Luther und die Furchtreue

Zum Reformationstag mal ein Beitrag über eine von Luthers frühen Lehren, die er von anderen spätmittelalterlichen Theologen übernahm und die seinen Weg fort von der katholischen Orthodoxie förderte: Seine Ablehnung der attritio, der sog. Furchtreue.

Dazu der Kontext: Die katholische Theologie unterscheidet zwischen Furchtreue (attritio) und Liebesreue / vollkommener Reue (contritio). Letztere meint eine Reue, die aus wirklicher Liebe zu Gott kommt, mit ersterer ist eine Reue gemeint, die eher aus Furcht vor Gottes Strafe kommt. (Allerdings nicht die Einstellung „Also, wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich xyz sofort wieder tun, aber ich will auch nicht in die Hölle kommen, also beichte ich xyz eben“, sondern eher „Ja, ich weiß schon, dass xyz falsch war und will es auch nicht wieder tun, aber meine Hauptmotivation, zur Beichte zu gehen, ist im Moment gerade eher Angst vor der Hölle“.) Tatsächlich lehrt die Kirche, dass die Furchtreue in der Beichte für die Vergebung der Sünden genügt. Sie ist nicht ideal; aber sie ist keine Sünde, und sie ist schon mal ein Anfang. Im Katechismus heißt es dazu:

„1451 Unter den Akten des Pönitenten steht die Reue an erster Stelle. Sie ist „der Seelenschmerz und der Abscheu über die begangene Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, fortan nicht zu sündigen“ (K. v. Trient: DS 1676).

1452 Wenn die Reue aus der Liebe zu Gott, der über alles geliebt wird, hervorgeht, wird sie „vollkommene“ oder „Liebesreue“ [contritio] genannt. Eine solche Reue läßt die läßlichen Sünden nach; sie erlangt auch die Vergebung der Todsünden, wenn sie mit dem festen Entschluß verbunden ist, sobald als möglich das sakramentale Bekenntnis nachzuholen [Vgl. K. v. Trient: DS 1677]

1453 Die sogenannte „unvollkommene Reue“ [attritio] ist ebenfalls ein Geschenk Gottes, ein Anstoß des Heiligen Geistes. Sie erwächst aus der Betrachtung der Abscheulichkeit der Sünde oder aus der Furcht vor der ewigen Verdammnis und weiteren Strafen, die dem Sünder drohen [Furchtreue]. Eine solche Erschütterung des Gewissens kann eine innere Entwicklung einleiten, die unter dem Wirken der Gnade durch die sakramentale Lossprechung vollendet wird. Die unvollkommene Reue allein erlangt noch nicht die Vergebung der schweren Sünden; sie disponiert jedoch dazu, sie im Bußsakrament zu erlangen [Vgl. K. v. Trient: DS 1678; 1705].“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P4J.HTM)

Luther war jetzt, zusammen mit anderen Theologen seiner Zeit, der Meinung, dass die Furchtreue eben nie genüge, dass sie schlecht sei. Luther war ja ein eher strenger Mensch, gegen sich selbst und in seiner Theologie; er war schließlich auch gegen den Ablass, weil ihm diese Praxis zu lax war: Damit kommen die Gläubigen ganz einfach um richtige Buße herum. (Zum Ablass und Ablassmissbräuchen an sich ein anderes Mal; ich verweise alle, bei denen da noch Unklarheiten bestehen, erst mal anderswohin zu einer sehr guten Erklärung: https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/07/11/ablass-teil-1-kaputte-fenster-und-martin-luther/) Daher hieß ja auch die erste seiner 95 Thesen: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ usw. [Matth. 4,17], hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ (http://www.luther.de/leben/anschlag/95thesen.html) Eine Geldspende oder ein Gebet genügen nicht; das ganze Leben muss eine Buße sein. Ihr macht es den Gläubigen zu leicht. Und zu den 95 Thesen gehören eben auch diese:

„30. Keiner ist der Echtheit seiner Reue gewiß, viel weniger, ob er völligen Erlaß (der Sündenstrafe) erlangt hat.“

„31. So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablaß, nämlich außerordentlich selten.“

„35. Nicht christlich predigen die, die lehren, daß für die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.“ (Die Übersetzung auf dieser Seite ist schlecht; im lateinischen Original steht für „Reue“ „contritio“, also „Liebesreue“, vgl. http://www.luther.de/95th-lat.html Das kommt davon, wenn man sich nicht mehr mit mittelalterlichen theologischen Fachbegriffen auskennt.)

Das mit der Ablehnung der Furchtreue klingt erstmal nicht so schlecht, oder? Man sollte lieber Gott lieben als Angst haben. Ganz richtig, nur: Wenn man noch Angst hat, ist das keine Sünde. Wenn Gott oder die Engel in der Bibel sprechen „Fürchtet euch nicht“, dann ist das kein Gebot à la „Wenn ihr jetzt noch Angst habt, sündigt ihr“, sondern es ist eine Beruhigung: Ihr braucht keine Angst zu haben. Luther machte sich selbst, der er sehr wohl Angst hatte, Probleme, weil er sich dann nie sicher sein konnte, ob seine Reue in der Beichte genug war, ob sie wirklich Liebesreue war. Und das ist doch ein Teufelskreis: Ich muss Gott lieben, sonst vergibt Er mir nicht, aber diese Liebe darf nicht durch die Angst davor, dass Er mir nicht vergeben wird, motiviert sein. Was ist das Resultat? Ich habe Angst vor Gott. Man sollte wirkliche Reue haben, ja, man sollte sich auch um wirkliche Reue bemühen, wenn man gleichzeitig noch Angst hat, aber Gott nimmt auch unvollkommene Bemühungen an, Er sieht jede Kleinigkeit. „Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Matthäus 10,42)

Ja, die kirchliche Lehre macht es den Menschen gewissermaßen leicht: Gott nimmt unsere Unvollkommenheiten an, wenn wir seine Sakramente empfangen, und kann uns dann auch mit der Zeit zu wirklicher Liebesreue führen. Das ist gut biblisch: Auch der verlorene Sohn im Gleichnis kam zu seinem Vater hauptsächlich deshalb zurück, weil er Hunger hatte, und fand so zur wirklichen Einsicht und Reue.

Was ist zum heutigen Tag sonst noch zu sagen: Na ja, Gebete und Ablässe für Luthers Seelenheil werden ihm vielleicht jetzt eher recht sein als noch zu seinen Lebzeiten. Und viel Spaß für Halloween heute Abend!

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Über schwierige Bibelstellen, Teil 18: Der Töpfer und der Ton – was sagt Paulus über Prädestination?

[Dieser Teil wurde nach der ursprünglichen Veröffentlichung noch einmal generalüberholt.]

 

Und noch einmal die obligatorische Klarstellung: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber. („Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.))

 

Jetzt aber zu der fraglichen Bibelstelle. Im Römerbrief heißt es:

„Es ist aber keineswegs so, dass Gottes Wort hinfällig geworden ist. Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel; auch sind nicht alle, weil sie Nachkommen Abrahams sind, deshalb schon seine Kinder, sondern es heißt: In Isaak wird dir Nachkommenschaft berufen. Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt; denn es ist eine Verheißung, wenn gesagt wird: Um diese Zeit werde ich kommen, dann wird Sara einen Sohn haben. So war es aber nicht nur bei ihr, sondern auch bei Rebekka, die von einem einzigen Mann empfangen hatte, von unserem Vater Isaak; denn ihre Kinder waren noch nicht geboren und hatten weder Gutes noch Böses getan; damit aber Gottes freie Wahl und Vorherbestimmung gültig bleibe, nicht abhängig von Werken, sondern von ihm, der beruft, wurde ihr gesagt: Der Ältere muss dem Jüngeren dienen; wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst. Was sollen wir nun sagen? Handelt Gott ungerecht? Keineswegs! Denn zu Mose sagt er: Ich schenke Erbarmen, wem ich will, und erweise Gnade, wem ich will. Also kommt es nicht auf das Wollen und Laufen des Menschen an, sondern auf den sich erbarmenden Gott. Denn in der Schrift wird zum Pharao gesagt: Eben dazu habe ich dich bestimmt, dass ich an dir meine Macht zeige und dass auf der ganzen Erde mein Name verkündet wird. Er erbarmt sich also, wessen er will, und macht verstockt, wen er will. Nun wirst du einwenden: Wie kann er dann noch anklagen, wenn niemand seinem Willen zu widerstehen vermag? O Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es geschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht? Ist nicht vielmehr der Töpfer Herr über den Ton? Kann er nicht aus derselben Masse ein Gefäß herstellen zu ehrenhaftem, ein anderes zu unehrenhaftem Gebrauch? Wie aber, wenn Gott in der Absicht, seinen Zorn zu zeigen und seine Macht zu erweisen, die zur Vernichtung bereiteten Gefäße des Zorns mit großer Langmut ertragen hat, auch um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens zu erweisen, die er zuvor zur Herrlichkeit bestimmt hat? Sie hat er auch berufen, das sind wir, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie gerufen werden: Söhne des lebendigen Gottes. Und Jesaja ruft über Israel aus: Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer – nur der Rest wird gerettet werden. Denn der Herr wird handeln, indem er sein Wort auf der Erde erfüllt und durchsetzt. Ebenso hat Jesaja vorhergesagt: Hätte nicht der Herr Zebaoth uns Nachkommenschaft übrig gelassen, wir wären wie Sodom geworden, wir wären Gomorra gleich. Was sollen wir nun sagen? Heiden, die nicht der Gerechtigkeit nachjagten, haben Gerechtigkeit empfangen, die Gerechtigkeit aber aus Glauben. Israel aber, das dem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat das Gesetz nicht erreicht. Warum? Weil es ihm nicht um die Gerechtigkeit aus Glauben, sondern um die Gerechtigkeit aus Werken ging. Sie stießen sich am Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht: Siehe, ich richte in Zion einen Stein auf, an dem man anstößt, einen Fels, an dem man zu Fall kommt. Und wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.“ (Römer 9,6-32)

Die Lieblingsstelle aller Calvinisten.

Die interpretieren sie folgendermaßen: Gott hat die einen Menschen für den Himmel vorherbestimmt und die anderen für die Hölle (sog. „doppelte Prädestination“); er verursacht auch, dass Erstere die Gebote halten und Letztere sündigen – Gefäße des Zorns und so. Das hat keinen besonderen Grund – der Wille des Herrn ist unergründlich –, Gott will halt einfach seine Souveränität und Macht und Herrlichkeit zeigen und an irgendwem muss er ja auch seinen Zorn über die Sünde erweisen. Die Menschen sind alle vollkommen verdorben, vollkommen unfähig zum Guten, und eigentlich alle auf dem Weg in die Hölle, aber weil Gott gnädig ist, pickt er ein paar heraus, die er erlöst, deren sündigen Willen er mit seiner Gnade überwältigt und aufs Gute ausrichtet und die er für den Himmel vorherbestimmt; die anderen bekommen eben die harte Gerechtigkeit zu spüren und brauchen sich mal nicht zu beschweren, dass sie in die Hölle kommen und ewige Qualen erleiden (obwohl sie ja keinen freien Willen hatten und ihre Vergehen nicht hätten vermeiden können).

Ein erstes Problem mit dieser Interpretation ergibt sich, wenn man den Rest des Römerbriefs selbst ansieht. Nur ein paar Kapitel vor dieser Stelle verwirft Paulus die Idee, dass Gott Lieblinge habe. Nein: Er urteile über sie gemäß ihrer Taten.

„Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt? Weil du aber starrsinnig bist und dein Herz nicht umkehrt, sammelst du Zorn gegen dich für den Tag des Zornes, den Tag der Offenbarung von Gottes gerechtem Gericht. Er wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen: Denen, die beharrlich Gutes tun und Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit erstreben, gibt er ewiges Leben, denen aber, die selbstsüchtig sind und nicht der Wahrheit gehorchen, sondern der Ungerechtigkeit, widerfährt Zorn und Grimm. Not und Bedrängnis wird das Leben eines jeden Menschen treffen, der das Böse tut, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen; doch Herrlichkeit, Ehre und Friede werden jedem zuteil, der das Gute tut, zuerst dem Juden, aber ebenso dem Griechen; denn es gibt bei Gott kein Ansehen der Person.“ (Röm 2,4-11)

Das gilt nicht nur für den Römerbrief, sondern für die gesamte Bibel. So gut wie immer, wenn es da um Gottes Gericht geht, wird davon ausgegangen, dass Gott alle Menschen dazu bringen will, umzukehren, und es an ihnen ist, ob sie es tun. Sowohl Gottes allgemeiner Heilswille als auch die Abhängigkeit der Erlösung von den Entscheidungen der einzelnen Menschen werden immer wieder betont:

  • „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen […].Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Timotheus 2,1.3f.) Diese Stelle ist vom selben Paulus wie der Römerbrief.
  • Auch wieder von Paulus: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ (Titus 2,11)
  • Von Petrus: „Der Herr der Verheißung zögert nicht, wie einige meinen, die von Verzögerung reden, sondern er ist geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle zur Umkehr gelangen.“ (2 Petrus 3,9)
  • In den Evangelien gäbe es das Gleichnis vom verlorenen Schaf: „Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lukas 15,3-7)
  • Oder man nehme das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32), wo es vom Sohn abhängt, ob er zurückkehrt.
  • Oder Jesu Beschreibung des Weltgerichts: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,31-46)
  • „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Matthäus 7,21)
  • Da wäre die klassische Stelle im Johannesevangelium, die so gerne zitiert wird: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. Denn darin besteht das Gericht: Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“ (Johannes 3,16-21)
  • Auch die Offenbarung des Johannes hat etwas dazu zu sagen: „Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; und ein anderes Buch, das Buch des Lebens, wurde geöffnet. Die Toten wurden gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war, nach ihren Taten.Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Taten.“ (Offenbarung 20,12f.)
  • Bereits das Alte Testament ist wunderbar klar: „Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben. […] Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Weg, ihr vom Haus Israel – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, kehrt euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Schuld zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr denn sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt! (Ezechiel 18,26-28.30-32)

Ich denke, diese Stellen genügen fürs erste; ich könnte noch unzählige weitere anführen. Wenn man den Kontext der gesamten Bibel kennt (und einzelne Bibelstellen müssen immer in diesem Kontext gelesen werden), ist es praktisch unmöglich, an eine Prädestination im calvinistischen Sinne zu glauben. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden; wenn sie nicht gerettet werden, dann liegt das daran, dass sie selber nicht umkehren wollten. Gut. Wie sollen wir dann Römer 9 interpretieren?

Dazu muss man auf den Kontext dieser Stelle schauen: Worum geht es hier eigentlich?

Paulus behandelt in den Kapiteln 9-11 des Römerbriefs die Frage, wieso die Mehrheit der Juden zu seiner Zeit (noch) nicht Christen geworden sind. Er behandelt die Frage, wieso sie nicht zur Kirche gehören – ausdrücklich nicht die Frage ihrer Erlösung. Und hier schreibt er, dass Gott die einen Menschen dazu berufen hat, äußerlich zur Kirche zu gehören, und die anderen nicht, so, wie er im Alten Bund Jakob als Stammvater Seines auserwählten Volkes berufen hat und nicht Esau. Aber die äußere Zugehörigkeit zur Kirche ist eben nicht gleichbedeutend mit der Erlösung; erstens kann auch jemand, der in diesem Leben zur Kirche gehört, verlorengehen, zweitens kann auch jemand, der nicht zur Kirche gehört, gerettet werden. Es ist zwar nicht so, dass es da keinen Zusammenhang gäbe – wer sich sicher ist, dass der katholische Glaube wahr ist, muss schon katholisch werden, das fordert Gott allerdings -, aber es ist eben nicht dasselbe, und hier spricht Paulus nur über die Zugehörigkeit zur Kirche.

Er hält die Juden, über die er spricht, nicht für ewig verworfen, wie absolut deutlich wird, wenn man nur ein wenig weiter liest. Direkt zu Beginn von Kapitel 10 heißt es:

„Brüder und Schwestern, ich wünsche von ganzem Herzen und bete zu Gott, dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer haben für Gott, aber ohne Erkenntnis.“ (Röm 10,1f.)

Diese Juden können noch gerettet werden, und es hängt von ihnen selbst ab. Paulus sagt dann auch, dass die Erlösung durch Jesus kommt, wobei er aber auch schreibt:

„Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet? […] So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft aber im Wort Christi. Aber, so frage ich: Haben sie etwa nicht gehört? Ja doch: In die ganze Welt ist ihr Schall gedrungen und bis an die Enden der Erde ihre Worte. Aber ich frage: Hat etwa Israel nicht verstanden?“ (Röm 10,15.17-20)

D. h. er geht hier auch davon aus, dass jemand schuldlos wäre, der die Botschaft noch nicht gehört oder sie nicht verstanden hätte. Dann sagt er zwar, dass die Juden diese Botschaft eigentlich schon gehört haben, aber irgendwie verstockt und blind sind und sie nicht einsehen wollen (vgl. das Ende von Kapitel 10 und den Beginn von Kapitel 11). Am Ende aber schreibt er:

„Nun frage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs!“ (Röm 11,1)

D. h. Gott hat nicht deshalb zugelassen (es ist hier übrigens auch immer wichtig, an den Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem nur indirekt zulassenden Willen Gottes zu denken), dass sie jetzt vorläufig „verstockt“ sind, damit sie am Ende verloren gehen. Sondern:

„Vielmehr kam durch ihren Fehltritt das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. Wenn aber ihr Fehltritt Reichtum für die Welt bedeutet und ihre geringe Zahl Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr ihre Vollzahl! Euch aber, den Heiden, sage ich: Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst, weil ich hoffe, die Angehörigen meines Volkes eifersüchtig zu machen und wenigstens einige von ihnen zu retten. […] Wenn aber einige Zweige herausgebrochen wurden, du aber als Zweig vom wilden Ölbaum mitten unter ihnen eingepfropft wurdest und damit Anteil erhieltest an der kraftvollen Wurzel des edlen Ölbaums, so rühme dich nicht gegen die anderen Zweige! Wenn du dich aber rühmst, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Nun wirst du sagen: Die Zweige wurden doch herausgebrochen, damit ich eingepfropft werde. Gewiss, wegen des Unglaubens wurden sie herausgebrochen. Du aber stehst durch den Glauben. Sei daher nicht überheblich, sondern fürchte dich! Hat nämlich Gott die Zweige, die von Natur zum edlen Baum gehören, nicht verschont, so wird er auch dich nicht verschonen. Siehe nun die Güte Gottes und seine Strenge! Die Strenge gegen jene, die gefallen sind, Gottes Güte aber gegen dich, sofern du in seiner Güte bleibst; sonst wirst auch du herausgehauen werden. Ebenso werden auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, wieder eingepfropft werden; denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen. Wenn du nämlich aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest, dann werden erst recht sie als die von Natur zugehörigen Zweige ihrem eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden. Denn ich will euch, Brüder und Schwestern, nicht in Unkenntnis über dieses Geheimnis lassen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Vollzahl der Heiden hereingekommen ist, und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion der Retter, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen.“ (Röm 11-14.17-26)

D. h. im Klartext: Gott hat zugelassen, dass die Juden, nachdem sie selber durch ihren eigenen Unglauben schuldig geworden und vom richtigen Weg abgekommen sind, quasi noch blinder geworden sind und sich in ihrem Unglauben verschanzt haben, und hat dann bewirkt, dass jetzt stattdessen viele neue Bekehrte von den Heiden in die Kirche aufgenommen werden. Paulus sagt, dass Gott so handelt, damit die Juden am Ende, nachdem so viele von den Heiden zum Gott Israels kommen, doch noch sehen, dass Jesus der Messias sein muss.

(Das passt übrigens auch gut mit dem Blick der ein wenig späteren Kirche auf das Judentum zusammen: Der hl. Justin der Märtyrer (gest. ca. 165) beispielsweise argumentiert in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon wiederholt, dass Tryphon doch sehen müsste, dass die Prophezeiungen des AT, laut denen die anderen Völker durch den Messias ebenfalls zu Gott kommen sollten, sich seit dem Kommen Jesu erfüllt hätten.)

