Klarmachen zum Auftauchen! – zu einem Artikel von Jonas Lietz bei katholisch.de

Ein Gastbeitrag von Nepomuk.

 

Hja hja. Heute ist zwar noch Gaudete, aber Weihnachten kommt zweifellos mit ganz großen Schritten auf uns wieder zu. Alle Jahre wieder kommt dahas Christuskind, und mit dem Christuskind kommen anscheinend auch alle Jahre wieder dieselben Diskussionen. In der Beziehung hat katholisch.de einen Artikel von „ihrem Autor“ Jonas Lietz veröffentlicht, der den Titel hat: „Schluss mit dem Gerede über ‚U-Boot-Christen’“. Nun löst es leider Gottes kein großes Wimpernzucken aus, wenn katholisch.de falsch liegt. Ein etwas größeres, aber auch nicht so großes Wimpernzucken lösen sie aus, wenn sie dann und wann mal richtig liegen. Hier aber mischen sich Zutreffendes und Unzutreffendes, Oberflächlichkeit und Detailtiefe, so daß es nicht möglich ist, dazu ja und nein zu sagen und es sich – denke ich – lohnt, das einmal der Reihe nach aufzudröseln. Zumal das Thema eh immer dasselbe ist und alle Jahre wiederkehrt. (Zitate stehen im Folgenden nicht notwendig in der Reihenfolge des Artikels.) – Hätte übrigens Lietz nach der Überschrift einen Punkt gemacht, wäre er nicht zu kritisieren; damit hat er für sich genommen Recht. Aber der Reihe nach, d. h. in logischer Ordnung.

Zu Weihnachten kommen sie wieder in die Kirche – die „U-Boot-Christen“, die den Rest des Jahres meist untergetaucht sind und sich nicht im Gottesdienst blicken lassen. Das kirchlich „Stammpublikum“ rümpft deshalb gelegentlich die Nase.

Ja, das tut es; für die Anführungszeichen und für das „gelegentlich“ dürfen wir uns bei Lietz übrigens bedanken.

Aber in jedem Gericht ist dem Angeklagten das Recht einzuräumen, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen; es macht einen Unterschied aus, ob einer einen unvermittelt ohne Grund mit einem Faustschlag zu Boden streckt oder ob er es tut, nachdem er stundenlang kontinuierlich von ihm mit heftigen Beleidigungen traktiert worden ist. – Zum vollen Bild gehört eben auch, daß Weihnachten für den Gläubigen eine anstrengende Zeit ist. Ganz anders als Ostern, Pfingsten oder Fronleichnam; ja sogar als Fronleichnam, das mit Weihnachten inhaltlich sehr viel zu tun hat (man könnte es das Weihnachten des Sommers nennen, und bis in das letzte Jahrhundert hinein hatte es, habe ich zumindest mal gehört, sogar die Weihnachtspräfation [was ich jetzt nicht nachprüfen kann] und das gerade vom „Stammpublikum“, soweit es nicht verhindert ist, in der Regel einen erheblichen Aufwand an Organisation und Einsatz einheimst. Ein – sagen wir – Vereinsvorstand, der dafür sorgen muß, daß sein Verein möglichst vollzählig erscheint, und zwar am besten pünktlich zur Messe – und die ist früh, schon allein, weil die Prozession ja nachher auch noch dauert und man spätestens halb eins beim ebenfalls traditionellen und gut katholischen Festessen sein will –, daß die Fahnenträger rechtzeitig abgelöst werden, daß die Prozessionsaufstellung bei aller Liebe zur katholischen Légèrität vielleicht nicht ganz den Eindruck eines wilden Haufens macht, daß bei aller Liebe zur katholischen Légèrität vielleicht schon auch gebetet und gesungen und nicht die ganze Zeit geschwätzt wird, und dann selber mitläuft, während die Sonne auf den möglicherweise noch glatzkopfigen Schädel brennt – sicher, er könnte einen Hut aufsetzen und ihn dann nur beim Vorbeimarsch am Allerheiligsten sowie zum Segen abnehmen, er würde sich dazu für berechtigt halten, aber er sagt sich, nein, das schaff ich jetzt auch so: natürlich hat der einiges am Hut (diesen aber wie gesagt nicht auf). Aber Streß in dem Sinn, wie ihn der gläubige Katholik an Weihnachten hat, hat er nicht. Das ist anstrengend, macht Spaß, und das Bier danach schmeckt umso besser.

