Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 6a: Die Rolle Roms – Stadt des Martyriums von Petrus und Paulus

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich: Apg 28,16-31; 1 Petr 5,13; Joh 21,18f.

 

Heute geht es um Rom insofern, als die Stadt der Ort des Martyriums von Petrus und Paulus war. In der Bibel kommt beides nicht mehr vor; die Apostelgeschichte endet kurz nach der Ankunft des Apostels Paulus in Rom. Darüber, wo genau Petrus missionierte, nachdem er Jerusalem verließ, erfährt man in der Apostelgeschichte nicht viel, aber am Ende des 1. Petrusbriefs schreibt Petrus „Es grüßt euch die mitauserwählte Gemeinde in Babylon“ (1 Petr 5,13), was ein Deckname für Rom gewesen sein müsste. Aber natürlich schreibt Petrus auch nichts über sein eigenes Martyrium; nur am Ende des Johannesevangeliums wird es in einer Vorhersage Jesu angedeutet, allerdings nur das Martyrium selbst (das zur Zeit der Abfassung des letzten Evangeliums schon geschehen sein dürfte), ohne Ortsangabe (s. Joh 21,18f.). Daher jetzt zu den etwas späteren Quellen.

Der Kirchenhistoriker Eusebius berichtet um 300 n. Chr. über das Martyrium Petri; er zitiert dabei den Bericht eines Christen namens Gaius, der unter Zephyrinus, der von 198 bis 217 n. Chr. Papst war, in Rom lebte, sowie Dionysius, der um 170 n. Chr. Bischof von Korinth war:

„Da er [Nero] sich nun unter den schlimmsten Gottesfeinden besonders hervortun wollte, ließ er sich dazu verleiten, die Apostel hinzurichten. Wie berichtet wird, wurde Paulus eben in Rom unter Nero enthauptet und Petrus gekreuzigt. Dieser Bericht wird bestätigt durch die noch bis heute erhaltenen Namen Petrus und Paulus in den römischen Zömeterien [Friedhöfen, Katakomben] sowie durch einen kirchlich glaubwürdigen Mann, namens Gaius, der unter dem römischen Bischof Zephyrinus lebte und in einem schriftlich überlieferten Dialog mit Proklus, dem Haupte der phrygischen Sekte, über die Stätte, wo die heiligen Leiber der genannten Apostel ruhen, sagt: ‚Ich kann die Siegeszeichen der Apostel zeigen. Du magst auf den Vatikan gehen oder auf die Straße nach Ostia, du findest die Siegeszeichen der Apostel, welche diese Kirche gegründet haben.‘ Daß beide Apostel zu gleicher Zeit den Martertod erlitten haben, behauptet Dionysius, Bischof  von Korinth, in einem Schreiben an die Römer. Er sagt: ‚Durch eure große Sorgfalt habt ihr die von Petrus und Paulus in Rom und Korinth angelegte Pflanzung miteinander verbunden. Denn beide haben in unserer Stadt Korinth die Pflanzung begonnen und uns in gleicher Weise in Italien gelehrt und zu gleicher Zeit den Martertod erlitten.‘ Durch dieses Zeugnis möge meine Erzählung noch mehr beglaubigt werden.“ (Eusebius, Kirchengeschichte II,25)

Um 200 n. Chr. standen also schon länger Gräber, kleine Gedenkstätten, für die Apostel in Rom. („Siegeszeichen“ sagte man, da man das Martyrium als Sieg über den Teufel, als endgültiges Durchhalten, als Eintritt in den Himmel, sah.) Der Vatikan war ein Hügel, der zu dieser Zeit noch außerhalb der eigentlichen Stadt lag. Gaius‘ Bericht passt genau zu den archäologischen Funden; unter dem Petrusgrab im Petersdom wurde bei Ausgrabungen eine antike Ädikula, eine Art kleiner Schrein, aus dem 2. Jahrhundert, gefunden, und daneben eine mit christlichen Graffiti bedeckte Wand, in der in einer mit Marmor ausgekleideten Öffnung Gebeine eines alten Mannes aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. lagen. Um das Petrusgrab herum fanden sich weitere christliche Gräber. Das Petrusgrab fand also früh Verehrung und die römischen Christen bauten erste kleine Gedenkzeichen dort und begruben ihre Toten bei Petrus.