Die Juden sind der ursprüngliche, von Gott gepflanzte Ölbaum; die Judenchristen sind die Zweige, die darin bleiben, die Juden, die Jesus nicht annehmen, die aus dem Ölbaum entfernten Zweige; die Heidenchristen die wilden, aufgepfropften Zweige. Aber das alles ist noch nicht endgültig. Die entfernten Zweige können wieder aufgepfropft werden; die aufgepfropften können auch noch herausgehauen werden. Dass jemand zum Ölbaum gehört, sagt noch nichts über die letztliche Erlösung.

Das Ganze betrifft natürlich nicht nur die damalige Zeit. Wir wissen auch nicht, wieso Gott heute zulässt, dass der eine zur Kirche findet und der andere nicht. Röm 9 sagt jetzt: Der, der Christ ist, braucht sich nichts darauf einzubilden; er ist da durch Gottes Gnade; und er muss auch nicht fragen, wieso Gott es nur zugelassen hat, dass andere (noch) nicht zur Kirche gefunden haben, Gott hat schon Seine Gründe. Und das alles entscheidet noch nicht über das endgültige Schicksal im Jenseits. Die einen werden in diesem Leben zur vollen Gemeinschaft mit der Kirche berufen, die anderen nicht; na und? Sie können alle am Ende im Himmel sein.

Einen sehr interessanten ausführlicheren Kommentar zu diesem Teil des Römerbriefs und zu den paar anderen Stellen, die Calvinisten (und im Lauf der Kirchengeschichte auch manche katholische Theologen) gelegentlich noch für eine solche Prädestinationslehre angeführt haben, hat Father William Most (leider auf Englisch).

 

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 17: 1 Korinther 7 – von den ehelichen Pflichten und dem Vorrang der Jungfräulichkeit

[Dieser Artikel wurde nach der Veröffentlichung noch einmal überarbeitet. Kommentare können sich auf die ursprüngliche Version beziehen.]

 

Und wieder zur Erinnerung: „Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber.

 

Im 1. Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus:

„Nun zu dem aber, was ihr geschrieben habt: Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt. 

Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot. Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! 

Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser. (1 Korinther 7,1-9.25-38)

 

Hier gibt es zwei Aussagen, die den heutigen Leser stören könnten:

  • Die Ehe ist nur ein Zugeständnis für die, die nicht enthaltsam leben können und ist minderwertig gegenüber der Jungfräulichkeit?
  • Das mit den, wie man so sagte, „ehelichen Pflichten“ – Sex als „Pflicht“?

 

Zum ersten Thema: Es ist wichtig, genau zu lesen, was Paulus schreibt.

Zunächst einmal spricht in einigen seiner Briefe – der 2. Korintherbrief ist das beste Beispiel – sehr persönlich zu seinen Gemeinden; auch hier spricht er wieder darüber, was seine persönliche Idealvorstellung wäre, was er aber nicht zu einem allgemeinen Gebot erklären kann (und auch gar nicht dazu erklären will) : „Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ 

Dann ist es wichtig, zu sehen, dass er keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will à la „Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…“. Nein, wenn er sagt, „Heiratest du aber, so sündigst du nicht“ oder „Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut“ oder „Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat“, dann meint er es. Was nicht Sünde ist, darf man tun; hier lässt Gott einem jede Freiheit, und nimmt es nicht übel, wenn man sich für das an sich „Minderwertigere“ entscheidet.

Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht „schlecht“, wie das Wort heute oft verwendet wird, sondern „wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem“. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.

Und was ist mit den Versen Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.“? Heißt das, man kann als Verheirateter nicht so gut dem Herrn dienen wie als Unverheirateter?

Man kann als Verheirateter sehr gut dem Herrn dienen, manchmal wohl auch besser als mancher Unverheiratete; vor allem natürlich indirekt, indem man sich um die einem anvertrauten Menschen und seine anderen weltlichen Aufgaben kümmert. Aber ja, das gottgeweihte Leben ist an sich ein direkterer Dienst; und man hat ohne Familie allein schon mehr Zeit für Gebet, karitative Aufgaben etc. (Allerdings ist das gottgeweihte Leben auch die Berufung, die zu allen Zeiten weniger Christen betraf als die typischen Laienberufungen. So, wie es mehr Hausärzte als Neurochirurgen braucht, braucht es in der Kirche auch mehr Laien.)

Und Paulus spricht auch die ganzen Alltagssorgen an, die mit einer Familie kommen, und den Wunsch, dem Partner zu gefallen, was alles (z. B. auch bei Menschen mit nichtchristlichen Partnern) vielleicht dazu führen kann, dass jemand den Glauben vernachlässigt. Der Apostel meint hier schlicht und einfach, dass es mit weniger weltlichen Sorgen einfacher ist, sich auf Gott zu konzentrieren – was auch Jesus im Gleichnis vom Sämann in gewisser Weise anspricht: „In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken es und es bleibt ohne Frucht.“ (Matthäus 13,22). Das ist eine Erkenntnis, die nicht dazu führen muss, dass jeder Christ sich sämtliche weltlichen Sorgen sparen soll – das wäre weder möglich noch sinnvoll –, sondern dazu, dass die, die aufgrund ihrer Lebensumstände viele weltliche Sorgen haben, besonders darauf achten sollten, Gott im Alltag nicht zu vergessen.

Sowohl die Ehe als auch das gottgeweihte Leben haben ihre eigenen Schwierigkeiten, aber sie haben eben beide auch ihre ganz praktischen Vorteile; in der Ehe ist es leichter, sich an das sechste Gebot zu halten, wie Paulus hier erwähnt, im gottgeweihten Leben ist es leichter, sich auf Gott zu konzentrieren. (Das gilt wohl vor allem, seitdem wir Klostergemeinschaften mit festem Tagesablauf aus Gebet und Arbeit haben.)

 

Dann zum zweiten Thema: Die ehelichen Pflichten. Nun könnte man es hier einfach komisch finden, ehelichen Sex im Sinne gegenseitiger Pflichten regeln zu wollen; man könnte in der Kritik aber auch noch weitergehen und sagen (was manche Kritiker des Christentums tun), dass, wenn man ein solches Konzept annehmen würde, man Vergewaltigung in der Ehe nicht mehr wirklich verurteilen könnte. Wenn die Frau ihre Pflicht gegenüber dem Mann erfüllen muss, na…

Dieser Kritik liegt allerdings eine grundsätzlich falsche Vorstellung von dem Begriff „Pflicht“ zugrunde. Wenn jemand eine Pflicht mir gegenüber hat, dann heißt das eben nicht, dass ich ihn automatisch dazu zwingen darf, sie zu erfüllen. Im Kirchenrecht (in Canon 1151 des Codex des Kanonischen Rechts) heißt es zum Beispiel auch: „Die Ehegatten haben die Pflicht und das Recht, das eheliche Zusammenleben zu wahren“; aber das bedeutet nicht, dass eine Frau, deren Mann sie verlassen will, das Recht hat, ihn in der Wohnung einzusperren. Er tut in diesem Beispiel vielleicht etwas Falsches (wobei er auch zulässige Gründe haben kann); aber das heißt nicht, dass sie mit Gewalt und Zwang reagieren darf. Im Bereich der Sexualität, der Menschen noch persönlicher betrifft und wo Gewalt, Zwang und Manipulation noch mehr verletzen, gilt das umso mehr.

Dann sollte man beachten, dass der katholischen Moraltheologie nach grundsätzlich keine positive Pflicht vollkommen ausnahmslos gilt. Positive Pflichten (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, im Unterschied zu Geboten wie „Du sollst nicht morden“, die eine Unterlassung befehlen) müssen für den jeweiligen Menschen erst einmal erfüllbar sein; und auch dann, wenn sie theoretisch erfüllbar sind, kann es der Situation angemessene Entschuldigungsgründe geben. Wenn man z. B. beim oben erwähnten Canon bleibt, heißt der zweite Teil des Satzes: „…außer ein rechtmäßiger Grund entschuldigt sie davon“. (Mögliche rechtmäßige Gründe für eine Trennung vom Ehepartner werden dann in den nächsten Canones aufgeführt (Ehebruch, oder „Wenn einer der Gatten eine schwere Gefahr für Seele oder Leib des anderen Gatten oder der Kinder herbeiführt oder auf andere Weise das gemeinschaftliche Leben unerträglich macht“).) Genauso kann es auch einige legitime Gründe geben, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen. Die Forderung oder sogar die Bitte, der andere solle diese Pflichten erfüllen, kann sogar selbst Sünde, im Extremfall sogar schwere Sünde sein.*

Übrigens war es in der Antike tatsächlich nicht so, dass mit der Vorstellung von den ehelichen Pflichten hauptsächlich die Frauen auf Linie gebracht werden sollten – eher war die Vorstellung verbreiteter, Frauen bräuchten Sex und die Männer müssten ihnen gegenüber die Pflicht erfüllen (einerseits wegen der biologischen Triebe, aber andererseits auch, weil sie ein Recht auf Kinder hätten, die sie im Alter versorgen konnten). Daher zum Beispiel die alttestamentliche Regelung „Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie [eine erste Frau, die ursprünglich als Sklavin gekauft wurde] in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen“ (Exodus 21,10). Die Vorstellung drehte sich eher in der Neuzeit, wo die Ansicht populärer wurde, dass hauptsächlich die Männer von den Frauen die Erfüllung der ehelichen Pflichten bräuchten. Paulus hält offensichtlich beide Ansichten für zu einseitig; jedenfalls ist der Text hier geprägt von Gegenseitigkeit: „Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.“

Die schlimmsten Einwände wären damit abgehakt. Aber trotzdem bleibt noch das Argument: Was soll diese Vorstellung überhaupt? Wieso Pflicht? Sollte es hier nicht um Liebe gehen?

Die Art, wie Paulus sich ausdrückt, ist natürlich heute sehr ungewohnt. Man könnte die Aussage des Apostels aber auch ganz einfach verstehen als „bestraf deinen Partner nicht ohne Grund mit Liebesentzug“. Ihm geht es hier auch um so etwas wie normale Beziehungspflege und Rücksichtnahme (er redet ja auch von Dingen wie „gegenseitige[m] Einverständnis“) – und natürlich sorgt er sich um die „Gefahr der Unzucht“. Und dann spielt da natürlich die Vorstellung hinein, dass man in der Ehe, wo man „ein Fleisch“ ist, in gewissem Sinne nicht mehr „sich selbst gehört“ – diese Vorstellung von „Ich bin jetzt dein“ ins Praktische übersetzt. Das gilt auch für andere Situationen: Wenn man verheiratet ist, lebt man eben nicht nur für sich selbst, sondern wenn der Partner z. B. Probleme hat, unterstützt man ihn, wenn er Erfolg hat, freut man sich mit ihm, etc. Man nimmt an ihm Anteil und geht auf seine Gefühle ein.

Und dann sollte man die grundsätzliche Vorstellung loswerden, dass Liebe und Pflicht miteinander unvereinbar wären. Wir sollen Gott lieben: Trotzdem redet man beim Besuch der Messe von der „Sonntagspflicht“. Natürlich geht man idealerweise nicht nur deshalb zur Sonntagsmesse, weil es Pflicht ist; aber manchmal, wenn man sich am Sonntagmorgen eher nach Ausschlafen fühlt, bietet der Gedanke an die von der Kirche festgeschriebene Sonntagspflicht die restliche benötigte Motivation. Und wenn man dann da ist, ist die Messe jedes Mal – na ja, einfach die Messe, wunderschön. Auch in einer Beziehung geht es nicht immer ohne Pflichten – ganz allgemein gesprochen. Natürlich liebt man sich, aber manchmal tut man etwas für den Partner auch eher deshalb, weil es so ausgemacht war und man in einer Beziehung eben etwas füreinander tut, als weil man sich gerade so liebevoll fühlt. Und oft bringt gerade das dann wieder stärkere Liebe hervor.

Pater Martin Ramm FSSP erklärt bezüglich der katholischen Liturgie: „Durch die äußeren Formen werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“; und das gilt nicht nur für die Liturgie, sondern für das ganze Leben. Auch andere Gesten der Dankbarkeit, Freundschaft, familiären oder ehelichen Liebe drücken die innere Disposition aus, helfen aber oft auch, sie zu bewirken, sie zu verstärken oder sie zu erneuern. Wenn man jemandem dankt, jemandem ein Geschenk macht, jemandem freundliche Gesten entgegenbringt, wird man merken, dass man denjenigen mit der Zeit mehr mag oder liebt als vorher. Wenn ein Mann aus Pflichtgefühl heraus seiner Frau Rosen zum Hochzeitstag kauft und sie ihm aus Pflichtgefühl an diesem Tag sein Lieblingsessen kocht**, macht das beiden ihre Liebe wieder neu bewusst. Wenn die Frau zu ihm im Vorhinein sagen würde „du sollst mir nur ein Geschenk machen, wenn du es auch wirklich willst, nicht, weil du dich verpflichtet fühlst!“ ist das, na ja, meistens nicht übermäßig hilfreich. Er fühlt sich vermutlich indirekt unter Druck gesetzt, und wenn er unsensibel ist und sich gerade nicht besonders liebevoll fühlt und es unterlässt, wird sie sich vermutlich ziemlich beleidigt fühlen. Klarheit bei den gegenseitigen Ansprüchen ist meistens besser – und etwas „nur“ aus Pflichtgefühl zu tun, ohne aktuell viele Emotionen aufzubringen, ist auch nichts Anrüchiges.

Langer Rede, kurzer Sinn: Pflicht und Pflichtgefühl sind nichts Schlechtes; und sie können die innere Liebe bewahren und stärken helfen. Die Annahme, dass Liebe und Pflicht Gegensätze wären, ist schlicht falsch.

 

* Ein Handbuch der katholischen Moraltheologie von 1930 beispielsweise gibt als mögliche Entschuldigungsgründe dafür, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen, an: Der andere Partner hat Ehebruch begangen; der Mann vernachlässigt schuldhaft seine Pflicht, für den Lebensunterhalt der Familie (und damit auch möglicher neu entstehender Kinder) zu sorgen; der andere Partner ermangelt gerade des Vernunftgebrauchs (Trunkenheit, ernsthafte psychische Krankheit); oder stellt völlig unmäßig häufige Forderungen; oder es besteht eine schwere Gefahr für Gesundheit oder Leben (z. B. wenn die Frau krank ist und sich schonen muss, oder vor relativ kurzer Zeit erst geboren hat, oder wenn der andere Partner eine ansteckende Geschlechtskrankheit hat, die übertragen werden könnte); oder man tut es im Interesse des Seelenheils des anderen (womit v. a. gemeint ist, dass man weiß, dass derjenige künstliche Verhütungsmethoden verwendet). Dasselbe Buch urteilt, schon die Forderung oder Bitte an den anderen Partner, die „ehelichen Pflichten“ zu erfüllen, sei schwere Sünde bei direkter Lebensgefahr oder sehr kurz nach einer Geburt; und bei entfernter Lebensgefahr oder Gesundheitsschädigung bräuchte es einen guten Grund, damit sie keine Sünde sei. (Vgl.: Heribert Jone, Katholische Moraltheologie.)

** Heteronormativität und Romantisierung der Vergangenheit auf immer.

In meinen Tabletten ist Rattengift, und außerdem komme ich in die Hölle

Oder jedenfalls will mein Gehirn mir das manchmal einreden.

Na ja, so ganz richtig ist das nicht. Mein Gehirn arbeitet eher mit „könnte“s und „hätte“s und „vielleicht“s. Zum Beispiel heute Morgen. Ich stehe auf, hole wie immer mein Medikament, das ich für eine chronische Krankheit brauche (mein Psycho-Medikament nehme ich abends), und bevor ich die Kapsel schlucken will, kommt plötzlich der Gedanke „Was, wenn da Gift drin ist? Was, wenn ein böser Mitarbeiter in der Pharmafabrik Gift in Tabletten füllt? Oder durch ein Versehen bei der Produktion was falsch gelaufen ist und ich jetzt Rattengift schlucke?“ Es fühlt sich an wie eine böse Vorahnung, eine, der man besser folgen sollte, wie die Leute, die Vorahnungen hatten, nicht auf die Titanic zu gehen. Ich schlucke die Kapsel trotzdem schnell runter, und dann beginne ich, Panik zu bekommen. Jetzt ist das Ding im Magen. Jetzt kann ich nichts mehr tun. Jetzt bin ich hilflos. Ich versuche, mich mit Musik abzulenken; beginne dann, Vergiftungserscheinungen und Erste-Hilfe-Maßnahmen im Internet zu recherchieren. Versuche, mich mit Facebook abzulenken. Suche noch einmal eine Seite über Vergiftungen her. Ich fühle mich einerseits panisch und aufgedreht, andererseits irgendwie gelähmt. Als ich mich nach einer halben Stunde, und dann nach einer Stunde, körperlich immer noch normal fühle, kann ich mich etwas mehr beruhigen, ziehe mir rasch etwas über, und komme zu spät zur Kirche.

Klinge ich verrückt? Ich fühle mich manchmal so. Als würde ich langsam vollständig den Verstand verlieren. Nein, ich rechne, vernünftig betrachtet, nicht wirklich damit, mit meinen Tabletten Gift zu schlucken; aber solche fixen Ideen setzen sich fest, und das Blöde ist, ich kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, dass kein Verrückter in der Medikamentenfabrik Gift in die Kapseln gefüllt hat. (Solche Vorstellungen kommen seit dem Fall des Erpressers mit dem Ethylenglykol öfter in meinen Kopf; vorher waren es eher andere Zwangsgedanken. Sobald das Brot vom Bäcker etwas anders schmeckt als sonst, bekomme ich Angst.) Hier gibt es nur Wahrscheinlichkeiten, auch wenn die noch so hoch sind.

Ebenso wie vor Giften und Ähnlichem habe ich immer wieder Angst vor der Hölle (und in weniger schlimmem Maße auch vor dem Fegefeuer). Ab und zu kommt dieses entsetzliche Gefühl: Ich kann nicht aus diesem Leben raus. Ich kann mich nicht einfach nicht-existent machen. Ich kann nicht einfach in eine Traumwelt verschwinden. Ich stecke in genau diesem Leben fest, und irgendwann werde ich sterben, und ich weiß nicht wann, und ich weiß nicht, was danach kommt – bzw. für mich kommt. Ich kann mich auch hier bis zu einem gewissen Grad mit Vernunftargumenten beruhigen: Gott ist gnädig. Gott ist gnädig. Aber ich kenne Gott nicht wirklich – nicht in dem Sinne, wie ihn die kennen, die schon tot sind, oder die Engel – und ich habe Angst. Angst, alles falsch zu machen, Angst, nicht zu genügen. Es ist dieses schreckliche, lähmende Gefühl, einer unsicheren Welt ausgeliefert zu sein, von der man so vieles nicht weiß, mit der man nicht klarkommt, und für die man zu schwach ist. Ich bin halt nicht unbedingt immer eine vorbildliche Christin.

Oh, wie gut ich Martin Luther verstehen kann.

Jetzt, zum Reformationsjahr und zum kurz bevorstehenden Reformationstag, bekommt Luther sowohl Lobeshymnen für die Auslösung einer Bewegung gegen die Kirche, mit deren Anliegen sich heute kaum noch einer auskennt, als auch Kritik und Verurteilungen wegen seines Judenhasses, seiner Hetze gegen die aufständischen Bauern, und allen seinen anderen unangenehmen Eigenschaften. Ich habe Mitleid mit ihm. Er tut mir so leid. Ich kann seine Verzweiflung, seine Entscheidung, auf die eine Karte des Fiduzialglaubens zu setzen, die er endlich für einen verlässlichen und sicheren Ausweg hielt, irgendwie nachvollziehen. Dieses Gefühl: Und am Ende werde ich doch alles falsch gemacht haben. Ich hätte es besser machen können. Ich habe mir selbst was vorgemacht. Ich war kein guter Christ. Ich habe Gott nicht wirklich geliebt. Wie kann ich nur entkommen? Wie kann ich sicher wissen, erlöst zu sein?

