Die Pfeiler des Glaubens, Teil 1: Von Morisken und Märtyrern

Letztens ist mir bei einem Blick in mein Bücherregal dieser historische Roman hier aufgefallen, den ich vor ein paar Jahren von einer Patentante zu Weihnachten bekommen haben müsste:

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Worum es geht, verrät der Klappentext:

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Pseudohistorisches, schlecht recherchiertes Christenbashing wahrscheinlich, habe ich mir damals gedacht, mich nett bei der Patentante bedankt, und das Buch ungeöffnet ins Regal gestellt. Aber inzwischen habe ich ja einen Blog, und da kann man, wenn ein Buch sich als schlecht herausstellt, andere an seinen genervten Gefühlen teilhaben lassen. Also, frisch ans Werk.

Als ich den Klappentext vor ein paar Tagen wieder gelesen habe, war ich überrascht davon, wie unsympathisch mir der Protagonist in dieser kurzen Beschreibung erscheint; ich hatte nicht mehr in Erinnerung, dass Hernando „sich als Christ ausgibt und für das Domkapitel in Córdoba arbeitet – scheinbar gegen die Muslime“. Wenn du schon einer falschen Religion anhängst, dann steh doch wenigstens dazu, habe ich mir gedacht. Aber ich greife mir vor.

Ildefonso Falcones ist als Schriftsteller kein unbekannter Anfänger; von ihm stammt auch der Bestseller „Die Kathedrale des Meeres“, der im 14. Jahrhundert in Barcelona spielt. Besonders gut geschrieben ist „Die Pfeiler des Glaubens“ trotzdem nicht. Die Perspektive wechselt oft abrupt, an manchen Stellen alle paar Sätze; mal berichtet ein allwissender Erzähler von der politischen Lage, dann blickt man wieder in den Kopf einer Nebenfigur, gleich darauf dann in den des Protagonisten, dann für zwei Sätze in den einer anderen Nebenfigur. Dazu kommen, gleich ab der ersten Seite, Adjektive über Adjektive. Beispiele gefällig?

„Das metallische Echo [der Kirchenglocken] brach sich in den felsigen Schluchten des Südhanges, erfüllte das fruchtbare Tal mit seinen Flüssen Guadelfo, Adra und Andarax, die sich aus den zahllosen Gebirgsbächen der verschneiten Gipfel speisten, und wurde schließlich von den steilen Hängen der Sierra Contraviesa zurückgeworfen.“ (S. 11)

„Vor dem schlichten ockerfarbenen Gotteshaus mit seinem wuchtigen Glockenturm lag ein weitläufiger Vorplatz, von dem aus sich ein Gewirr aus engen Gassen über den Hang ausbreitete.“ (Ebd.)

Der Roman beginnt an einem Sonntagmorgen im Dezember 1568 in diesem spanischen Bergdorf namens Juviles, wo eine Minderheit aus Altchristen mit einer unterdrückten Mehrheit aus Morisken zusammenlebt – Muslimen, die nach der Vertreibung der muslimischen Herrscher aus Spanien 1492 zunächst toleriert, dann allerdings vor die Wahl zwischen Taufe oder Ausweisung gestellt worden waren, und die die Taufe gewählt hatten. Diese Familien praktizieren im Geheimen weiterhin den Islam, erscheinen aber pflichtgemäß zur Sonntagsmesse, wo der Pfarrer ihre Anwesenheit kontrolliert und zwei Frauen, die am vergangenen Sonntag unentschuldigt gefehlt haben, Geldstrafen aufbrummt. Schon in diesen ersten Seiten begegnet man auch vor bzw. in der Kirche zwei gedemütigten Büßern, die für das Vergehen der Hexerei bloßgestellt werden; es handelt sich um eine alte Moriskin, die einer Kranken hat helfen wollen, indem sie deren Hemd in angeblich heilkräftigem Wasser gewaschen hat, und den Ehemann der Kranken, der ihr das Hemd gegeben hatte. Reizend. (Aber, nach meinen (geringen) Kenntnissen der spanischen Kirchenzucht in der frühen Neuzeit, auch nicht ganz unplausibel.*) Erstaunlicherweise scheint die Messe dann übrigens auf Spanisch, nicht auf Latein, gehalten zu werden – es wird erwähnt, dass viele Morisken nicht gut Spanisch sprechen, aber gelernt haben, die Gebete in der Kirche mitzusprechen -, obwohl auch ausdrücklich gesagt wird, dass der Priester bei der Wandlung „mit dem Rücken zur Gemeinde“ steht. Na ja, Flüchtigkeitsfehler können passieren.

