Bericht aus der Irrenanstalt

Ich befinde mich inzwischen seit vier Wochen in einer Psychosomatischen Klinik, und werde noch weitere zwei Wochen hier sein. Da dachte ich mir, ich gebe meinen Lesern mal einen kurzen exklusiven Lagebericht.

Die Klinik, in der ich bin, gehört zu den hiesigen Bezirkskliniken und unterscheidet sich in der Praxis wahrscheinlich nicht allzu sehr von der standardmäßigen Psychiatrie, abgesehen davon, dass es hier keine Abteilung für die schwereren Fälle wie Psychosen und Schizophrenien gibt, keine geschlossene Abteilung für die akut Selbstmordgefährdeten, und keine forensische (ebenfalls geschlossene) für die Straftäter. Das hier ist eine kleinere Klinik für die leichteren Fälle: Angststörungen, Zwangsstörungen, Burnout, Depressionen, usw.

Das Gebäude ist schön gelegen, hell und modern eingerichtet, es gibt einen großen Garten mit Bäumen und Blumenbeeten, Liegestühlen und Sonnenschirmen, und einer großen Terrasse. Das Essen ist wirklich gut, abgesehen vielleicht von den kleinen Portionen in Plastikpäckchen abgepacktem Honig, die es beim Frühstücksbuffet gibt. Untergebracht ist man in hübsch ausgestatteten Einzel- oder Zweierzimmern (ja, ja, auch in solchen Kliniken macht sich unser Krankenkassensystem bemerkbar). Es gibt einen Fitnessraum und einen Sportraum, weil, wie ich hier erfahren habe, Sport als gutes Antidepressivum wirken soll, eine Bibliothek, aus der ich dieses großartige Werk der hohen Literatur her habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/07/26/ein-bisschen-scheiterhaufen-muss-sein/), einen Fernsehraum, eine Lounge mit Kaffeeautomat, Heißwasserautomat, Obstkorb und Süßigkeiten, und sogar einen Saunabereich (Sauna ist nicht meins, aber das hat schon irgendwie was, oder?). Oh, und es gibt eine Kapelle im obersten Stock, in der leider nie Gottesdienste stattzufinden scheinen, sondern höchstens die Gesangsgruppe, wenn der Gruppenraum zu klein für die Anzahl der Teilnehmer ist, die aber sehr schön eingerichtet ist und wunderschöne Kreuzwegstationen enthält. Ich werde hier mal noch Fotos nachliefern.

Die meisten der Patienten, ich auch, bekommen von den Ärzten Psychopharmaka verschrieben – in so geringer Dosis wie möglich. Es handelt sich um keine Wunderpillen und keine persönlichkeitsverändernden Mittel, mein Medikament wirkt etwas beruhigend und stimmungsaufhellend, und hat die einzige Nebenwirkung, dass ich etwas müder bin als zuvor.

Was die Therapien angeht, da gibt es pro Woche 50 Minuten Einzelgespräch mit einem Psychotherapeuten; der Fokus liegt auf den Gruppenveranstaltungen. Zusätzlich zur normalen Gruppentherapie gibt es Gruppen, die sich auf bestimmte Probleme konzentrieren (z. B. Ängste), oder die mit bestimmten Methoden arbeiten (Musiktherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie, Ergotherapie). Für diese Gruppen wird man je nach Bedarf von seinem Therapeuten eingeteilt. Es kann in den Gruppensitzungen um ganz verschiedene Themen gehen: Selbstwert und Selbstannahme, sozial angemessenes Verhalten, richtige Kommunikation, Autonomie, den Angstkreislauf, die Reaktion des Körpers auf psychische Probleme, Techniken für die Vorbereitung auf Panikattacken oder andere Krisen…

Ich habe mal einen Bericht über eine Jugendpsychiatrie gesehen, in der nachts alle zwei Stunden kurz jemand ins Zimmer gesehen hat und in der man sein Handy nur für eine Stunde am Tag bekommen hat. Hier ist das nicht so; vielleicht, weil das hier eine Einrichtung für Erwachsene ist, vielleicht, weil Kliniken das unterschiedlich handhaben, vielleicht, weil in dieser Psychiatrie Patienten mit weniger gravierenden Krankheiten sind als in jener. Ein paar Dinge sind hier anders als in der tpyischen Reha-Klinik, in die man nach einem Bandscheibenvorfall eingewiesen wird, das schon. Zum Beispiel sollen Besucher nicht mit auf die Zimmer kommen, weil die ein geschützter, privater Raum für den anderen Zimmergenossen sein sollen, wo nicht plötzlich die ganze Verwandtschaft des einen Zimmergenossen drin stehen soll. Setzt man sich mit seinen Besuchern eben in die Lounge oder auf die Terrasse.

Und ja, wir laufen hier alle frei herum. Wenn man die Klinik für länger als eine Stunde verlässt, soll man sich in eine Liste eintragen, und am Wochenende, wenn keine Therapien stattfinden, hat man sich morgens nach dem Frühstück kurz beim Pflegepersonal zu melden, um Bescheid zu geben, wie es einem geht und was man für den Tag geplant hat. That’s it. Letztens hat ein Therapeut in einer meiner Gruppen mal von einem Tag der offenen Tür erzählt, der kurz vor der Eröffnung der Klinik stattgefunden hat (die noch nicht lange her ist). Offenbar haben Leute aus dem Dorf damals tatsächlich gefragt, ob die Patienten denn hier alle frei herumlaufen dürfen. Ja, doch, das dürfen wir. Zwischen den Therapien gehen die Leute hier gerne mal ins Dorf runter, einkaufen oder in ein Café. Viele nutzen den Samstag- oder Sonntagnachmittag, um ein paar Stunden nach Hause zu ihrer Familie zu fahren oder einen Ausflug in der Umgebung zu machen; andere bleiben in der Klinik und setzen sich mit einem Buch auf einen Liegestuhl draußen. Besuch kann man hier übrigens auch jederzeit bekommen, und wenn man den Aufenthalt aus welchem Grund auch immer beenden möchte, kann man vorzeitig entlassen werden. (Zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen werden kann man nur im Fall akuter Selbst- oder Fremdgefährdung – also nicht, wenn man sich z. B. mal denkt, man würde eigentlich gerne sterben, sondern eher, wenn die Polizei einen gerade so noch davon abhalten konnte, von einer Brücke zu springen -, und dann würde man nicht in diese Einrichtung hier eingewiesen werden.)

Die Patienten hier sind sehr unterschiedlich. Eine alleinerziehende Lehrerin, eine Rentnerin, ein Schreiner, eine Verkäuferin Mitte zwanzig, eine junge Schwangere… alles dabei. Die allermeisten haben Familie, viele der älteren Patienten haben einen Ehepartner und eigene Kinder. Der Altersdurchschnitt liegt vermutlich bei vierzig oder fünfzig, aber es sind auch mehrere jüngere Leute in meinem Alter hier, und ein paar ältere über sechzig.

Den meisten hier würde man es, wenn man sie auf der Straße sähe, nie ansehen, dass sie psychische Probleme haben. Ja, auch Leute, die an Depressionen oder Panikattacken leiden, können äußerlich gepflegt sein, lächeln und fröhliche Gespräche führen. Es geht ihnen auch nicht pausenlos schlecht.

Bei ein paar wenigen Patienten merkt man es eher, dass es ihnen nicht gut geht: Sie bewegen sich sehr langsam, sprechen kaum, sehen meistens so aus, als ob sie gerade geweint oder schlecht geschlafen hätten, oder sitzen beim Essen im Speisesaal meistens lieber allein. Natürlich hat jeder hier so seine Krankheit. Und hier kann man sich mit Menschen unterhalten, die das verstehen, also gibt es öfter mal Gespräche darüber, dass man in dieser Nacht bloß mit einem abhängig machenden Beruhigungsmittel schlafen konnte (zu meinem großen Glück etwas, womit ich noch nie Probleme hatte!), oder dass man Konzentrationsprobleme hat, oder dass man vorhin in der und der Gruppe eine Panikattacke hatte, oder dass einem diese oder jene ganz normale Alltagsaufgabe schwerfällt. In gewisser Weise hilft es, zu merken, dass man nicht allein ist mit Problemen solcher Art – auch wenn es natürlich an sich nicht gerade toll ist, dass noch mehr Leute dieselben Probleme erleben müssen. Aber hier gibt es jedenfalls viel Verständnis. (Natürlich redet man auch nicht nur über seine Krankheiten. Ich habe hier auch schon Gespräche über Altgriechisch, die Kreuzzüge, Häkeltechniken und Berufspläne geführt.)

Das Ganze hier dauert für gewöhnlich sechs Wochen und wird ab und zu um zwei oder drei Wochen verlängert. Das Konzept ist, die Patienten für eine begrenzte Zeit aus dem Alltag herauszunehmen und sie in dieser Zeit intensiv mit Therapien zu begleiten, damit sie dann wieder ins normale Leben zurückgehen können. Einige sind nach ihrer Entlassung noch eine Zeitlang krankgeschrieben und für gewöhnlich macht man mit ambulanter Therapie weiter.

Der Weg in die Klinik war übrigens ziemlich einfach. Die Psychotherapeutin schlägt eine stationäre Therapie vor, man ringt sich schließlich dazu durch, fragt bei der Klinik an, in die man möchte, bekommt einen Brief, wann der nächste Platz frei ist (ein paar Wochen später), telefoniert noch ein paar Mal mit der Rezeption, holt sich eine Einweisung vom Hausarzt, und fährt dann an dem entsprechenden Termin hin. (Bei akuten psychiatrischen Erkrankungen wird der Weg wohl anders und schneller verlaufen.) In den ersten Tagen hat man dann die Aufnahmegespräche mit den Ärzten und den Psychotherapeuten, d. h., man muss zwei oder drei Mal seine Krankengeschichte erzählen und wird solche Dinge gefragt, wie, hat man schon einmal ein Psychopharmakum genommen, hat man schon einmal an Selbstmord gedacht, leidet man an Schlafstörungen, oder hört man manchmal Stimmen. (Ja, auch so etwas kann einem „normalen Menschen“ passieren. Mir zum Glück noch nicht, aber das ist gar nicht mal so selten, wie man glauben könnte.) Man wird von einem anderen Patienten, der sich als „Pate“ dazu bereiterklärt hat, durchs Haus geführt, und die Kunst-, Musik-, Ergo- und Sporttherapeuten geben allen Neulingen eine kurze Einführung in das, was sie so machen. Wenn alles das dann durch ist, erstellt der zuständige Therapeut einen Wochenplan für einen und es geht mit den normalen Therapien – wie oben beschrieben – weiter.

Ich habe den Eindruck, dass diese Therapien, und nicht zuletzt auch mein neues Medikament, mir inzwischen schon geholfen haben, und bin mal gespannt, wie es dann in zwei Wochen mit mir weitergehen wird, wenn ich wieder draußen sein werde.

Und das war’s auch schon! Interessanteres oder Spektakuläreres habe ich nicht zu berichten.

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Eine Blume in einem der Blumenbeete im Garten der Klinik. Keine Ahnung, was für eine. Sie hat mir einfach gefallen.

 

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Wenn der Herr wiederkommt – eine neue Kurzgeschichte

„Wenn der Herr wiederkommt“, hieß es auf dem Hof gelegentlich. Aber jeder, der dort lebte, schien diesen Halbsatz in einem anderen Sinn zu gebrauchen.

So beginnt meine neue Kurzgeschichte, die eigentlich in den Advent gehören würde, mit der ich aber erst jetzt vor kurzem fertig geworden bin. Sie findet sich hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/meine-kurzgeschichten/

Ich bin noch nicht so gut im Schreiben von Kurzgeschichten, aber ich habe das Gefühl, wenigstens ein bisschen was lerne ich allmählich. (Zum Beispiel, dass zu viele Adjektive einen Text versauen.) Übung macht bekanntlich den Meister.

