Ein bisschen mehr Regelfixiertheit, bitte!

Regeln sind ja allgemein nicht immer gut angesehen – zum Beispiel in gewissen liberaleren oder auch in charismatischeren christlichen Kreisen. Da soll lieber „der Geist wehen, wo er will“ und man nicht so „gesetzlich“ denken und überhaupt.

Dabei sind Regeln sehr gut. Hier nur ein paar ihrer Vorteile:

  • Regeln bedeuten, dass jeder sein Recht bekommt und seine Freiheiten hat.
  • Regeln bedeuten, dass jeder seine Verantwortlichkeiten kennt und seine Pflichten erfüllt.
  • Regeln bedeuten, dass nicht mit zweierlei Maßstäben gemessen wird; dass keiner mehr in Anspruch nimmt, als ihm zusteht, oder anderen mehr aufbürdet, als gerecht ist.
  • Regeln nehmen einem die Mühe ab, das Rad immer neu erfinden zu müssen. Wieso sich nicht an etwas halten, was viele erprobt haben?

Chesterton hat einmal so was gesagt wie: Man soll Regeln nie deshalb abschaffen, weil man ihren Sinn nicht sieht; erst dann, wenn man sieht, wieso sie ursprünglich eingeführt wurden, kann man darüber reden, ob sie noch sinnvoll sind oder nicht. Sonst schafft man sie ab und merkt hinterher, dass man auf einmal ungeahnte Probleme bekommt.

Regeln haben oft einen Sinn, der einem zuerst gar nicht auffällt: Ich komme mir z. B. ein bisschen dumm vor dafür, dass mir erst vor gar nicht allzu langer Zeit aufgefallen ist, dass früher die „Als unverheiratete Frau keine Männer nach einer Verabredung mit aufs Zimmer/allein noch mit in die Wohnung nehmen“-Regel nicht nur vor der eigenen Versuchbarkeit oder nachbarlichem Gerede, sondern auch ganz einfach vor date rape schützte.

Noch ein Verweis auf Chesterton: Irgendwo hat er auch gesagt: „If you will not have rules, you will have rulers“ – „Wenn ihr keine Gesetze haben wollt, werdet ihr Gebieter bekommen“. Irgendwie werden immer Entscheidungen getroffen, wird Macht ausgeübt – und entweder läuft das nach anerkannten, für alle geltenden Gesetzen ab, oder nach den Launen derer, die Macht und Einfluss haben, im schlimmsten Fall informellen, nicht von außen nachvollziehbaren Einfluss. Deshalb haben Orden auch Ordensregeln, und Sekten haben Gurus.

Oft ist es schon genug, überhaupt irgendwelche Regeln zu haben, auch wenn der Inhalt unterschiedlich sein kann. Wenn z. B. A sich als Regel setzt, täglich Laudes und Komplet zu beten, B täglich den Rosenkranz betet, und C täglich das Angelus betet und eine Viertelstunde lectio divina betreibt, haben die drei ein Gebetsleben auf ziemlich demselben hohen Niveau, auch wenn sie Unterschiedliches tun. Diese Art von Regeln sorgt auch dafür, dass man etwas wirklich erfüllt – vage Vorsätze („ich sollte mehr beten“) bringen viel weniger als klare Regeln.

Für den Fall, dass jemand mit „Die Wirklichkeit ist so komplex, da kann man doch nicht mit einfachen Regeln kommen!!!111“ gegen „Regelfixiertheit“ ins Feld ziehen will:

  • Manchmal ist die Wirklichkeit im Gegenteil sehr einfach.
  • Für „komplexe“ Wirklichkeiten macht man komplexe Regeln. Mal Juristen fragen, wie komplex das werden kann. Auch Naturgesetze sind machmal kompliziert. Komischerweise ist das dann solchen Leuten oft wieder zu „kleinkariert“, was zeigt, dass das Geschrei von wegen „komplex“ von Anfang an nur ein als Ausrede verwendetes Schlagwort war.

Natürlich gelten rein menschliche Regeln nicht absolut. Aber dafür gibt es ja die Tugend der Epikie: Wenn man vernünftigerweise davon ausgehen kann, dass der, der die Regel aufgestellt hat, sie in diesem Fall nicht beobachtet sehen wollen würde, kann man sich davon entbunden sehen. Einfaches Beispiel: Wenn eine Fußgängerampel rot zeigt, aber auf der anderen Straßenseite ein verletztes Kind liegt, dem ich zu Hilfe kommen muss, kann ich davon ausgehen, dass der Gesetzgeber nicht wollte, dass ich hier brav auf Grün warte.

Anders ist es freilich beim Naturrecht (= den Regeln, die das Wesen der Dinge betreffen; „Natur“ bezieht sich hier nicht auf „was Tiere machen“) und dem positiven (gesetzten) göttlichen Recht, also dem, was Gott angeordnet hat. Das gilt sehr wohl absolut. Und hier gilt auch: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Joh 14,15)

Wie es einer der Psalmen so schön sagt:

„Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN.
  Selig, die seine Zeugnisse bewahren, ihn suchen mit ganzem Herzen,
  die kein Unrecht tun und auf seinen Wegen gehn.
  Du hast deine Befehle gegeben, damit man sie genau beachtet.
  Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet, deine Gesetze zu beachten.
  Dann werde ich nicht zuschanden, wenn ich auf all deine Gebote schaue.
  Mit lauterem Herzen will ich dir danken, wenn ich deine gerechten Entscheide lerne.“
(Ps 119,1-7)

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(Mose kommt mit den Gesetzestafeln vom Sinai herunter, Darstellung von Gustave Doré. Gemeinfrei.)

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Was ist eigentlich Liebe?

Was ist eigentlich Liebe? Ach ja. Ein Begriff über den viel geredet wird, und der für allen möglichen Unsinn herhalten muss – und ein Begriff, der, richtig definiert, unheimlich wichtig ist.

Die Liebe ist die Grundlage des Christentums – und zwar zuallererst die Liebe, die Gott zu uns hat und aus der heraus Er Mensch geworden ist. Die macht uns dann erst fähig, Gott zurück zu lieben, und andere Menschen zu lieben wie uns selbst. Man müsste eigentlich viel mehr über Gottes Liebe zu uns schreiben (und dann auch über die Liebe, die wir Gott schulden), aber das versuche ich ein anderes Mal; heute will ich mich erst einmal auf die zwischenmenschliche Liebe konzentrieren. Im Evangelium heißt es: „Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn [Jesus] versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,35-40)

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ – Joh 15,13. (Buchillustration, 12. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

Das Wort „Liebe“ wird manchmal verwendet für die Zuneigung zum Vertrauten, die Bindung zu den Menschen und Dingen, zu denen man gehört – der Familie, dem Zuhause; es wird auch verwendet für das Angezogensein von Menschen und Dingen, die man bewundert oder mag – da sind wir im Bereich von Freundschaft, romantischer Liebe, der Freude über neu entdeckte Dinge. Manchmal vermischen sich diese beiden Arten Liebe – z. B. bei der Liebe zum Ehepartner, der Familie ist und den man sich mal ausgesucht hat, weil er einem gefallen hat. Beide Arten von Liebe sind gut, und wichtig, aber sie sind noch nicht Liebe im Vollsinn und sie kommen nicht ohne diese Liebe im Vollsinn aus.

Liebe im Vollsinn, Liebe im Sinne des lateinischen „caritas“ oder des griechischen  „agape“, im Sinne dessen, was man oft als „christliche Nächstenliebe“ bezeichnet, bedeutet ganz einfach ein Bejahen der Existenz des anderen, ein grundsätzliches Wohlwollen ihm gegenüber. Diese Liebe sagt: Ich will, dass du bist. Du bist keine Platzverschwendung, du sollst sein. Sie bedeutet: Dem anderen Gutes wollen. Diese Liebe schuldet jeder Mensch jedem Menschen, anders als die beiden oben genannten Arten von Liebe – man kann und muss nicht jeden sympathisch finden oder mit jedem befreundet sein, aber man muss jeden lieben. Ja, ausnahmslos jeden. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (Mt 5,43-47)

Aber keine Angst. Die Feindesliebe ist gar nicht so schwer, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Diese Liebe verträgt sich z. B. schon mit dem Wunsch, jemanden, der ein Verbrechen begangen hat, dafür (im rechten Maß!) bestraft sehen zu wollen. Womit sie sich nie verträgt, ist: Jemanden auf ewig in die Hölle zu wünschen; ihm für etwas, das er bereut, nicht vergeben zu wollen; ihm etwas Ungerechtes, Unverdientes zu wünschen oder anzutun.

