Über schwierige Bibelstellen, Teil 15: Sklaverei (und Kindererziehung und ungerechte Regierungen) in der Bibel

[Dieser Teil wurde noch einmal überarbeitet.]

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Wie immer zuerst mal zum Alten, dann zum Neuen Testament. Im AT taucht die Sklaverei vor allem als etwas auf, das eben einfach existiert; außerdem gibt es Stellen in der Tora, die gesetzliche Rahmenbedingungen für sie innerhalb Israels schaffen. Viele Personen im AT besaßen Sklaven oder waren selbst Sklaven (Joseph, Hagar, Aaron, Miriam…). Eindeutige Verurteilungen der Sklaverei findet man nirgends, auch wenn die Befreiung Israels aus „Ägypten, dem Sklavenhaus“, ganz zentral für die Geschichte dieses Volkes ist. Es gibt Gesetze, die die Sklaverei einschränken und regulieren, z. B. die folgenden, wobei manche davon nur für israelitische Sklaven gelten:

  • „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre Sklave bleiben, im siebten Jahr soll er ohne Entgelt als freier Mann entlassen werden. Ist er allein gekommen, soll er allein gehen. War er verheiratet, soll seine Frau mitgehen. Hat ihm sein Herr eine Frau gegeben und hat sie ihm Söhne oder Töchter geboren, dann gehören Frau und Kinder ihrem Herrn und er muss allein gehen. Erklärt aber der Sklave: Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder und will nicht als freier Mann fortgehen, dann soll ihn sein Herr vor Gott bringen, er soll ihn an die Tür oder an den Torpfosten bringen und ihm das Ohr mit einem Pfriem durchbohren; dann bleibt er für immer sein Sklave.“ (Exodus 21,2-6)
  • Ähnlich, aber etwas großzügiger gegenüber dem Sklaven: Wenn ein Bruder bei dir verarmt und sich dir verkauft, darfst du ihm keine Sklavenarbeit auferlegen; er soll dir wie ein Lohnarbeiter oder ein Beisasse gelten und bei dir bis zum Jubeljahr arbeiten. Dann soll er von dir frei weggehen, er und seine Kinder, und soll zu seiner Sippe, zum Besitz seiner Väter zurückkehren. Denn sie sind meine Knechte; ich habe sie aus Ägypten herausgeführt; sie sollen nicht verkauft werden, wie ein Sklave verkauft wird. Du sollst nicht mit Gewalt über ihn herrschen. Fürchte deinen Gott!“ (Levitikus 25,39-43)
  • Wenn einer seine Tochter als Sklavin verkauft hat, soll sie nicht wie andere Sklaven entlassen werden. Mag sie der Herr nicht mehr, der sie für sich selbst bestimmt hat, dann soll er sie zurückkaufen lassen. Er hat nicht das Recht, sie an Fremde zu verkaufen, da er seine Zusage nicht eingehalten hat. Hat er sie für seinen Sohn bestimmt, verfahre er mit ihr nach dem Recht, das für Töchter gilt. Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen. Wenn er ihr diese drei Dinge nicht gewährt, darf sie unentgeltlich, ohne Bezahlung, gehen.“ (Exodus 21,7-11)
  • Die Sklaven und Sklavinnen, die euch gehören sollen, kauft von den Völkern, die rings um euch wohnen; von ihnen könnt ihr Sklaven und Sklavinnen erwerben. Auch von den Kindern der Beisassen, die bei euch leben, aus ihren Sippen, die mit euch leben, von den Kindern, die sie in eurem Land gezeugt haben, könnt ihr Sklaven erwerben. Sie sollen euer Besitz sein und ihr dürft sie euren Kindern nach euch vererben, damit diese sie als Besitz für immer haben; ihr sollt sie als Sklaven haben. Aber was eure Brüder, die Israeliten, angeht, so soll keiner über den andern mit Gewalt herrschen.“ (Levitikus 25,44-46)
  • Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss er unbedingt gerächt werden. Wenn er noch einen oder zwei Tage am Leben bleibt, dann soll den Täter keine Rache treffen; es geht ja um sein eigenes Geld. “ (Exodus 21,20f.) [Hier wird davon ausgegangen, dass ein Schlag, durch den jemand nicht gleich, sondern erst nach einer gewissen Zeit stirbt, nicht als tödlicher Schlag intendiert war, weshalb die Strafe/Blutrache wegfällt.]
  • Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.“ (Exodus 21,26f.)
  • Es gibt noch ein paar weitere Stellen, die z. B. das Loskaufrecht für Sklaven betreffen (etwa Levitikus 25,47-55: „Wenn ein Fremder oder ein Beisasse bei dir zu Vermögen kommt, aber dein Bruder neben ihm verarmt und sich ihm oder einem Nachkommen aus der Familie eines Fremden verkauft, dann soll es, wenn er sich verkauft hat, für ihn ein Loskaufrecht geben: Einer seiner Brüder soll ihn auslösen. Auslösen sollen ihn sein Onkel, der Sohn seines Onkels oder sonst ein Verwandter aus seiner Sippe. Falls seine eigenen Mittel ausreichen, kann er sich selbst loskaufen. Er soll mit dem, der ihn gekauft hat, die Jahre zwischen dem Verkaufs- und dem Jubeljahr berechnen; die Summe des Verkaufspreises soll auf die Zahl der Jahre verteilt werden, wobei die verbrachte Zeit wie die eines Lohnarbeiters gilt.  Wenn noch viele Jahre abzudienen sind, soll er die ihnen entsprechende Summe als seinen Lösepreis bezahlen. Wenn nur noch wenige Jahre bis zum Jubeljahr übrig sind, soll er es ihm berechnen; den Jahren entsprechend soll er seinen Lösepreis bezahlen. Er gelte wie ein Lohnarbeiter Jahr um Jahr bei seinem Herrn; dieser soll nicht vor deinen Augen mit Gewalt über ihn herrschen. Wenn er in der Zwischenzeit nicht losgekauft wird, soll er im Jubeljahr freigelassen werden, er und seine Kinder. Denn mir gehören die Israeliten als Knechte, meine Knechte sind sie; ich habe sie aus Ägypten herausgeführt, ich bin der HERR, euer Gott.“).

Diese Stellen lassen sich sehr einfach mit Regel Nummer 17 erklären: Nur weil etwas in einem in der Bibel enthaltenen Gesetz reguliert wird, heißt das nicht, dass Gott es gutheißt. Viele Gesetze in den fünf Büchern Mose schränken ein Übel nur ein, anstatt es ganz abzuschaffen. (Vgl. Teil 12.)