Die allumfassende Kirche, Teil 10 – Vielfalt und Einheit. Ein paar abschließende Bemerkungen

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Ich könnte jetzt in dieser Reihe noch über verschiedene weitere Themen reden – das Thema ist auch irgendwie allumfassend. Ich könnte von Karmelitern, Benediktinern und Jesuiten anfangen, von der franziskanischen und salesianischen und ignatianischen Spiritualität, von den charismatischen Gemeinschaften, dem Opus Dei und der Petrusbruderschaft, den Vereinen und den Dritten Orden, den verschiedenen unter dem Papst geeinten katholischen Rituskirchen (römisch-katholische, chaldäisch-katholische, assyrisch-katholische, koptisch-katholische, griechisch-katholische, melkitisch-katholische, äthiopisch-katholische usw.), von unterschiedlichen Andachtsformen, von den theologischen und philosophischen Schulen im Katholizismus. (Wer übrigens gerne etwas mehr über das Thema theologische Vielfalt im Katholizismus wissen möchte, dem könnte ich auch Fr. H. G. Hughes’ Buch „What Catholics are free to believe or not“ empfehlen. Habe es selber noch nicht gelesen, habe es aber fest vor.) In dieser katholischen – allumfassenden – Kirche gibt es Vielfalt: In gewissem Rahmen der Ansichten, aber vor allem der Lebens- und Gebetsformen. Ob ich Herz-Jesu-Verehrung oder Stundengebet oder sonst etwas lieber mag, ist letztlich einfach eins: meine Sache.

Ein Thema, über das man in diesem Zusammenhang sicherlich noch kurz reden sollte, ist die Einheit der Weltkirche, die gerade auch diese Vielfalt schützt. Ich will mit einem Vergleich deutlich machen, was ich meine: In gewissen protestantischen Kreisen, besonders im amerikanischen Bereich, kann jede Gemeinde oder jeder regionale Verband von Gemeinden beschließen, was zum Glauben gehört, was sein darf und was nicht sein darf, wie der Gottesdienst auszusehen hat und was zur Mitgliedschaft dazu gehört. Jeder macht sein eigenes Ding und stellt seine eigenen Partikularansprüche. Im Katholizismus haben wir nur einen Papst, den in Rom; und das sorgt für gewisse Mindeststandards und allgemein geltende Regeln. Kein Bischof oder Pfarrer kann seinen Untergebenen einfach befehlen, das mit, sagen wir mal, der Wallfahrt nach Lourdes oder der Charismatischen Erneuerung sein zu lassen, weil beides von weiter oben gestattet ist. Ich kann an jedem Ort, wo die katholische Kirche vertreten ist, grundsätzlich meinen Glauben auf meine Weise leben, solange die von Rom abgesegnet ist. (Natürlich gibt es auch Bereiche, deren Regelung Bischöfen oder Bischofskonferenzen überlassen ist; in dem Fall müsste ich natürlich meinem jeweiligen Bischof gehorsam sein. Eine gewisse lokale Autorität hat ja auch ihren Sinn, da sie die örtlichen Zustände besser kennt als das im weltkirchlichen Zentrum vielleicht der Fall ist. Aber es braucht eben auch die Weltkirche.)

Die Einheit der Kirche hat natürlich ganz allgemein ihre großen Vorteile. Ich kann in jede katholische Gemeinde der Welt in die Messe gehen und werde dort das grundsätzlich Gleiche erleben – die Quelle und den Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, wie Lumen Gentium es ausdrückt. Ich kann bei jedem katholischen Priester auf der Welt auf das Beichtgeheimnis zählen. Die Kirche spricht mit einer Stimme zu den zentralen Themen der Welt. Wir Katholiken gehören zu einer Gemeinschaft, wir glauben nicht für uns allein und sind im Glauben nicht auf uns allein gestellt. Die Einheit der Kirche – sowohl im äußeren, institutionellen Bereich als auch in allen wesentlichen Lehrfragen – ist unersetzlich.

Es ist kein Wunder, dass Jesus wollte, dass seine Jünger eins sind; darum betete Er beim Letzten Abendmahl (Joh 17,20-23). Wir glauben an die eine, heilige, katholische (=allumfassende, universale) und apostolische Kirche: Eine Kirche, die fähig ist, alle Länder und Kulturen zu umfassen und allen Arten von Menschen Heimat zu bieten (weil der Heilige Geist ihr dabei hilft). Die Einheit und die Katholizität der Kirche gehören untrennbar zusammen.

Es gibt noch andere Dinge, die ich sonst noch ansprechen könnte. Aber ich denke, das Wichtigste ist gesagt, und damit will ich es bewenden lassen und diese Reihe abschließen. Ich hoffe, ich konnte ein bisschen etwas davon herüberbringen, wieso ich diese Kirche liebe.

So, und jetzt geht es dann bald endlich mal mit der geplanten Reihe zu den „schwierigen“ Bibelstellen weiter!

Die allumfassende Kirche, Teil 9: Alles hat seine Stunde

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Im Katholizismus gibt es gelegentlich mal gruselige, harte oder traurige Dinge. Wir haben Reliquiare mit Knochenstückchen auf Seitenaltären stehen und es gibt in Europa Kapellen voller aufgetürmter Schädel und mit Wänden, die mit Knochen behangen sind [hier ein paar Fotos… https://churchpop.com/2014/10/28/inside-europes-creepy-bone-churches/ ]. Unsere Heiligen werden dargestellt mit Sägen und Äxten und siedendem Öl, weil sie dadurch zu Tode kamen, und von Johannes dem Täufer sieht man auf zahlreichen Darstellungen nur seinen Kopf auf einer silbernen Schale. Sogar die Patronate dieser Heiligen zeigen einen ziemlichen Galgenhumor – St. Sebastian beispielsweise ist der Patron der Bogenschützen, weil er mit Pfeilen getötet wurde. Wir glauben an Fegefeuer, Hölle und Endgericht, es gibt das Dies Irae und den Dia de los muertos; auch Halloween hat bekanntlich katholische Wurzeln. Wir haben sogar Exorzismen.* Es gibt im Kirchenjahr Zeiten der Trauer und des Fastens. Und dann gibt es – natürlich – den Karfreitag. Das zentrale Symbol unseres Glaubens ist ein grausames Hinrichtungsgerät. Das Kreuz muss damals in der Antike ein noch abwegigeres Symbol gewesen sein, als wenn heutzutage Galgen oder Guillotine oder Elektrischer Stuhl oder Waterboardinginstrumente als Symbole einer neuen Sekte auserkoren würden.

Trotzdem sind diese dunklen Dinge nicht das eigentliche Wesen des Katholizismus. Das Wesen des Katholizismus, wie ich es erfahren habe, ist Klarheit, Freude, Friede, Licht und Hoffnung – zu seinem Wesen gehört der Sieg über das Leid durch dessen Annahme.

In dieser Religion wurde das Leid nie ignoriert. Vergänglichkeit, Tod und Krankheit, die Ungerechtigkeit der Welt und zwischenmenschliche Bosheit galten in der Geschichte der katholischen Religion immer als Grundkonstante des Lebens aller Menschen, was sie ja sind; ein paar YOLO- oder Prosperity-Gospel-Philosophien versuchen diese offensichtliche Tatsache zwar heutzutage zu ignorieren, aber ich denke, dass sich alle vernünftigen Menschen darüber einig sind, dass es so ist. (Dass der Versuch von Ideologien wie dem Kommunismus, eine vollkommen leidlose Welt zu schaffen, grandios gescheitert ist, darüber sind wir uns auch einig, oder?) Die menschlichen Abgründe wurden in der Kirche nie ignoriert. Wir haben Heilige, die zuerst einmal Mörder, Räuber, Prostituierte oder Christenverfolger waren. (St. Moses der Äthiopier, St. Afra, St. Maria von Ägypten, St. Paulus…) Die Kirche ist dazu da, Heilung zu bringen – Leben nach dem Tod, Vergebung aller Verbrechen.

Es gibt im Kirchenjahr Zeiten des Fastens, der Trauer und des Entsetzens über das Böse. Der Karfreitag ist ein dunkler Tag. Aber er hat nicht das letzte Wort. Am Ostersonntag triumphiert das Licht wieder.

Im Buch Koholet gibt es eine sehr schöne Stelle: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“ (Kohelet 3,1-8) Eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg? Das habe ich mich früher bei dieser Stelle gefragt. Aber ja, auch die gibt es – man denke nur an die fehlgeleitete britische Appeasement-Politik gegenüber Hitler, und, im Kontrast dazu, die spätere richtige Entscheidung zum Kriegseintritt nach dem Angriff auf Polen. Es gibt eine Zeit zum Krieg.

Aber das gilt für diese Welt, für diese gefallene Welt. In der kommenden wird das alles überwunden werden; das Böse ist stark, aber das Gute ist stärker, und es wird am Ende siegen. Das ist genau der Unterschied zwischen der katholischen Weltsicht und nihilistischer Verzweiflung. Die Kirche gibt nie die Hoffnung und den Glauben auf. Es geht immer weiter, es ist nie zu spät, es gibt immer noch Hoffnung, am Ende wird alles gut werden. Deshalb ist auch der Glaube in dieser Religion eine so wichtige Tugend – denn er bedeutet nicht ein Nicht-Genau-Wissen, sondern das feste und unwandelbare Vertrauen auf eine Person. Andere Religionen, etwa die antike römische, definierten sich nicht als Glauben, sondern als Kulte; es ging um die richtigen Rituale zur Verehrung der Götter. Ebenso definiert sich der Buddhismus nicht als Glaube, sondern als Weg der Erkenntnis und Selbsterlösung. Der Katholizismus dagegen ist ein Weg des vertrauenden, hoffenden Glaubens auf die Macht und die Liebe Gottes, die am Ende siegen wird.

*Zur Beruhigung aller Leser, die sich nicht damit auskennen, was die katholische Kirche unter „Exorzismus“ versteht: Nein, das ist nichts Brutales oder so, hier wird einfach nur mit Gebet und Weihwasser und so gearbeitet. Exorzisten sind erfahrene Priester, die vom Bischof für diese Aufgabe bestellt werden müssen, und alle Exorzisten sagen, dass sie die meisten Menschen, die zu ihnen kommen, weil sie sich von Dämonen bedrängt fühlen, einfach zum Psychiater weiterschicken können; hier wird nämlich genau geprüft. Aber es gibt gelegentlich auch Phänomene, die sich auf diese Weise nicht erklären lassen, sondern bei denen die logischste Erklärung wirklich das Bedrängtwerden oder die Besessenheit von einer fremden Macht ist. Nähere Informationen vielleicht hier: https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2016/07/01/as-a-psychiatrist-i-diagnose-mental-illness-and-sometimes-demonic-possession/?postshare=5241467379040029&tid=ss_tw&utm_term=.7fad181a9d55 oder hier: http://www.strangenotions.com/demons-playing-cards-and-telescopes/  Und diese Phänomene treten auch nicht einfach so auf, sondern meistens dann, wenn Leute sich auf satanistische Sekten eingelassen haben oder so – „die Geister, die ich rief“ und so. Und ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass es böse Geister gibt. Wir glauben, da uns Gottes Offenbarung das sagt, dass Gott nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen geschaffen hat, sondern zu allem Anfang auch rein geistige Wesen, die wir Engel nennen, und dass die ebenso einen freien Willen haben wie die Menschen, woraus logisch folgt, dass es unter ihnen ebenso gute wie böse geben muss. Die bösen Engel nennt man die gefallenen Engel oder Dämonen. Zu den guten Engeln zählen beispielsweise die Schutzengel, oder auch die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael.

Ach ja: Wer konkrete Beispiele dafür haben will, wie Exorzismen funktionieren, kann auch einfach die Evangelien aufschlagen – Jesus hat nämlich auch Dämonen ausgetrieben.

