„Schweigen“, die makkabäischen Märtyrer und die Perfidie des Vaters der Lüge

In Kürze wird ein neuer Film von Martin Scorsese herauskommen: „Silence“. In Deutschland wird er wohl im März 2017 in den Kinos anlaufen; hier der englische Trailer:

Der Film ist nach dem Buch „Schweigen“ von Shusaku Endo, einem japanischen Katholiken, von 1966 gedreht; es ist unter Katholiken recht bekannt und auch der Film wird in der katholischen „Subkultur“ schon mit einer gewissen Spannung erwartet: https://thecathwalk.net/2016/11/26/neuer-film-von-martin-scorsese-ueber-jesuiten/#more-8821 , http://taylormarshall.com/2016/11/silence-japanese-catholic-martyrs-film-scorsese.html. Ich habe das Buch vor einiger Zeit gelesen, und lege meine Karten gleich auf den Tisch: Ich bin kein Fan. Es ist unglaublich gut geschrieben, aber es gibt etwas daran, das ich nicht mag. Gar nicht mag.

Den historischen Hintergrund des Romans bildet die Christenverfolgung in Japan im 17. Jahrhundert. Erst einmal also ein bisschen was dazu: Im 16. Jahrhundert kamen die ersten Jesuiten nach Japan und begannen dort zu missionieren (der allererste war der legendäre Heilige Franz Xaver, einer der ersten Gefährten des hl. Ignatius von Loyola; später baute vor allem der Italiener Allesandro Valignano die japanische Kirche auf), zuerst mit großem Erfolg, und auch mit Duldung oder sogar Unterstützung der lokalen japanischen Feudalherren. Mehrere hunderttausend Japaner ließen sich im Lauf der Jahre taufen und es wurden von Valignano sogar Priesterseminare eingerichtet, um einen einheimischen Klerus heranzubilden. In dieser Zeit hatten die Herrscher Japans auch Interesse am Seidenhandel mit Spanien, Portugal und anderen europäischen Mächten, und zeigten sich auch aus diesem Grund den Missionaren freundlich gesonnen.

Ab 1587 allerdings, verstärkt ab 1597, und so richtig dann ab 1614, begannen die Verfolgungen. Christen wurden gefoltert und getötet; die Missionare wurden ausgewiesen oder erlitten dasselbe Schicksal, wenn sie im Land blieben und entdeckt wurden. Die Gründe dafür? Die japanischen Herrscher hatten beschlossen, ihr Reich stärker abzuschotten und sahen die Jesuiten als Vertreter fremder Mächte, als gefährlichen ausländischen Einfluss. Japan sollte japanisch bleiben. Und das Intrigieren von protestantischen englischen und holländischen Händlern gegen die katholischen Portugiesen, Spanier und Italiener machte es nicht besser.

Damals gab es etwa 300.000 Katholiken in Japan bei 20 Millionen Einwohnern; gegen sie wurde nun erbarmungslos vorgegangen. 1638 kam auch noch die Shimabara-Rebellion hinzu; ein Aufstand katholischer japanischer Bauern gegen ihre Herren. Sie wurde niedergeschlagen, und die Situation für die japanische Kirche wurde noch schlimmer. Die japanischen Behörden versuchten vor allem, die Christen und die noch heimlich im Land verbliebenen Missionare zum Abfall von ihrem Glauben zu bringen; von ihnen wurde verlangt, auf ein Kruzifix oder ein Bildnis Jesu zu treten; und um das zu erreichen, wurden sie der grausamsten Folter unterzogen; eine Art davon war die Grubenfolter: Die Opfer wurden stunden- oder tagelang kopfüber über eine Jauchegrube gehängt.

Das wurde 1632 auch mit Christovao Ferreira, dem portugiesischen Leiter der Mission, getan – und er gab schließlich auf und verleugnete den Glauben. Aber das eigentlich Erschreckende an seiner Geschichte ist: Er verbrachte danach noch ein langes Leben in Japan und kollaborierte mit seinen Peinigern bei der Verfolgung der Christen. Damit beginnt Endos Buch:

„Eine Nachricht erreichte die Kirche zu Rom. Pater Christovao Ferreira, den die portugiesische Gesellschaft Jesu nach Japan gesandt hatte, war in Nagasaki der Grubenfolter unterzogen worden und hatte dem Glauben abgeschworen. Ein altgedienter Missionar, der dreiunddreißig Jahre in Japan verbracht und dort als Provinzial die Priester und Gläubigen geleitet hatte.

Die Briefe des Paters, der theologisch sehr gebildet war und der auch während der Verfolgung die Mission fortgesetzt hatte, indem er sich im Gebiet um Kyoto verborgen hielt, waren voll unbeugsamen Mutes gewesen. Dass dieser Mensch in irgendeiner Situation Verrat üben könnte, schien unglaubhaft zu sein. Daher gab es in der Kirche und auch in der Gesellschaft Jesu viele, die diese Nachricht für eine Falschmeldung hielten, erfunden von Holländern oder den Japanern.“

Die Hauptfigur des Romans ist allerdings nicht Ferreira, sondern Sebastian Rodrigo, ein junger portugiesischer Jesuit, dessen Lehrer im Seminar Ferreira einmal gewesen war. Rodrigo will zusammen mit zwei anderen jungen Patres nach Japan gehen – um herauszufinden, was mit Ferreira tatsächlich geschehen ist, und um die japanischen Gläubigen zu stärken. Sie fahren zuerst nach Goa und Makao, wo sie auch Valignano treffen und vom Shimabara-Aufstand erfahren und davon, dass es wahnsinnig schwierig ist, überhaupt nach Japan zu gelangen. Valignano rät ihnen davon ab, es überhaupt zu versuchen. Die drei bleiben aber entschlossen; einer von ihnen wird zwar schwer krank und muss in Makao zurückbleiben, aber Rodrigo und sein Gefährte Francisco Garpe finden schließlich einen Weg, heimlich nach Japan überzusetzen.

