Kasuistik ist etwas Gutes

Die Kasuistik hat ja im Moment keinen allzu guten Ruf. Zu ihren Kritikern gehört nicht zuletzt der gegenwärtige Papst, der sie vor kurzem sogar als „krank“ klassifiziert hat: „Die Kasuistik ist heuchlerisch. Sie ist ein heuchlerisches Denken. ‚Man darf – man darf nicht’… was dann subtiler, diabolischer wird: ‚bis zu welchem Punkt darf ich? Aber von hier nach da darf ich nicht’. Das ist der Trug der Kasuistik.“

Der Papst urteilt hier sehr hart über etwas, gegen das eigentlich nichts einzuwenden ist. Sicher wird es manche Katholiken geben, die sich nur fragen: Wie weit darf ich noch gehen, ohne in die Hölle zu kommen? Ich täte ja gerne dieses und jenes, aber ich will auch keine ewige Strafe kriegen. Aber diese Frage kann es auch in anderer Form geben: Wie weit darf ich gehen, ohne etwas Böses zu tun und Gott zu beleidigen? Ich täte ja gerne dieses und jenes, aber wenn es vor Gott nicht recht ist, bin ich natürlich bereit, es zu lassen. Ist es recht?

Und das ist vollkommen legitim. Wir haben nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte nach dem Naturrecht und dem göttlichen Recht; und diese Rechte dürfen wir kennen.

Aber das ist nicht mal das Einzige an der Kasuistik. Es geht nicht nur darum, dass Leute gerne überflüssige, möglicherweise grenzwertige Dinge tun wollen und wissen wollen, ob das noch okay ist. Was Franziskus – und andere Kritiker der Kasuistik; der Papst ist ja nur deren prominentester, sie hat allgemein seit einigen Jahrzehnten keinen guten Ruf – überhaupt nicht sieht, ist ein sehr wichtiger Grund, aus dem es Kasuistik gibt bzw. früher gegeben hat.

Der Zweck von Kasuistik ist, in konkreten, oft schweren Dilemmata und Gewissenskonflikten konkrete Wege zu finden, die innerhalb der katholischen Moral gangbar sind. Kasuistik ist etwas Gutes – sie ist dazu da, in Gewissenskonflikten ganz konkret zu helfen.

„Kasuistik“ kommt von „casus“, „Fall“, d. h., die Kunst der Kasuistik besteht einfach darin, allgemeine Prinzipien der Moral, die sich alle vom obersten Gebot (Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst) herleiten, auf konkrete Fälle anzuwenden. Sie besteht darin, Gläubigen, die sich in diesen Prinzipien und ihrer Anwendung nicht so genau auskennen (und schließlich auch nicht sämtliche Werke der Moraltheologie genauestens studiert und durchdacht haben können), und die nicht wissen, was sie nun tun sollen, zu helfen.

Wenn im 19. oder frühen 20. Jahrhundert ein Katholik zu seinem Pfarrer in den Beichtstuhl kam und ihm seine Gewissenskonflikte unterbreitete, konnte der Beichtvater in seinem Nachschlagewerk – zum Beispiel der „Theologia Moralis“ des Patrons der Moraltheologen, des hl. Alfons von Liguori, oder im 20. Jahrhundert vor dem Konzil häufig „dem Jone“ („Katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone, erschienen 1930) – nachsehen, oder auch selber anhand seiner Kenntnisse die Situation moraltheologisch durchdenken, und seinem Beichtkind dann raten, wie es sich am besten verhalten sollte.

Was konnten das für Gewissenskonflikte sein? Na, z. B. folgende:

  • Ich arbeite als Kutscher / Droschkenkutscher / Chauffeur und mein Arbeitgeber / meine Kunden verlangen manchmal von mir, sie ins Rotlichtviertel zu fahren. Kann ich dem Folge leisten? Ich will Gottes Gebote nicht verletzen, aber ich kann es mir auch nicht leisten, meine Arbeit zu verlieren.
  • Ich arbeite sechs Tage die Woche von morgens bis abends in der Fabrik, möchte aber etwas Gemüse in meinem Garten anbauen, um mehr zu essen für meine Familie zu haben. Darf ich sonntags im Garten arbeiten, oder würde das gegen das dritte Gebot verstoßen?
  • Ich arbeite als Dienstmädchen, und mein Dienstherr gibt mir sonntags nicht frei. Verstoße ich gegen das Sonntagsgebot, weil ich die Sonntagsmesse nicht besuchen kann?

