Kurze Frage

Kurze Frage: Wie kann es sein, dass in der Tagesschau im BR in der Berichterstattung zum Reformationsjahrestag ernsthaft der Satz vorkommt: „…der Ablasshandel, mit dem sich die Gläubigen von ihren Sünden freikaufen konnten“?

Ich meine, ernsthaft! Wie kann es sein, dass ein sich als seriös verstehender öffentlich-rechtlicher Sender, und zwar auch noch einer aus dem irgendwann früher mal katholischen Bayern, nicht in der Lage ist, zu recherchieren, was etwas, das er für seine Zuschauer definieren will, IST? Wie kann es sein, dass Leute so wenig Ahnung auch nur von den Begriffen haben, um die es damals überhaupt ging, und sich dann nicht einmal mehr die Mühe machen, sie eventuell mal zu googeln, ehe sie darüber reden? Wie kann es sein, dass man nicht einmal den Unterschied zwischen Beichte und Ablass kennt, wenn man erklären will, worum es in der Reformation ging? Ich meine, hm, wenn jemand Ablass (den es immer noch gibt!!) und Ablassmissbrauch nicht auseinanderhalten könnte, könnte man ja in der heutigen Zeit eventuell noch nachsichtig sein, aber…! Ich meine…!

So. Ich beruhige mich mal wieder. Und verweise auf eine schöne Erklärung einer konvertierten Protestantin dazu, was Ablass eigentlich ist. Zwar glaube ich nicht, dass die BR-Redakteure meinen Blog lesen werden, aber, na ja, kann man nichts machen. Jetzt also bitte hier weiterlesen: https://maryofmagdala.wordpress.com/2016/07/11/ablass-teil-1-kaputte-fenster-und-martin-luther/

(Und hier noch mal die Originalquellen, Codex des Kanonischen Rechts und Katechismus der Katholischen Kirche – letzterer leider nur auf Englisch:

http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3I.HTM

http://www.vatican.va/archive/ENG0015/__P4G.HTM

)

[Update: Eine wunderbare Erklärung des Ablasses findet sich auch auf dem Cathwalk: https://thecathwalk.net/2016/10/31/der-ablass-den-gibts-doch-gar-nicht-mehr-ein-kommentar-zum-reformationsfest/ ]

Für alle, die noch keine Idee haben, was sie sich zu Weihnachten wünschen oder an andere verschenken sollen…

…habe ich ein paar Vorschläge; auch wenn es vielleicht noch ein bisschen früh ist; aber Nikolaus kommt ja schließlich vorher auch noch. Ich möchte meinen geschätzten Lesern einmal ein paar Anregungen geben, von welchen Schriftstellern sich Romane, oder auch Novellen, Kurzgeschichten, Kinderbücher, Jugendbücher oder Theaterstücke, zu lesen lohnen würden, wenn man gerne etwas von katholischen/christlichen Schriftstellern lesen möchte – und zwar etwas, das auch tatsächlich gut geschrieben ist. Da gibt es nämlich gar nicht wenig.

Ich gebe bei fremdsprachigen Schriftstellern hier, wenn vorhanden, die Titel der deutschen Übersetzungen der bekanntesten Werke an; bei allen Autoren gebe ich nur einzelne bekannte Titel an, es gibt natürlich noch mehr. Ich habe übrigens selber noch nicht von ihnen allen etwas gelesen, wenn auch von einigen (vom Rest habe ich es fest vor!), aber da sie allgemein als Klassiker gelten, glaube ich, sie guten Gewissens weiterempfehlen zu können. Ich habe sie in verschiedene Kategorien eingeteilt; eine davon bilden diejenigen Autoren, die zum „Renouveau catholique“ zählen, einer wirklich interessanten Bewegung katholischer Intellektueller im 19. und 20. Jahrhundert.

 

Neuere:

  • J. R. R. Tolkien („Der Herr der Ringe“, „Der kleine Hobbit“, „Das Silmarillion“)
  • Michael O’Brien („Father Elijah“)
  • Martin Mosebach („Westend“, „Mogador“, „Was davor geschah“, „Der Mond und das Mädchen“, „Die Türkin“, „Das Bett“)
  • Walker Percy („Der Kinogeher“, „Der Idiot des Südens“, „Liebe in Ruinen“, „Lancelot“)
  • Flannery O’Connor („Ein Kreis im Feuer“, „Die Gewalt tun“)
  • Johannes Paul II. / Karol Wojtyla („Der Laden des Goldschmieds“)

 

Renouveau Catholique:

  • Georges Bernanos („Tagebuch eines Landpfarrers“, „Die Sonne Satans“)
  • Léon Bloy („Das Heil durch die Juden“, „Jeanne d’Arc und Deutschland“, „Blutschweiß“)
  • Francois Mauriac („Fleisch und Blut“, „Natterngezücht“, „Die Tat der Thérèse Desqueyroux“, „Leben Jesu“)
  • Paul Claudel („Die Geisel“, „Das harte Brot“, „Mariä Verkündigung“, „Der seidene Schuh“)
  • Evelyn Waugh („Wiedersehen mit Brideshead“)
  • Robert Hugh Benson („Der Herr der Welt“, „Come Rack! Come Rope!“)
  • Gilbert Keith Chesterton („Pater Brown“)
  • Bruce Marshall („Keiner kommt zu kurz“)
  • T. S. Eliot („Mord im Dom“)
  • Gertrud von Le Fort („Die Letzte am Schafott“, „Die Frau des Pilatus“, „Der Turm der Beständigkeit“)
  • Franz Werfel („Das Lied von Bernadette“, „Die vierzig Tage des Musa Dagh“)
  • Gertrud Fussenegger („Das Haus der dunklen Krüge“)
  • Reinhold Schneider („Las Casas vor Karl V.“, „Der große Verzicht“)
  • Werner Bergengruen („Der Großtyrann und das Gericht“, „Am Himmel wie auf Erden“, „Der Teufel im Winterpalais“, „Die Sterntaler“)
  • Elisabeth Langgässer („Das unauslöschliche Siegel“)
  • Sigrid Undset („Kristin Lavranstochter“)
  • Henryk Sienkiewicz („Quo vadis?“)

 

Ältere:

  • Alessandro Manzoni („Die Brautleute“ (alte Übersetzungen: „Die Verlobten“))
  • Annette von Droste-Hülshoff („Die Judenbuche“)
  • Für alle, die die Literatur der Romantik mögen: Joseph von Eichendorff („Aus dem Leben eines Taugenichts“, „Ahnung und Gegenwart“, „Dichter und ihre Gesellen“), Clemens Brentano und Achim von Arnim
  • Für alle, die noch ältere Literatur mögen: Dante Alighieri („Die Göttliche Komödie“)

 

Weniger bekannte Autoren von Jugendbüchern, die ich gern mag:

  • Regina Doman (Fairy Tale Novels, darunter „The Shadow of the Bear“, „Black as Night“, „Waking Rose“ etc. Das erstgenannte Buch gibt es inzwischen auch in deutscher Übersetzung („Der Schatten des Bären“), aber die kann ich nicht wirklich empfehlen – sie ist in einem etwas nervigen Achtziger-Jahre-Deutsch gehalten, das dem englischen Original wirklich nicht gerecht wird; aber gut, wenn man Englisch nicht mag/kann, tut sie es auch.)
  • Corinna Turner („I am Margaret“, „Someday“)

 

Nicht-katholische:

  • Fjodor Dostojewski („Schuld und Sühne“, „Die Brüder Karamasow“)
  • Alexander Solschenizyn („Der Archipel Gulag“, „Der erste Kreis der Hölle“)
  • C. S. Lewis („Die Chroniken von Narnia“, „Du selbst bist die Antwort“, „Jenseits des schweigenden Sterns“)
  • George MacDonald („Phantastes“, „Die Prinzessin und die Kobolde“, „Hinter dem Nordwind“, „Lilith“)
  • Lew Wallace („Ben Hur“)

 

Sonstige empfehlenswerte Autoren, deren persönliche religiöse Überzeugungen ich nicht ganz genau kenne, die aber in ihren Werken mehr oder minder deutlich christliche Haltungen zeigen:

  • Friedrich Schiller – dessen Werke muss ich nicht aufzählen, oder?
  • William Shakespeare („Macbeth“, „Hamlet“ usw.)
  • Jane Austen („Verstand und Gefühl“, „Die Abtei von Northanger“, „Mansfield Park“, „Stolz und Vorurteil“, „Emma“, „Überredung“)
  • Charles Dickens („Eine Weihnachtsgeschichte“, „Oliver Twist“, „Eine Geschichte aus zwei Städten“, „Große Erwartungen“, „Little Dorritt“)
  • Otfried Preußler („Die Flucht nach Ägypten – Königlich-böhmischer Teil“, „Krabat“, „Der Räuber Hotzenplotz“)
  • Michael Ende („Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“, „Jim Knopf“)
  • J. K. Rowling („Harry Potter“)
  • Susan Fletcher („Alphabet der Träume“)
  • Theodor Storm („Hans und Heinz Kirch“)

 

Nicht-christliche Autoren, die meiner Meinung nach empfehlenswert sind:

  • Khaled Hosseini („Drachenläufer“, „Tausend strahlende Sonnen“)
  • Aldous Huxley („Schöne Neue Welt“)
  • George Orwell („Die Farm der Tiere“)

 

So… wenn ich wichtige Autoren übersehen haben sollte, bitte ich um Mitteilung 🙂

 

[Update: Empfehlungen von einer Leserin: Thomas Mann („Der Zauberberg“) und Theodor Fontane („Effi Briest“, „Der Stechlin“)]

Das ist nicht eure Erfindung!

Gelegentlich wird es einem in Vorlesungen oder Seminaren im Fach Theologie unterkommen, dass man vom Dozenten oder der Dozentin zu hören bekommt, XYZ sei eine Idee, die vom Zweiten Vatikanum eingeführt worden sei und damit das theologische Denken großartig vorangebracht habe. „Zweites Vatikanum“ lässt sich hier oftmals auch ersetzen durch irgendeinen Theologen, irgendeine theologische Strömung oder Bewegung, oder gegebenenfalls irgendeinen Heiligen. XYZ kann alles Mögliche sein: „positive Sicht auf Sexualität“ oder „Betonung der göttlichen Barmherzigkeit“ oder irgendeine Form der Bibelinterpretation oder „Mitwirkung der Laien an der heiligen Messe“.

Immer wieder sind diese Behauptungen aber leider ziemlicher Unsinn. Und leider auch Unsinn, der nicht nur auf theologische Vorlesungen beschränkt ist. Gerade in der Hagiographie ist es beliebt, irgendeinem Heiligen anzudichten, er habe etwas als erster entdeckt, damit man ihn entsprechend loben kann. Die entsprechenden Heiligen sind nun ja auch oft sehr für das zu loben, was sie getan haben, das Problem ist hier nur: Wenn man unterstellt, dass vor ihnen in der ganzen Kirchengeschichte niemand auf dieselbe Idee gekommen sei, dann unterstellt man allen diesen früheren Christen oft ziemlich unsinnige Sachen.

Nehmen wir mal, weil es gerade so schön passt, das Thema Barmherzigkeit. Irgendein sich kirchlich nicht so auskennender Journalist wird vielleicht schreiben, die Betonung der Barmherzigkeit sei eine Erfindung von Papst Franziskus. Jemand, der sich ein kleines bisschen besser auskennt und für die pfarrliche Kirchenzeitung einen Artikel über die Mitpatronin des letzten Weltjugendtags, die hl. Faustyna (1905-1938) verfassen soll, wird darin vielleicht hervorheben, dass von dieser Heiligen das Bild vom „Barmherzigen Jesus“ stammt, und dass sie eben als erste so sehr diese Barmherzigkeit betont habe, was ja in der damaligen Zeit was ganz Neues und Besonderes gewesen sei. Wer auch immer den Wikipedia-Artikel zur hl. Thérèse von Lisieux (1873-1897) geschrieben hat, will dagegen sie als maßgebliche Impulsgeberin darstellen, was die Sache mit der Barmherzigkeit angeht. Ihr „Wunsch, sogar die Sünder zu lieben“ wird als „für ihre Zeit revolutionär“ (ernsthaft!) dargestellt. Ja, hm. Als nächstes liest man dann irgendwo, dass in derselben Hinsicht „für ihre Zeit revolutionär“ (oder so ähnlich) auch schon die hl. Margareta Maria Alacoque (1647-1690) mit der Einführung der Herz-Jesu-Verehrung gewesen sei. Ja, und wenn man dann irgendwann noch erfährt, dass, sagen wir mal, das geflügelte Wort „Liebe den Sünder, hasse die Sünde“ eigentlich schon vom hl. Augustinus (354-430) stammt und dass tatsächlich so ziemlich, na ja, immer in der Kirchengeschichte von der Barmherzigkeit Gottes geredet und geschrieben wurde, dann fragt man sich irgendwann, woher solche Verleumdungen eigentlich kommen.

Denn es sind Verleumdungen. Ja, es gab eine theologische Entwicklung im Lauf der Kirchengeschichte, die ist sehr wichtig (der sel. John Henry Kardinal Newman hat in seinem Buch „Development of Doctrine“ (dt. Übersetzung: „Entwicklung der Glaubenslehre“) alles Notwendige dazu geschrieben), aber wer unterstellt, dass die Christen vor dem 21. oder 20. oder 19. oder 17. Jahrhundert so grundlegende Sachen wie die Barmherzigkeit Gottes überhaupt nicht beachtet hätten – na ja, der verleumdet die Christen aus diesen früheren Zeiten, und das meistens ohne nachzuforschen, was sie denn tatsächlich überhaupt gesagt haben.

Ähnlich kann es mit den anderen Themen sein. Sowohl der hl. Augustinus als auch der hl. Thomas von Aquin (1215-1274) vertraten z. B. die Ansicht, dass die Schöpfungsgeschichte der Genesis nicht wortwörtlich zu interpretieren sei – ja, wirklich, die beiden allermaßgeblichsten katholischen Theologen aus Antike und Mittelalter waren dieser Ansicht. Oder nehmen wir das leidige Thema Sex. Während die antiken Theologen da zum Teil tatsächlich vergleichsweise streng waren (wenn auch keiner am Ende die Ehe als sündhaft beurteilte, wie das andere antike Sekten wie die Manichäer (oder mittelalterliche wie die Katharer) taten; schließlich ist einer der Grundsätze des katholischen Glaubens, dass Gottes Schöpfung grundsätzlich gut ist), kann man u. a. bei Franz von Sales (1567-1622) im Grunde absolut dieselbe positive Bewertung der (ehelichen) Sexualität lesen wie bei Paul VI. oder Johannes Paul II. oder Franziskus – sorry, is’ so. Auch, was z. B. die participatio actuosa, d. h. das tätige Mitfeiern der hl. Messe durch die Laien – wobei mit diesem Begriff nicht gemeint ist, als Lektor oder Ministrant oder Redner o. Ä. mitzuwirken, sondern zu wissen und nachzuvollziehen und mitzubeten, was der Priester da so am Altar macht – ist Franz von Sales ein gutes Beispiel. Die Idee von der participatio actuosa wurde nämlich auch nicht erst durch die Liturgische Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts (die ja an sich ganz wunderbar war; die Volksmessbücher beispielsweise hat sie erfunden) aufgebracht; und natürlich erst recht nicht erst in den 60ern durch das letzte Konzil. „Bemühe dich also ganz besonders“, schreibt Franz von Sales im Jahr 1609, „jeden Tag der heiligen Messe beizuwohnen, um mit dem Priester das Opfer deines Erlösers Gott dem Vater für dich und die ganze Kirche darzubringen. […] Welches Glück für eine Seele, durch ihr frommes Gebet an einem so kostbaren und begehrenswerten Geheimnis mitzuwirken! 5. Um nun wirklich oder geistig das heilige Messopfer in der rechten Weise mitzufeiern, beachte folgendes: 1) Bereite dich mit dem Priester vor, ehe er an den Altar tritt; denke an Gottes Gegenwart, bekenne deine Unwürdigkeit, bitte um Vergebung deiner Sünden.“ (Usw.) (Einführung in das fromme Leben, Kapitel 14)

Solche Verleumdungen früherer Christengenerationen sind gar nicht selten, und sie nerven. Sie sind falsch. Die damaligen Christen hatten ihre charakteristischen Fehler, und wir haben unsere, aber sie waren oft durchaus christlicher, als man es ihnen zutraut, und locker auch mal christlicher als wir. Und ihre Fehler liegen auch nicht immer da, wo wir sie vermuten. Zum Beispiel hat in der ganzen Kirchengeschichte kein Theologe oder Papst je Zwangstaufen befürwortet. Ebenso gab es auch in Mittelalter und Renaissance Päpste und Bischöfe, die nicht unbedingt dem Bild der „Borgia“-Serie entsprechen, sondern tatsächlich sehr heilig und asketisch waren. Ich könnte noch viele Beispiele aufzählen, aber ich hoffe, es ist klar geworden, was ich sagen will: Auch wenn man seinen Blick darauf richten will, welche wirklichen theologischen Fortschritte und tieferen Einsichten es im Lauf der Kirchengeschichte gab – und die gab es natürlich; beim Konzil von Nicäa ebenso wie beim Konzil von Trient oder beim Zweiten Vatikanischen Konzil, bei Augustinus ebenso wie bei Thomas oder Thérèse, in der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts ebenso wie in der Katholischen Reform des 16. oder in der Liturgischen Bewegung; in der Kirche gibt es eine solche „Entwicklung der Glaubenslehre“, wenn auch diese Entwicklung nur eine Weiterentwicklung, nicht eine totale Veränderung bedeuten kann –, sollte man hier bei den historischen Tatsachen bleiben. Wahrhaftigkeit ist nie schlecht.

Leben retten, Leben nehmen

Vor ungefähr einer Woche (ich wollte eigentlich schon früher darüber schreiben, bin aber nicht dazu gekommen) lief auf ARD der Film „Terror“. Mein Eindruck davon im Ganzen: Sehr gut dargestellt und gespielt, sehr spannendes und auch tragisches Thema. Aber hier herrscht eine gewisse Verwirrung in Bezug auf grundlegende Prinzipien der Moralphilosophie.

Situation: Der Luftwaffenpilot Major Lars Koch muss sich vor Gericht wegen Mordes in 164 Fällen verantworten – er hat gegen den Befehl der Verteidigungsministerin ein von einem Terroristen entführtes Flugzeug abgeschossen, ehe es in ein Stadion mit 70.000 Menschen fliegen konnte. Das Spannendste am Film, was dem Ersten wahrscheinlich auch ungewöhnlich hohe Einschaltquoten beschert hat, war natürlich, dass die Zuschauer am Ende quasi als Schöffen abstimmen konnten, ob er schuldig oder nicht schuldig gesprochen werden sollte; 86,9 Prozent entschieden: nicht schuldig. Der Film wurde nach der Zeugenvernahme und den Plädoyers für die Abstimmung unterbrochen, und dann wurde das passende Ende mit der Urteilsverkündung gezeigt (vorher wurden zwei Versionen gedreht); Major Koch wurde freigesprochen.

