Beziehungstipps für Christen (oder so)

Gelegentlich einmal stellt man fest, dass Freunde oder Bekannte Beziehungsstress haben, der vermeidbar gewesen wäre, oder dass allgemein Leute sich im Unklaren sind, was sie selbst von einer guten Beziehung erwarten oder wie sie eine finden sollten. Und da macht man sich doch mal Gedanken über das Thema, auch anhand von eigenen vergangenen Erfahrungen. Also, hier ein paar Tipps, die vielleicht manchen ein bisschen helfen könnten. Diesen Text habe ich mit einem männlichen Freund abgesprochen, um nicht nur meine weibliche Perspektive hineinzubringen. Ergänzungen/Korrekturen in den Kommentaren zu dieser persönlichen Ideensammlung sind sehr willkommen!

Ich beziehe mich hier auf Dating unter ernsthaften Christen, speziell Katholiken. Ich will nicht wissen, wie es auf Tinder aussieht, und das muss uns alle auch nicht interessieren.

Im Vorfeld:

Man kann nicht immer kontrollieren, welche Menschen man trifft und wie sie auf einen reagieren. Aber man kann sich selbst zu einer Person machen, die eine gute Ehe führen kann. Und das sollte man auch tun, bevor man mit dem Dating beginnt; ein gewisses Maß an Reife ist sinnvoll.

Es ist z. B. gut, wenn man chronische Sünden im Bereich des 6. Gebots (zumindest solche wie Pornographie und Selbstbefriedigung) einigermaßen überwunden hat (womit ich nicht sagen will, man dürfe nicht heiraten, wenn man das noch nicht geschafft hat). Seien wir realistisch: Die wenigsten Männer heutzutage werden niemals solche Sünden begangen haben, schon zwölfjährige Jungs werden durch ihre Smartphones leicht zu so etwas verführt und stecken dann bald in einer Sucht fest, und auch manche Frauen sind davon betroffen. (Es ist aber im Gegensatz dazu schon realistisch, jemanden zu finden, der/die noch Jungfrau ist, was nicht als Verurteilung für die gemeint ist, die es nicht mehr sind.) Aber diese Sünden lassen sich überwinden. Die Ehe macht die Keuschheit sicher etwas leichter, sonst hätte der hl. Paulus sie nicht dafür empfohlen, aber auch in der Ehe kann es gezwungenermaßen längere Phasen der Abstinenz geben, z. B. während einer Krankheit oder nach der Geburt eines Kindes, und es ist gut, wenn man damit umgehen kann.

Wenn man jemanden kennenlernen will, muss man sich auch Gelegenheiten verschaffen. Nach der Kirche oder beim Gemeindefest mit Leuten reden, auf einen Ausflug der Jugendgruppe mitgehen, im Internet Kontakte knüpfen… Man kann nicht abwarten und davon ausgehen, dass die Leute an der Haustür klopfen.

Natürlich sollte man von vornherein nur ernsthafte Katholiken in Betracht ziehen; wenn man merkt, dass man einen Atheisten etwas zu attraktiv findet, kann man den Kontakt minimieren und sich diese Probleme ersparen. Und noch ein Hinweis aus persönlicher Erfahrung: Beziehungen werden generell schwierig, wenn man zu wenig gemeinsam hat; das gilt, wie gesagt, vor allem für die Religion, aber auch für solche untergeordneten Dinge wie Herkunft und Kultur. Wenn man eine Beziehung mit einem Inder oder Südamerikaner eingeht, können die verschiedenen Kulturen auch dann für einige Reibereien sorgen, wenn der katholisch ist. Und auch in Ländern, die noch katholischer sind als Deutschland, z. B. den Philippinen oder Polen, gibt es genug Leute, die schon noch irgendwie gläubig sind, aber z. B. ganz selbstverständlich die Pille nehmen. Und generell: Dass jemand katholisch ist, ist notwendig, aber nicht ausreichend; nicht alle halbwegs ernsthaften Katholiken sind auch schon gute Menschen oder für einen persönlich geeignet.

Am Anfang, wenn man jemanden erst kennenlernt und noch nicht einmal das erste Date hatte, muss man alles noch nicht so ernst nehmen. Man tastet sich heran; kein Grund, gleich den Hochzeitskuchen zu bestellen. Natürlich ist Dating auf die Ehe ausgerichtet, aber es ist ein längerer Weg. Man kann es ruhig angehen lassen, mehrere Leute kennenlernen und sich nett unterhalten, bis es dann mit einer Person ernster wird.

Was man generell tun sollte:

Das Allerwichtigste in Beziehungsdingen ist dann, immer offen, direkt und ehrlich zu sein. Damit erspart man sich sehr viele Verletzungen.

Wenn ein Mann offensichtlich Interesse an einer engeren Freundschaft mit einer Frau hat, aber sie nicht weiß, ob er jetzt noch mehr will, verunsichert sie das. Manchmal verhalten Männer sich so, weil sie erst noch abwarten wollen, sich nicht zu früh verletzbar machen wollen, und es noch so aussehen lassen wollen, dass sie es plausibel leugnen könnten, verliebt zu sein. Ein bisschen abwarten ist auch in Ordnung, aber irgendwann kommt die Zeit, wo ein Mann sagen sollte „hey, ich finde dich toll, wollen wir mal ein richtiges Date haben und schauen, ob mehr draus werden könnte?“. Ja, es kann sein, dass sie dann Nein sagt. Aber das ist immer noch besser, als wenn sie ein halbes Jahr später den Mut aufbringt, zu fragen, ob er irgendwie in sie verliebt ist, und verschämt erklärt, dass sie ihn eigentlich einfach nicht attraktiv findet… Man spart sich die Zeit. Der Mann kann sich gleich nach einer anderen Frau umschauen, und sie muss nicht das Gefühl haben, dass sie mit ihm spielt. Die beiden können Freunde bleiben (ja, manchmal geht das) oder einfach auseinander driften; man beendet die Sache im Guten. Und vielleicht sagt sie ja auch: Ja. Und drei Jahre später bringt man dann das erste Kind zur Taufe. Zu langes Zögern hätte ihn unattraktiv gemacht.

Auch die Frauen sollten ehrlich und offen sein. Eine Frau sollte z. B., wenn sie einen Mann attraktiv und nett und interessant findet, nicht darauf warten, dass er ihre Gedanken liest. Nicht nur zu ihm hingehen und Andeutungen machen, sondern ihn einfach mal direkt fragen! „Hey, wollen wir uns mal treffen?“ ist nicht so schwer – oder meinetwegen auch „Hey, willst du mich nicht mal bitten, mit dir auszugehen?“. Männer können einfach begriffsstutzig sein und gar nicht merken, dass sie bei einer Frau eine Chance hätten, auch wenn die mit dem Zaunpfahl winkt. Ja, ein bisschen Eigeninitiative ist erlaubt, auch wenn man keine Feministin ist. (Aber wenn man dafür zu schüchtern ist, ist es immerhin besser, zu flirten und Andeutungen zu machen, als gar nichts zu tun; das macht es ihm leichter, den ersten Schritt zu wagen. Ach ja, und ein Tipp an die Jungs: Wenn sie oft von sich aus schreibt oder einen anspricht, dann ist das schon mal ein gutes Zeichen – kein unfehlbares Zeichen, aber ein gutes Zeichen.)

Wie es nicht sein sollte.

Das gilt auch im Gegenzug bei Ablehnungen. Wenn eine Frau einen Mann – obwohl er vielleicht nett ist und ok aussieht – einfach nicht attraktiv findet, oder sich nicht vorstellen kann, mit ihm zusammenzuleben, weil sie einfach seine ganze Art irritiert, sollte sie ihn nicht hinhalten à la „vielleicht verliebe ich mich im Lauf der Zeit noch in dich“, weil sie ihn nicht verletzen will. Sie sollte auch nicht früher Gefühle zeigen, als sie eigentlich fühlt, sondern z. B. einfach sagen, wenn sie sich unsicher ist. Lange gehegte enttäuschte Hoffnungen können viel verletzender sein als ein frühes „Nein“ oder „ich weiß noch nicht“.

Wenn man jemanden nicht mag, sollte man ihn das freilich niemals in demütigender Weise spüren lassen. Es ist ihm vielleicht schon schwer genug gefallen, einen überhaupt anzusprechen.

Man hat auch ehrlich zu meinen, was man zu jemandem sagt, mit dem man schon zusammen ist. Wenn man sagt „nein, du brauchst mir nichts zum Geburtstag zu schenken, ich weiß, dass du gerade nicht viel Geld hast“, darf man dann nicht beleidigt sein, wenn der Freund einem tatsächlich nichts schenkt. Hey, er hat darauf vertraut, dass man ehrlich ist und aus Liebe auf ein Geschenk verzichten will. (Allerdings, Tipp an die Jungs: In einem solchen Fall wird es von dem Mädchen trotzdem geschätzt, wenn man vielleicht eine kleine Geburtstagsüberraschung hat, die nichts kostet.)

Wenn man sich zu Priesterberuf oder Ordensleben hingezogen fühlt und ernsthaft anfängt, sich darauf vorzubereiten, sollte man sich nicht gleichzeitig noch die Option offenhalten, eine Beziehung zu beginnen. Ein Seminarist sollte sich auf seine priesterliche Berufung konzentrieren und nicht nebenbei schauen, ob die Mädchen, die er im Kirchenchor kennenlernt, vielleicht doch ganz attraktiv wären. Wenn das Priesteramt sich doch nicht als seine Berufung herausstellt, kann er sich dann noch nach einem Mädchen umsehen; aber man sollte nicht zweigleisig fahren. So wie man ja auch nicht die Augen nach anderen Mädchen offenhält, wenn man mit einer fest zusammen und evtl. schon verlobt ist; auch wenn es im Einzelfall schon ok sein kann, wenn man die Beziehung abbricht, weil man sich unerwarteterweise total in eine andere verliebt hat. Im Gegenzug sollten auch die Mädchen sich von den Seminaristen fernhalten und sich nicht damit herausreden, dass der, für den sie schwärmen, ja noch kein Zölibatsversprechen abgelegt hat. Auch was keine offensichtliche Sünde ist, muss nicht sinnvoll sein. (Das alles gilt natürlich nicht, wenn man erst mit dem Gedanken spielt und sich fragt, ob man für Ehe oder Priestertum besser geeignet wäre.)

Außerdem sollten beide Seiten nicht zu anspruchsvoll, aber auch nicht zu anspruchslos sein.

Man sollte nicht mit dem Gedanken „Ich kann ihn/sie ändern“ eine Beziehung anfangen. Menschen ändern sich oft nicht, man muss sie nehmen, wie sie kommen, und bei ihren Fehlern davon ausgehen, dass es keinen grundlegenden Wandel geben wird. Und man ist nicht verpflichtet, eine Beziehung mit jemandem anzufangen, um ihn dazu zu bringen, ein besserer Mensch zu werden, sich für Gott zu interessieren und dergleichen. Flirt to convert ist eine ganz schlechte Idee. Dabei sollte man auch beachten: Der Partner soll irgendwann Vater/Mutter der eigenen Kinder sein, und die brauchen ein gutes Vorbild, nicht jemanden, der noch zu bekehren ist. Sie sollen auch ein gutes Verhältnis ihrer Eltern zueinander erleben.

Man sollte sich auch nicht zwingen wollen, sich in jemanden zu verlieben, weil man sich irgendwie denkt, dass der theoretisch so ein guter Partner wäre.

Man sollte aber auch nicht erwarten, dass man jemanden finden wird, der absolut perfekt ist und dessen Eigenschaften einen nie irritieren. Menschen sind nicht perfekt. Wenn der andere ein guter Katholik ist, man gut zusammenpasst, sich gut vorstellen kann, zusammenzuleben und gemeinsam Kinder großzuziehen, sich auch lange genug kennt, und etwas gegenseitige Anziehung da ist, ist es genug.

Und man sollte sich dabei keine Sorgen machen, „ob ich meine Berufung verfehle“. Gott legt uns öfter verschiedene gute Möglichkeiten vor, aus denen wir auch frei wählen können, und wenn wir dann etwas Gutes wählen und etwas noch Besseres verfehlen, hält Er uns das nicht vor und lenkt trotzdem unser Schicksal in gute Bahnen. Man muss nicht zwanghaft auf Zeichen und Hinweise achten, ob Gott will, dass man genau mit dem und dem zusammenkommt. Es ist wirklich eine freie Entscheidung, die Gott einem überlässt; man muss sich selbst entscheiden, ob man jemanden heiratet oder das vielleicht einfach nicht will.

Bevor man sich aber wirklich auf Verlobung und Hochzeit einlässt, sollte man auf Warnhinweise achten, die vielleicht erst nach einiger Zeit auftauchen, z. B.:

  • Stimmen ihre Handlungen nicht mit ihren Worten überein? Ist sie unzuverlässig, launisch, unberechenbar?
  • Ist sie manipulativ, lügt sie häufiger?
  • Ist er kriminell?
  • Verlangt er von einem, schlimme Geheimnisse zu bewahren?
  • Behandelt sie ihre Familie oder auch einfach die Bedienung im Restaurant herablassend und arrogant?
  • Ist er extrem eifersüchtig, kontrollierend, jähzornig, hat man Angst vor ihm oder ist während des Zusammenseins mit ihm ständig auf der Hut? Greift er im Extremfall sogar zu körperlicher Gewalt? Wer einmal dazu fähig war, dem sollte man so schnell nicht wieder trauen.
  • Hat sie einen betrogen? Untreuen Leuten sollte man normalerweise keine zweite Chance geben, auch wenn sie Besserung versprechen.

Jemand kann in anderen Dingen sehr anziehend sein, vielleicht ist er liebevoll, macht sich Sorgen, überrascht einen immer wieder mit netten Dingen, aber wenn er so extrem eifersüchtig ist, dass er Wutausbrüche hat, wenn man mit anderen Männern auch nur redet, macht das alles zunichte. Einen vergifteten Apfel isst man nicht, auch wenn das Gift nur ein geringer Bestandteil des Apfels ist.

Wenn man erst einmal verheiratet ist, kann man die Beziehung nicht mehr so einfach beenden und neu anfangen. Eine Trennung ist im Extremfall natürlich möglich, aber man bleibt trotzdem an denjenigen gebunden. Aber wenn man es noch nicht ist, hat man sich noch nicht verpflichtet und kann die Sache beenden, auch aus wesentlich banaleren Gründen, z. B. weil man wenig Gemeinsamkeiten hat oder sich gegenseitig auf die Nerven geht.

Hilfreich ist hier auch der Rat von Familie und Freunden. Wenn man selbst zu verliebt ist, um Warnhinweise deutlich genug zu sehen, können sie einem die Augen öffnen. Dabei sollte man ehrlich mit ihnen sein, und die Dinge nicht schönreden.

Man sollte sich zum Zeitpunkt der Hochzeit lange genug kennen; man muss den Partner nicht fünf Jahre lang hinhalten, aber eine Verlobung nach zwei Monaten und Hochzeit noch mal zwei Monate später wäre doch ein bisschen schnell.

Unter Christen sollte es selbstverständlich sein, dass Sex vor der Ehe nicht geht. Aber (und das ist auch vielen Katholiken nicht bewusst): Nach der Lehre der katholischen Kirche sollte man auch andere Handlungen meiden, die auf sexuelle Erregung ausgerichtet sind, also z. B. langwieriges Herummachen – das macht es einem auch leichter, weitergehende Sünden zu vermeiden. Kurze Küsse auf die geschlossenen Lippen, Umarmungen, Händchenhalten, also Berührungen, die einfach nur Zärtlichkeit und Zuneigung zeigen, sind dagegen gut und erlaubt. Man sollte sich auch von Gelegenheiten zu Sünden fernhalten, also z. B. möglichst nicht zu zweit allein an Orten sein, an denen man nicht von anderen überrascht werden könnte.

Außerdem: Lieben heißt grundsätzlich: Jemandem Gutes wollen. Man sollte fähig sein, dem anderen wirklich Gutes zu wollen, auch wenn das heißt, dass man nicht zusammenkommt, und sich jemanden suchen, der ebenfalls dazu fähig ist.

