will, dass er sich einer solchen lebensgefährlichen Probe unterzieht, stellt dem Ankläger zuerst noch Fragen zu seiner Aussage und verwickelt ihn dabei in offensichtliche Widersprüche, sodass es allen deutlich wird, dass er Gerold fälschlich bezichtigt hat. Sie entzieht Daniel seine Titel und sein Vermögen und verbannt ihn aus Rom. Die Autorin stellt es bei diesem Prozess so dar, als ob es etwas völlig Neues, Unerhörtes wäre, nicht sofort zu Gottesurteilen und dergleichen zu schreiten, sondern erst Zeugenaussagen genauer anzusehen; außerdem wird ganz selbstverständlich das fränkische statt das römische Recht (das so etwas wie Eideshelfer nicht kannte) angewandt – in Rom.

Anastasius jedenfalls ist trotz dieses Rückschlags entschlossen, sich endlich den Papstthron zu erobern. Sein nächster Plan ist, seine Anhänger ganz einfach den päpstlichen Palast stürmen zu lassen, während der Papst eine Prozession durch die Stadt anführt; es wird auch geplant, wie Gerold ausgeschaltet werden soll, damit die päpstliche Miliz die Pläne nicht durchkreuzen kann. Mir kommt dieser Plan irgendwe stümperhaft vor. Wäre es nicht besser, einen Papst heimlich zu ermorden – wie Leo – und nach seinem Tod irgendwie den Anschein einer legitimen Wahl herzustellen, statt einfach nur zu versuchen, die Kontrolle über einen Palast in Rom zu bekommen? Ein Papst muss als Papst anerkannt werden.

Der Tag der Prozession kommt, und Johanna fühlt sich nicht ganz wohl, während sie durch die Straßen reitet: „offenbar war der Sattel nicht richtig aufgeschnallt, denn ihr tat schon jetzt der Rücken weh; der dumpfe, pochende Schmerz kam und verschwand in regelmäßigen Abständen.“ (S. 544) An alle Leserinnen, die Erfahrung damit haben: Sind Wehen tatsächlich dumpf und pochend?

Während der Prozession kommt eine Frau zu Johanna her und bittet sie um Vergebung für das, was sie ihr angetan habe; Johanna erkennt die stark gealterte Frau schließlich als die Kurtisane Marioza, die Benedikt einst dabei geholfen hat, sie in den Kerker zu bringen. Mariozas Gesicht ist inzwischen von Messernarben entstellt, „Die Abschiedsgeschenke eines eifersüchtigen Liebhabers“, wie sie Johanna sagt, als die danach fragt. Marioza sieht ihr Schicksal als göttliche Strafe für das, was sie Johanna angetan hat; Johanna vergibt ihr und segnet sie.

Als die Prozession noch ein Stück weiter gezogen ist, verursachen einige steinewerfende Männer einen kleinen Aufruhr; einer der Steine trifft auch Johannas Pferd. Gerold, der Johanna begleitet, reitet ihnen hinterher, als sie sich in eine Seitengasse zurückziehen; doch es ist eine Falle, und sie zerren ihn von seinem Pferd und stoßen ihm einen Dolch in den Rücken; die anderen Männer der päpstlichen Garde kommen ihm erst zu spät zu Hilfe. Johanna steigt von ihrem Pferd und rennt zu Gerold, und er stirbt in ihren Armen. Und dann spürt sie einen schrecklichen Schmerz:

„Als Johanna sich erhob, durchfuhr sie ein so schrecklicher Schmerz, daß sie sich krümmte, zu Boden fiel und keuchend nach Atem rang. Ihr Körper wand sich in schrecklichen Krämpfen, gegen die sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. (…)

Das Kind, durchfuhr es sie. Es kommt.“ (S. 548f.)

Die Menschen sind aufgebracht, meinen, der Papst sei vom Teufel besessen, ein Priester kommt rasch nach vorne geeilt und besprenkelt Johanna mit Weihwasser, doch da wird auch schon ihr Kind geboren:

„Johanna schrie, als mit einer letzten schrecklichen Schmerzwoge der Druck in ihrem Innern wich und ein gewaltiger Blutschwall aus ihrem Leib schoß.

Abrupt verstummte Aurianos’ monotone Stimme, und fassungsloses Schweigen breitete sich aus.

Unter dem Saum der weiten weißen Roben Johannas, die nun mit ihrem Blut getränkt waren, war der winzige bläuliche Körper einer Frühgeburt zu sehen.“ (S. 549)

Eine Geburt geht doch nicht so schnell?! Mir kamen die medizinischen Details ja schon öfter komisch vor, aber das hier?

In der Menge entsteht wieder ein Aufruhr, aber Johanna bekommt davon nicht mehr viel mit: „Johanna hörte dies alles wie aus weiter Ferne. Als sie auf der Straße lag, in ihrem eigenen Blut, überkam sie plötzlich ein unfaßbares, erhabenes Gefühl inneren Friedens. Die Straße, die Menschen, die farbenprächtigen Banner der Prozession erstrahlten in wundervoll leuchtenden Farben vor ihrem geistigen Auge, wie die Fäden eines riesigen Wandteppichs, dessen Muster sie allein zu erkennen vermochte.

Noch einmal wuchs ihr gewaltiger Geist heran, bis er die Leere in ihrem Innern füllte. Sie wurde in ein wundervolles, strahlendes Licht gebadet. Glaube und Zweifel, Wille und Verlangen, Herz und Verstand – endlich, am Ende ihres Weges, erkannte Johanna, daß dies alles eins war und daß dieses Eine Gott war.

Das Leuchten wurde heller. Lächelnd ging sie darauf zu, während die Lichter und Laute der irdischen Welt schwächer und schwächer wurden und schließlich erloschen, wie der Mond, wenn die Morgenröte kommt.“ (S. 549f.)

Und damit ist die Geschichte mehr oder weniger zu Ende. Johanna stirbt also kurzerhand, und die Autorin hat Gelegenheit, noch ein bisschen Esoterikblabla unterzubringen. Was genau soll mit dem Satz „Noch einmal wuchs ihr gewaltiger Geist heran, bis er die Leere in ihrem Innern füllte“ denn gemeint sein? Aus sich selber heraus kann kein Mensch die Leere in seinem Innern füllen; wenn, dann kann das Gott.

Es kommt dann noch ein Epilog, der zunächst bei Anastasius spielt, der fünfundachtzig Jahre alt geworden ist und nie sein Ziel erreicht hat, Papst zu werden. Er hat zwar nach Johannas Tod und der Entdeckung ihrer Identität den Papstthron für sich beansprucht, aber etliche Römer waren gegen ihn und der Kaiser hat ihn schließlich fallen gelassen; so wurde ein anderer gewählt und Anastasius in ein Kloster verbannt. Er hat sich später wieder zum päpstlichen Bibliothekar hochgearbeitet und ist nun für sein Werk, den Liber Pontificalis, weithin berühmt. „Der Liber Pontificalis war Anastasius’ Gewähr für die Unsterblichkeit und sein Nachlaß an die irdische Welt. Vor allem aber war dieses Werk Anastasius’ letzte Rache an seinem verhaßten Rivalen – an jenem Menschen, der ihm im Jahre 853 den Ruhm verwehrt hatte, für den das Schicksal, da war er gewiß, ihn bestimmt hatte. Anastasius hatte Päpstin Johanna aus dem offiziellen Papstregister gestrichen; im Liber Pontificalis wurde nicht einmal ihr Name erwähnt.“ (S. 553) Tatsächlich war es so, dass der historische Anastasius, der im Jahr 853 von Papst Leo IV. exkommuniziert worden war, nach dessen Tod im Jahr 855 den Papstthron für sich beanspruchen wollte, obwohl Benedikt III. gewählt worden war, und damit keinen Erfolg hatte. Er wurde später tatsächlich noch päpstlicher Bibliothekar (er ist heute unter dem Namen „Anastasius Bibliothecarius“ bekannt) und arbeitete am Liber Pontificalis weiter (nicht das ganze Buch, sondern nur einzelne Teile stammen von Anastasius, andere sind älter).

Die Perspektive wechselt dann nach Paris zu einem Erzbischof Arnaldo, der an seiner eigenen Abschrift des Liber Pontificalis arbeitet; er hat diese Arbeit selbst anstelle seiner Schreiber übernommen, um Anastasius’ Werk zu korrigieren: „Zwischen den Abschnitten, in denen das Leben der Päpste Leo und Benedikt beschrieben wurde, gab es nun einen neuen Eintrag über Päpstin Johanna – einen Abschnitt, in dem Johannas Leben und ihre Amtszeit wieder an die ihnen zustehenden Plätze in der Geschichte gerückt wurden.“ (S. 554) Denn: Arnaldo ist in Wirklichkeit Arnalda, Arns und Bonas kleine Tochter, der Johanna viele Jahre zuvor ihren Anhänger mit dem Katharinenbildnis geschenkt hat.

Wie viele andere von uns mag es wohl geben? fragte Arnalda sich nicht zum erstenmal. Wie viele andere Frauen hatten den kühnen Sprung getan und ihre weibliche Identität abgelegt? Wie viele Frauen hatten ein Leben aufgegeben, das mit Kindern und einer Familie hätte erfüllt und ausgefüllt sein können, um statt dessen Ziele anzustreben, die sie als Frau und auf andere Weise niemals hätten erreichen können? Wer konnte das sagen? Es mochte gut sein, daß Arnalda in einem Kloster oder einem Dom, ohne es zu wissen, einer Geschlechtsgenossin begegnet war, die sich in geheimer und bislang unaufgedeckter Schwesternschaft als Mann ausgab und einen ebenso beschwerlichen Weg gehen mußte wie Johanna und Arnalda. (…)

Eines Tages würde jemand diese Unterlagen finden und Johannas Geschichte erzählen.

Die Schuld ist beglichen, dachte Arnalda. Ruhe in Frieden, Päpstin Johanna.“ (S. 554)

Und damit ist dieser Roman endlich zu Ende. Im nächsten Post dann noch ein bisschen was zum Nachwort der Autorin und der ursprünglichen spätmittelalterlichen Legende von der Päpstin, und ein allgemeines Fazit, und dann haben wir’s.

Die Päpstin, Teil 6: Das wiedervereinte Liebespaar

Im nächsten Kapitel taucht, wie versprochen, Gerold wieder auf. Sein Verhältnis zum immer tyrannischeren Kaiser hat sich in den letzten Jahren verschlechtert, und er – der eigentlich gegen den ganzen Feldzug nach Rom war – befehligt nun nur eine kleine Einheit der Nachhut von Lothars Heer. Als er mit seinen Soldaten die Alpen überquert hat und nach Oberitalien kommt, ist er entsetzt über die Verwüstungen, die das Hauptheer bereits dort angerichtet hat. „Bis zu diesem Augenblick war Gerold in dem Glauben gewesen, Lothar wolle Papst Sergius und die Römer durch eine Demonstration militärischer Stärke lediglich einschüchtern. Doch die Zerstörung dieses Dorfes war ein unheilvolles Vorzeichen.“ (S. 388) Gerold beschließt, Lothar den Dienst aufzukündigen, sobald er in Rom angekommen ist: „Doch worin lag die Ehre, Diener eines solchen Kaisers zu sein? So, wie Lothar das Gesetz und die Menschenwürde mit Füßen trat, war es gewiß kein Treuebruch, sich von seinen Verpflichtungen loszusagen.“ (S. 390)

Als Gerolds Truppe in die Nähe Roms kommt, reiten sie ein Stück übers flache Land, da die Straße gar so schlecht ist, und begegnen dort einer Gruppe Reiter, die einen Wagen eskortieren. Der Anführer des kleines Zuges erregt durch sein merkwürdiges, kurz angebundenes Verhalten Gerolds Misstrauen, und er stellt fest, dass auf dem Wagen Truhen mit dem päpstlichen Wappen sind. Er erwägt bei sich, diese Männer einfach ziehen zu lassen, da er meint, dass hier Papst Sergius seine Schätze beiseite schaffen lässt, und eigentlich keine Lust hat, diese für Lothar zu beschlagnahmen; aber dann passiert Folgendes:

„Gerold wollte seinen Männern gerade den Befehl zum Weiterritt erteilen, als einer der Römer vom Pferd sprang und sich flehend zu Boden warf. ‚Gnade, Herr!’ rief er. ‚Verschont uns! Wenn wir mit der Last eines so schweren Verbrechens auf der Seele sterben, ist uns die ewige Verdammnis gewiß!’

‚Verbrechen?’ fragte Gerold.“ (S. 391)

Der Mann verrät ihm, dass das Geld gestohlen ist; Benedikt, der Anführer des Zuges, versucht noch, Gerold einen Teil davon anzubieten, damit er sie weiterziehen lässt, aber Gerold lässt die Männer kurzerhand fesseln und sie und die Geldtruhen nach Rom zurückbringen.

Der Schauplatz wechselt nach Rom, wo im päpstlichen Palast ein großes Festmahl mit dem Kaiser und seinem Gefolge stattfindet, bei dem Sergius dem Essen und dem Wein wieder einmal mehr zuspricht, als ihm gut tut. Da wird Benedikt, den Gerold nach Rom gebracht hat, von der päpstlichen Garde hereingeführt. Er fleht seinen Bruder um Gnade für seine Untat an, da er meint, dass seine angebliche Reue Eindruck auf Sergius machen würde – aber der bereits ziemlich betrunkene Sergius ist ganz und gar nicht zur Gnade aufgelegt. „‚Er ist ein Dieb!’ sagte er voller Bitterkeit. ‚Also soll er auch wie ein Dieb bestraft werden!’“ (S. 394) Die Gardisten zerren den entsetzten Benedikt wieder hinaus. Sergius erleidet einen Ohnmachtsanfall und wird in sein Zimmer gebracht, wo sich Johanna um ihn kümmert.

Da die römischen Ärzte, die dem Können dieses ausländischen Arztes immer noch nicht trauen, später vor Sergius’ Gemächern warten, um Johanna über seinen Gesundheitszustand auszufragen, zeigt der freundliche Haushofmeister Arighis Johanna einen Geheimgang, der aus dem päpstlichen Schlafzimmer in die Privatkapelle führt, damit sie einen anderen Weg hinaus nehmen kann. Doch als sie leise in die Privatkapelle tritt, noch verborgen hinter einer Säule, wird sie unfreiwillig Zeugin eines Gesprächs, das zwei Männer im vorderen Teil des Raumes führen. Anastasius und Kaiser Lothar schließen einen heimlichen Pakt: Anastasius soll die Anliegen des Kaisers unterstützen (Lothar will, dass die Römer ihm den Treueid leisten) und der Kaiser dafür das Seine tun, dass Anastasius nach Sergius’ Tod Papst wird. Meinetwegen hätte es ruhig noch ein bisschen dramatischer sein können. Mordkomplott gegen Sergius oder so.

Jedenfalls kommt dann ein Diener Lothars, der einen Besucher für den Kaiser ankündigt – und Gerold tritt ein. Johanna ist in diesem Moment so überrascht, dass sie kurz aufschreit, und somit entdeckt wird; als Lothar und Anastasius sie fragen, wie lange sie schon in der Kapelle gewesen sei, behauptet sie, vor mehreren Stunden beim Gebet eingeschlafen und gerade erst wieder erwacht zu sein. Während Lothar sich sagt, dass Johanna zu unbedeutend sei, um eine Gefahr darzustellen, und vermutlich sowieso nicht viel gehört haben könnte, beschließt Anastasius, sie in Zukunft genau im Auge zu behalten. Meine Güte, ist das langweilig. Könnte er denn nicht wenigstens planen, sie vorsichtshalber vergiften oder aus einem Fenster stoßen zu lassen? Aber kommen wir wieder zu Gerold:

„Auch Gerold betrachtete Johanna verwundert. ‚Ihr kommt mir bekannt vor, Vater’, sagte er. ‚Haben wir uns schon einmal gesehen?’ Angestrengt musterte er sie im trüben Licht. Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck; er starrte Johanna an wie jemand, der soeben ein Gespenst gesehen hatte. ‚Mein Gott’, sagte er mit heiserer Stimme. ‚Das kann doch nicht wahr sein…’

‚Kennt Ihr Euch?’ fragte Anastasius.

‚Wir haben uns einmal in Dorstadt getroffen’, sagte Johanna rasch. ‚Ich habe dort einige Jahre an der Domschule studiert. Meine Schwester…’, sie betonte das Wort kaum merklich, ‚…hat während dieser Zeit bei Markgraf Gerold und seiner Familie gewohnt.’

Ihre Augen blitzten Gerold eine stumme Warnung zu: Sag nichts.

Sofort hatte Gerold sich wieder in der Gewalt. ‚Ja, natürlich’, sagte er. ‚Ich kann mich noch gut an Eure Schwester erinnern. Aber…’

‚Genug jetzt’, unterbrach Lothar ihn ungeduldig. ‚Was habt Ihr mir jetzt zu berichten, Graf?’

‚Meine Botschaft ist nur für Eure Ohren bestimmt, Euer Gnaden.’

Lothar nickte. ‚Also gut. Die anderen können gehen. Wir reden später weiter, Anastasius.’

Als Johanna sich zum Gehen wandte, berührte Gerold sie am Arm. ‚Wartet auf mich. Ich würde gern mehr über… Eure Schwester erfahren.’“ (S. 399f.)

Die ganze Szene ist unglaubwürdig, mit Verlaub. Gerold hat Johanna das letzte Mal gesehen, als sie dreizehneinhalb Jahre alt war, lange Haare hatte und wie ein Mädchen gekleidet war. Inzwischen ist sie ungefähr dreißig und als Mann verkleidet.

Jedenfalls wartet Johanna vor der Kapelle auf Gerold und führt ihn nach seinem Gespräch mit dem Kaiser in ein Zimmer, in dem sie ihre Arzneien aufbewahrt. Und wieder bekommen wir große Romantik:

„Gerold trat einen Schritt auf sie zu, und dann lagen sie sich in den Armen und hielten einander so fest, daß Johanna durch den dicken Stoff ihres Priestergewands das harte Metall von Gerolds Kettenpanzer spürte.

‚Johanna’, flüsterte er bewegt und streichelte ihr übers Haar. ‚Mein Schatz. Ich hätte nicht gedacht, dich noch einmal wiederzusehen.’

‚Gerold.’ Das Wort füllte ihr Inneres vollkommen mit Gefühlen aus und verdrängte alle anderen Gedanken.“ (S. 401)

Gerold ist sauer, dass Johanna ihn nie davon verständigt hat, dass sie noch lebt, und erzählt ihr, dass er sie hätte heiraten wollen.

„Johanna schüttelte den Kopf. ‚So viele Mißverständnisse’, sagte sie traurig. ‚So viel Leid. So viel versäumtes Glück.’

‚So viel’, sagte Gerold, ‚das wir noch nachholen können.’“ (S. 402)

Gerold erzählt Johanna, dass er aus Lothars Diensten ausgetreten ist, diesem aber dafür seine Ländereien hat überlassen müssen, und dass er jetzt in den Dienst eines Prinzen Siconulf von Benevento treten wird. Er bittet Johanna, mit ihm zu kommen und seine Frau zu werden. Nur noch mal zur Erinnerung: Sie hat vierzehn Jahre in einem Benediktinerkloster verbracht und dort mit Sicherheit das Ordensgelübde abgelegt. Übrigens finde ich es ganz interessant, dass Gerold an keiner Stelle zu erkennen gibt, dass er Johannas Verstellung auch nur im Geringsten problematisch findet. Ob das für einen Mann seiner Zeit realistisch ist?

Sie werden von einem päpstlichen Notar unterbrochen, der ein Kopfschmerzmittel will, und als der wieder fort ist, schlägt Johanna Gerold einen geheimeren Treffpunkt vor, an  dem sie sich am nächsten Morgen in Ruhe unterhalten können; einen alten vestalischen Tempel vor der Stadt.

Früh am nächsten Morgen lässt Arighis, der den intriganten Bruder des Papstes loswerden will, rasch die Strafe für Diebstahl an Benedikt vollziehen, ehe Sergius aufwacht und seinen im Rausch gegebenen Befehl wieder zurücknehmen kann. Benedikt werden im Hof des Lateran beide Hände abgehackt, und er stirbt noch an Ort und Stelle durch den Blutverlust. Als Sergius aufwacht, ist er entsetzt darüber, was geschehen ist, und Arighis lässt Johanna holen, um dem Papst in seiner Verzweiflung beizustehen:

„‚Weine um mich, Johannes. Meine Seele ist verdammt bis in alle Ewigkeit.’

‚Unsinn’, erwiderte Johanna mit fester Stimme. ‚Ihr habt genau das getan, was das Gesetz verlangt.’

Sergius schüttelte den Kopf. ‚Du sollst nicht sein wie Kain; denn in ihm war das Böse, und er tötete seinen Bruder’, zitierte er.

‚Und weshalb hat er ihn getötet? Weil Kains Taten böse waren, die seines Bruders dagegen rechtschaffen’, antwortete Johanna. ‚Benedikt aber war nicht rechtschaffen, Heiligkeit. Er hat Euch und Rom verraten.’

‚Und jetzt ist er tot, weil ich es so befohlen habe! O Gott!’ Er schlug sich klagend an die Brust und jammerte vor Seelenqual.“ (S. 408)

Damit er sich beruhigen kann, schlägt Johanna ihm vor, die Ohrenbeichte abzulegen, und an dieser Stelle erläutert die Autorin:

„Diese Form des Sakraments der Buße und Versöhnung – der Betreffende legte eine vertrauliche und ordentliche Beichte ad auriculum ab, ‚für das Ohr’ eines Priesters –, war im fränkischen Reich weit verbreitet. Doch in Rom hielt man immer noch starr am Althergebrachten fest: Die Beichte wurde öffentlich abgelegt, wie auch die Buße öffentlich verhängt wurde, und zwar nur einmal im Leben.“ (Ebd.)

Unsinn. Die Ansicht, dass die Beichte nur einmal im Leben abgelegt werden könnte, hatte die Kirche schon in der Antike zurückgewiesen; und im 9. Jahrhundert müsste sich meines Wissens auch in Rom allmählich die Ohrenbeichte durchgesetzt haben.

Sergius geht auf ihren Vorschlag ein, und will gleich bei ihr beichten, obwohl sie ihm zuerst einen Kardinal als Beichtvater holen will. Sie ist einverstanden, und er legt die Beichte ab:

„Sergius begann, und Johanna lauschte mit stummem Mitgefühl dem langen Gefühlserguß aus Leid und Trauer, Bedauern und Reue. Angesichts einer derart gepeinigten, belasteten Seele war es kein Wunder, daß Sergius Ruhe und Vergessen zu finden versuchte, indem er sich so oft betrank.

Die Beichte hatte jene Wirkung, die Johanna sich erhofft hatte; nach und nach fiel die wilde Verzweiflung von Sergius ab und wich einer tiefen Erschöpfung und Müdigkeit. Jetzt stellte er für sich und andere keine Gefahr mehr dar.“ (S. 409)

(An dieser Stelle finde ich es übrigens gut, dass die Autorin die Beichtszene nicht im Detail beschreibt. Die Beichte ist eine dieser Sachen, die sogar bei Buchfiguren etwas Privates hat: Die Einzelheiten müssen wir nicht wissen, wenn sie nicht absolut handlungsentscheidend sind. (Dieses Prinzip sollten sich Schriftsteller übrigens auch bei Sexszenen zu Herzen nehmen, aber ich schweife ab.))

Eine Frage stellt sich hier natürlich: Ist Johanna bewusst, dass sie ungültig geweiht ist und nicht die Vollmacht besitzt, Sergius die Absolution zu erteilen? Genausowenig, wie sie bei der Messe Brot und Wein wandeln kann? Ich meine, wir wissen alle, dass der liebe Gott es dem Pönitenten in einer solchen hypothetischen Situation nicht anrechnen würde, auf einen falschen Priester hereingefallen zu sein; aber von Johannas Seite aus betrachtet ist diese Täuschung trotzdem ziemlich unmoralisch. Es wäre natürlich möglich, dass sie nicht so genau weiß, dass ihre Weihe nicht nur unerlaubt, sondern auch ungültig war; im 9. Jahrhundert stellte sich die Frage nach der Weihe von Frauen gar nicht und die Frage der Gültigkeit einer solchen Weihe wurde somit wohl auch nicht diskutiert. Trotzdem besitzt sie wohl kaum die Sicherheit, dass sie gültig geweiht wurde; und somit ist ihr Handeln gegenüber den Menschen, die in ihre Messen kommen, bei ihr die Beichte ablegen, oder sich von ihr die Krankensalbung erteilen lassen, ziemlich anmaßend und hinterhältig.

Als Buße trägt Johanna dem Papst auf, bis zu seinem Tod auf Wein und Fleisch zu verzichten; hauptsächlich ist sie dabei natürlich von der Erwägung geleitet, dass das seiner Gesundheit nützen wird. Ebenso war ihr Grund dafür, die Beichte vorzuschlagen, ja auch nicht Sorge um Sergius’ Seelenheil, sondern um sein psychisches Wohlbefinden. Die Aufgabe eines Priesters wäre es aber eigentlich gewesen, ihm deutlich klarzumachen, was keine Sünden bzw. was tatsächlich Sünden sind (er hat sich nicht des Brudermords schuldig gemacht, allerdings schon der Völlerei und Trunkenheit, obwohl er wusste, dass der Wein einen negativen Einfluss auf ihn hat), und ihm dann die Beichte für seine realen Sünden abzunehmen, um Gottes Vergebung für diese zu vermitteln. Auf lange Sicht tut es jemandem wie Sergius nicht gut, wenn man ihn in dem Glauben lässt, er hätte diese oder jene schwere Sünde begangen, die er nicht begangen hat, und ihn einfach zur Beruhigung beichten lässt.

Nachdem Johanna bei Sergius fertig ist, eilt sie zu dem halb verfallenen vestalischen Tempel, in dem Gerold schon ungeduldig auf sie wartet. Er ist in euphorischer Stimmung, bevor sie ankommt: „Vesta, die römische Göttin von Heim und Herd. Sie symbolisierte alles, was Johanna für Gerold bedeutete: Leben, Liebe, ein wiedererwachtes Gefühl der Hoffnung. (…) Die Jahre, die noch vor ihm lagen, waren nicht mehr grau, sondern strahlten in leuchtenden Farben und waren voller Versprechen. Er würde Johanna heiraten, und dann würden sie nach Benevento ziehen und dort in Frieden und Liebe zusammenleben. Vielleicht waren ihnen sogar Kinder vergönnt – noch war es nicht zu spät dafür.“ (S. 410f.) Aber dann kommt Johanna an, und… sie ist nicht mehr für Gerolds Pläne zu haben. Sie sagt ihm, sie könne nicht mit ihm gehen, da sie Sergius nicht allein lassen könne:

„‚Falls ich ihn jetzt allein lasse’, erwiderte Johanna, ‚wird Sergius sich binnen eines halben Jahres zu Tode trinken.’

‚Dann laß ihn doch. Es ist sein Leben’, sagte Gerold grob. ‚Was hat das mit uns beiden zu tun?’

Sie blickte ihn schockiert an. ‚Wie kannst du so etwas sagen?’

‚Großer Gott, haben wir nicht schon genug geopfert? Der Frühling unseres Lebens liegt bereits hinter uns. Laß uns jetzt nicht die Zeit verschwenden, die uns noch bleibt!’“ (S. 412)

Irgendwann wird Johanna sauer und sagt Dinge, die sie nicht so meint:

„‚Was erwartest du eigentlich von mir?’ rief sie. ‚Daß ich mit dir durchbrenne wie ein verliebtes junges Mädchen, wenn du bloß mit dem kleinen Finger winkst? Ich habe mir hier ein Leben aufgebaut – ein schönes Leben. Ich bin unabhängig, frei im Handeln und Denken. Ich werde geachtet und gebraucht. Ich habe hier Möglichkeiten, von denen andere Frauen nicht einmal träumen können. Warum sollte ich das alles aufgeben? Wofür? Um den Rest meines Lebens in irgendeiner dunklen, beengten Wohnung mit Kochen und Nähen zu verbringen?’