Die allumfassende Kirche, Teil 8 – Kirche der Sünder und Heiligen

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Die Kirche hat immer klargestellt, dass Kirchenmitgliedschaft nicht automatisch gleichbedeutend ist mit ewigem Heil. Das heißt, auch ein Katholik kann ein schlechter Mensch sein und, ähm, letztlich gegebenenfalls in die Hölle kommen. Diese Lehre ist aber irgendwie ganz tröstlich. Denn sie bedeutet, dass die Kirche keine Kirche der Reinen sein will, sondern eine Kirche der Sünder, die immer und immer wieder der Umkehr bedürfen; kein Hochbegabtenprogramm, sondern ein Krankenhaus. Sünde schmeißt einen noch nicht aus der Kirche raus; wenn man sich im Krankenhaus eine neue Infektion einfängt, ist man ja auch immer noch drin und bekommt dort seine neuen Medikamente. Was sind die Sakramente wohl sonst?

Damit wandte sich die Kirche schon in der Antike gegen verschiedene Sekten, die meinten, eine Kirche der Reinen aufbauen zu müssen; gegen Hippolyt, Novatian, die Montanisten oder die Donatisten. In dieser Zeit stellte sich nämlich immer wieder die Frage: Was machen wir mit Christen, die in einer der immer wieder aufbrandenden Verfolgungswellen nachgegeben und dem Kaiser geopfert haben? Sie stellte sich besonders während der letzten Verfolgungen ab Mitte des 3. Jahrhunderts (die letzte und größte Verfolgung fand ca. 304/305 unter Kaiser Diokletian statt). Denn in dieser Zeit war die Kirche schon groß genug geworden, um als wirkliche Bedrohung wahrgenommen zu werden; also erließen die Kaiser reichsweite Opferbefehle. Jeder im Reich hatte sich vor den entsprechenden Staatsbeamten einzufinden und vor der Statue des als divus, Vergöttlichtem, verehrten Kaiser ein Opfer darzubringen, wer es nicht tat, konnte mit dem Tod bestraft werden. Man tat diesem Befehl Genüge, indem man ein paar Körnerchen Weihrauch in die Schale vor dem Kaiserbild warf; das war alles. Aber natürlich widersprach das dem Bekenntnis des christlichen Glaubens: Nur einer ist Gott, und einem falschen Gott huldigt man nicht. In dieser Zeit wurden einige der bekanntesten antiken Heiligen zu Märtyrern. Andere entkamen der Verfolgung – durch Flucht, oder vielleicht weil die Beamten das Edikt nicht mit dem größten Eifer durchsetzten, oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Aber natürlich bestand die Kirche auch damals nicht nur aus Heiligen, und viele Christen opferten, um dem Tod zu entgehen. Wenn sie hinterher, sobald die Verfolgung abgeebbt war (nur wenige Jahre nach der letzten Verfolgung kam dann ja auch schließlich die endgültige staatliche Toleranz durch Konstantin), bereuten und wieder in die Kirche aufgenommen werden wollten, stellte sich natürlich die Frage, wie die in der Verfolgungszeit treu gebliebene Kirche damit umgehen sollte. Das gleiche Problem stellte sich übrigens nicht nur bei der Sünde der Glaubensverleugnung; Mord und Ehebruch wurden als ebenso schwere Sünden betrachtet, und es ist Unsinn zu meinen, dass sie bei den frühen Christen im Allgemeinen nie vorgekommen wären – vor allem wohl in Bezug auf Ehebruch. Die Kirche ging dann so damit um: Der reuige Christ hatte eine Zeit der Buße vor sich, in der er nicht zur Kommunion treten durfte und gewisse Auflagen zu erfüllen hatte, z. B. bei der Messe nur ganz hinten stehen oder gar nicht oder nur in spezieller Bußkleidung teilnehmen durfte oder ein bestimmtes Fasten einhalten musste. (So genau kenne ich mich mit der antiken Bußpraxis nicht aus, aber ungefähr so lief es ab.) Diese Bußzeit konnte sogar mehrere Jahre dauern. Dann beichtete der Büßer seine Sünde öffentlich (die geheime Beichte ist eine Erfindung des frühen Mittelalters), der Bischof sprach ihn los, und er wurde wieder zur Kommunion zugelassen. Nun ist das schon ein sehr strenges Vorgehen, verglichen mit unserer heutigen Disziplin, aber manchen der antiken Christen war auch das noch nicht streng genug.

Die Donatisten etwa spalteten sich im 4. Jahrhundert in Nordafrika genau wegen dieser Frage von der Kirche ab. Nach dem Ende der Verfolgungen wurde dort ein neuer Bischof geweiht und eine Gruppe um einen gewissen Donatus hielt seine Weihe für ungültig, weil einer der Konsekratoren während der Verfolgung abgefallen war. Sie meinten, ein abgefallener Christ müsse neu getauft und, wenn es ein Kleriker sei, neu geweiht werden; er könne nicht einfach so wieder eingegliedert werden, er habe sein Christsein und, als Kleriker, seine Vollmacht, Sakramente zu spenden, verloren. Die Kirche dagegen hielt daran fest, dass Taufe und Weihe den Menschen unauslöschlich prägen; ein sündiger Christ oder Bischof war trotzdem noch Christ oder Bischof.

Während sie Apostaten zumindest nach einer Wiedertaufe wieder zulassen wollten, gab es, noch früher in der Geschichte der Kirche, auch Christen, die meinten, eine so schwere Sünde, die nach der Taufe begangen worden sei, könne überhaupt nicht mehr vergeben werden – oder sie könne zumindest nicht von der Kirche, sondern nur von Gott nach dem Tod vergeben werden, oder wenn von der Kirche, dann erst am Totenbett, das heißt, ein Büßer müsse bis zu seinem Tod im Stand der Buße verbleiben. (Es gab da verschiedene Gruppierungen.)

Eine davon, die Montanisten, denen sich Tertullian wohl gegen Ende seines Lebens anschloss, waren eine dieser Bewegungen, die direkte Inspiration durch den Heiligen Geist für ihre Propheten beanspruchen und das nahe Weltende ankündigen; die Bewegung entstand so ungefähr um 170 n. Chr. Die Montanisten verlangten nicht nur allgemein eine sehr strenge Moral (z. B. keine Wiederheirat nach dem Tod des Ehepartners), sondern auch den endgültigen Ausschluss von Mördern, Ehebrechern und Apostaten aus der kirchlichen Gemeinschaft; diese Sünden seien zu schwer, als dass die Kirche sie vergeben könne. Auch die frühesten Gegenpäpste kamen aus dieser Richtung – St. Hippolyt von Rom (ca. 170-235) beispielsweise; er überwarf sich mit Papst St. Calixt I. wegen der Frage, ob Unzuchtsünden vergeben werden könnten, und wurde der erste Gegenbischof von Rom. (Er ist der einzige heilige Gegenpapst, denn er sah seinen Fehler nach Jahren schließlich ein und versöhnte sich wieder mit dem späteren rechtmäßigen Papst, St. Pontianus, nachdem beide gemeinsam von Kaiser Maximinus Thrax zur Zwangsarbeit in ein Bergwerk geschickt worden waren.) Nur wenige Jahre später, 251, gab es in Rom dann schon den nächsten Gegenbischof, der für eine Abspaltung von der Kirche sorgte, nämlich Novatian; auch er lehnte die Wiederaufnahme schwerer Sünder, besonders der Apostaten, ab. Seine Anhänger nannten sich die „Katharoi“, die „Reinen“. (Nicht mit den mittelalterlichen Katharern verwechseln!)

Sehr viele Häretiker, die sich im Lauf der Geschichte von der Kirche abspalteten, störten sich an ihrer Sündhaftigkeit. Auch die Reformation beispielsweise wollte zur „reinen Urkirche“ – oder dem, was sie darunter verstand – zurückkehren (für die Reformatoren war die Kirche auch nicht die sichtbare Gemeinschaft aller Getauften, sondern nur die unsichtbare Gemeinschaft der Geretteten). Und das hat nie funktioniert, und es ist Unsinn, und es ist falsch. Joseph Ratzinger hat es in „Einführung in das Christentum“ sehr gut ausgedrückt:

 

„‚Heilig’ wird die Kirche im Symbolum [=Glaubensbekenntnis] nicht deshalb genannt, weil ihre Glieder samt und sonders heilige, sündenlose Menschen wären – dieser Traum, der in allen Jahrhunderten von neuem auftaucht, hat in der wachen Welt unseres Textes keinen Platz, so bewegend er eine Sehnsucht des Menschen ausdrückt, die ihn nicht verlassen kann, bis nicht wirklich ein neuer Himmel und eine neue Erde ihm schenken, was ihm diese Zeit niemals geben wird. Schon hier werden wir sagen können, dass die härtesten Kritiker der Kirche in unserer Zeit verborgenerweise ebenfalls von jenem Traum leben und, da sie ihn enttäuscht finden, die Türe des Hauses krachend ins Schloss schlagen und es als lügnerisch denunzieren. Aber kehren wir zurück: Die Heiligkeit der Kirche besteht in jener Macht der Heiligung, die Gott in ihr trotz der menschlichen Sündhaftigkeit ausübt. Wir stoßen hier auf das eigentliche Kennzeichen des ‚Neuen Bundes’: In Christus hat sich Gott selbst an die Menschen gebunden, sich binden lassen durch sie. […]

 Gehen wir noch einen Schritt weiter. Heiligkeit wird im menschlichen Traum von der heilen Welt als Unberührbarkeit von der Sünde und vom Bösen, unvermischt mit diesem vorgestellt; immer bleibt dabei in irgendeiner Weise ein Schwarz-Weiß-Denken, das die jeweilige Form des Negativen (die freilich sehr verschieden gefasst sein kann) unerbittlich ausscheidet und verwirft. In der heutigen Gesellschaftskritik und in den Aktionen, in denen sie sich entlädt, wird dieser unerbittliche Zug, der menschlichen Idealen immerzu anhaftet, wieder allzu deutlich. Das Anstößige an Christi Heiligkeit war deshalb schon für seine Zeitgenossen die Tatsache, dass ihr diese richtende Note durchaus fehlte – dass weder Feuer über die Unwürdigen fiel noch den Eiferern erlaubt wurde, das Unkraut auszureißen, das sie wuchern sahen. Im Gegenteil, diese Heiligkeit äußerte sich gerade als Vermischung mit den Sündern, die Jesus in seine Nähe zog; als Vermischung bis dahin, dass er selbst ‚zur Sünde’ gemacht wurde, den Fluch des Gesetzes in der Hinrichtung trug – vollendete Schicksalsgemeinschaft mit den Verlorenen (vgl. 2 Kor 5,21; Gal 3,13). Er hat die Sünde an sich gezogen, zu seinem Anteil gemacht und so offenbart, was wahre ‚Heiligkeit’ ist: nicht Absonderung, sondern Vereinigung, nicht Urteil, sondern erlösende Liebe. Ist nicht die Kirche einfach das Fortgehen dieses Sich-Einlassens Gottes in die menschliche Erbärmlichkeit; ist sie nicht einfach das Fortgehen der Tischgemeinschaft Jesu mit den Sündern, seiner Vermischung mit der Not der Sünde, sodass er geradezu in ihr unterzugehen scheint? Offenbart sich nicht in der unheiligen Heiligkeit der Kirche gegenüber der menschlichen Erwartung des Reinen die wahre Heiligkeit Gottes, die Liebe ist, Liebe, die sich nicht in der adeligen Distanz des unberührten Reinen hält, sondern sich mit dem Schmutz der Welt vermischt, um ihn so zu überwinden? Kann von da aus die Heiligkeit der Kirche etwas anderes sein als das Einander-Tragen, das freilich für alle davon kommt, dass alle von Christus getragen werden?