Was Frauen brauchen/wollen:

Frauen tut es wirklich gut, einen starken Mann zu haben – das ist einfach so. Körperliche Stärke ist gut und nett, aber es braucht mehr: Ein selbstbewusster Mann, der ihr auch sagt, wenn sie Schmarrn macht, gemein ist oder eine falsche Meinung hat. Ein ruhiger, gefestigter Mann, der sich nicht von allem aus der Ruhe bringen lässt. Ein belastbarer Mann, der ihr gut helfen kann, wenn sie krank ist oder gerade ein Kind bekommen hat. Ein mutiger Mann, der sie verteidigen würde, wenn ein anderer Mann sie auf der Straße begrapschen würde. Ein Mann, der wüsste, was zu tun ist, wenn eine Überschwemmung oder ein Stromausfall passiert. Ein Mann, der ihre Kinder beschützen würde, ihnen aber auch Grenzen setzen würde, der zu ihr stehen würde, wenn sie den Kindern etwas verbieten müsste.

Er muss nicht immer stark sein. Eine anständige Frau wird ihrem Mann auch helfen wollen, wenn es ihm gerade mal schlecht geht, und ihm auch heraushelfen, wenn er wegen einer Depression oder Krankheit oder Sucht in ein tiefes Loch fällt. Aber eine gewisse grundsätzliche Stärke zum Zeitpunkt der Hochzeit sollte er haben.

Es ist nun mal so: Frauen wollen gerne einen Mann, zu dem sie aufsehen können, und der ein wenig klüger oder talentierter oder erfahrener ist als sie. Es muss nicht viel sein; man soll ja auch noch Gemeinsamkeiten haben. Aber es ist gut, wenn es da ist.

Manchmal fühlen sich Frauen leider zu einem Mann hingezogen, der etwas „Gefährliches“ hat, weil sie das unterbewusst mit Stärke assoziieren. Das ist nicht besonders klug, und von zwielichtigen und unberechenbaren Typen sollte man sich wirklich fernhalten. Kein „er ist bestimmt nur missverstanden und ich kann seine gute Seite zum Vorschein bringen“. Einfach nein.

Was Männer brauchen/wollen:

Männern tut es gut, wenn sie eine Frau haben, die sie respektiert, der sie vollkommen vertrauen können, die liebevoll ist und die keine Spielchen mit ihnen spielt. Eine treue Frau, bei der einer nicht damit rechnen muss, dass sie mit anderen Männern flirtet, weil sie sich rächen will. Eine Frau, die einfach liebevoll und zärtlich sein kann, ihm zuhört, ihm helfen will, und deutlich macht, dass sie nie über ihn lachen oder seine Geheimnisse herumerzählen wird. Eine Frau, die nicht ständig genervt ist oder ihn herumkommandieren will. Eine Frau, die es respektiert, wenn er etwas besser weiß, und die auch mal interessiert zuhören kann, wenn er sich Spezialwissen angeeignet hat, das sie nicht hat. Eine verantwortungsbewusste Frau, die ohne langwieriges Herumgerede eigene Fehler zugeben kann. Es ist leider so, dass der Feminismus ziemlich die Einstellung verbreitet hat, dass Frauen ständig irgendwie über Männer auftrumpfen sollen und Männer ständig armselig oder lächerlich sind. Von dieser Vergiftung durch den Feminismus muss man sich lösen. Es tut einer Beziehung wirklich gut, wenn man jemanden einfach unironisch liebt und respektiert.

Außerdem: Eine Dramaqueen geht nicht. Wenn sie herumschreit und ihn heruntermacht, wenn sie sich gerade ärgert, oder wenn sie passiv-aggressiv und manipulativ wird, ist sie nicht verlässlich.

Beidseitiges:

Natürlich sollten auch Frauen eine gewisse Stärke entwickeln, und auch Männer treu, liebevoll und respektvoll sein. Ich habe gerade nur davon geredet, wonach sich beide manchmal besonders sehnen und was besonders nötig ist. Rücksichtnahme, Wahrhaftigkeit, eigenständiges Denken, Gerechtigkeit und Bereitschaft zum Verzeihen und dazu, die eigenen Fehler und Sünden zuzugeben, tut den Rest. Und vielleicht ein bisschen Humor.

Unter- und Überordnung:

Nach der katholischen Lehre (die einfach aus der Bibel folgt) ist es eine Tatsache, dass der Mann das Familienoberhaupt ist und die Frau ihm eine gewisse Unterordnung und einen gewissen Gehorsam schuldet. Das gilt nicht bei missbräuchlichen, völlig blödsinnigen, klar schädlichen oder sündhaften Befehlen (wie immer); aber grundsätzlich gilt es schon. Häufig wird man Kompromisse finden, aber im Zweifelsfall hat der Mann das letzte Wort, und er trägt die Gesamtverantwortung für die Familie.

Dein Freund oder Verlobter ist noch nicht dein Mann; ihm schuldest du noch keinen Gehorsam. Aber jetzt ist die Zeit, auszutesten, ob er jemand ist, dem du genug vertrauen könntest, um ihm für die Zukunft Gehorsam zu versprechen. Gehorsam bei wichtigeren Dingen könnte z. B. in solchen Fällen ins Spiel kommen:

  • „Auch wenn du meinst, dass du dich bei einer Hausgeburt wohler fühlen würdest und du zu Recht Vorbehalte gegen manche Ärzte hast, ich erlaube dir das nicht: Du gehst zur Geburt ins Krankenhaus. Wenn etwas schief geht und es für dich und unser Kind um Leben und Tod geht, muss sofort ein Arzt da sein. Ich versuche trotzdem, dir das so angenehm wie möglich zu machen.“
  • „Ich weiß, du würdest lieber hier wohnen bleiben, weil deine Familie in der Nähe ist, aber hier wird es mit der Kriminalität wirklich zu schlimm, und da und da haben wir eine gute katholische Schule, wenn unser Kind nächstes Jahr eingeschult wird. Das ist für unsere Kinder jetzt wichtiger, also werden wir umziehen.“
  • „Deine Mutter behandelt dich ständig schlecht, mischt sich in alle unsere Angelegenheiten ein und ist auch kein guter Einfluss für unsere Kinder. Beschränke den Kontakt mit ihr endlich auf das Nötigste. Wenn du ihr nicht sagst, dass sie uns nicht mehr jedes Wochenende besuchen soll, sage ich es ihr.“

Könnte ich ihm vertrauen, dass er genug gesunden Menschenverstand hat? Meine Belange und Einwände ausreichend in Betracht zieht? Feste Entscheidungen treffen kann, statt ständig in seinen Meinungen zu schwanken? Das Beste für mich will und Gott an die erste Stelle setzt? Er muss nicht perfekt sein, aber im Großen und Ganzen sollte er vernünftig und gerecht sein.

Umgekehrt darf auch der Mann schauen: Kann sie kluge Ratschläge geben? Mir sagen, wenn ich etwas falsch mache? Aber auch Kompromisse eingehen, und im Zweifelsfall mal meine Meinung akzeptieren? Kaum ein Mann wird eine Frau ohne eigene Meinung wollen, aber es ist legitim, eine haben zu wollen, die nicht immer Recht behalten muss.

Attraktivität:

Oberflächliche Attraktivität ist nicht alles – ja, es kommt tatsächlich auf die inneren Werte an. Aber wir alle finden es leichter, jemanden und dessen innere Werte näher kennenzulernen, wenn er oder sie auf den ersten Blick attraktiv wirkt. Sowohl Männer als auch Frauen haben sowohl ihre ererbten Instinkte als auch die Fähigkeit zum vernünftigen Denken und dazu, mal über diese Instinkte hinwegzusehen; beides muss man in Betracht ziehen.

Übergewicht, vor allem starkes Übergewicht, ist das Unattraktivste, und das kann fast jeder verlieren, der nicht gerade spezielle Medikamente nimmt oder Krankheiten hat. (Und wenn letzteres auf jemanden zutrifft, ist es gut, wenn er offen damit umgeht.) Dann noch ein anständiger Haarschnitt, normale ordentliche Kleidung und gute Körperhygiene, und die meisten Leute werden zumindest durchschnittlich und ok aussehen. Auch schlechte Zähne und schlechte Haut lassen sich zumindest meistens bis zu einem gewissen Grad verbessern. Und ein solches durchschnittliches, gepflegtes, normales Aussehen sollte für andere Leute, die nicht zu oberflächlich sind, auch genügen. Bonus: Vor allem Männer sehen noch besser aus, wenn sie öfter Sport machen (das zeigt sich nicht nur an den Armmuskeln, sondern auch am Gesicht), und bei Frauen dürfte Weiblichkeit attraktiv sein, also z. B. lange Haare oder Flechtfrisur und Röcke, aber kein trashiges Aussehen – er sollte nicht das Gefühl haben, dass sie allen Männern ihre Reize präsentiert. Und in gewisser Weise zeigt das auch ein paar innere Werte, zumindest Sekundärtugenden – dass man sich anstrengen kann, dass man sich nicht gehen lässt, dass man es mit der Eitelkeit aber nicht übertreibt.

Freilich: Gerade wenn man selber eher durchschnittlich oder unterdurchschnittlich attraktiv ist, braucht man auch beim Partner nicht übermäßig anspruchsvoll zu sein. Man wünscht sich, dass der andere einen so akzeptiert, wie man ist; also sollte man mit gutem Beispiel vorangehen. Es ist auch ok, wenn man sich in dieser Hinsicht mit jemandem „zufrieden gibt“, wenn die Freunde einem sagen, dass man vielleicht „noch was Besseres hätte finden können“. (Das ist auch keine Beleidigung des anderen, wenn man sich selber denkt, dass man sich mit ihm zufrieden gibt, obwohl man noch was Besseres hätte finden können. Vielleicht denkt sich der andere auch, er gibt sich mit einem zufrieden – und ein bisschen Demut schadet keinem.)

Auch durch seine Handlungen und Leistungen wirkt man attraktiv. Die Männer legen anscheinend gar nicht so viel Wert auf erfolgreiche Frauen; aber christliche Frauen werden sich eher zu Männern hingezogen fühlen, die schon einen guten Job haben oder in absehbarer Zeit einen haben werden, als zu solchen, die schon das dritte Studium abgebrochen haben und ihr Leben einfach nicht auf die Reihe bekommen. Es ist nun mal unser Ideal, dass der Mann die Familie versorgt, und die Frau sich um Haushalt und mehrere Kinder kümmern kann; da ist es normal, dass man jemanden mag, mit dem dieses Ideal leichter möglich ist. Natürlich: Man sollte als Frau auch nicht Männer ausschließen, die vielleicht einen schlechter bezahlten Job haben, sodass man selber noch Teilzeit arbeiten müsste oder sich kein eigenes Haus leisten könnte und Wohngeld beantragen müsste o. Ä. Wir sind auch nicht zu erhaben für einen Müllmann oder eine Putzkraft. Und es wird nun mal zurzeit schwieriger, eine große Familie mit einem Gehalt zu ernähren, dafür können die Männer nichts. Man sollte als Frau auch auf seinen Teil vorbereitet sein, und zu einem selbstständigen und verantwortungsbewussten Menschen werden – sich mit Haushalt und Finanzen auskennen, eine sinnvolle Ausbildung machen, mit der man zum Familieneinkommen beitragen könnte, sich ein bisschen mit Babies auskennen, vielleicht schon wissen, wie NFP geht, o. Ä.

Tipps für Männer: Aufmerksam sein! Wenn man sie fragt „wie geht es dir“ und sie antwortet „na ja, passt schon“ – lieber noch mal nachfragen, ob das denn heißt, dass es ihr nicht so wirklich gut geht. Und wenn sie in der Woche zuvor erzählt hat, womit sie beschäftigt ist, ruhig noch mal fragen, wie es inzwischen damit läuft. Frauen schätzen Aufmerksamkeit. Sie schätzen es auch, wenn ein Mann besonders zuvorkommend ist und z. B. die Tür aufhält. Sie erwarten solche Gesten nicht mehr unbedingt – was logisch ist, da Feministinnen Männer dafür anzicken -, und wenn es jemand dann trotzdem tut, sind sie freudig überrascht. Außerdem: Am Anfang Geduld für Small Talk haben. Und noch ein Tipp: Frauen unterschätzen manchmal, dass auch Männer, die 1,75 m groß und nicht arg trainiert sind, merklich stärker sind als sie, weil sie das letzte Mal in der Grundschule mit vorpubertären Jungs ihre Kräfte gemessen haben. Wenn man ein Mädchen beeindrucken will, kann man ihr z. B. mal spaßeshalber anbieten, mit ihr Armdrücken zu machen. (Aber nicht auf allzu angeberische Weise!) Es ist gut möglich, dass sie einen dann gleich ein gutes Stück attraktiver findet, weil sie plötzlich den Eindruck hat, dass der sie wirklich beschützen könnte.

Tipps für Frauen: Männer bekommen oft nicht viele Komplimente und auch nicht immer viel Bestärkung. Starke Männerfreundschaften sind seltener geworden, weil irgendwie des Schwulseins verdächtig, und weil es nicht mehr so viele reine Männergruppen gibt, in denen sie sich entwickeln können. Ein ehrliches Kompliment kann einem Mann wirklich guttun. Wichtig: Ehrliche Komplimente, die man hundertprozentig unterschreiben kann, keine netten Worte, die man nicht so meint. Es kann ihm auch sehr guttun, wenn man ihm einfach mal zuhört, wenn er über seine Interessen redet, Männer fachsimpeln gern – und ein halbstündiger Vortrag über mittelalterlichen Burgenbau kann sehr interessant sein.

Es gibt diesen Dating-„Markt“, auf dem man seine Chancen maximieren kann, das ist eben so. Aber das ist zumindest nicht allzu schlimm, solange gewisse Regeln gelten – vor allem, dass mit offenen Karten gespielt wird, jeder nur einen Partner bekommt, und man den später nicht mehr eintauschen kann.

Nicht verzagen:

Man muss nicht gleich mit 20 heiraten, auch wenn das schön ist. Mit 27 reicht es auch noch, oder mit 32. Es ist auch nicht schlimm, wenn man schon 39 ist; auch wenn man seinen Stammbaum durchgeht, wird man die ein oder andere Ururgroßmutter finden, die das getan hat. Und wenn man gar keinen findet – na ja, schon ziemlich viele einsame Junggesellen und alte Jungfern sind uns in den Himmel vorausgegangen, wo es kein Heiraten mehr geben wird. Am Ende ist doch Gott allein das Wichtigste. (Das ist so, auch wenn es klischeehaft klingt.)

