Über schwierige Bibelstellen, Teil 15: Sklaverei (und Kindererziehung und ungerechte Regierungen) in der Bibel

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Die Sklaverei ist interessanterweise ein Thema, bei dem das AT beinahe schneller abgehandelt ist als das NT. Im AT taucht die Sklaverei vor allem als etwas auf, das eben einfach existiert; außerdem gibt es Stellen in der Tora, die gesetzliche Rahmenbedingungen für sie innerhalb Israels schaffen. Viele Personen im AT besaßen Sklaven oder waren selbst Sklaven (Joseph, Hagar, Aaron, Miriam…). Eindeutige Verurteilungen der Sklaverei findet man nirgends, auch wenn die Befreiung Israels aus „Ägypten, dem Sklavenhaus“, ganz zentral für die Geschichte dieses Volkes ist. Es gibt Gesetze, die die Sklaverei einschränken und regulieren, z. B. die folgenden, wobei manche davon nur für israelitische Sklaven gelten:

  • „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre Sklave bleiben, im siebten Jahr soll er ohne Entgelt als freier Mann entlassen werden. Ist er allein gekommen, soll er allein gehen. War er verheiratet, soll seine Frau mitgehen. Hat ihm sein Herr eine Frau gegeben und hat sie ihm Söhne oder Töchter geboren, dann gehören Frau und Kinder ihrem Herrn und er muss allein gehen. Erklärt aber der Sklave: Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder und will nicht als freier Mann fortgehen, dann soll ihn sein Herr vor Gott bringen, er soll ihn an die Tür oder an den Torpfosten bringen und ihm das Ohr mit einem Pfriem durchbohren; dann bleibt er für immer sein Sklave.“ (Exodus 21,2-6) Ähnlich, aber etwas großzügiger gegenüber dem Sklaven: Wenn ein Bruder bei dir verarmt und sich dir verkauft, darfst du ihm keine Sklavenarbeit auferlegen; er soll dir wie ein Lohnarbeiter oder ein Halbbürger gelten und bei dir bis zum Jubeljahr arbeiten. Dann soll er von dir frei weggehen, er und seine Kinder, und soll zu seiner Sippe, zum Eigentum seiner Väter zurückkehren. Denn sie sind meine Knechte; ich habe sie aus Ägypten herausgeführt; sie sollen nicht verkauft werden, wie ein Sklave verkauft wird. Du sollst nicht mit Gewalt über ihn herrschen. Fürchte deinen Gott!“ (Levitikus 25,39-43)
  • Wenn einer seine Tochter als Sklavin verkauft hat, soll sie nicht wie andere Sklaven entlassen werden. Hat ihr Herr sie für sich selbst bestimmt, mag er sie aber nicht mehr, dann soll er sie zurückkaufen lassen. Er hat nicht das Recht, sie an Fremde zu verkaufen, da er seine Zusage nicht eingehalten hat. Hat er sie für seinen Sohn bestimmt, verfahre er mit ihr nach dem Recht, das für Töchter gilt. Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen. Wenn er ihr diese drei Dinge nicht gewährt, darf sie unentgeltlich, ohne Bezahlung, gehen.“ (Exodus 21,7-11)
  • Die Sklaven und Sklavinnen, die euch gehören sollen, kauft von den Völkern, die rings um euch wohnen; von ihnen könnt ihr Sklaven und Sklavinnen erwerben. Auch von den Kindern der Halbbürger, die bei euch leben, aus ihren Sippen, die mit euch leben, von den Kindern, die sie in eurem Land gezeugt haben, könnt ihr Sklaven erwerben. Sie sollen euer Eigentum sein und ihr dürft sie euren Söhnen vererben, damit diese sie als dauerndes Eigentum besitzen; ihr sollt sie als Sklaven haben. Aber was eure Brüder, die Israeliten, angeht, so soll keiner über den andern mit Gewalt herrschen.“ (Levitikus 25,44-46)
  • Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss der Sklave gerächt werden. Wenn er noch einen oder zwei Tage am Leben bleibt, dann soll den Täter keine Rache treffen; es geht ja um sein eigenes Geld.“ (Exodus 21,20f.) [Hier wird davon ausgegangen, dass ein Schlag, durch den jemand nicht gleich, sondern erst nach einer gewissen Zeit stirbt, nicht als tödlicher Schlag intendiert war, weshalb die Strafe/Blutrache wegfällt.]
  • Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.“ (Exodus 21,26f.)
  • Es gibt noch ein paar weitere Stellen, die z. B. das Loskaufrecht für Sklaven betreffen (etwa Levitikus 25,47-55).

Diese Stellen lassen sich sehr einfach mit Regel Nummer 17 erklären: Nur weil etwas in einem in der Bibel enthaltenen Gesetz reguliert wird, heißt das nicht, dass Gott es gutheißt. Viele Gesetze in den fünf Büchern Mose schränken ein Übel nur ein, anstatt es ganz abzuschaffen. (Vgl. Teil 12: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/01/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-12-das-gesetz-des-mose/ )

Für die Stellen, in denen Sklaverei einfach als Teil einer Geschichte auftaucht, gilt natürlich die altbekannte Regel Nummer 12: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Bei „Harry Potter“ taucht auch Sklaverei auf (die Hauselfen); gutgeheißen wird sie dadurch noch lange nicht.

