Wenn wir alle an denselben Gott glauben

„Nein, nein, nein!“, heulten die Tiere. „Das kann nicht wahr sein. Aslan verkauft uns nicht als Sklaven an den König von Kalormen.“

„Was soll denn das? Hört auf zu jammern!“, knurrte der Affe. „Wer hat etwas von Sklaven gesagt.ß Ihr werdet keine Sklaven sein. Ihr werdet bezahlt. Ihr bekommt sogar einen sehr guten Lohn. Das heißt, euer Geld wird in Aslans Schatzkasse wandern und er wird alles für jedermanns Wohl verwenden.“ Dann sah er den Befehlshaber der Kalormenen an und zwinkerte ihm zu.

[…]

„Aber diese Dinge brauchen wir doch nicht“, murrte ein alter Bär. „Wir wollen frei sein. Und wir wollen Aslan selbst sprechen hören.“

„Nun fangt nicht an, misstrauisch zu werden“, schalt der Affe aufgebracht. „Das lasse ich nicht zu. Ich bin ein Mensch. Du aber bist nur ein fetter, törichter alter Bär. Was weißt du schon von Freiheit? Du denkst, Freiheit heißt, du kannst alles tun, was du willst. Da hast du dich aber geschnitten. Das ist keine wirkliche Freiheit. Wahre Freiheit heißt: Ihr müsst tun, was ich euch befehle.“

„H-n-n-ch“, grunzte der Bär und ließ seinen Kopf hängen. Die Dinge so zu sehen, verstand er nicht.

„Bitte, bitte“, sagte die hohe Stimme eines wolligen Lämmchens. Jeder staunte, dass ein so junges Tier überhaupt zu reden wagte.

„Was ist denn noch?“ fragte der Affe. „Fass dich kurz.“

„Bitte“, erklärte das Lämmchen, „ich verstehe das nicht. Was haben wir eigentlich mit den Leuten aus Kalormen zu tun? Wir gehören zu Aslan, die anderen gehören zu Tash. Dieser Gott Tash hat vier Arme und einen Geierkopf. Auf seinem Altar werden Menschen getötet. Wie kann der edle und freundliche Aslan mit dem bösen Tash befreundet sein?“

Da wandten alle Tiere ihre Köpfe und ihre hellen Augen funkelten den Affen an. Sie wussten, das war die beste Antwort, die der Affe bisher bekommen hatte.

Wütend sprang Listig auf und bespuckte das Lämmchen. „Kindskopf!“, zischte er. „Dummer kleiner Blöker! Geh heim zu deiner Mutter und trink deine Milch. Was verstehst du schon von solchen Dingen? Hört zu, hört alle zu! Tash ist nur ein anderer Name für Aslan. Die alte Meinung, dass wir Narnianen im Recht sind und die Kalormenen Unrecht haben, ist töricht. Jetzt wissen wir es besser. Die Kalormenen gebrauchen andere Wörter, aber wir meinen alle dasselbe. Tash und Aslan sind nur zwei verschiedene Namen für… ihr wisst, wen ich meine. Deshalb können sie auch nie Streit miteinander haben. Prägt euch das ein, ihr dummes Viehzeug: Tash ist Aslan und Aslan ist Tash.“

Ihr wisst doch, wie traurig ein Hund einen manchmal anschaut. Die Gesichter jener Sprechenden Tiere aber – all dieser redlichen, bescheidenen, verwirrten Vögel, Bären, Dachse, Kaninchen, Maulwürfe und Mäuse – sie waren noch viel trauriger. Jeder Schwanz wurde eingezogen, jedes Schnurrhaar sträubte sich. Es hätte dir das Herz gebrochen, zu sehen, wie unglücklich sie alle waren.

(C. S. Lewis, Die Chroniken von Narnia, Band 7 – Der letzte Kampf)

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Die Sieben, die alten Götter, der Ertrunkene Gott und der Rote Gott: Ein paar Gedanken zu einem heidnischen Mittelalter

Letztens habe ich zum zweiten Mal die meisten der bisher erschienenen Bände von Game of Thrones, oder, wie die Serie eigentlich heißt, Das Lied von Eis und Feuer, gelesen. Ich finde ja, Letzteres klingt interessanter – da hört man die Drachen und Feuerzauber und die toten, kalten, blauäugigen und schwarzhändigen Wiedergänger schon heraus, im Gegensatz zu der Gewöhnlichkeit der Intrigen und Giftmorde, des Postengeschachers und der Bündnisse und arrangierten Hochzeiten, nach der „Das Spiel um Throne“ klingt. In der Serie kommt natürlich beides vor. Wer George R. R. Martin für den neuen J. R. R. Tolkien hält, liegt so kolossal daneben, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Martins Werk ist eher so was wie die Geschichte der Rosenkriege plus Drachen und Zombies, kein entscheidender Kampf zwischen Gut und Böse, in dem die Figuren Stellung nehmen müssten. Der sprachliche Wert hält sich in Grenzen und es werden etwa zehntausend Figuren eingeführt, von denen dann fünftausend im Lauf der Bücher sterben, und zwar oft die, die man gerade liebgewonnen hatte. Immerhin – SPOILER! – stirbt endlich auch Joffrey. Joffrey war ja nicht auszuhalten.

Trotzdem sind die Bücher spannend, die Charaktere sind oft glaubhaft und entwickeln sich in interessante Richtungen; keiner von ihnen ist bloß gut oder böse, auch wenn manche von ihnen sehr eindeutig in die eine oder andere Richtung tendieren. Aber auch die Motive der böseren Figuren versteht man; bei diesen Schurken hat man nicht den Eindruck, dass sie einfach irgendwann morgens aufgewacht sind und sich grundloserweise gedacht haben „Hey, wir wollen jetzt Superschurken sein“. Es gibt empathielose kalte Machtpolitiker wie Tywin Lennister, die aber trotzdem ihre Schwachpunkte haben und nicht aus purer Freude an der Grausamkeit Böses tun, es gibt auch brutale Krieger, die mehr oder weniger aus Mangel an anderer Beschäftigung morden und vergewaltigen, wie Gregor Clegane, es gibt den intriganten, über alle Maßen stolzen, wieselartigen greisen Fürsten Walder Frey, der Verbündete ermordet, die als Gäste in seiner Festung sind, weil er sich von ihnen beleidigt fühlt, es gibt feige Figuren und verräterische und gierige. Es gibt sehr böse Figuren – Ramsay Bolton ist wohl die unangefochtene Nummer 1. Es gibt auch sehr positive Figuren – Ned Stark, Robb Stark, Jon Schnee, Davos Seewert, usw. -, es gibt die „mittleren“ Charaktere – Jaime Lennister zum Beispiel, der in Band 1 noch als gedanken- und empathieloser Mensch gezeigt wird, der einen kleinen Jungen aus einem Turmfenster stößt, der Jaime und seine verheiratete Zwillingsschwester beim Sex ertappt hat, aber dann im Lauf der Bände einen gehörigen Wandel durchmacht, und bei dem man auch merkt, dass es gewisse gute Anlagen doch schon vorher gab. Einer der interessantesten und eher zur guten Seite neigenden Charaktere ist natürlich Tyrion Lennister, Tywins Sohn und Jaimes jüngerer Bruder – ein hässlicher, kleinwüchsiger, kluger Mann, der durchaus an seinen Vorteil denkt und im Notfall nicht immer ehrlich und gut handelt, der aber grundsätzlich gerecht ist, ehrlich um so was wie das Gemeinwohl bemüht, als er in der Politik von Westeros was zu sagen hat, gut zu dem zwölfjährigen Mädchen, das er gegen seinen und ihren Willen zu heiraten gezwungen wird, vielleicht ein bisschen zu vertrauensselig seiner Mätresse gegenüber, und ein bisschen zu scharfzüngig seiner mächtigen Schwester Königin Cersei gegenüber. Es gibt Catelyn Stark, die eigentlich gut ist, bis auf ihren einen Schwachpunkt – ihre Gleichgültigkeit und gelegentliche Grausamkeit dem unehelichen Sohn ihres Mannes gegenüber. Es gibt deren Tochter Arya Stark, die sich lange Zeit allein durchschlagen muss und die mit zehn Jahren schon bewusst und absichtlich mehrere Menschen getötet hat. Es gibt Aryas Schwester Sansa (Tyrions Frau), die oft naiv ist, manchmal auch eingebildet und selbstsüchtig, meistens aber hilfos und ein Spielball der Mächtigeren.

Aber hier soll es nicht um die Figuren gehen, sondern um eine Betrachtung der Religionen in der Welt, die George R. R. Martin konstruiert hat. Mit dieser Welt hat er sich im Allgemeinen schon Mühe gegeben. Die Kontinente und Meere, die Landschaften, die fremden Länder und Völker, die verschiedenen Regionen von Westeros, die lokalen Fehden, die verzweigten Stammbäume der Adelshäuser – alles sehr detailgetreu, wie es sich gehört. Dasselbe gilt für die verschiedenen Religionen.

Wie wahrscheinlich allgemein bekannt ist, ist Westeros, das große Königreich, in dem sich der größte Teil der Handlung abspielt, dem europäischen Mittelalter nachempfunden. Es ist ein feudales Lehenssystem mit einem König an der Spitze, es gibt Ritter, Turniere und Gilden. Und es gibt eine Religion, die zumindest in ihrer äußeren Organisation stark der katholischen Kirche ähnelt.

Dabei handelt es sich um die Verehrung der sieben Götter, oder einfach der Sieben. Diese Religion hat Priester, die Septone genannt werden, einen Hohen Septon, dessen Aufgaben etwa denen eines Bischofs oder Papstes entsprechen (ein deutlicher Unterschied zum realen Mittelalter besteht allerdings darin, dass der Hohe Septon keinen eigenen Staat hat, sondern einen Sitz in der Hauptstadt von Westeros, und es sich damit nicht leisten könnte, einem König in der selben Weise entgegenzutreten wie etwa der Papst dem Kaiser im mittelalterlichen Investiturstreit). Es gibt Kirchen (Septen), in denen Andachten mit Weihrauch und Gesang abgehalten werden, und in denen man Kerzen vor den Altären der verschiedenen Götter anzünden kann, und Septeien, die so ziemlich dasselbe sind wie Klöster. Die Septone leben zölibatär und es gibt verschiedene zölibatäre Bruderschaften, und auch Schwesternschaften. Die meisten Septas, auch ihrer Kleidung nach überdeutlich als das Pendant von Nonnen ausgewiesen, leben in Septeien oder bei adligen Familien, um deren Töchter zu unterrichten, o. Ä; außerdem gibt es spezielle Orden wie die Schweigenden Schwestern, die sich ausschließlich um Tote kümmern (eine bitter nötige Aufgabe in diesem Buch). Bestattungen und Eheschließungen sind eine Aufgabe für Septone.

Na ja, das alles sind nun erst sehr oberflächliche Gemeinsamkeiten. Priester, Weihrauch, Kerzen, Gesang, zolibatäre religiöse Gemeinschaften, religiöse Zeremonien für Eheschließungen, das alles findet man schließlich in sehr vielen Religionen – vieles davon z. B. auch in so unterschiedlichen wie dem Islam, dem Buddhismus und der antiken römischen Religion (an zölibatären Gemeinschaften hätten wir da etwa die Derwische, die berühmten buddhistischen Mönche in ihren orangen Roben, und die Vestalinnen). Aber es geht ja noch weiter. Die gelehrten Septone lehren zum Beispiel, dass die sieben Götter – der Vater, der Gericht hält, die Mutter, die Gnade beschert, das Alte Weib, das mit seiner Laterne für Weisheit sorgt, die Jungfrau, der Krieger, der Schmied, der die Welt gestaltet, der Fremde, der die Toten holt – eigentlich nur sieben Gesichter des einen Gottes sind – was offensichtlich an die Dreifaltigkeit erinnern soll. In dieser Religion glaubt man, anders als etwa die alten Römer oder Griechen, an eindeutig gerechte Götter; moralische Gebote sind ein klarer Bestandteil von ihr; es gibt sogar so etwas wie eine Beichte, was mir wirklich aus wenigen Religionen bekannt ist.

Auch der Inhalt dieser moralischen Gebote ist interessant: Nicht die Ehre, wie in den großen Zivilisationen der alten Welt, dem heidnischen Rom oder China oder Japan, sondern die Demut nimmt dort nämlich einen hohen Rang ein. Armut, Demut, Dienen, Friede, Buße, Sündenvergebung, Schutz der Schwachen, alles das ist wichtig für diese Religion. Man könnte vielleicht einwenden, dass auch im Buddhismus Demut und Einfachheit eine Rolle spielen, aber dort geht es um den schlichten Rückzug aus der Welt, um ein Zurückkehren ins Nirwana, ins Nichts, um die Erkenntnis, dass es besser ist, auf diese schlechte Welt verzichten zu können, so etwas wie Sündenvergebung spielt dabei keine Rolle und die Welt gilt auch nicht als grundsätzlich gut und verbesserungswürdig; Martin hat an dieser Stelle eindeutig die mittelalterlich-christliche Vorstellung übernommen und nicht die buddhistische. Gegen Ende der bisherigen Serie kommt ein Hoher Septon an die Macht, der nicht wie seine Vorgänger ein harmloser, bestechlicher, reicher, hochgestellter Kleriker ist, der seine Krone trägt und seine Zeremonien durchführt und brav allen Entscheidungen des jeweiligen Königs oder Regenten seinen Segen gibt, sondern ein rigoroser, fastender, betender, von Gericht und Buße redender, in ein Bußgewand gekleideter Anhänger einer Art von westerosischer Armutsbewegung, vergleichbar mit den Franziskanern, oder, in ihrer radikaleren Ausprägung, den Flagellanten, des realen Mittelalters.

Auch interessant: Diese Religion wird als „Der Glaube“ bezeichnet, während vorchristliche Religion sich in der Regel in erster Linie als Kulte verstanden haben; es ging bzw. geht antiken Römern oder Ägyptern, Hindus oder Shintoisten eher um die richtige Verehrung der Götter als um das Vertrauen auf sie; „Religion“ synonym mit „Glaube“ (lateinisch „fides“, davon abgeleitet englisch „faith“, was noch mehr die Bedeutung von „vertrauen, (sich) anvertrauen“ herüberbringt) zu verwenden, ist eine sprachliche Entwicklung, die mit dem Christentum kam.

Aber auch die Art, wie „der Glaube“ die noch teilweise im Norden von Westeros praktizierte Religion langsam verdrängt, soll wohl an die Situation im nordeuropäischen Früh- und teilweise noch Hochmittelalter erinnern. Die Götter des Nordens sind die am klarsten heidnischen Götter dieser Geschichte: gesichtslose, namenlose, geheimnisvolle Naturgötter, die an heiligen Bäumen verehrt werden, und denen man nur eine lokal begrenzte Macht zuschreibt, die schwindet, wenn ihre Bäume gefällt werden. (Allerdings gibt es tatsächlich auch das Umgekehrte: Anhänger der Sieben, die ihren Göttern keine Wirksamkeit im von den alten Göttern kontrollierten äußersten Norden des Kontinents Westeros hinter der Mauer, die das Königreich vor den „Wildlingen“ schützt, zuschreiben, und nur eine begrenzte Wirksamkeit im halb diesen, halb jenen Göttern anhängenden Norden des Königreichs südlich der Mauer. Einige theoretisch monotheistisch sein sollende Westerosi schließen hier also andere Götter nicht per se als inexistent aus.) Diese Religion hat eine gewisse moralische Komponente (z. B. sind den alten Göttern Eide und Gastfreundschaft heilig), aber Gebote oder Lehren stehen nicht im Vordergrund. Es gibt keine besonderen Riten, keine Priester, bloß stille Gebete vor Bäumen, und angeblich sollen die Götter dabei z. B. durch Blätterrascheln zu ihren Anhängern sprechen können. Es gibt auch die „Grünseher“, die eine besondere Verbindung zu den alten Göttern und teilweise mystische Kräfte haben sollen; einer von ihnen, der offenbar letzte verbliebene, der sich die „Dreiäugige Krähe“ nennt, erscheint einem Jungen namens Brandon Stark im Traum und lehrt, nachdem Bran ihn gefunden hat, diesem seine Kräfte.