Die Feindesliebe zu, sagen wir, (um nicht immer völkermordende Diktatoren als Beispiele herzunehmen, mit denen die meisten von uns wenig zu tun haben werden) einem Verbrecher, der einen auf der Straße brutal niedergeschlagen und ausgeraubt hat, kann sehr wohl so aussehen, dass man wünscht, dass er gefasst wird, dass er ein paar Jahre ins Gefängnis kommt, damit die Gerechtigkeit wiederhergestellt ist und er etwas draus lernt, dass er bereut und sich bessert und dass er am Ende zusammen mit einem in den Himmel kommt. Die Feindesliebe zu einem Partner, der einen immer wieder misshandelt hat, dann immer wieder beteuert hat, es käme nicht mehr vor, nur um einen dann doch wieder zu tyrannisieren und zuzuschlagen, kann sehr wohl so aussehen, dass man sich trennt, seinen Entschuldigungen nicht mehr traut und jeden Kontakt abbricht, um sich zu schützen; und dass man wünscht, dass er bereut und sich bessert und dass er am Ende zusammen mit einem in den Himmel kommt. (Auf Gerechtigkeit zu bestehen ist vielleicht sogar für den anderen in solchen Situationen am besten, weil er dann, wenn seine Opfer sein Handeln nicht mehr hinnehmen, sich wirklich gezwungen sehen könnte, sich zu ändern, was seiner Seele guttäte. Aber selbst, wenn das nicht der Fall wäre: Die Feindesliebe verbietet es nicht, eine gewisse Gerechtigkeit zu wollen oder sich selbst vor jemandem zu schützen. Die Liebe zu sich selbst verträgt sich ja auch damit – und zwar sehr gut damit – dass man, wenn man ein Unrecht begangen hat, eine gerechte Strafe dafür auf sich nimmt.) Man denke hier auch an Stephanus und Paulus, die jetzt beide als Heilige gemeinsam bei Gott sind, obwohl der eine dabei geholfen hat, den anderen zu ermorden. Im Diesseits ist noch keiner so verhärtet, dass er unwiderruflich verloren wäre und jede Hoffnung für ihn sinnlos wäre. (Wir können wohl davon ausgehen, dass der Tod für jemanden dann kommt, wenn Gott sieht, dass eine weitere Bewährungszeit nichts Grundsätzliches mehr für ihn ändern würde.)

Der Liebe entgegengesetzt ist nicht nur der Hass, sondern auch Verachtung oder völlige Gleichgültigkeit. Liebe ist etwas Positives, nicht nur ein bloßes in-Ruhe-Lassen (auch wenn sie das manchmal auch bedeutet – doch, ja), sie erfordert manchmal Anstrengung und Kraft. Sie bedeutet: über sich hinausschauen, andere wahrnehmen und achten, sehen, wer sie sind, was sie bewegt, was sie brauchen, sich selber auch mal klein machen und ihnen den Vortritt lassen, sie bedeutet Interesse an anderen und Verantwortung für sie, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit, Dankbarkeit.

Liebe richtet auf, statt zu zerstören. Sie ist nicht damit beschäftigt, zu dekonstruieren und zu verreißen – manchmal muss sie das in Bezug auf falsche Illusionen etc. zwar tun, aber das ist nicht das, was ihr eigentlich liegt.

Die Faustregel „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12) ist meistens ziemlich hilfreich, wenn man sich darüber klar werden will, was die Liebe zu anderen erfordert; außer natürlich wenn, was ja auch vorkommen kann, jemand einen destruktiven, verächtlichen Hass gegenüber sich selber hegt und auch sich selber nichts Gutes tun würde. Solcher Selbsthass ist ebenfalls der Liebe entgegengesetzt; man soll jedem Menschen mit diesem grundsätzlichen Wohlwollen begegnen, anderen und auch sich selbst.

Liebe ist nichts Widervernünftiges (und Vernunft nichts Liebloses!). Im Johannesevangelium heißt es „und das Wort war Gott“ – das hier gebrauchte griechische Wort für „Wort“, „logos“, heißt auch „Vernunft,“ – und im 1. Johannesbrief „Gott ist die Liebe“: Gott ist Vernunft und Liebe zugleich. Es entspricht der Vernunft, die Geschöpfe, die Gott gut geschaffen hat (wenn sie auch später gefallen und teilweise verdorben sind), zu lieben. Liebe bedeutet, einen anderen so zu sehen, wie Gott ihn gewollt hat; sehen, dass er etwas wert ist, dass er Gutes  an sich hat, dass er, wenn er schon kein guter Mensch ist, zumindest gut sein könnte.

Liebe will den anderen als guten Menschen sehen. Sie freut sich auch über seine sonstigen Errungenschaften oder Eigenschaften, Erfolg oder Klugheit oder von ihm geschaffene Dinge, aber vor allem will sie ihn als guten Menschen sehen. Liebe kann sich nicht daran freuen, wenn ein geliebter Mensch (zum Beispiel) glücklich dabei ist, luxuriös zu leben, indem er alte Leute mit Enkeltrickbetrug ausnimmt.

Es gibt bekanntlich die alte Formel „die Sünde hassen, den Sünder lieben“, die vom hl. Augustinus stammt. Das ist keine praktisch eh nicht durchführbare Haarspalterei, sondern die Grundlage, um überhaupt lieben zu können. Man liebt das Schlechte am anderen nicht – man liebt ihn trotz des Schlechten, und man will, auch um seinetwillen, dass das Schlechte an ihm verschwindet. Eben genau dieselbe Einstellung, die man auch sich selbst gegenüber normalerweise hegt bzw. hegen sollte.

C. S. Lewis schreibt dazu: „Lange kam mir das wie Haarspalterei vor. Wie können wir die Handlungen eines Menschen hassen, nicht aber den Menschen selbst? Jahre später erst ging mir auf, dass es einen Menschen gab, den ich schon immer auf diese Weise behandelt hatte: nämlich mich selbst. So sehr ich meine Feigheit, meine Eitelkeit oder meine Habgier auch verabscheute, ich hörte nicht auf, mich selbst zu lieben. Da hatte es nie Probleme gegeben. Mehr noch, ich verabscheute diese Dinge, gerade weil ich den Mann liebte. Eben weil ich mich liebte, tat es mir weh, immer wieder mitansehen zu müssen, zu welchen Taten ich fähig war. Das Christentum verlangt von uns aber nicht, den Abscheu über Grausamkeit oder Verrat zu unterdrücken oder auch nur im mindesten abzuschwächen. Wir sollen und dürfen beides hassen. Wir brauchen kein einziges Wort zurückzunehmen.“ (Aus: „Pardon, ich bin Christ“ (Originaltitel „Mere Christianity“), Teil III, Kapitel 7.)

Auch der hl. Thomas von Aquin schreibt: „Ich antworte, gemäß ihrer Natur, nach der sie die Seligkeit genießen können, seien die Sünder zu lieben; denn die gemeinschaftliche Grundlage der heiligen Liebe ist die ewige Seligkeit; — gemäß der Schuld aber, die ein Hindernis bildet für die Seligkeit, seien sie aus dem gleichen Grunde zu hassen; selbst wenn es Vater, Mutter etc. wäre, wie Luk. 14. geschrieben steht. Daß sie also Sünder sind, müssen wir in ihnen hassen; daß sie Menschen sind, in heiliger Liebe lieben.“ (Summa Theologiae, II/II 25,6)

Liebe ist keine bloße Emotion – und man kann sehr wohl jemanden lieben, indem man ihm praktisch Liebe zeigt, auch wenn man nicht viele nette Gefühle für ihn hegt. Gerade dann ist es wertvoll, jemandem Gutes zu tun, wenn man ihn nicht sympathisch finden kann. Wobei positive Emotionen natürlich oft hilfreich sind, wenn man zu jemanden gut sein will.

Sie ist auch nichts Gesetzloses oder Widergesetzliches – im Gegenteil, sie ist die Grundlage des göttlichen Gesetzes, nicht ein Vorwand zu dessen Umgehung. „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Joh 14,15). Sie bedeutet Harmonie und Ordnung, Treue und Verlässlichkeit und das Einhalten von Versprechen. Ja, dazu gehört an prominenter Stelle das Eheversprechen. („Die Gefühle sind irgendwie weg“ ist kein ausreichender Grund für eine Trennung. Man hat sich Liebe und Treue versprochen, in guten wie in schlechten Tagen, und das kann man immer noch halten. Erst recht nicht ist „Liebe“ ein ausreichender Grund, um seinen Partner mit jemand Neuem zu betrügen. (Diese Art „Liebe“ beruht meistens sowieso nicht auf mehr als Hormonen und Einbildung.))

