Skrupulosität: Besser Vorsicht als Nachsicht?

Ich habe hier schon öfter über Skrupulosität, also eine zwanghafte, übertriebene Angst, zu sündigen, die ich gut kenne und mittlerweile zumindest, na ja, so einigermaßen halbwegs überwunden habe, geschrieben. Eine Falle, in die man als Skrupulant tappen kann, wenn man eigentlich schon eingesehen hat, dass man es übertreibt und dass das nicht mehr gesund ist, ist folgender Gedanke:

„Ja, gut, höchstwahrscheinlich war das und das keine schwere Sünde, höchstwahrscheinlich war meine letzte Beichte schon gültig, höchstwahrscheinlich muss ich mir wegen dieser und jener Situation keine Gedanken machen. Ja, gut, ich bin ständig in Panik und das beeinträchtigt mein Leben. Aber wenn ich dafür nicht in die Hölle komme, nehme ich die Panik und die zusätzlichen Absicherungen und Vorsichtsmaßnahmen lieber in Kauf. Lieber auf Nummer sicher gehen. Wenn ich mich jetzt beruhige, schön, dann habe ich es vielleicht kurzfristig leichter, aber wenn dann der unwahrscheinliche Fall, den ich gefürchtet habe, doch eintritt und ich dann mal in der Hölle bin, hilft mir das auch nicht mehr.“

Der Gedanke scheint was für sich zu haben, oder? Aber hier übersieht man die negativen geistlichen Folgen, die die Skrupulosität selbst haben kann. Der Theologe Adolphe Tanquerey (1854-1932) schreibt in seinem Werk „Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie“ über Skrupel, die er zwar nicht bei den Sünden, aber bei den Versuchungen, die zu Sünden führen können, einreiht, Folgendes:

„Lässt man sich unglücklicherweise von den Skrupeln beherrschen, so bringen sie an Leib und Seele die schlimmsten Wirkungen hervor:

a. Allmählich führen sie Schwächung und gewissermaßen Zerrüttung des Nervensystems herbei. Beständige Furcht und Angst wirken niederdrückend auf die Gesundheit des Leibes. Sie können zu einer wahren Besessenheit werden und in eine fixe Idee ausarten, die an Irrsinn grenzt.

b. Sie verblenden den Geist und fälschen das Urteil . Nach und nach verliert man die Fähigkeit zu unterscheiden, was Sünde ist und was nicht, was schwer und was lässlich ist. Die Seele wird ein Schiff ohne Steuer.

c. Oft ist Mangel an Andacht des Herzens deren Folge. Da man nämlich immer in Aufregung lebt und in Verwirrung, wird man schrecklich egoistisch, misstraut aller Welt, selbst Gott, den man zu streng findet. Man klagt darüber, dass er uns in diesem unglücklichen Zustande lässt und ist ungerecht in der Klage gegen ihn. Dabei kann von wahrer Andacht natürlich keine Rede sein.

d. Endlich kommen Schwächen und Niederlagen. Der Skrupulant verbraucht in nutzlosen Anstrengungen bei Kleinlichkeiten seine Kräfte und hat dann deren nicht mehr genug zum Kampfe an den wichtigsten Punkten. Die Aufmerksamkeit nämlich kann sich nicht über die ganze Linie erstrecken. Daher Überrumpelung, Niederlagen und manchmal schwere Vergehen. Übrigens sucht man instinktiv Erleichterung der Qualen und da man sie in der Frömmigkeit nicht findet, sucht man sie anderswo, in Büchern, gefährlichen Bekanntschaften. Diese sind zuweilen Ursache bedauernswerter Fehltritte, und man verfällt der Entmutigung.“

(Den Abschnitt über Skrupel gibt es hier auf Deutsch als PDF, das ganze Buch gibt es auf Englisch als Digitalisat bzw. auch als PDF.)

Ich kenne das selbst, diese Verwirrung und Erschöpfung. Trost im Gebet? Weniger. Öfter hat man das Gefühl, unter den anklagenden Augen Gottes zu stehen und sich irgendwie rechtfertigen zu müssen. Wenn man sich ruhig und getröstet und geliebt fühlen könnte, hinterfragt man es oft gleich – vielleicht will man es sich bloß selbst einreden, dass Gott nicht wütend auf einen ist, während Er es tatsächlich noch ist. Also betet man am Ende weniger, weil es mehr anstrengend als schön ist. Nicht das gewünschte Resultat.

