Was werde ich von meinem Katholischsein gehabt haben?

„Was werde ich am Ende davon gehabt haben, mein Leben lang brav katholisch gewesen zu sein?“ Diese Einstellung sieht man bei manchen Katholiken. „Ich halte mich an alle Gebote, mache mir die ganze Mühe, und am Ende kommen gutwillige Nichtkatholiken durch ihre Unwissenheit genauso wie ich in den Himmel. Da wäre ich vielleicht auch besser unwissend geblieben. Und anscheinend lohnt es sich also auch nicht, den Glauben an andere weiterzugeben, da bürdet man ihnen nur Lasten auf, ohne die sie es auch schaffen. Vielleicht macht man es ihnen so nur schwerer. Und wenn sie den Katholizismus ablehnen, nachdem sie ihn kennengelernt haben, sind sie tatsächlich schuldig geworden, während sie vorher in nicht schuldbarer Unwissenheit waren.“ Manchmal ist bei dieser Einstellung die Unzufriedenheit vorherrschend, dass man es sich selber schwer machen muss, und manchmal die wirkliche Sorge darum, ob Missionsarbeit überhaupt etwas bringt.

Hier wird aber einiges übersehen. Ja, es nützt sehr viel, katholisch zu sein, oder zumindest die Chance zu haben, es zu werden, für einen selber und für alle anderen.

Erstens: Katholiken haben es schon irdisch oft besser. Die meisten Gebote sind nicht sehr schwer. Nicht stehlen, nicht verleumden, sonntags in die Kirche gehen? Ist meistens schon machbar. Viele Menschen werden das 6. Gebot (die Keuschheit) gewöhnungsbedürftig finden (vor allem dann, wenn sie Sünden in der Vergangenheit haben), aber daran kann man sich eben gewöhnen, irgendwann ist es leicht. Und während Säkularisten pornosüchtig werden und sich deswegen auch nur leer vorkommen und sich vor sich selber ekeln, bleiben Katholiken diesen ganzen Problemen fern (oder befreien sich wenigstens davon). Während Säkularisten sich scheiden lassen, weil sie das Gefühl haben, es wäre nicht ehrlich, zusammenzubleiben, wenn man nicht mehr genau dieselben Gefühle hat wie am Anfang, führen Katholiken eine glückliche Ehe, gestärkt dadurch, dass man sich grundlegend vertraut und einfach zusammengehört, weil Scheidung gar nicht in Frage kommt. Während die Säkularistin, der ihr Arzt erzählt, ihr Kind könnte Down-Syndrom haben, es schweren Herzens abtreiben lässt und sich dann ihr Leben lang fragt, ob sie das Richtige getan hat, wird die Katholikin in der gleichen Situation dem Arzt den Vogel zeigen, und ein paar Monate später mit einem wunderschönen Kind zum Liebhaben gesegnet werden, das vielleicht nicht einmal behindert ist, weil Ärzte sich oft irren. Während der Säkularist von seinem einen Kind, das er früh in die Kinderkrippe gesteckt hat, gegen Ende seines Lebens ins Altersheim gesteckt wird, wird der Katholik unter seinen vier oder fünf Kindern, die bis zur Kindergartenzeit daheim waren, eins haben, das sich im Alter um ihn kümmert, und die anderen tragen dann finanziell was für die häusliche Pflege bei. Ich pauschalisiere und idealisiere hier ein bisschen, ich weiß, aber man erkennt, worauf es hinausläuft. Die Gebote sind eine Anleitung dafür, wie der Mensch sein Leben im Einklang mit seiner Natur lebt (daher ja „Naturrecht“). Für die meisten Menschen ist z. B. auch ein Leben ohne Alkoholismus einfach und gut; und auch der Alkoholiker, der durch eine schwere Zeit durch muss, bis er ein solches Leben führen kann, hat es am Ende besser, wenn er das schafft. Genauso sieht es aus mit einem Leben ohne ständige Sünden (selbst wenn sie nur materielle Sünden sind und es einem nicht oder nur halb bewusst ist, dass sie falsch sind); es tut einem gut.

Übrigens hat man es nicht nur dann schwerer, wenn man gar keiner Religion folgt und nur macht, was gerade üblich ist oder einem gefällt, sondern auch, wenn man falschen Religionen folgt. Nehmen wir zum Beispiel den Islam mit seinen seltsamen Fastenregeln, die im Ramadan sogar das Trinken vor Sonnenuntergang verbieten, oder den Veganismus, der Leute dazu bringt, sich einzureden, Soja schmecke gut.