Mit Weihnachten ist das ja so. Eben noch waren wir so richtig in unserem katholischen Element – ich spreche halb im Scherz –, haben das Dies irae geschmettert, die lieben Verwandten am Grab besucht und nebenbei noch in Habtachtstellung ein bißchen der Gefallenen der letzten Kriege gedacht (der Volkstrauertag ist formell ein staatlicher Feiertag, in der Fläche aber de facto eine kirchliche Zelebration). Das alles, nicht zu vergessen, übrigens getragen von einer echten Hoffnung auf das Wirksamwerden der Erlösung an uns und an unseren Geliebten. „Jetzt erst erhebt sich das Leben, das ohne Beispui is auf dera Welt“ (der Brandner Kasper gehört zu jedem Allerheiligen!). Unsére wahre Heimat ist im Himmel, und wir werden die Braut des Lammes sehn. (Ich kann auch halbcharismatische Gesänge, so ist das nicht.)

Und nun heißt es auf einmal Advent. Am Ende ist der Advent noch kurz. Und der Advent wäre ja auch eigentlich sehr schön – auch wenn es schon ein wenig seltsam ist, daß sich die ganze säkulare Welt einen schönen 1. Advent, einen schönen 2. Advent usw. wünscht. Wenn mir ein Glaubensbruder einen schönen Aschermittwoch, einen schönen ersten Fastensonntag oder eine schöne Karwoche wünschen würde, dann würde ich mir denken, er hat im Prinzip Recht, aber ein wenig auf seiner Frömmigkeit herumreiten tut er schon. (Laetare ausdrücklich ausgenommen.) Nun ist der Advent nicht (mehr) in der Weise eine in gewissem Rahmen auch moralisch und kirchenrechtlich verpflichtende Bußzeit, wie es die Fastenzeit ist. Aber trotzdem.

Wie gesagt: Natürlich könnte der Advent schon schön sein, aber die Dauerwiederkehr der Dauerdiskussionen macht ihn nun nicht gerade schöner. Dazu gehört witzigerweise genau die Frage, ob der Advent denn nun eigentlich noch so richtig der Advent ist. Angeblich war er ja mal eine „staade Zeit“, wobei ich mir schon die Frage stelle, ob das jemals so war oder ob das nur eine überinterpretierte Übersetzung des Rechtsbegriffs „tempus clausum“ ins Bairische ist, also eine Zeit, in der (nach ehemaligem Recht) keine Hochzeiten, außer Nottrauungen ohne Feier, stattfinden durften und auch das ausgelassene Feiern besser unterlassen werden sollte. (Auf den Punkt komm ich übrigens noch, keine Angst, so schlimm wird es nicht.) Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest waren es schließlich schon nötig, als noch Seine Königliche Hoheit der Herr Prinzregent regierte. Zumal geradezu auffällt, wie sehr der Ausdruck „staade Zeit“ heute noch passen würde – nur auf eine etwas andere Zeit, nämlich gerade die Weihnachtszeit, etwa vom Abend des Stephanitags bis Heilig Drei König einschließlich, unterbrochen vom Silvesterabend.

Aber gut. Erstmal sollte man – ich kann das nur empfehlen – schon vor Adventsbeginn, und zwar nicht allzulange davor, gebeichtet haben. Man mag sich denken, sicher, eigentlich ist doch der Advent die Vorbereitung auf Weihnachten, und (das kann ja sein) zufällig hab ich auf (sagen wir) Kirchweih hin gebeichtet und seither meines Wissens keine schweren Sünden mehr begangen. Wieso soll ich mich auf die Vorbereitung vorbereiten? Nun, aus praktischen Gründen. Damit der Streß nicht noch schlimmer wird. – Dennoch wird sich der Katholik in der Regel eine Adventsbeichte vornehmen, mancher wird sogar auf Immaculata hin beichten wollen. (Es sei hier für den Mitleser angemerkt, daß so eine Beichte zwar je nach Ausführlichkeit des Beichtvaters – und näherungsweise völlig unabhängig von der Anzahl der Sünden – in spätestens fünf bis zehn Minuten erledigt sein sollte, dazu, wenn man sehr gründlich ist, zehn Minuten Vorbereitung mit einem guten Beichtspiegel und zwanzig Minuten Anstehen erledigt ist, aber dennoch Überwindung kostet, bis sie erledigt ist, und einen insofern durchaus einen Nachmittag hin mitnehmen kann.)