Luthers Ängste verschwanden nicht nachhaltig durch sein Turmerlebnis. Trotzdem blieb „sola fide“ und „sola gratia“ sein Rettungsanker, auf den er setzte, und als es nötig wurde, überwarf er sich deswegen eben mit der Kirche. Luther ist für mich eine tragische Gestalt. Das Schlimme ist, dass seine Ideen vom Ansatz her ja sehr richtig waren; er hat sie zu weit getrieben und verdreht, aber er hat nicht mit falschen Ideen begonnen. Wir können nicht aus uns selbst heraus genügen, Gott liebt uns trotzdem, Gott ist gnädig.

Ich habe einen Vorschlag für den Reformationstag. Ein Rosenkranzgesätz für Martin Luthers Seelenheil. Ich hoffe sehr, dass er jetzt im Himmel ist. Dass er jetzt Frieden gefunden hat.

Gott liebt uns. Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte. Er will uns bei sich haben. Und mit alltäglichen Unsicherheiten muss man leben lernen. Und vielleicht sollte ich mal die Dosis bei meinem Psycho-Medikament steigern, wie der Arzt mir vorgeschlagen hat.

Zwangsprostitution und Teilzeitarbeitsquote

Auf katholisch.de ist heute ein Artikel von Andrea Hoffmeier zum Thema Benachteiligung von Frauen erschienen: http://www.katholisch.de/aktuelles/standpunkt/lippenbekenntnis-zur-geschlechtergerechtigkeit Ich habe ihn mal mangels besserer Beschäftigung angeklickt und war bei den ersten paar Sätzen zuerst genervt: „In der Regel merke ich es nicht. Doch dann wird es mir wieder mit voller Wucht vor Augen geführt, sei es in einer Konferenz nur unter Männern oder wie diese Woche durch Zeitungsmeldungen: Von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sind wir noch weit entfernt. Das gilt auch für Deutschland und die ‚fortschrittlichen‘ westlichen Staaten.“ Wo haben wir hier in Deutschland bitte noch fehlende Gleichberechtigung?, habe ich mich gefragt. Was soll das? Ich bin halt in einer Zeit aufgewachsen, in der in Schule und Uni die Gleichberechtigung für mich Normalität war/ist, etwas, das ich als selbstverständlich erwarte, und auch Aktionen wie der Girl’s Day längst etabliert waren. Weiß nicht, wie das für die Autorin des Artikels in ihrer Kindheit, Jugend und ihrer Zeit als junge Erwachsene war. Sie wirkt auf ihrem Foto ein paar Jahrzehnte älter als ich; vielleicht ist ihr deshalb das Thema wichtiger als mir.

Aber dann habe ich weitergelesen und sie macht mit dem Thema Zwangsprostitution weiter: „Deutschland ist eines der Hauptabnahmeländer für Zwangsprostituierte in Europa.“ Und ich denke mir: Oh ja, da hat sie Recht! Wir denken, wir wären so fortschrittlich, aber da, wo wir nicht hinschauen (wollen), geschieht immer noch schlimmes Unrecht, Menschenhandel, Ausbeutung. Es geht dann im Artikel weiter mit dem Weinstein-Skandal und Belästigung am Arbeitsplatz, und ja, es ist ja auch wichtig, sicherzustellen, dass Chefs mit sexueller Belästigung nicht einfach davonkommen, da gibt es wohl an manchen Stellen auch bei uns noch was zu tun. Zustimmung hier, auch wenn das kein so schlimmes Problem ist wie Zwangsprostitution.

Und dann… leitet sie zu den „weniger extreme[n] Themen“ über wie zum Beispiel „hohe Teilzeitarbeitsquote und daraus folgende Altersarmut“; und ich denke mir: What the fuck.

Nicht deshalb, weil ich eine hohe Teilzeitarbeitsquote für ein Luxusproblem halten würde, so à la „Was beschwert ihr euch, schaut mal, wie es Frauen in Afghanistan und Saudi-Arabien geht“. Nein, ich halte eine hohe Teilzeitarbeitsquote für überhaupt kein Problem. Viele Frauen wollen in Teilzeit arbeiten – meine Mutter zum Beispiel auch. Ich kenne einen Personalchef einer Behörde, der einige Schwierigkeiten damit hat, ausreichend Teilzeitarbeitsplätze für die vielen weiblichen Angestellten zu schaffen, die nach ein paar Jahren beim Kind zu Hause wieder in den Job zurückkehren möchten, aber eben erst mal nur mit 20 oder auch bloß 15 Wochenarbeitsstunden. Und ja, das ist oft ein Luxus; meine Mutter zum Beispiel kann sich Teilzeitarbeit (und davor ein langes Hausfrauendasein) leisten, weil mein Vater gut verdient und eine gute Rente bekommen wird. Aber wenn aus Teilzeitarbeit in anderen Fällen oft Altersarmut resultiert, dann ist das ein Problem mit dem deutschen Rentensystem, und nicht mit der Teilzeitarbeit. Frauen wollen Teilzeitarbeit, weil sie z. B. (kleine) Kinder haben, viel Arbeit mit dem Haushalt (vor allem, wenn mehrere Kinder da sind – eine große Familie macht auch dann noch viel Arbeit, wenn die Kinder in der Schule sind) oder pflegebedürftige ältere Angehörige. Frau Hoffmeiers Antwort wäre, Kinder und Alte auszulagern und bei der Hausarbeit mit den Achseln zu zucken, ohne die Frauen zu fragen, ob sie das wollen. Ich halte Teilzeit für eine gute Lösung gerade für Frauen mit Kindern im Schulalter; während die Kinder aus dem Haus sind, verdient man etwas dazu, und trotzdem wächst einem der Haushalt nicht über den Kopf und man kann noch etwas Zeit mit den Kindern verbringen und sie am Nachmittag zum Fußballtraining, zum Pfadfindertreffen, zur besten Freundin oder zur Flötenstunde fahren. Es wäre etwas Gutes für Frauen, wenn es mehr Teilzeitarbeitsplätze gäbe und dafür Erziehungs- oder Pflegearbeit in der Familie stärker für die Rente angerechnet würden.

Es gäbe auch so viele andere Probleme, die man in einem solchen Artikel noch hätte ansprechen können – auch Probleme, die mit anderen Kulturen nach Deutschland gekommen sind. Wenn Mädchen in den Sommerferien in die Türkei geflogen und mit ihrem Cousin zwangsverheiratet werden, ist das ein Problem, gegen das man etwas tun müsste. Es gibt auch eine wachsende Anzahl von Genitalverstümmelungen hierzulande. Aber natürlich haben wir auch unsere hausgemachten Probleme: Immer weniger Leute sehen es zum Beispiel als irgendwie anrüchig oder problematisch, wenn kinderlose Paare eine thailändische Leihmutter anheuern – ohne sich zu fragen, ob das nicht vielleicht irgendwie Ausbeutung sein könnte. Man könnte hier noch etliche wirkliche Probleme ansprechen.

Aber wenn man zwei Sätze über Zwangsprostitution schreibt und sich dann ausführlich darüber auslässt, dass Frauen immer noch zu wenig arbeiten und zu wenige Führungspositionen besetzen, was „aus einer nach wie vor tiefsitzenden diskriminierenden Haltung und dem Erhalt männlicher Machtstrukturen“ resultiere, dann ist das einfach, sagen wir mal kontraproduktiv. Wie viele Leute lesen diesen Artikel und denken sich „tiefsitzende Haltung… männliche Machstrukturen… bla… bla… interessiert mich nicht“, und denken dann auch nicht mehr an Zwangsprostitution?

Und wieso sind mir diese Machtstrukturen eigentlich noch nie aufgefallen? Let’s face it: An den deutschen Unis zum Beispiel sind die Bedingungen für Frauen wunderbar, und viele Personalabteilungen stellen Frauen „bei gleicher Eignung bevorzugt“ ein. (Zum Beispiel auch die der oben erwähnten Behörde, wo man sich auch um Teilzeitarbeitsplätze bemüht.) Wo sind hier die Machtstrukturen? Die meisten Frauen leben hierzulande völlig gleichberechtigt; wir haben Bildung, politische Teilhaberechte, freie Berufswahl, in der Öffentlichkeit werden Frauen gehört… was genau ist hier das Problem?

Wenn man Zwangsprostitution schlimm findet, sollte man über Zwangsprostitution schreiben und dann was gegen Zwangsprostitution tun; man könnte zum Beispiel Solwodi (https://www.solwodi.de/791.0.html ) unterstützen. Man sollte nicht anfangen, stattdessen von allgegenwärtigen Machtstrukturen zu reden, die sich in einem bloß 30-prozentigen Frauenanteil im Bundestag und einer hohen Teilzeitarbeitsquote ausdrücken. Das hilft keinem Opfer von Menschenhandel in irgendeinem deutschen Bordell.

 

 

Gute Neuigkeiten zur neuen Einheitsübersetzung!

In der revidierten EÜ ist 1 Kor 7,21 endlich richtig übersetzt! „Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; aber wenn du frei werden kannst, mach lieber Gebrauch davon!“ Was hab ich hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/09/28/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-15-sklaverei-und-kindererziehung-und-ungerechte-regierungen-in-der-bibel/ ) gesagt?

Ich glaube, ich mag die neue EÜ.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 16: Was in den Apostelbriefen (und in der Genesis) über (Ehe)Frauen und die Rolle der Frau in der Kirche gesagt wird

[Der Artikel wurde noch einmal nachbearbeitet; Kommentare können sich auf den ursprünglichen Text beziehen.]

– Dieser Teil ist recht lang geraten, da es um mehrere zusammenhängende Themen geht und ich die wichtigsten Einwände und Argumente abhaken wollte, und darf gern in mehreren Etappen gelesen werden. –

 

„Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Eins sollte klargestellt werden, bevor ich mit meinen Exegese-Versuchen beginne: Regel Nummer 19: Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt die Bibel selbst.

Manchmal gibt es auch mehrere mögliche Interpretationen zu seinen (und anderen biblischen) Aussagen; und manchmal ist es leichter zu sagen, welche Interpretationen falsch sind, als zu sagen, welche richtig sind.

 

(I) Die Stellen

Heute kommt einmal hauptsächlich das Neue Testament dran, nämlich diese  Stellen aus den Apostelbriefen:

  • „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. (Epheser 5,21-33)
  • „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie!“ (Kolosser 3,18f.)
  • „Ebenso seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem Verhalten, nicht verleumderisch und nicht trunksüchtig; sie müssen fähig sein, das Gute zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, gütig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ (Titus 2,3-5)
  • „Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit. Auch sollen die Frauen sich anständig, bescheiden und zurückhaltend kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt. (1 Timotheus 2,8-15)
  • „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt. Nicht auf äußeren Schmuck sollt ihr Wert legen, auf Haartracht, Gold und prächtige Kleider, sondern was im Herzen verborgen ist, das sei euer unvergänglicher Schmuck: ein sanftes und ruhiges Wesen. Das ist wertvoll in Gottes Augen. So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. Sara gehorchte Abraham und nannte ihn ihren Herrn. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet. Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit euren Frauen rücksichtsvoll sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ (1 Petrus 3,1-7)
  • „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ (1 Korinther 14,33-35)
  • „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme. Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe. Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann. Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen. Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben. Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinden Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.“ (1 Korinther 11,1-16)

Ich habe hier einiges zusammengeworfen. Wenn man es auseinandersortiert, ergeben sich grob die folgenden Punkte:

  • Unterordnung der Frau in der Ehe
  • Bedeutung des Kindergebärens für die Frau
  • Stellung der Frau in der Gemeinde
  • Kopfbedeckungen beim Gottesdienst
  • Generelle Stellung der Frau (mit Bezug auf die Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte)

 

(II) Das Kindergebären: Textanalyse

Zuerst zu einer relativ einfach gelösten Stelle: „Sie wird aber dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt.“ (1 Timotheus 2,15) Wie bitte, man kommt nur durchs Kinderkriegen in den Himmel? Natürlich nicht. Hier hilft der Urtext.

Im griechischen Original heißt der erste Teil des Satzes: „Sothesetai de dia tes teknogonias“. Wörtlich übersetzt: „Sie wird gerettet werden aber durch das Kinderkriegen“; das Wort für „durch“, „dia“, ist allerdings, wie viele griechische Präpositionen, mehrdeutig. Es kann „durch“, „mittels“, „wegen“ heißen, aber auch „um … willen“; oder sogar „während“. „Aber sie wird um des Kindergebärens willen gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“, oder „Aber sie wird, während sie Kinder gebärt, gerettet werden, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt“ – das klingt schon ein bisschen anders, mehr so, als wäre das Kindergebären ein mögliches gutes Werk im Leben, nicht das sine qua non. Im Englischen würde man so einen Satz vielleicht ähnlich ambivalent formulieren mit „But she will be saved having children, if she…“. Ich denke, dass der Fokus hier vor allem auf dem zweiten Teil des Satzes liegt: Man soll in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führen. Und zum Weg der Heiligung kann auch das Gebären von Kindern und die Sorge für sie gehören.

Aber vor allem die Übersetzung mit „während“ bietet auch eine völlig andere Auslegung, als man zuerst annehmen würde: Laut einer Fußnote in der Einheitsübersetzung könnte Paulus sich hier gegen gnostische Lehren gewandt haben, die die Ehe und das Kinderkriegen verurteilten, da sie die irdische Welt grundsätzlich ablehnten. Da ist der christliche Weg familienfreundlicher: Kinder stehen der Heiligkeit nicht im Weg. Es ist gut, Kinder zu kriegen, weil es gut ist, mehr von Gottes Geschöpfen in die Welt zu setzen. Eine Frau, die Mutter ist/wird, kann (an die Gnostiker gerichtet: trotzdem) heilig werden, wenn sie Hoffnung, Nächstenliebe etc. zeigt.

Dann ist es, wenn man den Kontext aller Paulusbriefe kennt, sowieso von vornherein ausgeschlossen, dass Paulus das Kindergebären auf irgendeine Art und Weise als heilsnotwendig betrachten könnte. In 1 Korinther 7,25-40 wirbt er dafür, unverheiratet zu bleiben, und zwar bei Männern und Frauen; und wenn man sich an die christliche Sexualethik hält, kann man dann logischerweise auch keine Kinder bekommen.

So weit, so gut; aber was ist nun mit den anderen Aussagen, bei denen verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten für Präpositionen nicht als Erklärung genügen? Können wir die als „historisch bedingt“ beiseite schieben?

 

(III) „Die Frau aber ist der Abglanz des Mannes…“

Nun ja, das kommt darauf an. Behandeln wir die Themen nacheinander, und fangen wir mit einer der nervigsten und unverständlichsten Stellen an: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. […] Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ (1 Korinther 11,3.7-9)

Diese Verse werden natürlich deutlich relativiert durch das, was dahinter kommt („Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.“ (1 Korinther 11,11f.)), aber bleiben wir erst einmal bei ihnen stehen.

Hier finden sich natürlich Anklänge an die Schöpfungsgeschichte; und eine Sache klingt schon einmal ziemlich auffällig. In Genesis 1,27 heißt es ja ausdrücklich: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Paulus aber scheint, im Gegensatz zu dieser sehr klaren Stelle (und im Gegensatz zum Katechismus, s. u.), die Frau nicht als direktes Abbild Gottes zählen lassen zu wollen.

Die Lösung für diesen scheinbaren Konflikt liegt in Vers 3 der Paulus-Stelle: Hier wird Gott (Vater) als das „Haupt Christi“ bezeichnet, und Christus wiederum als Haupt des Mannes, und der dann wiederum als Haupt der Frau. Man hat also eine solche Stufenleiter im Kopf:

Gott (Vater)

I

Christus

I

Mann

I

Frau

Und jedem, der die geringste Ahnung von Theologie hat, wird dieses Schema irgendwie schief vorkommen. Theologisch korrekt dargestellt müsste es eher so aussehen:

Gott (Vater) – Christus

____________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Mann – Frau

Oder für die ganz theologisch Korrekten unter uns:

Gott Vater – Gott Sohn (Christus) – Gott Heiliger Geist

_______________________________________________

I

I

I

I

I

I

I

I

I

I

Engel

I

Menschen (Mann – Frau)

I

Tiere

I

Pflanzen

I

Leblose Materie

In der Trinitätstheologie lehnen wir den sog. „Subordinatianismus“ klar ab: Der Sohn ist nicht weniger Gott als der Vater, Er ist Ihm „wesensgleich“, nicht geringer als Er (für den Heiligen Geist gilt das Gleiche).

Aber: Trotzdem heißt es im Großen Glaubensbekenntnis, dass der Sohn vom Vater „gezeugt“ ist und der Heilige Geist aus beiden „hervorgeht“. Nun bedeutet die „Zeugung“ des Sohnes wiederum nicht, dass es einmal eine Zeit gab, in der Er nicht existierte und der Vater allein war; es handelt sich um eine „ewige Zeugung“, eine Art ewige Abhängigkeit, könnte man vielleicht sagen, des Sohnes vom Vater, oder ein ewiges Hervorgehen des einen aus dem anderen. Was genau das jetzt bedeutet – gute Frage, bitte an bessere Theologen richten. Jedenfalls nimmt der Vater trotz aller Gleichrangigkeit der drei göttlichen Personen immer noch eine Art höhere Stellung, sozusagen als „Erster unter Gleichen“, unter ihnen ein – in der Bibel ist an manchen Stellen vom Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater die Rede, aber an keiner Stelle vom Gehorsam des Vaters gegenüber dem Sohn.

In der obersten Stufenleiter, also der aus der Paulusstelle, haben wir zwischen Christus und dem Mann den Sprung von ungeschaffenem Gott zu Geschöpf. Also könnte man vielleicht sagen, dass, eine Stufe weiter oben, auch innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit im Verhältnis von Gott Vater zu Christus wiederum das Verhältnis von Gott zur Schöpfung gewissermaßen analog „nachgestellt“ ist – oder besser genau andersherum: dass das Verhältnis zwischen Gott Vater und Gott Sohn durch das Erschaffen von Geschöpfen in dem Verhältnis der „gesamten“ Dreifaltigkeit zur Schöpfung nachstellt wird. Und dann könnte man weiter sagen, dass dasselbe Verhältnis innerhalb der Schöpfung dann wieder in gewisser Weise nachgestellt wird zwischen Mann und Frau – es ist nachgestellt, nicht real. (Einer ähnlichen Interpretation folgt übrigens auch C. S. Lewis in dem sehr empfehlenswerten Buch „Was man Liebe nennt“ (Originaltitel: „The four loves“).)

Man könnte in dieser Analogie noch weitergehen und die Familie (Mann, Frau und Kinder, die aus beiden „hervorgehen“) mit der Dreifaltigkeit inklusive dem „hervorgehenden“ Heiligen Geist vergleichen, aber der Einfachheit halber lasse ich den Heiligen Geist und die Kinder hier außen vor.

Das passt natürlich auch zu der Aussage der bekanntesten Paulus-Stelle zum Thema „Haupt“ und „Unterordnung“ in der Ehe, nämlich Epheser 5: Die Ehe soll sein wie die Beziehung zwischen Christus und der Kirche – man könnte mit einer gewissen Erweiterung sagen, wie die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung.

Zu diesem Aspekt möchte ich einen Freund mit folgender Aussage zitieren, die die Angelegenheit gut zusammenfasst: „Nach den plausiblen Erklärungen der Theologen symbolisiert die Frau die Schöpfung Gottes und der Mann den Schöpfer. Das heißt aber, dass die Frau die Aufgabe hat, etwas zu symbolisieren, was sie tatsächlich ist – weswegen das Wort ‚Seele’ (und das Wort ‚Kirche’) auch in allen relevanten Sprachen weiblich ist, auch die des Mannes, und auch der Mann in unserem schönen deutschen Lied (manche Dinge konntense, die Protestanten) Christus als ‚mein Heiland und mein Bräutigam’ anspricht. Der Mann hat etwas zu symbolisieren, was er nicht ist, was merklich schwerer ist und vielleicht letztlich etwas damit zu tun hat, dass die Frauen religiöser sind.“

Paulus trifft die Aussage „Der Mann ist das Haupt der Frau“ und begründet sie mit Genesis 2: „Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“ Er behandelt die Rippengeschichte hier als real; aber es ist relativ egal, ob diese Geschichte je real geschehen ist oder nicht, sie steht da und sagt irgendetwas aus, und Paulus behandelt sie erst einmal als real, um auf ihre Aussagen zu kommen. Aus der Erzählung, dass Adam zuerst geschaffen wurde und Eva aus einem seiner Körperteile (Symbolebene), schließt Paulus also, dass der Mann, in der Ehe jedenfalls, das Haupt der Frau ist (Realitätsebene). Natürlich ist damit nicht gemeint, dass Frauen nicht um ihrer selbst willen als Person geschaffen wären, sondern ausschließlich als Hilfe für einen Ehemann (diese Interpretation kann man allein schon deshalb ausschließen, weil für Frauen wie für Männer laut Paulus selbst und dementsprechend laut katholischer Kirche die höchste Berufung das ehelose Leben ist).