 Ich gestehe es: Für mich hat gerade die unheilige Heiligkeit der Kirche etwas unendlich Tröstendes an sich. Denn müsste man nicht verzagen vor einer Heiligkeit, die makellos wäre und die nur richtend und verbrennend auf uns wirken könnte? Und wer dürfte von sich behaupten, dass er nicht nötig hätte, von den anderen ertragen, ja getragen zu werden? Wie aber kann jemand, der vom Ertragenwerden seitens der anderen lebt, selbst das Ertragen aufkündigen? Ist es nicht die einzige Gegengabe, die er anbieten kann; der einzige Trost, der ihm bleibt, dass er erträgt, so wie auch er ertragen wird? Die Heiligkeit in der Kirche fängt mit dem Ertragen an und führt zum Tragen hin; wo es aber das Ertragen nicht mehr gibt, hört auch das Tragen auf, und die haltlos gewordene Existenz kann nur ins Leere absinken. Man mag ruhig sagen, in solchen Worten drücke sich eine schwächliche Existenz aus – zum Christsein gehört es, die Unmöglichkeit der Autarkie und die Schwachheit des Eigenen anzunehmen. Im Grunde ist immer ein versteckter Stolz wirksam, wo die Kritik an der Kirche jene gallige Bitterkeit annimmt, die heute schon anfängt, zum Jargon zu werden. Leider gesellt sich nur allzu oft eine spirituelle Leere dazu, in der das Eigentliche der Kirche überhaupt nicht mehr gesehen wird, in der sie nur noch wie ein politisches Zweckgebilde betrachtet wird, dessen Organisation man als kläglich oder als brutal empfindet, als ob das Eigentliche der Kirche nicht jenseits der Organisation läge, im Trost des Wortes und der Sakramente, den sie gewährt in guten und in bösen Tagen. […]

 Die Kirche lebt ja nicht anders als in uns, sie lebt vom Kampf der Unheiligen um die Heiligkeit, so wie freilich dieser Kampf von der Gabe Gottes lebt, ohne die er nicht sein könnte. […] Eine Bitterkeit, die nur destruiert, richtet sich selbst. Eine zugeschlagene Tür kann zwar zum Zeichen werden, das die aufrüttelt, die drinnen sind. Aber die Illusion, als ob man in der Isolierung mehr aufbauen könnte als im Miteinander, ist eben eine Illusion genau wie die Vorstellung einer Kirche der ‚Heiligen’ anstatt einer ‚heiligen Kirche’, die heilig ist, weil der Herr in ihr die Gabe der Heiligkeit schenkt ohne Verdienst.“

 

Das alles hängt natürlich auch damit zusammen, dass der Mensch nicht richten darf. Die irdische Kirche wurde immer als Acker mit „Unkraut und Weizen“ gesehen, weil eben erst Gott wirklich hinter die Fassade sehen wird, wie es im Gleichnis beschrieben ist:

„Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune. […] Dann verließ er die Menge und ging nach Hause. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. Er antwortete: Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel. Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!“ (Mt 13,24-30.36-43)

Irgendwann einmal wird der Patient im Krankenhaus entweder sterben (und in diesem Krankenhaus kann er nur sterben, wenn er sich weigert, seine Medikamente zu nehmen), oder er wird geheilt entlassen werden. Das Krankenhaus ist etwas Vorläufiges; und darin befinden sich solche, die sterben werden und solche, die geheilt werden werden, und der Chefarzt darf bestimmten Patienten nicht weniger Sorge zukommen lassen, weil er ihre Heilungschancen als zu gering einschätzt. Sünder gehören zur Kirche, und die Kirche muss sie zur Umkehr rufen, und was daraus wird, wird man erst am Ende sehen.

Ich bin ganz froh, dass ich von Kindheit an zumindest halbwegs katholisch sozialisiert bin. Das schützt vor falschen Kirchenbildern. Einerseits ist man so schon mal davor gefeit, in der Kirche finster vor sich hin mordende Opus-Dei-Mönche wie bei Dan Brown zu vermuten (selbst wenn man noch nicht weiß, dass es beim Opus Dei gar keine Mönche gibt, weil die nämlich kein Orden sind), oder auch in jeder Sakristei Kinderschänder zu wittern, andererseits wird man auch sehr effektiv daran gehindert, sich eine idealisierte Vorstellung von einer heiligen Gemeinschaft voller inniger Nächstenliebe, Frömmigkeit, Freundlichkeit und Klugheit zu machen. Stattdessen erwartet man langweilige Pfarrgemeinderäte, sehr schlecht singende Kinderchöre, rechthaberische Pfarrer, einfach nur unfähige Religionslehrer, arrogante ältere Damen, Bischöfe, die es allen recht machen wollen, Theologen, die mit Absicht so zu schreiben scheinen, dass es möglichst kryptisch bleibt, was sie einem eigentlich sagen wollen, und Oberministranten ohne logisches Denkvermögen oder Organisationstalent ebenso wie starke Anteilnahme und Hilfsbereitschaft in der Seelsorge, Ehrfurcht und Schönheit in der Liturgie, klare, geniale Gedanken in der Predigt oder der Theologie, nette Feiern und bewegende, gut geplante Fahrten nach Rom oder Jerusalem. Katholiken sind halt auch Menschen, und Menschen sind öfters mal schlecht und gelegentlich auch gut; sie sind Sünder. [Aber sie sind nicht nur Sünder, sondern alle auch einfach in nicht schuldhafter Weise unvollkommen: dumm, ungebildet oder hässlich, psychisch krank, physisch krank, unsportlich, schüchtern, ungeschickt, übergewichtig, alt, erfolglos, geistig behindert, körperlich behindert, unbeliebt, arbeitslos, arm… Wie viele Menschen wären nicht zumindest eins der Dinge aus dieser Liste? Die Heiligen, das ist sehr tröstlich, waren durchaus nicht alle strahlende, überirdische Lichtgestalten. Der hl. Alphons von Liguori war Skrupulant, die hl. Teresa von Kalkutta litt unter starken Depressionen, die hl. Anna Schäffer war gelähmt und bettlägerig, der hl. Pfarrer von Ars hatte große Lernschwierigkeiten, der hl. Thomas von Aquin war stark übergewichtig, der sel. Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn hatte keinen Erfolg mit seinen Friedensbemühungen im 1. Weltkrieg…]

Die Kirche ist keine Elitegesellschaft. Sie stellt ein paar Mindestanforderungen; solange man katholisch getauft ist, den katholischen Glauben hat und in Gemeinschaft mit dem Papst steht, ist man drin. Das kann durchaus heißen, dass man noch kein besonders guter Mensch ist und noch einen weiten Weg mit Gott vor sich hat. Aber deswegen gehört man trotzdem dazu. Natürlich; es gibt solche Dinge wie die Exkommunikation. Exkommuniziert wird man aber entweder, weil man den katholischen Glauben aufgegeben hat (Apostasie, Häresie), oder weil man sich von der Kirche abgespalten hat (Schisma), oder weil man bestimmte sehr schwerwiegende, im Kirchenrecht klar bestimmte Sünden begangen hat – Bruch des Beichtgeheimnisses, Hostienschändung, Abtreibung, Attentat auf den Papst, solche Sachen. (Auch das geduldigste Krankenhaus steckt einen in strenge Quarantäne, wenn man auf die Idee kommt, sich selber im Labor Pesterreger zu spritzen, und dann noch mit der Spritze herumzulaufen, um auch andere Patienten zu infizieren.) Aber selbst die Exkommunikation ist klar definiert als eine Beugestrafe, die den damit Belegten dazu führen soll, wieder in die volle Gemeinschaft der Kirche zurückzukommen. Und eigentlich gehört man, kirchenrechtlich gesehen, immer irgendwie noch zu ihr, sobald man getauft ist, auch wenn man nicht mehr in der vollen Gemeinschaft mit ihr steht; da kann man so ketzerisch und sündhaft sein wie man will. (Auch die Quarantänestation ist noch ans Krankenhaus angeschlossen.) Die Verbindung mit der Kirche lässt sich für einen gültig Getauften nie ganz zerreißen.

 

Nebenbei: Das oben Gesagte über Kirchenmitgliedschaft und ewiges Heil gilt bekanntlich auch umgekehrt: Auch jemand, der offiziell nicht der katholischen Kirche angehört, kann seinem Gewissen folgen und auf dem richtigen Weg zu Gott sein, auch wenn er die wahre Religion noch nicht erkannt hat.

Die allumfassende Kirche, Teil 7 – Die Unvollständigkeiten der Ketzer

[Ach ja: Für diese Reihe sind nach diesem noch ca. drei Beiträge geplant, und dann werde ich endlich mal mit meiner schon lange geplanten Reihe über die „schwierigen“ Bibelstellen beginnen. Irgendwie gibt diese Reihe hier mehr her, als ich mir vorgenommen hatte. Ich warne die Leser vor: Die Bibel-Reihe wird dem Anschein nach wahrscheinlich noch länger werden…]

 

Bei den allermeisten Ketzern der Geschichte ist das Problem nicht das, was sie positiv lehren, sondern das, was sie ablehnen; das Problem ist, dass sie sich aus dem katholischen (=allumfassenden) Glauben einzelnes herauspicken und anderes liegen lassen. Schon das griechische Wort für Ketzerei, Häresie, heißt nichts anderes als „Wahl“, „Auswahl“. Sie behandelten bzw. behandeln den Glauben wie ein Büffet, aus dem man sich nimmt, was man mag, und liegen lässt, was einem nicht so zusagt. In Wahrheit ist er jedoch ein Mosaik, das durch das Fehlen jedes einzelnen Steines kaputt gemacht wird. Und ein weiteres Problem ist: wenn ein Stein fehlt, fallen auch bald andere heraus, oft auch solche, die man eigentlich behalten wollte.

Als Beispiel wollen wir zuerst einmal die Ketzerei ansehen, deren 500-jähriges Jubiläum zu feiern ich mich weigere. Luther sprach immer von „allein die Gnade“ und „allein der Glaube“. Die katholische Antwort darauf war nicht: Quatsch, bloß die guten Werke zählen! Sondern: Sicher, ohne Gnade und Glaube geht gar nichts, aber die guten Werke zählen auch. Die Ansicht, dass nur die Werke zählten, hatte die Kirche nämlich schon im 5. Jahrhundert verworfen – man nennt sie Pelagianismus (nach dem Mönch Pelagius, der sie propagierte). Die Protestanten sagen: „sola“ – allein. Die Katholiken sagen: „et – et“ – sowohl als auch. Das gilt in Bezug auf mehrere Dinge: Allein die Schrift – Sowohl die Schrift als auch die Tradition. Allein Christus – Sowohl Christus als auch die Heiligen als auch die sichtbare Kirche.