Dann müssen die Weihnachtsgeschenke gekauft werden. Übrigens, nein, die Abhilfe „wir machen bei der Schenkerei nicht mit“ kann ein Katholik ebenso wenig mitmachen, wie er zum Beispiel Vegetarier sein kann. (Bitte genau lesen: Das meine ich nämlich genau so, wie ich es sage. Denn technisch gesehen kann ein Katholik selbstverständlich Vegetarier sein – und gerade ebenso kann er technisch gesehen auf das Schenken zu Weihnachten verzichten. Nur ist das eine wie das andere letztlich praktisch der Ausdruck einer in dermaßen vielen Punkten nachweislich mit dem katholischen Standpunkt nicht vereinbaren Ideologie und verursacht außerdem eine dermaßen massive Absonderung von der Gesellschaft, zu der wir am Ende des Tages doch alle gehören, aus unnötigem Anlaß, ja sogar gerade in den Punkten, die eigentlich gut an ihr sind – damit übrigens auch der notwendigen Absonderung von der Gesellschaft, wo der Glaube sie erfordert, eher im Weg stehend -, daß ich persönlich eine solche Entscheidung des Katholiken nicht nachvollziehen kann. Aber wie gesagt: ich würde nicht zögern, ein Verhalten zu verurteilen, das verurteilenswert ist; dieses verurteile ich nicht.)

Warum jedenfalls die Ideologie falsch ist, wäre das Thema einer anderen Erörterung.

Dann hat man Arbeit; und so viel liturgischen Verstand haben die meisten tatsächlich (interessanterweise sogar die meisten säkularen Zeitgenossen), daß sie den Urlaub in der Oktav nehmen und in der Weihnachtszeit und nicht während des Advent.

Dann fordert auch der eigene Stolz (geben wir es ruhig zu), es wenigstens einmal zu einer Roratemesse zu schaffen und vielleicht die eine oder andere Verzichtsübung zu leisten, auch wenn das keine Pflicht ist.

Dann sind natürlich die ganzen Weihnachtsfeiern und Christkindlmärkte, wo dem Autor übrigens völlig zuzustimmen ist, wenn er sagt:

Was ist verwerflich daran, wenn sich Kollegen nach getaner Dienstzeit auf einen Glühwein treffen und so außerhalb des Arbeitsplatzes womöglich zu einem besseren Miteinander finden?

Gar nichts. Nur – und damit sage ich nicht, daß man sich nicht beteiligen sollte – nimmt das halt auch Zeit weg. Aber das findet nunmal im Advent statt; und ich kann ehrlich gesagt auch nicht sehen, wann die Leute das auch in einer idealen Welt sonst tun würden, denn auch in einer idealen Welt würden sie, wie jetzt, in den Weihnachtswochen Urlaub machen und damit hierfür nicht zur Verfügung stehen. Manchmal muß man Dinge eben in Kauf nehmen.

Hja-hja. Und zu allem kommen dann doch die anderen ewigen Dauerdiskussionen. Die, die Jonas Lietz – durchaus dankenswerterweise – anspricht. Vielleicht haken wir sie in aller Kürze noch ab:

Da ist es völlig unangebracht, wenn Statio oder Homilie geradezu ausgenutzt werden, um denen, die sich aufgemacht haben und erwartungsvoll versammelt sind, vorzuhalten, wie schlimm doch die alljährliche Konsumsucht, das Weihnachtsmarkttreiben oder aber der häusliche Lichterschmuck seien.