Koch gab von Anfang an klar zu, was er getan hatte und sagte ebenso klar, dass er es für richtig hielt und wieder tun würde. Er hatte sich auch vorher, wie alle in seiner Einheit, intensiv darüber Gedanken über diese Frage gemacht, und war zu dem Schluss gekommen, dass diese Handlung richtig wäre. Das war natürlich die zentrale Frage, die die Zuschauer bewegte: Hatte er richtig gehandelt? War er ein Held oder ein Mörder?

Die Staatsanwältin im Film argumentierte durchweg mit dem grundgesetzlich begründeten Prinzip der Menschenwürde. Leben dürfe nicht gegen Leben aufgewogen werden. Punkt. Man darf nicht wenige Menschen töten, um viele zu retten. Der Verteidiger warf ihr vor, Prinzipien über Menschenleben zu stellen; man müsse eben abwägen. Kurz gesagt: Die Staatsanwältin hat durchweg die besser klingenden Argumente vorgebracht – aber sie hat deswegen noch nicht recht. Und das sahen auch die Menschen, die intuitiv erkannten, dass Major Koch kein Mörder war, auch wenn er und sein Verteidiger in ihrer Begründung um einiges besser argumentieren hätten können, und auch ein paar falsche Argumente vorgebracht haben.

Hier wird nämlich, auf beiden Seiten, ein moralisches Prinzip nicht einmal erwähnt: Das Prinzip der Handlung mit Doppelwirkung.

Es ist nicht so, dass es keine Gelegenheit gegeben hätte, dieses Prinzip zu erwähnen. In ihrem Plädoyer erwähnt die Staatsanwältin zwei konstruierte Beispiele aus der Rechtsphilosophie, nämlich zwei Varianten des sog. Weichenstellerfalls:

  • Ein führerloser Wagon rast auf einen Bahnhof zu, in dem ein voll besetzter Zug steht. Sie sind der Weichensteller und könnten den Wagon auf ein Nebengleis umlenken, auf dem aber fünf Arbeiter stehen, die sterben würden, wenn sie den Wagon umlenken würden. (Eine Fluchtmöglichkeit für die Arbeiter gäbe es nicht.) Wenn Sie den Wagon nicht umlenken würden, würden die hundert Menschen im Zug sterben.
  • Ein führerloser Wagon rast auf ein Gleis zu, auf dem ein voll besetzter Zug steht. Sie stehen auf einer Brücke über dem Gleis; neben Ihnen steht ein sehr dicker Mann, der den Zug allein durch seine Körpermasse stoppen würde, wenn Sie ihn auf das Gleis stoßen würden; damit wären die hundert Menschen im Zug gerettet. Dafür müssten Sie ihn mit Ihrem Taschenmesser töten und dann eben hinunterstoßen.

Die meisten Menschen würden im ersten Fall den Wagon umlenken, obwohl sie dabei den Tod von fünf Menschen in Kauf nehmen würden, im zweiten Fall aber nicht den dicken Mann töten, obwohl so nur ein Mann sterben würde. Daraus schließt die Staatsanwältin: Die Menschen handeln hier inkonsequent. Einmal wägen sie ab, das andere Mal nicht, allein aufgrund ihrer Gefühle. Man darf also grundsätzlich nie abwägen.

Und dieser Schluss ist falsch.

Denn die instinktive Reaktion der Menschen wäre richtig. Im ersten Fall tötet man nämlich keine unschuldigen Menschen – man nimmt den Tod von unschuldigen Menschen in Kauf, man lässt sie sterben; aber man tötet sie nicht. Das Prinzip der Handlung mit Doppelwirkung sagt folgendes: Es gibt Handlungen, aus denen zwei Wirkungen hervorgehen, eine gute und eine schlechte, in diesem Fall die Rettung der Zuginsassen und der Tod der fünf Arbeiter, intendiert ist die gute, die schlechte wird nur in Kauf genommen – und in diesem Fall kann es in bestimmten Fällen moralisch erlaubt sein, diese Handlung vorzunehmen.

Nach der katholischen Naturrechtslehre gibt es bestimmte in sich schlechte Handlungen, dazu gehört auch das direkte Töten unschuldiger Menschen, und diese können nie erlaubt sein, unter keinen Umständen. Töten schuldiger Menschen in Notwehr, oder indirektes Töten unschuldiger Menschen, kann allerdings in bestimmten seltenen Situationen nötig und richtig sein.

Das, was ich hier sagen will, hat auch Recktenwald schon vor einiger Zeit sehr gut ausgedrückt (http://www.kath-info.de/abschuss.html) :

„Es gibt in sich schlechte Handlungen, die moralisch nie gerechtfertigt sind. […] Hier gilt der Grundsatz: Der gute Zweck rechtfertigt nicht die schlechten Mittel. Dazu gehört z.B. der Mord. So ist es etwa einer Gruppe von Menschen, die sich in einer Situation extremer Hungersnot befindet, nicht erlaubt, einen Schicksalsgenossen zu töten, selbst wenn durch diesen Kannibalismus alle anderen gerettet werden könnten und ohne denselben alle zugrunde gehen würden. Bei solchen Handlungen verbietet sich jede Güterabwägung.

Daneben gibt es Handlungen mit doppeltem Effekt, nämlich einer guten und einer schlechten Wirkung. Das Entscheidende dabei ist, dass die gute Wirkung nicht eine Folge der schlechten Wirkung ist. In einem solchen Fall ist eine Güterabwägung erlaubt und notwendig. Als Beispiel soll die Situation dienen, in der das Leben einer verschütteten Gruppe von Bergleuten nur durch eine Sprengung gerettet werden kann, bei der ein Verletzter, der in zu großer Nähe des Sprengungsorts liegt und der nicht zuvor in Sicherheit gebracht werden kann, getötet wird. Diese Sprengung hat zwei Folgen: Die Tötung des Verletzten und die Rettung der restlichen Menschen. In diesem Fall darf und muß ich eine Güterabwägung vornehmen und den Tod des einen in Kauf nehmen um der Rettung der vielen willen.

Diese Rettung ist nicht, wie im ersten Beispiel, eine Folge der Tötung. Um sich dies klarzumachen, braucht man nur das Gedankenexperiment anzustellen, ob dieselbe Handlung auch sinnvoll wäre, wenn sie kein Todesopfer involvierte. In unserem Fall würde die Sprengung genauso ans Ziel führen, wenn nicht zufällig ein Verletzter in der Nähe läge. Dessen Tötung hat im Rahmen der Handlung den Charakter eines unglücklichen Umstands, sie definiert aber nicht dieselbe. Wenn wir das obengenannte Beispiel des Kannibalismus danebenhalten, fällt uns der Unterschied sofort ins Auge.

Mir scheint es klar zu sein, dass der Abschuß eines Passagierflugzeugs nach dem Prinzip der doppelten Wirkung beurteilt werden muß: Die Rettung der Menschen ist nicht eine Folge des Todes der Passagiere. Der Abschuss des Flugzeugs wäre genauso sinnvoll und zweckdienlich, wenn es keine Passagiere an Bord hätte. Deren Tod wird als tragischer Umstand in Kauf genommen, was in diesem Fall um so gerechtfertigter erscheint, als sie auch ohne Abschuß ihr Leben verlieren würden. Selbstverständlich käme diese Option nur als ultima ratio in Frage. […]

So klar der Fall in der Theorie ist, so schwierig dürfte die Urteilsfindung in der Praxis sein. Bei der Güterbewegung müssen folgende Faktoren berücksichtigt werden:

  1. Das positive Gut, das erreicht wird, muss das Gut, dessen Zerstörung in Kauf genommen wird, deutlich überwiegen
  2. Je größer das Gut ist, das geopfert werden soll, um so größer muss die Gewissheit der Gefährdung des Gutes sein, das gerettet werden soll.

Mit anderen Worten: Man darf das Flugzeug nicht auf bloßen Verdacht hin abschießen. Auch eine explizite Drohung der Terroristen ist möglicherweise nur ein Bluff. Erst wenn unmittelbar Gefahr in Verzug wäre, dürfte man zur Tat schreiten. Man mag sich viele verschiedenartige Szenarien vorstellen, aber es scheint die Notwendigkeit fast unvermeidlich, dass die Entscheidung über Leben und Tod innerhalb weniger Minuten oder gar Sekunden getroffen werden muß. Wer kann und sollte dies im konkreten Falle tun? Die Schwierigkeit spitzt sich zu, wenn Fragen wie die nach den Bodenopfern eines Abschusses miteinbezogen werden müssen […].

Auf dem Hintergrund solcher Fragen und der Furcht vor Fehlentscheidungen ist etwa das Unbehagen Volker Becks an einer generellen Billigung (was immer das heißen mag) nachvollziehbar. Wenn er aber als Begründung hinzufügt: ‚Eine Abwägung Leben gegen Leben kann es nicht geben. Es bleibt Unrecht, unschuldige Menschen zu töten’, dann stehen diese Worte in grandiosem Widerspruch zur heute allseits und auch von ihm akzeptierten Abtreibungspraxis, bei der Leben nicht nur gegen Leben, sondern gegen soziales, wirtschaftliches und psychologisches Wohlbefinden abgewogen wird und den Kürzeren zieht.

In der katholischen Moraltheologie der letzten Jahrzehnte gibt es eine einflußreiche Bewegung, die den Unterschied zwischen in sich schlechten Handlungen und solchen, die eine Güterabwägung erfordern, aufheben wollen, und zwar zugunsten der letzteren. Demnach bemißt sich die moralische Qualität einer Handlung ausschließlich nach der Gesamtheit ihrer Folgen. Man nennt dieses Konzept ‚Konsequentialismus’. Dieser kennt keine Handlungen, die in sich schlecht sind. […] [A]ls Papst Johannes Paul II. in seiner Rede vom 12. November 1988 auf der Existenz von in sich schlechten Handlungen beharrte, war dies einer der Gründe für den Aufruhr der 163 Theologen, die die ‚Kölner Erklärung’ unterschrieben und dem Papst ihren Widerstand erklärten. Während also diesen Theologen die kirchliche Lehre zu rigoristisch ist, ist sie es dem heutigen Grünen-Politiker plötzlich zu wenig. Dieser will die Güterabwägung am falschen Ort verweigern, jene an jedem Ort erzwingen.“

An einer Stelle des Films verteidigt sich Major Koch damit, dass man den Staat den Terroristen ausliefere, wenn man sich nach den Prinzipien der Staatsanwältin richte. Wie würden denn Terroristen auf so ein Urteil wie das des Bundesverfassungsgerichts reagieren? (Das kippte nämlich 2005 ein Gesetz, das das Abschießen von entführten Flugzeugen geregelt hatte, es sei grundgesetzwidrig; die Frage danach, ob ein einzelner Soldat wegen eines „übergesetzlichen Notstandes“ in einem Einzelfall wegen des Abschießens eines Flugzeugs verurteilt werden könnte, regelte es allerdings ausdrücklich nicht, was natürlich für eine ziemliche Rechtsunsicherheit in dieser Frage sorgt.) Sie würden natürlich erst recht Flugzeuge mit möglichst vielen unschuldigen Menschen entführen, weil sie sich denken, dass der deutsche Staat sich dann handlungsunfähig macht, weil er seine Leute nicht opfern will, und sie freie Hand haben. Das trifft die Situation genau – es wird nur leider nicht mehr genauer ausgeführt.

Ich möchte das an ein paar Beispielen erläutern:

  • Denken wir uns eine Geiselnahme, wie sie z. B. durch RAF-Terroristen geschahen. Die Terroristen haben unschuldige Menschen in ihrer Gewalt. Sie drohen, sie zu töten, wenn man nicht einige RAF-ler aus dem Gefängnis freilässt. Die deutsche Regierung hat in diesem Fall vollkommen richtig entschieden, sich grundsätzlich nicht erpressen zu lassen, wenn so etwas geschähe. Sie würde die Leben der Geiseln opfern – sie würde sie nicht töten, aber sie würde in Kauf nehmen, dass sie durch die Taten der Terroristen zu Tode kommen. So wurde z. B. Schleyer von der RAF getötet, weil die Regierung sich nicht erpressbar machte; auch bei der Entführung der „Landshut“ gab man nicht den Forderungen der Terroristen nach, sondern schickte die GSG-9, um die Geiseln zu befreien, was zwar deren Tod riskierte, aber im Endeffekt immerhin funktionierte.
  • Anderes Beispiel: Eine Gruppe der Hamas versteckt ihre Waffen und hält ihre Besprechungen für Angriffe auf Israel mit Absicht im selben Haus ab, in dem auch ein paar Dutzend ihrer Frauen und Kinder leben, bzw. sie bringt ihre Frauen und Kinder mit Absicht in ihrem militärischen Hauptquartier unter. Wenn Israel es dann bombardiert, kann sie stolz auf die Grausamkeit ihres Feindes verweisen, der einfach so Zivilisten umbringt; so wird es für Israel natürlich schwieriger, die Hamas-Quartiere anzugreifen, weil man ja eigentlich auch keine Zivilisten töten will.

Beides sind Fälle, in denen Terroristen Unschuldige als menschliche Schutzschilde verwenden. Koch, und die 87 Prozent, die für ihn gestimmt haben, erkannten ganz richtig, dass ein Staat sich nicht völlig handlungsunfähig machen darf, dass er seine Bürger auch vor Terroristen verteidigen muss, die Unschuldige als menschliche Schutzschilde verwenden. Denn nichts anderes tun Terroristen, die Passagierflugzeuge entführen. Koch sagt an einer Stelle der Verhandlung, die Menschen im Flugzeug seien nur noch ein Teil der Waffe des Terroristen gewesen; er formuliert es schlecht (die Staatsanwältin kommt dann ja auch gleich mit ihrem Vorwurf, er spräche ihnen jede Menschenwürde ab und sähe sie nur noch als Objekte), aber er hat irgendwo einen Punkt getroffen.

Meine Unterscheidung zwischen direktem und indirektem Töten mag manchen haarspalterisch erscheinen. Ist es nicht doch einfach eine Abwägung, wie viele Leben man retten kann? Aber wenn man es genau durchdenkt, sieht man den Unterschied sehr genau.

Lars Koch hat nicht 164 Menschen getötet. Er hat ein Flugzeug abgeschossen und dabei in Kauf genommen, dass 164 Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit sterben werden. Er wollte sie nicht töten. Es wäre ihm sehr recht gewesen, wenn es Überlebende gegeben hätte. Er schoss ein Flugzeug ab, um 70.000 Menschen zu retten, und er hätte es auch getan, wenn sich darin einzig und allein der Terrorist befunden hätte. Eine solche Entscheidung muss nicht in jedem einzelnen Fall richtig sein. Aber sie ist nicht automatisch falsch. Und Koch hat so lange gewartet, wie er konnte. Er ist zusammen mit einem zweiten Piloten eine halbe Stunde lang neben dem entführten Flugzeug her geflogen, sie haben versucht, es abzudrängen und zur Landung zu zwingen, und Koch hat einen Warnschuss abgegeben. Das Flugzeug setzte schon zum Sinkflug an, und Koch sah keine Anzeichen dafür, dass die Passagiere noch etwas ausrichten könnten.

Ich möchte noch einmal ein Beispiel anführen, um den Unterschied zwischen dem direkten Töten Unschuldiger und einer solchen Handlung mit Doppelwirkung wirklich deutlich zu machen.

  • Ein Flugzeug ist entführt worden, und zwar von einem psychisch labilen Mann, der sich vor kurzem radikalisierte und zum IS Kontakt aufnahm. Zwei Polizisten kennen ihn von früher, leben im selben Wohnort wie er und haben seine Handynummer. Sie fahren zu seinem Haus und treffen dort seine Frau und seine fünf kleinen Kinder an, die sie gefangen nehmen und fesseln. Dann rufen sie den Terroristen an und drohen ihm damit, seine Familie zu foltern oder zu töten, wenn er das Flugzeug nicht sicher landen lässt. Er nimmt ihnen die Drohung nicht ab und lacht ihnen ins Gesicht. Das Flugzeug beginnt bereits den Sinkflug auf das mit 70.000 Menschen besetzte Olympiastadion. Also erschießt der eine Polizist die fünfjährige Tochter und beginnt dann damit, dem sechsjährigen Sohn nach und nach die Finger abzuschneiden. Der andere filmt es und sie schicken das Video dem Terroristen mit der klaren Ansage, dass es dem Rest der Familie ebenso ergehen wird, wenn er nicht abdreht. Der Terrorist ist vollkommen geschockt und verstört, der Co-Pilot kann ihm seine Waffe abnehmen und ihn überwältigen, und der Pilot kann das Flugzeug sicher landen. Die 164 Menschen im Flugzeug und die 70.000 im Stadion sind gerettet, nur ein Mensch musste sterben und einer hat zwei Finger verloren. Ein akzeptabler Preis?
  • Nehmen wir dagegen die Situation aus dem Film. Das Flugzeug ist entführt worden und setzt zum Sinkflug aufs Olympiastadion an. Major Koch schießt es ab. Die 164 Menschen im Flugzeug sterben, die 70.000 im Stadion sind gerettet. Ein akzeptabler Preis?

Den meisten Menschen würde ganz intuitiv das erste als falsch, das zweite als richtig erscheinen. Aber wieso? Im zweiten Fall sind doch auch Kinder gestorben, und zwar qualvoll.

Den Unterschied zwischen beiden Handlungen sieht man ganz einfach, wenn man sich die Frage stellt: Hätten besagte Personen das gleiche getan, wenn dadurch keine unschuldigen Menschen getötet worden wären? Hätte Major Koch sein Geschoss abgefeuert, wenn im Flugzeug nur der Terrorist gewesen wäre, oder wenn er gewusst hätte, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Passagiere den Absturz überleben? (Ich spreche rein hypothetisch.) Natürlich hätte er. Hätte der Polizist im ersten Fall seine Waffe abgedrückt, wenn dadurch das Mädchen nicht gestorben wäre, und dem Jungen die Finger abgeschnitten, wenn der dadurch nicht Schmerzen und dauerhafte Schädigung erlitten hätte? Die Frage an sich ist schon lächerlich, nicht wahr? Natürlich nicht.

Der Tod bzw. die Folter der Kinder im ersten Fall wäre ein direkt gewolltes und angestrebtes Mittel zum Ziel, der Tod der Passagiere im zweiten Fall eine unbeabsichtigt in Kauf genommene Nebenfolge. Wenn ein Arzt einem Patienten Antibiotika gegen eine schwere Krankheit verabreicht, die bei diesem Patienten starke Nebenwirkungen, sagen wir mal, wochenlange Darmbeschwerden, auslösen, hat der Arzt den Patienten dann geschädigt? Nein, hat er natürlich nicht. Wenn aber ein Arzt einem Patienten Medikamente verabreichen würde, die wochenlange Darmbeschwerden auslösen, damit er an ihm deren genaue Wirkungsweise testen kann, um des medizinischen Fortschritts willen, dann hätte er ihn geschädigt und seine Menschenwürde verletzt. Und zwar, weil der Schaden hier direkt intendiert ist; und eben gerade keine Nebenwirkung, die man in Kauf nimmt, aber weder als Ziel noch als Mittel zum Ziel braucht oder verursachen will.