‚Wenn ich von einer Frau nicht mehr erwarten würde’, sagte Gerold leise, ‚wäre ich längst wieder verheiratet.’

‚Dann heirate doch!’ erwiderte Johanna heftig. ‚Ich werde dich nicht aufhalten!’

Gerold schüttelte langsam den Kopf. Mit ruhiger Stimme fragte er: ‚Was ist geschehen, Johanna? Mit dir stimmt doch etwas nicht.’

‚Ich habe mich verändert, das ist alles. Ich bin nicht mehr das naive und liebeskranke Mädchen, das ich in Dorstadt gewesen bin. Ich bin jetzt mein eigener Herr. Und das werde ich nicht aufgeben – nicht für dich, und nicht für sonst einen Mann!’

‚Habe ich dich darum gebeten?’ entgegnete Gerold mit ruhiger Stimme.

Doch Johanna war jetzt keinen sachlichen Argumenten mehr zugänglich. Gerolds Nähe, seine Freundlichkeit, sein Verständnis, seine starke körperliche Anziehungskraft waren eine Qual für sie; es war, als würde eine Schlange sich um ihren freien Willen winden, zudrücken und ihn ersticken. Verzweifelt versuchte Johanna, diese Umklammerung zu sprengen. ‚Du kannst es einfach nicht hinnehmen, stimmt’s? Du kannst den Gedanken nicht ertragen, daß ich nicht bereit bin, um deinetwillen mein jetziges Leben aufzugeben, nicht wahr? Daß es eine Frau gibt, die deinem berühmten männlichen Charme widerstehen kann?’

Sie hatte ihn verletzen wollen, und es war ihr gelungen.

Gerold schaute sie an, als hätte er eine vollkommen Fremde vor sich. ‚Ich dachte, du liebst mich’, sagte er steif. ‚Offensichtlich war das ein Irrtum. Verzeih mir; ich werde dich nie mehr belästigen.’“ (S. 412f.)

Das ganze Gespräch… klingt nicht nach neuntem Jahrhundert. Sorry. Ne. Außerdem macht es Johanna nicht unbedingt sympathischer. Einen anderen Eindruck hätte es gemacht, wenn sie weiter darüber geredet hätte, dass Sergius sie bräuchte und sie in Rom bleiben müsste, solange er noch lebt oder bis sie einen Nachfolger als Arzt ausgebildet hätte oder etwas in der Art. Auch ihre Tirade gegen eine dunkle beengte Wohnung und das Kochen und Nähen ist nicht unbedingt logisch: Gerold hat in Benevento vermutlich eine schöne Wohnung und Diener. Dort als seine Frau hätte sie zwar wohl ihre Arztkarriere beenden müssen, aber sicher nicht alle ihre Studien.

Jedenfalls geht Gerold, während Johanna noch hin- und hergerissen ist, ob sie nicht doch noch ihre Meinung ändern soll. Als sie ihm am Ende noch nachlaufen will, ist er schon davon geritten. Sie hat ein schlechtes Gewissen und spürt eine „schreckliche, schmerzliche innere Lehre“ (S. 414), obwohl sie sich dann sagt, dass es „so auf jeden Fall am besten“ (ebd.) wäre. Die muss sie aber nicht ewig spüren; natürlich muss Gerold bald darauf wieder auftauchen.

Auch Kaiser Lothar verlässt Rom wieder, und für zwei Jahre ist in der Stadt alles gut. Dann erreicht jedoch die Nachricht die Stadt, dass eine Flotte sarazenischer Schiffe von Nordafrika aus Kurs auf Rom genommen hätte. Johanna schlägt bei einem Treffen des Papstes und der römischen Adeligen vor, die Reliquien (hier falsch als „Relikte“ übersetzt) des heiligen Petrus und die anderen Schätze aus der Peterskirche an einen Ort innerhalb der Stadtmauern zu schaffen, damit die damals noch außerhalb der Mauern liegende Peterskirche nicht geplündert werden kann, und außerdem aus den umliegenden Orten Männer zur Verteidigung Roms zusammenzurufen. Aber Sergius und die anderen Verantwortlichen sind seltsam sorglos: Gerade würden alle Männer bei der Ernte gebraucht, und überhaupt, Gott würde die Seinen beschützen, sie müssten nur auf Ihn vertrauen. Es sei auch noch gar keine unmittelbare Gefahr da.

Der Schauplatz wechselt zu Gerold, der in den vergangenen zwei Jahren die Truppen von Fürst Siconulf befehligt hat, der gegen einen Rivalen um den Thron von Benevento zu kämpfen hatte. Dieser ist inzwischen geschlagen. Wir bekommen eine kurze nächtliche Szene in Gerolds Zelt im Heerlager, wo eine Prostituierte neben ihm schläft, er jedoch noch immer an Johanna zurückdenkt: „Denn immer noch trug Gerold die Erinnerung an eine Liebe im Herzen, die nicht flüchtig, sondern unvergänglich war, die weder befriedigt noch vergessen werden konnte – die Liebe zu einer Frau, bei der Geist und Körper zu perfekter Harmonie vereint waren.“ (S. 418f.) Aha. Ich fände ja, es wäre sowohl realistischer als auch sinnvoller als auch tugendhafter für Gerold gewesen, langsam mal über Johanna hinwegzukommen und eine andere nette Frau zu heiraten, statt mit Prostituierten zu schlafen und von Johanna zu träumen; die Autorin legt da freilich andere Maßstäbe an. (Ich finde es übrigens auch ganz interessant, dass sich in sehr vielen Liebesromanen, wenn die Protagonisten zeitweise getrennt sind, der Mann mit flüchtigen Verhältnissen mit anderen Frauen ablenkt, während die Frau allein bleibt oder höchstens eine ernsthafte Beziehung eingeht. Wenn wir schon Helden bekommen, die an anderen Stellen auf unrealistische Weise idealisiert werden, können sie dann nicht wenigstens auch keusch sein?)

Am nächsten Tag jedenfalls teilt Siconulf Gerold und seinen anderen Vasallen mit, dass er Nachricht davon erhalten hat, dass die Sarazenen Kurs auf Rom genommen haben. Und Gerold schlägt vor, Papst Sergius zu Hilfe zu kommen:

„Doch er dachte dabei nicht an Sergius. Die Nachricht von der herannahenden Sarazenen-Flotte hatte allen Schmerz, alle Fehler, alle Mißverständnisse der letzten zwei Jahre auf einen Streich hinweggefegt. Für Gerold zählte jetzt nur noch eins – Johanna rechtzeitig zu erreichen und alles in seiner Macht Stehende zu tun, um sie zu schützen.“ (S. 420)

Fürst Siconulf, der als frommer Christ verhindern will, dass die Sarazenen das Petrusgrab schänden und außerdem auf persönliche Vorteile hofft, wenn er dem Papst zu Hilfe kommt, gibt Gerold die Erlaubnis, mit drei Divisionen nach Rom zu ziehen.

Wir sind wieder in Rom. Die Sarazenen nähern sich der Stadt, und allmählich werden die bisher so gelassenen Römer panisch. Sergius jedoch macht ihnen Mut und animiert sie, auf die päpstliche Garde und die Miliz der Stadt und vor allem auf Gottes Hilfe zu vertrauen. Als die Feinde die Stadt erreichen, steigt er selbst auf die Brustwehr der Stadtmauer hinauf und betet dort laut mit einem Kruzifix in der Hand. Doch was er von der Mauer aus ansehen muss, ist entsetzlich: Die Sarazenen schlachten die kleine römische Miliz, die einen Ausfall macht, gnadenlos ab und beginnen damit, die Peterskirche zu plündern. Der geschockte Sergius erleidet wieder einen Gichtanfall und wird in ein nahes Haus gebracht; er trägt Johanna auf, an seiner Stelle zu den Römern zu sprechen und ihnen Mut zu machen. Also geht sie nach draußen auf die Mauer und betet dort zusammen mit einem Kardinal namens Leo laut, um den Menschen ihre Panik zu nehmen, während die Sarazenen versuchen, die Stadttore aufzubrechen. In diesem kritischen Augenblick tauchen Gerolds Truppen auf und es gelingt ihnen, die Sarazenen zu vertreiben.

Rom ist vorerst gerettet, aber Sergius ist verzweifelt über die Plünderung der Peterskirche:

„Sergius gab sich die Schuld an der Katastrophe. Er zog sich in seine Gemächer zurück und weigerte sich, irgend jemanden zu empfangen; nur Johanna und einige enge Ratgeber ließ er zu sich vor. Und er fing wieder mit dem Trinken an, leerte Becher um Becher toskanischen Weins, bis sein Verstand in gnädiges Vergessen versank.

Die Auswirkungen dieses Rückfalls waren vorherzusehen: Mit aller Macht kehrte die Gicht wieder. (…) Johanna hatte Angst, daß Sergius’ ohnehin geschwächtes Herz dieses Belastungen nicht mehr lange durchhalten konnte.

‚Denkt an die Buße, die ich Euch auferlegt habe!’ sagte Johanna. ‚Keinen Wein!’

‚Das spielt jetzt keine Rolle mehr’, erwiderte Sergius niedergeschlagen. ‚Ich habe die Hoffnung auf das Himmelreich aufgegeben. Gott hat mich verstoßen.’

‚Gott verstößt niemanden. Und Ihr dürft Euch nicht die Schuld daran geben, was geschehen ist. Gewisse Dinge liegen außerhalb aller menschlichen Macht. Man kann nichts dagegen tun.’“ (S. 428)

Das hat sich vorher bei ihr noch anders angehört. Natürlich hätte Sergius mehr tun können und mehr tun sollen; aber seine Verzweiflung bringt jetzt auch nichts mehr.

Sergius lässt sich jedenfalls nicht beruhigen; auch der Gedanke an seinen Bruder plagt ihn jetzt wieder. In der Zwischenzeit hat sich auch die öffentliche Meinung gegen ihn gewandt, weil er vor dem Überfall der Sarazenen keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen hat: „Sergius’ Glaube an die göttliche Errettung, den man zuvor noch auf dem ganzen Erdkreis gepriesen hatte, wurde nun von allen Menschen als Folge seines sündigen und auf katastrophale Weise fehlgeleiteten Hochmuts verdammt.“ (S. 429) Immerhin sind die Leute theologisch gesehen wieder mehr bei Sinnen. Es ist ja tatsächlich vermessen, sich auf den Eintritt eines göttlichen Wunders zu verlassen – du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen, und so.

Johanna kann Sergius nicht mehr aus seiner Verzweiflung herausholen, und er stirbt. Wieso muss die Autorin eigentlich allen ihren halbwegs sympathischen Figuren (Sergius, Gisla, Dhuoda, Iso) ein furchtbares Ende andichten?

Nun soll ein neuer Papst gewählt werden, und Anastasius bereitet sich darauf vor, sich bei der Wahl von Kaiser Lothar zu distanzieren, weil die Leute es dem Kaiser übel nehmen, dass er Rom nicht zu Hilfe gekommen ist, und den Kaiser später zu benachrichtigen, dass er sich nur vorübergehend nach außen hin von ihm hätte lossagen müssen. Johanna beschließt in der Zwischenzeit, endlich ihrer Liebe zu Gerold nachzugeben, und freut sich darauf, ihn wiederzusehen. (Sie hat ihn von den Mauern aus bei der Schlacht gesehen, ihn aber seitdem noch nicht persönlich getroffen.)

Zur Papstwahl versammeln sich die Römer auf dem Platz beim Lateranpalast; damals wurde der Papst noch nicht von den Kardinälen, sondern von Klerus und Volk von Rom gewählt. Einer seiner Anhänger empfiehlt, wie von allen erwartet, Anastasius; Vorwürfe werden gegen ihn laut, er sei nur ein Werkzeug des Kaisers; Anastasius verteidigt sich dagegen und erklärt, Lothar hätte das Recht verwirkt, sich Beschützer der Länder des heiligen Petrus zu nennen, und seine, Anastasius’ Treue, gelte nur Rom. Da ergreift jedoch Johanna das Wort und erzählt, was sie in der Kapelle des Papstes mit angehört hat; die Menge beginnt, sich über Anastasius’ Kandidatur zu streiten; und da schlägt plötzlich Arighis einen ganz anderen Kandidaten vor: Kardinal Leo, der bei dem Kampf gegen die Sarazenen zusammen mit Johanna auf der Mauer gestanden und die Leute ermutigt hat. Die Leute sind von dieser Idee begeistert und Leo wird zum Papst gewählt. Leo ist großzügig gegenüber dem anderen Papstkandidaten und ernennt Anastasius zum Kardinal von Sankt Marcellus.

(Papst Leo IV. in einem Fresko aus dem 9. Jahrhundert in San Clemente, Rom. Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Mir ist nicht ganz klar, wieso Johanna sich so viel Zeit dabei lässt, nach Gerold zu suchen (seit dem Angriff müssen auf jeden Fall ein paar Wochen vergangen sein); jedenfalls ist es er, der sie etwas später, am Tag der Papstweihe, in dem kleinen Zimmer mit ihren Arzneimitteln im Lateran aufsucht, wo sie gerade darüber nachdenkt, dass sie das alles hinter sich lassen will. Die beiden versöhnen sich sofort:

„‚Was ich dir damals gesagt habe, in dem vestalischen Tempel…’ murmelte sie, ‚es war dumm von mir. Ich wollte nicht…’

Gerold legte ihr einen Finger auf die Lippen. ‚Laß mich zuerst reden. Was geschehen ist, war meine Schuld. Es war verkehrt, dich zu bitten, mit mir aus Rom fortzugehen; das habe ich jetzt erkannt. Ich wußte damals nicht, was du dir hier aufgebaut hast, was aus dir geworden ist. Du hattest Recht, Johanna – ich kann dir nichts bieten, das sich auch nur annähernd damit vergleichen ließe.’

Außer deiner Liebe, dachte Johanna, sprach es aber nicht aus. Statt dessen sagte sie schlicht: ‚Ich möchte dich nicht wieder verlieren.’“ (S. 439)

Daraufhin erzählt Gerold ihr, dass der neue Papst ihn gebeten hat, als superista, also Befehlshaber der päpstlichen Garde, in Rom zu bleiben, da er einen erneuten Angriff der Sarazenen fürchtet. Außerdem erzählt er Johanna, dass sie selbst zum nomenclator ernannt worden ist. „Johanna glaubte ihren Ohren nicht trauen zu können. Der nomenclator war einer der optimates, der höchsten Beamten Roms: der für die Wohlfahrt zuständige Minister und der besondere Beschützer der Mündel, Witwen und Waisen.“ (S. 440) So ergibt es sich, dass sie beide in Rom bleiben, da Gerold meint, dass Leo sie bräuchte.

„‚Ich werde dir nicht wieder den Vorschlag machen, mich zu heiraten’, sagte er. ‚Ich weiß, daß wir niemals wie Mann und Frau zusammensein können. Aber wir würden uns oft sehen, und wir könnten zusammen arbeiten, wie wir es schon einmal getan haben. Wir waren immer ein gutes Gespann, nicht wahr?’

Johannas Stimme war nurmehr ein Flüstern. ‚Ja. Das waren wir.’“ (S. 440)

Ehrlich gesagt verstehe ich die beiden nicht ganz. Sowohl den Posten des superista als auch den des nomenclator könnten in Rom andere übernehmen, wenn Gerold und Johanna gemeinsam nach Benevento gehen würden. Aber die Liebesgeschichte läuft eben hier immer nur irgendwo nebenher mit, während der zentrale Handlungsstrang Johannas Aufstieg am päpstlichen Hof sein muss.

Leo (der übrigens ein Heiliger ist) ist ein guter Papst, der sich voller Elan an seine Aufgaben macht. Er beginnt mit der Instandsetzung der Stadtmauer und sogar dem Bau einer neuen Mauer, die die Peterskirche und den Stadtteil Borgo einschließen soll (das geschieht natürlich auf Johannas Vorschlag hin). Die Meinung der Römer bezüglich der Leoninischen Mauer ist geteilt; die einen befürworten sie, die anderen halten sie für Geldverschwendung und meinen, sie könnte sowieso nicht fertig werden, bevor die Sarazenen das nächste Mal angreifen.

Und jetzt beginnt Anastasius, der ja bisher keinen so wahnsinnig spannenden Antagonisten abgegeben hat, mal ordentlich zu intrigieren. Er will dafür sorgen, dass aus dem Mauerbau nichts wird, denn: „Falls das Projekt fehlschlug, konnte die Woge der öffentlichen Abneigung, die sich dabei bilden würde, Anastasius genau jene Chance verschaffen, die er brauchte. Dann konnten seine Anhänger in der kaiserlichen Partei zum Lateranpalast marschieren, den in Ungnade gefallenen Papst aus seinem Amt entfernen und ihren eigenen Kandidaten auf den Thron Petri erheben.“ (S. 444) Ich habe das Gefühl, er stellt es sich ein bisschen zu einfach vor, einen Papst abzusetzen; aber sei’s drum.

Jedenfalls entsteht eines Nachts ein Feuer bei der Leoninischen Mauer, das auf Borgo übergreift. Papst Leo reitet zum Petersdom und betet dort auf den Stufen, was den Menschen bei den Löscharbeiten Mut verleiht; auch Arighis kommt mit und stirbt, als er den Papst aus direkter Gefahr vor den Flammen rettet. Gerold befindet sich in jener Nacht in Borgo, überlebt aber und rettet dabei noch zwei Kinder, und koordiniert hinterher zusammen mit Johanna, die verzweifelt nach ihm gesucht und ihn schließlich gefunden hat, die Löscharbeiten. Das Feuer wird besiegt, aber es gibt zahlreiche Tote im völlig zerstörten Borgo; die Mauer wurde allerdings kaum beschädigt. Auch der Petersdom ist verschont geblieben, und das sehen die Leute als Wunder an, das sie Leo zuschreiben. Anastasius ist ganz und gar nicht erfreut über den Ausgang der Angelegenheit. Und bald bekommt er noch mehr Grund zur Unzufriedenheit: Denn ein Priester kommt zusammen mit einem etwa fünfzehnjährigen Jungen namens Dominik zum Papst und erzählt, dass der Junge etwas berichten möchte, was er ihm gebeichtet hat.

„Leo runzelte die Stirn. ‚Du weißt, mein Sohn, daß das Beichtgeheimnis nicht verletzt werden darf.’

‚Der Junge ist aus freien Stücken gekommen, Heiligkeit. Er leidet unter schrecklichen seelischen und spirituellen Qualen.’

Leo wandte sich an Dominik. ‚Stimmt das? Sag die Wahrheit; es ist keine Schande, wenn du für dich behalten willst, was du gebeichtet hast.’

‚Ich möchte es Euch aber sagen, Heiliger Vater’, erwiderte der Junge mit zittriger Stimme. ‚Ich muß es Euch sagen, um meiner Seele willen!’“ (S. 458)

Dominik erzählt also, dass Anastasius, in dessen Kirche er Messdiener ist, ihn angestiftet hat, das Feuer zu legen: „Er hat mir gesagt, der Bau der Stadtmauer wäre ein großes Übel… wegen des vielen Geldes, der Zeit und der Arbeitskraft, die darauf verwendet werden. Er sagte, wir sollten diese Mittel lieber dazu benutzen, die Kirchen instand zu setzen und die Not der Armen zu lindern.“ (Ebd.) Dominik hätte nur ein kleines Feuer an der Mauer legen wollen, aber dann hätte der Wind die Flammen angefacht. Er ist verzweifelt über seine Tat: „Ich kann nicht leben mit dem, was ich getan habe! Legt mir eine Buße auf! Bestraft mich! Ich werde jeden Tod erleiden, wie schrecklich er auch sein mag; denn meine Seele wäre wieder rein!“ (S. 459)

Papst Leo erlegt Dominik jedoch als Buße nur eine Wallfahrt nach Jerusalem auf. Er will dann Anastasius den Prozess machen, aber der neue päpstliche Haushofmeister Waldipert ist ein Spitzel von Anastasius’ Vater Arsenius und warnt diesen rechtzeitig, sodass Anastasius ins Frankenreich fliehen kann. Leo exkommuniziert den abwesenden Anastasius in einer feierlichen Zeremonie.

„Ihr (Johanna) fiel auf, daß Leo sich für das excommunicatio minor entschieden hatte, die weniger strenge Form der Exkommunikation: Dem Bestraften wurde zwar das Recht aberkannt, die Sakramente zu spenden oder zu empfangen (von der Letzten Ölung abgesehen, die keinem Menschen verweigert werden konnte); doch wurde ihm nicht jeglicher Umgang mit anderen Christenmenschen untersagt. Leo hat wirklich ein gütiges Herz, dachte Johanna bei sich.“ (S. 464) Johanna bedauert Anastasius irgendwo: „Was für eine tragische Verschwendung, dachte sie. Ein so intelligenter Mann wie Anastasius hätte sehr viel Gutes bewirken können, wäre sein Herz nicht von blindem Ehrgeiz zerfressen gewesen.“ (Ebd.)

Der Bau der Leoninischen Mauer schreitet weiter voran, und als sich erneut sarazenische Schiffe Richtung Rom aufmachen, verbündet sich Leo mit Neapel und die Sarazenen können mithilfe der neapolitanischen Flotte schon bei Ostia in die Flucht geschlagen werden, wobei auch ein zur günstigen Zeit eintreffender Sturm zu Hilfe kommt. Leo lässt auch die geplünderte Peterskirche von neuem prächtig ausstatten und wird allgemein als Restaurator Urbis, Wiedererbauer der Stadt, gefeiert. Johanna ist kein ganz so uneingeschränkter Fan des Papstes: „Es war nicht zu leugnen, daß Leo ein neues Heiligtum von ehrfurchtgebietender Schönheit hatte errichten lassen. Doch die Mehrheit der Römer, die in der Nähe dieser funkelnden Pracht wohnten, mußten ihr Leben in jämmerlicher, erniedrigender Armut verbringen. Nur eine einzige von den massiven silbernen Platten an den Türen von Sankt Peter, in Münzen gegossen, hätte die gesamte Einwohnerschaft des Stadtteils Campus Martius ein Jahr lang ernähren können. Erforderte die Verehrung Gotte wirklich so große Opfer?“ (S. 470) Hier zeigen sich natürlich die modernen Vorurteile der Autorin, die meint, dass diese Armen auch keine Schönheit brauchen. Interessanterweise hat Gerold diesen Einwand parat, als Johanna ihm ihre Gedanken mitteilt: „‚Ich habe mal irgendwo gelesen’, sagte er, ‚daß die Schönheit eines heiligen Schreines dem Gläubigen eine andere Form von Nahrung gibt – nicht für den Körper, sondern für die Seele.’“ (Ebd.) Johanna erwidert darauf jedoch nur lapidar: „Es ist schwer, die Stimme Gottes zu hören, wenn einem der Magen knurrt.“ (Ebd.)

Insgesamt scheint jedoch alles recht gut zu gehen, auch für Johanna, die eine wichtige und geachtete Rolle als nomenclator einnimmt und sich um die Anliegen zahlreicher Bittsteller kümmert, und für ihre Beziehung zu Gerold, die weiterhin liebevoll, aber mehr oder weniger platonisch ist. Doch dann beginnen sich bei dem bisher kerngesunden Leo Anzeichen einer Krankheit zu zeigen…

Die Päpstin, Teil 5: Die Autorin kennt das Wort „Nonne“!

Als Johanna in dem Boot gefunden wird, ist sie so krank, dass sie gar nicht mitbekommt, wer genau sie findet; erst eine Woche später wacht sie wieder in einem wohlhabend eingerichteten Raum bei einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter auf. Glücklicherweise stellt sich heraus, dass der junge Mann Arn ist, Magaldis’ ältester Sohn, der dank Johanna einige Jahre in der Klosterschule verbracht hat und inzwischen Gutsverwalter bei einem Grafen ist. Arn ist ihr immer noch zutiefst dankbar für das, was sie für ihn getan hat. Seine Mutter ist durch den Verkauf ihres speziellen Schimmelkäses, den Johanna damals vor ein paar Jahren dem Kloster empfohlen hat, inzwischen wieder zu Wohlstand gelangt und hat außerdem in zweiter Ehe einen wohlhabenden Bauern geheiratet. Arn und seine Frau Bona pflegen Johanna gesund; sie haben, als sie sie versorgt haben, natürlich entdeckt, dass sie eine Frau ist, aber beide scheinen ihr ihre Verkleidung nicht im Geringsten übel zu nehmen:

„‚Demnach wissen die Brüder immer noch nicht, daß Ihr eine Frau seid’, sagte Arn nachdenklich, als Johanna geendet hatte. ‚Wir dachten schon, daß man Eure wahre Identität entdeckt hat und daß Ihr deshalb fliehen mußtet. – Möchtet Ihr denn ins Kloster zurück? Ich würde Euch diese Möglichkeit niemals versperren. Eher würde ich auf der Folterbank sterben, als daß jemand auch nur ein Wort über Euer Geheimnis aus mir herausbekommt!’

Johanna lächelte. Arns männlichem Erscheinungsbild zum Trotz hatte er noch sehr viel von dem kleinen Jungen, als den sie ihn gekannt hatte.

‚Zum Glück’, sagte sie, ‚gibt es keinen Grund für ein solches Opfer. Ich bin rechtzeitig entkommen, und die Bruderschaft hat keinen Grund, mich zu verdächtigen. Aber… ich weiß nicht, ob ich ins Kloster zurückkehren möchte.’“ (S. 323)

Johanna verbringt einige Zeit bei Arn und Bona und ihrer kleinen Tochter Arnalda, der sie Unterricht erteilt. Sie will eigentlich nicht ins Kloster zurück; da ist die bleibende Gefahr, dass die anderen Mönche irgendwann ihre Identität entdecken könnten, und da ist Abt Rabanus:

„Er hatte ihr schon Probleme genug bereitet – und Gott allein wußte, welche Schwierigkeiten und Strafen sie noch erwarteten, falls sie ins Fuldaer Kloster zurückkehrte.

Außerdem drängte es Johanna nach Veränderung, nach neuen Ufern. In der Klosterbibliothek zu Fulda gab es kein Buch, das sie nicht schon gelesen hatte. Sie kannte jeden noch so kleinen Riß in der Wand des Schlafsaals. Und es lag Jahre zurück, daß sie morgens mit dem herrlichen Gefühl gespannter Erwartung erwacht war, daß irgend etwas Neues und Interessantes geschah. Sie sehnte sich danach, eine größere, weitere Welt zu erforschen.“ (S. 324f.)

Den Gedanken, zu Gerold zu gehen, verwirft sie: „Bestimmt war Gerold wieder verheiratet, und da wäre ihm ihr plötzliches Wiederauftauchen alles andere als willkommen. Außerdem hatte sie vor langer Zeit ein anderes Leben für sich selbst gewählt – ein Leben, in dem für die Liebe eines Mannes kein Platz war.“ (S. 325)

Ich möchte kurz daran erinnern, dass Johanna in einem Benediktinerkloster sowohl das Gelübde der Enthaltsamkeit als auch das Gelübde der stabilitas loci (Ortsbeständigkeit) abgelegt hat; sie hat sowohl geschworen, ehelos zu leben, als auch, ihr Leben lang in diesem Kloster zu bleiben.

Nachdem sie sich von ihrer Krankheit erholt hat, bietet Arn ihr an, dass sie auf dem Gut bei seiner Familie bleiben könnte – entweder als Frau oder in ihrer Verkleidung –, aber Johanna lehnt ab. Sie will stattdessen auf eine Pilgerreise nach Rom gehen; wir kommen dem Zielpunkt des Buches also allmählich näher. Zum Abschied schenkt sie der wissbegierigen kleinen Arnalda ihren Anhänger mit dem Bild der heiligen Katharina.