Die Grundfehler der Moderne

Es gibt gewisse Grundsätze, die vielen falschen Ideologien zugrundeliegen, und die sich irgendwie im Kopf der Leute vermischen und als unbemerkte Axiome wieder auftauchen, als wären sie völlig selbstverständliche Fakten. Heute – bzw. seit 200 bis 300 Jahren – sind das meistens folgende:

  • Der Relativismus: Man ist gegen die Realität; man glaubt, sich die Welt selbst machen zu können. „Wenn das für dich so ist, dann ist es so“, „jedem seine Wahrheit“. Dabei funktioniert die Welt gerade nicht so. Sie tritt einem entgegen, ob man es will oder nicht, und man muss mit ihr klarkommen. Natürlich kann man seine Einstellung zu ihr ändern, aber auch die eigene Einstellung ist eine objektive Sache, nur eben eine, die man selbst im Griff hat, und sie sollte sich danach richten, ob man an der Welt wirklich etwas Gutes oder etwas Schlechtes bemerken kann. Die Wirklichkeit pfeift darauf, was man über sie denkt, sie ist einfach da; und sie rächt sich, wenn man sich über sie belügt und die falsche Einstellung zu ihr hat. Man muss natürlich mit Menschen mit anderen Einstellungen klarkommen, aber das ist so, wie man mit Unfällen klarkommen muss; Uneinigkeit über die Wahrheit wird deshalb nicht gut, und manche Konflikte lassen sich auch nicht vermeiden. Geeintsein in der Wahrheit ist das, wonach man streben muss.
  • Der Egalitarismus: Man setzt Gerechtigkeit mit Gleichheit gleich; wenn es in der Welt keine Gleichheit gibt, muss man sie zwangsweise herstellen. Dabei erfordert Gerechtigkeit oft keine Gleichheit, sondern eher „suum cuique“ („jedem das Seine“; im Lateinersinne); und solange alle genug haben, können auch manche mehr als genug haben.
  • Der Liberalismus: Man sieht die Menschen als Einzelwesen, die evtl. zusammenkommen, wobei jeder so gut wie möglich seine Unabhängigkeit bewahren soll, nicht als soziale Wesen, die von Anfang an zu einer Gemeinschaft gehören. Dabei wird kein Mensch ohne andere Menschen geboren, und kein neugeborener Mensch kann ohne andere überleben.
  • Der Humanismus: Man glaubt, dass der Mensch sich im Grund selbst gehört. Der Mensch hat in dieser Sicht keinen höheren Zweck. Er soll freilich anderen nicht schaden und seine Umgebung nicht weiter weiter stören, aber soll ansonsten einfach machen, was er will. Vielleicht soll er seine Fähigkeiten zur Entfaltung bringen, aber dabei ist er selbst im Zentrum. Dabei haben wir alle Fähigkeiten nur von Gott und hängen beständig von Ihm ab. Im Grunde genommen muss jemand, der in diesem Sinne Humanist ist, bald sehr zynisch und enttäuscht werden; denn oft genug sind wir Menschen einfach erbärmlich. Aber trotzdem liebt Gott uns eben, und mit seiner Hilfe können wir groß werden, wenn wir uns auf Ihn und andere ausrichten. Der Mensch wird wirklich groß, wenn er sich selbst vergisst und auf etwas außerhalb seiner selbst ausrichtet. Typisch für diese Sorte Humanismus ist auch, dass man nichts dagegen hat, wenn Menschen sich selbst schaden – sollen sie doch. Dabei schuldet man die Liebe auch sich selbst, weil das gut ist, und weil man nicht nur für sich selbst, sondern auch für Gott und die anderen lebt.
  • Der Nihilismus oder universale Pessimismus (ganz klar zu unterscheiden vom alltäglichen Pessimismus): Man geht irgendwie davon aus, dass das Böse und das Nichts wirklicher, tiefer seien als das Gute und das Sein, und gibt sich dabei als zynischer Realist. Dabei ist genau das Gegenteil logisch zwingend. Das Böse ist immer nur ein Mangel oder eine Verdrehung; es kann nicht in sich selber bestehen. Eine Krankheit existiert nicht für sich [auch ein Bakterium ist ja nicht die Krankheit], sondern ein gutes Wesen wird von einer Krankheit befallen. Eine böse Tat wird nicht getan, weil sie böse ist, sondern weil sie Nutzen oder Freude (also etwas Gutes) bringen soll. Das Böse ist immer nur parasitär am Guten; das Gute ist das Ursprüngliche, das sich also auch am Ende durchsetzen muss.
  • Der Materialismus: Das Materielle wird irgendwie als realer und auf jeden Fall vorrangiger gesehen als das Geistige. Dabei gibt es keinen Anlass dafür. Nur das Leben und der Geist ermöglichen es überhaupt, materialistische Gedanken zu haben.

Mit anderen Worten: Es geht vor allem darum, sich selbst zu belügen und Gott zu vergessen. Das alles zeigt sich in sehr vielen Facetten, aber am deutlichsten wahrscheinlich in der Haltung zum Tod. Er wird irgendwie möglichst ignoriert, und die Vorstellungen, was danach kommt (wenn man sich mal diese Frage stellt), sind sehr vage – wenn du meinst, du wirst auf diese und jene Weise weiterleben, dann, schön, dann ist das für dich so, oder wenn du meinst, danach kommt nichts mehr, auch gut – und irgendwie hat ja alles eh keinen Sinn.

Aber wenn man auf diese Fehler achtet, kann man viele weitere Fehlschlüsse meiden.

Vorfreude auf den Himmel

Es gibt solche Tage – zum Beispiel einen schönen Sonntagmorgen im Sommer, wenn man umgeben von lauter lieben Menschen zur Messe geht und dann den Herrn in der hl. Kommunion empfängt -, da ist man einfach glücklich und fröhlich und geborgen, und denkt sich: Wie schön muss das erst im Himmel sein.

Ich bin mittlerweile so weit, dass ich weniger Angst vor Gott habe und mehr Vorfreude auf den Himmel, jedenfalls viel mehr als früher. Er meint es ja wirklich gut mit uns, und wir haben uns Ihm angeschlossen. Im Himmel werden wir Ihn wirklich sehen, wie Er ist, dann wird alles Fragen vorbei sein. Und ich denke mal, dass wir (auch wenn das eine ziemlich nebensächliche Angelegenheit im Vergleich dazu sein wird, Gott zu sehen) uns alle gegenseitig in Gott sehen werden, wie wir sind. Da wird man dann plötzlich sehen, wer alles für einen gebetet hat, oder was für Früchte die eigenen Gebete getragen haben. Da wird man sich wiedererkennen und endlich wirklich verstehen. Die schönen Momente hier unten sind nur ein Vorgeschmack, da erhascht man einen Blick auf die große Wirklichkeit, die wirklicher ist als das alles.

Ich habe nicht das Gnadenprivileg, oft besondere Hochgefühle beim Gebet zu erleben, und bin im inneren Gebet sowieso sehr ungeübt (das muss sich ändern). Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass Gott mir etwas zeigt oder sagen will. Jesus, wie Er in der Hostie bei uns ist, das hat so etwas von friedlichem, schlichtem, verborgenem Schweigen und Warten. Und wenn man eine Kuhweide im Abendlicht und den Waldrand dahinter sieht, dann denkt man sich etwas Ähnliches: Gott hält ruhig seine Hand darüber und lässt die Dinge wachsen.

Und wir müssen auch nur noch etwas Geduld haben, bis wir dann schließlich im Himmel sind und die Vollendung all dieser Dinge sehen.

John Everett Millais, Das Tal der Stille.

Gottesliebe und Gottes Liebe

Eins der ewigen Probleme für manche Christen ist: Man kann sich Gottes Liebe für einen nicht direkt vorstellen. Man fragt sich, wie Gott über einen denkt; man will sich gegenüber Gott nicht zu viel herausnehmen; man hat Angst vor Gott; man hat das Gefühl, man würde es Ihm nie recht machen können. Deshalb mal ein paar Gedanken dazu, damit man es sich besser vorstellen kann:

  • Die meisten Menschen haben schon andere Menschen, die es ehrlich gut mit ihnen meinen, ihnen zumindest in gewissem Maß helfen, meistens vor allem die Familie. Und selbst wer von Menschen misshandelt oder verlassen ist, kann darauf zählen, dass die Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, für alle Menschen zu beten oder ihnen Gutes zu tun, z. B. Nonnen, auch für sie beten und ihnen ggf. helfen würden. Und auch man selber kann sich in der Situation immer sagen: Auch ich will manchmal anderen Menschen Gutes und helfe ihnen, zumindest ein wenig. Nun könnte aber kein Mensch auch nur annähernd so wohlwollend und interessiert an anderen Menschen sein, wie Gott es ist; also muss Gott uns wirklich in extremem Maß Gutes wollen und sich für uns interessieren. „Oder ist wohl ein Mensch unter euch, der seinem Sohne, wenn er um Brot bäte, einen Stein darreichen wird? Oder wenn er um einen Fisch bäte, wird er ihm etwa eine Schlange darreichen? Wenn nun ihr, obgleich ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset; wie viel mehr wird euer Vater, der im Himmel ist, denen Gutes geben, die ihn bitten?“ (Mt 7,9-11)
  • Liebe bedeutet grundsätzlich Wohlwollen (und Interesse, Beziehung, Vereinigung); Gott will wirklich, dass es uns am Ende gut geht; wenn Er jetzt Schlechtes für uns zulässt, hat das einen Grund und Er wird es am Ende vielfach wieder gutmachen. Wenn wir erst einmal im Himmel sind, wird alles Schlechte vergangen sein, das Leben wird ein einziger ewiger Moment der reinsten Glückseligkeit sein, die wir uns jetzt gar nicht vorstellen können.
  • Wenn man jetzt in diesem Moment existiert, heißt das, dass Gott einen jetzt in diesem Moment aktiv im Dasein hält und an einen denkt; sonst würde man wieder zu nichts werden.
  • Gott sieht einen gerne an und freut sich an einem, zumindest an den guten Eigenschaften, die man hat, und die hat jeder. Wir sind eben Seine geliebten Kinder. Er freut sich darüber, wenn man anderen etwas Gutes tut oder an Ihn denkt; Er freut sich auch an den moralisch neutralen guten Eigenschaften, die man hat, z. B. dass er einem schöne Augen oder einen klaren Verstand gegeben hat. Vielleicht hat man wenig großartige Eigenschaften, ist von Natur aus unintelligent, unsportlich, wankelmütig und unsicher. Aber dann wird Gott sich gerade darüber freuen, wie man sich trotz dieser schlechten Ausgangssituation bemüht.
  • Gott ist uns auch nicht böse, wenn wir zwischendurch mal entspannen müssen; Er sieht es gern, wenn wir auch mal Spaß haben. Natürlich will Er keine gleichgültigen Kinder, die sich vor allem um sich selber kümmern; Er ist stolz, wenn wir etwas für andere opfern, wie Eltern stolz sind, wenn ihre Söhne in einem gerechten Krieg für den Schutz anderer kämpfen (was diesen Eltern aber natürlich trotzdem weh tut; so würde auch Gott unsere Leiden nicht zulassen, wenn es nicht nötig wäre); aber Er will wirklich dass es einem gut geht, und das gehört auch mal dazu. Man sieht auch das wieder an sich selber: Wenn man z. B. mal einem Freund, der nicht viel Geld hat, zum Geburtstag ein größeres Geldgeschenk macht, will man auch nicht, dass er sich verpflichtet fühlt, damit wieder was für andere zu tun, sondern man will einfach, dass er sich damit mal was gönnt. So will auch Gott, dass wir mal Spaß haben, und dass wir uns an schönen Dingen freuen; auch an solchen scheinbar kleinen Dingen wie dem Blühen von Buschwindröschen und grünen Buchen im Mai. Natürlich will Er auch, dass wir uns an solchen Dingen freuen, die langfristig gut tun und erst mal anstrengend wirken können, z. B. dem Gebet, und ist auch stolz, wenn wir Spaß aufgeben, aber Er ist uns deswegen nicht böse, und Er bietet uns auch immer wieder solche kleinen Geschenke.
  • Keiner hat es wirklich „verdient“, zu Gott zu kommen, aber Er selbst befiehlt es uns.
  • Zu Liebe gehört Zärtlichkeit und Milde. Gott will zärtlich und sanft und geduldig mit uns sein.
  • Gott hat für jeden Menschen eineneigenen Schutzengel, einen mächtigen Geist, abgestellt, der einen an Leib und Seele beschützt.
  • Gott sieht uns, wie wir sind; d. h. Er macht sich nichts vor, wenn Er bei uns Lustlosigkeit oder Selbstsucht oder verletzten Stolz sieht, aber Er sieht auch jeden guten Entschluss, jedes gute Motiv, jede Bemühung.

Aber dann denkt man sich wieder: Ok, Gott mag mich lieben, aber ich erwidere Seine Liebe nicht so besonders gut. Daher:

Man muss sehr gut unterscheiden zwischen Todsünden, lässlichen Sünden und Unvollkommenheiten. Eine Todsünde ist eine Sünde in wichtiger Sache mit vollem Wissen und Willen; damit zerstört man die Liebe in einem. Es ist nicht so, dass Todsünden kaum je in der Welt vorkommen würden, aber die meisten Christen werden auch keine fünf Todsünden pro Tag begehen. Eine lässliche Sünde ist eine Sünde in geringfügiger Sache (auch mit Wissen und Willen) oder eine Sünde in wichtiger Sache ohne vollen Wissen und Willen. Eine Unvollkommenheit ist überhaupt keine Sünde; sie bedeutet eher, sich bei zwei nicht sündhaften Dingen für das weniger Vorbildhafte zu entscheiden; dass man es hätte noch besser machen können, aber nicht gemacht hat, dabei aber auch keine Pflicht verletzt hat.

Gott zu lieben heißt zunächst mal: Sich für Ihn zu entscheiden, wenn es zu einem wichtigen Konflikt zwischen Ihm und etwas anderem kommt, und den Kontakt zu Ihm nicht abzubrechen.

Gott ist ein Vater. Wenn man dem Vater den Tod wünscht oder seine Geschwister ständig auf boshafte Weise mobbt oder sich monatelang nicht meldet, zerstört man das Verhältnis zum Vater (Todsünde). Wenn man im Umgang mit ihm ab und zu ungerechtfertigterweise ungeduldig oder leicht verärgert ist, belastet man das Verhältnis ein bisschen, aber es ist definitiv nicht zerstört (lässliche Sünde). Und wenn man ihm kurz vor Weihnachten ein gewöhnliches Geschenk kauft, obwohl man sich auch monatelang vorher Gedanken hätte machen können und ihm ein absolut passgenaues Geschenk hätte machen können, freut er sich auch über das normale Geschenk und trägt einem nichts nach, weil man es noch hätte besser machen können (Unvollkommenheit). Anderes Beispiel für eine Unvollkommenheit: Wenn der Vater einem aufträgt, die Küche aufzuräumen und man tut genau das, freut er sich darüber. Wenn man die Küche aufräumt und einem dabei auffällt, dass auch mal das Zeug in der Ramschschublade dringend sortiert werden müsste, und man auch das noch tut, dann freut er sich noch mehr. Aber er würde es einem niemals nachtragen, das nicht getan zu haben.

Auch dass die Heiligen so viel besser waren als wir, muss uns nicht beunruhigen. Nehmen wir an, ein sehr guter, liebender Vater hat zwei Kinder. Das eine ruft ihn einmal in der Woche an, besucht ihn, wenn er im Krankenhaus liegt, zieht ihn in wichtigen Sachen zurate, schenkt ihm zum Vatertag einen Restaurantgutschein, ist ab und zu aber auch unfreundlich zu ihm ist und redet sich bei Familientreffen, auf die es keine Lust hat, gelegentlich heraus, und hatte schon einmal ein schweres Zerwürfnis mit ihm, weil es alkoholsüchtig war; das ist jetzt aber vorbei und es hat ehrlich um Verzeihung gebeten und sich mit der Familie wieder ausgesöhnt. Das andere wohnt noch bei ihm und nimmt ihm immer wieder, auch ohne gebeten zu werden, kleine Arbeiten ab, bei denen es merkt, dass sie ihm schwerfallen, will ihm immer wieder eine besondere Freude machen und organisiert daher z. B. überraschend einen Besuch seiner alten Freunde, ist immer rücksichtsvoll und ehrlich, ist nie beleidigt oder mürrisch, wenn es dem Vater etwas helfen muss, und vertraut ihm sehr vieles an. Da hat der Vater sicher ein innigeres Verhältnis zu dem zweiten Kind, aber er würde definitiv nicht auf die Idee kommen, den Kontakt mit dem ersten Kind abzubrechen und es aus der Familie zu verstoßen. Und das erste Kind muss sich auch nicht schuldig fühlen. (Erst recht wäre es schlecht, wenn das erste Kind dann dem zweiten Kind wegen seiner Gutheit und Vorbildhaftigkeit böse wäre, weil es nicht wollte, dass ein anderer besser ist als es selbst; das wäre wirklich eine Sünde. Man soll seine schlechten Eigenschaften und vergangenen Taten nicht hinwegreden, sondern einfach die bewundern, die es besser machen, und ihnen ab und zu auch nacheifern, und zumindest das Minimum erfüllen.)

Es ist angemessen, immer mehr und mehr für Gott tun zu wollen, weil Er so unendlich gut ist, aber um sich nicht von Ihm zu trennen genügt ein gewisses Minimum (das nicht total minimal ist, aber definitiv zu schaffen).

Gott wird von einem letzlich immer eine gewisse Buße und Sühne für seine Sünden wollen – wie auch der Vater, wenn man fahrlässig sein Auto zu Schrott gefahren hat, von einem wollen wird, dass man es ersetzt, auch wenn man um Verzeihung gebeten und sie erhalten hat. Aber Er gibt sich oft schon mit wenig zufrieden, und auch während man noch dabei ist, die Buße zu erfüllen, ist das Verhältnis schon wieder hergestellt.