(Rekonstruktion des Bereichs um das Petrusgrab; die Ädikula steht an der roten Wand. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Mogadir.)

Auch im Paulusgrab in St. Paul vor den Mauern hat man Knochen gefunden, die ins 1. oder 2. Jahrhundert datiert wurden.

Schon ein Stück vorher berichtet Eusebius, wie Petrus nach Rom gekommen sei und was dann passiert sei:

„So sehr erleuchtete das Licht der Religion die Herzen der Zuhörer des Petrus, daß sie sich nicht damit begnügen wollten, ihn ein einziges Mal nur gehört zu haben, sie wollten von der Lehre seiner göttlichen Predigt auch Aufzeichnungen besitzen. Daher wandten sie sich mit verschiedenen Bitten an Markus, den Verfasser des Evangeliums, den Begleiter des Petrus, er möchte ihnen schriftliche Erinnerungen an die mündlich vorgetragene Lehre hinterlassen. Und sie standen nicht eher von den Bitten ab, als bis sie den Mann gewonnen hatten. So wurden sie die Veranlassung zum sog. Markusevangelium. Nachdem Petrus durch eine Offenbarung des Geistes von dem Vorfalle Kenntnis erhalten hatte, soll er sich über den Eifer der Leute gefreut und die Schrift für die Lesung in den Kirchen bestätigt haben. Klemens hat diese Tatsache im sechsten Buche seiner Hypotyposen berichtet, und mit ihm stimmt Bischof Papias von Hierapolis überein. Petrus gedenkt des Markus in seinem ersten Briefe, den er in Rom selbst verfaßt haben soll was er selbst andeutet, indem er diese Stadt bildlich Babylon nennt, wenn er sagt: ‚Es grüßt Euch die miterlesene Gemeinde in Babylon und Markus, mein Sohn.'“ (Eusebius, Kirchengeschichte II,15)

Es gibt aber auch schon frühere Zeugnisse:

Bischof Ignatius von Antiochia erwähnt beide Apostel ca. 107 n. Chr. in einem Brief, den er an die römische Gemeinde vorausschickt, während er auf dem Weg zu seinem Prozess in Rom ist:

„Nicht wie Petrus und Paulus befehle ich euch. Jene waren Apostel, ich bin ein Verurteilter; jene waren frei, ich bin bis zur Stunde ein Sklave. Aber wenn ich gelitten habe, werde ich Freigelassener Jesu Christi sein und werde in ihm auferstehen, ein Freier. Jetzt lerne ich, in den Fesseln wunschlos zu sein.“ (Brief des Ignatius an die Römer 4,3)

Offensichtlich waren also die Apostel bei der römischen Gemeinde gewesen („Nicht wie Petrus und Paulus befehle ich euch“).

Der römische Bischof Clemens erwähnt Petrus und Paulus (und nur sie von den neueren Märtyrern!) in einem Brief  an die Korinther schon ca. im Jahr 95. Auch wenn er nicht direkt sagt, dass sie in Rom zu Märtyrern wurden, passt das gut dazu; sie waren offensichtlich wichtige Beispiele für die römische Gemeinde.