Leider führt die alleinige Betonung einer bestimmten Sache nicht immer dazu, dass selbst sie besonders in Ehren gehalten wird. Luther pickte sich aus dem katholischen Glauben das heraus, was ihm passte; die Kirche hatte die Bibel zusammengestellt und die Jahrhunderte hindurch bewahrt und ihm überliefert und er entschied nun: Die Bibel allein zählt, die Kirche nicht! Aber dann traf seine Häresie, seine Auswahl, selbst die Bibel, die er vorher so herausgestellt hatte: Aus dem Alten Testament schmiss er die sieben deuterokanonischen Bücher und den Jakobusbrief schimpfte er eine „Strohepistel“. Ein anderes Beispiel: Die Kirche hält die Ehe in großen Ehren – sie ist eins der sieben Sakramente, unauflöslich, Ehe und Familie gelten als Kirche im Kleinen und Kern einer jeden Gesellschaft. Gleichzeitig sagt sie aber auch, dass der Verzicht auf die Ehe, der Verzicht auf ein Gut um eines höheren Gutes willen, also gottgeweihte Jungfräulichkeit (bzw. Enthaltsamkeit), noch höher steht (wie es Christus gesagt hat – „wer das erfassen kann, der erfasse es“; Mt 19,12). Aber beides hat seinen Platz, beides ist unersetzlich. Luther verwarf nun Zölibat und Ordenswesen; er wurde seinem Mönchsgelübde untreu und heiratete eine abgefallene Nonne, und in den Landen, in denen seine Lehre sich durchsetzte, lösten die Fürsten die Klöster auf und rissen ihren Besitz an sich. Aber das führte nicht dazu, dass er die Ehe dann besonders in Ehren gehalten hätte – im Gegenteil; sie sei ein „weltlich Ding“. Ihre Unauflöslichkeit sah er nicht ganz so streng, und Philipp von Hessen erlaubte er die Bigamie. Das kommt davon, wenn man meint, eins der vielen Dinge, die im Katholizismus wichtig sind, aus dem System herausziehen und allein auf ein Podest stellen zu müssen; es verliert ebenfalls seinen Wert, den es nur im Zusammenspiel mit all den anderen Dingen bewahren könnte. Ich bin hier https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-4-was-skrupulositaet-nicht-ist/ schon einmal auf Aristoteles’ Lehre der Komplementärtugenden, die Eingang in die katholische Theologie gefunden hat, eingegangen: Jede Tugend braucht die Ergänzung durch andere Tugenden. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Vorsicht und Tapferkeit, usw. brauchen sich gegenseitig. Mal ist die eine Tugend nötig, mal die andere. Wenn die eine ganz verloren geht, wird auch die andere verzerrt. Ebenso ist es mit sämtlichen Glaubenslehren.

C. S. Lewis hat in einem Essay namens „Gültiges und Endgültiges“ aus dem Jahr 1942 ein paar schöne Beispiele aus anderen Bereichen für dieses Prinzip angeführt:

 

„Als ich am 6. Juni in der Time and Tide las, dass die Deutschen Hagen statt Siegfried zu ihrem Nationalhelden auserkoren haben, hätte ich vor Vergnügen laut lachen können. Denn ich bin ein romantischer Mensch, und seit ich eines goldenen Sommers in meiner Jugend zum ersten Mal den ‚Walkürenritt’ auf einem Grammophon gehört und Arthur Rackhams Illustrationen zum Ring des Nibelungen gesehen habe, liebe ich das Nibelungenlied, und ganz besonders die Wagnersche Fassung, über alles. Es kann mir noch heute passieren, dass beim bloßen Geruch dieser Bücher die ganze Inbrunst meiner alten Jugendliebe wieder über mich kommt. Darum war es ein bitterer Augenblick, als sich die Nazis meines Schatzes bemächtigten und ihn ihrer Ideologie einverleibten. Doch nun ist alles wieder gut. Offensichtlich ist die Geschichte für sie unverdaulich. Sie wäre ihnen schon längst wieder hochgekommen, wenn sie sie nicht auf den Kopf gestellt und einen der kleineren Bösewichte zum Helden gemacht hätten. Der nächste logische Schritt wird zweifellos sein, dass sie Alberich als die wahre Verkörperung des nordischen Geistes ausrufen. Aber mir haben sie wieder zurückgegeben, was sie mir gestohlen hatten.

 Das Stichwort ‚nordischer Geist’ bringt mich darauf, dass ihr Versuch, sich den Ring des Nibelungen anzueignen, nur ein Aspekt ihres Versuches ist, ‚das Nordische’ überhaupt für sich zu pachten, und das ist ein nicht minder lächerliches Unterfangen. Wie können Leute, die Macht mit ‚Recht’ gleichsetzen, sich Verehrer Odins nennen? Das Problem bei Odin war ja doch, dass er das Recht, aber nicht die Macht, für sich hatte. Das Problem der altisländischen Religion ist es ja gerade, dass sie – als einzige von allen Mythologien – den Menschen dazu aufforderte, Göttern zu dienen, die mit dem Rücken zur Wand kämpfen und am Ende mit Sicherheit unterliegen. ‚Ich gehe mit Odin in den Tod’, sagt der Wanderer in Stevensons Fabel und beweist damit, dass Stevenson etwas vom nordischen Geist begriffen hat, was Deutschland nie und nimmer begreifen kann. Die Götter werden fallen. Odins Weisheit, Thors derbes Draufgängertum (er war wohl eine Art Yorkshireman), Baldurs Schönheit – sie werden einst an der Realpolitik der stumpfsinnigen Riesen und ungeschlachten Trolle zerbrechen. Doch das kann keinen freien Menschen daran hindern, ihnen die Treue zu halten. Es muss uns daher nicht verwundern, dass alle echte germanische Dichtung von Heldentum und Kampf auf verlorenem Posten handelt.

 […] Wie kommt es, dass ausgerechnet das Volk, das als einziges in Europa versucht, seine vorchristliche Mythologie wieder zu beleben, sich als unfähig erweist, diese Mythologie überhaupt schon im Ansatz zu verstehen? […] Das Bessere dem weniger Guten opfern und dann nicht einmal fähig sein, mit dem weniger Guten etwas anzufangen – das ist doch völlig unbegreiflich. Das Erstgeburtsrecht für ein mythologisches ‚Linsengericht’ verkaufen und dann diese Mythologie noch völlig verdrehen – wie kann man nur! Denn soviel ist sicher: Mir (der ich mir eher das Gesicht mit Farbe blau malen würde, als an einen wirklichen Odin zu glauben) gibt die Beschäftigung mit Odin alle Befriedigung und Freude, die er zu geben hat, während die Nazi-Odinisten überhaupt nichts davon haben.

 Und doch ist der Widerspruch, wenn ich es recht überlege, vielleicht gar nicht so groß, wie er aussieht. […] Mir fielen noch andere Beispiele dafür ein. Bis in die neuere Zeit – bis etwa zur Romantik – wäre es niemandem in den Sinn gekommen, Literatur und Kunst als Selbstzweck zu betrachten. Sie waren zur ‚Verschönerung des Lebens’ da, zur ‚harmlosen Zerstreuung’ oder aber zur ‚Verfeinerung der Sitten’, als ‚Ansporn zur Tugend’ oder zur Verherrlichung der Götter. Die großen Werke der Musik wurden für die Messe geschrieben, die großen Gemälde gemalt, um im Speisesaal irgendeines vornehmen Gönners eine leere Wand zu füllen oder um in der Kirche zur Andacht anzuregen; die großen Tragödien wurden entweder von religiösen Dichtern zu Ehren des Dionysos geschrieben, oder sie entstanden als Lohnaufträge zur Unterhaltung der Londoner an ihren freien Nachmittagen. Erst im neunzehnten Jahrhundert sind wir uns der vollen Würde der Kunst bewusst geworden. Erst da haben wir begonnen, sie ‚ernst zu nehmen’, so wie die Nazis die Mythologie ernst nehmen. Doch die Folge ist offenbar, dass das Ästhetische die Beziehung zum Leben verloren hat und nicht viel mehr davon übrig geblieben ist als Werke, die entweder so ‚hoch’ sind, dass immer weniger Leute sie lesen, hören oder sich ansehen mögen, oder so ‚populär’, dass sich sowohl die Schreiber als auch die Leser ihrer beinah schämen. […]

 Eine Frau, die ihren Hund zum Lebensinhalt macht, verliert letztlich nicht nur Lebenssinn und Menschenwürde, sondern auch die Freude an ihrem Hund selbst. Ein Mann, dem der Alkohol das Wichtigste ist, verliert nicht nur seine Arbeitsstelle, sondern auch die Freude an einem guten Tropfen und die Fähigkeit, die ersten leichten (und durchaus angenehmen) Stadien eines Rauschs zu genießen. Es ist wunderbar, einen Augenblick lang (oder auch zwei) das Gefühl zu haben, der ganze Sinn und Zweck des Lebens sei in einer Frau zu finden – doch nur, solange andere Pflichten und Freuden uns immer wieder von ihr wegreißen. Aber räumen Sie alles aus dem Weg und richten Sie Ihr Leben so ein (manchmal lässt sich das machen), dass Sie nichts anderes mehr zu tun haben, als für sie da zu sein – und was geschieht? […] Jede Bevorzugung eines geringeren Gutes vor dem höheren oder eines Teils vor dem Ganzen führt zum Verlust des geringeren Guts oder des Teils, um deswillen das Opfer gebracht wurde. […]“

(Nebenbei: Lewis war zwar kein Katholik, sondern Anglikaner, aber z. B. in Bezug auf das oben genannte Thema Glaube & Werke vertrat er sehr eindeutig die katholische Position; er schreibt in „Mere Christianity“, die Frage, was davon wichtiger sei, sei wie die Frage, welche Schneide einer Schere wichtiger sei als die andere – ganz genau die katholische Lehre gegenüber Protestantismus und Pelagianismus.)

 

Ein klassisches Beispiel für die Unvollständigkeiten der Ketzer wären natürlich auch die christologischen Streitereien der Antike. Die katholische Lehre ist: Christus ist die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit, wahrer Gott, ganz Gott, ewig, ungeschaffen, eins mit dem Vater und dem Heiligen Geist – und gleichzeitig ist er wahrer Mensch geworden, mit einem menschlichen Leib und einer menschlichen Seele und einem menschlichen Willen, er war zuerst ein Embryo und später ein Kleinkind, er hat sprechen und gehen gelernt und hatte Zehennägel und ein Verdauungssystem und ein bestimmtes Aussehen und hat geschlafen und gegessen und Gefühle erlebt wie jeder einzelne Mensch; „in allem uns gleich außer der Sünde“; und er ist sogar jetzt, nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt, immer noch gleichzeitig Gott und Mensch, er hat seine verherrlichte Menschennatur mit in den Himmel genommen. Diese Lehre wurde auf den frühen Konzilien definiert, gegen alle die Häretiker, die den Skandal der göttlichen Liebe, den Skandal des wirklichen Gottes, des unfassbar fernen, unbegreiflichen, allwissenden und allmächtigen Schöpfers der Welt, der gleichzeitig ein Geschöpf in seiner eigenen Welt wird, verwässern wollten.

Es gab Häretiker auf beiden Seiten: Die Doketisten (doxa = Schein) meinten, Christus sei nur Gott, der eine menschliche Erscheinungsform angenommen habe; natürlich habe er aber nicht wirklich leiden oder sterben oder essen können, sondern es habe eben nur so ausgesehen. Dann gab es die Adoptianisten, die meinten, Gott habe einfach einen besonderen Menschen, Jesus, als seinen Sohn angenommen (sozusagen adoptiert); der erhabene Gott und selber Mensch werden, also, aber wirklich! Dann gab es die gemäßigteren Häretiker der zwei Seiten, die Arianer, die Monophysiten und die Monotheleten zum Beispiel. Die Arianer sind benannt nach Arius, einem Bischof des 4. Jahrhunderts, der diese Ketzerei aufbrachte und der übrigens – interessante Anekdote – beim Konzil von Nicäa von einem anderen Bischof, St. Nikolaus von Myra, geohrfeigt worden sein soll. Sie lehrten, dass Christus zwar nicht einfach nur ein Mensch sei, aber trotzdem ein Geschöpf und nicht Gott; eine Art oberster Engel, geschaffen von Gott vor der Schöpfung aller anderen Geschöpfe; durch ihn sei dann unsere Welt geschaffen worden und er sei Mensch geworden und habe die Welt erlöst. Auch wieder hier: Nicht wirklich der richtige Gott, sondern ein Geschöpf (und der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf ist größer, als der zwischen einem Erzengel und einem Bakterium je sein könnte) ist am Kreuz gestorben, um die Menschen zu erlösen; der richtige Gott kann das doch nicht gemacht haben. Die Monophysiten auf der anderen Seite (monos = eins, einzig, physis = Natur) lehrten dagegen, dass Christus nur eine einzige Natur, die göttliche, gehabt habe. Er sei zwar wirklich Gott, ja, Gott sei wirklich auf die Erde gekommen, aber er habe nicht wirklich die menschliche Natur angenommen – einen menschlichen Leib, ja, gut, aber dass die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit auch eine menschliche Seele haben soll, menschliche Gefühle, den Beschränkungen des menschlichen Gehirns unterworfen gewesen sein soll… das wäre doch etwas unpassend. Der Monotheletismus lehrte ganz ähnlich, dass Jesus nur einen einzigen Willen (thelos) gehabt habe, den göttlichen, nicht einen göttlichen und einen menschlichen zugleich, wie es die Kirche dann definierte. Es gibt noch zahlreiche andere Varianten dieser Häresien beider Seiten, aber ihnen allen ist eines gemeinsam: Entweder sagen sie, der Erlöser sei nur ein Geschöpf und nicht Gott, oder sie sagen, er sei nur Gott und nicht so ganz wirklich richtig Mensch geworden. Sie sind alle wohlmeinend auf Gottes Erhabenheit und Ehre bedacht; es käme ihnen nicht ganz richtig vor, dass er sich so erniedrigt. Und das ist ja verständlich; man muss sich das wirklich mal vor Augen führen, an was wir Katholiken eigentlich glauben – einen Gott, dem mal die Windeln gewechselt werden mussten.