Und man muss sagen, dass diese Gesetze die Sklaverei für damalige Verhältnisse teilweise sehr stark einschränken. In anderen Völkern konnte man Sklaven völlig straflos töten, wie es einem beliebte; in Israel musste die absichtliche Tötung eines Sklaven bestraft werden und wenn ein Herr einen Sklaven irgendwie verstümmelt, ihm sogar nur einen Zahn ausgeschlagen hatte, musste er ihn freilassen. Sklaven, selbst die aus fremden Völkern, waren im alten Israel also kein rechtloser Besitz, auch wenn sie sicherlich wenige Rechte hatten.

Für die Stellen, in denen Sklaverei einfach als Teil einer Geschichte auftaucht, gilt natürlich die altbekannte Regel Nummer 12: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht.

Dann gibt es im AT noch ein paar Stellen im Buch der Sprüche und bei Jesus Sirach, die sich nicht in diese beiden Kategorien einordnen lassen und die zum Teil gut klingen und zum Teil weniger gut:

  • „Behandle einen Sklaven nicht schlecht, der wirklich arbeitet, auch nicht einen Lohnarbeiter, der sich ganz einsetzt! Einen verständigen Sklaven sollst du lieben. Verweigere ihm die Freilassung nicht!“ (Jesus Sirach 7,20f.) (Gut.)
  • „Ein kluger Knecht wird Herr über einen missratenen Sohn und mit den Brüdern teilt er das Erbe.“ (Sprüche 17,2) (Schön.)
  • „Einem weisen Sklaven werden Freie zu Diensten sein und ein kluger Mann wird nicht murren.“ (Jesus Sirach 10,25) (Ja.)
  • „Durch Worte wird kein Sklave gebessert, er versteht sie wohl, aber kehrt sich nicht daran.“ (Sprüche 29,19) (Hm.)
  • „Ein Sklave, verwöhnt von Jugend an, wird am Ende widerspenstig.“ (Sprüche 29,21) (Also…)
  • „Unter dreien erzittert das Land, unter vieren wird es ihm unerträglich: unter einem Sklaven, wenn er König wird, und einem Toren, wenn er satt ist; unter einer Verschmähten, wenn sie geheiratet wird, und einer Sklavin, wenn sie ihre Herrin verdrängt.“ (Sprüche 30,21-23) (Na ja…)
  • „Schäme dich nicht folgender Dinge und nimm nicht falsche Rücksicht, um zu sündigen: des Gesetzes des Höchsten und des Bundes und des gerechten Urteils über einen Gottlosen, der Abrechnung mit einem Partner und mit Weggefährten, der Gabe eines Erbes von Freunden, der Genauigkeit einer Waage und der Gewichte, des Erwerbs von viel oder wenig, des Gewinns beim Geschäft mit Händlern und der vielen Mühe der Erziehung der Kinder und der blutigen Striemen für einen bösen Sklaven!“ (Jesus Sirach 42,1-5) (Ähm…)
  • „Futter, Stock und Lasten für einen Esel, Brot, Zucht und Arbeit für den Sklaven! Lass den Knecht arbeiten und du wirst Ruhe finden! Lass ihm freie Hand und er wird die Freiheit suchen! [Eine Fußnote gibt hier an: „‚Lass den Knecht arbeiten‘, andere Textzeugen: ‚Arbeite an der Erziehung'“] Joch und Zügel werden den Nacken beugen, dem bösen Sklaven gebühren Folter und Pein. Deck ihn mit Arbeit ein, damit er nicht müßig geht, denn Müßiggang lehrt ihn viel Schlechtes. Bring ihn dazu zu arbeiten, wie es für ihn angemessen ist! Wenn er nicht gehorcht, leg ihm schwere Fußfesseln an! Sei nicht maßlos gegen irgendein Lebewesen! Handle nicht ohne überlegtes Urteil! Wenn du einen Sklaven hast, sei er wie du, denn mit Blut hast du ihn erworben! Wenn du einen Sklaven hast, leite ihn wie einen Bruder, denn du brauchst ihn wie deine Seele! Wenn du ihn misshandelt hast und er auf und davon gelaufen ist, auf welchem Weg willst du ihn suchen?“ (Jesus Sirach 33,25-33) (Jetzt warte mal…)

Die Stellen oben aus dem Buch der Sprüche sind weder allzu bedeutsam noch allzu schwer zu verstehen; dieses Buch gibt einige resignierte, verallgemeinernde Alltagsweisheiten wider, wie z. B. auch „Wie das Knurren des Löwen ist der Grimm des Königs; wer ihn erzürnt, verwirkt sein Leben“ (Sprüche 20,2), „Der Reiche hat die Armen in seiner Gewalt, der Schuldner ist seines Gläubigers Knecht“ (Sprüche 22,7), „Mach dich rar im Haus deines Nächsten, sonst wird er dich satt und verabscheut dich!“ (Sprüche 25,17), „Zu viel Honig essen ist nicht gut: Ebenso spare mit ehrenden Worten!“ Sprüche 25,27) oder „Achtet ein Herrscher auf Lügen, werden alle seine Beamten zu Schurken.“ (Sprüche 29,12). (Außerdem enthält es in endlosen Wiederholungen die Aussage, dass die Frevler und die Toren schlecht sind und dem Gericht entgegen gehen, und die Gerechten gut sind und vor Gott bestehen werden.)

Und zu diesen verallgemeinernden Alltagsweisheiten gehört eben auch die, dass jemand, der vom Status eines Sklaven (oder einem anderen niedrigen Status) zum Status eines Königs aufgestiegen ist (30,21-23), ein unerträglicher Herrscher sein kann – psychologisch gesehen ist es nachvollziehbar, dass man von so jemandem erwarten würde, dass er es jetzt erst recht genießen würde, sich zu nehmen, was er sich endlich nehmen kann, und alle, die vorher über ihm standen, geringschätzig oder rachsüchtig behandeln würde. Ein Sklave ist auch nicht automatisch ein guter Mensch, erst recht nicht einer, der den Ehrgeiz und die nötige Intriganz besessen hat, von einem Sklavenstatus auf den eines altorientalischen Fürsten aufzusteigen. Und der Autor dieser Sprichwörter hält wahrscheinlich genauso wenig alle Sklaven für unbelehrbar (29,19), wie er alle Könige (20,2) für jähzornige Tyrannen hält, die alle umbringen lassen, die sie „erzürnen“.