(Natürlich könnte man bei dem ersten Beispiel auch noch erwähnen, dass auch die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass ein fanatischer Terrorist erst recht damit reagieren würde, möglichst viele Menschen zu töten, wenn er das Video sieht, und damit hätte man eindeutig recht, aber es wäre auch falsch, die Kinder zu töten, wenn man eine hundertprozentige Garantie hätte, damit die 70.164 Menschen zu retten. Punkt. Aber hieran sieht man schon: Folgenabwägung schadet oft auch mehr als sie nützt.)

Die Staatsanwältin meint, man müsse die Menschenwürde opfern, wenn man die 70.000 Menschen retten wolle. Kochs Verteidiger meint, dann müsse man eben die Menschenwürde opfern. Aber sie irren beide; man muss es in diesem Fall nicht. (Und wenn man es in einem anders gearteten Fall müsste, dürfte man es nicht.)

Ich will das Prinzip noch an ein paar Beispielen mehr erläutern:

  • Man befindet sich in einem gerechten Krieg – zum Beispiel verteidigen sich England und die USA gegen Hitler-Deutschland. Nun gibt es Bomben, die man auf Deutschland werfen kann. Man könnte zum Beispiel eine Bombe auf eine Fabrik werfen, in der kriegswichtige Dinge produziert werden. Dabei wäre es möglich, dass Arbeiter sterben, weil sie nicht rechtzeitig in den Luftschutzkeller kommen, oder weil es da gar keinen Luftschutzkeller gibt, oder wieso auch immer. Es müsste einen wichtigen Grund geben, um den möglichen Tod dieser Arbeiter (unter denen vielleicht polnische oder jüdische Zwangsarbeiter sind) in Kauf zu nehmen. Wenn man ziemlich sicher weiß, dass dort Bomben am Fließband produziert oder sogar an der Atombombe geforscht wird, könnte es wohl gerechtfertigt sein, eine Bombe zu werfen. Wenn dort nur Kochgeschirr für die Wehrmacht produziert werden würde, wäre es das nicht. Hier heißt es, Güterabwägung.
  • Nehmen wir aber mal das Beispiel, dass England sagt, wir werfen Bomben auf Wohnviertel, mit dem direkten Ziel, dabei möglichst viele Zivilisten zu töten, damit die deutsche Bevölkerung mit Hitler unzufrieden wird und revoltiert, oder auch einfach aus Rache. Das wäre direktes Töten unschuldiger Menschen. Damit würde ihnen wirklich jede Würde genommen, sie würden nur mehr als Objekte behandelt. Es wäre falsch.
  • In der Serie „The 100“ ist die Erde nach einem verheerenden Atomkrieg völlig verstrahlt. Einige Menschen haben überlebt und ihr Immunsystem kann die Strahlung aushalten. Einige Menschen haben diesen Schutz nicht entwickelt, aber in einem geschützten unterirdischen Bunker überlebt. Allerdings leben sie da schon über hundert Jahre lang und mittlerweile dringt immer wieder Strahlung ein. Deshalb fangen sie Menschen von draußen, und lassen sich mit deren Blut behandeln, sprich sie lassen sich deren Blut durch ihre Adern laufen, wodurch die besagten Menschen natürlich sterben. An einer Stelle der Serie gibt es den sehr treffenden Wortwechsel zwischen zwei Figuren: „Ohne die Behandlungen sterben wir. Was sollen wir tun?“ – „Sterben.“ Vollkommen richtig, kann man da nur sagen. Man darf nicht Unschuldige töten, um andere damit zu retten.
  • Dasselbe Prinzip (Man darf nicht Unschuldige töten, um andere Unschuldige zu retten) wird an einem Beispiel deutlich, das die Staatsanwältin bringt, als sie Koch verhört. Wäre er auch bereit, einen Menschen töten zu lassen, damit eine ganze Menge schwerkranker Menschen durch seine Organe am Leben erhalten werden könnten? Natürlich wäre er das nicht, wie er sagt, aber er findet keine vollkommen logisch konsistente Antwort, als sie ihn fragt, wie denn das Verhältnis sein müsste, damit es gerechtfertigt wäre, wenige für viele zu töten. Und das liegt daran, dass sie die Frage falsch stellt. Es ist nie gerechtfertigt, Unschuldige direkt zu töten, um des (möglichen) zukünftigen Nutzens einer größeren Zahl willen. Aber das hat Koch auch nicht getan.

Das Problem ist hier wirklich: Die Leute kennen genaue Prinzipien der Moralphilosophie nicht mehr. Sie werfen mit Schlagworten (Menschenwürde vs. Güterabwägung) um sich, und haben keine Ahnung, dass man nicht zwischen diesen Prinzipien wählen muss, auch wenn sie instinktiv am Ende zur richtigen Entscheidung finden. Ich kann hier gar nicht genug einen Artikel von Robert Spaemann zum Thema Verantwortungs- und Gesinnungsethik von 1982 empfehlen (ursprünglich in der Herderkorrespondenz erschienen, online hier: http://www.kath-info.de/verantwortungsethik.html). Darin räumt Spaemann nämlich gründlich mit dieser vorgeblichen Wahl auf, vor den Staatsanwältin und Anwalt die Zuschauer stellen wollen, und die erst von Max Weber erfunden wurde und den ganzen Diskurs seither verwirrt hat. Es lohnt sich wirklich sehr, den Artikel im Ganzen zu lesen, er ist lang, aber es lohnt sich sehr, jeden einzelnen Abschnitt zu lesen. Aber ich möchte trotzdem mal die wichtigsten Abschnitte daraus zitieren (Hervorhebungen in fett gedruckten Buchstaben von mir):

 

„I.

In politischen und sozialethischen Grundsatzdebatten der Gegenwart taucht immer wieder jene Unterscheidung auf, die Max Weber eingeführt und als eine letzte, nicht mehr argumentativ entscheidbare Alternative zwischen zwei moralischen Grundhaltungen bezeichnet hat, die Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Als Verantwortungsethiker bezeichnete Weber denjenigen, der bei seinem Handeln die Gesamtheit der Folgen seines Handelns bedenkt und der die Bewertung dieser Folgen zum Maßstab seiner Entscheidung macht. Gesinnungsethiker nannte er denjenigen, der bestimmte Handlungen kontextunabhängig als moralisch oder unmoralisch qualifiziert, also ohne Rücksicht auf die Folgen bestimmter Handlungen oder Unterlassungen das tut, was er für das sittlich Gebotene hält. […]

Max Weber ordnet diese beiden Handlungen zwei verschiedenen Menschentypen zu, die Verantwortungsethik dem Politiker, die Gesinnungsethik dem Heiligen. Der Gesinnungsethiker habe den Beruf verfehlt, so meinte er, wenn er die politische Verantwortung für ein Gemeinwesen übernehme und so andere für die Folgen seine Haltung büßen lasse, als Heiliger aber würde er umgekehrt die Reinheit und Konsequenz seiner Lebensweise kompromittieren, wenn er begänne, strategisch zu handeln und die Gesamtfolgen seiner Handlungen beziehungsweise Unterlassungen jeweils zu kalkulieren.

Weber übersah freilich, daß Heiligkeit kein spezifischer Beruf und keine spezifische Lebensweise ist und daß es sehr wohl Heilige gegeben hat, die zugleich erfolgreiche Politiker waren, wie zum Beispiel Thomas Morus. […]

Ich möchte behaupten, daß die Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik zwar sozialpsychologisch ergiebig sein mag, um bestimmte Personentypen idealtypisch zu charakterisieren, daß sie aber ziemlich ungeeignet ist, uns über die Eigenart des Sittlichen, über Ethik zu belehren. Gerade in der Entgegensetzung von Verantwortung und Gesinnung verlieren nämlich beide die Eigenschaft des Sittlichen. […]

Ähnlich wie mit der Weberschen Formel, die ihre Öffentlichkeitswirksamkeit immer noch behauptet, steht es mit einer verwandten Alternative, die in moralphilosophischen und theologischen Diskussionen heute eher dominiert. Man spricht hier von der Alternative zwischen deontologischer und teleologischer Moralbegründung. Deontologisch nennt man eine Ethik, die bestimmten Handlungsweisen ohne Rücksicht auf die Folgen die Prädikate ‚gut’ oder ‚schlecht’ zuspricht, teleologisch eine Ethik, die als Kriterium der Sittlichkeit einzig die Absicht gelten läßt, die Maximierung außersittlicher Werte – materieller, ästhetischer und humaner Werte – zum Maßstab des Handelns und Unterlassens zu machen. Man nennt solche Moralen auch utilitaristisch oder konsequentialistisch. Als Vertreter einer deontologischen Ethik wird gerne Kant genannt, weil er Handlungen, die nicht einer verallgemeinerbaren Maxime entsprechen, ausnahmslos verurteilt.

Der klassische Vertreter des Utilitarismus ist Jeremy Bentham mit seiner berühmten Formel, das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl müsse Ziel jeder sittlichen Handlung sein. […]

Zunächst möchte ich mit Bezug auf die Unterscheidung von deontologischer und teleologischer Moral etwas Ähnliches sagen wie mit Bezug auf die Webersche Unterscheidung. Weder Deontologie noch Konsequentialismus treffen das Phänomen des Sittlichen. Eine rein deontologische Ethik kann es gar nicht geben. Sie ist eine bloße Karikatur. Ein Mensch, dessen Moral darin bestünde, ohne Rücksicht auf die Umstände immer bestimmte Handlungen auszuführen und andere zu unterlassen, wäre ein nicht lebensfähiger Idiot. Güterabwägung ist selbstverständlich die normale Art, sich sittlich, und das heißt immer auch vernünftig, zu verhalten. Von den Handlungsfolgen absehen kann man überhaupt nicht, wenn man handelt. Handeln heißt ja: bestimmte Wirkungen hervorbringen. Man kann Handlungen nicht einmal als Handlungen beschreiben, ohne ihren teleologischen Charakter in die Beschreibung aufzunehmen. Andernfalls beschreiben wir nur Körperbewegungen, was unter Umständen einen sehr komischen Effekt machen kann.

 Im Streit um Deontologie und Konsequentialismus geht es also gar nicht darum, ob wir für bestimmte Wirkungen unserer Handlungen die Verantwortung zu tragen haben oder nicht, sondern es geht darum, für welche Wirkungen – ob nur für diejenigen, die eine Handlung definieren, oder auch für die beabsichtigten ferneren Folgen oder auch für die Nebenfolgen, die in Kauf genommen werden, und wenn ja, für welche und in welchem Umfang? Bei der Beschränkung der Verantwortung auf die unmittelbaren Wirkungen unserer Handlungen hängt schließlich alles davon ab, wie wir die Handlung beschreiben.

Hegel hat schon darauf hingewiesen, daß man natürlich eine Brandstiftung so beschreiben kann, daß sie keine Brandstiftung mehr ist. Der Brandstifter hat lediglich ein winziges Häufchen Heu angezündet. Wer freilich im Ernst seine Handlungen so definiert, den werden wir vielleicht von der Verantwortung für den Brand der Scheune entlasten. Dafür werden wir ihn für unzurechnungsfähig erklären. Die Unterscheidung von Deontologie und Konsequentialismus führt uns hier nicht weiter. Die Frage lautet: Wer hat wofür Verantwortung? Was eigentlich ist Gegenstand unserer sittlichen Verantwortung, wenn wir handeln oder eine bestimmte Handlung unterlassen?

Der Konsequentialist antwortet: prinzipiell alles, zumindest alles, was wir hätten voraussehen können. Jeder hat die Pflicht, mit jeder Handlung und Unterlassung den Gesamtzustand der Wirklichkeit zu optimieren. Gut ist eine Handlungsweise, wenn ihre Folgen bei einem Vergleich mit den voraussichtlichen Folgen aller möglichen alternativen Handlungen besser oder zumindest gleich gut wären. Schlecht ist eine Handlungsweise, wenn es Alternativen mit besseren Folgen gäbe. Die Wertmaßstäbe, die bei der Bestimmung von gut und schlecht mit Bezug auf die Folgen zugrunde gelegt werden, müssen außersittliche Wertmaßstäbe sein, da ja sonst die Definition des Sittlichen zirkulär wäre. (Man darf also zum Beispiel nicht das gute oder schlechte Gewissen des Handelnden unter die Handlungsfolgen rechnen.) Man sieht leicht, woher das Modell zu dieser Konzeption stammt. Es stammt aus Bereichen, in denen Strategien der Nutzenmaximierung die adäquate Handlungsform darstellen. Der Konsequentialismus ist die Übertragung eines technischen Bewertungsmodells auf die Ethik. Sittliches Handeln ist in diesem Verständnis strategisches Handeln in Richtung auf eine universale Nutzenfunktion, es ist eine universale Optimierungsstrategie.

[…] [Z]um Zwecke einer solchen Optimierung bedürfte es eines Lösungsalgorithmus in einem geschlossenen Entscheidungsmodell. Das aber würde voraussetzen: 1. eine endliche Anzahl einander ausschließender Alternativen, 2. Bekanntheit der Alternativen und 3. eine klar definierte Zielfunktion sowie Regeln, mit deren Hilfe eine eindeutige Rangordnung der Alternativen gebildet werden kann.

[…] Es ist vollkommen phantastisch, alle möglichen Gesamtverläufe des Weltgeschehens einem Wertvergleich zu unterwerfen, dabei zu einer eindeutigen Rangordnung zu gelangen und das eigene Verhalten an seiner Nutzenfunktion für einen optimalen Verlauf der Dinge auszurichten. Hätten wir in diesem Sinne eine positive Universalverantwortung, so könnten wir nur resignierend mit Hamlet sagen: ‚Weh, daß zur Welt ich kam, sie einzurichten.’

Es wird heute vielfach von den Medien, von politischen und religiösen Predigern eine Verantwortung dieser Art suggeriert. Angesichts der Unmöglichkeit, sie wahrzunehmen, kann das nur zur Resignation und zur Abstumpfung des Gewissens gegenüber den wirklichen Verantwortlichkeiten führen. Die Alternative zu solcher Resignation ist der ideologische Fanatismus, der glaubt, einen Schlüssel für das Verständnis aller Übel der Welt in der Hand zu haben. Es genügt dann, sich auf der richtigen Seite politisch zu engagieren, um das gute Gewissen wiederzugewinnen. Man tut ja alles, was man kann, um die Welt in Ordnung zu bringen, weil man alle Übel an ihrer gemeinsamen Wurzel faßt. Die große Suggestion radikaler politischer Bewegungen für eine große Zahl junger Menschen folgt aus dieser konsequentialistischen Denkweise. Bei den meisten endet sie allerdings dann wiederum in Resignation.

In Wirklichkeit besteht aber zu einer ethischen Resignation niemals Anlaß. Sittliches Handeln ist heute so gut möglich wie eh und je. Es besteht nämlich gar nicht primär in einer solchen Optimierungsstrategie, und es ist auch falsch, das Gute in jeder Situation mit dem Bestmöglichen gleichzusetzen.

Die Forderung, immer das Beste zu tun, läuft auf jenen unerträglichen Rigorismus hinaus, für den das Wort gemacht ist: ‚Das Bessere ist der Feind des Guten.’ Das konsequentialistische Ethikverständnis, das sich selbst als verantwortungsethisch versteht, zerstört den Begriff der sittlichen Verantwortung durch Überdehnung. Die konkrete Verantwortung handelnder Menschen wird zu einer bloß instrumentellen Funktion im Rahmen einer stets fiktiv bleibenden Gesamtverantwortung.

[…] Das sittliche Gewissen des einzelnen wird dem Urteil von Wohlfahrtsstrategen untergeordnet, die ihn erst darüber belehren, welche Handlungsweisen er im Interesse des Gesamtwohls zu wählen hat.

Die Bereitschaft zu solcher Abdankung wurde erschütternd deutlich bei jenem Experiment, das vor Jahren in Nachahmung des amerikanischen Milgram-Experiments der Bayerische Rundfunk veranstaltete. Beliebige, von der Straße geholte Versuchspersonen zeigten sich damals, wenn auch nach einigem Widerstreben, bereit, einer anderen Versuchsperson Stromstöße bis an die Tödlichkeitsgrenze zu erteilen. Man hatte ihnen erklärt, daß dies von großer Bedeutung für die Entwicklung eines globalen lerntheoretischen Programms sei. Man kann sich sogar ausmalen, daß eine solche Verbesserung im Endeffekt schließlich zur Rettung von Menschenleben, zur Verringerung von Leiden usw beitragen würde. ‚Teleologische’, konsequentialistische Rechtfertigungsgründe für dieses Experiment lassen sich beliebig beibringen. Was die Leute übersahen, war: es gehörte gar nicht zu ihren Pflichten, sich für die Verbesserung der Lernerfolge auf der Welt einzusetzen. Verantwortung hatten sie in diesem Falle dagegen für eine bestimmte Person, nämlich jene, die ihrem experimentellen Zugriff ausgeliefert war. Diese war ihr ‚Nächster’ im Sinne des Gebotes der Bibel. […]

Ich mache darauf aufmerksam, daß das konsequentialistische Ethos einen Widerspruch enthält. Es verhindert unter Umständen gerade die wohltätigen Folgen, die es intendiert. Diese Einsicht hat gelegentlich zu einer Modifikation des Konsequentialismus geführt. Man sagt nun: Eben weil eine solche individuelle Optimierungsorientierung letzten Endes mehr Schaden als Nutzen bringt, sollte der einzelne nicht versuchen, sich unmittelbar bei jeder Handlung an einer persönlichen Vorstellung von irgendeinem Gesamtnutzen zu orientieren. Er sollte vielmehr einer vernünftigen Regel folgen, deren allgemeine Befolgung schließlich den größten Nutzen verspricht. […]

Man spricht in diesem Zusammenhang auch von ‚Regelutilitarismus’ im Unterschied zum ‚Handlungsutilitarismus’. Aber der sogenannte Regelutilitarismus verschleiert nur das Problem. Entweder er meint, man sollte immer die regelverstärkenden oder -schwächenden Wirkungen der eigenen Handlung mit bedenken. So verstanden ist der Regelutiliarismus nur eine verfeinerte Form des Handlungsutilitarismus. Er würde eine Abweichung von der Regel immer dann erlauben, wenn die Abweichung verborgen bliebe und deshalb keine Folgen für die Weitergeltung der Regel hätte. Oder aber die Meinung ist, man müsse einer Regel, die im allgemeinen nützlich ist, immer folgen, also auch dann, wenn das im Einzelfall eher schädlich, für die Geltung der Regel selbst aber folgenlos wäre. Dann haben wir es gar nicht mehr mit Utilitarismus, sondern mit einem besonderen, rigorosen Fall von Deontologie zu tun.

