Aus dem Denzinger: Nikolaus I. (858-867) über die Folter

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

Alle Teile hier.

 

Heute zu einer Sache, bei der der Kirche gern unterstellt wird, sie hätte sie bis weit in die Neuzeit einfach unhinterfragt gebilligt:

 

„Kap. 86. Ihr sagt, daß bei Euch, wenn ein Dieb oder Räuber ergriffen wurde und er geleugnet hat, was ihm zur Last gelegt wird, der Richter seinen Kopf mit Ruten schlage und seine Seiten mit anderen eisernen Stacheln steche, bis er die Wahrheit heraushole; dies läßt weder das göttliche noch das menschliche Gesetz in irgendeiner Weise zu, da ein Geständnis nicht ungewollt, sondern freiwillig sein muß und nicht gewaltsam herauszulocken, sondern willentlich vorzubringen ist; wenn es schließlich geschieht, daß Ihr auch nach Anwendung jener Qualen überhaupt nichts von dem findet, was dem Gefolterten zum Vorwurf gemacht wird, errötet Ihr nicht wenigstens dann und erkennt, wie gottlos Ihr richtet?

Ebenso aber, wenn ein beschuldigter Mensch, der solches erlitten und es nicht ertragen kann, sagt, er habe begangen, was er nicht begangen hat: auf wen, frage ich, fällt die Wucht solch großer Gottlosigkeit zurück, wenn nicht auf den, der diesen zwingt, solches lügnerisch zu gestehen? Gleichwohl weiß man, daß nicht gesteht, sondern redet, wer das mit dem Munde vorbringt, was er nicht im Sinne hat! …

Wenn ferner ein freier Mensch wegen eines Verbrechens belangt wurde und – falls er nicht schon früher irgendeines Vergehens für schuldig befunden wurde oder, durch drei Zeugen überführt, der Strafe unterliegt, oder falls er nicht überführt werden konnte beim heiligen Evangelium, das ihm entgegengehalten wird, schwört, er habe [es] keineswegs begangen, so wird er freigesprochen und hernach dieser Angelegenheit ein Ende gesetzt, wie der häufig erwähnte Völkerapostel bezeugt, wenn er sagt: ‚Als Ende jedes Streites unter ihnen dient zur Bekräftigung der Schwur’ [Hebr 6,16].“

(Nikolaus I., Brief an die Bulgaren, 866; in: DH 648)

 

Nun stimmt es, dass sich die Folter im mittelalterlichen Rechtssystem nicht so leicht ausrotten ließ, nicht zuletzt deshalb, weil es nicht üblich war, Angeklagte nur aufgrund von Indizien ohne Geständnis zu verurteilen – also griff man eben zu entsprechenden Methoden, um ein Geständnis zu bekommen. Auch kirchliche Gerichte verwendeten sie manchmal (wenn auch nicht so häufig, wie die Leute heute gerne annehmen – die 1542 gegründete Römische Inquisition etwa stellte ihre Anwendung schon im frühen 17. Jahrhundert ein, und es gab durchaus Regeln bei ihrer Anwendung, die den Angeklagten schützten); erstmals gestattete Innozenz IV. ihre Anwendung bei der Ketzerverfolung 1252 in der Bulle Ad extirpanda unter der Bedingung, dass kein bleibender Schaden zugefügt wurde. Aber es war eben nicht so, dass niemand in der Kirche sie je kritisch gesehen hätte, und dass man sich später nicht mehr an die eigenen Einsichten hielt… nun, das ist ja nichts Ungewöhnliches.

2 Gedanken zu “Aus dem Denzinger: Nikolaus I. (858-867) über die Folter

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