Benedikt und der Missbrauch: Wie belastend ist das Gutachten zu München-Freising?

Vor kurzem ist ein neues Gutachten zum sexuellen Missbrauch in den letzten Jahrzehnten im Erzbistum München-Freising herausgekommen; in den Zeitungen stand dazu vor allem etwas darüber, was es zu Kardinal Ratzinger / Benedikt XVI. zu sagen hat – natürlich, er ist der prominenteste der ehemaligen Münchner Bischöfe (und wahrscheinlich auch der bei den Journalisten unbeliebteste, aber das tut hier nichts zur Sache und ändert nichts daran, ob die Vorwürfe korrekt sind oder nicht). Ich dachte, es könnte nicht schaden, vor weiteren Klärungen zumindest die ihn betreffenden Vorwürfe zusammenzufassen. (Ich habe nicht das ganze 1900-seitige Gutachten gelesen, sondern vorerst nur die Zusammenfassung dieser paar Fälle. Vielleicht lesen hier ja Leute mit, die verunsichert sind und einfach nur gleich kurz und knapp und einigermaßen genau wissen wollen, was ihm vorgeworfen wird. Ob das Gutachten vielleicht an irgendeiner Stelle etwas falsch dargestellt, vielleicht sogar auf von anderen falsch geführte Akten zurückgegriffen haben könnte, o. Ä., ist eine völlig andere Frage, die ich auch nicht beantworten kann.)

[UPDATE: Wie ich erst jetzt gesehen habe, enthält das Gutachten ab S. 682 noch weitere Informationen zu Ratzinger und auch eine Zusammenfassung seiner ersten Stellungnahmen zu den einzelnen Fällen. Er bestreitet, in all diesen Fällen überhaupt angemessen informiert worden zu sein. Das ist durchaus möglich – vielleicht hat z. B. Generalvikar Dr. Gruber (der nicht nur hier negativ in Erscheinung tritt) ihm nur wenig mitgeteilt und ihm manches verheimlicht, was sich in den Akten nicht eindeutig widerspiegeln muss. Die Gutachter selbst ziehen angesichts seiner Stellungnahmen ihre Vorwürfe im ersten Fall eher zurück, in den übrigen drei Fällen aber eher nicht. Außerdem erwähnen sie hier noch, dass sie sechs weitere Fälle aus Kardinal Ratzingers Amtszeit nicht aufgeführt haben, weil sie ihm hier kein Fehlverhalten vorzuwerfen hatten. Ich gehe hier davon aus, dass die Stellungnahme von Benedikt selbst stammt und nicht z. B. von einem Mitarbeiter oder Helfer, was ja auch möglich wäre.]

Ratzinger war ja relativ kurz, von 1977 bis Anfang 1982, Erzbischof von München und Freising. Fassen wir also die vier ihn betreffenden Fälle in der Darstellung des Gutachtens zusammen:

Fall 1 (im Gutachten Fall 22): Ein Priester wurde in den 1960ern wegen homosexueller Handlungen mit 15- und 16jährigen Jungen zu einer kurzen Gefängnisstrafe verurteilt. [Heute wäre das evtl. gar keine Straftat mehr, weil das Schutzalter auch für homosexuelle Handlungen in den 1990ern auf 14 abgesenkt wurde. Evtl. könnte es wegen seiner Stellung als Priester aber noch nach § 174 StGB, Missbrauch von Schutzbefohlenen, verurteilt werden. Was ich damit sagen will: Wir müssen das Schutzalter gefälligst anheben – andere Länder haben mindestens 16 statt 14.] Nach der Abbüßung der Strafe wurde er von Ratzingers Vorgänger, Kardinal Döpfner, ins Ausland versetzt, wobei man offenbar nicht wollte, dass seine Verurteilung dort bekannt wurde. Er wollte wieder nach Bayern zurückkehren, und Mitte der 1970er wurde ihm das erlaubt, er sei an verschiedenen Stellen im Bistum eingesetzt worden. Dann kommt hier eine etwas mysteriöse Stelle im Gutachten, wo es heißt, ihm sei etwas später von Kardinal Ratzinger der Titel „Pfarrer“ verliehen worden. Nun ist „Pfarrer“ aber kein Ehrentitel, sondern ein Amt (Leiter einer Pfarrei), und hier steht nichts davon, dass er wieder eine eigene Pfarrei erhalten hätte. Führte er vielleicht einfach im Ruhestand ganz normal die Bezeichnung „Pfarrer im Ruhestand“, da er früher Pfarrer gewesen war? Ende der 70er wurde er nämlich unter Kardinal Ratzinger in den Ruhestand entlassen (ohne bestimmte Auflagen zu seiner künftigen priesterlichen Tätigkeit).