Kasuistik gab/gibt es nicht deshalb (jedenfalls nicht vorrangig), weil die Leute nach moralischen Schlupflöchern suchten oder suchen. Es gab/gibt sie, weil Leute sich manchmal in schwierigen Situation befinden, und weil moralisch wache, gläubige Menschen dann vielleicht einen sinnvoll scheinenden Ausweg sehen, ihn aber nicht nehmen wollen würden, falls er gegen Gottes Gebote verstoßen sollte, worin sie sich aber nicht sicher sind. Also brauchen sie Rat vom Kasuisten. Und nicht allzu selten war dieser Rat: Go ahead, der leichte Weg ist in Ordnung! In bestimmten Fällen gibt es Entschuldigungsgründe, einem sonst geltenden Gebot nicht zu folgen (Tötung im Fall von Notwehr; Diebstahl im Fall von Mundraub; Verpassen der Sonntagsmesse im Fall von Krankheit, wichtigen familiären oder beruflichen Verpflichtungen oder anderweitiger Verhinderung); in bestimmten Fällen ist „materielle Mitwirkung“ an einer Sünde erlaubt (anders als die sog. „formelle Mitwirkung“). (Ein Beispiel: der Kutscher im oben genannten Beispiel leistet materielle Mitwirkung zur Prostitution, die aus einem entsprechend gewichtigen Grund (seinen Job nicht zu verlieren) erlaubt ist; ein Zuhälter würde formelle Mitwirkung, also Mitwirkung im eigentlichen Sinne, ohne die die genannte Sünde nicht zustande käme, leisten.) Aber natürlich musste andererseits eben manchmal auch klargemacht werden, in welchen Fällen ein Christ keine Kompromisse eingehen konnte.

Auch die heilige Pönitentiarie in Rom antwortete früher übrigens häufig auf solche kasuistischen Anfragen, die Beichtväter, Bischöfe und Theologen aus aller Welt ihr unterbreiten konnten, wenn sie sich nicht sicher waren, wie man bestimmte Fälle generell behandeln sollte. (Fragen an den Heiligen Stuhl zu stellen war nichts Besonderes.) (Einige Beispiele davon finden sich z. B. im „Denzinger“ („Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, hrsg. von Heinrich Denzinger und Peter Hünermann).)

Es geht bei der Kasuistik übrigens nicht darum, wie eine ideale Welt ausschauen würde, in der jeder Mensch nach Heiligkeit streben würde, sondern es geht öfter mal darum, wie sich ein Christ umgeben von Leuten, die sich gerade nicht an die christliche Moral halten, verhalten kann, ohne selbst schuldig zu werden. Natürlich ist es am besten, wenn man aus solchen Situationen herauskommt, oder von Anfang an gar nicht in solche Situationen hineinkommt. Aber manchmal ist man in solchen Situationen, und weiß nicht, was man tun soll.

Eine Standardfrage, bei der es so ist, ist z. B. die Frage: Darf man seinen Glauben in Zeiten der Verfolgung verheimlichen? Oder gar verleugnen? (Die katholische Antwort darauf ist: Verheimlichen ja, verleugnen nie. Man darf verheimlichen, dass man Christ ist, aber wenn man gefragt werden sollte „Bist du Christ?“, dann darf man nicht mit „Nein“ antworten, auch wenn darauf Folter oder Hinrichtung folgen sollte; man darf Christus nicht verleugnen.) Natürlich ist es z. B. noch besser, wenn man aus einem Land, in dem Christenverfolgung herrscht, fliehen kann. Aber manchmal findet man sich eben in der Situation, wo sich jetzt konkret ganz einfach die Frage stellt: Verheimlichen oder nicht? Verleugnen oder nicht?