Liebe ist nicht parteiisch und nicht blind. Liebe leugnet die Fehler eines geliebten Menschen nicht einfach und ignoriert sie auch nicht, wenn sie entsprechend groß sind.

Damit ist sie meistens genau das, was sogenannte „Liebesromane“ nicht unter „Liebe“ verstehen. Ein Beispiel aus einem der klassischen Schundromane, Band 2 der Twilight-Reihe (ich bitte alle christlichen Leser, mich nicht für meine Jugendsünden zu verurteilen!); an einer Stelle denkt sich die Hauptfigur in Bezug auf ihren Guter-Vampir-(derzeit-Ex)-Freund, dass sie ihn selbst dann geliebt hätte, wenn er ein Mörder gewesen wäre: „Aber wenn es so gewesen wäre? Wenn er sich, während ich ihn kannte, genauso verhalten hätte wie jeder andere Vampir? Wenn Menschen im Wald verschwunden wären, genau wie jetzt? Hätte ich mich dann  von ihm ferngehalten? Ich schüttelte traurig den Kopf. Liebe ist irrational, dachte ich wieder. Je mehr man jemanden liebte, desto unlogischer wurde alles.“ Nö. Genau das ist nicht Liebe. Sondern eine ziemlich abstoßende Blindheit.

Serien und Filme und Romane arbeiten ja auch gerne mit dramatischen Gewissensdilemmata, mit Situationen, in denen die Hauptfigur, erpresst durch einen Verbrecher, irgendeinem Fremden etwas antun soll, damit der Verbrecher einem geliebten Familienmitglied, das er entführt hat, nichts antut, oder etwas in der Art. Das Resultat ist dann meistens, dass derjenige das tut, weil, aus Liebe kann er halt nicht anders, oder so. Aber, doch, er könnte. Und die speziell dem Familienmitglied geschuldete Liebe berechtigt ihn nicht dazu, dem Fremden etwas anzutun. Dem schuldet er nämlich auch eine gewisse Liebe. Sicher ist man zuerst für die „Nächsten“, für die einem am nächsten Stehenden, verantwortlich, aber das heißt nicht, dass andere nicht zählen. Und wenn etwa, um ein anderes Beispiel zu nehmen, der eigene Sohn ein Verbrechen begangen hat, verbietet es die allen Menschen geschuldete Liebe zu den Opfern des Verbrechens, ihn zu decken – und die Liebe zu ihm gebietet es, ihn später im Gefängnis zu besuchen oder zumindest für ihn zu beten.

Liebe bedeutet Gerechtigkeit und Barmherzigkeit – beides. Sie bedeutet nicht einfach die Vernachlässigung der Gerechtigkeit im Namen der Barmherzigkeit – das wäre dann meistens Ungerechtigkeit. (Ein etwas banales Beispiel, das man oft in einem Kindergarten sehen kann: Kind 1 hat Kind 2 sein Spielzeug weggenommen und die erschöpfte Erzieherin fordert Kind 2 auf, doch einfach lieb zu sein und das Spielzeug Kind 1 zu überlassen; das wird Kind 2 vermutlich nicht besonders freundlich gegenüber Kind 1 stimmen und ihm nur das Gefühl geben, „Liebe“ sei ein Vorwand, um andere zu überreden, Ungerechtigkeit hinzunehmen; und auch Kind 1 wird nicht lernen, was Teilen und Liebe bedeutet.) Sie bedeutet aber auch nicht einfach nur harte Gerechtigkeit; immer wieder ist auch die Zeit da, einfach ungeschuldetermaßen barmherzig und vergebend zu sein und über das hinauszugehen, was jemand verdient. (Barmherzigkeit ist per definitionem unverdient.) Vor allem muss, bevor es Barmherzigkeit geben kann, ein Unrecht als solches anerkannt werden – wenn jemand ein Unrecht mir gegenüber zugibt, ist es an der Zeit, sich mit ihm zu auszusöhnen, aber solange er sich weigert, das zu sehen, würde immer etwas zwischen einem stehen und man könnte nur Waffenstillstände miteinander schließen statt wirklichen Frieden.

In christlichen Kreisen, besonders in amerikanischen christlichen Kreisen, ist in den letzten Jahren ja gerne davon gesprochen worden, dass Liebe nicht nur nett und duldsam ist, sondern auch „tough love“ bedeuten kann, also auch streng sein kann und harte Tatsachen nicht unter den Teppich kehren wird. Das stimmt auch. Aber Liebe wird sich trotzdem oft durch Güte, Milde, Geduld, Freundlichkeit äußern; und „tough love“ sollte nicht als Entschuldigung herhalten, um sich ekelhaft aufzuführen. Auch, wenn sie manchmal nötig sein sollte.

 

So weit mal einige Überlegungen. Aber am besten hat natürlich immer noch der hl. Paulus ausgedrückt, was Liebe ist:

„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts. Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13)

An die ungeplant Schwangere: Ein offener Brief

Du bist schwanger, und das war nicht geplant. Vielleicht hat die Pille versagt – oder was auch immer. Und jetzt weißt du nicht, wie du mit deinen Problemen umgehen sollst. Vielleicht drängt dein Partner dich zu einer Abtreibung, oder du hast keinen Partner, oder du hast dich noch nicht getraut, es ihm zu sagen, oder er weiß nicht, was er dir raten soll und fühlt sich genauso hilflos wie du. Vielleicht sagen dir Freunde und Familie auch nur, du müsstest das selber lösen.

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(Ca. 6 Wochen alter Embryo. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von lunar caustic.)

Aber du kannst das schaffen. Natürlich kannst du das schaffen. Unzählige Frauen haben Kinder schon unter den schwierigsten Umständen zur Welt gebracht – auch wenn sie genauso gezweifelt haben und Angst hatten wie du jetzt. Es gibt Informations-, Beratungs- und Hilfsangebote: Bei ProFemina. Bei der Caritas. Bei etlichen anderen kleinen und großen Adressen. Selbst eine anonyme Geburt ist möglich, wenn du gar nicht weiter weißt.

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(8 Wochen alter Embryo. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von drsuparna.)

Du hast Ansprüche gegenüber dem Vater – im Notfall zahlt auch das Jugendamt Unterhaltsvorschuss – und du hast Ansprüche auf staatliche Hilfeleistungen. Du hast Rechte gegenüber deinem Arbeitgeber. An Unis gibt es Hilfen für Eltern – Urlaubssemester, Betreuungsangebote usw. Du kannst auch trotz Kind deinen Schulabschluss machen. Es gibt Hilfe bei medizinisch schwierigen Schwangerschaften.

Vielleicht heißt es, dein Kind könnte behindert sein. Aber solche Diagnosen sind alles andere als sicher. Falsche Diagnosen oder Risikoeinschätzungen sind sehr viel häufiger, als man meint. (Das kennt meine Familie beispielsweise aus eigener Erfahrung.)

Und selbst wenn es behindert ist: Sollte man denn alle Behinderten töten? Geh mal zu einem Behinderten – z. B. zu jemandem mit Downsyndrom – hin und frag ihn: „Wäre es dir lieber, weiterzuleben oder soll ich dich töten?“ Und dein Kind wird hier nicht einmal gefragt. Selbst wenn es heißt „dein Kind wird wahrscheinlich schon kurz nach der Geburt sterben, weil es eine so schlimme Fehlbildung hat“, was ist besser: es gleich gewaltsam zu töten oder zu warten und es vielleicht – denn noch mal: sicher ist bei diesen Diagnosen nichts – einen natürlichen Tod zu seiner Zeit sterben zu lassen?

Denk dran: Niemand kann dich zu einer Abtreibung zwingen. Weder deine Eltern noch dein Freund noch dein Ehemann noch ein Arzt, der meint, zu wissen, was das Beste ist.

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(Zwölf Wochen alter Embryo, Ultraschallbild. Gemeinfrei.)

Es ist dein Kind. Es ist auf dich angewiesen. Du wirst nicht erst Mutter, du bist schon eine.

Und du hast nicht das Recht, dein Kind zu töten. Dein Kind hat eine Zukunft, die ihm gehört.