Die nächsten paar Kapitel bestehen aus langen Briefen Rodrigos; es wird im Buch nicht klar, ob sie jemals irgendjemanden erreichten, oder ob er sie einfach so schreibt; danach geht es im normalen Erzählfluss weiter. Rodrigo und Garpe gelangen nach Japan und finden Dörfer, in denen die Bauern so gut wie alle heimlich katholisch sind. Sie verstecken sich in einer Hütte im Wald, spenden den Japanern die Sakramente. Und dann beginnt alles schief zu gehen.

Die Behörden werden misstrauisch, drei der Bauern werden vorgeladen, unter dem Verdacht, Christen zu sein – und zwei von ihnen, Mokichi und Ichizo, weigern sich, ein Bild der heiligen Jungfrau anzuspucken, und werden auf brutale Weise hingerichtet, durch die Wasserkreuzigung – man sieht im Trailer, wie sie funktioniert. Rodrigo und Garpe, die noch nicht entdeckt wurden, trennen sich schließlich und verlassen dieses Dorf, Rodrigo will Christen in einem anderen Dorf aufsuchen. Hier muss ich nun noch eine Figur erwähnen: Kichijiro, ein japanischer Christ, der den Patres am Anfang hilft, nach Japan zu gelangen, der aber während einer Verfolgung einige Zeit vorher bereits einmal dem Glauben abgeschworen hatte; und der auch nun wieder, als er mit Mokichi und Ichizo vorgeladen wird, aus Furcht vor Folter und Tod Gott verleugnet und schließlich mit den Behörden kollaboriert und ihnen auch Rodrigo ausliefert.

Rodrigo wird also gefangen genommen und in ein Gefängnis in Nagasaki gebracht, zusammen mit einigen japanischen Christen. Er wird längere Zeit gefangen gehalten, auch mal verhört, aber ohne dass man ihn foltern würde. Schließlich bringt man ihn zu Ferreira, der in relativ komfortablem Hausarrest in Nagasaki lebt.

„Ferreira schritt hinter einem älteren buddhistischen Priester; er trug einen dunklen Kimono, und sein Blick war auf den Boden geheftet. Da der kleine Mönch vor ihm selbstbewusst dahinstolzierte, schien Ferreiras ganze Gestalt Unterwerfung auszustrahlen. Es sah nicht anders aus, als ob der Mönch ein großes Haustier an einem um den Kopf gebundenen Strick hinter sich herzerrte, ob es nun wollte oder nicht. […] ‚Padre’, sagte Rodrigo endlich mit zitternder Stimme. ‚Padre.’“

Ferreira arbeitet inzwischen für die Japaner an Astronomie; und an einem Buch gegen das Christentum. Und ihm wurde aufgetragen, Rodrigo vom Glauben abzubringen.

„‚Sie’, flüsterte der Priester, ‚Sie sind nicht mehr Ferreira, den ich gekannt habe.’

‚Du hast recht. Ich bin nicht Ferreira. Ich bin der Mann, dem der Gouverneur den Namen Chuan Sawano gab’, antwortete Ferreira mit niedergeschlagenen Augen. ‚Und er gab mir nicht nur den Namen, er gab mir auch Frau und Kinder eines hingerichteten Mannes.’“

Rodrigo wird schließlich in ein Gefängnis in der Innenstadt von Nagasaki gebracht. Und dort muss er von seiner Zelle aus anhören, wie japanische Christen im Hof gefoltert werden. Ferreira kommt auch dorthin. Er und die japanischen Verfolger sagen Rodrigo, die Christen würden heruntergelassen, sobald er auf das Christusbild trete. Und so tut er es schließlich.

„Der Priester hob den Fuß. Er fühlte in den Beinen einen dumpfen, schweren Schmerz. Das war nicht nur eine Geste. Er selbst trat jetzt auf das, was er in seinem Leben für das Schönste gehalten und an das er als an das Reinste geglaubt hatte, auf das, was alle Träume und Ideale der Menschen erfüllt. Wie dieser Fuß schmerzte! Tritt nur auf mich! sagte der Herr auf der Kupferplatte zum Priester. Tritt nur auf mich! Ich kenne die Schmerzen deiner Füße. Tritt nur! Um von euch getreten zu werden, wurde ich in diese Welt geboren, um eure Schmerzen zu teilen, nahm ich das Kreuz auf die Schultern.

Der Priester setzte seinen Fuß auf das Bild. Es dämmerte. Und in der Ferne krähte ein Hahn.“

Dieser Satz ist noch nicht ganz das Ende des Buches. Es geht noch ein wenig weiter. Damit, dass Rodrigo, wie Ferreira, den japanischen Behörden helfen muss. Sein Leben wird ganz und gar in dieselben Bahnen gelenkt wie das Ferreiras. Und obwohl er leidet, lässt er es geschehen. Obwohl er innerlich noch irgendwie glaubt, lässt er es geschehen. Er sagt sich, dass es Christi Wille sei, was er tue; dass es Christi Wille gewesen sei, dass er Ihn verleugnete – denn er tat es ja, um andere vor der Folter zu retten.

Ich habe hier eine kurze Rezension des Romans von Daniel McInerny gelesen, die ich sehr treffend finde: https://www.thecatholicthing.org/2014/07/14/the-sinister-theology-of-endos-silence/ „Is this really the voice of Christ as he passes by the scene?“ fragt McInerny hier über die Szene, die ich oben zitiert habe. „I cannot think so. I believe it is the voice of Satan tempting Rodrigues to imagine that by betraying his Lord he will be serving him.“ Und das denke ich auch. Es ist eine Lüge Satans, der wieder einmal versucht, als ein Engel des Lichts zu erscheinen, nicht die Stimme Christi.

