Wer hat’s gesagt?

Zitate-Erraten!

1) „Ihr sagt, daß bei Euch, wenn ein Dieb oder Räuber ergriffen wurde und er geleugnet hat, was ihm zur Last gelegt wird, der Richter seinen Kopf mit Ruten schlage und seine Seiten mit anderen eisernen Stacheln steche, bis er die Wahrheit heraushole; dies läßt weder das göttliche noch das menschliche Gesetz in irgendeiner Weise zu, da ein Geständnis nicht ungewollt, sondern freiwillig sein muß und nicht gewaltsam herauszulocken, sondern willentlich vorzubringen ist; wenn es schließlich geschieht, daß Ihr auch nach Anwendung jener Qualen überhaupt nichts von dem findet, was dem Gefolterten zum Vorwurf gemacht wird, errötet Ihr nicht wenigstens dann und erkennt, wie gottlos Ihr richtet? Ebenso aber, wenn ein beschuldigter Mensch, der solches erlitten und es nicht ertragen kann, sagt, er habe begangen, was er nicht begangen hat: auf wen, frage ich, fällt die Wucht solch großer Gottlosigkeit zurück, wenn nicht auf den, der diesen zwingt, solches lügnerisch zu gestehen? Gleichwohl weiß man, daß nicht gesteht, sondern redet, wer das mit dem Munde vorbringt, was er nicht im Sinne hat!“

A) Friedrich Spee SJ, Cautio Criminalis, 1631

B) Baron de Montesquieu, De l’esprit des loix, 1748

C) Papst Nikolaus I., Brief Ad consulta vestra an die Bulgaren, 866

 

2) „Wie Wir erfahren haben, werden also […] viele, die von Heiden als Gefangene entführt wurden, in Eurer Gegend verkauft und, nachdem sie von Euren Landsleuten gekauft wurden, unter dem Joch der Sklaverei gehalten, obwohl doch feststeht, daß es fromm und heilig ist, wie es sich für Christen schickt, daß Eure Landsleute, wenn sie sie […] gekauft haben, sie um der Liebe Christi willen freilassen und nicht von Menschen, sondern von unserem Herrn Jesus Christus selbst den Lohn empfangen.“

A) John Newton und William Wilberforce, On the Negro Slave Trade in the West Indies, 1786

B) Bartolomé de las Casas, Historia de las Indias, verfasst ab 1524

C) Papst Johannes VIII., Brief Unum est an die Fürsten Sardiniens, 873

 

3) „Unser Herr Jesus Christus hat nämlich, wie man liest, keinen gewaltsam zu seinem Dienst gezwungen, sondern durch demütige Ermahnung – wobei einem jeden die Freiheit der eigenen Entscheidung vorbehalten blieb – alle, die er zum ewigen Leben vorherbestimmte, nicht durch Richten, sondern durch Vergießen seines eigenen Blutes vom Irrtum zurückgerufen.“

A) Abbé Emmanuel Joseph Sieyès, De la liberté religieuse, 1790

B) Friedrich II., De la tolerance necessaire concernant les affaires religieuses et morales, 1771

C) Papst Alexander II., Brief Licet ex an Fürst Landulf von Benevent, 1065

 

4) „(6) Wenn einer bei einem Diebstahl oder Raub getötet wurde und sich ein Verwandter des Getöteten für ihn zum Duell erbietet, so weist dieser durch das Duell jedes Zeugnis zurück; und dieser Tote wird dann nicht ohne Duell überführt werden können.
(7) Wenn zwei vor Gericht zugleich entgegengesetzte Aussagen machen, dann wird, wer auch immer von diesen die größere Gefolgschaft hat, dieser [seine] Aussage zur Geltung bringen.
(8) Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte.“

A) Kaiser Karl V., Constitutio Criminalis Carolina, 1532

B) Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, Allgemeynes Rechts- und Policeybuch für das Land Sachsen, 1522

C) Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel, die in der Bulle Salvator humani generis von Papst Gregor XI. aus dem Jahr 1374 verurteilt werden

 

5) „(3) … Die Sätze ‚Gott ist‘ und ‚Gott ist nicht‘ bezeichnen völlig dasselbe, wenn auch auf andereWeise.

(10) … Von einer materialen Substanz, die etwas anderes als unsere Seele ist, haben wir nicht die Gewißheit der Evidenz.

(32) … Gott und die Schöpfung sind nicht etwas.