Die Art von Erleichterung, die man dann sucht, kann schlimmstenfalls nicht nur in den gängigen Sünden enden, sondern auch in der Häresie. Martin Luther war Skrupulant. Dieser Augustinermönch fragte sich ständig, ob er gesündigt hatte, wollte seinem Beichtvater nicht glauben, dass seine Sünden nicht schwer seien, und das machte ihn verrückt. Und irgendwann sagte er sich: Ich kann gar nicht genügen, ich kann auch mit Gottes Gnade die Todsünden nicht meiden, ich habe keinen freien Willen, an mir hängt es nicht, Gott wird mich retten, egal, was ich noch tue, ich kann durch irgendwelche Sünden mein Heil nicht verlieren. Simul iustus et peccator. Gott soll mit mir tun, was Er will, ich ertrage keine Verantwortung, keinen freien Willen. Ich gebe auf, und kann endlich aufatmen.* Diese Mischung aus Verzweiflung und Vermessenheit war tatsächlich eine Sünde, und führte ihn noch zu weiteren Sünden. Nun weiß ich natürlich nicht, wo Luther jetzt ist, aber seine skrupelinspirierten Ideen brachten ihn jeden Fall dazu, sich seine eigene Theologie nach Wunsch zurechtzulegen, sich von der Kirche abzuspalten, und seine Ordensgelübde zu brechen; und auch, wenn er nicht voll schuldfähig gewesen sein sollte, ein guter Start in die Ewigkeit ist das nicht.

Kurz gesagt: Skrupulosität kann einen auf einen Weg bringen, der auch in der Hölle enden kann. Hundertprozentige Sicherheit gibt es auf keinem Weg, egal, wie gern man sie hätte, man kann immer höchstens eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit haben.

Skrupulosität ist ja nicht Heiligkeit. Die meisten Skrupulanten haben wohl keine überdurchschnittlich schlimmen Sünden im Vergleich zu nichtskrupulösen Christen, sind aber auch nicht die allerbesten und vorbildlichsten Menschen. Heiligkeit bedeutet auch Vertrauen in Gott, Zuversicht – besser ausgedrückt, Glaube und Hoffnung. Es wird einem leichter fallen, in den Himmel zu kommen, wenn man die Skrupel bekämpft.

ABER WAS, WENN DOCH…

Ja. Dieses ABER WAS, WENN DOCH ist furchtbar. Egal, was einem die Vernunft oder ein Priester bei der Beichte oder ein Handbuch der Moraltheologie sagen: Gleich drängt sich wieder der Gedanke dazwischen: MEINETWEGEN, DAS MAG ALLGEMEIN SO SEIN, ABER WAS, WENN ES DOCH IN DIESEM EINEN SPEZIELLEN FALL BEI MIR ANDERS IST???

Das ist die typische ängstliche Skrupulanten-Sturheit. Die muss man überwinden. Sie ist nicht gut. Und ja, da kann man sich jetzt denken „Das schreibt sich so leicht“. Hey, ich krieg’s ja auch nicht immer besonders gut hin. Aber Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

Aber was, wenn doch? Was, wenn man sich doch einmal geirrt hat?

Ganz einfach: Dann ist Gott gerecht. Gott ist gerecht. Und Gott will, dass wir uns auf unsere Vernunft und auf die Autorität der Kirche verlassen, nicht auf irrationale Ängste, und wenn wir dann doch mal fehlgehen, während wir versucht haben, diesem Prinzip zu folgen, wird Er wissen, dass das keine Absicht war. Gott ist gerecht. Und nicht nur gerecht, sondern auch gnädig und geduldig.

Jesus nennt den Heiligen Geist im Johannesevangelium den „Paraklet“. Das wird oft mit „Beistand“ übersetzt und heißt wörtlich auch so etwas wie „Anwalt, Gerichtsbeistand“. Der Heilige Geist selber ist unser Beistand im Gericht (während der „Ankläger“ der Satan ist – vgl. Offb 12,10). Der Anwalt sieht sämtliche mildernden Umstände und Intentionen, und der gerechte Richter, der Herr Jesus, zieht sie in Betracht.

„Was sollen wir nun dazu sagen? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht.Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat.Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten,weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,31-39)

Abschließende Gedanken: Zwei Dinge, die mir helfen, und die ich viel öfter tun sollte, sind das Lesen in der Bibel und das Beten des Stundengebets. Das nimmt einen aus den eigenen kreisenden Gedanken heraus und man hört Gottes Wort; oft ein sehr tröstendes Wort.

 

* An mitlesende Protestanten:

1) Das soll keine Beleidigung sein. Ich kann diese Versuchung sehr gut nachvollziehen.

2) Wieso Luthers Theologie trotzdem nicht zutreffend ist: Es gibt hier nur vier Möglichkeiten, wie die Erlösung funktioniert (den Pelagianismus, die Erlösung durch die eigenen Werke ohne Notwendigkeit der Gnade, den wir alle ablehnen, einmal ausgeklammert):

a) Die Menschen können nichts zu ihrer Erlösung beitragen bzw. sie durch ihre Sünden nicht verhindern und Gott rettet sie alle.

b) Die Menschen können nichts zu ihrer Erlösung beitragen bzw. sie durch ihre Sünden nicht verhindern, und Gott rettet nur einige von ihnen.

c) Die Menschen können und müssen etwas zu ihrer Erlösung beitragen, wenn sie Gottes allen angebotene Gnade annehmen, aber ihr Beitrag besteht nur im Fudizialglauben, die Werke sind egal.

d) Die Menschen können und müssen etwas zu ihrer Erlösung beitragen, wenn sie Gottes allen angebotene Gnade annehmen, und dazu gehören Reue über die vergangenen Sünden und das Halten der Gebote (Meiden schwerer Sünden) in der Zukunft.