Von dir wird nicht verlangt, dich „für dein Kind zu entscheiden“. Von dir wird verlangt, dich nicht dafür zu entscheiden, dein Kind zu töten. Was du nach seiner Geburt machst – ob du es behältst oder zur Adoption freigibst (auch das ist möglich), welche Beziehung du weiterhin zu seinem Vater hast, ob du bald wieder arbeiten gehst oder erst einmal zu Hause bleibst – das alles musst du selber entscheiden, wie es für dich am besten ist. Aber es ist nicht in Ordnung, zu einem Arzt zu gehen, der einen Schlauch in deine Gebärmutter einführen soll, um dein Kind durch Saugluft in Stücke zu reißen und seine einzelnen Gliedmaßen herauszusaugen. So sieht eine Abtreibung im ersten Trimester aus. Im späteren Verlauf einer Schwangerschaft wird das Kind meistens mit einer Giftspritze ins Herz getötet und dann eine Frühgeburt eingeleitet.

„Mein Körper gehört mir.“ Da ist aber noch ein Körper in deinem Körper  – einer, der dir nicht gehört. Stell dir vor, da wären zwei siamesische Zwillinge, und die eine von beiden würde sagen: „Herr Doktor, trennen Sie uns, ich weiß, dass meine Zwillingsschwester dabei sterben wird, aber das ist mir egal, mein Körper gehört mir.“

Du kannst dieses Kind bekommen. Du bist stark genug dafür. Schwangerschaft sind schwierig, ja – aber die Alternative ist nicht so leicht, wie es manchmal heißt.

Du wirst eine Abtreibung vielleicht nicht so schnell vergessen. Viele Frauen haben jahrelang Albträume und Flashbacks. Es ist eine brutale Sache, die übrigens auch für dich gesundheitliche Risiken hat.

Lass dein Leben nicht von einer Kurzschlussreaktion bestimmen, die du hinterher vielleicht bereust. Hol dir erst einmal Vomex gegen die Morgenübelkeit und heul dich ordentlich bei jemandem aus, der dir helfen will, vielleicht kannst du dann schon wieder klarer denken. Es ist ja eine unglaublich stressige Situation. Ruf bei einer Beratungsstelle an oder geh direkt dorthin oder nimm ein Onlineberatungsangebot in Anspruch und informier dich, bevor du irgendetwas tust, über alle deine Möglichkeiten und alle angebotenen Hilfen.

Und dann stell dir die Frage: Angenommen, ich treibe nicht ab – würde ich mir dann vielleicht in zehn Jahren, wenn mein Kind also etwa in der 3. oder 4. Klasse wäre, wünschen, ich hätte es getan? Und angenommen, ich treibe ab – würde ich mir dann vielleicht wünschen, ich hätte es nicht getan?

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(Neugeborenes Baby. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Krish Dulal.)

 

PS: Wenn du bereits eine Abtreibung hattest und mit den psychischen Folgen zu kämpfen hast, auch da gibt es Menschen, die dir helfen wollen.

PPS: Und wenn du als Mann erfahren hast, dass du Papa wirst: Bitte unterstütz die Mutter deines Kindes. Viele Frauen fühlen sich in einer solchen Situation hilflos – plötzlich ist da ein Kind im eigenen Körper, kannst du dir das vorstellen? (Und dann sämtliche gesundheitlichen Probleme einer Schwangerschaft…) Sei für sie da, und für dein Kind.

Ratschläge für Neulinge in der katholischen Kirche (und solche, die es werden wollen)

Ich möchte mich heute mal an alle wenden, die mit dem Gedanken spielen, sich katholisch taufen zu lassen, oder in die katholische Kirche überzutreten, oder diesen Schritt gerade eben hinter sich haben, oder die anfangen, den katholischen Glauben, zu dem sie offiziell schon gehören, erstmals näher anzuschauen (so wie ich vor sieben Jahren). Es gibt nämlich ein paar Sachen, auf die es ganz gut ist, zu achten, wenn man sich an diesen Schritt wagt. Hier also ein paar Tipps, die vielleicht hilfreich sind:

1) Konzentriert euch, bevor ihr eine Entscheidung für oder gegen den Katholizismus trefft, auf die zentralen Fragen. Diese lauten: Ist der historische Jesus von Nazareth wirklich der Sohn Gottes, des allmächtigen, allgütigen und allwissenden Schöpfers und Erhalters der Welt, der vom Himmel herabgekommen ist, nicht nur, um uns eine Offenbarung zu bringen, sondern auch, um uns zu erlösen und einen Bund mit uns einzugehen? Ist die katholische Kirche wirklich die von Ihm begründete Kirche, deren Haupt Er noch immer ist und die den Beistand des Heiligen Geistes hat und daher nicht in Irrtum verfallen kann? Sobald man diese beiden Fragen eindeutig mit Ja beantworten kann, ist die Sache klar: Man wird katholisch. Man hat eine Pflicht, die Wahrheit zu suchen und zu der Kirche Gottes zu gehören und sich an ihre Gebote zu halten, wenn Gott eine solche Kirche gestiftet hat.

2) Geht aber auch untergeordneten Fragen und Zweifeln nach. Wenn ihr etwas in der Lehre der Kirche nicht versteht, sucht nach Antworten! Die gibt es nämlich. Seid nicht entmutigt, wenn ihr nicht gleich welche findet; etliche Christen sind schlecht über ihren Glauben informiert, und auch Pfarrer wissen nicht alles und erzählen manchmal den reinsten Blödsinn. Unten an diesem Post füge ich noch eine Liste mit hilfreichen Quellen und Links für diese Suche an. Man kann zwar auch katholisch sein, wenn man einfach von dem Prinzip überzeugt ist, dass etwas, das die Kirche (als unfehlbares Dogma) lehrt, verlässlich sein muss, und sich dann darauf verlässt, ohne die Gründe für dieses spezielle Dogma zu kennen; prinzipiell genügt das; aber langfristig ist es doch besser, auch die Gründe zu kennen. Fragen zu haben ist absolut in Ordnung; Gott ist logos, die Vernunft in Person; die Lehre Seiner Kirche muss also Sinn machen. Es ist manchmal nötig, auch seine eigenen unbewussten Vorannahmen im Lauf dieser Suche nach der Wahrheit zu hinterfragen (weil sie vielleicht von unlogischen Vorurteilen des 21. Jahrhunderts geprägt sind), aber grundsätzlich ist es wichtig, sich seine Schwierigkeiten einzugestehen und Antworten zu suchen, die man akzeptieren kann.

3) Besorgt euch Ludwig Otts „Grundriss der Dogmatik“, um zu lernen, die Gewissheitsgrade bei den verschiedenen Lehren der Kirche zu unterscheiden. Ist etwas „De fide“, also eine mit voller Unfehlbarkeit ausgestattete offizielle Lehre? Oder vielleicht nur „sentitia communis“, eine von der Mehrheit der Theologen der Kirchengeschichte vertretene Ansicht, der man als Katholik aber auch widersprechen darf? (Oh, und wenn ihr die Lehren in Otts Dogmatik kennenlernen wollt, dann lest auch das Kleingedruckte – sonst kann es u. U. missverständlich werden.)

4) Erwartet nicht zu viel von Klerikern und anderen Katholiken. Ich habe in den letzten paar Jahre zwar einige unglaublich nette, fromme, geniale oder witzige Katholiken kennengelernt – aber es gibt auch in der Kirche immer wieder die Idioten, die Zicken, die Unzuverlässigen, die Selbstsüchtigen, die Halbherzigen, die Arroganten, die Ahnungslosen… Dass jemand durch diese oder jene Fügung des Schicksals von der richtigen Weltanschauung überzeugt ist, sagt noch nicht viel über ihn aus. Und dass er sich entschieden hat, Priester zu werden, und später vielleicht auf einen Bischofsstuhl gekommen ist, auch nicht. Ach ja, und stellt euch schon mal auf innerkatholische Grabenkämpfe ein.

5) Idealisiert nicht irgendein Vorbild zu sehr. Klar kennt man oft mal einen begeisternden Bischof, einen genialen Theologen, eine hilfsbereite Nonne voller toller Einsichten, die einen zum Glauben gebracht haben – aber verlasst euch nicht zu sehr auf solche Vorbilder im Glauben. Sie sind auch nur Menschen; wahrscheinlich werden sie irgendwann Fehler machen und einen enttäuschen. In einzelnen Fällen kann es sogar sein, dass man sich sehr gewaltig in einem Menschen täuscht. So ging es den Mitgliedern der Legionäre Christi und von Regnum Christi, als sie erkennen mussten, dass ihr Gründer ein Kinderschänder war, der seine Taten hinter seiner heiligen Fassade versteckt hatte. Aber ob es jetzt nur um gewöhnliche Fehler oder um schlimme Verbrechen geht: Wir sind nicht wegen irgendeines Menschen katholisch, sondern wegen Gott.