(39) … Das All ist in sich und in all seinen Teilen ganz vollkommen, und es kann weder im Ganzen noch in Teilen eine Unvollkommenheit geben, und deswegen müssen sowohl das Ganze als auch die Teile ewig sein und dürfen weder vom Nicht-Sein in das Sein übergehen noch umgekehrt, weil daraus notwendigerweise Unvollkommenheit im All oder in seinen Teilen folgt.

(58) … Gott kann einem vernunftbegabten Geschöpf gebieten, daß es ihn hassen soll, und wenn es gehorcht, macht es sich mehr verdient, als wenn es ihn aufgrund eines Gebotes liebte; denn es täte dies mit größerer Anstrengung und mehr gegen die eigene Neigung.“

A) Plotinus, De Deum et hominem, 256 n. Chr.

B) Averroes / Ibn Ruschd, Langer Kommentar zu Aristoteles, verfasst ab 1153

C) Irrtümer des Nikolaus von Autrecourt, verurteilt in einem Prozess an der päpstlichen Kurie im Jahr 1347

 

Wer jedes Mal C getippt hat, hatte Recht. Das Mittelalter ist schon spannend, nicht wahr?

(Alle Zitate sind dem Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009, entnommen. Diverse andere Antwortmöglichkeiten sind übrigens frei erfunden.)

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Denken nicht notwendig

Jedenfalls laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das über Facebook verkündet:

„Du musst keine Dichter und Denker schaffen. Aber du kannst deine Schüler_innen für Demokratie begeistern.“

Okay, also, Bildung und eigenständiges Denken brauchen wir ja nicht unbedingt, es genügt, liebe Lehrer, wenn ihr der Jugend nahebringt, unser politisches System toll zu finden. Angesichts der großen Gefahr, dass sie zu Monarchisten oder Anarchisten werden, ist das eure drängendste Aufgabe!

Liebes Ministerium: Wenn ihr die Demokratie schon so toll findet, wäre es auch ganz sinnvoll, darüber nachzudenken, was sie bedeutet. Ja, ja, Denken muss nicht sein, ich weiß, aber zwischendurch kann es ja vielleicht nicht schaden.

„Demokratie“, liebes Ministerium – gut zuhören jetzt -, kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Nun haben die alten Griechen zwar unter einer Volksherrschaft etwas Anderes verstanden als wir und würden unser System eher als eine Mischung aus Aristokratie („Herrschaft der Besten“, also einer Elite) und Monarchie („Herrschaft eines Einzelnen“) mit ein paar demokratischen Elementen, die alle paar Jahre ins Spiel kommen, bezeichnen. Aber wir sind ja auch keine kleine griechische Polis mehr, in der das „Volk“ (d. h. für die alten Griechen die freien Männer mit Bürgerrecht) recht überschaubar war und sich in seinem Alltagsleben hauptsächlich der Politik widmen konnte; ich hab ja an sich nicht so arg viel gegen unser Herrschaftssystem.

Aber, liebes Ministerium, ein Herrschaftssystem ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, sinnvolle Ergebnisse in der Regierung eines Landes hervorzubringen. Es soll das Recht durchsetzen, die Freiheit des Einzelnen wahren, und das Gemeinwohl fördern. Dazu halten viele Leute die Demokratie für sinnvoll, da mit ihrer Hilfe die Interessen aller Bürger, nicht nur die einzelner, Gehör finden können sollen. Um eine solche gute Regierung hinzubekommen, müssen allerdings diejenigen, die die konkreten Entscheidungen zu diesen Zwecken treffen, Ahnung von der Sache haben und – Achtung, jetzt kommt’s! – denken können. Und wer soll in einer Demokratie (also, theoretisch, dem Wortsinn nach) noch mal die zentralen politischen Entscheidungen treffen? Richtig, liebes Ministerium: das Volk. Genau das Volk, zu dem auch die Schüler_innen der angesprochenen Lehrer gehören (bzw., wenn man den politisch mündigen Anteil des Volkes meint: nach ihrer Volljährigkeit gehören werden).