Ich habe übrigens einmal einen Aufsatz einer Historikerin gelesen, in dem sie die These aufstellte, dass viele junge Frauen, die in der Antike, auch gegen den Willen ihrer Eltern, zum Christentum konvertierten und sich Christus weihten, auch davon angezogen wurden, dass sie in dieser Religion und in dieser Stellung als Personen geachtet wurden, nicht nur als Anhängsel eines Ehemannes. Als ich das damals gelesen habe, habe ich mir noch gedacht: Was soll der Unsinn, Mädchen wie die heilige Agnes wollten einfach Christus dienen, nicht besonders emanzipiert sein. Grundsätzlich glaube ich auch, dass ich damit richtig lag; aber ganz Unrecht hatte diese Historikerin vielleicht auch nicht. Als Frau geachtet zu werden, obwohl man keinen Mann und keine Kinder hatte, das muss etwas Anziehendes gewesen sein; dass man für den christlichen Gott auch so wertvoll war, war etwas Besonderes.

Wenn wir übrigens die originalen Genesis-Verse ansehen, in denen davon die Rede ist, dass Gott für Adam eine „Hilfe […], die ihm entspricht“ (Genesis 2,18) machen will, dass Er eine seiner Rippen nimmt und daraus Eva formt, und dass Adam sich dann freut und spricht „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Genesis 2,23), dann können wir festhalten, dass das hier verwendete Wort für „Hilfe“ oder „Helfer“ oder „Gehilfin“, „ezer“, keinesfalls automatisch „untergeordnetes Dienstmädchen“ heißt. Dieses Wort wird in der Bibel z. B. auch verwendet, wenn davon die Rede ist, dass Gott eine Hilfe für den Menschen ist – worauf sich übrigens auch der Katechismus bezieht (s. u.). Die Genesis-Geschichte sagt vor allem aus, dass Mann und Frau aufeinander hingeordnet sind: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.

(Sie hat übrigens an anderer Stelle für die damalige Zeit auch emanzipatorische Anklänge: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ Zu der Zeit, als das geschrieben wurde, verließen eben nicht Mann und Frau ihre Ursprungsfamilien und hingen einander an und bildeten eine eigene neue Familie, sondern die Frau verließ ihre Familie und schloss sich der Sippe ihres Mannes an, wo sie dann auch unter der Fuchtel der Schwiegereltern stand.)

Langer Rede, kurzer Sinn: Aus dieser Paulusstelle ergibt sich, dass der Ehemann das „Haupt“ der Ehefrau nur in dem Sinne sein kann, wie Gott der Vater das „Haupt“ Jesu Christi ist. Die Analogien mit Gott Vater, Christus, der Kirche etc. werden hier und auch in Epheser 5 allerdings so sehr betont, dass man sie wohl nicht einfach als wenig relevante, zufällige Vergleiche beiseite schieben kann. Nein, wir Christen müssen immer – bis zu einem gewissen Grad – „Gender Essentialists“ sein, d. h. wir glauben, dass das biologische Geschlecht, das unser Schöpfergott uns mitgegeben hat, etwas ist, das auch die Seele betrifft, dass es wirkliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass Geschlechtsunterschiede nicht alle einfach ausschließlich gesellschaftliche Konstruktionen sind – und dass das dann auch eine Implikation für eine Art Hierarchie in der Ehe hat.

 

(IV) Ein kurzer Exkurs: Zur Erschaffung Evas aus der Rippe Adams

Die Rippengeschichte hat im Lauf der Kirchengeschichte übrigens verschiedene Auslegungen bekommen, die durchaus miteinander kompatibel sein können und denen man folgen kann oder auch nicht. Hier als Beispiele zwei Stellen von bekannten Heiligen (Hervorhebungen von mir):

Der hl. Franz von Sales liest zwei verschiedene Dinge in dieses Bild hinein: „Bewahrt also euren Frauen eine zarte, beständige und herzliche Liebe, ihr Ehemänner! Deshalb wurde ja die Frau aus nächster Herzensnähe des ersten Menschen genommen, damit sie von ihm herzlich und zärtlich geliebt werde. Die körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau darf in euch keinerlei Geringschätzung entstehen lassen, sondern ein gütiges und liebevolles Verständnis. Gott hat sie so geschaffen, dass sie von euch abhängig sei, euch Achtung und Ehrfurcht entgegenbringe, dass sie zwar eure Gefährtin sei, ihr aber zugleich ihr Haupt und Vorgesetzter. Ihr Frauen, liebt euren Mann, den Gott euch gegeben hat, zärtlich und herzlich, gleichzeitig aber voll Achtung und Hochschätzung! Gott hat ihn deswegen kräftiger und euch überlegen geschaffen; er wollte, dass die Frau vom Mann abhängig ist, als Gebein von seinem Gebein, als Fleisch aus seinem Fleisch [vgl. Gen 2,23]. Nach Gottes Plan wurde die Frau aus seinem Leib unterhalb des Armes entnommen, um damit zu zeigen, dass der Mann seine Hand über sie halten und sie führen soll.Die Heilige Schrift empfiehlt immer wieder diese Unterordnung der Frau unter den Mann, sie macht diese Unterordnung aber zu einer liebevollen; die Frau soll sich in Liebe fügen, der Mann aber seine Autorität mit inniger, zärtlicher Güte ausüben. Der hl. Petrus sagt: ‚Ihr Männer, seid verständig gegen eure Frauen; sie sind die schwächeren Geschöpfe, erweist ihnen Achtung’ [1 Petr 3,7].“ (Franz von Sales, Anleitung zum frommen Leben, 3. Teil, Kap. 38, erstmals veröffentlicht 1609)

Und der hl. Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: „1. Dies war ein äußeres Zeichen dafür, wie Mann und Weib in besonderer Weise verbunden sein sollen. Denn das Weib soll nicht den Mann beherrschen; deshalb ist sie nicht aus einem Teile des Kopfes geformt worden. Sie soll aber auch nicht vom Manne wie eine Sklavin gehalten werden; deshalb ist sie nicht aus einem Teile der Füße geformt worden. 2. Das Sakrament sollte versinnbildet werden; denn aus der Seitenwunde Christi am Kreuze flossen die Sakramente, d. h. Wasser und Blut, woraus die Kirche geformt worden.“ (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I 92/3, verfasst zwischen 1265 und 1273)

(Erschaffung Evas. Dom von Orvieto. Bildquelle hier.)

 

 

(V) „Haupt“ und „Unterordnung“: Historisch bedingt?

So, jetzt haben wir also immer noch die Aussage, der Mann sei in der Ehe auf irgendeine Weise das Haupt der Frau und sie solle sich ihm „unterordnen“.

Manche Theologen haben versucht, die Sache einfach so zu lösen, dass sie sagen, für diese Stellen gelte dasselbe wie für die Sklaverei-Stellen in den Apostelbriefen: Paulus und Petrus geben hier Anweisungen dazu, wie man sich in einer ungerechten Beziehung, die in der damaligen Gesellschaft nun mal so existierte und sich nicht so einfach ändern ließ (das Christentum war keine Religion der Mächtigen, und viele Christinnen hatten heidnische Ehemänner), verhalten soll. Sie raten sowohl Frauen als auch Sklaven, sich unterzuordnen, und mahnen die Männer und die Herren dann zu Liebe bzw. gerechter Behandlung. Diese Taktik der Apostel hat pragmatische Gründe, die in einer gerechteren Gesellschaft wegfallen sollten. (Vgl. Teil 15.) Diese Auslegung scheint besonders durch die Petrusbriefstelle nahegelegt zu werden: „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch sie, falls sie dem Wort (des Evangeliums) nicht gehorchen, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.“

Sie bietet sich auch deswegen an, weil die Anweisungen an Frauen und Sklaven oft an ein und derselben Stelle stehen. Direkt nach der berühmten Epheser-5-Stelle über das Verhältnis zwischen Eheleuten kommen die Regeln für Kinder und Sklaven, also den Rest des Haushalts: „Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn! Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.“ (Epheser 6,1-9)

Gerade diese Stelle zeigt aber auch schon die Begrenztheit dieses Ansatzes: Denn das Gebot für die Kinder, die Eltern zu ehren, ist ein zeitloses Gebot, das sogar in den zehn Geboten auftaucht, anders als die Anweisungen an die Sklaven – hier werden also zeitlose und zeitbedingte Gebote zusammengeworfen; sie stehen nur beieinander, weil es um die Ordnung des damaligen Haushalts geht, zu dem sowohl Kinder als auch Sklaven gehören konnten. Was gilt für die Anweisungen an Ehefrauen? Sind die zeitlos oder zeitbedingt?

Nun ja, aus den oben erklärten Stellen ergibt sich schon, dass das alles nicht nur zeitbedingt sein kann. Ich denke aber, man kann diese Frage trotzdem mit einem „teils – teils“ beantworten. Ehen hatten damals unbestreitbar etwas Ungerechtes. Die Frauen waren oft viel jünger als ihre Männer (Mädchen konnten ab einem Alter von 12 Jahren verheiratet werden) und sie hatten auch nicht viel dazu zu sagen, wen sie heirateten; vielleicht als unabhängige Witwen eher, wenn sie sich ein zweites Mal verheiraten wollen, aber für eine erste Ehe in ihrer Jugend weniger. Es ist nicht so, dass junge Männer nie von Eltern oder Vormündern in arrangierte Ehen gezwungen worden wären, aber das macht die damalige Situation auch nicht besser, und im Allgemein war sie ziemlich ungerecht gegenüber den Frauen. Dazu kam die mächtige Stellung des römischen pater familias, die grundsätzliche Erwartung an Ehefrauen, ihrem Mann zu gehorchen, die in der damaligen Kultur selbstverständlich verankert war, ebenso wie die Vorstellung, dass Frauen weniger intelligent, emotionaler, hysterischer, unbeherrschter wären als Männer (man lese Aristoteles oder andere Griechen zu diesem Thema). Also, ja, es macht schon irgendwo Sinn, zu sagen, dass Paulus hier einfach dazu rät, sich den unvollkommenen Verhältnissen, in denen man sich befindet, zu fügen, vor allem, da die Christen damals sowieso schief angesehen waren, und nicht noch mehr als Leute gelten wollten, die gesellschaftliche Regeln umwarfen.

Aber andererseits: Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war damals auch ungerecht. Harte körperliche Züchtigung, war normal; und der Familienvater hatte nach dem römischen Gesetz sogar das Recht, zu entscheiden, ob ein Neugeborenes ausgesetzt werden sollte; er konnte seine Kinder auch in die Sklaverei verkaufen; und natürlich seine zwölfjährigen Töchter verheiraten. Aber das heißt nicht, dass das Gebot „Ehre Vater und Mutter“ in einer gerechten Gesellschaft bedeutungslos werden würde. Auch in einer solchen Gesellschaft sollten Kinder ihre Eltern respektieren, ihnen einen gewissen Gehorsam entgegenbringen, solange sie selber minderjährig sind, und sie versorgen, wenn sie (die Eltern) alt geworden sind. Wenn man das übertragen möchte, könnte man sagen, die Aussage, dass der Mann das „Haupt“ der Frau sein soll, bliebe auch für gerechtere Gesellschaften gültig, bloß etwas anders, und etwas abgemilderter.

Hier könnte man einwenden, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern grundsätzlich anders ist als das zwischen Eheleuten: Solange Kinder noch Kinder sind, haben sie einfach nicht die Lebenserfahrung, Kraft, Intelligenz, rechtlichen Möglichkeiten usw., um für sich selbst zu sorgen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen; und deshalb sind ihre Eltern zu ihrem eigenen Schutz für sie verantwortlich. Wenn ich erkenne, dass jemand anders es ziemlich sicher besser weiß als ich, dann folge ich dessen Entscheidungen klugerweise auch, und deswegen sollte man auch als Fünfjährige folgen, wenn die Mutter sagt, dass man zuerst links und rechts schaut, bevor man über die Straße geht, oder als Vierzehnjährige, wenn man um zwölf Uhr daheim sein und keinen Alkohol trinken soll. Kinder werden natürlich erwachsen und dann können sie ihre Entscheidungen selbst treffen; dann bleibt das vierte Gebot zwar noch in der Bedeutung bestehen, den Eltern mit Respekt und Dankbarkeit für das, was sie für einen getan haben, zu begegnen und sie zu versorgen (es ist übrigens gut möglich, dass bei diesem Gebot ursprünglich eher daran gedacht war, erwachsene Kinder zu ermahnen, sich um alte Eltern zu kümmern und sie zu achten, als minderjährigen Kindern einzuschärfen, ihren Eltern zu gehorchen), aber im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern steht man nie einfach auf ein und derselben Stufe.

Ehepartner dagegen sind meistens grob im selben Altersbereich – zumindest müssen sie beide erwachsen sein, und die Frau kann auch mal älter sein als der Mann –, ihr Verhältnis ist also ein wesentlich egalitäreres. Wir wissen spätestens seitdem Frauen dieselbe Bildung erhalten wie Männer, dass die einen nicht durchschnittlich dümmer sind als die anderen, wie Aristoteles, und sogar noch Thomas von Aquin und Franz von Sales, meinten. [Interessanterweise gibt es allerdings anscheinend tatsächlich gewisse statistische Unterschiede beim IQ: Männer sind häufiger als Frauen entweder Genies oder Idioten, während der IQ vieler Frauen sich stärker im Mittelfeld konzentriert. Irrelevanter Exkurs Ende.] Deren epochenbedingte Vorurteile kann man entschuldigen, aber man muss sie ja nicht übernehmen. Und auch die Bibel sagt nirgendwo etwas von geringerer Intelligenz.

Der erste Petrusbrief ermahnt zwar die Männer gegenüber ihren Frauen zur Rücksicht, da die „der schwächere Teil“ seien; aber was genau kann damit gemeint sein? Na ja, zum einen die simple Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt körperlich schwächer sind. Dann die gewichtige Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären und stillen und dadurch mit vielen Nachteilen klarkommen müssen, die Männer nicht haben, und deshalb auch mal Unterstützung brauchen. (Passend dazu: Das hier verwendete griechische Wort für „schwach“ kann auch die Bedeutung „krank“ haben.) Dann vielleicht auch die Tatsache, dass Frauen zu Petrus’ Zeiten weniger rechtliche und berufliche Möglichkeiten hatten als Männer. „Schwächer“ ist hier keine Beleidigung, sondern die Feststellung einer Tatsache. Und diese Tatsache bleibt zum Teil auch noch in Zeiten von rechtlicher Gleichberechtigung, allgemeiner Krankenversicherung, Elternzeit und Kinderkrippen wahr. Ja, wir Frauen haben einfach gewisse biologische Nachteile gegenüber dem anderen Geschlecht, und that sucks. Aber es ist halt so, und das kann man nicht einfach aus der Welt schaffen.

 

(VI) „Haupt“ und „Unterordnung“: Bedeutung in der Bibel

An dieser Stelle ist es vielleicht erst einmal angebracht, sich noch einmal genau anzusehen, was Paulus dem „Haupt“ in der Ehe aufträgt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.“ (Epheser 5,26-29) Liebe, Hingabe und Fürsorge nach dem Vorbild des leidenden und sterbenden Christus ist hier gemeint; das passt zu der Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse, die dieser Christus selber gepredigt hat: „Da rief Jesus sie [die Jünger] zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,25-28) Autorität soll Anlass zu Fürsorge und Aufopferung sein, nicht zum eigenen Nutzen. Am Anfang der Epheser-Stelle ist dementsprechend auch von gegenseitiger Unterordnung die Rede („Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“).

Ich möchte hier noch die Gedanken einer anderen Bloggerin anführen, die das Patriarchat (im Sinne eines schützenden, fürsorglichen Patriarchats nach dem Vorbild des heiligen Josef) hier verteidigt:

 „Denn was uns blüht, wenn dieses Prinzip völlig abgelehnt statt korrigiert wird, sehen wir in der nordwesteuropäischen Gesellschaft: Eine vaterlose Gesellschaft, in der die Frau tatsächlich kaum weniger zum Objekt degradiert wird, als in einer, die das Patriarchat in erster Linie als Herrschaft des Mannes definiert, eine Gesellschaft, in der die Verantwortung füreinander nicht mehr gelehrt und nicht mehr praktiziert wird, in der die Partnerschaft zwischen Mann und Frau nur mehr ein Pakt zur eigennützigen Bereicherung am jeweils Anderen gerät, und in der Tugenden wie Ritterlichkeit, Zuvorkommenheit und Hingabe nicht mehr existent sind.

 Wir sehen die Konsequenzen auch konkret in den Abtreibungszahlen: Schon die Verhütungsmentalität lädt letztendlich die Verantwortung bei der Frau ab, die sich entweder schädliche und gesundheitsgefährdende Substanzen zuführen muss, um bloß immer verfügbar zu sein, oder aber sich bei Versagen anderer Verhütungsmethoden dem ‚Schlamassel’ nicht selten allein stellen soll, inklusive der schweren psychischen und körperlichen Folgen, die eine Abtreibung mit sich bringt. Dementsprechend sind die meisten Abtreibungen nicht Resultat eines Verbrechens oder einer medizinischen Indikation, sondern der schlichten Verweigerung des Mannes, Verantwortung zu übernehmen und Stabilität zu bieten, was der Frau erlauben würde, ihrer Mutterschaft ohne existenzielle Ängste entgegenzusehen, auch, wenn es nicht dem ursprünglich angepeilten ‚Lebensplan’ entspricht. Während die Frau also chronisch überbelastet wird, weil kein positiv konnotiertes Vaterbild tradiert wird, wird der Mann zur Taten- und Bedeutungslosigkeit verdammt: Er darf nicht schützen noch sorgen, nicht die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen. Dass er dann nicht einsieht, anderweitig Verantwortung zu übernehmen, verwundert nicht.

 Ich möchte noch weiter gehen, auch, wenn ich den folgenden Punkt nicht erschöpfend behandeln kann: In einer nicht patriarchalen Gesellschaft (oder einer, die es werden will), tritt Machtmissbrauch seitens des Mannes ebenso zum Nachteil der Frau auf, wie in einer einseitig patriarchalen – er kann aber nun nicht mehr als missbräuchlich gekennzeichnet werden und wird lediglich als Macht’gebrauch’ charakterisiert werden können, da es ja eine positive Formulierung von Pflichten, die das Patriarchat dem Mann auferlegt, nicht mehr gibt! […]

 In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Festtag des Heiligen Josef, den die katholische Kirche u.a. mit dem Titel ‚Zierde des häuslichen Lebens’ ehrt – klingt nicht gerade männlich-brutal-patriarchal, sondern vielmehr zart und liebevoll.“

Diese Verteidigung baut auf dem Prinzip aus dem Petrusbrief auf: Die Frau ist einfach in manchen Situationen schwächer, besonders aber, wenn es ums Kinderkriegen geht: Da braucht man oft Unterstützung und Fürsorge durch einen Mann.