Aber gerade an diesem Falle kann man sich die Unfähigkeit des Konsequentialismus verdeutlichen, das sittliche Phänomen angemessen zu interpretieren. Der Regelutilitarismus kann nämlich den prinzipiellen Unterschied nicht sehen zwischen der Regel, bei Rot die Straße nicht zu überqueren, und zum Beispiel der Regel, ein Versprechen zu halten, das man einem Verstorbenen gegeben hat. Die erste Regel dient dem Schutz von Leben und Gesundheit und ist genauso lange sinnvoll, wie sie diese Funktion erfüllt. Natürlich werde ich bei Nacht, wenn kein Auto in Sicht ist und kein Kind zuschaut, bei Rot über die Straße gehen. Aber werde ich ebenso ungerührt mein Versprechen brechen, wenn der einzige Zeuge, der Verstorbene, verschwunden ist und niemandes Wohlbefinden durch den Bruch beeinträchtigt würde, mein eigenes Wohlbefinden aber sehr wohl durch die Einlösung? Wird hier nicht der Gesamtwert der Welt durch den Bruch des Versprechens vermehrt, nämlich um mein eigenes Wohlbefinden? Aber rührt sich hier nicht das Gewissen? Und warum? Weil das Sittliche sich eben nicht reduzieren läßt auf die innere Bereitschaft, die Maximierung außersittlicher Güter oder Werte zu befördern. Eine solche Verantwortungsethik enthüllt sich als das, was sie nicht sein will, als pure Gesinnungsethik. Sie entleert nämlich die Wirklichkeit aller sittlichen Qualitäten und verlegt das Sittliche ausschließlich in die Absicht eines Individuums, seine Verantwortung im Rahmen eines Optimierungsprogramms wahrzunehmen.

 Das normale sittliche Bewußtsein versteht sich ganz anders. Die Pflicht, ein Versprechen zu halten, ergibt sich gar nicht als Funktion eines Gesamtnutzens, also etwa der Erhaltung jener Annehmlichkeit, die sich aus dem allgemeinen Vertrauen unter Menschen ergibt. Es handelt sich gar nicht primär um die Pflicht gegen eine unbekannte Zahl unbekannter Personen, die irgendwo von einer Vertrauensverletzung mitbetroffen wären, sondern um eine Verantwortung, die sich aus diesem konkreten sittlichen Verhältnis ergibt, in das ich mich begeben habe, als ich ein Versprechen gab. Dieses Verhältnis zieht seinem Wesen nach ein Engagement nach sich: das Einlösen des Versprechens.

 Verantwortung ergibt sich stets aus Situationen, in denen wir uns befinden, aus sittlichen Verhältnissen. Sittliche Verhältnisse sind: Freundschaft, Ehe, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, zwischen Arzt und Patient, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Berufskollegen usw., usw. Erst in solchen Verhältnissen entfaltet sich die sittliche Natur des Menschen. Sittliche Handlungen sind nicht Mittel zur Maximierung außersittlicher Güter, das Zweck-Mittel-Schema ist hier ganz unpassend.

[…]

Hier liegt nun folgender Einwand nahe. Es ist doch offensichtlich, daß es Fälle gibt, in denen man vom Halten eines Versprechens entbunden ist, weil sich eine vordringlichere Pflicht aufdrängt. Ist das nicht ein Beweis für die Richtigkeit des Konsequentialismus? Ein höheres Gut steht auf dem Spiel und verdrängt das niedrigere. Eine Güterabwägung scheint stattzufinden. Aber diese Interpretation trifft den Sachverhalt nicht. Es ist ja keineswegs so, daß ich vom Halten eines Versprechens immer dann dispensiert wäre, wenn mir einfällt, daß ich zur Verbesserung der Welt doch etwas viel Wirksameres beitragen könnte. Wenn es so wäre, dann stünde jedes Versprechen unter dem Vorbehalt: ‚Es sei denn, mir fällt inzwischen etwas Nützlicheres ein.’ Versprechen stehen wirklich meistens unter einem Vorbehalt, aber dieser stillschweigende Vorbehalt lautet: ‚Es sei denn, ich gerate in eine Situation, in der sich eine vordringliche Verantwortung ergibt.’ Zum Beispiel die Situation, der Nächste eines Menschen zu sein, dessen Leben in Gefahr steht.

Hier muß ich in der Tat zwei Verantwortungen gegeneinander abwägen, und in diesem Falle liegt das Resultat der Abwägung sogar auf der Hand. Aber die Pflicht zu dieser Abwägung ergibt sich aus einer ganz bestimmten Situation, einem bestimmten sittlichen Verhältnis, in das ich geraten bin. Es resultiert nicht aus so etwas wie einer allgemeinen Optimierungspflicht. Im übrigen gibt es Versprechen, die solche Situationen legitimer Verdrängung ausschließen, weil sie die Identität der Person selbst und damit auch ihre möglichen Verantwortlichkeiten überhaupt erst definieren. Das gilt vor allem für das Eheversprechen. Ein Mann hat nicht die Verantwortung für das Leben einer fremden Frau, die er vor dem Suizid nur dadurch retten könnte, daß er mit ihr schliefe. Die Pflicht zur Güterabwägung ergibt sich aus konkreten Verantwortlichkeiten, sie begründet diese nicht.

Nun befinden wir uns in einer Vielzahl sittlicher Verhältnisse, aus denen Verantwortungen resultieren und die zueinander in Konflikt treten können. Ich kann hier nicht versuchen, die Theorie einer Rangordnung solcher Verantwortlichkeit zu entwickeln. Es kam mir nur darauf an, zu zeigen, daß man eine solche Rangordnung – die übrigens tragische Konflikte nicht ausschließen muß – nicht ersetzen kann durch eine Art unmittelbarer Universalverantwortung eines jeden für alles und daß die Wahrnehmung sittlicher Verantwortung nicht dasselbe ist wie die Teilnahme an einer Strategie der Optimierung des Universums.

 Zwei Fragen bleiben zu stellen. Erstens: Gibt es nicht so etwas wie eine gestufte Verantwortung, ein Mehr oder Weniger an Verantwortung beziehungsweise eine Verantwortung, der wir mehr durch Handeln, und eine andere, der wir nur durch Unterlassen gerecht werden können? Zweitens: Gibt es Handlungsweisen, die ohne Ansehen der Umstände immer gut oder immer verwerflich sind? Wir können die Frage auch so stellen: Gibt es Verantwortlichkeiten, denen wir nur durch eine ‚deontologische’ Praxis gerecht werden können? Wir werden sehen, daß beide Fragen etwas miteinander zu tun haben.

Der Gedanke einer gestuften Verantwortung ist für jede konkrete Ethik unerläßlich. So haben Eltern in der Regel die positive Verantwortung für das Wohl und die Erziehung ihrer Kinder. Die subsidiäre Verantwortung des Staates bezieht sich – wie das Bundesverfassungsgericht neulich bekräftigt hat – nicht darauf, das Wohl und die Erziehung des Kindes zu optimieren, das heißt, sie den Eltern immer dann aus der Hand zu nehmen, wenn die Erziehung nach Auffassung der Behörden bei anderen Personen besser wäre als bei den Eltern. Fast allen Eltern müßten dann die Kinder weggenommen werden, denn wer erzieht schon seine Kinder so, daß jemand anders sie nicht vielleicht besser erzöge?

Aufgabe des Staates kann es nur sein, die Unterschreitung bestimmter Minimalforderungen, die sich aus der Menschenwürde des Kindes ergeben, zu verhindern und tätig zu werden, wenn diese gefährdet sind. Umgekehrt hat nicht jeder Bürger jede Handlung unmittelbar am Gemeinwohl zu orientieren; sein Beitrag zum Gemeinwohl besteht erstens darin, daß er die ihm eigenen spezifischen Verantwortlichkeiten wahrnimmt, und im übrigen besteht sie in einem Rechtsstaat vor allem im Gehorsam gegen die Gesetze sowie, falls es sich um einen mächtigen Staatsbürger handelt, um Verzicht darauf, den Gesetzgeber zu korrumpieren, das heißt in einer gemeinwohlwidrigen Weise zu beeinflussen. […]

Wir müssen, so sagte ich, menschliche Verantwortung als eine abgestufte verstehen. Es gibt dabei nach oben und nach unten hin eine Grenze, jenseits derer wir unsere Verantwortung nur noch negativ, durch Unterlassen wahrnehmen können, dies allerdings dann auch müssen, und zwar mit einer Eindeutigkeit und Striktheit, die bei der aktiven Verantwortlichkeit fast nie gegeben ist. Die Obergrenze liegt dort, wo das Ganze des Universums beziehungsweise der Welt und der Menschheit ins Spiel kommt, die untere Grenze dort, wo die Würde der einzelnen Person tangiert wird.

Was die Welt als Ganze betrifft, so ist der Gedanke einer Verantwortung für sie neu. Für die Alten hatte ausschließlich Gott das bonum universi zu besorgen. Wir sind in einer anderen Lage. Die Dimensionen menschlicher Aktivität haben eine Reichweite erlangt, daß zumindest ihre unbeabsichtigten Nebenfolgen die Erde als Ganze in Mitleidenschaft ziehen. Die Interdependenzen der verschiedenen Handlungsbereiche nehmen zu. Wir wachsen in eine Epoche hinein, in der Begriffe wie ‚Menschheit’, ‚Kosmos’, ‚Natur’, ‚Geschichte’ beginnen, so etwas wie ein sittliches Verhältnis zu bezeichnen, aus dem sittliche Verantwortlichkeiten folgen.

[…] Soviel kann generell gesagt werden: Verantwortung wächst mit der Macht. So hat ein Unternehmer in normaler Situation nicht die Verantwortung für alle ökologischen Folgen, die sich aus dem Zusammentreffen seiner legalen Tätigkeit mit der vieler anderer ergibt. Es ist die Verantwortung des Staates, diese Nebenwirkungen durch gesetzliche Rahmenbedingungen in Grenzen zu halten. Anders dort, wo mächtige Konzerne schwachen oder korrupten Regierungen in armen Ländern gegenüberstehen. […] Daß man sich allerdings mit der Übernahme von Verantwortung auch übernehmen kann, zeigt das deutsche Asylrecht. Die Zahl der Menschen auf der Welt, die aufgrund echter Gefahr für Leib und Leben dieses Recht in Anspruch nehmen könnten, ist so groß, daß dies den Zusammenbruch unseres Staatswesens zur Folge haben könnte, wenn auch nur ein erheblicher Prozentsatz von ihnen dies täte. Hier gilt zweifellos der Satz des Evangeliums, daß der, der einen Turm bauen will, gut daran tut, zuvor die Kosten zu berechnen. Menschenrechte auf bestimmte Leistungen anderer Menschen können immer nur bedingte Rechte sein, denn die Erfüllung setzt erstens immer voraus, daß es Subjekte entsprechender Pflichten gibt, die diese Leistungen zu erbringen auch imstande sind, und es setzt voraus, daß diese Subjekte nicht vielleicht durch vordringlichere Pflichten an der Erfüllung dieser Ansprüche gehindert sind. Abwehrrechte hingegen, die andere nur dazu verpflichten, bestimmte Handlungen zu unterlassen, sind jederzeit erfüllbar. Sie sind daher strikter als jene. Es ist sehr folgenreich, wenn man – wie es die Marxisten tun – diese Rangordnung umkehrt und die elementaren Freiheitsrechte des Menschen seinen Ansprüchen auf soziale Leistungsgarantien unterordnet.

Die Verantwortung gegenüber Geschichte und Natur ebenso wie gegenüber der Würde des Menschen ist vor allem negativer Art. Wir können nicht die Probleme kommender Generationen im voraus lösen. Wir können ihnen nicht ihre Lebensweise vorschreiben und dürfen es nicht. Wir haben keine Verantwortung für das, was sie aus ihrem Leben machen. Verantwortung haben wir dafür, wie wir ihnen die Welt hinterlassen. Wir haben einerseits nicht das Recht, sie durch technische Transformationen unumkehrbarer Art auf eine Lebensweise zu verpflichten, die sie nicht wünschen. Vor allem aber haben wir die Pflicht, ihnen das in Jahrmillionen entstandene natürliche Erbe als ein Kapital zu übergeben, von dessen Zinsen wir gelebt, das wir selbst aber nicht angegriffen haben. […] Die Verantwortung für Planung und Organisation solcher Unterlassungen ist in erster Linie eine solche des Staates. Denn es ist ja nicht das Handeln des einzelnen, das die irreversiblen Schäden verursacht. Diese sind vielmehr Nebenfolgen des Handelns vieler Bürger. Diese aber zu neutralisieren ist Aufgabe des Staates.

Anders ist es mit jener Verantwortung, die jeder Mensch jedem einzelnen Menschen gegenüber hat. Verantwortung gründet in sittlichen Verhältnissen, in denen wir miteinander stehen. Auch mit dem fremdesten Menschen kann ich ohne mein Zutun in ein Verhältnis der Nähe geraten, wo seine oder meine Existenz davon abhängt, daß der eine den ‚anderen liebt wie sich selbst’. Abhängigkeit begründet Verantwortlichkeit. Aber die Situation einer unmittelbar geforderten aktiven Nächstenliebe ist nur die situationsbedingte Aktivierung eines fundamentalen sittlichen Verhältnisses, das uns mit jedem Menschen verbindet. Die Verantwortung, die sich aus diesem Verhältnis generell ergibt, hat Kant mit der Formel ausgedrückt: ‚Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.’

 Es ist gegen diese Forderung eingewandt worden, daß sie nicht operationalisierbar sei. Wir machen, so sagt man, einander doch ständig zu Mitteln für unsere Zwecke, und die Kantische Formel setze dem ebensowenig eine eindeutige Grenze wie der Begriff der Menschenwürde. Das stimmt jedoch nicht. Erstens verbietet die Formel nicht, den anderen zum Mittel zu machen, sondern sie setzt der Instrumentalisierung Grenzen. Die Grenze besteht darin, daß der andere nicht auf eine solche Weise Mittel und Objekt für mich werden darf, daß dabei sein Status als Subjekt eigener Zwecke, in deren Verfolgung wiederum auch ich als Mittel zu fungieren habe, vernichtet wird. Daraus folgt zum Beispiel die Unsittlichkeit eines Sklavenstatus, der den Untergebenen aller Rechte beraubt und seine ganze Lebenszeit zur Disposition seines Herrn stellt. […]

 Schon Aristoteles und ihm folgend die gesamte europäische Tradition kennt daher Handlungen, die kontextunabhängig immer als verwerflich gelten. ‚Kontextunabhängig’ ist aber hier das falsche Wort. Jeder Mensch ist schon für sich selbst ein ‚Kontext’, ein Sinnganzes. Vermittelt durch seine organische Natur, ist er durch ein bestimmtes Selbstverhältnis definiert, aufgrund dessen wir von Subjektivität oder Personalität sprechen.

Dieses Selbstverhältnis ist die Voraussetzung dafür, daß der Mensch überhaupt in vielerlei andere sittliche Verhältnisse eintreten kann. Dieses Selbstverhältnis ist kein Sachverhalt, den wir herstellen können; wir können seine Entstehung nur begünstigen. Und Handlungen, die dies tun, nennen wir ‚gut’. Man kann jedoch nicht ein für allemal unabhängig vom übrigen Lebenskontext sagen, welche Handlungen das sind. Wohl aber kann man bestimmte Handlungsweisen nennen, die dieses Verhältnis, das heißt die Menschenwürde, immer verletzen. Diese merkwürdige Asymmetrie bringt der alte scholastische Satz zum Ausdruck: ‚bonum ex integra causa, malum ex aliquo defectu.’ Es gibt, so schreibt Thomas von Aquin, keine Handlung, die adäquat und unsimulierbar immer Liebe ausdrückt und die von der Liebe immer und überall gefordert ist. Wohl aber gibt es Handlungen, die immer und überall mit der menschlichen Verantwortung gegen sich und seinesgleichen, das heißt also auch, die immer mit der Liebe unvereinbar sind.

Wenn wir den traditionellen Kanon solcher stets verwerflichen Handlungsweisen durchgehen, so finden wir, ohne daß das bisher in der philosophischen und theologischen Tradition ausdrücklich reflektiert worden wäre, darin eine bestimmte Struktur personaler Selbstdarstellung sehr genau abgebildet, einer Darstellung, die nicht in der Verfügung des Menschen steht, sondern die den Namen ‚natürlich’ verdient. Es sind drei Sphären, in denen sich die Personalität unmittelbar ausdrückt und zu denen sie sich deshalb nicht rein instrumentell verhalten kann, ohne die eigene oder die Würde anderer zu verletzen: das organische Leben, die Sprache und die Sexualität.

 Dem entspricht, daß in der klassischen philosophischen und theologischen Tradition die absichtliche und die direkte Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen, die absichtliche Täuschung des Vertrauens durch unwahre Rede und die Herauslösung der Sexualität aus ihrem integralen humanen Kontext jeder weiteren Güterabwägung entzogen und für jederzeit unverantwortlich erklärt wurde. Lediglich mit Bezug auf die Lüge gab es unter den theologischen Moralisten gewisse Meinungsverschiedenheiten, die mit einem ungenügenden Begriff von Sprache zusammenhingen. Es gehört nämlich zur menschlichen Rede nicht nur ein Sprecher und dessen Wort, sondern auch ein Adressat und dessen Weise, das Wort aufzufassen. Das Erzählen von Märchen ist keine Lüge. Zum Vollsinn einer wahrheitsbezogenen Rede gehört, daß sie vom Adressaten als eine solche aufgefaßt wird. Der Kriegsgegner, der polizeiliche Fahnder, der fragt, ob ich einen Menschen versteckt habe, befindet sich zum Sprecher gar nicht in jenem sittlichen Verhältnis des Vertrauens, das eine wahrhaftige Rede erforderlich macht. Bekanntlich kann man ja jemanden, der ohnehin davon ausgeht, daß ich lüge, gerade dadurch in die Irre führen, daß man ihm die Wahrheit sagt. Wo aber ein solches Vertrauensverhältnis existiert, wo der Fragende – zum Beispiel der Patient oder der Ehepartner oder der Freund – zu der Erwartung berechtigt ist, daß ihm vom Arzt, vom Ehepartner oder vom Freund die Wahrheit gesagt wird, da verstößt es in der Tat gegen die Menschenwürde, aus irgendeiner noch so menschenfreundlichen Erwägung heraus die Unwahrheit zu sagen, sich selbst als Person hinter seiner Rede zum Verschwinden zu bringen und den anderen zum bloßen Objekt – und sei es auch der Fürsorge – zu degradieren, während er glaubt, Partner in einem Kommunikationsverhältnis zu sein. Die Lüge, so sagt Kant, ist in erster Linie eine Verletzung der Verantwortung gegen sich selbst, weil sie die konstitutive Identität von Innen und Außen zerstört, die das sittliche Selbstverhältnis ausmacht.

Eine zweite Dimension der Personalität und Menschenwürde ist die Sexualität. Sie engagiert die Person als Ganze auf solche Weise, daß ihre zweckrationale Instrumentalisierung im Dienste der Maximierung irgendwelcher Werte oder Güter dem Selbstzweckcharakter jedes einzelnen Menschen widerspricht. Das moderne Bewußtsein hat hiermit besondere Schwierigkeiten. Die Sexualmoral der klassisch-europäischen Tradition, zu der auch noch die Aufklärungsphilosophen Rousseau, Leibniz, Wolff, Kant und Fichte zählen, beruht auf zwei Voraussetzungen, die dem sogenannten modernen Bewußtsein entgegengesetzt sind. Die erste Voraussetzung ist die: Die Menschenwürde gründet in der Fähigkeit des Menschen zur vernünftigen Selbstbestimmung, also in einem Selbstverhältnis, das sich nicht von selbst herstellt, sondern dessen reine Realisierung – ‚Wo Es war, soll Ich werden’, sagt Freud – selten gelingt. […]

Offensichtlich endet jede Güterabwägung dort, wo es sich um die direkte Tötung eines wehrlosen und unschuldigen Menschen handelt. Sie ist immer unverantwortlich. Ihre Verhinderung muß in der Güterabwägung des Staates einen höheren Rang einnehmen als die positive Ermöglichung dieser oder jener Formen freier Persönlichkeitsentfaltung. Aber wie alle aktiven Handlungspflichten im Unterschied zu Unterlassungspflichten der Güterabwägung unterliegen, so auch die Pflicht der aktiven Verhinderung von Tötungsdelikten. Solange die richtige Rangordnung der Güter gewahrt ist, bleibt hier immer ein verantwortungsethischer Spielraum im Weberschen Sinne.