Bei den wichtigsten beiden anderen Kulten, die in diesem Buch eine Rolle spielen, nimmt Martin auch wieder gewisse, an einzelnen Stellen überdeutliche Anleihen beim Christentum; allerdings mehr bei anderen Religionen. Fangen wir mit dem Ertrunkenen Gott an, der auf den Eiseninseln verehrt wird. Diese Inseln gehören zwar zu Westeros, waren aber früher einmal unabhängig und würden das gern wieder werden. Ihre Bewohner ähneln den Wikingern unserer Welt, und gehen, obwohl sie inzwischen zivilisierter sind, als sie wohl früher waren, immer noch manchmal auf Raubzüge. Das Motto ihrer Religion ist: Was tot ist, kann niemals sterben. Sie taufen (ja, dieses Wort wird verwendet) ihre Anhänger im Meer, was bei der Taufe von Erwachsenen heißt, dass der Täufling solange unter Wasser gedrückt wird, bis er nicht mehr atmet, und dann wiederbelebt wird – was in manchen Fällen auch schiefgehen kann. Das ist nun nicht gerade christlich, aber der Glaube, dass aus dem Tod Leben entstehen kann, dass der Weg zum Leben durch den Tod führt, der durch eine Wassertaufe symbolisiert wird – das erinnert auf den ersten Blick wahnsinnig an das Prinzip des Kreuzes Christi. Diese schöne Ähnlichkeit wird durch einige Gebetsworte der Eisenmänner sogar noch mal bekräftigt: „‚Herr und Gott, der du für uns ertrunken bist‘, betete der Priester mit einer Stimme, die so tief grollte wie das Meer, „lass deinen Diener Emmond aus dem Meer wiedergeboren werden, wie es auch mit dir geschah.'“ (Bd. 7, S. 34) Und… dann wird sie völlig ruiniert durch den ganzen Rest, aus dem diese Religion besteht. „Segne ihn mit Salz, segne ihn mit Stein, segne ihn mit Stahl“, betet Aeron Graufreud in diesem Abschnitt weiter, und nach der Wiederbelebung heißt es: Du warst ertrunken und wurdest uns zurückgegeben. Was tot ist, kann niemals sterben. Worauf der „Ertrunkene“ antwortet: Doch erhebt es sich von neuem. Härter und stärker.

Die Eisenmänner sind Krieger. Krieger, die keinen Platz haben für Armut und Demut und das Leid der Schwachen wie die Priester der Sieben, sondern die lediglich die Stärke achten, die den Tod überwunden hat bzw. die aus dem Erleiden einer Todeserfahrung kommt. Sie achten, was hart macht. Von einer Liebe, die den Tod überwindet, ist keine Rede. Auch der Satz „…der du für uns ertrunken bist“, der beinahe so etwas wie göttliche Liebe und Fürsorge durch stellvertretend auf sich genommenes Leiden andeutet, sticht in diesem Gebet heraus wie ein Fremdkörper. Wie genau ist dieses „für uns ertrunken“ zu verstehen? Ganz offensichtlich geht es dem Ertrunkenen Gott nicht um Sündenvergebung. Ich habe eher den Eindruck, er hat den Eisenmännern so etwas wie ein Beispiel gegeben, das jeder von ihnen jetzt selbst noch unter Lebensgefahr nachahmen muss, ein Beispiel dafür, was sie tun können, um hart und stark zu werden, anstatt dass er etwas getan hat, das ihnen direkt irgendetwas bringt. „Für uns ertrunken“, das passt irgendwie nicht recht zum Rest dieser Religion. Ich würde zu gern mehr über das „Ertrinken“ des Ertrunkenen Gottes erfahren, denn wirklich erklärt wird das hier nicht. Die Eisenmänner glauben auch an einen ewigen Kampf des Sturmgottes (der Zerstörung bringt) gegen ihren Meergott (der Fisch und damit Leben auch im härtesten Winter bringt); haben sie also einen Mythos, der davon erzählt, wie der Sturmgott den Meergott ertränkte und der Ertrunkene Gott dann umso stärker wieder auferstand? Mythen von Göttern, die sich gegenseitig töten, sind ja in alten polytheistischen/dualistischen Religionen nichts allzu Seltenes.

Ach ja, dem Ertrunkenen Gott werden übrigens, anders als den Sieben oder den alten Göttern, gelegentlich auch Menschen geopfert, gefangene Feinde. Es handelt sich also wirklich um keine besonders sympathische Religion, alles in allem.

Jetzt aber zur letzten der vier zentralen Religionen: Der Verehrung des Roten Gottes oder „Herrn des Lichts“, R’hllor. Diese Religion kommt ursprünglich aus Asshai im fernen Osten und ist vor allem in den sieben Freien Städten, also außerhalb von Westeros, verbreitet, missioniert aber aktiv, und eine Priesterin R’hllors, Melisandre aus Asshai, kann Stannis Baratheon, einen der vielen Thronprätendenten von Westeros, von ihrem Gott überzeugen. Auch ein roter Priester namens Thoros von Myr kommt in den Büchern vor, der zu einer den kriegsgeplagten Armen von Westeros helfenden Bande von Geächteten unter Lord Beric Dondarrion, einer Art Robin-Hood-Figur, gehört.

Dieser Glaube ist ganz klar dualistisch, vergleichbar mit dem persischen Zoroastrismus. Es gibt ein Reich der Finsternis und ein Reich des Lichts; einen guten Gott – R’hllor – und einen schlechten Gott, dessen Name nicht ausgesprochen wird. Dem Herrn des Lichts gehören der Tag, die Sonne, und vor allem das Feuer, das den Schrecken der Nacht bannt; der Herr des Finsternis gebietet über Nacht und Kälte. Bei Sonnenuntergang entzünden die Anhänger R’hllors deshalb Nachtfeuer, um die Nacht und die Kälte zu bannen; in einer Szene betet Melisandre vor einem solchen Nachtfeuer zu ihrem Gott: „Führe uns aus der Dunkelheit, o mein Herr. Erfülle unsere Herzen mit Feuer, damit wir deinem leuchtenden Pfad folgen können. […] Dein ist die Sonne, die unsere Tage erwärmt, dein sind die Sterne, die uns durch das Dunkel der Nacht geleiten.“ Worauf ihre Gläubigen antworten: „Herr des Lichts, beschütze uns. Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken.“ Und so weiter. Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken – das ist so ein Spruch, den sie oft sagen. Eine solche Metaphorik von Licht und Feuer, Nacht und Dunkelheit ist etwas, was es abgesehen vom Zoroastrismus auch noch in vielen anderen realen Religionen gibt; Gott und das Licht zu verbinden, das ergibt sich leicht. Man denke im christlichen Bereich zum Beispiel an den Ritus mit der Osterkerze in der katholischen Osternacht. „Christus das Licht!“

Die Anhänger des Roten Gottes glauben, dass alles in der Welt entweder R’hllor oder dem Großen Anderen dient; andere Götter gibt es ihrer Ansicht nach nicht, weshalb sie auch einen für heidnische Religionen ganz untypischen Eifer für die Durchsetzung der wahren Religion zeigen und z. B. Figuren der Sieben verbrennen. Sie kennen auch Prophezeiungen, die den ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis betreffen, und Melisandre bezeichnet Stannis als den wiedergeborenen „Azor Ahai“, eine Art Messias-Figur.

Bis jetzt klingt diese Religion gar nicht mal soo unsympathisch, oder? Sie ist gruselig.

Der Herr des Lichts ist kein Gott des Guten wie Ahura Mazda aus dem Zoroastrismus; er ist ein Gott des Lebens, während sein Gegner den Tod bringt; aber die Anhänger des Lebensgottes sehen nicht unbedingt einen Zusammenhang zwischen dem Leben und dem Guten, oder, prosaischer ausgedrückt, dem Leben und der Moral. Von Azor Ahai wird erzählt, dass er seine Frau tötete, um sein Schwert Lichtbringer in ihrem Blut zu härten, und Melisandre deutet die Zukunft aus ihren Feuern und verbrennt dann Menschen als Opfer für ihren Gott, um bestimmte Ziele zu erreichen, die sie in den Flammen gesehen hat; sie will sogar ein Kind verbrennen, Stannis‘ unehelichen Neffen, da dessen „Königsblut“ ihnen bei ihren Zielen im Krieg helfen soll. Sie vollbringt gelegentlich Zauber, bei denen sie Schatten hervorbringt, die Stannis‘ Gegner töten. (Ja, diese Zauber sind in den Büchern kein Betrug, sondern gelingen ihr.) Der Zweck heiligt für sie die Mittel; und so müssen Opfer gebracht werden, um die drohende Finsternis abzuwenden – die sie übrigens auch mit der herannahenden Zombiearmee im Norden hinter der Mauer, die vom Rest von Westeros‘ Thronprätendenten fleißig ignoriert wird, in Verbindung bringt. (Stannis ist dann auch der einzige der selbsternannten Könige, der der Nachtwache im Norden gegen die „Anderen“ (Eiswesen oder so was) und die Wiedergänger (Zombies) und die Wildlinge, die vor den Anderen und den Wiedergängern nach Süden fliehen und über die Mauer wollen, zu Hilfe eilt.) Thoros von Myr erscheint regelrecht sympathisch im Vergleich zu Melisandre, nicht gerade Friar Tuck, aber doch so was in der Art, aber auch er hat unheimliche Kräfte: Er hat es sechs Mal geschafft, Beric Dondarrion von den Toten zurückzuholen, wobei seine Todeserfahrungen diesen offenbar auch schwächen. Der Glaube an R’hllor hat manchmal eher etwas von Okkultismus und Geisteranrufung als von einem klassischen Dualismus, der bloß den philosophischen Fehler macht, den Teufel auf eine Stufe mit Gott zu stellen. Manche ihrer Feinde nennen Melisandre eine „Hexe“, und dieser Begriff passt tatsächlich irgendwie besser zu ihr als der einer Priesterin. Sie betet und singt nicht nur zu ihrem Gott und zündet auch nicht nur andere Götterbilder an, sie ist auch eine Wahrsagerin und führt Schadenszauber durch, und braucht Menschenopfer, um diese Schadenszauber durchzuführen.

Ich habe vorher den Zoroastrismus und die christlichen „Gott = Licht, Sonne, Feuer“-Vergleiche erwähnt, aber tatsächlich erinnert mich diese Religion eher an den Glauben der Azteken, dass man kontinuierlich Menschenopfer darbringen müsste, da die Sonne ohne deren Blut nicht mehr aufgehen würde. Melisandre verehrt einen Feuergott; und ihre Religion trägt der Tatsache Rechnung, dass Feuer nicht nur erhellt und wärmt, sondern auch brennt. In einer interessanten Pater-Brown-Kurzgeschichte mit dem Titel „The Eye of Apollo“ (https://ebooks.adelaide.edu.au/c/chesterton/gk/c52fb/chapter10.html ) kommt eine Sekte moderner Sonnenanbeter vor, und zu Beginn der Geschichte sagt Pater Brown besorgt „The sun was the cruellest of all the gods“. Das Problem dieser Religion ist wohl, dass sie keinen über-natürlichen Gott verehrt, sondern innerhalb der Natur nach den Kräften des Guten und des Bösen sucht und jedes Ding darin klar zuordnen will; aber kein Ding in der Natur, weder der Tag, noch die Nacht, weder die Sonne noch die Dunkelheit, ist klar böse oder gut. Sie sind einfach, wie sie sind. Das ist das Problem mit jeder Art von heidnischer Naturanbetung. Auch die Zuordnung bei der Religion der Eisenmänner (Wasser = gut, Wind = schlecht) macht im Ganzen keinen Sinn. Wasser kann Leben oder Tod bringen, Wind kann ein Schiff voranbringen oder es versenken. Und wenn man die Sonne zum Inbegriff des Guten erklärt, muss man auch ihre tödlichen Attribute für gut erklären.

Ich habe im Lauf dieses Artikels öfter das Attribut „heidnisch“ verwendet; jetzt sollte ich mal erklären, was ich damit meine. Ich unterscheide hier das Judentum und alle Religionen, die auf ihm beruhen oder sich auf es berufen (Christentum, Islam, Mormonentum, etc.) von nichtjüdischen Religionen. Heidnische Religionen sind meistens entweder Mythologien (die populäre Form des Hinduismus, der Shintoismus, die römische, griechische, ägyptische, germanische Religion, usw.) oder Philosophien (der Konfuzianismus, der Buddhismus, Formen des Hinduismus, der antike Platonismus), und sie tendieren entweder zu Naturanbetung oder dazu, die Natur/Welt für schlecht zu erklären (Buddhismus, Manichäismus). Der jüdische (und damit auch der christliche) Glaube ist dagegen ein historischer Glaube, er beruht auf Tatsachen, wie dem Babylonischen Exil oder der Kreuzigung Jesu, er geht davon aus, dass Gott sich ein Volk erwählt und zu ihm gesprochen und etwas für es getan hat, und das bleibt nicht nur in mythologischer Vergangenheit, sondern ist an konkreten Daten und Personen festzumachen. Heidnische Religionen sind dieser Definition nach ganz einfach Religionen ohne eine solche konkrete, fassbare Offenbarung, Vor-Offenbarungs-Religionen. Daher ist auch der Glaube an die Sieben im Grunde nicht wie das mittelalterliche Christentum, das einen vor soundsoviel Jahren Mensch gewordenen Gott verehrte. (Jedenfalls wird nie ganz deutlich, woher der Glaube seine Lehren von dem Wesen der Sieben Götter eigentlich nimmt.) Am ehesten als Offenbarungsreligion könnte man noch den Glauben an den Herrn des Lichts bezeichnen; wobei ich bis jetzt keine konkreten Anhaltspunkte dafür gefunden habe, ob Azor Ahai eine mythologische Figur wie Odysseus ist, oder ein historischer Religionsgründer wie Zarathustra, Mani oder Buddha, oder so etwas wie ein biblischer Prophet, der beanspruchte, dass ein Gott direkt durch ihn sprach.

