Glaube, Aberglaube und Unglaube

Mehr als reine Atheisten, die in der Tradition des 19. Jahrhunderts auf Empirie, Rationalismus, Materialismus bestehen, nerven manchmal halbgläubige Christen oder auch Nichtchristen, die überzeugt sind, dass es beim Glauben nicht so sehr auf irgendwelche Lehren (iiiiihhh!) oder philosphische Herleitungen oder geschichtliche Tatsachen ankomme, sondern vielmehr auf das Gefühl, das einem sage, dass „irgendetwas“ – eine schützende Kraft, eine höhere Macht – da oben sei; die finden, dass es mehr gebe zwischen Himmel und Erde, als wir meinen, und sich deshalb sowohl Schutzengelfiguren als auch Heilkristalle ins Wohnzimmer stellen; die an „Karma“ glauben, ohne mehr als dieses eine Wort aus den östlichen Religionen zu kennen; die an Weihnachten in die Christmette – Familientradition – und unterm Jahr zum Homöopathen und zum Warzenabbeten gehen. Könnte ja was dran sein. Weiß man ja nicht. Und komm mir nicht mit der Wissenschaft! Was weiß diese Wissenschaft schon!

Bah! Der Katholizismus ist im Gegensatz dazu eine sehr klare Religion, die bestimmte Lehren verkündet und bestimmte andere Lehren dann logischerweise ablehnt und dafür vernünftige Gründe hat; ihr geht es um Wahrheit, nicht um Gefühle. Die kirchlichen Lehren sind philosophisch oder historisch begründet; der Begriff „Glaube“ meint darüber hinaus das persönliche Vertrauen in Gott*. Die Rationalisten haben wenigstens etwas verstanden: Wir müssen unseren Verstand gebrauchen. Sie gebrauchen ihn dann falsch, klar, und öfter mal in arroganter Weise, aber wenigstens so weit sind sie. Aberglaube und unbestimmter Halb-Glaube dagegen haben sehr viel von Agnostizismus und schlichtem Widerwillen, logisch zu denken und es zu genau wissen zu wollen. Da sehnt man sich doch nach „früher“ zurück, dieser magischen Zeit, als das Bayernland noch erzkatholisch war und der Pfarrer von der Kanzel gegen Talismane und Handlesen wetterte.

Chesterton hat bekanntlich (in etwa, ich bin zu faul, das Zitat nachzuschlagen) einmal geschrieben, dass die Leute, wenn sie nicht mehr an Gott glauben, nicht an nichts glauben, sondern an alles Mögliche. Und genau das zeigt sich ja: Auf den Wissenschaftsenthusiasmus und die Abneigung gegen alles Übernatürliche, die die Christentumsgegner des 18. und 19. Jahrhunderts charakterisierte, folgte dann schnell auch wieder das Gegenteil: Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kamen die Spiritisten, Theosophen und Anthroposophen in Mode, und ab den 60ern gab es eine neue Welle von Buddhismus-Nachahmern, Neuheiden, Alternativmedizinern, Impfgegnern und so weiter und so fort. Der Katholizismus glaubt, anders als solche Leute, an eine rationale, durch einen rationalen Gott eingerichtete Welt, deren Gesetze vom Menschen erforscht werden können; deswegen ist es für uns auch zum Beispiel nicht nötig, mühsam nach einem Weg zu suchen, um „Glaube und Wissenschaft zu versöhnen“. Wir haben kein Problem mit der Wissenschaft. (Dass viele Leute es so wahrnehmen, als hätte der christliche Glaube ein Problem mit der Wissenschaft, liegt eher an fundamentalistischen Protestanten, die die Evolutionstheorie ablehnen, was der Katholizismus nicht tut.**)

Aber dass der Glaube an das Übernatürliche sich nicht durch den Materialismus ausschalten lässt, das zeigt eben gerade auch den Fehler des Materialismus. Die Leute lassen nicht vom Übernatürlichen. Bloß wenden sie sich, wenn es allgemein anerkannte Tatsache ist, dass der Vatikan mit seinen Dogmen doch keinesfalls Recht haben kann, eben den unsinnigsten anderen Vorstellungen vom Übernatürlichen zu, zum Beispiel der, dass der Verstand nicht verlässlich wäre und alle Ergebnisse der Wissenschaft zum Fenster hinausgeworfen werden könnten, wenn es darum geht, ob Geistheilen funktioniert. Es ist ja auch bequem: Wir müssen es nicht so genau wissen. Nein: Wir brauchen das Wissen, wir brauchen die Vernunft. Solche Leute sind die schlimmsten Gegner wirklicher Religion: Sie verschaffen ihr nämlich den Ruf des Widervernünftigen, besser, als das die Atheisten vermocht hätten. Wenn man alles, was entfernt nach Religion aussieht, als irrationale Gefühlssache darstellt, muss man sich nicht wundern, wenn die Leute die Religion als irrationale Gefühlssache ablehnen.