Dann gibt es im AT noch ein paar Stellen im Buch der Sprüche und bei Jesus Sirach, die sich nicht in diese beiden Kategorien einordnen lassen und die zum Teil gut klingen und zum Teil weniger gut:

  • „Misshandle einen Sklaven nicht, der dir treu dient, auch nicht einen Tagelöhner, der sich willig einsetzt.Einen klugen Sklaven liebe wie dich selbst, verweigere ihm die Freilassung nicht!“ (Jesus Sirach 7,20f.) (Gut.)
  • „Ein kluger Knecht wird Herr über einen missratenen Sohn und mit den Brüdern teilt er das Erbe.“ (Sprüche 17,2) (Schön.)
  • „Einem verständigen Sklaven müssen Freie dienen, doch ein kluger Mann braucht nicht zu klagen.“ (Jesus Sirach 10,25) (Okay.)
  • „Durch Worte wird kein Sklave gebessert, er versteht sie wohl, aber kehrt sich nicht daran.“ (Sprüche 29,19) (Hm.)
  • „Ein Sklave, verwöhnt von Jugend an, wird am Ende widerspenstig.“ (Sprüche 29,21) (Also…)
  • „Unter dreien erzittert das Land, unter vieren wird es ihm unerträglich:unter einem Sklaven, wenn er König wird, und einem Toren, wenn er Brot im Überfluss hat, unter einer Verschmähten, wenn sie geheiratet wird, und einer Sklavin, wenn sie ihre Herrin verdrängt.“ (Sprüche 30,21-23) (Na ja…)
  • „Aber nimm keine falsche Rücksicht und schäme dich nicht folgender Dinge:des Gesetzes des Höchsten und seiner Satzung, des gerechten Urteils, das nicht den Schuldigen freispricht, der Abrechnung mit dem Geschäftsfreund und dem Kaufmann, der Verteilung von Erbe und Besitz, der Säuberung von Waagschalen und Waage, der Reinigung von Maß und Gewicht, des Einkaufs, ob viel oder wenig, des Handelns um den Kaufpreis mit dem Krämer, der häufigen Züchtigung der Kinder und der Schläge für einen schlechten und trägen Sklaven.“ (Jesus Sirach 42,1-5) (Ähm…)
  • „Futter, Stock und Last für den Esel, Brot, Schläge und Arbeit für den Sklaven! Gib deinem Sklaven Arbeit, sonst sucht er das Nichtstun. Trägt er den Kopf hoch, wird er dir untreu. Joch und Strick beugen den Nacken, dem schlechten Sklaven gehören Block und Folter. Gib deinem Sklaven Arbeit, damit er sich nicht auflehnt; denn einem Müßigen fällt viel Schlechtigkeit ein. Befiehl ihn zur Arbeit, wie es ihm gebührt; gehorcht er nicht, leg ihn in schwere Ketten! Aber gegen keinen sei maßlos und tu nichts ohne gutes Recht! Hast du nur einen einzigen Sklaven, halt ihn wie dich selbst; denn wie dich selbst hast du ihn nötig. Hast du nur einen einzigen Sklaven, betrachte ihn als Bruder, wüte nicht gegen dein eigenes Blut! Behandelst du ihn schlecht und er läuft weg und ist verschwunden, wie willst du ihn wieder finden?“ (Jesus Sirach 33,20-33) (Jetzt warte mal…)

Die Stellen oben aus dem Buch der Sprüche sind weder allzu bedeutsam noch allzu schwer zu verstehen; dieses Buch gibt einige resignierte, verallgemeinernde Alltagsweisheiten wider, wie z. B. auch „Wie das Knurren des Löwen ist der Grimm des Königs; wer ihn erzürnt, verwirkt sein Leben“ (Sprüche 20,2), „Der Reiche hat die Armen in seiner Gewalt, der Schuldner ist seines Gläubigers Knecht“ (Sprüche 22,7), „Mach dich rar im Haus deines Nächsten, sonst wird er dich satt und verabscheut dich“ (Sprüche 25,17), „Zu viel Honig essen ist nicht gut: Ebenso spare mit ehrenden Worten!“ Sprüche 25,27) oder „Achtet ein Herrscher auf Lügen, werden alle seine Beamten zu Schurken“ (Sprüche 29,12). (Außerdem enthält es in endlosen, Wiederholungen die unglaublich originelle Aussage, dass die Frevler und die Toren schlecht sind und dem Gericht entgegen gehen, und die Gerechten gut sind und vor Gott bestehen werden.) Zu diesen verallgemeinernden Alltagsweisheiten gehört z. B. auch die, dass jemand, der vom Status eines Sklaven (oder einem anderen niedrigen Status) zum Status eines Königs aufgestiegen ist (30,21-23), ein unerträglicher Herrscher sein kann – psychologisch gesehen ist es nachvollziehbar, dass man von so jemandem erwarten würde, dass er es vielleicht jetzt erst recht genießen würde, sich zu nehmen, was er sich endlich nehmen kann, und alle, die vorher über ihm standen, geringschätzig oder rachsüchtig behandeln würde. Der Autor dieser Sprichwörter hält wahrscheinlich genauso wenig alle Sklaven für unbelehrbar (29,19), wie er alle Könige (20,2) für jähzornige Tyrannen hält, die alle umbringen lassen, die sie „erzürnen“.