Konsum ist entgegen anderslautenden Gerüchten bei uns prinzipiell etwas Gutes. Und ja, es gibt theoretisch auch so etwas wie ein Übermaß. – Übrigens, newsflash! Ein Maß, das bei einer verschuldeten Familie am Werktag „Übermaß“ ist, kann bei einer wohlhabenden Familie am Weihnachtstag durchaus ein Akt der frommen Festgestaltung und fast schon moralisch verpflichtend sein (ich sagte „fast schon“). Unsere Moral ist viel schöner, angenehmer, menschlicher und zum Leidwesen der Moralisierer viel weniger auf das Vermeiden und Minimieren gewisser materieller Substanzen zu vereinfachen,, als sich Hinz und Kunz es so vorstellt. – Jedenfalls aber kann man an Weihnachten sowieso nicht zur Tugend der Mäßigung predigen, eben weil das Finden des rechten Maßes eine im Detail so komplizierte, aber auch, vielleicht gerade deswegen – Gott ist ja niemand, der uns reinreiten will – nur selten die Gefahr der Sünde, zumindest der schweren Sünde mit sich bringende Angelegenheit ist. Ein „Publikum“, um aus pragmatischen Gründen Lietzens Ausdruck zu verwenden, das zum einen Teil aus Leuten, die sonst nie kommen, und zum anderen aus Leuten, die gerade eine Bußzeit hinter sich haben, besteht, will an einem Tag, an dem eine Großtat Gottes gefeiert wird, verständlicher- und legitimerweise von Detailfragen der moralischen Alltagsgestaltung nichts hören.

– Übrigens sind Weihnachtsfeiern im Betrieb, gemütliches Beisammensein mit alkoholischen Getränken usw. auch gerade keine Beispiele für die ausgelassenen Feiern, die den Gläubigen früher tatsächlich untersagt waren und die, für die Strengeren – aber auf legitime Weise Strengeren –, vielleicht tatsächlich mit dem Charakter des Advents ein wenig auch heute noch über kreuz stehen. Da sind nämlich eigentlich Tanzveranstaltungen und dergleichen gemeint.

Tja, und dann hört man sich von den Vegetariern all das Gejammer um die armen Gänse an. (Gäbe es einen Gänsehimmel, würde dort ein roter Teppich ausgerollt werden, und die anderen Gänse würden sich vor der Weihnachtsgans verbeugen und respektvoll schnattern: „gack, wieder eine von unseren Schwestern hat es geschafft, gack, gack“, aber das nur nebenbei.) Und – das ist leider kein Witz – einige bedauern sogar die Tannenbäume und führen somit das ganze Prinzip ad absurdum. (Daß der Christbaum nachher häufig, ganz CO2-neutral, zur Wärmegewinnung verfeuert wird und man an seiner statt sonst eh anderes Holz gebraucht hätte – geschenkt.)

Aber – und wir nähern uns dem Thema – bedauerlicherweise reden die Prediger an Weihnachten gern darüber, und wenn nicht das – ich halte Konsumkritik in Weihnachtsgottesdiensten aus meiner Erfahrung eher für ungewöhnlich – dann doch irgendwelche teils recht banalen Alltagsmoralitäten, wohl aus dem Gedanken heraus, den Leuten wenigstens irgendetwas mitzugeben. Das liegt aber – und hier nun wäre ein entscheidender Kritikpunkt an Lietzens Artikel anzubringen – nicht daran, daß die Kirche „uneinladend“ ist, sondern leider genau daran, daß sich der Prediger bemüht, einladend zu sein.

Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd. Also denke ich mich mal in so einen Nur-Weihnachts-Kirchbesucher hinein. Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer eindringlichen Ermahnung im Stile von „Seid nett und friedlich zueinander, besonders wenn ihr in der Staatslenkung tätig seid“ (selbst wenn das richtig ist, was auch der letzte Teil hier noch ist; zum Teil trauen sich aber, was nicht ganz unbekannt ist, Prediger hier auch übertriebenen Sachverstand zu) und einer Mischung aus Hymnus und Vorlesung über zehn oder fünfzehn Minuten, wo jede Menge Griechisch à la „hypostatische Union“ vorkommt, hätte, dann denke ich schon, daß ich mich ziemlich sicher für letztere entscheiden würde. Ich würde dann halt etwas schlafen derweil. (Nein, rausgehen, mit Kniebeuge, und eine rauchen würde ich nicht. Sowas trauen sich nur praktizierende Katholiken.)