Hier noch ein allgemeineres Beispiel aus dem Denzinger zur Autorität von Moraltheologen und zum Amt eines Beichtvaters, damit man mal einen Eindruck davon bekommt, in welchem Rahmen die Kasuistik früher auch unterschiedliche Herangehensweisen zuließ:

Frage: Louis François Auguste Kard. de Rohan-Chabot, Erzbischof von Besançon, bemüht sich, bei allen, die in seiner Diözese Sorge um die Seelen tragen, die Weisheit und Einheit in der Lehre zu fördern; da von ihnen einige die Moraltheologie des sel. Alfons M. von Liguori als allzu lax, für das Heil gefährlich und einer gesunden Moral entgegengesetzt bekämpfen und verbieten, erbittet er demütig den Spruch der Hl. Pönitentiarie und legt ihr folgende Fragen eines Theologieprofessors [nämlich Th. Goussets] zum Lösen vor:

1. Kann ein Professor der heiligen Theologie die Auffassungen, die der sel. Alfons von Liguori in seiner Moraltheologie lehrt, sicher vertreten und lehren?

2. Oder ist ein Beichtvater zu behelligen, der bei der Ausübung des hl. Bußgerichts allein aus dem Grund alle Auffassungen des sel. Alfons von Liguori vertritt, weil vom Apostolischen Stuhl in seinen Werken nichts gefunden wurde, was einer Zensur würdig wäre? Der Beichtvater, um den [es] in der Frage [geht], liest die Werke des sel. Lehrers nur, um seine Lehre genau kennenzulernen, ohne die Ursachen oder Gründe zu erwägen, auf die sich die verschiedenen Auffassungen stützen; vielmehr meint er, er handle schon deshalb sicher, weil er einsichtig beurteilen könne, dass eine Lehre, die nichts enthält, was einer Zensur würdig wäre, gesund, sicher und keinesfalls der Heiligkeit des Evangeliums entgegengesetzt ist.

Antwort (vom Papst am 22. Juli 1831 bestätigt):

Zu 1. Ja, ohne daß deswegen jedoch für tadelnswert erachtet würden, die von anderen gebilligten Autoren überlieferte Auffassungen vertreten.

Zu 2. Nein, unter Berücksichtigung der Absicht des Hl. Stuhles in bezug auf die Billigung der Schriften der Diener Gottes zur Erzielung der Kanonisation. (Antwort der hl. Pönitentiarie, 1831)

(D. h. , der hl. Alfons ist eine zuverlässige Autorität, auf die sich ein Beichtvater verlassen kann, auch ohne alle Fragen, die er behandelt, im einzelnen nachzuprüfen; aber er darf auch andere Moraltheologen als Richtschnur wählen.)

Es gibt auch heute noch Gewissenskonflikte – und wenn der Klerus sich dem nicht mehr annimmt, quälen die Leute sich damit weiter selbst herum und kommen evtl. zu den falschen Ergebnissen; evtl. kommen sie auch mal zu dem Ergebnis, etwas sei sündhaft, obwohl es das nicht ist, tun es dann aber trotzdem, weil sie keinen anderen Ausweg sehen, und fühlen sich dann miserabel, obwohl sie es eigentlich hätten tun dürfen. Im Glücksfall noch, aber das ist auch nicht ideal, nehmen andere sich solcher Fragen an – Internetforen wie Catholic Answers zum Beispiel (wobei in diesem Forum ja auch Priester Antworten geben). Die kriegen tatsächlich unzählige Fragen, weil die Leute sich an irgendjemanden wenden wollen, wenn sie Gewissensfragen haben.

Wie genau muss ich in der Beichte sein – was bedeutet es, alle schweren Sünden nach Art und Zahl aufzuzählen? Ein Cousin hat mich zu einer Schwulenhochzeit eingeladen, kann ich als Katholik da hingehen (ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen oder unhöflich sein, aber auch nicht den Eindruck geben, dass ich für die Homoehe bin)? (Die Antwort hierauf dürfte übrigens in den meisten Fällen ein Nein sein.) Darf ich aus medizinischen Gründen die Anti-Baby-Pille nehmen, z. B. um Endometriose oder hormonelle Störungen zu behandeln? (Die Antwort hierauf ist übrigens: Ja, darf man. Ein Medikament, das zufälligerweise die Nebenwirkung Unfruchtbarkeit hat, ist etwas anderes als gewollte Empfängnisverhütung. Sagt der sel. Paul VI. in Humanae Vitae auch ausdrücklich.) Ist es in Ordnung, mit jemandem auszugehen oder jemanden zu heiraten, der einer anderen Konfession oder Religion angehört? Ist es eine Sünde, brutale Filme anzusehen oder Videospiele zu spielen? Ist es eine Sünde der Eitelkeit, sich zu schminken? Darf ein Katholik Yoga machen? Darf ein Katholik in einem Krankenhaus arbeiten, das auch Abtreibungen durchführt?