Die Frage ist hier, was Kardinal Ratzinger überhaupt wusste, und ob er ihm vielleicht irgendwelche Auflagen hätte machen sollen (kein Kontakt zu Kindern, oder überhaupt keine seelsorgerliche Tätigkeit etc.), oder ihn hätte entlassen statt in den Ruhestand versetzen sollen, aber doch viel eher, wieso Kardinal Döpfner den Priester nicht gleich nach seinem Vergehen aus dem Klerikerstand entlassen hat, statt ihn klammheimlich ins Ausland weiterzureichen. Besonders ein gewisser Generalvikar Dr. Gruber scheint hier keine rühmliche Rolle gespielt zu haben. Im Gutachten wird gesagt, Ratzinger habe von den Taten wissen müssen, weil er seine Ferien teilweise in der ehemaligen Pfarrei dieses Priesters verbracht habe, das wirkt aber wie eine etwas vorschnelle Schlussfolgerung. Laut Michael Hesemann habe dieser Urlaub erst im Jahr 1982 stattgefunden, also als Ratzinger schon in Rom tätig und nicht mehr Erzbischof in München war. Auch, dass Dr. Gruber bei der Versetzung in den Ruhestand diesem Priester Dankesgrüße auch im Namen des Kardinals ausgerichtet hat, wirkt nicht sehr spektakulär, sondern eher wie eine Formsache.

Hier lässt sich aus meiner Sicht nicht viel sagen; es kann jedenfalls nicht davon ausgegangen werden, dass ein Bischof bei Amtsantritt sofort die Vergangenheit aller Priester in seinem Bistum nachprüft.

[Update: Ich habe jetzt noch weiter im Gutachten gelesen, wo die Gutachter auch zur Stellungnahme von Benedikt kommen. Tatsächlich gibt er an, dass er von der Tat, die lange vor seinem Amtsantritt geschah, nichts gewusst hat; dass er seinen Urlaub nur einmal, im August 1982, im Gebiet der Erzdiözese München-Freising, und das nicht am früheren Tätigkeitsort des Priesters, verbracht hat; dass die Verleihung des gewöhnlichen Titels „Pfarrer“ kurz vor dessen altersbedingter Ruhestandsversetzung definitiv keine besondere Anerkennung für den Priester gewesen sei, sondern ein Routinevorgang; ebenso wie der Dankesbrief des Generalvikars zur Versetzung in den Ruhestand. Die Gutachter erklären, dass sie ihn angesichts dieser glaubhaften Darlegungen in diesem Fall für entlastet halten.]

Fall 2 (im Gutachten Fall 37): In den 1950ern wechselte ein Priester, ein Neffe eines anderen Bischofs, in die Erzdiözese München-Freising. In den 70ern machte Generalvikar Dr. Gruber eine Aktennotiz über diesen Priester: „auch wegen seiner Vergangenheit, über die einiges durchgesickert sei (die freilich keinen strafrechtlichen Tatbestand im Zivilbereich darstelle, sondern lediglich im kirchlichen Bereich)“; ganz unbescholten kann er also nicht gewesen sein, und irgendwelche Zölibatsverstöße müssen schon vorgekommen sein. Dann gab es Missbrauchsvorwürfe gegen ihn; damals, Anfang der 70er, war auch noch Kardinal Döpfner Erzbischof von München-Freising. Das Landratsamt entfernte ihn wegen dieses Verdachts aus dem Schuldienst. Er wurde dann wegen zweifacher versuchter Unzucht mit Kindern und sexueller Beleidigung zu einer Bewährungsstrafe von sieben Monaten und einer Geldstrafe von 2000 DM verurteilt. Er wurde jedoch weiter in der Seelsorge eingesetzt, und sein Pfarrer setzte sich auch dafür ein, dass er wieder in der Schule tätig werden dürfe. Generalvikar Dr. Gruber wollte jedoch offenbar erst einmal Gras über die Sache wachsen lassen; der Priester erhielt schließlich seine eigene Pfarrei, sollte aber nicht unterrichten. Fünf Jahre nach seiner ersten Verurteilung wurde er erneut verurteilt, wegen Kindesmissbrauchs und Exhibitionismus – und zwar nur zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 36 DM. Und hier kommen wir zu einer belastenden Stelle; im Gutachten heißt es:

„Der Strafbefehl wurde dem Erzbischöflichen Ordinariat übermittelt. In der persönlichen Ablage/Handakte des Generalvikars Dr. Gruber findet sich ein verschlossener Umschlag mit der Aufschrift ‚Nur vom Generalvikar oder vom Personalreferenten zu öffnen!“. Darin befindet sich eine Kopie des Strafbefehls mit folgendem handschriftlichen Vermerk:
‚Habe heute den Herrn Kardinal [Anm. Ratzinger] nochmal über Vorgang informiert und auch über das Ergebnis des Gesprächs, das […] mit Pf. […] führte. Der Herr Kard. ist einverstanden, daß Pf. […] in seiner Stellung verbleibt, da ein Skandal nicht zu befürchten ist.‘

Im Folgejahr wurde in der Pfarrei das Gerücht verbreitet, der Priester habe ‚wieder Dreck am Stecken‘. Daraufhin reichte dieser ein Resignationsgesuch ein, das der damalige Erzbischof, Kardinal Ratzinger, umgehend annahm. Offiziell erfolgte die Resignation aus ‚persönlichen Gründen‘. Vonseiten des Erzbischöflichen Ordinariats wurde der Priester dazu aufgefordert, den tatsächlichen Grund für seine Resignation vor Ort nicht zu kommunizieren. Drei Monate später und damit knapp sieben Jahre nach dem Landgerichtsurteil und knapp zwei Jahre nach der Strafbefehlsverhängung wurde der Priester erneut und damit zum dritten Mal wegen eines vollendeten oder versuchten Sexualdelikts, in diesem Fall wegen versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern und Erregung öffentlichen Ärgernisses, zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt. Die Vollstreckung wurde abermals zur Bewährung ausgesetzt.“ (S. 552f.)

Wenn das stimmt, ließ Kardinal Ratzinger einen verurteilten Missbrauchstäter vorerst im Amt, auch wenn er zumindest bei dessen Rückfall seinen Rücktritt sofort annahm und vielleicht von der ersten Verurteilung unter Kardinal Döpfner nichts wusste. Es erscheint jedoch möglich, dass er von Dr. Gruber nur unvollständig oder falsch informiert wurde, und nur deshalb sein Einverständnis gab.

Der Priester begab sich in psychiatrische Behandlung, und nachdem ihm bald positive psychiatrische Gutachten ausgestellt wurden, wurde er mit Einverständnis des Bayerischen Kultusministeriums wieder als Religionslehrer eingesetzt. In den 90ern ging er in den Ruhestand.

Fall 3 (im Gutachten Fall 40): Ein ausländischer Priester (ein Verwandter des dortigen Bischofs) wurde wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, und von seiner Diözese nach München geschickt, vorgeblich für ein Promotionsstudium. Und hier heißt es jetzt:

„Ausweislich einer Aktennotiz des Generalvikars Dr. Gruber führte der Priester persönliche Gespräche mit diesem, dem Personalreferenten und dem damaligen Erzbischof, Kardinal Ratzinger. In der Folgezeit wurden das Aufnahmegesuch und die Möglichkeiten eines Einsatzes des Priesters in der Erzdiözese München und Freising in mehreren Ordinariatssitzungen sowie in der Personalkommission, was sich ebenfalls einer Aktennotiz des Generalvikars Dr. Gruber entnehmen lässt, thematisiert. Man beschloss, den Priester als Kaplan in der Seelsorgemithilfe einzusetzen. Dabei sollte er allerdings keinen Religionsunterricht an der Schule erteilen. Im Rahmen dieses Entscheidungsprozesses setzte der Generalvikar der ausländischen Diözese den Münchner Personalreferenten von der zwischenzeitlich erfolgten Verurteilung des Priesters schriftlich in Kenntnis und sprach sich dabei zugleich für dessen Einsatz in einer kleinen Pfarrei im Münchner Umland aus, wo dieser ’stärker in die Seelsorge verankert‘ sei. Das durch den Münchner Personalreferenten als ’streng vertraulich‘ gekennzeichnete Schreiben wurde ausweislich der darauf befindlichen handschriftlichen Anmerkung dem Erzbischof, dem Generalvikar und dem Personalreferat zur Kenntnis gebracht. Mit Anweisungsschreiben, das zwei Wochen nach der Verurteilung des Priesters erging, wurde dieser als hauptamtlicher Pfarrvikar in einer kleinen Pfarrei in der Nähe von München angewiesen. Zur Erteilung des Religionsunterrichts heißt es im vorbenannten Schreiben wie folgt:
‚Da Sie diese Stelle gemäß der Absprache mit Ihrem zuständigen Ordinarius zugleich mit einem Studienauftrag übernehmen, werden Sie von der Erteilung des Religionsunterrichts freigestellt.'“
(S. 563)