George R. R. Martin scheint übrigens alles in allem die alten Götter am liebsten zu mögen. Mir sagen die nicht viel; wie gesagt, für Naturanbetung habe ich an sich nicht viel übrig, und dann fehlt mir hier die Logik, die Vernunft, die umfassende Lehre. Der Glaube an die alten Götter bietet nur eine Art unscharfen Mystizismus, nichts für den ganzen Menschen, den Verstand spricht er nicht an, oft widerspricht er ihm sogar. Mir ist tatsächlich der Glaube an die Sieben immer noch am sympathischsten unter diesen Religionen, auch wenn Martin ihn nicht so besonders zu mögen scheint (besonders seine Strenge und seinen Fokus auf Buße etc.). Aber na ja – Westeros ist nicht die reale Welt, sondern eine imaginäre heidnische Welt, und ob die Existenz dieser Religionen in ihrer konkreten Form so viel Sinn macht, wäre wieder eine andere Frage. Und dann bin ich natürlich irgendwie darauf gespannt, wie die ganze Geschichte weitergeht – ob sich weiterhin der Rote Gott als „wirksamer“ Gott erweist, was die alten Götter wirken werden, was die „Anderen“ eigentlich sind… warten wir es ab.

Ja, falsche Theologie richtet Schaden an: Gedanken zu William Cowper und zu einem neuen Buchprojekt

Wer schon länger auf meinem Blog mitliest, hat vielleicht mitbekommen, dass ich hobbymäßig Kurzgeschichten, aber auch Romane schreibe; mit einer Fantasy-Trilogie, in der es u. a. um Schuld und Erbarmen und deren späte Nachwirkungen geht, bin ich halb fertig und habe im Moment mehr Ideen für Vorgeschichten, als ich gerade bearbeiten kann. Dann arbeite ich noch an einer Art von pseudo-historischem Jugendbuch (bewusst pseudo-historisch, meine ich damit; ich habe u. a. ein langes Vorwort geschrieben, in dem ich dem Leser die Geschichte meines fiktiven europäischen Landes bis zur Gegenwart darlege), in dem ich Elemente verschiedener Märchen, u. a. „Rapunzel“ und „Dornröschen“, vermische. In den letzten Wochen habe ich angefangen, an einem neuen Roman zu arbeiten, mit dem es recht gut voran geht. Dieser Roman spielt in der Gegenwart im ländlichen Oklahoma; oberflächlich gesehen geht es einfach um das Entkommen aus einer Sekte, um das Aufdecken von Morden in dieser Sekte, ein bisschen Romantik in Maßen kommt auch noch dazu; ein gutes Rezept für einen normalen Jugendroman (meine beiden Protagonistinnen, Schwestern, sind 15 und 17 Jahre alt), glaube ich. Aber es geht auch noch um andere Dinge: Um Gott, um Verzweiflung und Angst vor der Hölle, um das Ausnutzen von Hoffnung auf den Himmel, um das Wesen der Erlösung, um den Wert von Gehorsam, und um das Wesen des Guten selbst.

Ich wollte schon lange etwas schreiben, in dem der Calvinismus Thema wäre, genau genommen die grausame calvinistische Erlösungslehre: Gott erwählt die einen und verwirft die anderen, und wir können nichts dazu zu tun, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen, ob durch Glauben oder Werke, Gott berücksichtigt das nicht; wir haben Seine Auswahl, die scheinbar keinen erkennbaren Kriterien folgt, zu akzeptieren. So etwas wie einen freien Willen haben wir auch nicht. Calvin war besorgt um Gottes Souveränität, und um die herauszustreichen, machte er Gott zum Tyrannen. Wir verdienen Gottes Gnade nicht, argumentierte er, also können wir uns auch nicht beschweren, wenn Er sie uns nicht gibt (und wenn Er sie dafür anderen gibt, ist das Seine Sache, das darf Er ja machen; wir verdienen sie trotzdem immer noch nicht). Schön, schön; Calvin, der Jurist, ist innerhalb seines Denkrahmens nicht direkt unlogisch, er beschreibt hier rechtliche Rahmenbedingungen, die es einem absoluten Herrscher freistellen, seine Gnaden auszuteilen oder auch nicht. Bloß ist sein Denkrahmen leider der falsche; er fragt nicht, bevor er darüber nachdenkt, wie Gott sich verhält, wer Gott eigentlich ist. Was er nicht beschreibt, ist die Liebe eines Vaters zu allen Seinen Kindern. Ich denke, es ist nicht allzu schwer, zu erkennen, wieso diese spezielle Ketzerei eben keine metaphysische Akademikerspekulation ist, damals erst recht nicht, aber heute auch nicht: Damit hat Calvin schon Leute, die ihm seine entsetzliche Lehre nicht abnahmen, in den Atheismus, aber auch Leute, die sie ihm abnahmen, in den Wahnsinn getrieben. (Ich halte den Atheismus ja für weniger schlimm als den Calvinismus. Ich halte so gut wie alles für weniger schlimm als den Calvinismus.)

Das bekannteste Beispiel dafür ist William Cowper, ein bekannter englischer Dichter der Frühromantik des 18. Jahrhunderts. Cowper litt schon früh an episodisch wiederkehrenden Depressionen und versuchte ein paar Mal, Selbstmord zu begehen, woraufhin er einige Zeit in einer Anstalt verbrachte; dann fand er Trost im Glauben und schloss sich der neu entstandenen evangelikalen Erweckungs-Bewegung und auch der (eng mit dieser verbundenen) Abolitionismus-Bewegung gegen die Sklaverei im Britischen Empire an. Er schrieb wunderschöne Gedichte (er hatte dabei auch Humor) und wunderschöne religiöse Hymnen. Aber seine psychischen Probleme waren nicht gelöst, und 1773 hatte er dann einen Traum, nach dem er glaubte, er gehörte zu denen, die Gott verdammt hätte. „Es ist aus mit dir, du bist verloren“, hatte er gehört, oder so etwas in der Art. Er hörte danach nicht auf, fest an Gott zu glauben, auch nicht, weiter die Ideen des calvinistischen Evangelikalismus zu verbreiten. Aber er betrat nie mehr eine Kirche und sprach nie mehr ein Gebet. Er akzeptierte, dass Gott ein guter, gnädiger Gott für andere war, dass er selbst aber verloren war, und er verzweifelte daran. Ein paar Mal schien er wieder ein klein wenig Hoffnung zu schöpfte, aber die meiste Zeit verbrachte er in Dunkelheit und Depression. Sein Traum muss ein extrem prägendes Erlebnis gewesen sein. Er schrieb Gedichte und übersetzte Homer, er erlitt mehrere weitere Zusammenbrüche und unternahm mehrere weitere erfolglose Selbstmordversuche. Im Jahr 1800 starb er in völliger Verzweiflung und erwartete dabei wohl dieselbe Hölle, die sein Leben oft gewesen war. Ich denke mal, wir können optimistisch sein, dass er etwas Besseres gefunden hat.

Schon während seines Lebens fühlte Cowper sich so verloren, dass er Gedichte wie das folgende schrieb, in dem er die gegenwärtige Hölle als beinahe schlimmer erscheinen lässt als die, die er erwartet:

 

Hatred and vengeance, my eternal portion,

Scarce can endure delay of execution,

Wait, with impatient readiness, to seize my

                           Soul in a moment.

 

Damned below Judas: more abhorred than he was,

Who for a few pence sold his holy master.

Twice betrayed, Jesus me, the last delinquent,

                           Deems the profanest.

 

Man disavows, and Deity disowns me:

Hell might afford my miseries a shelter;

Therefore hell keeps her ever-hungry mouths all

                           Bolted against me.

 

Hard lot! encompassed with a thousand dangers;

Weary, faint, trembling with a thousand terrors,

I’m called, if vanquished, to receive a sentence

                           Worse than Abiram’s.

 

Him the vindictive rod of angry justice

Sent quick and howling to the centre headlong;

I, fed with judgment, in a fleshly tomb, am

                           Buried above ground.

 

„Kaum kann [ich] den Aufschub der Hinrichtung erwarten […] erschöpft, ohnmächtig, zitternd vor tausend Schrecken […] über der Erde begraben.“ Das schreckliche Urteil soll endlich kommen.

Cowpers letztes Gedicht war „The Castaway“ – der Verworfene, der Weggeworfene -, welches mit folgender Strophe endet:

 

No voice divine the storm allay’d,

         No light propitious shone;

When, snatch’d from all effectual aid,

         We perish’d, each alone:

But I beneath a rougher sea,

And whelm’d in deeper gulfs than he.

 

In meinem Roman kommt eine Cowper in seiner Verzweiflung ähnliche Figur vor, die ältere der beiden Schwestern, bloß wird ihr ihre Verdammnis von der Sekte, zu der ihre Familie gehört, eingeredet, da der Sektenführer erkennen will, wer verworfen und wer erwählt ist. Sie lebt (anders als ihre Schwester, der, obwohl sie als erwählt gilt, Zweifel an der Sekte kommen) in derselben sturen, hoffnungslosen Treue wie Cowper zu einem Gott, der ihr nichts bringt und den sie nur fürchten kann. Für sie wird die ganze Sache dann ziemlich kompliziert, als die Sektenführer im Lauf des Buches anfangen, davon zu reden, dass ein besonderer Einsatz für die Sekte (z. B. durch einen Meineid vor Gericht zu ihren Gunsten) vielleicht doch auch wieder ein Zeichen der Erwählung sein könnte… (Womit wir theologisch bei einer verdrehten Werkgerechtigkeit par excellence wären.) Es gibt schließlich ein gutes Ende für sie.

Ich meine, ja, es gibt schon gewisse Unterschiede zwischen dem allgemein hoffnungsvollen Glauben, den im 18. Jahrhundert z. B. ein bekehrter Sklavenhändler wie John Newton (Cowpers Pastor, der sich immer bemühte, ihm zu helfen, und der übrigens auch der Autor von „Amazing Grace“ ist) bei Erweckungsgottesdiensten in englischen Kleinstädten verkündete, und dem Glauben meiner Sekte, den ich mir aus den schlimmsten Randerscheinungen des US-amerikanisch-protestantischen Spektrums zusammengeklaubt habe. (Da findet sich Entsetzliches, nicht nur in Bezug auf die Rechtfertigungslehre. Man google bloß mal „Christian Patriarchy“. Darüber muss ich auch mal was schreiben.) Aber beiden gemein ist die calvinistische Lehre: Wenn Gott mich verdammt hat, lässt sich nichts mehr daran ändern. Egal, was ich tue, es ist gleichgültig. Und dieser Glaube schadet. Ja, Cowper hatte schon vorher psychische Probleme; aber durch eine solche Lehre konnten sie doch nur schlimmer werden. Die völlige Verzweiflung, in die er verfiel, wäre bei einem Glauben an einen gnädigen und gerechten Gott, der allen seinen Geschöpfen seine Gnade anbietet, wie wir Katholiken glauben, schon rein logisch gar nicht möglich gewesen. Cowper glaubte an einen willkürlichen Gott, dessen Entscheidungen niemand verstehen und niemand in Frage stellen kann; also konnte er logischerweise auch an seine eigene unabänderliche Verdammnis glauben. (Ja, die Calvinisten bezeichnen ihren Gott auch als gerecht und gnädig. Ich weiß. Aber: Worte haben eine gewisse Bedeutung und ich weigere mich, sie willkürlich mit einer anderen, undefinierten zu füllen.)

Ideas have consequences. Cowper tut mir so leid, und ich bewundere sein Leben, wenn ich ehrlich sein soll. Aber er hätte vielleicht nicht so schlimm leiden müssen, wie er litt, wenn Calvin nicht gewesen wäre.

Nach den ganzen entsetzlichen Gedichten möchte ich mit einem hoffnungsvollen Zitat enden: Kanon 17 aus dem „Dekret über die Rechtfertigung“ des Konzils von Trient, also eine unfehlbare kirchliche Verurteilung einer Lehre:

„Wer sagt, die Gnade der Rechtfertigung werde nur den zum Leben Vorherbestimmten zuteil, alle übrigen aber, die gerufen werden, würden zwar gerufen, aber nicht die Gnade empfangen, da sie ja durch die göttliche Macht zum Bösen vorherbestimmt seien: der sei mit dem Anathema belegt.“

Wieso glauben die Leute immer, Ketzerei würde ohne Grund verurteilt werden?

Ähm, ne, das ist nicht romantisch

Eine unvollständige Liste von Liebesfilm- und Liebesromanklischees, die sich niemals hätten etablieren dürfen:

 

1) Den falschen Partner vor dem Altar stehen lassen, um zum richtigen zu rennen

Auch wenn zwei Drittel aller Romantic Comedies auf diese Szene nicht mehr verzichten mögen: Das ist nicht romantisch! Aus dem einfachen Grund, dass es ziemlich fies gegenüber dem stehengelassenen Partner ist. Ist jemand, der sich so gegenüber jemand anderem aufführt, mit dem er eine längerfristige Beziehung geführt hat, wirklich ein begehrenswerter Partner, den man unbedingt nehmen muss, wenn er/sie noch in Smoking/Hochzeitskleid angerannt kommt? Für mich klingt das eher nach wankelmütig und unberechenbar. Wenn einem wirklich erst vor dem Altar bewusst wird, dass diese Ehe eine ganz arg schlechte Idee wäre, dann würde ich dessen Denk- und Urteilsvermögen irgendwie anzweifeln. Hat er seinen Partner bis jetzt nicht gekannt? Und muss ich noch erwähnen, dass es ganz besonders keine gute Idee ist, Braut oder Bräutigam stehen zu lassen, weil man in den letzten paar Tagen jemanden kennengelernt hat, zu dem es eben einfach eine ganz besondere Verbindung gibt – Liebe auf den ersten Blick? Das klingt nach einer ebenso tragfähigen Beziehung wie das andere Klischee, „Wieder mit dem Exfreund zusammenkommen, den man nach langen Jahren zum ersten Mal wiedertrifft“. Vermutlich gab es Gründe, aus denen man mit dem Ex nicht mehr zusammen ist. Und selbst wenn das schlechte Gründe gewesen sein sollten, konnte man nicht früher drauf kommen? Leute, bitte: Verlobungen kann man lösen, bevor die Hochzeitsgäste anreisen, die Tische gedeckt sind und der Pfarrer bereit steht.

Aber mei. Wenigstens hat dieses Klischee dem nächsten eine Sache voraus: Es ist immer noch bloß eine Sache der Filme.

 

2) Öffentliche Heiratsanträge

Die sind zu meinem Entsetzen etwas, das sich nicht mehr nur in Filmen findet. Tut mir leid, aber Heiratsanträge macht man nicht im Restaurant, und nicht vor einem extra engagierten Streicherquartett, und erst recht nicht vor einem gefüllten Footballstadium. Und man stellt sie auch nicht auf Youtube, damit jeder bewundern darf, was man sich Tolles für seine Liebste ausgedacht hat. Das ist kein romantisches Setting, sondern ein sehr, sehr… unangenehmes.

Da gibt es nämlich vor allem ein klitzekleines Problemchen: Was, wenn sie, na ja… „Nein“ sagen möchte? Oder: „Ich glaube, dass wir noch warten sollten“. Oder: „Das kommt jetzt etwas überraschend…“ Tja, wenn die Welt zuschaut, während er auf die Knie fällt und die kleine quadratische Schachtel herauszieht, bleibt ihr leider nur eine Möglichkeit:

  • Verzückt die Hände vor den Mund schlagen.
  • „Ja! Ja, ich will dich heiraten!“ (Entweder hauchen oder rufen.)
  • Sich den Ring anstecken lassen.
  • Nachdem er aufgestanden ist: Leidenschaftlicher Kuss.

Oder so ähnlich.