„Aber, um mit den alten Beispielen aufzuhören, wollen wir nun auf die Kämpfer der neuesten Zeit kommen; wir wollen die hervorstechendsten Beispiele unseres Zeitalters herausgreifen. Wegen Eifersucht und Neid haben die größten und gerechtesten Männer, Säulen waren sie, Verfolgung und Kampf bis zum Tode getragen. Stellen wir uns die guten Apostel vor Augen: einen Petrus, der wegen ungerechter Eifersucht nicht ein oder zwei, sondern vielerlei Mühseligkeiten erduldet hat und, nachdem er so sein Zeugnis (für Christus) abgelegt hatte, angelangt ist an dem ihn gebührenden Orte der Herrlichkeit. Wegen Eifersucht und Streit hat Paulus den Beweis seiner Ausdauer erbracht. Siebenmal gefesselt, vertrieben, gesteinigt, Herold (des Evangeliums) im Osten und Westen, holte er sich den herrlichen Ruhm seines Glaubens. Er hatte Gerechtigkeit der ganzen Welt gelehrt, war bis in den äußersten Westen vorgedrungen und hatte vor den Machthabern sein Zeugnis abgelegt, so wurde er weggenommen von dieser Welt und ging ein in den heiligen Ort, das größte Beispiel der Geduld.“ (1. Clemensbrief 5)

Dann gibt es noch ein paar Quellen. In der Petrusoffenbarung (einer Schrift wohl aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, die sich als von Petrus verfasste Schrift ausgab und hauptsächlich von Himmel und Hölle handelt) sagt Jesus gegen Ende zu Petrus:

„Ich habe es, Petrus, zu dir geredet und dir kundgetan. Gehe hinaus also und wandere also in die Stadt des Westens in den Weinberg, den ich dir sagen werde“ (Petrusoffenbarung 14, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 480)

Mit der „Stadt des Westens“ wird wahrscheinlich Rom gemeint gewesen sein. Der Fälscher ging also davon aus, dass die Leute wussten, dass Petrus in Rom gewesen war und fügte das ein, damit seine Schrift glaubwürdig wirken würde.

Dann berichten die Petrusakten (vor 190 n. Chr.), eine teilweise wohl eher legendarische und auch etwas seltsame Erzählung, bei der man aber davon ausgehen kann, dass sie zumindest auf gewissen Tatsachen beruht, die in der kollektiven Erinnerung der Christen präsent waren (z. B. dass Petrus in Rom war und dort hingerichtet wurde), über das Martyrium Petri:

„Petrus aber weilte in Rom und freute sich mit den Brüdern in dem Herrn und dankte Tag und Nacht für die Menge, die täglich zu dem heiligen Namen durch die Gnade des Herrn hinzugeführt wurden. Es kamen aber auch die vier Konkubinen des Präfekten Agrippa zu Petrus, Agrippina, Nikaria, Euphemia und Doris. Als diese die Predigt von der Keuschheit hörten und alle Worte des Herrn, wurden sie in ihrer Seele getroffen; sie verabredeten untereinander, keusch zu bleiben (und sich) vom Lager des Agrippa (fernzuhalten), wurden aber von diesem bedrängt. Agrippa war nun in Verlegenheit und war ungehalten über sie – denn er liebte sie sehr; darum ließ er sie beobachten und schickte (Leute, um festzustellen), wohin sie gingen und erfährt, daß sie zu Petrus (gingen). Als sie nun (wieder zurück) kamen, sagte er zu ihnen: ‚Jener Christ hat euch gelehrt, nicht mit mir zusammenzukommen; wisset, ich werde auch euch vernichten und jenen lebendig verbrennen.‘ Diese nun nahmen es auf sich, alle Übel von Agrippa zu ertragen, (sie wollten aber) sich nur nicht mehr von heftiger Leidenschaft hinreißen lassen, gestärkt durch die Kraft Jesu.