6) Glaubt nicht, man dürfte als braver Katholik nichts mehr in der Kirche kritisieren – im Gegenteil, gerade weil wir zur Kirche gehören und die Kirche lieben, dürfen wir da, wo die Leute in ihr nicht Gott folgen, Kritik üben.

7) Lasst euch nicht diesen Unsinn einreden, nach dem Glaube und Vernunft (oder Glaube und Wissenschaft) zueinander im Widerspruch stünden. Es gibt zwar sogar Christen, die meinen, „Glaube“ hieße, etwas nicht genau wissen zu können oder etwas Widervernünftiges zu akzeptieren; aber das ist falsch. Die Kirche hat dieses Glaubensverständnis immer klar zurückgewiesen, siehe z. B. hier oder hier.

8) Erwartet niemals, dass Gott, wenn ihr brave Christen seid und zu Ihm betet, alle eure Probleme lösen, alle eure Bitten erhören, alles Leid von euch fernhalten wird. Gott ist kein Automat, und so funktioniert das nicht. Erwartet auch nicht, dass es immer einfach sein wird, Seine Stimme zu hören oder Seine Gegenwart zu spüren. Wird es nicht.

9) Passt darauf auf, dass ihr euch nicht eigene Gottesbilder konstruiert und die für Gott haltet. Man kann sich alle möglichen falschen Gottesbilder machen – Gott als unerbittlicher Richter, vor dem man keine Chance hat, zu bestehen; Gott als desinteressiert und fern; Gott als willkürlicher Herrscher; Gott als gleichmütiger Typ, dem es egal ist, ob wir gut sind oder nicht… Wenn man dann irgendwann Gott ablehnt, muss man sich fragen: Lehne ich Gott ab oder nur mein eigenes Gottesbild? Gott ist der „Ich bin“. Er ist, der Er in sich ist, nicht der, als den wir Ihn uns vorstellen.

10) Wenn sich andere Katholiken auf Privatoffenbarungen berufen, um euch zu irgendwelchen speziellen Andachten oder Sühnegebeten oder Weltuntergangspanik zu überreden: Nichts davon müsst ihr glauben, selbst dann nicht, wenn die Privatoffenbarung kirchlich erlaubt (anerkannt) sein sollte, und oft sind diese Offenbarungen nicht mal das.

11) Geht zur Sonntagsmesse, wenn ihr nicht gerade krank seid oder arbeiten müsst oder so. Auch wenn ihr noch nicht katholisch seid und es somit nicht tun müsst, und auch noch nicht die Kommunion empfangen könnt: Es ist unglaublich hilfreich, in Jesu Gegenwart zu sein. Und sucht am besten auch sonst den Kontakt zur Ortspfarrei – vielleicht findet da ja mal ein Alphakurs/Jugendalphakurs statt, oder es gibt einen Gebets- oder Bibelkreis, dem man sich anschließen kann, oder es wird eine Wallfahrt ins Heilige Land oder zum nächsten Marienwallfahrtsort veranstaltet, bei der man mitkommen möchte, oder man kann bei einem sozialen Projekt helfen – oder was auch immer. Auf jeden Fall ist es gut, andere Katholiken kennenzulernen und in der Kirche dabei zu sein. (Auch wenn in der Pfarrei nicht alles ideal laufen sollte.)

12) Haltet euch, wenn ihr der Kirche näherkommt, schon mal an die allgemeinen Gebote Gottes – auch in Bezug auf solche unbeliebten Dinge wie „keine Lügen“ oder „kein Sex außerhalb der Ehe“. Das hat noch keinem geschadet. (Ich finde ja, dass es, selbst wenn man sich noch überhaupt nicht sicher sein sollte, wie sich das mit Gott verhält, mehr Sinn macht, so zu leben, als ob es Gott gäbe und das Leben einen Sinn und eine Ordnung hätte, anstatt so, als ob ihn nicht gäbe.)

13) Lest in der Bibel, um Gott kennenzulernen. (Und wenn da was unklar ist, hab ich hier ein paar Artikel über die „schwierigen“ Bibelstellen, die vielleicht ein paar Fragen klären könnten.)

14) Ohne regelmäßiges Gebet (am besten morgens, abends & vor dem Essen) geht gar nichts.

 

Hilfreiche Quellen:

Links (deutsch) :

Links (englisch) :

  • Die „Catholic Encyclopedia“ ist ein absolut großartiges Lexikon aus dem frühen 20. Jahrhundert.
  • „The Papal Encyclicals Online“ hat Lehrschreiben aus mehreren Jahrhunderten Kirchengeschichte, die man sonst oft schwer findet.
  • „The belief of Catholics“ ist ein Buch des ziemlich genialen englischen Konvertiten, Priesters, Schriftstellers und Bibelübersetzers Ronald Knox aus dem Jahr 1927, das es leider nicht in deutscher Übersetzung, dafür aber gratis online gibt.
  • „Word on Fire“ ist ein Medienapostolat des US-amerikanischen Bischofs Robert Barron – da findet man etliche Artikel oder Videos zum Glauben. Etwas Ähnliches bietet Ascension Press – Videos, Artikel, Podcasts. „Catholic Answers“ ist eine von professionellen Laien betriebene Seite – umfangreich, hilfreich, beantwortet unzählige praktische Fragen zum katholischen Leben.
  • Dieser Blog eines ehemaligen Seminaristen bietet besonders gute Informationen über die Geschichte der Kirche, die Unterschiede zwischen Katholizismus & Protestantismus, aber auch etliche andere Themen, etwa, warum der Atheismus falsch liegt.
  • Über in den Kreisen der „New Atheists“ geläufige Geschichtsmythen über das Christentum informiert dieser (von einem Atheisten betriebene) Blog. Sehr spannend.

Bücher (deutsch) :

  • „Youcat. Jugendkatechismus der katholischen Kirche“ / „Youcat for kids“ (plus: „Youcat. Update! Beichten!“, „Youcat. Jugendgebetbuch“, „Docat. Was tun?“, „Youcat. Firmbuch“)
  • Den „Katechismus der katholischen Kirche“ sowie das „Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche“ gibt es natürlich auch in Buchform. (Der „Katholische Erwachsenenkatechismus“, den nicht Rom, sondern die deutsche Bischofskonferenz herausgegeben hat, ist allerdings absolut nicht zu empfehlen.)
  • Alles von Joseph Ratzinger, besonders aber „Jesus von Nazareth“ (3 Bände) und „Einführung in das Christentum“
  • Josef Bordat: „Von Ablasshandel bis Zölibat. Das ‚Sündenregister‘ der katholischen Kirche“
  • Michael Hesemann: „Die Dunkelmänner. Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte“
  • Ludwig Ott: „Grundriss der Dogmatik“
  • Heinrich Denzinger und Peter Hünermann (Herausgeber) : „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ (Anders als auf der Webseite des Vatikans, die nur die neueren Dokumente (so ab dem späten 19. Jh.) hat, findet man in diesem Buch Lehrschreiben aus 2000 Jahren Kirchengeschichte. Wenn man durch die Lehrdokumente blättert, muss man aber drauf aufpassen, eine Liste verurteilter Ketzereien nicht aus Versehen für eine Liste kirchlicher Dogmen zu hälten, und vice versa…)
  • Alles von Gilbert Keith Chesterton, besonders „Orthodoxie“
  • Alles von C. S. Lewis, besonders „Pardon, ich bin Christ“ – unter dem Vorbehalt, dass sich bei dem Anglikaner Lewis einige protestantische Fehler einschleichen.
  • Ich fühle mich zwar nicht ganz wohl dabei, Bücher zu empfehlen, die ich selbst noch nicht gelesen habe, aber Frank Sheeds „Theologie für Anfänger“ und Josef Bordats „Credo. Wissen, was man glaubt“, sollen sehr gut sein.

Bücher (englisch) :

  • Fulton Sheen: „Life of Christ“ (Es gäbe eine ältere deutsche Übersetzung des Buches, aber die ist sehr frei und damit furchtbar – der Übersetzer formuliert Sätze oft beliebig um.)
  • Trent Horn: „Hard sayings. A Catholic approach to answering Bible difficulties“
  • Peter Kreeft: „You can understand the Bible“

Vom Himmel träumen

Lasst uns doch mal vom Himmel träumen.

Da sind keine Angst, keine Sorgen, keine Schmerzen, keine Traurigkeit, keine Schuld mehr.

Da ist Frieden, Ruhe, Sicherheit.

Man hat seinen Platz, an den man gehört, und den einem mehr keiner nehmen wird.

Da sind Millionen über Millionen andere, und sie alle wollen einander wohl und können einander wirklich kennen und verstehen. Man gehört dazu.