Ein gewisser Konflikt im Roman beginnt schon lange vor diesem Geschehen. Noch relativ am Anfang des Romans berichtet Mokichi Rodrigo, dass die Behörden sie vorgeladen haben und von ihnen verlangen werden, auf das Christusbild zu treten:

„In meiner Brust regte sich Mitleid. Ohne zu denken gab ich eine Antwort, die Sie wahrscheinlich gegeben hätten. Ich dachte an Pater Gabriel, der während der Verfolgung in Unzen vor dem Bild erklärt hatte: ‚Lieber lasse ich mir diesen Fuß abschneiden, als dass ich darauf trete.’ Ich weiß, dass viele japanische Christen und Patres in dem Augenblick, in dem man ihnen das Christusbild vor die Füße legte, das gleiche empfunden haben. Aber wie konnte ich solchen Opfermut von diesen drei bemitleidenswerten Kreaturen verlangen?

‚Tretet nur darauf! Tretet nur darauf!’ Kaum hatte ich dies hervorgestoßen, begriff ich, dass ich dies nie hätte sagen dürfen. Voll Tadel starrte mich Garpe an.“

Tatsächlich treten die drei, als sie vorgeladen werden, wie Rodrigo ihnen geraten hat, zunächst aus Furcht auf das Christusbild; aber als man dann auch noch von ihnen verlangt, ein Bild der Jungfrau Maria anzuspucken, bringen Mokichi und Ichizo es nicht über sich. Also werden die beiden auf grausame Weise getötet, um alle übrigen Dorfbewohner endgültig vom Christentum abzuschrecken:

„Die Nacht sank herab. Von unserer Hütte aus konnten wir schemenhaft die roten Flammen des Feuers erkennen, das die Wachen angezündet hatten. Dort am Meeresufer standen die Leute von Tomogi und starrten hinaus auf das dunkle Wasser. Meer und Himmel waren so schwarz, dass niemand mehr wusste, wo Mokichi und Ichizo waren. Auch ob sie noch lebten, wusste niemand zu sagen. Weinend sprachen sie Gebete in ihren Herzen.

Da klang mit dem Rauschen der Wellen eine Stimme an ihre Ohren, die Mokichi zu gehören schien. Ob er nun den Dorfbewohnern vermitteln wollte, dass sein Leben noch nicht verlöscht war, oder ob er versuchte, sich selbst so Mut einzuflößen –, der junge Mann sang, um Atem ringend, ein christliches Lied:

‚Lasset uns wandern, lasset uns wandern,

zum Tempel des Paradieses lasset uns wandern!

Wenn wir vom Tempel des Paradieses sprechen,

wenn wir vom großen Tempel des Paradieses sprechen…’

Alle lauschten Mokichis Stimme, auch die Wachen lauschten. Immer wieder brandete seine Stimme, unterbrochen vom Rauschen des Regens und der Wellen, an das Ufer.“

Zu diesem Zeitpunkt beginnt Rodrigo, sich mit der Frage zu quälen, die für den Titel des Romans verantwortlich ist:

„Sie waren Märtyrer. Aber was für ein Märtyrertum war das! Ich hatte viel über Märtyrertum im Leben der Heiligen gelesen – so zum Beispiel hatte ich davon geträumt, dass im Augenblick der Heimkehr ihrer Seelen Strahlen der göttlichen Gnade das Firmament erfüllen und Engel mit ihren Trompeten sie willkommen heißen. Das Martyrium der japanischen Christen, das ich Ihnen eben geschildert habe, glich keinem solch strahlenden Bild. Wie überaus elend, wie schmerzerfüllt hatten die beiden sterben müssen. Unaufhörlich fällt der Regen ins Meer. Und das Meer, das sie getötet hat, verharrt ungerührt in Schweigen. […] Was will ich damit sagen? Ich weiß es selbst nicht genau. Ich weiß nur, dass ich es nicht ertrage, dass auch am heutigen Tag, an dem Mokichi und Ichizo ihr Leben unter Leiden für die Ehre des Herrn gegeben haben, dass auch heute das Meer dunkel und eintönig ans Ufer schlägt. Hinter der ungerührten Ruhe dieses Meeres ahne ich das Schweigen Gottes; Gott, der, die klagenden Stimmen der Menschen im Ohr, mit verschränkten Armen sein Schweigen bewahrt…“ Immer wieder quält er sich mit dieser Frage: „Obwohl doch in den zwanzig Jahren seit dem Ausbruch der Verfolgung über diese schwarze Erde von Japan das Stöhnen unzähliger Christen hallt, das rote Blut der Priester in ihr versickert und die Türme der Kirche niedergerissen wurden, schweigt Gott, schweigt im Angesicht dieser Opfer, die für ihn dargebracht werden.“

Und dann ist da noch eines: Immer wieder stellt Rodrigo sich, zunächst scheinbar zusammenhanglos, eine Frage nach dem Schicksal des Judas – fragt er sich, wieso Christus beim Letzten Abendmahl zu Judas sagte: „Was du tun willst, tue bald!“ Er fragt sich, ob Christus diese Worte im Zorn sagte; ob Er Judas nicht mehr liebte, nicht mehr versuchte, ihn von seiner Tat zurückzuhalten. Schließlich legt er sich die Erklärung zurecht, dass auch Judas einen Teil des Planes Gottes zu erfüllen hatte; ganz am Ende des Romans, glaubt er, dass Christus zu ihm selber spricht: „Wie ich jetzt zu dir sage: Tritt nur auf das Tretbild, sagte ich zu Judas: Führe aus, was du vorhast! Denn sein Herz schmerzte wie jetzt dein Fuß.“

Und ich denke, hier irrt Rodrigo. Wenn es das ist, was Endo mit dem Roman sagen will, dann irrt auch er hier. Judas als Identifikationsfigur? Handelte Judas denn bitte schön, im Übrigen, aus guten Motiven?

Ich bin überzeugt davon, dass Christus zu Judas letztlich sagte: Entscheide dich! Natürlich wollte Er nicht, dass Judas zum Verräter wurde. Er sprach nicht im Zorn, und Er sprach keine Worte der Verdammnis. Er sprach: Was immer du tun willst, das tue bald – du musst jetzt wählen.