Möglichkeit a), die Allerlösung, ist angesichts von Jesu drastischen Warnungen vor der Hölle nicht unbedingt naheliegend; Möglichkeit b), der Calvinismus, würde bedeuten, dass Gott einige Menschen nicht liebt und fällt daher raus; Möglichkeit c), die viele Evangelikale wählen, liefe auf eine „Erlösung durch Autosuggestion“ (Paul Hacker) hinaus; man könnte es auch einen Tinkerbellglauben nennen. Wenn einer glaubt, er kommt in den Himmel, kommt er auch in den Himmel. Und wer leider nicht so gut bei der Autosuggestion ist – ups, Pech gehabt. Außerdem wäre diese Möglichkeit einfach so offensichtlich ungerecht – jemand könnte ein Mörder und Kinderschänder sein; wenn er nur fest von seiner eigenen Erlösung überzeugt wäre (und Psychopathen können sehr von ihren Grundüberzeugungen überzeugt sein, besonders, wenn es darum geht, sich selbst als irgendwie auserwählt zu sehen), würde er in den Himmel kommen. „Sündige tapfer, doch tapferer glaube!“, wie Luther es formuliert hat. Zudem steht diese Lehre in krassem Gegensatz zur Schrift.

„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21)

„Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung sind und ohne das tägliche Brotund einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das?So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.Aber es könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben.Du glaubst: Es gibt nur einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern.Willst du also einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus den Werken als gerecht anerkannt, als er seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar legte?Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und dass der Glaube aus den Werken zur Vollendung kam.So hat sich das Wort der Schrift erfüllt: Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet und er wurde Freund Gottes genannt.Ihr seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.Wurde nicht ebenso auch die Dirne Rahab durch ihre Werke als gerecht anerkannt, weil sie die Boten bei sich aufnahm und dann auf einem anderen Weg entkommen ließ?Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“ (Jak 2,14-26)

Bleibt also noch d).

5 Gedanken zu “Skrupulosität: Besser Vorsicht als Nachsicht?

  1. Das Problem an Tanqueray scheint mir allerdings schon irgendwo, daß er davon ausgeht, man könne zum Beichtvater Vertrauen haben, und wenn man dem Beichtvater sagt „ich bin kein Skrupulant“ und er sagt „doch“, dann habe er quasi notwendig Recht. – Das war vielleicht zu *seiner* Zeit so. Heutzutage braucht man nur hergehen und sowas beichten wie Verspätung in der sonntäglichen Pflichtmesse oder „war um soundsoviel später im Büro als der Vorgesetze, obwohl wir eigentlich Gleitzeit haben, angeordnet hat, habe dabei aber keinen Termin verpaßt“, was weder Zweifelsfälle sind noch Wiederholungen aus vergangenen Beichten, und muß es dann halt als Buße auf sich nehmen, daß man quasi als Skrupulant behandelt wird; zum Glück pflegen solche Beichtvater dann nicht blinden Gehorsam zu verlangen.

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    1. Ja, das ist natürlich ein Problem, logisch. Aber irgendwie ist es ja auch so (also, nach meiner begrenzten Erfahrung), dass Beichtväter heute auch nicht mehr viel nachfragen oder Anweisungen/Ratschläge geben, sondern einen einfach die Sünden aufzählen lassen, dann ein bisschen was Allgemeines sagen, und dann die Absolution erteilen.

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      1. Ja, also, mit mir haben in den letzten Jahren tatsächlich nur zwei Priester ein bisschen mehr über meine Skrupulosität geredet, beides konservative Kapläne, der eine sogar ziemlich tradimäßig (der hat mir dann auch einen Text vom hl. Ignatius von Loyola zu dem Thema gegeben 😉 ) Von Gehorsam hat da allerdings auch keiner irgendwie geredet. – Aber du hast schon Recht, man kann diese Ratschläge von damals nicht so eins zu eins übernehmen, und auch damals kann es ja mal liberale Priester gegeben haben.

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  2. >>Ich ertrage keine Verantwortung, keinen freien Willen. Ich gebe auf, und kann endlich aufatmen.

    Oder wie es der schwergewichtige Vertretungsbürgermeister von Neustadt (bei Gersthof) formuliert: „Verantwortung: Das ist es; Verantwortung! Lieber trage ich eine Tonne Zuckerstückchen quer durch den Zoo als so viel Verantwortung! Verantwortung ist schrecklich.“

    (Aus der Reihe: der Nepomuk zitiert wieder mal aus Kinderbüchern und -hörspielen.)

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