In Juviles lebt auch der 14-jährige Hernando, der unter den Morisken eine Art Außenseiterrolle einnimmt, da, wie der Klappentext oben verrät, seine Mutter Aischa von einem christlichen Priester in ihrem Heimatdorf vergewaltigt worden und Hernando dabei herausgekommen ist. Sein Stiefvater Ibraham, der Maultiertreiber ist, und andere Dorfbewohner beschimpfen ihn als „Nazarener“ (S. 18) und „Christenhund“ (ebd.), und als einziger unter den Morisken hat er nur einen christlichen Namen und keinen im Geheimen gebrauchten muslimischen. Auch der christliche Sakristan und der Pfarrer bemühen sich übrigens besonders um Hernando – „so als wollten sie den Bastard des Priesters vor Mohammeds Anhängern retten“ (S. 20). (Ähnliche Formulierungen kommen immer wieder heraus, wenn Falcones dramatisch werden will.)

Hamid, ein alter islamischer Gelehrter, der einst zu einer edlen Familie in Granada gehört hat, jetzt aber in Armut in Juviles lebt, hat Hernando jedoch ebenfalls gern und lehrt ihm seinerseits die heiligen Texte des Islam. Als Hernando wieder einmal bei Hamid zu Besuch ist, kommt ein Besucher vorbei, der Hamid in Aufstandspläne der Morisken einweiht, und bald geht der Aufstand los, auch in Juviles. Die Altchristen dort werden in der Kirche zusammengetrieben, und Hernando, der gerade dem Sakristan geholfen hat, die Christmette vorzubereiten**, mit ihnen; aber als Hamid sich für ihn einsetzt und Hernando das islamische Glaubensbekenntnis ablegt, wird er freigelassen. Von da an beteiligt er sich ebenfalls am Aufstand, da Ibrahim ihn als Maultiertreiber braucht, um Beute zu transportieren, die gegen Waffen getauscht werden soll. Während er sich in der Kirche von Juviles selbst noch nicht ganz sicher gewesen ist, was er eigentlich ist, Christ oder Muslim, entscheidet er sich nun offensichtlich zur Loyalität gegenüber dem Islam. Auch die Sympathie des Autors scheint eher auf dieser Seite zu liegen; vielleicht einfach deshalb, weil die katholische Kirche als die Seite des Bösen von Anfang an feststeht und die Gegenseite daher zwangsläufig zumindest ein bisschen besser sein muss, oder auch deshalb, weil sich die Morisken nach der erfolgreich abgeschlossenen Reconquista in der Rolle der Unterdrückten wiederfinden, und man für die Unterdrückten immer Sympathie hat. (Und überhaupt, auch die Zeit der islamischen Herrschaft war doch so eine tolle, tolerante, kultivierte Zeit für Spanien! Ähm, ja, sicher.)

Bei der Schilderung des Aufstands verzichtet Falcones jedenfalls auf Schwarz-Weiß-Malerei; die Morisken werden durchaus auch als fanatisch und brutal gezeigt, wenn sie etwa christliche Gefangene traktieren, verstümmeln, mit Drohungen zu bekehren versuchen, oder schließlich töten. Es kommen gute Christen und schlechte Christen, gute Muslime und schlechte Muslime vor. In Bezug auf die historische Genauigkeit oder die historisch richtige Darstellung der religiösen Atmosphäre gibt es an dieser Stelle wenig zu bemängeln; alle kämpfen für ihren Glauben, weil es der ihre ist und sie ihn für wahr halten, verabscheuen den der Gegenseite als Gotteslästerung, und wollen sich für vergangenes Unrecht rächen. Aber jetzt kommen wir auch zu einem Thema, das mich an diesem Buch ziemlich nervt: Hernandos Sicht auf Wahrhaftigkeit und Märtyrertum.

An einer Stelle soll Hernando einen in einem anderen Dorf gefangenen christlichen Jungen namens Gonzalico dazu bringen, zum Islam überzutreten. Und ja, in der folgenden Szene, in der Falcones übrigens wieder mal die Zeitform nicht einhalten kann, soll Hernando offenbar mitfühlend und human herüberkommen, nicht wie der ölige Agent in einem Thriller, der den Helden geschickt von seiner Mission abzubringen versucht***:

„‚Eure Könige haben uns gezwungen, unseren Glauben aufzugeben‘, hatte Hernando dem Jungen in der Nacht erklärt. ‚Und das haben wir gemacht. Sie haben uns getauft.‘ Gonzalico sah ihn mit seinen großen graubraunen Augen an. ‚Und da wir jetzt herrschen werden…‘

‚Aber ihr werdet niemals im Himmel herrschen‘, unterbrach ihn Gonzalico.