An dieser Stelle: Was ist denn mit einer weiteren Stelle in der Bibel, in der von der „Herrschaft“ des Mannes über die Frau die Rede ist? „Zur Frau sprach er [Gott]: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.“ (Genesis 3,16) Die hier angesprochene Herrschaft ist ganz offensichtlich ein Teil des Fluchs, der als Folge der Erbsünde über die Menschheit kam. Rein vom Text her betrachtet ist es kein Befehl, sondern eine Vorhersage. Hier ist von ungerechter Herrschaft die Rede: Man kann sich im zweiten Teil des Satzes die von sie misshandelnden Männern abhängigen Frauen direkt vorstellen. Die Herrschaft aus Genesis 3,16 ist etwas, das es in der Welt nicht geben sollte, und das man bekämpfen darf und sollte, genauso wie Schmerzen, Dornen und Disteln (vgl. Vers 17, die Worte an Adam). Wenn das nicht so wäre, müssten wir auch alle unsere Schmerzmittel, Unkrautvernichter und Traktoren wegwerfen. Die Bibel erkennt also an, dass es eine schlechte Art der Herrschaft von Männern über Frauen gibt – und die gab und gibt es in der Welt leider zuhauf.

Kommen wir daher wieder zu den anderen Stellen und der Ausgangsthese zurück: Das Neue Testament definiert die Aufgabe eines „Hauptes“ als Dienst und Verantwortung.

Was ist denn ein Familienoberhaupt? Jemand, der diktatorisch alle Entscheidungen trifft, ohne jemanden zu fragen, oder jemand, der die Verantwortung für die äußeren Angelegenheiten übernimmt, während die Frau schon genug mit Schwangerschaften und kleinen Kindern zu tun hat? (Zur Klarstellung: Ja, ich weiß, dass manche Ehepaare unfruchtbar sind. Und, dass die Phase der Schwangerschaften und Kleinkindbetreuung, für die nun mal von Natur aus (auch für letztere: Stillen) eher die Frau verantwortlich ist, nicht ewig dauert. Aber für die meisten Ehepaare, vor allem für katholische Ehepaare, für die gewollte Kinderlosigkeit keine Option ist, ist sie doch da, und sie war vor zweitausend Jahren noch belastender als heute.)

Irgendwie will man als Frau doch auch gern, dass der Mann Verantwortung und, ja, auch mal Führung übernehmen kann, wenn nötig. Ich denke, das kann schon darauf hindeuten, dass die Bibel hier nicht ganz falsch liegt. Das heißt nicht, dass Respekt, Kompromisse und Kommunikation deswegen ausfallen sollten.

File:Brooklyn Museum - The Betrothal of the Holy Virgin and Saint Joseph (Fiançailles de la sainte vierge et de saint Joseph) - James Tissot - overall.jpg

(James Tissot, Verlobung der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Joseph. Gemeinfrei.)

 

(VII) Aber ist ein „Haupt“ jetzt wirklich notwendig?

Okay, aber man könnte wieder einwenden: Wieso eine Verpflichtung zur Unterstützung und Fürsorge mit der Vorstellung eines Familienoberhaupts, dem man sich unterordnen muss, koppeln? Alle diese Prinzipien dazu, was Autorität bedeuten soll, kann man sehr gut auf notwendige Autorität anwenden – die Autorität eines Staates, die Autorität in einer Firma, die Autorität von Eltern; aber ist denn in einer Ehe irgendeine Art von Autorität überhaupt notwendig? Funktioniert es nicht wunderbar, wenn zwei erwachsene Menschen einfach eine gleichrangige Partnerschaft eingehen, in der sie Kompromisse eingehen, bedeutende Entscheidungen nur gemeinsam treffen und keiner sich irgendwie unterordnen muss – oder in der sich beide mal den Bedürfnissen des jeweils anderen unterordnen?

Nun ja: Eine solche Partnerschaft kann lange gut funktionieren. Es ist auch gut, wenn eine Ehe so funktioniert. Die Frage ist dann nur: Was tun, wenn doch einmal eine Meinungsverschiedenheit auftritt, in der man einfach zu keinem Kompromiss findet? Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, sich nicht verschieben lässt, und sich Mann und Frau nicht einigen können?

C. S. Lewis schreibt in „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“):

 „Hier erheben sich zwei Fragen. Erstens: Warum muss es überhaupt ein ‚Haupt’ geben? Warum keine Gleichberechtigung? Und zweitens: Warum muss der Mann das Haupt sein?

1. Die Notwendigkeit eines Hauptes ergibt sich aus dem Gedanken der Unauflöslichkeit der Ehe. Solange Mann und Frau einer Meinung sind, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Und es ist zu hoffen, dass dies in den meisten christlichen Ehen der Normalzustand ist.

 Was aber, wenn sich eine echte Meinungsverschiedenheit ergibt? Die Angelegenheit noch einmal durchsprechen, natürlich. Doch wenn dies schon geschehen ist und keine Einigung erreicht wurde? Eine Mehrheitsentscheidung können die beiden nicht treffen, denn wenn ein Komitee nur aus zwei Personen besteht, gibt es keine Mehrheit. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie sich trennen und ihre eigenen Wege gehen, oder einer von ihnen muss mit seiner Stimme entscheiden können. Wenn die Ehe wirklich unauflösbar ist, dann muss einer der beiden Partner die Macht haben, im Zweifelsfall zu entscheiden. Jede auf Dauer gegründete Partnerschaft braucht eine Verfassung.

2. Wenn also ein Oberhaupt notwendig ist, warum der Mann? Nun – zum einen, sollte wirklich jemand ernsthaft wünschen, es sollte die Frau sein?

 Wie gesagt, ich selbst bin unverheiratet. Aber soweit ich sehen kann, ist nicht einmal eine herrschsüchtige Frau entzückt, wenn sie im Nachbarhaus die gleichen Zustände antrifft. Sie wird viel eher sagen: ‚Der arme Herr X! Ich kann nicht verstehen, warum er sich von dieser fürchterlichen Frau so herumkommandieren lässt!’ Und sie selbst fühlt sich sicher gar nicht geschmeichelt, wenn jemand erwähnt, dass sie ja auch die Hosen anhat. Irgendetwas Unnatürliches muss an der Sache sein. Sonst würden Frauen, die ihren Ehemann unter dem Pantoffel halten, sich nicht darüber schämen und den armen Mann verachten, der es sich gefallen lässt.

 Aber es spricht noch ein weiterer Grund dafür, dass der Mann das Haupt sein soll. Und hier spreche ich ganz bewusst als Junggeselle, denn manches sieht ein Außenstehender klarer als der unmittelbar Beteiligte. Die Beziehung der Familie zur Außenwelt, man könnte sagen ihre Außenpolitik, muss letzten Endes vom Mann abhängen. Denn im Allgemeinen ist er Fremden gegenüber gerechter und sollte es auch sein. Eine Frau kämpft in erster Linie für ihren Mann und die Kinder gegen den Rest der Welt. Begreiflicherweise, und in gewissem Sinn sogar mit Recht, ist ihr die eigene Familie wichtiger als alles andere. Sie ist der Treuhänder der Familieninteressen. Aufgabe des Mannes ist es, darauf zu achten, dass diese natürliche Bevorzugung nicht überhand nimmt. Er hat das letzte Wort, um andere vor dem allzu ausschließlichen Familiensinn seiner Frau zu schützen. Wer daran zweifelt, dem möchte ich eine ganz einfache Frage stellen. Wenn unser Hund das Nachbarskind gebissen oder unser Kind den Nachbarshund gequält hat, mit wem möchten wir es lieber zu tun haben, mit dem Herrn oder mit der Frau des Hauses?

 Oder was meinen die Ehefrauen? Auch wenn sie ihren Mann noch so sehr bewundern, ist es nicht seine Hauptschwäche, dass er seine Rechte gegenüber den Nachbarn nicht nachdrücklich genug durchsetzen kann? Dass er immer beschwichtigen muss?“

Man könnte also in Lewis’ Sinne für eine Art „Minimallösung“ plädieren: Ja, es sollte ein Oberhaupt geben, für den Zweifelsfall, aber das ist im Alltag gar nicht so wichtig. Auch die bekannte katholische Bloggerin Simcha Fisher plädiert für eine ähnliche „Minimallösung“ (Übersetzung und Hervorhebungen von mir; man beachte bei der Lektüre, dass christliche Kreise in Amerika im Allgemeinen, auch geprägt durch den dort weit verbreiteten protestantischen Fundamentalismus, sehr viel extremere Einstellungen haben können als die in Europa):

 „Epheser 5,22! Epheser 5,22! Lasst uns alle in Panik ausbrechen über Epheser 5,22!

 Ne. Ich habe keine Angst mehr davor. Aber es ist auch keine so große Sache, wie ich dachte. […]

 Am Anfang, als ich geheiratet hatte, wollte ich unbedingt in die perfekte katholische Beziehung eintauchen. […] Er würde mir befehlen, etwas zu tun, und ich würde ihm gehorchen, und wie. […] Also wartete ich. Und verflucht noch mal, er erwartete nie von mir, ihm zu gehorchen. Sicher, er erwartete Dinge von mir – manche vernünftig, andere unvernünftig. Wir waren gerade erst verheiratet, und wir hatten vieles herauszufinden. Aber im Allgemeinen kam die Angelegenheit des Gehorsams einfach nicht auf. Ich hatte Angst, dass das bedeutete, dass wir eine geistlich minderwertige Ehe führten – dass wir uns mit einer Art zweitklassigem modernen System behalfen, das uns durch die Jahre bringen würde, aber das uns von… irgendetwas abhielt. Ich weiß nicht mal, was.

 Woher kam diese Vorstellung? […] In vielen katholischen Kreisen wird der Gehorsam der Ehefrau als das zentrale Merkmal der Ehe dargestellt – wichtiger als das Gebet, wichtiger als persönliche Entwicklung irgendeiner Art, wichtiger als die Sorge um die Kinder, wichtiger als alles. […] Ohne den Gehorsam der Ehefrau haben wir Chaos, haben wir die Verweiblichung der Männer, haben wir Scheidungen und Bitterkeit und Elend jeder Art. […]

 Als mein Mann und ich geheiratet haben, waren wir beide jung, und er hätte bereitwillig zugegeben, dass er nicht mehr Lebenserfahrung oder Weisheit oder Insiderwissen über irgendetwas hatte als ich. Er ist besser bei manchen Dingen; ich bin besser bei anderen. Es gibt Dinge, bei denen wir beide schlecht sind, und uns gegenseitig zur Rechenschaft ziehen müssen. […]

 Wir haben viel gestritten, und tun das manchmal immer noch; aber allmählich haben wir angefangen zu begreifen, dass, wenn wir uns über etwas uneinig sind, es normalerweise daran liegt, dass wir einander nicht zuhören, oder noch nicht glauben, dass der jeweils andere wirklich etwas verstanden hat, das wir nicht verstanden haben. Normalerweise, wenn wir wirklich anfangen, zuzuhören (und manchmal müssen wir denselben Streit immer wieder durchmachen, bevor wir uns wirklich gegenseitig hören können), wird es tatsächlich sehr offensichtlich, dass einer von uns Recht hat und der andere falsch liegt. Und dann wird es sehr einfach, zu wissen, was zu tun ist: Man tut das Richtige. Wir haben zusammen genug Mist durchgemacht, um zu wissen, dass keiner von uns sich wirklich angestrengt um etwas bemühen wird, das schlecht für die Familie wäre. Wenn er etwas wirklich, wirklich will, vertraue ich darauf, dass er einen Grund hat; und umgekehrt genauso. […]

 Autoritäre Ehemänner weisen oft auf Maria und Joseph hin, um ‚Er entscheidet, sie fügt sich’ als das wahre katholische Modell hinzustellen. Aber was wissen wir tatsächlich über den heiligen Joseph? Hauptsächlich, dass a) er komplett dabei versagt hat, seine Rechte durchzusetzen und diese scheinbar ungehorsame, scheinbar sündhafte, scheinbar rebellische Göre von einem Mädchen loszuwerden, die plötzlich ohne seine Genehmigung schwanger war, und sich stattdessen b) um Frau und Kind gekümmert hat.

 Und was ist mit der Idee, dass ein Mann seine Frau lieben sollte, wie Christus die Kirche liebt? Was wissen wir über Christus? Hauptsächlich, dass er gedient und gegeben und gedient und gegeben hat, und dass er für sie gestorben ist, und dass er dann ins Leben zurückgekehrt ist, sodass er noch mehr dienen und geben konnte. Das wissen wir.

 In unserer Ehe ist Gehorsam ein Notfallwerkzeug. Mein Mann gebraucht es, wenn ich wirklich verrückt bin: wenn ich außer mir bin, oder erschöpft, oder zu überwältigt von Schuld und Selbstzweifeln, um klar zu denken. Dann beansprucht er seine Autorität und besteht darauf… sich um mich zu kümmern. […]

 Rigide Geschlechterrollen sind dem Gesetz der Liebe untergeordnet. […]“

Ein weiterer Gedanke von C. S. Lewis könnte auch weiterhelfen. An einer Stelle in „Was man Liebe nennt“ schreibt er: „Die wirkliche Gefahr liegt nicht darin, dass die Männer zu eifrig nach [der „Dornenkrone“ in der Ehe] greifen, sondern dass sie es zulassen oder fördern, wenn ihre Frauen sie sich anmaßen.“ Ich weiß nicht, ob dieser Satz außerhalb des Kontextes vielleicht frauenfeindlich klingt; aber was Lewis’ Vorstellung hier ist, erschließt sich besser, wenn man das ganze Buch und auch seine anderen Werke (z. B. den Science-Fiction-Roman „Perelandra“) gelesen hat: Mit Frauen, die sich in dieser Hinsicht falsch verhalten, meint er Frauen, die der Versuchung (ich glaube, das ist eine, die für unser Geschlecht gar nicht mal so untypisch ist – nach meinem persönlichen Bekanntenkreis zu schließen) verfallen, für ihre Familie die gesamte Verantwortung übernehmen zu wollen; alle Pflichten, alle Verantwortung dafür, dass für die Kinder und die Zukunft und den Haushalt gesorgt ist (und und und), und die sich dabei unnötig und zum Unbehagen aller Angehörigen aufreiben, und diese Angehörigen „zu ihrem eigenen Besten“ herumkommandieren oder immer wieder in eine bestimmte Richtung stupsen; alles in dem behaglichen Bewusstsein, dass sie nur für die anderen leben, und ohne ihre Mühe gar nichts laufen würde, und die dann unzufrieden werden, weil andere ihre Mühen nicht so zu schätzen wissen, wie sie es ihrer Meinung nach sollten. Man könnte argumentieren, dass Männer sich genauso verhalten könnten; richtig, aber meiner Erfahrung nach ist das zumindest seltener der Fall. Männer sind gemütlicher veranlagt (und das meine ich sowohl im positiven Sinne von „unkomplizierter“ als auch im negativen Sinne von „fauler“).

Ich möchte an dieser Stelle zuletzt noch einmal einen Gedanken eines Freundes zum Thema „Ihr Männer, liebt eure Frauen! Ihr Frauen, ehrt eure Männer!“ zitieren: „Genau. Denn ehren tun die Männer, wenn sie nicht ganz degeneriert sind oder ausnahmsweise aus der Art schlagen, ihre Frauen sowieso; und manchmal auch andere Frauen. An das Lieben muß man sie vielleicht erinnern. Die Frauen – nun, ich bin keine Frau, aber vielleicht lieben sie die Männer in den meisten Fällen ohne große Mühe? Aber daß die Frau für ihren Mann außer Liebe auch Respekt übrig hat, das ist vielleicht nicht so selbstverständlich.“ In diesem Sinne könnte man auch sagen, die Bibel erinnert die Leute an das, was sie eher vernachlässigen.

 

 

(VIII) Noch etwas zum Thema Gehorsam und Unterordnung an sich

Ich glaube, die größte Schwierigkeit für heutige Christ(inn)en bei diesen Stellen liegt darin, dass man Konzepte wie Gehorsam, Unterordnung, Hierarchie prinzipiell als etwas moralisch Anrüchiges wahrnimmt. Dass man meint, wer untergeordnet sei, müsse auch unterdrückt sein; wer Macht habe, müsse diese Macht auch missbrauchen. Das ist, das muss man klar sagen, der katholischen Religion entgegengesetzt. Bei uns geht es ständig um Dienen, Gehorsam und Unterordnung, und das ist grundsätzlich nichts Degradierendes. Priester versprechen Bischöfen Gehorsam, auch Laien müssen ihren Bischöfen in einigen Dingen gehorchen, Nonnen und Mönche versprechen Äbtissinnen und Äbten Gehorsam, und der Papst hat Autorität über die ganze Kirche, kann von niemandem kirchenrechtlich belangt werden, und über ihm steht nur noch Gott. (Umgekehrt wird er allerdings auch „Diener der Diener Gottes“ genannt, und am Gründonnerstag waschen die in der Hierarchie Höherstehenden unter ihnen Stehenden die Füße – was zu der oben angesprochenen Umkehr der Bedeutung von Hierarchien durch Jesus gehört.)

Nichtkatholiken oder liberale Katholiken würden darauf antworten, dass sie dann eben dieses grundsätzliche katholische Konzept ablehnen. Aber damit hätten sie schlicht Unrecht. Eine herrschaftsfreie Welt kann es gar nicht geben, und sie ist nicht einmal erstrebenswert. Wenn man versucht, Hierarchien abzuschaffen, entstehen immer informelle Hierarchien, die, gerade weil sie undefiniert und nicht offiziell anerkannt sind, viel unterdrückerischer sein können. Anarchie führt zur willkürlichen Herrschaft derer, die sich durchsetzen wollen und können; bestes Beispiel sind anarchistische Kommunen.

Ich muss zugeben, manchmal kommt mir das Wort „Unterordnung“ selbst noch ein bisschen beängstigend vor. Aber wenn es einem beängstigend vorkommt, liegt das wohl einfach daran, dass man mit einer „untergeordneten“ Position in irgendeiner Hinsicht reflexhaft Machtlosigkeit, Hilflosigkeit, Entrechtung, Sklaverei verbindet – lustigerweise, weil einem das von unserer heutigen Obrigkeit in Schulen, Unis, Medien usw., die sich selbst nicht Obrigkeit nennen will, so eingeredet worden ist.

Jetzt mal ernsthaft: So sieht nicht einmal ein vertraglich geregeltes Arbeitsverhältnis zwischen Abteilungsleiter und normalem Angestellten aus (und wenn, dann sollte der Abteilungsleiter schnellstens gefeuert werden), geschweige denn eine irgendwie normal geartete lebenslange Verbindung zu einem geliebten Partner, mit dem man „ein Fleisch“ sein soll. Stellt man sich unter einem „Oberhaupt“eher einen gierigen Sklavenhalter mit absoluter Macht vor, oder so etwas wie den Vereinsvorstand des Schützenvereins, der sich mit den Mitgliedern arrangieren muss, und hauptsächlich dafür zuständig ist, die Ansprache am Weihnachtsfest zu halten, zu allen wöchentlichen Treffen zu erscheinen, und die älteren Mitglieder zu ihren 80. Geburtstagen zu besuchen, weswegen keiner das Amt übernehmen will?

Hierarchie bedeutet übersetzt nicht „Unterdrückung“, sondern „heilige Ordnung“. Wie unterdrückt fühlt man sich z. B. vom eigenen Ortsbischof? Hierarchie sorgt auch für Sicherheit; für klar verteilte Verantwortung. In einer hierarchisch geordneten Gesellschaft ist klar, wer das letzte Wort hat und damit Uneinigkeiten beenden kann, und dann auch Verantwortung für das Ergebnis trägt; an wen sich jemand wenden kann, der sein Recht haben will oder dem jemand anderes Unrecht tut; usw. Unterordnung bedeutet auch nie bedingungslose Unterordnung.

Es ist auch in keiner Weise etwas Ehrenrühriges, zu gehorchen und seine eigenen Vorstellungen unterordnen zu können. Mönche und Nonnen legen nicht ohne Grund ein Gehorsamsgelübde ab: Es hilft einem, Christus ähnlicher zu werden und nicht so sehr auf den eigenen Willen fokussiert zu sein.

Zu diesem ganzen Thema hat Pater Edmund Waldstein OCist einmal sehr Erhellendes geschrieben (hier eher auf die staatliche Sphäre bezogen).

 

(IX) Das Thema Kopfbedeckungen, und: Was sagt die Kirche zu all diesen Stellen?