Die beiden unteren Sirach-Stellen stoßen einen dagegen schon mehr ab. Ja, diese Stellen fordern auch Mäßigung und Gerechtigkeit („Sei nicht maßlos gegen irgendein Lebewesen! Handle nicht ohne überlegtes Urteil!“), aber vor allem die Stelle aus Kapitel 33 argumentiert scheinbar eher nach einer eigennützigen Sklavenhalterlogik: Lass deinen Sklaven arbeiten, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt und dir wegläuft; wenn er faul und schlecht ist, schlag ihn; aber behandle ihn generell gut, vor allem wenn du nur einen einzigen Sklaven hast, denn dann stehst du ja blöd da, wenn er dir wegläuft. Tatsächlich klingen die Weisheitsbücher nicht nur an dieser Stelle irgendwie, na ja, eigennützig und weltweise. Hier einige andere Beispiele zu anderen Themen:

  • Der Kontext der Stelle über die Behandlung von Sklaven aus Sirach 33 ist dieser hier: „Dem Sohn und der Frau, dem Bruder und Freund gib nicht Macht über dich zu deinen Lebzeiten! Gib keinem anderen dein Vermögen, damit du es nicht bereust und um es bitten musst! Solange du noch lebst und Atem in dir ist, tausche deinen Platz mit keinem anderen! [Eine Fußnote gibt hier an: „‚mit keinem anderen‘, wörtlich: ’nicht mit jedem Geschöpf'“ Evtl. hätte man m. E. die wörtliche Übersetzung wählen sollen; dies würde die Möglichkeit einschließen, den Platz mit jemand Vertrauenswürdigem zu tauschen.] Denn es ist besser, dass deine Kinder dich bitten, als dass du auf die Hände deiner Söhne schaust. In all deinen Taten zeichne dich aus und bring keinen Makel auf deine Ehre! Am Tag der Vollendung deiner Lebenszeit, zur Zeit deines Todes, übergib das Erbe!“ (Jesus Sirach 33,20-24) Man soll also nicht nur schauen, dass der Sklave seinen Platz im Haushalt kennt, sondern auch Frau und Kinder; sich nicht von anderen abhängig machen.
  • „Wache streng über eine starrköpfige Tochter, damit sie dich nicht zum Gespött der Feinde macht, zum Stadtgespräch und zum Getadelten des Volkes und sie dich nicht beschämt in einer großen Menge! Achte bei keinem Menschen auf Schönheit und sitz nicht in der Gesellschaft von Frauen! Denn aus Kleidern kommt eine Motte heraus und aus einer Frau die Bosheit der Frau. Besser die Bosheit eines Mannes als eine wohltätige Frau und eine Frau, die mit Beschimpfung andere beschämt.“ (Jesus Sirach 42,11-14 Wache über deine Tochter und halte sie von anderen Frauen mit schlechtem Charakter fern – nicht nur um ihretwillen, sondern auch, damit du nicht beschämt wirst).
  • „Wer seinen Sohn liebt, wird ihm häufig Schläge geben, damit er am Ende erfreut wird. Wer seinen Sohn erzieht, wird an ihm Beistand finden und im Kreis der Bekannten wird er sich seiner rühmen. Wer seinen Sohn unterweist, weckt den Neid des Feindes, im Beisein der Freunde wird er über ihn frohlocken. Stirbt der Vater, ist es, als wäre er nicht tot, denn er hat einen, der ihm ähnlich ist, zurückgelassen. Während seines Lebens hat er ihn gesehen und sich gefreut, an seinem Lebensende war er nicht betrübt. Gegen Feinde hat er einen Rächer hinterlassen und den Freunden einen, der Dankbarkeit erweist. Wer den Sohn verwöhnt, verbindet seine Wunden, bei jedem Schrei ist sein Innerstes bestürzt. Ein ungebändigtes Pferd bricht störrisch aus, ein nicht gezügelter Sohn bricht überraschend aus. Verhätschle ein Kind und es macht dich fassungslos! Scherze mit ihm und es betrübt dich! Lach nicht mit ihm, damit du mit ihm nicht Kummer erfährst, denn zuletzt wirst du schmerzvoll mit deinen Zähnen knirschen! Gib ihm nicht zu viel Macht in der Jugend und übersieh nicht seine Fehler! Beuge seinen Nacken in der Jugend, schlag ihn aufs Gesäß, solange er noch klein ist, sonst wird er störrisch und widerspenstig gegen dich und du hast Kummer mit ihm! Erzieh deinen Sohn und arbeite an ihm, damit du dich nicht wegen seines schlechten Verhaltens ärgerst!“ (Jesus Sirach 30,1-13)
  • „Leid des Herzens und Trauer ist eine Frau, die eifersüchtig ist auf eine andere, aber ein Peitschenhieb der Zunge ist allen gemeinsam. Ein scheuerndes Ochsenjoch ist eine böse Frau; wer sie nimmt, fasst einen Skorpion an. Großer Zorn ist eine trunksüchtige Frau; sie kann ihre Schande nicht verbergen. Eine unzüchtige Frau wird am Augenaufschlag erkannt, an ihren Wimpern erkennt man sie. Gegen eine starrsinnige Tochter verstärke die Wache, damit sie keine Gelegenheit findet, die sie für sich ausnützt. Vor einem unverschämten Blick hüte dich! Sei nicht überrascht, wenn er sich an dir vergeht!“ (Jesus Sirach 26,6-11)
  • „Grundlage des Lebens sind Wasser, Brot und Kleidung und ein Haus, um die Nacktheit zu bedecken. Besser das Leben eines Armen unter schützendem Dach als köstliche Leckerbissen unter Fremden! Ob wenig oder viel, sei zufrieden, dann hörst du keinen Vorwurf als Zugewanderter! Schlimm ist ein Leben von Haus zu Haus, und wo du als Zugewanderter wohnst, tu deinen Mund nicht auf! Du bewirtest und reichst Getränke ohne Dank, dazu hörst du noch Bitteres: Komm her, Zugewanderter! Deck den Tisch! Wenn du etwas zur Hand hast, gib mir zu essen! Fort mit dir, Zugewanderter, vor einem Ehrengast! Mein Bruder ist als Gast gekommen. Ich brauche das Haus. Diese Dinge sind belastend für einen Menschen mit Verstand, die Vorwürfe wegen der Herkunft aus der Fremde und die Beschimpfung als Gläubiger.“ (Jesus Sirach 29,21-28)
  • „Kämpfe nicht mit einem Mächtigen, damit du nicht in seine Hände fällst! Streite nicht mit einem Reichen, damit er dir nicht mit ganzem Gewicht entgegentritt! Denn viele hat das Gold vernichtet und Herzen der Könige verändert. Streite nicht mit einem geschwätzigen Menschen und lege nicht Holz auf sein Feuer! Scherze nicht mit einem Ungebildeten, damit deine Vorfahren nicht entehrt werden! […] Borge nicht einem Menschen, der mächtiger ist als du! Wenn du geborgt hast, sei wie einer, der schon verloren hat! Bürge nicht über deine Möglichkeiten! Wenn du gebürgt hast, betrachte es wie einer, der zahlen muss! Führe keinen Rechtsstreit mit einem Richter, denn sie werden nach seinem Ansehen für ihn entscheiden!“ (Jesus Sirach 8,1-4.12-14)
  • „Rühme dich nicht vor dem König und stell dich nicht an den Platz der Großen; denn besser, man sagt zu dir: Rück hier herauf, als dass man dich nach unten setzt wegen eines Vornehmen.“ (Sprüche 25,6f.)
  • „Rede nicht vor den Ohren eines Törichten; denn er missachtet deine klugen Worte!“ (Sprüche 23,9)

Die Aussage scheint hier zu sein: Schau, dass du unabhängig und der Herr in deinem Haus bleibst, aber leg dich auch nicht mit Leuten an, die mächtiger sind als du, mach dir keinen unnötigen Ärger – sei vernünftig und mach dir ein gutes, besonnenes Leben.