Und Gott lässt sich, wenn man um Verzeihung bittet, nicht erst ewig bitten. Hier ist wichtig zu wissen: Liebesreue (vollkommene Reue) sorgt dafür, dass die Sünden schon vergeben werden, bevor man sie dann wirklich in der Beichte bekennt. Zur Liebesreue gehört: die innere Zerknirschung bzw. Abwendung von der Sünde, weil man damit den liebenden guten und gerechten Gott verachtet hat (das muss nicht gefühlsmäßig sein, es kommt auf den Willen an; Gefühle kann man nicht immer lenken), und der ehrliche Vorsatz, zumindest Todsünden nicht mehr zu begehen und sich von den nächsten Gelegenheiten zu Todsünden fern zu halten, und die begangene Todsünde in der Zukunft noch zu beichten (man muss sich nicht vornehmen, sie bei nächster Gelegenheit zu beichten, auch wenn das natürlich gut ist). Wenn Nichtkatholiken, z. B. einem anständigen Lutheraner, nicht bewusst ist, dass die Beichte wirklich etwas von Gott Gewolltes ist, können sie auch nur durch Liebesreue ohne bewussten Vorsatz zur Beichte die Sünden loswerden – man geht ja davon aus, dass sie, wenn ihnen das bewusst wäre, auch zur Beichte gehen würden, weil sie grundsätzlich Gott gehorchen wollen. Wenn man es nicht schafft, sich auch von lässlichen Sünden loszusagen, kann man trotzdem Reue für seine Todsünden haben und das grundlegende Verhältnis mit Gott wiederherstellen. Die Liebesreue kann auch noch mit Furcht vor Gottes Strafe vermischt sein, oder mit dem Wissen, dass man wahrscheinlich dieselbe Sünde wieder begehen wird; sie muss einfach trotzdem ehrlich gemeint sein. Und in der Beichte genügt selbst die Furchtreue, die eher zum großen Teil aus der Furcht vor Gottes gerechter Strafe hervorgeht, für die Vergebung; sie ist schon mal ein Anfang. „Gott ist mehr bereit, einem reuigen Sünder zu verzeihen, als eine Mutter, ihr Kind aus dem Feuer zu retten.“ (Hl. Pfarrer von Ars)

Gott will wirklich jeden Menschen retten und gibt ihm eine Chance. Man kann sich auch ansehen, wie Jesus mit den Leuten um Ihn herum geredet hat. Manchmal musste Er die Apostel zurechtweisen, auch hart zurechtweisen, aber dann war es wieder gut. Er war weiterhin geduldig mit ihnen und hat sie langsam an ihre Aufgabe herangeführt. Auf die Sünder wie Zachäus ist Er selber zugegangen und hat ihnen nicht ewig etwas vorgehalten, nachdem sie dann grundsätzlich Reue gezeigt hatten.

Wenn man bei manchen Heiligen sehr strenge Warnungen liest, kann es sein, dass man hier sagen muss: Ok, sie wollten eben lieber zu viel warnen, zu streng sein, als zu wenig, um die Leute sicher in den Himmel zu bringen – aber das kann eben auch mutlos machen. (Ich behaupte auch nicht, da die perfekte Balance gefunden zu haben, ich halte nur einfach die Gefahr der Mutlosigkeit für manche heute in unseren Kreisen relativ groß.) Und manchmal hatten diese Heiligen auch wirklich schlechte Zustände vor Augen, z. B. als Prediger an einem Fürstenhof mit viel Korruption, Machtstreben und Unzucht.

Gott hat Seine Gründe für alles, für wirklich alles. Am Ende wird alles gut sein, alles. Gott ist die überströmende Liebe; Er will uns trösten und zärtlich umarmen und uns vollkommen glücklich machen. „Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen trocknen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist dahingegangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,4f.)

Zum Verständnis des Mittelalters

Ich habe den Eindruck, viele Menschen verstehen einfach nicht, wie mittelalterliche Christen über ihr Christentum gedacht haben, wie die so engstirnig sein konnten, sich wegen theologischer Fragen die Köpfe einzuschlagen. Daher mal ein Vergleich:

Für die Europäer des Mittelalters und der frühen Neuzeit war das Christentum etwa das, was für Europäer der späten Neuzeit die Demokratie ist. D. h. eine völlig selbstverständliche Grundlage für das gesellschaftliche Leben – bzw. im Fall des Christentums eigentlich noch wesentlich mehr, nämlich auch eine Grundlage für das private Leben, und zwar über den Tod hinaus.

Die paar (zunächst) noch im eigenen Land verbliebenen Heiden sah man so, wie man heute die paar noch verbliebenen Monarchisten sieht: Eine winzige kuriose Minderheit von Spinnern, deren Argumente man nicht mal anhören muss, weil sie sowieso nur dumm sein können. Wie kann jemand nur gegen Demokratie sein? Offensichtlich muss er für Tyrannei, Unterdrückung, Rechtlosigkeit sein. Wie kann jemand nur gegen Christus sein? Offensichtlich muss er ein gottloser Frevler sein. [Hier hatten die damaligen Christen natürlich viel eher Recht als die heutigen Demokraten.*]

Die Heiden (Polytheisten, Muslime) im Ausland sah man so, wie man heute die Taliban oder die Saudis sieht: Fremdartig, bedrohlich, ab und zu vielleicht interessant-exotisch, auf jeden Fall aber völlig irre und auch ziemlich grausam; ihre Opfer/Untertanen können einem nur leid tun.

Die Ketzer im eigenen Land sah man so, wie man heute sog. Extremisten, z. B. Neonazis, sieht: Gefährlich und entweder dumm oder böse oder beides, Sektierer, die die Menschen verführen. Die Ketzer währenddessen leugneten, dass sie selber Ketzer wären; im Gegenteil, sie hätten das wahre Christentum entdeckt – ungefähr so, wie Linksextreme behaupten, der Sozialismus wäre die wahre Demokratie. Die sozialistischen Länder (vor allem vor 1990) kann man etwa mit den protestantischen Ländern in der frühen Neuzeit vergleichen: Eine neue Lehre hatte sich mancherorts durchgesetzt und behauptete weiterhin, die einzig wahre Verwirklichung von Demokratie bzw. Christentum zu sein, viel besser als dieser Kapitalismus-Faschismus bzw. dieser Antichrist-Papst.

In der Außenpolitik gegenüber nichteuropäischen Ländern sah man sich selbstverständlich als Vertreter der Christenheit (des demokratischen Westens), und das war auch bei eher skrupellosen, weltlich denkenden Politikern nicht unbedingt Heuchelei, sondern ein völlig selbstverständlicher Glaube. Natürlich sollten auch andere Länder früher oder später erkennen müssen, dass sie das Christentum (die Demokratie) zu ihrem eigenen Nutzen annehmen müssten; natürlich versucht man sie dahingehend zu beeinflussen, lehrt das auch den ausländischen Schülern und Studenten und sonstigen Einwanderern, die ins eigene Land kommen, und erwartet, dass sie sich dahingehend integrieren. Jeder vernünftige Mensch sieht das doch ein, sobald er es nur entsprechend präsentiert bekommt. Wie die heutigen Reaktionen auf unintegrierbare strenge Muslime variieren (Polen verhält sich anders als Schweden usw.), variierten auch die damaligen Reaktionen auf unintegrierbare strenge Muslime (Spanien wies sie irgendwann aus, die Kreuzfahrerstaaten konnten gar nicht anders, als die vergleichsweise große muslimische Bevölkerung zu tolerieren).

Man sah es nicht als persönliches Verdienst an, an Christus (an die Demokratie) zu glauben, das tun doch sowieso alle normalen Menschen; und man konnte sich mit den anderen Menschen, die diese Grundsätze teilen, trotzdem noch um alles mögliche streiten und sich gegenseitig spinnefeind sein. Und auch, wenn man sich selber so verhält, wie es dem Christentum eigentlich widerspricht, gibt man nicht bewusst das Christentum auf, sondern sucht noch nach Gründen, sein Handeln doch als christlich hinzustellen – so, wie heutige Politiker, die ihnen unangenehme Wahlergebnisse am liebsten rückgängig machen wollen, auch nicht gegen die Demokratie wettern, sondern behaupten, solche Wahlergebnisse wären „undemokratisch“ und durch illegitime Beeinflussung entstanden, und außerdem würden die Gewählten in Wirklichkeit die Demokratie abschaffen wollen.

Wenn man Opfer eines Verbrechens durch andere Christen oder gar Kleriker wurde, beeinflusste das die Meinung über das System Kirche etwa so, wie es bei heutigen Leuten die Sicht auf das System Demokratie beeinflusst, wenn sie Opfer eines Verbrechens durch andere Personen werden, die an die Demokratie glauben oder gar im Stadtrat oder Bundestag sitzen.

Die Behauptung „Der Staat sollte religiös neutral sein“ hätte für mittelalterliche Christen etwa so viel Sinn gemacht wie für heutige Durchschnittsmenschen die Behauptung „die Gesellschaft sollte politisch neutral sein und sich nicht von demokratischen Ideen wie Selbstregierung und Mehrheitsentscheidungen beeinflussen lassen“.

Und mal ehrlich: Die Wahrheit über Gott und die Welt ist doch tatsächlich wesentlich wichtiger als ein bloßes System dafür, die zeitlichen Herrscher eines Landes zu bestimmen.

*Das Problem bei den meisten heutigen Demokraten ist, dass sie Wahlen nicht als ein mögliches legitimes System zur Bestimmung der Herrscher sehen, sondern als das einzig legitime System, weil das Volk sich eigentlich selbst regieren sollte. Dabei übersieht man, dass das Volk sich nie wirklich selbst regiert; eine reine Demokratie kann es nicht geben, sondern bloß demokratische Elemente in einem Staat, wobei Volksabstimmungen mehr von Demokratie haben als Parlamentswahlen. Bei der Bestimmung der Herrscher sollte es nun darum gehen, bei welchem System am meisten einigermaßen gute und am wenigsten wirklich schlechte Herrscher herauskommen. Und hier kann man jetzt vergleichen, was zu welchen Ergebnissen führt: Der Zufall der Erbfolge; Parteiintrigen und anschließende Wahlen, bei denen man sich zwischen den zwei oder drei innerparteilichen Siegern entscheiden kann; Wahlen ohne Beteiligung von Parteien; Losentscheid; oder meinetwegen zeremonieller Wettkampf mit den Disziplinen Schach und Speerwerfen. Ich bin mir nicht sicher, ob Parteienwahl immer für die besten Ergebnisse sorgt. Aber das ist hier nicht so wichtig; hier geht es nicht um Monarchismus vs. Republikanismus; und der Parteienparlamentarismus ist ein legitimes System, wenn auch nicht das einzige legitime System.

Freut euch und jubelt!

Der Papst wird Russland (und die Ukraine) dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen, wie es die Gottesmutter in Fatima 1917 von den Seherkindern Lucia, Jacinta und Francisco gewünscht hat, und wie es jetzt viele Katholiken wieder gewünscht haben; wahrscheinlich hat das inzwischen jeder mitbekommen. Das ist so ziemlich das Beste – und eins der wenigen guten Dinge überhaupt -, die seit 2013 aus Rom gekommen sind (und es zeigt auch, dass Gott noch die allerschlimmsten Kleriker wie diesen Papst zu seinen Werkzeugen machen kann). Ich freue mich schon wahnsinnig, und wahrscheinlich realisiere ich nicht mal wirklich, wie sehr ich mich freuen müsste; man realisiert so etwas kaum, wenn man mittendrin ist. Es musste zwar erst ein Krieg passieren – und davor eine Mehr-oder-weniger-Pandemie und ein paar halbe Diktaturen -, aber es wird passieren, Russland wird Maria geweiht werden.

Ja, schon Johannes Paul II. hat 1984 die Welt dem Herzen Mariens geweiht, und dabei im Stillen hinzugefügt: „insbesondere Russland“ (nur im Stillen aus diplomatischen Gründen). Und laut der Seherin Lucia hat der Himmel das anerkannt, und wenig später begann Gorbatschow mit „Glasnost und Perestroika“, der Ostblock brach zusammen, die Christenverfolgung dort hatte ein Ende, und viel Leid war vorbei. Das war extrem unerwartet, und lässt sich eigentlich nur durch ein Eingreifen des Himmels erklären.

Aber es ist doch noch einmal etwas anderes, ob man es noch einmal ganz ausdrücklich so macht, und jedes Bemühen, dem Wunsch Mariens besonders direkt zu folgen, und nicht aus diplomatischen Gründen zurückhaltend zu sein, wird der Himmel sicher gern sehen. Manche Leute sind jetzt schon wieder etwas pessimistisch, weil es auch wieder nicht genau so gemacht würde, wie Maria es wollte, aber ich denke, dass es vor dem Himmel sehr viel wert sein wird. Es ist groß angekündigt worden, sodass sämtliche Bischöfe die Gelegenheit haben, mitzumachen, und zwar unter ausdrücklicher Erwähnung Russlands; und die Hinzufügung der Ukraine bedeutet doch, eher mehr zu machen, als gefordert, nicht weniger?

Ich glaube, wir können von jetzt an ein bisschen optimistischer in die Zukunft sehen. Vielleicht ist es schon zu spät, um manches abzuwenden, vielleicht auch nicht; aber auf jeden Fall ist es eine gute Nachricht. Und hoffentlich wird es wenigstens der Ukraine bald den Frieden bringen.

Übrigens: Bischof Athanasius Schneider hat ein Novenengebet veröffentlicht, für das Anliegen, dass die Bischöfe alle mitmachen, und das Ganze auch wirkungsvoll ist – denn natürlich hängt die Wirkung auch von den Gebeten aller ab. Also ab heute jeden Tag bis zum nächsten Freitag beten:

PS: An dieser Stelle vielleicht noch eine Erklärung für nichtkatholische Mitleser, die sich fragen könnten, wieso Gott (durch seine Heiligen) Forderungen stellt, die man erst erfüllen muss, bevor er eingreift, und noch dazu Forderungen nach Gebeten an Ihn? Nun, ganz einfach: Gott will unsere Mitwirkung an allem, Er gibt uns Macht, wirklich etwas in dieser Welt zu bewirken, durch zwei Mittel, nämlich Taten und Gebet, und Er will, dass wir für die ganze Welt, besonders unsere Nächsten und unsere Feinde, beten, und sie Ihm anempfehlen. Und er fordert (in diesem Fall) nicht mal große Heldentaten, sondern wirklich bloß das Gebet und den Gehorsam bzgl. der Art dieses Gebets, und hat uns dafür viel versprochen. Allgemeines zum Bittgebet hier.

Über das Ausgeliefertsein

Manchmal geht es mir ja gesundheitlich nicht so gut; und wenn ich dann nicht rechtzeitig Schmerztabletten nehme, muss ich eine Viertelstunde oder halbe Stunde ziemliche Schmerzen aushalten. Und auch wenn dann die Tablette wirkt, fühle ich mich erst einmal noch unwohl und zittrig. Das ist kein Dauerzustand bei mir, glücklicherweise, aber wenn es so ist, ist es einfach schlimm, und das auch wegen diesem Gefühl des Ausgeliefertseins. Erst mal muss man durch die Schmerzen durch, Schreien hilft auch nicht. Man denkt sich, man muss doch etwas tun können, und man kann ja auch die Tabletten nehmen, und, wenn das akute Problem vorbei ist, einen neuen Termin beim Arzt ausmachen (und glücklicherweise wurde bei mir nach vielen Jahren endlich von den Ärzten entdeckt, was ich habe, nämlich eine Endometriose, bei der man immer mal wieder operieren muss). Aber bis zu einem gewissen Grad ist man einfach seinem Körper ausgeliefert, der einen angreift. Und dem Körper ist es ganz egal, ob man sich denkt „ich halte das nicht mehr aus“, man muss es einfach aushalten.