Dort hielten es die Leute jedoch nicht lange mit ihm aus, und er wurde bald versetzt, dann noch einmal versetzt. In dieser Pfarrei meldete jedoch schließlich der Pfarrer, man habe den Priester beim Nacktbaden gesehen und er habe Kontakte zu Ministranten angebahnt. U. a. schreibt der Pfarrer:

„Obwohl das sonst immer ohne mein Wissen ging, haben Sie mich einmal geradezu auffallenderweise angesprochen, Sie würden mit den Ministranten wegfahren. Nachträglich habe ich das Gefühl, Sie wollten mich nur testen, ob ich über Ihren Fall informiert bin. Leider hatte ich damals noch keine Ahnung. Jetzt bin ich nicht mehr bereit, ein solches Risiko einzugehen.“ (S. 566)

Zuerst wurde ihm vom Bistum die Zelebration untersagt, dann wollte man ihn entlassen und zurück in seine Heimat schicken, was er jedoch verweigerte. Er wurde also beurlaubt und blieb nur für sein Promotionsstudium noch in München. In den 90ern, als schon Kardinal Wetter in München war, wurde er für kurze Zeit wieder angestellt, es gab wieder Probleme (offenbar war er sehr unbeliebt), schließlich war er arbeitsunfähig und man teilte ihm eine Wohnung zu, weil er immer noch nicht in seine Heimat zurückkehren wollte.

Kardinal Ratzinger hat den Priester am Ende also aus der Seelsorge entfernt; aber wie viel wusste er schon vorher? Wusste er, als er ihn nach München kommen ließ, schon von der Verurteilung im Ausland? Wenn ja, dann ordnete er zumindest an, dass er nicht in der Schule Kontakt zu Kindern haben sollte, gab ihm aber trotzdem eine geachtete Stellung als Seelsorger. Vielleicht wusste er es aber tatsächlich nicht und verließ sich auf die Geschichte mit der Promotion.

Fall 4 (im Gutachten Fall 42): Anfang der 80er erhielt das Erzbistum einen Hinweis, dass ein Priester anzügliche Fotos von 10-13jährigen Mädchen aufgenommen habe, u. a. im Zusammenhang von Theaterproben. Der Personalreferent des Bistums informierte sich in der Pfarrei darüber.

„Bei dieser Gelegenheit wurde auch ein Resignationsgesuch des Priesters verfasst, das am Folgetag im Erzbischöflichen Ordinariat einging. In der Ordinariatssitzung, die nur einen Tag später stattfand und an
der der damalige Erzbischof Kardinal Ratzinger nicht teilnahm, wurde der Fall des Priesters behandelt. Im diesbezüglichen Protokoll ist hierzu Folgendes festgehalten:
‚DK […] informiert über die Situation bezüglich [des Priesters] in […]. [Der Priester] ist von sich aus bereit, sofort auf die Pfarrei […] zu resignieren und nach einem vorübergehenden Urlaub eine andere Seelsorgssteile (Anm.: richtig wohl ‚Seelsorgsstelle‘) zu übernehmen.
Es besteht Einvernehmen, die Resignation von [dem Priester] mit Wirkung vom 03. Juni dem Herrn Kardinal zu empfehlen.
[Der Priester] soll nach einem Kurzurlaub voraussichtlich zum […] die Pfarrei […] als Wohnsitz erhalten mit Anweisung zur Seelsorgsmithilfe.'“
(S. 569f.)