‚Und selbst wenn es so wäre‘, hatte er ihm geantwortet, ohne weiter auf die dahinterstehende Frage einzugehen, ‚was hindert dich daran, hier auf Erden deinen Glauben aufzugeben?‘

Der Junge fuhr erschrocken zusammen.

‚Ich soll Jesus leugnen?‘, fragte er mit kaum vernehmbarer Stimme.

Wie dumm waren diese Christen denn eigentlich? Also erzählte Hernando ihm von dem Fatwa, das der Mufti von Oran bei der Zwangsbekehrung der spanischen Muslime ausgesprochen hatte. ‚Wenn man euch zwingt, Wein zu trinken, so trinkt ihn, allerdings nicht mit der Absicht, ihn zu genießen‘, zitierte er. ‚Und wenn sie euch den Verzehr von Schweinefleisch auferlegen, dann esst es, auch wenn ihr es in euren Herzen verabscheut und so an seinem Verbot festhaltet.‘ Er versuchte den Jungen zu überzeugen. ‚Gonzalico, das bedeutet, wenn du dazu gezwungen wirst, gibst du in Wirklichkeit deinen Glauben nicht auf. Du bleibst dann deinem Gott immer noch treu.‘

‚Du bist also ein Ketzer‘, stellte Gonzalico fest.

Hernando seufzte tief und sah zur Alten [einem Maultier] hinüber, die immer in seiner Nähe war.

‚Sie werden dich umbringen‘, sagte er nach einer Pause.

‚Ich werde für Christus sterben‘, antwortete der Junge mit einer Ergriffenheit, die weder das Dunkel noch die schützenden Decken verbergen konnten.“ (S. 57f.)

(Wieso auch? Seit wann verbirgt Dunkelheit Geräusche?)

Gonzalico stirbt (zusammen mit vielen anderen Gefangenen) tatsächlich für Christus; am nächsten Morgen wird ihm die Kehle durchgeschnitten, und dann wird noch sein Herz herausgerissen und seiner Schwester Isabel vor die Füße geworfen. (Die weiblichen Gefangenen werden nicht getötet, wohl, um später verkauft werden zu können.) Hernando ist entsetzt von all der Grausamkeit, während um ihn herum gefeiert wird; es wird klar, dass er, als die Identifikationsfigur, Grausamkeit auf allen Seiten nicht mag, obwohl er sich für die Seite des Islam entschieden hat. Am Ende des Kapitels gibt er sich den islamischen Namen Hamid ibn Hamid, und der Erzähler berichtet von der Ausrufung des 22-jährigen Don Fernando de Valor / Muhammad ibn Umayya, von den Christen Aben Humeya genannt, zum König von Granada und Córdoba. Hernando kehrt mit den anderen Männern schließlich nach Juviles zurück, wo in der Burg ein Quartier eingerichtet wird, und auch in diesem Dorf werden die örtlichen Christen getötet, da sie noch immer die Bekehrung verweigern.

Zurück zu Gonzalicos und Hernandos Gespräch. Der Islam kennt kein Märtyrertum; ja, ich weiß, er kennt etwas, das er mit demselben Wort bezeichnet, aber er kennt die Sache an sich nicht, die bedeutet, sich lieber töten zu lassen, als Gott zu verleugnen. Ja, es ist für Christen moralisch erlaubt, ihren Glauben vor Verfolgern zu verstecken; aber ihn zu verleugnen oder bei einer falschen Religion mitzumachen, das kann nie erlaubt sein. Das Prinzip der Taqiyya dagegen lautet: Wenn es sein muss, um dich vor Verfolgung zu bewahren, musst du die Gebote nicht unbedingt halten. Was du nach außen hin tust, ist nicht so wichtig; dein Glaube muss sich nicht in deinem Leben zeigen. Practice what you preach? Wozu? Du musst dich nicht unbedingt zur Wahrheit bekennen, du darfst auch einem falschen Gott Ehre erweisen, wenn nötig.**** Dass Falcones – der meines Wissens nach kein Muslim ist – diesem Prinzip offensichtlich größere Sympathie entgegenbringt als der christlichen Sturheit, die einen zum Märtyrer werden lässt (und ja, das zeigt sich auch noch an späteren Stellen im Buch deutlicher), ist eigentlich gar nicht mal so überraschend. Die Taqiyya passt ganz gut zu einer prägenden Ansicht des Säkularisten: Es gibt keine absolute Moral. Alles ist situationsabhängig. So etwas wie in sich schlechte Handlungen, die man nie begehen darf, gibt es nicht. Manchmal muss man einfach klug sein und für sein Überleben sorgen. Der Islam ist nicht immer so radikal, wie man meint; er ist manchmal eher eine pragmatische Religion der moralischen Kompromisse, so etwa auch bei den Themen Scheidung, Polygamie oder – bei den Schiiten – Genussehe; das ist eben sein Problem. „Du bist also ein Ketzer. Ich werde für Christus sterben“ ist genau die richtige Antwort auf eine solche Einstellung. Der eigentliche Held dieses Buches ist Gonzalico.