Aber Gott ist eben so, auch wenn es Adoptianisten, Arianern, Doketisten, Gnostikern, Monophysiten, Monotheleten und Nestorianern komisch vorkommt. Er ist einfach so, und wir Katholiken sind dankbar dafür, und akzeptieren fröhlich beide Seiten – wahrer Gott und wahrer Mensch. Wir stimmen den Adoptianisten zu, wenn sie sagen, dass Jesus ein Mensch war, wie wir alle, und den Doketisten, wenn sie sagen, dass er Gott war, ganz anders als wir. Er ist beides. (Hier lohnt es sich vielleicht, den Begriff der Perichorese zu erwähnen; er bedeutet: völlige gegenseitige Durchdringung ohne Vermischung. Er wird in der Trinitätstheologie für das Verhältnis der drei göttlichen Personen – Vater, Sohn, Heiliger Geist – verwendet, und in der Christologie für das Verhältnis der zwei Naturen – göttliche und menschliche – in der zweiten Person der göttlichen Dreieinigkeit.)

Oder nehmen wir ein Beispiel aus modernen Zeiten: Individualismus vs. Kollektivismus/Totalitarismus. Im Individualismus wird nur auf den Einzelnen geschaut, im Kollektivismus nur auf die Gemeinschaft, aber beide halten Individuum und Gemeinschaft nicht wirklich in Ehren. Der Individualismus vergisst eigentlich die Würde des Einzelnen, zu der gerade seine Beziehungsfähigkeit, sein Vermögen, andere zu kennen und zu lieben und über sich selbst hinaus zu schauen, gehört. Egoistisches Schauen auf reine „Selbstverwirklichung“ wird weder dem Individuum noch der Gemeinschaft gerecht. Der Kollektivismus gleichzeitig vergisst nicht nur den Wert des Individuums, sondern auch das wahre Wesen der Gemeinschaft, die doch ihren Wert gerade dadurch erweist, dass sie für jedes einzelne ihrer Mitglieder einsteht. (Noch dazu propagiert er die völlig falsche Vorstellung von einer formlosen Masse gleichgeschalteter Wesen anstelle einer Gemeinschaft ganz unterschiedlicher Menschen, die jeweils das Ihre beitragen und einander ergänzen wie die verschiedenen Organe eines Körpers.) Die katholische Sicht, wie sie etwa in der kirchlichen Soziallehre zum Tragen kommt, wäre dagegen: Einer für alle und alle für einen. Weder Individualismus noch Kollektivismus erfassen dieses Konzept.

Ich glaube, der Satz, dass die Leute oft „right in what they affirm, but wrong in what they deny“ sind, stammt ursprünglich von John Henry Newman. Das trifft das Phänomen der Ketzerei sehr gut. Protestanten sind Jesus und die Bibel und der Glaube wichtig, und da können wir Katholiken nur aus vollem Herzen zustimmen! Aber wieso lehnen sie dann die Eucharistie ab, in der Jesus selbst gegenwärtig wird? Wieso lehnen sie die Kirche ab, von deren Einsetzung durch Jesus uns die Bibel ebenfalls berichtet? Wieso lehnen sie es ab, alle die Christen zu ehren, die Ihm im Lauf der Geschichte besonders nachfolgten, d. h. die Heiligen? Das ist doch unverständlich.

Sie besitzen immer noch einzelne Wahrheiten; aber nicht mehr die Fülle der Wahrheit. Die gibt es eben nur in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche.

Philosophie und Offenbarung, Teil 2

Jetzt habe ich den ersten Teil (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/09/25/philosophie-und-offenbarung-teil-1/) schon vor Wochen gepostet und liefere erst jetzt den zweiten nach – aber besser spät als nie, denke ich mir.

Im ersten Teil ging es um das Allgemeine zum Thema philosophische Gotteserkenntnis und Gotteserkenntnis durch Offenbarung und die wichtigsten philosophischen Argumente für Gott wurden kurz angerissen; jetzt also speziell zu den Argumenten für die christliche/katholische Offenbarung.

Mir ist in letzter Zeit ein bestimmter Fehler in der typischen atheistischen Argumentation gegen die christliche Offenbarung aufgefallen. Da wird nämlich gelegentlich gefragt: Wieso hätte Gott sich so und so offenbaren sollen und nicht deutlicher? Wieso hätte er zu irgendwelchen „rückständigen Nomaden“ am Arsch der Welt reden sollen? Wieso damals und nicht heutzutage, wo es viel bessere Möglichkeiten zur Verbreitung der Botschaft gäbe? Usw.

Nun kann man sicher interessante Spekulationen darüber aufstellen, was die Antworten auf diese Fragen wären, aber für unser Thema sind sie eigentlich vollkommen falsch gestellt. Denn die Frage ist doch gar nicht, wieso, sondern ob Gott das gemacht hat. Argumentiert man mit „Wieso hätte Hannibal mit Elefanten über die Alpen laufen sollen, das wäre doch total umständlich gewesen“ dafür, dass Hannibal niemals mit Elefanten die Alpen überquert habe, oder damit, dass wohl kaum ein Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU den Untergang des Kommunismus eingeläutet haben könne, dafür, dass es Gorbatschows „Glasnost & Perestroika“-Programm nie gegeben habe? Eben.

Man muss an die Frage anders herangehen: Man sieht sich einfach die Quellen an und fragt nach ihrer Glaubwürdigkeit – was nicht gleichbedeutend ist mit der Wahrscheinlichkeit der Ereignisse, die sie beschreiben, denn es ist in der Weltgeschichte viel Unwahrscheinliches geschehen. Wie viele Quellen haben wir für Hannibals Alpenüberquerung? Aus welcher Zeit stammen sie? Von wem stammen sie? Haben wir andere Quellen des Autors, von denen wir wissen können, dass sie Unwahres berichten, oder umgekehrt, dass sie zuverlässig sind? Werden die Quellen durch andere Quellen bestätigt? Oder stehen andere Quellen ihnen entgegen? Wenn ja, wie könnte sich das erklären lassen? Und so weiter. Und so muss man es eben auch mit Lehren, die von sich behaupten, göttliche Offenbarung zu sein, machen. Offenbarung – zumindest die christliche Offenbarung – ist bekanntlich ein grundlegend historischer Vorgang; sie hängt davon ab, dass zu dem und dem Zeitpunkt das und das wirklich geschehen ist. „Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten…“ Die nächsten Fragen sind also: Woher wissen wir von der christlichen Offenbarung? Durch die Kirche und durch ihre Heiligen Schriften. Woher stammen diese Schriften? Wie alt sind sie? Kann das stimmen, was darin steht?

Hier sollte man übrigens auf einen weiteren logischen Fehlschluss aufpassen. Oftmals wird nämlich, wenn in einem historischen Text von einem Wunder berichtet wird – z. B. von der Auferstehung – sofort darauf geschlossen, dass das dann ja gar nicht historisch sein könne. Die Ansicht, dass Wunder gar nicht passieren könnten, bringt man aber von außen als philosophisches Vorurteil an diesen Text heran. Und dieses Vorurteil ist durchaus zu hinterfragen. Denn wenn man (auch nur hypothetisch) davon ausgeht, dass es einen allmächtigen Gott außerhalb der Welt gibt, der diese geschaffen hat, sollte man auch davon ausgehen können, dass er abseits der von ihm eingerichteten normalen Naturgesetze zumindest theoretisch in das Weltgeschehen eingreifen kann – so, wie Eltern auf das Taschengeldkonto ihrer Kinder zugreifen können. Und das wird er vielleicht auch tatsächlich einmal tun, um den Leuten zu zeigen, dass es auch wirklich er ist, der sich ihnen da zeigt.

Einer der wichtigsten Punkte in der Frage nach der Wahrheit des Christentums ist natürlich die Auferstehung Jesu. Keiner, der auch nur die geringste Ahnung von Geschichte hat, leugnet, dass Jesus von Nazareth gelebt hat und unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, dafür bräuchten wir nicht einmal die christlichen Quellen, sondern Tacitus und Flavius Josephus würden schon genügen, aber die Frage ist ja: War er wirklich Gott? Wurde er sozusagen von Gott bestätigt dadurch, dass er während seines Lebens Wunder wirken konnte und vor allem dadurch, dass er nach seinem Tod auferstanden ist? Ist dieser Bericht glaubhaft?

Kurz gesagt: Ja, ist er.

Zunächst einmal muss man auch hier den Fallstrick eines Fehlschlusses beachten, der darin besteht, biblische/christliche Quellen von vorn herein nicht als Beweismittel für in der Bibel erzählte Vorgänge anzunehmen, da sie ja irgendwie parteiisch oder so wären. Das ist Unsinn. Auf diese Weise könnte ich alle Quellen der gesamten Geschichte aus der Geschichtsschreibung hinauswerfen. Jede Quelle ist parteiisch; kein Geschichtsschreiber war je neutral. Man sage mir, wie viele unparteiische Quellen es über Julian Apostata, Napoleon Bonaparte oder Adolf Hitler gibt – ich nehme mal an, gar keine. Ich nehme alle vorhandenen Quellen, sehe mir ihre Berichte an und frage mich, wieso der Schreiber wohl für diese Seite und der Schreiber wohl für jene Seite Partei ergriffen hat, welcher Schreiber eher die Wahrheit berichtet oder welcher Schreiber vielleicht welchen Teil der Wahrheit berichtet. Wenn ich etwas über Sokrates wissen will, sehe ich mir Platons und Xenophons Sokrates-Dialoge ebenso an wie Aristophanes satirische Komödie „Die Wolken“. (Das ist übrigens ein ganz interessantes Beispiel, denn: „Die Wolken“ ist die einzige Quelle über Sokrates, die noch zu seinen Lebzeiten verfasst wurde, und trotzdem scheinen die meisten Historiker ziemlich deutlich der Meinung zu sein, dass sie bei Platon mehr vom historischen Sokrates finden als bei Aristophanes. (In dieser Hinsicht gibt es jetzt zwar keine Parallele zur Frage nach der Auferstehung, ich will nur deutlich machen, dass man sich bei Quelleninterpretation immer in vielerlei Hinsicht vor voreiligen Schlüssen hüten muss.))