Eine Münchner Zeitung berichtete über den Fall; da heißt es u. a.:

„Eine 13jährige zur [Tageszeitung]: ‚Ich mußte mir ein kurzes Kleid anziehen. Dann wickelte der Pfarrer einen kleinen Gummiball in meine Unterhose.‘ Ein 12jähriges Mädchen: ‚Mir hat er auch einen Ball ins Höschen gestopft und mich dabei betatscht. Ich wurde dann in Unterwäsche geknipst.'“ (S. 570)

Im Bistum wurde beschlossen, dass der Priester nun doch nur in der Altenheim- und Krankenhausseelsorge eingesetzt werden sollte. Schließlich gab es auch einen Strafbefehl – 60 Tagessätze zu je 70 DM.

„Eine im Nachhinein zu einem im Einzelnen nicht genau bekannten Zeitpunkt erstellte und bei den Akten befindliche Chronologie mit Auszügen aus Protokollen der Ordinariatsratssitzungen ist mit dem handschriftlichen Zusatz versehen:
‚Ratz. wusste erst ab Versetzung‘
Der Urheber dieser Bemerkung ist nicht bekannt.“
(S. 572)

Hier wusste Kardinal Ratzinger also offenbar erst nicht viel, und wollte dann diesen Priester zumindest von Kindern fernhalten und nur noch in der Krankenhaus- und Altenheimseelsorge einsetzen. Trotzdem: Wieso wurde er nicht aus dem Klerikerstand entlassen oder suspendiert? Wieso nur eine solche Versetzung? Auch wenn es „nur“ anzügliche Fotos waren, ist ein solcher Mann offensichtlich kein geeigneter Seelsorger. Oder wusste er auch hier nicht wirklich Bescheid und wurde von seinen Mitarbeitern nur benutzt, um deren vorgefasste Beschlüsse abzusegnen?

Um das zusammenzufassen: Kriminelles ist vonseiten Ratzingers nichts geschehen, keine Vertuschungsversuche vor dem Staat o. Ä.; aber wieso wurden jedenfalls die verurteilten Priester in den Fällen 2-4 nicht gleich aus dem Klerikerstand entlassen oder suspendiert, oder einfach zu einem zurückgezogenen Leben hinter Klostermauern ohne seelsorgerliche Aufgaben verdonnert? Er selbst gibt in seinen Stellungnahmen an, sich nicht an diese Vorfälle zu erinnern, obwohl sein Gedächtnis noch sehr gut sei; er sei also wohl nicht informiert worden. Hier gibt es jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder, seine Mitarbeiter, insbesondere Dr. Gruber, haben ihm einiges verheimlicht, z. B. weil sie fürchteten, er wäre weniger nachsichtig als Kardinal Döpfner vor ihm, o. Ä., und selber die Täter beschützen wollten; oder aber, sein Gedächtnis ist nicht mehr so verlässlich, wie er meint, und er will sich vielleicht auch gar nicht erinnern (auch eine bewusste Lüge wäre theoretisch möglich, aber das will ich ihm mal nicht unterstellen).

Meeting with Benedict XVI on 10 August 2019 (cropped).jpg

Tja, was soll man nun dazu sagen? Ein paar Gedanken:

  • Wir sollten nicht den Fehler machen, die Situation nur danach zu beurteilen, dass Ratzinger / Benedikt ein sympathischer, gütiger alter Mann ist, der auch irgendwie zu unserer Seite gehört. Ja, manchen Leuten wird man es schwerer zutrauen, etwas Falsches zu tun. Aber nein, wir können die Situation nicht so reflexhaft beurteilen (wie das leider manche Leute z. B. bei gloria.tv oder kath.net machen).
  • Ich habe schon die Mutmaßung gelesen, dass die Medien sich vor allem auf Ratzinger stürzen, um davon abzulenken, wie viel schlechter gewisse spätere Münchner Bischöfe wegkommen würden, und das mag sein, ändert aber auch nichts an den konkreten Vorwürfen gegen Ratzinger, um die es hier geht.
  • Ratzinger hat später als Präfekt der Glaubenskongregation und als Papst viel gegen Missbrauch getan und unter seinem Pontifikat wurden einige hundert Priester deswegen aus dem Klerikerstand entlassen. Aber das muss dem hier nicht widersprechen; es ist gut möglich, dass ihm erst im Lauf der Zeit bewusst geworden ist, wie schlimm solche Opfer leiden und wie oft solche Täter rückfällig werden, und dass man härter dagegen vorgehen muss.
  • Man kann wahrscheinlich davon ausgehen, dass die meisten Leute in den 70ern und 80ern relativ naiv in Bezug darauf waren, wie therapierbar Sexualstraftäter wären. Wahrscheinlich gab es damals auch kein so großes Bewusstsein dafür, wie schlimm die Nachwirkungen solcher Taten für die Opfer noch sind. (Damals gab es ja auch unter Linksgrünen Bestrebungen, „einvernehmlichen Sex mit Kindern“ zu „entkriminalisieren“; da traute man sich vielleicht nicht mehr so ganz, das als schlimmste Perversion zu sehen.) Und besonders in kirchlichen Kreisen haben Verbrecher ja auch immer die Möglichkeit, andere quasi mit christlicher Barmherzigkeit zu erpressen: Es tut mir so leid, ich kehre um, ich habe mich völlig geändert, bitte nehmt den verlorenen Sohn wieder auf – oder wollt ihr sein wie die unbarmherzigen Pharisäer?
  • Was mich aber besonders geschockt hat: In allen diesen Fällen gab es gerichtliche Verurteilungen. (Wir haben hier keinen einzigen Fall, in dem – sagen wir – ein Generalvikar ein verängstigtes Kind eingeschüchtert und seine Familie vom Gang zur Polizei abgehalten hätte.) Der Staat war involviert, die Schuld war bewiesen. Und das Ergebnis? Kurze Bewährungsstrafen, sogar nur Geldstrafen, ein Mal (beim ersten Fall in den 60ern) eine kurze Gefängnisstrafe. Keiner dieser Verbrecher wurde vom Staat auf Dauer daran gehindert, Kindern zu schaden. Die Kirche musste sich überhaupt nur damit befassen, wo sie sie hinstecken sollte, weil sie nicht im Gefängnis steckten. Das ist schon krass. Und bei dem Priester im Fall 2 gab sogar das Kultusministerium wieder sein OK für den Einsatz des Priesters als Lehrer.

Meiner Ansicht nach wäre die Lösung für all das ja ganz einfach: Todesstrafe für Kinderschänder bei schwerem Missbrauch – und wenn nicht, dann wenigstens lebenslange Haft mit Sicherungsverwahrung ohne Aussicht auf Bewährung. Außerdem längere Gefängnisstrafen auch bei weniger schweren Fällen. Aber das werden wir leider so schnell nicht bekommen.

13 Gedanken zu “Benedikt und der Missbrauch: Wie belastend ist das Gutachten zu München-Freising?

  1. Erstmal nur aufgeschnappterweise ohne den Rest richtig zu lesen:

    >>Dann kommt hier eine etwas mysteriöse Stelle im Gutachten, wo es heißt, ihm sei etwas später von Kardinal Ratzinger der Titel „Pfarrer“ verliehen worden.

    So mysteriös ist das nicht. Pfarrer ist natürlich ein Amt, *aber* Pfarrer ist wenigstens im deutschen Gebrauch *auch* ein Ehrentitel, und zwar für a) Priester, die b) keine Pfarrer sind c) auch keinen höheren Ehrentitel, Prälat oder so, haben.

    So werden zum Beispiel die Krankenhauskapläne und Militärkapläne (wie sie das kanonische Recht nennt) bei uns *immer* mit dem Ehrentitel Pfarrer ausgezeichnet, obwohl sie eigentlich keine sind, und auch ein Priester, der in der Ordinariatsverwaltung tätig ist und bei dem es für den Monsignore noch nicht ganz langt (und der auch kein formelles, kurz titulierbares Amt hat wie „Vizeoffizial“), wird regelmäßig zum (Titular-)Pfarrer ernannt.

    Ebenso ist ja eigentlich „Kaplan“ ein Titel für einen Priester mit eigener Seelsorge, bei der es sich nur eben nicht um eine (territoriale) Pfarrei handelt, wie gesagt; aber alle Weltpriester, die nicht Pfarrer sind, werden nur wenige Tage nach ihrer Weihe gewissermaßen zu „Titularkaplänen“ ernannt.