Anders dort, wo es um das Unterlassen einer in sich schlechten Handlungsweise selbst geht. Eine solche Unterlassung ist immer Pflicht, und der Staat, wenn er sie auch nicht immer und unter allen Umständen verhindern muß, darf sie doch nie anordnen, finanzieren oder begünstigen. Die Verhinderung unterliegt der Güterabwägung, die Ausführung oder deren Veranlassung nicht. Aus dem Gesagten ergeben sich unschwer Anwendungen für die Abtreibung einerseits, für die Abtreibungsgesetzgebung andererseits.

Es ergeben sich aber auch Konsequenzen für die Kriegführung. Die Verteidigung eines Landes – aus Gründen der Kostenersparnis oder zur Kompensation mangelnder Verteidigungs- und Opferbereitschaft der Bürger – auf technische Massenvernichtungsmittel zu gründen, die überwiegend die Zivilbevölkerung treffen, ist schlechthin unsittlich. Es gibt eindeutig sittliche Grenzen einer Abschreckungsstrategie. Abschreckung ist ja nur glaubhaft, wenn sie die wirkliche Bereitschaft zum Einsatz der entsprechenden Waffen wenigstens bei den Soldaten einschließt. Der Bischof Clemens August von Galen verurteilte während des letzten Krieges sogenannte Vergeltungsangriffe gegen die Zivilbevölkerung durch die deutsche Luftwaffe in England. Natürlich hielt er auch die Zerstörung deutscher Städte für kriminell. […]

 Zu den Handlungen, die niemals verantwortbar sind, gehört ferner die Folter, obgleich sie im traditionellen Kanon solcher Handlungen nicht vorkam. Die Folter hindert den Menschen nicht nur, etwas zu tun, sie zwingt ihn, etwas zu tun, und zwar dadurch, daß er durch extreme Schmerzen in seiner Identität gebrochen wird. So tut er etwas, was er nicht tun will, er sagt etwas, was er nicht sagen will.

Nun kann es sehr wohl erlaubt sein, einen Menschen, dessen Schweigen andere Menschen ungerechterweise in große Gefahr bringt, durch Drohung, im Ernstfall sogar durch Drohung mit dem Tod, zum Reden zu bewegen. Er kann auch in einem solchen Falle immer noch entscheiden, was ihm sein irrendes Gewissen wert ist. Unsere Verantwortung impliziert nicht die positive Fürsorge für die Integrität des Gewissens eines Menschen, der anderen Unrecht tut. Sie bleibt negativ. Die Folter jedoch verletzt diese negative Verantwortung; sie nimmt dem anderen die Möglichkeit der Wahl. Sie zerbricht ihn als Freiheitssubjekt. Sie zwingt ihn, seine Selbstachtung preiszugeben. Der Papst hatte recht, als er unlängst sagte, dies sei schlimmer, als einen Menschen zu töten. […]

Wer daran festhält, daß es Dinge gibt, die man nicht tun darf, der muß natürlich zugestehen, daß niemand für die Folgen der Unterlassung solcher Dinge die Verantwortung zu tragen hat. Eine atheistische Zivilisation neigt schon deshalb zum totalen Konsequentialismus in der Moral, weil dort, wo Gott nicht als Herr der Geschichte verstanden wird, Menschen versucht sind, die Totalverantwortung für das, was geschieht, zu übernehmen und so die Differenz zwischen Moral und Geschichtsphilosophie aufzuheben.

Die Entlastung von der Verantwortung für die Folgen der Unterlassung einer schlechten Handlung hatte der Gesetzgeber des alten Rom so formuliert: ‚Was gegen die Ehrfurcht, die Pietät, die guten Sitten ist, muß so betrachtet werden, als ob es unmöglich wäre.’ Der Sinn des Textes ist klar. Die Folgen der Unterlassung von physisch Unmöglichem hat bekanntlich niemand zu verantworten. Es gibt aber auch moralisch Unmögliches; und der Gesetzgeber verlangte, daß dies wie etwas physisch Unmögliches angesehen wird.

Jener Polizist, dem befohlen wurde, ein 12jähriges Judenmädchen zu erschießen, das ihn um sein Leben anflehte, hat wirklich geschossen. Sein sadistischer Vorgesetzter hatte ihm eine Alternative vor Augen gestellt: die Erschießung von 12 anderen unschuldigen und wehrlosen Personen. Der Polizist schoß und wurde wahnsinnig. Er tat, was er nicht mußte, weil er es nicht hätte können müssen. Jeder Mensch muß einmal sterben. Den Tod jener 12 Menschen hätte der Polizist sowenig zu verantworten gehabt, als wenn er keine Hände gehabt hätte. Hätte er nicht auch im Besitz von Händen sagen können: ‚Ich kann nicht’?

Wir haben eben wirklich keine Hände, keine Zunge und kein Geschlecht zu beliebigem Gebrauch, wobei es jedesmal nur auf die gute Endabsicht ankäme. Die überdehnte Verantwortungsethik führt in Wirklichkeit in die Unverantwortlichkeit reiner Gesinnungsethik. Es gibt eine Verantwortung für uns selbst. Was sich aus ihr ergibt, ist u. a. vorgezeichnet durch die natürliche Struktur der menschlichen Person. Diese Verantwortung setzt jeder anderen Verantwortung ihre Grenze. Je ähnlicher diese moralische Grenze einer physischen Grenze ist, je mehr sie sich dem Nicht-Können annähert, um so besser. Wir sprechen dann von Charakter. Der Charakter begrenzt unsere Disponibilität. Nur Menschen, die zu vielem bereit, aber nicht zu allem fähig sind, verdienen es, daß man ihnen Verantwortung anvertraut.“

Ich finde, das trifft es einfach auf den Punkt.

Das wirklich Zentrale ist das, was Spaemann über den Wert des einzelnen Menschen schreibt, der nie ausschließlich Mittel zum Zweck sein darf. Jeder Mensch ist gleich viel wert; also darf kein Mensch ausschließlich für andere Menschen oder den Fortschritt oder was auch immer ausgenutzt werden – wie es z. B. in der Embryonenforschung geschieht – sondern er hat einen Wert in sich, der respektiert werden muss. Aber man muss hier genau hinsehen: Was verletzt die Menschenwürde wirklich – und was eben nicht.

Ziemlich aufgeregt hat mich hinterher in der anschließenden Diskussion in „hart aber fair“ übrigens eine Teilnehmerin, die evangelische Theologin Petra Bahr. Sie behauptete nämlich, dass man aushalten müsse, dass man in dieser Situation nicht anders könne, als schuldig zu werden. Das ist vollkommener Unsinn. Schuld kann nur dann bestehen, wenn man eine Entscheidung zwischen richtig und falsch treffen kann. Manchmal ist es sehr schwierig, die richtige Entscheidung zu treffen bzw. festzustellen, was die richtige Entscheidung ist. Aber man wird nie zwangsläufig schuldig. Schuldig geworden sein heißt, dass man nicht hätte schuldig werden müssen und es trotzdem geworden ist.

Wobei ich damit auch nicht sagen will, dass es zwangsläufig Schuld bedeutet hätte, wenn Koch nicht geschossen hätte. Angenommen, er hätte vermutet, dass das Olympiastadion hoffentlich schon geräumt sein würde (was die Behörden am Boden versäumt hatten), und dass vielleicht die Passagiere noch etwas ausrichten könnten oder der Pilot das Flugzeug im letzten Moment hochreißen würde, hätte man ihm nicht einfach die Verantwortung (juristisch, moralisch) für den Tod der Menschen im Olympiastadion aufhalsen können. Ich bin nicht der Ansicht, dass er durch Schießen schuldig wurde, aber ich bin der Ansicht, dass man keinen Soldaten dafür bestrafen könnte, wenn er entgegen einem anderslautenden Befehl in einer solchen Situation nicht geschossen hätte. Unterlassungspflichten haben generell Vorrang vor Handlungspflichten, und es braucht den Respekt vor dem Gewissen des einzelnen. Dennoch halte ich Kochs Gewissensentscheidung in diesem Fall für richtig.

Was ich auch etwas bescheuert fand, war, dass die, die für „schuldig“ plädierten, immer mit „Aber unser Grundgesetz! Aber unser Grundgesetz!“ kamen. Das ist keine ausreichende Begründung. Unser Grundgesetz schützt die Menschenwürde, aber die Menschenwürde ist nicht bloß ein Verfassungsprinzip, sondern ein moralisches Prinzip, und das wird durch das indirekte Töten von unschuldigen Menschen nicht automatisch außer Kraft gesetzt. Und Moral steht sowieso über Verfassung. Wie der Herr von der Luftwaffe später in der Diskussion sagte: Ist Artikel 1 GG vom lieben Gott in Fels gemeißelt worden? Daran krankt die Argumentation der Staatsanwältin total. Sie behauptet, wir müssten uns auf das Grundgesetz verlassen, weil unser Gewissen und unsere Moral fehlbar seien. Ja, und woher haben wir bitte schön das Grundgesetz? Sollten wir nicht vielmehr mit unserem Gewissen erkennen, dass die vom Grundgesetz – einem menschlichen Gesetz – geschützte Menschenwürde richtig ist? Sie gräbt dem Grundgesetz das Wasser ab, indem sie es auf diesen Sockel hebt. An den Vertretern dieser Position fiel mir auch etwas negativ ihre Verachtung gegenüber dem „gemeinen Volk“ auf – da kamen dann solche Behauptungen wie, 87 Prozent der Menschen hätten gegen unser Grundgesetz gestimmt. Nun ist eine solche Aussage ja nicht automatisch elitär und überheblich und auch ich behaupte nicht, dass die Mehrheit immer recht ist, aber, na ja, in diesem Fall liegt die Mehrheit der Leute meiner Meinung nach nicht ganz so daneben.

Teilweise klang übrigens an, der Film appelliere zu sehr an die Gefühle der Zuschauer und stelle Koch zu positiv dar (er erinnere z. B. schon rein optisch an Stauffenberg; was stimmt, und man findet ihn wirklich sympathisch). Allerdings kam z. B. auch die Witwe eines Opfers des Abschusses als Nebenklägerin ausführlich zu Wort, man hatte wirklich Mitgefühl mit ihr, und die Staatsanwältin kam einem oftmals sympathischer vor als Kochs Anwalt; unausgewogen war der Film sicher nicht. Hier klang dann natürlich in der Diskussion auch der Vorbehalt gegenüber einer Art von Volksjustiz an, als ob es im Film um einen reellen Fall und nicht um eine Art Meinungsumfrage zu einem umstrittenen Thema ginge – da sollte man, denke ich, gelassen bleiben können.

Positiv ist mir aufgefallen, dass am Ende noch ein paar Zitate von einigen bekannten Persönlichkeiten zu diesem Thema eingeblendet wurden, darunter auch Bischof Mixa, der einen Abschuss für möglicherweise gerechtfertigt hielt. Wenigstens kam die katholische Position noch ganz kurz vor, wenn auch ohne ihre ausführliche Begründung. Auch sehr interessant fand ich, dass sich ein Mann aus dem Publikum meldete und berichtete, dass seine Lebensgefährtin Flugbegleiterin sei und die klare Meinung vertrete, auch wenn sie in einem entführten Flugzeug sei, solle man es abschießen.

Dabei musste ich auch an etwas denken, was Koch in der Verhandlung sagt. Er spricht von seinem Soldateneid, davon, dass er als Soldat auch bereit sein müsste, sein Leben für die Verteidigung seines Landes zu opfern. Hier erfasst er auch etwas sehr genau: Wenn eine Regierung ihre Soldaten in einem Krieg (angenommen, es ist ein gerechter Krieg, ein Verteidigungskrieg) opfert, ebenso, wie wenn ein Pilot in einer wirklich ausweglosen Situation in Kauf nimmt, dass bei einem Angriff Zivilisten sterben, die auch sonst sterben würden (wie es hier ja der Fall ist; die Insassen des Flugzeugs hätten mit ziemlicher Sicherheit sowieso nicht überlebt), dann sind die Regierung und der Pilot nicht an deren Tod schuld – sondern die Angreifer, die Terroristen. Sie benutzen diese unschuldigen Menschen als Waffe.

Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, warum man Major Koch, diesen aufrechten Soldaten in seiner Uniform, so sympathisch findet. Er drückt etwas aus, was man hierzulande lange vergessen hat: Den Geist des Opfers. Er verkörpert die Realisierung, dass es tragische Dinge im Leben gibt, die man nicht verhindern kann, die man auf sich nehmen muss und vor denen man auch andere Menschen nicht immer bewahren kann, auch wenn man es noch so gern möchte – und sicher, da kann man so einfach aus dem Sessel heraus darüber reden, da will ich gar nicht leugnen, dass es sich für die Leute im Flugzeug noch einmal anders anfühlen würde, aber es ist trotzdem so. Major Koch ist der exemplarische Soldat, der zu Opfern bereit ist – wenn es auch eine totale Verdrehung wäre, zu behaupten, er opfere sein Gewissen und werde um eines höheren Zweckes schuldig, wie Frau Bahr es anklingen ließ. Er wurde nicht schuldig; zumindest subjektiv handelte er richtig. (Was nicht heißt, dass es kein Opfer darstellt, so etwas tun zu müssen, was er getan hat, dass es einen nicht psychisch sehr belasten kann.) Natürlich stellt sich immer die Frage, wie es geregelt sein sollte, wer über einen Abschuss entscheiden dürfte, etc., aber das, was hier im Film beschrieben wird, war kein Mord.

Beten, ohne zu beten

Ich möchte mal wieder etwas zum Thema Skrupulosität schreiben. Für alle neuen Leser: Das ist eine Zwangsstörung im religiösen Bereich, von der ich selber betroffen bin (wenn auch nicht in allzu schlimmer Weise, und es, glaube ich, langsam besser wird). Wer genauer wissen möchte, was es damit grundsätzlich auf sich hat, den verweise ich mal hierhin: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/

Heute möchte ich darüber schreiben, welche Schwierigkeiten beim Gebet ich schon kennengelernt habe und für typisch für Skrupulanten halte.

 

1) Unterwürfige Unehrlichkeit:

Skrupulosität ist bekanntlich zuallererst von Angst geprägt, vor allem Angst vor der Hölle, und damit verbunden natürlich Angst vor Gott als Richter. Das ist so ziemlich das, was Skrupulanten ausmacht: Das immer wiederkehrende nagende Gefühl im Hinterkopf, dass man vielleicht nicht genug tut oder hier etwas falsch macht oder da nicht streng genug mit sich war, und dass das irgendwann zu den besagten ewigen Konsequenzen führen wird. Das größte Problem für Skrupulanten ist es, wenn sie nicht eindeutig wissen, ob etwas eine Sünde ist, oder, wenn ja, ob schwere oder leichte Sünde (letztere Unterscheidung ist dafür wichtig, ob man sie beichten muss). Die eigene Einschätzung variiert da stark; mir ist es einerseits schon passiert, dass ich das ständige Grübeln so satt hatte, dass ich Sachen eher zu locker eingeschätzt habe, als auch, dass ich ewig lang in mein Kopfkissen geheult habe, nicht schlafen konnte und in scheußliche Gewissenskonflikte gestürzt wurde, weil ich mich fragte, ob ich wegen einer eingebildeten schweren Sünde jetzt möglichst am nächsten Tag sofort versuchen sollte, irgendwo in der Stadt einen Priester wegen der Beichte aufzusuchen oder ob es genügen würde, mich bei der nächsten wöchentlichen Beichtgelegenheit meiner Pfarrei einzufinden. Ich wartete – soviel gesunden Menschenverstand besaß ich dann doch noch – und musste dann sogar noch länger warten, weil ich mir eine Krankheit einfing und länger zu Hause bleiben musste, und als ich danach das nächste Mal mit einem – übrigens sehr streng traditionell eingestellten – Priester sprach, erklärte er mir, besagte Sünde sei überhaupt keine Sünde gewesen, geschweige denn eine schwere. Hm. So kann man sich irren.

Okay, wieder zum Kernpunkt zurück: Zweifel sind eine schwierige Sache. Und da die Kirche nicht bis aufs i-Tüpfelchen genau offiziell definiert, was unter welchen Umständen Todsünde, leichte Sünde und keine Sünde ist (wie sollte sie auch), treten sie recht oft auf. Nun sagt die Kirche auch, wenn eine Sünde nicht sicher Todsünde war, kann man erstmal davon ausgehen, dass sie eine leichte war. Und Skrupulanten speziell wird immer der Grundsatz eingeschärft, im Zweifelsfall ganz grundsätzlich nicht von Todsünde auszugehen. Das ist prinzipiell ein guter Grundsatz, aber es erfordert Disziplin, sich daran zu halten. Und eine Falle lauert da immer, nämlich der Gedanke: „Vielleicht täusche ich mich unterbewusst selbst und rede mir nur ein, dass ich in dieser oder jener Hinsicht zweifle und wenn ich ehrlich mit mir wäre, müsste ich wissen, dass es Sünde / Todsünde ist.“ Dieser Gedanke ist (bei Skrupulanten), vielleicht nicht in 100% der Fälle, aber doch bestimmt in den allermeisten Fällen, vollkommener Unsinn.

Jetzt komme ich zum Gebet: Man will also sein Abendgebet verrichten und als guter Katholik hält man seine tägliche Gewissenserforschung. Dann kommt da eine gewisse Unsicherheit auf in Bezug auf irgendein Vorkommnis im Verlauf des Tages. Irgendwie ist man sich nicht sicher – war das so in Ordnung oder eher nicht? War das vielleicht sogar ein eklatanter Verstoß gegen die Nächstenliebe, von außen betrachtet vielleicht nicht so gravierend, aber innerlich vielleicht… Man hat irgendwie das Gefühl, Gott um Verzeihung bitten zu müssen dafür. Andererseits erinnert man sich an besagte Grundregel für Skrupulanten, zweifelhafte Sünden nicht zu beachten. Aber ganz vorbildlich war besagtes Verhalten vielleicht doch nicht. Jedenfalls hätte man sich allgemein den ganzen Tag über besser verhalten können. Wenn das auch nicht direkt Sünde war, dann doch auch nicht so toll. Und vielleicht war es ja tatsächlich Sünde. Vielleicht ist man nur die strengen Maßstäbe des Himmels in dieser Hinsicht nicht gewöhnt. Vorsichtshalber sollte man vielleicht doch Gottes Verzeihung erflehen. Man bemüht sich, vollkommene Reue zu erwecken (falls schwere Sünde, weil solange man nicht zur Beichte kann…), wiederholt mehrmals in Gedanken, wie leid es einem wirklich tut etc., damit Gott auch merkt, dass es einem damit ernst ist. Das Gebet beendet man dann missgelaunt und ohne große Lust auf das nächste Mal Beten am Morgen. Typisch Skrupulosität eben.