Eine Frau aber, die von besonderer Schönheit war, die Gattin des Albinus, eines Freundes des Kaisers, Xantippe mit Namen, kam zusammen mit den anderen Matronen zu Petrus und versagte sich dem Albinus. Jener nun, voller Wut und von Liebe zu Xantippe entbrannt, wunderte sich, daß sie nicht mehr mit ihm zusammen auf demselben Lager schlafen wolle, und er wurde wild wie ein Tier und wollte des Petrus habhaft werden; denn er erkannte, daß er (Petrus) schuld sei an der Trennung (der Frau) vom Bett. Aber auch viele andere Frauen wurden von der Predigt über die Keuschheit ergriffen und trennten sich von ihren Männern, und (manche) Männer trennten ihr Lager von dem der eigenen Frauen, weil sie rein und unberührt Gott dienen wollten. Es entstand nun in Rom ein gewaltiger Aufruhr und Albinus berichtete seine Erlebnisse dem Agrippa, indem er zu ihm sprach: ‚Entweder schaffe du mir Recht von Petrus, der meine Frau von mir getrennt hat oder ich werde mir selber Recht schaffen.‘ Und Agrippa erklärte, er habe dasselbe von hm erlitten, da er die Konkubinen [von ihm] getrennt habe. Und Albinus sprach zu ihm: ‚Worauf wartest du noch, Agrippa? Wir wollen ihn fangen und als unnützen Menschen töten, damit wir unsere Frauen wiederbekommen und damit wir auch jenen Recht schaffen, die ihn nicht töten können, deren Frauen er auch abspenstig gemacht hat.

Während sie so überlegten, schickte Xantippe, die die Beratung ihres Mannes mit Agrippa in Erfahrung gebracht hatte, und ließ dem Petrus sagen, er solle Rom verlassen. Und die übrigen Brüder forderten ihn gemeinsam mit Marcellus auf, wegzugehen. Petrus aber sagte zu ihnen: ‚Sollen wir entlaufen, Brüder?‘ Sie aber sagten zu ihm: ‚Nein, sondern da du noch dem Herrn dienen kannst, (sollst du weggehen).‘ Er ließ sich aber von den Brüdern überreden und verließ allein (die Stadt) und sagte dabei: ‚Keiner von euch soll mit mir hinweggehen, sondern ich will allein weggehen, nachdem ich mein Aussehen verändert habe.‘ Als er aber zum Tore hinausging, sah er den Herrn nach Rom hineinkommen. Und er sah ihn und sprach: ‚Herr, wohin (gehst) du hier?‘ Und der Herr sagte zu ihm: ‚Ich gehe nach Rom hinein, um gekreuzigt zu werden.‘ Und Petrus sprach zu ihm: ‚Herr, wiederum wirst du gekreuzigt?‘ Er sagte zu ihm: ‚Ja, Petrus, wiederum werde ich gekreuzigt.‘ Da kam Petrus zu sich und sah den Herrn in den Himmel fahren; er kehrte nach Rom zurück, freute sich und pries den Herrn, weil er selbst gesagt hatte: ‚Ich werde gekreuzigt.‘ Das sollte an Petrus geschehen.

Er ging nun wieder zu den Brüdern hinauf und erzählte ihnen, was ihm erschienen war. Sie aber trauerten in ihrer Seele, weinten und sagten: ‚Wir beschwören dich Petrus; denke an uns, die Jüngeren!‘ Und Petrus sagte zu ihnen: ‚Wenn es der Wille des Herrn ist, so geschieht es, auch wenn wir nicht wollen. Euch aber vermag der Herr im Glauben an ihn zu stärken, und er wird (euch) auf ihn gründen und in ihm ausbreiten, (euch), die er selbst gepflanzt hat, damit auch ihr andere durch ihn pflanzt. Ich aber widerstehe nicht, solange mich der Herr am Leben lassen will; und wiederum, wenn er mich hinwegnehmen will, jauchze ich und freue mich.‘ Während Petrus so redete und die Brüder alle weinten, siehe, da ergriffen ihn vier Soldaten und führten ihn vor Agrippa. Und dieser befahl in seiner Krankheit, ihn wegen Gottlosigkeit zu kreuzigen. Es lief nun die ganze Menge der Brüder zusammen, Reiche und Arme, Waisen und Witwen, Niedrige und Mächtige; sie wollten Petrus sehen und ihn hinwegreißen. Das Volk aber schrie unbändig und einstimmig: ‚Was hat Petrus Unrechtes getan, Agrippa? Was hat er Böses getan? Sage es den Römern!‘ Und andere sagten: ‚(Es ist zu fürchten,) daß der Herr auch uns verderbe, wenn dieser stirbt.‘ Und als Petrus an den Ort (der Hinrichtung) gekommen war, beruhigte er die Menge und sagte: ‚Ihr Männer, die ihr für Christus Kriegsdienst leistet, ihr Männer, die ihr auf Christus hofft, gedenket der Zeichen und Wunder, die ihr durch mich (geschehen) gesehen habt; denket an Gottes Mitleid, wie viele Heilungen er euretwegen vollbracht hat. Erwartet ihn, der kommen wird und jedem nach seinen Taten vergilt. Und nun zürnet Agrippa nicht; denn er ist ein Diener der Kraft seines Vaters. Und dieses geschieht jedenfalls, da mir der Herr offenbart hat, was geschehen soll. Aber was zögere ich und gehe nicht an das Kreuz?‘