Ich bin ja ein tendenziell unromantischer Mensch. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn die Frau den Antrag macht. Oder wenn es keinen Antrag mit Ringschächtelchen und Kniefall gibt, sondern man einfach gemeinsam bespricht, wie weit die Beziehung ist. Aber wer Kniefall und Diamantring mag, gerne. Vielleicht ist man sich auch zu absolut-hundert-Prozent sicher, dass sie annehmen wird. Aber dann muss man das trotzdem nicht vor der neugierigen Familie am Nachbartisch und den versammelten Kellnerinnen erledigen. Ist für alle Beteiligten besser. Heiratsanträge sind was Privates.

Ein besonders erschreckendes Beispiel: Dieser Antrag eines venezolanischen Politikers an seine Freundin vor dem Papst:

Sind wir hier bei Germanys-next-most-romantic-proposal? Und ernsthaft: Was macht man bei so was, wenn man ablehnen möchte?

 

3) Stalking und Kontrolle

I’m looking at you, Twilight.

Ich weiß gar nicht, was ich an den Büchern mal so gut fand. (Die Filme fand ich schon immer entsetzlich. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Kristen Stewart und Robert Pattinson. Erstere kennt nur einen Gesichtsausdruck – bekifft – und Letzterer ist zu absichtsvoll gruselig und braunhaarig für seine Rolle. Ja, ich finde, dass Figuren in Filmen so aussehen sollten, wie sie in den zugehörigen Büchern beschrieben werden. Und „bronzefarben“ heißt „bronzefarben“ und nicht „hässlich dunkelbraun“.) Ich mochte „Seelen“ zwar schon immer lieber als Twilight, aber, na ja, wie blödsinnig manches in diesen Büchern ist, fällt einem erst auf, wenn man genauer drüber nachdenkt.

Ein Beispiel: Wenn der Junge aus dem Biologiekurs, den du vor ein paar Tagen oder Wochen kennengelernt hast und mit dem du noch nicht mal zusammen bist, sich nachts ohne dein Wissen in dein Zimmer schleicht und dich beim Schlafen beobachtet, dann würde jeder normale Mensch das eher, na ja, gruselig finden. Und zwar unabhängig davon, ob dieser Junge ein Vampir ist.

Und man folgt dem Mädel, in das man sich verliebt hat, auch nicht heimlich, wenn sie in die Nachbarstadt zum Shopping fährt. Sie hat siebzehn Jahre ohne dich überlebt. (Ja, in dem Fall war es ein glücklicher Zufall, dass jemand da war, aber das ändert am Prinzip nichts.) Und man verbietet ihr auch nicht, ihre Freunde zu treffen, nachdem man dann mit ihr zusammen bist. Dass die Werwölfe sind, ist keine Entschuldigung – jedenfalls, wenn du ein Vampir ist, dann hat das nämlich was von Doppelmoral.

In der Praxis wäre so was keine gesunde Beziehung.

Ich meine, ja, die Bücher sind spannend geschrieben und lesen sich flüssig, aber das ist wirklich kein gutes Vorbild. Bellas übertriebene Minderwertigkeitskomplexe sind zwar auf den ersten Blick auffälliger und nerviger und auch kein gutes Vorbild, aber ehrlich… man sollte die Jungs halt wirklich nicht auf den Gedanken bringen, ohne das Wissen ihrer Angebeteten durch deren Schlafzimmerfenster zu steigen.

 

4) Selbstmord nach dem (vermeintlichen oder echten) Tod des/der Geliebten

Ebenfalls (bloß als vermeintlicher Tod und versuchter Selbstmord) in der Twilight-Serie zu finden, aber bekanntermaßen auch schon bei „Romeo und Julia“. Wenn Romeo etwas Hilfe von der Notfallseelsorge gekriegt hätte, hätten beide ein Happy End bekommen können. Aber ne. Wieso ist das eigentlich Shakespeare’s beliebtestes Stück? „Macbeth“ ist so viel besser. Wahrscheinlich könnte ich das auch noch über sämtliche seiner anderen Stücke sagen, wenn wir in Englisch noch etwas anderes als „Romeo and Juliet“ und „Macbeth“ gelesen hätten.

„Ohne dich kann ich nicht leben.“ – Doch. Kann man. Muss man vermutlich irgendwann auch. Bei zwei Leuten ist es relativ wahrscheinlich, dass einer vor dem anderen stirbt. Und, na ja, so was wie Trennungen gibt es auch. Das kann ein psychisch gesunder* Mensch überleben. Auch wenn es nie schön ist.

 

So, jetzt habe ich hier mal die ganzen Gedanken von einer, die nicht so viel mit Romantik und so anfangen kann, auf die Welt losgelassen. Ob man’s glaubt oder nicht, ich lese tatsächlich gerne Jane Austen. Und für Harry und Ginny habe ich mich gefreut. Aber bitte verschont mich mit der nächsten Braut, die aus der Kirche rennt, und Heiratsanträgen vor dem Papst.

 

* Nichts gegen psychisch Kranke, ich bin auch psychisch krank. Ich meine ja nur, Verzweiflungstaten aus Trauer sollte man sich nicht zum Vorbild nehmen.

 

Ein bisschen Scheiterhaufen muss sein

Was soll ich sagen: Ich brauchte in den letzten Tagen etwas zum Entspannen.

Na ja, und da das schon manchmal funktioniert hat, dachte ich mir, ein trashiger historischer Liebesroman könnte da vielleicht weiterhelfen – und es könnte außerdem beim Lesen Spaß machen, zu schauen, wie oft ich in Gedanken „historisch inkorrekt!“ rufen kann (zusammen mit dem Korrigieren von Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern eine meiner liebsten Beschäftigungen). Ein Blogartikel als Rezension des Buchs könnte auch noch dabei herauskommen. Also, gedacht, getan.

So bin ich jedenfalls an Iny Lorentz‘ 700-seitigen historischen Roman „Flammen des Himmels“ geraten.

„Historischen“ Roman? wird sich der aufmerksame Leser, dem der Name der Autorin etwas sagt, jetzt sicherlich fragen. Aber ich greife mir vor – kommen wir erst einmal zur Handlung. Der Klappentext bietet die folgenden Informationen:

„Eine packende Frauenfigur, ein ungewöhnliches Setting und eine dramatische Geschichte aus dem 16. Jahrhundert

Fraukes Familie gehört zur verbotenen Sekte der Wiedertäufer. Als ein berüchtigter Inquisitor in ihrer Stadt erscheint, verhilft ihr Lothar, obwohl er der Sohn eines engen Vertrauten des Fürstbischofs ist, zur Flucht. Als die Wiedertäufer die Macht in Münster ergreifen, treffen sie sich wieder, Frauke auf der Seite der Ketzer und Lothar als Spion der Kirche, deren Ziel es ist, die Wiedertäufer zu vernichten. Wird ihre Liebe in dem mörderischen Ringen zwischen den Religionen eine Chance bekommen?“

Erst einmal muss ich hierzu sagen: Ein bisschen zu viele Adjektive in zu wenigen Sätzen.

 

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Das Cover bietet ja schon mal gewisse Anhaltspunkte für die Art von Roman, die man zu erwarten hat. Die schöne geheimnisvolle junge Frau, die mit abgewandtem Gesicht in die Ferne blickt, gequält ein Kreuz an ihre Brust drückend, während sich im Hintergrund über der alten gotischen Kirche dunkle Wolken zusammenbrauen, sich aber dazwischen auch ein heller Lichtschein zeigt… (Und ja, das waren jetzt absichtlich zu viele Adjektive in zu wenigen Sätzen.)

 

Meine Erwartungen nach dem Lesen dieser Inhaltsangabe waren in etwa:

  • Ein gruselig aussehender, fanatischer, skrupelloser, vor keiner Foltermethode zurückschreckender Inquisitor also mal wieder. Natürlich.

 

 

Nobody expects the Spanish Inquisition. Müssen sie im Buch auch nicht, da sie nicht in Spanien leben.

 

  • Wir werden wohl eine Menge sex & crime kriegen. Also, „crime“ wahrscheinlich im Sinne von Krieg, Folter und Hinrichtungen, hauptsächlich. Viel blutiges Zeug halt.
  • Frauke und Lothar werden am Ende zu der Erkenntnis kommen, dass ihre Religionen irgendwie beide blöd sind. Was denn sonst?
  • Selbstverständlich bekommt ihre Liebe eine Chance! Oder denkt hier jemand, dass Frau Lorentz ihre Leserinnen mit einer Tragödie verschrecken will, in der das Liebespaar am Ende getrennt wird, gemeinsamen Selbstmord begeht, im Krieg umgebracht wird oder an der Pest stirbt? Oder, noch bessere Möglichkeit: Lothar sagt sich von seiner sündigen Liebe zu einer Ketzerin los, liefert sie als guter Katholik dem fanatischen Inquisitor aus und jubelt vor ihrem Scheiterhaufen, während sie als treue und standhafte Märtyrerin für ihren Glauben an die Lehren der Wiedertäufer-Propheten stirbt. Schließlich ist das hier eine hoffnungslose Liebe zwischen zwei Eigentlich-Feinden, die keine Chance haben kann.

 

Inzwischen habe ich das Buch zu Ende gelesen, und, nun ja, meine Erwartungen bezüglich des Inquisitors wurden eher noch übertroffen. Gleich auf der ersten Seite, als Frauke Hinrichs den Einzug des Inquisitors Jacobus von Gerwardsborn (übrigens ebenso wie die Hauptpersonen keine historische Figur – ein paar tatsächliche historische Personen wie der Fürstbischof von Münster kommen später noch am Rande vor) in ihre Heimatstadt Stillenbeck beobachtet, findet sich folgende Schilderung:

„Seine Kleidung einschließlilch der Stiefel war so dunkel wie eine Neumondnacht unter einem bedeckten Himmel, und sein schwarzes Maultier wies nicht einen hellen Fleck auf. Im ersten Augenblick wirkte der Mann auf Frauke wie einer der apokalyptischen Reiter, und sie hätte sich nicht gewundert, wenn auch sein Gesicht von der Farbe der Nacht gewesen wäre. Stattdessen war es so bleich, als meide der Mann die Strahlen der Sonne. Frauke erstarrte bis ins Mark, obwohl sie nicht wusste, wer dieser Fremde sein mochte, der die Menschen am Straßenrand musterte, als wolle er sie mit seinen Blicken durchbohren.“ Bessere Metaphern und Vergleiche waren wohl nicht im Angebot.

Zu Gerwardsborns Begleitung gehört auch Magnus Gardner, ein Berater des neu ernannten Fürstbischofs Franz von Waldeck, der den vom Papst entsandten Inquisitor im Auftrag des Bischofs zu etwas Mäßigung bei seiner Ketzerverfolgung bewegen soll – schließlich können auf dem Scheiterhaufen verbrannte Untertanen des Fürstbistums keine Steuern mehr zahlen, und so ein Fanatiker ist der Franz nun nicht, dass ihm die Ausrottung der Häretiker wichtiger wäre als die Möglichkeit, die Schulden, die er machen musste, um seinen Titel zu kaufen, endlich zu begleichen. Auch mit von der Partie ist Gardners Sohn Lothar, dessen Hauptaufgabe im Moment darin besteht, den Inquisitor bei Laune zu halten, indem er gegen ihn im Schachspiel verliert.

Tja, in Stillenbeck nun gibt es ein paar vereinzelte, in den letzten Jahren neu zugezogene Wiedertäufer, die ihren Glauben geheim halten, und eine bedeutende Zahl an Bürgern, darunter auch ein großer Teil des Stadtrats, die sich Luther zugewandt haben und vor Gerwardsborns Ankunft einen lutherischen Prediger an die Pfarrkirche berufen wollten. Nun mimen natürlich auch die wieder die braven Katholiken, aber Gerwardsborn will Ketzer brennen sehen, also beschließen die Lutheraner, seine Aufmerksamkeit von sich ab- und auf den gemeinsamen Feind, die radikale, kleine Sekte der Wiedertäufer, hinzulenken und denunzieren ohne genaueres Wissen Neuzugezogene wie Fraukes Familie (die schon dreimal aus verschiedenen Städten fliehen musste). Dass des Bürgermeisters Töchterlein die Familie schon vorher beim Inquisitor angeschwärzt hatte, weil es eifersüchtig auf die Schönheit von Fraukes älterer Schwester Silke war (ich weiß – einfallsreich, nicht wahr?), trägt auch noch seinen Teil dazu bei, dass sein Fokus sich nun ganz auf die Hinrichs richtet. Fraukes Vater zögert zu lange mit der Flucht aus der Stadt und will sie, als er sich doch noch dazu entschließt, unauffällig aussehen lassen, weshalb die Familie sich trennt; Hinner Hinrichs und der jüngere Sohn Helm gehen zuerst, angeblich, um Leder für ihr Handwerk zu kaufen, und die Mutter, die beiden Töchter und der ältere Sohn Haug bleiben zunächst noch zurück – woraufhin sie, wie es zu erwarten war, von den Schergen des Inquisitors gefangen genommen werden.

Die vier werden eingesperrt, ihnen werden Beweise untergeschoben und sie werden gefoltert, die Mutter wird von Gerwardsborns Folterknecht vergewaltigt, und Haug wird nicht lange danach als erster auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Frauen sollen am nächsten Tag an der Reihe sein, aber in dieser Nacht befreien Lothar, den Gerwardsborns Grausamkeit abstößt und der sich anscheinend in Frauke verliebt hat, nachdem er sie ein paar Mal auf der Straße gesehen und sich ein Mal mit ihr unterhalten hat, und ein Stadtknecht namens Draas, der in Silke verliebt ist, die drei, und Draas bringt sie heimlich zum Stadttor hinaus und zu anderen Wiedertäufern nach Geseke.

Von da an trennen sich die Wege der Figuren zeitweise: Draas kann nicht nach Stillenbeck zurückkehren und wird Söldner; Hinner Hinrichs und Helm hören, dass ihre ganze Familie tot sein soll und ziehen allein nach Münster, wo sich immer mehr Wiedertäufer sammeln und einheimische Wiedertäufer schon an Macht gewonnen haben, und wo, wie ihr Prophet Jan Matthys angekündigt hat, Christus zu Ostern vom Himmel herabsteigen soll, und dort heiratet Hinner eine streitsüchtige holländische Witwe namens Katrijn; Frauke, Silke und ihre Mutter gehen schließlich auch nach Münster, wo sie dem Rest ihrer Familie wieder begegnen; Lothar kehrt zuerst an die Universität zurück, wo er Jura studiert, wird dann aber von seinem Vater als Spion ebenfalls nach Münster geschickt, um diesem heimlich Nachrichten über die Situation in der Stadt zukommen zu lassen. Der neue Fürstbischof hatte bisher wegen schwieriger Verhandlungen mit dem Stadtrat über ein paar politische Angelegenheiten noch nicht in seine Hauptstadt einziehen können und nun, wo die Wiedertäufer an die Macht kommen, spitzt sich die Lage zu: Deren Lehre wird gewaltsam durchgesetzt, Heiligenfiguren in den Kirchen werden zerschlagen und Kirchengerät geplündert, Katholiken und Lutheraner werden vertrieben und ihr Besitz wird Täufern zugeteilt, es sei denn, sie nehmen den Täuferglauben an. Der Fürstbischof zieht allmählich einen Belagerungsring um die Stadt (wozu er ständig neues Geld aufbringen muss, das er eigentlich nicht hat), hofft aber noch, dass vielleicht die Gegner der Täufer in der Stadt noch etwas ausrichten und die neuen Herren wieder entmachten könnten, sodass er sich eine langwierige und blutige Erstürmung der Stadt sparen könnte. Auch Draas ist unter den Söldnern des Bischofs.