Das meine ich mit unterwürfiger Unehrlichkeit: Man wüsste eigentlich, dass man nicht so streng mit sich sein soll, weil man eher in dieser Richtung zum Irrtum neigt, aber man geht lieber auf Nummer Sicher und zeigt sich einigermaßen unterwürfig gegenüber Gott im Himmel. Und diese Art von Gebet wird Gott eindeutig nicht gerecht. Wir machen ihn unterbewusst zu jemandem, der es nicht aushalten könnte, wenn wir einen ehrlichen Irrtum begingen. Zu einem strengen, unerbittlichen Herrscher, vor dem man sich möglichst unterwürfig zu zeigen hat, auch wenn man eigentlich wüsste, dass man in dieser oder jener Hinsicht nichts falsch gemacht hat oder zumindest nichts allzu Schlimmes getan hat. Das ist so was von ungerecht ihm gegenüber. Viel sinnvoller wäre es, einfach ehrlich zu sagen: Gott, ich bin mir hier nicht sicher, ich dachte mir das so und so, vielleicht frage ich mal jemand anderen, was in dieser Art von Situation sinnvoll sein könnte oder so. Oder: Gott, ich habe das nach bestem Wissen und Gewissen gemacht, ich hoffe, das wird was. Fertig.

Ich sage nicht, dass Skrupulanten keine Sünden mehr begehen können, oder dass wir Gott nicht, wenn wir wirklich etwas getan haben, von dem wir wissen, dass es schlecht ist, um Verzeihung bitten sollten, aber es braucht hier einfach Ehrlichkeit. Und Vertrauen auf Gott, dass er mit Ehrlichkeit schon klarkommt – bzw. sie eigentlich viel lieber mag als die beschriebene unterwürfige Unehrlichkeit.

Es gibt noch andere Ausdrucksweisen dieser falschen Unterwürfigkeit. Zum Beispiel, dass man sich grundsätzlich schon nicht recht traut, mit Gott wirklich zu reden, d. h. mit ihm über das zu reden, was einen wirklich selbst beschäftigt; über seine Zweifel und Ängste und Sorgen. Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt.

 

2) Rede statt Gespräch:

Damit meine ich eine Art des Redens ohne wirklich etwas zu kommunizieren, ohne den Gesprächspartner anzusehen oder ihm zuzuhören. Das Gebet soll ein Gespräch mit Gott sein. Es geht darum, ihm zu erzählen, was einen bewegt und dabei darauf zu lauschen, was er einem vielleicht mitteilen möchte. Man soll dabei wirklich mit ihm reden, kein Selbstgespräch führen; man soll ihn, seinen Schöpfer und Erlöser ansprechen.

Manchmal bete ich abends rasch so ins Blaue hinein ein Vaterunser, dann noch „Danke für diesen Tag, es tut mir leid, was ich heute falsch gemacht habe, bitte beschütze mich und meine Familie, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen“, so, erledigt, ich habe den Anspruch des täglichen Gebetes hinter mir und kann ins Bett gehen. Das ist nicht wirklich eine besonders tolle Form des Abendgebets.

Es gibt mehrere Gründe, wieso man so betet. Vielleicht will man sich nicht schon wieder zu sehr in die Nähe dieses gestrengen Herrschers und Richters begeben; man geht nur so weit, wie man unbedingt muss, und dann reicht es ihm hoffentlich. Es ist nicht schön, also drückt man sich so bald wie möglich.

Dann fürchtet man vielleicht ganz einfach, speziell das auszusprechen, was man aussprechen müsste, wenn man wirklich ganz persönlich darüber reden müsste, was einen momentan wirklich beschäftigt. Zum Beispiel, dass man mutlos ist und wenig Vertrauen darauf hat, dass das Leben mit Gottes Hilfe schon klappen wird. In so einer Situation käme es eigentlich gerade erst recht darauf an, Gott um Hilfe zu bitten, aber das tut man nicht, weil man sich schämt; weil man Angst davor hat, dass Gott unzufrieden mit einem ist; dass man nicht genügt. Das ist noch so ein vollkommen verdrehter Gedanke; als ob Gott sich nicht gerade dann freuen würde, wenn wir ihm unser Innerstes mitteilen.

Man fürchtet natürlich auch, was man von diesem Gott gesagt bekommen könnte, wenn man sich wirklich auf den Versuch des Gebetes einließe; man kann es ja nicht vorhersehen, er ist leider nun mal nicht kontrollierbar. Und wenn er einem jetzt vielleicht zu verstehen geben würde, dass man sich da und da schon wieder völlig falsch verhalten hat, wo man es vielleicht gar nicht gedacht hat, und gefälligst umkehren soll… das will man einfach nicht haben, nicht schon wieder, wenn man es sich gerade erst selbst eingebläut hat. Man weicht Gottes Blick aus, weil man nicht erwartet, dass er einen freundlich anschauen könnte. Das kann ein ganz reales Ausweichen sein. Zum Beispiel in der Hinsicht, dass man in der Kirche nicht den Tabernakel anschaut, sondern sich möglichst unauffällig in die hinterste Reihe setzt und auf das Gotteslob in der Hand oder die eigenen Schuhe starrt – fast so, als könnte Jesus einen da hinten nicht genau erkennen.

Es ist eine gute Übung, sich mal vorzustellen, Jesus, er, der Gott und Mensch zugleich ist (denn er ist ja auch jetzt, nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt immer noch wahrer Mensch), sei wirklich in seiner menschlichen Gestalt bei einem daheim im Schlafzimmer. Oder man sei 30 n. Chr. in Jerusalem oder Kafarnaum und würde ihm dort begegnen. Wie würde man dann reagieren?

Wenn ich ehrlich bin, manchmal (nicht immer – ich habe auch gesunde Phasen) habe ich das Gefühl, ich würde dann am liebsten weglaufen und mich irgendwo verbergen, wo er mich nicht sehen könnte. Solange bis er wieder weg wäre, und ich herauskommen könnte ohne Angst zu haben, jemandem gegenüberstehen zu müssen, der alle meine Gedanken kennt und… wie soll ich es nur ausdrücken… zu mir sagen und tun könnte und würde, was immer ihm gerade richtig erschiene, ohne jede Rücksicht auf irgendwelche gesellschaftlichen Regeln der Höflichkeit und Zurückhaltung und ohne jedes Hindernis dadurch, dass ich ihm etwas vormachen könnte. Ich habe Angst vor seinem Urteil über mich, anders ausgedrückt.

Es ist irgendwie lächerlich angesichts der Tatsache, dass Gott – der mich ja wohl gemacht hat – mich schließlich eh vollkommen kennt und dass ich ihm irgendwann nicht mehr ausweichen können werde (und das ist auch gut so), aber wann habe ich je behauptet, Skrupulosität wäre nicht irgendwie lächerlich? Lächerlich hier allerdings nicht immer im Sinne von: zum Lachen.

 

3) Plappern wie die Heiden:

Hier geht es mir um eine gewisse abergläubische Tendenz bei Skrupulanten. Ich habe mal erwähnt, dass Skrupulosität, wie alle solchen Störungen, von quälenden Zwangsgedanken geprägt ist. Das können ganz konkrete Vorstellungen oder „Eingebungen“ sein, zum Beispiel: Wenn ich jetzt nicht den Rosenkranz bete, könnten meine Eltern auf der Heimfahrt von den Verwandten in Köln einen Unfall haben und sterben. Ja, das klingt lächerlich, und natürlich ist es das. Darum geht es ja gerade. Das hängt auch mit dieser Erledigungs-Mentalität zusammen, die ich oben schon beschrieben habe: Genau so und so viele Gebete verrichten, damit man selber oder andere Leute geschützt sind. „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen“, hat Jesus in der Bergpredigt gesagt. „Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6,7-8) Aber genau so machen es Skrupulanten manchmal.

Ich sage ja nicht, dass es keinen Wert hat, häufig zu beten oder einen ganzen Rosenkranz zu beten (ich mag den Rosenkranz an sich übrigens sehr, wirklich sehr); überhaupt haben mündliche Gebete einen riesengroßen Wert, auch das Stundengebet beispielsweise ist einfach nur absolut toll, schließlich geben sie eine großartige Hilfestellung beim eigenen Beten und führen einen in die Welt Gottes und der Engel und Heiligen ein, es ist nur… na ja, wie so oft ist es wohl einerseits eine Frage des Maßes und andererseits eine Frage des Motivs. Der erwähnte Grund (abergläubische Angst, dass Familienmitglieder auf der Autobahn verunglücken, wenn man nicht ausreichend Ave Marias für sie betet) ist jedenfalls kein passendes Motiv. Aberglaube ist nicht christlich. (Deswegen ist die kichliche Autorität ja auch immer wieder gegen Aberglauben eingeschritten.)

Dieses „magische“ Denken ist für alle Zwangsstörungen typisch. Auch Nichtgläubige können Angst haben, dass Verwandte verunglücken, wenn sie nicht irgendein Ritual getreu ausführen. Diese Denkweise ist auch deshalb so gefährlich, weil es mit ihrer Überprüfung nicht ganz einfach ist. Wenn man das entsprechende Ritual durchführt und es passiert nichts, ist man bestätigt. Und zu wagen, es nicht zu tun, erfordert Überwindung, denn schließlich könnte dann ja etwas sein… Und dann wäre man schuld daran.

Das ist vollkommen unlogisch, natürlich. Das weiß man selber genauso. Deshalb heißt das ja auch nicht „logisches Denken“, sondern „Zwangsgedanke“.

Das kann man aber auch überwinden. Wenn man den Zwangsgedanken nicht folgt und es sich mit der Zeit auch in der Praxis beweist, dass sie unsinnig sind, ist es gleich mal viel leichter. Bei mir spielen solche abergläubischen Zwangsgedanken inzwischen keine große Rolle mehr. Mehr Probleme habe ich mit Punkt 1) und vor allem 2).

 

4) Andere Zwangsgedanken…

(Mir ist hier keine Überschrift dafür eingefallen, die nicht blöd klang.)

Ich meine folgendes Phänomen: Man betet, z. B. vor einem Heiligenbild, einer Christusstatue, oder, worst of all, Jesus im Tabernakel selbst, und dann tauchen – plopp – gewisse Arten von quälenden Zwangsgedanken im Gehirn auf; obszöne oder blasphemische Vorstellungen von der Art, wie sie sonst vielleicht eher Linksradikalen einfallen würden, die sich überlegen, was man denn beim nächsten Berliner Marsch fürs Leben so für Parolen schreien könnte, um die blöden Christen da vielleicht noch mehr zu stören als beim letzten Mal.

Diese Gedanken quälen einen wirklich – wie soll man denn irgendwie gottgefällig beten, wenn der eigene Kopf von solchen Scheußlichkeiten voll ist? Also vermeidet man es irgendwann, länger zu beten, Statuen anzuschauen oder in Kirchen zu gehen (außer zur Erfüllung der Sonntagspflicht), kurz gesagt, man vermeidet alles, was diese Zwangsgedanken auslösen könnte und so… entfernt man sich von Gott.

Das ist wirklich ein ganz, ganz typisches Zwangsstörungsphänomen, das ebenfalls nicht nur bei religiösen Menschen vorkommt. Zum Beispiel könnte ein zwangskranker Familienvater an dem Zwangsgedanken leiden, er könnte seine Tochter sexuell missbrauchen, und dann vermeidet er es vielleicht von da an, mit ihr allein zu sein, weshalb sein Verhalten bald allen in der Familie auffällt und die Tochter sich vernachlässigt vorkommt und die Ehefrau ihm Vorwürfe deswegen macht. Wichtig: Zwangskranke würden nie das machen, was ihnen ihre Zwangsgedanken vorspielen. Deshalb werden die Zwangsgedanken ja gerade als so quälend erlebt: Weil sie in allem dem widersprechen, was zu den Grundbausteinen der eigenen Existenz gehört. Ein wirklicher Pädophiler würde nicht so denken wie oben beschrieben.

Der hl. Ignatius von Loyola hat zum Thema Skrupel einmal Folgendes geschrieben, was ich hier sehr treffend finde: Wenn er zum Beispiel sieht, dass eine Seele keine tödlichen oder lässlichen Sünden in sich einlässt, noch irgend einen Schein überlegter Sünde, dann besorgt der Feind, wenn er nicht zuwege bringt, sie in etwas fallen zu lassen, was Sünde scheint, sie [wenigstens] eine Sünde sich einbilden zu lassen, dort, wo keine ist; wie etwa bei einen Wort oder einem geringsten Gedanken. Mit „dem Feind“ ist hier bekanntlich der Teufel gemeint. Die Einbildung von Sünde stammt nicht von Gott, sondern von einem, der uns übel will, der uns ungestörtes, vertrauensvolles Glück mit Gott im Gebet nicht gönnen will.

Die richtige Strategie wäre, gerade diese Gedanken im Gebet vor Gott zu bringen. Mit ihm darüber zu reden, dass man sie hat und dass sie einen so quälen. Ich denke mal, über dieses Vertrauen freut er sich und dann kann er uns auch besser helfen. Solche Gedanken können nämlich gar keine Sünden sein, da ungewollt. Sünde heißt Schuld, Schuld setzt einen Willensakt, eine Entscheidungsmöglichkeit voraus. Ich tue oder unterlasse x, obwohl ich es nicht tun oder unterlassen müsste. Wenn x einfach da ist, kann von Schuld gar keine Rede sein. Und jeder normale Mensch erlebt es, dass er Gedanken im Kopf hat, die einfach da sind, ohne dass irgendeine Art von Schuld vorliegen kann. Schon mal von Ohrwürmern gehört?

 

Alle diese Arten von Gebetsschwierigkeiten haben eben eines gemeinsam: Dass sie einen an einem wirklichen Beten hindern (oder fast schon am Beten überhaupt). Man kann sozusagen beten, ohne zu beten.

 

[Anmerkung: Vielleicht kennen auch nicht-skrupulöse Leser andere Formen von hier beschriebenen Gebetsschwierigkeiten – vor allem das Ausweichen vor Gott im Gebet ist wahrscheinlich eine allgemein-menschliche Erfahrung, und wird allgemein durch so ein Ding namens „Erbsünde“ bedingt, nicht nur speziell durch Skrupulosität. Bloß, dass es nicht immer gleich aussieht; ich habe hier eben konkret das Ausweichen aufgrund von Skrupulosität beschrieben. Nur, damit es hier nicht zu Missverständnissen kommt.]

Ein paar Heiligenfotos

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Von links nach rechts und oben nach unten (nach Todesjahren geordnet) :

  • Hl. Papst Johannes Paul II. (1920-2005)
  • Hl. Teresa von Kalkutta (Mutter Teresa) (1910-1997)
  • Sel. Papst Paul VI. (1897-1978)
  • Hl. Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás (1902-1975)
  • Hl. Pio von Pietrelcina (Padre Pio) (1887-1968)
  • Hl. Papst Johannes XXIII. (1881-1963)
  • Sel. János Scheffler (1887-1952)
  • Hl. Josefine Bakhita (1869-1947)
  • Sel. Engelmar Unzeitig (1911-1945)
  • Sel. Franz Jägerstätter (1907-1943)
  • Hl. Edith Stein (1891-1942)
  • Hl. Maximilian Kolbe (1894-1941)
  • Hl. Maria Faustyna Kowalska (1905-1938)
  • Sel. Martín Martínez Pascual (1910-1936)
  • Hl. Anna Schäffer (1882-1925)
  • Hl. Papst Pius X. (1835-1914)
  • Hl. Maria Goretti (1890-1902)
  • Hl. Thérèse von Lisieux (1873-1897)
  • Hl. Damian de Veuster (1840-1889)
  • Hl. Johannes Bosco (Don Bosco) (1815-1888)
  • Hl. Bernadette Soubirous (1844-1879)

Ich habe es sehr gern, zu Heiligen oder Seligen beten zu können, von denen ich Fotos kenne. Der Grund dafür ist ganz einfach: Es bringt sie einem näher.

Ich bin kein riesiger Fan der Legenden-Heiligen, d. h. der historisch nicht belegten Heiligen, wie Georg, Christopherus oder Barbara. Sicher, ihre Geschichten sind inspirierend und interessant, aber es ist doch noch einmal etwas ganz Anderes, wenn solche Geschichten auch wahr sind, wie das bei den historischen Heiligen (die ja den größten Teil unter unseren Heiligen ausmachen; auch die meisten antiken Heiligen – die Apostel, Perpetua und Felicitas, Agnes, Nikolaus von Myra, Ambrosius, Augustinus, etc. – sind ja belegt und teilweise haben wir Schriften von ihnen) der Fall ist. Und noch einmal schöner ist es natürlich, wenn man wirklich sehen kann, wie diese Heiligen ausgesehen haben; nicht auf hunderte Jahre später gemalten hagiographischen Bildern, sondern ganz real.

Ich bin den Päpsten, die in den letzten Jahrzehnten so viele neue Selig- und Heiligsprechungen vorgenommen haben, wirklich dankbar; sie haben uns wunderbar viele neue Vorbilder und Fürsprecher gegeben, denen man sich doch näher fühlt als antiken römischen Märtyrern. Unter den oben abgebildeten Heiligen und Seligen sind natürlich auch ein paar Märtyrer, aber dazu wurden sie durch Nazis (z. B. Maximilian Kolbe, Engelmar Unzeitig) oder Kommunisten (z. B. János Scheffler); man kann es alles irgendwie mehr begreifen, man kennt die Zustände genauer, unter denen sie lebten und ihren Glauben bewiesen.

Am allerliebsten sind mir die Heiligen wie Johannes Paul II., die noch in derselben Zeit gelebt haben wie ich. Es ist doch irgendwie wirklich schön, zu wissen, dass es Heilige heute noch unter uns gibt und in Zukunft auch noch geben wird, und dass sie eigentlich gar nicht so grundsätzlich verschiedenen von anderen Menschen sind.

Das ist kein Seins-Sollens-Fehlschluss!

In der Moralphilosophie gibt es das Konzept des Seins-Sollens-Fehlschlusses (auch Naturalistischer Fehlschluss), d. h. es kann ein logischer Fehlschluss entstehen, wenn man daraus, wie etwas ist, direkt ableitet, dass es so sein soll. Allerdings habe ich festgestellt, dass oft eine ziemliche Uneinigkeit bei der Frage herrscht, was eigentlich ein Seins-Sollens-Fehlschluss ist.