Diese Zweifel, die ich beschrieben habe, sind nicht die einzigen, die zu dem beitragen, was Rodrigo am Ende tut. Als er zum ersten Mal mit Ferreira spricht, versucht dieser – und das Gleiche versucht in anderen Gesprächen der japanische Machthaber Inoue – ihm einzureden, dass das Christentum im fremden Japan keine Wurzeln schlagen könne; dass die japanischen Christen nicht wirklich denselben Glauben angenommen hätten, an dem die europäischen Christen festhielten; dass Japan ein Sumpf sei, in dem der dorthin verpflanzte christliche Baum verfaulen müsse.

Nun, ich nehme mal an, es ist kein Wunder, dass Endos Roman seinerzeit besonders von seinen japanischen Mitchristen heftig kritisiert wurde. (Endo selber betonte übrigens dann allerdings auch, dass Romane keine theologischen Werke seien.) Ich kann mich ihrer Kritik nur anschließen.

Wie oben schon deutlich wurde, was Rodrigos Festigkeit am Ende wirklich zerstört, ist die Folter anderer. An einer Stelle des Romans muss er dem Tod Garpes und anderer japanischer Christen zusehen (sie werden im Meer ertränkt); ein Dolmetscher versucht auch an dieser Stelle wieder, seinen Glauben ins Wanken zu bringen: „‚Wie oft ich das auch mitansehe, immer wieder finde ich es abscheulich!’ Der Dolmetscher erhob sich vom Hocker. Er schaute den Priester nun hasserfüllt an. ‚Padre, habt ihr schon einmal daran gedacht, welches Unheil euer Traum über diese Bauern bringt? Dieser selbstsüchtige Traum, den ihr Japan aufzwingen wollt? Wieder ist Blut geflossen! Das Blut dieser ahnungslosen Bauern hat wieder fließen müssen.“ Ja, richtig: Die Mörder sagen hier – und an anderen Stellen – zu einem anderen: Du bist schuld, wenn wir sie töten.

Das ist die Perfidie des Teufels, das ist seine List, das ist die Übelkeit erregende Lüge der Hölle, eine der vielen großen Lügen des Vaters der Lüge. Das ist eine Lüge, die gerade jetzt in so vielen Filmen und Romanen wiederholt wird: Töte einen, sonst töte ich mehrere, dann bist du schuld an ihrem Tod – leg dort eine Bombe, sonst töte ich dein Kind, dann bist du schuld an seinem Tod – bring diese Leute um, sonst foltere ich deine Frau, dann bist du schuld an ihrem Schmerz – das ist die Lüge Satans. Und das ist eine Art der Gewalt, die nicht nur für Horrorfilme typisch ist, sondern auch für satanistische Sekten – kein Wunder! Und sie beruht auf einer Lüge.

Der, der das Messer führt, ist der Mörder; der, der tötet, ist schuld am Tod des Getöteten. „Du bist schuld“, sagt der Mörder in diesem Roman, und in so vielen anderen Romanen und Filmen, und so etwas ist eine so unglaublich widerwärtige, ekelerregende Verdrehung und Versuchung, und doch kann Sebastian Rodrigo sich gegen diese Verdrehung und Versuchung nicht wehren. Er glaubt die Lüge. Ihm wird eingetrichtert, er wolle sich ja bloß den Ruhm des unbeugsamen Bekenners erhalten, für sein persönliches reines Gewissen nehme er das Leid anderer in Kauf, kurz: Moralisches Handeln wird als Luxus dargestellt, der im Endeffekt auf Unmoral hinausliefe. Und das ist wiederum eine völlig pervertierte Vorstellung dessen, was Moral eigentlich ist. Ich fürchte jedoch, sie ist nur allzu weit verbreitet. Aber Moral ist kein Luxus. Nie. Das ist eine Lüge.

Ich bin hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/10/23/leben-retten-leben-nehmen/) schon einmal ziemlich ausführlich auf dieses Thema eingegangen; da speziell auf die Tatsache: Wenn Terroristen Unschuldige als menschliche Schutzschilde verwenden oder als Geiseln nehmen, dann ist der, der sich von den Terroristen nicht erpressen lässt, nicht schuld am Tod dieser Unschuldigen. Ich habe auch hier schon Robert Spaemann zitiert; einen Teil dieses Zitats möchte ich hier noch einmal wiederholen: „Jener Polizist, dem befohlen wurde, ein 12jähriges Judenmädchen zu erschießen, das ihn um sein Leben anflehte, hat wirklich geschossen. Sein sadistischer Vorgesetzter hatte ihm eine Alternative vor Augen gestellt: die Erschießung von 12 anderen unschuldigen und wehrlosen Personen. Der Polizist schoß und wurde wahnsinnig. Er tat, was er nicht mußte, weil er es nicht hätte können müssen. Jeder Mensch muß einmal sterben. Den Tod jener 12 Menschen hätte der Polizist sowenig zu verantworten gehabt, als wenn er keine Hände gehabt hätte. Hätte er nicht auch im Besitz von Händen sagen können: ‚Ich kann nicht’?“ Ja, es kann Situationen geben, wo es besser ist, auf Forderungen von Erpressern einzugehen, um den Tod Unschuldiger zu verhindern. Wenn etwa ein Verbrecher mein Kind entführt hat und von mir 100.000 Euro Lösegeld fordert, ansonsten würde er es töten – natürlich, zahlen. (Es sei denn, die Polizei hätte die Möglichkeit, es zu befreien, ohne dass es dabei wahrscheinlich umgebracht wird.) Aber was, wenn ein Verbrecher mein Kind entführt hat und von mir verlangt, eine Bombe zu platzieren, durch die zahlreiche Unschuldige sterben würden, ansonsten würde er es töten – was dann? Nein: Dann darf man das Verlangte nicht tun. Ist das schlimm, ist das tragisch? Natürlich ist es das! Aber es die Tat dieses Verbrechers, die tragisch ist!