 

* Zugegeben: Es gibt Lehren in Gottes Offenbarung, die teilweise über unser Begriffsvermögen hinausgehen (ich denke da etwa an die Lehre über die Dreifaltigkeit),  die aber in keinem Fall der Vernunft widersprechen können. Und zunächst muss man mit dem Verstand erkannt haben, dass es wirklich Gott ist, der sich da offenbart. (Dafür sind historische Argumente entscheidend – wer war der historische Jesus, usw.)

** Dazu zwei Zitate:

1) Aus einem Schreiben der Päpstlichen Bibelkommission bzgl. der ersten Kapitel des Buches Genesis (die die Schöpfungsgeschichte enthalten) von 1909:

 „Frage 5: Ist alles und jedes, nämlich die Worte und Redewendungen, die in den eben genannten Kapiteln vorkommen, immer und notwendig im eigentlichen  Sinne aufzufassen, so daß man niemals von ihm abweichen darf, auch wenn sich deutlich zeigt, daß Redeweisen uneigentlich, metaphorisch oder anthropomorph verwendet wurden und den eigentlichen Sinn entweder die Vernunft beizubehalten verbietet oder die Notwendigkeit aufzugeben zwingt?

 Antwort: Nein.

 […]

 Frage 7: Ist, obwohl es bei der Abfassung des ersten Kapitels der Genesis nicht die Absicht des heiligen Autors war, die innerste Beschaffenheit dersichtbaren Dinge und die vollständige Reihenfolge der Schöpfung auf wissenschaftliche Weise zu lehren, sondern vielmehr seinem Volk eine volkstümliche Kunde – wie es die allgemeine Sprache zu jenen Zeiten zuließ – zu überliefern, die den Sinnen und dem Fassungsvermögen der Menschen angepaßt war, bei der Auslegung dieser Dinge genau und stets nach der Eigentümlichkeit wissenschaftlicher Rede zu forschen?

 Antwort: Nein.

 Frage 8: Kann bei jener Bezeichnung und Unterscheidung der sechs Tage, um die [es] im ersten Kapitel der Genesis [geht], das Wort Yôm (Tag) sowohl im eigentlichen Sinne als natürlicher Tag als auch im uneigentlichen Sinne als bestimmter Zeitraum aufgefasst werden, und ist es erlaubt, über diese Frage unter den Exegeten zu diskutieren?

 Antwort: Ja.“

1909 saß übrigens der Hl. Pius X. auf dem Stuhl Petri (der mit dem Anti-Modernisten-Eid).

2) Aus der Enzyklika Humani Generis von Pius XII. (1950):

 „36. Aus diesem Grund verbietet das Lehramt der Kirche nicht, dass in Übereinstimmung mit dem augenblicklichen Stand der menschlichen Wissenschaften und der Theologie die Entwicklungslehre Gegenstand der Untersuchungen und Besprechungen der Fachleute beider Gebiete sei, insoweit sie Forschungen anstellt über den Ursprung des menschlichen Körpers aus einer bereits bestehenden, lebenden Materie, während der katholische Glaube uns verpflichtet, daran festzuhalten, dass die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen sind.“

Ich könnte auch noch deutlichere Zitate von Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. heraussuchen, aber diese hier sollten fürs erste genügen.

4 Gedanken zu “Glaube, Aberglaube und Unglaube

  1. Zum Thema Evolutionstheorie und Katholizismus: naja. Seien wir so ehrlich zuzugeben, daß sich ein handelsüblicher Szientist in der katholischen Lehre allerdings auch nicht wohlfinden würde.