Im traditionellen katholischen Naturrechtsdenken wird ja immer mal wieder auf das Sein zurückgegriffen, um ein Sollen abzuleiten. Denn, wie allgemein bekannt sein sollte, glaubt man ja als Katholik nicht, dass man nur dadurch erkennen kann, was gut und richtig ist, dass eine göttliche Stimme es verkündet und Mose es auf Steintafeln aufgezeichnet hat (auch wenn das bei der Erkenntnis hilft; wenn wir nicht selber drauf kommen, sagt Gott es eben ausdrücklich noch mal), sondern dass die Moral an sich durch die Vernunft einsichtig ist. Dabei schaut man erst einmal immer auf die Natur der Dinge. Ein paar Beispiele aus der katholischen Moraltheologie:

  • Der Mensch ist seiner Natur nach ein Gemeinschaftswesen. Es entspricht seiner Natur und ist daher gut für ihn, mit anderen Menschen zusammenzuleben, also braucht es auch gewisse Regeln unter den Menschen, z. B. andere nicht schädigen, anderen helfen, jeder soll in der Gemeinschaft das Seine tun, eine Gemeinschaft braucht Ordnung und Regeln, bei einer größeren Gemeinschaft nennt sich das dann Regierung und Verfassung. Anarchie wäre also unchristlich, ebenso wie willkürlicher Diebstahl, Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gemeinschaft, der man angehört, etc.
  • Die Natur der Sprache ist Kommunikation mit anderen, Mitteilung von Wahrheit. Daher ist Lügen falsch, denn dadurch wird die Sprache ihrer eigentlichen Funktion beraubt.
  • Zur Natur der Sexualität gehören, um es mit dem sel. Papst Paul VI. (Enzyklika Humanae Vitae) zu sagen „liebende Vereinigung und Fortpflanzung“. Kinder sollen durch Liebe entstehen, und durch Liebe sollen Kinder entstehen, also sind sowohl Pille und Kondom, durch die Liebe unfruchtbar gemacht wird, als auch Befruchtung im Reagenzglas, durch die Kinder zum Produkt degradiert werden, abzulehnen. Das – wieder Paul VI. – „gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte […], die beide dem ehelichen Akt innewohnen“. (Ja, das ist eine gewöhnungsbedürftige Sprache, aber die Enzyklika ist ja schließlich auch schon knapp fuffzig Jahre alt.)

Die drei Beispiele sind eigentlich ganz schöne Beispiele, finde ich jedenfalls, denn sie zeigen alle drei, dass der Mensch im katholischen Weltbild seiner Natur nach eben immer auf andere Menschen, auf Gemeinschaft, Kommunikation, Liebe und in der Familie sogar das in-die-Welt-Setzen neuer anderer Menschen, ausgerichtet ist. Das ist also die Natur des Menschen und daher ist das, was ihr widerspricht, schlecht. Eigentlich sehr vernünftig, oder?

Nun kann man jedoch bei manchen neueren Moraltheologen die Argumentation lesen, das, was Humanae Vitae sagt, brauche man jetzt sooooo ernst auch nicht zu nehmen, denn da müsse man „gegebenenfalls die Gefahr eines Seins-Sollens-Fehlschlusses beachten“ (Akademikerdeutsch für: „ich finde, das ist ein Seins-Sollens-Fehlschluss“) oder so ähnlich. Bei anderen Sachen – s. Anarchie – liest man diese Argumentationslinie zwar nicht so oft, weil Verhütung und künstliche Befruchtung nun mal beliebter sind als Anarchie, aber bleiben wir mal bei der philosophischen Argumentation an sich:

Die oben genannte Argumentationsweise im Naturrechtsdenken ist kein Seins-Sollens-Fehlschluss, weil im Sein schon ein Sollen liegt. Jedenfalls nach christlicher Überzeugung. Die Welt ist nämlich eine Schöpfung eines guten Gottes, also liegt auch Gutes in ihrer Natur.

Natürlich ist die Frage wieder nicht ganz so einfach, wie immer in der katholischen Philosophie heißt es auch hier wieder: distinguere! Man muss sehr genau unterscheiden. Man kann ja nun nicht einfach so sagen, alles, was jetzt so ist, wie es ist, soll so sein. (Das wäre zwar ganz schön, denn dann müsste man ja gar keine Veränderungen mehr predigen, aber so funktioniert es eben leider doch nicht.) Und das liegt daran, dass die Welt eine gefallene Welt ist, d. h. eine ursprünglich gute, aber verdorbene Welt, deren Urzustand erst wieder hergestellt werden muss. Zum Beispiel gibt es unter den Menschen, wie sie jetzt sind, generell Neid und Missgunst, das ist so. Aber das ist nicht gut so, denn es entspricht nicht ihrer wahren, sondern ihrer beschädigten Natur, und es macht sie, da es nicht zu ihrer wahren Natur gehört, auch nicht glücklich. Daher wäre es ein tatsächlicher Seins-Sollens-Fehlschluss, zu sagen, alle Menschen kennen Neid, also muss Neid eine sinnvolle Funktion in der menschlichen Gemeinschaft haben. Ebenfalls ein Seins-Sollens-Fehlschluss wäre beispielsweise der Sozialdarwinismus: Daraus, dass man einen Kampf ums Dasein zwischen den Lebewesen beobachten kann, wird beschlossen, dass das Leben generell als Kampf geführt werden sollte, das Recht auf der Seite der Starken und damit Macht gleich Recht ist. Das ist aber nur ein Merkmal der von Gott entfernten Welt.

Bei der Frage danach, ob etwas ein Seins-Sollens-Fehlschluss ist oder nicht, muss aus christlicher Sicht, kurz gesagt, immer danach gefragt werden, ob etwas dem gefallenen Zustand der Welt und des Menschen geschuldet ist, oder der eigentlichen Schöpfungsordnung Gottes. Man muss nach der wahren Natur fragen, dann gibt es auch keinen Naturalistischen Fehlschluss. Das erfordert im Einzelfall sicher genaue Unterscheidung, aber es ist wichtig.

Benedikt XVI. hat beim Naturrecht in seiner Rede vor dem Bundestag von einer „Ökologie des Menschen“ gesprochen. Auch der Mensch kann bloß leben, wenn er artgerecht lebt, und das kann man nun wirklich keinen logischen Fehlschluss nennen (unabhängig davon, was man im Einzelnen als artgerecht bewertet).

Wieso ich von der Unvergleichbarkeitsthese nichts halte

Die Unvergleichbarkeitsthese oder Singularitätsthese ist die unter Historikern weit verbreitete, aber nicht unumstrittene Theorie, dass, ganz knapp zusammengefasst, der Holocaust in der Geschichte der Menschheit absolut beispiellos und – wie der Name sagt – mit anderen Verbrechen nicht vergleichbar sei.

Nun stimmt es schon, dass es in der Geschichte keinen anderen bürokratisch durchorganisierten Versuch zur völligen Vernichtung einer Gruppe allein wegen ihrer Herkunft in diesem Umfang (d. h. mit diesen Opferzahlen) gab. Aber mit der Singularitätsthese wird oft impliziert, dass man den Holocaust mit überhaupt gar, gar nichts in keiner Hinsicht auch nur irgendwie vergleichen könne (wobei vergleichen ja nicht zwangsläufig gleichsetzen heißen muss) – also zum Beispiel auch nicht mit den Kongogräueln mit 8 bis 10 Millionen Toten, dem Völkermord an den Armeniern mit bis zu 1,5 Millionen, oder dem an den Tutsi mit bis zu einer Million. Sicherlich gibt es große Unterschiede, was Motive und Durchführung dieser Verbrechen betrifft – die Kongogräuel beispielsweise waren trotz der enormen Opferzahlen nicht einmal ein klassischer organisierter Genozid mit dem Ziel der Ausrottung einer Volksgruppe; anders als z. B. der Völkermord an den Tutsi. Trotzdem kann man eben Vergleiche aufstellen: wo gab es die meisten Opfer, über eine wie lange Zeitspanne hinweg fanden die Morde statt, was waren die Motive, was sollte erreicht werden, wer waren die Täter, was wusste die Welt davon.

Was mich an der Unvergleichbarkeitsthese jedoch eigentlich stört, ist, dass sie den Opfern des Holocaust nichts Gutes tut. Nach dem Krieg hieß es: Nie wieder! Aber genau dieses Nie wieder wird gefährdet, wenn man so tut, als seien die Täter von damals Monster von nie zuvor und nie seither gesehener Grausamkeit gewesen, und nicht Menschen wie wir alle.

Denn alle Menschen sind zu Monströsem fähig. Und der einzelne Mann, der in der SS diente, unterscheidet sich wahrscheinlich nicht wirklich vom einzelnen Mann der belgischen Force Publique, der Ende des 19. Jahrhunderts Kongolesen abschlachtete, wenn sie nicht genügend Kautschuk lieferten, oder vom einzelnen türkischen Soldaten, der Armenier deportierte. Die Menschen waren und sind immer und überall fähig, scheußliche Verbrechen zu begehen; auch hier und heute. Wenn sie das nicht tun, liegt es nicht automatisch daran, dass sie gute Menschen sind, die eigentlich keiner Fliege was zuleide tun könnten, sondern vielleicht auch daran, dass sie keine Möglichkeit oder ganz einfach keine Veranlassung dazu haben. Der durchschnittliche Deutsche wird heutzutage nicht mehr zur Wehrmacht eingezogen und an die Ostfront geschickt, also verlangt auch niemand mehr von ihm, Juden oder Polen oder Russen zu erschießen. Wer weiß, was er täte, wenn es so wäre? Wer kann wirklich sagen, auf welcher Seite wir in einer bestimmten historischen Situation gestanden hätten?

Sicher werden die meisten mit einer gewissen Überzeugung – und zu Recht – sagen können, dass sie sich wenigstens nicht freiwillig zur SS gemeldet hätten, um in Auschwitz Dienst zu tun. Aber ich bin mir ganz sicher: wenn Auschwitz heute wieder aufmachen würde, würden sich Wachleute finden. Es finden sich auch Wachleute für die nordkoreanischen Arbeitslager und IS-Soldaten.

Menschen tun aus denselben Motiven unterschiedliche Dinge. Die Schlechtigkeit eines Menschen zeigt sich nicht automatisch darin, dass er Amok läuft oder Bomben bastelt. Kalte Rücksichtslosigkeit, krasser Egoismus oder auch Freude daran, Macht über hilflose Opfer auszuüben, zeigen sich im Kleinen. Der eine tyrannisiert seine Mitschüler, der andere schiebt seine dementen Eltern in das nächste Pflegeheim ab, ohne sie je zu besuchen, der nächste begrapscht seine Angestellte oder betrügt seine Frau. Die Schwere einer Sünde bemisst sich nicht immer an den Jahren, die man dafür im Gefängnis verbringen müsste.

Wer im Kleinen schlecht ist, wird es auch im Großen sein. Wenn man nicht daran gewöhnt ist, Opfer zu bringen, die Wahrheit zu sagen, Verantwortung zu übernehmen, anderen zuzuhören, dann kann man, wenn sich die entsprechende Notwendigkeit ergibt, unter gewissen Umständen vielleicht auch zum Massenmörder werden.

Ich schreibe hobbymäßig, und eins der spannendsten Dinge beim Schreiben von Geschichten ist es für mich bis jetzt gewesen, Szenen aus Sicht der „bösen“ Figuren zu schreiben, weil man sich dann nämlich in den Bösen hineinversetzen und seine Gedankengänge nachvollziehen muss. Dann wird einem auch klar, dass er zwangsläufig Motive für sein Handeln haben muss, die aus seiner Sicht Sinn machen, und dass er sich selbst nicht so sehen kann, wie andere ihn sehen.

Eine meiner bösen Figuren, mit Namen Melamkurkurra Taskarin (ja, das ist ein komischer Name, er soll so klingen), ist zu Anfang des Buchs, in dem er vorkommt (zur Zeit der hauptsächlichen Handlung ist er übrigens noch ziemlich jung), noch recht sympathisch; vielleicht etwas verwöhnt, etwas angeberisch und etwas feige, etwas willensschwach und etwas schüchtern und gleichzeitig etwas arrogant. Aber nicht böse. Nachdem er dann durch seinen Halbbruder ein schlimmes Unrecht erfahren hat – das andererseits aus dessen Sicht wieder irgendwie nachvollziehbar ist – wird er jedoch bald vom ungezügelten Wunsch nach Rache ergriffen. Aber… na ja, wenn man die Geschichte schreibt oder liest, ist er noch immer in gewisser Weise eine Figur, mit der man sich identifizieren kann. Dann wird er in die Rolle eines Herrschers gedrängt, von dem erwartet wird, gegen seine Feinde, darunter auch besagter Halbbruder, ohne Gnade vorzugehen – und von diesem Wunsch ist er ja auch irgendwie selbst getrieben. Er hätte an einer Stelle die Möglichkeit, Frieden zu schließen, und sogar einen für ihn vorteilhaften Frieden, aber er lässt sie verstreichen; er trifft sehr rasch eine Entscheidung, von der er weiß, dass sie falsch ist, und opfert dabei Menschen, die er selbst liebt, weil er sich nicht zu einer gegenteiligen Entscheidung überwinden kann. Er redet sich ein, dass sein Handeln einfach notwendig sei und weiß dabei genau, dass das nicht stimmt.

Je mehr Böses er tut, desto weniger scheint es ihm in den folgenden Jahren möglich zu sein, aus dem Netz des Bösen zu entkommen. Er ist, wie Macbeth, „in blood stepped in so far that should I wade no more, Returning were as tedious as go o’er.“ Er wird zu einem Tyrannen, der über Leichen geht, über die seiner Gegner in seinem eigenen Volk und schließlich die seiner Feinde. Er hat Erfolg und kann sich Sicherheit und Macht erarbeiten, aber glücklich wird er dabei auch nicht. Am Ende des Buches ist er ein alter Mann mit Lungenkrebs, der trotzdem noch als Tyrann von allen gefürchtet wird; einsam bis ins Letzte. Aber wenn er sich, an irgendeinem Punkt der Handlung, ändern wollte, müsste er sich eingestehen, dass er von Anfang an falsch gehandelt hat (ganz abgesehen davon, dass ihn eine wirkliche Änderung seines Lebens vor genügend weitere Probleme stellen würde).

Ich finde, Corinna Turner beschreibt dieses Eingesaugtwerden durch das Böse recht gut in ihrem Jugendbuch „The three most wanted“ (einem Zukunftsroman; Band 2 von „I am Margaret“) in einer Unterhaltung zwischen zwei Nebenfiguren, Dominique und Juwan, die sich einer ziemlich brutalen Widerstandsbewegung gegen ein ebenso brutales Regime anschließen wollen, und einem der Hauptcharaktere, Bane. Bane kritisiert zuerst das grausame, Kollateralschäden in Kauf nehmende Vorgehen des Widerstandes, das er aus eigener Erfahrung kennt.

Doms didn’t meet his eyes this time. “Not everything’s right at the moment, we do get that.”

 “We want to help change that”, said Juwan. “There’s got to be a better balance between fighting the EuroGov and the mindless bloodshed that goes on at the moment.”

 “But the change has to come from the inside”, said Doms. “You’ve got to join, and then you’ve got to earn respect, and only then will your opinion be heard.”

 Bane shook his head. “You’re dead wrong. You’ll go in with a sense of right and wrong, but they’ll make you do things to prove your loyalty. Each a little worse than the last. And by the time you have that ‘respect’ and could actually do anything, you’ll have convinced yourself they were right all along, because it’s the only way you’ll be able to live with what you’ve done – all the brains on walls and orphaned children. The only way you’ll change them is by not joining.”

Ich habe bei Regina Doman, einer Autorin und Verlegerin, deren Bücher ich sehr mag, einmal den Tipp gelesen, seine bösen Figuren, wenn man schreibt, an sich selber anzulehnen – also eine schlechte Eigenschaft von sich selbst zu nehmen und sie entsprechend verstärkt dem Schurken seiner Geschichte anzudichten. Das habe ich bei Melamkurkurra gemacht. Seine Art, rasch etwas zu tun, von dem er weiß, dass es eigentlich falsch ist, sich sozusagen selbst vor vollendete Tatsachen zu stellen, damit man dann nichts mehr ändern kann – so bin ich auch. Na ja, wahrscheinlich nicht auf ganz so schlimme Weise, aber ich kann jedenfalls ganz gut nachvollziehen, was in seinem Kopf vor sich geht.

Eine andere meiner bösen Figuren ist Melamkurkurras entfernter Nachfahr Iskibal Taskarin, der wie Melamkurkurra König über das Volk der Kussiten ist. (Die ganze Geschichte spielt in einer anderen Welt.) Er ist seinem Vorfahr gar nicht so unähnlich, aber bei ihm ist es noch offensichtlicher der Wunsch nach Sicherheit, nicht nach Rache, der ihm Böses als nun einfach notwendig erscheinen lässt.

Er lächelte, als er daran dachte, wie die Jaschuraner von ihm redeten – grausam, blutdürstig, sadistisch. Er, dem beim Anblick von Blut schlecht wurde und der als Kind geweint hatte, weil seine Katze sich verletzt hatte. Er, der nach dem ersten Krieg, den er miterlebt hatte, wochenlang kaum gesprochen, gegessen und geschlafen hatte.

 Iskibal konnte es nicht ausstehen, zu beobachten, wie Jaschuraner aufgehängt oder ausgepeitscht wurden […]. Er hatte in der Regel keine anderen Gefühle als Verachtung für andere Menschen, und es berührte ihn in dieser Hinsicht nicht, es war nur – abstoßend. Blut und Knochen und weiße, starre Glieder. Aber in der derzeitigen politischen Situation blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als die Jaschuraner mit aller Brutalität niederzuhalten.

 Nein, Iskibal Taskarin hatte nie Freude an Grausamkeit gehabt; er hatte Ruhe und Frieden stets über alles geschätzt. Ein ruhiger Abend mit einem guten Essen und einem schmackhaften Wein, und möglichst ohne Gesellschaft, war ihm sehr viel lieber als jede Hinrichtung, jeder Schaukampf und jede Schlacht. Er hatte nichts für Intrigen, Krieg und Chaos übrig. Er tat nur das, was nötig war; und er konnte sich gut verstellen.

Ich habe mehrere Dinge aus dem Aufschreiben dieser Geschichten gelernt: 1) Die Bösen sind einem sympathischer, als es einem manchmal angenehm ist, wenn man Geschichten aus ihrer Sicht schildert. 2) Irgendwann tun sie einem furchtbar leid. Und das meine ich nicht im Sinne von „Verachtung“, sondern ganz wortwörtlich im Sinne von „Mitleid“. Man fühlt mit ihnen mit und es tut einem weh, wie scheußlich sie ihr Leben kaputtgemacht haben, vor allem wenn sie irgendwann sterben und man ihren Tod beschreiben muss. Man wünscht sich, man hätte die Geschichte anders geplant, so dass sie am Ende noch bereuen, und fragt sich, ob man ihren Tod nicht anders gestalten könnte, ohne dass die ganze geplante Handlung beeinträchtigt wird. 3) Das Böse zu tun, ist nicht schwierig, wenn man nur in die entsprechenden Umstände gerät. Im Gegenteil, das Gute zu tun, wäre das Schwierige. Für einige meiner Figuren, die böse werden, wäre es in einigen Situationen ziemlich schwierig und auch ziemlich gefährlich, das Richtige zu tun. 4) Wenn Menschen ihr Handeln nicht ihrer Moral anpassen, passen sie irgendwann ihre Moral ihren Handlungen an. Ständig in offenem Widerspruch zu dem, was man selbst als richtig anerkannt hat, zu leben, ist nicht leicht. Also greift man zur Selbsttäuschung. Auch das habe ich Iskibal angedichtet, der im Lauf seines Lebens, vor allem, nachdem durch seine engsten Verwandten, darunter sein Cousin, mit dem er eine Zeitlang noch sehr eng befreundet war, Komplotte gegen ihn geschmiedet worden waren, ganz einfach ein Zyniker geworden ist:

Iskibal hatte nie viel von dem Konzept der Moral gehalten. Man hatte ihm nicht allzu viel Moral beigebracht, nur etwas darüber, dass es seine Pflicht war, die Ehre Kussas zu erhalten und zu mehren und die Angehörigen seines Volkes zu achten, und auch das hatte er nie verinnerlicht. Er hatte genug Heuchelei gesehen, um die meisten Menschen zu verachten; genug Dummheit, um nicht mehr an die Gleichheit aller Kussiten zu glauben; und die Ehre seines Volkes war ihm eine leere Formel geworden. Worum ging es ihnen in all ihren Kriegen? Um Sicherheit und Wohlstand. Es machte ihm nichts aus, das zuzugeben. Das waren nachvollziehbare Ziele. Jeder Mensch wollte Sicherheit und Wohlstand und war bereit, die Ansprüche anderer Menschen dafür zu verachten. Jeder dachte an seinen eigenen Vorteil; etwas anderes brauchte man von den Menschen nicht zu erwarten.