Die beiden unteren Sirach-Stellen stoßen einen dagegen schon mehr ab. Ja, diese Stellen fordern nebenbei auch Mäßigung und Gerechtigkeit („gegen keinen sei maßlos und tu nichts ohne gutes Recht“), aber vor allem die Stelle aus Kapitel 33 argumentiert schlicht nach einer eigennützigen Sklavenhalterlogik: Lass deinen Sklaven arbeiten, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt und dir wegläuft; wenn er faul und schlecht ist, schlag ihn; aber wenn du nur einen einzigen Sklaven hast, behandle ihn lieber gut, denn dann stehst du ja blöd da, wenn er dir wegläuft. Tatsächlich klingen die Weisheitsbücher nicht nur an dieser Stelle irgendwie, na ja, eigennützig und weltweise. Hier einige andere Beispiele zu anderen Themen:

  • Der Kontext der Stelle über die Behandlung von Sklaven aus Sirach 33 ist dieser hier: „Sohn und Frau, Bruder und Freund, lass sie nicht herrschen über dich, solange du lebst. Solange noch Leben und Atem in dir sind, mach dich von niemand abhängig! Übergib keinem dein Vermögen, sonst musst du ihn wieder darum bitten. Besser ist es, dass deine Söhne dich bitten müssen, als dass du auf die Hände deiner Söhne schauen musst. In allen deinen Taten behaupte dich als Herr und beschmutze deine Ehre nicht! Wenn deine Lebenstage gezählt sind, an deinem Todestag, verteil das Erbe!“ (Jesus Sirach 33,20-24) Man soll also nicht nur schauen, dass der Sklave seinen Platz im Haushalt kennt, sondern auch Frau und Kinder; Abhängigkeit von anderen ist das Schlimmste.
  • „Mein Sohn, wache streng über deine Tochter, damit sie dich nicht in schlechten Ruf bringt, kein Stadtgespräch und keinen Volksauflauf erregt, dich nicht beschämt in der Versammlung am Stadttor. Wo sie sich aufhält, sei kein Fenster, kein Ausblick auf die Wege ringsum. Keinem Mann zeige sie ihre Schönheit und unter Frauen halte sie sich nicht auf. Denn aus dem Kleid kommt die Motte, aus der einen Frau die Schlechtigkeit der andern. Besser ein unfreundlicher Mann als eine freundliche Frau und (besser) eine gewissenhafte Tochter als jede Art von Schmach.“ (Jesus Sirach 42,11-14Bewache deine Tochter – nicht um ihretwillen, sondern damit du vor den Nachbarn nicht schlecht dastehst.
  • „Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, damit er später Freude erleben kann. Wer seinen Sohn in Zucht hält, wird Freude an ihm haben und kann sich bei Bekannten seiner rühmen. Wer seinen Sohn unterweist, erweckt den Neid des Feindes, bei seinen Freunden kann er auf ihn stolz sein. Stirbt der Vater, so ist es, als wäre er nicht tot; denn er hat sein Abbild hinterlassen. Solange er lebt, sieht er ihn und freut sich, wenn er stirbt, ist er nicht betrübt: Er hat seinen Feinden einen Rächer hinterlassen und seinen Freunden einen, der ihnen dankbar ist. Wer den Sohn verzärtelt, muss ihm einst die Wunden verbinden; dann zittert bei jedem Aufschrei sein Herz. Ein ungebändigtes Pferd wird störrisch, ein zügelloser Sohn wird unberechenbar. Verzärtle den Sohn und er wird dich enttäuschen; scherze mit ihm und er wird dich betrüben. Lach nicht mit ihm, sonst bekommst du Kummer und beißt dir am Ende die Zähne aus. Lass ihn nicht den Herrn spielen in der Jugend; lass dir seine Bosheiten nicht gefallen! Beug ihm den Kopf in Kindestagen; schlag ihn aufs Gesäß, solange er noch klein ist, sonst wird er störrisch und widerspenstig gegen dich und du hast Kummer mit ihm. Halte deinen Sohn in Zucht und mach ihm das Joch schwer, sonst überhebt er sich gegen dich in seiner Torheit.“ (Jesus Sirach 30,1-13)
  • „Eine eifersüchtige Frau bringt Kummer und Betrübnis, die Geißel der Zunge ist allen (vieren) gemeinsam. Ein scheuerndes Ochsenjoch ist eine böse Frau; wer sie nimmt, fasst einen Skorpion an. Großer Verdruss ist eine trunksüchtige Frau; sie kann ihre Schande nicht verbergen. Die lüsterne Frau verrät sich durch ihren Augenaufschlag, an ihren Wimpern wird sie erkannt. Gegen eine Schamlose verstärke die Wache, damit sie keine Gelegenheit findet und ausnützt. Auf eine Frau mit frechem Blick gib Acht; sei nicht überrascht, wenn sie dir untreu wird. Wie ein durstiger Wanderer den Mund auftut und vom ersten besten Wasser trinkt, so lässt sie sich vor jedem Pfahl nieder und öffnet den Köcher vor dem Pfeil.“ (Jesus Sirach 26,6-12)
  • „Besser das Leben eines Armen unter schützendem Dach als köstliche Leckerbissen in der Fremde. Ob wenig oder viel, sei zufrieden, dann hörst du keinen Vorwurf in der Fremde. Schlimm ist ein Leben von einem Haus zum andern; wo du fremd bist, darfst du den Mund nicht auftun. Ohne Dank reichst du Trank und Speise und musst noch bittere Worte hören: Komm, Fremder, deck den Tisch, und wenn du etwas hast, gib mir zu essen! Fort, Fremder, ich habe eine Ehrenpflicht: Ein Bruder kam zu Gast, ich brauche das Haus. Für einen Mann mit Bildung ist es hart, geschmäht zu werden, wenn man in der Fremde lebt, oder beschimpft zu werden, wenn man einem geborgt hat.“ (Jesus Sirach 29,22-28)
  • „Streite nicht mit einem Mächtigen, damit du ihm nicht in die Hände fällst. Kämpf nicht gegen einen Reichen an, sonst wirft er zu deinem Verderben sein Geld ins Gewicht. Schon viele hat das Geld übermütig gemacht, die Herzen der Großen hat es verführt. Zank nicht mit einem Schwätzer und leg nicht noch Holz auf das Feuer! Pflege keinen Umgang mit einem Toren; er wird die Weisen doch nur verachten. […] Borge keinem, der mächtiger ist als du. Hast du geborgt, so hast du verloren. Bürge für keinen, der höher steht als du. Hast du gebürgt, so musst du zahlen. Rechte nicht mit einem Richter; denn er spricht Recht, wie es ihm beliebt.“ (Jesus Sirach 8,1-4.12-14)
  • „Rühme dich nicht vor dem König und stell dich nicht an den Platz der Großen; denn besser, man sagt zu dir: Rück hier herauf, als dass man dich nach unten setzt wegen eines Vornehmen.“ (Sprüche 25,6f.)
  • „Rede nicht vor den Ohren eines Törichten, denn er missachtet deine klugen Worte.“ (Sprüche 23,9)