Alles ist licht und hell. Da ist Freude und Jubel.

Da ist die Musik der Engel, da ist der Lobgesang der Heiligen.

Da ist Gott, auch wenn ich Ihn mir nicht wirklich vorstellen kann, aber wir werden Ihm  ins Angesicht schauen können, ohne Angst zu haben, und Er wird uns liebevoll anschauen.

Das ist jetzt ein eher untypischer Blogpost von mir. Aber manchmal braucht es das – vom Himmel träumen (statt sich vor der Hölle zu fürchten oder lieber gar nicht an das Thema „Was kommt nach meinem Tod“ zu denken). Wieso sollten wir nicht davon träumen, worauf wir hoffen? Gott ist barmherzig, und wir können einmal dort sein. Vielleicht ja nach einer Zeit im Fegefeuer. Aber hoffentlich sehen wir uns alle irgendwann einmal im Himmel.

Ja, ja, ich weiß, Marx und so weiter wollten uns das Träumen und Hoffen nicht gönnen. Aber die haben ihre Himmelsersatzversprechen auch nicht eingelöst, also träumen und hoffen wir doch, so viel wir wollen!

Ankündigungen, eine Leserbefragung und ein „Best of“

Ankündigungen in eigener Sache:

Nachdem ich ausführlich über die Benedikt-Option geschrieben habe, möchte ich mir bald auch andere aktuelle Erscheinungen darüber, wie die Zukunft der Kirche funktionieren könnte, anschauen, namentlich „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert: Von einer bewahrenden zu einer missionarischen Kirchengemeinde“ von dem kanadischen katholischen Priester James Mallon und „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ von Erik Flügge und David Holte. An ersteres habe ich hohe Erwartungen; bei letzterem regt mich ehrlich gesagt schon der Titel auf (obwohl tatsächlich auch ein paar gute Ideen drinstecken könnten). Ich bin mal gespannt – stay tuned!

Außerdem dachte ich, es könnte auch mal wieder Spaß machen, mich ein wenig über einen pseudo-historischen Roman mit Kirchenbezug lustig zu machen, und das dabei transportierte Geschichtsbild genauer anzuschauen. Da ich mich im Moment noch nicht recht entscheiden kann zwischen den Büchern, die meine Familie daheim hat und die mir geeignet scheinen, wollte ich meine Leser mal fragen, welches sie denn am meisten interessieren würde:

  • „Der Kinderpapst“ von Peter Prange. Es geht um Benedikt IX., der zwischen 1032 und 1048 dreimal (!) das Papstamt bekleidete und einzelnen Quellen zufolge beim ersten Mal erst 12 Jahre alt gewesen sein soll (andere Quellen geben ein anderes Alter an). Ich habe es irgendwann mal geschenkt bekommen und dachte mir immer, dass das Thema interessant, das Buch aber vermutlich blöd wäre.
  • „Die Ikone des Kaisers“ von Andreas Knapp. Dieser Roman handelt von der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453. Auch ein altes Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk, und die Beschreibung hört sich eigentlich interessant an, aber der letzte Satz davon klang für mich so dämlich, dass er mir ursprünglich die Lust auf das Buch verdorben hat: „Inmitten der dramatischen Kämpfe findet auch ein geistiges Ringen von höchster Aktualität statt: Darf der Mensch im Namen Gottes Krieg führen?“ Meine Güte, die Griechen verteidigten sich einfach gegen Angreifer! (Okay, man kann hoffen, dass der Satz sich auf die Osmanen beziehen soll.)
  • „Der schwarze Mönch“ von Harald Parigger. Ein Jugendbuch, das eins meiner Geschwister mal als Schullektüre gelesen hat. Es handelt vom Kinderkreuzzug von 1212. Ich habe es mal durchgeblättert, und anscheinend gibt es irgendwelche interreligiösen Verwicklungen mit Kindern, die insgeheim jüdisch sind, und der jugendliche Anführer des Kinderkreuzzugs ist der Schurke der Geschichte.
  • „Im Namen der Königin“ von Maiken Nielsen. Auch ein Jugendbuch, das kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges spielt, und das ich vor Jahren gelesen habe, an das ich aber nur noch verschwommene Erinnerungen habe. Die Protagonistin hat ihr Gedächtnis verloren, und als sie – verletzt und in Jungenkleidern – in einer Hütte auf Rügen aufwacht, weiß sie nicht einmal, was ein Kruzifix, das an der Wand hängt, sein soll. Das Buch spielt hauptsächlich in Schweden, glaube ich, und es kommen dann auch noch andere Jugendliche vor, die alle unterschiedliche religiöse Identitäten haben, und die sich dann für irgendeine Mission zusammentun, oder so etwas.
  • „Die Rebellin“, auch von Peter Prange. Es hat zwar keinen wirklichen Kirchenbezug, aber die Analyse könnte trotzdem ganz interessant werden; es scheint ein gutes Beispiel für einen klassischen „Reiche junge Frau verliebt sich in armen Mann und muss dann ihrem Vater trotzen“-Roman zu sein. Die Beschreibung jedenfalls hört sich so an, als müsste das Mädel in seinem bisherigen Leben sein Zimmer nicht verlassen haben; anscheinend ist es wirklich etwas völlig Neues für Emily, dass es im London des Jahres 1851 Armut gibt.
  • „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett. Mein Vater hat es gelesen und es hat ihm gefallen, glaube ich. Es geht um die Schicksale von mehreren mittelalterlichen Menschen, die irgendetwas mit dem Bau einer Kathedrale zu tun haben.
  • Oder soll ich mich vielleicht doch noch an „Die Päpstin“ von Donna W. Cross wagen? Hm. Meine Mutter hat es im Regal stehen – allerdings nie gelesen, soweit ich weiß – und es stand auch in der Bibliothek der Psychosomatischen Klinik, in der ich letzten Sommer war, und damals habe ich mir mal aus Neugier die ersten zwanzig oder dreißig Seiten angetan. Es ist ziemlich over the top; Johannas Vater, ein mit einer heidnischen Sächsin verheirateter fränkischer Dorfpriester, ist eine extreme Karikatur eines bösen frauenfeindlichen christlichen Patriarchen.
  • Ich hatte früher auch mal noch ein Jugendbuch, in dem ein Junge aus unserer Zeit ins Granada des Jahres 1492 reist, sich mit einer spanischen Prinzessin anfreundet, und von der Inquisition gefangen genommen und gefoltert wird, weil er eine Packung Ketchup dabei hat und der Prinzessin zeigt, dass man das essen kann, und sie es für Blut hält, weil Tomaten, die aus der Neuen Welt stammen, in Spanien noch nicht bekannt sind, oder irgendetwas in der Art. Doch, das Buch war wirklich so albern. Ich glaube, ich habe es für irgendeinen Flohmarkt in der Schule weggegeben, als ich fünfzehn oder sechzehn war und mit pseudohistorischer Kirchenfeindlichkeit nichts mehr anfangen konnte. Oder vielleicht habe ich es auch weggeworfen, weil es mir gar zu blöd war. Ich habe den Titel jetzt im Internet wiedergefunden („Alhambra“ von Kirsten Boie.) und habe ein bisschen in der Leseprobe gelesen. Himmel, die ersten zwei Kapitel sind schon so doof… Außerdem hält es die Autorin anscheinend für eine wahnsinnig originelle Idee, ein Zitat aus „Nathan der Weise“ vor den Anfang des Buches zu stellen. Ich glaube, wenn meine Leser dafür votieren, würde ich es mir noch mal bestellen, auch wenn ich nicht garantieren würde, dass ich wirklich bis zum Ende durchhalten könnte.

Also, ich würde mich über eure Meinungen in den Kommentaren freuen!

Jetzt zum nächsten Punkt: Im August wird es schon zwei Jahre her sein, dass ich zu bloggen angefangen habe und inzwischen habe ich über 250 Artikel veröffentlicht; heute also, weil es gerade passt, mal ein „Best of“ von „Nolite Timere“:

Zu den insgesamt beliebtesten Artikeln auf meinem Blog gehören (neben der vor kurzem veröffentlichten Besprechung der Benedikt-Option):

Viel gelesen wurde natürlich auch meine Reihe über die schwierigen Bibelstellen und meine Reihe über Skrupulosität

Einige der mir persönlich liebsten Artikel, denen ich noch eine weitere Verbreitung wünschen würde, wären z. B. die folgenden:

Dann wäre da natürlich noch meine neue Reihe „Aus dem Denzinger“, in der ich von Päpsten oder Konzilien herausgegebene Dokumente aus den letzten zweitausend Jahren zusammenstelle, u. a. zu Themen wie Zwangstaufen, Folter, Gottesurteile, Ehen ohne Einverständnis der Eltern, Zölibat oder Evolution:

Und das war’s für heute; wie gesagt, ich freue mich auf Kommentare!