Zurück zu den Hinrichs. Als sie einander wiederfinden und Hinner Hinrichs ungewollte Bigamie herauskommt, er und seine zweite Frau sich aber nicht so wirklich trennen wollen, entscheiden die Herrscher von Münster, dass sie erst noch in der Bibel schauen müssen, ob die Polygamie für Christen vielleicht doch okay sein kann, also sollen sie solange alle zusammenleben, aber Hinner soll bitte nur mit einer der beiden Frauen schlafen. Der *ich-verkneife-mir-aus-christlicher-Nächstenliebe-was-ich-ihn-hier-gerne-nennen-würde* entscheidet sich für Katrijn. An dieser Stelle erfährt man auch, dass seine erste Frau Inken schwanger ist, und dass sie vermutet – ohne allerdings ihrem Mann etwas davon zu sagen -, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger sein könnte. Sie versinkt jetzt immer mehr in einer schweren Depression und verlässt kaum noch ihre Kammer.

Unterdessen trifft Frauke Lothar wieder – der sich als Frau verkleidet, als arme täuferische Witwe ausgegeben und den Namen Lotte zugelegt hat, und immer wieder Botschaften in Flaschen in die Aa wirft, die die Leute seines Vaters dann außerhalb der Stadt herausfischen. Frauke freundet sich mit „Lotte“ an und entdeckt schließlich deren wahre Identität. Jetzt beginnt die wahre Liebesgeschichte (allerdings entgegen meiner Vermutung mit tatsächlich relativ wenig Sexszenen), und da Frauke eh schon längst ihre Zweifel an den Auserwähltheitsfantasien und Weltuntergangsprophezeiungen der Wiedertäufer hat, sind auch keine feindseligen Gefühle mehr zu überwinden. Auch Lothar mag die katholische Kirche mit ihren Scheiterhaufen nicht mehr so richtig, aber jetzt muss er natürlich eher noch dem Fürstbischof gegen die fanatischen Wiedertäufer helfen. Beide möchten gerne eine einigermaßen friedliche Lösung erreichen, und versuchen deshalb zwischendurch, herauszufinden, ob es noch Bürger gibt, die bereit wären, sich gegen die Täufer zu wenden oder den Truppen des Bischofs ein Stadttor zu öffnen.

Ein paar Monate ziehen ins Land, es gibt ein paar Wendungen im Plot und Nebenstränge der Handlung werden weitergesponnen. Fraukes Mutter stirbt bei der Geburt ihres Kindes, und das Kind ebenfalls. Die Täuferführer setzen ihre Macht immer radikaler durch – auch, als Christus zu Ostern 1534 nicht wie versprochen erscheint. Angesichts von dessen Ausbleiben unternimmt Jan Matthys einen verzweifelten Ausfall gegen die Bischöflichen und wird getötet, woraufhin Jan Bockelson van Leiden, ein weiterer Täuferprophet, erklärt, dass Gott ihm mitgeteilt habe, dass Matthys für seinen Hochmut und Stolz auf sein Prophetenamt bestraft würde und sie jetzt einfach so gut christlich leben müssten, dass sie Christus dazu zu bringen würden, irgendwann mal zu erscheinen. Jan van Leiden erklärt sich schließlich zum „König von Neu-Jerusalem“ (also Münster), und erlaubt außerdem, da sich inzwischen viel mehr Frauen als Männer in der Stadt befinden, die Polygamie nicht nur, sondern erklärt sie sogar für verpflichtend. Er nimmt sich selbst etliche Frauen, darunter Silke Hinrichs.

Unterdessen ist außerhalb der Stadt auch der Erzschurke der Geschichte wieder aufgetaucht: Gerwardsborn, der eigentlich nach Rom reisen wollte in der Hoffnung, zum Kardinal befördert zu werden, ist doch im Münsterland geblieben und agitiert – gegen den Willen des Fürstbischofs, der aber nicht viel tun kann, um ihn zu hindern – in den Söldnerlagern rund um die Stadt bei den Söldnern und ihren Anführern, damit sie bei einer Eroberung der Stadt alle Einwohner umbringen, da die mit dem Gift der Häresie angesteckt sein müssten, das man ganz und gar ausrotten müsse. So à la „Tötet sie alle, der Herr kennt die Seinen“ eben.

Long story short: Unsere Protagonisten helfen schließlich einem Münsteraner Bürger, der auf ihrer Seite steht, aus der Stadt zu fliehen, sodass der den bischöflichen Truppen einen Weg hinein zeigen kann.

Während der Eroberung sollen sie von ein paar Söldnern, die Lothars Vater geschickt hat, darunter Draas, in Sicherheit gebracht werden, was zuerst zu klappen scheint, als jedoch – man ahnt es – der schwarze Inquisitor, der auch mit den Soldaten in die Stadt gekommen ist, noch einmal seinen letzten großen Auftritt hat. Er erkennt Frauke neben Lothar und schließt daraus, dass der ihr damals in Stillenbeck zur Flucht verholfen haben muss. Während er noch Drohungen bzgl. Scheiterhaufen usw. ausstößt, bekommt jedoch Fraukes bisher recht feiger und enttäuschender Vater seine letzte Möglichkeit, sich als Held zu erweisen: Er taucht (unerkannt von den Protagonisten) am Dachfenster eines Hauses auf, erkennt Gerwardsborn unten auf der Straße und tötet ihn und einige von seinen Handlangern mit einer Handbüchse, wird dann allerdings selbst getötet. Die anderen gelangen sicher aus der Stadt hinaus.

Die Eroberung ist insgesamt etwas brutal verlaufen, aber immerhin nicht ganz so schlimm, wie der tote schwarze Inquisitor es gerne gehabt hätte, die Täuferführer werden allerdings hinterher hingerichtet, die restlichen Täufer, die sich nicht bekehren wollen, des Landes verwiesen. Silke kommt mit Draas zusammen, dem Lothars Vater eine Stelle verschafft, was er auch für den kleinen Bruder Helm tut. (Beide Geschwister haben in den letzten paar hundert Seiten etwas tragendere Rollen bekommen als zuvor und auch von Lothars Identität erfahren.) Lothar erklärt seinem Vater unumwunden, dass er Frauke heiraten will, auch wenn sie bloß eine Handwerkerstochter ist, und – das war jetzt auch für mich eine Überraschung – dass er nach Wittenberg gehen, sich den Lutheranern anschließen und Pastor werden will. Denn, wie die Autorin uns mehrmals im Lauf des Buches informiert hat, das Christentum an sich ist ja schon gut, Nächstenliebe und so, bloß – diese Katholiken! diese Wiedertäufer! diese Gewalt! Aber zum Glück bietet der Luther anscheinend einen dritten Weg, und so wird alles gut. Magnus Gardner akzeptiert Lothars Entscheidung und alle sind glücklich. The End.

Tja, was soll ich jetzt dazu sagen? Fangen wir mal mit dem Positiven an. Man sollte lernen, das Positive zu sehen.

Das Thema an sich ist extrem interessant. Die Episode mit den Wiedertäufern ist eine spannende, und tragische, Episode in der Geschichte der Reformation. (Allgemein eine spannende und sehr, sehr tragische Zeit.) Das hat mich auch dazu gebracht, gerade diesen Roman unter den mir zur Verfügung stehenden trashigen Historienromanen auszuwählen: Falsche Propheten, enttäuschte Hoffnungen auf das Weltenende, Fanatismus, erzwungene polygame Ehen, Religionskriege… spannend.

Das Buch hat sich tatsächlich als gutes Mittel zur Entspannung herausgestellt. Es liest sich schnell und flüssig, man muss nicht mitdenken, es macht irgendwie Spaß.

Es gibt Stellen, an denen man sich denkt: Hey! Hier hätte ich mehr historisch nicht Korrektes erwartet! Das hat sie ja besser gemacht, als ich erwartet hätte! Zum Beispiel, als erwähnt wird, dass es für das Verhör von Ketzern im Allgemeinen und die Folter im Besonderen tatsächlich Regeln gab, um die Angeklagten zu schützen – natürlich hält sich der schwarze Inquisitor nicht daran, aber er muss ja auch der skrupellose Erzschurke bleiben.

Okay, das waren die positiven Punkte, die mir eingefallen sind. Jetzt zu den negativen:

Der Titel. Was bitteschön soll er bedeuten? „Flammen des Himmels“? Flammen im Himmel? Verwechselt man da nicht Himmel und Hölle? Flammen, die vom Himmel her kommen? Na ja, das Weltgericht bleibt schließlich am Ende aus. Flammen um des Himmels willen? Das kann man aus der Formulierung, wie sie da steht, eigentlich nicht herauslesen, auch wenn es noch die sinnvollste Interpretation wäre. Man könnte ja fast meinen, Iny Lorentz hätte sich bloß zwei möglichst dramatisch und irgendwie nach Gewalt und Religion klingende Wörter ausgesucht und sie dann in beliebiger Reihenfolge mit einem beliebigen Artikel verbunden; aber das kann ja nicht sein, oder?

Die Figuren erfüllen wirklich alle Klischees, die zu erwarten waren. Die junge, kluge, rebellische Frau, die die Konventionen ihrer Zeit hinterfragt – das Paar, dessen heimliche verbotene Liebe sich am Ende durchsetzt – der gruselige, fanatische schwarzgekleidete Inquisitor – der sadistische, seine weiblichen Gefangenen vergewaltigende Folterknecht – der herumschnüffelnde, knabenschändende Mönch (ein Helfer des Inquisitors) – der reiche Stadtdechant, der sich eine Mätresse hält und zwei Hilfspriester seine Aufgaben erfüllen lässt, die arm sind wie die sprichwörtlichen Kirchenmäuse (eine unwichtige Nebenfigur) – die religiösen Fanatiker, die ständig davon reden, wer alles in der Hölle schmoren wird (Jan van Leiden etc.)…

Die Sprache. Ach du meine Güte, die Sprache. Awkward. Iny Lorentz versucht die meiste Zeit über, ihre Figuren irgendwie altertümlich sprechen zu lassen, allerdings hört sich das dann weniger nach Lutherbibel oder Mittelhochdeutsch an, sondern eher nach, na ja, bemüht hochgestochenem Deutsch mit ein paar älteren Wörtern dazwischen, und zwischendurch vielleicht auch mal ein paar Schimpfwörtern und Flüchen, wenn gerade Huren, Söldner oder Marketenderinnen sprechen. Und wenn in wörtlicher Rede ständig Ausdrücke wie „diese“, „daher“, „weshalb“, „dennoch“, „teilhaftig werden“ oder „auch kann ich vermelden“ vorkommen, dann wirkt das irgendwie… gekünstelt. Ebenso gekünstelt, wie es generell wirkt, wenn ihre Figuren über das Thema Religion sprechen. Sie hat es einfach nicht drauf, sorry. Das hört sich in etwa so authentisch an, wie es sich bei mir anhören würde, wenn ich versuchen würde, einen Dialog zu schreiben, der sich bei einem Antifa-Treffen abspielt. Sie hat sich vielleicht ein bisschen was von dem Vokabular angelesen, aber das reicht eben nicht.

Manchmal liegt das wohl auch an dem tieferen Problem, dass sie einfach nicht versteht, wie Menschen des 16. Jahrhunderts überhaupt dachten – nicht zuletzt in Bezug auf das zentrale Thema Ketzerei. Frau Lorentz legt ihren Hauptfiguren Meinungen wie diese in den Mund bzw. ins Gehirn:

„Frauke konnte nicht begreifen, weshalb Menschen anderen Menschen so etwas antun konnten. Gott im Himmel war doch um so viel größer, als der kleinliche Geist vieler Leute ihn erscheinen lassen wollte. Dabei dachte sie nicht nur an die Katholiken, deren Priester ihre Gebete nur auf Latein sprechen durften, und die Lutheraner, die unbedingt auf Deutsch beten wollten, sondern auch an ihren Vater und die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft.“ (S. 64)

„Warum mussten Menschen alles zerstören, was nicht in ihr enges Weltbild passte?, fragte Lothar sich kopfschüttelnd.“ (S. 366)

„‚Solange du Gott im Herzen trägst, wird er darüber hinwegsehen, auf welche Weise du zu ihm betest.'“ (S. 732)

„Ein wenig schmerzte es ihn [Magnus Gardner], dass Lothar die große Karriere ausschlug, die sich ihm geboten hätte. Zum anderen aber bewunderte er seinen Sohn und fand, dass dieser auch als lutherischer Prediger seinen Weg gehen würde.“ (S. 734) –

So reagiert kein katholischer Vater des 16. Jahrhunderts auf die angekündigte Konversion seines Sohnes!

Natürlich müsste man hier im Blick behalten, dass es für das Jahr 1534 noch etwas schwierig ist, hier überhaupt von einer „Konversion“ im eigentlichen Sinne zu sprechen.

Ja, einige Sätze von Luther waren 13 Jahre vorher schon als häretisch verurteilt worden. Ja, vier Jahre vorher hatten die Lutheraner schon ihr eigenes Augsburger Bekenntnis formuliert. Ja, sie wurden immer mehr zu einer klar abgegrenzten und klar von der Kirchenobrigkeit abgelehnten Gruppe. Aber trotzdem sahen sich die Katholiken und die Lutheraner noch nicht als getrennte „Kirchen“. Es gab keine „Kirchen“ im Plural, sondern die eine Kirche, und ein Teil ihrer Mitglieder rebellierte gegen ihre althergebrachte Ordnung, da sie ihre neuen Ideen für das richtige Christentum hielten, das jetzt in der ganzen Kirche durchgesetzt werden müsste, um sie zu „reformieren“, sie also zu einem angeblichen Idealzustand der Frühzeit zurückzubringen, und der andere Teil war entsetzt über diese neuen Ideen und wandte sich heftig dagegen. Es gab in den 1530ern noch immer die Hoffnung auf eine Beilegung dieser theologischen Streitigkeiten, auf eine endgültige, alle zufriedenstellende Klärung der Fragen durch Religionsgespräche (die auch stattfanden) oder durch ein Konzil (das erst später stattfand, als sich die Trennung schon stärker verfestigt hatte).