Zum Teil hängt das wohl mit der typischen Herangehensweise der Bücher Sprüche und Sirach zusammen. An manchen Stellen sind sie tatsächlich eher Selbsthilfebücher als gestrenge Moralpredigten. Die Autoren dieser beiden Texte betonen ständig, dass sie dir nur dazu raten, was dir selber nützen wird: Sei fleißig, denn Faulheit führt am Ende zu Armut. Steh treu zu deinem Freund, dann wird er auch zu dir stehen. Halte dich nicht selbst für besonders weise, dann stehst du am Ende nicht dumm da. Fang keine Affäre mit einer verheirateten Frau an, denn sonst hast du die Rache ihres Mannes zu befürchten – ach ja, und außerdem noch Gottes Gericht. Bleib lieber bei deiner eigenen Frau und zeuge ein paar legitime Erben, das ist das Beste für dich. Betrink dich nicht maßlos, das bringt dir auch bloß Armut. Achte deine Eltern. Sei weise. Sei gerecht. Borge den Armen. Beuge nicht das Recht der Witwen und Waisen. „Denn ihr Anwalt ist mächtig, er wird ihre Sache gegen dich führen.“ (Sprüche 23,11)

Die Aussage dieser Bücher ist ganz einfach: „Denn die Abtrünnigkeit der Törichten ist ihr Tod, die Sorglosigkeit der Toren ist ihr Verderben. Wer aber auf mich hört, wohnt in Sicherheit, ihn stört kein böser Schrecken.“ (Sprüche 1,32f.) Das ist, ehrlich gesagt, eine gar nicht mal so dumme Motivationstaktik, wenn man die Leute dazu bringen will, das Richtige zu tun. Und es stimmt ja auch: Indem man das Falsche tut, ruiniert man oft genug sein eigenes Leben.

Und noch etwas ist typisch für Sprüche und Jesus Sirach: Ihre Einstellung gegenüber „Zucht“ und „Ermahnung“ zur Besserung (eine übrigens sehr richtige Einstellung):

  • „Treu gemeint sind die Schläge eines Freundes, zahlreich die Küsse eines Feindes.“ (Sprüche 27,6)
  • „Öffne dein Herz für die Unterweisung, dein Ohr für verständige Reden! Erspar dem Knaben die Züchtigung nicht; wenn du ihn schlägst mit dem Stock, wird er nicht sterben. Du schlägst ihn mit dem Stock, bewahrst aber sein Leben vor der Unterwelt. Mein Sohn, wenn dein Herz weise ist, so freut sich auch mein eigenes Herz. Mein Inneres ist voll Jubel, wenn deine Lippen reden, was recht ist.“ (Sprüche 23,12-16)
  • „Ein weiser Sohn ist die Frucht der Erziehung des Vaters, der zuchtlose aber hört nicht auf Mahnung.“ (Sprüche 13,1)
  • „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“ (Sprüche 13,24)
  • „Wer Erziehung liebt, liebt Erkenntnis, wer Zurechtweisung hasst, ist dumm.“ (Sprüche 12,1)
  • „Wer Zurechtweisung hasst, ist auf der Spur des Sünders, und wer den Herrn fürchtet, wird sich im Herzen bekehren.“ (Jesus Sirach 21,6)
  • „Musik in der Trauer ist wie eine Erzählung zur Unzeit, jedoch sind Schläge und Erziehung zu jeder Zeit Weisheit.“ (Jesus Sirach 22,6)

Wenn diese Bücher also z. B. strenge Kindererziehung empfehlen, dann nicht nur, damit die Kinder den Eltern Ehre machen (das ist eher ein motivierender Nebeneffekt), sondern um der Kinder selber willen. Zwar wird zwischendurch auch mal zur Vorsicht bei Ermahnung und Zucht geraten – „Es gibt eine Zurechtweisung, die nicht zur rechten Zeit kommt, und es gibt einen, der schweigt, und der ist klug. Wie gut ist es zurechtzuweisen, statt zu zürnen, und wer einen Fehler eingesteht, wird vor einem Verlust bewahrt. Wie das Verlangen eines Eunuchen, ein Mädchen zu entjungfern, so ist es, wenn einer mit Gewalt Entscheidungen durchsetzt. Es gibt einen, der schweigt – er wird für weise gehalten, und es gibt einen, der wegen des vielen Redens verhasst ist. Es gibt einen, der schweigt, denn er hat keine Antwort, und es gibt einen, der schweigt, weil er den rechten Zeitpunkt erkannt hat. Ein weiser Mensch wird schweigen bis zur rechten Zeit, das Großmaul aber und der Dumme werden die rechte Zeit außer Acht lassen. Der Schwätzer wird verabscheut, und wer sich Macht anmaßt, wird gehasst. Wie gut ist es, wenn jemand auf Zurechtweisung hin umkehrt.“ (Jesus Sirach 20,1-8) –, aber generell wird beides als gut, und zwar für einen selber und für andere, gesehen.

Es ist nun mal so: Wenn man zum Beispiel einem Kind alles durchgehen lässt, wird es arrogant, hält sich für den Mittelpunkt der Welt, man kann es irgendwann selbst gar nicht mehr leiden, und in der Welt wird es nicht zurechtkommen. Die obigen Sirachstellen sind teilweise hart ausgedrückt, aber eben nicht falsch.

Okay, aber kommen wir mal wieder zu der Stelle mit den Schlägen und den Ketten für den Sklaven zurück. Darum geht es hier ja eigentlich; und das ist auch nicht einfach mit strenger Kindererziehung oder der gegenseitigen gut gemeinten Ermahnung von Freunden gleichzusetzen.