Es gibt bestimmte Dinge, die zu tun immer falsch ist. Zählt hierzu auch das Verleugnen des Glaubens? Ich denke, dass es so ist. Die antiken Christen hätten wohl ja gesagt. Die Apostel und die Bischöfe und Priester der alten Kirche ermutigten die Christen zum Martyrium, sie forderten sie auf, alles zu ertragen, was man ihnen antun möchte, eher Folter und Scheiterhaufen und Kreuzigung auf sich zu nehmen, als dem Kaiser auch nur offiziellerweise ein paar Weihrauchkügelchen hinzuwerfen, und sie ertrugen das auch selbst. Sie handelten dabei nach den Worten Jesu: „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“ (Mt 10,32-33)

Als ich darüber nachdachte, was Rodrigo in der oben zitierten Stelle zu Mokichi und Ichizo sagt, musste ich auf einmal an eine Geschichte aus dem 2. Buch der Makkabäer denken. Man vergleiche Rodrigos Verhalten mit dem der Mutter der sieben Brüder, die von Antiochus Epiphanes auf grausamste Weise getötet werden, weil sie sich weigern, Schweinefleisch zu essen:

„Ein andermal geschah es, dass man sieben Brüder mit ihrer Mutter festnahm. Der König wollte sie zwingen, entgegen dem göttlichen Gesetz Schweinefleisch zu essen, und ließ sie darum mit Geißeln und Riemen peitschen. Einer von ihnen ergriff für die andern das Wort und sagte: Was willst du uns fragen und von uns wissen? Eher sterben wir, als dass wir die Gesetze unserer Väter übertreten. Da wurde der König zornig und befahl, Pfannen und Kessel heiß zu machen. Kaum waren sie heiß geworden, ließ er ihrem Sprecher die Zunge abschneiden, ihm nach Skythenart die Kopfhaut abziehen und Nase, Ohren, Hände und Füße stückweise abhacken. Dabei mussten die anderen Brüder und die Mutter zuschauen. Den grässlich Verstümmelten, der noch atmete, ließ er ans Feuer bringen und in der Pfanne braten. Während sich der Dunst aus der Pfanne nach allen Seiten verbreitete, sprachen sie und ihre Mutter einander Mut zu, in edler Haltung zu sterben. […] Auch die Mutter war überaus bewundernswert und sie hat es verdient, dass man sich an sie mit Hochachtung erinnert. An einem einzigen Tag sah sie nacheinander ihre sieben Söhne sterben und ertrug es tapfer, weil sie dem Herrn vertraute. In edler Gesinnung stärkte sie ihr weibliches Gemüt mit männlichem Mut, redete jedem von ihnen in ihrer Muttersprache zu und sagte: Ich weiß nicht, wie ihr in meinem Leib entstanden seid, noch habe ich euch Atem und Leben geschenkt; auch habe ich keinen von euch aus den Grundstoffen zusammengefügt. Nein, der Schöpfer der Welt hat den werdenden Menschen geformt, als er entstand; er kennt die Entstehung aller Dinge. Er gibt euch gnädig Atem und Leben wieder, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen nicht auf euch achtet. Antiochus aber glaubte, sie verachte ihn, und er hatte den Verdacht, sie wolle ihn beschimpfen. Nun war nur noch der Jüngste übrig. Auf ihn redete der König nicht nur mit guten Worten ein, sondern versprach ihm unter vielen Eiden, ihn reich und sehr glücklich zu machen, wenn er von der Lebensart seiner Väter abfalle; auch wolle er ihn zu seinem Freund machen und ihn mit hohen Staatsämtern betrauen. Als der Junge nicht darauf einging, rief der König die Mutter und redete ihr zu, sie solle dem Knaben doch raten, sich zu retten. Erst nach langem Zureden willigte sie ein, ihren Sohn zu überreden. Sie beugte sich zu ihm nieder, und den grausamen Tyrannen verspottend, sagte sie in ihrer Muttersprache: Mein Sohn, hab Mitleid mit mir! Neun Monate habe ich dich in meinem Leib getragen, ich habe dich drei Jahre gestillt, dich ernährt, erzogen und für dich gesorgt, bis du nun so groß geworden bist. Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat das aus dem Nichts erschaffen und so entstehen auch die Menschen. Hab keine Angst vor diesem Henker, sei deiner Brüder würdig und nimm den Tod an! Dann werde ich dich zur Zeit der Gnade mit deinen Brüdern wiederbekommen. Kaum hatte sie aufgehört, da sagte der Junge: Auf wen wartet ihr? Dem Befehl des Königs gehorche ich nicht; ich höre auf den Befehl des Gesetzes, das unseren Vätern durch Mose gegeben wurde. Du aber, der sich alle diese Bosheiten gegen die Hebräer ausgedacht hat, du wirst Gottes Händen nicht entkommen. Denn wir leiden nur, weil wir gesündigt haben. Wenn auch der lebendige Herr eine kurze Zeit lang zornig auf uns ist, um uns durch Strafen zu erziehen, so wird er sich doch mit seinen Dienern wieder versöhnen. Du Ruchloser aber, du größter Verbrecher der Menschheit, überheb dich nicht und werde nicht durch falsche Hoffnungen übermütig, wenn du deine Hand gegen die Kinder des Himmels erhebst. Denn noch bist du dem Gericht des allmächtigen Gottes, der alles sieht, nicht entronnen. Unsere Brüder sind nach kurzem Leiden mit der göttlichen Zusicherung ewigen Lebens gestorben; du jedoch wirst beim Gericht Gottes die gerechte Strafe für deinen Übermut zahlen. Ich gebe wie meine Brüder Leib und Leben hin für die Gesetze unserer Väter und rufe zu Gott, er möge seinem Volk bald wieder gnädig sein; du aber sollst unter Qualen und Schlägen bekennen müssen, dass nur er Gott ist. Bei mir und meinen Brüdern möge der Zorn des Allherrschers aufhören, der sich zu Recht über unser ganzes Volk ergossen hat. Da wurde der König zornig und verfuhr mit ihm noch schlimmer als mit den anderen – so sehr hatte ihn der Hohn verletzt. Auch der Jüngste starb also mit reinem Herzen und vollendetem Gottvertrauen. Zuletzt starb nach ihren Söhnen die Mutter.“ (2 Makk 7,1-5.20-41)