Als er aber hinzukam und bei dem Kreuze stand, begann er zu sprechen: ‚O Name des Kreuzes, verborgenes Geheimnis; o unaussprechliche Gnade, die mit dem Namen des Kreuzes ausgesprochen ist; o Natur des Menschen, die von Gott nicht getrennt werden kann; o unsagbare und unzertrennbare Liebe, die von unreinen Lippen nicht bekannt werden kann; ich erfasse dich jetzt am Ende, da ich mich von hier löse. Ich will dich bekannt machen, wie du bist. Ich will das meiner Seele einst verschlossene und verborgene Geheimnis des Kreuzes nicht verschweigen. Das Kreuz sei euch, die ihr auf Christus hofft, nicht das, was sichtbar erscheint; denn etwas anderes als das Sichtbare ist dieses (Leiden) gemäß dem Leiden Christi. Und jetzt vor allem, da ihr, die ihr zu hören vermögt, (es hören) könnt von mir, der ich in der letzten Stunde und am Ende meines Lebens stehe, höret: von allem sinnlich Wahrnehmbaren haltet eure Seelen fern, von allem sichtbar Erscheinenden, das doch nicht wirklich ist. Verschließet diese eure Augen, verschließet diese eure Ohren, (haltet euch fern) von den Dingen, die sichtbar erscheinen! Und ihr werdet das, was Christus betrifft und das ganze Geheimnis eures Heils erkennen. Und dies sei euch, die ihr es hört, gesag, als wäre es nicht gesagt. Die Stunde aber (ist da) für dich, Petrus, deinen Leib denen, die ihn nehmen wollen, hinzugeben. Nehmt ihr also hin, deren Beruf es ist. Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders! Und warum, das werde ich den Hörenden sagen.‘