Die Aussage scheint hier zu sein: Schau, dass du unabhängig und der Herr in deinem Haus bleibst, aber leg dich auch nicht mit Leuten an, die mächtiger sind als du, mach dir keinen unnötigen Ärger – schau einfach, dass es dir selber gut geht.

Zum Teil hängt das wohl mit der typischen Herangehensweise der Bücher Sprüche und Sirach zusammen. An manchen Stellen sind sie tatsächlich eher Selbsthilfebücher als gestrenge Moralpredigten. Die Autoren dieser beiden Texte betonen ständig, dass sie dir nur dazu raten, was dir selber nützen wird: Sei fleißig, denn Faulheit führt am Ende zu Armut. Steh treu zu deinem Freund, dann wird er auch zu dir stehen. Halte dich nicht selbst für besonders weise, dann stehst du am Ende nicht dumm da. Fang keine Affäre mit einer verheirateten Frau an, denn sonst hast du die Rache ihres Mannes zu befürchten – ach ja, und außerdem noch Gottes Gericht. Bleib lieber bei deiner eigenen Frau und zeuge ein paar legitime Erben, das ist das Beste für dich. Betrink dich nicht maßlos, das bringt dir auch bloß Armut. Achte deine Eltern. Sei weise. Sei gerecht. Borge den Armen. Beuge nicht das Recht der Witwen und Waisen. „Denn ihr Anwalt ist mächtig, er wird ihre Sache gegen dich führen.“ (Sprüche 23,11) Die Aussage dieser Bücher ist ganz einfach: „Wohl dem Menschen, der stets Gott fürchtet; wer aber sein Herz verhärtet, fällt ins Unglück.“ (Sprüche 28,14) Das ist, ehrlich gesagt, eine gar nicht mal so dumme Motivationstaktik, wenn man die Leute dazu bringen will, das Richtige zu tun.

Und noch etwas ist typisch für Sprüche und Jesus Sirach: Ihre Einstellung gegenüber „Zucht“ und „Ermahnung“ zur Besserung (eine Einstellung, die in ihren Grundzügen übrigens auch im NT überdauert):

  • „Treu gemeint sind die Schläge eines Freundes, doch trügerisch die Küsse eines Feindes.“ (Sprüche 27,6)
  • „Öffne dein Herz für die Zucht, dein Ohr für verständige Reden! Erspar dem Knaben die Züchtigung nicht; wenn du ihn schlägst mit dem Stock, wird er nicht sterben. Du schlägst ihn mit dem Stock, bewahrst aber sein Leben vor der Unterwelt. Mein Sohn, wenn dein Herz weise ist, so freut sich auch mein eigenes Herz. Mein Inneres ist voll Jubel, wenn deine Lippen reden, was recht ist.“ (Sprüche 23,12-16)
  • „Ein weiser Sohn ist die Frucht der Erziehung des Vaters, der zuchtlose aber hört nicht auf Mahnung.“ (Sprüche 13,1)
  • „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“ (Sprüche 13,24)
  • „Wer Zucht liebt, liebt Erkenntnis, wer Zurechtweisung hasst, ist dumm.“ (Sprüche 12,1)
  • „Wer Ermahnung hasst, folgt der Spur des Sünders; wer den Herrn fürchtet, nimmt sie sich zu Herzen.“ (Jesus Sirach 21,6)
  • „Wie Musik zur Trauer ist eine Rede zur falschen Zeit, Schläge und Zucht aber zeugen stets von Weisheit.“ (Jesus Sirach 22,6)

Wenn diese Bücher also z. B. strenge Kindererziehung empfehlen, dann nicht nur, damit die Kinder den Eltern Ehre machen (das ist eher ein motivierender Nebeneffekt), sondern um der Kinder selber willen. Zwar wird zwischendurch auch mal zur Vorsicht bei Ermahnung und Zucht geraten – „Manche Ermahnung geschieht zur Unzeit; mancher schweigt und der ist weise. Keinen Dank erntet, wer den Zornigen zurechtweist; wer Lob erteilt, bleibt vor Schimpf bewahrt. Wie ein Entmannter, der bei einem Mädchen liegt, ist einer, der mit Gewalt das Recht durchsetzen will. Mancher schweigt und gilt als weise, mancher wird trotz vielen Redens verachtet. Mancher schweigt, weil er keine Antwort weiß, mancher schweigt, weil er die rechte Zeit beachtet.“ (Jesus Sirach 20,1-6) –, aber generell wird beides als gut, und zwar für einen selber und für andere, gesehen.