Sicher kann Kasuistik manchmal fehlgehen. Sie kann mal zu streng sein und vorsichtshalber alles verbieten, was nicht ganz sicher der tiefsten Frömmigkeit entspringt, und mal zu lax sein und nach moralischen Schlupflöchern suchen, wo es nur geht. Aber das ist doch kein Grund, sie gleich ganz sein zu lassen; abusus non tollit usum. (Catholic Answers ist übrigens meinem Eindruck nach so ziemlich immer im Rahmen der rechtgläubigen katholischen Moral. Oft genug beruhigen sie dort Leute, die sich mit unnötigen Skrupeln quälen (siehe z. B. hier oder hier für extreme Beispiele); in anderen Fällen reden sie dagegen auch Klartext und sagen: So und so ist es nach der katholischen Lehre, etwas anderes als das und das darf man nicht tun.)

Natürlich gibt es bei der Kasuistik auch die Gefahr, dass sie alles bis ins Kleinste regeln und dem Einzelnen die ganze Verantwortung abnehmen will und zu zu großer Bevormundung führt; diese Gefahr gibt es. Aber wenn man sich einer Gefahr bewusst ist, kann man sie umgehen. Gute Kasuistik sagt auch, wann der Beichtvater keine allgemeine Regel aufstellen kann, sondern jeder einzelne Gläubige selber seine Situation anschauen und selber nach seinen Umständen entscheiden muss, wobei es nicht zwangsläufig die eine richtige Lösung geben muss – anbei, ich kann mir vorstellen, dass es für Beichtväter hier vielleicht (gerade bei skrupulösen Beichtkindern) auch nicht immer einfach sein wird, sagen zu müssen, „Das müssen Sie selbst entscheiden, da kann ich ihnen leider nicht weiterhelfen“; aber gute Beichtväter wissen wohl auch, wann sie ihre Pönitenten zur Eigenständigkeit mahnen müssen. (Ein klassisches Beispiel wäre die Entscheidung, wie viele Kinder ein katholisches Ehepaar bekommt. Diese Entscheidung kann, je nach finanzieller, emotionaler, gesundheitlicher etc. Situation, völlig unterschiedlich ausfallen, und es gibt kein Patentrezept dafür. Ein Ehepaar hat vielleicht nur ein oder zwei Kinder, ein anderes vier oder fünf oder sechs, oder auch fünfzehn.)

Grundsätzlich jedenfalls ist Kasuistik etwas Gutes.

 

Eins noch: Papst Franziskus hat sich in der oben zitierten Predigt ja übrigens auf die Unterhaltung Jesu mit den Pharisäern über die Ehescheidung im Markusevangelium bezogen: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? (In der Parallelstelle bei Matthäus übrigens nicht einmal ganz allgemein „Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen?“, sondern „Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen?“ Hier scheint es für die Pharisäer sogar klar zu sein, dass man es grundsätzlich darf, und die Frage ist für sie nur, unter welchen Umständen.) „Jesus antwortet nicht, ob es erlaubt ist oder nicht. Er lässt sich nicht auf deren kasuistische Logik ein“, sagt Franziskus dazu. „Und der Weg Jesu – das ist deutlich zu sehen – ist der Weg von der Kasuistik hin zur Wahrheit und zur Barmherzigkeit. Jesus lässt die Kasuistik außen vor. Jene, die ihn auf die Probe stellen wollten, jene, die mit dieser Logik des ‚man darf’ dachten, qualifiziert er – nicht hier, sondern an einer anderen Stelle des Evangeliums – als Heuchler.“

Dieser Bibelauslegung des Papstes möchte ich widersprechen, bei allem Respekt. Jesus beantwortet die Frage der Pharisäer sehr wohl – Er beantwortet sie nur wesentlich strenger und grundlegender, als sie erwartet hätten. „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen? Damit wollten sie ihn versuchen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ (Markus 10,2-12)

Das ist eine sehr klare Antwort. „Das darf der Mensch nicht trennen“ – das ist sehr wohl eine Antwort darauf, ob es erlaubt ist oder nicht. Es ist es nicht. Natürlich geht Jesus nicht nur auf die Frage „Erlaubt oder nicht?“ ein, sondern begründet auch ganz grundsätzlich, wieso es nicht erlaubt ist. Er geht über die Kasuistik hinaus; aber weder umgeht er sie noch lehnt er sie ab.