Es geht im Jahr 844 in Rom am päpstlichen Hof weiter. Anastasius, der ebenso wie Johanna inzwischen dreißig Jahre alt ist, hat sich weiter die Karrieleiter hoch gearbeitet und schreibt außerdem an einem großen Werk über das Wirken der Päpste, dem Liber Pontificalis. (Dazu, was an Anastasius’ Leben historisch richtig ist, in einem späteren Teil.) Papst Gregor IV. liegt auf dem Sterbebett und Anastasius’ Vater hat bereits durch „eine geschickte Verbindung von Diplomatie, Bestechung und Drohung“ (S. 332) arrangiert, wer zum nächsten Papst gewählt werden soll: Ein Kardinal namens Sergius, „der schwache und korrupte Abkömmling einer adeligen römischen Familie“ (ebd.). Der Plan ist, dass Sergius Anastasius später zum Bischof von Castellum ernennen soll, sodass der bei der nächsten Papstwahl, wenn er das Mindestalter erreicht hat, auf den Stuhl Petri aufsteigen kann.

Johanna lebt derweil in Borgo, dem römischen Viertel der Ausländer, an der Scola Anglorum, liest in der dazugehörigen Kirche die Messe, praktiziert im dazugehörigen Hospital als Arzt, und studiert in der Bibliothek die Bücher. Ihre Dienste als Arzt sind in Rom gefragt, „zumal die medizinische Wissenschaft nirgendwo sonst auf der Welt so weit fortgeschritten war wie im Frankenreich“ (S. 336). Aha. Ich hätte eher auf Byzanz oder so getippt. Sie führt jedenfalls ein angenehmes, ungebundenes Leben, das perfekt zu ihr passt.

Doch dann wird Papst Sergius krank.

Die römischen Ärzte sind alle einfach blöd (natürlich), und behandeln ihn nur mit Reliquien, Gebeten, Aderlässen und Brechmitteln, ohne dass sie ihm damit helfen können. Nun sind da zwei Männer, die aus unterschiedlichen Gründen nicht wollen, dass Sergius schon stirbt: Anastasius, der noch immer nicht das Mindestalter für die eigene Wahl zum Papst erreicht hat, und Benedikt, Sergius’ intriganter Bruder, der sich seit Sergius’ Wahl viel Macht an der Kurie hat verschaffen können. Anastasius schlägt Benedikt also vor, diesen ausländischen Arzt Johannes Anglicus kommen zu lassen, von dem man in Rom so viel hört, und so wird Johanna zu Sergius gerufen. Sie erkennt, dass er an der Gicht leidet, gibt ihm ein Heilmittel und verordnet ihm eine strenge Diät, und bald bessert sich sein Zustand.

Sergius ist meiner Ansicht nach die erste erträgliche Figur in diesem Roman. Er ist ein Papst, der sein Amt eigentlich gut ausfüllen will, sich aber leicht von seinem machtgierigen Bruder ausnützen und beiseitedrängen lässt; ihm ist die Keuschheit sehr wichtig, aber dafür verfällt er immer wieder der Völlerei, was ihm große Gewissensbisse verursacht; er kann mal aufbrausend sein, ist aber insgesamt vernünftig und freundlich. Johanna, die zu seinem Leibarzt ernannt wird, nimmt ihn als „gespaltenen Geist“ wahr: „Johanna erkannte bald, daß zwei Seelen in Sergius’ Brust wohnten – die eines zügellosen, vulgären und gemeinen Flegels und die eines kultivierten, intelligenten und freundlichen Mannes. (…) Doch in seinem Fall war es der Wein, der die Spaltung und Verwandlung hervorrief. In nüchternem Zustand war der Heilige Vater sanft und freundlich; hatte er jedoch getrunken, wurde er zu einem wahren Teufel.“ (S. 354)

Eine Stelle ist hier ganz interessant. Während Johanna das erste Mal bei Sergius ist, fragt er sie nach ihrem Beinamen, und sie erzählt ihm, dass ihr Vater aus England stammt und Missionar bei den Sachsen war:

„‚Die Sachsen.’ Sergius machte ein finsteres Gesicht. ‚Ein gottloses Volk.’

Mutter. In Johanna stieg die altvertraute Woge aus Liebe, Zärtlichkeit und Trauer auf. ‚Die meisten Sachsen sind jetzt Christen’, sagte sie herb, ‚jedenfalls, soweit man Menschen mit Feuer und Schwert vom wahren Glauben überzeugen kann.’

Sergius betrachtete sie mit scharfem Blick. ‚Seid Ihr etwa nicht der Meinung, daß die Kirche den Auftrag hat, die Heiden zu bekehren?’

‚Welchen Wert hat ein Versprechen, wenn es unter Zwang gegeben wurde? Wenn ein Mensch gefoltert wird, kann es sein, daß er alles sagt, was seine Peiniger hören wollen, nur um den Qualen ein Ende zu machen.’

‚Das ändert nichts daran, daß unser Herr Jesus uns geboten hat, in Frieden hinzugehen, allen Völkern im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die frohe Botschaft zu verkünden und die Menschen zu taufen.’

‚Das stimmt’, räumte Johanna ein. ‚Aber…’ Sie hielt inne. Du tust es schon wieder! schalt sie sich. Wieder einmal ließ sie sich in ein unvernünftiges, unter Umständen gefährliches Streitgespräch verwickeln. Und diesmal mit keinem Geringerem als dem Papst.

‚Ja?’ sagte Sergius. ‚Nur weiter.’

‚Verzeiht mir, Heiligkeit. Eure Gesundheit ist noch angeschlagen.’

‚Nicht so sehr, daß ich keinen vernünftigen Gedanken fassen könnte’, erwiderte Sergius ungeduldig. ‚Sprecht weiter.’

‚Na ja’, Johanna wählte ihre Worte mit Bedacht, ‚bedenkt einmal die Reihenfolge des Gebots, das Jesus erteilt hat. Zuerst die Völker lehren und dann taufen. Christus hat uns nicht dazu ermahnt, das Sakrament der Taufe zu spenden, bevor der Glaube wahrhaftig in den Herzen der Menschen ist. Und bei Jesus ist von Feuer und Schwert als Instrumenten der Bekehrung und Mission nicht die Rede.’

Sergius betrachtete Johanna interessiert. ‚Ihr argumentiert geschickt. Wo habt Ihr studiert?’“ (S. 351)

Meine Güte! Als ob es für einen mittelalterlichen Theologen originell gewesen wäre, gegen Zwangsbekehrungen zu sein. Als ob der selige Alkuin gegenüber Karl dem Großen nicht dasselbe gesagt hätte. Als ob einer von Sergius’ Nachfolgern, Nikolaus I., nicht im Jahr 866 an die Bulgaren geschrieben hätte:

„In bezug auf diejenigen aber, die sich weigern, das Gut des Christentums anzunehmen, […] können Wir Euch nichts anderes schreiben, als daß Ihr sie zum rechten Glauben mehr durch Ermahnungen, Ermunterungen und Belehrung als durch Gewalt überzeugen sollt, daß sie eitel denken. […] Ferner darf ihnen, damit sie glauben, keinesfalls Gewalt angetan werden. Denn alles, was nicht aus eigener Absicht kommt, kann nicht gut sein [angeführt wird Ps 54,8; 119,108; 28,7]; Gott gebietet nämlich, daß freiwilliger Gehorsam, und nur von Freiwilligen geleistet werde: Denn hätte er Gewalt anwenden wollen, hätte seiner Allmacht keiner widerstehen können.“ (Papst Nikolaus’ Brief an die Bulgaren ist übrigens eine wahre Fundgrube: Darin spricht er sich z. B. auch gegen die Folter aus und erklärt, dass eine Ehe nur durch das Einverständnis von Braut und Bräutigam zustande kommt.)

Als ob die Ablehnung von Zwangstaufen im 9. Jahrhundert irgendetwas Neues, Unkonventionelles, potentiell Ketzerisches gewesen wäre!

Als es Sergius besser geht, animiert Johanna ihn, wieder selbst den Versammlungen des päpstlichen Hofes vorzustehen, statt diese Aufgabe Benedikt zu überlassen. Dabei wirft Sergius Benedikts korrupte Geschäfte durcheinander: Da ist etwa ein Kaufmann namens Mamertus, der ein altes, heruntergekommenes Waisenhaus nahe dem Lateran renovieren und zur Pilgerherberge umfunktionieren will; er hat Benedikt schon eine großzügige „Spende“ gegeben, damit er die Waisen hinauswerfen und das Gebäude bekommen kann; Sergius entscheidet jedoch, dass die Waisen bleiben sollen und das Waisenhaus mithilfe von Mamertus Spende für sie wieder instand gesetzt wird. Dabei scheint die Autorin zu glauben, bei Pilgerherbergen handle es sich um großen Gewinn abwerfende Luxushotels; so lässt sie Mamertus sagen: „Aber die neue Pilger-Unterkunft würde zum Stolz Roms, Heiligkeit! Jeder Graf, jeder Herzog, ja, selbst Kaiser und Könige würden dort mit Freuden schlafen!“ (S. 357)

Benedikt jedenfalls ist ganz und gar nicht mehr angetan von diesem neuen Leibarzt seines Bruders, der ihm seine Geschäfte zunichte macht, und schmiedet Pläne, ihn loszuwerden. Johanna wird bald darauf zu einer reichen jungen Dame in Trastevere gerufen, die angeblich krank sei. Zunächst wundert sie sich nicht; ihre Dienste sind im römischen Adel inzwischen sehr gefragt. Doch als sie zu ihrer Patientin, einer sehr attraktiven jungen Frau namens Marioza, kommt, ist diese kerngesund und versucht, sie zu verführen. Als ihre Bemühungen ohne Erfolg bleiben, reißt sie kurzerhand ihr Kleid auf, packt Johanna und drückt deren Kopf an ihre Brust, und im selben Moment stürmen päpstliche Gardisten herein, die Johanna, angeblich auf frischer Tat ertappt, festnehmen.

An dieser Stelle fällt Johanna ein, wer Marioza sein kann: „Benedicte! dachte Johanna. Das muß die Marioza sein, die gefeiertste Kurtisane Roms, die beinahe schon sagenhafte hetaera. Es hieß, daß einige der mächtigsten Männer der Heiligen Stadt zu ihren Kunden zählten.“ (S. 363) Ehe sie von den Gardisten weggeführt wird, wendet Johanna sich noch einmal an Marioza: „Ich weiß nicht, weshalb Ihr das tut oder für wen, aber ich gebe Euch einen guten Rat, Marioza: Macht Euer Glück nicht von der Gefälligkeit der Männer abhängig, denn sie werden sich als so flüchtig erweisen wie Eure Schönheit.“ (S. 363f.) Okay, das ist ja mal kein allzu schlechter Rat.

Auf dem Rückweg zum Lateranpalast denkt Johanna sich folgendes:

„Obwohl sie allen Grund gehabt hätte, konnte sie Marioza nicht hassen. Hätte das Schicksal sie selbst nicht auf einen anderen Weg geführt, wäre auch sie vielleicht zur Prostituierten geworden. In den Straßen Roms wimmelte es von Frauen, die ihren Körper für den Preis einer Mahlzeit anboten. Viele waren ursprünglich als fromme Pilgerinnen oder sogar als Nonnen in die Stadt gekommen, standen dann aber plötzlich ohne Unterkunft da und hatten nicht die finanziellen Mittel für die Reise zurück in die Heimat. Deshalb hatten sie, der Not gehorchend, zur schnellsten und einfachsten Möglichkeit des Broterwerbs gegriffen.

Von der Sicherheit der Kanzel aus wetterte der Klerus gegen diese ‚Handlangerinnen des Teufels’. Es sei besser, keusch zu sterben, erklärten die Priester, als in Sünde zu leben. Aber diese Leute, sagte sich Johanna, hatten nie am eigenen Leibe erfahren, was Hunger ist.“ (S. 364)

Hier haben wir den Beweis, der bisher gefehlt hat: In der Welt von „Die Päpstin“ existieren Nonnen. Donna W. Cross kennt den Begriff „Nonne“ und ihr ist bewusst, dass es zur Handlungszeit ihres Buches welche gab. Na also.

Irmengard

(Heilige Irmengard vom Chiemsee (nach 830-866). Die heilige Irmengard war eine Tochter Ludwigs des Deutschen und damit eine Enkelin Karls des Großen; sie war zuerst im Kloster Buchau und später in Frauenchiemsee Äbtissin. Bildquelle hier.)

Der ganze Absatz ist natürlich wieder mal Blödsinn. Man konnte sehr wohl ohne Geld auf Pilgerfahrt gehen; man musste eben zu Fuß gehen und nachts in Klöstern unterkommen; jedes Kloster nahm Pilger auf und stellte ihnen eine Mahlzeit und ein Bett zur Verfügung. Zudem wären gerade Frauen wohl kaum allein auf Pilgerreisen gegangen; allein schon aus Sicherheitsgründen schloss sich jeder Pilger mit etwas Verstand einer Pilgergruppe an (so hat es auch Johanna auf ihrer Reise nach Rom gehalten). Keine Äbtissin hätte eine einzelne Nonne allein nach Rom geschickt.

Übrigens kann ich persönlich mir, ganz unabhängig von irgendwelchen Moralfragen, vorstellen, dass das Leben einer Prostituierten auch nicht unbedingt angenehmer ist als das Hungern. Aber gut, ich kenne nur den Hunger, der davon kommt, dass man wegen einer chronischen Krankheit tagelang sehr wenig essen kann, und nicht den, bei dem man fürchten muss, zu verhungern, wenn man nicht bald etwas zu essen auftreibt; das mag schon noch ein gewisser Unterschied sein.

Jedenfalls nutzt Benedikt, der Marioza angeheuert hat, diesen Vorwand, um Johanna in den Kerker werfen zu lassen; Sergius bekommt sie gar nicht mehr zu Gesicht, sodass sie sich nicht gegen die falschen Anschuldigungen verteidigen kann.

Dann kommt ihr jedoch Sergius’ Krankheit zu Hilfe. Seine Gicht verschlimmert sich, weil er sich wieder falsch ernährt, und schließlich erleidet er einen Schock und sein Zustand verschlechtert sich dramatisch, als ihm eine schlimme Nachricht überbracht wird: Kaiser Lothar nähert sich mit einer Armee.

„Nach der Wahl Sergius’ zum Oberhaupt der christlichen Kirche hatte die Stadt Rom ihn sofort feierlich zum Papst geweiht, ohne das erforderliche Einverständnis des Kaisers einzuholen. Dies aber war ein Bruch eines seit dem Jahre 824 bestehenden Abkommens, welches Lothar das Recht des kaiserlichen jussio gewährte – dem Einverständnis mit der Wahl des Papstes vor dessen Weihe. Dennoch war Sergius’ ‚eigenmächtige’ Papstweihe weithin begrüßt worden; man betrachtete diesen Schritt als stolze Wiederbehauptung römischer Unabhängigkeit gegenüber der fernen fränkischen Krone. Andererseits war es ein eindeutiger und absichtlicher Affront Lothar gegenüber, wenngleich das jussio einen eher symbolischen denn faktischen Charakter besaß: Noch nie hatte der Kaiser einer Papstwahl seine Zustimmung verweigert, und niemand hätte je damit gerechnet, daß Lothar nun so nachdrücklich auf dieses Recht pochen würde.“ (S. 372) Es kommen schreckliche Berichte von den Plünderungen und Gräueltaten, die Lothars Armee auf ihrem Weg nach Rom anrichtet, und Flüchtlinge aus dem Norden strömen nach Rom.

Sergius ist also schwer krank und verzweifelt. Sein Bruder kommt auf die Idee, dem Kaiser 50.000 Gold-solidi überbringen zu lassen, um ihn zu beschwichtigen; Sergius stimmt zu; aber Benedikt verschwindet kurzerhand selbst mit den Geldtruhen und einigen Begleitern aus Rom. Sergius’ Haushofmeister Arighis weiß sich schließlich nicht mehr anders zu helfen und holt den Arzt Johannes Anglicus aus dem Kerker. Johanna kann dem kranken Papst klarmachen, dass sie ein Opfer von Benedikts Intrigen geworden ist.

„Sergius schwieg für längere Zeit. Schließlich sagte er mit schwankender Stimme zu Johanna: ‚Wenn das stimmt, ist Euch bitteres Unrecht geschehen.’ Verzweifelt wandte er den Blick ab. ‚Daß Lothar gegen Rom zieht, ist Gottes gerechte Strafe für all meine Sünden!’

‚Würde Gott Euch bestrafen wollen, könnte er es sich einfacher machen’, sagte Johanna. ‚Warum sollte er das Leben tausender Unschuldiger opfern, wo er Euch mit einem Schlag zerschmettern könnte?’

Sergius blickte sie erstaunt an. Wie bei vielen Mächtigen, war ihm angesichts der maßlosen Überschätzung der eigenen Bedeutung dieser Gedanke offenbar noch gar nicht gekommen.“ (S. 379)

Johanna versucht, Sergius zu überzeugen, dass Lothars Kommen keine Strafe, sondern eine Prüfung sei, und er für die Menschen von Rom stark sein müsse. Er ist jedoch verzweifelt:

„‚Was macht es schon aus, ob ich stark bin oder nicht?’ sagte Sergius hoffnungslos. ‚Wir können Lothars Heer nicht standhalten. Da müßte schon ein Wunder geschehen.’

‚Dann’, sagte Johanna geheimnisvoll, ‚laßt uns dieses Wunder bewirken.’“ (Ebd.)

Johanna hat einen Plan für Lothars Ankunft entwickelt. Zunächst einmal schickt man ihm eine festliche Abordnung entgegen: „Lothar hatte weder der Stadt Rom noch dem Papst seine Feindschaft auf irgendeine förmliche Weise erklärt; deshalb hatte man den Plan gefaßt, ihm einen festlichen Empfang zu bereiten, wie er einer Persönlichkeit von so außerordentlichem Rang zustand; sämtliche Würdenträger der Stadt sollten dem Kaiser ihre Reverenz erweisen. Vielleicht entwaffnete diese für Lothar unerwartete Begrüßung den Kaiser lange genug, so daß der zweite Teil von Johannas Plan wirken konnte.“ (S. 379f.) Tatsächlich folgen Lothar und seine Soldaten der Abordnung friedlich bis zum Petersdom, vor dem der dank Johanna wieder einigermaßen gesunde Sergius wartet. Und als Lothar und eine Gruppe seiner Soldaten dann die Stufen zum Petersdom hinaufsteigen, schwingen die offenen Türen wie von Geisterhand zu – was einen ziemlichen Eindruck auf die Franken macht, den der Papst noch zu verstärken weiß. „Sergius sprach fränkisch, um sicherzugehen, daß Lothars Soldaten ihn verstanden. ‚Hütet euch vor der Hand Gottes’, rief er mit Donnerstimme, ‚die euch den Weg zum heiligsten aller Altäre versperrt hat!’“ (S. 382) Als Lothar, der selber erschrocken ist und dem angesichts des Entsetzens seiner Soldaten nichts anderes übrig bleibt, Sergius mit einem Friedenskuss begrüßt, schwingen die Türen wieder nach außen auf.

Das Ganze war natürlich ein Trick – eine hydraulische Vorrichtung, die Johanna bereits einmal vor Jahren zusammen mit Gerold nach einer Vorlage in einem antiken Manuskript gebaut hat. Als Johanna die Türen aufgehen sieht, tauchen all ihre schmerzlichen Erinnerungen an Gerold plötzlich wieder auf…

Und somit muss auch Gerold mal wieder auftauchen, aber dazu dann im nächsten Teil.

Die Päpstin, Teil 4: Johannes Anglicus vs. Rabanus Maurus

(Dieser Artikel ist gar nicht so lang, wie er aussieht. Es sind bloß sehr viele Bilder dabei.)

Noch mal zur Erinnerung: Wir hatten den Normannenüberfall in Dorstadt; Johanna hat sich verkleidet nach Fulda aufgemacht; Gerold hat seine Familie verloren und glaubt, dass auch Johanna von den Normannen verschleppt wurde.

Im nächsten Kapitel wechselt der Schauplatz zum später so genannten „Lügenfeld“ bei Colmar im Jahr 833. Hier wird wieder aus Anastasius’ Sicht erzählt – wir erinnern uns: der adelige junge Römer, der in der ersten Leseetappe bereits kurz vorkam und der inzwischen neunzehn Jahre alt ist. Er hat seit dem Mord an seinem Onkel neun Jahre vorher gelernt, skrupellos und ehrgeizig nur auf seinen Vorteil zu sehen und bekleidet inzwischen ein Amt bei Papst Gregor IV., der nach Colmar gekommen ist, weil Kaiser Ludwig ihn gebeten hat, im Krieg zwischen ihm und seinen Söhnen zu vermitteln. Den Papst stellt die Autorin überraschenderweise als sehr frommen Mann dar, der von politischen Winkelzügen nichts versteht – ganz anders als Anastasius, der bereits im Vorfeld auf Anweisung seines Vaters Arsenius ganz andere geheime Verhandlungen geführt hat:

„Falls alles wie geplant verlief, würde der Kaiser morgen bei Sonnenaufgang feststellen, daß seine Truppen während der Nacht desertiert waren und ihn allein zurückgelassen hatten, verteidigungslos den Heeren seiner Söhne ausgeliefert. Alles war bereits abgesprochen, und auch die Bezahlung war schon erfolgt. Egal, was Gregor an diesem Tag sagen oder tun mochte – es spielte nicht mehr die geringste Rolle.

Doch war es wichtig, daß die päpstlichen Vermittlungsgespräche zunächst einmal geführt wurden, so, als wäre nichts geschehen. Die Verhandlungen mit Gregor würden das Mißtrauen des Kaisers weitgehend zerstreuen und seine Aufmerksamkeit genau zu dem Zeitpunkt ablenken, wenn alles darauf ankam.“ (S. 241)

Dem demütigen, tiefgläubigen und auf Frieden hoffenden Papst, den er ins Zelt des Kaisers begleitet, bringt Anastasius nur Verachtung und Unverständnis entgegen. Man ahnt schon: Er wird noch einmal der Gegenspieler der späteren Päpstin werden. Denn sein Lebensziel ist klar: „eines Tages selbst der Papst zu sein.“ (S. 241)

(Der historische Hintergrund stimmt so grob: Kaiser Ludwig der Fromme hatte sich mit seinen drei älteren Söhnen Lothar (König von Italien), Pippin (König von Aquitanien) und Ludwig dem Deutschen (König der Ostfranken) zerstritten, weil er auch seinem Sohn Karl (dem späteren Karl dem Kahlen), der aus seiner zweiten Ehe stammte und 833 erst zehn Jahre alt war, Herrschaftsgebiete überlassen wollte. Auf dem Lügenfeld konnten die Söhne die kaiserlichen Verbündeten auf ihre Seite ziehen und als Ludwig dann ohne Heer dastand, musste er nachgeben. Der Papst war auch da, im Heerlager des Kaisers, um mit den Söhnen zu verhandeln.)

In den nächsten Kapiteln befinden wir uns dann im Kloster in Fulda, wo „Bruder Johannes Anglicus“ seit einigen Jahren lebt. Johanna hat sich als ihr toter Bruder ausgegeben und hat ihren Beinamen erhalten, weil ihr Vater aus England stammt. In Fulda scheint sie in gewissem Maße ihre Bestimmung gefunden zu haben: Sie kann die Werke in der umfangreichen Klosterbibliothek studieren und wird wegen ihrer Klugheit geachtet. Das Kloster besitzt auch ein paar griechische Handschriften, darunter auch medizinische Schriften des Hippokrates, und da Johanna die einzige dort ist, die Griechisch kann, übersetzt sie diese ins Lateinische. Dieses Szenario hat etwas Unglaubwürdiges. Griechisch ist wirklich keine leichte Sprache – ich spreche aus Erfahrung – und Johanna hat in ihrem (übrigens nicht sehr lange währenden) Unterricht bei Aeskulapius nur griechische Dichtung zu lesen bekommen, noch dazu aus einer früheren Epoche als der des Hippokrates. Wie will sie medizinische Fachbegriffe in jüngeren griechischen Schriften verstehen? Sie kann schließlich kein Wörterbuch konsultieren. Wegen ihres Interesses an der Medizin wird Johanna außerdem zum Lehrling des Arztes des Klosters, Bruder Benjamin, und verbringt viele Stunden im Heilkräutergarten und im Spital.

Natürlich ist Johannas Leben nicht ganz sorgenfrei. Sie muss immer daran denken, ihr Geschlecht zu verbergen, auch wenn das mit den weiten Mönchskutten, in denen die Mönche auch schlafen, nicht allzu schwer ist: „Denn hätte man ihre wahre Identität aufgedeckt, hätte dies mit Sicherheit ihren Tod bedeutet.“ (S. 248) Kann ich mir jetzt nicht unbedingt vorstellen. Eher, dass man sie in Schimpf und Schande aus dem Kloster geworfen hätte oder so. Aber die Autorin braucht es eben dramatisch.

Funfact: Wir haben übrigens tatsächlich eine Heilige, die heilige Eugenia von Rom, die der Legende nach – die Legende ist freilich anachronistisch; im frühen 3. Jahrhundert, als sie gelebt haben soll, gab es noch keine Klöster – als Mann verkleidet in ein Mönchskloster eingetreten sein soll und eine Zeitlang dort gelebt haben und sogar zum Abt gewählt worden sein soll. Und ich bin mir fast sicher, irgendwann einmal noch von einer anderen, byzantinischen Heiligen etwa aus dem 8.-10. Jahrhundert gelesen zu haben, die ebenfalls als Mann verkleidet in ein Mönchskloster ging, in ihrem Fall, um bei ihrem Vater zu bleiben, der nach dem Tod seiner Frau dort Mönch wurde. Ihr Vater starb, sie blieb weiterhin im Kloster, wurde dort Pförtner oder etwas Ähnliches und stand im Ruf der Heiligkeit. Aber dann beschuldigte eine junge Frau, die unehelich schwanger geworden war und den wahren Vater des Kindes nicht angeben wollte, sie, sie geschwängert zu haben. Die Heilige sah das als schicksalhafte Strafe für ihre Verstellung an, gab ihre Verkleidung aber nicht auf, sondern leistete unter ihrer falschen Identität lange Jahre Kirchenbuße für ihr angebliches Vergehen. Erst bei ihrem Tod entdeckte man dann, dass sie eine Frau und somit unschuldig war. Mir fällt ihr Name beim besten Willen nicht mehr ein und vielleicht ist es auch bloß eine Variante der Eugenia-Legende, an die ich mich erinnere; aber erwähnen wollte ich diese Heilige auch noch. Jedenfalls scheint man es beiden Heiligen (vor allem Eugenia) nicht allzu sehr angekreidet zu haben, dass sie sich verkleidet hatten.

Die Angst, enttarnt zu werden, hat Johanna auch davon abgehalten, mit Gerold Kontakt aufzunehmen. („So sehr durfte sie niemandem vertrauen, daß sie ihn eine Nachricht an Gerold überbringen ließ.“ (S. 248)) Das, und die Angst, dass Richild die Wahrheit gesagt haben könnte und Gerold sie gar nicht liebt. Hier haben wir eben mal wieder eins dieser typischen konstruierten Missverständnisse, die in Liebesromanen Liebende voneinander getrennt halten und die sich sofort auflösen würden, wenn einer der beiden sich überwinden könnte, den Mund aufzumachen oder einen Brief zu schicken oder sich nach dem anderen zu erkundigen o. Ä. Ehrlich, wo soll das Risiko dabei liegen, einen versiegelten Brief an Gerold zu schicken?