Erst einmal: Wenn von dem „bösen Sklaven“ die Rede ist, geht es einerseits sicher auch um Fälle, wo Sklaven sich wirklich schlecht verhalten haben, z. B. krankes Vieh vernachlässigt, aus Lust und Laune einen Zaun zerstört oder Mitsklaven schlecht behandelt haben (wie die Diener im Gleichnis Jesu von dem bösen Knecht in Lukas 12,35); ein Sklave zu sein macht einen ja noch nicht automatisch zum guten Menschen. Aber offensichtlich geht es auch darum, dass der Sklave einfach seine Arbeit für dich erledigen und nicht weglaufen soll. Hier wäre zu bedenken, dass hier vorrangig an (zeitlich begrenzte) Schuldsklaverei gedacht sein könnte, bei der jemand eine Schuld abarbeiten musste, wobei also der Herr wirklich ein Anrecht auf seine Arbeit hatte; und/oder an Sklaven, die Kriegsgefangene aus anderen Völkern waren, die Israel angegriffen hatten, und von denen man fürchtete, dass sie bei einer Flucht zurück zu ihren Völkern gehen und wieder gegen Israel kämpfen könnten. Man wird bei den „bösen Sklaven“ vielleicht eher an gefangene philistische Soldaten, die mit Hass und Verachtung für Israel großgeworden waren, denken müssen, als an friedliche und nur gerade etwas faule Sklaven, die man Sklavenfängern abgekauft hatte.

Die Autoren von Sirach und Sprüche gehen von der Gesellschaft aus, in der sie lebten, und der sie sich nicht einfach entziehen konnten. Sie geben auf dieser Grundlage Ratschläge dafür, wie man klug, weise und gottesfürchtig leben und auch noch im Alltag gut auskommen soll: Mach dich nicht von anderen abhängig; halte Ordnung in deinem Haushalt; lass Unrecht nicht einfach durchgehen; verwöhne deine Kinder nicht, sondern mach sie zu guten Menschen; sei gerecht. Das sind ihre Prinzipien an solchen Stellen, und es sind gute Prinzipien. Sklaverei war in dieser Gesellschaft normal, und diese Männer mahnten dann grundlegende Gerechtigkeit (auch (aber nicht nur!) im eigenen Interesse) an.

Und letztlich sagt selbst Sirach: „Wenn du einen Sklaven hast, sei er wie du“ – vielleicht kann man darunter auch verstehen: behandle einen Sklaven auch so, wie du von einem gerechten Herrn erwartet werden würdest, behandelt zu werden, wenn du in Schuldsklaverei o. Ä. geraten würdest.

Okay, aber ich hatte ja noch eine Regel zu dieser AT-Sache, nämlich die Nummer 16: Das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist. Was sagt also das Neue Testament zum Thema Sklaverei?

Na ja, es gibt folgende Stellen – allesamt aus den Briefen des NT, da das Thema Sklaverei in den Evangelien schlicht nicht angesprochen wird; die Sklaverei kommt dort vor als eine Sache, die eben existiert, und die für Vergleiche in Gleichnissen herangezogen werden kann, aber mehr nicht.

  • Da ist einerseits diese schöne Stelle: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)
  • In 1 Tim 1,10 zählt Paulus „Menschenhändler“ unter „Gesetzlose und Ungehorsame, […] Gottlose und Sünder, […] Menschen ohne Glauben und Ehrfurcht“, also sehr schwere Sünder
  • Dann ist da der Brief an Philemon, einen reichen Christen, dem sein Sklave Onesimus weggelaufen ist, welchen Paulus dann im Gefängnis getroffen, ebenfalls zum Christentum bekehrt und schließlich mit folgendem Schutzbrief zu seinem Herrn zurückgeschickt hat: „Paulus, Gefangener Christi Jesu, und Timotheus, der Bruder, an Philemon, unseren Geliebten und Mitarbeiter, und Apphia, die Schwester, und Archippus, unseren Mitstreiter, und die Gemeinde in deinem Haus. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich bei meinen Gebeten deiner gedenke. Denn ich höre von deinem Glauben an Jesus, den Herrn, und von deiner Liebe zu ihm und zu allen Heiligen. Ich bete, dass unser gemeinsamer Glaube in dir wirkt und du all das Gute in uns erkennst, das auf Christus gerichtet ist. Denn viel Freude und Trost hatte ich an deiner Liebe, weil durch dich, Bruder, das Innerste der Heiligen erquickt worden ist. Obwohl ich durch Christus volle Freiheit habe, dir zu befehlen, was du tun sollst, ziehe ich es um der Liebe willen vor, dich zu bitten. Ich, Paulus, ein alter Mann, jetzt auch Gefangener Christi Jesu,  ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. Einst war er dir unnütz, jetzt aber ist er dir und mir recht nützlich. Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein Innerstes. Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient in den Fesseln des Evangeliums. Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein. Denn vielleicht wurde er deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du also mit mir Gemeinschaft hast, nimm ihn auf wie mich! Wenn er dich aber geschädigt hat oder dir etwas schuldet, setz das auf meine Rechnung! Ich, Paulus, schreibe mit eigener Hand: Ich werde es erstatten – ohne jetzt davon zu reden, dass auch du dich selbst mir schuldest. Ja, Bruder, um des Herrn willen möchte ich von dir einen Nutzen haben. Erquicke mein Innerstes in Christus! Im Vertrauen auf deinen Gehorsam habe ich dir geschrieben; ich weiß, dass du noch mehr tun wirst, als ich gesagt habe. Bereite zugleich eine Unterkunft für mich vor! Denn ich hoffe, dass ich euch durch eure Gebete wiedergeschenkt werde. Es grüßen dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus, Markus, Aristarch, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter. Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, sei mit eurem Geist!“
  • Dann gibt es auch diese Stelle: Ihr Sklaven, gehorcht den irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus, nicht in Augendienerei, als wolltet ihr Menschen gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient mit Hingabe, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen! Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein Freier. Und ihr Herren, handelt in gleicher Weise ihnen gegenüber, unterlasst das Drohen, denn ihr wisst, dass ihr im Himmel denselben Herrn habt, und bei ihm gibt es kein Ansehen der Person! (Epheser 6,5-9)
  • Und auch hier wieder: Ihr Sklaven, gehorcht in allem euren irdischen Herren, nicht in einem augenfälligen Dienst, um Menschen zu gefallen, sondern in der Aufrichtigkeit des Herzens! Fürchtet den Herrn! Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht für Menschen; ihr wisst, dass ihr vom Herrn das Erbe als Lohn empfangen werdet. Dient Christus, dem Herrn! Denn wer Unrecht tut, wird zurückbekommen, was er an Unrecht getan hat, ohne Ansehen der Person. Ihr Herren, gebt den Sklaven, was recht und billig ist; ihr wisst, dass auch ihr im Himmel einen Herrn habt. (Kolosser 3,22-25.4,1)
  • Und noch mal: Alle, die das Joch der Sklaverei zu tragen haben, sollen ihren Herren alle Ehre erweisen, damit der Name Gottes und die Lehre nicht in Verruf kommen. Diejenigen aber, die gläubige Herren haben, sollen diese nicht gering achten, weil sie Brüder sind, sondern sollen noch eifriger ihren Dienst verrichten, weil sie Glaubende und Geliebte sind, die sich bemühen, Gutes zu tun. So sollst du lehren, dazu sollst du ermahnen.“ (1 Timotheus 6,1-2)
  • Und noch mal: „Die Sklaven sollen ihren Herren gehorchen, ihnen in allem gefällig sein, nicht widersprechen, nichts veruntreuen; sie sollen zuverlässig und treu sein, damit sie in allem der Lehre Gottes, unseres Retters, Ehre machen.“ (Titus 2,9f.)
  • Mit ausführlicherer Begründung schreibt Petrus: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften! Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet? Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war keine Falschheit. Als er geschmäht wurde, schmähte er nicht; als er litt, drohte er nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen.“ (1 Petrus 2,18-25)
  • Und dann noch eine Stelle, die in der alten Version der Einheitsübersetzung falsch übersetzt war und deshalb Anstoß geben konnte; hier zuerst die neue Version: „Im Übrigen soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gottes Ruf ihn getroffen hat. Das ist meine Weisung für alle Gemeinden. Wenn einer als Beschnittener berufen wurde, soll er beschnitten bleiben. Wenn einer als Unbeschnittener berufen wurde, soll er sich nicht beschneiden lassen. Es kommt nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, die Gebote Gottes zu halten. Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; aber wenn du frei werden kannst, mach lieber Gebrauch davon! Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi. Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen! Brüder und Schwestern, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“ (1 Kor 7,17-24) In der alten Übersetzung hieß es noch: „Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter. (1 Korinther 7,20-21)