Okay, aber kommen wir mal wieder zu der Stelle mit den Schlägen und den Ketten für den Sklaven zurück. Darum geht es hier ja eigentlich; und das ist auch nicht einfach so mit strenger Kindererziehung oder der gegenseitigen gut gemeinten Ermahnung von Freunden gleichzusetzen. Hier geht es darum, dass der Sklave seine Arbeit für dich erledigen soll, nicht darum, dass er zu einem guten Menschen gemacht werden soll. Da würde ich jetzt einfach mal wieder meine Standard-Lösung aus der Tasche ziehen: Das ist Altes Testament.

Die Autoren dieser Texte geben Ratschläge dafür, wie man klug, weise und gottesfürchtig leben und auch noch im Alltag gut auskommen soll; und zwar aus ihrer, an manchen Stellen noch begrenzten und entwicklungsbedürftigen Sicht. Mach dich nicht von anderen abhängig; halte Ordnung in deinem Haushalt; verwöhne deine Kinder nicht; sei gerecht. Das sind ihre Prinzipien an solchen Stellen, und dann kommen da eben konkrete Ratschläge heraus, die empfehlen, den Sohn und den Sklaven zu schlagen, bzw. den Sklaven ggf. auch in Ketten zu legen und so weiter, oder die Tochter mehr oder weniger einzusperren. Die Autoren dieser Stellen sahen die Sklaverei nicht als etwas grundsätzlich Schlechtes, sondern als einen normalen Bestandteil des Lebens, und mahnten dann so ein bisschen grundlegende Gerechtigkeit (im eigenen Interesse) an, um die allgemein übliche Strenge abzumildern, die sie nicht ganz ablehnten.

Mit Regel Nummer 13 ausgedrückt: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch mit Rauschen überlagert.

Okay, aber ich hatte ja noch eine genauere Regel zu dieser AT-Sache, nämlich die Nummer 16: Das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist. Und… was sagt also das Neue Testament jetzt zu dem Thema Sklaverei?

Na ja, es gibt folgende Stellen – allesamt aus den Briefen des NT, da das Thema Sklaverei in den Evangelien schlicht nicht angesprochen wird; die Sklaverei kommt dort vor als eine Sache, die eben existiert, und die für Vergleiche in Gleichnissen herangezogen werden kann, aber mehr nicht.

  • Da ist einerseits diese schöne Stelle: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)
  • Dann ist da der Brief an Philemon, einen reichen Christen, dem sein Sklave Onesimus weggelaufen ist, welchen Paulus dann im Gefängnis getroffen, ebenfalls zum Christentum bekehrt und schließlich mit folgendem Schutzbrief zu seinem Herrn zurückgeschickt hat: „Paulus, Gefangener Christi Jesu, und der Bruder Timotheus an unseren geliebten Mitarbeiter Philemon, an die Schwester Aphia, an Archippus, unseren Mitstreiter, und an die Gemeinde in deinem Haus: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich in meinen Gebeten an dich denke. Denn ich höre von deinem Glauben an Jesus, den Herrn, und von deiner Liebe zu allen Heiligen. Ich wünsche, dass unser gemeinsamer Glaube in dir wirkt und du all das Gute in uns erkennst, das auf Christus gerichtet ist. Es hat mir viel Freude und Trost bereitet, dass durch dich, Bruder, und durch deine Liebe die Heiligen ermutigt worden sind. Obwohl ich durch Christus volle Freiheit habe, dir zu befehlen, was du tun sollst, ziehe ich es um der Liebe willen vor, dich zu bitten. Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. Früher konntest du ihn zu nichts gebrauchen, doch jetzt ist er dir und mir recht nützlich. Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz. Ich würde ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient, solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin. Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein. Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst! Wenn er dich aber geschädigt hat oder dir etwas schuldet, setz das auf meine Rechnung! Ich, Paulus, schreibe mit eigener Hand: Ich werde es bezahlen – um nicht davon zu reden, dass du dich selbst mir schuldest. Ja, Bruder, um des Herrn willen möchte ich von dir einen Nutzen haben. Erfreue mein Herz; wir gehören beide zu Christus. Ich schreibe dir im Vertrauen auf deinen Gehorsam und weiß, dass du noch mehr tun wirst, als ich gesagt habe. Bereite zugleich eine Unterkunft für mich vor! Denn ich hoffe, dass ich euch durch eure Gebete wiedergeschenkt werde. Es grüßen dich Epaphras, der mit mir um Christi Jesu willen im Gefängnis ist, sowie Markus, Aristarch, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter. Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, sei mit eurem Geist!“
  • Dann gibt es auch diese Stelle: Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann. Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herrn habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person. (Epheser 6,5-9)
  • Und auch hier wieder: Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren in allem! Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern fürchtet den Herrn mit aufrichtigem Herzen! Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht für Menschen; ihr wisst, dass ihr vom Herrn euer Erbe als Lohn empfangen werdet. Dient Christus, dem Herrn! Wer Unrecht tut, wird dafür seine Strafe erhalten, ohne Ansehen der Person. Ihr Herren, gebt den Sklaven, was recht und billig ist; ihr wisst, dass auch ihr im Himmel einen Herrn habt. (Kolosser 3,22-25.4,1)
  • Und noch mal: „Alle, die das Joch der Sklaverei zu tragen haben, sollen ihren Herren alle Ehre erweisen, damit der Name Gottes und die Lehre nicht in Verruf kommen. Wer aber einen gläubigen Herrn hat, achte ihn nicht deshalb für geringer, weil er sein Bruder ist, sondern diene ihm noch eifriger; denn sein Herr ist gläubig und von Gott geliebt und bemüht sich, Gutes zu tun. So sollst du lehren, dazu sollst du ermahnen.“ (1 Timotheus 6,1-2)
  • Und noch mal: „Die Sklaven sollen ihren Herren gehorchen, ihnen in allem gefällig sein, nicht widersprechen, nichts veruntreuen; sie sollen zuverlässig und treu sein, damit sie in allem der Lehre Gottes, unseres Retters, Ehre machen.“ (Titus 2,9f.)
  • Mit ausführlicherer Begründung: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften. Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet? Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war kein trügerisches Wort. Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen.“ (1 Petrus 2,18-25)
  • Und dann noch die – auf den ersten Blick – schwierigste Stelle: „Im Übrigen soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gottes Ruf ihn getroffen hat. Das ist meine Weisung für alle Gemeinden. Wenn einer als Beschnittener berufen wurde, soll er beschnitten bleiben. Wenn einer als Unbeschnittener berufen wurde, soll er sich nicht beschneiden lassen. Es kommt nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, die Gebote Gottes zu halten. Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter. Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi. Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen! Brüder, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“ (1 Korinther 7,17-24)