    1. Die kirchliche Lehre verlangt (in Humani generis) formell, das anzunehmen, was bei allem „einzuräumenden Spielraum“ für bildlich-volkstümliche Redewese auch ziemlich offensichtlich so in der Hl. Schrift (Genesis Kap. 2) steht, nämlich

    daß der *Mensch* selber, also im Hinblick auf das, was ihn zum Menschen macht, nicht evolutiv aus dem Rest der Materie oder sogar der lebendigen, sondern durch einen außernatürlichen Schöpfungsakt Gottes entstanden ist.

    (Anmerkung: Daß er „vom Ackerboden geformt“ wurde, heißt, daß die Bibel ausdrücklich verwirft, daß er im ganzen unmittelbar aus dem Nichts geschaffen wurde. Gott nahm etwas, was in der – vorher von Ihm geschaffenen Welt – schon da war – nach gegenwärtigem Stand der Biologie wohl ein Mitglied der Ordnung Primaten – und machte dann einen Menschen daraus; das aber mit einem Schöpfungsakt.)

    2. Auch wenn sich die kirchliche Lehre dazu nicht äußert (meines Wissens), ist mir kein gläubiger Mensch bekannt, der annähme, daß das *Leben* als solches irgendwie evolutiv aus materiellen Prozessen hervorgegangen wäre. Fällt wohl unter „warum schwierig, wenn man’s auch einfach haben kann“ – wer eh an einen Gott glaubt, dem wird es sehr einfach fallen, bei diesem Sprung die sowohl wissenschaftlich einfachste als auch angesichts der Bedeutung des Lebens (auch des pflanzlichen und tierischen), bei dem es ja nicht einfach sich um Steine handelt theologisch angemessenste Erklärung annehmen: hier handelte es sich um einen Schöpfungsakt.

    Für ideologisch eingestellten Vertretern des Evolutionismus ist das natürlich ein ganz großes No-no, weil, „hier sind wir Wissenschaftler, da *darf!!* Gott nicht vorkommen einseinself“, auch wenn natürlich sie und nicht wir hier die Dogmatiker sind.

    3. Das Weltbild des Gläubigen enthält eine Evolution, wenn man mir die saloppe Bemerkung gestattet, nur soviel wie Putins Rußland eine Demokratie, nämlich eine gelenkte.

    Und wenn er sich die Welt so anschaut und ihre Schönheit, dann wird er das nicht nur dem zulassenden Willen Gottes zuschreiben.

    4. Der Gläubige ist durchaus dafür offen, daß es auch zwischen der Ebene „Leben“ und der Ebene „Mensch“ die Schöpfung durch weitere (salopp) Wunder (also strikt übernatürliche Eingriffe – salopp, weil ein Schöpfungsakt eigentlich ein bißchen mehr ist als „nur“ ein Wunder) und Halbwunder (also Dinge, die natürlich gesehen möglich sind, bei dem es aber schon ziemlich ein Wunder war, daß sie tatsächlich passiert sind) vorangetrieben worden sein mag.

    Mit alledem haben sie natürlich auch ganz recht, und ein Evolutions*wissenschaftler*, insoweit er strikt wissenschaftlich bleibt, muß das anerkennen. Aber ein Vertreter der Evolutions*ideologie* wird das natürlich für astreinen Kreationismus halten.

    [Ceterum censeo, nicht an Dich:

    Und die Kreationisten müssen erstmal ihre Theologie auf die Reihe kriegen. Bibelliteralismus ist meist sogar ihnen zu blöd, aber sie sagen dann immer, Gott habe die Welt ja nicht mit dem Tod geschaffen. Heißt: die müssen erstmal den Unterschied zwischen dem status naturae purae und den außernatürlichen Hilfen bzw. biblisch gesprochen, zu welchem Zweck den herrschaftzeitennocheinmal im Paradies ein Baum des Lebens herumsteht, wenn man ihn eh nicht braucht, kennenlernen.]

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    1. Dem handelsüblichen Materialisten wird z. B. auch nicht gefallen, dass Katholiken an eine Seele und einen freien Willen glauben, aber da verlässt er auch wieder den Bereich von Vernunft und Wissenschaft.

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  2. Tausend Dank an Nepomuk für die Anmerkung zu „aus dem Ackerboden geformt“.
    Was die Schönheit der Schöpfung angeht, ein klares Jein. Es gibt nun mal auch Krätzmilben. Es gibt da einiges, wo ich nur ratlos dastehen kann und sagen „Herr, das ist Dein Geschöpf, weil es anders nicht geht, aber bitte erwarte nicht, daß ich die Notwendigkeit dieses Dingens verstehe“.

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