Und, nur für den Fall, dass das eine neue Information für Sie ist, es gibt – wirklich! – auch andere Lebensbereiche als die Politik. Schüler_innen werden in ihrem Leben noch anderes zu tun haben, als ihre Begeisterung für die Demokratie zu demonstrieren. Sie könnten zum Beispiel einen Ölwechsel am Auto machen müssen. Oder die Verehrung eines kommunistischen Mörders und Diktatorenhelfers, dessen Tod sich zufälig zum fünfzigsten Mal jährt, demontieren müssen (https://www.nzz.ch/international/che-guevara-der-gescheiterte-messias-der-weltrevolution-ld.1320789 ). Oder mithilfe der Deutschen Bahn nach Hamburg gelangen. Oder den Gesamtpreis eines Einkaufs ausrechnen. Oder Simbabwe auf der Landkarte finden. Oder eine Software installieren, oder einem Unfallopfer Erste Hilfe leisten, oder einen Text von Kant verstehen, oder ein Krippenspiel organisieren, oder einen Apfelkuchen backen. Ich sage ja nicht, dass die Schule zwangsläufig das Kuchenbacken lehren muss; ich meine nur, dass sie noch was anderes lehren könnte als Begeisterung für das deutsche politische System; das hatte sich auch das Schulsystem der Deutschen Demokratischen Republik als Ziel gesetzt. Zum Beispiel könnte sie den Schülern Anhaltspunkte dazu geben, über die Fragen nachzudenken, die die großen „Dichter und Denker“ bewegten: Was ist der Mensch? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen? Sind Social-Media-Präsenzen von Bundesministerien für irgendwas gut?

Vielleicht wäre es letzten Endes sogar dem Staatswesen nicht völlig unnütz, wenn ein paar der Bürger sich solche Fragen schon gestellt hätten.

 

Ja, falsche Theologie richtet Schaden an: Gedanken zu William Cowper und zu einem neuen Buchprojekt

Wer schon länger auf meinem Blog mitliest, hat vielleicht mitbekommen, dass ich hobbymäßig Kurzgeschichten, aber auch Romane schreibe; mit einer Fantasy-Trilogie, in der es u. a. um Schuld und Erbarmen und deren späte Nachwirkungen geht, bin ich halb fertig und habe im Moment mehr Ideen für Vorgeschichten, als ich gerade bearbeiten kann. Dann arbeite ich noch an einer Art von pseudo-historischem Jugendbuch (bewusst pseudo-historisch, meine ich damit; ich habe u. a. ein langes Vorwort geschrieben, in dem ich dem Leser die Geschichte meines fiktiven europäischen Landes bis zur Gegenwart darlege), in dem ich Elemente verschiedener Märchen, u. a. „Rapunzel“ und „Dornröschen“, vermische. In den letzten Wochen habe ich angefangen, an einem neuen Roman zu arbeiten, mit dem es recht gut voran geht. Dieser Roman spielt in der Gegenwart im ländlichen Oklahoma; oberflächlich gesehen geht es einfach um das Entkommen aus einer Sekte, um das Aufdecken von Morden in dieser Sekte, ein bisschen Romantik in Maßen kommt auch noch dazu; ein gutes Rezept für einen normalen Jugendroman (meine beiden Protagonistinnen, Schwestern, sind 15 und 17 Jahre alt), glaube ich. Aber es geht auch noch um andere Dinge: Um Gott, um Verzweiflung und Angst vor der Hölle, um das Ausnutzen von Hoffnung auf den Himmel, um das Wesen der Erlösung, um den Wert von Gehorsam, und um das Wesen des Guten selbst.

Ich wollte schon lange etwas schreiben, in dem der Calvinismus Thema wäre, genau genommen die grausame calvinistische Erlösungslehre: Gott erwählt die einen und verwirft die anderen, und wir können nichts dazu zu tun, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen, ob durch Glauben oder Werke, Gott berücksichtigt das nicht; wir haben Seine Auswahl, die scheinbar keinen erkennbaren Kriterien folgt, zu akzeptieren. So etwas wie einen freien Willen haben wir auch nicht. Calvin war besorgt um Gottes Souveränität, und um die herauszustreichen, machte er Gott zum Tyrannen. Wir verdienen Gottes Gnade nicht, argumentierte er, also können wir uns auch nicht beschweren, wenn Er sie uns nicht gibt (und wenn Er sie dafür anderen gibt, ist das Seine Sache, das darf Er ja machen; wir verdienen sie trotzdem immer noch nicht). Schön, schön; Calvin, der Jurist, ist innerhalb seines Denkrahmens nicht direkt unlogisch, er beschreibt hier rechtliche Rahmenbedingungen, die es einem absoluten Herrscher freistellen, seine Gnaden auszuteilen oder auch nicht. Bloß ist sein Denkrahmen leider der falsche; er fragt nicht, bevor er darüber nachdenkt, wie Gott sich verhält, wer Gott eigentlich ist. Was er nicht beschreibt, ist die Liebe eines Vaters zu allen Seinen Kindern. Ich denke, es ist nicht allzu schwer, zu erkennen, wieso diese spezielle Ketzerei eben keine metaphysische Akademikerspekulation ist, damals erst recht nicht, aber heute auch nicht: Damit hat Calvin schon Leute, die ihm seine entsetzliche Lehre nicht abnahmen, in den Atheismus, aber auch Leute, die sie ihm abnahmen, in den Wahnsinn getrieben. (Ich halte den Atheismus ja für weniger schlimm als den Calvinismus. Ich halte so gut wie alles für weniger schlimm als den Calvinismus.)