Ein ähnliches Gefühl habe ich öfter in Bezug auf die Politik, nur hier weniger akut und mit mehr Angst vor dem Unbekannten gekoppelt. Man weiß nicht, wie es mit diesem ganzen Coronawahnsinn weitergeht, und ob unsere Herrscher ihre neuen Sonderbefugnisse nicht auch noch für andere Dinge nutzen werden, wenn sie merken, dass sie damit durchkommen, z. B. ein social credit system nach dem Vorbild Chinas einführen werden, und die Politik wird auch tendenziell immer christenfeindlicher. Wenn man in die Geschichte schaut, gab es alle paar Jahrzehnte Katastrophen und großflächige Grausamkeiten; wer kann garantieren, dass wir im Lauf unserer restlichen Lebenszeit so etwas entkommen? Niemand; und mit allem, was man politisch machen kann – wählen, auf Demos gehen, Petitionen unterschreiben – wird man persönlich sehr wenig Einfluss haben.

Und dann sind da die letzten Dinge, der Tod und die direkte, endgültige Konfrontation mit Gott, die auch für so ein Gefühl des Ausgeliefertseins sorgen. Irgendwann wird man sterben, früher oder später, und dann Gott auf eine Weise gegenüberstehen, die man sich jetzt nicht recht vorstellen kann. Und man kann sich ja letztlich doch nicht hundertprozentig sicher sein, wie man zu Gott steht, und ob man sich etwas vormacht. Vielleicht kommt man direkt in den Himmel (die Kirche bietet uns ja glücklicherweise auch die einfache Möglichkeit, einen vollkommenen Ablass in der Todesstunde zu erwerben), vielleicht aber auch nicht, und die Fegefeuerzeit wird man einfach aushalten müssen, man selber kann dann nichts daran ändern. Vielleicht werden andere für einen beten, aber man selber wird vollkommen hilflos sein, bis alles gesühnt und gereinigt ist, und das Fegefeuer soll ja nach einigen Meinungen und Visionen unserer Heiligen nicht so schön sein. Und vielleicht kommt man auch weder direkt noch über diesen Umweg in den Himmel, sondern in die Hölle. Und da muss man nicht nur hilflos abwarten, sondern es wird niemals ein Entrinnen geben. Ob in einem tieferen oder weniger tiefen Höllenkreis: Dieser Zustand wird ewig dauern. „Ihr, die ihr hier eintretet: Lasst alle Hoffnung fahren.“

Natürlich ist man für all das selber verantwortlich, aber auch hier ist man in einem gewissen Sinne ausgeliefert: Gottes Wesen und Ansprüche sind einfach so, wie sie sind, und man kann mit Ihm nicht verhandeln, Ihn nicht täuschen, oder von Ihm eine andere Alternative verlangen (z. B. dass man aufhören möchte, überhaupt zu existieren, oder in einem neutralen, weder angenehmen noch unangenehmen, Zustand weiterleben möchte). Man muss Gottes Bedingungen erfüllen, und Punkt.

Aber letztlich muss das so gut sein. Denn Gott ist gut, und Gott liebt uns mehr, als wir uns selber lieben können; und am Ende wird nur Er am besten wissen, was gerecht ist, und uns mit Gerechtigkeit und Güte behandeln. Und auch, wenn man Angst davor hat, das zu bekommen, was man verdient (wer hätte die nicht, wenn er ernsthaft drüber nachdenkt?): Gott wird immer gnädiger mit einem sein und einem mehr geben, als man verdient, wenn man nur Reue hat. Ganz praktisch: Wer sich als Katholik halbwegs bemüht, wird normalerweise vertrauen dürfen, dass Gott ihn zumindest vor der Hölle bewahrt. (Hier noch mal was zum Thema Zahl der Erlösten/Verdammten.) Und wer in die Hölle kommt, wird sie wirklich verdienen, weil er sich wirklich in seiner Gehässigkeit verschlossen und gegen Gott gestellt hat, und wird auch genau die Sorte Hölle verdienen, die er bekommt.

Und auch alles andere hat Gott in der Hand, auch Politik und Krankheiten, und Er hat Seine Gründe, wieso Er hier manche natürlichen Übel und böse Taten durch Menschen zulässt. Manchmal fällt es einem auf, wie Gott die Dinge lenkt. (Z. B. hat ein nicht idealer Umstand in meinem Leben inzwischen dazu geführt, dass ich zu meiner jetzigen FSSPX-Gemeinde gefunden habe, und einer Freundin helfen konnte.) Aber oft fällt es einem nicht auf, und da muss man praktisch auf das vertrauen, wovon man theoretisch längst weiß, dass es vertrauenswürdig und wahr ist. Ich habe jetzt angefangen, bei meinem Abendgebet auch jedes Mal ausdrücklich zu Gott zu sagen: Ich vertraue auf dich. Es muss besser so sein, dass Gott entscheidet, und wir unser Schicksal weder komplett bestimmen noch in die Zukunft schauen können; am Ende würden wir nur alles ruinieren. Natürlich sind wir ausgeliefert; aber wir sind der Liebe in Person ausgeliefert.

Und vielleicht hilft es ja dabei, das zu verinnerlichen, wenn man es sich selber in einem Blogartikel predigt.

PS: Und wenn ich es mir mal so überlege, wahrscheinlich hat sich niemand je so ausgeliefert gefühlt wie Jesus am Ölberg, gerade auch, weil Er wusste, dass Er die Entscheidung zu Seinem Leiden selbst traf und nicht anders treffen wollte, aber sämtliche Leiden in all ihrer Grausamkeit genau vorherwusste.

Datei:Josef Untersberger - Christus am Ölberg.jpg
Josef Untersberger, Christus am Ölberg

Ein paar Probleme am Feminismus

Es gibt ja auch unter Christen die Tendenz, nett zu seinen Mitmenschen sein zu wollen, und deswegen zu nett zu den Ideologien zu sein, denen diese Mitmenschen unglücklicherweise verfallen sind. Besonders auffällig ist das beim Feminismus. Ich habe schon einen sehr konservativen Kaplan, der immer Soutane trug, die erste Feministinnengeneration loben hören, ohne dass er Anlass gehabt hätte, sie überhaupt zu erwähnen. Irgendwie ist der Feminismus doch so etabliert, dass man irgendetwas Gutes an ihm sehen will. (Ich nehme mich da gar nicht aus, mir ging es früher auch öfter so.) Es gibt auch Christinnen (wirkliche Christinnen, nicht Liberale, die nur aus Gewohnheit noch einer Konfession angehören), die sich als christliche Feministinnen sehen und sich z. B. in der Pro-Life-Bewegung auf ein paar frühe Feministinnen berufen, die Abtreibungen noch abgelehnt haben – wobei man es bei manchen in den letzten Jahren beobachten konnte, dass sie immer feministischer und immer weniger christlich geworden sind.

Ich finde das alles jedenfalls gar nicht so unproblematisch, denn auch in den ersten Stadien des Feminismus waren viele falsche Ideen schon angelegt. Daher mal ein paar Probleme aufgezählt, die praktisch seit seiner Gründerzeit immer wieder auftauchen. (Ach ja, das noch an alle Feministinnen: Ihr könnt mich nicht als Pick-me-girl beleidigen, weil ich nämlich weder in einer Beziehung noch für eine Beziehung offen bin, ällabätsch.)

1) Der Feminismus hat nie wirklich die Frauen vertreten. Die Mehrheit der Frauen hat die jeweils aktuelle Generation von Feministinnen immer als komisch und übertreibend gesehen, oder sich einfach nicht für sie interessiert. Man sieht das gut daran, dass z. B. immer noch die Mehrheit der Frauen bei der Hochzeit den Namen des Mannes annimmt und Gendersprache ablehnt. Sicher: Die vorige Generation der Feministinnen hat immer so weit die Deutungshoheit gewonnen, dass man sagt „ja, damals war der Feminismus ja noch gut, aber jetzt…“ (Ungefähr so, wie man das auch bei der SPD macht.) Dabei haben auch im jeweiligen „Damals“ die meisten Frauen nicht viel vom Feminismus gehalten. Auch zur Zeit der Suffragetten, die hauptsächlich das Wahlrecht wollten, waren die meisten Frauen erst mal dagegen – nicht, weil sie sich selbst für total blöd hielten, sondern z. B. aus solchen Gründen, wie dass Politik etwas Unweibliches sei, oder Frauen sich ihre Überparteilichkeit bewahren sollten. (Der Punkt war eben auch, dass sie das Wahlrecht und andere politische Rechte nicht als grundlegende Menschenrechte sahen, ohne die man erniedrigt war, sondern als bürgerliche Rechte, die je nach Nützlichkeit vergeben wurden oder nicht.) Das heißt nicht, dass man nichts gut finden kann, wofür sich Feministinnen irgendwann mal eingesetzt haben – ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn, und keine Ideologie könnte länger bestehen und Leute anziehen, wenn sie völlig böse wäre. Es heißt nur, dass man auch ein bisschen skeptisch gegenüber den ersten Generationen von Feministinnen sein sollte. Auch die Suffragetten hatten oft unschöne Ideen (z. B. „freie Liebe“) oder haben politische Gewalt eingesetzt (zumindest in England). Und was ihre zentrale Idee angeht: Man kann schon der Meinung sein, dass auch die weibliche Perspektive in der Politik was nützen könnte, aber auch die typische Parteipolitikerin scheint keine Vertreterin der meisten Frauen zu sein.

Aber wie auch immer: die meisten Frauen haben sich eben immer eher auf ihr Privatleben konzentriert und die Feministinnen ignoriert oder sie genervt toleriert und die Feministinnen haben dadurch die Deutungshoheit gewonnen, und das ist ein Problem.

2) Der Feminismus muss zwangsläufig Kinder als Problem sehen; denn Kinder sind es, die Frauen ungleich machen. Kern des Feminismus ist es ja, dass Frauen gleich sein sollen wie Männer; was als typisch weiblich gilt, wird tendenziell als Schande empfunden, und wegen wirklicher Nachteile, die Frauen nun mal haben, ist man verbittert. Ein solcher Nachteil sind die ganzen Probleme mit Schwangerschaft, Stillen und Geburt. Männer sind nur am angenehmen Teil der Fortpflanzung beteiligt, und können sich dann auch viel leichter aus der Verantwortung stehlen, und hier stampft der Feminismus mit dem Fuß auf und sagt „will auch“. Dabei müssen zwangsläufig Kinder unter die Räder geraten. Manche Feministinnen schrecken hier zurück, aber die wirklich überzeugten lassen dann eben die Kinder unter die Räder geraten.

Es ist einfach so: Kinder erfordern Zeit und Anstrengung, und einen Teil dieser Anstrengung erfordern sie notwendigerweise von ihrer Mutter. Und weil Feministinnen es nicht dulden wollen, dass sie einen Nachteil haben, den Männer nicht haben, müssen Frauen das Recht auf Abtreibung haben. Und wenn Kinder doch geboren werden, müssen sie auch irgendwohin; also heißt es eben Kinderkrippe so bald wie möglich und dann Ganztagskindergarten und Ganztagsschule.

(Interessanterweise kommen ja von Feministinnen, die Pro-Lifer angreifen, manchmal solche Argumente wie „wenn es für Frauen keinen Ausweg aus einer Schwangerschaft geben soll, dann für Männer auch nicht“ – als ob sie keine Ahnung haben, dass die meisten Pro-Lifer ja Christen sind, die wollen, dass der Mann die Frau erst mal heiratet und dann auch sein Leben lang für sie und die Kinder da ist, oder, wenn eine Ehe für die beiden wirklich keine gute Idee wäre, sich trotzdem auch um seine unehelichen Kinder kümmert.)

Die Alternative wäre einfach, es so zu machen wie früher, und Mütter gerade für ihre Mutterrolle zu ehren, auch von Kindern Respekt für ihre Mutter zu erwarten, und ihnen andere Anstrengungen (z. B. Berufstätigkeit) eher zu ersparen, aber das wollen Feministinnen natürlich gerade nicht.

3) Der Feminismus hat eigentlich auch keinen Platz für Männer. Sie stören immer irgendwo. Und während kleine Ungleichheiten zulasten von Frauen (z. B. dass typische Frauenberufe tendentiell schlechter bezahlt sind) als Beweis der patriarchalen Unterdrückung genommen werden, werden Ungleichheiten zulasten von Männern ausgeblendet (z. B. dass mehr Männer obdachlos, Selbstmordopfer oder Opfer von Arbeitsunfällen sind). Feministinnen behaupten z. B. öfter, wenn das und das ein Männerproblem statt ein Frauenproblem wäre, hätte „die Gesellschaft“ (wer auch immer das ist) schon lange alles mögliche dagegen unternommen, wobei nicht erklärt wird, wieso die Gesellschaft dann gegen tatsächliche Männerprobleme nicht immer so viel unternimmt. Und auch als Frau, die nichts mit dem Feminismus zu tun hat (wie ich), ist man meistens doch genug von ihm beeinflusst, dass man, wenn es um solche Probleme gehen soll, immer auch betonen muss, dass es natürlich auch Frauenprobleme gibt usw. usf.

Man merkt es z. B. auch in vom Feminismus beeinflussten Filmen, dass es ständig eine starke Frau geben muss, die einen eingebildeten oder unfähigen Mann übertrumpft. Nicht, dass man das nicht mal haben kann; aber das Gegenteil (die unfähige Frau) wäre genauso legitim. Und ein paar gute männliche Figuren zum Ausgleich wären auch nicht schlecht. Auch wenn Feministinnen (manchmal) erklären, dass der Feminismus eine bessere Welt für Männer und Frauen schaffen soll, hat man am Ende doch das Gefühl, es ist eher eine gewisse Verbitterung gegenüber Männern da.

Bei ihnen merkt man eine gewisse Schizophrenie gegenüber dem anderen Geschlecht. Einerseits erklären sie, dass Männer sich mehr Weiblichkeit zutrauen, Schwäche zeigen und über ihre Gefühle reden sollen, andererseits behandeln sie Männer, die Schwäche zeigen, verächtlich und unterstellen ihnen z. B. ein kleines Geschlechtsorgan und sonstige Minderwertigkeitskomplexe. Wenn jemand eine dicke Frau beleidigt, ist das Fatshaming und sie wunderschön; wenn jemand einen dicken Mann beleidigt, ist das verdient und er ein Loser, der wahrscheinlich bei Mama im Keller wohnt (statt dass man einfach gerecht wäre und Übergewicht weder als gut und schön noch als Rechtfertigung für Beleidigungen und Mobbing sehen würde).

Auch die Männer, die sich selber als Feministen sehen und z. B. laut erklären, wie sehr sie selbstbewusste Frauen unterstützen, wirken auf mich irgendwie immer wie Außenseiter unter Feministinnen. Und ich habe nicht mal das Gefühl, dass die Feministinnen solche Männer selber besonders toll finden – eher den Eindruck, dass sie sie auch ein bisschen verachten, und im Geheimen doch männlichere Männer attraktiver finden, die sich nicht so anbiedern. Diese männlichen Feministen wirken auch manchmal ein bisschen creepy; als ob sie sich bei Frauen einschleimen, um leichter mit unschönen Verhaltensweisen durchzukommen, und z. B. auf pro-Abtreibung machen, weil sie keine Lust auf Unterhaltszahlungen im Fall der Fälle haben.

Dabei macht es der Feminismus für die große Masse der Männer schwieriger, eine ganz normale gesunde Männlichkeit zu finden. Die netten Männer neigen dann zu zu viel Nachgiebigkeit gegenüber den Feministinnen, und diejenigen, die das Gelaber von Frauen einen Scheißdreck schert, sind dann im Vergleich die, die auf einmal attraktiver und männlicher wirken, auch wenn ihr Charakter vielleicht nicht der beste ist. Es ist kein Wunder, dass in Zeiten des Feminismus „Shades of Grey“ ein Verkaufsschlager geworden ist, während unsere Urgroßmütter es mehr als abscheulich gefunden hätten, sich auf diese Weise erniedrigen zu lassen, und so ein Buch in den Kohleofen geworfen hätten. So etwas wie Väterlichkeit, Führungsstärke, Mut wird quasi als obsolet behandelt, und dann sehnt man sich am Ende nach einer extrem pervertierten Form davon.