Als Katholiken interpretieren wir die Bibel bekanntlich im Rahmen des kirchlichen Lehramtes; also hier endlich ein Blick darauf, was die Kirche zu alldem geäußert hat.

Beim Beispiel der Kopfbedeckungen kann man sofort sehen, dass diese Stelle in gewissem Sinne „historisch bedingt“ gewesen sein muss: Die Kirche verlangt keine Kopfbedeckungen für Frauen während der Messe mehr, also kann es sich nicht um ein völlig unumstößliches göttliches Gesetz gehandelt haben. Allerdings war es bis etwa zum 2. Vatikanum für Frauen allgemein üblich, zum Kirchgang Hut, Kopftuch oder – in Südeuropa – Mantilla zu tragen, und manche (v. a. in Tradikreisen) tun es auch heute wieder, und für Männer ist es jetzt noch eine Sache der Höflichkeit, beim Betreten einer Kirche Hut oder eine Mütze abzunehmen – obwohl beides seit dem neuen CIC von 1983 nicht mehr vorgeschrieben ist. Hier handelt es sich offensichtlich um ein sinnvolles, aber nicht in Stein gemeißeltes Symbol, wie Händeschütteln zur Begrüßung oder Essen mit Messer und Gabel. Zu Paulus’ Zeiten war es auch eine Sache der Schicklichkeit für Frauen, außerhalb des Hauses eine Kopfbedeckung zu tragen; und im Kontext der Liturgie hat das für ihn auch eine symbolische Bedeutung.

Auch zu den anderen Punkten hat das kirchliche Lehramt etwas zu sagen, zum Beispiel hier im Katechismus zur Schöpfungsgeschichte, zur Gleichheit von Mann und Frau und zur Ehe im Allgemeinen:

369 Mann und Frau sind erschaffen, das heißt gottgewollt in vollkommener Gleichheit einerseits als menschliche Personen, andererseits in ihrem Mannsein und Frausein. ‚Mann sein’ und ‚Frau sein’ ist etwas Gutes und Gottgewolltes: beide, der Mann und die Frau, haben eine unverlierbare Würde, die ihnen unmittelbar von Gott, ihrem Schöpfer zukommt [Vgl. Gen 2,7.22.]. Beide, der Mann und die Frau, sind in gleicher Würde ‚nach Gottes Bild’. In ihrem Mannsein und ihrem Frausein spiegeln sie die Weisheit und Güte des Schöpfers wider.

 370 Gott ist keineswegs nach dem Bild des Menschen. Er ist weder Mann noch Frau. Gott ist reiner Geist, in dem es keinen Geschlechtsunterschied geben kann. In den ‚,Vollkommenheiten’ des Mannes und der Frau spiegelt sich jedoch etwas von der unendlichen Vollkommenheit Gottes wider: die Züge einer Mutter [Vgl. Jes 49,14-15; 66,13; Ps 131,2-3.]und diejenigen eines Vaters und Gatten [Vgl. Hos 11,1-4; Jer 3,4-19.].

 371 Miteinander erschaffen, sind der Mann und die Frau von Gott auch füreinander gewollt. Das Wort Gottes gibt uns das durch verschiedene Stellen der Heiligen Schrift zu verstehen: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch alleinbleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht’ (Gen 2, 18). Keines der Tiere kann für den Menschen eine solche Entsprechung sein (Gen 2,19-20). Die Frau, die Gott aus einer Rippe des Mannes ‚baut’ und dem Mann zuführt, läßt diesen, über die Gemeinschaft mit ihr beglückt, voll Bewunderung und Liebe ausrufen: ‚Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!’ (Gen 2,23). Der Mann entdeckt die Frau als ein anderes Ich, als Mitmenschen.

 372 Der Mann und die Frau sind ‚füreinander’ geschaffen, nicht als ob Gott sie nur je zu einem halben, unvollständigen Menschen gemacht hätte. Vielmehr hat er sie zu einer personalen Gemeinschaft geschaffen, in der die beiden Personen füreinander eine ‚Hilfe’ sein können, weil sie einerseits als Personen einander gleich sind (‚Bein von meinem Bein’) und andererseits in ihrem Mannsein und Frausein einander ergänzen. In der Ehe vereint Gott sie so eng miteinander, daß sie, ‚nur ein Fleisch bildend’ (Gen 2,24), das menschliche Leben weitergeben können: ‚Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde!’ (Gen 1,28). Indem sie das menschliche Leben ihren Kindern weitergeben, wirken Mann und Frau als Gatten und Eltern auf einzigartige Weise am Werk des Schöpfers mit [Vgl. GS 50,1.].(Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 369-372.)

„1605 Die Heilige Schrift sagt, daß Mann und Frau füreinander geschaffen sind: ‚Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt’ (Gen 2,18). Die Frau ist ‚Fleisch von seinem Fleisch’ [Vgl. Gn 2,23], das heißt: sie ist sein Gegenüber, ihm ebenbürtig und ganz nahestehend. Sie wird ihm von Gott als eine Hilfe [Vgl. Gn 2,18. 20] gegeben und vertritt somit Gott, in dem unsere Hilfe ist [Vgl. Ps 121,2]. ‚Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch’ (Gen 2,24). Daß dies eine unauflösliche Einheit des Lebens beider bedeutet, zeigt Jesus selbst, denn er erinnert daran, was ‚am Anfang’ der Plan Gottes war: ‚Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins’ (Mt 19,6). (KKK, Nr. 1605.)

„2333 […] Die leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von Mann und Frau gelebt werden.(KKK, Nr. 2333.)

Zum Thema Unterordnung in der Ehe muss man in spezielleren Texten suchen; der Katechismus als Zusammenfassung der Kirchenlehre schweigt sich dazu leider aus (es sei denn, man zählt knappe Hinweise auf die Gleichrangigkeit und Verschiedenheit von Mann und Frau).

In einer älteren Enzyklika von Pius XI. findet sich diese Stelle:

„In der Familiengemeinschaft, deren festes Gefüge so die Liebe ist, muß dann auch die Ordnung der Liebe, wie es der hl. Augustinus nennt, zur Geltung kommen. Sie besagt die Überordnung des Mannes über Frau und Kinder und die willfährige Unterordnung, den bereitwilligen Gehorsam von seiten der Frau, wie ihn der Apostel mit den Worten empfiehlt: ‚Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist.’

 Die Unterordnung der Gattin unter den Gatten leugnet und beseitigt nun aber nicht die Freiheit, die ihr auf Grund ihrer Menschenwürde und der hehren Aufgabe, die sie als Gattin, Mutter und Lebensgefährtin hat, mit vollem Recht zusteht. Sie verlangt auch nicht von ihr, allen möglichen Wünschen des Mannes zu willfahren, die vielleicht unvernünftig sind oder der Frauenwürde weniger entsprechen. Sie ist endlich nicht so zu verstehen, als ob die Frau auf einer Stufe stehen sollte mit denen, die das Recht als Minderjährige bezeichnet und denen es wegen mangelnder Reife und Lebenserfahrung die freie Ausübung ihrer Rechte nicht zugesteht. Was sie aber verbietet, ist Ungebundenheit und übersteigerte Freiheit ohne Rücksicht auf das Wohl der Familie. Was sie verbietet, das ist, im Familienkörper das Herz vom Haupt zu trennen zu größtem Schaden, ja mit unmittelbarer Gefahr seines völligen Untergangs. Denn wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.

 Grad und Art der Unterordnung der Gattin unter den Gatten können sodann verschieden sein je nach den verschiedenen persönlichen, örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. Wenn der Mann seine Pflicht nicht tut, ist es sogar die Aufgabe der Frau, seinen Platz in der Familienleitung einzunehmen. Aber den Aufbau der Familie und ihr von Gott selbst erlassenes und bekräftigtes Grundgesetz einfachhin umzukehren oder anzutasten, ist nie und nirgends erlaubt.

 Das Verhältnis zwischen Mann und Frau drückt Unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., mit folgenden Worten tiefer Weisheit aus: ‚Der Mann ist der Herr in der Familie und das Haupt der Frau. Sie aber, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein ist, soll dem Mann untertan sein und gehorchen, nicht nach Art einer Dienerin, sondern einer Gefährtin. Dann wird die Leistung des Gehorsams weder ihrer Ehre noch ihrer Würde zu nahe treten. In dem aber, der befiehlt, wie in der, die gehorcht, in ihm als dem Abbild Christi, in ihr als dem der Kirche, soll die Gottesliebe Maß und Art von Amt und Pflicht beider bestimmen.’“ (Pius XI., Casti Connubii, 1930)

Bei Pius wird auch klar: Es handelt sich hier um gegenseitige Pflichten: Jeder hat seine Verantwortung zu erfüllen, und wenn das in der Praxis dann mal anders verteilt werden muss als im Modell, weil einer seinen Teil nicht erfüllen will oder auch nicht erfüllen kann (z. B. aufgrund schwerer Krankheit), dann muss man sich anders behelfen.

Ich habe auf amerikanischen feministischen Seiten, die ich ab und zu (teils aus Gründen der Feindbeobachtung, teils aus Interesse) lese, einmal eine bestimmte Kritik an der Lehre von „Frau bringt Unterordnung, Mann bringt Liebe“ gelesen: Das würde die Pflichten ungleich verteilen; wenn die Frau ihren Teil nicht erfüllt, aber der Mann sie immer noch lieben soll, wäre das keine so große Belastung für ihn, wie es für die Frau wäre, wenn er sie nicht liebt, sie sich ihm aber immer noch unterordnen soll. Aber hier wird das fundamentalistisch-evangelikale Modell „Du musst immer sofort und ohne Widerspruch gehorchen, wenn dein Mann dir etwas befiehlt, auch wenn er dich nicht liebt, dich schlecht behandelt oder völlig verrückt ist, dann wird am Ende alles gut, Gott will es so!“, wie es die Christian Patriarchy-Bewegung vertritt, kritisiert. Nein, wir Katholiken glauben eben ganz klar nicht daran, dass Unterordnung oder Gehorsam unabhängig davon sein sollten, ob der Mann die Frau liebt, ob er sie gut oder schlecht behandelt – oder, ganz allgemein gesprochen, ob eine Autorität ihre jeweiligen Pflichten erfüllt oder nicht.

Man sollte, alles in allem, auch nicht vergessen, dass die Analogie zu der Christus-Kirche-Beziehung nur das ist: Eine Analogie. Der Mann ist nicht Christus und die Frau nicht die Kirche. Sie sind zwei normale menschliche Personen.

Der heilige Johannes Paul II. hebt in einer Enzyklika etwas mehr hervor, was an dieser Stelle historisch bedingt ist, und ist darauf bedacht, sie in den rechten Kontext zu setzen:

„Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung [der Erklärung dazu, dass und wie genau die Männer ihre Frauen lieben sollen] und der Feststellung, daß ‚sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau’ (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein ‚gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann ‚Haupt’ der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um ‚sich für sie’ hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus – Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese ‚Unterordnung’ in der Beziehung Gatte – Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum ‚Alten’ ganz offensichtlich ein ‚Neues’ dar: Es ist das ‚Neue’ des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses ‚Neue’ zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das ‚Alte’, das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.

 Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das ‚Neue’, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige ‚Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus’ gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: ‚In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (…)’, sondern auch: ‚Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie’ (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?

 Die Herausforderung des ‚Ethos’ der Erlösung hingegen ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die ‚Unterordnung’ der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung’ beider ‚in der Ehrfurcht vor Christus’ gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.“ (Mulieris Dignitatem 24)

Aber letztlich setzt er diese Stelle eben auch nur in den rechten Kontext und sagt nicht, jedenfalls nicht deutlich, die Frauen müssten sich eigentlich überhaupt nicht unterordnen; und letztlich kann ja auch eine bisherige Lehre der Kirche (die nicht nur von Pius XI., sondern auch den Päpsten vor ihm, vertreten wurde) nicht einfach umgekehrt werden.

 

Also, zusammengefasst: Ja, es ergibt sich offensichtlich aus den Bibeltexten, den lehramtlichen Schreiben und der dahinterstehenden Theologie, dass die Männer in der Ehe eine gewisse Autorität als Familienoberhaupt haben, und dass die Frauen – im Normalfall – nicht die Leitung der Familie übernehmen sollten. Ich denke allerdings auch nicht, dass das Thema für die durchschnittliche christliche Familie im Alltag eine große Rolle spielen wird (oder sollte). Eine Frau muss ihrem Mann außerdem offensichtlich nicht gehorchen, wenn er etwas absolut Unvernünftiges, Ruinöses, Missbräuchliches oder Sündhaftes von ihr verlangen sollte.

 

(X) Frauen in der Kirche

Kommen wir jetzt von der Ehe zur Rolle der Frauen in der Kirche. Da hätten wir diese berühmte Stelle aus 1 Korinther 14: „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.“ Nun ist es so, dass im NT schon Frauen erwähnt werden, die öffentlich beten oder prophetisch reden: In 1 Korinther 11,5, also im selben Brief, eben an der Stelle, wo Paulus über die Schicklichkeit von Kopftüchern redet, heißt es: „Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt.“ Dabei geht es offensichtlich um den Kontext der Liturgie; Frauen mussten also nicht zwangsläufig die ganze Zeit über in der Gemeinde still sein; hier wird unterschieden. Und in der Apostelgeschichte heißt es über einen Diakon namens Philippus: „Er hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen.“ (Apostelgeschichte 21,9.) Hier wird der genaue Kontext nicht angegeben, aber jedenfalls waren diese Mädchen auch in der Öffentlichkeit nicht immer still, sondern es war ihnen erlaubt, prophetisch zu reden.

Der gesamte Kontext für solche Stellen ist folgender: Wir reden von einer Zeit, in der auch Laien oft noch – auch im Gottesdienst – spontan laut beteten, in Zungen redeten oder prophezeiten. (Ich könnte jetzt darüber reden, dass ich ganz froh bin, dass das inzwischen, jedenfalls in der Liturgie, eingeschränkt ist, da ich nicht so ganz überzeugt bin, dass an den meisten solchen Phänomenen, zumindest den heutigen nach der apostolischen Zeit, etwas dran ist, aber meine Skepsis gegenüber der Charismatischen Bewegung ist hier nicht das Thema.) Aber was Paulus in 1 Korinther 14 bemängelt, geht offenbar darüber hinaus: Vielleicht gab es speziell in dieser Gemeinde Probleme mit speziellen Frauen, die in der Liturgie dazwischenriefen, es besser wissen wollten als der Bischof, wenn der predigte, o. Ä. Und wenn es dann ganz allgemein heißt, dass es den Frauen „in allen Gemeinden der Heiligen“ nicht gestattet ist, „zu reden“, dann ist hier offensichtlich das offizielle Lehren im Auftrag der Kirche, das Predigen, gemeint: Also ein Dienst des geweihten Priesters. Hier geht es um den Unterschied zwischen Laien und Priestern. Und Priester können eben nur Männer sein. Frauen dürfen nicht in der Liturgie predigen, da sie keine Priester sein können.

Dafür gibt es verschiedene Begründungen, die die meisten Katholiken vermutlich kennen. Hier die zwei wichtigsten:

1) Jesus will es halt so. Jesus hat nur Männer in den Kreis der Zwölf berufen; deren Nachfolger sind die Bischöfe, und deren Helfer sind die Priester und Diakone. Wenn Jesus einen Sinn dahinter gesehen hat, keine Frauen zu berufen, nicht einmal eine unter zwölf (und in anderen Dingen hielt er sich nicht immer an die Konventionen seiner Zeit, z. B., als er sich mit Samariterinnen und Prostituierten abgab, also können wir nicht argumentieren, dass er keine Frau hätte berufen können), dann können wir darauf vertrauen, dass es da einen Sinn gibt.

2) Priester sind bei uns nicht nur Prediger, wie bei den Protestanten, sondern eben Priester, d. h. sie repräsentieren Gott in heiligen Riten. Christus handelt durch sie, wenn sie in persona Christi bei der Eucharistie die Wandlung vollziehen oder in der Beichte Sünden vergeben. Christus war ein Mann und wir haben ein männliches Gottesbild (auch wenn Gott natürlich weder Mann noch Frau ist); das liegt daran, dass ein männliches Gottesbild („Vater unser“) eher dazu geeignet ist, den über der Welt stehenden Schöpfergott zu symbolisieren, während Religionen mit weiblichen Göttern und Priesterinnen eher zu einer Art Naturanbetung der „Mutter Erde“ tendieren (s. auch die obige Erklärung zu „Der Mann ist das Haupt der Frau“). Der Priester repräsentiert Christus als den Bräutigam, das bei der Eucharistie anwesende Volk die Kirche als Seine Braut.

Und auch das Predigen, im Sinne der offiziellen Verkündigung der Kirchenlehre, gehört zunächst zum Dienst des Christus vertretenden Priesters. Nicht so ausschließlich wie z. B. die Feier der Eucharistie; aber auch die Verkündigung geht eben letztlich von der Christus vertretenden Kirchenhierarchie aus, auch wenn auch Laien als Katecheten, Religionslehrer oder Theologieprofessoren beauftragt werden können (und hier auch Frauen eingesetzt werden können); und daher ist die Verkündigung im Kontext der Liturgie ausschließlich dem Klerus vorbehalten.

Tendenziell noch härter klingt zu diesem Thema die Stelle aus dem 1. Timotheusbrief: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“

Einige Christen von der protestantischen Christian-Patriarchy-Bewegung legen diese Stelle tatsächlich so aus, dass Frauen generell keine Männer irgendetwas (Theologisches) lehren dürfen; also dürfen Frauen ihrer Meinung nach z. B. auch keine Vorträge vor einem gemischten Publikum in der Gemeinde halten. Sonntagsschullehrerinnen gehen gerade noch, denn die lehren nur Kinder, aber sobald die Jungs über achtzehn sind, ist definitiv Schluss. Jüngere Frauen dürfen natürlich von älteren Frauen etwas gelehrt werden, weil, Titus 2,3-5, aber Männer lehren, das geht nicht. (Das habe ich mir nicht ausgedacht. Man lese zum Beispiel diesen interessanten Artikel einer Bloggerin dieser Bewegung, in dem sie vehement erklärt, dass sie mit ihrem Blog keine Männer lehre. Solche Ansichten sind in freikirchlich-evangelikalen Kreisen einflussreicher, als man manchmal erwarten würde; vgl. auch hier auf einer deutschen Seite: Frauen sollen keine Art von geistiger/geistlicher (der Autor des Textes scheint diese beiden Begriff nicht auseinanderhalten zu können) Autorität über irgendwelche Männer ausüben.)

Gut: Wir Katholiken können das Lehren jetzt wieder auf den Klerus beziehen und damit Theologieprofessorinnen, Kirchenlehrerinnen und dergleichen erlauben; dass Frauen in der Ehe nicht über ihre Männer herrschen sollten und wie das zu verstehen ist, wurde oben schon erklärt – dann fragt sich an dieser Stelle noch, wie war das noch gleich mit Adam und Eva?

 

(XI) Ist Eva die Hauptschuldige am Sündenfall?

Paulus’ Interpretationen des Alten Testaments wirken manchmal tatsächlich ein bisschen schwerer verständlich als das AT selbst. Am Genesis-Bericht über den Sündenfall wäre eigentlich selbst aus Sicht von Feministinnen an sich nicht so viel auszusetzen: Ja, Eva ist die erste, die von der Frucht isst, aber Adam tut im Endeffekt dasselbe, und seine Entschuldigung, bloß von Eva verführt worden zu sein, hat doch etwas von einer Ausrede, ebenso wie Evas Entschuldigung, bloß von der Schlange verführt worden zu sein. Trotzdem präzisiert der Bericht hier, wer zuerst von der Schlange angesprochen wurde: Vielleicht wurde Eva wirklich überredet und wollte das mit der Erkenntnis von Gut und Böse unbedingt ausprobieren, und Adam machte wider besseres Wissen auf ihr Drängen hin einfach mit? Oder so ähnlich. Über Adam heißt es nur: „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Genesis 3,6) – sein Problem scheint eher zu sein, dass er einfach Eva nachgibt, als dass er sich von den falschen Versprechungen der Schlange einlullen hat lassen. Vielleicht wird das so dargestellt, weil der Verfasser beobachtet hat, dass Frauen im Allgemeinen, wenn sie etwas Falsches tun, sich eher vorher einreden müssen, dass es notwendig oder gut ist – und dabei auch sehr kreativ werden können und leichter falsche Erklärungen annehmen. Ich spekuliere ja nur. Beides falsch, aber auf unterschiedliche Weise.