Diese acht Menschen starben wirklich auf schlimmste Weise; wer mag, kann die vollständige Geschichte hier nachlesen: http://www.bibleserver.com/text/EU/2.Makkab%C3%A4er7 Sie starben bloß für die Weigerung, Schweinefleisch zu essen – ein rein äußerliches Gebot Gottes, ein bloßes Zeichen der Treue zu Gott im Alten Bund. Sie waren nicht bereit, dieses Gebot zu brechen, weil es ein Ausweis der Verleugnung ihres Glaubens gewesen wäre. Und sie versuchten auch nicht, einander vom Martyrium abzuhalten. Die Hoffnung auf ewiges Leben hielt sie aufrecht, und zwar, obwohl auch bei ihrem Martyrium keine himmlischen Erscheinungen und Wunder auftauchen; wenn man so will, Gott zu schweigen schien.

An manchen Stellen des Romans zeigt Rodrigo noch große, nachdenklich machende Einsichten. Nach dem ersten Zusammentreffen mit Ferreira denkt er sich Folgendes: „Ferreiras Traurigkeit fiel dem Priester ein. Ferreira vermied es, in jenem Gespräch über die japanischen Märtyrer zu sprechen. Er versuchte bewusst, diesem Thema aus dem Weg zu gehen. Menschen, die im Unterschied zu ihm stark geblieben waren, sogar die Grubenfolter durchgestanden hatten, solche Menschen trachtete er zu vergessen.“ Aber als Rodrigo selbst in Ferreiras Fußstapfen getreten ist… scheint er sich genauso zu verhalten. Er sagt sich, dass er im Endeffekt Gottes Willen erfüllt habe, auch wenn die Kirche ihn jetzt als Apostaten betrachten möge: „Was wisst denn ihr! Ihr Vorgesetzten in Europa, in Makao! Und in der Dunkelheit verteidigte er sich vor ihnen. Ihr lebt euer behagliches Leben, die Religion verbreitet ihr an friedlichen und sicheren Orten!“ Den Gedanken an die Patres und die Christen, die nicht im behaglichen Europa lebten und tatsächlich zu Märtyrern wurden, scheint er ganz einfach nicht mehr in seinen Kopf zu lassen. Er muss sich versichern, dass er richtig gehandelt hat.

Ich glaube, dass seine Apostasie letztlich auch ein bisschen mit der Tatsache zusammenhängt, dass er nicht sehr viel an das ewige Leben zu denken scheint, dass ihm der Tod als etwas sehr Schlimmes zu erscheinen scheint. Ein bisschen anders die japanischen Katholiken, die im Lauf des Romans zu Märtyrern werden: Lasset uns wandern, lasset uns wandern, zum Tempel des Paradieses lasset uns wandern! Immer wieder einmal kommt es ihm in den Sinn, das ja, auch noch, kurz bevor er auf das Bild tritt, aber er wankt in seinem Glauben:

„Als ob er dadurch diese Vision vertreiben könnte, schlug er immer wieder mit seinem Kopf an die Wand.

‚Diese Leute werden für ihre irdischen Schmerzen mit der ewigen Seligkeit belohnt.’

‚Betrüge dich nicht selbst!’ sagte Ferreira ruhig. ‚Mit schönen Worten suchst du Ausflüchte für deine Schwäche.’

‚Meine Schwäche!’ Der Priester schüttelte ohne Überzeugung den Kopf. ‚Das stimmt nicht. Ich glaube an die Erlösung dieser Leute.’

‚Aber du machst dich selbst wichtiger als die anderen, weil dir am meisten an deiner eigenen Erlösung liegt. Wenn du sagst, dass du den Glauben aufgeben willst, zieht man sie aus der Grube. Ihre Qualen haben ein Ende. Aber du willst nicht abschwören. Denn du willst die Kirche nicht verraten. Du willst kein Schandfleck werden wie ich.’ Ferreiras Stimme, die zornig geklungen hatte, wurde allmählich leiser. ‚Auch ich habe das erlebt. Auch ich fühlte in jener finsteren und eiskalten Nacht das gleiche wie du jetzt. Aber wo bleibt die Liebe? Ein Priester sollte dem Beispiel Christi folgen. Wenn Christus hier wäre…’“

Das ist wieder diese Perfidie: Opfere dein Gewissen, vergiss den Luxus der Moral, tu es „für das größere Wohl“ (die Inschrift über dem Tor von Nurmengard, für alle, die Harry Potter kennen).

Ich glaube, zum christlichen Glauben gehört es auch, darauf zu vertrauen, dass letztendlich dann alles gut werden wird, wenn man auf Christi Gebote hört – auch, wenn es zunächst genau nach dem Gegenteil aussieht, und wenn einem eine perfide Versuchung die Hoffnung nehmen will. Und eins von Christi klarsten Geboten war, Ihn nicht vor den Menschen zu verleugnen. Rodrigos Aufgabe wäre es gewesen, darauf zu vertrauen, dass auch für die Gefolterten alles, alles gut werden würde.