 Roljanon hatte damals zwar über Iskibals zynische Witze gelacht, aber nicht besonders viel dafür übrig gehabt. Er hatte über etwas gelacht, das Iskibal über diesen oder jenen Höfling gesagt hatte, und ihm dann erzählt, dass er nicht über alle Menschen in dieser Weise urteilen könne und angefangen, den letzten Fechtkampf im Theater zu analysieren. […]

 Bis die Verschwörung aufgedeckt worden war, hatte Iskibal seinem Cousin noch mehr oder weniger geglaubt, dass nicht jeder Mensch, zumindest ausschließlich, an seinen eigenen Vorteil dachte. Zumindest hatte er geglaubt, unterbewusst, dass Roljanon dies nicht tat. Sie waren fast wie Brüder aufgewachsen; und er hatte Roljanon geliebt wie einen Bruder. Manchmal war er von seinem einsilbigen, mürrischen oder besserwisserischen Verhalten genervt gewesen; aber wer war nicht manchmal von einem Bruder genervt? Er hatte nicht geglaubt und nicht erwartet, dass Roljanon alles an ihm, Iskibal, mochte. Aber er hatte, ohne sich dessen im Geringsten bewusst zu sein, Roljanon immer für bedingungslos treu gehalten. Er wäre nie auf die Idee gekommen, sich vor ihm in Acht nehmen zu müssen.

 […] Seit dieser Zeit hatte er nicht mehr erwartet, irgendeinen Menschen zu treffen, der nicht, wenn sich der entsprechende Grund und Anlass bot, zu einer Gefahr für ihn werden könnte. Manchmal hatte er Angst, paranoid zu werden; dann wieder wurde ihm klar, dass er sich nur vernünftig verhielt.

So, ich glaube, das war jetzt ein etwas deprimierender Artikel, deshalb will ich ihn nicht ganz so deprimierend enden lassen. Denn wenn alle Menschen böse werden können, heißt das ja im Umkehrschluss auch, dass alle Menschen gut werden können. Keiner ist automatisch gut oder böse; jeder ist das, was er aus sich macht. Und auch, wenn er etwas Schlechtes aus sich gemacht hat, ist es nie zu spät für ihn, gar nie.

Eine meiner liebsten Figuren in der oben erwähnten „I am Margaret“-Serie ist (neben den Hauptfiguren Margaret, Bane und Jonathan) ein Priester namens Father Mark. (In dieser Zukunft herrscht übrigens in Europa Christenverfolgung; die meisten der Hauptfiguren sind katholisch.) Father Mark hat eine ziemlich bewegte Vergangenheit. Er kam zwar ursprünglich aus einer christlichen Familie, hat dann aber eine Zeitlang für die Regierung gearbeitet und sich dann dem Widerstand angeschlossen, bevor er sich schließlich wieder bekehrte und Priester wurde. In Band 3 („Liberation“) fragt Margaret ihn danach:

“How did you become a priest, Father Mark?”

 “You don’t want Father Mark’s life story, surely?”

 “Yes, I do. I’ve wanted to hear it for ages.”

 “It might severly dent your rose image of me, you know.”

 “Were you an assassin for the Resistance and killed a lot of people?”

 “Well, the dent may not be that severe then. […]”

 […]

 “Suffice to say I’d just done something particularly despicable even by Resistance standards. […] I dont expect you can understand the despair I felt. […] Until some words crept into my mind. Thou shalt wash me, and I shall be whiter than snow. Though your sins are red like crimson, they shall be whiter than wool.

 “From the penitential psalms.”

Irgendwie gibt es eben doch immer einen Weg zurück. „There’s no such thing as an unforgiveable sin, you know“, um noch einmal Margaret (diesmal aus Band 4) zu zitieren.

 

[Update: Jetzt hab ich doch tatsächlich vergessen, Hannah Ahrendts so unglaublich treffenden Begriff der „Banalität des Bösen“ in den Artikel einzuarbeiten. Asche über mein Haupt. Das wird hiermit also offiziell nachgeholt.]

5 Arten von Predigten, die ich nicht leiden kann

1) Predigten, die eine halbe Stunde dauern und deren Kernaussage sich nicht wirklich erfassen lässt.

 

Und zwar deshalb, weil der Herr Pfarrer nicht über ein Thema predigt, sondern über ungefähr zehn. Erst einmal geht er vielleicht vom Evangeliumstext aus, dann kommt ein nicht sehr aussagekräftiges Zitat von irgendjemandem, dessen Namen man noch nie gehört hat, dann wird zur aktuellen Flüchtlingspolitik übergeleitet. „Und das Zweite Vatikanische Konzil hat betont… es gibt drei Möglichkeiten, so könnte man sagen, das in die Tat umzusetzen… so schreibt Papst Franziskus auch, dass… der Dichter X hat einmal gesagt… dann könnte man die folgenden vier Punkte betrachten… Der Philosoph Y hat einmal gesagt…“

Man würde ja gerne abschalten und sich auf irgendein Gebet konzentrieren – Zeit dazu wäre ja –, aber leider kann man das nicht so einfach.

Liebe Priester: Wir sind hier nicht bei den Protestanten. Die Predigt ist nicht der Kern des Gottesdienstes! Und selbst wenn sie es wäre, wäre es ganz sinnvoll, wenn man hinterher irgendeine konkrete Aussage mitnehmen könnte.

 

2) Wissenschaftlich-objektiv klingen sollende Lebensbeschreibungen von Heiligen

 

Kennen Sie das auch? Sie gehen immer nach St. Kolumban, und irgendwann im Jahr kommt nun einmal der Festtag des heiligen Kolumban, also beschließt der Herr Pfarrer, dass doch etwas über den heiligen Kolumban gesagt werden muss, und in der Messe verkündet er dann nach dem Evangelium vom Ambo, dass er die liebe Frau Pastoralreferentin gebeten habe, etwas zum Leben des heiligen Kolumban herauszusuchen und winkt sie an den Ambo. Man erwartet bei der Frau Pastoralreferentin eh schon keinen wirklich fesselnden Predigtstil, und erwartungsgemäß verläuft die Predigt dann ungefähr so:

„Kolumban ist der Name zweier Heiliger des frühen Mittelalters. Unsere Pfarrkirche ist Kolumban dem Jüngeren geweiht. Kolumban wurde um das Jahr 540 in Irland geboren und gilt als wichtiger Glaubensbote der Franken und auch der Alemannen in der heutigen Schweiz und am Bodensee… kam es zu einem Konflikt mit den fränkischen Bischöfen um den Termin des Osterfestes… zog er mit seinen Gefährten in Richtung… gründete er ein Kloster in… starb er am 23. November 615… Mönchsregel gab prägende Impulse für das entstehende westliche Mönchtum… dargestellt wird er oft mit…“ Man merkt sehr deutlich, was die Frau Pastoralreferentin vermitteln will: Sie gibt hier nicht irgendwelche hagiographischen Legenden wieder, sondern wirklich nur historisch gesicherte Tatsachen, wir sind ja hier wohl nicht mehr im Mittelalter, also bitte.

Bitte: Wenn man über Heilige predigt, dann sollte es darum gehen, inwiefern diese Heiligen ein Vorbild für die Leute sein können, die dieser Predigt zuhören. Es gibt einen Platz für wissenschaftliche Darstellungen, und der ist zum Beispiel in einem universitären Seminar über den Einfluss irischer Wandermönche auf die frühmittelalterliche Kirche in Westeuropa. Da gibt es dann nämlich auch tatsächliche wissenschaftliche Darstellungen und nicht dieses bemüht hochgestochen-objektive Geschwafel, das ziemlich deutlich von Wikipedia abgeschrieben wirkt und uns über das, was dem Heiligen wichtig war, wie er dachte, was er tatsächlich bewirkte und was er uns noch angeht, sehr wenig sagt. Es wäre, kurz gesagt, ganz sinnvoll, sich erst zu überlegen, ob die Leute sich dafür interessieren könnten, was man predigt, ehe man predigt.

Die Frau Pastoralreferentin tritt ab. Der Herr Pfarrer kommt wieder zum Ambo, sagt ein herzliches Vergelt’s Gott für diese schöne Darstellung des Lebens und Wirkens des heiligen Kolumban, fügt ein paar Worte hinzu, die auch nichts wirklich Interessantes mehr hinzufügen, und leitet dann – endlich! – zum Credo und den Fürbitten über.

 

3) Gewollt pädagogisch-lebensnahe Predigten mit Hilfsmittel

 

Solche Predigten können einem besonders in Kinder- oder Jugendgottesdiensten unterkommen. Bereits wenn man die Kirche betritt, sieht man, dass im Alterraum eine Art Matte oder Wolldecke liegt, vorzugsweise in scheußlichem Orange, das so wunderbar mit der betongrauen Sechziger-Jahre-Architektur des Kirchengebäudes harmonisiert. Darauf befindet sich dann das besagte Hilfsmittel: Vielleicht ein paar aufgetürmte Ziegelsteine oder eine Topfpflanze oder ein Stock oder eine Nachttischlampe oder ein paar Pappschilder, die sehr nach selbst gebastelt aussehen.

Nach den Lesungen und dem Evangelium (in dem dann oft irgendein Gleichnis vorkommt, etwa vom Senfkorn oder dem guten Hirten, oder vom „Licht der Welt“ o. Ä. die Rede ist) beginnt dann nicht gleich die Predigt, sondern stattdessen kommen eine Dame und ein Herr vom Kindergottesdienstvorbereitungsteam zusammen mit drei oder vier Kindern im Grundschulalter nach vorn. Erneut wünscht man sich, die Gabe zu besitzen, einfach seine Ohren zumachen zu können – so wie man das mit den Augen tun kann, wenn man die orangefarbene Wolldecke nicht sehen will. Die Dame nimmt sich das Mikrofon und beginnt langsam und überdeutlich zu sprechen. „Heute spricht Paulus in seinem Brief von der Kirche. Und wisst ihr, wer damit gemeint ist? Wir alle! Wir alle gehören da dazu! Und da sagt Paulus, dass jeder von uns so ist wie ein Stein – wie so ein Ziegelstein wie die, die wir da hinten aufgebaut haben. Und wer weiß, was man aus so Ziegelsteinen so bauen kann?“ Die Kinder in den vorderen Reihen zögern; aber irgendwann meldet sich eins, weil es sich wohl denkt, irgendwer muss ja doch, und die Dame läuft rasch hin. „Eine Mauer!“ sagt das Kind ins Mikrofon. Das war es nicht, worauf die Dame hinaus wollte. „Äh, ja, und was kann man denn sonst vielleicht noch bauen?“ beginnt sie wieder. Irgendwann meldet sich ein zweites Kind. „Ein Haus“, heißt es diesmal, und nun ist die Dame zufrieden. „Genau! Ein Haus! Und in so einem Haus, da ist jeder Stein wichtig!“ Nun sind die mitgebrachten Kinder an der Reihe. Der Herr reicht jedem von ihnen einen Ziegelstein von der orangefarbenen Wolldecke und sie dürfen nach vorn treten und leise und etwas steif in das Mikrofon sagen, das die Dame ihnen unter die Nase hält, was sie vorher auswendig gelernt haben. („Mein Stein steht für X.“, „Mein Stein steht für Y.“, „Mein Stein steht für Z.“)

Die ganze Gruppe setzt sich wieder, der Priester kommt nach vorn und übernimmt das Mikro. Er fügt noch einige Erläuterungen hinzu, während denen er auch immer wieder auf den wieder aufgetürmten Ziegelsteinhaufen deutet und den Ziegelsteinvergleich schließlich bis ins Letzte ausreizt. Schließlich ist es vorbei, und man fragt sich vage, ob sich Kinder eigentlich ernst genommener fühlen, wenn man sie in eine richtige Erwachsenenmesse mitnimmt oder wenn man sie mit Ziegelsteinen Theaterstückchen aufführen lässt.

 

4) Predigten zum Bibeltext, die den Bibeltext wegerklären wollen

 

Der Satz, der mich in einer Predigt bisher am meisten aufgeregt hat, war: „…können wir vielleicht annehmen, dass diese Stelle eher sekundär dazu gekommen ist…“

Auf Deutsch übersetzt heißt das: „Mir passt diese Aussage nicht, also gehe ich mal davon aus, dass Jesus das nicht so gesagt hat und irgendjemand das eben irgendwann einmal in den Bibeltext eingefügt hat.“

Okay: Es gibt – auch in den Evangelien – Stellen, die auf den ersten Blick unverständlich oder seltsam erscheinen. Aber deshalb muss jeder Mann, der zum Priester geweiht werden möchte, auch zuerst einmal 10 Semester Theologie studieren. Da sollte er zumindest mitbekommen haben, dass es hilfreiche Bibelkommentare, die Catena Aurea und ähnliche Quellen gibt, aus denen man sich über den Urtext, den historischen Hintergrund und mögliche Interpretationen informieren kann, wenn man eine Bibelstelle nicht versteht. Ein Priester ist dafür ausgebildet, den Leuten, die diese Ausbildung nicht haben, die Heilige Schrift zu erklären. Nicht dafür, sie wegzuerklären.

Wenn ich als Katholikin in eine katholische Messe gehe, habe ich den Anspruch, dass der katholische Priester die Lesungen aus katholischer Sicht auslegt (oder meinetwegen aus katholischer Sicht etwas zum Festtag sagt, oder beides verbindet). Und ein katholischer Priester sollte nicht – übrigens ohne jede Begründung – erklären, dass Jesus das da vielleicht ja so gar nicht gesagt habe, sondern er sollte die Heilige Schrift als Heilige Schrift annehmen, die nicht er nach seinen Maßstäben zu beurteilen hat, sondern die ihm seine Maßstäbe vorgibt. Wenn er das nicht tun will, schön, aber dann befindet er sich in der falschen Kirche.

 

5) Predigten, deren Kernaussage darauf hinausläuft: „Wir müssen die Gebote halten, damit wir nicht in die Hölle kommen.“

 

Das sind – anders als die oben genannten Beispiele – Predigten, die man eher von den konservativeren Priestern zu hören bekommt. Die laufen dann ungefähr so ab: „An dieser Stelle spricht unser Herr vom Gericht, das… Christus sagt klar und deutlich, dass es wichtig ist, die Gebote zu halten, ja: unbedingt notwendig… das Ziel, das Gott uns verheißt, ist der Himmel… um dieses Ziel zu erlangen, müssen wir standhaft bleiben und Seinen Willen erfüllen… wir müssen unsere Sünden anerkennen und umkehren… das ist nicht immer einfach, aber sehr wichtig… achten wir darauf, unser ewiges Ziel nicht zu verfehlen… denken wir daran, wir werden eines Tages vor Gott Rechenschaft ablegen müssen… die Sünde muss man ernst nehmen…“ Zu guter Letzt wird am Ende auf die vermehrten Beichtgelegenheiten hingewiesen, die es jetzt in der Fastenzeit gibt.

Ich weiß: Es ist gut gemeint. Es ist absolut gut gemeint. Und hier wird auch nicht mit der Hölle gedroht, hier wird gewarnt. Der junge Kaplan, der hier kein besonderes Talent zum Predigen hat, meint es wirklich gut; er denkt sich einfach, dass es wichtig ist, auch einmal die Sünde und das Gericht anzusprechen, weil ja jeder Mensch damit konfrontiert ist und sein wird, und dass es in diesen Dingen Ehrlichkeit statt schönfärberischem Selbstbetrug braucht. Im Übrigen bezieht er sich selbst in den Adressatenkreis seiner Mahnungen mit ein. Er sagt auch an sich nichts Falsches. Aber: Besondere Bekehrungserfolge würde ich ihm nicht voraussagen.

Denn es gibt viele Leute, die zwar ab und zu mal in die Kirche kommen, oder gerade jetzt an diesem Sonntag eben zufällig da sind, weil die Messe für den vor einem Jahr verstorbenen Großvater gefeiert wird und es sich irgendwie gehört, hinzugehen, die aber vom katholischen Konzept von Sünde, Hölle und Himmel nicht wirklich viel Ahnung haben. Und deshalb sollte man vielleicht zuerst einmal deutlich machen, dass der Himmel ganz einfach die Gemeinschaft mit Gott bedeutet und die Hölle das Fernsein von ihm; dass Sünde Beziehungsabbruch ist; dass Lügen, Neid, Geiz oder Gleichgültigkeit Beziehungen zerstören, zu anderen Menschen und damit auch zu Gott, dass sie immer Schaden anrichten, den ein guter Gott nicht einfach gutheißen kann, dass die Sünde den Menschen von Gott, dem Nächsten und sich selbst entfremdet, dass Gott unser wahres Glück will und seine Gebote nicht willkürliche Anweisungen sind, denen wir einfach zu folgen haben, sondern dass sie Wege zu diesem Glück sind, dass Gott alle Menschen bei sich haben will, aber der freie Wille des Menschen aus dummer Selbstsucht und Stolz nein zu Gott sagen kann und der Mensch sich damit selbst unglücklich machen wird, etc. etc.

Sonst gehen diese Menschen, denen diese Hintergrundinformationen nicht präsent sind, weil sie sich einfach nicht regelmäßig in katholischen Kreisen bewegen, nämlich wieder mit einer Bestätigung ihres Kirchenbildes weg: Die Kirche droht eben wie immer mit einem strafenden Gott, der die Leute, die ihren kleinlichen Geboten nicht Genüge tun, in seinen Feuerofen wirft. Diese Kirche kann man offensichtlich abhaken. Ein solches Vorurteil wollen wir doch nicht auch noch fördern, oder?

Noch für eine andere Gruppe von Menschen sind solche Predigten eher ungeeignet, nämlich für Skrupulanten wie mich. Die denken nämlich eh schon genug an die Notwendigkeit von Gottesfurcht und Gehorsam und Bekehrung und Beichte und an das Gericht und Gottes Ansprüche und dass man es sich nicht zu einfach machen dürfe. Und den gesunden, gut informierten Gläubigen wird eine solche Predigt zwar nicht besonders stören, aber wahrscheinlich auch nicht besonders inspirieren.

Der hl. Franz von Sales hat einmal gesagt: „Man fängt mehr Fliegen mit einem Löffel voll Honig als mit einem Fass voll Essig.“ Und der muss es wissen, er hat immerhin eine ganze calvinistische Region bekehrt. Also bitte lieber etwas positivere Predigten.

 

Wenn die geschätzten Leser noch weitere nervige Predigtarten kennen, immer her damit! 😉