Zuerst will ich kurz die letzte Stelle abhandeln. Die Übersetzung der neuen EÜ entspricht hier eindeutig klarer dem Urtext; man muss auch erwähnen, dass sogar die alte EÜ in einer Fußnote kenntlich gemacht hat, dass ihre Übersetzung nicht wörtlich und eher fraglich war. Die Übersetzer haben hier wohl interpretiert, Paulus müsse laut dem Kontext meinen, ausnahmslos jeder solle unbedingt in dem Stand bleiben, in dem er berufen wurde; was schon angesichts des Satzes „Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen“ nicht besonders überzeugend ist; dieser Satz passt schon viel besser damit zusammen, dass man, wenn es einem möglich ist, von der Möglichkeit zur Freilassung, zum Freikauf etc. Gebrauch machen soll. Ich will aber nicht einfach nur deklarieren, welche Übersetzung korrekt ist, sondern es den Leser auch nachvollziehen lassen. Daher:

Der zweite Teil des Satzes heißt im griechischen Original (in lateinische Buchstaben übertragen): „all’ (aber/sondern) ei (wenn) kai (und/auch) dynasai (du kannst) eleutheros (frei) genesthai (werden), mallon (lieber) chresai (nütze).“

„Und wenn du aber frei werden kannst, nütze es lieber“, oder, besser klingend, „Und wenn du aber frei werden kannst, ergreif lieber die Gelegenheit“ ist dafür meiner Ansicht nach die stimmigste Übersetzung. Der vordere Teil ist klar; wie „mallon chresai“ zu übersetzen ist, ist die Frage. „Mallon“ bedeutet einfach „eher, lieber“; „chresai“ heißt so etwas wie „gebrauche, nütze, nimm in Gebrauch“; also würde man hier wohl logischerweise annehmen, wenn man den Satz für sich stehen lässt, dass er lautet: „Und wenn du aber frei werden kannst, nütze es lieber.“ Dann werde frei. Wenn du dich freikaufen kannst, oder jemand dich freikaufen kann, oder dein Herr dich freilassen will – wieso solltest du das nicht nützen? Diese Übersetzung macht auch schon deshalb mehr Sinn, weil das Freilassen von Sklaven im frühen Christentum immer als gutes Werk betrachtet wurde; wenn Paulus dann raten würde, eine solche gute Tat nicht anzunehmen, wäre das etwa so, als würde er Bettlern raten, keine Almosen anzunehmen, worauf er sicherlich nie gekommen wäre.

Der Satz passt auch wunderbar in den Kontext. In den ersten Sätzen arbeitet Paulus das Grundprinzip aus: Du musst, wenn du Christ geworden bist, normalerweise nichts an deinem Stand verändern, du kannst so kommen, wie du bist. Es ist okay, als Judenchrist beschnitten zu sein; aber die Heidenchristen müssen sich nicht extra beschneiden lassen. Dann kommt die Ausnahme: „Wenn du als Sklave berufen wirst, soll dich das nicht bedrücken [weil die Sklaven vor Christus genauso viel gelten wie die Freien; daran muss sich also nichts ändern, damit du Christ sein kannst]; aber wenn du frei werden kannst, mach lieber Gebrauch davon! Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi. Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen!“ (Besonders dieser Satz passt, wie gesagt, zu der neuen Übersetzung.) Dann wird noch einmal das Prinzip von oben, das offensichtlich vor allem für die konkrete Frage der Beschneidung gilt (Heidenchristen müssen sich nicht beschneiden lassen), wiederholt: „Brüder und Schwestern, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat.“

Dann also zu den restlichen Stellen. Paulus und Petrus geben hier zunächst mal einfach Menschen, die sich in einer unangenehmen Situation befinden, die sich nicht einfach so aus der Welt schaffen lässt, Rat, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Und ihr Rat folgt dabei auch den Prinzipien des NT „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Römer 12,21) und „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!“ (Matthäus 5,39). (Mit diesen Prinzipien kann man es übrigens auch zu weit treiben, aber das ist ein Thema für einen eigenen Beitrag. Erwähnen könnte man hier trotzdem: Der letzte römische Sklavenaufstand, bevor Paulus und Petrus ihre Briefe schrieben, nämlich der des Spartakus, hatte mit 6000 Kreuzen entlang der Via Appia geendet; Sklaven eine solche Vorgehensweise anzuraten wäre also nicht das Gescheiteste gewesen. In der ganzen Weltgeschichte gibt es fast keinen erfolgreichen Sklavenaufstand.)