Das Ganze war ein Konflikt innerhalb einer Kirche – ein heftiger Konflikt um für die Menschen enorm wichtige Fragen, von denen übrigens kaum welche in „Flammen des Himmels“ auch nur Erwähnung finden. Interessanterweise sind die einzigen Dinge, die als Unterschiede zwischen Lutheranern und Katholiken genannt werden, der Klerikerzölibat, die Sprache der Liturgie und die Heiligenverehrung – die ersten beiden keine doktrinären Punkte, und Punkte, bei denen Rom anfangs sogar zu Zugeständnissen gegenüber den selbsternannten deutschen Kirchenerneuerern bereit gewesen wäre. Kein einziges Mal wird von Frau Lorentz die damals so heftig debattierte Frage erwähnt, ob der Mensch durch den Glauben und die göttliche Gnade allein, ohne jede Bedeutung der menschlichen guten Werke, erlöst würde (=in den Himmel käme), wie es Luther proklamierte, oder durch ein Zusammenwirken des Glaubens und der Werke, wie die Katholiken sagten. Das war der Trennungsgrund der Konfessionen! Das war das, was die Menschen eigentlich spaltete! Klar, über die anderen Themen redeten sie auch, aber die grundsätzliche Frage nach dem Seelenheil war doch noch mal bedeutsamer für sie als die Frage nach dem Latein in der Messe; vor allem für Luther, der sein Leben lang geplagt war von Zweifeln über sein ewiges Heil. Und trotzdem spielt die Rechtfertigungslehre im Roman nicht einmal bei Lothars Hinwendung zum lutherischen Bekenntnis eine Rolle. Er findet die Katholiken zu grausam und die Wiedertäufer zu eingebildet und zu grausam, und er ist gegen den Zölibat, weil er Priester kennt, die ihn nicht halten, und gegen das Latein in der Messe, weil die Leute ja was verstehen sollen, aber er findet das Christentum an sich ganz gut, also will er zu den Lutherischen gehen und bei denen Pastor werden. That’s it.

Dass es Leute gab, die sozusagen über den Konfessionen standen und alle diese Unterschiede für gar nicht so wichtig hielten, wie Frauke und Lothar – das geschah nach dieser Zeit der zu nichts führenden Streitgespräche und der ebenfalls zu nichts führenden Religionskriege, als man irgendwann sah, dass keine Seite so schnell aufgeben würde, und man trotzdem zusammenleben musste, und man den ganzen Streit vielleicht irgendwie auch langsam leid war. Vielleicht war ja das, was den Vorfahren so wichtig gewesen war, doch gar nicht so entscheidend; es kam wohl eher drauf an, dass man überhaupt ein gläubiger Christ war, der zu Gott betete und die Zehn Gebote hielt. Solche Ansichten, die ein paar Jugendlichen aus den 1530ern in den Mund gelegt werden, wurden eher von ein paar Bildungsbürgern des späten 17. und des 18. Jahrhunderts vertreten.

Und kommen wir jetzt mal zum Thema staatliche Verfolgung von Ketzerei. [Hier muss man auch noch eins im Blick behalten: Ketzer wurden von der weltlichen Macht hingerichtet. In katholischen Gebieten prüfte die Kirche, ob jemand ein Ketzer war, aber zur Hinrichtung wurde er „dem weltlichen Arm übergeben“. Es war die staatliche Autorität, die bestimmte, was die Strafe für Ketzerei war. Das Hauptziel der Inquisition war es zudem nie, Ketzer zu verurteilen, sondern, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen; wer im Lauf des Prozesses widerrief, wurde nicht verurteilt (oder höchstens zu einer Wallfahrt o. Ä. zur Wiedergutmachung).] Die Menschen damals waren sich nicht unbedingt uneins, ob Ketzerei verfolgt werden sollte, sondern einfach darin, was Ketzerei war. Die Ketzer waren nicht gegen Ketzerverfolgung generell; sie hielten nur sich persönlich nicht für Ketzer. Natürlich waren die Lutheraner für die Verfolgung der Wiedertäufer; die waren ja Ketzer; sie waren es nicht, also durften sie nicht verfolgt werden, die aber schon. Sie waren die wahren Christen; die Wiedertäufer dagegen verkündeten eine falsche Lehre, also waren sie eine Bedrohung für die Gesellschaft; dagegen hatte der Staat vorzugehen. Die heute als ach so tolerant verschrieene Elizabeth I. von England ließ katholische Priester hängen, ausweiden und vierteilen, der Reformator Calvin ließ jemanden hinrichten, der die Dreifaltigkeit Gottes leugnete. So gut wie jeder Machthaber, ob katholisch oder protestantisch, ging auf irgendeine Art und Weise gegen das vor, was er als Ketzerei sah, wenn auch nicht zwangsläufig mit der Verbrennung aller Ketzer. (Die Ausweisung aus dem Land oder die Duldung unter bedeutenden Einschränkungen für die öffentliche Religionsausübung waren sehr viel häufiger.) Keiner verlangte von der anderen Seite allgemeine Meinungs- und Religionsfreiheit – was man von ihr verlangte, war, die Wahrheit einzusehen, an die man selbst glaubte. Man sah etwas als Wahrheit, und man ging daran, das auch mit staatlichen Mitteln durchzusetzen, wenn es möglich war. Ja, es gab schon gewisse Streitigkeiten darum, inwieweit Zwang und staatliche Verfolgung im Namen der Religion legitim sind, aber niemand sah die Religion als eine unwichtige Privatsache, die den Staat überhaupt nichts angeht.

Ketzer waren damals das, was heute „Verfassungsfeinde“ sind – eine Bedrohung für die Gesellschaft, die auf den Prinzipien des Christentums aufgebaut war. Jemand leugnet die Menschenrechte oder die Gleichheit von Mann und Frau? Bedrohung für unsere Gesellschaft. Jemand leugnet die Einsetzung der Kirche durch Christus oder die Legitimität der Kindertaufe? Bedrohung für die mittelalterliche Gesellschaft. Und in der mittelalterlichen Gesellschaft ging man mit allen Arten von Bedrohungen nicht immer zimperlich um. (Für Verbrechen wie Brandstiftung konnte man übrigens ebenfalls auf dem Scheiterhaufen landen.) Religiöse Streitigkeiten sorgten damals nicht selten für Unruhen und sogar Bürgerkriege (Hussitenkriege, Bauernkrieg, Schmalkaldischer Krieg, usw. usf.); tatsächlich ist das Täuferreich von Münster ja geradezu ein Paradebeispiel dafür, welchen Schaden Ketzerei anrichten konnte. Manche Ketzer (Katharer, Wiedertäufer) stellten sehr zentrale Grundlagen der Gesellschaft in Frage, da sie sich z. B. weigerten, Eide zu schwören oder Kriegsdienst zu leisten – im Fall der Wiedertäufer selbst für den Fall eines Verteidigungskriegs gegen die Osmanen (die übrigens 1529 Wien belagerten, also in genau dieser Zeit eine sehr reale Bedrohung waren). Ach ja, und natürlich hatte man auch noch Angst vor Gottes Zorn, falls man die Ausbreitung falscher Lehren nicht verhinderte. Dass keiner der Protagonisten des Romans auch nur irgendetwas Bedrohliches an – aus seiner Sicht – falschen religiösen Vorstellungen sieht, ist jedenfalls einfach unrealistisch.

Ein anderes Beispiel für die krasse Projektion von Ansichten des frühen 21. Jahrhunderts auf das 16. bietet das Thema Homosexualität. In einem Nebenstrang der Handlung, der tatsächlich zur Haupthandlung ganz und gar nichts beiträgt, kommt ein homosexueller Vergewaltiger vor, dem seine Taten schließlich leidtun und der sich doch noch als netter Kerl herausstellt und den Protagonisten hilft. Ich hätte mit dem Handlungsstrang an sich schon irgendwie meine Probleme; die Einfachheit, mit der Vergewaltigung hier mit „Schwamm drüber!“ behandelt wird, ist etwas verstörend. (Und bevor man mir hier eine besondere Abneigung gegenüber Homosexuellen unterstellt, ja, das sage ich ganz unabhängig davon, ob es sich um homo- oder um heterosexuelle Vergewaltigung handelt. Ein ähnlicher Plot mit einem reuigen heterosexuellen Vergewaltiger, der sich ziemlich einfach als eigentlich guter Mensch herausstellt, der auch irgendwie bloß ein Opfer seines strengen Vaters ist, hat mich beispielsweise in dem Film „Ku’damm 56“ sehr gestört. (Das war allgemein kein besonders guter Film; er leidet an den typischen Problemen deutscher Filme wie dem krampfhaften Bemühen um Originalität und der bemühten Kritik an den ach so heuchlerischen und spießigen 50ern.)) Sicher, es gibt keine Sünde, die nicht bereut und vergeben werden könnte, aber das Ganze wirkt, wie es im Roman geschildert wird, einfach nicht plausibel – wie oft verhalten sich reale Vergewaltiger so? Aber wie dem auch sei, zurück zum Thema Homosexualität an sich. Auf Seite 460 sagt Lothar zu Helm: „‚[…] Wenn Faustus und Isidor das miteinander tun, was sie mit dir gemacht haben, berührt mich das nicht. Es ist ihre Entscheidung, und sie müssen es vor sich selbst und Gott rechtfertigen. Anders ist es jedoch, wenn sie einen jungen Burschen betrunken machen, um ihrer Lust frönen zu können.'“ Nun ist es ja schon ein bisschen komisch, dass Lothar die Situation erst einmal dazu nutzt, um ein Vergewaltigungsopfer über Prinzipien der Sexualethik zu belehren, aber irgendwie muss Frau Lorentz ja auch ihre moralischen Lektionen an den Leser bringen, so wie sie es auch beim Thema religiöse Toleranz schließlich alle paar Seiten tut. Der viel entscheidendere Punkt ist aber: So hätte einfach kein Mensch des 16. Jahrhunderts gedacht! Die oben erwähnten religiösen Ansichten wären noch plausibler gewesen als das; für einen Menschen des 16. Jahrhunderts wäre der einzige Unterschied zwischen einvernehmlichen und nicht einvernehmlichen homosexuellen Handlungen gewesen, ob sich zwei Männer oder bloß einer der widernatürlichen Sodomie schuldig gemacht hätten.

Weitere kleinere historische Fehler fallen einem gelegentlich auf; zum Beispiel weist Fraukes Vater sie gegen Anfang des Buches, als die Familie zur Tarnung in die katholische Sonntagsmesse geht, an, bei der Kommunion die Hostie gefälligst hinunterzuschlucken, anstatt sie heimlich wieder aus dem Mund zu nehmen wie am Sonntag zuvor. An diesem Sonntag ist schließlich der Inquisitor anwesend und man darf unter keinen Umständen auffallen. Der Punkt hier ist bloß: Niemand hätte sich damals gewundert, wenn Frauke überhaupt nicht zur Kommunion gegangen wäre. Damals gingen die Leute zwar in der Regel jeden Sonntag zur Messe, aber nicht jedes Mal zur Kommunion, und zwar aus einer Art Scheu oder Ehrfurcht gegenüber dem Allerheiligsten Sakrament heraus. Viele waren überzeugt, vor jeder Kommunion erst zur Beichte gehen und in ganz besonders frommer Stimmung sein zu müssen. Die Päpste mussten im Mittelalter sogar Mindeststandards für den Sakramentenempfang festlegen; seitdem ist die Kommunion einmal im Jahr, nämlich zu Ostern, vorgeschrieben. Die meisten Menschen gingen damals selten zur Kommunion, vielleicht alle paar Wochen oder Monate oder eben auch nur zu Ostern. Die besonders frommen Leute gingen jede Woche. Sehr, sehr wenige Leute gingen jeden Tag. (Meines Wissens nach zum Beispiel die hl. Katharina von Siena.) Das alles änderte sich erst grundsätzlich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem hl. Pius X., der den Katholiken die wöchentliche oder bestenfalls tägliche Kommunion nachdrücklich ans Herz legte. Im 16. Jahrhundert dagegen wäre es eher aufgefallen, wenn Frauke zwar jeden Sonntag zur Kommunion, aber nie zur Beichte gegangen wäre. (Ach ja, die war (und ist) für Katholiken übrigens auch einmal jährlich vorgeschrieben.)

Das nur als Beispiel; wenn ich mich mit dieser Zeit besser auskennen würde, würden mir wahrscheinlich noch mehr Dinge auffallen. Zum Beispiel kommt mir die Tatsache, dass der Fürstbischof von Münster so wenige Einflussmöglichkeiten auf den von Papst und Kaiser entsandten Inquisitor hat, seltsam vor. Damals hatten die deutschen Landesfürsten in ihrer Territorien für gewöhnlich das Sagen und der Kaiser und der Papst nicht allzu viel Einfluss. Was hätte der Papst in Rom machen können, wenn der Fürstbischof dem Inquisitor verboten hätte, in seinem Gebiet Ketzerprozesse durchzuführen? Ich weiß die Antwort nicht, dafür kenne ich mich eben nicht genau genug mit dieser Zeit aus, aber ich habe gewisse Zweifel, dass Iny Lorentz das so ganz akkurat darstellt. Ähnlich beim Thema Verbrennen; Gerwardsborn und andere äußern ein paar Mal die Ansicht, dass das Feuer die Seelen der Verbrannten reinigen würde, sodass sie trotz ihrer Ketzerei noch in den Himmel kommen könnten. Es kommt mir unglaubwürdig vor, dass ein ausgebildeter Theologe meinen würde, die Hinrichtungsart könnte in irgendeiner Richtung einen Einfluss auf das ewige Heil haben. Soweit ich weiß, wurde das Verbrennen als Hinrichtungsart hauptsächlich gewählt, um den Verbrecher und die Erinnerung an ihn gänzlich auszulöschen – keine Leiche, kein Grab, kein nichts. Damnatio memoriae. Vielleicht verwechselt die Autorin das, was ihre Figuren glauben, mit der Vorstellung, dass die noch im Leben erlittenen Schmerzen das Fegefeuer verkürzen würden (für Nichtkatholiken: nein, Fegefeuer und Hölle sind eben nicht dasselbe; ersteres ist eine  Läuterung von lässlicher Schuld vor dem Eintritt in den Himmel, letztere bedeutet die ewige Trennung von Gott, die man sich durch die Abwendung von Ihm durch böse Taten etc. selbst zugezogen hat). Ich kann mir auch vorstellen, dass die Leute damals meinten, dass eine grausame Hinrichtungsart den Verbrecher noch am ehesten kurz vor seinem Tod zur Reue bewegen könnte. Vielleicht waren damals auch tatsächlich in der Populärtheologie die Vorstellungen verbreitet, die Verbrennung könnte nicht nur vor dem Fegefeuer, sondern auch vor der Hölle bewahren, oder, davon habe ich schon öfter gehört, eine „intakte“, ordentlich begrabene Leiche (anstatt einer zu Asche verbrannten) wäre die Voraussetzung für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten. Aber, wie gesagt, Inquisitoren waren für gewöhnlich gut ausgebildete Theologen, die Ahnung von ihrem Fach hatten, was es unglaubwürdig macht, dass Gerwardsborn so redet.

Mein Gesamturteil über dieses Buch: Stellenweise auf nervige Weise moralisierendes, historisch eher unglaubwürdiges (wenn auch nicht ganz so krass unhistorisches wie andere Bücher, die ich schon gelesen habe), nicht besonders gut geschriebenes Werk mit eindimensionalen Protagonisten und einem ebenso eindimensionalen und extrem klischeehaften Antagonist, was die Nebenfiguren (wie zum Beispiel Fraukes Eltern) zu den interessantesten Figuren macht. Die Hauptfiguren haben keine besonderen Eigenschaften; man hat nicht das Gefühl, hier realen Personen zu begegnen. Sie sollen irgendwie gut und mutig und klug und tolerant sein, aber mehr könnte ich über sie nicht sagen. Der Plot ist mitreißend, während man das Buch liest, aber, wenn man am Ende darüber nachdenkt, nicht immer besonders sinnvoll konstruiert; mehrere lose Fäden in der Handlung führen am Ende zu nichts und man hat den Eindruck, die Autorin hat mehrere Nebenfiguren einfach deshalb sterben lassen, weil sie nicht so recht wusste, was sie am Ende mit ihnen anstellen sollte. Das stört, aber ich kann auch irgendwie verstehen, dass man zu diesem Mittel greift, wenn man eine Deadline vom Verlag hat und dieses Buch fertig kriegen muss, um so bald wie möglich mit der nächsten Fortsetzung von „Die Wanderhure“ anfangen zu können.