Oder vielleicht war es eben einfach historisch so, dass in diesem Fall die eine angefangen und der andere dann erst mitgemacht hat, und der Verfasser der Genesis wusste das durch Gottes spezielle Offenbarung. (Ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass der Sündenfall ein reales Ereignis irgendwann in der Menschheitsgeschichte war – auch wenn wir nicht denken, dass sich im Jahr 4004 v. Chr. zwei Menschen im Gebiet des heutigen Irak mit einer Schlange unterhalten und einen Apfel gegessen haben.)

Interessanterweise wird übrigens – bei Paulus an anderer Stelle und bei Theologen wie Thomas von Aquin – immer Adam als der eigentlich Verantwortliche für den Sündenfall genannt, wenn es darum geht, wer der Menschheit nun die Erbsünde vererbt hat: Eva hat mit der Sache angefangen, aber letztlich trug die eigentliche Verantwortung ihr Mann. Allerdings spricht das wohl eher für die Überzeugung besagter Theologen, dass Adam – der erste Mann – einfach das Oberhaupt des Menschengeschlechts war, und Eva eben nicht.

Na ja. Zurück zu „Nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot“. Wie gesagt, da kann man eigentlich zur Erklärung ganz einfach sagen „War da halt so“, und Paulus zieht diese historische Tatsache (oder diese symbolische Geschichte, wenn jemand Genesis anders interpretieren möchte) dann offenbar als historische / symbolische Begründung dafür heran, dass Frauen nicht zum Klerus gehören oder ihre Männer unter dem Pantoffel haben sollten. Die Formulierungen hier klingen für unsere Ohren nicht so schön, das stimmt, aber zum Glück wissen wir Katholiken dank unserem Lehramt, wie wir das nicht verstehen sollen. Also, ja, es ist okay, wenn irgendein Mann von einer Frau mal etwas lernt. Und ein Geschlecht ist auch nicht an sich sündhafter als das andere oder so etwas – beide haben den gleichen freien Willen und die gleichen Gebote bekommen. Oder haben wir weniger weibliche Heiligen als männliche? So etwas wäre ein Hinweis darauf, dass Frauen eher zur Sünde neigen würden als Männer, nicht eine obskure Paulusstelle. Ich denke, auch dieses Thema ist wieder einmal wunderbar dazu geeignet, zu demonstrieren, wieso wir ein Lehramt brauchen, das falschen Bibelinterpretationen einen Riegel vorschiebt.

Klimkovics Adam and Eve.jpg

(Vojtech Klimkovic, Adam und Eva. Gemeinfrei.)

 

Das war es wohl. Ja, unsere Religion hat etwas Patriarchales an sich; aber das sollten wir nie in einem falschen Sinn verstehen; genauso, wie wir die Tatsache, dass es in der Kirche eine Hierarchie gibt, nicht falsch verstehen sollten.

Ach ja, und, Gratulation an alle, die bis hierher gelesen haben! (Hier noch ein Link für alle, die noch mehr lesen wollen.)

Die Sieben, die alten Götter, der Ertrunkene Gott und der Rote Gott: Ein paar Gedanken zu einem heidnischen Mittelalter

Letztens habe ich zum zweiten Mal die meisten der bisher erschienenen Bände von Game of Thrones, oder, wie die Serie eigentlich heißt, Das Lied von Eis und Feuer, gelesen. Ich finde ja, Letzteres klingt interessanter – da hört man die Drachen und Feuerzauber und die toten, kalten, blauäugigen und schwarzhändigen Wiedergänger schon heraus, im Gegensatz zu der Gewöhnlichkeit der Intrigen und Giftmorde, des Postengeschachers und der Bündnisse und arrangierten Hochzeiten, nach der „Das Spiel um Throne“ klingt. In der Serie kommt natürlich beides vor. Wer George R. R. Martin für den neuen J. R. R. Tolkien hält, liegt so kolossal daneben, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Martins Werk ist eher so was wie die Geschichte der Rosenkriege plus Drachen und Zombies, kein entscheidender Kampf zwischen Gut und Böse, in dem die Figuren Stellung nehmen müssten. Der sprachliche Wert hält sich in Grenzen und es werden etwa zehntausend Figuren eingeführt, von denen dann fünftausend im Lauf der Bücher sterben, und zwar oft die, die man gerade liebgewonnen hatte. Immerhin – SPOILER! – stirbt endlich auch Joffrey. Joffrey war ja nicht auszuhalten.

Trotzdem sind die Bücher spannend, die Charaktere sind oft glaubhaft und entwickeln sich in interessante Richtungen; keiner von ihnen ist bloß gut oder böse, auch wenn manche von ihnen sehr eindeutig in die eine oder andere Richtung tendieren. Aber auch die Motive der böseren Figuren versteht man; bei diesen Schurken hat man nicht den Eindruck, dass sie einfach irgendwann morgens aufgewacht sind und sich grundloserweise gedacht haben „Hey, wir wollen jetzt Superschurken sein“. Es gibt empathielose kalte Machtpolitiker wie Tywin Lennister, die aber trotzdem ihre Schwachpunkte haben und nicht aus purer Freude an der Grausamkeit Böses tun, es gibt auch brutale Krieger, die mehr oder weniger aus Mangel an anderer Beschäftigung morden und vergewaltigen, wie Gregor Clegane, es gibt den intriganten, über alle Maßen stolzen, wieselartigen greisen Fürsten Walder Frey, der Verbündete ermordet, die als Gäste in seiner Festung sind, weil er sich von ihnen beleidigt fühlt, es gibt feige Figuren und verräterische und gierige. Es gibt sehr böse Figuren – Ramsay Bolton ist wohl die unangefochtene Nummer 1. Es gibt auch sehr positive Figuren – Ned Stark, Robb Stark, Jon Schnee, Davos Seewert, usw. -, es gibt die „mittleren“ Charaktere – Jaime Lennister zum Beispiel, der in Band 1 noch als gedanken- und empathieloser Mensch gezeigt wird, der einen kleinen Jungen aus einem Turmfenster stößt, der Jaime und seine verheiratete Zwillingsschwester beim Sex ertappt hat, aber dann im Lauf der Bände einen gehörigen Wandel durchmacht, und bei dem man auch merkt, dass es gewisse gute Anlagen doch schon vorher gab. Einer der interessantesten und eher zur guten Seite neigenden Charaktere ist natürlich Tyrion Lennister, Tywins Sohn und Jaimes jüngerer Bruder – ein hässlicher, kleinwüchsiger, kluger Mann, der durchaus an seinen Vorteil denkt und im Notfall nicht immer ehrlich und gut handelt, der aber grundsätzlich gerecht ist, ehrlich um so was wie das Gemeinwohl bemüht, als er in der Politik von Westeros was zu sagen hat, gut zu dem zwölfjährigen Mädchen, das er gegen seinen und ihren Willen zu heiraten gezwungen wird, vielleicht ein bisschen zu vertrauensselig seiner Mätresse gegenüber, und ein bisschen zu scharfzüngig seiner mächtigen Schwester Königin Cersei gegenüber. Es gibt Catelyn Stark, die eigentlich gut ist, bis auf ihren einen Schwachpunkt – ihre Gleichgültigkeit und gelegentliche Grausamkeit dem unehelichen Sohn ihres Mannes gegenüber. Es gibt deren Tochter Arya Stark, die sich lange Zeit allein durchschlagen muss und die mit zehn Jahren schon bewusst und absichtlich mehrere Menschen getötet hat. Es gibt Aryas Schwester Sansa (Tyrions Frau), die oft naiv ist, manchmal auch eingebildet und selbstsüchtig, meistens aber hilfos und ein Spielball der Mächtigeren.

Aber hier soll es nicht um die Figuren gehen, sondern um eine Betrachtung der Religionen in der Welt, die George R. R. Martin konstruiert hat. Mit dieser Welt hat er sich im Allgemeinen schon Mühe gegeben. Die Kontinente und Meere, die Landschaften, die fremden Länder und Völker, die verschiedenen Regionen von Westeros, die lokalen Fehden, die verzweigten Stammbäume der Adelshäuser – alles sehr detailgetreu, wie es sich gehört. Dasselbe gilt für die verschiedenen Religionen.

Wie wahrscheinlich allgemein bekannt ist, ist Westeros, das große Königreich, in dem sich der größte Teil der Handlung abspielt, dem europäischen Mittelalter nachempfunden. Es ist ein feudales Lehenssystem mit einem König an der Spitze, es gibt Ritter, Turniere und Gilden. Und es gibt eine Religion, die zumindest in ihrer äußeren Organisation stark der katholischen Kirche ähnelt.

Dabei handelt es sich um die Verehrung der sieben Götter, oder einfach der Sieben. Diese Religion hat Priester, die Septone genannt werden, einen Hohen Septon, dessen Aufgaben etwa denen eines Bischofs oder Papstes entsprechen (ein deutlicher Unterschied zum realen Mittelalter besteht allerdings darin, dass der Hohe Septon keinen eigenen Staat hat, sondern einen Sitz in der Hauptstadt von Westeros, und es sich damit nicht leisten könnte, einem König in der selben Weise entgegenzutreten wie etwa der Papst dem Kaiser im mittelalterlichen Investiturstreit). Es gibt Kirchen (Septen), in denen Andachten mit Weihrauch und Gesang abgehalten werden, und in denen man Kerzen vor den Altären der verschiedenen Götter anzünden kann, und Septeien, die so ziemlich dasselbe sind wie Klöster. Die Septone leben zölibatär und es gibt verschiedene zölibatäre Bruderschaften, und auch Schwesternschaften. Die meisten Septas, auch ihrer Kleidung nach überdeutlich als das Pendant von Nonnen ausgewiesen, leben in Septeien oder bei adligen Familien, um deren Töchter zu unterrichten, o. Ä; außerdem gibt es spezielle Orden wie die Schweigenden Schwestern, die sich ausschließlich um Tote kümmern (eine bitter nötige Aufgabe in diesem Buch). Bestattungen und Eheschließungen sind eine Aufgabe für Septone.

Na ja, das alles sind nun erst sehr oberflächliche Gemeinsamkeiten. Priester, Weihrauch, Kerzen, Gesang, zolibatäre religiöse Gemeinschaften, religiöse Zeremonien für Eheschließungen, das alles findet man schließlich in sehr vielen Religionen – vieles davon z. B. auch in so unterschiedlichen wie dem Islam, dem Buddhismus und der antiken römischen Religion (an zölibatären Gemeinschaften hätten wir da etwa die Derwische, die berühmten buddhistischen Mönche in ihren orangen Roben, und die Vestalinnen). Aber es geht ja noch weiter. Die gelehrten Septone lehren zum Beispiel, dass die sieben Götter – der Vater, der Gericht hält, die Mutter, die Gnade beschert, das Alte Weib, das mit seiner Laterne für Weisheit sorgt, die Jungfrau, der Krieger, der Schmied, der die Welt gestaltet, der Fremde, der die Toten holt – eigentlich nur sieben Gesichter des einen Gottes sind – was offensichtlich an die Dreifaltigkeit erinnern soll. In dieser Religion glaubt man, anders als etwa die alten Römer oder Griechen, an eindeutig gerechte Götter; moralische Gebote sind ein klarer Bestandteil von ihr; es gibt sogar so etwas wie eine Beichte, was mir wirklich aus wenigen Religionen bekannt ist.

Auch der Inhalt dieser moralischen Gebote ist interessant: Nicht die Ehre, wie in den großen Zivilisationen der alten Welt, dem heidnischen Rom oder China oder Japan, sondern die Demut nimmt dort nämlich einen hohen Rang ein. Armut, Demut, Dienen, Friede, Buße, Sündenvergebung, Schutz der Schwachen, alles das ist wichtig für diese Religion. Man könnte vielleicht einwenden, dass auch im Buddhismus Demut und Einfachheit eine Rolle spielen, aber dort geht es um den schlichten Rückzug aus der Welt, um ein Zurückkehren ins Nirwana, ins Nichts, um die Erkenntnis, dass es besser ist, auf diese schlechte Welt verzichten zu können, so etwas wie Sündenvergebung spielt dabei keine Rolle und die Welt gilt auch nicht als grundsätzlich gut und verbesserungswürdig; Martin hat an dieser Stelle eindeutig die mittelalterlich-christliche Vorstellung übernommen und nicht die buddhistische. Gegen Ende der bisherigen Serie kommt ein Hoher Septon an die Macht, der nicht wie seine Vorgänger ein harmloser, bestechlicher, reicher, hochgestellter Kleriker ist, der seine Krone trägt und seine Zeremonien durchführt und brav allen Entscheidungen des jeweiligen Königs oder Regenten seinen Segen gibt, sondern ein rigoroser, fastender, betender, von Gericht und Buße redender, in ein Bußgewand gekleideter Anhänger einer Art von westerosischer Armutsbewegung, vergleichbar mit den Franziskanern, oder, in ihrer radikaleren Ausprägung, den Flagellanten, des realen Mittelalters.

Auch interessant: Diese Religion wird als „Der Glaube“ bezeichnet, während vorchristliche Religion sich in der Regel in erster Linie als Kulte verstanden haben; es ging bzw. geht antiken Römern oder Ägyptern, Hindus oder Shintoisten eher um die richtige Verehrung der Götter als um das Vertrauen auf sie; „Religion“ synonym mit „Glaube“ (lateinisch „fides“, davon abgeleitet englisch „faith“, was noch mehr die Bedeutung von „vertrauen, (sich) anvertrauen“ herüberbringt) zu verwenden, ist eine sprachliche Entwicklung, die mit dem Christentum kam.

Aber auch die Art, wie „der Glaube“ die noch teilweise im Norden von Westeros praktizierte Religion langsam verdrängt, soll wohl an die Situation im nordeuropäischen Früh- und teilweise noch Hochmittelalter erinnern. Die Götter des Nordens sind die am klarsten heidnischen Götter dieser Geschichte: gesichtslose, namenlose, geheimnisvolle Naturgötter, die an heiligen Bäumen verehrt werden, und denen man nur eine lokal begrenzte Macht zuschreibt, die schwindet, wenn ihre Bäume gefällt werden. (Allerdings gibt es tatsächlich auch das Umgekehrte: Anhänger der Sieben, die ihren Göttern keine Wirksamkeit im von den alten Göttern kontrollierten äußersten Norden des Kontinents Westeros hinter der Mauer, die das Königreich vor den „Wildlingen“ schützt, zuschreiben, und nur eine begrenzte Wirksamkeit im halb diesen, halb jenen Göttern anhängenden Norden des Königreichs südlich der Mauer. Einige theoretisch monotheistisch sein sollende Westerosi schließen hier also andere Götter nicht per se als inexistent aus.) Diese Religion hat eine gewisse moralische Komponente (z. B. sind den alten Göttern Eide und Gastfreundschaft heilig), aber Gebote oder Lehren stehen nicht im Vordergrund. Es gibt keine besonderen Riten, keine Priester, bloß stille Gebete vor Bäumen, und angeblich sollen die Götter dabei z. B. durch Blätterrascheln zu ihren Anhängern sprechen können. Es gibt auch die „Grünseher“, die eine besondere Verbindung zu den alten Göttern und teilweise mystische Kräfte haben sollen; einer von ihnen, der offenbar letzte verbliebene, der sich die „Dreiäugige Krähe“ nennt, erscheint einem Jungen namens Brandon Stark im Traum und lehrt, nachdem Bran ihn gefunden hat, diesem seine Kräfte.

Bei den wichtigsten beiden anderen Kulten, die in diesem Buch eine Rolle spielen, nimmt Martin auch wieder gewisse, an einzelnen Stellen überdeutliche Anleihen beim Christentum; allerdings mehr bei anderen Religionen. Fangen wir mit dem Ertrunkenen Gott an, der auf den Eiseninseln verehrt wird. Diese Inseln gehören zwar zu Westeros, waren aber früher einmal unabhängig und würden das gern wieder werden. Ihre Bewohner ähneln den Wikingern unserer Welt, und gehen, obwohl sie inzwischen zivilisierter sind, als sie wohl früher waren, immer noch manchmal auf Raubzüge. Das Motto ihrer Religion ist: Was tot ist, kann niemals sterben. Sie taufen (ja, dieses Wort wird verwendet) ihre Anhänger im Meer, was bei der Taufe von Erwachsenen heißt, dass der Täufling solange unter Wasser gedrückt wird, bis er nicht mehr atmet, und dann wiederbelebt wird – was in manchen Fällen auch schiefgehen kann. Das ist nun nicht gerade christlich, aber der Glaube, dass aus dem Tod Leben entstehen kann, dass der Weg zum Leben durch den Tod führt, der durch eine Wassertaufe symbolisiert wird – das erinnert auf den ersten Blick wahnsinnig an das Prinzip des Kreuzes Christi. Diese schöne Ähnlichkeit wird durch einige Gebetsworte der Eisenmänner sogar noch mal bekräftigt: „‚Herr und Gott, der du für uns ertrunken bist‘, betete der Priester mit einer Stimme, die so tief grollte wie das Meer, „lass deinen Diener Emmond aus dem Meer wiedergeboren werden, wie es auch mit dir geschah.'“ (Bd. 7, S. 34) Und… dann wird sie völlig ruiniert durch den ganzen Rest, aus dem diese Religion besteht. „Segne ihn mit Salz, segne ihn mit Stein, segne ihn mit Stahl“, betet Aeron Graufreud in diesem Abschnitt weiter, und nach der Wiederbelebung heißt es: Du warst ertrunken und wurdest uns zurückgegeben. Was tot ist, kann niemals sterben. Worauf der „Ertrunkene“ antwortet: Doch erhebt es sich von neuem. Härter und stärker.

Die Eisenmänner sind Krieger. Krieger, die keinen Platz haben für Armut und Demut und das Leid der Schwachen wie die Priester der Sieben, sondern die lediglich die Stärke achten, die den Tod überwunden hat bzw. die aus dem Erleiden einer Todeserfahrung kommt. Sie achten, was hart macht. Von einer Liebe, die den Tod überwindet, ist keine Rede. Auch der Satz „…der du für uns ertrunken bist“, der beinahe so etwas wie göttliche Liebe und Fürsorge durch stellvertretend auf sich genommenes Leiden andeutet, sticht in diesem Gebet heraus wie ein Fremdkörper. Wie genau ist dieses „für uns ertrunken“ zu verstehen? Ganz offensichtlich geht es dem Ertrunkenen Gott nicht um Sündenvergebung. Ich habe eher den Eindruck, er hat den Eisenmännern so etwas wie ein Beispiel gegeben, das jeder von ihnen jetzt selbst noch unter Lebensgefahr nachahmen muss, ein Beispiel dafür, was sie tun können, um hart und stark zu werden, anstatt dass er etwas getan hat, das ihnen direkt irgendetwas bringt. „Für uns ertrunken“, das passt irgendwie nicht recht zum Rest dieser Religion. Ich würde zu gern mehr über das „Ertrinken“ des Ertrunkenen Gottes erfahren, denn wirklich erklärt wird das hier nicht. Die Eisenmänner glauben auch an einen ewigen Kampf des Sturmgottes (der Zerstörung bringt) gegen ihren Meergott (der Fisch und damit Leben auch im härtesten Winter bringt); haben sie also einen Mythos, der davon erzählt, wie der Sturmgott den Meergott ertränkte und der Ertrunkene Gott dann umso stärker wieder auferstand? Mythen von Göttern, die sich gegenseitig töten, sind ja in alten polytheistischen/dualistischen Religionen nichts allzu Seltenes.

Ach ja, dem Ertrunkenen Gott werden übrigens, anders als den Sieben oder den alten Göttern, gelegentlich auch Menschen geopfert, gefangene Feinde. Es handelt sich also wirklich um keine besonders sympathische Religion, alles in allem.