Sie reden nicht darüber, dass die Sklaverei an sich abgeschafft gehört, und sie hätten überhaupt keine Macht gehabt, irgendetwas zur Abschaffung der Sklaverei zu tun – abgesehen davon, dass sie ein so selbstverständlicher Teil der römischen Wirtschaftsordnung war, dass kaum einer sich damals eine Welt ohne sie vorstellen hätte können; so wie heute ungleiche Löhne oder Arbeitslosigkeit selbstverständlich sind, auch wenn sie niemand gut findet. Sie behandeln die Institution der Sklaverei so ähnlich, wie sie einen ungerechten Staat behandeln, unter dem sie selber zu leiden hatten. („Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter“, usw. (Römer 13,1), wobei Paulus in diesem Abschnitt die Autorität des Staates tatsächlich wesentlich stärker betont als an anderen Stellen die Autorität von Sklavenhaltern, was Sinn macht, da der Staat eine tatsächlich notwendige Einrichtung ist.) Dabei weisen beide auch die Herren an, ihre Sklaven gerecht zu behandeln („unterlasst das Drohen“, „gebt den Sklaven, was recht und billig ist“) – und zwar mit der zentralen Begründung, dass der Unterschied zwischen Herren und Sklaven, der in dieser Welt gemacht wird, vor Gott nicht gilt: Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.

Paulus und Petrus mussten mit der Situation umgehen, wie sie damals war. Der Brief an Philemon illustriert diese Situation ganz gut. Paulus schickt Onesimus zurück, was wahrscheinlich ganz klug ist, denn ein Sklave auf der Flucht lebte weder besonders sicher noch besonders gut. Vielleicht will er damit vermeiden, dass Onesimus irgendwann gefangen und von anderen zurückgebracht und von Philemon dann bestraft wird. Also lässt er ihn freiwillig zurückkehren und gibt ihm einen Brief mit viel nett formuliertem moralischen Druck für seinen Herrn und der impliziten Bitte um Onesimus’ Freilassung mit. Er macht das Beste aus der Situation. (Der Überlieferung nach wurde Onesimus dann übrigens freigelassen und wurde später Bischof.)

Gegenüber Sklaven und Sklavenbesitzern wurde von den Aposteln ein Prinzip deutlich gemacht: Vor Gott sind alle Menschen gleich, und nicht gleich gering, sondern gleichermaßen geliebt, und man soll seinen Nächsten so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Aber wie ging dann das Christentum, wie ging die katholische Kirche weiter mit der Sklaverei um? Denn bei diesen Stellen fällt ja auch auf: Die Apostel sagen den christlichen Sklavenhaltern nicht kategorisch, dass sie ihre Sklaven freilassen müssen, obwohl sie auch andere damals unübliche Dinge von ihren christlichen Gemeindemitgliedern verlangten (z. B. die Wiederheirat nach einer Scheidung verboten).

Nun, man kann in etwa sagen, dass die Kirche damals die Sklaverei mehr oder weniger akzeptierte, indem sie sie umdefinierte, und gleichzeitig als zwar nicht in sich falschen, aber nicht erstrebenswerten und für Missbräuche anfälligen Zustand sah. Christliche Theologen (wie z. B. noch im Hochmittelalter Thomas von Aquin) definierten die Sklaverei um als ein bloßes Anrecht des Herrn auf die Arbeitskraft des Sklaven, statt als Besitz der Person; daher sollten Sklaven heiraten dürfen, auch gegen den Willen ihres Herrn, und z. B. nicht straflos getötet werden können, usw. (Schon in der Antike legten Kirchensynoden Bußstrafen für die Tötung von Sklaven fest.) Sklaven waren Menschen, von Gott nach seinem Ebenbild erschaffen, und hatten deswegen als Sklaven zwar geringere Rechte und größere Pflichten, aber als Menschen gewisse elementare natürliche Rechte.

Gleichzeitig sah man die Sklaverei auch als etwas in gewisser Weise Unnatürliches (da Menschen im Naturzustand frei seien), das eine Folge der Erbsünde war, das es ohne den Sündenfall nicht gegeben hätte, und sah es als die Pflicht der Herren, ihre Macht über ihre Sklaven auch zu deren Nutzen auszuüben. Daher sah man es z. B. als Sünde, Sklaven an Nichtchristen zu verkaufen, die es ihnen vielleicht verboten oder schwer gemacht hätten, ihren Glauben weiterhin auszuüben. Schon in der Antike wurde es von den Priestern und Bischöfen der Kirche immer als gutes Werk gepriesen, Sklaven freizulassen – aber auch Kleriker und Klöster besaßen damals noch Sklaven.

Im Mittelalter verschwand die Sklaverei dann nach und nach bzw. machte der weniger schlimmen Leibeigenschaft Platz, wo der Leibeigene wirklich festgeschriebene Rechte gegenüber seinem Herrn besaß, und nicht mehr verkauft werden konnte. (Der lateinische Begriff „servitus“ dafür blieb allerdings derselbe, auch wenn wir im Deutschen die Begriffe unterscheiden.) Man sieht hier, wie sich die Umdefinition ausgewirkt hatte: Die Leibeigenschaft war schon viel eher ein Recht auf die Arbeitskraft statt auf den Menschen. Gewerbsmäßiger Sklavenhandel existierte in Nordwesteuropa irgendwann im späteren Mittelalter nicht mehr. Das alles passt auch zur Bibel: 1 Tim 1,10 verurteilt die Sklavenhändler (die zwangsläufig eben nicht zum Wohl der Sklaven handeln, indem sie sie an die Meistbietenden verkaufen, und ständig deren natürliche Rechte, wie die auf das Zusammenbleiben der Familie, verletzen), aber sagt nicht, dass ein Sklavenbesitzer zwangsläufig in die Hölle kommt, wenn er seine Sklaven nicht freilässt; ein (z. B.) mittelalterlicher Leibherr konnte die grundlegenden Rechte der auf seinem Land ansässigen leibeigenen Bauern schon achten.

Natürlich verurteilte man auch die Versklavung bisher freier Menschen. Es mochte eine Sache sein, wenn jemand sich selbst in die Schuldsklaverei begab, oder sogar den Sklavenstatus erbte, so sah man es, aber bei der Verurteilung gewaltsamer Sklavenjagden zögerte man nicht.

Trotzdem war die Sklaverei, obwohl sie einen unchristlichen Ruf hatte, vergleichbar mit der Kinderarbeit in späteren Zeiten, an sich nicht ganz abgeschafft, in manchen christlichen Gegenden (solchen wie Portugal, einigen italienischen Städten oder dem nichtkatholischen Byzanz – interessanterweise also solchen, die mehr Kontakt mit der islamischen Welt hatten) war sie in härterer Form erhalten geblieben, und sie konnte in der Neuzeit ab ca. 1500 mit dem beginnenden Kolonialismus wiederauferstehen, als man im Westen neue Länder entdeckte und für sich beanspruchte, wo es Arbeitskräftebedarf für neu angelegte Tabaksplantagen und Silberbergwerke gab, und wo man auf Völker traf, die man für minderwertige Wilde erklären konnte.