Aber wie alldem auch sei; selbst wenn man meinen will, dass Rodrigo in diesem Moment richtig handelte – und auch wenn man meint, dass es falsch war, kann man ihn nicht einfach so verurteilen; er tritt auf das Bild in einem Augenblick größten Schmerzes und größter Verwirrung, bedrängt von perfiden Psychotricks seiner Verfolger, schon völlig entmutigt durch Ferreiras Vorbild, weil er nicht glaubt, dass er die Fähigkeit haben wird, standhaft zu bleiben, wenn schon dieser Mann abgefallen ist; und er tut es nicht um seines eigenen Lebens willen –, selbst dann kann man sagen: Wie er dann weiterlebt, ist eindeutig nicht richtig. Dieser eine Moment, das kann man nachvollziehen, auch wenn man es nicht gutheißt – aber die folgenden Monate und Jahre? Denn obwohl er den Glauben innerlich irgendwie bewahren will, verleugnet er ihn tagtäglich. Er arbeitet wie Ferreira mit seinen Verfolgern zusammen. „Bei solchen Gelegenheiten zeigte man ihm irgendwelche Dinge, die die Japaner nicht kannten, und er hatte zu erklären, ob sie etwas mit dem Christentum zu tun hatten oder nicht. Nur er oder Ferreira vermochten sofort zu bestimmen, was von den vielen fremdartigen Gütern, die die Ausländer aus Makao mitbrachten, dem Christentum diente. Hatte er diese Arbeit beendet, so überreichte man ihm Geld oder Kuchen als Dank des Magistrats für die geleisteten Dienste. Die Beamten im Magistrat in Motohakatamachi und auch jener Dolmetscher begegneten ihm stets mit Höflichkeit. Niemals wurde er demütigend oder als Verbrecher behandelt.“ Hat er einmal darüber nachgedacht, was er mit seiner Apostasie den japanischen Gläubigen antut? Was er ihnen dann nicht nur direkt durch diese seine Mitarbeit beim Magistrat, sondern indirekt, geistlich durch seine Apostasie und sein weiteres Handeln antut? In ganz Nagasaki nennt man ihn den „abgefallenen Paulus“ und Ferreira den „abgefallenen Petrus“. Er weiß, dass dort noch Menschen leben müssen, die heimlich Christen sind; und doch gibt er weiter allem nach, was die japanischen Beamten von ihm fordern. Was tut er damit den Christen an, denen zu dienen er gekommen ist? Er ist ihnen das, was Ferreira ihm war; er nimmt ihnen Hoffnung.

Es scheint ihm so oft, als ob Gott schweigt. Aber tut Er das denn? Tut Er das aus Sicht der japanischen Gläubigen? Ein Priester, ein alter Christus (lt. „zweiter Christus“, „anderer Christus“) kommt in ihr Land, trotz der Gefahr, die ihm dort droht – ist das ein Schweigen Gottes? Die Kirche wird der Leib Christi genannt; Christen, und Priester in ganz besonderer Weise, sind in Christus eingegliedert, sie sind Teil seines mystischen Leibes. Er will durch sie handeln, Er will gerade durch sie sprechen. Er spricht durch Märtyrer wie Mokichi und Ichizo (gerade in der Erbärmlichkeit ihres Todes, den sie auf sich nehmen! Was Rodrigo einfach nicht sieht), Er spricht auch anfangs durch Rodrigo, als er nach Japan kommt – aber dann verleugnet dieser Ihn. „Christ is silent as he passes by”, schließt McInerny bei seiner Rezension, „because Rodrigues won’t open up his mouth to give him voice.“

Ich frage mich auch, ob Rodrigo wirklich (wenn er ernsthaft darüber nachdenken würde) eine glorreiche Märtyrerkirche voller Wunder und offensichtlicher Manifestationen des Göttlichen erwartet, als er nach Japan geht. Gleichzeitig frage ich mich – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen seltsam – welche Vorstellung Endo vom christlichen Portugal hat? Ich frage mich, ob er diese christliche Kultur nicht vielleicht unbewusst ein bisschen idealisiert. Ist Gott den Priestern in diesem christlichen Portugal stets so offensichtlich und klar und nahe gewesen, dass sie Ihn im heidnischen Japan nicht mehr sehen zu können scheinen?

Dieses Buch schildert den langsamen Niedergang eines Priesters, der schließlich seinen Glauben verleugnet. Vielleicht hat er sich anfangs zuviel zugetraut. Vielleicht hat er tatsächlich zuerst geglaubt, mehr oder weniger aus eigener Kraft das Martyrium bestehen zu können und sich darauf etwas eingebildet. Aber am Ende verliert er auch den Glauben, es mit Gottes Hilfe schaffen zu können. Am Ende könnte man heulen, so sehr tut er einem leid – man möchte ihm zurufen, dass er mit diesem scheußlichen, grauenvollen, einsamen, erstarrten Leben, das ihn selbst so zutiefst unglücklich macht und leiden lässt, doch nicht weitermachen muss, dass er doch wieder umkehren könnte. Ja, wenn er nur umkehren würde! In den letzten Kapiteln beginnt man etwas von der Hölle auf Erden zu ahnen, die Rodrigos Leben geworden ist. Und Ferreira erst… er ist noch schlimmer. Was muss in einem Priester vorgehen, der einen anderen Priester zur Verleugnung des Glaubens bewegt hat? Der weiterhin bei der Verfolgung von Christen hilft? Der öffentlich gegen das Christentum zu argumentieren hat? Wie sollte ein Priester, der Christus die Treue geschworen hat, diesen Schmerz aushalten können, der da in ihm sein muss?