Nachdem ich mit „Flammen des Himmels“ fertig war, habe ich übrigens noch ein wenig in „Die Päpstin“ hineingelesen. Aber das habe ich dann doch nicht lange durchgehalten. Im Gegensatz zu Donna W. Cross, die ihren Leserinnen ungefähr drei Mal pro Seite auf überdeutlichste Weise klarmachen muss, wie schlimm und frauenfeindlich das Christentum ist, ist Iny Lorentz wenigstens einigermaßen unterhaltsam. Ich bin beinahe versucht, Mrs. Cross mit Bertold Brecht zu vergleichen, da sie ihr literarisches Werk genau wie er bloß als Mittel zum Zweck der Vermittlung ihrer Ansichten behandelt, anstatt Geschichten zu erzählen (man denke zum Beispiel an die „Dreigroschenoper“ – grässlich!), aber das wäre dann doch zu beleidigend gegenüber Brecht. Allerdings frage ich mich jetzt, wieso genau Johanna eigentlich im späteren Verlauf des Buches Papst wird, wenn ihr schon als Kind Homer und sächsische Legenden so viel mehr sagen als Jesus Christus; aber da ich nicht vorhabe, dieses Buch noch einmal in die Hand zu nehmen, werde ich das wohl nicht mehr erfahren. Ich glaube, jetzt versuche ich es mal wieder mit Büchern von guten Autoren, Angie Sage oder Khaled Hosseini oder J. R. R. Tolkien oder Corinna Turner oder Fulton Sheen vielleicht. Genug historische Romane fürs erste.

Das Video ist ja wirklich sehr witzig (also sehr sehr witzig!), aber…

…in der Filmversion von Disney ist Claude Frollo kein Kleriker! Was ich übrigens gar nicht schlecht gemacht finde, da meiner Erfahrung nach Laien immer wieder die größeren Fanatiker sein können als jeder Priester oder Bischof. Wieso bitteschön halten so viele Leute einen katholischen Fanatiker in einer schwarzen Robe so automatisch für einen Priester? Noch dazu, wenn er ausdrücklich als Richter bezeichnet wird? Leute, merkt euch das: Laien können das auch.

Und außerdem ist der weiße Streifen am Kragen (der Kollar) zu breit.

[Spoiler alert am Ende, was die Romanversion von „Der Glöckner von Notre Dame“ angeht!]

 

Hier übrigens zum Vergleich noch das Originalvideo aus dem Disneyfilm:

Einführung in die Scholastik: Wie Syllogismen funktionieren (oder auch nicht)

„She arrived at this astonishing conclusion by the following process of thought. It may be presented in the form of a syllogism.

All girls who are in love regard the beloved as a spotless, reproachless hero.

Maggie Deronais did not regard Laurie Baxter as a spotless, reproachless hero.

Ergo. Maggie Deronais was not in love with Laurie Baxter.“

(Robert Hugh Benson, The Necromancers, 1909; https://www.gutenberg.org/files/14275/14275-h/14275-h.htm)

 

Wir merken uns: Nur wenn Obersatz und Untersatz (= 1. und 2. Prämisse) vollkommen stimmen, kommt auch die richtige Konklusion heraus.

(Zur weiteren Info gerne hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Syllogismus)

 

Gott, der Gärtner, Zimmermann und Knecht

Ich liebe den Frühling (der Sommer ist mir meistens zu heiß und der Winter zu kalt); und besonders liebe ich es, jetzt im Garten oder am Straßenrand zu beobachten, wie an den Büschen und Bäumen ganz langsam hellgrüne Triebe hervorbrechen und größer und dunkler werden, und wie weiße und rosa Blüten sich allmählich formen und öffnen. Aus der Ferne kann ein Busch jetzt gerade noch ganz kahl aussehen; aber wenn man dann genauer hinsieht, erkennt man schon die kleinen grünen Knöpfe an den Zweigen. Der Frühling hat etwas Helles, Friedliches; etwas Sanftes und Zartes.

Gott hat alles das gemacht; verschlungene, gewöhnliche, grobe oder hübsche Dinge wie wilde Weinstöcke, Löwenzähne, Apfelbäume, Buschwindröschen, Klee, Disteln oder Gänseblümchen; die verschiedensten Arten von Schönheit. Manchmal ist mir aufgefallen, dass man die Schönheit mancher geschaffener Dinge erst sehen kann, wenn man sie ganz aus der Nähe betrachtet; bei schmalen Rasenflächen vor Larmschutzwänden an Autobahnen ist das zum Beispiel der Fall. Wenn man genauer hinschaut, sieht man eine Butterblume, drei rosa Blumen, die man nicht benennen kann, Grashalme, die sich im Wind bewegen, und ein paar Kieselsteine; alles schöne Dinge, die man erst nicht sieht, wenn man bloß „Rasen vor Mauer“ registriert. Sogar die Mauer kann manchmal etwas Schönes haben.

Gott hat eigentlich einen sehr schönen Garten gemacht, finde ich, und ich glaube, dass Er sich daran freut, ihn zu betrachten – und natürlich auch daran, dass wir ihn betrachten können. Gott hat schöne, zarte Dinge ohne besonderen Grund geschaffen – einfach, damit sie da sind, nicht damit sie zu etwas nutze sind; so, wie man einen Roman schreibt, einen Weihnachtsbaum aufstellt, oder ein Bild malt – und Er pflegt seine Schöpfung, wie ein Gärtner das tut. Sorgfältig und behutsam, um ihre Schönheit hervorzubringen. Der Schöpfer zeigt eine sanfte Hand jetzt im Frühling.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/32/Brooklyn_Museum_-_Jesus_Appears_to_Mary_Magdalene_%28Apparition_de_J%C3%A9sus_%C3%A0_Madeleine%29_-_James_Tissot.jpg

(James Tissot, Apparition de Jésus à Madeleine, Bildquelle: Wikimedia Commons)

Ganz am Anfang der Bibel geht Gott im Garten Eden umher wie ein Gärtner, und viele, viele Jahrtausende später wurde der Gottmensch Jesus Christus mit einem Gärtner verwechselt, als Er nach seiner Auferstehung in dem Garten, in dem sein leeres Grab lag, Maria Magdalena erschien. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist (und bekanntere Menschen als ich, die schon über diese Stelle geschrieben haben, tun das auch nicht). In seinem irdischen Leben selber hatte Er zwar nicht als Gärtner gearbeitet, aber auch als Handwerker, also als jemand, der etwas mit den eigenen Händen aufbaut; Gott ist ein Gärtner und ein Zimmermann. Und der Mensch, als Abbild Gottes, darf auch beides sein: Die Welt, die ihm anvertraut wurde, ist ein Garten, in dem man sich ein Haus (oder Städte) bauen, Gemüsebeete (oder Felder und Plantagen) anlegen, schöne Blumen (oder botanische Gärten und Parks) kultivieren und unberührte wilde Stellen (oder Nationalparks) lassen darf. Gott hat die Welt gedacht wie einen großen Garten.

Ich liebe eine Beschreibung Gottes, die G. K. Chesterton in seiner „Ballad of the White Horse“ (https://www.gutenberg.org/files/1719/1719-h/1719-h.htm) König Alfred dem Großen (849-899) in den Mund legt:

 

„And well may God with the serving-folk

Cast in His dreadful lot;

Is not He too a servant,

And is not He forgot?

 

“For was not God my gardener

And silent like a slave;

That opened oaks on the uplands

Or thicket in graveyard gave?

 

“And was not God my armourer,

All patient and unpaid,

That sealed my skull as a helmet,

And ribs for hauberk made?

 

„Did not a great grey servant

Of all my sires and me,

Build this pavilion of the pines,

And herd the fowls and fill the vines,

And labour and pass and leave no signs

Save mercy and mystery?

 

„For God is a great servant,

And rose before the day,

From some primordial slumber torn;

But all we living later born

Sleep on, and rise after the morn,

And the Lord has gone away.

 

„On things half sprung from sleeping,

All sleepy suns have shone,

They stretch stiff arms, the yawning trees,

The beasts blink upon hands and knees,

Man is awake and does and sees—

But Heaven has done and gone.

 

„For who shall guess the good riddle

Or speak of the Holiest,

Save in faint figures and failing words,

Who loves, yet laughs among the swords,

Labours, and is at rest?

 

„But some see God like Guthrum*,

Crowned, with a great beard curled,

But I see God like a good giant,

That, labouring, lifts the world.

 

„Wherefore was God in Golgotha,

Slain as a serf is slain;

And hate He had of prince and peer,

And love He had and made good cheer,

Of them that, like this woman here,

Go powerfully in pain.“

 

File:A Chronicle of England - Page 050 - Alfred in the Neatherd's Cottage.jpg

(Alfred in the Neatherd’s Cottage, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert, Bildquelle: Wikimedia Commons)

 

Gott, der vergessene Knecht; Gott der Gärtner und Baumeister. Amen.

 

* Guthrum war ein Fürst der Wikinger, der in England eingefallen war; in der Ballade geht es vor allem um die Schlacht von Ethandune, in der Alfred sein Königreich Wessex gegen ihn verteidigt, und auch noch um einige damit zusammenhängende Legenden, u. a. die oben abgebildete Geschichte, in der der König die Brote einer armen Frau verbrennen lässt, die ihm Obdach gewährt hat, als er noch vor der Schlacht gerade inkognito (um nicht von den Wikingern erkannt zu werden) unterwegs ist; wofür er von ihr, die ihn nicht erkannt hat, ausgeschimpft wird.

Der Schurke in den Filmen und Serien meiner Kindheit: Ein Steckbrief

Ziel:

I. d. R.: Die Weltherrschaft an sich reißen.

(Ausnahmen von dieser Regel sind allerdings zulässig, etwa: Das Erringen der Herrschaft über ein bestimmtes Land; oder: von Unsterblichkeit; oder: eines ganz bestimmten sehr wertvollen Gegenstandes (magischer Stein, wertvollster Diamant der Welt, o. Ä.). Sonstige Alternative: Rache an der/den Hauptfigur(en) für ein empfundenes Unrecht / das Scheitern eines früheren bösen Plans.)

 

Geschlecht:

Häufig männlich, aber ab und zu auch weiblich.

 

Aussehen:

Männlich:

Typus 1 „Böser Zauberer“: bedrohlich-fremdländisch; schwarzer/roter Umhang, Zauberstab, Spitzbart o. Ä.; tritt häufiger in Zeichentrickfilmen auf. (Beispiel: Jafar aus „Aladdin“.) Typus 2 „Böser Geschäftsmann“: kalt-elitär-unauffällig; grauer oder schwarzer Anzug, schwarze, sehr blank geputzte Schuhe, gepflegte, kurze Frisur, glattrasiertes Gesicht, schmieriges Lächeln; tritt häufiger in Filmen mit realen Schauspielern auf. (Beispiel: Die Bösen in der Serie „Allein gegen die Zeit“. Kennt das noch jemand?)

Weiblich:

Dünn. In der Regel sehr dünn und groß. Außerdem zu stark geschminkt, in ihrer Kleiderwahl häufig zu aufgedonnert (Federboa o. Ä.). Die drei sich gelegentlich auch überschneidenden Typen „Böse Hexe“, „Böse Stiefmutter“ und „Böse Geschäftsfrau“ unterscheiden sich manchmal – nicht immer – dadurch, dass die letzteren beiden tatsächlich noch einigermaßen jung sein und einigermaßen gut aussehen können, wenn auch auf ihre kalte, böse Art, während Exemplare des ersten Typus so gut wie immer auf eine lächerlich erfolglose Weise versuchen, ihre Hässlichkeit und ihr hohes Alter zu verdecken. Wenn sie in einem höheren Alter sein sollte, dann kann das kein Typus des weiblichen Bösewichts ertragen. Die böse Stiefmutter und vor allem die böse Geschäftsfrau sind außerdem manchmal etwas weniger auffällig und exzentrisch, dafür etwas eleganter und unauffälliger gekleidet als die böse Hexe. (Beispiele für die böse Geschäftsfrau: Medusa aus „Bernhard und Bianca“, Cruella De Vil aus „101 Dalmatiner“; Beispiel für die böse Hexe: Rabia aus „Bibi Blocksberg“; Beispiele für die böse Stiefmutter: Die Stiefmütter aus sämtlichen Aschenputtel-Verfilmungen, selbstverständlich! Außerdem zum Beispiel die Freundin des Vaters in allen Adaptionen von „Das doppelte Lottchen“.)

 

Besonderes Merkmal:

Böses Grinsen/Lachen. Obligatorisch.

 

Charaktereigenschaften:

Selbstsüchtig, hinterhältig, grausam, rachsüchtig, etc. (Selbsterklärend.)

Außerdem: geschwätzig, süchtig nach Aufmerksamkeit, zögerlich, wenn es hart auf hart kommt. Wenn ein Feind gefangen genommen wurde, muss erst einmal der ganze böse Plan vor diesem ausgebreitet werden, während er (scheinbar) hilflos gefesselt vor einem sitzt. Der klassische Schurke heischt stets Bewunderung für seine Genialität. Am Ende zögert er außerdem mit dem tödlichen Schuss / Schwerthieb / whatever stets genau so lange, bis aus dem Nichts ein (evtl. totgeglaubter) Verbündeter seines gefangenen Feindes eintrifft und ihm von hinten eins über den Schädel ziehen kann, oder bis es dem gefangenen Feind überraschenderweise gelingt, sich zu befreien. So einen richtig entschlossen und schnell handelnden Schurken habe ich noch nie gesehen.

 

Herkunft und Familie:

I. d. R. mysteriös/unbekannt/nicht erwähnt.

 

Tritt auf mit:

1-2 treuen Helfern (bei einem komplizierten politischen Plan auch mehr), i. d. R. etwas weniger böse und oft deutlich weniger intelligent als der Schurke selbst. Helfer treten hauptsächlich in zwei Varianten auf. Typus 1: „Der Hin- und Hergerissene“. Hilft dem Schurken widerwillig, hat Zweifel, sagt sich am Ende zumindest von ihm los oder stellt sich sogar vollkommen auf die Seite der Guten. (Beispiele: Die Fledermaus aus „Anastasia“, Kronk aus „Ein Königreich für ein Lama“.) Typus 2: „Hirnloser Brutalo“. Schlägertypen mit Muskelmasse und ohne Verstand und Gewissen. (Beispiel: Horace und Jasper aus „101 Dalmatiner“.) Typus 2 tritt im Allgemeiner öfter auf als Typus 1.

Seltener ist eine Art Mischvariante, der Typus „Enttäuschter Verbündeter“. Nachdem dieser (oft klassisch dumme, brutale) Helfer vom Schurken fallengelassen wurde, als es dem gerade nützte, wendet er sich aus Rache gegen ihn, ohne damit aber zum Guten zu werden. (Beispiel: Die Hyänen aus „Der König der Löwen“.)