[Interessanterweise folgte der Rassismus übrigens der Sklaverei eher, als dass er ihre Ursache war. Das heißt, es gab ihn in Maßen schon, aber die ersten Sklavenhändler, die afrikanischen Stammesfürsten ihre Kriegsgefangenen aus anderen Stämmen abkauften und diese dann in die amerikanischen Kolonien nach Cartagena oder in die Karibik verschifften, waren noch nicht der Meinung, dass es einen ontologischen Unterschied zwischen weißen und schwarzen Menschen gäbe, wie das die Sklavereiverteidiger des 19. Jahrhunderts dann (teilweise) erklärten. Im 16., 17. Jahrhundert begaben sich in den nord- und südamerikanischen Kolonien auch oft Weiße in Schuldknechtschaft, arbeiteten zusammen mit Schwarzen oder Indios, und wurden dann nach einer bestimmten Anzahl von Jahren frei entlassen, oft auch zusammen mit diesen schwarzen oder eingeborenen Sklaven. Die strikte Rassentrennung, die Tatsache, dass Weiße praktisch immer frei und Schwarze in der Regel Sklaven waren, entwickelte sich eher nach und nach, und auch mehr in Nord- als in Lateinamerika. Exkurs Ende.]

In dieser Zeit allerdings, als das Problem wieder neu da war, und zwar mit der Härte der antiken oder außereuropäischen Sklaverei, die im europäischen Mittelalter geschwunden war, kamen auch erregte Debatten unter den Theologen und wieder und wieder päpstliche Verurteilungen, vor allem des Versklavens bisher freier Menschen und des Handels mit Sklaven. Ab dem 16. Jahrhundert gab es deutliche päpstliche Verurteilungen der Versklavung von Indios und Afrikanern (sie „sollen auf keine Weise ihrer Freiheit oder des Besitzes ihrer Güter beraubt werden, selbst wenn sie sich außerhalb des Glaubens Jesu Christi befinden“, so zum Beispiel Paul III. im Jahr 1537 (von mir aus der englischen Übersetzung übersetzt)). Trotzdem dauerte es in einigen christlichen Ländern noch bis ins 19. Jahrhundert, teilweise bis weit ins 19. Jahrhundert, bis die Sklaverei dann wieder abgeschafft wurde. (In jenem Jahrhundert allerdings hatten die Abolitionsbewegungen dann tatsächlich riesige Erfolge zu verzeichnen, und die europäischen Staaten schafften es sogar, den Sklavenhandel innerhalb Afrikas und im Einflussbereich des Islam effektiv zu bekämpfen, sodass es heute nur noch in Mauretanien und ein paar anderen abgelegenen Gegenden wirkliche Sklaverei gibt.)

Was muss man jetzt dazu sagen? Gilt dieses ganze theologische Denken noch? Kurz gesagt: Ja. Man muss hier unterscheiden. Freiheitseinschränkungen und Zwangsarbeit sind nicht etwas, das in sich schlecht ist, auch wenn es meistens schlecht ist. Früher wurden Verbrecher oft einige Jahre „auf die Galeeren“ geschickt, wo sie quasi Sklaven des Staates waren (in gewisser Weise sind das Gefängnisinsassen ja immer noch). Ein Recht auf die Arbeitskraft eines anderen kann es geben. Normalerweise hängt dieses Recht freilich davon ab, dass derjenige dem zugestimmt hat, also z. B. einen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, und es ist widerruflich. Theoretisch kann man nun sagen, dass es nicht zwangsläufig unrecht sein muss, wenn jemand sich z. B. in Schuldknechtschaft begibt und sich ohne Kündigungsrecht verpflichtet, bei einem anderen für einige Jahre zu arbeiten, um seine Schulden abzuarbeiten, aber auch dieses System ist sehr missbrauchsanfällig.

Kurz gesagt: Die Sklaverei war auch etwas, bei dem die Sklavenhalter sich eher mit „Ja, aber muss es denn immer falsch sein…“ herausreden konnten, das aber in der Praxis sehr schnell falsch wird. Freilich ergibt sich daraus, dass der Sklave, dessen Rechte in der Praxis verletzt werden, jedes Recht hat, entsprechende Mittel, inklusive notwendige Gewalt gegen diejenigen, die ihn festhalten wollen, anzuwenden, um seine Freiheit zu gewinnen. (Auch wenn es in den meisten Fällen das Klügere sein dürfte, so heimlich und gewaltlos wie möglich zu fliehen.)

Es war wohl eher das Elend der Sklaverei in der Praxis, das dann zu ihrer Bekämpfung und Abschaffung führte, vor allem, als die Sklaverei in der Frühen Neuzeit in den Kolonien wiedergekehrt war – vergleichbar mit der Einführung von Arbeitszeitgesetzen, die sich auch nicht daraus ergaben, dass es in sich schlecht ist, 16 Stunden am Tag zu arbeiten, wie das auf dem Höhepunkt der Industrialisierung die schlimmsten Fabrikherren verlangten, sondern dass es praktisch fast immer schlecht und ein Verstoß gegen die Gerechtigkeit ist. Die Missbräuche, die sich daraus ergeben, dass einer den lebenslangen und sogar vererbbaren Anspruch auf die Arbeitskraft eines anderen hat, waren schlimm und kaum zu vermeiden, und das wurde irgendwann so deutlich, dass es allgemein akzeptiert werden musste. Es gab nun mal kaum eine Möglichkeit gibt, das Sklavenhalten mit „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12) zu vereinbaren – und irgendwann drang diese Erkenntnis zur ganzen Gesellschaft durch.

Und man muss hier auch sehen: Je weiter die Sklaverei schon zurückgedrängt war, desto einfacher war es, sie noch weiter zurückzudrängen. Ein Theologe im Mittelmeerraum des 4. Jahrhunderts mochte sich kaum vorstellen können, dass ein Land völlig ohne Sklaverei bestehen konnte, und deswegen kaum zu mehr aufrufen als zur guten Behandlung der Sklaven; ein europäischer Theologe des 19. Jahrhunderts sah es jeden Tag, dass sein Land ohne Sklaverei existierte, und konnte somit auch die Sklaverei in Übersee leichter für etwas Barbarisches, so schnell wie möglich Abzuschaffendes erklären.

6 Gedanken zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 15: Sklaverei (und Kindererziehung und ungerechte Regierungen) in der Bibel

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