Der Feminismus ist eine egalitäre Idee – d. h. Gerechtigkeit wird mit Gleichheit gleichgesetzt, jede Ungleichheit (auch auf derselben Ebene) wird zur Ungerechtigkeit, und Hierarchie kann man sowieso vergessen. Aber wenn keine offiziellen Hierarchien mehr zugelassen werden, entstehen nur pervertierte Hierarchien, wobei sich Soziopathen inoffiziell das Sagen aneignen, ohne Pflichten zu übernehmen.

Der Feminismus lässt es nicht mal mehr zu, dass Männer sich beschützerisch gegenüber Frauen verhalten, und dann verwechseln junge Mädchen, die sich doch nach einem beschützerischen Mann sehnen, manchmal auch das Besitzdenken aus gewissen unfeministischen „Migrationshintergrund“-Kulturen mit Schutz und Liebe.

4) Der Feminismus kann nie zugeben, dass Frauen ihre typischen Fehler haben. Da gibt es nun mal welche. Frauen lästern öfter, praktizieren mehr Zickereien hintenrum und können manipulativ sein. Frauen sind auch angepasster und konformistischer – gut, das bedeutet auch mehr Verträglichkeit. Vielleicht kommt es einfach daher, dass Frauen immer schwächer waren und sich wohl oft notgedrungen anpassen mussten. Wenn Männer eher gerade aus Trotz dagegen sind, knicken Frauen leichter ein. Aber jedenfalls gibt es nun mal typische Frauenfehler, und auch Frauen, die einfach sehr schlechte Menschen sind, egal, ob ihre Fehler typisch für ihr Geschlecht sind oder nicht. Der Feminismus stellt oft genug noch Tyranninnen als emanzipierte Powerfrauen dar, oder zumindest als tragische Figuren, denen man ihre Verbrechen auf keinen Fall so übel nehmen darf wie männlichen Tyrannen. Wahrscheinlich würden Feministinnen Herodias, die Frau des Herodes, die für die Enthauptung Johannes des Täufers sorgte, als mutige Frau sehen, die sich gegen die Stigmatisierung ihrer Patchworkfamilie wehrt.

Dieses Nichtzugebenkönnen sieht man jedenfalls auch bei Christen, gerade in der Pro-Life-Bewegung. Da betont man z. B. sehr die Fälle, in denen Frauen vom Kindsvater zur Abtreibung gedrängt werden und irgendwie hilflos und in die Enge getrieben sind. Man will schließlich jeden mit christlicher Nächstenliebe behandeln und nicht zu schnell verurteilen. Diese Fälle gibt es natürlich oft genug, das sollte man definitiv nicht unterschlagen, aber es gibt z. B. auch Fälle, in denen eine Frau gegen den Willen ihres Partners abtreibt, oder abtreibt, obwohl er ihr sagt, sie hätte seine Unterstützung, wenn sie es behalten will; und das sollte man auch nicht ganz ausblenden. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer in solchen Situationen können irgendwie hilflos oder hin- und hergerissen sein. In der Beratungsarbeit bekommt man bei Pro-Life-Organisationen wahrscheinlich eher die Fälle mit, in denen die Frau eigentlich nicht wirklich abtreiben will; vielleicht liegt es daran. Aber Frauen sind generell Wesen mit eigenem Verstand, die für ihre eigenen Verbrechen verantwortlich sind, und es meistens auch besser wissen könnten. Und auch Frauen können narzisstische Psychopathinnen sein. Es gibt auch (sicher nicht oft, aber in einzelnen Fällen) Frauen, die abtreiben, weil sie sich an ihrem Exfreund rächen wollen, oder Abtreibung quasi als nachträgliches Verhütungsmittel sehen.

Männliche Ansprüche oder Erwartungen an Frauen sind für Feministinnen absolut tabu – sogar dann, wenn es um absolut grundlegende normale Erwartungen geht, z. B. dass ein Mann sich von seiner Freundin trennen würde, wenn sie ihn betrügen, ihm ein Kuckuckskind unterjubeln oder sich einen Onlyfans-Account zulegen würde, auf dem sie Nacktfotos und -videos von sich verbreitet. Da heißt es dann eher „schau mal, was in eurer Beziehung gefehlt hat, sodass sie es bei jemand anderem gesucht hat“ oder „bist du so unsicher, dass du es nicht erträgst, dass deine Freundin selbstbestimmt und selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgeht“. Ganz heikel wird es, wenn z. B. christliche Männer eine Frau vorziehen würden, die vor der Ehe Jungfrau ist (oder wenn nicht, dann zumindest verwitwet oder so was). Aus christlicher Sicht ist das natürlich kein Muss für eine Beziehung, aber doch was Gutes, und zwar bei Männern wie bei Frauen, und es ist bei Männern wie bei Frauen normal, dass man es schön findet, wenn der jeweils andere noch nichts mit anderen hatte. (Und wie bei allen guten Eigenschaften wäre es auch legitim, wenn einer es als Kriterium für eine Beziehung nehmen würde – wie es auch legitim wäre, wenn eine Frau sagen würde „ich will keinen übergewichtigen Mann“ oder „ich will nur einen Mann, der einen stabilen Job hat und mit dem ich bald eine Familie gründen könnte“. Das schließt nicht aus, dass sie es sich doch anders überlegen würde, wenn sie sich total in einen arbeitslosen Akademiker verlieben würde, aber auch wenn sie es sich nicht anders überlegen würde, wäre das legitim. Leute dürfen ihre Präferenzen haben, und das ist auch keine Herabsetzung von Leuten, die diesen Präferenzen nicht entsprechen.)

5) Der Feminismus tut ständig so, als wären Tugenden wie Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Zurückhaltung, Höflichkeit, Anstand, Mütterlichkeit nur Unterdrückungsmechanismen des bösen Patriarchats. Dabei sind sie schlicht und einfach gut. Es ist nichts besonders Lobenswertes daran, laut, nervig oder fordernd zu sein. Ok, manchmal muss man es sein, das schon. Aber nicht ständig. Und öfter muss man auch fest und prinzipientreu sein, ohne deswegen unverschämt und nervig zu werden. Und wenn eine Vierzehnjährige bescheiden und zurückhaltend ist, ist das etwas Gutes und nichts, das sie sich abtrainieren soll. Man kann übrigens gleichzeitig bescheiden und zurückhaltend sein und sich deswegen nicht von jedem beeinflussen oder einschüchtern lassen; das lässt sich auch üben.

Es ist auch krass, wie Feministinnen jedes Idealbild einer Mutter oder Großmutter angreifen, weil damit andere Mütter herabgewürdigt werden würden – als ob man mit dem Vorbild eines Nationalspielers die normalen Jungs im FSV daheim herabwürdigen würde.

6) Feministinnen reden oft von Wahlfreiheit, aber machen die nicht so feministisch wirkende Wahl manchmal unmöglich (und manchmal bloß verächtlich). Z. B. sind Feministinnen sehr schnell dabei, Hausfrauen als ehrgeizlose, langweilige, unselbstständige Wesen herabzustufen. In den USA wurde es wegen dieses feministischen Einsatzes früh üblich, dass beide Elternteile arbeiten gingen und Kinder sehr früh in Krippen gegeben wurden, und das Resultat war: Die Reallöhne sind so weit gesunken, dass viele Amerikaner sich die Alleinverdienerfamilie nicht mehr leisten können; Arbeitgeber konnten sich eben auf die Doppelverdienerfamilie einstellen und mussten den Vätern keinen gerechten Familienlohn mehr zahlen. In Deutschland ist diese Entwicklung auch im Gang, nur etwas verzögert. Vergleichsweise wenige 30jährige mit kleinen Kindern werden es jetzt noch wagen, nicht wenigstens Teilzeit arbeiten zu gehen, sobald das Kind im Kindergarten ist, einfach, weil man so komisch angeschaut wird.

Darauf könnten Feministinnen jetzt sagen: Dafür waren in Zeiten des Patriarchats andere Wahlen außer Hausfrau & Mutter unmöglich. Worauf ich sagen würde: Nicht so ganz. Auch in früheren Zeiten gab es Nonnen, berufstätige alte Jungfern, intellektuelle Frauen und Künstlerinnen. Gut, einiges war schwieriger; es gab lange zwar Schulen und berufliche Schulen, aber keine Universitäten für Frauen. Und natürlich: Bei verheirateten Frauen mit Kindern (zumindest solchen, die keine Dienstboten und Kindermädchen hatten) wurde es erwartet, dass sie sich um Haushalt und Kinder kümmerten und alles andere nachrangig war. Aber das war auch angemessen; Kinder brauchen jemanden, der sich um sie kümmert, und damals war der Haushalt auch sehr viel Arbeit. Dafür wurde es auch von den Männern erwartet, auf dem Feld oder in der Werkstatt zu arbeiten und das Geld für die Familie heimzubringen; das war auch nicht immer eine tolle Selbstverwirklichung. (Genauso wie heute eigentlich.) Und seien wir mal ehrlich, das Hausfrauendasein hat seine guten und schlechten Seiten. Man muss ständig Wäsche waschen und putzen, aber kann auch ein bisschen kreativ werden beim Kochen, Backen, Dekorieren und der Gartenarbeit. Und Kinder sind nun mal sehr süß.

Außerdem, sind Frauen in den typischen Frauenberufen wie Erzieherin, Krankenschwester und Altenpflegerin denn emanzipierter als Frauen, die mit ihren eigenen Kindern spielen, ihre eigenen kranken Kinder betreuen, und ihre eigenen Eltern pflegen? Interessanterweise sind laut Umfragen die Frauen allgemein auch in den letzten Jahrzehnten nicht glücklicher geworden; so viel scheint die feministischere Lebensweise nicht gebracht zu haben.

Der Feminismus über- und unterfordert Frauen auch gleichzeitig. Einerseits hieß es v. a. früher immer, Frauen könnten gleichzeitig tolle Mütter und Karrierefrauen sein. Andererseits, weil auch Feministinnen nun mal merken mussten, dass der Tag nur 24 Stunden hat, und entweder das eine oder das andere zu kurz kommt, gilt es jetzt praktisch schon als böse, irgendwelche Erwartungen an Mütter zu haben.

7) Der Feminismus hat im Bereich der Sexualität viele Hemmungen und Tabus abgebaut, die Frauen und Männer beide vor Verletzungen geschützt haben. Sexuelle Liberalisierung funktioniert einfach nicht. Z. B. waren es (auch) Feministinnen, die für die damals so genannte freie Liebe eintraten, für erleichterte Scheidung und dergleichen. Damit haben sie es aber auch für Männer leichter gemacht, z. B. ihre Frau zu verlassen, sobald sie 42 ist und Dehnungsstreifen und Krampfadern hat, und eine Jüngere sich bietet. Männer – zumindest attraktive Männer – haben auf sexuellem Gebiet natürliche „Vorteile“ (nicht wirklich Vorteile, denn die leichtere Möglichkeit, das Falsche zu tun, ist kein wirklicher Vorteil); es bringt nichts, hier mit ihnen konkurrieren zu wollen. Während Frauen, wenn sie jung sind und wirklich promiskuitiv sein wollen, sehr leicht Partner finden können, hat diese Attraktivität ein früheres Verfallsdatum; ein Mann kann dagegen auch mit 45 noch attraktiv aussehen und eine jüngere Frau finden, die es vielleicht auch ganz nett findet, dass er schon eine höhere Position und ein bisschen Geld hat.

Überhaupt macht die feministische Liberalisierung in diesem Bereich keinen rechten Sinn. Denn einerseits wird gesagt, Frauen sollen selbstbestimmt sein, Kontrolle haben, usw., andererseits geht es ja normalerweise um Sex mit männlichen Partnern, wobei man zwangsläufig Kontrolle an den Mann abgibt, der irgendwie auch der patriarchale Feind ist.

8) Es gibt ja auch die Radikalfeministinnen, die z. B. Männer so sehr ablehnen, dass sie lieber für generelles Lesbentum sind. Hier kann jeder sehen, dass das nun mal einfach nicht der menschlichen Natur entspricht, und die allermeisten Frauen nicht mitmachen werden. Es gibt auch Radikalfeministinnen, die weniger weit gehen, und z. B. Sex zwischen Männern und Frauen gestatten, aber Vaterschaft für eine böswillige und unnötige Erfindung halten. Die These ist in etwa: In der Steinzeit wussten die meisten Männer doch gar nicht, welche Kinder ihre waren (es wurde wohl einfach wild durcheinandergevögelt); die Frauen waren selbstständig und die Kinder haben ihnen allein gehört; die Männer haben bloß als Onkel ihre Schwestern unterstützt. (Diese Feministinnen sehen immerhin Mutterschaft etwas positiver, aber wollen eben das Matriarchat.) Man könnte jetzt genauer ausführen, wieso diese Anthropologie der reinste Schwachsinn ist, aber der normale Mensch wird sich das schon denken können, wenn er sieht, wie sog. „offene Beziehungen“ in der Praxis aussehen. Sex bindet Leute aneinander, allein schon hormonell, und es geht nie ohne Eifersucht und Verletzungen ab, wenn man versucht, dieses exklusive Band auseinanderzureißen. Allgemeine freie „Liebe“ hat nie funktioniert und wird nie funktionieren.

Und hier wieder: Die meisten Frauen würden dabei einfach nicht mitmachen wollen. Weil sie nun mal doch Männer anziehend finden und irgendwie Romantik wollen statt bloß anonymen Sex. So wie sie auch zumindest ein, zwei Kinder süß finden, und irgendwie weiblich sein wollen statt geschlechtslos.

Der Punkt ist ja letztlich auch der: Gott hat Männer und Frauen gemacht, und wenn Er schon zwei Geschlechter gemacht hat, ist es logisch, dass es da auch von Ihm gewollte Unterschiede geben wird. Als Christin kann man eigentlich schwer Feministin sein.

Notwendige Prahlerei und Heldenmut

In den letzten Tagen wurde auf Twitter ja sehr viel über Afghanistan geredet, und u. a. darüber, wieso die hochgerüstete und zahlenmäßig überlegene afghanische Armee so schnell vor den Taliban kapituliert hat, Soldaten sogar übergelaufen sind, und wieso Bilder vom Flughafen in Kabul vor allem Männer zeigen, die versuchen, zu Flugzeugen zu gelangen, fast keine Frauen und Kinder. Auf Äußerungen wie „ich würde nicht kampflos aufgeben“ oder „ich würde nicht meine Familie auf der Flucht zurücklassen“ kamen dann schnell Beleidigungen im Stil von „Du wärst sicher ein Feigling, laber doch nicht“.

Ich möchte eine These aufstellen, ganz unabhängig davon, was Leute in dem Chaos in Kabul getan oder nicht getan haben: Es ist nicht einfach überhebliche Prahlerei, wenn Leute sagen „Im Krieg würde ich nie allein fliehen und meine Familie zurücklassen“ oder auch „ich würde nie meine Kinder zurücklassen, um schneller vor einem Feuer zu fliehen“ oder auch „auch wenn mich ein antichristlicher Diktator oder ein islamischer Terrorist dazu zwingen wollen würde, würde ich niemals Christus verleugnen“.

Der Grund dafür: Es ist gut, sich drauf einzustellen, was einem selber theoretisch mal passieren könnte, und dass man dann mutig sein müsste, dass Gott einem auch die Kraft dazu geben würde. Viele Menschen werden irgendwann in schlimme Situationen kommen, welcher Art auch immer. Und es ist ja nicht so, dass alle Menschen in solchen Situationen nicht mehr sie selbst sind, Menschen können auch über sich hinauswachsen. Ich habe das Gefühl, wenn Leute über Heldengeschichten die Nase rümpfen, dann machen sie solche Geschichten in der Realität unmöglich, weil jemand gar nicht mehr an den Gedanken gewöhnt ist, dass er selbst so etwas tun könnte, oder dass man so etwas sogar von irgendjemandem verlangen kann. Da sollen alle auf ein moralisch möglichst tiefes Niveau heruntergezogen werden, damit sich keiner mehr schlecht fühlt, wobei man sich mit dem Gedanken „wenigstens sind wir nicht überheblich und bilden uns was auf unsere Tugend ein“ tröstet.