Die Texte des Neuen Testaments stammen aus dem 1. Jahrhundert; als die ältesten unter ihnen werden in der Forschung meistens die Paulusbriefe aus den 50ern und frühen 60ern angenommen, aber auch die späte Datierung der Evangelien in die 70er, 80er und 90er wird in letzter Zeit immer wieder hinterfragt. (Wobei natürlich auch das immer noch eine relativ nahe Zeit wäre – wenn ein Evangelist in den 80ern über Geschehnisse aus dem Jahr 30 berichtet, wäre das nicht anders, als wenn heute jemand über die 68er-Bewegung oder das Zweite Vatikanum oder die Zeit des Wirtschaftswunders spricht. Die Forschungskontroversen lasse ich hier jetzt also mal aus, weil sie für das Thema eigentlich nicht so bedeutend sind.) Diese Texte sind, nebenbei bemerkt, wahnsinnig gut überliefert, was die Handschriften angeht. Von den allermeisten antiken Quellen haben wir bloß Abschriften aus dem Mittelalter; beim Neuen Testament dagegen sehr viele aus der Antike. Die älteste komplette Handschrift (Codex Sinaiticus) stammt von ca. 350 n. Chr., der früheste erhaltene Papyrusfetzen des Johannesevangeliums (P52) von ca. 100-125 n. Chr. (Eine fast komplette Ausgabe des Johannesevangeliums, P66, stammt ebenfalls noch aus dem 2. Jahrhunderts; zahlreiche weitere Einzeltexte aus diesen ersten Jahrhunderten kommen hinzu.) Für antike Quellen ist das wahnsinnig gut; die Bibel ist der am besten belegte Text der antiken Literatur überhaupt; und diese antiken Papyri und Codices stimmen mit unseren heutigen Texten überein.

Natürlich – siehe das Beispiel mit Sokrates – ist die Tatsache, dass eine Quelle erwiesenermaßen aus der Zeit stammt, von der sie berichtet, noch kein Beleg für ihre Richtigkeit; diese Fakten zur Überlieferung müssen zwar klargestellt werden angesichts von noch immer herumgeisternden Bibelverschwörungtheorien (die Bibel sei von Konstantin oder sonst wem nach seinem Belieben zusammengestellt / geändert worden o. Ä.); aber sie reichen natürlich noch nicht aus.  Aber: Wenn nun im Jahr 55 n. Chr., d. h. 25 Jahre nach der Kreuzigung, ein ehemaliger ultrajüdischer Christenverfolger Folgendes schreibt, dann muss man sich doch fragen, wie er dazu gekommen ist: „Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als Letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der ‚Missgeburt’. Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben.“ [„Kephas“, nebenbei, ist aramäisch für gr. „Petros“, lt. „Petrus“, dt. „der Fels“, also der Beiname des Simon Petrus.] Wie gesagt: Paulus, früher Saulus, war jemand, der diesem neuen Messias erst einmal nicht nur skeptisch, sondern ganz klar feindlich gegenüberstand. Er muss einen Grund gehabt haben, ihm dann auf einmal nachzufolgen; er muss tatsächlich etwas erlebt haben. Und wenn er seiner Gemeinde in Korinth von fünfhundert weiteren Zeugen für die Auferstehung berichtet, von denen die meisten noch am Leben sind und also befragt werden können, dann fragt sich doch, ob man da so einfach eine Massenhalluzination annehmen kann.

Ähnliches wie für Paulus gilt für die ursprünglichen elf Apostel (Judas hatte sich dann ja erhängt) und die übrigen Jünger: Ihr Meister war hingerichtet worden, er war tot, sie hatten ihn in ein Grab gelegt. Sie waren eine zerschlagene, mutlose Gemeinschaft, deren Ankerpunkt weggenommen worden war. Dann begannen sie auf einmal voller Überzeugung und Eifer von seiner Auferstehung zu verkünden. Nun gibt es drei Möglichkeiten: Entweder haben sie alle zusammen sich auf einmal eingebildet, er sei auferstanden, oder sie haben es erfunden, oder er ist wirklich auferstanden. Die Möglichkeit der Erfindung ist so lächerlich, dass es sich eigentlich nicht wirklich lohnt, weiter auf sie einzugehen. Denn: Was hatten sie davon? Erst einmal wurden sie verhaftet und ausgepeitscht (Apg 5,17-42), dann wurde einer von ihnen, der Diakon Stephanus, gesteinigt (Apg 7,54-60), das war der Ausgangspunkt für eine noch schlimmere Verfolgung (Apg 8,1-3); kurz gesagt: Flucht, Gefängnis und Tod waren Dinge, die man in den ersten Zeiten vom christlichen Bekenntnis hatte. „Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe“, schreibt Paulus, „dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder.“ (2 Kor 11,24-26) Nicht nur der Hohe Rat, sondern bald auch die Römer wurden auf diese neue Sekte da aufmerksam, und bereits in den 60ern hatte man die erste richtige Christenverfolgung unter Nero. Sorry, aber: wer lässt sich für etwas foltern und hinrichten, das er selber erfunden hat? Denn das hätten Petrus und die übrigen Apostel laut dieser Theorie getan. (Und laut Überlieferung wurde Petrus immerhin kopfüber gekreuzigt, was jetzt auch nicht sooo wahnsinnig angenehm ist.) Wenn man dazu mal Tacitus liest: „Doch nicht durch menschliche Hilfe, noch durch des Kaisers Spendungen oder durch Sühnungen der Götter ließ sich das Gerücht bannen, dass man glaubte, es sei die Feuersbrunst befohlen worden. Um daher dieses Gerede zu vernichten, gab Nero denen, welche wegen ihrer Schandtaten verhasst waren und welche das Volk Christen [wörtlich: Chrestianer] nannte, die Schuld und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. Derjenige, von welchem dieser Name ausgegangen war, Christus [Chrestus], war unter des Tiberius Regierung vom Procurator Pontius Pilatus hingerichtet worden; und der für den Augenblick unterdrückte verderbliche Aberglaube brach wieder aus, nicht nur in Judäa, dem Vaterlande dieses Unwesens, sondern auch in der Hauptstadt, wo von allen Seiten alle nur denkbaren Gräuel und Abscheulichkeiten zusammenströmen und Anhang finden. Die erste Zeit also wurden solche ergriffen, welche sich dazu bekannten, und dann auf deren Anzeige eine ungeheure Menge nicht sowohl der Brandstiftung als des allgemeinen Menschenhasses überwiesen. Und bei ihrem Tode ward auch noch Spott mit ihnen getrieben, dass sie mit Häuten wilder Tiere bedeckt durch Zerfleischung durch Hunde oder an Kreuze geheftet oder im Feuerkleid ihren Tod fanden, und wenn sich der Tag geneigt hatte, zur nächtlichen Erleuchtung verbrannt wurden. Seinen Park hatte Nero zu diesem Schauspiel geöffnet und gab ein Circusspiel, wobei er sich im Aufzug eines Wagenlenkers oder auf dem Wagen stehend sich unter das Volk mischte. Daher wurde, wenn auch für noch so Schuldige, welche die härtesten Strafen verdient hatten, Mitleid rege, als würden sie nicht dem allgemeinen Besten, sondern der Mordlust eines Einzigen geopfert.“ Das klingt jetzt alles nicht so toll. Und auch in den nächsten 250 Jahren noch hatte man Glück, wenn man als Christ halbwegs unbehelligt durchs Leben kam, ohne Gewalt oder Flucht oder Verhaftung erleben zu müssen; Vorteile hatte man vom Christsein gleich null. (Zum Märtyrer wurde man nicht zwangsläufig, weil die Verfolgung nur mal hier und da ausbrach, aber sicher war man eigentlich nie.) Natürlich könnte man nun annehmen, dass die Apostel und übrigen Anhänger Jesu (davon gab es ja wesentlich mehr als zwölf) einfach unterirdisch dumm gewesen wären oder sehr verkappte Selbstmordabsichten gehabt hätten, aber wirklichen Erklärungswert hat diese These eher nicht so, finde ich. Und auch die These der Massenhalluzination ist, na ja, nicht sehr schlüssig. Welche Parallelen gäbe es denn für so etwas?

Es gibt natürlich noch weitere Argumente. Zum Beispiel, wenn man sich diesen Mann, von dem das alles ausgeht, diesen Jesus von Nazareth selbst, ansieht. Es gibt dieses Argument, das man klassischerweise mit den Worten „Aut Deus aut homo malus“ zusammenfasst: Jesus muss entweder Gott oder ein schlechter Mensch (oder ein Verrückter) gewesen sein, denn er behauptete, Gott zu sein, was kein guter Mensch tut. Er war aber, nach allem, was wir in den Evangelien über ihn lesen, kein schlechter Mensch und kein Verrückter, also bleibt nur die Möglichkeit: Er hat ganz einfach die Wahrheit gesagt und war Gott. Ich will mal wieder C. S. Lewis zitieren:

„Unter diesen Juden taucht plötzlich ein Mensch auf, der redet, als wäre er Gott. Er behauptet, Sünden vergeben zu können. Er sagt, er sei von Ewigkeit an gewesen. Er sagt, er werde am Ende der Zeiten kommen, um die Welt zu richten. Überlegen wir einmal, was das heißt: Unter Pantheisten, etwa den Indern, könnte jeder sagen, er sei ein Teil Gottes oder er sei eins mit Gott; das wäre nichts Besonderes. Aber da dieser Mann Jude war, konnte er einen solchen Gott nicht meinen. In seiner Sprache bedeutete Gott jenes Wesen außerhalb der Welt, das die Welt erschaffen hat und mit nichts anderem zu vergleichen ist. Haben wir begriffen, was das heißt, dann wird klar: Was dieser Mann sagte, war schlechthin das Schockierendste, was je über menschliche Lippen gekommen ist.

Dabei entgeht uns oft ein gewisser Aspekt seiner Behauptung. Wir haben ihn schon so oft gehört, dass wir gar nicht mehr wissen, was damit eigentlich gesagt wird. Ich meine den Anspruch, Sünden zu vergeben. Diese Behauptung ist wirklich so ungeheuerlich, dass sie komisch wirken muss, solange sie nicht von Gott selbst kommt. Wir alle wissen, wie ein Mensch ihm angetanes Unrecht vergibt. Jemand tritt mir auf den Fuß, und ich verzeihe ihm; jemand stiehlt mir mein Geld, und ich vergebe ihm. Was aber würden wir von einem Menschen halten, der – selber unberaubt und unbehelligt – verkündet, er vergebe allen, die anderen Leuten auf die Füße treten und anderer Leute Geld stehlen? Eselsdumme Albernheit wäre noch die zarteste Umschreibung für ein derartiges Verhalten.

Und doch hat Jesus eben dies getan. Er sagte den Menschen, ihre Sünden seien ihnen vergeben, ohne erst alle die anderen zu fragen, denen sie mit ihren Sünden Unrecht getan hatten. Er verhielt sich einfach so, als sei er der am meisten Betroffene, als sei er derjenige, demgegenüber man sich am meisten vergangen habe. Das ist jedoch nur dann verständlich, wenn er wirklich der Gott ist, dessen Gesetze gebrochen und dessen Liebe durch jede Sünde verletzt wird. Im Mund jedes anderen, der nicht Gott ist, würden diese Worte doch wohl ein Maß von Einfältigkeit und Einbildung zum Ausdruck bringen, das in der Geschichte seinesgleichen suchen müsste.