Das bekannteste Beispiel dafür ist William Cowper, ein bekannter englischer Dichter der Frühromantik des 18. Jahrhunderts. Cowper litt schon früh an episodisch wiederkehrenden Depressionen und versuchte ein paar Mal, Selbstmord zu begehen, woraufhin er einige Zeit in einer Anstalt verbrachte; dann fand er Trost im Glauben und schloss sich der neu entstandenen evangelikalen Erweckungs-Bewegung und auch der (eng mit dieser verbundenen) Abolitionismus-Bewegung gegen die Sklaverei im Britischen Empire an. Er schrieb wunderschöne Gedichte (er hatte dabei auch Humor) und wunderschöne religiöse Hymnen. Aber seine psychischen Probleme waren nicht gelöst, und 1773 hatte er dann einen Traum, nach dem er glaubte, er gehörte zu denen, die Gott verdammt hätte. „Es ist aus mit dir, du bist verloren“, hatte er gehört, oder so etwas in der Art. Er hörte danach nicht auf, fest an Gott zu glauben, auch nicht, weiter die Ideen des calvinistischen Evangelikalismus zu verbreiten. Aber er betrat nie mehr eine Kirche und sprach nie mehr ein Gebet. Er akzeptierte, dass Gott ein guter, gnädiger Gott für andere war, dass er selbst aber verloren war, und er verzweifelte daran. Ein paar Mal schien er wieder ein klein wenig Hoffnung zu schöpfte, aber die meiste Zeit verbrachte er in Dunkelheit und Depression. Sein Traum muss ein extrem prägendes Erlebnis gewesen sein. Er schrieb Gedichte und übersetzte Homer, er erlitt mehrere weitere Zusammenbrüche und unternahm mehrere weitere erfolglose Selbstmordversuche. Im Jahr 1800 starb er in völliger Verzweiflung und erwartete dabei wohl dieselbe Hölle, die sein Leben oft gewesen war. Ich denke mal, wir können optimistisch sein, dass er etwas Besseres gefunden hat.

Schon während seines Lebens fühlte Cowper sich so verloren, dass er Gedichte wie das folgende schrieb, in dem er die gegenwärtige Hölle als beinahe schlimmer erscheinen lässt als die, die er erwartet:

 

Hatred and vengeance, my eternal portion,

Scarce can endure delay of execution,

Wait, with impatient readiness, to seize my

                           Soul in a moment.

 

Damned below Judas: more abhorred than he was,

Who for a few pence sold his holy master.

Twice betrayed, Jesus me, the last delinquent,

                           Deems the profanest.

 

Man disavows, and Deity disowns me:

Hell might afford my miseries a shelter;

Therefore hell keeps her ever-hungry mouths all

                           Bolted against me.

 

Hard lot! encompassed with a thousand dangers;

Weary, faint, trembling with a thousand terrors,

I’m called, if vanquished, to receive a sentence

                           Worse than Abiram’s.

 

Him the vindictive rod of angry justice

Sent quick and howling to the centre headlong;

I, fed with judgment, in a fleshly tomb, am

                           Buried above ground.

 

„Kaum kann [ich] den Aufschub der Hinrichtung erwarten […] erschöpft, ohnmächtig, zitternd vor tausend Schrecken […] über der Erde begraben.“ Das schreckliche Urteil soll endlich kommen.

Cowpers letztes Gedicht war „The Castaway“ – der Verworfene, der Weggeworfene -, welches mit folgender Strophe endet:

 

No voice divine the storm allay’d,

         No light propitious shone;

When, snatch’d from all effectual aid,

         We perish’d, each alone:

But I beneath a rougher sea,

And whelm’d in deeper gulfs than he.