Deswegen würde ich z. B. auch gegenüber den Argumenten von Abtreibungsbefürwortern inzwischen deutlicher sagen „wenn ich vergewaltigt und davon schwanger werden würde, würde ich mein Kind niemals abtreiben, sondern es lieb haben, Babykleidung kaufen und einen Namen aussuchen, vielleicht Cäcilia oder Konstantin, wobei Clemens auch sehr schön wäre“. Ich bin kein besonders mutiger Mensch und heule schon bei Kleinigkeiten, aber in so einer Situation könnte ich mir tatsächlich nichts anderes mehr vorstellen – sogar so ein Kind zur Adoption freigeben kommt mir unschön vor und das möchte ich einfach nicht. Genauso würde ich sagen „Wenn mir ein Islamist drohen würde, mich zu erschießen, wenn ich nicht das islamische Glaubensbekenntnis aufsage, würde ich es nicht aufsagen“. Gut, das ist eine relativ einfache Situation, weil kurzer schneller Märtyrertod – vor Dingen wie Folter und Gefängnis hätte ich viel mehr Angst, wirklich sehr viel mehr. Aber auch da: Ich finde es wichtig, sich im Vorhinein – wer weiß, ob wir irgendwann noch mal Kriege oder Ähnliches erleben werden – klar zu machen, was man tun müsste. Das gilt natürlich auch für harmlosere Situationen, die man vorhersieht.

Natürlich: Wenn man selber anderen Vorhaltungen macht, muss man auch Vorhaltungen von anderen ertragen. Ich finde sehr wohl, dass Deutsche über Afghanen sagen dürfen: „Wieso hat die ausgebildete Armee nicht mal versucht, zu kämpfen? Und wieso lassen so viele Männer, die zum Flughafen fliehen, offensichtlich ihre Familien zurück?“ Aber genauso hat jeder Ausländer das Recht, zu sagen: „Wieso haben die deutschen Männer, sogar die Polizisten, den Frauen bei der Kölner Silvesternacht, die massenhaft bedrängt, gedemütigt und teilweise vergewaltigt wurden, nicht geholfen?“ Denn beides ist schlimm und feige, auch trotz der Situation.

Man muss natürlich hier zwei Dinge unterscheiden: In manchen Situationen sind heroische Taten wirklich notwendig, verpflichtend. Man darf nicht, wenn man gefoltert wird, Christus verleugnen, oder seine Freunde verraten, oder zustimmen, selbst irgendwelche Gräueltaten an anderen zu begehen. Das ist eine furchtbare Situation, aber dasjenige zu tun, wäre trotzdem sehr falsch, auch wenn die Zurechnungsfähigkeit gemindert wäre, und viele Leute im Lauf der Geschichte haben es geschafft, hier das Richtige zu tun. In anderen Situationen ist Heldenhaftigkeit mehr als das Geforderte, z. B. wenn es darum geht, als unbeteiligter Nicht-Polizist bei einer Messerstecherei dazwischenzugehen, um jemanden vor dem Tod zu retten, oder z. B. jemandem unter großer Gefahr vor einem gefährlichen Tier zu retten, oder eine Laufbahn beim KSK anzustreben. Man kann das nicht von jemandem verlangen und ihm sagen, er lädt Schuld auf sich, wenn er das nicht tut. Aber es ist eben trotzdem heldenhaft, gerade auch weil es mehr ist, als man verlangen kann, und solche Leute gehören gehörig gepriesen.

Und ich würde sagen, sogar wenn es um eine moralisch gebotene Heldentat geht, kann jemand, der diese Heldentat nicht geschafft hat, der feige und schwach war und eingeknickt ist, sich wieder aufrappeln, und die Leute bewundern, die es geschafft haben, sich an ihrem Beispiel aufrichten und sie ggf. um ihre Hilfe dabei bitten, stärker zu werden. So können wir uns gegenüber den Heiligen im Himmel verhalten, unter denen ja sehr viele Märtyrer sind; sowohl, wenn es um ein richtiges eigenes Martyrium geht, als auch, wenn man ein kleines Pseudo-Martyrium, z. B. Verleumdung oder Ausgrenzung wegen des Glaubens, aushalten muss (was sich evtl. gar nicht so klein anfühlen kann).

Ja, es ist sympathischer, wenn man nur bei Sachen, bei denen man sich einigermaßen sicher ist, dass man sie schaffen würde, sagt „ich würde das niemals tun“, und bei zweifelhafteren Sachen eher sagt „das wäre das Richtige, und ich hoffe, dass ich mit Gottes Hilfe die Kraft hätte, das zu tun“. Prahlerei kann eine Sünde sein – eine lässliche freilich. Aber es ist mir ehrlich gesagt sympathischer, wenn kleine Jungen herumprahlen, was sie als Ritter der Tafelrunde, Kreuzfahrer oder Entdecker getan hätten, als wenn sie sich weder was zutrauen noch anständige Helden als Vorbilder haben.

Charles-Philippe Larivière - detail of Battle of Ascalon, November 18, 1177.jpg

Noch ein kurzes PS zu Afghanistan, auch wenn das eigentlich nicht zum Thema gehört: Es ist erstaunlich, wie viele Leute hier wieder auf das linke Scheindilemma „Flüchtlinge in Afghanistan sterben lassen oder nach Deutschland holen“ hereinfallen – als wäre es keine Möglichkeit, die Nachbarländer Afghanistans dabei zu unterstützen, dass sie Flüchtlinge aufnehmen, sowohl finanziell als auch mit Hilfskräften, die auch vor Ort zusehen können, dass die Hilfe ankommt. Viele Afghanen gehören zu Volksgruppen, die auch in Pakistan, Usbekistan oder Tadschikistan leben, und könnten sich viel leichter in solchen Ländern zurechtfinden und ein neues Leben anfangen als in Europa.

Hatten die Tradis doch Recht: Ein paar Entschuldigungen

Wer schon länger bei mir mitliest, wird vielleicht an manchen Sachen gemerkt haben, dass sich ein paar meiner Einstellungen mit der Zeit geändert haben. Als ich diesen Blog begonnen habe, habe ich mich als konservative Katholikin bezeichnet; jetzt, ein paar Jahre später, sehe ich mich ziemlich klar auf der Tradi-Seite, und Konservativsein eher als Kompromiss auf halbem Weg. (Ein paar politische Einstellungen haben sich bei mir auch geändert, aber dazu vielleicht ein andermal.)

Jedenfalls, ich wollte mich an dieser Stelle mal entschuldigen, weil ich in den vergangenen Jahren hier ein paar Mal überheblich oder abschätzig war gegenüber Meinungen, die mir übertrieben oder zu unnormal vorkamen. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich ja auch dazu kommen, was genau ich über manche Sachen jetzt denke. Es ist mir eben manchmal so gegangen, dass ich natürlich nichts von der Kirche Verurteiltes glauben wollte, aber erst mal skeptisch gegenüber manchen früher weit verbreiteten katholischen Einstellungen war, und dabei dann selber wieder übertrieben habe, und manche kirchlichen Äußerungen auch nicht so gut kannte.

(Ich meine eher hier nicht Zeug, das ich vor ein paar Monaten geschrieben habe, sondern wollte mal im Rückblick einen gesammelten Artikel über einige meiner Einstellungen von vor ein paar Jahren schreiben.)

Und dann habe ich mit der Zeit eben gemerkt, dass die Radtrads doch manchmal Recht haben, und dass es nicht immer eine gesunde Reaktion ist, wenn man zu sehr drauf schaut, sich von Leuten „abzugrenzen“, die grundsätzlich auf derselben Seite, aber vielleicht irgendwie radikal oder irgendwie komisch sind, und gleichzeitig drauf schaut, Leute, die einen nicht mögen und auf einer ganz anderen Seite sind, möglichst nicht vor den Kopf zu stoßen. Ich will nicht sagen, dass ich das immer so gemacht habe (und auch nicht, dass man jetzt die Gegner ständig vor den Kopf stoßen soll oder gar keine innerkatholischen Streitereien mehr ehrlich austragen darf, die sind schon auch wichtig), aber ich glaube, ich hatte schon eine gewisse Tendenz in diese parteiliche Richtung.

Ich glaube, manchmal habe ich mir auch ein bisschen was drauf eingebildet, bei der und der Sache nicht stereotyp erzkonservativ zu sein. Wahrscheinlich habe ich mir auch schon vor meiner katholischen Zeit manchmal was drauf eingebildet, anders als andere zu sein, z. B. intellektueller zu sein als andere Mädchen, oder mich nicht zu schminken. Ich meine damit nicht, dass man sich immer an andere anpassen muss, sondern nur, dass Anderssein etwas Neutrales ist. Ich schminke mich auch jetzt noch nicht. Man muss definitiv nicht alles annehmen, nur weil es manche auf der eigenen Seite denken, aber man muss es deswegen auch nicht ablehnen.

Und auch die Radikalen oder die Griesgrämigen können mal Recht mit einem harten Urteil haben. Ich bin selber von meiner Gemütslage her öfter so drauf (außerhalb des Internets mehr als im Internet), dass ich keine unnötigen Streitereien will und die nötige Mäßigung in allem haben will. Aber manchmal – nicht immer – stimmen eben auch die harten, scheinbar unverhältnismäßigen Aussagen, weil die scheinbar normalen Aussagen die Verhältnismäßigkeit verloren haben. Deswegen muss man nicht griesgrämig werden. Man kann fröhlich sein und sich um das kümmern, was man gerade zu tun hat, und Gott alles Restliche in die Hände legen. Aber manchmal sind Dinge einfach sehr schlecht und ableugnen hilft nichts.

(Für eventuelle an Skrupulosität leidende Leser: Ich meine damit nicht, dass ich meine Aussagen in meinen Artikeln über Moraltheologie radikalisieren müsste; um dieses Thema geht es hier nicht, denn dabei habe ich schon einigermaßen recherchiert.)

Ein paar Beispiele für das, was ich meine:

Vor zehn Jahren (noch zu Papst Benedikts Zeiten), als ich angefangen habe, den Glauben ernst zu nehmen, habe ich mir noch gedacht: Wow, wir haben ja wirklich Glück mit den Päpsten und der Kirche jetzt, das war sicher total schwierig für die Leute im Mittelalter und so. Wir haben jetzt Benedikt und den Youcat und die Jugend2000 und Nightfever, und Glaubenswissen ist für uns zugänglich und der Glaube wird nicht so politisch missbraucht. Mittlerweile sehe ich es ziemlich genau umgekehrt – heute wird es einem schwer gemacht, zu wissen, was man jetzt eigentlich glauben soll und was verlässlich ist, es gibt die komischsten Cliquen in der Kirche und die Bischöfe kuschen vor dem Staat, und das soll man alles nur im Vergleich dazu gut finden, dass es angeblich im imaginären Mittelalter viel schlimmer gewesen wäre. (Ich kann mich auch nicht mehr so für Benedikt begeistern wie früher, auch wenn ich ihn immer noch persönlich sehr sympathisch finde. Manches, was er z. B. noch als Konzilsberater oder Kardinal getan hat, kann man nicht uneingeschränkt gut finden.) Mit der Zeit ist mir wirklich auch klar geworden, wie extrem der Glaube hierzulande in den letzten paar Jahrzehnten zerfallen ist, auch in meiner eigenen Familie, während meine Vorfahren von Generation zu Generation katholisch waren (und ja, Glaubenswissen hatten), wahrscheinlich seit dem 8. Jahrhundert. In den letzten 60 Jahren ist ein solcher Abbruch passiert, dass man ihn mit sehr wenigem in der Kirchengeschichte vergleichen kann, nicht einmal wirklich mit der Arianismus-Krise im 4. Jahrhundert. Da kann man ruhig sagen, dass es schlimm ist, und dass dieser Zustand die Dämonen freut. Man muss nicht ständig nur daran denken, vor allem nicht an all das, was man nicht ändern kann, aber es ist einfach trotzdem sehr, sehr traurig.

Ich habe jetzt kein Problem mehr damit, zu sagen, dass sich die Dämonen sicher übers 2. Vatikanum gefreut haben: Eine der größten Gelegenheiten jemals, bei denen die Hüter der Kirche ihr Amt verraten haben. Wenn man von einzelnen Schwierigkeiten bei den Texten absieht (viele waren ganz normal, sogar schön, aber einige waren tatsächlich schlecht in dem, was sie vermittelt haben): ein Konzil besteht ja nicht nur aus Texten, sondern hat auch eine Wirkung und eine Umsetzung durch die daran beteiligten Bischöfe. Und das Schlimmste daran war nicht eine bestimmte Lehre oder Neuerung, sondern der vom Konzil verbreitete Eindruck, alles müsse jetzt irgendwie neu und auf den Prüfstand gestellt werden und bis jetzt wäre man gar nicht wirklich christlich gewesen. Ich hatte Glück, da trotzdem noch zur Kirche zu finden.

[Anmerkung: Das soll kein Zweifel an der Gültigkeit des Konzils sein. Aber als Pastoralkonzil war es nicht unfehlbar.]

Dann noch ein paar weniger wichtige Beispiele, bei denen ich gemerkt habe, dass die Tradi-Sichtweise doch ganz stimmig ist:

Da wäre z. B. das Thema „Modesty“ (schamhafte Kleidung): Spielt in Deutschland keine so große Rolle in Diskussionen, in den USA schon eher. Da ist man schnell dabei, sich über die Radikalen lustig zu machen, für die wohl alles unanständig wäre, und zu sagen, dass Männer doch wohl Frauen respektieren können, auch wenn die sich nicht in eine Burka hüllen würden. (Mit „man“ meine ich hier katholische Mädels, die auch ein bisschen feministisch sein wollen, wenn auch nicht so sehr wie die richtigen Feministinnen, also praktisch das, was ich auch vor nicht so langer Zeit war. Ich hab hier ja auch mal einen Artikel geschrieben, in dem ich mich über komisch wirkende Schamhaftigkeitsvorstellungen geärgert habe – der ist inzwischen nicht mehr öffentlich, weil ich nicht mehr so ganz dahinter stehen würde.) Aber auch hier bekämpft man manchmal Strohmänner. Es ist nun mal eine Tatsache, dass viele Frauenklamotten von den Designern so gemacht werden, dass sie sexuell anziehend sein sollen (auch wenn irgendein Mädchen sie nur kauft, weil ihr gerade die Farbe gefällt oder was weiß ich); es ist keine Erfindung von katholischen Tradis, dass Männer öfter auf visuelle Reize anspringen, mehr als Frauen. Natürlich gilt trotzdem: Wenn einem ungewollt unanständige Gedanken kommen, ist das noch keine Sünde und man kann und muss diese Gedanken auch ignorieren oder wegschieben. Es stimmt auch, dass solche Gedanken auch zwischendurch kommen werden, wenn alle sich normal anziehen. Aber es ist auch einfach eine leicht einsichtige Tatsache, dass man das nicht zusätzlich hervorrufen und es Leuten zusätzlich unnötig schwer machen muss. Außerdem sorgt es auch einfach für normalere Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die oft ja gar nichts Romantisches voneinander wollen, wenn man nichts trägt, bei dem andere sich ständig bemühen müssen, sich nicht ablenken zu lassen. Dazu kommt, dass man ja nicht anderen Leuten alles herzeigen muss, auch wenn die sich nicht für einen interessieren würden.