 

Kann oft nur noch aufgehalten werden durch:

Eine kleine Gruppe von Kindern/Teenagern/Tieren/Ausgestoßenen der Gesellschaft, die unerwarteterweise zusammengewürfelt wurden, obwohl sie sich vorher nicht kannten/mochten, und die Wind vom geheimen Plan des Schurken bekommen haben. Wenn es sich um Kinder oder Teenager in einem Nicht-Zeichentrickfilm handelt, gibt es unter ihnen i. d. R. einen sehr schlauen, aber nicht sonderlich beliebten oder gut aussehenden Nerd/Streber, und zum Kontrast einen cool-sportlich-beliebten Typen. Der Nerd/Streber wird eingeführt als hochbegabter Elfjähriger, hat aber nicht das Wissen eines hochbegabten Elfjährigen, sondern das eines hochbegabten vierzigjährigen Atomphysikers, und außerdem Wissen, das kein Mensch haben kann, weil die Dinge, auf die es sich bezieht, in sich unlogisch und einfach unmöglich sind, was jeder wissen sollte, der in der siebten Klasse in Physik nicht gepennt hat (Funktionsweise einer Zeitmaschine oder eines Perpetuum mobile, o. Ä.). Am Ende jedenfalls lernen alle, ihre Differenzen zu überwinden und zusammenzuarbeiten. Yay!

Eltern und Polizei fallen als potentielle Hinternisse für den Schurken im übrigen aus, da sie entweder nicht an seine finsteren Pläne glauben, wenn man ihnen davon erzählt, gerade nicht zu erreichen sind, oder (im Fall der Polizei) bereits von den Helfern des Schurken unterwandert wurden.

Die Augen unserer lieben Frau

Ich liebe Disneys Musical-Zeichentrickfilme. In letzter Zeit habe ich immer wieder einige davon (auch solche, die ich als Kind nicht gesehen habe) im englischen Original auf Youtube angeschaut; und das lohnt sich oft allein schon, um die Musik zu genießen. „The Lion King“, „The Lion King 2“, „Anastasia“, „The Rescuers“, „101 Dalmatians“, „Beauty and the Beast“, „Prince of Egypt“, „Tangled“, „Frozen“ – die enthalten alle sehr schöne Lieder; und zudem ist es auch ganz interessant, zu beobachten, welche Assoziationen und Anspielungen, mit denen in diesen Filmen gearbeitet wird, einem auffallen, wenn man sie als Erwachsene (na ja, so-mehr-oder-weniger-Erwachsene) sieht. Man vergleiche zum Beispiel mal hier die vor dem mordlustigen bösen Löwen Scar aufmarschierenden Hyänen an einer Stelle dieses Liedes aus „Der König der Löwen“ (etwa ab 1:40)

mit, sagen wir mal, Fotos oder Videos vom Nürnberger Reichsparteitag o. Ä. Hier zum Beispiel… sogar das großflächige Karomuster auf dem Boden, das im Film durch Lichtstrahlen und Schatten erzeugt wird, ist da:

(Quelle: https://museen.nuernberg.de/fembohaus/kalender-details/vor-80-jahren-die-entmachtung-der-sa-570/)

Davon abgesehen sind es meistens natürlich einfach schöne Geschichten, und sie sind auch deshalb gut, habe ich festgestellt, weil Disneys Darstellung des Bösen und des Guten zwar oft etwas klischeehaft und gelegentlich auch etwas einseitig, aber eigentlich meistens sehr treffend (und in einzelnen Fällen sogar überraschend treffend) ist.

Als ich zum Beispiel einen anderen Disneyfilm, „Der Glöckner von Notre Dame“, den ich mich erinnerte, als Kind sehr gemocht zu haben, letztens wieder angeschaut habe (diesmal als „The hunchback of Notre Dame“), ist mir erst aufgefallen, wie katholisch korrekt dieser Film sogar eigentlich ist, theologisch wie musikalisch. (Vollständig findet er sich übrigens hier: https://www.youtube.com/playlist?list=PLVLwLXWb_ZpNXsd279Gc1_zcIa-REwCP4 ; ein Kanal, auf dem sich zahlreiche dieser Filme finden, ist hier: https://www.youtube.com/channel/UCdFiEwNLNTLmizvmisBJrHA/playlists)

Man siehe sich allein den Anfang an: In den ersten paar Minuten schon kommen an mehreren Stellen deutlich verständliche Schnipsel des Dies irae und des Kyrie Eleison vor (auch an späteren Stellen des Films tauchen vor allem diese beiden liturgischen Gesänge immer wieder auf); und dann noch der weitere Liedtext; zum Beispiel hier bei ca. 3:04:

 

Archdeacon:

See there the innocent blood you have spilt

On the steps of Notre Dame!

 

Judge Claude Frollo:

– I am guiltless – she ran, I pursued. –

 

Archdeacon:

Now you would add this child’s blood to your guilt

On the steps of Notre Dame.

 

Frollo:

– My conscience is clear! –

 

Archdeacon:

You can lie to yourself and your minions,

You can claim that you haven’t a qualm.

But you never can run from

Nor hide what you’ve done from

The eyes –

The very eyes of Notre Dame!

 

Vom Erzdiakon, der mit der Leiche von Quasimodos Mutter im Schoß mit ausgestrecktem Arm hoch zur Kathedrale weist, wird übergeblendet auf die Reihen von Heiligenstatuen an deren Fassade, alle mit gruseligen, weißen, richtenden, wissenden, weit aufgerissenen Augen, die auf Frollo hinunterschauen. Bärtige, strenge Apostel, Bischöfe und Könige, dann ein in weißes Mondlicht getauchter, sehr ernst dreinblickender hellgrauer kleiner Engel mit gesenktem Schwert in der Hand und geschlossenen Augen, daneben ein grinsender, im Schatten liegender dunkelgrauer Dämon, der eine Waage hält; und zuletzt die Gottesmutter, in wallendem Gewand, mit einer Krone auf dem Kopf, einem Zepter im einen Arm und dem Jesuskind auf dem anderen, flankiert von zwei Engeln – und man würde es nicht glauben, wie gruselig man eine Madonnenstatue aussehen lassen kann, wenn ein Mörder in einem Disneyfilm zu ihr hinaufstarrt. Ja, vor den Augen unserer lieben Frau („Notre Dame“) kann er sich nicht verstecken.

Und dann geht es in einem der nächsten Lieder noch ganz wunderbar weiter, wenn auch diesmal auf andere Art:

Hier singt Esmeralda, als sie Kirchenasyl in Notre Dame gesucht hat; und auch sie wendet sich an die heilige Jungfrau mit ihrem Kind. Sie beginnt ihr Lied vor einer anderen Statue im Inneren der Kathedrale, einer nicht so gruseligen, aber immer noch königlichen, erhabenen, weihrauchumhüllten:

 

I don’t know if you can hear me, or if you’re even there.

I don’t know if you would listen to a gypsy’s prayer.

Yes, I know I’m just an outcast, I shouldn’t speak to you;

Still I see your face and wonder –were you once an outcast, too?

 

God help the outcasts, hungry from birth.

Show them the mercy they don’t find on earth.

God help my people, we look to you still.

God help the outcasts, or nobody will.

 

[…]

 

Sehr schönes Lied.

Auch die Darstellung des Bösen an späterer Stelle des Films ist völlig theologisch korrekt. Hier singt wiederum Richter Frollo, auch er im Gebet zu Unserer Lieben Frau:

 

Beata Maria, you know I am a righteous man,

Of my virtue I am justly proud.

Beata Maria, you know I’m so much purer

Than the common vulgar, wicked, licentious crowd.

 

Then tell me, Maria – why I see her dancing there,

Why her smoldering eyes still scourge my soul?

I fear her, I see her, the sulfur in her raven hair

Is blazing in me out of all control.

 

Like fire, hellfire, this fire in my skin,

This burning desire is turning me to sin.

It’s not my fault – I’m not to blame!

It is the gypsy girl, the witch, who set this flame!

 

It’s not my fault, if in God’s plan

He made the devil so much stronger than a man…

Protect me, Maria! Don’t let the siren cast her spell,

Don’t let her fire sear my flesh and burn!

 

Destroy Esmeralda – and let her taste the fires of hell! –

Or else let her be mine, and mine alone…

Hellfire – dark fire – now, gypsy, it’s your turn!

Choose me or your pire, be mine or you will burn!

 

[…]

 

Das Lied beginnt damit, dass Richter Frollo sich in seinem Gebet zur seligen Jungfrau („beata Maria“ heißt einfach „selige Maria“) ganz ruhig selbst zu seiner Tugend gratuliert, geht damit weiter, dass er seine (empfundene) Schuld auf andere schiebt (die Frau, der Teufel und deren Schöpfer selbst bieten sich dazu immer an – wir erinnern uns, Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen; Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen), und endet damit, dass er in rasender Wut Mordpläne schmiedet.

Die Quelle alles Bösen ist eben immer noch der Hochmut. Frollo kommt nicht mit den ganz normalen Versuchungen der ganz normalen Leute klar, weil er entschlossen ist, über diesen ganz normalen Leuten zu stehen; er kann seine Gedanken an ein tanzendes Zigeunermädchen, das er zufällig beim Karneval, den er schon nicht ausstehen kann (das übrigens schon ein sehr schlechtes Zeichen für einen Katholiken), gesehen hat, nicht einfach ruhig beiseitelassen und sich mit etwas Sinnvollem beschäftigen – sagen wir mal, Augustinus‘ „De trinitate“ zu lesen, Salbei in seinem Garten zu pflanzen, mit dem Kommandanten seiner Soldaten Schach zu spielen, oder auch wirkliche Verbrecher in Paris zu verfolgen -, weil er beschlossen hat, dass sie zwangsläufig nur auf teuflischer Hexerei dieses Zigeunermädchens beruhen können; etwas anderes kann nicht sein, denn dann wäre er ja ein normaler Mensch. (Nebenbei sollte ihm vielleicht einmal jemand den sehr großen Unterschied zwischen Versuchung und Sünde erläutern. Im mittelalterlichen Paris müsste es dafür ja eigentlich genug gute Theologen gegeben haben. Die hatten schließlich eine weithin berühmte Universität, an der sogar Thomas von Aquin gelehrt hatte, wenn ich mich recht entsinne.)

 

Drei Lieder an Maria; an Notre Dame, Unsere Liebe Frau, der die im Mittelpunkt der Handlung stehende Kathedrale geweiht ist. Drei Lieder, drei Menschen, drei unterschiedliche Gebete; um Gerechtigkeit, um Barmherzigkeit, und um Sünde geht es hier. Die Augen unserer lieben Frau sehen Verbrechen, sehen das Blut Unschuldiger zum Himmel empor schreien; und sie sehen das Leid der Ausgestoßenen, von denen sie selbst eine war – erst unehelich schwanger, dann auf der Flucht, um ihren neugeborenen Sohn vor einem mörderischen Tyrannen zu retten, dreißig Jahre später dann auf der Hinrichtungsstätte bei ihrem Sohn – ; und sie sehen auch die Gebete von Menschen in Versuchungen, Ängsten und Zweifeln, sehen gequälte, verzerrte, in sich gekrümmte, sich selbst belügende Gewissen wie Richter Claude Frollos, und haben auch Mitleid mit ihnen; auch dann, wenn solche Menschen von Anfang an nicht wirklich ernsthaft beten, sondern sich mehr selbst gratulieren, und am Ende nur noch ihr Verlangen nach Rache und ihren Hass hinausschreien.

Frollo ist irgendwie ein trauriger Bösewicht… kein 100-prozentiger Schurke, der „absolut böse“ ist (um einmal Herrn Höcke zu zitieren), sondern ein typischer Fanatiker, der sich in seinem Hass und auch seiner Angst verrannt hat und nicht mehr daraus hinaus kann, einerseits eine Art von Konsequentialist, dem in seiner Jagd auf die Zigeuner im Allgemeinen und Esmeralda im Besonderen schließlich alle Mittel recht sind, aber gleichzeitig auch inkonsequent und innerlich zerrissen (noch als er Esmeralda später auf dem Scheiterhaufen hat (ja, sie wird dann natürlich gerettet, keine Angst), bietet er ihr grinsend an, sie zu verschonen: „Choose me – or the fire.“). Frollo ist ein einsamer, trauriger, gehetzter Bösewicht; jemand, dem man wünschen würde, dass er am Ende Frieden finden würde.

Er ist nicht ausschließlich durch Hass und Stolz getrieben, glaube ich, sondern tatsächlich auch durch, ganz platt gesagt, eine tiefe Angst vor der Hölle, und vielleicht auch durch einen, wenn auch ziemlich pervertiertem, Wunsch, gut zu sein. Vielleicht hat es bei ihm damit angefangen… und dann wurde aus dem ursprünglich ehrlichen Wunsch, gut zu sein, der Wunsch, besser zu sein als andere, und er vernachlässigte einige Seiten des Guten und verzerrte andere, und so wurde er zu dem Menschen, als der er im Film auftaucht. Und als er sich dann eben erst einmal in seiner Härte und seinem Hass verrannt hatte, wurde es für ihn (wegen seiner tiefsitzenden Furcht vor den Konsequenzen der Sünde) immer schwieriger, die unterdrückte Stimme seines wahren Gewissens noch an sich heran zu lassen, sprich, zuzugeben, dass er sich ganz und gar auf dem falschen Weg befand, dass er viele Sünden begangen hatte durch seine Brutalität; diese Vorstellung war schrecklich für ihn. Ich spekuliere hier natürlich nur über sein Seelenleben… aber ich kann mir das gut vorstellen. Claude Frollo verkörpert vielleicht eine Art von mir seelenverwandtem Bösen. Es gibt ja verschiedene Arten des Bösen, und der eine kann die eine besser nachvollziehen, der andere eine andere.

Ich merke gerade, dass ich viel über den Bösewicht der Geschichte geschrieben habe und nahezu nichts über die eigentliche Hauptfigur, Quasimodo – der übrigens im zweiten der drei Lieder, die ich hier ausgesucht habe, lauscht, wie Esmeralda, die ihm zuvor geholfen hat, singt; und der ja selbst zu den Ausgestoßenen gehört, die von der Welt mit Gleichgültigkeit, Verachtung, Spott oder Furcht betrachtet werden. Hm, zu ihm vielleicht ein andermal mehr…

Ich glaube jedenfalls, ich habe alles in allem wirklich noch nie einen so katholisch korrekten Disney-Film gesehen. (Wobei „Frozen“ schon auch genial ist.)

 

[Anbei: Es ist auch ganz nett, dass die Filmindustrie hier ihren nicht allzu seltenen Antiklerikalismus vergessen hat; der Erzdiakon, auch wenn er keine allzu große Rolle spielt, gehört zu den Guten, und der Böse, der stolze brutale Fanatiker, ist ein Laie.]

 

PS: Wenn sich jemand fragt, was nun die eigentliche Aussage dieses Beitrags ist:

A) Disneyfilme sind gut, insbesondere „Der Glöckner von Notre Dame“.

B) Unsere liebe Frau ist uns eine Mutter und Königin, die uns helfen will, besonders, wenn wir uns hilflos fühlen, weil wir einsam sind, von anderen verachtet werden, uns verrannt haben, oder Schuld auf uns geladen haben. Sie will uns, ganz egal ob wir selber an unserem Unglück schuld sind oder nicht oder nur zum Teil, in unserem Unglück helfen und uns zu ihrem göttlichen Sohn führen, der uns aufrichten und trösten wird.

C) Ich spekuliere gerne über die Psyche von Figuren in Disneyfilmen.