Dennoch (und das ist ebenso eigenartig wie bedeutsam) gewinnen nicht einmal seine Feinde, wenn sie die Evangelien lesen, den Eindruck von Einfältigkeit und Einbildung. Viel weniger noch die vorurteilsfreien Leser. […]

Ich möchte damit jedermann vor dem wirklich dummen Einwand bewahren, er sei zwar bereit, Jesus als großen Morallehrer anzuerkennen, nicht aber seinen Anspruch, Gott zu sein. Denn gerade das können wir nicht sagen. Ein Mensch, der solche Dinge sagen würde, wie Jesus sie gesagt hat, wäre kein großer Morallehrer. Er wäre entweder ein Irrer – oder der Satan in Person. Wir müssen uns deshalb entscheiden: Entweder war – und ist – dieser Mensch Gottes Sohn, oder er war ein Narr oder Schlimmeres. Wir können ihn als Geisteskranken einsperren, wir können ihn verachten oder als Dämon töten. Oder wir können ihm zu Füßen fallen und ihn Herr und Gott nennen. Aber wir können ihn nicht mit gönnerhafter Herablassung als einen großen Lehrer der Menschheit bezeichnen. Das war nie seine Absicht; diese Möglichkeit hat er uns nicht offengelassen.“

Ich habe mal einen Theologen sagen hören, es sei eigentlich kein Wunder, dass man Jesus hingerichtet habe, erstaunlich sei es eher, dass man ihn nicht schon früher hingerichtet habe. Ich finde, das trifft es ganz gut. „Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes? Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört. Was ist eure Meinung? Sie antworteten: Er ist schuldig und muss sterben.“ (Mt 26,63-67) Und doch – obwohl er solche Dinge sagte, die ihn in den Augen mancher zum frevelhaftesten aller Gotteslästerer machten – folgten ihm andere voller Überzeugung, Hoffnung, Vertrauen und Liebe. „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ sagte Petrus. „Du hast Worte ewigen Lebens.“ (Joh 6,68) Und, später, zum Auferstandenen: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebe.“ (Joh 21,17) „Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“, sagte der Aussätzige (Mt 8,2). „Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund“, sagte selbst der römische Hauptmann von Kafarnaum, der Jesus um die Heilung seines Dieners bat. „Auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.“ (Mt 8,8-9) Ich glaube, dass es einen Grund für diese Berichte der Evangelisten geben muss. Wieso erzählten sie von solchen Dingen? Wieso glaubten sie so unbeugsam an die Macht und Liebe Jesu? Die logischste Erklärung ist, dass sie Wahres berichten.

Es gibt in der ganzen Geschichte der Menschheit keinen Menschen, der Jesus von Nazareth gleicht. Wer die Bergpredigt oder ähnliche seiner Worte liest, wird ihn gern als einen großen Weisheitslehrer bezeichnen; aber er ist nicht wie Sokrates oder Konfuzius, die wirklich Weisheitslehrer, und einfach nur Weisheitslehrer, waren. Sie lehrten Moral und Philosophie; und sie sagten dabei viele gute Dinge und waren sich dennoch bewusst, dass sie nur Menschen waren, die nach dem richtigen Weg suchten. Er dagegen sprach von der Erlösung durch seinen Tod; er sprach: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) Es ist lächerlich, ihn mit anderen Religionsgründern auf eine Stufe stellen zu wollen; keiner von denen behauptete jemals, was er behauptete. Viele Menschen sagten im Lauf der Geschichte, sie seien von Gott gesandt; aber wie viele behaupteten, Gott zu sein? Gegen Mohammed lässt sich viel sagen; er hat sich ziemlich viele Frauen genommen, darunter eine Neunjährige, und viel Zeit damit verbracht, Kriege zu führen, und duldete nicht, wenn irgendjemand seine göttliche Sendung hinterfragte. Aber auch er hat niemals die Anmaßung besessen, sich selbst mit Gott gleichzusetzen. Selbst die römischen Kaiser nannten sich nur „divus“, „vergöttlicht“; sie setzten sich nicht mit dem Schöpfer der Welt gleich. Jesus von Nazareth dagegen, dessen gewalttätigste Tat wohl war, dass er die Händler aus dem Tempel trieb, und gegen den kaum jemals der Vorwurf laut wird, er sei ein schlechter Mensch gewesen, hat sich mit Gott gleichgesetzt.

Man wird Christ, indem man Christus kennenlernt und ihm folgt; nicht, indem man eine Lehre annimmt. Und der Christus aus den Evangelien… wer würde diesem Mann nicht folgen wollen? Man kann nicht Christ sein, wenn man Christus nicht kennt, wenn man nicht weiß, wie er war, was er tat, was er litt. Darum würde ich jeden, der das Christentum ablehnt, erst einmal fragen, ob er die Evangelien gelesen hat.

Ein weiteres Argument: Die christliche Offenbarung schließt zunächst einmal die jüdische im Alten Testament mit ein; und die Einzigartigkeit der Juden im Alten Orient (ach was, die Einzigartigkeit der Juden zu allen Zeiten) ist etwas, was leicht ins Auge fällt. Sie lässt sich nicht so einfach erklären. Das auserwählte Volk ist das einzige Volk der Welt, das einen derartig klaren Monotheismus entwickelte, aber den einen Gott nicht nur als fernen obersten Gott über irgendwelchen der Menschenwelt näher stehenden Göttern und Geistern verehrte, sondern wirklich auch als den ihnen nahen, persönlichen Gott ihres Volkes, der es auserwählt hatte und beschützte, der zu Abraham, Isaak und Jakob gesprochen und die Israeliten unter Mose aus Ägypten herausgeführt hatte. Ein Gott, der nicht ist wie die Götter der anderen Völker, sondern der gut ist, dem es unmöglich ist, schlecht zu sein. Die Einzigkeit des auserwählten Volkes (auch in der Hinsicht, dass es, anders als Moabiter, Ammoniter oder Jebusiter trotz seiner ständigen Bedrohung und Unterdrückung einfach noch nach über 3000 Jahren existiert) ist eine Tatsache. Und sie lässt sich am besten damit erklären, dass es wirklich von Gott auserwählt wurde, dass er es führte und sich ihm zeigte.

Und in dieser Einzigkeit ist ihm die Kirche Gottes, das aus Juden und Heiden zusammengesetzte neue Israel, ähnlich: die einzige Institution der Geschichte, die 2000 Jahre überlebt hat, Verfolgungen und Vereinnahmungen gleichermaßen, und sich in ihrem Kern dabei nicht gewandelt hat. Sie hat die römischen Kaiser ebenso überlebt wie die französische Schreckensherrschaft, den Arianismus ebenso wie den Protestantismus oder den Kommunismus. Ich habe mal für ein Seminar über die Propaganda der französischen Revolutionsregierung gegen das Christentum recherchiert. Es ist schon ganz interessant, wenn man liest, dass es 1793 oder ’94 Leute gab, die die katholische Kirche für größtenteils erledigt hielten und ihr vielleicht noch ein paar Jahre gaben, und Pius VI. spaßeshalber „Pius den Letzten“ nannten. (Inzwischen haben wir übrigens zwölf Piusse auf dem Papstthron gehabt.) Es ist schon ganz witzig, wenn man in einer Zeit, in der es weltweit 1,2 Milliarden Katholiken gibt und mindestens 1,6 Millionen davon zu einem Treffen mit dem Papst nach Krakau pilgern, so etwas liest. Es ist ebenso witzig, wenn Leute heutzutage dann auf einmal ganz verwundert feststellen, dass Religion ja seltsamerweise immer noch nicht ausgestorben ist, nicht mal diese katholische Kirche da. Die katholische Kirche wird nicht untergehen. Das hat Christus, ihr Oberhaupt, ihr fest zugesagt. „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,18-19) Inzwischen hat Simon Petrus, das erste stellvertretende Oberhaupt der katholischen Kirche, immerhin 265 Nachfolger gehabt, die diese Schlüsselgewalt ausübten und ausüben.

Es gibt noch vieles, was man anführen könnte. Zum Beispiel die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen durch Christus. Schon mal Psalm 22 oder Jesaja 53 gelesen? (Nebenbei: Vom Buch Jesaja haben wir eine vollständige Handschrift von ca. 200 v. Chr. aus Qumran.) „Sie durchbohren mir Hände und Füße. Man kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und weiden sich an mir. Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.“ (Ps 22,17-19) „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab.“ (Jes 53,5-10) „Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“ (Sach 12,10)

Erwähnenswert wäre auch die interessante Tatsache, dass es in der katholischen Kirche recht häufig Wunder gibt (vor allem Heilungswunder), die von unabhängigen Ärzten nachgeprüft werden und für die keine wissenschaftliche Erklärung gefunden werden kann – für jede Selig- und Heiligsprechung sind sie beispielsweise nötig. In welcher anderen Religion ist das der Fall? Man könnte auch auf das Sonnenwunder von Fatima 1917, das Grabtuch von Turin, das Marienbild von Guadeloupe, die Heilungen in Lourdes, auf unverweste Leichname Heiliger oder Hostienwunder wie in Lanciano, Liegnitz (2013) und Buenos Aires (1996) hinweisen. Jede einzelne dieser Sachen könnte einem erst einmal einfach komisch und unerklärlich vorkommen, aber irgendwie wird sich das ja wohl erklären lassen… – aber ihre Summe ist doch irgendwie seltsam, oder? Vor allem angesichts der Tatsache, dass alle genannten Vorkommnisse von wissenschaftlicher Seite aus untersucht sind und bisher nicht zufriedenstellend erklärt werden konnten. (Natürlich gibt es auch Fälle, wo angebliche Wunder sich als keine Wunder herausstellten. Die sind sogar zahlreicher. Aber genau deshalb ist der Kirche da ja eine genaue Prüfung so wichtig.)

Man könnte auch auf die innere Logik der katholischen Lehre hinweisen. Hier gibt es keine inneren Widersprüche; auch nichts, was der grundlegenden menschlichen Erfahrung widerspricht. Ein beliebiges Beispiel: Erbsünde. Die katholische Ansicht (der Mensch hat einen freien Willen und kann zwischen Gut und Böse wählen, aber er neigt zum Bösen und kein Mensch wird immer nur das Gute wählen) entspricht ganz genau der alltäglichen Erfahrung. Determinismus oder Calvinismus, die dem Menschen den freien Willen absprechen, widersprechen ihr dagegen ebenso wie die Philosophie Rousseaus oder der Pelagianismus, die den Menschen beide für grundsätzlich gut und bloß ein bisschen erziehungsbedürftig erklärten.

Ich habe alle diese Argumente hier nun eher angerissen; natürlich müsste man sie genauer erläutern. Ich wollte eben einfach einen Überblick über ein paar der wichtigsten Gründe bieten, die katholische Offenbarung für eine wirkliche Offenbarung Gottes zu halten.

Kurze Frage

Kurze Frage: Wie kann es sein, dass in der Tagesschau im BR in der Berichterstattung zum Reformationsjahrestag ernsthaft der Satz vorkommt: „…der Ablasshandel, mit dem sich die Gläubigen von ihren Sünden freikaufen konnten“?

Ich meine, ernsthaft! Wie kann es sein, dass ein sich als seriös verstehender öffentlich-rechtlicher Sender, und zwar auch noch einer aus dem irgendwann früher mal katholischen Bayern, nicht in der Lage ist, zu recherchieren, was etwas, das er für seine Zuschauer definieren will, IST? Wie kann es sein, dass Leute so wenig Ahnung auch nur von den Begriffen haben, um die es damals überhaupt ging, und sich dann nicht einmal mehr die Mühe machen, sie eventuell mal zu googeln, ehe sie darüber reden? Wie kann es sein, dass man nicht einmal den Unterschied zwischen Beichte und Ablass kennt, wenn man erklären will, worum es in der Reformation ging? Ich meine, hm, wenn jemand Ablass (den es immer noch gibt!!) und Ablassmissbrauch nicht auseinanderhalten könnte, könnte man ja in der heutigen Zeit eventuell noch nachsichtig sein, aber…! Ich meine…!

So. Ich beruhige mich mal wieder. Und verweise auf eine schöne Erklärung einer konvertierten Protestantin dazu, was Ablass eigentlich ist. Zwar glaube ich nicht, dass die BR-Redakteure meinen Blog lesen werden, aber, na ja, kann man nichts machen. Jetzt also bitte hier weiterlesen: https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/07/11/ablass-teil-1-kaputte-fenster-und-martin-luther/

(Und hier noch mal die Originalquellen, Codex des Kanonischen Rechts und Katechismus der Katholischen Kirche – letzterer leider nur auf Englisch:

http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3I.HTM

http://www.vatican.va/archive/ENG0015/__P4G.HTM

)

[Update: Eine wunderbare Erklärung des Ablasses findet sich auch auf dem Cathwalk: https://thecathwalk.net/2016/10/31/der-ablass-den-gibts-doch-gar-nicht-mehr-ein-kommentar-zum-reformationsfest/ ]