Und um den Fernstehenden was zu bieten, werden zum Teil regietheaterartige Christmettengestaltungen aufgeführt, wo einen das ungute Gefühl beschleicht, die ganzen Pastoralreferentinnen und Gemeindereferentinnen müßten irgendwie ihre Existenz rechtfertigen, und die Gschaftelhuberinnen der Pfarrgemeinde auch noch irgendwie untergebracht werden. –

– Ist es uns da zu verdenken, wenn sich da der eine oder andere denkt: und das alles wegen dieser Fernstehenden, die ohnehin kein Interesse haben und auch keines haben werden, denen es im Bestfall um das liebliche Menschenkind geht, wie es ja auch Lietz mit Zustimmung (!!) zu schreiben scheint:

Ein Kind wird geboren und wird von all jenen als Wunder empfunden, die es bestaunen dürfen.

– aber nicht mehr, als es ihnen beim Besuch eines Neugeborenen in unseren Tagen auch gehen würde* und denen man die zugegebenermaßen geringen Chancen, sie irgendwie zur richtigen Religionsausübung zu locken, tendenziell eher noch verbaut?

Natürlich geht das, was Jan Böhmermann, von Lietz zitiert, kritisiert, also daß an die treuen Kirchenbesucher Sitzplatzkarten vergeben werden – es scheint eine tatsächliche Begebenheit zu sein; natürlich könnte man sich auch gut vorstellen, daß er sich das als der gewiefte Satiriker, der er ja von Berufs wegen ist, als satirische Zuspitzung zweifellos real existierender Gefühlslagen, ausgedacht hat – nicht. Sein Beispiel ist übrigens eine protestantische Gemeinde, wo die ganze Zeit gesessen wird; bei uns ist das nicht so wichtig, und die frommen Katholiken sind meistens auch so mitdenkend, daß sie mit ihren katholischen Knien gern den anderen den Sitzplatz überlassen und mit dem Steinfußboden vorliebnehmen – oder das als Buße für Zuspätkommen annehmen. Aber ausnahmsweise will ich gar keine Protestantenfresserei betreiben; die Gefühlslage, wie immer sie sich konkret äußert, gibt es ja schließlich tatsächlich auch bei uns.

Wir kommen nun zur interessanten Frage: aber was sollen wir denn tun?
Nun: „Schluß mit dem Gerede über U-Boot-Christen“ ist, ich sagte es schon, tatsächlich richtig. Schon weil der Begriff falsch ist (mag er auch noch besser als das implizit den Sakramentscharakter – Leute, die den Begriff nicht kennen, bitte nachschlagen – leugnende Wort „Taufscheinchristen“ ist). Schon allein deswegen, weil ein U-Boot, wie alle Filmfreunde wissen, nur bei Feindberührung taucht und die meiste Zeit tatsächlich über Wasser fährt. Es taugt also viel mehr als Bild für die Christen, die in kritischer Lage begründet dem Sonntagsgottesdienst fernbleiben, sonst aber immer da sind – also gerade die andere Kategorie. (Ja gut: ein konventionelles. Atom-U-Boote machen das wohl anders.) Dann auch, weil „der ist wie ein deutsches U-Boot; er taucht immer wieder auf“ doch durchaus einen positiven Unterton hat. Und schließlich, weil man ein „Christ“ nicht durch das Praktizieren des Christentums wird, sondern – sehr vereinfacht gesagt: durchs Getauftsein und durchs Glauben. (Ich verwende dabei, Anmerkung für Protestanten, den Begriff „Glauben“ im katholischen Sinn: er bedeutet das Fürwahrhalten von Wahrheiten, vereinfacht gesagt – oder beim Getauften zumindest: sich nicht bewußt dagegenstellen, denn im Zweifel zugunsten des Angeklagten. Mit dem Praktizieren hingegen hat der Glaube, etwas vereinfacht gesagt, erst dann zu tun, wenn das Adjektiv „lebendiger“ davorkommt.)

Das ist aber der einzige Kritikpunkt; an einem Begriff, nur einem richtigen, für diese Art Gläubige, ist nichts auszusetzen. Ich schlage in Ermangelung eines besseren Einfalls „Weihnachtskirchgänger“ vor.