Doch es sind anscheinend nicht nur diese Zweifel und Ängste, die Johanna daran hindern. Sie erinnert sich auch daran, wie sie nur wenige Monate nach ihrem Eintritt ins Kloster beobachtet hat, wie eine adelige Dame, die auf der Durchreise war, daran gehindert wurde, in der Klosterkirche eine Kerze für ihr vor kurzem totgeborenes Kind anzuzünden, da sie so kurz nach der Geburt noch unrein sei. (Tatsächlich gab es früher den Brauch der Segnung von Müttern nach einer festgelegten Anzahl von Tagen nach der Geburt, der dann so interpretiert wurde, dass sie vor dieser „Aussegnung“ unrein wären und die Kirche nicht betreten dürften. Ob das im 9. Jahrhundert schon so war, weiß ich nicht; ich finde das Buch, in dem ich darüber gelesen habe, gerade nicht; laut Wikipedia kam der Brauch erst im 11./12. Jahrhundert aus dem Osten in den Westen.) Diese Dame wurde, da sie sehr gelehrt war, bei dieser Gelegenheit zusätzlich vom Sakristan des Klosters zurechtgewiesen: „Was wider die natürliche Ordnung ist, verstößt gegen den Willen Gottes. Legt Schreibfeder und Pergament nieder und nehmt stattdessen Nadel und Zwirn, wie es einer Frau ansteht, und bereut euren Hochmut. Dann nimmt Gott vielleicht die Last von Euch, die er Euch aufgebürdet hat [sie hat noch kein lebendes Kind geboren].“ (S. 252) Auch die Novizen, die zusammen mit Johanna die Szene beobachteten, hatten schon über die Dame gelästert:

„‚Wer ist diese Frau?’ fragte Johanna fasziniert.

‚Judith, die Gattin von Baron Waifar’, antwortete Bruder Rudolph, der die Aufsicht über die Novizen führte. ‚Eine gelehrte Frau. Man sagt, daß sie Latein in Wort und Schrift so gut beherrscht wie ein Mann.’

Deus nos salva.’ Ängstlich bekreuzigte sich Bruder Gailo. ‚Ist sie eine Hexe?’

‚Ganz und gar nicht. Sie steht in dem Ruf tiefer Frömmigkeit. Sie hat sogar einen Kommentar zum Leben der Esther geschrieben.’

‚Was für eine Scheußlichkeit’, sagte Bruder Thomas, einer der anderen Novizen. Thomas – ein unscheinbarer junger Mann mit rundem, pausbäckigem Gesicht, Kinngrübchen und schwerlidrigen Augen – nutzte jede Gelegenheit, seine überlegene Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit hervorzuheben. ‚Ein schwerer Verstoß gegen die natürliche Ordnung. Was kann eine Frau von solchen Dingen schon wissen, wo sie doch von niederen Instinkten geleitet wird? Gewiß wird Gott sie für ihre Überheblichkeit bestrafen.’

‚Das hat er schon’, erwiderte Bruder Rudolph, ‚denn der Baron braucht einen Erben, doch seine Frau ist unfruchtbar. Erst letzten Monat hatte sie wieder eine Totgeburt.’“ (S. 249f.)

Seufz. Lügen werden nicht dadurch richtiger, dass man sie öfter wiederholt. Auch nicht, wenn es sich um antimittelalterliche Klischees handelt.

(Seite aus dem Liber Manualis, einem Buch, das von der fränkischen Herzogin Dhuoda von Septimanien zwischen 841 und 843 als Lehrbuch für ihre Söhne geschrieben wurde. Übrigens halte ich es für wahrscheinlich, dass Donna W. Cross Dhuoda kennt; immerhin musste sie passende historische Namen für ihre Figuren recherchieren, was man gerne anhand bekannter Persönlichkeiten einer bestimmten Zeit tut, und die jüngere von Gerolds Töchtern heißt Dhuoda.)

Jedenfalls ist dieser Vorfall ein weiterer Grund für Johanna gewesen, ihre Verkleidung beizubehalten: „Nach diesem Vorfall unternahm Johanna den entschlossenen Versuch, jeden Gedanken an Gerold aus ihrem Inneren zu verdrängen. Sie hatte erkannt, daß sie niemals glücklich sein würde, falls sie ihr Leben in der eingeengten Welt der Frauen führen mußte. Außerdem, so wurde ihr klar, war ihr Verhältnis zu Gerold nicht so beschaffen, wie sie geglaubt hatte. Damals, auf Villaris, war sie ein unerfahrenes, naives Kind gewesen, und ihre Liebe eine romantische Schwärmerei, aus Einsamkeit und Verlangen geboren.“ (S. 252f.) Ich find’s ja schön, dass sie es gemerkt hat. Die Autorin sieht das anders: „Wieder und wieder redete Johanna sich dies alles ein – so lange, bis sie es glaubte.“ (S. 253) Soll hier etwa impliziert werden, dass es nicht wahr ist?

File:14th-century unknown painters - The Annunciation - WGA23721.jpg

(Die Verkündigung, von einem unbekannten deutschen Maler, ca. 1330. Ich dachte mir, ich sammle in diesem Teil mal ein paar der mittelalterlichen Darstellungen, die Maria bei der Verkündigung mit einem Buch zeigen, in dem sie gerade gelesen hat, bevor der Engel Gabriel gekommen ist – so von wegen mittelalterlicher Einstellung zur Frauenbildung. Alle Bilder sind von Wikimedia Commons.)

Allerdings hat das Klosterleben auch seine unschönen Seiten für Johanna. Die Benediktinerregel ist streng und der Abt (eine reale historische Person: der heilige Rabanus Maurus) kann Johanna nicht leiden. Man merkt bald, dass er ihr neuer Gegenspieler wird, nachdem ihr Vater und Odo weggefallen sind.

Datei:Leonardo da Vinci - Annunciazione - Google Art Project.jpg

(Von Leonardo da Vinci, ca. 1472.)

Zunächst aber kommt ein Konflikt zwischen dem Abt und einem anderen Mönch namens Gottschalk vor, den es tatsächlich gegeben hat. Im Buch sieht die Darstellung folgendermaßen aus:

Datei:Doberan Münster - Kreuzaltar Marienseite 1 Verkündigung Maria.jpg

(Altar in Bad Doberan, ca. 1370.)

Gottschalk, ein junger Adliger, der als Kind als oblatus ins Kloster gegeben wurde, will es verlassen; Abt Rabanus Maurus ist dagegen, weil er das Versprechen der Eltern, die ihre Kinder Gott geweiht haben, für bindend für diese hält. Also lässt er Gottschalk bei der Versammlung im Kapitelsaal auspeitschen, wobei eine Rippe gebrochen wird und die Knochen durch die Haut nach außen dringen; durch diese Wunde verliert Gottschalk auch viel Blut. Als er ins Spital gebracht wird, kann Johanna ihm mithilfe der Lehren des Hippokrates gerade noch das Leben retten.

File:Diptych reverse - Annunciation - Suermondt-Ludwig Museum.jpg

(Von Albrecht Bouts, um 1500.)

Während er bewusstlos ist, taucht der auch fanatische Rabanus am Krankenbett auf:

„Plötzlich erklang eine herrische Stimme hinter ihnen. ‚Setz deine Hoffnungen nicht auf Kräuter und Tränke.‘

Johanna drehte sich um und sah den Abt, gefolgt von einer Gruppe von Brüdern. Sie stellte den Becher ab und erhob sich.

‚Gott der Herr gibt den Menschen das Leben, und er allein schenkt ihnen Gesundheit. Nur Gebete können den Sünder genesen lassen.‘ Abt Rabanus Maurus gab den Brüdern ein Zeichen, und schweigend nahmen sie um das Bett herum Aufstellung.“ (S. 264

Johanna betet mit, dankt aber eher dem Hippokrates.

File:'The Annunciation' by Jan Provost, Dickinson Gallery.jpg

(Jan Provost, um 1500. )

Als Gottschalk wieder bei Bewusstsein ist, schlägt Johanna ihm vor, sich mit einer Bittschrift an eine Synode in Mainz zu wenden. „‚Es wäre nicht das erste Mal, daß die Entscheidung eines Abtes zurückgenommen wird‘, widersprach Johanna. ‚Sogar Erzbischöfe haben sich schon beugen müssen. Es kommt hinzu, daß du ein gewichtiges Argument vorbringen kannst: Du wurdest als kleiner Junge ins Kloster gegeben, lange, bevor du ein verständiges Alter erreicht hattest. Ich habe in der Bibliothek nachgelesen und bei Geronimus mehrere Abschnitte entdeckt, die ein solches Argument stützen würden.'“ (S. 266) Bei der Mönchsregel Basilius des Großen gäb’s übrigens auch was: „Wer aber [wenn er erwachsen geworden ist] nicht jungfräulich leben möchte, weil er sich nicht ganz um die Sache des Herrn kümmern kann, soll vor diesen Zeugen entlassen werden. Wer jedoch das Gelöbnis ablegen will, soll es nach langer Prüfung und Überlegung tun, wozu ihm mehrere Tage hindurch Gelegenheit gegeben werden muß. Denn es soll nicht der Eindruck entstehen, er sei von uns geraubt worden.“ Sorry, ich hab mal eine Hausarbeit über die Waisenversorgung und den Brauch der oblatio in Klöstern des Oströmischen Reiches geschrieben und muss mein Wissen ja irgendwie mal anbringen.

Mit Geronimus wird wohl der Kirchenvater Hieronymus gemeint sein; ich schätzte, dass der Übersetzer nicht genau wusste, wie er das englische „Jerome“ übersetzen sollte. Hört sich ja auch nicht unbedingt wie „Hieronymus“ an.

Johannas Plan hat Erfolg und Gottschalk darf das Kloster verlassen; er geht zunächst zu einer verheirateten Schwester nach Speyer, ohne klaren Plan, was danach aus ihm werden soll. Johanna blickt ihm bei seinem Abschied nach und fragt sich, was aus ihm werden wird: „Doch irgendwie machte er den Eindruck eines Mannes, dem es bestimmt war, stets das zu begehren, was er nicht bekommen konnte, und der immer den steinigsten Weg für sich wählte.“ (S. 268)

File:Jan provost, annunciazione, da osp. civili di genova, 01.JPG

(Noch einmal Jan Provost.)

Ich muss sagen, ich war erstaunt, als ich das Ganze nachgeschaut habe und festgestellt habe, dass Rabanus Maurus tatsächlich der Ansicht war, dass oblati sich immer an das Versprechen ihrer Eltern halten müssten, und dass die Geschichte mit Gottschalk auf Fakten beruht. (Rabanus schrieb nach der Auseinandersetzung um Gottschalk sogar eine Abhandlung darüber: Das Liber de oblatione puerorum.) Offenbar war die Frage, wie verbindlich die oblatio ist und ob sie erst durch die eigene Profess im Erwachsenenalter gültig wird, zu dieser Zeit tatsächlich stark umstritten; eine Regionalsynode, das 4. Konzil von Toledo, hatte im Jahr 633 das Versprechen der Eltern für bindend erklärt: „Monachum aut paterna deuotio, aut propria professio facit“ (den Mönch macht entweder die väterliche Weihe oder das eigene Gelübde). Andere Entscheidungen widersprachen dem jedoch; ab dem 12. Jahrhundert verlor die oblatio dann an Bedeutung und es wurde klar, dass die eigene Profess, jedenfalls theoretisch, das Entscheidende ist. (In der Benediktsregel selbst bleibt es unklar, welche Verbindlichkeit das Versprechen der Eltern hat.)

Und tatsächlich stimmt es, dass Gottschalk von Orbais, ein oblatus in Fulda, der seine Profess nicht ablegen, das Kloster verlassen und sein Erbe, das das Kloster erhalten hatte, zurückhaben wollte, an die Synode von Mainz von 829 appellierte und Recht bekam. Es ist nicht ganz klar, was dann geschah; vielleicht wurde Gottschalk auch nur gestattet, das Kloster zu wechseln; vielleicht lebte er einige Zeit als Laie und überlegte es sich dann wieder anders; später tritt er in den Quellen jedenfalls wieder als Mönch in Erscheinung. Er wurde dann auch zum Priester geweiht, verfasste einige Schriften und ging auf Missionsreisen, und er hatte noch einen weiteren (theologischen) Konflikt mit Rabanus, der später im Buch auch noch erwähnt wird, und in dem die Sympathie wohl weniger auf seiner Seite liegt… Aber dazu dann an der passenden Stelle.

The Annunciation (c. 1430-34) - Álvaro Pires de Évora.png

(Von Álvaro Pires de Évora, ca. 1430-1434.)

Nach der Geschichte mit Gottschalk kommt eine Zeremonie im Klosterhof vor, bei der ein paar Leprakranke, die ins Leprosarium kommen sollen, öffentlich von der Gesellschaft ausgesondert werden und ihnen der Kontakt zu Gesunden verboten wird. Johanna entdeckt dabei, dass eine der Kranken, eine Frau namens Madalgis, gar kein Lepra, sondern eine andere Hautkrankheit hat, und überredet den Abt, dass sie sie noch genauer prüfen darf. (Der Bischof, der durchgesetzt hat, dass Gottschalk gehen darf, ist noch da und beobachtet den Abt, der sich daher nicht traut, Johanna einfach für ihre Auflehnung bestrafen zu lassen. Denn natürlich kann Rabanus Maurus Johanna nicht leiden und hat auch kein Mitleid für Madalgis. Natürlich.)

Da Madalgis wegen der möglichen Ansteckungsgefahr nicht ins Spital soll, begleiten Bruder Benjamin und Johanna sie zu ihrem Haus; sie ist Witwe, hat vier Kinder und lebt in ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Nachdem Johanna sie baden und ihr Haus von Ungeziefer säubern lässt, bessert sich ihre Gesundheit.

File:Annunciazione, Apollonio di Giovanni, Museo della Collegiata, Castiglione Olona.jpg

(Von Apollonio di Giovanni, ca. 1440.)

Johanna erfährt hier auch von Madalgis‘ Vergangenheit:

„Trotz ihres abgerissenen Äußeren war Madalgis keine colona, sondern eine freie Frau, deren Ehemann Freibauer auf einem großen mansus gewesen war, der zwölf Hektar Ackerland umfaßt hatte. Nach seinem Tod hatte Madalgis versucht, ihre Familie durchzubringen, indem sie das Land ganz allein bewirtschaftete, doch dieses heldenhafte Unterfangen wurde von ihrem Nachbarn, dem Grundherren Rathold, abrupt beendet, denn Rathold hatte es auf die Hufe abgesehen, die fruchtbaren Boden besaß und gute Gewinne abwarf. So hatte Rathold dem Abt Rabanus von Madalgis‘ Bemühungen berichtet, worauf der Abt ihr unter Androhung der Exkommunikation untersagte, jemals wieder mit Pflug oder Hacke den Acker zu bearbeiten. ‚Eine Frau handelt unchristlich, wenn sie die Arbeit eines Mannes tut‘, hatte er zu Madalgis gesagt.

Angesichts des drohenden Hundertods war Madalgis gezwungen gewesen, Haus und Hufe für einen Bruchteil ihres wirklichen Wertes an den Grundherren Rathold zu verkaufen; als Kaufpreis erhielt sie nur ein paar solidi, eine winzige Hütte sowie ein kleines Stück Wiese für ihre Kühe in einem Weiler unweit ihres einstigen mansus.“ (S. 274)

Wie denkt man sich so etwas nur aus? Glaubt Donna W. Cross ernsthaft, es wäre im Mittelalter nicht ständig vorgekommen, dass Frauen verwitweten und typische Männeraufgaben übernehmen mussten, bis sie einen neuen Mann fanden? Glaubt sie, damals hätte irgendjemand überwacht, ob die Bauern ihre Aufgaben auch genau nach Geschlechterrollen aufteilten? Nein, sie glaubt es nicht, sie erfindet es. (Und ja, nach der Gottschalk-Geschichte habe ich mich wirklich bemüht, hier herauszufinden, ob diese Geschichte auf irgendwelchen realen Fakten beruhen könnte. Kann sie offenbar nicht.)

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(Stickerei auf einem Buchumschlag aus dem 13. Jahrhundert, vermutlich von Anne de Felbrigge, einer Nonne, der das Buch (ein Psalter) gehörte, selbst angefertigt.)

An dieser Stelle der Handlung, als Johanna eine Nachbarin von Madalgis sieht, die sich während deren Abwesenheit um die Kinder gekümmert hat, bringt die Autorin auch ein paar Betrachtungen zum Thema Kinderkriegen unter: „Die Frauen brachten ihr erstes Kind nicht selten mit dreizehn, vierzehn Jahren zur Welt, um dann in einem Zustand beinahe permanenter Schwangerschaft zu verbleiben und mit steter Regelmäßigkeit ein Kind nach dem anderen in eine triste Welt zu setzen. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, daß eine Frau im Laufe ihres Lebens zwanzigmal und öfter schwanger war, wenngleich einige dieser Schwangerschaften aufgrund von Fehl- und Frühgeburten keine neun Monate währten. Wenn eine Frau in die Wechseljahre kam – falls ihr ein so langes Leben beschieden war; denn jede Geburt war für Mutter und Kind mit einem hohen Risiko verbunden – waren ihr Körper und ihr Geist erschöpft und ausgelaugt.“ (S. 275)

Hier nur ein kurzer Kommentar zum Alter von Frauen bei der Eheschließung: Aus dem frühen Mittelalter hat man keine Daten, aus denen man irgendwelche Durchschnittswerte ermitteln könnte – Taufen, Hochzeiten etc. wurden noch nicht in Kirchenbüchern eingetragen -, aber es muss nicht sein, dass das durchschnittliche Heiratsalter besonders niedrig lag. In der frühen Neuzeit, aus der man Daten hat, heirateten die Frauen auf dem Land (je nach wirtschaftlicher Lage) im Durchschnitt mit Anfang bis Mitte zwanzig, die Männer mit Mitte bis Ende zwanzig. Ob man heiraten konnte, hing zumindest zu dieser Zeit eben davon ab, ob man einen eigenen Hausstand gründen konnte, was nicht immer einfach war. Mit der Situation bei der Familiengründung im Frühmittelalter kenne ich mich zugegebenermaßen nicht besonders gut aus, und, wie gesagt, die Quellenlage ist hier deutlich schlechter. Das Mindestheiratsalter war für Mädchen zwölf Jahre, für Jungen vierzehn; aber das sagt über das durchschnittliche Alter eben noch nichts aus. Bei uns wird ja auch nicht häufig mit achtzehn oder neunzehn geheiratet.

File:MCC-42054 Veelluik met het martelaarschap van de H. Theodosia (57).jpg

(Anonyme Darstellung aus den Niederlanden, 1545. Okay, streng genommen nicht mehr Mittelalter.)

Was später noch wichtig wird: Johanna bringt Magaldis‘ zwölfjährigem Sohn Arn das Rechnen bei und schlägt ihm vor, auf die Klosterschule zu gehen (dazu müsste er nicht Mönch werden), wenn sie es einrichten kann.

Nachdem Madalgis geheilt ist, wird Johannes Anglicus in der ganzen Gegend als Wundertäter gepriesen. Als einer der beiden Priester des Klosters stirbt (die übrigen Mönche sind Laienbrüder), wollen alle Johannes Anglicus als seinen Nachfolger sehen. Rabanus Maurus ist davon nicht begeistert: „Der Abt gab Bruder Thomas den Vorzug, der zwar nicht die überragenden Geistesgaben des Johannes Anglicus besaß, wie jedermann wußte, der aber sehr viel berechenbarer war – eine Eigenschaft, die Rabanus schätzte.“ (S. 281) (Natürlich sind die Bösen auch dumm und der religiöse Fanatiker will nur loyale Jasager.) Allerdings fürchtet Rabanus nach der Geschichte mit Gottschalk auch schon darum, welchen Ruf seine Amtsführung beim Bischof und beim König genießt – also wählt er den hochbegabten und geschätzten Johannes Anglicus als Priester für das Kloster aus.

Datei:Meister von Seitenstetten - Maria Verkündigung.JPG

(Vom Meister von Seitenstetten, um 1490.)

Diese Szene ist übrigens ziemlich seltsam. Der Abt verkündet seine Entscheidung bei der Versammlung im Kapitelsaal, und dann heißt es: „Johanna errötete vor Aufregung. Ich bin Priesterin! Sie konnte es kaum fassen, von nun an die heiligen Sakramente erteilen zu dürfen.“ (S. 281) Sie denkt daran zurück, dass dies der Traum ihres Vaters für Matthias und Johannes war, und sie ihn nun erfüllt. Der Gedanke „Ich bin Priesterin“ macht natürlich überhaupt keinen Sinn, denn es hat noch keine Weihe stattgefunden (mal ganz abgesehen davon, dass die ungültig wäre). Die Priesterweihe kommt dann auch nicht mehr vor.

Hier wird auch kurz aus Bruder Thomas‘ Sicht erzählt. Wir haben ihn ja schon als entschiedenen Frauenfeind kennengelernt; jetzt zeigt er sich auch noch als ehrgeizig, dumm und neidisch – also so, wie praktisch alle Gegner Johannas: „Doch was Thomas an geistiger Kraft fehlte, machte er durch Verbissenheit und das Bemühen wett, die äußeren Formen des Glaubens zu perfektionieren. Jedesmal, wenn Thomas seine Mahlzeiten beendete, achtete er sorgfältig darauf, sein Messer und die Gabel  als Tribut an das heilige Kreuz Christi senkrecht auf den Tisch zu legen. Und niemals trank er seinen Wein auf einen Zug, wie die anderen, sondern nippte bedächtig daran, nahm immer nur ehrfurchtsvoll drei kleine Schlucke hintereinander, als fromme Veranschaulichung des Wunders der Heiligen Dreifaltigkeit. Johannes Anglicus gab sich niemals auch nur die geringste Mühe, was solche demutsvollen Handlungen betraf.“ (S. 282) Bruder Thomas wünscht seinen Rivalen in die Hölle, scheinbar ohne alle Gewissensbisse.

Datei:AnnunciationJeanPoyer.jpg

(Von Jean Poyer, ca. 1500.)

In der nächsten Szene wird Johanna ein Besucher angekündigt – ihr Vater. Sie folgt dem Mönch, der sie zu ihrem Vater führt, weil ihr keine Ausrede einfällt, es nicht zu tun; verbirgt ihr Gesicht dabei aber nach Möglichkeit unter ihrer Mönchskapuze, und führt ihren Vater, als sie allein sind, rasch in die dunkle Kapelle. Tatsächlich hält er sie zunächst weiterhin  für Johannes. Kurz fragt er nach Johannas angeblichem Tod bei dem Normannenangriff:

„‚Ist deine Schwester gestorben, ohne daß sie… geschändet wurde?‘

Johanna hatte plötzlich das Bild Gislas vor Augen, wie sie vor Schmerz und Angst schrie, während die Normannen ihr einer nach dem anderen Gewalt antaten.

‚Sie ist unberührt gestorben.‘

Deo Gratias.‘ Der Dorfpriester bekreuzigte sich. ‚Dann war es Gottes Wille. Johanna war ein starrköpfiges und unnatürliches Kind. Nie hätte sie ihren Frieden mit der Welt gemacht. Es ist besser so.'“ (S. 288)

Als Johanna sich dann nach ihrer Mutter erkundigt, erfährt sie, dass Gudrun tot ist:

„‚Sie ist vor einem Monat gestorben‘, fuhr der Dorfpriester fort, ‚ohne sich mit Christus ausgesöhnt und die Beichte abgelegt zu haben. Nein, zu ihren heidnischen Götzen hat sie gebetet! Als die Hebamme mir sagte, dass mein Weib sterben müsse, habe ich alles getan, was ich konnte, aber sie wollte das heilige Sterbesakrament nicht empfangen. Ich habe ihr die Hostie in den Mund geschoben, aber deine Mutter hat mich damit angespuckt.‘

‚Die Hebamme war bei ihr? Du willst damit doch nicht etwa sagen…‘ Ihre Mutter war gut fünfzig Jahre und längst über das gebärfähige Alter hinaus. Nach Johanna hatte sie kein Kind mehr bekommen.

‚Man hat mir nicht einmal erlaubt, sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Nicht mit dem ungetauften Kind in ihrem Leib.‘ Er fing an zu weinen; tiefe, erstickte Schluchzer schüttelten seinen ganzen Körper.

Hat er sie doch geliebt? fragte sich Johanna. Ihr Vater hatte eine seltsame Art gehabt, seine Liebe zu zeigen – mit seinen wilden Zornesausbrüchen, seiner Grausamkeit und seiner Begierde, dieser selbstsüchtigen Begierde, die Gudrun letztendlich das Leben gekostet hatte.

Die Schluchzer des Dorfpriesters verstummten allmählich, und er begann das Totengebet zu sprechen. Diesmal fiel Johanna nicht ein. Leise, kaum zu vernehmen, sprach sie den heiligen Eid und rief den geheiligten Namen Thors des Donnerers an, genau so, wie ihre Mutter es sie vor langer Zeit gelehrt hatte.“ (S. 289f.)

Ich muss sagen, ich komme noch immer nicht so ganz dabei mit, woran Johanna nun überhaupt glaubt. Okay, sie selber vermutlich auch nicht.

File:Maria Verkündigung, Altar von Schloss Tirol.jpg

(Altar von Schloss Tirol, um 1370.)

Ihr Vater gibt im weiteren Verlauf des Gesprächs zu, dass er seine Stellung als Pfarrer in Ingelheim verloren hat, weil der Zölibat inzwischen strenger durchgesetzt wird, und bittet Johanna, bei Abt Rabanus ein gutes Wort für ihn einzulegen – vielleicht könnte man ihn bei der Sachsenmission gebrauchen? Johanna ist angewidert und unwillig, ihm zu helfen. Doch als ihr Vater sie dann festhält und sie sich losreißt, rutscht ihr die Kapuze vom Kopf, und er erkennt sie.

Wütend beschimpft er sie und will zum Abt gehen, um ihre Identität zu verraten, doch ehe er das tun kann – wird er von einem Schlaganfall getroffen. Noch in den wenigen Augenblicken, die ihm bleiben versucht er Johanna zu verraten:

„Mit lodernder Wut starrte er sie an, und mit einer letzten, explosiven Kraftanstrengung spie er ein einziges Wort hervor. ‚Mulier!‘

Weib!

Wild warf er den Kopf von einer Seite zur anderen; dann ging plötzlich ein Ruck durch seinen Körper; er lag regungslos da, und seine leeren Augen starrten ins Nichts.“ (S. 293)

Die anderen Mönche, die herbeigeeilt sind, um zu helfen, haben sein letztes Wort jedoch nicht verstanden und Johanna erzählt ihnen, er hätte die Jungfrau Maria angerufen. Sie ist sicher.

(„Mulier“ müsste man übrigens eigentlich mit „Frau“ übersetzen. Es hat nicht die negative Konnotation, die „Weib“ im Deutschen angenommen hat, sondern ist ein ganz neutraler Begriff.)

File:Bartolo di Fredi - Annunciation - WGA1323.jpg

(Von Bartolo di Fredi, ca. 1383.)

Na ja, ich schätze, jeder Schriftsteller macht sich irgendwann einmal des Gebrauchs des Deus ex machina schuldig. Man hat seine Figuren in eine ausweglose Situation hineinmanövriert, und es fällt einem keine stimmige Weise ein, sie wieder herauszuholen. Also lässt man kurzerhand einen Antagonisten aus heiterem Himmel an einem Schlaganfall sterben, oder ein reicher Onkel aus Amerika, der vorher nie erwähnt wurde, taucht auf und löst alle Probleme. Das haben schon bessere Schriftsteller so gemacht. Ein besonders tolles Stilmittel ist es trotzdem nicht.

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(Von Sebastiano Mainardi, 1482.)