Zu der letzten Stelle zuerst. Der entscheidende Satz hier, Vers 21 („Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter.“), ist nämlich nicht unbedingt auf diese Weise zu übersetzen, wie die Einheitsübersetzung wenigstens in einer Fußnote kenntlich macht.

Der zweite Teil des Satzes heißt im griechischen Original (in lateinische Buchstaben übertragen): „all’ (aber/sondern) ei (wenn) kai (und/auch) dynasai (du kannst) eleutheros (frei) genesthai (werden), mallon (lieber) chresai (nütze).“ „Und wenn du aber frei werden kannst, nütze es lieber“, oder, besser klingend, „Und wenn du aber frei werden kannst, ergreif lieber die Gelegenheit“ ist dafür meiner Ansicht nach die stimmigste Übersetzung – also das genaue Gegenteil der Übersetzung in der Einheitsübersetzung. Der vordere Teil ist klar; wie „mallon chresai“ zu übersetzen ist, ist die Frage. „Mallon“ bedeutet einfach „eher, lieber“; „chresai“ heißt so etwas wie „gebrauche, nütze, nimm in Gebrauch“; also würde man hier wohl logischerweise annehmen, wenn man den Satz für sich stehen lässt, dass er lautet: „Und wenn du aber frei werden kannst, nütze es lieber.“ Dann werde frei. Wenn du dich freikaufen kannst, oder jemand dich freikaufen kann, oder dein Herr dich freilassen will – wieso solltest du das nicht nützen? Diese Übersetzung macht auch schon deshalb mehr Sinn, weil das Freilassen von Sklaven im frühen Christentum immer als gutes Werk betrachtet wurde; wenn Paulus dann raten würde, eine solche gute Tat nicht anzunehmen, wäre das etwa so, als würde er Bettlern raten, keine Almosen anzunehmen, worauf er sicherlich nie gekommen wäre.

Okay, aber ein Problem bleibt noch: Wie passt dieser Satz dann in den Kontext der Stelle? Er passt wunderbar. In den ersten Sätzen arbeitet Paulus das Grundprinzip aus: Du musst, wenn du Christ geworden bist, normalerweise nichts an deinem Stand verändern, du kannst so kommen, wie du bist. Es ist okay, als Judenchrist beschnitten zu sein; aber die Heidenchristen müssen sich nicht extra beschneiden lassen. Dann kommt die Ausnahme: „Wenn du als Sklave berufen wirst, soll dich das nicht bedrücken [weil die Sklaven vor Christus genauso viel gelten wie die Freien; daran muss sich also nichts ändern, damit du Christ sein kannst]; wenn du aber [ja, hier steht ein aber! – s. o.] frei werden kannst, dann ergreife die Gelegenheit. Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi. Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen!“ (Besonders dieser Satz passt doch zu meiner Übersetzung!) Dann wird noch einmal das Prinzip von oben, das offensichtlich vor allem für die konkrete Frage der Beschneidung gilt, wiederholt: „Brüder, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“

Wo liegt das Problem?

Ich frage mich wirklich, wieso die Übersetzer der EÜ nicht die offensichtliche Übersetzung für den Text gewählt haben, anstatt sie in einer Fußnote zu verstecken. Aber mei – es ist halt die EÜ.