 

In meinem Roman kommt eine Cowper in seiner Verzweiflung ähnliche Figur vor, die ältere der beiden Schwestern, bloß wird ihr ihre Verdammnis von der Sekte, zu der ihre Familie gehört, eingeredet, da der Sektenführer erkennen will, wer verworfen und wer erwählt ist. Sie lebt (anders als ihre Schwester, der, obwohl sie als erwählt gilt, Zweifel an der Sekte kommen) in derselben sturen, hoffnungslosen Treue wie Cowper zu einem Gott, der ihr nichts bringt und den sie nur fürchten kann. Für sie wird die ganze Sache dann ziemlich kompliziert, als die Sektenführer im Lauf des Buches anfangen, davon zu reden, dass ein besonderer Einsatz für die Sekte (z. B. durch einen Meineid vor Gericht zu ihren Gunsten) vielleicht doch auch wieder ein Zeichen der Erwählung sein könnte… (Womit wir theologisch bei einer verdrehten Werkgerechtigkeit par excellence wären.) Es gibt schließlich ein gutes Ende für sie.

Ich meine, ja, es gibt schon gewisse Unterschiede zwischen dem allgemein hoffnungsvollen Glauben, den im 18. Jahrhundert z. B. ein bekehrter Sklavenhändler wie John Newton (Cowpers Pastor, der sich immer bemühte, ihm zu helfen, und der übrigens auch der Autor von „Amazing Grace“ ist) bei Erweckungsgottesdiensten in englischen Kleinstädten verkündete, und dem Glauben meiner Sekte, den ich mir aus den schlimmsten Randerscheinungen des US-amerikanisch-protestantischen Spektrums zusammengeklaubt habe. (Da findet sich Entsetzliches, nicht nur in Bezug auf die Rechtfertigungslehre. Man google bloß mal „Christian Patriarchy“. Darüber muss ich auch mal was schreiben.) Aber beiden gemein ist die calvinistische Lehre: Wenn Gott mich verdammt hat, lässt sich nichts mehr daran ändern. Egal, was ich tue, es ist gleichgültig. Und dieser Glaube schadet. Ja, Cowper hatte schon vorher psychische Probleme; aber durch eine solche Lehre konnten sie doch nur schlimmer werden. Die völlige Verzweiflung, in die er verfiel, wäre bei einem Glauben an einen gnädigen und gerechten Gott, der allen seinen Geschöpfen seine Gnade anbietet, wie wir Katholiken glauben, schon rein logisch gar nicht möglich gewesen. Cowper glaubte an einen willkürlichen Gott, dessen Entscheidungen niemand verstehen und niemand in Frage stellen kann; also konnte er logischerweise auch an seine eigene unabänderliche Verdammnis glauben. (Ja, die Calvinisten bezeichnen ihren Gott auch als gerecht und gnädig. Ich weiß. Aber: Worte haben eine gewisse Bedeutung und ich weigere mich, sie willkürlich mit einer anderen, undefinierten zu füllen.)

Ideas have consequences. Cowper tut mir so leid, und ich bewundere sein Leben, wenn ich ehrlich sein soll. Aber er hätte vielleicht nicht so schlimm leiden müssen, wie er litt, wenn Calvin nicht gewesen wäre.

Nach den ganzen entsetzlichen Gedichten möchte ich mit einem hoffnungsvollen Zitat enden: Kanon 17 aus dem „Dekret über die Rechtfertigung“ des Konzils von Trient, also eine unfehlbare kirchliche Verurteilung einer Lehre:

„Wer sagt, die Gnade der Rechtfertigung werde nur den zum Leben Vorherbestimmten zuteil, alle übrigen aber, die gerufen werden, würden zwar gerufen, aber nicht die Gnade empfangen, da sie ja durch die göttliche Macht zum Bösen vorherbestimmt seien: der sei mit dem Anathema belegt.“

Wieso glauben die Leute immer, Ketzerei würde ohne Grund verurteilt werden?

Ich hab noch mal nachgedacht…

In diesem Beitrag hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/09/26/lasst-es-bleiben/ ) habe ich die Meinung geäußert, es wäre klüger gewesen, anstatt mit der correctio filialis noch einen weiteren Einspruch gegen durch Amoris Laetitia begünstigte Irrlehren zu erheben, einfach zu schweigen, den Streit nicht weiter anzufachen, und auf Klarheit unter dem nächsten Papst zu warten, da Franziskus keine geben wird. Ehrlich gesagt sind mir inzwischen Zweifel an dieser Meinung gekommen.