Auch das „Sollen sich Mädchen von Kopf bis Fuß verhüllen?“-Argument ist Blödsinn. Männerklamotten sind auch nicht tief ausgeschnitten oder reichen kaum über den Hintern, trotzdem gehen Männer nicht im Sommer an Hitze zugrunde. (Das ist ja auch ein Grund, warum bei dem Thema öfter über Frauenkleidung als über Männerkleidung geredet wird: Männerklamotten werden nicht so designt wie Frauenklamotten.) In einem etwas lockeren T-Shirt mit hohem Ausschnitt und einem knielangen Rock oder einer knielangen Hose ist es einem nicht wirklich heißer als in einem engen T-Shirt mit tiefem Ausschnitt und einem Minirock oder Hotpants. Die Hotpants können sogar unbequemer und unpraktischer sein, weil dann z. B. die schwitzenden Oberschenkel am Stuhl kleben. Die Regeln, die die Durchschnittstradis aufstellen, sind auch nicht total übertrieben: Rock bis zu den Knien (er rutscht ja auch leichter mal hoch, wenn man sich z. B. hinsetzt oder rennt), der Brustansatz sollte nicht zu sehen sein, auch wenn man sich vorbeugt, die Sachen sollten nicht zu eng sein und z. B. nicht an der Brust oder dem Hinterteil total spannen (auch Leggins sind keine Hosen, die man ohne etwas drüber tragen sollte), schulter-, rücken- und bauchfrei ist grenzwertig. Das ist vernünftig und wirklich machbar. Wenn manche finden, dass Mädchen besser nur Röcke statt Hosen tragen sollten, halte ich das tatsächlich für übertrieben; Crossdressing ist zwar falsch, aber Hosen sind heute genauso Frauenkleidung, und Männer- und Frauenhosen unterscheiden sich auch noch genug. Aber wenn man es für besser befindet, dass Frauen ihre Femininität betonen, wieso nicht? Mir schadet es ja nicht, wenn andere Frauen es vorziehen, nur Röcke zu tragen, solange sie mich mit meinen Hosen in Ruhe lassen. Man kann es übertreiben, natürlich gibt es ab und zu jemanden, der es unschamhaft findet, wenn nackte Oberarme gezeigt werden, aber das ist nicht der Durchschnittstradi, und solche Übertreibungen sind auch keine unvergebbare Sünde.

Das Thema „Modesty“ ist eben auch eins, bei dem das allgemeine Verhältnis zum Feminismus hineinspielt. Ich hatte ja zeitweise vor ein paar Jahren auch die Einstellung, dass man Feministinnen doch dieses oder jenes zugutehalten müsse, dass sie doch sicher bei einigem Recht hätten, man sich auf sie zubewegen müsse etc. Jetzt finde ich das viel weniger. Zum Beispiel lässt sich manchmal feststellen, dass sie einfach unehrlich mit sich selber sind, wenn es um ihre Beschreibung der patriarchalen Vergangenheit geht. Ja, doch, auch „früher“ fand man häusliche Gewalt schlecht und nein, Frauen galten nicht als Besitztümer ihrer Männer. Außerdem muss man auch nicht so tun, als gäbe es keine typischen Frauenfehler, die auch nicht besser sind als typische Männerfehler, als wären Frauen generell irgendwie moralisch überlegen. Das wird häufig getan, um feministisch Gesonnenen entgegenzukommen: Man führt die Fehler von Frauen irgendwie auf Fehler von Männern zurück, um nicht so zu wirken, als würde man Frauen „dämonisieren“ – gerade so, als hätten Frauen keinen eigenen freien Willen. Und man darf auch mal zugeben, wenn Männer etwas besser können.

Ein Beispiel: Bei der Frage nach dem Frauenpriestertum wird von konservativ-katholischer Seite oft betont, dass es hier nicht darum geht, zu sagen, dass Frauen nicht predigen könnten o. Ä., sondern dass es eben darum geht, dass der Mann Jesus Christus bei der Spendung der Sakramente durch einen Mann repräsentiert wird. Nun ist es natürlich klar, dass v. a. deswegen nur Männer Priester sein können (ausnahmslos), weil sie Christus repräsentieren, eben auch in seiner Rolle als Bräutigam der Kirche / der einzelnen Seele, und dass wir ein „männliches“ Gottesbild haben (der Vater im Himmel, der die von sich irgendwie getrennte Welt schafft), während weibliche Gottesbilder oft zu pantheistischen Vorstellungen führen können (die Mutter Erde, die aus sich das Leben gebiert). (Jetzt ganz grob halbwegs erklärt.) Aber das rein männliche Priestertum hat tatsächlich auch noch mehr praktische Vorteile.

Es ist m. E. wirklich so, dass Männer im Durchschnitt besser dazu geeignet sind, zu lehren und zu leiten. Das betrifft den Durchschnitt und nicht den Einzelfall; aber Frauen sind einfach oft konformistischer gegenüber herrschenden Ideen, nachgiebiger, wollen den Frieden erhalten, oder tragen Konflikte nicht offen aus, sondern durch verdeckte Zickereien, oder behandeln intellektuelle Konflikte als persönliche, oder neigen zu Emotionalisierung. Vielleicht kann sich das auch mal in positiver Weise auswirken, wenn man z. B. nicht mit Absicht dagegen ist oder besser sieht, was Leuten bei einer bestimmten Sache emotional wichtig ist, aber bei Aufgaben der Lehre und Leitung ist es oft nicht hilfreich; denn hier muss man drauf aufpassen, keine falschen Kompromisse einzugehen und muss sich auch eher mal unbeliebt machen, und darf sich nicht zu sehr von persönlichen Sympathien leiten lassen. Das ist eine Tendenz, kein immer feststehendes Gesetz, aber es ist eine feststellbare Tendenz, und deswegen ist es m. E. auch in der Politik an sich besser, wenn eher Männer es machen, aber es hat auch schon gute Fürstinnen gegeben (und sogar einzelne gute Parteipolitikerinnen). (Ich merke das übrigens an mir selber, dass ich irl manchmal zu nachgiebig-beeinflussbar bin, auch wenn ich zu emotionalisierte Sachen gar nicht mag.) Vielleicht liegt es auch an der Sorte Frauen, die sich zu diesem Beruf hingezogen fühle, aber ich habe einfach den Eindruck, die meisten predigenden Gemeindereferentinnen behandeln die Leute wie Kindergartenkinder und können nur mit symbolischen Kerzen und pseudotiefen Sprüchen arbeiten, statt z. B. die Dreifaltigkeit zu erkläre; das ist diese Emotionalisierung, die ich meine.

Wegen alldem bin ich auch Christen nicht mehr böse, die – sagen wir – solche radikalen Ansichten haben wie z. B., dass das Frauenwahlrecht besser nicht eingeführt worden wäre. Ich selbst bin mir bei dem Thema nicht ganz sicher, aber jedenfalls hätte ich gerne weniger Frauen als Politikerinnen. Es bringt so etwas Tantenhaftes, Pseudoharmonisches in die Politik hinein. Es gibt weniger Politiker, die sich mal trauen, anzuecken. Und die Gegnerinnen (ja, -innen) des Frauenwahlrechts vor hundert Jahren hatten zumindest ernstzunehmende Argumente, die man allein aus historischer Neugier mal gehört haben sollte, und an die überhaupt keiner mehr denkt. Ich werde jetzt nicht zur Kämpferin für die Abschaffung des Frauenwahlrechts (der Käse ist sowieso gegessen), aber ich sehe die Sichtweise, dass man es damals hätte bleiben lassen können, nicht mehr als etwas, auf das man mit Entsetzen und Empörung reagieren muss.

Oder ein anderes Beispiel: Beim Thema Todesstrafe ist es beliebt, zu sagen: Wir sind für den Schutz von allem menschlichen Leben, wir stellen uns nicht auf dieselbe Stufe mit dem Mörder, den wir bestrafen wollen, etc. Die Todesstrafe gilt als etwas Barbarisches, das höchstens noch im wilden wilden Westen überlebt hat. Man will nicht in einen Topf mit den blutrünstigen Christen im Europa von vor 200 Jahren oder den blutrünstigen Christen im heutigen Texas geworfen werden. Damit bekommt man freilich ein Problem mit annähernd 2000 Jahren Kirchengeschichte; denn die Todesstrafe wurde praktisch einmütig als grundsätzlich gerechtfertigte Strafe für schwere Verbrechen gesehen, und diese Sicht von Päpsten mehrfach bekräftigt (und das wissen Nichtkatholiken auch so ungefähr, auch wenn sie sonst einen sehr falschen Blick auf Kirchengeschichte haben, und vieles, was sie mit der Kirche assoziieren, wie z. B. Folter zur Befragung, gerade nicht unumstritten für gut befunden wurde). Natürlich kann man jetzt im Sinn eines Johannes Pauls II. sagen, ja, ja, im Notfall kann eine Gesellschaft auf die Todesstrafe zurückgreifen müssen, aber das ist doch jetzt nicht mehr nötig, wir haben Hochsicherheitsgefängnisse. Nur hatte man auch früher zumindest in vielen, wenn auch nicht in allen, Kulturen schon sehr sichere Kerker; Riegel und Wärter sind keine Erfindung aus dem Jahr 1960. Und manche Länder in der Dritten Welt, in denen es sehr korrupt zugeht und man mit Bestechung einiges erreicht, haben auch heute keine sicheren Gefängnisse.

Die Todesstrafe kann jedenfalls gerecht sein, denn: Eine Strafe ist dazu da, die durch die Tat gestörte Gerechtigkeit wiederherzustellen. Dem Täter, der seinen Willen auf Kosten anderer ausgelebt hat, soll jetzt etwas Vergleichbares gegen seinen Willen zu geschehen. Dass bei der Strafe vor allem auf diesen Aspekt der Sühne geschaut wird, ist auch wichtig, um dem Täter gegenüber gerecht zu sein; denn wenn Abschreckung der Hauptzweck wäre, könnte man auch jemanden bestrafen, der unschuldig ist, aber für schuldig gehalten wird, und wenn Besserung der Hauptzweck wäre, könnte man einen Kleinkriminellen jahrzehntelang im Gefängnis festhalten, bis man ihm seine letzten schlechten Neigungen ausgetrieben hat, statt ihn einfach nur so lange dazubehalten, bis er seine Taschendiebstähle abgebüßt hat. Nein, Voraussetzung für eine Strafe ist, dass sie als Sühne verdient ist. Und es ist gerecht, dass sie in gewisser Weise der Tat entspricht: Es ist gerecht, dass ein Dieb eine Geldstrafe zahlen muss, also auch einen Eingriff in sein Eigentum erleidet, oder dass ein Entführer ins Gefängnis kommt, also seine Freiheit einbüßt. Und für einen Mörder ist es gerecht, wenn auch er sein Leben hergeben muss. Christliche Vergebung steht dem nicht entgegen; denn Vergebung bedeutet vor allem ein Ende der Feindschaft, eine Reparatur einer Beziehung, nicht der Verzicht auf jede Strafe oder Wiedergutmachung. Man kann jemandem vergeben, und trotzdem wollen, dass er seine Strafe auf sich nimmt, und er kann sie auch auf sich nehmen wollen. Wer einem etwas kaputt gemacht hat, dem wird man verzeihen können, aber er selber wird es (hoffentlich) als gerecht empfinden, wenn er trotzdem noch Schadensersatz zahlen muss. Manchmal legt die christliche Nächstenliebe es nahe, mehr zu tun, und auf eine geschuldete Wiedergutmachung zu verzichten, und es nicht so genau zu nehmen. Aber bei schwersten Verbrechen sollte man es ein bisschen genauer nehmen, als man es heute manchmal tut.

Und die Todesstrafe ist m. E. nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis sinnvoll, da sie Täter viel eher zur Reue führt als 40 Jahre im Gefängnis mit lauter anderen verhärteten Kriminellen, und wahrscheinlich einen spürbaren Abschreckungseffekt hat (Soziologen sind sich nicht ganz einig, ob sie abschreckt oder ob sie keinen Unterschied macht; einen schlechten Effekt hat m. W. niemand gefunden, und manche Studien einen sehr positiven; leider gibt es aber einfach zu wenig Daten), und auch eine Möglichkeit bietet, Tätern beizukommen, die noch im Gefängnis Verbrechen an anderen Gefangenen oder an Wärtern begehen. Aus all diesen Gründen ist es eben nicht barbarisch, sondern vernünftig, zu sagen, dass die Todesstrafe auch angewandt werden kann, wenn man die Bevölkerung auch schützen könnte, indem man den Täter wegsperrt. Übrigens wenden auch heute noch so generell angesehene, als zivilisiert geltende Länder wie Singapur oder Japan sie an.

In Gen 9,6, als Gott den Bund mit Noah eingeht, wird die Todesstrafe für Mörder damit begründet, dass sie die Würde ihrer Opfer aufrechterhält: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll vergossen werden; denn nach Gottes Bilde ist der Mensch geschaffen.“ Das heißt nicht, dass für jeden Fall von Mord oder Totschlag die Todesstrafe nötig ist (der Bund mit Noah ist auch nicht mehr in allen Teilen in Geltung), aber sie ist sehr wohl eine gerechte Strafe, und irrelevant ist diese Begründung für Christen sicher nicht. Ich finde einfach, es ist unwahrscheinlich, dass es so wenigen Christen früherer Zeiten eingefallen wäre, dass etwas total unchristlich ist, wenn es wirklich total unchristlich ist.

Oder dann wäre da das Thema Monarchismus. Ich habe früher auch eher gedacht, dass man, auch wenn die jetzigen Demokratien sich in ihrem Anfangsstadium gegen christliche Monarchien richteten, doch deswegen nicht für Monarchien sein muss. Muss man auch nicht deswegen; aber für die Monarchie sprechen schon einige Argumente. Nicht für die absolute Monarchie, aber die war auch eher ein historischer Ausnahmefall, es gab auch in Monarchien andere Institutionen und grundlegende Gesetze, die die Macht des Monarchen begrenzten. Aber Monarchien haben eben schon Vorteile. Zunächst mal ist es ja so, dass in jedem Staat irgendjemand regiert; eine reine Volksherrschaft gibt es nirgends, und es geht im Grunde genommen nur darum, das System, Herrscher zu bestimmen, zu finden, bei dem am häufigsten gute und am wenigsten häufig katastrophale Herrscher herauskommen. Im Parteienparlamentarismus oder Präsidialsystem nun bewerben sich tendentiell eher machtgierige Leute, die sich durch undurchsichtige Parteistrukturen hochgearbeitet haben, und man hat in manchen Fällen nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. In der Erbmonarchie ist es dem Zufall der Geburt überlassen, wer der Herrscher wird, d. h. der Herrscher wird eher ein durchschnittlicher Mensch sein, der dann auch damit aufwächst, dass er zukünftig Verantwortung haben wird. Erbmonarchen können auch langfristiger denken statt nur daran, wie sie die Wähler zum Zeitpunkt der nächsten Wahl gewinnen. Und um die schlimmsten Beispiele zu nehmen: Die Erbmonarchie hat uns Iwan den Schrecklichen gebracht, aber Wahlen und Parlamente Adolf Hitler. Das heißt jetzt nicht, dass republikanische Systeme illegitim wären; sie sind eine legitime Form der staatlichen Organisation, und manche Länder sind eben jetzt Republiken. Aber andere Systeme können eben auch legitim sein.

Auch sonst: Die Vergangenheit war oft besser als dargestellt. Oft wird das Schlechte aus der Vergangenheit völlig verzerrt dargestellt und nicht mit dem heutigen Schlechten, sondern mit dem heutigen Guten verglichen, während das frühere Gute und das heutige Schlechte unterschlagen werden. Man muss die Nachteile einer Zeit mit den Nachteilen einer anderen vergleichen, nicht mit ihren Vorteilen. Und manchmal muss man sich wirklich genauer mit einer Zeit beschäftigen, um zu verstehen, wieso die Christen damals dieses taten und jenes nicht, und erst mal seine Vorurteile zurückstellen. Es gab früher Dinge, die schlecht waren, und die von den Leuten damals nicht ernst genommen wurden; jede Zeit hat ihre blinden Flecke. Aber oft war es besser als man denkt.

Oder dann nehmen wir das Thema Evolution. Ich war früher sehr leicht genervt von (häufig evangelikalen) Kreationisten, die (Makro-)Evolution grundsätzlich ablehnen, ob jetzt Langzeit- oder Kurzzeitkreationisten (aber mehr von Kurzzeitkreationisten). Ich bin jetzt nicht selbst Kreationistin geworden, sondern halte es immer noch überzeugend, dass es Evolution gibt und gab, und sehe nicht viele Argumente für das Gegenteil, aber kann eher respektieren, wenn Leute das anders sehen. Gerade in den letzten Jahren ist mir einfach mehr aufgefallen, wie viele Scheuklappen Journalismus und Wissenschaftsbetrieb beide aufhaben können, und wenn da einer noch skeptischer ist als ich, und zu anderen Schlussfolgerungen kommt, will ich ihm das nicht verübeln (solange der nicht gerade sagt, wer nicht Kreationist ist, wäre kein Christ o. Ä.). Da habe ich auch keine Lust mehr, mich damit stressen zu lassen. Solche theologischen Meinungsverschiedenheiten kann man tolerieren.

So weit mal dazu.