Bericht aus der Irrenanstalt

Ich befinde mich inzwischen seit vier Wochen in einer Psychosomatischen Klinik, und werde noch weitere zwei Wochen hier sein. Da dachte ich mir, ich gebe meinen Lesern mal einen kurzen exklusiven Lagebericht.

Die Klinik, in der ich bin, gehört zu den hiesigen Bezirkskliniken und unterscheidet sich in der Praxis wahrscheinlich nicht allzu sehr von der standardmäßigen Psychiatrie, abgesehen davon, dass es hier keine Abteilung für die schwereren Fälle wie Psychosen und Schizophrenien gibt, keine geschlossene Abteilung für die akut Selbstmordgefährdeten, und keine forensische (ebenfalls geschlossene) für die Straftäter. Das hier ist eine kleinere Klinik für die leichteren Fälle: Angststörungen, Zwangsstörungen, Burnout, Depressionen, usw.

Das Gebäude ist schön gelegen, hell und modern eingerichtet, es gibt einen großen Garten mit Bäumen und Blumenbeeten, Liegestühlen und Sonnenschirmen, und einer großen Terrasse. Das Essen ist wirklich gut, abgesehen vielleicht von den kleinen Portionen in Plastikpäckchen abgepacktem Honig, die es beim Frühstücksbuffet gibt. Untergebracht ist man in hübsch ausgestatteten Einzel- oder Zweierzimmern (ja, ja, auch in solchen Kliniken macht sich unser Krankenkassensystem bemerkbar). Es gibt einen Fitnessraum und einen Sportraum, weil, wie ich hier erfahren habe, Sport als gutes Antidepressivum wirken soll, eine Bibliothek, aus der ich dieses großartige Werk der hohen Literatur her habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/07/26/ein-bisschen-scheiterhaufen-muss-sein/), einen Fernsehraum, eine Lounge mit Kaffeeautomat, Heißwasserautomat, Obstkorb und Süßigkeiten, und sogar einen Saunabereich (Sauna ist nicht meins, aber das hat schon irgendwie was, oder?). Oh, und es gibt eine Kapelle im obersten Stock, in der leider nie Gottesdienste stattzufinden scheinen, sondern höchstens die Gesangsgruppe, wenn der Gruppenraum zu klein für die Anzahl der Teilnehmer ist, die aber sehr schön eingerichtet ist und wunderschöne Kreuzwegstationen enthält. Ich werde hier mal noch Fotos nachliefern.

Die meisten der Patienten, ich auch, bekommen von den Ärzten Psychopharmaka verschrieben – in so geringer Dosis wie möglich. Es handelt sich um keine Wunderpillen und keine persönlichkeitsverändernden Mittel, mein Medikament wirkt etwas beruhigend und stimmungsaufhellend, und hat die einzige Nebenwirkung, dass ich etwas müder bin als zuvor.

Was die Therapien angeht, da gibt es pro Woche 50 Minuten Einzelgespräch mit einem Psychotherapeuten; der Fokus liegt auf den Gruppenveranstaltungen. Zusätzlich zur normalen Gruppentherapie gibt es Gruppen, die sich auf bestimmte Probleme konzentrieren (z. B. Ängste), oder die mit bestimmten Methoden arbeiten (Musiktherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie, Ergotherapie). Für diese Gruppen wird man je nach Bedarf von seinem Therapeuten eingeteilt. Es kann in den Gruppensitzungen um ganz verschiedene Themen gehen: Selbstwert und Selbstannahme, sozial angemessenes Verhalten, richtige Kommunikation, Autonomie, den Angstkreislauf, die Reaktion des Körpers auf psychische Probleme, Techniken für die Vorbereitung auf Panikattacken oder andere Krisen…

Ich habe mal einen Bericht über eine Jugendpsychiatrie gesehen, in der nachts alle zwei Stunden kurz jemand ins Zimmer gesehen hat und in der man sein Handy nur für eine Stunde am Tag bekommen hat. Hier ist das nicht so; vielleicht, weil das hier eine Einrichtung für Erwachsene ist, vielleicht, weil Kliniken das unterschiedlich handhaben, vielleicht, weil in dieser Psychiatrie Patienten mit weniger gravierenden Krankheiten sind als in jener. Ein paar Dinge sind hier anders als in der tpyischen Reha-Klinik, in die man nach einem Bandscheibenvorfall eingewiesen wird, das schon. Zum Beispiel sollen Besucher nicht mit auf die Zimmer kommen, weil die ein geschützter, privater Raum für den anderen Zimmergenossen sein sollen, wo nicht plötzlich die ganze Verwandtschaft des einen Zimmergenossen drin stehen soll. Setzt man sich mit seinen Besuchern eben in die Lounge oder auf die Terrasse.

Und ja, wir laufen hier alle frei herum. Wenn man die Klinik für länger als eine Stunde verlässt, soll man sich in eine Liste eintragen, und am Wochenende, wenn keine Therapien stattfinden, hat man sich morgens nach dem Frühstück kurz beim Pflegepersonal zu melden, um Bescheid zu geben, wie es einem geht und was man für den Tag geplant hat. That’s it. Letztens hat ein Therapeut in einer meiner Gruppen mal von einem Tag der offenen Tür erzählt, der kurz vor der Eröffnung der Klinik stattgefunden hat (die noch nicht lange her ist). Offenbar haben Leute aus dem Dorf damals tatsächlich gefragt, ob die Patienten denn hier alle frei herumlaufen dürfen. Ja, doch, das dürfen wir. Zwischen den Therapien gehen die Leute hier gerne mal ins Dorf runter, einkaufen oder in ein Café. Viele nutzen den Samstag- oder Sonntagnachmittag, um ein paar Stunden nach Hause zu ihrer Familie zu fahren oder einen Ausflug in der Umgebung zu machen; andere bleiben in der Klinik und setzen sich mit einem Buch auf einen Liegestuhl draußen. Besuch kann man hier übrigens auch jederzeit bekommen, und wenn man den Aufenthalt aus welchem Grund auch immer beenden möchte, kann man vorzeitig entlassen werden. (Zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen werden kann man nur im Fall akuter Selbst- oder Fremdgefährdung – also nicht, wenn man sich z. B. mal denkt, man würde eigentlich gerne sterben, sondern eher, wenn die Polizei einen gerade so noch davon abhalten konnte, von einer Brücke zu springen -, und dann würde man nicht in diese Einrichtung hier eingewiesen werden.)

Die Patienten hier sind sehr unterschiedlich. Eine alleinerziehende Lehrerin, eine Rentnerin, ein Schreiner, eine Verkäuferin Mitte zwanzig, eine junge Schwangere… alles dabei. Die allermeisten haben Familie, viele der älteren Patienten haben einen Ehepartner und eigene Kinder. Der Altersdurchschnitt liegt vermutlich bei vierzig oder fünfzig, aber es sind auch mehrere jüngere Leute in meinem Alter hier, und ein paar ältere über sechzig.

Den meisten hier würde man es, wenn man sie auf der Straße sähe, nie ansehen, dass sie psychische Probleme haben. Ja, auch Leute, die an Depressionen oder Panikattacken leiden, können äußerlich gepflegt sein, lächeln und fröhliche Gespräche führen. Es geht ihnen auch nicht pausenlos schlecht.

Bei ein paar wenigen Patienten merkt man es eher, dass es ihnen nicht gut geht: Sie bewegen sich sehr langsam, sprechen kaum, sehen meistens so aus, als ob sie gerade geweint oder schlecht geschlafen hätten, oder sitzen beim Essen im Speisesaal meistens lieber allein. Natürlich hat jeder hier so seine Krankheit. Und hier kann man sich mit Menschen unterhalten, die das verstehen, also gibt es öfter mal Gespräche darüber, dass man in dieser Nacht bloß mit einem abhängig machenden Beruhigungsmittel schlafen konnte (zu meinem großen Glück etwas, womit ich noch nie Probleme hatte!), oder dass man Konzentrationsprobleme hat, oder dass man vorhin in der und der Gruppe eine Panikattacke hatte, oder dass einem diese oder jene ganz normale Alltagsaufgabe schwerfällt. In gewisser Weise hilft es, zu merken, dass man nicht allein ist mit Problemen solcher Art – auch wenn es natürlich an sich nicht gerade toll ist, dass noch mehr Leute dieselben Probleme erleben müssen. Aber hier gibt es jedenfalls viel Verständnis. (Natürlich redet man auch nicht nur über seine Krankheiten. Ich habe hier auch schon Gespräche über Altgriechisch, die Kreuzzüge, Häkeltechniken und Berufspläne geführt.)