Das Problem ist einfach, dass sich ja nicht alle Wiederverheiratet-Geschiedenen bis zum nächsten Konklave in Luft auflösen, und auch die neuen Scheidungen und Wiederverheiratungen werden nicht ausbleiben. Damit müssen die Seelsorger jetzt umgehen. Bringt es dann wirklich was, das Problem in der Öffentlichkeit totzuschweigen und als Seelsorger einfach zu versuchen, es im eigenen Wirkungskreis weiter mit der alten Praxis zu halten? Es wurden ja unter einzelnen Bischöfen schon Seelsorger wegen einer solchen Einstellung gemaßregelt oder entlassen, und manche Bischofskonferenzen haben offizielle Richtlinien erlassen, die der Interpretation von AL folgen, dass nicht enthaltsam lebende Wiederverheiratet-Geschiedene nicht unbedingt von der Kommunion wegbleiben müssten. In der Öffentlichkeit ist schon längst der Eindruck da, dass sich die Kirche hier geändert hat, dass Franziskus endlich für die überfällige, den armen unterdrückten Katholiken so lange verwehrte Barmherzigkeit gesorgt hat. Bald wird er schon auch noch den Zölibat abschaffen, Frauen weihen, und alle Protestanten zur gemeinsamen Kommunion einladen. Sicher, wenn man immer wieder Klarheit vom Papst fordert, und immer wieder kommt nur Schweigen, dann wird die Öffentlichkeit noch eher meinen, dass der Papst eindeutig die alte Praxis unter seinen Vorgängern ablehnt. Und die ganzen Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Fraktionen in der Kirche werden durch immer neue Proteste auch nicht unbedingt besser.

Aber wäre es besser, gar nichts zu tun? Eine falsche Praxis ohne Widerspruch einschleichen zu lassen, in der Hoffnung, dass sich schon irgendwann wieder alles richten wird, unterm nächsten Papst? Ich bin mir nicht mehr sicher. Vielleicht sollte man das Thema nicht einfach auf sich beruhen lassen. Immerhin hat Kardinal Müller jetzt, nach der correctio, schon vorgeschlagen, eine Disputation über dieses Thema abhalten zu lassen, auch wenn noch in den Sternen steht, ob jemals etwas daraus werden wird (Papst Franziskus ist ja nicht unbedingt bekannt dafür, mit Kardinal Müller einer Meinung zu sein und auf seine Ratschläge zu hören). Auch Kardinal Burke ist wieder im Vatikan, vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass der Papst seine stellenweise rabiate Personalpolitik lockern und seine konservativeren Kritiker eher wieder anhören wird. Ob die inzwischen sechs Initiativen von Theologen und Kardinälen, um Klarheit über AL zu fordern, damit etwas zu tun haben? Keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht auch überhaupt nicht.

Wir, die Schafe in der Kirche, haben jedenfalls an sich das Recht, von unseren Hirten zu erwarten, dass sie uns richtig führen. Dass sie unsere Anliegen achten, dass sie auf unsere Gewissensfragen eingehen, dass sie, anstatt jeden, der wissen will, was jetzt moralisch verpflichtend ist und was nicht, mit „Du Pharisäer!“ abzufertigen, auf solche Fragen klare Antworten geben. Wir haben ein Recht darauf, dass sie das, was Christus ihnen anvertraut hat, den Glauben in seiner ganzen Fülle (denn auseinandergerissen und stückhaft macht er keinen Sinn), bewahren. Wir haben nicht nur Pflichten ihnen gegenüber, wir haben auch Rechte. Dem Papst gehorsam zu sein, das heißt nicht, dass es Majestätsbeleidigung ist, ihn in irgendeiner Weise zu kritisieren. Eine solche Einstellung sollte man wahrscheinlich genausowenig einreißen lassen wie eine falsche Einstellung zur Bedeutung der ehelichen Treue. Vielleicht ist es allein deswegen schon besser, die Diskussionen innerhalb der Kirche, so sinnlos oder unangenehm sie manchmal werden, nicht einfach abbrechen zu wollen.

Oder was meint ihr? Was wäre das Klügere hier?