Nach dieser etwas langen allgemeinen Erörterung noch zu dem, was Jonas Lietz sonst so sagt:

Alle Jahre wieder geht ein Raunen durch die Bänke, wenn zum Krippenspiel oder zur Christmette Menschen in den Kirchen auftauchen, die im Laufe des übrigen liturgischen Jahres eher untergetaucht zu sein scheinen.

Nein, tut es nicht: Wir raunen nämlich nicht über Altbekanntes. Wir seufzen höchstens. Und zum Krippenspiel – ja, das ist doch quasi eine Veranstaltung speziell für die Weihnachtskirchgänger und wird gerade deswegen von den anderen doch eher gemieden, Familien mit kleinen Kindern vielleicht ausgenommen. In der Christmette übrigens sind etwas weniger Weihnachtskirchgänger anzutreffen, und es wären noch weniger, wenn man sie auf die traditionelle Uhrzeit von 24 Uhr legen würde. Man sitzt ja schließlich nach geschehener Bescherung beim Abendessen und hat schon zwei Glas Sekt getrunken. (Das ist ungefähr eine Halbe Bier und somit ab 21 Jahren und bestandener Probezeit durchaus ein Quantum, mit dem man noch Auto fahren darf, aber im Einhalten derjenigen Moralvorschriften, die es gar nicht gibt, waren unsere moralisierenden, ja nicht ungläubigen, aber wo-denken-Sie-hin auch keineswegs praktizierenden Mitmenschen ja immer schon groß.)

anstatt sie freundlich in den Gemeinden und zum Mitfeiern willkommen zu heißen.

Eine Extraeinladung (bei uns als Kinder war „der braucht eine Extraeinladung“ übrigens kein Lob“ würden sie aber, egal, wie sie gemeint war, als Kritik – oder aber als Akzeptanz ihres Verhaltens – oder vielleicht gar als beides interpretieren. Wir wollen nichts von alledem – die Kritik, wenndann, muß in der Predigt kommen, und zwar – wenndann – unkaschiert. Also sagen wir hier am besten nichts.

Unterschlagen werden sollte zudem nicht, dass es oft bestimmte Gründe hat, dass Menschen – Heiligabend ausgenommen – den Gemeinden eher fernbleiben. Fühlen sie sich aufgenommen und mit ihrer jeweiligen Lebenssituation angenommen? Haben sie schwerwiegende Erfahrungen machen müssen?

Die Kirche, insbesondere die Sonntagsmesse, ist aber keine fakultative Veranstaltung. Über ihr steht in großen Buchstaben geschrieben: „Du mußt.“ Und das ist auch gut so, denn dadurch muß ich nicht immer erst nachdenken, ob ich mich denn nun mit meiner jeweiligen Lebenssituation angenommen fühle, ob ich komme. (Das wird übrigens z. B. ein praktizierender Schwuler nicht fühlen und soll es auch gar nicht fühlen. Im Bestfall fühlt er sich trotz seiner Lebenssituation angenommen, aber keinesfalls in ihr.)

Außerdem, was gibt es Schöneres als einen klaren Befehl, der einem keine Gewissensprobleme macht und ohne großen Aufwand ausgeführt werden kann? (Manchmal beginnt man zu verstehen, warum die Leute früher vom Militär als der „Schule der Nation“ geredet haben.)

– Die Weihnachtspredigt könnte übrigens durchaus genau das ansprechen; die Weihnachtskirchgänger hören es ja sonst nirgendwann. Man braucht ja nicht gleich mit der Hölle drohen, zumal die Furcht als Antrieb eh gegenüber der Liebe unvollkommen ist und, wichtiger, beim Fernstehenden auf verschlossene Ohren stoßen wird. Aber warum nicht unmißverständlich sagen, daß der Herrgott das jedenfalls so haben will, und daß Ihm, dem König aller Königreich (wie es im Lied heißt) durchaus zusteht, daß wir tun, was er sagt? Und daß Er, selbst wenn das nicht so wäre, durchaus so viel für uns getan hat, daß wir Ihm gefälligst ein bißchen dankbar sein können.
Aber jedenfalls: Wenn nicht der Heiland inzwischen wiederkommt, wird Weihnachten auch vorbeigehen, und dann feiern wir am 1. Januar Seine Beschneidung und Seine Mutter (jawohl, beide – für Insider) und am 6. Januar das eigentlich noch größere Fest Epiphanie (im Volksmund Heilig Drei König), und dann sind wir wieder unter uns. Und damit ich nicht falsch verstanden werde: Hoffentlich mit etwas Zuwachs. Wahrscheinlich ist das leider nicht.