Jetzt aber zur letzten der vier zentralen Religionen: Der Verehrung des Roten Gottes oder „Herrn des Lichts“, R’hllor. Diese Religion kommt ursprünglich aus Asshai im fernen Osten und ist vor allem in den sieben Freien Städten, also außerhalb von Westeros, verbreitet, missioniert aber aktiv, und eine Priesterin R’hllors, Melisandre aus Asshai, kann Stannis Baratheon, einen der vielen Thronprätendenten von Westeros, von ihrem Gott überzeugen. Auch ein roter Priester namens Thoros von Myr kommt in den Büchern vor, der zu einer den kriegsgeplagten Armen von Westeros helfenden Bande von Geächteten unter Lord Beric Dondarrion, einer Art Robin-Hood-Figur, gehört.

Dieser Glaube ist ganz klar dualistisch, vergleichbar mit dem persischen Zoroastrismus. Es gibt ein Reich der Finsternis und ein Reich des Lichts; einen guten Gott – R’hllor – und einen schlechten Gott, dessen Name nicht ausgesprochen wird. Dem Herrn des Lichts gehören der Tag, die Sonne, und vor allem das Feuer, das den Schrecken der Nacht bannt; der Herr des Finsternis gebietet über Nacht und Kälte. Bei Sonnenuntergang entzünden die Anhänger R’hllors deshalb Nachtfeuer, um die Nacht und die Kälte zu bannen; in einer Szene betet Melisandre vor einem solchen Nachtfeuer zu ihrem Gott: „Führe uns aus der Dunkelheit, o mein Herr. Erfülle unsere Herzen mit Feuer, damit wir deinem leuchtenden Pfad folgen können. […] Dein ist die Sonne, die unsere Tage erwärmt, dein sind die Sterne, die uns durch das Dunkel der Nacht geleiten.“ Worauf ihre Gläubigen antworten: „Herr des Lichts, beschütze uns. Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken.“ Und so weiter. Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken – das ist so ein Spruch, den sie oft sagen. Eine solche Metaphorik von Licht und Feuer, Nacht und Dunkelheit ist etwas, was es abgesehen vom Zoroastrismus auch noch in vielen anderen realen Religionen gibt; Gott und das Licht zu verbinden, das ergibt sich leicht. Man denke im christlichen Bereich zum Beispiel an den Ritus mit der Osterkerze in der katholischen Osternacht. „Christus das Licht!“

Die Anhänger des Roten Gottes glauben, dass alles in der Welt entweder R’hllor oder dem Großen Anderen dient; andere Götter gibt es ihrer Ansicht nach nicht, weshalb sie auch einen für heidnische Religionen ganz untypischen Eifer für die Durchsetzung der wahren Religion zeigen und z. B. Figuren der Sieben verbrennen. Sie kennen auch Prophezeiungen, die den ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis betreffen, und Melisandre bezeichnet Stannis als den wiedergeborenen „Azor Ahai“, eine Art Messias-Figur.

Bis jetzt klingt diese Religion gar nicht mal soo unsympathisch, oder? Sie ist gruselig.

Der Herr des Lichts ist kein Gott des Guten wie Ahura Mazda aus dem Zoroastrismus; er ist ein Gott des Lebens, während sein Gegner den Tod bringt; aber die Anhänger des Lebensgottes sehen nicht unbedingt einen Zusammenhang zwischen dem Leben und dem Guten, oder, prosaischer ausgedrückt, dem Leben und der Moral. Von Azor Ahai wird erzählt, dass er seine Frau tötete, um sein Schwert Lichtbringer in ihrem Blut zu härten, und Melisandre deutet die Zukunft aus ihren Feuern und verbrennt dann Menschen als Opfer für ihren Gott, um bestimmte Ziele zu erreichen, die sie in den Flammen gesehen hat; sie will sogar ein Kind verbrennen, Stannis‘ unehelichen Neffen, da dessen „Königsblut“ ihnen bei ihren Zielen im Krieg helfen soll. Sie vollbringt gelegentlich Zauber, bei denen sie Schatten hervorbringt, die Stannis‘ Gegner töten. (Ja, diese Zauber sind in den Büchern kein Betrug, sondern gelingen ihr.) Der Zweck heiligt für sie die Mittel; und so müssen Opfer gebracht werden, um die drohende Finsternis abzuwenden – die sie übrigens auch mit der herannahenden Zombiearmee im Norden hinter der Mauer, die vom Rest von Westeros‘ Thronprätendenten fleißig ignoriert wird, in Verbindung bringt. (Stannis ist dann auch der einzige der selbsternannten Könige, der der Nachtwache im Norden gegen die „Anderen“ (Eiswesen oder so was) und die Wiedergänger (Zombies) und die Wildlinge, die vor den Anderen und den Wiedergängern nach Süden fliehen und über die Mauer wollen, zu Hilfe eilt.) Thoros von Myr erscheint regelrecht sympathisch im Vergleich zu Melisandre, nicht gerade Friar Tuck, aber doch so was in der Art, aber auch er hat unheimliche Kräfte: Er hat es sechs Mal geschafft, Beric Dondarrion von den Toten zurückzuholen, wobei seine Todeserfahrungen diesen offenbar auch schwächen. Der Glaube an R’hllor hat manchmal eher etwas von Okkultismus und Geisteranrufung als von einem klassischen Dualismus, der bloß den philosophischen Fehler macht, den Teufel auf eine Stufe mit Gott zu stellen. Manche ihrer Feinde nennen Melisandre eine „Hexe“, und dieser Begriff passt tatsächlich irgendwie besser zu ihr als der einer Priesterin. Sie betet und singt nicht nur zu ihrem Gott und zündet auch nicht nur andere Götterbilder an, sie ist auch eine Wahrsagerin und führt Schadenszauber durch, und braucht Menschenopfer, um diese Schadenszauber durchzuführen.

Ich habe vorher den Zoroastrismus und die christlichen „Gott = Licht, Sonne, Feuer“-Vergleiche erwähnt, aber tatsächlich erinnert mich diese Religion eher an den Glauben der Azteken, dass man kontinuierlich Menschenopfer darbringen müsste, da die Sonne ohne deren Blut nicht mehr aufgehen würde. Melisandre verehrt einen Feuergott; und ihre Religion trägt der Tatsache Rechnung, dass Feuer nicht nur erhellt und wärmt, sondern auch brennt. In einer interessanten Pater-Brown-Kurzgeschichte mit dem Titel „The Eye of Apollo“ (https://ebooks.adelaide.edu.au/c/chesterton/gk/c52fb/chapter10.html ) kommt eine Sekte moderner Sonnenanbeter vor, und zu Beginn der Geschichte sagt Pater Brown besorgt „The sun was the cruellest of all the gods“. Das Problem dieser Religion ist wohl, dass sie keinen über-natürlichen Gott verehrt, sondern innerhalb der Natur nach den Kräften des Guten und des Bösen sucht und jedes Ding darin klar zuordnen will; aber kein Ding in der Natur, weder der Tag, noch die Nacht, weder die Sonne noch die Dunkelheit, ist klar böse oder gut. Sie sind einfach, wie sie sind. Das ist das Problem mit jeder Art von heidnischer Naturanbetung. Auch die Zuordnung bei der Religion der Eisenmänner (Wasser = gut, Wind = schlecht) macht im Ganzen keinen Sinn. Wasser kann Leben oder Tod bringen, Wind kann ein Schiff voranbringen oder es versenken. Und wenn man die Sonne zum Inbegriff des Guten erklärt, muss man auch ihre tödlichen Attribute für gut erklären.

Ich habe im Lauf dieses Artikels öfter das Attribut „heidnisch“ verwendet; jetzt sollte ich mal erklären, was ich damit meine. Ich unterscheide hier das Judentum und alle Religionen, die auf ihm beruhen oder sich auf es berufen (Christentum, Islam, Mormonentum, etc.) von nichtjüdischen Religionen. Heidnische Religionen sind meistens entweder Mythologien (die populäre Form des Hinduismus, der Shintoismus, die römische, griechische, ägyptische, germanische Religion, usw.) oder Philosophien (der Konfuzianismus, der Buddhismus, Formen des Hinduismus, der antike Platonismus), und sie tendieren entweder zu Naturanbetung oder dazu, die Natur/Welt für schlecht zu erklären (Buddhismus, Manichäismus). Der jüdische (und damit auch der christliche) Glaube ist dagegen ein historischer Glaube, er beruht auf Tatsachen, wie dem Babylonischen Exil oder der Kreuzigung Jesu, er geht davon aus, dass Gott sich ein Volk erwählt und zu ihm gesprochen und etwas für es getan hat, und das bleibt nicht nur in mythologischer Vergangenheit, sondern ist an konkreten Daten und Personen festzumachen. Heidnische Religionen sind dieser Definition nach ganz einfach Religionen ohne eine solche konkrete, fassbare Offenbarung, Vor-Offenbarungs-Religionen. Daher ist auch der Glaube an die Sieben im Grunde nicht wie das mittelalterliche Christentum, das einen vor soundsoviel Jahren Mensch gewordenen Gott verehrte. (Jedenfalls wird nie ganz deutlich, woher der Glaube seine Lehren von dem Wesen der Sieben Götter eigentlich nimmt.) Am ehesten als Offenbarungsreligion könnte man noch den Glauben an den Herrn des Lichts bezeichnen; wobei ich bis jetzt keine konkreten Anhaltspunkte dafür gefunden habe, ob Azor Ahai eine mythologische Figur wie Odysseus ist, oder ein historischer Religionsgründer wie Zarathustra, Mani oder Buddha, oder so etwas wie ein biblischer Prophet, der beanspruchte, dass ein Gott direkt durch ihn sprach.

George R. R. Martin scheint übrigens alles in allem die alten Götter am liebsten zu mögen. Mir sagen die nicht viel; wie gesagt, für Naturanbetung habe ich an sich nicht viel übrig, und dann fehlt mir hier die Logik, die Vernunft, die umfassende Lehre. Der Glaube an die alten Götter bietet nur eine Art unscharfen Mystizismus, nichts für den ganzen Menschen, den Verstand spricht er nicht an, oft widerspricht er ihm sogar. Mir ist tatsächlich der Glaube an die Sieben immer noch am sympathischsten unter diesen Religionen, auch wenn Martin ihn nicht so besonders zu mögen scheint (besonders seine Strenge und seinen Fokus auf Buße etc.). Aber na ja – Westeros ist nicht die reale Welt, sondern eine imaginäre heidnische Welt, und ob die Existenz dieser Religionen in ihrer konkreten Form so viel Sinn macht, wäre wieder eine andere Frage. Und dann bin ich natürlich irgendwie darauf gespannt, wie die ganze Geschichte weitergeht – ob sich weiterhin der Rote Gott als „wirksamer“ Gott erweist, was die alten Götter wirken werden, was die „Anderen“ eigentlich sind… warten wir es ab.

Ich liebe alle, die mich lieben, und wer mich sucht, der wird mich finden

„Ich, die Weisheit, verweile bei der Klugheit, ich entdecke umsichtige Erkenntnis. Furcht des HERRN verlangt, Böses zu hassen. Hochmut und Hoffart, schlechte Taten und einen verlogenen Mund hasse ich. Bei mir ist Rat und Hilfe; ich bin die Einsicht, bei mir ist Macht. Durch mich regieren die Könige und entscheiden die Machthaber, wie es Recht ist; durch mich versehen die Herrscher ihr Amt, die Vornehmen und alle Verwalter des Rechts. Ich liebe alle, die mich lieben, und wer mich sucht, der wird mich finden. Reichtum und Ehre sind bei mir, angesehener Besitz und Gerechtigkeit; meine Frucht ist besser als Gold und Feingold, mein Nutzen übertrifft wertvolles Silber. Ich gehe auf dem Weg der Gerechtigkeit, mitten auf den Pfaden des Rechts, um denen, die mich lieben, Gaben zu verleihen und ihre Schatzkammern zu füllen. Der HERR hat mich geschaffen als Anfang seines Weges, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren und alle Schollen des Festlands. Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern, als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer, als er dem Meer sein Gesetz gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein. Nun, ihr Kinder, hört auf mich! Selig, die auf meine Wege achten. Hört die Mahnung und werdet weise, lehnt sie nicht ab! Selig der Mensch, der auf mich hört, der Tag für Tag an meinen Toren wacht und meine Türpfosten hütet. Wer mich findet, findet Leben und erlangt das Gefallen des HERRN. Doch wer mich verfehlt, der schadet sich selbst; alle, die mich hassen, lieben den Tod.“ (Sprichwörter 8,12-36)

#MeToo – Zählt das denn?

Ich glaube, ich muss nichts mehr darüber schreiben, was es mit diesem Hashtag auf sich hat, der auf die weite Verbreitung von sexueller Belästigung aufmerksam machen will; nur auf einen Punkt will ich eingehen: Den Einwand, dass ganz banale Dinge mit dieser Aktion aufgeblasen und auf eine Stufe mit Vergewaltigungen gestellt würden. Das ist vielleicht auch was, was sich Frauen fragen, bevor sie „#MeToo“ posten: Zählt so was überhaupt? War ja bloß ein blöder Spruch, eine unerwünschte Berührung, nichts Dramatisches, nichts, was einen länger beschäftigt hätte. Man kann es ja tatsächlich damit übertreiben, überall Sexismus zu sehen.

Aber: Es gibt eine große Bandbreite von sexueller Gewalt, und die fängt eben bei catcalling an und hört bei Vergewaltigungen auf. Das eine stört und gibt einem ein hässliches Gefühl der Verletzlichkeit (vor allem, wenn es sich wiederholt), das andere traumatisiert. Genauso, wie es eine große Bandbreite bei körperlicher oder emotionaler Gewalt gibt: Nicht jeder, der sich mal als Kind mit der Schwester geschlagen hat, landet später als Gewalttäter im Knast; trotzdem war das damals nicht gut. Wenn man Gewalt als das Ausnutzen von Macht (emotionaler, finanzieller, körperlicher, staatlicher, sexueller, was auch immer) zuungunsten / gegen den Willen von anderen Menschen definiert, ist jeder Mensch, der auf der Welt herumläuft, schon gewalttätig gewesen. Spätestens, sobald man Anna im Kindergarten ihr Lieblingsstofftier wegnimmt, weil es Spaß macht, zu sehen, wie sie sich dann ärgert und vergeblich versucht, es einem wieder aus der Hand zu reißen.

Worauf ich damit hinauswill: Eins, was die MeToo-Aktion auch leisten könnte und nach meinem Eindruck schon leistet, ist, ein wenig mehr wegzukommen von der Vorstellung, dass es einen tiefen Abgrund gibt zwischen Sexualstraftätern, die scheußliche Monster sind, und dem Rest der (Männer)Welt. Nö, so einfach ist es nicht. Viele Leute begehen sexuelle Grenzüberschreitungen in verschiedenem Maß; und das ist übrigens auch keine unvergebbare Sünde, aber es ist Sünde. Vor allem innerhalb von Beziehungen kommen solche Grenzüberschreitungen wahrscheinlich häufiger vor, ohne dass jemand sich so fühlt, als hätte er sich falsch verhalten; fremde Mädels zu belästigen, ist viel offensichtlicher etwas Schlechtes, als seiner Freundin zu nahe zu treten. (Was die Sache nicht besser macht, ist natürlich, dass die allgemein anerkannten Grenzen dafür, was in Beziehungen oder sich anbahnenden Beziehungen normal ist, sich verschoben haben bzw. völlig unklar sind.) Aber jemand kann sich auch meistens im Alltag „ganz nett“ verhalten und trotzdem finden, dass es doch bloß Spaß ist, den Mädels, die man beim Weggehen trifft, an den Hintern zu fassen, ohne sich groß zu überlegen, ob die das auch witzig finden. Das ist nicht Grausamkeit, sondern Gedankenlosigkeit, und Gedankenlosigkeit kann dann eben in Rücksichtslosigkeit und „entitlement“ übergehen (ich habe einfach kein deutsches Wort gefunden, das die Bedeutung dieses so passenden englischen Wortes perfekt wiedergibt – man könnte vielleicht „Anspruchsdenken“ verwenden, aber das klingt auch nicht ganz richtig; gemeint ist einfach die (bewusste oder unbewusste) Einstellung, ein Recht darauf zu haben, sich das einfach zu nehmen, was man gerade gerne haben möchte).

Ich weiß nicht, ob wir ein Problem mit unserer speziellen Kultur haben, dass wir sie gleich „rape culture“ nennen sollten; vielleicht ist sexuelle Gewalt einfach ein ewiges Problem aller menschlichen Gesellschaften, die es jemals gegeben hat. Aber natürlich braucht es gerade für solche ewigen Probleme ständige Aufmerksamkeit. Und man kann daran etwas verbessern. Wenn jeder darauf achtet und Belästigungen nicht einfach durchgehen lässt – auch dann, wenn sie anderen Leuten und nicht einem selber passieren. Gerade die Männer sind hier gefragt!

Manche Probleme haben allerdings mit unserer speziellen Kultur zu tun – und dann vielleicht auch, damit zusammenhängend, mit Kommunikationsproblemen zwischen Männern und Frauen. Ein Beispiel: Als ich meinen Exfreund kennengelernt habe, sind wir erst ein paar Mal ausgegangen, und als wir uns dann fünf Tage gekannt haben (bisschen schnell für mich…), habe ich ihn mit in meine Wohnung genommen, wir haben zusammen gekocht, uns einen schönen Abend gemacht, und er hat mich dann schließlich gefragt, ob er mich küssen kann. Ich wollte erst nicht, habe dann doch ja gesagt, und mir einen kurzen Kuss ohne Zunge vorgestellt. (An alle neuen Leser: Ja, ich bin eine konservativ eingestellte Katholikin, und wir waren noch nicht mal offiziell zusammen.) Er hat das nicht so verstanden; und zusätzlich zum Küssen hat er dann auch seine Hände unter meinen Pullover geschoben und meinen Hintern angefasst; ich habe seine Hände mehrmals weggeschoben und ihm zu verstehen gegeben, dass ich das so nicht mag; das hat ihn nicht wirklich dabei gestört, mir wieder an dieselben Stellen zu fassen. Es war nichts Gewaltsames, nichts wirklich Schlimmes, eher etwas Unangenehmes, das bei einem eigentlich schönen Date gestört hat; er hat mir wohl einfach nicht geglaubt, dass ich es ernst gemeint habe, dass mir das alles zu schnell geht und ich das nicht mag. Vielleicht hätte ich bloß deutlicher Ärger zeigen und das ganze Rummachen abbrechen müssen, um ihn dazu zu bringen, aufzuhören, er wollte mir ja eigentlich nichts Böses; aber, ja, es ist ein Problem, wenn Leute unter einem „Nein“ ein „Überrede mich“ verstehen und man erst so deutlich werden muss. Wie gesagt, in diesem Fall war es eine sich gerade erst anbahnende Beziehung, eine Situation, in der man nicht einfach annehmen kann, mit was der Partner jetzt einverstanden ist. So sehen die Kommunikationsprobleme aus, die mit unserer Kultur kommen: Man will keine objektiven Standards mehr für Beziehungen haben; alles, was sich für dich gut anfühlt, wo du zustimmst, ist moralisch gut und ganz wunderbar toll. Sex, nachdem ihr euch fünf Minuten kennt? Klar! Wunderbar! Natürlich prallen dann immer wieder unterschiedliche Erwartungen aufeinander. Man darf theoretisch alles haben, also erwartet man, das, was man gerade will, auch in der Praxis bekommen zu können, und wenn man dann keinen Partner findet, der dazu bereit ist…? Tja, dann ist man frustiert und fühlt sich betrogen. Das Problem ist, wenn jemand körperliche Intimität als etwas sieht, das ihm (auch unabhängig von irgendwelchen Bindungen) einfach zur Verfügung stehen sollte. Die Person, die sie dann zur Verfügung stellen soll, gerät auf die Weise schnell mal aus dem Fokus.

Die Lösung ist natürlich dieselbe wie bei so ziemlich allen Fragen der Moral: Andere Leute als Personen behandeln.