Das Ganze hier dauert für gewöhnlich sechs Wochen und wird ab und zu um zwei oder drei Wochen verlängert. Das Konzept ist, die Patienten für eine begrenzte Zeit aus dem Alltag herauszunehmen und sie in dieser Zeit intensiv mit Therapien zu begleiten, damit sie dann wieder ins normale Leben zurückgehen können. Einige sind nach ihrer Entlassung noch eine Zeitlang krankgeschrieben und für gewöhnlich macht man mit ambulanter Therapie weiter.

Der Weg in die Klinik war übrigens ziemlich einfach. Die Psychotherapeutin schlägt eine stationäre Therapie vor, man ringt sich schließlich dazu durch, fragt bei der Klinik an, in die man möchte, bekommt einen Brief, wann der nächste Platz frei ist (ein paar Wochen später), telefoniert noch ein paar Mal mit der Rezeption, holt sich eine Einweisung vom Hausarzt, und fährt dann an dem entsprechenden Termin hin. (Bei akuten psychiatrischen Erkrankungen wird der Weg wohl anders und schneller verlaufen.) In den ersten Tagen hat man dann die Aufnahmegespräche mit den Ärzten und den Psychotherapeuten, d. h., man muss zwei oder drei Mal seine Krankengeschichte erzählen und wird solche Dinge gefragt, wie, hat man schon einmal ein Psychopharmakum genommen, hat man schon einmal an Selbstmord gedacht, leidet man an Schlafstörungen, oder hört man manchmal Stimmen. (Ja, auch so etwas kann einem „normalen Menschen“ passieren. Mir zum Glück noch nicht, aber das ist gar nicht mal so selten, wie man glauben könnte.) Man wird von einem anderen Patienten, der sich als „Pate“ dazu bereiterklärt hat, durchs Haus geführt, und die Kunst-, Musik-, Ergo- und Sporttherapeuten geben allen Neulingen eine kurze Einführung in das, was sie so machen. Wenn alles das dann durch ist, erstellt der zuständige Therapeut einen Wochenplan für einen und es geht mit den normalen Therapien – wie oben beschrieben – weiter.

Ich habe den Eindruck, dass diese Therapien, und nicht zuletzt auch mein neues Medikament, mir inzwischen schon geholfen haben, und bin mal gespannt, wie es dann in zwei Wochen mit mir weitergehen wird, wenn ich wieder draußen sein werde.

Und das war’s auch schon! Interessanteres oder Spektakuläreres habe ich nicht zu berichten.

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Eine Blume in einem der Blumenbeete im Garten der Klinik. Keine Ahnung, was für eine. Sie hat mir einfach gefallen.

 

Wenn der Herr wiederkommt – eine neue Kurzgeschichte

„Wenn der Herr wiederkommt“, hieß es auf dem Hof gelegentlich. Aber jeder, der dort lebte, schien diesen Halbsatz in einem anderen Sinn zu gebrauchen.

So beginnt meine neue Kurzgeschichte, die eigentlich in den Advent gehören würde, mit der ich aber erst jetzt vor kurzem fertig geworden bin. Sie findet sich hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/meine-kurzgeschichten/

Ich bin noch nicht so gut im Schreiben von Kurzgeschichten, aber ich habe das Gefühl, wenigstens ein bisschen was lerne ich allmählich. (Zum Beispiel, dass zu viele Adjektive einen Text versauen.) Übung macht bekanntlich den Meister.

Die allumfassende Kirche, Teil 10 – Vielfalt und Einheit. Ein paar abschließende Bemerkungen

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Ich könnte jetzt in dieser Reihe noch über verschiedene weitere Themen reden – das Thema ist auch irgendwie allumfassend. Ich könnte von Karmelitern, Benediktinern und Jesuiten anfangen, von der franziskanischen und salesianischen und ignatianischen Spiritualität, von den charismatischen Gemeinschaften, dem Opus Dei und der Petrusbruderschaft, den Vereinen und den Dritten Orden, den verschiedenen unter dem Papst geeinten katholischen Rituskirchen (römisch-katholische, chaldäisch-katholische, assyrisch-katholische, koptisch-katholische, griechisch-katholische, melkitisch-katholische, äthiopisch-katholische usw.), von unterschiedlichen Andachtsformen, von den theologischen und philosophischen Schulen im Katholizismus. (Wer übrigens gerne etwas mehr über das Thema theologische Vielfalt im Katholizismus wissen möchte, dem könnte ich auch Fr. H. G. Hughes’ Buch „What Catholics are free to believe or not“ empfehlen. Habe es selber noch nicht gelesen, habe es aber fest vor.) In dieser katholischen – allumfassenden – Kirche gibt es Vielfalt: In gewissem Rahmen der Ansichten, aber vor allem der Lebens- und Gebetsformen. Ob ich Herz-Jesu-Verehrung oder Stundengebet oder sonst etwas lieber mag, ist letztlich einfach eins: meine Sache.

Ein Thema, über das man in diesem Zusammenhang sicherlich noch kurz reden sollte, ist die Einheit der Weltkirche, die gerade auch diese Vielfalt schützt. Ich will mit einem Vergleich deutlich machen, was ich meine: In gewissen protestantischen Kreisen, besonders im amerikanischen Bereich, kann jede Gemeinde oder jeder regionale Verband von Gemeinden beschließen, was zum Glauben gehört, was sein darf und was nicht sein darf, wie der Gottesdienst auszusehen hat und was zur Mitgliedschaft dazu gehört. Jeder macht sein eigenes Ding und stellt seine eigenen Partikularansprüche. Im Katholizismus haben wir nur einen Papst, den in Rom; und das sorgt für gewisse Mindeststandards und allgemein geltende Regeln. Kein Bischof oder Pfarrer kann seinen Untergebenen einfach befehlen, das mit, sagen wir mal, der Wallfahrt nach Lourdes oder der Charismatischen Erneuerung sein zu lassen, weil beides von weiter oben gestattet ist. Ich kann an jedem Ort, wo die katholische Kirche vertreten ist, grundsätzlich meinen Glauben auf meine Weise leben, solange die von Rom abgesegnet ist. (Natürlich gibt es auch Bereiche, deren Regelung Bischöfen oder Bischofskonferenzen überlassen ist; in dem Fall müsste ich natürlich meinem jeweiligen Bischof gehorsam sein. Eine gewisse lokale Autorität hat ja auch ihren Sinn, da sie die örtlichen Zustände besser kennt als das im weltkirchlichen Zentrum vielleicht der Fall ist. Aber es braucht eben auch die Weltkirche.)

Die Einheit der Kirche hat natürlich ganz allgemein ihre großen Vorteile. Ich kann in jede katholische Gemeinde der Welt in die Messe gehen und werde dort das grundsätzlich Gleiche erleben – die Quelle und den Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, wie Lumen Gentium es ausdrückt. Ich kann bei jedem katholischen Priester auf der Welt auf das Beichtgeheimnis zählen. Die Kirche spricht mit einer Stimme zu den zentralen Themen der Welt. Wir Katholiken gehören zu einer Gemeinschaft, wir glauben nicht für uns allein und sind im Glauben nicht auf uns allein gestellt. Die Einheit der Kirche – sowohl im äußeren, institutionellen Bereich als auch in allen wesentlichen Lehrfragen – ist unersetzlich.

Es ist kein Wunder, dass Jesus wollte, dass seine Jünger eins sind; darum betete Er beim Letzten Abendmahl (Joh 17,20-23). Wir glauben an die eine, heilige, katholische (=allumfassende, universale) und apostolische Kirche: Eine Kirche, die fähig ist, alle Länder und Kulturen zu umfassen und allen Arten von Menschen Heimat zu bieten (weil der Heilige Geist ihr dabei hilft). Die Einheit und die Katholizität der Kirche gehören untrennbar zusammen.

Es gibt noch andere Dinge, die ich sonst noch ansprechen könnte. Aber ich denke, das Wichtigste ist gesagt, und damit will ich es bewenden lassen und diese Reihe abschließen. Ich hoffe, ich konnte ein bisschen etwas davon herüberbringen, wieso ich diese Kirche liebe.

So, und jetzt geht es dann bald endlich mal mit der geplanten Reihe zu den „schwierigen“ Bibelstellen weiter!