Mein persönliches Fazit also: Ich mag das Buch nicht, obwohl es gut geschrieben ist (was heißt gut – der Schreibstil ist unglaublich gut), weil es zu schlecht ausgeht. Ja, es gibt Menschen, die falsche Entscheidungen treffen und deren Leben furchtbar tragisch ausgeht; aber dennoch: Ich lese einfach nicht gerne Romane, die mich auf diese Art und Weise deprimieren, deswegen würde ich dieses Buch Leuten, denen es ähnlich geht, nicht unbedingt empfehlen. Es bewegt – es lässt einem eine Zeitlang gar keine Ruhe –, es bringt einen zum Nachdenken und zum Trauern, aber es belebt nicht, es zeigt kein überwundenes, sondern finster und einsam triumphierendes Leid. Natürlich, Tragik kann man nie ganz eliminieren; und andere Menschen lassen sich von schlecht endenden Büchern oder Filmen vielleicht nicht so deprimieren (auch Hamlet und Macbeth etwa sind tragisch…); aber ich persönlich eben leicht, und mir fehlt hier völlig die christliche Hoffnung, der feste Glaube. Ich glaube, an Sebastian Rodrigo wird auf negative Weise das deutlich, was „Glaube“ als Tugend wirklich ist. Rodrigo und Ferreira (und sogar einige der japanischen Verfolger, wie Inoue, der das Christentum gut kennt; er lehnt es bloß als unjapanisch ab) zweifeln nicht wirklich intellektuell an der christlichen Lehre; aber festzuhalten am praktischen Vertrauen auf Gott, wenn er zu schweigen scheint… man weiß zwar rein rational ganz genau, dass er Gründe haben muss, aber diesem überwältigenden Eindruck von Verlassenheit und Ausweglosigkeit zu widerstehen, und darauf zu vertrauen, dass Gottes Gebote sich unzweifelhaft als der richtige Weg erweisen werden – das ist Glaube, fides, Treue, im christlichen Sinn. Und das Buch lässt die Hoffnung darauf zu sehr untergehen, dass in einer anderen Welt alles Unrecht zurechtgerückt werden wird, dass alle Tränen abgewischt werden, dass alles, alles gut werden wird. Diese christliche Hoffnung, die die Makkabäer und die römischen Märtyrer und die japanischen Märtyrer, die tatsächlich unter der Grubenfolter starben, unter allen ihren furchtbaren Schmerzen aufrechterhielt.

Ich weiß noch nicht, ob ich mir den Film ansehen werde.

Man kann an dem Buch vielleicht noch kritisieren, dass es wohl (nach den Informationen, die ich habe), einen historischen Fehler enthält; die (wenigen) Priester, die in der Verfolgung abfielen, fielen wohl tatsächlich ab, nachdem sie selbst gefoltert wurden, nicht nachdem andere gefoltert wurden. Aber gut; der Konflikt, der in diesem Buch geschildert wird, ist dennoch ein möglicher Konflikt in einer Verfolgung, die geschilderte Versuchung ist eine, die im menschlichen Leben in verschiedenen Situationen auftreten kann; und so etwas kann man ja auch dann in einem Roman verarbeiten, wenn es nicht streng historisch sein sollte. Ach ja: Über das Ende des historischen Ferreira weiß man übrigens sehr wenig. Es gibt auch Gerüchte, dass er schließlich nach Jahrzehnten doch als Märtyrer gestorben sei. Es ist nicht geklärt. Rodrigo ist nicht historisch, aber nach einer historischen Person geformt. Und was die japanischen Christen angeht… nun einige von ihnen bewahrten über Jahrhunderte hinweg heimlich den Glauben, ohne Priester, und kamen schließlich, als Japan sich im 19. Jahrhundert wieder öffnete und neue Missionare ins Land durften, wieder mit ihrem Glauben hervor. Der Baum verfaulte doch nicht.

Eins noch: Vielleicht haben die Leser dieser Rezension den Eindruck, ich würde mit einem gewissen Hochmut aus meiner bequemen Position in einem christenverfolgungsfreien Land über Rodrigo und Ferreira urteilen. Das tue ich sicher nicht. Ich habe nie behauptet, dass ich mich in einer solchen Situation irgendwie besser verhalten hätte; auch wenn ich hier proklamiere, wie man sich richtigerweise verhalten müsste. Also noch fürs Protokoll: Ich würde mich wahrscheinlich niemals freiwillig in ein Land wagen, wo Christen verfolgt werden, eben aus der Angst heraus, dass ich einer Verfolgung nicht standhalten könnte. Angenommen nun, die Verfolgung käme aber zu mir – etwa in Form einer islamistischen Geiselnahme wie bei Abbé Jacques Hamel –; dazu, so denke ich, kann ich Folgendes behaupten: Ich glaube, ich hätte kein großes Problem mit einem schnellen Märtyrertod, Köpfen oder Erschießen oder so etwas; Angst vor dem Tod habe ich nämlich eigentlich weniger (wobei man das auch leicht sagen kann, solange man nicht in Todesgefahr ist); sehr wohl aber habe ich Angst vor der Folter. Folter, und ebenso Psychofolter, ist genau genommen eine furchtbare Horrorvorstellung für mich, und ich denke, ich kann nur unseren Herrn Jesus Christus bitten, dass ich niemals in eine Situation komme, die Folter beinhaltet. (Wofür die Chancen ja zum Glück ganz gut stehen…)

Nun also: Was denkt ihr über dieses Buch? Irgendwelche Anmerkungen?

[Update: Hier noch ein paar Informationen über den tatsächlichen historischen Hintergrund: http://die-missionen.blogspot.de/2017/01/silence-martin-scorsese-und-der.html ]

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3 Gedanken zu “„Schweigen“, die makkabäischen Märtyrer und die Perfidie des Vaters der Lüge

  1. Hier in Polen läuft der Film schon seit gestern, heute sah ich ihn im KIno – und bin überhaupt nicht zufrieden mit dieser Verklärung der Apostasie, basierend auf in jüngster Zeit wohl modern gewordener gnostischer Judas-Mystik, die mit angeblichen Worten Jesu gerechtfertigt werden soll („Tritt nur! Um von euch getreten zu werden, wurde ich in diese Welt geboren“).
    Schon Edzard Schapers ähnliche Betrachtungen über das „Martyrium der Lüge“ (ähnliche Verfoplgung orthodoxer Christen in der Sowjetzeit) haben mich seinerzeit nachdenklich werden lassen. Aus der Not (zweifellos war es immer eine äußerst tragische Gewissensnot!) eine Tugend machen ist jedenfalls theologisch NICHT gerechtfertigt.
    Leider wurde die perfide Rolle des protestantischen Engländers William Adams nicht erwähnt, der die japanischen Herrscher gegen die Jesuiten aufhetzte – und das keineswegs wegen dem „wahren Evangelium“, sondern einzig für den Profit der Ostindischen Kompanie.

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