Im nächsten Kapitel bekommen wir eine kurze Szene bei Gerold. Wir schreiben inzwischen das Jahr 841, und Ludwig der Fromme ist tot und das Reich ist zwischen Lothar, der den Kaisertitel trägt (den er wohl schon als Mitregent seines Vaters im Jahr 823 erhalten hat) und seinen Brüdern Karl und Ludwig aufgeteilt worden (Pippin ist inzwischen tot). Es gab weitere Konflikte, und Karl und Ludwig kämpfen nun gegen Lothar. Gerold hat sich Lothar angeschlossen, auch wenn er ihn für keinen guten Herrscher hält:

„Die Teilung, durch die das Land im vergangenen Jahr zerstückelt worden war, hatte einen schrecklichen Tribut gefordert: Die Normannen hatten sich die Schwäche des Frankenreiches zunutze gemacht, die durch den inneren Zwist und den Bruderstreit noch verstärkt worden war; ihre Raubzüge an der fränkischen Küste wurden immer häufiger und gewalttätiger und hatten furchtbare Zerstörungen zur Folge. Falls Lothar hier, in Fontenoy, einen entscheidenden Sieg davontrug, hatten seine Brüder keine andere Wahl, als sich ihm zu unterwerfen und ihn zu unterstützen. Und ein Frankenreich, das von einem Despoten regiert wurde, war immer noch besser als gar kein Frankenreich; denn die Herrscher wechselten, das Reich aber blieb.“ (S. 295f.) Diese Einstellung kommt mir wenig zeittypisch vor. Im Frühmittelalter dachte man doch eher im Sinne von Gefolgschaftstreue zu einem Herrscher als im Sinne von Landestreue zu einem abstrakten Reich… wobei die Besorgnis wegen der Normannen natürlich Sinn macht.

Wir erleben jedenfalls die Schlacht von Fontenoy, die Lothar durch falsche Taktik verliert. Gerold wird verletzt, überlebt aber.

File:Jacopo di cione (attr.), annunciazione del 1371, da quella dell'annuzniata, 02.JPG

(Fresko in San Marco in Florenz, Jacopo di Cione zugeschrieben, 1371.)

Dann sind wir wieder in Fulda bei Johanna. In der Gegend bricht eine Hungersnot aus und dann kommt die Lungenpest. Auch Bruder Benjamin erkrankt und Johanna erteilt ihm vor seinem Tod noch die letzte Ölung und reicht ihm die Kommunion.

In dieser Krisenzeit sind Johannas seelsorgerliche Dienste auch sonst stark gefordert: Sie muss häufig Beichten abnehmen und zu ihren täglichen Messen erscheinen ungewöhnlich viele Gläubige und drängen sich zur Kommunion. Als Johanna einmal die Kommunion austeilt, kommt sie auf die Idee, statt Hostien und Wein nacheinander herumzureichen und jeden aus dem gleichen Kelch trinken zu lassen, die Hostien in den Wein einzutunken und sie so zu spenden, um die Ansteckungsgefahr bei dieser Gelegenheit zu verringern. Sie führt auch sorgfältig Buch über alle neuen Ansteckungen mit der Krankheit.

Als Abt Rabanus, der längere Zeit abwesend war, von seiner Reise zurückkehrt, wirft er ihr vor, am Messkanon herumzupfuschen und wischt alle ihre Bedenken und Studien beiseite: „Solche Beobachtungen sind nutzlos, denn sie entspringen nicht dem Glauben, sondern den Sinnen des menschlichen Körpers – und denen darf man nicht trauen. Sie sind Werkzeuge des Bösen, mit denen der Teufel die Menschen von Gott fort und in Trugbilder lockt, die der Verstand uns vorgaukelt.“ (S. 314) Johanna versucht, ihm klarzumachen, dass laut Augustinus der Verstand ein Geschenk Gottes sei, aber es nützt nichts: „Abt Rabanus blickte sie düster an. Sein Verstand war zwar scharf, doch abgestumpft durch Dogmen und Doktrinen, phantasielos und unbeweglich. Deshalb haßte er logische Dispute dieser Art. Er zog es vor, sich auf dem sicheren Boden der Autorität zu bewegen.“ (S. 315)

Scharf, doch abgestumpft? Die Autorin sollte ihren Verstand mal darauf verwenden, Ordnung in ihre Metaphern zu bringen! Na, vielleicht sollte man schon dankbar dafür sein, dass sie gemerkt hat, dass sie einem der größten Gelehrten dieser Epoche nicht einfach unterstellen kann, ein totaler Idiot gewesen zu sein, auch wenn dann bei ihrer Beschreibung nichts Kohärentes mehr herauskommt. Eins meiner Bücher zitiert Rabanus übrigens mit der Aussage, die Dialektik (d. h. die Logik) sei „die höchste aller Disziplinen, die das Lehren und Lernen lehrt“*. Hm.

Jedenfalls verbietet Rabanus die Kommunionspendung mit Intinctio und entbindet Johanna von ihren priesterlichen Aufgaben.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e5/Bayeux_Cath%C3%A9drale_Notre-Dame_Transept_du_sud_Peinture_murale_2016_08_22.jpg

(Hier kann man es nicht genau erkennen, aber wenn man auf diesen Link geht, das Bild anklickt und das linke untere Bild heranzoomt, sieht man es genauer. Die Darstellung ist aus dem 13. Jahrhundert und findet sich in der Kathedrale von Bayeux.)

Ich habe auch dazu mal weiter in meinen Büchern geschaut und habe tatsächlich noch einen Abschnitt zur Liturgie in der Karolingerzeit gefunden. Da liest sich die Sache irgendwie anders: „Für die Kommunion kommt seit dem 9. Jh. die weiße Gestalt des ungesäuerten Brotes in Gebrauch. Die Kommunion empfing man unter beiden Gestalten, wobei wohl das Brot meist in den Kelch getaucht wurde. Doch verlor diese Form an Bedeutung, da die Gläubigen trotz Ermahnungen von Kaiser und Bischöfen nur selten zur Kommunion gingen. Nicht ganz unschuldig an diesem Zustand waren vermutlich die Warnungen an die Laien, sich vor den Gefahren einer schlechten Kommunionvorbereitung zu hüten, sollten doch die heiligen Gestalten in Furcht verehrt werden. Da die Bischöfe unter diesen Voraussetzungen den sonntäglichen Kommunionempfang nicht durchsetzen konnten, verlangten sie von den Gläubigen, mindestens dreimal jährlich, an Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die Kommunion zu empfangen.“**

File:Barna Da Siena - The Annunciation - WGA01280.jpg

(Von Barna da Siena, ca. 1340)

Nur wenig später beginnt Johanna, sich ebenfalls fiebrig und schwindlig zu fühlen und einer der Brüder bringt sie ins Spital. Doch als ihr klar wird, dass er ihre Kleidung ausziehen wird, um sie mit feuchten Tüchern zu behandeln, flieht sie in einem unbeobachteten Moment aus dem Spital und aus dem Kloster. Sie geht zum nahen Fluss und legt sich in ein Fischerboot, das sie kurzerhand losmacht. So treibt sie also fiebernd den Fluss hinunter, bis das Boot irgendwann wieder ans Ufer stößt und sie von Fremden gefunden wird.

File:Mariotto Di Nardo - Annunciation - WGA14088.jpg

(Von Mariotto di Nardo, 1395.)

Und hier mache ich jetzt mal wieder einen Punkt.

 

* Jean-Marie Mayeur u. a. (Hrsg.): Die Geschichte des Christentums. Religion – Politik – Kultur. Bd. 4: Bischöfe, Mönche und Kaiser (642-1054), Freiburg i. Br. 1994, S. 754. Das Zitat stammt ursprünglich aus Rabanus‘ Schrift De Institutione clericorum.

** Ebd., S. 770.

 

Die Päpstin, Teil 3: „Liebe“, Naturwissenschaft und Aberglaube

Ich hatte ja schon angekündigt, dass sich zwischen Johanna und Gerold eine Liebesgeschichte entwickelt. Johanna ist an dieser Stelle zwölf bzw. dreizehn Jahre alt und kommt allmählich in die Pubertät; Gerold ist Mitte bis Ende zwanzig.

Zum ersten Mal wird Johanna ihre Verliebtheit bewusst, als Gerold sie einmal vor ihren mobbenden Mitschülern beschützt. Die Autorin gibt sich an dieser Stelle ganz besondere Mühe, poetisch zu sein:

„Wieder spürte Johanna, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Bis auf Aeskulapius hatte sich niemand so für sie eingesetzt und so nette Dinge über sie gesagt.

Gerold war… anders.

Die Knospe einer Rose wächst im Dunkeln. Sie weiß nichts von der Sonne, doch sie reckt sich furchtlos in die Finsternis, die sie umgibt, bis die Hülle schließlich birst, bis die Rose erblüht und ihre Blätter im Licht entfaltet.

Ich liebe ihn.“ (S. 131)

Na ja.

Mit anderen Worten: Hier bildet ein Mädchen, das sich nach emotionaler Zuwendung sehnt, sich ein, seine Schwärmerei für einen älteren Mann sei wahre Liebe. Das ist gar nicht mal unrealistisch; das kann passieren.

Gerold nimmt sich weiter ihrer an und zeigt auch Interesse an ihren Studiengebieten. Er besorgt ihr sogar eine Abschrift des seltenen Werkes De rerum natura des antiken epikureischen Philosophen Lucretius, die sie dann gemeinsam studieren. An dieser Stelle erfährt man auch, dass Gerold ein paar Jahre in der Palastschule in Aachen verbracht hat. Außerdem wird erwähnt, dass Johanna sich besonders über diese Schrift freut, weil sie an der Domschule keinen Zugang zu heidnischen Werken hat: „Odo gestattete ihr keinerlei Zugang zu den großen klassischen Werken, die in der Dombibliothek aufbewahrt wurden; Johanna durfte lediglich die geistlichen Schriften studieren – die einzigen Texte, die für ihren ‚schwachen und leicht zu beeindruckenden weiblichen Verstand geeignet’ seien, wie Odo sich ausdrückte.“ (S. 144) Ich dachte, Odo sollte ein christlicher Fanatiker sein? Wieso genau hält er die christlichen Texte nun für minderwertig und anspruchslos? Gut, man könnte diese Formulierung auch so interpretieren, dass Odo meint, Johanna würde durch heidnische Texte nur fehlgeleitet werden, weil sie das Wahre und das Falsche darin nicht unterscheiden könnte.

Aber weiter mit Lucretius. Es ist interessant, dass die Autorin ausgerechnet ihn ausgewählt hat; er ist tatsächlich einer der sehr wenigen unter den antiken Intellektuellen, den man mehr oder weniger als Atheisten bezeichnen kann. Er war der Ansicht, dass die Götter die menschliche Welt nicht beeinflussen, dass die Seele sterblich sei und dass der Mensch sich somit nicht vor den Göttern und dem, was nach dem Tod kommt, fürchten sollte. Außerdem vertrat er die Atomlehre des Demokrit. De rerum natura ist eher ein philosophisches als ein naturwissenschaftliches Werk (Naturwissenschaft im strengen Sinn gab es in der Antike sowieso nicht), aber gerade im 6. Band widmet Lucretius sich auch ausführlich bestimmten Naturphänomenen: Zum Beispiel erklärt er, dass Blitze dadurch entstünden, dass Wolken Feueratome enthielten, die vom Wind herausgepresst würden (oder so ähnlich). Johanna ist ganz begeistert von dem Werk: „Um die Wahrheit zu entdecken, hatte Lukretius an einer Stelle geschrieben, müsse man lediglich die Welt der Natur beobachten. Dieser Gedanke war zu Lukretius’ Zeiten vollkommen vernünftig gewesen, doch Anno Domini 827 war er ungewöhnlich, ja, sogar revolutionär.“ (S. 146) Nun ja. In der Antike gab es zwar Naturbeobachtung und Naturphilosophie, aber keine Naturwissenschaft im modernen Sinne mit wiederholten, falsifizierbaren Experimenten (die einzige wirkliche, auf genauen Beobachtungen beruhende Naturwissenschaft war höchstens die Astronomie, die auch im Mittelalter weiterbetrieben wurde) und auch im Mittelalter betrachtete man weiterhin die Natur und erwartete übrigens auch, darin etwas von Gottes Wesen zu sehen. Tatsächlich bildete der christliche Monotheismus eine wesentlich bessere Grundlage für Naturwissenschaft als der heidnische Polytheismus: Während Griechen und Römer in Gewässern, Blitzen oder Vulkanen direkte Manifestationen einzelner Götter sahen (die somit nicht so einfach vorsehbar oder für Menschen verständlich waren), sah man diese im Christentum alle bloß als Schöpfung des einen Gottes, die dieser auch mit Regeln versehen hatte. Nun glaube Lucretius, wie gesagt, nicht an solche Götter; aber er war ein Ausnahmefall; und solcher Quasi-Atheismus war in der Antike sehr schief angesehen.

File:God the Geometer.jpg

(Deus Geometres, Buchmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Gott wird hier mit einem Zirkel als eine Art Architekt des Universums dargestellt, der es nach mathematischen Prinzipien aufbaut. Quelle: Wikimedia Commons.)

Johanna bieten sich dann auch Gelegenheiten, ihre neue naturwissenschaftliche Einstellung – Wahrheit entdeckt man durch genaue Beobachtung und Vernunftschlüsse, nicht durch Offenbarung oder bestimmte Autoritäten oder Legenden – in der Praxis zu testen: So fängt Gerold die im letzten Teil erwähnte weiße Wölfin und sie beide stellen fest, dass ihre Jungen entgegen der Legende lebend geboren werden. Gerold tötet später die aggressive Wölfin, aber eins der Jungen bleibt auf Villaris und wird zu Ehren des Lucretius Lukas genannt, was wieder mal Unsinn ist. Die Kurzform von „Lucretius“ ist „Lukrez“; der Name „Lukas“ ist nicht damit verwandt. Etwas später reisen die Bewohner von Villaris nach St. Denis zu einem großen Jahrmarkt; und dort entdeckt Johanna nach genauer Beobachtung, dass ein Reliquienhändler, der ihr ein Fläschchen mit ein paar Tropfen Milch von der Muttergottes anpreist, ihr in Wirklichkeit Ziegenmilch andrehen will, die noch warm ist vom Melken.

Dann kommt eine wirklich interessante Stelle. Gerolds Tochter Gisla und Johanna gehen gemeinsam auf dem Markt umher und stoßen auf die Bude einer Wahrsagerin, und Gisla bezahlt diese dafür, dass sie ihnen beiden aus der Hand liest. Gisla wird vorausgesagt, dass sie (die ganz aufgeregt wegen ihrer Verlobung ist und auf dem Markt Stoff für ihr Hochzeitskleid gekauft hat) zwar Ehefrau, aber niemals Mutter werden würde, und dass ihr in ihrem Leben Schmerzen, Angst und Verzweiflung bevorstünden. Die Weissagung für Johanna lautet folgendermaßen: „Du bist, was du nicht sein wirst, Wechselbalg; was du werden wirst ist anders, als du bist. […] Du strebst nach dem Verbotenen. […] Du wirst nicht enttäuscht. Macht und Größe werden dein – viel mehr, als du’s dir erträumen kannst. Doch auch Schmerz und Kummer werden dir zuteil – schlimmer, als du’s dir vorzustellen vermagst.“ (S. 175) Johanna versucht zwar hinterher, die entsetzte Gisla damit zu trösten, dass es sowieso nicht stimme, was Wahrsager prophezeien, aber „ein Teil von ihr wollte an Balthilds wahrsagerische Kräfte glauben“ (S. 176), und vor allem gehen diese Weissagungen tatsächlich in Erfüllung. Mit anderen Worten, eine Autorin, die gerade noch ganz begeistert von der Wissenschaft war und die christliche Religion verachtet hat, stellt hier Aberglauben als glaubwürdig und effektiv dar. Was soll man dazu sagen? Vielleicht war es zu erwarten. Dass sie sich für besonders aufgeklärt halten, hält Leute ja auch nicht davon ab, ihr Horoskop zu lesen, homöopathische Medizin zu nehmen oder sich Heilkristalle in die Wohnung zu stellen. Wie Chesterton einmal gesagt hat: Wenn die Leute nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sondern an alles mögliche.

Gisla wird nicht lange darauf mit ihrem Grafen Hugo verheiratet, und an dieser Stelle schwört Johanna sich, dass sie niemals heiraten wird. „Doch in Johannas Augen war es unverständlich, ja, unglaublich, daß Mädchen in ihrem Alter [sie ist dreizehneinhalb, Gisla vierzehn] so versessen aufs Heiraten waren; denn mit der Ehe ging eine Frau eine unauflösliche Bindung ein, die sie von einem Tag auf den anderen praktisch zur Leibeigenen machte. Ein Ehemann hatte die vollkommene Herrschaftsgewalt über seine Frau und ihre Kinder, ihren Besitz, ja, ihr Leben.“ (S. 178) Das ist falsch. In der römischen Antike hatte der paterfamilias das Recht über Leben und Tod von Frau, Kindern und Sklaven; mit dem Christentum wurde das abgeschafft (ja, auch in Bezug auf Kinder und Sklaven). Und kann Johanna es denn wirklich nicht verstehen, wenn jemand sein Leben mit einem Partner verbringen will? Würde sie denn genauso denken, wenn Gerold nicht verheiratet wäre?

Bischof Fulgentius hält die Hochzeitsmesse ab, und auch hier fallen wieder die Anachronismen auf: Im Frühmittelalter fanden Eheschließungen nicht im Rahmen einer Messe statt, sie mussten nicht einmal in der Kirche stattfinden; erst im Hochmittelalter schrieb die Kirche die Anwesenheit eines Klerikers und zweier Zeugen beim Eheversprechen vor, damit alles klar dokumentiert werden konnte und damit sichergestellt war, dass es sich um keine Zwangsehe handelte oder andere Ehehindernisse (zu nahe Verwandtschaft, frühere Ehe eines Partners, früheres Keuschheitsgelübde eines Partners, o. Ä.) bestanden. Dabei wurde meistens an der Kirchenpforte geheiratet, nicht vor dem Altar.

Als die lateinische Zeremonie vorbei ist, spricht Fulgentius noch einen deutschen Hochzeitssegen, den ich hier einfach mal in Auszügen dokumentieren muss, weil er so herrlich bescheuert und absurd ist. „Möge sie [die Braut] das Verhalten eines Hundes annehmen, der sein Herz und sein Auge stets bei seinem Herrn hat; und selbst wenn sein Herr ihn schlägt oder mit Steinen nach ihm wirft, folgt der Hund ihm nach und wackelt freudig mit dem Schwanze. […] Möge er [der Bräutigam] seiner Frau ein gerechter Herr sein und ihr nie eine härtere Strafe zukommen lassen, als ihr zusteht.“ (S. 179) Wo nimmt die Autorin nur ihre Ideen her?

Kurz nach Gislas Hochzeit geht es dann mit Johannas und Gerolds „Liebesgeschichte“ weiter. Sie sind einmal zusammen im Wald bei Villaris und küssen sich dort. Groß inszenierte Romantik, blablabla. Gerold will dann, anders als die leidenschaftlich verliebte Johanna, jedoch nicht weitergehen: „Was möchtest du denn, Johanna? Daß ich dich zu meiner Geliebten mache? Ich würde dich hier und jetzt lieben, wenn ich wüßte, daß es dich glücklich macht… und daß es dir Glück bringt. Aber es würde deinen Untergang heraufbeschwören. Siehst du das denn nicht?“ (S. 185)

Dummerweise hat Odo die beiden gesehen und erzählt Gerolds Frau Richild davon. Als Gerold kurz darauf auf Reisen geht, um als kaiserlicher Gesandter Rechtsstreitigkeiten in einem anderen Teil des Landes zu klären (er hat diesen Auftrag auch angenommen, um eine Weile von Johanna fort zu sein), schmiedet Richild einen Plan, um Johanna loszuwerden: Sie will sie mit dem Sohn des Hufschmieds von Dorstadt verheiraten. Sie spricht mit Fulgentius darüber, dass er sie von der Schule nehmen soll; als der zunächst warten will, was Gerold dazu sagt, und Johannas Einwilligung einholen will, droht Richild ihm, seinen lockeren Umgang mit dem Zölibat ihrem Vetter, dem Bischof von Utrecht, zu melden, der sich dieses Themas auf einer geplanten Synode in Aachen annehmen will. Fulgentius gibt nach.

Schließlich teilt Richild Johanna die Pläne für die Heirat mit – und stellt sie als Gerolds eigene Idee dar: „Gerold ist zu weichherzig. Das war immer schon sein Fehler. Er brachte es nicht über sich, es dir zu sagen. Ich habe so etwas schon des öfteren erlebt… mit deinen Vorgängerinnen. Jedesmal hat Gerold mich gebeten, die Sache in die Hand zu nehmen. Und das habe ich auch in deinem Fall getan.“ (S. 194) Sie räumt offen ein, dass sie Gerold nicht liebt, als Johanna ihr dies vorwirft, stellt aber klar, dass sie vor allem nicht von „der nichtsnutzigen Tochter eines colonus“ (S. 194) beschämt werden möchte. (Die coloni waren halbfreie Bauern.) Interessant ist hier vielleicht, dass Johanna, obwohl sie sich, als ihr ihre „Liebe“ zum ersten Mal klar geworden ist, gesagt hat, dass sie sich nicht in Gerold verlieben dürfe, weder bei dem Kuss noch bei der Szene mit Richild ein schlechtes Gewissen gegenüber Gerolds Frau zu haben scheint.

Johanna will Richild nicht glauben, dass die Heirat Gerolds Plan sei. Verzweifelt versucht sie, nach einer Prozession in Dorstadt Fulgentius abzufangen, um das Ganze noch zu verhindern; der sagt ihr jedoch nur, er könne ihr nicht helfen, aber ihr Bräutigam sei „ein netter und stattlicher Bursche“ (S. 197). Die Autorin beschreibt ihn hier folgendermaßen: „Fulgentius war ein Mann mit vielen Fehlern und Schwächen, doch hartherzig war er nicht. Der Ausdruck seiner Augen wurde weich, als Mitleid in ihm aufkeimte.“ (S. 197) Sorry, aber einem Mädchen, das zwangsverheiratet werden soll, kann es gleichgültig sein, ob die, die es zur Ehe zwingen wollen, das ungern tun und dabei Mitleid empfinden. Als Johanna bei der Prozession auch ihren Bruder trifft, ist er wütend auf sie, weil er, der nur wegen seiner Schwester auf der Domschule bleiben durfte, diese jetzt verlassen soll. „Ich soll ins Kloster nach Fulda gehen! Vater hat dem Bischof die entsprechende Bitte geschickt, als wir hierher an die Domschule kamen. Falls ich auf der scola versage, sollte ich ins Kloster zu Fulda geschickt werden!“ Und ins Kloster will Johannes definitiv nicht. Er schleudert seiner Schwester noch ein „Ich… ich wünschte, du wärst nie geboren!“ (S. 199) entgegen, bevor er davonrennt. Statt verständlicherweise wütend zu sein, ist Johanna nur „[n]iedergeschlagen“ (S. 199).

Sie plant dann, in der Nacht wegzulaufen, aber Richild mischt ihr ein Schlafmittel in ein Getränk, das sie außer Gefecht setzt; außerdem vergiftet sie den Wolf Lukas, den Johanna hatte mitnehmen wollen. Am nächsten Morgen wird Johanna also nach Dorstadt gebracht, um verheiratet zu werden. Dort sieht sie auch zum ersten Mal ihren Bräutigam Iso: „Vorn in der Menge erblickte Johanna einen hochgewachsenen, rotgesichtigen, starkknochigen Jungen, der verlegen neben seinen Eltern stand. Der Sohn des Hufschmieds. Johanna erkannte seinen mißmutigen Gesichtsausdruck und sah, daß der Junge niedergeschlagen den Kopf gesenkt hielt.“ (S. 206) Das ist ja eine der Stellen, an denen ich mir gerne ausmale, wie der Roman auf andere Weise weitergehen könnte. Eine schöne Möglichkeit wäre, dass Iso sich bei der Zeremonie lautstark weigert, sie zu heiraten – immerhin hat Richild in ihrem Gespräch mit Fulgentius erwähnt, dass Iso zwar ein Auge auf ein Mädchen aus dem Ort geworfen habe, aber sie seinem Vater eine hohe Mitgift für Johanna angeboten habe (s. S. 188). Isos Eltern lenken ein, Iso heiratet seine Liebste, die wütende Richild wirft Johanna aus dem Haus, Fulgentius nimmt sie übergangsweise heimlich bei sich auf, um wiedergutzumachen, dass er sich von Richild hat erpressen lassen, und schickt sie dann an den Hof seines Bruders, eines Adeligen aus Westfalen. Johanna verliebt sich in dessen Sohn und verschwendet keinen Gedanken mehr an Gerold; ihr Liebster darf sie heiraten, weil Fulgentius ihr eine Mitgift stiftet; und sie lebt glücklich bis an ihr Lebensende. Oder so.

Leider hat Donna W. Cross ein anderes Schicksal für alle Beteiligten in petto als mir lieb wäre. Noch während der Festtagsmesse (es ist das Fest der ersten Märtyrer Roms), die vor der geplanten Hochzeitsmesse stattfindet, dringen Normannen in die Kirche ein, schlachten alle dort ab und plündern das Kirchengerät. (Kurze Kritik hier: Die Normannen hatten keine Hörner an den Helmen, wie hier dargestellt. Das wäre auch sehr unpraktisch gewesen, hätte doch ein Gegner im Kampf danach greifen können und ihnen den Helm vom Kopf ziehen können. Gehörnte Helme sind eine Legende aus dem 19. Jahrhundert.)

File:Wikingerhelm (02).jpg

(So sah ein realer Wikingerhelm aus (Nachbildung). Quelle: Wikimedia Commons.)

Johanna kann sich während des Kampfes hinter einem Altaraufsatz verstecken – aber Johannes, Fulgentius, Odo, Richild, Dhuoda, Iso, und so gut wie alle anderen in der Kirche werden getötet. Gisla, die zu Johannas Hochzeit nach Dorstadt gekommen ist, überlebt, wird aber von den Normannen vergewaltigt und weggeschleppt.

Als die Normannen alles geplündert haben und wieder verschwunden sind, überlegt sich Johanna kurz, in Dorstadt zu warten, bis Gerold zurückkehrt; aber dann fürchtet sie, dass auch die Normannen noch einmal wiederkehren könnten und sie dasselbe Schicksal treffen könnte wie Gisla: „Sie hatte erlebt, dass eine schutzlose Frau keine Gnade von ihnen erwarten durfte.“ (S. 216) Schließlich nimmt sie die Kleider ihres toten Bruders, schneidet sich die Haare ab und macht sich als Junge verkleidet auf den Weg zum Kloster von Fulda.

Dann wechselt die Perspektive zu Gerold. Der Leser wird zunächst mit ein paar frühmittelalterlichen Gerichtsbräuchen unterhalten – Schwören auf Reliquien, ein Gottesurteil, das Zahlen von wergeld als Entschädigung für Mord. Auf dem Heimweg von seiner Mission denkt Gerold dann an Johanna, und an seine Frau Richild:

„Ihre Hochzeit war nichts anderes als das sorgsam ausgehandelte Geschäft zweier einflußreicher Familien gewesen, eine Ehe zwischen Geld und Macht. So war es nun mal üblich, und bis vor kurzem hatte zumindest Gerold auch nicht mehr verlangt. Als Richild nach Dhuodas Geburt erklärt hatte, keine Kinder mehr zu wollen, hatte er diesen Wunsch akzeptiert – ohne das Gefühl, irgend etwas Wertvolles unwiederbringlich verloren zu haben. Es war für Gerold nicht schwierig gewesen, willige Gefährtinnen zu finden, mit denen er seine sexuelle Lust auch außerhalb des Ehebetts befriedigen konnte.

Jetzt aber hatte sich das alles verändert. Wegen Johanna. Er stellte sie sich vor: ihr dichtes, weißgoldenes Haar, das ihr Gesicht umrahmte; ihre klugen, wissenden graugrünen Augen, die ihr wahres Alter Lügen straften. Die Sehnsucht nach ihr, die noch stärker war als sein Begehren, ließ ihm das Herz in der Brust schmerzen. Einen Menschen wie Johanna hatte er nie zuvor gekannt. Ihr scharfer Verstand faszinierte ihn, und ihre Bereitschaft, Gedanken und Ideen in Frage zu stellen, die andere Menschen als selbstverständliche und unerschütterliche Wahrheiten betrachteten, erfüllte ihn beinahe mit Ehrfurcht. Mit Johanna konnte er reden wie mit niemandem sonst. Ihr konnte er alles anvertrauen, sogar sein Leben.