Als sie ihn nun in der Art, wie er es gefordert hatte, aufgehängt hatten, begann er wieder zu reden: ‚Ihr Männer, die ihr zum Hören berufen seid, vernehmt, was ich gerade jetzt, während ich (am Kreuz) hänge, euch verkündigen werde! Erkennet das Geheimnis der ganzen Schöpfung und den Anfang aller Dinge, wie er war. Denn der erste Mensch, dessen Art ich in (meiner) Gestalt trage, mit dem Kopf nach unten gestürzt, zeigte eine Entstehungsart, die ehemals nicht so war; denn sie war tot, da sie keine Bewegung hatte. Als er nun herabgezogen wurde, er, der auch seinen Ursprung auf die Erde warf, hat er das Ganze der Anordnung festgestellt, aufgehängt nach Art der Berufung, bei der er das Rechte als Linkes und das Linke als Rechtes gezeigt hat, und hat alle Zeichen der Natur geändert, (nämlich) das Nichtschöne als schön zu betrachten und das wirklich Schlechte als Gutes. Darüber sagt der Herr im Geheimnis: ‚Wenn ihr nicht das Rechte macht wie das Linke und das Linke wie das Rechte und das Obere wie das Untere und das Hintere wie das Vordere, so werdet ihr das Reich (Gottes) nicht erkennen.‘ Dieses Verständnis nun habe ich zu euch gebracht, und die Art, in der ihr mich hängen seht, ist die Abbildung jenes Menschen, der zuerst zur Entstehung kam. Ihr nun, meine Geliebten, die ihr es jetzt hört und die ihr hören werdet, müßt ablassen von dem ersten Irrtum und wieder zurückkehren. Denn es sollte sich geziemen, an das Kreuz Christi zu kommen, der da ist einzig und allein das ausgebreitete Wort, von dem der Geist sagt: ‚Denn was ist Christus anders als das Wort, der Schall Gottes?‘ damit Wort sei dieses aufrechtstehende Holz, an dem ich gekreuzigt bin; der Schall aber ist der Querbalken, (nämlich die) Natur des Menschen; der Nagel aber, der an dem geraden Holz den Querbalken in der Mitte festhält, ist die Bekehrung und Buße des Menschen.

Da du mir nun dieses kundgetan und offenbart hast, o Wort des Lebens, wie von mir jetzt das Holz genannt worden ist, so danke ich dir, nicht mit diesen Lippen, die angenagelt sind, auch nicht mit der Zunge, durch die Wahrheit und Lüge hervorgeht, auch nicht mit diesem Worte, das von der Kunst irdischer Natur hervorgebracht wird, sondern mit jener Stimme danke ich dir, o König, die durch Schweigen vernommen wird, die nicht im Offenbaren gehört wird, die nicht durch die Organe des Körpers hervorgeht, die nicht in fleischliche Ohren eingeht, die nicht vom vergänglichen Wesen gehört wird, die nicht in der Welt ist und auf der Erde ertönt, auch nicht in Büchern geschrieben wird, auch nicht dem einen gehört, dem anderen nicht, sondern mit dieser (Stimme), Jesus Christus, danke ich dir: Mit dem Schweigen der Stimme, der der Geist in mir, der dich liebt und mit dir spricht und dich sieht, begegnet. Du bist nur dem Geist erkennbar. Du bist mir Vater, du mir Mutter, du mir Bruder, du Freund, du Diener, du Haushalter. Du (bist) das All, und das All (ist) in dir; und du (bist) das Sein, und es gibt nichts anderes, was ist, außer dir allein. Zu ihm fliehet nun auch ihr, Brüder, und lernt, daß ihr euer Wesen in ihm habt, und ihr werdet dann das erlangen, von dem er zu euch sagt: ‚Was weder ein Auge gesehen hat, noch ein Ohr gehört hat, noch in ein Menschenherz gekommen ist.‘ Wir bitten nun um das, was du uns zu geben versprochen hast, unbefleckter Jesus; wir loben dich, wir danken dir und bekennen dich, indem wir – noch schwache Menschen – dich preisen. Denn du allein bist Gott und kein anderer, dem der Ruhm sei jetzt und in alle Ewigkeiten. Amen.‘

Als aber die herumstehende Menge mit lautem Schall das Amen rief, da übergab zugleich mit diesem Amen Petrus dem Herrn den Geist. Als aber Marcellus sah, daß der selige Petrus seinen Geist aufgegeben hatte, nahm er, ohne jemanden um Rat zu fragen, was auch nicht angegangen wäre, ihn mit eigenen Händen vom Kreuze herab und badete ihn in Milch und Wein. Und er zerrieb sieben Pfund Mastix und weitere fünfzig Pfund Myrrhe und Aloe und Gewürz und salbte seinen Leichnam und füllte einen sehr teuren steinernen Trog mit attischem Honig und setzte ihn in seinem eigenen Grabmal bei. Petrus aber trat zu Marcellus bei Nacht und sagte: ‚Marcellus, hast du den Herrn sagen hören: ‚Laßt die Toten von den eigenen Toten begraben werden‘?‘ Als aber Marcellus (das) bejaht hatte, sagte Petrus zu ihm: ‚Das nun, was du an den Toten gewandt hast, hast du verloren. Denn du hast, obgleich du lebendig bist, wie ein Toter für einen Toten gesorgt.‘ Marcellus aber, aus dem Schlaf erwacht, erzählte die Erscheinung des Petrus den Brüdern und war zusammen mit denen, die von Petrus im Glauben an Christus gestärkt worden waren, wodurch er auch selbst noch viel mehr Stärkung fand bis zur Wiederkunft des Paulus in Rom.