Jetzt sind auch die restlichen Stellen kein so großes Problem mehr. Paulus und Petrus geben hier Menschen, die sich in einer ungerechten Situation befinden, die sich nicht einfach so aus der Welt schaffen lässt, Rat, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Und ihr Rat folgt dabei den Prinzipien des NT „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Römer 12,21) und „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ (Matthäus 5,39). (Mit diesen Prinzipien kann man es übrigens auch zu weit treiben, aber das ist ein Thema für einen eigenen Beitrag in dieser Reihe. Aber wen es interessiert: Der letzte römische Sklavenaufstand, bevor Paulus und Petrus ihre Briefe schreiben, nämlich der des Spartakus, hatte mit 6000 Kreuzen entlang der Via Appia geendet.) Sie reden nicht darüber, dass die Sklaverei an sich abgeschafft gehört, weil sie überhaupt keine Macht gehabt hätten, irgendetwas zur Abschaffung der Sklaverei zu tun – abgesehen davon, dass sie ein so selbstverständlicher Teil der römischen Wirtschaftsordnung war, dass niemand sich damals eine Welt ohne sie vorstellen hätte können; so wie heute ungleiche Löhne oder Arbeitslosigkeit oder Ehescheidungen selbstverständlich sind, auch wenn sie niemand gut findet. Sie behandeln die Institution der Sklaverei so, wie sie einen ungerechten Staat behandeln, unter dem sie selber zu leiden hatten. („Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam“, usw. (Römer 13,1), wobei Paulus in diesem Abschnitt die Autorität des Staates tatsächlich wesentlich stärker betont als an anderen Stellen die Autorität von Sklavenhaltern, was Sinn macht, da der Staat eine tatsächlich notwendige Einrichtung ist.) Dabei weisen beide auch die Herren an, ihre Sklaven gerecht zu behandeln („droht ihnen nicht“, „gebt ihnen, was recht und billig ist“) – und zwar mit der zentralen Begründung, dass der Unterschied zwischen Herren und Sklaven, der in dieser Welt gemacht wird, vor Gott nicht gilt: Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.

Paulus und Petrus mussten mit der Situation umgehen, wie sie damals war. Der Brief an Philemon illustriert diese Situation ganz gut. Paulus schickt Onesimus zurück, was wahrscheinlich ganz klug ist, denn ein Sklave auf der Flucht lebte weder besonders sicher noch besonders gut. Vielleicht will er damit vermeiden, dass Onesimus irgendwann gefangen und von anderen zurückgebracht und von Philemon dann bestraft wird. Also lässt er ihn freiwillig zurückkehren und gibt ihm einen Brief mit viel nett formuliertem moralischen Druck für seinen Herrn und der impliziten Bitte um Onesimus’ Freilassung mit. Er macht das Beste aus der Situation. (Der Überlieferung nach wurde Onesimus dann übrigens freigelassen und wurde später Bischof.)

Niemand im ganzen NT forderte je einen gewaltsamen Aufstand gegen Sklaverei oder andere Ungerechtigkeit, oder irgendetwas in der Art; überhaupt sind das sehr gewaltlose Texte. Aber das Prinzip, das hier immer wieder wiederholt wird, gräbt der Institution der Sklaverei das Wasser ab: Vor Gott sind alle Menschen gleich, und nicht gleich gering, sondern gleichermaßen geliebt.

Das Thema Sklaverei ist allerdings auch ein gutes Beispiel dafür, dass das protestantische Sola-Scriptura-Prinzip nicht funktioniert. Die NT-Stellen oben lassen sich mit der Ansicht, dass es Sklaverei eigentlich überhaupt nicht geben sollte, weil es in sich schlecht ist, andere Menschen zu besitzen, sehr wohl gut vereinbaren; aber diese Ansicht wird darin nicht ausdrücklich gelehrt. 1845 spalteten sich die Southern Baptists in den USA von der nationalen Vereinigung der baptistischen Kirchen wegen eines Streits um die Sklaverei ab; sie waren überzeugt (oder wollten sich selbst davon überzeugen?), dass die Sklaverei gut biblisch sei, wofür sie u. a. diese Stellen heranzogen (aber seltsamerweise auch eine obskure AT-Stelle über Noahs Fluch über seinen Sohn Ham, der dann in den Ahnenlisten u. a., aber nicht nur, als Ahnvater mehrerer afrikanischer Völker gelistet wird, was laut Southern Baptists etc. begründen sollte, wieso Afrikaner grundsätzlich Sklaven von Weißen sein sollten – protestantische Bibelauslegung ist manchmal seltsam, und Bibelauslegung zu bestimmten Zwecken seltsamer). Andere Kirchen – Northern Baptists, Methodisten, Quäker, etc. – riefen zur selben Zeit zur Abschaffung der Sklaverei auf, und das ebenfalls mit biblischen Begründungen. Wo die Bibel offensichtlich nicht ausreicht, um ein Thema zu klären, braucht es aber eine weitere Autorität, also das Lehramt der Kirche.