Es wäre ihm ein leichtes gewesen, sie zu seiner Geliebten zu machen – ihre letzte Begegnung am Flußufer hatte keine Zweifel daran gelassen. Untypischerweise hatte er seinem Verlangen nicht nachgegeben. Er wollte mehr als die bloße körperliche Vereinigung. Was dieses ‚mehr’ war, hatte er damals nicht gewußt.

Jetzt wußte er es.

Ich möchte, daß sie meine Frau wird.

Es würde schwierig sein – und zweifellos kostspielig –, sich von Richild zu trennen; aber das spielte keine Rolle für ihn.

Johanna soll meine Frau werden, wenn sie mich haben möchte.“ (S. 230f.)

Irgendwie gibt dieser Teil des Buches viel mehr Sinn, wenn man davon ausgeht, dass er eine Fantasie ist, die Donna W. Cross schon als einsame Siebtklässlerin aufgeschrieben hat, die unsterblich in ihren Volleyballtrainer oder Englischlehrer verliebt war. Er liebt mich bestimmt auch! Und seine Frau liebt ihn bestimmt gar nicht! Er wird mich lieben, wenn er erst einmal sieht, wie erwachsen ich schon bin. Oder wenn der Volleyballtrainer oder Englischlehrer ein Faible für junge Mädchen hatte und tatsächlich eine Beziehung zu ihr wollte, sahen die Gedanken vielleicht auch so aus: Es ist eine wirkliche Liebe! Er hat mir versprochen, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, das tut er bestimmt noch. Andere Leute würden das nicht verstehen, aber er liebt mich wirklich. (Liebe verliebte Siebtklässlerinnen: Ein normaler erwachsener Mann interessiert sich für erwachsene Frauen, die sich im selben Lebensabschnitt befinden wie er und für eine ernsthafte Beziehung bereit sind. Wenn ein erwachsener Mann sich für junge Mädchen interessiert, die gerade erst ihre erste Periode bekommen haben, dann nicht wegen ihrer besonderen Persönlichkeit.) Ehrlich gesagt finde ich es doch ein bisschen bescheuert, wie oft in Romanen Beziehungen zwischen sehr jungen Mädchen und deutlich älteren Männern inszeniert und idealisiert werden: Johanna und Gerold hier, Daenerys und Khal Drogo in „Game of Thrones“; Raphaela und Hernando in „Die Pfeiler des Glaubens“… um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Was wäre sonst noch an diesem Abschnitt auffällig? Da wäre zum einen die Kaltschnäuzigkeit, mit der Gerold an seine früheren Geliebten denkt. Wer waren diese Frauen? Prostituierte? Bauernmädchen von seinem Land oder Bedienstete auf seinem Gut, die gegenüber dem Markgrafen nicht Nein zu sagen wagten? Was war mit denen, wenn eine zum Beispiel ein uneheliches Kind von ihm bekam oder seine Frau ihre Beziehung zu ihm entdeckte? Wieso zählten sie weniger als Johanna?

Dann wäre da das Thema Scheidung. Tatsächlich konnte die kirchliche Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe, soweit ich weiß, im Frühmittelalter noch nicht so streng durchgesetzt werden wie später; aber ein paar Probleme mit der Kirche hätten Gerold wohl doch erwartet. Immerhin legte Papst Nikolaus I. (Papst von 858 bis 867) sich nur wenige Jahrzehnte später mit dem fränkischen König Lothar II. an, der sich scheiden lassen und seine Mätresse heiraten wollte, und gab nicht einmal nach, als Lothar Rom belagern ließ. Aber gut; Gerold denkt sich ja selbst, dass eine Scheidung „schwierig“ werden wird.

Jedenfalls wird aus Gerolds Plänen nichts. Als er heimkehrt, ist Villaris niedergebrannt und seine Frau und seine jüngere Tochter liegen tot zwischen den Leichenbergen in der geplünderten Kathedrale von Dorstadt.

Als er dort die Kathedrale noch nach Johanna durchsucht, melden ihm seine Männer, dass an der Küste Normannen gesichtet wurden und er reitet sofort mit ihnen hin. Das ist wieder mal Unsinn: Dorstadt liegt etwa 250 km von der Nordsee und ebenso weit von der Ostsee entfernt, da ist man nicht nach einem kurzen Ritt.

Sie kommen gerade zur Küste, als die Normannen dabei sind, an Bord ihres Schiffes zu gehen. Es gibt einen kurzen Kampf; aber die Normannen fliehen rasch auf das Schiff und legen ab. Als sie davonfahren, sieht der entsetzte Gerold seine Tochter Gisla an Bord, von der er gar nicht wusste, dass sie bei dem Überfall in der Kathedrale war (er hätte sie in ihrem neuen Zuhause bei ihrem Mann vermutet). Das Schiff der Normannen entfernt sich rasch, und die Franken besitzen keine eigenen Schiffe, um sie zu verfolgen. Gerold vermutet nun, dass auch Johanna, deren Leiche nicht in der Kathedrale lag, schon unter Deck war.

Ich hasse diese Wendung mit den Normannen, muss ich sagen. Und wenn man im Lauf des Buches nichts mehr weiter von Gisla erfährt, bin ich echt sauer.

Aber jetzt mache ich erst einmal einen Punkt. Beim nächsten Mal geht es einige Jahre später weiter…

Die Päpstin, Teil 2: Johanna leidet an Amnesie und Donna W. Cross kann nicht rechnen

Die erste Leseetappe von „Die Päpstin“ war ja schon nicht besonders vergnüglich. Aber die zweite war so schlimm, dass ich manchmal vor Fremdscham gar nicht mehr weiter wusste. Wie bringt ein Mensch es nur fertig, so einen Text zu produzieren? Da sind ja Bücher mit Titeln wie „Die Leidenschaft des Highlanders“ oder „Eine Liebe in Cornwall“ besser.*

Eine Ankündigung: Heute werde ich im Buch nicht so viel weiterkommen, weil ich paar Szenen im Detail ansehen will – dieser Teil gibt einfach so viel Stoff her.

Wir erinnern uns: Aeskulapius ist fort, und die hochbegabte Johanna hat wieder keine Möglichkeit, ihren Studien nachzugehen, und ist verdammt dazu, mit ihrer Mutter den Haushalt zu verrichten. Aber nun stellt sich heraus, dass Aeskulapius offenbar, bevor er das Frankenreich verlassen hat, beim Bischof von Dorstadt ein gutes Wort für sie eingelegt hat; dieser schickt Männer, die sie an seine Domschule holen sollen. (Dorstadt ist ein kleiner Ort in Niedersachsen bei Braunschweig, urkundlich erstmals 1110, also knapp dreihundert Jahre nach Johannas Leben, erwähnt, und besaß ab 1189 ein Frauenkloster, aber, soweit ich herausfinden konnte, nie einen Bischof.) Nur einer der Abgesandten kommt direkt nach Ingelheim – die anderen warten fünfzehn Meilen entfernt, aus welchem Grund auch immer, vielleicht mussten sie noch auf einem Umweg etwas erledigen – und Johannas Vater macht diesem Abgesandten weis, in dem Schreiben mit seinen Anweisungen müsse ein Fehler stecken, es könne nur „Johannes“, nicht „Johanna“, heißen, und schickt somit Johannas älteren Bruder mit ihm Der Abgesandte ist zunächst skeptisch, aber als Johannas Mutter, die ihre Tochter bei sich behalten will, bestätigt, dass nur Johannes gemeint sein könnte, glaubt er es. Die verzweifelte Johanna spricht ihn auf Latein an, um ihm zu zeigen, dass sie gemeint ist, aber er versteht es nicht und glaubt, sie spräche Sächsisch, und dann hindert ihr Vater sie daran, weiter mit ihm zu sprechen.

Der Abgesandte reitet also mit Johannes fort. An dieser Stelle wird zum ersten Mal aus Johannes’ Sicht erzählt; bisher ist er meistens als weinerlich, dumm, selbstsüchtig und nachtragend erschienen, und jetzt, wo man seine Gedanken erfährt, wird auch kein viel besseres Bild von ihm vermittelt. Er will nicht an die Domschule, sondern träumt insgeheim davon, Krieger zu werden und Heiden abzuschlachten, wie der alte Sattler Ulfert, der ihm von seiner Teilnahme an den Sachsenkriegen erzählt hat. Seltsamerweise neidet er gleichzeitig Johanna ihre enge Beziehung zu ihrer sächsisch-heidnischen Mutter und die Geheimnisse, die die beiden teilen: „Mit ihm, Johannes, hatte die Mutter nie Sächsisch gesprochen. Warum nicht? fragte er sich wohl zum tausendsten Mal voller Bitterkeit. Glaubt sie, ich würde es Vater erzählen? Das würde ich niemals tun – für nichts auf der Welt, egal, was er mit mir anstellt; nicht einmal, wenn er mich schlagen würde.“ (S. 99) Na ja, ein paar innere Widersprüche gehören vielleicht zu einer runden Figur. Nicht, dass ich Johannes als eine solche Figur bezeichnen könnte… aber er ist immerhin gelungener als seine eindimensional gute, kluge, mutige Schwester.

Bevor die beiden den Treffpunkt mit den Kameraden des Abgesandten erreichen, werden sie von einem Wegelagerer angegriffen und der Abgesandte wird getötet, was sehr schön zeigt, wieso Aeskulapius’ ständiges freiwilliges unbegleitetes Pendeln von Mainz nach Ingelheim so unhistorisch war. Johannes kann den Räuber mit einem Hirschhornmesser, das er von seinem Vater gestohlen hat, abwehren. In der Nacht läuft Johanna dann heimlich von zu Hause fort und dem Abgesandten hinterher und trifft ihren Bruder neben der Leiche auf dem Weg. Sie gehen zusammen weiter zu der übrigen Gesandtschaft, die sie dann beide mit nach Dorstadt nimmt.

Als sie Dorstadt schließlich erreichen, werden sie neu eingekleidet – wobei, damit man es sich auch sicher merkt, wenn man die bisherigen Erwähnungen dieser Tatsache vergessen hat, noch einmal erzählt wird, dass Johanna trotz ihrer schönen blonden Zöpfe ein eher jungenhaftes Gesicht hat – und dann zu dem fetten Bischof Fulgentius geführt, der gerade ein rauschendes Fest feiert und dabei seine Geliebte neben sich sitzen hat. Und wieder ein antikatholisches Klischee abgehakt! Eine kurze Kritik kann ich mir hier nicht verkneifen: Der Bischof wird mit „Eminenz“ angeredet, was die Anrede für einen Kardinal ist, während man zu einem einfachen Bischof „Exzellenz“ sagt. Nun ist es laut Wikipedia so, dass die Anrede „Eminenz“ im Frühmittelalter auch noch für Bischöfe üblich war und „Exzellenz“ erst später aufkam; angesichts der anderen historischen Patzer, die im Rest des Buches noch auftauchen, halte ich es allerdings für möglich, dass die Autorin sich einfach keine genauen Gedanken um die Anreden gemacht und irgendeine Klerikeranrede genommen hat, die ihr gerade passend erschienen ist.

Obwohl er nicht gerade ein asketischer Heiliger ist, ist der Bischof jedenfalls recht freundlich und gutmütig eingestellt – im Gegensatz zum gestrengen „schmalgesichtigen“ (S. 113) Schulmeister Odo, der ebenfalls an der Tafel sitzt und klar zu verstehen gibt, dass er es für sinnlos hält, ein Mädchen an der Domschule aufzunehmen: „Ihre [der Frauen] natürlichen Körpersäfte sind kalt und feucht“, erklärt er dem Bischof, „und von daher für eine nennenswerte Hirntätigkeit ungeeignet, zumal die brauchbaren Teile des weiblichen Hirns ohnehin winzig klein sind. Frauen sind nicht imstande, höhere Begriffe oder gar gedankliche Konzepte spiritueller und moralischer Natur zu begreifen.“ (S. 113f.)

Himmel, Odo ist ein schlimmeres wandelndes Klischee antimittelalterlicher Propaganda als Johannas Vater. Um es klar zu sagen: Ja, im Mittelalter war man der Ansicht, dass Frauen ein geringeres Maß an Verstand besäßen als Männer. Diese Ansicht hatte man übrigens direkt von Heiden wie Aristoteles übernommen (in der Bibel stehen Stellen zur Unterordnung von Ehefrauen und dergleichen, aber keine einzige zum Verstand des weiblichen Geschlechts; und wenn von „Körpersäften“ die Rede ist, kann man eigentlich schon von vornherein davon ausgehen, dass sich jemand auf Aristoteles, Hippokrates o. Ä. bezieht). Aber man glaubte keineswegs, dass es widernatürlich wäre, wenn Frauen den Verstand, den sie hatten, einsetzten. Es gab in Antike und Mittelalter gelehrte Frauen, vor allem geweihte Jungfrauen und Nonnen. Und natürlich gab es unzählige Frauen, die als Heilige verehrt wurden – die Odo in den Mund gelegten Worte, Frauen könnten keine Konzepte spiritueller oder moralischer Natur begreifen, sind also doppelt irreführend.

Fulgentius fordert Odo heraus, Johannas Wissen abzuprüfen und Odo stellt ihr theologische Fragen. Ihre Antworten sind im Großen und Ganzen nicht direkt falsch und wirken auf den ersten Blick eindrucksvoll. Die Autorin wirft hier schön mit theologischen Fachbegriffen um sich. Wenn man sie näher anschaut, merkt man aber, dass Donna W. Cross sich vielleicht doch nicht ganz so gründlich in antike und frühmittelalterliche Theologie eingelesen hat. Hier ein Beispiel; Johanna ist nach dem Begriff Quincunque vult gefragt worden. (Wer nicht an der Trinitätstheologie interessiert ist, darf die nächsten paar Absätze überspringen.)

„Vorsichtig erwiderte sie: ‚Das ist der Lehrsatz, der besagt, daß die drei Personen der Dreifaltigkeit kosubstantiell sind. Die Zweinaturenlehre. Daß Jesus Christus so vollkommen göttlich ist, wie er vollkommen menschlich gewesen ist.’“ (S. 115) Im Quincunque vult, besser bekannt als Athanasianum oder Athanasisches Glaubensbekenntnis, stehen tatsächlich beide Lehren, die über die göttliche Dreifaltigkeit (Vater, Sohn, Heiliger Geist) und die über die Zwei-Naturen-Lehre (die nur den menschgewordenen Sohn betrifft); hier lässt die Autorin es allerdings ein wenig so klingen, als wäre nur von einer Lehre die Rede.

Als Johanna dann begründen soll, wieso die Zwei-Naturen-Lehre richtig und der Adoptianismus (die Ansicht, Jesus wäre nur ein Mensch gewesen und nur in dem Sinne „Sohn Gottes“ geworden, dass Gott ihn am Beginn seines öffentlichen Auftretens sozusagen adoptiert hätte, was nicht grundsätzlich verschieden etwa von der Beauftragung eines Propheten gewesen wäre) falsch ist, kommt sie mit dem filioque an – umgekehrt würde eher ein Schuh draus, die Zwei-Naturen-Lehre als Begründung für das filioque. „‚Wenn Jesus Christus durch einen Akt der Gnade der Sohn Gottes wäre und nicht von Natur aus, müßte er sich dem Vater unterwerfen. Doch so zu denken ist Ketzerei und eine Schändlichkeit’ – Johanna zitierte genau aus dem Gedächtnis – , ‚weil der Heilige Geist nicht nur dem Vater entspringt, sondern auch dem Sohne; es gibt nur einen Sohn, und dieser ist kein angenommener Sohn, ‚in utraque natura proprium eum et non adoptivum filium dei confitemur’.’“ (S. 115) Johannas Begründung geht von der falschen Richtung an die Sache heran: Wenn wir zunächst davon ausgehen, dass der Sohn dem Vater wesensgleich (also auch Gott) ist, und dann auch noch davon ausgehen, dass der Heilige Geist, der ja auch noch zur Dreifaltigkeit gehört, aus dem Vater hervorgeht, dann können wir folgern, dass der Heilige Geist, auch aus dem Sohn (filioque, lt. „und dem Sohn“) hervorgeht. Nicht umgekehrt. So war auch die historische Lehrentwicklung: Erst einmal stellte man klar, dass Jesus kein bloßer Mensch war (und auch nicht bloß Gott, der wie bei einer Vision in Gestalt eines Menschen erschienen wäre), sondern wirklich Gott, der wirklich die menschliche Natur angenommen hatte. Danach klärte man die feineren Fragen zum Hervorgehen des Heiligen Geistes. Die Sache mit dem filioque war zu Johannas Zeiten noch umstritten und noch nicht dogmatisch geklärt; die Zwei-Naturen-Lehre war es schon längst.

Auf die Frage zur Begründung der Zwei-Naturen-Lehre muss man andere Antworten finden; verweisen könnte man auf bestimmte Bibelstellen, etwa Selbstaussagen Jesu oder einige Stellen bei Paulus; oder auch auf die Frage, ob denn ein bloßer Mensch für unsere Sünden sühnen könnte. Es gäbe sicher noch einiges mehr, was man sagen könnte, was mir gerade nicht einfällt.

Auch die Art, wie Johanna den Adoptianismus beschreibt („Wobei die Göttlichkeit Christi wiederum dadurch entstanden sein soll, daß er von seinem Vater adoptiert wurde“) ist etwas irreführend. Die Adoptianer betrachteten Christus eben nicht als göttlich, Seinen Status als „Sohn Gottes“ betrachteten sie als durch eine Art Adoption entstanden, wobei dieser Status Ihn aber nicht wirklich göttlich machte. Selbst die irgendwo zwischen Adoptianismus und Katholizismus stehenden Arianer, die Christus ebenfalls Gott unterordneten, ihn aber nicht als bloßen Menschen sahen, sondern als ein vor aller Zeit von Gott geschaffenes oberstes Wesen der jenseitigen Welt, das dann Mensch geworden war (und die dafür auch nicht den Begriff „Adoption“ verwendeten) betrachteten Christus nur als gottähnlich.

(UPDATE: Ich habe hier einen Fehler gemacht. Ich habe mich auf den antiken Adoptianismus bezogen; tatsächlich gab es aber, wie ich inzwischen festgestellt habe, im späten 8. Jahrhundert spanische Theologen, die ebenfalls den Begriff „Adoption“ verwendeten, aber eine andere Lehre vertraten als die antiken Adoptianer. Diese Adoptianer erkannten an, dass Jesus Gott und Mensch war, waren aber der Ansicht, dass er seiner göttlichen Natur nach „filius proprius“ (natürlicher/wesenhafter Sohn) und seiner menschlichen Natur nach „filius adoptivus“ (angenommer Sohn / Adoptivsohn) von Gott dem Vater sei. Die fränkischen Bischöfe verurteilten diese Lehre auf der Synode von Frankfurt von 794, auf der auch zwei päpstliche Gesandte anwesend waren, da sie fanden, dass hier die eine Person Jesu zu sehr getrennt würde. In dem Synodalbrief an die spanischen Bischöfe finden sich folgende Zeilen:

„Es verblieb aber die Person des Sohnes in der heiligen Dreifaltigkeit; zu dieser Person kam die menschliche Natur hinzu, so daß eine Person ist, Gott und Mensch, nicht gotterfüllter Mensch und vermenschlichter Gott, sondern Gott Mensch und Mensch Gott: wegen der Einheit der Person ein Sohn Gottes und derselbe Sohn des Menschen, vollkommener Gott, vollkommener Mensch.“

(Das Zitat stammt aus dem „Denzinger“ (dem von Heinrich Denzinger herausgegebenen „Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“) – der sich übrigens hier auf Google Books findet, für die, die es selbst nachlesen möchten. Da findet sich auch Johannas lateinisches Zitat, das aus dem Glaubensbekenntnis der Synode von Friaul stammt, die sich zwei oder drei Jahre später demselben Thema widmete. Dort heißt es auch: „Und die menschliche und zeitliche Geburt stand jener göttlichen und zeitlosen Geburt nicht entgegen, sondern in der einen Person Christi Jesu (ist) der wahre Gottes- und der wahre Menschensohn; es ist nicht ein anderer Menschensohn, ein anderer Gottessohn, sondern ein und derselbe ist Gottes- und Menschensohn, in beiden Naturen, nämlich der göttlichen und der menschlichen, wahrer Gott und wahrer Mensch; (er ist) nicht scheinbarer Sohn Gottes, sondern wahrer, nicht adoptierter, sondern eigener, weil er niemals wegen des Menschen, den er angenommen hat, dem Vater fremd war. (…) Und deshalb bekennen wir ihn in beiden Naturen als eigentlichen und nicht als Adoptivsohn Gottes, weil ein und derselbe nach der Annahme des Menschen unvermischbar und untrennbar Gottes- und Menschensohn ist.“)

Mit dem filioque hat das natürlich immer noch nichts zu tun, und Johannas Beschreibung des Adoptianismus ist somit erst recht grundfalsch – für die Adoptianer des 8./9. Jahrhundert bezog sich die Adoption ja nur auf die Menschheit, nicht die Gottheit Jesu; sie hätten nie gesagt, die Göttlichkeit Jesu wäre durch Adoption entstanden. UPDATE ENDE.)

Die Dreifaltigkeitslehre, die Zwei-Naturen-Lehre, und die ihnen entgegengesetzten antiken Häresien sind natürlich eine ziemlich vertrackte und nicht ganz einfach zu erklärende Sache. Was ich damit im Rahmen dieser Rezension nur sagen will: Die Autorin hat sich offenbar eher oberflächliches Wissen angelesen, bei dem sie nicht ganz durchgestiegen ist, und hat einfach gehofft, dass es nicht auffällt und Johanna als unglaublich wissend herüberkommt (welcher ihrer Leser kennt denn auch das Athanasianum oder den Adoptianismus?). So ist das in der Schule oder der Uni ja auch oft. Da verbindet man halt Fachbegriffe, die man auswendig gelernt hat, zu Sätzen, die für den Lehrer oder Dozenten eigentlich schon Sinn ergeben müssten (oder?).

Wie auch immer, weiter im Text. Odo gibt sich überzeugt, Johanna hätte hier nur etwas auswendig gelernt und würde es nachplappern (was, ähem, ja tatsächlich nicht unplausibel ist, bezogen auf die Autorin, die Johanna ihre Worte in den Mund legt).

„‚Aber diese Fähigkeit zur Nachahmung darf nicht mit der wahren Vernunft verwechselt werden, die ihrem ganzen Wesen nach eine rein männliche Eigenschaft ist. Denn, wie allgemein bekannt’, Odos Stimme wurde fester und bekam einen autoritären, herrischen Beiklang, denn nun bewegte er sich auf vertrautem Boden, ‚ist die niedere Stellung der Frau gegenüber dem Manne angeboren.’

‚Warum?’ Johanna kam das Wort über die Lippen, noch ehe ihr bewußt geworden war, überhaupt etwas gesagt zu haben.

Odos schmallippiger Mund verzog sich zu einem häßlichen Lächeln. Er sah aus wie der Fuchs, der das Kaninchen in die Enge getrieben hat. ‚Deine Unwissenheit, Kind, offenbart sich schon in dieser Frage. Denn der heilige Paulus selbst hat es als unumstößliche Wahrheit befunden, daß Frauen dem Manne unterlegen sind, was den körperlichen Entwurf, die Rangfolge und die Willenskraft anbelangt.’

‚Was den körperlichen Entwurf, die Rangfolge und die Willenskraft anbelangt?’ wiederholte Johanna.

‚Jaaa.’ Odo sprach langsam und betont, als würde er zu einem geistig zurückgebliebenen Kind reden. ‚Was den körperlichen Entwurf angeht, weil Gott den Adam zuerst schuf und die Eva später; was die Rangfolge betrifft, weil die Eva erschaffen wurde, um dem Adam als Gesellin und Gespielin zu dienen, und was die Willenskraft anbelangt, weil die Eva der Verführung durch den Teufel nicht widerstehen konnte und von dem Apfel aß.’“ (S. 116)

Johanna ist wagemutig und macht sich daran, allen drei Behauptungen ihre eigenen Argumente entgegenzusetzen:

„‚Wie kann’, sagte sie schließlich, ‚die Frau dem Mann im körperlichen Entwurf unterlegen sein? Denn weil Gott sie als zweite schuf, hat er sie aus Adams Rippe gemacht, wohingegen Adam aus feuchtem Lehm geknetet wurde.’“ (S. 116)

„‚Und was die Rangfolge angeht’, die Worte sprudelten aus Johanna hervor, während ihr der Kopf vor Gedanken schwirrte, als sie die logische Kette ihrer Argumentation zusammenfügte, ‚sollte die Frau dem Mann vorgezogen werden, weil Eva innerhalb des Paradieses erschaffen wurde, Adam aber außerhalb.’“ (S. 117)

„Johanna fand ihre Argumentationskette zu interessant, als daß sie groß darüber nachgedacht hätte, ob es besser gewesen wäre, den Mund zu halten. ‚Und was die Willenskraft betrifft, sollte die Frau als dem Mann überlegen betrachtet werden’ – das war ein starkes Stück; aber nun gab es kein Zurück mehr –, ‚denn Eva aß aus Liebe zum Wissen und zum Lernen von dem Apfel, während Adam nur davon aß, weil Eva ihn gefragt hat, ob er ein Stück haben will.’“ (S. 117)

Ach ja, kennen wir ja von sarkastischen Feministenwebsites. – Ich will nur zum letzten Punkt kurz etwas sagen: Der geht so völlig an der Bibelstelle vorbei, dass man meinen könnte, Johanna hätte sie nie gelesen. Es ging weder Adam noch Eva um ein nobles Streben nach Wissen, sondern die Schlange (d. h. der Teufel) verführte sie dazu, sein zu wollen „wie Gott“. Es ging nicht um einen allgemeinen „Baum der Erkenntnis“, sondern um den „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, d. h. um den Wunsch, selbst festzulegen, was gut und was böse ist (oder eine andere Auslegung: sie wollten auch das Böse praktisch austesten, nicht nur das Gute, weil sie meinten, Gott enthielte ihnen etwas vor, wenn Er ihnen das Böse verbat).

Im Saal herrscht nach Johannas Rede entsetztes Schweigen, aber Bischof Fulgentius bricht es mit seinem Lachen. Er scheint das Ganze für eine Art großartigen Witz zu halten. Er nimmt Johanna auf die Domschule auf, und ihren Bruder mit ihr, ohne ihn irgendwie zu prüfen. Odo ist freilich immer noch zornig und Johanna denkt wieder an etwas, das Aeskulapius ihr bei ihrem Gespräch über Hexenprozesse gesagt hat: „Manche Gedanken sind gefährlich.“ (S. 117)

Dann kommt die Frage auf, wo Johanna untergebracht werden soll; Johannes soll bei den anderen Jungen in der Schule wohnen, aber sie als Mädchen? Da bietet ein freundlicher rothaariger Ritter namens Gerold, der ebenfalls an der Tafel sitzt, an, sie bei sich aufzunehmen; sie könnte seinen Töchtern Gesellschaft leisten. Gerold ist ein junger Markgraf, der ein paar Kilometer außerhalb von Dorstadt auf einem großen Gut namens Villaris lebt. Auf dem Weg dorthin erklärt er Johanna etwas über den Bischof: „Er hat Amt und Würden von seinem Onkel geerbt, seinem Vorgänger auf dem Bischofsstuhl. Fulgentius hat nie die Priesterweihe empfangen, und er versucht auch gar nicht erst, sich den Anschein von Tugendhaftigkeit zu geben, wie du gewiß bemerkt hast. Aber du wirst schon noch erkennen, daß er ein tüchtiger Mann in seinem Amt ist und ein guter Mann dazu. Er bewundert die Gelehrsamkeit, wenngleich er selbst kein Gelehrter ist.“ (S. 121f.) Der hier getätigten Aussage, Fulgentius habe nie die Priesterweihe empfangen, steht allerdings die Tatsache entgegen, dass er in den kommenden Kapiteln mehrmals die Messe liest; die Autorin kann sich wirklich nichts merken, was sie geschrieben hat. Soweit ich weiß, kamen solche Fälle, in denen ein Adeliger sich den Titel und das Einkommen eines Bischofspostens sicherte, aber nicht Bischof wurde (oder zumindest nicht gleich Bischof wurde), auch eher in der Frühen Neuzeit als im Frühmittelalter vor.