Und das, obwohl die Pharisäer hier nur fragen, um Ihm eine Falle zu stellen. Auch auf falsch motivierte Fragen kann man klare Antworten geben.

 

PS: An diesem Thema interessierte Leser möchte ich auf diese (angefangene) Reihe verweisen.

19 Gedanken zu “Kasuistik ist etwas Gutes

  1. Gerne verwechselt man etwas, wenn man von „Kasuistik“ spricht: Ich möchte es „Fallanalyse“ und „Nominalismus“ nennen. Bei der Fallanalyse geht es darum, eine konkrete Situation von echten Menschen zu untersuchen und einen Einzelfall zu betrachten, den es tatsächlich gibt. Beim Nominalismus geht es darum, die Regeln von ihren Ausnahmen und Extremfällen her zu bestimmen.
    Fallanalyse braucht Einfühlung, Fragen, Gespräche; Nominalismus braucht Effekte.
    Die Wissenschaft des Nominalismus ist die Jurisprudenz. Es gibt in der Jurisprudenz Fragen, die explizit nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, ein Beispiel: Wenn A und B gleichzeitig dem C ins Herz schießen, wer ist dann der Mörder? Wenn A nicht geschossen hätte, wäre C trotzdem tot, und wenn B nicht geschossen hätte, wäre C ebenfalls tot. Aber dein Mörder ist nur dann ein Mörder, wenn er allein ursächlich für den Tot von C verantwortlich ist. Das ist Kasuistik (=Nominalismus), die Franziskus ablehnt.
    Und das Beispiel der Pharisäer im Evangelium ist ebenso sinnlos wie das Beispiel, das ich aus einem juristischen Lehrbuch habe.
    Kasuistik als Fallanalyse ist verschwiegen (wie die Beichte), einfühlsam (wie die Seelsorge) und fragend (wie jeder Dialog).
    Leider werden Fallanalyse und Nominalismus gerne verwechselt.

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    1. Wobei ich mich frage, ob man da wirklich so scharf trennen kann. Auch die juristische Analyse muss ja außerdem nicht schlecht sein (apropos: seit wann ist man denn nur dann ein Mörder, wenn man allein einen Tod verursacht hat? Wenn z. B. zwei sich abgesprochen haben, der eine das Gift mischt und der andere es dem Opfer zu trinken gibt, sind doch auch beide Mörder – es gibt doch den Tatbestand des „gemeinschaftlichen Mordes“). Es schadet doch nicht, Extremfälle zu debattieren, um klar zu durchdenken, wie sich moralische Grundsätze in Einzelfällen, auch den extremsten, auswirken. Das ist vielleicht manchmal eher ein akademisches Hobby als dass es viel mit der konkreten Seelsorge zu tun hätte, wobei es natürlich zur Vorbereitung im Theologiestudium nützlich sein kann (Extremfälle kommen selten vor – aber selten einmal gibt es sie eben, und das Durchdenken solcher Fälle kann auch einfach zum Durchdenken der Grundsätze hilfreich sein). Ich sehe jedenfalls nichts Schlimmes daran. Natürlich sollte man eine Regel nie nur oder auch bloß hauptsächlich nach ihren Extremfällen bewerten; aber man darf diese durchaus ansehen. (Und ich habe auch den Eindruck, dass Franziskus, zumindest in der hier zitierten Predigt, eher das Schlupflöchersuchen als sinnlose Diskussionen über Extremfälle kritisiert.)
      Den Nominalismus, den Sie hier kritisieren, sollte man vielleicht auch noch mal von der spätmittelalterlichen philosophischen Strömung desselben Namens unterscheiden – oder meinten Sie, dass es da Bezüge gibt, weil Sie hier von Nominalismus sprechen?

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