Nur, wenn man entweder mit der Erbsünde oder mit mindestens einer unbereuten (oder kaum bereuten) Todsünde oder mit beidem behaftet ist, kann man in die Hölle kommen. (Und ob es überhaupt Leute gibt, die nur wegen der Erbsünde in die Hölle kommen oder ob Gott ihnen nicht noch einen Weg der Befreiung davon bietet, ist eine andere Frage; in jedem Fall kämen sie höchstens in den Limbus, die Vorhölle, ohne die eigentlichen Höllenstrafen. Bleiben die Todsünden, mit denen wir uns hier zu befassen haben.) Und viele Dinge, wegen denen man sich Gedanken macht, sind jedenfalls keine Todsünden. Man ist ab und zu missmutig, kann seine Familie nicht vom Glauben überzeugen, lässt sich beim Beten leicht ablenken? Keine Todsünden. Eltern werden sich sicher Gedanken machen, ob sie genug für ihre Kinder tun. Aber wenn man einigermaßen liebevoll zu ihnen ist, für ihre materiellen Bedürfnisse sorgt, ihnen Gelegenheit gibt, den Glauben gut kennenzulernen, mit ihnen betet, ihnen kein schlechtes Vorbild gibt, ihnen nicht alles und jedes durchgehen lässt, darauf schaut, dass sie keinen schlechten Umgang haben, werden unbereute Todsünden hier wohl selten sein. Vielleicht machen Ehepaare sich mal Gedanken, ob sie wirklich einen zureichenden Grund haben, noch ein Kind per NFP zu vermeiden, aber hier reicht ein vernünftiger Grund aus, er muss nicht extrem schwerwiegend sein, und ein etwas unzureichender, aber nicht ganz frivoler Grund wäre nur lässliche Sünde. All die typischen kleinen Fehler – Angeberei, oder leichte Unvorsichtigkeit beim Ausparken, wegen der man ein anderes Auto auf dem Parkplatz gerammt hat, oder eine gewisse Unfreundlichkeit und Gereiztheit – sind lässliche Sünden. Oder dann macht man sich mal Gedanken, ob man Gott eigentlich wirklich liebt, Ihn wirklich an die erste Stelle setzt. Nun, das zeigt sich vor allem daran, ob man, wenn man vor die Entscheidung „Todsünde begehen oder nicht?“ gestellt wird, Gott gehorcht und die Sünde nicht begeht. Natürlich kann man Gott immer noch mehr lieben, mehr Zeit mit ihm im Gebet verbringen, mehr an Ihn denken, aber wenn man seine grundsätzlichen Pflichten einigermaßen erfüllt, Gott nicht ignoriert und Todsünden meidet, hat man grundsätzlich die Liebe zu Gott.

Und auch, wenn man mit irdischen Beschwerden – z. B. Depression, Parkinson, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit – belastet ist, wird es einem helfen, zu wissen, dass Gott bei einem ist und in seiner Vorsehung weiß, wieso man hier durch muss. Auch Nichtkatholiken müssen leiden, und haben diesen Trost nicht.

Und überhaupt: Ist es nicht wunderschön, zu beten, auch wenn man sich oft erst dazu aufraffen muss? Ist die Messe nicht wunderschön? Ist man nicht glücklich darüber, die Wahrheit zu kennen und die Welt besser zu verstehen?

Natürlich kann es passieren, dass man wegen seinem Festhalten an irgendwelchen katholischen Prinzipien Schwierigkeiten, sogar große Schwierigkeiten, bekommt. Aber dann wird man wenigstens mit sich selbst im Reinen sein. Will man lieber eine Lüge leben oder wegen der Wahrheit Schwierigkeiten bekommen?

Zweitens: Katholiken haben auch bzgl. der Ewigkeit Vorteile. Definitiv nicht so große Vorteile, dass andere gar keine Chance mehr hätten, in den Himmel zu kommen, aber doch ein paar Vorteile. Dadurch, dass wir regelmäßig beichten sollen und die Gebote kennen, werden wir uns eher zur Reue aufraffen. Auch ein Nichtkatholik wird evtl. mal etwas tun, das er selber als schwerwiegend falsch erkennt, aber sein Herz vielleicht verhärten und sein Gewissen abwürgen, während der Katholik – und sei es nur aus Angst vor der Hölle – mehr Anreize hat, doch noch zur Reue zu finden. In dem Fall würde der Nichtkatholik wegen seiner unbereuten Todsünde in die Hölle kommen, obwohl er sie noch hätte bereuen können, und als Katholik vielleicht bereut hätte. Außerdem haben wir Katholiken es bzgl. dem Fegefeuer leichter – viele andere wissen gar nicht davon und beten deswegen auch nicht für ihre Toten. Wir dagegen beten füreinander und erwerben Ablässe. So kann man das Fegefeuer sogar ganz vermeiden, oder zumindest stark verkürzen. Vielleicht kommen wir auch leichter in höhere Himmelskreise – d. h. werden von Gott noch mehr belohnt als andere, auch wenn alle im Himmel vollkommen selig sind – weil wir zum Beispiel idealerweise aus Gottes- und Nächstenliebe (und wegen dem katholischen Gruppendruck) mehr Gutes für andere getan haben.

Man muss ja auch sehen, dass der Himmel hier auf Erden schon beginnt. Wenn wir im Stand der Gnade sind, sind wir schon halb im Himmel, und das umso mehr, je näher wir zu Gott kommen, je mehr wir uns Seiner Liebe und Güte bewusst werden. Mit der Hölle ist es genauso.

Drittens: Jesus hat nun mal den Aposteln befohlen: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ Ergo wird das Gesamtresultat immer besser sein, wenn wir das tun, weil Gott wohl kaum etwas befehlen würde, das schadet.

Viertens: Diese Einstellung kommt schon im Evangelium vor, im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Dort beschweren sich die, die den ganzen Tag gearbeitet haben, weil die, die erst später angeworben wurden, genauso bezahlt werden wie sie: „Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ (Mt 20,12-15) Letztlich ist dieser Neid auch nicht sinnvoll. Denn die, die zuletzt gekommen sind, mussten davor auch in der Stadt in der Hitze herumstehen und hoffen, dass irgendjemand sie noch anwirbt, und haben sich wahrscheinlich die ganze Zeit Gedanken gemacht, ob sie jetzt schon wieder ohne Lohn zu ihrer Familie heimkommen müssen. Das Gras sieht immer grüner aus auf der anderen Seite.

(Erzbischof Marcel Lefebvre als Missionar in Afrika.)
Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..