Gerold nimmt die inzwischen zwölf Jahre alte Johanna also in seinem Haus auf, bei seiner kalten, unsympathischen Gattin Richild, mit der er seit langem nicht mehr in einem Bett schläft, und seinen beiden netten Töchtern Gisla und Dhuoda, die ein Jahr älter bzw. drei oder vier Jahre jünger als Johanna sind. Gerolds Alter wird übrigens ca. ein Jahr später, als Johanna dreizehn und Gisla vierzehn ist, mit siebenundzwanzig angegeben. Das heißt, er müsste dreizehn Jahre alt gewesen sein, als Gisla geboren wurde, und zwölf, als er sie gezeugt hat. Entweder kann die Autorin nicht rechnen oder sie hat keine Ahnung von Biologie; beide Alternativen sind wenig schmeichelhaft. Als Johanna Gerold kennenlernt, schätzt sie ihn sogar erst auf fünfundzwanzig.

Zu Gerold und der ziemlich kranken Geschichte, die sich zwischen ihm und Johanna entwickelt, dann im nächsten Teil; jetzt erst einmal dazu, wie es Johanna an der Domschule ergeht.

Kurz gesagt so, wie es zu erwarten war: Sie genießt das Lernen, die anderen Jungen ärgern sie, ihr Bruder macht dabei mit, und Odo hat es auf sie abgesehen und lässt sie für angeblich zu unrunde Buchstaben 1 Timotheus 2,11-14 fünfundzwanzigmal abschreiben: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen und danach Eva. Und nicht Adam ließ sich verführen, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“ (S. 128) Noch eine Bibelstelle abgehakt, bald sind wir wohl durch. Johanna erträgt alles standhaft, was auch sonst.

An der Schule lernen die Jungen übrigens auch den Schwertkampf, was keinen rechten Sinn macht. An Domschulen wurden Jungen dafür ausgebildet, Kleriker zu werden, und Kleriker hatten nicht mit der Waffe zu kämpfen; wer wollte, dass sein Sohn Ritter wurde, ließ ihn Page und dann Knappe an einem fremden Hof werden. (Und wer wollte, dass seine Tochter eine gute Bildung erhielt, schickte sie in ein Nonnenkloster oder holte ihr einen Hauslehrer; Domschulen waren keine Orte der allgemeinen kostenlosen Talentförderung.)

Gerold wird weiterhin als sehr freundlich dargestellt, und einmal beschützt er Johanna vor ihren Mitschülern. Ein anderes Mal unterhält er sich mit ihr über ihre Studien, und diese Szene möchte ich näher anschauen, da sie das Absurdeste ist, was die Autorin bisher geschrieben hat.

Johanna erzählt ihm von einem Vorfall an der Domschule. In der Gegend wurde eine trächtige weiße Wölfin gesichtet, die im Winter zuvor Reisende angegriffen und ein kleines Kind getötet hat; nun soll eine Jagd auf sie stattfinden. Odo jedoch sei gegen diese Jagd, weil ein weißer Wolf ein heiliges Tier, eine „lebendige Manifestation der Auferstehung Christi“ (S. 135) sei. Diese Darstellung ist gar nicht mal abwegig; im Mittelalter betrachtete man so manche seltenen Tiere, auch etwa weiße Hirsche, als wundersame Wesen und Zeichen für Christus und dichtete ihnen alle möglichen fantastischen Verhaltensweisen an:

„Johanna fuhr fort: ‚Die Jungen eines weißen Wolfes werden tot geboren, hat Odo gesagt. Der Vater muß die Kleinen binnen dreier Tage zum Leben erwecken, indem er sie ableckt. Es ist ein so seltenes und heiliges Wunder, sagte Odo, daß kein Mensch es je gesehen hat.’

‚Und was hast du dazu gesagt?’ fragte Gerold. Er kannte Johanna inzwischen gut genug, um zu wissen, wann sie sich zu Wort gemeldet hatte und wann nicht.

‚Ich habe ihn gefragt, wie man von diesem Wunder wissen kann, wenn es noch nie jemand gesehen hat.’

Gerold lachte laut auf. ‚Ich gehe jede Wette ein, daß unserem braven Schulmeister diese Frage ganz und gar nicht gefallen hat.’

‚Stimmt. Sie ist nicht statthaft hat er gesagt. Und unlogisch noch dazu. Denn obwohl kein Mensch die Auferstehung Christi mit eigenen Augen gesehen hat, zweifelt niemand daran, daß sie stattgefunden hat.’

Gerold legte Johanna die Hand auf die Schulter. ‚Mach dir nichts daraus, Kind.’

Für kurze Zeit trat Stille ein, so, als würde Johanna abwägen, ob sie noch irgend etwas sagen sollte oder nicht. Schließlich schaute sie Gerold forschend an, und auf ihrem jungen Gesicht lag ein Ausdruck von tiefem Ernst. ‚Wie können wir uns denn sicher sein, daß die Auferstehung sich tatsächlich ereignet hat? Wo doch niemand sie beobachtet hat?’“ (S. 135f.)

Doch. Doch, das steht da wirklich. Ich meine, man könnte es eventuell noch so hinbiegen, dass der weitere Text Sinn macht. Wenn es so weitergehen würde, dass Gerold, besorgt um Johannas extremen Gedächtnisverlust und ihren verwirrten Geisteszustand, sie sofort ins nächste Spital bringt oder so.

Der erste Text, den Johanna in ihrem Leben zusammen mit ihrem Bruder Matthias gelesen hat, ist das Johannesevangelium, und inzwischen sollte sie die Bibel – das Neue Testament ganz sicher – in- und auswendig kennen. Sie kennt die Texte von den Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus – wie Maria von Magdala ans leere Grab kam und Ihn dann im Garten traf, wie Er kurz darauf in die Mitte seiner ängstlichen und verwirrten Jünger trat, wie Thomas, der nicht dabei war, ihnen nicht glaubte und sagte, er würde erst glauben, wenn er Jesus selbst sehen und seine Wunden berühren könnte, wie Jesus dann wiederkam und Thomas seine Wunden berühren konnte… Johanna muss die Geschichte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus kennen, die Begegnung am See von Genezareth, wo Jesus Petrus aufträgt: „Weide meine Schafe!“, und die Stelle in 1 Korinther 15, wo Paulus von diesen Begegnungen schreibt und erwähnt, dass Jesus einmal sogar „mehr als fünfhundert Brüdern zugleich“ erschienen sei. Johanna weiß von etlichen Zeugen, die berichteten, dass ein Toter, der ins Grab gelegt worden war, wieder lebendig vor ihnen stand; aber offenbar haben wir keine Möglichkeit, daraus zu schließen, dass eine Auferstehung stattgefunden hat. What the fuck.

Hier halte ich Donna W. Cross kein Unwissen zugute: Dafür hat sie sich genug oberflächliches Bibelwissen angelesen. Sie lügt. Und das Problem ist: Sie wird mit ihren an sich sehr leicht zu durchschauenden Lügen, die einzig und allein dazu dienen, Christen als leichtgläubige Idioten und ihre Religion als widervernünftig darzustellen, bei vielen ihrer Leser durchkommen. Viele ihrer Leser haben nichts, was annähernd an die Bildung heranreicht, die Johanna besitzen soll, und haben wohl nie eine Bibel aufgeschlagen. Viele ihrer Leser sind in Bezug auf die Bibel und die Kirche so ahnungslos, dass sie ihr jedes Wort über den christlichen Glauben abnehmen werden, das in ihrem Buch steht. Es ist eine Schande, wie sie mit ihrer Propaganda auf das Unwissen der Leute zählen kann.

Die Szene geht damit weiter, dass Gerold Johanna erklärt, dass man manche Fragen eben nicht stellen dürfe. Hier wird auch seine religiöse Einstellung näher beschrieben: „Wie die meisten Adeligen in diesem nördlichen Teil des Kaiserreiches – Männer, die während der Regierungszeit des alten Kaisers Karl, der an bestimmten überkommenen Bräuchen festgehalten hatte, zu erwachsenen Männern geworden waren – war Gerold nur im weitesten Sinne ein Christ. Er besuchte die Messe, gab Almosen und achtete auf die Einhaltung der Sonntage, der kirchlichen Feste und der christlichen Gebräuche. Er befolgte jene Lehren der Kirchendoktrin, die ihm bei der Ausübung seiner herrschaftlichen Rechte und Pflichten nicht ins Gehege kamen; die übrigen aber beachtete er gar nicht erst.“ (S. 136) Nennt man so jemanden nicht Heuchler?

Johanna wird dann aus Gerolds Sicht folgendermaßen beschrieben: „Johannas große graugrüne Augen, die so viel tiefer und klüger blicken konnten als die anderer Kinder, waren forschend auf ihn gerichtet. Die Augen einer Heidin, ging es Gerold durch den Kopf. Augen, die dieses Mädchen weder vor Gott noch vor irgendeinem Menschen niederschlagen würde.“ (S. 137) Was wieder mal zeigt, dass Donna W. Cross keine Ahnung vom Heidentum hat: Den Heiden war die Tugend der pietas, der Ehrfurcht vor den Göttern, sehr wichtig; ebenso wie die Achtung vor Ahnen und Familienoberhäuptern. Sie waren keine Atheisten. Und inwiefern soll Ehrfurchtslosigkeit vor dem vollkommen guten und allwissenden Schöpfer denn etwas Positives sein? Vor dem, der mir meine ganze Existenz gegeben hat und mich besser kennt als ich mich selbst – wie könnte ich vor dem nicht die Augen niederschlagen?

Jedenfalls warnt Gerold Johanna davor, dass, wenn sie mit solchen Fragen weitermache, diese sie sogar ihr Leben kosten könnten. Er erzählt ihr von einer Gruppe langobardischer Sabellianer, die ein paar Jahre zuvor als Reisende in die Gegend kamen und die die Leute beschuldigten, einen Hagelschauer herbeigehext zu haben. „‚Fulgentius hat versucht, die Leute zu verteidigen. Doch sie wurden verhört, und man befand ihre Gedanken als ketzerisch. Gedanken, Johanna’, er schaute sie mit ruhigem Blick an, ‚die nicht allzuweit von der Frage entfernt sind, die du heute Odo gestellt hast.“ (S. 139) Zum Hexenglauben habe ich mich schon im vorigen Teil geäußert, und die Todesstrafe für Ketzerei wurde erst im Hochmittelalter eingeführt; in der Realität hätte es einem Bischof also gelingen sollen, einen solchen Gewaltausbruch zu verhindern. Und was man auch gegen die Sabellianer sagen kann, sie wären sicher nicht auf die Idee gekommen, wie Odo und Johanna zu behaupten, es gäbe keine Zeugen für die Auferstehung. Sabellius – hier als „Sabellus“ bezeichnet – vertrat schlichtweg eine Form des Modalismus; nach dieser Lehre besteht Gott nicht wirklich aus drei verschiedenen Personen, sondern Vater, Sohn und Heiliger sind nur drei Erscheinungsformen von Gott. Ja, ja, ich weiß, reale Ketzereien klingen wesentlich langweiliger, als man es beim Wort „Ketzerei“ erwartet.

That’s modalism, Patrick!

Am Ende sagt Gerold zu ihr, sie würden sich später am Abend noch über die Frage nach der Auferstehung unterhalten; aber tatsächlich kommt dieses Gespräch nicht mehr vor. Hat eigentlich niemand das Manuskript probegelesen?

Am Ende noch zu einem weiteren Punkt: In einem der oben zitierten Absätze wird ja hervorgehoben, wie erwachsen und ernst Johanna sei, wie anders als andere Kinder. Das ist nicht die erste solche Stelle. Und sie ist so typisch: Roman- und Drehbuchautoren scheinen ständig zu meinen, aus ganz normalen, durchschnittlichen Menschen, die von sich aus weder überdurchschnittliche Talente noch überdurchschnittliche Tugenden haben und auch nicht von der Gesellschaft als Außenseiter abgestempelt werden, könne man keine Helden machen. (Ein ganz wunderbares Buch, in dem das anders ist, wäre übrigens der historische Roman „Come Rack! Come Rope!“ von Robert Hugh Benson. Sehr empfehlenswert.)

Es wird auch immer wieder herausgestellt, wie anders als andere Mädchen Johanna ist. Schon die Mädchen in Ingelheim konnten nichts mit ihr anfangen, und auch die in Dorstadt gehen ihr aus dem Weg. „Sie betrachteten Johanna mit Argwohn, beteiligten sie nicht an ihren Spielen und erzählten ihr nicht den neuesten Klatsch und Tratsch.“ (S. 143) So frauenfreundlich, wie die Autorin meint, ist ihr Buch eigentlich gar nicht: Die meisten Frauen und Mädchen in der von ihr konstruierten Welt interessieren sich nur für Klatsch und Tratsch und schöne Kleider und Ehemänner, was natürlich alles unter dem Niveau der hochbegabten, außergewöhnlichen Johanna ist. Gerolds Tochter Gisla zum Beispiel wird an späteren Stellen als albern, einfältig und oberflächlich bezeichnet, weil sie jedes Mal kichert, wenn von dem Mann die Rede ist, dem sie versprochen ist, und weil sie unbedingt über ihr Hochzeitskleid reden will. Leute! Das Mädel ist vierzehn! Vierzehnjährige dürfen sich für Kleider begeistern (auch wenn das im Idealfall noch nicht die Hochzeitskleider sein sollten). Ich meine, ich war auch mal die Streberin ohne viel Modegespür (und habe mir auch bisschen was aufs Anderssein eingebildet), aber irgendwann will man dann doch auch mal zumindest ein bisschen hübsch aussehen, und daran ist nichts Schlimmes; im Gegenteil, es ist harmlos und normal. Natürlich gibt es oberflächliche Menschen, die sich fast nur für eigentlich unwichtige Dinge interessieren, und auf die ein- oder andere Weise sind wohl viele Menschen ab und an oberflächlich; trotzdem generalisiert die Autorin hier sehr.

Die anderen Mädchen in Donna W. Cross‘ Welt stellen, anders als Johanna, auch keine tiefergehenden Fragen, begehren nicht auf, und sind zufrieden mit ihrem Leben. „Die anderen Mädchen im Dorf [Ingelheim] interessierten sich nicht für solche Dinge. Sie waren es zufrieden, die Zeit durchzuhalten, die eine heilige Messe dauerte, ohne daß sie einziges Wort verstanden. Sie akzeptierten, was ihnen gesagt wurde, und schauten nicht nach vorn. Sie träumten von einem guten Ehemann – womit sie einen Mann meinten, der sie freundlich behandelte und sie nicht prügelte – , und einem kleinen Stück Ackerland; sie spürten kein inneres Verlangen, das sie über die sichere und vertraute Welt des Dorfes hinausführte. Sie waren für Johanna so unerklärlich, wie Johanna es für sie war.“ (S. 50f.) Nein: Es ist einfach falsch, zu behaupten, die meisten Menschen würden sich nie für religiöse Fragen interessieren; gerade für diese Zeit ist es falsch. Die Mädchen von Ingelheim waren mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bereits vom Tod eines Geschwisterkindes oder Elternteils betroffen, da macht man sich sehr wohl Gedanken darüber, was die Messe, die für die Toten gelesen wird, eigentlich bedeutet. Und jeder Mensch interessiert sich irgendwann einmal für andere Dinge als das Alltägliche; auch dann, wenn er oder sie die allgemein akzeptierten Antworten auf seine Fragen einfach hinnimmt. Und was hat Johanna gegen ein ruhiges Leben, die vertraute Heimat und ein kleines Stück Ackerland? Zudem sollte klar sein: Für die meisten Bauernmädchen dieser Zeit war es auch nicht besonders realistisch, über ihre nähere Umgebung hinauszukommen. Das nennt sich Armut und ist nicht moralisch verwerflich. Ein moralisch guter Mensch kann man auch in einem kleinen Dorf sein, ohne je darüber hinauszuschauen; und eine große Gelehrte zu werden, ist keine moralische Verpflichtung.

Johanna ist hier jedenfalls keine Repräsentantin ihres Geschlechts, die zeigt, dass auch Frauen denken und lernen können, sondern ein extrem seltener Ausnahmefall, eine Art Laune der Natur – wie gesagt, doch keine ganz so feministische Aussage wie beabsichtigt.

Ihre Glaubwürdigkeit als feministische Ikone muss, wie sollte es anders sein, dann auch noch dadurch herausgestellt werden, dass sie ungeschickt bei Nadelarbeiten ist. Hier folgt die Autorin nur den Konventionen des Genres; immerhin haben geschätzte 90% aller historischen Frauenromane eine Protagonistin, die nicht sticken kann. Dabei ist Sticken das einfachste von der Welt. Man zieht eine Nadel durch ein Stück Stoff und zählt dabei die Löcher ab – komplizierter wird’s nicht. Da ist ja noch Stricken schwieriger. „Mehr als einmal hatte Richild sich wegen Johannas Unbeholfenheit mit der Nagel bei ihrem Mann beklagt; Gerold selbst hatte die verzweifelten Bemühungen des Mädchens beobachtet, ihre widerspenstigen Finger zum Gehorsam zu zwingen, und er hatte die kläglichen Ergebnisse ihrer Bemühungen gesehen.“ (S. 137) Was soll dieser Unsinn? Einige Zeit vorher hat Aeskulapius Johanna noch dafür gelobt, dass ihre Buchstaben kleiner und ordentlicher sind als die ihres Bruders; hat sie also geschickte Finger oder nicht? Sticken ist sehr viel einfacher als Schönschrift.

Damit jedenfalls wäre ich am Ende der heutigen Leseetappe – beim nächsten Mal dann zu Johannas Verliebtheit in Gerold, die sich bereits zeigt…

 

* Spontan ausgedachte Titel, aber vermutlich gibt es sie wirklich irgendwo.

Die Päpstin, Teil 1: Der böse Patriarch, die schöne Heidin, die weise Kräuterfrau und der tolerante Philosoph

Ich hatte hier ja angekündigt, mal wieder einen (pseudo-)historischen Roman mit Kirchenbezug anzuschauen und eine gewisse Auswahl zur Verfügung gestellt; entschieden habe ich mich jetzt sowohl für „Die Päpstin“ (bitteschön, Ulrich) als auch für die „Die Ikone des Kaisers“ (bitteschön, Nepomuk); heute erst mal zur Päpstin.

Donna Woolfolk Cross‘ Roman mit dem Originaltitel „Pope Joan“ wurde 1996 veröffentlicht und 2009 verfilmt. Er beruht auf der Legende von einer „Päpstin Johanna“, die aus dem 13. Jahrhundert stammt; diese Päpstin sollte im 9. Jahrhundert gelebt haben und wurde i. d. R. mit Johannes VIII. identifiziert. (Dass sich hinter der Legende keine historische Wahrheit verbirgt, sollte bekannt sein. Vielleicht schreibe ich am Ende meiner Rezension noch etwas über die ursprüngliche mittelalterliche Legende, die ja eigentlich nicht so feministisch gemeint war wie der Roman.)

(Darstellung der Päpstin Johanna, hier als „Johannes der sibend“, d. h. „der siebente“ bezeichnet, in der Schedelschen Weltchronik von 1493; Quelle: Wikimedia Commons.)

Das Buch beginnt bei Johannas Geburt in einem kleinen Ort namens Ingelheim im Frankenreich im Jahr 814. Der Prolog wird aus der Sicht der Hebamme Hrotrud geschildert, die an einem kalten Wintertag zum Haus des Dorfpriesters gerufen wird, dessen Frau einen Monat zu früh mit ihrem dritten Kind in den Wehen liegt. (Im Frühmittelalter gab es tatsächlich häufiger verheiratete Priester und sogar Bischöfe, obwohl es schon in der Antike Beschlüsse zum Klerikerzölibat gegeben hatte; erst im Zuge der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts setzte  man den Zölibat wieder strenger durch. Das Thema wird auch im Prolog kurz erörtert: „Zuerst hatte es für ziemlichen Wirbel gesorgt, daß ein Priester sich eine Frau genommen hatte. Einige Leute sagten, es würde gegen das Gesetz verstoßen; denn der Kaiser habe eine Verordnung erlassen, die es Männern der Kirche untersagte, sich Frauen zu nehmen. Andere jedoch erklärten, so könne es nicht sein; denn es liege ja auf der Hand, daß ein Mann ohne Frau allen Arten sündhafter Verlockungen und verderbten Lastern ausgesetzt wäre.“ (S. 8.)) Der Priester wird als „ein dunkelhaariger Mann mit dichten, buschigen Augenbrauen, die ihm einen ständigen Ausdruck von Strenge verliehen“ beschrieben – und es wird gleich klar, dass er der Böse ist. Als Hrotrud seiner Frau Gudrun ein Schmerzmittel geben will, damit sie sich entspannen kann, wirft er es ins Feuer:

„Der Dorfpriester machte ein düsteres Gesicht. Er nahm Hrotrud das Bilsenkraut aus der Hand, umrundete die Trennwand und warf das  Kraut ins Herdfeuer, wo es zischend verbrannte. ‚Du versündigst dich gegen Gott, Weib.‘

Hrotrud konnte  es nicht fassen. Da hatte es sie Wochen anstrengender Suche gekostet, um diese kleine Menge der kostbaren Medizin zu sammeln, und nun so etwas! Sie wandte sich dem Dorfpriester zu und wollte ihrem Zorn Luft machen, hielt dann aber inne, als sie den harten, kalten Blick in seinen Augen sah.

‚Zur Frau sprach der Herr: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären‘, sagte er und klopfte zur Bekräftigung seiner Worte mit der Hand auf den Einband des Buches [seiner Bibel]. ‚So steht es geschrieben. Eine solche Medizin ist gottlos!'“ (S. 10)

Ich warte schon gespannt auf die Szene, in der der Dorfpriester den Ingelheimer Bauern unter Berufung auf den anderen Teil des Fluches aus dem Buch Genesis den Gebrauch von Pflügen und anderem den Ackerbau erleichternden Gerät verbietet. (Zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes wirst du essen. Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst; denn von ihm bist du genommen, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ (Genesis 3,17-19)) Vermutlich warte ich vergeblich. Ernsthaft, wie kommt die Autorin auf solche Ideen?

Im Prolog erfährt man auch schon etwas über Johannas familiären Hintergrund. Ihr Vater ist ein ursprünglich aus England stammender Missionar, und auch ihre Mutter kommt von weit her:

„Wie lange war es jetzt her, dass der Dorfpriester diese sächsische Frau mit nach Ingelheim gebracht hatte? Zehn Winter? Elf? Nach fränkischen Maßstäben war Gudrun schon damals nicht mehr jung gewesen – sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig vielleicht – ; aber wunderschön mit ihrem langen, weißgoldenen Haar und den blauen Augen der alienigenae [lateinisch für „Ausländer“, „Fremde“]. Gudrun hatte ihre ganze Familie bei dem Massaker in Verden an der Aller verloren. Tausende von Sachsen waren an jenem Tag lieber gestorben, als die Wahrheit Unseres Herrn Jesus Christus als ihren Glauben anzunehmen. Verrückte Barbaren, dachte Hrotrud. Das wäre mir nicht passiert. Sie hätte auf alles geschworen, auf das zu schwören man von ihr verlangt hätte – und so würde sie auch heute noch halten, sollten die Barbaren jemals wieder über das Frankenreich hinwegfegen. Sie würde auf sämtliche fremden und schrecklichen Götter schwören, die von diesen Schlächtern angebetet wurden. Was machte das schon aus? Wer wusste denn, was im Innern eines Menschen wirklich vor sich ging? Eine Hebamme und Kräuterfrau behielt nicht nur ihre Geheimnisse, sondern auch ihre Meinung für sich.“ (S. 11f.)

Okay, Hrotrud ist mir schon mal genauso unsympathisch wie Hernando aus „Die Pfeiler des Glaubens“. Sie bezieht sich übrigens auf die Sachsenkriege unter Karl dem Großen.

Wie auch immer, das Kind wird trotz einiger Komplikationen schließlich geboren, und zur großen Enttäuschung des Vaters ist es ein Mädchen. Er geht sogar so weit, es „eine Strafe Gottes. Eine Strafe für meine Sünden – und die ihren [Gudruns]“ (S. 15) zu nennen. Am Ende des Prologs kann die Autorin es nicht lassen, ihn auch noch „Durch eine Frau entstand die Sünde“ (S. 16; nach Sirach 25,24) zitieren zu lassen. So, nachdem wir Genesis und Sirach hatten, fehlen jetzt nur noch 1 Timotheus 2,11-15, 1 Korinther 14,33-35, und vielleicht Epheser 5,22-33, 1 Korinther 11,3-16 und 1 Petrus 3,1-7. Das sollte doch bald abzuhandeln sein.

Es geht dann weiter, als Johanna fünf Jahre alt ist; die nächsten paar Kapitel folgen ihr über die nächsten Jahre ihrer Kindheit. Gleich das erste Kapitel zeigt erneut die Brutalität ihres Vaters: Als er mitbekommt, wie ihre Mutter Johanna heimlich Geschichten über die sächsischen Götter – Wotan usw. – erzählt, schlägt er Gudrun, beschimpft sie und bedroht sie, zwingt sie, auf Sächsisch zu sagen, dass sie dem Teufel und den sächsischen Göttern widersagt, und schneidet ihr langes blondes Haar ab, weil sie es gerade offen getragen hat, was er sonst nicht erlaubt. („Das Haar einer Frau, sagte der Dorfpriester, ist das Netz, in dem der Teufel die Seele eines Mannes fängt.“, S. 19.)

Johanna hat bereits zwei ältere Brüder, Matthias und Johannes, und der ältere, Matthias, erklärt ihr nach diesem Vorfall, dass ihre Mutter früher eine Heidin gewesen sei und man nicht an fremde Götter glauben und auch nicht von ihnen sprechen dürfe, weil es sie gar nicht gebe.

„‚Ja‘, unterbrach Matthias die kleine Schwester. ‚Mama mußte zum Wohl ihrer Seele bestraft werden. Und sie hat ihrem Ehemann nicht gehorcht, und auch das ist ein Verstoß gegen Gottes Gesetz.‘

‚Warum?‘

‚Weil es so in der Heiligen Schrift steht‘, erwiderte Matthias und zitierte: ‚Denn der Gatte ist der Beherrscher des Weibes; deshalb sollen die Weiber sich in allen Dingen dem Manne unterwerfen.‘

‚Warum?‘

‚Wa-warum?‘ Matthias war perplex. Diese Frage hatte ihm noch niemand gestellt. ‚Na ja, ich nehme an, weil… weil Frauen von Natur aus den Männern unterlegen sind. Männer sind größer, stärker und klüger.'“ (S. 24)

Okay, Epheser 5,23f. hätten wir damit. Um ein bisschen pingelig zu sein: In der Vulgata steht „caput“, was besser mit „Haupt“ als mit „Beherrscher“ übersetzt wird, und der Mittelteil dieser Verse wird von Matthias ausgelassen, („denn der Mann ist das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen.“) (ganz abgesehen von den Versen drumherum).