Zwei Nachträge.

1. Welcher Schaden entsteht, wenn Tierliebhaber auch Hund und Katze einen Adventskalender gönnen?

Einer an der Vernunft; es handelt sich um ein ziemlich infantiles Verhalten, das außerdem Hund und Katze unzulässig vermenschlicht. Und das sage ich als jemand, der durchaus gern mit einem Hund redet, aber ein Adventkalender geht zu weit.

2. Nicht allein der Pastoraltheologe Johannes Först verweist zu Recht darauf, dass es ohne die Gemeindefernen, die – obwohl sie scheinbar abgetaucht sind – im Verborgenen unablässig ihre Kirchensteuer zahlen, der Kirche als organisierter Institution nicht nur finanziell entschieden schlechter ginge. Wäre ohne sie etwa die weitreichende Caritas in dem Maße aufrechtzuerhalten?

Das wäre dann eben so. Der Heiland wird für Seine Kirche schon in ausreichendem Maße sorgen, das hat Er versprochen. – Aber natürlich sollen die abgetauchten Kirchensteuerzahler nicht etwa austreten. Sie sollen gefälligst zu praktizierenden Katholiken, zu (mit den üblichen Ausnahmen in Sonderfällen) allsonntäglichen Kirchenbesuchern werden und dann nebenbei, unter ferner liefen, irgendwo auch die Kirchensteuer noch weiterzahlen.

 

* Natürlich liegt auch darin noch irgendwo eine Wahrheit, denn auch die normale Menschengeburt gewinnt tatsächlich von Weihnachten her ihre Würde – aber das eben gewissermaßen erst in der dritten Ableitung.

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Ein Gedanke zu “Klarmachen zum Auftauchen! – zu einem Artikel von Jonas Lietz bei katholisch.de

  1. „Nicht allein der Pastoraltheologe Johannes Först verweist zu Recht darauf, dass es ohne die Gemeindefernen, die – obwohl sie scheinbar abgetaucht sind – im Verborgenen unablässig ihre Kirchensteuer zahlen, der Kirche als organisierter Institution nicht nur finanziell entschieden schlechter ginge.“

    Entschieden nicht nur finanziell? Der Beweis müsste erst mal erbracht werden um mit Recht (!) darauf zu verweisen. Das Verhalten dieser Gemeindefernen ist sowieso paradox und mit der Vernunft schon gar nicht zu erklären. Da unterstützt man einen „Verein“ dem man ansonsten fern bleibt oder im schlechtesten Fall gar nix zu tun haben will. Und nur weil ein sog. Pastoraltheologe diese Weisheit absondert ist sie besonders richtig und lädt zum Nachplappern ein?

    „Aber natürlich sollen die abgetauchten Kirchensteuerzahler nicht etwa austreten.“

    Warum eigentlich nicht? Wir können doch nicht davon ausgehen, dass der Heiland die Mitgliedschaft in seiner(!) Kirche von Steuern abhängig macht oder von der pünktlichen Bezahlung derselben. Was für ein armseliger Gott wäre das denn? Wir sollen Gott das geben was keinem Kaiser gehören kann.

    „Sie sollen gefälligst zu praktizierenden Katholiken, zu (mit den üblichen Ausnahmen in Sonderfällen) allsonntäglichen Kirchenbesuchern werden und dann nebenbei, unter ferner liefen, irgendwo auch die Kirchensteuer noch weiterzahlen.“

    Meine Meinung dazu ist ja bekannt. Gefällige praktizierende Katholiken wird man generell auch ohne eine Kirchensteuer. (meine Frau und ich zahlen die Kirchensteuer, noch nicht einmal zähneknirschend, sondern weil wir eben in dieses System hinein geboren sind und keinerlei Verantwortung für die Nutzung der Gelder übernehmen müssen) Unsere Einstellung zum praktiziertem Christentum hat mit der Steuer nichts zu tun.
    Anonsten ein sehr geschliffener Kommentar und erhellende Ansichten (nicht nur über den praktischen Sinn von Tauchfahrten).

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