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  2. Mal ein Erlebnis aus meiner aktiven Messdienerzeit in unserer Gemeinde. Es muss so Anfang 1970 gewesen sein, als wir zu einer Messdienerstunde vor unserer Kirche zusammenstanden. Einige „Rebellen“ hatten sich mit Zigaretten eingedeckt und rauchten, während wir auf unseren Pfarrer warteten, so gut es ging heimlich. Etwas später dann, in der Kirche fragte der Priester einen der Raucher ob er verbotener Weise (minderjährig und so) gequalmt hätte. Dieser verneinte und wurde dann aufgefordert den Pastor anzuhauchen. Dabei stellte sich die Lüge heraus und der betreffende Messdiener wurde georfeigt. Der Kommentar unseres Pfarrers in die Runde: „Was haltet ihr eigentlich von einem Priester?“
    Nach heutigem Denkmuster ist dieser Pfarrer ein Täter, dem auf sein Grab gespuckt werden kann. Für mich war und ist es der entscheidende Lehrer auf meinem Glaubensweg. Mehr hätte ich zur Causa Benedikt nicht zu sagen.

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      1. Ich setze voraus, dass jeder den Unterschied kennt. Das ist auch nicht der Grund meines Kommentars. Eine Ohrfeige gilt heute als schwere Kindesmisshandlung und würde die sofortige Entlassung des Priesters nach sich ziehen. Oder meint hier jemand ernsthaft, dass die „Presse“ und ihre gegen die Kirche mit Hass erfüllten Kommentare einen Unterschied macht zwischen „Schläger“ und „Vergewaltiger“? Der Mainstream verzeiht nichts, selbst wenn ein Priester mal bei Rot über die Ampel rauscht ist das ein Kapitalverbrechen.

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      2. „Die Angriffe auf Benedikt haben eine ganz stark politische Note. Man versucht jetzt Papst Benedikt eine Art Mitschuld an den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zu geben. Was wir jetzt haben, das sind die Gerichtshöfe der Moral. Da wird über Jahrzehnte zurückgeblendet. Da wird mit heutigen Moralverstellungen die Rechtslage von früher beurteilt….Als reformierter Protestant hält er diese Vorwürfe für „abwegig“. Hier gehe es um etwas anders. Papst Benedikt soll moralisch diskreditiert werden, weil er für eine ganz bestimmte orthodoxe, konservative Positionierung der katholischen Kirche steht…..Weil dieser Ratzinger – dafür bewundere er ihn – „verstanden hat, was der Katholizismus ist, ein Bollwerk gegen den Zeitgeist und nicht eine Agentur des selben. Jetzt setzen sie alles daran, um diesen Ratzinger zu diskreditieren.“
        Roger Köppel, Herausgeber der „Weltwoche“. (Schweiz) Quelle: Kath-net

        Ich überlasse es dem Leser, diesen Kommentar einen reformierten Protestanten als reflexartig einzustufen.

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  3. Mir scheint, man kann aus der unerfreulichen Affäre vor allem lernen, wie gefährlich es ist, wenn sich die Kirche dem Zeitgeist anpaßt. Um 1980 gab es offenbar einen „breiten gesellschaftlichen Konsens“, daß Kindesmißbrauch ein Kavaliersdelikt sei – die verhängten Strafen zeigen es sehr deutlich. Und die Kirche hat sich offensichtlich dem Zeitgeist angebiedert, indem sie zwar Kindesmißbrauch nicht gerade gutgeheißen, aber eben auf ernsthafte Sanktionen verzichtet hat. Was dabei heraus kam, sieht man: in den 80ern galt die Kirche trotzdem als intolerant und ewiggestrig, heute, nachdem sich der Wind gedreht hat, zusätzlich als Kinderschänderverein.
    Ich bin gespannt, ob den heutigen Bischöfen ihr Engagement für Klimarettung und Lockdown in 40 Jahren ebenso auf den Kopf fällt – fast hoffe ich es sogar.

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  4. «Todesstrafe für Kinderschänder bei schwerem Missbrauch – und wenn nicht, dann wenigstens lebenslange Haft mit Sicherungsverwahrung ohne Aussicht auf Bewährung. Außerdem längere Gefängnisstrafen auch bei weniger schweren Fällen»? Wenn ich beiseite lasse, wie immer man zur Todesstrafe steht: das hieße, daß ein Kinderschänder, der ein Opfer nach der Tat umbringt (aus Sadismus oder um die Tat zu vertuschen), keine Strafverschärfung deswegen mehr zu befürchten hätte.

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