Als aber Nero später erfuhr, daß Petrus aus dem Leben geschieden war, tadelte er den Praefekten Agrippa, daß er getötet worden sei, ohne daß seine Meinung eingeholt worden wäre. Denn er hatte gewünscht, ihn mit kräftiger Strafe und härter zu züchtigen. Petrus hatte nämlich auch einige von seinen Dienern zu Jüngern und ihm abspenstig gemacht. Darum war er sehr zornig und redete einige Zeit nicht mit Agrippa. Er suchte nämlich alle Brüder, die von Petrus zu Jüngern gemacht worden waren zu vernichten. Und eines Nachts sieht er einen, der ihn schlägt und (zu ihm) sagt: ‚Nero, du kannst jetzt nicht die Diener Christi verfolgen oder verderben. Laß darum deine Hände von ihnen!‘ Und darum geriet Nero infolge eines solchen Gesichtes in große Furcht und ließ ab von den Jüngern in jener Zeit, in der auch Petrus aus dem Leben geschieden war. Und es waren im übrigen die Brüder einmütig beisammen, freuten sich und jauchzten in dem Herrn und priesen den Gott und Heiland unseres Herrn Jesu Christi mit dem Heiligen Geiste, dem die Ehre (sei) in alle Ewigkeiten. Amen.“ (Petrusakten 33(4)-41(12), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, Seite 218-221)

Ein paar Dinge fallen hier auf:

Ein Zitat, das Petrus hier Jesus zuschreibt, erinnert an eine Stelle im gnostisch beeinflussten Thomasevangelium, einer Sammlung von angeblichen Jesusworten aus dem 2. Jahrhundert, die Jesus sagen lässt:

„Wenn ihr die zwei zu einem macht und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das Untere, – und zwar damit ihr das Männliche und das Weibliche zu einem einzigen macht, auf daß das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich sein wird – wenn ihr Augen macht anstelle eines Auges und eine Hand anstelle einer Hand und einen Fuß anstelle eines Fußes, eine Gestalt anstelle einer Gestalt, dann werdet ihr eingehen in [das Königreich].“ (Thomasevangelium 22)

Man kann also auch bei den Petrusakten von einer gewissen gnostischen Beeinflussung ausgehen; dazu passen Petrus‘ teilweise sehr seltsame Rede und evtl. die Ablehnung nicht nur der Unzucht, sondern sogar der Ehe weiter vorne im Text.

Außerdem fällt auf, dass die beiden Episoden, die heute noch am bekanntesten sind, hier anders gedeutet werden als man es sonst oft hört. Die Worte Jesu an Petrus werden hier nicht als Zurechtweisung wegen seiner Flucht, sondern einfach als Voraussage seines Martyriums, bei dem Jesus in ihm leiden wird, präsentiert. (Vgl. das Wort Jesu an den Christenverfolger Saulus: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“, wo Jesus sich mit Seiner Kirche identifiziert.) Dann die Tatsache, dass Petrus kopfüber gekreuzigt wurde: Man hört gerne, er wollte kopfüber gekreuzigt werden, weil er sich nicht würdig fühlte, auf dieselbe Weise zu sterben wie sein Herr. Hier hat es einen anderen Grund.


(Filippino Lippi, Kreuzigung Petri. Gemeinfrei)

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