Sicher, das hier ist auch, was den Katholizismus angeht, ein klassisches Beispiel für eine länger dauernde „Entwicklung der Glaubenslehre“ (John Henry Newman). In der Antike wurde es von den Priestern und Bischöfen der Kirche immer als gutes Werk gepriesen, Sklaven freizulassen, und es gab ein paar sehr wenige Theologen, die die Sklaverei an sich anprangerten – wenn ich mich recht erinnere, predigte der hl. Johannes Chrysostomus einmal darüber, wie schlimm es war, andere Menschen wie Besitz zu behandeln anstatt wie Menschen. Aber das waren wenige Stimmen, und es gab keine offizielle Lehre dazu, ob die Sklaverei nun an sich recht war; und es wurde sicher nie als heilsnotwendig gesehen, Sklaven, die man besaß, freizulassen, solange man sie gut behandelte. Synoden schrieben zwar Bußen z. B. für die Tötung von Sklaven fest, aber auch Kleriker und Klöster besaßen Sklaven. Im frühen Mittelalter verschwand die Sklaverei dann nach und nach bzw. machte der weniger schlimmen Leibeigenschaft Platz, wo der Leibeigene gewisse festgeschriebene Rechte gegenüber seinem Herrn besaß, da sich allmählich doch die Ansicht durchsetzte, dass es irgendwie nicht so gut war, seine Brüder und Schwestern in Christo als Sklaven zu halten. Aber noch mittelalterliche Theologen waren der Meinung, dass die Sklaverei bzw. Leibeigenschaft (lt. beides „servitus“ – auch wenn sich die Sache änderte, änderte sich der Fachbegriff erst einmal nicht), ebenso wie gesellschaftliche Ungleichheit und Unterordnung im Allgemeinen, normaler Bestandteil der weltlichen Ordnung nach dem Sündenfall sei, der die ursprüngliche Gleichheit der Menschen zerstört hatte. Allerdings lehrte z. B. der hl. Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert, dass es Unfreiheit, Unterordnung und „servitus“, die durch das weltliche Gesetz bestimmt wurden, nur dann geben durfte, wenn sie im Ganzen dem Gemeinwohl, und damit auch dem Wohl der Beherrschten und Leibeigenen, die von den Weiseren zu ihrem Besten regiert werden sollten, zugute käme; von der Ansicht z. B. eines Aristoteles, dass ein Sklave nur ein beseeltes Werkzeug und Besitzstück seines Herrn ohne eigenen Wert sei, das dieser behandeln konnte, wie er wollte, war man inzwischen zwangsläufig weit abgekommen, einfach wegen der klaren biblischen Lehre, dass es vor Gott „nicht Sklaven und Freie“ (Galater 3,28) gibt. Gewerbsmäßiger Sklavenhandel existierte zu dieser Zeit in Westeuropa schon nicht mehr. Trotzdem war die Sklaverei, obwohl sie einen irgendwie unchristlichen Ruf hatte, vergleichbar mit der Kinderarbeit in späteren Zeiten, an sich nie verboten worden und konnte so in der Neuzeit mit dem beginnenden Kolonialismus wieder auferstehen, als man neue Länder entdeckte und für sich beanspruchte, wo es Arbeitskräftebedarf für neu angelegte Tabaksplantagen und Silberbergwerke gab, und wo man auf Völker traf, die man für minderwertige Wilde erklären konnte. (Interessanterweise folgte der Rassismus übrigens der Sklaverei eher, als dass er ihre Ursache war. Das heißt, es gab ihn in Maßen schon, aber die ersten Sklavenhändler, die afrikanischen Stammesfürsten ihre Kriegsgefangenen aus anderen Stämmen gegen Gewehre und Rum und Glasperlen abkauften und diese dann nach Cartagena oder in die Karibik verschifften, waren noch nicht der Meinung, dass es einen ontologischen Unterschied zwischen weißen und schwarzen Menschen gäbe, wie das die Sklaverei-Verteidiger des 19. Jahrhunderts dann erklärten. Im 16., 17. Jahrhundert begaben sich in den nord- und südamerikanischen Kolonien auch oft Weiße in Schuldknechtschaft, arbeiteten zusammen mit Schwarzen oder Indios, und wurden dann nach einer bestimmten Anzahl von Jahren frei entlassen, oft auch zusammen mit diesen schwarzen oder eingeborenen Sklaven. Die strikte Rassentrennung, die Tatsache, dass Weiße praktisch immer frei und Schwarze in der Regel Sklaven waren, entwickelte sich eher nach und nach, und auch mehr in Nord- als in Lateinamerika. Exkurs Ende.)

In dieser Zeit allerdings, als das Problem wieder neu da war, und zwar mit aller Härte der antiken oder außereuropäischen Sklaverei, die im europäischen Mittelalter geschwunden war, kamen auch langsam die ersten päpstlichen Verurteilungen. Na ja, zuerst mal gab es im 15. Jahrhundert, als alles gerade erst anfing, noch päpstliche Genehmigungen für Portugiesen und Spanier, die fernen Länder in Afrika und im Westen und die Heiden dort unter sich aufzuteilen, unter anderem auch von dem berühmt-berüchtigten Alexander VI., der nicht der einzige Papst war, der sich lieber politisch als geistlich betätigte (http://www.papalencyclicals.net/nichol05/romanus-pontifex.htm, http://www.papalencyclicals.net/alex06/alex06inter.htm); dann ab dem 16. Jahrhundert erreichten Missionare und andere Kirchenmänner wie Bartolomé de las Casas päpstliche Verurteilungen der Versklavung von Indios und Afrikanern (sie „sollen auf keine Weise ihrer Freiheit oder des Besitzes ihrer Güter beraubt werden, selbst wenn sie sich außerhalb des Glaubens Jesu Christi befinden“ (http://www.papalencyclicals.net/paul03/p3subli.htm), so zum Beispiel Paul III. 1537 (von mir aus der englischen Übersetzung übersetzt)). Es kamen im Lauf der nächsten Jahrhunderte noch ein paar mehr Verurteilungen, die mit der Zeit deutlicher wurden, und nicht mehr nur den Sklavenhandel, sondern dann auch die Sklaverei an sich betrafen. Bis zu ihrer Abschaffung dauerte es in vielen europäischen Kolonien und ehemaligen Kolonien noch bis ins 19. Jahrhundert, teilweise bis weit ins 19. Jahrhundert, aber die Kirchenlehre war bis zu dieser Zeit klar.

Worauf ich hinaus will: Für die grundsätzliche Ablehnung der Sklaverei bietet die Bibel Ansatzpunkte, sie bietet vor allem eine Weltanschauung, die die Sklaverei eigentlich von vornherein unmöglich machen sollte, aber sie bietet keine unmissverständliche Position. Die bot dann die Kirche, als sie ihre Lehre im Lauf der Zeit klärte und explizit machte.

(Falls ich im AT noch Stellen übersehen haben sollte, kann man es mir übrigens gerne mitteilen.)

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