Falcones‘ Überzeugung, dass die Wahrheit nur von untergeordnetem Wert ist, wird nicht lange nach Gonzalicos Martyrium auch noch an einem anderen Beispiel gezeigt. Ein anderer, schon früher krimineller, aber von den christlichen Autoritäten nie verurteilter Maultiertreiber namens Ubaid bedroht Hernando und versucht an einer Stelle sogar, ihn zu töten (komplizierte Geschichte). Hernando versteckt daraufhin ein wertvolles Beutestück in Ubaids Sachen und sorgt dafür, dass es von Ibrahim entdeckt wird. Hamid, den die Morisken zum Richter ernennen, lässt Ubaid nach einem Prozess wegen Diebstahls die rechte Hand abschlagen, und am Tag darauf erfährt Hernando, dass Hamid schon ahnte, was in Wahrheit geschehen war, und berichtet dem Gelehrten noch die Einzelheiten. („‚Er wollte mich dazu bringen, den Schatz zu stehlen. Dann hat er sogar versucht, mich umzubringen, und er hat mir damit gedroht, es wieder zu versuchen.'“, S. 78) Hamid meint daraufhin, Hernando solle seinen Verstand benutzen, um auch in Zukunft vor Ubaid sicher zu sein, und fährt fort: „‚Unsere Sitte verlangt, dass ein Richter niemals Unrecht walten lässt‘, sagte der Gelehrte schließlich. ‚Wenn er die Wahrheit unterdrückt, dann nur, um nützlich zu sein. Und ich bin davon überzeugt, dass ich meinem Volk nützlich gewesen bin.'“ (S. 78) Man hätte Ubaid also nicht wegen seiner wirklichen Verbrechen verurteilen können, schon klar. Auf die Wahrheit kommt es ja nicht an.

Dass Lügen, die nützlich sind, etwas Positives seien, wird vor allem auch am Ende des Buches noch einmal sehr deutlich gemacht; da kommen dann nämlich die Bleibücher vom Sacromonte vor. Aber ich will mir hier nicht vorgreifen; bis dahin sind es noch ein paar Jahrzehnte, und jetzt geht es erst einmal damit weiter, dass die Kämpfer aus Juviles weiterziehen, um sich unter Aben Humeyas Kommando einem christlichen Marquis entgegenzustellen, und bald darauf beginnt sich auch schon ihre Niederlage abzuzeichnen…

Weiter geht’s nach den Feiertagen. [Update: Und zwar hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/28/die-pfeiler-des-glaubens-teil-2-zurueckgelassene-kinder-geraubte-kinder-befreite-sklaven-und-eine-identitaetskrise/ ]

 

* Wobei es in Spanien bekanntlich keinen Hexenwahn wie im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gab; aber offenbar fanden im 16. Jahrhundert noch ein paar Hexenprozesse statt, und eine solche Bußstrafe im Jahr 1568 klingt daher durchaus möglich. Öffentliche Kirchenbuße und Geldstrafen wurden von Kirchengerichten ja häufiger verhängt, etwa auch für Gotteslästerung.

** Schon zwei Anspielungen auf Weihnachten in diesem Artikel. Niemand kann sagen, ich bringe keine passenden Beiträge zum anstehenden Fest.

*** Oder wie Lord Voldemort: „Die Schlacht ist gewonnen. Ihr habt die Hälfte eurer Kämpfer verloren. Meine Todesser sind in der Überzahl gegen euch, und der Junge, der überlebt hat, ist erledigt. Der Krieg darf nicht länger währen. […] Kommt aus dem Schloss, unverzüglich, und kniet vor mir nieder, und ihr werdet verschont werden. Eure Eltern und Kinder, eure Brüder und Schwestern werden leben, und es wird ihnen verziehen, und ihr werdet euch mir anschließen in der neuen Welt, die wir gemeinsam errichten werden.“ (J. K. Rowling, Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, S. 736f.)

**** Ich will hier übrigens nicht leugnen, dass man sich bei einer Verfolgung seiner Religion in einer sehr schlimmen Situation wiederfinden kann, in der es nicht immer leicht ist, das Richtige zu tun. Aber das sind einfach „mildernde Umstände“, die das Verleugnen der Wahrheit an sich nicht richtiger machen.

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3 Gedanken zu “Die Pfeiler des Glaubens, Teil 1: Von Morisken und Märtyrern

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