Matthias ist allgemein sehr freundlich zu seiner Schwester und die wissbegierige Johanna kann ihn etwas später dazu überreden (obwohl er zuerst auch der Meinung ist, dass das für Mädchen nichts sei), ihr im Geheimen Lesen, Schreiben und Latein beizubringen, was er von seinem Vater lernt. Sie überzeugt ihn mithilfe der Legende von der heiligen Katharina von Alexandria, die sehr gelehrt gewesen und 50 heidnische Philosophen in einem Disput besiegt haben soll, bevor sie das Martyrium erlitt, dass daran nichts Schlimmes sein könne, wenn ein Mädchen etwas lernt. Als Johanna rasche Fortschritte bei ihren geheimen Studien macht, schenkt Matthias ihr einen selbstgeschnitzten Anhänger an einer Halskette, der die heilige Katharina darstellt.

Doch dann erkrankt Matthias an einem Fieber und stirbt nach kurzer Zeit. Die hochfliegenden Pläne des Priesters für seinen älteren Sohn (er wollte ihn an die Palastschule in Aachen schicken, damit er dort ausgebildet und später auch Kleriker werden könnte) werden nun auf den nächsten Sohn, Johannes übertragen, der sich mit dem Lesen und dem Latein allerdings deutlich schwerer tut und Angst davor hat, dorthin geschickt zu werden. Als Johanna auf die Idee kommt, ihrem Vater vorzuschlagen, dass sie in Matthias‘ Fußstapfen treten könnte und ihm zeigt, dass sie in der Bibel lesen kann,  rastet er aus, schlägt sie und wirft ihr vor, an Matthias‘ Tod schuld zu sein; Gott hat seiner Meinung nach ihren Bruder für ihre für ein Mädchen widernatürliche Wissbegier bestraft.

Eine Stelle hier ist vielleicht noch interessant: Kurz nach Matthias‘ Tod zwingt der Vater die beiden Kinder, stundenlang auf der Gebetbank zu knien, um Buße zu tun, und Johanna betrachtet dabei das Kruzifix, das ihr Vater aus England mitgebracht hat:

„Doch trotz aller Ausdruckskraft war die Gestalt grotesk. Johanna wußte, dass sie angesichts des Opfers Christi von Liebe und Ehrfurcht erfüllt sein sollte; statt dessen fühlte sie sich von dem Anblick abgestoßen. Verglichen mit den schönen und starken Göttern ihrer Mutter sah diese Gestalt häßlich, zerbrochen und besiegt aus.“

Und das ist der Punkt, liebe Johanna. Ein Opfer sieht nicht schön aus.

(Vielleicht interessiert es auch jemanden, dass ihre Mutter ihr unter anderem davon erzählt hat, wie Wotan eins seiner Augen opferte, um aus der Quelle der Weisheit trinken zu dürfen, das nur am Rande.)

Einige Zeit später kommt ein Gelehrter, der auf dem Weg zur Domschule von Mainz ist, in Ingelheim vorbei und kehrt als Gast im Haus des Priesters ein. Aeskulapius ist Grieche und musste wegen der Auseinandersetzungen um den Ikonoklasmus aus Konstantinopel fliehen. Als Johanna ihn bei einem Gespräch mit ihrem Vater sagen hört, dass das logische Nachdenken von Gott gewollt sei und nicht von ihm fortführen könne („Ein fester Glaube braucht keine Furcht; denn falls es Gott gibt, kann die Vernunft uns nur zu ihm führen. Cogito, ergo Deus est, sagte der heilige Augustin. Ich denke, also gibt es Gott.„, S. 46) ist sie sehr erleichtert, weil sie das als Beweis dafür nimmt, dass sie nicht an Matthias‘ Tod schuld gewesen sein könne. „Heute Abend, als sie Aeskulapius zuhörte, hatte Johanna entdeckt, daß ihre Liebe zum Wissen weder sündhaft noch wider die Natur war, sondern eine unmittelbare Folge der dem Menschen von Gott geschenkten Fähigkeit, logisch und vernunftbestimmt zu denken. Ich denke, also gibt es Gott. Im Herzen spürte Johanna die Wahrheit, die in diesem Zitat lag.“ (S. 47) Gut; ihr Vater wollte ihr ja nur einreden, dass es für Frauen widernatürlich sei, zu viel zu lernen, was sie schon lange durch die Geschichte von der heiligen Katharina widerlegt hätte – aber egal. Aeskulapius wirkt jedenfalls recht sympathisch. Im Gespräch wendet er offenbar gern die sokratische Methode der Maieutik („Hebammenkunst“) an, um den Gesprächspartner durch gezieltes Nachfragen dazu zu bringen, selbst die Wahrheit zu erkennen.

Bevor der Gast wieder geht, will der Priester ihm noch seinen Sohn präsentieren, in der Hoffnung, dass Johannes an der Domschule in Mainz aufgenommen werden könnte. Aber Johannes versagt kläglich, als er über die lateinische Grammatik des Donatus ausgefragt wird und verhaspelt sich, als er aus dem Rätselkatechismus des Alkuin aufsagen soll. Als Johannes bei einer Frage einfach nicht mehr weiterweiß, platzt Johanna schließlich mit der Antwort heraus. Ihr Vater ist wütend, aber Aeskulapius befragt sie weiter, lässt sie aus der Bibel vorlesen und sie erklären, was das Gleichnis vom Senfkorn bedeuten könnte. Er ist beeindruckt von ihrer Intelligenz. Er erklärt ihrem Vater, dass Johannes es vielleicht zu einem Geistlichen niederen Ranges bringen könnte, aber nicht weiter, dass Johanna aber außergewöhnlich begabt sei und er ihr Tutor werden möchte.

„‚Natürlich nicht an der scola‘, fuhr Aeskulapius fort, ‚denn das würde man ihr nicht gestatten. Aber ich werde es so einrichten, daß ich alle zwei Wochen hierherkommen kann. Und ich werde ihr Bücher besorgen, damit sie in der Zwischenzeit ihren Studien nachgehen kann.'“ (S. 53)

Das ist natürlich völliger Unsinn. Im 9. Jahrhundert pendelte man nicht einfach mal so regelmäßig allein von Mainz nach Ingelheim, wenn man nicht musste. Laut Google Maps sind das zwar bloß 15km, was man damals in ein paar Stunden schaffte, aber hatte Aeskulapius auf seinen langen Reisen denn nie Probleme mit Wegelagerern und dergleichen? Und wie kommt er auf die Idee, dass er einfach Bücher aus der Dombibliothek in irgendein Dorf mitnehmen und an ein Kind verleihen dürfte? Noch Jahrhunderte später waren Bücher so teuer, dass sie in Bibliotheken angekettet wurden, damit sie nicht gestohlen werden konnten; erst recht während der Karolingischen Renaissance, wo sich die Kultur (im Westen) gerade erst von den Wirren der Völkerwanderungszeit erholte. Realistisch wäre es gewesen, wenn Aeskulapius Johannas Vater vorgeschlagen hätte, sie zur Erziehung in ein Nonnenkloster zu geben, vielleicht in eins der Benediktinerinnen. Nun waren die meisten Nonnen im Frankenreich vielleicht nicht so gelehrt wie ein Philosoph aus Konstantinopel; aber sie hätten Johanna durchaus einiges beibringen können, die Bildungsreform Karls des Großen hatte auch Einfluss auf die Frauenklöster. Das Buch hätte so weitergehen können, dass Johanna Nonne wird, später mal Novizenmeisterin oder Äbtissin, seltene Handschriften sammelt, Mädchen in Latein und den sieben freien Künsten unterrichtet, Heilkräuter züchtet, medizinische, theologische und philosophische Werke verfasst, und zur Ratgeberin eines Fürsten wird. Oder so. Solche Frauen gab es im Mittelalter tatsächlich (im Gegensatz zu Päpstinnen).

(Die hl. Hildegard von Bingen diktiert ihrem Schreiber Vollmar eine göttliche Eingebung; Miniatur aus dem Rupertsberger Codex; Quelle: Wikimedia Commons)

Wie auch immer. Ihr Vater will nur zulassen, dass Aeskulapius sie unterrichtet, wenn er auch Johannes unterrichtet, und Aeskulapius gibt schließlich nach.

An dieser Stelle wird ein kurzes Kapitel eingeschoben, das in Rom am päpstlichen Hof spielt und wohl die Intrigen und die Korruption dort illustrieren soll. Ein adeliger römischer Junge namens Anastasius bekommt mit, wie sein Onkel Theodorus, einer der Würdenträger des Papstes, von der päpstlichen Miliz ermordet wird. (Erwähnenswert ist hier auch folgende Stelle, die vermutlich die Rückständigkeit des Mittelalters zeigen soll, aber eher das oberflächliche Geschichtswissen der Autorin zeigt: „Vor Anastasius, an einer Wand der Großen Halle, hing eine riesige mappa mundi, eine mit Anmerkungen versehene Wandkarte, auf der die ganze Welt abgebildet war, und zwar in ihrer tatsächlichen Form: als flache Scheibe, die von den Meeren umgeben war.“ (S. 56f.) Tatsächlich wusste man das ganze Mittelalter über, dass die Erde eine Kugel war; die Existenz flacher Weltkarten widerlegt das ebensowenig, wie flache Karten in unseren Atlanten zeigen, dass wir an eine flache Erde glauben. Inwiefern einem zehnjährigen Jungen die Gestalt der Erde damals bewusst war, weiß ich natürlich nicht; aber dennoch ist diese Stelle irreführend.)

(Schematische Darstellung des Weltalls, mit der Erdkugel in der Mitte und den Himmelssphären um sie herum, im Hildegardis-Codex)

Nach diesem kurzen Einschub geht es bei Johanna weiter. Aeskulapius kommt wie versprochen alle zwei Wochen, um die Kinder zu unterrichten. Aber hier zeichnet sich schon ein neuer Konflikt ab: Johannas Mutter ist ganz und gar nicht begeistert davon, was da geschieht.

„Offensichtlich entging Gudruns Haltung auch Aeskulapius nicht; doch führte er ihre Ablehnung darauf zurück, daß der Unterricht Johanna davon abhielt, ihren häuslichen Arbeiten nachzukommen. Johanna aber kannte den wirklichen Grund für Gudruns Unmut: Ihre Studien waren ein Verrat an jener Welt, die sie allein mit der Mutter teilte – die Welt der Sachsengötter und der uralten Geheimnisse dieses Volkes. Indem Johanna die lateinische Sprache lernte und christliche Texte studierte, entfremdete sie sich der einen Hälfte ihres Selbst, ihrer Herkunft, und verbündete sich mit jenen Dingen, die ihre Mutter haßte wie sonst nichts auf der Welt: dem christlichen Gott, der ihre Heimat und ihre Familie zerstört hatte. Und – was noch wichtiger war -, Johanna verbündete sich mit dem Dorfpriester, der für dies alles stand.

In Wahrheit aber beschäftigte Johanna sich vor allem mit vorchristlichen, klassischen Texten. Aeskulapius bewunderte und schätzte die ‚heidnischen‘ Schriften des Cicero, Seneca, Lucanus und Ovid, die von den meisten Gelehrten seiner Zeit als Irrlehren und Ketzerei betrachtet wurden. Er lehrte Johanna, Griechisch zu lesen und sich mit den uralten Texten des Menander und Homer zu beschäftigen, deren Dichtkunst der Dorfpriester schlichtweg als ‚heidnische Blasphemie‘ betrachtete. Johanna dagegen hatte sich noch nie die Frage gestellt, ob Homers Texte  mit den Grundsätzen der christlichen Lehre vereinbar waren oder nicht. Aeskulapius hatte sie gelehrt, die gedankliche Klarheit und den Stil zu schätzen – und eben darin zeigte sich Gott; denn Homers Werke waren von göttlicher Schönheit.“ (S. 64)

Das halte ich für unglaubwürdig, mit Verlaub. Ein Kind – gerade ein kluges Kind – würde einem Lehrer sehr wohl die Frage stellen: Ist das denn jetzt wirklich passiert? Oder sind das bloß Märchen? Dürfen wir die lesen? Oder dienen wir damit den heidnischen  Göttern, um die es da geht? Aeskulapius würde ihr wohl mit Nein, ja, ja, nein antworten (bzw. sie zu diesen Antworten hinführen), und die Sache wäre erledigt, aber es ist unglaubwürdig, dass sie die Fragen nicht stellt.

Ein weiterer Kritikpunkt: Es wird nie so ganz klar, was genau Johanna an ihrem Unterricht fasziniert. Sicher, viele verschiedene Fächer und Werke können faszinieren, aber man wüsste doch gern Genaueres darüber, was sie am liebsten lernt. Die meisten Leute interessieren sich weniger für Wissen und Bücher im Allgemeinen, sondern mehr für dieses Thema oder dieses Buch. Ich war auch immer wissbegierig und besserwisserisch und konnte mit der Schule mehr anfangen als andere Kinder, und als ich ein Kind war, habe ich mich mal für Dinosaurier begeistert, dann für Vulkane, dann für die Kinderbibel, aber eben immer eher für konkretes Wissen als für Wissen an sich. Und  als in der sechsten Klasse die griechischen Sagen durchgenommen wurden, habe ich sie daheim auch mal in einer relativ ausführlichen Version gelesen, und fand sie ganz in Ordnung, wenn auch nicht so spannend wie andere Bücher, und mochte dabei Hektor und Kassandra besonders, und Penelope und Telemachos eigentlich auch, und konnte Paris und Helena nicht leiden. Was fasziniert Johanna denn an der Ilias oder der Odyssee?, frage ich mich. Mit welcher Seite im Trojanischen Krieg fiebert sie mit? Ist sie auch gespannt, ob es Penelope gelingen wird, die Freier hinzuhalten, bis ihr verschollener Mann zurückkehrt? Was hält sie von all den Göttern, die sich in den Krieg einmischen? Ist sie manchmal gelangweilt, wenn sie zur griechischen Grammatik mit ihren hunderttausend Zeitformen zurückkehren soll, statt zu erfahren, wie es mit Odysseus‘ Irrfahrten weitergeht? Hat sie um ihn gebangt, als die Zyklopen vorkamen? Gibt es Stellen bei Cicero oder Lucanus, die ihr weniger gefallen als andere? Mag sie Ovids Metamorphosen? Wenn sie mit Matthias die Bibel gelesen hat, was hat ihr daran gefallen? Wollte sie den Herrn Jesus kennenlernen? Seine Gleichnisse und Reden ergründen? Wollte sie wissen, wie die Apostel lebten und den Glauben verbreiteten? War sie vielleicht fasziniert von Martha und Maria aus Betanien, da Jesus Maria in Schutz nahm, als sie lieber Ihm zuhörte, statt mit ihrer Schwester die Hausarbeit zu tun? Oder fühlte sie mit Jairus mit, als dessen kleine Tochter im Sterben lag und dann tatsächlich starb, als er noch dabei war, Jesus zu holen, der sie dann aber sogar von den Toten auferweckte? Grauste es sie, als sie von den Leiden Jesu las? Was fasziniert Johanna? Will sie mehr über Gott erfahren? Über den Aufbau der Welt? Über die Heiligen? Mag sie Geschichten lieber, oder eher Rätsel, oder logische Disputationen? An diesem Punkt der Handlung erfährt man darüber gar nichts.

Dann noch ein Wort zum Thema Ketzerei, Heidentum und Blasphemie. Zunächst mal nehme ich nicht an, dass die meisten Gelehrten dieser Zeit tatsächlich die heidnischen Schriftsteller verachteten. Laut Wikipedia (ja, ja, ich weiß, es ist Wikipedia) waren während der Karolingischen Bildungsreform besonders nachgefragt „Ovid und Vergil, daneben wurden unter anderem Sallust, Quintus Curtius Rufus, Sueton und Horaz wieder zunehmend gelesen“; und in Aeskulapius‘ Heimat, dem Byzantinischen Reich, gehörten die Werke Homers ganz selbstverständlich zu einer anständigen Bildung. Man schätzte antike Autoren, auch wenn diese Christus noch nicht gekannt hatten. Natürlich gab es auch Christen, die alles Heidnische ablehnten; aber nicht so viele, wie es hier dargestellt wird.

Im Übrigen sind Ketzerei, Heidentum und Blasphemie ganz unterschiedliche Dinge, auch wenn manche Leute, wie Donna Woolfolk Cross, diese Begriffe nie auseinanderhalten können:

Ketzerei / Irrlehre / Häresie: Ein Ketzer / Irrlehrer / Häretiker ist ein Christ, der einzelne christliche Lehren verdreht. Wenn ein getaufter Christ leugnet, dass Gott dreifaltig ist, wird er zum Ketzer; die Leugnung der Dreifaltigkeit ist Ketzerei. Die meisten Ketzer in der Geschichte waren Theologen, so etwa Luther. Homer konnte noch gar kein Ketzer sein, weil er kein Christ war, ebenso Cicero.

Heidentum: Sammelbegriff für alle vorchristlichen Religionen außer dem Judentum. Heidnisch sind etwa die römische, griechische, sächsische, hinduistische, aztekische, oder keltische Mythologie.

Blasphemie: Gotteslästerung. Eine Sünde, aber keine, die unbedingt eine falsche Lehre über Gott beinhaltet.

Und noch eine Sache: Könnten wir bitte endlich den Namen von Johannas Vater erfahren? Es nervt, ihn immer bloß „der Dorfpriester“ nennen zu müssen.

Jetzt aber weiter im Text. An einem der Tage, an denen Aeskulapius kommt, findet im Dorf eine Hexenprobe statt: Hrotrud, die Hebamme, die inzwischen alt und steif geworden ist und sich ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit dem Verkauf von Heilkräutern verdient, wird verdächtigt, dem Müller Arno eine Krankheit angehext zu haben. Sie wird daher von den Dorfleuten, die der Priester anführt, in den Dorfteich geworfen:

„Falls die gefesselte Hrotrud zur Oberfläche des Teiches aufstieg und auf ihm trieb, hatte das vom Dorfpriester gesegnete Wasser sie zurückgewiesen, womit Hrotrud als Zauberin und Hexe entlarvt und auf der Stelle verbrannt wurde. Ging sie jedoch unter, war ihre Unschuld bewiesen, und sie war gerettet.“ (S. 69)

Hrotrud geht natürlich unter; aber als man sie wieder herauszieht, ist sie schon tot und hat nichts mehr davon. Johanna hat den Eindruck, dass ihr Vater direkt enttäuscht ist, dass Hrotruds Unschuld bewiesen wurde. Später bei ihrem Unterricht spricht sie mit Aeskulapius über die Hexenprobe, und er bringt sie darauf, dass man mit einem Prozess mit Beweisen, Zeugenbefragungen und einer nach logischen Prinzipien durchgeführten Untersuchung ohne eine solche Probe Hrotruds Unschuld hätte beweisen können.

Nun stimmt es, dass Hexenprozesse nicht erst zur Zeit des Hexenwahns in der Frühen Neuzeit neu erfunden wurden; es ist auch nicht unglaubwürdig, dass es sie in der karolingischen Zeit gelegentlich gab, angesichts der Tatsache, dass sich die Bischöfe auf der Synode von Paderborn im Jahr 785 dazu gedrängt sahen, zu beschließen, dass, wer vom Teufel verleitet nach Art der Heiden behaupte, dass es Hexen gäbe, und diese verbrenne, selbst mit dem Tod bestraft werden sollte. (Auch den Sachsen wurde übrigens von Karl dem Großen die Hexenverfolgung untersagt.) Was somit allerdings unglaubwürdig ist, ist, dass ausgerechnet Johannas Vater diese Hexenprobe anführt. Er ist kein ungebildeter fränkischer Bauernsohn, der ein paar Worte Latein gelernt hat und schnell mal geweiht wurde; er ist extra als Missionar von England gekommen und war auf weiten Missionsreisen unterwegs; er war auch schon in dem berühmten Kloster Lindisfarne und besitzt selbst mindestens drei Bücher (Bibel, Rätselkatechismus des Alkuin, lateinische Grammatik des Donatus); sprich, er hat offenbar eine gewisse theologische Bildung, und hat Kontakte zu Bischöfen; er müsste also schon einmal von der Synode von Paderborn gehört haben, und er ist schließlich entschieden gegen alles Heidnische; wieso also nicht gegen den Hexenglauben?

Und was tut eigentlich der Bischof von Ingelheim, während das Ganze sich abspielt? Es gibt ein paar merkwürdige Andeutungen im Buch, die auf die Existenz eines Bischofs von Ingelheim hinweisen. Johanna hat ihr Wissen über die heilige Katharina aus einer Predigt des Bischofs; und schon im Prolog heißt es: „Vom Bischof abgesehen, dessen Haus aus Stein errichtet war, besaß niemand in Ingelheim ein schöneres Zuhause.“ (S. 9) Und an einer einzigen Stelle wird Johannas Vater nicht als „der Dorfpriester“, sondern „der Domherr“ (S. 48) bezeichnet.

Was kann nun dahinter stecken? Laut Wikipedia war Ingelheim zwar Königspfalz und Karl der Große kam drei- oder viermal dorthin; davon, dass es auch Bischofssitz gewesen wäre, steht in der Internetenzyklopädie allerdings nichts, und die Handlung macht insgesamt mehr Sinn, wenn man davon ausgeht, dass der nächste Bischof erst in Mainz sitzt. Der Bischof taucht weiter nirgends auf, obwohl man diese Figur gut hätte verwenden können, um entweder einen Kontrast zu Johannas Vater aufzubauen (was sich dank der Katharina-Geschichte angeboten hätte) oder den Eindruck vom Klerus als dem bösen Patriarchat zu verstärken. Ich vermute, dass die Autorin zunächst einen Bischof in Ingelheim haben wollte, bevor ihr dann aufgefallen ist, dass es da keinen gab (oder dass er doch nicht in ihr Schema passte), und dass sie vergessen hat, ihn an allen Stellen aus dem Manuskript zu tilgen. Gerade die Bezeichnung des Priesters als „Domherr“ macht eben gar keinen Sinn – wo ein Domherr ist, da sind mehrere, und dieser Priester wird offensichtlich als der einzige Dorfpfarrer, nicht als einer von mehreren Priestern an einer Bischofskirche gezeigt. Angesichts der Formulierungen im Buch macht auch die mögliche Deutung, dass er Pfarrer in einem Dorf nahe bei dem Bischofssitz Ingelheim sein könnte, keinen Sinn. Alles in allem sehen wir hier also wohl einfach schlampige Arbeit der Autorin. (Jeder Bibelexeget, der was auf sich hält, würde diese Widersprüche freilich so deuten, dass dem Buch zwei verschiedene Texte von verschiedenen Autoren zugrundeliegen müssen, die in einem jahrhundertelangen komplizierten Redaktionsprozess zusammengefügt und mehr oder weniger harmonisiert wurden. Sorry, ich muss gerade eine Exegese-Hausarbeit schreiben und bin genervt über die Spekulationen in der Sekundärliteratur.)

Aeskulapius wird schließlich vom Bischof von Mainz entlassen und beschließt, nach Athen zu gehen, wo er eine Stelle als Hauslehrer bei einem befreundeten Händler annehmen soll. Beim Abschied schenkt er Johanna eine von ihm selbst geschriebene Abschrift von Homers Werken auf Griechisch und in lateinischer Übersetzung. Als ihr Vater das Buch, in dem sie nachts liest, einige Zeit später entdeckt, hält er die für ihn unlesbaren griechischen Buchstaben zunächst für Hexenwerk, und obwohl Johanna ihm klarmachen kann, dass die zweite Hälfte auf Latein ist und er somit sehen kann, dass es nur Dichtkunst ist, verlangt er, dass sie – weil der Text heidnisch sei – das Pergament freischabt. Als sie sich weigert, gerät er in Rage und schlägt sie fast tot.

„Tagelang war die Geschichte von Johannas Prügelstrafe im Dorf in aller Munde. Der Dorfpriester hatte die eigene Tochter mit der Gerte so schrecklich zugerichtet, daß es sie um ein Haar das Leben gekostet hätte, erzählte man sich; der Dorfpriester hätte das Mädchen tatsächlich totgeschlagen, hätten die Schreie seiner Frau nicht die Aufmerksamkeit einiger Dorfbewohner erregt. Es hatte dreier kräftiger Männer bedurft, um den Dorfpriester von dem Kind fortzuzerren.

Doch es lag nicht an der Grausamkeit der Schläge, daß die Leute über diese Sache redeten. Solche Dinge waren an der Tagesordnung. Hatte der Hufschmied nicht seine Frau zu Boden geschlagen und ihr so lange ins Gesicht getreten, bis sämtliche Knochen gebrochen waren, weil er ihre Nörgeleien satt hatte? Das arme Wesen war für den Rest seines Lebens entstellt; aber dagegen konnte man nun mal nichts machen. Ein Mann war Herr im eigenen Hause, und niemand stellte diese Tatsache in Frage. […]

Nein, was die Bürger Ingelheims viel mehr interessierte, war die Tatsache, dass der Dorfpriester die Beherrschung verloren hatte. Ein derart gewalttätiger Ausbruch war bei einem Mann Gottes etwas Unerwartetes, ja, Unziemliches, und deshalb – was Wunder – zerrissen die Leute sich die Mäuler darüber. […] Es war schon eine seltsame, lustige Sache.“ (S. 85)

Johanna ist einige Zeit ohne Bewusstsein, ihre Wunden entzünden sich und sie leidet an einem Fieber; aber schließlich wacht sie wieder auf und wird gesund. Ihre Mutter, die irgendwo stolz auf sie ist, pflegt sie gesund und will sie wieder für sich gewinnen: „Überlasse Dinge wie Bücher der Dummheit der Priester. Wir haben unsere eigenen Geheimnisse, nicht wahr, meine kleine Wachtel? Wir werden sie wieder miteinander teilen, so, wie es früher gewesen ist.“ (S. 87f.) Ihr Vater hat inzwischen selbst die Pergamentseiten leergeschabt.

Johanna baut nun tatsächlich wieder ein engeres Verhältnis zu ihrer Mutter auf, und bringt sie schließlich dazu, ihr zu erzählen, wie es gekommen ist, dass sie ihren Vater geheiratet hat. Gudrun erzählt von der Hungersnot nach den Sachsenkriegen, und davon, wie dann die Missionare kamen:

„‚Sie waren anders als die anderen; sie trugen keine Schwerter oder sonstige Waffen, und sie behandelten uns wie Menschen, nicht wie Vieh. Sie gaben uns Nahrungsmittel als Gegenleistung für unser Versprechen, ihnen zuzuhören, wenn sie das Wort des christlichen Gottes predigten.‘

‚Sie haben Nahrung gegen den Glauben eingetauscht?‘ sagte Johanna. ‚Das ist aber eine jämmerliche Art und Weise, die Seelen der Menschen zu gewinnen.‘

‚Ich war jung und für Eindrücke empfänglich. Vor allem aber war ich halb tot vor Hunger, Elend und Angst. Ihr christlicher Gott muß größer und stärker sein als alle unsere Götter zusammen, dachte ich. Wie sonst hätten die Franken uns besiegen können? Dein Vater hat sich meiner ganz besonders angenommen. Er habe große Hoffnungen, was mich angeht, sagte er; denn obwohl ich als Heidin geboren sei, besäße ich die Fähigkeit, den wahren Glauben zu begreifen. Aber so, wie er mich anschaute, wußte ich, daß er mich begehrte. Als er mich dann fragte, ob ich mit ihm fortgehen wollte, habe ich ja gesagt. Für mich war es die einzige Hoffnung auf ein Weiterleben in einer Welt, die gestorben war.‘ Ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab. ‚Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, was für einen schrecklichen Fehler ich begangen hatte.'“ (S. 89)

Gudrun warnt Johanna davor, dieselben Fehler zu machen wie sie: „Falls du jemals glücklich sein möchtest, dann merk dir meine Worte, Tochter: Gib dich niemals einem Mann hin.“ (S. 90) Und Johanna verspricht es: „‚Das werde ich nicht tun, Mama‘, versprach sie feierlich, ‚das werde ich niemals tun.'“ (Ebd.)

Wer schon mal von der Legende der Päpstin gehört hat, weiß vielleicht, dass es anders kommen wird; aber hier mache ich jetzt erst einmal einen Punkt. Im nächsten Teil dann dazu, wie es kommt, dass Johanna Ingelheim verlässt!